Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. ] DER MANTEL Eine Novelle von Nicolaj Gogol Ins Deutsche bertragen von Rudolf Kassner Im Insel-Verlag zu Leipzig In einer Ministerialabteilung -- besser ich nenne sie nicht, denn es gibt nichts Empfindlicheres als unsere Beamten, Offiziere und Kanzlisten. Heute fhlt wirklich schon jeder Privatmensch in seiner Person die ganze Gesellschaft beleidigt. Da soll neulich der Bericht eines Polizeihauptmannes -- ich wei nicht mehr aus welcher Stadt -- vorgelegen haben, worin dieser breit ausfhrt, da die kaiserlichen Verordnungen allenthalben nichts mehr gelten und der geheiligte Name eines Polizeihauptmannes mit unverhohlener Verachtung ausgesprochen werde, und zum Beweis legte er dem Bericht einen dickleibigen Roman bei, allwo auf jeder zehnten Seite ein Polizeihauptmann in vllig betrunkenem Zustande erscheint. Um also Unannehmlichkeiten zu vermeiden, nenne ich die Ministerialabteilung, um die es sich hier handelt, lieber =eine= Ministerialabteilung, irgendeine... In einer Ministerialabteilung also diente ein Beamter, irgendeiner. Man kann nicht gut sagen, er htte herausgeragt aus der Schar der anderen, denn er war klein, pockennarbig, rothaarig, kurzsichtig, hatte eine Glatze und kleine verrunzelte Bckchen, und aus seiner Gesichtsfarbe konnte man auf Hmorrhoiden schlieen. Doch dagegen ist nichts zu machen. Schuld trgt das Petersburger Klima. Um seinen Rang nicht zu vergessen, da man bei uns vor allem den Rang angeben mu -- er war das, was man einen ewigen Titularrat nennt, ber welchen sich bekanntlich hier schon verschiedene Schriftsteller lustig gemacht haben; diese knnen nun einmal nicht von der Gewohnheit lassen, gerade auf solche Leute loszugehen, die sich nicht wehren knnen. Er hie Baschmatschkin, und sein Vorname lautete Akaki Akakiewitsch. Es ist wohl mglich, da letzterer dem Leser merkwrdig und ein wenig gesucht erscheine, doch ich kann ihm versichern, da nach diesem Namen in Wirklichkeit nicht gesucht worden war, da vielmehr Umstnde eingetreten waren, die jeden anderen ausschlossen, und das hatte sich so zugetragen. Akaki Akakiewitsch wurde, wenn ich mich recht erinnere, in der Nacht des 23. Mrz geboren. Seine selige Mutter, eine Beamtenfrau und ein beraus braves Weib, machte, wie sich das gehrt, sofort Anstalten, da das Kind getauft werde. Sie lag noch im Bett, und rechts von ihr stand der Pate Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, Abteilungschef im Senat und ein ganz ausgezeichneter Mann, und die Patin Arina Semenowa Bjelobruschowa, die Gattin eines Polizeileutnants und zudem mit seltenen Tugenden begabt. Pate und Patin lieen der Wchnerin die Wahl zuerst unter folgenden drei Namen: Mokia, Sossia und Chosdadat, der Mrtyrer, doch sie wollte nicht: Nein, das sind alles so Namen. Um sie zufriedenzustellen, wurde der Kalender an einer anderen Stelle aufgeschlagen, und da kamen die Namen: Trefilius, Dula und Barachassius heraus. Das ist ja wie eine Strafe Gottes! rief jetzt die Mutter. Was fr schreckliche Namen! Nie noch habe ich diese Namen gehrt! Wenn wenigstens Barabas oder Baruch dastnde -- aber Trefilius und Barachassius! Ach! Ach! Noch einmal drehten der Pate und die Patin die Seite um: da standen aber Pafsikachius und Bachtissius. Ich sehe schon, schrie jetzt die Alte, das ist sein Los. Und weil es nicht anders sein kann, so soll er wie sein Vater heien. Dieser hie Akaki und darum soll auch sein Sohn so heien! So kam es also zu Akaki Akakiewitsch. Die Taufe wurde nun vollzogen, und dabei weinte das Knblein und verzog das Gesicht so, als htte es vorausgefhlt, da es einmal Titularrat sein wrde. Ich habe das alles ausgefhrt, damit der Leser selber sehe, da es gar nicht anders sein konnte und ein anderer Name unter diesen Umstnden rein unmglich und gnzlich ausgeschlossen gewesen wre. Wann Akaki Akakiewitsch nun ins Ministerium kam und wer ihn dorthin brachte, daran kann sich wohl niemand mehr erinnern. Die Direktoren und Kanzleivorsteher wechselten, doch ihn sah man immer auf demselben Posten, in derselben Haltung, bei derselben Arbeit, so da einer glauben konnte, Akaki Akakiewitsch wre so auf die Welt gekommen: in Uniform und mit der Glatze. In seiner Abteilung bewies man ihm auch weiter keine Achtung. Die Trsteher standen nicht nur nicht auf, wenn er kam, sondern sie sahen ihn nicht einmal, als wre da anstatt eines Titularrats eine ganz kleine Fliege hereingeflogen gekommen. Die Kanzleivorstnde behandelten ihn von oben herab. So ein Sekretr hielt ihm einfach den Sto Papiere unter die Nase hin und nahm sich erst weiter nicht die Mhe hinzuzufgen: Bitte schreiben Sie das ab! oder: Heute gibt es wieder einmal eine hbsche, interessante Arbeit fr Sie! oder sonst etwas Verbindliches, wie es sich unter wohlerzogenen Leuten schickt. Und Akaki Akakiewitsch nahm auch alles so entgegen, wie man es ihm bot, und hatte nur Augen fr das Papier und sah gar nicht erst auf den, der es ihm reichte und ob dieser auch dazu berechtigt wre; er nahm es entgegen und machte sich sofort an die Arbeit. Die jungen Beamten lachten ihn aus und machten Witze mit ihm, wie das solche Kanzleigehirne eben verstehen; so erzhlten sie in seiner Gegenwart Geschichten ber ihn und seine Wirtschafterin, ein siebzigjhriges Weib, und sagten, da diese ihn prgle, oder fragten, wann Hochzeit sein werde; auch streuten sie Papierschnitzel auf seine Glatze und meinten, das sei Schnee. Doch Akaki Akakiewitsch erwiderte mit keiner Silbe und tat, als she er nichts. Es strte ihn auch nicht im geringsten in seiner Arbeit; mitten unter allen diesen Sticheleien machte er nicht einen einzigen Fehler im Briefe. Nur wenn sie schon ganz unertrglich waren und diese freundlichen Kollegen etwa seine Hand zu stoen begannen und ihn also an der Arbeit hinderten, rief er: So lat mich doch in Ruhe! Warum mt ihr mich in einem fort rgern? Und etwas Fremdes und Fernes lag stets in diesen seinen Worten und in der Stimme, mit der er sie sprach. Ich sage, darin ward etwas laut, was in den Menschen das Mitleid erregen mute, so da wirklich einmal ein junger Mann, der seit kurzem hier angestellt war und nach dem Muster der anderen sich auch allerhand Scherze mit Akaki Akakiewitsch erlaubte, ganz pltzlich davon ablie, als she er jetzt alles ganz anders und als htte sich alles nun vor seinen Augen verkehrt und verwandelt. Eine wunderbare Macht trennte ihn fr immer von seinen Kollegen, mit denen er sich schon befreundet hatte, in der Meinung, es wren eben liebenswrdige Leute von Welt wie andere auch. Und noch nach Jahren, in Augenblicken des Frohsinns, stand da pltzlich im Geiste der kleine Beamte mit der Glatze auf dem Kopfe vor ihm und sprach dieselben Worte: Lat mich doch in Ruhe! Warum mt ihr mich in einem fort rgern? Und mit diesen Worten tnten andere mit: Ich bin dein Bruder. Und der junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Hnden und erschrak jetzt und noch oft und oft in seinem Leben davor, wieviel Unmenschliches im Menschen wohne, wieviel Grausamkeit und Roheit gerade in diesen feinen, gebildeten Mnnern von Welt und wei Gott auch in solchen noch stecke, welche allenthalben fr gutmtig und rechtschaffen gelten. Es wre wohl schwer gewesen, einen Menschen zu finden, der mehr in seinem Berufe lebte. Akaki Akakiewitsch diente mit Eifer, doch das ist noch nicht das Wort: er diente mit Liebe. Whrend er so schrieb, erstand vor seinem Auge eine bunte und ihm liebe Welt, und der Genu an dieser Welt drckte sich auch in seinem Gesichte deutlich aus; da gab es immer Buchstaben, die er ganz besonders mochte; wenn er die zu Papier brachte, war er wie nrrisch, lchelte in sich hinein, zwinkerte mit seinen kleinen Augen und half gleichsam mit den Lippen nach, so da man aus seiner Grimasse wohl lesen konnte, welchen Buchstaben eben seine Feder produzierte. Wenn sie ihn nach seinem Eifer entlohnt htten, mte er schon lngst Staatsrat sein -- wohl auch zu seinem eigenen Erstaunen; so hatte er sich, wie seine Kollegen sich ausdrckten, statt eines kleinen Bandes im Knopfloch die Hmorrhoiden ersessen. Natrlich will ich damit nicht behaupten, da seine Vorgesetzten auf ihn nicht aufmerksam geworden wren. Einer, ein guter Mensch, wollte ihn auch fr seinen langen Dienst belohnen und gab den Auftrag, ihm von nun an eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als das bloe Abschreiben wre: Akaki Akakiewitsch sollte Berichte fr ein anderes Bureau liefern, und die Arbeit bestand schlielich nur darin, da er den Titel nderte und die erste Person in die dritte verwandelte, doch das machte ihm solche Mhe, da er ganz in Schwei geriet, sich die Stirn rieb und endlich bat: Nein, lat mich lieber wieder abschreiben! Und seitdem schrieb er wieder ab. Was nicht zum Schreiben gehrt, das existierte fr Akaki Akakiewitsch nicht. So verga er ganz auf seine Kleidung. Die Uniform war nicht mehr grn, sondern rtlich und wie mit Mehl bestubt; der Kragen war so eng und niedrig, da sein Hals, der eigentlich kurz war, ganz lang erschien und der Titularrat jenen Katzen aus Gips glich, welche die Hausierer auf dem Kopfe, so ein Dutzend im Korbe, herumtragen. Und immer blieb etwas an seiner Uniform hngen: ein wenig Heu oder ein Bindfaden; zudem hatte er es darauf abgesehen, unter ein Fenster gerade in dem Augenblick zu treten, da man Kehricht auf das Pflaster warf, und