Produced by Andrew Sly Kampagne in Frankreich Johann Wolfgang von Goethe Den 23. August 1792. Gleich nach meiner Ankunft in Mainz besuchte ich Herrn von Stein den lteren, kniglich preuischen Kammerherrn und Oberforstmeister, der eine Art Residentenstelle daselbst versah und sich im Hass gegen alles Revolutionre gewaltsam auszeichnete. Er schilderte mir mit flchtigen Zgen die bisherigen Fortschritte der verbndeten Heere und versah mich mit einem Auszug des topographischen Atlas von Deutschland, welchen Jger zu Frankfurt unter dem Titel "Kriegstheater" veranstaltet. Mittags bei ihm zur Tafel fand ich mehrere franzsische Frauenzimmer, die ich mit Aufmerksamkeit zu betrachten Ursache hatte; die eine -- man sagte, es sei die Geliebte des Herzogs von Orleans -- eine stattliche Frau, stolzen Betragens und schon von gewissen Jahren, mit rabenschwarzen Augen, Augenbraunen und Haar; brigens im Gesprch mit Schicklichkeit freundlich. Eine Tochter, die Mutter jugendlich darstellend, sprach kein Wort. Desto munterer und reizender zeigte sich die Frstin Monaco, entschiedene Freundin des Prinzen von Cond, die Zierde von Chantilly in guten Tagen. Anmutiger war nichts zu sehen als diese schlanke Blondine: jung, heiter, possenhaft; kein Mann, auf den sie's anlegte, htte sich verwahren knnen. Ich beobachtete sie mit freiem Gemt und wunderte mich, Philinen, die ich hier nicht zu finden glaubte, so frisch und munter ihr Wesen treibend mir abermals begegnen zu sehen. Sie schien weder so gespannt noch aufgeregt als die brige Gesellschaft, die denn freilich in Hoffnung, Sorgen und Bengstigung lebte. In diesen Tagen waren die Alliierten in Frankreich eingebrochen. Ob sich Longwy sogleich ergeben, ob es widerstehen werde, ob auch republikanisch-franzsische Truppen sich zu den Alliierten gesellen und jedermann, wie es versprochen worden, sich fr die gute Sache erklren und die Fortschritte erleichtern werde, das alles schwebte gerade in diesem Augenblick in Zweifel. Kuriere wurden erwartet; die letzten hatten nur das langsame Vorschreiten der Armee und die Hindernisse grundloser Wege gemeldet. Der gepresste Wunsch dieser Personen ward nur noch bnglicher, als sie nicht verbergen konnten, dass sie die schnellste Rckkehr ins Vaterland wnschen mussten, um von den Assignaten, der Erfindung ihrer Feinde, Vorteil ziehen, wohlfeiler und bequemer leben zu knnen. Sodann verbracht' ich mit Smmerrings, Huber, Forsters und andern Freunden zwei muntere Abende: hier fhlt' ich mich schon wieder in vaterlndischer Luft. Meist schon frhere Bekannte, Studiengenossen, in dem benachbarten Frankfurt wie zu Hause -- Smmerrings Gattin war eine Frankfurterin -- smtlich mit meiner Mutter vertraut, ihre genialen Eigenheiten schtzend, manches ihrer glcklichen Worte wiederholend, meine groe hnlichkeit mit ihr in heiterem Betragen und lebhaften Reden mehr als einmal beteuernd: was gab es da nicht fr Anlsse, Anklnge, in einem natrlichen, angebornen und angewhnten Vertrauen! Die Freiheit eines wohlwollenden Scherzes auf dem Boden der Wissenschaft und Einsicht verlieh die heiterste Stimmung. Von politischen Dingen war die Rede nicht, man fhlte, dass man sich wechselseitig zu schonen habe: denn wenn sie republikanische Gesinnungen nicht ganz verleugneten, so eilte ich offenbar, mit einer Armee zu ziehen, die eben diesen Gesinnungen und ihrer Wirkung ein entschiedenes Ende machen sollte. Zwischen Mainz und Bingen erlebt' ich eine Szene, die mir den Sinn des Tages alsobald weiter aufschloss. Unser leichtes Fuhrwerk erreichte schnell einen vierspnnigen, schwer bepackten Wagen; der ausgefahrne Hohlweg aufwrts am Berge her ntigte uns, auszusteigen, und da fragten wir denn die ebenfalls abgestiegenen Schwger, wer vor uns dahinfahre? Der Postillion jenes Wagens erwiderte darauf mit schimpfen und Fluchen, dass es Franzsinnen seien, die mit ihrem Papiergeld durchzukommen glaubten, die er aber gewiss noch umwerfen wolle, wenn sich einigermaen Gelegenheit fnde. Wir verwiesen ihm seine gehssige Leidenschaft, ohne ihn im Mindesten zu bessern. Bei sehr langsamer Fahrt trat ich hervor an den Schlag der Dame und redete sie freundlich an, worauf sich ein junges, schnes, aber von ngstlichen Zgen beschattetes Gesicht einigermaen erheiterte. Sie vertraute sogleich, dass sie dem Gemahl nach Trier folge und von da baldmglichst nach Frankreich zu gelangen wnsche. Da ich ihr nun diesen Schritt als sehr voreilig schilderte, gestand sie, dass auer der Hoffnung, ihren Gemahl wieder zu finden, die Notwendigkeit, wieder von Papier zu leben, sie hierzu bewege. Ferner zeigte sie ein solches Zutrauen zu den verbndeten Streitkrften der Preuen, sterreicher und Emigrierten, dass man, wr' auch Zeit und Ort nicht hinderlich gewesen, sie schwerlich zurckgehalten htte. Unter diesen Gesprchen fand sich ein sonderbarer Ansto; ber den Hohlweg, worin wir befangen waren, hatte man eine hlzerne Rinne gefhrt, die das ntige Wasser einer jenseits stechenden oberschlchtigen Mhle zubrachte. Man htte denken sollen, die Hhe des Gestells wre doch wenigstens auf einen Heuwagen berechnet gewesen. Wie dem aber auch sei, das Fuhrwerk war so unmig obenauf bepackt, Kistchen und Schachteln pyramidalisch bereinander getrmt, dass die Rinne dem weiteren Fortkommen ein unberwindliches Hindernis entgegensetzte. Hier ging nun erst das Fluchen und Schelten der Postillione los, die sich um so viel Zeit aufgehalten sahen; wir aber erboten uns freundlich, halfen abpacken und an der anderen Seite des trufelnden Schlagbaums wieder aufpacken. Die junge, gute, nach und nach entschchterte Frau wusste nicht, wie sie sich dankbar genug benehmen sollte; zugleich aber wuchs ihre Hoffnung auf uns immer mehr und mehr. Sie schrieb den Namen ihres Mannes und bat instndig, da wir doch frher als sie nach Trier kommen mssten, ob wir nicht am Tor den Aufenthalt des Gatten schriftlich niederzulegen geneigt wren? Bei dem besten Willen verzweifelten wir an dem Erfolg wegen Gre der Stadt, sie aber lie nicht von ihrer Hoffnung. In Trier angelangt, fanden wir die Stadt von Truppen berlegt, von allerlei Fuhrwerk berfahren, nirgends ein Unterkommen; die Wagen hielten auf den Pltzen, die Menschen irrten auf den Straen; das Quartieramt, von allen Seiten bestrmt, wusste kaum Rat zu schaffen. Ein solches Gewirr jedoch ist wie eine Art Lotterie, der Glckliche zeiht irgendeinen Gewinn; und so begegnete mir Leutnant von Fritsch von des Herzogs Regiment und brachte mich, nach freundlichstem Begren, zu einem Kanonikus, dessen groes Haus und weitlufiges Gehft mich und meine kompendise Equipage freundlich und bequemlich aufnahm, wo ich denn sogleich einer genugsamen Erholung pflegte. Gedachter junge militrische Freund, von Kindheit auf mir bekannt und empfohlen, war mit einem kleinen Kommando in Trier zu verweilen beordert, um fr die zurckgelassenen Kranken zu sorgen, die nachziehenden Maroden, versptete Bagagewagen und dergleichen aufzunehmen und sie weiter zu befrdern; wobei denn auch mir seine Gegenwart zugute kam, ob er gleich nicht gern im Rcken der Armee verweilte, wo fr ihn, als einen jungen strebenden Mann, wenig Glck zu hoffen war. Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er sich in der Stadt umzusehen Urlaub erbat; spt kam er wieder, und des anderen Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Haus. Mir war diese seltsame Benehmen unerklrlich, bis das Rtsel sich lste: die schnen Franzsinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen, er sprte sorgfltig und hatte das Glck, sie auf dem groen Platz, mitten unter hundert Wagen haltend, an der Schachtelpyramide zu erkennen, ohne jedoch ihren Gemahl aufgefunden zu haben. Auf dem Weg von Trier nach Luxemburg erfreute mich bald das Monument in der Nhe von Igel. Da mir bekannt war, wie glcklich die Alten ihre Gebude und Denkmler zu setzen wussten, warf ich in Gedanken sogleich die smtlichen Dorfhtten weg, und nun stand es an dem wrdigsten Platz. Die Mosel fliet unmittelbar vorbei, mit welcher sich gegenber ein ansehnliches Wasser, die Saar, verbindet; die Krmmung der Gewsser, das Auf- und Absteigen des Erdreichs, eine ppige Vegetation geben der Stelle Lieblichkeit und Wrde. Das Monument selbst knnte man einen architektonisch-plastisch verzierten Obelisk nennen. Er steigt in verschiedenen, knstlerisch bereinander gestellten Stockwerken in die Hhe, bis er sich zuletzt in einer Spitze endigt, die mit Schuppen ziegelartig verziert ist und mit Kugel, Schlange und Adler in der Luft sich abschloss. Mge irgendein Ingenieur, welchen die gegenwrtigen Kriegslufe in diese Gegend fhren und vielleicht eine Zeitlang festhalten, sich die Mhe nicht verdrieen lassen, das Denkmal auszumessen, und, insofern er Zeichner ist, auch die Figuren der vier Seiten, wie sie noch kenntlich sind, uns berliefern und erhalten! Wie viel traurige bildlose Obelisken sah ich nicht zu meiner Zeit erreichten, ohne dass irgendjemand an jenes Monument gedacht htte! Es ist freilich schon aus einer sptern Zeit, aber man sieht immer noch die Lust und Liebe, seine persnliche Gegenwart mit aller Umgebung und den Zeugnissen von Ttigkeit sinnlich auf die Nachwelt zu bringen. Hier stehen Eltern und Kinder gegeneinander, man schmaust im Familienkreis; aber damit der Beschauer auch wisse, woher die Wohlhbigkeit komme, ziehen beladene Saumrosse einher, Gewerb' und Handel wird auf mancherlei Weise vorgestellt. Denn eigentlich sind es Kriegskommissarien, die sich und den Ihrigen dies Monument errichteten, zum Zeugnis, dass damals wie jetzt an solcher Stelle genugsamer Wohlstand zu erringen sei. Man hatte diesen ganzen Spitzbau aus tchtigen Sandquadern roh bereinander getrmt und alsdann, wie aus einem Felsen, die architektonisch-plastischen Gebilde herausgehauen. Die so manchem Jahrhunderte widerstehende Dauer dieses Monuments mag sich wohl aus einer so grndlichen Anlage herschreiben. * * * * * Diesen angenehmen und furchtbaren Gedanken konnte ich mich nicht lange hingeben: denn ganz nahe dabei, in Grevenmachern, war mir das modernste Schauspiel bereitet. Hier fand ich das Korps Emigrierte, das aus lauter Edelleuten, meist Ludwigsrittern, bestand. Sie hatten weder Diener noch Reitknechte, sondern besorgten sich selbst und ihr Pferd. Gar manchen hab' ich zur Trnke fhren, vor der Schmiede halten sehen. Was aber den sonderbarsten Kontrast mit diesem demtigen Beginnen hervorrief, war ein groer, mit Kutschen und Reisewagen aller Art berladener Wiesenraum. Sie waren mit Frau und Liebchen, Kindern und Verwandten zu gleicher Zeit eingerckt, als wenn sie den innern Widerspruch ihres gegenwrtigen Zustandes recht wollten zur Schau tragen. Da ich einige Stunden hier unter freiem Himmel auf Postpferde warten musste, konnt' ich noch eine andere Bemerkung machen. Ich sa vor dem Fenster des Posthauses, unfern von der Stelle, wo das Kstchen stand, in dessen Einschnitt man die unfrankierten Briefe zu werfen pflegt. Einen hnlichen Zudrang hab' ich nie gesehen: zu Hunderten wurden sie in die Ritze gesenkt. Das grenzenlose Bestreben, wie man mit Leib, Seel' und Geist in sein Vaterland durch die Lcke des durchbrochenen Dammes wieder einzustrmen begehre, war nicht lebhafter und aufdringlicher vorzubilden. Vor Langeweile und aus Lust, Geheimnisse zu entwickeln oder zu supplieren, dacht' ich mir, was in dieser Briefmenge wohl enthalten sein mchte? Da glaubt' ich denn eine Liebende zu spren, die mit Leidenschaft und Schmerz die Qual des Entbehrens in solcher Trennung heftigst ausdrckte; einen Freund, der von dem Freund in der uersten Not einiges Geld verlangte; ausgetriebene Frauen mit Kindern und Dienstanhang, deren Kasse bis auf wenige Geldstcke zusammengeschmolzen war; feurige Anhnger der Prinzen, die, das Beste hoffend, sich einander Lust und Mut zusprachen; andere, die schon das Unheil in der Ferne witterten und sich ber den bevorstehenden Verlust ihrer Gter jammervoll beschwerten -- und ich denke, nicht ungeschickt geraten zu haben. ber manches klrte der Postmeister mich auf, der, um meine Ungeduld nach Pferden zu beschwichtigen, mich vorstzlich zu unterhalten suchte. Er zeigte mir verschiedene Briefe mit Stempeln aus entfernten Gegenden, die nun den Vorgerckten und Vorrckenden nachirren sollten. Frankreich sei an allen seinen Grenzen mit solchen Unglcklichen umlagert, von Antwerpen bis Nizza; dagegen stnden ebenso die franzsischen Heere zur Verteidigung und zum Ausfall bereit. Er sagte manches Bedenkliche; ihm schien der Zustand der Dinge wenigstens sehr zweifelhaft. Da ich mich nicht so wtend erwies wie andere, die nach Frankreich hineinstrmten, hielt er mich blad fr einen Republikaner und zeigte mehr Vertrauen; er lie mich die Unbilden bedenken, welche die Preuen von Wetter und Weg ber Koblenz und Trier erlitten, und machte eine schauderhafte Beschreibung, wie ich das Lager in der Gegend von Longwy finden wrde; von allem war er gut unterrichtet und schien nicht abgeneigt, andere zu unterrichten. Zuletzt suchte er mich aufmerksam zu machen, wie die Preuen beim Einmarsch ruhige und schuldlose Drfer geplndert, es sei nun durch die Truppen geschehen oder durch Packknechte und Nachzgler; zum Schein habe man's bestraft, aber die Menschen im Innersten gegen sich aufgebracht. Da musste mir denn jener General des Dreiigjhrigen Kriegs einfallen, welcher, als man sich ber das feindselige Betragen seiner Truppen in Freundesland hchlich beschwerte, die Antwort gab: "Ich kann meine Armee nicht im Sack transportieren," berhaupt aber konnte ich bemerken, dass unser Rcken nicht sehr gesichert sei. Longwy, dessen Eroberung mir schon unterwegs triumphierend verkndigt war, lie ich auf meiner Fahrt rechts in einiger Ferne und gelangte den 27. August nachmittags gegen das Lager von Praucourt. Auf einer Flche geschlagen, war es zu bersehen, aber dort anzulangen nicht ohne Schwierigkeit. Ein feuchter, aufgewhlter Boden war Pferden und Wagen hinderlich; daneben fiel es auf, dass man weder Wachen noch Posten noch irgendjemand antraf, der sich nach den Pssen erkundigt und bei dem man dagegen wieder einige Erkundigung htte einziehen knnen. Wir fuhren durch eine Zeltwste, denn alles hatte sich verkrochen, um vor dem schrecklichen Wetter kmmerlichen Schutz zu finden. Nur mit Mhe erforschten wir von einigen die Gegend, wo wir das herzoglich weimarische Regiment finden knnten, erreichten endlich die Stelle, sahen bekannte Gesichter und wurden von Leidensgenossen gar freundlich aufgenommen. Kmmerier Wagner und sein schwarzer Pudel waren die ersten Begrenden; beide erkannten einen vieljhrigen Lebensgesellen, der abermals eine bedenkliche Epoche mit durchkmpfen sollte. Zugleich erfuhr ich einen unangenehmen Vorfall: des Frsten Leibpferd, der Amaranth, war gestern nach einem grsslichen Schrei niedergestrzt und tot geblieben. Nun musste ich von der Situation des Lagers noch viel Schlimmeres gewahren und vernehmen, als der Postmeister mir vorausgesagt. Man denke sich's auf einer Ebene am Fu eines sanft aufsteigenden Hgels, an welchem ein von alters her gezogener Graben Wasser von Feldern und Wiesen abhalten sollte; dieser aber wurde so schnell als mglich Behlter alles Unrats, aller Abwrflinge: der Abzug stockte, gewaltige Regengsse durchbrachen nachts den Damm und fhrten das widerwrtigeste Unheil unter die Zelte. Da ward nun, was die Fleischer an Eingeweiden, Knochen und sonst beiseite geschafft, in die ohnehin feuchten und ngstlichen Schlafstellen getragen. Mir sollte gleichfalls ein zelt eingerumt werden, ich zog aber vor, mich des Tags ber bei Freunden und Bekannten aufzuhalten und nachts in dem groen Schlafwagen der Ruhe zu pflegen, dessen Bequemlichkeit von frheren Zeiten her mir schon bekannt war. Seltsam musste man es jedoch finden, wie er, obgleich nur etwa dreiig Schritte von den Zelten entfernt, doch dergestalt unzugnglich bleib, dass ich mich abends musste hinein und morgens wieder heraus tragen lassen. Am 28. August. So wunderlich tagte mir diesmal mein Geburtsfest. Wir setzten uns zu Pferd und ritten in die eroberte Festung; das wohl gebaute und befestigte Stdtchen liegt auf einer Anhhe. Meine Absicht war, groe wollene Decken zu kaufen, und wir verfgten uns sogleich in einen Kramladen, wo wir Mutter und Tchter hbsch und anmutig fanden. Wir feilschten nicht viel und zahlten gut und waren so artig, als es Deutschen ohne Tournre nur mglich ist. Die Schicksale des Hauses whrend des Bombardements waren hchst wunderbar. Mehrere Granaten hintereinander fielen in das Familienzimmer, man flchtete, die Mutter riss ein Kind aus der Wiege und floh, und in dem Augenblick schlug noch eine Granate gerade durch die Kissen, wo der Knabe gelegen hatte. Zum Glck war keine der Granaten gesprungen, sie hatten die Mbel zerschlagen, am Getfel gesengt, und so war alles ohne weiteren Schaden vorbergegangen; in den Laden war keine Kugel gekommen. Dass der Patriotismus derer von Lognwy nicht allzu krftig sein mochte, sah man daraus, dass die Brgerschaft den Kommandanten sehr bald gentigt hatte, die Festung zu bergeben; auch hatten wir kaum einen schritt aus dem Laden getan, als der innere Zwiespalt der Brger sich uns genugsam verdeutlichte. Knigisch Gesinnte, und also unsere Freunde, welche die schnell bergabe bewirkt, bedauerten, dass wir in dieses Warengewlbe zufllig gekommen und dem schlimmsten aller Jakobiner, der mit seiner ganzen Familie nichts tauge, so viel schnes Geld zu lsen gegeben. Gleichermaen warnte man uns vor einem splendiden Gasthof, und zwar so bedenklich, als wenn den Speisen daselbst nicht ganz zu trauen sein mchte; zugleich deutete man auf einen geringeren als zuverlssig, wo wir uns denn auch freundlich aufgenommen und leidlich bewirtet sahen. Nun saen wir alte Kriegs- und Garnisons-kameraden traulich und froh wieder neben und gegen einander; es waren die Offiziere des Regiments, vereint mit des Herzogs Hof-, Haus- und Kanzleigenossen; man unterhielt sich von dem Nchstvergangenen, wie bedeutend und bewegt es Anfang Mais in Aschersleben gewesen, als die Regimenter sich marschfertig zu halten Order bekommen, der Herzog von Braunschweig und mehrere hohe Personen daselbst Besuch abgestattet, wobei des Marquis von Bouill als eines bedeutenden und in die Operationen krftig eingreifenden Fremden zu erwhnen nicht vergessen wurde. Sobald dem horchenden Gastwirt dieser Name zu Ohren kam, erkundigte er sich eifrigst, ob wir den Herren kennten? Die meisten durften es bejahen, wobei er denn viel Respekt bewies und groe Hoffnung auf die Mitwirkung dieses wrdigen, ttigen Mannes aussprach, ja es wollte scheinen, als wenn wir von diesem Augenblick an besser bedient wrden. Wie wir nun alle hier Versammelten uns mit Leib und Seele einem Frsten angehrig bekannten, der seit mehreren Regierungsjahren so groe Vorzge entwickelt und sich nunmehr auch im Kriegshandwerk, dem er von Jugend auf zugetan gewesen, das er seit geraumer Zeit getrieben, bewhren sollte, so ward auf sein Wohl und seiner Angehrigen nach guter deutscher Weise angestoen und getrunken, besonders aber auf des Prinzen Bernhards Wohl, bei welchem kurz vor dem Ausmarsch Obristwachtmeister von Weyrach, als Abgeordneter des Regiments, Gevatter gestanden hatte. Nun wusste jeder von dem Marsch selbst gar manches zu erzhlen, wie man, den Harz links lassend, an Goslar vorbei nach Northeim durch Gttingen gekommen; da hrte man denn von trefflichen und schlechten Quartieren, burisch-unfreundlichen, gebildet-missmutigen, hypochondrisch-geflligen Wirten, von Nonnenklstern und mancherlei Abwechslung des Weges und Wetters. Alsdann war man am stlichen Rand Westfallens her bis Koblenz gezogen, hatte mancher hbschen Frau zu gedenken, von seltsamen Geistlichen, unvermutet begegnenden Freunden, zerbrochenen Rdern, umgeworfenen Wagen buntscheckigen Bericht zu erstatten. Von Koblenz aus beklagte man sich ber bergige Gegenden, beschwerliche Wege und mancherlei Mangel und rckte sodann, nachdem man sich im Vergangenen kaum zerstreut, dem Wirklichen immer nher; der Einmarsch nach Frankreich in dem schrecklichsten Wetter ward als hchst unerfreulich und als wrdiges Vorspiel beschrieben des Zustandes, den wir, nach dem Lager zurckkehrend, voraussehen konnten. Jedoch in solcher Gesellschaft ermutigt sich einer am anderen, und ich besonders beruhigte mich beim Anblick der kstlichen wollenen Decken, welche der Reitknecht aufgebunden hatte. Im Lager fand ich abends in dem groen Zelt die beste Gesellschaft; sie war dort beisammen geblieben, weil man keinen Fu heraussetzen konnte; alles war gutes Muts und voller Zuversicht. Die schnelle bergabe von Longwy besttigte die Zusage der Emigrierten, man werde berall mit offenen Armen aufgenommen sein, und es schien sich dem groen Vorhaben des revolutionren Frankreichs, durch die Manifeste des Herzogs von Braunschweig ausgesprochen, zeigten sich ohne Ausnahme bei Preuen, sterreichern und Emigrierten. Freilich durfte man nur das wahrhaft bekannt Gewordene erzhlen, so ging daraus hervor, dass ein Volk, auf solchen Grad verunreinigt, nicht einmal in Parteien gespalten, sondern im Innersten zerrttet, in lauter Einzelheiten getrennt, dem hohen Einheitssinn der edel Verbndeten nicht widerstehen knne. Auch hatte man schon von Kriegstaten zu erzhlen. Gleich nach dem Eintritt in Frankreich stieen beim Rekognozieren fnf Eskadronen Husaren von Wolfrat auf tausend Chasseurs, die von Sedan der unser Vorrcken beobachten sollten. Die Unsrigen, wohl gefhrt, griffen an, und da die Gegenseitigen sich tapfer wehrten, auch keinen Pardonannehmen wollten, gab es ein grulich Gemetzel, worin wir siegten, Gefangene machten, Pferde, Karabiner und Sbel erbeuteten, durch welches Vorspiel der kriegerische Geist erhht, Hoffnung und Zutrauen fester gegrndet wurden. Am 29. August geschah der Aufbruch aus diesen halberstarrten Erd- und Wasserwogen, langsam und nicht ohne Beschwerde: denn wie sollte man Zelte und Gepck, Monturen und sonstiges nur einigermaen reinlich halten, da sich keine Stelle fand, wo man irgendetwas zurechtlegen und ausbreiten knnen! Die Aufmerksamkeit jedoch, welche die hchsten Heerfhrer diesem Abmarsch zuwendeten, gab uns frisches Vertrauen. Auf das strengste war alles Fuhrwerk ohne Ausnahme hinter die Kolonne beordert, nur jeder Regimentschef berechtigt, eine Chaise vor seinem Zug hergehen zu lassen; da ich denn das Glck hatte, im leichten, offenen Wgelchen die Hauptarmee fr diesmal anzufhren. Beide Hupter, der Knig sowohl als der Herzog von Braunschweig, mit ihrem Gefolge hatten sich da postiert, wo alles an ihnen vorbei musste. Ich sah sie von weiten, und als wir herankamen, ritten Ihro Majestt an mein Wglein heran und fragten in Ihro lakonischen Art, wem das Fuhrwerk gehre? Ich antwortete laut: "Herzog von Weimar!" und wir zogen vorwrts. Nicht leicht ist jemand von einem vornehmern Visitator angehalten worden. Weiterhin jedoch fanden wir den Weg hie und a etwas besser. In einer wunderlichen Gegend, wo Hgel und Tal miteinander abwechselten, gab es besonders fr die zu Pferde noch trockene Rume genug, um sich behaglich vorwrts bewegen zu knnen. Ich warf mich auf das meine, und so ging es freier und lustiger fort; das Regiment hatte den Vortritt bei der Armee, wir konnten also immer voraus sein und der lstigen Bewegung des Ganzen vllig entgehen. Der Marsch verlie die Hauptstrae, wir kamen ber Arrancy, worauf uns denn Chatillon l'Abbaye, als erste Kennzeichen der Revolution, ein verkauftes Kirchengut, in halb abgebrochenen und zerstrten Mauern zur Seite liegen blieb. Nun aber sahen wir ber Hgel und Tal des Knigs Majestt sich eilig zu Pferde bewegend, wie den Kern eines Kometen von einem langen, schweifartigen Gefolge begleitet. Kaum war jedoch dieses Phnomen mit Blitzesschnelle vor uns vorbei geschwunden, als ein zweites von einer andern Seite den Hgel krnte oder das Tal erfllte. Es war der Herzog von Braunschweig, der Elemente gleicher Art an und nach sich zog. Wir nun, obgleich mehr zum Beobachten als zum Beurteilen geneigt, konnten doch der Betrachtung nicht ausweichen, welche von beiden Gewalten denn eigentlich die obere sei? Welche wohl im zweifelhaften Falle zu entscheiden habe? Unbeantwortete Fragen, die uns nur Zweifel und Bedenklichkeiten zurcklieen. Was nun aber hierbei noch ernsteren Stoff zum Nachdenken gab, war, dass man beide Heerfhrer so ganz frank und frei in ein Land hineinreiten sah, wo nicht unwahrscheinlich in jedem Gebsch ein aufgeregter Todfeind lauern konnte. Doch mussten wir gestehen, dass gerade das khne persnliche Hingeben von jeher den Sieg errang und die Herrschaft behauptete. Bei wolkigem Himmel schien die Sonne sehr hei; das Fuhrwerk in grundlosem Boden fand ein schweres Fortkommen. Zerbrochene Rder an Wagen und Kanonen machten gar manchen Aufenthalt, hie und da ermattete Fseliere, die sich schon nicht mehr fortschleppen konnten. Man hrte die Kanonade bei Thionville und wnschte jener Seite guten Erfolg. Abends erquickten wir uns im Lager bei Pillon. Eine liebliche Waldwiesenahm uns auf, der Schatten erfrischte schon, zum Kchfeuer war Gestrpp genug bereit; ein Bach floss vorbei und bildete zwei klare Bassins, die beide sogleich von Menschen und Tieren sollten getrbt werden. Das eine gab ich frei, verteidigte das andere mit Heftigkeit und lie es sogleich mit Pfhlen und Stricken umziehen. Ohne Lrm gegen die Zudringlichkeiten ging es nicht ab. Da fragte einer von unsern Reitern den andern, die eben ganz gelassen an ihrem Zeug putzten: "Wer ist denn der, der sich so mausig macht?" -- "Ich wei nicht," versetzte der andere, "aber er hat recht." Also kamen nun Preuen und sterreicher und ein Teil von Frankreich, auf franzsischem Boden ihr Kriegshandwerk zu treiben. In wessen Macht und Gewalt taten sie das? Sie konnten es in eignem Namen tun, der Krieg war ihnen zum Teil erklrt, ihr Bund war kein Geheimnis; aber nun ward noch ein Vorwand erfunden. Sie traten auf im Namen Ludwigs XVI., sie requirierten nicht, aber sie borgten gewaltsam. Man hatte Bons drucken lassen, die der Kommandierende unterzeichnete, derjenige aber, der sie in Hnden hatte, nach Befund beliebig ausfllte: Ludwig XVI. sollte bezahlen. Vielleicht hat nach dem Manifest nichts so sehr das Volk gegen das Knigtum aufgehetzt als diese Behandlungsart. Ich war selbst bei einer solchen Szene gegenwrtig, deren ich mich als hchst tragisch erinnere. Mehrere Schfer mochten ihre Herden vereinigt haben, um sie in Wldern oder sonst abgelegenen Orten sicher zu verbergen; von ttigen Patrouillen aber aufgegriffen und zur Armee gefhrt, sahen sie sich zuerst wohl und freundlich empfangen. Man fragte nach den verschiedenen Besitzern, man sonderte und zhlte die einzelnen Herden. Sorge und Frucht, doch mit einiger Hoffnung, schwebte auf den Gesichtern der tchtigen Mnner. Als sich aber dieses Verfahren dahin auflste, dass man die Herden unter Regimenter und Kompanien verteilte, den Besitzern hingegen ganz hflich auf Ludwig XVI. gestellte Papiere berreichte, indessen ihre wolligen Zglinge von den ungeduldigen, fleischlustigen Soldaten vor ihren Fen ermordet wurden, so gesteh' ich wohl: es ist mir nicht leicht eine grausamere Szene und ein tieferer mnnlicher Schmerz in allen seinen Abstufungen jemals vor Augen und zur Seele gekommen. Die griechischen Tragdien allein haben so einfach tief Ergreifendes. Den 30. August. Vom heutigen Tag, der uns gegen Verdun bringen sollte, versprachen wir uns Abenteuer, und sie blieben nicht aus. Der auf- und abwrts gehende Weg war schon besser getrocknet, das Fuhrwerk zog ungehinderter dahin, die Reiter bewegten sich leichter und vergnglich. Es hatte sich eine muntere Gesellschaft zusammengefunden, die, wohl beritten, so weit vorging, bis sie einen Zug Husaren antraf, der den eigentlichen Vortrab der Hauptarmee machte. Der Rittmeister, ein gesetzter Mann, schon ber die mittleren Jahre, schien unsere Ankunft nicht gerne zu sehen. Die strengste Aufmerksamkeit war ihm empfohlen: alles sollte mit Vorsicht geschehen, jede unangenehme Zuflligkeit klglich beseitigt werden. Er hatte seine Leute kunstmig verteilt, sie rckten einzeln vor in gewissen Entfernungen, und alles begab sich in der grten Ordnung und Ruhe. Menschenleer war die Gegend, die uerste Einsamkeit ahnungsvoll. So waren wir, Hgel auf Hgel ab, ber Mangiennes, Damvillers, Wawrille und Ormont gekommen, als auf einer Hhe, die eine schne Aussicht gewhrte, rechts in den Weinbergen ein Schuss fiel, worauf die Husaren sogleich zufuhren, die nchste Umgebung zu untersuchen. Sie brachten auch wirklich einen schwarzhaarigen, brtigen Mann herbei, der ziemlich wild aussah und bei dem man ein schlechtes Terzerol gefunden hatte. Er sagte trotzig, dass er die Vgel aus seinem Weinberg verscheuche und niemand etwas zuleide tue. Der Rittmeister schien, bei stiller berlegung, diesen Fall mit seinen gemessenen Orders zusammenzuhalten und entlie den bedrohten Gefangenen mit einigen Hieben, die der Kerl so eilig mit auf den Weg nahm, dass man ihm seinen Hut mit groem Lustgeschrei nachwarf, den er aber aufzunehmen keinen Beruf empfand. Der Zug ging weiter, wir unterhielten uns ber die Vorkommenheiten und ber manches, was zu erwarten sein mchte. Nun ist zu bemerken, dass unsere kleine Gesellschaft, wie sie sich den Husaren aufgedrungen hatte, zufllig zusammengekommen, aus den verschiedensten Elementen bestand; meistens waren es gradsinnige, jeder nach seiner Weise dem Augenblick gewidmete Menschen. Einen jedoch muss ich besonders auszeichnen, einen ernsten, sehr achtbaren Mann von der Art, wie sie zu jener Zeit unter den preuischen Kriegsleuten fter vorkamen, mehr sthetisch als philosophisch gebildet, ernst mit einem gewissen hypochondrischen Zug, still in sich gekehrt und zum Wohltun mit zarter Leidenschaft aufgelegt. Als wir so weiter vor uns hinrckten, trafen wir auf eine so seltsame als angenehme Erscheinung, die eine allgemeine Teilnahme erregte. Zwei Husaren brachten ein einspnniges zweirdriges Wgelchen den Berg herauf, und als wir uns erkundigten, was unter der bergespannten Leinwand wohl befindlich sein mchte, so fand sich ein Knabe von etwa zwlf Jahren, der das Pferd lenkte, und ein wunderschnes Mdchen oder Weibchen, das sich aus der Ecke hervorbeugte, um die vielen Reiter anzusehen, die ihren zweirdrigen Schirm umzingelten. Niemand blieb ohne Teilnahme, aber die eigentlich ttige Wirkung fr die Schne mussten wir unserm empfindenden Freund berlassen, der von dem Augenblick an, als er das bedrftige Fuhrwerk nher betrachtet, sich zur Rettung unaufhaltsam hingedrngt fhlte. Wir traten in den Hintergrund; er aber fragte genau nach allen Umstnden, und es fand sich, dass die junge Person, in Samogneux wohnhaft, dem bevorstehenden Bedrngnis seitwrts zu entfernteren Freunden auszuweichen willens, sich eben der Gefahr in den Rachen geflchtet habe; wie in solchen ngstlichen Fllen der Mensch whnt, es sei berall besser als da, wo er ist. Einstimmig ward ihr nun auf das freundlichste begreiflich gemacht, dass sie zurckkehren msse. Auch unser Anfhrer, der Rittmeister, der zuerst eine Spionerei hier wittern wollte, lie sich endlich durch die herzliche Rhetorik des sittlichen Mannes berreden, der sie denn auch, zwei Husaren an der Seite, bis an ihren Wohnort einigermaen getrstet zurckgebrachte, woselbst sie uns, die wir in bester Ordnung und Mannszucht bald nachher durchzogen, auf einem Muerchen unter den Ihrigen stehend, freundlich und, weil das erste Abenteuer so gut gelungen war, hoffnungsvoll begrte. Es gibt dergleichen Pausen mitten in den Kriegszgen, wo man durch augenblickliche Mannszucht sich Kredit zu verschaffen sucht und eine Art von gesetzlichem Frieden mitten in der Verwirrung beordert. Diese Momente sind kstlich fr Brger und Bauern und fr jeden, dem das dauernde Kriegsunheil noch nicht allen Glauben an Menschlichkeit geraubt hat. Ein Lager diesseits Verdun wird aufgeschlagen, und man zhlt auf einige Tage Rast. Den 31. morgens war ich im Schlafwagen, gewiss der trockensten, wrmsten und erfreulichsten Lagersttte, halb erwacht, als ich etwas an den Ledervorhngen ruaschen hrte und bei Erffnung derselben den Herzog von Weimar erblickte, der mir einen unerwarteten Fremden vorstellte. Ich erkannte sogleich den abenteuerlichen Grothaus, der, seine Parteigngerrolle auch hier zu spielen nicht abgeneigt, angelangt war, um den bedenklichen Auftrag der Aufforderung Verduns zu bernehmen. In Gefolg dessen war er gekommen, unsern frstlichen Anfhrer um einen Stabstrompeter zu ersuchen, welcher, einer solchen besondern Auszeichnung sich erfreuend, alsobald zu dem Geschft beordert wurde. Wir begrten uns, alter Wunderlichkeiten eingedenk, auf das heiterste, und Grothaus eilte zu seinem Geschft; worber denn, als es vollbracht war, gar mancher Scherz getrieben wurde. Man erzhlte sich, wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein, die Fahrstrae hinab geritten, die Verduner aber als Sansculotten, das Vlkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert; wie er ein weies Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer heftiger zu blasen befohlen; wie er, von einem Kommando eingeholt und mit verbundenen Augen allein in die Festung gefhrt, alldort schne Reden gehalten, aber nichts bewirkt -- und was dergleichen mehr war, wodurch man denn nach Weltart den geleisteten Dienst zu verkleinern und dem Unternehmenden die Ehre zu verkmmern wusste. Als nun die Festung, wie natrlich, auf die erste Forderung, sich zu ergeben, abgeschlagen, musste man mit Anstalten zum Bombardement vorschreiten. Der Tag ging hin, indessen besorgt' ich noch ein kleines Geschft, dessen gute Folgen sich mir bis auf den heutigen Tag erstrecken. In Mainz hatte mich Herr von Stein mit dem Jgerischen Atlas versorgt, welcher den gegenwrtigen, hoffentlich auch den nchstknftigen Kriegsschauplatz in mehreren Blttern darstellte. Ich nahm das eine hervor, das achtundvierzigste, in dessen Bezirk ich bei Longwy herein getreten war, und da unter des Herzogs Leuten sich gerade ein Boler befand, so ward es zerschnitten und aufgezogen und dient mir noch zur Wiedererinnerung jener fr die Welt und mich so bedeutenden Tage. Nach solchen Vorbereitungen zum knftigen Nutzen und augenblicklicher Bequemlichkeit sah ich mich um auf der Wiese, wo wir lagerten und von wo sich die Zelte bis auf die Hgel erstreckten. Auf dem groen, grnen, ausgebreiteten Teppich zog ein wunderliches Schauspiel meine Aufmerksamkeit an sich: eine Anzahl Soldaten hatten sich in einen Kreis gesetzt und hantierten etwas innerhalb desselben. Bei nherer Untersuchung fand ich sie um einen trichterfrmigen Erdfall gelagert, der, von dem reinsten Quellwasser gefllt, oben etwa dreiig Fu im Durchmesser haben konnte. Nun waren es unzhlige kleine Fischchen, nach denen die Kriegsleute angelten, wozu sie das Gert neben ihrem brigen Gepck mitgebracht hatten. Das Wasser war das klarste von der Welt, und die Jagd lustig genug anzusehen. Ich hatte jedoch nicht lange diesem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, dass die Fischlein, indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Im ersten Augenblick hielt ich diese Erscheinung fr Wechselfarben der beweglichen Krperchen, doch blad erffnete sich mir eine willkommene Aufklrung. Eine Scherbe Steingut war in den Trichter gefallen. Welche mir aus der Tiefe herauf die schnsten prismatischen Farben gewhrte. Heller als der Grund, dem Auge entgegen gehoben, zeigte sie an dem von mir abstehenden Rand die Blau- und Violettfarbe, an dem mir zugekehrten Rande dagegen die rote und gelbe. Als ich mich darauf um die Quelle ringsum bewegte, folgte mir, wie natrlich bei einem solchen subjektiven Versuche, das Phnomen, und die Farben erschienen, bezglich auf mich, immer dieselbigen. Leidenschaftlich ohnehin mit diesen Gegenstnden beschftigt, machte mir's die grte Freude, dasjenige hier unter freiem Himmel so frisch und natrlich zu sehen, weshalb sich die Lehrer der Physik schon fast hundert Jahre mit ihren Schlern in eine dunkle Kammer einzusperren pflegten. Ich verschaffte mir noch einige Scherbenstcke, die ich hineinwarf, und konnte gar wohl bemerken, dass die Erscheinung unter der Oberflche des Wassers sehr bald anfing, beim Hinabsinken immer zunahm, und zuletzt ein kleiner weier Krper, ganz berfrbt, in Gestalt eines Flmmchens am Boden anlangte. Dabei erinnerte ich mich, dass Agricola schon dieser Erscheinung gedacht und sie unter die feurigen Phnomene zu rechnen sich bewogen gesehen. Nach Tisch ritten wir auf den Hgel, der unseren Zelten die Ansicht von Verdun verbarg. Wir fanden die Lage der Stadt als einer solchen sehr angenehm, von Wiesen, Grten umgeben, in einer heitern Flche, von der Maas in mehreren sten durchstrmt, zwischen nheren und ferneren Hgeln; als Festung freilich einem Bombardement von allen Seiten ausgesetzt. Der Nachmittag ging hin mit Errichtung der Batterien, da die Stadt sich zu ergeben geweigert hatte. Mit guten Fernglsern beschauten wir indessen die Stadt und konnten ganz genau erkennen, was auf dem gegen uns gekehrten Wall vorging: mancherlei Volk, das sich hin und her bewegte und besonders an einem Fleck sehr ttig zu sein schien. Um Mitternacht fing das Bombardement an, sowohl von der Batterie auf unserm rechten Ufer als von einer andern auf dem linken, welche, nher gelegen und mit Brandraketen spielend, die strkste Wirkung hervorbrachte. Diese geschwnzten Feuermeteore musste man denn ganz gelassen durch die Luft fahren und bald darauf ein Stadtquartier in Flammen sehen. Unsere Fernglser, dorthin gerichtet, gestatteten uns, auch dieses Unheil im einzelnen zu betrachten; wir konnten die Menschen erkennen, die sich oben auf den Mauern dem Brand Einhalt zu tun eifrig bemhten, wir konnten die frei stehenden, zusammenstrzenden Gesparre bemerken und unterscheiden. Dieses alles geschah in Gesellschaft von Bekannten und Unbekannten, wobei es unsgliche, oft widersprechende Bemerkungen gab und gar verschiedene Gesinnungen geuert wurden. Ich war in eine Batterie getreten, die eben gewaltsam arbeitete, allein der frchterlich drhnende Klang abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen Ohr unertrglich: ich musste mich bald entfernen. Da traf ich auf den Frsten Reu den XI., der mir immer ein freundlicher, gndiger Herr gewesen. Wir gingen hinter Weinbergsmauern hin und her, durch sie geschtzt vor den Kugeln, welche heraus zu senden die Belagerten nicht faul waren. Nach mancherlei politischen Gesprchen, die uns denn freilich nur in ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten, fragte mich der Frst, womit ich mich gegenwrtig beschftige, und war sehr verwundert, als ich, anstatt von Tragdien und Romanen zu vermelden, aufgeregt durch die heutige Refraktionserscheinung, von der Farbenlehre mit groer Lebhaftigkeit zu sprechen begann. Denn es ging mir mit diesen Entwickelungen natrlicher Phnomene wie mit Gedichten: ich machte sie nicht, sondern sie machten mich. Das einmal erregte Interesse behauptete sein Recht, die Produktion ging ihren Gang, ohne sich durch Kanonenkugeln und Feuerballen im mindesten stren zu lassen. Der Frst verlangte, dass ich ihm fasslich machen sollte, wie ich in dieses Feld geraten? Hier gereichte mir nun der heutige Fall zu besonderem Nutzen und Frommen. Bei einem solchen Mann bedurft' es nicht vieler Worte, um ihn zu berzeugen, dass ein Naturfreund, der sein Leben gewhnlich im Freien, es sei nun im Garten, auf der Jagd, reisend oder durch Feldzge durchfhrt, Gelegenheit und Mue genug finde, die Natur im groen zu betrachten und sich mit den Phnomenen aller Art bekannt zu machen. Nun bieten aber atmosphrische Luft, Dnste, Regen, Wasser und Erde uns immerfort abwechselnde Farberscheinungen, und zwar unter so verschiedenen Bedingungen und Umstnden, dass man wnschen msse, solche bestimmter kennen zu lernen, sie zu sondern, unter gewisse Rubriken zu bringen, ihre nhere und fernere Verwandtschaft auszuforschen. Hierdurch gewinne man nun in jedem Fach neue Ansichten, unterschieden von der Lehre der Schule und von gedruckten berlieferungen. Unsere Altvter htten, begabt mit groer Sinnlichkeit, vortrefflich gesehen, jedoch ihre Beobachtungen nicht fort- und durchgesetzt; am wenigsten sei ihnen gelungen, die Phnomene wohl zu ordnen und unter die rechten Rubriken zu bringen. Dergleichen war abgehandelt, als wir den feuchten Rasen hin und her gingen; ich setze, aufgeregt durch Fragen und Einreden, meine Lehre fort, als die Klte des einbrechenden Morgens uns an ein Biwak der sterreicher trieb, welches, die ganze Nacht unterhalten, einen ungeheueren wohlttigen Kohlenkreis darbot. Eingenommen von meiner Sache, mit der ich mich erst seit zwei Jahren beschftigte und die also noch in einer frischen, unreifen Grung begriffen war, htte ich kaum wissen knnen, ob der Frst mir auch zugehrt, wenn er nicht einsichtige Worte dazwischen gesprochen und zum Schluss meinen Vortrag wieder aufgenommen und beifllige Aufmunterung gegnnt htte. Wie ich denn immer bemerkt habe, dass mit Geschfts- und Weltleuten, die sich gar vielerlei aus dem Stegreif mssen vortragen lassen und deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden, viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres Interesse als eigene Aufklrungen; da Gelehrte hingegen gewhnlich nichts hren, als was sie gelernt und gelehrt haben und worber sie mit ihresgleichen bereingekommen sind. In die Stelle des Gegenstandes setzt sich ein Wort-Kredo, bei welchem denn so gut zu verharren ist als bei irgendeinem andern. Der Morgen war frisch, aber trocken; wir gingen, teils gebraten, teils erstarrt, wieder auf und ab und shaen an den Weinbergsmauern sich auf einmal etwas regen. Es war ein Pikett Jger, das die Nacht da zugebracht hatte, nun aber Bchse und Tornister wieder aufnahm, hinab in die niedergebrannten Vorstdte zog, um von da aus die Wlle zu beunruhigen. Einem wahrscheinlichen Tod entgegengehend, sangen sie sehr libertine Lieder, in dieser Lage vielleicht verzeihbar. Kaum verlieen sie die Sttte, als ich auf der Mauer, an der sie geruht, ein sehr auffallendes geologisches Phnomen zu bemerken glaubte: ich sah auf dem von Kalkstein errichteten weien Muerchen ein Gesims von hellgrnen Steinen vllig von der Farbe des Jaspis und war hchlich betroffen, wie mitten in diesen Kalkflzen eine so merkwrdige Steinart in solcher Menge sich sollte gefunden haben. Auf die eigenste Weise ward ich jedoch entzaubert, als ich, auf das Gespenst losgehend, sogleich bemerkte, dass es das Innere von verschimmeltem Brot sei, das, den Jgern ungeniebar, mit gutem Humor ausgeschnitten und zu Verzierung der Mauer ausgebreitet worden. Hier gab es nun sogleich Gelegenheit, von der, seitdem wir in Feindesland eingetreten, immer wieder zur Sprache kommenden Vergiftung zu reden; welche freilich ein kriegendes Heer mit panischem Schrecken erfllt, indem nicht allein jede vom Wirt angebotene Speise, sondern auch das selbstgebackene Brot verdchtig wird, dessen innerer, schnell sich entwickelnder Schimmel ganz natrlichen Ursachen zuzuschreiben ist. Es war den 1. September frh um acht Uhr, als das Bombardement aufhrte, ob man gleich noch immerfort Kugeln hinber und herber wechselte. Besonders hatten die belagerten einen Vierundzwanzig-Pfnder gegen uns gekehrt, dessen sparsame Schsse sie mehr zum Scherz als Ernst verwendeten. Auf der freien Hhe zur Seite der Weinberge, grad' im Angesicht dieses grbsten Geschtzes, waren zwei Husaren zu Pferd aufgestellt, um Stadt und Zwischenraum aufmerksam zu beobachten. Diese blieben die Zeit ihrer Postierung ber unangefochten. Weil aber bei der Ablsung sich nicht allein die Zahl der Mannschaft vermehrte, sondern auch manche Zuschauer grad' in diesem Augenblick herbeiliefen und ein tchtiger Klump Menschen zusammenkam, so hielten jene ihre Ladung bereit. Ich stand in diesem Augenblick mit dem Rcken dem ungefhr hundert Schritt entfernten Husaren- und Volkstrupp zugekehrt, mich mit einem Freund besprechend, als auf einmal der grimmige, pfeifend-schmetternde Ton hinter mir hersauste, so dass ich mich auf dem Absatz herumdrehte, ohne sagen zu knnen, ob der Ton, die bewegte Luft, eine innere psychische, sittliche Anregung dieses Umkehren hervorgebracht. Ich sah die Kugel, weit hinter der auseinander gestobenen Menge, noch durch einige Zune rikoschettieren. Mit groem Geschrei lief man ihr nach, als sie aufgehrt hatte, furchtbar zu sein; niemand war getroffen, und die Glcklichen, die sich dieser runden Eisenmasse bemchtigt, trugen sie im Triumph umher. Gegen Mittag wurde die Stadt zum zweiten Mal aufgefordert und erbat sich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Diese nutzten auch wir, uns etwas bequemer einzurichten, um zu proviantieren, die Gegend umher zu bereiten, wobei ich denn nicht unterlie, mehrmals zu der unterrichtenden Quelle zurckzukehren, wo ich meine Beobachtungen ruhiger und besonnener anstellen konnte; denn das Wasser war rein ausgefischt und hatte sich vollkommen klar und ruhig gesetzt, um