Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library. Nikolaus Gogol Tote Seelen Erster Band Nikolaus Gogol Smmtliche Werke In 8 Bnden Herausgegeben von Otto Buek Band 1 Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1909 E. R. W. Nikolaus Gogol Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen bertragen von Otto Buek Band 1 Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1909 E. R. W. Von diesem Buche wurden 100 Exemplare auf van Geldern abgezogen, in der Presse nummeriert und in Ganzleder gebunden. Der Preis eines solchen Exemplares betrgt 16 Mark. Den Druck besorgten _Mnicke_ und _Jahn_ in Rudolstadt. Titel und Einband zeichnete _E. R. Wei_. Vorrede des Herausgebers Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner besonderen Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung in sich selbst. Unter allen groen Meistern des Romans, die die russische Literatur im XIX. Jahrhundert hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere und einzigartige Stellung ein; mgen die Vorgnger oder Nachfolger ihn, was Weite des Horizonts, Tiefe der Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der Kunstform anbetrifft, erreichen oder gar bertreffen, an _Originalitt_ und Ursprnglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst hat immerdar zu seinem lteren Zeitgenossen Puschkin als dem unerreichten Vorbild einer reinen idealisierenden Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer berhmten Apostrophe der Toten Seelen dieser Differenz und dem Abstand zwischen seiner Begabung und der Puschkins in beredten Worten Ausdruck gegeben, doch selbst Puschkin bleibt bei seinem groen und einzigen Talent nur ein Zweig und Schling am Stamm der groen europischen Literatur. In Gogol aber schuf sich das junge russische Volk zum ersten Mal eine adquate vollgltige dichterische Form, in ihm realisierte sie einen literarischen Typus, der von da ab das Muster und Ideal fr alle kommenden Schriftstellergenerationen Rulands geworden ist. Das ganze jngere Dichtergeschlecht von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das Interesse der westlichen Vlker eroberte und unsere Aufmerksamkeit auf Ruland hinlenkte, geht auf Gogol als seinen Ursprung zurck. In ihm liegen alle Motive und Ideen, die _sie_ entwickeln und entfalten, wie im Keime beschlossen, _er_ gab das Thema an, das sie in mannigfachen Paraphrasen und Modulationen variieren; er schuf die Kunstform, an der sie sich schulten; sie dachten und dichteten in seiner Sprache. Und nicht in unsicheren unausgereiften Anstzen vollzog er diesen Schpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit dem Siegel der Kraft und der Flle der Vollendung rief er sein Werk -- die russische Literatur -- fast wie aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine Linie des groen Talents, und es gibt unter ihnen schlechterdings nichts Minderwertiges und Unbedeutendes. Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus des russischen _Dichters_ geschaffen, indem er in sich jenen ewigen Gegensatz, der das Leben der grten russischen Knstler beherrscht, zur Ausprgung brachte; den Gegensatz zwischen dem _Dichter_ und dem _Propheten_, die in ihnen stndig im Streite liegen. Bei keinem aber tragen die Werke selbst trotz aller Objektivitt so sehr den Stempel des Persnlichen, wie bei Gogol, sind sie so sehr das treue Spiegelbild der eigenen geistigen Lebenskmpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde wird fr das Verstndnis dieser so komplizierten und originalen Persnlichkeit der berblick ber das Gesamtschaffen des Dichters zur Notwendigkeit. Einen solchen berblick soll die vorliegende Ausgabe ermglichen. Es wurde dabei von einer chronologischen Anordnung der Werke abgesehen und eine solche nach fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die inhaltlich und formal zusammengehrigen Schpfungen sollen hier auch zusammen erscheinen. Da die Chronologie darber nicht zu kurz kommt, dafr ist durch ausfhrliche redaktionelle Noten gengend gesorgt, die sich im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden zwei Bnden sind vor allem der Roman Die toten Seelen und drei einzelne Novellen vereinigt, die auch durch einen ideellen Zusammenhang miteinander verknpft sind und sich gegenseitig beleuchten und erklren. Beide Bnde fhren den Leser sogleich auf den Gipfel des Gogolschen Schaffens und gewhren ihm einen groen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt seiner Dichtung. Die Toten Seelen sind das grte Prosawerk des modernen Rulands und eines der Hauptwerke der humoristischen und satirischen Literatur berhaupt: ein grauenhaftes Bild der Korruption und der allgemeinmenschlichen und spezifisch russischen Verkommenheit. Daneben ein soziologisches Gemlde eines historischen Zeitalters, in dem der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert ist. Was aber dem Ganzen -- neben diesen wahrlich nicht geringen Vorzgen -- seinen Ewigkeitswert sichert -- das ist das Menschliche und Typische, das es in sich birgt: die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von der kulturell-zuflligen Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, wenn das Rangverhltnis der Triebe verkehrt, und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealitt entblt wird. Es ist der Gerichtstag ber die moderne Kultur, die den _Erwerbstrieb_ sanktionierte und heiligte und das Denken und Trachten des modernen Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung der Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz nur in ihren Anfngen, in ihrer Entstehung beobachten knnen, aber er hat mit dem bewunderungswrdigen Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen dieser Erscheinung fr das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die nivellierende und alles erstickende Trivialitt eines auf das Blostoffliche gerichteten Wesens. Es gab keinen strkeren Schilderer des _Gemein_menschlichen, Alltglichen und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, der in den Toten Seelen das grandiose Symbol und in dem irrenden Ritter des Erwerbs Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -- den unsterblichen Typus fr das Triviale und Mittelmige fand, das die groe Masse unseres Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. -- Ein Gegenstck zu dem groen Gemlde der Toten Seelen ist die romantische Novelle Das Portrt, in der der Dichter die verheerenden Folgen desselben Grundtriebes fr Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich ein erschtterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der zwei Seelen, in dem sich Gogols Leben aufzehrte; der einen, die von einem glhenden Drange nach dem Idealen ergriffen, sich in der Welt der Krper nie dauernd wohl fhlte, und der andern, die wie keine zweite mit dem Blick frs Irdische begabt, das Auge nie von der Erdenwelt und allem Menschlich-Allzumenschlichen abzuziehen vermochte. Eine ausfhrliche Analyse der in diesem Bande vereinten Dichtungen findet der Leser in der Einfhrung des bekannten Gogolforschers und Mitgliedes der Petersburger Akademie der Wissenschaften, Nestor Kotljarewski, die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine Gepflogenheit, der wir auch bei den folgenden Bnden treu zu bleiben gedenken. Zum Schlu wage ich noch den Wunsch auszusprechen, da der deutsche Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die freie Empfnglichkeit entgegenbringen mge, die das Werk eines Dichters beanspruchen kann, der zwar der Gegenwart nicht mehr angehrt, doch aber lebendig in ihr wirkt, und dessen Schtzung in seinem Vaterlande mit dem zeitlichen Abstand nur noch steigt und in fortwhrendem Wachstum begriffen ist. _Charlottenburg_, den 24. Dezember 1908. Dr. Otto Buek. Einfhrung I. Gogols Roman Die toten Seelen nimmt in der russischen Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von knstlerischem Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein groes und treues Bild ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines groen Knstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergit der russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persnlichen Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen, die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzhlungen einzuflechten pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte Wahrheit auszusprechen ber die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er lebt. In diesem Sinne stellen die Toten Seelen ein knstlerisches Denkmal dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue ra erffnet. In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts -- dem Zeitalter der sogenannten Romantik und des Sentimentalismus gab es fr den russischen Dichter nur _ein_ Objekt, das ihn stetig beschftigte, seine eigene Persnlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres fr ihn als sein eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel seiner Phantasie. Er wute vor allem davon zu erzhlen, wie die gesamte Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein Verhltnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfhrt jedoch dieses subjektive Verhalten des Knstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von nun ab geht das Streben des Knstlers vor allem darauf, das Leben so treu und vollstndig als nur mglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln; das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren, um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu reproduzieren. Der Knstler sieht sein grtes Verdienst darin, seine eigenen Sympathien und Antipathien zurcktreten zu lassen und womglich ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als mglich zu erfassen und restlos in sich aufzunehmen. Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Knstlers zur objektiven Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhllt ans Licht. Im Revisor und in den Toten Seelen besitzen wir zwei streng realistische Gemlde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus' I. So wurde Gogol zum Begrnder der sogenannten naturalistischen Schule, die den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin sind alle russischen Knstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und grndlichen Studiums machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr objektiv doch zugleich knstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die Arbeitsmethode aller groen russischen Knstler; von Turgenjew, Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer Liebe bei _den_ Gestalten verweilte, die ihm selbst am nchsten standen; wenn er mitten hinein in die Gemlde realer Wirklichkeit rein persnliche Betrachtungen einflocht, und sich's erlaubte, eine Art Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor allem und in erster Linie ein groes und detailliertes Bild der lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es blieb stets die Hauptsorge des Knstlers: nicht seine persnlichen Ansichten und Gefhle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den Umri des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte. So wird es verstndlich, welch einen gewaltigen Einflu das Schaffen Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mute. Der sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen lyrischen Herzensergieungen in Prosa traten immer mehr zurck, um den Raum fr die Milieuerzhlung -- fr die realistische wirklichkeitstreue Novelle mit ihrem groen und weiten Horizont frei zu machen: fr eine Prosaerzhlung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte. II. Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen hatte, eine Annherung zwischen Kunst und Leben herbeizufhren -- Nikolaus Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) -- war von Natur nichts weniger als ein nchterner, kaltbltiger Beobachter, oder ein Mann von kritischem Verstande und einer Phantasie, die es versteht, ihre strmischen Triebe zu bndigen. Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele zur Welt gekommen, und doch wurde es seine Mission, der Dichtkunst reine Muster einer realistischen, khlen und nchternen Naturdarstellung zu schenken. In diesem Widerspruche liegt die ganze Tragdie seines Lebens beschlossen. Gogol gehrt unbedingt zu jener Gattung von Menschen, fr die die Gegenwart nur ein Hinweis auf ein zuknftiges Ideal ist, und die ein starker Glaube an ihre providentielle Sendung beseelt. Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn immer in eine andre Welt empor -- eine Welt der Vollkommenheit, in die er alles verlegt, was ihm wert und teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschtterlichen Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine ewige Liebe und eine jedem Wandel entrckte Wahrheit. Diese ideale Welt begleitet ihn durch das ganze Leben, sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der Finsternis. berall und jederzeit findet er in ihr seinen Lohn oder seine Strafe und Verurteilung, _sie_ beschftigt ununterbrochen seinen Verstand und seine Phantasie, und oft absorbiert sie seine Aufmerksamkeit so vollstndig, da sie ihn die Erde vergessen lt; noch hufiger aber ist sie dem Menschen die einzige Sttze, die ihn aufrecht erhlt bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und Formung des irdischen Daseins. Was immer fr berzeugungen solch ein Mensch haben mag, stets wird er entweder hinter dem Leben zurckbleiben oder ihm weit voraneilen. Er vermag sich nicht zu ergeben und zu demtigen vor dem Unabwendlichen und Tatschlichen. Immer fast wird er das reale Leben entwerten, und es gewhnlich verachten. Er vergewaltigt seinen Begriff und seine Vorstellung von der Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt sich meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der Regel aber lebt er vom Vorgeschmack einer schneren Zukunft: ein nchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen bleibt ihm versagt, weil er diese Tatsachen stets im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in die Lebensprinzipien hineinzwngt, an die er glaubt, _entgegen_ allen Tatsachen. Er ist es nicht gewhnt, sein Streben mit seinem Krftevorrat in Einklang zu bringen, und er vermag es nicht, ngstlich und peinlich innerhalb der Grenzen seiner Fhigkeit an seinem Lebenswerke ttig zu sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht lsbar, zugleich aber kann ihm schon der kleinste Mierfolg, wie er keinem erspart bleibt, das Gleichgewicht rauben und mimutig machen. Er ist verliebt in jenen idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt hat, und darum wird es ihm so schwer, sich in die irdische Prosa hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches und notwendiges Erbteil unseres Lebens bildet. Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen Romantiker zu bezeichnen, indem wir uns eines alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das bergewicht des Gefhls ber den Verstand, und der Schwrmerei ber das Interesse des Augenblicks in der menschlichen Seele kennzeichnen soll. Die ganze Tragdie des Menschen und des Schriftstellers Gogol besteht eben darin, da der romantische Zug seines Geistes in einen Widerspruch mit seinem eigenen Schaffen geraten mute. Er war ein _Romantiker_ mit allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. Er liebte es, sich in einer phantastischen Welt, in einer Welt der Sehnsucht und Erwartung zu bewegen, d. h. entweder beschnigte und schmckte er das Leben aus, indem er es in ein Mrchen verwandelte, oder er stellte es sich vor, wie es gem seinen religisen und sittlichen Begriffen sein sollte. Er litt furchtbar unter dem Zwiespalt, der stndig zwischen seinem Traume und dem klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang ihm nie, das Gefhl der Qual und des Sehnens durch eine gesunde Kritik am Bestehenden und Unabwendlichen zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und -- was die Hauptsache ist -- er hielt sich fr berufen, das Herannahen dieses Ideals zu beschleunigen und seinen endgltigen Triumph auf Erden vorzubereiten. Er war nicht nur ein _trumender_, sondern auch ein _kmpfender_ Romantiker. Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besa Gogol eine wundersame Gabe, die das ganze Glck und die Schnheit, und zugleich das ganze Unglck seines Lebens ausmachte: er besa die seltene Fhigkeit, die ganze Erbrmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit und den Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken und berall zu erkennen. All jene prosaischen Seiten des Lebens, die der Romantiker gewhnlich absichtlich nicht beachtet, die er bersieht oder bersehen _will_, sie alle drngten sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach einer knstlerischen Verkrperung. Nur selten hat die Natur einen Menschen hervorgebracht, der von Natur ein solcher Romantiker und zugleich ein solcher Knstler in der Darstellung alles _Un_- und _Wider_romantischen war, wie Gogol. Es ist daher ganz natrlich, da der Knstler bei einer solchen Spaltung und Zerklftung seines Gemts und einer schpferischen Begabung zu schwerem Leiden verurteilt war, und sich nie von dem harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit dem Siege _einer_ dieser beiden Seelenkrfte endigen konnte: entweder mute das Talent, das Leben in seiner nackten Prosa darzustellen, im Knstler das romantische Drngen seiner Seelen ertten, oder die romantische Stimmung mute umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst ersticken und zerstren. Tatschlich fand schlielich das Letztere statt: Gogols groes Talent zur realistischen Lebensschilderung erlosch, und er verwandelte sich immer mehr in den reinsten und aufrichtigsten Verkndiger religiser und sittlicher Gedanken. Doch vor dem endgltigen Erlschen leuchtete dieses realistische Talent noch einmal hell auf, um sich in den Toten Seelen zum letzten Male in seinem ganzen Glanze zu entfalten. III. Dieser Roman ist eine spte Frucht des Gogolschen Genies. Ein Werk, das erst nach einem langen Kampfe zwischen den romantischen Neigungen seiner Phantasie und seiner starken Begabung fr die scharfe und treue Lebensbeobachtung vollendet werden konnte. Schon in seinen ersten Novellen, den Abenden am Weiler bei Dikanka (1831-32), machten sich die ersten Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar. In diesen Novellen trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und der niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller Poet, der die alten Sagen und Legenden schpferisch neugestaltete und belebte. Dieses frheste Werk lt ganz deutlich eine Mischung beider Stile erkennen, wobei freilich der trumerisch-phantastische noch die Oberhand behlt. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik vieler von den handelnden Personen ist in diesem Stile gehalten -- was Gogol freilich nicht hinderte, andere Personen und Situationen mit unverflschter Schlichtheit und im Geiste einer wahren und echten Realistik darzustellen. In dieser Vermischung zweier Stile, wie in dem alternierenden Wechsel von Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen, zeigte es sich deutlich, da das Schaffen des Dichters noch keine feste Richtung angenommen hatte, daneben aber kam darin der innere Kampf zum Ausdruck, der sich schon damals in des Knstlers Seele abspielte: der Idealismus des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit der starken Begabung des Realisten, der mit seinem Blicke die ganze Hlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen durchdrang, welches er doch selbst in einem andern, hheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu deuten strebte. ber diese hohe und ideale Bedeutung des knstlerischen Schaffens hat Gogol in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Ttigkeit sehr viel nachgedacht. Ihn beschftigte damals ganz besonders das bei den Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der Trumer, der Idealist und der Knstler ganz notwendig auf sich nehmen mu, wenn ihn das Schicksal schonungslos zusammenstoen lt mit der hlichen, unbarmherzigen Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem von Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgefhrt in seiner Novelle Das Portrt (1834). Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzhlung von E. Th. A. Hoffmann. Sie behandelt das Seelendrama eines jungen Knstlers, der Verrat bt an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier in den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn stirbt, als er erkennt, da er sein Talent zugrunde gerichtet hat. Der bse Genius dieses unglcklichen Knstlers ist ein phantastisches Portrt des Antichristen, das mit einer so realistischen oder vielmehr naturalistischen Kunst dargestellt ist, da ein Teil der Seele des Antichristen in dieses Bildnis bergegangen ist. Die Kunst soll dem _Ideale dienen_ und nicht der _Reproduktion des Wirklichen_ in seiner ganzen Nacktheit und Hlichkeit -- dies ist der Grundgedanke dieser Erzhlung -- deren Moral ebenso durch den tragischen Tod des Knstlers, der sich der Jagd nach dem Golde und der Mode ergab, wie aus dem verderblichen Einflu des Portrts, zu uns spricht: dieses Portrts, das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war. Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol von einem hohen, beinahe religisen Glauben an die Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung vermochte doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhllen, der immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm Leben besteht. Er sah den Abgrund, der zwischen diesen beiden Welten klafft, bestndig vor Augen, und dieser Anblick hatte fr ihn etwas Furchtbares und Schreckenerregendes. Es gibt nur eine Mglichkeit, ihn zu vergessen: sie liegt in der Erschtterung und in dem Verlust des seelischen und geistigen Gleichgewichts. Dies ist das Thema der beiden Erzhlungen Der Newski-Prospekt und Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen. Aber ganz allmhlich vollzieht sich im Schaffen Gogols eine entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente nach, er unterwirft sich ihm, und geht zur Darstellung der Realitt, der Wirklichkeit ber; er beschnigt sie nicht und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie sie ist, in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von jeher so stark in die Augen stach. Und nun stt er mit dieser gemeinen trivialen und schmutzigen Wirklichkeit auf dem Felde der Kunst zusammen, und da erhebt sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon im Portrt hingewiesen hat: dient die Kunst auch dann noch ihrer hohen Mission, wenn sie den Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und zwar so natrlich und lebendig zur Darstellung bringt, da es fast den Anschein hat, als bleibe ein Stck von diesem Schmutz und diesem Laster auf dem Kunstwerk selber haften? Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer nicht Widerstand bieten. So kam es, da er seine Kunst immer mehr dem Leben annherte. Diese Annherung macht sich besonders stark fhlbar in der Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit seinen romantischen Erzhlungen erschien, und die den Namen Mirgorod trgt. Eine dieser Novellen die Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit ist ein schlichtes Idyll, die Geschichte zweier zur Neige gehender Menschenleben: ein psychologisches Essay, von einer Tiefe und Poesie, wie sie von keiner romantischen Idylle erreicht wird. Die sentimentalen und romantischen Schriftsteller liebten solche dankbare Sujets, wie die Erzhlung von zwei liebenden Herzen, die sich inmitten des Friedens der Natur und fern von allen Lockungen der Kultur zusammenfinden. Die Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit sind ein glcklicher Versuch, die romantischen Elemente in diesem Stoff durch reale und kulturelle zu ersetzen. An die Stelle der einsamen und wsten Gegenden tritt hier ein kleinrussisches Dorf -- an die Stelle der blasierten und enttuschten Helden und der schwermtigen oder leidenschaftlichen Heldinnen -- ein altes Ehepaar; aber trotz dieser Schlichtheit und Durchsichtigkeit ist diese Novelle berall von einer tiefen Wahrheit und Poesie durchdrungen. Sie stellt in dem Schaffen Gogols einen der entscheidenden Siege des Realismus' ber die Romantik dar. Ein ganz anderer poetischer Horizont tut sich vor uns in der historischen Erzhlung Taras Bulba auf. Auch hier bemerkt man eine deutliche Wendung von dem frheren idealisierenden Stil zum Realismus, natrlich in dem Mae, als dies in einem historischen Romane mglich ist. Es gibt eine Ansicht, nach der Taras Bulba Gogols grtes Werk darstellt, und dieser Wertung fehlt es nicht an einer gewissen Berechtigung. Der Inhalt dieser Erzhlung ist vielleicht nicht weniger umfassend und vielgestaltig wie der der Toten Seelen; auch hier findet man denselben Reichtum an den mannigfaltigsten Typen und Episoden, die gleiche Kraft und das gleiche schnelle Tempo der Handlung. Die psychischen Regungen und Bewegungen sind im Taras Bulba vielleicht sogar noch tiefer als in irgend einem andern Gogolschen Werke, schon aus dem Grunde, weil die Gefhle und Empfindungen der Helden hier ernster und komplizierter sind, als die der handelnden Personen in den Toten Seelen. Taras Bulba -- das ist ein heroisches Epos, das einer gewissen Idealitt nicht entbehrt. Es lebt etwas darin vom Geist der alten Sage, trotzdem aber bleiben die Seelenregungen der handelnden Menschen stets wahr und frei von jeder romantischen berspannung. Die alte Zeit des Saporoger Kosakentums mit ihrem Kostm, ihrem huslichen Leben, ihren Kriegen und Schlachten, die Beziehungen zwischen Juden und Polen -- das alles ist im Taras Bulba mit einer wunderbaren Echtheit und Wahrheit geschildert; dazu kommen die beschreibenden und schildernden Elemente, die mit groer Geschicklichkeit in die Handlung eingeflochten sind; sie beschweren sie nicht, sondern verleihen ihr blo noch mehr Lebhaftigkeit und Kolorit. Taras Bulba ist in seiner Art eine kleinrussische _Ilias_, sowohl was das epische Gleichma der Darstellung und den kriegerischen Geist des Werkes, als vor allem die strenge Durchfhrung der Charaktere und die Plastizitt der Episoden anbetrifft. -- Soweit also der Realismus in einer historischen Erzhlung als knstlerisches Element neben dem legendren und der Archeologie mglich und zulssig ist, ist er in dieser Epope zum Durchbruch gekommen. Aber so recht heimisch in der realistischen Darstellungskunst wurde Gogol erst mit der Vollendung seiner berhmten Komdie: Der Revisor (1836). Gogol gehrt zu jener wenig zahlreichen Dichtergruppe, die das russische Theater schuf und die russische Lebenswirklichkeit ungeschminkt und ohne Beschnigung auf die Bhne brachte. Die Geschichte des russischen nationalen Theaters hat man von den Komdien Von Wisins zu datieren. In diesen Stcken ist das Leben der adligen Gutsbesitzer, der Epoche Katharinas I., mit gengender Treue geschildert, doch macht sich hier noch ein Element unliebsam bemerkbar: das sentimentale Rsonnement. Gleichfalls der Adel, diesmal aber der stdtische Beamtenadel, ist das Milieu, in dem Gribojedows Verstand schafft Leiden spielt, diese geniale Satire, aber keineswegs auch geniale Komdie. Auch hier erscheint die Wahrheit in einer gewissen Verzerrung: ein Zugestndnis an die literarischen Traditionen der franzsischen Vorbilder. Im Revisor endlich betritt die russische Beamtenwelt die Bhne. Auf den Gegenstand dieser Komdie waren die Zuschauer schon in gewissem Sinne vorbereitet durch eine Reihe von freilich recht farblosen Stcken, in denen die Schriftsteller des XVIII. und der ersten Hlfte des XIX. Jahrhunderts die Korruption gegeielt und moralische Tiraden gegen die Bestechlichkeit zum besten gegeben hatten. Der Revisor berragt alle diese Stcke um Haupteslnge, schon deshalb, weil die in ihm gezeichneten Typen wirkliche lebendige Menschen waren, denen der Zuschauer jederzeit -- wenn auch nicht allen zugleich, so doch in einzelnen Reprsentanten -- in seiner nchsten Nachbarschaft begegnen konnte. Nach Gogol war es Ostrowski, der in seinen Dramen den Kaufmannsstand auf die Bhne brachte und so das Gemlde des russischen Lebens um einige bedeutsame Typen bereicherte. Das waren die drei finsteren Reiche -- die Welt des _Adels_, des _Beamtentums_ und des _Kaufmannsstandes_, die von nun ab den Russen von der Bhne herab an jene dunklen Seiten der Wirklichkeit mahnten, die er stets zu idealisieren geneigt war. In letzter Zeit ist diese Reihe noch um ein neues Gemlde vermehrt und vervollstndigt worden -- um das Bild der dunkelen Welt des niederen Volkes: in dem Drama Die Macht der Finsternis von Tolstoi. In seiner Komdie schwang Gogol die Geiel des Spottes ber eine ganze Kategorie gesellschaftlicher Mistnde und Laster, die mchtig in das soziale Leben eingriffen: er brachte die Dummheit, die Gemeinheit und Hohlheit der Administration auf die Bhne und strafte die offizielle Welt, indem er sie dem Spott und Hohn eines Windbeutels, des hohlsten aller Schwtzer preisgab, und sie durch ihn brandschatzen lie. Zu guter Letzt aber stellte er sie vor ihren gesetzlichen Richter und sandte ihnen einen Gendarmen, der sie zur Vernunft bringen sollte. Die Komdie bleibt in ihrem ersten Akt streng objektiv und sachlich, im letzten freilich drngt sich die Moral recht deutlich vor. Der Polizeimeister erscheint in seiner ganzen Dummheit, gibt sich selbst dem Gelchter und der Verachtung preis und geizt nicht mit starken Worten zu seiner eigenen Charakteristik. Der Gendarm erscheint, wie im letzten Akt des Tartffe, als der Vertreter des Gesetzes zur Beschwichtigung und Beruhigung der Zuschauer; er erinnert sie daran, da das Auge der Regierung bestndig wacht, auch dann noch, wenn man glaubt, da es schlafe. Aber der auerordentliche knstlerische Takt des Dichters hat es so einzurichten verstanden, da die Moral die Wahrheit der Situationen und die Lebendigkeit der Typen nicht beeintrchtigte. Bis dahin waren es die Zuschauer gewhnt, mitten in der Handlung allerhand erhebende und erbauliche Reden von der Bhne zu vernehmen, im Revisor aber fehlten diese Reden vollstndig. Diese Komdie war eine vllig neue, originale Tat; sie pate in keine der bekannten Formen der dramatischen Kunst hinein, denn sie war weder eine sentimentale Komdie, noch eine Posse, noch ein moralisches Schauspiel. Dieses Werk trug seinem Schpfer einen groen Schmerz und viele Enttuschungen ein, denn es regte die heftigsten und leidenschaftlichsten Anklagen gegen ihn auf. Er suchte Rettung und Heilung von seiner geistigen Schwermut und der Gereiztheit gegen seine Mitbrger in einer Reise. Dies war das stndige Mittel Gogols, das er gegen seine Melancholie und gegen seine geistige Mdigkeit anwandte, und es wirkte in der Tat weit sicherer und unfehlbarer als alle Medikamente. Diese Neigung zum Wandern, zum Wechsel des Aufenthaltes war in seiner romantischen Veranlagung begrndet. In dieser Beziehung hatte er viel hnlichkeit mit einem jener Schwrmer, die von Sehnsucht, Melancholie oder Grimm getrieben, ihre Heimat verlieen, um den Ufern eines neuen fernen Vaterlandes zuzustreben. Auch Gogol besa solch ein fernes Vaterland, obwohl er Ruland mit einer geradezu abgttischen Liebe liebte, und sich unter fremden Menschen nie wohl fhlte. Er hatte noch eine andere groe Liebe: Italien. Gogol hat oft ber seine Leidenschaft fr das Wandern und Reisen gegrbelt, und nach Grnden gesucht, um sein Nomadenleben zu rechtfertigen; er begrndete sie mit seiner Krankheit, die ihm einen hufigen Wechsel des Klimas zur Notwendigkeit machte, und mit dem rein geistigen Bedrfnis des Knstlers, der eine Distanz zwischen sich, den Menschen und dem Leben suchte, wenn er sie in seinen Werken zur Darstellung bringen wollte. Zuweilen freilich, wenn er in lngeren Abstnden wieder nach Ruland zurckkehrte, fhlte er etwas wie Gewissensbisse und ein mchtiges Anschwellen der Liebe zu seiner Heimat; aber diese Gefhle blieben ohnmchtig gegenber dem unklaren Drange, der ihn in die Ferne zog. Seine Seele trug die Spuren jener Krankheit an sich, die einst zu Beginn des Jahrhunderts im Westen herrschte, die Menschen von der Heimat losri und sie zu fernen Gestaden hintrieb -- jene Krankheit an der ein Byron und ein Chateaubriand litten, und fr die Schubert in seinem Liede Der Wanderer, dem Lieblingslied aller russischen Jnglinge und Jungfrauen der dreiiger Jahre einen so wundervollen musikalischen Ausdruck fand. Allein was Gogol von seiner fnfjhrigen Reise im Auslande (von 1836-1841) mitbrachte, war weder ein pessimistisches Tagebuch, noch ein sentimentales Epos. Er brachte den ersten Teil der Toten Seelen mit: einen Roman oder eine Dichtung, in der der junge russische Realismus seinen hchsten Triumph feierte. Es war der letzte Sieg, den Gogol im Felde der Dichtung erringen sollte. IV. Whrend seines Aufenthaltes im Auslande und besonders in Italien war Gogol sehr fleiig und die Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die Zeit, wo seine Schpferkraft in voller Blte stand. Die romantischen Neigungen, die noch zum letztenmal in der schnen Novelle Rom zum Ausbruch gekommen waren, traten allmhlich zurck und machten einer nchternen, ruhigen und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich immer strker entfaltende Talent des Schilderers, das zu einer innigen Verschmelzung der knstlerischen Wahrheit mit der Lebenswahrheit hinstrebte -- gewann immer mehr die Oberhand, was nicht nur in der Zurckstellung und Aufgabe aller frheren Plne, die noch im Geiste des alten romantischen Stils konzipiert waren, zum Ausdruck kam, sondern auch in der Art wie Gogol seine lteren Werke umschuf und neu bearbeitete. In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol zu dieser Zeit seine Erzhlungen Das Portrt und Taras Bulba um. Am strksten und freiesten aber entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und Lebensschilderers, die in dieser Epoche ihre hchsten Siege ber die sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen des Dichters feierte, in der Novelle: Der Mantel. Dieses Werk nimmt eine ganz besondere Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. Es ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste Beispiel dieser Gattung, die spter eine groe Verbreitung fand und eine groe soziale Bedeutung gewann. Es ist eine Seite aus der Geschichte der Erniedrigten und Beleidigten, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski unter seinen besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte dieses Eintreten fr die Schwachen und Benachteiligten durch die Literatur und durch die Tat etwa um dieselbe Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung der sozialistischen Ideen ein. In Ruland aber rhrte der erste Versuch, die Gesellschaft fr jene groe Masse derer zu interessieren, an denen sie achtlos vorbergeht, von Gogol her, der ganz unbeeinflut von den westeuropischen Tendenzen in seinem Mantel ein Werk schuf, das man mit Recht als den Ausgangspunkt und Ursprung der sogenannten Anklageliteratur in Ruland erklrt hat. Man mu dabei nur im Auge behalten, da in Gogols Erzhlung der Protest und die Anklage sehr abgedmpft erscheinen und mehr durch ein weiches Gefhl der Teilnahme und des Mitleids ersetzt sind. Der Dichter lt uns mit seinem unscheinbaren Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben; wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam von jedem Rubel Groschen auf Groschen in sein kleines Bchschen zurcklegt, alljhrlich das kleine Huflein Kupfergeld nachzhlt, um es durch Silbermnzen zu ersetzen, wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine Kleider auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig werden, und wo er einsam in seinem Schlafrock dasitzt, die ewige Idee des Mantels in seinem Geiste tragend; wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn ebensowenig beachtet, wie eine vorber schwirrende Fliege, wo man ihn verspottet, ihm Papierschnitzel auf seinen Kopf schttet, wo er jahraus, jahrein hinter seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfltig aufs Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu seinem eigenen Vergngen kopieren will. Der phantastische Schlu, den Gogol dieser Erzhlung gegeben hat, ist zwar etwas willkrlich, aber beraus glcklich erfunden und trgt einen ganz anderen Charakter als seine frheren phantastischen Erzhlungen. Das Phantastische enthlt eine solche starke Beimischung von Spott, Humor und Frhlichkeit, da es fast vllig gegen das letztere Element zurcktritt und seinen romantischen Charakter gnzlich einbt. Der Autor braucht das Wunderbare nur um der paar kleinen Genrebilder willen, mit denen er seine Novelle beschliet. So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von seiner alten Manier abwandte und seinem scharfen Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf lie. Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen lernen will, der mu zu der tragikomischen Dichtung Die toten Seelen greifen. Hier legt jede Seite ein beredtes Zeugnis dafr ab. V. Die Arbeit an den Toten Seelen war fr den Verfasser eine hohe Freude und ein groer Schmerz. Noch nie hatte er einen so erhabenen Genu und eine solche innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, wenn ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst aus der Feder flossen, und nie hat er so gelitten, als in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf die ersehnte Inspiration warten mute. Diese Arbeit hat Gogol 16 Jahre lang beschftigt: von 1835, als er die ersten Seiten des Werkes niederschrieb, bis zum Beginn des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von 1835-1841 -- whrend der er natrlich noch an andern Dichtungen arbeitete -- um den ersten Teil zu vollenden. Die ihm noch brig bleibenden 10 Jahre waren ganz mit Versuchen ausgefllt, eine Fortsetzung fr sein Werk zu finden. Nach der Idee des Autors sollten die Toten Seelen eine Dichtung werden, in welcher Ruland in der ganzen Mannigfaltigkeit seines staatlichen und sozialen Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen Seiten erscheinen sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das alte Epos wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl mit bewuter Anspielung auf die Homerischen Gesnge seinen Roman -- ein Poem d. h. eine Dichtung. Der Gesamtplan des Werkes stand natrlich im Geiste des Verfassers nicht gleich vllig fertig da, und nahm mit den Jahren eine recht seltsame Richtung an. Die ruhige, uninteressierte epische Erzhlung verwandelte sich immer mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der Wunsch, Ruland mglichst vollstndig nach all seinen Seiten darzustellen, trat immer mehr hinter dem Ideal zurck, der ganzen Menschheit eine neue Lehre zu knden, die die Seele erheben und ihr Leben erhhen sollte. Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung fr sich und sprach nur selten und ganz im Allgemeinen zu seinen nchsten Freunden davon, wie gro und tief sein Plan war. Die bertrieben stolzen Reden Gogols ber sein Werk erregten die heftigste Opposition unter seinen Freunden und Bekannten, sie rgerten und verstimmten sie. Htten sie gewut, wie groartig dieser Plan des Knstlers tatschlich war, sie htten ihm vielleicht seine berhebung verziehen, die um so verzeihlicher war, als Gogol nicht so sehr auf sein Knstlertum stolz war, als vielmehr darauf, da er im Besitze der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fhlte sich verpflichtet, seinen Nchsten diese Wahrheit zu verknden, sobald er dieser hohen Aufgabe wrdig geworden war. Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim hielt, ist es dennoch mglich, nach gelegentlichen uerungen und Anspielungen, nach seinen Unterhaltungen mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen Briefen und den Fragmenten des zweiten Teiles, das Geheimnis des Schriftstellers mit gengender Genauigkeit zu enthllen; es ist zugleich das Geheimnis des Knstlers und Moralisten. Gott hat mich erschaffen, sagt Gogol einmal, und er hat mir nichts von meiner Mission verheimlicht. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine _Epoche in der Literaturgeschichte_ zu begrnden. Mein Beruf ist weit einfacher und naheliegender: er besteht darin, woran berhaupt jeder Mensch und nicht ich allein vor allem denken sollte. Mein Gebiet ist die Seele, die starke, solide Sache des Lebens. Und daher mu auch mein Handeln und mein Schaffen stark und solide sein. Die toten Seelen sollten in ihrem Gesamtaufbau ein solch solides, starkes Werk werden, auf das der Mensch sich zu sttzen vermochte, wenn Gewitterstrme ber seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus seiner Rettung sein. Diese Dichtung sollte dem Menschen ein Fhrer zu seiner sittlichen Wiedergeburt werden, wie es fr den Verfasser ein reinigendes Gebet war, nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, und nachdem er Bue getan hatte fr seine eigenen Snden. Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen knnen? Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen frhesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese Lyrik in seinem Fhlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzhlungen neben einem unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den Schmerz ber die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben Mae, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer strker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Groes zu erschaffen, und so kam es, da ihn die sittlichen Tendenzen immer mchtiger erfllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Auffhrung des Revisor berzeugte er sich, da er wirklich die Kraft zu einer sittlichen Einwirkung auf die Masse besa, und von da ab war er entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer groen Sache zu stellen und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht bewut war, trumte er davon, etwas Groes zu leisten, der Wohltter und Lehrer seiner Nchsten und ein Held und Kmpfer fr das Vaterland zu werden. Um diese hohe Mission durchzufhren, setzte er seine ganze Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner wrdigen Aufgabe d. h. nach einem groen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer wirklichen Wohltat fr die Nchsten werden sollte. So konnte die Anekdote von dem Kauf der toten Seelen schnell ihren komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln, fr den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner eigenen sittlichen berzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen Stoff stndig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Hhe jenes groen Gegenstandes emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frhesten Jugend trumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, da eine solche Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam und allmhlich vor sich gehen konnte, und da der Autor selbst bei Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei ihrer Vollendung annehmen werde. Neben dieser _ethischen_ Tendenz gewann auch die _patriotische_ Absicht des Dichters einen mchtigen Einflu auf die Dichtung. Gogols Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der Dichter an die Ausfhrung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum Vaterland bereits zu einer stark _konservativen_ Weltanschauung mit einer ausgesprochenen religisen Frbung zusammengeschlossen. Und dieser Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte noch mehr in dem Mae, als der Dichter an der stndigen Erweiterung und Vertiefung seines Werkes ttig war. Gogol mute in seinem Roman ber Ruland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung seiner Dichtung dachte, lie er uns seine Heimat nur von einer Seite sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von einer geradezu erbrmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen -- das bedeutete grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hie ber seine guten Seiten, hie ber alle Russen schweigen, die einen Anspruch auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbrgern in seiner Dichtung auch ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr sich der Rahmen der Erzhlung erweiterte, um so drngender empfand er diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur Verherrlichung Rulands und zur Bewunderung der russischen Tugenden fort. Er wollte ihnen einen gebhrenden Platz in seiner Dichtung einrumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er wute, da der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der _besten_ Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefhl Folge leistete, fing er an, nach neuen positiven Typen fr sein Werk zu suchen und seine Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner frheren Werke emporzustimmen. Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung. Einen kaum geringeren, wenn nicht noch strkeren Einflu auf des Dichters Schaffen gewann die religise Stimmung, die Gogol mit jedem Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm die berzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfllen habe. Ihn beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natrlich, da er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten begann, eine Pflicht, fr die sich der Mensch lange krftigen und sthlen mu, wenn er die groe Aufgabe erfllen will, die Gott in seine Hnde gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er arbeitete stndig an sich selbst, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er fr unheilig und sndhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklrten Gemt glaubte er seine hohe Sendung erfllen zu knnen, und diese Stimmung fand natrlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbrger und Mitbrder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen Snden. So verschmolz fr Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde fr ihn zu einem reinigenden Opfer. Die Snden, von denen er in ihr sprach, forderten Shne und Ahndung -- die Snden seiner _Helden_, wie seine _eigenen_. Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklrung und Erleuchtung einer sndhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe mystische Bedeutung an -- einen hnlichen Sinn wie das groe Epos Dantes, das Gogol stets mit ehrfrchtiger Bewunderung las. Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum Licht, aus der Hlle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Bue aus sndigen zu, wenngleich nicht _heiligen_, so doch _edlen_ und _sittlichen_ Menschen zu machen, ergriff und erschtterte die Seele des Dichters aufs tiefste. Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur Ausfhrung kommen, aber Gogol kam nie ber das Nachdenken und Entwerfen hinaus, und berantwortete schlielich das, was er davon niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sndenfall des Russen, die Erzhlung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und Gemeinheit. VI. Wenn wir jene Stellen in den Toten Seelen, wo der Verfasser auf den geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaen die direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des Revisors. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit erschtterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im Revisor waren Beamte, zu denen sich in den Toten Seelen noch Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemlde erscheint hier unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und Bewegungen der Helden des Revisors waren noch wenig differenziert und nicht sehr vielgestaltig -- ganz anders verhlt es sich in den Toten Seelen, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich der Held: Pawel Iwanowitsch _Tschitschikow_; ihn verbindet kein engeres Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von auen hereingeschneit wie _Chlestakow_ im Revisor. Dieser Held ist vom Autor mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Fhrer in diesem Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder einzeln und fr sich genommen so unendlich komisch und lcherlich wirkt, und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck hervorrufen. Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gndig verfahren. Es ist keine Frage, da Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften moralischen Qualitten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht unerfreulichen Aktualitt ist. Als Mensch und Brger ist er ein Gauner und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persnlichkeit der typische Reprsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral, die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber selber lebt und leben lt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit dieser khlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswrdigen und hflichen Rubers begngt; er erzhlt uns die ganze Geschichte seiner Jugend, er erklrt uns, wie in Tschitschikow diese ruberischen Instinkte entstehen konnten, und lt uns darber nachsinnen, ob die ganze Verantwortung fr die Spitzbbereien und Gaunereien seines Helden wirklich auf Tschitschikow allein fllt, oder ob nicht die grere Hlfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, abgewlzt werden mu. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, da er dem Leser geradezu die Frage vorlegt: Ist Tschitschikow denn tatschlich ein solcher Lump? Und er fhrt fort: Warum gleich ein Lump? Warum sollen wir so streng gegen unsere Nchsten sein? -- Er ist einfach das, was man einen guten _Wirt_ und ein _Erwerbsgenie_ nennt. Der _Erwerbstrieb_ trgt die Schuld an allem: er ist die Ursache, da Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet. Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft und es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt. Wenn es aber mglich war, schon fr Tschitschikow soviel mildernde Umstnde geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren. Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit groer Milde; vor allem gegen die Adligen, die er mit noch grerer Nachsicht behandelt, als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende Menschen, aber eine besondere Entrstung und eine allzu groe Emprung regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl ber sie, wir bemitleiden sie, aber schlielich wrden auch wir mit ihnen leben knnen, ohne da uns allzu groe Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was liee sich schlielich gegen den so vertrauensseligen und gutmtigen Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch lt sich fast ertragen: dieser grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die brigens fr seine Nchsten vllig unschdlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst, der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin in der glcklichsten, schon weit zurckliegenden Zeit seines Lebens, und wir verstehen, da ein Unglcklicher vor uns steht, der ein Opfer der Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kmpfen vermag. Der Dichter spricht mit tiefem Schmerz von der Erbrmlichkeit, Kleinheit und Hlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge verhrtende Mannesalter, uns mit einem mglichst groen Vorrat von Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, da sie nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Trne des Mitleids entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit, Spitzbberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmtiges und von jeder Bswilligkeit Freies verliehen, da er uns beinahe vllig entwaffnet und die Fhigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zrnen. So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit seinem Helden zusammenfhrte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten, mit andern Worten, wenn sie Beamte waren. Wie der Revisor, so enthalten auch die Toten Seelen keine Spur von einer politischen Anspielung. Die Satire berhrte auch nicht mit einem Wort die hhere Obrigkeit und setzte sich blo mit den niederen Klassen des Beamtenstandes auseinander. Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die sich _gegen_ die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme etwa der schicksalsreichen Geschichte vom Hauptmann Kopeikin, die der Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden nderungen und Zugestndnissen seitens des Autors die Zensur passierte. Diese Geschichte war die einzige gegen die souverne Gewalt gerichtete Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fllen whlte er sich blo die ausfhrenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe, wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner Helden abstufte. Je hher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der Erwgung leiten lie, da ein hohes Ma von Intelligenz den Menschen auch zu einer hheren Sittlichkeit verpflichte. So sind denn in den Toten Seelen alle hheren Beamten, selbst abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte und liebenswrdige Mnner, die hchstens ein paar Seltsamkeiten oder Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt dem Moralisten nur wenig Anla zur Betrbnis, ja, er knnte sich nach Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fhlen. Aber das Bild wechselt jh und mchtig, wenn wir aus dem Kreise dieser relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphren hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten bevlkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstnde unter den gerade anwesenden, grtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten ausgewhlt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstck die Sanktion des Gesetzes erhlt, wobei dem letzteren aus reiner Liebenswrdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebhren abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrgern, denen jede Spur von Sentimentalitt, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist, und die einem nchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen. Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken, wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem weichen und zrtlichen Herzen, der alle Drfer heimsucht und sie wie eine verheerende Epidemie durchstreift, wofr er dann schlielich auch von den Bauern ins Jenseits befrdert wird. Diese Seite, die uns von den Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die khnste in der gesamten Dichtung. Der erste Teil der Toten Seelen ist somit tatschlich eine Epope der menschlichen Erbrmlichkeit und Nichtigkeit. Erbrmlich ist dieser _Erwerbsritter_ mit dem Instinkte des Raubtieres, erbrmlich und armselig -- diese ganze Stadtgesellschaft, Mnner wie Frauen -- erbrmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschrnktheit, dieser Klatsch und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, da auch der _Bauern_stand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei Gelegenheit handelte, in den Toten Seelen vorzglich nach seiner unansehnlichen und erbrmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch bse, sondern nur armselig, beschrnkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der Satiriker getan htte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Snden und Laster unserer rmeren und schwcheren Mitbrder lenken will, um sein Nachdenken und sein Interesse fr sie zu wecken. Da der Dichter ein herzliches Mitgefhl fr diese seine Mitbrder hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die Betrachtungen, die Tschitschikow ber das Schicksal der von ihm gekauften Bauern anstellt, gengt, um sich zu berzeugen, da sich der Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hren auer dem trichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spren lt, wo er uns durch jene geistigen und seelischen Fhigkeiten erfreut, von denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne Grund zu erzhlen wuten. VII. Dies ist in seinen wesentlichen Zgen der Inhalt des _ersten_ noch erhaltenen Teils dieser groen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte dieses Werk fr seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen; es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und erbrmlichen Menschen vorzufhren, um uns dann ein schnes Bild ihrer Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an sein Vaterland gerichtete Verheiung, da es sich einst von allem Hlichen und Schmutzigen reinigen und der gttlichen Liebe wrdig erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch seine religisen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches, mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, da Gogol als Anklger des Lasters, der Schwche, der Gemeinheit, der Trgheit und Indolenz, mit einem Wort, aller nur mglichen persnlichen und sozialen Schden, einer der fortgeschrittensten russischen Mnner gewesen ist, und dieses hohe Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreien oder zu schmlern. Aber bei einer nheren Bekanntschaft mit seinen Werken berzeugt man sich leicht, da seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage und Geielung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher, milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wute gegen dieselben Menschen gerechte Nachsicht zu ben, die er in seinen Werken an den Pranger stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch fr den Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu sprechen und zog es vor, sie Schwchen zu nennen, wobei er den Leser stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte. Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sndhaftigkeit. Nicht sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Snden, als vielmehr dadurch, da er in ihnen das Mitleid fr ihre Nchsten weckte, die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglck geraten waren. Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die groe Bedeutung der Toten Seelen fr die Literatur und das Leben Rulands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser erlebte nichts von den khnen Verheiungen des Dichters. Der Leser behielt nichts in seiner Hand zurck, als eine groe Anklageschrift gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich, die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines groen realistischen Knstlers stammte. Die Toten Seelen sind das erste Muster eines groen realistischen Romans in der Literatur Rulands, und das Schicksal, das oft sein ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, da dieses groe Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit einem romantischen Traum begann und sie mit einer religisen Predigt beschlo. Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege gelegt, er besa wie kein anderer die Fhigkeit einer reinen, ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung -- und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt erreichte, um schnell und fr immer zu erlschen, erschuf der Dichter dieses groartige Gemlde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von verblffender Treue erblickte. Nestor Kotljarewski. Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Erster Teil Erstes Kapitel Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewhnlich Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. -- mit einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren mittleren Ranges nennt. Im Wagen sa ein Herr von nicht gerade berwltigender Schnheit, aber doch von angenehmem ueren; er war weder allzu dick noch allzu dnn, man konnte nicht sagen, da er alt war, doch war er andererseits auch nicht bermig jung. Seine Ankunft erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der Tre der dem Gasthof gegenberliegenden Schenke standen, machten ein paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefhrt, als auf den Insassen bezogen. Sieh dir mal das Rad an, sagte der eine zum andern. Was meinst du? Wrde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder nicht? -- Gewi, antwortete der andere. Aber bis Kasan wird es wohl nicht halten, denk ich. -- Bis Kasan wohl kaum, versetzte der andere. Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe hielt, ging noch ein junger Mann vorber. Er trug kurze, sehr enge weie Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form einer bronzenen Pistole schmckte. Der junge Mann drehte sich um, sah sich den Wagen an, whrend er seine Mtze, die der Wind fortzublasen drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege. Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder Aufwrter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt, empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, da es ein Ding der Unmglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszgen zu gewinnen. Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe in der Hhe des Nackens sa, schttelte seine Mhne und fhrte den Herrn flink durch den langen hlzernen Flurgang, um dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. -- Das Zimmer war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der bekannten Art, wie nmlich alle Gasthfe in den Provinzstdten sind, wo die Reisenden fr zwei Rubel tglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit Schwabenkfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit einer Kommode vor der Tr, die ins anstoende Gemach fhrt, in dem der Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber uerst neugieriger Mann, der sich aufs lebhafteste fr den Reisenden und alle Einzelheiten seiner Person interessiert. Die uere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war nicht geweit und lie noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen Witterungsumschlge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war gelb angestrichen, wie berall. Unten waren Lden, wo Pferdegeschirr, Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger im Fenster des Ladens sa ein Sbitenverkufer[1] mit einem Samowar aus Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar, soda man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster stnden zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart gehabt htte. Whrend der Reisende sich noch sein Zimmer nher ansah, wurde sein Gepck hereingetragen. Zunchst ein etwas abgenutzter Koffer aus weiem Leder, dem man es ansah, da er nicht zum erstenmal eine Reise machte. Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein Bursche von etwa dreiig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen und mrrischen Eindruck und hatte groe dicke Lippen und eine ebensolche Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kstchen aus Mahagoni mit eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte, whrend sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete, einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit diesem einen merkwrdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm eigentmlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer Matratze hnlich sah, flach und zusammengedrckt wie ein Pfannkuchen und vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem Gastwirte geben lassen. [Funote 1: Sbiten: ein Getrnk aus Wasser, Honig und Lorbeerblttern oder Salbei, das von den niederen Klassen statt Tee getrunken wird.] Whrend die Diener mit der Einrichtung beschftigt waren, begab sich der Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende wei aus Erfahrung, wie so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe gestrichenen Wnde, die oben vom Rauche geschwrzt und tiefer unten wie poliert sind durch die Rcken der Reisenden und mehr noch durch die der einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe rauchige Decke, derselbe geschwrzte Kronleuchter mit einer Unzahl herabhngender Glaskristalle, die jedesmal herumhpften und klirrten, wenn der Kellner ber den abgeriebenen Lufer von Wachstuch sprang und dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen ruhte, wie Vgel am Meeresstrande; dieselben lgemlde, die eine ganze Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie berall, hchstens mit dem Unterschied, da auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen Brsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat. brigens begegnet man hnlichen Naturspielen auf vielen historischen Gemlden, von denen man nicht wei, woher sie, wann sie und von wem sie zu uns nach Ruland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere vornehmen Wrdentrger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mtze hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhndig zu hkeln pflegen, wobei sie stets noch allerhand ntzliche Lehren hinzufgen, wie das Tuch umgelegt werden mu; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott wei es, ich habe nie ein solches Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte, bestellte er sich ein Mittagessen. Whrend die verschiedenen Speisen, die einem gewhnlich in den Gasthfen vorgesetzt werden, aufgetragen wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Bltterteig, die wochenlang fr die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden, ferner Hirn mit Schoten, Wrstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde, eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrtige Splittertrtchen; whrend also dies alles aufgetragen wurde, aufgewrmt oder kalt, lie er sich von dem Diener oder Kellner allerhand trichte Geschichten erzhlen: wer den Gasthof frher besessen habe, wer sein jetziger Besitzer sei, wie gro die Einnahmen seien, ob der Herr ein groer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab: Oh! ein groer Spitzbube! gndiger Herr! Wie in dem aufgeklrten Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklrten Ruland eine Menge hchst ehrenwerter Leute, die es nicht ber sich bringen, in einem Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm ihre Scherze zu treiben. brigens stellte der Ankmmling nicht nur sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur, nach dem Gerichtsprsidenten und Staatsanwalt der Stadt -- mit einem Wort: er berging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast noch grerer Ausfhrlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden Grogrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er fr einen Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach den Zustnden, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht Krankheiten oder Epidemieen, wie tdlich verlaufende Fieber, Blattern u. s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und Ausfhrlichkeit, die weit mehr als bloe Neugierde erkennen lie. Im Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er sich ungewhnlich laut. Es lt sich kaum sagen, wie er das machte, jedenfalls tnte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm, seine Mhne schttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas von seiner Hhe herabsinken lie und fragte: Wnschen der Herr vielleicht etwas? Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und lie sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rcken, das in den russischen Gasthusern statt mit weicher Wolle mit einem Etwas gestopft wird, das die grte hnlichkeit mit Kieseln oder Ziegelsteinen hat. Er begann zu ghnen und lie sich in sein Zimmer fhren, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern. Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie sich's gehrt, der Polizei mitgeteilt werden knnten. Als der Kellner die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen: Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in eigenen Angelegenheiten. Whrend der Kellner den Zettel noch immer zu entziffern suchte, verlie Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof, um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck auf ihn machte; denn er fand, da sie sich durchaus mit jeder andern Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das bescheidene Dunkelgrau der hlzernen Huser fielen besonders ins Auge. Die Huser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen Architekten besonders schn waren. Stellenweise schienen diese Huser wie verloren inmitten der Strae, die breit wie ein Feld war, und zwischen den Bretterzunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern Punkten dagegen stieen sie eng aneinander, und hier machte sich auch mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte: Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschft, mit Mtzen und Hten und einem Schild mit der Inschrift: Der Auslnder Wassili Fjodorow. Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in Frcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gste zu tragen pflegen, die im letzten Akte auf der Bhne erscheinen. Die Spieler waren in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoe ausholen, mit ein wenig zurckgezogenen Armen und gekrmmten Beinen, als ob sie soeben einen Luftsprung gemacht htten. Unter diesem Bilde befand sich die Inschrift: Hier ist eine Schenke! Hie und da standen unter freiem Himmel auf der Strae Tische mit Nssen, Seife, und Honigkuchen, die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine Garkche, auf deren Aushngeschild ein mchtiger Fisch abgebildet war, in dem eine Gabel steckte. Am hufigsten aber begegnete man den zweikpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die lakonische Inschrift: Ausschank ersetzt sind. Das Pflaster war berall ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den stdtischen Garten, der aus ein paar dnnen Bumchen bestand, welche offenbar sehr schlecht fortkamen und unten von Pfhlen gesttzt wurden, die ein Dreieck bildeten und mit grner lfarbe angestrichen waren. brigens hie es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhhe erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: Dank der Frsorge unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller breitkroniger, schattenreicher Bume verschnt, die an heien Sommertagen angenehme Khle spenden. Weiterhin hie es: Es sei rhrend anzusehen, wie die Herzen der Brger in berquellender Dankbarkeit erzitterten und Trnenstrme in warmer Anerkennung der Verdienste unseres verehrten Stadtoberhauptes vergssen. Der Herr erkundigte sich bei einem Polizisten ausfhrlich nach dem krzesten Wege zur Domkirche, zu den Amtsgebuden, zum Gouverneur und begab sich schlielich zum Flu hinab, der mitten durch die Stadt flo. -- Unterwegs ri er einen Reklamezettel ab, der an einer Plakatsule klebte, um ihn zu Hause in Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht angenehmem ueren, die auf den Holzbrettern des Brgersteiges an ihm vorberging, begleitet von einem Knaben in militrischem Aufputz, der ein Bndel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die rtlichkeit grndlich einzuprgen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht untersttzte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an seinen Tisch, lie sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig zukniff. brigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein Frulein Sjablowa die Kora spielten. Die brigen Personen waren noch unbedeutender. Trotzdem las er smtliche Namen durch, bis auf die Preise der Parterrepltze und erfuhr, da der Zettel in der stdtischen Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu berzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rckseite stehe. Aber da er nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und legte ihn in das Kstchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, hnlich dem Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres gerumigen russischen Vaterlandes auszudrcken pflegt. -- Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen Achtungsbesuch, der, wie sich's herausstellte, ebenso wie Tschitschikow weder dick noch dnn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man sich erzhlte, selbst Prtendent des Sternes war; im brigen war er ein gutmtiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tllstickereien versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt, zum Gerichtsprsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpchter und Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht, all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzhlen; genug, unser Reisender entwickelte eine lebhafte Geschftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar zum Inspektor der Sanittsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen seine Aufwartung zu machen. Und lange noch sa er in seinem Wagen, bei sich erwgend, wem er wohl noch einen Besuch machen knne, aber leider fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglckt htte. Im Gesprch mit den Machthabern verstand er es vorzglich, einem jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie beilufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als fhre man ber Samt; und er fgte hinzu, die Regierung, welche es verstnde, weise Mnner auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das hchste Lob und die grte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas hchst Schmeichelhaftes ber die stdtischen Polizisten und den Vizegouverneur und den Gerichtsprsidenten, die erst Staatsrte waren, nannte er im Gesprche zweimal wie im Versehen Exzellenz, was ihnen sichtlich Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, da der Gouverneur ihn noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause einlud; auch von den brigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee. ber sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn er etwas sagte, so waren es meist Gemeinpltze. Er drckte sich mit einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gesprch bewegte sich in diesen Fllen in Redewendungen aus der Bchersprache, wie etwa folgende: er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, da man sich viel um ihn kmmere. Er habe in seinem Leben schon viel erfahren und durchgemacht, fr die Wahrheit gelitten und sich viele Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Pltzchen, wo er ungestrt leben knne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt fr seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Reprsentanten des Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen. Das war alles, was man in der Stadt ber den Fremden in Erfahrung bringen konnte, der nicht zgerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche peinliche Aufmerksamkeit fr seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschlfchen lie er sich ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drckte. Dann nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein rundliches Gesicht berall sorgfltig ab, indem er bei den Ohren anfing und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, ri sich zwei aus der Nase hervorragende Hrchen aus und stand gleich darauf in einem preielbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr durch die ungemein breiten Straen, welche von dem sprlichen Lichte beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des Gouverneurs war indessen so glnzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herber; mit einem Wort, es war alles so, wie es sich gehrte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mute er die Augen fr einen Moment schlieen, weil der blendende Glanz der Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu berwltigend war. Alles war wie mit Licht bergossen. Schwarze Frcke schwirrten einzeln und in Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heien Julitag, whrend ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen Fenster in weie leuchtende Stcke zerschlgt: alle Kinder umstehen sie und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hnde, welche den Hammer schwingen, whrend geflgelte Schwadronen von Fliegen von einem leichten Winde emporgetragen, khn herbeifliegen, als wren sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die sen Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren. Gesttigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen, sondern blo um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren, eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfchen zu wetzen und sie an den Flgelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpftchen vorstreckend, sich das Kpfchen zu krauen und mit einer khnen Wendung davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwrmen wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der Gouverneur ihn schon am Arme fate und der Gouverneurin vorstellte. Auch bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der Dame ein Kompliment, wie es sich fr einen Mann in mittleren Jahren schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind. Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die Wand drckten, stand er, die Hnde auf dem Rcken gekreuzt, da, und betrachtete die Tnzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen lt. Die Herren zerfielen hier wie berall in zwei Kategorien: die einen waren sehr dnn und hager und drehten sich bestndig um die Damen herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger Herren htte unterscheiden knnen; sie hatten ebenso sorgfltig gepflegte Backenbrte, und ihre Barttracht war ebenso wohl berlegt und geschmackvoll, oder sie hatten einfach hbsche, glattrasierte Ovale, nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut franzsisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch wiederum zu dnn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten, sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grnen Tisch fr das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und wohlgenhrt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Bscheln, noch Locken, noch >_a la Diable m'emporte_< (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen. Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekmmt, wie geleckt, und ihre Gesichtszge waren rund und krftig. Das waren die geachteten Wrdentrger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es besser, auf dieser Welt Geschfte zu machen als die Dnnen. Die Dnnen sind meist Beamte fr besondere Auftrge oder werden blo in den Listen gefhrt und treiben sich mig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so sitzen sie fest und sicher, soda eher der Sitz unter ihnen kracht oder sich biegt, als da sie herunterfallen. Jeder uere Glanz ist ihnen verhat, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dnnen, dafr sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen. Der Dnne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht verpfndet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da -- pltzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner ein kleines Gut in der Nhe des Stdtchens und ein Stck Land mit allem Zubehr. Und schlielich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat, seinen Dienst, verlt die Stadt und wird Landwirt, ein prchtiger russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und herrlich und in Freuden. Seine dnnen Erben aber bringen wiederum nach guter russischer Sitte den ganzen vterlichen Besitz im Eilposttempo durch. Es lt sich nicht verheimlichen, da unseren Tschitschikow hnliche Betrachtungen beschftigten, whrend er sich die Gesellschaft nher ansah, und die Folge hiervon war, da er sich schlielich zu den Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: kommen Sie doch ins Nebenzimmer, ich mchte Ihnen etwas erzhlen -- brigens ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines Mnnchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtsprsident, ein sehr verstndiger und liebenswrdiger Herr -- sie alle begrten ihn wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch, aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die Bekanntschaft eines sehr hflichen und freundlichen Herrn, eines Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fu trat und Bitte um Entschuldigung dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte, als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen hflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grnen Tisch, und blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung hrte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich an eine ernste Beschftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr redselig war, so erhielt doch auch _sein_ Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte whrend des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur ausspielte, dann schlug er mit der Hand krftig auf den Tisch. War es eine Dame, dann fgte er hinzu: Raus, alte Popin! War es dagegen ein Knig, so rief er: Raus mit dem Tambower Bauern! Der Prsident aber antwortete: Dem geb ich's auf den Schnauzbart! Dem geb ich's auf den Schnauzbart! Zuweilen entschlpften ihnen Ausdrcke, wie die folgenden, whrend sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: Ach was: Was nicht is, is nicht, in solchen Fllen spielt man Schellen! oder einfache Ausrufe wie: Herzen! Herzchen! Pikentia! oder Piekchen, Piekchen, Pickelchen! oder einfach Pikkolo. Lauter Namen, mit denen sie in ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit, aber er wute das so geschickt zu machen, da alle zwar sahen, da er auch mitstritt, doch aber immer liebenswrdig blieb. Er sagte niemals: Sie spielten ... sondern stets: Sie hatten die Gte ... zu spielen oder: ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen u. s. w. Um seine Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren, die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich sogleich nach ihnen beim Prsidenten und beim Postmeister, die er hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen vorlegte, lieen erkennen, da der neue Gast nicht nur sehr wibegierig, sondern auch sehr grndlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen bese, und in welcher Verfassung sich ihre Gter befnden; erst hierauf fragte er auch nach ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wute er sie alle zu bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit Augen s, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz begeistert von ihm. Er drckte ihm lange die Hand und bat ihn instndig, ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er fgte hinzu, sein Gut wre nur fnfzehn Werst vom Stadttor entfernt, worauf Tschitschikow mit hflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem Hndedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht nur mit dem grten Vergngen nachkommen, sondern halte es sogar fr seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: Ich bitte gleichfalls darum, dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den Fu ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen steckte, da man wohl vergeblich nach einem zweiten Fu suchen wrde, der zu diesem Stiefel gepat htte, besonders zu unserer Zeit, wo die Recken und Ritter in Ruland im Aussterben begriffen sind. Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr gewandten Herrn von dreiig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow gleichfalls und behandelte sie hchst familir; aber als man sich hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die er machte, und lieen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den nchsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtsprsidenten, der seine Gste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing. Dann besuchte er eine Soire beim Vizegouverneur, ein groes Diner beim Branntweinpchter und ein _kleines_ Diner beim Staatsanwalt, das sich brigens neben dem groen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich berall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wute immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so wute auch er etwas ber die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den Vorzgen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine Bemerkungen; unterhielt man sich ber eine Untersuchung, die vom Gerichtshof angestellt wurde, -- so lie er merken, da ihm auch die gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom Billardspiel -- so gab er sich auch beim Billardspiel keine Ble; kam das Gesprch auf die Tugend -- so konnte er auch sehr schn, und sogar mit Trnen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die Branntweindestillation zu sprechen, auch ber Branntweindestillation wute er Bescheid -- oder auf die Zollwchter und Zollbeamten -- er sprach auch ber diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwchter gewesen wre. Das Merkwrdigste dabei war, da er bei alledem eine gewisse Wrde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise, sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut ber die Ankunft dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklrte ihn fr einen wohlgesinnten Mann -- der Staatsanwalt fr einen tchtigen Mann -- der Gendarmerieoberst fr einen gelehrten -- der Gerichtsprsident fr einen hochgebildeten und ehrenwerten -- der Polizeimeister fr einen ehrenwerten und liebenswrdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters fr einen _sehr_ liebenswrdigen und galanten Mann. Ja selbst Sabakewitsch, der selten gut ber seine Mitmenschen redete, sprach, als er spt abends aus der Stadt zurckkehrte, whrend er sich entkleidete und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: Schatz, ich war heute abend beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht habe: ein uerst angenehmer Herr! Worauf seine Gemahlin Hm machte und ihm einen leichten Futritt gab. Diese fr unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentmlichkeit des Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der Provinz auszudrcken pflegt, von der der Leser in Krze Nheres erfahren soll, nahezu die ganze Stadt aufs hchste in Staunen und Zweifel versetzten. Zweites Kapitel Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er bestndig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich entschlo er sich, seine Besuche auch ber die Stadtgrenze auszudehnen und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem Versprechen gem seine Aufwartung zu machen. Mag sein, da ihn hierzu noch ein anderer triftigerer Grund veranlate, eine ernstere Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas erfahren, vorausgesetzt, da er die Geduld hat, diese lange Erzhlung durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nhert, welches unser Werk krnen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde in aller Frhe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem Koffer zu bewachen. Es wird fr den Leser nicht berflssig sein, die Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persnlichkeiten, sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgnge und die Federn dieser Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie hchstens einmal berhren oder leichthin streifen; -- der Verfasser liebt es nun einmal so sehr, in allen Dingen mglichst grndlich und ausfhrlich zu sein, und so mchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem hinzuzufgen bleibt, was der Leser schon wei, wie z. B. dies, da Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn gehrt hatte, und da er wie alle Leute seines Schlages eine groe Nase und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur Geschwtzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h. zur Lektre beseelt, worin er sich nicht irre machen lie, auch wenn er den Inhalt der Bcher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen gleichgltig, was er las, ob es nun Die Abenteuer eines verliebten Ritters, eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, -- er las alles mit der gleichen Aufmerksamkeit; htte man ihm ein chemisches Lehrbuch in die Hand gegeben, -- er htte auch dieses nicht verschmht. Ihn freute nicht das, _was_ er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger der Proze des Lesens, da sich nmlich aus den Buchstaben stets irgend ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel selbst entrtseln mochte. Diese Lektre wurde gewhnlich im Vorzimmer in liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrckt und dnn wie ein Pfannkuchen war. Auer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die zwei weitere Charakterzge seiner Person bildeten: er liebte es zu schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphre, jenen ihm eigentmlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft eines Wohnzimmers erinnerte, so da er nur irgendwo sein Bett aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, da dieses Zimmer seit zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der leicht Ekel empfand, rmpfte gewhnlich die Nase, wenn er morgens gleichsam auf nchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft einzog, schttelte den Kopf und murmelte: Hol' dich der Teufel, Kerl! Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad! Worauf Petruschka gar nichts erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die Brste, um den an der Wand hngenden Frack seines Herrn auszubrsten, oder er begann einfach die Stube aufzurumen. Woran dachte er wohl, whrend er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: Du bist mir auch der Rechte! Bist du's noch immer nicht satt, vierzigmal ein und dasselbe zu wiederholen ... Gott mag es wissen, es ist schwer zu erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunchst ber Petruschka sagen lt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung wei, wie ungern sie die Bekanntschaft der niederen Stnde machen. So ist nun einmal der Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten zu machen, ja mit ihnen familir zu werden, die auch nur um _einen_ Rang hher stehen als er, und der Gru eines Grafen oder Frsten gilt ihm mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche bereits den Rang eines Generals erreicht haben -- werden am Ende gar, was Gott verhte, einen jener verchtlichen Blicke auf ihn werfen, wie sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Fen einherkreucht, oder werden was noch schlimmer wre, mit einer Nichtachtung an ihm vorbeigehen, die fr den Autor tdlich wre. Doch so betrbend beides auch sein mag, wir mssen dennoch zu unserem Helden zurckkehren. Nachdem er also noch am Abend smtliche notwendigen Anordnungen getroffen hatte, erwachte er in aller Frhe, wusch sich, rieb sich vom Kopf bis zu den Fen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des Sonntags zu tun pflegte -- doch traf es sich gerade so, da der Tag ein Sonntag war --, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und Gltte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten preielbeerfarbenen Frack und darber einen mit Brenfell geftterten Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter dem Arm fate und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite untersttzte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des Gasthofes auf die Strae hinaus rollte. Ein vorbergehender Pope lftete seinen Hut und grte; ein paar Straenjungen in schmutzigen Hemden streckten ihre Hand aus und murmelten: Lieber Herr, eine Gabe fr uns arme Waisen! Als der Kutscher bemerkte, da der eine nicht bel Lust hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der Peitsche und der Wagen polterte weiter ber die Steine. Man war nicht wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum erblickte, der anzeigte, da die Qualen des holperigen Pflasters und noch manche andere bald berstanden seien. Und nachdem Tschitschikow noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen, da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstrae: kleine mit Moos bewachsene Erdhgel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dnne Fichtenstmme, angekohlte Baumstmme, wildes Heidekraut und hnliches Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Drfern, deren Huser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Htten waren mit grauen Dchern gedeckt und mit hlzernem Schnitzwerk verziert, das die Form eines gestrkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein paar Bauern saen wie gewhnlich in Schafpelzen auf den Bnken vor der Tr. Die Buerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnrten Brsten sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fnfzehn Werst zurckgelegt hatten, erinnerte sich Tschitschikow, da nach Manilows Beschreibung sein Gut nicht mehr fern sein knne; aber auch der sechzehnte Streckenpfosten flog vorber, ohne da etwas von dem Gute zu entdecken gewesen wre. Und wenn sie nicht zufllig zwei Bauern begegnet wren, wre es ihnen sicher nicht geglckt, das Gut zu erreichen. Auf die Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die Mtzen ab, und der eine von ihnen, der etwas klger zu sein schien und einen Spitzbart trug, antwortete: Vielleicht meinen Sie Manilowka und nicht Samanilowka? -- Nun ja, Manilowka -- Manilowka! Wenn du noch eine Werst fhrst, dann bist du da, d. h. dann liegt es gerade rechts. -- Rechts? sagte der Kutscher. Rechts, sagte der Bauer. Das ist der Weg nach Manilowka. Ein Samanilowka gibt es berhaupt nicht. Es heit so, d. h. sein Name ist Manilowka. Ein Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf dem Berge wirst du ein steinernes, zweistckiges Haus erblicken. Das ist das Herrenhaus. Da wohnt nmlich der Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein Samanilowka gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben. Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. Nachdem sie noch zwei Werst gefahren waren, kamen sie an einem Feldweg vorber. Dann fuhren sie noch zwei, drei oder sogar vier Werst; aber das zweistckige, steinerne Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte sich Tschitschikow, da, wenn uns ein Freund auf ein Landgut einldt, das fnfzehn Werst entfernt ist, die Entfernung dann sicherlich dreiig Werst betrgt. Die Lage des Dorfes Manilowka hatte gewi wenig Verlockendes. Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhhe und war jedem Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. Der Abhang des Berges, auf dem es stand, war mit schn geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da standen Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben Akazien. Fnf bis sechs Birken streckten stellenweise in kleinen Gruppen ihre dnnbelaubten, schmchtigen Wipfel empor. Unter zweien von ihnen befand sich eine Laube mit einer flachen grnen Kuppel auf blauen, hlzernen Sulen, welche die Inschrift trug: Tempel einsamer Betrachtungen; etwas weiter unten lag ein Teich ganz im Grnen, was brigens in den englischen Grten der russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am Fue dieser Anhhe und teilweise auch lngs des Abhanges schimmerten berall kleine Blockhuser, welche unser Held aus irgend einem Grunde sofort zu zhlen begann und deren er mehr als zweihundert zhlte. Sie standen ganz nackt da, nirgends erblickte man ein Bumchen oder etwas frisches Grn. Nichts wie die kahlen Balken starrten einen an. Die Landschaft wurde durch zwei Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch aufgesteckten und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich wateten und an zwei Stcken ein zerrissenes Netz hinter sich her schleiften, in dem sich zwei Krebse und eine silbern schimmernde Forelle gefangen hatten. Die Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und traktierten einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der Ferne schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem Blau. Auch das Wetter entsprach ganz der Stimmung, der Tag war weder klar noch trbe, sondern zeigte eine Art hellgraue Frbung, wie man sie nur an den alten Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, dieses zwar recht friedlichen, aber besonders an Sonntagen recht unmigen Truppenteils. Zur Vervollstndigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die Rolle eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag vorausverkndigte. Und obwohl sein Kopf von den Schnbeln anderer Hhne wegen gewisser Liebeshndel vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt war, krhte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar noch mit den Flgeln, die zerfetzt und zerzupft waren, wie ein Paar alte zertretene Matten. Als Tschitschikow sich dem Tore nherte, bemerkte er den Hausherrn, der in einem grnen Rock von Wolle auf der Freitreppe stand und die Hnde wie einen Schirm ber die Augen hielt, um den heranrollenden Wagen besser betrachten zu knnen. In dem Mae, als der Wagen sich dem Hause nherte, wurden seine Augen munterer und verbreitete sich ein Lcheln ber sein Gesicht. Pawel Iwanowitsch! rief er schlielich aus, whrend Tschitschikow aus dem Wagen stieg. Endlich haben Sie sich doch an uns erinnert! Die beiden Freunde kten sich sehr herzlich, und Manilow fhrte seinen Freund ins Zimmer. Obwohl die Zeit, whrend der sie den Flur, das Vorzimmer und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, wollen wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie uns zunutze zu machen, um ein paar Worte ber den Hausherrn zu sagen. Hier aber mu der Autor leider gestehen, da ein solches Unternehmen seine groen Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter von einer gewissen Gre zu schildern. Da braucht man die Farben nur so mit der Hand auf die Leinewand zu werfen -- schwarze flammende Augen, dicke buschige Augenbrauen, die groe Stirnfalte, der schwarze oder feuerrote Mantel khn ber die Schulter geworfen -- und das Portrt ist fertig; aber all diese Herrschaften, deren es so viele auf der Welt gibt, die sich uerlich so sehr hnlich sehen, und doch bei nherem Studium und Anblick eine ganze Reihe uerst feiner, kaum fabarer Eigentmlichkeiten aufweisen -- diese Leute sind uerst schwer zu portrtieren. Da mu man seine Aufmerksamkeit bis aufs uerste anspannen, ehe es einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden Zge hervortreten zu lassen, und es wird berhaupt ntig, den durch die Menschenkenntnis geschrften Blick bis tief auf den Grund der Menschenseele hinabzusenken. Nur Gott allein htte vielleicht sagen knnen, was Manilow fr einen Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man folgendermaen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan, wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht knnte man Manilow zu _ihnen_ zhlen. uerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck; seine Zge waren nicht unliebenswrdig, aber diese Liebenswrdigkeit war zu stark mit einer gewissen Sigkeit versetzt; in seinem Betragen und Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung zu erwerben. Er lchelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, htte ein jeder im ersten Augenblick ausgerufen: Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch! Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen Augenblick spter denkt man sich: >Pfui Teufel!< und macht, da man fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fhlt man eine geradezu tdliche Langeweile. Nie hrte man ein lebhaftes oder anmaendes Wort von ihm, wie man es von jedem hren kann, wenn man einen Gegenstand berhrt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es so vor, als ob er ein groer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales Mittagessen; ein vierter bemht sich eine Rolle zu spielen, die um wenigstens einen Zoll hher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein fnfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schlft und trumt davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem Flgeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein sechster hat eine so krftige Hand, da ihm der unnatrliche Wunsch kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen Hieb zu versetzen, whrend die Hand des Siebenten sich durchaus nicht enthalten kann, berall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn Stationschefs oder die Postillons heranzumachen -- mit einem Wort, ein jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und philosophierte, worber er aber nachdachte, das wei wohl auch nur Gott allein. Man konnte auch nicht sagen, da er sich mit der Landwirtschaft beschftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: Gndiger Herr, es wre doch gut, wenn wir es so und so machten, dann antwortete er gewhnlich Ja, ja, gar nicht bel! whrend er ruhig seine Pfeife weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in der Armee angenommen hatte, wo er fr einen der bescheidensten und hflichsten Offiziere gehalten wurde. Ja, ja, durchaus nicht bel! wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und sprach: Gndiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das Geld fr die Steuern zu verdienen, dann sagte er: Geh nur! und fuhr fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam, da der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete er sich wohl darber, wie schn es doch wre, wenn man vom Hause aus einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brcke ber den Teich bauen knnte, zu dessen beiden Seiten Buden lgen, wo Kaufleute allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilbten. Hierbei hatten seine Augen etwas ungemein Ses und sein Gesicht nahm einen uerst zufriedenen Ausdruck an. brigens blieb es trotz aller Projekte stets nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er bestndig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im Salon standen prachtvolle Mbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte wohl fr die letzten zwei Lehnsthle nicht gereicht, denn sie standen noch immer so da, blo mit Sackleinwand berspannt; brigens warnte der Hausherr seine Gste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf einen der Sthle niederzulassen und sagte: Setzen Sie sich nicht auf diese Sthle, sie sind noch nicht fertig. In einzelnen Zimmern standen berhaupt keine Mbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu seiner Frau gesagt hatte: Herz, wir mssen morgen dafr sorgen, da wir uns wenigstens fr die erste Zeit Mbel kommen lassen. Abends wurde ein hchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt, neben ihm aber stand irgend ein gewhnlicher kupferner, hinkender, verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken. Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden. Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren, schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nsse und sprachen mit einer rhrend zrtlichen Stimme, welche von inniger Liebe zeugte: Mach doch dein Mndchen auf, Herzchen, ich will dir dies Stckchen hineinstecken. Es versteht sich von selbst, da sich das Mndchen in solchen Fllen uerst grazis ffnete. Zum Geburtstag bereitete man sich allerhand berraschungen -- man schenkte sich z. B. ein Perlenfutteral fr die Zahnbrste usw. Und es geschah gar nicht selten, da, whrend sie beide auf dem Sofa saen, ohne besonderen Grund _er_ seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken lie, die sie bis dahin in der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Ku auf die Lippen zu drcken, whrenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre htte ausrauchen knnen. Mit einem Worte, sie waren das, was man glcklich nennt. Man knnte freilich einwenden, es gbe im Hause noch manches andre zu tun, als sich lange Ksse zu geben und berraschungen zu bereiten, man knnte berhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden z. B. die Speisen so schlecht und so tricht zubereitet? Warum waren die Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushlterin? Warum waren die Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte bestndig oder lungerten mig herum? Aber dies alles sind gemeine Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen Pensionaten gibt es, wie jedermann wei, drei Gegenstnde, die die Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die franzsische Sprache, deren man fr das husliche Glck der Familie bedarf: das Klavierspiel, das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und schlielich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Hkeln von Geldbeuteln und hnlichen berraschungen. brigens gibt es mancherlei Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in neuerer Zeit: es hngt eben alles von der Verstndigkeit und der Fhigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so, da zuerst das Klavier, dann die franzsische Sprache und erst zuletzt der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Hkeln von kleinen Geschenken usw., dann erst die franzsische Sprache und endlich das Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wre es am Platze, noch die Bemerkung zu machen, da Frau Manilow .... allein, ich mu gestehen, da ich mich ein wenig frchte, ber die Damen zu reden, und auerdem ist es lngst Zeit, da ich zu unseren Helden zurckkehre, die schon seit einigen Minuten vor der Tre des Salons stehen und sich gegenseitig bitten, doch voranzugehen. Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstnde, bitte nach Ihnen, sagte Tschitschikow. Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast, antwortete Manilow und zeigte mit der Hand auf die Tr. Aber ich bitte, bemhen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemhen Sie sich nicht; bitte gehen Sie doch voran, sagte Tschitschikow. Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, da mein Gast, ein so liebenswrdiger und feingebildeter Herr, nach mir eintrete. Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran! Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein. Warum denn nur? Nun, so! sagte Manilow mit einem freundlichen Lcheln. Endlich zwngten sich beide Freunde seitwrts durch die Tr, wobei einer den andern leicht zusammendrckte. Erlauben Sie, da ich Ihnen meine Frau vorstelle, sagte Manilow. Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch. Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte, whrend er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie war ziemlich hbsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand. Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut sa; die kleine schmale Hand lie schnell etwas auf den Tisch fallen und prete ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow kte ihr nicht ohne ein gewisses Vergngen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine groe Freude mit seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, da ihr Mann sich seiner nicht erinnere. Ja! murmelte Manilow, meine Frau hat mich oft gefragt: >Warum kommt denn dein Freund nicht?< Ich aber antwortete: >Warte nur, er wird schon kommen!< Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche beehrt. Sie haben uns wirklich einen groen Genu bereitet -- es ist wie ein Maitag, wie ein Fest des Herzens. ... Als Tschitschikow vernahm, da schon von Festen des Herzens die Rede war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann von berhmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel. Sie besitzen alles, unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden Lcheln, Sie besitzen alles und sogar noch mehr! Wie haben Sie unsere Stadt gefunden? fragte jetzt Frau Manilow. Haben Sie Ihre Zeit angenehm verbracht? Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt! versetzte Tschitschikow, ich habe dort wunderschne Stunden verlebt; die Gesellschaft ist uerst liebenswrdig und zuvorkommend! Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen? fragte Frau Manilow weiter. Nicht wahr? ein uerst ehrenwerter und liebenswrdiger Mann? fgte Manilow hinzu. Sehr richtig, sagte Tschitschikow, ein hchst ehrenwerter Mann! Und wie vortrefflich er seine Stellung ausfllt, welches Verstndnis er fr sie hat! Es wre zu wnschen, wir htten mehr solche Menschen! Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen Handlungen den richtigen Takt zu wahren, fuhr Manilow lchelnd fort, und dabei kniff er vor Vergngen die Augen zusammen wie ein Kater, den man sanft hinter den Ohren krabbelt. Ein ungemein liebenswrdiger und hflicher Mann! sagte Tschitschikow, und welch ein Knstler! Ich htte mir gar nicht vorstellen knnen, da er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine Brse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen, die so schn sticken. Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr? bemerkte Manilow und kniff die Augen wieder zusammen. Eine uerst wrdige und hochachtbare Persnlichkeit! versetzte Tschitschikow. Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister gefallen? Auch ein sehr liebenswrdiger Herr? Nicht wahr? Oh, ein uerst liebenswrdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist! Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtsprsidenten bis zum frhen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein wrdiger Herr! Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters? fragte hier Frau Manilow. Finden Sie nicht auch, da es eine uerst liebenswrdige Dame ist? Oh, das ist eine der wrdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen gelernt habe! erwiderte Tschitschikow. Auch der Gerichtsprsident und der Postmeister wurden nicht vergessen; so nahm man allmhlich wohl smtliche Beamten der Stadt durch, und es zeigte sich, da es lauter hchst ehrenwerte Mnner waren. Leben Sie immer auf dem Lande? fragte endlich Tschitschikow. Den grten Teil des Jahres! antwortete Manilow. Wir fahren auch wohl hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gnzlich vor der Welt verschliet. Sehr wahr, sehr richtig! versetzte Tschitschikow. Es wre ja natrlich etwas andres, fuhr Manilow fort, wenn man angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen htte, mit dem man sich sozusagen aussprechen, ber die guten Manieren und feinen Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben knnte, -- wissen Sie, so was frs Herz, was einen ber sich selbst hinaushebt ... Er wollte noch etwas hinzufgen, da er aber merkte, da er sich ein wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und sagte: Dann htten natrlich das Land und die Einsamkeit viele Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatschlich niemanden. Hchstens liest man einmal den Sohn des Vaterlandes. Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fgte hinzu, es knne in der Tat gar nichts Schneres geben, als ganz fr sich allein zu leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genieen und nur hin und wieder ein Buch zu lesen ... Aber wissen Sie, versetzte Manilow, wenn man keinen Freund hat, dem man sich mitteilen kann ... Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig! unterbrach ihn Tschitschikow, was knnten uns denn alle Schtze der Welt helfen? >_Gute Freunde sind besser als alle Reichtmer der Erde_< hat einmal ein weiser Mann gesagt. Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch, sagte Manilow und machte dabei ein freundliches oder vielmehr unangenehm sliches Gesicht, gleich einer Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, dann sprt man einen ganz besonderen, sozusagen -- geistigen Genu ... Wie zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glck, ich mchte sagen, das seltene, ungetrbte Glck verschaffte, mich mit Ihnen unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genieen zu knnen ... Nein, ich mu doch bitten, was fr eine angenehme Gesellschaft? ... Ich bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts, erwiderte Tschitschikow. Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich wrde mit Freuden die Hlfte meines Vermgens hingeben, um nur einen Teil Ihrer groen Vorzge zu besitzen! Im Gegenteil, ich htte vielmehr allen Anla, mich zu freuen ... Es lt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefhlsergu der beiden Freunde geendigt htte, wenn nicht der Diener eingetreten wre, um zu melden, das Essen sei aufgetragen. Darf ich bitten, sagte Manilow. Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen aufwarten knnen, wie Sie es wohl in den Hauptstdten und in vornehmen Husern gewohnt sind: bei uns ist's nur einfach, nach russischer Sitte, nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so freundlich. Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschlo und sich seitwrts durch die Tr drckte. Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Shne; sie befanden sich in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch auf hohen Sthlen sitzen lt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der sich hflich lchelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die Suppenterrine; der Gast mute zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor. Was fr reizende Knaben! sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die Kinder. Wie alt sind sie? Der ltere ist sieben Jahre, der jngere ist gestern sechs Jahre alt geworden, erklrte Frau Manilow. Themistokljus! sagte Manilow und wandte sich an den lteren, der sein Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Hhe, als er diesen halbgriechischen Namen hrte, dem Manilow aus einem unbekannten Grunde die Endung _jus_ gegeben hatte; aber er beeilte sich, seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen. Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schnste Stadt in Frankreich? Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus, als wolle er ihm in die Augen springen, aber schlielich beruhigte er sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete: Paris. Und welches ist bei uns die schnste Stadt? fragte Manilow wieder. Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben. Petersburg! antwortete Themistokljus. Und weiter? Moskau, sagte Themistokljus. Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge! sagte Tschitschikow. Sagen sie blo ..., fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck hchsten Erstaunens an Manilow wandte. So jung und schon ein solches Wissen. Ich mu Ihnen gestehen, dieses Kind hat auerordentliche Fhigkeiten! Oh, Sie kennen ihn noch nicht! erwiderte Manilow, er ist ungemein scharfsinnig. Bei dem Jngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Kfer oder ein Wrmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich luft er hin und merkt sich's. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen. Themistokljus! fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte, willst du Gesandter werden? Ja antwortete Themistokljus, whrend er an seinem Brot kaute und mit dem Kopfe hin und her wackelte. Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten die Nase ab, und das war ntig, sonst wre ihm ein groer, recht berflssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gesprch wandte sich jetzt den Genssen des stillen und zurckgezogenen Landlebens zu und wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau ber das Stadttheater und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, da sie ihre Gesichter zu einem Lcheln verzogen, machte er seinen Mund weit auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemt und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise fr die gute Behandlung erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm gegenbersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund, denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen zusammenkniff, den Mund weit ffnete und in ein klgliches Geschrei ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, da er dadurch um die se Speise kommen wrde, brachte er den Mund wieder in seine frhere Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, whrend ihm die Trnen ber die Wangen liefen, die nur so vom Fette glnzten. Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow: Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen, worauf Tschitschikow regelmig versetzte: Ich danke bestens, ich bin satt. Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schnste Leckerbissen. Dann stand man vom Tische auf. Manilow war uerst zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er ihm die Hand auf den Rcken legte und ihn sanft untersttzte, als Tschitschikow pltzlich mit hchst bedeutungsvoller Miene erklrte, er msse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen. Dann mchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen, versetzte Manilow und fhrte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf den blulich schimmernden Wald hinausging. Dies ist mein kleiner Winkel, sagte Manilow. Ein freundliches Stbchen, sprach Tschitschikow und lie seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei Annehmlichkeiten: die Wnde waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Sthlen, einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwhnt haben, ein paar vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte. Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Hufchen auf dem Tische herum. Auf beiden Fensterbnken sah man auch ein paar Huflein Pfeifenasche, die sorgfltig in hbschen und regelmigen Abstnden angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, da diese Beschftigung dem Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente. Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen, sagte Manilow. Hier sitzen Sie bequemer. Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen! Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben! sagte Manilow lchelnd. Dieser Lehnstuhl ist nun einmal fr den Gast bestimmt. Ob Sie nun wollen oder nicht -- Sie mssen drin Platz nehmen! Tschitschikow setzte sich. Gestatten Sie, da ich Ihnen eine Pfeife anbiete! Nein danke, ich rauche nicht! sagte Tschitschikow freundlich und wie bedauernd. Warum nicht? fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des Bedauerns. Ich bin es nicht gewhnt und frchte mich, es mir anzugewhnen; man sagt, das Rauchen sei schlecht fr die Gesundheit! Erlauben Sie mir, zu bemerken, da dies ein Vorurteil ist. Ich bin sogar der Ansicht, da das Pfeifenrauchen weit gesnder ist als das Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen herrlichen, auerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur mglich. Tschitschikow wandte ein, da dies in der Tat vorkomme; berhaupt gbe es viele Dinge in der Natur, die auch ein groer Geist nicht begreifen knne. Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ... fuhr er mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch Manilow sah sich um, ohne da man htte sagen knnen weshalb. Wie lange ist es her, da Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten? Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich erinnere mich nicht mehr. Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben? Das wei ich leider nicht; darnach mu man den Verwalter fragen. Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er mu heute hier sein. Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar fhrte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und wohlgenhrt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen uglein waren ein Beweis dafr, da er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste vertraut war. Man sah sofort, da er seine Laufbahn vollendet hatte, gleich allen Leibeigenen, die die Gter ihrer Herrn verwalten; erst war er ein gewhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich natrlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den rmeren noch neue Lasten auf, stand morgens frh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine Teemaschine und trank Tee. Hr mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben? Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben, sagte der Verwalter, rlpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund. Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht, nahm jetzt Manilow das Wort, es sind sehr viele gestorben! Hierbei wandte er sich an Tschitschikow, indem er noch hinzufgte: Wirklich sehr viele! Und wieviel werden es ungefhr sein? fragte Tschitschikow. Ja, wie viele ungefhr? fiel Manilow ein. Ja, wie soll ich sagen -- wie viele ungefhr. Das wei man ja nicht, wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezhlt. Natrlich, sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, das dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr gro; wir wissen gar nicht, wie viele gestorben sind. Bitte, zhle sie doch einmal, sagte Tschitschikow, und stelle mir ein ausfhrliches Verzeichnis aller Namen auf. Jawohl, aller Namen! sagte Manilow. Der Verwalter sagte: Zu Befehl! und entfernte sich. Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafr? fragte Manilow, nachdem der Verwalter fortgegangen war. Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung bemerkbar, die ihn sogar ein wenig errten lie -- die Anstrengung, die man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich nicht fgen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hren bekam, waren so seltsame und unerhrte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr vernommen hat. Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich htte Lust, die Bauern zu kaufen, sagte Tschitschikow, fing an zu stottern, und schlo seine Rede. Und darf ich mir die Frage erlauben, sagte Manilow, wie wollen Sie die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also ohne Land? Nein, ich will eigentlich keine Bauern, sagte Tschitschikow, ich mchte tote ... haben. Wie? Verzeihen Sie ..., ich hre ein wenig schlecht, mir schien, ich htte ein ganz seltsames Wort gehrt ... Ich mchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision noch als lebendig eingetragen sind, erklrte Tschitschikow. Manilow lie die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf und sa ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde, die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie zwei Portrts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des Spiegels aufzuhngen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein Lcheln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht blo einen Spa erlaubt htte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, das Gesicht erschien ihm noch ernster und wrdevoller als gewhnlich. Dann berlegte er ein wenig, ob der Gast nicht pltzlich verrckt geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden, unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehrt. Und so sehr Manilow auch darber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in feinen Strahlen auszublasen. Ich mchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatschlich toten, aber vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, berweisen oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint. Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, da er ihn nur ansah, ohne ein Wort finden zu knnen. Mir scheint, Sie knnen sich nicht dazu entschlieen? bemerkte Tschitschikow. Ich ... oh nein, das ist es nicht, sagte Manilow, aber ich kann nicht verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natrlich nicht in der Lage, mir eine so glnzende Bildung anzueignen, von der gewissermaen jede Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe, mich so kunstvoll auszudrcken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier ... hinter Ihrer Erklrung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ... Vielleicht war es nur eine stilistische Schnheit, um deretwillen Sie sich so auszudrcken beliebten? Oh nein! fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, nein, ich nehme den Gegenstand ganz buchstblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die Seelen, die tatschlich schon gestorben sind. Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fhlte, da hier etwas geschehen, da er ihm irgend eine Frage stellen msse, und doch konnte nur der Teufel wissen, was das fr eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er schlielich fand, bestand wiederum darin, da er eine Wolke Tabakrauch ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die Nasenlcher. Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so knnen wir mit Gottes Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen, sagte Tschitschikow. Wie? Ein Kaufvertrag ber tote Seelen? Nein! Das nicht! antwortete Tschitschikow. Wir sagen natrlich, sie seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich pflege nie von den brgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz mu ich verstummen. Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu antworten, nahm er ein paar so heftige Zge aus seiner Pfeife, da diese zu tnen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der Pfeife eine Ansicht ber diesen geradezu unerhrten Fall herausholen wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Tne von sich und sonst nichts. Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel? Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie drfen nicht etwa glauben, ich htte ein ... gewissermaen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre Persnlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrcken ... dies Geschft ... wird dieses Geschft nicht am Ende im Widerspruch mit den brgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rulands stehen? Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag in all seinen Zgen und besonders in den zusammengepreten Lippen ein so ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewhnlich klugen Minister, und auch bei dem nur, whrend er ber ein ganz besonders schwieriges Problem nachsann. Aber Tschitschikow erklrte einfach, ein solches Unternehmen oder Geschft knne den brgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rulands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fgte nach einem Augenblick noch hinzu, es wrde dabei sogar noch etwas fr den Fiskus abfallen, da der Staat ja seine gesetzlichen Gebhren erhalte. So meinen Sie also ...? Ich glaube, es geht sehr gut! Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich nichts dagegen, sagte Manilow vllig beruhigt. Jetzt mssen wir uns noch ber den Preis einigen ... Wie? ber den Preis? sagte Manilow wieder ein wenig verblfft. Sie glauben doch nicht, da ich Geld fr Seelen nehmen werde, die doch gewissermaen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine, ich mchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann wrde ich fr meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergtung berlassen und auch den Kaufvertrag auf mich nehmen. Der Geschichtsschreiber, der ber die hier mitgeteilten Begebenheiten berichtet, verdiente sicherlich den schrfsten Tadel, wenn er an dieser Stelle zu erwhnen unterliee, da unser Gast von einer hohen Freude erfllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hrte. So gesetzt und besonnen er auch war, er htte am liebsten einen Luftsprung gemacht, wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche hchster Freude geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, da der wollene Stoff, mit dem der Sitz berzogen war, platzte; auch Manilow wurde aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner berquellenden Dankbarkeit _berschttete_ ihn der Gast frmlich mit Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errtete, eine abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklrte, das sei ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis fr seine herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen, und tote Seelen -- das sei doch sozusagen eine Bagatelle -- die reinste Lumperei. Durchaus keine Lumperei, sagte Tschitschikow und drckte ihm die Hand. Hierbei stie er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er groe Lust, sein Herz auszuschtten; und nicht ohne Ausdruck und Gefhl sprach er zuletzt folgende Worte: Oh! wenn Sie wten, was Sie einem Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur eine Kleinigkeit ist, fr einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wtender Wogen ... Was fr Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen Witwen und armen Waisen entgegenstreckte! Und hierbei wischte er sich sogar eine Trne aus dem Auge. Manilow war ganz gerhrt. Beide Freunde drckten sich fortwhrend die Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schne Trnen blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drcken, da jener kaum noch wute, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft zurckgezogen hatte, sagte er, es wre gut, wenn man den Kaufkontrakt gleich aufsetzen knnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die ntigen Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und verabschiedete sich. Wie? Sie wollen schon fahren? fragte Manilow, der wie aus einem Traum erwachte und beinahe erschrocken war. In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer. Lisanka! sagte Manilow mit etwas klglicher Miene, Pawel Iwanowitsch will uns verlassen! Pawel Iwanowitsch ist unser wohl berdrssig, versetzte Frau Manilow. Gndige Frau! sagte Tschitschikow, hier, sehen Sie hier -- und dabei legte er seine Hand aufs Herz -- Ja hier werde ich mir die Erinnerung an die schnen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und glauben Sie mir, ich kann mir keine grere Seligkeit vorstellen, als mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in nchster Nachbarschaft zu leben! Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch! sagte Manilow, dem dieser Gedanke offenbar sehr gefiel, es wre doch wirklich herrlich, wenn wir so zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen knnten ... Oh, das wre himmlisch! sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. Leben Sie wohl, gndige Frau! fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand kte. Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte nicht! Oh, seien Sie ganz ruhig! erwiderte Manilow, wir trennen uns doch nicht auf lnger als zwei Tage! Sie betraten das Speisezimmer. Adieu, meine lieben Kleinen! sagte Tschitschikow, als er Alcid und Themistokljus erblickte, die mit einem hlzernen Husaren spielten, der brigens weder Hnde noch Nase mehr hatte. Lebt wohl, liebe Kinder. Verzeiht, da ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich mu gestehen, ich wute ja gar nicht, da ihr auf der Welt seid. Aber wenn ich das nchstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir bringe ich einen Sbel. Willst du einen Sbel haben? Wie? Ja! antwortete Themistokljus. Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du mchtest doch eine Trommel haben? fuhr Tschitschikow fort, indem er sich ber Alcid beugte. Ja, eine Prommel, sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte. Schn also, ich will dir eine Trommel kaufen. -- Weit du eine feine Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu! Er kte ihn auf den Kopf und wandte sich mit jenem Lcheln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will, wie unschuldig doch die Wnsche ihrer Kinder sind. Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch! sagte Manilow, als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. Sehen Sie doch, was dort fr Wolken heraufziehen! Das sind nur kleine Wlkchen, meinte Tschitschikow. Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch? Danach wollte ich Sie gerade fragen. Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklren! Und Manilow machte dem Kutscher die Sache in der liebenswrdigsten Weise klar, und sagte sogar einmal _Sie_ zu ihm. Als der Kutscher hrte, da er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen und erst bei der dritten einbiegen msse, sagte er: Wir werden's schon finden, und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgren der Gatten, die noch lange auf den Fuspitzen standen und ihre Taschentcher schwenkten. Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon lngst nicht mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da. Endlich ging er wieder ins Haus zurck, lie sich auf einem Stuhl nieder und versank in Sinnen, von Herzen froh, da er seinem Gast eine kleine Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne da er es merkte, zu anderen Gegenstnden hinber, um endlich, Gott wei wo, zu landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schn es doch wre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in Gedanken eine Brcke ber den Flu und darauf ein Haus mit einem gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er stellte sich vor, wie herrlich es sein mte, dort abends im Freien seinen Tee zu trinken und sich ber angenehme Gegenstnde zu unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzckung versetzen, und wie dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehrt hatte, sie zu Generlen ernennt, und so trumte er immer weiter; was nun noch alles folgte, wei Gott allein, wute er es doch selbst nicht mehr genau. Aber pltzlich drngte sich Tschitschikows seltsame Bitte jh in seine Trumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar ber ihn werden. So sa er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis das Abendessen auf dem Tische stand. Drittes Kapitel Unterdessen sa Tschitschikow vergngt in seinem Wagen, der schon seit einiger Zeit auf der Landstrae dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder, wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, berschlge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem Gesichte spiegelten, muten hchst angenehmer Art sein, denn sie hinterlieen in einem fort die Spuren eines vergngten Lchelns auf seinen Zgen. Ganz mit seinen Gedanken beschftigt, achtete er gar nicht darauf, was fr treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows uerst befriedigt war, an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr schlau, und _tat_ blo so, als ob er den Wagen auch vorwrts ziehe, whrend sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft hatte, aus allen Krften abqulten, das Gefhrt weiter zu bringen, so da man ihnen das Vergngen, welches ihnen das bereitete, von den Augen ablesen konnte: Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch nichts! Ich will dich doch berlisten! sagte Seliphan, indem er sich etwas erhob und dem Trgen einen Peitschenhieb versetzte. Tu deine Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd, der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Ma Hafer mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor -- der ist auch ein gutes Pferd ... Nun, was schttelst du die Ohren? Dummkopf, pa auf, wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren, du Esel! Seh einer, wo der hin will! Hierbei gab er ihm wieder eins mit der Peitsche und murmelte: Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter! Dann rief er allen miteinander ein: He! Ihr Lieben! zu, und gab allen dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum Beweise, da er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: Du glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen. Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, da man Achtung vor dir haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren -- das sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern, ein guter Mensch -- das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel -- den achten alle Leute, hrst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient hat und Skollegenrat ist .... In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und abstraktesten Materien angelangt war. Htte Tschitschikow aufmerksam zugehrt, er htte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschftigt, da erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus seinen Trumen weckte und ihn veranlate, sich ein wenig umzusehen; der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und groe Regentropfen trafen die staubige Chaussee. Ein zweiter noch strkerer Donnerschlag folgte dem ersten aus noch grerer Nhe, und pltzlich prasselte der Regen in Strmen wie aus Giekannen nieder. Zuerst fiel er in schrger Richtung herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des Kutschbocks, dann nderte er seine Angriffsmethode und rieselte senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins Gesicht spritzten. Er lie also das lederne Wagendeck mit den zwei kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren. Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, da jetzt nicht Zeit zum Sumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff unter dem Bock hervor, steckte die Hnde in die rmel, ergriff die Zgel und spornte die drei Gule durch einen Zuruf an, welche unter dem Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwche in den Beinen sprten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache berlegt und ber den Weg nachgedacht hatte, kam er zur berzeugung, da sie schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei dem nchsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden zurief: Hh! liebe Freunde! und dann jagte er im Galopp dahin, ohne sich viel Gedanken darber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg fhren werde. Der Regen schien indessen nicht bald aufhren zu wollen. Der Staub, der die Landstrae bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner Berechnung nach htten sie schon lngst da sein mssen. Er blickte nach beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er konnte nichts sehen. Seliphan! rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte. Ja, Gndiger Herr? antwortete Seliphan. Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen! Nein, gndiger Herr, es ist nichts zu sehen! und Seliphan schwang seine Peitsche und stimmte etwas wie einen Gesang an. Ein Lied konnte man es nicht nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Lnge, da es gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte alles darin unter, alle aufmunternden und anspornenden Rufe, mit denen man im weiten Ruland, von einem Ende bis zum andern, die Pferde zu beglcken pflegt, und alle nur mglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, wie sie ihm gerade auf die Zunge kamen. Schlielich ging er sogar so weit, da er seine Pferde Sekretre nannte. Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, da sein Wagen von einer Seite auf die andre schwankte, wobei der Insasse jedesmal einen krftigen Sto erhielt; das brachte ihn auf den Gedanken, da sie von der Strae abgekommen seien und wahrscheinlich ber ein gepflgtes Ackerfeld fhren. Auch Seliphan mute es wohl bemerkt haben, aber er sagte kein Wort. Auf was fr einem Wege fhrst du eigentlich? du Spitzbube! schrie Tschitschikow. Was ist zu machen, gndiger Herr, es ist halt schon spt am Abend. Ich sehe nicht einmal meine Peitsche, so finster ist es! Bei diesen Worten neigte sich der Wagen so sehr auf die Seite, da Tschitschikow sich mit beiden Hnden festhalten mute. Erst jetzt bemerkte er, da Seliphan einen tchtigen Rausch hatte. Halt! Halt! Du wirfst mich um! rief er ihm zu. Nicht doch, gndiger Herr, wie knnen Sie denken, da ich Sie umwerfe, sagte Seliphan. Das wre schlecht von mir, wenn ich das tte, das wei ich selbst; o nein, das tue ich nicht, unter keinen Umstnden werfe ich Sie um! Hierauf versuchte er den Wagen umzuwenden, aber er drehte und wendete ihn so lange, bis er ihn ganz umwarf. Tschitschikow fiel mit Fen und Hnden in den Dreck. brigens gelang es Seliphan wenigstens die Pferde zum Stehen zu bringen; wahrscheinlich aber wren sie auch schon von selber stehen geblieben, weil sie sehr mde waren. Dieses unerwartete Ereignis brachte Seliphan ganz aus der Fassung. Er kroch von seinem Bock herunter, stellte sich vor den Wagen hin, stemmte beide Hnde in die Seite und sagte, whrend sein Herr sich im Schmutze herumwlzte und sich vergeblich zu erheben versuchte: Ist das Ding also doch umgefallen! Du bist betrunken wie ein Schwein! sagte Tschitschikow. Nicht doch, gndiger Herr! Wie knnte ich auch betrunken sein! Ich wei doch, da es schlecht ist, betrunken zu sein. Ich hab' nur ein wenig mit einem guten Freunde geplaudert; mit einem guten Menschen darf man doch sprechen -- das ist doch nichts Schlimmes -- und nachher haben wir zusammen gegessen. Das ist doch auch nichts Unrechtes -- ein wenig mit einem guten Menschen zu schmausen. Was habe ich dir gesagt, als du das letztemal betrunken warst, wie? Hast du's schon wieder vergessen? sagte Tschitschikow. Gewi nicht, Euer Gnaden, wie knnte ich so etwas vergessen? Ich kenne doch meine Pflicht! Ich wei doch, wie unrecht es ist, betrunken zu sein. Ich habe doch nur mit dem braven Menschen da gesprochen, es ist doch nicht ... Ich lasse dir eine Tracht Prgel geben, dann wirst du schon wissen, was es heit, mit einem braven Menschen zu sprechen ... Wie es Euer Gnaden belieben wird, antwortete Seliphan, der mit allem zufrieden war. Wenn's denn Prgel geben soll, nun gut, ich widersetze mich nicht. Warum sollte es keine Prgel geben, wenn man's verdient hat; das steht ganz bei Ihnen, dafr sind Sie der Herr! Der Bauer _mu_ mitunter Prgel haben, sonst sticht ihn der Haber. Ordnung mu sein. Wenn ich's verdient habe, dann la mich nur durchprgeln, warum sollte es auch keine Prgel geben? Auf eine solche berlegung fand Tschitschikow keine Antwort. In diesem Augenblick aber schien sich das Schicksal selbst seiner erbarmen zu wollen. Pltzlich erklang Hundegebell aus der Ferne. Hocherfreut gab Tschitschikow Seliphan den Befehl zum Aufbruch und schrfte ihm ein, recht schnell zu fahren. Ein russischer Kutscher hat einen feinen Instinkt, wo ihn seine Augen verlassen; so kann es geschehen, da er die Augen zumacht, im Galopp dahinjagt und dennoch irgend ein Ziel erreicht. Obgleich Seliphan nichts mehr sah, steuerte er mit seinen Pferden gerade auf das Dorf los und machte erst Halt, als der Wagen mit der Deichsel auf einen Zaun stie, und durchaus nicht mehr weiter kommen wollte. Tschitschikow konnte durch die dichte Nebelhlle nichts auer einem Fleck entdecken, der wie ein Dach aussah. Er gab Seliphan den Auftrag, nach dem Tor zu suchen, was ohne Zweifel recht lange gedauert htte, wenn es in Ruland nicht statt des Portiers flinke Hunde gbe, die in so lauter Weise Meldung von seiner Ankunft erstatteten, da er sich die Ohren mit den Fingern zustopfte. In einem Fenster leuchtete ein Licht auf, dessen trbe Strahlen auch auf den Zaun fielen, und unseren Reisenden den Weg zum Tore wiesen. Seliphan klopfte an, worauf sich bald eine Pforte auftat und eine in einen Schlafrock gehllte Gestalt sehen lie. Herr und Diener hrten eine heitere Frauenstimme, die ihnen zurief: Wer klopft da? Wer lrmt hier so? Wir sind Reisende, Mtterchen, wir suchen ein Nachtquartier, sagte Tschitschikow. So? Seh einer den Leichtfu! murmelte die Alte. Kommt zu so spter Abendstunde angefahren. Hier ist keine Herberge. Hier wohnt eine Gutsbesitzerin. Was soll ich machen, Mtterchen? Wir haben uns verirrt. Wir knnen doch bei dem Wetter nicht im Freien bernachten. Ja das Wetter ist trbe und schlecht, bemerkte Seliphan. Schweig! Esel, sagte Tschitschikow. Wer sind Sie? fragte die Alte. Ein Edelmann, Mtterchen. Das Wort _Edelmann_ schien einigen Eindruck auf die Alte gemacht zu haben. Wart' ich will's der gndigen Frau melden, murmelte sie, entfernte sich und kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand wieder zurck. Das Tor ffnete sich. Jetzt wurde auch das andere Fenster hell. Der Wagen fuhr durch das Tor und machte vor einem kleinen Huschen halt, das in der Dunkelheit nur mit Mhe zu erkennen war. Nur die eine Seite war von dem Lichte erleuchtet, das aus den Fenstern fiel; vor dem Hause sah man noch eine Pftze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender Bach in eine daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten in allen Tonarten; der eine hatte den Kopf hoch empor geworfen und stie fortgesetzt lange klgliche Tne hervor; dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als ob er Gott wei wieviel dafr bezahlt bekme; ein anderer produzierte sich mit der Fertigkeit eines Ksters; zwischendurch erklang ununterbrochen wie ein Postglckchen der Diskant eines wahrscheinlich noch jungen Kters, und dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen Ba eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur ausgestattet war, denn er schnarrte wie der Konterba eines Gesangchors, wenn das Konzert in vollem Gange ist; die Tenre stellen sich auf die Fuspitzen, um die hohen Tne besser herauszubringen, alles strebt in die Hhe, und wirft die Kpfe in den Nacken; nur _er_ allein, der Konterbaspieler, steckt das unrasierte Kinn in den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast am Fuboden, und schmettert nun pltzlich von dort aus seine Note in die Luft, da alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. Schon allein das Hundegebell, das von diesen Musikanten herrhrte, brachte einen auf die Vermutung, da dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb erfrorener und durchnter Held dachte an gar nichts mehr, auer an ein warmes Bett. Noch ehe der Wagen halten konnte, sprang er hinaus, stolperte und wre beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur trat jetzt eine andere Frau, die etwas jnger war als die erste, aber ihr dennoch recht hnlich sah. Sie geleitete Tschitschikow ins Zimmer. Hier angelangt, warf er einen flchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war mit alten gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wnden hingen ein paar Bilder, auf denen allerhand Vgel abgebildet waren, und zwischen den Fenstern waren kleine altertmliche Spiegel mit dunklen Rahmen aufgehngt, die die Form zusammengerollter Bltter hatten. Hinter jedem Spiegel steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf oder dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit einem geblmten Zifferblatt ... Tschitschikow konnte nicht alles bersehen. Er fhlte, da seine Augen zufielen und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn sie jemand mit Honig bestrichen htte. Nach ein paar Minuten erschien die Hausfrau, eine ltere Dame mit einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile aufgesetzt hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von jenen Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer ber Miernte und Verluste jammern und den Kopf hngen lassen, whrend sie ganz im Stillen, wenn auch langsam ein Geldstck nach dem andern in ihren bunten Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode verschlieen. In den einen Geldsack legen sie die Rubel, in den nchsten die Fnfzigkopeken-, in den dritten die Fnfundzwanzigkopekenstcke, und doch sieht es so aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wsche, Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, der sich in ein neues Kleid verwandelt, wenn das alte vor dem Fest beim Backen von Stollen und Pfefferkuchen anbrennt oder von selbst verschleit. Wenn das Kleid jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhlt, dann lt unsere sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt in der Schublade liegen, um ihn in ihrem Testament, zugleich mit manchem anderen Germpel, irgend einer Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen. Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, die er ihr mit seiner Ankunft verursacht habe. Macht nichts, macht nichts! sagte die Hausfrau, zu wie spter Stunde Sie auch der Herrgott hierher gefhrt hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen Weg sollte ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, aber es ist schon so spt in der Nacht; ich kann nichts mehr herrichten! Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwrdiges Zischen unterbrochen, soda Tschitschikow nicht wenig erschrak. Es war ein Gerusch, als wenn sich das Zimmer pltzlich mit Schlangen angefllt htte; aber ein Blick nach oben gengte, um ihn vllig zu beruhigen; er berzeugte sich, da der Ton von der Wanduhr herrhrte, die offenbar schlagen wollte. Auf das Zischen folgte denn auch gleich ein Schnarren, und endlich schlug sie, nachdem sie alle Krfte zusammengenommen hatte, zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit einem Stock auf einen zerbrochenen Topf klopfte, worauf das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im ruhigen Takte hin- und herzubewegen. Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, er brauche gar nichts, sie mge sich nur nicht beunruhigen, auer dem Verlangen nach einem Bett habe er keine anderen Wnsche. Zugleich erkundigte er sich, wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch weit von hier bis zum Gut des Herrn Sabakewitsch sei, worauf die Alte erklrte, sie htte diesen Namen noch nie gehrt, einen Gutsbesitzer dieses Namens gbe es berhaupt nicht. Kennen sie wenigstens Manilow? fragte Tschitschikow. Wer ist das, Manilow? Ein Gutsbesitzer, Mtterchen. Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehrt, einen solchen Gutsbesitzer gibt es nicht. Was gibt es denn hier fr Gutsbesitzer? Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako. Sind es reiche Leute oder nicht? Nein, Vterchen, allzu reiche gibt's hier nicht. Der eine hat zwanzig, der andere hat dreiig Seelen; solche mit hundert gibt's hier zu Lande nicht. Jetzt erst merkte Tschitschikow in was fr eine abgelegene Gegend er sich verirrt hatte. Knnen Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es von hier bis zur Stadt ist? Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir wirklich leid, da ich Ihnen gar nichts vorsetzen kann! Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee, Vterchen? Danke schn, Mtterchen. Ich brauche nichts als ein Bett. Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will man sich ordentlich ausruhen. Sie knnen sich hier auf diesem Sofa ausstrecken, Vterchen. He! Fetinja, bring doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott, was fr ein Wetter! Wie das strmt! Die ganze Nacht hindurch brennt bei mir die Kerze vor dem Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rcken und die eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. Wo hast du dich denn so schmutzig gemacht? Gott sei dank, da ich blo schmutzig bin; ich kann froh sein, da ich mir nicht das ganze Rckgrat zerbrochen habe! Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht etwas, um dir den Rcken einzureiben? Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich nicht! Bitte sagen Sie nur Ihrem Mdchen, sie mchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und rein machen! Hr mal, Fetinja! sagte die Hausfrau, indem sie sich an das Weib wandte, das mit dem Licht auf die Treppe hinausgetreten war und schon ein Unterbett hereinbrachte, welches sie mit beiden Hnden aufschttelte, soda eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer flog. Nimm doch den Rock und den Mantel und trockne ihn am Feuer, wie du es dem seligen Herrn zu tun pflegtest, und klopfe und brste ihn nachher grndlich aus. Jawohl, gndige Frau! sagte Fetinja, indem sie ein Laken ber das Unterbett breitete und ein paar Kopfkissen darauflegte. So, nun ist das Bett fertig! sagte die Hausfrau. Gute Nacht, Vterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht noch irgend etwas? Vielleicht bist du es gewhnt, da dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger Mann konnte ohne das gar nicht einschlafen. Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergngen. Die Hausfrau ging hinaus, worauf er sich schleunigst entkleidete. Er gab Fetinja seine ganze Rstung, die obere wie die untere, und sie zog mit den nassen Trophen ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewnscht hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht ohne Vergngen in die Betrachtung seines Bettes, das beinahe bis an die Decke reichte. Er stellte einen Stuhl daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter ihm beinahe bis zum Fuboden herabsank, und die aus ihren Schranken verdrngten Daunen flogen nach allen Richtungen im Zimmer auseinander. Nachdem er das Licht ausgelscht hatte, zog er sich die Kattundecke ber den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen und schlief ohne Verzug ein. Am andern Tage wachte er ziemlich spt auf. Die Sonne schien ihm durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, die gestern abend ruhig an den Wnden und an der Decke geschlafen hatten, wendeten ihm jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm auf die Unterlippe, eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten, sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so unvorsichtig war, gerade unterm Nasenloch Platz zu nehmen, zog er beim Erwachen mit einem Atemzuge in die Nase hinein, was ihn natrlich veranlate, krftig zu niesen -- ein Umstand, der den Grund fr sein Erwachen abgab. Er warf einen Blick auf das Zimmer und bemerkte jetzt, da nicht nur Vogelbilder an der Wand hingen, es fand sich auch ein Portrt von Kutusow und ein lgemlde, das einen alten Mann in einer Uniform mit roten Aufschlgen, wie man sie unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau guckte zur Tre hinein und verschwand sofort wieder, denn Tschitschikow hatte seine smtlichen Kleidungsstcke abgelegt, um besser einschlafen zu knnen. Das Gesicht kam ihm brigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, wer das wohl gewesen sein knnte, und besann sich schlielich darauf, da es die Wirtin selbst war. Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen trocken und reingebrstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte, trat er vor den Spiegel und nieste noch einmal so laut, da ein Truthahn, der sich gerade dem Fenster genhert hatte -- es lag nicht sehr hoch ber dem Erdboden -- pltzlich laut zu gackern anfing und ihm in seiner seltsamen Sprache ganz schnell etwas zurief, wahrscheinlich sollte es soviel bedeuten als Prosit, worauf ihn Tschitschikow einen Trottel nannte. Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen; das Fenster ging, wie es schien, auf den Hhnerhof hinaus; wenigstens war der kleine enge Hof, der vor ihm lag, voller Vgel und anderer Haustiere. Eine unendliche Anzahl von Hhnern und Puten tummelte sich dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen Schrittes ein Hahn, schttelte seinen Kamm und legte seinen Kopf auf die Seite, als lausche er auf etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; das alte Mutterschwein whlte in einem Schutthaufen herum, wie im Vorbeigehen verschlang es ein Kchel und fuhr gleich darauf wieder ruhig fort, die Schalen alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu fressen. Dieser kleine Hof oder Hhnerhof wurde von einem Bretterzaun umgrenzt, hinter dem sich groe Gemsegrten mit Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, roten Rben und anderen Gemsearten ausdehnten. In den Gemsegrten bemerkte man hie und da Apfelbume und andere Obstbume, die zum Schutz gegen die Elstern und Sperlinge mit Netzen bedeckt waren. Und in der Tat schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schrge Wolke von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde waren mehrfach Vogelscheuchen auf langen Stangen und mit ausgebreiteten Armen aufgestellt; eine von ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. Auf den Gemsegarten folgten Bauernhtten, die zwar recht zerstreut dalagen und keine regelmige Huserflucht mit Pltzen und Straen bildeten, aber doch nach Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das Bretterdach war berall renoviert, wo es alt und schlecht zu werden begann, nirgends sah man ein schiefes verfallenes Tor, und in den gedeckten Scheunen und Stllen, in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte er meist _einen_, hufig aber auch zwei beinah neue Reservewagen. Hm! Das Drflein ist gar nicht so klein! sagte er zu sich selbst und beschlo sogleich, mit der Hausfrau zu sprechen, um sie nher kennen zu lernen. Er guckte durch die Trspalte, durch die sie ihren Kopf hineingesteckt hatte, und als er sie am Teetisch sitzen sah, trat er ins Zimmer und ging ihr heiter und freundlich entgegen. Guten Tag, Vterchen! Wie haben Sie geruht? sagte die Hausfrau, indem sie sich von ihrem Platze erhob. Sie war heute eleganter gekleidet als gestern und hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Hubchen auf dem Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit allerhand Tchern umwickelt. Vortrefflich, ausgezeichnet, sprach Tschitschikow und lie sich im Lehnsessel nieder. Und Sie, Mtterchen? Schlecht! Vterchen! Wieso? Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, und mein Bein schmerzt mich, hier ber'm Knchel. Das geht vorber, Mtterchen, achten Sie nur nicht darauf. Gott gebe, da es schnell vorbergeht. Ich habe es schon mit Schweinefett und Terpentin eingerieben. Was nehmen Sie zum Tee? Dort im Glas ist Fruchtsaft. Der Leser wird wohl schon bemerkt haben, da Tschitschikow trotz seiner Freundlichkeit sich viel ungezwungener ausdrckte und berhaupt nicht viel Umstnde machte. Man kann zugeben, da Ruland vielleicht noch in mancher Hinsicht hinter dem Ausland zurcksteht: was aber das feine Benehmen anbelangt, so haben wir die Auslnder weit hinter uns gelassen. Die vielen Schattierungen und Finessen in unseren Verkehrsformen sind gar nicht aufzuzhlen. Ein Franzose oder ein Deutscher kommen ihr Lebtag nicht dahinter, nie werden sie die Eigenart und die feinen Unterschiede in unserem Verhalten verstehen; sie sprechen fast in dem nmlichen Ton und mit derselben Stimme mit einem Millionr und mit einem kleinen Tabakkrmer, wenn sie sich auch in ihrer Seele vor dem ersteren noch so sehr beugen und erniedrigen. Bei uns ist das ganz anders: wir haben solche Knstler, die mit einem Gutsherrn, der zweihundert Seelen hat, ganz anders sprechen, wie mit einem solchen, der dreihundert besitzt; und mit diesem sprechen sie wieder ganz anders, wie mit einem, dem fnfhundert gehren; und den letzteren behandeln sie wiederum anders, wie einen reichen Gutsbesitzer, der ber achthundert Seelen gebietet; so kann man meinetwegen bis zu einer Million weiter fortgehen, immer findet sich eine bestimmte Nance. Nehmen wir einmal an, es gbe, nicht bei uns, sondern irgendwo in einem fernen Knigreiche, eine Kanzlei, und nehmen wir ferner an, diese Kanzlei habe einen Vorsteher oder Chef. Ich bitte den Leser, sich diesen Mann einmal anzusehen, wenn er mitten unter seinen Untergebenen dasitzt -- ich wette, das Wort wrde ihm vor Schrecken im Munde stecken bleiben. Stolz und Edelmut -- und was nicht alles _noch_ liegt in seinem Blick? Man mchte zum Pinsel greifen und ihn malen, um ihn in dieser Stellung festzuhalten: der reinste Prometheus! wahrhaftig: ein Prometheus! Er blickt wie ein Adler, und sein Gang ist biegsam, gesetzt und fest. Aber seht euch einmal diesen Adler an, wenn er den Saal verlt und sich dem Zimmer seines Chefs nhert, er ist kaum wiederzuerkennen; wie ein flchtiges Schneehuhn eilt er mit seinem Aktenbndel unterm Arme dahin, da ihm fast der Atem ausgeht. In einer Gesellschaft oder auf einer Soiree, wo nicht allzu hochstehende Persnlichkeiten zugegen sind, bleibt unser Prometheus ein echter Prometheus, aber es braucht nur einer da zu sein, der etwas hher steht als er, und mit unserem Prometheus geht eine solche Verwandlung vor, wie sie sich selbst ein Ovid nicht trumen liee: eine Fliege kann nicht kleiner sein, er ist ganz wie vernichtet, wie ein Sandkorn! Aber das ist doch nicht Iwan Petrowitsch! sagt man sich, wenn man ihn erblickt, Iwan Petrowitsch ist grer, der da ist ja ganz klein und mager; jener spricht laut, hat eine Bastimme und lacht niemals, aber dieser hier, Teufel auch, der piepst ja wie ein Vogel und lacht immerzu. Kommt man aber nher und sieht genauer zu -- dann ist es _doch_ Iwan Petrowitsch. Aha, soso! sagt man zu sich selbst .... Aber wenden wir uns wieder zu den handelnden Personen. Wie wir sahen, war Tschitschikow entschlossen, keine Umstnde zu machen; so nahm er denn eine Tasse Tee und etwas Fruchtsaft und sagte: Sie haben aber ein schnes Gut, Mtterchen. Wieviel Seelen hat es wohl? Etwas weniger als achtzig, sagte die Hausfrau, leider haben wir blo so schlechte Zeiten; voriges Jahr gab's wieder eine Miernte, da Gott erbarm! Aber die Bauern sehen doch recht krftig aus, und die Htten sind ganz stattlich. Gestatten Sie mir brigens eine Frage: Wie ist Ihr Familienname? Ich war so zerstreut, als ich gestern so spt ankam .... Karobotschka,[2] Kollegiensekretrswitwe. Danke bestens. Und Ihr Vor- und Vatername? Nasstassja Petrowna. Nasstassja Petrowna? Ein schner Name! -- Nasstassja Petrowna. Ich habe eine leibliche Tante, die Schwester meiner Mutter, die heit auch Nasstassja Petrowna. Und wie ist Ihr Name? fragte die Gutsbesitzerin. Sie sind doch Assessor? Nicht? Nein, Mtterchen, antwortete Tschitschikow lchelnd. Ich bin nicht Assessor; ich reise in eigenen Geschften. So sind Sie Lieferant? Wie schade! ich habe meinen Honig so billig verkauft; du httest ihn mir sicher abgenommen, Vterchen, wie? Nein, Honig htte ich wohl kaum gekauft. Nun, dann was anderes. Vielleicht Hanf? Davon habe ich jetzt zwar auch nicht mehr viel -- ein halbes Pud hchstens. Ach nein, Mtterchen, ich brauch' eine andere Ware; sagen Sie mal, sind bei Ihnen viele Bauern gestorben? [Funote 2: Kstchen.] Oh je! Vterchen, achtzehn Mann! sagte die Alte seufzend. Und lauter so prchtige Leute, alles tchtige Arbeiter. Es ist ja freilich auch Nachwuchs da, aber was hat man davon, lauter schmchtiges Volk, und der Steuereinnehmer kommt und will seine Steuer fr jede Seele haben. Sie sind doch schon tot, und doch mu man fr sie zahlen, wie wenn sie noch am Leben wren. Vorige Woche ist mir ein Schmied verbrannt, ein so geschickter Schmied! Der hat auch das Schlosserhandwerk verstanden. War denn im Dorfe eine Feuersbrunst, Mtterchen? Gott verhte ein solches Unglck! Eine Feuersbrunst, das wre ja noch viel schrecklicher. Nein, er ist ganz von selbst verbrannt. Das Feuer ist da irgendwo im Innern bei ihm entstanden; er hat auch gar zu viel getrunken, man sah nichts wie ein blaues Flmmchen, und so ist er allmhlich verkohlt, bis er auch ganz schwarz wurde wie eine Kohle; ach war das ein geschickter Schmied. Jetzt kann ich gar nicht mehr ausfahren. Es ist niemand da, der die Pferde beschlagen kann. Das war wohl Gottes Wille, Mtterchen, sagte Tschitschikow seufzend, gegen Gottes Weisheit darf man nicht murren. Wissen Sie was? berlassen Sie sie mir, Nasstassja Petrowna? Wie Vterchen? Nun, all diese Leute, die gestorben sind. Wie kann ich sie Ihnen denn berlassen? Nun sehr einfach. Oder meinetwegen, ich kann sie Ihnen auch abkaufen. Ich will Ihnen Geld fr sie geben. Ja wie denn nur? Wirklich, ich verstehe Sie noch nicht. Willst du sie aus der Erde ausgraben? Tschitschikow merkte, da die Alte bers Ziel hinausgeschossen hatte, und hielt es daher fr notwendig ihr klar zu machen, worum es sich handele. Er erklrte ihr mit wenigen Worten, da die Abtretung oder der Verkauf nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen als lebende gelten sollten. Ja, wozu brauchst du sie nur, sagte die Alte, indem sie ihn verwundert anstarrte. Das ist schon meine Sache! Aber sie sind doch tot! Ja wer sagt denn, da sie lebendig sind? Es ist doch Ihr eigener Schade, da sie tot sind. Sie zahlen doch Steuern fr sie, und ich will Sie von dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? Und nicht nur befreien; ich will Ihnen noch fnfzehn Rubel dazu schenken. Nun, ist's Ihnen jetzt klar? Ich wei wirklich nicht, sagte die Alte zgernd, Tote habe ich noch niemals verkauft. Das ist doch kein Wunder! Es wre eher eins, _wenn_ Sie schon welche verkauft htten. Oder glauben Sie tatschlich, da sie berhaupt irgend einen Wert haben? Nein, das glaube ich freilich nicht. Was knnten sie auch fr einen Wert haben? Sie sind ja zu nichts ntze! Mich beunruhigt blo dies eine: da sie schon tot sind. Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf, dachte Tschitschikow. Hren Sie, Mtterchen; denken Sie doch ein wenig nach! Das ist doch eine bedeutende Einbue fr Sie. Sie mssen doch fr jeden die Steuern bezahlen, als ob er noch am Leben wre. Ach, Vterchen, erinnere mich blo nicht daran, unterbrach ihn die Gutsbesitzerin. Vor drei Wochen habe ich erst wieder hundertfnfzig Rubel einzahlen mssen, und dabei mute ich noch den Steuerbeamten grndlich spicken. Sehen Sie, Mtterchen, und nun denken Sie mal, von heute ab brauchen Sie den Beamten nicht mehr zu spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern und nicht Sie. Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des Kaufvertrags. Verstehen Sie! Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, da das Geschft nicht so bel wre; nur war es schon gar zu neu und unerhrt, und sie frchtete, der Kufer knne sie wohl gar bers Ohr hauen. War er doch Gott wei woher und noch zu so spter Stunde herein geschneit. Also schlagen Sie ein, Mtterchen, sprach Tschitschikow. Wahrhaftig, Vterchen, Verstorbene habe ich noch nie verkauft. Lebendige schon fters, so noch vor drei Jahren: da habe ich dem Protopopoff zwei Mdchen berlassen, jede fr hundert Rubel; und er war sehr zufrieden. Es sind vorzgliche Arbeiterinnen geworden. Sie knnen sogar Servietten weben. Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott mit ihnen! Ich brauche Tote! Wirklich, ich frchte vor allem, ein schlechtes Geschft zu machen. Du willst mich am Ende betrgen, Vterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten sie gar viel mehr. Hren Sie, Mtterchen ... Wie Sie sich blo anstellen! Was knnen sie denn wert sein; berlegen Sie sich es doch nur! Das ist doch nichts! Begreifen Sie doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unntzeste Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: selbst der hat noch einen Wert; den kauft Ihnen noch der Lumpenhndler ab. Aber die da, die braucht doch berhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind sie ntze!? Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts ntze. Mich hlt auch nur ab, da sie schon tot sind. Herr Gott, ist das eine klotzige Dickkpfigkeit, sagte Tschitschikow zu sich selber, und fing bereits an, die Geduld zu verlieren. Mit der soll einer auskommen. Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte! Und er nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Schwei von der Stirne. brigens hatte Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu seinem rger. Es gibt hchst achtbare Leute, sogar unter den Staatsmnnern, die, wenn man nher zusieht, auch nicht besser wie Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was in den Kopf gesetzt, so bringst du es mit zehn Pferden nicht wieder heraus. Mach ihm Einwnde soviel du willst. Sie mgen so klar sein wie der lichte Tag, sie prallen doch immer wieder zurck wie ein Gummiball von einer Steinmauer. Nachdem sich Tschitschikow den Schwei abgetrocknet hatte, kam er auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelnge, sie von einer anderen Seite her auf den rechten Weg zu bringen. Mtterchen, sagte er, entweder Sie wollen mich nicht verstehen, oder Sie reden das alles nur, um nur berhaupt etwas zu reden ... Ich gebe Ihnen Geld, fnfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das ist doch Geld und liegt nicht auf der Strae. Wie teuer haben Sie zum Beispiel Ihren Honig verkauft? Gestehen Sie mal! Fr zwlf Rubel das Pud. Versndigen Sie sich nicht, Mtterchen! Zwlf haben Sie gewi nicht dafr bekommen. Bei Gott, Vterchen! Nun also sehen Sie, dafr war das auch Honig. Sie haben vielleicht ein Jahr gebraucht, voller Sorgen und Mhe und Arbeit, bis Sie ihn einsammeln konnten. Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen geplagt. Sie einen ganzen Winter ber im Keller gefttert. Sehen Sie wohl! Dagegen die toten Seelen, die sind doch nicht von dieser Welt. An die haben Sie keinerlei Mhe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes Wille, da sie diese Welt verlassen und ihrem Hause Abbruch tun muten. Dort haben Sie fr alle Ihre Sorge und Mhe zwlf Rubel bekommen, und hier sollen Sie fr ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht zwlf, sondern sogar fnfzehn Rubel und nicht in Silber, sondern in lauter schnen blauen Scheinen ausbezahlt erhalten. Nachdem Tschitschikow so starke und berzeugende Grnde ins Feld gefhrt hatte, zweifelte er kaum noch, da die Alte endlich nachgeben werde. Nein wirklich, versetzte die Gutsbesitzerin, ich bin eine arme und unerfahrene Witwe, lieber will ich noch ein wenig warten, bis noch andere Kufer kommen. Damit ich mich ber den Preis vergewissern kann. Schmen Sie sich, Mtterchen! Denken Sie blo selbst, was Sie da reden. Wer wird denn so etwas kaufen wollen. Was soll er denn blo damit anfangen. Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der Wirtschaft verwenden ... erwiderte die Alte. -- Aber sie vollendete ihre Rede nicht, machte den Mund auf und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an, gespannt auf seine Antwort harrend. Die Toten in der Wirtschaft! -- Herr Gott, wozu Sie sich wieder verstiegen haben! Etwa um nachts die Spatzen in Ihrem Garten zu scheuchen?! Wie? Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge du da sprichst, sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug. Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? brigens das Grab und die Knochen knnen sie ja behalten. Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere statt. Nun also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten eine Antwort. Die Alte versank wieder in Nachdenken. Woran denken Sie blo, Nastassja Petrowna? Wirklich, ich wei nicht recht, was ich da machen soll? Kaufen Sie mir lieber etwas Hanf ab! Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was ganz anderes von Ihnen, und Sie schwatzen mir Ihren Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf bleiben! Wenn ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna? Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich noch nie was zu tun gehabt habe. Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner Wut packte er einen Stuhl, stie ihn auf die Erde und wnschte ihr den Teufel an den Hals. Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs hchste entsetzt. Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm! rief sie aus und erbleichte. Noch die ganze vorige Nacht hab ich ihn fortwhrend im Traume gesehen, den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar zur Strafe hergesandt. So greulich sah er aus. Seine Hrner waren lnger als die eines Ochsen. Ich wundere mich, da sie Ihnen nicht zu Dutzenden erscheinen! Mich leitet nichts wie die reinste Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe, die sich plagt und Not leidet ... Da du doch krepiertest zusamt deinem Gute. Ach, was fr schreckliche Flche du da ausstt, sagte die Alte und sah ihn entsetzt an. Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie ein -- entschuldigen Sie den harten Ausdruck -- wie ein Kettenhund, der auf seinem Stroh liegt; frit das Stroh selbst nicht und lt doch keinen andern ran. Ich wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen fr den Staat bernehme ... Hier log er etwas hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht berlegt zu haben, aber sehr geschickt. Diese Lieferungen fr den Staat machten einen tiefen Eindruck auf Nastassja Petrowna; wenigstens sagte sie mit beinahe flehender Stimme: Warum wirst du denn gleich so zornig? Htte ich frher gewut, da du so wild werden kannst, dann htte ich lieber garnicht widersprochen. Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze Sache ist keine ausgeprete Zitrone wert. Und ich sollte mich rgern? Schn, schn, ich will sie dir ja fr 15 Rubelscheine lassen. Nur eins, Vterchen, vergi mich nicht bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen oder Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen solltest. Nein, nein, Mtterchen, ich werde dich schon nicht vergessen, sagte er, whrend er sich den Schwei mit der Hand abtrocknete, der in drei Sturzbchen ber sein Gesicht flo. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, einen Vertreter oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschlu des Kaufkontraktes und aller brigen notwendigen Manahmen bevollmchtigen knnte. Gewi, den Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht, sagte Karobotschka. Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine Vollmacht zu schicken, ja er bernahm es sogar, diese selbst aufzusetzen, um der Alten jegliche unntze Arbeit zu ersparen. Es wre doch gut, dachte unterdes Karobotschka, wenn er mir etwas Mehl und Vieh fr den Staat abnhme. Ich mu ihn fr mich gewinnen. Es ist noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal hingehen und der Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen backen. Auch eine Eierpastete von Butterteig wre nicht bel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht viel Zeit weg. Damit ging die Hausfrau hinaus, um ihren Plan mit der Pastete auszufhren und ihn noch durch andere Produkte der huslichen Koch- und Backkunst zu ergnzen. Tschitschikow aber ging in den Salon, in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die notwendigen Papiere aus seiner Schatulle zu holen. Das Zimmer war schon lngst aufgerumt, die ppigen Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor dem Sofa stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er setzte seine Schatulle auf ihn und lie sich auf das Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er fhlte, da er ganz in Schwei gebadet sei: alles, was er am Leibe trug, vom Hemd bis zu den Strmpfen, war vollstndig na. Hat die mir zugesetzt, die verfluchte Alte, sagte er, nachdem er ein wenig ausgeruht hatte, und ffnete die Schatulle. Der Autor ist berzeugt, da mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und die innere Fchereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. Meinetwegen, warum sollte ich diese Neugierde nicht befriedigen. Also, da habt ihr sie, die Einteilung; in der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den Seifennapf folgen sechs bis sieben schmale Fcher fr die Rasiermesser. Dann kommen zwei viereckige Behltnisse fr die Streusandbchse und das Tintenfa. Zwischen beiden ist eine Rille fr Federn, Siegellack und Gegenstnde von lngerer Statur. Weiter folgten allerhand Fcher _mit_ Deckel und _ohne_ Deckel, fr die krzeren Gegenstnde, welche mit Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, Theaterbilleten und anderen Zetteln angefllt waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze obere Kstchen mit all seinen Fchern lie sich herausheben. Unter ihm ffnete sich ein weiter Raum, in dem Ste von Papier in Bogengre aufgeschichtet lagen. Darunter befand sich ein kleines verborgenes Kstchen, das sich unauffllig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu bewahren pflegte. Dieses Kstchen wurde von seinem Besitzer stets mit einer solchen Geschwindigkeit auf- und im selben Augenblick wieder zugemacht, da man nicht mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es enthielt. Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die Feder zurecht und begann zu schreiben. In diesem Moment trat die Hausfrau ins Zimmer. Hast du aber einen schnen Kasten, Vterchen! sagte sie, indem sie sich neben ihn setzte, den hast du wohl in Moskau gekauft? Ja, in Moskau, antwortete Tschitschikow und fuhr fort zu schreiben. Ich wei, dort kriegt man's nur gut. Vor zwei Jahren hat meine Schwester geftterte Stiefel fr die Kinder von dort mitgebracht. Vortreffliche Ware! So dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast du viel Stempelpapier, fuhr sie fort, whrend sie einen Blick in die Schatulle warf. Und in der Tat, es war sehr viel Papier darin. Du knntest mir ein paar Bogen schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel daran. Es kommt doch vor, da man ein Schreiben ans Gericht zu senden hat. Dann ist immer kein Papier da. Tschitschikow erklrte ihr, das sei kein Papier, wie sie es wnschte. Es sei nur fr Kaufkontrakte, und nicht fr Gesuche geeignet. brigens gab er ihr, um sie zu beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel. Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, lie er sie unterschreiben und bat sie um ein kurzes Verzeichnis der Bauern. Es stellte sich heraus, da die Gutsbesitzerin gar keine Listen ber ihre Bauern fhrte, sondern ihre Namen nur auswendig wute. Er forderte sie auf, ihm diese zu diktieren. Mehrfach geriet er in hchstes Erstaunen ber ihre Familiennamen und mehr noch ber ihre Spitznamen, soda er jedesmal beim Hren ein wenig innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew genannt der Waschtrogverchter, soda er sich nicht enthalten konnte, auszurufen: Ist das aber ein langer Kerl! Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen. Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. Nachdem er mit dem Schreiben fertig war, sog er die Luft tief durch die Nase ein und roch den Duft einer in Butter schmorenden Speise. Bitte bedienen Sie sich, sagte die Wirtin. Tschitschikow sah sich um und bemerkte, da der Tisch mit leckeren Gerichten reich besetzt war; da gab es Pilze, Gebck, Spiegeleier, Pfannkuchen, Ksekeulchen, Splittertrtchen und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, Pastetchen mit Stinten und wei Gott, was sonst noch alles. Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefllig? sagte die Wirtin. Tschitschikow rckte nher an die Eierpastete aus Butterteig heran, und sprach sich sehr lobend ber sie aus, nachdem er eine gute Hlfte von ihr verspeist hatte. Und in der Tat, die Pastete war schon an und fr sich nicht bel; nach all den Plackereien und dem Geplnkel mit der Alten aber schmeckte sie noch weit vorzglicher. Nehmen Sie Pfannkuchen? sagte die Wirtin. Als Antwort auf diese Frage, spiete Tschitschikow gleich drei Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen, tauchte sie in die geschmolzene Butter und befrderte sie in den Mund, worauf er sich Lippen und Hnde mit der Serviette abwischte. Nachdem er dieses etwa dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau die Pferde anspannen zu lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar heie Pfannkuchen mitzubringen. Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mtterchen, sagte Tschitschikow, indem er sich ber die frischen Pfannkuchen hermachte. Ja, das versteht meine Kchin sehr gut, versetzte die Hausfrau, leider war nur die Ernte so schlecht, und das Mehl ist nicht so gut geraten. Aber warum eilen Sie so? Vterchen? fuhr sie fort, als sie sah, da Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, der Wagen ist ja noch gar nicht fertig. Oh der ist schnell fertig, Mtterchen. Bei mir geht das sehr schnell. Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen? Nein, nein, sagte Tschitschikow, whrend er in den Flur hinaustrat. Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen? sagte die Hausfrau, indem sie ihn hinausbegleitete. Warum nicht? Gewi kaufe ich Ihnen welchen ab. Nur nicht gleich jetzt. Zu Ostern werde ich schnen Speck haben. Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich kaufe ihnen alles ab, was Sie wollen, auch Schweinespeck. Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Whrend der Weihnachtsfasten werde ich auch Daunen haben. Schn, schn, sagte Tschitschikow. Siehst du wohl, Vterchen, dein Wagen ist noch nicht fertig, sprach die Hausfrau, als sie auf die Treppe hinaustraten. Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir blo, wie ich auf die groe Landstrae gelange. Wie mache ich das nur? sagte die Hausfrau. Es ist nicht leicht, dir das klar zu machen, man mu so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, ich gebe dir ein Mdchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann. Natrlich. Nun gut, dann gebe ich dir das Mdel mit, sie kennt den Weg, entfhrt sie mir nur nicht gar, hrst du, neulich haben mir schon ein paar Kaufleute einmal eine weggeholt. Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mdchen nicht zu entfhren und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes zurck. Erst glotzte sie die Haushlterin an, welche eine hlzerne Kanne mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf einen Bauern, -- der im Torweg erschien, um allmhlich immer mehr in ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschftigen wir uns eigentlich so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow, wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man sich's versieht, in Trauer ber, wenn man sich gar zu lange bei ihr aufhlt, und Gott wei, was sich einem dann fr Gedanken aufdrngen! Man knnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gueisernen Treppen beschtzen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren Teppichen prunken. Von ihr, welche ghnend neben ihrem halbgelesenen Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmnnisch-geistreichen Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld erffnet, wo sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen kann. -- Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze Stadt wochenlang beschftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen, was in ihrem Hause und auf ihren Gtern vorgeht, die in Unordnung geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche Umwlzung in der franzsischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu ber diese Dinge reden? Aber warum fllt bisweilen in Augenblicken froher, sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in uns hinein? Noch fand das Lcheln kaum Zeit, dem Gesichte zu entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz? Da ist er, da ist ja mein Wagen, rief Tschitschikow, als er seine Kutsche heranrollen sah, was hast du nur solange getrdelt, du Esel! Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen. Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort. Leben Sie wohl, Mtterchen! Nun wo ist Ihr Mdchen? Heh! Pelagia! rief die Alte einem Mdchen von etwa elf Jahren zu, das in der Nhe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, farbiges Leinenkleid an. Sie war barfig, und schien doch Stiefeln anzuhaben, denn ihre Fe waren bis oben hinauf mit frischem Straenschmutz bedeckt. Zeig dem Herrn den Weg! Seliphan half dem Mdchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fu auf das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich neben Seliphan niederlie. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fu auf das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem Gewichte nach rechts beugte. So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie wohl Mtterchen! mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an. Seliphan war den Weg ber sehr ernst und streng und widmete sich seinem Dienst mit groer Aufmerksamkeit, was immer dann zu geschehen pflegte, wenn er etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. Die Pferde waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. Das Kummet bei dem einen, welches gewhnlich zerlocht und zerfetzt war, soda das Werg unter dem Leder hervorquoll, war sorgfltig genht und ausgebessert. Er war whrend des ganzen Weges sehr schweigsam, schwang nur hin und wieder die Peitsche und unterlie es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden zu beehren, obwohl der Schecke natrlich gerne eine Belehrung entgegengenommen htte. Denn whrend einer solchen Rede pflegte der wortfrohe Wagenlenker die Zgel immer recht lose in der Hand zu halten, und er lie auch die Peitsche nur _pro forma_ ber den Rcken der Pferde hpfen. Aber der finstere Mund lie dieses Mal nur monotone und unfreundliche Ausrufe vernehmen, wie: Hh! Hh! alte Krhe! was trdelst du! sonst nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor waren nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und Achtung zollendes Wort zu hren bekamen. Der Schecke erhielt sogar hufig uerst unangenehme Schlge auf seine weichen, wohlgerundeten Krperteile. Sieh mal, was in den gefahren ist!? dachte er sich, indem er seine Ohren ein wenig spitzte. Der wei auch, wohin er haut; sucht sich nicht etwa den Rcken aus, sondern gerade die empfindlichsten Stellen. Schlgt einem die Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar an den Bauch. Rechts? Wie? Mit dieser trockenen Frage wandte sich Seliphan an das neben ihm sitzende Mdchen, indem er mit der Peitsche auf den vom Regen geschwrzten Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grn leuchtenden Feldern dahinzog. Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen! antwortete das Mdchen. Nun, wohin denn? fragte Seliphan, als sie sich dem Kreuzweg nherten. Dorthin! sagte das Mdchen, indem es mit dem Finger die Richtung anzeigte. Ach! du! sagte Seliphan, das ist doch rechts! Kann rechts und links nicht unterscheiden. Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Strae derartig schmutzig, da der Kot an den Wagenrdern kleben blieb und sie bald wie mit einer Filzschicht bedeckte, was die Equipage am Fortkommen hinderte. Dazu war der Boden noch sehr locker und lehmig. Dieses war die Ursache, da sie die Landstrae nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mdchen wre es ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil die Wege nach allen Richtungen auseinanderliefen, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus dem Netze schttet. Und Seliphan htte sich ohne seine Schuld leicht verirren knnen. Bald darauf zeigte das Mdchen mit der Hand auf ein Gebude, das in der Ferne sichtbar wurde, und sagte: Da ist die Poststrae. Und was ist das fr ein Gebude? fragte Seliphan. Ein Wirtshaus, sagte das Mdchen. So, nun werden wir schon selbst den Weg finden. Du kannst jetzt nach Hause gehen. Er hielt an und half ihr beim Absteigen, whrend er vor sich hinmurmelte: Du Dreckbein! Tschitschikow gab ihr eine Kupfermnze, und sie lief munter nach Hause, hocherfreut, da sie auf dem Kutschbock hatte fahren drfen. Viertes Kapitel Als man sich dem Wirtshause nherte, lie Tschitschikow anhalten und zwar aus zwei Grnden. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und dann wnschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu strken. Der Autor mu gestehen, da er diese Art Leute um ihren guten Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Fr ihn haben jene groe Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und deren ganze Zeit im Nachdenken darber aufgeht, was sie morgen zu Mittag speisen werden, und was fr ein Menu sie fr bermorgen zusammenstellen knnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schlu nach Karlsbad oder in den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des Autors wachrufen knnen. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf _einer_ Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nchsten ein Spanferkel, auf der dritten ein Stck Str oder Bratwurst mit Knoblauch, und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wre, und zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zhnen, begleitet von Fischpasteten oder einer Welspirogge, soda bei jedem Unbeteiligten der Appetit rege werden mu. -- Diese Leute erfreuen sich einer beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den groen Herren wrde sofort die Hlfte seiner Bauern und der verpfndeten und unverpfndeten Gter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so ein Mann des guten Brgerstandes. Das Unglck ist leider nur, da man sich weder fr Geld noch Gter mit und ohne Errungenschaften einen solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stnde besitzt. Das hlzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Sulen ruhte, die groe hnlichkeit mit altertmlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus war eine Art russische Bauernhtte, nur in etwas grerem Mastab. Die mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wnden ab. Auf den Fensterlden waren Krge mit Blumen abgebildet. Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er den breiten Flur. Hier stie er auf eine Tr, welche sich knarrend auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das ihn mit folgenden Worten anredete: Hierher, bitte! In dem Gastzimmer fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hlzernen Wirtshusern an der Landstrae begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar, die glatt gehobelten Wnde aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bndern hingen, eine Katze, die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen lie, endlich Strue aus wohlriechenden Krutern und Nelken, welche hinter die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, da jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann, sonst aber unbefriedigt blieb. Haben Sie Spanferkel? Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an die dicke Alte. Gewi! Mit Meerrettich und saurer Sahne? Freilich mit Sahne und Meerrettich. Her damit! Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und brachte einen Teller, eine Serviette, steif gestrkt wie getrocknete Baumrinde, ferner ein Messer mit einem gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dnn wie die eines Federmessers und schlielich eine zweizinkige Gabel und ein Salzfa, das durchaus nicht geradestehen wollte. Unser Held lie sich nach seiner Gewohnheit sogleich in ein Gesprch mit ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie selbst die Besitzerin des Gasthofes oder ob noch ein Wirt da sei; wieviel das Geschft abwerfe; ob ihre Shne bei ihr wohnten; was der lteste Sohn fr einen Beruf habe und ob er schon verheiratet oder noch Junggeselle sei; was er fr eine Frau genommen habe, mit oder ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden und ob der Sohn nicht rgerlich gewesen sei, da er zu wenig Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, er verga nicht das Mindeste. Es versteht sich von selbst, da er auch Erkundigungen darber einzog, was fr Gutsbesitzer in der Nhe wohnten, und er erfuhr, da es deren verschiedene gbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, Mylny, Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. Ah! du kennst Sabakewitsch? fragte er die Alte, und er hrte sogleich, da sie nicht nur Sabakewitsch, sondern auch Manilow kenne, und da Manilow etwas dewikater sei als Sabakewitsch. Er bestellte sofort ein Huhn oder Kalbsbraten; gibt es Hammelleber, so verlangt er auch Hammelleber und it von allem nur ein wenig. Dagegen bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, das er dann aber auch ganz aufit. Ja, er verlangt sogar noch eine grere Portion fr dasselbe Geld. Whrend er sich in dieser Weise unterhielt und vergngt sein Spanferkel verzehrte, von dem nur noch ein kleines Stck auf dem Teller brig blieb, hrte er pltzlich das Rdergerassel einer heranrollenden Equipage. Er blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden bespannt war. Aus dem Wagen stiegen zwei Herren heraus. Der eine von ihnen war blond und von hohem Wuchs, der andere etwas kleiner und brnett. Der Blonde trug eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewhnliche buntgestreifte Morgenjacke aus Bucharischem Stoffe an. Von ferne sah man noch ein leeres Wgelchen herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann mit zerrissenen Halsbgeln und Halftern von Hanf gezogen wurde. Der Blonde lief sofort die Treppe hinauf, whrend der Dunkelhaarige noch ein wenig unten blieb, den Wagen untersuchte und, whrend er sich mit dem Knechte unterhielt, dem herankommenden Gefhrt allerhand Zeichen gab. Tschitschikow kam seine Stimme ein wenig bekannt vor. Whrend er ihn betrachtete, hatte der Blonde bereits die Tr gefunden und ffnete sie eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht oder, wie man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten Zgen und kleinem roten Schnurrbart. Nach seiner gebrunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er schon oft im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so doch im Tabaksdampf. Er verbeugte sich hflich gegen Tschitschikow, worauf jener mit einer gleichen Verbeugung antwortete. Sie htten sicherlich schon nach wenigen Minuten eine Unterhaltung angeknpft und nhere Bekanntschaft mit einander gemacht, weil der erste Schritt dazu ja schon getan war und beide fast zu gleicher Zeit ihre Freude darber uerten, da der Staub auf der Landstrae durch den gestrigen Regen vollstndig niedergeschlagen und da die Reise jetzt angenehm und khl sei, wenn nicht sein schwarzhaariger Gefhrte pltzlich ins Zimmer getreten wre; er ri seinen Hut vom Kopfe und warf ihn auf den Tisch, indem er sich mit einer khnen Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann von mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen Wangen, schneeweien blitzenden Zhnen und pechschwarzem Backenbart. Dazu hatte er so frische Farben wie Blut und Milch; sein Gesicht strotzte frmlich vor Gesundheit. Ba, Ba, Ba, rief er pltzlich und breitete beim Anblick Tschitschikows die Arme weit aus. Was fhrt Sie hierher? Hier erkannte Tschitschikow, da es Nosdrjow war, jener Herr mit dem er beim Staatsanwalt gespeist und der sich mit ihm schon nach wenigen Minuten so vertraut gemacht hatte, da er ihn zu duzen begann, obwohl ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben hatte. Wo warst du? fragte Nosdrjow und fuhr ohne die Antwort abzuwarten, sogleich fort: Ich komme von der Messe lieber Freund; du kannst mir gratulieren. Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. Du wirst mir's nicht glauben, da ich noch nie in meinem Leben so blank war. Ich habe mir eine Droschke mieten mssen. Sieh einmal aus dem Fenster; da steht sie noch! Hierbei drckte er Tschitschikows Kopf herunter, soda dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoen htte. Sieh doch die Klepper an, die verdammten Viecher haben mich kaum bis hierher geschleppt. -- Ich mute schlielich sogar in seinen Wagen steigen. Bei diesen Worten zeigte Nosdrjow mit dem Finger auf seinen Gefhrten: Ah -- ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager Mishujew! Wir haben schon den ganzen Morgen von dir gesprochen. >Pa mal auf,< habe ich gesagt, >wenn wir Tschitschikow treffen.< Nein, wenn du wtest, Bruder, wie blank ich bin. Glaub's oder nicht, ich bin nicht nur meine vier Gule los geworden, ich habe tatschlich alles verjuchzt. Ich habe nicht mal mehr Uhr und Kette. Tschitschikow sah ihn an und berzeugte sich, da er wirklich weder Uhr noch Kette trug. Ja, es schien ihm sogar, da die eine Hlfte seines Backenbartes etwas kleiner und dnner war, als die andre. Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der Tasche gehabt htte, fuhr Nosdrjow fort, genau zwanzig und nicht mehr noch weniger, ich htte wahrhaftig Alles wieder gewonnen, d. h. ich htte es nicht nur wiedergewonnen, sondern, -- so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich htte jetzt noch dreiigtausend dazu in der Tasche. Das hast du auch schon da gesagt, wandte ihm hier der Blonde ein. Aber als ich dir die fnfzig Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf verspielt. Ich htte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig nicht. Htte ich damals keine Dummheit gemacht, so bese ich sie noch jetzt. Htte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben keine Ecke geschlagen, ich htte die ganze Bank sprengen knnen. Du hast sie doch aber nicht gesprengt, sagte der Blonde. Natrlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur rechten Zeit geschlagen habe. Du glaubst wohl, da dein Major sehr schn spielt? Schn oder nicht schn, er hat dich doch gerupft. Auch was Groes, sagte Nosdrjow. So htte ich ihn auch reinlegen knnen. Er sollte mal versuchen, Doublet zu spielen, dann wollen wir mal sehen, was der Kerl kann. Dafr haben wir aber auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war groartig. Selbst die Kaufleute sagen, da es noch niemals so ein Leben gab. Wir haben alles, was von meinem Gut kam, zu den hchsten Preisen losgeschlagen. Ach, Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch daran denke, Teufel .... es ist doch schade, da du nicht dabei warst. Stell dir vor, drei Werst vor der Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur, smtliche Offiziere, soviel berhaupt da waren, ich glaube, an die vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, und als dann erst das Saufen losging ...... der Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein famoser Mensch; -- hat der einen Schnurrbart, -- -- -- so gro. Statt Kognak sagt er einfach Jckchen. >Bring mir doch schnell ein Jckchen,< ruft er dem Kellner zu. Leutnant Kufschinnikow ... Weit du, Freund, ein zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann man wohl sagen. Wir waren immer zusammen. Und was uns der Ponomarjow fr einen Wein vorgesetzt hat! Der ist nmlich ein Gauner, mut du wissen. Bei dem darf man nichts kaufen. Der Teufel mag wissen, womit der den Wein vermengt. Der Kerl frbt ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark; wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, das er sein Allerheiligstes nennt, eine Flasche herausschmuggelt, wahrhaftig Freund, dann glaubt man sich gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten wir, sage ich dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs das reinste Weibier. Stell dir vor, nicht Cliquot, sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaen ein potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine Flasche franzsischen Wein, Marke Bonbon. Na, der Geruch -- ff., wie Rosenknospen und sonst noch alles, was dein Herz begehrt .. Donner, haben wir gezecht! .. Nach uns kam noch ein Frst hin. Der lie nach Champagner schicken. -- Denk dir, in der ganzen Stadt keine Flasche aufzutreiben: die Offiziere hatten den ganzen Sekt ausgetrunken. Du kannst mir's glauben, ich allein hab whrend des Diners siebzehn Flaschen hinter die Binde gegossen! Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn doch nicht fertig, bemerkte der Blonde. So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie doch ausgetrunken. Du magst reden was du willst. Ich sage dir, du kannst nicht einmal zehn bewltigen. Was gilt die Wette!? Wozu denn wetten! Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in der Stadt gekauft hast! Ich mag nicht. Ach was, tu's doch, versuch's nur! Ich will's aber nicht versuchen. Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! Hr mal, Freund Tschitschikow, hab ich's aber bedauert, da du nicht dabei warst. Ich bin sicher, du httest dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen knnen. Ihr httet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie der Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgren unserer Stadt, die fr jede Kopeke zittern. Der macht alles mit: einen Landsknecht, Pharao, ein Pokerchen, hlt ein Bnkchen und alles, was du willst. Ach, Tschitschikow, nun was htte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, du bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir 'nen Ku! Ich hab dich schrecklich lieb. Nimm mal den Mishujew, das Schicksal hat uns zusammengefhrt; was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines schnen Tages angefahren, Gott wei woher! Zuflliger Weise mu ich auch gerade hier wohnen .... Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging alles ins Groe, weit du. Engros! Ich hab auch mal Fortuna versucht und zwei Bchschen Pomade, eine Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen. Dann hab ich nochmal mein Glck probiert und alles wieder verloren, so 'ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. Wenn du wtest, was fr ein Don Juan der Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bllen mit ihm zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: Rschen und Spitzen, und wei der Teufel, was die nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte mir immer, Teufel! Der Kufschinnikow aber -- so 'ne Bestie, was? -- Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie auf franzsisch. Du kannst mir's glauben, der wrde nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das nennt er Erdbeeren pflcken. Es waren auch herrliche Fische, und vor allem Stre angekommen. Ich habe einen mitgebracht -- noch gut, da mir der Gedanke kam einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo reist du denn jetzt hin? Ach, ich will zu einem Menschen hier, sagte Tschitschikow. Zu was fr einem Menschen? Ach was, la ihn laufen! Komm! wir fahren zusammen zu mir nach Hause! Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun. Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! Oh du Opodeldok Iwanowitsch! Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas sehr Wichtiges! Ich mchte darauf wetten, du lgst! Also sag mal, zu wem fhrst du? Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch. Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle Lachen aus, dessen nur ein frischer und gesunder Mensch fhig ist, der dabei seinen Mund weit auftut, uns die ganze Reihe seiner Zhne sehen lt, die tadellos und blendend wei sind wie Zucker, whrend seine Gesichtsmuskeln hpfen und springen, soda der Nachbar im dritten Zimmer, das durch zwei Tren von ihm getrennt ist, aus dem Schlaf in die Hhe fhrt, die Augen aufreit und ausruft: Was mag blo in den gefahren sein! Was gibt es hier zu lachen? sagte Tschitschikow, der sich ein wenig ber das Gelchter rgerte. Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu lachen, indem er zwischendurch rief: Nein, bitte, verschone mich; ich berste vor Lachen! Das ist durchaus nicht lcherlich: ich habe ihm mein Wort gegeben, sagte Tschitschikow. Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn du zu ihm hinfhrst; das ist doch ein ganz gemeiner Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne doch deinen Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum, wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu einem kleinen Spielchen, eine gute Flasche Bonbon oder sonst was. Hr mal, lieber Freund! Hol doch der Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze dir einen Str vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat nur immer Kratzfe gemacht und versichert: >Ich tue es nur fr Sie! Sie knnen die ganze Messe absuchen und werden keinen solchen finden.< brigens ein durchtriebener Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht gesagt: >Sie und unser Branntweinpchter, ihr seid die grten Gauner, die es auf der Welt gibt,< hab ich ihm gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den Bart. Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem Laden gefrhstckt. Richtig, lieber Freund, beinah htte ich vergessen, es dir zu sagen: ich wei zwar, du wirst mich nicht in Ruhe lassen, aber ich sage es dir im voraus, du kriegst ihn nicht einmal fr zehntausend Rubel! He Porphyr! rief er seinem Diener zu, indem er ans Fenster trat. Dieser stand mit einem Messer in der einen Hand da, whrend er in der andern eine Brotrinde und ein Stck Str hielt, das er mit einem glcklichen Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen holen wollte. He, Porphyr! schrie Nosdrjow, bring doch mal den kleinen Kter herauf! Ein feiner Kter! Was! fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. Natrlich gestohlen! Der Besitzer wollte ihn um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune Stute dafr, weit du, die, welche ich vom Chwostyrjow erstanden habe. brigens hatte Tschitschikow sein Lebtag weder Chwostyrjow noch die braune Stute gesehen. Wollen der gndige Herr nichts zu sich nehmen? sagte jetzt die Alte, indem sie sich ihm nherte. Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben gebummelt! brigens kannst du mir einen Schnaps geben! Was habt ihr fr welchen? Anis, antwortete die Alte. Nun meinetwegen, einen Anis, rief Nosdrjow. Dann gib mir gleich auch ein Glschen! sagte der Blonde. Im Theater war eine Sngerin, die sang ganz wie 'ne Nachtigall, so'ne Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir sa, sagte zu mir: >Weit du Freund das wr so was! Da mcht ich mal Erdbeeren pflcken!< Ich glaube die Zahl der Mebuden war allein grer als fnfzig. Thenardi drehte sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmhle. Hierbei nahm er das Glschen aus der Hand der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. Her mit ihm! rief er pltzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit einem jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war ebenso gekleidet wie sein Herr, auch er trug eine wattierte bucharische Joppe, die nur ein wenig fettiger war. Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fuboden! Porphyr legte das Hndchen auf den Fuboden, welches seine vier Pfoten weit ausstreckte und die Diele zu beschnffeln begann. Das ist ein Hund! sagte Nosdrjow, indem er das Tier am Wickel nahm und mit einer Hand in die Hhe hob. Das Hndchen stie einen recht klglichen Ton aus. Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen habe, sagte Nosdrjow zu Porphyr gewendet, whrend er den Bauch des Hndchens aufmerksam betrachtete. Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kmmen. Nein, ich habe ihn gekmmt. Wo kommen denn die Flhe her! Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, vielleicht hat er sie sich im Wagen geholt! Du lgst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume eingefallen, ihn zu kmmen; ich glaube, der Esel hat ihm noch von den seinigen abgegeben. Sieh nur, Tschitschikow, sieh nur, was fr Ohren! Komm doch, streichele ihn mal! Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut, sagte Tschitschikow. Nein, streichele ihn nur mal; befhle mal die Ohren! Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und nahm den Hund bei den Ohren. Ja, es wird ein schnes Tier, fgte er hinzu. Und fhle mal seine kalte Schnauze an! Nimm doch die Hand! Um ihn nicht zu beleidigen, befhlte Tschitschikow auch die Schnauze, indem er bemerkte: Kein bler Riecher! Ein echter Bullenbeier! fuhr Nosdrjow fort. Ich mu gestehen, ich habe schon lange nach einem Bullenbeier gefahndet. Da, Porphyr, trage ihn fort. Porphyr nahm das Hndchen beim Bauche und brachte es in den Wagen zurck. Hr mal, Tschitschikow, du mut jetzt unbedingt zu mir kommen. Es sind ja nur fnf Werst von hier. Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst du meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren. Hm! dachte Tschitschikow, ich knnte ja schlielich auch einen Besuch bei Nosdrjow machen. Er ist am Ende nicht schlimmer als die andern. Ein Mensch wie alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist zu allem fhig. Dem werd ich schon umsonst etwas abtrotzen. -- Also gut, meinetwegen! Nur eins, du darfst mich nicht zurckhalten; meine Zeit ist mir teuer. Siehst du, Herzchen, so gefllst du mir; das ist nett von dir. Komm, la dir einen Ku dafr geben! Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten und kten sich herzlich. Famos, jetzt fahren wir zu dritt! Nein, mich mut du schon entschuldigen, sagte der Blonde. Ich mu nach Hause. Ach, Torheiten, Freund! Ich la dich nicht fort. Nein wirklich, meine Frau wird sonst bse; brigens kannst du ja jetzt in seinen Wagen steigen. Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken. Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren Charakter man zuerst einen gewissen Starrsinn zu entdecken glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund zu ffnen, da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise widerspricht. Es scheint einem, da sie nie einen Dummen klug nennen und vor allem niemals nach der Pfeife eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es sich, da in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges liegt, da sie schlielich gerade das zugeben, was sie erst bestritten haben, das Dumme -- klug nennen und den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife auffhren. Sie fangen forsch an und enden schmhlich. Ah, Torheiten, antwortete Nosdrjow auf einen Einwand des Blonden, drckte ihm den Hut auf den Kopf und -- der Blonde folgte ihnen auf dem Fue. Gndiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt, rief die Alte ihnen nach. Schon recht, schon recht, Mtterchen! Sei so gut, lieber Schwager, bezahle du fr mich! Ich habe nicht mal Kupfer in der Tasche. Was bekommst du? fragte der Schwager. Es ist nicht der Rede wert, Vterchen. Es macht ja nur achtzig Kopeken. Du lgst! Gib ihr 'nen halben Rubel! das ist mehr als genug. Ein bissel wenig, gndiger Herr, sagte die Alte. Indessen nahm sie das Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Tre zu ffnen. Sie hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil von dem, was sie gefordert hatte. Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz. Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein Schwager saen, her, und so konnten sich alle drei whrend des ganzen Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den drren Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr zurck. In ihm sa Porphyr mit dem jungen Hunde. Da das Gesprch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich kein groes Interesse fr den Leser haben drfte, werden wir gut tun, diese Zeit zu benutzen, um einige Worte ber Nosdrjow selbst zu sagen, der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen wird. Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt. Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre Prgel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schlieen schnell Freundschaften, und eh man sich's versieht, duzen sie einen schon. Sie schwren immer ewige Freundschaft, und fast scheint's, da sie ihr Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, da der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle durchprgelt. Das sind stets Schwtzer, Zechbrder, feine Jungens, mit einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fnfunddreiig Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es noch immer, zu bummeln und sich zu amsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im geringsten verndert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurcklie, die er absolut nicht brauchen konnte. brigens hatte er die Aufsicht ber die Kinder einer recht appetitlichen Wrterin anvertraut. Er konnte es zu Hause nie lnger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf fnfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen zusammenkamen und Feste und Blle gefeiert wurden; im selben Augenblick war er da, stiftete Streit und Unordnung am grnen Tisch, denn er war, wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststcken, und daher gab's am Ende des Spiels gewhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam eine Tracht Prgel und ein paar tchtige Futritte oder man zupfte ihn an seinem schnen dicken Backenbart, so da er manchmal nur mit einer Bart-Hlfte nach Hause kam, die auch nur noch recht drftig aussah. Aber seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, da der Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schner wurde, als frher. Und was dabei das Merkwrdigste war, und sicherlich nur allein in Ruland passieren kann, -- schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrte sich, wie wenn nichts vorgefallen wre, und auch er tat seinerseits nicht im geringsten beleidigt. Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persnlichkeit. Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend eine Geschichte passierte. Irgendeine Geschichte gab es immer: entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefat und aus dem Saal gefhrt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn hinauszubefrdern. Und wenn es nicht gerade dies war, _etwas_ ereignete sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wre, sei es, da er sich in der Restauration so sehr betrank, da er garnicht aus dem Lachen herauskommen konnte, oder da er sich so in seine eigenen Lgen verstrickte, soda ihm zuletzt selbst davor bel wurde. Dazu log er ohne jeden Grund und Anla. Pltzlich konnte es ihm einfallen, zu erzhlen, er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder irgend einen hnlichen Bldsinn, bis alle Anwesenden weggingen und sagten: Na Bruder, mir scheint, du fngst an zu schwindeln! Es gibt Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nchsten einen blen Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem uern und mit einem Stern auf der Brust, die einem freundlich die Hand drcken, sich ber die tiefsten und erhabensten Gegenstnde unterhalten, welche unseren Geist beschftigen, um einem pltzlich ganz offen vor aller Augen einen niedertrchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewhnlichen Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes wrdig ist, der einen Stern auf der Brust trgt und ber die tiefsten und erhabensten Gegenstnde spricht, die unseren Geist beschftigen, soda man dasteht und staunt, und hchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte diese merkwrdige Liebhaberei. Je nher sich einer ihm anschlo, um so rger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmgliche Gerchte, wie sie sich kaum trichter und dmmer erfinden lassen, machte Verlobungen rckgngig, verdarb einem das Geschft und hielt sich dabei keineswegs fr den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fgte es sich so, da man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem hchst freundschaftlich entgegen und sagte sogar: Du bist doch ein ganz gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals? Nosdrjow war in mancher Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen Stteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte fr ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglckt, auf der Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann kaufte er alles Mgliche zusammen, was er im ersten besten Laden vorfand: Halsbgel fr seine Pferde, Rucherkerzchen, allerhand Tcher fr das Kindermdchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne Waschschssel, hollndische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen, Heringe, Bilder, Schleifsteine, Tpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis ihm das Geld ausging. brigens passierte es nur hchst selten, da er all die schnen Dinge mit nach Hause brachte: gewhnlich wurde er sie noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern glcklichern Spieler verspielte, der hufig noch die eigne Pfeife, den Tabakbeutel und ein Mundstck, oder wohl gar noch das ganze Viergespann mit allem Zubehr: Wagen und Kutscher dazu bekam, soda der Herr selbst in einem kurzen Rckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche nach einem Freunde gehen mute, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist berall, mitten unter uns, und trgt vielleicht zuflligerweise nur einen andern Rock; aber die Menschen sind leichtsinnig und oberflchlich; wie oft halten sie jemand, wenn er nur einen andern Rock anhat, auch fr einen ganz andern Menschen! Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen fr ihren Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf einer Stehleiter, weiten die Wnde und sangen ein monotones Lied dazu, das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fuboden war mit Kalk bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nchste Zimmer, um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gste hrten, wie er beim Koch ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen Appetit versprte, ersah daraus, da sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu Tische setzen wrden. Nosdrjow kam bald darauf zurck, um seine Gste zu einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle Sehenswrdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu zeigen brig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber Nosdrjow versicherte und schwor, da er zehntausend Rubel fr ihn bezahlt habe. Zehntausend waren es sicher nicht, bemerkte der Schwager, der ist noch keine tausend wert. Bei Gott! Er kostet zehntausend! sagte Nosdrjow. Du kannst schwren, soviel du willst, erwiderte der Schwager. Nun gut, willst du wetten? sagte Nosdrjow. Aber der Schwager wollte nicht wetten. Dann zeigte Nosdrjow den Gsten einen leeren Verschlag, in dem frher ein paar gute Pferde gestanden hatten. Daselbst befand sich auch ein Ziegenbock, der nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar recht gut vertrug, denn er spazierte unter ihren Buchen hindurch, als ob er zu Hause wre. Dann fhrte Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen einen kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. Das ist ein junger Wolf! sagte er, ich fttere ihn absichtlich mit rohem Fleisch! Dann sah man sich noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows Worten, Fische von solcher Gre befanden, da mindestens zwei Menschen dazu gehrten, um einen davon aus dem Wasser zu ziehen. brigens unterlie es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu uern. Hr mal Tschitschikow, sagte Nosdrjow, ich will dir ein paar herrliche Hunde zeigen: man glaubt gar nicht, was die fr krftige Muskeln haben! Und die Nase! So spitz wie eine Nadel! Mit diesen Worten fhrte er sie zu einem hbschen kleinen Huschen, das von einem groen und ringsum eingefriedigten Hof umgeben war. Als sie diesen betraten, erblickten sie eine ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und schlichthaarige aller nur mglichen Farben und Rassen, dunkelbraune, schwarze, schwarz- und braungefleckte, halbgescheckte, getigerte, braungescheckte, schwarzohrige, grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man smtliche Hundenamen und alle nur mglichen Imperative zu hren wie Bei, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, Gottseibeiuns, Strenfried, Stich, Pfeil, Schwlbchen, Schtzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte sich unter ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen alle mit freudig erhobenen Schwnzen, die man in der Jgersprache Ruten nennt, auf die Gste zugestrzt und begrten sie lebhaft. Etwa zehn Stck sprangen an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf die Schultern. Schimpf bezeugte dieselbe Freundschaft fr Tschitschikow und versetzte ihm, indem er sich auf die Hinterbeine stellte, einen herzhaften Ku, soda jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur Besichtigung der Hunde ber, deren Muskelkraft Nosdrjows Stolz bildete -- und in der Tat, die Hunde waren gut. Hierauf sah man sich noch eine Hndin aus der Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows Worten bald verrecken mute. Vor zwei Jahren sei es noch eine recht gute Hndin gewesen. Man nahm auch diese Hndin in Augenschein, und siehe da, sie war wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um eine Wassermhle anzusehen, der die Achse fehlte, an welcher der obere Mhlstein befestigt ist, und um die er sich mit groer Geschwindigkeit dreht, oder an der er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern herauf und herunter hpft, weswegen er auch der Hpfer genannt wird. Nun kommt bald die Schmiede, sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten erblickten sie tatschlich eine Schmiede, deren Betrachtung man gleichfalls einige Augenblicke widmete. Auf diesem Felde, sagte Nosdrjow, indem er mit dem Finger hinzeigte, gibt es eine solche Unmenge von Hasen, da man die Erde garnicht sieht. Ich selbst habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterlufen erwischt. Na, weit du, mit der Hand erwischst du keinen Hasen. Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig! antwortete Nosdrjow. So, nun will ich dich an die Grenze meines Gutes fhren, setzte er hinzu, indem er sich an Tschitschikow wandte. Nosdrjow fhrte seine Gste ber das Feld, das stellenweise mit kleinen Mooshgeln bedeckt war. Die Gste muten den Weg ber Brachland und geeggte Saatfelder nehmen. Tschitschikow versprte eine gewisse Ermdung. An vielen Stellen sanken ihre Fe in dem Sumpfe ein: so tief war das Land gelegen. Anfangs nahmen sie sich in acht und traten vorsichtig auf, da sie aber sahen, da das doch nichts half, marschierten sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am hchsten lag. Nachdem sie ein betrchtliches Stck Weges zurckgelegt hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, welche durch einen hlzernen Pfahl und einen schmalen Graben markiert wurde. Das ist die Grenze, sagte Nosdrjow. Alles was diesseits liegt -- dies alles ist mein Eigentum, und sogar jener Wald, den ihr da auf der anderen Seite schimmern seht, und das ganze Stck, das hinter dem Walde liegt, gehrt mir. Seit wann ist denn das dein Wald? fragte der Schwager. Hast du ihn etwa neulich angekauft? Frher gehrte er dir doch nicht. Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft, sagte Nosdrjow. Wie ging denn das so schnell? Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen mssen, wei der Teufel! Aber du warst doch die ganze Zeit ber auf der Messe? Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner Abwesenheit hat der Verwalter das Gehlz gekauft. Es mte denn schon der Verwalter sein, sagte der Schwager, noch immer zweifelnd und schttelte den Kopf. Die Gste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurck. Nosdrjow fhrte sie in seine Stube, in der brigens nichts von alledem zu entdecken war, was man gewhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden pflegt, d. h. weder Bcher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein Sbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schttelte blo den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige trkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift Meister Sawelij Sibirjakow, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben worden war. Darnach bekamen die Gste eine Drehorgel zu sehen, auf der Nosdrjow sogleich irgend ein Stck vortrug. Die Drehorgel hatte keinen unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein, denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging pltzlich in das Lied: Held Malborough zog in die Schlacht ber, und dieses schlo wiederum mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr, aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum Schweigen zu bringen war und noch lange fr sich allein weitertnte. Dann ging man zu den Tabakspfeifen ber, deren Nosdrjow eine ganze Kollektion besa: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und nicht eingerauchte, mit Lederberzgen und ohne solche usw.; man sah sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das Geschenk einer Grfin, welche sich auf einer Poststation bis ber die Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Hndchen das subtilste Superflh waren, ein Ausdruck, der fr ihn wahrscheinlich soviel wie die hchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten Str zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fnf Uhr zu Tisch. Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr groen Wert auf die Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch nicht ganz gar. Der Koch lie sich wahrscheinlich mehr durch eine gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand zuflligerweise die Pfefferdose in seiner Nhe, dann schttete er Pfeffer in den Kochtopf -- lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu -- mit einem Wort: er schttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache war, da das Gericht recht hei war, irgend einen Geschmack wrde es schon haben! Dafr legte Nosdrjow ein groes Gewicht auf die Weine: die Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gsten schon ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz- und in den Kreisstdten gibt es nmlich keinen gewhnlichen Sauterne. Dann lie Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, wie ihn selbst der Feldmarschall nicht besser getrunken hat. Und in der Tat, der Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den Geschmack ihrer Kunden -- der Gutsbesitzer kannten, die einen _krftigen_ Madeira liebten, versetzten ihn tchtig mit Rum und bisweilen auch mit Knigswasser, in der richtigen Erwgung, da ein russischer Magen alles vertragen knne. Zuletzt lie sich Nosdrjow noch eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und links mit groem Eifer die Glser voll und erwies dabei seinem Schwager und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow die Beobachtung, da er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte. Dies veranlate ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins Gesprch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines Glases in den Teller zu schtten. Bald darauf wurde auch eine Flasche Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur krftig nach Fusel roch. Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich sogar uerst schwer aussprechen lie, und den der Wirt selbst bei der nchsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war lngst zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gste saen noch immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht entschlieen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers ber den Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager war schlielich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt werden. brigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm gefhrlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehrig geladen, er sa nmlich stumm auf seinem Stuhle und sank bestndig mit dem Kopf vornber. Endlich mute er wohl selbst gemerkt haben, da er sich in einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und mden Stimme, als zge man -- um mich eines volkstmlichen russischen Ausdrucks zu bedienen -- dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange ber den Kopf. Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort! sagte Nosdrjow. Qul mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren! bat der Schwager, du mut mich nicht so peinigen! Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen kleinen Pharao. Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich nicht, meine Frau wird es mir sehr bel nehmen; ich mu ihr auch noch von der Messe erzhlen. Wahrhaftig Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr dies kleine Vergngen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf! Hol doch die Frau der T....! Als ob das so was wichtiges wre, was ihr miteinander zu tun habt! Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine Frau -- so brav und treu, eine musterhafte Gattin! Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir glauben, ich bin oft gerhrt, bis zu Trnen gerhrt. Nein, suche mich nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin -- ich mu fahren. Ich gebe dir mein Wort darauf! Hand aufs Herz! La ihn doch fahren, was haben wir von ihm? sagte Tschitschikow leise zu Nosdrjow. Du hast eigentlich recht! meinte Nosdrjow, ich kann diese Waschlappen nicht leiden! und er fgte laut hinzu: Nun dann hol dich der Teufel. Geh! fahr nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld! Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld schelten! antwortete der Schwager: ich verdanke ihr mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb, so gut, so sanft und zrtlich .... mir stehen oft die Trnen in den Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe gesehen habe -- ich mu ihr alles erzhlen -- sie ist so lieb .... Also mach, da du fortkommst, und schwindele ihr irgend einen Bldsinn vor! Nein, hr mal, lieber Freund! du darfst nicht so von ihr sprechen, damit beleidigst du gewissermaen auch mich, sie ist so gut und lieb. Nun dann packe dich doch! Mach, da du zu ihr kommst! Ja, tatschlich, Freund, ich will fahren; verzeih, da ich nicht bleiben kann. Ich wre von Herzen froh, aber ich kann wahrhaftig nicht. Der Schwager stammelte noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu merken, da er lngst im Wagen sa, schon durchs Tor gerollt war und sich unter freiem Himmel auf offenem Felde befand. Man darf annehmen, da seine Frau recht wenig von der Messe zu hren bekommen hat. So ein Dreckkerl! sagte Nosdrjow, der ans Fenster getreten war und der davonjagenden Equipage nachblickte. Da fhrt er! Das Beipferd ist nicht bel, ich fahnde schon lngst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja doch nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts! Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter herein und Tschitschikow bemerkte pltzlich ein Spiel Karten in der Hand des Hausherrn, ohne da er htte sagen knnen, woher er es genommen hatte. Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund! sagte Nosdrjow, indem er das Spiel zusammendrckte und wieder los lie, soda das Kreuzband zerri und zu Boden fiel. So zum Zeitvertreib weit du. Ich will die Bank mit dreihundert Rubeln halten! Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehrt htte, wovon eigentlich die Rede war und sagte, wie wenn er sich pltzlich auf etwas besnne. Ach ja, um es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte an dich! Was fr eine Bitte? Aber versprich mir zuerst, da du sie erfllen willst! Was ist das fr eine Bitte? Nein, versprich mir's erst! Hrst du! Also gut. Meinetwegen! Dein Ehrenwort! Mein Ehrenwort! Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von toten Bauern besitzen, die noch nicht aus den Revisionslisten gestrichen sind. Natrlich! und was soll das hier! bergib sie mir. bertrage sie auf meinen Namen! Und wozu brauchst du sie? Ich brauche sie. Nein, sag wozu? Ich brauche sie eben .... das ist doch meine Sache -- mit einem Wort, ich habe sie ntig. Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher irgend einen Plan mit ihnen ausgeheckt. Gesteh's nur. Was ist's? Ach was fr ein Plan! Solch eine Bagatelle. Was knnte ich damit vorhaben? Ja, wozu brauchst du sie denn dann? Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck mit der Hand befhlen, und wohl gar noch dran riechen! Ja, warum willst du es denn nicht sagen? Was hast du denn davon, wenn ich's dir sage? Ganz einfach, es ist so eine Laune von mir! Nun gut, wenn du's mir nicht sagt, dann tu ich's eben nicht! Hr mal, das ist wirklich unanstndig von dir. Hast mir dein Wort gegeben, und willst es jetzt wieder zurcknehmen! Schn, wie du willst. Ich tu's halt nicht, bevor du mir's sagst. Was knnte ich ihm blo sagen? dachte Tschitschikow; er berlegte ein wenig und erklrte dann, er brauche die toten Seelen, um sich Gewicht und Einflu in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine groen Besitzungen, und daher mchte er wenigstens einstweilen ein paar Seelen haben. Du schwindelst, sagte Nosdrjow, indem er ihm ins Wort fiel, du schwindelst Bruder! Tschitschikow mute sich selbst gestehen, da er nicht gerade geschickt gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht eigentlich recht schwach war. Nun gut, dann will ich dir die Wahrheit sagen, sagte er, indem er sich verbesserte, ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter zu plaudern. Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; aber leider sind der Vater und die Mutter meiner Braut hchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus wollen. Eine verfluchte Geschichte! ich rgere mich beinahe, da ich mich berhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen partout, da der Brutigam mindestens dreihundert Seelen haben solle, und da mir beinahe ganze hundertfnfzig daran fehlen, so ..... Ne Bruder, du schwindelst! rief Nosdrjow wieder. Nein wirklich, diesmal hab' ich auch nicht einmal _so_viel gelogen, sagte Tschitschikow, indem er mit dem Daumen auf ein winziges Stck des kleinen Fingers wies. Den Kopf zum Pfande, da du schwindelst! Hr mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn eigentlich? Warum soll ich denn durchaus lgen? Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein groer Spitzbube -- gestatte mir bitte, dir das einmal in aller Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein Chef wre, ich liee dich am ersten besten Baum aufhngen. Tschitschikow fhlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. Jeder grobe, die Grenzen der Schicklichkeit verletzende Ausdruck berhrte ihn peinlich. Alle Familiaritten seitens anderer Personen waren ihm in der Seele zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei denn, da sie von hochgestellten Leuten ausgingen. Daher fhlte er sich jetzt im Innersten gekrnkt. Bei Gott, ich liee dich hngen! wiederholte Nosdrjow, ich meine das ganz aufrichtig und sage das nicht um dich zu beleidigen, sondern erlaube es mir als dein Freund. Alles hat seine Grenzen, sagte Tschitschikow mit Wrde. Wenn du dich mit solchen Redensarten brsten willst, dann geh doch lieber in die Kaserne. -- Und er fgte hinzu: Willst du sie mir nicht schenken, so verkaufe sie mir wenigstens. Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist ein Hallunke. Du wirst ja doch nicht viel dafr geben. Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst wohl, sie sind von Edelstein, wie? Da siehst du es, ich kenne dich doch. Nein hre mal, Freund, was ist das fr ein knickeriges Benehmen. Du solltest sie mir wahrhaftig schenken. Also gut, um dir zu beweisen, da ich nicht so ein Filz bin, will ich dir garnichts fr sie abnehmen. Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst du sie gratis. Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst? sagte Tschitschikow, hchst verwundert ber diesen Vorschlag. Was du damit sollst? Ich habe zehntausend Rubel fr den Racker bezahlt, und du sollst ihn fr viertausend haben. Aber was soll ich blo damit anfangen! Ich habe doch kein Gestt. Ja hre doch nur, du versteht mich noch nicht. Ich nehme dir doch jetzt nur dreitausend ab. Die brigen tausend kannst du mir ja spter bezahlen. Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht brauchen kann! Gott mit ihm! Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab! Ich kann auch keine Stute brauchen. Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, das du vorhin gesehen hat, fr zweitausend Rubel. Ich brauche keine Pferde! sagte Tschitschikow. Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder Messe kriegst du das Dreifache fr sie. Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir einen so groen Gewinn davon versprichst. Ich wei, da ich dabei gewinne: aber ich mchte dir auch einen kleinen Vorteil zukommen lassen. Tschitschikow dankte ihm fr seine freundliche Gesinnung und verzichtete rundweg auf die braune Stute und das graue Ro. So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da ein Prchen fr dich; da luft dir gleich ein Freudenschauer ber den Rcken. Einen stichelhaarigen mit borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie die Stacheln eines Igels, und die Rippen -- die reinsten Fareifen. Dazu die klumppatschigen Pfoten -- die berhren kaum die Erde! ... Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch kein Jger. Aber ich mchte gerne, da du ein paar Hunde hast. brigens weit du, wenn du die Hunde nicht haben willst, dann kauf mir die Drehorgel ab. Ein feines Stck, sage ich dir. Sie hat mich selbst, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. Dir will ich sie fr neunhundert lassen. Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich bin doch kein Deutscher, da ich mit ihr von Haus zu Haus wandern und um Geld betteln knnte! Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die Deutschen haben. Das ist eine Orgel, sieh sie dir mal genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm, ich will sie dir noch mal zeigen! Und Nosdrjow ergriff Tschitschikows Hand und zog ihn nach sich in das Nebenzimmer, er mochte sich struben, die Fe gegen den Fuboden stemmen und versichern, soviel er wollte, er kenne die Drehorgel zur Genge, es ntzte ihm alles nichts, er mute noch einmal hren, wie Malborough in die Schlacht zog. Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen wir es folgendermaen, weit du. Ich gebe dir die Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich habe und du berlt mir dafr deine Kutsche und zahlst nur noch dreihundert Rubel drauf. Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen? Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in den Stall, ich will ihn dir gleich zeigen! Du mut ihn nur neu anstreichen lassen. Dann ist es eine herrliche Kutsche! Ist der von einem unruhigen Geiste besessen, dachte Tschitschikow und fate den heroischen Entschlu, Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln und allen mglichen und unmglichen Hunden, trotz der geradezu unerhrten, fareifenhnlichen Rippen und klumppatschigen Pfoten ein fr alle Mal loszuwerden. Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, die Drehorgel und die toten Seelen. Ich will aber nichts, sagte Tschitschikow noch einmal. Warum willst du blo nicht? Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta! Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht verkehren wie mit einem guten Freunde oder Kameraden. Wirklich so ein .....! Man merkt gleich, da du ein doppelzngiger Mensch bist. Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir Dinge anschaffen, die ich absolut nicht brauchen kann. Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut. So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, hre mal, machen wir ein Partiechen Pharao. Ich setze alle toten Seelen auf eine Karte und die Drehorgel dazu. Nein, mein Bester, ein Glcksspiel verlieren, das hiee sich dem dunklen Zufall aussetzen, sagte Tschitschikow, whrend er nach den Karten schielte, die jener in der Hand hielt. Beide Spiele machten einen recht wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch die Rckseite sah recht verdchtig aus. Warum denn dem Zufall, sagte Nosdrjow, das ist doch kein Zufall; wenn das Glck dir gnstig ist, Hlle und Teufel, was kannst du da nicht alles gewinnen. Sieh doch nur, welch ein Glck, du hast, sagte er, indem er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust anzuregen. Nein, solch ein Glck, solch ein Glck! Das flutscht nur so. Siehst du, da ist die verfluchte Zehn, durch die ich alles verloren habe. Ich ahnte es, da sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu's nur Verrterin! Whrend Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr eine Flasche herein. Aber Tschitschikow lehnte entschieden ab und wollte weder spielen noch trinken. Warum willst du denn nicht spielen? sagte Nosdrjow. Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich berhaupt kein Freund vom Spiel. Warum bist du denn kein Freund davon? Weil ich halt kein Freund davon bin, sagte Tschitschikow und zuckte die Achseln. Jammerlappen, du! Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen hat. Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Frher hielt ich dich doch wenigstens noch fr einen etwas anstndigeren Menschen. Aber du hast ja keine Ahnung vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen wie mit einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump! Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? Bin ich denn schuld, da ich nicht spielen kann? Verkauf mir doch die Seelen, wenn du schon so ein Kerl bist, der um jeden Dreck zittert! Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. Ich wollte sie dir zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst du berhaupt nichts, und wenn du mir ein Knigreich dafr btest, ich geb sie nicht her. So ein Beutelschneider! So'n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab will ich mit dir berhaupt nichts zu tun haben. Porphyr geh mal runter und sag dem Stalljungen, er soll seinen Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen nichts wie Heu zu fressen. Dieser Schlu kam Tschitschikow in der Tat unerwartet. Htt' ich dich doch lieber gar nicht gesehen! sagte Nosdrjow. Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und seinen Gast nicht, zusammen zu Abend zu speisen, obwohl diesmal keine Weine mit komplizierten und merkwrdigen Namen auf dem Tische prangten. Nur eine einzige Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der aber im brigen nichts anderes war, als was man einen sauren Krtzer zu nennen pflegt. Nach dem Abendessen fhrte Nosdrjow Tschitschikow in ein Seitengemach, wo bereits ein Bett fr ihn aufgeschlagen war und sagte: Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute Nacht wnschen. Mit diesen Worten ging er hinaus und lie Tschitschikow in der allerschlechtesten Laune zurck. Er rgerte sich innerlich ber sich selbst, und machte sich Vorwrfe, da er mitgefahren war und seine schne Zeit unntz verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten verzeihen konnte, war dies, da er ber seine eigenste Angelegenheit mit ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig von ihm gewesen, er hatte gehandelt wie ein Tor; denn die Sache selbst war durchaus nicht von der Art, da sie Nosdrjow -- anvertraut werden konnte ... Nosdrjow war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, wei der Teufel, was fr Lgen darber verbreiten, und schlielich konnte noch eine dumme Klatschgeschichte daraus entstehen ... Fatal, hchst fatal! Ich bin doch wirklich ein Esel! sprach er zu sich selber. Er schlief die Nacht ber sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz kleiner aber uerst kecker und zudringlicher Insekten verfolgten ihn fortwhrend mit ihren Bissen, die unertrglich schmerzhaft waren, so da er sich mit der ganzen Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: Hol euch der Teufel, mitsamt Nosdrjow! Es war noch sehr frh, als er erwachte. Sein erster Gang, nachdem er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, wo er Seliphan den Auftrag gab, die Pferde sofort anzuspannen. Auf dem Rckwege traf er Nosdrjow, der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife im Munde, im Hofe entgegen kam. Nosdrjow grte ihn freundschaftlich und fragte, wie er die Nacht geschlafen habe. Sehr mig! antwortete Tschitschikow trocken. Ich auch, Freund ... sagte Nosdrjow ... weit du, die ganze Nacht hat mich dies verdammte Viehzeug geplagt, ich mag's garnicht erzhlen; dazu habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack im Munde, wie wenn eine ganze Schwadron drin bernachtet htte. Denk dir, mir trumte, da ich Ruten bekomme. Wahrhaftig! Und weit du von wem? Ich mchte wetten, da du's nicht errtst: vom Stabsrittmeister Pozelyjew und von Kufschinnikow. Ja ja, dachte Tschitschikow, es wre wirklich nicht schlecht, wenn du einmal grndlich durchgeblut wrdest. Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich bin sogar davon aufgewacht; und in der Tat, es juckte mich am ganzen Krper; das verdammte Gelichter, diese Flhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich komme gleich wieder zu dir. Ich mu nur dem Schuft von Verwalter noch mal den Kopf waschen. Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich zu waschen und anzuziehen. Als er gleich darauf ins Speisezimmer trat, stand schon ein Teeservice und eine Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; Brste und Besen hatten noch ihres Amtes nicht gewaltet. Auf dem Fuboden lagen Brodkrumen und selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von Tabakasche herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf hereinkam, hatte nichts an, auer einem Schlafrock, unter dem die offene mit dichten Haaren bewachsene Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der einen, und mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, in der anderen Hand, wre er so recht ein Bild fr einen Maler gewesen, welcher die gelockten und gekruselten oder kurz geschorenen Kpfe nicht leiden kann, wie man sie auf den Aushngeschildern der Barbierlden abgebildet findet. Nun also, wie denkst du? fragte Nosdrjow nach einer kurzen Pause, willst du um die Seelen spielen oder nicht? Ich hab dir doch schon gesagt, da ich nicht mag; abkaufen -- tue ich sie dir gern. Verkaufen will ich sie nicht: das wre nicht freundschaftlich. Ich will doch nicht wei der Teufel wovon die Decke runterziehen. Ein Spielchen -- das ist eine andre Sache. Zieh doch eine Karte! Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht. Und tauschen willst du auch nicht? Nein! Nun dann hre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst du -- so gehren sie dir -- alle zusammen. Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der Revisionsliste gestrichen werden mssen. He Porphyr! Bring doch mal das Damenbrett herein! Bemhe dich bitte nicht: ich spiele _doch_ nicht! Aber das ist doch kein Glcksspiel; hier kann doch weder von Glck noch von Betrug die Rede sein, es hngt doch alles vom guten Spiel ab. brigens mache ich dich darauf aufmerksam, da ich sehr schlecht spiele; du mut mir etwas vorgeben. Vielleicht ist's das beste, ich setze mich hin und versuche es, dachte Tschitschikow. Ich habe doch frher einmal garnicht bel Dame gespielt, zudem wird es ihm hier schwer werden, zu mogeln. Also schn! Meinetwegen, eine Partie Dame will ich allenfalls mit dir spielen. Die Seelen -- gegen hundert Rubel? Gut? Warum? Ich denke fnfzig sind auch genug. Nein, hr mal, fnfzig, das ist doch kein Einsatz? Dann setze ich lieber noch einen gewhnlichen Jagdhund oder eine goldene Petschaft dazu, weit du, so eine, wie man sie an der Uhrkette trgt. Nun gut! ich bin's zufrieden, sagte Tschitschikow. Und wieviel gibst du mir vor? fragte Nosdrjow. Wie kme ich dazu? Natrlich nichts. La mich wenigstens die ersten zwei Zge machen! Nein, ich spiele selbst schlecht genug. Das kennt man schon, dies schlechte Spiel! sagte Nosdrjow, whrend er anzog. Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen, sprach Tschitschikow, der gleichfalls einen Zug machte. Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel, sagte Nosdrjow und zog wieder. Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen, sprach Tschitschikow und rckte weiter vor. Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel, sagte Nosdrjow, whrend er wieder einen Zug machte, und dabei mit dem rmel seines Schlafrockes einen andern Stein verschob. Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen! .... He, was soll das lieber Freund? nimm mal den Zug wieder zurck! rief Tschitschikow. Was? Den Stein da sollst du zurckziehen, sagte Tschitschikow; aber jetzt erblickte er pltzlich dicht vor seiner Nase noch einen zweiten Stein, der eben im Begriff war, ins Damenfeld einzurcken. Wie der dahin gekommen war, das wute wohl nur Gott allein. Nein, sagte Tschitschikow, mit dir kann man unmglich spielen. Man macht doch nicht drei Zge auf einmal! Wieso denn drei? Das war doch nur ein Versehn. Der eine hat sich nur zufllig verschoben; ich zieh ihn wieder zurck, wenn du willst. Und wie kommt der hierher? Welchen meinst du? Hier diesen, der in die Damenreihe einrckt. Da haben wir's! Als ob du's nicht weit! Nein, mein Bester, ich habe alle Zge gezhlt und erinnere mich sehr gut an alles, du hast ihn erst eben vorgeschoben. _Da_ ist sein Platz! -- Was -- dort? sagte Nosdrjow errtend, du phantasierst wohl, Freund! Nein, Bester, _du_ scheinst zu phantasieren, aber leider nur mit wenig Glck. Fr wen hltst du mich, sagte Nosdrjow, glaubst du etwa, ich mogele? Ich halte dich fr gar nichts, ich werde mich nur hten, jemals wieder mit dir zu spielen. Nein, jetzt kannst du nicht mehr vom Spiel zurcktreten, ereiferte sich Nosdrjow, das Spiel ist angefangen! Ich darf doch wohl verzichten, da du nicht spielst wie ein anstndiger Mensch! Du lgst! Du hast kein Recht, so etwas zu behaupten! Nein, mein Bester, du bist es, der da lgt! Ich habe nicht gemogelt, und du kannst nicht mehr verzichten. Du mut die Partie zu Ende spielen! Dazu kannst du mich nicht zwingen, sprach Tschitschikow kaltbltig, trat ans Brett und warf die Steine durcheinander. Nosdrjow wurde rot vor Zorn und ging auf Tschitschikow los, so da dieser zwei Schritte zurcktrat. Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. Das ntzt dir nichts, da du das Brett umgestoen hast! Ich erinnere mich an smtliche Zge! Wir knnen das Spiel wieder aufstellen. Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und damit Basta! Du willst also nicht spielen? wie? Du mut doch selbst einsehen, da man nicht mit dir spielen kann! Nein, sag's gradheraus: Willst du spielen oder nicht? sagte Nosdrjow, indem er Tschitschikow noch nher auf den Leib rckte. Nein, sprach Tschitschikow, whrend er seine Hnde vor das Gesicht hielt, er war auf alles gefat und fhlte, da es einen heien Kampf geben wrde. Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow holte aus, und es htte leicht passieren knnen, da eine von den schnen runden Backen unseres Helden mit nie zu verwischender Schmach bedeckt worden wre; aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows kampflustige Hnde und hielt sie fest in den seinen. Porphyr, Pawluschka! schrie Nosdrjow wie ein Rasender, indem er versuchte sich loszuringen. Bei diesen Worten lie Tschitschikow, der die Knechte nicht gern zu Zeugen dieser uerst interessanten Szene machen wollte, und zugleich fhlte, da es doch keinen Wert hatte, Nosdrjow lnger festzuhalten, seine Hnde fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das Zimmer, gefolgt von Pawluscha, einem handfesten Burschen, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen? sagte Nosdrjow. Sag ja oder nein. Es ist mir unmglich, sie zu Ende zu spielen, sprach Tschitschikow und warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er vorfahren knnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen, denn in der Tre standen zwei krftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows. Du willst also die Partie nicht beendigen? wiederholte Nosdrjow, dessen Antlitz vor Zorn glhte. Wenn du spielen wrdest, wie ein anstndiger Mensch .... aber so .... Nein! Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, da du verlieren mut, _kannst_ du auf einmal nicht! Haut ihn! schrie er pltzlich in rasender Wut, indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein Stck Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fhlte, da seine Lippen sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben. Haut ihn! schrie Nosdrjow, whrend er mit seinem Weichselrohr auf ihn losstrzte, zornglhend und schwitzend, als ob er gegen eine unbezwingliche Festung Sturm liefe. -- Haut ihn! schrie er mit der Stimme eines tollen Leutnants, der whrend eines gewaltigen Sturmangriffes seiner Kompagnie: Vorwrts, Kinder! zuruft, und dessen unsinnige Khnheit solch eine Berhmtheit erlangt hat, so da die Ordre ausgegeben werden mute, whrend eines heftigen Gefechtes, ihn an Hnden und Fen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon betrt; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das groe Ziel winkt und blindlings strzt er darauf zu. Vorwrts, Kinder! schreit er und schon fliegt er voran, ohne zu berlegen, wie sehr er damit dem wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, da Millionen von Bchsenlufen aus den Schiescharten der unbezwinglichen, von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, da seine ohnmchtige Kompagnie in die Luft fliegen mu wie leichter Federflaum und da die verhngnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu schlieen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine Festung anstrmenden tollkpfigen Leutnant darstellte, die Festung _selbst_, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fhlte eine derartige Furcht, da ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl, mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Hnden gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem Rcken in Empfang zu nehmen, und Gott wei, was ihm noch sonst alles htte blhen knnen. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die Schultern und alle wohlgepflegten Krperteile unseres Helden zu retten. Ganz unerwartet erklangen pltzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten, die Tne eines Glckchens, das Rdergerassel einer vorfahrenden Kutsche und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkrlich ans Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem Schreck hatte erholen knnen und whrend er sich noch in der jmmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat. Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist? sagte der Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann. Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe? sagte Nosdrjow auf ihn zugehend. Ich bin der Kreisrichter! Und was wnschen Sie? Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu berbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen Beschlufassung in dem gegen Sie schwebenden Proze. Ach Unsinn! Was fr ein Proze? sagte Nosdrjow. Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow verwickelt, anllich einer persnlichen Beleidigung, die Sie ihm in trunkenem Zustande durch Verabfolgung von Rutenschlgen zugefgt haben sollen. Sie lgen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow berhaupt nicht. Geehrter Herr! Gestatten sie, da ich Sie darauf aufmerksam mache: ich bin Offizier. Sie knnen das ihrem Diener sagen, aber nicht mir. Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was Nosdrjow darauf antworten wrde, schleunigst seine Mtze, schlpfte hinterm Rcken des Kreisrichters zur Tre hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte. Fnftes Kapitel Unser Held hatte brigens gehrige Angst bekommen. Obwohl der Wagen in wildem Galopp dahinjagte und Nosdrjows Gut hinter Hgeln, Feldern und Anhhen verschwunden war, blickte er sich immer noch furchtsam um, wie in Erwartung, da die Verfolger bald angesprengt kmen. Er atmete schwer, und als er seine Hand aufs Herz legte, fhlte er, da es hpfte wie eine Wachtel im Kfig. Herr Gott, hat der mich schwitzen machen. Bist du ein Kerl! Dann wnschte er ihm den Teufel und seine Gromutter an den Hals. Ja, es fielen sogar ein paar unschne Ausdrcke; aber was ist da zu machen: ein Russe, und noch dazu wenn er zornig ist! Zudem war die Sache durchaus nicht scherzhaft: Man mag sagen, was man will, sprach er zu sich selber, wre der Kreisrichter nicht auf der Bildflche erschienen, wer wei, ob ich mich jetzt noch des Anblickes dieser schnen Gotteswelt erfreuen knnte! Vielleicht wre ich geplatzt, wie eine Blase auf dem Wasser, ohne eine Spur meines irdischen Daseins, ohne Nachkommen, ohne meinen Kindern und Kindeskindern Geld und Gut und einen ehrlichen Namen zu hinterlassen! Unser Held war sehr besorgt um seine Nachkommenschaft. So ein bser Herr! dachte Seliphan. Solch einen Herren hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wahrhaftig, dem sollte man ins Gesicht spucken fr dieses Betragen. Einen Menschen mag man noch eher hungern lassen, aber einem Pferde mu man doch zu fressen geben. Denn so ein Gaul liebt nun mal den Hafer. Das ist sozusagen seine Nahrung; was fr uns die Kost, ist fr ihn der Hafer sozusagen. Das ist doch seine Nahrung. Auch die Pferde schienen sich eine ungnstige Meinung von Nosdrjow gebildet zu haben. Nicht nur der Braune und der Assessor, selbst der Schecke war schlechter Laune. Obgleich er fr seinen Teil immer etwas geringeren Hafer bekam und Seliphan ihm diesen nie anders in den Trog schttete, als mit den Worten: Da, du Lump!, es war doch immer Hafer und nicht gewhnliches Heu: er kaute mit Vergngen daran und steckte sein langes Maul hufig in die Krippe seiner beiden Nachbarn, um zu kosten, was fr eine Nahrung sie bekmen. Besonders tat er dies, wenn Seliphan nicht im Stalle war. Aber dieses Mal nichts wie Heu -- das war nicht schn! Sie alle waren unzufrieden. Aber bald wurden die Unzufriedenen mitten in ihren Herzensergieungen durch ein ganz pltzliches und unerwartetes Ereignis unterbrochen, alle Beteiligten mit Einschlu des Kutschers kamen erst wieder zur Besinnung, als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen gegen sie anrannte und das Schreien der in dem Wagen sitzenden Damen und das Geschimpf und die Drohungen der Kutscher fast ber ihren Kpfen erklangen. Ach, du Spitzbube, verdammter, ich habe dir doch laut zugerufen: Weich aus nach rechts, alte Krhe! Du bist wohl besoffen, wie? Seliphan mute sich gestehen, da er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte; aber da der Russe seine Schuld vor andern Leuten nicht gerne zugibt, warf er sich in die Brust und rief: Und was jagst du so blind darauf los?! Hast wohl deine Augen in der Schenke gelassen? Hierauf zog er die Zgel krftig an, um den Wagen zurckzulenken und aus dem Knuel herauszuwickeln. Aber, ohweh, seine Bemhungen waren vergeblich; die Pferde hatten sich mit ihrem Geschirr verhakt. Der Schecke beschnupperte neugierig seine neuen Freunde, die ihn umringten. Unterdessen blickten die in dem Wagen sitzenden Damen mit ngstlichen Gesichtern auf die allgemeine Verwirrung. Die eine war schon alt, die andere ein sechzehnjhriges junges Mdchen mit goldigem Haar, welches glatt gescheitelt ihr Gesicht kleidsam einrahmte. Das reizende Oval ihres Antlitzes rundete sich wie ein junges Eichen und schimmerte gleich diesem von weiem durchsichtigen Glanze, wenn es frisch gelegt von der braunen, prfenden Hand der Schlieerin gegen das Licht gehalten wird, und die hellen Strahlen des Sonnenscheines es durchdringen. Ihre zarten, dnnen Ohrmuskeln erzitterten, als glhten sie, von der sie durchflutenden Wrme. Dazu der Ausdruck des Schreckens, der auf ihren offnen erstarrten Lippen lag, die Trnen, die im Auge schimmerten, dies alles war so reizend, da unser Held sie einige Minuten lang traumverloren anblickte, ohne im geringsten auf den Wirrwarr von Kutschen, Pferden und Kutschern zu achten. Zurck! Du Nowgorodsche Krhe! rief der fremde Kutscher Seliphan zu. Dieser zog die Zgel an, sein fremder Kollege tat dasselbe, die Pferde stemmten sich rckwrts, um sogleich wieder zusammenzuprallen und sich aufs neue im Riemenwerk zu verwickeln. Bei dieser Gelegenheit machte die neue Bekanntschaft einen so tiefen Eindruck auf unsern Schecken, da er durchaus nicht wieder aus der Rinne heraus wollte, in die er durch ein unverhofftes Schicksal geraten war. Er legte seine Schnauze auf den Hals des neuen Kameraden und schien ihm etwas ins Ohr zu flstern: wahrscheinlich irgend ein schreckliches Blech. Denn dieser schttelte bestndig die Ohren. Whrend der groen Unordnung waren indessen Bauern aus einem Dorf, das zum Glck nicht sehr weit entfernt war, hilfsbereit herbeigeeilt. Da ein solches Schauspiel fr einen Bauern eine wahre Himmelsgabe ist, wie fr den Deutschen seine Zeitungen oder sein Klub, so hatte sich bald eine vielkpfige Schar um die Wagen gesammelt, und nur die alten Weiber und Wickelkinder waren zu Hause geblieben. Man schnrte die Riemen los, der Schecke bekam ein paar krftige Pffe vor die Schnauze, die ihn zum Rckzug veranlaten: mit einem Wort, die Pferde wurden getrennt und beiseite gefhrt. Aber war es der rger der neuangekommenen Pferde, da man sie von ihren neuen Freunden getrennt hatte, war es Eigensinn, -- der Kutscher mochte auf sie loshauen soviel er wollte, sie blieben wie angewurzelt stehen. Die Teilnahme und das Interesse der Bauern wuchs bis zu ungeheuren Dimensionen an. Alle drngten sich um die Wette mit weisen Ratschlgen vor. Geh, Andrjuschka, fhr mal das rechte Beipferd vor. Onkel Mitjaj soll sich auf das mittlere setzen. Schwing dich auf, Onkel Mitjaj! Der lange und hagere Onkel Mitjaj, ein Mann mit einem roten Bart, bestieg das Mittelpferd. So glich er dem Glockenturm einer Dorfkirche oder richtiger einem Brunnenhaken, mit dem man das Wasser aus dem Brunnen heraufzieht. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber es wollte nicht fruchten, auch Onkel Mitjaj konnte nicht viel ausrichten. Halt! Halt! riefen die Bauern, setz dich lieber aufs Beipferd, Onkel Mitjaj; Onkel Minjaj soll aufs Mittelpferd steigen! Onkel Minjaj, ein breitschultriger Bauer mit einem kohlschwarzen Bart und einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem das se Zwetschengetrnk fr die frierenden Scharen gekocht wird, die einen ganzen Markt bevlkern, schwang sich vergngt aufs Mittelpferd, welches sich unter seiner Last fast bis zur Erde beugte. Jetzt wird's schon gehen, riefen die Bauern: Hau zu! Hau doch zu. Versetz ihm eins mit der Knute: hrst du, jenem Hellen, da! -- was strubt und spreizt sich's wie 'ne Wassermcke. Aber da sie sahen, da die Sache doch nicht von der Stelle kam, und alle Prgel nichts ntzten, setzten sich beide, Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj zusammen auf das Mittelpferd und lieen Andrjuschka auf das Beipferd steigen. Endlich verlor der Kutscher die Geduld und jagte alle beide: Onkel Mitjaj samt Onkel Minjaj zum Teufel. Und er tat gut daran, denn die Pferde dampften so, als ob sie eine ganze Poststation zurckgelegt htten, ohne auch nur einen Augenblick Halt gemacht zu haben. Er lie sie sich erst verschnaufen, worauf sie den Wagen ganz von selbst fortzogen. Whrend sich dieser Vorgang abspielte, war Tschitschikow ganz in die Betrachtung der fremden jungen Dame versunken. Er versuchte es mehrmals, sie anzureden, aber es wollte ihm immer nicht recht gelingen. Unterdessen waren die Damen davongefahren, das reizende Kpfchen mit den feinen Gesichtszgen und der schlanken Gestalt war verschwunden, wie eine Vision; und wieder befand sich Tschitschikow auf der Landstrae, in seiner Kutsche mit den drei Pferden, die der Leser schon kennt, und in Gesellschaft von Seliphan, den den, leeren Flchen der rings sich dehnenden Felder gegenber. berall im Leben, in seinen harten, rauhen und rmlichen, in den unsaubern, schimmelbedeckten niederen Schichten -- wie in der sauberen Korrektheit und Monotonie der hheren Stnde -- berall begegnet uns, wenn auch nur ein einziges Mal im Leben eine Erscheinung, die nichts gemein hat mit alledem, was wir bisher gesehen, die wenigstens _einmal_ ein neues Gefhl in uns entzndet, das keine hnlichkeit mit jenen hat, die uns durch unser ganzes Leben begleiten. Bei jedem von uns bricht einmal ein heller Strahl der Freude durch das Dunkel jener Leiden und trben Erfahrungen, aus denen unser Leben gewebt ist, so wie bisweilen eine glnzende Equipage mit goldgezumten malerischen Rossen und blitzenden Fensterscheiben ganz pltzlich und unerwartet an einem den elenden Dorf vorbeijagt, welches nie ein andres Gefhrt, als den bekannten Bauernwagen gesehen hat: und lange noch stehen die Bauern staunend mit offenem Munde da, und wagen es nicht, ihre Mtzen wieder aufzusetzen, obwohl die herrliche Equipage schon lngst verschwunden und ber alle Berge ist. So ist auch die junge Blondine ganz pltzlich und unerwartet in unserer Erzhlung aufgetaucht, um auf dieselbe Weise wieder zu verschwinden. Wre ihr statt Tschitschikow irgend ein zwanzigjhriger Jngling begegnet -- ein Husar, oder ein Student oder auch nur ein gewhnlicher Sterblicher, der eben im Begriff ist, seinen Lebensweg anzutreten. -- Du lieber Gott, was wre nicht alles in ihm zum Leben erwacht, was htte nicht alles nach Ausdruck gedrngt! Er htte wohl noch lange wie betubt auf demselben Flecke gestanden, whrend seine Augen stumm die Ferne suchten, htte den Weg und das Reiseziel und alle Vorwrfe und Verweise, wegen seiner Saumseligkeit, ja er htte sich selbst vergessen, seinen Dienst, die Welt und berhaupt alles, was auf der Welt existiert! Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren Jahren und hatte einen khlen, ruhigen, umsichtigen Charakter. Auch er versank in Sinnen und dachte ber vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer Natur: seine Gedanken waren bei weitem nicht so unklar und unbestimmt, sondern weit genauer und grndlicher. Ein herrliches Weibchen! sagte er, indem er seine Tabakdose ffnete und eine Prise nahm. Was aber das Beste an ihr ist .... das Beste an ihr ist, da sie soeben aus einem Institut oder Pensionat entlassen zu sein scheint und da sie noch nichts spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zgen, die das ganze Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr ist schlicht und einfach; sie spricht, wie ihr's ums Herz ist und lacht, wenn ihr darnach zumute ist. Es lt sich noch alles aus ihr machen, sie kann ein herrliches Geschpf, aber ebensogut auch ein verkrppeltes Wesen werden -- und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahr mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, da ihr eigener Vater sie nicht wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und knicksen, sich den Kopf darber zerbrechen, _was_ sie, mit _wem_ sie und wie _viel_ sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken mu usw. usw.; wird fortwhrend in der grten Angst schweben, ob sie nun kein berflssiges Wort gesagt hat, schlielich garnicht mehr wissen, was sie zu tun hat, und wie eine groe Lge durch das Leben wandeln. Pfui Teufel! Hier verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort: brigens wte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer mag ihr Vater sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer oder nur ein rechtschaffen denkender Mensch, der sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat? Wenn die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekme -- das wre wei Gott kein bler -- gar kein bler Bissen. Ein ordentlicher Mensch knnte mit ihr sein Glck machen. Die Zweimalhunderttausend erschienen ihm in so reizendem Lichte, da er sich innerlich Vorwrfe zu machen begann, weswegen er sich whrend des Trubels mit den Equipagen nicht beim Vorreiter nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch das jetzt sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute seine Gedanken und lenkte sie auf ihren eigentlichen Gegenstand zurck. Das Dorf kam ihm recht gro vor; eine Birken- und eine Fichtenwaldung rahmten es von beiden Seiten ein, wie zwei Flgel, von denen der eine etwas dunkler erschien als der andre; in der Mitte stand ein hlzernes Haus mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen -- oder richtiger rohen Wnden -- eins von jenen Husern, wie sie bei uns fr Soldaten und Kolonisten gebaut werden. Man merkte deutlich, da der Baumeister bei der Ausfhrung seines Planes bestndig mit dem Geschmack des Besitzers zu kmpfen hatte. Der Baumeister war ein Pedant und liebte die Symmetrie, der Hausherr aber wollte es vor allem recht bequem haben und hatte aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle korrespondierenden Fenster zumauern und statt ihrer nur eine kleine runde ffnung stehen lassen, die zu einer dunklen Kammer gehrte. Auch der eine Erker war nicht in der Mitte des Hauses angebracht, so sehr sich der Architekt bemht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte durchaus die eine Sule beseitigt wissen, und so war es gekommen, da statt der vier Sulen nur drei dastanden. Der Hof war von einem krftigen und ungewhnlich dicken Staketenzaun umgeben. berhaupt schien der Gutsherr vor allem auf Dauerhaftigkeit und Soliditt bedacht zu sein. Zum Bau der Stlle, der Scheunen und der Kche waren schwere dicke Balken verwandt worden, die auf die Ewigkeit berechnet zu sein schienen. Auch die Bauernhtten waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine mit Schnitzwerk verzierten Wnde noch sonstiger Firlefanz -- es war alles dicht und wie es sich gehrt aneinandergepat und verkittet. Selbst der Brunnen war mit so krftigem Eichenholz eingefat, wie es sonst nur bei Windmhlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit einem Wort -- alles was Tschitschikow sah, war solide, und stand fest auf der Erde, in Reih und Glied; wie es schien, nach einer plumpen unerschtterlichen Ordnung. Als der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow zwei Gesichter, die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: ein weibliches, das so lang und schmal war, wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug, und ein rundes mnnliches, so breit wie einer jener moldauischen Krbisse, die man in Ruland Flaschen nennt und aus denen man bei uns die Balalaiken, jene leichten mit zwei Saiten bespannten Musikinstrumente macht -- den Stolz und die Freude aller kecken und lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche den sie umstehenden Mdchen mit weiem Hals und Busen, die gekommen sind, ihrem sanften Saitengeklimper zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen. Beide Gesichter verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen Blick durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer grauen Jacke mit einem blauen Stehkragen trat auf die Freitreppe hinaus und geleitete Tschitschikow in den Flur, wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er den Gast erblickte, sagte er kurz: Ich bitte, worauf er ihn in die inneren Gemcher fhrte. Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf Sabakewitsch warf, kam er ihm diesmal wie ein Br von mittlerer Gre vor. Und wie um die hnlichkeit zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die Farbe des Brenfells: rmel und Hosen waren sehr lang, seine Fe steckten in mchtigen Filzpantoffeln, dazu hatte er einen so tolpatschigen Gang, da er andern Leuten bestndig auf die Fe trat. Seine Gesichtsfarbe war glhend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, ber deren detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur nicht viel Kopfzerbrechens gemacht, bei der sie keine feineren Instrumente wie Feile, Bohrer usw. gebraucht, sondern die sie einfach mit ein paar krftigen Axthieben herausgehauen hat. Ein Hieb -- und siehe da es entstand die Nase -- ein zweiter -- und die Lippen saen am rechten Fleck; dann machte sie noch ein Paar Lcher an Stelle der Augen mit dem groen Bohrer und der ganze Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und zu gltten, sandte sie ihn mit den Worten: er lebt in die Welt. Solch eine festgefgte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte Gestalt war auch Sabakewitsch: seine Haltung war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur selten drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit seinen Mitunterredner nur selten an, sondern blickte stets auf die Ofenecke oder auf die Tr. Tschitschikow warf noch einmal einen Seitenblick auf ihn, als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: ein Br, wahrhaftig ein vollkommener Br. Welch seltsames Spiel des Schicksals: zu alledem mute er noch Michael[3] Semjonowitsch heien. Da Tschitschikow Sabakewitschs Gewohnheit, andern Leuten auf die Fe zu treten, kannte, trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn vorausgehen lie. Der Hausherr schien sich brigens dieser schlechten Angewohnheit selbst bewut zu sein, denn er fragte immerfort: Habe ich Sie vielleicht beunruhigt? Aber Tschitschikow dankte und versicherte hflich, er habe bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt. Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch auf einen Lehnstuhl und sagte wieder: Bitte. Tschitschikow nahm Platz, warf aber zuvor noch einen kurzen Blick auf die Wnde und die Bilder, welche sie zierten. Es waren alles lebensgroe Stahlstiche, welche lauter tchtige Kerle, d. h. griechische Feldherrn, wie Miauli, Kanari und Maurokordato darstellten, letzteren in Uniform mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der Nase. All' diese Helden hatten so starke Lenden und so gewaltige Schnauzbrte, da einen schon eine Gnsehaut berlief, wenn man sie blo ansah. Unter diesen griechischen Athleten war wie durch einen wunderbaren Zufall auch Frst Bagration geraten, ein magerer, dnner Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar Kanonen zu seinen Fen, der noch dazu in einem ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein grer waren, als die ganze Figur eines jener Stutzer, die heute unsere Salons bevlkern. Der Hausherr, der selbst ein ausnehmend gesunder und krftiger Mann war, wollte offenbar auch, da lauter gesunde und krftige Leute die Wnde seiner Zimmer zieren sollten. Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing noch ein Vogelkfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen weien Pnktchen hervorguckte, die gleichfalls groe hnlichkeit mit Sabakewitsch hatte. Der Wirt und der Gast hatten noch keine zwei Minuten stumm nebeneinander gesessen, als die Tre sich auftat, und die Frau des Hauses, eine groe Dame in einer Haube mit Bndern, die zu Hause gefrbt zu sein schienen, ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang und hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme. [Funote 3: In Ruland werden die Bren wie bei uns Petz mit dem Namen Mischa, dem Diminutivum von Michael gerufen.] Das ist meine Feodulia Iwanowna, sagte Sabakewitsch. Tschitschikow kte Feodulia Iwanowna die Hand, die sie ihm fast in den Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit machte er die Beobachtung, da ihre Hnde mit Gurkenwasser gewaschen waren. Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow vorstellen! fuhr Sabakewitsch fort. Wir haben uns beim Gouverneur und beim Postmeister kennen gelernt. Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu nehmen, indem sie gleichfalls Bitte sagte, und eine Kopfbewegung dazu machte, wie jene Schauspielerinnen, die eine Knigin darzustellen haben. Dann setzte sie sich auf das Sofa, hllte sich in ihr wollenes Tuch ein und zuckte von nun ab weder mit den Augen noch mit den Brauen. Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und wieder fiel ihm Kanari mit seinen starken Lenden und dem nicht endenwollenden Schnauzbart, die Bobelina und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen. Fast fnf Minuten beobachteten alle ein feierliches Schweigen, das nur durch das Lrmen der Amsel unterbrochen wurde, die fortwhrend mit dem Schnabel gegen den Holzboden des Vogelkfigs pochte, wenn sie ein paar Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich noch einmal im Zimmer um: auch hier war alles klobig, fest und ganz ungewhnlich derb, und hatte eine merkwrdige hnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In der Ecke des Salons stand ein bauchiges Schreibpult auf vier uerst plumpen Fen -- ein richtiger Br. Der Tisch, die Sthle, die Lehnsessel -- alles trug einen schwerflligen und geradezu gefhrlichen Charakter, jeder Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: Ich bin auch ein Sabakewitsch oder Auch ich bin Sabakewitsch hnlich. Wir haben beim Gerichtsprsidenten Iwan Grigorjewitsch von Ihnen gesprochen, sagte endlich Tschitschikow, als er sah, da keiner von den Anwesenden Anstalten machte, das Gesprch zu beginnen: Es war am vorigen Donnerstag. Ich habe dort einen sehr schnen Abend verbracht. Ja! ich war damals nicht beim Gerichtsprsidenten, sagte Sabakewitsch. Ein prchtiger Mensch! Nicht wahr? Wen meinen Sie? sagte Sabakewitsch, indem er die Ofenecke anblickte. Den Gerichtsprsidenten! Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen: er ist zwar Freimaurer, aber ein solcher Esel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Tschitschikow wurde ein wenig stutzig durch diese denn doch etwas zu starke Charakteristik, aber er fand seine Fassung bald wieder und fuhr gleich darauf fort: Natrlich, ein jeder Mensch hat seine Schwchen; aber nicht wahr? der Gouverneur, das ist doch ein ganz ausgezeichneter Mensch? Wie? der Gouverneur -- ein ausgezeichneter Mensch? Ja! hab ich nicht Recht? Ein Bandit, wie's keinen zweiten gibt. Wie? -- Der Gouverneur ein Bandit?! sagte Tschitschikow, der durchaus nicht begreifen konnte, wie der Gouverneur unter die Banditen geraten war. Ich mu gestehen, das htte ich wirklich nicht gedacht, fuhr er fort. Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine Handlungen sind gar nicht derart; man knnte eher sagen, da er einen sehr weichen Charakter hat. Und wie zum Beweise fhrte er die Geldtaschen an, die jener gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung ber den freundlichen Ausdruck seines Gesichtes. Aber das ist doch ein Banditengesicht! sagte Sabakewitsch. Geben Sie ihm ein Messer in die Hand und schicken Sie ihn auf die Landstrae hinaus, -- der schlachtet Sie kaltbltig ab -- um einen Groschen! Er und der Vizegouverneur, -- das sind die reinsten -- Gogs und Magogs. Hm, die haben wohl was miteinander gehabt, dachte Tschitschikow. Ich will mal mit ihm ber den Polizeimeister reden, der ist, glaub' ich, sein Freund. -- brigens, was mich betrifft, fuhr er fort, so mu ich gestehen, da mir der Polizeimeister bei weitem am besten gefllt. Was ist das doch fr ein gerader und offener Charakter; er hat etwas so Schlichtes und Treuherziges an sich. Ein Gauner! sagte Sabakewitsch ganz kaltbltig, der ist fhig, Sie zuerst zu betrgen und zu verraten und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag zu essen. Ich kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so ist die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem andern, alles Judasse und niedertrchtige Verrter. Der einzige, der noch was taugt, ist der Staatsanwalt -- aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund. Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas kurzen biographischen Charakteristiken, sah Tschitschikow ein, da eine Erwhnung der brigen Beamten sich kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, da Sabakewitsch den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte. Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische? sagte Frau Sabakewitsch zu ihrem Gatten. Bitte, sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch zu; Wirt und Gast tranken zuerst nach altem gutem Brauch einen Schnaps und lieen sich's gut schmecken, wie das im ganzen weiten Ruland in Stdten und Drfern blich ist, wo man stets, eh man sich zum Mittagessen hinsetzt, zuvor einen kleinen Imbi aus allerhand gesalzenen und appetiterregenden Speisen und allen mglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich alle ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die Hausfrau, wie ein schlanker Schwan. Den kleinen Tisch schmckten vier Gedecke. Der vierte Platz wurde bald von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein Frulein, eine Verwandte, eine Haushlterin oder nur irgend eine Gesellschafterin, die mit im Hause wohnte -- ein Wesen von etwa dreiig Jahren, ohne Haube und mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschpfe in dieser Welt, die nicht die selbstndige Existenz eines Objekts besitzen, sondern gewissermaen nur die Flecken oder Pnktchen auf einem Gegenstande darstellen. Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben alle dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie fr ein Mbelstck zu halten, und kann sich nicht denken, da sie je in ihrem Leben den Mund geffnet haben, um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man sie nur im Mdchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, um sich zu berzeugen, da sie es faustdick hinter den Ohren sitzen haben. Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz, sagte Sabakewitsch, whrend er die Suppe kostete und sich dazu ein mchtiges Stck Saugbeutel vorlegte, von jenem berhmten Gericht, das gewhnlich zur Kohlsuppe gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn und Kncheln gefllten Hammelmagen besteht. So eine Pastete, fuhr er zu Tschitschikow gewendet fort, finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort setzt man Ihnen, wei der Teufel was vor! Beim Gouverneur it man brigens gar nicht schlecht, meinte Tschitschikow. Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet werden? Sie wrden den Appetit verlieren, wenn Sie das wten! Wie die Speisen zubereitet werden, darber kann ich freilich nicht urteilen; aber die Schweinekoteletts und der Fisch waren vorzglich. Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen. Ich wei genau, da sie auf dem Markte einkaufen. Der Schurke von Koch, der bei einem Franzosen in der Lehre war, kauft einfach einen alten Kater, zieht ihm das Fell ab, und serviert ihn dann als Hasen. Pfui! Was fr hliche Sachen du da erzhlst! sagte Sabakewitschs Gattin. Was kann ich dafr, Schtzchen! So macht man's nun einmal dort; ich bin doch nicht schuld, da das bei all den Leuten so Sitte ist. Alle Abflle, alles was unsere Akula mit Verlaub zu sagen in den Mlleimer wirft, das tun die in die Suppe. Immer rein, alles rein. Immer redest du bei Tisch solche Sachen! warf wiederum Frau Sabakewitsch ein. Was schadet denn das, Schtzchen, versetzte Sabakewitsch. Ja wenn ich's noch selbst so machte, aber ich sage dir's ganz offen: solch ein ekelhaftes Zeug wrde ich nie essen. Nie wrde ich einen Frosch in den Mund nehmen, und wenn er in Zucker kandiert wre, ebensowenig wie eine Auster; ich wei ganz gut wie so'ne Auster aussieht. Bitte nehmen Sie doch noch ein Stck Hammelbraten, fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. Das ist Hammellende mit Brei, und kein Frikass, wie es die vornehmen Herren lieben, wozu man Hammelfleisch nimmt, das schon vier Tage lang auf dem Markte herumliegt. Das sind alles Finessen, wie sie die Herrn Doktoren, die Deutschen und Franzosen erfunden haben; ich wrde sie dafr am liebsten alle hngen lassen. Die Dit -- das ist auch so eine von ihren Erfindungen. Schne Methode das -- einen mit Hunger zu kurieren. Weil sie selbst eine so dnnbltige Natur haben, bilden sie sich ein, sie knnten auch mit dem russischen Magen fertig werden. Nein, das ist alles nichts Richtiges -- das sind lauter Torheiten, das ist alles ... Hierbei schttelte Sabakewitsch sogar zornig den Kopf. Da reden sie immer von Aufklrung, und doch ist ihre Aufklrung nichts als ein .... ff ....! Ich htte fast was gesagt, aber sowas schickt sich ja nicht bei Tische. Bei mir ist das ganz anders. Wenn's bei mir Schweinebraten oder Gansbraten gibt, dann kommt gleich ein ganzes Schwein oder eine ganze Gans auf den Tisch. Lieber will ich nur zwei Gerichte haben, aber mich dafr auch ordentlich satt essen, bis die liebe Seele Ruhe hat. Und Sabakewitsch untersttzte seine Worte eindrucksvoll durch die Tat: er legte sich den halben Hammelrcken auf den Teller, schlang ihn hinunter und nagte noch die Knochen ab, bis nichts mehr brig blieb. Ja, ja, dachte Tschitschikow, der wei auch, was gut tut. Bei mir ist das anders, sagte Sabakewitsch, indem er sich die Hnde mit der Serviette abwischte: ich bin nicht so, wie irgend ein Pljuschkin; der hat 800 Seelen und lebt und it dabei schlechter als unser Kuhhirt. Wer ist dieser Pljuschkin? fragte Tschitschikow. Ein Hallunke, versetzte Sabakewitsch. So ein Geizhals, das kann man sich gar nicht einmal vorstellen. Die Zuchthusler leben noch besser als der: er lt ja all seine Leute verhungern. Wahrhaftig? unterbrach ihn hier Tschitschikow mit teilnehmender Miene. Ist das wirklich so, wie Sie sagen, da bei dem so viele Bauern sterben. Wie die Fliegen. Nein, wirklich? Wie die Fliegen? Und darf ich fragen, wohnt er weit von hier? Es werden etwa fnf Werst sein. Fnf Werst! rief Tschitschikow aus, und dabei fing sogar sein Herz ein wenig an zu klopfen. Wenn man das Tor verlt, liegt dann sein Gut rechts oder links? Es ist besser, Sie wissen gar nicht, wie Sie zu diesem Hunde hinkommen! Ich rate Ihnen, kmmern Sie sich lieber gar nicht darum, sagte Sabakewitsch, es ist noch verzeihlicher, wenn jemand in ein unanstndiges Lokal geht als zu dem. Nein, ich frage ja auch nicht, weil ich irgend welche Absichten ... ich erkundigte mich blo, weil ich ein groes Interesse fr Land und Leute habe, entgegnete Tschitschikow. Nach dem Hammelrcken gab es Ksekuchen, von denen jeder allein grer war als ein Teller, und dann noch einen Truthahn von der Gre eines Kalbes, der mit allerhand guten Sachen gefllt war: mit Reis, Eiern, Leber und wei Gott mit was sonst noch, was einem nachtrglich wie ein Stein im Magen liegt. Damit war das Mittagessen zu Ende; aber als man sich erhob, fhlte sich Tschitschikow um einen ganzen Zentner schwerer. Man begab sich in den Salon, wo bereits ein kleiner Teller mit Kompott und Marmelade auf dem Tische stand; -- es lie sich nicht recht definieren, was es eigentlich fr ein Kompott darstellte -- es waren weder Birnen, noch Pflaumen, noch Himbeeren -- brigens rhrte weder der Wirt noch der Gast die Marmelade an. Die Hausfrau ging hinaus, um noch ein paar Fruchttellerchen hereinzubringen. Diesen Augenblick benutzte Tschitschikow, um sich an Sabakewitsch zu wenden, der ausgestreckt in einem Lehnstuhl lag und nur noch sthnte; so satt war er; hin und wieder ffnete er den Mund, um ein paar unartikulierte Laute von sich zu geben, wobei er das Kreuz schlug und sich die Hand vor den Mund hielt. Tschitschikow also wandte sich zu ihm und sagte: Ich mchte gern ber eine Sache mit Ihnen sprechen! Nehmen Sie nicht noch etwas Eingemachtes! sagte die Hausfrau, die mit einem Fruchtteller zurckkehrte. Es sind Rettichschnitten, in Honig gekocht! Nachher! sagte Sabakewitsch, geh jetzt mal auf dein Zimmer, Pawel Iwanowitsch und ich mchten uns die Rcke ausziehen und ein wenig ruhen! Die Hausfrau wollte sogleich Unterbetten und Kopfkissen holen lassen, aber Sabakewitsch erklrte: La nur, wir ruhen uns schon im Lehnstuhle aus, und seine Gattin entfernte sich. Sabakewitsch streckte den Kopf ein wenig vor, um zu hren, um was fr eine Sache es sich handle. Tschitschikow holte sehr weit aus, sprach zuerst ganz allgemein von dem russischen Staate, dessen Gerumigkeit und Gre er nicht genug loben konnte, meinte, selbst die alte rmische Monarchie sei nicht so gro gewesen, die Auslnder htten ganz recht, wenn sie sich wunderten ... (Sabakewitsch lauschte noch immer mit vorgestrecktem Kopfe) und nach den bestehenden Gesetzen zhlten in diesem Reiche, dessen Ruhm ihm kein anderes Land streitig machen knne, die in die Revisionslisten aufgenommenen Seelen, selbst wenn sie ihren irdischen Lebenslauf abgeschlossen htten, bis zur Aufstellung neuer Revisionslisten, genau so viel, wie die Lebenden, weil doch die zustndigen Behrden nicht noch mit neuen zeitraubenden Pflichten und Aufgaben belastet werden knnten, welche mit solchen beraus zahlreichen und detaillierten Erhebungen fr sie verbunden wren; auch wrde durch eine solche Maregel die Kompliziertheit des ja ohnedies so verwickelten Staatsmechanismus noch gesteigert werden, (Sabakewitsch streckte den Kopf noch immer vor und hrte zu) indessen msse man doch gestehen, da diese Maregel trotz ihrer unbestreitbaren Legalitt doch fr manchen Gutsbesitzer recht lstig sei, da sie ihn dazu verpflichte, nach wie vor seine Steuern fr die Bauern zu bezahlen, ganz ohne Rcksicht darauf, ob sie noch leben oder nicht, doch sei er, Tschitschikow, bereit, aus einer besonderen persnlichen Hochachtung fr ihn, einen Teil dieser so beraus drckenden Verpflichtung auf sich zu nehmen. ber den Hauptpunkt uerte sich Tschitschikow nur mit groer Zurckhaltung und sprach nie von verstorbenen, sondern nur von nichtexistierenden Seelen. Sabakewitsch sa noch immer mit etwas vorgebeugtem Kopfe da und schien ihm aufmerksam zuzuhren, aber sein Gesichtsausdruck lie nicht das leiseste Zeichen einer verborgenen Seelenregung erkennen. Man htte beinahe glauben knnen, da man einen leblosen und unbeseelten Krper vor sich habe, jedenfalls aber sa die Seele bei ihm nicht dort, wo sie eigentlich sitzen soll, sondern weilte wie beim unsterblichen Koschtschej[4] irgendwo in der Ferne hinter Bergen und Tlern und war mit einer so dicken Schale umgeben, da alles, was sich auf ihrem Grunde regte, nicht die geringste Erschtterung an der Oberflche hervorrief. Nun also? sagte Tschitschikow und wartete nicht ohne innere Aufregung auf die Antwort. Sie brauchen tote Seelen? sagte Sabakewitsch ganz ruhig, ohne jeden Ausdruck des Erstaunens, wie wenn hier von Roggen oder Weizen die Rede wre. [Funote 4: Spielt in dem russischen Sagenkreis die Rolle des Thanatos, d. h. des Todes.] Ja, antwortete Tschitschikow, indem er versuchte, dem Wort etwas von seiner Hrte zu nehmen und hinzufgte: solche, die nicht mehr existieren. Es werden sich schon welche finden, gewi! Warum nicht? sagte Sabakewitsch. Ja, nicht wahr? Und wenn Sie welche haben sollten, werden Sie ohne Zweifel froh sein, sie los zu werden? Bitte sehr! Ich bin gern bereit, die Ihnen zu verkaufen, versetzte Sabakewitsch, indem er den Kopf wieder emporrichtete. Offenbar witterte er schon, da der Kufer irgend einen Vorteil dabei haben mute. Teufel! dachte Tschitschikow, der Kerl verkauft sie mir, noch ehe ich berhaupt ein Wort fallen lie! Und er fgte laut hinzu: Und darf man fragen: was Sie wohl dafr nehmen wrden? Obwohl ... das eigentlich ein Gegenstand ist ... bei dem man nicht gut von einem Preise reden kann ... Also! um nicht viel zu verlangen: Hundert Rubel pro Stck, sagte Sabakewitsch. Hundert Rubel! rief Tschitschikow aus, indem er den Mund weit aufri und Sabakewitsch erschrocken ins Gesicht starrte; er war sich nicht ganz klar, ob er sich verhrt, oder ob vielleicht Sabakewitschs Zunge infolge ihrer Schwerflligkeit eine ungeschickte Wendung gemacht habe, und mit einem falschen Wort herausgeplatzt sei. Ja finden Sie denn das zu teuer? sagte Sabakewitsch und fgte sogleich hinzu: Und was ist Ihr Preis? Mein Preis? Wir befinden uns wohl in einem kleinen Irrtum oder verstehen uns gegenseitig nicht und haben vergessen, worum es sich hier eigentlich handelt. Hand aufs Herz. Ich denke achtzig Kopeken -- das ist das uerste. Herrgott! Ist das ein Einfall! Achtzig Kopeken? Nun, was denn? Meiner Ansicht nach kann man nicht mehr wie achtzig Kopeken dafr bieten. Ich handle doch nicht mit alten Schuhen! Sie mssen aber doch auch zugeben, da es keine Menschen sind. Ja, glauben Sie wirklich, Sie finden jemand, der Ihnen eine eingetragene Seele fr zwei Groschen verkauft! Nein, erlauben Sie, warum sagen Sie >eingetrageneOnkelchen, haben Sie nicht etwas zu essen?< Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein Grovater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen, darum treibt er sich berall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis von all diesen Faulenzern? Natrlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel geschrieben, um sie bei der nchsten Revision gleich streichen zu lassen. Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren herumzuwhlen. Dabei lste er die Schnur von so manchem Pckchen und warf die Papiere so durcheinander, da eine Staubwolke dem Gaste in die Nase stieg, und dieser niesen mute. Endlich zog er einen Zettel hervor, der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar ein gewisser Grigorij Immerlangsamvoran aus der ganzen Menschenflut hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. Tschitschikow lchelte unwillkrlich als er diese stattliche Zahl bersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklrte Pljuschkin, er werde wohl zum Abschlu des Kaufes nach der Stadt fahren mssen. Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht sich selbst berlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, da ich keinen Nagel mehr brig behalte, an dem ich meinen Rock aufhngen knnte. Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten? Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen nichts mehr von mir wissen. Ach ja, _doch_, Vterchen! Wie denn nicht! Natrlich habe ich einen, rief er pltzlich aus. Der Gerichtsprsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich frher oft besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund. Wie oft sind wir zusammen ber so manchen Zaun geklettert. Keinen Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich knnte doch an ihn schreiben? Aber natrlich. Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad! Und ber das erstarrte Gesicht huschte pltzlich etwas wie ein warmer Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz eines Gefhls belebte die toten Zge; wie wenn auf der Oberflche eines Gewssers ganz pltzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brder das rettende Seil aus und warten ungeduldig darauf, da sich eine Schulter oder der vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke -- er war zum letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird's ringsumher, und schrecklicher noch, und der erscheint jetzt die glatte ruhige Flche des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der Schimmer eines Gefhls darber hinweggeglitten war, fast noch klter, gemeiner und gefhlloser. Auf dem Tisch lag doch ein Stckchen reines Papier, sagte er, aber ich wei nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von Dienstboten! -- Und er guckte _unter_ den Tisch und _auf_ den Tisch, kramte berall herum und rief schlielich: Mawra, he! Mawra! Auf sein Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes Gesprch zwischen beiden: Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin? Bei Gott, gndiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, auer dem Stckchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben. Man sieht dir's ja an den Augen an, da du es stibitzt hast. Wie kme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wte doch nichts damit anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben. Das lgst du, du hast es zum Kster hingetragen, das ist ein Tintenklexer, dem wirst du's wohl gegeben haben. Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Kster hat Ihren Papierfetzen berhaupt nicht zu sehen bekommen! Warte nur! Die Teufel werden dir beim jngsten Gericht tchtig zusetzen mit ihren eisernen Halseisen. Pa einmal auf, wie die dich plagen werden! Wofr sollten sie mich denn qulen, wenn ich doch das Papierstckchen garnicht in der Hand gehabt habe. Sie knnen mir jede andere weibliche Schwche vorwerfen, aber da ich stehle, das hat mir noch niemand gesagt. Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du dafr, da du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich mit ihren glhenden Zangen zwacken! Dann werd' ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem unntze Vorwrfe! Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: Na was regst du dich denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh', bring mir etwas Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir womglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan! Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in den Fingern hin und her; er berlegte wohl, ob er nicht noch die Hlfte davon abschneiden knne, aber schlielich sah er wohl ein, da das nicht ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfa, das mit einer verschimmelten Flssigkeit angefllt war, in der eine Menge Fliegen herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die groe hnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mute fortwhrend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in bermtigen Sprngen erging. ngstlich fgte er Zeile an Zeile mit dem lebhaften Bedauern, da trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen ihnen brig blieb. Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbrmlichkeit konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat das berhaupt noch den Schein der Wahrheit? -- Jawohl! -- Es gibt berhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen geschehen! Ein feuriger Jngling von heute wrde vielleicht mit Entsetzen zurckprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen Greisenalters vorhielte. O, htet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste hrtende Mannesalter -- o, htet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet, verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder! Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurck. Das Grab selbst ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift stehen: hier liegt ein Mensch begraben. Aber kein Schriftzeichen belebt die kalten gefhllosen Zge des menschlichen Alters. Haben Sie nicht vielleicht einen Freund, sagte Pljuschkin, whrend er den Brief zusammenfaltete, der flchtige Bauern brauchen knnte? Haben Sie auch flchtige? fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem Traume erwachend. Das ist es ja gerade, da ich welche habe. Mein Schwager hat schon Erkundigungen eingezogen, und sagt, er htte gar keine Spur von ihnen entdecken knnen; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemhen wollte, so .... Und wieviel werden's wohl sein? So an die siebzig Mann, mindestens. Wahrhaftig? Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne da mir ein paar davonlaufen. Die Leute sind heutzutage alle so unmig; tun den ganzen Tag nichts und wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ... Wahrhaftig ich wrde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er ein hbsches Smmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die fnfhundert Rubel wert. Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen! dachte Tschitschikow, und erklrte, da er leider keinen solchen Freund bese, und da allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen wrden; die Gerichte hlt man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da mu man ja selbst noch die Rocksche hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich in einer so bedrngten Lage befnde, dann sei er, Tschitschikow, aus Sympathie fr ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert sei. Und wieviel wrden Sie geben? fragte Pljuschkin, der vor Habgier bebte, und seine Hnde zitterten wie Espenlaub. Ich knnte fnfundzwanzig Kopeken pro Stck anlegen. Und zahlen Sie bar? Ja, Sie knnen das Geld gleich bekommen. Hren Sie Vterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie knnten mir wirklich vierzig Kopeken geben. Verehrtester, ich wrde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern selbst fnfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem grten Vergngen, denn ich sehe, da ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner Gutmtigkeit Not leidet. Ja, nicht wahr! Bei Gott! sagte Pljuschkin, lie den Kopf hngen und schttelte ihn heftig. Das macht alles die Gutmtigkeit. Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte ich nicht fnfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht vermgend; fnf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet jede Seele rund dreiig Kopeken. Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Vterchen! Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch, sagten Sie nicht siebzig? Nein, es sind sogar achtundsiebzig. Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreiig Kopeken, das macht ... hier dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick lnger nach und sagte, das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken! Er war sehr stark in der Arithmetik. Dann lie er Pljuschkin die Quittung schreiben und hndigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Hnden ergriff und mit ngstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als hielte er in seinen Hnden eine Flssigkeit, die er jeden Augenblick zu verschtten frchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der Schubfcher, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des Schwiegersohnes -- und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen hatte, lie er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien, einen neuen Gesprchsstoff finden zu knnen. Wie, Sie wollen schon fahren, sagte er, als er Tschitschikow, der im Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, da es in der Tat zwecklos sei, sich hier noch lnger aufzuhalten. Ja, es ist Zeit! sprach er und griff nach dem Hute. Wollen Sie denn keinen Tee? Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum Tee vor. Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein teures Getrnk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhrt gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den Zwieback bringst du der Mawra! Hrst du? Sie soll ihn wieder auf den alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon selbst hintragen. Leben Sie wohl, Vterchen; Gott segne Sie! Und den Brief geben Sie dem Gerichtsprsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen! Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele. Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwrdig eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow davongefahren war, lie Pljuschkin das Tor sofort schlieen. Dann schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu berzeugen, ob auch alle Wchter an ihrem Platze seien, die an jeder Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Fa statt auf eine Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Kche, sah dort nach, ob auch das Essen fr die Dienstboten gut und schmackhaft zubereitet sei, was fr ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst grndlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schlielich noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Auffhrung tchtig gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein Zimmer zurck. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die Idee, sich dem Gast gegenber fr dessen beispiellosen Edelmut erkenntlich zu erweisen: Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk machen, dachte er -- es ist doch eine schne silberne Uhr, und nicht etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder nein! -- fuhr er nach einigem Nachdenken fort: ich will sie ihm lieber vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich spter noch meiner erinnert. Aber unser Held war auch ohne Uhr in hchst vergngter Stimmung. Eine so unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen lie sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen, sondern auch noch einige Dutzend flchtige dazu: zusammen etwa zweihundert Stck! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als er sich Pljuschkins Landgute nherte, da es hier was zu verdienen geben wrde, aber auf ein so gutes Geschft hatte er nicht gerechnet. Den ganzen Weg ber war er auergewhnlich lustig, pfiff und sang vor sich hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam und sonderbar klang, da selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf schttelte und sagte: Sieh mal an, wie mein Herr singen kann! Es war schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt nherten. Licht und Finsternis gingen vollkommen ineinander ber, und alle Gegenstnde schienen zusammenzuflieen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der Schnurrbart hoch ber den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien berhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Rder und die Luftsprnge, die die Equipage machte, lieen erkennen, da man sich bereits wieder auf der gepflasterten Strae befand. Die Laternen waren noch nicht angezndet, hie und da blitzte in den Fenstern der Huser ein Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten Vorgnge ab; man hrte es munkeln und flstern, was um die nchtlichen Stunden in Stdten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten, Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strmpfe, die an den Straenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermuse. Aber Tschitschikow bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit Spazierstckchen in der Hand wohl von einer Promenade auerhalb der Stadt zurckkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von weiblichen Stimmen herzurhren schienen: Das lgst du, du bist wohl besoffen; ich htte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt! oder du suchst wieder Hndel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will ich dir's schon zeigen. Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjhrigen Jngling wirken, wenn er aus dem Theater zurckkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem Kopfe trgt. Welch wundersame Trume, welche tollen Phantasien wirbeln in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab -- da schlagen pltzlich jene verhngnisvollen Worte wie ein Donnerschlag neben ihm ein, er fhlt sich wieder auf die Erde zurckversetzt, ja sogar auf den Heumarkt in die nchste Nhe einer Schenke, und aufs neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue de. Endlich machte der Wagen noch einen krftigen Satz und tauchte wie in einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka empfangen, welcher, einen seiner Rocksche in der einen Hand haltend -- denn er liebte es nicht, da die Sche sich entzweiten -- mit der anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer Kerze, die Serviette ber die Schulter geworfen, angelaufen. Es lt sich nicht sagen, ob Petruschka ber die Ankunft seines Herrn sehr erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verstndnisinnig mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein wenig zu erhellen. Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht, sagte der Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete. Ja, sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. Und wie gehts bei euch? Gottlob! antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. Gestern ist ein Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn. Ein Leutnant? Ich wei nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde. Schn, schn! Benimm dich auch fernerhin gut! sagte Tschitschikow und trat in sein Zimmer. Whrend er durch den Flur schritt, rmpfte er die Nase und sprach zu Petruschka gewandt: Du httest auch die Fenster aufmachen knnen. Ich habe sie ja aufgemacht, entgegnete Petruschka; aber er log. Uebrigens wute sein Herr selbst, da es eine Lge war. Doch er wollte nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemchtigte sich eine starke Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte Abendplatte, die nur aus einem Stck Spanferkel bestand, entkleidete sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen, festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glckspilze kennen, welche nichts ahnen: weder von Hmorrhoiden, noch von Flhen, noch von einer allzu regen Geistesttigkeit. Siebentes Kapitel Glcklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit ihrer Klte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren Postknechten, Schmieden und hnlichen Vagabunden, endlich das traute Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt -- schon taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten Zimmern auf, schon hrt er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelrm der Kinder, stille sanfte Worte unterbrochen von glhenden Zrtlichkeiten, die die Kraft haben, alles vergangene Leid aus dem Gedchtnis zu tilgen. Glcklich der Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem Hagestolzen! Glcklich der Schriftsteller, der an den langweiligen, widerwrtigen, durch ihre traurige Ble erschreckenden Gestalten der Wirklichkeit flchtig vorber eilend sich Charakteren nhert, welche des Menschen hohe Wrde verkrpern und erscheinen lassen, der aus dem groen Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest, der auch nicht _einmal_ dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, der nie von seiner eigenen Hhe zu seinen armseligen, schwachen Brdern herab stieg und, ohne das Irdische zu berhren, sich selig strzte in den erdentrckten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhllt, mit Zauberworten nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schnen Menschen weisend. Hndeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwrmt jauchzend seinen Wagen. Einen groen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar ber allem hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen glhenden Herzen, Trnen der Sympathie erglnzen in jedem Auge ... An Macht kommt ihm kein Wesen gleich -- er ist ein Gott! Wie ganz anders ist das Los des Schriftstellers, der sich erkhnte, all das ans Licht zu ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgltigen Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben umstrickt, die ganze abgrndige Tiefe jener kalten zerklfteten Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft den Erdenweg bevlkern, und mit dem krftigen Schlag des unerbittlichen Meiels es wagte, sie klar und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Trnen und der einmtigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im Innersten aufwhlte; ihm fliegt keine sechzehnjhrige Jungfrau entzckten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich nicht berauschen am sen Klang der Tne, die er der eigenen Leier entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem heuchlerisch gefhllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am eignen warmen Busen genhrten Geschpfe armselig, gemein und nichtig nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener Schriftsteller, die die Menschheit schnden, ihm die Charakterzge seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den gttlichen Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, da gleich bewundernswrdig _jene_ Glser sind, in denen sich die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, da hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann mit hohem lyrischen Schwunge, und da ein Abgrund ghnt zwischen jenem und den unwrdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf fr den verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein heimatloser Wanderer steht er allein auf der Strae. Schwer und hart ist sein Beruf und bitter fhlt er seine Einsamkeit. Und lange noch ist mir's von der geheimnisvollen Schicksalsmacht beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das ganze gewaltig treibende Leben zu berschauen, durch das aller Welt _sichtbare_ Lachen und die keinem bekannten _unsichtbaren_ Trnen. Und noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschtterten flammenden Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majesttischen Donner anderer Reden lauschen wird ... Vorwrts! Vorwrts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der grmlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Lat uns geschwind wieder untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelrm und Schellengeklingel: lat uns zusehen was Tschitschikow macht. Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn er hatte das behagliche Gefhl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rcken gelegen hatte, schnalzte er mit den Fingern, und sein Gesicht verklrte sich bei dem Gedanken, da er jetzt nahezu vierhundert Seelen besa. Dann sprang er aus dem Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen Freunden, ganz besonders whrend des Rasierens. Sieh mal, pflegte er dann gewhnlich zu sagen, was ich fr ein schnes rundes Kinn habe. Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an, mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt, welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen Hemdchen zwei khne Luftsprnge, wobei er sich nicht ohne Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergngt die Hnde wie ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich ber das Kstchen und holte ein Pckchen Papier hervor. Er wollte die Sache so schnell als mglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhndig, um sich die Unkosten fr den Notar zu sparen. Auf die Formalitten verstand er sich vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, groen Buchstaben die Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst drum und dran hngt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er danach auf diese Bltter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche tatschlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames, unheimliches Gefhl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentmliche Wesensart zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehrt hatten, trugen alle irgend einen Spitznamen als Anhngsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich durch Krze und Gedrngtheit des Stiles aus: oft standen nur die Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten. Sabakewitschs Register setzte durch seine auerordentliche Ausfhrlichkeit und Vollstndigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch so geringe Eigentmlichkeit, die nicht sorgfltig gebucht war: von einem hie es: Ein guter Tischler, von einem andern: Er versteht seine Sache und suft nicht. Ebenso sorgfltig waren die Eltern eines jeden aufgezhlt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von einem gewissen Fedotow stand vermerkt: Der Vater ist unbekannt, die Mutter ist eine meiner Dienstmgde, namens Kapitolina, die jedoch einen guten Charakter hat und nicht stiehlt. All diese Einzelheiten verliehen dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als htten die Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow berlas die Namen noch einmal genau und sorgfltig. Eine seltsame Rhrung erfate ihn, er seufzte und sprach leise vor sich hin: Herrgott welche Menge da dichtgedrngt beieinander steht! Was mgt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben lang, ihr Lieben? Wie mgt ihr euch durchgeschlagen haben? Und seine Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkrlich angezogen von einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der Trogverchter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehrt hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrcken: Herrjeh, ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer, und wie hat der Tod dich ereilt? War's in der Schenke, oder hat dich gar auf breiter Strae eine plumpe Fuhre berfahren, du Schlafmtze? -- Stepan Probka, der Tischler, _ein braver nchterner Mann_. -- Sieh da bist du ja, mein Stepan Probka, du groer Held, der du fr die Garde geboren warst! Hast wohl manch weites Stck Weges durchwandert, die Axt am Grtel und die Stiefel ber die Schulter geworfen, fr einen Groschen Brod verzehrt und fr zwei Groschen gedrrten Fisch und du brachtest dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nhtest dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerst herabgestrzt zu Fen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und mitleidig murmelte: >Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!< um sich sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle hinaufzuklettern. -- Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He? >Besoffen wie ein Schuster<, sagt ein Sprichwort. Ich kenn' dich, kenne dich, mein Liebling; willst du's, so erzhle ich dir deine ganze Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch allesamt ftterte, fr eure Nachlssigkeit mit dem Riemen zchtigte und nie auf die Strae lie, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden ber dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir selbst: >Jetzt will ich mir ein eigenes Huschen kaufen, aber ich will's nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!< Und du zahltest deinem Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest dir einen Haufen Auftrge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum Drittel des Preises ein Stck halbverfaulten Leders auf und verkauftest jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich krftig aus, wie du's verdientest. So kam es, da es in deinem Laden leer ward, du fingst an zu trinken, dich auf der Strae herumzutreiben und sprachst: >Ist das eine schlimme Welt! Wir Russen knnen rein verhungern: und an alledem ist niemand schuld als der Deutsche!< -- Und was ist das fr ein Mann: Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit hineingeschmuggelt! Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wute Gott allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, da man sie von ferne wirklich fr ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname hatte sogar die mnnliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rcksicht darauf und strich sie einfach aus der Liste. -- Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was warst du wohl fr ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim, dem trauten Winkel fr immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf den Jahrmrkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf, brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber krftigen Pferde, oder fiel's dir vielleicht ein, derweil du auf deinem Lager lagst und vor dich hingrbeltest, pltzlich ohne jeden Grund und Anla in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein Eisloch, so da keine Menschenseele wei, wo du verschwunden bist? Oh du mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natrlichen Todes zu sterben! -- Und ihr meine Lieblinge, fuhr er fort, indem er einen Blick auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flchtige Seelen verzeichnet standen: ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was fr einen Wert habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure schnellen Fe! Hattet ihr's wirklich gar so schlecht bei dem Pljuschkin, oder machte es euch blo Spa im Walde herumzustreichen und die Reisenden auszuplndern? Sitzt ihr vielleicht im Gefngnis oder habt ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflgt? Jeremej Leichtfu, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt man's schon an euren Namen an, da ihr gute Lufer seid; Popor, der Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf's Lesen und Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und sich ein hbsches Vermgen zusammengestohlen. Pa auf! paloses Individuum, du fllst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hnde. Zwar stellst du mutig deinen Mann: >Wer ist dein Herr?< fragt dich der Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, seine Worte mit einem krftigen Fluch: -- >Gutsbesitzer Soundso,< antwortest du keck. >Und wie kommst du hierher?< fragt dich der Hauptmann. >Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,< erwiderst du ohne Zaudern. >Wo ist dein Pa?< >Bei meinem Herrn, dem Kleinbrger Pimenow.< Pimenow wird gerufen. >Bist du Pimenow?< >Jawohl.< >Hat er dir seinen Pa gegeben?< >Nein, er hat mir keinen Pa gegeben.< >Du lgst also?< sagt der Polizeihauptmann und lt wieder ein krftiges Wort folgen. >Zu Befehl,< antwortest du frech: >ich gab ihm den Pa nicht, weil ich sehr spt nach Hause kam, ich habe ihn dem Glckner zur Aufbewahrung gegeben.< -- >Der Glckner soll herkommen! Hat er dir seinen Pa gegeben.< -- >Nein, ich habe keinen Pa von ihm bekommen.< >Warum lgst du schon wieder!< fragt der Polizeihauptmann aufs neue und flicht zur Besttigung abermals ein krftiges Wrtlein ein. >Wo ist denn dein Pa?< >Ich wei genau, da ich ihn bei mir hatte,< antwortest du sicher, >wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren haben.< -- >Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer einen Kasten mit Kupfermnzen gestohlen?< sagt der Polizeihauptmann, indem er zur Bekrftigung wiederum ein kerniges Wrtlein anfgt. >Wahrhaftig nicht,< sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, >beim Stehlen hat mich noch keiner ertappt.< >Und wie kommt es, da man den Mantel bei dir gefunden hat?< >Ich wei nicht, wahrscheinlich hat ihn ein anderer bei mir liegen lassen!< -- >O, du Hallunke, du Bestie!< sagt der Polizeihauptmann kopfschttelnd, und stemmt die Hnde in die Seiten. >Legt ihm Fuschellen an und fhrt ihn ins Gefngnis.< -- >Zu Befehl, ich habe nichts dagegen,< antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose aus der Tasche, reichst sie gutmtig den zwei Invaliden, die dir die Fuschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, da sie beim Militr waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben. Und dann wanderst du ins Gefngnis und bleibst ruhig drin sitzen, whrend das Gericht deine Sache prft. Schlielich fllt es seinen Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefngnis transportiert. Das dortige Gericht lt dich nach Wessjegonsk oder sonst wohin weiterbefrdern usw.; so wandert du aus einem Gefngnis ins andre und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: >Nein das Wessjegonskische Gefngnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da kann man auch einmal das Knchelspiel spielen, und da gibt's auch mehr Gesellschaft.< -- Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher Gegend treibst du dich herum? Lebst _du_ vielleicht irgendwo an der Wolga und bist ein Fhrmann geworden, weil du ein freies Leben liebst? ... Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. Worber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows, oder war es jene natrliche, fast selbstverstndliche Nachdenklichkeit, die jeden Russen in jedem Lebensalter berfllt, welchem Stande und Berufe er auch angehren mag, wenn er an die Lust eines freien ungebundenen Lebens denkt? In der Tat wo war jetzt Fyrow? Wahrscheinlich spazierte er laut und frhlich am Landungsplatze herum, sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bndern an den Hten plaudert und lrmt der ganze Tro der Bootsfhrer, welche sich von ihren schlanken, hohen Frauen und Schtzen verabschieden, die Perlenbnder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt sich der Reigen, helle Lieder ertnen aus frhlichen Kehlen, der ganze Landungsplatz wogt auf und nieder, whrend die Last- und Gepcktrger unter Lrmen, Geznk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun Pud schwere Ballen auf den Rcken laden, Weizen und Erbsen geruschvoll in gerumige Schiffe schtten und Scke mit Hafer und Buchweizen fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getrmter Scke und Ballen, die den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze Getreidearsenal empor, bis es in all' die gerumigen Barken und Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem Frhjahrseise den Flu hinabschwimmt. Da gibt's Arbeit fr euch in Hlle und Flle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwrmt und ber alle Strnge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im Schweie eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesngen, die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst! Herrjeh! Schon zwlf Uhr! rief Tschitschikow pltzlich aus, indem er auf die Uhr blickte. Was sume ich blo so lange? Wenn ich noch etwas Vernnftiges getan htte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug und versinke dann noch in trichte Trumereien! Ich bin doch ein rechter Narr! Wahrhaftig! Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches Kostm mit einem europischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an, um sein krftiges Buchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil er sich zu verspten frchtete -- davor brauchte er keine Angst zu haben, denn der Prsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der die Tage verlngerte und frhe Nchte herabsandte, wenn er den Streit seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als mglich zum Abschlu zu bringen; solange dies nicht geschehen war, fhlte er sich unruhig und unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, da es sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und da es in solchen Fllen besser sei, eine solche Last mglichst schnell abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hllte er sich in einen warmen Pelz von braunem Tuch, der mit Brenfell gefttert war, und kaum war er auf die Strae getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn zusammenstie, der gleichfalls einen mit Brenpelz geftterten berwurf um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen auf dem Kopfe trug. Der Herr stie einen Freudenschrei aus -- es war Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fnf Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Ksse, die sie austauschten, so krftig und inbrnstig, da ihnen beiden nachher den ganzen Tag ber die Vorderzhne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen brig, seine Augen waren berhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fnfzehn Minuten lang hielt er Tschitschikows Hand in seinen beiden Hnden, bis sie ganz warm wurde. In der feinsten und liebenswrdigsten Weise erzhlte er ihm, wie er herbeigeflogen wre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schlieen, und er schlo seine Rede mit einem Kompliment, wie man es hchstens einem jungen Mdchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert. Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geffnet, ohne noch recht zu wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten Bogen Papier, der mit einem roten Bndchen zusammengebunden war, aus seinem Pelze hervorholte. Was ist das? Das sind die Bauern. Ah! -- Er rollte den Bogen sogleich auf, berflog ihn schnell mit den Augen und war erstaunt ber die Schnheit und Sauberkeit der Handschrift. Ist das aber schn geschrieben! sagte er, man braucht es gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet! Ach fragen Sie lieber gar nicht, sagte Manilow. Sie? Meine Frau! O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, da ich Ihnen soviel Mhe gemacht habe! Fr Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mhe zu gro! Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, da er nach der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschlieen, erklrte Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faten sich unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhhung, bei jedem Hgel, oder jeder Stufe sttzte Manilow Tschitschikow mit der Hand und hob ihn beinahe in die Hhe, wobei er angenehm lchelte und hinzufgte, er werde es nie zugeben, da Pawel Iwanowitsch sich weh tue. Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wute, wie er sich erkenntlich erweisen solle, denn er fhlte, da er nicht ganz leicht war. So halfen sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das Gerichtsgebude lag -- ein groes dreistckiges Haus, das so wei war, wie ein Stck Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm ttigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Huser, die sich noch sonst auf dem Platze befanden, konnten sich an Gre nicht im geringsten mit dem steinernen Amtsgebude messen. Dies waren: ein Wchterhuschen, vor dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standpltze fr Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen Bretterzunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen, oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrcken pflegt, _schnen_ Platze zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein paar unbestechliche Hupter der Themispriester heraus, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde _traten_ nicht ein, sondern liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte beschleunigte, da er nicht wollte, da Manilow ihn mit der Hand untersttzen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er Tschitschikow nicht mde werden lassen wollte, und so kam es, da beide ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der Korridor noch die Sle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders auf. Damals kmmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und angenehmeres ueres an. Themis empfing ihre Gste ganz so wie sie war, im Neglig und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die Kanzleirume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten, aber der Autor hat eine groe Ehrfurcht vor allen Amtsgebuden. Selbst wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres hchsten Glanzes, in einem gleichsam veredelten und verschnten Zustande kennen zu lernen und zu durchwandeln, das heit, wenn die Dielen frisch gewichst und die Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demtig gesenktem Blicke hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles fhlt und wie dort alles blht und gedeiht. Unsere Helden sahen gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, ber den Tisch gebeugte Kpfe, breite Nacken, Frcke und Rcke von kleinstdtischem Schnitt, oder sogar eine ganz gewhnliche hellgraue Jacke, die recht stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die Schulter gebeugt, soda er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genu seines Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hrte man ein paar Worte oder kurze Stze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden: Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer werfen Sie den Deckel von dem Tintenfa weg; er gehrt doch dem Staat! Dazwischen hrte man eine majesttische Stimme, die ohne Zweifel einem Kanzleichef angehrte, gebieterisch rufen: Da, schreib das ab, sonst la ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, da du mir sechs Tage lang nichts zu essen kriegst! Das Gerusch vom Federgekritzel war sehr stark und erinnerte an den Lrm, den ein paar Fuhren mit Reisig verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fu hoch mit drren Blttern bedeckt sind. Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei jngere Beamten saen, und fragten diese: Bitte! Knnen Sie uns sagen, wo hier die Abteilung fr Kaufvertrge ist? Was wollen Sie? sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich umwandten. Ich habe ein Gesuch einzureichen! Haben Sie etwas gekauft? Ich mchte zuvor wissen, wo die Abteilung fr Kaufvertrge ist? Hier oder anderswo? Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden mssen. So geht es doch nicht! Tschitschikow merkte sogleich, da die Beamten einfach neugierig waren, wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und Bedeutung geben wollten. Hren Sie, meine verehrten Herren, sagte er, ich wei sehr gut, da alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufvertrge beziehen, in ein und dasselbe Ressort gehren, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen, wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen Rumen vorgeht, dann mssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen! Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte blo mit einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr sa, der damit beschftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war ganz in seine Ttigkeit versunken. Darf ich fragen, sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, ob dies die Abteilung fr Kaufvertrge ist? Der Alte sah auf und sagte gedehnt: Nein, hier ist keine Abteilung fr Kaufvertrge. Wo denn? Die ist in der Kontraktabteilung. Und wo ist die Kontraktabteilung? Bei Iwan Antonowitsch. Und wo ist Iwan Antonowitsch? Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder ber sein Papier und schrieb eifrig weiter. Darf ich fragen, ob dies die Abteilung fr Kaufvertrge ist, sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung. Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehrt zu haben, denn er war ganz in seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, da dies ein Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwtzer und Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts trat stark hervor und schien sich gewissermaen in der Nase konzentriert zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei uns gewhnlich als Kannenschnauze zu bezeichnen pflegt. Darf ich fragen, wo hier die Abteilung fr Kaufvertrge ist? wiederholte Tschitschikow. Hier, sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rssel ein wenig empor hob und sogleich wieder zu schreiben begann. Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er mu blo noch unterschrieben werden. Und sind die Verkufer zugegen? Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten. Haben Sie das Gesuch mitgebracht? Jawohl, ich habe es hier! Ich mchte gern ... Ich habe groe Eile ... Knnte ich die Sache nicht schon heute erledigen? Hm! Heute! Nein heute geht es nicht, sagte Iwan Antonowitsch. Man mu noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfndet sind. brigens ist Iwan Grigorowitsch, der Prsident, ein guter Freund von mir; da liee sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun. Es handelt sich hier doch nicht blo um Iwan Grigorowitsch; es sind doch noch andere da, sagte Iwan Antonowitsch mrrisch. Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: Die anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und kenne den Instanzenweg. Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch, sagte Iwan Antonowitsch etwas besnftigt. Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll es nicht liegen. Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu verstehen, da er das nicht wnsche! Der da wird Euch in die Kanzlei fhren! sagte Iwan Antonowitsch, indem er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern, welcher Themis mit solchem Eifer opferte, da seine beiden rmel an den Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Lchern hervorquoll, wofr er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, bernahm die Fhrerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnsthle standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Bchern der Prsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fhlte sich der neue Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, da er sich durchaus nicht entschlieen konnte, seinen Fu ber die Schwelle zu setzen. Er kehrte daher um, indem er den Freunden seinen Rcken zuwandte, welcher abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hhnerfeder klebte. Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, da der Prsident nicht allein war, neben ihm sa Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt wurde. Die Ankunft der Gste entlockte den Anwesenden ein paar freudige Rufe, und der Prsidentensessel wurde geruschvoll beiseite geschoben. Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen rmeln von allen Seiten sichtbar da. Der Prsident umarmte Tschitschikow, und das Amtszimmer hallte wieder von den Kssen der Freunde. Man erkundigte sich gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, da beide an Hexenschu litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs Konto setzte. Wie es schien war der Prsident von Sabakewitsch schon ber das Kaufgeschft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow aufs herzlichste, was unsern Helden zunchst ein wenig in Verlegenheit setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden Verkufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt hatte, sich nun Aug in Auge gegenberstanden. Er bedankte sich indessen beim Prsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte: Und wie befinden Sie sich? Gott sei Dank, ich kann nicht klagen, sagte Sabakewitsch, und in der Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher htte sich ein Stck Eisen erklten und den Husten bekommen knnen, als dieser wunderbar gebaute Gutsbesitzer. Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rhmen, sagte der Prsident. Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie. Ja, der ging auch allein auf die Brenjagd! antwortete Sabakewitsch. Mir scheint, Sie wrden es auch fertig bringen, einen Bren umzuschmeien, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten, meinte der Prsident. Nein, das bringe ich doch nicht fertig, antwortete Sabakewitsch. Mein seliger alter Herr war doch krftiger als ich, und er fuhr seufzend fort: Nein, heutzutage gibt's keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie z. B. gleich mein Leben. Was ist das fr ein Leben, nur so, so, lala ... Und warum ist Ihr Leben nicht schn? fragte der Prsident. Nein, schn kann man es wirklich nicht nennen, sagte Sabakewitsch kopfschttelnd. Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin schon in den Fnfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwr, oder einen Furunkel gehabt htte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch einmal rchen ... Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr melancholisch. Da dich der ...! dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der Prsident: Worber der nicht zu klagen hat! Ich habe auch einen Brief fr Sie, sagte Tschitschikow, whrend er Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog. Von wem? fragte der Prsident. Er nahm den Brief in Empfang, entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: Von Pljuschkin! Existiert der auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch fr ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ... Ein Schweinehund! sagte Sabakewitsch. So ein Schuft, der lt all seine Leute verhungern! Gern, mit Vergngen! rief der Prsident, nachdem er den Brief gelesen hatte, ich will ihn gerne vertreten! Wann wnschen Sie den Kauf abzuschlieen? Jetzt gleich oder etwas spter? Gleich! versetzte Tschitschikow: Ich mchte Sie sogar bitten, dafr zu sorgen, da es gleich _heute_ geschieht. Ich mchte nmlich schon morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich mitgebracht! Das ist alles sehr schn und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so frh knnen wir Sie unmglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschlieen mssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order erteilen, fuhr er fort, indem er die Tr der Kanzlei ffnete, welche ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen umschwrmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulssig ist: Ist Iwan Antonowitsch hier? Ja! Hier! antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers. Er soll herkommen! Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote Verbeugung. Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufvertrge und ... Iwan Grigorjewitsch! fiel hier Sabakewitsch ein, bitte vergessen Sie nicht, da wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine Arbeiten; einen greren Ruber wie den gibt's auf der Welt nicht wieder! Der Sanittsinspektor ist auch nicht sehr beschftigt, und ist wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt und Karten spielt; ach, und dann gibt's ja noch eine ganze Reihe von Leuten, die hier in der Nhe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin -- lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Miggang zur Last fallen! Richtig! Sehr richtig! sprach der Prsident, und schickte sofort einen Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen. Ich habe noch eine Bitte, sagte Tschitschikow: Schicken Sie doch bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich auch ein kleines Geschft abgeschlossen habe -- es ist der Sohn des Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen. Mit Vergngen, ich will ihn gleich holen lassen! sprach der Prsident: es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen. Hierauf gab er Iwan Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen schien. Die Vertrge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den Prsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, da die Kaufsumme nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten lang in die Augen und sagte schlielich: Sehen Sie wohl, Pawel Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht! Sehr richtig! antwortete Tschitschikow. Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl getan! Ja, jetzt sehe ich selbst, da ich nichts Besseres tun konnte. Mag es sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgltig fixiert, solange er nicht festen Fu auf dauerndem Grunde gefat hat, und noch irgend einem chimrischen Jugendideal der Freidenker nachjagt. Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte ber die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts wegen. Aber, was sehr merkwrdig war, es lag in seinen Worten noch immer eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen wollte: >Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!< Ja, er wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich frchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen. Aber seine Sorge war unntz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rhrte sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schnen Rede, schttelte blo den Kopf vor Vergngen, und geriet dabei in eine solche seelische Verzcktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu bemchtigen pflegt, wenn die Sngerin noch die Violine berbietet und einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine Vogelkehle nicht herauszubringen vermag. Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich gekauft haben? bemerkte Sabakewitsch. Und Sie, Iwan Grigorjewitsch? Fragen Sie denn garnicht, was fr einen Kauf er gemacht hat? Wten Sie nur, was fr prchtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft. Wahrhaftig? Nein? versetzte der Prsident. Ich kenne den Michejew; der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir denn nicht gesagt, da er gestorben ist? ... Wer? Michejew tot? fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen Augenblick die Fassung verlor. Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der fhlt sich noch wohler als frher. Vor kurzem hat er mir noch eine solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden. Ja, Michejew ist ein Meister, versetzte der Prsident, ich wundere mich eigentlich, da Sie sich so leicht von ihm trennen konnten. Ja, wenn's nur der eine Michejew wre! Stepan Probka, der Tischler, der Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow -- sie gehen alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft. Und als der Prsident fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter ntzliche Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen knne, antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgltige Handbewegung machte: Ich wei nicht, es ist mir mal so'ne dumme Idee in den Kopf gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab' sie dann dummer Weise wirklich verkauft! Hierauf lie er den Kopf hngen, wie wenn es ihn jetzt tatschlich reute, und er fgte hinzu: Da wird man alt und grau und wird doch nicht klger! Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch, sagte der Prsident. Wozu kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu Ansiedelungszwecken? Natrlich zu Ansiedelungszwecken! So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln? In dem .... Im Gouvernement Cherson. O, da gibt es ausgezeichneten Boden! sprach der Prsident, und er sprach sich sehr lobend ber die Hhe und Gte des dortigen Grases aus. Und haben Sie auch Land genug? Vollkommen genug -- genau soviel, als ich brauche, um die Bauern anzusiedeln. Gibt's dort auch einen Flu oder nur einen Teich? Einen Flu. brigens ist auch ein Teich da. Bei diesen Worten sah Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es Tschitschikow doch, als lse er in dessen Gesichte die Worte: Du schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, da dieser Teich und Flu und das ganze Land berhaupt existieren. Whrend die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmhlich die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanittskommission, ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Migang zur Last fallen. Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur den _Sohn_ des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine Unterschrift mit Auffhrung all seiner Titel und Wrden unter das Dokument, der eine in runder, der andre in schrger Schrift; bei einem dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren, oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in die Bcher und wohin sich's sonst noch gehrt, eingetragen, nachdem die ein halbes Prozent betragenden Gebhren und Spesen fr die Ankndigung im Amtsblatt erhoben worden waren, soda Tschitschikow nur eine Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Prsident gab sogar Order ihm nur die Hlfte von den Gebhren anzurechnen, whrend die andre Hlfte einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das fertig brachte, wei der liebe Himmel. Und nun, sagte der Prsident, nachdem alles glcklich erledigt war, htten wir das Geschft nur noch zu begieen. Mit Vergngen, sagte Tschitschikow. Ich berlasse es Ihnen, die Zeit zu bestimmen. Es wre eine Snde, wenn ich meinerseits mich weigern wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu lassen. Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst, sagte der Prsident; das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger Zauberknstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung vorbergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein glnzendes Frhstck da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser Gelegenheit knnen wir auch eine Partie Whist machen. Ein solch vernnftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen lief schon bei der bloen Erwhnung des Fischmarktes das Wasser im Munde zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mtze, und die Sitzung war zu Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch -- die Kannenschnauze -- mit einer hflichen Verbeugung zu Tschitschikow: Sie haben fr hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur fnfundzwanzig fr meine Mhe bekommen. Ja, was sind denn das fr Bauern, flsterte ihm Tschitschikow leise zu: lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die Hlfte wert. Iwan Antonowitsch begriff, da er einem Mann von festem Charakter gegenberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen wrde. Wieviel hat Ihnen Pljuschkin fr die Seele abgenommen? flsterte ihm Sabakewitsch ins andere Ohr. Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt? antwortete ihm Tschitschikow. Welchen Sperling? fragte Sabakewitsch. Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a geschrieben. Von diesem Sperling wei ich nichts, sagte Sabakewitsch und mischte sich unter die anderen Gste. Die Gste begaben sich schlielich _in corpore_ nach dem Hause des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatschlich ein Zauberknstler; kaum hatte er gehrt, worum es sich handelte, als er schon einen Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr flsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: Hast du verstanden?, und schon erschienen im andern Zimmer, whrend die Gste noch ihren Whist droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Stre, Hausen, gerucherter Lachs, frischer und gepreter Kaviar, Hering, Wels, allerhand Ksesorten, gerucherte Zunge -- dies wenigstens war das Menu, soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus dem eigenen Haushalt und der eigenen Kche stammten: eine Fischpastete, die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Strs gefllt war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig, Splittertrtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater und der Wohltter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Brger ganz wie im eigenen Familienkreise, und in den Lden oder auf dem Tuchmarkt wute er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war berhaupt, wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus dem ff heraus. Es wre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob _er_ fr sein _Amt_ oder sein _Amt_ fr _ihn_ geschaffen war. Er wute seinen Posten so gut auszufllen, da seine Einnahmen sich beinahe auf das Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgnger erhalten hatten, und doch war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schtzten ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und obwohl er sie tchtig bluten lie, machte er doch auch dies mit einer ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich auf die Schulter und lchelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein, lie sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus: wie die Geschfte gehen und wie es sonst stnde; wenn er erfuhr, da eins der Kinder krank sei, dann wute er gleich Rat und verschrieb ihm die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam er in seinem Wagen daher gefahren, um berall fr Ordnung zu sorgen, dann hatte er immer fr den einen oder andern das rechte Wort bereit: Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen. -- Freilich, Alexei Iwanowitsch, antwortet dieser und zieht die Mtze, freilich sollten wir! Hr doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu mir und sieh dir mein Rennpferd an; das luft noch schneller als das deine; la es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann wollen wir sehen! Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war, lchelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und sagte: Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch! Selbst die Ladendiener nahmen hierbei ihre Mtzen ab und sahen sich vergngt an, wie wenn sie sagen wollten: Alexei Antonowitsch ist doch ein prchtiger Mensch! Mit einem Wort, er war sehr populr, und die Kaufleute hatten eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: Alexei Antonowitsch nimmt zwar ein bissel viel, dafr hlt er aber auch sein Wort. Als der Polizeimeister sich berzeugte, da das Frhstck fertig sei, forderte er seine Gste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer Geruch bis in die Nebengemcher verbreitete. Dieser Geruch hatte die Nasen unserer Gste schon lngst in angenehmer Weise gekitzelt, und Sabakewitsch schielte fortwhrend durch die Tre nach dem Tisch, da er bereits von dem Str Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem groen Teller lag. Nachdem die Gste erst einen Likr von jener dunkelgrnen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in Ruland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte, indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter an den Kse heranmachte. Sabakewitsch wrdigte indessen all diese Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nchster Nachbarschaft vom Str ein; whrend jene aen, tranken und sich unterhielten, verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde vllig ein, und als der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: Und was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren! zugleich die andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den Str hintrat, da merkte er, da von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz brig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Str verarbeitet hatte, lie sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und a und trank von da ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glcklichen Ansiedlung. Dann trank man auf die Gesundheit seiner knftigen reizenden Ehehlfte, was unserm Helden ein freundliches Lcheln entlockte. Dann drngten sich alle um ihn und suchten ihn zu berreden, da er doch noch wenigstens zwei Wochen in der Stadt bleiben mge. Nein, Pawel Iwanowitsch! Das hiee ja die Wohnung kalt werden lassen: ber die Schwelle und gleich wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ihm eine Frau? Ja, ja, eine Frau! fiel der Prsident ein, struben Sie sich mit Hnden und Fen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da drfen Sie sich nicht beklagen, wir lieben nicht zu spaen! Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Hnden und Fen dagegen stemmen? Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, da man darber gleich ... Wenn nur eine Braut da wre. Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich alles finden, alles was Sie nur wollen. Nun, unter diesen Umstnden ... Bravo, er bleibt! schrieen alle: Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch, Hurrah! Und alle traten mit den Glsern in der Hand auf Tschitschikow zu, um mit ihm anzustoen. Tschitschikow stie mit allen an. Nein, noch einmal! sagten die Tollsten, und die Glser muten noch einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoen, und so machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle auerordentlich lustig. Der Prsident, welcher in angeheitertem Zustande ein uerst lieber Mensch war, schlo Tschitschikow mehrmals in seine Arme und stammelte im berma seines Gefhles: Mein liebes Herz, mein liebes Mamachen! Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte: Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk. Nach dem Sekt ging man zu den Ungarweinen ber, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich ber alle mglichen und unmglichen Dinge -- ber Politik, ja sogar ber militrische Fragen, man fhrte freie Reden, fr die ein jeder unter gewhnlichen Umstnden seine eigenen Kinder durchgeprgelt htte. Bei dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe hchst schwieriger Probleme zur Lsung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und heiter gefhlt, er kam sich tatschlich schon als Chersonscher Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glck und der Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen blinzelte, denn er sa in seinem Lehnstuhl und fhlte nach dem Str eine starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, da er sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er nicht einen Wagen bekommen knne und benutzte schlielich die Equipage des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt die Zgel in der einen Hand, whrend er die andere zurckstreckte, um den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten Backen und einem Grbchen auf der rechten Wange, von Chersonschen Gtern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar verschiedene Auftrge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und jeden einzeln aufrufen. Seliphan hrte lange schweigend zu und verlie dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: Geh, kleide den Herrn aus! Petruschka versuchte es zunchst, Tschitschikow die Stiefel auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen htte. Schlielich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie es sich gehrt, wlzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum, welches gewaltig krachte und chzte, und schlief tatschlich als Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und den preielbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus, hngte sie ber den hlzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so krftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbrste, da der ganze Korridor in eine Staubwolke gehllt zu sein schien. Als er die Kleider oben herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der soeben aus dem Stall zurckkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein Wort ber ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz gleichgltigen Gesprchen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen blo ber die Strae, bewegten sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenberlag, und traten durch eine niedrige rauchgeschwrzte Glastr, die in eine Art Kellerraum fhrte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand Leuten ihrer wartete: da gab's Rasierte und Unrasierte, Mnner mit Pelzen und ohne solche, im bloen Hemd und hie und da auch einen in einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, -- wei nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein schienen und sich gegenseitig auf jede Straenecke aufmerksam machten. Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwgend, wie er sich wohl am besten darin plazieren knnte, dann legte er sich quer darber, soda seine Fe den Fuboden berhrten. Seliphan stieg in dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er hatte ganz vergessen, da dies ja nicht seine eigentliche Schlafsttte, und da sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von gewaltiger Kraft und Strke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen Zephyrsuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemchtigte sich aller Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine groe Leidenschaft fr Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich bereits vier Paar Schuhe bestellt, und lie sich nun schon das fnfte Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu entschlieen: die Stiefel saen wirklich vorzglich und immer wieder hob er den Fu in die Hhe und betrachtete wohlgefllig den schneidigen, wunderbar geformten Absatz. Achtes Kapitel Tschitschikows Einkufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgesprches geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darber, ob es vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von diesen Debatten zeichneten sich durch Grndlichkeit und Sachlichkeit aus: Natrlich ist das so, sagten die einen, das lt sich nicht bestreiten, der Boden ist in den sdlichen Gouvernements wirklich gut und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser anfangen? da gibt's doch gar keine Flsse. -- Das wre noch nicht schlimm, da es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache. Man wei ja, wie so'n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfruliche Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben -- und dabei ist nichts da -- weder Haus noch Hof -- ich sag Ihnen, der luft davon, das ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an, macht da er fortkommt, dann knnen Sie lange suchen, bis Sie ihn finden! -- Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fhig und gewhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme Handschuhe, dann knnen Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen bis nach Kamtschatka, der luft ein bichen herum, bis er warm ist, nimmt die Axt und baut sich eine neue Htte. Aber lieber Iwan Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht bercksichtigt, was das fr Leute sind, die Tschitschikow da gekauft hat. Du vergit ganz, da ein Gutsbesitzer doch einen tchtigen Kerl nicht so leicht ziehen lt, ich mchte meinen Kopf dafr geben, da das lauter Sufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind. -- Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, da niemand einen tchtigen Kerl verkaufen wird, und da Tschitschikows Leute wahrscheinlich grtenteils Trinker sind, aber man mu doch beachten, da ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, knnen pltzlich brave und tchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch nicht der erste Przedenzfall in der Welt und in der Geschichte. Nie -- niemals, versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: glauben Sie mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden sich jetzt zwei mchtige Feinde erheben. Der eine Feind -- das ist die Nhe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite Feind -- das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den sich die Bauern durch die bersiedelung erwerben werden. Es mte denn sein, da Tschitschikow sie bestndig im Auge behlt und beaufsichtigt, er mte sie sehr streng behandeln, fr jede Kleinigkeit hart bestrafen und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst berall, wo es ntig ist, Pffe und Maulschellen austeilen. -- Wozu soll Tschitschikow denn die Pffe selbst austeilen? Dazu kann er sich doch einen Verwalter nehmen. -- Ja finden Sie geflligst einen guten Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken! -- Sie sind nur darum Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen. -- Das ist richtig, fielen hier viele ein. -- Wenn der Gutsherr nun selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt -- dann wird er immer einen tchtigen Verwalter finden. Aber der Direktor der Staatsfabriken wandte ein, fr weniger als 5000 Rubel knne man keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Prsident, man knne auch schon fr 3000 einen haben, worauf der Direktor erklrte: Wo wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie knnen ihn sich doch nicht aus der Nase ziehen? worauf der Prsident versetzte: Aus der Nase freilich nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nmlich Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn Tschitschikow fr seine Bauern braucht! Viele versuchten sich in Tschitschikows Lage zu versetzen, und die groe Schwierigkeit, eine solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfllte sie mit Angst und Besorgnis; jemand uerte sogar die Befrchtung, es knne noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern Tschitschikows es wren, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister, einen Aufruhr brauche man nicht zu befrchten; um dies zu verhindern, gebe es ja Gottlob eine Macht: nmlich den Kreisrichter; der Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut wrde schon gengen, um die Bauern zur Raison zu bringen, soda sie sich zerstreuen und ruhig nach Hause gehen wrden. Viele uerten ihre Ansichten und machten Vorschlge, wie der aufrhrerische Geist niederzuhalten sei, der Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darber gingen recht weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse militrische Strenge und berflssige Grausamkeit auszeichneten, und dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausstrmten. Der Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer heiligen Pflicht gegenber; er knne gewissermaen der Vater seiner Bauern werden, und, wie er sich auszudrcken beliebte, eine wohltuende Aufklrung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterlie er es nicht, sich hchst lobend ber die Lancastersche Methode des gegenseitigen Unterrichts zu uern. So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten Tschitschikow aus persnlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm gute Ratschlge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Fr die Ratschlge dankte Tschitschikow hflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte und erklrte, sie sei vollstndig berflssig; die von ihm gekauften Bauern htten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie wrden den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrten ihn sogar freudig. Von einem Aufruhr knne berhaupt nicht die Rede sein. All diese Gesprche und Unterhaltungen hatten indessen fr Tschitschikow die allergnstigsten Folgen, die er fr sich nur erhoffen konnte. Es verbreitete sich nmlich das Gercht, er sei nicht mehr und nicht weniger als ein Millionr. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz geschlossen. Nach diesen Gerchten aber gewannen sie ihn noch weit lieber. brigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave, gutmtige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf freundschaftlichem Fue miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: Lieber Freund, Ilja Iljitsch! Hr mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester! Du schwindelst, Mtterchen, Iwan Grigorowitsch! Zum Postmeister, der Iwan Andrejewitsch hie, pflegte man gewhnlich zu sagen: Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch? Mit einem Wort, es ging dort sehr familir zu. Viele waren nicht ganz ohne Bildung: der Gerichtsprsident kannte sogar die Ludmilla von Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so zum Beispiel den Vers: Es schlft der Wald, die Tler schlummern, ganz besonders schn aber klang das Wort hu in seinem Munde, soda man tatschlich zu sehen glaubte, wie die Tler schlummerten; um die hnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der Philosophie zu und las ganze Nchte hindurch sehr fleiig in Youngs Nchten, sowie im Schlssel zu den Geheimnissen der Natur von Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. brigens war er ein groer Witzbold, er hatte eine beraus blhende Sprache und liebte es, wie er sich selbst ausdrckte, seine Rede auszuschmcken. Und zwar schmckte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus, als da sind: Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, knnen Sie sich vorstellen, gewissermaen, sozusagen und andre mehr, mit denen er nur so um sich warf; ferner schmckte er seine Reden noch recht geschickt durch ein verstndnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die brigen Herren waren meist recht gebildete und aufgeklrte Leute: der eine las Karamsin, der andre die Moskauer Nachrichten und ein dritter las sogar berhaupt _nichts_. Der eine war was man eine Schlafmtze zu nennen pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen krftigen Rippensto geben mu, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Brenhaut lag und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wre, ihn berhaupt aufzurtteln, da er ja doch nicht aufgestanden wre. Was ihr ueres anbelangt, so waren sie natrlich alle hbsche, stattliche, vertraueneinflende Leute -- einen Schwindschtigen gab es unter ihnen nicht. Sie gehrten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in zrtlichen Schferstndchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein Schnudelchen, mein Tnnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde gewissermaen einer der ihren. -- Dies traf aber noch mehr auf Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz, da er garnicht wute, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er hrte immer nur: Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch -- mit einem Worte, er wurde geradezu auf Hnden getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber unvergleichlich viel strker und bedeutender, ja hchst erstaunlich und wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um das einigermaen verstndlich zu machen, mten wir eigentlich mancherlei ber die Damen selbst sagen, ber ihre Gesellschaften usw., mten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer. Einerseits hlt ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt N. waren ... nein es geht unmglich: tatschlich, ich habe Angst. -- Was an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen wre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern berlassen mssen, der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns darauf beschrnken mssen, zwei, drei Worte ber ihr ueres und das, was gewissermaen mehr an der Oberflche liegt, zu sagen. Die Damen der Stadt N. waren das, was man prsentabel nennt, und in dieser Beziehung drften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen, was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlnge voraus. Sie kleideten sich mit groem Geschmack, fuhren in schnen Equipagen durch die Stadt: wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem Karo-A stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem groe Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer Visitenkarte ganz auseinander -- eine von ihnen hatte es nmlich unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich ihre Mnner und Verwandten nachher bemhten, sie wieder zu vershnen, es war vergebens -- es stellte sich vielmehr heraus, da alles auf der Welt mglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu vershnen, die sich wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen verharrten also in gegenseitiger Abneigung, wie sich die Gesellschaft der Stadt ausdrckte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebhre, gab es auch eine Menge uerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals hchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschtzerrolle entstehen lieen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natrlich nicht, weil sie alle Zivilbeamte waren; dafr aber suchten sie einander etwas am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umstnden weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der Stadt N. sehr streng und voll edler Entrstung gegen alle Laster und Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwche, wo sie nur eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam, was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im Geheimen ab, und niemand lie sich merken, was eigentlich vorgegangen war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig vorbereitet, soda er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder davon hrte, kurz und bndig antworten konnte: Was ich nicht wei, macht mich nicht hei, wie das Sprichwort sagt. Hier mu noch erwhnt werden, da die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger Gefhrtinnen stets einer groen Vorsicht und eines sicheren Taktes in Worten und Ausdrcken befleiigten. Niemals hrte man sie sagen: Ich habe mich geschneuzt. Ich schwitze. Ich habe ausgespuckt, sondern sie drckten sich stattdessen folgendermaen aus: Ich habe mir die Nase geputzt oder Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht. Unter keinen Umstnden aber durfte man sagen: Dieses Glas oder dieser Teller stinkt. Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man whlte stattdessen einen Ausdruck wie den folgenden: Dieses Glas benimmt sich nicht gut oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu veredeln, wurde nahezu die Hlfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Franzsischen nehmen mute. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Franzsischen waren noch ganz andere, weit krftigere Worte gestattet als die oben erwhnten. Das also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflchlich gesprochen, sagen lt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte, so wrden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr gefhrlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der Oberflche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwrdigerweise nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natrlich, was seine angenehmen und weltmnnischen Umgangsformen anbelangt, volle Gerechtigkeit widerfahren lieen. Aber seitdem sich das Gercht von seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. brigens waren unsere Damen keineswegs eigenntzig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort Millionr -- nicht der Millionr selbst, sondern eben das Wort allein schuld; denn in dem bloen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionr hat den Vorzug, da er die ganz uneigenntzige Niedertracht, die reine Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht, vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, da sie nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf haben, und doch laufen sie vor ihm her, lcheln ihm freundlich zu, nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem Mittagessen, an dem der Millionr teilnehmen wird. Man kann nicht sagen, da diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darber zu reden, da Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schnheit, aber doch ein stattlicher Mann sei, wie er sein soll, und da er schon nicht mehr so hbsch wre, wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wre. Bei dieser Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte ber die dnnen Mnner: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Mnner. An den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergnzungen wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein groes Gedrnge, man schob und stie sich dort geradezu. Es war die reinste Kirme. Soviel Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie sahen, da ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden knnen, eine gesuchte Ware wurden und reienden Absatz fanden. Whrend des Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, da er die ganze Kirche einnahm, und da der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen mute, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurckzuziehen, um das Kleid der Gndigen nicht zu beschdigen. Auch Tschitschikow mute schlielich etwas von der ungewhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die ihm gezollt wurde. Als er eines schnen Tages zu sich nach Hause kam, fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es lie sich durchaus nicht herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der Kellner erzhlte, der berbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar folgendermaen: Nein, ich mu dir schreiben! Dann war davon die Rede, da es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand ihre Bekrftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen, welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, da wir es fast fr unsere Pflicht halten, sie hier anzufhren: Was ist unser Leben? -- Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben. Was ist die Welt? -- Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet. Hierauf erwhnte die Schreiberin, da sie die Briefe ihrer zrtlichen Mutter, welche seit fnfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei, mit Trnen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wste zu folgen und die Stadt fr immer zu verlassen, wo die Menschen in der Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende des Briefes strmte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende Zeilen bildeten den Abschlu: Zwei Turteltubchen bringen Dich flugs zum Grabesstein, Sie werden girren und singen Dir von meiner Todespein. In der letzten Zeile war zwar das Versma nicht ganz in Ordnung, aber das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit. Auch fehlte die Unterschrift, der Vor- und Familienname, selbst Datum und Jahreszahl fehlten. In einem Postskriptum hie es blo, Tschitschikows eigenes Herz msse die Schreiberin des Briefes erraten, und auf dem Ball des Gouverneurs, der morgen stattfinde, werde das Original persnlich zugegen sein. Das war alles sehr interessant. In der Anonymitt lag soviel Reiz und Lockung, soviel was die Neugierde herausforderte, da Tschitschikow den Brief noch ein zweites und drittes Mal berlas und schlielich ausrief: Es wre doch hchst interessant, zu erfahren, wer eigentlich die Schreiberin ist! Mit einem Wort, die Sache begann ersichtlich eine ernste Wendung zu nehmen; mehr als eine Stunde sann er ber sein seltsames Abenteuer nach, dann machte er eine nachlssige Gebrde, lie den Kopf herabsinken und murmelte: Der Brief hat doch etwas auerordentlich Geziertes! Hierauf wurde der Bogen, wie sich das von selbst versteht, sorgfltig zusammengefaltet und in die Schatulle gelegt, wo er in nchster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel und einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun schon sieben Jahre unberhrt auf demselben Flecke lag. Bald darauf brachte man ihm tatschlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur. Das ist in Provinzstdten etwas sehr Gewhnliches: wo es einen Gouverneur gibt, da mu es auch Blle geben, sonst knnte es der Adel leicht an der gebhrenden Liebe und Achtung fehlen lassen. Er lie nun sofort alles nicht zur Sache Gehrige liegen und machte sich davon frei, um sich voll und ganz den Vorbereitungen zum Balle zu widmen; denn dazu gab's so manchen Sporn und Stachel. Dafr ist aber wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel Zeit und Sorgfalt auf die Toilette verwendet worden. Die Besichtigung und Prfung des eigenen Angesichts vor dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in Anspruch. Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und Skala verschiedenartigster Ausdrcke zu verleihen: bald sollte es Ernst und Wrde, bald eine gewisse durch ein Lcheln gemilderte Achtung, bald wieder nur Achtung ohne jedes Lcheln widerspiegeln; dann verbeugte er sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von einigen unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige hnlichkeit mit franzsischen Worten hatten, obwohl Tschitschikow absolut kein Franzsisch verstand. Hierbei bereitete er sich selbst eine Menge hchst angenehmer berraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen und den Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein paar Mal hin und her; du lieber Gott, was macht man nicht alles, wenn man mit sich allein und sich bewut ist, da man ein schner Mann ist, und noch dazu die sichere berzeugung hat, da niemand durch das Schlsselloch guckt. Endlich kraute er sich noch ein bichen am Kinn und sagte: Ei, ei, du kleiner Bullenbeier! und begann sich anzuziehen. Whrend dieses Prozesses befand er sich die ganze Zeit ber in der glcklichsten Stimmung: wenn er die Hosentrger anlegte, oder sich den Schlips umband, machte er Kratzfe, anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, obwohl er nie tanzen gelernt hatte. Dieser Luftsprung hatte nun allerdings einige Folgen, die brigens recht harmloser Natur waren: die Kommode fing an zu zittern, und die Kleiderbrste fiel vom Tisch herunter. Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz auerordentlichen Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm entgegen -- der eine hatte noch ein Spiel Karten in der Hand, ein anderer brach das Gesprch am interessantesten Punkte ab, als er gerade sagte: Und denken Sie, hierauf erwiderte das Kreisgericht ... Was das Kreisgericht eigentlich erwiderte, fhrte er gar nicht mehr aus, und strmte auf unseren Helden los, um ihn zu begren: Pawel Iwanowitsch! O, mein Gott, Pawel Iwanowitsch! Lieber Pawel Iwanowitsch! Verehrtester Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch, Herzchen! Da sind Sie ja Pawel Iwanowitsch! Da ist er, _unser_ Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie sich umarmen, Pawel Iwanowitsch! Her mit ihm, seien Sie recht herzlich gekt, mein teurer Pawel Iwanowitsch! Tschitschikow fhlte, wie er fast gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte noch nicht Zeit, sich aus der Umarmung des Gerichtsprsidenten zu befreien, als ihn schon der Polizeimeister in _seine_ Arme schlo, dieser gab ihn an den Inspektor des Sanittswesens weiter, der Inspektor an den Branntweinpchter, der Branntweinpchter an den Stadtbaumeister .... Der Gouverneur, der whrenddessen mit ein paar Damen zusammenstand und in der einen Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern ein Bologneserhndchen hielt, lie, als er Tschitschikow erblickte, beides -- Zettel und Hndchen -- auf den Boden fallen, soda das Hndchen laut aufheulte ... mit einem Wort, der Ankmmling verbreitete Heiterkeit und Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das nicht vor Vergngen strahlte, oder doch wenigstens etwas von der allgemeinen Freude widerspiegelte. So glnzen die Gesichter der Beamten whrend des Besuchs ihres Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden Ressorts zu inspizieren; nachdem der erste Schreck vorber ist, bemerken sie, da manches seinen Beifall findet, ja da er sich sogar leutselig zu einem kleinen Scherz herablt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm dazu lchelt -- und nun lachen die ihn umringenden, ihm zunchst stehenden Beamten doppelt herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die gesprochenen Worte kaum gehrt und noch weniger verstanden haben, ja selbst der weit abseits an der Tr stehende Polizist, der noch nie in seinem Leben gelacht, und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat -- selbst er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion und der Nachahmung sein Gesicht zu einem Lcheln, welches aber so wenig hnlichkeit mit einem Lcheln hat, da man eher meinen knnte, er habe eine starke Prise genommen und msse nun niesen. Unser Held beglckte alle und jeden einzelnen mit einer Antwort und fhlte sich ganz auergewhnlich leicht und sicher: er verneigte sich nach rechts und nach links, und zwar etwas seitwrts, wie das seine Gewohnheit war, aber doch so ungezwungen, da er alle Anwesenden entzckte. Die Damen umringten ihn sogleich wie eine glnzende Girlande und hllten ihn in eine Wolke von Wohlgerchen aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die andere brachte den Duft von Veilchen und Frhling mit, die dritte strmte einen starken Resedaduft aus. Tschitschikow hob blo die Nase und zog den sen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten sie unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, Atlas- und Tllstoffe waren von einer so modernen Blsse und Mattigkeit, da es schwer wre, auch nur einen Namen fr jede Nuance zu finden -- eine solche Hhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier erreicht! Schleifen, Bnder und Blumenstrue umflatterten die Kleider in malerischer Unordnung, obwohl an dieser Unordnung manch ordentlicher Kopf sich viele Stunden abgemht hatte. Der leichte Kopfputz ruhte allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: Halt! Ich fliege fort! Schade nur, da ich meine Schne nicht mit mir forttragen kann! Sie hatten alle stark und eng geschnrte Taillen, welche dem Auge feste und angenehme Formen darboten. (Bei dieser Gelegenheit mu ich erwhnen, da alle Damen der Stadt N. sich durch eine gewisse Flle auszeichneten, aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnren und hatten dabei so angenehme Umgangsformen, da man es ihnen garnicht anmerkte, da sie dick waren). Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht und Ueberlegung: der Hals und die Schultern waren nur gerade so weit entblt, als es unumgnglich notwendig war, auch nicht um einen Zoll weiter: eine jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als nach ihrem eigenen Gefhl und ihrer berzeugung ntig war, um einen Mann zugrunde zu richten; der Rest war mit groem Takt und Geschmack verhllt und zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, das noch leichter und luftiger war, als jenes Gebck, welches unter dem Namen Baiser oder Kuß« bekannt ist, schlang sich therisch um den Hals, oder es ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand aus feinem Battist hervor, die man bei uns zu Lande Sittenschild zu nennen pflegt. Diese Spitzenwand bedeckte vorn und hinten all das, was zwar keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber den Argwohn rege hielt, da gerade hier das eigentliche Verderben lauere. Lange Handschuhe, die nicht ganz bis zu den rmeln reichten, lieen die reizenden Teile des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei vielen eine beneidenswerte Flle erkennen lieen; bei manchen waren die Glachandschuhe sogar geplatzt, da sie zu hoch hinaufgeschoben waren -- mit einem Wort, es war so, als ob ein jedes Ding htte sagen wollen: Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris! Nur hie und da guckte pltzlich eine Haube, wie noch nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine Pfauenfeder, oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. Aber ohne das geht es halt nicht ab -- das ist nun einmal die Eigentmlichkeit einer Provinzstadt: es gibt immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle fllt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte sich: Welche ist denn nun aber die Verfasserin des Briefes? Er versuchte es, einen Augenblick seine Nase hervorzustrecken; aber da stie er mit ihr gegen eine ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlgen, rmeln, Schleifen, duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde Galoppade jagte wie toll an ihm vorber: die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit einer blauen Feder, eine Dame mit einer weien Feder, der Georgische Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus Petersburg, ein Beamter aus Moskau, ein Franzose namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr Berebendowski -- dies alles wuchs pltzlich vor ihm aus der Erde und strmte davon .... Da haben wir die Provinz! murmelte Tschitschikow, indem er zurckwich. Aber als sich dann die Damen auf ihre Pltze begaben, fing er wieder an, auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts und der Augen erkennen knne, welche die Verfasserin des Briefes sei; allein weder die Gesichter noch die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte sei. berall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum Merkliches, unendlich Feines -- oh! wie Feines ...! Nein, sagte Tschitschikow zu sich selbst: Die Frau -- das ist ein Objekt -- hierbei machte er eine sprechende Handbewegung -- darber ist berhaupt kein Wort zu verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu erzhlen oder wiederzugeben, was ber ihr Gesicht huscht, all diese Schlangenwindungen und dies Wellengekrusel ... das lt sich eben garnicht ausdrcken! Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses Reich, wenn sich da ein Mensch hinein verirrt, dann ist er verloren! Da holt ihn kein Haken und keine Winde wieder heraus. Versuch' doch mal einer ihren Glanz zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersen Glanz ... Gott allein wei, was es nicht alles fr Arten solchen Glanzes gibt: einen harten und weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich ausdrcken, >wonnetrunkenen< Glanz und dann wieder einen ohne Trunkenheit, der aber noch weit gefhrlicher ist -- der einen nur so beim Herzen packt und wie mit dem Fidelbogen ber die Seele fhrt. Nein, da findet man kein Wort dafr: Es ist halt die >jalante< Hlfte des Menschengeschlechts und weiter nichts! Oh weh! Ich frchte, unserem Held entschlpfte ein Wort, das er von der Strae her kannte. Aber was soll ich tun? Das ist nun einmal das Los des Schriftstellers in Ruland! Aber selbst wenn ein Wort von der Strae in dies Buch hineingetragen wre, so ist das nicht die Schuld des Schriftstellers, sondern die der Leser und vor allem der Leser aus den besseren Gesellschaftskreisen: sie sind die ersten, von denen man kein anstndiges russisches Wort zu hren bekommt, sie beglcken euch mit deutschen, franzsischen und englischen Reden in solchem berma, da man gern darauf verzichten wrde, und selbst mit Beibehaltung und Wahrung jeder nur mglichen Aussprache: sprechen das Franzsisch durch die Nase oder schnarren es, reden englisch wie irgend ein Vogel es nicht besser fertig brchte, ja sie machen ein richtiges Vogelgesicht dazu und lachen einen noch aus, wenn man ihnen dies nicht nachmachen kann. Das einzige, was sie sorgfltig vermeiden, ist alles Russische -- hchstens lassen sie sich auf dem Lande eine Villa in russischem Stile bauen. So sind nun mal die Leser aus den hheren Stnden, und alle, die sich selbst zu den hheren Stnden rechnen! Aber andererseits wieder: welche Strenge, welche Ansprche! Sie wollen durchaus, da alles in einem absolut korrekten, reinen und edlen Stile abgefat werde -- wollen mit einem Wort, da die russische Sprache wie von selbst, ganz reif und fertig aus den Wolken herabfalle und sich ihnen auf die Zunge setze, soda sie nur den Mund zu ffnen und ihr freien Lauf zu lassen brauchen. Die weibliche Hlfte des Menschengeschlechts ist freilich hchst rtselhaft; aber ich mu gestehen, die verehrten Herren Leser sind mir oft noch weit rtselhafter. Unterdessen wurde Tschitschikows Ratlosigkeit immer grer, wie er die Verfasserin des Briefes unter allen anwesenden Damen herauserkennen sollte. Er machte noch einen Versuch, jede einzelne von den Damen mit forschendem Blick zu mustern und bemerkte, da in den Augen der holden Weiblichkeit ein Etwas aufblitzte, was Hoffnung und se Qual ins Herz des armen Sterblichen einziehen lie, soda er schlielich ausrief: Nein, es ist vergebens, ich errate es doch nicht! Das hatte indessen nicht den geringsten Einflu auf seine gute Laune, die ihn die ganze Zeit ber nicht verlie. In seiner galanten ungezwungenen Art wechselte er ein paar liebenswrdige Worte mit einigen Damen, ging mit schnellen kleinen Schritten bald auf die eine und bald auf die andere zu, wie das jene alten Gecken auf hohen Abstzen, welche man in Ruland Musehengste nennt, zu tun pflegen, die sich gewandt und leicht um die Damen herumbewegen. Wenn er sich schnell und sicher zwischen den einzelnen Menschengruppen durchgewunden hatte, machte er einen Kratzfu und schlug dabei mit dem Fchen ein wenig aus, was gewissermaen die Bedeutung eines Schnrkels oder eines Hkchens am Namenszug hatte. Die Damen waren sehr glcklich und befriedigt und entdeckten an ihm nicht nur einen ganzen Haufen von angenehmen und liebenswrdigen Seiten, sondern fanden sogar etwas Majesttisches, Kriegerisches und Martialisches im Ausdruck seines Gesichts, was den Frauen bekanntlich sehr gefllt. Ja man htte sich seinetwegen beinahe ein wenig gezankt: es war bald von vielen bemerkt worden, da Tschitschikow meist in der Nhe der Tre stand, und nun suchte alles die der Tre zunchstehenden Sthle zu besetzen, und als hierbei eine der Damen einer andern zuvorkam, htte es beinahe einen unangenehmen Auftritt gegeben, wobei viele, die es selbst gern ebenso gemacht htten, hchst emprt ber diese Unverfrorenheit und Taktlosigkeit waren. Tschitschikow verwickelte sich bald in eine lebhafte Unterhaltung mit den Damen, oder wurde vielmehr von diesen in eine lebhafte Unterhaltung verwickelt, wobei er von ihnen mit einer wahren Flle hchst feiner und geistreicher allegorischer Bemerkungen berschttet wurde, die alle gedeutet und entrtselt werden muten, so da ihm der Schwei auf die Stirn trat, und er sogar die vornehmste Anstandsregel zu erfllen verga: nmlich der Frau des Hauses seine Aufwartung zu machen. Er erinnerte sich erst daran, als er dicht neben sich die Stimme der Frau Gouverneurin vernahm, die ihm schon einige Minuten lang gegenberstand. Die Gouverneurin schttelte freundlich den Kopf und sagte in zrtlichem und etwas schelmischem Tone zu ihm: So sind Sie also, Pawel Iwanowitsch! ... Ich kann die Rede der Gouverneurin hier nicht genau reproduzieren, ich wei nur, da sie ihm einige uerst freundliche und liebenswrdige Worte sagte, in der Art, wie sich die Damen und Kavaliere in den Romanen und Erzhlungen unserer vornehmsten Schriftsteller auszudrcken pflegen, die mit besonderer Vorliebe das Leben in unseren Salons beschreiben und bei dieser Gelegenheit merken lassen, da sie groe Kenner des feinen Tones sind: sie sagte etwa: Hat man sich bereits so sehr Ihres Herzens bemchtigt, da darin gar kein Pltzchen, ja nicht einmal ein kleiner Winkel fr die brig geblieben ist, die Sie in so hartherziger Weise vergessen konnten? Unser Held wandte sich sogleich an die Gouverneurin und war schon im Begriff, ihr mit einer Antwort aufzuwarten, die sicherlich nicht schlechter gewesen wre, als die, welche wir in unseren modernen Romanen und Novellen von den Swonskijs, Linskis, Lidins, Gremins und andern weltmnnisch-gewandten Militrpersonen hren knnen, als er unwillkrlich die Augen aufschlug und pltzlich wie vom Schlage gerhrt stehen blieb. Vor ihm stand die Gouverneurin, aber nicht allein: sie hielt ein sechzehnjhriges junges Mdchen am Arm, eine frische Blondine, mit feinen regelmigen Zgen, spitzem Kinn und schn gerundetem Oval des Gesichts, das wohl einem Knstler als Modell zu einer Madonna htte dienen knnen, wie man es in Ruland nur selten findet, wo alle Dinge mehr ins Weite schweifen: Berge und Wlder, Steppen, Gesichter, Lippen und Fe -- es war dieselbe Blondine, welcher er unterwegs begegnet war, als er von Nosdrjow kam, und als ihre Wagen durch die Dummheit der Kutscher oder der Pferde auf so seltsame Weise zusammenstieen und mit ihrem Geschirr in einander gerieten, und als Onkel Mitjai und Onkel Minai den Knoten der Verwirrung lsen wollten. Tschitschikow wurde so verlegen, da er kein vernnftiges Wort ber die Lippen bringen konnte und einen so tollen Bldsinn herausstotterte, wie ihn allerdings weder Gremin noch Swonskij noch Lidin jemals vom Stapel gelassen htten. Kennen Sie meine Tochter noch nicht? sagte die Gouverneurin. Sie hat soeben das Pensionat verlassen. Er erwiderte, er habe bereits das Vergngen gehabt, ganz unerwartet ihre Bekanntschaft zu machen; dann wollte er noch etwas hinzufgen, aber das miglckte ihm vollstndig. Nachdem die Gouverneurin noch ein paar Worte gesagt hatte, entfernte sie sich mit ihrer Tochter nach dem andern Ende des Saals, um sich den andern Gsten zu widmen, und lie Tschitschikow wie angewurzelt stehen. Lange noch stand er auf demselben Fleck wie ein Mensch, welcher heiter auf die Strae hinaustritt, um einen Spaziergang zu machen, dessen Augen jedem Eindruck der Umgebung offen stehen, und der pltzlich stehen bleibt, weil er sich erinnert, da er noch etwas vergessen hat; man kann sich berhaupt nichts Unbehilflicheres vorstellen, als solch einen Menschen: Mit einem Schlage ist die unbesorgte Miene von seinem Gesichte verschwunden. Mhsam sucht er sich zu erinnern, was er denn eigentlich vergessen hat: das Taschentuch? Aber das Taschentuch steckt in der Tasche! Sein Geld? Aber auch das Geld ist da! Nichts scheint zu fehlen, und doch raunt ihm ein unbekannter Dmon ins Ohr, er habe dennoch etwas vergessen. Verwirrt und kopflos blickt er auf die vorberwogende Menge, die vorbeijagenden Equipagen, auf die Helme und Gewehre der Soldaten, die Aushngeschilder usw. und doch kommt ihm nichts klar zu Bewutsein. So auch wurde Tschitschikow allem entfremdet, was um ihn her vor sich ging. Unterdessen flogen ihm von duftigen Frauenlippen mancherlei Fragen und Anspielungen zu, die Feinheit und Zrtlichkeit atmeten. Drften wir armen Erdenbewohner uns wohl erkhnen, Sie zu fragen, worber Sie nachsinnen? -- Wo liegen die seligen Gefilde, wo Ihr Gedanke weilt? -- Kann man den Namen derjenigen erfahren, die Sie in dieses holde Tal der Trume gelockt hat? Aber er beachtete keine dieser Fragen, und die freundlichen Worte waren wie in den Wind gesprochen, ja er war so unliebenswrdig, da er die Damen ruhig stehen lie und sich nach der andern Seite des Saales begab, um auszusphen, wohin die Gouverneurin mit ihrer Tochter entschwunden war. Aber die Damen wollten ihn doch nicht so leichten Kaufes davonkommen lassen -- eine jede von ihnen war innerlich fest entschlossen, keins von jenen Mitteln, die unsern Herzen so gefhrlich werden und keinen ihrer strksten Reize unbenutzt zu lassen. Hier mu ich einschalten, da einige Damen, ich sage einige und keineswegs alle -- an einer kleinen Schwche leiden: wenn sie etwas Reizvolles an sich bemerken, sei es nun die Stirn, der Mund oder die Hnde -- dann denken sie gleich, dieser hchste Vorzug msse auch allen anderen sofort auffallen, soda alle wie ein Mann ausrufen sollten: Seht, seht doch nur, was sie fr eine herrliche griechische Nase hat! oder Welch eine entzckende regelmige Stirn! Hat aber gar eine schne Schultern, dann ist sie im voraus berzeugt, da alle jungen Leute von ihrem Anblick ganz benommen sind und unbedingt ausrufen werden, wenn sie vorbergeht: Nein, was hat sie fr herrliche Schultern! whrend sie Gesicht, Haare, Augen und Stirne keines Blickes wrdigen, und wenn sie doch hinsehen, diese Dinge als etwas ganz Nebenschliches behandeln werden. Wie gesagt, so denken einzelne unter den Damen. Diesen Abend aber hatte sich eine jede geschworen, beim Tanz so entzckend wie mglich zu erscheinen und die Vorzge ihrer grten Reize in vollem Glanze erstrahlen zu lassen. Die Frau Postmeisterin lie, whrend sie sich nach den Klngen eines Walzers drehte, ihr Kpfchen so matt und mde auf die Schulter sinken, da man sich wirklich in eine hhere Welt versetzt glaubte. Eine uerst liebenswrdige Dame, welche garnicht in der Absicht zu tanzen auf den Ball gekommen war, und bei der sich eine kleine Unannehmlichkeit oder Inkommoditt, wie sie sich selbst ausdrckte, in Form eines Hhnerauges von der Gre einer Erbse auf dem rechten groen Zeh eingestellt hatte, soda sie sogar Plschstiefel hatte anziehen mssen, -- selbst diese litt es nicht auf ihrem Platze, und auch sie machte einige Walzertouren in ihren Plschstiefeln, nur damit der Postmeisterin ihre Triumphe nicht allzusehr zu Kopfe stiegen. Aber dies alles bte nicht die gewnschte Wirkung auf Tschitschikow; er blickte kaum hin auf die Pas und Figuren, welche die Damen ausfhrten, sondern erhob sich nur immer auf den Zehenspitzen, um ber die Kpfe hinweg auszuschauen, wo sich die interessante Blondine gerade befand; bald hockte er wieder ein wenig nieder, um zwischen Schultern und Armen etwas von ihr zu erhaschen; und jetzt endlich hatte er gefunden, er sah sie neben der Mutter sitzen, ber deren Haupt sich majesttisch eine Art orientalischer Turban mit einer Feder schaukelte. Fast schien es, als wolle er die Festung im Sturme nehmen. War es die Frhlingsstimmung, die so stark auf ihn wirkte, oder gab es jemand, der ihn von hinten stie? Genug, er drngte sich entschlossen und unter Miachtung aller Hindernisse bis zu ihnen durch: der Branntweinpchter erhielt von ihm einen Rippensto, da er sich nur mit Not auf einem Beine zu erhalten vermochte, was noch ein Glck war, da er sonst den ganzen Reigen bei seinem Falle in Mitleidenschaft gezogen htte; auch der Postmeister sprang zurck und sah ihn mit Staunen an, in das sich etwas wie feine Ironie mischte; aber Tschitschikow wrdigte sie keines Blickes: er hatte fr nichts ein Auge, als fr die ferne Blondine, die gerade im Begriff war, einen langen Handschuh anzuziehen und sicherlich vor Verlangen brannte ber das Parkett dahinzuschweben. Whrenddessen holzten in der andern Ecke schon vier Paare eine Mazurka ab: die Abstze zerstieen fast den Boden, und ein Hauptmann der Armee arbeitete mit Leib und Seele, Hnden und Fen, indem er sich in solchen Figuren produzierte, wie sie die lebhafteste Phantasie sich nicht htte trumen lassen. Tschitschikow scho fast ber die Fe der Tnzer hinweg geradenwegs auf den Platz zu, wo die Gouverneurin mit ihrer Tochter sa. Allein, er nherte sich ihnen doch nur sehr zaghaft und trippelte nicht so forsch und keck mit den Fen, ja er wurde sogar etwas verlegen und in all seinen Bewegungen kam eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck. Es lt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in unserm Helden sich wirklich etwas wie Liebe regte; es ist sogar zweifelhaft, ob Mnner wie er, oder solche, die nicht gerade dick, aber doch auch nicht allzu dnn sind, berhaupt der Liebe fhig sind; und doch spielte sich hier etwas so Seltsames ab, da er es sich selbst nicht erklren konnte: es kam ihm so vor, wie er es nachher selbst eingestand, als ob der ganze Ball mit all seinem Rausch und Trubel auf einige Augenblicke wie in weite Ferne gerckt sei, die Geigen und Trompeten schienen wie hinter den Bergen zu verhallen, und alles lag wie im Nebel gehllt da, der einem nachlssig hingemalten Felde auf einem Gemlde glich. Und von dem Hintergrunde dieses trben, nachlssig auf die Leinwand geworfenen Feldes hoben sich allein die feinen Zge der entzckenden jungen Blondine scharf und deutlich ab: das reizende Oval ihres Gesichtes, ihre schlanke elastische Gestalt, wie man sie nur bei einem jungen Mdchen trifft, das eben aus dem Pensionate kommt, ihr beinahe schlichtes weies Kleid, welches sich frei und leicht an die zarten jungen Glieder schmiegte, und berall die herrlichen reinen Linien erkennen lie. So glich sie einem wunderbaren, kunstvoll geschnitzten Spielzeug aus Elfenbein; sie allein leuchtete schneewei, klar und hell aus der trben dunkelen Masse hervor. Es ist wohl nicht anders auf dieser Welt; offenbar werden auch die Tschitschikows einmal in ihrem Leben, wenn auch nur fr einen kurzen Augenblick, zu Dichtern; doch das Wort _Dichter_ ist ein wenig bertrieben. Wenigstens kam er sich in diesem Moment ganz wie ein junger Mann oder gar wie ein fescher Husar vor. Sowie ein Stuhl neben der Schnen frei wurde, nahm er sofort auf ihm Platz. Das Gesprch wollte zuerst nicht recht vom Flecke kommen, aber nach einiger Zeit kam es in Flu, er bekam sogar Mut, aber .... Hier mu ich zu meinem groen Bedauern bemerken, da ltere, wrdige Leute, die wichtige mter im Staate bekleiden, gerade in der Unterhaltung mit Damen ein bichen schwerfllig werden; so richtig raus haben das nur die Leutnants, dagegen gilt dies nicht mehr fr die hheren Offiziere, vom Hauptmann aufwrts. Wie sie das anfangen, das wei der liebe Gott: es sind doch wahrhaftig keine abgrundtiefen Dinge, die sie da vorbringen, aber die jungen Mdchen schtteln sich auf ihren Sthlen vor Lachen; dagegen kann euch ein Staatsrat die wundersamsten Dinge erzhlen: sich etwa darber verbreiten, da Ruland ein gewaltiges Reich ist, oder ein Kompliment vom Stapel lassen, das natrlich nicht ohne Geist ist, aber dies alles schmeckt doch zu sehr nach Bcherweisheit, und wenn er etwas Komisches sagt, dann lacht er sicherlich unvergleichlich viel mehr darber, als seine Dame. Ich mache diese Bemerkung an dieser Stelle, damit die Leser verstehen, warum unsere Blondine whrend der Erzhlungen unseres Helden zu ghnen begann. Unser Held aber schien das garnicht zu bemerken und fuhr fort all die schnen Dinge auszukramen, die er schon mehrfach und bei verschiedenen Gelegenheiten zum Besten gegeben hatte, und zwar: im Gouvernement Simbirsk bei Sophron Iwanowitsch Bespetschny, in Gegenwart von dessen Tochter Adelheide Sophronowna und drei Schwgerinnen: Marha Gawrilowna, Alexandra Gawrilowna und Adelheid Gawrilowna; ferner bei Fjoder Fjodorowitsch Perekrojew im Gouvernement Rjasan; bei Frol Wossiljewitsch Pobedonski im Gouvernement Pensa und bei dessen Bruder Pjotr Wassiljewitsch, in Gegenwart von dessen Schwgerin Katarina Michailowna und deren Enkelkindern: Rosa Fjodorowna und Emilia Fjodorowna; und endlich im Gouvernement Wjatka bei Pjotr Waronowjewitsch in Gegenwart der Schwester seiner Schwiegertochter Pelageja Jegorowna und seiner Nichte Sofja Rostislawna und deren beiden Stiefschwestern Sofja Alexandrowna und Maklatura Alexandrowna. Tschitschikows Benehmen erregte das Mifallen aller Damen. Eine von ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, um ihm dies zu verstehen zu geben, und streifte die Blondine sogar etwas nachlssig mit der breiten Schleppe ihres Kleides, whrend sie den Shawl, der um ihre Schultern flatterte, so dirigierte, da sie die junge Dame mit dem Zipfel gerade ins Gesicht traf; um dieselbe Zeit entfloh dem Munde einer anderen Dame hinter Tschitschikows Rcken zugleich mit dem Veilchengeruch der von ihr ausstrmte, eine recht boshafte und bissige Bemerkung. Aber sei es nun, da er in der Tat nichts davon gehrt hatte, sei es, da er blo so tat, als ob er nichts hre, genug, seine Handlungsweise war in diesem Falle nicht sehr korrekt und schn, denn man soll etwas auf die Meinung der Damen geben: er sollte seinen Fehler bereuen, aber leider erst nachher, als es schon zu spt war. Eine wirklich berechtigte Emprung malte sich in vielen Zgen. So gro auch Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft war, so sehr man davon berzeugt war, da er Millionr sei, und obwohl sein Gesicht einen majesttischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, -- es gibt Dinge, welche die Damen keinem Manne verzeihen, er mag sein, wer er will, und sein Untergang ist besiegelt. Es gibt Flle, wo die Frau, so charakterschwach sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, pltzlich nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der _Mann_, sondern _als alles in der Welt_. Die Miachtung, die Tschitschikow, ohne es eigentlich selbst zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, fhrte wieder zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall mit dem Stuhl beinahe in die Brche gegangen wre. In den von ihm leicht hingeworfenen ganz unwichtigen und belanglosen Reden entdeckte man pltzlich boshafte und spitzige Anspielungen. Um das Unglck zu vollenden, hatte noch ein junger Mann ein paar satirische Strophen auf die Tnzer gedichtet, ohne das es bekanntlich bei Bllen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die Emprung wurde immer grer, die Damen standen in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen und tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche uerungen ber ihn fielen; die arme Blondine aber ward vollkommen vernichtet, ihr Todesurteil war unterschrieben. Inzwischen wartete unseres Helden eine hchst peinliche berraschung; whrend seine junge Nachbarin ghnte, und er ihr allerhand Geschichten aus den entferntesten Zeitluften erzhlte, und sogar den griechischen Philosophen Diogenes erwhnte, erschien pltzlich Nosdrjow auf der Bildflche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer in den Saal trat. Kam er aus dem Restaurationsraum oder war er aus dem kleinen grnen Zimmer entsprungen, wo nicht blo Whist, sondern weit weniger harmlose Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stcken, oder war er herausgeschmissen worden, genug, er trat pltzlich frhlich und sehr aufgerumt in den Saal, den Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine ganze Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte seine Stirne und schaute nach allen Seiten aus, wahrscheinlich weil er darber nachsann, wie er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter befreien knne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unertrglich. Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee -- natrlich nicht ohne Rumzusatz heruntergeschlrft und sich Mut getrunken. Jetzt log er wieder, da sich die Balken bogen. Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschlo er sich sogar ein Opfer zu bringen, das heit seinen angenehmen Platz zu verlassen, und sich so schnell als mglich zu entfernen: denn er versprach sich nichts Gutes von dieser Begegnung. Aber wie zum Trotz tauchte pltzlich der Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine groe Freude darber auszudrcken, da er Pawel Iwanowitsch endlich gefunden habe, und hielt ihn fest, indem er ihn bat, Schiedsrichter in einem kleinen Streit mit zwei Damen zu sein; man konnte sich nmlich nicht darber einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; jetzt aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging geradewegs auf ihn zu: Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner Gutsbesitzer! schrie er, whrend er nher kam und so laut lachte, da seine frischen Backen, die so rot waren wie Frhjahrsrosen, nur so zitterten: Nun? Hast du viel Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz! schrie er aus vollem Halse, indem er sich an den Gouverneur wandte, er handelt mit toten Seelen! Bei Gott! Hr mal Tschitschikow! Hr doch, ich sag dir's in aller Freundschaft, wir sind doch hier unter lauter Freunden, da ist ja auch Seine Exzellenz, ich wrde dich hngen lassen, bei Gott, ich lasse dich hngen! Tschitschikow wute nicht mehr, wie ihm wurde. Sie werden mir's nicht glauben, Exzellenz! fuhr Nosdrjow fort: wie er mir sagte: >Hr mal, verkauf mir doch deine toten Seelen,< da bin ich fast geplatzt vor Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da sagt man mir, er habe drei Millionen Bauern gekauft, die er zur Kolonisation verwenden will, schne Kolonisation das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hr mal Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Da ist ja auch seine Exzellenz, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so verlegen und verwirrt, da sie gar keine Antwort fanden; unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der ein wenig angeheitert war, ohne auf irgend jemand Rcksicht zu nehmen, in seiner Rede fort: Ja, ja mein Bester ... ich lasse dich nicht eher los, als bist du mir sagst, wozu du die toten Seelen gekauft hast. Hr mal, Tschitschikow, du solltest dich schmen; du weit ja selbst, da du keinen besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja auch Seine Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Sie werden es nicht glauben, Exzellenz, wie wir aneinander hngen, tatschlich, wenn Sie mich fragten -- hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: >Nosdrjow, sag mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, dein eigener Vater oder Tschitschikow!< so mte ich sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ... Herzchen komm la mich dir einen Ku, einen Baiser geben. Sie werden wohl erlauben, da ich ihn ksse, Exzellenz. Strube dich doch nicht Tschitschikow, la mich dir doch ein Baiserchen auf deine schneeweie Wange drcken! Aber Nosdrjow kam mit seinem Baiser so bel an, da er beinahe auf den Boden geflogen wre. Alle zogen sich von ihm zurck und hrten nicht mehr auf ihn. Allein seine Worte von dem Kauf der toten Seelen waren doch so laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von einem so schallenden Gelchter begleitet worden, da sie selbst die Aufmerksamkeit _der_ Gste auf sich lenkten, die sich in den entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese Nachricht klang so seltsam, da alle starr und stumm, mit einem halb fragenden, halb trichten Ausdruck auf dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte, wie mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten und sich boshaft und gehssig zulchelten, und er glaubte in manchen Gesichtern etwas ganz Eigentmliches und Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine Verlegenheit noch verstrkte. Da Nosdrjow ein Erzlgner und Schwindler war, das wute jedermann, und es wre keinem Menschen aufgefallen, wenn er etwas ganz Unsinniges und Trichtes von ihm gehrt htte; aber der sterbliche Mensch ist -- nein, es ist wirklich schwer zu verstehen, wie dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen ist; so albern und lppisch eine Neuigkeit auch sein mag, wenn es nur eine _Neuigkeit_ ist, so wird er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn auch nur um zu sagen: Was sie da wieder fr ein Lgenmrchen verbreiten! Und der andre Sterbliche wird hchst vergngt die Ohren spitzen, wenn er auch spter sagen wird: Aber das ist doch eine gemeine Lge, der man gar keine Beachtung schenken sollte! Und gleich darauf wird er sich aufmachen und sich einen dritten Sterblichen suchen, um ihm die Geschichte zu erzhlen und dann mit ihm zusammen in edler Emprung auszurufen: Was fr eine gemeine Lge! Und so wird das Gercht die Runde durch die ganze Stadt machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer da sind, werden solange ber die Sache sprechen, bis sie sie satt kriegen, und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht wert, da man ber sie rede. Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose Begebenheit hatte unseren Helden indessen merklich verstimmt. So dumm und albern auch die Reden eines Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen klugen Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fhlte sich pltzlich sehr unbehaglich und peinlich berhrt, wie wenn er mit einem schngeputzten Stiefel in eine schmutzige, stinkende Pftze getreten wre; mit einem Wort, es war nicht schn, garnicht schn! Er versuchte es, nicht daran zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, setzte sich sogar an den Whisttisch, aber es ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal spielte er die falsche Farbe aus, er verga sogar einmal, da er eine Karte nicht stechen durfte, holte mit der Hand aus und bertrumpfte seine eigene Karte. Der Gerichtsprsident konnte es durchaus nicht verstehen, wie es blo mglich war, da Pawel Iwanowitsch, der ein so guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, sich solche Schnitzer zuschulden kommen und sogar seinen Pique-Knig bertrumpfen lassen konnte, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den lieben Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natrlich machten sich der Postmeister, der Gerichtsprsident und sogar der Polizeimeister, wie das zu geschehen pflegt, ein wenig ber unsern Helden lustig und neckten ihn damit, da er wohl gar verliebt sei und da Pawel Iwanowitsch, wie sie ja wten, ein leicht entzndliches Herz habe. Auch sei es ihnen bekannt, wer es verwundet htte. Aber dieses war kein Trost fr ihn, so sehr er es auch versuchte, zu lcheln und die Scherze mit Scherzen zu beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht gelingen, sich so recht zur Geltung zu bringen, obwohl die Tischgesellschaft sehr angenehm war und trotzdem man Nosdrjow schon lngst hinausbefrdert hatte, weil selbst die Damen schlielich anerkennen muten, da sein Benehmen gar zu skandals war. Whrend des Kotillons hatte er nmlich ganz pltzlich auf dem Parkett Platz genommen und die Tnzer bei den Frackschen gepackt, was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz unmgliches Betragen war. Das Abendessen war sehr lustig: Alle Gesichter, die zwischen den dreiarmigen Leuchtern, Blumen, Flaschen und Schsseln mit Konfekt hindurchschimmerten, glnzten vor eitel Freude und Befriedigung. Die Offiziere, die Damen und die befrackten Herren -- flossen alle ber vor Liebenswrdigkeit bis zum berdru. Ein Oberst berreichte sogar seiner Dame die Saucenschssel, indem er sie auf der nackten Degenspitze balancierte. Die lteren Herren, in deren Mitte auch Tschitschikow sa, debattierten eifrig, und jedes treffende Wort wurde von einem kernhaften Bissen Fisch oder Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man stritt gerade ber die Gegenstnde, fr die sich Tschitschikow immer lebhaft interessiert hatte, und doch glich er heute Abend einem Menschen, der mde und zerschlagen von einem langen Wege heimgekehrt ist, dessen Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das Ende des Soupers ab, und fuhr viel frher nach Hause, als dies sonst seine Gewohnheit war. Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, mit der Kommode, die vor der Tre stand, und den hie und da aus den Ecken herausguckenden Schwabenkfern, wollten indessen sein Geist und seine Gedanken ebenso wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige Lehnstuhl, in dem er sa. Es war ihm sehr schwer ums Herz. Eine lastende Leere qulte ihn: Wenn doch alle die Menschen, welche diese Blle erfunden haben, der Teufel holte! rief er wtend. Welchen Anla haben sie nur, so zu jubeln? In der Provinz herrschen Miernte, Teuerung und Hungersnot, und sie geben Blle! Auch was Rechtes: hllen sich da in alte Weiberlappen. Denken Wunder was sie sind, wenn sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe tragen! Das mu doch schlielich der Bauer mit seiner Steuer bezahlen, und am Ende fllt es gar auf unsereinen zurck. Man wei doch, weswegen die Herren so heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer Frau einen teuren Shawl, Roben und wei der Teufel wie sie es sonst noch nennen zu kaufen! Und wozu das alles? Damit nur ja keins von diesen liederlichen Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe ein besseres Kleid angehabt, -- deswegen schmeit man tausend Rubel aus dem Fenster. Da schreit man: ein Ball, ein Ball, wie amsant! Ich mache mir einen Dreck aus so 'nem Ball, das entspricht dem russischen Wesen gar nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. Pfui Teufel noch einmal: kommt da pltzlich ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen Frack wie ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt mit den Beinen hin und her. Und ein anderer steht wohl gar mit einem andern zusammen, unterhlt sich mit ihm ber eine ernste Angelegenheit und fhrt rechts und links allerlei Arabesken auf dem Fuboden aus ... Das ist alles nichts wie Nachfferei; nichts wie Nachfferei. Weil der Franzose mit vierzig Jahren noch gerad so ein Kind ist, wie mit fnfzehn, darum mssen wir's auch so machen! Nein wirklich, nach jedem Ball ist mir zumute als htte ich irgendein Verbrechen begangen, man mchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf ist einem so leer wie nach einem Gesprch mit einem vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was vor, berhrt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, was er sich aus Bchern zusammengerafft hat; das klingt alles sehr schn und nett, und doch ist einem der Kopf grad so leer, wie vordem; so da man schlielich berzeugt ist, da eine Unterhaltung mit einem einfachen Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschft, es dafr aber auch grndlich und aus dem ff kennt, mehr wert ist als all diese Kinkerlitzchen. Was hat man nun von solch einem Ball? Wenn es zum Beispiel einem Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern, genau so wie sie sich abgespielt hat? Sie wrde sich doch in einem Buche genau so tricht und albern ausnehmen wie in Natur. Man wei wirklich nicht, wie sie wirken wrde: sittlich oder unsittlich? Wei der Teufel, was das ist. Man wrde nur ausspucken und das Buch zuklappen! So unfreundlich uerte sich Tschitschikow ber die Blle im allgemeinen; aber ich glaube, sein Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was ihn am meisten rgerte, war in Wahrheit garnicht der Ball, sondern der Umstand, da er hereingefallen, pltzlich vor allen Leuten in Gott wei was fr einem Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und hchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn er das Vorgefallene mit dem Auge eines vernnftigen Menschen berschaute, sah er, da das alles nur Kleinigkeiten waren, und da ein trichtes Wort gar nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache bereits glcklich vollendet und erledigt war. Aber -- so seltsam ist nun einmal der Mensch: was ihn so tief betrbte, war dies, da er sich die Zuneigung derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst nicht achtete, ber die er so hart urteilte und die er wegen ihrer Eitelkeit und Putzsucht so scharf getadelt hatte. Das rgerte ihn um so mehr, als er sich bei genauerer Prfung eingestehen mute, da er selbst einige Schuld daran trug. Trotzdem zrnte er sich selber nicht im geringsten und darin hatte er natrlich recht. Wir leiden alle an dieser kleinen Schwche, da wir uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend einen von unseren Nchsten aussuchen, an dem wir unseren rger auslassen knnen, entweder einen Diener oder einen von unseren Untergebenen, der uns gerade in den Weg luft, oder unsere Frau, oder endlich gar einen Stuhl, den wir gegen die Tre oder wei der Teufel wohin schleudern, soda ein Bein oder die Lehne bricht, damit die Herrschaften unseren Zorn einmal grndlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow bald einen Nchsten, der alles auf seinen Schultern davon tragen mute, was ihm sein Zorn eingab. Dieser liebe Nchste war Nosdrjow, und es lt sich nicht leugnen, da er so krftig von hinten und vorne und von allen Seiten vermbelt wurde, wie hchstens noch irgend ein Spitzbube von einem Dorfschulzen oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umstnden auch von einem General vermbelt wird, welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten, die er ihm an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist entspringen. Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde hergenommen, und vielen Mitgliedern seiner Familie in aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt. Aber whrend Tschitschikow so von trben Gedanken geplagt, schlaflos in seinem harten Lehnstuhle sa und Nosdrjow samt seiner ganzen Familie tchtig durchhechelte, whrend das Talglicht langsam niederbrannte, dessen Docht schon ellenlang verkohlt war, soda die Kerze jede Minute zu verlschen drohte, whrend undurchdringliche nchtliche Finsternis durchs Fenster blickte, und bei der nahenden Morgenrte schon im Begriff war, in blaue Dmmerung umzuschlagen, whrend sich in der Ferne ab und zu ein paar Hhne ihren Weckruf zukrhten, und irgendwo ein Unglcklicher von unbekanntem Stand und Herkommen in einfachem Wollmantel heimlich durch die stillen Straen der verschlafenen Stadt schlich, er, der nur den einen (leider nur den einen!) von dem unbndigen russischen Volke ausgetretenen Weg kennt -- spielte sich am andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher die peinliche Lage unseres Helden noch verschlimmern sollte. Durch die entlegenen Straen und Gchen rasselte nmlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefhrt, fr welches nicht gleich ein Name zu finden wre. Es hatte weder hnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch mit einer Kutsche, noch mit einer Equipage, sondern glich eher einer pausbckigen, dickbauchigen Wassermelone, die man auf ein paar Rder gestellt hatte. Die Backen dieser Wassermelone, d. h. die Wagentren, welche noch Spuren von gelber Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht wegen des blen Zustandes, in dem sich die Klinken und Schlsser befanden, die nur notdrftig mit ein paar Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone war mit Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen oder gewhnliche Kissen aussahen, und mit Scken voll Getreide, Semmeln, Wecken und Bretzeln aus gebrhtem Teig angefllt. -- Oben guckten sogar eine Hhner- und eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten Jacke. Sie war unrasiert, und ihre Haare begannen schon zu ergrauen. Mit einem Wort, es war die bekannte Figur, die bei uns zu Lande Bursch genannt zu werden pflegt. Der Lrm und das Gerassel der eisernen Klammern und rostigen Schrauben weckten den Wchter am andern Ende der Stadt, soda er seine Hellebarde aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle: Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, da niemand da war, und nur ein starkes Rasseln aus der Ferne herber tnte, machte er sich flugs daran ein Tierchen, das auf seinem Kragen sa, zu fangen, worauf er sich der Laterne nherte, um hier eigenhndig das Todesurteil auf seinem Nagel zu vollstrecken. Dann lie er die Hellebarde wieder aus der Hand sinken, um nach den Satzungen seines Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde stolperten ber ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und weil sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht gengend kannten. Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, indem sie aus einer Strae in die andere einbog, und nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse an der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorber, um vor dem Hause der Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus dem Wagen kroch ein Mdchen in einem Flausrock und einem Tuch um den Kopf, und hmmerte mit beiden Fusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. (Der Bursche in dem gesprenkelten Rock wurde erst nachher an den Fen von seinem Standort heruntergezogen, denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die Hunde fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit ffnete sich auch das Tor und verschlang, wenn auch nicht ohne Mhe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen rollte in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und in dem sich mehrere Hhnerstlle und andere Stlle befanden; zuletzt stieg noch eine Dame aus dem Wagen; dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretrin Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise unseres Helden in groe Unruhe und Aufregung darber geraten, da sie von ihm betrogen sein knnte, und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nchten endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl die Pferde nicht beschlagen waren, um dort Erkundigungen darber einzuziehen, welchen Kurs die toten Seelen htten, und ob es nicht am Ende eine groe Torheit war, als sie sich berreden lie, sie so billig zu verkaufen. Was ihre Ankunft fr Folgen hatte, kann der Leser aus einer Unterhaltung entnehmen, welche bald darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese Unterhaltung .... doch diese Unterhaltung mag lieber im nchsten Kapitel stattfinden. Neuntes Kapitel. Eines Morgens, noch vor der Stunde, wo in der Stadt N. die Besuchszeit beginnt, flatterte aus der Tre eines orangefarbenen, hlzernen Hauses mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Sulen, eine Dame in einem eleganten gestreiften Kleidchen heraus, begleitet von einem Lakai in einem Mantel mit mehreren Kragen und einem runden glnzenden Hut mit goldenen Tressen. Die Dame hpfte eilig die steile Treppe hinab, um gleich darauf in dem vor der Tre haltenden Wagen zu verschwinden. Der Lakai warf sogleich die Wagentre zu, sprang auf das Trittbrett und schrie dem Kutscher Vorwrts! zu. Die Dame brachte eine Neuigkeit mit, die sie soeben erfahren hatte, und sprte ein schier unberwindliches Verlangen, sie auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden Augenblick aus dem Fenster und mute sich zu ihrem unendlichen rger berzeugen, da sie kaum mehr als die Hlfte des Weges zurckgelegt hatte. Jedes Haus kam ihr heute lnger vor als gewhnlich, das armselige Asyl fr alte Frauen mit seinen schmalen Fenstern schien gar kein Ende nehmen zu wollen, so da die Dame es schlielich nicht mehr aushielt und ausrief: Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer nicht zu Ende! Der Kutscher hatte schon zweimal den Befehl erhalten, sich doch zu beeilen: Schneller, schneller, Andrjuschka! Du fhrst ja heute unertrglich langsam! Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche hielt vor einem einstckigen hlzernen Haus von dunkelgrauer Farbe mit weien Basreliefs ber den Fenstern, vor denen sich ein hohes Holzgitter befand; ein schmaler Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter standen ein paar magere Bumchen, die bestndig mit Straenstaub bedeckt waren und daher ganz wei aussahen. An den Fenstern sah man einige Blumentpfe, einen Papagei, der sich in seinem Kfig schaukelte, indem er sich mit seinem Schnabel an ein Stbchen anhakte, und zwei Hndchen, die in der Sonne schliefen. In diesem Hause wohnte eine treue und aufrichtige Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor ist in groer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen soll und zwar so, da ihm niemand deswegen zrne, wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend einen Familiennamen erfinden -- das wre zu gefhrlich. Was er auch fr einen Namen whlen wrde -- es wrde sich ganz sicher in irgend einem Winkel unseres Landes -- gro genug ist es dazu -- jemand finden, der denselben Namen trgt, ihm ganz ernstlich bse sein, sein Todfeind werden und sagen wrde, der Autor sei allein deswegen hingereist, um im geheimen zu erforschen und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich sei, in was fr einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher Frau Agrafena Iwanowna er verkehre, und was seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne ihn bei seinem Rang und Titel -- so begibst du dich in eine noch grere Gefahr. Gott behte! Heutzutage sind alle Berufe und Stnde bei uns so empfindlich geworden, da sie alles, was sie in einem Buche gedruckt lesen, sofort fr eine persnliche Beleidigung halten: das liegt nun mal so in der Luft. Man braucht nur zu erklren: in der und der Stadt gebe es einen dummen Kerl -- sofort ist's eine persnliche Beleidigung: im Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr wrdigem ueren und schreit einen an: Ich bin doch auch ein Mensch, also bin ich wohl dumm? Mit einem Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich handelt. Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen Eventualitten aus dem Wege zu gehen, _die_ Dame, welche den Besuch erhielt, so nennen, wie sie fast einstimmig von der ganzen Stadt N. genannt wurde: nmlich: die _in jeder Beziehung angenehme_ Dame. Diesen Namen hatte sie von Rechts wegen erhalten, denn sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut, um im hchsten Grade angenehm und liebenswrdig zu erscheinen, obwohl freilich aus ihrer Liebenswrdigkeit oft die ganze Schlauheit und Gewandtheit des weiblichen Charakters hervorblickte, und in manch einem ihrer stets angenehmen Worte eine ganz gefhrliche Spitze verborgen lag! Garnicht erst davon zu reden, was fr ein Grimm gegen jede in ihrem Herzen kochte, die es gewagt htte, auf irgend eine Weise in eine erste Stellung einzurcken. Aber dies alles kleidete sich in das Gewand feinster weltmnnischer Formen, wie man sie nur in einer Provinzstadt finden kann. Jede ihrer Bewegungen war geschmackvoll, sie schwrmte sehr fr lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr Kpfchen trumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, mit einem Wort, alle waren einverstanden, da sie wirklich eine _in jeder Beziehung angenehme Dame_ sei. Die andre Dame, das heit jene, welche soeben angekommen war, hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, und daher wollen wir sie _blo die angenehme Dame_ nennen. Ihre Ankunft weckte die Hndchen, welche sich auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adle, die sich bestndig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rden Potpourri, der zwei Paar uerst dnne Beinchen hatte. Beide strzten mit geringelten Schwnzen und unter lebhaftem Gebell ins Vorzimmer, wo die neuangekommene Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, mit einer langen Boa um den Hals dastand. Ein intensiver Jasmingeruch verbreitete sich durch das ganze Zimmer. Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame von der Ankunft der blo angenehmen Dame erfahren, als auch sie schon ins Vorzimmer gelaufen kam. Beide Freundinnen ergriffen sich bei der Hand, kten sich und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mdchen, die sich bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat wieder treffen, bevor noch die beiden Mtter ihnen klar gemacht haben, da der Vater der einen rmer und kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. Sie kten sich so laut, da beide Hndchen wieder zu bellen begannen, wofr sie einen sanften Schlag mit dem Tuche erhielten, -- und beide Damen begaben sich in den natrlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa, ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, um die sich Efeu rankte; nach ihnen kam die zottige Adle und der groe Potpourri mit den langen Beinen knurrend ins Zimmer gelaufen. Hierher, hierher, in dieses Eckchen! sagte die Hausfrau, indem sie den Gast in einer Ecke des Sofas Platz nehmen lie. So ist's schn, so ist's recht! Da haben Sie auch ein Kissen! Mit diesen Worten schob sie jener ein schn gesticktes Kissen in den Rcken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern dar, wie sie gewhnlich auf Tlle gestickt werden: seine Nase hatte groe hnlichkeit mit einer Treppe und die Lippen waren viereckig. Wie froh ich bin, da Sie ... Ich hre jemand vorfahren und denke mir, wer knnte das wohl sein, schon so frh? Parascha meinte, es sei die Frau Vizegouverneur, und ich sage noch zu ihr: sollte die dumme Person schon wieder gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte mich schon verleugnen lassen ... Die andre Dame war schon im Begriff zur Sache zu kommen und ihre Neuigkeit auszukramen, aber ein Ausruf, den die in jeder Beziehung angenehme Dame in diesem Augenblick tat, gab dem Gesprch eine ganz neue Wendung. Was fr ein hbscher heller Kattunstoff! rief die in jeder Beziehung angenehme Dame, whrend sie das Kleid der blo angenehmen Dame aufmerksam musterte. Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja Fjodorowna findet aber, da es hbscher aussehen wrde, wenn die Karos noch etwas kleiner und die Pnktchen nicht braun, sondern blau wren. Ich habe meiner Schwester einen Stoff geschickt; der ist so entzckend! ich kann's gar nicht sagen! Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf blauem Grunde, so schmal wie man sich's berhaupt nur vorstellen kann und zwischen zwei Streifen immer uglein und Pftchen, uglein und Pftchen .... Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, etwas Schneres hat es noch nie auf der Welt gegeben. Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt. Oh nein! Gar nicht bunt! Oh doch! Viel zu bunt! Hier mu ich einschalten, da die in jeder Beziehung angenehme Dame in gewissem Sinne Materialistin war, eine starke Neigung zur Negation und zum Zweifel hatte und sehr vieles an diesem Leben verneinte. Jetzt aber erklrte die blo angenehme Dame, da es durchaus nicht zu bunt sei, und rief: Ach ja, ich gratuliere, man trgt keine Faltenbestze mehr! Wieso trgt man keine mehr? Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen! Ach! Festons sind doch aber nicht hbsch! Ja man trgt nur noch Festons, nichts wie Festons. Pelerinen aus Festons, auf den rmeln Festons, Aufstze aus Festons, unten Festons, mit einem Wort berall Festons. Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons sind nicht hbsch! Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, ganz entzckend, man nht sie so: erst faltet man sie zweimal, lt einen breiten Schlitz und oben ... Aber warten Sie, jetzt mu ich Ihnen etwas erzhlen, worber Sie sich wundern werden und sagen werden, da ... Ja wundern Sie sich nur: die Taillen werden jetzt viel lnger getragen, vorn laufen sie ein wenig spitz aus und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifrcken, und sogar hinten ein wenig wattiert, ganz _ la belle femme_. Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das mu ich denn doch sagen! rief die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, machte eine emprte Kopfbewegung und richtete sich im Gefhl ihrer Wrde stolz auf. Sehr richtig, das geht zu weit, das mu ich auch sagen! antwortete die blo angenehme Dame. Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, aber da tue ich nicht mit! Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, was nicht alles Mode wird ... da hrt doch alles auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt gebeten, blo so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie ist eben am Nhen. Was, Sie haben den Schnitt? rief die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, nicht ohne da man ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt htte. Natrlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht! Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen heilig ist! Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna versprochen. Vielleicht nach ihr? Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja Iwanowna schon getragen hat? Ich fnde das sehr merkwrdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer nchsten Freundin vorzgen! Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades? Ach, was ist das fr eine Tante. Sie sind doch nur durch Ihren Mann mit ihr verwandt ... Nein, Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hren -- Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon satt bekommen und wollen die Bekanntschaft mit mir abbrechen ... Die arme Sofja Iwanowna wute garnicht, was sie anfangen sollte. Sie merkte sehr gut, in welch ein Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von der Wichtigtuerei! Sie htte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln zerstechen mgen. Nun, und was macht unser Galan? fuhr jetzt die in jeder Beziehung angenehme Dame fort. Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze Zeit ber mit Ihnen zusammen. Eine schne Geschichte! Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich Ihnen fr eine Neuigkeit mitgebracht habe? Hier ging ihr der Atem aus, ein ganzer Schwall von Worten drngte sich ihr auf die Zunge wie eine Schar von Habichten, die wie ein Sturmwind dahinjagen und sich in schnellem Fluge zu berholen streben. Es gehrte schon die ganze unmenschliche Hrte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin dazu, um ihr an dieser Stelle ins Wort zu fallen. Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, soviel Sie wollen, sagte sie mit einer ungewhnlichen Lebhaftigkeit. -- Und ich sage Ihnen -- ich will es ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein nichtswrdiger Mensch; ein _nichts_wrdiger, nichts_wrdiger_ Mensch! Ja aber hren Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen habe! Da redet alle Welt davon, da er schn sei, und dabei ist er nichts weniger als schn, nichts weniger -- seine Nase -- er hat eine geradezu widerwrtige Nase. Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzhlen, Herzchen, Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzhlen. Das ist ja eine ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte >B kon apell istoar<, sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster Verzweiflung und mit flehender Stimme. -- Es ist vielleicht nicht berflssig, bei dieser Gelegenheit zu erwhnen, da beide Damen sehr viel fremde Worte und sogar lange franzsische Phrasen in ihr Gesprch einflochten. Aber so gro die Ehrfurcht ist, die der Verfasser fr die franzsische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie fr unser Vaterland hat, so gro seine Achtung vor jener lblichen Sitte unserer besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten, natrlich nur aus innigster Liebe fr ihr Vaterland, zu ihrer Verstndigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht ber sich gewinnen, einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort. Was fr eine Geschichte? Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich blo vorstellen knnten, in was fr einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie blo zu ihm? Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur? Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wre noch nicht das schlimmste! Nein, hren Sie blo, was die Frau Oberpfarrer mir erzhlt hat! >Denken Sie sich,< sagte sie, >kommt da pltzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka bleich wie der Tod zu mir gestrzt und erzhlt mir, nein, Sie glauben garnicht, was die mir erzhlt hat. Hren Sie doch nur, was die mir erzhlt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, whrend im Hause schon alles schlief, hrt sie pltzlich einen Hllenlrm, wie man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans Tor geklopft, und sie hrt eine menschliche Stimme rufen: >Macht auf! Macht auf! Sonst sto ich das Tor ein ...< Nun, wie gefllt Ihnen das? Was sagen Sie blo zu unserm Galan? Ja, ist denn die Karobotschka jung und hbsch? Ach, was! Eine alte Schachtel! Das sind aber schne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben! Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie vermuten. Denken Sie sich, pltzlich steht er bis an die Zhne bewaffnet vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brllt sie an: >Verkaufe mir die Seelen derer, die gestorben sind,< sagte er. Die Karobotschka antwortet natrlich ganz vernnftig: >Ich kann sie nicht verkaufen; sie sind doch schon tot.< -- >Nein,< ruft er, >sie sind nicht tot. Das ist meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,< sagte er. >Sie sind nicht tot, sind nicht tot!< schreit er. >Sie sind nicht tot!< Mit einem Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf luft zusammen, die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den andern, kurz: ein Orrrrr, Orrrrr, Orrrrr! Sie knnen sich garnicht vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies alles hrte. >Liebe gndige Frau,< sagt meine Maschka zu mir. >Besehen Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!< >Ach, jetzt ist mir nicht darum zu tun,< sage ich, >ich mu schnell zu Anna Grigorjewna hinfahren und es ihr erzhlen.< Ich lasse sofort anspannen. Mein Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blde ins Gesicht. Ich glaube wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrckt geworden. Ach, Anna Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen knnten, wie mich das aufgeregt hat! Hm! Das ist sehr merkwrdig! sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame. Was hat das wohl zu bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich mu gestehen, von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts. Jetzt hre ich bereits zum zweiten Male von diesen toten Seelen. Und da behauptet mein Mann, da Nosdrjow lgt! Irgend etwas steckt sicher dahinter! Nein, aber denken Sie sich blo in meine Lage hinein, Anna Grigorjewna, wie mir zu Mute war, als ich das hrte!Und jetzt, sagt Karobotschka, wei ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich gezwungen irgend eine falsche Urkunde zu unterschreiben, sagt sie, und mir dann fnfzehn Rubel in Papier auf den Tisch geworfen. Ich, sagt sie, bin eine unerfahrene hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen Sachen. Das ist 'ne Geschichte! Nein, wenn Sie sich blo vorstellen knnten, wie mich das alles aufgeregt hat. Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt es sich nicht um die toten Seelen! Da steckt etwas ganz anderes dahinter. Ich mu gestehen, ich dachte schon selbst daran, sagte die blo angenehme Dame ein wenig erstaunt. Sie wurde sofort von der heftigsten Begierde gepeinigt, zu erfahren, was wohl dahinter stecken knne, und daher sprach sie gedehnt: Und was glauben Sie, was dahinter steckt? Nun, was denken Sie wohl? Was ich denke ...? Ich mu sagen ich stehe wie vor einem Rtsel. Ich mchte aber doch wissen, was Sie sich wohl dabei gedacht haben? Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und daher schwieg sie. Sie konnte sich blo ber die Dinge aufregen, aber feine Vermutungen und Kombinationen aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand sie mehr als jede andere ein starkes Bedrfnis nach zrtlicher Freundschaft, Rat und Beistand. Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was diese toten Seelen zu bedeuten haben, sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame und ihre Freundin horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten sich wie von selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, soda sie das Sofa kaum noch berhrte und obwohl sie etwas kompakt war, wurde sie pltzlich beinahe schlank und leicht wie Federflaum, soda man htte glauben knnen, ein noch so leichter Lufthauch mte sie mit sich emportragen. So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein Hundefreund, Jger und Draufgnger, wenn er sich dem Walde nhert, aus dem eben ein von den Treibern halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem Ro und der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand in einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfa zu verwandeln, in das im nchsten Moment der zndende Funke fallen soll. Seine Augen mchten die trbe Luft durchbohren, und fr das arme Tier gibts kein Entrinnen mehr. Er setzt ihm unaufhaltsam nach, und selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder sich gegen ihn erhben, die ihm mit ganzen Garben silberner Sterne Mund und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen und die kostbare Bibermtze berschtteten. Die toten Seelen .. sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame. Wie? Was? fuhr die Freundin ganz aufgeregt dazwischen. Die toten Seelen ...! Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen! Sind eine bloe Erfindung und nichts wie ein Vorwand. Hier handelt es sich in Wahrheit um folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs entfhren. Diese Schlufolgerung kam in der Tat sehr unerwartet und war in jeder Beziehung ungewhnlich. Als die angenehme Dame dieses hrte, blieb sie wie versteinert auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde bla wie der Tod, und geriet diesmal ernstlich in Aufregung. Oh mein Gott! rief sie, indem sie die Hnde zusammenschlug: das htte ich mir wirklich nicht trumen lassen! Ich mu sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, da wute ich schon, worum es sich handelt antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame. Was soll man aber nach alledem von der Erziehung im Pensionat denken. Die liebe Unschuld! Schne Unschuld! Ich habe die Dinge reden hren! wahrhaftig ich htte nicht den Mut gehabt, so etwas auszusprechen. Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu schmerzlich, wenn man sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit geht! Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich dagegen mu gestehen, da ich nichts an ihr finden kann. Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unertrglich affektiert. Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein Marmorbild, ohne den geringsten Ausdruck im Gesicht. Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, Gott, wie affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben mag? Aber ich habe noch nie ein Mdchen gesehen, das ein so geziertes Wesen gehabt htte. Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie der Tod. Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, sie legt ja Rot auf, da es 'ne Schande ist. Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie ist ja bleich wie Kreide, ganz wie Kreide. Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf den Wangen, und brckelt stckweise ab wie der Kalk von der Wand. Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine abgefeimte Kokette, aber die Tochter ist der Mutter noch ber. Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei ich schwren soll, ich gebe gleich alles hin, meinen Mann, meine Kinder, all mein Hab und Gut, wenn sie auch nur ein bichen, ein Fnkchen, auch nur einen Anflug von Farbe hat! Ach, was reden Sie blo, Sofia Iwanowna, sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame, und schlug die Hnde zusammen. Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna Grigorjewna, ich sehe Sie blo an und staune! sagte die angenehme Dame, und schlug gleichfalls die Hnde zusammen. Der Leser darf sich nicht darber wundern, da beide Damen sich durchaus nicht ber das einigen konnten, was sie doch fast zu gleicher Zeit gesehen hatten. Es gibt tatschlich sehr viele Dinge auf der Welt, die diese merkwrdige Beschaffenheit haben; werden sie von _einer_ Dame betrachtet, so sind sie ganz wei; betrachtet sie dagegen eine andre Dame, so sind sie ganz _rot_, rot wie Preielbeeren. Nun, da haben Sie _noch_ einen Beweis dafr, da sie bla ist, fuhr die angenehme Dame fort: ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn es heute wre, da ich neben Manilow sa und zu ihm sagte: >Sehen Sie doch, wie bleich sie ist!< Wirklich, man mu schon so unvernnftig sein, wie unsere Herren, um sich fr sie zu begeistern. Und unser Herr Galan ... Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwrtig war! Sie knnen sich garnicht vorstellen, wie er mir widerwrtig war! Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht ganz gleichgltig war. Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das knnen Sie doch wirklich nicht sagen. Niemals, niemals! Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch noch andre Frauen auf der Welt! Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben Sie mir zu bemerken, da ich mich sehr gut kenne; das trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht andre Damen, die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen. Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen Sie sich sagen, da ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte verwickelt war. So etwas mag vielleicht jeder andern begegnen, aber mir nicht, Sie mssen mir schon gestatten, Ihnen dieses zu bemerken. Warum sind Sie denn so gekrnkt? Auer Ihnen waren doch noch andre Damen anwesend, welche den Stuhl an der Tre zu allererst besetzen wollten, um mglichst nahe bei ihm zu sitzen. Man htte meinen sollen, diese Worte der angenehmen Dame htten unbedingt ein Ungewitter zur Folge haben mssen; aber merkwrdigerweise verstummten beide Damen ganz pltzlich, und der erwartete Sturm blieb aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erinnerte sich noch zur rechten Zeit, da der Schnitt zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand war, und die blo angenehme Dame war sich darber klar, da sie noch gar keine Einzelheiten ber die Entdeckung ihrer besten Freundin wute, und daher schlo man sehr schnell wieder Frieden. brigens kann man nicht sagen, da beide Damen von Natur das Bedrfnis hatten, sich Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht eigentlich einen boshaften Charakter, es kam gleichsam ganz von selbst, da sich whrend des Gesprches der fast unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander einen kleinen Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, da es der einen von beiden eine kleine Freude machte, der Freundin bei Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu sagen: Da hast du's! nimm und fri es! So verschieden sind Herzensbedrfnisse beim mnnlichen und weiblichen Geschlechte. Ich kann nur eins nicht verstehen, sagte die blo angenehme Dame, wie Tschitschikow, der doch hier nur auf der Durchreise ist, sich zu einem so tollkhnen Abenteuer entschlieen konnte. Er mu doch irgend welche Helfershelfer haben. Und Sie glauben wohl er hat keine? Und was meinen Sie, wer knnte ihm dabei helfen? Nun, zum Beispiel -- Nosdrjow! Glauben Sie wirklich -- Nosdrjow? Warum nicht. Der ist doch zu allem fhig. Wissen Sie denn nicht, er hat seinen leiblichen Vater verkaufen oder richtiger am Kartentisch verspielen wollen. Gott, was fr interessante Neuigkeiten ich von Ihnen erfahre! Ich htte nie gedacht, da auch Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei. Und ich hab es mir gleich gedacht! Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfllt! Sagen Sie blo, wer htte es damals vermuten knnen, als Tschitschikow zum Besuch in unsere Stadt kam, da er solche tolle Sprnge machen wrde? Ach Anna Grigorjewna, wenn Sie wten, wie mich das aufregt! Wenn ich Sie nicht htte, Ihre Freundschaft und Ihre Gte .... Ich stnde wirklich wie vor einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? Meine Maschka schaut mich an, sieht da ich bleich bin wie der Tod, und sagt zu mir: >Liebe gndige Frau, Sie sind ja bleich wie der Tod!< Und ich sage ihr noch: >Ach Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken im Kopf herum!< Nein so etwas! Und der Nosdrjow steckt auch dahinter! Schne Geschichte das! Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere Details ber die Entfhrung d. h. etwas ber den Tag, die Stunde und so weiter zu erfahren, aber sie verlangte zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erklrte ganz einfach, sie wte nichts darber. Und sie log niemals: eine khne Hypothese aufstellen -- das war eine andre Sache, aber auch dies gelang ihr nur dann, wenn diese Hypothese auf einer tiefen inneren berzeugung beruhte; war diese innere berzeugung aber wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame auch fr sie einzustehen, da htte es der grte Advokat, der berhmteste Wortfechter und Sieger ber fremde berzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im Wettkampfe zu messen --: hier htte er erst gemerkt, was das bedeutet: eine innere Ueberzeugung. Da beide Damen zuletzt ganz fest davon berzeugt waren, was sie vordem auf die bloe Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht merkwrdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafr sind unsere gelehrten Errterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und fast schchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: Hat nicht dies Land seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde? oder Gehrt nicht vielleicht diese Urkunde einer anderen, spteren Zeit an? oder Mssen wir nicht dies Volk fr das und das Volk halten? Hierauf zitiert er sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was _er_ fr eine Anspielung hlt, so legt er auch schon im khnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen, richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen beantwortet, und er hat pltzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als she er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschliet seine Betrachtung mit den Worten: Und so ist es gewesen. Dies Volk also war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt werden mu! Und dann wird es feierlich vom Katheder verkndet, da alle es hren knnen -- und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um weitere Anhnger und Bewunderer zu gewinnen. Whrend unsere beiden Damen eine so hchst verworrene und komplizierte Sache so glcklich und mit soviel Scharfsinn geklrt und entwirrt hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon. Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzhlten ihm von dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des Gouverneurs zu entfhren und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In einer solchen Verfassung berlieen ihn die Damen sich selbst und strmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewhlt, alles befand sich in wilder Ghrung und bald begriff kein Mensch berhaupt noch etwas. Die Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, da alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mchtig waren. Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine Kameraden whrend des Schlafes eine Papierdte mit Tabak, oder wie man's bei uns nennt einen Husaren in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schlfer den Tabak ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet, und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fllt, das Gelchter der Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht, das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem tausende von Vogelstimmen wiedertnen, das in der Morgensonne erstrahlende Flchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in dessen glnzender Flut sich unzhlige feuchte Knabenleiber tummeln, und zum Bade laden -- und nun erst merkt er, da ihm der Husar in der Nase steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in ihren Kpfen durcheinander; erst spter, nachdem die erste Verwirrung sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, da durchaus keine Klarheit ber die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. Was ist denn das fr eine Fabel, nein wirklich, was ist das fr ein Gefasel von den toten Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen solchen Esel, der so etwas tte? Und fr was fr ein unntzes Geld wird er sie denn kaufen? Und schlielich, wozu kann er diese toten Seelen blo brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entfhren wollte, warum sollte er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedrfen? Und wenn er sich tote Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu entfhren? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was fr einen Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder fr eine Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten ber einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur berhaupt irgend einen Sinn htte! ... Andererseits aber mu doch etwas dahinter stecken, sonst wre doch dies Gercht nicht entstanden. Irgend einen Grund mu es doch haben. Aber was knnten die toten Seelen fr ein Grund sein? Da fehlt es doch sogar an einem vernnftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so wie: ein hlzernes Eisen, ein paar weichgekochte Stiefel oder ein glserner Stelzfu! Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Smtliche Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafrcken hinter dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen Kutscher schoben, kamen aus ihren Hhlen gekrochen, all die, welche lngst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Brenhuter und Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berhmte Namen, die von den Ausdrcken auf der Brenhaut liegen und hinterm Ofen hocken abgeleitet und bei uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und Schlummers einen Besuch abstatten jenen totenhnlichen Schlaf auf der Seite, auf dem Rcken und in allen mglichen anderen Lagen, bezeichnen soll, der von einem krftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsuseln durch die Nase und allem sonstigen Zubehr begleitet ist); alle die, welche man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit einem Worte, es zeigte sich, da die Stadt menschenreich und gro war, und da ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur wnschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie etwas gehrt hatte; in den Salons erschien pltzlich ein baumlanger Kerl mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Gre, wie sie berhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straen sah man gedeckte Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperksten, Rumpelkutschen -- und der Brei war eingerhrt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen Umstnden htten diese Gerchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden, aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war whrend der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen pflegt und was bekanntlich fr eine Stadt unter Umstnden ebenso wichtig ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevlkerung der Stadt teilte sich pltzlich in zwei vllig entgegengesetzte Parteien, die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die mnnliche und die weibliche. Der Standpunkt der Mnner war ganz unvernnftig und tricht; sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei beschftigte sich dagegen ausschlielich mit der Entfhrung der Tochter des Gouverneurs. In dieser Partei -- zur Ehre der Damen sei es gesagt -- herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und berlegung. Es ist offenbar schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und berall fr die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an, alles klrte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein vollendetes scharf umrissenes Gemlde. Jetzt kam es an den Tag, da Tschitschikow schon lngst in jene Person verliebt war, da sie sich im Garten beim Mondenschein getroffen, da der Gouverneur Tschitschikow seine Tochter lngst zur Frau gegeben htte, weil jener reich wie ein Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden war, dazwischen gestanden htte (woher man erfahren hatte, da er verheiratet war, wute niemand anzugeben), da diese Frau, die eine hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rhrenden Brief an den Gouverneur geschrieben, und da sich Tschitschikow angesichts der entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entfhrung entschlossen habe. In manchen Husern wurde diese Geschichte allerdings etwas anders erzhlt: darnach hatte Tschitschikow berhaupt keine Frau, htte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die Tochter haben wollte, zunchst an die Mutter gemacht, und mit dieser eine kleine Herzensaffre angebahnt, erst spter habe er um die Hand der Tochter angehalten; die Mutter aber htte gefrchtet, hier knne leicht ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen, die Tochter zu entfhren. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklrungen und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die Gerchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel der Stadt eindrangen. Bei uns in Ruland haben auch die unteren Schichten der Gesellschaft eine groe Vorliebe fr Klatschgeschichten, die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in solchen Husern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow berhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklrungen und Gerchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so schlielich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fhlte sich, als Mutter einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur vermutet hatte, und geriet in eine groe und auch in jeder Beziehung berechtigte Emprung. Die arme Blondine hatte ein hchst unangenehmes Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjhriges junges Mdchen zu berstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwrfen, Ermahnungen und Drohungen ergo sie ber das arme Mdchen, soda diese in Trnen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen. Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nmlich die Gouverneurin betraf, erfllt hatten, nahmen sie sich die mnnliche Partei vor, um sie fr sich zu gewinnen. Sie erklrten die Sache mit den toten Seelen fr eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und so den Mdchenraub ungestrt ausfhren zu knnen. Viele von den Mnnern lieen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an, trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwrfen ihrer Genossen aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberrcke nannten -- zwei Epitheta, die bekanntlich fr das mnnliche Geschlecht einen recht krnkenden Sinn haben. Aber so sehr sich auch die Mnner wappnen, so groen Widerstand sie auch leisten mochten, es fehlte in ihrer Partei schlielich doch an jener Ordnung und Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei ihnen war alles plump, ungeschickt, unzweckmig, unharmonisch und schlecht; in den Kpfen herrschte Unordnung und Wirrwarr, in den Gedanken Unklarheit und Verworrenheit -- mit einem Worte, es kam eben die unglckliche Natur des Mannes so recht zum Vorschein, diese grobe plumpe schwerfllige Natur, die weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen, noch tiefer ehrlicher berzeugungen fhig ist, diese kleinglubige, trge, von ewigen Zweifeln, von ngstlichkeit und Furcht zerrttete Natur. Die Mnner behaupteten, das seien alles Torheiten, die Entfhrung einer Gouverneurstochter sei weit eher etwas fr einen Husaren, als fr eine Zivilperson, so etwas wrde Tschitschikow auf keinen Fall tun, den Frauen sei nicht zu trauen, sie lgen alle, ein Weib sei wie ein leerer Sack, was man in ihn hineinschtte, das kme auch wieder aus ihm heraus: der Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten msse, das seien die toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, was sie zu bedeuten htten, sicherlich aber stecke etwas sehr Schlimmes und Hliches dahinter. Warum es den Mnnern aber schien, da etwas so Hliches und Schlimmes dahinter stecke -- dies werden wir sogleich erfahren. Es war soeben ein neuer Generalgouverneur fr die Provinz ernannt worden -- bekanntlich ein Ereignis, das die Beamten stets in einen Zustand voller Unruhe und Aufregung versetzt: da gibt's dann immer allerhand Untersuchungen und Rffel, da wird einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt, da mu man von Amts wegen alle Suppen ausessen, mit denen der Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren pflegt. -- Herr Gott! dachten die Beamten, wenn er auch nur das erfhrt, da in der Stadt solche Gerchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, sondern ernstlich zornig werden. Der Inspektor der Sanittsverwaltung wurde pltzlich ganz bleich, ihm fiel etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht das Wort tote Seelen eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften Vorsichtsmaregeln in den Husern und Lazaretten gestorben waren, und ob Tschitschikow nicht am Ende ein Beamter aus der Kanzlei des Generalgouverneurs sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die Wege leiten solle. Er teilte seine Befrchtungen dem Gerichtsprsidenten mit. Der Gerichtsprsident erklrte sie fr Torheiten, erblate aber gleich darauf selbst bei dem Gedanken: wie aber, wenn die von Tschitschikow gekauften Seelen wirklich tot wren? Hatte er es doch zugelassen, da der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu selbst die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin bernommen. Wie, wenn das dem Generalgouverneur zu Ohren kme, was dann? Er teilte diesem und jenem seine Besorgnisse mit, und pltzlich erblate auch dieser und jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und teilt sich in einem Augenblicke mit. Alle entdeckten pltzlich solche Snden an sich selbst, wie sie sie garnicht mal begangen hatten. Die Worte tote Seelen hatten einen so unbestimmten Klang, da sogar der Argwohn laut wurde, ob es sich hier nicht um zwei Flle handle, wo zwei Menschen zu frh begraben worden waren. Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurck. Das erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk passiert, welche zur Messe in die Stadt gekommen waren und nach Erledigung ihrer Geschfte mit ein paar befreundeten Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine solenne Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer Art aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, Bowlen usw. Diese Zecherei endigte natrlich, wie das gewhnlich zu passieren pflegt, mit einer weidlichen Prgelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen aus Ustssyssolsk tchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls ein paar krftige Rippenste und Pffe in die Bauch- und Magengegend erhielten, welche von den ungeheuerlichen Dimensionen der Fuste zeugten, mit denen die seligen Prgelhelden begabt waren. Dem einen von den Siegern war sogar der Erker eingetrommelt, wie sich unsere Boxer auszudrcken pflegen, d. h. die Nase derart platt geschlagen, da kaum mehr als ein Fingerglied von ihr brig war. Die Kaufleute gestanden ihre Schuld ein und erklrten, sie htten sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man sprach sogar davon, da sie fr jeden der von ihnen Erlegten je vier Hundertrubelscheine bezahlt htten; brigens aber blieb das eine sehr dunkle Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen ging hervor, da die Kaufleute von Ustssyssolsk an Kohlengasvergiftung zugrunde gegangen seien. Und so wurden sie denn auch als solche begraben. Der andere Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war folgender: die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Spe hatten sich mit ebensolchen Bauern der Drfer Borow, Borowka und Sadirailowo vereinigt und angeblich die Gendarmerie in der Person eines gewissen Schffen, namens Drobjaschkin vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d. h. der Schffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen und allzuoft ihr Dorf heimgesucht haben, was unter Umstnden fast so gefhrlich war, wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, da die Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwche den Weibern und Dorfmdeln gar zu eifrig nachgestellt habe. Ganz klar ist zwar die Sache nicht, obwohl die Bauern geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lstern gewesen, wie ein Kater, mehr als einmal htten sie _ihn_ vertreiben und einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhtte hinausjagen mssen. Natrlich hatte die Gendarmerie wegen ihrer Herzschwche eine harte Strafe verdient, andererseits lie sich aber die Eigenmchtigkeit der Bauern von Wschiwaja Spe und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen und verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde teilgenommen hatten. Immerhin blieb es doch eine ganz dunkle Sache; man fand die Gendarmerie am Wege liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen von Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. Die Sache kam vor die Behrden und schlielich vor das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz unter sich errterte und in folgendem Sinne entschied: da es unbekannt sei, wer von den Bauern eigentlich an dem Tode der Gendarmerie Schuld trug, alle zusammen jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und daher wenig davon haben wrde, wenn er den Proze gewnne, die Bauern hingegen noch am Leben seien, weshalb denn auch eine gnstige Wendung des Prozesses von groer Bedeutung fr sie sei, so habe das Gericht beschlossen: da der Schffe Drobjaschkin selbst die Schuld an seinem Tode trage, weil er die Bauern von Wschiwaja Spe und Sadirailowo in ungerechter Weise bedrckt und verfolgt habe, und da er demgem, als er eines Abends in seinem Schlitten nach Hause zurckkehrte, an einem Schlaganfall gestorben sei. Die Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; pltzlich aber fingen die Beamten an zu glauben, da es sich in diesem Falle um die genannten toten Seelen handele. Dazu kam noch, da gerade um die Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer schwierigen Lage befanden, beim Gouverneur zwei Papiere eingingen. Das eine enthielt die Mitteilung, da auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein Falschmnzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle und sich hinter verschiedenen Namen verstecke. Und daher sei es ntig, eine strenge Untersuchung in die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt eine Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz ber einen Ruber, der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen hatte, und die Aufforderung, wenn in der Provinz des Herrn Kollegen eine verdchtige Person auftauchen sollte, welche weder Pa, noch sonstige Legitimationspapiere vorlegen knne, diese sofort zu verhaften. Beide Papiere riefen eine allgemeine Bestrzung hervor; alle bisherigen Vermutungen und Folgerungen waren pltzlich ber den Haufen geworfen. Es lag natrlich nicht der geringste Anla zur Annahme vor, da sich auch nur ein Wort davon auf Tschitschikow bezge. Wenn man sich dagegen berlegte und daran erinnerte, da eigentlich niemand recht wute, wer Tschitschikow sei, da er sich selbst nur sehr unklar und unbestimmt ber seine Person geuert und blo erklrt hatte, da er in seiner Karriere Schiffbruch gelitten, weil er der Wahrheit htte dienen wollen, so mute das frischen Verdacht erregen. Aber das alles war doch zu unklar und verschwommen. Und wenn er weiter sagte, er habe sich viele Feinde erworben, die ihm nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr geschwebt, also wurde er doch verfolgt: also mute er doch irgend etwas begangen haben ... Ja wer war er denn nun eigentlich? Man durfte natrlich nicht annehmen, da er falsches Papiergeld verfertige, oder gar ein Ruber sei -- hatte er doch eine so gesinnungstchtige Physiognomie; aber bei alledem: wer war er denn nun tatschlich? Und jetzt endlich stellten sich die Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, d. h. im ersten Kapitel dieser Dichtung, htten stellen sollen. Man beschlo noch einige Nachforschungen bei all den Leuten anzustellen, die ihm die toten Seelen verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das fr ein Geschft gewesen sei, was man nun eigentlich unter diesen toten Seelen zu verstehen habe und ob Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen zufllig oder so nebenher etwas von seinen Plnen und Absichten verraten oder ihnen erzhlt htte, wer er sei. Zuerst wandte man sich an die Karobotschka; aber aus der war nicht viel herauszubekommen: er htte halt fr fnfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch Daunen ein, ja er habe versprochen, ihr noch alles mgliche andere abzunehmen. Er liefere auch Speck an den Staat und sei daher ganz gewi ein Gauner; denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr Daunen abgekauft und Specklieferungen an den Staat bernommen habe. Der habe alle miteinander bers Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze hundert Rubel betrogen. Mehr war nicht aus ihr herauszuholen; sie wiederholte immer nur ein und dasselbe, und die Beamten berzeugten sich bald, da Karobotschka ganz einfach eine dmliche alte Schachtel sei. Manilow erklrte, fr Pawel Iwanowitsch werde er stets einstehen wie fr sich selber. Er wrde gerne sein ganzes Gut dafr hingeben, wenn er nur einen hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften bese, die Pawel Iwanowitsch zierten; berhaupt uerte er sich in der schmeichelhaftesten Weise ber ihn, indem er die Augen zusammenkniff und noch einige Gedanken ber Freundschaft von sich aus zugab. Diese Gedanken zeugten natrlich in ausreichender Weise von den zarten Regungen seines Herzens; aber sie klrten die Sache selbst eigentlich doch nicht auf. Sabakewitsch erwiderte: seiner Ansicht nach sei Tschitschikow ein braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder Hinsicht wohlauf und munter seien; aber er knne natrlich nicht dafr garantieren, was in Zukunft nicht noch alles geschehen knne. Wenn sie die Strapazen der bersiedelung nicht berstehen und unterwegs sterben sollten, so sei das nicht seine Schuld; das liege in Gottes Hand. Es gbe ja genug Epidemien und andere tdliche Krankheiten in der Welt, und es habe schon Flle gegeben, wo ganze Drfer ausgestorben seien. Die Herren Beamten nahmen noch zu einem andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur Anwendung kommt. Sie lieen die Bedienten Tschitschikows auf allerhand Umwegen durch befreundete Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten aus der Vergangenheit und den Lebensverhltnissen ihres Herrn bekannt seien. Aber auch hier bekamen sie nur wenig zu hren. Von Petruschka nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen Geruch der Wohnstube, und Seliphan erklrte nur kurz: Er ist frher Beamter gewesen und hat beim Zollamt gedient. Das war alles. Diese Klasse von Menschen hat eine seltsame Gewohnheit: wenn man sie direkt nach etwas fragt, dann knnen sie sich nie auf etwas besinnen. Sie knnen sich die Dinge in ihrem Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, da sie nichts wissen. Fragt man sie aber nach etwas anderem, dann bringen sie alles vor, was ihr nur wnscht, und erzhlen es euch mit solchen Einzelheiten, wie ihr sie gar nicht mal hren wollt. Alle Nachforschungen, die von den Beamten angestellt wurden, machten ihnen nur eins klar, da sie wirklich nicht wuten, wer Tschitschikow eigentlich war, und da er doch aber sicher etwas sein mte. Schlielich beschlossen sie, sich endgltig ber diesen Gegenstand zu einigen, und wenigstens eine definitive Entscheidung zu treffen, was hier zu tun sei, welche Maregeln sie ergreifen und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er ein Mensch, den man als politisch unzuverlssig arretieren und verhaften msse, oder vielmehr ein solcher sei, der _sie selbst_ als politisch unzuverlssig arretieren und verhaften knne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich, im Hause des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja schon als Vater und Wohltter der Stadt kennengelernt hat. Zehntes Kapitel. Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser schon als Vater und Wohltter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den bestndigen Sorgen und Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen Generalgouverneurs, dann die krzlich eingegangenen Papiere so bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen -- dies alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst die Frcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig heruntergekommen: der Gerichtsprsident, der Inspektor der Sanittsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger, den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein wenig abgemagert. Natrlich gab es darunter auch ein paar von jenen verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab eigentlich nur einen einzigen den man dazu zhlen konnte, nmlich den Postmeister. Er allein blieb vllig unverndert in dem ruhigen Gleichma seines Wesens und sagte wie gewhnlich in derartigen Fllen: euch kennt man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher dem anderen Platz machen mssen, ich aber stehe bald dreiig Jahre auf meinem Posten. Worauf die andern Beamten gewhnlich zu erwidern pflegten: Sie haben es gut Herr! Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch. Dein Geschft ist der Postdienst -- du hast blo die eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst hchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu frh schlieen und dann irgend einem Kaufmann, der sich versptet hat, fr die Annahme des Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter diesen Umstnden kann natrlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze dich mal in unsere Lage, wo dir tglich der Teufel in eigner Person erscheint und dir fortwhrend etwas in die Hnde spielt. _Du selbst_ willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir ist das Malheur nicht so gro; du hast blo ein Shnchen. Mir aber hat Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, da sie mich jedes Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da wrdest du auch auf einer anderen Flte pfeifen. So sprachen die Beamten. Ob es aber in der Tat mglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen, das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium, das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzglich der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. berhaupt sind wir, wie es scheint, nicht so recht geschaffen fr reprsentative Versammlungen. Bei all unsern Sitzungen von denen der lndlichen Bauerngemeinden an bis zu allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine leitende Persnlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist; wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, da ihm nur _die_ Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten Dingen vorhanden. Pltzlich fllt es uns ein, wenn der Wind gnstig ist, irgend welche Wohlttigkeits-, Hilfs- und Gott wei was fr andere Vereine zu grnden. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann man sicher sein, da nichts dabei herauskommt. Vielleicht rhrt das daher, da wir gleich im Anfang, d. h. zu frh, befriedigt sind, und glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine Gesellschaft mit wohlttigem Zweck grnden wollen und schon bedeutende Summen dazu gestiftet haben, mssen wir unbedingt, um unsere so lbliche Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen der Stadt geladen sind und das mindestens die Hlfte der gezeichneten Summe verschlingt. Fr die andere Hlfte richtet sich das Komitee eine prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen Summe fnf und ein halber Rubel brig bleiben. Aber auch hier sind sich die Mitglieder des Komitees noch nicht einig ber die Verwendung und Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante oder Base vor. brigens war das Kollegium, das sich heute versammelt hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedrfnis hatte die Anwesenden zusammengefhrt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging jeden Beamten persnlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn sich alle Beteiligten unter solchen Verhltnissen einmtiger und enger zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und uerungen der Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwrdige Unentschlossenheit zum Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche Staatspapiere her, fgte jedoch gleich darauf hinzu: vielleicht ist es aber auch nicht so, ein anderer erklrte, er sei ein Beamter aus dem Bro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und meinte brigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann man es einem Menschen doch nicht ablesen. Gegen den Verdacht aber, da er ein verkleideter Dieb oder Ruber sei, lehnten sich alle in gleicher Weise auf, man war der Ansicht, da er doch ein vertraueneinflendes und gesinnungstchtiges ueres besitze, aber auch in seinen Worten lge nichts, was auf einen Menschen schlieen liee, der einer solch gewaltttigen Handlungsweise verdchtig sei. Pltzlich rief der Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden hatte -- sei es nun, da ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war, sei es aus einem andern Grunde -- ganz unerwartet aus: Wissen Sie, meine Herren, wer er ist? Er hatte diese Worte mit einer Stimme herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschtterndes an sich hatte, so da sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: Nun wer? Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein anderer, als der Hauptmann Kopeikin![5] Und als ihn darauf alle zugleich fragten: Wer ist denn dieser Kopeikin? antwortete der Postmeister erstaunt: Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin ist? Alle erwiderten, sie htten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin gehrt. Der Hauptmann Kopeikin, versetzte der Postmeister, indem er seine Tabakdose nur ganz wenig ffnete, weil er sich frchtete, es knnte am Ende noch einer von den ihm Zunchststehenden mit den Fingern hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht berzeugt war; pflegte er doch zuweilen sogar zu sagen: Wei schon, wei schon, mein Bester, wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mgen! Tabak -- das ist ein Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein will. -- Der Hauptmann Kopeikin, wiederholte er, nachdem er eine Prise genommen hatte: ja -- brigens, wenn ich Ihnen von ihm erzhlen wollte -- das gbe eine hchst interessante Geschichte; selbst fr einen Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema. [Funote 5: Groschen.] Alle Anwesenden uerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses fr einen Schriftsteller so interessante Poema, wie sich der Postmeister ausgedrckt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaen: Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr, hub der Postmeister an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saen, nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. Ein Bruder Leichtfu und launenhaft wie der Teufel, hatte er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab's noch keine von den bekannten Einrichtungen fr die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das knnen Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst viel spter gegrndet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, da er arbeiten mu, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nmlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht auch noch ernhren; ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, da beschlo er nach Petersburg zu reisen und sich an die Behrden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Untersttzung zukommen lassen knnten, er habe doch gewissermaen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mhe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich _nun_ dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Pltzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaen ein weites Feld des Lebens, so eine Art mrchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, pltzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstrae oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hngen_ ein paar Brcken, wissen Sie, so ohne jegliche Sttzen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatschlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in den Straen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Fen. Man geht ber die Strae, und die Nase merkt schon von ferne, da es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fnf blauen Scheinen und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein Landgut lt sich dafr nicht kaufen, d. h. es liee sich vielleicht kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig Tausend mu man sich erst beim Knig von Frankreich leihen. Genug, er mietet sich schlielich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, fr einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gngen, eine Kohlsuppe und ein Stck Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, da sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich wenden soll. >Wohin knntest du dich wenden,< sagt man ihm. >Die Beamten der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurck. Aber es gibt hier eine sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie's,< sagt man ihm, >vielleicht knnen Sie dort was ausrichten.< -- >Nun gut, dann gehe ich zur Kommission,< spricht Kopeikin. >Ich werd' es ihnen schon klar machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut vergossen und gewissermaen mein Leben geopfert.< So stand er denn also eines Morgens etwas frher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wre er zum Barbier gegangen, so htte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfu einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich blo vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehrt ihm. Eine richtige Bauernhtte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem Wort, die Sinne schwinden einem. So 'ne Trklinke aus Metall, der feinste Komfort, soda man zuerst in den Laden laufen, sich fr einen Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hnde reiben mu, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen Sie, da steht ein Portier mit einem groen Sbel, mit so 'ner Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops ... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfu ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoen. Sehen Sie wohl, natrlich mute er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt: >Gleich kommt der Prsident!< Und schon fllt sich das Zimmer mit allerhand Epauletten und Achselbndern. Mit einem Worte die Menschen drngen sich wie Bohnen in der Schssel. Endlich, Verehrtester, tritt auch der Prsident herein. Na, Sie knnen sich natrlich vorstellen: der Prsident in eigener Person sozusagen. Und, natrlich, seinem Rang und Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie. Aus allem spricht die Condewite des Grostdters. Erst geht er zu einem dann zum andern: >Warum sind Sie hier?< >Und Sie?< >Was wnschen Sie?< >In welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe: >So und so,< sagt er, >ich habe mein Blut vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine Untersttzung, irgend so 'ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.< Der Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfu und der rechte rmel baumelt leer herunter. >Gut!< sagt er, >fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz selig. >Na,< denkt er, >die Sache macht sich.< Er ist in einer Laune, knnen Sie sich vorstellen; hpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um einen Schnaps zu nehmen, a in der Stadt London zu Mittag, lie sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein -- mit einem Wort, es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er pltzlich eine Englnderin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, luft ihr trach, trach, trach auf seinem Stelzfu nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.< Dabei hatte er an diesem einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hlfte seines Geldes durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder in die Kommission zum Prsidenten: >Ich bin gekommen,< sagt er, >um mir Bescheid zu holen, so und so, infolge der berstandenen Krankheiten und meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw., verstehen Sie wohl.< Alles in der amtlichen Sprache, natrlich! >Ja, ja,< sagt der Prsident, >zunchst aber mu ich Ihnen mitteilen, da ich in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag. Sie sehen selber, was das fr eine Zeit ist. Die kriegerischen Operationen sind gewissermaen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin noch ein wenig. Sie knnen berzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen. Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist alles was ich geben kann ...< Na, Sie verstehen, er gab ihm natrlich nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprchen htte man bis zum Entscheidungstermin damit auskommen knnen. Aber mein Kopeikin hatte keine Lust dazu. Er dachte er wrde gleich morgen ein paar Tausender erhalten: >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amsier dich!<; statt dessen aber mu er warten und wei nicht einmal, bis zu welchem Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Englnderinnen und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so'n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Prsidenten heraus -- hat den Schwanz eingezogen und lt die Ohren hngen. Das Leben in Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem hatte er auch schon gekostet. Und nun heit es: sieh zu, wie du weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an irgend so einem Restaurant vorber: und nun stellen Sie sich vor: der Koch ist ein Auslnder, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trgt immer nur die feinste hollndische Wsche, und eine Schrze, so wei wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, da unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen htte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Lden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein gerucherter Lachs, oder ein Krbchen mit Kirschen -- zu fnf Rubel das Stck, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen berflssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verfhrungen auf Schritt und Tritt, es luft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, fr ihn aber heit's: warte geflligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< >Ach was,< denkt er, >mgen Sie dort machen, was sie wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die Vorsitzenden in Bewegung und erklre: nein, bitte schn, das geht nicht so weiter!< Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, -- je weniger einer im Oberstbchen los hat, desto mehr Mut hat er -- kommt er also in die Kommission: >Nun was wnschen Sie?< fragt man ihn, >was wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.< -- >Ich bitt' Sie,< sagt er, >ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund leben. Ich mu doch meine Kottelette und eine Flasche franzsischen Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins Theater gehen, verstehen Sie,< sagte er -- >Nein, da mssen Sie uns schon entschuldigen,< sagte da der Vorsitzende .. >Was das anbelangt, so mssen Sie sich schon gewissermaen gedulden. Sie haben doch etwas bekommen, um sich ber Wasser zu halten, bis die Order von oben eingelaufen ist, und Sie knnen berzeugt sein, da Sie nach Gebhr entschdigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, da bei uns in Ruland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaen, sozusagen, einen Dienst geleistet hat, da der unversorgt geblieben wre. Aber, wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater gehen wollen, nein, wissen Sie, dann mssen Sie schon entschuldigen. Dazu verschaffen Sie sich nur geflligst selbst die Mittel. Da mssen Sie sich schon selbst helfen.< Aber denken Sie blo, mein Kopeikin verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Er erhob ein groes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr. Er lie ein wahres Hagelwetter ber all diese Regierungsbeamten und Sekretre los ... >Ja dann seid ihr ja dies und jenes,< sagte er, >ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr Gesetzesverdreher!< Mit einem Wort, er wischte ihnen allen krftig eins aus. Zufllig kam ihm auch noch irgend so'n General aus einem andern Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so einem rasenden Kerl anfangen? Der Prsident sieht, es gibt keinen andern Ausweg, man mu gewissermaen, sozusagen, zu strengeren Maregeln seine Zuflucht nehmen. >Schn,< sagte er, >wenn Sie nicht damit zufrieden sind was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in Ihre Heimat abschieben. Der Feldjger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!< Der Feldjger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tr: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst fr den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befrdert und ab geht's in Begleitung des Feldjgers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafr bin ich den Herren dankbar.< So fhrt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjger, und whrend er so an der Seite des Feldjgers sitzt, spricht er gewissermaen, sozusagen, zu sich selber: >Schn,< sagt er, >du erklrst mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schn,< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befrdert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten ber den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schrzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das wei niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wldern von Rjasan eine Ruberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Ruberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als ... Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch, unterbrach ihn pltzlich der Polizeimeister, du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ... Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser Erzhlung eingefallen war, und erklrte, das russische Sprichwort: der Verstand des Russen ist von hinten am strksten! sei vollkommen wahr. Aber gleich darauf fing er an, Winkelzge zu machen und versuchte sogar sich aus der Affre zu ziehen, indem er behauptete, die Englnder htten, wie man aus den Zeitungen ersehen knne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und einer htte sogar hlzerne Fe mit einem solchen Mechanismus erfunden, da man nur auf eine Spirale zu drcken brauche, damit diese Fe einen in unbekannte Gegenden forttrgen, soda man den Menschen berhaupt nicht mehr auffinden knne. Aber trotzdem zweifelten alle, da Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin sei, und fanden, da der Postmeister schon gar zu weit ber das Ziel hinausgeschossen habe. brigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle Hypothese des Postmeisters, womglich noch weiter. Unter den vielen in ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, da Tschitschikow vielleicht _Napoleon_ sein knne, der sich verkleidet in ihrer Stadt aufhielte; die Englnder seien schon lngst eiferschtig auf Ruland, auf seine Macht und seine Gre, und es wren schon mehrmals Karikaturen erschienen, auf denen ein Russe im Gesprch mit einem Englnder abgebildet war: der Englnder steht da und hlt einen Hund an der Leine, dieser Hund aber soll _Napoleon_ vorstellen: >Pa auf,< sagt der Englnder, >wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf dich.< Wer wei, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in Ruland umher, whrend er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei. Natrlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen die Sache berlegte, konnte er sich's nicht verhehlen, da Tschitschikows Profil eine verdchtige hnlichkeit mit dem Napoleons hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht hatte, hatte Napoleon persnlich gesehen und mute gleichfalls zugeben, da er sicherlich nicht grer als Tschitschikow und auch von Statur weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dnn gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles fr sehr unwahrscheinlich halten, -- nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe zuzugestehen, da die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum Tort mute sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzhlen, was um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege, sondern in nchster Nhe von beiden Hauptstdten lag. brigens darf man nicht vergessen, da all diese Ereignisse bald nach der glorreichen Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten und ungebildeten Leute wenigstens fr die ersten acht Jahre eingefleischte Politiker geworden. Die Moskauer Nachrichten und der Sohn des Vaterlandes wurden so zerlesen, da sie an den letzten Leser nur noch als ein Huflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den Scheffel Hafer verkauft, Vterchen? -- Was denken Sie vom gestrigen Schneefall? -- hrte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? -- Ist Napoleon nicht wieder entwischt? -- Besonders die Kaufleute frchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker sa. Dieser neue Prophet war pltzlich -- kein Mensch wute woher -- in Bastschuhen und in Felle gehllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der Stadt aufgetaucht und hatte verkndigt, Napoleon sei der Antichrist, der jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins Gefngnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte er seine Mission erfllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bichen Verstand gebracht. Und lange noch, selbst whrend des flottesten Geschftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier beim Tee ber den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, ber die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung, welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben, der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie wieder zur Besinnung und merkten, da ihre Phantasie schon allzu ppig wucherte, und da die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und dachten her, berlegten her und berlegten hin, und kamen schlielich zur berzeugung, da es vielleicht nicht bel wre Nosdrjow einmal grndlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mute er doch etwas ber dessen Lebensverhltnisse wissen; und so beschlo man denn, erst einmal zu hren was Nosdrjow sagen werde. Hchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter aller anderen Berufe: sie wuten doch ganz genau, da Nosdrjow ein Lgner sei, da man ihm kein Wort glauben knne, selbst da nicht, wo es sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott, aber glaubt dafr, da er unbedingt sterben msse, wenn ihm seine Nase juckt; er geht gleichgltig an einer Schpfung des Dichters vorbei, welche so deutlich fr sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu strzen, der ihm irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und vergewaltigt. Und das gefllt ihm. Da tut er den Mund weit auf und schreit mit lauter Stimme: Seht ihr! das ist reine Herzenskndigung! Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die rzte, um am Ende zu einem alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, weil ihm pltzlich die tolle Idee kommt, es knne ihm etwas gegen seine Krankheit ntzen. Man htte natrlich die Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen knnen. Man sagt ja, da ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greife, und da er nicht soviel berlegung habe, um sich zu sagen, auf einem Strohhalm knne hchstens eine Fliege einen Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fnf Zentner wiegt; aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese berlegung berhaupt nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere Herren schlielich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm seinen Sbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das Schreiben zu berbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen Gegenstande beschftigt; schon den vierten Tag verlie er das Haus nicht, empfing keinen Menschen und lie sich sogar das Mittagessen durch das Fenster reichen -- mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah beinah grn im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die grte Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und Zusammenstellung _eines_ Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem ganzen _Schock_. Dabei mute die Zeichnung aber so scharf sein, da man sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Whrend dieser ganzen Zeit mute Porphyr dem kleinen Bullenbeier den Nabel mit einer besonderen Brste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr rgerlich, da er in seiner Einsamkeit gestrt wurde; zuerst schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem Polizeimeister erfuhr, da sich heute abend ein kleines Geschftchen machen liee, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er sofort milder gestimmt; er schlo also sein Zimmer schnell ab, kleidete sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu denen der Herren Beamten, da selbst ihre _khnsten_ Hypothesen ber den Haufen geworfen wurden. Dies war tatschlich ein Mensch, fr den es berhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schchtern und vorsichtig _ihre_ Vermutungen waren, so fest und sicher waren die _seinen_. Er antwortete sogleich, _ohne_ auch nur einen Moment zu stocken auf alle Fragen. Er erklrte, Tschitschikow habe fr einige tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wre, um herumzuschnffeln, antwortete Nosdrjow: natrlich sei er ein Spitzel; schon in der Schule, die sie zusammen besucht htten, sei er allgemein eine Petze gescholten worden, smtliche Kameraden, und unter ihnen auch er, htten ihn dafr einmal so krftig durchgeblut, da man ihm nachher allein an den Schlfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mute -- er hatte ursprnglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren ihm wie von selbst entschlpft. -- Auf die Frage, ob er nicht falsches Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natrlich mache er welches. Bei dieser Gelegenheit erzhlte er eine Geschichte von Tschitschikows unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nmlich herausgekommen, da er in seinem Hause fr zwei Millionen falsches Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tr gestellt; Tschitschikow aber htte die Banknoten in einer Nacht alle miteinander vertauscht, soda man am anderen Tage, als die Siegel gelst wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow tatschlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entfhren, und ob es denn wahr sei, da er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewi habe er ihm geholfen, und wenn er nicht dabei gewesen wre, so wre die ganze Sache miglckt. Hier stockte er ein wenig; er sah nmlich, da er ohne allen Grund gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte, aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten knnen. Und dies war auch keine Kleinigkeit, denn es drngten sich seiner Phantasie gleich so interessante Einzelheiten auf, da es tatschlich ein Ding der Unmglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden sollte; dies sei nmlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heie Pater Sidor, die Trauung sollte fnfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber htte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm Tschitschikow nicht gedroht htte, er werde es bekannt machen, da jener den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfgung gestellt und auf allen Stationen fr Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details, da er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es jemand, Napoleon zu erwhnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh, denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar keine hnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung unmglich war, soda die Beamten schlielich aufstanden und seufzend weggingen; nur der Polizeimeister hrte ihm noch lange aufmerksam zu, weil er immer noch erwartete, da sich was aus ihm herausholen liee, aber schlielich machte auch er eine hoffnungslose Gebrde und sagte nur: Pfui Teufel! Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden, jede weitere Bemhung gliche wahrhaftig blo dem Versuch, den Bock zu melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher, und man kam zum Schlu, da es ganz unmglich sei, herauszukriegen, wer nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans Licht, was fr ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernnftig und weise, wo es sich um Sachen handelt, die _andere_ Leute, nicht aber _ihn selbst_ was angehen. Mit was fr umsichtigen und wohlberlegten Ratschlgen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! Welch ein gescheiter Kopf! ruft die Menge: welch ein unbeugsamer Charakter! Aber lat nur einmal irgend ein Unglck ber diesen gescheiten Kopf hereinbrechen, lat ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen -- wo ist da pltzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann steht vllig fassungslos da, er hat sich in einen erbrmlichen Feigling, in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrcken liebte. All dies Gerede, diese Gerchte und Hypothesen machten aus irgend einem Grunde den grten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck war so stark, da er nach Hause ging, zu grbeln begann und so ins Grbeln hineinkam, da er sich eines schnen Tags ganz pltzlich, und ohne da man htte sagen knnen, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn ein Schlag gerhrt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fuboden aus. Wie das in solchen Fllen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor Schrecken; schlugen die Hnde zusammen, riefen: Ach Gott, ach Gott! lieen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und berzeugten sich schlielich, da der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war. Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, da der Verstorbene tatschlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die Erscheinung des Todes _hier_ genau so schrecklich, wo sie sich nur an einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem groen manifestiert htte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt war, sich bewegt, Whist gespielt, alle mglichen Papiere unterschrieben und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, und blo die eine Augenbraue war noch ein wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck verlieh. Was das wohl fr eine Frage war, die auf seinen Lippen schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er gestorben sei -- das wei Gott allein. Aber das ist doch unmglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch garnicht sein, da die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mute, um was es sich hier handelte! So wird mancher Leser sprechen und dem Autor vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmgliche Dinge vor, oder man wird die armen Beamten fr Narren erklren, weil der Mensch ja bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte _Narr_ und zwanzigmal am Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf zu werfen. Es gengt schon, da man eine trichte Eigenschaft unter zehn vernnftigen habe, um trotz alledem fr einen Narren erklrt zu werden. Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo der Mensch nur gerade _die_ Gegenstnde erkennen kann, die sich unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und fr berflssig erklren mchte. Wie reich an Irrtmern ist doch die Welt, an Irrtmern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wte. Was fr seltsame Schlangenwindungen, was fr enge, verwachsene, unzugngliche, abseitsfhrende Wege whlte die Menschheit in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit, whrend der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie der Weg, der in das prunkende Heiligtum des kniglichen Palastes fhrt. Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten die Menschen an ihm vorbei in dsterer Finsternis, oft schon stieg die Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch schreckten sie zurck, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab, verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wste Gegenden zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die Augen zu weben, und trgenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgrnden vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich ber die Verirrungen, es lacht ber die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, da diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, da jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkndet, da auf allen Seiten der mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner selbst bewut beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, ber welche die Nachkommen ebenso stolz lcheln werden. Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkltung, Reien im Gesicht und eine kleine Halsentzndung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, mit denen das Klima vieler unserer Provinzstdte die Einwohner besonders freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jhes Ende nhme, ehe er noch Zeit gehabt, fr seine Nachkommenschaft zu sorgen, beschlo er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Whrend dieser Zeit gurgelte er bestndig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche er jedesmal mit Genu verzehrte, auch trug er ein kleines Sckchen mit Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen, legte er sich ein ausfhrliches Verzeichnis ber die von ihm gekauften Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallire, das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und Schelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und berflog manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, da kein einziger von den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen, whrend doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor seiner Tr gehalten hatte -- bald der des Staatsanwalts, bald der des Postmeisters, bald der des Prsidenten. Er zuckte fortwhrend mit den Achseln, whrend er im Zimmer auf- und abging. Endlich fhlte er sich etwas besser, und er war ganz glcklich, als er wieder soweit hergestellt war, da er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich ohne Verzug an die Toilette, ffnete die Schatulle, go etwas warmes Wasser in ein Glas, nahm Seife und Brste heraus und ging daran, sich zu rasieren, wozu es brigens schon lngst Zeit war, denn als er sein Kinn mit der Hand befhlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: Das ist ja der reinste Wald! Und in der Tat: wenn's auch gerade kein Wald war, so lie sich's doch nicht leugnen, da auf Kinn und Wangen die Saat ppig sprote. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er angezogen; er besprengte sich noch mit Klnischem Wasser, hllte sich recht warm in seinen Mantel und trat auf die Strae hinaus, nachdem er sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen -- etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm freundlich zuzulcheln, die Huser und die Bauern auf der Strae, die eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon mancher seinen Bruder bers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug sogar ein wenig ber die Schnur, und er begann ber sich selbst zu lachen und sich ber sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung fand er sich pltzlich dem Hause des Gouverneurs gegenber. Schon hatte er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel abzulegen, als der Portier pltzlich auf ihn zuging und ihn durch folgende Worte berraschte: Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht vorzulassen! Wie? Was fllt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch ordentlich an! fiel Tschitschikow erstaunt ein. Gewi habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal, sagte der Portier. Sie _allein_ darf ich ja gerade nicht vorlassen; jeden andern, nur Sie nicht! Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht? So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben, sagte der Portier und fgte noch ein Ja hinzu, worauf er in nachlssiger Haltung vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lcheln, mit dem er ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte. Wahrscheinlich dachte er sich: He! wenn dich die Herrschaften von der Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet! Unbegreiflich! dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum Gerichtsprsidenten; aber der Prsident wurde bei seinem Anblick so verlegen, da er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein trichtes Zeug zusammenschwatzte, da alle beide verlegen wurden. Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mgliche Mhe, herauszubekommen, was der Prsident eigentlich gemeint, und was seine Worte fr einen Sinn gehabt htten, aber es wollte ihm durchaus nicht gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, fhrten so eigentmliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwrdig, da er wirklich annehmen mute, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund dieser Vernderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht glcken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu knnen, ob er selbst verrckt sei, oder die Beamten den Kopf verloren htten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne trichte Wirklichkeit sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spt am Abend, als es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurck, den er in so glnzender Stimmung verlassen hatte, und lie sich vor rger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grbeln ber die Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein, als sich pltzlich die Zimmertr auftat und Nosdrjow, den er am allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat. Fr einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt, rief dieser und nahm seinen Hut ab: ich komme eben vorber und sehe Licht in deinem Fenster. >Wahrscheinlich schlft er noch nicht, denke ich mir, ich mu doch mal rauf gehen und nachsehen.< Ah! das ist aber schn, da du Tee hast, ich trinke mit Vergngen ein Tchen mit: ich hab' heute allerhand Zeug gegessen und fhle schon, da mein Magen zu rebellieren beginnt! La mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine Pfeife? Ich rauche doch keine Pfeife, sagte Tschitschikow trocken. Unsinn, als ob ich nicht wei, da du ein enragierter Raucher bist. He! Wie heit doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hr mal! Er heit nicht Bachrameus, er heit Petruschka. Wie? Du hattest doch frher einen Bachrameus? Ist mir nicht eingefallen! sagte Tschitschikow. Richtig, es ist ja wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der Derebin fr ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem Derebin ihr ganzes Vermgen zugeschrieben. Das wr doch fein, wenn unser einer so eine Tante htte, weit du, das wren schne Aussichten, was? Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich pltzlich so von uns allen zurck, man sieht dich ja berhaupt nicht mehr. Ich wei, du beschftigst dich mit wissenschaftlichen Gegenstnden, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schlo, da unser Held sich mit wissenschaftlichen Gegenstnden beschftigt und sehr viel liest, das knnen wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen mssen, leider nicht verraten, noch weniger aber htte es Tschitschikow knnen). Hr mal Tschitschikow! Wenn du blo gesehen httest ... das wr' was fr deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen Geist haben sollte -- ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt, nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort war, sagte immer, >wenn doch Tschitschikow blo hier wre, das wre was fr ihn!< (Tschitschikow hatte Pererependjew berhaupt nie gesehen.) Nein, gesteh's nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir gehandelt, weit du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen ... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol's der Teufel, ich kann halt nicht lange bse sein. Neulich beim Prsidenten ... Ach ja, ich mu dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht! Sie glauben, da du falsches Papiergeld machst .. Pltzlich fallen alle ber mich her -- na, ich stelle mich natrlich wie ein Berg vor dich hin -- ich habe ihnen was vorerzhlt: da wir zusammen in die Schule gegangen sind, und da ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort, ich habe ihnen tchtig was vorgeschwindelt! Ich soll falsches Papiergeld machen? rief Tschitschikow aus und sprang vom Stuhl auf. Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt? fuhr Nosdrjow fort, sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich fr einen Spitzel und Ruber. -- Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben Angst, es knnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, da er mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnsig ist und gar zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man kann sich natrlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball geben, aber was ntzt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hr mal, Tschitschikow, du hast da eine gefhrliche Sache unternommen? Was fr eine gefhrliche Sache? fragte Tschitschikow unruhig. Na, das mit der Entfhrung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: >Na! denke ich mir, der Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...< brigens hast du keine gute Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das ist ein Prachtmdel! Da kann man sagen: Einfach entzckend! Was redest du da fr ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des Gouverneurs entfhren. Was fllt dir ein? sagte Tschitschikow und starrte ihn verstndnislos an. Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrmer! Ich will ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfgung stellen, nur unter einer Bedingung: du mut mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt ntig, ich bin in einer verzweifelten Lage. Whrend dieser trichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow mehrmals die Augen, um sich zu berzeugen, ob er nicht etwa trume. Das falsche Papiergeld, die Entfhrung der Tochter des Gouverneurs, der Tod des Staatsanwalts, dessen Ursache _er_ sein sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. Oh weh, wenn die Sache so steht, dachte er, dann darf ich nicht lnger sumen, dann mu ich mich schleunigst davonmachen. Er suchte sich Nosdrjow mglichst schnell vom Halse zu schaffen, lie sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu halten, weil er am nchsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Tre stehen, ohne sich vom Fleck zu rhren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstnde und warf alles, was ihm unter die Hnde kam, in einen Korb hinein: Strmpfe, Hemden, die _reine_ und die _schmutzige_ Wsche, Stiefelbrsten, einen Kalender usw. Dies alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unntz Zeit zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Tre und verlie dann leise das Zimmer. Ganz bedchtig und so langsam, wie man sich's nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurcklie. Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet diese Gebrde? und was hat sie berhaupt zu bedeuten? War es der rger, da die fr morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen in einem ebenso rmlichen Pelze und einem hnlichen Grtel um die Taille in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffre angesponnen, und nun sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem hflichen Hndedrcken abends in der Dmmerung, wenn die Burschen im roten Hemde vor den Mgden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte Volksmenge nach des Tages Last und Mhe leise Reden wechselt -- oder war es nur der Schmerz, das warme Pltzchen in der Kche am Ofen unter dem Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie nur in der Stadt bekommt, verlassen zu mssen, um sich aufs neue in den Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen -- errate wer's will. Gar vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den Ohren kratzt. [Funote 6: Ein Saiteninstrument: eine Art Guitarre.] Elftes Kapitel. Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich wachte er viel spter auf, als er beabsichtigte -- dies war die erste Unannehmlichkeit -- dann stand er auf und schickte sofort jemand hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt und alles zur Abreise bereit sei, mute aber zu seinem Leidwesen erfahren, da die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten zur Abreise getroffen seien -- und dies war die zweite Unannehmlichkeit. Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstber zu versetzen, und wartete mit Ungeduld, was der wohl fr eine Ausrede zu seiner Entschuldigung vorbringen wrde. Bald erschien Seliphan auch in der Tr, worauf sein Herr das Vergngen hatte, dieselben Reden ber sich ergehen zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hren bekommt, wenn man verreisen will und groe Eile hat. Man mu doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel Iwanowitsch! Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht frher gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt? Hm, ja, Zeit htt' ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen aufsetzen mssen, der Weg hat so viele Gruben und Lcher, und ist so holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock ist entzwei, der ist so wackelig, da er keine zwei Stationen mehr halten kann. Schurke! schrie Tschitschikow, schlug die Hnde zusammen und ging auf Seliphan los, da dieser Angst bekam, sein Herr knne ihm ein recht unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurcktrat. Willst du mich umbringen? Willst du mich tten? Was? Du willst mich wohl am Wege ermorden, wie ein Ruber und Strauchdieb? Du Schwein du, du Meerungeheuer! Drei Wochen lang rhren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn er nur ein einziges Wort gesagt htte, der nichtsnutzige Kerl! Statt dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon alles so weit ist, da man einsteigen und fortfahren mchte, gerade da mu er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch gewut? Hast du es etwa nicht gewut? Wie? Antworte! Nun? Freilich! antwortete Seliphan und lie den Kopf hngen. Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie? Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und schien zu sich selbst zu sprechen: Siehst du wohl, wie das gekommen ist: ich hab's doch gewut, und trotzdem nicht gesagt! So, lauf jetzt zum Schmied und la ihn kommen. In zwei Stunden mu alles fertig sein, verstanden? Sptestens in zwei Stunden! Wenn's dann nicht fertig ist, dann -- dann nehm ich dich und binde dich zu einem Knoten zusammen! Unser Held war ganz auer sich vor Wut. Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn auszufhren; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und sagte: Wissen Sie, gndiger Herr, den Schecken, den sollte man eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke ... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur! So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern. Was? Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so krftig aus; in Wirklichkeit ist er hchst verschlagen und unzuverlssig, so ein Pferd gibt's gar nicht wieder ... Esel! Wenn es mir pat, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hlt der Kerl hier noch lange Reden! Pa mal auf; wenn du mir nicht gleich ein paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstber, da du nicht weit, wo dir der Kopf steht! Mach, da du raus kommt! Marsch! Seliphan verlie das Zimmer. Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann, und warf seinen Sbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die Leute in Furcht und Respekt zu halten, wtend auf den Boden. Mehr als eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, da Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie Diebe, Ruber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten; er versuchte es sogar, sie mit dem jngsten Gericht zu schrecken; aber auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben fest, und lieen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fnfeinhalb, um den Wagen in Ordnung zu bringen. Whrend dieser Zeit konnte Tschitschikow in vollen Zgen jene schnen Minuten genieen, die jeder Reisende so gut kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stcke Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht ruhig zu Hause bleiben kann, und schlielich ans Fenster tritt, um sich die Leute anzusehen, die unten auf der Strae vorber gehen oder eilen, ber ihre Groschen sprechen, ihre blden Blicke neugierig auf ihn richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im gegenberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das mit kurzen Gardinen verhngte Fenster tritt, -- alles widert ihm an, und doch kann er sich nicht entschlieen, vom Fenster wegzugehen. Er rhrt sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er vergit _sich_ und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den vertrauten Gegenstnden zurckzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrckt schlielich rgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehrte, das Rad hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezhlt und Tschitschikow eine glckliche Reise gewnscht hatten. Endlich waren auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt, auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock angebracht war, und unser Held verlie den Gasthof, um seinen Wagen zu besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock anhatte, und grend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern und Lakaien, die teils zum Gasthof gehrten, teils herbeigelaufen waren, um zu sehen, wie der fremde Herr abfhrt; nebst allem sonstigen Zubehr, wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. Gott sei Dank! dachte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche, Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rcken, wobei er die beiden warmen Bretzel krftig zusammendrckte, und der Wagen setzte sich aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches ja bekanntlich eine betrchtliche Schwungkraft besa. Mit einem seltsamen unklaren Gefhl blickte Tschitschikow auf die Huser, die Mauern, die Zune und Straen, die gleichfalls auf und ab zu hpfen schienen und langsam an seinen Augen vorberzogen. Wei Gott, ob es ihm beschieden sein wrde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen. Bei einer Straenkreuzung mute der Wagen Halt machen, er wurde nmlich durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Strae entlang dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte sich heraus, da es der Staatsanwalt war. uerst unangenehm berhrt, lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurck, lie den Wagen aufklappen und zog die Vorhnge zu. Whrend die Equipage still stand, nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mtzen ab und sahen sich den Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders fr die Wagen und ihre Insassen zu interessieren und genau nachzuzhlen schienen, wie viele von den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fu gingen; auch ihr Herr, der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von den bekannten Lakaien zu gren, sah sich den Zug durch ein kleines Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblten Hauptes dem Sarge. Tschitschikow frchtete sich einen Augenblick, sie knnten seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie unterhielten sich nicht einmal ber jene praktischen Fragen, welche gewhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darber nach, was der neue Generalgouverneur wohl fr ein Mann sei, wie er die Geschfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die Beamten, welche zu Fu gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den Bewegungen ihrer Hnde und Lippen mute man schlieen, da sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie ber die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, uerten ihre Vermutungen ber die Blle die er geben wrde und sorgten schon jetzt fr ihre neuen Rschen und Aufstze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er lie das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte: Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum groen Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets ein geachteter Brger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten gewesen sei; was werden sie nicht _noch_ alles schreiben: vielleicht fgen sie auch noch hinzu, da die Trnen der Witwen und Waisen ihn bis ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nhe an, und geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts merkwrdig, auer deinen buschigen Augenbrauen. Und er rief Seliphan zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: Eigentlich ist es doch ganz gut, da wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es bedeute Glck, wenn ein Leichenwagen vorberfhrt. Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die den und leeren Straen der Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange Bretterzune, welche das Ende der Stadt ankndigten. Nun hrte auch schon das Straenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag hinter den Reisenden -- man befand sich auf der den einsamen Landstrae. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen, Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Drfern mit ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen brtigen Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon siebenhundert Werst zurckgelegt hat, den munteren Stdtchen mit ihren hlzernen Lden, Mehlfssern, Bastschuhen, Bretzeln und dem brigen Plunder, den scheckigen Schlagbumen, den ewig in Reparatur befindlichen Brcken, den unbersehbaren Feldern hben und drben, den Erntewagen, dem reitenden Soldaten, der einen grnen Kasten voll Artilleriefutter mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich fhrt, den grnen, gelben oder frisch aufgeworfenen _schwarzen_ Streifen Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne herberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem Nebeldunst, dem verhallenden Glockengelute, den Scharen wilder Raben, die vorberziehen gleich Fliegenschwrmen und dem endlosen grenzenlosen Horizont ... Oh, Ruland! mein Ruland! ich sehe dich, sehe dich aus meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrnt von frechen Wunderwerken khner Kunst -- erheitern oder schrecken hier den Blick, keine Stdte mit vielfenstrigen hohen Palsten in wilde Felsen eingebaut, keine malerischen Bume und Efeuranken, in Huser eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserflle; nicht braucht das Haupt sich zurckzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Hhe emporgetrmten Gebirgsblcken folgen zu knnen; nicht blitzen hinter langgestreckten, dunklen Sulengngen, um die sich Rebenzweige, Efeu und Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln verlieren. Frei, wst und offen liegst du da; wie kleine Pnktchen oder Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Stdte auf: nichts lockt, verfhrt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt unaufhrlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze unermeliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind das fr Tne, die unsere Seele so zrtlich umschmeicheln und kssen, zum Herzen dringen und es s umspinnen? O, Ruland! sag, was willst du nur von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknpft? Was blickst du mich so an, und warum hlt alles, alles was dich erfllt, seine Augen so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh' ich zweifelnd und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner grenzenlosen Ausdehnung. Was verheit diese unermeliche Freiheit und Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoe, auch der unendliche Gedanke geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf da _er_ sich entfalte und ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfngt mich der majesttische Raum, der tief mein Inneres erschttert mit all seinen Schrecken; von einer bernatrlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ... O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Ruland! ... Halt, halt, du Esel! rief Tschitschikow Seliphan zu. Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter! schrie ihn ein vorbersprengender Feldjger an, der einen Schnurrbart von der Lnge eines Meters hatte. Siehst du denn nicht, da das ein staatlicher Wagen ist? hol dich der Teufel! Und wie eine Vision verschwand unter Donner und Staubwolken das Dreigespann. Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte: Landstrae! Und wie _herrlich_ ist sie selbst, diese _Landstrae_! Ein heller Tag, Herbstbltter, die Luft ist kalt ... Hll dich tiefer in deinen Regenmantel! Die Mtze ber die Ohren, und schmieg dich enger und gemtlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch luft uns ein Schauer durch unsere Glieder, und schon durchstrmt uns behagliche Wrme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das Lied: Nicht weier Schnee ..., das Schnauben der Pferde und das Rasseln der Rder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar tief in die Wagenecke drckst. Doch nun erwachst du: fnf Stationen liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fhrst durch eine unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertmlichen Holzkuppeln und dunkelen Turmspitzen, an finsteren hlzernen und weien steinernen Husern vorber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden Mondlichts, gleich als ob weie Leinentcher ber Wnde und Straen gebreitet wren, kohlschwarze Schatten legen sich schrg darber, wie flimmerndes Metall glnzen die helleuchtenden Holzdcher: und keine Seele rings umher: alles schlft. Nur ein einsamer Lichtschein fllt hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Brgersmann, der seine Stiefel stopft, oder ein Bcker, der sich beim Ofen zu schaffen macht? -- was kmmert's dich, o, welche Nacht! Himmlische Mchte! welch eine Nacht webt droben in der Hhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfabar klar und helltnend ber uns breitest! ... Khl weht dir in die Augen der kalte Atem der Nacht und lullt dich ein in sen Schlaf; nun schlummerst du, vergit dich ganz und schnarchst -- doch zornig bewegt und schttelt sich dein armer, in die Ecke gezwngter Nachbar unter deiner allzu schweren Brde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder und Steppen; leer ist's um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorber; der Morgen steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter Goldstreifen, khler und krftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hll dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Klte! Wie wunderbar umfngt aufs neue dich der Schlummer! Ein Sto und abermals erwachst du. Die Sonne steht schon im Zenith. Vorsicht, Vorsicht! ruft's neben dir, der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fhre: ein breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glnzt; ein Dorf, mit malerischen Htten an den Hngen; wie ein Stern blitzt abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tnt der Bauern munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ... Mein Gott, wie schn ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg! Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und Trume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie viele beglckende Eindrcke erfllen schon die Seele! ... Indessen auch Freund Tschitschikows Trume waren durchaus nicht so ganz prosaischer Art. Sehen wir einmal zu, was fr Gefhle ihn beseelten! Anfangs empfand er berhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich berzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm lge; aber als er sah, da sie lngst verschwunden war, und keine Schmiede, keine Mhle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weien Spitzen der steinernen Kirchen lngst in die Erde gesunken waren, da richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor _langer, langer_ Zeit, in seiner frhesten Kindheit dort gewesen wre. Schlielich fing auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor mu gestehen, da er sich eigentlich darber freut, da er doch _so_ endlich einmal Gelegenheit findet, einige Worte ber seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er ja immer -- der Leser wei es ja selbst -- bald durch Nosdrjow, bald durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch, oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen immer fr hchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite legen und uns ganz der Sache selbst widmen. Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das lt sich schon im Voraus mit Bestimmtheit behaupten -- denn die Damen wollen, da ihr Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es fr immer vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein Bild reiner zurckstrahlen lassen, als ein Spiegel -- der Mann htte doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Flle und das Alter Tschitschikows mssen ihm sehr schaden: diese Flle wird man unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verchtlich abwenden und sagen: Pfui, wie hlich er ist! Ach ja! Das alles ist dem Autor wohl bekannt, und dennoch -- und trotz alledem kann er sich keinen tugendhaften Menschen zum Helden whlen ... Allein ... vielleicht wird man in dieser selben Erzhlung noch nie angeschlagene Saiten vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit gttlichen Vorzgen und Tugenden an uns vorberschreiten, oder ein herrliches russisches Mdchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet, ausgestattet mit allen Schnheiten der weiblichen Seele voll hochherzigen Strebens und zu jedem hchsten Opfer bereit! Verblassen und dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Mnner und Frauen anderer Stmme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum Lichte drngen werden sich alle mchtigen Regungen der russischen Seele, .. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift und festhlt, was nur die Oberflche fremder Vlker streifte ... Allein, warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich's fr den Dichter, der lngst des Mannes reifes Alter erreichte, und den die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nchternheit der Einsamkeit hrteten und sthlten, dem Knaben gleich sich zu vergessen. Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward nicht der Tugendhafte zum Helden erwhlt. Wir knnen es sogar sagen warum er nicht erwhlt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen Tugendbold etwas Ruhe zu gnnen; weil das Wort tugendhafter Mensch fortwhrend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller mehr gibt, der nicht bestndig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt mit seiner Peitsche und Gott wei womit sonst noch, vorwrts treibt; weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, da bald auch nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm brig bleiben werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet. Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen! Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern waren Edelleute, ob freilich von altem oder _nur_ von persnlichem Adel -- das wei der liebe Gott. uerlich zeigte er keine hnlichkeit mit ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: Ach herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er sollte eigentlich der Gromama von mtterlicher Seite hnlich sein, das wre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern 'nem wandernden Junker. Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mrrisch, wie durch ein trbes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund, noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stbchen, mit kleinen Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geffnet wurden; sein Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell geftterten Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er ber die nackten Fe zog; bestndig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den Sandnapf in der Ecke, ewig mute der Knabe auf der Bank sitzen, die Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die unvermeidliche Vorschrift vor Augen: Du sollst nicht lgen, sollst die lteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen! Das ewige Klappern und Schlrfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge Stimme: Machst du schon wieder Dummheiten? die sich immer dann vernehmen lie, wenn das Kind, angewidert von der Einfrmigkeit seiner Beschftigung, irgend ein Hkchen oder Schnrkelchen an einem Buchstaben anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefhl, das den Worten folgte, wenn die Ngel der langen Finger sich von hinten heranbewegten und das Ohrlppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ndert sich alles schnell und pltzlich: eines schnen Tages, als die ersten Strahlen der Frhlingssonne die Erde erwrmten, und die Bche zu rauschen begannen, nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde, einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehndler Elstern zu nennen pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt, dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater gehrte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs bernachtete man einmal, setzte ber einen Flu, nhrte sich von kalten Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straen, da er den Mund vor Erstaunen weit aufri. Dann plumpste die Elster mitsamt dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschssigen und ganz mit Schmutz bedeckten Strae bildete; lange arbeitete sie dort aus aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die Kutsche schlielich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof landete; dieser lag an einem kleinen Hgel; vor dem alten Huschen standen zwei blhende Apfelbume und hinter demselben befand sich ein kleines niedriges Grtchen, das nur aus ein paar Ebereschen, Hollunderbschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen hlzernen Httchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mtterchen, die aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strmpfe an der Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute sich darber, da er so dick und wohlgenhrt aussah. Hier sollte er von nun ab bleiben und die stdtische Schule besuchen. Der Vater blieb die Nacht ber bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne verabschiedete, vergo er keine Trne: er gab ihm einen halben Rubel Kupfergeld fr die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: Merk dir's Pawluscha, lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu gefallen. Wenn du's deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine groen Fortschritte in den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschler berholen. La dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann whle dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie knnen dir helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei, sondern mache es immer so, da die anderen dich einladen und freihalten; vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden werden dich bers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglck verlassen, der Pfennig aber wird dich _nie_ verlassen, weder in Not noch Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles erreichen, wonach dein Herz nur begehrt. Nach diesen weisen Lehren verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rckreise mit seiner Elster an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele. Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen. Besondere Fhigkeiten fr eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an den Tag; er zeichnete sich mehr durch Flei und Ordnungsliebe aus; dafr aber kam bei ihm bald eine andere Fhigkeit zum Durchbruch: ein groer praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn gelehrt hatte, d. h., er lie sich stets einladen und freihalten, er selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie spter bei Gelegenheit an den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fgte noch im selben Jahre etwas zu dieser Summe hinzu, wobei er einen groen Unternehmungsgeist an den Tag legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hbsch an und verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte Ewaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, da einem Kameraden schlecht wurde -- was ein Zeichen des eintretenden Hungergefhles war -- lie er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brtchens sehen. Hatte er ihn dann ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in einem gewissen Verhltnisse zur Gre seines Appetites stand. Zwei Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hlzernen Kfig eingesperrt hielt; er brachte es endlich soweit, da sich die Maus auf die Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete, worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich auf diese Weise ungefhr fnf Rubel zurckgelegt hatte, nhte er sie in ein Sckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klger. Niemand verstand es so gut, wie er, muschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier mssen wir bemerken, da der Lehrer ein groer Freund der Ruhe und eines guten Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte; es schien ihm immer, da diese ber ihn lachten. Es braucht nur einer, der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz unbarmherzig. Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsssigkeit austreiben! rief er, ich kenne dich durch und durch, so wie du dich selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie der Hunger schmeckt! Und der arme Knabe mute sich die Kniee durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum. Fhigkeit, Begabung, Talent -- das ist alles Unsinn! pflegte der Lehrer zu sagen, ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schler, der sich anstndig benimmt, wrde ich auch dann noch die besten Noten in allen Fchern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich dagegen jenen bsen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke -- da gibt's eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte! So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher hate er auch Krylow so ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: Sauf meinethalben, doch verstehe deine Sache! Auch erzhlte er immer mit groer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie in der Schule, in der er frher unterrichtet hatte, eine solche Stille geherrscht habe, da man eine Mcke durchs Zimmer fliegen hren konnte; da keiner von den Schlern whrend des ganzen Jahres auch nur _einmal_ zu husten und sich whrend der Stunde zu schneuzen wagte, und da bis zum Glockenzeichen niemand htte entscheiden knnen, ob jemand in der Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfate sofort den Geist und die Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte whrend der ganzen Stunde auch nicht _einmal_ mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken, soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertnte, strzte Tschitschikow kopfber an die Tre, um dem Lehrer als erster die Mtze zu reichen -- der Lehrer trug eine gewhnliche Bauernmtze; hierauf verlie er zuerst die Klasse und suchte ihm recht hufig auf der Strae zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein Verhalten war vom schnsten Erfolge gekrnt. Die ganze Zeit ber, whrend er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei seinem Abgang erhielt er ein vorzgliches Zeugnis mit den besten Noten in smtlichen Fchern und auerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in goldenen Lettern: Fr lobenswerten Flei und musterhaftes Betragen. Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jngling von recht anziehendem ueren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterlie seinem Sohne vier vllig abgetragene Flaushemden, zwei alte Rcke, die mit Lammfell gefttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er selbst aber hatte nur wenig zurckgelegt. Tschitschikow verkaufte sogleich das alte Huschen samt dem dazugehrigen drftigen Grund und Boden fr tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte, wegen seiner Unfhigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen; er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als seine frheren Schler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer Ungehorsam und Aufsssigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren, veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung fr ihn, und verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflchte, er habe nichts, und opferte blo ein armseliges silbernes Fnfkopekenstck, das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Fe warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Hnden, als er von dieser Handlung seiner frheren Schler erfuhr; die Trnen strzten ihm in Bchen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlschenden Augen. Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Trnen! rief er mit schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fgte hinzu: Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verndert! Was fr ein braver artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch betrogen! ... Und doch kann man nicht sagen, da die Natur unseres Helden so rauh und hart, und da sein Gefhl so abgestumpft war, da er weder Mitleid noch Teilnahme kannte. Beide Gefhle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wre zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu groen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umstnden htte er die Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem Wort, der vterliche Rat: sei sparsam und ehre den Pfennig war auf guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er sich leiten lie; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und berflu, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt, schmackhafte Diners -- das war es, was ihn ganz erfllte und fortwhrend beschftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen wrde, all diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem Geschirr an ihm vorberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: Und er war doch ein gewhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekruseltes Haar! Alles, was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, da er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er die Schule verlie, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war sein Wunsch, so schnell als mglich ans Werk zu gehen und in den Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzglichen Zeugnisse gelang es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten; selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! Schlielich fand sich doch noch ein kleines Pstchen, mit einem Gehalt von dreiig bis vierzig Rubel jhrlich. Aber er war fest entschlossen, sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu berwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhrte Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schrnkte seine Bedrfnisse auf das Allernotwendigste ein. Vom frhen Morgen bis zum spten Abend sa er unermdlich hinter seinem Tische, ohne da seine geistigen und krperlichen Krfte nur im geringsten nachlieen, schrieb und schrieb, verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief in der Kanzlei auf dem Tische, a mitunter mit den Hausknechten und Wchtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes wohlgepflegtes ueres zu bewahren, sich anstndig zu kleiden, seinem Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man mu sagen, da die Beamten der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und Hlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit einem Wort es sah gar nicht hbsch aus. Sie fhrten alle eine sehr strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, da sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten haben; ja sie kamen sogar hufig etwas angeheitert in den Dienst, so da es im Amtszimmer recht ungemtlich wurde, da man die Luft nichts weniger als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mute Tschitschikow natrlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil von ihnen; seine Zge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch enthielt er sich aller geistigen Getrnke. Und doch wurde ihm die Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefhllosigkeit und Unerschtterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein Lcheln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grend entgegen, oder erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder auf der Strae; nie uerte er das geringste Interesse oder etwas wie Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, da er betrunken gewesen wre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht htte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst der Ruber in Augenblicken des Rausches tut; -- von alledem war auch nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Gte, aber gerade in diesem vollstndigen Mangel aller starken Gefhle und Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion. Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es berst war, machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts Erben drischt. Man sollte meinen, es htte ber alle Menschenkraft gehen mssen, einem solchen Menschen nher zu treten und seine Zuneigung zu gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefllig zu erweisen; er untersuchte sorgfltig wie die Federn geschnitten waren, mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der genannten Art, und legte sie so hin, da jener sie leicht finden konnte; er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab; schaffte einen neuen Lappen fr das Tintenfa an; ferner lief er stets nach seiner Mtze -- der hlichsten Mtze, die es je auf der Welt gab, und legte sie jedesmal kurz vor dem Schlu der Sitzung neben ihn hin; oder er brstete ihm den Rcken ab, wenn er sich an der Wand wei gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten Eindruck, gerad als ob es berhaupt nicht geschehen wre. Schlielich jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, da er eine erwachsene Tochter hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob nachts Erbsen darauf gedroschen wrden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu bestrmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste gekleidet, mit einem prachtvoll gestrkten Vorhemd _vis vis_ von ihr auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar lie sich erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit gekommen, da Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald geradezu unentbehrlich zu machen wute; er kaufte Mehl und Zucker ein, verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar Papachen und kte ihm die Hand. Im Gericht war alles berzeugt, da Ende Februar, vor den groen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der gestrenge Aktuar bemhte sich sogar bei seinem Vorgesetzten fr ihn, und bald darauf sa Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annherung an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage lie er seinen Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er sich schon eine andere Wohnung. Er hrte auf, den Aktuar Papachen zu titulieren und ihm die Hand zu kssen, die Sache mit der Heirat wurde immer weiter hinausgeschoben, fast als ob berhaupt niemals davon die Rede gewesen wre. Trotzdem drckte er dem Aktuar auch frderhin, wenn er ihm begegnete, zrtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so da der Alte trotz seiner groen Schwerflligkeit und seiner hartnckigen Gleichgltigkeit jedesmal den Kopf schttelte und murmelte: Hat der mich beschwindelt, dieser Satan! Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da ab ging es leichter und mit noch grerem Erfolge vorwrts. Man fing an, ihn zu beachten. Besa er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine Betragen und den kecken Wagemut in allen geschftlichen Unternehmungen. Mit diesen Mitteln eroberte er sich in krzester Zeit das, was man ein warmes Pltzchen zu nennen pflegt, und wute es aufs trefflichste auszuntzen. Man mu nmlich wissen, da man um diese Zeit streng gegen die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Manahmen hatten indes fr ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen wute, und er legte hierbei einen echt russischen Erfindungsgeist an den Tag, der sich whrend der Zeiten starken Drucks stets in seiner hchsten Blte zeigt. Er machte es nmlich folgendermaen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten Empfehlungsschreiben des Frsten Chowanski wie man sich bei uns in Ruland ausdrckt, hervorzuziehen -- sagte er sogleich mit einem freundlichen Lcheln, wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: Sie denken wohl, da ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das mssen wir auch ohne jede Entschdigung tun! Was das anbelangt, so knnen Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schnster Ordnung! Darf ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemhen. Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt! Der entzckte Bittsteller kehrte ganz begeistert nach Hause zurck und dachte sich: Endlich mal ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gbe, das ist ja ein wahres Kleinod! Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei -- man hat seine Papiere noch garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. Ach entschuldigen Sie, sagt Tschitschikow sehr hflich, indem er den Herrn bei beiden Hnden ergreift: Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen, morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst hchst peinlich! All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknpft wurde, so suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen, weder morgen, noch bermorgen, noch berbermorgen. Der Bittsteller fngt an zu berlegen: Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht? Er erkundigt sich, und erhlt die Antwort: Die Schreiber mssen was bekommen! Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen ihre fnfundzwanzig, meinetwegen sogar fnfzig Kopeken haben. -- Nein, damit ist's nicht getan, Sie mssen schon mindestens einen _weien_ Zettel[7] hinlegen. Was? den Schreibern einen weien? ruft der Bittsteller erstaunt aus. Ja, warum regen Sie sich nur so auf? antwortet man ihm: das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur ihre fnfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten weiter! Hier schlgt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und flucht wtend ber die neue Ordnung, ber die Manahmen gegen das Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten. Frher, da wute man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man dem Geschftsfhrer einen _roten_ Zettel auf den Tisch, und die Sache war erledigt; jetzt mu man dagegen einen _weien_ opfern und verliert noch dazu eine ganze Woche, ehe man berhaupt heraus kriegt, was hier eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigenntzigkeit und die Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natrlich ganz recht: aber dafr gibt's eben heute keine Bestechungen mehr: alle geschftsfhrenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur die Schreiber und Sekretre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Ttigkeit auf: es bildete sich eine Kommission fr den Bau eines groen Staatsgebudes. In diese Kommission lie auch er sich hineinwhlen, und wurde eins ihrer ttigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang bemhte man sich um das Staatsgebude, aber war es nun das Klima, oder lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht fortschreiten und kam nicht ber das Fundament hinaus. Dafr aber schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der Stadt eine Reihe von schnen Husern in gut brgerlichem Stile an; offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine Familie zu grnden. Erst jetzt und unter den neuen Verhltnissen begann auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst jetzt entschlo er sich zu einer milderen Handhabung der Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und nun erst stellte es sich heraus, da er eigentlich nie ein Feind jener Gensse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen Luxus: schaffte sich einen Koch und feine hollndische Hemden an. Auch kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und glnzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zgel selbst in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprnge machen lie; jetzt wurde auch die Sitte eingefhrt, sich mit einem Schwamm, der in eine Mischung von Wasser und _Eau de Cologne_ getaucht wurde, zu waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt zu erhalten, schon ... [Funote 7: Fnfundzwanzig Rubel.] Da wurde pltzlich anstelle der alten Schlafmtze ein neuer Sektionschef ernannt, ein strenger Herr, der beim Militr gedient hatte, und ein geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mistnde, sah, da berall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Huser im brgerlichen Stil -- und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Huser im brgerlichen Stil vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohlttige Anstalten und Schulen fr Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine krftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein Gesicht erregte pltzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das hchste Mifallen des Chefs -- warum eigentlich -- das wei Gott allein; oft gibt es berhaupt keinen Grund dafr -- genug, er warf einen tdlichen Ha auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar in seinem Zorn! Da er aber schlielich doch nur ein alter Soldat war und all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es den andern Beamten durch Vortuschung eines ehrlichen Gesichts und durch die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und der General kam bald in die Hand noch weit grerer und schlimmerer Halunken, die er noch dazu garnicht dafr hielt; ja er war schlielich sogar noch zufrieden, da er die rechten Leute gefunden habe und rhmte sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten und Fhigkeiten zu wrdigen und abzuschtzen. Die Beamten kamen sogleich hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; berall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner Harpune einem fetten Str nachjagt, und zwar mit so groem Erfolg, da ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den frheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow allein wollte es nicht glcken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln; so sehr sich auch der erste Sekretr des Generals unter dem Eindruck eines Empfehlungsbriefes des Frsten Chowanski um ihn bemhte und fr ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der Nase des Gouverneurs verstand -- er vermochte dennoch nichts auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich wohl an der Nase herumfhren lie (brigens ohne, da er es selbst wute); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt, dann sa er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt htte ihn wieder herausziehen knnen. Alles was der kluge Sekretr erreichen konnte, war, da die alte schmutzige Dienstliste vernichtet wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem er an sein Mitleid apellierte und ihm in glhenden Farben das traurige Schicksal Tschitschikows und seiner unglcklichen Familie ausmalte, die ja Gott sei Dank garnicht existierte. Was tun! sprach Tschitschikow: ich hab eingehakt, raufgezogen, und das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt -- da ist kein Wort zu verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglck nicht wieder gut. Man mu ans Werk gehen und handeln! Und er beschlo, seine Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und sich wieder zu beschrnken, so schn und herrlich er sich auch vordem zu entfalten begonnen hatte. Er entschlo sich, in eine andere Stadt berzusiedeln und dort bekannt und berhmt zu werden. Aber es wollte alles nicht recht glcken. In ganz kurzer Zeit mute er zwei- oder dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene Ttigkeit war hchst unsauber und widerwrtig. Der Leser mu nmlich wissen, da Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in einer unsauberen Gesellschaft bewegen mute, blieb seine Seele doch immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie erlaubte er sich in seinen Reden ein unanstndiges Wort, und es krnkte ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung gegen seine Titel und Wrden vermite. Ich glaube, es wird dem Leser angenehm sein, zu erfahren, da er jeden zweiten Tag seine Wsche wechselte; im Sommer whrend der heiesten Zeit sogar zweimal tglich: jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan. Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mdchens; daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch ein wenig ab und bekam eine grnliche Gesichtsfarbe von all diesen Widerwrtigkeiten und Schicksalsschlgen. Eben hatte er angefangen, dick zu werden und sich jene runden und geflligen Krperformen zuzulegen, in deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lcheln hatte bei diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: Heilige Mutter Gottes, wie hlich ich geworden bin! Und es verging ihm fr lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig -- und so erhielt er denn endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier mssen wir erwhnen, da ein solcher Posten schon lngst Gegenstand seiner geheimen Wnsche gewesen war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten fr wunderschne auslndische Sachen anschafften, was fr herrlichen Batist und Porzellan sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon hatte er seufzend ausgerufen: Das wr so etwas fr mich: die Grenze ist nahe, man ist in der Nhe von gebildeten Leuten, was fr feine hollndische Hemden man sich da zulegen knnte! Und wir mssen hinzufgen, da er auch noch an eine besondere Sorte franzsischer Seife dachte, welche der Haut eine auerordentliche Weie und Geschmeidigkeit und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das fr eine Marke war, das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, da sie nur an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurck, und er sagte sich mit Recht, da das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem Dache sei, whrend die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umstnden beim Zollamt unterzukommen -- und das setzte er denn auch tatschlich durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal selbst schien ihn zum Zollbeamten prdestiniert zu haben. Eine gleiche Geschftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche Sicherheit im Zollfach angeeignet, da er buchstblich alles wute: er brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und wenn er ein Gepckstck in die Hand nahm, konnte er sofort sagen, wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie seine eigenen Kameraden sich ausdrckten, geradezu eine Witterung wie ein guter Jagdhund: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden Knopf befhlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden Kaltbltigkeit und einer geradezu unglaublichen Hflichkeit. Whrend die unglcklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust versprten, sein angenehmes Gesicht tchtig durchzubluen, verzog er keine Miene und sagte immer mit der gleichen Liebenswrdigkeit: Wollen Sie nicht die Geflligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemhen und aufzustehen! oder Wollen Sie nicht die Gte haben, gndige Frau, und ein wenig ins Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten mchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, oder Sie erlauben wohl, da ich Ihnen das Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne. Und mit diesen Worten zog er ganz kaltbltig alle mglichen Tcher, Shawls usw. von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die Vorgesetzten erklrten, das sei ein Teufel und kein Mensch. berall fand er etwas: zwischen den Rdern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde und Gott wei, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den Kopf kme, etwas zu suchen, und wohin sich hchstens ein Zollbeamter verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den Schwei, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und murmelte: Na, na! Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen, der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem hchsten Erstaunen krftig durchwalkte. Bald wuten sich die Schmuggler vor ihm nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit waren unvergleichlich und geradezu unnatrlich. Er legte sich nicht einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die unntzen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigenntziger Eifer im Dienst mute natrlich allgemeines Staunen erregen und schlielich auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde befrdert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man smtliche Schmuggler fangen und dingfest machen knnte. Diesem Projekte legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschrnkte Vollmacht zur Ausfhrung aller mglichen Untersuchungen und Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit hatte sich gerade eine groe Gesellschaft von Schmugglern gebildet, welche ganz bewut und planmig vorgingen: das freche Unternehmen versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon lngst etwas davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen, indem er ganz trocken erklrte, die Zeit sei noch nicht gekommen. Nachdem er jedoch alle Fden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen lie: Jetzt ist es Zeit. Er hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre htte er hier mehr gewinnen knnen, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige Dienstttigkeit erwerben konnte. _Vordem_ wollte er sich nicht mit ihnen einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht viel erhalten htte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich mglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur Tat. Ihre ersten Operationen waren von glnzenden Erfolgen gekrnt. Der Leser hat sicher schon jene berhmte Geschichte von der Reise der gescheidten, spanischen Hammel gehrt, welche die Grenze in doppelten Huten berschritten und dabei fr eine Million Brabanter Spitzen unter dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als Tschitschikow beim Zollamt war. Htte er selbst nicht an diesem Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt htte es fertig gebracht, einen hnlichen Streich auszufhren. Nachdem die Hammel die Grenze drei oder viermal berschritten hatten, stellte es sich heraus, da beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaen. Ja man munkelte, da es bei Tschitschikow sogar in die Fnfhunderttausend gegangen wre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott wei, welche gewaltige Hhe diese gepriesenen Summen erreicht htten, wenn nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen ber den Weg gelaufen wre. Der Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie gerieten ohne jeden Grund aneinander. Whrend einer lebhaften Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel getrunken hatte, den andern Beamten einen _Popensohn_, worauf dieser, der _wirklich_ der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde aufs tiefste beleidigt fhlte und ihn sehr heftig und auerordentlich scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: Das lgst du! Ich bin Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn, und dann fgte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu rgern, noch hinzu: Jawohl, so ist's! Obwohl er unseren Tschitschikow damit noch bertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemnzte Schimpfwort zurckgab, und trotzdem die Wendung: Jawohl, so ist's schon stark genug war, gengte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er sandte noch auerdem eine geheime Denunziation an die Behrde. brigens ging die Rede, beide htten berdies noch einen Streit wegen eines frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten kernig gewesen sei, wie eine Rbe, ja es seien sogar ein paar krftige Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen Gasse tchtig durchwalken sollten; schlielich aber htten beide Beamten eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich der betreffenden Dame bemchtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit zugetragen hat, das wei Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat wurde zwar gleichfalls gestrzt, aber er zog seinen Kollegen mit in seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach ber ihre schuldigen Hupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der Staatsrat berlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und Ausflchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rhrende Reden, hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden knnen, und da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte, mit einem Wort, er wute seine Sache so gut zu fhren, da er wenigstens keinen so schmhlichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann. Freilich: das Kapital und all die schnen auslndischen Sachen waren dabei draufgegangen; fr diese Dinge hatten sich andre Liebhaber gefunden. Es gelang ihm, sich hchstens zehntausend Rubel aus diesem Zusammenbruch zu retten, die er sich fr alle Flle zurckgelegt hatte, dazu noch zwei Dutzend hollndische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher Seliphan und den Bedienten Petruschka, auerdem hatten ihm die Zollbeamten, aus reiner Herzensgte noch fnf oder sechs Stck Seife geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte -- das war alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser Held. Welch ungeheueres Migeschick war pltzlich ber ihn hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man sollte meinen, nach all diesen Strmen, Versuchungen, Schicksalsschlgen und den bsen Zufllen dieses Lebens htte er sich mit seinen letzten teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines Provinzstdtchens zurckgezogen, um dort fr immer einzurosten: da htte er wohl im geblmten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Huschens gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wre vielleicht zur Erholung einmal in den Hhnerhof hinabgegangen, um sich persnlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte, und so htte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man mu der unbezwinglichen Charakterstrke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nach all diesen Schlgen, welche gengt htten, einen Menschen wenn nicht umzubringen, so doch fr immer gegen alles abzukhlen und zahm zu machen, war in ihm jene unerhrte Leidenschaft noch immer nicht erloschen. Er war rgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt, schimpfte ber die Ungerechtigkeit des Schicksals, war emprt ber die Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an den Tag, vor der die trge Geduld des Deutschen zu Nichts zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern, und es bedurfte eines starken, vernnftigen Willens, um all jene Triebe zu zgeln, welche in ihm nach auen drngten, um sich hier frei zu ergehen und auszuleben. Er berlegte lange hin und her, und in seinen berlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin _ich_ es gerade? Warum mute das Unglck jetzt ber _mich_ hereinbrechen? Wer sumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach _Erwerb_. Ich habe doch niemand unglcklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem berflusse genommen dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt htte. Htte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so htten andere es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glcklich sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt? Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge sehen? Mu ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, da ich nur die Erde unntz belaste? Und was sollen einst meine Kinder sagen? -- Seht unsern Vater an, werden sie sagen; er war ein Schweinehund, und hat uns kein Vermgen hinterlassen. Wir wissen bereits, da Tschitschikow sehr besorgt um seine Nachkommen war. Es ist damit eine kitzliche Sache. So mancher wrde nicht so tief in den fremden Beutel greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame, unbegreifliche Frage wie von selbst auf die Lippen drngte: Und was werden meine Kinder sagen? Und der knftige Stammvater greift eilig nach dem, was ihm zu allererst unter die Finger kommt, wie ein vorsichtiger Kater, welcher ngstlich zur Seite schielt, ob nicht der Hausherr in der Nhe ist: sieht er ein Stck Seife liegen, eine Kerze, ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter die Pfoten, er nimmt alles mit und verschmht nichts. So jammerte und klagte unser Held, und doch arbeitete sein Kopf unaufhrlich weiter. Unabllich wollte sich etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem neu zu errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er zusammen, wieder begann er ein hartes Arbeitsleben, wieder schrnkte er sich in allem ein, wieder stieg er aus der Sphre des Wohlstandes und der Reinheit in den Schmutz und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung eines Besseren lie er sich sogar dazu herbei, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu bernehmen, ein Beruf, der sich bei uns noch nicht das Brgerrecht erkmpft hat, dessen Trger von allen Seiten Pffe und Ste erdulden mssen, von den niederen Gerichtsbeamten und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und zum Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und Beleidigungen verurteilt sind. Allein die Not machte unsern Helden zu allem fhig. Unter den mancherlei Auftrgen, mit deren Ausfhrung er betraut wurde, gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern bei Vormundschaftsgericht verpfndet werden. Das Gut, zu dem die Bauern gehrten, stand vor dem Ruin. Furchtbare Viehseuchen, die Miwirtschaft spitzbbischer Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum Opfer fielen, Miernten und nicht zum mindesten die Unvernunft des Gutsherrn hatten es dem Ruin entgegengefhrt. Der Besitzer hatte sich in Moskau ein modernes Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, dabei aber war sein ganzes Vermgen bis zur letzten Kopeke draufgegangen, so da ihm kaum noch was zum Essen brig blieb. So sah er sich denn gezwungen, sein einziges Gut, das ihm noch brig geblieben war, zu verpfnden. Hypothekengeschfte mit dem Staate waren damals noch ziemlich unbekannt und erst vor kurzem eingefhrt, daher entschlo man sich nicht ohne inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt. Tschitschikow hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher smtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte er, da auch alle Anwesenden in der rechten Stimmung waren (ohne diese vorbereitende Manahme ist es bekanntlich nicht einmal mglich, die einfachsten Erkundigungen einzuziehen -- unter einer Flasche Madeira pro Kopf geht's jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf die es hierbei ankam, in die rechte Geistesverfassung versetzt hatte, erklrte er ihnen: es gbe bei dieser Sache noch einen Umstand, der unbedingt bercksichtigt werden msse: die Hlfte der Bauern sei gestorben, da msse man sich in acht nehmen, da spter nicht etwa Klagen laut wrden ... Sie stehen aber doch in der Revisionsliste, nicht wahr? sagte der Sekretr. Freilich, erwiderte Tschitschikow. Nun was frchten Sie denn dann noch? sagte der Sekretr. Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, nun gut, dann ist doch nichts verloren. Wie man sieht, verstand es der Sekretr in Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden der genialste Gedanke auf, der je einem Menschen in den Kopf gekommen war. O, ich Einfaltspinsel! sprach er zu sich selbst, ich suche meine Handschuhe und sie stecken ruhig in meinem Grtel! Htte ich mir all diese Leute, welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die neuen Revisionslisten aufgestellt wurden; htte ich sie mir, sagen wir einmal, fr tausend Rubel erworben und dann beim Vormundschaftsgericht verpfndet; dann htte ich zweihundert Rubel fr die Seele bekommen, und das wrde heute genau zweimal hunderttausend Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade der gnstigste Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorber, die hat gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer haben ihr Geld verspielt, zechen jetzt herum, und haben ihr ganzes Vermgen durchgebracht; alles will nach Petersburg und in den Staatsdienst treten: die Gter liegen darnieder, die Verwalter kmmern sich kaum um sie, mit jedem Jahre wird's schwerer, die Steuern einzutreiben; wie gern wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, nur um keine Kopfsteuer fr sie bezahlen zu mssen, ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem ein paar Kopeken dafr ab. Das ist natrlich nicht leicht, es kostet viele Mhe, man mu ewig in Sorgen schweben, da man hereinfllt, und da eine neue Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der Mensch schlielich seinen Verstand? Das Gute dabei ist ja eben dies: da die Sache so unwahrscheinlich ist: niemand wird es recht glauben wollen. Freilich ohne Land kann man sie weder kaufen noch verpfnden; aber ich werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, natrlich: zu Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man ja das Land im Gouvernement Taurien und Cherson fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel dein Herz begehrt! Ich fhre sie eben einfach dorthin: ins Chersonsche Gouvernement; da mgen sie meinetwegen leben! Und die Ansiedelung lt sich ja auf ganz gesetzlichem Wege vollziehen, nach allen Regeln der Kunst, durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, gut, ich habe nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde auch ein Zeugnis mit der eigenhndigen Unterschrift irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut wird Tschitschikowka oder nach meinem Taufnamen Pawlowskoje genannt. So kam im Kopfe unseres Helden dieser seltsame Plan zustande; ich wei garnicht, ob ihm die Leser sehr dankbar fr ihn sein werden, dagegen lt es sich kaum ausdrcken, wie sehr der Verfasser sich ihm verpflichtet fhlt; wie dem auch sei, wre Tschitschikow nicht auf diesen Gedanken gekommen -- nie htte diese Dichtung das Licht der Welt erblickt. Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging an die Ausfhrung seines groen Planes. Indem er vorschtzte, er suche sich ein Pltzchen, wo er sich niederlassen knne, und noch unter mancherlei anderen Vorwnden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden unseres Reiches anzusehen, vorzglich aber die, welche mehr als andere unter allerhand Unglcksfllen zu leiden hatten, als da sind: Miernten, Todesflle usw. usw. Mit einem Wort, wo sich ihm die gnstigste Gelegenheit bot, sich mglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja bedurfte. Dabei wandte er sich nicht aufs geradewohl an den ersten besten Gutsbesitzer, sondern whlte sich Leute nach seinem Geschmack aus, nmlich solche, mit denen sich ein Geschft dieser Art ohne groe Schwierigkeiten abwickeln lie. Hierbei suchte er zunchst ihre nhere Bekanntschaft zu machen und ihre Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womglich zum Geschenk zu erhalten und sie nicht bar bezahlen zu mssen. Daher darf der Leser auch dem Autor nicht bse sein, wenn die Personen, die bisher im Laufe unserer Erzhlung auftraten, nicht immer nach seinem Geschmacke waren: das ist Tschitschikows Schuld; denn hier ist _er_ der Herr der Situation, und wir mssen ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfllt. Wir unsererseits knnen, wenn man uns den Vorwurf macht, unsere Personen und Charaktere seien unscheinbar und bla, nur immer wieder sagen, da man im Beginn einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze Breite und Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die Einfahrt in eine Stadt, und sei es selbst die in die Reichshauptstadt, ist immer uninteressant. Zunchst erscheint alles grau und einfrmig. Endlose Fabriken und rauchgeschwrzte Werksttten ziehen sich in trbseliger Monotonie dahin. Erst spter erscheinen die Ecken sechsstckiger Huser, vornehme Lden, Aushngeschilder, die langen Zeilen der Straen mit Trmen, Sulen, Denkmlern, Kirchen, mit ihrem Straenlrm und Glanz und all den Wundern, die Menschenhand und Menschengeist erschaffen. Wie die ersten Einkufe zustande kamen hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache weiter gehen wird, welche Erfolge und Mierfolge unsern Helden erwarten, was fr Hindernisse weit schwierigerer Art er zu besiegen und zu berwinden haben wird, wie dann gewaltige Gestalten vor uns auftreten, wie sich die geheimsten Hebel unserer sich breit ergieenden Erzhlung in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander treten, und sie selbst in majesttisch-lyrischem Strome dahinfluten wird, dies werden wir spter sehen. Ein weiter Weg ist's, den unsere Brigade zurckzulegen hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer Kutsche, wie die Junggesellen zu benutzen pflegen, dem Diener Petruschka, dem Kutscher Seliphan und dem Dreigespann edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind, vom Assessor bis zum niedertrchtigen Schecken. Da haben wir unsern Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht wird man noch eine Charakteristik durch einen letzten Strich von mir verlangen: was ist er fr ein Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitten? Da er kein Held, erfllt von allen Tugenden, Vorzgen und allen nur mglichen Vollkommenheiten ist -- das ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl ein Schurke? Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng gegen andere Leute sein? Jetzt gibt's bei uns keine Schurken mehr. Es gibt wohlgesinnte, gesinnungstchtige, angenehme Menschen, aber solche, die ihre Physiognomie zur ffentlichen Beschimpfung darbieten mten, um den Streich auf die Wange in Empfang zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von dieser Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und selbst sie reden heute schon laut von der Tugend. Das Richtigste wre es wohl, ihn einen guten Wirt oder ein Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb -- trgt die Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affren und Geschfte, die die Welt nicht ganz sauber nennt. Freilich, so ein Charakter hat schon etwas Abstoendes an sich, und derselbe Leser, der sich auf seinem Lebenswege mit so einem Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einfhrt und manche angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mitrauisch ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer Dichtung begegnet. Aber dreimal weise ist der, der berhaupt keinen Charakter verabscheut, sondern prfend seinen Blick auf ihn heftet und ihn begreifen lernt in seinen innersten Triebfedern; wie schnell wandelt sich alles im Menschen: eh man sich's versieht, hat sich im Innern ein furchtbarer Wurm eingenistet, der wchst und wchst und alle Lebenskrfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als einmal schon geschah es, da in einem Menschen, der zu Hherem geboren war, nicht nur eine bermchtige Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein oft schon lie ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine hohen und heiligen Pflichten vergessen und in elenden Nichtigkeiten etwas Groes und Verehrungswrdiges sehen. Unendlich wie der Sand am Meere sind des Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, alle sind sie dem Menschen im Anfang gefgig und gehorsam, die hohen wie die niedrigen, und erst spter werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist der zu preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft erwhlte: er wchst und mehrt sich tglich und stndlich sein grenzenloses Glck, tiefer und immer tiefer dringt er ein in das unendliche Paradies seiner Seele. Aber es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht vom Menschen abhngt. Sie werden mit ihm geboren in der Stunde, da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, sie weit von sich zu stoen. Ein hherer Plan ist es, der sie lenkt, und es liegt etwas in ihnen, das ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben verstummt. Ihre groe irdische Laufbahn zu vollenden ist ihre Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten vorberwandeln oder als herrlich leuchtende Erscheinungen, die den lauten Jubel der Welt entfachen, indem sie an uns vorberziehen -- ganz gleich -- sie kamen, um das dem Menschen unbekannte Gute zu erfllen. Und vielleicht stammt auch die Leidenschaft die unseren Helden Tschitschikow lenkt und vorwrtstreibt nicht aus ihm selber, und es liegt auch in seinem kalten frostigen Dasein etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der Weisheit des Himmels. Und es ist noch ein Geheimnis, warum diese Gestalt gerade in dieser Dichtung erscheinen mute, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt. Aber nicht das ist das Bittere, da man mit unserem Helden unzufrieden sein wird; weit bitterer und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele lebt die unumstliche Gewiheit, da die Leser dennoch und trotz alledem mit diesem Helden, mit demselben Tschitschikow zufrieden sein knnten. Htte der Autor ihm nicht so tief ins Herz geblickt, htte er nicht alles aufgerhrt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und nur dem Blick der Welt entgeht und verborgen bleibt, htte er nicht seine geheimsten Gedanken enthllt, die kein Mensch dem andern vertraut, sondern ihn so gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den anderen -- erschienen war, -- so wren alle Leute sehr befriedigt, und jeder wrde ihn fr einen uerst interessanten Menschen halten. Freilich wre dann sein Bild und seine Gestalt nicht so lebendig vor unser Auge getreten: dafr htte auch keine Erregung in unserer Seele nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt htten, und wir knnten uns ruhig wieder an unseren Kartentisch setzen, welcher der Trost und die Freude ganz Rulands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt der Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: Warum nur? sprecht ihr, wozu dient das alles? Wissen wir denn nicht selber, da es gar viel Verchtliches und Trichtes in der Welt gibt? Auch ohnedies mu man oft Dinge sehen, die keineswegs trstlich sind. Zeigt uns doch lieber das Schne, das was entzckt und begeistert! Helft uns, uns lieber selbst zu vergessen! -- Warum sagst du mir, da es schlecht um meine Wirtschaft steht, Bruder? sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter ich wei das auch _ohne_ dich, lieber Freund: kannst du denn wirklich nicht von etwas andrem reden? Wie? Hilf mir lieber das alles zu vergessen, und nicht daran zu denken -- dann bin ich glcklich. Und so wird das Geld, das dazu htte dienen knnen, um das Gut etwas in die Hhe zu bringen, fr allerhand Mittelchen ausgegeben, um sich selbst zu vergessen. Der Geist wird eingeschlfert, der vielleicht pltzlich einen Quell gewaltiger Reichtmer entdeckt htte; das Gut kommt unter den Hammer, der Gutsherr mu betteln gehen, um sich zu vergessen; mit einer Seele, die zu jeder uersten Niedertracht und Gemeinheit bereit ist, vor denen er selbst einst zurckgeschreckt wre. Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; sie rhrt von den sogenannten Patrioten her, welche ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich mit ganz gleichgltigen Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhufen und sich ein schnes Los auf Kosten anderer bereiten; sowie aber etwas geschieht, was nach ihrer Meinung dem Vaterland zur Unehre gereicht, _sowie_ irgend ein Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthlt -- dann kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, wie die Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die sich in ihr Netz verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: Ja, ist es denn gut, solche Dinge ans Licht zu bringen, sie offen zu verknden. All das, was da beschrieben wird, gehrt ja zu _uns_ -- ist's also klug, so etwas zu tun? Und was sollen die Auslnder sagen? Ist es denn angenehm, zu hren, da andre Leute schlecht von uns reden? Und sie denken: tut es uns denn nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht Patrioten? Auf solch weise Bemerkungen, besonders hinsichtlich der Auslnder, kann ich keine passende Antwort finden. Es wre denn etwa diese: In irgend einem entlegenen Winkel Rulands lebten einmal zwei Mnner. Der eine war der Vater einer groen Familie und hie Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter friedlicher Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen Lebens war. Mit seiner Familie beschftigte er sich kaum; sein Dasein war mehr der Spekulation gewidmet, ihn beschftigten in erster Linie philosophische Fragen wie er sie nannte: Nehmt z. B. das Tier, pflegte er zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, das Tier wird doch ganz nackt geboren. Warum gerade nackt? Warum nicht vielmehr befiedert wie der Vogel: warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein, wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur immer weniger, je mehr man sich in sie vertieft! So dachte der Brger Kifa Mokiewitsch. Aber das war noch nicht das Wichtigste. Der andre Brger war Mokij Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man in Ruland einen Helden zu nennen pflegt, und whrend sich der Vater mit der Geburt des Tieres beschftigte, drngte es _seine_ zwanzigjhrige, breitschultrige Gestalt mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. Er konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in Angriff nehmen -- stets brach sich jemand dabei den Arm oder er trug eine Beule auf der Nase davon. Zu Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den Mdchen auf dem Hofe -- bis auf den letzten Hund -- davon, wenn sie ihn erblickten, sogar sein eigenes Bett, das in seinem Schlafzimmer stand, schlug er in Trmmer. So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein braver, gutmtiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: Ich bitt dich gndiger Herr Kifa Mokiewitsch, sagten die eigenen und fremden Knechte und Mgde zum Vater: was ist dein Mokij Kifowitsch doch fr ein Herr? Der lt keinen Menschen in Ruhe, ist der zudringlich! Ja, ja, etwas mutwillig ist er schon, erwiderte gewhnlich der Vater: aber was ist da zu tun? Hauen kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen wrden ber meine Hrte und Grausamkeit schreien, und dann ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn ich ihm in Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte -- wrde er sich wohl in acht nehmen; aber verget auch die ffentlichkeit nicht -- das ist eben das Unglck. Wenn die Stadt es erfhrt, wird sie ihn gleich einen Schweinehund nennen. Glaubt ihr denn, da mir das nicht weh tun wrde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, weil ich mich mit der Philosophie beschftige und mitunter keine Zeit fr andere Dinge habe, sei ich nicht Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich _bin_ Vater, jawohl ich bin _Vater_, zum Teufel noch einmal, das la ich mir nicht nehmen. Mokij Kifowitsch -- der sitzt mir hier ganz tief im Herzen. Und Kifa Mokijewitsch schlug sich mit der Faust krftig auf die Brust und geriet in die grte Erregung: Und wenn er schon sein Leben lang ein Schweinehund bleiben sollte, so soll man es wenigstens nicht von mir erfahren; ich kann ihn doch nicht verraten! Nachdem er so von seinem vterlichen Gefhl Zeugnis abgelegt hatte, lie er Mokij Kifowitsch ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu seinen geliebten Gegenstnden zurck, indem er sich pltzlich irgend eine Frage wie etwa die folgende vorlegte: Hm, wenn die Elefanten Eier legten, mten die Eierschalen da nicht so dick sein, da keine Kanonenkugel sie zertrmmern knnte; ja, ja, es ist Zeit ein neues Schiewerkzeug zu erfinden! So verbrachten unsere zwei Bewohner des friedlichen Erdenwinkels ihr Leben, sie, die am Schlu unserer Dichtung so pltzlich wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre bescheidene Antwort auf den Vorwurf glhender Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange ganz ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der Vergrerung ihres Wohlstandes auf Kosten des von ihnen so glhend geliebten Vaterlandes beschftigten und keineswegs darum besorgt sind, da nur nichts Bses geschieht, sondern allein darum, da nur ja niemand sage, sie tten Schlimmes. Doch nein, weder der Patriotismus noch jenes erste Gefhl sind der Grund all dieser Anklagen und Vorwrfe. Dahinter versteckt sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? Wer anders, wenn nicht der Autor htte die Pflicht, die heilige Wahrheit zu verkndigen? Ihr frchtet den tiefen forschend auf euch gerichteten Blick. Ihr wagt es nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstnde zu richten, ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos ber alles hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen ber Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor _loben_ und sagen: brigens, manches hat er wirklich sehr fein beobachtet! Das mu doch ein Mensch von heiterem Temperament sein! Und nach diesen Worten werdet ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst zurckkehren, ein selbstgeflliges Lcheln wird euer Gesicht verklren, und ihr werdet fortfahren: Man mu doch sagen: in einigen Gegenden Rulands gibt es wirklich hchst merkwrdige und komische Menschen, und recht abgefeimte Schurken dazu! Doch wer von euch wird sich voll christlicher Demut, nicht laut und ffentlich, sondern in aller Stille, in jenen Augenblicken wo die Seele einsame Selbstgesprche mit sich fhrt, tief im Innern die Frage vorlegen: Wie? lebt nicht vielleicht auch in _mir_ etwas von Tschitschikow? Warum nicht gar. Lat dagegen irgend einen Beamten, einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorbergehn -- sofort wird er seinen Nachbarn anstoen, und whrend er sich fast ausschtten mchte vor Lachen, zu ihm sagen: Sieh, sieh, das ist Tschitschikow, da geht er vorber! Und er wird allen Anstand, den er seinem Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein Kind nachlaufen, ihn verhhnen, necken und ihm nachrufen: Tschitschikow! Tschitschikow! Tschitschikow! Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, da unser Held, der whrend der Erzhlung seiner Lebensgeschichte fest schlief, schon aufgewacht ist und leicht hren knnte, da man seinen Familiennamen so oft wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekrnkt fhlt und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne die schuldige Achtung von ihm spricht. Dem Leser kann's freilich ziemlich gleich sein, ob ihm Tschitschikow bse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, so darf er sich unter keinen Umstnden mit seinem Helden veruneinigen: er hat noch manches Stck Weges Hand in Hand mit ihm zurckzulegen; noch liegen zwei groe Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist doch wirklich keine Kleinigkeit. He, he! Was fllt dir ein! rief Tschitschikow Seliphan zu, du ...? Wie? sagte Seliphan langsam. Wie? fragst du! Trottel du! Wie fhrst du denn? Vorwrts, rhr dich! Und in der Tat, Seliphan sa schon lange auf seinem Bock und blinzelte mit den Augen. Nur hie und da schlug er im Halbschlaf die gleichfalls schlafenden Pferde mit den Zgeln leicht auf den Rcken. Auch Petruschka hatte schon lange und, Gott wei, wo seine Mtze verloren, er war auf dem Bock zurckgesunken und sttzte seinen Kopf auf Tschitschikows Knie, von dem er manchen krftigen Puff empfing. Seliphan wurde munter und versetzte dem Schecken ein paar tchtige Hiebe, worauf dieser einen lebhaften Trab anschlug; dann lie er seine Peitsche ber den Rcken der Pferde sausen und rief mit dnner Stimme gleichsam singend: Nur keine Furcht! Die Pferde wachten auf und zogen den leichten Wagen mit sich fort, der wie ein Flaum dahinflog. Seliphan schwenkte blo die Peitsche und rief: He, he, he! indem er auf seinem Bock rhythmisch hin und her hopste, whrend der Wagen ber die Berge und Tler der Landstrae dahinjagte, welche langsam bergab fhrte. Tschitschikow wurde auf seinem Polster leicht emporgehoben, er lchelte vergngt, denn er liebte das schnelle Fahren. Und welcher Russe liebt das schnelle Fahren nicht? Sollte seine Seele, die sich berall und immer nach dem Taumel und Wirbel sehnt, und oft laut ausrufen mchte: Ach was, hol' doch alles der Teufel, sollte seine Seele es nicht lieben? Es nicht lieben, wenn etwas so Wundersames, Beseeligendes darin liegt? Wie eine unbekannte Gewalt hebt dich's auf seinen Flgel, du fliegst dahin und mit dir alles um dich her: die Meilensteine, die Kaufleute auf ihren Wagensitzen, der Wald zu beiden Seiten mit den dunklen Reihen seiner Tannen und Fichten, dem Lrm der xte und dem Rabengekrchze: der ganze Weg flieht vorber -- weit fort in unbekannte Fernen; und etwas Furchtbares, Schreckliches liegt in diesem rasenden Aufblitzen und Verschwinden, wo der vorbergleitende Gegenstand kaum Zeit hat, feste Formen anzunehmen und nur der Himmel ber uns, die leichten Wolken und der sich Bahn brechende Mond allein unbeweglich still zu stehen scheinen. Mein Dreigespann, o du Vogeldreigespann! wer hat dich erfunden? Nur aus einem kecken mutigen Volk konntest du hervorgehen -- in jenem Lande, das nicht zu spaen liebt, sondern sich wie die unendliche Ebene streckt und breitet ber die halbe Erde: versuch's doch die Meilensteine zu zhlen, ohne da dir's vor den Augen flimmert! Wahrlich kein schlau ersonnenes Gefhrt bist du, genietet durch eiserne Klammern. Sondern schnell, aufs geratewohl mit Axt und Meiel hat dich ein flinker Jaroslawscher Bauer verfertigt und zusammengefgt. Dich lenkt kein Postillon in deutschen Stulpenstiefeln, bebartet und behandschuht sitzt er da, der Teufel wei worauf; und wenn er aufsteht, seine Peitsche schwingt und sein unendliches Lied anstimmt -- dann strmen die Rosse dahin wie ein Wirbelwind. Zu einer runden, glatten Flche flieen die Speichen der Rder zusammen. Es donnert der Weg. Erschrocken schreit der Fugnger auf und bleibt wie angewurzelt stehen. -- Und dahin fliegt das Gefhrt, fliegt und fliegt! ... Und schon sieht man in der Ferne nichts wie eine dichte Staubwolke, und wirbelnd folgt die Luft. Jagst nicht auch du, Ruland, so dahin, wie ein keckes unerreichbares Dreigespann? Rauchend dampft unter dir der Boden; es drhnen die Stege. Und alles bleibt zurck, weit hinter dir zurck. Wie durch ein gttliches Wunder betubt, steht festgebannt der staunende Zuschauer. Ist es ein Blitz, der aus den Wolken zuckte? Was bedeutet diese grauenerweckende Bewegung? Und was fr unbekannte Krfte wohnen in diesen, nie gesehenen Rossen? Oh, ihr Rosse! Ihr wunderbaren Rosse! Lebt ein Wirbelwind in euren Mhnen? Bebt ein wachsames Ohr euch in jeder Ader? Lauscht ihr auf ein trautes altbekanntes Lied von oben, und spannt jetzt eintrchtig eure ehernen Brste? Kaum rhren eure flchtigen Hufe die Erde, in eine langgestreckte Linie verwandelt fliegt ihr durch die Lfte, und fort strmt das ganze, gottbegeisterte! ... Ruland? Wohin jagst du, gib Antwort! Du bleibst stumm. Wundersam ertnt der Gesang des Glckchens. Wie von Winden zerfetzt, braust und erstarrt die Luft; alles, was auf Erden lebt und webt, fliet vorber; und es weichen vor dir, treten zur Seite, und geben dir Raum alle anderen Staaten und Vlker. Anhang zum ersten Teil I. Vorrede zur zweiten Auflage des ersten Bandes der Toten Seelen 1846 Der Verfasser an den Leser Wer du auch sein magst, lieber Leser, auf welchem Platze du stehst, welches Amt du bekleidet, ob du Rang und Wrden dein eigen nennt, ein schlichter Mann von einfachem Stande bist, wenn dir Gott die edle Gabe des Lesens verliehen hat und dir ein Zufall dieses Buch in die Hnde spielte, so bitte ich dich, mir zu helfen. In dem Buche, das vor dir liegt und dessen erste Auflage du wahrscheinlich schon gelesen hat, ist ein Mensch dargestellt, der mitten aus dem russischen Staate herausgegriffen ward. Er bereist unser russisches Vaterland, und trifft hier mit Menschen jeder Art und jedes Standes, mit vornehmen und einfachen zusammen. Er ward mehr _darum_ zum Helden ausersehen, um die _Laster_ und _Mngel_, als die _Vorzge_ und _Tugenden_ des Russen aufzuzeigen; aber auch all die Menschen, die ihn umgeben, sind so gewhlt worden, da sie unsere Fehler und Schwchen widerspiegeln, die besseren Menschen und Charaktere sollen erst in den folgenden Teilen vorgefhrt werden. In diesem Buche ist manches unrichtig dargestellt, und nicht so, wie die Dinge sich wirklich im russischen Vaterlande zutragen, weil ich ja nicht alles kennen lernen und in Erfahrung bringen konnte. Ein ganzes Menschenleben wrde nicht ausreichen, um auch nur den hundertsten Teil von dem zu erforschen, was in unserer Heimat vorgeht. Zudem mgen sich infolge meiner eigenen Unachtsamkeit, Unreife und bereilung mancherlei Irrtmer und Fehlschlsse eingeschlichen haben, soda es wohl keine Seite in diesem Buche gibt, an der nicht irgend etwas zu berichtigen wre, und daher bitte ich dich, lieber Leser, wo du es kannst, mich zu verbessern. Du darfst diese Mhe nicht gering schtzen. Auf welch hoher Stufe der Bildung und des Lebens du auch stehen mgest, so unbedeutend und nichtig dir auch mein Buch erscheinen und so kleinlich und unwichtig dir es vorkommen mag, mein Werk zu verbessern und deine Bemerkungen dazu niederzuschreiben, ich bitte dich dennoch darum, es zu tun. Aber auch du, lieber Leser, von _schlichter_ Bildung und einfachem Stande, sollst dich nicht fr zu unwissend halten, mich zu belehren. Ein jeder Mensch, der gelebt, die Welt gesehen hat, und mancherlei Menschen begegnet ist, hat sicher vielerlei gemerkt, was einem andern entgangen ist, und vieles erfahren, was andere nicht wissen. Ich mchte daher nicht gerne auf deine Bemerkungen verzichten. Es ist unmglich, da du nicht etwas zu irgend einer Stelle meines Buches zu sagen httest, wenn du es nur aufmerksam durchliest. Wie schn wre es zum Beispiel, wenn auch nur _einer_ von jenen Leuten, deren Kenntnisse so gro, deren Lebenserfahrung so reich ist, und die den Kreis von Menschen, die ich beschrieben habe, genau kennen, seine Anmerkungen zu dem ganzen Buche niederschreiben und _gar nicht anders_ an die Lektre gehen wollte, als mit einer Feder in der Hand und einem Stck Papier, das er vor sich auf dem Tische liegen hat. Wie schn wre es, wenn er jedesmal, nachdem er einige Seiten gelesen hat, sich an sein ganzes Leben und das aller der Menschen, denen er auf seinem Wege begegnet ist, an alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten, und auch an alles das erinnern wollte, was er selbst sah oder hrte, ob es nun hnlichkeit mit den Begebenheiten hat, die in meinem Buche geschildert sind, oder ihnen gerade entgegengesetzt ist -- und wenn er dann alles genau so beschriebe, wie es sich in seiner Erinnerung darstellt und mir hierauf jedes vollgeschriebene Blatt zusenden wrde, bis er auf diese Weise das ganze Buch zu Ende gelesen htte. Welch einen groen wahrhaften Dienst wrde er mir damit erweisen. Der Stil und die Schnheit des Ausdrucks brauchen ihm hierbei keine Sorge zu machen: hier handelt es sich nur um die Sache selbst und um ihre Wahrheit und nicht um den Stil. Auch braucht er sich nicht zu zieren, wenn er mich tadeln, oder mir einen Vorwurf machen, oder mich auf eine Gefahr und auf den Schaden hinweisen wollte, den ich durch die falsche und unberlegte Darstellung einer Sache gestiftet habe, wo doch nur Nutzen und Besserung meine wahre Absicht war. Fr all dieses wre ich ihm von Herzen dankbar. Ferner wre es sehr gut, wenn sich ein Mensch aus dem hheren Stande finden wrde, welcher durch alles -- durch das Leben selbst und durch seine Bildung -- jenen Kreisen fernsteht, die in meinem Buche geschildert sind, der aber das Leben des Standes kennt, zu dem er selbst gehrt, und wenn ein solcher Mensch sich entschlieen knnte, mein Buch auf die gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der hheren Stnde an seinem geistigen Auge vorber ziehen zu lassen und streng darauf zu achten, ob es nicht doch etwas Gemeinsames zwischen allen Stnden gibt, ob sich nicht doch zuweilen in den hheren Kreisen dasselbe wiederholt, was in den niederen Sphren zu geschehen pflegt? Und wenn er nun alles, was ihm hierber einfllt, das heit also jedes Vorkommnis aus den hheren Gesellschaftskreisen, das zur Besttigung oder Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so schildern wollte, wie es sich vor seinen Augen abspielte, ohne die Menschen selbst mit ihren Sitten, Neigungen und Gewohnheiten zu vergessen oder die seelenlosen Sachen, die sie umgeben, zu bergehen, von der Kleidung bis hinab zu den Mbeln und den Mauern der Huser, die sie bewohnen. Ich _mu_ diesen Stand kennen, der die Blte der Nation reprsentiert. Ich kann die letzten Bnde meines Werkes nicht in die Welt hinausgehen lassen, bevor ich das Leben Rulands nach all seinen Seiten kennen gelernt habe, wenigstens in dem Mae, als dies fr mein Werk notwendig ist. Auch wre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, der mit einer reichen Phantasie und der Fhigkeit ausgestattet ist, sich alle mglichen menschlichen Verhltnisse recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen in Gedanken auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten -- mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich in den Geist eines jeden Autors, den er liest, hinein zu versetzen oder seine Ideen weiter zu fhren und zu entfalten -- jede Person, die ich in meinem Buche auftreten lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen wollte, wie sie sich in diesem oder jenem Falle verhalten mu, was ihr, nach dem Anfang zu schlieen, im weiteren Verlauf der Erzhlung zustoen mte, was fr neue Situationen sich hieraus ergeben knnten, und was ich wohl noch zu meiner Beschreibung hinzufgen sollte; ich wrde nmlich dies alles sorgsam bercksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in einer neuen, besseren und wrdigeren Ausgabe vor den Leser treten wird. Um eines noch mchte ich den, der mich durch seine Anmerkungen erfreuen will, herzlichst bitten: wenn er sie niederschreibt, soll er nicht daran denken, da er sie fr einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung gleich steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken hat, wie er selbst, und vieles auch ohne weitere Erklrungen verstehen wird; vielmehr bitte ich ihn, so zu tun, als ob er einen Menschen vor sich hat, der sich in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und der fast gar nichts gelernt hat. Es wre vielleicht noch besser, wenn er sich an meiner Statt irgend einen Wilden vorstellen wrde, der sein ganzes Leben in einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede kleinste Einzelheit umstndlich erklren mu, wenn er sie verstehen soll, und dem gegenber man sich der einfachsten Ausdrucksweise befleiigen mu, fast wie vor einem Kinde, um nur ja kein Wort zu gebrauchen, das ber seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im Auge behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu bereit sind, ihre Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, das stets im Auge behlt, dann werden diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und noch mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; mir aber wird er einen groen und wahrhaften Dienst erweisen. Wenn es sich also so fgen sollte, da meine Leser meinen Herzenswunsch bercksichtigen und erfllen, und wenn sich unter ihnen wirklich ein paar Menschen von so gutem Herzen finden sollten, die bereit wren, meine Bitte zu erfllen, dann knnen sie mir ihre Anmerkungen auf folgendem Wege bersenden: sie mgen ein an mich adressiertes Paket in ein andres Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten Personen schicken: entweder an den Rektor der St. Petersburger Universitt Seine Exzellenz Peter Alexandrowitsch Pletnew (zu adressieren an die Universitt von St. Petersburg) oder an den Professor der Moskauer Universitt S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu adressieren an die Universitt Moskau) je nachdem, welche Stadt dem Absender nher liegt. Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und Literaten berhaupt, meinen aufrichtigen Dank aus fr die Rezensionen und Besprechungen, welche sie meinem Buche angedeihen lieen; sie haben meinem Herzen und meiner Seele, trotz mancher Malosigkeiten und bertreibungen, wie sie nun mal in der menschlichen Natur liegen, einen groen Vorteil und Nutzen gebracht, und daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit ihrem Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das aufrichtige Versprechen geben, da ich alles was sie mir zu meiner Aufklrung und Belehrung zu sagen haben, mit Dank entgegennehmen werde. II. Reflexionen, die sich auf den ersten Teil beziehen. Die Idee einer Stadt -- uerster Grad von Hohlheit des in ihr herrschenden Treibens. Klatschereien und Zwischentrgereien, die alle Grenzen bersteigen. Wie dies alles aus dem Miggang entspringt und den hchsten Grad der Lcherlichkeit angenommen hat, und wie ganz gescheite Leute schlielich dazu kommen, die grten Dummheiten zu begehen. Einzelheiten aus den Gesprchen der Frauen. Wie sich in die allgemeinen Klatschereien noch solche von privatem Charakter mischen, und wie hierbei keine die andere schont. Wie Gerchte und Vermutungen entstehen. Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lcherlichkeit erreichen. Wie alle unwillkrlich an diesen Klatschereien teilnehmen, und wie Pantoffelhelden und Weiberknechte entstehen. Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit des Lebens abgelst werden durch einen trben, nichtssagenden Tod. Wie sinnlos dieses furchtbare Ereignis eintritt und vorbergeht. Nichts bewegt sich. Der Tod berrascht dieses vllig unbewegte Leben. Dem Leser mu jedoch die tote Gefhllosigkeit des Lebens dadurch noch furchtbarer erscheinen. Die entsetzliche Dmmerung des Lebens zieht vorber, darin liegt ein tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht etwas ganz Furchtbares? Dieses sich aufbumende rebellierende mige Leben -- ist es nicht eine Erscheinung von furchtbarer Gre? ... Leben! ... Im Ballkostm, im Frack, da, wo man klatscht und Visitenkarten wechselt -- da glaubt keiner an den Tod .... _Einzelheiten._ Die Damen zanken sich gerade deswegen, weil die eine haben mchte, da Tschitschikow dies sei, whrend die andere wnscht, da er etwas anders sei -- und daher merken sie sich nur die Gerchte, die zu ihrer Idee von ihm passen. Andere Damen erscheinen auf der Bildflche. Die in jeder Beziehung angenehme Dame hat einen Hang zur Sinnlichkeit und liebt davon zu erzhlen, wie sie diesen Hang zuweilen besiegt habe, und zwar mit Hilfe ihres Verstandes, und wie sie es immer verstanden habe, die Mnner in einer gewissen Distanz zu halten. brigens geschah das eigentlich ganz von selbst und auf ganz unschuldige Weise. Es trat ihr nie einer zu nahe, aus dem einfachen Grunde, weil sie schon in ihrer Jugend eine groe hnlichkeit mit einem Nachtwchter hatte, trotzdem sie so angenehm war und trotz all ihrer guten Eigenschaften. -- Nein, meine Liebe, wissen Sie, ich liebe es, den Mann erst ein wenig anzulocken, ihn dann abzustoen und dann _wieder_ anzulocken. So verfhrt sie auch auf dem Ball mit Tschitschikow. Die andern berlegen sich es gleichfalls, wie sie sich benehmen sollen. Die eine tritt sehr respektvoll auf. Zwei Damen fassen sich unter, gehen auf und ab und nehmen sich vor, solange als mglich zu lachen. Dann finden sie pltzlich, da Tschitschikow keine guten Manieren hat. Die in jeder Beziehung angenehme Dame liebt es, Beschreibungen von Bllen zu lesen. Auch die Beschreibung des Wiener Kongresses interessiert sie sehr. Ferner interessiert sich diese Dame sehr fr Toiletten, d. h. sie liebt es, andre Damen daraufhin zu beobachten, ob ihnen ein Kleid gut sitzt oder nicht. Whrend sie auf ihrem Stuhl sitzt, beobachtet sie die Eintretenden. Die N. versteht sich garnicht zu kleiden, nein wirklich sie versteht es nicht. Dieses Tuch kleidet sie garnicht. -- Wie reizend die Tochter des Gouverneurs gekleidet ist! -- Aber Liebste, sie ist doch abscheulich gekleidet. -- Und wenn es selbst so wre -- -- Die ganze Stadt mit ihrem wilden Durcheinander von Klatschereien und Zwischentrgereien -- ist das Urbild der Tatenlosigkeit und Hohlheit des menschlichen Lebens in seiner Masse. Das Geschwtz ist in die Welt gesetzt und mit ihm alle nur mglichen Kombinationen. Die Hauptzge der Ballgesellschaft. Das Urbild des Gegensatzes im II. Teil, der sich mit der in sich zerrissenen und zerklfteten Tatenlosigkeit beschftigt. Wie knnte man alle Welten der Tatenlosigkeit und des Migganges in all ihren Spielarten auf die eine Art des stdtischen Migganges zurckfhren, und wie knnte man den stdtischen Miggang zum Urbild der Unttigkeit und des Migganges der ganzen Welt erheben. Dazu mssen alle hnlichen Zge mit eingeschlossen werden, und es mu eine gewisse Stetigkeit in die Erzhlung kommen. III. Ende des neunten Kapitels in vernderter Fassung. Sie dachten nach und berlegten und beschlossen endlich, die Verkufer auszufragen, mit denen Tschitschikow verhandelt, und denen er diese rtselhaften toten Seelen abgekauft hatte. Dem Staatsanwalt fiel die Aufgabe zu, zu Sabakewitsch zu gehen und mit ihm zu sprechen, und der Prsident erbot sich persnlich zu Karobotschka zu fahren. Wir wollen uns daher gleichfalls aufmachen, ihnen nachgehen und zusehen, was sie dort alles erfuhren. Kapitel ... Sabakewitsch lebte mit seiner Gemahlin in einem Hause, das etwas abseits von dem lauten und lrmenden Getriebe lag. Er hatte sich ein massives, solide gebautes Haus gewhlt, wo ihm die Decke nicht berm Kopfe einzustrzen drohte, und in dem es sich bequem und glcklich leben lie. Der Besitzer des Hauses war ein Kaufmann namens Kolotyrkin, auch ein sehr solider Herr. Sabakewitsch hatte nur seine Frau bei sich, seine Kinder waren nicht mitgekommen. Er fing schon an, sich zu langweilen, dachte bereits an die Abreise und wartete nur noch auf den Zins fr ein Stck Land, das drei Brger der Stadt bei ihm gepachtet hatten, um Rben darauf zu pflanzen, sowie ferner auf ein modernes wattiertes Kleid, das seine Frau bei einen Schneider bestellt hatte, und das bald fertig sein sollte. Er wurde bereits ein wenig ungeduldig und schimpfte, whrend er in seinem Lehnstuhl sa, bestndig auf die Gaunereien und Launen anderer Leute, wobei er an seiner Frau vorbeisah und auf die Ofenecke blickte. In einem solchen Moment trat der Staatsanwalt ins Zimmer. Sobakewitsch sagte: Ich bitte, indem er sich einen Augenblick erhob, um sich jedoch sogleich wieder zu setzen. Der Staatsanwalt ging auf Feodulia Iwanowna zu, kte ihr die Hand und nahm gleichfalls auf einem Stuhle Platz. Auch Feodulia Iwanowna lie sich auf einem Stuhle nieder, nachdem sie den Handku in Empfang genommen hatte. Alle drei Sthle waren mit grner lfarbe angestrichen, und die Ecken waren mit gelben Wasserlilien, der rohen Malerei eines Dilettanten geziert. Ich bin gekommen, um ber eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen, sagte der Staatsanwalt. Herzchen, geh doch auf dein Zimmer! Die Schneiderin wartet wahrscheinlich auf dich. Feodulia ging auf ihr Zimmer. Der Staatsanwalt begann folgendermaen: Gestatten Sie mir eine Frage: was fr Bauern haben Sie an Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verkauft? Wie meinen Sie das: was fr Bauern? sagte Sabakewitsch. Wir haben doch einen Kaufkontrakt aufgesetzt; da steht es drin, was es fr Leute waren: der eine ist Wagenbauer ... In der Stadt kursieren jedoch .... versetzte der Staatsanwalt ein wenig verlegen .... In der Stadt kursieren Gerchte .... Es gibt eben zuviel Narren in der Stadt, von denen werden wohl die Gerchte herstammen, sagte Sabakewitsch ruhig. Nein, nein, Michael Semjonytsch, das sind so merkwrdige Gerchte, da einem davon ganz wirr im Kopfe wird, es heit, es handele sich hier garnicht um Bauern, und ihre Ansiedelung, und man behauptet, dieser Tschitschikow sei eine hchst rtselhafte Persnlichkeit. Es werden hchst verdchtige Vermutungen laut, man redet so eigentmliche Dinge in der Stadt ... Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Sind Sie etwa ein altes Weib? fragte Sabakewitsch. Diese Frage verblffte den Staatsanwalt aufs uerste. Er hatte sich noch nie gefragt, ob er ein altes Weib sei, oder irgend etwas andres. Sie sollten sich schmen, solche Fragen zu stellen und noch damit zu mir zu kommen, fuhr Sabakewitsch fort. Der Staatsanwalt stammelte einige Entschuldigungen. Gehen Sie doch zu den alten Klatschweibern, die hinter ihrem Webstuhl sitzen und sich abends Schauergeschichten ber Gespenster und Hexen erzhlen. Oder wenn Ihnen mit Gottes Hilfe nichts Besseres einfallen will, dann spielen Sie doch lieber Knchel mit den kleinen Jungen. Was kommen Sie und beunruhigen Sie einen ehrlichen Menschen? Bin ich etwa Ihr Hanswurst, wie? Sie kmmern sich zu wenig um Ihren Beruf, und denken zu wenig daran, dem Vaterland zu dienen, Ihren Nchsten ntzlich zu sein und Ihre Kollegen zu schonen. Sie wollen immer der erste sein und laufen gleich hin, wenn irgend ein Esel Sie irgendwo hinschickt. Passen Sie auf, Sie werden noch einmal um nichts und wieder nichts zu Falle kommen, und elendiglich zugrunde gehn, ohne eine gute Erinnerung an sich zu hinterlassen. Der Staatsanwalt war ganz bestrzt und wute absolut nicht, was er auf diese unerwartete Moralpredigt antworten sollte. Ganz beschmt und vernichtet verlie er Sabakewitsch: dieser aber rief ihm noch nach: Pack dich zum Teufel, du Hund! In diesem Augenblick erschien Feodulia: Warum ist der Staatsanwalt so pltzlich fortgegangen? fragte sie. Der Kerl hat Gewissensbisse bekommen und ist weggelaufen, versetzte Sabakewitsch. Da hast du wieder so ein Beispiel, Herzchen. So ein alter Knabe! hat schon graue Haare und doch wei ich, da er noch immer den Frauen anderer Leute keine Ruhe lt. Das ist einmal die Art dieser Menschen: sie sind eben Hundeshne alle miteinander. Nicht genug, da sie der lieben Erde durch ihren Miggang zur Last fallen, sie machen solche Sachen, da man sie allesamt in einen Sack stecken und ins Wasser werfen sollte! Die ganze Stadt ist nichts wie eine Ruberhhle. Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Wir wollen nach Hause fahren. Frau Sabakewitsch wollte einwenden, da ihr Kleid noch nicht fertig sei, und da sie sich noch zu den Feiertagen ein paar Haubenbnder kaufen msse, aber Sabakewitsch erklrte: Das sind alles Modetorheiten, Herzchen; das nimmt noch ein schlechtes Ende. Er befahl, alles fr die Reise vorzubereiten; begab sich selbst mit einem Polizeikommissar zu den drei Brgern der Stadt, um die Pacht fr die Rben einzukassieren; ging hierauf zu der Schneiderin, nahm ihr das unfertige Kleid, an dem noch gearbeitet wurde, weg, ganz so wie es war, mit der darinsteckenden Nadel und dem Faden, um es zu Hause fertig nhen zu lassen, und fuhr bald darauf zur Stadt hinaus. Unterwegs wiederholte er fortwhrend, es sei geradezu gefhrlich, in diese Stadt zu kommen, denn hier se ja ein Schuft und Gauner auf dem andern, und da knne es einem noch leicht passieren, da man mit ihnen in dem allgemeinen Sumpfe versinke. Inzwischen eilte der Staatsanwalt in der hchsten Bestrzung ber den Empfang, den ihm Sabakewitsch bereitet hatte, nach Hause. Er befand sich in einer solchen Verlegenheit, da er sich nicht einmal darber klar werden konnte, wie er dem Prsidenten das Resultat seines Besuches mitteilen sollte. Indessen auch der Prsident hatte nur wenig zur Aufklrung der Sache beigetragen. Er fuhr zuerst in seiner Kutsche in die Stadt und geriet dabei in eine so enge und schmutzige Gasse, da whrend des ganzen Weges bald das rechte, bald das linke Rad seines Wagens hher stand als das andre. So kam es, da er erst mit seinem Kinn und dann mit dem Hinterkopf sehr heftig auf seinen Spazierstock aufstie und seine Kleider ganz mit Kot bespritzt wurden. Quatschend und schlrfend bahnte sich der Wagen den Weg durch den Kot, bis man endlich beim Probst anlangte, wo die Insassen von lebhaftem Schweinegegrunze begrt wurden. Der Prsident lie seine Kutsche halt machen und ging zu Fu an allerhand Zimmern und Stuben vorber nach dem Hausflur. Hier bat er sich zunchst ein Handtuch aus, um sich das Gesicht abzuwischen. Karobotschka empfing ihn ganz so wie Tschitschikow, mit demselben melancholischen Ausdruck im Gesicht. Um den Hals hatte sie etwas wie ein Flanelltuch geschlungen. In dem Zimmer schwirrten unzhlige Scharen von Fliegen, und auf dem Tisch stand ein undefinierbares Gericht, das ihnen offenbar sehr widerwrtig war, an das sie sich jedoch schon gewhnt zu haben schienen. Korobotschka bat ihn Platz zu nehmen. Der Prsident begann zuerst damit, da er ihren Mann gekannt habe und ging dann pltzlich zu der Frage ber: Sagen Sie bitte, ist es wahr, da neulich in der Nacht ein Mensch mit der Pistole in der Hand zu Ihnen gekommen ist und Ihnen gedroht hat, Sie zu ermorden, wenn Sie ihm nicht, der Teufel wei was fr Seelen abtreten wollten? Knnen Sie uns nicht erklren, was er damit eigentlich fr eine Absicht verfolgte. Gewi, warum sollte ich das nicht knnen! Versetzen Sie sich doch in meine Lage: fnfundzwanzig Rubel in Banknoten! Ich wei wirklich nicht: ich bin Witwe und habe ja gar keine Erfahrung; es ist doch so leicht, mich zu betrgen und noch dazu in einer Sache, von der ich wahrhaftig auch nicht das Mindeste verstehe, Vterchen. Was Hanf kostet, das wei ich, Speck habe ich auch schon verkauft, noch voriges ... Nein, bitte, erzhlen Sie mir doch die Sache erst recht ausfhrlich. Wie war das doch? Hatte er wirklich eine Pistole in der Hand? Nein, Vterchen. Gott behte, Pistolen habe ich keine gesehen. Aber ich bin blo eine Witwe -- ich kann doch wirklich nicht wissen, wie hoch die toten Seelen im Preise stehen. Nicht wahr Vterchen, Sie werden mich nicht im Stiche lassen, sagen Sie es mir doch bitte, damit ich den richtigen Preis erfahre. Was fr einen Preis? Was fr einen Preis, Mtterchen? Was fr einen Preis meinen Sie? Den Preis fr tote Seelen, Vterchen! Ist sie dumm geboren oder ist sie bergeschnappt? dachte der Prsident, indem er ihr starr ins Gesicht sah. Fnfundzwanzig Rubel? Ich wei wirklich nicht, vielleicht sind sie fnfzig Rubel wert, oder sogar noch mehr. Bitte zeigen Sie mir doch den Schein, sagte der Prsident und hielt ihn ans Licht, um sich zu berzeugen, ob er nicht falsch sei. Aber es war ein ganz gewhnlicher ordentlicher Schein. Aber so erzhlen Sie doch blo, wie der Kauf zustande kam, und was er Ihnen eigentlich abgekauft hat. Es will mir nicht in den Kopf ... ich kann absolut nichts verstehen ... Gewi hat er mir welche abgekauft, sagte Karobotschka, aber warum wollen Sie mir blo nicht sagen, was die tote Seele kostet, damit ich doch ihren richtigen Preis kennen lerne. Ich bitte Sie, was reden Sie da! Wo hat man denn je davon gehrt, da tote Seelen verkauft werden? Warum wollen Sie mir den Preis durchaus nicht sagen? Ach was Preis! Ich bitte Sie, von was fr einem Preise kann denn hier die Rede sein? Sagen Sie mir doch ernstlich, wie die Sache war. Hat er Ihnen mit etwas gedroht? Wollte er Sie etwa verfhren? Nein, Vterchen, was Sie fr Dinge reden! ... Jetzt sehe ich, da Sie auch ein Kufer sind. -- Und sie sah ihm argwhnisch in die Augen. Ach was! ich bin doch Gerichtsprsident, Mtterchen! Nein, Vterchen, sagen Sie, was Sie wollen, Sie wollen mich wohl auch .... Sie haben auch die Absicht ... mich zu betrgen. Aber was haben Sie blo davon? Sie haben doch nur selbst den Schaden davon. Ich htte Ihnen gern Daunen verkauft: ich werde zu Weihnachten schne Daunen haben. Mtterchen! Ich sage Ihnen doch, da ich der Gerichtsprsident bin. Was mache ich mit ihren Daunen, sagen Sie doch selbst! Ich will Ihnen doch gar nichts abkaufen. Aber das ist doch ein ganz christliches Werk, Vterchen, fuhr Karobotschka fort. Heute verkaufe _ich_ Ihnen was und morgen werden vielleicht _Sie_ mir etwas verkaufen wollen. Sehen Sie, wenn wir uns gegenseitig bers Ohr hauen, wo blieben da Recht und Gerechtigkeit? Das wre doch eine Snde gegen Gott! Ich bin aber doch kein Kaufmann, Mtterchen, ich bin Gerichtsprsident! Gott wei, vielleicht sind Sie wirklich der Gerichtsprsident. Ich kann das doch nicht wissen. Nun also? Ich bin doch eine arme Witwe? Warum fragen Sie mich denn so aus? Nein, Vterchen, ich sehe, da Sie selbst ... auch ... welche kaufen wollen. Mtterchen, ich rate Ihnen, sich an den Arzt zu wenden, sagte der Gerichtsprsident wtend. Bei Ihnen scheint's wirklich dort oben nicht ganz richtig zu sein -- fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf seine Stirn zeigte. Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus. Karobotschka aber blieb dabei, da sie es mit einem Kaufmann zu tun gehabt habe und wunderte sich blo, wie unfreundlich und bsartig die Leute heutzutage geworden seien, und wie schwer es doch eine arme Witwe auf dieser Welt habe. Der Prsident aber gelangte mit Mhe und Not, von unten bis oben mit Kot bespritzt, nach Hause, nachdem ihm unterwegs noch ein Wagenrad gebrochen war. Das war das Resultat dieser unfreundlichen und erfolglosen Reise, wenn man nicht noch die Beule am Kinn mitrechnen wollte, die er sich mit seinem Stock beigebracht hatte. In der Nhe seines Hauses traf er den Staatsanwalt, der ihm in einer Kutsche entgegengefahren kam. Er schien sehr schlechter Laune zu sein und lie den Kopf hngen. Nun was haben Sie von Sabakewitsch erfahren? Der Staatsanwalt senkte das Haupt und versetzte: In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht so behandelt worden. ... Wieso? Er hat mir einen Futritt gegeben, sagte der Staatsanwalt mit betrbter Miene. Wie? Er hat mir gesagt, ich sei ein unntzer Mensch und tauge nicht fr meinen Posten: und doch habe ich meine Kollegen noch nie denunziert. Andere Staatsanwlte schreiben jede Woche Denunziationen, ich habe doch unter jedes Aktenstck mein Gelesen gesetzt, selbst in solchen Fllen, wo es eigentlich meine Pflicht gewesen wre, ber die Kollegen Bericht zu erstatten. -- Ich habe auch nie eine Sache absichtlich in die Lnge gezogen. Der Staatsanwalt war ganz zerknirscht. Nun und was sagt er ber Tschitschikow? fragte der Prsident. Was er gesagt hat? Er hat uns alle alte Weiber und Schafskpfe genannt. Der Prsident wurde nachdenklich. Doch in diesem Augenblick kam eine dritte Kutsche angefahren: es war der Vize-Gouverneur. Meine Herren! Ich mu Sie darauf aufmerksam machen, da wir auf der Hut sein mssen. Man sagt, unsere Provinz soll wirklich einen Generalgouverneur erhalten. Der Prsident und der Staatsanwalt rissen den Mund auf, und der Gerichtsprsident dachte sich: Der kommt auch gerade zur rechten Zeit, um die Suppe auszuessen, die wir hier eingebrockt haben, und fr die sich der Teufel selbst bedanken wrde. Wenn der erfhrt, was fr eine Unordnung in der Stadt herrscht! Schlag auf Schlag! dachte der Staatsanwalt, der ganz geknickt dastand. Und wissen Sie nichts darber, wer zum Generalgouverneur ernannt werden soll, was er fr ein Mensch ist, und was fr einen Charakter er hat? Davon ist noch nichts bekannt, sagte der Vizegouverneur. In diesem Moment kam der Postmeister in einer Droschke angefahren. Meine Herren! Ich gratuliere Ihnen zum neuen Generalgouverneur. Wir wissen schon, wir wissen schon, aber es ist doch noch gar nichts bekannt, versetzte der Vizegouverneur. O, nein, man wei schon, wer es ist, erwiderte der Postmeister: Frst Odnosorowski-Tschementinski. Nun und was spricht man von ihm? Er soll ein sehr strenger Herr sein, sagte der Postmeister, ein sehr weitsichtiger Mann von sehr starkem Charakter. Er soll frher bei irgend einer staatlichen Baukommission gewesen sein, verstehen Sie wohl. Da seien einmal kleine Unregelmigkeiten vorgekommen. Nun, was denken Sie wohl Verehrtester, er hat alle miteinander zerschmettert, er hat sie ganz zu Staub zermalmt, soda berhaupt nichts mehr von ihnen brig blieb, sehen Sie wohl. Hier in der Stadt sind doch aber die strengen Maregeln garnicht am Platze. O je, das ist ein gelehrtes Haus! lieber Herr! Ein Mensch von kolossalen Dimensionen! fuhr der Postmeister fort. Einmal passierte was .... Aber meine Herren, sagte der Postmeister, wir reden hier ganz offen auf der Strae in Gegenwart unserer Kutscher. Fahren wir doch lieber zu ... Erst jetzt kamen die Herren wieder zu sich. Auf der Strae hatten sich nmlich schon mehrere Zuschauer angesammelt, welche dastanden und die vier Herren, die sich von ihren Droschken aus miteinander unterhielten, angafften. Die Kutscher spornten ihre Pferde an und die vier Droschken fuhren eine hinter der andern zum Gerichtsprsidenten. Da uns der Teufel diesen Tschitschikow auch gerade im ungnstigsten Augenblick hierher senden mute! dachte der Prsident, whrend er im Vorzimmer seinen bis oben mit Dreck bespritzten Pelz auszog. Mir wirbelt alles im Kopfe herum, sagte der Staatsanwalt und legte gleichfalls den Pelz ab. Aus dieser Sache werde ich nicht klug, sprach der Vizegouverneur, indem er sich seines Pelzes entledigte. Der Postmeister sagte gar nichts und begngte sich damit, seinen Pelz abzulegen. Man trat ins Zimmer, wo sofort ein kleiner Imbi hereingetragen wurde. Die Provinzialbehrden knnen nun mal nicht ohne solch einen Imbi auskommen, und wenn sich zwei Beamte in einer Provinz zusammenfinden, so stellt sich der Imbi ganz von selbst als dritter im Bunde ein. Der Gerichtsprsident trat an den Tisch, go sich ein Glschen bitteren Wermuth ein und sagte: Schlagt mich tot, ich wei nicht, wer dieser Tschitschikow ist. Ich noch weniger, versetzte der Staatsanwalt. Eine so verwickelte Affre ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe wirklich nicht den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen. Und doch! trotzalledem. Was der Mensch fr einen weltmnnischen Schliff besitzt! meinte der Postmeister, indem er sich erst einen dunklen Likr einschenkte, ein paar Tropfen von einem rosafarbenen hinzugo und beide miteinander mischte: Er war sicher in Paris. Ich glaube bestimmt, er ist etwas hnliches, wie ein Diplomat gewesen. In diesem Augenblick betrat der Polizeimeister das Zimmer, der allbekannte und so hoch verehrte Wohltter der Stadt, der Abgott der Kaufmannschaft und berhmte Knstler und Arrangeur opulenter Diners, Soupers und sonstiger Festivitten. Meine Herren, rief er aus, ich habe nicht das Geringste ber Tschitschikow erfahren knnen. Ich konnte doch nicht in seinen eigenen Papieren herumstbern: er verlt ja auch sein Zimmer garnicht mehr, und scheint krank zu sein. Ich habe mich auch bei seinen Leuten erkundigt. Seinen Bedienten Petruschka und den Kutscher Seliphan ausgefragt. Der erste war ein wenig betrunken, brigens scheint er sich immer in solch einem Zustande zu befinden. Bei diesen Worten trat der Polizeimeister an das Anrichtetischchen und bereitete sich eine Mischung aus drei Likren. Petruschka behauptet, sein Herr htte mit allerhand Leuten zu tun gehabt, ich glaube, es sind lauter ehrenwerte Mnner, die er nannte, so z. B. Perekrojewski ..... er fhrte dann noch eine Reihe von Gutsbesitzern an -- alles Kollegienrte oder sogar Staatsrte. Der Kutscher Seliphan erzhlt, alle htten ihn fr einen gescheiten Mann gehalten, weil er sich im Dienste vortrefflich bewhrt und ausgezeichnet habe. Er habe im Zollamt gedient und htte in irgend einer staatlichen Baukommission gesessen! Was das fr eine Kommission gewesen sei, das konnte er mir jedoch nicht sagen. Er habe drei Pferde: Eins htten sie vor drei Jahren gekauft, den Schecken htten sie gegen ein anderes von gleicher Farbe umgetauscht und das dritte htten sie gleichfalls gekauft ..... sagte er. Er erklrt ganz bestimmt, Tschitschikow heie wirklich Pawel Iwanowitsch und sei Kollegienrat. Alle Beamten versanken in tiefes Sinnen. Ein anstndiger Mensch, und dazu noch Kollegienrat! dachte der Staatsanwalt, und entschliet sich zu einer solchen Sache! Will die Tochter des Gouverneurs entfhren, kommt auf die wahnsinnige Idee, tote Seelen zu kaufen und in tiefer Nacht alte Scharteken von Gutsbesitzerinnen aus dem Schlafe zu stren -- das schickt sich wohl fr einen Husarenleutnant, aber doch nicht fr einen Kollegienrat! Wenn er Kollegienrat ist, wie kann er sich denn dann zu einer so verbrecherischen Handlung, zur Flschung von Banknoten, entschlieen, dachte der Vizegouverneur, der selbst auch Kollegienrat war, die Flte spielte und in seinem Innern weit mehr zu den schnen Knsten als zum Verbrechen neigte. Sagen Sie, was Sie wollen, meine Herren, aber wir mssen dieser Sache ein Ende machen! Komme was da wolle! Denken Sie doch, wenn der Generalgouverneur erscheint und dahinter kommt, da bei uns wei der Teufel was los ist! Und wie denken Sie, da wir handeln mssen? Der Polizeimeister versetzte: Ich glaube wir mssen entschlossen vorgehen. Wie meinen Sie das: entschlossen? wandte der Prsident ein. Wir mssen ihn verhaften lassen, als einen Menschen, der sich verdchtig gemacht hat. Ja aber wie? wenn er statt dessen _uns_ als verdchtige Individuen verhaften lt? Waaas? Nun, ich meine, wenn er etwa hierhergesandt worden ist und geheime Vollmachten hat! Tote Seelen? Hm! Wenn das nur kein Vorwand ist, da er sie kauft, ein Vorwand, um etwas ber jene Toten zu erfahren, die, wie es im Bericht heit, >aus unbekannten Ursachen< verstorben sind. Diese Worte lieen alle verstummen. Der Staatsanwalt war aufs uerste berrascht. Auch der Prsident, der sie selbst ausgesprochen hatte, wurde nachdenklich. Beiden ... Also meine Herren, was sollen wir tun? sagte der Polizeimeister, der Wohltter der Stadt und der Liebling der Kaufleute, indem er die wunderbare Mischung aus dem sen und bitteren Likr hinabstrzte und einen Bissen in den Mund steckte. Ein Diener brachte eine Flasche Madeira und einige Weinglser herein. Ich wei wirklich nicht, was wir anfangen sollen? sagte der Prsident. Meine Herren, erklrte hier der Postmeister, nachdem er ein Glas Madeira hinabgegossen und ein Stck hollndischen Kse mit Butter nebst einem Bissen Str verschlungen hatte, ich bin der Meinung, da wir diese Sache grndlich untersuchen mssen, wir mssen sie grndlich durchforschen und gemeinsam _in corpore_ beraten, d. h. wir sollten alle zusammenkommen wie im englischen Parlament, verstehen Sie wohl, um den Gegenstand zu ergrnden, damit er uns in all seinen feinsten Details deutlich und durchsichtig wird, verstehen Sie? Meinetwegen wollen wir uns irgendwo versammeln, sagte der Polizeimeister. Ja, wir wollen uns versammeln, fiel der Prsident ein, und gemeinsam entscheiden, wer dieser Tschitschikow ist. Ja, das wird das vernnftigste sein -- wir mssen entscheiden, wer Tschitschikow ist. Wir wollen jeden um seine Meinung fragen, und dann entscheiden, wer Tschitschikow ist. Bei diesen Worten versprten alle zugleich eine unbndige Lust nach ein paar Flaschen Champagner. Man trennte sich, hchst befriedigt darber, da das Komitee alles aufklren und den sicheren Beweis erbringen werde, wer eigentlich Tschitschikow war. IV. A. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. (Nach einer der ersten Fassungen.) Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, werter Herr, hub der Postmeister an, obwohl nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer anwesend waren, nach dem Feldzuge von 1812 wurde zusammen mit andern Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, lieber Herr, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gabs noch keine von den bekannten Veranstaltungen und Einrichtungen fr die Verwundeten: dieser Invalidenfonds -- das knnen Sie sich wohl denken -- der wurde sozusagen erst viel spter gegrndet. Unser Hauptmann Kopeikin sieht also, da er arbeiten mu, aber verstehen Sie wohl, er hatte ja doch nur einen Arm, nmlich den linken. Er schrieb also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht auch noch ernhren.< Denken Sie sich! >Ich verdiene mir nur selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.< Nun sehen Sie wohl, werter Herr, da beschlo denn mein Kopeikin nach Petersburg zu reisen und an die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine kleine Untersttzung bewilligen wolle: er habe doch gewissermaen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepckwagen oder in einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, Verehrtester, und gelangte so mit Mhe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser selbe, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin pltzlich in der Hauptstadt, die sozusagen in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat! Mit einem Male ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaen ein weites Feld des Lebens, so eine Art mrchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, pltzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstrae oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hngen_ ein paar Brcken, wissen Sie, so ohne jegliche Sttzen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Verehrtester, tatschlich! Erst trieb er sich eine Weile in den Straen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Fen. Man geht ber die Strae, und die Nase merkt schon von ferne, da es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fnf blauen Scheinen das war alles, verstehen Sie wohl. So mietete er sich denn schlielich ein Zimmer in einem Gasthaus zur Stadt Reval fr einen Rubel pro Tag. Sie wissen: ein Mittagessen aus zwei Gngen, eine Kohlsuppe und ein Stck Suppenfleisch dazu. Er sieht also: groe Sprnge kann er da nicht machen. Er beschlo daher, am folgenden Tage zum Minister zu gehen, Verehrtester. Der Kaiser war nmlich damals nicht in der Hauptstadt, denn die Armee war noch nicht aus dem Kriege zurckgekehrt, das knnen Sie sich wohl denken. So stand er denn eines Morgens etwas frher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn sehen Sie wohl, wre er zum Barbier gegangen, so htte das im gewissen Sinne neue Ausgaben verursacht, zog sich seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfu umherhumpelnd zum Minister. Und nun stellen Sie sich vor, er fragt erst einen Schutzmann, wo der Minister wohnt. >Dort,< antwortet dieser und zeigt auf ein Haus am Schloquai. Eine feine Bauernhtte kann ich Ihnen sagen! Groe Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor und berall Metall, denken Sie sich blo, Verehrtester! So'ne Trklinke, wissen Sie, da mu man zuerst in einen Laden laufen, sich fr einen Groschen Seife kaufen und sich sozusagen stundenlang die Hnde reiben, ehe man es wagt sie anzufassen! Mit einem Wort, nichts als Ebenholz und Lack, da einem fast die Sinne schwinden, Verehrtester! Am Eingang, verstehen Sie, da steht so ein Portier: der reinste Generalissimus: so'ne Grafenphisiognomie, mit einem Sbel in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch! Wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfu ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase zu stoen, verstehen Sie. Sehen Sie wohl, natrlich mute er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der Minister sozusagen noch kaum aus dem Bette gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang, da kommt endlich der Adjutant oder ein anderer diensthabender Beamter und sagt: Der Minister wird gleich erscheinen. Im Vorzimmer aber drngen sich schon die Menschen wie die Bohnen in einer Schssel. Lauter hohe Beamte der vierten Klasse, Oberste und hie und da sogar einer mit Markronen auf den Achselklappen, verstehen Sie wohl, mit einem Wort sozusagen die ganze Generalitt. Schlielich betritt denn auch der Minister das Zimmer, Verehrtester! Sie knnen sich vorstellen: er geht erst zum einen und dann zum andern: Warum sind Sie gekommen? Und Sie? Was wnschen Sie? Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt: >so und so, ich habe mein Blut vergossen und ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen: ich kann nicht mehr arbeiten, und habe daher die Khnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren.< Der Minister sieht: der Mann hat einen Stelzfu und der rechte rmel baumelt leer herunter. >Gut,< sagte er, >fragen Sie nach ein paar Tagen wieder an.< Na also Verehrtester, es vergehen keine vier oder fnf Tage, da erscheint mein Kopeikin schon wieder bei dem Minister. Dieser erkennt ihn sogleich wieder, verstehen Sie wohl. >Ah!< sagt er, >leider kann ich Ihnen diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rckkunft des Kaisers zu gedulden. Dann wird sicherlich etwas fr die Verwundeten und die Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen, sozusagen, vermag ich nichts fr Sie zu tun.< Hierauf macht er eine kurze Verbeugung und die Audienz ist zu Ende. Sie knnen sich denken, da mein Kopeikin sich in einer recht prekren Lage befand, als er den Minister verlie; hatte er doch gewissermaen weder eine Zusage noch eine Absage erhalten. Das Leben in der Hauptstadt aber wurde natrlich immer schwieriger fr ihn, das knnen Sie sich wohl vorstellen. Er denkt sich also: >ich will doch noch einmal zum Minister gehen und ihm sagen: Machen Sie was Sie wollen, Exzellenz, ich habe bald nichts mehr zu essen; wenn Sie mir nicht helfen, dann mu ich gewissermaen vor Hunger sterben.< Aber wie er zum Minister hinkommt, da heit es: >Es geht nicht, der Minister empfngt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.< Am folgenden Tage -- dieselbe Geschichte, der Portier sieht ihn kaum noch an. Mein Kopeikin hat nur noch ein Fnfzig-Kopekenstck in der Tasche. Frher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe, und ein Stck Suppenfleisch dazu, jetzt aber kauft er sich hchstens irgend so einen Hring oder so eine Salzgurke und fr zwei Groschen Brot -- mit einem Wort, der arme Kerl hungert tatschlich, und doch hat er einen Appetit wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorber und nun stellen Sie sich vor: der Koch das ist ein Teufelskerl, so ein Auslnder, wissen Sie, der trgt immer nur die feinste hollndische Wsche, steht vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb oder Kottelets mit Trffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, da unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen htte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Lden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein gerucherter Lachs, oder ein Krbchen mit Kirschen -- zu fnf Rubel das Stck, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einem berflssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verfhrungen auf Schritt und Tritt, es luft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, fr ihn aber heit's: warte geflligst bis morgen. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Endlich hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und beschlo, sich um jeden Preis noch einmal eine Audienz zu verschaffen. Er stellte sich also am Eingang auf und wartete, ob nicht noch irgend ein Bittsteller erscheinen werde; schlielich schlpft er denn auch mit irgend so einen General, wissen Sie, ins Haus, und humpelt auf seinem Stelzfu bis ins Vorzimmer. Der Minister erscheint wie gewhnlich zur Audienz: >Was haben Sie? und was wnschen Sie?< >Ah,< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen doch schon erklrt, da Sie warten sollen, bis ber Ihr Gesuch entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu essen, sozusagen ...< -- >Was soll ich denn machen? Ich kann nichts fr Sie tun, Sie mssen sich schon selbst helfen und sich selbst die Mittel zu verschaffen suchen.< -- >Aber Eure Exzellenz, das knnen Sie doch selbst gewissermaen beurteilen, was kann ich mir denn fr Mittel verschaffen, wo mir eine Hand und ein Fu fehlt.< Er wollte noch hinzufgen: >mit der Nase aber kann ich erst recht nichts anfangen; da kann man sich hchstens einmal schneuzen, aber selbst dazu mu man sich ein Taschentuch kaufen.< Allein der Minister, sehen wohl, lieber Herr, -- sei es nun, da Kopeikin ihn langweilte, oder da er tatschlich mit wichtigen Staatsangelegenheiten beschftigt war -- der Minister also, knnen Sie sich vorstellen, wird ganz aufgeregt und zornig. >Gehen Sie!< ruft er, >solche wie Sie, sind noch viele da, gehen Sie und warten Sie ruhig, bis die Reihe an Sie kommt!< Jedoch mein Kopeikin antwortete -- der Hunger treibt ihn zum uersten, wissen Sie --: >Tuen Sie was Sie wollen, Exzellenz; ich rhre mich nicht vom Flecke, bevor Sie die entsprechende Ordre erteilt haben.< Da aber, lieber Herr, knnen Sie sich vorstellen, da geriet der Minister ganz auer sich. Und in der Tat, bis dahin war es wohl in den Annalen der Weltgeschichte noch nie vorgekommen, da sich sozusagen irgend ein Kopeikin erkhnte, so mit einem Minister zu sprechen. Sie knnen sich vorstellen, was ein erzrnter Minister ist, das ist doch gewissermaen ein Staatsmann sozusagen. >Sie frecher Mensch!< schrie er: >Wo ist der Feldjger? Der Feldjger soll kommen und ihn nach seiner Heimat abschieben!< Der Feldjger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tr: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst fr den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befrdert, und ab geht's in Begleitung des Feldjgers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafr bin ich den Herren dankbar.< So fhrt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjger, und whrend er so an der Seite des Feldjgers sitzt, spricht er gewissermaen, sozusagen, zu sich selber: >Schn,< sagt er, >der Minister erklrt mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, meinetwegen< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befrdert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten ber den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schrzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das wei niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wldern von Rjasan eine Ruberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Ruberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als der Hauptmann Kopeikin. Er sammelte sich allerhand fahnenflchtige Soldaten und bildete aus ihnen gewissermaen eine ganze Ruberbande. Dies war, knnen Sie sich, natrlich vorstellen, sogleich nach dem Kriege: da war noch alles an ein ungebundenes Leben gewhnt, wissen Sie -- das Leben galt damals kaum mehr als einen Groschen: eine Freiheit und Zgellosigkeit sag ich Ihnen, man pfiff auf alles -- mit einem Wort, Verehrtester, er hatte eine ganze Armee zu seiner Verfgung. Kein Reisender konnte mehr ruhig passieren, und dies alles richtete sich, sozusagen, nur gegen den Reichsschatz. Wenn einer vorber kam, der in seinen eigenen Geschften reiste -- na, dann fragte man nur: >was wollen Sie?< und lie ihn laufen! Handelte es sich dagegen um einen staatlichen Transport; Viehfutter, Proviant oder Geld, -- mit einem Wort alles, was sozusagen den Namen des Staates trgt -- da gab's kein Pardon. Nun, Sie knnen sich vorstellen, er brandschatzte den Beutel des Fiskus grndlich. Oder er hrt etwa, da der Termin fr die Bezahlung der Staatssteuern vor der Tr steht -- sofort ist er an Ort und Stelle. Er lt sogleich den Dorfschulzen zu sich rufen und schreit: >her mit dem Zins und den Staatssteuern.< Na, Sie knnen sich denken, der Bauer sieht: >so ein hinkender Teufel, sein Rockkragen ist rot und glnzt vor lauter Gold wie die Federn eines Phnix, Teufel auch, das schmeckt nach Ohrfeigen.< >Da nimm, Vterchen, aber la uns nur in Ruhe.< Er denkt natrlich: >das ist irgend so ein Kreisrichter oder womglich noch was Schlimmeres sozusagen.< Das Geld aber, Verehrtester, das nimmt er natrlich in Empfang, ganz wie es sich gehrt, und stellt den Bauern eine Quittung aus, um sie gewissermaen vor den Behrden zu entschuldigen, und ihnen zu bescheinigen, da sie das Geld wirklich abgeliefert und ihre Steuern vollzhlich bezahlt haben, empfangen aber habe es _der_ und _der_ d. h. der Hauptmann Kopeikin; ja er setzte sogar noch sein Siegel darunter, mit einem Wort, Verehrtester, er raubt und stiehlt, da es nur so eine Art hat. Mehrere Male wurden Soldatendetachements ausgesandt, um ihn zu fangen, aber mein Kopeikin kmmert sich den Teufel darum. Das waren eben lauter Schinderhannesse, verstehen Sie, die da zusammen gekommen waren ... Schlielich aber bekam er doch wohl Angst, als er sah, da dies kein Spa war, und da er sich da sozusagen eine schne Suppe eingebrockt hatte; die Verfolgungen nahmen jeden Augenblick zu, er selbst aber hatte sich unterdessen ein recht hbsches Kapitlchen zurckgelegt lieber Herr, na, und da rckte er denn sozusagen eines Tages ins Ausland aus, ins Ausland, Verehrtester, verstehen Sie wohl, d. h. in die Vereinigten Staaten. Von dort aus schreibt er einen Brief an den Kaiser, knnen Sie sich denken, einen uerst redegewandten und so groartig stilisierten Brief, wie Sie sich nur vorstellen knnen. All diese Platos und Demosthenesse im Altertum -- das sind sozusagen die reinsten Waschlappen oder Kster gegen ihn: >du darfst nicht glauben, Kaiser,< schreibt er, >da ich dieses und jenes< ... Mit einem Wort, er lie euch Perioden vom Stapel -- geradezu glnzend! >Nur die Notwendigkeit war die Ursache meines Handelns,< sagt er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und gewissermaen mein Leben nicht geschont und nun habe ich, denken Sie sich blo, nichts mehr zum Leben. Ich bitte dich, meine Kameraden straflos ausgehen zu lassen,< sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich habe sie sozusagen verfhrt, be Gnade und verfge, da in Zukunft, wenn die Verwundeten aus dem Kriege zurckkehren, knnen Sie sich denken, gewissermaen fr sie gesorgt werde ..< Mit einem Wort, der Brief war auerordentlich gewandt stilisiert. Na, Sie knnen sich denken, der Kaiser war natrlich gerhrt. Es tat seinem kaiserlichen Herzen leid um den Mann, obwohl er tatschlich ein Verbrecher war, und gewissermaen sozusagen die Todesstrafe verdient hatte, na, und da er sah, wie ein Unschuldiger sozusagen zum Verbrecher werden kann und zugeben mute, da hier eine Unterlassungsnde vorlag -- brigens konnte man in jener unruhigen Zeit auch nicht fr alles sorgen -- Gott allein, kann man wohl sagen, ist ganz ohne Verfehlungen -- mit einem Wort, lieber Herr, der Kaiser geruhte diesmal, sozusagen ein einzig dastehendes Beispiel seiner hochherzigen Gesinnung zu geben: er befahl, die Schuldigen nicht weiter zu verfolgen und gab zugleich strenge Ordre, ein Komitee zu grnden, das sich ausschlielich mit der Frsorge um die Verwundeten zu beschftigen habe sozusagen und dies ... Verehrtester -- war gewissermaen der Anla fr die Grndung des Invalidenfonds, durch den jetzt sozusagen in jeder Hinsicht fr die Verwundeten gesorgt ist, und ein hnliches Institut gibt es tatschlich weder in England noch in allen brigen aufgeklrten Staaten, knnen Sie sich denken. Das also ist der Hauptmann Kopeikin, Verehrtester. Nun aber glaube ich folgendes: wahrscheinlich wird er all sein Geld in den Vereinigten Staaten vertan haben, und ist nun zu uns zurckgekehrt, um noch einmal zu versuchen, ob es ihm nicht vielleicht sozusagen, gewissermaen mit einem neuen Unternehmen gelingen mag. B. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. (In der vom Zensor gestrichenen Fassung.) Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr, hub der Postmeister an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saen, nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab's noch keine von den bekannten Einrichtungen fr die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das knnen Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst viel spter gegrndet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, da er arbeiten mu, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nmlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht _auch_ noch ernhren; ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst nur mit knapper Not meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, nach Petersburg zu reisen und an die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine kleine Untersttzung bewilligen wolle. So und so, er habe doch gewissermaen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen .... Er fuhr also in einem Gepckwagen oder einem staatlichen Transportwagen in die Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug er gelangte mit Mhe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich _nun_ dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Pltzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaen ein weites Feld des Lebens, so eine Art mrchenhafte Scheherazade verstehen Sie mich wohl. Denken Sie nur, pltzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstrae oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hngen_ ein paar Brcken, wissen Sie, so ohne jegliche Sttzen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatschlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in den Straen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Fen. Man geht ber die Strae, und die Nase merkt schon von ferne, da es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus zehn blauen Scheinen ... Genug, er mietet sich schlielich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, fr einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gngen, eine Kohlsuppe und ein Stck Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, da sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich wenden soll. Man sagt ihm, es gbe so'ne Oberkommission, gewissermaen so ein Direktorium sozusagen, an dessen Spitze der General _en chef_ soundso stehe. Der Kaiser, mssen Sie wissen, war nmlich um jene Zeit noch nicht in der Hauptstadt, und die Armee, knnen Sie sich vorstellen, war noch nicht aus Paris zurckgekehrt, alles war noch im Ausland. So stand denn mein Kopeikin eines Morgens etwas frher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wre er zum Barbier gegangen, so htte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfu einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich blo vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. >Da< antwortet man ihm und zeigt auf ein Haus am Schloquai. Eine feine Bauernhtte, knnen Sie sich vorstellen. Meterlange Spiegelscheiben in den Fenstern, kann ich Ihnen sagen, soda die Vasen und alles, was sich sonst noch in den Zimmern befindet, gleichsam drauen vor einem zu stehen scheinen, und man all diese schnen Dinge geradezu greifen zu knnen glaubt: die Wnde sind von kostbarem Marmor, wissen Sie, alles ist von Metall, und so'ne Trklinke, denken Sie sich, da mu man zuerst in einen Laden laufen, sich fr einen Groschen Seife kaufen und sich dann sozusagen zwei Stunden lang die Hnde reiben, ehe man sie anzufassen wagt. Dazu alles lackiert, mit einem Wort die Sinne schwinden einem gewissermaen. Der Portier sieht aus wie ein Generalissimus: so eine Grafenphisiognomie mit einem goldenen Sbel in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch, wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfu ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoen. Sehen Sie wohl, natrlich mute er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der General, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang; da kommt endlich der Adjutant oder irgend ein diensthabender Beamter herein und sagt: >Gleich kommt der General!< Im Empfangszimmer aber drngen sich schon die Menschen, wie die Bohnen in einer Schssel. Lauter hohe Beamte der vierten und fnften Klasse, nicht solche elende Sklaven wie unsereiner sondern alles Oberste, und hie und da sogar einer mit Makronen auf den Achselklappen, mit einem Wort, die ganze Generalitt sozusagen. Pltzlich geht eine kaum merkliche Bewegung durch das Zimmer, wie so'n feiner ther, wissen Sie. Hie und da hrt man jemand Pst ... Pst ... rufen und dann tritt eine frchterliche Stille ein. Der hohe Staatsbeamte hatte das Zimmer betreten. Na, Sie knnen sich vorstellen, ein Staatsmann, sozusagen. Natrlich seinem Rang und Titel entsprechend, so ein _Physionomio_, so ein Ausdruck, verstehen Sie wohl. Alles was sich im Empfangszimmer befand, stand natrlich sofort stramm, alles zittert und bebt und wartet auf die Entscheidung seines Schicksals sozusagen. Der Minister oder Staatsmann geht erst zum einen, und dann zum andern. >Warum sind Sie hier? Und Sie? Was wnschen Sie? In welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt: So und so, Exzellenz ich habe sozusagen mein Blut vergossen, und gewissermaen einen Arm und ein Bein verloren. Ich kann nicht mehr arbeiten und habe die Khnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren. Der Minister sieht: der Mann hat einen Stelzfu, und der rechte rmel baumelt leer herunter verstehen Sie wohl. >Gut,< sagt er, >fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz seelig: schon allein, da ihm eine Audienz bewilligt wurde sozusagen, da er gewrdigt wurde mit einem der ersten Wrdentrger des Staats zu sprechen, knnen Sie sich denken, und dann die Hoffnung, da sich endlich sein Schicksal, gewissermaen die Frage nach der Pension entscheiden sollte! Er ist in der besten Laune, kann ich Ihnen sagen. Er hpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkin, um einen Schnaps zu nehmen; a in der Stadt London zu Mittag, lie sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein, ging abends ins Theater -- mit einem Wort, es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er pltzlich eine Englnderin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, luft ihr trach, trach, trach auf seinem Stelzfu nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band gekommen.< Nach drei vier Tagen erscheint mein Kopeikin abermals beim Minister. Der Minister tritt ein. >So und so,< sagt Kopeikin, >ich bin gekommen um zu erfahren, was Eure Exzellenz ber das Schicksal der Kranken und Verwundeten zu verfgen geruht haben ... und dergleichen mehr, knnen Sie sich denken, in der amtlichen Sprache natrlich!< Der hohe Staatsbeamte, stellen Sie sich vor, erkennt ihn sogleich wieder. >Ah, gut,< sagt er, >leider kann ich Ihnen diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rckkunft des Kaisers zu gedulden; dann wird sicherlich etwas fr die Verwundeten und Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen, sozusagen, vermag ich nichts fr Sie zu tun.< Damit verbeugt er sich, und die Audienz ist zu Ende, verstehen Sie. Sie knnen sich denken, da sich mein Kopeikin hiernach in einer hchst prekren Lage befand. Er hatte schon damit gerechnet, da ihm morgen das Geld ausbezahlt werden wrde. >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amsier dich!<; statt dessen aber mu er warten und wei nicht einmal, bis zu welchem Termin. Da kommt er nun wie so'n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Prsidenten heraus -- hat den Schwanz eingezogen und lt die Ohren hngen. >Nee,< denkt er, >ich will doch _noch_ einmal hingehen und dem Minister erklren, ich habe bald nichts mehr zu essen, wenn Sie mir nicht helfen, mu ich, sozusagen, vor Hunger sterben.< Mit einem Wort lieber Herr, er geht wieder an den Schloquai und fragt nach dem Minister: >Es geht nicht,< heit es, >der Minister empfngt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.< Am folgenden Tage -- dieselbe Geschichte, der Portier will ihn kaum noch ansehen. Mein Kopeikin aber hat nur noch einen blauen Schein in der Tasche, verstehen Sie wohl. Frher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe und ein Stck Suppenfleisch, jetzt aber kauft er sich hchstens so einen Hring oder irgend so eine Salzgurke und fr zwei Groschen Brot --, mit einem Wort, der arme Kerl hungert tatschlich, und doch hat er einen Appetit wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorber und, nun stellen Sie sich vor, der Koch -- das ist irgend so ein Auslnder, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trgt immer nur die feinste hollndische Wsche, und eine Schrze, so wei wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, da unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen htte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Lden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein gerucherter Lachs, oder ein Krbchen mit Kirschen -- zu fnf Rubel das Stck, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen berflssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verfhrungen auf Schritt und Tritt, es luft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, fr ihn aber heit's: warte geflligst bis morgen. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Schlielich hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und beschlo, die Festung sozusagen im Sturme zu nehmen, verstehen Sie. Er stellte sich also am Eingang auf und wartete, ob nicht noch ein Bittsteller erscheinen werde, und richtig, es gelang ihm denn auch, mit irgend einem General hindurchzuschlpfen und auf seinem Stelzfu bis ins Vorzimmer zu humpeln. Der hohe Staatsmann erscheint wie gewhnlich. >Was wnschen Sie? Und Sie?< >Ah!< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen doch schon erklrt, da Sie warten sollen, bis ber Ihr Gesuch entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu essen, sozusagen ...< >Was soll ich denn machen? ich kann nichts fr Sie tun, Sie mssen sich gewissermaen einstweilen selbst helfen und sich selbst die Mittel zu verschaffen suchen.< -- >Aber Exzellenz, da mssen Sie doch sozusagen selbst einsehen, wie kann ich mir denn die Mittel verschaffen, wo mir ein Arm und ein Bein fehlt?< >Aber verstehen Sie doch!< sagte der Minister, >ich kann Sie doch gewissermaen nicht auf meine Kosten erhalten, wir haben noch viele Verwundete, die knnten doch alle dieselben Ansprche machen. Wappnen Sie sich mit Geduld. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn der Kaiser kommt, wird er Gnade ben und Sie nicht im Stiche lassen.< -- >Aber ich kann doch nicht warten, Exzellenz,< versetzte Kopeikin, und zwar fngt er schon an, grob zu werden sozusagen. Da aber wurde der Staatsmann etwas rgerlich, verstehen Sie, und in der Tat: rings herum stehen lauter Generle und warten auf eine Antwort oder eine Ordre; hier handelte es sich sozusagen um wichtige Staatsangelegenheiten, die gewissermaen eine schleunige Erledigung erfordern -- jeder verlorene Augenblick kann von Bedeutung sein -- und da kommt so ein aufdringlicher Teufel und lt einen nicht los, knnen Sie sich denken. -- >Entschuldigen, ich habe keine Zeit -- ich habe noch andere wichtigere Dinge zu tun, als mit Ihnen zu reden.< Er sagt es gewissermaen durch die Blume, es sei nun die hchste Zeit, da er sich aus dem Staube mache, verstehen Sie wohl. Jedoch mein Kopeikin antwortet -- der Hunger treibt ihn nmlich zum uersten, mssen Sie wissen. >Tun Sie, was Sie wollen, Exzellenz, ich rhre mich nicht vom Flecke, bevor Sie die entsprechende Ordre erteilt haben.< Na, Sie knnen sich denken: einem Staatsmann so zu antworten, der nur ein Wort zu sagen braucht, damit man kopfber rausfliegt, soda der Teufel selbst einen nicht mehr auffinden kann sozusagen ... Wenn ein Beamter, der auch nur um _einen_ Rang tiefer steht als wir, unsereinem so etwas sagen wollte, so wrde man es schon eine Frechheit nennen. Nun aber denken Sie sich -- diese Distanz, diese gewaltige Distanz! Ein General _en chef_ -- und irgend ein Kopeikin sozusagen! Neunzig Rubel und eine Null. Der General, verstehen Sie, der ma ihn blo mit einem Blick -- der reinste Kanonenschu sozusagen: da htte keiner Stand gehalten, da wre jedem das Herz in die Hosen gefallen. Mein Kopeikin aber, knnen Sie sich vorstellen, rhrt sich nicht vom Flecke und steht da wie angewurzelt. >Nun? Was warten Sie?< sagt der General und packt ihn mit beiden Hnden bei den Schultern. brigens, um die Wahrheit zu sagen, er behandelt ihn noch ziemlich gndig: ein anderer htte ihn so angeschnauzt, da die ganze Strae noch drei Tage nachher auf dem Kopfe gestanden und sich mit ihm im Kreise gedreht htte sozusagen, er aber sagte nur >Gut, wenn das Leben fr Sie hier zu teuer ist und Sie nicht ruhig in der Hauptstadt auf die Entscheidung Ihres Schicksals warten knnen, dann lasse ich Sie auf Staatskosten in die Heimat befrdern. Der Feldjger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!< Der Feldjger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tr: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst fr den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befrdert und ab geht's in Begleitung des Feldjgers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafr bin ich den Herren dankbar.< So fhrt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjger, und whrend er so an der Seite des Feldjgers sitzt, spricht er gewissermaen, sozusagen, zu sich selber: >Schn,< sagt er, >du erklrst mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schn,< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befrdert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten ber den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schrzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das wei niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wldern von Rjasan eine Ruberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Ruberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als ... * * * * * 1. _Die Toten Seelen, Band I_, sind in der zweiten Hlfte des Jahres 1835 begonnen und 1841 vollendet. Sie erschienen am 21. Mai (2. Juni) 1842. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum: den 9. Mai (21. Mai) 1842. Die vom Zensor gestrichene Geschichte vom Hauptmann Kopeikin wurde vom Autor in fnf Tagen vom 5.-9. (17.-21.) Mai 1842 umgearbeitet. 2. _Die Vorrede zur zweiten Auflage des I. Bandes der Toten Seelen_ (pag. 431) wurde Ende Juli entworfen und im September 1846 vollendet. Sie erschien zugleich mit der zweiten Auflage dieser Dichtung. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum: den 25. August (6. September) 1846. 3. _Die Reflexionen zum ersten Teil der Toten Seelen_ (pag. 436) stammen wahrscheinlich aus dem Jahre 1846. 4. _Das Ende des IX. Kapitels in vernderter Fassung_ (pag. 439) wurde etwa im Jahre 1843 niedergeschrieben. 5. _Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin_: _Variante A_ (pag. 452) ist im August 1841, _Variante B_ (pag. 461), die vom Zensor gestrichen wurde, im November 1841 vollendet. Der Text der vorliegenden deutschen Ausgabe geht auf die russischen Ausgaben von N. S. Tichonrawow und W. I. Schnrock zurck. _Der Herausgeber._ * * * * * Druck von Mnicke & Jahn, Rudolstadt. Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verndert. Einige bertragungsfehler wurden ebenfalls unverndert belassen. Auf Seite 194 heit es jedes Jahr verlor er ein neues richtiges Stck von seinem Haushalt aus dem Auge. Tatschlich steht im Original hier Hauptteil, was wohl eher der Formulierung wichtiges Stck entsprechen wrde. An zwei Stellen im Anhang heit es Markronen oder Makronen auf den Achselklappen. Auch dies wurde so beibehalten. Das russische Original hat aber an dieser Stelle Makkaroni, was wohl eher die Fransen der Epauletten beschreibt. Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. XXXV]: ... und Leibeigenen gesellen. Aber das Gemlde erscheint ... ... und Leibeigene gesellen. Aber das Gemlde erscheint ... [S. 8]: ... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder eine Paar blaue ... ... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue ... [S. 11]: ... Zum Gouverneuer sagte er wie beilufig, wenn man in ... ... Zum Gouverneur sagte er wie beilufig, wenn man in ... [S. 12]: ... wie es sich gehrte. Als Ttschitschikow den Saal betrat, ... ... wie es sich gehrte. Als Tschitschikow den Saal betrat, ... [S. 15]: ... mssig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ... ... mig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ... [S. 17]: ... Herzen! Herzchen! Pikentia! oder Pieckchen, Piekchen, ... ... Herzen! Herzchen! Pikentia! oder Piekchen, Piekchen, ... [S. 18]: ... mit hflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigen ... ... mit hflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem ... [S. 18]: ... nochkommen, sondern halte es sogar fr seine heiligste ... ... nachkommen, sondern halte es sogar fr seine heiligste ... [S. 19]: ... anfing, gaben der Polizeimeister und Staatsanwalt sehr ... ... anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr ... [S. 25]: ... also noch am Abend smliche notwendigen Anordnungen getroffen ... ... also noch am Abend smtliche notwendigen Anordnungen getroffen ... [S. 29]: ... alten Uniformen unserer Garnisonsoldaten bemerken kann, ... ... alten Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, ... [S. 42]: ... werden! ... ... werden? ... [S. 48]: ... aber er konnte nicht derartiges entdecken, im Gegenteil, ... ... aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, ... [S. 53]: ... konnten ... ... ... knnten ... ... [S. 55]: ... sagte er: Wir werden's schon finden, und Ttschitschikow ... ... sagte er: Wir werden's schon finden, und Tschitschikow ... [S. 72]: ... Das geht vorber, Mtterchen, achten sie nur nicht ... ... Das geht vorber, Mtterchen, achten Sie nur nicht ... [S. 79]: ... noch einen Versuch zu machan, ob es ihm etwa gelnge, ... ... noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelnge, ... [S. 87]: ... Nicht war, Sie vergessen mich also nicht bei den ... ... Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den ... [S. 106]: ... Hm! dachte Titschikow, ich knnte ja schlielich ... ... Hm! dachte Tschitschikow, ich knnte ja schlielich ... [S. 118]: ... eine ganze Kollektion besa: Holz-, Ton- und Merschaumpfeifen, ... ... eine ganze Kollektion besa: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, ... [S. 128]: ... Nein, nein Bester, ein Glcksspiel verlieren, das ... ... Nein, mein Bester, ein Glcksspiel verlieren, das ... [S. 135]: ... Fr wen hlst du mich, sagte Nosdrjow, glaubst ... ... Fr wen hltst du mich, sagte Nosdrjow, glaubst ... [S. 149]: ... erblickte, sagt er kurz: Ich bitte, worauf er ihn in die ... ... erblickte, sagte er kurz: Ich bitte, worauf er ihn in die ... [S. 157]: ... Hammelbraten, fuhr er fort, indem er sich an Tschischikow ... ... Hammelbraten, fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow ... [S. 158]: ... links! ... ... links? ... [S. 169]: ... Also was ist Ihr hchstes Angebot! sagte Sabakewitsch ... ... Also was ist Ihr hchstes Angebot? sagte Sabakewitsch ... [S. 174]: ... Wohnhause vorber zu kommen. ... ... Wohnhause vorber zu kommen? ... [S. 176]: ... klingt uns aus dem Worte der Britanniers ... ... klingt uns aus dem Worte des Britanniers ... [S. 176]: ... schlau ersinnt sein nicht leichtfalich drres Rselwort ... ... schlau ersinnt sein nicht leichtfalich drres Rtselwort ... [S. 195]: ... und zu konzentieren liebt, und eine solche Erscheinung ... ... und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung ... [S. 196]: ... den Anblick seines Wirtes uud der ganzen seltsamen ... ... den Anblick seines Wirtes und der ganzen seltsamen ... [S. 199]: ... eine solche Klte und Teilnahmlosigkeit gegen fremdes ... ... eine solche Klte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes ... [S. 210]: ... flchtige Bauern brauchen knnte! ... ... flchtige Bauern brauchen knnte? ... [S. 212]: ... Frage erinnerte jenen daran, das es in der Tat zwecklos ... ... Frage erinnerte jenen daran, da es in der Tat zwecklos ... [S. 213]: ... Wollen Sie denn keinen Tee. ... ... Wollen Sie denn keinen Tee? ... [S. 233]: ... freundlicheres und angenehmeres uere an. Themis ... ... freundlicheres und angenehmeres ueres an. Themis ... [S. 244]: ... es doch lauter ntzliche Leute und Handwerker seinen, die ... ... es doch lauter ntzliche Leute und Handwerker seien, die ... [S. 245]: ... Iwan Antonowitsch erledigt alles gewandt und sicher, die ... ... Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die ... [S. 251]: ... verheiraten. Nicht war, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ... ... verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ... [S. 256]: ... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht ihrer Ansicht, ... ... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, ... [S. 280]: ... Feinheit und Zrtlichkeit atmeten. Drften wir arme ... ... Feinheit und Zrtlichkeit atmeten. Drften wir armen ... [S. 306]: ... nichtwrdiger Mensch; ein nichtswrdiger, nichtswrdiger ... ... nichtswrdiger Mensch; ein nichtswrdiger, nichtswrdiger ... [S. 309]: ... Nein, aber denken Sie sich blos in meine Lage ... ... Nein, aber denken Sie sich blo in meine Lage ... [S. 309]: ... ich das hrte! Und jetzt, sagt Karobotschka, wei ... ... ich das hrte!Und jetzt, sagt Karobotschka, wei ... [S. 310]: ... daher schwieg sie. Sie konnte sich blos ber die Dinge ... ... daher schwieg sie. Sie konnte sich blo ber die Dinge ... [S. 311]: ... in einen geronnenen Augenblick in ein Pulverfa zu ... ... in einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfa zu ... [S. 313]: ... sie auch nur ein bischen, ein Fnkchen, auch nur einen ... ... sie auch nur ein bichen, ein Fnkchen, auch nur einen ... [S. 318]: ... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlied, staubte ... ... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte ... [S. 335]: ... gnstig ist, irgend welche Wohlttigkeit-, Hilfs- und ... ... gnstig ist, irgend welche Wohlttigkeits-, Hilfs- und ... [S. 336]: ... und gesinnungstchtiges uere besitze, aber auch in ... ... und gesinnungstchtiges ueres besitze, aber auch in ... [S. 338]: (mehrfache Flle) ... meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptman Kopeikin, ... ... meinen Unterhalt.< Da beschlo denn mein Hauptmann Kopeikin, ... [S. 339]: ... oder einem statlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, ... ... oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, ... [S. 348]: ... aber andererseis auch wiederum nicht allzu dnn gewesen ... ... aber andererseits auch wiederum nicht allzu dnn gewesen ... [S. 348]: ... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgenwo abseits ... ... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits ... [S. 364]: ... Offen gestanden, Sie haben Furcht vor dem neuen ... ... Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen ... [S. 370]: ... In zwei Stunden mu alles fertig sein, Verstanden? ... ... In zwei Stunden mu alles fertig sein, verstanden? ... [S. 370]: ... Esel! Wenn es mir pat, dann verkaufe ich ihm schon ... ... Esel! Wenn es mir pat, dann verkaufe ich ihn schon ... [S. 377]: ... tief mein Inneres erschttet mit all seinen Schrecken; ... ... tief mein Inneres erschttert mit all seinen Schrecken; ... [S. 378]: ... und schon durchstrmmt uns behagliche Wrme. Die ... ... und schon durchstrmt uns behagliche Wrme. Die ... [S. 378]: ... -- was kmmert's dich, O, welche Nacht! ... ... -- was kmmert's dich, o, welche Nacht! ... [S. 383]: ... die sich immer dann vernehmen lie, wenn das Kind, angewiedert ... ... die sich immer dann vernehmen lie, wenn das Kind, angewidert ... [S. 388]: ... wo ich dagegen jenem bsen Geist des Widerspruches ... ... wo ich dagegen jenen bsen Geist des Widerspruches ... [S. 390]: ... angegriffen, die er beschlossen htte, nie auszugeben; mit ... ... angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit ... [S. 392]: ... wohlgepflegtes uere zu bewahren, sich anstndig zu kleiden, ... ... wohlgepflegtes ueres zu bewahren, sich anstndig zu kleiden, ... [S. 400]: ... berall, wo sie dergleichen sie antrafen, verfolgten sie es, so ... ... berall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so ... [S. 401]: ... Mitleid appellierte und ihm in glhenden Farben das ... ... Mitleid apellierte und ihm in glhenden Farben das ... [S. 408]: ... draufgegangen; fr diese Dinge hatten sich andre Liebehaber ... ... draufgegangen; fr diese Dinge hatten sich andre Liebhaber ... [S. 411]: ... Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bgerrecht erkmpft ... ... Beruf, der sich bei uns noch nicht das Brgerrecht erkmpft ... [S. 413]: ... gottlob nicht wenigen das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ... ... gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ... [S. 425]: ... machen krftigen Puff empfing. Seliphan wurde ... ... manchen krftigen Puff empfing. Seliphan wurde ... [S. 460]: ... er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und gewissermassen ... ... er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und gewissermaen ... [S. 460]: ... sagt er, >Sie sind unschuldig, denn ich habe Sie sozusagen ... ... sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich habe sie sozusagen ... [S. 460]: ... knnen Sie sich denken, gewissermaen fr Sie gesorgt ... ... knnen Sie sich denken, gewissermaen fr sie gesorgt ... [S. 460]: ... werde ..< mit einem Wort, der Brief war auerordentlich ... ... werde ..< Mit einem Wort, der Brief war auerordentlich ... [S. 460]: ... grnden, da sich ausschlielich mit der Frsorge um ... ... grnden, das sich ausschlielich mit der Frsorge um ... [S. 461]: ... in einem Gepckwagen oder einem stattlichen Transportwagen ... ... in einem Gepckwagen oder einem staatlichen Transportwagen ... [S. 463]: ... in der Hand und einem Battisikragen, Teufel auch, wie ... ... in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch, wie ... [S. 464]: ... Wort, die ganze Generalitt sozuzagen. Pltzlich geht ... ... Wort, die ganze Generalitt sozusagen. Pltzlich geht ... End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I, by Nikolaj Gogol License: Share Alike