so trug er stets etwas davon auf seinem Hute weiter: Stcke Schale von einer Wassermelone, Brotrinde und hnliches. Man kann wohl behaupten, da er dem, was tglich auf der Strae vorgeht, auch nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Bekanntlich lt sein Bruder im Amte zu keiner Zeit die Augen davon, in der Tat hat er diese schon so geschrft, da er es schon merkt, wenn einer auf dem anderen Trottoir unten die Hosen abgetreten hat, welcher Umstand ihn immer von neuem zu lautem Lachen reizt. Wohin immer Akaki blickte, berall sah er die sauberen, geraden Linien seiner Handschrift, und erst wenn sich ihm von ungefhr eine Pferdeschnauze auf die Schulter legte und ihn aus seinen groen Nstern anblies, wurde er gewahr, da er sich nicht mitten in einer Zeile, sondern mitten auf der Strae befnde. Zuhause setzte er sich gleich zu Tisch, schlang die Suppe herunter und a ein Stck Rindfleisch mit Knoblauch dazu. Er schmeckte nicht, was er a, und so kam es, da er auch die Fliegen und was sonst etwa noch auf dem Essen lag, mit herunterschluckte. Wenn er fhlte, da der Magen voll zu werden anfing, stand er auf, nahm Tintenfa und Feder heraus und schrieb nun die Briefe und Schriften ab, die er mit nach Hause gebracht hatte. Gab es zufllig keine Briefe, so hatte er sich Kopien mitgenommen und schrieb sie jetzt zu seinem Vergngen ab, besonders gerne, wenn sich so ein Schriftstck weniger durch Schnheit des Stils, wie durch die Adresse an eine neue oder wichtige Persnlichkeit auszeichnete. Um die Zeit, da Petersburgs grauer Himmel sich vllig verdunkelt und das ganze Beamtenvolk jeder nach seinem Gehalt oder Geschmack abgegessen hat, um die Zeit, da alles sich vom Gekritzel der Federn, von den vielen Gngen fr sich und fr andere oder sonst welchen Mhen, die sich der Mensch freiwillig aufzwingt mehr als ntig, erholt, um die Zeit, da die Beamten alle sich beeilen, die noch brige Zeit dem Vergngen zu widmen: der eilt in ein Theater, dieser auf die Strae, um gewisse kleine Hte zu begucken, ein dritter in eine Gesellschaft, um sich hier in Komplimenten zu verausgaben an ein zierliches Kind, den Stern eines kleinen Beamtenkreises, ein vierter -- und das kommt allerdings am hufigsten vor -- kriecht zu seinem Amtsbruder hinauf in den dritten oder vierten Stock, die Wohnung besteht aus zwei kleinen Zimmern mit Vorzimmer und Kche und ist nicht ganz ohne Ansprche auf Schnheit, es steht da etwa eine Lampe drin nach dem neuesten Geschmack oder sonst ein seltener Gegenstand, der viel Opfer gekostet hat und ganz bestimmt nur um den Preis unterdrckter Mittagessen und unterlassener Theaterbesuche zu erstehen war; ich sage, um die Zeit, da diese Beamten sich in den Wohnungen ihrer Kollegen zerstreuen mit Whist, Tee und Zwieback, und einer sitzt dabei und dampft aus seinem langen Tschibuk, und ein anderer neben ihm erzhlt einen Klatsch aus den hchsten Kreisen, ein Vergngen, dem ein Russe niemals und unter gar keinen Bedingungen entsagen will, und wenn ihm keiner einfllt, so gibt er wohl zum hundertsten Male die Anekdote zum besten vom Kommandanten, dem gemeldet wird, da ein beltter dem Pferde am Denkmal Peters des Groen den Schweif abgehauen htte, ich sage, um die Zeit, da alles die Freude und das Vergngen sucht, blieb Akaki Akakiewitsch durchaus jeder Art von Zerstreuung ferne. Niemand konnte sagen, er htte ihn jemals abends wo in Gesellschaft gesehen. Sobald er sich satt geschrieben hatte, ging er zu Bett, im voraus schon lchelnd beim Gedanken daran, was Gott ihm wohl morgen zum Abschreiben geben werde. So flo friedlich das Leben eines Menschen hin, der mit vierhundert Rubel Gehalt sich in sein Los schicken konnte, und dieses Leben wre weiter so dahingeflossen in gleichem Frieden bis ins hchste Greisenalter, wenn es nicht bse Zuflle gbe auf dem Lebenswege nicht nur der Titular-, sondern auch der Geheim-, der wirklichen Geheim- und der Hofrte, ja selbst derer, die niemandem einen Rat geben und auch von keinem einen solchen empfangen. Alle die mit einem Jahresgehalt von vierhundert Rubel und darum haben in Petersburg einen gar argen Feind, und dieser Feind ist kein anderer als unser Winterfrost, trotzdem er natrlich fr sehr gesund gilt. So um neun Uhr morgens, um die Zeit, da sich die Straen fllen mit solchen, die in die Ministerien mssen, beginnt er so krftige und beiende Nasenstber auszuteilen, da die armen Beamten wirklich nicht mehr wissen wohin mit ihren Nasen. Und wenn denen in hoher Stellung schon die Stirn vor Klte brennt und Trnen in die Augen treten, geht es unseren armen Titularrten erst recht schlecht. Das einzige, was diesen zu tun brigbleibt, ist sich so schnell wie mglich in ihren dnnen Mntelchen durch die fnf oder sechs Gassen zu schlagen und dann in der Portierloge sich die Fe am Ofen zu wrmen, so lange, bis alle auf dem Wege eingefrorenen Talente und Fhigkeiten zum Dienst wieder aufgetaut wren. Akaki Akakiewitsch begann nun schon seit einiger Zeit zu fhlen, da ihn da was im Rcken und auf den Schultern gar heftig zwicke und beie, trotzdem er sich bemhte, den Weg ins Bureau so schnell wie mglich zurckzulegen. Und er dachte, ob nicht am Ende sein Mantel die Schuld trge, und richtig, da er ihn zu Hause genau durchsuchte, entdeckte er, da an drei oder vier Stellen, gerade am Rcken und an den Schultern, sich der Stoff durchgerieben hatte und ganz durchsichtig geworden und da auch das Futter zerrissen wre. Man mu im brigen wissen, da die Kollegen auch diesen Mantel zur Zielscheibe ihres Spottes gewhlt, da sie ihm den ehrenwerten Namen eines Mantels berhaupt genommen und ihn Kapuze getauft hatten. In der Tat hatte er im Laufe der Zeit eine fragwrdige Form angenommen, auch war der Kragen von Jahr zu Jahr schmler geworden, da er zum Flicken der anderen Teile herhalten mute, und diese Flecken verrieten keineswegs die Kunst eines Schneiders, vielmehr waren sie von hchst ungebter und grober Hand eingesetzt. Da nun Akaki Akakiewitsch mit Augen sah, woran er wre, beschlo er, den Mantel sofort zu Petrowitsch, dem Schneider, zu tragen. Dieser lebte irgendwo im vierten Stock eines Hinterhauses und befate sich mit Reparaturen aller Art von Hosen und Frcken der Beamten und anderer Leute, natrlich nur in Stunden, da er nchtern und sein Kopf frei war. Ich brauchte ber ihn natrlich nicht lange zu reden, doch da es nun einmal so Sitte ist, da in einer Erzhlung ber den Charakter einer Figur kein Zweifel herrsche, so her mit diesem Schneider. Vor Jahren hie er noch einfach Grigori und war Leibeigener bei irgendeinem Herrn. Petrowitsch begann er sich erst zu nennen, da er freigelassen wurde und sich an allen Feiertagen tchtig zu betrinken anfing, zuerst nur an den groen, spter aber an allen ohne Unterschied, wo immer nur im Kalender sich ein Kreuz fand. Darin war er der Sitte seiner Vter durchaus treu geblieben, und wenn er darob mit seinem Weibe zankte, so nannte er sie ein weltliches Geschpf ohne Sitte und ohne Art und zudem eine Deutsche. Da ich nun schon einmal bei seinem Weibe bin, so mu ich auch ber sie ein paar Worte sagen. Leider ist von ihr nicht viel mehr bekannt, als da sie eben das Eheweib des Petrowitsch sei und da sie eine Haube und nicht ein Tuch um den Kopf trage. Sie konnte sich wohl in keinem Falle rhmen, schn zu sein; hchstens da Soldaten von der Garde ihr einmal unter die Haube guckten, doch sie drehten sich da jedesmal den Schnurrbart, lachten und sprachen ein nicht wiederzugebendes Wort aus. Auf der Stiege zu Petrowitsch -- die Wahrheit zu sagen war diese gerade frisch eingeseift und stank, wie alle Petersburger Hintertreppen, stark nach Schnaps -- ich sage auf der Stiege berlegte Akaki Akakiewitsch, wieviel Petrowitsch wohl verlangen drfte, und war in Gedanken fest entschlossen, nicht mehr als zwei Rubel zu geben. Die Tr stand offen, denn die Kche, wo des Petrowitsch Weib einen Fisch briet, war so voll Rauch, da man nicht einmal die Schwaben sehen konnte. Akaki konnte also durchgehen, ohne von der Wirtin gesehen zu werden, und trat ins Zimmer des Petrowitsch, welcher an einem breiten ungestrichenen Tisch sa und die Beine wie ein Pascha gekreuzt hatte. Die Fe waren wie bei allen Schneidern blo, und vor allem mute dem Kunden der Daumen auffallen; Akaki Akakiewitsch kannte ihn gut mit seinem verstmmelten Nagel, der dick und hart wie Schildpatt war. Um den Hals hingen ihm Fden von Zwirn und Seide und auf den Knien hatte er einen alten Fetzen. Schon seit einigen Minuten suchte er den Zwirn in das Nadelhr zu bekommen, doch es wollte ihm nicht gelingen, und da begann er denn auf die Finsternis zu schimpfen und auch auf den Zwirn: Er geht nicht hinein, das Luder. Akaki Akakiewitsch war es nicht angenehm, gerade in einem Augenblick zu kommen, da Petrowitsch in schlechter Stimmung war: es wre ihm lieber gewesen, bei Petrowitsch eine Bestellung zu machen, da dieser seine Courage vertrunken hatte und nach Fusel roch. In diesem Zustande ging er nmlich auf alles ein und stand immer wieder von seinem Sitze auf und verbeugte sich in einem fort und war beraus dankbaren Gemtes. Freilich spter kam dann das Weib und weinte und schrie, der Mann sei betrunken gewesen gestern und htte nur darum die Arbeit fr so wenig bernommen. Doch da legte man ein paar Kopeken zu, und die Sache war gemacht. Heute aber, schien es, war Petrowitsch nchtern und darum fest, er tat den Mund nicht