das Spiel der niedersinkenden Flmmchen nach Lust zu wiederholen, und ich befand mich in der angenehmsten Gemtsstimmung. Einige Unglcksflle versetzten uns wieder bald in Kriegszustand. Ein Offizier von der Artillerie suchte sein Pferd zu trnken, der Wassermangel in der Gegend war allgemein; meine Quelle, an der er vorbei ritt, lag nicht flach genug, er begab sich nach der nahe flieenden Maas, wo er an einem abhngigen Ufer versank: das Pferd hatte sich gerettet, ihn trug man tot vorbei. Kurz darauf sah und hrte man eine starke Explosion im sterreichischen Lager, an dem Hgel, zu dem wir hinaufsehen konnten; Knall und Dampf wiederholte sich einige Mal. Bei einer Bombenfllung war durch Unvorsichtigkeit Feuer entstanden, das hchste Gefahr drohte; es teilte sich schon gefllten Bomben mit, und man hatte zu frchten, der ganze Vorrat mcht ein die Luft gehen. Bald aber war die Sorge gestillt durch rhmliche Tat kaiserlicher Soldaten, welche, die bedrohende Gefahr verachtend, Pulver und gefllte Bomben aus dem Zeltraum eilig hinaustrugen. So ging auch dieser Tag hin. Am andern Morgen ergab sich die Stadt und ward in Besitz genommen; sogleich aber sollte uns ein republikanischer Charakterzug begegnen. Der Kommandant Beaurepaire, bedrngt von der bedrngten Brgerschaft, die bei fortdauerndem Bombardement ihre ganze Stadt verbrannt und zerstrt sah, konnte die bergabe nicht lnger verweigern; als er aber auf dem Rathaus in voller Sitzung seine Zustimmung gegeben hatte, zog er ein Pistole hervor und erschoss sich, um abermals ein Beispiel hchster patriotischer Aufopferung darzustellen. Nach dieser so schnellen Eroberung von Verdun zweifelte niemand mehr, dass wir bald darber hinausgelangen und in Chalons und Epernay uns von den bisherigen Leiden an gutem Weine bestens erholen sollten. Ich lie daher ungesumt die Jgerischen Karten, welche den Weg nach Paris bezeichneten, zerschneiden und sorgfltig aufziehen, auch auf die Rckseite weies Papier kleben, wie ich es schon bei der ersten getan, um kurze Tagesbemerkungen flchtig aufzuzeichnen. Den 3. September. Frh hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, nach der Stadt zu reiten, an die ich mich anschloss. Wir fanden gleich beim Eintritt groe frhere Anstalten, die auf einen lngeren Widerstand hindeuteten: das Straenpflaster war in der Mitte durchaus aufgehoben und gegen die Huser angehuft; das feuchte Wetter machte deshalb das Umherwandeln nicht erfreulich. Wir besuchten aber sogleich die namentlich gerhmten Lden, wo der beste Likr aller Art zu haben war. Wir probierten ihn durch und versorgten uns mit mancherlei Sorten. Unter andern war einer namens Baume humain, welcher, weniger s, aber strker, ganz besonders erquickte. Auch die Drageen, berzuckerte kleine Gewrzkrner in saubern, zylindrischen Deuten, wurden nicht abgewiesen. Bei so vielem Guten gedachte man nun der lieben Zurckgelassenen, denen dergleichen am friedlichen Ufer der Ilm gar wohl behagen mchte. Kistchen wurden gepackt; gefllige, wohlwollende Kuriere, das bisherige Kriegsglck in Deutschland zu melden beauftragt, waren geneigt, sich mit einigem Gepck dieser Art zu belasten, wodurch sich denn die Freundinnen zu Hause in hchster Beruhigung berzeugen mochten, dass wir in einem Land wallfahrteten, wo Geist und Sigkeit niemals ausgehen drfen. Als wir nun darauf die teilweise verletzte und verwstete Stadt beschauten, waren wir veranlasst, die Bemerkung zu wiederholen: dass bei solchem Unglck, welches der Mensch dem Menschen bereitet, wie bei dem, was die Natur uns zuschickt, einzelne Flle vorkommen, die auf eine Schickung, eine gnstige Vorsehung hinzudeuten scheinen. Der untere Stock eines Eckhauses auf dem Markt lie einen von vielen Fenstern wohl erleuchteten Fayence-Laden sehen; man machte uns aufmerksam, dass eine Bombe, von dem Platz aufschlagend, an den schwachen steinernen Trpfosten des Ladens gefahren, von demselben aber wieder abgewiesen, andere Richtung genommen habe. Der Trpfosten war wirklich beschdigt, aber er hatte die Pflicht eines guten Vorfechters getan: die Glanzflle des oberflchlichen Porzellans stand in widerspiegelnder Herrlichkeit hinter den wasserhellen, wohl geputzten Fenstern. Mittags am Wirtstisch wurden wir mit guten Schpsenkeulen und Wein von Bar traktiert, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im Land selbst aufsuchen und genieen muss. Nun ist aber an solchen Tischen Sitte, dass man wohl Lffel, jedoch weder Messer noch Gabel erhlt, die man daher mitbringen muss. Von dieser Landesart unterrichtet, hatten wir schon solche Bestecke angeschafft, die man dort flach und zierlich gearbeitet zu kaufen findet. Muntere, resolute Mdchen warteten auf, nach derselben Art und Weise, wie sie vor einigen Tagen ihrer Garnison noch aufgewartet hatten. Bei der Besitznehmung von Verdun ereignete sich jedoch ein Fall, der, obgleich nur einzeln, groes Aufsehen erregte und allgemeine Teilnahme heran rief. Die Preuen zogen ein, und es fiel aus der franzsischen Volksmasse ein Flintenschuss, der niemand verletzte, dessen Wagestck aber ein franzsischer Grenadier nicht verleugnen konnte und wollte. Auf der Hauptwache, wohin er gebracht wurde, hab' ich ihn selbst gesehen: es war ein sehr schner, wohl gebildeter, junger Mann, festen Blicks und ruhigen Betragens. Bis sein Schicksal entschieden wre, hielt man ihn lsslich. Zunchst an der Wache war eine Brcke, unter der ein Arm der Maas durchzog; er setzte sich aufs Muerchen, blieb eine Zeitlang ruhig, dann berschlug er sich rckwrts in die Tiefe und ward nur tot aus dem Wasser herausgebracht. Diese zweite heroische, ahnungsvolle Tat erregte leidenschaftlichen Hass bei den frisch Eingewanderten, und ich hrte sonst verstndige Personen behaupten, man mchte weder diesem noch dem Kommandanten ein ehrlich Begrbnis gestatten. Freilich hatte man sich andere Gesinnungen versprochen, und noch sah man nicht die geringste Bewegung unter den frnkischen Truppen, zu uns berzugehen. Grere Heiterkeit verbreitete jedoch die Erzhlung, wie der Knig in Verdun aufgenommen worden: vierzehn der schnsten, wohl erzogensten Frauenzimmer hatten Ihro Majestt mit angenehmen Reden, Blumen und Frchten bewillkommnt. Seine Vertrautesten jedoch rieten ihm ab, vom Genuss Vergiftung befrchtend; aber der gromtige Monarch verfehlte nicht, diese wnschenswerten Gaben mit galanter Wendung anzunehmen und sie zutraulich zu kosten. Diese reizenden Kinder schienen auch unseren jungen Offizieren einiges Vertrauen eingeflt zu haben; gewiss, diejenigen, die das Glck gehabt, dem Ball beizuwohnen, konnten nicht genug von Liebenswrdigkeit, Anmut und gutem Betragen sprechen und rhmen. Aber auch fr solidere Gensse war gesorgt: denn, wie man gehofft und vermutet hatte, fanden sich die besten und reichlichsten Vorrte in der Festung, und man eilte, vielleicht nur zu sehr, sich daran zu erholen. Ich konnte gar wohl bemerken, dass man mit geruchertem Speck und Fleisch, mit Reis und Linsen und andern guten und notwendigen Dingen nicht haushltisch genug verfahre, welches in unserer Lage bedenklich schien. Lustig dagegen war die Art, wie ein Zeughaus, oder Waffensammlung aller Art, ganz gelassen geplndert ward. In ein Kloster hatte man allerlei Gewehre, mehr alte als neue, und mancherlei seltsame Dinge gebracht, womit der Mensch, der sich zu wehren Lust hat, den Gegner abhlt oder wohl gar erlegt. Mit jener sanften Plnderung aber verhielt es sich folgendermaen: als nach eingenommener Stadt die hohen Militrpersonen sich von den Vorrten aller Art zu berzeugen gedachten, begaben sie sich ebenfalls in diese Waffensammlung, und indem sie solche fr das allgemeine Kriegsbedrfnis in Anspruch nahmen, fanden sie manches Besondere, welches dem einzelnen zu besitzen nicht unangenehm wre, und niemand war leicht mit Musterung dieser Waffen beschftigt, der nicht auch fr sich etwas herausgemustert htte. Dies ging nun durch alle Grade durch, bis dieser Schatz zuletzt beinahe ganz ins Freie fiel. Nun gab jedermann der angestellten Wache ein kleines Trinkgeld, um sich diese Sammlung zu besehen, und nahm dabei etwas mit heraus, was ihm anstehen mochte. Mein Diener erbeutete auf diese Weise einen flachen, hohen Stock, der, mit Bindfaden stark und geschickt umwunden, dem ersten Anblick nach nichts weiter erwarten lie, seine Schwere aber deutete auf einen gefhrlichen Inhalt: auch enthielt er eine sehr breite, wohl vier Fu lange Degenklinge, womit eine krftige Faust Wunder getan htte. So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben, zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es wohl sein, was den Krieg fr das Gemt eigentlich verderblich macht. Man spielt den Khnen, Zerstrenden, dann wieder den Sanften, Belebenden; man gewhnt sich an Phrasen, mitten in dem verzweifeltsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter hat und sich von der pfffischen, hfischen, oder wie sie sonst heien mgen, ganz eigen unterscheidet. Einer merkwrdigen Person aber muss ich noch gedenken, die ich, zwar nur in der Entfernung, hinter Gefngnisgittern, gesehen: es war der Postmeister von Sainte Menehould, der sich ungeschickterweise von den Preuen hatte fangen lassen. Er scheute keineswegs die Blicke der Neugierigen und schien bei seinem ungewissen Schicksal ganz ruhig. Die Emigrierten behaupteten, er habe tausend Tode verdient, und hetzten deshalb an den obersten Behrden, denen aber zum Ruhm zu rechnen ist, dass sie in diesem, wie in andern Fllens ich mit geziemender Ruhe und anstndigem Gleichmut betragen. Am 4. September. Die viele Gesellschaft, die ab- und zuging, belebte unsere Zelte den ganzen Tag; man hrte vieles erzhlen, vieles bereden und beurteilen, die Lage der Dinge tat sich deutlicher auf als bisher. Alle waren einig, dass man so schnell als mglich nach Paris vordringen msse. Die Festungen Montmedy und Sedan hatte man unerobert sich zur Seite gelassen und schien von der in dortiger Gegend stehenden Armee wenig zu befrchten. Lafayette, auf welchem das Vertrauen des Kriegsvolks beruhte, war gentigt gewesen, aus der Sache zu scheiden; er sah sich gedrngt, zum Feind berzugehen, und ward als Feind behandelt. Dumouriez, wenn er auch sonst als Minister Einsicht in Militrangelegenheiten beweisen hatte, war durch keinen Feldzug berhmt, und aus der Kanzlei zum Oberbefehl der Armee befrdert, schien er auch nur jene Inkonsequenz und Verlegenheit des Augenblicks zu beweisen. Von der andern Seite verlauteten die traurigen Vorflle von der Hlfte des Augusts aus Paris, wo, dem braunschweigschen Manifest zum Trutz, der Knig gefangen genommen, abgesetzt und als Missetter behandelt wurde. Was aber fr die nchsten Kriegsoperationen hchst bedenklich sei, war am umstndlichsten besprochen. Der waldbewachsene Gebirgsriegel, welcher die Aire von Sden nach Norden an ihm herzuflieen ntigt, Fort d'Argonne genannt, lag unmittelbar vor uns und heilt unsere Bewegung auf. Man sprach viel von den Isletten, dem bedeutenden Pass zwischen Verdun und Sainte Menehould. Warum er nicht besetzt werde, besetzt worden sei, darber konnte man sich nicht vereinigen. Die Emigrierten sollten ihn einen Augenblick berrumpelt haben, ohne ihn halten zu knnen. Die abziehende Besatzung von Longwy hatte sich, so viel wusste man, dorthin gezogen; auch Dumouriez schickte, whrend wir uns auf dem Marsch nach Verdun und mit dem Bombardement der Stadt beschftigten, Truppen quer ber durchs Land, um diesen Posten zu verstrken und den rechten Flgel seiner Position hinter Grandpr zu decken und so den Preuen, sterreichern und Emigrierten ein zweites Thermopyl entgegenzustellen. Man gestand sich einander die hchst unglckliche Lage und musste sich in die Anstalten fgen, wonach die Armee, welche unaufhaltsam gerade vorwrts htten dringen sollen, die Aire hinabziehen sollte, um sich an den verschanzten Bergschluchten auf gut Glck zu versuchen; wobei noch fr hchst vorteilhaft galt, dass Clermont den Franzosen entrissen und von Hessen besetzt sei, welche, gegen die Isletten operierend, sie wo nicht wegnehmen, doch beunruhigen konnten. Den 6. September. In diesem Sinn ward nunmehr das Lager verndert und kam hinter Verdun zu stehen; das Hauptquartier des Knigs, Glorieux, des Herzogs von Braunschweig, Regret genannt, gab zu wunderlichen Betrachtungen Anlass. An den ersten Ort gelangt' ich selbst durch einen verdrielichen Zufall. Des Herzogs von Weimar Regiment sollte bei Jardin Fontaine zu stehen kommen, nahe an der Stadt und der Maas; zum Tor fuhren wir glcklich heraus, indem wir uns in den Wagenzug eines unbekannten Regiments einschwrzten und von ihm fortschleppen lieen, obgleich zu bemerken war, dass man sich zu weit entferne; auch htten wir nicht einmal bei dem schmalen Weg aus der Reihe weichen knnen, ohne uns in den Grben unwiederbringlich zu verfahren. Wir schauten rechts und links, ohne zu entdecken, wir fragten ebenso und erhielten keinen Bescheid; denn alle waren fremd wie wir und aufs verdrielichste von dem Zustand angegriffen. Endlich auf eine sanfte Hhe gelangt, sah ich links unten in einem Tal, das zu guter Jahrszeit ganz angenehm sein mochte, einen hbschen Ort mit bedeutenden Schlossgebuden, wohin glcklicherweise ein sanfter grner Rain uns bequem hinunterzubringen versprach. Ich lie umso eher aus der schrecklichen Fahrleise hinabwrts ausbiegen, als ich unten Offiziere und Reitknechte hin und wider sprengen, Packwagen und Chaisen aufgefahren sah; ich vermutete eins der Hauptquartiere, und so fand sich's: es war Glorieux, der Aufenthalt des Knigs. Aber auch da war mein Fragen, wo Jardin Fontaine liege, ganz umsonst. Endlich begegnete ich, wie einem Himmelsboten, Herrn von Alvensleben, der sich mir frher freundlich erwiesen hatte; dieser gab mir denn Bescheid, ich solle den von allem Fuhrwerk freien Dorfweg im Tal bis nach der Stadt verfolgen, vor derselben aber links durchzudringen suchen, und ich wrde Jardin Fontaine gar bald entdecken. Beides gelang mir, und ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber im schrecklichsten Zustand: man sah sie in grundlosen Kot versenkt, die verfaulten Schlingen der Zelttcher zerrissen eine nach der andern, und die Leinwand schlug dem ber Kopf und Schulter zusammen, der darunter sein Heil zu suchen gedachte. Eine Zeitlang hatte man's ertragen, doch fiel zuletzt der Entschluss dahin aus, das rtchen selbst zu beziehen. Wir fanden in einem wohl eingerichteten Haus und Hof einen guten neckischen Mann als Besitzer, der ehemals Koch in Deutschland gewesen war; mit Munterkeit nahm er uns auf, im Erdgeschoss fanden sich schne, heitere Zimmer, gutes Kamin, und was sonst nur erquicklich sein konnte. Das Gefolge des Herzogs von Weimar ward aus der frstlichen Kche versorgt; unser Wirt verlangte jedoch dringend, ich solle nur ein einziges Mal von seiner Kunst etwas kosten. Er bereitete mir auch wirklich ein hchst wohlschmeckendes Gastmahl, das mir aber sehr bel bekam, so dass ich wohl auch an Gift htte denken knnen, wenn mir nicht noch zeitig genug der Knoblauch eingefallen wre, durch welchen jene Schsseln erst recht schmackhaft geworden, der auf mich aber, selbst in der geringsten Dosis, hchst gewaltsame Wirkung auszuben pflegte. Das bel war bald vorbei, und ich hielt mich nach wie vor desto lieber an die deutsche Kche, solange sie auch nur das mindeste leisten konnte. Als es zum Abschied ging, berreichte der gut gelaunte Wirt meinem Diener einen vorher versprochenen Brief nach Paris an eine Schwester, die er besonders empfehlen wolle; fgte jedoch nach einigem Hin- und Widerreden gutmtig hinzu: "Du wirst wohl nicht hinkommen." Den 11. September. Wir wurden also, nach einigen Tagen gtlicher Pflege, wieder in das schrecklichste Wetter hinausgestoen; unser Weg ging auf dem Gebirgsrcken hin, der, die Gewsser der Maas und Aire scheidend, beide nach Norden zu flieen ntigt. Unter groen Leiden gelangten wir nach Malancourt, wo wir leere Keller und Kchen wirtlos fanden und schon zufrieden waren, unter Dach, auf trockener Bank eine sprliche, mitgebrachte Nahrung zu genieen. Die Einrichtung der Wohnungen selbst gefiel mir; sie zeugte von einem stillen, huslichen Behagen: alles war einfach naturgem, dem unmittelbarsten Bedrfnis gengend. Dies hatten wir gestrt, dies zerstrten wir; denn aus der Nachbarschaft erscholl ein Angstruf gegen Plnderer, worauf wir denn, hinzueilend, nicht ohne Gefahr dem Unfug fr den Augenblick steuerten. Auffallend genug dabei war, dass die armen unbekleideten Verbrecher, denen wir Mntel und Hemden entrissen, uns der hrtesten Grausamkeit anklagten, dass wir ihnen nicht vergnnen wollten, auf Kosten der Feinde ihre Ble zu decken. Aber noch ein eigneren Vorwurf sollten wir erleben. In unser erstes Quartier zurckgekehrt, fanden wir einen vornehmen, uns sonst schon bekannten Emigrierten. Er ward freundlich begrt und verschmhte nicht frugale Bissen; allein man konnte ihm eine innere Bewegung anmerken, er hatte etwas auf dem Herzen, dem er durch Ausrufungen Luft zu machen suchte. Als wir nun, frherer Bekanntschaft gem, einiges Vertrauen in ihm zu erwecken suchten, so beschrie er die Grausamkeit, welche der Knig von Preuen an den franzsischen Prinzen ausbe. Erstaunt, fast bestrzt, verlangten wir nhere Erklrung. Da erfuhren wir nun: der Knig habe beim Ausmarsch von Glorieux, unerachtet des schrecklichsten Regens, keinen berrock angezogen, keinen Mantel umgenommen, da denn die kniglichen Prinzen ebenfalls sich dergleichen Wetter abwehrende Gewande htten versagen mssen; unser Marquis aber habe diese allerhchsten Personen, leicht gekleidet, durch und durch gensst, trufelnd von abflieender Feuchte, nicht ohne das grte Bejammern anschauen knnen, ja er htte, wenn es ntze gewesen wre, sein Leben daran gewendet, sie in einem trockenen Wagen dahin ziehen zu sehen, sie, auf denen Hoffnung und Glck des ganzen Vaterlandes beruhe, die an eine ganz andere Lebensweise gewhnt seien. Wir hatten freilich darauf nichts zu erwidern, denn ihm konnte die Betrachtung nicht trstlich werden, dass der Krieg, als ein Vortod, alle Menschen gleich mache, allen Besitz aufhebe und selbst die hchste Persnlichkeit mit Pein und Gefahr bedrohe. Den 12. September. Den andern Morgen aber entschloss ich mich, in Betracht so hoher Beispiele, meine leichte und doch mit vier requirierten Pferden bespannte Chaise unter dem Schutz des zuverlssigen Kmmerier Wagner zu lassen, welchem die Equipage und das so ntige bare Geld nachzubringen aufgetragen war. Ich schwang mit, mit einigen guten Gesellen, zu Pferde, und so begaben wir uns auf den Marsch nach Landres. Wir fanden auf Mitte Wegs Wellen und Reisig eines abgeschlagenen Birkenhlzchens, deren innere Trockenheit die uere Feuchte bald berwand und uns lohe Flamme und Kohlen, zur Erwrmung wie zum Kochen genugsam, sehr schnell zum besten gab. Aber die schne Anstalt einer Regimentstafel war schon gestrt: Tische, Sthle und Bnke sah man nicht nachkommen, man behalf sich stehend, vielleicht angelehnt, so gut es gehen wollte. Doch war das Lager gegen Abend glcklich erreicht; so kampierten wir unsern Landres, gerade Grandpr gegenber, wussten aber gar wohl, wie stark und vorteilhaft der Pass besetzt sei. Es regnete unaufhrlich, nicht ohne Windsto; die Zeltdecke gewhrte wenig Schutz. Glckselig aber der, dem eine hhere Leidenschaft den Busen fllte! Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht einen Augenblick verlassen; ich berdachte sie hin und wieder, um sie zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel, der sich auch hier als treuen Kanzleigefhrten erwies, ins gebrochene Konzept und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitz' ich noch mit allen Merkmalen des Regenwetters und als Zeugnis eines treuen Forschens auf eingeschlagenem, bedenklichem Pfad. Den Vorteil aber hat der Weg zum Wahren, dass man sich unsicherer Schritte, eines Umwegs, ja, eines Fehltritts noch immer gern erinnert. Das Wetter verschlimmerte sich und ward in der Nacht so arg, dass man es fr das hchste Glck schtzen musste, sie unter der Decke des Regimentswagens zuzubringen. Wie schrecklich war da der Zustand, wenn man bedachte, dass man im Angesicht des Feindes gelagert sei und befrchten musste, dass er aus seinen Berg- und Waldverschanzungen irgendwo hervorzubrechen Lust haben knne. Vom 13. bis zum 17. September. Traf der Kmmerier Wagner, den Pudel mit eingeschlossen, bei guter Zeit mit aller Equipage bei uns ein: er hatte eine schreckliche Nacht verlebt, war nach tausend anderen Hindernissen im Finstern von der Armee abgekommen, verfhrt durch schlaf- und weintrunkene Knechte eines Generals, denen er nachfuhr. Sie gelangten in ein Dorf und vermuteten die Franzosen ganz nahe. Von allerlei Alarm gengstigt, verlassen von Pferden, die aus der Schwemme nicht zurckkehrten, wusste er sich denn so zu richten und zu schicken, dass er von dem unseligen Dorf loskam und wir uns zuletzt mit allem mobilen Hab und Gut wieder zusammenfanden. Endlich gab es eine Art von erschtternder Bewegung und zugleich von Hoffnung: man hrte auf unserm rechten Flgel stark kanonieren und sagte sich: General Clerfiat sei aus den Niederlanden angekommen und habe die Franzosen auf ihrer linken Flanke angegriffen. Alles war uerst gespannt, den Erfolg zu vernehmen. Ich ritt nach dem Hauptquartier, um nher zu erfahren, was die Kanonade bedeute und was eigentlich zu erwarten sei. Man wusste daselbst noch nichts genau, als dass General Clerfait mit den Franzosen ahndgemein sein msse. Ich traf auf den Major von Weyrach, der sich aus Ungeduld und Langeweile soeben zu Pferd setze und an die Vorposten reiten wollte; ich begleitete ihn, und wir gelangten bald auf eine Hhe, wo man sich weit genug umsehen konnte. Wir trafen auf einen Husarenposten und sprachen mit dem Offizier, einem jungen, hbschen Mann. Die Kanonade war weit ber Grandpr hinaus, und er hatte Order, nicht vorwrts zu gehen, um nicht ohne Not eine Bewegung zu verursachen. Wir hatten uns nicht lange besprochen, als Prinz Louis Ferdinand mit einigem Gefolge ankam, nach kurzer Begrung und Hin- und Widerreden von dem Offizier verlangte, dass er vorwrts gehen solle. Dieser tat dringende Vorstellungen, worauf der Prinz aber nicht achtete, sondern vorwrts ritt, dem wir denn alle folgen mussten. Wir warne nicht weit gekommen, als ein franzsischer Jger sich von fern sehen lie, an uns bis auf Bchsenschussweite heransprengte und sodann umkehrend ebenso schnell wieder verschwand. Ihm folgte der zweite, dann der dritte, welche ebenfalls wieder verschwanden. Der vierte aber, wahrscheinlich der erste, schoss die Bchse ganz ernstlich auf uns ab, man konnte die Kugel deutlich pfeifen hren. Der Prinz lie sich nicht irren, und jene treiben auch ihr Handwerk, so dass mehrere Schsse fielen, indem wir unsern Weg verfolgten. Ich hatte den Offizier manchmal angesehen, der zwischen seiner Pflicht und zwischen dem Respekt vor einem kniglichen Prinzen in der grten Verlegenheit schwankte. Er glaubte wohl, in meinen Blicken etwas Teilnehmendes zu lesen, ritt auf mich zu und saget: "Wenn Sie irgendetwas auf den Prinzen vermgen, so ersuchen Sie ihn, zurckzugehen, er setzt mich der grten Verantwortung aus: ich habe den strengsten Befehl, meine angewiesenen Posten nicht zu verlassen, und es ist nichts vernnftiger, als dass wir den Feind nicht reizen, der hinter Grandpr in einer festen Stellung gelagert ist. Kehrt der Prinz nicht um, so ist in kurzem die ganze Vorpostenkette alarmiert, man wei im Hauptquartier nicht, was es heien soll, und der erste Verdruss ergeht ber mich ganz ohne meine Schuld." Ich ritt an den Prinzen heran und sagte: "Man erzeigt mir soeben die Ehre, mir einigen Einfluss auf Ihro Hoheit zuzutrauen, deshalb ich um geneigtes Gehr bitte." Ich brachte ihm darauf die Sache mit Klarheit vor, welches kaum ntig gewesen wre: denn er sah selbst alles vor sich und war freundlich genug, mit einigen guten Worten sogleich umzukehren, worauf denn auch die Jger verschwanden und zu schieen aufhrten. Der Offizier dankte mir aufs verbindlichste, und man sieht hieraus, dass ein Vermittler berall willkommen ist. Nach und nach klrte sich's auf. Die Stellung Dumouriez' bei Grandpr war hchst fest und vorteilhaft; dass er auf seinem rechten Flgel nicht anzugreifen sei, wusste man wohl; auf seiner Linken waren zwei bedeutende Psse, La Croix aux Bois und Le Chne Populeux, beide wohl verhauen und fr unzugnglich gehalten; allein der letzte war einem Offizier anvertraut, einem dergleichen Auftrag nicht gewachsenen oder nachlssigen. Die sterreicher griffen an: bei der ersten Attacke blieb Prinz von Ligne, der Sohn, sodann aber gelang es, man berwltigte den Posten, und der groe Plan Dumouriez' war zerstrt: er musste seine Stellung verlassen und sich die Aisne hinaufwrts ziehen, und preuische Husaren konnten durch den Pass dringen und jenseits des Argonner Waldes nachsetzen. Sie verbreiteten einen solchen panischen Schrecken ber das franzsische Heer, dass zehntausend Mann vor fnfhundert flohen und nur mit Mhe konnten zum Stehen gebracht und wieder gesammelt werden; wobei sich das Regiment Chamborant besonders hervortrat und den Unsrigen ein weiteres Vordringen verwehrte, welche, ohnehin nur gewissermaen auf Rekognoszieren ausgeschickt, siegreich mit Freuden zurckkehrten und nicht leugneten, einige Wagen gute Beute gemacht zu haben. In das unmittelbar Brauchbare, Geld und Kleidung, hatten sie sich geteilt, mir aber als einem Kanzleimann kamen die Papiere zugute, worunter ich einige ltere Befehle Lafayettes und mehrere hchst sauber geschriebene Listen fand. Was mich aber am meisten berraschte, war ein ziemlich neuer "Moniteur". Dieser Druck, dieses Format, mit dem man seit einigen Jahren ununterbrochen bekannt gewesen und die man nun seite mehreren Wochen nicht gesehen, begrten mich auf eine etwas unfreundliche Weise, indem ein lakonischer Artikel vom 3. September mir drohend zurief: _Les Prussiens pourront venir Paris, mais ils n'en sortiront pas._ Also hielt man denn doch in Paris fr mglich, wir knnten hingelangen; dass wir wieder zurckkehrten, dafr mochten die oberen Gewalten sorgen. Die schreckliche Lage, in der man sich zwischen Erde und Himmel befand, war einigermaen erleichtert, als man die Armee zurcken und eine Abteilung der Avantgarde nach der andern vorwrts ziehen sah. Endlich kam die Reihe auch an uns: wir gelangten ber Hgel, durch Tler, Weinberge vorbei, an denen man sich auch wohl erquickte. Man kam sodann zu aufgehellter Stunde in eine freiere Gegend und sah in einem freundlichen Tal der Aire das Schloss von Grandpr auf einer Hhe sehr wohl gelegen, eben an dem Punkt, wo genannter Fluss sich westwrts zwischen die Hgel drngt, um auf der Gegenseite des Gebirgs sich mit der Aisne zu verbinden, deren Gewsser, immer dem Sonnenuntergang zu, durch Vermittlung der Oise endlich in die Seine gelangen; woraus denn ersichtlich, dass der Gebirgsrcken, der uns von der Maas trennte, zwar nicht von bedeutender Hhe, doch von entschiedenem Einfluss auf den Wasserlauf, uns in eine andere Flussregion zu ntigen geeignet war. Auf diesem Zug gelangte ich zufllig in das Gefolge des Knigs, dann des Herzogs von Braunschweig; ich unterhielt mich mit Frst Reu und andern diplomatisch-militrischen Bekannten. Diese Reitermassen machten zu der angenehmen Landschaft eine reiche Staffage, man htte einen van der Meulen gewnscht, um solchen Zug zu verewigen: alles war heiter, munter, voller Zuversicht und heldenhaft. Einige Drfer brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegsbild auch nicht bel. Man hatte, so hie es, aus den Husern auf den Vortrab geschossen und dieser, nach Kriegsrecht, sogleich die Selbstrache gebt. Es ward getadelt, war aber nicht zu ndern; dagegen nahm man die Weinberge in Schutz, von denen sich die Besitzer doch keine groe Lese versprechen durften, und so ging es zwischen Freund- und feindseligem Betragen immer vorwrts. Wir gelangten, Grandpr hinter uns lassend, an und ber die Aisne und lagerten bei Vaux les Mourons; hier waren wir nun in der verrufenen Champagne, es sah aber so bel noch nicht aus. ber dem Wasser an der Sonnenseite erstreckten sich wohl gehaltene Weinberge, und wo man Drfer und Scheunen visitierte, fanden sich Nahrungsmittel genug fr Menschen und Tiere, nur leider der Weizen nicht ausgedroschen, noch weniger genugsame Mhlen; fen zum Backen waren auch selten, und so fing es wirklich an, sich einem tantalischen Zustand zu nhern. Am 18. September. Dergleichen Betrachtungen anzustellen, versammelte sich eine groe Gesellschaft, die berhaupt, wo es Halt gab, sich immer mit einigem Zutrauen, besonders beim Nachmittagskaffee, zusammenfgte; sie bestand aus wunderlichen Elemente, Deutschen und Franzosen, Kriegern und Diplomaten, alles bedeutende Personen, erfahren, klug, geistreich, aufgeregt durch die Wichtigkeit des Augenblicks, Mnner, smtlich von Wert und Wrde, aber doch eigentlich nicht in den innern Rat gezogen und also desto mehr bemht, auszusinnen, was beschlossen sein, was geschehen knnte. Dumouriez, als er den Pass von Grandpr nicht lnger halten konnte, hatte sich die Aisne hinaufgzeogen, und da ihm der Rcken durch die Isletten gesichert war, sich auf die Hhen von Sainte Menehould, die Fronte gegen Frankreich gestellt. Wir waren durch den engen Pass hereingedrungen, hatten uneroberte Festen: Sedan, Montmedy, Stenay, im Rcken und an der Seite, die uns jede Zufuhr nach Beleiben erschweren konnten. Wir betraten beim schlimmsten Wetter ein seltsames Land, dessen undankbarer Kalkboden nur kmmerlich ausgestreute Ortschaften ernhren konnte. Freilich lag Reims, Chalons und ihre gesegneten Umgebungen nicht fern, man konnte hoffen, sich vorwrts zu erholen; die Gesellschaft berzeugte sich daher beinahe einstimmig, dass man auf Reims marschieren und sich Chalons' bemchtigen msse; Dumouriez knne sich in seiner vorteilhaften Stellung alsdann nicht ruhig verhalten, eine Schlacht wre unvermeidlich, wo es auch sei: man glaubte sie schon gewonnen zu haben. Den 19. September. Manches Bedenken gab es daher, als wir den 19. beordert wurden, auf Massiges unsern Zug zu richten, die Aisne aufwrts zu verfolgen und dieses Wasser sowohl als das Waldgebirge, nher oder ferner, linker Hand zu behalten. Nun erholte man sich unterwegs von solchen nachdenklichen Betrachtungen, indem man mancherlei Zuflligkeiten und Ereignissen eine heitere Teilnahme schenkte; ein wundersames Phnomen zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man hatte, um mehrere Kolonnen nebeneinander fort zu schieben, die eine querfeldein ber flache Hgel gefhrt, zuletzt aber, als man wieder ins Tal sollte, einen steilen Abhang gefunden; dieser ward nun alsbald, so gut es gehen wollte, abgebscht, doch blieb er immer noch schroff genug. Nun trat eben zu Mittag ein Sonnenblick hervor und spiegelte sich in allen Gewehren. Ich hielt auf einer Hhe und sah jenen blinkenden Waffenfluss glnzend heranziehen; berraschend aber war es, als die Kolonne an den steilen Abhang gelangte, wo sich die bisher geschlossenen Glieder sprungweise trennten und jeder einzelne, so gut er konnte, in die Tiefe zu gelangen suchte. Diese Unordnung gab vllig den Begriff eines Wasserfalls: eine Unzahl durcheinander hin- und wider blinkender Bajonette bezeichneten die lebhafteste Bewegung. Und als nun unten am Fu sich alles wieder gleich in Reih' und Glied ordnete und so, wie sie oben angekommen, nun wieder im Tal fortzogen, ward die Vorstellung eines Flusses immer lebhafter; auch war diese Erscheinung umso angenehmer, als ihre lange Dauer fort und fort durch Sonnenblicke begnstigt wurde, deren Wert man in solchen zweifelhaften Stunden nach langer Entbehrung erst recht schtzen lernte. Nachmittags gelangten wir endlich nach Massiges, nur noch wenige Stunden vom Feind; das Lager war abgesteckt, und wir bezogen den fr uns bestimmten Raum. Schon waren Pfhle geschlagen, die Pferde drangebunden, Feuer angezndet, und der Kchenwagen tat sich auf. Ganz unerwartet kam daher das Gercht, das Lager solle nicht statthaben: denn es sei die Nachricht angekommen, das franzsische Heer zeihe sich von Sainte Menehould auf Chalons; der Knig wolle sie nicht entwischen lassen und habe daher Befehl zum Aufbruch gegeben: ich suchte an der rechten Schmiede hierber Gewissheit und vernahm das, was ich schon gehrt hatte, nur mit dem Zusatz: auf diese unsichere und unwahrscheinliche Nachricht sei der Herzog von Weimar und der General Heymann mit eben den Husaren, welche die Unruhe erregt, vorgegangen. Nach einiger Zeit kamen diese Generale zurck und versicherten, es sei nicht die geringste Bewegung zu bemerken; auch mussten jene Patrouillen gestehen, dass sie das Gemeldete mehr geschlossen als gesehen htten. Die Anregung aber war einmal gegeben, und der Befehl lautete: die Armee solle vorrcken, jedoch ohne das mindeste Gepck, alles Fuhrwerk solle bis Maisons Champagne zurckkehren, dort eine Wagenburg bilden und den, wie man voraussetzte, glcklichen Ausgang einer Schlacht abwarten. Nicht einen Augenblick zweifelhaft, was zu tun sei, berlie ich Wagen, Gepck und Pferde meinem entschlossenen, sorgfltigen Bedienten und setze mich mit den Kriegsgenossen alsobald zu Pferde. Es war schon frher mehrmals zur Sprache gekommen, dass, wer sich in einen Kriegszug einlasse, durchaus bei den regulierten Truppen, welche Abteilung es auch sei, an die er sich angeschlossen, fest bleiben und keine Gefahr scheuen solle: denn was uns auch da betreffe, sei immer ehrenvoll; dahingegen bei der Bagage, beim Tross oder sonst zu verweilen, zugleich gefhrlich und schmhlich. Und so hatte ich auch mit den Offizieren des Regiments abgeredet, dass ich mich immer an sie und womglich an die Leibschwadron anschlieen wolle, weil ja dadurch ein so schnes und gutes Verhltnis nur immer besser befestigt werden knne. Der Weg war das kleine Wasser die Tourbe hinauf vorgezeichnet, durch das traurigste Tal von der Welt, zwischen niedrigen Hgeln, ohne Baum und Busch; es war befohlen und eingeschrft, in aller Stille zu marschieren, als wenn wir den Feind berfallen wollten, der doch in seiner Stellung das Heranrcken einer Masse von fnfzigtausend Mann wohl mochte erfahren haben. Die Nacht brach ein, weder Mond noch Sterne leuchteten am Himmel, es pfiff ein wster Wind; die stille Bewegung einer so groen Menschenreihe in tiefer Finsternis war ein hchst Eigenes. Indem man neben der Kolonne herritt, begegnete man mehreren bekannten Offizieren, die hin und wider sprengten, um die Bewegung des Marsches bald zu beschleunigen, bald zu retardieren. Man besprach sich, man heilt still, man versammelte sich. So hatte sich ein Kreis von vielleicht zwlf Bekannten und Unbekannten zusammengefunden, man fragte, klagte, wundete sich, schalt und rsonierte: das gestrte Mittagessen konnte man dem Heerfhrer nicht verzeihen. Ein munterer Gast wnschte sich Bratwurst und Brot, ein anderer sprang gleich mit seinen Wnschen zum Rehbraten und Sardellensalat; da das alles aber unentgeltlich geschah, fehlte es auch nicht an Pasteten und sonstigen Leckebissen, nicht an den kstlichsten Weinen, und ein so vollkommnes Gastmahl war beisammen, dass endlich einer, dessen Appetit bermig rege geworden, die ganze Gesellschaft verwnschte und die Pein einer aufgeregten Einbildungskraft im Gegensatz des grten Mangels ganz unertrglich schalt. Man verlor sich auseinander, und der einzelne war nicht besser dran als alle zusammen. Den 19. September nachts. So gelangten wir bis Somme Tourbe, wo man Halt machte; der Knig war in einem Gasthof abgetreten, vor dessen Tre der Herzog von Braunschweig in einer Art Laube Hauptquartier und Kanzlei errichtete. Der Platz war gro, es brannten mehrere Feuer, durch groe Bndel Weinpfhle gar lebhaft unterhalten. Der Frst Feldmarschall tadelte einige Mal persnlich, dass man die Flamme allzu stark auflodern lasse; wir besprachen uns darber, und niemand wollte glauben, dass unsere Nhe den Franzosen ein Geheimnis geblieben sei. Ich war zu spt angekommen und mochte mich in der Nhe umsehen, wie ich wollte, alles war schon, wo nicht verzehrt, doch in Besitz genommen. Indem ich so umherforschte, gaben mir die Emigrierten ein kluges Kchenschauspiel: sie saen um einen groen, runden, flachen, abglimmenden Aschenhaufen, in den sich mancher Weinstab knisternd mochte aufgelst haben; klglich und schnell hatten sie sich aller Eier des Dorfes bemchtigt, und es sah wirklich appetitlich aus, wie die Eier in dem Aschenhaufen nebeneinander aufrecht standen und eins nach dem andern zu rechter Zeit schlurfbar herausgehoben wurde. Ich kannte niemand vond en edlen Kchengesellen, unbekannt mocht' ich sie nicht ansprechen; als mir aber soeben ein lieber Bekannter begegnete, der so gut wie ich an Hunger und Durst litt, fiel mir eine Kriegslist ein, nach einer Bemerkung, die ich auf meiner kurzen militrischen Laufbahn anzustellen Gelegenheit gehabt. Ich hatte nmlich bemerkt, dass man beim Furagieren um die Drfer und in denselben tlpisch geradezu verfahre: die ersten Andringenden fielen ein, nahmen weg, verdarben, zerstrten, die folgenden fanden immer weniger, und was verloren ging, kam niemand zugute. Ich hatte schon gedacht, dass man bei dieser Gelegenheit strategisch verfahren und, wenn die Menge von vorne hereindringe, sich von der Gegenseite nach einigem Bedrfnis umsehen msse. Dies konnte nun hier kaum der Fall sein, denn alles war berschwemmt; aber das Dorf zog sich sehr in die Lnge, und zwar seitwrts der Strae, wo wir hereingekommen. Ich forderte meinen Freund auf, die lange Gasse mit hinunterzugehen. Aus dem vorletzten Haus kam ein Soldat fluchend heraus, dass schon alles aufgezehrt und nirgends nichts mehr zu haben sei. Wir sahen durch die Fenster, da saen ein paar Jger ganz ruhig; wir gingen hinein, um wenigstens auf einer Bank unter Dach zu sitzen, wir begrten sie als Kameraden und klagten freilich ber den allgemeinen Mangel. Nach einigem Hin- und Widerreden verlangten sie, wir sollten ihnen Verschwiegenheit geloben, worauf wir die Hand gaben. Nun erffneten sie uns, dass sie in dem Haus einen schnen, wohl bestellten Keller gefunden, dessen Eingang sie zwar selbst sekretiert, uns jedoch von dem Vorrat einen Anteil nicht versagen wollten. Einer zog einen Schlssel hervor, und nach verschiedenen weggerumten Hindernissen fand sich eine Kellertre zu erffnen. Hinab gestiegen faden wir nun mehrere etwa zweieimerige Fsser auf dem Lager; was uns aber mehr interessierte, verschiedene Abteilungen in Sand gelegter gefllter Flaschen, wo der gutmtige Kamerad, der sie schon durchprobiert hatte, an die beste Sorte wies. Ich nahm zwischen die ausgespreizten Finger jeder Hand zwei Flaschen, zog sie unter den Mantel, mein Freund desgleichen, und so schritten wir, in Hoffnung baldiger Erquickung, die Strae wieder hinaufwrts. Unmittelbar am groen Wachfeuer gewahrte ich eine schwere, starke Egge, setzte mich darauf und schob unter dem Mantel meine Flaschen zwischen die Zacken herein. Nach einiger Zeit bracht' ich eine Flasche hervor, wegen der mich meine Nachbarn beriefen, denen ich sogleich den Mitgenuss anbot. Sie taten gute Zge, der letzte bescheiden, da er wohl merkte, er lasse mir nur wenig zurck; ich verbarg die Flasche neben mir und brachte bald darauf die zweite hervor, trank den Freuden zu, die sich's abermals wohl schmecken lieen, anfangs das Wunder nicht bemerkten, bei der dritten Falsche jedoch laut ber den Hexenmeister aufschrieen; und es war, in dieser traurigen Lage, ein auf alle Weise willkommener Scherz. Unter den vielen Personen, deren Gestalt und Gesicht im Kreis vom Feuer erleuchtet war, erblickt' ich einen ltlichen Mann, den ich zu kennen glaubte. Nach Erkundigung und Annherung war er nicht wenig verwundert, mich hier zu sehen. Es war Marquis von Bombelles, dem ich vor zwei Jahren in Venedig, der Herzogin Amalie folgend, aufgewartet hatte, wo er, als franzsischer Gesandter residierend, sich hchst angelegen sein lie, dieser trefflichen Frstin den dortigen Aufenthalt so angenehm als mglich zu machen. Wechselseitiger Verwunderungsausruf, Freude des Wiedersehens und Erinnerung erheiterten diesen ernsten Augenblick. Zur Sprache kam seien prchtige Wohnung am groen Kanal: es war gerhmt, wie wir daselbst, in Gondeln anfahrend, ehrenvoll empfangen und freundlich bewirtet worden; wie er durch kleine Feste, gerade im Geschmack und Sinn dieser, Natur und Kunst, Heiterkeit und Anstand in Verbindung liebenden Dame, sie und die Ihrigen auf vielfache Weise erfreut, auch sie durch seinen Einfluss manches andere, fr Fremde sonst verschlossene Gute genieen lassen. Wie sehr war ich aber verwundert, da ich ihn, den ich durch eine wahrhafte Lobrede zu ergtzen gedachte, mit Wehmut ausrufen hrte: "Schweigen wir von diesen Dingen! Jene Zeit liegt nur gar zu weit hinter mir, und schon damals, als ich meine edlen Gste mit scheinbarer Heiterkeit unterhielt, nagte mir der Wurm am Herzen: ich sah die Folgen voraus dessen, was in meinem Vaterland vorging. Ich bewunderte Ihre Sorglosigkeit, in der Sie auch die Ihnen bevorstehende Gefahr nicht ahnten; ich bereitete mich im Stillen zur Vernderung meines Zustandes. Bald nachher musst' ich meinen ehrenvollen Posten und das werte Venedig verlassen und eine Irrfahrt antreten, die mich endlich auch hierher gefhrt hat." Das Geheimnisvolle, das man diesem offenbaren Heranzug von Zeit zu Zeit hatte geben wollen, lie uns vermuten, man werde noch in dieser Nacht aufbrechen und vorwrts gehen; allein schon dmmerte der Tag, und mit demselben strich ein Sprhregen daher, es war schon vllig hell, als wir uns in Bewegung setzten. Da des Herzogs von Weimar Regiment den Vortrab hatte, gab man der Leibschwadron, als der vordersten der ganzen Kolonne, Husaren mit, die den Weg unserer Bestimmung kennen sollten. Nun ging es, mitunter im scharfen Trab, ber Felder und Hgel ohne Busch und Baum; nur in der Entfernung links sah man die Argonner Waldgegend; der Sprhregen schlug uns heftiger ins Gesicht; bald aber erblickten wir eine Pappelallee, die, sehr schn gewachsen und wohl unterhalten, unsere Richtung quer durchschnitt. Es war die Chaussee von Chalons auf Sainte Menehould, der Weg von Paris nach Deutschland; man fhrte uns drber weg und ins Graue hinein. Schon frher hatten wir den Feind vor der waldichten Gegend gelagert und aufmarschiert gesehen, nicht weniger lie sich bemerken, dass neue Truppen ankamen: es war Kellermann, der sich soeben mit Dumouriez vereinigte, um dessen linken Flgel zu bilden. Die Unsrigen brannten vor Begierde, auf die Franzosen loszugehen, Offiziere wie Gemeine hegten den Glhenden Wunsch, der Feldherr mge in diesem Augenblick angreifen; auch unser heftiges Vordringen schien darauf hinzudeuten. Aber Kellermann hatte sich zu vorteilhaft gestellt, und nun begann die Kanonade, von der man viel erzhlt, deren augenblickliche Gewaltsamkeit jedoch man nicht beschreiben, nicht einmal in der Einbildungskraft zurckrufen kann. Schon lag die Chaussee weit hinter uns, wir strmten immerfort gegen Westen zu, als auf einmal ein Adjutant gesprengt kam, der uns zurck beordete: man hatte uns zu weit gefhrt, und nun erhielten wir den Befehl, wieder ber die Chaussee zurckzukehren und unmittelbar an ihre linke Seite den rechten Flgel zu lehnen. Es geschah, und so machten wir Front gegen das Vorwerk La Lune, welches auf der Hhe, etwa eine Viertelstunde vor uns, an der Chaussee zu sehen war. Unser Befehlshaber kam uns entgegen; er hatte soeben eine halbe reitende Batterie hinaufgebracht, wir erhielten Order, im Schutz derselben vorwrts zu gehen, und fanden unterwegs einen alten Schirrmeister, ausgestreckt, als das erste Opfer des Tags, auf dem Acker liegen. Wir ritten ganz getrost weiter, wir sahen das Vorwerk nher, die dabei aufgestellte Batterie feuerte tchtig. Bald aber fanden wir uns in einer seltsamen Lage: Kanonenkugeln flogen wild auf uns ein, ohne dass wir begriffen, wo sie herkommen konnten; wir avancierten ja hinter einer befreundeten Batterie, und das feindliche Geschtz auf den entgegen gesetzten Hgeln war viel zu weit entfernt, als dass es uns htte erreichen sollen. Ich hielt seitwrts vor der Front und hatte den wunderbarsten Anblick: die Kugeln schlugen dutzendweise vor der Eskadron nieder, zum Glck nicht rikoschettierend, in den weichen Boden hineingewhlt; Kot aber und Schmutz bespritze Mann und Ross; die schwarzen Pferde, von tchtigen Reitern mglichst zusammengehalten, schnauften und tosten, die ganze Masse war, ohne sich zu trennen oder zu verwirren, in flutender Bewegung. Ein sonderbarer Anblick erinnerte mich an andere Zeiten. In dem ersten Glied der Eskadron schwankte die Standarte in den Hnden eines schnen Knaben hin und wider; er hielt sie fest, ward aber vom aufgeregten Pferd widerwrtig geschaukelt, sein anmutiges Gesicht brachte mir, seltsam genug, aber natrlich, in diesem schauerlichen Augenblick die noch anmutigere Mutter vor die Augen, und ich musste an die ihr zur Seite verbrachten friedlichen Momente gedenken. Endlich kam der Befehl, zurck- und hinab zu gehen; es geschah von den smtlichen Kavallerie-Regimentern mit groer Ordnung und Gelassenheit, nur ein einziges Pferd von Lottum ward gettet, da wir brigen, besonders auf dem uersten rechten Flgel, eigentlich alle htten umkommen mssen. Nachdem wir uns denn aus dem unbegreiflichen Feuer zurckgezogen, von berraschung und erstaunen uns erholt hatten, lste sich das Rtsel: wir fanden die halbe Batterie, unter deren Schutz wir vorwrts zu gehen geglaubt, ganz unten in einer Vertiefung, dergleichen das Terrain zufllig in dieser Gegend gar manche bildete. Sie war von oben vertrieben worden und an der andern Seite der Chaussee in einer Schlucht heruntergegangen, so dass wir ihren Rckzug nicht bemerken konnten; feindliches Geschtz trat an die Stelle, und was uns htte bewahren sollen, wre beinahe verderblich geworden. Auf unseren Tadel lachten die Burschen nur und versicherten scherzend, hier unter im Schauer sei es doch besser. Wenn man aber nachher mit Augen sah, wie eine solche reitende Batterie sich durch die schreckbaren, schlammigen Hgel qualvoll durchzerren musste, so hatte man abermals den bedenklichen Zustand zu berlegen, in den wir uns eingelassen hatten. Indessen dauerte die Kanonade immer fort: Kellermann hatte einen gefhrlichen Posten bei der Mhle von Valmy, dem eigentlich das Feuern galt; dort ging ein Pulverwagen in die Luft, und man freute sich des Unheils, das er unter den Feinden angerichtet haben mochte. Und so bleib alles eigentlich nur Zuschauer und Zuhrer, was im Feuer stand und nicht. Wir hielten auf der Chaussee von Cahlons an einem Wegweiser, der nach Paris deutete. Diese Hauptstadt also hatten wir im Rcken, das franzsische Heer aber zwischen uns und dem Vaterland. Strkere Riegel waren vielleicht nie vorgeschoben, demjenigen hchst apprehensiv, der eine genaue Karte des Kriegstheaters nun seit vier Wochen unablssig studierte. Doch das augenblickliche Bedrfnis behauptet sein Recht selbst gegen das Nchstknftige. Unsere Husaren hatten mehrere Brotkarren, die von Chalons nach der Armee gehen sollten, glcklich aufgefangen und brachten sie den Hochweg daher. Wie es uns nun fremd vorkommen musste, zwischen Paris und Sainte Menehould postiert zu sein, so konnten die zu Chalons des Feindes Armee keineswegs auf dem Weg zu der ihrigen vermuten. Gegen einiges Trinkgeld lieen die Husaren von dem Brot etwas ab, es war das schnste weie: der Franzos erschrickt vor jeder schwarzen Krume. Ich teilte mehr als einen Laib unter die zunchst Angehrigen, mit der Bedingung, mir fr die folgenden Tage einen Anteil daran zu verwahren. Auch noch zu einer andern Vorsicht fand ich Gelegenheit: ein Jger aus dem Gefolge hatte gleichfalls diesen Husaren eine tchtige wollene Decke abgehandelt; ich bot ihm die bereinkunft an, mir sie auf drei Nchte, jede Nacht fr acht Groschen, zu berlassen, wogegen er sie am Tage verwahren sollte. Er hielt dieses Bedingnis fr sehr vorteilhaft: die Decke hatte ihm einen Gulden gekostet, und nach kurzer Zeit erhielt er sie mit Profit ja wieder. Ich aber konnte auch zufrieden sein: mein kstlichen wollenen Hllen von Longwy waren mit der Bagage zurckgeblieben, und nun hatte ich doch bei allem Mangel von Dach und Fach auer meinem Mantel noch einen zweiten Schutz gewonnen. Alles dieses ging unter anhaltender Begleitung des Kanonendonners vor. Von jeder Seite wurden an diesem Tag zehntausend Schsse verwendet, wobei auf unserer Seite nur zweihundert Mann und auch diese ganz unntz fielen. Von der ungeheuren Erschtterung klrte sich der Himmel auf: denn man schoss mit Kanonen, vllig als wr' es Pelotonfeuer, zwar ungleich, bald abnehmend, bald zunehmend. Nachmittags ein Uhr, nach einiger Pause, war es am gewaltsamsten, die Erde bebte im ganz eigentlichsten Sinn, und doch sah man in den Stellungen nicht die mindeste Vernderung. Niemand wusste, was daraus werden sollte. Ich hatte so viel vom Kanonenfieber gehrt und wnschte zu wissen, wie es eigentlich damit beschaffen sei. Langeweile und ein Geist, den jede Gefahr zur Khnheit, ja zur Verwegenheit aufruft, verleitete mich, ganz gelassen nach dem Vorwerk La Lune hinauf zu reiten. Dieses war wieder von den Unsrigen besetzt, gewhrte jedoch einen gar wilden Anblick: die zerschossenen Dcher, die herum gestreuten Weizenbndel, die darauf hie und da ausgestreckten tdlich Verwundeten, und dazwischen noch manchmal eine Kanonenkugel, die, sich herber verirrend, in den berresten der Ziegeldcher klapperte. Ganz allein, mir selbst gelassen, ritt ich links auf den Hhen weg und konnte deutlich die glckliche Stellung der Franzosen berschauen; sie standen amphitheatralisch in grter Ruh' und Sicherheit, Kellermann jedoch auf dem linken Flgel eher zu erreichen. Mir begegnete gute Gesellschaft: es waren bekannte Offiziere vom Generalstab und vom Regiment, hchst verwundert, mich hier zu finden. Sie wollten mich wieder mit sich zurcknehmen, ich sprach ihnen aber von besonderen Absichten, und sie berlieen mich ohne weiteres meinem bekannten, wunderlichen Eigensinn. Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herber spielten; der Ton ist wundersam genug, als wr' er zusammengesetzt aus dem Brummend es Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen eines Vogels. Sie waren weniger gefhrlich wegen des feuchten Erdbodens: wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein trichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des Rikoschettierens gesichert. Unter diesen Umstnden konnt' ich jedoch bald bemerken, dass etwas Ungewhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch wrde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es schien, als wre man an einem sehr heien Ort und zugleich von derselben Hitze vllig durchdrungen, so dass man sich mit demselben Element, in welchem man sich befindet, vollkommen glich fhlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Strke noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrtlichen Ton htte, der den Zustand so wie die Gegenstnde noch apprehensiver macht. Von Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken knnen, sondern mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellt nun, in welchem Sinn man diesen Zustand ein Fieber nennen knne. Bemerkenswert bleibt es indessen, dass jenes grsslich Bngliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen. Als ich zurck geritten und vllig in Sicherheit war, fand ich bemerkenswert, dass alle jene Glut sogleich erloschen und nicht das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung brig geblieben sei. Es gehrt brigens dieser Zustand unter die am wenigsten wnschenswerten; wie ich denn auch unter meinen leiben und edlen Kriegskameraden kaum einen gefunden habe, der einen eigentlich leidenschaftlichen Trieb hiernach geuert htte. So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen, Kellermann hatte auch einen bequemern Platz genommen; unsere Leute zog man aus dem Feuer zurck, und es war eben, als wenn nichts gewesen wre. Die grte Bestrzung verbreitete sich ber die Armee. Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die smtlichen Franzosen anzuspieen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefhrlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah, so war es, um zu flucehn oder zu verwnschen. Wir hatten, eben als es Nacht werden wollte, zufllig einen Kreis geschlossen, in dessen Mitte nicht einmal wie gewhnlich ein Feuer konnte angezndet werden; die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich auf, was ich dazu denke? Denn ich hatte die Schar gewhnlich mit kurzen Sprchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr knnt sagen, ihr seid dabei gewesen." In diesem Augenblick, wo niemand nichts zu essen hatte, reklamierte ich einen Bissen Bort von dem heute frh erworbenen; auch war von dem gestern reichlich verspendeten Wein noch der Inhalt eines Branntweinflschchens brig geblieben, und ich musste daher auf die gestern am Feuer so khn gespielte Rolle des willkommenen Wundertters vllig Verzicht tun. Die Kanonade hatte kaum aufgehrt, als Regen und Sturm schon wieder eindrangen und einen zustand unter freiem Himmel, auf zhem Lehmboden hchst unerfreulich machten. Und doch kam, nach so langem Wachen, Gemts- und Leibesbewegung, der Schlaf sich anmeldend, als die Nacht hereindsterte. Wir hatten uns hinter einer Erhhung, die den schneidenden Wind abhielt, notdrftig gelagert, als es jemanden einfiel, man solle sich fr dies Nacht in die Erde graben und mit dem Mantel zudecken. Hierzu machte man gleich Anstalt, und es wurden mehrere Grber ausgehauen, wozu die reitende Artillerie Gertschaften hergab. Der Herzog von Weimar selbst verschmhte nicht eine solche voreilige Bestattung. Hier verlangt' ich nun gegen Erlegung von acht Groschen die bewusste Decke, wickelte mich darein und breitete den Mantel noch oben drber, ohne von dessen Feuchtigkeit viel zu empfinden. Uly kann unter seinem auf hnliche Weise erworbenen Mantel nicht mit mehr Behaglichkeit und Selbstgengen geruht haben. Alle diese Bereitungen warn wider den Willen des Obersten geschehen, welcher uns bemerken machte, dass auf einem Hgel gegenber hinter einem Busch die Franzosen eine Batterie stehen hatten, mit der sie uns im Ernst begraben und nach Belieben vernichten konnten. Allein wir mochten den windstillen Ort und unsere weislich ersonnene Bequemlichkeit nicht aufgeben, und es war dies nicht das letzte Mal, wo ich bemerkte, dass man, um der Unbequemlichkeit auszuweichen, die Gefahr nicht scheue. Den 21. September waren die wechselseitigen Gre der Erwachenden keineswegs heiter und froh, denn man ward sich in einer beschmenden, hoffnungslosen Lage gewahr. Am Rand eines ungeheuren Amphitheaters fanden wir uns aufgestellt, wo jenseits auf Hhen, deren Fu durch Flsse, Teiche, Bche, Morste gesichert war, der Feind einen kaum bersehbaren Halbzirkel bildete. Diesseits standen wir, vllig wie gestern, um zehntausend Kanonenkugeln leichter, aber ebenso wenig situiert zum Angriff; man blickte in eine weit ausgebreitete Arena hinunter, wo sich zwischen Dorfhtten und Grten die beiderseitigen Husaren herumtrieben und mit Spiegelgefecht bald vor-, bald rckwrts, eine Stunde nach der andern, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln wussten. Aber aus all dem Hin- und Hersprengen, dem Hin- und Widerpuffen ergab sich zuletzt kein Resultat, als dass einer der Unsrigen, der sich zu khn zwischen die Hecken gewagt hatte, umzingelt und, da er sich keineswegs ergeben wollte, erschossen wurde. Dies war das einzige Opfer der Waffen an diesem Tag; aber die eingerissene Krankheit machte den unbequemen, drckenden, hilflosen Zustand trauriger und frchterlicher. So schlaglustig und fertig man gestern auch gewesen, gestand man doch, dass ein Waffenstillstand wnschenswert sei, da selbst der Mutigste, Leidenschaftlichste nach weniger berlegung sagen musste: ein Angriff wrde das verwegenste Unternehmen von der Welt sein. Noch schwankten die Meinungen den Tag ber, wo man ehrenthalben dieselbe Stellung behauptete, wie beim Augenblick der Kanonade; gegen Abend jedoch vernderte man sie einigermaen, zuletzt war das Hauptquartier nach Hans gelegt und die Bagage herbeigekommen. Nun hatten wir zu vernehmen die Angst, die Gefahr, den nahen Untergang unserer Dienerschaft und Habseligkeiten. Das Waldgebirg' Argonne von Sainte Menehould bis Grandpr war von Franzosen besetzt; von dort aus fhrten ihre Husaren den khnsten, mutwilligsten, kleinen Krieg. Wir hatten gestern vernommen, dass ein Sekretr des Herzogs von Braunschweig und einige andere Personen der frstlichen Umgebung zwischen der Armee und der Wagenburg waren gefangen worden. Diese verdiente aber keineswegs den Namen einer Burg, denn sie war schlecht aufgestellt, nicht geschlossen, nicht genugsam eskortiert. Nun bengstete sie ein blinder Lrm nach dem andern und zugleich die Kanonade in geringer Entfernung. Spterhin trug man sich mit der Fabel oder Wahrheit, die franzsischen Truppen seien schon den Gebirgswald herab auf dem Weg gewesen, sich der smtlichen Equipage zu bemchtigen; da gab sich denn der von ihnen gefangene und wieder losgelassene Lufer des General Kalckreuth ein groes Ansehen, indem er versicherte, er habe durch glckliche Lgen von starker Bedeckung, von reitenden Batterien und dergleichen einen feindlichen Anfall abgewendet. Wohl mglich! Wer hat nicht in solchen bedeutenden Augenblicken zu tun oder getan? Nun waren die Zelte da, Wagen und Pferde; aber Nahrung fr kein Lebendiges. Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt: das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand. Ich wusste nicht, was es heien sollte, al sich meinen treuen Zgling, Diener und Gefhrten Paul Gtze von dem Leder des Reisewagens das zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schpfen sah; er bekannte, dass es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glcklicherweise einen Vorrat mitgebracht hatte; ja was mehr ist, ich habe aus den Fustapfen der Pferde schpfen sehen, um einen unertrglichen Durst zu stillen. Man kaufte das Brot von alten Soldaten, die, an Entbehrung gewhnt, etwas zusammensparten, um sich am Branntwein zu erquicken, wenn derselbe wieder zu haben wre. Am 22. September hrte man, die Generale Manstein und Heymann seien nach Dampiere in das Hauptquartier von Kellermann, wo sich auch Dumouriez einfinden sollte. Es war von Auswechseln der Gefangnen, von Versorgung der Kranken und Blessierten zum Schein die Rede; im Ganzen hoffte man aber mitten im Unglck eine Umkehr der Dinge zu bewirken. Seit dem 10. August war der Knig von Frankreich gefangen, grenzenlose Mordtaten waren im September geschehen. Man wusste, dass Dumouriez fr den Knig und die Konstitution gesinnt gewesen; er musste also seines eignen Heils, seiner Sicherheit willen die gegenwrtigen Zustnde bekmpfen, und eine groe Begebenheit wre es geworden, wenn er sich mit den Alliierten alliiert und so auf Paris losgegangen wre. Seit der Ankunft der Equipage fand sich die Umgebung des Herzogs von Weimar um vieles gebessert, denn man musste dem Kmmerier, dem Koch und andern Hausbeamten das Zeugnis geben, dass sie niemals ohne Vorrat gewesen und selbst in dem grten Mangel immer fr etwas warme Speise gesorgt. Hierdurch erquickt, ritt ich umher, mich mit der Gegend nur einigermaen bekannt zu machen, ganz ohne Furcht: diese flachen Hgel hatten keinen Charakter, kein Gegenstand zeichnete sich vor andern aus. Mich doch zu orientieren, forscht' ich nach der langen und hoch aufgewachsenen Pappelallee, die gestern so auffallend gewesen war, und da ich sie nicht entdecken konnte, glaubt' ich mich weit verirrt, allein bei nherer Aufmerksamkeit fand ich, dass sie niedergehauen, weggeschleppt und wohl schon verbrannt sei. An den Stellen, wo die Kanonade hingewirkt, erblickte man groen Jammer: die Menschen lagen unbegraben, und die schwer verwundeten Tiere konnten nicht ersterben. Ich sah ein Pferd, das sich in seinen eigenen, aus dem verwundeten Leibe heraus gefallenen Eingeweiden mit den Vorderfen verfangen hatte und so unselig dahinhinkte. Im Nachhausereiten traf ich den Prinzen Louis Ferdinand im freien Feld auf einem hlzernen Stuhl sitzen, den man aus einem untern Dorf heraufgeschafft; zugleich schleppten einige seiner Leute einen schweren, verschlossenen Kchenschrank herbei: sie versicherten, es klappere darin, sie hofften, einen guten Fang getan zu haben. Man erbrach ihn begierig, fand aber nur ein stark beleibtes Kochbuch, und nun, indessen der gespaltene Schrank im Feuer aufloderte, las man die kstlichsten Kchenrezepte vor, und so ward abermals Hunger und Begierde durch eine aufgeregte Einbildungskraft bis zur Verzweiflung gesteigert. Den 24. September. Erheitert einigermaen wurde das schlimmste Wetter von der Welt durch die Nachricht, dass ein Stillstand geschlossen sei und dass man also wenigstens die Aussicht habe, mit einiger Gemtsruhe leiden und darben zu knnen; aber auch dieses gedieh nur zum halben Trost, da man bald vernahm, es sei eigentlich nur eine bereinkunft, dass die Vorposten Friede halten sollten, wobei nicht unbenommen bleibe, die Kriegsoperationen auer dieser Berhrung nach Gutdnken fortzusetzen. Dieses war ihre Stellung verndern und uns besser einschlieen konnten, wir aber in der Mitte mussten still halten und in unserem stockenden Zustand verweilen. Die Vorposten aber ergriffen diese Erlaubnis mit Vergngen. Zuerst kamen sie berein, dass, welchem von beiden Teilen Wind und Wetter ins Gesicht schlage, der solle das Recht haben, sich umzukehren und, in seinen Mantel gewickelt, von dem Gegenteil nichts befrchten. Es kam weiter: die Franzosen hatten immer noch etwas Weniges zur Nahrung, indes den Deutschen alles abging; jene teilten daher einiges mit, und man ward immer kameradlicher. Endlich wurden sogar mit Freundlichkeit von franzsischer Seite Druckbltter ausgeteilt, wodurch den guten Deutschen das Heil der Freiheit und Gleichheit in zwei Sprachen verkndet war; die Franzosen ahmten das Manifest des Herzogs von Braunschweig in umgekehrtem Sinn nach, entboten guten Willen und Gastfreundschaft, und ob sich schon bei ihnen mehr Volk, als sie von oben herein regieren konnten, auf die Beine gemacht hatte, so geschah dieser Aufruf, wenigstens in diesem Augenblick, mehr, um den Gegenteil zu schwchen als sich selbst zu strken. Zum 24. September. Als Leidensgenossen bedauerte ich auch in dieser Zeit zwei hbsche Knaben von vierzehn bis fnfzehn Jahren. Sie hatten, als Requirierte, mit vier schwachen Pferden meine leichte Chaise bis hierher kaum durchgeschleppt und litten stille, mehr fr ihre Tiere als fr sich; doch war ihnen so wenig als uns allen zu helfen. Da sie um meinetwillen jedes Unheil ausstanden, fhlte ich mich zu irgendeiner Piett gedrungen und wollte jenes erhandelte Kommissbrot redlich mit ihnen teilen; allein sie lehnten es ab und versicherten, dergleichen knnten sie nicht essen, und als ich fragte, "was sie denn gewhnlich genssen?" versetzten sie: "Du bon pain, de la bonne soupe, de la bonne viande, de la bonne bire." Da nun bei ihnen alles gut und bei uns alles schlimm war, verzieh ich ihnen gern, dass sie mit Zurcklassung ihrer Pferde sich bald darauf davonmachten. Sie hatten brigens manches Unheil ausgestanden, ich glaube aber, dass eigentlich das dargebotene Kommissbrot sie zu dem letzten entscheidenden Schritt, als ein furchtbares Gespenst, bewogen habe. Wei und schwarz Brot ist eigentlich das Schibboleth, das Feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen. Eine Bemerkung darf ich hier nicht unberhrt lassen: wir kamen freilich zur ungnstigsten Jahrszeit in ein von der Natur nicht gesegnetes Land, das aber denn doch seine wenigen, arbeitsamen, ordnungsliebenden, gengsamen Einwohner allenfalls ernhrt. Reichere und vornehmere Gegenden mgen eine solche freilich geringschtzig behandeln; ich aber habe keineswegs Ungeziefer und Bettelherbergen dort angetroffen. Von Mauerwerk gebaut, mit Ziegeln gedeckt sind die Huser, und berall hinreichende Ttigkeit. Auch ist die eigentlich schlimme Landstrecke hchstens vier bis sechs Stunden breit und hat, sowohl an dem Argonner Waldgebirge her als gegen Reims und Chalons zu, schon wieder gnstigere Gelegenheit. Kinder, die man in dem ersten besten Dorfe aufgegriffen hatte, sprachen mit Zufriedenheit von ihrer Nahrung, und ich durfte mich nur des Kellers zu Somme Tourbe und des weien Brotes, das uns ganz frisch von Chalons her in die Hnde gefallen war, erinnern, so schien es doch, als ob in Friedenszeiten hier nicht gerade Hunger und Ungeziefer zu Hause sein msse. Den 25. September. Dass whrend des Stillstandes die Franzosen von ihrer Seite ttig sein wrden, konnte man vermuten und erfahren. Sie suchten die verlorne Kommunikation mit Chalons wieder herzustellen und die Emigrierten in unserm Rcken zu verdrngen oder vielmehr an uns heranzudrngen; doch augenblicklich ward fr uns das Schdlichste, dass sie, sowohl vom Argonner Waldgebirge als von Sedan und Montmedy her, uns die Zufuhr erschweren, wo nicht vllig vernichten konnten. Den 26. September. Da man mich als auf mancherlei aufmerksam kannte, so brachte man alles, was irgend sonderbar scheinen mochte, herbei; unter andern legte man mir eine Kanonenkugel vor, ungefhr vierpfndig zu achten, doch war das Wunderliche daran, sie auf ihrer ganzen Oberflche in kristallisierten Pyramiden endigen zu sehen. Kugeln waren jenes Tags genug verschossen worden, dass sich eine gar wohl hierber konnte verloren haben. Ich erdachte mir allerlei Hypothesen, wie das Metall beim Guss oder nachher sich zu dieser Gestalt bestimmt htte; durch einen Zufall ward ich hierber aufgeklrt. Nach einer kurzen Abwesenheit wieder in mein Zelt zurckkehrend, fragte ich nach der Kugel; sie wollte sich nicht finden. Als ich darauf bestand, beichtete man: sie sei, nachdem man allerlei an ihr probiert, zersprungen. Ich forderte die Stcke und fand zu meiner groen Verwunderung eine Kristallisation, die, von der Mitte ausgehend, sich strahlig gegen die Oberflche erweitete. Es war Schwefelkies, der sich in einer freien Lage ringsum musste gebildet haben. Diese Entdeckung fhrte weiter, dergleichen Schwefelkiese fanden sich mehr, obschon kleiner, in Kugel- und Nierenform, auch in andern weniger regelmigen Gestalten, durchaus aber darin gleich, dass sie nirgends angesessen hatten und dass ihre Kristallisation sich immer auf eine gewisse Mitte bezog; auch waren sie nicht abgerundet, sondern vllig frisch und deutlich kristallinisch abgeschlossen. Sollten sie sich wohl in dem Boden selbst erzeugt haben, und findet man dergleichen mehr auf Ackerfeldern? Aber ich nicht allein war auf die Mineralien der Gegend aufmerksam; die schne Kreide, die sich berall vorfand, schien durchaus von einigem Wert. Es ist wahr, der Soldat durfte nur ein Kochloch aufhauen, so traf er auf die klarste weie Kreide, die er zu seinem blanken und glatten Putz sonst so ntig hatte. Da ging wirklich ein Armeebefehl aus: der Soldat solle sich mit dieser hier umsonst zu habenden notwendigen Ware soviel als mglich versehen. Dies gab nun freilich zu einigem Spott Gelegenheit: mitten in den furchtbarsten Kot versenkt, sollte man sich mit Reinlichkeits- und Putzmitteln beladen; wo man nach Brot seufzte, sich mit Staub zufrieden stellen. Auch stutzten die Offiziere nicht wenig, als sie im Hauptquartier bel angelassen wurden, weil sie nicht so reinlich, so zierlich wie auf der Parade zu Berlin oder Potsdam erschienen. Die Oberen konnten nicht helfen; so sollten sie, meinte man, auch nicht schelten. Den 27. September. Eine etwas wunderliche Vorsichtsmaregel, dem dringenden Hunger zu begegnen, ward gleichfalls bei der Armee publiziert: man solle die vorhandenen Gerstengarben so gut als mglich ausklopfen, die gewonnenen Krner in heiem Wasser so lange sieden, bis sie aufplatzen, und durch diese Speise die Befriedigung des Hungers versuchen. Unserer nchsten Umgebung war jedoch eine bessere Beihilfe zugedacht. Man sah in der Ferne zwei Wagen festgefahren, denen man, weil sie Proviant und andere Bedrfnisse geladen hatten, gern zu Hilfe kam. Stallmeister von Seebach schickte sogleich Pferde dorthin; man brachte sie los, fhrte sie aber auch sogleich des Herzogs Regiment zu; sie protestierten dagegen, als zur sterreichischen Armee bestimmt, wohin auch wirklich ihre Psse lauteten. Allein man hatte sich einmal ihrer angenommen; um den Zudrang zu verhten und sie zugleich festzuhalten, gab man ihnen Wache, und da sie auch von uns bezahlt erhielten, was sie forderten, so mussten sie auch bei uns ihre eigentliche Bestimmung finden. Eilig drngten sich zu allererst die Haushofmeister, Kche und ihre Gehilfen herbei, nahmen von der Butter in Fsschen, von Schinken und andern guten Dingen Besitz. Der Zulauf vermehrte sich, die grere Menge schrie nach Tabak, der denn auch um teuren Preis hufig ausgegeben wurde. Die Wagen aber waren so umringt, dass sich zuletzt niemand mehr nhern konnte; deswegen mich unsere Leute und Reiter anriefen und auf das dringendste baten, ihnen zu diesem notwendigsten aller Bedrfnisse zu verhelfen. Ich lie mir durch Soldaten Platz machen und erstieg sogleich, um mich nicht im Gedrnge zu verwirren, den nchsten Wagen; dort bepackte ich mich fr gutes Geld mit Tabak, was nur meine Taschen fassen wollten, und ward, als ich wieder herab und spendend ins Freie gelangte, fr den grten Wohltter gepriesen, der sich jemals der leidenden Menschheit erbarmt hatte. Auch Branntwein war angelangt; man versah sich damit und bezahlte die Bouteille gern mit einem Laubtaler. Den 27. September. Sowohl im Hauptquartiere selbst, wohin man zuweilen gelanget, als bei allen denen, die von dort herkamen, erkundigte man sich nach der Lage der Dinge: sie konnte nicht bedenklicher sein. Von dem Unheil, das in Paris vorgegangen, verlautete immer mehr und mehr, und was man anfangs fr Fabeln gehalten, erschien zuletzt als Wahrheit berschwnglich furchtbar. Knig und Familie waren gefangen, die Absetzung dessen schon zur Sprache gekommen; der Hass des Knigtums berhaupt gewann immer mehr Breite, ja schon konnte man erwarten, dass gegen den unglcklichen Monarchen ein Prozess wrde eingeleitet werden. Unsere unmittelbaren kriegerischen Gegner hatten sich eine Kommunikation mit Chalons wieder erffnet, dort befand sich Luckner, der die von Paris anstrmenden Freiwilligen zu Kriegshaufen bilden sollte; aber diese, in den grsslichen ersten Septembertagen, durch die reiend flieenden Blutstrme, aus der Hauptstadt ausgewandert, brachten Lust zum Morden und Rauben mehr als zu reinem rechtlichen Kriege mit. Nach dem Beispiel des Pariser Gruelvolks ersahen sie sich willkrliche Schlachtopfer, um ihnen, wie sich's fnde, Autoritt, Besitz oder wohl gar das Leben zu rauben. Man durfte sie nur undiszipliniert loslassen, so machten sie uns den Garaus. Die Emigrierten waren an uns herangedrckt worden, und man erzhlte noch von gar manchem Unheil, das im Rcken und von der Seite bedrohte. In der Gegend von Reims sollten sich zwanzigtausend Bauern zusammengerottet haben, mit Feldgert und wild ergriffenen Naturwaffen versehen; die Sorge war gor, auch diese mchten auf uns losbrechen. Von solchen Dingen ward am Abend in der Herzogs Zelt, in Gegenwart von bedeutenden Kriegsobristen, gesprochen; jeder brachte seine Nachricht, seine Vermutung, seine Sorge als Beitrag in diesen ratlosen rat, denn es schien durchaus nur ein Wunder uns retten zu knnen. Ich aber dachte in diesem Augenblick, dass wir gewhnlich in misslichen Zustnden uns gern mit hohen Personen vergleichen, besonders mit solchen, denen es noch schlimmer gegangen; da fhlt' ich mich getrieben, wo nicht zur Erheiterung doch zur Ableitung, aus der Geschichte Ludwigs des Heiligen die drangvollsten Begebenheiten zu erzhlen. Der Knig, auf seinem Kreuzzuge, will zuerst den Sultan von gypten demtigen, denn von diesem hngt gegenwrtig das gelobte Land ab. Damiette fllt ohne Belagerung den Christen in die Hnde. Angefeuert von seinem Bruder Graf Artois, unternimmt der Knig einen Zug das rechte Nilufer hinauf, nach Babylon-Kairo. Es glckt, einen graben auszufllen, der Wasser vom Nil empfngt. Die Armee zeiht hinber. Aber nun findet sie sich geklemmt zwischen dem Nil, dessen Haupt- und Nebenkanlen; dagegen die Sarazenen auf beiden Ufern des Flusses glcklich postiert sind. ber die greren Wasserleitungen zu setzen wird schwierig. Man baut Blockhuser gegen die Blockhuser der Feinde; diese aber haben den Vorteil des griechischen Feuers. Sie beschdigen damit die hlzernen Bollwerke, Bauten und Menschen. Was hilft den Christen ihre entschiedene Schlachtordnung, immerfort von den Sarazenen gereizt, geneckt, angegriffen, teilweise in Scharmtzel verwickelt. Einzelne Wagnisse, Faustkmpfe sind bedeutend, Herz erhebend, aber die Helden, der Knig selbst wird abgeschnitten. Zwar brechen die Tapfersten durch, aber die Verwirrung wchst. Der Graf von Artois ist in Gefahr; zu dessen Rettung wagt der Knig alles. Der Bruder ist schon tot, das Unheil steigt aufs uerste. An diesem heien Tag kommt alles darauf an, eine Brcke ber ein Seitenwasser zu verteidigen, um die Sarazenen vom Rcken des Hauptgefechtes abzuhalten. Den wenigen da postierten Kriegsleuten wird auf alle Weise zugesetzt, mit Geschtz von den Soldaten, mit Steinen und Kot durch Trossbuben. Mitten in diesem Unheil spricht der Graf von Soissons zum Ritter Joinville scherzend: "Seneschall, lasst das Hundepack bellen und blken; bei Gottesthron!" -- so pflegte er zu schwren -- "von diesem Tag sprechen wir noch im Zimmer vor den Damen." Man lchelte, nahm das Omen gut auf, besprach sich ber mgliche Flle, besonders hob man die Ursachen hervor, warum die Franzosen uns eher schonen als verderben mssten: der lange ungetrbte Stillstand, das bisherige zurckhaltende Betragen gaben einige Hoffnung. Diese zu beleben, wagte ich noch einen historischen Vortrag und erinnerte mit Vorzeigung der Spezialkarten, dass zwei Meilen von uns nach Westen das berchtigte Teufelsfeld gelegen sei, bis wohin Attila, Knig der Hunnen, mit seinen ungeheuren Heerhaufen im Jahr 452 gelangt, dort aber von den burgundischen Frsten unter Beistand des rmischen Feldherrn Atius geschlagen worden; dass, htten sie ihren Sieg verfolgt, er in Person und mit allen seinen Leuten umgekommen und vertilgt worden wre. Der rmische General aber, der die Burgunder Frsten nicht von aller Furcht vor diesem gewaltigen Feind zu befreien gedachte, weil er sie alsdann sogleich gegen die Rmer gewendet gesehen htte, beredete einen nach dem andern, nach Hause zu ziehen; und so entkam denn auch der Hunnenknig mit den berresten eines unzhlbaren Volkes. In eben dem Augenblick ward die Nachricht gebracht, der erwartete Brottransport von Grandpr sei angekommen; auch dies belebte doppelt und dreifach die Geister: man schied getrsteter voneinander, und ich konnte dem Herzog bis gegen Morgen in einem unterhaltenden franzsischen Buch vorlesen, das auf die wunderlichste Weise in meine Hnde gekommen. Bei den verwegenen, frevelhaften Scherzen, welche mitten in dem bedrngtesten Zustand noch Lachen erregten, erinnerte ich mich der leichtfertigen Jger von Verdun, welche Schelmlieder singend in den Tod gingen. Freilich, wenn man dessen Bitterkeit vertreiben will, muss man es mit den Mitteln so genau nicht nehmen. Den 28. September. Das Brot war angekommen, nicht ohne Mhseligkeit und Verlust; auf den schlimmsten Wegen von Grandpr, wo die Bckerei lag, bis zu uns heran waren mehrere Wagen stecken geblieben, andere dem Feind in die Hnde gefallen und selbst ein Teil des Transports ungeniebar: denn im wsserigen, zu schnell gebackenen Brot trennte sich Krume von Rinde, und in den Zwischenrumen erzeugte sich Schimmel. Abermals in Angst vor Gift, brachte man mir dergleichen Laibe, diesmal in ihren inneren Hohlungen hochpomeranzenfarbig anzusehen, auf Arsenik und Schwefel hindeutend, wie jenes vor Verdun auf Grnspan. War es aber auch nicht vergiftet, so erregte doch der Anblick Abscheu und Ekel; getuschte Befriedigung schrfte den Hunger: Krankheit, Elend, Missmut lagen schwer auf einer so groen Masse guter Menschen. In solchen Bedrngnissen wurden wir noch gar durch eine unglaubliche Nachricht berrascht und betrbt; es hie, der Herzog von Braunschweig habe sein frheres Manifest an Dumouriez geschickt, welcher, darber ganz verwundert und entrstet, sogleich den Stillstand aufgekndigt und den Anfang der Feinseligkeiten befohlen habe. So gro das Unheil war, in welchem wir staken, und noch greres bevorsahen, konnten wir doch nicht unterlassen, zu scherzen und zu spotten; wir sagten, da sehe man, was fr Unheil die Autorschaft nach sich ziehe! Jeder Dichter und sonstige Schriftsteller trage gern seine Arbeiten einem jeden vor, ohne dass er frage, ob es die rechte Zeit und Stunde sei; nun ergehe es dem Herzog von Braunschweig ebenso, der, die Freuden der Autorschaft genieend, sein unglckliches Manifest ganz zur unrechten zeit wieder produzierte. Wir erwarteten nun, die Vorposten abermals puffen zu hren, man schaute sich nach allen Hgeln um, ob nicht irgendein Feind erscheinen mchte; aber es war alles so still und ruhig, als wre nichts vorgegangen. Indessen lebte man in der peinlichsten Ungewissheit und Unsicherheit, denn jeder sah wohl ein, dass wir strategisch verloren waren, wenn es dem Feind im Mindesten einfallen solle, uns zu beunruhigen und zu drngen. Doch deutete schon manches in dieser Ungewissheit auf bereinkunft und mildere Gesinnung; so hatte man zum Beispiel den Postmeister von Sainte Menehould gegen die am 20. zwischen der Wagenburg und Armee weggefangenen Personen der kniglichen Suite frei und ledig gegeben. Den 29. September. Gegen Abend setzte sich, der erteilten Order gem, die Equipage in Bewegung; unter Geleit Regiments Herzog von Braunschweig sollte sie vorangehen, um Mitternacht die Armee folgen. Alles regte sich, aber missmutig und langsam; denn selbst der beste Wille gleitete auf dem durchweichten Boden und versank, eh' er sich's versah. Auch diese Stunden gingen vorber: Zeit und Stunde rennt durch den rausten Tag! Es war Nacht geworden, und auch diese sollte man schlaflos zubringen; der Himmel war nicht ungnstig, der Vollmond leuchtete, aber hatte nichts zu beleuchten. Zelte waren verschwunden, Gepck, Wagen und Pferde alles hinweg, und unsere kleine Gesellschaft besonders in einer seltsamen Lage. An dem bestimmten Ort, wo wir uns befanden, sollten die Pferde uns Aufsuchen; sie waren ausgeblieben. So weit wir bei falbem Licht umher sahen, schien alles d' und leer; wir horchten vergebens: weder Gestalt noch Ton war zu vernehmen. Unsere Zweifel wogten hin und her; wir wollten den bezeichneten Platz lieber nicht verlassen als die Unsrigen in gleiche Verlegenheit setzen und sie gnzlich verfehlen. Doch war es grauerlich, in Feindesland, nach solchen Ereignissen, vereinzelt, aufgegeben, wo nicht zu sein, doch fr den Augenblick zu scheinen. Wir passten auf, ob nicht vielleicht eine feindliche Demonstration vorkomme, aber es rhrte und regte sich weder Gnstiges noch Ungnstiges. Wir trugen nach und nach alles hinterlassene Zeltstroh in der Umgegend zusammen und verbrannten es, nicht ohne Sorgen. Gelockt durch die Flamme, zog sich eine alte Marketenderin zu uns heran: sie mochte sich beim Rckweg in den fernen Orten nicht ohne Ttigkeit versptet haben, denn sie trug ziemliche Bndel unter den Armen. Nach Gru und Erwrmung hob sie zuvrderst Friedrich den Groen in den Himmel und pries den Siebenjhrigen Krieg, dem sie als Kind wollte beigewohnt haben, schalt grimmig auf die gegenwrtigen Frsten und Heerfhrer, die so groe Mannschaft in ein Land brchten, wo die Marketenderin ihr Handwerk nicht treiben knne, worauf es denn doch eigentlich abgesehen sei. Man konnte sich an ihrer Art, die Sachen zu betrachten, gar wohl erlustigen und sich fr einen Augenblick zerstreuen, doch waren uns endlich die Pferde hchst willkommen; da wir denn auch mit dem Regiment Weimar den ahnungsvollen Rckzug antraten. Vorsichtsmaregeln, bedeutende Befehle lieen frchten, dass die Feinde unserm Abmarsch nicht gelassen zusehen wrden. Mit Bangigkeit hatte man noch am Tag das smtliche Fuhrwerk, am bnglichsten aber die Artillerie, in den durchweichten Boden einschneidend, sich stockend bewegen sehen; was mochte nun zu Nacht alles vorfallen? Mit Bedauern sah man gestrzte, geborstene Bagagewagen im Bachwasser liegen, mit Bejammern lie man zurckbleibende Kranke hilflos. Wo man sich auch umsah, einigermaen vertraut mit der Gegend, gestand man, hier sie gar keine Rettung, sobald es dem Feind, den wir links, rechts und im Rcken wussten, belieben mchte, uns anzugreifen; da dies aber in den ersten Stunden nicht geschah, so stellte sich das hoffnungsbedrftige Gemt schnell wieder her, und der Menschengeist, der allem, was geschieht, Verstand und Vernunft unterlegen mchte, sagte sich getrost, die Verhandlungen zwischen den Hauptquartieren Hans und Sainte Menehould seien glcklich und zu unseren Gunsten abgeschlossen worden. Von Stunde zu Stunde vermehrte sich der Glaube; und als ich Halt machen, die smtlichen Wagen ber dem Dorf St. Jean ordnungsgem auffahren sah, war ich schon vllig gewiss, wir wrden nach Hause gelangen und in guter Gesellschaft (_devant les Dames_) von unseren ausgestandenen Qualen sprechen und erzhlen drfen. Auch diesmal teilt' ich Freunden und Bekannten meine berzeugung mit, und wir ertrugen die gegenwrtige Not schon mit Heiterkeit. Kein Lager ward bezogen, aber die Unsrigen schlugen ein groes Zelt auf, inwendig und auswendig umher die reichsten, herrlichsten Weizengarben zur Schlafsttte gebreitet. Der Mond schien hell durch die beruhigte Luft, nur ein sanfter Zug leichter Wolken war bemerklich, die ganze Umgebung sichtbar und deutlich, fast wie am Tage. Beschienen waren die schlafenden Menschen, die Pferde, vom Futterbedrfnis wach gehalten, darunter viele weie, die das Licht krftig wiedergaben; weie Wagenbedeckungen, selbst die zur Nachtruhe gewidmeten weien Garben, alles verbreitete Helle und Heiterkeit ber diese bedeutende Szene. Frwahr, der grte Maler htte sich glcklich geschtzt, einem solchen Bild gewachsen zu sein. Erst spt legt' ich mich ins Zelt und hoffte des tiefsten Schlafes zu genieen; aber die Natur hat manches Unbequeme zwischen ihre schnsten Gaben ausgestreut, und so gehrt zu den ungeselligsten Unarten des Menschen, dass er schlafend, eben wenn er selbst am tiefsten ruht, den gesellen durch unbndiges Schnarchen wach zu halten pflegt. Kopf an Kopf, ich innerhalb, er auerhalb des Zeltes, lag ich mit einem Mann, der mir durch ein grsslich Sthnen die so ntige Ruhe unwiederbringlich verkmmerte. Ich lste den Strang vom Zeltpflock, um meinen Widersacher kennen zu lernen: es war ein braver, tchtiger Mann von der Dienerschaft, erlag, vom Mond beschienen, in so tiefem Schlaf, als wenn er Endymion selbst gewesen wre. Die Unmglichkeit, in solcher Nachbarschaft Ruhe zu erlangen, regte den schalkischen Geist in mir auf; ich nahm eine Weizenhre und lie die schwankende Last ber Stirn und Nase des Schlafenden schweben. In seiner tiefen Ruhe gestrt, fuhr er mit der Hand mehrmals bers Gesicht, und sobald er wieder in Schlaf versank, wiederholt' ich mein Spiel, ohne dass er htte begreifen mgen, woher in dieser Jahreszeit eine Bremse kommen knne. Endlich bracht' ich es dahin, dass er, vllig ermuntert, aufzustehen beschloss. Indessen war auch mir alle Schlaflust vergangen: ich trat vor das Zelt und bewunderte in dem wenig vernderten Bild die unendliche Ruhe am Rande der grten, immer noch denkbaren Gefahr; und wie in solchen Augenblicken Angst und Hoffnung, Kmmernis und Beruhigung wechselweise auf- und abgaukeln, so erschrak ich wieder, bedenkend, dass, wenn der Feind uns in diesem Augenblick berfallen wollte, weder eine Radspeiche noch ein Menschengebein davonkommen wrde. Der anbrechende Tag wirkte sodann wieder zerstreuend, denn da zeigte sich manches Wunderliche. Zwei alte Marketenderinnen hatten mehrere seidene Weiberrcke buntscheckig um Hfte und Brust bereinander gebunden, den obersten aber um den Hals und oben darber noch ein Halbmntelchen. In diesem Ornat stolzierten sie gar komisch einher und behaupteten, durch Kauf und tausch sich diese Maskerade gewonnen zu haben. Den 30. September. So frh sich auch mit Tagesanbruch das smtliche Fuhrwerk in Bewegung setzte, so legten wir doch nur einen kurzen Weg zurck; denn schon um neun Uhr hielten wir zwischen Laval und Wargemoulin. Menschen und Tiere suchten sich zu erquicken, kein Lager ward aufgeschlagen. Nun kam auch die Armee heran und postierte sich auf einer Anhhe; durchaus herrschte die grte Stille und Ordnung. Zwar konnte man an verschiedenen Vorsichtsmaregeln gar wohl bemerken, dass noch nicht alle Gefahr berstanden sei: man rekognoszierte, man unterhielt sich heimlich mit unbekannten Personen, man rstete sich zum abermaligen Aufbruch. Den 1. Oktober. Der Herzog von Weimar fhrte die Avantgarde und deckte zugleich den Rckzug der Bagage. Ordnung und Stille herrschten diese Nacht, und man beruhigte sich in dieser Ruhe, als um zwlf Uhr aufzubrechen befohlen ward. Nun ging aber aus allem hervor, dass dieser Marsch nicht ganz sicher sei wegen Streifpartien, welche vom Argonner Wald herunter zu befrchten waren. Denn wre auch mit Dumouriez und den hchsten Gewalten bereinkunft getroffen gewesen, welches nicht einmal als ganz gewiss angenommen werden konnte, so gerhorchte doch damals nicht leicht jemand dem andern, und die Mannschaft im Waldgebirge durfte sich nur fr selbstndig erklren, einen Versuch machen zu unserm Verderben, welches niemand damals htte missbilligen drfen. Auch der heutige Marsch ging nicht weit; es war die Absicht, Equipage und Armee zusammen sollten auch gleichen Schritt mit den sterreichern und Emigrierten halten, die, uns zur linken Seite parallel, gleichfalls auf dem Rckzug begriffen waren. Gegen acht Uhr heilten wir schon, bald nachdem wir Rouvroy hinter uns gelassen hatten; einige Zelte wurden aufgeschlagen, der Tag war schn und die Ruhe nicht gestrt. Und so will ich denn hier auch noch anfhren, dass ich in diesem Elend das neckische Gelbde getan: man solle, wenn ich uns erlst und mich wieder zu Hause she, von mir niemals wieder einen Klagelaut vernehmen ber den meine freiere Zimmeraussicht beschrnkenden Nachbargiebel, den ich vielmehr jetzt recht sehnlich zu erblicken wnsche; ferner wollt' ich mich ber Missbehagen und Langeweile im deutschen Theater nie wieder beklagen, wo man doch immer Gott danken knne, unter Dach zu sein, was auch auf der Bhne vorgehe. Und so gelobt' ich noch ein Drittes, das mir aber entfallen ist. Es war noch immer genug, dass jeder fr sich selbst in dem Grad sorget und Ross und Wagen, Mann und Pferd nach ihren Abteilungen regelmig zusammenblieben, und so auch wir, sobald still gehalten oder ein Lager aufgeschlagen ward, immer wieder gedeckte Tafeln und Bnke und Sthle fanden. Doch wollte uns bednken, dass wir gar zu schmal abgefunden wrden, ob wir uns gleich bei dem bekannten allgemeinen Mangel bescheiden darein ergaben. Indessen schenkte mir das Glck Gelegenheit, einem bessern Gastmahl beizuwohnen. Es war zeitig Nacht geworden, jedermann hatte sich sogleich auf die zubereitete Streue gelegt; auch ich war eingeschlafen, doch weckte mich ein lebhafter, angenehmer Traum: denn mir schien, als rch' ich, als genss' ich die besten Bissen, und als ich darber aufwachte, mich aufrichtete, war mein Zelt voll des herrlichsten Geruchs gebratenen und versengten Schweinefettes, der mich sehr lstern machte. Unmittelbar an der Natur musste es uns verziehen sein, den Schweinehirten fr gttlich und Schweinebraten fr unschtzbar zu halten. Ich stand auf und erblickte in ziemlicher Ferne ein Feuer, glcklicherweise oder dem Wind: von da her kam mir die Flle des guten Dunstes. Unbedenklich ging ich dem schein nach und fand die smtliche Dienerschaft um ein groes, blad zu Kohlen verbranntes Feuer beschftigt, den Rcken des Schweins schon beinahe gar, das brige zerstckt, zum Einpacken bereit, einen jeden aber ttig und handreichend, um die Wrste bald zu vollenden. Unfern des Feuers lagen ein paar groe Baumstmme; nach Begrung der Gesellschaft setzt' ich mich darauf, und ohne ein Wort zu sagen, sah ich einer solchen Ttigkeit mit Vergngen zu. Teils wollten mir die guten Leute wohl, teils konnten sie den unerwarteten Gast schicklicherweise nicht ausschlieen, und wirklich, da es zum Austeilen kam, reichten sie mir ein kostbares Stck, auch war Brot zu haben und ein Schluck Branntwein dazu: es fehlte eben an keinem Guten. Nicht weniger ward mir ein tchtiges Stck Wurst gereicht, als wir uns noch bei Nacht und Nebel zu Pferde setzten; ich steckte es in meine Pistolenhalfter, und so war mir die Begnstigung des Nachtwindes gut zustatten gekommen. Den 2. Oktober. Wenn man sich auch mit einigem Essen und Trinken gestrkt und den Geist durch sittliche Trostgrnde beschwichtigt hatte, so wechselten doch immer Hoffnung und Sorge, Verdruss und Scham in der schwankenden Seele: man freute sich, noch am Leben zu sein; unter solchen Bedingungen zu leben verwnschte man. Nachts um zwei Uhr brachen wir auf, zogen mit Vorsicht an einem Wald vorbei, kamen bei Vaux ber die Stelle unseres vor kurzem verlassenen Lagers und bald an die Aisne. Hier fanden wir zwei Brcken geschlagen, die uns aufs rechte Ufer hinberleiteten. Da verweilten wir nun zwischen beiden, die wir zugleich bersehen konnten, auf einem Sand- Und Weidenwerder, das lebhafteste Kchenfeuer sogleich besorgend. Die zartesten Linsen, die ich jemals genossen, lange, rote, schmackhafte Kartoffeln waren bald bereitet. Als aber zuletzt jene von den sterreichischen Fuhrleuten aufgebrachten, bisher streng verheimlichten Schinken gar geworden, konnte man sich genugsam wieder herstellen. Die Equipage war schon herber; aber bald erffnete sich ein so prchtiger als trauriger Anblick. Die Armee zog ber die Brcken, Fuvolk und Artillerie, die Reiterei durch einen Furt, alle