auf und war also eher geneigt, wei Gott was fr Preise zu verlangen. Akaki Akakiewitsch fhlte das sehr deutlich und wollte schon wieder zurck, doch er war schon zu weit gekommen, Petrowitsch hatte ihn erblickt und blinzelte ihn mit seinem einzigen Auge von der Seite an, so da der Titularrat ganz gegen seinen Willen: Guten Tag, Petrowitsch! ausrief. Gott zum Gru, Herr! erwiderte Petrowitsch, und das Auge des Schneiders fiel auf die Hand des Akaki Akakiewitsch und wollte wissen, was fr eine Beute dieser ihm heute denn brchte. Ich komme zu dir, Petrowitsch ... denn ... weil... Man mu wissen, da der Titularrat sich meist nur in Umstands- und Beiwrtern und in sonst welchen Silben, die ganz ohne Sinn waren, ausdrckte. Und wenn eine Sache sehr schwierig war, hatte er die Gewohnheit, den Satz berhaupt nicht zu beenden... Was habt Ihr da? sagte Petrowitsch und musterte inzwischen mit seinem einen Auge die ganze Uniform von oben bis unten, Kragen, Aermel, Rcken, Falten, Achselschlingen, er kannte das alles sehr gut, denn es war seine eigene Arbeit. Das ist bei Schneidern so Gewohnheit; das erste, was jeder tut. Da hab ich was fr dich, Petrowitsch. Den Mantel ... Das Tuch ... Du siehst, es ist berall noch gut, ganz fest. Er ist nur etwas verstaubt und sieht darum so alt aus, doch er ist noch ganz neu ... neu ... Nur hier ist so etwas ... am Rcken. Und auch noch auf der Schulter ist er ein wenig durchgewetzt, und dann da noch auf dieser Schulter ... Siehst du es auch? Das ist alles. Nicht viel Arbeit. Petrowitsch nahm den Mantel, breitete ihn auf dem Tisch aus und prfte ihn lange. Er schttelte mit dem Kopfe, und seine Hand griff nach einer runden Tabaksdose mit dem Portrt eines Generals darauf -- man konnte nicht sehen welches, denn dort, wo das Gesicht htte sein sollen, war das Holz mit dem Finger durchgedrckt und mit einem Stckchen Papier zugeklebt. Petrowitsch schnupfte ein wenig Tabak und hielt jetzt den Mantel gegen das Licht und schttelte noch einmal sein Haupt; dann kehrte er das Futter heraus und schttelte wieder mit dem Kopfe; noch einmal nahm er die Dose mit dem gekpften General, zog etwas Tabak ein, legte sie aufs Fensterbrett und sagte endlich: Nein, da ist nichts mehr auszubessern. Der Mantel ist schlecht. Dem Titularrat schlug das Herz. Warum nicht, Petrowitsch? fragte er mit der jammernden Stimme eines kleinen Kindes. Er ist doch nur an den Schultern etwas durchgewetzt. Du hast sicher bei dir noch alte Flecken zum Stopfen. Die habe ich schon; aber man kann sie nicht mehr aufnhen. Das Tuch ist schon ganz mrbe und hlt den Stich nicht mehr: so ist es! Da nhst du eben einen Lappen darauf! Worauf denn? Nein, nein, den kann man nicht mehr zusammenflicken, der hat schon zuviel durchgemacht. Doch, doch, stopf ihn nur! Nein, sagte Petrowitsch jetzt ganz entschlossen, da ist nichts mehr zu stopfen. Am besten, Ihr macht Euch, wenn der Winter kommt, Fulappen daraus. Strmpfe sind doch nicht warm. Die haben die Deutschen erfunden, um noch mehr Geld zu machen. (Petrowitsch liebte es, gelegentlich auf die Deutschen zu schimpfen.) Den Mantel aber, versteht sich, mt Ihr Euch neu machen lassen. Bei dem Worte neu wurde es dem Titularrat dunkel vor den Augen, und alles drehte sich ihm im Zimmer, und er sah nur ganz klar vor sich den General mit dem zugeklebten Gesichte auf der Tabaksdose. Wieso einen neuen? rief er wie aus dem Traume. Ich habe doch kein Geld dafr. Ja, einen neuen, besttigte Petrowitsch mit grausamer Ruhe. Und wenn es schon ein neuer sein mu, was wrde...? Ihr meint, was er kostet? Ja. Nun, so hundertundfnfzig Rubel mt Ihr darauf schon verwenden, meinte Petrowitsch und kniff die Lippen zusammen. Er liebte nmlich die starken Effekte. Er liebte es, den Leuten Schrecken einzujagen und dann so von der Seite zuzusehen, was der Geschreckte fr ein Gesicht machte. Hundertundfnfzig Rubel fr einen Mantel! schrie Akaki Akakiewitsch auf, vielleicht das erstemal wieder nach seiner Geburt, denn fr gewhnlich eignete ihm groe Stille. Ja, gewi! sagte Petrowitsch. Und wenn Ihr den Kragen aus Marder und die Kapuze mit Seide gefttert haben wollt, so kommt er auf zweihundert. Petrowitsch, ich bitte dich, flehte der Titularrat, ohne auf Petrowitsch zu hren und auf dessen Effekte zu achten, bessere mir den Mantel aus, damit er noch einige Zeit wenigstens hlt! Nein, das geht nicht. Das hiee Arbeit verschwenden und das Geld auf die Strae werfen, schlo Petrowitsch, und Akaki Akakiewitsch lief hinaus. Petrowitsch jedoch behielt noch lange seine Stellung, kniff hchst bedeutsam die Lippen zusammen und lie die Hnde von der Arbeit, so zufrieden war er damit, da er diesmal weder sich selber erniedrigt noch die Schneiderkunst verraten hatte. Auf der Strae ging Akaki Akakiewitsch wie im Traume. So etwas. Ich htte doch nicht gedacht, da es dazu kommen wrde! Und dann fgte er hinzu nach einigem berlegen: So steht die Sache. Das kam dabei heraus. Wer htte vermuten knnen, da es damit so stnde. Und wieder schwieg er, und jetzt noch einmal: So steht es also mit mir. Das konnte ich doch nicht erwarten, niemals ... So etwas... Anstatt nach Hause ging er nun, ohne es zu wissen, genau in der entgegengesetzten Richtung. Auf dem Wege streifte ihn ein Schornsteinfeger, und die Schulter war ganz schwarz davon. Auch fiel eine Kelle mit Kalk auf ihn von einem Hause, an welchem gebaut wurde. Er merkte nichts. Erst als er gegen einen Wachtposten angerannt war, der, die Hellebarde neben sich, aus seinem Beutel Tabak auf die schwielige Hand tat, wachte er auf, denn der Posten schrie ihn an: Mut du mir denn ins Maul kriechen? Wozu ist denn das Trottoir da? Jetzt sah er auf und ging nach Hause. Und hier erst begann er die Gedanken zu sammeln und klar seine Lage zu bersehen, hier erst begann er mit sich nicht mehr zusammenhanglos, sondern berlegt und offen zu sprechen, als redete er mit einem klugen Freunde, dem man eine Herzenssache anvertrauen kann. Nein, nein, heute kann niemand mit Petrowitsch reden. Sein Weib mu ihn durchgeprgelt haben. Ich gehe besser am nchsten Sonntag noch einmal zu ihm. Sonnabend ist er betrunken, und da bekommt er Sonntag darauf die Augen nicht auf und bedarf einer Strkung. Sein Weib gibt ihm das Geld nicht, und da bin ich dann da und drcke ihm einen Sechser in die Hand, und so wird er mit sich reden lassen, und der Mantel wird dann noch gehen... So schlo der Titularrat, sprach sich Mut zu und wartete auf den nchsten Sonntag. Kaum hatte er gesehen, da des Schneiders Weib aus dem Hause ging, eilte er schnurstracks zu ihm. In der Tat hatte Petrowitsch Mhe, sein einziges Auge aufzubekommen und war ganz voll Schlaf und lie den Kopf hngen. Doch kaum hatte er verstanden, worum es sich wieder handle, als er schon wie vom Satan getrieben rief: Nein, nein, das geht nicht. Ihr mt einen neuen bestellen! Der Augenblick war da, ihm den Sechser in die Hand zu drcken. Ich danke Euch, Herr! Da kann ich mich ein wenig strken gehen auf Eure Gesundheit. Doch den Mantel lat nun einmal, er taugt wirklich nichts mehr. Ich mache Euch einen neuen, schnen und dabei bleibt es. Der Titularrat fing immer wieder von der Reparatur an, doch Petrowitsch hrte gar nicht auf ihn und rief: Ich mache Euch einen neuen. Verlat Euch auf mich, ich werde mir Mhe geben! Ich werde Euch sogar, weil es jetzt so Mode ist, silberne Pftchen aufs Appliqu nhen. Akaki Akakiewitsch sah nun ganz klar, da der neue Mantel nicht mehr zu umgehen sei, und sein Mut war weg. Von welchem Gelde sollte er sich ihn nur machen lassen? Freilich durfte er auf die Remuneration zu den Feiertagen hoffen, doch die war schon im voraus eingeteilt: er brauchte neue Hosen, mute den Schuster bezahlen frs Ansetzen von Kappen an den Schuhen, und dann wollte er bei der Nherin drei Hemden bestellen. Kurz, das Geld war schon verausgabt. Und wenn auch der Direktor so gndig wre, ihm statt vierzig Rubel fnfundvierzig oder gar fnfzig zu bewilligen, wrde die Kleinigkeit, die brigbliebe, nur ein Tropfen im Meere sein im Vergleiche zu der Summe, die der neue Mantel kosten soll. Natrlich das wute er schon, da Petrowitsch, wei der Teufel warum, bei guter Laune gerne solche verrckte Preise machte, so da selbst sein Weib sich nicht mehr halten konnte und ihn anschrie: Bist du nrrisch geworden? Einmal arbeitest du fr nichts und dann wieder treibt dich der Teufel, einen Preis zu verlangen, den du selber gar nicht wert bist. Wenn der Titularrat auch wute, da Petrowitsch den Mantel fr achtzig Rubel liefern wrde -- woher aber die achtzig nehmen? Die Hlfte konnte er noch zusammenkriegen, ja, die Hlfte sogar sicher, vielleicht auch eine Kleinigkeit mehr: aber die andere Hlfte, wer sollte die ihm geben?... Doch der Leser mu zuerst erfahren, woher er die erste Hlfte nehmen wollte. Akaki Akakiewitsch hatte nmlich die Gewohnheit, von jedem verausgabten Rubel eine Kopeke in eine kleine Sparbchse zu tun, die zugeschlossen war und einen schmalen Schlitz enthielt, durch den so eine Kopeke ging. Jedes halbe Jahr zhlte er die Summe, die sich angesammelt hatte, und wechselte sie in Silber um. Das hatte er nun seit geraumer Zeit durchgefhrt, und auf diese Weise war im Laufe von mehreren Jahren die Summe von vierzig Rubel zusammengekommen. Die eine Hlfte war also da, in seinen Hnden, woher aber, noch einmal, die anderen vierzig Rubel? Akaki Akakiewitsch berlegte hin und her und beschlo endlich, mindestens ein ganzes Jahr sich einzuschrnken, das heit: keinen Tee mehr am Abend zu trinken, kein Licht mehr anzuznden und, wenn er abends arbeiten msse, zur Wirtin zu gehen und dort bei der Kerze zu schreiben; dann auf der Strae so leise und vorsichtig wie mglich aufzutreten, ja auf den Zehen zu gehen, um die Sohlen nicht durchzuwetzen; endlich die Wsche so selten wie mglich zum Waschen zu geben und sie zu Hause gleich auszuziehen, damit sie nicht abgentzt werde, und im halbwollenen Schlafrock dazusitzen, der sehr alt sei und dem die Zeit darum nichts mehr anhaben knnte. Es fiel ihm ja, um die Wahrheit zu sagen, anfangs schwer, sich an alle diese Entbehrungen zu gewhnen, doch mit der Zeit wurde es ihm immer leichter, ja allmhlich ward er ein Meister in der Kunst zu hungern, im Geiste sich mit dem Gedanken an den neuen Mantel nhrend. Und seit diesen Tagen wurde sein ganzes Wesen gleichsam voller, als htte er geheiratet, als stnde ihm jetzt ein Wesen zur Seite, als wre er nicht mehr allein und htte sich eine kstliche Lebensgefhrtin endlich entschlossen, den Weg des Lebens mit ihm zu wandeln, und ich sage, diese kstliche Lebensgefhrtin war eben der Mantel, innen wattiert und mit starkem Futter versehen. Akaki Akakiewitsch wurde in der Tat lebhafter und fester gleich einem Menschen, der ein Ziel hat. Aus seinem Gesichte und aus seinen Schritten waren von selbst aller Zweifel, jegliche Unentschlossenheit, alle die schwankenden und unbestimmten Zge verschwunden. In sein Auge kam zuweilen Feuer und in seinem Hirne blitzten dann khne, ja freche Gedanken auf: knnte der Kragen am Ende nicht doch aus Marder sein? Ich sage, Akaki Akakiewitsch wurde durch solche und hnliche Gedanken zerstreut, und einmal htte er beim Abschreiben beinahe einen Fehler gemacht, so da er laut aufschrie und sich bekreuzte. Jeden Monat mindestens einmal klopfte er bei Petrowitsch an, um ber den Mantel zu schwatzen: wo wrde man wohl am besten das Tuch kaufen, und welche Farbe sollte es eigentlich haben und wie teuer wird es sein? Und jedesmal kam er, wenn auch nicht ganz ohne Kummer, so doch zufrieden nach Hause bei dem Gedanken, da nun endlich die Zeit da sein werde, da man alles Notwendige kaufen und der Mantel fertig sein wrde. Und die Zeit kam schneller als er geglaubt hatte, denn wider alles Erwarten hatte der Direktor ihm nicht nur vierzig, sondern ganze fnfzig Rubel bewilligt. Ob dieser es nun geahnt hat, da Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel brauchte, oder ob das so von selber gekommen ist, Akaki Akakiewitsch hatte auf einmal zwanzig Rubel mehr. Und dieser Umstand beschleunigte die Sache. Noch zwei, drei Monate hungern, und Akaki Akakiewitsch hatte die achtzig Rubel beisammen. Sein sonst so ruhiges Herz begann laut zu schlagen, da er sich mit Petrowitsch zusammen nach dem Laden aufmachte. Sie kauften sehr gutes Tuch, nicht zu teuer, war dieses doch durch ein halbes Jahr hindurch der alleinige Gegenstand ihres Denkens gewesen und hatten sie doch selten einen Monat verstreichen lassen, ohne im Laden um den Preis zu handeln; dafr meinte aber auch Petrowitsch jetzt, da es bestimmt kein besseres Tuch gebe. Als Futter whlten sie Coulaincour, guten, festen, der nach der Aussage des Petrowitsch besser wre als Seide und auch so aussehe und glnze. Marder kauften sie nicht, das war zu teuer, dafr whlten sie aber ein Katzenfell, das beste, das sie im Laden fanden und das man im brigen von weitem ganz gut fr Marder halten konnte. Petrowitsch brauchte im ganzen vier Wochen fr den Mantel, denn es gab viel zu steppen, sonst wrde er wohl frher damit fertig geworden sein. Fr die Arbeit nahm er zwanzig Rubel, billiger ging es schon nicht. Alles war auf Seide genht, und bei jeder Naht half Petrowitsch noch mit den Zhnen nach. Es war nun -- ich kann nicht genau sagen, an welchem Tage -- es war jedenfalls am glorreichsten Tage in des Akaki Akakiewitsch Leben, da Petrowitsch den Mantel endlich brachte. Am Morgen, genau um die Stunde, da der Titularrat ins Bureau mute. Auch wre zu keiner anderen Jahreszeit der Mantel so gelegen gekommen, denn die starken Frste hatten schon eingesetzt und drohten allem Anschein nach noch heftiger zu werden. Petrowitsch erschien mit dem Mantel ganz so, wie sich das fr einen guten Schneider gehrt. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Akaki Akakiewitsch an ihm noch nicht wahrgenommen hatte. Es schien, als fhlte er durchaus, da er keine geringe Sache hier zur Vollendung gebracht htte und da er erst jetzt den Abgrund gewahr geworden wre, der einen Flickschneider von jenem entschieden trenne, der neue Anzge machte. Petrowitsch nahm den Mantel aus dem Tuch heraus, in das er ihn gewickelt hatte. (Das Tuch war frisch aus der Wsche gekommen, und er legte es auch gleich wieder zusammen und steckte es ein zum sofortigen Gebrauch.) Er blickte ihn stolz an und warf ihn mit beiden Hnden sehr leicht Akaki Akakiewitsch um die Schultern; dann zog er ihn ein wenig nach unten mit der Hand; dann mute ihn Akaki Akakiewitsch aufgeknpft lassen und der Mantel Falten werfen. Doch Akaki Akakiewitsch wollte als ein Mann von Erfahrung auch die rmel probieren; Petrowitsch half ihm -- auch die rmel paten. Kurz der Mantel war vollkommen. Petrowitsch unterlie auch nicht die Bemerkung, da er ihn deshalb nur so billig gemacht htte, weil er weit vom Zentrum entfernt lebe und Akaki Akakiewitsch schon seit langem kenne; auf dem Newsky Prospekt htte ihm ein Schneider fr die Arbeit allein fnfundsiebzig Rubel genommen. Akaki Akakiewitsch wollte mit Petrowitsch darber jetzt nicht rechten, frchtete er doch berhaupt all die Riesensummen, mit denen der Schneider Staub zu machen liebte. Er zahlte ihn aus, dankte ihm noch und ging alsogleich mit dem neuen Mantel ins Bureau. Petrowitsch ging ihm nach und sah sich auf diese Weise seinen Mantel aus der Ferne an, er bog auch in eine Seitengasse ein und kam auf derselben Strae Akakiewitsch entgegen, so da er den Mantel jetzt auch von vorne sehen konnte. Inzwischen aber schritt Akaki Akakiewitsch in wahrhaft feiertglicher Laune weiter. Er fhlte es in jedem Augenblicke, da er jetzt den neuen Mantel anhtte, und zuweilen lchelte er vor innerem Glcke. In der Tat brachte ihm der Mantel auch jeden Vorteil, das heit: er war sowohl warm als auch gut berhaupt. Auf den Weg achtete der Titularrat nicht, und schon war er im Ministerium. Im Vorzimmer nahm er den Mantel ab, betrachtete ihn von allen Seiten und bergab ihn dem Portier zu besonderer Aufsicht. Ich wei nicht, auf welche Weise die Kollegen im Amte erfahren hatten, da Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel htte und da die alte Kapuze nicht mehr existierte: alle strmten im selben Augenblicke ins Vorzimmer hinaus, um den Mantel zu sehen. Dort beglckwnschten und begrten sie feierlichst Akaki Akakiewitsch, so da er anfangs wohl lachte, zuletzt aber ganz verlegen wurde. Als nun aber alle in ihn drangen, der neue Mantel mte eingeweiht werden und er ihnen allen eine Gesellschaft geben, wute Akaki Akakiewitsch schon gar nicht mehr wohin und was er antworten und wie er sich ausreden sollte, bis er ganz rot im Gesicht ihnen in seiner Einfalt versicherte, da es doch kein neuer Mantel wre, sondern ein alter. Doch da rief einer aus der Schar, ein Gehilfe des Chefs, wohl um zu zeigen, da er nicht hochmtig sei und den Verkehr mit niederen Beamten nicht meide: So ist es. Ich will an seiner Stelle die Gesellschaft geben und bitte euch alle fr heute abend zu mir; im brigen trifft es sich, da heute mein Namenstag ist. Die Beamten gratulierten jetzt dem Gehilfen und nahmen mit Freude die Einladung an. Nur Akaki Akakiewitsch bat um Entschuldigung, er knne nicht kommen; doch da redeten sie alle auf ihn ein, da das ungezogen sei, ja einfach eine Schande, und so konnte er nicht nein sagen. Ja die Einladung war ihm sogar sehr lieb, da ihm jetzt einfiel, da er auf diese Weise auch abends den neuen Mantel werde anziehen knnen. Der ganze Tag war nun fr Akaki Akakiewitsch ein Fest und ein Triumph. Er ging in der allerglcklichsten Gemtsverfassung nach Hause, nahm dort den Mantel ab und hing ihn mit der grten Vorsicht an die Wand. Immer wieder liebugelte er mit dem Stoff und dem Futter und nahm auch zum Vergleich die alte Kapuze heraus. Er mute lachen, so gro erschien ihm der Unterschied zwischen beiden. Und noch lange nach dem Essen mute er lachen, sooft ihm die beraus traurige Verfassung seiner alten Kapuze einfiel. Sein Mahl verzehrte er mit aller Heiterkeit, und diesmal schrieb er nach dem Essen nicht ab, vielmehr faulenzte er am Bett, bis es dunkel wurde. Doch dann schob er es nicht mehr hinaus, zog den neuen Mantel an und ging auf die Strae. Wo der Beamte lebte, der die Gesellschaft gab, das wei ich leider nicht genau zu sagen; mein Gedchtnis lt mich jetzt oft im Stich, und Petersburgs Huser und Straen gehen alle in meinem Kopfe so durcheinander, da ich mich oft schwer darin zurechtfinde. Nur so viel wei ich zu sagen, da er im besten Viertel wohnte, also nicht sehr nahe von Akaki Akakiewitsch. Zuerst mute dieser wohl noch durch de Gassen mit sprlicher Beleuchtung schreiten, doch in dem Mae, als er sich der Wohnung des Gehilfen nherte, wurden die Straen lebhafter, bewohnter und besser beleuchtet. Blitzschnell eilten Fugnger an ihm vorbei, er sah schn gekleidete