Gesichter dster, jeder Mund verschlossen, eine grssliche Empfindung mitteilend. Kamen Regimenter heran, unter denen man Bekannte, Befreundete wusste, so eilte man hin, man umarmte, man besprach sich, aber unter welchen Fragen, welchem Jammer, welcher Beschmung, nicht ohne Trnen! Indessen freuten wir uns, so marketenderhaft eingerichtet zu sein, um Hohe wie Niedere erquicken zu knnen. Erst war die Trommel eines allda postierten Piketts die Tafel, dann holte man aus benachbarten Orten Sthle, Tische und machte sich's und den verschiedenartigsten Gsten so bequem als mglich. Der Kronprinz und Prinz Louis lieen sich die Linsen schmecken, mancher General, der von weitem Rauch sah, zog sich darnach. Freilich, wie auch unser Vorrat sein mochte, was solle das unter so viele? Man musste zum zweiten und dritten Mal ansetzen, und unsere Reserve verminderte sich. Wie nun unser Frst gern alles mitteilte, so hielten's auch seine Leute, und es wre schwer, einzeln zu erzhlen, wie viel der unglcklichen vorbeiziehenden Kranken durch Kmmerier und Koch erquickt wurden. So ging es nun den ganzen Tag, und so ward mir der Rckzug nicht etwa nur durch Beispiel und Gleichnis, nein, in seiner vlligen Wirklichkeit dargestellt und der Schmerz durch jede neue Uniform erneuert und vervielfltigt. Ein so grauenvolles Schauspiel sollte denn auch seiner wrdig schlieen: der Knig und sein Generalstab ritt von weiten her, hielt an der Brcke eine Zeitlang still, als wenn er sich's noch einmal bersehen und berdenken wollte, zog dann aber am Ende den Weg aller der Seinen. Eben so erschien der Herzog von Braunschweig an der andern Brcke, zauderte und ritt herber. Die Nacht brach ein, windig aber trocken, und ward auf dem traurigen Weidenkreis meist schlaflos zugebracht. Den 3. Oktober. Morgens um sechs Uhr verlieen wir diesen Platz, zogen ber eine Anhhe nach Grandpr zu und trafen daselbst die Armee gelagert. Dort gab es neues bel und neue Sorgen: das Schloss war zum Krankenhaus umgebildet und schon mit mehreren hundert Unglcklichen belegt, denen man nicht helfen, sie nicht erquicken konnte. Man zog mit Scheu vorber und musste sie der Menschlichkeit des Feindes berlassen. Hier berfiel uns abermals ein grimmiger Regen und lhmte jede Bewegung. Den 4. Oktober. Die Schwierigkeit, vom Platz zu kommen, wuchs mehr und mehr; um den unfahrbaren Hauptwegen zu entgehen, suchte man sich Bahn ber Feld. Der Acker, von rtlicher Farbe, noch zher als der bisherige Kreideboden, hinderte jede Bewegung. Die vier kleinen Pferde konnten meine Halbchaise kaum erziehen, ich dachte sie wenigstens um das Gewicht meiner Person zu erleichtern. Die Reitpferde waren nicht zu erblicken; der groe Kchenwagen, mit sechs tchtigen bespannt, kam an mir vorbei. Ich bestieg ihn, von Viktualien war er nicht ganz leer, die Kchenmagd aber stak sehr verdrielich in der Ecke. Ich berlie mich meinen Studien. Den dritten Band von Fischers physikalischem Lexikon hatte ich aus dem Koffer genommen; in solchen Fllen ist ein Wrterbuch die willkommenste Begleitung, wo jeden Augenblick eine Unterbrechung vorfllt, und dann gewhrt er wieder die beste Zerstreuung, indem es uns von einem zum andern fhrt. Man hatte sich auf den zhen, hie und da quelligen roten Tonfeldern notgedrungen unvorsichtig eingelassen; in einer solchen Falge musste zuletzt auch dem tchtigen Kchengespann die Kraft ausgehen. Ich schien mir in meinem Wagen wie eine Parodie von Pharao im Roten Meer, denn auch um mich her wollten Reiter und Fuvolk in gleicher Farbe gleicher Weise versinken. Sehnschtig schaut' ich nach allen umgebenden Hgelhhen: da erblickt' ich endlich die Reitpferde, darunter den mir bestimmten Schimmel; ich winkte sie mit Heftigkeit herbei, und nachdem ich meine Physik der armen, krankverdrielichen Kchenmagd bergeben und ihrer Sorgfalt empfohlen, schwang ich mich aufs Pferd, mit dem festen Vorsatz, mich sobald nicht wider auf eine Fahrt einzulassen. Hier ging es nun freilich selbstndiger, aber nicht besser noch schneller. Grandpr, das nun als ein Ort der Pest und des Todes geschildert war, lieen wir gern hinter uns. Mehrere befreundete Kriegsgenossen trafen zusammen und traten im Kreis, hinter sich am Zgel die Pferde haltend, um ein Feuer. Sie sagen, dies sei das einzige Mal gewesen, wo ich ein verdrielich Gesicht gemacht und sie wieder durch Ernst gestrkt, noch durch Scherz erheitert habe. Den 4. Oktober. Der Weg, den das Heer eingeschlagen hatte, fhrte gegen Buzancy, weil man oberhalb Dun ber die Maas gehen wollte. Wir schlugen unser Lager unmittelbar bei Sivry, in dessen Umgegend wir noch nicht alles verzehrt fanden. Der Soldat strzte in die ersten Grten und verdarb, was andere htten genieen knnen. Ich ermunterte unsern Koch und seine Leute zu einer strategischen Furagierung: wir zogen ums ganze Dorf und fanden noch vllig unangetastete Grten und eine reiche, unbestrittene Ernte. Hier war von Kohl und Zwiebeln, von Wurzeln und andern guten Vegetabilien die Flle; wir nahmen deshalb nicht mehr, als wir brauchten, mit Bescheidenheit und Schonung. Der Garten war nicht gro, aber sauber gehalten, und ehe wir zu dem Zaun wieder hinaus krochen, stellt' ich Betrachtungen an, wie es zugehe, dass in einem Hausgarten doch auch keine Spur von einer Tre ins anstoende Gebude zu entdecken sei. Als wir, mit Kchenbeute wohl beschwert, wieder zurckkamen, hrten wir groen Lrm vor dem Regiment. Einem Reiter war sein vor zwanzig Tagen etwa in dieser Gegend requiriertes Pferd davon gelaufen, es hatte den Pfahl, an dem es gebunden gewesen, mit fortgenommen; der Kavallerist wurde sehr bel angesehen, bedroht und befehligt, das Pferd wiederzuschaffen. Da es beschlossen war, den 5. in der Gegend zu rasten, so wurden wir in Sivry einquartiert und fanden nach so viel Unbilden die Huslichkeit gar erfreulich und konnten den franzsisch-lndlichen, idyllisch-homerischen Zustand zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung abermals genauer bemerken. Man trat nicht unmittelbar von der Strae in das Haus, sondern fand sich erst in einem kleinen, offenen, viereckigen Raum, wie die Tre selbst das Quadrat angab; von da gelangte man durch die eigentliche Haustre in ein gerumiges, hohes, dem Familienleben bestimmtes Zimmer; es war mit Ziegelsteinen gepflastert, links, an der langen Wand, ein Feuerherd, unmittelbar an Mauer und Erde; die Esse, die den Rauch abzog, schwebte darber. Nach Begrung der Wirtsleute zog man sich gern dahin, wo man eine entschieden bleibende Rangordnung fr die Umsitzenden gewahrte. Rechts am Feuer stand ein hohes Klappkstchen, das auch zum Stuhl diente; es enthielt das Salz, welches, in Vorrat angeschafft, an einem trocknen Platz verwahrt werden musste. Hier war der Ehrensitz, der sogleich dem vornehmsten Fremden angewiesen wurde; auf mehrere hlzerne Sthle setzten sich die brigen Ankmmlinge mit den Hausgenossen. Die landsittliche Kochvorrichtung, _pot au feu_, konnt' ich hier zum ersten Mal genau betrachten. Ein groer eiserner Kessel hing an einem Haken, den man durch Verzahnungen erhhen und erniedrigen konnte, ber dem Feuer; darin befand sich schon ein gutes Stck Rindfleisch mit Wasser und Salz, zugleich aber auch mit weien und gelben Rben, Porree, Kraut und andern vegetabilischen Ingredienzien. Indessen wir uns freundlich mit den guten Menschen besprochen, bemerkt' ich erst, wie architektonisch klug Anrichte, Gossenstein, Topf- und Tellerbretter angebracht seien. Diese nahmen smtlich den lnglichen raum ein, den jenes Viereck des offenen Vorhauses inwendig zur Seite lie. Nett und alles der Ordnung gem war das Gert zusammengestellt; eine Magd oder Schwester des Hauses besorgte alles aufs zierlichste. Die Hausfrau sa am Feuer, ein Knabe stand an ihren Knien, zwei Tchterchen drngten sich an sie heran. Der Tisch war gedeckt, ein groer irdener Napf aufgestellt, schnes weies Brot in Scheibchen hinein geschnitten, die heie Brhe drber gegossen und guter Appetit empfohlen. Hier htten jene Knaben, die mein Kommissbrot verschmhten, mich auf das Muster von bon pain und bonne soupe verweisen knnen. Hierauf folgte das zu gleicher Zeit gar gewordene Zugemse, sowie das Fleisch, und jedermann htte sich an dieser einfachen Kochkunst begngen knnen. Wir fragten teilnehmend nach ihren Zustnden: sie hatten schon das vorige Mal, als wir solange bei Landres gestanden, sehr viel gelitten und frchteten, kaum hergestellt, von einer feindlichen zurckziehenden Armee nunmehr den vlligen Untergang. Wir bezeigten uns teilnehmend und freundlich, trsteten sie, dass es nicht lange dauern werde, da wir, auer der Arrieregarde, die letzten seien, und gaben ihnen Rat und Regel, wie sie sich gegen Nachzgler zu verhalten htten. Bei immer wechselnden Sturm und Regengssen brachten wir den Tag meist unter Dach und am Feuer zu, das Vergangene in Gedanken zurckrufend, das Nchstbevorstehende nicht ohne Sorge bedenkend. Seit Grandpr hatte ich weder Wagen noch Koffer noch Bedienten wieder gesehen, Hoffnung und Sorge wechselten deshalb augenblicklich ab. Die Nacht war herangekommen, die Kinder sollten zu Bett gehen; sie nherten sich Vater und Mutter ehrfurchtsvoll, verneigten sich, kssten ihnen die Hand und sagten: "Bon soir, Papa! Bon soir, Maman!" mit wnschenswerter Anmut. Bald darauf erfuhren wir, dass der Prinz von Braunschweig in unserer Nachbarschaft gefhrlich krank liege, und erkundigten uns nach ihm. Besuch lehnte man ab und versicherte zugleich, dass es mit ihm viel besser geworden, so dass er morgen frh unverzglich aufzubrechen gedenke. Kaum hatten wir uns vor dem schrecklichen Regen wieder ans Kamin geflchtet, als ein junger Mann herein trat, den wir als den jngeren Bruder unseres Wirts wegen entschiedener hnlichkeit erkennen mussten; und so erklrte sich's auch. In die Tracht des franzsischen Landvolks gekleidet, einen starken Stab in der Hand, trat er auf, ein schner junger Mann. Sehr ernst, ja verdrielich wild sa er bei uns am Feuer, ohne zu sprechen; doch hatte er sich kaum erwrmt, als er mit seinem Bruder auf und ab, sodann in das nchste Zimmer trat. Sie sprachen sehr lebhaft und vertraulich zusammen. Er ging in den grimmigen Regen hinaus, ohne dass ihn unsere Wirtsleute zu halten suchten. Aber auch wir wurden durch ein Angst- und Zetergeschrei in die strmische Nacht hinaus gerufen. Unsere Soldaten hatten unter dem Vorwand, Furage auf den Bden zu suchen, zu plndern angefangen, und zwar ganz ungeschickter Weise, indem sie einem Weber sein Werkzeug wegnahmen, eigentlich fr sie ganz unbrauchbar. Mit Ernst und einigen guten Worten brachten wir die Sache wieder ins gleiche: Denn es waren nur wenige, die sich solcher Tat unterfingen. Wie leicht konnte das ansteckend werden und alles drunter und rber gehen! Da sich mehrere Personen zusammengefunden hatten, so trat ein weimarscher Husar zu mir, seines Handwerks ein Fleischer, und vertraute, dass er in einem benachbarten Haus ein gemstetes Schwein entdeckt habe: er feilsche darum, knne es aber von dem Besitzer nicht erhalten; wir mchten mit Ernst dazu tun, denn es wrde in den nchsten Tagen an allem fehlen. Es war wunderbar genug, dass wir, die soeben der Plnderung Einhalt getan, zu einem hnlichen Unternehmen aufgefordert werden sollten. Indessen, da der Hunger kein Gesetz anerkennt, gingen wir mit dem Husar in das bezeichnete Haus, fanden gleichfalls ein groes Kaminfeuer, begrten die Leute und setzten uns zu ihnen. Es hatte sich noch ein anderer weimarscher Husar, namens Liseur, zu uns gefunden, dessen Gewandtheit wir die Sache vertrauten. Er begann in gelufigem Franzsisch von den Tugenden regulierter Truppen zu sprechen und rhmte die Personen, welche nur fr bares Geld die notwendigsten Viktualien anzuschaffen verlangen; dahingegen schalt er die Nachzgler, Packknechte und Marketender, die mit Ungestm und Gewalt auch die letzte Klaue sich zuzueignen gewohnt seien. Er wolle daher einem jeden den wohlmeinenden Rat geben, auf den Verkauf zu sinnen, weil Geld noch immer leichter zu verbergen sei als Tiere, die man wohl auswittere. Seine Argumente jedoch schienen keinen groen Eindruck zu machen, als seine Unterhandlung seltsam genug unterbrochen wurde. An der fest verschlossenen Haustre entstand auf einmal ein heftiges Pochen: man achtete nicht darauf, weil man keine Lust hatte, noch mehr Gste einzulassen; es pochte fort, die klglichste Stimme rief dazwischen, eine Weiberstimme, die auf gut Deutsch flehentlich um Erffnung der Tre bat. Endlich erweicht, schloss man auf: es drang eine alte Marketenderin herein, etwas in ein Tuch gewickelt auf dem Arm tragend; hinter ihr eine junge Person, nicht hsslich, aber blass und entkrftet, sie heilt sich kaum auf den Fen. Mit wenigen, aber rstigen Worten erklrte die Alte den Zustand, indem sie ein nacktes Kind vorwies, von dem jene Frau auf der Flucht entbunden worden. Dadurch versumt, waren sie, misshandelt von Bauern, in dieser Nacht endlich an unsere Pforte gekommen. Die Mutter hatte, weil ihr die Milch verschwunden, dem Kind, seitdem es Atem holte, noch keine Nahrung reichen knnen. Jetzt forderte die Alte mit Ungestm Mehl, Milch, Tiegel, auch Leinwand, das Kind hineinzuwickeln. Da sie kein Franzsisch konnte, mussten wir in ihrem Namen fordern, aber ihr herrisches Wesen, ihre Heftigkeit gab unseren Reden genug pantomimisches Gewicht und Nachdruck: man konnte das Verlangte nicht geschwind genug herbeischaffen, und das Herbeigeschaffte war ihr nicht gut genug. Dagegen war auch sehenswert, wie behnd sie verfuhr. Uns hatte sie blad vom Feuer verdrngt; der beste Sitz war sogleich fr die Wchnerin eingenommen, sie aber machte sich auf ihrem Schemel so breit, als wenn sie im Haus allein wre. In einem Nu war das Kind gereinigt und gewickelt, der Brei gekocht; sie ftterte das kleine Geschpf, dann die Mutter, an sich selbst dachte sie kaum. Nun verlangte sie frische Kleider fr die Wchnerin, indes die alten trockneten. Wir betrachteten sie mit Verwunderung: sie verstand sich aufs Requirieren. Der Regen lie nach, wir suchten unser voriges Quartier, und kurz darauf brachten die Husaren das Schwein. Wir zahlten ein Billiges; nun sollte es geschlachtet werden; es geschah, und als im Nebenzimmer am Tragebalken ein Kloben eingeschraubt zu sehen war, hing das Schwein sogleich dort, um kunstmig zerstckt und bereitet zu werden. Dass unsere Hausleute bei dieser Gelegenheit sich nicht verdrielich, vielmehr behilflich und zuttig erwiesen, schien uns einigermaen wunderbar, da sie wohl Ursache gehabt htten, unser Betragen roh und rcksichtslos zu finden. In demselbigen Zimmer, wo wir die Operation vornahmen, lagen die Kinder in reinlichen Betten, und aufgeweckt durch unser Getse, schauten sie artig furchtsam unter den Decken hervor. Nahe an einem groen zweischlfrigen Ehebett, mit grnem Rasch sorgfltig umschlossen, hing das Schwein, so dass die Vorhnge einen malerischen Hintergrund zu dem erleuchteten Krper machten. Es war ein Nachtstck ohnegleichen. Aber solchen Betrachtungen konnten sich die Einwohner nicht hingeben; wir merkten vielmehr, dass sie jenem Haus, dem man das Schwein abgewonnen, nicht sonderlich befreundet seien und also eine gewisse Schadenfreude hierbei obwalte. Frher hatten wir auch gutmtig einiges von Fleisch und Wurst versprochen; das alles kam der Funktion zu statten, die in wenig Stunden vollendet sein sollte. Unser Husar aber bewies sich in seinem Fach so ttig und behnd, wie die Zigeunerin drben in dem ihrigen, und wir freuten uns schon auf die guten Wrste und Braten, die uns von dieser Halbbeute zuteil werden sollten. In Erwartung dessen legten wir uns in der Schmiedewerkstatt unseres Wirtes auf die schnsten Weizengarben und schliefen geruhig bis an den Tag. Indessen hatte unser Husar sein Geschft im Innern des Hauses vollendet, ein Frhstck fand sich bereit, und das brige war schon eingepackt, nachdem vorher den Wirtsleuten gleichfalls ihr Teil gespendet worden, nicht ohne Verdruss unserer Leute, welche behaupteten: bei diesem Volk sei Gutmtigkeit bel angewendet, sie htten gewiss noch Fleisch und andere gute Dinge verborgen, die wir auszuwittern noch nicht recht gelernt htten. Als ich mich in dem innern Zimmer umsah, fand ich zuletzt eine Tre verriegelt, die ihrer Stellung nach in einen Garten gehen musste. Durch ein kleines Fenster an der Seite konnt' ich bemerken, dass ich nicht irre geschlossen hatte: der Garten lag etwas hher als das Haus, und ich erkannt' ihn ganz deutlich fr denselben, wo wir uns frh mit Kchenwaren versehen hatten. Die Tre war verrammelt und von auen so geschickt verschttet und bedeckt, dass ich nun wohl begriff, warum ich sie heute frh vergebens gesucht hatte. Und so stand es in den Sternen geschrieben, dass wir, ungeachtet aller Vorsicht, doch in das Haus gelangen sollten. Den 6. Oktober frh. Bei solchen Umgebungen darf man sich nicht einen Augenblick Ruhe, nicht das krzeste Verharren irgendeines Zustandes erwarten. Mit Tagesanbruch war der ganze Ort auf einmal in groer Bewegung: die Geschichte des entflohenen Pferdes kam wieder zur Sprache. Der gengstigte Reiter, der es herbeischaffen oder Strafe leiden und zu Fu gehen sollte, war auf den nchsten Drfern herumgerannt, wo man ihm denn, um die Plackerei selbst loszuwerden, zuletzt versicherte, es msse in Sivry stecken; dort habe man vor so viel Wochen einen Rappen ausgehoben, wie er ihn beschreibe; unmittelbar vor Sivry habe nun das Pferd sich losgemacht, und was sonst noch die Wahrscheinlichkeit vermehren mochte. Nun kam er, begleitet von einem ernsten Unteroffizier, der, durch Bedrohung des ganzen Ortes, endlich die Auflsung des Rtsels fand. Das Pferd war wirklich hinein nach Sivry zu seinem vorigen Herrn gelaufen; die Freude, den vermissten Haus- und Stallgenossen wieder zu sehen, sagen sie, sei in der Familie grenzenlos gewesen, allgemein die Teilnahme der Nachbarn. Knstlich genug hatte man das Pferd auf einen Oberboden gebracht und hinter Heu versteckt; jedermann bewahrte das Geheimnis. Nun aber ward es, unter Klagen und Jammern wieder hervorgezogen, und Betrbnis ergriff die ganze Gemeinde, als der Reiter sich darauf schwang und dem Wachtmeister folgte. Niemand gedachte weder eigener Lasten noch des Keineswegs aufgeklrten allgemeinen Geschickes: das Pferd und der zum zweiten Mal getuschte Besitzer waren der Gegenstand der zusammengelaufenen Menge. Eine augenblickliche Hoffnung tat sich hervor: der Kronprinz von Preuen kam geritten, und indem er sich erkundigen wollte, was die Menge zusammengebracht, wendeten sich die guten Leute an ihn mit Flehen, er mge ihnen das Pferd wieder zurckgeben. Es stand nicht in seiner Macht, denn die Kriegslufe sind mchtiger als die Knige; er lie sie trostlos, indem er sich stillschweigend entfernte. Nun besprachen wir wiederholt mit unsern guten Hausleuten das Manver gegen die Nachzgler; denn schon spukte das Geschmei hin und wieder. Wir rieten: Mann und Frau, Magd und Geselle sollten in der Tre innerhalb des kleinen Vorraums sich halten und allenfalls ein Stck Brot, einen Schluck Wein, wenn es gefordert wrde, auswendig reichen, den eindringenden Ungestm aber standhaft abwehren. Mit Gewalt erstrmten dergleichen Leute nicht leicht ein Haus; einmal eingelassen aber werde man ihrer nicht wieder Herr. Die guten Menschen baten uns, noch lnger zu bleiben, allein wir hatten an uns selber zu denken: das Regiment des Herzogs war schon vorwrts und der Kronprinz abgeritten; dies war genug, unsern Abschied zu bestimmen. Wie klglich dies gewesen, wurde uns noch deutlicher, als wir, bei der Kolonne angelangt, zu hren hatten, dass der Vortrab der franzsischen Prinzen gestern, als er eben den Pass Le Chne Populeux und die Aisne hinter sich gelassen, zwischen les Grandes und les Petites Armoises von Bauern angegriffen worden; einem Offizier solle das Pferd unterm Leib gettet, dem Bedienten des Kommandierenden eine Kugel durch den Hut gegangen sein. Nun fiel mir's aufs Herz, dass in vergangner Nacht als der brbeiige Schwager ins Haus trat, ich einer solchen Ahnung mich nicht erwehren konnte. Zum 6. Oktober. Aus der gefhrlichen Klemme waren wir nun heraus, unser Rckzug jedoch noch immer beschwerlich und bedenklich, der Transport unseres Haushaltes von Tag zu Tage lstiger; denn freilich fhrten wir ein komplettes Mobiliar mit uns: auer dem Kchengert noch Tisch und Bnke, Kisten, Kasten und Sthle, ja ein paar Blechfen. Wie sollte man die mehreren Wagen fortbringen, da der Pferde tglich weniger wurden! Einige fielen, die berbliebenen zeigten sich kraftlos. Es blieb nichts brig, als einen wagen stehen zu lassen, um die andern fortzubringen. Nun ward geratschlagt, was wohl das Entbehrlichste sei, und so musste man einen mit allerlei Gert wohl bepackten Wagen im Stich lassen, um nicht alles zu entbehren. Diese Operation wiederholte sich einige Mal, unser Zug ward um vieles kompendioser, und doch wurden wir aufs neue an eine solche Reduktion gemahnt, da wir uns an den niedrigen Ufern der Maas mit grter Unbequemlichkeit fortschleppten. Was mich aber in diesen Stunden am meisten drckte und besorgt machte, war, dass ich meinen Wagen schon einige Tage vermisste. Nun konnt' ich mir's nicht anders denken, als mein sonst so resoluter Diener sei in Verlegenheit geraten, habe seine Pferde verloren, und andere zu requirieren nicht vermocht. Da sah ich denn in trauriger Einbildungskraft meine werte bhmische Halbchaise, ein Geschenk meines Frsten, die mich schon so weit in der Welt herumgetragen, im Kot versunken, vielleicht auch ber Bord geworfen, und somit, wie ich da zu Pferde sa, trug ich nun alles bei mir. Der Koffer mit Kleidungsstcken, Manuskripten jeder Art und manches durch Gewohnheit sonst noch werte Besitztum, alles schien mir verloren und schon in die Welt zerstreut. Was war aus der Brieftasche mit Geld und bedeutenden Papieren geworden? Aus sonstigen Kleinigkeiten, die man an sich herumsteckt? Hatte ich das alles nun recht umstndlich und peinlich durchgedacht, so stellte sich der Geist aus dem unertrglichen Zustand bald wieder her. Das Vertrauen auf meinen Diener fing wieder an, zu wachsen, und wie ich vorher umstndlich den Verlust gedacht, so dacht' ich nunmehr alles durch seine Ttigkeit erhalten und freute mich dessen, als lg' es mir schon vor Augen. Den 7. Oktober. Als wir eben auf dem linken Ufer der Maas aufwrts zogen, um an die Stelle zu gelangen, wo wir bersetzen und die gebahnte Hauptstrae jenseits erreichen sollten, gerade auf dem sumpfigsten Wiesenfleck, hie es, der Herzog von Braunschweig komme hinter uns her. Wir heilten an und begrten ihn ehrerbietig; er heilt auch ganz nahe vor uns stille und sagte zu mir: "Es tut mir zwar leid, dass ich Sie in dieser unangenehmen Lage sehe, jedoch darf es mir in dem Sinn erwnscht sein, dass ich einen einsichtigen, glaubwrdigen Mann mehr wei, der bezeugen kann, dass wir nicht vom Feind, sondern von den Elementen berwunden worden." Er hatte mich in dem Hauptquartier zu Hans vorbeigehend gesehen und wusste berhaupt, dass ich bei dem ganzen traurigen Zug gegenwrtig gewesen. Ich antwortete ihm etwas Schickliches und bedauerte noch zuletzt, dass er, nach so viel Leiden und Anstrengung, noch durch die Krankheit seines frstlichen Sohnes sei in Sorgen gesetzt worden, woran wir vorige Nacht in Sivry groen Anteil empfunden. Er nahm es wohl auf, denn dieser Prinz war sein Liebling, zeigte sodann auf ihn, der in der Nhe hielt; wir verneigten uns auch vor ihm. Der Herzog wnschte uns allen Geduld und Ausdauer, und ich ihm dagegen eine ungestrte Gesundheit, weil ihm sonst nichts abgehe, uns und die gute Sache zu retten. Er hatte mich eigentlich niemals geliebt, das musste ich mir gefallen lassen; er gab es zu erkennen, das konnt' ich ihm verziehen: nun aber war das Unglck eine milde Vermittlerin geworden, die uns auf eine teilnehmende Weise zusammenbrachte. Den 7. und 8. Oktober. Wir hatten ber die Maas gesetzt und en Weg eingeschlagen, der aus den Niederlanden nach Verdun fhrt; das Wetter war furchtbarer als je, wir lagerten bei Consenvoye. Die Unbequemlichkeit, ja das Unheil stiegen aufs hchste: die Zelte durchnsst, sonst kein Schirm, kein Obdach; man wusste nicht, wohin man sich wenden sollte; noch immer fehlte mein Wagen, und ich entbehrte das Notwendigste. Konnte man sich auch unter einem Zelt bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgendeinem Brettstck, und zuletzt blieb doch nichts brig, als sich auf den kalten, feuchten Boden niederzulegen! Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fllen mir ein praktisches Hilfsmittel ersonnen, wie solche Not zu berdauern sei; ich stand nmlich so lange auf den Fen, bis die Knie zusammenbrachen, dann setzt' ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich hartnckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede Stelle wo man sich horizontal ausstrecken konnte, hchst willkommen war. Wie also Hunger das beste Gewrz bleibt, so wird Mdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein. Zwei Tage und zwei Nchte hatten wir auf diese Weise verlebt, als der traurige Zustand einiger Kranken auch Gefunden zugute kommen sollte. Des Herzogs Kammerdiener war von dem allgemeinen bel befallen, einen Junker, vom Regiment hatte der Frst aus dem Lazarett von Grandpr gerettet; nun beschloss er, die beiden in das etwa zwei Meilen entfernte Verdun zu schicken. Kmmerier Wagner wurde ihnen zur Pflege mitgegeben, und ich sumte nicht, auf gndigste vorsorgliche Anmahnung, den vierten Platz einzunehmen. Mit Empfehlungsschreiben and en Kommandanten wurden wir entlassen, und als beim Einsitzen der Pudel nicht zurckbleiben durfte, so ward aus dem sonst so beliebten Schlafwagen ein halbes Lazarett und etwas Menagerieartiges. Zur Eskorte, zum Quartier- und Proviantmeister erhielten wir jenen Husaren, der, namens Liseur, aus Luxemburg gebritg, der Gegend kundig, Geschick, Gewandtheit und Khnheit eines Freibeuters vereinigte; mit Behagen ritt er vorauf und machte dem mit sechs starken Schimmeln bespannten Wagen und sich selbst ein gutes Ansehen. Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wusst' ich von keiner Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem Zustand eine hilfreiche Maxime; mir stellte sich, sobald die Gefahr gro ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt, dass Menschen, die ein durchaus gefhrliche Metier treiben, sich durch denselben Glauben gesthlt und gestrkt fhlen. Die mahomedanische Religion gibt hiervon den besten Beweis. Den 9. Oktober. Unsere traurige Lazarettfahrt zog nun langsam dahin und gab zu ernsten Betrachtungen Anlass, da wir in dieselbe Heerstrae fielen, auf der wir mit so viel Mut und Hoffnung ins Land eingetreten waren. Hier berhrten wir nun wieder dieselbe Gegend, wo der erste Schuss aus den Weinbergen fiel, denselben Hochweg, wo uns die hbsche Frau in die Hnde lief und zurckgefhrt worden; kamen an dem Muerchen vorbei, von wo sie uns mit den Ihrigen freundlich und zur Hoffnung aufgeregt begre. Wie sah das alles jetzt anders aus! Und wie doppelt unerfreulich erschienen die Folgen eines fruchtlosen Feldzugs durch den trben Schleier eines anhaltenden Regenwetters! Doch mitten in diesen Trbnissen sollte mir gerade das Erwnschteste begegnen. Wir holten ein Fuhrwerk ein, das mit vier kleinen, unansehnlichen Pferden vor uns herzog; hier aber gab es einen Lust- und Erkennungsauftritt, denn es war mein Wagen, mein Diener. "Paul!" rief ich aus, "Teufelsjunge, bist du's! Wie kommst du hierher?" Der Koffer stand geruhig aufgepackt an seiner alten Stelle: welch erfreulicher Anblick! Und als ich mich nach Portefeuille und anderem hastig erkundigte, sprangen zwei Freunde aus dem Wagen, geheimer Sekretr Weyland und Hauptmann Vent. Das war eine gar frohe Szene des Wiederfindens, und ich erfuhr nun, wie es bisher zugegangen. Seit der Flucht jener Bauerknaben hatte mein Diener die vier Pferde durchzubringen gewusst und sich nicht allein von Hans bis Grandpr, sondern auch von da, als er mir aus den Augen gekommen, ber die Aisne geschleppt und immer so fort verlangt, begehrt, furagiert, requiriert, bis wir zuletzt glcklich wieder zusammentrafen und nun, alle vereint und hchst vergngt, nach Verdun zogen, wo wir genugsame Ruhe und Erquickung zu finden hofften. Hierzu hatte denn auch der Husar weislich und klglich die besten Voranstalten getroffen: er war voraus in die Stadt geritten und hatte sich, bei der Flle des Dranges, gar bald berzeugt, dass hier ordnungsgem, durch Wirksamkeit und guten Willen eines Quartieramts, nichts zu hoffen sei; glcklicherweise aber sah er in dem Hof eines schnen Hauses Anstalten zu einer herannahenden Abreise, er sprengte zurck, bedeutete uns, wie wir fahren sollten, und eilte nun, sobald jene Partei heraus war, das Hoftor zu besetzen, dessen Schlieen zu verhindern und uns gar erwnscht zu empfangen. Wir fuhren ein, wir stiegen aus, unter Protestation einer alten Haushlterin, welche, soeben von einer Einquartierung befreit, keine neue, besonders ohne Billett, aufzunehmen Lust empfand. Indessen waren die Pferde schon ausgespannt und im Stall, wir aber hatten uns in die oberen Zimmer geteilt; der Hausherr, ltlich, Edelmann, Ludwigsritter, lie es geschehen: weder er noch Familie wollten von Gsten weiter wissen, am wenigsten diesmal von Preuen auf dem Rckzug. Den 10. Oktober. Ein Knabe, der uns in der verwilderten Stadt herumfhrte, fragte mit Bedeutung: ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner Pastetchen noch nicht gekostet htten? Er fhrte uns darauf zu dem berhmtesten Meister dieser Art. Wir traten in einen weiten Hausraum, in welchem groe und kleine fen ringsherum angebracht waren, zugleich auch in der Mitte Tisch und Bnke zum frischen Genuss des augenblicklich Gebacknen. Der Knstler trat vor, sprach aber seine Verzweiflung hchst lebhaft aus, dass es ihm nicht mglich sei, uns zu bedienen, da es ganz und gar an Butter fehle. Er zeigte die schnsten Vorrte des feinsten Weizenmehls; aber wozu ntzten ihm diese ohne Milch und Butter! Er rhmte sein Talent, den Beifall der Einwohner, der Durchreisenden und bejammerte nur, dass er gerade jetzt, wo er sich vor solchen Fremden zuzeigen und seinen Ruf auszubreiten Gelegenheit finde, gerade des Notwendigsten ermangeln msste. Er beschwor uns daher, Butter herbeizuschaffen, und gab zu verstehen, wenn wir nur ein wenig Ernst zeigen wollten, so sollte sich dergleichen schon irgendwo finden. Doch lie er sich fr den Augenblick zufrieden stellen, als wir versprachen, bei lngerem Aufenthalt von Jardin Fontaine dergleichen herbeizuholen. Unsern jungen Fhrer, der uns weiter durch die Stadt begleitete und sich ebenso wohl auf hbsche Kinder als auf Pastetchen zu verstehen schien, befragten wir nach einem wunderschnen Frauenzimmer, das sich eben aus dem Fenster eines wohl gebauten Hauses herausbog. "Ja," rief er, nachdem er ihren Namen genannt, "das hbsche Kpfchen mag sich fest auf den Schultern halten: es ist auch eine von denen, die dem Knig von Preuen Blumen und Frchte berreicht haben. Ihr Haus und Familie dachten schon, sie wren wieder obendrauf, das Blatt aber hat sich gewendet, jetzt tausch' ich nicht mir ihr." Er sprach hierber mit besonderer Gelassenheit, als wre es ganz naturgem und knne und werde nicht anders sein. Mein Diener war von Jardin Fontaine zurckgekommen, wohin er, unsern alten Wirt zu begren und den Brief an die Schwester zu Paris wiederzubringen, gegangen war. Der neckische Mann empfing ihn gutmtig genug, bewirtete ihn aufs beste und lud die Herrschaft ein, die er gleichfalls zu traktieren versprach. So wohl sollt' es uns aber nicht werden; denn kaum hatten wir den Kessel bers Feuer gehngt, mit herkmmlichen Ingredienzien und Zeremonien, als eine Ordonnanz herein trat und im Namen des Kommandanten, Herrn von Courbire, freundlich andeutete, wir mchten uns einrichten, morgen frh um acht Uhr aus Verdun zu fahren. Hchst betroffen, dass wir Dach, Fach und Herd, ohne uns nur einigermaen herstellen zu knnen, eiligst verlassen und uns wieder in die wste schmutzige Welt hinaus gestoen sehen sollten, beriefen wir uns auf die Krankheit des Junkers und Kammerdieners, worauf er denn meinte, wir sollten diese baldmglichst fortzubringen suchen, weil in der Nacht die Lazarette geleert und nur die vllig intransportablen Kranken zurckgelassen wrden. Uns berfiel Schrecken und entsetzen; denn bisher zweifelte niemand, dass von Seiten der Alliierten man Verdun und Longwy erhalten, wo nicht gar noch einige Festungen erobern und sichere Winterquartiere bereiten msse. Von diesen Hoffnungen konnten wir nicht auf einmal Abschied nehmen; daher schien es uns, man wolle nur die Festung von den unzhligen Kranken und dem unglaublichen Tross befreien, um sie alsdann mit der notwendigen Garnison besetzen zu knnen. Kmmerier Wagner jedoch, der das Schreiben des Herzogs dem Kommandanten berbracht hatte, glaubte das Allerbedenklichste in diesen Maregeln zu sehen. Was es aber auch im ganzen fr einen Ausgang nhme, mussten wir uns diesmal in unser Schicksal ergeben und speisten geruhig den einfachen Topf in verschiedenen Abstzen und Trachten, als eine andere Ordonnanz abermals herein trat und uns beschied, wir mchten ja ohne Zaudern und Aufenthalt morgen frh um drei Uhr aus Verdun zu kommen suchen. Kmmerier Wagner, der den Inhalt jenes Briefs an den Kommandanten zu wissen glaubte, sah hierin ein entschiedenes Bekenntnis, dass die Festung den Franzosen sogleich wieder wrde bergeben werden. Dabei gedachten wir der Drohung des Knaben, gedachten der schnen geputzten Frauenzimmer, der Frchte und Blumen und betrbten uns zum ersten Mal recht herzlich und grndlich ber eine so entschieden misslungene, groe Unternehmung. Ob ich schon unter dem diplomatischen Korps echte und verehrungswrdige Freunde gefunden, so konnt' ich doch, sooft ich sie mitten unter diesen groen Bewegungen fand, mich gewisser neckischen Einflle nicht enthalten; sie kamen mir vor wie Schauspieldirektoren, welche die Stcke whlen, Rollen austeilen und in unscheinbarer Gestalt einhergehen, indessen die Truppe, so gut sie kann, aufs beste herausgestutzt, das Resultat ihrer Bemhungen dem Glck und der Laune des Publikums berlassen muss. Baron Breteuil wohnte gegen uns ber; seit der Halsbandsgeschichte war er mir nicht aus den Gedanken gekommen. Sein hass gegen den Kardinal von Rohan verleitete ihn zu der furchtbarsten bereilung; die durch jenen Prozess entstandene Erschtterung ergriff die Grundfesten des Staates, vernichtete die Achtung gegen die Knigin und gegen die obern Stnde berhaupt: denn leider alles, was zur Sprache kam, machte nur das gruliche Verderben deutlich, worin der Hof und die Vornehmeren befangen lagen. Diesmal glaubte man, er habe den auffallenden Vergleich gestiftet, der uns zum Rckzug verpflichtete, zu dessen Entschuldigung man hchst gnstige Bedingungen voraussetzte: man versicherte, Knig, Knigin und Familie sollten freigegeben und sonst noch manches Wnschenswerte erfllt werden. Die Frage aber, wie diese groen diplomatischen Vorteile mit allem brigen, was uns doch auch bekannt war, bereinstimmen sollten, lie einen Zweifel nach dem andern aufkeimen. Die Zimmer, die wir bewohnten, waren anstndig mbliert; mir fiel ein Wandschrank auf, durch dessen Glastren ich viele regelmig beschnittene gleiche Hefte in Quart erblickte. Zu meiner Verwunderung ersah ich daraus, dass unser Wirt als einer der Notablen im Jahre 1787 zu Paris gewesen; in diesen Heften war seine Instruktion abgedruckt. Die Migkeit der damaligen Forderungen, die Bescheidenheit, womit sie abgefasst, kontrastierten vllig mit den gegenwrtigen Zustnden von Gewaltsamkeit, bermut und Verzweiflung. Ich las diese Bltter mit wahrhafter Rhrung und nahm einige Exemplare zu mir. Den 11. Oktober. Ohne die Nacht geschlafen zu haben, waren wir frh um 3 Uhr eben im Begriff, unsern gegen das Hoftor gerichteten Wagen zu besteigen, als wir ein unberwindliches Hindernis gewahr wurden; denn es zog schon eine ununterbrochene Kolonne Krankenwagen zischen den zur Seite aufgehuften Pflastersteinen durch die zum Sumpf gefahrene Stadt. Als wir nun so standen, abzuwarten, was erreicht werden knnte, drngte sich unser Wirt, der Ludwigsritter, ohne zu gren, an uns vorbei. Unsere Verwunderung ber sein frhes und unfreundliches Erscheinen ward aber bald in Mitleid verkehrt; denn sein Bedienter, hinter ihm drein, trug ein Bndelchen auf dem Stock, und so ward es nur allzu deutlich, dass er, nachdem er vier Wochen vorher Haus und Hof wieder gesehen hatte, es nun abermals, wie wir unsere Eroberungen, verlassen musste. Sodann ward aber meine Aufmerksamkeit auf die bessern Pferde vor meiner Chaise gelenkt; da gestand denn die liebe Dienerschaft, dass sie die bisherigen schwachen, unbrauchbaren gegen Zucker und Kaffee vertauscht, sogleich aber in Requisition anderer glcklich gewesen sei. Die Ttigkeit des gewandten Liseurs war hierbei nicht zu verkennen; auch durch ihn kamen wir diesmal vom Fleck: denn er sprengte in eine Lcke der Wagenreihe und hielt das folgende Gespann so lange zurck, bis wir sechs- und vierspnnig eingeschaltet waren; da ich mich denn frischer Luft in meinem leichten Wgelchen abermals erfreuen konnte. Nun bewegten wir uns mit Leichenschritt, aber bewegten uns doch; der Tag brach an, wir befanden uns vor der Stadt in dem grtmglichen Gewirr und Gewimmel. Alle Arten von Wagen, wenig Reiter, unzhlige Fugnger durchkreuzten sich auf dem groen Platz vor dem Tor. Wir zogen mit unserer Kolonne rechts gegen Etain, auf einem beschrnkten Fahrweg mit Grben zu beiden Seiten. Die Selbsterhaltung in einem so ungeheuren Drange kannte schon kein Mitleiden, keine Rcksicht mehr: nicht weit vor uns fiel ein Pferd vor einem Rstwagen, man schnitt die Strnge entzwei und lie es liegen. Als nun aber die drei brigen die Last nicht weiterbringen konnten, schnitt man auch sie los, warf das schwer bepackte Fuhrwerk in den Graben, und mit dem geringsten Aufenthalt fuhren wir weiter und zugleich ber das Pferd weg, das sich eben erholen wollte, und ich sah ganz deutlich, wie dessen Gebeine unter den Rdern knirschten und schlotterten. Reiter und Fugnger suchten sich von der schmalen, unwegsamen Fahrstrae auf die Wiesen zu retten; aber auch diese waren zugrunde geregnet, von ausgetretenen Grben berschwemmt, die Verbindung der Fupfade berall unterbrochen. Vier ansehnliche, schne, sauber gekleidete franzsische Soldaten wateten eine Zeitlang neben unseren wagen her, durchaus nett und reinlich, und wussten so gut hin und her zu treten, dass ihr Fuwerk nur bis an die Knorren von der schmutzigen Wallfahrt zeugte, welche die guten Leute bestanden. Dass man unter solchen Umstnden in Grben, auf Wiesen, Feldern und Angern tote Pferde genug erblickte, war natrliche Folge des Zustands; bald aber fand man sie auch abgedeckt, die fleischigen Teile sogar ausgeschnitten -- trauriges Zeichen des allgemeinen Mangels! So zogen wir fort, jeden Augenblick in Gefahr, bei der geringsten eigenen Stockung selbst ber Bord geworfen zu werden; unter welchen Umstnden freilich die Sorgfalt unseres Geleitsmanns nicht genug zu rhmen und zu preisen war. Dieselbe bettigte sich denn auch zu Etain, wo wir gegen Mittag anlangten und in dem schnen, wohl gebauten Stdtchen durch Straen und auf Pltzen ein Sinn verwirrendes Gewimmel um und neben uns erblickten: die Masse wogte hin und her, und indem alles vorwrts drang, ward jeder dem anderen hinderlich. Unvermutet lie unser Fhrer die Wagen vor einem wohl gebauten Haus des Marktes halten; wir traten ein, Hausherr und Frau begrten uns in ehrerbietiger Entfernung. Man fhrte uns in ein getfeltes Zimmer auf gleicher Erde, wo im schwarz-marmornen Kamin behagliches Feuer brannte. In dem groen Spiegel darber beschauten wir uns ungern: denn ich hatte noch immer nicht die Entschlieung gefasst, meine langen Haare kurz schneiden zu lassen, die jetzt wie ein verworrener Hanfrocken umher quollen; der Bart, strauchig, vermehrte das wilde Ansehen unserer Gegenwart. Nun aber konnten wir, aus den niedrigen Fenstern den ganzen Markt berschauend, unmittelbar das grenzenlose Getmmel beinahe mit Hnden greifen. Aller Art Fugnger, Uniformierte, Marode, gesunde aber trauernde Brgerliche, Weiber und Kinder drngten und quetschten sich zwischen Fuhrwerk aller Gestalt; Rst- und Leiterwagen, Ein- und Mehrspnner; hunderterlei eigenes und requiriertes Gepferde, weichend, anstoend, hinderte sich rechts und links. Auch Hornvieh zog damit weg, wahrscheinlich geforderte, weggenommene Herden. Reiter sah man wenig; auffallend aber waren die eleganten Wagen der Emigrierten, vielfarbig lackiert, vergoldet und versilbert, die ich wohl schon in Grevenmachern mochte bewundert haben. Die grte Not entstand aber da, wo die den Markt fllende Menge in eine zwar gerade und wohl gebaute, doch verhltnismig viel zu enge Strae ihren Weg einschlagen sollte. Ich habe in meinem Leben nichts hnliches gesehen; vergleichen aber lie sich der Anblick mit einem erst ber Wiesen und Anger ausgetretenen Strom, der sich nun wieder durch enge Brckenbogen durchdrngen und im beschrnkten Bett weiter flieen soll. Die lange, aus unsern Fenstern bersehbare Strae hinab schwoll unaufhaltsam die seltsamste Woge; ein hoher zweisitziger Reisewagen ragte ber der Flut empor. Er lie uns an die schnen Franzsinnen denken; sie waren es aber nicht, sondern Graf Haugwitz, den ich mit einiger Schadenfreude Schritt vor Schritt dahinwackeln sah. Zum 11. Oktober. Ein gutes Essen war uns bereitet, die kstlichste Schpsenkeule besonders willkommen; an gutem Wein und Brot fehlte es nicht, und so waren wir, neben dem grten Getmmel, in der schnsten Beruhigung: wie man auch wohl der strmenden See, am Fu eines Leuchtturms auf dem Steindamm sitzend, der wilden Wellenbewegung zusieht und dort und da ein Schiff ihrer Willkr preisgegeben. Aber uns erwartete in diesem gastlichen Haus eine wahrhaft herzergreifende Familienszene. Der Sohn, ein schner junger Mann, hatte schon einige Zeit, hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgetan. Als nun aber die Preuen eingedrungen, die Emigrierten mit der stolzen Hoffnung eines gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch zuversichtlichen Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle seine dortige Lage, die er nunmehr verabscheuen msse, eiligst aufgeben, zurckkehren und diesseits fr die gute Sache fechten. Der Sohn, wider Willen, aus Piett, kommt zurck, eben in dem Moment, da Preuen, sterreicher und Emigrierte retirieren; er eilt verzweiflungsvoll durch das Gedrnge zu seinem Vaterhaus. Was soll er nun anfangen? Und wie sollen wir ihn empfangen? Freude, ihn wieder zu sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren, Verwirrung, ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger Mann dem neuen Systeme gnstig, kehrt er gentigt zu einer Partei zurck, die er verabscheut, und eben als er sich in diese Schicksal ergibt, sieht er diese Partei zugrunde gehen. Aus Paris entwichen, wei er sich schon in das Snden- und Todesregister geschrieben; und nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterland verbannt, aus seines Vaters Haus gestoen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen mchten, mssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des Wiedersehens, wei nicht, wie er sich losreien soll; die Umarmungen sind Vorwrfe, und das Scheiden, das vor unsern Augen geschieht, schrecklich. Unmittelbar vor unserer Stubentre ereignete sich das alles auf der Hausflur. Kaum war es still geworden und die Eltern hatten sich weinend entfernt, als eine Szene, fast noch wunderbarer, auffallender, uns selbst ansprach, ja in Verlegenheit setzte und, obgleich herzergreifend genug, uns doch zuletzt ein Lcheln abntigte. Einige Bauersleute, Mnner, Frauen und Kinder, drangen in unsere Zimmer und warfen sich heulend und schreiend mit zu Fen. Mit der vollen Beredsamkeit des Schmerzes und des Jammers klagten sie, dass man ihr schnes Rindvieh wegtreibe, sie schienen Pchter eines ansehnlichen Gutes; ich solle nur zum Fenster hinaussehen: eben treibe man sie vorbei, es htten Preuen sich derselben bemchtigt; ich solle befehlen, solle Hilfe schaffen. Hierauf trat ich, um mich zu besinnen, ans Fenster, der leichtfertige Husar stellte sich hinter mich und sagte: "Verzeihen Sie! Ich habe Sie fr den Schwager des Knigs von Preuen ausgegeben, um gute Aufnahme und Bewirtung zu finden. Die Bauern htten freilich nicht hereinkommen sollen; aber mit einem guten Wort weisen Sie die Leute an mich und schein berzeugt von meinen Vorschlgen." Was war zu tun? berrascht und unwillig nahm ich mich zusammen und schien ber die Umstnde nachzudenken. Wird doch, sagt' ich zu mir selbst, List und Verschlagenheit im Krieg gerhmt! Wer sich durch Schelme bedienen lsst, kommt in Gefahr, von ihnen irregefhrt zu werden. Ein Schakal, unntz und beschmend, ist hier zu vermeiden. Und wie der Arzt in verzweifelten Fllen wohl noch ein Hoffnungsrezept verschreibt, entlie ich die guten Menschen mehr pantomimisch als mit Worten; dann sagt' ich