Frauen, die Herren trugen Biberkragen, das Auge begegnete hier nur ganz selten den hlzernen Bauernschlitten mit dem durchlcherten Boden, hingegen flogen elegante Kutscher mit himbeerfarbenen Sammetmtzen, lackierten Schlitten mit Brendecken durch die Straen, und die Kufen und Rder knirschten am Schnee. Fr Akaki Akakiewitsch war das alles neu; schon seit vielen Jahren war er abends nicht auf der Strae gewesen. Neugierig blieb er vor einem hellerleuchteten Laden stehen und sah darin ein Bild, eine hbsche Frau darstellend, die sich den Schuh auszieht und so ihr Bein sehen lt; hinter ihr steckt ein Herr mit Backenbart und Fliege unter der Lippe den Kopf zur Tr hinein. Akaki Akakiewitsch schttelte den Kopf und lchelte und ging weiter. Und warum lchelte er? Weil er hier einer ihm ganz und gar fremden Welt zum ersten Male begegnete, fr die auch ihm das Gefhl nicht ganz fehlen konnte. Oder dachte er so wie alle anderen Beamten: Diese Franzosen! Die verstehen das!? Vielleicht dachte er auch das nicht. Ach, wir vermgen ja dem Menschen nicht in die Seele zu blicken und zu wissen, was er denkt. Endlich erreichte er das Haus. Der Gehilfe lebte auf groem Fue, die Treppe war erleuchtet, die Wohnung im zweiten Stock. Im Vorzimmer sah Akaki Akakiewitsch eine ganze lange Reihe Galoschen. Mitten unter ihnen dampfte ein Samowar. An den Wnden hingen die Mntel, einige darunter mit Biberkragen oder Sammetaufschlgen. Hinter der Wand hrte man Lrm und Worte, die pltzlich klar und deutlich wurden, da sich die Tr ffnete und ein Diener heraustrat mit leeren Teeglsern, Sahne und einem Korb mit Zwieback auf der Tablette. Die Gste waren also schon einige Zeit beisammen und hatten das erste Glas Tee schon getrunken. Akaki Akakiewitsch ging, nachdem er seinen Mantel eigenhndig an die Wand gehngt hatte, ins Zimmer, und vor seinen Augen glnzten im Nu die Kerzen, die Beamtenuniformen, die Pfeifen und Kartentische, und seine Ohren waren betubt vom Lrm des Gesprches und des Stuhlrckens. Voller Scheu blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und versuchte zu berlegen, was er denn weiter jetzt tun sollte. Doch kaum hatten ihn seine Kollegen bemerkt, als sie ihn mit groem Geschrei umringten und gleich auch hinaus ins Vorzimmer strzten, um den Mantel noch einmal zu besichtigen. Akaki Akakiewitsch war nicht wenig verlegen, doch konnte er in seiner Einfalt nicht anders als sich freuen, da er sah, da alle diesen Mantel priesen. Es versteht sich von selber, da sie seinen Mantel sowie auch ihn sogleich stehen lieen und sich an die Whisttische setzten. Alles, der Lrm, das Reden, die Menge Leute, war fr den Titularrat wie ein Traum, und er wute nicht, wie ihm sei und wohin er mit den Hnden und Fen und berhaupt mit dem ganzen Krper sollte. Endlich setzte er sich an einen Whisttisch, sah bald in die Karten, bald von den Spielern dem oder jenem ins Gesicht, begann zu ghnen und fhlte, da er sich langweile, um so mehr, als schon lange die Zeit gekommen war, da er zu Bett zu gehen pflegte. So wollte er sich verabschieden, doch das lieen sie nicht zu, er sollte noch mit ihnen ein Glas Champagner zu Ehren des neuen Mantels trinken. Nach einer Stunde wurde auch das Abendessen serviert: Suppe, kalter Kalbsbraten, Pastete, Kuchen und Champagner. Akaki Akakiewitsch mute zwei Glser Champagner mittrinken. Wenn er auch nach diesen fhlte, da im Zimmer die Heiterkeit zunehme, so konnte er dennoch nicht vergessen, da es schon zwlf Uhr und lngst Zeit fr ihn sei, nach Hause zu gehen. Damit sie sich aber nicht wieder etwas ausdachten, um ihn zurckzuhalten, ging er ganz leise und unbemerkt aus dem Zimmer und suchte nach seinem Mantel. Nicht ohne Mitgefhl sah er diesen am Boden liegen, und so schttelte er ihn erst durch, nahm jedes Federchen weg, zog ihn an und ging hinaus und die Treppe hinunter auf die Strae. Einige kleine Branntweinlden, diese unvermeidlichen nchtlichen Sammelpunkte fr die Trsteher und hnliche Leute, waren noch offen, andere, die geschlossen waren, lieen dnne Lichtstrahlen durch alle Trritzen und bewiesen damit, da sie noch nicht leer wren und Bediente hier ihren Klatsch fortsetzten und ber die Herrschaft zu Gericht sen. Akaki Akakiewitsch ging in heiterer Seelenstimmung, pltzlich war er sogar ganz von selber hinter einem Dmchen her, die wie ein Blitz an ihm vorbeigeschossen war und deren Krper ihm so merkwrdig beweglich vorkam. Doch blieb er bald zurck und ging wieder langsam weiter und war selber ganz erstaunt, wie er so pltzlich in den Trab gekommen wre. Bald zogen sich vor ihm jene langen, den Straen hin, die schon bei Tage uns dster zu stimmen vermgen. Jetzt schienen sie noch tiefer und einsamer; die Laternen kamen immer seltener, immer sprlicher wurde hier anscheinend das l ausgefolgt. Schon kamen die Huser und Zune aus Holz. Nirgends eine Seele. Alles Licht kam vom Schnee auf der Strae, finster kauerten die niedrigen Htten mit den geschlossenen Fensterlden. Akaki Akakiewitsch kam jetzt dorthin, wo eine Strae einen schier endlosen Platz durchschnitt, man konnte die Huser gegenber nicht mehr sehen, der Platz glich einer grauenhaften Wste. Weit, Gott wei wo, leuchtete ein schwaches Feuer in einer Bude, als welche in einem Kreis von Licht zu stehen schien. Akaki Akakiewitschs gute Laune war weg. Er betrat den Platz nicht ohne ein gewisses Grauen, als ahnte sein Herz Bses. Er sah sich um und zurck -- das Meer lag um ihn. Besser nicht umsehen, dachte er und ging mit geschlossenen Augen weiter, und als er sie wieder ffnete, um zu sehen, wo er denn wre, sah er vor seiner Nase Leute stehen mit Brten; mehr konnte er nicht mehr unterscheiden. Da wurde es pltzlich dunkel vor seinen Augen, und er sprte einen Schlag auf seiner Brust. Das ist ja mein Mantel, rief einer von den Mnnern und packte den Titularrat am Kragen. Akaki Akakiewitsch wollte nach der Wache schreien, als ihm ein Mann eine riesige Faust in den Mund stie und rief: Schrei nur! Akaki Akakiewitsch fhlte, da sie ihm den Mantel von den Schultern rissen und ihm eins mit den Knien versetzten, so da er nach vorn in den Schnee fiel und nichts mehr von sich wute. Nach einiger Zeit kam er zu sich und stand auf, doch war niemand mehr da. Er sprte, da der Boden eiskalt und er ohne Mantel sei, und er wollte rufen, doch seine Stimme erreichte nicht einmal das andere Ende des Platzes. In seiner Verzweiflung lief er schreiend ber den ganzen Platz bis zur Bude. Der Wachtposten stand, auf seine Hellebarde gesttzt, da und sah anscheinend nicht ohne Neugierde zu, wer zum Teufel mit solchem Geschrei auf ihn zugelaufen komme. Akaki Akakiewitsch schrie mit erstickter Stimme ihn an, da er schlafe und gar nicht sehe, wie man die Leute vor seinen Augen beraube. Der Wachtposten bestand darauf, da er nichts gesehen htte, zum mindesten nicht mehr, als da zwei Menschen ihn mitten am Platz stehengelassen htten, er habe gemeint, es wren Freunde; der Herr sollte nur, statt ihn hier ganz umsonst anzuschreien, morgen zur Polizei gehen, dort werde man schon nach dem Diebe fahnden. Akaki Akakiewitsch kam in vollstndiger Unordnung zu Hause an; sein Haar, ohnehin nur mehr noch sprlich an der Schlfe und im Nacken, war zerzaust; die Seite, die Brust und die Hosen waren mit Schnee bedeckt. Seine alte Wirtin hrte ihn diesmal anders als sonst an der Tr klopfen, sprang eilig aus dem Bett und lief, nur mit einem Strumpfe, ihm die Tr zu ffnen, whrend sie ihr Hemd keusch an die Brust hielt; doch lie sie dieses gleich los, da sie den Titularrat in seiner traurigen Verfassung erblickte. Und als sie nun vernahm, worum es sich handle, schlug sie die Hnde zusammen und meinte, er msse zum Polizeihauptmann, der Polizeileutnant sei eine Schlafmtze, mache Versprechungen und ziehe die Sache nur hinaus; sie kenne den Hauptmann, weil Anna, die Estin, die frher bei ihr in der Kche gewesen sei, jetzt bei ihm als Amme diene; auch sehe sie ihn selber fters, wenn er am Hause hier vorbeifahre, im brigen gehe er jeden Sonntag in die Kirche, sage sein Gebet und sehe dabei alle Leute sehr freundlich an, er sei jedenfalls nach allem, was man beobachten konnte, ein guter Mensch. Akaki Akakiewitsch hrte ihr zu und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer -- wie er dort die Nacht verbracht hat, kann sich jeder denken, der sich an die Stelle eines anderen zu versetzen imstande ist. Am nchsten Morgen machte er sich gleich zum Polizeihauptmann auf. Man sagte ihm dort, der Polizeihauptmann schlafe. Er kam um zehn Uhr wieder: er schlft noch. Um elf Uhr hie es, er sei nicht zu Hause. Akaki Akakiewitsch kam um die Mittagsstunde -- doch die Schreiber wollten ihn jetzt nicht einmal hereinlassen und muten erst wissen, was ihn herbringe und was berhaupt geschehen sei, so da Akaki Akakiewitsch endlich, wohl das erstemal in seinem Leben, Mut bewies und in abgerissenen Stzen erwiderte, er msse den Polizeihauptmann persnlich sprechen, sie sollten es nur wagen, ihn nicht hereinzulassen, er komme aus dem Ministerium in einer dienstlichen Angelegenheit, er wrde ber sie alle, wie sie da wren, Beschwerde fhren, und sie wrden dann das Weitere schon sehen. Dagegen konnten die Schreiber nichts mehr erwidern, und einer ging hinaus, den Polizeihauptmann zu holen. Dieser hatte nun eine ganz sonderbare Art, den Bericht entgegenzunehmen. Statt auf die Hauptsache, den Raub des Mantels, einzugehen, fragte er Akaki Akakiewitsch, warum er so spt nach Hause gegangen sei und ob er nicht vielleicht gar in einem verrufenen Hause gewesen sei? so da Akaki Akakiewitsch ganz verlegen wurde und hinauseilte, ohne zu wissen, ob die Angelegenheit nun ihren Weg gehen werde oder nicht. Er ging nicht ins Amt (das einzige Mal in seinem Leben); erst am nchsten Tag erschien er wieder dort, bleich, verstrt und mit der alten Kapuze, die heute noch trauriger aussah. Die Kunde vom Raub des Mantels rhrte wohl die meisten seiner Kollegen -- natrlich fehlte es nicht an solchen, die auch diesmal die Gelegenheit nicht vorbergehen lassen wollten, sich ber Akaki Akakiewitsch lustig zu machen. Sie beschlossen auch, eine Kollekte zu veranstalten, doch es kam nur eine Kleinigkeit zusammen, weil sie eben groe Auslagen gehabt hatten mit dem Portrt des Direktors und einem Buche, das sie auf Betreiben des Abteilungschefs, einem Freunde des Verfassers, kaufen muten. Einer von ihnen beschlo, vom Mitleid bewegt, Akaki Akakiewitsch wenigstens mit einem guten Rat beizustehen und meinte, er solle nicht zum Polizeileutnant gehen, denn es knnte vorkommen, da dieser, um sich beim Hauptmann beliebt zu machen, den Mantel auf die eine oder andere Art finde, da der Mantel aber trotzdem auf der Polizei liegenbleibe, es sei denn, da er sein Eigentumsrecht auf den Mantel gesetzlich nachzuweisen vermchte; nun wre aber da eine hochstehende Persnlichkeit, an die sollte er sich wenden, denn durch ihre Verbindungen vermchte diese die Sache schneller zu betreiben, sobald sie davon erfahren htte. Wer gerade diese hochstehende Persnlichkeit gewesen wre, ist bis jetzt ebenso unbekannt geblieben wie deren Stellung. Nur so viel war zu ermitteln, da die hochstehende Persnlichkeit es erst vor kurzem geworden und bis dahin noch ganz und gar nicht hochgestanden wre. Natrlich im Vergleiche mit einer noch hherstehenden lie sich ihre Stellung berhaupt nicht zu den hochstehenden rechnen; aber es wird sich immer ein Kreis von Menschen finden, fr den eine nicht sehr hochstehende Persnlichkeit eben schon eine sehr hochstehende ist. Selbstverstndlich suchte sie ihre hohe Bedeutung auf alle Weise und mit allerlei Mitteln zu bekrftigen; so z.B. fhrte sie ein, da die niederen Beamten ihr bis zur Stiege entgegengingen, sooft sie im Amt erschien; da ferner niemand es wagen drfe, direkt vor ihr zu erscheinen, sondern da es in folgender Reihenfolge vor sich gehen sollte: der Registrator bernimmt das Gesuch und bermittelt es dem Gouvernementssekretr, dieser dem Titularsekretr, und so auf diesem und gar keinem anderen Wege knne eine Sache bis zu ihr gelangen. So ist eben im heiligen Ruland alles mit Nachfferei angesteckt, und jeder tuts seinem Vorgesetzten nach und nicht anders. Als ein Titularrat Direktor einer kleinen Kanzlei wurde, soll er sich, so erzhlt man, sofort ein eigenes Zimmer haben abstecken lassen, das er Dienstzimmer nannte; vor die Tr stellte er zwei Diener mit roten Kragen und goldnen Tressen, sie hatten jedem Hereinkommenden die Tr zu ffnen, und dabei konnte man im Zimmer mit Mhe mehr als einen Tisch unterbringen. Die Empfnge und berhaupt alle Gewohnheiten der hochstehenden Persnlichkeit waren sehr majesttisch, aber durchaus nicht unkompliziert. Ihr System war Strenge. Nur Strenge und noch einmal und immer wieder Strenge, sagte sie bei jeder Gelegenheit, und beim letzten Worte pflegte sie jedesmal dem, mit dem sie gerade sprach, hchst bedeutsam ins Gesicht zu blicken -- obwohl natrlich zu besonderer Strenge nicht die geringste Ursache vorhanden war, denn die zehn Beamten, die den Mechanismus ihrer Kanzlei bildeten, kamen ohnehin nie ganz aus der Furcht heraus; sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, lieen sie die Arbeit liegen und standen auf und warteten, bis sie an ihnen vorbei wre. Ihre bliche Ansprache an die Untergebenen war eben auch ganz durch jene Strenge gekennzeichnet und bestand im Grunde nur aus den drei Stzen: Wie knnen Sie es wagen? Wissen Sie, mit wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Dabei war er im Innersten seines Herzens ein guter Kerl, freundlich zu seinen Kameraden, gefllig; der Generalsrang hatte ihn eben ganz aus der Fassung gebracht. Er wurde durch diesen Titel in der Tat ganz verdreht, kam aus dem Geleise und wute gar nicht mehr, wie ihm wre. Mit Gleichgestellten gab er sich wie er ist -- als anstndigen, in vieler Beziehung gar nicht dummen Menschen; fanden sich aber in der Gesellschaft Leute, die auch nur um eine einzige Stufe niedriger waren als er, war er wie verwandelt: er schwieg und schwieg, und seine Lage weckte um so mehr Bedauern, als er selber fhlte, da er seine Zeit unvergleichlich angenehmer zubringen knnte. Man konnte ihm ja den Wunsch von den Augen ablesen, sich in ein interessantes Gesprch zu mischen oder einem Kreise beizugesellen, doch stets hielt ihn der Gedanke zurck: Wird es nicht von seiner Seite zu viel sein, wird es nicht familir erscheinen, wird er dadurch nicht seiner Stellung schaden? Die Folge davon war, da er ewig an ein und derselben Stelle wie angenagelt dastand, keinen Ton von sich gab und also sich den Ruf eines hchst langweiligen Menschen erwarb. Vor dieser hochstehenden Persnlichkeit erschien also Akaki Akakiewitsch im allerungnstigsten Augenblicke, will sagen: hchst ungnstig fr sich selber, denn in einem gewissen Sinne kam er der hochstehenden Persnlichkeit ganz gelegen. Die hochstehende Persnlichkeit war in ihrem Kabinett und unterhielt sich sehr angeregt mit einem alten Bekannten und Jugendgespielen, der vor kurzem hier eingetroffen war und den sie lange nicht gesehen hatte. Und gerade in diesem Augenblicke mute auch der Diener melden, da ein gewisser Baschmatschkin drauen warte. Der General fragte sehr scharf: Wer? Die Antwort: Ein Beamter. Er soll warten, ich habe jetzt keine Zeit. Hier mu ich gleich bemerken, da die hochstehende Persnlichkeit da ganz einfach log, sie hatte Zeit; die beiden Freunde hatten lngst alles durchgesprochen und schon seit einiger Zeit die Unterhaltung mit leeren Phrasen zu fllen gesucht, wie: Ja, ja, Iwan, so war es nun einmal! oder Stefan, es geht nicht anders auf der Welt, einander abwechselnd auf die Schultern klopfend. Aber trotzdem lie sie den Beamten warten, damit nmlich der Jugendgespiele, der seit langem nicht mehr diente und auf dem Dorfe lebte, erfahre, wie lange hier die Beamten im Vorzimmer zu warten verstnden. Erst nachdem sie sich, jeder an seiner Zigarre ziehend, in den sehr breiten, bequemen Fauteuils sattgeredet, vielmehr ausgeschwiegen hatten, fiel der hochstehenden Persnlichkeit wie von ungefhr etwas ein, und sie sagte zum Sekretr, der bei der Tr mit Schriften stand: Drauen, scheint es, steht ein Beamter. Sagen Sie ihm, er kann herein! Da sie nun das demtige Gesicht des Akaki Akakiewitsch und dessen abgetragene Uniform sah, kehrte sie sich ihm zu und schrie ihn ohne weiteres an: Was wollt Ihr? Mit ihrer schneidenden, harten Stimme, die sie zu Hause im Zimmer ganz allein vor dem Spiegel geprobt hatte, eine Woche schon, bevor sie ihren jetzigen Posten und den Generalsrang erhalten hatte. Akaki Akakiewitsch fhlte auch so die gebhrende Ehrfurcht, war gleich verwirrt und erzhlte, soweit Redefreiheit ihm erlaubt war, da sein Mantel ganz neu, da er auf eine ganz unmenschliche Weise beraubt worden wre, da er sich jetzt an seine Exzellenz wende, damit seine Exzellenz durch ihre Frsprache etwa ... damit sie sich in Verbindung setze mit dem Herrn Oberpolizeimeister oder sonst jemandem von der Polizei und auf diese Weise nach dem Mantel gesucht werde. Seiner Exzellenz erschien nun diese Sprache zu familir. Was heit denn das, mein Herr, unterbrach er ihn, kennen Sie nicht die Vorschrift? Wohin sind Sie denn berhaupt gekommen? Wissen Sie nicht, wie man in einem solchen Falle vorzugehen hat? Sie htten zuerst ein Bittgesuch in der Kanzlei einreichen sollen, so wre es zuerst in die Hnde des Kanzleivorstehers gekommen, dieser htte es dem Sekretr bergeben, und der Sekretr hat es dann mir einzuhndigen. Ach, Eure Exzellenz, erwiderte Akaki Akakiewitsch, indem er alles, was er an Mut in seiner Seele barg, herausholte und fhlte, da er ganz entsetzlich schwitze, ich war so frei, Eure Exzellenz selber damit zu belstigen, weil die Sekretre ... weil sich auf die Sekretre doch kein Mensch auf der Welt verlassen kann! Was, was, was? rief die hochstehende Persnlichkeit. Woher dieser Geist? Woher solche Gedanken? Welcher Geist des Aufruhrs unter den jungen Leuten gegen ihre Vorgesetzten! (Die hochstehende Persnlichkeit schien gar nicht zu bemerken, da Akaki Akakiewitsch schon seine fnfzig Jahre beisammen hatte und da er nur im Vergleiche zu einem Siebzigjhrigen etwa noch jung genannt werden konnte.) Wissen Sie, zu wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Wissen Sie das oder nicht, frage ich? Hier stampfte die Exzellenz mit dem Fue auf den Boden und schrie so laut, da sich auch ein anderer als Akaki Akakiewitsch gefrchtet htte. Akaki Akakiewitsch verging vor Angst, zitterte am ganzen Krper und konnte sich kaum auf den Beinen erhalten; wenn die Diener ihn nicht gehalten htten, wre er zu Boden gesunken; sie trugen ihn wie leblos heraus. Die hochstehende Persnlichkeit, zufrieden damit, da der Erfolg ihre Erwartungen bertroffen, ja berauscht von dem Gedanken, da ein Wort von ihr