mir zu meiner Beruhigung: Hatte doch bei Sivry der echte Thronfolger den bedrngten Leuten ihr Pferd nicht zusprechen knnen, so drfte sich der untergeschobene Schwager des Knigs wohl verzeihen, wenn er die Hilfsbedrftigen mit irgendeiner klugen, eingeflsterten Wendung abzulehnen suchte. Wir aber gelangten in finsterer Nacht nach Spincourt; alle Fenster waren hell, zum Zeichen, dass alle Zimmer besetzt seien. An jeder Haustre ward protestiert von den Einwohnern, die keine neuen Gste, von den Einquartierten, die keine Genossen aufnehmen wollten. Ohne viel Umstnde aber drang unser Husar ins Haus, und als er einige franzsische Soldaten in der Halle am Feuer fand, ersuchte er sie zudringlich, vornehmen Herren, die er geleite, eine Platz am Kamin einzurumen. Wir traten zugleich herein; sie warne freundlich und rckten zusammen, setzten sich aber bald wieder in die wunderliche Positur, ihre aufgehobenen Fe gegen das Feuer zu strecken. Sie liefen auch wohl einmal im Saal hin und wider und kehrten bald in ihre vorige Lage zurck, und nun konnt' ich bemerken, dass es ihr eigentliches Geschft sei, den unteren Teil ihrer Gamaschen zu trocknen. Gar bald aber erschienen sie mir als bekannt: es waren eben dieselbigen, die heute frh neben unserm Wagen im Schlamm so zierlich einher traten. Nun, frher als wir angelangt, hatten sie schon am Brunnen die untersten Teile gewaschen und gebrstet, trockneten sie nunmehr, um morgen frh neuem Schmutz und Unrat galant entgegenzugehen. Ein musterhaftes Betragen, an das man sich in manchen Fllen des Lebens wohl wieder zu erinnern hat! Auch dacht' ich dabei meiner lieben Kriegskameraden, die den Befehl zur Reinlichkeit murrend aufgenommen hatten. Doch uns dergestalt untergebracht zu haben, war dem klugen, dienstfertigen Liseur nicht genug; die Fiktion des Mittags, die sich so glcklich erwiesen hatte, ward khnlich wiederholt: die hohe Generalsperson, der Schwager des Knigs, wirkte mchtig und vertrieb eine ganze Masse guter Emigrierten aus einem Zimmer mit zwei Betten. Zwei Offiziere von Khler nahmen wir dagegen in demselben Raum auf, Ich aber begab mich vor die Haustre zu dem alten erprobten Schlafwagen, dessen Deichsel, diesmal nach Deutschland gekehrt, mir ganz eigene Gedanken hervorrief, die jedoch durch ein schnelles Einschlummern gar bald abgeschnitten wurden. Den 12. Oktober. Der heutige Weg erschien noch trauriger als der gestrige: ermattete Pferde waren fter gefallen und lagen mit umgestrzten Wagen hufiger neben der Hochstrae auf den Wiesen. Aus den geborstenen Decken der Rstwagen fielen gar niedliche Mantelscke, einem Emigriertenkorps gehrig, hervor; das bunte, zierliche Ansehen dieses herrenlosen, aufgegebenen Gutes lockte die Besitzlust der Vorbeiwandernden, und mancher bepackte sich mit einer Last, die er zunchst auch wieder abwerfen sollte. Daraus mag denn wohl die Rede entstanden sein, auf dem Rckzug seien Emigrierte von Preuen geplndert worden. Von hnlichen Vorfllen erzhlte man auch manches Scherzhafte. Ein schwer beladener Emigrantenwagen war ebenermaen an einer Anhhe stecken geblieben und verlassen worden. Nachfolgende Truppen untersuchen den Inhalt, finden Kstchen von miger Gre, auffallend schwer, belstigen sich gemeinschaftlich damit und schleppen sie mit unsglicher Mhe auf die nchste Hhe. Hier wollen sie nun in die Beute und in die Last sich teilen: aber welch ein Anblick! Aus jedem zerschlagenen Kasten fllt eine Unzahl Kartenspiele hervor, und die Goldlustigen trsten sich im wechselseitigen Spott durch Lachen und Possen. Wir aber zogen durch Longuyon nach Longwy; und hier muss man, indem die Bilder bedeutender Freudenszenen aus dem Gedchtnis verschwinden, sich glcklich schtzen, dass auch widerwrtige Gruelbilder sich vor der Einbildungskraft abstumpfen. Was soll ich also wiederholen, dass die Wege nicht besser wurden, dass man nach wie vor zwischen umgestrzten wagen abgedeckte und frisch ausgeschnittene Pferde aber- und abermals rechts und links verabscheute! Von Bschen schlecht bedeckte, geplnderte und ausgezogene Menschen konnte man oft genug bemerken, und endlich lagen auch die vor dem offenen Blick neben der Strae. Uns sollte jedoch auf einem Seitenweg abermals Erquickung und Erholung werden, dagegen aber auch traurige Betrachtungen ber den Zustand des wohlhabenden, gutmtigen Brgers in schrecklichem, diesmal ganz unerwartetem Kriegsunheil. Den 13. Oktober. Unser Fhrer wollte nicht freventlich seine braven, wohlhabenden Verwandten in dieser Gegend gerhmt haben; er lie uns deshalb einen Umweg machen ber Arlon, wo wir in einem schnen Stdtchen, bei ansehnlichen und wackern Leuten, in einem wohl gebauten und gut eingerichteten Haus, von ihm angemeldet, gar freundlich aufgenommen wurden. Die guten Personen freuten sich selbst ihres Vetters, glaubten gewisse Besserung und nchste Befrderung schon in dem Auftrag zu sehen, dass er uns mit zwei Wagen, so viel Pferden und, wie er ihnen glauben gemacht hatte, mit vielem Geld und Kostbarkeiten aus dem gefhrlichsten Gewirr herauszufhren beehrt worden. Auch wir konnten seiner bisherigen Leitung das beste Zeugnis geben, und ob wir gleich an die Bekehrung dieses verlorenen Sohnes nicht sonderlich glauben konnten, so waren wir ihm doch diesmal so viel schuldig geworden, dass wir auch seinem knftigen Betragen einiges Zutrauen nicht ganz verweigern durften. Der Schelm verfehlte nicht, mit schmeichelhaftem Wesen das Seinige zu tun, und erhielt wirklich in der Stille von den braven Leuten ein artiges Geschenk in Gold. Wir erquickten uns dagegen an gutem, kaltem Frhstck und dem trefflichsten Wein und beantworteten die Fragen der freilich auch sehr erstaunten, wackeren Leute wegen der wahrscheinlichen nchsten Zukunft so schonend als mglich. Vor dem Haus hatten wir ein paar sonderbare Wagen bemerkt, lnger und teilweise hher als gewhnliche Rstwagen, auch an der Seite mit wunderlichen Anstzen geformt. Mit rege gewordener Neugier fragte ich nach diesem seltsamen Fuhrwerk; man antwortete mir zutraulich, aber mit Vorsicht: es sei darin die Assignatenfabrik der Emigrierten enthalten, und bemerkte dabei, was fr ein grenzenloses Unglck dadurch ber die Gegend gebracht worden. Denn da man sich seit einiger Zeit der echten Assignate kaum erwehren knne, so habe man nun auch, seit dem Einmarsch der Alliierten, diese falschen in Umlauf gezwungen. Aufmerksame Handelsleute htten dagegen sogleich, ihrer Sicherheit willen, diese verdchtige Papierware nach Paris zu senden und sich von dorther offizielle Erklrung ihrer Falschheit zu verschaffen gewusst; dies verwirre aber Handel und Wandel ins Unendliche: denn da man bei den echten Assignaten sich nur zum Teil gefhrdet finde, bei den falschen aber gewiss gleich um das Ganze betrogen sei, auch beim ersten Anblick niemand sie zu unterscheiden vermge, so wisse kein Mensch mehr, was er geben und was er empfangen solle; dies verbreite schon bis Luxemburg und Trier solche Ungewissheit, Misstrauen und Bangigkeit, dass nunmehr von allen Seiten das Elend nicht grer werden knne. Bei allen solchen erlittenen und noch zu frchtenden Unbilden zeigen sich diese Personen in brgerlicher Wrde, Freundlichkeit und gutem Benehmen zu unserer Verwunderung, wovon uns in den franzsischen ernsten Dramen alter und neuer Zeit ein Abglanz herber gekommen ist. Von einem solchen Zustand knnen wir uns in eigener vaterlndischer Wirklichkeit und ihrer Nachbildung keinen Begriff machen. Die petite ville mag lcherlich sein, die deutschen Kleinstdter sind dagegen absurd. Den 14. Oktober. Sehr angenehm berrascht fuhren wir von Arlon nach Luxemburg auf der besten Kunststrae und wurden in diese sonst so wichtige und wohlverwahrte Festung eingelassen wie in jedes Dorf, in jeden Flecken. Ohne irgend angehalten oder befragt zu werden, sahen wir uns nach und nach innerhalb der Auenwerke, der Wlle, Grben, Zugbrcken, Mauern und Tore, unserm Fhrer, der Mutter und Vater hier zu finden vorgab, das weitere vertrauend. berdrngt war die Stadt von Blessierten und Kranken, von ttigen Menschen, die sich selbst, Pferde und Fuhrwerk wieder herzustellen trachteten. Unsere Gesellschaft, die sich bisher zusammengehalten hatte, musste sich trennen; mir verschaffte der gewandte Quartiermeister ein hbsches Zimmer, das aus dem engsten Hfchen, wie aus einer Feueresse, doch bei sehr hohen Fenstern genugsames Licht erhielt. Hier wusste er mich mit meinem Gepck und sonst gar wohl einzurichten und fr alle Bedrfnisse zu sorgen; er gab mir den Begriff von den Haus- und Mietleuten des Gebudes und versicherte, dass ich gegen eine kleine Gabe so bald nicht ausgetrieben und wohl behandelt werden sollte. Hier konnt' ich nun zum ersten Mal den Koffer wieder aufschlieen und mich meiner Reisehabseligkeiten, des Geldes, der Manuskripte wieder versichern. Das Konvolut zur Farbenlehre bracht' ich zuerst in Ordnung, immer meine frheste Maxime vor Augen: die Erfahrung zu erweitern und die Methode zu reinigen. Ein Kriegs- und Reisetagebuch mocht' ich gar nicht anrhren. Der unglckliche Verlauf der Unternehmung, der noch Schlimmeres befrchten lie, gab immer neuen Anlass zum Wiederkuen des Verdrusses und zu neuem Aufregen der Sorge. Meine stille, von jedem Gerusch abgeschlossene Wohnung gewhrte mir wie eine Klosterzelle vollkommenen Raum zu den ruhigsten Betrachtungen, dagegen ich mich, sobald ich nur den Fu vor die Haustre hinaussetzte, in dem lebendigsten Kriegsgetmmel befand und nach Lust das wunderlichste Lokal durchwandeln konnte, das vielleicht in der Welt zu finden ist. Den 15. Oktober. Wer Luxemburg nicht gesehen hat, wird sich keine Vorstellung von diesem an- und bereinander gefgten Kriegsgebude machen. Die Einbildungskraft verwirrt sich, wenn man die seltsame Mannigfaltigkeit wieder hervorrufen will, mit der sich das Auge des hin und her gehenden Wanderers kaum befreunden konnte. Plan und Grundriss vor sich zu nehmen wird ntig sein, nachstehendes nur einigermaen verstndlich zu finden. Ein Bach, Petrus genannt, erst allein, dann, verbunden mit dem entgegenkommenden Fluss, die Elze, schlingt sich manderartig zwischen Felsen durch und um sie herum, bald im natrlichen Lauf, bald durch Kunst gentigt. Auf dem linken Ufer liegt hoch und flach die alte Stadt; sie, mit ihren Festungswerken nach dem offenen Lande zu, ist andern befestigten Stdten hnlich. Als man nun fr die Sicherheit derselben nach Westen Sorge getragen, sah man wohl ein, dass man sich auch gegen die Tiefe, wo das Wasser fliet, zu verwahren habe; bei zunehmender Kriegskunst war auch das nicht hinreichend, man musste, auf dem rechten Ufer des Gewssers, nach Sden, Osten und Norden auf ein- und ausspringenden Winkeln unregelmiger Felspartien neue Schanzen vorschieben, ntig immer eine zur Beschtzung der andern. Hieraus entstand nun eine Verkettung unbersehbarer Bastionen, Redouten, halber Monde und solches Zangen- und Krakelwerk, als nur die Verteidigungskunst im seltsamsten Fall zu leisten vermochte. Nichts kann deshalb einen wunderlichern Anblick gewhren, als das mitten durch dies alles am Fluss sich hinab ziehende enge Tal, dessen wenige Flchen, dessen sanft oder steil aufsteigende Hhen zu Grten angelegt, in Terrassen abgestuft und mit Lusthusern belebt sind; von wo aus man auf die steilsten Felsen, auf hoch getrmte Mauern rechts und links hinaufschaut. Hier findet sich so viel Gre mit Anmut, so viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden, dass wohl zu wnschen wre, Poussin htte sein herrliches Talent in solchen Rumen bettigt. Nun besaen die Eltern unseres lockeren Fhrers in dem Pfaffental einen artigen abhngigen Garten, dessen Genuss sie mir gern und freundlich berlieen. Kirche und Kloster, nicht weit entfernt, rechtfertigte den Namen dieses Elysiums, und in dieser geistlichen Nachbarschaft schien auch den weltlichen Bewohnern Ruh' und Friede verheien, ob sie gleich mit jedem Blick in die Hhe an Krieg, Gewalt und Verderben erinnert wurden. Jetzt nun aber aus der Stadt, wo das unselige Kriegsnachspiel mit Lazaretten, abgerissenen Soldaten, zerstckten Waffen, herzustellenden Achsen, Rdern und Lafetten, zugleich mit sonstigen Trmmern aller Art aufgefhrt wurde, in eine solche Stille zu flchten, war hchst wohlttig; aus den Straen zu entweichen, wo Wagner, Schmiede und andere Gewerke ihr Wesen ffentlich unermdet und geruschvoll trieben, und sich in das Grtchen im geistlichen Tal zu verbergen, war hchst behaglich. Hier fand ein Ruh- und Sammlungsbedrftiger das willkommenste Asyl. Den 16. Oktober. Die allen Begriff bersteigende Mannigfaltigkeit der auf- und aneinander getrmten, gefgten Kriegsgebude, die bei jedem Schritt vor- oder rckwrts, auf- oder abwrts ein anderes Bild zeigten, riefen die Lust hervor, wenigstens etwas davon aufs Papier zu bringen. Freilich musste diese Neigung auch wieder einmal sich regen, da seit so viel Wochen mir kaum ein Gegenstand vor die Augen gekommen, der sie geweckt htte. Unter andern fiel es sonderbar auf, dass so manche gegeneinander ber stehende Felsen, Mauern und Verteidigungswerke in der Hhe durch Zugbrcken, Galerien und gewisse wunderliche Vorrichtungen verbunden waren. Irgendjemand vom Metier htte dieses alles mit Kunstaugen angesehen und sich mit Soldatenblick der sichern Einrichtung erfreut; ich aber konnte nur den malerischen Effekt ihr abgewinnen und htte gar zu gern, wre nicht alles Zeichnen an und in den Festungen hchlich verpnt, meine Nachbildungskrfte hier in bung gesetzt. Den 19. Oktober. Nachdem ich nun also mehrere Tage in diesen Labyrinthen, wo Naturfels und Kriegsgebu wetteifernd seltsam steile Schluchten gegeneinander aufgetrmt und daneben Pflanzenwachstum, Baumzucht und Luftgebsch nicht ausgeschlossen, mich sinnend und denkend einsam genug herum gewunden hatte. Fing ich an, nach Hause kommend, die Bilder, wie sie sich der Einbildungskraft nach und nach einprgten, aufs Papier zu bringen, unvollkommen zwar, doch hinreichend, das Andenken eines hchst seltsamen Zustandes einigermaen festzuhalten. Den 20. Oktober. Ich hatte Zeit gewonnen, das kurz Vergangene zu berdenken, aber je mehr man dachte, je verworrener und unsicherer ward alles vor dem Blick. Auch sah ich, dass wohl das Notwendigste sein mchte, sich auf das unmittelbar Bevorstehende zu bereiten. Die wenigen Meilen bis Trier mussten zurckgelegt werden; aber was mochte dort zu finden sein, da nun die Herren selbst mit andern Flchtlingen sich nachdrngten! Als das Schmerzlichste jedoch, was einen jeden, mehr oder weniger resigniert wie er war, mit einer Art von Furienwut ergriff, empfand man die Kunde, die sich nicht verbergen lie, dass unsere hchsten Heerfhrer mit den vermaledeiten, durch das Manifest dem Untergang gewidmeten, durch die schrecklichsten Taten abscheulich dargestellten Aufrhrern doch bereinkommen, ihnen die Festungen bergeben mussten, um nur sich und den Ihrigen eine mgliche Rckkehr zu gewinnen. Ich habe von den Unsrigen gesehen, fr welche der Wahnsinn zu frchten war. Den 22. Oktober. Auf dem Weg nach Trier fand sich bei Grevenmachern nichts mehr von jener galanten Wagenburg; de, wst und zerfahren lagen die Anger, und die weit und breiten Spuren deuteten auf jenes vorbergegangene flchtige Dasein. Am Posthaus fuhr ich diesmal mit requirierten Pferden ganz im stillen vorbei, das Briefkstchen stand noch auf seinem Platz, kein Gedrnge war umher, man konnte sich der wunderlichsten Gedanken nicht erwehren. Doch ein herrlicher Sonnenblick belebte soeben die Gegend, als mir das Monument von Igel, wie der Leuchtturm einem nchtlich Schiffenden, entgegenglnzte. Vielleicht war die Macht des Altertums nie so gefhlt worden als an diesem Kontrast: ein Monument, zwar auch kriegerischer Zeiten, aber doch glcklicher, siegreicher Tage und eines dauernden Wohlbefindens rhriger Menschen in dieser Gegend. Obgleich in spter Zeit, unter den Antoninen, erbaut, behlt es immer noch von trefflicher Kunst so viel Eigenschaften brig, dass es uns im ganzen anmutig-ernst zuspricht und aus seinen, obgleich sehr beschdigten Teilen das Gefhl eines frhlich-ttigen Daseins mitteilt. Es hielt mich lange fest; ich notierte manches, ungern scheidend, da ich mich nur desto unbehaglicher in meinem erbrmlichen Zustand fhlte. Doch auch jetzt wechselte schnell wieder eine freudige Aussicht in der Seele, die blad darauf zur Wirklichkeit gelangte. Den 23. Oktober. Wir brachten unserm Freunde, Leutnant von Fritsch, den wir auf seinem Posten widerwillig zurckgelassen, die erwnschte Nachricht, dass er den Militr-Verdienstorden erhalten habe, mit Recht, wegen einer braven Tat, und mit Glck, ohne an unserm Jammer teilgenommen zu haben. Die Sache verhielt sich aber also. Die Franzosen, weil sie uns weit genug ins Land vorgedrungen, uns in bedeutender Entfernung, in groer Not wussten, versuchten im Rcken einen unvermuteten Streich. Sie nherten sich Trier in bedeutender Anzahl, sogar mit Kanonen. Leutnant von Fritsch erfhrt es, und mit weniger Mannschaft geht er dem Feind entgegen, der, ber die Wachsamkeit stutzend, mehr anrckende Truppen befrchtend, nach kurzem Gefecht sich bis Merzig zurckzieht und nicht wieder erscheint. Dem Freund war das Pferd blessiert, durch dieselbe Kugel sein Stiefel gestreift, dagegen er aber auch, als Sieger zurckkehrend, aufs beste empfangen wird. Der Magistrat, die Brgerschaft erzeigen ihm alle mgliche Aufmerksamkeit; auch die Frauenzimmer, die ihn bisher als einen hbschen jungen Mann gekannt, erfreuen sich nun doppelt an ihm als einem Helden. Sogleich berichtet er seinem Chef den Vorfall, der, wie billig, dem Knig vorgetragen wird, worauf denn der blaue Kreuzstern erfolgt. Die Glckseligkeit des braven Jnglings, dessen lebhafteste Freude mitzufhlen, war ein ungemeiner Genuss; ihn hatte das Glck, das uns vermied, in unserm Rcken aufgesucht, und er sah sich fr den militrischen gehorsam belohnt, der ihn an einer unttigen Lage zu fesseln schien. Den 24. Oktober. Der Freund hatte mir bei jenem Kanonikus abermals Quartier verschafft. Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung. In diesen ruhigen Stunden nahm ich sogleich die kurzen Bemerkungen vor, die ich bei dem Monument zu Igel aufgezeichnet hatte. Soll man den allgemeinsten Eindruck aussprechen, so ist hier Leben dem Tod, Gegenwart der Zukunft entgegengestellt und beide untereinander im sthetischen Sinn aufgehoben. Dies war die herrliche Art und Weise der Alten, die sich noch lange genug in der Kunstwelt erhielt. Die Hhe des Monuments kann 70 Fu betragen, es steigt in mehreren architektonischen Abteilungen obeliskenartig hinauf: erst der Grund, auf diesem ein Sockel, sodann die Hauptmasse, darber eine Attike, sodann ein Fronton und zuletzt eine wundersam sich aufschlingende Spitze, wo sich die Reste einer Kugel und eines Adlers zeigen. Jede dieser Abteilungen ist mit den Gliedern, aus denen sie besteht, durchaus mit Bildern und Zierraten geschmckt. Diese Eigenschaft deutet denn freilich auf sptere Zeiten: denn dergleichen tritt ein, sobald sich die reine Proportion im Ganzen verliert, wie denn auch hier daran manches zu erinnern sein mchte. Dessen ungeachtet muss man anerkennen, das dieses Werk auf eine erst kurz vergangene, hhere Kunst gegrndet ist. So waltet denn auch ber das Ganze der antike Sinn, in dem das wirkliche Leben dargestellt wird, allegorisch gewrzt durch mythologische Andeutungen. In dem Hauptfeld Mann und Frau von kolossaler Bildung, sich die Hnde reichend, durch eine dritte, verloschene Figur, als einer Segnenden, verbunden. Sie stehen zwischen zwei sehr verzierten, mit bereinander gestellten tanzenden Kindern geschmckten Pilastern. Alle Flchen sodann deuten auf die glcklichsten Familienverhltnisse, berein denkende und -wirkende Verwandte, redliches, genussreiches Zusammenleben darstellend. Aber eigentlich waltet berall die Ttigkeit vor; ich getraue mir jedoch nicht alles zu erklren. In einem Feld scheinen sich Geschft-berlegende Handelsleute versammelt zu haben; offenbar aber sind beladene schiffe, Delphine als Verzierung, Transport auf Saumrossen, Ankunft von waren und deren Beschauen, und was sonst noch Menschliches und Natrliches mehr vorkommen drfte. Sodann aber auch im Zodiak ein rennendes Pferd, das vielleicht vormals Wagen und Lenker hinter sich zog, in Friesen, sodann sonstigen Rumen und Giebelfeldern Bacchus, Faunen, Sol und Luna, und was sonst noch Wunderbares Knopf und Gipfel verzieren und verziert haben mag. Das Ganze ist hchst erfreulich, und man knnte, auf der Stufe, wo heutzutage Bau- und Bildkunst stehen, in diesem Sinn ein herrliches Denkmal den wrdigsten Menschen, ihren Lebensgenssen und Verdiensten gar wohl errichten. Und so war es mir denn recht erwnscht, mit solchen Betrachtungen beschftigt, den Geburtstag unserer verehrten Herzogin Amalie im Stillen zu feiern, ihr Leben, ihr edles Wirken und wohl Tun umstndlich zurckzurufen; woraus sich denn ganz natrlich die Aufregung ergab, ihr in Gedanken einen gleichen Obelisk zu widmen und die smtlichen Rume mit ihren individuellen Schicksalen und Tugenden charakteristisch zu verzieren. Trier, den 25. Oktober. Die mir nunmehr gegnnte Ruh' und Bequemlichkeit benutzte ich nun, ferner manches zu ordnen und aufzubewahren, was ich in den wildesten Zeiten bearbeitet hatte. Ich rekapitulierte und redigierte meine chromatischen Akten, zeichnete mehrere Figuren zu den Farbentafeln, die ich oft genug vernderte, um das, was ich darstellen und behaupten wollte, immer anschaulicher zu machen. Hierauf dacht' ich denn auch, meinen dritten Teil von Fischers physikalischem Lexikon wieder zu erlangen. Auf Erkundigung und Nachforschen fand ich endlich die Kchenmagd im Lazarett, das man mit ziemlicher Sorgfalt in einem Kloster errichtet hatte. Sie litt an der allgemeinen Krankheit, doch waren die Rume luftig und reinlich; sie erkannte mich, konnte aber nicht reden, nahm den Band unter dem Haupt hervor und bergab mir ihn so reinlich und wohl erhalten, als ich ihn berliefert hatte, und ich hoffe, die Sorgfalt, der ich sie empfahl, wird ihr zugute gekommen sein. Ein junger Schullehrer, der mich besuchte und mir verschiedene der neuesten Journale mitteilte, gab Gelegenheit zu erfreulichen Unterhaltungen. Er verwunderte sich, wie so viel andere, dass ich von Poesie nichts wissen wolle, dagegen auf Naturbetrachtungen mich mit ganzer Kraft zu werfen schien. Er war in der Kantischen Philosophie unterrichtet, und ich konnte ihm daher auf den Weg deuten, den ich eingeschlagen hatte. Wenn Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft" der sthetischen Urteilskraft die teleologische zur Seite stellt, so ergibt sich daraus, dass er andeuten wolle: ein Kunstwerk solle wie ein Naturwerk, ein Naturwerk wie ein Kunstwerk behandelt und der Wert eines jeden aus sich selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet werden. ber solche Dinge konnte ich sehr beredet sein und glaube, dem guten jungen Mann einigermaen genutzt zu haben. Es ist wundersam, wie eine jede Zeit Wahrheit und Irrtum aus dem kurz Vergangenen, ja dem lngst Vergangenen mit sich trgt und schleppt, muntere Geister jedoch sich auf neuer Bahn bewegen, wo sie sich's denn freilich gefallen lassen, meist allein zu gehen oder einen Gesellen auf eine kurze Strecke mit sich fortzuziehen. Tier, den 26. Oktober. Nun durfte man aber aus solchen ruhigen Umgebungen nicht heraustreten, ohne sich wie im Mittelalter zu finden, wo Klostermauern und der tollste unregelmigste Kriegszustand miteinander immerfort kontrastierten. Besonders jammerten einheimische Brger sowie zurckkehrende Emigrierte ber das schreckliche Unheil, was durch die falschen Assignaten ber Stadt und Land gekommen war. Schon hatten Handelshuser gewusst, dergleichen nach Paris zu bringen, und von dort die Falschheit, vllige Ungltigkeit, die hchste Gefahr vernommen, sich mit dergleichen nur irgend abzugeben. Dass die echten gleichfalls dadurch in Misskredit gerieten, dass man bei vlliger Umkehrung der Dinge auch wohl die Vernichtung aller dieser Papiere zu frchten habe, fiel jedermann auf. Dieses ungeheure bel nun gesellte sich zu den brigen, so dass es vor der Einbildungskraft und dem Gefhl ganz grenzenlos erschien: ein verzweiflungsvoller Zustand, demjenigen hnlich, wenn man eine Stadt vor sich niederbrennen sieht. Trier, den 28. Oktober. Die Wirtstafel, an der man brigens ganz wohl versorgt war, gab auch ein Sinne verwirrendes Schauspiel: Militrs und Angestellte, allerart Uniform, Farben und Trachten, im stillen missmutig, auch wohl in uerungen heftig, aber alle wie in einer gemeinsamen Hlle zusammengefasst. Daselbst begegnete mir ein wahrhaft rhrendes Ereignis. Ein alter Husarenoffizier, mittlerer Gre, grauen Bartes und Haares und funkelnden Auges, kam nach Tisch auf mich zu, ergriff mich bei der Hand und fragte: ob ich denn das alles auch mit ausgestanden habe? Ich konnte ihm einiges von Valmy und Hans erzhlen, woraus er sich denn gar wohl das brige nachbilden konnte. Hierauf fing er mit Enthusiasmus und warmem Anteil zu sprechen an, Worte, die ich nachzuschreiben kaum wage, des Inhalts: es sei schon unverantwortlich, dass man sie, deren Metier und Schuldigkeit es bleibe, dergleichen Zustnde zu erdulden und ihr Leben dabei zuzusetzen, in solche Not gefhrt, die vielleicht kaum jemals erhrt worden; dass aber auch ich -- er drckte seine gute Meinung ber meine Persnlichkeit und meine Arbeiten aus -- das htte mit erdulden sollen, darber wollt' er sich nicht zufrieden geben. Ich stellte ihm die Sache von der heiteren Seite vor, von der Seite, mit meinem Frsten, dem ich nicht ganz unntz gewesen, mit so vielen wackren Kriegsmnnern, zu eigner Prfung diese wenigen Wochen her geduldet zu haben; allein er blieb bei seiner Rede, indessen ein Zivilist zu uns trat und dagegen erwiderte: man sei mir Dank schuldig, dass ich das alles mit ansehen wollen, indem man sich nun gar wohl von meiner geschickten Feder Darstellung und Aufklrung erwarten knne. Der alte Degen wollte davon auch nichts wissen und rief: "Glaubt es nicht, er ist viel zu klug! Was er schreiben drfte, mag er nicht schreiben, und was er schreiben mchte, wird er nicht schreiben." brigens mochte man kaum hie und da hinhorchen, der Verdruss war grenzenlos. Und wie es schon eine verdrieliche Empfindung erregt, wenn glckliche Menschen nicht ablassen, uns ihr Behagen vorzurechnen, so ist es noch viel unausstehlicher, wenn uns ein Unheil, das wir selbst aus dem Sinn schlagen mchten, immer wiederkuend vorgetragen wird. Von den Franzosen, die man hasste, aus dem Land gedrngt zu sein, gentigt, mit ihnen zu unterhandeln, mit den Mnnern des 10. Augusts sich zu befreunden, das alles war fr Geist und Gemt so hart, als bisher die krperliche Duldung gewesen. Man schonte der obersten Leitung nicht, und das Vertrauen, das man dem berhmten Feldherrn so lange Jahre gegnnt hatte, schien fr immer verloren. Trier, den 29. Oktober. Als man sich nun auf deutschem Grund und Boden wieder fand und aus der ungeheuersten Verwirrung zu entwickeln hoffen durfte, traf uns die Nachricht von Custinens verwegenen und glcklichen Unternehmungen. Das groe Magazin zu Speyer war in seine Hnde geraten, er hatte darauf gewusst, eine bergabe von Mainz zu bewirken. Diese Schritte schienen die grenzenlosesten bel nach sich zu ziehen, sie deuteten auf einen auerordentlichen, so khnen als folgerechten Geist, und da musste denn schon alles verloren sein. Nichts fand man wahrscheinlicher und natrlicher, als dass auch schon Koblenz von den Franken besetzt sei -- und wie sollten wir unsern Rckweg antreten! Frankfurt gab man in Gedanken gleichfalls auf; Hanau und Aschaffenburg an einer, Kassel an der anderen Seite sah man bedroht, und was nicht alles zu frchten! Vom unseligen Neutralittssystem die nchsten Frsten paralysiert, desto lebendig-ttiger die von revolutionren Gesinnungen ergriffene Masse. Sollte man, wie Mainz bearbeitet worden, nicht auch die Gegend und die nchst anstoenden Provinzen zu Gesinnungen vorbereiten und die schon entwickelten schleunig benutzen? Das alles musste zum Bedanken, zur Sprache kommen. fters hrt' ich wiederholen: sollten die Franzosen wohl ohne groe berlegung und Umsicht, ohne starke Heeresmacht solche bedeutende Schritte getan haben? Custinens Handlungen schienen so khn als vorsichtig; man dachte sich ihn, seine Gehilfen, seine Obern als weise, krftige, konsequente Mnner. Die Not war gro und Sinne verwirrend, unter allen bisher erduldeten Leiden und Sorgen ohne Frage die grte. Mitten in diesem Unheil und Tumult fand mich ein verspteter Brief meiner Mutter, ein Blatt, das an jugendlich-ruhige, stdtisch-husliche Verhltnisse gar wundersam erinnerte. Mein Oheim, Schff Textor, war gestorben, dessen nahe Verwandtschaft mich von der ehrenhaft wirksamen Stelle eines Frankfurter Ratsherrn bei seinen Lebzeiten ausschloss, worauf man, herkmmlich lblicher Sitte gem, meiner sogleich gedachte, der ich unter den Frankfurter Graduierten ziemlich weit vorgerckt war. Meine Mutter hatte den Auftrag erhalten, bei mir anzufragen: ob ich die Stelle eines Ratsherrn annehmen wrde, wenn mir, unter die Losenden gewhlt, die goldene Kugel zufiele? Vielleicht konnte eine solche Anfrage in keinem seltsamern Augenblick anlangen als in dem gegenwrtigen; ich war betroffen, in mich selbst zurckgewiesen, tausend Bilder stiegen mir auf und lieen mich nicht zu Gedanken kommen. Wie aber ein Kranker oder Gefangener sich wohl im Augenblick an einem erzhlten Mrchen zerstreut, so wahr auch ich in andere Sphren und Jahre versetzt. Ich befand mich in meines Grovaters Garten, wo die reich mit Pfirsichen gesegneten Spaliere des Enkels Appetit gar lstern ansprachen und nur die angedrohte Verweisung aus diesem Paradies, nur die Hoffnung, die reifste, rotbckigste Frucht aus des wohlttigen Ahnherrn eigner Hand zu erhalten, solche Begierde bis zum endlichen Termin einigermaen beschwichtigen konnte. Sodann erblickt' ich den ehrwrdigen Altvater um seine Rosen beschftigt, wie er gegen die Dornen mit altertmlichen Handschuhen, als Tribut berreicht von Zoll befreiten Stdten, sich vorsichtig verwahrte, dem edlen Laertes gleich, nur nicht wie dieser sehnschtig und kummervoll. Dann erblickt' ich ihn im Ornat als Schulthei, mit der goldnen Kette, auf dem Thronsessel unter des Kaisers Bildnis; sodann leider im halben Bewusstsein einige Jahre auf dem Krankenstuhl und endlich im Sarg. Bei meiner letzten Durchreise durch Frankfurt hatte ich meinen Oheim im Besitz des Hauses, Hofes und Gartens gefunden, der als wackrer Sohn, dem Vater gleich, die hheren Stufen freistdtischer Verfassung erstieg. Hier, im traulichen Familienkreis, in dem unvernderten, alt bekannten Lokal riefen sich jene Knabenerinnerungen lebhaft hervor und traten mir nun neukrftig vor die Augen. Sodann gesellten sich zu ihnen andere jugendliche Vorstellungen, die ich nicht verschweigen darf. Welcher reichstdtische Brger wird leugnen, dass er, frher oder spter, den Ratsherrn, Schff und Brgermeister im Auge gehabt und, seinem Talent gem, nach diesen, vielleicht auch nach minderen Stellen emsig und vorsichtig gestrebt: denn der se Gedanke, an irgendeinem Regiment teilzunehmen, erwacht gar bald in der Brust eines jeden Republikaners, lebhafter und stolzer schon in der Seele des Knaben. Diesen freundlichen Kindertrumen konnt' ich mich jedoch nicht lange hingeben; nur allzu schnell aufgeschreckt, besah ich mir die ahnungsvolle Lokalitt, die mich umfasste, die traurigen Umgebungen, die mich beengten, und zugleich die Aussicht nach der Vaterstadt getrbt, ja verfinstert. Mainz in franzsischen Hnden, Frankfurt bedroht, wo nicht schon eingenommen, der Weg dorthin versperrt und innerhalb jener Mauern, Straen, Pltze, Wohnungen, Jugendfreunde, Blutverwandte vielleicht schon von demselben Unglck ergriffen, daran ich Longwy und Verdun so grausam hatte leiden sehen -- wer htte gewagt, sich in solchen Zustand zu strzen! Aber auch in der glcklichsten Zeit jenes ehrwrdigen Staatskrpers wre mir nicht mglich gewesen, auf diesen Antrag einzugehen; die Grnde waren nicht schwer auszusprechen. Seit zwlf Jahren genoss ich eines seltenen Glckes, des Vertrauens wie der Nachsicht des Herzogs von Weimar. Dieser von der Natur hchst begnstigte, glcklich ausgebildete Frst lie sich meine wohlgemeinten, oft unzulnglichen Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches unter keiner andern vaterlndischen Bedingung mglich gewesen wre; meine Dankbarkeit war ohne Grenzen, so wie die Anhnglichkeit an die hohen Frauen Gemahlin und Mutter, an die heranwachsende Familie, an ein Land, dem ich doch auch manches geleistet hatte. Und musste ich nicht zugleich jenes Zirkels neu erworbener hchst gebildeter Freunde gedenken, auch so manches andern huslich Lieben und Guten, was sich aus meinen treu beharrlichen Zustnden entwickelt hatte! Diese bei solcher Gelegenheit abermals erregten Bilder und Gefhle erheiterten mich auf einmal in dem betrbtesten Augenblick: denn man ist schon halb gerettet, wenn man aus traurigster Lage im fremden Land einen hoffnungsvollen Blick in die gesicherte Heimat zu tun aufgeregt wird; so genieen wir diesseits auf Erden, was uns jenseits der Sphren zugesagt ist. In solchem Sinn begann ich den Brief an meine Mutter, und wenn sich diese Beweggrnde zunchst auf mein Gefhl, auf persnliches Behagen, individuellen Vorteil zu beziehen schienen, so hatt' ich noch andere hinzuzufgen, die auch das Wohl meiner Vaterstadt bercksichtigten und meine dortigen Gnner berzeugen konnten. Denn wie sollt' ich mich in dem ganz eigentmlichen Kreis ttig wirksam erzeigen, wozu man vielleicht mehr als zu jedem andern treulich herangebildet sein muss? Ich hatte mich seit so viel Jahren zu Geschften, meinen Fhigkeiten angemessen, gewhnt, und zwar solchen, die zu stdtischen Bedrfnissen und Zwecken kaum verlangt werden mchten. Ja, ich durfte hinzufgen, dass, wenn eigentlich nur Brger in den rat aufgenommen werden sollten, ich nunmehr jenem Zustand so entfremdet sei, um mich vllig als einen Auswrtigen zu betrachten. Dieses alles gab ich meiner Mutter dankbar zu erkennen, welche sich auch wohl nichts anderes erwartete. Freilich mag dieser Brief spt genug zu ihr gelangt sein. Trier, den 29. Oktober. Mein junger Freund, mit dem ich gar manche angenehme wissenschaftliche und literarische Unterhaltung genoss, war auch im Geschichtlichen der Stadt und Umgebung gar wohl erfahren. Unsere Spaziergnge bei leidlichem Wetter waren deshalb immer belehrend, und ich konnte mir das Allgemeinste merken. Die Stadt an sich hat einen auffallenden Charakter: sie behauptet, mehr geistliche Gebude zu besitzen als irgendeine andere von gleichem Umfang, und mchte ihr dieser Ruhm wohl kaum zu leugnen sein; denn sie ist innerhalb der Mauern von Kirchen, Kapellen, Klstern, Konventen, Kollegien, Ritter- und Brdergebuden belastet, ja erdrckt, auerhalb von Abteien, Stiftern, Kartausen blockiert, ja belagert. Dieses zeugt denn von einem weiten geistlichen Wirkungskreis, welchen der Erzbischof sonst von hier aus beherrschte; denn seine Dizes war auf Metz, Toul und Verdun ausgedehnt. Auch dem weltlichen Regiment fehlt es nicht an schnen Besitztmern, wie denn der Kurfrst von Trier auf beiden Seiten der Mosel ein herrliches Land beherrscht; und so fehlt es auch Trier nicht an Palsten, welche beweisen, dass zu verschiedener Zeit von hier aus die Herrschaft sich weit und breit erstreckte. Der Ursprung der Stadt verliert sich in die Fabelzeit; das erfreuliche Lokal mag frh genug Anbauende hierher gelockt haben. Die Trevirer waren ins Rmische Reich eingeschlossen, erst Heiden, dann Christen, von Normannen und von Franken berwltigt, und zuletzt ward das schne Land dem Rmisch-Deutschen Reiche einverleibt. Ich wnschte wohl, die Stadt in guter Jahreszeit, an friedlichen Tagen zu sehen, ihre Brger nher kennen zu lernen, welche von jeher den Ruf haben, freundlich und frhlich zu sein. Von erster Eigenschaft finden sich in diesem Augenblick wohl noch Spuren, von der zweiten kaum; und wie sollte Frhlichkeit sich in einem so widerwrtigen Zustand erhalten! Freilich, wer in die Annalen der Stadt zurcksieht, findet wiederholte Nachricht von Kriegsunheil, das diese Gegend betroffen, da das Moseltal, ja der Fluss selbst dergleichen Zge begnstigt. Attila sogar aus dem fernsten Osten hatte mit seinem unzhlbaren Heere Vor- und Rckzug, wie wir, durch diese Flussregion genommen. Was erduldeten die Einwohner nicht im Dreiigjhrigen Kriege, bis zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, indem sich der Frst an Frankreich, als den nachbarlichsten Alliierten, angeschlossen hatte und darber in langwierige sterreichische Gefangenschaft geriet. Auch an inneren Kriegen erkrankte die Stadt mehr als einmal, wie es berall in bischflichen Stdten sich ereignen musste, wo der Brger mit geistlich-weltlicher Obergewalt sich nicht immer vertragen konnte. Mein Fhrer, indem er mich geschichtlich unterrichtete, machte mich auf Gebude der verschiedensten Zeit aufmerksam, wovon das meiste kurios und daher wohl merkwrdig schien, weniges aber dem Geschmacksurteil erfreulich zusagte, wie vorher an dem Monumente zu Igel gerhmt werden konnte. Die Reste des rmischen Amphitheaters fand ich respektabel; da aber das Gebude ber sich selbst zusammengestrzt und wahrscheinlich mehrere Jahrhunderte als Steinbruch behandelt war, lie sich nichts entziffern. Bewundernswert jedoch war noch immer, wie die Alten, ihrer Weisheit gem, groe Zwecke mit migen Mitteln hervorzubringen suchten und die Naturgelegenheit eines Tals zwischen zwei Hgeln zu nutzen gewusst, wo die Gestalt des Bodens an Exkavation und Substruktion dem Baumeister vieles glcklich ersparte. Wenn man nun von den ersten Hhen des Martisberges, wo diese Ruine gelegen, etwas weiter aufsteigt, so sieht man ber alle Reliquien der Heiligen, ber Dom, Dcher und Schirme nach dem Apolloberg hinber, und so behaupten beide Gtter, den Merkur zur Seite, ihres Namens Gedchtnis: die Bilder waren zu beseitigen, der Genius nicht. Zu Betrachtung der Baukunst frherer Mittelzeit bietet Trier merkwrdige Monumente: ich habe von solchen Dingen wenige Kenntnis, und sie sprechen nicht zum gebildeten Sinn. Mich wollte der Anblick bei einiger Teilnahme verwirren; manches davon ist verschttet, zerstckt, zu anderem Gebrauch gewidmet. ber die groe Brcke, auch noch im Altertum gegrndet, fhrte man mich im heitersten Moment, hier nun sieht man deutlich, wie die Stadt auf einer mit ausspringendem Winkel nach dem Fluss zudrngenden Flche, welche denselben gegen das linke Ufer hinweist, erbaut ist. Nun berschaut man vom Fu des Apolloberges Fluss, Brcke, Mhlen, Stadt und Gegend, da sich denn die noch nicht ganz entlaubten Weinberg, sowohl zu unsern Fen als auf den ersten Hhen des Martisberges gegenber, gar freundlich ausnahmen, anschaulich machten, in welcher gesegneten Gegend man sich befinde, und ein Gefhl von Wohlfahrt und Behagen erweckten, welches ber den Weinlndern in der Luft zu schweben scheint. Die besten Sorten Moselwein, die uns nun zuteil wurden, schienen nach diesem berblick einen angenehmern Geschmack zu haben. Trier, den 29. Oktober. Unser frstlicher Heerfhrer kam an und nahm Quartier im Kloster St. Maximin. Diese reichen und sonst berglcklichen Menschen hatten denn freilich schon eine gute Zeit her groe Unruhe erduldet: die Brder des Knigs waren dort einquartiert gewesen, und nachher war es nicht wieder leer geworden. Eine solche Anstalt, aus Ruh' und Frieden entsprungen, auf Ruh' und Friede berechnet, nahm sich freilich unter diesen Umstnden wunderlich aus, da, man mochte noch so schonend verfahren, ein gewaltiger Gegensatz des Ritter- und Mnchtums sich hervortat. Der Herzog wusste jedoch hier wie berall, selbst als ungebetener Gast, durch Freigebigkeit und freundliches Betragen sich und die Seinigen angenehm zu machen. Mich aber sollte auch hier der bse Kriegsdmon wieder verfolgen. Unser guter Obrist von Gotsch war gleichfalls im Kloster einquartiert; ich fand ihn zur Nacht seinen Sohn bewachend und besorgend, welcher an der unglcklichen Krankheit gleichfalls hart daniederlag. Hier musst' ich nun wieder die Litanei und Verwnschung unseres Feldzugs aus dem Mund eines alten Soldaten und Vaters vernehmen, der die smtlichen Fehler mit Leidenschaft zu rgen berechtigt war, die er als Soldat einsah und als Vater verfluchte. Auch die Isletten kamen wieder zur Sprache, und es musste wirklich ein jeder, der sich diesen unseligen Punkt deutlich machte, durchaus verzweifeln. Ich erfreute mich der Gelegenheit, die Abtei zu sehen, und fand ein weitlufiges, wahrhaft frstliches Gebude; die Zimmer von bedeutender Gre und Hhe, und die Fuboden getfelt, Samt und damastne Tapeten, Stuckatur, Vergoldung und Schnitzwerk nicht gespart, und was man sonst in solchen Palsten zu sehen gewohnt ist, alles doppelt und dreifach in groen Spiegeln wiederholt. Auch ward den einquartierten Personen ganz wohl dahier; die Pferde jedoch konnten nicht smtlich untergebracht werden, sie mussten unter freiem Himmel aushalten, ohne Lagersttte, Raufen und Trge. Unglcklicherweise waren die Futterscke gefault, und so musste der Hafer von der Erde aufgeschnopert werden. Wenn aber die Stallungen unbedeutend waren, so fand man die Keller desto gerumiger. Noch ber die eigenen Weinberge genoss das Kloster die Einnahme von vielen Zehnten. Freilich mochte in den letzten Monaten gar manches Stckfass geleert worden sein, es lagen deren viele auf dem Hof. Den 30. Oktober gab unser Frst groe Tafel: drei der vornehmsten geistlichen Herren waren eingeladen, sie hatten kstliches Tischzeug, sehr schnes Porzellanservice hergegeben; von Silber war wenig zu sehen, Schtze und Kostbarkeiten lagen in Ehrenbreitstein. Die Speisen von den frstlichen Kchen schmackhaft zubereitet; Wein, der uns frher hatte nach Frankreich folgen sollen, von Luxemburg zurckkehrend, ward hier genossen; was aber am meisten Lob und Preis verdiente, war das kostbarste weie Brot, das an den Gegensatz des Kommissbrots bei Hans erinnerte. Ich hatte mich, als ich nach Trierscher Geschichte in diesen Tagen forschte, notwendig auch um die Abtei St. Maximin bekmmern mssen; ich konnte daher mit meinem geistlichen Nachbar ein ganz auslangendes, geschichtliches Gesprch fhren. Das hohe Alter des Stifts ward vorausgesetzt; dann gedachte man seiner mannigfaltig wechselnden Schicksale, der nahen Lage des Stifts and er Stadt, beiden Teilen gleich gefhrlich; wie es denn im Jahr 1674 niedergebrannt und vllig verwstet wurde. Von dem Wiederaufbau und der allmhlichen Herstellung in den gegenwrtigen Zustand lie ich mich auch unterrichten. Dazu konnte man viel Gutes sagen und die Anstalten preisen, welches der geistliche Herr auch gern vernahm; von den letzten Zeiten aber wollte er nichts Rhmliches wissen: die franzsischen Prinzen waren da lange im Quartier gelegen, und man hatte von manchem Unfug, bermut und Verschwendung zu hren. Bei Abwechslung des Gesprchs daher ging ich wieder ins Geschichtliche zurck; als ich aber der frheren Zeit erwhnte, wo das Stift sich dem Erzbischof gleichgesetzt und der Abt Reichsstand des Rmisch-Deutschen Reichs gewesen, wich er lchelnd aus, als wenn er eine solche Erinnerung in der neusten Zeit fr verfnglich halte. Die Sorge des Herzogs fr sein Regiment ward nun ttig und klar; denn als die Kranken zu Wagen fortzubringen unmglich war, so lie der Frst ein Schiff mieten, um sie bequem nach Koblenz zu transportieren. Nun aber kamen andere auf eine eigene Weise presshafte Kriegsmnner an. Auf dem Rckzug hatte man gar blad bemerkt, dass die Kanonen nicht fortzubringen seien: die Artilleriepferde kamen um, eines nach dem andern, wenig Vorspann war zu finden, die Pferde, auf dem Hinzug requiriert, beim Herzug geflchtet, fehlten berall. Man griff zu der letzten Maregel: Von jedem Regiment musste eine starke Anzahl Reiter absitzen und zu Fu wandern, damit das Geschtz gerettet werde. In ihren steifen Stiefeln, die zuletzt nicht mehr durchhalten wollten, litten diese braven Menschen bei dem schrecklichen Wege unendlich; aber auch ihnen erheiterte sich die Zeit, denn es ward Anstalt getroffen, dass auch sie zu Wasser nach Koblenz fahren konnten. November. Mein Frst hatte mir aufgetragen, dem Marquis Lucchesini aufzuwarten, eine Abschiedsempfehlung auszusprechen und mich nach einigem zu erkundigen. Bei spter Abendzeit, nicht ohne einige Schwierigkeiten, ward ich bei diesem mir frher nicht ungewogenen, bedeutenden Mann eingelassen. Die Anmut und Freundlichkeit, mit der er mich empfing, war wohlttig; nicht so die Beantwortung meiner Fragen und Erfllung meiner Wnsche. Er entlie mich, wie er mich aufgenommen hatte, ohne mich im mindesten zu frdern, und man wird mir zutrauen, dass ich darauf vorbereitet gewesen. Als ich nun die Abfahrt jener kranken und ermdeten Reiter eifrig betreiben sah, ergriff mich gleichfalls das Gefhl, es sei wohl am besten getan, einen Ausweg auf dem Wasser zu suchen. Sehr ungern lie ich meine Chaise zurck, die man mir aber nach Koblenz nachzusenden versprach, und mietete ein einmnniges Boot, wo mir denn beim Einschiffen meine smtlichen Habseligkeiten, gleichsam vorgezhlt, einen sehr angenehmen Eindruck machten, indem ich sie mehr als einmal verloren glaubte oder zu verlieren frchtete. Zu dieser Fahrt gesellte sich ein preuischer Offizier, den ich als alten Bekannten aufnahm, dessen ich mich als Pagen gar wohl erinnerte und dem seine Hofzeit noch gar deutlich vorschwebte; wie er mir denn gewhnlich den Kaffee wollte prsentiert haben. Das Wetter war leidlich, die Fahrt ruhig, und man erkannte die Anmut dieser Wohltat umso mehr, je mhseliger auf dem Landweg, der sich dem Fluss hie und da nherte, die Kolonnen dahin zogen oder auch wohl von Zeit zu Zeit stockend verweilten. Schon in Trier hatte man geklagt, dass bei so eiligem Rckmarsch die grte Schwierigkeit sei, Quartier zu finden, indem gar oft die einem Regiment angewiesenen Ortschaften schon besetzt gefunden worden, wodurch groe Not und Verwirrung entstehe. Die Uferansichten der Mosel waren lngs dieser Fahrt hchst mannigfaltig; denn obgleich das Wasser eigensinnig seinen Hauptlauf von Sdwest nach Nordost richtet, so wird es doch, da es ein schikanses gebirgisches Terrain durchstreift, von beiden Seiten durch vorspringende Winkel bald rechts bald links gedrngt, so dass es nur im weitlufigen Schlangengang fortwandeln kann. Deswegen ist denn aber auch ein tchtiger Fhrmeister hchst ntig; der unsere bewies Kraft und Gewandtheit, indem er bald hier einen vorgeschobenen Kies zu vermeiden, sogleich aber dort den an steiler Felswand herflutenden Strom zu schnellerer Fahrt khn zu benutzen wusste. Die vielen Ortschaften zu beiden Seiten gaben den muntersten Anblick; der Weinbau, berall sorgfltig gepflegt, lie auf ein heiteres Volk schlieen, das keine Mhe schont, den kstlichen Saft zu erzielen. Jeder sonnige Hgel war benutzt, bald aber bewunderten wir schroffe Elsen am Strom, auf deren schmalen vorragenden Kanten, wie auf zuflligen Naturterrassen, der Weinstock zum allerbesten gedieh. Wir landeten bei einem artigen Wirtshaus, wo uns eine alte Wirtin wohl empfing, manches erduldete Ungemach beklagte, den Emigrierten aber besonders alles Bse gnnte. Sie habe, sagte sie, an ihrem Wirtstisch gar oft mit Grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen Menschen das liebe Brot kugel- und brockenweise sich an den Kopf geworfen, so dass sie und ihre Mgde es nachher mit Trnen zusammengekehrt. Und so ging es mit gutem Glck und Mut immer weiter hinab bis zur Dmmerung, da wir uns denn aber in das mandrische Flussgewinde, wie es sich gegen die Hhen von Montroyal herandrngt, verschlungen sahen. Nun berfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster, eingeengt wussten wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm, bisher schon ruckweise verkndigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach: bald schwoll der Strom im Gegenwind, bald wechselten abprallende Windste niederstrzend mit wtendem Sausen; eine Welle nach der anderen schlug ber den Kahn, wir fhlten uns durchnsst. Der Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Not schien immer grer, je lnger sie dauerte, und der Drang war aufs hchste gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er sei, noch wohin er steuern solle. Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefasst. Wir schwebten in der tiefsten Finsternis, nur manchmal wollte mir schienen, dass Massen ber mir doch noch etwas dunkler als der verfinsterte Himmels ich dem Auge bemerkbar machten; dies gewhrte jedoch wenig Trost und Hoffnung: zwischen Land und Fels eingeschlossen zu sein, drang sich immer ngstlicher auf. Und so wurden wir im Stockfinstern lange hin und her geworfen, bis sich endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat. Nun ward nach Mglichkeit drauf los gesteuert und gerudert, wobei sich Paul nach Krften ttig erwies. Endlich stiegen wir in Trarbach glcklich ans Land, wo man uns in einem leidlichen Gasthof Henne mit Reis alsobald anbot. Ein angesehener Kaufmann aber, die Landung von Fremden in so tiefer strmischer Nacht vernehmend, ntigte uns in sein Haus, wo wir bei hellem Kerzenschein, in wohl geschmckten Zimmern englische schwarze Kunstbltter, in Rahm und Glas gar zierlich aufgehangen, mit Freude, ja mit Rhrung gegen die kurz vorher erduldeten finsteren Gefhrlichkeiten begrend erblickten. Herr und Frau, noch junge Leute, beeiferten sich, uns gtlich zu tun; wir genossen des kstlichsten Moselweins, an dem sich mein Gefhrte, der eine Wiederherstellung freilich am ntigsten haben mochte, besonders erquickte. Paul gestand, dass er schon Rock und Stiefel ausgezogen, um, wenn wir scheitern sollten, uns durch Schwimmen zu erretten; wobei er sich denn freilich nur allein mchte durchgebracht haben. Kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Der freundliche Wirt wollte uns nicht entlassen, sondern verlangte vielmehr, wir sollten den morgenden Tag noch zugeben, versprach auch von einer benachbarten Hhe die weiteste, schnste Aussicht be rein bedeutend Gelnde und manches andere, was uns zur Erquickung und Zerstreuung htte dienen knnen. Aber es ist wunderbar: wie sich der Mensch an ruhige Zustnde gewhnt und in denselben verharren mag, so gibt es auch eine Gewhnung zum Unruhigen; es war in mir die Ntigung zu einem rollenden Forteilen, der ich nicht gebieten konnte. Als wir daher fortzueilen im Begriff standen, ntigte uns der wackere Mann noch zwei Matratzen auf, damit wir im Schiff wenigstens einige Bequemlichkeit htten; die Frau gab solche nicht gerne her, welches ihr, da der Barchent neu und schn, gar nicht zu verdenken war. Und so ereignet sich's oft in Einquartierungsfllen, dass bald der eine, bald der andere Gatte dem aufgedrungenen Gast mehr oder weniger wohl will. Bis Koblenz schwammen wir ruhig hinunter, und ich erinnere mich nur deutlich, dass ich am Ende der Fahrt das schnste Naturbild gesehen, was mir vielleicht zu Augen gekommen. Als wir gegen die Moselbrcke zu fuhren, stand uns dieses schwarze mchtige Bauwerk krftig entgegen; durch die Bogenffnungen aber schauten die stattlichen Gebude des Tals, ber der Brckenlinie sodann das Schloss Ehrenbreitstein im blauen Duft durch und hervor. Rechts bildete die Stadt, an die Brcke sich anschlieend, einen tchtigen Vorgrund. Dieses Bild gab einen herrlichen, aber nur augenblicklichen Genuss, denn wir landeten und schickten sogleich gewissenhaft die Matratzen unversehrt an das von den wackeren Trarbachern uns bezeichnete Handelshaus. Dem Herzog von Weimar war ein schnes Quartier eingerumt, worin auch ich ein gutes Unterkommen fand. Die Armee rckte nach und nach heran; die Dienerschaft des frstlichen Generals traf ein und konnte nicht genug von den Unbilden erzhlen, die sie erleiden mssen. Wir segneten uns, die Wasserfahrt eingeschlagen zu haben, und die glcklich berstandene Windsbraut schien nur ein geringes bel gegen eine stockende und berall gehinderte Landfahrt. Der Frst selbst war angekommen, um den Knig versammelten sich viele Generale. Ich aber, in einsamen Spaziergngen den Rhein hin, wiederholte mir die wunderlichen Ereignisse der vergangenen Wochen. * * * * * Ein franzsischer General, Lafayette, Haupt einer groen Partei, vor kurzem der Abgott seiner Nation, des vollkommensten Vertrauens der Soldaten genieend, lehtn sich gegen die Obergewalt auf, die allein nach Gefangennehmung des Knigs das Reich reprsentiert; er entflieht, seine Armee, nicht strker als 23000 Mann, bleibt ohne General und Oberoffiziere, desorganisiert, bestrzt. Zur selbigen Zeit betritt ein mchtiger Knig, mit einem 80000 Mann starken verbndeten Heer, den Boden von Frankreich; zwei befestigte Stdte, nach geringem Zaudern, ergeben sich. Nun erscheint ein wenig gekannter General, Dumouriez; ohne jemals einen Oberbefehl gefhrt zu haben, nimmt er, gewandt und klug, eine sehr starke Stellung; sie wird durchbrochen, und doch erreicht er eine zweite, wird auch daselbst eingeschlossen und zwar so, dass der Feind sich zwischen ihn und Paris stellt. Aber sonderbar verwickelte Zustnde werden durch anhaltendes Regenwetter herbeigefhrt; das furchtbare alliierte Heer, nicht weiter als sechs Stunden von Chalons und zehn von Reims, sieht sich abgehalten, diese beiden Orte zu gewinnen, bequemt sich zum Rckzug, rumt die zwei eroberten Pltze, verliert ber ein Drittel seiner Mannschaft, und davon hchstens 2000 durch die Waffen, und sieht sich nun wieder am Rhein. Alle diese Begegnisse, die an das Wunderbare grenzen, ereignen sich in weniger als sechs Wochen, und Frankreich ist aus der grten Gefahr gerettet, deren seien Jahrbcher jemals gedenken. Vergegenwrtige man sich nun die vielen tausend Teilnehmer an solchem Missgeschick, denen das grimmige Leibes- und Seelenleiden einiges Recht zur Klage zu geben schien, so wird man sich leicht vorstellen, dass nicht alles im stillen abgetan ward, und so sehr man sich auch vorzusehen gedachte, doch aus einem vollen Herzen der Mund zuzeiten berging. Und so begegnete denn auch mir, dass ich an groer Tafel neben einem alten trefflichen General sa und vom Vergangenen zu sprechen mich nicht ganz enthielt, worauf er mir, zwar freundlich, aber mit gewisser Bestimmtheit antwortete: "Erzeigen Sie mir morgen frh die Ehre, mich zu besuchen, da wir uns hierber freundlich und aufrichtig besprechen wollen." Ich schien es anzunehmen, blieb aber aus und gelobte mir innerlich, das gewohnte Stillschweigen so bald nicht wieder zu brechen. Auf der Wasserfahrt sowie auch in Koblenz hatte ich manche Bemerkung gemacht zum Vorteil meiner chromatischen Studien; besonders war mir ber die epooptischen Farben ein neues Licht aufgegangen, und ich konnte immer mehr hoffen, die physischen Erscheinungen in sich zu verknpfen und sie von andern abzusondern, mit denen sie in entfernterer Verwandtschaft zu stehen schien. Auch kam mir des treuen Kmmerier Wagner Tagebuch zu Ergnzung des meinigen gar wohl zustatten, das ich in den letzten Tagen ganz und gar vernachlssigt hatte. Des Herzogs Regiment war herangekommen und kantonierte in den Drfern gegen Neuwied ber. Hier bewies der Frst die vterlichste Sorgfalt fr seine Untergebenen: jeder einzelne durfte seine Not klagen, und soviel nur mglich ward abgestellt und nachgeholfen. Leutnant von Flotow, in der Stadt auf Kommando stehend und dem Wohltter am nchsten, erwies sich ttig und hilfreich. Dem Hauptbedrfnis an Schuhen und Stiefeln wurde dadurch abgeholfen, dass man Leder kaufte und die im Regiment sich findenden Schuster unter den Meistern der Stadt arbeiten lie. Auch fr Reinlichkeit und Zierde war gesorgt, gelbe Kreide angeschafft, die Kolletts gesubert und gefrbt, und unsere Reiter trabten wieder ganz schmuck einher. Meine Studien jedoch sowohl als die heitere Unterhaltung mit den Kanzlei- und Hausgenossen wurden gar sehr belebt durch den Ehrenwein, welcher, von trefflicher Moselsorte, unserem Frsten vom Stadtrat gereicht ward und welchen wir, da der Frst meist auswrts speiste, zu genieen die Erlaubnis hatten. Als wir Gelegenheit fanden, einem von den Gebern darber ein Kompliment zu machen, und dankbar anerkannten, dass sie sich bei solcher Gelegenheit um unsertwillen mancher guten Flasche berauben wollen, vernahmen wir die Erwiderung: dass sie uns dies und noch viel mehr gnnten und nur die Fsser bedauerten, welche sie an die Emigrierten wenden mssen, welche zwar viel Geld, aber auch viel Unheil ber die Stadt gebracht, ja den Zustand derselben vllig umgekehrt; besonders aber wollte man ihr Betragen gegen den Frsten nicht rhmen, an dessen Stelle sie sich gewissermaen gesetzt und gegen seine Willen khnlich Unverantwortliches unternommen. In der letzten, Unheil drohenden Zeit, war er auch nach Regensburg abgereist, und ich schlich, zu schner heiterer Mittagsstunde, an sein Schloss hin, das auf dem linken Rheinufer, etwas oberhalb der Stadt, wunderschn, seitdem ich diese Gegen nicht betreten, aus der Erde gewachsen war. Es stand einsam und als die allerneuste, wenn auch nicht architektonische, doch politische Ruine da, und ich hatte nicht den Mut, mir von dem umherwandelnden Schlossvogt den Eingang zu gewinnen. Wie schn war die nhere und weitere Umgebung, wie angebaut und gartenreich der Raum zwischen Schloss und Stadt, die Aussicht den Rhein stromauf ruhig und besnftigend, gegen Stadt und Festung aber prchtig und aufregend. In der Absicht, mich bersetzen zu lassen, ging ich zur fliegenden Brcke, ward aber aufgehalten oder hielt mich vielmehr selbst auf, in Beschauung eines sterreichischen Wagentransportes, welcher nach und nach bergesetzt wurde. Hier ereignete sich ein Streit zwischen einem preuischen und sterreichischen Unteroffizier, welcher den Charakter beider Nationen klar ins Licht setzte. Vom sterreicher, der hierher postiert war, um die mglich schnelle berfahrt der Wagenkolonne zu beaufsichtigen, aller Verwirrung vorzubeugen und deshalb kein anderes Fuhrwerk dazwischen zu lassen, verlangte der Preue heftig eine Ausnahme fr sein Wgelchen, auf welchem Frau und Kind mit einigen Habseligkeiten gepackt waren. Mit groer Gelassenheit versagte der sterreicher die Forderung, auf die Order sich berufend, die ihm dergleichen ausdrcklich verbiete; der Preue ward heftiger, der sterreicher wo mglich gelassener; er litt keine Lcke in der ihm empfohlenen Kolonne, und der andere fand sich einzudrngen keinen Raum. Endlich schlug der Zudringliche an seinen Sbel und forderte den Widerstehenden heraus: mit Drohen und Schimpfen wollte er seinen Gegner ins nchste Gsschen bewegen, um die Sache daselbst auszumachen; der hchst, ruhige, verstndige Mann aber, der die Rechte seines Postens gar wohl kannte, rhrte sich nicht und hielt Ordnung nach wie vor. Ich wnschte diese Szene wohl von einem Charakterzeichner aufgefasst, denn wie im Betragen so auch in Gestalt unterschieden sich beide: der Gelassene war stmmig und stark, der Wtende -- denn zuletzt erwies er sich so -- hager, lang, schmchtig und rhrig. Die auf diesen Spaziergang zu verwendende Zeit war zum Teil schon verstrichen, und mir vertrieb die Frucht vor hnlichen Retardationen bei der Rckkehr jede Lust, das sonst so geliebte Tal zu besuchen, das doch nur das Gefhl schmerzlichen Entbehrens erregt und mich fruchtlos zu Betrachtung frherer Jahre aufgeregt htte; doch stand ich lange hinberschauend, friedlicher Zeiten mitten im verwirrenden Wechsel irdischer Ereignisse treulich eingedenk. Und so traf es zufllig, dass ich von den Maregeln zum ferneren Feldzug auf dem rechten Ufer nher unterrichtet ward. Des Herzogs Regiment rstete sich, hinberzuziehen; der Frst selbst mit seiner ganzen Umgebung sollte folgen. Mir bangte vor jeder Fortsetzung des kriegerischen Zustandes, und das Fluchtgefhl ergriff mich abermals. Ich mchte dies ein umgekehrtes Heimweh nennen, eine Sehnsucht ins Weite statt ins Enge. Ich stand, der herrliche Fluss lag vor mir: er geleitete so sanft und lieblich hinunter, in ausgedehnter breiter Landschaft; er floss zu Freunden, mit denen ich, trotz manchem Wechseln und Wenden, immer treu verbunden geblieben. Mich verlangte aus der fremden, gewaltsamen Welt an Freundesbrust, und so mietete ich, nach erhaltenem Urlaub, eilig einen Kahn bis Dsseldorf, meine noch immer zurckbleibende Chaise Koblenzer Freunden empfehlend, mit Bitte, sie mir hinabwrts zu spedieren. Als ich nun mit meinen Habseligkeiten mich eingeschifft und sogleich auf dem Strom dahin schwimmen sah, begleitet vom getreuen Paul und einem blinden Passagier, welcher gelegentlich zu rudern sich verband, heilt ich mich fr glcklich und von allem bel befreit. Indessen standen noch einige Abenteuer bevor. Wir hatten nicht lange flussabwrts gerudert, als zu bemerken war, dass der Kahn ein starkes Leck haben msse, indem der Fhrmann von Zeit zu Zeit das Wasser fleiig ausschpfte. Und nun entdeckte ich erst, dass wir, bei bereilt unternommener Fahrt, nicht bedacht hatten, wie auf die weite Strecke hinab vom Koblenz bis Dsseldorf der Schiffer nur ein altes Boot zu nehmen pflegt, um es unten als Brennholz zu verkaufen und, sein Fhrgeld in der Tasche, ganz leicht nach Hause zu wandern. Indessen fuhren wir getrost dahin. Eine sternhelle, doch sehr kalte Nacht begnstigte unsere Fahrt, als auf einmal der fremde Ruderer verlangte, ans Land gesetzt zu werden, und sich mit dem Schiffer zu streiten anfing, an welcher Stelle es denn eigentlich fr den Wandrer am vorteilhaftesten sei; worber sie sich nicht vereinigen konnten. Unter diesen Hndeln, die mit Heftigkeit gefhrt wurden, strzte unser Fhrmann ins Wasser und wurde nur mit Mhe herausgezogen. Nun konnte er bei heller, klarer Nacht nicht mehr aushalten und bat dringend um die Erlaubnis, bei Bonn anfahren zu drfen, um sich zu trocknen und zu erwrmen. Mein Diener ging mit ihm in eine Schifferkneipe, ich aber beharrte, unter freiem Himmel zu bleiben, und lie mir ein Lager auf Mantelsack und Portefeuille bereiten. So gro ist die Macht der Gewohnheit, dass mir, der ich die letzten sechs Wochen fast immer unter freiem Himmel zugebracht hatte, vor Dach und Zimmer graute. Diesmal aber entstand daraus fr mich ein neues Unheil, welches man freilich htte vorhersehen sollen: den Kahn hatte man zwar soweit als mglich auf den Strand gezogen, aber nicht so weit, dass er nicht durch das Leck noch htte Wasser einnehmen knnen. Nach einem tiefen Schlaf fand ich mich mehr als erfrischt, denn das Wasser war bis zu meinem Lager gedrungen und hatte mich und meine Habseligkeiten durchnsst. Ich war daher gentigt, aufzustehen, das Wirtshaus aufzusuchen und mich in Tabak schmauchender, Glhwein schlrfender Gesellschaft so gut als mglich zu trocknen, worber denn der Morgen ziemlich herankam und eine versptete Reise durch frisches Rudern eifrig beschleunigt wurde. Zwischenrede Wenn ich mich nun so, in der Erinnerung, den Rhein hinunter schwimmen sehe, wsst' ich nicht genau zu sagen, was in mir vorging. Der Anblick eines friedlichen Wasserspiegels, das Gefhl der bequemen Fahrt auf demselben lie mich nach der kurz vergangenen Zeit zurckschauen wie auf einen bsen Traum, von dem ich mich soeben erwacht fnde; ich berlie mich den heitersten Hoffnungen eines nchsten gemtlichen Zusammenseins. Nun aber, wenn ich mitzuteilen fortfahren soll, muss ich eine andere Behandlung whlen, als dem bisherigen Vortrag wohl geziemte: denn wo Tag fr Tag das Bedeutendste vor unsern Augen vorgeht, wenn wir mit so viel Tausenden leiden und frchten und nur furchtsam hoffen, dann hat die Gegenwart ihren entschiedenen Wert und, Schritt vor Schritt vorgetragen, erneut sie das Vergangene, indem sie auf die Zukunft hindeutet. Was aber in geselligen Zirkeln sich ereignet, kann nur aus einer sittlichen Folge der uerungen innerlicher Zustnde begriffen werden: die Reflexion ist hier an ihrer Stelle, der Augenblick spricht nicht fr sich selbst, Andenken an das Vergangene, sptere Betrachtungen mssen ihn dolmetschen. Wie ich berhaupt ziemlich unbewusst lebte und mich vom Tag zum Tage fhren lie, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht bel befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nchst zu erwartende Person noch eine irgend zu betretende Stelle voraus zu denken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist gro: man braucht von einer vorgefassten Idee nicht wieder zurckzukommen, nicht ein selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulschen und mit Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen; der Nachteil dagegen mag wohl hervortreten, dass wir mit Unbewusstsein in wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreif zu finden wissen. In eben dem Sinn war ich auch niemals aufmerksam, was meine persnliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke, da ich denn oft ganz unerwartet fand, dass ich Neigung oder Abneigung und sogar oft beides zugleich erregte. Wollte man nun auch dieses Betragen als eine individuelle Eigenheit weder loben noch tadeln, so muss doch bemerkt werden, dass sie im gegenwrtigen Fall gar wunderliche Phnomene, und nicht immer die erfreulichsten, hervorbrachte. Ich war mit jenen Freunden seit vielen Jahren nicht zusammengekommen; sie hatten sich getreu an ihrem Lebensgang gehalten, dagegen mir das wunderbare Los beschieden war, durch manche Stufen der Prfung, des Tuns und Duldens durchzugehen, so dass ich, in eben der Person beharrend, ein ganz anderer Mensch geworden, meinen alten Freunden fast unkenntlich auftrat. Es wrde schwer halten, auch in spteren Jahren, wo eine freiere bersicht des Lebens gewonnen ist, sich genaue Rechenschaft von jenen bergngen abzulegen, die bald als Vorschritt, bald als Rckschritt erscheinen und doch alle dem Gott gefhrten Menschen zu Nutz und Frommen gereichen mssen. Ungeachtet solcher Schwierigkeiten aber will ich, meinen Freunden zuliebe, einige Andeutung versuchen. Der sittliche Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man Sehnsucht an ihm gewahr wird: sie drckt Besitz und Wunsch zugleich aus, den Besitz eines zrtlichen Herzens und den Wunsch, ein gleiches in andern zu finden; durch jenes zeihen wir an, durch dieses geben wir uns hin. Das Sehnschtige, das in mir lag, das ich in frheren Jahren vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben krftig zu bekmpfen trachtete, wollte dem Mann nicht mehr ziemen, nicht mehr gengen, und er suchte deshalb die volle, endliche Befriedigung. Das Ziel meiner innigsten Sehnsucht, deren Qual mein ganzes Inneres erfllte, war Italien, dessen Bild und Gleichnis mir viele Jahre vergebens vorschwebte, bis ich endlich durch khnen Entschluss die wirkliche Gegenwart zu fassen mich erdreistete. In jenes herrliche Land sind mir meine Freunde gern auch in Gedanken gefolgt, sie haben mich auf Hin- und Herwegen begleitet; mchten sie nun auch nchstens den lngeren Aufenthalt daselbst mit Neigung teilen und von dort mich wieder zurck begleiten, da sich alsdann manches Problem fasslicher auflsen wird. In Italien fhlt' ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen entrissen, falschen Wnschen enthoben, und an die Stelle der Sehnsucht nach dem Land der Knste setzte sich die Sehnsucht nach der Kunst selbst: ich war sie gewahr geworden, nun wnscht' ich sie zu durchdringen. Das Studium der Kunst, wie das der alten Schriftsteller, gibt uns einen gewissen Halt, eine Befriedigung in uns selbst: indem sie unser Inneres mit groen Gegenstnden und Gesinnungen fllt, bemchtigt sie sich aller Wnsche, die nach auen strebten, hegt aber jedes wrdige Verlangen im stillen Busen; das Bedrfnis der Mitteilung wird immer geringer, und wie Malern, Bildhauern, Baumeistern, so geht es auch dem Liebhaber: er arbeitet einsam, fr Gensse, die er mit andern zu teilen kaum in den Fall kommt. Aber zu gleicher Zeit sollte mich noch eine Ableitung der Welt entfremden, und zwar die entschiedenste Wendung gegen die Natur, zu der ich aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt worden. Hier fand ich weder Meister noch Gesellen und musste selbst fr alles stehen. In der Einsamkeit der Wlder und Grten, in den Finsternissen der dunklen Kammer wr' ich ganz einzeln geblieben, htte mich nicht en glckliches, husliches Verhltnis in dieser wunderlichen Epoche lieblich zu erquicken gewusst. Die "Rmischen Elegien," die "Venezianischen Epigramme" fallen in diese Zeit. Nun aber sollte mir auch ein Vorgeschmack kriegerischer Unternehmungen werden: denn, der schlesischen, durch den Reichenbacher Kongress geschlichteten Kampagne beizuwohnen beordert, hatte ich mich in einem bedeutenden Land durch manche Erfahrung aufgeklrt und erhoben gesehen und zugleich durch anmutige Zerstreuung hin- und hergaukeln lassen, indessen das Unheil der franzsischen Staats-Umwlzung, sich immer weiter verbreitend, jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf die Oberflche der europischen Welt zurckforderte und ihm die grausamsten Wirklichkeiten aufdrang. Rief mich nun gar die Pflicht, meinen Frsten und Herrn erst in die bedenklichen, bald aber traurigen Ereignisse des Tags abermals hinein zu begleiten und das Unerfreuliche, das ich nur gemigt meinen Lesern mitzuteilen gewagt, mnnlich zu erdulden, so htte alles, was noch Zartes und Herzliches sich ins Innerste zurckgezogen hatte, auslschen und verschwinden mgen. Fasse man dies alles zusammen, so wird der Zustand, wie er nachstehend skizzenhaft verzeichnet ist, nicht ganz rtselhaft erscheinen; welches ich umso mehr wnschen muss, da ich ungern dem Trieb widerstehe, diese vor vielen Jahren flchtig verfassten Bltter nach gegenwrtiger Einsicht und berzeugung umzuschreiben. Pempelfort, November 1792. Es war schon finster, als ich in Dsseldorf landete und mich daher mit Laternen nach Pempelfort bringen lie, wo ich nach augenblicklicher berraschung die freundlichste Aufnahme fand; vielfaches Hin- und Hersprechen, wie ein solches wieder Sehen aufregt, nahm einen Teil der Nacht hinweg. Den nchsten Tag war ich durch Fragen, Antworten und Erzhlen bald eingewohnt: der unglckliche Feldzug gab leider genugsame Unterhaltung, niemand hatte sich den Ausgang so traurig gedacht. Aber auch aussprechen konnte niemand die tiefe Wirkung eines beinahe vierwchentlichen furchtbaren Schweigens, die sich immer steigernde Ungewissheit bei dem Mangel aller Nachrichten. Eben als wre das alliierte Heer von der Erde verschlungen worden, so wenig verlautete von demselben; jedermann, in eine grssliche Leere hineinblickend, war von Furcht und ngsten gepeinigt, und nun erwartete man mit Entsetzen die Kriegslufe schon wieder in den Niederlanden, man sah das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht. Von solchen Betrachtungen zerstreuten uns moralische und literarische Verhandlungen, wobei mein Realismus, zum Vorschein kommend, die Freunde nicht sonderlich erbaute. Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaen zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben Brdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bund dienend, durchaus abenteuerlich und mrchenhaft, verworren, Aussicht und Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eigenen Zustandes. Man verlangte eine Vorlesung, ich lie mich nicht viel bitten und rckte mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um zu bemerken, dass niemand davon erbaut sei. Ich lie daher meine wandernde Familie in irgendeinem Hafen und mein weiteres Manuskript auf sich selbst beruhen. Meine Freunde jedoch, die sich in so vernderte Gesinnung nicht gleich ergeben wollten, versuchten mancherlei, um frhere Gefhle durch ltere Arbeiten wieder hervorzurufen, und gaben mir "Iphigenie" zur abendlichen Vorlesung in die Hand; das wollte mir aber gar nicht munden, dem zarten Sinn fhlt' ich mich entfremdet; auch von andern vorgetragen, war mir ein solcher Anklang lstig. Indem aber das Stck gar blad zurckgelegt ward, schien es, als wenn man mich durch einen hheren Grad von Folter zu prfen gedenke. Man brachte "dipus auf Kolonos," dessen erhabene Heiligkeit meinem gegen Kunst, Natur und Welt gewendeten, durch eine schreckliche Kampagne verhrteten Sinn ganz unertrglich schien; nicht hundert Zeilen hielt ich aus. Da ergab man sich denn wohl in die Gesinnung des vernderten Freundes: fehlte es doch nicht an so mancherlei Anhaltepunkten des Gesprchs. Aus den frheren Zeiten deutscher Literatur ward manches einzelne erfreulich hervorgerufen, niemals aber drang die Unterhaltung in einen tieferen Zusammenhang, weil man Merkmale ungleicher Gesinnung vermeiden wollte. Soll ich irgendetwas Allgemeines hier einschalten, so war es schon seit zwanzig Jahren wirklich eine merkwrdige Zeit, wo bedeutende Existenzen zusammentrafen und Menschen von einer Seite sich aneinander schlossen, obgleich von der andern hchst verschieden: jeder brachte einen hohen Begriff von sich selbst zur Gesellschaft, und man lie sich eine wechselseitige Verehrung und Schonung gern gefallen. Das Talent befestigte seinen erworbenen Besitz einer allgemeinen Achtung, durch gesellige Verbindungen wusste man sich zu hegen und zu frdern, die errungenen Vorteile wurden nicht mehr durch einzelne, sondern durch die bereinstimmende Mehrheit erhalten. Dass hierbei eine Art Absichtlichkeit durchwalten musste, lag in der Sache; so gut wie andere Weltkinder verstanden sie, eine gewisse Kunst in ihre Verhltnisse zu legen: man verzieh sich die Eigenheiten, eine Empfindlichkeit heilt der andern die Wage, und die wechselseitigen Missverstndnisse blieben lange verborgen. Zwischen diesem allen hatte ich einen wunderlichen Stand: mein Talent gab mir einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft, aber meine heftige Leidenschaft fr das, was ich als wahr und naturgem erkannte, erlaubte sich manche gehssige Ungezogenheit gegen irgendein scheinbar falsches Streben; weswegen ich mich auch mit den Gliedern jenes Kreises zu Zeiten berwarf, ganz oder halb vershnte, immer aber im Dnkel des Rechthabens auf meinem Weg fortging. Dabei behielt ich etwas von der Ingenuitt des Voltaireschen Huronen noch im spteren Alter, so dass ich zugleich unertrglich und liebenswrdig sein konnte. Ein Feld jedoch, in welchem man sich mit mehr Freiheit und bereinstimmung erging, war die westliche, um nicht zu sagen franzsische Literatur. Jacobi, indem er seinen eigenen Weg wandelte, nahm doch Kenntnis von allem Bedeutenden, und die Nachbarschaft der Niederlande trug viel dazu bei, ihn nicht allein literarisch, sondern auch persnlich in jenen Kreis zu ziehen. Er war ein sehr wohlgestalteter Mann, von den vorteilhaftesten Gesichtszgen, von einem zwar gemessenen, aber doch hchst geflligen Betragen, bestimmt, in jedem gebildeten Kreis zu glnzen. Wundersam war jene Zeit, die man sich kaum wieder vergegenwrtigen knnte. Voltaire hatte wirklich die alten Bande der Menschheit aufgelst; daher entstand in guten Kpfen eine Zweifelsucht an dem, was man sonst fr wrdig gehalten hatte. Wenn der Philosoph von Ferney seine ganze Bemhung dahin richtete, den Einfluss der Geistlichkeit zu midnern und zu schwchen, und hauptschlich Europa im Auge behielt, so erstreckte de Pauw seinen Eroberungsgeist ber fernere Weltteile; er wollte weder Chinesen noch gyptern die Ehre gnnen, die ein vieljhriges Vorurteil auf sie gehuft hatte. Als Kanonikus von Xanten Nachbar von Dsseldorf, unterhielt er ein freundschaftliches Verhltnis mit Jacobi. Und wie mancher andere wre nicht hier zu nennen! Und so wollen wir doch noch Hemsterhuis einfhren, welcher, der Frstin Gallitzin ergeben, in dem benachbarten Mnster viel verweilte. Dieser ging nun von seiner Seite mit Geistesverwandten auf zartere Beruhigung, auf ideelle Befriedigung aus und neigte sich, mit platonischen Gesinnungen, der Religion zu. Bei diesen fragmentarischen Erinnerungen muss ich auch noch Diderots gedenken, des heftigen Dialektikers, der sich auch eine Zeitlang in Pempelfort als Gast sehr wohl gefiel und mit groer Freimtigkeit seine Paradoxen behauptete. Auch waren Rousseaus und Naturzustnde gerichtete Aussichten diesem Kreis nicht fremd, welcher nichts ausschloss, also auch mich nicht, ob er mich gleich eigentlich nur duldete. Denn wie die uere Literatur auf mich in jngeren Jahren gewirkt, ist an mehreren Orten schon angedeutet. Fremdes konnt' ich wohl in meinem Nutzen verwenden, aber nicht aufnehmen; deshalb ich mich denn ber das Fremde mit andern ebenso wenig zu verstndigen vermochte. Ebenso wunderlich sah es mit der Produktion aus: diese heilt immer gleichen Schritt mit meinem Lebensgang, und da dieser selbst fr meine nchsten Freunde meist ein Geheimnis blieb, so wusste man selten mit einem meiner neuen Produkte sich zu befreunden, weil man denn doch etwas hnliches zu dem schon Bekannten erwartete. War ich nun schon mit meinen sieben Brdern bel angekommen, weil sie Schwester Iphigenie nicht im mindesten glichen, so merkt' ich wohl, dass ich die Freunde durch meinen Gro-Cophta, der lngst gedruckt war, sogar verletzt hatte; es war die Rede nicht davon, und ich htete mich, sie darauf zu bringen. Indessen wird man mir gestehen, dass ein Autor, der in der Lage ist, seine neuesten Werke nicht vortragen oder darber reden zu drfen, sich so peinlich fhlen muss wie ein Komponist, der seine neusten Melodien zu wiederholen sich gehindert fhlte. Mit meinen Naturbetrachtungen wollte es mir kaum besser glcken: die ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschft nachhing, konnte niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten entsprang; sie hielten dieses lbliche Bestreben fr einen grillenhaften Irrtum, ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben. Sie glaubten sich hierzu um desto mehr berechtigt, als meine Denkweise sich an die ihrige nicht anschloss, vielmehr in den meisten Punkten gerade das Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isolierteren Menschen denken, als ich damals war und lange Zeit blieb. Der Hylozoismus, oder wie man es nennen will, dem ich anhing und dessen tiefen Grund ich in seiner Wrde und Heiligkeit unberhrt lie, machte mich unempfnglich, ja unleidsam gegen jene Denkweise, die eine tote, auf welche Art es auch sei, auf- und angeregte Materie als Glaubensbekenntnis aufstellte. Ich hatte mir aus Kants Naturwissenschaft nicht entgehen lassen, dass Anziehungs- und Zurckstoungskraft zum Wesen der Materie getrennt werden knne; daraus ging mir die Urpolaritt aller Wesen getrennt werden knne; daraus ging mir die Urpolaritt der Erscheinungen durchdringt und belebt. Schon bei dem frheren Besuch der Frstin Gallitzin mit Frstenberg und Hemsterhuis in Weimar hatte ich dergleichen vorgebracht, ward aber, als wie mit gotteslsterlichen Reden, beiseite und zur Ruhe gewiesen. Man kann es keinem Kreis verdenken, wenn er sich ins ich selbst abschliet, und das taten meine Freunde zu Pempelfort redlich. Von der schon ein Jahr gedruckten "Metamorphose der Pflanzen" hatten sie wenig Kenntnis genommen, und wenn ich meine morphologischen Gedanken, so gelufig sie mir auch waren, in bester Ordnung und, wie es mir schien, bis zur krftigsten berzeugung vortrug, so musste ich doch leider bemerken, dass die starre Vorstellungsart, nichts knne werden, als was schon sei, sich aller Geister bemchtigt habe. In Gefolg dessen musst' ich denn auch wieder hren, dass alles Lebendige aus dem Ei komme, worauf ich denn mit bitterem Scherz die alte Frage hervorhob: ob denn die Henne oder das Ei zuerst gewesen? Die Einschachtelungslehre schien so plausibel und, die Natur mit Bonnet zu kontemplieren, hchst erbaulich. Von meinen "Beitrgen zur Optik" hatte auch etwas verlautet, und ich lie mich nicht lange bitten, die Gesellschaft mit einigen Phnomenen und Versuchen zu unterhalten, wo mir denn ganz Neues vorzubringen nicht schwer fiel: denn alle Personen, so gebildet sie auch waren, hatten das gespaltene Licht eingelernt und wollten leider das lebendige, woran sie sich erfreuten, auf jene tote Hypothese zurckgefhrt wissen. Doch lie ich mir dergleichen eine Zeitlang gern gefallen, denn ich heilt niemals einen Vortrag, ohne dass ich dabei gewonnen htte; gewhnlich gingen mir unterm Sprechen neue Lichter auf, und ich erfand im Fluss der Rede am gewissesten. Freilich konnte ich auf diese Weise nur didaktisch und dogmatisch verfahren, eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war mir nicht verliehen. Oft aber trat auch eine bse Gewohnheit hervor, deren ich mich anklagen muss: da mir das Gesprch, wie es gewhnlich gefhrt wird, hchst langweilig war, indem nichts als beschrnkte, individuelle Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den unter Menschen gewhnlich entspringenden bornierten Streit durch gewaltsame Paradoxe aufzuregen und ans uerste zu fhren. Dadurch war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als einem Sinn verdrielich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, musst' ich das bse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch nicht gut haben wollten, so lieen sie es nicht durchgehen: als Ernst konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht grndlich, als Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen umgekehrten Heuchler und vershnten sich bald wieder mit mir. Doch kann ich nicht leugnen, dass ich durch diese bse Manier mir manche Person entfremdet, andere zu Feinden gemacht habe. Wie mit dem Zauberstbchen jedoch konnte ich sogleich alle bsen Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzhlen anfing. Auch dahin war ich unvorbereitet, unvorsichtig gegangen; Abenteuer fehlten keineswegs, das Land selbst, seine Anmut und Herrlichkeit hatte ich mir vllig eingeprgt, mir war Gestalt, Farbe, Haltung jener vom gnstigsten Himmel umschienen Landschaft noch unmittelbar gegenwrtig. Die schwachen Versuche eigenen Nachbildens hatten das Gedchtnis geschrft, ich konnte beschreiben, als wenn ich's vor mir she: von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war jedermann von den lebhaft vorbei gefhrten Bilderzgen zufrieden, manchmal entzckt. Wnschenswert wre nunmehr, dass man, um die Anmut des Pempelforter Aufenthalts vollkommen darzustellen, auch die rtlichkeit, worin dies alles vorging, klar vergegenwrtigen knnte. Ein freistehendes gerumiges Haus, in der Nachbarschaft von weitlufigen wohl gehaltenen Grten, im Sommer ein Paradies, auch im Winter hchst erfreulich. Jeder Sonnenblick war in reinlicher, freier Umgebung genossen; abends oder bei ungnstigem Wetter zog man sich gern in die schnen groen Zimmer zurck, die, behaglich, ohne Prunk ausgestattet, eine wrdige Szene jeder geistreichen Unterhaltung darboten. Ein groes Speisezimmer, zahlreicher Familie und nie fehlenden Gsten gerumig heiter und bequem, lud an eine lange Tafel, wo es nicht an wnschenswerten Speisen fehlte. Hier fand man sich zusammen, der Hauswirt immer munter und aufregend, die Schwestern wohlwollend und einsichtig, der Sohn ernst und hoffnungsvoll, die Tochter wohl gebildet, tchtig, treuherzig und liebenswrdig, an die leider schon vorbergegangene Mutter und an die frheren Tage erinnernd, die man vor zwanzig Jahren in Frankfurt mit ihr zugebracht hatte. Heinse, mit zur Familie gehrig, verstand, Scherze jeder Art zu erwidern, es gab Abende, wo man nicht aus dem Lachen kam. Die wenigen einsamen Stunden, die mir in diesem gastfreisten aller Huser brig blieben, wendete ich im Stillen an eine wunderliche Arbeit. Ich hatte whrend der Kampagne neben dem Tagebuch poetische Tagesbefehle, satirische Ordres du jour aufgezeichnet; nun wollte ich sie durchsehen und redigieren, allein ich bemerkte bald, dass ich, mit kurzsichtigem Dnkel, manches falsch gesehen und unrichtig beurteilt habe, und da man gegen nichts strenger ist als gegen erst abgelegte Irrtmer, es auch bedenklich schien, dergleichen Papiere irgendeinem Zufall auszusetzen, so vernichtete ich das ganze Heft in einem lebhaften Steinkohlenfeuer; worber ich mich nun insofern betrbe, als es mir jetzt viel wert zur Einsicht in den Gang der Vorflle und die Folge meiner Gedanken darber sein wrde. In dem nicht weit entfernten Dsseldorf wurden fleiige Besuche gemacht bei Freunden, die zu dem Pempelforter Zirkel gehrten; auf der Galerie war die gewhnliche Zusammenkunft. Dort lie sich eine entschiedene Neigung fr die italienische Schule spren, man zeigte sich hchst ungerecht gegen die niederlndische; freilich war der hohe Sinn der ersten anziehend, edle Gemter hinreiend. Einst hatten wir uns lange in dem Saal des Rubens und der vorzglichsten Niederlnder aufgehalten; als wir heraustraten, hing die Himmelfahrt von Guido gerade gegenber. Da rief einer begeistert aus: "Ist es einem nicht zumute, als wenn man aus einer Schenke in gute Gesellschaft kme!" An meinem Teil konnt' ich mir gefallen lassen, dass die Meister, die mich noch vor kurzem ber den Alpen entzckt, sich so herrlich zeigten und leidenschaftliche Bewunderung erweckten; doch sucht' ich mich auch mit den Niederlndern bekannt zu machen, deren Tugenden und Vorzge im hchsten Grade sich hier den Augen darstellten: ich fand mir Gewinn fr ganze Leben. Was mir aber noch mehr auffiel, war, dass ein gewisser Freiheitssinn, ein Streben nach Demokratie sich in die hohen Stnde verbreitet hatte; man schien nicht zu fhlen, was alles erst zu verlieren sei, um zu irgendeiner Art zweideutigen Gewinnes zu gelangen. Lafayettes und Mirabeaus Bste, von Houdon sehr natrlich und hnlich gebildet, sah ich hier gttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und brgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Mnner reden hren, handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die Sorge fr das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte. Die Not schien dringend: Emigrierte fllten Dsseldorf, selbst die Brder des Knigs kamen an. Man eilte, sie zu sehen; ich traf sie auf der Galerie und erinnerte mich dabei, wie sie durchnsst bei dem Auszug aus Glorieux gesehen worden. Herr von Grimm und Frau von Bueil erschienen gleichfalls. Bei berfllung der Stadt hatte sie ein Apotheker aufgenommen: das Naturalienkabinett diente zum Schlafzimmer, Affen, Papageien und andres Getier belauschten den Morgenschlaf der liebenswrdigsten Dame, Muscheln und Korallen hinderten die Toilette, sich gehrig auszubreiten. Und so war das Einquartierungsbel, das wir kaum erst nach Frankreich gebracht hatten, wieder zu uns herbergefhrt. Frau von Coudenhoven, eine schne, geistreiche Dame, sonst die Zierde des Mainzer Hofes, hatte sich auch hierher geflchtet. Herr und Frau von Dohm kamen von deutscher Seite heran, um von den Zustnden nhere Kenntnis zu nehmen. Frankfurt war noch von den Franzosen besetzt, die Kriegsbewegungen hatten sich zwischen die Lahn und das Taunusgebirge gezogen; bei tglich abwechselnden, bald sichern bald unsichern Nachrichten war das Gesprch lebhaft und geistreich; aber wegen streitenden Interesses und Meinungen gewhrte es nicht immer eine erfreuliche Unterhaltung. Ich konnte einer so problematischen, durchaus ungewissen, dem Zufall unterworfenen Sache keinen Ernst abgewinnen und war mit meinen paradoxen Spen mitunter aufheiternd, mitunter lstig. So erinnerte ich mich, dass an dem Abendtisch der Frankfurter Brger mit Ehren gedacht ward: sie sollten sich gegen Custine mnnlich und gut betragen haben; ihre Auffhrung und Gesinnung, hie es, steche gar sehr ab gegen die unerlaubte Weise, wie sich die Mainzer betragen und noch betrgen. Frau von Coudenhoven, in dem Enthusiasmus, der sie sehr gut kleidete, rief aus: sie gbe viel darum, eine Frankfurter Brgerin zu sein. Ich erwiderte: das sei etwas Leichtes; ich wisse ein Mittel, werde es aber als Geheimnis fr mich behalten. Da man nun heftig und ehftiger in mich drang, erklrt' ich zuletzt, die treffliche Dame drfe mich nur heiraten, wodurch sie augenblicklich zur Frankfurter Brgerin umgeschaffen werde. Allgemeines Gelchter! Und was kam nicht alles zur Sprache! Als einst von der unglcklichen Kampagne, besonders von der Kanonade bei Valmy die Rede war, versicherte Herr von Grimm, es sei von meinem wunderlichen Ritt ins Kanonenfeuer an des Knigs Tafel die Rede gewesen. Wahrscheinlich hatten die Offiziere, denen ich damals begegnete, davon gesprochen; das Resultat ging darauf hinaus, dass man sich darber nicht wundern msse, weil gar nicht zu berechnen sei, was man von einem seltsamen Menschen zu erwarten habe. Auch ein sehr geschickter, geistreicher Arzt nahm teil an unsern Halbsaturnalien, und ich dachte nicht in meinem bermut, dass ich seiner so bald bedrfen wrde. Er lachte daher zu meinem rger laut auf, als er mich im Bett fand, wo ein gewaltiges rheumatisches bel, das ich mir durch Verkltung zugezogen, mich beinahe unbeweglich festhielt. Er, ein Schler des Geheimrat Hofmann, dessen tchtige Wunderlichkeiten von Mainz und dem kurfrstlichen Hof aus bis weit hinunter den Rhein gewirkt, verfuhr sogleich mit Kampfer, welcher fast als Universalmedizin galt. Lschpapier, Kreide darauf gerieben, sodann mit Kampfer bestreut, ward uerlich, Kampfer gleichfalls, in kleinen Dosen, innerlich angewandt. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich war in einigen Tagen hergestellt. Die Langeweile jedoch des Leidens lie mich manche Betrachtung anstellen, die Schwche, die aus einem bettlgrigen Zustand gar leicht erfolgt, lie mich meine Lage bedenklich finden: das Fortschreiten der Franzosen in den Niederlanden war bedeutend und durch den Ruf vergrert, man sprach tglich und stndlich von neu angekommenen Ausgewanderten. Mein Aufenthalt im Pempelfort war schon lang genug, und ohne die herzlichste Gastfreiheit der Familie htte jeder glauben mssen, dort lstig zu sein. Auch hatte sich mein Bleiben nur zufllig verlngert: ich erwartete tglich und stndlich meine bhmische Chaise, die ich nicht gern zurcklassen wollte; sie war von Trier schon in Koblenz angekommen und sollte von dort bald weiter herab spediert werden; da sie jedoch ausblieb, vermehrte sich die Ungeduld, die mich in den letzten Tagen ergriffen hatte. Jacobi berlie mir einen bequemen, obgleich an Eisen ziemlich schweren Reisewagen. Alles zog, wie man hrte, nach Westfalen hinein, und die Brder des Knigs wollten dort ihren Sitz aufschlagen. Und so schied ich denn mit dem wunderlichsten Zwiespalt: die Neigung hielt mich in dem freundlichsten Kreis, der sich soeben auch hchst beunruhigt fhlte, und ich sollte die edelsten Menschen in Sorgen und Verwirrung hinter mir lassen, bei schrecklichem Weg und Wetter mich nun wieder in die wilde, wste Welt hinauswagen, von dem Strom mit fortgezogen der unaufhaltsam eilenden Flchtlinge, selbst mit Flchtlingsgefhl. Und doch hatte ich Aussicht unterwegs auf die angenehmste Einkehr, indem ich so nahe bei Mnster die Frstin Gallitzin nicht umgehen durfte. Duisburg, November. Und so fand ich mich denn abermals, nach Verlauf von vier Wochen, zwar viele Meilen weit entfernt von dem Schauplatz unseres ersten Unheils, doch wieder in derselben Gesellschaft, in demselben Gedrnge der Emigrierten, die nun, jenseits entschieden vertrieben, diesseits nach Deutschland strmten, ohne Hilfe und ohne Rat. Zu Mittag in dem Gasthof etwas spt angekommen, sa ich am Ende der langen Tafel; Wirt und Wirtin, die mir als einem Deutschen den Widerwillen gegen die Franzosen schon ausgesprochen hatten, entschuldigten, dass alle guten Pltze von diesen unwillkommenen Gsten besetzt seien. Hierbei wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz aller Erniedrigung, Elend und zu befrchtender Armut, noch immer dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde. Indem ich nun die Tafel hinaufsah, erblickt' ich ganz oben, quer vor, an der ersten Stelle einen alten, kleinen, wohlgestalteten Mann von ruhigem, beinahe nichtigem Betragen. Er musste vornehm sein, denn zwei Nebensitzende erwiesen ihm die grte Aufmerksamkeit, whlten die ersten und besten Bissen, ihm vorzulegen, und man htte beinahe sagen knnen, dass sie ihm solche zum Mund fhrten. Mir bleib nicht lange verborgen, dass er, vor Alter seiner Sinne kaum mchtig, als ein bedauernswrdiges Automat den schatten eines frheren wohlhabenden und ehrenvollen Lebens kmmerlich durch die Welt schleppe, indessen zwei Ergebene ihm den Traum des vorigen Zustandes wieder herbeizuspiegeln trachteten. Ich beschaute mir die brigen: das bedenklichste Schicksal war auf allen Stirnen zu lesen, Soldaten, Kommissre, Abenteurer vielleicht zu unterscheiden; alle waren still, denn jeder hatte sein eigene Not zu bertragen, sie sahen ein grenzenloses Elend vor sich. Etwa in der Hlfte des Mittagmahles kam noch ein hbscher junger Mann herein, ohne ausgezeichnete Gestalt oder irgendein Abzeichen; man konnte an ihm den Fuwanderer nicht verkennen. Er setzte sich still gegen mir ber, nachdem er den Wirt um ein Kuvert begrt hatte, und speiste, was man ihm nachholte und vorsetzte, mit ruhigem Betragen. Nach aufgehobener Tafel trat ich zum Wirt, der mir ins Ohr sagte: "Ihr Nachbar soll seine Zeche nicht teuer bezahlen!" Ich begriff nichts von diesen Worten, aber als der junge Mann sich nherte und fragte: was er schuldig sei? erwiderte der Wirt, nachdem er sich flchtig ber die Tafel umgeschaut, die Zeche sei ein Kopfstck. Der Fremde schien beteten und sagte, das sei wohl ein Irrtum, denn er habe nicht allein ein gutes Mittagsessen gehabt, sondern auch einen Schoppen Wein; das msse mehr betragen. Der Wirt antwortete darauf ganz ernsthaft, er pflege seine Rechnung selbst zu machen, und die Gste erlegten gerne, was er forderte. Nun zahlte der junge Mann, entfernte sich bescheiden und verwundert; sogleich aber lste mir der Wirt das Rtsel. "Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk," rief er aus, "der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute kommen." In Duisburg wusst' ich einen einzigen alten Bekannten, den ich aufzusuchen nicht versumte: Professor Plessing war es, mit dem sich vor vielen Jahren ein sentimental-romanhaftes Verhltnis anknpfte, wovon ich hier das Nhere mitteilen will, da unsere Abendunterhaltung dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt wurde. "Werther," bei seinem Erscheinen in Deutschland, hatte keineswegs, wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern nur das bel aufgedeckt, das in jungen Gemtern verborgen lag. Whrend eines langen und glcklichen Friedens hatte sich eine literarisch-sthetische Ausbildung auf deutschem Grund und Boden, innerhalb der Nationalsprache, auf das schnste entwickelt; doch gesellte sich bald, weil der Bezug nur aufs Innere ging, eine gewisse Sentimentalitt hinzu, bei deren Ursprung und Fortgang man den Einfluss von Yorik-Sterne nicht verkennen darf: wenn auch sein Geist nicht ber den Deutschen schwebte, so teilte sich sein Gefhl um desto lebhafter mit. Es entstand eine Art zrtlich-leidenschaftlicher Asketik, welche, da uns die humoristische Ironie des Briten nicht gegeben war, in eine leidige Selbstqulerei gewhnlich ausarten musste. Ich hatte mich persnlich von diesem bel zu befreien gesucht und trachtete nach meiner berzeugung andern hilfreich zu sein; das aber war schwerer, als man denken konnte: denn eigentlich kam es drauf an, einem jeden gegen sich selbst beizustehen, wo denn von aller Hilfe, wie sie uns die uere Welt anbietet, es sei Erkenntnis, Belehrung, Beschftigung, Begnstigung, die Rede gar nicht sein konnte. Hier mssen wir nun gar manche, damals mit einwirkende Ttigkeiten stillschweigend bergehen, aber zu unseren Zwecken macht sich ntig, eines andern groen, fr sich waltenden Bestrebens umstndlicher zu gedenken. Lavaters Physiognomik hatte dem sittlich-geselligen Interesse eine ganz andere Wendung verliehen. Er fhlte sich im Besitz der geistigsten Kraft, jene smtlichen Eindrcke zu deuten, welche des Menschen Gesicht und Gestalt auf einen jeden ausbt, ohne dass er sich davon Rechenschaft zu geben wsste; da er aber nicht geschaffen war, irgendeine Abstraktion methodisch zu suchen, so heilt er sich am einzelnen Fall und also am Individuum. Heinrich Lips, ein talentvoller junger Knstler, besonders geeignet zum Portrt, schloss sich fest an ihn, und sowohl zu Haus als auf der unternommenen Rheinreise kam er seinem Gnner nicht von der Seite. Nun lie Lavater, teils aus Heihunger nach grenzenloser Erfahrung, teils umso viel bedeutende Menschen als mglich an sein knftiges Werk zu gewhnen und zu knpfen, alle Personen abbilden, die nur einigermaen durch Stand und Talent, durch Charakter und Tat ausgezeichnet ihm begegneten. Dadurch kam denn freilich gar manches Individuum zur Evidenz, es ward etwas mehr wert, aufgenommen in einen so edlen Kreis; seine Eigenschaften wurden durch den deutsamen Meister hervorgehoben, man glaubte, sich einander nher zu kennen: und so ergab sich's aufs sonderbarste, dass mancher einzelne in seinem persnlichen Wert entschieden hervortrat, der sich bisher im brgerlichen Lebens- und Staatsgang ohne Bedeutung eingeordnet und eingeflochten gesehen. Diese Wirkung war strker und grer, als man sie denken mag: ein jeder fhlte sich berechtigt, von sich selbst, als von einem abgeschlossenen, abgerundeten Wesen, das Beste zu denken, und in seiner Einzelheit vollstndig gekrftigt, hielt es ich auch wohl fr befugt, Eigenheiten, Torheiten und Fehler in den Komplex seines werten Daseins mit aufzunehmen. Dergleichen erfolg konnte sich umso leichter entwickeln, als bei dem ganzen Verfahren die besondere individuelle Natur allein, ohne Rcksicht auf die allgemeine Vernunft, die doch alle Natur beherrschen soll, zur Sprache kam; dagegen war das religise Element, worin Lavater schwebte, nicht hinreichend, eine sich immer mehr entscheidende Selbstgeflligkeit zu mildern, ja es entstand bei Frommgesinnten daraus eher ein geistlicher Stolz, der es dem natrlichen an Erhebung auch wohl zuvortrat. Was aber zugleich nach jener Epoche folgerecht auffallend hervorging, war die Achtung der Individuen untereinander. Namhafte ltere Mnner wurden, wo nicht persnlich, doch im Bild verehrt; und es durfte auch wohl ein junger Mann sich nur einigermaen bedeutend hervortun, so war alsbald der Wunsch nach persnlicher Bekanntschaft rege, in deren Ermangelung man sich mit seinem Portrt begngte; wobei denn die mit Sorgfalt und gutem Geschick aufs genauste gezogenen Schattenriss willkommene Dienste leisteten. Jedermann war darin gebt, und kein Fremder zog vorber, den man nicht abends an die Wand geschrieben htte; die Storchschnbel durften nicht rasten. "Menschenkenntnis und Menschenliebe" waren uns bei diesem Verfahren versprochen; wechselseitige Teilnahme hatte sich entwickelt, wechselseitiges Kennen und Erkennen aber wollte sich so schnell nicht entfalten: zu beiden Zwecken jedoch war die Ttigkeit sehr gro, und was in diesem Sinn von einem herrlich begabten jungen Frsten, von seiner wohlgesinnten, geistreich-lebhaften Umgebung fr Aufmunterung und Frdernis nah und fern gewirkt ward, wre schon zu erzhlen, wenn es nicht lblich schiene, die Anfnge bedeutender Zustnde einem ehrwrdigen Dunkel anheim zu geben. Vielleicht sahen die Kotyledonen jener Saat etwas wunderlich aus; der Ernte jedoch, woran das Vaterland und die Auenwelt ihren Anteil freudig dahin nahm, wird in den sptesten Zeiten noch immer ein dankbares Andenken nicht ermangeln. Wer Vorgesagtes in Gedanken festhlt und sich davon durchdringt, wird nachstehendes Abenteuer, welches beide Teilnehmende unter dem Abendessen vergnglich in der Erinnerung belebten, weder unwahrscheinlich noch ungereimt finden. Zu manchem andern, brieflichen und persnlichen Zudrang erheilt ich in der Hlfte des Jahrs 1776, von Wernigerode datiert, Plessing unterzeichnet, ein Schreiben, vielmehr ein Heft, fast das Wunderbarste, was mir in jener selbstqulerischen Art vor Augen gekommen: man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und Universitt gebildeten Mann, dem nun aber sein smtlich Gelerntes zu eigener innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte. Eine gebte Handschrift war gut zu lesen, der Stil gewandt und flieend, und ob man gleich eine Bestimmung zum Kanzelredner darin entdeckte, so war doch alles frisch und brav aus dem Herzen geschrieben, dass man ihm einen gegenseitigen Anteil nicht versagen konnte. Wollte nun aber dieser Anteil lebhaft werden, suchte man sich die Zustnde des Leidenden nher zu entwickeln, so glaubte man statt des Duldens Eigensinn, statt des Ertragens Hartnckigkeit und statt eines sehnschtigen Verlangens abstoendes Wegweisen zu bemerken. Da ward mir denn, nach jenem Zeitsinn, der Wunsch lebhaft rege, diesen jungen Mann von Angesicht zu sehen; ihn aber zu mir zu bescheiden, hielt ich nicht fr rtlich. Ich hatte mir, unter bekannten Umstnden, schon eine Zahl von jungen Mnnern aufgebrdet, die, anstatt mit mir auf meinem Wege einer reineren, hheren Bildung entgegenzugehen, auf dem ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden und mich in meinen Fortschritten hinderten. Ich lie die Sache indessen hngen, von der Zeit irgendeine Vermittelung erwartend. Da erhielt ich einen zweiten, krzern, aber auch lebhafteren, heftigeren Brief, worin der Schreiber auf Antwort und Erklrung drang und, sie ihm nicht zu versagen, mich feierlichst beschwor. Aber auch dieser wiederholte Sturm brachte mich nicht aus der Fassung; die zweiten Bltter gingen mir so wenig als die ersten zu Herzen, aber die herrische Gewohnheit, jungen Mnnern meines Alters in Herzens- und Geistesnten beizustehen, lie mich sein doch nicht ganz vergessen. Die um einen trefflichen jungen Frsten versammelte weimarsche Gesellschaft trennte sich nicht leicht, ihre Beschftigungen und Unternehmungen, Scherze, Freuden und Leiden waren gemeinsam. Da ward nun zu Ende Novembers eine Jagdpartie auf wilde Schweine, notgedrungen auf das hufige Klagen des Landvolks, im Eisenachschen unternommen, der ich, als damaliger Gast, auch beizuwohnen hatte; ich erbat mir jedoch die Erlaubnis, nach einem kleinen Umweg mich anschlieen zu drfen. Nun hatte ich einen wundersamen geheimen Reiseplan. Ich musste nmlich, nicht nur etwa von Geschftsleuten, sondern auch von vielen am Ganzen teilnehmenden Weimarern fter den lebhaften Wunsch hren, es mge doch das Ilmenauer Bergwerk wieder aufgenommen werden. Nun ward von mir, der ich nur die allgemeinsten Begriffe vom Bergbau allenfalls besa, zwar weder Gutachten noch Meinung, doch Anteil verlangt, aber diesen konnt' ich an irgendeinem Gegenstand nur durch unmittelbares Anschauen gewinnen. Ich dachte mir unerlsslich, vor allen Dingen das Bergewesen in seinem ganzen Komplex, und wr' es auch nur flchtig, mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu fassen; denn alsdann nur konnt' ich hoffen, in das Positive weiter einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden. Deshalb hatt' ich mir lngst eine Reise auf den Harz gedacht. Und gerade jetzt, da ohnehin diese Jahrszeit in Jagdlust unter freiem Himmel zugebracht werden sollte, fhlte ich mich dahin getrieben. Alles Winterwesen hatte berdies in jener Zeit fr mich groe Reize, und was die Bergwerke betraf, so war ja in ihren Tiefen weder Winter noch Sommer merkbar; wobei ich zugleich gern bekenne, dass die Absicht, meinen wunderlichen Korrespondenten persnlich zu sehen und zu prfen, wohl die Hlfte des Gewichtes meinem Entschluss hinzufgte. Indem sich nun die Jagdlustigen nach einer andern Seite hin begaben, ritt ich ganz allein dem Ettersberge zu und begann jene Ode, die unter dem Titel "Harzreise im Winter" solange als Rtsel unter meinen kleineren Gedichten Platz gefunden. Im dstern und von Norden her sich heranwlzenden Schneegewlk schwebte hoch ein Geier ber mir. Die Nacht verblieb ich in Sondershausen und gelangte des andern Tags so bald nach Nordhausen, dass ich gleich nach Tisch weiter zu gehen beschloss, aber mit Boten und Laterne nach mancherlei Gefhrlichkeiten erst sehr spt in Ilfeld ankam. Ein ansehnlicher Gasthof war glnzend erleuchtet, es schien ein besonderes Fest darin gefeiert zu werden. Erst wollte der Wirt mich gar nicht aufnehmen: die Kommissarien der hchsten Hfe, hie es, seien schon lange hier beschftigt, wichtige Einrichtungen zu treffen und verschiedene Interessen zu vereinbaren, und da dies nun glcklich vollendet sei, gben sie heute Abend einen allgemeinen Schmaus. Auf dringende Vorstellung jedoch und einige Winke des Boten, dass man mit mir nicht bel fahre, erbot sich der Mann, mir den Bretterverschlag in der Wirtsstube, seinen eigentlichen Wohnsitz, und zugleich sein wei zu berziehendes Ehebett einzurumen. Er fhrte mich durch das weite, hell erleuchtete Wirtszimmer, da ich mir denn im Vorbeigehen die smtlichen munteren Gste flchtig beschaute. Doch sie smtlich zu meiner Unterhaltung nher zu betrachten, gab mir in den Brettern des Verschlags eine Astlcke die beste Gelegenheit, die, seine Gste zu belauschen, dem Wirte selbst oft dienen mochte. Ich sah die lange und wohl erleuchtete Tafel von unten hinauf, ich berschaute sie, wie man oft die Hochzeit von Kana gemalt sieht; nun musterte ich bequem von oben bis herab also: Vorsitzende, Rte, andere Teilnehmende und dann immer so weiter, Sekretarien, Schreiber und Gehilfen. Ein glcklich geendigtes beschwerliches Geschft schien eine Gleichheit aller ttig Teilnehmenden zu bewirken, man schwatzte mit Freiheit, trank Gesundheiten, wechselte Scherz und Scherz, wobei einige Gste bezeichnet schienen, Witz und Spa an ihnen zu ben; genug, es war ein frhliches, bedeutendes Mahl, das ich bei dem hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentmlichkeiten ruhig beobachten konnte, eben als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu beschauen und zu erkennen mich begnstigte. Und wie dies mir nach der dstersten Nachtreise in den Harz hinein ergtzlich gewesen, werden die Freunde solcher Abenteuer beurteilen. Manchmal schien es mir ganz gespensterhaft, als sh' ich in einer Berghhle wohlgemute Geister sich erlustigen. Nach einer wohl durchschlafenen Nacht eilte ich frhe, von einem Boten abermals geleitet, der Baumannshhle zu; ich durchkroch sie und betrachtete mir das fortwirkende Naturereignis ganz genau. Schwarze Marmormassen, aufgelst, zu weien kristallinischen Sulen und Flchen wieder hergestellt, deuteten mir auf das fortwebende Leben der Natur. Freilich verschwanden vor dem ruhigen Blick alle die Wunderbilder, die sich eine dster wirkende Einbildungskraft so gern aus formlosen Gestalten erschaffen mag; dafr blieb aber auch das eigne wahre desto reiner zurck, und ich fhlte mich dadurch gar schn bereichert. Wieder ans Tageslicht gelangt, schrieb ich die notwendigsten Bemerkungen, zugleich aber auch mit ganz frischem Sinn die ersten Strophen des Gedichtes, das unter dem Titel "Harzreise im Winter" die Aufmerksamkeit mancher Freunde bis auf die letzten Zeiten erregt hat; davon mgen denn die Strophen, welche sich auf den nun blad zu erblickenden wunderlichen Mann beziehen, hier Platz finden, weil sie mehr als viele Worte den damaligen liebevollen Zustand meines Innern auszusprechen geeignet sind. Aber abseits, wer ist's? Ins Gebsch verliert sich sein Pfad, Hinter ihm schlagen Die Struche zusammen, Das Gras steht wieder auf, Die de verschlingt ihn. Ach, wer heilt die Schmerzen Des, dem Balsam zu Gift ward? Der sich Menschenhass Aus der Flle der Liebe trank? Erst verachtet, nun ein Verchter, Zehrt er heimlich auf Seinen eignen Wert In ungengender Selbstsucht. Ist auf deinem Psalter, Vater der Liebe, ein Ton Seinem Ohre vernehmlich, So erquicke sein Herz! ffne den umwlkten Blick ber die tausend Quellen Neben dem Drstenden In der Wste! Im Gasthof zu Wernigerode angekommen, lie ich mich mit dem Kellner in ein Gesprch ein; ich fand ihn als einen sinnigen Menschen, der seine stdtischen Mitgenossen ziemlich zu kennen schien. Ich sagt' ihm darauf, es sei meine Art, wenn ich an einem fremden Ort ohne besondere Empfehlung anlangte, mich nach jngern Personen zu erkundigen, die sich durch Wissenschaft und Gelehrsamkeit auszeichneten; er mge mir daher jemanden der Art nennen, damit ich einen angenehmen Abend zubrchte. Darauf erwiderte ohne weiteres Bedenken der Kellner: es werde mir gewiss mit der Gesellschaft des Herrn Plessing gedient sein, dem Sohn des Superintendenten; als Knabe sei er schon in Schulen ausgezeichnet worden und habe noch immer den Ruf eines fleiigen guten Kopfs, nur wolle man seine finstere Lauen tadeln und nicht gut finden, dass er mit unfreundlichem Betragen sich aus der Gesellschaft ausschliee. Gegen Fremde sei er zuvorkommend, wie Beispiele bekannt wren; wollte ich angemeldet sein, so knne es sogleich geschehen. Der Kellner brachte mir bald eine bejahende Antwort und fhrte mich hin. Es war schon Abend geworden, als ich in ein groes Zimmer des Erdgeschosses, wie man es in geistlichen Husern antrifft, hineintrat und den jungen Mann in der Dmmerung noch ziemlich deutlich erblickte. Allein an einigen Symptomen konnt' ich bemerken, dass die Eltern eilig das Zimmer verlassen hatten, um dem unvermuteten Gast Platz zu machen. Das hereingebrachte Licht lie mich den jungen Mann nunmehr ganz deutlich erkennen: er glich seinem Brief vllig, und so wie jenes Schreiben erregte er Interesse, ohne Anziehungskraft auszuben. Um ein nheres Gesprch einzuleiten, erklrt' ich mich fr einen Zeichenknstler von Gotha, der wegen Familienangelegenheiten in dieser unfreundlichen Jahrszeit Schwester und Schwager in Braunschweig zu besuchen habe. Mit Lebhaftigkeit fiel er mir beinahe ins Wort und rief aus: "Da Sie so nahe an Weimar wohnen, so werden Sie doch auch diesen Ort, der sich so berhmt macht, fters besucht haben!" Dieses bejaht' ich ganz einfach und fing an, von Rat Kraus, von der Zeichenschule, von Legationsrat Bertuch und dessen unermdeter Ttigkeit zu sprechen; ich verga weder Musus noch Jagemann, Kapellmeister Wolf und einige Frauen und bezeichnete den Kreis, den diese wackern Personen abschlossen und jeden Fremden willig und freundlich unter sich aufnahmen. Endlich fuhr er etwas ungeduldig heraus: "Warum nennen Sie denn Goethe nicht?" Ich erwiderte, dass ich diesen auch wohl in gedachtem Kreis als willkommenen Gast gesehen und von ihm selbst persnlich als fremder Knstler wohl aufgenommen und gefrdert worden, ohne dass ich weiter viel von ihm zu sagen wisse, da er teils allein, teils in andern Verhltnissen lebe. Der junge Mann, der mit unruhiger Aufmerksamkeit zugehrt hatte, verlangte nunmehr, mit einigem Ungestm, ich solle ihm das seltsame Individuum schildern, das so viel von sich reden mache. Ich trug ihm darauf mit groer Ingenuitt eine Schilderung vor, die fr mich nicht schwer wurde, da die seltsame Person in der seltsamsten Lage mir gegenwrtig stand, und wre ihm von der Natur nur etwas mehr Herzenssagazitt gegnnt gewesen, so konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass der vor ihm stehende Gast sich selbst schildere. Er war einige Mal im Zimmer auf und ab gegangen, indes die Magd herein trat, eine Flasche Wein und sehr reinlich bereitetes kaltes Abendbrot auf den Tisch setzte; er schenkte beiden ein, stie an und schluckte das Glas sehr lebhaft hinunter. Und kaum hatte ich mit etwas gemigteren Zgen das meinige geleert, ergriff er heftig meinen Arm und rief: "O verzeihen Sie meinem wunderlichen Betragen! Sie haben mir aber so viel Vertrauen eingeflt, dass ich Ihnen alles entdecken muss. Dieser Mann, wie Sie mir ihn beschreiben, htte mir doch antworten sollen! Ich habe ihm einen ausfhrlichen, herzlichen Brief geschickt, ihm meine Zustnde, meine Leiden geschildert, ihn gebeten, sich meiner anzunehmen, mir zu raten, mir zu helfen, und nun sind schon Monate verstrichen, ich vernehme nichts von ihm; wenigstens htte ich ein ablehnendes Wort auf ein so unbegrenztes Vertrauen wohl verdient." Ich erwiderte darauf, dass ich ein solches Benehmen weder erklren noch entschuldigen knne; so viel wisse ich aber aus eigener Erfahrung, dass ein gewaltiger, sowohl ideeller als reeller Zudrang diesen sonst wohlgesinnten, wohlwollenden und hilfsbereiten jungen Mann oft auerstand setze, sich zu bewegen, geschweige zu wirken. "Sind wir zufllig so weit gekommen," sprach er darauf mit einiger Fassung, "den Brief muss ich Ihnen vorlesen, und Sie sollen urteilen, ob er nicht irgendeine Antwort, irgendeine Erwiderung verdiente." Ich ging im Zimmer auf und ab, die Vorlesung zu erwarten, ihrer Wirkung schon beinahe ganz gewiss, deshalb nicht weiter nachdenkend, um mir selbst in einem so zarten Fall nicht vorzugreifen. Nun sa er gegen mir ber und fing an, die Bltter zu lesen, die ich in- und auswendig kannte, und vielleicht war ich niemals mehr von der Behauptung der Physiognomisten berzeugt, ein lebendiges Wesen sei in allem seinem Handeln und Betragen vollkommen bereinstimmend mit sich selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas erzeige sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentmlichkeiten. Der Lesende passte vllig zu dem Gelesenen, und wie dieses frher in der Abwesenheit mich nicht ansprach, so war es nun auch mit der Gegenwart. Man konnte zwar dem jungen Mann eine Achtung nicht versagen, eine Teilnahme, die mich denn auch auf einen so wunderlichen Weg gefhrt hatte: denn ein ernstliches Wollen sprach sich aus, ein edler Sinn und Zweck; aber obschon von den zrtlichsten Gefhlen die Rede war, blieb der Vortrag ohne Anmut, und eine ganz eigens beschrnkte Selbstigkeit tat sich krftig hervor. Als er nun geendet hatte, fragte er mit Hast, was ich dazu sage? Und ob ein solches Schreiben nicht eine Antwort verdient, ja gefordert htte? Indessen war mir der bedauernswrdige Zustand dieses jungen Mannes immer deutlicher geworden: er hatte nmlich von der Auenwelt niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektre mannigfaltig ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschftigung mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, vllig abzugehen schien. Da ich an mir und andern schon glcklich erprobt hatte, dass in solchem Falle ein rasche glubige Wendung gegen die Natur und ihre grenzenlose Mannigfaltigkeit das beste Heilmittel sei, so wagt' ich alsobald den Versuch, es auch in diesem Fall anzuwenden und ihm daher nach einigem Bedenken folgendermaen zu antworten: "Ich glaube zu begreifen, warum der junge Mann, auf den Sie so viel Vertrauen gesetzt, gegen Sie stumm geblieben: denn seine jetzige Denkweise weicht zu sehr von der Ihrigen ab, als dass er hoffen drfte, sich mit Ihnen zu verstndigen zu knnen. Ich habe selbst einigen Unterhaltungen in jenem Kreis beigewohnt und behaupten hren: man werde sich aus einem schmerzlichen, selbstqulerischen, dsteren Seelenzustand nur durch Naturbeschauung und herzliche Teilnahme an der ueren Welt retten und befreien. Schon die allgemeinste Bekanntschaft mit der Natur, gleichviel von welcher Seite, ein ttiges Eingreifen, sei es als Grtner oder Landbewohner, als Jger oder Bergmann, ziehe uns von uns selbst ab; die Richtung geistiger Krfte auf wirkliche, wahrhafte Erscheinungen gebe nach und nach das grte Behagen, Klarheit und Belehrung; wie denn der Knstler, der sich treu an der Natur halte und zugleich sein Inneres auszubilden suche, gewiss am besten fahren werde." Der junge Freund schien darber sehr unruhig und ungeduldig, wie man ber eine fremde oder verworrene Sprache, deren Sinn wir nicht vernehmen, rgerlich zu werden anfngt. Ich darauf, ohne sonderliche Hoffnung eines glcklichen Erfolges, eigentlich aber um nicht zu verstummen, fuhr zu reden fort. "Mir, als Landschaftsmaler," sagte ich, "musste dies zu allererst einleuchten, da ja meine Kunst unmittelbar auf die Natur gewiesen ist; doch habe ich seit jener Zeit emsiger und eifriger als bisher nicht etwa nur ausgezeichnete und auffallende Naturbilder und Erscheinungen betrachtet, sondern mich zu allem und jedem liebevoll hingewendet." Damit ich mich nun aber nicht ins Allgemeine verlre, erzhlte ich, wie mir sogar diese notgedrungene Winterreise, anstatt beschwerlich zu sein, dauernden Genuss gewhrt; ich schilderte ihm, mit malerischer Poesie und doch so unmittelbar und natrlich, als ich nur konnte, den Vorschritt meiner Reise, jenen morgendlichen Schneehimmel ber den Bergen, die mannigfaltigsten Tageserscheinungen, dann bot ich seiner Einbildungskraft die wunderlichen Turm- und Mauerbefestigungen von Nordhausen, gesehen bei hereinbrechender Abenddmmerung, ferner die nchtlich rauschenden, von des Boten Laterne zwischen Bergschluchten flchtig erleuchtet blinkenden Gewsser und gelangte sodann zur Baumannshhle. Hier aber unterbrach er mich lebhaft und versicherte, der kurze Weg, den er daran gewendet, gereue ihn ganz eigentlich; sie habe keineswegs dem Bild sich gleichgestellt, das er in seiner Phantasie entworfen. Nach dem Vorhergegangenen konnten mich solche krankhafte Symptome nicht verdrieen: denn wie oft hatte ich erfahren mssen, dass der Mensch den Wert einer klaren Wirklichkeit gegen ein trbes Phantom seiner dstern Einbildungskraft von sich ablehnt. Ebenso wenig war ich verwundert, als er auf meine Frage: wie er sich denn die Hhle vorgestellt habe? Eine Beschreibung machte, wie kaum der khnste Theatermaler den Vorhof des Plutonischen Reiches darzustellen gewagt htte. Ich versuchte hierauf noch einige propdeutische Wendungen, als Versuchsmittel einer zu unternehmenden Kur; ich ward aber mit der Versicherung, es knne und solle ihm nichts in dieser Welt gengen, so entschieden abgewiesen, dass mein Innerstes sich zuschloss und ich mein Gewissen durch den beschwerlichen Weg, im Bewusstsein des besten Willens, vllig befreit und mich gegen ihn von jeder weiteren Pflicht entbunden glaubte. Es war schon spt geworden, als er mir den zweiten, noch heftigern, mir gleichfalls nicht unbekannten brieflichen Erlass vorlesen wolle, doch aber meine Entschuldigung wegen allzu groer Mdigkeit gelten lie, indem er zugleich eine Einladung auf morgen zu Tisch im Namen der Seinigen dringend hinzufgte; wogegen ich mir die Erklrung auf morgen ganz in der Frhe vorbehielt. Und so schieden wir friedlich und schicklich. Seine Persnlichkeit lie einen ganz individuellen Eindruck zurck. Er war von mittlerer Gre, seine Gesichtszge hatten nichts Anlockendes, aber auch nichts eigentlich Abstoendes, sein dsteres Wesen erschien nicht unhflich, er konnte vielmehr fr einen wohlerzogenen jungen Mann gelten, der sich in der Stille auf Schulen und Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hatte. Heraustretend fand ich den vllig aufgehellten Himmel von Sternen blinken, Straen und Pltze mit Schnee berdeckt, blieb auf einem schmalen Steg ruhig stehen und beschaute mir die winternchtliche Welt. Zugleich berdacht' ich das Abenteuer und fhlte mich fest entschlossen, den jungen Mann nicht wieder zu sehen: infolge dessen bestellt' ich mein Pferd auf Tagesanbruch, bergab ein anonymes, entschuldigendes Bleistiftblttchen dem Kellner, dem ich zugleich so viel Gutes und Wahres von dem jungen Mann, den er mir bekannt gemacht, zu sagen wusste; welches denn der gewandte Bursche mit eigner Zufriedenheit gewiss wohl benutzt haben mag. Nun ritt ich an dem Nordosthang des Harzes, im grimmigen, mich zur Seite bestrmenden Stberwetter, nachdem ich vorher den Rammelsberg, Messinghtten und die sonstigen Anstalten der Art beschaut und ihre Weise mir eingeprgt hatte, nach Goslar, wovon ich diesmal nicht weiter erzhle, da ich mich knftig mit meinen Lesern darber umstndlich zu unterhalten hoffe. Ich wsste nicht, wie viel Zeit vorbergegangen, ohne dass ich etwas weiter von dem jungen Mann gehrt htte, als unerwartet an einem Morgen mir ein Billett ins Gartenhaus bei Weimar zukam, wodurch er sich anmeldete; ich schrieb ihm einige Worte dagegen, er werde mir willkommen sein. Ich erwartete nun einen seltsamen Erkennungsauftritt, allein er blieb, herein tretend, ganz ruhig und sprach: "Ich bin nicht berrascht, Sie hier zu finden; die Handschrift Ihres Billetts rief mir so deutlich jene Zge wieder ins Gedchtnis, die Sie, aus Wernigerode scheidend, mir hinterlieen, dass ich keinen Augenblick zweifelte, jenen geheimnisvollen Reisenden abermals hier zu finden." Schon dieser Eingang war erfreulich, und es erffnete sich ein trauliches Gesprch, worin er mir seine Lage zu entwickeln trachtete und ich ihm dagegen meine Meinung nicht vorenthielt. Inwiefern sich seine inneren Zustnde wirklich gebessert hatten, wsst' ich nicht mehr anzugeben, es musste aber damit nicht so gar schlimm aussehen, denn wir schieden nach mehreren Gesprchen friedlich und freundlich; nur dass ich sein heftiges Begehren nach leidenschaftlicher Freundschaft und innigster Verbindung nicht erwidern konnte. Noch eine Zeitlang unterhielten wir ein briefliches Verhltnis; ich kam in den Fall, ihm einige reelle Dienste zu leisten, deren er sich denn auch bei gegenwrtiger Zusammenkunft dankbar erinnerte, sowie denn berhaupt das Zurckschauen in jene frheren Tage beiden Teilen einige angenehme Stunden gewhrte. Er, nach wie vor immer nur mit sich selbst beschftigt, hatte viel zu erzhlen und mitzuteilen. Ihm war geglckt, im Lauf der Jahre sich den Rang eines geachteten Schriftstellers zu erwerben, indem er die Geschichte lterer Philosophie ernstlich behandelte, besonders derjenigen, die sich zum Geheimnis neigt, woraus er denn die Anfnge und Urzustnde der Menschen abzuleiten trachtete. Seine Bcher, die er mir, wie sie herauskamen, zusendete, hatte ich freilich nicht gelesen; jene Bemhungen lagen zu weit von demjenigen ab, was mich interessierte. Seine gegenwrtigen Zustnde fand ich auch keineswegs behaglich: er hatte Sprach- und Geschichtskenntnisse, die er so lange versumt und abgelehnt, endlich mit wtender Anstrengung erstrmt und durch dieses geistige Unma sein Physisches zerrttet. Zudem schienen seine konomischen Umstnde nicht die besten, wenigstens erlaubte sein miges Einkommen ihm nicht, sich sonderlich zu pflegen und zu schonen; auch hatte sich das dstere jugendliche Treiben nicht ganz ausgleichen knnen: noch immer schien er einem Unerreichbaren nachzustreben, und als die Erinnerung frherer Verhltnisse endlich erschpft war, so wollte keine eigentlich frohe Mitteilung stattfinden. Meine gegenwrtige Art, zu sein, konnte fast noch entfernter von der seinigen als jemals angesehen werden. Wir schieden jedoch in dem besten Vernehmen, aber auch ihn verlie ich in Furcht und Sorge wegen der drangvollen Zeit. Den verdienten Merrem besuchte ich gleichfalls, dessen schne naturhistorische Kenntnisse alsbald eine frohere Unterhaltung gewhrten. Er zeigte mir manches Bedeutende vor, schenkte mir sein Werk ber die Schlangen, und so ward ich aufmerksam auf seinen weitern Lebensgang, woraus mir mancher Nutzen erwuchs; denn das ist der hchst erfreuliche Vorteil von Reisen, dass einmal erkannte Persnlichkeiten und Lokalitten unsern Anteil zeitlebens nicht loslassen. Mnster, November 1792. Der Frstin angemeldet, hoffte ich gleich den behaglichsten Zustand, allein ich sollte noch vorher eine zeitgeme Prfung erdulden: denn, auf der Fahrt von mancherlei Hindernissen aufgehalten, gelangte ich erst tief in der Nacht zur Stadt. Ich heilt nicht fr schicklich, durch einen solchen berfall gleich beim Eintritt die Gastfreundschaft in diesem Grad zu prfen; ich fuhr daher an einen Gasthof, wo mir aber Zimmer und Bett durchaus versagt wurde: die Emigrierten hatten sich in Masse auch hierher geworfen und jeden Winkel gefllt. Unter diesen Umstnden bedachte ich mich nicht lange und brachte die Stunden auf einem Stuhl in der Wirtsstube hin, immer noch bequemer als vor kurzem, da beim dichtesten Regenwetter von Dach und Fach nichts zu finden war. Auf diese geringe Entbehrung erfuhr ich den andern Morgen das Allerbeste. Die Frstin ging mir entgegen, ich fand in ihrem Haus zu meiner Aufnahme alles vorbereitet. Das Verhltnis von meiner Seite war rein, ich kannte die Glieder des Zirkels frher genugsam, ich wusste, dass ich in einen frommen sittlichen Kreis herein trat, und betrug mich darnach. Von jener Seite benahm man sich gesellig, klug und nicht beschrnkend. Die Frstin hatte uns vor Jahren in Weimar besucht, mit von Frstenberg und Hemsterhuis; auch ihre Kinder waren von der Gesellschaft. Damals verglich man sich schon ber gewisse Punkte und schied, einiges zugeben, anderes duldend, im besten Vernehmen. Sie war eines der Individuen, von denen man sich gar keinen Begriff machen kann, wenn man sie nicht gesehen hat, die man nicht richtig beurteilt, wenn man eben diese Individualitt nicht in Verbindung sowie im Konflikt mit ihrer Zeitumgebung betrachtet. Von Frstenberg und Hemsterhuis, zwei vorzgliche Mnner, begleiteten sie treulich, und in einer solchen Gesellschaft war das Gute sowie das Schne immerfort wirksam und unterhaltend. Letzterer war indessen gestorben, jener, nunmehr umso viel Jahre lter, immer derselbe verstndige, edle, ruhige Mann; und welche sonderbare Stellung in der Mitwelt! Geistlicher, Staatsmann, so nahe, den Frstenthron zu besteigen. Die ersten Unterhaltungen, nachdem das persnliche Andenken frherer Zeit sich ausgesprochen hatte, wandten sich auf Hamann, dessen Grab, in der Ecke des entlaubten Gartens, mir bald in die Augen schien. Seine groen, unvergleichlichen Eigenschaften gaben zu herrlichen Betrachtungen Anlass, seine letzten Tage jedoch bleiben ungesprochen: der Mann, der diesem endlich erwhlten Kreis so bedeutend und erfreulich gewesen, ward im Tod den Freunden einigermaen unbequem; man machte sich ber sein Begrbnis entscheiden, wie man wollte, so war es auer der Regel. Den Zustand der Frstin, nahe gesehen, konnte man nicht anders als liebevoll betrachten: sie kam frh zum Gefhl, dass die Welt uns nichts gebe, dass man sich in sich selbst zurckziehen, dass man in einem innern, beschrnkten Kreis um Zeit und Ewigkeit besorgt sein msse. Beides hatte sie erfasst; das hchste Zeitliche fand sie im Natrlichen, und hier erinnere man sich Rousseauscher Maximen ber brgerliches Leben und Kinderzucht. Zum einfltigen Wahren wollte man in allem zurckkehren, Schnrbrust und Absatz verschwanden, der Puder zerstob, die Haare fielen in natrlichen Locken. Ihre Kinder lernten schwimmen und rennen, vielleicht auch balgen und ringen. Diesmal htte ich die Tochter kaum wieder gekannt. Sie war gewachsen und stmmiger geworden, ich fand sie verstndig, liebenswert, haushlterisch, dem halb klsterlichen Leben sich fgend und widmend. So war es mit dem zeitlich Gegenwrtigen; das ewige Knftige hatten sie in einer Religion gefunden, die das, was andere lehrend hoffen lassen, heilig beteuernd zusagt und verspricht. Aber als die schnste Vermittlung zwischen beiden Welten entsprosste Wohlttigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Aszetik: das Leben fllte sich aus mit Religionsbung und wohl tun; Migkeit und Gengsamkeit sprach sich aus in der ganzen huslichen Umgebung; jedes tgliche Bedrfnis ward reichlich und einfach befriedigt, die Wohnung selbst aber, Hausrat und alles, dessen man sonst bentigt ist, erschien weder elegant noch kostbar; es sah eben aus, als wenn man anstndig zur Miete wohne. Eben dies galt von Frstenbergs huslicher Umgebung: er bewohnte einen Palast, aber einen fremden, den er seinen Kindern nicht hinterlassen sollte. Und so bewies er sich in allem sehr einfach, mig, gengsam, auf innerer Wrde beruhend, alles uere verschmhend, so wie die Frstin auch. Innerhalb dieses Elementes bewegte sich die geistreichste, herzlichste Unterhaltung, ernsthaft, durch Philosophie vermittelt, heiter durch Kunst, und wenn man bei jener selten von gleichen Prinzipien ausgeht, so freut man sich, bei dieser meist bereinstimmung zu finden. Hemsterhuis, Niederlnder, fein gesinnt, zu den Alten von Jugend auf gebildet, hatte sein Leben der Frstin gewidmet, sowie seine Schriften, die durchaus von wechselseitigem Vertrauen und gleichem Bildungsgang das unverwstlichste Zeugnis ablegen. Mit eigener scharfsinniger Zartheit wurde dieser schtzenswerte Mann dem Geistig-Sittlichen sowie dem Sinnlich-sthetischen unermdet nachzustreben geleitet. Muss man von jenem sich durchdringen, so soll man von diesem immer umgeben sein; daher ist fr einen Privatmann, der sich nicht in groen Rumen ergehen und selbst auf Reisen einen gewohnten Kunstgenuss nicht entbehren kann, eine Sammlung geschnittener Steine hchst wnschenswert: ihn begleitet berall das Erfreulichste, ein belehrendes Kostbares ohne Belstigung, und er geniet ununterbrochen des edelsten Besitzes. Um aber dergleichen zu erlangen, ist nicht genug, dass man wolle; zum Vollbringen gehrt, auer dem Vermgen, vor allen Dingen Gelegenheit. Unser Freund entbehrte dieser nicht: auf der Scheide von Holland und England wohnend, die fortdauernde Handelsbewegung, die darin auch hin und her wogenden Kunstschtze beobachtend, gelangte er nach und nach durch Kauf- und Tauschversuche zu einer schnen Sammlung von etwa siebzig Stcken, wobei ihm Rat und Belehrung des trefflichen Steinschneiders Natter fr die sicherste Beihilfe galt. Diese Sammlung hatte die Frstin zum grten Teil entstehen sehen, Einsicht, Geschmack und Liebe daran gewonnen und besa sie nun als Nachlass eines abgeschiedenen Freundes, der in diesen Schtzen immer als gegenwrtig erschien. Hemsterhuis' Philosophie, die Fundamente derselben, seinen Ideengang konnt' ich mir nicht anders zu eigen machen, als wenn ich sie in meine Sprach bersetzte. Das Schne und das an demselben Erfreuliche sei, so sprach er sich aus, wenn wir die grte Menge von Vorstellungen in einem Moment bequem erblicken und fassen; ich aber musste sagen: das Schne sei, wenn wir das gesetzmig Lebendige in seiner grten Ttigkeit und Vollkommenheit schauen, wodurch wir, zur Reproduktion gereizt, uns gleichfalls lebendig und in hchste Ttigkeit versetzt fhlen. Genau betrachtet, ist eins und eben dasselbe gesagt, nur von verschiedenen Menschen ausgesprochen, und ich enthalte mich, mehr zu sagen; denn das Schne ist nicht sowohl leistend als versprechend, dagegen das Hssliche, aus einer Stockung entstehend, selbst stocken macht und nichts hoffen, begehren und erwarten lsst. Ich glaubte mir auch den "Brief ber die Skulptur" hiernach meinem Sinn gem zu deuten; ferner schien mir das Bchlein "ber das Begehren" auf diesem Weg klar: denn wenn das heftig verlangte Schne in unsern Besitz kommt, so hlt es nicht immer im einzelnen, was es im ganzen versprach, und so ist es offenbar, dass dasjenige, was uns als Ganzes aufregte, im einzelnen nicht durchaus befriedigen wird. Diese Betrachtungen waren umso bedeutender, als die Frstin ihren Freund heftig nach Kunstwerken verlangen, aber im Besitz erkalten gesehen, was er so scharfsinnig und liebenswrdig in obgemeldetem Bchlein ausgefhrt hatte. Dabei hat man freilich den Unterschied zu bedenken, ob der Gegenstand des fr ihn empfundenen Enthusiasmus wrdig sei: ist er es, so muss Freude und Bewunderung immer daran wachsen, sich stets erneuen; ist er es nicht ganz, so geht das Thermometer um einige Grade zurck, und man gewinnt an Einsicht, was man an Vorurteil verlor. Deshalb es wohl ganz richtig ist, dass man Kunstwerke kaufen msse, um sie kennen zu lernen, damit das Verlangen aufgehoben und der wahre Wert festgestellt werde. Indessen muss auch hier Sehnsucht und Befriedigung in einem pulsierenden Leben miteinander abwechseln, sich gegenseitig ergreifen und loslassen, damit der einmal Betrogene nicht aufhre, zu begehren. Wie empfnglich die Soziett, in der ich mich befand, fr solche Gesprche sein mochte, wird derjenige am besten beurteilen, der von Hemsterhuis' Werken Kenntnis genommen hat, welche, in diesem Kreis entsprungen, ihm auch Leben und Nahrung verdankten. Zu den geschnittenen Steinen aber wieder zurckzukehren, war mehrmals hchst erfreulich, und man musste dies gewiss als einen der sonderbarsten Flle ansehen, dass gerade die Blte des Heidentums in einem christlichen haus verwahrt und hochgeschtzt werden sollte. Ich versumte nicht, die allerliebsten Motive hervorzuheben, die aus diesen wrdigen, kleinen Gebilden dem Auge entgegen sprangen. Auch hier durfte man sich nicht verleugnen, dass Nachahmung groer, wrdiger, lterer Werke, die fr uns ewig verloren wren, in diesen engen Rumen juwelenhaft aufgehoben worden; und es fehlte fast an keiner Art. Der tchtigste Herkules, mit Efeu bekrnzt, durfte seinen kolossalen Ursprung nicht verleugnen; ein ernstes Medusenhaupt, ein Bacchus, der ehemals im Medicischen Kabinett verwahrt worden, allerliebste Opfer und Bacchanalien und zu allem diesen die schtzbarsten Portrte von bekannten und unbekannten Personen mussten bei wiederholter Betrachtung bewundert werden. Aus solchen Gesprchen, die ungeachtet ihrer Hhe und Tiefe nicht Gefahr liefen, sich ins Abstruse zu verlieren. Schien eine Vereinigung hervorzugehen, indem jede Verehrung eines wrdigen Gegenstandes immer von einem religisen Gefhl begleitet ist. Doch konnte man sich nicht verbergen, dass die reinste christliche Religion mit der wahren bildenden Kunst immer sich zwiespltig befinde, weil jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebt, diese nun aber das sinnliche Element als ihren eigentlichsten Wirkungskreis anerkennt und darin beharren muss. In diesem Geist schrieb ich nachstehendes Gedicht augenblicklich nieder: Amor, nicht das Kind, der Jngling, der Psychen verfhrte, Sah im Olympus sich um, frech und der Siege gewohnt; Eine Gttin erblickt' er, vor allen die herrlichste Schne, Venus Urania war's, und er entbrannte fr sie. Ach! Die Heilige selbst, sie widerstand nicht den Werben, Und der Verwegene hielt fest sie im Arme bestrickt. Da entstand aus ihnen ein neuer lieblicher Amor, Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt. Immer findest du ihn in holder Musen Gesellschaft, Und sein reizender Pfeil stiftet die Liebe der Kunst. Mit diesem allegorischen Glaubensbekenntnis schien man nicht ganz unzufrieden; indessen blieb es auf sich selbst beruhen, und beide Teile machten sich's zur Pflicht, von ihren Gefhlen und berzeugungen nur dasjenige hervorzukehren, was gemeinsam wre und zu wechselseitiger Belehrung und Ergtzung, ohne Widerstreit, gereichen knnte. Immer aber konnten die geschnittenen Steine als ein herrliches Mittelglied eingeschoben werden, wenn die Unterhaltung irgend lckenhaft zu werden drohte. Ich von meiner Seite konnte freilich nur das Poetische schtzen, das Motiv selbst, Komposition, Darstellung berhaupt beurteilen und rhmen, dagegen die Freunde dabei noch ganz andere Betrachtungen anzustellen gewohnt waren. Denn es ist fr den Liebhaber, der solche Kleinodien anschaffen, den Besitz zu einer wrdigen Sammlung erheben will, nicht genug zur Sicherheit seines Erwerbs, dass er Geist und Sinn der kstlichen Kunstarbeit einsehe und sich daran ergtze, sondern er muss auch uerliche Kennzeichen zu Hilfe rufen, die fr den, der nicht selbst technischer Knstler im gleichen Fach ist, hchst schwierig sein mchten. Hemsterhuis hatte mit seinem Freunde Natter viele Jahre darber korrespondiert, wovon sich noch bedeutende Briefe vorfanden. Hier kam nun erst die Steinart selbst zur Sprache, in welcher gearbeitet worden, indem man sich der einen in frhern, der andern in folgenden Zeiten bedient; sodann war vor allen Dingen eine grere Ausfhrlichkeit im Auge zu halten, wo man auf bedeutende Zieten