einen Menschen des Bewutseins zu berauben vermochte, sah den Freund von der Seite an, um sich zu vergewissern, wie dieser sich dabei benehme, und sie sah nicht ohne Vergngen, da dieser Freund sich uerst unbehaglich fhlte und seinerseits auch schon Angst zu spren begann. Wie er die Treppe herunter, wie er weiter auf die Strae gekommen sei, daran konnte Akaki Akakiewitsch sich nicht erinnern. Er sprte weder Hand noch Fu; in seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem General angeschrien worden, noch dazu von einem fremden. Auf der Strae wehte der Schnee, Akaki Akakiewitsch ging mit offenem Mund, der Wind blies wie immer in Petersburg von allen vier Seiten, im Nu hatte er sich erkltet, so kam er zu Hause an, ohne die Kraft zu haben, auch nur ein Wort zu sagen. Er fror und legte sich ins Bett. Den nchsten Tag lag er im Fieber. Dank dem gromtigen, hilfsbereiten Petersburger Klima schritt die Krankheit schneller vor, als man sonst htte erwarten drfen, und nachdem der Doktor ihm den Puls gefhlt hatte, fand er nichts anderes mehr zu tun vor, als ein Rezept zu schreiben, nur damit der Kranke nicht ganz ohne die wohlttige Hilfe der Medizin sei, und erklrte ihm auch, da er nicht mehr als hchstens zwei Tage werde zu leben haben; und sich zur Wirtin kehrend, setzte er hinzu: Und Ihr, Alte, verliert nur keine Zeit und bestellt lieber gleich einen Sarg aus Fichtenholz; einer aus Eiche ist fr ihn sowieso zu teuer. Hatte Akaki Akakiewitsch diese fr ihn so beraus trostreichen Worte gehrt oder nicht, haben sie ihn zu erschttern vermocht, bedauerte er jetzt sein sorgenreiches, erbrmliches Leben -- niemand vermag es zu sagen, denn Akaki Akakiewitsch befand sich die ganze Zeit ber im Delirium. Ein Gesicht nach dem anderen ohne Unterbrechung jagte durch sein Gehirn: Petrowitsch erschien ihm, und er bestellte bei ihm einen Mantel, in- und auswendig voll von Fallen gegen die Diebe; diese lagen unter dem Bett, und er schrie nach der Wirtin, sie sollte einen von ihnen unter seiner Bettdecke, wohin dieser schon geraten sei, hervorziehen. Dann fragte er, warum vor ihm die alte Kapuze hnge, da er jetzt doch einen neuen Mantel bese; auch schien ihm, er stnde vor dem General und lie sich herunterreien und sagte nur immer wieder: Verzeihung, Exzellenz, Verzeihung! Dann wieder fluchte er und nahm so entsetzliche Worte in den Mund, da sich die Wirtin bekreuzigte; noch nie hatte sie solche Worte aus diesem Munde vernommen, und jetzt folgten diese Flche stets unmittelbar auf: Eure Exzellenz. Spter sprach er nur mehr noch ganz sinnloses Zeug, man konnte nur unterscheiden, da sie alle sich um ein und denselben Mantel drehten. Endlich gab der arme Akaki Akakiewitsch seinen Geist auf. Weder seine Zimmer noch irgendwelche Sachen darin wurden mit dem staatlichen Siegel versehen, denn erstens hatte er keine Erben und zweitens hinterlie er nur sehr wenig und zwar: ein Bndelchen mit Gnsefedern, ein Buch Amtspapier, drei Paar Socken, zwei bis drei abgerissene Hosenknpfe und dann die dem Leser bekannte Kapuze. Wem das alles blieb, wei Gott; ich gestehe, da ich mich auch weiter darum nicht gekmmert habe. Sie trugen Akaki Akakiewitsch heraus und begruben ihn. Und Petersburg blieb nun ohne Akaki Akakiewitsch, als wie wenn er niemals in dieser Stadt gelebt htte. Mit ihm schwand hin und verbarg sich fr ewig ein Geschpf, das keines Menschen Schutz genossen hatte, niemandem teuer und fr niemand von irgendwelchem Interesse und nicht einmal die Aufmerksamkeit eines Naturforschers auf sich zu ziehen imstande war, als welcher es ja nicht einmal verschmht, eine gemeine Fliege aufzuspieen und unter dem Mikroskop zu betrachten -- ergeben hatte er den Hohn seiner Kollegen ertragen und stieg, ohne irgendeine auerordentliche Tat verrichtet zu haben, ins Grab hinab. Doch auch er ist einmal, ganz kurz vor seinem Lebensende, im Licht gestanden, und der Mantel hatte fr einen Augenblick sein armseliges Leben reich gemacht, und dann fiel ihn das Unglck an, nicht anders als es die Mchtigen der Erde anfllt. Einige Tage nach seinem Tode wurde aus dem Ministerium ein Diener in sein Quartier geschickt mit dem Befehle, sofort zu erscheinen, der Vorstand will es; doch kam der Amtsdiener ohne ihn zurck mit der Antwort, Akaki Akakiewitsch knne nicht mehr kommen. Auf die Frage: warum? erwiderte er: Darum, er ist tot; vor vier Tagen haben sie ihn begraben. So erfuhren sie im Amte den Tod des Akaki Akakiewitsch, und am nchsten Tage sa schon ein neuer an seiner Statt; dieser war viel grer und schrieb die Buchstaben bei weitem nicht mehr in so gerader Linie, sondern eben viel schiefer. Doch wer kann sich vorstellen, da hier noch nicht alles von Akaki Akakiewitsch gesagt ist, da dieser vielmehr verurteilt war, noch einige Tage fortzuleben nach seinem Tode, gleichsam zum Ersatz dafr, da sein Leben so unbemerkt geblieben war. Es hatte sich jedenfalls so zugetragen, und unsere nchterne Erzhlung nimmt jetzt ganz unerwartet ein phantastisches Ende. In Petersburg entstand pltzlich das Gercht, da in der Umgebung der Kalinkinbrcke sich nachts ein Gespenst zeige, es gleiche einem Beamten, der so tue, als ob er einen Mantel suchte, den man ihm genommen htte, und nun von allen Schultern, ohne Unterschied des Ranges und Berufes, in der Meinung, es sei sein eigener, alle Mntel reie, ob diese nun mit Katzen-, Biber-, Fuchs-, Nerz- oder Brenfell oder auch nur mit Watte gefttert wren. Ein Ministerialbeamter sah mit eigenen Augen das Gespenst und erkannte in ihm sofort Akaki Akakiewitsch, und er bekam davon einen solchen Schrecken, da er auf und davon strzte, das Gespenst nicht genauer betrachten konnte und nur sah, wie dieses ihm mit dem Finger drohte. Von allen Seiten liefen Klagen ein, da nicht nur Titular-, sondern auch Hofrte von einer tchtigen Erkltung befallen wren, weil ihnen der Pelz von den Schultern gerissen worden wre. Die Polizei machte Anstalten, des Gespenstes tot oder lebendig habhaft zu werden und hatte den Beschlu gefat, dieses aufs strengste, anderen zur Warnung, zu bestrafen, doch blieb jede Bemhung ohne Erfolg. Einmal hatte ein Wachtposten in der Kiryschkingasse das Gespenst schon am Kragen, gerade im Augenblicke, als dieses einem verabschiedeten Musikanten, der seinerzeit die Flte geblasen hat, den Mantel rauben wollte. Er hatte es schon, sage ich, fest und rief nur zwei Kameraden, die sollten ihn halten, solange bis er aus dem Stiefel seine Tabaksdose gezogen htte, um seine mindestens schon sechsmal erfrorene Nase zu erfrischen, doch war der Tabak derart, da ihn nicht einmal ein Gespenst aushalten konnte. Kaum hatte der Wachtposten, mit dem Finger das rechte Nasenloch zuhaltend, ins linke den Schnupftabak gezogen, als das Gespenst so heftig zu niesen begann, da es nur so in aller drei Augen spritzte. Und so, whrend sie sich noch die Augen rieben, verschwand das Gespenst, und sie wuten spter nicht einmal, ob sie es wirklich in Hnden gehabt htten oder nicht. Seitdem hatten die Wachtposten alle eine solche Furcht vor Gespenstern, da sie es nicht mehr wagten, diese lebend zu fangen, und ihnen nur von weitem zuriefen: Du, geh du nur deines Weges! und das Gespenst des Titularrats sich jetzt schon jenseits der Kalinkinbrcke zeigte und dort allen furchtsamen Leuten keine geringe Angst einjagte. Doch wir haben ganz und gar die hochstehende Persnlichkeit sitzen lassen, die doch in Wirklichkeit die Ursache davon war, da unsere wahre Geschichte nun eine so phantastische Richtung genommen hat. Zunchst sind wir es der Gerechtigkeit schuldig zu berichten, da sie bald nachdem seinerzeit der arme, heruntergerissene Akaki Akakiewitsch herausgegangen war, etwas wie Bedauern fhlte. Mitleid war ihr ja nicht fremd: ihr Herz war guter Regungen entschieden fhig, wenn sie auch ihr Rang meist daran hinderte, diese zu uern. Sowie sie aber ihr Freund verlassen hatte, fing sie an, sich ber den armen Akaki Akakiewitsch Gedanken zu machen. Und seitdem sah er jeden Tag im Geiste den bleichen Titularrat vor sich, niedergedrckt von seinem Verweis. Ja der Gedanke an ihn beunruhigte ihn so, da er nach einer Woche beschlo, zu ihm einen Beamten zu schicken, um zu erfahren, wer er denn sei und in welcher Lage, und ob man nicht etwas fr ihn tun knnte; und als ihm berichtet wurde, da Akaki Akakiewitsch kurz darauf an Fieber gestorben wre, war er ganz betroffen, fhlte Gewissensbisse und konnte den ganzen Tag nicht in Stimmung kommen. Doch er wollte sich ein wenig zerstreuen und den peinlichen Eindruck vergessen, und darum fuhr er abends zu einem seiner Kameraden, wo er Leute aus der guten Gesellschaft vorfand und, was noch wichtiger war, alle beinahe denselben Rang hatten, so da er sich ganz frei bewegen konnte. Und das hatte eine wunderbare Wirkung auf sein Gemt. Er war aufgeweckt, war sehr zuvorkommend im Gesprche, liebenswrdig -- mit einem Worte, verbrachte den Abend uerst angenehm. Zum Souper trank er zwei Glser Champagner -- bekanntlich kein schlechtes Mittel, die Heiterkeit zu heben. Sie machten ihn zu tollen Streichen aufgelegt, das heit: er beschlo, nicht nach Hause, sondern zu einer ihm bekannten Dame, Katharina Iwanowa, zu fahren, einer Deutschen, zu der er in sehr freundschaftlichen Beziehungen stand. Es mu noch gesagt werden, da die hochstehende Persnlichkeit nicht mehr sehr jung, ein sehr guter Gatte und sehr ehrbarer