schlieen konnte, so wie flchtige Arbeit bald auf Geist, teils auf Unfhigkeit, teils auf Leichtsinn hindeutete, frhere oder sptere Epochen zu erkennen gab. Besonders legte man groen Wert auf die Politur vertiefter Stellen und glaubte darin ein unverwerfliches Zeugnis der besten Zeiten zu sehen. Ob aber ein geschnittener Stein entschieden antik oder neu sei, darber wagte man keine festen Kriterien anzugeben; Freund Hemsterhuis habe selbst nur mit Beistimmung jenes trefflichen Knstlers sich ber diesen Punkt zu beruhigen gewusst. Ich konnte nicht verbergen, dass ich hier in ein ganz frisches Feld gerate, wo ich mich hchst bedeutend angesprochen fhle und nur die Krze der Zeit bedaure, wodurch ich die Gelegenheit mir abgeschnitten sehe, meine Augen sowohl als den innern Sinn auch auf diese Bedingungen krftiger zu richten. Bei einem solchen Anlass uerte sich die Frstin heiter und einfach: sie sei geneigt, mir die Sammlung mitzugeben, damit ich solche zu Hause mit Freunden und Kennern studieren und mich in diesem bedeutenden Zweig der bildenden Kunst, mit Zuziehung von Schwefel- und Glaspasten, umsehen und bestrken mchte. Dieses Anerbieten, das ich fr kein leeres Kompliment halten durfte und fr mich hchst reizend war, lehnt' ich jedoch dankbarlichst ab; und ich gestehe, dass mir im Innern die Art, wie diese Schatz aufbewahrt wurde, eigentlich das grte Bedenken gab. Die Ringe waren in einzelnen Kstchen, einer allein, zwei, drei, wie es der Zufall gegeben hatte, nebeneinander gesteckt: es war unmglich, beim Vorzeigen am Ende zu bemerken, ob wohl einer fehle; wie denn die Frstin selbst gestand, dass einst, in der besten Gesellschaft ein Herkules abhanden gekommen, den man erst spterhin vermisst habe. Sodann schien es bedenklich genug, in gegenwrtiger Zeit sich mit einem solchen Wert zu beschweren und eine hchst bedeutende, ngstliche Verantwortung zu bernehmen. Ich suchte daher mit der freundlichsten Dankbarkeit die schicklichsten ablehnenden Grnde vorzubringen, welche Einrede die Freundin wohlwollend in Betracht zu ziehen schien, indem ich nun um desto eifriger die Aufmerksamkeit auf diese Gegenstnde, insofern es sich nur einigermaen schicken wollte, zu lenken suchte. Von meinen Naturbetrachtungen aber, die ich, weil auch wenig Glck fr sie hier am Ort zu hoffen war, eher verheimlichte, war ich doch gentigt einige Rechenschaft zu geben. Von Frstenberg brachte zur Sprache, dass er mit Verwunderung, welche beinahe wie Befremden aussah, hie und da gehrt habe, wie ich der Physiognomik wegen die allgemeine Knochenlehre studiere, wovon sich doch schwerlich irgendeien Beihilfe zu Beurteilung der Gesichtszge des Menschen hoffe lasse. Nun mocht' ich wohl bei einigen Freunden, das fr einen Dichter ganz unschicklich gehaltene Studium der Osteologie zu entschuldigen und einigermaen einzuleiten, geuert haben, ich sei, wie es denn wirklich auch an dem war, durch Lavaters Physiognomik in dieses Fach wieder eingefhrt worden, da ich in meinen akademischen Jahren darin die erste Bekanntschaft gesucht hatte. Lavater selbst, der glcklichste Beschauer organisierter Oberflchen, sah sich, in Anerkennung, dass Muskel- und Hautgestalt und ihre Wirkung von dem entschiedenen inneren Knochengebilde durchaus abhngen msse, getrieben, mehrere Tierschdel in sein Werk abbilden zu lassen und selbige mir zu einem flchtigen Kommentar darber zu empfehlen. Was ich aber gegenwrtig hiervon wiederholen oder in demselben sinn zugunsten meines Verfahrens aufbringen wollte, konnte mir wenig helfen, indem zu jener Zeit ein solcher wissenschaftlicher Grund allzu weit ablag und man, im augenblicklichen geselligen Leben befangen, nur den beweglichen Gesichtszgen, und vielleicht gar nur in leidenschaftlichen Momenten, eine gewisse Bedeutung zugestand, ohne zu bedenken, dass hier nicht etwa blo ein regelloser Schein wirken knne, sondern dass das uere, Bewegliche, Vernderliche als ein wichtiges, bedeutendes Resultat eines innern entschiedenen Lebens betrachtet werden msse. Glcklicher als in diesen Vortrgen war ich in Unterhaltung grerer Gesellschaft: geistliche Mnner von Sinn und Verstand, heranstrebende Jnglinge, wohlgestaltet und wohlerzogen, an Geist und Gesinnung viel versprechend, waren gegenwrtig. Hier whlte ich unaufgefordert die rmischen Kirchenfeste Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter Paul; sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus- und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwrtig, denn ich ging darauf aus, ein "rmisches Jahr" zu schreiben, den Verlauf geistlicher und weltlicher ffentlichkeiten; daher ich denn auch, sogleich jene Feste nach einem reinen, direkten Eindruck darzustellen imstande, meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgefhrten Bildern ebenso zufrieden sah als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, einer von den Gegenwrtigen, mit den Gesamtverhltnissen nicht genau bekannt, hatte im Stillen gefragt: ob ich denn wirklich katholisch sei? Als die Frstin mir dieses erzhlte, erffnete sie mir noch ein anderes: Man hatte ihr nmlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie solle sich vor mir in Acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu stellen, dass man mich fr religis, ja fr katholisch halten knne. "Geben Sie mir zu, verehrte Freundin," rief ich aus, "ich stelle mich nicht fromm, ich bin es am rechten Ort; mir fllt nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustnde zu beachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafte Verzerrung, wodurch sich dnkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand versndigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wend' ich den Blick weg, aber manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentmlichkeit erkennen: da zeigt sich denn meist, dass die andern ebenso recht haben, nach ihrer eigentmlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen." Hierdurch war man denn auch wegen dieses Punkts aufgeklrt, und eine freilich keineswegs zu lobende heimliche Einmischung in unsere Verhltnisse hatte gerade im Gegenteil, wie sie Misstrauen erregen wollte, Vertrauen erregt. In einer solchen zarten Umgebung wr' es nicht mglich gewesen, herb oder unfreundlich zu sein; im Gegenteil fhlt' ich mich milder als seit langer Zeit, und es htte mir wohl kein greres Glck begegnen knnen, als dass ich nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen endlich wieder fromme menschliche Sitte auf mich einwirken fhlte. Einer so edlen, guten, sittlich-frohen Gesellschaft war ich jedoch in einem Punkt ungefllig, ohne dass ich selbst wei, wie es zugegangen ist. Ich war wegen eines glcklichen, freien, bedeutenden Vorlesens berhmt, man wnschte mich zu hren, und da man wusste, dass ich die "Luise" von Vo, wie sie im Novemberheft des "Merkur" 1784 erschienen war, leidenschaftlich verehrte und sie gerne vortrug, spielte man darauf an, ohne zudringlich zu sein; man legte das Merkurstck unter den Spiegel und lie mich gewhren. Und nun wsst' ich nicht zu sagen, was mich abhielt; mir war wie Sinn und Lippe versiegelt, ich konnte das Heft nicht aufnehmen, mich nicht entschlieen, eine Pause des Gesprchs zu meiner und der andern Freude zu nutzen, die Zeit ging hin, und ich wundere mich noch ber diese unerklrliche Verstocktheit. Der Tag des Abschieds nahte heran: man musste doch sich einmal trennen. "Nun," sagte die Frstin, "hier gilt keine Widerrede! Sie mssen die geschnittenen Steine mitnehmen, ich verlange es." Als ich aber meine Weigerung auf das hflichste und freundlichste fort behauptete, sagte sie zuletzt: "So muss ich Ihnen denn erffnen, warum ich es fordere. Man hat mir abgeraten, Ihnen diesen Schatz anzuvertrauen, und eben deswegen will ich, muss ich es tun; man hat mir vorgestellt, dass ich Sie doch auf diesen Grad nicht kenne, um auch in einem solchen Fall von Ihnen ganz gewiss zu sein. Darauf habe ich," fuhr sie fort, "erwidert: Glaubt ihr denn nicht, dass der Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei als diese Steine? Sollt' ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch hinterdrein gehen." Ich konnte nun weiter nichts erwidern, indem sie durch eine solche uerung in eben dem Grad mich zu ehren und zu verpflichten wusste. Jedes brige Hindernis rumte sie weg; vorhandene Schwefelabgsse, katalogisiert, waren zu Kontrolle, sollte sie ntig befunden werden, in einem sauberen Kstchen mit den Originalen eingepackt, und ein sehr kleiner Raum fasste die leicht transportablen Schtze. So nahmen wir treulich Abschied, ohne jedoch sogleich zu scheiden; die Frstin kndigte mir an, sie wolle mich auf die nchste Station begleiten, setze sich zu mir im Wagen, der ihrige folgte. Die bedeutenden Punkte des Lebens und der Lehr kamen abermals zur Sprache: ich wiederholte mild und ruhig mein gewhnliches Credo, auch sie verharrte bei dem ihrigen. Jedes zog nun seines Weges nach Hause; sie mit dem nachgelassenen Wunsch, mich wo nicht hier, doch dort wieder zu sehen. Diese Abschiedsformel wohl denkender freundlicher Katholiken war mir nicht fremd, noch zuwider: ich hatte sie oft bei vorbergehenden Bekanntschaften in Bdern und sonst meist von wohlwollenden, mir freundlichst zugetanen Geistlichen vernommen, und ich sehe nicht ein, warum ich irgendjemand verargen sollte, der wnscht, mich in seinen Kreis zu ziehen, wo sich nach seiner berzeugung ganz allein ruhig leben und, einer ewigen Seligkeit versichert, ruhig sterben lsst. * * * * * Durch Vorsorge, auf Anregung der edlen Freundin, ward ich von dem Postmeister nicht allein rasch gefrdert, sondern auch durch Laufzettel weiter angemeldet und empfohlen, welches angenehm und hchst notwendig war. Denn ich hatte bei schner, freundschaftlicher, friedlicher Unterhaltung vergessen, dass Kriegsflucht mir nachstrme; und leider fand ich unterwegs die Schar der Emigrierten, die sich immer weiter nach Deutschland hineindrngte und gegen welche die Postillione ebenso wenig als am Rhein gnstig gesinnt waren. Gar oft kein gebahnter Weg, man fuhr blad hben bald drben, begegnete und kreuzte sich. Heidegebsch und Gestruche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor und Binsen, eins so unbequem und unerfreulich wie das andere. Auch ohne Leidenschaftlichkeit ging es nicht ab. Ein Wagen blieb stecken, Paul sprang geschwind herab und zu Hilfe: er glaubte, die schnen Franzsinnen, die er in Dsseldorf in den traurigsten Umstnden wieder angetroffen, seien abermals im Fall, seines Beistandes zu bedrfen. Die Dame hatte ihren Gemahl nicht wieder gefunden und war, in dem Strudel des Unheils mit fortgerissen und gengstigt, endlich ber den Rhein geworfen worden. Hier aber in dieser Wste erschien sie nicht: einige alte ehrwrdige Damen forderten unsere Teilnahme. Als aber unser Postillion halten und mit seinen Pferden dem dortigen Wagen zu Hilfe kommen sollte, weigerte er sich trotzig und sagte, wir sollten nur zu unserm eignen, mit Silber und Gold genugsam beschwerten Wagen ernstlich sehen, damit wir nicht etwa stecken blieben oder umgeworfen wrden; denn ob er es gleich mit uns redlich meine, so stnd' er doch in dieser Wstenei fr nichts. Glcklicherweise, unser Gewissen zu beschwichtigen, hatte sich eine Anzahl westflischer Bauern um jenen Wagen versammelt und gegen ein bedungenes gutes Trinkgeld ihn wieder auf den fahrbaren Weg gebracht. An unserm Fuhrwerk war freilich das Eisen das Schwerste, und der kostbare Schatz, den wir mit uns fhrten, so leicht, um in einer leichten Chaise nicht bemerkt zu werden. Wie lebhaft wnscht' ich mir mein bhmisches Wgelchen herbei! Gleichwohl gab mir jenes Vorurteil, welches wichtige Schtze bei uns voraussetzte, doch immer eine Art von Unruhe. Wir hatten bemerkt, dass ein Postillion dem andern die Notiz von berschwere des Wagens und die Vermutung von Geld und Kostbarkeiten jederzeit berlieferte. Nun aber wurden wir wegen vorausgeschickter Postzettel, deren richtige Stunde wir ohnehin des schlechten Wetters wegen nicht einhielten, auf jeder Station eilig vorwrts gedrngt und ganz eigentlich in die Nacht hinaus gestoen, da uns denn wirklich der bngliche Fall begegnete, dass der Postillion in dsterer Nacht schwur, er knne das Ding nicht weiter fortbringen, und an einer einsamen Waldwohnung stillhielt, deren Lage, Bauart und Bewohner schon beim hellsten Sonnenschein htten Schaudern erregen knnen. Der Tag, selbst der grauste, war dagegen erquicklich: man reif das Andenken der Freunde hervor, bei denen man vor kurzem so trauliche Stunden zugebracht; man musterte sie mit Achtung und Liebe, belehrte sich an ihren Eigenheiten und erbaute sich an ihren Vorzgen. Wie aber die Nacht wieder hereinbrach, da fhlte man sich schon wieder von allen Sorgen umstrickt in einem kummervollen Zustand. Wie dster aber auch in der letzten und schwrzesten aller Nchte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hinein fuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines brgerlich-stdtischen Zusammenseins, die Wohlhbigkeit eines jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die behaglichen Anstalten zu Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit jedoch ward mir fr einige Zeit gestrt, als ich auf dem prchtigen tageshellen Knigsplatz an dem wohlbekannten Gasthof anfuhr: der anmeldende Diener kehrte zurck mit der Erklrung, es sei kein Platz zu finden. Als ich aber nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr hflich an den Schlag und bat in schnen franzsischen Phrasen um Entschuldigung, da es nicht mglich sei, mich aufzunehmen. Ich erwiderte darauf in gutem Deutsch, wie ich mich wundern msse, dass in einem so groen Gebude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. "Sie sind ein Deutscher!" rief er aus, "das ist ein anderes!" und sogleich lie er den Postillion in das Hoftor hereinfahren. Als er mir ein schickliches Zimmer angewiesen, versetzte er: er sei fest entschlossen, keinen Emigrierten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei hchst anmaend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend, da sie nicht wssten, wo sie sich hinwenden sollten, betrgen sie sich noch immer, als htten sie von einem eroberten Land Besitz genommen. So schied ich nun in gutem Frieden und fand auf dem Weg nach Eisenach weniger Zudrang der so hufig und unversehens heran getriebenen Gste. Meine Ankunft in Weimar sollte auch nicht ohne Abenteuer bleiben; sie ereignete sich nach Mitternacht und gab Anlass zu einer Familienszene, welche wohl in irgendeinem Roman die tiefste Finsternis erhellen und erheitern wrde. Nun fand ich das von meinem Frsten mir bestimmte, erneuerte, wohl eingerichtete Haus schon meistens bewohnbar, ohne dass mir die Freude ganz versagt gewesen wre, bei dem Ausbau mit- und einzuwirken. Die Meinigen entgegneten mir munter und gesund, und als es an ein Erzhlen ging, kontrastierte freilich der heitere, ruhige Zustand, in welchem sie die aus Verdun gesendeten Sigkeiten genossen, mit demjenigen, worin wir, die sie in paradiesischen Zustnden glaubten, mit aller denkbaren Not zu kmpfen hatten. Unser stiller huslicher Kreis war nun umso reicher und froher abgeschlossen, indem Heinrich Meyer, zugleich als Hausgenosse, Knstler, Kunstfreund und Mitarbeiter, zu den Unsrigen gehrte und an allem Belehrenden sowie an allem Wirksamen krftigen Anteil nahm. Das weimarsche Theater bestand seit dem Mai 1791; es hatte sowohl den Sommer genannten Jahres als auch den des laufenden in Lauchstdt zugebracht und sich durch Wiederholung damals gangbarer, meist bedeutender Stcke schon ziemlich gut zusammengespielt. Ein Rest der Bellomoschen Gesellschaft, also schon aneinander gewhnter Personen, gab den Grund; andere teils schon brauchbare, teils viel versprechende Glieder fllten schicklich und gemchlich die entstandene Lcke. Man kann sagen, dass es damals noch ein Schauspielerhandwerk gab, wodurch befhigt, sich Glieder entfernter Theater gar bald in Einklang setzten, besonders wenn man so glcklich war, fr die Rezitation Niederdeutsche, fr den Gesang Oberdeutsche herbeizuziehen; und so konnte das Publikum fr den Anfang gar wohl zufrieden sein. Da ich teil an der Direktion genommen, so war es mir eine unterhaltende Beschftigung, gelind zu versuchen, auf welchem Weg das Unternehmen weitergefhrt werden knnte. Ich sah gar bald, dass eine gewisse Technik aus Nachahmung, Gleichstellung mit andern und Routine hervorgehen konnte; allein es fehlte durchaus an dem, was ich Grammatik nennen drfte, die doch erst zum Grund liegen muss, ehe man zu Rhetorik und Poesie gelangen kann. Da ich auf diesen Gegenstand zurckzukehren gedenke und ihn vorlufig nicht gern zerstckeln mchte, so sage ich nur so viel: dass ich eben jene Technik, welche sich alles aus berlieferung aneignet, zu studieren und auf ihre Elemente zurckzufhren suchte und das, was mir klar geworden, in einzelnen Fllen, ohne auf ein Allgemeines hinzuweisen, beobachten lie. Was mir bei diesem Unternehmen aber besonders zustatten kam, war der damals berhand nehmende Natur- und Konversationston, der zwar hchst lobenswert und erfreulich ist, wenn er als vollendete Kunst, als eine zweite Natur hervortritt, nicht aber, wenn ein jeder glaubt, nur sein eigenes nacktes Wesen bringen zu drfen, um etwas Beifallswrdiges darzubieten. Ich aber benutzte diesen Trieb zu meinen Zwecken, indem ich gar wohl zufrieden sein konnte, wenn das angeborne Naturell sich mit Freiheit hervortat, um sich nach und nach, durch gewisse Regeln und Anordnungen, einer hhern Bildung entgegenfhren zu lassen. Doch darf ich hiervon nicht weiter sprechen, weil was getan und geleistet worden, sich erst nach und nach aus sich selbst entwickelte und also historisch dargestellt werden musste. Umstnde jedoch, die fr das neue Theater sich hchst gnstig hervortaten, miss ich krzlich anfhren. Iffland und Kotzebue blhten in ihrer besten Zeit, ihre Stcke, natrlich und fasslich, die einen gegen ein brgerlich rechtliches Behagen, die andern gegen eine lockere Sittenfreiheit hingewendet; beide Gesinungen waren dem Tage gem und erhielten freudige Teilnahme; mehrere noch als Manuskript ergtzten durch den lebendigen Duft des Augenblicks, den sie mit sich brachten. Schrder, Babo, Ziegler, glcklich energische Talente, lieferten bedeutenden Beitrag; Bretzner und Jnger, ebenfalls gleichzeitig, gaben anspruchslos einer bequemen Frhlichkeit Raum. Hagemann und Hagemeister, Talente, die sich auf die Lnge nicht halten konnten, arbeiteten gleichfalls fr den Tag und waren, wo nicht bewundert, doch als neu geschaut und willkommen. Diese lebendige, sich im Zirkel herumtreibende Masse suchte man mit Shakespeare, Gozzi und Schiller Geister zu erheben; man verlie die bisherige Art, nur Neues zum nchsten Verlust einzustudieren, man war sorgfltig in der Wahl und bereitete schon ein Repertorium vor, welches viele Jahre gehalten hat. Aber auch dem Mann, der uns diese Anstalt grnden half, mssen wir eine dankbare Erinnerung nicht schuldig bleiben. Es war F. J. Fischer, ein Schauspieler in Jahren, der sein Handwerk verstand, mig, ohne Leidenschaft, mit seinem Zustand zufrieden, sich mit einem beschrnkten Rollenfach begngend. Er brachte mehrere Schauspieler von Prag mit, die in seinem Sinn wirkten, und wusste die einheimischen gut zu behandeln, wodurch ein innerer Friede sich ber das Ganze verbreitete. Was die Oper anlangt, so kamen uns die Dittersdorfischen Arbeiten auf das Beste zustatten. Er hatte mit glcklichem Naturell und Humor fr ein frstliches Privattheater gearbeitet, wodurch seinen Produktionen eine gewisse leichte Behaglichkeit zuteil ward, die auch uns zugute kam, weil wir unser neues Theater als eine Liebhaber-Bhne zu betrachten die Klugheit hatten. Auf den Text, im rhythmischen und prosaischen Sinn, wendete man viel Mhe, um ihn dem oberschsischen Geschmack mehr anzueignen; und so gewann diese leichte Ware Beifall und Abgang. Die aus Italien wiedergekehrten Freunde bemhten sich, die leichteren italienischen Opern jener Zeit, von Paesiello, Cimarosa, Guglielmi und andern, herberzufhren, wo denn zuletzt auch Mozarts Geist einzuwirken anfing. Denke man sich, dass von diesem allem wenig bekannt, gar nichts abgebraucht war, so wird man gestehen, dass die Anfnge des weimarschen Theaters mit den jugendlichen Zeiten des deutschen Theaters berhaupt oder zugleich eintraten und Vorteile genossen, die offenbar zu einer natrlichen Entwickelung aus sich selbst den reinsten Anlass geben mussten. Um nun aber auch Genuss und Studium der anvertrauten Gemmensammlung vorzubreiten und zu sichern, lie ich gleich zwei zierliche Ringkstchen verfertigen, worin die Steine mit einem Blick bersehbar nebeneinander standen, so dass irgendeine Lcke sogleich zu bemerken gewesen wre; worauf alsdann Schwefel- und Gipsabgsse in Mehrzahl verfertigt und der Prfung durch stark vergrernde Linsen unterworfen wurden, auch vorhandene Abdrcke lterer Sammlungen vorgesucht und zu Rate gezogen. Wir bemerkten wohl, dass hier fr uns das Studium der geschnittenen Steine zu grnden sei; wie gro aber die Vergnstigung der Freundin gewesen, wurde erst nach und nach eingesehen. Das Resultat mehrjhriger Betrachtung sei deshalb hier eingeschaltet, weil wir wohl schwerlich unsere Aufmerksamkeit so bald wieder auf diesen Punkt wenden drften. Aus innern Grnden der Kunst sahen sich die weimarschen Freunde berechtigt, wo nicht alle, doch bei weitem die grte Anzahl dieser geschnittenen Steine fr echt antike Kunstdenkmale zu halten, und zwar fanden sich mehrere darunter, welche zu den vorzglichsten Arbeiten dieser Art gerechnet werden durften. Einige zeichneten sich dadurch aus, dass sie als wirklich identisch mit ltern Schwefelpasten angesehen werden mussten; mehrere bemerkte man, deren Darstellung mit andern antiken Gemmen zusammentraf, die aber deswegen immer noch fr echt gelten konnten. In den grten Sammlungen kommen wiederholte Vorstellungen vor, und man wrde sehr irren, die einen als Original, die andern als moderne Kopien anzusprechen. Immer mssen wir dabei die edle Kunsttreue der Alten im Sinn tragen, welche die einmal glcklich gelungene Behandlung eines Gegenstandes nicht oft genug wiederholen konnte. Jene Knstler hielten sich fr original genug, wenn sie einen originellen Gedanken aufzufassen und ihn auf ihre Weise wieder darzustellen Fhigkeit und Fertigkeit empfanden. Mehrere Steine zeigten sich auch mit eingeschnittenen Knstlernamen, worauf man seit Jahren groen Wert gelegt hatte. Eine solche Zutat ist wohl immer merkwrdig genug, doch bleibt sie meist problematisch: denn es ist mglich, dass der Stein alt und der Name neu eingeschnitten sei, um dem Vortrefflichen noch einen Beiwert zu verleihen. Ob wir uns nun gleich hier wie billig alles Katalogisierens enthalten, da Beschreibung solcher Kunstwerke ohne Nachbildung wenig Begriff gibt, so unterlassen wir doch nicht, von den vorzglichsten einige allgemeine Andeutungen zu geben. Kopf des Herkules. Bewundernswrdig in Betracht des edlen, freien Geschmacks der Arbeit, und noch mehr zu bewundern in Hinsicht auf die herrlichen Idealformen, welche mit keinem der bekannten Herkuleskpfe ganz genau bereinkommen und eben dadurch die Merkwrdigkeit dieses kstlichen Denkmals noch vermehren helfen. Brustbild des Bacchus. Arbeit, wie auf den Stein gehaucht, und in Hinsicht auf die idealen Formen eines der edelsten antiken Werke. Es finden sich in verschiedenen Sammlungen mehrere diesem hnliche Stcke, und zwar, wenn wir uns recht erinnern, sowohl hoch als tief geschnitten; doch ist uns noch keines bekannt geworden, welches vor dem gegenwrtigen den Vorzug verdiente. Faun, welcher einer Bacchantin das Gewand rauben will. Vortreffliche und auf alten Monumenten mehrmals vorkommende Komposition, ebenfalls gut gearbeitet. Eine umgestrzte Leier, deren Hrner zwei Delphine darstellen, der Krper oder, wenn man will, der Fu Amors Haupt, mit Rosen bekrnzt; zu derselben ist Bacchus' Panther, in der Vorderpfote den Thyrsusstab haltend, zierlich gruppiert. Die Ausfhrung dieses Steins befriedigt den Kenner, und wer zarte Bedeutung liebt, wird gleichfalls seine Rechnung finden. Maske, mit groem Bart und weit geffnetem Mund; eine Efeuranke umschlingt die kahle Stirn. In seiner Art mag dieser Stein einer der allervorzglichsten sein, und ebenso schtzbar ist auch Eine andere Maske mit langem Bart und zierlich aufgebundenen Haaren; ungewhnlich tief gearbeitet. Venus trnkt den Amor. Eine der lieblichsten Gruppen, die man sehen kann, geistreich behandelt, doch ohne groen Aufwand von Flei. Cybele, auf dem Lwen reitend, tief geschnitten: ein Werk, welches als vortrefflich den Liebhabern durch Abdrcke, die fast in allen Pastensammlungen zu finden sind, genugsam bekannt ist. Gigant, der einen Greif aus seiner Felsenhhle hervorzieht. Ein Werk von sehr vielem Kunstverdienst und als Darstellung vielleicht ganz einzig. Die vergrerte Nachbildung desselben finden unsere Leser vor dem Voschen Programm zu der Jenaischen A. L. Z. 1804, IV. Band. Behelmter Kopf im Profil, mit groem Bart. Vielleicht ist's eine Maske; indessen hat sie im geringsten nichts Karikaturartiges, sondern ein gedrungenes heldenmiges Angesicht, und ist vortrefflich gearbeitet. Homer, als Herme, fast ganz von vorne dargestellt und sehr tief geschnitten. Der Dichter erscheint hier jnger als gewhnlich, kaum im Anfang des Greisenalters; daher diese Werk nicht allein von Seiten der Kunst, sondern auch des Gegenstandes wegen schtzbar ist. In Sammlungen von Abdrcken geschnittener Steine wird oftmals der Kopf eines ehrwrdigen bejahrten Mannes mit langem Bart und Haaren angetroffen, der -- jedoch ohne dass Grnde dafr angegeben werden -- das Bildnis des Aristophanes sein soll. Ein hnlicher, nur durch unbedeutende Abweichungen von jenem sich unterscheidender Kopf ist in unserer Sammlung anzutreffen und in der Tat eins der besten Stcke. Das Profil eins Unbekannten ist vermutlich ber der Augenbraune abgebrochen gefunden und in neuerer Zeit wieder zum Ringstein zugeschliffen worden. Groartiger und lebenvoller haben wir nie menschliche Gestalt auf dem kleinen Raum einer Gemme dargestellt gesehen, selten den Fall, wo der Knstler ein so unbeschrnktes Vermgen zeigte. Von hnlichem Gehalt ist auch Der ebenfalls unbekannte Portrtkopf mit bergezogener Lwenhaut; derselbe war auch so wie der vorige ber dem Auge abgebrochen, allein das Fehlende ist mit Gold ergnzt. Kopf eines bejahrten Mannes von gedrungenem, krftigem Charakter, mit kurz geschornen Haaren. Auerordentlich geistreich und meisterhaft gearbeitet; besonders ist die khne Behandlung des Barts zu bewundern und vielleicht einzig in ihrer Art. Mnnlicher Kopf oder Brustbild ohne Bart, um das Haar eine Binde gelegt, das reich gefaltete Gewand auf der rechten Schulter geheftet. Es ist ein geistreicher, krftiger Ausdruck in diesem Werk und Zge, wie man gewohnt ist dem Julius Csar zuzuschreiben. Mnnlicher Kopf, ebenfalls ohne Bart, die Toga, wie bei Opfern gebruchlich war, ber das Haupt gezogen. Auerordentlich viel Wahrheit und Charakter ist in diesem Gesicht, und kein Zweifel, dass die Arbeit echt alt und aus den Zeiten der ersten rmischen Kaiser sei. Brustbild einer rmischen Dame; um das Haupt doppelte Flechten von Haaren gewunden, das Ganze bewunderungswrdig fleiig ausgefhrt und in Hinsicht des Charakters voll Wahrheit, Behaglichkeit, Naivitt, Leben. Kleiner, behelmter Kopf, mit starkem Bart und krftigem Charakter, ganz von vorne dargestellt und schtzbare Arbeit. Eines neuern vortrefflichen Steines gedenken wir zum Schluss: das Haupt der Meduse in dem herrlichsten Karneol. Es ist solches der bekannten Meduse des Sosikles vollkommen hnlich, und geringe Abweichungen kaum zu bemerken. Allerdings eine der vortrefflichsten Nachahmungen antiker Werke: denn fr eine solche mchte er unerachtet seiner groen Verdienste doch zu halten sein, da die Behandlung etwas weniger Freiheit hat und berdies ein unter dem Abschnitt des Halses angebrachtes N doch wohl auf eine Arbeit von Natter selbst schlieen lsst. An diesem Wenigen werden wahre Kunstkenner den hohen Wert der gepriesenen Sammlung zu ahnen vermgen. Wo sie sich gegenwrtig befindet, ist uns unbekannt; vielleicht erhielte man hierber einige Nachricht, die einen reichen Kunstfreund wohl anreizen knnte, diesen Schatz, wenn er verkuflich ist, sich zuzueignen. Die weimarschen Kunstfreunde zogen, solange diese Sammlung in ihren Hnden war, allen mglichen Vorteil daraus. Schon in dem laufenden Winter gab sie der geistreichen Gesellschaft, welche sich um die Herzogin Amalie zu vereinigen pflegte, ausgezeichnete Unterhaltung. Man suchte sich in dem Studium geschnittener Steine zu begrnden, wobei uns das Wohlwollen der trefflichen Besitzerin sehr zustatten kam, indem sie uns mehrere Jahre diesen Genuss gnnte. Doch ergtzte sie sich kurz vor ihrem Ende noch an der schnen anschaulichen Ordnung, worin sie die Ringe in zwei Kstchen auf einmal, wie sie solche nie gesehen, vollstndig gereiht wieder erblickte und also des geschenkten groen Vertrauens sich edelmtig zu erfreuen hatte. Auch nach einer andern Seite wendeten sich unsere Kunstbetrachtungen. Ich hatte die Farben genugsam in unterschiedenen Lebensverhltnissen beobachtet und sah die Hoffnung, auch endlich ihre Kunstharmonie, welche zu suchen ich eigentlich ausgegangen war, zu finden. Freund Meyer entwarf verschiedene Kompositionen, wo man sie teils in einer Reihe, teils im Gegensatz zu Prfung und Beurteilung aufgestellt sah. Am klarsten ward sie bei einfachen landschaftlichen Gegenstnden, wo der Lichtseite immer das Gelbe und Gelbrote, der Schattenseite das Blau und Blaurote zugeteilt werden musste, aber wegen Mannigfaltigkeit der natrlichen Gegenstnde gar leicht durchs Braungrne und Blaugrne zu vermitteln. Auch hatten hier schon groe Meister durch Beispiel gewirkt, mehr als im Historischen, wo der Knstler bei Wahl der Farben zu den Gewndern sich selbst berlassen bleibt und in solcher Verlegenheit nach Herkommen und berlieferung greift, sich auch wohl durch irgendeine Bedeutung verfhren lsst und dadurch von wahrer harmonischer Darstellung fters abgeleitet wird. Von solchen Studien bildender Kunst fhle ich mich denn doch gedrungen, wieder zum Theater zurckzukehren und ber mein eigenes Verhltnis an demselben einige Betrachtungen anzustellen, welches ich erst zu vermeiden wnschte. Man sollte denken, es sei die beste Gelegenheit gewesen, fr das neue Theater und zugleich fr das deutsche berhaupt als Schriftsteller auch etwas von meiner Seite zu leisten: denn, genau besehen, lag zwischen oben genannten Autoren und ihren Produktionen noch mancher Raum, der gar wohl htte ausgefhrt werden knnen; es gab zu natrlich einfacher Behandlung noch vielfltigen Stoff, den man nur htte aufgreifen drfen. Um aber ganz deutlich zu werden, gedenk' ich meiner ersten dramatischen Arbeiten, welche, der Weltgeschichte angehrig, zu sehr ins Breite gingen, um bhnenhaft zu sein; meine letzten, dem tiefsten inneren Sinn gewidmet, fanden bei ihrer Erscheinung wegen allzu groer Gebundenheit wenig Eingang. Indessen hatte ich mir eine gewisse mittlere Technik eingebt, die etwas mig Erfreuliches dem Theater htte verschaffen knnen; allein ich vergriff mich im Stoff, oder vielmehr ein Stoff berwltigte meine innere sittliche Natur, der allerwiderspenstigste, um dramatisch behandelt zu werden. Schon im Jahr 1785 erschreckte mich die Halsbandsgeschichte wie das Haupt der Gorgone. Durch dieses unerhrt frevelhafte Beginnen sah ich die Wrde der Majestt untergraben, schon im voraus vernichtet, und alle Folgeschritte von dieser Zeit an besttigten leider allzu sehr die furchtbaren Ahnungen. Ich trug sie mit mir nach Italien und brachte sie noch geschrfter wieder zurck. Glcklicherweise ward mein "Tasso" noch abgeschlossen, aber alsdann nahm die weltgeschichtliche Gegenwart meinen Geist vllig ein. Mit Verdruss hatte ich viele Jahre die Betrgereien khner Phantasten und absichtlicher Schwrmer zu verwnschen Gelegenheit gehabt und mich ber die unbegreifliche Verblendung vorzglicher Menschen bei solchen frechen Zudringlichkeiten mit Widerwillen verwundert. Nun lagen die direkten und indirekten Folgen solcher Narrheiten als Verbrechen und Halbverbrechen gegen die Majestt vor mir, alle zusammen wirksam genug. Um den schnsten Thron der Welt zu erschttern. Mir aber einigen Trost und Unterhaltung zu verschaffen, suchte ich diesem Ungeheuren eine heitere Seite abzugewinnen, und die Form der komischen Oper, die sich mir schon seit lngerer Zeit als eine der vorzglichsten dramatischen Darstellungsweisen empfohlen hatte, schien auch ernstern Gegenstnden nicht fremd, wie an "Knig Theodor" zu sehen gewesen. Und so wurde denn jener Gegenstand rhythmisch bearbeitet, die Komposition mit Reichardt verabredet, wovon denn die Anlagen einiger tchtigen Bass-Arien bekannt geworden; andere Musikstcke, die auer dem Kontext keine Bedeutung hatten, blieben zurck, und die Stelle, von der man sich die meiste Wirkung versprach, kam auch nicht zustande: das Geistersehen in der Kristallkugel vor dem schlafend weissagenden Cophta sollte als blendendes Final vor allen glnzen. Aber da waltete kein froher Geist ber den Ganzen, es geriet ins Stocken, und um nicht alle Mhe zu verlieren, schreib ich ein prosaisches Stck, zu dessen Hauptfiguren sich wirklich analoge Gestalten in der neuen Schauspielergesellschaft vorfanden, die denn auch in der sorgfltigsten Auffhrung das Ihrige leisteten. Aber eben deswegen, weil das Stck ganz trefflich gespielt wurde, machte es einen um desto widerwrtigern Effekt. Ein furchtbarer und zugleich abgeschmackter Stoff, khn und schonungslos behandelt, schreckte jedermann, kein Herz klang an; die fast gleichzeitige Nhe des Vorbildes lie den Eindruck noch greller empfinden, und weil geheime Verbindungen sich ungnstig behandelt glaubten, so fhlte sich ein groer respektabler Teil des Publikums entfremdet, so wie das weibliche Zartgefhl sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer entsetzte. Ich war immer gegen die unmittelbare Wirkung meiner Arbeiten gleichgltig gewesen und sah auch diesmal ganz ruhig zu, dass diese letzte, an die ich so viel Jahre gewendet, keine Teilnahme fand; ja ich ergtzte mich an einer heimlichen Schadenfreude, wenn gewisse Menschen, die ich dem Betrug oft genug ausgesetzt gesehen, khnlich versicherten, so grob knne man nicht betrogen werden. Aus diesem Ereignis zog ich mir jedoch keine Lehre; das, was mich innerlich beschftigte, erschien mir immerfort in dramatischer Gestalt, und wie die Halsbandsgeschichte als dstre Vorbedeutung, so ergriff mich nunmehr die Revolution selbst als die grsslichste Erfllung: den Thron sah ich gestrzt und zersplittert, eine groe Nation aus ihren fugen gerckt und nach unserm unglcklichen Feldzug offenbar auch die Welt schon aus ihren Fugen. Indem mich nun dies alles in Gedanken bedrngte, bengstigte, hatte ich leider zu bemerken, dass man im Vaterland sich spielend mit Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns hnliche Schicksale vorbereiteten. Ich kannte genug edle Gemter, die sich gewissen aussichten und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache zu begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Subjekte bittern Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen strebten. Als ein Zeugnis meines rgerlich-guten Humors lie ich den "Brgergeneral" auftreten, wozu mich ein Schauspieler verfhrte, namens Beck, welcher den Schnaps in den "beiden Billetts" nach Florian mit ganz individueller Trefflichkeit spielte, indem selbst seine Fehler ihm dabei zustatten kamen. Da ihm nun diese Maske so gar wohl anstand, brachte man des gedachten kleinen, durchaus beliebten Nachspiels erste Fortsetzung, den "Stammbaum" von Anton Wall, hervor, und als ich nun auf Proben, Ausstattung und Vorstellung dieser Kleinigkeit ebenfalls die grte Aufmerksamkeit wendete, so konnte nicht fehlen, dass ich mich von diesem nrrischen Schnaps so durchdrungen fand, dass mich die Lust anwandelte, ihn nochmals zu produzieren. Dies geschah auch mit Neigung und Ausfhrlichkeit; wie denn das gehaltreiche Mantelsckchen ein wirklich franzsisches war, das Paul auf jener Flucht eilig aufgerafft hatte. Inder Hauptszene erwies sich Malkolmi als alter wohlhabender, wohlwollender Bauersmann, der sich eine gesteigerte Unverschmtheit als Spa auch einmal gefallen lsst, unbertrefflich und wetteiferte mit Beck in wahrer, natrlicher Zweckmigkeit. Aber vergebens! Das Stck brachte die widerwrtigste Wirkung hervor, selbst bei Freunden und Gnnern, die, um sich und mich zu retten, hartnckig behaupteten: ich sei der Verfasser nicht, habe nur aus Grille meinen Namen und einige Federstriche einer sehr subalternen Produktion zugewendet. Wie mich aber niemals irgendein ueres mir selbst entfremden konnte, mich vielmehr nur strenger ins Innere zurckwies, so blieben jene Nachbildungen des Zeitsinnes fr mich eine Art von gemtlich trstlichem Geschft. Die "Unterhaltungen der Ausgewanderten," fragmentarischer Versuch, das unvollendet Stck "Die Aufgeregten" sind ebensoviel Bekenntnisse dessen, was damals in meinem Busen vorging; wie auch spterhin "Hermann und Dorothea" noch aus derselbigen Quelle flossen, welche denn freilich zuletzt erstarrte. Der Dichter konnte der rollenden Weltgeschichte nicht nacheilen und musste den Abschluss sich und andern schuldig bleiben, da er das Rtsel auf eine so entschiedene als unerwartete Weise gelst sah. Unter solchen Konstellationen war nicht leicht jemand, in so weiter Entfernung vom eigentlichen Schauplatz des Unheils, gedrckter als ich; die Welt erschien mir blutiger und blutdrstiger als jemals, und wenn das Leben eines Knigs in der Schlacht fr tausende zu rechnen ist, so wird es noch viel bedeutender im gesetzlichen Kampf. Ein Knig wird auf Tod und Leben angeklagt: da kommen Gedanken in Umlauf, Verhltnisse zur Sprache, welche fr ewig zu beschwichtigen sich das Knigtum vor Jahrhunderten krftig eingesetzt hatte. Aber auch aus diesem grsslichen Unheil suchte ich mich zu retten, indem ich die ganze Welt fr nichtswrdig erklrte, wobei mir denn durch eine besondere Fgung "Reineke Fuchs" in die Hnde kam. Hatte ich mich bisher an Straen-, Markt- und Pbelauftritten bis zum Abscheu bersttigen mssen, so war es nun wirklich erheiternd, in den Hof- und Regentenspiegel zu blicken: denn wenn auch hier das Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz natrlich vortrgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch heiter zu, und nirgends fhlt sich der gute Humor gestrt. Um nun das kstliche Werk recht innig zu genieen, begann ich alsobald eine treue Nachbildung; solche jedoch in Hexametern zu unternehmen, war ich folgenderweise veranlasst. Schon seit vielen Jahren schrieb man in Deutschland nach Klopstocks Einleitung sehr lssliche Hexameter; Vo, indem er sich wohl auch dergleichen bediente, lie doch hie und a merken, dass man sie besser machen knne, ja er schonte sogar seine eigenen vom Publikum gut aufgenommenen Arbeiten und bersetzungen nicht. Ich htte das gar gern auch gelernt, allein es wollte mir nicht glcken. Herder und Wieland waren in diesem Punkte Latitudinarier, und man durfte der Voschen Bemhungen, wie sie nach und nach strenger und fr den Augenblick ungelenk erschienen, kaum Erwhnung tun. Das Publikum selbst schtzte lngere Zeit die Voschen frheren Arbeiten, als gelufiger, ber sie spteren; ich aber hatte zu Vo, dessen Ernst man nicht verkennen konnte, immer ein stilles Vertrauen und wre, in jngeren Tagen oder anderen Verhltnissen, wohl einmal nach Eutin gereist, um das Geheimnis zu erfahren. Denn er, aus einer zu ehrenden Piett fr Klopstock, wollte, solange der wrdige, allgefeierte Dichter lebte, ihm nicht geradezu ins Gesicht sagen: dass man in der deutschen Rhythmik eine striktere Observanz einfhren msse, wenn sie irgend gegrndet werden solle. Was er inzwischen uerte, waren fr mich sibyllinische Bltter. Wie ich mich an der Vorrede zu den Georgiken abgeqult habe, erinnere ich mich noch immer gerne, der redlichen absicht wegen, aber nicht des daraus gewonnenen Vorteils. Da mir recht gut bewusst war, dass alle meine Bildung nur praktisch sein knne, so ergriff ich die Gelegenheit, ein paar tausend Hexameter hinzuschreiben, die bei dem kstlichsten Gehalt selbst einer mangelhaften Technik gute Aufnahme und nicht vergnglichen Wert verleihen durften. Was an ihnen zu tadeln sei, werde sich, dacht' ich, am Ende schon finden; und so wendete ich jede Stunde, die mir sonst brig blieb, an eine solche schon innerhalb der Arbeit vorlufig dankbare Arbeit, baute inzwischen und mbilierte fort, ohne zu denken, was weiter mit mir sich ereignen wrde, ob ich es gleich gar wohl voraussehen konnte. So weit wir auch ostwrts von der groen Weltbegebenheit gelegen waren, erschienen doch schon diesen Winter flchtige Vorlufer unserer ausgetriebenen westlichen Nachbarn; es war, als wenn sie sich umshen nach irgendeiner gesitteten Sttte, wo sie Schutz und Aufnahme fnden. Obgleich nur vorbergehend, wussten sie durch anstndiges Betragen, duldsam-zufriedenes Wesen, durch Bereitwilligkeit, sich ihrem Schicksal zu fgen und durch irgendeine Ttigkeit ihr Leben zu fristen, dergestalt fr sich einzunehmen, dass durch diese einzelnen die Mngel der ganzen Masse ausgelscht und jeder Widerwille in entschiedene Gunst verwandelt wurde. Dies kam denn freilich ihren Nachfahrern zeugte, die sich spterhin in Thringen festsetzten, unter denen ich nur Mounier und Camille Jordan zu nennen brauche, um ein Vorurteil zu rechtfertigen, welches man fr die ganze Kolonie gefasst hatte, die sich, wo nicht den Genannten gleich, doch derselben keineswegs unwrdig erzeigte. brigens lsst sich hierbei bemerken, dass in allen wichtigen politischen Fllen immer diejenigen Zuschauer am besten dran sind, welche Partei nehmen: was ihnen wahrhaft gnstig ist, ergreifen sie mit Freuden, das Ungnstige ignorieren sie, lehnen's ab oder legen's ob oder legen's wohl gar zu ihrem Vorteil aus. Der Dichter aber, der seiner Natur nach unparteiisch sein und bleiben muss, sucht sich von den Zustnden beider kmpfenden Teile zu durchdringen, wo er denn, wenn Vermittlung unmglich wird, sich entschlieen muss, tragisch zu endigen. Und mit welchem Zyklus von Tragdien sahen wir uns von der tosenden Weltbewegung bedroht! Wer hatte seit seiner Jugend sich nicht vor der Geschichte des Jahres 1649 entsetzt, wer nicht vor der Hinrichtung Karls I. geschaudert und zu einigem Troste gehofft, dass dergleichen Szenen der Parteiwut sich nicht abermals ereignen knnten! Nun aber wiederholte sich das alles, grulicher und grimmiger, bei dem gebildetsten Nachbarvolke wie vor unsern Augen, Tag fr Tag, Schritt fr Schritt. Man denke sich, welchen Dezember und Januar dijenigen verlebten, die, den Knig zu retten, ausgezogen waren und nun in seinen Prozess nicht eingreifen, die Vollstreckung des Todesurteils nicht hindern konnten. Frankfurt war wieder in deutschen Hnden; die mglichsten Vorbereitungen, Mainz wieder zu erobern, wurden eifrigst besorgt. Man hatte sich Mainz genhert und Hochheim besetzt. Knigstein musste sich ergeben. Nun aber war vor allen Dingen ntig, durch einen vorlufigen Feldzug auf dem linken Rheinufer sich den Rcken frei zu machen. Man zog daher am Taunusgebirge hin auf Idstein, ber das Benediktinerkloster Schnau nach Kaub, sodann ber eine wohl errichtete Schiffbrcke nach Bacharach; von da an gab es fast ununterbrochene Vorpostengefechte, welche den Feind zum Rckzug ntigten. Man lie den eigentlichen Hunsrck rechts, zog nach Stromberg, wo General Neuwinger gefangen wurde. Man gewann Kreuznach und reinigte den Winkel zwischen der Nahe und dem Rhein; und so bewegte man sich mit Sicherheit gegen diesen Fluss. Die Kaiserlichen waren bei Speyer ber den Rhein gegangen, und man konnte die Umzingelung von Mainz den 14. April abschlieen, wenigstens vorerst die Einwohner mit Mangel, als dem Vorlufer grerer Not, in Angst setzen. Diese Nachricht vernahm ich zugleich mit der Aufforderung, mich an Ort und Stelle zu zeigen, um, wie frher an einem beweglichen bel, so nun an einem stationren teilzunehmen. Die Umzingelung war vollbracht, die Belagerung konnte nicht ausbleiben; wie ungern ich mich dem Kriegstheater abermals nherte, berzeuge sich, wer etwa die zweite nach meinen Skizzen radierte Tafel in die Hand nimmt. Sie ist einem sehr genauen Federumriss nachgebildet, den ich wenige Tage vor meiner Abreise sorgfltig auf Papier gebracht hatte. Mit welchem Gefhl, sagen die wenigen dazu gedichteten Reimzeilen: Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus, Von Tr zu Tre sieht es lieblich aus; Der Knstler froh die stillen Blicke hegt, Wo Leben sich zum Leben freundlich regt. Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn, Da kommt es her, da kehrt es wieder hin; Wir wenden uns, wie auch die Welt entzcke, Der Enge zu, die uns allein beglcke. End of the Project Gutenberg EBook of Kampagne in Frankreich, by Johann Wolfgang von Goethe License: Share Alike