Familienvater war. Zwei Shne, von denen einer schon in der Kanzlei Dienst tat, und eine liebliche, sechzehnjhrige Tochter mit einer hbschen, ein wenig gebogenen Nase gaben ihm jeden Morgen einen Ku und sagten bonjour, papa. Seine Gattin, die weder alt noch hlich war, reichte ihm jedesmal zuerst ihre Hand zum Kusse und kte dann das Innere der Hand ihres Gatten. Trotzdem also die hochstehende Persnlichkeit mit den huslichen Zrtlichkeiten sich durchaus zufrieden geben konnte, fand sie es doch sehr schicklich, fr ihre Freundschaftsbedrfnisse eine Freundin in einem anderen Stadtteil zu haben. Diese war weder hbscher noch jnger als seine Frau, aber es gibt nun schon solche Rtsel im Leben der Menschen, und die zu lsen ist hier nicht meine Aufgabe. Die hochstehende Persnlichkeit ging also die Stiege hinab, setzte sich in den Schlitten und rief dem Kutscher zu: Zu Katharina Iwanowa! In ihren kostbaren, warmen Mantel eingewickelt, befand sie sich in der Gemtslage, die jeder Russe fr die glcklichste hlt, das heit: er selber denkt an nichts, whrend so ein angenehmer Gedanke nach dem anderen ihm durch den Kopf geht, ohne da er die Mhe htte, nach ihnen zu jagen und sie zu suchen. Seine Exzellenz dachte an die Gesellschaft, aus der sie kam, erinnerte sich an alle die treffenden Aussprche, mit welchen sie den ganzen Kreis zum Lachen gebracht hatte; einige wiederholte sie jetzt halblaut vor sich und fand, da sie eben noch so witzig wren wie vorhin und da es darum gar nicht dumm sei, wenn sie selber darber gelacht habe. Nur zuweilen strte ihre gute Stimmung ein heftiger Windsto, der sie, Gott wei woher und warum, pltzlich berfiel, ihr ins Gesicht Schneeflocken trieb und den Mantelkragen ganz wie ein Segel blhte und diesen ihr mit unnatrlicher Kraft um den Kopf schlug, so da ihre Kraft kaum reichte, sich da herauszuarbeiten. Doch da fhlte sie schon, da jemand sie sehr fest am Kragen packe. Sie drehte sich um, sah einen Menschen von kleinem Wuchs in einer alten, abgetragenen Uniform, und erkannte in ihm nicht ohne Schrecken Akaki Akakiewitsch. Das Gesicht des Beamten war bleich wie Schnee, und er blickte wie ein Toter. Doch der Schrecken der hochstehenden Persnlichkeit war ohne Grenzen, da sie sah, da der Mund des Toten sich auftat und, indem er einen entsetzlichen Leichengeruch ausstrmte, die Worte sprach: Da bist du endlich. Jetzt habe ich dich ... Deinen Mantel brauche ich! Du hast dich nicht um meinen gekmmert, du hast mich heruntergerissen! Jetzt her mit deinem! Die hochstehende Persnlichkeit wre vor Schreck beinahe gestorben. Wenn sie in der Kanzlei auch viel Mut besa und jeder, der ihr mnnliches Gesicht und ihre Figur ansah, ausrief: O was fr ein Kerl! doch jetzt empfand sie gleich vielen Riesen eine solche Angst, da sie nicht ohne Grund fr ihre Gesundheit frchtete. Sie selber nahm von ihrer Schulter den Mantel und schrie dem Kutscher zu: Nach Hause, so schnell du kannst! Da der Kutscher die Stimme hrte, die gewhnlich so nur in sehr entschlossenen Augenblicken tnte und dann meist von etwas begleitet war, das sehr handgreiflich war, duckte er seinen Kopf, schwang die Peitsche und kehrte wie der Blitz um. In sechs Minuten war die hochstehende Persnlichkeit schon vor der Einfahrt ihres Hauses. Bleich, gengstigt, ohne Mantel fuhr sie also statt bei Katharina Iwanowa bei sich selber vor, stahl sich irgendwie in ihr Zimmer und brachte dort die Nacht in solcher Unruhe zu, da am nchsten Morgen beim Tee das Tchterchen zu ihr sagte: Du bist aber bleich heute, Papa. Doch Papa schwieg und sprach zu niemandem ein Wort von dem, was sich mit ihm zugetragen htte, wo er gewesen wre und wohin er fahren wollte. Das Erlebnis machte auf ihn einen starken Eindruck. Er redete schon bedeutend seltener seine Untergebenen an mit dem bekannten: Wie knnen Sie es wagen? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Und wenn es schon nicht anders ging, so geschah es doch niemals, bevor er nicht gehrt htte, worum es sich handelte. Aber noch bemerkenswerter erscheint mir, da sich seitdem das Gespenst nicht mehr gezeigt hat. Anscheinend hatte ihm der Generalsmantel vollkommen gepat; zum mindesten hat man nicht mehr von Fllen gehrt, da nachts Mntel von den Schultern der Passanten gerissen worden wren. Natrlich lieen sich einige geschftige Leute nicht beruhigen und erzhlten, in entfernten Stadtteilen htte sich das Gespenst des Beamten wieder gezeigt. Und ein Wachtposten hat sogar mit eigenen Augen gesehen, wie die Erscheinung aus einem Hause gekommen sei, doch da er eher schwach von Krften war -- so da ihn einmal ein gewhnliches ausgewachsenes Schwein, das aus einem Hof gestrzt kam, umwarf zum grten Gelchter der umstehenden Droschkenkutscher, von denen er sich dann einen Groschen fr Tabak ausbat, weil sie Spott mit ihm getrieben htten -- ich sage, da er eher schwach von Krften war, wagte er nicht, es anzuhalten, vielmehr ging er ihm in der Finsternis nach so lange, bis sich das Gespenst pltzlich umdrehte und ihn fragte, was er eigentlich von ihm wolle, und ihm dabei eine solche Faust zeigte, wie man sie an Lebendigen nicht sieht. Der Wachtposten antwortete nur: Nichts! und drehte im Augenblick um. Nur war das Gespenst viel grer als der Titularrat und trug einen ungeheuren Schnurrbart. Es ging mit groen Schritten auf die Obuchoffsche Brcke zu und verschwand dort endgltig im Dunkel der Nacht. Nachwort Dostojewski schreibt an einen Freund: Wir alle kommen aus dem =Mantel=. Aus diesem Satze erhellt deutlich die Bedeutung dieser unvergleichlichen Erzhlung. Es handelt sich hier nicht um eine neue Kunstform oder eine neue Stimmung, vielmehr ganz und gar um einen neuen Menschen. Was die Fresken Masaccios fr die Renaissance bedeuten, das bedeutet Gogols Mantel fr die groen Erzhler des russischen Volkes. In Dostojewskis Karamasows hat das, was im =Mantel= begonnen wurde, sein Ende und sein grtes Ma erreicht. Der Mensch im Mantel erst ist die vllige berwindung des Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, er ist es und nicht die Romantiker oder Edgar A. Poe oder der Mensch Balzacs. R. K. Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig Im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen: TAUSEND UND EINE NACHT. Aus der von _Felix Paul Greve_ besorgten vollstndigen Ausgabe ausgewhlt von _Paul Ernst_. Doppeltitel, Initialen und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Vier Bnde. In Halbleinen mit berzug nach Zeichnung von _Marcus Behmer_ 16M.; in Leder 28M. Durch unsere vollstndige Ausgabe erhielt der deutsche Leser zum erstenmal einen Begriff von der echten Dichtung der Tausend und ein Nchte, die bisher nur in Bearbeitungen bei uns bekannt war. Auch die neue Insel-Auswahl beruht auf der vollstndigen bertragung und ist wirklich Auswahl, nicht aber Krzung und Bearbeitung. * * * * * DIE ERZHLUNGEN AUS DEN TAUSEND UND EIN NCHTEN. Erste vollstndige deutsche Ausgabe in zwlf Bnden, auf Grund der Burtonschen englischen Ausgabe besorgt von _Felix Paul Greve_. Mit einer Einleitung von _Hugo von Hofmannsthal_ und einer Abhandlung von Professor _Karl Dyroff_ ber Entstehung und Geschichte des Werkes. Titel- und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Geheftet 60M.; in Leinen 72M.; in Leder 84M. * * * * * TAUSEND UND EIN TAG. Orientalische Erzhlungen. Ausgewhlt und eingeleitet von _Paul Ernst_. bertragen von _Felix Paul Greve_ und _Paul Hansmann_. Titel- und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Vier Bnde. In Leinen 20M.; in Leder 28M. Eine Sammlung, die die besten derjenigen Mrchen und Erzhlungen enthlt, die in 1001 Nacht fehlen. Hermann Hesse im Mrz: Wer Tausend und eine Nacht liebt, wird die Aussicht auf weitere vier Bnde solcher orientalischer Geschichten mit heller Freude begren. * * * * * DOSTOJEWSKI: SCHULD UND SHNE. Deutsch von _H. Rhl_. In Leinen 3M.; in Leder 5M. * * * * * MICHAEL LERMONTOFF: EIN HELD UNSERER ZEIT. Ein Roman. bertragung von _Michael Feofanoff_. In Leinen 4M.; in Leder 5M. * * * * * JWAN TURGENJEFF: GEDICHTE IN PROSA. bertragen von _Th. Comichau_. _Zweite Auflage._ In Leinen 3M.; in Leder M.3.50. * * * * * JWAN TURGENJEFF: VTER UND SHNE. Roman. In der vom Dichter selbst revidierten bertragung. In Leinen 3M.; in Leder 5M. * * * * * GUSTAVE FLAUBERT: FRAU BOVARY. Rom. bertrag. v. _A. Schurig_. In Leinen 3M.; in Leder 5M. * * * * * GUSTAVE FLAUBERT: SALAMBO. Roman. bertragen von _A. Schurig_. In Leinen 3M.; in Leder 5M. * * * * * GUSTAVE FLAUBERT: DIE LEGENDE VON ST. JULIAN DEM GASTFREIEN. Deutsch von _Ernst Hardt_. In Pappband M.--.50. * * * * * ABB PRVOST D'EXILES: GESCHICHTE DER MANON LESCAUT UND DES CHEVALIER DES GRIEUX. Deutsche bertragung von _Julius Zeitler_. Mit 4 Vollbildern von _Fr. von Bayros_. _2.Auflage._ In Halbleder M.6.50, in Leder M.7.50. * * * * * HENRI MURGER: DIE BOHME. Szenen aus dem Pariser Knstlerleben. Mit Titelzeichnung und fnf Vollbildern von _Franz von Bayros_. _Zweite Auflage._ In Leinen 6M., in Leder M.8.50. -- Nichtillustrierte Ausgabe: in Leinen 3M., in Leder 5M. [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. hngen. Doch kaum hatte er verstanden, warum es sich wieder handle, als hngen. Doch kaum hatte er verstanden, worum es sich wieder handle, als worum es sich handelte worum es sich handelte. ] End of the Project Gutenberg EBook of Der Mantel, by Nicolaj Gogol License: Share Alike