Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library. Nikolaus Gogol Abende auf dem Gutshof bei Dikanka Nikolaus Gogol Smmtliche Werke In 8 Bnden Herausgegeben von Otto Buek Band 3 Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1910 Nikolaus Gogol Abende auf dem Gutshof bei Dikanka Phantastische Novellen Deutsch von Ludwig Rubiner und Frida Ichak. Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1910 Inhalt Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I 1 Vorrede 3 Der Jahrmarkt in Sorotschintzy 11 Die Johannisnacht 55 Mainacht oder die Ertrunkene 83 Der verschwundene Brief 133 Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II 155 Vorrede 157 Die Nacht vor dem Weihnachtsfest 163 Schreckliche Rache 239 Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante 311 Der verhexte Ort 355 Biographische Skizze von B. Schenrock 373 Anhang 399 Abende auf dem Gutshof bei Dikanka. Erster Teil Erzhlungen Herausgegeben von _Rotfuchs Panjko_, Bienenzchter. bersetzt von _Ludwig Rubiner_ und _Frida Ichak_ Vorrede Was ist denn das wieder fr ein Ding: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka? Was fr Abende sind denn das? Und die dazu gar noch ein Bienenzchter in die Welt gesetzt hat! Gott bewahr' uns! Hat man etwa noch zu wenig Gnsefedern gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier verarbeitet! Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa noch zu wenig Leute von jeglichem Stand ihre Finger mit Tinte bekleckst! Da mu der Teufel nach all dem anderen Volk auch noch einen Bienenzchter reiten, es den andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch schon so viel bedrucktes Papier, da man bald nicht mehr recht wei, was alles man hineinwickeln soll! All diese Reden hat meine Prophetie schon gehrt, schon vor einem Monat gehrt! Ich will nmlich sagen, da es fr unsereins, da es fr uns Vorwerksbesitzer genau dasselbe ist, wenn man -- o du grundgtiger Himmel --, die Nase aus seinem Loch in die groe Welt steckt, als wenn man in die Gemcher eines feinen Herrn tritt: alle bilden einen Kreis um einen, und der Schabernack geht los; derartiges knnte man sich am Ende noch von besseren Lakaien gefallen lassen, -- aber nein, irgend so ein zerlumpter Junge, irgendein Lmmel, der sich im Hinterhof herumdrckt, auch so einer traut sich heran. Da stampfen sie mit den Fen und rufen einem von allen Seiten zu: Wohin willst du? Zu wem? Pack dich du Bauernkerl! Scher dich zum Teufel! ..... Ich kann euch sagen .... Aber was sollen alle Worte! Mir fllt's wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr nach Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fnf Jahren weder der Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwrden zu Gesicht bekommen haben, als zu den groen Leuten zu steigen; tu ich's aber mal, dann heit's, ob's dir nun pat oder nicht, Rede und Antwort stehen. Nichts fr ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt's vielleicht bel, da ein einfacher Bienenzchter zu euch redet wie zu seinem Gevatter oder Ehestifter), wir Vorwerksleute haben von jeher solche Bruche: sowie die Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer bern Winter zur Ruh' hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen in den dunklen Keller steckt; sowie es keinen Kranich mehr am Himmel und auf dem Baum keine Birne mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich irgendwo am Ende der Dorfstrae ein Licht blinken sehen; von ferne hrt man lachen und singen, die Balalaika klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklnge, lauten Schwatz und Lrmen .... Das sind die _Unterhaltungen_ unserer _Abende_! Sie hneln sozusagen euren Bllen, aber doch nicht ganz. Wenn ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht's doch nur, um herumzuspringen und in die hohle Hand zu ghnen. Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube ein Haufen Mdchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, so ist das durchaus kein Ball. O nein! -- Zuerst sieht's aus, als ob sie ernstlich an die Arbeit gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder schwirren, und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber kommen die Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, da beginnt ein Toben und Schreien, es wird getanzt, und solche Streiche geschehen da oft, da man's gar nicht erzhlen kann. Aber am schnsten ist's doch, wenn alle sich zu einem Haufen zusammentun, und man beginnt, Rtsel zu raten, oder ganz einfach -- zu schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzhlt! Was wird da nicht fr alter Kram ausgegraben! Was fr Gruselzeug wird da nicht herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzhlt wie an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzchter. Warum mich die Leute den Rotfuchs Panjko nennen, das vermag ich, wei Gott, nicht zu sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt' ich wohl glauben, eher grau als rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte: haben die Leute einem mal 'nen Spitznamen gegeben, so behlt er ihn in alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave Leute in die Htte des Bienenzchters zu Gaste, und wenn die sich erst an den Tisch gesetzt hatten, da gab's dann was zu hren. Das waren nicht etwa Leute aus den einfachen Stnden, nicht etwa Bauern aus einem Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzchter ist, wrde ihr Besuch Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Kster an der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte der nicht fr Geschichten erzhlen! Zwei davon sollt ihr in diesem Bchlein finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so vielen Kstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, fr das er in Poltawa fast sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf dem ganzen Weiler behaupten knnen, sie htten nach Teer gerochen; jeder wei, da er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das, glaub' ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan htte. Auch wird niemand zu sagen wagen, da er sich je die Nase mit dem Rockscho gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun pflegen; nein, er zog ein weies, suberlich gefaltetes Tchlein aus dem Busen, dessen Bnder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein Bedrfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwlffach zusammen und barg es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein feines Herrchen, da man ihn stracks zum Prsidenten oder Exekutor htte machen knnen. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann blickte er die Spitze an und erzhlte so spitzfindig durch die Blume, akkurat wie es in den gedruckten Bchern steht! Wenn ihn unsereiner manchmal so hrte, da mute man ja ganz nachdenklich werden. Kein Sterbenswrtchen war zu verstehen. Wo hat der blo solche Worte hergenommen? Diesbezglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine treffliche Schnurre erdacht: er erzhlte ihm eine Geschichte von einem Schler, der einst bei einem Kster zur Schule ging; als der wieder zu seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, da er sogar unsere rechtglubige Sprache vergessen hatte -- alle Worte lie er auf us endigen: statt Schaufel sagte er Schaufelus, statt Weib Weibus usw. Einmal ging er mit seinem Vater ber Feld. Der Lateiner erblickt eine Harke und fragt: Wie nennt man das bei euch, Vater? und dabei sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zhne. Der Vater hatte kaum antworten knnen, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit einem Schwung gegen die Stirn. Die verdammte Harke! schrie der Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch in die Luft. Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht hat! Sie tut so weh! So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein Tubchen? -- Dieses Mrchen wollte dem verblmten Erzhler nicht besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem Finger ber das draufgemalte Gesicht eines auslndischen Generals, nahm eine ziemlich groe Prise seines mit Asche und Liebstckelblttern vermischten Tabaks, fhrte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu das ganze Hufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich hin, wie: _Man darf seine Perlen nicht vor die Sue werfen!_ ..... Da gibt's einen Krach, dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glck hatte meine Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weibrot mit Butter auf den Tisch zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle begannen, wie blich, die tchtige Hausfrau zu loben. Dann gab's bei uns noch einen, der zu erzhlen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran gedacht!) der erzhlte so gruselige Geschichten, da einem die Haare zu Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die guten Leute knnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzchter bekommen, wie -- Gott bewahre mich -- vor dem Teufel. Lieber will ich, wenn's Gott gefllt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Bchlein heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem rechtglubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht auch einige Parabeln vom Bienenzchter selbst finden, wie er sie seinen Enkeln erzhlt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab' nur keine Lust herumzukramen, sonst knnte ich wohl noch zehn solche Bchlein zusammenbringen. Doch halt -- ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststrae nach Dikanka ein. Ich hab' mit Flei den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr den Weiler schneller zu erreichen wit. Doch Ihr habt wohl schon zur Genge von Dikanka gehrt. Wahrlich, dort sind die Huser stattlicher als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzchters. Ganz zu schweigen vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg. Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt blo den ersten besten Jungen, der im schmierigen Hemde seine Gnse htet: Wo wohnt hier der Bienenzchter Panjko? -- Da hier, wird er sagen, und zeigt's euch mit dem Finger, und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte ich euch, legt nur nicht zu gemchlich die Hnde auf den Rcken und springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraen sind nicht so glatt wie die vor euren feinen Husern. Als Foma Grigorjewitsch vor zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wgelchen mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die Zgel fhrte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte aufsetzte. Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren Honig, das schwr' ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden: stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strmt euch ein Geruch durchs ganze Zimmer -- es lt sich gar nicht ausdenken, was fr ein Geruch! Klar wie eine Trne oder wie teures Kristall, das man in den Ohrringen trgt! Und was fr Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was fr Pasteten! Wenn ihr das wtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter luft einem beim Essen nur so ber die Lippen. Es ist nicht zu glauben, was diese Weiber alles knnen! Habt ihr schon je Birnenmost mit Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und Pflaumen? Oder Gekrse in Milch? O Gott, was es alles fr Gerichte in der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genu: zum Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz' ich da zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet werden, da ihr's ganz sicher weit und breit erzhlen werdet. _Rotfuchs Panjko_. Bienenzchter. Der Jahrmarkt in Sorotschintzy I. Trb wird mir in dieser Htte, O so fhr mich aus dem Haus! Fhr mich hin zu Lrm und Braus, Dorthin, wo die Mdel springen Und die Burschen Glser schwingen! Aus einer alten Legende. Wie kstlich und erquickend ist doch ein Sommertag in Kleinruland! Wie schmachtend hei sind jene Stunden, da der Mittag in Stille und Glut erstrahlt, der unermeliche blaue Ozean wie eine Kuppel der Wollust ber der Erde hngt und wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine luftigen Arme um die Schne schlingt! Keine Wolke steht am Himmel, kein Laut ist im Felde zu hren. Alles liegt da wie tot; nur oben in der Tiefe des Himmels schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die luftigen Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu hallt der Schrei einer Mve oder der gellende Ruf einer Wachtel durch die Steppe. Trg und allen Denkens bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu den Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der Sonnenstrahlen entzndet ganze Haufen von Laub, die malerisch daliegen, whrend sie andere in nachtschwarze Schatten hllt, die nur bei starkem Winde wie Gold aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire therischer Insekten regnen auf die bunten Farben der Grten herab, die von steilen Sonnenblumen geschirmt werden. Graue Heuschober und goldene Garben malen ein Kriegslager auf das Feld und wandern weit hinaus ber den unermelichen Raum. Breite Zweige, die unter der Schwere der Frchte herabsinken, Kirschbume, Pflaumen, pfel, Birnenbume; der klare Himmel und sein heller Spiegel, der Flu in grnem, stolz erhhten Rahmen ..... wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische Sommer! In solcher Pracht erglnzte einer der heien Augusttage des Jahres achtzehnhundert ..... achtzehnhundert .... es werden wohl etwa dreiig Jahre her sein, -- da die Strae schon zehn Werst vorm Stdtchen Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war, das von allen nahen und fernen Vorwerken der Umgebung auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem frhen Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz und Fisch dahin. Ganze Berge von Tpfen, die in Stroh gewickelt waren, schwankten langsam hin und her und schienen sich hchlich zu langweilen ber das Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte eine buntbemalte Schssel oder ein tnerner Mrser prahlerisch unter dem hoch berm Wagen aufgespannten Schutznetz hervor und lenkte die entzckten Blicke aller Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von den Vorbergehenden blickten neidisch auf den hochgewachsenen Tpfer, den Besitzer dieser Kostbarkeiten, der langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging, und seine tnernen Gecken und Koketten sorgfltig in das ihnen so verhate Stroh einwickelte. Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter mden Ochsen einher. Er war mit Scken, Hanf, Flachs und allerhand Huslichkeit beladen, und hinter ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd und schmutzigen Hosen einher. Mit trger Hand wischte er den herabrieselnden Schwei vom braunen Gesicht und dem langen Schnurrbart, der von jenem unerbittlichen Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum schnsten Mdchen wie zum Krppel kommt und seit Tausenden von Jahren das ganze menschliche Geschlecht wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der Seite des Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute, deren demtiges uere ihr hohes Alter bezeugte. Viele Fugnger, besonders die jungen Burschen, griffen an ihre Mtze, wenn sie den Bauer einholten. Allein es war weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang, was sie zu diesem Grue veranlate; man brauchte nur die Augen etwas zu heben, um den Grund dieser Hochachtung wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen sa sein hbsches Tchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bgen ber den hellgrauen Augen abzeichneten, und sorglos lchelnden rosigen Lippchen; sie hatte den Kopf mit roten und blauen Bndern umwunden, die zusammen mit den langen Zpfen und einem Strau aus Feldblumen wie eine prchtige Krone auf ihrem entzckenden Kpfchen ruhten. Alles schien sie zu locken; alles war ihr so seltsam neu .... Und die hbschen uglein sprangen unablssig von einem Ding zum anderen hinber. Wie sollten sie auch nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem Jahrmarkt! Ein Mdchen von achtzehn Jahren und das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber keiner der Vorbeiziehenden und Vorberwandernden konnte wissen, wieviel Mhe es sie gekostet hatte, ihren Vater zu erweichen, der es ja von Herzen gern getan htte, wre nicht die bse Stiefmutter dagewesen. Die verstand's nmlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er seine alte Stute, die er jetzt am Zgel hielt und nach langem Dienste zum Verkauf mit sich fhrte. Diese ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen, da sie ja auch da oben auf dem Wagen dasa in einer schmucken, grnen Wolljacke, auf die, wie beim Hermelin, kleine Schwnzchen aufgenht waren; allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche Tuch sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und das bunte baumwollene Hubchen verlieh ihrem hbschen runden Gesicht eine ganz besondere Wrde. Aber ihre Zge hatten etwas so Unangenehmes und Wstes an sich, da jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick dem heiteren Gesichtchen der Tochter zuzuwenden. Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden bereits der Psjoll-Flu auf; schon wehte aus der Ferne eine frische Khle herber, die nach der ermattenden, zehrenden Hitze um so deutlicher sprbar war. Durch das Dunkel und Hellgrn des Laubs schwarzer und schlanker Pappeln und Birken, die hie und da auf der Wiese verstreut waren, leuchteten feurige in schattige Khle gehllte Funken auf, und der Strom entblte blitzend, wie ein schnes Weib, seine silberne Brust, auf die die dichten grnen Locken der Bume ppig herabsanken. In jenen kstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte Spiegel den stolzen und blendenden Glanz von des Flusses Stirn, seine lilienweien Schultern und seinen Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte fallenden Flut berschattet ist, in sich aufnimmt, wo der Strom verchtlich den einen Schmuck von sich streift, um ihn durch einen anderen zu ersetzen, und seine Launen kein Ende finden wollen, -- in diesen Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes Jahr seine Umgebung, whlt sich einen neuen Weg und umgibt sich mit neuen, mannigfaltigen Landschaften. Die langen Reihen der Mhlen hoben die breiten Wellen auf ihre schweren Rder und warfen sie mchtig zurck, zerstubten sie, lieen sie ber die ganze Umgebung herabsprhen und erfllten ringsherum alles mit Lrm. Um diese Zeit fuhr der Wagen mit den uns schon bekannten Passagieren ber die Brcke, und nun streckte sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schnheit hin, wie eine riesige Flche von Glas. Der Himmel, die grnen und blauen Wlder, die Menschen, die Wagen mit den Tpfen, die Mhlen -- alles schien umgestrzt, zog vorber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in den schnen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schne Mdchen wurde bei der Herrlichkeit der Aussicht ganz nachdenklich und verga sogar, an ihren Sonnenblumenkernen zu knabbern, was sie whrend des ganzen Weges getan hatte, als ihr auf einmal die Worte: Ei was fr ein Mdel! ans Ohr drangen. Sie schaute sich um und sah auf der Brcke einen Haufen Burschen stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die anderen; er hatte eine weie Bluse an und eine graue Lammfellmtze auf dem Kopf, sttzte die Hnde auf die Hften und sah sich keck die Vorberfahrenden an. Die Schne konnte ihn unmglich nicht bemerken, ihr Blick streifte sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht und seine feurigen Augen, die sie gleichsam durchbohren wollten, aber sie senkte ihn wieder bei dem Gedanken, das Wort, das sie vernommen hatte, sei von ihm gekommen. Ein prchtiges Mdel! fuhr der Bursch in der weien Bluse fort, ohne seine Augen von ihr abzuwenden. Ich wrde mein ganzes Hab und Gut darum geben, wenn ich sie einmal kssen knnte. Aber da vorne sitzt der Teufel! Von allen Seiten erhob sich Gelchter, allein der geputzten Gefhrtin des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrung doch zu stark: ihre roten Backen wandelten sich in lauter Feuer, und eine Salve ausgesuchter Flche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen herab: Da du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf mge deinem Vater den Schdel einschlagen! Er soll sich auf dem Eise die Beine brechen, der verdammte Antichrist! Mge ihm doch der Teufel in jener Welt den Bart verbrennen! Was die nur schimpfen kann, sagte der Bursche die Frau anstarrend und gleichsam verblfft durch dies Geknatter unerwarteter Begrungen: Da der hundertjhrigen Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge weh tut! Hundertjhrig! .... fiel die alte Schne ein. Du Heidendreck, geh, wasch dich mal zuerst! So ein unntzer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter nie gesehen, aber das wei ich, da sie nichts taugt! Auch dein Vater ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es auch! ...... Hundertjhrig! ..... Der ist ja noch grn hinter den Ohren ... Hier begann der Wagen von der Brcke herunterzufahren, und man konnte die letzten Worte nicht mehr hren; aber der Bursche wollte offenbar noch nicht Schlu machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er einen Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her. Der Wurf war geschickter, als man erwarten konnte: das ganze neue baumwollene Hubchen wurde mit Dreck bespritzt, und so das Gelchter der ausgelassenen Windbeutel nur noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte Kokette entbrannte vor Zorn; aber der Wagen war schon ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache sprang auf die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann ber, der, schon lange an solche Vorkommnisse gewhnt, hartnckig Schweigen bewahrte und die tobenden Reden der erzrnten Gemahlin kaltbltig aufnahm. Trotzdem knarrte und zappelte ihre unermdliche Zunge so lange im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei ihrem alten Bekannten und Gevatter, dem Kosaken Zybulja, dem Zwiebelmann, anlangten. Die Begegnung mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht mehr gesehen hatten, verscheuchte fr eine Zeitlang die Erinnerung an diese unangenehme Begebenheit aus ihrem Kopfe. Sie sprachen erst ein wenig ber den Jahrmarkt und ruhten sich dann von der langen Reise aus. II. Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht alles auf diesem Jahrmarkt! Rder, Glas, Teer, Tabak, Riemen, Zwiebel, Ware aus aller Welt ..... Und wenn man selbst dreiig Rubel in der Tasche htte, man knnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt aufkaufen. Aus einem kleinrussischen Schwank. Ihr habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der Ferne sich herabwlzen hren? Die aufgestrte Gegend ist voller drhnenden Getses, und ein Chaos wundersamer und unbestimmter Gerusche braust im Wirbel an euch vorber. Nicht wahr? Es sind dieselben Empfindungen, die euch pltzlich im Trubel eines lndlichen Jahrmarktes erfassen, wenn das ganze Volk zu einem riesigen Ungeheuer zusammenwchst und sich mit seinem riesigen Leibe ber den Platz und durch die engen Straen schiebt, schreit, johlt und tobt. Lrmen, Schimpfen, Meckern, Blken, Brllen -- alles verschmilzt zu einem verwirrenden Miklang. Stiere, Scke, Strohbndel, Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mtzen -- all dies Grelle, Bunte, Miklingende whlt und wimmelt haufenweise herum und schwirrt einem vor den Augen. Vielstimmige Reden verschlingen einander, und in dieser Sintflut lt sich kein Wort retten und ist kein Ruf mehr deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Hndler beim Kaufe ist noch das einzige, was man auf allen Seiten des Jahrmarktes hrt. Wagen krachen, Eisenstangen klirren, Bretter fallen lrmend zur Erde nieder, und der schwindelnde Kopf wei nicht, wohin er sich wenden soll. Unser zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen Tchterchen drckte sich schon lange unter dem Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald befhlte er den anderen und fragte nach den Preisen, unterdessen aber kreisten seine Gedanken unaufhrlich um die zehn Scke Weizen und die alte Stute, die er zum Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte seiner Tochter konnte man ersehen, da es ihr nicht besonders angenehm war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen Wagen herumlungern zu mssen. Sie htte lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote Bnder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und Schmuckdukaten kokett aufgehngt waren. Aber auch hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es ergtzte sie hchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien muten; wie ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer von hinten Pffe versetzte; wie zankende Hndlerinnen einander mit Schlgen und Schimpfworten berschtteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen Hand sein Ziegenbrtchen strich und mit der anderen ...... Aber da fhlte sie, wie sie jemand am gestickten rmel zupfte. Sie wandte sich um -- und der Bursche im weien Kittel und mit den hellen Augen stand vor ihr. Sie erbebte, ihr Herz schlug so heftig, wie es noch nie, bei keiner Freude und keinem Schmerz geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich ward ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklren, was mit ihr geschah. Frchte dich nicht, Herzchen, frcht' dich nicht! sprach er halblaut zu ihr und ergriff ihre Hand: Ich will dir nichts Schlimmes sagen! Es mag schon sein, da du mir nichts Schlimmes sagen willst, dachte die Schne bei sich, aber mir ist so wunderlich zumute ... das ist sicher der Satan! Ich wei ja selbst, da sich's nicht schickt ... aber mir fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen. Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter etwas sagen, aber da hrte er pltzlich aus nchster Nhe das Wort: Weizen! fallen. Dieses magische Wort veranlate ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander sprechende Handelsmnner zu wenden, und seine Aufmerksamkeit konnte nun durch nichts mehr abgelenkt werden. Die Handelsmnner unterhielten sich ber den Weizen und sprachen folgendermaen. III. Schau, was fr ein Kerl da steht! So gibt's wenige auf der Welt. Schnaps suft der wie sen Meth! Kotljarewski neas. Du glaubst also, da unser Weizen sich schlecht verkaufen wird, Landsmann, sagte der eine Mann, nach seinem ueren zu urteilen ein zugereister Kleinbrger, in geteerten, fettigen und fleckigen Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner irgendeines winzigen Stdtchens, zu dem anderen, der einen blauen, stellenweise etwas geflickten Kittel trug, und dessen Stirn eine riesige Beule schmckte. Was soll ich da gro von denken: ich will mir 'ne Schlinge um den Hals legen und an diesem Baum hier hin und her baumeln wie die Wurst vor Weihnachten in der Stube, wenn wir auch nur ein Ma verkaufen! Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch hier die einzigen Weizenleute, erwiderte der Mann mit den Leinwandhosen. Ihr knnt reden, was ihr wollt! dachte der Vater unserer Schnen, der sich kein Wort vom Gesprch der beiden Handelsleute entgehen lie: Ich habe meine zehn Scke im Vorrat! Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins Spiel mischt, richtet man gerad so viel aus, wie bei einem hungrigen Moskowiter, sprach der Mann mit der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll. Was fr ein _Teufel_? fragte der Mann mit den Leinwandhosen. Hast du nicht gehrt, was die Leute da reden? fuhr der mit der Beule auf der Stirne fort und sah ihn mit seinen mrrischen Augen von der Seite an. Nun? Nun? Was >nunTeufel< geschrien. Was geht mich das an? brummte der neben ihm liegende Zigeuner, sich rkelnd. Mag er doch nach der ganzen Sippe schreien! Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn abwrgte! Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf! Na, wie du meinst. Ich geh' nachsehen. Mach mal Feuer! Der andere Zigeuner stand brummend auf, lie ein paar Funken wie Blitze vor sich aufstieben, blies den Zunder mit dem Munde an und ging mit seinem Lmpchen in der Hand -- einer der blichen kleinrussischen Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit Hammelfett gefllt ist, bestehen -- die Strae hinunter. Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte mir! Noch einige Menschen schlossen sich ihm an. Was liegt da, Wlas? Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine liegt oben, der andere unten; wer von ihnen der Teufel ist, wei ich nicht! Wer liegt oben? Ein Frauenzimmer! Dann ist _das_ der Teufel! Ein allgemeines Gelchter weckte fast die ganze Strae. Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, na, die versteht das Kutschieren! sprach einer aus der herumstehenden Menge. Seht doch blo, Brder! sprach ein anderer und hob einen Scherben des Topfes auf, von dem nur noch die eine Hlfte auf dem Kopfe Tscherewiks ganz geblieben war. Was der gute Mann sich fr eine Mtze aufgesetzt hat! Der Lrm und das Gelchter, die immer mehr anschwollen, riefen unsere beiden Toten wieder ins Leben zurck, Tscherewik und seine Frau, die voll Entsetzen ber den berstandenen Schreck, mit starrem Blick in die braunen Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren Flackern des Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, umhllt von einem unterirdisch schweren Qualm in der Finsternis einer tiefen Nacht. X. Packe dich, Satansbrut! Aus einem kleinrussischen Schwank. Die Frische des Morgens wehte ber der erwachten Stadt. Aus allen Schloten stiegen Rauchsulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde es wieder lebendig. Schafe blkten, Pferde wieherten, das Schnattern der Gnse und der Hndlerinnen erfllte wieder das ganze Lager -- und die schrecklichen Gerchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen Stimmung der Dmmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden. Ghnend und sich rkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlscken und Weizen weiter und schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Trumen zu trennen, als er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses entfernt war, diese Zufluchtssttten seiner groen Faulheit. Steh auf! Steh auf! knurrte die zrtliche Gattin, die ihn aus aller Kraft am Arm zerrte, ber seinem Ohre. Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den Armen zu fuchteln wie ein Trommelschlger. Du verrckter Kerl! schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wre, zurck. Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um. Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor, auf der ich den Zapfenstreich schlagen mute, mein Tubchen. Akkurat wie die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt .... La das Tratschen! Geh, fhr die Stute auf den Markt. Es ist einfach zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch keine Handvoll Hanf verkauft .... Ja, Frauchen, sagte Tscherewik, jetzt wird man schn ber uns lachen! Geh, geh! Man lacht ohnehin ber dich! Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen! fuhr Tscherewik ghnend und sich den Rcken kratzend fort, um Zeit fr seine Faulheit zu gewinnen. Du hast dir ja eine recht passende Zeit fr deine Reinlichkeit gewhlt! Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch fr dich, wisch dir deine Fresse ab. Sie ergriff etwas, das zu einem Knuel geballt dalag, und -- schleuderte es entsetzt von sich: es war der rmelaufschlag eines _roten Kittels_. Geh schon, geh an deine Sachen! wiederholte sie, bereits wieder ermutigt, als sie sah, da ihm vor Angst die Beine gelhmt waren und die Zhne klapperten. Das wird ja jetzt ein schnes Geschft werden! brummte er bei sich, whrend er die Stute losband und sie auf den Platz fhrte. Nicht ohne Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf dem Wege umgekehrt. Und da fllt mir ein, wir sind ja auch am Montag abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schner Strenfried ist mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen rmel tragen! Aber nein, er gnnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wre, -- htte ich mich da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt? Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein groer Zigeuner. Was hast du zu verkaufen, guter Mann? Der Hndler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Fen an und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zgel aus der Hand zu lassen: Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen habe! Riemen? fragte der Zigeuner und blickte auf die Zgel in Tscherewiks Hand. Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen hnelt! Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefttert! Mit Stroh? Tscherewik wollte eben die Zgel anziehen, um seine Stute vorzufhren, und den schamlosen Beleidiger Lgen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm mit ungewhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zgel waren durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine Haare standen ihm zu Berge! -- den rmelfetzen eines _roten Kittels_! .... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als irgendein junger Bursch in der Menge. XI. Wes das Korn, des die Prgel. Sprichwort. Haltet ihn! Haltet ihn! so schrien einige Burschen am schmalen Ende der Strae, und Tscherewik fhlte, wie er pltzlich von festen Hnden gepackt wurde. Bindet den Kerl! 's ist derselbe, der dem guten Mann die Stute gestohlen hat! Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden? Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden Bauern, dem Tscherewik, seine Stute gestohlen? Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn je gesehen, da einer sich selbst etwas stiehlt? Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn so atemlos davongelaufen, als wenn der Satan selbst dir auf den Fersen wre? Soll man denn nicht laufen, wenn einem der Teufelsrock ..... He, Bester, das lg' du anderen vor. Du wirst noch was Schnes vom Prsidenten erleben, weil du die Leute mit Teufelsgeschichten erschreckst! Haltet ihn, haltet ihn! ertnte da ein Ruf am anderen Ende der Strae, da ist der Ausreier! Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter im allerjmmerlichsten Aufzuge, er hielt die Arme auf dem Rcken und wurde von einigen Burschen vorwrts gestoen. Wunder ber Wunder, rief einer von ihnen. Ihr solltet nur hren, was dieser Halunke erzhlt. Man braucht ihm doch nur ins Gesicht zu schauen, und man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn fragte, warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: >Ich steckte die Hand in die Tasche, um eine Prise zu nehmen, aber statt der Tabaksdose zog ich ein Stck von dem teuflischen _Kittel_ heraus, und eine rote Flamme sprang auf.< -- Darum sei er davongerannt! He he! Es sind also beides Vgel aus demselben Nest! Bindet sie alle beide! XII. Was hab' ich denn getan, ihr lieben Leute? Was glotzt ihr mich so an? sprach unser Bursche, Was spottet ihr und hhnt ihr denn mich Armen? Warum, warum? so ruft er aus und flennt, Da ihm die Trne auf der Backe brennt. Artemowski-Gulak: Der Herr und der Hund. Gevatter, vielleicht hast du in der Tat etwas stibitzt? fragte Tscherewik, der zusammen mit seinem Gevatter gebunden in einer Strohhtte lag. Also auch du, Gevatter! Hnde und Fe sollen mir verdorren, wenn ich je etwas gestohlen habe, hchstens Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter, aber auch das nur, als ich erst zehn Jahr alt war. Wofr werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei dir ist's ja noch nicht schlimm: du wirst doch wenigstens nur beschuldigt, einen anderen bestohlen zu haben; aber mich Unglcksmenschen verleumdet der Satan: ich soll mir selbst 'ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl nicht beschieden, auch mal ein bichen Glck zu haben, Gevatter! O weh uns armen Waisen! Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen. Was hast du, Tscherewik? fragte da Grytzko, der in diesem Augenblicke eintrat. Wer hat dich gebunden? Ach, Golupupenko, Golupupenko! schrie Tscherewik freudig. Gevatter, das ist der, von dem ich dir erzhlt habe. O, das ist ein tchtiger Kerl! Gott soll mich hier auf der Stelle tten, wenn er nicht einen Krug ausgelutscht hat, so gro wie dein Kopf; und dabei verzog er keine Miene! Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen Prachtkerl abgewiesen? Sieh, fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: Gott straft mich wohl, weil ich mich gegen dich versndigt habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei Gott, ich htte ja alles fr dich getan .... Aber was soll man da machen! Der Satan sitzt in meiner Alten! Ich trage nie jemandem Bses nach! Wenn du willst, so befreie ich dich! Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die Tscherewik bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln. Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie's sich gehrt! Und wir wollen tanzen, da uns vom Hopsen die Beine ein ganzes Jahr lang weh tun! _Recht so!_ rief Tscherewik und klatschte in die Hnde. Nun bin ich wieder so vergngt, als ob meine Alte von den Moskowitern geholt worden wre! Was ist da viel zu bedenken! Ob's nun recht ist oder nicht -- heute ist Hochzeit und damit Schlu! Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm' ich zu dir, und jetzt geh nach Hause, dort warten Kufer auf dich, die deine Stute und den Weizen haben wollen. Wie? Hat sich die Stute gefunden? Ja, sie hat sich gefunden! Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach. Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht? fragte der lange Zigeuner den vorbereilenden Burschen. Jetzt kriege ich doch die Bullen? Ja, ja, du sollst sie haben! XIII. Frcht dich nicht, lieb Mtterchen, Zieh die roten Schhchen an. Tritt mit Fen Deine Feinde. Wenn die Schuh' Von Eisen klirren, werden alle Feinde schweigen. Hochzeitslied. Das liebliche Kinn auf die Hand gesttzt sa Paraka sinnend allein im Zimmer. Mancherlei Trume umschwirrten ihr blondes Kpfchen. Manchmal berhrte pltzlich ein leichtes Lcheln ihre rosigen Lippen, und ein freudiges Gefhl lie sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren Augen. Wie wenn es nun doch nicht so kme, wie er gesagt hat! flsterte sie mit einem Ausdruck des Zweifels. Wenn er mich nun aber doch nicht bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was _ich_ will? Mein Trotz ist gro genug! Wie schn ist er doch! Wie wunderbar glhen seine schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: >_Paraja, mein Tubchen!_< -- Wie gut steht ihm der weie Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen Grtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue! fuhr sie fort, indem sie ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog, das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem Vergngen hineinschaute. Wenn ich ihr spter begegne, so gre ich sie nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmtterchen, du hast deine Stieftochter genug geprgelt! Eher wchst Sand auf Steinen, und neigt sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als da ich mich vor _dir_ neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das Hubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn's auch der Stiefmutter gehrt. Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf ber ihn geneigt, und ging behutsam durch die Stube, als frchtete sie sich hinzufallen; denn statt des Fubodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den Tpfen drauf vor sich. Ich bin doch wirklich wie ein Kind! rief sie lachend aus, ich hab Angst, einen Fu vor den andern zu setzen! Und sie begann laut mit den Fen aufzustampfen, immer mutiger und mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die Hfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen: Grne Grser, grne Auen, Wachset nicht zu sehr! Liebster mit den schwarzen Brauen, Schmieg dich zu mir her! Grne Grser, grne Auen, Wachset nimmermehr! Liebster mit den schwarzen Brauen, Schmieg dich nher her! In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Trffnung, und als er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah er ihr zu, ber die seltsame Laune des Mdchens lachend, das ganz in Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber die bekannten Laute des Liedes hrte, da wurde es ihm hei ums Herz; stolz die Hnde auf die Hften gestemmt, sprang er vor und begann so zu hopsen, da er all seine andern Geschfte verga. Das laute Lachen des Gevatters lie beide auffahren. Groartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt! der Brutigam ist da! Bei den letzten Worten glhte Paraka in einem Rot auf, das tiefer war als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe frbte. Dem sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher gekommen war. Tchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, da ich die Stute verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tcher und allerhand Schmucksachen zu kaufen! sprach er und sah sich dabei ngstlich nach allen Seiten um. Bis zu ihrer Rckkehr wollen wir alles erledigt haben! Kaum hatte Paraka die Schwelle des Hauses berschritten, da fhlte sie sich schon in den Armen des Burschen im weien Kittel, der sie inmitten einer Menge von Leuten auf der Strae erwartete. Gott segne euch! sagte Tscherewik, ihre Hnde vereinend. In Glck und Glanz haltet fest wie ein Kranz! Da gab's pltzlich einen Lrm. Eher will ich zerspringen, als da ich das zulasse! schrie Tscherewiks Ehehlfte, die von der lachenden Menge zurckgedrngt wurde. Wt nicht so, wte doch nicht! sprach Tscherewik kaltbltig, als er sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemchtigten. Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht fr nderungen! Nein, nein, das darf nicht sein! schrie Chiwrja, aber niemand hrte auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie. Ein sonderbares unsagbares Gefhl mute einen Zuschauer ergreifen, der mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkrlich ein einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht berging. Leute, deren mrrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lcheln erhellt hatte, stampften mit den Fen und warfen die Schultern empor. Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch unsagbareres Gefhl mute in der Tiefe der Seele beim Anblick jener Greisinnen erwachen, ber deren uralten Gesichtern schon die Gleichgltigkeit des Grabes wehte -- und die sich unter die neuen Menschen drngten, die dem Leben angehrten und dem Lachen. Die Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des Mitgefhls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine leblosen Automaten, zu einer menschlichen uerung zwingt, -- selbst _sie_ nickten leise mit den berauschten Kpfen und hpften ein wenig hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten. Das Lrmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren Summen. Die Fiedel erstarb, ertnte schwcher und schwcher und lie nur noch ein paar undeutliche Tne durch die leere Luft zittern. Noch hrte man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber bald lag alles wieder de und stumm da. Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schne und flatterhafte Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch die ausgelassenen Freunde der freien strmischen Jugend einer nach dem andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz, doch fr ihn gibt es keine Hilfe! Die Johannisnacht Eine Sage Erzhlt vom Kster an der --Kirche zu *** Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwrdige Eigentmlichkeit: Er konnte es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals erzhlen zu mssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und erzhlte etwas zum zweiten Male, dann fgte er entweder hier eine neue Wendung hinzu, oder nderte dort etwas, so da man die Geschichte kaum wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren -- wir einfachen Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder dergleichen, so was hnliches wie die Makler auf unseren Jahrmrkten; sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Bchelchen so dick wie eine Fibel in die Welt hinaus, -- einmal also hatte einer jener Herren unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, -- er kommt also, bringt ein kleines Bchelchen mit, schlgt's in der Mitte auf und zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, da er vergessen hatte, ein Stck Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm und unterbrach. Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest? Ich mu gestehen, diese Frage verblffte mich ein wenig. Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure Geschichte, es sind Eure eigenen Worte! Wer hat Euch das erzhlt, da das meine Worte sind? Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht's doch gedruckt. Erzhlt von dem Kster Soundso. Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lgt, der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als htte der Satan einen Sparren! Hrt zu, die mu ich Euch selbst erzhlen! Wir rckten am Tische zusammen, und er begann. * * * * * Mein Grovater (Gott hab' ihn selig! Mge er in jener Welt nur Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Grovater verstand es wunderbar zu erzhlen. Wenn der erst einmal damit anfing, so mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze rhren und nur immer zuhren. Und er redete nicht etwa wie einer von den heutigen Faselhnsen; wenn so einer anfngt, sein Garn herunter zu spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als htte er drei Tage lang nichts zu essen gekriegt, dann mchte man am liebsten nach der Mtze greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wre, -- meine Mutter selig war noch am Leben, -- an die langen Winterabende, wenn drauen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken sa, mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fu die Wiege schaukelte und ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lmpchen beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die Spindel surrte; und wir Kinder hrten alle, zu einem Haufen zusammengedrngt, dem Grovater zu, der vor Alter schon ber fnf Jahre nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den Polen, von den khnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte ber eine alte, sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer ber den Leib lief und das Haar sich strubte. Manchmal kam eine solche Angst ber einen, da man abends Gott wei was fr Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt, um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes fr einen zusammengekauerten Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzhlungen des Grovaters war, da er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er's sagte, genau so war es auch. Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzhlen. Ich wei wohl, es werden sich schon etliche Klglinge finden, die Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, -- welche zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand drckt, -- aber dafr um so besser die Zhne zu fletschen wissen. Was man denen auch erzhlen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt fr ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte Jungfrau mgen mir beistehen -- ihr werdet's vielleicht nicht glauben: als ich einmal von Hexen sprach -- da fand sich doch wahrhaftig so ein Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche Heiden waren, da es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lgen, als unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will's gar nicht erst ber die Zunge bringen .... was soll man ber sowas noch Redens machen. Vor vielen vielen Jahren, 's werden wohl sicher ber hundert sein, -- erzhlte mein Grovater selig -- war unser Dorf noch etwas ganz anderes als jetzt! Da war's noch ein Weiler, der allerrmste Weiler! Zehn ungetnchte und ungedeckte Htten lagen mitten im Felde verstreut, und es gab weder einen Zaun, noch einen anstndigen Schuppen, in dem man Vieh oder einen Wagen htte unterstellen knnen. Und die, die so lebten, das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der Brderschaft der Habenichtse fr ein Leben hatte, das lt sich kaum beschreiben! Ein Loch in der Erde -- das war das ganze Haus! Nur an dem Rauch konnte man merken, da da ein Menschenkind unseres lieben Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut allein war's nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und hatte sich in fremden Lndern nicht wenig Reichtmer erbeutet; nein, man sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich damals nicht allerorts fr Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen, Litauer usw. Oft geschah es auch, da man von den eigenen Landsleuten geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor. In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz pltzlich ein Mensch oder richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu welchem Zwecke -- das wute niemand. Er soff, vergngte sich, -- und auf einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wre. Dann kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straen des Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr brig ist, und das vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war, sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschttet, und der Schnaps rann dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mdchen und schenkte ihnen Bnder, Ohrringe und Perlen -- in vollen Haufen! Freilich, so manches Mdel wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Wei Gott, am Ende waren sie in der Tat durch unreine Hnde gegangen. Die leibliche Tante meines Grovaters, die damals auf der heutigen Landstrae von Oposchnjani einen Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hie dieser Teufelskerl) oft zechte, pflegte zu sagen, sie wrde um keinen Preis in der Welt ein Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas zurckweisen? -- Jedem wurde gruselig zumute, wenn _er_ seine borstigen Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, da man am liebsten ausgerissen wre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man schon in der nchsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hrnern auf dem Kopfe, erwarten. Und der wrgte einen, wenn man Perlen am Halse trug, bi einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder ri einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte. Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser -- aber der teuflische Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die Hand zurck. Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem heiligen Pantelej angehrte. Damals nun waltete in ihr ein Priester namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, da Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn ausschelten und ihm eine Kirchenbue auferlegen; aber sieh da, er kam kaum mit heiler Haut davon. Hr mal, _Herr_! brllte ihn jener an, kmmere dich lieber um deine Geschfte, anstatt dich in fremde zu mischen, wenn du nicht willst, da dir dein Ziegenhals mit einem heien Sterbekuchen verkleistert wird! Was konnte man mit diesem Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklrte nun jeden, der mit Bassawrjuk verkehren wrde, fr einen Rmling, und fr einen Feind der Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts. In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter, den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar gesagt, die wren schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest gestorben; aber die Tante meines Grovaters wollte es nicht wahrhaben und war aus aller Kraft bemht, ihm Eltern aufzudrngen, obgleich der arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kmmerte, wie wir um den vorjhrigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Trken gewesen, habe Gott wei welche Qualen erdulden mssen, und habe nur durch ein Wunder, als Eunuch verkleidet, Reiaus nehmen knnen. Die schwarzbrauigen Mdels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um seine Verwandtschaft. Sie uerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock -- etwa einen neuen Schupan -- anzge, einen roten Grtel umlegte, eine neue Mtze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe aufsetzte, ihm einen trkischen Sbel an die Seite schnallte, und in die eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hbsch eingefate Pfeife gbe -- dann wrde er alle andern Burschen in die Tasche stecken. Aber der arme Petrusj besa alles in allem nur einen einzigen grauen Kittel, der mehr Lcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche. Doch das wre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr dies: der alte Korsch hatte ein Tchterchen, eine Schnheit, wie ihr sie wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Grovaters pflegte zu erzhlen, -- und ihr wit ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher den Teufel kssen, als eine andere schn nennen, -- da die runden Bckchen des Kosakenmdchens so frisch und glnzend waren wie die allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun aufleuchtet, ihre Blttchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden Sonne putzt. Wie schwarze Schnrchen, die die Mdchen heutzutage bei den Hausierern in den Drfern fr ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so zart schwangen sich die Brauen ber ihren Augen, als spiegelten sie sich in ihrem klaren Kristall. Ihr Mndchen, nach dem der ganzen jungen Welt von damals der Mund wsserte, schien wie geschaffen fr die Gesnge einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mdchen noch nicht zu kleinen Zpfchen, durch die sie sich jetzt hbsche bunte Bnderchen ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten berwurf herab. Ei, da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abkssen mchte, und wenn auch der alte Wald auf meinem Schdel schon so ziemlich grau ist, und meine Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein Bursch und ein Mdel nah beieinander wohnen .... ja, da wit ihr schon, was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrhe den Abdruck der Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj gestanden hatte. Korsch htte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber einst, -- und das kam durch nichts anderes als durch die List eines Teufels -- da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen, sozusagen von ganzer Seele einen Ku auf die rosigen Lippen des Kosakenmdchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, -- mag doch der Hundesohn vom heiligen Kreuz trumen! -- ritt den alten Knasterbart, da er gerade zu dieser Zeit die Tr ffnete. Korsch stand da wie ein Holzklotz, sperrte den Mund auf und mute sich an die Tr lehnen. Der verdammte Ku schien ihn vollkommen betubt zu haben. Er kam ihm lauter vor als der Schlag eines Mrserstels auf ein Brett, mit dem zu unserer Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu Ehren Johannes des Tufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen war, nahm er seine Nagaika aus Urvter Zeiten von der Wand und wollte sie schon auf den Rcken des armen Peter niedersausen lassen, da erschien auf einmal Pidorkas sechsjhriges Brderchen Iwasj, kam erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Hndchen und schrie: Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht! Was war da zu machen? Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und fhrte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. Wenn du dich jemals wieder hier im Hause sehen lt oder auch nur am Fenster, so hre, Petrusj: Bei Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke, die du dir doppelt ums Ohr wickelst, -- ich will nicht Terenti Korsch sein, wenn sie nicht von deinem Schdel Abschied nimmt! Bei diesen Worten versetzte er ihm einen leichten Sto in den Nacken, so da Petrusj Hals ber Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Kssen gebracht. Ein schwerer Kummer berfiel unser Tubchen; dazu ging noch im Dorfe das Gercht um, zu Korsch ins Haus kme ein goldbeladener Pole mit Schnurrbart, Sbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der Klingelbeutel, den unser Mener Taras tglich in der Kirche umgehen lt. Nun man wei ja, wozu man einen Vater besucht, der eine schwarzugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren Bruder Iwasj: Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzhl ihm alles: ich mchte seine grauen Augen liebkosen und sein weies Antlitz kssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit meinen heien Trnen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz. Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Kster werden plrren, statt da Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man mich aus dem Hause. Dunkel und dster wird mein enges Haus sein -- aus Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein Kreuz auf dem Dache stehn! Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rhren zu knnen, hrte Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. Dacht' ich Unglcklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Trkenland zu ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gtern beladen zu dir zurckzukehren, du meine Schnste? Doch es sollte nicht sein. Ein bser Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures Fischlein du, aber kein Kster wird auf unserer Hochzeit singen -- statt eines Popen krchzt mir zu Hupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem klag' ich was vor? Gott hat's wohl so angeordnet! Verloren ist verloren! -- Und stracks zog er in die Schenke. Die Tante meines seligen Grovaters war nicht wenig erstaunt, als sie Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver Mensch zur Frhmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn sie noch im Schlafe lge, als er einen Krug -- oder richtiger fast einen halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der rmste seinen Kummer zu ertrnken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge wie Nesseln und dnkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er den Krug zu Boden. Da drhnte es im Ba ber seinem Kopfe: La doch das Trauern, Kosak! Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze! Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! Ich wei, was dir fehlt: das da! rief er und klirrte teuflisch grinsend mit seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Grtel hing. Petrusj erbebte. Hehe, wie die glhen! brllte er und schttete sich die Dukaten auf die Hand. Hehe, die klimpern! Und doch heit's nur eine einzige Tat vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel! -- Satan! schrie da Petrusj. Her damit! Ich bin zu allem bereit! Beide gaben sich den Handschlag und waren einig. Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres treibt das Farnkraut Blten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte dich um Mitternacht in der Brenschlucht. Ich glaube, die Hhner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwhrend blickte er aus, ob die Baumschatten nicht lnger wrden, ob nicht die tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglmme, und je lnger er wartete, um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag konnte wohl kein Ende finden. -- Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf einer Seite rtet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird klter im Felde; dunkler und dunkler wird's, und alles liegt in nchtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Brenschlucht genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, da man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch die Smpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrpp und strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch Bassawrjuk blieb stehen. Siehst du: da vor dir liegen drei Hgel. Viel mannigfache Blumen wachsen dort; doch alle Mchte der Welt mgen dich bewahren, auch nur eine zu pflcken. Kaum aber erblht der Farn, so greif nach ihm und blick dich nicht um, was du auch hinter dir dnken magst. Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er ging auf die Hgel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen. Schwarz lag das wilde Steppengras da und berwucherte alles mit seinem Gestrpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er auch die einfachen Bltter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte Petrusj beide Hnde in die Hften und stellte sich nachdenklich vor sie hin. Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches Kraut: was ist denn das fr ein Mirakel? Am Ende macht sich die Teufelsfratze nur ber mich lustig! Auf einmal aber glht ein kleines Knspchen rot auf und rhrt sich wie wenn es lebendig wre. Seltsam frwahr! Rhrt sich, wird immer grer und grer und glht hei wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und berstrahlt alles rings herum. Jetzt ist's Zeit, dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hnde nach der Blume aus, und hinter ihm luft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drckte die Augen zu, ri am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor: ganz blulich wie eine Leiche. Er rhrte keinen Finger, seine Augen waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rhrte sich nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj ein Pfeifen, da ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor, als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dnnen Stimmchen unterhielten, die wie silberne Glcklein klangen. Die Bume donnerten grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal lebendig. Seine Augen funkelten. Endlich ist sie da, die Hexe, grunzte er durch die Zhne. Petrusj schau, bald wird dir eine schne Frau erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig verloren! Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor ihnen erschien ein Huschen, das auf Hhnerfchen stand, wie es im Mrchen heit. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand wankte. Ein groer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen, verwandelte sich pltzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen. Tobe nicht, wte nicht, alte Teufelin, rief Bassawrjuk und wrzte seine Rede mit so einem Wrtlein, da sich ein rechtschaffener Mensch dabei die Ohren zugestopft htte. Da wurde die Katze zu einem alten Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und krmmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nuknacker. Welch herrliche Schnheit! dachte Petrusj, und es berlief ihn kalt. Die Hexe ri ihm die Blume aus der Hand, beugte sich ber sie, flsterte einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer unbekannten Flssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat ihr auf die Lippen. Wirf sie hin, rief sie, indem sie ihm die Blume reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber -- o Wunder: die Blume fiel nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, da das Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht grer erschien, denn ein Mohnkorn. Hier! krchzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm einen Spaten hin und rief: Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so viel Gold finden, als weder du noch Korsch je getrumt haben! -- Petrusj spie sich in die Hnde, ergriff den Spaten, trat mit dem Fu darauf und whlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal, noch einmal .... Da stie er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen pltzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. Nie sollst du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst! rief die Hexe und fhrte auf einmal ein etwa sechsjhriges Kind vor ihn hin, das mit einem weien Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an, er msse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist's denn eine Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wtend ri er das Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand mit gekreuzten Hndchen und gesenktem Kpfchen da .... Wie ein Rasender sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand .... Was versprachst du, fr das Mdchen zu tun? donnerte ihn Bassawrjuk an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rcken, der ihn traf wie ein Schu. Die Hexe stampfte mit dem Fue, und eine blaue Flamme sprang aus dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als lge es auf der flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen. Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich .... wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelchter toste auf allen Seiten. -- Widerwrtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein Wolf, die Hnde in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten Krfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle Bume brannten in rotem Blut und sthnten. In Rotglut getaucht wankte der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen auf. Entkrftet lief er bis in seine Htte, sank dort zu Boden wie eine hre und ein totenhnlicher Schlaf umfing ihn. Zwei Tage und zwei Nchte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedchtnis glich der Tasche eines alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er pltzlich zu seinen Fen ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Scke voll Gold. Erst jetzt erinnerte er sich wie in einem Trume, da er einen Schatz gesucht hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr besinnen. Sowie Korsch die Scke erblickte, da wurde er seidenweich. Petrusj, so ein Herzensjung', den sollt' ich nicht lieben? Der war mir doch stets wie mein eigner Sohn! Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln, da dem Petrusj die Trnen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestrzt herbei und begann zu erzhlen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tr gesetzt, und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wsche genht, man rollte ein Fchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch gesetzt, das Hochzeitsgebck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern summten -- und die Lustbarkeit begann .... Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu vergleichen. Die Tante meines Grovaters erzhlte -- hei juchhei! Ei wie da die Mdels im prchtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa Bndern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine Hemden an, deren Nhte mit roter Seide bestickt waren und die kleine silberne Blmchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Hubchen mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell hervorguckte, in ihren blauen Ueberwrfen aus herrlichstem Seidenstoff mit roten Aufschlgen -- ei wie sie da gar wrdig, die Hnde auf die Hften gesttzt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmtzen, in feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Grtel, und die Pfeife zwischen den Zhnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab's da nicht alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst kte man sich, und dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt' euch, das gab ein Lachen, da man sich den Bauch halten mute. Oder man legte trkische und tatarische Gewnder an, die da glhten wie das reine Feuer .... Und wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben .... das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen Grovaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mute einen der Teufel reiten, da er sie von hinten mit Branntwein bego, ein anderer mute gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf: die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die Kleider vom Leibe zu reien .... Was sich da fr ein Lrm, Gelchter und ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die ltesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen. Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten Herrschaften. Alles war in Hlle und Flle vorhanden, alles blinkte und funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand mitansahen, schttelten nur den Kopf. Vom Teufel kommt nichts Gutes! sagten sie alle einstimmig. Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht vom Versucher aller rechtglubigen Christen? Wo htte er einen solchen Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam? -- Und was die Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm geschehen war, das wei Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben Stelle fest und redet kein Wort; er grbelt nur immer, als wollte er sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm herauszupressen, soda er sich verga, ins Gesprch kam und sogar ganz heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufllig auf die Geldscke zu blicken, und sofort schrie er los: Halt, halt, ich hab's vergessen! Und wieder verfiel er in Sinnen und qulte sich ab, eine Erinnerung heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke sa, kam es ihm so vor, als ob etwas Lngstvergangenes wieder in sein Gedchtnis zurckkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder. Es dnkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm -- schlgt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor ihm in einen Nebel zu sinken, der Schwei rann ihm vom Gesicht, und er sank erschpft wieder auf seinen Platz zurck. Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser besprechen -- nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein Kosak hatte schon sein Korn abgemht und sein Heu geschnitten; manch khnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwrme von Enten drngten sich auf unseren Weihern, und der Zaunknig war schon lngst verschwunden. Die Steppen frbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut wie Kosakenmtzen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart, und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel herab, und die Zweige der Bume waren mit Rauhreif verziert wie mit Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrstige Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher und suchte sich Krner, und die Kinder trieben mit Riesenstben hlzerne Blle bers Eis, whrend ihre Vter ruhig hinter den fen lagen und nur ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tchtig auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulften, oder weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten. Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so dsterer geworden, je weiter die Zeit vorrckte. Wie angeschmiedet sa er mitten im Zimmer, die Scke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins Gedchtnis zurckrufen, grollt mit sich und wtet, da es ihm nicht gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fhrt mit den Hnden umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte; seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein lngst vergessenes Wort aussprechen und -- erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt und beit er an seinen Hnden, und voll Grimm reit er sich ganze Bschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewutlos hinsinkt, wieder zu sinnen anfngt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe Qual ..... Was fr eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen mute, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie's, allein im Hause zu bleiben, aber dann gewhnte sich die rmste an ihr Unglck. Die Pidorka von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe noch ein Lcheln mehr; abgehrmt und abgezehrt war's, ausgeweint waren die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle zu der Zauberin gehen, die in der Brenschlucht hauste, und von der der Ruf ausging, sie knne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschlo, dies letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her berredete sie endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten und um sich zu blicken. Pltzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein Haar strubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, da die Angst Pidorka ins Herz schnitt. Ich hab's, ich hab's! schrie er in frchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und lie es aus aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in die Eichentr hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube stand ein Kind von sieben Jahren in weiem Hemdchen mit verhlltem Haupte .... Das Tuch flog herunter. Iwasj! schrie Pidorka und strzte auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Fen mit Blut bedeckt und erglhte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tr war so fest hinter ihr zugeschlagen, da man nicht imstande war, sie wieder zu ffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tr ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Scken, darin lagen statt der Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten Mulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt. Was weiter geschah, das wei ich nicht. Pidorka legte das Gelbde ab, eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr vom Vater brig geblieben war, und war in der Tat einige Tage spter aus dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wute niemand zu sagen. Geschwtzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzhlte, er habe im Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwhrend betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka wiedererkannt htten. Bis jetzt, hie es, habe noch niemand von ihr ein einzig Wrtlein gehrt, sie solle allein zu Fu gekommen sein und habe eine Fassung fr das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, da allen die Augen flimmerten, wenn sie sie anshen. Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage, als der Bse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wute jetzt, was das fr ein Vogel war: niemand anders als der Satan war's, der Menschengestalt angenommen hatte, um Schtze zu heben; und da unreine Hnde nicht Schtze heben knnen, so lockte er brave Burschen an sich. Noch in demselben Jahre lieen alle ihre Lehmhtten stehen und liegen und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Grovaters erzhlte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte Schenke auf der Landstrae nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst waren die Dorfltesten in der Schenke beieinander; sie saen und unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Wrden am Tisch, auf dessen Mitte ein gewi nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man schwatzte ber dies und jenes, auch ber mannigfache Wunder und Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien's, und nicht nur einem, -- was ja nichts bedeuten wrde, -- sondern allen, als ob der Hammel den Kopf erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob pltzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze Bassawrjuks, und die Tante meines Grovaters dachte schon, er wrde gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren Mtzen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stndchen bei Grovaters Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis zur Erde zu verneigen. Hol' dich der Teufel! rief er und begann sich zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehlfte gleichfalls ein Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mchtigen Trog zu kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Hhe. Halt! Halt! Wohin willst du? rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hften gestemmt, ehrwrdig in der Stube umherzutnzeln ..... Ja lacht nur! Aber unserem Grovater war's nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel durch Besprengen aller Straen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange klagte die Tante meines verstorbenen Grovaters darber, da, sobald es Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wnden kratzte. Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her, -- mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt -- da kein ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem ruigen Schlot schlugen Sulen Qualms empor, die so hoch in die Luft stiegen, da einem beim Hinaufsehen die Mtze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glhende Kohlen ber die ganze Steppe. Und der Teufel -- gar nicht nennen drft' man den Hundesohn -- schluchzte so jmmerlich in seiner Kammer, da die Aasgeier erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwldchen emporstieen und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen. Mainacht oder Die Ertrunkene Der Teufel mag wissen wie's kommt! Machen sich ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so mssen sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen, und kriegen's doch nie zu fassen. Kommt aber der Bse und wackelt blo mit dem Schwnzchen -- da geht's auf einmal wie vom Himmel gefallen. I. Hanna Hell wie ein leuchtender Strom ergo sich ein Lied durch die Straen des Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mdchen, matt von des Tages Mh und Sorge, sich lrmend im Kreise versammeln, um im Glanz des reinen Abends ihre Lust in Klngen hinauszujubeln, in denen stets etwas wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang der Abend trumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in Ungewiheit und Ferne. Schon begann es zu dmmern, aber die Lieder verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher. Er hat sich von den Sngern weggeschlichen, der junge Kosak, des Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmtz' auf dem Kopfe zieht der Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tnzelt dazu. Doch nun blieb er vor der Tr eines Huschens stehen, das niedrige Kirschbume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tr? Nach kurzem Verweilen spielte er und sang: Sonne sinkt, Abend winkt, Komm zu mir, mein Herzenskind! Nein, mein hellugiges Liebchen schlft wohl schon fest, sprach der Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. Halja, Halja! Schlfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du frchtest gewi, es knnt' uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weies Gesichtchen nicht in die Klte hinauswagen? Frcht' dich nicht, niemand ist in der Nhe; der Abend ist warm. Ja, km' auch jemand, ich deck' dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Grtel umwinden, mit meinen Hnden bedecken, -- und niemand wird uns sehen. Und wehte es selbst eisig kalt, ich drck' dich noch nher an mein Herz, ich wrm' dich mit Kssen und zieh meine Mtze ber deine weien Fchen. Mein Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus. Steck nur dein weies Hndchen durchs Fensterchen ... Nein, du schlfst nicht, stolzes Mdchen! rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl jemand findet, der sich ber einen Augenblick der Erniedrigung schmt. Dir gefllt's, mich zu verhhnen. Leb' wohl! Er wandte sich ab, schob die Mtze schief aufs Ohr und zog stolz davon, leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tr, knarrend ffnete sich die Pforte, und ein Mdchen, das etwa siebzehn Lenze zhlte, trat, von Dmmerung umwoben, ber die Schwelle; scheu sah sie sich um, ohne den hlzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein; die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen blieb nicht einmal die Rte verborgen, die ihr schamhaft ber die Wangen flammte. Wie ungeduldig du bist! sprach sie halblaut zu ihm. Gleich bist du bse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewhlt? Eine Unmenge von Leuten lungert auf den Straen umher .... ich zittere am ganzen Leibe. O zittere nicht, mein Knspchen! Drck dich recht fest an mich! sprach der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen Riemen um den Hals hing, und lie sich neben ihr vor der Tre nieder. Du weit: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter fr mich! Weit du, was ich glaube? unterbrach ihn das Mdchen und richtete sinnend die Augen auf ihn. Mir ist's, als raunte mir jemand ins Ohr, da wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen sind bei euch so schlimm, die Mdchen sehen mich so neidvoll an, und die Burschen .... Fhl' ich's doch gar, da mich die Mutter seit einiger Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir's gestehen, frhlicher war's in der Fremde! Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug ber ihr Gesicht. Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir's zu lang; bin ich dir vielleicht auch schon zuwider? O nein, du bist mit nicht zuwider! sagte sie lchelnd, ich liebe dich doch, du schner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen, und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lchelt alles in meiner Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Strae singst und spielst, und lieblich ist's, dir zuzuhren. O meine Halja! rief der Bursch, und drckte sie unter Kssen noch fester an seine Brust. Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen? Was? rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, da wir uns heiraten wollen? Ich habe mit ihm gesprochen. Doch das Wort gesprochen klang voller Bitterkeit in seinem Munde. Und nun? Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner Gewohnheit taub, will nichts hren, und schilt noch, da ich mich, wei Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straen vergnge. Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, da ich ihn doch beuge! Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wrtlein zu sagen, und alles geschieht nach deinem Willen. Wei ich es doch von mir: Ich mchte mich dir so manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh -- fuhr sie fort, indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Hhe erhob. Dort blaute der warme unermeliche Himmel der Ukraine, der unten von den krausen Zweigen der Kirschbume verhngt war. Sieh dort, -- weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fnf .... Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen Himmelsstbchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flgel htten wie die Vgel, -- und so hinauffliegen knnten, hoch, hoch in die Hhe .... O, wie schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur Erde herabsteigen. Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren alle unreinen Geister empor und strzen zu Haufen herab in die Hlle. Und darum ist zum Fest Christi kein bser Geist auf der Erde. Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der Wiege, fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mrrisch von dunklem Ahorngehlz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, berschttete mit frostigen Kssen die brennenden Sterne, die trbe mitten im warmen Meer der nchtlichen Luft glimmten, in ngstlicher Vorahnung, da bald der Knig der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten wrde. Auf dem Berge schlummerte neben dem Walde ein altes hlzernes Haus mit geschlossenen Lden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbume wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und warf eine wilde Dsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein Nubaumhain aus und glitt zum Teiche herab. Ich erinnere mich wie im Traume, sagte Hanna, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause gesprochen. Lewko, du weit es sicher, erzhle! Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummkpfe nicht alles erzhlen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du knntest dich ngstigen und nachher nicht gut schlafen! Erzhl, erzhl, liebster, schnster Junge! rief sie, prete ihr Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. Nein, du liebst mich nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mdchen! Ich ngstige mich doch nicht -- ich schlafe die Nacht ber ganz ruhig. Aber wenn du mir's nicht erzhlst, werde ich nicht einschlafen knnen. Ich werde mich qulen und werde grbeln .... erzhle, Lewko! Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, da ein Teufel in den Mdchen sitzt und bestndig ihre Neugier reizt. So hre denn. Vor langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser Hauptmann hatte ein Tchterlein, ein hbsches Frulein, so wei wie Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu nehmen. >Wirst du mich auch liebkosen wie frher, Vterchen, wenn du dir eine andere Frau nimmst?< -- Freilich, mein liebes Tchterchen, noch fester als frher werd' ich dich an mein Herze drcken! Glnzendere Ohrringe noch und Perlen werd' ich dir schenken! Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schn war das junge Weib, rosig und wei war das junge Weib, und doch blickte sie so furchtbar auf ihre Stieftochter, da die aufschrie bei ihrem Anblick, die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag ber kein Wort. So kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe ins Schlafgemach; und auch das schneeweie Frulein schlo sich in ihre Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Pltzlich sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell glht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst springt sie auf die Bank, -- die Katze ihr nach; sie springt auf die Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt sie dem Mdchen an den Hals und beginnt sie zu wrgen. Mit einem Schrei ri das Mdchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfat das Mdchen. An der Wand hing ihres Vaters Sbel. Sie packte ihn, und sausend fiel der Hieb, -- die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag ber verlie die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Frulein eine Ahnung auf, da ihre Stiefmutter eine Hexe war, und da sie ihr die Hand abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter, Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemchern zu zeigen. Der rmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mute ja den Willen des Vaters erfllen. Am fnften Tage jagte der Hauptmann seine Tochter barfu aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein Stckchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Frulein die Hnde vor das Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. >O mein Vater, in Verderben gestrzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sndige Seele ins Verderben gestrzt! Mge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht lnger zu leben beschieden ....< -- Siehst du da ....? wandte sich Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, schau hin: dort hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer strzte sich das Frulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen .... Und die Hexe? unterbrach ihn Hanna ngstlich und richtete ihre trnenschweren Augen auf ihn. Die Hexe? Alte Weiber haben das Mrchen ersonnen, da seit jener Zeit in mondhellen Nchten alle ertrunkenen Mdchen in den Garten des Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wrmen, und des Hauptmanns Tchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre Stiefmutter neben dem Teich, fiel ber sie her und schleppte sie mit Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal lie sich die Hexe nicht aus der Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grnem Schilf, mit der die Ertrunkenen sie schlagen wollten. Glaub' einer den Weibern! -- Man erzhlt auch noch, da das Frulein seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins Gesicht blickt, und sich abmht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen _Menschen_ in die Hnde bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen, und droht ihm, ihn sonst zu ertrnken. So erzhlen die alten Leute, liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister hergeschickt .... Doch ich hre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen zurck. Leb' wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese Weibermrchen. -- Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, kte sie und ging. Leb' wohl, Lewko! sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den dunklen Wald. In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majesttisch aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hlfte unter der Erde, aber schon erfllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der Teich sprhte Funken. Der Schatten der Bume lste sich scharf vom dunklen Grn. Leb' wohl, Hanna! tnt es hinter ihr, und ein Ku begleitete diese Worte. Du bist wieder zurckgekehrt? sagte sie und schaute sich um. Aber als sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite. Leb' wohl, Hanna! ertnte es da wieder, und wieder kte sie jemand auf die Wange. Hat der Teufel noch einen hierhergefhrt! rief sie voller Zorn. Leb' wohl, liebe Hanna! Ein Dritter! Leb' wohl, leb' wohl, leb' wohl, Hanna! Und von allen Seiten regneten Ksse auf sie herab. Das ist ja eine ganze Horde! schrie Hanna und mute sich gewaltsam aus einem groen Haufen von Burschen losreien, die sie um die Wette umarmten. Wie ist ihnen nur das ewige Kssen nicht zuwider! Bei Gott, bald darf man sich nicht mehr auf der Strae zeigen! Nach diesen Worten schlug die Tre zu, und man hrte nur noch, wie der eiserne Riegel sich klirrend vorschob. II. Der Dorfamtmann Kennt Ihr die Nchte der Ukraine? O Ihr kennt die Nchte der Ukraine nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als sonst ist die unermeliche Wlbung des Himmels, dehnt sich noch weiter in unermelichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von einer schwlen Khle und Wonne erfllt, und strmt einen Ozean von Wohlgerchen aus. Gttliche Nacht! Berckende Nacht! Regungslos und wie begeistert stehen die Wlder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Klte und die Finsternis sind dster verkerkert in die dunkelgrnen Mauern der Grten. Die jungfrulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbumen strecken scheu ihre Wurzeln in die khle Flut der Quellen, und ihre Bltter lispeln ab und zu, als ob sie zrnten oder sich emprten, wenn der schne, flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie kt. Die ganze Natur schlft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier. Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeliche, und Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Gttliche Nacht! Berckende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wlder, Teiche und Steppen. Majesttisch rollt das Schmettern der ukrainischen Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der Anhhe. Noch weier und prchtiger strahlen die Haufen der Huschen im Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen auf. Auf den Schwellen einzelner Htten sitzt noch eine Familie und verzehrt ihr sptes Nachtmahl. I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging's nicht vom Fleck! -- Was erzhlt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! -- hop, trala! -- hop, hop, hop! So sprach ein angeheiterter Bauer mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Strae zu tanzen. Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln? Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! -- Hop trala! -- hop, hop, hop! Der Mensch ist ja ganz nrrisch. Wenn's noch ein junger Kerl wre, aber so ein alter Br .... der tanzt blo den Kindern zum Spott hier nachts auf der Strae! rief eine ltere Frau im Vorbergehen, die Stroh in der Hand trug. Geh nach Haus! Es ist schon lngst Schlafenszeit! Ich gehe ja schon, sagte der Bauer und blieb stehen. Ich geh' ja schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei strkstem Frostwetter noch mit kaltem Wasser begiet, hat er darum etwa das Recht, so hochnsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen -- ich bin mein eigner Amtmann! Jawohl, fuhr er fort, und nicht etwa .... Er trat ans erste beste Huschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemhte sich, mit den Fingern ber die Scheibe gleitend, den hlzernen Griff zu finden. Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der Kosak will schlafen! Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten! schrien lachend die Mdchen hinter ihm her, die vom frhlichen Sang heimkehrten. Sollen wir dir dein Haus zeigen? Zeigt mir's, meine lieben jungen Damen! Damen? Hrt ihr's? rief die eine, wie artig Kalenik ist! Dafr mssen wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor! Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mdel! rief Kalenik gedehnt lachend, mit dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den Beinen. Lat Ihr euch auch kssen? Ich will euch alle kssen -- alle .... alle! Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die Mdchen schrieen alle durcheinander; aber bald faten sie Mut und liefen auf die andere Seite der Strae, als sie merkten, da Kalenik nicht allzu flink auf den Beinen war. Da ist dein Haus! schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf ein Haus, das grer war als die brigen und dem Dorfamtmann gehrte. Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinber und begann dann von neuem auf den Amtmann zu schimpfen. Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so bses Gerede ber sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande. Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit finden, einiges ber ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem Anblick an die Mtze, und selbst die allerjngsten Mdchen sagen ihm Guten Tag. Wer im Dorfe mchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der krftige Bauer steht die ganze Zeit ber ehrfurchtsvoll mit der Mtze in der Hand da, solange jener seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht noch durch andere Stimmen beschrnkt wird, und er heit fast ganz nach seiner Willkr jeden, der ihm gerade pat, den Weg ebnen oder einen Graben anlegen. Der Amtmann ist mrrisch, von plumpem ueren und redet nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die groe Zarin Katharina seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwhlt worden, an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin sitzen zu drfen. Seit dieser Zeit wei der Amtmann wrdevoll und sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas krausen Schnurrbart zu gltten und drohende Falkenblicke um sich zu werfen. Seit dieser Zeit wei er auch, worber man immer mit ihm sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, da er die Zarin begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe. Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn er etwas hren mu, was er nicht gerne hrt. Er liebt es nicht, Staat zu machen, trgt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgrtet sich mit einem bunten Wollgrtel, und noch _nie_ hat ihn jemand in einem anderen Kostm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan, trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schlo und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine Schwgerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bnke scheuert, die Stube weit, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im Dorfe heit es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben ja schon gesehen, da der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein wenig verleumden. brigens hat vielleicht der Umstand Anla dazu gegeben, da es der Schwgerin immer mifiel, wenn der Amtmann aufs Feld ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken, der ein junges Tchterchen hatte. Der Amtmann ist einugig, dafr aber ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hbsches Bauernmdchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfltig um, ob ihm die Schwgerin auch nicht zuschaut. Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzhlt, und der betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hlfte des Weges zurckgelegt. Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen. III. Ein unerwarteter Nebenbuhler Die Verschwrung Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit? Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon fr Gott wei was fr Raufbolde. Geht lieber schlafen! So sprach Lewko zu seinen frhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen berreden wollten. Lebt wohl, Brder! Gute Nacht! Und schnellen Schrittes eilte er davon. Schlft meine hellugige Hanna? dachte er, als er an das uns schon bekannte, von Kirschbumen umstandene Huschen trat. Mitten in der Stille vernahm er ein leises Gesprch. Lewko blieb stehen. Durch die Bume schimmerte ein weies Frauengewand .... Was soll das? dachte er, schlich nher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mdchens. Hanna? Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rcken zu ihm stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den Fen in Schatten gehllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt, blieb er stehen. Das Mdchen hatte ganz deutlich seinen Namen ausgesprochen. Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart! rief der groe Mann. Wenn ich ihn bei dir treffe, reie ich ihm den Schopf aus .... Ich mchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen Schopf ausreien! sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, da man nichts mehr hren konnte. Schmst du dich denn gar nicht! sprach Hanna, als er zu Ende geredet hatte. Du lgst, du willst mich betrgen. Du liebst mich nicht, ich werde dir nie glauben, da du mich liebst! Ich wei, erwiderte der groe Mann, Lewko hat dir viel unsinniges Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht! (Hier kam es dem Burschen so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als habe er sie schon einmal gehrt.) Aber ich werd' es dem Lewko schon zeigen! fuhr der Unbekannte fort. Er glaubt, ich sehe alle seine Streiche nicht, er soll meine Fuste schon zu kosten bekommen, der Hundesohn! Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht lnger unterdrcken. Er schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner offenbaren Stmmigkeit vielleicht nicht standgehalten htte; aber in diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko erstarrte -- er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein unwillkrliches Kopfschtteln und ein leises Pfeifen durch die Zhne verrieten seine Verblffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna floh eiligst ins Haus und schlug die Tr hinter sich zu. Leb wohl, Hanna! rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte entsetzt zurck, als er den struppigen Schnurrbart berhrte. Leb wohl, mein schnes Kind! rief ein anderer, aber dieser flog Hals ber Kopf, von einem schweren Sto des Amtmanns getroffen, zur Erde. Leb wohl, leb wohl, Hanna! riefen einige Burschen und hingen sich ihm an den Hals. Fahrt doch zur Hlle, ihr verdammten Lmmel! schrie der Amtmann, indem er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Fen. Bin ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vtern her; an den Galgen mit euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist .... Der Amtmann, der Amtmann! 's ist der Amtmann! schrien die Burschen und liefen nach allen Seiten auseinander. Ei, ei, Vterchen! sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach. Solche Streiche machst du also? Groartig! Und ich habe mich noch gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, da er sich immer taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange. Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heit, sich vor den Fenstern junger Mdchen herumzudrcken; fremde Brute abspenstig machen? -- na, ich will dir's schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher! schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. Kommt doch her! Ich hab' euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab's mir wieder berlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln. Das la ich mir gefallen! rief ein breitschultriger und stattlicher Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt. Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte mir etwas, es kommt mir dann so vor, als htte ich die Mtze oder die Pfeife verloren, kurz, ich fhle mich nicht mehr als rechter Kosak! Wollt ihr heute den Amtmann mal tchtig rgern? Den Amtmann? Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, da er uns hin und her hetzt wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mdchen heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt's auch nicht _ein_ hbsches Mdchen, mit dem der Amtmann nicht anbndelte. 's ist wahr, 's ist wahr! riefen alle Burschen wie aus einer Kehle. Aber, Kinder, was sind wir denn fr Kerle? Sind wir nicht Mnner von altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen wir ihm, da wir freie Kosaken sind! Ja, ja, wir wollen's ihm zeigen! riefen die Burschen. Und kommt erst der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht vergessen! Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben ist mir so ein hbsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich will es euch lehren, fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten der Harfe an. Aber hrt: jeder mu sich verkleiden wie sich's gerad trifft! Los, Kosaken! rief der wilde, stmmige Mensch, schlug die Beine zusammen und klatschte in die Hnde. Ist das eine Freude! Das nenn' ich Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so mcht' ich fast glauben, die alten Tage erstnden aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und die Seele fhlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los! .... Und die Menge zog lrmend durch die Straen. Die frommen alten Frauen, die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Hhe, bekreuzigten sich mit ihren schlfrigen Hnden und sprachen: Ja, ja, jetzt gehen die Burschen bummeln! IV. Die Burschen bummeln Nur in einem Hause, am Ende der Strae brannte noch Licht. Das war das Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon lngst sein Nachtmahl beendet und wre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besa, hierher geschickt worden war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze unterm Heiligenbilde, sa der Gast -- ein kurzes, dickes Mnnchen mit ewig lachenden uglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen, mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite und prete den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken trmten sich schnell ber ihm auf und hllten ihn in ein Kleid von blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik herunterspaziert wre, weil er es berdrssig geworden war, ewig auf seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei Tisch se. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der Tabaksluft hervor, als wre er eine Maus, die der Branntweinbrenner gefangen htte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht htte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der Amtmann sa als Hausherr in bloem Hemd und in einer Leinwandhose da; sein Adlerauge begann allmhlich zu blinzeln und zu erlschen wie die Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbttel, die das Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er sa aus Respekt vor dem Hausherrn im Kittel da. Gedenkt ihr, sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein Kreuz ber seinen ghnenden Mund machte, gedenkt ihr die Brennerei bald zu erffnen? Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu brennen anfangen. Ich wette, zu Mari Geburt werden der Herr Amtmann schon auf der Strae mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln beschreiben! Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze Krper schttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten sich fr einen Augenblick von der paffenden Pfeife. Das gebe Gott! sprach der Amtmann und drckte auf seinem Gesicht so etwas wie ein Lcheln aus. Jetzt gibt's Gottlob, wenig Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der Landstrae von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko ... An was fr Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei finden. Jetzt dagegen .. hast du gehrt, was sich diese verdammten Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heit, den Schnaps nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun, sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe! ... Bei diesen Worten blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den Tisch sttzte. Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das wei ich bei Gott nicht! Was fr Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich! sagte der Amtmann. Die sollten den Knppel zu kosten kriegen, diese Hundeshne! Wo hat man je gehrt, da man mit Dampf kocht? Auf diese Art knnte man ja keinen Lffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne sich die Lippen zu verbrhen und auch kein junges Ferkel .... Gevatter, rief da die Schwgerin, die mit bereinandergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank sa: Wirst du denn die ganze Zeit ber ohne deine Frau bei uns leben? Wozu brauche ich _die_? Wenn's noch was Rechtes wr'! Ist sie nicht nett? fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend. Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze voller Runzeln wie ein leerer Beutel! Und die gedrungene Gestalt des Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er. In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tr; die Tr ging auf -- ein Bauer trat ber die Schwelle, ohne die Mtze abzunehmen, und pflanzte sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik. So, nun bin ich zu Hause! rief er aus und setzte sich auf eine Bank neben der Tr, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. Wie lang mir der Sohn des Bsen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir doch den Schafspelz als Unterlage. Wei Gott, ich kriech' nicht zu dir auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, la ihn lieber! Du bist heute vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst. Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unberwindliche Macht fesselte ihn an die Bank. Das gefllt mir, sagte der Amtmann, der kommt in fremde Stuben und benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder hinaus! .... Lat ihn ausruhen, Gevatter, sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann an der Hand zurckhaltend. Das ist ein ntzlicher Mensch: noch mehr solche Leute -- und unsere Brennerei geht groartig! Es war jedoch nicht Gutmtigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlate. Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand ble Vorzeichen, und einen Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hie fr ihn so viel wie ein Unglck heraufbeschwren. Ach ja, das Alter rckt heran .... brummte Kalenik und streckte sich auf die Bank hin. Wre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott, nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn's sein mu! Was ist mir denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn. Ein Wagen soll ihn berfahren, den einugigen Teufel! Was hat er den Leuten Wasser auf den Kopf zu gieen, wenn's friert! .... Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch die Pfoten auf den Tisch! sagte der Amtmann und stand zornig von seinem Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Fe. Der Amtmann blieb stehen. Wenn ich wte, sagte er, und hob den Stein auf, welcher Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem wrde ich schon zeigen, was das heit, Steine werfen! Was fr Streiche! fuhr er fort, indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte. Er soll ersticken an diesem Stein! .... Halt, halt! Beht dich Gott, Gevatter! fiel der Branntweinbrenner mit bleichem Gesichte ein. Beht dich Gott in dieser und jener Welt, jemand mit einem solchen Fluch zu bedenken! Oho, der hat ja einen schnen Beschtzer gefunden! Krepieren soll er .... Hr auf, Gevatter! Du weit wohl nicht, was meiner seligen Schwiegermutter widerfahren ist? Deiner Schwiegermutter? Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bichen frher als heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fnf Kinder. Die Schwiegermutter schttete ein paar Kndel aus dem groen Kessel in die Schssel, damit sie ein wenig abkhlten, denn nach der Arbeit waren alle hungrig und wollten nicht warten, bis die Kndel kalt waren. Sie steckten ihre langen Holzstbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stbchen. Aber der Gast rumt mit den Kndeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Kndel gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der Boden der Schssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die Schwiegermutter tat noch Kle hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch die zweite Schssel. Da du an den Kndeln ersticktest! dachte die hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und sank zu Boden. Man strzte zu ihm hin -- aber sein Geist war schon entflohen. Er war erstickt! Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Fresack! sagte der Amtmann. Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird's Nacht, sofort kommt der Tote angerckt. Sitzt rcklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und hlt einen Kndel zwischen den Zhnen. Am Tage ist alles ruhig, er lt weder etwas von sich sehen noch hren; kaum aber dmmert es, so braucht man nur auf's Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf dem Schornstein! Mit einem Kndel zwischen den Zhnen? Ja mit einem Kndel zwischen den Zhnen! Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was hnliches von meiner Seligen gehrt .... Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Gerusch, ein Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hrte man die Harfensaiten leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen strker, mehrere Stimmen fielen ein -- und wie ein Wirbel ertnte rauschend das Lied: Burschen, habt ihr schon vernommen? Sind wir wirklich solche Narren? Unser Amtmann hat bekommen In dem Schdel einen Sparren! Bttcher, schlag um unsern Amtmann Deine festen Eisenreifen! Bttcher, la um unsern Amtmann Ruten, Ruten, Ruten pfeifen! Unserm Amtmann alt und grau, Fehlt ein Auge in dem Kopf! Unser Amtmann ist 'ne Sau, Schleicht zu Mdels, dieser Tropf! Lufst du zu den jungen Leuten, Bleib nur lieber fein zu Haus! Denk' mal: wenn sie dich verbluten Und den Schopf dir rissen aus! .... Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter! sagte der Branntweinbrenner, indem er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte, der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war. Ausgezeichnet! 's ist nur schade, da man in nicht ganz anstndigen Worten vom Amtmann spricht ... Und wieder sttzte er mit einer slichen Rhrung in den Augen die Arme auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhren, denn vor dem Fenster erdrhnte ein Gelchter, und man vernahm den Ruf: Noch einmal, noch einmal! Ein scharfes Auge htte jedoch sofort bemerkt, da nicht das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So lt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus rings um seinen Schwanz herumlaufen, whrend er Plne schmiedet, wie er ihr am besten den Rckzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag seine Hand, die dem Bttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der Tr; auf einmal erhob sich auf der Strae ein lautes Geschrei ..... Der Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzgen auch eine gewisse Neugierde gehrte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und lief auf die Strae hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon auseinandergestoben. Nein, du wirst mir nicht entwischen! schrie der Amtmann und zerrte einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen Fell nach auen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und eilte herzu, um dem Friedensstrer ins Gesicht zu schauen; aber er wich angstvoll zurck, als er einen langen Bart und eine schreckhaft ausgemalte Fratze erblickte. Nein, du wirst mir nicht entwischen! schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene, als ob's sein eignes Haus wre. Karpo, mach' die Kammer auf! rief der Amtmann dem Bttel zu. Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann wecken wir den Schreiber, holen die Bttel herbei, fangen all diese Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab! Der Bttel klapperte im Flur am Hngeschlo und ffnete die Kammer. In diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur zunutze und ri sich pltzlich mit ungewhnlicher Kraft aus den Hnden, die ihn hielten. Wohin? rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen. La los, ich bin's ja! hrte man ein dnnes Stimmchen rufen. Das ntzt dir nichts, das ntzt dir gar nichts, Brderchen! Quiek du nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht bertlpeln! Und der Amtmann stie ihn in die dunkle Kammer, so da der arme Gefangene aufsthnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung des Bttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht. Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf einmal stieen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gchen einen Schrei aus -- jeder hatte einen mchtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Btteln vor sich. Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber! Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann! Es geschehen Wunder, Herr Schreiber! Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann! Was denn? Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den Straen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schmt sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter wrde sich hten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte begleitete der drre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem Zurckziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten mich die verdammten Lmmel mit ihren unfltigen Liedern und ihrem Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben, aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rdelsfhrer ist uns aber nicht entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Hftlinge festhlt. Ich brannte darauf, zu erfahren, was das fr ein Vogel sei, aber seine Fratze ist mit Ru beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Ngel fr die Snder schmiedet. Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber? Er trgt einen schwarzen, nach auen gekehrten Pelz, der Hundesohn, Herr Amtmann! Lgst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts _bei mir_ in der Kammer se? Nein, Herr Amtmann, sei nicht bse, aber da irrst du dich selbst ein wenig. Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen! Man holte Licht herbei, machte die Tr auf -- und der Amtmann stie vor Verwunderung ein lautes Ah! aus, als er seine Schwgerin vor sich sah. Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen! rief sie und ging mit diesen Worten auf ihn zu. Wre auch nur ein Quentchen Gehirn in deinem einugigen Schdel, -- httest du mich wohl dann in die dunkle Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glck, da ich mir nicht den Kopf an der eisernen Trangel zerschlagen habe! Hab' ich dir nicht zugerufen, da ich es bin? -- Mu mich dieser verfluchte Br mit seinen eisernen Tatzen packen und mich herumstoen. Da dich in jener Welt der Teufel so stoen mge! .... Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mute aus gewissen Grnden hinausgehen. Freilich sehe ich, da du es bist! sagte der Amtmann, der unterdes wieder zu sich gekommen war. Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel nicht ein Schelm? Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann! Wre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tchtig ins Gebet zu nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen? Es wre schon Zeit, hchste Zeit, Herr Amtmann! Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich hre meine Schwgerin auf der Strae schreien .... diese Narren haben sich in den Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur ein einfacher Kosak! .... Aus dem nun folgenden Hsteln und Blitzen des Auges, das er im Kreise umherschweifen lie, konnte man erraten, da der Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. Im Jahre Eintausend, .... Gott tte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten .... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissr Ledatschi den Befehl, einen Kosaken auszuwhlen, der gescheiter sei, als die anderen. O, (der Amtmann sprach dieses O mit erhobenem Finger) gescheiter als die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals .... Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr Amtmann! Alle wissen doch, da du dir die Gnade der Zarin verdient hast. Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt? Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre fr die anderen in Ketten geschmiedet und tchtig abgestraft werden. Sie sollen schon merken, was das heit, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen Lausbuben kmmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten Lmmel eine Schweineherde in meinen Gemsegarten getrieben haben, die mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfra. Ich habe auch nicht vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu dreschen; o nein, ich hab's nicht vergessen! .... Aber sie sollen verrecken, ich mu auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist! Man merkt's, das ist ein flinker Vogel! sagte der Branntweinbrenner, der sich whrend dieses ganzen Gesprches fortwhrend die Backen mit Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschtz, und dessen Lippen eine ganze Rauchfontne ausstieen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife trennten. Es wre auf jeden Fall nicht bel, diesen Menschen in der Brennerei zu haben, noch besser wr's freilich, ihn an einem Eichenwipfel aufzuhngen, wie einen Kirchenkronleuchter. Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er beschlo sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen. In diesem Augenblick nherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde gesunkenen Htte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch vergrert; alle drngten sich vor der Tre zusammen. Der Schreiber nahm einen Schlssel heraus und das Schlo klirrte; aber dieser Schlssel gehrte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche herumzuwhlen, fand jedoch den Schlssel nicht. Da! sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand. Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, da sein unregelmiges Hmmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses bertnt wurde. Die Tr ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie ein Stck Leinwand; den Branntweinbrauer berlief's kalt, und sein Haar wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des Schreibers; die Bttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal imstande, ihre aufgesperrten Muler zu schlieen: vor ihnen stand die Schwgerin. Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen. Halt! schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Tre zu. Leute, das ist der Satan! rief er dann. Feuer! Schnell Feuer her! Es ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen nicht lnger auf dieser Erde bleiben! Die Schwgerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tr von der frchterlichen Absicht vernahm. Was macht ihr da, Brder? rief der Branntweinbrenner. Euer Haar ist gottlob fast so wei wie Schnee, trotzdem aber scheint's euch noch am Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand stecken! Halt, ich mach gleich welches an! Bei diesen Worten schttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubndel und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwgerin verlieh ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die Mnner zu beschwichtigen. Haltet ein, Brder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Snde schuldig machen. Vielleicht ist's wirklich nicht der Satan, rief der Schreiber. Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, da es nicht der Teufel ist! Der Vorschlag wurde angenommen. Packe dich, Satanas! fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an die Trspalte. Wenn du dich nicht vom Platze rhrst, machen wir dir die Tr auf. Die Tr wurde aufgemacht. Bekreuzige dich! rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er fr den Fall des Rckzuges einen Zufluchtsort suchte. Die Schwgerin schlug ein Kreuz. Was Teufel! Das ist wirklich die Schwgerin! Welche unsaubere Macht hat dich blo in diese Kammer gebracht, Gevatterin? Die Schwgerin erzhlte schluchzend, wie die Burschen auf der Strae sie gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die Htte hineingeschoben und die Fensterlden geschlossen hatten. Der Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt. Du bist mir ein feiner Kerl, du einugiger Satan du, schrie sie und ging auf den Amtmann zu, der zurckwich und sie immer noch mit seinem Auge ma. Ich kenne deine Absichten schon, du httest mich wohl am liebsten aufgefressen, damit du dann ungestrt jeder Schrze nachlaufen kannst, und keiner mehr wei, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren macht. Du meinst, ich wei nicht, was du heute abend mit Hanna gesprochen hast? O, ich wei alles! Mich kann keiner so leicht betrgen, nicht einmal einer, der weniger bld ist als du! Ich habe lange Geduld, aber dann: nimm dich in acht ....! Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und lie den Amtmann in vlliger Erstarrung zurck. Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel! dachte er, sich den Kopf kratzend. Wir haben ihn! riefen die eintretenden Bttel. Wen habt ihr? fragte der Amtmann. Den Teufel im umgewendeten Pelz! Bringt ihn her! rief der Amtmann und packte den hereingefhrten Gefangenen an der Hand. Seid ihr verrckt geworden? -- Das ist doch der besoffene Kalenik! Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann! antworteten die Bttel. In dem einen Gchen umringten uns die verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren, steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Hnden. .... Der Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krhe hier gekommen sind, das mag Gott wissen! Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die Verfgung, diesen Ruber unverzglich gefangen zu nehmen, sprach der Amtmann; desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straen antrefft, und sie mir zur Aburteilung vorzufhren! .... Erbarm dich doch, Herr Amtmann! riefen da einige Bttel und verneigten sich tief bis zur Erde vor ihm. Httest du nur gesehen, was das fr Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfllt man der Snde, Herr Amtmann! Die knnen einen rechtschaffenen Menschen so erschrecken, da einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen kann! Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das? .... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich werde das dem Kommissr melden! Auf der Stelle, hrt ihr, auf der Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vgel! Ich werde euch schon .... Ihr sollt mir ....! Alle stoben auseinander. V. Die Ertrunkene Unbekmmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, nherte sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, da es Lewko war. Sein schwarzer Pelz war aufgeknpft, er hielt seine Mtze in der Hand, und der Schwei rann ihm von der Stirn. -- Dster und hehr stand der schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt war, lag ein feiner Silberstaub ber ihm ausgestreut. Vom regungslosen Teich wehte eine khlende Frische dem mden Fugnger entgegen und lud ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen Dickicht des Waldes hrte man das Schmettern der Nachtigall. Ein unberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die ermatteten Glieder lsten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine Sttze .... Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein! sprach er, stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas hnliches gesehen. Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blhenden Apfelbumen und Nachtblten war ber die ganze Erde ausgegossen. Mit Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestrzt, klar und in lichter Erhabenheit. Statt der dsteren Fensterlden blinkten einem lustige Glasfenster und Tren entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geffnet. Er hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weier Ellenbogen aus dem Fenster, dann schaute ein liebliches Kpfchen heraus mit glnzenden Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und sttzte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf schttelte, wie sie winkte und lchelte .... Sein Herz fing pltzlich an heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schlo sich wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an: Die dsteren Fensterlden standen weit offen, und die Scheiben funkelten im Monde. Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben! dachte er bei sich. Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch, als ob sie erst heute aufgetragen wren. Hier mu doch jemand wohnen! Und er trat schweigend nher, aber im Hause war alles still. Mchtig und klingend tnten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels, der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug. Lewko empfand eine se Stille in seinem Herzen, es schien sich zu weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an zu spielen und zu singen: Du mein helles Licht der Nacht, Du mein Mond, ach bester Mond! Leucht mir ber Haus und Hof, Wo mein liebstes Mdchen wohnt! Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Kpfchen, dessen Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb ber die Augen gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber wie kstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. Sing mir ein Lied, junger Kosak! sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur Seite und senkte die dunklen Lider ganz ber die Augen. Was fr ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Frulein? Stille Trnen flossen ber ihr bleiches Antlitz. Jngling, sprach sie, und etwas unsglich Rhrendes klang aus ihren Worten, Jngling, finde mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schn fr dich sein. Ich will dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit Seide bestickte Gewnder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen Grtel schenken, der mit Perlen best ist. Ich habe Gold .... Jngling, finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte keine Ruh' vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und lie mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie lie die Rte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst. Blick auf meinen weien Hals: kein Wasser wscht die blauen Flecke fort, keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen! Sieh meine weien Fe an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf Teppichen, auch ber heien Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie sehen nichts mehr vor Trnen! .... Finde sie mir, Jngling, find mir die Stiefmutter! ... Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf einmal. Trnenstrme flossen ber ihr bleiches Antlitz. Ein drckendes Gefhl des Mitleids und der Trauer schnrte dem Burschen das Herz zusammen. Zu allem bin ich fr dich bereit, mein herrliches Frulein, rief er in tiefster Erregung. Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden? Sieh, sieh! rief sie schnell, sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit meinen Mdchen den Reigen und wrmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber ich wei, ich hr' es, sie ist hier! Sie macht, da mir so drckend schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir's verwehrt, so leicht und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle zu Boden wie ein Schlssel. Find sie mir, Jngling! Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern. Eine Schar Mdchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten Gewndern, die so hell waren, wie die Maiglckchen auf der Wiese; goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glnzten an ihren Nacken; allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend und tanzend nherte sich der Mdchenreigen und man hrte schon ihre Stimmen. Lat uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel, suselten alle durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller dmmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berhrt. Wer soll Rabe sein? Das Los ward geworfen -- und ein Mdchen trat aus der Menge hervor. Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, da sie ihre Rolle nicht gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den Angriffen des ruberischen Feindes aus. Nein, ich will nicht Rabe sein! rief das Mdchen, ganz schlaff vor Mdigkeit. Es tut mir so leid, der armen Henne die Kken zu rauben. Du bist nicht die Hexe! dachte Lewko. Wer soll Rabe sein? Die Mdchen wollten wiederum losen. Ich will Rabe sein! rief da eine aus ihrer Mitte. Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und khn machte sie Jagd auf die Schar und strzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu fangen. Da sah Lewko, da ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Pltzlich ertnte ein Schrei: der Rabe stie auf ein Mdchen herab, fing es ein, und es deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf. Hexe! rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf sie. Das holde Frulein lachte auf, und die Mdchen fhrten die, welche den Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort. Womit soll ich's dir lohnen, Jngling? Ich wei, du brauchst kein Gold, du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir's nicht erlauben, sie zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und gib es ihm ... Sie streckte ihm ihr weies Hndchen hin, ihr Antlitz leuchtete wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und sehnschtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und .... erwachte. VI. Erwachen Hab' ich wirklich geschlafen? sprach Lewko zu sich selbst, als er sich von der kleinen Bschung erhob. Alles war doch so lebendig wie in Wirklichkeit .... Seltsam, seltsam! wiederholte er, indem er sich umsah. Der Mond stand gerade ber seinem Kopfe und wies auf Mitternacht. Alles war still; vom Teich wehte es khl her; ber ihm stand traurig das verfallene Haus mit den geschlossenen Lden; Moos und wildes Steppengras lieen erkennen, da sich die Menschen schon lange von ihm getrennt hatten. Lewko ffnete seine Hand, die er whrend des Schlafes krampfhaft geballt hatte, und stie einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte einen Zettel in ihr entdeckt. Ach, wenn ich doch lesen knnte! dachte er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem Augenblick vernahm er hinter sich ein Gerusch. Frchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! .... Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und Lewko fhlte sich von mehreren Hnden gepackt, von denen einige vor Furcht zitterten. Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre gefhrt! rief der Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck mit seinem einzigen Auge an: Lewko, mein Sohn! schrie er zurckweichend, und lie vor Staunen die Hnde herabsinken. Du bist's? Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hlle! Ich denke: was fr ein Schelm, was fr ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun stellt sich heraus, da du es bist. -- Der ungekochte Mehlbrei soll deinem Vater im Halse stecken bleiben! -- Du treibst bse Streiche auf den Straen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich juckt wohl der Rcken? Bindet ihn! Halt Vater! Ich hab' dir einen Zettel zu geben! sagte da Lewko. Jetzt ist keine Zeit fr Zettel, mein Tubchen! Bindet ihn! Halt ein, Herr Amtmann! sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel. Das ist ja die Handschrift des Kommissrs! Des Kommissrs? Des Kommissrs? wiederholten die Bttel mechanisch. Des Kommissrs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher! dachte Lewko bei sich. Lies, lies! sagte der Amtmann, was schreibt denn der Kommissr da? Hren wir, was der Kommissr schreibt, sprach der Branntweinbrenner, mit der Pfeife in den Zhnen, und schlug Feuer. Der Schreiber hstelte und begann zu lesen: Verfgung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, da du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, nrrisch geworden bist und Unzucht treibst .... Bei Gott! unterbrach der Amtmann die Verlesung, ich kann nichts hren! Der Schreiber begann von neuem. Verfgung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, da du alter Tro.... Halt, halt, es ist nicht ntig, schrie der Amtmann, ich habe zwar nichts gehrt, aber ich wei, da die Hauptsache noch kommt. Lies schnell weiter! Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf, Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstrae die Brcke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfgung nicht erfllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen. Kommissr und Leutnant auer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski. So? meinte der Amtmann mit offenem Munde. Hrt ihr, hrt ihr, fr alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heit's gehorchen, gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du, fuhr er, zu Lewko gewandt, fort, sollst auf Befehl des Kommissrs verheiratet werden -- wenn's mich auch sonderbar dnkt, wie er das wohl erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten bekommen! Kennst du _die_, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der Wand hngt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast du diesen Zettel her? Trotz seines Staunens ber diese unerwartete Wendung der Sache, war Lewko so vernnftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen. Ich war gestern abend noch in der Stadt, sagte er, und da begegnete ich dem Kommissr, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, da ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hie mich, dir mndlich ausrichten, er wrde auf dem Rckwege bei uns zu Mittag essen, Vater. Hat er das gesagt? Ja, das hat er gesagt! Hrt ihr's, sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebrde an seine Begleiter wendend, der Kommissr kommt in eigner Person zu unsereinem, das heit zu mir, zur Tafel. Oh .... Dabei hob der Amtmann den einen Finger in die Hhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas lausche. Der Kommissr, hrt ihr's, der _Kommissr_ kommt zu mir zu Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa eine kleine Ehre, wie? Noch nie hat, so viel ich mich besinne, fiel hier der Schreiber ein, je ein Amtmann einem Kommissr mit einer Mahlzeit aufgewartet. Es gibt eben Amtmnner und Amtmnner! sprach der Amtmann mit selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners glich, kam ber seine Lippen. Wie denkst du, Herr Schreiber? Mte man nicht eigentlich zu Ehren des hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, da jedes Haus wenigstens ein Hhnchen, ein bichen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? .... Ja, das mte man eigentlich, das mte man, Herr Amtmann! Und wann ist die Hochzeit, Vater? fragte Lewko. Die Hochzeit? Ich mchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der Teufel mag euch holen! Der Kommissr soll sehen, was Pnktlichkeit ist! Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....! Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit wrdig und bedeutungsvoll drein. Jetzt wird der Amtmann zu erzhlen anfangen, wie er die Zarin begleitet hat! sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten Huschen, das von niedrigen Kirschbumen umstanden war. Gott schenke dir die ewige Seligkeit, schnes gutes Fruleinchen! dachte er sich. Mgen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulcheln! Niemand soll je aus meinem Munde von dem Wunder hren, das in dieser Nacht geschah. Nur dir allein, Hanna, will ich's erzhlen, du allein wirst mir glauben und wirst mit mir fr die Seele der unglcklichen Ertrunkenen beten! Und er nherte sich dem Huschen; das Fenster stand offen, die Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf lag auf den Arm gesttzt, ihre Wangen glhten sanft, und ihre Lippen bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. Schlaf, mein schnstes Mdchen! Mgest du trumen von dem Herrlichsten, was es auf der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein! Er schlug ein Kreuz ber sie, schlo das Fenster, entfernte sich leise, und wenige Augenblicke spter schlief alles im Dorfe. Der Mond allein segelte voller Glanz und Wunder durch die unermelichen Fernen des prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Hhen dort oben, und die Nacht, die gttliche Nacht glomm majesttisch ihrem Ende entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schnheit da, in ihrem wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genieen konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen fr einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte sein Haus. Der verschwundene Brief Eine Sage Erzhlt vom Kster der -- Kirche zu *** Ihr mchtet also, da ich euch noch mehr vom Grovater erzhle? -- Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spa machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust berkommt doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in der Welt geschah, und niemand wei mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein Grovater oder ein Urgrovater, -- dann ist's ganz um mich geschehen: Ich will beim Lobsingen auf die heilige Mrtyrerin Barbara den Schlucken kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles selbst durchgemacht htte: gerad als wenn ich in des Grovaters Seele hineingekrochen wre, oder als wenn die Seele des Grovaters in mir selbst rumorte .... Nein, aber am rgsten sind die Mdels und die jungen Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heit es: Foma Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Mrchen recht zum Gruseln, bitte, bitte, ein Mrchen zum Gruseln ....! Taratata -- taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein Mrchen erzhlen, aber pat mal auf, was nachher mit ihnen im Bett geschieht. Ich wei doch, da jede unter der Decke zittert, als wenn sie das Fieber htte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken mchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie gert selbst mit dem Fu an den Feuerhaken, Gott bewahre, -- gleich fliegt die Seele bis in die Strmpfe. Am anderen Tage aber ist alles vergessen; und sie drngen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein recht grusliges Mrchen erzhlen! Was soll ich euch nun erzhlen? Es fllt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzhlen, wie die Hexen mit meinem seligen Grovater Schafskopf gespielt haben. Aber darum mu ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem Geleis, sonst giebt's so einen Brei, da man sich schmen mu, ihn ins Maul zu nehmen. Also mein seliger Grovater war, wie ich euch bemerken mu, durchaus nicht einer von den gewhnlichen Kosaken. Der verstand's, auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine Apostel so herunterschnurren, da sich auch jetzt noch mancher Popensohn vor ihm verstecken knnte. Na, und das wit ihr ja selbst, wenn man in der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln wollte, da brauchte man nicht erst die Mtzen bereitzuhalten, -- die offene Hand htte schon vollstndig gengt. Was Wunder, da jeder, der am Grovater vorberging, sich tief vor ihm verneigte. Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige Regimentsschreiber (da dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf seinen Namen besinnen .... hie er Wisrjak oder Motusotschka oder Goloputzek .... ich wei nur, da er einen sehr komischen Namen hatte, der ganz absonderlich anfing) er lie also den Grovater zu sich kommen und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem Briefe zu der Zarin senden. Mein Grovater liebte die langen Vorbereitungen nicht, nhte den Brief in die Mtze ein, fhrte sein Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie er sie selbst nannte) -- einer von ihnen war mein leiblicher Vater -- ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob fnfzehn Jungen auf der Strae Schlagball spielten. Am andern Tage hatte der Hahn noch nicht zum vierten Male gekrht, als der Grovater schon in Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute auf den Straen herum, da es einem vor den Augen flimmerte. Weil es aber noch frh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Hndlerin im Sitzen mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann, mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein brtiger Moskowiter mit Grteln und Dumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie man's auf den Jahrmrkten trifft. Der Grovater machte Halt, um sich's anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heien Buchteln zog bers ganze Lager. Da fiel es dem Grovater ein, da er weder Zunder noch Tabak vorrtig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgnger, man sieht's ihm schon am Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter Grtel, ein Sbel an der Seite und 'ne Pfeife mit einer Messingkette, die bis zu den Fersen reicht -- mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf bis zu den Fen! Ist das ein Vlkchen! Wie der so dasteht, sich reckt, sich den prchtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt -- und dann loslegt! Ja, sag' ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhnden; wie ein Wirbelwind saust seine Hand ber alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die Hften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein jauchzendes Lied an -- da einem die Seele erzittert! .... Ja diese Zeiten sind vorbei; jetzt gibt's keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu schwatzen, und der Grovater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging ein Saufen an wie auf 'ner Hochzeit vor den groen Fasten. Endlich aber kriegten sie's satt, Tpfe zu zerschmeien und Geld unters Volk zu werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr trennen und den Weg zusammen zurcklegen. Es war schon gegen Abend, als sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor kurzem gestanden hatte, ein paar rtliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen lagen ausgestreut da wie die Sonntagstcher schwarzbrauiger, junger Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen. Mein Grovater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte er blo all das Zeug her, all diese Geschichten und Mren so verwunderlicher Art, da der Grovater sich die Seiten halten mute, um nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer dsterer, je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer unzusammenhngender. Endlich aber verstummte unser Erzhler und fing beim leisesten Gerusch an zu zittern. Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zhlen! Du mchtest wohl heim, hinter den Ofen? Ich will nichts vor euch verbergen, sprach er, sich auf einmal umwendend, und seine Augen blickten starr. Wit ihr, da ich meine Seele schon lange an den Bsen verkauft habe? Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bsen zu tun gehabt? In solchen Fllen ist's das Beste, man ist lustig und geht lumpen. O je, Jungens, lumpen mcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin! O je, Brder! sprach er und schttelte ihnen krftig die Hnde. O je, gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage will ich eure Freundschaft nicht vergessen! Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglck nicht beistehen? Der Grovater erklrte glattweg, er wrde sich eher sein Kosakenhaar vom eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine christliche Seele beschnffeln lassen. Unsere Kosaken wren vielleicht noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben htte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schnke auf, die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das von einer frhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schnke etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, da man nicht ordentlich losgehen und drinnen kein Tnzchen oder 'nen Hopser machen konnte, es gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch berkommen hatte, und die Fe von selbst anfingen, Zeichen in die Luft zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine zusammengekrmmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die Kater. Nur der Wirt sa vorm Lmpchen und schnitt Kerben in einen Stock, um sich's zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute ausgepfiffen htten. Der Grovater bestellte ein drittel Eimer fr drei Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, da seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der Grovater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoen war, und erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mute also allein Wache halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen, beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurck und setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, da man eine Fliege htte hren knnen. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der Nhe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hrner zeigte .... Seine Augen begannen zuzufallen, und er mute sie jeden Augenblick mit den Fusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden. Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetm von neuem hinterm Wagen .... Der Grovater ri die Augen auf, so weit er konnte; aber die verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hnde wurden steif, der Kopf sank hintenber, und ein fester Schlaf bermannte ihn, so da er hinfiel wie ein Toter. Der Grovater mute wohl recht lange geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tchtig auf den Schdel brannte, sprang er auf die Beine. Er rkelte sich, kratzte sich den Rcken und merkte, da schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wute was. Nur sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Grovater wurde von Angst ergriffen und fing an zu grbeln. Er sah nach den Pferden -- sie waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer aber hatte die Pferde mitgenommen? Nach reiflicher berlegung kam der Grovater zum Schlu, da der Teufel sicherlich zu Fu herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hlle wre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, da er sein Kosakenwort nicht gehalten hatte. Nun, dachte er, da ist nichts zu machen. Ich gehe zu Fu; am Ende treff' ich unterwegs einen Pferdehndler, der vom Jahrmarkt zurckkehrt, und dann kaufe ich mir bei dem ein Pferd. Wie er aber nach der Mtze griff, war auch die Mtze fort. Da schlug mein seliger Grovater die Hnde berm Kopf zusammen, denn er erinnerte sich, da er ja gestern mit dem Saporoger die Mtzen getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht der Unreine! Na, das war eine schne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief an die Zarin! Und der Grovater begann den Teufel mit solchen Namen zu traktieren, da es dem in seiner Hlle wohl mehr als einmal in den Ohren klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der Grovater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen: sammelte all die guten Leute, die in der Schnke waren, die Fuhrleute und die anderen Reisenden, um sich und erzhlte ihnen alles: so und so, und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saen lange, das Kinn auf den Peitschenstiel gesttzt, da, sannen nach, schttelten die Kpfe und meinten, von so einem Wunder htten sie wahrhaftig in Gottes getaufter Welt noch nie vernommen, da ein Hetmans-Brief vom Teufel geholt worden sei. Andere fgten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein Moskowiter etwas stibitzten, dann knne man hinterher nur noch drei Kreuze machen. Der Schankwirt allein sa schweigend in seinem Winkel. Der Grovater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so bedeutet das, er hat's dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr wortkarg, und htte der Grovater nicht fnf Gulden aus der Tasche geholt, so htte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen knnen. Ich will's dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst, sprach er endlich und fhrte ihn auf die Seite. Dem Grovater wurde bedeutend leichter ums Herz. Ich sehe dir's an deinen Augen an, da du kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schnke fhrt ein Pfad rechts nach dem Walde. Sobald die Dmmerung sich ber's Feld senkt, sei bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nchten, wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren Ofengabeln reiten, aus ihren Hhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden. Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich nicht zu kmmern. Da wird's im Wald ein gewaltiges Getse geben. Aber geh du nicht dahin, woher der Lrm kommt; ein enger Pfad wird vor dir liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeifhrt: auf diesem Wege geh' weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und dichtes Gestrpp versperrt dir den Weg, -- aber geh du nur immer weiter! Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen. Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergi ja nicht, deine Taschen damit zu fllen, wofr die Taschen gemacht sind .... Du verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die Menschen! Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag zurck und wollte nichts weiter sagen. Mein Grovater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen lie; wenn er einem Wolf begegnete, so packte er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fusten einen Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom Baum schttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam, da berlief's ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es herrschte eine dstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz hoch oben ber dem Kopfe, da hrte man den kalten Wind durch die Baumwipfel streichen, und die Bume wackelten wie berauschte Kosakenkpfe und die Bltter flsterten sich trunkene Reden zu. Auf einmal wehte eine solche Klte daher, da der Grovater an seinen Schafpelz denken mute; und pltzlich fing's an zu hmmern, wie wenn hundert Hmmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlrm durch den Wald, da es ihm frchterlich im Kopfe drhnte. Der ganze Wald wurde auf einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Grovater ersphte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebsch dahinfhrte: da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau so, wie's ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das dastehende Gestrpp hindurcharbeiten zu mssen. Sein Lebtag hatte er noch nie gesprt, da die verfluchten ste und Dornen so schmerzhaft stechen knnen: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien. Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er gewahrte, da die Bume seltener wurden, und als er weiter zusah, da waren sie so dick, wie er's nicht einmal jenseits vom Knigreich Polen gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bchlein zwischen den Bumen auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Grovater am Ufer und sphte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer. Schon will es erlschen, da fllt sein Wiederschein aufs neue ins Bchlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brcke! Da drber kann doch hchstens ein Teufelswgelchen fahren! dachte der Grovater, aber er betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst nahm er wahr, da Leute am Feuer saen; aber die hatten solche garstige Fratzen, da er zu andern Zeiten Gott wei was drum gegeben htte, ihrer Bekanntschaft entgehen zu drfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er mute schon mit ihnen anbndeln. Der Grovater verneigte sich tief bis zur Erde vor ihnen. Gr Gott, gute Leute! Aber auch nicht einer nickte mit dem Kopfe: sie saen stumm da, schwiegen und streuten etwas ins Feuer. Da der Grovater fand, da noch ein Platz frei war, so setzte er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen nichts, und auch der Grovater sagte nichts. Lange saen sie schweigend so da, und der Grovater bekam die Sache schon satt; er griff in die Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich -- aber keiner sah nach ihm hin. Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Gte haben, sozusagen .... (Mein Grovater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am rechten Fleck ein hfliches Wrtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren htte er, wenn's drauf ankam, in Ehren bestehen knnen.) .... sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen hab' ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen? Auch auf diese Rede erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Migestalten ergriff ein brennendes Holzscheit und stie es dem Grovater geradewegs gegen die Stirn, und wenn er nicht etwas zurckgefahren wre, htte er auf ewig von seinem einen Auge Abschied nehmen mssen. Als er endlich sah, da die Zeit unntz verrann, beschlo er -- ob's die unreine Brut nun anhren wollte oder nicht -- ihnen seine Sache zu erzhlen. Jene spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Grovater begriff, was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin, wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er geriet -- _wie_, das konnte er selbst nicht erzhlen -- schier in die Hlle. Mein Gott! schrie der Grovater auf, als er sich wieder umsah. Was fr Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab's Hexen in so ungeheuerer Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Frulein auf dem Jahrmarkt. Sie alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu tanzen. Der Staub wirbelte in die Hhe, -- Gott bewahr, welch ein Staub! Einen ehrlich getauften Menschen htte ein Zittern erfassen mssen, wenn er gesehen htte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Grovater berkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die hbschen Mdchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flten. Kaum aber hatten sie den Grovater erblickt, da strzten sie sich wie ein ganzes Heer auf ihn: Schweinemuler, Hundemuler, Bocksmuler, Gnsemuler, Pferdemuler -- sie alle reckten sich vor und wollten, kam's wie's kam, von ihm gekt werden. Der Grovater mute ausspucken, so ein Ekel berkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach Baturin. Na, das ist wenigstens nicht bel, dachte der Grovater, als er Schweinefleisch, Wrste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. Das Satanspack hlt wohl die Fasten nicht! Der Grovater lie die Gelegenheit, einen guten Bissen zu nehmen, nie auer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rckte er ohne viel Federlesens die Schssel mit dem angeschnittenen Speck und einen Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spiete ein riesiges Stck Fleisch auf, nahm noch ein mchtiges Stck Brot dazu und schob es geradewegs in -- einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren aufgetaucht war, er hrte sogar noch, wie das Maul kaute und ber den ganzen Tisch hin mit den Zhnen klapperte. Der Grovater muckste nicht, gabelte ein anderes Stck auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen zu spren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er versuchte es ein drittes Mal -- und wieder traf er vorbei. Der Grovater raste vor Wut. Er verga all seine Angst und in wessen Hnden er sich befand, und sprang auf die Hexen los: Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt ihr euch vielleicht ber mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der Stelle meine Kosakenmtze herausgebt, so will ich ein Rmling sein, wenn ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe! Noch hatte er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zhne zu fletschen begannen und ein solches Gelchter aufschlugen, da dem Grovater die Seele zu Eis erstarrte. Gut! winselte eine der Hexen, die der Grovater fr das Oberhaupt der anderen hielt, denn ihr Lrvchen war vielleicht noch wundervoller als die Fratzen der anderen. Die Mtze wollen wir dir geben, aber nicht eher, als bis du dreimal mit uns _Schafskopf_ gespielt hast. Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit Weibern zusammen sitzen und Schafskopf spielen? Der Grovater weigerte und weigerte sich immer wieder. Endlich aber lie er sich doch dazu herbei. Man brachte Karten, und zwar so schmierige wie die, aus denen sich bei uns die Popentchter wahrsagen, wenn sie wissen wollen, was fr Brutigams sie bekommen werden. Hr'! bellte die Hexe wieder los, wenn du auch nur ein einziges Mal gewinnst, so ist die Mtze dein. Wenn du aber alle dreimal Schafskopf bleibst, so nimm's mir nicht bel, dann wirst du nicht blo deine Mtze, sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen! Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag! Die Karten wurden verteilt und der Grovater nahm die seinen in die Hnde. Nicht hinblicken mochte er auf den Schund! wenn auch blo zum Scherz nur ein einziger Trumpf darunter gewesen wre! Bei _einer_ Farbe war die _Zehn_ schon der hchste Stich, und nicht einmal ein Paar hatte er; die Hexe aber spielte immer Fnfer aus. So blieb er denn Schafskopf! Kaum war der Grovater Schafskopf geworden, so begannen die Muler von allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen: Schafskopf, Schafskopf, Schafskopf! Mgt ihr doch platzen, ihr Satansbrut! schrie der Grovater und stopfte sich mit dem Finger die Ohren zu. Na, denkt er, die Hexe hat wohl falsch gemischt! Jetzt werde _ich_ mal mischen! Er gab also die Karten, sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das groartige Karten, auch Trmpfe waren dabei! Zuerst ging die Sache, wie's nicht besser gehen konnte; aber die Hexe hatte eine Fnf und alle Knige! Der Grovater jedoch hatte lauter Trmpfe in Hnden! Ohne da gro zu berlegen, deckte er, bumms, alle Knige mit Trmpfen! Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du denn da, Nachbar? Was da -- womit? Mit Trmpfen natrlich! Das sind vielleicht bei euch Trmpfe, bei uns aber nicht! Sieh mal an -- es war in der Tat nur eine einfache Farbe. So eine hundsfttische Zauberei! Er mute zum zweitenmal Schafskopf werden, und das Teufelspack brllte von neuem: Schafskopf, Schafskopf! so da der Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische herumhpften. Der Grovater geriet in Hitze; er gab zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht und recht. Die Hexe spielte wieder eine Fnf aus; der Grovater deckte sie und kaufte eine ganze Hand voll Trmpfe. Trumpf! schrie er und schlug mit der Karte so mchtig auf den Tisch, da sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer Acht. Und womit stichst du, alter Teufel? Die Hexe hob die Karte auf, unter der eine einfache Sechs lag. Ach verdammtes Satansgeflunker! rief der Grovater und schlug vor rger aus aller Leibeskraft mit der Faust auf den Tisch. Ein wahres Glck, da die Hexe schlechte Karten hatte; der Grovater hatte wie zu Flei lauter Paare in seiner Hand. Er begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam so schlechte Karten, da er die Hnde sinken lie. Es gab keine Karten mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. Da hast du die Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht! Der Grovater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug ein Kreuz ber sie; und auf einmal hatte er Trumpf-A, Trumpf-Knig und Trumpf-Bube in Hnden, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt. Ein schner Narr bin ich gewesen, dachte er sich. -- Trumpf-Knig! Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein A? Ein A! einen Buben! .... Ein donnerndes Drhnen rollte durch die ganze Hlle; die Hexe verfiel in Krmpfe, und auf einmal flog dem Grovater -- patsch! -- die Mtze ins Gesicht. Nein, das ist zu wenig! schrie der Grovater schon viel dreister, als er erst seine Mtze aufgesetzt hatte. Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage wahrhaftig das heilige Kreuz ber euch alle! Und schon erhob er die Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hrte. Da hast du dein Pferd! Der rmste brach bei diesem Anblick in Trnen aus, wie ein trichtes Kind. Schade um den alten Freund! Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit ich aus eurem Nest herauskomme! Der Teufel knallte mit seiner Hetzpeitsche, -- ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Grovater herauf, und er flog wie ein Vogel in die Hhe. Aber mitten im wilden Ritt ergriff ihn eine mchtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe oder auf die Zgel zu achten, ber Grben und Smpfe dahinjagte. An was fr Orten war er damals nicht berall gewesen! schon beim bloen Erzhlen berkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drber weg! Der Grovater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals ber Kopf, durch Gestrpp und ber Felsen flog er hinab in den Schlund und prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, da ihm der Atem verging. Wenigstens konnte er sich spter auf nichts mehr besinnen, was damals mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah, da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses. Als der Grovater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz. Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht fr Wunderdinge widerfahren knnen! Er sah seine Hnde an. Sie waren voll Blut; er sah in das vor ihm stehende Wasserfa -- auch sein Gesicht war voller Blut. Er wusch sich grndlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rcklings auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: Sieh doch, sieh -- die Mutter springt herum wie verrckt! Und wahrhaftig: sein Weib sitzt eingeschlafen vorm Spinnrocken, hlt die Spindel in der Hand und hpft im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Grovater nahm sie sanft bei der Hand und weckte sie. Gr Gott, Frau, bist du auch ganz wohl? Jene starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Grovater und erzhlte, sie habe getrumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der Schaufel alle Tpfe und Schsseln hinausgejagt ... und der Teufel wei, was noch alles! Na ja, sagte der Grovater, dein Traum war meine Wirklichkeit, ich sehe schon, man mu unser Haus mit Weihwasser besprengen -- aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren. So sprach der Grovater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief bergeben hatte. Da bekam der Grovater solche Wunderdinge zu sehen, da er noch lange nachher davon erzhlen konnte: wie er in ein Schlo gefhrt wurde, welches so hoch war, da man zehn Huser htte bereinander bauen knnen, und es htte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach hineinblickte -- die Zarin war nicht drin, -- dann in ein zweites -- auch da war sie nicht, in ein drittes -- auch da nicht, -- in ein viertes -- sie war immer noch nicht da. Erst im fnften Zimmer sa sie selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen, funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und a goldene Kndel. Sie lie ihm die ganze Mtze mit blauen Scheinen vollstopfen, und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der Grovater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und wenn es geschah, da ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mhe, ihn so weit zu bringen, da er's erzhlte. Aber wohl zur Strafe dafr, da er damals das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, da sie immerzu tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige und zwangen sie frmlich, ein Tnzchen aufzufhren. Ende des ersten Teils. Abende auf dem Gutshof bei Dikanka. Zweiter Teil Vorrede Hier habt ihr das zweite Bchlein, oder richtiger gesagt, das letzte. Erst wollt' ich's ja nicht, nein, ich wollt' es ganz und gar nicht herausgeben. Wahrhaftig, man mu auch mal 'nen Schlupunkt setzen knnen. Und ich kann euch nur mitteilen: auf dem Vorwerk fngt man schon an, ber mich zu lachen. Sieh mal einer an! sagt man, der alte Toback ist ja schon ganz nrrisch: der amsiert sich auf seine alten Tage noch mit Spielereien! Ja wirklich, 's wre doch lngst Zeit, zur Ruhe zu gehen. Ihr, lieben Leser, glaubt natrlich, ich tue nur so, als ob ich schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heit da Verstellung, wenn einem kein Zahn mehr im Munde sitzt! Was Weiches kann ich ja noch irgendwie kauen, aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beien. Hier habt ihr also noch ein Bchlein! Blo eins, aber schimpft nicht! 's ist nicht recht, beim Abschied zu schimpfen, besonders auf einen Menschen, den man Gott wei wann wiedersieht. In diesem Bchlein werdet ihr Erzhler zu hren bekommen, die euch fast alle unbekannt sind, ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. Was aber jenes erbsengraue Herrchen angeht, das immer so verblmt zu erzhlen pflegte, so da ihn selbst irgend so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte, -- der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er sich grndlich mit uns allen verkracht, und dann lie er sich berhaupt nicht mehr blicken. Ja, hab' ich euch denn diesen Fall nicht erzhlt? Hrt doch nur, es war wirklich eine hchst possierliche Geschichte. Im vorigen Jahr, es war gegen Anfang des Sommers, -- ich glaube beinahe am Namenstage meines Schutzheiligen, -- kamen einige Gste zu mir .... (Das mu ich euch sagen, lieben Leser; meine Landsleute -- Gott schenke ihnen ein langes Leben und eine gute Gesundheit -- haben mich alten Mann nicht vergessen. Es geht schon ins fnfzigste Jahr, da ich mich auf meinen Namenstag besinne; aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder _ich_ euch sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen siebzig. Der Pope von Dikanka, Vater Charlampi, hat's gewut, wann ich geboren bin; aber leider sind's schon fnfzig Jahr, da er tot ist.) Also es kamen Gste zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan Iwanowitsch Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, und der Assessor Charlampi Kirilowitsch Chlosta; dann war noch .... sieh mal einer an, da hab' ich doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... Ossip .... Ossip .... mein Gott, ganz Mirgorod kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er zuerst mit den Fingern, und dann stemmt er die Hnde in die Hften .... Na, Gott helf' ihm! 's wird mir ein andermal einfallen. Ferner war auch der euch schon bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma Grigorjewitsch rechne ich brigens nicht mit; der gehrt schon zur Familie. Man kam ins Gesprch (ich mu schon wieder was einschalten! Bei uns wird nmlich nie Firlefanz geredet: ich kann nur hchst anstndige Gesprche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, zugleich dem Vergngen, und der Erbauung Genge geschieht). -- Man kam also ins Gesprch darber, wie man wohl am besten pfel einlegt. Meine Alte sagte, man msse die pfel zuerst gut waschen, dann in Sauerbier einweichen, und dann erst .... Aber kein Gedanke! fiel das Herrchen aus Poltawa ein, schob die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und stolzierte wrdevoll im Zimmer auf und ab. Aber kein Gedanke! Erst mu man Minze auf sie streuen, und dann erst .... Ich mu _euch_ zu Zeugen aufrufen, liebe Leser, sagt mal ganz ehrlich: habt ihr je gehrt, da man Minze auf die pfel streut? Freilich legt man Johannisbeerbltter, Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber da man Minze einlegte .... nein, das habe ich noch nie gehrt. Besser als meine Alte wei wohl niemand Bescheid mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr's selbst! Ich fhrte ihn also, als honetten Menschen, ein wenig zur Seite und sagte: Hre, Makar Nasarowitsch, treib doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische mit gegessen. Wenn du da so etwas sagst, da werden dich ja alle auslachen! Und was glaubt ihr nun, hat er drauf gesagt? -- Nichts! Er hat auf den Boden gespuckt, hat seine Mtze genommen und ist gegangen. Nicht einmal Abschied hat er von irgendeinem genommen, ja nicht einmal jemandem zugenickt; wir hrten blo, wie sein Wgelchen mit den Schellen am Tore vorfuhr; und schon sa er drin und fuhr davon. Na, um so besser! Solche Gste knnen wir nicht brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben Leser, es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese Ritter vom hohen Ro. Weil sein Ohm mal Kommissr war, mu er drum die Nase rmpfen? Als ob Kommissr schon so ein Rang wre, da es gar nichts Hheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt noch hhere Tiere, als so ein Kommissr. Nein, diese Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen! Nehmt doch zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein feiner Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht glnzt stets eine gewisse Wrde; sogar wenn er seinen gewhnlichen Tabak schnupft, da hat man unwillkrlich Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf dem Chore steht und singt, -- da kommt es ordentlich wie Rhrung ber einen! Man mchte am liebsten vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm! Der glaubt ganz gewi, ohne seine Geschichten knne man gar nicht auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat sich ein Bchelchen zusammengefunden. Ich habe euch, glaub' ich, versprochen, da in diesem Bchlein auch ein Mrchen von mir sein wird. Ich wollt' es auch wirklich so machen, aber da hab' ich gemerkt, da man fr meine Geschichte wenigstens drei solcher Bchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders drucken zu lassen, aber dann hab' ich mir's berlegt. Ich kenne euch ja: ihr werdet noch ber mich alten Mann lachen. Nein, ich mag's nicht! Gehabt euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, oder vielleicht auch nie. Aber was ist daran gelegen? Euch kann's ja gleich sein, auch wenn ich gar nicht auf der Welt wre. Ein Jahr wird dahingehn und noch eins -- und ich bin sicher, niemand von euch besinnt sich mehr auf mich, oder denkt mit Bedauern an den alten Bienenzchter _Rotfuchs Panjko_. Die Nacht vor dem Weihnachtsfest Der letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen. Klar brach die Winternacht an, die Sterne schauten hervor, der Mond stieg majesttisch am Himmel empor, um allen guten Leuten und der ganzen Welt zu leuchten, damit allen frhlich ums Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter den Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen wrde. Der Frost war noch schneidender als am Morgen; aber dafr war es so still, da man das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hren konnte. Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen zu sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die Scheiben, als wollte er den sich putzenden Mdchen zuwinken, sie sollten schneller hinauslaufen in den knisternden Schnee. Da wlzten sich dichte Ballen von Qualm aus dem Schornstein einer Htte und stiegen wie eine Wolke zum Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch ritt eine Hexe auf einem Besenstiel in die Hhe. Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus Sorotschintzy in einem mit Gutspferden bespannten Dreispnner vorbeigefahren wre, die Mtze mit der Hammelfellborde, wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in seinem blauen, mit schwarzem Lammfell geftterten Pelz, und mit seinem Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit der er gewhnlich seinen Kutscher anfeuerte, so htte er sie bestimmt gesehen; denn dem Assessor von Sorotschintzy kann keine Hexe entgehen. Er kann sich's nmlich von jedem Frauenzimmer an den Fingern abzhlen, wieviel Ferkelchen ihre Sau wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und er wei aufs Tpfelchen, was ein wackerer Mann an einem Sonntag in der Schenke an Kleidern und Wirtschaftssachen versetzt. Aber der Assessor von Sorotschintzy kam nicht vorbeigefahren, und dann kmmerte er sich auch nicht um fremde Leute -- er hatte ja seinen eigenen Bezirk. Unterdessen aber stieg die Hexe so hoch empor, da sie da oben nur noch wie ein schwarzes Pnktchen aussah. Aber wo dies Pnktchen sich zeigte, dort verschwand ein Stern nach dem andern vom Himmel. Bald hatte die Hexe einen ganzen rmel voll von ihnen heruntergeholt. Nur noch drei oder vier blinkten so herum. Auf einmal jedoch tauchte an der entgegengesetzten Seite ein andres Pnktchen auf, wurde immer grer, dehnte sich in die Breite, und bald war es kein Pnktchen mehr. Ein Kurzsichtiger htte sogar statt einer Brille die Rder vom Wagen des Kommissrs auf die Nase setzen knnen, aber auch dann htte er nicht genau erkennen knnen, was das fr ein Ding war. Von vorne sah es sich ganz an wie ein Welscher: das spitzige Mulchen, das sich fortwhrend bewegte und alles und alle beschnffelte, lief in ein rundes Fnfkopekenstck aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren so dnn, da sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn er solche gehabt htte, schon beim ersten Sprung im Kosakentanz gebrochen wren. Dafr aber war's von hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform, denn ihm baumelte ein Schwanz herunter, der so lang war und so spitz zulief wie die Sche an den neumodischen Uniformen; hchstens aus dem Bocksbart unterm Maul, aus den kleinen Hrnerchen auf dem Kopfe und daraus, da er nicht viel weier war als ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, da das weder ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator war, sondern ganz einfach der Teufel in eigener Person, fr den die letzte Nacht gekommen war, wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben und die guten Menschen zu allerlei Snden verfhren durfte. Denn morgen schon sollte er beim ersten Glockenschlage der Frhmesse mit eingezogenem Schwanz zur Hlle fahren. Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den Mond heran und streckte die Hand aus, um nach ihm zu greifen; pltzlich jedoch ri er seine Hand zurck, als wenn er sich verbrannt htte, sog an den Fingerspitzen, schlenkerte mchtig mit dem einen Bein und schlpfte dann auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum zurck und zog schleunigst die Hand weg. Trotz dieser Mierfolge lie jedoch der listige Teufel nicht von seinen bsen Streichen. Mit einem Anlauf rannte er heran und packte den Mond mit beiden Hnden; er krmmte sich hin und her, blies aus vollen Backen auf ihn und warf ihn aus einer Hand in die andere, wie ein Bauer, der sich mit bloen Hnden Feuer fr seine Pfeife holt; endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste weiter, als ob ganz und gar nichts geschehen wre. In Dikanka hatte niemand gemerkt, da der Teufel den Mond gestohlen hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber, brigens auf allen Vieren, die Schnke verlie, sah er, da der Mond pltzlich am Himmel umhertanzte, und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem ganzen Dorfe; aber die Leute im Dorfe schttelten nur die Kpfe und lachten ihn einfach aus. Doch was hatte den Teufel eigentlich zu einer so schndlichen Tat veranlat? Der Grund war folgender: er wute, da der reiche Kosak Tschub vom Kster zum Weihnachtsschmaus eingeladen war, und da auerdem noch der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsngers von der Bischflichen Sngerkapelle, ein Mann im blauen Rock, der die tiefsten Batne mhelos hervorbrachte, ferner der Kosak Swerbygus und noch dieser und jener da sein wrden. Da wrde es auer dem Weihnachtskuchen noch sen Branntwein, Safranschnaps und noch allerhand Gutes zum Essen und Trinken geben. Unterdessen wrde aber sein Tchterchen, die erste Schne im ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann wrde sicher der Schmied zu dem Mdel kommen, ein handfester, krftiger Bursch, ein Mordskerl, der dem Teufel noch widerwrtiger war als die Predigten des Vaters Kondrat. In seinen Muestunden pflegte der Dorfschmied sich nmlich mit der Malerei zu beschftigen, und er galt als der beste Maler in der ganzen Umgegend. Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen lassen, um den Bretterzaun vor seinem Hause zu tnchen. Alle Schsseln, aus denen die Kosaken in Dikanka ihren Borschtsch schlrften, waren von ihm bemalt. Der Schmied war ein gottesfrchtiger Mann, malte oft Heiligenbilder, und man kann jetzt noch in der Kirche zu T..... einen Evangelisten Lukas von seiner Hand sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild, das er an die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt hatte; da hatte er den heiligen Petrus dargestellt mit Schlsseln in der Hand, wie er am jngsten Tage den bsen Geist aus der Hlle vertreibt: der erschrockene Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und her, und die Snder, die einst in die Hlle gesperrt waren, prgeln mit Knuten, Holzscheiten und allem, was ihnen unter die Hnde kommt, auf ihn los. Zur Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete -- er malte es auf ein groes Brett -- hatte sich der Teufel aus aller Kraft bemht, ihn dabei zu stren: er puffte ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der Schmiede-Esse und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem wurde das Werk zu Ende gefhrt, das Brett wurde in die Kirche gebracht, an der Wand der Vorhalle angenagelt, und seitdem hatte der Teufel dem Schmied Rache geschworen. Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die Welt zu ziehen; in dieser Nacht aber wollte er seine ganze Wut an dem Schmied auslassen, und darum beschlo er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nmlich folgendermaen ausgedacht: der alte Tschub ist trge, und schwer auf die Beine zu kriegen, und dann ist es auch von seinem Hause bis zum Kster nicht sehr nahe. Der Weg zu ihm fhrte hinterm Dorfe an Windmhlen und am Friedhof, an einem Abgrund vorber, und dann konnten bei hellen Mondnchten auch noch der se Branntwein und der Safranschnaps den Tschub locken; aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem gelingen, ihn von seinem Pltzchen hinterm Ofen hervor und auf die Strae hinaus zu lotsen. Und da wrde der Schmied, der schon lange nicht im besten Einvernehmen mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so krftig war. Und so kam es, da der Teufel kaum den Mond in die Tasche gesteckt hatte, als es pltzlich in der ganzen Welt so stockfinster wurde, da manch einer den Weg ins Wirtshaus nicht gefunden htte, geschweige denn _den_ in des Ksters Haus. Die Hexe fand sich auf einmal im Dunkeln und stie einen Schrei aus. Da scharwenzelte der Teufel auf sie zu, fate sie flink unterm Arm und begann ihr allerhand schne Dinge ins Ohr zu flstern, wie man sie den Weibern gewhnlich zuzuraunen pflegt. Es geht doch recht wunderlich zu in unserer Welt! Alles was in ihr leibt und lebt, alles ist bemht, einander was abzugucken und andere Leute nachzuffen. Frher gab's einmal eine Zeit, da trugen in ganz Mirgorod nur der Richter und der Brgermeister im Winter Pelze, die mit Tuch berzogen waren, whrend die brigen Unterbeamten gewhnlich die Pelze mit dem Fell nach auen trugen; jetzt dagegen haben sich der Assessor und der Unterrendant neue Pelze aus feinem Lammfell mit Tuchbezgen zugelegt. Vor zwei Jahren kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber Nanking zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat sich zum Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und sogar eine Weste aus Kammgarn machen lassen. Kurz, alles will zur feinen Welt gehren! Wann werden die Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen! Nun knnte man wetten, manchem kommt der Gedanke sonderbar vor, da der Teufel sich ebenso benimmt. Am rgerlichsten ist's aber, da er sich am Ende gar noch auf seine Schnheit was zugute tut, und dabei hat er doch eine Fratze, da es eine wahre Schande ist. Geradezu eine Fresse, wie Foma Grigorjewitsch zu sagen pflegt, das Garstigste vom Garstigen, und so einer geht auch noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es so stockfinster geworden, da man durchaus nichts mehr von dem sehen konnte, was sich zwischen dem Prchen weiter abspielte. * * * * * Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Kster in der neuen Htte gewesen? sprach der Kosak Tschub, trat aus der Tr seines Hauses und ging auf einen hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu, mit einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen konnte, da dies Kinn schon ber vierzehn Tage lang nicht mehr von dem Sensenstck berhrt worden, mit dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers ihren Bart schaben. Dort wird es jetzt ein schnes Gelage geben! fuhr Tschub, bers ganze Gesicht schmunzelnd, fort. Da wir nur nicht zu spt kommen! Dabei rckte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen Pelz fest zusammenzog, schob die Mtze tief in die Augen und nahm die Knute -- den Schrecken und die Angst aller lstigen Hunde -- fester in die Hand. Als er jedoch nach oben blickte, hielt er inne .... Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! .... Was denn? sprach der Gevatter und hob ebenfalls seinen Kopf. Was? Der Mond ist fort! Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort! Das ist es ja eben, rief Tschub, einigermaen rgerlich ber die unerschtterliche Teilnahmslosigkeit des Gevatters. Du scherst dich wohl wenig drum! Ja, was soll _ich_ denn dabei machen? Mute sich da gerad so ein Teufel, fuhr Tschub fort und wischte sich mit dem rmel den Schnurrbart, grad so ein Teufel hineinmischen! So ein Hundsfott! Da er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu trinken kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen .... Als ich in der Stube sa, da sah ich zu meinem Vergngen zum Fenster hinaus: die Nacht war ein reines Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im Mondlichte und alles war so klar zu sehen wie am lichten Tag; kaum aber trete ich aus der Tr -- da herrscht eine Dunkelheit, da man die Hand vor den Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zhne an hartem Buchweizenbrot ausbrechen! Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich aber berlegte er, wozu er sich entschlieen solle. Fr sein Leben gern htte er beim Kster ber dies und jenes schwatzen mgen; denn sicher saen dort schon der Amtmann, der zugereiste Ba und der Teersieder Mikita, der alle vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren pflegte und solche Possen trieb, da die Leute auf dem Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten. Schon sah Tschub in Gedanken den sen Branntwein auf dem Tische stehn. Freilich, all das war verlockend, aber die Dunkelheit der Nacht lockte wieder zu jenem Faulenzerleben, das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut wre es jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu sitzen, seine Pfeife zu rauchen und in s umnebelndem Schlummer den lustigen Burschen und Mdeln zuzuhren, die in Scharen vor den Fenstern ihre Lieder singen und die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel htte er sich auch fr das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wre; aber zu zweit war es jetzt nicht mehr so langweilig und so gruselig, mitten durch die Nacht zu gehen, auch wollte er vor dem andern nicht faul und feige erscheinen. Als er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an den Gevatter. Der Mond ist also weg, Gevatter? Ja, er ist weg! Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du hast einen vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du ihn her? Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener -- antwortete der Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde mit den eingeritzten Mustern zuklappte. Nicht einmal ein altes Huhn wrde bei diesem Tabak niesen! Ich erinnere mich, fuhr Tschub in demselben Tone fort, der verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal etwas Tabak aus Njeschin mitgebracht. O, war das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun? Es ist ja mchtig dunkel. So bleiben wir meinetwegen zu Hause! rief der Gevatter und griff schon nach der Trklinke. Htte der Gevatter das nicht gesagt, so htte Tschub sich wohl entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber schien ihn geradezu etwas zum Widerspruch zu reizen. Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmglich! Wir mssen gehen! Kaum hatte er das gesagt, so rgerte er sich schon ber seine eigenen Worte. Es war ihm hchst unangenehm, sich in solcher Nacht herumtreiben zu mssen, aber der Gedanke trstete ihn, da er es selbst so gewollt, und da er wider den Ratschlag eines anderen gehandelt hatte. Der Gevatter lie auch nicht die leiseste Regung von Verdrielichkeit auf seinem Gesichte erkennen. Er war ein Mann, dem es durchaus gleich war, ob er zu Hause sa, oder ob er sich drauen umhertrieb. Er sah sich nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute die Achseln -- und die beiden Gevattern machten sich auf den Weg. * * * * * Doch sehen wir nun zu, was seine schne Tochter trieb, die allein zu Hause geblieben war. Oxana war noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als man schon beinah in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die Burschen erklrten einstimmig, ein herrlicheres Mdchen gbe es im ganzen Dorfe nicht, habe es noch nie gegeben und werde es auch niemals geben. Oxana hrte und wute alles, was ber sie geredet wurde, und sie war so eingebildet, wie ein schnes Mdchen es eben ist. Htte sie nicht ein Kopftuch und die Jacke einer Buerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so htte sie sicher alle Mdchen in den Schatten gestellt. Die Burschen liefen ihr scharenweise nach; aber sie verloren allmhlich die Geduld, verlieen nach und nach die eigensinnige Schne und wendeten sich anderen, weniger verwhnten Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnckig und hrte nicht auf, sie zu umwerben, obwohl er keineswegs besser behandelt wurde als die anderen. Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und schmckte sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel im Bleirahmen. Sie konnte sich nicht satt sehen an ihrer Schnheit. Was fllt den Leuten nur ein, mich zu rhmen, ich sei schn? sprach sie mit zerstreuter Miene, nur um einen Vorwand zu haben, mit sich selbst zu plaudern. Die Leute lgen, ich bin gar nicht schn! Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht im Spiegel, mit den strahlenden schwarzen Augen und dem unsagbar anmutigen Lcheln, das die Seele erglhen machte, bewies das Gegenteil. Sind denn meine schwarzen Brauen und meine Augen in der Tat so schn? fuhr sie fort, ohne den Spiegel aus der Hand zu legen, da sie nicht ihresgleichen in der Welt haben? Was ist nur Schnes an dieser Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen Lippen? Meine schwarzen Zpfe sollen schn sein? O jeh, am Abend knnen sie einem Menschen einen ordentlichen Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden und schlingen sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, da ich gar nicht schn bin! Und sie rckte den Spiegel etwas von sich fort und rief: Nein, ich bin doch schn! Ach, wie ich schn bin! Wundervoll! Welch eine Freude werde ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde. Wie wird mein Gemahl entzckt von mir sein! Er wird auer sich sein vor Freude. Er wird mich zu Tode kssen! Wunderbares Mdchen! flsterte der Schmied, der leise eingetreten war. Aber sie ist nicht wenig eitel! Schon eine Stunde lang steht sie da, besieht sich im Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst, und dazu lobt sie sich noch ganz laut! Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht mich an, fuhr die reizende Kokette fort. Wie ist mein Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist mit roter Seide genht. Und was fr Bnder ich auf dem Kopf habe! Euer Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden sehen! All das hat mit mein Vater gekauft, damit mich der schnste Bursch der Welt zur Frau nimmt. Sie lchelte, wandte sich um und erblickte den Schmied .... Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm stehen. Der Schmied lie die Hnde herabsinken. Es wre schwer zu sagen, was das braune Gesicht des wundervollen Mdchens ausdrckte: ein strenger Ausdruck spiegelte sich in ihm und durch die Strenge hindurch blickte ein gewisser Hohn ber den verblfften Schmied, und eine kaum merkliche Rte, die ihr der rger ins Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war so unbeschreiblich schn, da das Beste, was man hier htte tun knnen, dies gewesen wre: -- sie eine Million Mal abzukssen. Wie bist du hierhergekommen? begann Oxana. Willst du denn, da ich dich mit der Schippe davonjage? Ihr versteht euch meisterhaft darauf, euch an uns heranzumachen. Im Nu schnffelt ihr aus, wann die Vter aus dem Hause sind. O, ich kenne euch schon! Nun, ist meine Truhe fertig? Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen wird sie fertig. Wenn du wtest, wieviel Mhe ich mir gegeben habe: zwei Nchte lang habe ich die Schmiede nicht verlassen. Dafr soll aber auch keine Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschlge darauf getan, wie ich sie nicht einmal fr den Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch in Poltawa auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein! Und wenn du die ganze Umgegend mit deinen weien Fchen ablufst, du findest solch eine Truhe nicht mehr! ber den ganzen Grund werden rote und blaue Blumen verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zrne mir nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und dich nur anzuschauen! Wer verbietet dir das? Rede und schau! Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder in den Spiegel und begann ihre Flechten auf dem Kopfe zu ordnen. Sie blickte auf ihren Hals, auf das neue seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefhl der Selbstzufriedenheit spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen. Erlaube mir, da ich neben dir Platz nehme! sagte der Schmied. Setze dich, sprach Oxana immer noch mit demselben selbstzufriedenen Ausdruck auf den Lippen und in den Augen. Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur, da ich dir einen Ku gebe! sagte der Schmied ermutigt und prete sie an sich, in der Hoffnung, ein Kchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte ihre Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nhe von den Lippen des Schmiedes befanden, und stie ihn von sich. Was du nicht alles mchtest! Kaum hat er den Honig, so braucht er gleich auch noch einen Lffel dazu! Geh doch, deine Hnde sind noch hrter als Eisen. Auch riechst du nach Rauch. Ich glaube gar, du hast mich ganz mit deinem Ru beschmiert. Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem zu putzen. Sie liebt mich nicht! dachte der Schmied bei sich und lie den Kopf hngen. Fr sie ist alles nur Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie ein Narr, und kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich mchte immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht von ihr wenden. Welch herrliches Mdchen! Was wrde ich alles darum geben, zu erfahren, was in ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber nein, sie kmmert sich um niemand. Sie freut sich nur ihrer Schnheit, qult mich Armen, und ich bin so traurig, da mir alles trb und dunkel erscheint. Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der Welt sie je geliebt hat oder lieben wird. Ist es wahr, da deine Mutter eine Hexe ist? fragte Oxana und brach in lautes Lachen aus; auch der Schmied fhlte, wie alles in seinem Innern auflachte. Dieses Lachen schien pltzlich in seinem Herzen wiederzuhallen und in den leise erschauernden Adern, aber gleich darauf erwachte ein rger in seiner Seele, weil er nicht die Macht hatte, dieses so anmutig lachende Antlitz zu kssen. Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir Mutter und Vater und alles, was es auf der Welt an Teurem fr mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich rufen liee und zu mir sagte: Wakula, du darfst mich um alles bitten, was es Schnes in meinem Reiche gibt, ich will dir alles geben. Ich will dir eine Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst silberne Hmmer zum Schmieden bekommen, -- dann wrde ich zu dem Zaren sagen: Ich will weder kostbare Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch dein ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana! Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein Vater ist auch nicht auf den Kopf gefallen. Pa auf, er heiratet noch deine Mutter! sagte sie und lchelte listig. Aber, wo bleiben nur die Mdchen? .... Was soll das bedeuten? es ist schon hchste Zeit, da man vor den Fenstern zu singen beginnt. Ich fange an, mich zu langweilen. Mgen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine Holde! Warum nicht gar! Mit den Mdchen werden auch wohl die Burschen mitkommen. Da wird's was geben. Ich stell' mir vor, was fr putzige Sachen sie da erzhlen werden! Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft? Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat geklopft. Das sind wohl die Mdchen und Burschen. Worauf soll ich noch lnger warten? sprach der Schmied zu sich selbst. Sie macht sich ber mich lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein verrostetes Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann soll wenigstens kein anderer ber mich lachen. Sobald ich merke, da ein anderer ihr besser gefllt als ich, dem will ich doch gleich .... Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an die Tr unterbrochen, und eine Stimme, die bei dem kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: Mach auf! Warte, ich mache schon selbst auf, sagte der Schmied und trat in den Flur hinaus mit dem Vorsatz, dem ersten, der hereinkme, aus rger die Rippen einzuschlagen. * * * * * Der Frost nahm zu, und oben in der Hhe wurde es so kalt, da der Teufel von einem Huf auf den anderen hpfte und sich in die Fuste blies, um nur einigermaen seine frierenden Hnde zu erwrmen. Es war auch kein Wunder, wenn's einen fror, der sich Tag fr Tag in der Hlle herumdrckte. Dort ist's bekanntlich lngst nicht so kalt wie bei uns im Winter, er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmtze auf dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Kchenmeister, und brt die Snder mit solchem Vergngen, wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten. Selbst die Hexe litt unter der Klte, trotzdem sie recht warm angezogen war; daher hob sie die Arme in die Hhe, schob ein Bein vor, gab ihrem Krper die Haltung eines Schlittschuhlufers und sauste, ohne ein Glied zu rhren, durch die Luft, wie wenn's einen steilen Eisberg hinabginge, geradeswegs in den Schornstein hinunter. Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses Vieh aber viel gewandter ist als so mancher Geck in Seidenstrmpfen, so ist's kein Wunder, da er gerad am Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den Hals flog, und schnell sahen sich die beiden in dem gerumigen Ofen mitten unter den Tpfen. Die Besenreiterin schob leise das Ofentrchen auf, um zu sehen, ob ihr Sohn Wakula nicht die Stube voller Gste geladen hatte; als sie aber sah, da niemand da war auer etwa ein paar Scke, die in der Stube umher lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen Pelz ab, ordnete ihre Kleidung, und niemand htte ihr mehr ansehen knnen, da sie noch vor einer Minute auf einem Besenstiel geritten war. Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr als vierzig Jahre alt und war weder schn noch hlich. Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen Jahren schn zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und wrdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei bemerkt, auch wenig um die Schnheit zu tun war), so da sie ebensowohl der Amtmann, wie der Kster Ossip Nikiforowitsch (natrlich, wenn die Frau Ksterin nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der Kosak Kassjan Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer Ehre mu brigens gesagt werden, da sie es vorzglich verstand, mit ihnen umzugehen: keinem einzigen von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er knne einen Nebenbuhler haben. Ging ein frommer Bauer oder ein Edelmann, wie die Kosaken sich selbst zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit der Kapuze zur Kirche, oder -- wenn das Wetter schlecht war -- ins Wirtshaus, so lie er sich's nicht nehmen, bei der Solocha vorzusprechen, um ein paar fette Ksekrapfen mit Rahm zu essen und ein Weilchen mit der gesprchigen und geflligen Hausfrau in der warmen Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu diesem Zweck einen groen Umweg, bevor er im Wirtshaus anlangte -- und nannte das unterwegs mal vorsprechen. Oder ging die Solocha einmal an einem Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel und dem blauen Rock darber, der hinten mit goldenen Bndern benht war, zur Kirche, und stellte sie sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing der Kster sicherlich an zu hsteln und blinzelte unwillkrlich nach jener Seite hinber; der Amtmann aber strich sich den Schnurrbart, wickelte sich seine Kosakenlocke ums Ohr und sprach zu dem neben ihm stehenden Nachbar, Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz verteufeltes Weib! Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen zu gren, und jeder glaubte, sie gre ihn allein. Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, der konnte sofort merken, da die Solocha am freundlichsten gegen den Kosaken Tschub war. Tschub war Witwer. Vor seinem Hause standen stets acht Schober Getreide, zwei Paar mchtige Ochsen streckten bestndig ihre Kpfe durch das Geflecht des Schuppens auf die Strae hinaus und brllten jedesmal, wenn sie eine Muhme oder einen Ohm, das heit eine Kuh oder einen dicken Bullen kommen sahen. Ein brtiger Bock kletterte hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit einer gerad so schrillen Stimme von dort herab wie der Brgermeister, um die auf dem Hofe umher stolzierenden Truthhne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor, wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die sich ber seinen Bart lustig zu machen pflegten. In Tschubs Truhen lagen viele Ellen Leinwand, teure Schupans und altertmliche Rcke mit Goldborden: seine verstorbene Frau war nmlich sehr putzschtig gewesen. In seinem Gemsegarten gab es auer Mohn, Kohl und Sonnenblumen auch noch zwei Beete mit Tabak. Von all dem, meinte die Solocha, wre es ganz nett, wenn es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt wrde; sie rechnete schon im voraus damit, welche Ordnung sie einfhren wollte, wenn all das in ihre Hnde gelangen wrde, und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen gegen den alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht an seine Tochter heran machte, alles Hab und Gut selbst einheimste, und ihr dann am Ende nicht mehr erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff sie nach dem blichen Mittel aller vierzigjhrigen Weiber, das heit, sie ste mglichst viel Fehde zwischen Tschub und dem Schmied. Vielleicht waren gerade diese Rnke und Listen der Grund davon, da die alten Weiber, besonders wenn sie in frhlicher Gesellschaft zusammen saen und etwas ber den Durst getrunken hatten, davon munkelten, die Solocha sei wirklich eine Hexe: der Bursche Kisjakolupenko habe hinten bei ihr einen Schwanz gesehen, der ungefhr so lang gewesen sei wie eine Weiberspindel; am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt einer schwarzen Katze ber die Strae gelaufen; auch sei einmal eine Sau zur Popenfrau gerannt gekommen, habe wie ein Hahn gekrht, dann sich die Mtze des Vaters Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht .... Der Zufall wollte es, da gerade zu der Zeit, als die alten Weiber ber diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt namens Tymisch Korostjawi bei ihnen erschienen war. Er versumte nicht, zu erzhlen, wie er einmal im Sommer, kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall schlafen gelegt und sich ein Bndel Stroh unter den Kopf gebettet hatte, mit eigenen Augen gesehen habe, wie eine Hexe mit aufgelstem Haar und in bloem Hemde angefangen habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht vom Fleck rhren knnen, so behext habe sie ihn, auch habe sie ihm die Lippen mit einem so widerlichen Zeug beschmiert, da er noch einen ganzen Tag danach immer ausspucken mute. Doch all das war immerhin zweifelhaft, denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine Hexe sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von Ansehen und Wrden mit Hnden und Fen dagegen, wenn sie solche Reden mit anhren muten. Sie lgen, die hundsfttischen Weiber! war gewhnlich ihre Antwort. Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und hatte sich ihre Kleider wieder ein wenig in Ordnung gebracht, so begann sie sofort als gute Wirtin die Stube aufzurumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die Scke aber rhrte sie nicht an. Die hat Wakula gebracht, mag er sie doch auch selbst wieder hinaustragen! Der Teufel aber hatte sich, als er in den Schornstein hineinflog, zufllig umgeschaut, und da hatte er ganz nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem Gevatter erblickt. Im Nu flog er wieder aus dem Ofen, rannte ihnen auf ihrem Wege voran und begann von allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln. Es erhob sich ein richtiges Schneegestber, in der Luft flimmerte es nur so wei durcheinander. Der Schnee wogte hin und her wie ein Netz und drohte, den Fugngern Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel aber flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon berzeugt, da Tschub und der Gevatter umkehren wrden; dann wrde Tschub den Schmied bei sich im Hause treffen und ihn sicherlich so traktieren, da der auf lange Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und Spottbilder zu malen. * * * * * Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestber erhoben und kaum fing der Wind an, ihnen gerade ins Gesicht zu fegen, so uerte Tschub schon Reue. Er schob sich die Mtze tiefer ber die Ohren und regalierte alle, sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten. brigens war diese Wut nur geheuchelt. Tschub war sehr froh ber das Unwetter. Bis zum Hause des Ksters war es ungefhr achtmal so weit, wie die Strecke, die sie schon zurckgelegt hatten. Die Wanderer kehrten also um. Der Wind blies ihnen zwar in den Nacken, aber es war gnzlich unmglich, in diesem Schneegestber auch nur das geringste zu sehen. Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch, sagte Tschub nach einer kurzen Weile. Ich sehe keine einzige Htte. He, ist das ein Schneegestber! Bieg doch mal etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht findest du da einen Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen. Mute uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus dem Hause locken! Vergi nur nicht zu rufen, wenn du den Weg gefunden hast. Herrgott, was fr einen Haufen Schnee hat mir der Satan in die Augen gejagt! Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen. Der Gevatter schlug einen Seitenweg ein und irrte in seinen langen Stiefeln hin und her, bis er endlich auf das Wirtshaus stie. Diese Entdeckung freute ihn dermaen, da er alles verga, den Schnee von sich abschttelte und ins Wirtshaus trat, ohne sich im Geringsten um seinen Gevatter auf der Strae zu scheren. Unterdessen war es Tschub so vorgekommen, als ob er den richtigen Weg gefunden htte. Er machte Halt und schrie aus voller Kehle, als er aber sah, da der Gevatter nicht zum Vorschein kam, beschlo er, den Weg allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein Haus. Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge von Schnee. Er klatschte in die vor Klte erstarrten Hnde und begann, an die Tr zu klopfen und seiner Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen. Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn grob an: Was willst du? Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich etwas zurck. Hm, nein, das ist nicht mein Haus, sagte er sich, in mein Haus wrde sich der Schmied doch nicht hineinwagen, aber wenn ich's mir wiederum genauer ansehe, so ist's auch nicht das Haus des Schmieds. Wessen Haus knnte das blo sein? Holla! Da ich's nicht gleich erkannt habe! Das ist ja das Haus des lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen so hnlich. Daher kam es mir doch auch gleich etwas sonderbar vor, da ich schon so schnell zu Hause war! Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Kster, das wei ich genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? .... Hahaha! Er besucht seine junge Frau. Das ist's also! Schn! .... Jetzt verstehe ich alles. Wer bist du und was treibst du dich vor fremden Tren herum? rief der Schmied noch grber als frher und rckte nher. Nein, ich sag' ihm nicht, wer ich bin, dachte sich Tschub, am Ende krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem verfluchten Bastard! Und er antwortete mit verstellter Stimme: Ich bin doch ein anstndiger Mensch! Ich will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um euch einen kleinen Spa zu machen! Scher' dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern, schrie Wakula wtend. Was stehst du noch da? Hrst du! Packe dich auf der Stelle! Tschub hatte diesen vernnftigen Vorsatz schon selbst gefat; es war ihm nur unangenehm, dem Befehle des Schmieds folgen zu mssen. Es schien ganz so, als ob ihn ein bser Geist vorwrts stie und ihn zum Widerstand ntigte. Was schreist du da so? rief er mit derselben Stimme. Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen und sonst nichts! Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug? rief der Schmied, und Tschub fhlte einen hchst schmerzhaften Schlag auf der Schulter. Du bist gleich mit Prgeln bei der Hand, wie ich sehe! sagte er und wich etwas zurck. Pack' dich, marsch! schrie der Schmied und regalierte ihn mit einem zweiten Schlag. So! rief Tschub mit einer Stimme, in die sich Schmerz, rger und Furcht mischten. Wie ich sehe, machst du keinen Spa, deine Prgel tun ja ordentlich weh! Marsch, vorwrts! rief der Schmied und schlug die Tre zu. Schau einer an, wie tapfer der tut! sprach Tschub, als er nun allein auf der Strae stand. Versuch's nur und komm blo heran! He, wer bist du denn? Etwa ein groes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir nichts anhaben? Nein, mein Tubchen, ich gehe geraden Wegs zum Kommissr, da sollst du was von mir erleben! Ich werde keine Rcksicht darauf nehmen, da du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn ich mir meinen Rcken und meine Schultern ansehe, so werde ich wohl sicher blaue Flecken finden. Er hat mir tchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lmmel. Schade nur, da es so kalt ist, ich mchte nmlich nicht gern den Pelz ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied! Der Satan soll dich und deine Schmiede in Stcke schlagen. Du sollst noch ein Tnzchen bei mir erleben! Verfluchter Hallunke! -- Also ist er jetzt nicht zu Hause? Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht weit. -- Ob ich am Ende hingehe! Um diese Zeit wird uns niemand berraschen. Vielleicht hab' ich auch Glck und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser gottsverdammte Schmied! Und Tschub kratzte sich den Rcken und schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Die Gensse, die seiner bei der Solocha harrten, verringerten einigermaen den Schmerz, und machten Tschub sogar weniger empfindlich gegen den Frost, der auf den Straen knirschte, und der nicht einmal vom Sausen des Windes bertnt wurde. Eine sauerse Miene erschien manchmal auf seinem Gesicht, dessen Kinn und Schnurrbart das Unwetter schneller mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier, der sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wre jedoch der Schnee einem nicht kreuz und quer vor den Augen herumgewirbelt, so htte man noch lange sehen knnen, wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den Rcken kratzte, ausrief: Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied tun aber mchtig weh! und dann weiter zog. * * * * * Whrend der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart aus dem Schornstein und wieder in den Schornstein zurckflog, blieb ihm zufllig seine Tasche, die ihm an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond hineingesteckt hatte, im Ofen hngen und ging auf. Der Mond benutzte diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein des Hauses der Solocha in die Freiheit hinaus und stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell! das Schneegestber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte sich weit in die Ferne wie ein groes silbernes Gefild, ber das kristallene Sterne ausgestreut waren. Selbst der Frost schien etwas nachgelassen zu haben. Burschen und Mdchen kamen in Scharen mit ihren Scken herbei. Die Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe vor keinem Fenster fehlten Snger, die den heiligen Christ besangen. Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab! Es ist schwer zu beschreiben, wie schn es ist, sich in solcher Nacht unter die Scharen laut lachender Mdchen und Burschen zu mischen, die zu allen Spen und losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig verbrachte Nacht eingeben kann. Unter dem dicken Pelze ist's warm; die Backen glhen nur noch lebhafter vor Klte, und der Teufel scheint einen hinterrcks nur so zu mutwilligen Stckchen zu treiben. Scharen von Mdchen brachen mit Scken in Tschubs Haus ein und umringten Oxana. Das Geschrei, das Gelchter und die Erzhlungen betubten den Schmied. Alle beeilten sich, der Schnen etwas Neues zu erzhlen, sie luden ihre Scke aus und prahlten mit dem Kuchen, den vielen Wrsten und Krapfen, die ihnen ihr Straengesang bereits eingebracht hatte. Oxana schien sehr vergngt und frhlich zu sein, schwatzte bald mit der einen, bald mit der anderen und lachte ohne Ende. Der Schmied sah dieses frhliche Treiben voller Neid und rger an, und verfluchte diesmal das ganze Christsingen, obwohl er sonst wie besessen darauf war. Du, Odarka! rief die Schne lustig, zu einem der Mdchen gewandt, du hast ja neue Schuhe an. Ach, wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es gut, Odarka, du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand so entzckende Schuhe. Grm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana! unterbrach sie der Schmied. Ich will dir solche Schuhe schenken, wie sie selbst ein Edelfrulein selten trgt! Du? rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an. Ich mchte doch sehen, wo du solche Schuhe herkriegen willst, die an meine Fe passen. Ja, wenn du mir die Schuhe brchtest, die die Zarin trgt ....! Sieh einer an, was die will! riefen die Mdchen lachend. Ja! fuhr die Schne stolz fort. Seid ihr meine Zeugen: wenn mir der Schmied Wakula die Schuhe bringt, die die Zarin trgt, so habt ihr mein Wort darauf, da ich sofort seine Frau werde. Die Mdchen fhrten die launische Schne mit sich fort. Lache nur, lache! sprach der Schmied, der gleich nach ihnen das Haus verlie. Ich lache selbst ber mich! Ich grble und grble und kann's nicht fassen, wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht -- nun, da ist nichts zu ndern! Als ob's in der Welt nur die eine Oxana gbe. Gott sei Dank, es gibt auch auer ihr noch viele nette Mdchen im Dorfe. Was soll ich denn berhaupt mit der Oxana? Sie wird ja doch nie eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich zu putzen. Nein, nun ist's genug! Nun soll die Narretei aufhren! Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen Entschlu fassen wollte, fhrte ihm ein bser Geist Oxanas lachendes Antlitz vor Augen, und das sprach hhnisch: Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich bin deine Frau! Und alles in ihm geriet in Wallung, und er dachte nur noch an Oxana. Scharen von Sngern: Burschen und Mdchen in getrennten Trupps eilten aus einer Strae in die andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne etwas zu sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen. * * * * * Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zrtlich gegen Solocha: er kte ihr die Hand mit denselben Fratzen, mit denen der Assessor der Popentochter die Hand zu kssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz, sthnte und erklrte geradeheraus, wenn sie nicht seine Leidenschaften stillen und ihn nach Brauch und Sitte erhren wrde, wre er zu allem fhig: er wrde sich ins Wasser strzen und seine Seele geradeswegs in die Hlle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und dann unterhielt der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr eine alte Freundschaft. Sie liebte es, sich von Anbetern umringt zu sehen, und selten war sie ohne Gesellschaft. Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen, denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum Weihnachtsschmaus beim Kster geladen. Aber es kam alles anders: Kaum hatte der Teufel seine Werbung vorgebracht, da vernahmen sie pltzlich ein Klopfen und die Stimme des beleibten Amtmanns vor der Tre. Solocha lief hin, um ihm aufzumachen, der flinke Teufel aber sprang hurtig in einen der Scke. Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschttelt und ein Glschen Schnaps aus Solochas Hand entgegengenommen und ausgetrunken hatte, erzhlte er, er sei nicht zum Kster gegangen, denn es habe sich ein Schneegestber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht gesehen und sei bei ihr eingekehrt, um den Abend mit ihr zu verbringen. Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an die Tre geklopft wurde und sich die Stimme des Ksters vernehmen lie. Versteck mich irgendwo, flsterte der Amtmann, ich mchte jetzt nicht mit dem Kster zusammentreffen. Solocha berlegte lange, wo sie einen so dicken Gast verstecken knnte; endlich whlte sie einen der grten Kohlenscke, schttete die Kohlen in einen Zuber, und der feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart, Kopf und Mtze in den Sack. Der Kster kam chzend und sich die Hnde reibend, herein, und erzhlte, es sei niemand zu ihm zum Essen gekommen, er sei aber herzlich froh ber die Gelegenheit, sich mit ihr unterhalten zu knnen, und habe sich nicht einmal durch das Schneegestber davon abhalten lassen. Dann trat er nher auf sie zu, rusperte sich, grinste, tippte mit seinen langen Fingern auf ihren nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: Was habt Ihr denn da, reizende Solocha? Und indem er das sagte, sprang er etwas zurck. Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch! antwortete Solocha. Hm! Ein Arm! Hhh! rief der Kster herzlich zufrieden ber diesen Anfang und ging im Zimmer auf und ab. Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha? sprach er mit derselben Miene, ging wieder auf sie zu, betappte ihren Hals mit seiner Hand und sprang ganz so wie vorher wieder zurck. Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch, erwiderte die Solocha, mein Hals ist es, und dies hier ist ein Halsband! Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hhh! und der Kster ging wieder ein paarmal im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hnde. Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha? .... Es ist nicht ganz sicher, was der Kster jetzt mit seinen langen Fingern berhrt htte, denn auf einmal ertnte ein Klopfen an der Tr, und die Stimme des Kosaken Tschub lie sich vernehmen. Oh Gott, ein Fremder! rief der Kster erschrocken. Das soll nur werden, wenn man eine Person meines Standes hier antrifft .... Vater Kondrat wird es noch erfahren! ..................... Aber die Befrchtungen des Ksters lagen auf anderem Gebiet; am meisten frchtete er, seine Ehehlfte knnte es erfahren, deren schreckliche Hand ohnehin aus seinem dicken Priesterzopfe ein dnnes Mauseschwnzchen gemacht hatte. Um Gottes willen, tugendhafte Solocha! sprach er, am ganzen Leibe zitternd. Eure Gte, wie es im Evangelium Lucae heit, Kapitel dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man klopft! Versteckt mich doch nur irgendwo! Solocha schttete die Kohlen aus noch einem Sack in den Zuber, und der nicht besonders umfangreiche Kster kroch hinein und kauerte sich ganz am Boden des Sacks zusammen, so da man noch einen halben Sack voll Kohlen ber ihn hatte ausschtten knnen. Gr Gott, Solocha! sagte Tschub, der jetzt in die Stube trat. Du hast mich vielleicht nicht erwartet, was? Nicht wahr, du hast mich nicht erwartet? Vielleicht stre ich? .... fuhr Tschub fort und lie auf seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende Miene sehen, aus der man von vornherein erkennen konnte, wie sehr sein schwerflliger Kopf sich abmhte, etwas recht Spitzes und Schelmisches zu sagen. Vielleicht hast du dir gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht hast du doch jemanden versteckt, was? Und entzckt ber diese Bemerkung brach Tschub in ein Gelchter aus, innerlich darber triumphierend, da nur er allein Solochas Gunst geniee. Nun, Solocha, trinken wir jetzt ein Schnpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle ganz eingefroren von der verfluchten Klte. Mute uns Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht schicken! Was das fr ein Schneetreiben war! hrst du, Solocha, was das fr ein Schneetreiben war .... Mir sind die Hnde ganz steif geworden: ich kann nicht einmal den Pelz aufknpfen! Wie das Schneegestber losging .... Mach auf! ertnte in diesem Augenblick eine Stimme von der Strae her, die von einem Sto gegen die Tr begleitet wurde. Es klopft jemand, sagte Tschub und hielt inne. Mach auf! schrie es noch lauter. Das ist der Schmied! rief Tschub und griff rasch nach der Mtze. Hrst du Solocha, versteck mich, wo es auch sei, um keinen Preis der Welt will ich mich hier vor dieser gottverdammten Migeburt sehen lassen. Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen Blasen anlaufen: so gro wie zwei Heuschober! Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als ob sie nicht ganz gescheit wre. Ohne sich viel zu besinnen, machte sie Tschub ein Zeichen, er solle in denselben Sack hineinkriechen, in dem bereits der Kster steckte. Der arme Kster konnte nicht einmal durch Husten oder chzen seinen Schmerz kundgeben, als sich der schwere Mann ihm beinah auf den Kopf setzte und ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die Schlfen drckte. Der Schmied trat ein und lie sich, ohne ein Wort zu reden, und ohne die Mtze abzunehmen, auf eine Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter Laune. Zur selben Zeit, als Solocha die Tr hinter ihm zumachte, ertnte ein neues Klopfen. Es war der Kosak Swerbygus. Aber den htte man schon nicht mehr in einem Sack verstecken knnen, denn ein solcher Sack war nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter als selbst der Amtmann und hher von Wuchs als Tschubs Gevatter. Daher fhrte ihn Solocha in den Gemsegarten, um alles von ihm zu hren, was er ihr zu sagen hatte. Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner Stube und lauschte ab und zu den weit vom Dorfe herber hallenden Liedern der Snger; endlich blieben seine Augen an den Scken haften. Wozu liegen diese Scke hier? Man htte sie schon lngst wegrumen sollen. Die dumme Liebe hat mich ganz wirr gemacht. Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt noch immer aller mgliche Plunder herum. Ich trage sie gleich in die Schmiede! Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Scken hin, band sie fest zusammen und machte sich daran, sie auf seine Schultern zu heben. Aber es war ersichtlich, da seine Gedanken Gott wei wo herumspazierten; sonst htte er hren mssen, wie Tschub keuchte, als ihm das Haar auf dem Kopfe vom Strick festgeklemmt wurde, und wie der feiste Amtmann ziemlich deutlich den Schlucken bekam. Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht aus dem Sinne? sprach der Schmied. Ich will nicht an sie denken; und doch kreisen meine Gedanken, immerfort und wie zu Flei allein um sie. Wie kommt es, da man wider Willen an etwas denken mu? Verflucht! Die Scke scheinen ja schwerer geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen noch etwas hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse ja ganz, da mir jetzt doch alles schwerer erscheint. Frher konnte ich mit einer Hand eine Fnfkopekenmnze und ein Hufeisen zusammen- und wieder auseinanderbiegen, und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein paar Kohlenscke aufheben. Bald wird mich noch ein Windhauch umblasen .... Nein! rief er nach einem kurzen Schweigen und fate Mut. Was bin ich doch fr ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, ber mich zu lachen! Und wenn es auch zehn solche Scke wren, -- ich trag sie alle weg! Und rstig warf er sich die Scke ber die Schultern, diese Scke, die nicht einmal zwei krftige Mnner htten aufheben knnen. Ich nehme auch den da noch mit, fuhr er fort und hob den kleinen Sack in die Hhe, auf dessen Boden der Teufel zusammengekauert lag. Da hab ich meine Werkzeuge hineingetan. Mit diesen Worten verlie er das Haus, und vor sich her summte er das Liedchen: Ach vom Weibe sollt ich lassen! * * * * * Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und das Gelchter auf den Straen. Den Scharen der umherziehenden Leute schlossen sich auch noch solche an, die aus den kleineren Nachbardrfern herbeigekommen waren. Die Burschen tobten umher und verbten nach Herzenslust allerhand Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesnge ein lustiges Liedchen hinein, das einer der jungen Kosaken eben erst verfat hatte. Oder pltzlich sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes ein Silvesterliedchen und brllte aus vollem Halse: Silvester, Bester! Will lecken 'nen Wecken! Will papfen 'nen Krapfen! Will Wurst nach'm Durst! Lautes Lachen belohnte den Spavogel. Die kleinen Fenster wurden zurckgeschoben, und die drren Arme einer alten Frau, die allein mit den wrdigen Vtern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich, mit einer Wurst oder einem Stck Kuchen in der Hand, hervor. Die Burschen und Mdchen hielten um die Wette ihre Scke unter und fingen die Beute auf. An einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen Burschen mehrere Mdchen. Da gab es Lrm und Geschrei; der eine warf einen Schneeball, und ein anderer raubte einen Sack, der mit allerhand Kram angefllt war. Wieder an einer anderen Stelle haschten Mdchen nach einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog mitsamt seinem Packen Hals ber Kopf zu Boden. Es schien, als ob sie die ganze Nacht hindurch in toller Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit Absicht, so herrlich und milde! Und noch heller und weier erschien der Mondschein vom Leuchten des Schnees! Der Schmied machte mit seinen Scken halt. Er glaubte die Stimme und das feine Lachen Oxanas in der Mdchenschar vernommen zu haben. Er fhlte, wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann, warf die Scke zu Boden, so da der Kster im Sack aufsthnte und der Amtmann aus vollem Halse aufschluckte, und schlo sich mit dem kleinen Sack ber der Schulter dem Haufen der Burschen an, die hinter der Schar der Mdchen herzogen, in der er die Stimme Oxanas vernommen zu haben glaubte. Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre schwarzen Augen leuchten. Ein stattlicher Bursch erzhlt ihr etwas; sicher etwas Ergtzliches, denn sie lacht. Aber sie lacht ja immer. Und unwillkrlich und ohne zu begreifen, wie es geschah, drngte sich der Schmied durch die Menge hindurch und stellte sich an ihre Seite. Ah, Wakula, du bist hier! Gr Gott! rief die Schne mit jenem Lcheln, das Wakula beinah wahnsinnig machte. Nun, hast du dir viel ersungen? He, was hast du denn da fr einen kleinen Sack bei dir! Und die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon gekriegt? Schaff mir die Stiefelchen, so heirate ich dich .... Und lachend lief sie mit einem Trupp Mdchen davon. Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck. Nein, ich kann nicht; ich hab keine Kraft mehr .... rief er endlich. Himmel Herrgott, warum ist sie nur so verteufelt schn? Ihr Blick, ihre Rede, alles brennt in mir, glht und brennt! Nein, ich kann mich nicht mehr berwinden. Es mu ein Ende gemacht werden. So geh denn zugrunde, meine Seele! Ich will mich in einem Eisloch ertrnken, dann ist alles aus! Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mdchen ein, erreichte Oxana und rief mit fester Stimme: Leb wohl, Oxana! Suche dir einen Brutigam, wie du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst; mich wirst du nie mehr auf der Welt erblicken. Die Schne schien erstaunt und wollte etwas sagen, aber der Schmied wehrte mit der Hand ab und rannte davon. Wohin, Wakula? schrien die Burschen, als sie den Schmied davonlaufen sahen. Lebt wohl, Brder! rief ihnen der Schmied zu. Wenn Gott will, sehn wir uns in jener Welt wieder, in dieser werden wir uns nie mehr zusammenfinden. Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bsem! Sagt dem Vater Kondrat, er mge eine Totenmesse fr meine sndige Seele lesen. Ich wei es, ich bin schuldig und habe die Kerzen an den Bildern des heiligen Wundertters und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu sehr in irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab und Gut und alles, was sich in meinem Kasten findet, vermach' ich der Kirche. Lebt wohl! Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke auf dem Rcken weiter! Er ist von Sinnen! sprachen die Burschen. Eine verlorene Seele! murmelte fromm eine vorbergehende Alte. Ich mu doch gleich herumgehen und allen erzhlen, wie sich der Schmied erhngt hat! * * * * * Unterdessen lief Wakula durch die Straen; endlich blieb er stehen, um Luft zu schpfen. Wohin renne ich eigentlich so? dachte er. Als ob wirklich alles verloren wre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen. Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der soll doch alle Teufel in der Welt kennen und alles machen knnen, was er will. Ich geh zu ihm, meine Seele ist ja ohnehin verloren! Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war, hpfte im Sack vor Freude; der Schmied aber glaubte, er selbst htte den Sack irgendwie mit der Hand berhrt und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner mchtigen Faust auf den Sack, rttelte ihn und begab sich zu Patzjuk Schmerbauch. Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals ein Saporoger Kosak gewesen; aber niemand wute, ob er aus der Gemeinschaft vertrieben oder von selbst davongelaufen war. Er lebte schon seit langem in Dikanka, vielleicht an die zehn oder gar fnfzehn Jahre. Zuerst fhrte er den Lebenswandel eines echten Saporogers: arbeitete nicht, schlief dreiviertel des Tages, a wie sechs Drescher und trank einen ganzen Eimer voll auf einen Zug; brigens hatte der auch bequem Platz, denn obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch recht stark in die Breite gegangen. Dazu trug er so weite Pluderhosen, da seine Beine, so lang er auch ausschreiten mochte, kaum zu sehen waren, und da es den Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die Strae entlang bewege. Daher mochte wohl auch sein Spitzname Schmerbauch stammen. Noch waren keine vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen, da wute schon jedermann, da er ein Hexenmeister sei. Hatte jemand irgend eine Krankheit, sogleich wurde Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein paar Worte zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand weggewischt. Oder geschah es, da einem unmigen Edelmann eine Fischgrte in der Kehle stecken geblieben war, so verstand es Patzjuk, den Rcken des Herrn so geschickt mit der Faust zu beklopfen, da die Grte den rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur den leisesten Schaden zuzufgen. In der letzten Zeit hatte man ihn wenig gesehen. Der Grund davon lag vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht aber auch in dem Umstande, da es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde, durch die Tr zu kommen. Und so muten denn die Leute zu ihm in sein Haus kommen, wenn sie seiner bedurften. Nicht ohne Furcht ffnete der Schmied die Tr und erblickte Patzjuk, der wie ein Trke auf dem Boden und vor einem kleinen Fasse sa, auf dem eine Schssel mit Klen stand. Diese Schssel stand wie mit Absicht gerade vor seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rhren, neigte er blo den Kopf leise ber die Schssel und schlrfte die Brhe ein, ab und zu schnappte er auch mit den Zhnen nach einem Klo. Nein, dachte Wakula bei sich, der da ist noch fauler als Tschub: jener it doch wenigstens noch mit einem Lffel, dieser aber mag nicht einmal die Hand aufheben! Patzjuk war sicherlich mchtig mit seinen Klen beschftigt, denn er schien das Kommen des Schmiedes gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber war dieser ber die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe Verbeugung. Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk! sagte Wakula und verbeugte sich von neuem. Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder die Klobrhe zu schlrfen. Die Leute sagen, -- nimm es mir nicht bel .... sagte der Schmied, indem er sich selbst Mut zusprach, ich sag's nicht, um dich zu beleidigen -- die Leute sagen, du bist mit dem Teufel verschwgert! Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak er schon, denn er dachte, er htte sich zu eindeutig ausgedrckt und die herben Worte nicht gengend gemildert. Er erwartete, da Patzjuk das Fa mitsamt der Schssel packen und ihm an den Kopf werfen wrde; darum wich er etwas zur Seite und hielt sich den Arm vor, damit die heie Klobrhe ihm nicht das Gesicht bespritze. Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und a weiter. Der Schmied entschlo sich ermutigt, fortzufahren: Ich komme zu dir, Patzjuk; Gott schenke Dir viel Reichtum, gebe dir alles in Hlle und Flle, und auch Brot in Proportion! Der Schmied verstand es sehr wohl, ab und zu ein neumodisch Wrtchen in seine Rede einzuflechten. Das hatte er sich whrend seines Aufenthaltes in Poltawa angewhnt, als er den Bretterzaun des Hauptmanns tnchte. Ich armer Snder mu zugrunde gehen!! Nichts in der Welt kann mir mehr helfen! Komme, was kommen mag. Es bleibt mir nichts mehr brig, als den Teufel selbst um Beistand zu bitten. Also, Patzjuk, rief der Schmied, als er bemerkte, da jener unerschtterlich schwieg, was soll ich anfangen! Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch auch zum Teufel! antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal die Augen auf ihn, und fuhr fort, seine Kle zu vertilgen. Deshalb komme ich ja eben zu dir, erwiderte der Schmied mit einer Verbeugung, auer dir, glaube ich, wei niemand den Weg zu ihm. Patzjuk sprach kein Wort -- und a seine Kle zu Ende. Erbarm dich, guter Mensch, schlag mir die Bitte nicht ab! drngte der Schmied. Ob Schweinefleisch oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, -- oder Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst .... wie es so unter guten Leuten Sitte ist .... es soll dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so beispielsweise, welcher Weg zu ihm fhrt? Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel auf dem Buckel hat, sprach Patzjuk gleichgltig, ohne seine Stellung zu verndern. Wakula starrte ihn an, als stnde die Erklrung dieser Worte auf seiner Stirne zu lesen. Was spricht er? schien seine Miene stumm zu fragen; und sein halbgeffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort, das er sagen wrde, zu verschlingen wie ein Klchen. Aber Patzjuk schwieg. Da merkte Wakula, da weder Kle noch ein Fa vor Patzjuk standen; statt dessen aber standen zwei Holzschsseln auf dem Boden: die eine war mit Krapfen, die andere mit Rahm gefllt. Seine Gedanken und seine Augen wandten sich unwillkrlich diesen Gerichten zu. Sehn wir mal zu, wie Patzjuk die Krapfen essen wird, sagte er zu sich selbst. Er wird sich sicher nicht bcken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlrfen, wie die Kle; es geht ja auch gar nicht: man mu den Krapfen ja zuerst in den Rahm tunken! Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk seinen Mund weit auf, blickte auf die Krapfen und ri dann den Mund noch weiter auf. Da plantschte ein Krapfen aus der Schssel, fiel klatschend in den Rahm, drehte sich auf die andere Seite, hpfte hoch empor und fiel ihm stracks in den Mund. Patzjuk verzehrte den Krapfen, machte den Mund wieder auf, und mit einem anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mute sich nur die Mhe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken. Potztausend! dachte der Schmied und machte vor Verwunderung den Mund weit auf; aber da merkte er, da auch ihm ein Krapfen in den Mund hineinspazierte, und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert. Der Schmied stie den Krapfen verwirrt von sich, wischte sich die Lippen und begann darber nachzudenken, was fr Wunder es doch in der Welt gbe, und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht einen Menschen gelangen liee; und er sagte sich beilufig, da nur Patzjuk imstande sei, ihm zu helfen. Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht sagt er's mir .... Aber, Teufel! Morgen ist ja Weihnachten, und er it Krapfen -- das ist doch kein Fastenessen! Was bin ich doch fr ein Dummkopf: steh da und belade mich mit Snde! Zurck! .... Und der gottesfrchtende Schmied strzte aus dem Hause. Da aber konnte der Teufel, der im Sack sa und sich schon im Voraus gefreut hatte, vor Angst, es knne ihm eine so groartige Beute entgehen, nicht mehr an sich halten. Kaum lie der Schmied den Sack zu Boden gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings auf seinen Hals. Den Schmied berlief es kalt; er erschrak, wurde totenbleich, und wute einfach nicht, was er tun sollte; schon wollte er sich bekreuzigen .... Aber der Teufel neigte sein Hundeschnuzchen an Wakulas rechtes Ohr und sagte: Ich bin's, dein Freund; ich werde alles fr meinen Kameraden und Genossen tun! Ich gebe dir Geld, soviel du willst, murmelte er ihm ins linke Ohr. Oxana wird heute noch die Unsere sein, flsterte er, sein Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der Schmied stand da und sann. Schn, sagte er endlich, um diesen Preis bin ich bereit, dir anzugehren! Der Teufel schlug die Hnde zusammen und begann vor Freude auf dem Halse des Schmiedes auf und ab zu hpfen. Jetzt habe ich den Schmied! dachte er bei sich. Gut, mein Tubchen, du sollst mir all deine Malereien und Schmierereien, mit denen du den Teufel verspottet hast, bezahlen! was werden meine Genossen dazu sagen, wenn sie erfahren, da der frmmste Mann des Dorfes in meinen Hnden ist? Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in der Hlle die geschwnzte Rotte necken werde; und wie der hinkende Teufel, der als Meister aller satanischen Streiche galt, Wut schnauben wrde. Na Wakula! piepste der Teufel, der den Hals des Schmiedes immer noch nicht verlassen hatte, gerade als ob er befrchtete, jener knne ihm entwischen. Du weit ja, da ohne Vertrag nichts unternommen wird. Ich bin bereit! sagte der Schmied. Wie ich gehrt habe, unterzeichnet man bei euch die Vertrge mit Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel aus der Tasche! Dabei griff er mit der Hand nach hinten -- und siehe -- er hatte den Teufel am Schwanze gepackt. Ei ei, du Schker! rief der Teufel lachend, jetzt aber la los, genug der Schelmenstreiche! Nein, warte mein Tubchen! schrie der Schmied. Und was sagst du dazu? Dabei machte er das Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde lammstill. Warte mal! rief er und zerrte ihn am Schwanze zu Boden. Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anstndige Christenmenschen in Snden zu strzen. Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob die Hand empor, um das Zeichen des Kreuzes zu machen. Hab Erbarmen, Wakula! sthnte der Teufel klglich. Ich tue ja alles, was du willst; nur verschone mich; lege mir nur nicht dies furchtbare Kreuz auf. Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter Welschling du! Nun wei ich, was ich zu tun habe. Fhre mich sofort im Ritt auf und davon. Hrst du? eile dahin wie ein Vogel! Wohin? rief der Teufel traurig. Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin! Aber da erstarrte der Schmied vor Schreck, denn er fhlte, wie er in die Lfte emporgehoben wurde. * * * * * Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren Reden des Schmieds. Schon regte sich etwas in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie habe ihn zu hart behandelt. Und wenn er sich wirklich etwas Schreckliches antut? Nichts ist unmglich! Vielleicht verliebt er sich noch am Ende aus Kummer in eine andere und wird sie aus lauter Aerger fr die Schnste im Dorfe erklren. Aber nein, er liebt mich. Ich bin ja auch so schn! Er wird mir keine andere vorziehen; er treibt nur Unsinn und tut nur so. Es werden noch keine zehn Minuten verstreichen, und er wird wiederkommen, um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig. Ich mu mich einmal scheinbar widerwillig von ihm kssen lassen. Das wird eine Freude fr ihn sein! Und die leichtsinnige Schne fing schon wieder an, mit ihren Freundinnen zu scherzen. Halt! rief die eine von ihnen, der Schmied hat seine Scke vergessen; o schaut nur, was fr grliche Scke das sind! Er hat ganz andre Geschenke fr seinen Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und sicherlich Wrste und Brote ohne Zahl. Prchtig! Da kann man die ganzen Feiertage davon essen. Sind das die Scke des Schmiedes? rief Oxana. Schleppen wir sie doch zu mir in die Stube und sehn wir zu, was er alles drin hat. Alle billigten lachend diesen Vorschlag. Aber wir knnen sie nicht in die Hhe heben! rief auf einmal die ganze Schar, die bemht war, die Scke vom Platze zu rcken. Halt, meinte Oxana, holen wir einen Schlitten und schleppen wir sie auf dem Schlitten zu mir! Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten zu holen. Den Gefangenen wurde indessen in den Scken die Zeit gewaltig lang, wenn auch der Kster sich ein tchtiges Loch in den Sack gebohrt hatte. Wren keine Leute dagewesen, so htte er vielleicht auch noch ein Mittel gefunden, herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus dem Sack zu kriechen, sich lcherlich zu machen .... dieser Gedanke hielt ihn zurck, und er beschlo daher, zu warten; und nur hie und da sthnte er unter Tschubs unhflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fhlte, da ein gewisses Etwas unter ihm lag, auf dem ganz grauenhaft unbequem zu sitzen war. Sobald er aber vom Entschlu seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein kommen, denn er dachte daran, da es bis zu seinem Hause noch mindestens hundert Schritt oder gar noch mehr waren; htte er aber hinauskriechen wollen, so htte er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknpfen, und sich den Gurt umbinden mssen -- welche Arbeit! Und dann war auch seine Mtze bei der Solocha geblieben. Da sollten ihn doch lieber die Mdel nach Hause fahren! Es kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte. Whrend die Mdchen davonliefen, um einen Schlitten zu holen, trat der hagere Gevatter verstrt und migestimmt aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte sich durchaus nicht entschlieen knnen, ihm zu borgen. Er wollte im Wirtshause abwarten, ob nicht irgendein frommer Edelmann kommen und ihm was vorsetzen wrde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute zu Hause geblieben und verzehrten als ehrliche Christen ihren Weihnachtskuchen inmitten ihrer Familie. Wie nun der Gevatter so ber die allgemeine Sittenverderbnis und das steinerne Herz des Judenweibs, das den Schnaps feilhielt, nachdachte, stie er pltzlich auf die Scke und blieb erstaunt stehen. Schau, schau, hier hat jemand Scke auf die Strae geworfen! sagte er und sah sich um. Wahrscheinlich ist Schweinefleisch drin. Es gehrt doch ein groes Glck dazu, sich so viel zu ersingen! Was fr riesige Scke! Angenommen selbst, sie wren nur mit Buchweizenbroden und Brezeln gefllt, das wr' auch gar nicht bel, aber selbst wenn nur einfaches Brot darin wre, so liee ich mir auch das gefallen: die verfluchte Jdin gibt ein Achtel Schnaps fr jeden Laib. Ich will sie rasch fortschleppen, so da niemand es sieht. Da wlzte er sich den einen Sack, gerade den mit Tschub und dem Kster, auf die Schulter, fhlte jedoch, da er zu schwer sei. Nein, fr mich allein ist der zu schwer, rief er. Aber da kommt ja gerad wie gerufen der Weber Schapuwalenko. Gr Gott, Ostap! Guten Abend! erwiderte der Weber und blieb stehen. Wohin gehst du? Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Fe tragen. Hilf mir doch die Scke forttragen, lieber Mensch, da hat jemand seine Weihnachtsgeschenke hergeschleppt und sie mitten auf der Strae hingeschmissen. Wir wollen das Gut redlich unter uns teilen. Die Scke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot? Ich glaube, es ist von allem etwas drin. Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die Scke darauf und trugen sie auf den Schultern fort. Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus? fragte der Weber unterwegs. Ich hab's mir auch gedacht; aber die verdammte Jdin wird uns am Ende nicht recht trauen, sie wird glauben, wir htten sie gestohlen, und auerdem _komme_ ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack zu mir. Niemand wird uns stren: meine Frau ist nicht zu Hause. Ist sie auch sicher nicht zu Hause? fragte der vorsichtige Weber. Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande, sagte der Gevatter, nur der Teufel knnte mich dorthin bringen, wo sie jetzt ist. Ich glaube, sie wird sich bis morgen frh mit den Weibern herumtreiben. Wer ist da? rief die Frau des Gevatters, als sie den Lrm hrte, den die beiden Freunde im Flur mit dem Sack machten, und ffnete die Tr. Der Gevatter war starr vor Schrecken. Na, da haben wir die Bescherung! rief der Weber und lie die Arme sinken. Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren durchaus nicht wenige in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl sa sie fast niemals zu Hause und schmarotzte fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen ein, a mit vielem Appetit und prgelte sich nur am Morgen mit ihrem Manne herum, denn blo um diese Tageszeit pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre Htte war doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers. Das Dach hatte an manchen Stellen gar kein Stroh mehr, und vom Zaun waren nur noch ein paar klgliche berreste brig, denn kein Mensch pflegte beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde mitzunehmen, weil jeder hoffte, am Gemsegarten des Webers vorberzugehen und sich da einen Knppel aus seinem Zaun reien zu knnen. Der Ofen wurde oft drei Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zrtliche Gattin bei gutherzigen Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg sie mglichst vor ihrem Manne, und manchmal nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm gehrten, falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen hatte. Der Gevatter wollte ihr trotz seiner ewigen Gleichgltigkeit doch nicht nachgeben, daher verlie er auch das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter beiden Augen, und die geschtzte Ehehlfte trollte sich chzend zu ihren alten Weibern, um ihnen von der Lderlichkeit ihres Mannes und von den Schlgen vorzuklatschen, die sie zu ertragen hatte. Man kann sich ausmalen, wie verblfft der Weber und der Gevatter durch ihr unerwartetes Erscheinen waren. Sie lieen den Sack zu Boden sinken, stellten sich vor ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschen; aber schon war es zu spt; des Gevatters Frau hatte den Sack schon erblickt, obwohl ihre alten Augen nur noch schlecht sahen. Das ist aber fein! sagte sie mit einer Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte. Das ist fein, da ihr euch so viel zusammengesungen habt! Anstndige Leute machen es immer so. Aber nein, ich glaube doch, ihr habt es irgendwo stibitzt. Zeigt mir's sofort, hrt ihr, zeigt mir sofort, was ihr in eurem Sacke habt! Vielleicht zeigt dir's ein kahlkpfiger Teufel, aber nicht wir, sagte der Gevatter und stellte sich in Positur. Was geht dich das an? sagte der Weber, _wir_ haben das fr unseren Gesang bekommen und nicht du! Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger Trunkenbold! rief die Frau, versetzte dem langaufgeschossenen Gevatter einen Schlag unters Kinn und drngte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber und der Gevatter verteidigten den Sack tapfer und ntigten sie zum Rckzuge. Kaum aber hatten sie Zeit, sich recht zu besinnen, als die Gattin schon mit einem Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt kam. Sie schlug ihrem Mann flink mit dem Haken auf die Hnde und dem Gevatter bern Rcken, und schon stand sie neben den Scken. Warum haben wir sie herangelassen? rief der Weber, als er wieder zu sich gekommen war. Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum hast du sie herangelassen? sagte der Gevatter kaltbltig. Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken! sagte der Weber nach kurzem Schweigen, indem er sich den Rcken kratzte. Meine Frau hat im vorigen Jahr auf dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb Schock Eier fr ihn gegeben: der ist besser ..... er tut nicht so weh ......! Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lmpchen auf den Boden, band den Sack auf und blickte hinein. Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut wahrgenommen hatten, tuschten sie wohl diesmal. He, da liegt ja ein ganzer Eber! rief sie, vor Freude in die Hnde klatschend. Ein Eber! Hrst du, ein ganzer Eber! rief der Weber und puffte den Gevatter in die Seite, du allein hast an allem schuld! Was ist da zu machen! rief der Gevatter achselzuckend. Was? Warum stehen wir auch so ruhig da? Nehmen wir ihr doch den Sack ab! Pack dich! Vorwrts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehrt uns! rief der Gevatter und rckte vor. Seine Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber in diesem Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte und reckte, wie ein Mensch, der soeben aus einem langen Schlafe erwacht ist. Des Gevatters Frau stie einen Schrei aus, schlug die Hnde zusammen, und alle miteinander sperrten unwillkrlich die Muler auf. Was faselt sie da von einem Eber, diese Nrrin! Das ist doch kein Eber, sagte der Gevatter, die Augen weit aufreiend. Sieh einer an, was fr einen Kerl sie da in den Sack gesteckt haben! rief der Weber, vor Schreck zurckweichend. Sag, was du willst, ich will auf der Stelle platzen, wenn da nicht der Bse seine Hand im Spiel hat. Der da kann doch durch kein Fenster, geschweige denn in einen Sack geraten! Das ist ja Gevatter Tschub! rief der Gevatter, als er nher zusah. Und was dachtest du? rief Tschub schmunzelnd. Was? habe ich euch einen Schabernack gespielt? Ihr wolltet mich wohl schon gar verspeisen, wie ein Stck Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das kein Eber ist, so ist's sicher ein Ferkel oder irgendein anderes Vieh. Es hat fortwhrend unter mir gezappelt. Der Weber und der Gevatter strzten sich auf den Sack, die Hausfrau klammerte sich auf der anderen Seite an ihn und das Gefecht wre wieder losgegangen, wenn nicht der Kster, der einsah, da er sich nirgends mehr verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen wre. Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein und lie den Fu los, an dem sie den Kster bereits aus dem Sacke ziehen wollte. Also noch einer! rief der Weber in heller Angst. Der Teufel mag wissen, was in der Welt los ist .... Der Kopf dreht sich mir im Kreise herum .... Weder Wrste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft man jetzt in die Scke! Das ist der Kster! rief Tschub, der noch mehr erstaunt war, als die anderen. Da haben wir's! Ei, ei, die Solocha! Die Menschen in einen Sack zu stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die Stube voller Scke .... Jetzt wei ich alles: bei ihr saen zwei Kerle in jedem Sacke. Und ich glaubte, da sie mir allein .... Ei, ei! diese Solocha! * * * * * Die Mdchen waren einigermaen erstaunt, als sie den einen Sack nicht mehr fanden. Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch an dem anderen genug haben! meinte Oxana. Alle ergriffen den Sack und wlzten ihn auf den Schlitten. Der Amtmann beschlo zu schweigen, denn er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man solle den Sack aufbinden; die dummen Mdel wrden auseinanderlaufen, wrden glauben, im Sacke sitze der Teufel, und er mte dann vielleicht bis morgen auf der Strae bleiben. Indes flogen die Mdchen, Hand in Hand, wie der Sturmwind mit dem Schlitten ber den knisternden Schnee. Einige von ihnen setzten sich mutwillig auf den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen, alles zu ertragen. Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Tren zum Flur und zur Stube weit auf und schleppten den Sack unter lautem Gelchter hinein. Sehn wir zu, was drin ist, riefen alle auf einmal und beeilten sich, ihn aufzubinden. Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehrt hatte, den Amtmann whrend der ganzen Zeit seines Aufenthalts im Sack zu qulen, so arg, da der laut aufzuschlucksen und zu husten begann. Ach, da sitzt ja jemand drin! schrien alle, und strzten erschrocken zur Tr. Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob ihr nicht gescheit seid? fragte Tschub, der in die Tre trat. O, Vater! rief Oxana, im Sacke sitzt jemand! Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her? Der Schmied hat ihn mitten auf die Strae hingeschmissen, riefen alle zugleich. Na also; hab ich's nicht gleich gesagt? .... dachte Tschub bei sich. Worber seid ihr so erschrocken? Wir wollen doch mal nachsehn. Holla, Menschenskind -- nimm's mir nicht bel, da ich dich nicht bei deinem Vor- und Zunamen rufe -- kriech mal aus dem Sack heraus! Der Amtmann kroch heraus. Ah! riefen die Mdchen. Auch der Amtmann war also dabei, sprach Tschub verblfft zu sich, und ma ihn vom Kopfe bis zu den Fen. So so? .... Hehe! .... Mehr konnte er nicht hervorbringen. Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und wute nicht, was er anfangen sollte. Es ist wohl recht kalt drauen? fragte er, zu Tschub gewandt. Ein mchtiges Frostwetter, antwortete Tschub. Darf ich dich fragen: womit schmierst du eigentlich deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer? Er hatte natrlich etwas ganz andres sagen wollen, und fragen wollen: Wieso kommst du, der Amtmann, in den Sack? und er wute selbst nicht, wie es kam, da er etwas ganz anderes gesagt hatte. Mit Teer ist's besser, erwiderte der Amtmann. Leb wohl, Tschub! Und er drckte die Mtze in die Stirn und verlie die Stube. Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine Stiefel schmiert! rief Tschub, auf die Tr blickend, durch die der Amtmann hinausgegangen war. Ei, ei, diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken! Dieses Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber wo ist nur der verfluchte Sack geblieben? Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts mehr drin, sagte Oxana. Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib ihn mal her: dort sitzt doch noch jemand! Schttelt ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich nichts drin? Ei, _so_ ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie von Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was anderes als Fastenspeisen gekostet htte .....! Aber lassen wir Tschub in aller Gemtlichkeit seinen rger verpuffen und kehren wir zu dem Schmied zurck; denn es geht gewi schon in die neunte Stunde. * * * * * Zuerst war's Wakula sehr unheimlich zumute, besonders als er so hoch oben schwebte, da er unten auf der Erde nichts mehr unterscheiden konnte, und als er wie eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so da er, htte er sich nicht etwas gebckt, den Mond mit der Mtze gestreift htte. Bald darauf fate er jedoch Mut, und begann wieder ber den Teufel zu scherzen. Es ergtzte ihn auerordentlich, wie der Teufel jedesmal, wenn Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und es ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mute. Absichtlich erhob er die Hand, um sich den Kopf zu kratzen, aber der Teufel dachte, er greife nach dem Kreuze und flog noch rascher dahin. Alles in der Hhe leuchtete hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften silbernen Nebel. Alles war klar zu sehen und man konnte sogar wahrnehmen, wie ein Zauberer rittlings auf einem Topfe sitzend an ihnen vorberjagte, wie die Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten, wie ein ganzes Rudel Geister sich gleich Wolken dahin wlzte, wie ein im Mondschein tanzender Teufel beim Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mtze zog, und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe zu ihrem Ziel geritten war, heimwrts flog ......! Und noch vieles andere und mancherlei bses Gesindel trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und dann rasten sie zu ihren Verrichtungen weiter; der Schmied flog immer weiter und weiter, und auf einmal leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehllt vor ihm auf. (Damals fand dort aus irgend einem Anla gerade eine Illumination statt.) Der Teufel flog ber den Schlagbaum hinweg, verwandelte sich in ein Ro, und der Schmied fand sich pltzlich mitten auf der Strae auf einem hitzigen Renner wieder. Himmel Herrgott! War das ein Lrmen, Rasseln und Funkeln; auf beiden Seiten ragten vier Stockwerk hohe Mauern in die Hhe; das Stampfen der Pferdehufe und das Rollen der Wagenrder hallte donnernd aus allen vier Himmelsrichtungen wider; da schossen Huser empor und schienen auf Schritt und Tritt der Erde zu entsteigen; Brcken bebten; Equipagen flogen dahin, Kutscher und Vorreiter brllten; der Schnee pfiff unter den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden Schlitten; die Fugnger drckten sich ngstlich an die Huser, die mit Lmpchen berst waren; und ihre riesigen Schatten huschten ber die Wnde und reichten mit den Kpfen bis an die Dcher und Schornsteine. Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen Seiten um. Es schien ihm, als ob alle diese Huser ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und ihn anschauten. Soviel feine Herren in ihren mit Tuch berzogenen Pelzen erblickte er, da er nicht wute, vor wem er zuerst die Mtze ziehen sollte. O Gott, wieviel Herrschaften es hier gibt! dachte der Schmied. Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Strae in einem Pelz begegnet, Assessor und wieder Assessor! Und die, die in diesem wunderbaren Wagen mit Glasscheiben dahinfahren, sind, wenn nicht Brgermeister, so doch sicherlich Kommissre oder vielleicht sogar noch mehr. Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des Teufels unterbrochen: Soll ich gradeswegs zur Zarin? -- Nein, ich habe Angst! dachte der Schmied. Ich wei nicht, hier sind doch irgendwo die Saporoger Kosaken abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin; nicht bel wre es, sie um Rat zu fragen. He, Satan! kriech mir in die Tasche und fhre mich zu den Saporogern! Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein, da er ohne Mh zu ihm in die Tasche hineinhpfen konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen vermochte, stand er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Tre auf und prallte ein wenig zurck vor dem blendenden Glanze, als er das geschmckte Gemach erblickte; doch er fate wieder etwas Mut, als er die Saporoger erkannte, die durch Dikanka gekommen waren, und die nun auf seidenen Sofas saen: mit geteerten Stiefeln an den bereinandergeschlagenen Beinen, und den allerstrksten Tabak rauchten, jenen Tabak, den man gewhnlich Wurzeltabak nennt. Gr Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo wir uns wiedersehn! sprach der Schmied, trat nher und verbeugte sich tief bis zur Erde. Was ist das fr ein Mensch? fragte der dem Schmied zunchst Sitzende einen andern, der etwas abseits sa. Habt ihr mich nicht wiedererkannt? rief der Schmied. Ich bins ja, der Schmied Wakula! Als ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja zwei Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit und langes Leben. Ich hab euch doch noch damals einen neuen Reifen ans Vorderrad eures Wagens geschlagen! Ah! rief da der Saporoger, das ist ja derselbe Schmied, der so groartig malt. Gott zum Gru, Landsmann! Was fhrt dich hierher? Ich wollte mich nur ein wenig umsehen .... Man sagt ja .... Nun, Landsmann, rief der Saporoger wichtig und da er zeigen wollte, da er nicht blo seine Kosaken-Mundart, sondern auch reinstes Russisch sprechen konnte, sagte er: Eine gewoltige Stadt, wie? Der Schmied wollte sich auch nicht blostellen und als Neuling zeigen, auerdem verstand er sich auch selbst auf die Schriftsprache, wie wir bereits oben zu bemerken Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig: Eine mchtige Goubernie! Hier gibt's unstreitig groe Huser, und meisterhafte Bilder hngen darin. Gar viele Huser sind mit kstlichen Lettern aus Blattgold bemalt. Man mu zugeben, eine herrliche Proportion! Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrcken hrten, bekamen sie die gnstigste Meinung von ihm. Wir wollen uns spter weiter unterhalten, Landsmann: Jetzt mssen wir gleich zur Zarin fahren. Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt mich auch mit! Dich? rief der Saporoger in einem Ton, wie etwa ein Kinderwrter zu seinem vierjhrigen Zgling redet, der bittet, ihn auf ein groes Pferd zu setzen. Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht. Dabei nahm sein Gesicht eine wichtige Miene an. Wir mssen mit der Zarin ber unsere eigenen Angelegenheiten reden, Bruder! Nehmt mich doch mit! drngte der Schmied. Bitte du sie! flsterte er dem Teufel leise zu, indem er mit der Faust auf seine Tasche schlug. Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer Saporoger ausrief: Nehmen wir ihn doch wirklich mit, Brder! Uns ist's recht, nehmen wir ihn mit! sprachen die Anderen. So leg ein Kleid an, wie wir es tragen. Der Schmied beeilte sich, einen grnen Schupan anzuziehen, als auf einmal die Tr aufging und ein Mann mit Tressen am Rock eintrat und sagte, es sei die hchste Zeit, abzufahren. Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute, als er in der riesigen Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern hin und her schaukelte; und als die vierstckigen Huser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Fen der Pferde dahinzurollen schien. O Gott, wie hell es ist! dachte der Schmied bei sich, bei uns ist es nicht einmal am Tage so hell! Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger stiegen aus, traten auf den prchtigen Vorplatz und begannen die blendend beleuchtete Treppe hinaufzusteigen. Was fr eine Treppe! flsterte der Schmied vor sich hin, es wre doch schade, mit den Fen drauf zu treten. Welch ein Schmuck! Und da sage noch einer: die Mrchen lgen! Wahrlich, die lgen nicht! O Gott, mein Gott, was fr ein Gelnder! Was fr eine Arbeit! Da hat man allein frs Eisen mindestens fnfzig Rubel ausgegeben! Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den ersten Saal. Scheu folgte ihnen der Schmied, voller Angst, er knnte bei jedem Schritt auf dem Parkett ausgleiten. Drei Sle durchschritten sie und der Schmied war noch immer nicht aus seiner Verwunderung herausgekommen. Wie sie in den vierten Saal traten, ging er unwillkrlich an ein Gemlde heran, das an der Wand hing. Es war ein Bild der heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf dem Arm. Was fr ein Bild! Was fr eine wunderbare Malerei! dachte er und stellte seine Betrachtungen an. Es sieht aus, als wollte es reden! Wie lebendig es ist! Und das Christkind! Wie es die Hndchen faltet und lchelt, das rmste! Und diese Farben! O Gott! Welche Farben! Da hat man wohl auch nicht fr eine Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern nichts als Karmin und Grnspan. Und wie das Blau leuchtet! Eine meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich mit dem kostbarsten Bleiwei angelegt. Aber wenn diese Malerei wunderbar ist, so ist doch dieser Messinggriff noch mehr der Bewunderung wrdig, fuhr er fort, indem er an die Tr trat und das Schlo betastete. Was fr eine saubere Arbeit! Ich bin sicher, das alles ist von auslndischen Schmieden gemacht und die haben sich sicherlich die hchsten Preise dafr zahlen lassen. Der Schmied wre vielleicht noch lange in seinen Betrachtungen fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreter Lakai am Arm gepufft und ermahnt htte, nicht hinter den anderen zurckzubleiben. Die Saporoger durchschritten noch zwei Sle und machten dann halt. Da hie man sie warten. Im Saale standen einige Generle in goldbestickten Uniformen. Die Saporoger verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer Gruppe zusammen. Einen Augenblick spter kam, begleitet von einem ganzen Gefolge, ein korpulenter Mann von majesttischer Statur, in Hetmansuniform und mit feinen gelben Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge schielte etwas, das Gesicht drckte Stolz und Erhabenheit aus, allen seinen Bewegungen merkte man die Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle Generle, die in ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die leiseste Bewegung von ihm unter tiefen Verbeugungen auffangen zu wollen, um alles schleunigst auszufhren. Aber der Hetman achtete nicht einmal darauf, nickte kaum mit dem Kopfe und ging auf die Saporoger zu. Smtliche Saporoger verbeugten sich tief. Seid ihr alle hier? fragte er gedehnt und mit etwas nselnder Stimme. Alle, alle miteinander, Vterchen! antworteten die Saporoger und verbeugten sich von Neuem. Verget nicht, zu reden, wie ich's euch gelehrt habe! Nein, Vterchen, wir werden's nicht vergessen! Ist das der Zar? fragte der Schmied den einen Saporoger. Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin in eigener Person! antwortete jener. Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der Schmied wute nicht, wo er seine Augen lassen sollte, soviel Damen in Atlaskleidern mit langen Schleppen und Hflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen Zpfchen traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten -- sonst nichts. Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und schrien wie ein Mann: Gnade, Mtterchen! Erbarmen! Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr hatte, was da eigentlich vorging, streckte sich in seinem Eifer auch lang auf den Boden hin. Steht auf! erklang ber ihnen eine gebieterische, aber zugleich angenehme Stimme. Einige Hflinge gaben den Saporogern geschftig ein paar Rippenste. Wir stehen nicht auf, Mtterchen! Wir wollen nicht aufstehen! Wir sterben lieber, als da wir aufstehen! schrien die Saporoger. Potemkin bi sich auf die Lippen; endlich trat er selbst zu ihnen und flsterte dem einen Saporoger gebieterisch etwas zu. Die Saporoger erhoben sich sofort. Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben und erblickte eine -- etwas beleibte -- Frau von mittlerer Gre vor sich; sie war gepudert, hatte blaue Augen und jene erhaben lchelnde Miene, die es so gut verstand, sich alles untertan zu machen, und nur einem kniglichen Weibe angehren konnte. Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit meinem Volke bekannt zu machen, das ich bisher noch nicht gesehen habe, sprach die Dame mit den blauen Augen, whrend sie die Saporoger neugierig musterte. Seid ihr hier gut aufgehoben? fuhr sie fort und trat nher. Danke, Mtterchen! Die Kost ist gut, obwohl die Hammel hier lange nicht so gut sind -- wie bei uns daheim -- aber es lt sich leben! .... Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, da die Saporoger keineswegs sagten, was er sie gelehrt hatte .... Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat vor: Erbarmen, Mtterchen! Womit hat dein treues Volk dich erzrnt? Haben wir etwa dem heidnischen Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache mit den Trken gemacht, haben wir dir in Wort oder Tat die Treue gebrochen? Womit haben wir deine Ungnade verdient? Erst hrten wir, du lieest berall Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du wollest Scharfschtzen aus uns machen; jetzt hren wir von neuem Unheil. Welche Schuld trifft das Heer der Saporoger? Ist's etwa die, da sie deine Armee ber den Perekop gefhrt und deinen Generlen geholfen haben, die Mnner der Krim niederzuwerfen? .... Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Brstchen lssig die Brillanten, mit denen seine Hnde best waren. Was wnscht ihr also? fragte Katherina freundlich. Die Saporoger sahen einander vielsagend an. Jetzt ist's Zeit! Die Zarin fragt, was wir wnschen, sagte der Schmied zu sich selbst, und auf einmal strzte er zu ihren Fen nieder. Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern schenkt mir Eure Gnade! Mgen meine Worte Eure kaiserliche Hoheit nicht erzrnen: woraus sind die Schuhe gemacht, in denen Eure Fchen stecken? Ich glaube, kein Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe zu machen. O Gott! Wenn mein Frauchen nur solche tragen knnte! Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Hflinge lachten ebenfalls. Potemkin rgerte sich, aber er lchelte gleichfalls. Die Saporoger glaubten, der Schmied sei verrckt geworden und begannen ihm Rippenste zu geben. Steh auf! sagte die Kaiserin freundlich. Du willst durchaus solche Schuhe haben? Nun wohl, das hat keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort die kostbarsten, mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt gefllt mir sehr! Da habt Ihr, fuhr die Kaiserin fort, indem sie ihre Augen auf einen abseits stehenden Herrn mit einem vollen aber ein wenig bleichen Gesicht richtete, dessen bescheidener Kaftan mit den groen Perlmuttknpfen erkennen lie, da er nicht zu den Hflingen gehrte, da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder wrdig ist! Majestt sind allzu gndig. Dazu bedrfte es mindestens eines Lafontaine! erwiderte der Mann mit den Perlmutterknpfen, der Dichter Von Wisin, indem er sich verneigte. Auf Ehre und Gewissen: ich mu sagen: ich bin jetzt noch von Eurem Brigadier in hellem Entzcken. Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor. Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger zu. Ihr habe brigens gehrt, bei Euch in der Ssjetsch soll kein Kosak heiraten drfen! Was sagst du, Mtterchen! Du weit doch selbst: kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben, antwortete der Saporoger, mit dem der Schmied gesprochen hatte, und der Schmied mute staunen, als er hrte, da dieser Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte, gerade, wie absichtlich, mit der Zarin in der grbsten Mundart redete, jener Mundart, die man gewhnlich die Bauernsprache nennt. Schlaue Leutchen! dachte er bei sich, sicher tut er es nicht ohne Absicht. Wir sind doch keine Mnche, fuhr der Saporoger fort, wir sind ja nur sndige Menschen. Wir sind, wie die ganze ehrliche Christenheit, der Fleischeslust verfallen. Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch. Es gibt auch solche, die ihre Frauen im Polenlande und in der Ukraine haben; es gibt aber auch solche, deren Frauen in der Trkei leben. Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe gebracht. O Gott, was fr eine Zier! rief er freudig und ergriff die Schuhe. Kaiserliche Hoheit! Wenn Ihr solche Schhchen anhabt und darin einhergeht, Euer Gnaden, oder gar noch bers Eis mit ihnen gleiten knnt -- wie mssen da die Fchen selbst sein? Ich glaub', wahr und wahrhaftig, sie sind von reinstem Zucker. Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und reizendsten Fchen besa, mute lcheln, als sie ein solches Kompliment aus dem Munde eines einfltigen Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes in seinem Saporogergewand fr einen wirklich schnen Mann gelten konnte. Hocherfreut ber diese wohlwollende Aufmerksamkeit wollte der Schmied die Zarin schon ber alles ordentlich ausfragen: ob's wahr sei, da die Zaren nichts wie Honig und Speck en und hnliches mehr. Da aber fhlte er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften, und er beschlo, zu verstummen. Und als die Zarin sich den alten Leuten zuwandte und sie ber ihr Leben und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat er zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte leise: Bring mich schnell von hier weg! Und auf einmal befand er sich wieder hinter dem Schlagbaum. * * * * * Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will mich nicht mehr vom Fleck rhren, wenn er nicht ertrunken ist! murmelte die dicke Webersfrau, die mitten auf der Strae in einem Haufen von Weibern stand. Was, ich bin also eine Lgnerin? Hab' ich etwa jemandem eine Kuh gestohlen? Oder hab' ich jemand bse angesehen, da ihr mir nicht trauen wollt? schrie eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel, indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. Ich will nie wieder Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wie der Schmied sich erhngt hat! Der Schmied hat sich erhngt? Eine schne Bescherung! rief der Amtmann, der eben aus dem Hause Tschubs kam; er blieb stehen und drngte sich unter die Keifenden. Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken, du alte Sauftrine du! antwortete die Webersfrau. Da mte man ja gerad' so blde sein, wie du, um sich aufzuhngen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch ertrunken! Das wei ich so gewi, wie da du soeben im Wirtshaus gewesen bist. Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer an, was die mir vorwirft! entgegnete wtend die Frau mit der violetten Nase. Du httest doch lieber das Maul halten sollen, du Weibsstck du! Als ob ich nicht wte, da jeden Abend der Kster zu dir kommt! Die Webersfrau geriet auer sich. Was tut der Kster? Zu wem kommt er? Was faselst du da? Der Kster? krhte die Frau des Ksters, sich in ihrem Hasenpelz, der mit blauem Nanking bezogen war, an die Streitenden herandrngend. Ich will dir schon zeigen, was es heit, so vom Kster zu reden! Wer sagt da was vom Kster? Man wei ja doch, wen der Kster besucht! schrie die Frau mit der violetten Nase und zeigte auf die Weberin. Du also bist's, du Hndin, rief die Frau des Ksters und ging auf die Webersfrau los, du bist's, du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit Satanskrutern behext, da er zu dir kommt? Pack dich fort, du Satan! sprach die Webersfrau zurckweichend. Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst's nicht mehr erleben, da du deine Kinder jemals wiedersiehst! Du niedertrchtiges Weib! Pfui! Und dabei spuckte die Ksterin der Webersfrau gerade in die Augen. Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen spuckte sie dem Amtmann, der nher an die Streitenden herangekommen war, um alles besser zu hren, in seinen unrasierten Bart. Ah, du garstiges Weibsbild, du! rief der Amtmann, wischte sich mit dem Rockscho das Gesicht ab und schwenkte seine Knute. Diese Bewegung veranlate alle, schimpfend nach allen Seiten auseinanderzustieben. So was Ekelhaftes! wiederholte der Amtmann und wischte sich wieder ab. Der Schmied ist also ertrunken! O du meine Gte! Was war das fr ein groartiger Maler! Was fr starke Messer, Sensen und Pflge konnte der schmieden! Und wie krftig der war! Ja, ja, fuhr er nachdenklich fort, bei uns im Dorfe haben wir wenig solche Leute. Ich hab's ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten Sacke sa, da der Aermste ganz bedrckt und traurig war. Ja, da haben wir nun den Schmied! Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich wollte doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen lassen! .... Und solcher christlicher Gedanken voll, trottete der Amtmann langsam seinem Hause zu. Oxana war ganz bestrzt, als diese Gerchte zu ihr drangen. Sie traute zwar den Augen der Perepertschicha und dem Weibergetratsch nur wenig, denn sie wute, da der Schmied fromm genug war, seine Seele nicht ins Verderben zu strzen. Wie aber, wenn er in der Tat mit der Absicht davongegangen war, nie wieder ins Dorf zurckzukehren? Schwerlich konnte man wo anders einen so schmucken Burschen finden, wie der Schmied einer war. Und dann liebte er sie doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen lnger als alle anderen ... Die Schne drehte sich die ganze Nacht hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite auf die linke, und von der linken auf die rechte, und konnte doch nicht einschlafen. Bald warf sie sich in ihrer berckenden Nacktheit, die das nchtliche Dunkel sogar vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt laut auf sich, bald verstummte sie, fate den Entschlu, an nichts mehr zu denken -- und grbelte doch weiter und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer, und gegen Morgen war sie bis ber die Ohren in den Schmied verliebt. Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, lie er weder Freude noch Trauer erkennen. Seine Gedanken waren nur mit einer Sache beschftigt: er konnte Solochas Treubruch nicht vergessen, und lie sogar im Schlafe nicht davon ab, auf sie zu schimpfen. Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor Morgengrauen voll von Menschen. Die alten Frauen in ihren weien Kopftchern und Tuchkitteln standen ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich fromm. Vor ihnen standen die adligen Damen in grnen und gelben Jacken, ja manche sogar in blauen berwrfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen waren. Die Mdchen, die einen ganzen Laden von aufgewickelten Bndern auf dem Kopfe und ebensoviel Perlenbnder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen, suchten so nahe als mglich an den Altar heran zu kommen. Ganz vorne aber standen die Edelleute und die einfachen Bauern mit Schnurrbrten, Haarschpfen, mit dickem Hals und frisch rasiertem Kinn, die meisten in Mnteln, unter denen ein weier, oder bei manchen auch ein blauer Kittel hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte, auf allen Gesichtern spiegelte sich die Feiertagsstimmung wieder. Der Amtmann leckte sich schon die Lippen, wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage beschlieen wrde; die Mdel dachten daran, wie sie mit den Burschen auf dem Eise schlittern wrden, und die alten Frauen murmelten eifriger denn je ihre Gebete. Durch die ganze Kirche konnte man hren, wie der Kosak Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand wie abwesend da: sie betete und betete doch auch nicht. Ihr Herz bestrmten so viele und mannigfaltige Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war, als die andere, da ihr Gesicht nichts wie eine starke Verwirrung ausdrckte, und in ihren Augen zitterten Trnen. Die Mdchen konnten natrlich den Grund davon nicht erkennen, und ahnten nicht, da der Schmied daran schuld war. Jedoch der Schmied beschftigte nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner des Dorfes fhlten, da der Feiertag kein rechter Feiertag war, und da gewissermaen etwas fehlte. Unglcklicherweise war auch der Kster nach seiner Reise im Sack vom Abend vorher noch heiser geworden, und sang seine Lieder mit kaum hrbarer krchzender Stimme; wohl brachte der zugereiste Snger ein paar prchtige Batne hervor, aber wieviel besser wre es gewesen, wenn man auch noch den Schmied dagehabt htte, der jedes Mal, wenn man das Vaterunser oder die Himmlischen Heerscharen sang, auf den Chor stieg und so schn sang, wie man es sonst nur in Poltawa hren konnte. Dazu kam noch, da er ganz allein sich um das Amt des Kirchenvorstands kmmerte. Schon war die Frhmesse zu Ende und nach der Frhmesse war bald auch das Hochamt vorbei ..... In der Tat, wo war nun der Schmied geblieben? * * * * * Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten Stunden der Nacht mit dem Schmied auf dem Rcken heimwrts, und im Nu befand sich Wakula vor seiner Htte. In diesem Augenblick krhte der Hahn. Wohin? rief der Schmied und ergriff den Teufel, der ausreien wollte, am Schwanz. Halt, Freundchen, das ist noch nicht alles: ich hab mich noch nicht bei dir bedankt. Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei mchtige Hiebe, da der arme Teufel davonrannte wie ein Bauer, dem der Assessor eben tchtig eingeheizt hat. Und so geschah's, da der Erzfeind des Menschengeschlechts, statt andere Leute zu foppen, zu versuchen und zu narren, selbst genarrt wurde. Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses, warf sich auf ein Heubndel und schlief bis spt in den Mittag hinein. Als er erwachte, erschrak er heftig, denn er sah, da die Sonne schon hoch am Himmel stand. Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frhmesse und das Hochamt verschlafen! rief er aus. Und der gottesfrchtige Schmied verfiel in eine tiefe Zerknirschung, denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe fr sein schlimmes Vorhaben, und um seine Seele zu verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der ihn verhindert habe, an einem so groen Feiertag die Kirche zu besuchen. Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er den Beschlu gefat hatte, in der knftigen Woche alles dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes Jahr lang tglich fnfzig Knieflle zu machen. Er blickte in die Stube hinein: es war niemand da. Die Solocha war offenbar noch nicht zurckgekehrt. Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen, staunte von neuem die kostbare Arbeit an, und wunderte sich ber die sonderbaren Ereignisse der vergangenen Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern bekommen hatte, holte seine neue Lammfellmtze mit dem blauen Dach, die er, seit er sie seinerzeit in Poltawa gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der Truhe; holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte alles, zusammen mit einer Nagaika, in ein Tchlein ein und begab sich gradewegs zu Tschub. Tschub machte groe Augen, als der Schmied eintrat und wute nicht, worber er mehr staunen sollte: darber, da der Schmied von den Toten auferstanden war, da er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darber, da er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter und rechter Saporoger angezogen war. Noch mehr aber staunte er, als Wakula das Tuch aufband, die funkelnagelneue Mtze nebst einem Gurt, wie man ihn noch niemals im Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch legte, ihm zu Fen fiel und flehentlich ausrief: Hab' Erbarmen, Vterchen! Zrne mir nicht! Da hast du eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt. Ich gebe mich selbst in deine Hand, ich bereue ja alles; schlage mich, aber zrne mir nicht. Du warst ja vormals meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt doch zusammen gegessen und getrunken! Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der Schmied, der sich den Teufel um jemand im Dorfe scherte und der Fnfkopekenstcke und Hufeisen mit der Hand zusammendrckte wie Buchweizenflinsen, wie dieser selbe Schmied jetzt zu seinen Fen lag. Um sich nichts zu vergeben, ergriff Tschub die Peitsche und schlug ihn dreimal auf den Rcken. Nun ist's aber genug, steh auf! Hr stets auf die Alten! Wir wollen alles vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und nun sag, was du mchtest? Vterchen, gib mir Oxana zur Frau! Tschub berlegte einen Augenblick und sah sich die Mtze und den Gurt an: die Mtze war wunderbar und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm auch noch die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: 's ist recht! Schicke deine Brautwerber her! Ah! schrie Oxana auf, die ber die Schwelle getreten war und den Schmied erblickt hatte, und sie richtete freudig und ganz erstaunt ihre Blicke auf ihn. Schau mal, was ich dir fr kleine Schuhe mitgebracht habe! sagte Wakula, dieselben sind's, die die Zarin trgt. Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe! rief sie, ihn mit den Hnden abwehrend und ohne ihre Augen von ihm abzuwenden; ich bin auch ohne Schuhe .... Und sie sagte nichts weiter, sondern errtete nur. Der Schmied kam nher heran, ergriff sie bei der Hand, und die Schne schlug die Augen nieder. Noch nie hatte sie so wunderbar schn ausgesehen. Der Schmied kte sie voller Entzcken auf die Lippen, ihr Antlitz verfrbte sich noch tiefer, und sie wurde nur noch schner. * * * * * Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch Dikanka, lobte die schne Lage des Dorfes und hielt, als er die Strae herunterfuhr, vor einer der Htten an. Wem gehrt diese schn bemalte Htte? fragten Seine Hochwrden die hbsche Frau, die mit einem Kinde auf dem Arm vor der Tre stand. Dem Schmied Wakula! antwortete ihm mit einer Verbeugung Oxana, denn sie war es. Groartig! Eine wundervolle Arbeit! sprachen Seine Hochwrden, als sie sich Tren und Fenster ansahen. Die Fenster waren ringsherum mit roter Farbe bestrichen und auf den Tren waren berall Bildnisse von reitenden Kosaken mit Pfeifen in den Zhnen aufgemalt. Noch mehr aber lobten Seine Hochwrden den Schmied Wakula, als sie erfuhren, da er eine Kirchenbue eingehalten, die er sich selbst auferlegt, und in der Kirche den ganzen linken Chor mit grner Farbe gestrichen und mit roten Blumen bemalt habe. Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die, wenn man die Kirche betritt, sich gleich zur Linken befindet, hatte Wakula einen in der Hlle sitzenden Teufel gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel, da jedermann, der vorbeiging, ausspeien mute, und wenn einer Frau das Kind auf dem Arme zu weinen anfing, so trug sie es ans Bild und sprach: Schau, schau, hu, hu, was da hingemalt ist! Und das Kind verschluckte seine Trnen, schielte scheu nach dem Bilde und schmiegte sich enger an die Brust der Mutter. Schreckliche Rache I. Drhnend braust's dahin durch Kijews Vorstadt: Da feiert Gorobetz, der Kosakenhauptmann, den sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes. Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten liebte man's wohl, gut zu essen, gut zu trinken und noch lieber mocht' man lustig sein. Auf braunem Ro kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben Nchte und sieben Tage des Knigs Schlachta mit rotem Weine bewirtet hatte. Auch der Kriegskamerad des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom anderen Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein Landgut lag; er kam mit seinem jungen Weibe Katerina und seinem einjhrigen Sohne. Die Gste staunten ber das weie Gesicht der Pani Katerina, ber die Brauen, die schwarz wie deutscher Sammet waren, ber den prchtigen Rock und die Jacke aus altertmlich blauer Seide, und ber die Stiefel mit den silbernen Hufen; aber mehr noch nahm sie's wunder, da der alte Vater nicht mit ihnen zusammen gekommen war. Der lebte seit einem Jahr in dem Landstrich hinterm Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen gewesen und erst zu seinem Tchterchen zurckgekehrt, als es vermhlt war und einen Sohn geboren hatte. Gewi htt' er viel Wunderliches erzhlen knnen. Ja, wie htte er auch nicht erzhlen knnen, da er doch so lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles so anders wie hier: die Menschen sind anders, und dort gibts auch keine christlichen Kirchen ..... Allein er war nicht gekommen. Den Gsten ward Schnaps mit Rosinen und Pflaumen und auf einer groen Schssel Hochzeitsbrot gereicht. Die Musikanten griffen tief in den Brotlaib hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine kurze Zeit lang und legten die Zymbeln, Geigen und Pauken beiseite. Indes wischten sich die jungen Frauen und die Mdchen mit gestickten Tchern den Mund und traten wieder aus ihren Reihen hervor, whrend die Burschen, die Hnde in die Hften gesttzt, stolz zur Seite blickend, gerad ihnen entgegen wollten, als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug, um das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von einem wrdigen Eremiten, dem greisen Bartholomus erhalten. Ihr Zierat war nicht reich, weder Silber noch Gold funkelte auf ihnen, und doch htte keine unreine Macht es gewagt, den zu berhren, in dessen Haus sie sich befanden. Der Jessaul hob die Bilder in die Hhe und schickte sich an, ein kurzes Gebet zu sprechen ...... da schrien die Kinder, die am Boden spielten, auf einmal in hellem Schreck auf, das Volk wich zurck hinter ihnen, und alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken, der in ihrer Mitte stand. Wer er war, das wute niemand zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen Kosakentanz zu tanzen und ergtzte die Menge, die ihn umringte und brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul die Heiligenbilder emporhob, da verwandelte sich auf einmal das Antlitz des Kosaken: die Nase fing an zu wachsen, wurde grer und grer und krmmte sich zur Seite; grne uglein blitzten anstelle der grauen hervor, die Lippen wurden blau, das Kinn fing an zu zittern und wurde spitz wie ein Speer, aus dem Mund entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wlbte sich ein Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise. Das ist _er_! Das ist _er_! schrien die Menschen, sich eng aneinander drngend. Der Zauberer ist wieder da! schrien die Mtter und faten ihre Kinder schnell bei der Hand. Wrdig und stolz trat der Jessaul vor, und whrend er die Heiligenbilder vor sich hinhielt, sprach er mit lauter Stimme: Verschwinde, Satansbild! Fr dich ist kein Platz hier! Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend mit den Zhnen wie ein Wolf, und verschwand. Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem Volke, schwoll immer mehr an und rollte dahin wie das Brausen des Meeres im Ungewitter. Was ist das fr ein Hexenmeister! fragten die Jungen und Unerfahrenen. Ein Unheil zieht herauf! sprachen die Alten kopfschttelnd, und berall im weiten Gehfte des Jessaul lauschten die Haufen des Volkes den Geschichten von dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wuten Verschiedenes zu erzhlen, und niemand konnte etwas Sicheres von ihm berichten. Ein Fa Meth ward auf den Hof gerollt und nicht allzuwenige Eimer voll griechischen Weines stellte man hin. Und wiederum tobte es lustig weiter. Die Musikanten spielten drauf los -- und die Mdchen, die jungen Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans wirbelten wild durcheinander. Das Greisenvolk der Neunzig- und Hundertjhrigen wagte, auch schon bezecht, ein Tnzchen und gedachte so mancher Jahre, die nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur spten Nacht wurde gezecht und so wurde gezecht, wie man's jetzt nimmermehr tut. Dann strmten die Gste auseinander, aber nur wenige gingen ihres Weges: viele blieben in dem weiten Hofraume des Jessaul ber Nacht, und noch viel mehr Kosaken schliefen von selbst ein, ungebeten, unter den Bnken, auf dem Fuboden, neben den Rossen oder vor den Stllen: und wo ein rechter Kosak im Rausche hintaumelte, da lag er auch schon und schnarchte laut ber ganz Kijew. II. Still leuchtete es ber dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweiem Damast verhllte er des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurck bis ins Dickicht der Fichten. Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei Burschen, die schwarzen Kosakenmtzen schief in die Stirn gedrckt, und von ihren Rudern sprhen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus dem Feuerstein Funken. Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, da die rmischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze Tage lang am Salzsee gekmpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von khnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein rmel seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schtzender Leinwand bedeckt war, sprhte das Wasser herab wie grauer Staub. Kstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die weiten Wiesen und die Wlder im Grn! Das sind nicht Berge wie andere auch: ihr Fu ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und ber und unter ihnen dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hgeln die Wlder sind keine Wlder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten umsplt ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch ber dem Barte und ber den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine Wiesen: ein grner Grtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte umgrtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hlfte lustwandelt der Mond. Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib. Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina? Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf wollte kein Kind mit ihm spielen. Hr', Pan Danilo, wie schrecklich das ist, was man erzhlt: man sagt, es dnkte ihn stets, da ihn alle verhhnten. Geschieht's, da abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und die Zhne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mren vernahm, sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit Blttern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren. Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinber, wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schlo in die Hhe starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten ber den Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. Nicht das ist schrecklich, da er ein Zauberer ist, sprach er, schrecklich ist's, da er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu kommen? Ich hrte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest will ich vernichten, sobald nur das Gercht umzugehen beginnt, da das ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, da selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser Satan wohnt! Wr' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich fr einen Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, drfte man jetzt nicht lange mehr zgern, nicht immer kann man's im Kriege da erbeuten. Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkndet mir die Begegnung mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so finster ber den Augen geballt! .... Schweig, Weib! rief Danilo wtend, wer sich mit euch verbindet, wird selbst zum Weibe. Gib mir Feuer fr meine Pfeife, Junge! Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glhende Asche aus seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn. Sie schreckt mich mit dem Zauberer! fuhr Pan Danilo fort. Der Kosak frchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch rmische Priester. Das wr' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hren anfingen. Nicht wahr, Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schrfe des Schwerts! Katerina verstummte und lie die Augen ber das trge Wasser gleiten; der Wind kruselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht. Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drngten sich da aneinander. Da blhte kein Wachholder zwischen ihnen, da grnte kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Hhe wrmend auf sie herab. Hrt ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe! sprach da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte. Ja, wir hren jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's! riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine Landzunge herum. Pltzlich lieen die Leute ihre Ruder sinken und blickten starr zum Ufer hinber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern. Das Kreuz auf einem der Grber wankte, und pltzlich erhob sich daraus ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf den Grtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch lnger waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte und verzerrte sich. Man sah ihm an, da er entsetzliche Qualen litt. Mir ist so schwl, so schwl! sthnte er mit wilder unmenschlicher Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber pltzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch schrecklicher und noch grer als jener: er war ganz von Haar berwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den Knochen waren noch lnger. Er rief noch wilder: Mir ist so schwl! und sank in die Erde zurck. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerst sich hoch ber die Erde erhob. Der Bart flo bis zu den Fersen herab, die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde, furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben Knochen zersgte .... Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stie einen Schrei aus und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer lieen die Mtzen in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte. Auf einmal aber war alles verschwunden, als wr' es berhaupt nie gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern. Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drckte sie an sein Herz und kte sie auf die Stirn. Frchte dich nicht, Katerina! Schau: es ist ja nichts! sprach er und wies nach allen Seiten. Der Zauberer will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den Sohn doch herber! Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Hhe und drckte ihn an seine Lippen. Nun, mein Iwan, frchtest du dich vor Zauberern? -- Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hr auf zu weinen! Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied: Lulli, lulli, lulli, lulli! Schlaf, mein Shnchen, schlafe ein! Bleib gesund und wachs mir fein! Bring Kosaken Ruhm und Freud, Und den Feinden Schmerz und Leid! Hr', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns leben. So mrrisch kam er hier an und so verdrielich, als zrnte er uns ... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurck, und meine Rede stockte. Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fngt gleich laut in der Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen, ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mtzen bekommen. Du, Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab' sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein ganzes Rstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein lie ich frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch immer! Nimm ihn, Katerina! Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine Kosakenseele zu stoen. III. Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal, das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von auen der Htte eines einfachen Kosaken, und blo eine Stube ist drin; doch ist Raum darinnen genug fr ihn, wie fr sein Weib und fr die alte Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wnden entlang laufen oben eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schsseln und Tpfe fr die Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefate Becher, die der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare Musketen hngen von den Wnden herab, Sbel, Feuergewehr und Lanzen; freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhnden oder von Trken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen Gefechte. An den Wnden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbnke hin und daneben, vor der Ofenbank, hngt die Wiege an ein paar Stricken, die man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen Stube ist der Fuboden glatt gestampft und mit Lehm berstrichen. Auf den Bnken schlft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem Fuboden schlafen die Burschen. Doch ist's dem Kosaken lieber, auf nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut's ihn wohl, wenn er mitten in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besten Himmel zu sehen, und in der nchtlichen Klte, die doch den Kosakenknochen soviel Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken etwas, steckt seine Pfeife an und hllt sich fester in seinen warmen Pelz. Es war nicht mehr ganz frh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu eingetauschten trkischen Sbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken. Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrmig und mrrisch, mit einer fremdlndischen Pfeife zwischen den Zhnen. Er ging auf seine Tochter zu und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, da sie so spt nach Hause gekommen. Nach solcherlei Dingen hast du, Schwher, nicht sie zu befragen, sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht bel! sprach Danilo, ohne von seiner Arbeit zu lassen, vielleicht ist es in manchen Lndern, wo Unglubige wohnen, anders -- das freilich wei ich nicht! Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfrbte sich, und seine Augen blitzten wild auf. Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn nicht der Vater! murmelte er vor sich hin. Nun denn, so frage ich dich: wo bist du herumgestrichen bis spt in die Nacht? Das hrt sich schon anders an, lieber Schwher. Darauf will ich dir antworten, da ich schon lange nicht mehr zu denen gehre, die von einem Weib in Windeln gewickelt werden. Ich wei wohl, hoch zu Pferde zu sitzen und in der Hand den scharfen Sbel zu schwingen; auch manches andere noch versteh' ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft zu geben ber das, was ich treibe! Ich seh' es, Danilo, ich wei, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der fhrt sicher nichts Gutes im Schilde. Denk doch, was dir beliebt, sagte Danilo, auch ich denke das Meine. Noch war ich nie in einen schndlichen Handel verwickelt, stets stand ich fr rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher Landstreicher, der sich, Gott wei wo, umhertreibt, wenn rechtglubige Leute sich bis aufs Blut schlagen mssen; der will dann das Korn ernten, das nie er gest. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen, wo sie sich umhertreiben! Holla, weit du wohl, Kosak! rief jener .... Ich schiee ja nicht gut, hchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch bin ich kein allzu starker Fechter: die Stcke, in die ich die Menschen schlage, sind kleiner als die Krner, draus man Brei kocht! Ich bin bereit, rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein Kreuz in der Luft, als htt' er gewut, wozu er's geschliffen. Danilo! schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an ihn, du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst! Vater, dein Haar ist so wei wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie ein trichter Knabe! Weib! rief Danilo streng, du weit, das leide ich nicht, bleibe bei deinen Weibergeschften! Furchtbar erklirrten die Sbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken wurden von Funken besprht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um nichts von den Sbelhieben zu hren. Doch so schlecht kmpften die Kosaken nicht, da man ihren Hieb berhren konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hrt' es in ihrem ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick -- klack! Nein, ich halt es nicht aus, ich halt's nicht aus ... vielleicht sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weien Leibe, vielleicht hat meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier! Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube. Gleichmig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und Pan Danilo wich zurck oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Sbel schmettern .... und tosend fliegen die Klingen zur Seite. Ich danke dir, Gott! rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie richteten die Feuersteine und spannten die Hhne. Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand nicht. Da krachte der Schu ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein helles Blut in den linken rmel des Kosakenschupans. Nein! rief er, so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm ist der Herr, 's ist der rechte! Bei mir an der Wand hngt eine trkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden. Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen Dienst! Und Danilo streckte die Hand aus. Danilo! schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich vor ihm auf die Knie, nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist auch das meine: unwrdig ist die Frau, die ihren Mann berlebt; der Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer wird es htscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse dahinzufliegen, fr Freiheit und Glauben zu kmpfen, nach Kosakenart zu trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen Schlange! Glaubt' ich denn nicht, du hegest ein Trpflein Erbarmen in deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich Gefhl? Wie tricht tuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude. Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen, wie diese unglubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wrest du wahrlich, aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mtze zu schren, das unter ihm lodert! Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich kssen! Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Hrchen krmmen. Du wirst aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmtze auf dem Kopfe und mit dem scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab' ich dir Unrecht getan, nun so gesteh' ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand? sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Vershnung sprach. Vater! rief Katerina, umarmte und kte ihn, la dich erbitten. Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr krnken! Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter, erwiderte jener, kte sie und seine Augen glnzten absonderlich auf. Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Ku, so seltsam der Glanz seiner Augen. Sie sttzte sich mit der Hand auf den Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann Danilo darber nach, da er falsch gehandelt, und nicht nach rechter Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld bewut war. IV. Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und ein feiner Regen rieselte ber die Felder und Wlder und ber den breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und ruhelos. Geliebter Mann, teurer Mann, sprach sie, ich hab' einen wunderlichen Traum getrumt! Was fr einen Traum, meine liebe Pani Katerina? Mir trumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob ich wachte, mir trumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer, das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt' dich, trau' dem Traume nicht: was trumt man nicht alles fr Torheit! Mir war's, als stnde ich vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm sthnte es auf in meinen Adern. O httest du gehrt, was er gesprochen .... Was sprach er denn, meine goldene Katerina? Er sprach: Schau mich an, Katerina, ich bin schn! Zu Unrecht sagen die Leute, da hlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann sein. Sieh, wie mein Auge glht! -- Da warf er einen flammenden Blick auf mich, und ich schrie auf und erwachte! Ja, vieles Wahre sagen die Trume. Ist es dir auch bekannt, da hinter den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder gezeigt haben. Gorobetz lie mir verknden, ich solle nicht schlafen; doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schlfer. Meine Burschen schlugen heut Nacht zwlf Schanzen auf. Wir wollen den Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen! Und wei mein Vater das? Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rtsel bis zur Stunde. Er hat wohl viel gesndigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag das fr einen Sinn haben -- schon einen Monat fast lebt er hier, und noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich, Meth zu trinken! Hrst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche! rief Pan Danilo, lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch trinkt er keinen Schnaps! Hlle und Teufel! mir scheint fast, Pani Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was dnkt dir? Wei Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo! 'S ist wunderlich, Pani, fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der Hand des Kosaken entgegen. Selbst die Katholiken im heidnischen Rom sind Freunde des Schnapses. Nur die Trken trinken ihn nicht. Nun, Stetzko, hast du im Keller tchtig vom Meth geschluckt? Ich habe nur gekostet, Pan! Du lgst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen Schnurrbart strzen! Ich seh's an deinen Augen, da du einen halben Kbel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was fr ein tolles Volk seid ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn's gilt zu saufen, dann schluckt ihr's selbst herunter. Ich war schon lange nicht mehr betrunken, wie, Katerina? Ei, warum lange! Erst am letzten ..... Frchte dich nicht, frchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen Krug! Da kommt der trkische Abt durch die Tr geschlichen! murmelte er durch die Zhne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bckte, um durch die Tr zu kommen. Nun, meine Tochter, sagte der Vater, nahm die Mtze vom Kopf und ordnete seinen Grtel, an dem ein Sbel mit wundersamem Gestein hing, die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht bereitet. Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den Topf mit den Klen vom Feuer! fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin gewandt fort, die das Holzgert abwischte. Nein, warte, ich tu' es lieber selbst, ruf mir die Burschen! Alle lieen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenber dem Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans. Ich mag diese Kle nicht! sprach der Herr Vater; er a nur wenig und legte den Lffel hin, sie schmecken nach nichts! Ich wei, besser schmecken dir Judennudeln! dachte Danilo bei sich. Warum, meinst du, die Kle schmeckten nach nichts, Herr Schwher? fuhr er laut fort. Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine Katerina macht so gute Kle, wie sie selbst der Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmht man nicht: 's ist ein christlich Gericht! Alle heiligen und gottesfrchtigen Mnner haben stets Kle gegessen! Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. Ich mag das Schweinefleisch nicht! sprach Katerinas Vater und steckte den Lffel in den Kohl. Wie kann man Schweinefleisch verschmhen? sagte Danilo: nur Trken und Juden essen kein Schweinefleisch. Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und dsterer; nichts als Mehlbrei mit Milch a der Alte, und statt des Schnapses trank er nur dann und wann eine dunkle Flssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen verwahrt hielt. Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem krftigen Schlfchen nieder und wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber sa whrenddessen auf der Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fue. Pan Danilo sitzt da, blickt mit dem linken Aug' auf die Schrift und mit dem rechten nach dem Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glnzt der Dnjepr von ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wlder, und von oben glimmt der geklrte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schlo. Ihn deuchte, es blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb still; gewi hatte es ihm nur so geschienen. Unten hrte man nur den Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jh erwachten Wogen herber hallen. Nicht Aufruhr war's oder Emprung: der Dnjepr murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles um ihn herum war verndert; er fhrte einen heimlichen Krieg mit den Bergen, den Wldern und den Wiesen am Ufer und Klage trgt er ob ihrer zum Schwarzen Meere hin. Da erschien pltzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: Nimm schnell den scharfen Sbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir! Du gehst? fragte Pani Katerina. Ja, Frau, ich gehe. Ich mu berall hingehen, zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Ich frchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt ber mich. Wie, wenn ich heute wieder dasselbe trumte? Ich bin nicht gewi, ob es auch wirklich nur ein Traum war, -- so lebendig stand alles vor mir! Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die Kosaken! Die Alte schlft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht sehr. Hr, Pan Danilo: Schlie mich im Zimmer ein und nimm den Schlssel mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken la vor der Tr schlafen. Sei's denn so, sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und schttete Pulver auf. Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen Kosakenausrstung. Danilo setzte die Lammfellmtze auf, machte das Fenster zu, schob den Riegel vor die Tr, schlo sie ab und ging zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge hinaus. Der Himmel war jetzt schon fast vllig klar. Ein frischer Wind wehte leise vom Dnjepr herber. Und htte man nicht von ferne den Schrei einer Mwe gehrt, so wre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem treuen Diener hinter dem Gestrpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an der Seite den Sbel. -- Das ist der Schwher! sagte Pan Danilo, whrend er ihn hinterm Busch beschaute. Wohin nur geht er zu dieser Stunde und wozu? -- Ghne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der Herr Vater einschlgt! Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: Ah, dahin geht's also! sprach Pan Danilo. Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs in die Hhle des Zaubrers geschlichen? Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst wrden wir ihn auf jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden. Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach. Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab's dir wohl gleich gesagt, da dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines Rechtglubigen! Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge. Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das Schlo rings umgab, lie nichts von ihnen gewahr werden. In der Hhe leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tr zu sehen; vom Hof aus gab's sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen? Von ferne hrte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen. Was grble ich noch lange! sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche vor dem Fenster erblickte. Bleib hier, mein Junge! Ich steig' auf die Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen. Da nahm er seinen Grtel ab, legte den Sbel nieder, damit er nicht klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wnde waren mit wunderlichen Zeichen bedeckt und mit Waffen behngt; doch war es hchst seltsames Gewaffen: solches tragen weder die Trken noch die Bewohner der Krim, weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der Decke flogen Fledermuse hin und her, und ihr Schatten huschte ber die Wnde, die Tren und die Diele. Doch da ffnete sich ganz leise und ohne zu knarren die Tr. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weien Tuche bedeckt war. Er ist's! Es ist der Schwiegervater! Pan Danilo kauerte sich noch mehr zusammen und drckte sich noch fester an den Baumstamm. Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig ri er die Decke vom Tisch herab -- und pltzlich ergo sich fast unmerklich ein blau durchsichtiges Licht bers Zimmer, und nur die Wellen des alten bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte er einen Topf auf den Tisch und begann Kruter hineinzuwerfen. Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie sie die Trken tragen, in seinem Grtel steckten Pistolen, und auf dem Kopfe hatte er eine wunderliche Mtze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehrten. Er sah ihm ins Antlitz -- und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald ber die Lippe herber; der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor und bog sich zur Seite -- vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. Dein Traum ist wahr, Katerina! dachte Burulbasch. Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an der Wand begannen sich rascher zu ndern und Fledermuse flatterten wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und milder und schien ganz zu verlschen. Und schon hellte die Kammer sich auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so flo das wundersame Licht in alle Winkel, doch pltzlich schwand es dahin, und es wurde ganz dunkel. Nur ein Gerusch war noch zu hren, wie wenn zur stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist's, als ob im Gemach ein Mond aufglnzte, Sterne auf und ab wandelten und ein dunkelblauer Himmel darber aufleuchtete, ja sogar die Khle der Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist's Pan Danilo pltzlich so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine eigene Schlafkammer: an den Wnden hngen seine Sbel von Tataren und Trken; lngs der Wnde Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgerten; auf dem Tische Brot und Salz, und dort hngt die Wiege. Doch statt der Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfllt sich der Raum in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klnge werden immer strker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas wie eine weie Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das, war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu berhren? Sie sttzte sich auf nichts, und das rosige Licht und die Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte sie den durchsichtigen Kopf: die blablauen Augen leuchteten still auf, das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel ber die Schultern, ein blasses Rot frbte ihre Lippen, wie wenn in der Frhe das junge Morgenrot kmmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre Brauen. Ah! es ist Katerina. Und Danilo fhlte, wie ihm die Glieder erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos. Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. Wo bist du gewesen? fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte. Oh, warum hast du mich gerufen? sthnte sie leise. Ich war so froh. Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte fnfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist's da! Wie grn und duftig ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die Feldblmelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie zrtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen! Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund gekt und meine blonden Flechten mit dem dichten Kamme gekmmt. Vater! Sie heftete ihre bleichen Augen auf den Zauberer. Warum hast du meine Mutter ermordet? Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. Hab' ich verlangt, du sollest davon sprechen? Und die aus Luft gewobene Schne erbebte. Wo ist deine Herrin jetzt? Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fnfzehn Jahre alt und so leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen? Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt? fragte der Zauberer so leise, da man's kaum hren konnte. Gewi denk' ich dran, gewi. Aber was wrd' ich darum geben, es zu vergessen. Arme Katerina! Sie wei gar manches von dem nicht, was ihre Seele wei. Das ist die Seele Katerinas! dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch immer nicht, sich zu bewegen. Tu Bue, Vater! Ist's dir denn nicht frchterlich, wenn nach jedem deiner Morde die Toten aus den Grbern steigen? Schon wieder die alten Reden! unterbrach sie der Zauberer streng Ich setz' meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen. Katerina wird mich lieben lernen! Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater! sthnte sie auf. Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen Zauberknsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwren und sie zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun. Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat vollbringen. O, Vater! Das jngste Gericht ist nahe! Und wrst du auch nicht mein Vater, nie wrdest du mich zwingen knnen, meinen treuen, geliebten Gatten zu betrgen. Ja, wr' mir mein Gemahl auch nicht so lieb und so treu, ich wrd' ihn dennoch nie betrgen; denn Gott liebt die meineidigen und treulosen Seelen nicht! Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo sa, und hielt starr inne .... Wohin blickst du? Was siehst du dort? schrie der Zauberer auf. Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon lngst wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die Berge. Furchtbar, furchtbar! sprach er bei sich selber und Angst umfing sein Kosakenherz. Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest schliefen; nur der eine sa da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen. Der Himmel war ganz mit Sternen best. V. Wie gut tatest du, da du mich wecktest! sprach Katerina, und whrend sie sich mit dem gestickten rmel ihres Hemdes die Augen rieb, betrachtete sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis zu Fen. Welch schrecklichen Traum ich gehabt! Wie schwer atmete meine Brust! Oh! .... mir war's als strbe ich .... Was war das fr ein Traum? Vielleicht dieser? und Burulbasch erzhlte seinem Weibe alles, was er geschaut. Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl? fragte Katerina erstaunt. Doch, nein. Gar vieles, was du erzhlt hast, ward mit nicht bekannt. Nein, mir hat nicht getrumt, der Vater habe meine Mutter gettet; auch hab' ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen. Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du's erzhlst. O, wie furchtbar ist doch mein Vater! Das ist frwahr auch kein Wunder, da du gar vieles davon nicht sahest! Du weit doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele wei. Weit du -- dein Vater -- das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr, als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals hielt ich's noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwren; die lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschlft, und fliege zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten Blick wollt' mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Htt' ich geahnt, da du solch einen Vater hast, nie htt' ich mich mit dir vermhlt; ich htt' dich verlassen und der Seele nimmer die Snde aufgebrdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwgern. Danilo! rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Hnden und schluchzte auf. Hab' ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen? Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab' ich deinen Zorn auf mich gelenkt? Hab' ich dir nicht treu gedient? Hab' ich denn je ein widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ... Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie verlassen. Alle Snden liegen bei deinem Vater! Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein Gottesverchter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet' ich die Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. _Du_ bist mir mein Vater! VI. In Pan Danilos tiefem Verliee sitzt der Zauberer in eiserne Ketten geschmiedet; fern ber dem Dnjepr brennt sein satanisches Schlo, und blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen Verlie: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtglubigen Russenlands -- den er mit den Rmlingen eingegangen, um ihnen das ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer; nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt ihm zu leben, und morgen gilt's, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gndig ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sndhafte Haut abgezogen wrde. Dster und grimmig ist der Zauberer, und er lt den Kopf hngen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich; doch sind seine Snden nicht so, da Gott ihm verzeihen knnte. Hoch oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstbe vergittern. Mit seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein Tubchen und nicht racheschtig. Wrde sie sich nicht des Vaters erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin, aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei; aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist's dem Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen. Da erschien jemand auf dem Wege -- es war ein Kosak! Schwer seufzte der Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der Ferne kam jemand herab ...... Ein grner berwurf flatterte empor, ein goldener Kopfschmuck glnzte auf dem Haupte. Das war _sie_! Noch enger prete er sich ans Fenster. Sie kam nher und immer nher ... Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab' Mitleid mit mir! ....... Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hren. Sie wendete nicht einmal die Augen nach dem Gefngnis, und schon war sie vorbei und wieder verschwunden. Leer wird die Welt, wehmtig rauscht der Dnjepr; hoffnungslose Trauer und Wehmut umfngt das Herz; aber wute wohl der Zauberer, was Wehmut ist? Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht mehr. Schon war es Abend. Khl ward es, irgendwo brllte ein Stier, von irgendwo tnten verwehte Klnge herber; sicherlich kamen jetzt die Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und frhlich zu sein: ber den Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kmmerte sich um den Gefangenen? Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der anderen Seite den Weg empor; schwer war's, im Dunkeln zu erkennen, wer das war: Es war Katerina, die jetzt zurckkehrte. In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick auf deinen sndigen Vater! Aber sie hrte ihn nicht und ging weiter. Tochter, im Namen deiner unglcklichen Mutter ... Sie blieb stehen. Komm und vernimm mein letztes Wort! Wozu rufst du mich, Gottesverchter? Nenn' mich nicht Tochter! Zwischen uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner unglcklichen Mutter? Katerina, mein Ende ist nahe! Ich wei, dein Mann gedenkt, mich an den Schweif eines Rosses zu binden und bers Feld zu schleifen, oder vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod fr mich ... Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Snden gleichkommt? Mach dich darauf gefat, fr dich wird niemand bitten! Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in _jener_ Welt! ...... _Du_ bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele wird im Paradies in Gottes Nhe weilen, aber die Seele deines gottlosen Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer erlschen, nur noch hher und hher wird es emporlodern. Kein Tautropfen wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen. Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern! sprach Katerina und wandte sich ab. Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du weit noch nicht, wie gut und gndig Gott ist. Hast du je vom Apostel Paulus gehrt, der voller Snden war und dann in sich ging -- und ein Heiliger wurde? Was kann ich tun, deine Seele zu retten? sprach Katerina. Sollte ich, ein schwaches Weib, daran denken knnen? Wenn es mir gelnge, von hier zu entfliehen, so wrde ich mein ganzes altes Leben aufgeben! Ich wrde Bue tun, in die Wste gehen, ein hrenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berhren! Kein Gewand breit' ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den hundertsten Teil meiner Snden von mir nimmt, dann will ich mich bis an den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mnchen vermachen, auf da sie vierzig Tage und vierzig Nchte lang Seelenmessen fr mich lesen! Katerina sann nach. Selbst wenn ich dir das Tor aufschlsse, ich kann dir doch die Ketten nicht aufschmieden! Die Ketten frchte ich nicht. Du meinst wohl, sie htten mir Hnde und Fe zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der Menschen und hielt ihnen statt der Hnde ein trockenes Holz hin. Schau, hier bin ich: jetzt trag' ich keine Kette mehr! sagte er und trat frei in die Mitte des Raumes. Ich htte ja auch die Wnde nimmer gefrchtet und wre hindurchgeschritten; aber dein Mann wei nicht, was das hier fr Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die Zelle mit jenem Schlssel aufzuschlieen, mit dem der Heilige sie verschlo. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Snder, auch mir erbauen, wenn ich nur frei bin! Nun wohl, so hre: ich lass' dich hinaus, doch, wie wenn du mich trgst, sprach Katerina und blieb vor der Tr starr stehen. Wenn du, statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst? Nein, Katerina, ich hab' nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, da ich mich selbst zu ewigen Qualen verurteilen will? Die Schlsser klirrten. Leb' wohl, der barmherzige Gott behte dich, mein Kind! sprach der Zauberer und kte sie. Rhr mich nicht an, schrecklichster aller Snder! Geh schnell von hinnen! rief Katerina. Doch er war schon verschwunden. Ich hab' ihn befreit! flsterte sie und blickte voller Schrecken wie irr auf die Mauern. Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen. Und sie sank schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. Aber ich habe eine Seele gerettet! sagte sie leise. Ich tat ein Gott wohlgeflliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab' ihn zum ersten Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir's werden, ihm die Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, _er_ ist es! es ist mein Mann! rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden. VII. Ich bin's, meine liebe Tochter, ich bin's, mein Herzchen! hrte Katerina jemand sagen, als sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte Dienerin vor sich. Die Alte beugte sich ber sie, schien ihr etwas zuzuflstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit kaltem Wasser. Wo bin ich? sagte Katerina, indem sie aufstand und um sich blickte. Vor mir rauscht der Dnjepr und hinter mir liegen die Berge ... Wohin hast du mich gefhrt, Weib? Ich hab' dich nicht weggefhrt, sondern hinausgetragen; auf meinen Armen trug ich dich aus dem dumpfen Gewlbe. Ich habe die Tr mit dem Schlsselchen zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet und bestraft! Wo ist der Schlssel? sprach Katerina und blickte auf ihren Grtel, ich seh' ihn nicht! Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem Zauberer zu sehen, mein Kind! Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin verloren! rief Katerina. Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! Schweig du nur, liebe Herrin. Niemand wird etwas erfahren! Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast du gehrt, Katerina? Er ist entflohen! rief Pan Danilo, der auf seine Frau zutrat. Seine Augen sprhten Feuer, und sein Sbel schttelte sich klirrend an seiner Seite. Sein Weib erstarrte. Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann? sprach sie zitternd. Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat ihn befreit. Schau hin! Statt seiner liegt ein in Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat's nun einmal so eingerichtet, da der Teufel sich nicht vor Kosakenfusten frchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch nur von fern daran gedacht haben sollte, und ich erfahre es ..... O, ich wrde keine Strafe ausdenken knnen, die schwer genug fr ihn wre! Und wenn ich es wre? sprach Katerina unwillkrlich und hielt erschrocken inne. Wenn du's getan httest, so wrest du mein Weib nicht mehr! Ich wrde dich in einen Sack einnhen lassen und mitten im Dnjepr ertrnken! .... Katerina stockte der Atem und ihr war, als lsten sich ihr die Haare vom Haupte. VIII. In einer Schnke am Grenzwege sind die Polen versammelt und zechen schon zwei Tage lang. Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie sind wohl zusammengekommen, um einen berfall auszuhecken! Manche von ihnen haben Musketen, die Sporen klirren und die Sbel rasseln. Die polnischen Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch von unerhrten Taten, sie spotten ber den rechten Glauben, nennen das Volk der Ukraine ihre Knechte, zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Hhe, und mit hochmtig zurckgeworfenen Kpfen recken sie sich auf den Bnken. Auch ihr Priester ist bei ihnen; doch auch der ist vom selben Schlage wie sie. Er gleicht nicht einmal dem uern nach einem christlichen Priester, denn er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge fhrt unzchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen in nichts nach: sie haben die rmel der schbigen Schupans aufgestreift und stolzieren so aufrecht einher, als wren sie was Rechtes! Sie spielen und hauen einander mit den Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber bei sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... Die polnischen Herren toben nur so und treiben Schabernack mit den Leuten; sie packen einen Juden am Bart, malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schieen mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und tanzen einen Krakowiak mit ihrem schndlichen Priester. Gab's doch nicht einmal von den Tataren solch rgernis im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl beschieden, solche Schmach fr seine Snden zu erdulden. Und mitten in diesem Sodom hrt man sie vom Gutshof des Pan Danilo am Dnjepr und von seinem schnen Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt die Rotte, die hier versammelt ist! IX. Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen gesttzt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und singt ein Lied. Mir ist so traurig zumute, Weib! spricht Pan Danilo, der Kopf tut mir weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht mehr fern. O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst du so schwarze Gedanken in deiner Brust? dachte Katerina, wagte es aber nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewuten, wurde es schwer, des Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen. Hr, liebes Weib! sagte Danilo, verla meinen Sohn nicht, wenn ich einst tot bin! Gott wird kein Glck auf dich herabsenden, weder in dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stt. Schwer wrde es meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch trauriger wr' meine Seele! Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches Weib. Du wirst noch lange leben! Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr' unseres Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen vorber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman sa auf seinem Rappen und in seiner Hand glnzte der Hetmansstab; rings um ihn standen die Fhrer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der frheren Taten und Gefechte gedachte. Ach, wenn du wtest, Katerina, wie wir damals uns mit den Trken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je vollstndig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die Edelsteine schpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mtzen. Und was fr Pferde, wenn du wtest, was fr Pferde wir damals raubten, Katerina! Nein, solche Kriege erleb' ich nie wieder! Noch bin ich ja nicht alt, ich bin noch rstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner Hand, ich lebe tatenlos dahin und wei selbst nicht, wozu ich lebe. In der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls beien sich herum wie die Hunde; 's ist keiner da, dem alle gehorchten und der ihr Haupt wre. Unsere Schlachzizen haben alles gendert und polnische Sitten eingefhrt, sie sind so schlau und so tckisch geworden und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine vergangenen Jahre? Geh ins Gewlbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen Zeiten! Womit sollen wir die Gste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der Wiese her! rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer hereinstrzte. Ich wei wohl, wozu sie kommen! sprach Danilo, sich von seinem Platze erhebend. Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch an und heraus mit den Sbeln! Verget auch die blauen Bohnen nicht! Die Gste sollen mit Ehren empfangen werden! Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen, da berschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von den Bumen fllt. Hehe, da gibt's eine feine Gesellschaft! rief Danilo und blickte auf die dicken Pans, die sich wrdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen schaukelten. Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln! Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das Fest hat begonnen! Und auf den Bergen ward es frhlich, und das Fest hub an: da schwirren die Sbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde. Die Schdel drhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer Reitersmann strzt vom Ro; ein Sbel klirrt -- und ein Kopf wlzt sich, zusammenhanglose Reden lallend, am Boden. Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmtze des Pan Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen Grtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mhne des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Sbel und schlgt rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak! Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Fen! Stich zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon stecken die frevelnden Polen die Htten in Brand und treiben das ngstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurck, die Mtze mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Husern auf, und rings um ihn wird der Haufen geringer. Nicht nur eine Stunde oder zwei kmpften die Kosaken und Polen. Immer weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht: mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit seinem tapferen Ro das Fuvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon fliehen die Polen, schon reien die Kosaken die goldenen Schupans und die reiche Rstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln ..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf. Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben! Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote Gewand und die seltsame Mtze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und strzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an: Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht verlassen! Verlat auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener! und er verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schlft einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt. Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand: Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche erwachen! Da schlug Katerina die Hnde zusammen und sank ber den Leichnam hin wie eine Garbe. O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du's, der geschlossenen Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rhr deine se Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina, reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wrtlein! ... Doch ach, du schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Blulich wardst du wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlgt nicht! Warum bist du so kalt, mein Pan? O, ich seh's, meine Trnen sind nicht hei genug, sie knnen dich nicht erwrmen! Ich seh's, nicht laut genug ist meine Klage, denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anfhren? Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den Kosaken den Sbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm! Streut mir Erde auf die Augen, pret die Bretter von Ahorn mir auf die weien Brste! Ich brauche meine Schnheit nicht mehr! Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu Hilfe heran. X. Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und ungehemmt durch Gebirg und Wlder seine reichen Wasser trgt. Da ertnt kein leises Rauschen und kein mchtiger Donnerlaut. Du blickst hin und weit es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rcken regt, ob nicht; ganz aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet sich, breit ohne Maen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch die grne Welt. Dann blickt auch die heie Sonne selig von der Hhe herab und taucht ihre Strahlen in die khlen glsernen Wsser, und selig spiegeln sich die Wlder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr Grngelockten! Ihr drngt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt euch hinab, schaut hinein und knnt euch nicht satt sehen an eurem klaren Angesicht und ihr lchelt ihm zu und grt es, indem ihr die Zweige schttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und selten nur kommt ein Vogel bis mitten ber den Dnjepr geflogen. O, du herrlicher Flu! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt majesttisch auf Himmel und Erde und schttelt gewaltig sein wunderbares Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glhen und leuchten ber die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoe, und kein einziger kann ihm entrinnen -- es sei denn, da er am Himmel erlischt. Der schwarze Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt, das den Dnjepr berdecken knnte. Azurblau fliet er gemessen dahin, und bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzrteltes Kind bei der nchtlichen Khle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und die flammt auf, wie die sthlerne Schneide einer Damaszenerklinge und dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der Dnjepr voller Wunder und kein Flu in der Welt kommt ihm gleich! Doch wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den Wolken splitternd, pltzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der Dnjepr schrecklich! Die Wasserhgel tosen, wenn sie gegen die steinigen Felsen anprallen, sinken blitzend und sthnend zurck und chzen und heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und khn reitet er auf seinem rabenschwarzen Ro dahin, die Hand in die Hfte gestemmt und die Mtze keck aufs Ohr geschoben, sie aber luft schluchzend hinter ihm her, hngt sich an den Steigbgel, greift ihm in die Zgel, ringt die Hnde und zerfliet in heien Trnen. Wild und schwarz ragen zwischen den kmpfenden Wellen auf der Landzunge verkohlte Baumstmpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will, wird ans Ufer geworfen, schiet hoch empor und sinkt dann wieder tief abwrts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit, da der alte Dnjepr grollt? Der wei nicht, da der Dnjepr die Menschen hinabschlingt wie Fliegen! Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht heiter zumute. Er grollt ber den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen muten ihn teuer bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schnen Schupans, ihr ganzes Pferdegeschirr und dreiunddreiig Knechte dazu wurden in Stcke gehauen, und die brigen saen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die Tataren verkauft werden. Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstmpfen hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Htte befand. Leise und ohne mit der Tre zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kruter in ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem merkwrdigen Holz geschnitzt war, schpfte Wasser und begann es wieder auszugieen, whrend seine Lippen Beschwrungen murmelten. Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich drein, und die Augen glhten wie ein Feuer. Schrecklicher Snder! Der Bart war ihm lngst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht, schon ist er fast gnzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach gottlsterlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weie wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte ber des Zaubrers Gesicht. Doch warum stand er pltzlich regungslos mit weitgeffnetem Munde da, warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum strubten sich die Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein. Die Zge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unberwindliches Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer wurde so wei wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber fremd dnkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden. XI. Sei ruhig, liebe Schwester! sprach der alte Jessaul Gorobetz. Trume reden selten die Wahrheit. Leg dich doch hin, Schwesterchen! sagte seine junge Schwiegertochter. Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen. Frchte nichts! rief der Sohn und griff nach dem Sbel, niemand soll dir etwas zuleide tun. Mit trben und dsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein Wort zur Antwort. Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab ihn befreit! Endlich aber sprach sie: Ich habe keine Ruhe vor ihm. Schon sind's zehn Tage, da ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in aller Stille mein Shnchen als Rcher aufziehen ...... O, furchtbar, furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Beht euch Gott davor, ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer! -- Ich hack dir dein Kind in Stcke, Katerina! schrie er, wenn du nicht mein Weib sein willst! .... Schluchzend strzte sie sich auf die Wiege, da das erschrockene Kindlein die Hnde ausstreckte und zu schreien begann. Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hrte. Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: Mag er's nur wagen, hierher zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge! rief er und hob die scharf blickenden Augen gen Himmel empor. Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat man ihm zu Ehren nicht dafr einen prchtigen Leichenschmaus gefeiert? Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind! Niemand wird es wagen, dich zu berhren, solange wir leben, ich und mein Sohn! Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den Beutel mit dem glnzenden Feuerstein, streckte die Hndchen zu ihm hin und lachte. Der wird ganz wie der Vater! sprach der alte Jessaul, nahm die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. Noch hat er die Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen! Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein. Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache hielten, schlummerten nicht. Pltzlich wachte Katerina mit einem Schrei auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. Er ist tot, man hat ihn ermordet! schrie sie und strzte zur Wiege hin ..... Alle umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wute, was er von dem unerhrten Frevel denken sollte. XII. Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stt man auf eine Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und Ungarns Vlkern empor. Solche Berge gibt's in unserer Gegend nicht, und das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat noch kein menschlicher Fu betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu schauen: gleich als wre ein trotziges Meer whrend eines Sturmes seinen weiten Ufern entflohen und als htte es migestalte Wogen aufgetrmt, die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestrzt sind und den Weg zur Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der Wolken, und der weie Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den Karpathen hin hrt man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen hallt's hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn's gilt, goldene Dukaten fr Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen. Gro und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge und die grnende Sohle zurck. Doch wer kommt dort inmitten der Nacht -- bei Finsternis oder Sternenglanz -- auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke von bermenschlichem Krperma fegt die Berge entlang und ber die Seen dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenro in den leblosen Gewssern, da sein unermelicher Schatten furchtbar ber die Berge hinhuscht? Es glnzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trgt eine Pike auf der Schulter, am Sattel rasselt der Sbel, das Visier ist niedergelassen, schwarz hngt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind geschlossen, und die Lider gesenkt. -- Er schlft und hlt im Schlafe die Zgel fest, hinter ihm auf demselben Ro sitzt der junge Page und auch er schlft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er, wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer wei etwas von ihm? Nicht einen Tag nur oder zwei reitet er schon ber die Berge dahin. Der Tag bricht an, die Sonne geht auf, aber _er_ ist nicht zu erblicken. Nur selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge huschen -- und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht ber ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so lt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg hher als dieser, denn einem Knige gleich erhebt er sich ber die andern. Da machte Ro und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und herabsinkende Wolken bedeckten ihn. XIII. Pst ... still doch, Weib! Lrme nicht so! Mein Kind ist eingeschlafen. Lang hat mein Kindchen geschrien, jetzt aber schlft es. Ich geh' in den Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? Du bist frchterlich: eiserne Zangen strecken sich aus deinen Augen hervor -- -- oh, und wie lang sie sind, und brennen wie Feuer! Du bist gewi eine Hexe! Hr, wenn du eine Hexe bist, so verschwinde! Du willst mir meinen Sohn stehlen! Wie tricht ist doch dieser Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergngen, in Kijew zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind hier, wer soll denn das Haus berwachen? Ich bin so leise davongeschlichen, da weder Katze noch Hund es hren konnten. Weib, du willst wieder jung werden? O, das ist garnicht so schwer: man mu nur recht viel tanzen. Schau, wie ich tanze ..... Und nachdem sie diese zusammenhanglosen Worte gesprochen hatte, fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein Wirbel herum -- blickte stier nach allen Seiten, stemmte die Arme in die Hften, und ihre silbernen Hufeisen klirrten regellos und ohne Takt. Ihre schwarzen aufgelsten Flechten hingen ihr ber den weien Hals hinber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und immer weiter ohne Halt, schwang die Arme im Kreise, schttelte den Kopf, und es schien so, als mte sie gleich matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus dieser Welt. Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Trnen strmten ihr ber die tiefen Runzeln hinab, schwer wie ein Stein lastete es auf dem Herzen der treuen Burschen, die zusehen muten, wie ihre Herrin tanzte. Doch schon fing sie an, mde zu werden, trg stampfte sie mit den Beinen auf ein und derselben Stelle herum und glaubte doch, sie tanze den Lachtaubentanz. Ah, ich hab' auch ein Perlenhalsband, ihr Burschen! rief sie endlich aus und hielt inne. Ihr aber habt keins! .... Wo ist mein Mann? schrie sie pltzlich auf und zog rasch einen Trkendolch aus dem Grtel. Oh, das ist kein Messer, wie ich es brauche! und dabei flossen ihr die Trnen ber ihr schmerzbewegtes Gesicht. Das Herz meines Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird's nicht erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat es ihm auf dem hllischen Feuer geschmiedet. Warum erscheint mein Vater nur nicht? Wei er denn nicht, da die Zeit gekommen ist, wo ich ihn tten mu? Er will wohl gar, da ich selbst zu ihm komme .... Und ohne ihre Rede vollendet zu haben, lachte sie seltsam auf. Eine komische Mr kam mir in den Sinn: Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. Sie haben ihn lebendig begraben ... O, wie mute ich lachen! ...... Hrt, hrt! und statt weiterzureden, begann sie ein Lied zu singen: Da fhrt 'ne Karre im Blut ..... 'S liegt ein Kosak im Wagen Zerschossen und zerschlagen, Hlt in der Rechten einen Spie, Und von dem Spie luft soviel Blut Soviel Blut, Da es 'nen Blutstrom wies. berm Bach da steht ein Ahornschragen Und ein Rabe krchzt darber her. Vom Kosaken will die Mutter klagen, Wein nicht, Mutter, grm dich nicht zu sehr! Dein Sohn hat wohl genommen Ein Fruleinchen gar fein, Drum soll er auch bekommen Ein Stbchen eng und klein, Ohne Fenster, ohne Tr, So geht's immer fr und fr. Ging ein Fisch mit 'nem Krebs zu Tanz ... Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck .. So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. Schon einen oder zwei Tage lang lebte sie in ihrem Hause und wollte nichts von Kijew hren; sie betete nicht, sie floh vor den Menschen und vom frhen Morgen bis in die spte Nacht hinein streifte sie im dunklen Eichwald umher. Spitzige ste ritzten ihr weies Gesicht und ihre Schultern, der Wind zerzauste ihr die aufgelsten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren Fen -- sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, da das Abendrot erlischt, die Sterne noch nicht vom Himmel herab blinken und der Mond noch nicht leuchtet, ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die ungetauften Kinder kratzen an den Baumstmmen, hangen an den Zweigen, heulen, lachen gellend auf und wlzen sich wie ein Knuel ber die Wege und durch das dichte Dornengestrpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein Reigen von Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, die Haare rieseln ihnen vom grnlichen Haupte auf die Schultern herab; das Wasser rinnt laut glucksend vom langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau schimmert durchs Wasser hindurch wie durch ein glsernes Hemd, seltsam lcheln die Lippen, die Wangen glhen, die Blicke locken einem die Seele aus dem Leibe .... sie mchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heien Kssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein Christ, ihre Lippen sind Eis, ihr Bett ist das khle Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln und dich mit in den Flu schleifen. Katerina aber blickt niemanden an. Sie, die Wahnsinnige, frchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen nicht; zu spter Stunde luft sie umher mit dem Dolche im Busen und sucht nach dem Vater. Ganz frh am Morgen kam ein stattlicher Gast in rotem Schupan angeritten und fragte nach Pan Danilo; als er die traurige Kunde vernahm, wischte er sich die weinenden Augen mit dem rmel und zuckte die Achseln. Er habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen Burulbasch gemacht, und sie htten gemeinsam gegen die Krimschen Tataren und Trken gefochten; wie htt' er erwarten knnen, da Pan Danilo so enden wrde! Und noch von manchem anderen wute der Gast zu berichten, und dann wnschte er Pani Katerina zu sehen. Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast erzhlte; schlielich aber begann sie dennoch, seinen Reden zu lauschen, ganz als ob sie bei Vernunft wre. Er sprach davon, da er und Danilo miteinander wie Brder gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den Krimschen Tataren versteckt hielten und mehr dergleichen ....... Katerina hrte dies alles und wandte keinen Blick von ihm ab. Sie kommt wieder zu sich, dachten die Burschen, die sie aufmerksam beobachteten. Der Gast wird sie heilen! Schon hrt sie ihm zu wie ein vernnftiges Wesen! Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie Pan Danilo ihm in vertraulicher Stunde gesagt hatte: Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal Gottes Wille, und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm mein Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein .... Da heftete Katerina die Augen mit einem frchterlichen Ausdruck auf ihn. Ah! rief sie, er ist es, er ist es. Es ist mein Vater! und sie strzte sich mit einem Messer auf ihn. Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer entwinden; endlich ri er ihr's aus den Hnden, holte aus -- und die schaurige Tat geschah: der Vater erstach seine wahnsinnige Tochter. Entsetzt strzten sich die Kosaken auf ihn, aber der Zauberer schwang sich aufs Pferd und war aller Blicken entschwunden. XIV. Vor Kijew begab sich ein unerhrtes Wunder. Alle hohen Herren und Hetmans kamen zusammen, dies Wunder anzustaunen, und pltzlich war es weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. Weit in der Ferne blaute die breite Mndung des Stroms, und hinter ihr rollte das Schwarze Meer. Weltkundige Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie ein Berg aus dem Meere emporstieg, und auch den sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur Linken aber sah man das galizische Land. Und was ist _das_? fragte das versammelte Volk die groen Mnner, und alle wiesen auf die fern am Himmel leuchtenden mchtigen weien Spitzen, die grauen Wolken glichen. Das sind die Karpathen! sprachen die alten Mnner. Da gibt's auch solche darunter, von denen der Schnee nie verschwindet; dort landen und bernachten die Wolken. Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken senkten sich vom hchsten Berggipfel herab, und auf seiner Spitze erschien ein Recke zu Ro und in voller Ritterrstung; seine Augen waren geschlossen, und er war zu schauen, als ob er ganz in der Nhe vor allen dastnde. Da sprang einer von der schreckvoll staunenden Menge aufs Pferd und jagte eilig und so schnell er konnte, fort. Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen Augen prfen, ob nicht jemand ihm nachsetzte. Es war der Zauberer! Doch was hatte ihn so in Schrecken gesetzt? Als er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er pltzlich dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei seinen schwarzen Knsten so ungerufen erschienen war. Er konnte es selbst nicht begreifen, warum bei diesem Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er raste, scheu um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der Abend berraschte und die Sterne am Himmel erschienen. Da erst machte er kehrt und floh heimwrts, vielleicht um die unreinen Mchte zu befragen, was dies Wunder wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem Ro ber den schmalen Bach setzen, der wie ein rmel sich mitten ber den Weg dahinzog, als sein Ro mit einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das Maul zu ihm wandte, und -- o Wunder! -- zu lachen begann. Zwei Reihen weier Zhne grinsten ihm aus der Dunkelheit entgegen. Das Haar strubte sich auf dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte laut wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks auf Kijew zu. Es war ihm, als ob jemand von berall her nach ihm haschte: die Bume schienen zu einem dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschlieen, sie schttelten ihre schwarzen Brte und reckten ihre langen Zweige heraus, als ob sie lebendig wren und ihn erdrosseln wollten. Die Sterne schienen ihm vorauszueilen und vor der ganzen Welt auf den Snder zu weisen; selbst die Landstrae, schien ihm, jagte auf seinen Spuren hinter ihm her. Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den heiligen Wallfahrtsorten der Stadt Kijew. XV. Ein Anachoret sa einsam in seiner Hhle vor einer Leuchte und wandte seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit vielen Jahren schon hatte er sich in der Hhle eingeschlossen und schon hatte er sich den hlzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte, wie in einem Bett. Der heilige Greis schlo eben das Buch und begann zu beten .... Da strzte pltzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem ueren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und trat einen Schritt zurck vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die Seele erschauern. Bete, Vater! So bete doch! schrie er verzweifelt. Bete fr eine verlorene Seele! Und er strzte zu Boden. Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurck und lie das Buch wieder herabsinken. Nein, du unerhrter Snder! Es gibt keine Gnade fr dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich fr dich zu beten! Nie! schrie der Snder wie toll. Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutberstrmt .... noch niemals hat die Welt einen solchen Snder gesehen. Vater! Du spottest ber mich! Geh, du gottverdammter Snder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich. Nichts Gutes bedeutet es fr einen Menschen, in deiner Nhe zu weilen. Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich ffnet und mich die weien Reihen deiner alten Zhne spttisch anblicken! Und er sprang rasend vor -- und erschlug den heiligen Einsiedler. Da sthnte etwas schwer auf, und das Sthnen hallte durch Feld und Wald weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar drre hagere Hnde mit langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder. Und schon war keine Angst mehr da, und er fhlte nichts mehr. Alles erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im Kopfe wie wenn er trunken wre. Er sprang aufs Ro und ritt gen Kanew, von dort gedachte er seinen Weg ber Tscherkany geradeaus zu den Tataren und nach der Krim zu lenken, doch wute er selbst nicht, zu welchem Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige Weg, und er htte schon lngst in Kanew sein mssen, aber die Stadt wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten pltzlich in der Ferne die Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der Zauberer war aufs hchste betroffen, als er sah, da er eine falsche Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Ro zurck auf Kijew zu, und einen Tag spter tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu wissen, was er tun sollte, ri er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum fhlte er, da er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt htte sagen knnen, was in der Seele des Zauberers vorging; und htte jemand hinein geblickt und gesehen, was dort geschah, so htte er keine Nacht mehr ruhig geschlafen, und nie htt' er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafr in der Welt. Es glhte und siedete in ihm, die ganze Welt htte er mit seinem Rosse zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere ertrnken mgen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er wute selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke wie eine Mtze auf seinen Schdel gestlpt hatte; aber das Ro jagte immer weiter dahin und trabte schlielich bis ins Gebirge. Pltzlich verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit der Reiter ..... Der Zauberer mhte sich, Halt zu machen und zog die Zgel straff, aber das Ro wieherte wild, warf den Kopf empor und raste dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rhrte sich vom Fleck; er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde Gelchter durchs Gebirge, hallte drhnend im Herzen des Zauberers wieder und erschtterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wre und in seinem Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshmmerte, so gewaltig hallte das Gelchter in ihm wieder! Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn hoch in die Lfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er ffnete nach dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein Toter vor sich hin. So frchterlich blickt kein Lebender und auch kein Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben, und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander gleichen. Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Gre berragend, und der eine knochiger als der andere, so drngten sie sich um den Ritter, der seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre Zhne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der grer und furchtbarer war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. -- So riesengro war er geworden in seiner Erdengrube; htte er sich erhoben, so htte er die Karpathen umgestrzt und das Siebengebirge und das Trkenreich dazu. Ein wenig nur rhrte er sich im Grabe -- und es ging ein Beben ber die ganze Erde, viele Huser wurden allerorten umgeworfen, und viele Menschen erstickten. Oft hrt man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser ber tausend Mhlrder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen. Gar oft geschieht es, da die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt: das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, da irgendwo, in der Nhe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und flieen brennende Strme hervor. Aber die greisen Mnner im Ungarlande und auch in Galizien wissen es besser und erzhlen von dem ungeheueren Toten, der in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall erschttert. XVI. In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war eine andere Zeit: weit berhmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es, ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er lie seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit den Knochenstbchen flogen wie Fliegen ber die Saiten, soda die Saiten von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, -- die Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Snger erhoben, und wagten es nicht einmal, untereinander zu flstern. Wartet einmal! sprach der Alte. Ich will euch singen von einer lngstvergangnen Begebenheit. Die Leute drngten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann: Zur Zeit Pan Stephans, des Frsten von Siebenbrgen (der Frst von Siebenbrgen war auch Knig der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken: Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brder. Hr, Iwan, sagte Petro einst, alles, was wir erbeuten, -- sei zu gleichen Teilen unter uns geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und wenn der eine in Gefangenschaft gert, soll der andere alles verkaufen und Lsegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen. Und so geschah's auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde -- sie teilten alles zu gleichen Teilen unter sich. * * * * * Einst fhrte Knig Stephan Krieg mit dem Trkenvolk. Drei Wochen schon focht er gegen den Trken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben. Die Trken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat Knig Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fnde, der ihm den Pascha lebend oder tot brchte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen, wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen lie. Da sprach Iwan zu Petro: Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen! Und die Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin. * * * * * Ob ihn Petro nun gefangen htte oder nicht, das lt sich nicht sagen, doch schon fhrt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den Knig. Tapfrer Kosak, sprach Knig Stephan und lie ihm allein soviel Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hie ihm Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel er nur wnschte. Wie Iwan nun den Lohn vom Knig erhalten hatte, teilte er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro. Petro bekam die Hlfte vom Lohne des Knigs, aber der konnte es nicht verwinden, da Iwan vom Knige solche Ehren zuteil geworden waren, und in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken. * * * * * Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land, das der Knig ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch seinen Sohn neben sich auf dem Ro sitzen und ihn fest an sich gebunden. Schon senkte sich die Dmmerung aufs Land herab -- sie aber ritten immer weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an einzuschlummern. Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in den Bergen! .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte, und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen, denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum Grunde jener Schlucht. ber den Abgrund fhrte ein Steg -- ber dem noch gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam schritt das Ro mit dem schlummernden Kosaken ber den Steg. An seiner Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den Atem an, und nun blickte er um sich, stie seinen selbst erkorenen Bruder in den Abgrund hinab, und das Ro strzte mitsamt dem Kosaken und dem Kinde in die Tiefe. * * * * * Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd strzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem Rcken, in die Hhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte, um ihn wieder hinabzustoen. O, du gerechter Gott! Htte ich doch lieber nicht die Augen erhoben; warum mu ich jetzt sehn, wie mein erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder hinabzustoen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn's mir denn schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das unschuldige Kind denn getan, da es solch grimmen Tod erleiden soll? Da lachte Petro, stie mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden wie Petro, und nirgends gab's so viel Schafe und Hammel, wie er besa. Doch eines Tages starb Petro. * * * * * Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brder, Petro und Iwan, vor Gericht. Dieser Mensch ist ein groer Snder! sprach Gott. Iwan! Ich wei keine Strafe, die gro genug fr ihn wre; whle du sie! Lang grbelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich sprach er: Dieser Mensch hat mir einen groen Schmerz zugefgt: er hat seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt. Da gibt's keine Saat, und niemand erfhrt je, da ein Same ausgest ward. * * * * * So tu denn also, o Gott, da sein ganzes Geschlecht auf Erden kein Glck habe und da der letzte seines Geschlechts solch ein Bsewicht werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen mgen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Grber aufgestrt werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Grbern entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu erheben, auf da noch viel grere Martern ihn peinigen; wtend soll er Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden! * * * * * Und wenn das Ma der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so erhebe mich mitsamt meinem Ro aus jenem Schlunde bis auf den hchsten Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in den tiefen Abgrund strzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten geweilet haben mgen, und an ihm nagen zum Dank fr die Qualen, die er ihnen zugefgt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht aus der Erde erheben knnen, er soll _auch_ den Wunsch haben, an dem andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen sollen immer grer werden und hher empor wachsen, auf da darob seine Qual noch strker werde. Diese Qual ist die frchterlichste von allen; denn es gibt keine grere Folter fr den Menschen, als sich rchen zu wollen und nicht rchen zu knnen. * * * * * Furchtbar frwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch! sprach da Gott. Und alles mge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mut! Und alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten an einem Leichnam nagen, und er fhlt, wie der Leichnam unter der Erde wchst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und schrecklich die Erde erschttert ........ Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergtzliche Mrlein von Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken ber die schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten. Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzhlt hat sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun mu ich euch vermelden, da mein Gedchtnis ganz unmglich schlecht ist: ob mir einer was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau so, als wenn man Wasser in ein Sieb giet. Weil ich aber meinen Fehler kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir gegenber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen in das kleine Tischchen: -- Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht gleich in der Ecke, wenn man zur Tr hereinkommt ..... Ja, da hab' ich richtig vergessen, da ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit der ich schon an die dreiig Jahre zusammen lebe, hat, -- was soll ich ein Hehl daraus machen, -- ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden. Einmal bemerkte ich nun, wie sie Kchel auf Papier bckt. Diese Kchelchen kann sie nmlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere Kchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den Boden eines Kchelchens anschaue, da finde ich pltzlich geschriebene Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt htte: -- vom Hefte ist kaum mehr als die Hlfte brig! Sie hatte sich alle brigen Bltter fr ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, da ich Stepan Iwanowitsch meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen wrde, daran zu erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und verga es dennoch; erst als ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da war nichts mehr zu machen, und so mute die Geschichte denn notgedrungen ohne Schlu abgedruckt werden. brigens, wenn jemand unbedingt wissen will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit dem grten Vergngen von Anfang bis zu Ende erzhlen. Stepan Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so ein kleines Gchen: sobald ihr in dies Gchen einbiegt, ist's der zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem grnen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er fhrt ein Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr knnt ihm brigens auch auf dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder Gemse fr seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem jdischen Hndler unterhlt. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn niemand auer ihm trgt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht, so schlgt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen sah: Seht, seht doch, da kommt die Windmhle! I. Iwan Fjodorowitsch Schponjka Es ist schon vier Jahre her, da Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied vom Militr genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste. Als er noch der kleine Iwan hie, besuchte er die Kreisschule zu Gadjatsch, und das mu man sagen, er war ein hchst sittsamer und fleiiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleiig gewesen wren wie Schponjka, dann htte er das Ahornlineal nicht in die Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es schon mde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen. Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er sa stets still mit gefalteten Hnden und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da; nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den Rcken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte auch nie Drngeln, bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wute, da er stets ein Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch einfach Wanjuscha genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen Ledertschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur darum, man mchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers schaben, denn er behauptete, da die stumpfe Seite dazu da sei. Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tr erschien, die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser frchterliche Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbndel prangten, und bei dem die Hlfte aller Schler auf den Knien stehen muten, machte Iwan Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele Schler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall nicht bergangen werden, der einen gewissen Einflu auf Iwans Leben gewann. Einer der ihm anvertrauten Schler, der den Auditor bewegen wollte, ihm ein _Scit_ ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier eingewickelten und mit Butter bergossenen Eierkuchen in die Klasse mit. Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschftigt, da er nicht einmal merkte, wie es pltzlich in der Klasse totenstill wurde. So kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse zerrte. Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du Taugenichts! rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es brigens nicht verga, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle krftig auf die Finger, und das mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, _sie_ hatten sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Krperteil. Wie dem auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schchternheit, die aufs engste mit seiner Person verwachsen war, nur noch grer. Vielleicht war eben dieses Geschehnis der Grund davon, da er spter nie Lust hatte, in den Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt, da es uns nicht immer gelingt, unsere Snden zu verbergen. Er war nicht weniger als fnfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in der Arithmetik, zum groen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des Menschen und zu den Brchen berging. Aber da er merkte, da, je grer der Wald, um so dichter die Baumstmme beieinander stnden, und als er die Nachricht erhielt, da sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter in das P--er Infanterieregiment. Das P--er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der die meisten Infanterieregimenter gehren; und obwohl es gewhnlich nur in Drfern lag, lebte es doch auf groem Fue, so da es manchem Kavallerieregiment nichts nachgab. Der grte Teil der Offiziere trank den strksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den Schlfenlckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P--schen Regiments lie sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies besonders zu betonen. Bei mir, sagte er gewhnlich und ttschelte sich bei jedem Wort seinen Bauch, bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka, jawohl viele, sogar sehr viele! Um dem Leser den Grad der Bildung, der im P--er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu fhren, wollen wir noch hinzufgen, da zwei seiner Offiziere ganz schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mtze, Mantel samt ihrer Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor. Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu beigetragen, die Schchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern, und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar _ein_ Glschen vor dem _Mittag_- und _ein_ Glschen _vor_ dem _Abend_essen -- weder Mazurka tanzte noch Karten spielte, so blieb er natrlich immer allein. Auf diese Art pflegte er, whrend die anderen auf Gutspferden zu den kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen und sich Beschftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gtigen Seele passen: bald putzte er seine Knpfe, bald las er im Wahrsagebuch, bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf dem Bette. Dafr aber gab es niemand im Regiment, der zuverlssiger gewesen wre, als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut, da der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafr wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fhnrichscharge erhalten hatte, zum Sekondeleutnant ernannt. Whrend dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die er nur _daher_ kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal getrocknete Rosinen und uerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln mitgebracht hatte und die ihm spter dergleichen schne Dinge sogar nach Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher bekam sie Iwan Fjodorowitsch spter nicht mehr zu sehen), -- diese Tante habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes bernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte. Iwan Fjodorowitsch, der von dem verstndigen Sinn seiner Tante vollkommen berzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie frher. Manch einer an seiner Stelle wre, wenn er solch einen Rang erklommen htte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm vllig fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan Fjodorowitsch, der er auch als Fhnrich gewesen war. Er brachte nach diesem fr ihn so denkwrdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu, und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement Mohilew nach Groruland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts erhielt: Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch! Ich schicke Dir Wsche: fnf Paar Zwirnsocken und vier feine Leinenhemden; auch mchte ich geschftlich mit Dir reden: da Du ja schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein Alter erreicht hast, wo man wei, da es an der Zeit ist, sich mit der Landwirtschaft zu beschftigen, so solltest Du nicht lnger noch beim Militr bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch mu ich Dir vieles persnlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnschtig auf das Vergngen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich innig liebende Tante Wassilissa Zuptschewska. _P. S._ Bei uns im Garten gibt's jetzt herrliche Rben: sie gleichen schon mehr Kartoffeln als Rben. Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante folgende Antwort: Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna! Vielen Dank fr die Wschesendung. Besonders meine Socken sind schon sehr alt, so da der Bursche sie bereits viermal stopfen mute; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht ber den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden, und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren frheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte ich leider nicht ausfhren: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais gemstet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut. Mit vorzglicher Hochachtung verbleibe ich Ihr Neffe Iwan Schponjka. Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum Oberleutnant befrdert; mietete sich fr vierzig Rubel einen jdischen Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der Zeit, da die Bume sich mit den ersten jungen Blttern schmckten, die Erde in frischem Grn prangte, und alle Felder einen herrlichen Frhlingsduft ausstrmten. II. Die Reise Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas ber vierzehn Tage lang. Vielleicht wre Iwan Fjodorowitsch noch frher angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und nicht den ganzen Tag ber, in seine Pferdedecke gehllt, gebetet htte. Wie ich brigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen lie. Whrend dieser Zeit schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wsche heraus, musterte sie, ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten mehr zierten, und legte alles wieder in schnster Weise zusammen. Er liebte im Allgemeinen das Bcherlesen nicht; und wenn er auch hie und da in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder einmal zu begegnen. Genau so besucht der Stdter seinen Klub, nicht etwa um irgend etwas Neues zu hren, sondern um dort Freunde zu treffen, mit denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist. Oder so liest ein Beamter ein paarmal tglich mit viel Genu das Adrebuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Plne willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amsieren. Ah! Das ist Iwan Gawrilowitsch so und so! .... murmelt er dumpf vor sich hin. Ah! Da bin ich! hm! .... Und am folgenden Tage liest er's wieder, wobei er seine Lektre mit denselben Interjektionen begleitet. Nach einer vierzehntgigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein Drfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade ein Freitag und die Sonne war schon lngst untergegangen, als er samt seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr. Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren Gasthusern, die man in kleinen Drfern vorfindet. Dort bringt man dem Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er ein Postgaul wre. Will er dagegen frhstcken, wie anstndige Leute es gewhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan Fjodorowitsch all das wute, hatte er sich rechtzeitig zwei Bndel Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden eingegraben war. Whrenddessen kam unter mchtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man hrte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das Wirtshaus gehrte. Gut, ich steige hier ab, hrte Iwan Fjodorowitsch den Fremden rufen, wenn mich aber auch nur eine Wanze beit, so prgle ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prgle dich durch, und bezahle dir nichts fr dein Heu! Einen Augenblick spter ging die Tr auf, und herein trat, oder richtiger gesagt, _kroch_ ein dicker Mann in einem grnen Rock. Sein Kopf sa unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns noch dicker erschien. Schon nach dem bloen ueren htte man glauben knnen, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf ber Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie l. Ich wnsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr! rief er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte. Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm. Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen? fuhr der dicke Fremde fort. Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkrlich von seinem Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. Leutnant auer Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka, antwortete er. Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben? Auf mein Gut Wytrebenjki. Wytrebenjki! rief der gestrenge Frager. Gestatten Sie, mein Herr, gestatten Sie! rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich durch eine Menschenmenge hindurchdrngen wollte. Dann aber trat er auf ihn zu, schlo Iwan Fjodorowitsch in die Arme und kte ihn zuerst auf die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange. Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zrtlichkeitsausbruch, denn die groen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche Kissen. Erlauben Sie, mein Herr, da wir einander kennen lernen! fuhr der Dicke fort. Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne hchstens fnf Werst von Ihrem Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heie Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr, unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt mu ich eilig in Geschften weiter .... Was soll denn das da bedeuten? sprach er mit sanfter Stimme zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln auf den Tisch stellte. Was soll das? Wie? -- und Grigori Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. Habe ich dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich! rief er und stampfte mit dem Fue auf. Halt, du Fratz du! Wo ist denn das Kstchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch! fuhr er fort, indem er ein Glschen Kruterschnaps einschenkte, bitte ergebenst: rztlich empfohlen! Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit .... sagte Iwan Fjodorowitsch stockend. Nein, ich will nichts hren, mein Herr! rief der Gutsbesitzer mit erhobener Stimme, ich will nichts hren! Ich rhr' mich nicht vom Fleck, bis Sie getrunken haben .... Iwan Fjodorowitsch sah ein, da hier eine Weigerung unmglich war, und trank den Schnaps nicht ohne Vergngen. Hier ist Huhn, mein Herr, fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort, indem er das Huhn in seinem Holzkstchen mit dem Messer zerlegte. Ich mu Ihnen sagen, meine Kchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Glschen hinter die Binde zu gieen, und daher macht sie's zuweilen zu trocken. He, Junge! und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel, der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, mach mir das Bett auf dem Fuboden, mitten in der Stube! Pa aber auch gut auf, lege recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reie dem Frauenzimmer ein bichen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen kann! Sie mssen nmlich wissen, mein Herr, da ich die Gewohnheit habe, mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo mir einmal in einer grorussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen ist. Wie ich spter erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmglich zu beschreiben, was damals mit mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf die Wnde zu klettern! Schlielich hat mir ein einfaches altes Weib geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie ber die rzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum Besten; manche alte Frau wei zwanzigmal mehr, als all diese rzte. In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In der Tat, es gibt .... Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle mu ich sagen, da er berhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rhrte das von seiner Schchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche, sich mglichst hbsch auszudrcken. Schttle das Heu nur recht tchtig; tchtig, hrst du! rief Grigori Grigorjewitsch seinem Lakai zu. Hier ist das Heu so abscheulich, da man nur allzuleicht auf ein stchen stoen kann. Ich erlaube mir, Ihnen eine gute Nacht zu wnschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nmlich Sonnabend; da brauchen Sie nicht so frh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche kommen. Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus, half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt htte. He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die Pferde schon getrnkt? _Noch_ mehr Heu! Hierher, _da_ unter die Seite! Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch besser .... Oh! .... Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und erfllte das ganze Zimmer mit einem frchterlichen Pfeifen, das aus seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, da die alte Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte, beruhigt wieder einschlief. Als Iwan Fjodorowitsch am nchsten Morgen erwachte, war der dicke Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwrdige Ereignis, das sich whrend seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf nherte er sich seinem Gutshof. Er fhlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmhle, ihre Flgel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Mae, wie der Jude seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und strmte eine khlende Frische aus. Hier pflegte er frher zu baden; und in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wgelchen fuhr den Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf gedeckte Huschen, und die alten pfel- und Kirschbume, auf denen er einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller mglichen Rassen herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen warfen sich den Pferden bellend vor die Fe, die anderen liefen hinterdrein, da sie merkten, da die Achse mit Fett eingeschmiert war; ein Hund stand neben der Kche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt und klffte aus Leibeskrften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte: Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch fr ein Jngling bin! Mehrere Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre Schnauze mit prfender Miene in die Hhe und grunzte noch lauter als sonst. Im Hofe lag auf einem Stck grober Leinwand eine Unmenge Weizen, Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf dem Dache lagen allerhand Kruter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut und mehr dergleichen. Iwan Fjodorowitsch war dermaen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten versunken, da er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade bi. Das Gesinde, das auch herbeigeeilt war und aus einer Kchin, einer Frau und zwei Mdeln in wollenen Rcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen hatten Da ist ja der junge Herr!, da sich die Tante im Gemsegarten befnde und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Grtners und Wrters versah, Weizen se. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast in ihren Armen in die Hhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer Gebrechlichkeit und Krnklichkeit geschrieben hatte. III. Die Tante Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fnfzig Jahre alt. Sie war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfruliche Leben sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. brigens hatte -- so viel ich mich besinnen kann, -- auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam daher, da alle Mnner ihr gegenber eine gewisse Schchternheit empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefhle zu erklren. Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter, sagten die Freier, und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Mller, der zu gar nichts mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher uerer Mittel und nur indem sie ihn tglich ein paarmal am Schopfe rupfte, verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen Morgenrock mit kleinen Sumchen und am Ostersonntag und an ihrem Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, whrend ihr ein Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden htten. Dafr aber entsprach ihre Beschftigung vollkommen ihrem Charakter, sie konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Krbisse und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fnf Kopeken von jedem Wagen, der ber ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die Bume und schttelte die Birnen herunter; sie prgelte eigenhndig ihre faulen Vasallen mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Wrdigen mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand frben, in die Kche rennen, Kwas bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu schaffen und versumte nichts. Die Folge davon war, da Iwan Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn Leibeigene gezhlt hatte, frmlich aufblhte, und zwar im vollen Sinne dieses Wortes. brigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und hob sorgsam jede Kopeke fr ihn auf. Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine groe Vernderung in seinem Leben vor und es schlug vllig neue Bahnen ein. Es schien so, als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen htte, ein Gut mit achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, da er einen guten Landwirt abgeben wrde, obwohl sie ihm brigens nicht gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. Der Junge ist noch nicht alt genug! pflegte sie gewhnlich zu sagen, trotzdem Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; woher soll er auch alles wissen! Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und Mhern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen Genu. Ein Dutzend glnzender Sensen und mehr fliegen einmtig in einem Schwunge in die Hhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, wie beim Empfang von Gsten, und bald wehmtig, wie bei einer Trennung; der Abend ist still und die Luft ist rein! -- O wie kstlich ist solch ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles belebt: die Steppe rtet sich, blaut und glht in allen Farben auf; Wachteln, Trappgnse, Mwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist's ein harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur fr einen Augenblick. Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzndet und Kessel aufgestellt, und die schnauzbrtigen Schnitter setzen sich rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klen steigt ein Dampf auf; der Abend graut .... Es wre schwer zu sagen, was dann in Iwan Fjodorowitsch vorging. Er verga es, wenn er sich zu den Schnittern gesellte, von ihren Klen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne a, stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel schwirrende Mwe mit den Augen oder zhlte die Garben des abgemhten Kornes, die das Feld berfluteten. Bald erzhlte man berall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein groer Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug ber ihren Neffen freuen und lie sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber -- es war am Ausgang des Juli und schon nach Beendigung der Ernte -- fate Wassilissa Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und erklrte ihm, sie wolle mit ihm ber etwas sprechen, was sie schon seit langem beschftigte. Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch, begann sie, da dein Gutshof achtzehn Leibeigene zhlt; brigens nur laut der letzten Revision, in Wirklichkeit werden's vielleicht noch mehr sein, vielleicht gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du kennst wohl das Wldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens zwanzig Dejatin gro, und es wchst so viel Gras darauf, da man jedes Jahr fr mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn, wie man erzhlt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird. Gewi, liebe Tante; das Gras ist sehr gut! Ich wei selbst, da es sehr gut ist; aber weit du auch, da dieses ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehrt? Was siehst du mich so gro an? Hr mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst ja damals noch so klein, da du nicht einmal seinen Namen aussprechen konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich wei noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die Arme nahm, da httest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum Glck konnte ich dich noch der Amme Matrjona bergeben, so abscheulich warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf Chortystsche gehrte damals Stepan Kusmitsch. Und da mu ich dir sagen -- denn damals warst du noch nicht auf der Welt -- der kam zu jener Zeit oft zu deiner Mutter zu Besuch, -- freilich zu einer Zeit, da dein Vater nicht zu Hause war. Ich sag' es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen. -- Gott sei ihrer Seele gndig! Obwohl die Selige mir gegenber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf, in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine selige Mutter hatte jedoch, -- unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies hliche Wort!) htte sie nicht verstehen knnen. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat -- das wei der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in den Hnden des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Und nun ist alles diesem dickbuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott, ich wre bereit, um alles in der Welt zu wetten, da er die Urkunde einfach unterschlagen hat. Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich auf der Station kennen gelernt habe? Und Iwan Fjodorowitsch erzhlte ihr von seiner Begegnung. Wer wei! antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. Vielleicht ist er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen lernen. Die Alte, das heit seine Mutter, soll, wie ich gehrt habe, eine sehr vernnftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen, Gurken einzulegen, und ihre Mgde sollen groartige Teppiche weben. Da er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm hin: vielleicht wird der alte Snder auf sein Gewissen hren und zurckgeben, was ihm nicht gehrt. Du kannst meinetwegen die Kalesche nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Ngel herausgezogen; man mu vorher dem Kutscher Omeljko sagen, da er das Leder festnageln soll. Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wgelchen, in dem Sie auf die Jagd fahren. Damit schlo das Gesprch. IV. Das Diner Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause nherte. Dieses Haus war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Huser so vieler Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdchern versehen; und das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die auf einen Ball kommen und pltzlich bemerken, da, wohin sie auch blicken mgen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er lie sein Wgelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fu auf die Freitreppe zu. Ah! Iwan Fjodorowitsch! rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine Kravatte, keine Weste und keine Hosentrger. Aber auch dies Kostm schien ihn bei seiner Leibesflle noch zu belstigen, denn der Schwei rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter. Sie sagten doch, da Sie sofort kommen wrden, sobald Sie Ihre Tante gesehen htten; warum sind Sie denn dann nicht frher gekommen? Und bei diesen Worten berhrten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm wohlbekannten Kissen. Ich war meist in der Wirtschaft beschftigt .... Ich komme auch nur auf einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschften .... Was, nur fr einen Augenblick? Nein, das gibt's nicht. He, Junge! rief der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon kannte, kam aus der Kche gelaufen. Sage dem Kajan, er solle sofort das Tor schlieen, -- hrst du! -- fest zuschlieen! Und die Pferde dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie mit mir ins Haus: hier ist es so hei, da mein Hemd schon ganz na ist. Im Zimmer angelangt, beschlo Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu verlieren, und trotz seiner Schchternheit, mit aller Entschiedenheit vorzugehen. Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, da die Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch .... Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. Bei Gott, ich hre rein gar nichts! antwortete er. Ich mu Ihnen sagen, da eine Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten Russen gibt's berall Schwaben in den Husern); keine Feder kann Ihnen beschreiben, was das fr eine Qual war -- es kitzelte so frchterlich, sage ich Ihnen, -- es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen .... Ich wollte nur sagen .... wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu unterbrechen, als er sah, da Grigori Grigorjewitsch das Gesprch absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, da im Testament des verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich .... Ich wei schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen knnen. Ich sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei Gott, es ist erlogen! Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es knnte der Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein. Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern! rief Grigori Grigorjewitsch. Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir! Und er zog Iwan Fjodorowitsch am rmel ins Zimmer, wo bereits allerhand Schnpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen. In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge Mdchen, ein blondes und ein brnettes, begleiteten sie. Als wohlerzogener Kavalier kte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann den beiden Fruleins die Hand. Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mtterchen! sagte Grigori Grigorjewitsch. Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. brigens war sie die Gte selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich htte fragen wollen: Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein? Haben Sie schon einen Schnaps genommen? fragte die Alte. Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mtterchen, meinte Grigori Grigorjewitsch. Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte: Wollen Sie Tausendgldenkruterlikr oder diesen Schnaps? Welchen ziehen Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da? rief Grigori Grigorjewitsch, indem er sich rckwrts wandte, und Iwan Fjodorowitsch sah den soeben erwhnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies war ein Mann in einem Rock mit langen Schen und mit einem riesigen Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so da sein Kopf ganz im Kragen steckte, wie in einer Kutsche. Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hnde, sah sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und go den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte ihn nicht herunter, sondern splte sich erst ordentlich den Mund, schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene Eierschwmme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch. Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen? Jawohl, antwortete Iwan Fjodorowitsch. Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verndern. O ja! fuhr Iwan Iwanowitsch fort: ich kannte Sie, als Sie noch so gro waren! Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit ber den Boden. Ihr seliger Vater -- Gott schenke ihm die ewige Seligkeit -- war ein seltener Mann. Er hatte solche Krbisse und Melonen, wie man sie jetzt nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel, fuhr er fort, indem er ihn zur Seite fhrte, werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden -- aber was sind das fr Melonen? Nicht ansehen mchte man sie. Glauben Sie mir's, seine Melonen waren .... rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, bei Gott, seine Melonen waren so dick! Gehn wir zu Tisch! sagte Grigori Grigorjewitsch und fate Iwan Fjodorowitsch rasch unterm Arm. Grigori Grigorjewitsch lie sich auf seinen blichen Platz am Ende des Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errtend auf den ihm zugewiesenen Platz, den beiden Fruleins gegenber, und Iwan Iwanowitsch versumte nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, da er jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte. Nehmen Sie doch lieber kein _Brzelbein_, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja noch ein Truthahn! rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade eine Schssel reichte. Nehmen Sie doch ein Stck vom Rcken! Mtterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen! rief Grigori Grigorjewitsch. Seien Sie versichert, unser Gast wei selbst, was er nehmen soll! Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flgelchen und noch dies zweite und den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schssel da und sperrst den Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke und sag sofort: >Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!< Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen! brllte der Diener, mit der Schssel in der Hand, und kniete nieder. Hm! Was sind denn das fr Truthhne! sagte Iwan Iwanowitsch halblaut und mit verchtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. Darf denn ein Truthahn so sein, wie der da? Sie htten mal meine Truthhne sehen sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich, als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren -- so fett sind sie! .... Du lgst, Iwan Iwanowitsch! schrie Grigori Grigorjewitsch, der zugehrt hatte. Ich will Ihnen was sagen, fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte gar nicht gehrt htte. Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch brachte, da bot man mir fnfzig Kopeken pro Stck, und doch wollte ich sie nicht dafr hergeben. Ich sage dir, du lgst, Iwan Iwanowitsch! rief Grigori Grigorjewitsch, hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach noch lauter als vorher. Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als frher. Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte kein Gutsbesitzer .... Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts, rief Grigori Grigorjewitsch laut. Iwan Fjodorowitsch wei doch das alles besser als du und glaubt dir sicher nicht! Da aber fhlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann, mit dem Truthahn aufzurumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war, wie die Truthhne, die man gar nicht ansehen mochte. Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Lffel und Teller das Gesprch; am lautesten aber hrte man, wie Grigori Grigorjewitsch das Mark aus einem Hammelknochen aussog. Haben Sie schon gelesen, fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan Fjodorowitsch zu, haben Sie das Buch: >Korobejnikows Reise ins heilige Land< gelesen? Ein wahrer Genu fr Seele und Leib! Jetzt werden keine solchen Bcher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus welchem Jahre es stammt. Als Iwan Fjodorowitsch hrte, da es sich um ein Buch handelte, begann er, eifrig seine Sauce aufzulffeln. Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, da ein einfacher Kleinbrger all diese Lnder durchwandert hat: ber dreitausend Werst, mein Herr! ber dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn wrdig befunden, bis nach Palstina und Jerusalem zu kommen. Sie sagen, da er auch in Jerusalem war, rief Iwan Fjodorowitsch, der noch als Soldat von seinem Burschen viel ber Jerusalem gehrt hatte. Worber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch? rief Grigori Grigorjewitsch vom Ende des Tisches herber. Ich habe, das heit, ich bemerkte gelegentlich, da es in der Welt ferne Lnder gibt! antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich hochbefriedigt, da es ihm gelungen war, einen so langen und schweren Satz zu Ende zu bringen. Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch! sagte Grigori Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhren, alles ist gelogen! Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner Gewohnheit zurck, um ein Nickerchen zu machen; und die Gste folgten der alten Hausfrau und den jungen Mdchen ins Gastzimmer, wo derselbe Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit Schlchen voll verschiedener Konfitren und Schsseln mit Melonen, Kirschen und Zuckerkrbissen bedeckt hatte. Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die Hausfrau wurde gesprchig und teilte ganz von selbst, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse ber die Zubereitung von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mdchen begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jnger aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fnfundzwanzig Jahre alt sein mochte, etwas schweigsam. Am meisten aber redete und bettigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher war, da ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen wrde, redete er von allem mglichen: von Gurken und Kartoffelsaat, davon, wie gescheit die Leute frher waren -- was wren die Heutigen dagegen? -- und davon, wie jetzt alle immer klger wrden, je weiter man komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen wrde; kurz er war einer von den Menschen, die sich mit dem grten Vergngen erbaulichen Gesprchen hingeben und ber alles reden, worber man nur reden kann. Wenn das Gesprch wichtige und heilige Gegenstnde berhrte, seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost zubereiten msse, wie gro die Melonen seien, von denen er sprach, und wie fett die Gnse wren, die bei ihm im Hofe herumliefen. Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mhe und erst gegen Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu berreden war und man ihn geradezu zwingen wollte, ber Nacht dazubleiben, bestand er doch auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren -- und fuhr richtig davon. V. Der neue Plan der Tante Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt? Dies war die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der Freitreppe erwartete, und sich schlielich kaum hatte berwinden knnen, nicht bis vors Tor zu laufen. Nein, liebe Tante! sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg. Grigori Grigorjewitsch _hat_ gar keine Urkunde. Und du hast ihm geglaubt? Er lgt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prgle ich ihn mit meinen eigenen Hnden durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem Fett abzapfen! brigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut? Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante! Nun, und was gab's dort zu essen? Erzhle! ich wei schon, die Alte versteht sich gut auf die Kche. Ksekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefllten Tauben .... Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen? fragte die Tante, denn sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten. Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch sind sehr hbsche junge Mdchen, besonders die Blonde! Ah! rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errtete und lie die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. So? fragte sie voll Neugierde, und was fr Augenbrauen hat sie? Hier ist es nicht berflssig zu bemerken, da fr die Tante das Schnste an der Frau die Augenbrauen waren. Das Frulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie nach Ihren Erzhlungen in Ihrer Jugend gehabt haben mssen, und ihr ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen. Ah! rief die Tante, uerst befriedigt ber Iwan Fjodorowitschs Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein Kompliment machen zu wollen. Und was fr ein Kleid hatte sie an? Man findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten? Das heit, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht schon .... Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille! Vielleicht ist's euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu werden. Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden knnen. Das beweist doch nur, da Sie mich absolut nicht kennen .... So, nun fhlt er sich richtig beleidigt! sagte die Tante. Der Junge ist noch nicht alt genug! dachte sie bei sich. Er wei noch von nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander nher kennen lernen! Und die Tante ging nach der Kche und lie Iwan Fjodorowitsch allein. Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen mglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen. Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit erfllt, und man sah ganz deutlich, da sie noch viel emsiger war als vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt einen Kuchen zubereitete, den sie brigens niemals der Kchin anzuvertrauen pflegte, versank sie hufig in Gedanken, bildete sich ein, neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stckchen Kuchen haben wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stcke aus; der Hofhund machte sich das gewhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit, wofr der Hund brigens immer Schlge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab sogar ihre Lieblingsbeschftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd, besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krhe geschossen hatte, was ihr frher niemals widerfahren war. Vier Tage spter sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Grtner und Aufseher war, fing schon seit dem frhen Morgen an zu hmmern und das Leder anzunageln, whrend er immerzu die Hunde davonjagen mute, die herankamen und an den Rdern leckten. Hier halte ich es fr meine Pflicht, dem Leser zu berichten, da dies dieselbe Kalesche war, in der schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere fr die Adams ausgeben, so wre das sicherlich eine freche Lge, und die Kalesche wre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut entronnen ist, man kann nur annehmen, da in der Arche Noah ein besonderer Schuppen fr sie vorhanden war. Es ist sehr schade, da ich dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen fhren kann. Es genge daher zu sagen, da Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart uerst zufrieden war und es stets bedauerte, da die alten Equipagen aus der Mode gekommen seien. Selbst das, da die Kalesche etwas schief, und da die rechte Seite etwas hher war, als die linke, erregte ihren Beifall, denn so konnte von der _einen_ Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von kleinem Wuchse, und von der anderen ein groer aussteigen. Im brigen konnte die Kalesche etwa fnf Personen von kleiner Statur und drei solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen. Als er mit der Kalesche fertig war, fhrte Omeljko gegen Mittag drei Pferde aus dem Stall, die etwas jnger waren als die Kalesche und band sie mit einem Strick fest an die majesttische Equipage. Iwan Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante pflegte nmlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen, nahmen die Mtzen ab und verbeugten sich bis zur Erde. Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich glaube, es ist hier nicht erst ntig zu sagen, vor wessen Freitreppe er hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die Fruleins empfingen die Gste im Speisezimmer; die Tante nherte sich ihnen mit majesttischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit einen Fu vor und sagte laut: Gndige Frau, ich freue mich, da ich die Ehre habe, Ihnen persnlich meine Hochachtung ausdrcken zu drfen, zugleich erlaube ich mir mit Respekt, Ihnen meinen Dank fr die gastfreundliche Aufnahme meines Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie haben einen wundervollen Buchweizen, gndige Frau, das habe ich bemerkt, als ich mich dem Dorfe nherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro Dejatin ernten? Hierauf kten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte: Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darber sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschftige mich schon lngst nicht mehr damit, auch knnte ich's nicht, selbst wenn ich wollte: ich bin schon zu alt dazu! In frheren Zeiten wuchs, wie ich mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, da er einem bis an den Grtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet, es werde jetzt alles immer besser. Die Alte stie einen Seufzer aus, und ein aufmerksamer Beobachter htte in ihm das Aufseufzen des alten achtzehnten Jahrhunderts vernehmen knnen. Ich habe gehrt, da bei Ihnen im Hause groartige Teppiche gemacht werden, gndige Frau, sagte Wassilissa Kaschparowna und berhrte damit die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf, und nun strmten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe frben, welchen Faden man dazu nehmen msse und was dergleichen mehr ist. Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und Birnentrocknen ber. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr Lebtag miteinander bekannt gewesen wren. Ja, Wassilissa Kaschparowna sprach sogar ber viele Dinge so leise mit der Alten, da Iwan Fjodorowitsch nichts mehr hren konnte. Wollen Sie nicht selbst sehen? sagte die greise Hausfrau und erhob sich. Die Fruleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und begaben sich ins Mdchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein Zeichen, er solle zurckbleiben und flsterte der alten Dame etwas zu. Maschenjka! sagte die Alte zu dem blonden Frulein, bleibe bei unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang wird! Das blonde Frulein blieb zurck und setzte sich auf das Sofa. Iwan Fjodorowitsch sa auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errtete und schlug die Augen nieder; aber das Frulein schien dies gar nicht zu bemerken, sa gleichgltig auf dem Sofa, beobachtete fleiig die Fenster und die Wnde, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Sthlen umherlief, mit den Augen. Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gesprch anknpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren htte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen. Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Frulein sa noch immer ebenso da wie frher. Endlich fate Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. Im Sommer gibt's so viel Fliegen, gndiges Frulein! rief er mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte. Ja, auerordentlich viele Fliegen! versetzte das Frulein. Mein Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele brig. Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus kein Wort mehr einfallen. Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Frulein zurck. Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fruleins, obwohl sie dringend gebeten wurde, ber Nacht da zu bleiben. Die Dame und die Fruleins begleiteten die Gste bis zur Freitreppe und winkten der aus der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu. Nun, Iwan Fjodorowitsch, worber hast du dich mit dem Frulein unterhalten? fragte die Tante unterwegs. Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Frulein! sagte Iwan Fjodorowitsch. Hre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott sei Dank, schon fast achtunddreiig Jahre alt; und einen schnen Rang hast du _auch_ schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du brauchst unbedingt eine Frau .... Wie, liebe Tante! rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: Wie? Eine Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschmen mich .... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich wei ja gar nicht, was ich mit einer Frau anfangen soll! Du wirst's schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen, rief die Tante lchelnd und dachte bei sich: >Kein Gedanke! Der Junge ist noch ein richtiges Kind: er wei ja von gar nichts!< -- Ja, ja, Iwan Fjodorowitsch! fuhr sie laut fort, eine bessere Frau als Marja Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Auerdem hat sie dir ja doch gut gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darber gesprochen: sie wre sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich wei man noch nicht, was dieser alte Snder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird; aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift nicht herausgeben wollen, so wrden wir ihn auf gerichtlichem Wege .... In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten lebten auf, als sie die Nhe des Stalles witterten. Hre, Omeljko! la die Pferde zuerst gut ausruhen und fhre sie nicht gleich zur Trnke. Die Pferde sind ja noch ganz hei. -- Also, Iwan Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache grndlich zu berlegen. Ich mu noch etwas in der Kche nachschauen: ich habe vergessen, das Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat sicher nicht von selbst daran gedacht. Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerhrt. Marja Grigorjewna war zwar ein sehr nettes Frulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm so sonderbar und wundersam, da er nicht ohne Schreck daran denken konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein knnen, sondern sie wrden immer zu zwei sein! .... Und der Schwei trat ihm auf die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte. Frher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemhungen konnte er nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser Ruhebringer und Trster aller Menschen auf. Aber was war das fr ein Schlaf! Unzusammenhngendere Trume hatte er noch niemals gesehen. Bald trumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verlieen ihn die Krfte .... Pltzlich aber packte ihn jemand am Ohr. O je! Wer ist das? -- Das bin _ich_, deine Frau! sprach eine lrmende Stimme zu ihm -- und er erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem Huschen sei so absonderlich und so merkwrdig; in seinem Zimmer stehe statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze seine Frau. Es war ihm ganz eigentmlich zumute: er wute nicht, wie er an sie herantreten, worber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst merkte er, da sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufllig drehte er sich um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gnseschnabel hatte, er drehte sich auf die andere Seite um -- da stand eine dritte Frau, er wandte sich nach hinten -- da stand noch eine Frau. Da erfate ihn eine wilde Angst; er strzte in den Garten, aber im Garten war es hei, er nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute sa eine Frau. Schwei bedeckte sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen -- aber auch in der Tasche sa eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre -- auch da sa eine Frau .... Dann hpfte er wieder auf einem Bein, und die Tante sah zu und sprach mit wrdevoller Miene: Ja, jetzt kannst du hpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann. Er eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein Glockenturm. Und er fhlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den Glockenturm hinaufzog. Wer zieht mich da hinauf? fragte Iwan Fjodorowitsch klagend. Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist eine Glocke! Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch! schrie er. Nein, du bist eine Glocke! sprach der Oberst des P--er Infanterieregiments im Vorbergehen. Oder er trumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener Stoff; er kme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn: Was fr einen Stoff wnschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Rcke daraus. Und der Kaufmann ma und schnitt ein Stck von der Frau ab. Iwan Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jdischen Schneider. -- Nein, meinte der Jude, das ist ein schlechter Stoff! Daraus lt sich doch niemand einen Rock machen ....! Voller Angst und ganz auer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte Schwei troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen. Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch, dem ein tugendhafter Buchhndler in seiner seltenen Gte und Uneigenntzigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehngt hatte. Aber dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaen entsprochen htte. Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie im nchsten Kapitel hren sollen. Der verhexte Ort Sage Erzhlt vom Kster an der Kirche zu *** Bei Gott, ich hab' das Erzhlen satt! Was glaubt ihr denn? Es ist wahrhaftig auch zu langweilig: man erzhlt und erzhlt, und kommt nie wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will euch noch was erzhlen, aber gebt acht, es ist das letztemal. Ja, ihr habt also davon gesprochen, da ein Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden knne. Gewi, das heit, wenn man genauer zusieht, dann merkt man dennoch, da es in der Welt allerhand sonderbare Vorflle gibt .... Indessen sagt das nicht: will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei Gott, sie tut es! ..... Nun also, mein Vater hatte im ganzen vier Kinder; ich war damals noch ein Grnschnabel, und war erst elf Jahre alt ... Doch nein, ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie wenn's heute wre, da ich einmal auf allen Vieren herumkroch und wie ein Hund zu bellen anfing, und wie da mein Vater den Kopf schttelte und mich anschrie: Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, da man dich verheiratet, sonst wirst du noch so nrrisch wie ein junges Maultier! Mein Grovater war damals noch gesund und -- mag ihm in jener Welt der Schluckauf leicht werden -- noch ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der nun manchmal so ..... Aber wozu erzhle ich euch das eigentlich? Der eine von euch whlt schon seit einer Stunde im Ofen herum und sucht nach einer Kohle fr seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer gelaufen, um sich was zu holen ... Ach was! Wenn ich mich euch noch aufgedrngt htte -- aber ihr habt ja selbst darauf bestanden .... Man hrt entweder ordentlich zu oder gar nicht. Mein Vater war schon im Anfang des Frhlings in die Krim gefahren, um Tabak zu verkaufen. Ich kann mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er zwei oder drei Wagen ausgerstet hatte; aber der Tabak stand damals hoch im Preise. Er nahm meinen dreijhrigen Bruder mit sich, um ihn frhzeitig an das Handwerk zu gewhnen; wir dagegen: der Grovater, die Mutter, ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu Hause. Der Vater hatte dicht an der Landstrae ein Stck Land, das er bebaut hatte; er siedelte daher in seine Htte auf dem Felde ber, und nahm auch _uns_ mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, da es uns gerade schlecht ging. Den Tag ber a man sich so sehr an Gurken, Melonen, Rben, Zwiebeln und Erbsen voll, da es einem zumute war, als ob einem die Hhne im Bauche krhten. Dazu brachte es auch noch etwas ein: manch ein Reisender zog auf der Strae vorbei, und da wollte jeder gerne eine Wassermelone oder eine Zuckermelone kosten, oder man brachte von den umliegenden Vorwerken Hhner, Eier und Truthhne herbei und tauschte sie ein. Das war ein schnes Leben. Am meisten aber freute sich der Grovater, wenn jeden Tag an die fnfzig Frachtfuhrleute vorbeigezogen kamen. Das sind meist Leute, die was erlebt und erfahren haben: und dann ging ein Erzhlen los, da man nur so die Ohren aufsperren mochte! Fr den Grovater aber war das halt, so wie Kndel fr einen Hungrigen. Manchmal stie er auf alte Bekannte, -- denn meinen Grovater kannte jedermann, -- na, ihr knnt euchs ja wohl selbst denken, wie das ist, wenn die alten Leute zusammensitzen: dann geht's taratata und taratata, ber dies und jenes, diese und jene Zeiten, da flo ihnen wohl der Mund ber, wenn sie so anfingen, sich auf Anno dazumal zu besinnen. Einst ging der Grovater ber Feld -- 's ist mir wahrhaftig, als wr's jetzt eben geschehen --; die Sonne war im Begriff unterzugehen, und Grovater war damit beschftigt, die Bltter von den Zuckermelonen abzunehmen; er pflegte die Melonen nmlich den Tag ber mit Blttern zu bedecken, damit sie nicht so in der Sonne brieten. Schau, Ostap! sagte ich zu meinem Bruder, da kommen Frachtfuhrleute angefahren! Wo sind die Fuhrleute? fragte der Grovater und machte ein Zeichen auf einer groen Melone, damit sie ihm die Buben nicht gelegentlich wegen. Und in der Tat, auf der Landstrae kamen so an die sechs Wagen dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann mit einem angegrauten Schnurrbart. Er kam uns -- nun, wie soll ich sagen, -- so etwa bis auf zehn Schritte nah' und blieb dann stehen. Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns wieder zusammengefhrt hat! Der Grovater kniff die Augen zusammen: Ah! Guten Tag! Guten Tag! Woher des Wegs? Ist Boljatschka auch da? Gr Gott, Bruder! Was Teufel! Da sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und Petzcherytzja, Kowelek und Stetzko! Gr euch Gott! Haha, hoho! ... Und alle umarmten und kten sich. Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese getrieben, die Wagen aber blieben auf der Landstrae stehen; alle setzten sich in einen Kreis zusammen und steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner recht zum Rauchen! Vor lauter Erzhlen und Klatschen kam kaum ein Zug auf jeden. Nach dem Essen begann der Grovater, die Gste mit Melonen zu bewirten. Jeder nahm eine Melone und putzte sie hbsch mit dem Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die waren weit in der Welt herumgekommen, und hatten mancherlei erfahren, daher wuten sie auch, wie man in der vornehmen Welt it -- man htte sie geradezu an einen herrschaftlichen Tisch setzen knnen), sie putzten die Melonen also hbsch ab, bohrten mit dem Finger ein Lchelchen in sie hinein, sogen den Saft raus, zerschnitten sie in Stcke und schoben sie in den Mund. Und ihr, Jungens! rief der Grovater uns zu, was haltet ihr Maulaffen feil? Tanzt doch los, ihr Hundeshne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun also, einen Kosakentanz! Foma, die Hnde auf die Hften! Recht so! hei, hopp! Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach ja, dieses verdammte Alter! Jetzt kann ich's nicht mehr so: anstatt zierliche Sprnge zu machen, stolpere ich ber meine eigenen Beine. Lang schauten der Grovater und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, da seine Beine nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob jemand an ihnen zupfte. Schau, Foma! sagte Ostap, der alte Knaster tritt wohl selbst noch zum Tanze an! Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da konnte das Grovterchen wirklich nicht mehr an sich halten! Der wollte den Fuhrleuten nmlich zeigen, was er konnte. Was, ihr Teufelskinder? tanzt man denn so? _So_ tanzt man! rief er, sprang auf die Beine, streckte die Arme vor und stampfte mit dem Hacken auf. Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, er tanzte wahrhaftig so gut, da er auch mit der Hetmansfrau htte tanzen knnen. Wir traten ein wenig zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine Beine auf dem glatten Pltzchen, das sich neben dem Gurkenbeet befand, in die Luft zu werfen. Kaum war er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt -- und wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit den Fen dahinfahren und uns ein besonderes Kunststckchen zeigen -- da wollten die Beine pltzlich nicht vom Fleck und aus war es! War das ein sonderbarer Teufelsspuk! Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung, kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht weiter! Tu einer, was er will -- es ging und ging nicht! Die Beine waren pltzlich so steif wie ein Stck Holz. So eine verteufelte Stelle, so ein Satansspuk! Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des Menschengeschlechts mit im Spiel! Und nun gar noch diese Schmach vor den fremden Lastfhrern! Er fing aber wiederum an, und begann von neuem mit ganz kleinen Schritten im Takt herumzuhpfen, da es nur so eine Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur Mitte kam, ging's wieder nicht weiter, und der Tanz wollte ihm durchaus nicht gelingen! Ah, verdammter Satan! Da du doch an einer faulen Melone erstickest! Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! Mir in meinen alten Tagen noch eine solche Schmach anzutun .... Und in der Tat, hinter ihm lachte jemand laut auf. Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. He ... da haben wir die Bescherung! Er begann mit den Augen zu blinzeln, der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald, und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im Gemsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau herber; er sah nher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers. Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein weier Fleck durch eine Wolke. Morgen wird's sehr windig sein! dachte der Grovater, da leuchtete pltzlich, etwas abseits vom Wege auf einem kleinen Grabe, ein Flmmchen auf. Sieh mal an! und der Grovater blieb stehen, stemmte die Hnde in die Hften und sah nher hin: nun war das Flmmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein anderes auf. Ein Schatz! schrie der Grovater, bei Gott, ich mchte alles darum geben, da das ein Schatz ist! Und schon wollte er sich in die Hnde spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, da er ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. Schade, schade! Aber wer wei? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzurumen, und der Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen! Merken wir uns wenigstens den Platz, da wir's spter nicht vergessen. Er nahm einen mchtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden war, wlzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener Zaun tauchte vor ihm auf. Na also, hab' ich's nicht gleich gesagt, da es die Trift des Popen ist! dachte der Grovater, da ist ja auch sein Zaun. Jetzt ist's keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld. Er kam aber erst spt am Abend heim und wollte nicht einmal von den Klen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. Wo haben dich denn heute die Teufel hingebracht, Grovater? begann er. Frage nicht, sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hllend, frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare! Und er fing so an zu schnarchen, da die Sperlinge, die sich im Melonenfelde niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das fr eine schlaue Bestie war -- Gott hab ihn selig -- aber er verstand es vorzglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt' er einem ein Liedchen singen, da man sich nur so in die Lippen bi. Kaum aber brach der nchste Tag an, und kaum begann es im Felde zu dmmern, da zog der Grovater seinen Kittel an, legte den Grtel um, nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mtze auf, trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockscho und ging geradewegs in des Popen Gemsegarten. Er war schon am Zaun und an dem niedrigen Eichenwldchen vorbei. Da schlngelte sich zwischen den Bumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld fhrte; offenbar derselbe, den er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld -- es war dieselbe Stelle, wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Hhe, aber die Scheune war nicht zu sehen. Nein, das ist nicht der rechte Ort. Der liegt also etwas weiter; ich mu offenbar umkehren und auf die Scheune zugehen! Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag fort! Er kehrte also wieder um und nherte sich dem Taubenschlag, doch nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Flei, noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune -- aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag -- dann war die Scheune fort. Verfluchter Satan, da du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu sehen! Der Regen aber rauschte in Strmen herab. Der Grovater zog sich die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tchlein ein, damit sie sich nicht vor Nsse zusammenzgen und gab Fersengeld wie ein herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnt bis auf die Knochen, in die Htte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch die Zhne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehrt habe. Ich gestehe, ich wre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen wre. Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Grovater zieht auf dem Felde umher, als ob nichts geschehen wre und bedeckt die Wassermelonen mit Blttern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder gesprchig und begann meinen jngeren Bruder damit zu schrecken, da er ihn gegen ein Paar Hhner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach Tisch schnitt er sich selbst eine Flte aus Holz und fing an, auf ihr zu blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine trkische Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte den Samen von weit her gesandt bekommen. Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Grovater mit dem Spaten ins Feld, um ein neues Beet fr die spten Krbisse zu graben. Wie er nun an der behexten Stelle vorberkam, da konnte er nicht an sich halten und murmelte durch die Zhne: Verfluchter Ort!, er trat in die Mitte des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen knnen, und schlug wtend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag pltzlich wieder dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor, auf der anderen stand die Scheune. Noch gut, da ich so klug war, einen Spaten mitzunehmen, dachte er: Da ist auch der Pfad, da ist das Grab, und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flmmchen! Da ich mich nur nicht irre! Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Hhe, als ob er einem Eber, der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und blieb vor dem Grabe stehen. Das Flmmchen war erloschen und auf dem Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. Diesen Stein mu ich heben! dachte der Grovater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben. Der verfluchte Stein war verdammt gro! Doch, nun stemmte er die Fe fest gegen die Erde und stie ihn vom Grabe herab. Bums --! drhnte es weit durch's Tal. Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit schneller gehen! dachte der Grovater. Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor, schttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase bringen, als pltzlich ber seinem Kopfe ein Psch! ertnte und jemand so laut nieste, da die Bume zu schwanken begannen und das ganze Gesicht des Grovaters bespritzt wurde. Du knntest dich doch auch abwenden, wenn du niesen willst! rief der Grovater und rieb sich die Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. Der Teufel liebt wohl den Tabak nicht! fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust und nahm den Spaten wieder in die Hand. Er ist wirklich dumm genug dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Grovater noch sein Vater je geschnupft! Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg und erblickte einen Kessel. Ah, Tubchen, hier also bist du! rief der Grovater und schob den Spaten unter den Kessel. Ah, Tubchen, hier also bist du! piepte ein Vogel und pickte auf den Kessel. Der Grovater wich zur Seite und lie den Spaten fallen. Ah, Tubchen, hier also bist du! blkte ein Hammelkopf von einem Baumwipfel herab. Ah, Tubchen, hier also bist du! brllte ein Br, seine Schnauze hinter dem Baum hervorschiebend. Den Grovater berlief es kalt. Hier hat man ja rein Angst, noch ein Wort zu sagen, brummte er vor sich bin. Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen! piepte der Vogelschnabel. Angst, ein Wort zu sagen! blkte der Hammelkopf. Wort zu sagen! brllte der Br. Hm .... machte der Grovater, und schrak zusammen. Hm! piepte der Vogel. Hm! blkte der Hammelkopf. Hum! brllte der Br. Voll Angst blickte der Grovater um sich: O Gott, was fr eine Nacht! Weder Mond, noch Sterne; und ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu Fen lag ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Hupten hing ein Fels herab, der gerade auf ihn herunterstrzen wollte! Und es deuchte den Grovater, als blinzelte ihn hinter dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu! Die hatte eine Nase wie der groe Blasebalg in der Schmiede; die Nstern waren so gro, da man einen Eimer Wasser in jede hinein gieen konnte, und zwei Lippen hatte sie, bei Gott, rein wie zwei Holzkltze! Die roten Augen glotzten nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus und blkte ihn an! Hol dich der Teufel! rief da der Grovater und warf den Kessel hin. Da hast du deinen Schatz! Solch eine widerwrtige Fratze! Und schon wollte er Reiaus nehmen, aber da sah er sich um, und siehe da, es war alles wie frher. Der Satan will mich nur schrecken! dachte er sich. Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben -- doch nein, er war zu schwer! Was war da zu machen? Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen! So nahm er denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden Hnden: Nun also, eins -- zwei, drei! und er hatte ihn emporgehoben. So, jetzt nehmen wir mal erst eine Prise! dachte er sich. Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah er sich um, ob auch niemand da war. Nein, es war niemand da, so schien es wenigstens! Aber auf einmal kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte und sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein Paar rote Augen quollen heraus, die Nstern bliesen sich auf und eine Nase zog sich kraus, als wollte sie niesen. Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen! dachte der Grovater und steckte den Tabak wieder ein. Sonst spuckt mir der Satan wieder in die Augen! Er ergriff also schnell den Kessel und begann aus allen Leibeskrften zu laufen, da fhlte er, wie ihm von hinten jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... O je, o je! schrie der Grovater und rannte weiter, als ob er nicht gescheit wre; erst als er an des Popen Gemsegarten vorbeikam, schpfte er wieder ein wenig Atem. Wo mag nur der Grovater geblieben sein? dachten wir, nachdem wir drei Stunden auf ihn gewartet hatten. Die Mutter war schon lngst vom Vorwerk zurckgekommen und hatte einen Topf mit heien Klen mitgebracht. Der Grovater aber kam und kam nicht! Wir setzten uns also allein hin, um zu vespern. Nach dem Abendessen wusch die Mutter den Topf und suchte mit den Augen nach einer Stelle, wo sie das Splicht ausgieen konnte; denn ringsum gab es nichts als Beete, da sieht sie auf einmal, wie ihr eine Tonne entgegengerollt kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte sich jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne gesteckt und schob sie vor sich hin. Ei, da kann ich ja das Splicht in die Tonne gieen, sagte sie und go das heie Splicht hinein. O weh! schrie da eine tiefe Bastimme auf. Sieh da. Es war der Grovater! Ja, wer konnte denn das wissen! Bei Gott, wir dachten einfach, ein Fa kme herangerollt! Offen gestanden, wenn's auch eine Snde ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue Kopf des Grovaters ganz von Splicht triefend und mit Melonenschalen behngt hervorschaute. So ein Teufelsweib! rief der Grovater und wischte sich den Kopf mit dem Rockscho ab. Wie die mich verbrht hat, rein wie ein Schwein vor Weihnachten! Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. Ihr sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr Hundeshne. Seht her! Seht, was ich euch mitgebracht habe! rief der Grovater und deckte den Kessel auf. Und was glaubt ihr wohl, was drin war? berlegt's euch wohl, hrt ihr -- ihr denkt wohl: Gold? Aber das ist's ja eben, da es kein Gold war: Mist, Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu sagen, was alles da drin war. Der Grovater spuckte aus, warf den Kessel hin und wusch sich die Hnde. Und seit der Zeit beschwor uns der Grovater, niemals dem Teufel zu trauen. Denkt lieber gar nicht dran! sagte er oft zu uns. Alles, was der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der hat auch nicht fr einen Deut Wahrheitsliebe! Und kaum vernahm der Alte, da es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: Schnell Kinder, machen wir ein Kreuz darber! So, so, so geschieht's ihm recht! Tchtig soll er's kriegen! und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, lie er umzunen und lie von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort hinwerfen. So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr gut: spter haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie Gutes kommen. Man st etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf, wovon nur der Teufel wei, was es ist: Es ist kein Krbis, keine Melone und auch keine Gurke ..... Wei der Teufel, was es ist. Biographische Skizze von B. Schenrock bersetzt von _Alexandra Ramm_ Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der groen schpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch die groen Qualitten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte Entwicklung des russischen Schrifttums ausbte. Als ein Schriftsteller, der der Literatur unschtzbare Dienste erwies: indem er sie von der Nachahmung befreite und sie endgltig auf die Darstellung des wirklichen Lebens richtete, hat Gogol sich fr immer einen der ersten Pltze in der Literaturgeschichte gesichert, wie gro auch die Verdienste seiner Nachfolger sein mgen. Die persnlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem hchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, da er fast allein durch sein natrliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte, die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum mglich, einen hnlich bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich geringem Mae fremden Einflssen verpflichtet ist. Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der groen russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung nach fast gnzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit den frhesten Eindrcken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm Kleinruland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne genealogischen Nachsprens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den _dichterischen_ Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden tief gefhlten Zeilen Ausdruck gab: O Vergangenheit, Vergangenheit! Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfllt unsere Seele, wenn wir von dem hren, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Grovater oder Urgrovater an jenen Ereignissen teilnahm, ah -- dann verstummt der sonst so beredte Mund. Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps erzhlen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, da diese echt kleinrussische Familie, wenn auch nur fr kurze Zeit, mit zweien ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war, was eine Erklrung fr den zweiten polnischen Namen liefert, dem die Gogols dem ihren anfgten: Gogols Urgrovater hie Jan, nach ihm nannten sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod, Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij erhalten hatte). Spter war Gogol bemht, diesen zweiten Namen abzulegen, denn er behauptete, da die Polen dieses Anhngsel erfunden htten. Und doch war Gogol den Professoren und Mitschlern fast ausschlielich unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Grovater unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein echter Kleinrusse. Fr uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols vor allem die Bedeutung, da sie uns von der berlieferung alle als hochbegabte Menschen geschildert werden -- jedenfalls waren sie keine gewhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij Afanajewitsch, war ein auerordentlich begabter und herzensguter Mensch, mit einem lebendigen und wibegierigen Verstand, literarischen Neigungen und einem ausgesprochenen Erzhlertalent. Sorglos und geliebt von Nachbarn und Freunden begngte er sich mit seinem bescheidenen Familienglck und trumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein Zufall, die bersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu, erschlo der dichterischen Begabung Wassilij Afanajewitschs ein wrdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze Flgel fr die Ankmmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste -- und alles war immer von einer erregten Atmosphre von Freude und Glanz umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen nach: selbst bloe Vergngungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem zeitgenssischen Athen dem alltglichen Leben ganz entrckt zu sein. Am 19. Mrz 1800 wurde W. A. Gogol, das ltere von den zwei am Leben gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Gte und Freundlichkeit allgemein hochgeschtzt wurde. Es ist selbstverstndlich, da der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behtet wurde, und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf. Schon als Kind hatte ihm die Natur eine auerordentliche Beobachtungsgabe verliehen, und so prgte sich ihm von frher Jugend an das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tnze in sein Herz. Auf dem Gute Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines vterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wre. Und hier erlebte er seinen ersten knstlerischen Genu: als er bezaubert den Dramen Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort fr sein spteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach Njschin geschickt in das Gymnasium der hheren Wissenschaften, wo er vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schler verblieb. In der Schule machte der krnkliche, nicht allzufleiige Knabe, der seine geringe Zuneigung zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch auf die lteren Schler einen besonders guten Eindruck: die einen lachten ihn als einen Spamacher aus, die andern verachteten ihn als einen Faulenzer. Der natrlichen Begabung des Knaben, die sich vorlufig nur dadurch kundgab, da er den Lehrern treffende Spitznamen gab und ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine nrrischen Streiche, wenn auch keiner glaubt, da sich hierin irgend etwas ungewhnliches ausdrckt. In dieser Zeit fat er pltzlich eine leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Bchern: aber bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemht sich, im Njjiner Lyzeum kleine Auffhrungen zu arrangieren und als Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten. Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine Schlerzeitschrift heraus und trumt von seiner Zukunft, die sich in lichten Farben vor ihm erffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater pltzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens ein Jngling. Sein und seiner Angehrigen Schicksal, dem er sich ganz widmen will, bemchtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der jngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine Fortschritte in der Schule gering, nur fr Geschichte wird ein greres Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso fr die Poesie, wenn ihn auch der Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich ber den Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der guten alten Zeit wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Auer seiner Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt er noch Wyssozki und die Brder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten Jahre der Schulzeit eilen schnell vorber; Wyssozki, der die Schule absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem Freunde von der Hauptstadt im Norden getrumt hat, sehnt sich hei nach den Ufern der Newa. Seine Trume zaubern ihm das herrliche Leben in Petersburg vor, wo die groen Ziele locken: gereizt empfindet er das Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den khnen Trumen der Jugend gestaltet sich das Idyll Hans Kchelgarten. Endlich naht die Zeit der Abschluprfung. Gogol fhlt, da er noch groe Lcken auszufllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule bittere Vorwrfe, da sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prfling. Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurck, um dann mit seinem treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttuscht die grausame Wirklichkeit die groartigen Trume der Jugend: statt in einem groen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen, mu er sich mit einem Raum in einer hheren Etage in einer viel prosaischeren Gegend begngen; die hohen Preise machen ihn niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche Mutter ausgerstet hatte, ffnen ihm zwar die Huser einiger angesehener Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet Not und mu im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er mu allen Vergngungen entsagen: nicht einmal das heigeliebte Theater kann er besuchen ... Er fhlt sich tief unglcklich und mit fieberhafter Eile unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles miglckt ihm. Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bhne des Schultheaters errungen hatte und lt sich als Schauspieler prfen: aber sein Organ, klar und jeder bertreibung bar, macht auf die zeitgenssischen Theateraristarchen einen ungnstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es whrend der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll Hans Kchelgarten drucken zu lassen, aber die Kritik nahm es khl auf, und der gekrnkte Dichter warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das Interesse der Petersburger fr alles Kleinrussische aufgefallen, und der unternehmungslustige Jngling beschftigt sich mit dem Plan, die Komdien seines Vaters aufzufhren. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der Mutter und seiner Freunde nheres Material fr einige geplante kleinrussische Erzhlungen zu sammeln, die er auch wirklich niederschreibt und die unter dem Namen Abende auf dem Gutshof bei Dikanka bald eine umfassende Popularitt erlangten. ber seine Stimmung zu dieser Zeit mgen einige Zeilen Auskunft geben, die einem gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: Ist das eine ein Mierfolg, kann man zum andern greifen, und miglckt das auch -- dann zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine groe Hilfe bedeuten. In dieser Stimmung reifte pltzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu reisen -- in das Ausland, von dem er seit seiner Schlerzeit zu Njschin getrumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glcks und der schpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttuschte die Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendtrume. In der Beichte des Dichters bekannte er, da er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer, unter fremden Menschen befand, als schon die frohen Trume von einem glcklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich flchtig umgesehen, kaum hatte er Lbeck, Travemnde, Hamburg kennen gelernt, als er schon zurck nach Petersburg eilte. (Nach A. S. Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rckkehr erhielt er eine Stellung im Apanagen-Departement. So klglich hatten seine herrlichen Dichtertrume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer gefrchtet, und mit allen Krften strubte er sich gegen den Gedanken, da das Schicksal ihm ein dsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht htte. Inzwischen aber gediehen die Abende auf dem Gutshof bei Dikanka fleiig weiter; auerdem begann Gogol seine ersten literarischen Versuche in Zeitschriften zu verffentlichen und Beziehungen zu Schriftstellern anzuknpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu einer Verwirklichung seiner Trume fhren konnte. Delwig, Schukowski, Pletniew -- vor allem der letztere -- erkannten seine glnzende Begabung und entwickelten fr seine Zukunft eine geradezu vterliche Besorgnis. Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am Patriotischen Institut, wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte, und ebenso einige Stunden in vornehmen Husern. Er war es auch, der ihn mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mierfolge hatte Gogol zu berwinden, und dann erhaschte er das Glck, das phantastische, zauberhafte Glck ... Pltzlich fhlte er sich in die Sphre der hheren literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen erffneten sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Frulein A. O. Rosset, der spteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heie Liebe zur Ukraine hatte sie zusammengefhrt, und das war fr ihn um so bedeutungsvoller, als sich sein Verhltnis zur Heimat in den seelischen Erschtterungen der letzten Jahre wesentlich verndert hatte. War es frher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttuschungen der groen Stadt in seine geliebte Ukraine zurck, obwohl er die Bedeutung Petersburgs fr seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die Abende auf dem Gutshof bei Dikanka heraus. Den Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glcklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski. (Nunmehr war er berhaupt einer derer um Puschkin geworden.) Erst im Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemchtigt: er wollte eine Komdie schreiben, deren Stoff dem alltglichen Leben entnommen sein sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mute einmal einen solchen Gedanken gebren, um sich vollkommen entladen zu knnen: durch sie wurden Zge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewhnlichen Blick fr immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten charakteristischen sind. Das zeitgenssische Repertoire bestand in der Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragdien: teils waren es lrmende Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose Komdien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann nicht stark genug betont werden, da in dieser Lage Gogols Plan geradezu eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schpferischer Stellung in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann ber seine Bedeutung fr die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch so starke sthetische Schpfungen wie Puschkins Geizige Ritter, Mozart und Salieri oder Der steinerne Gast nicht erklrt werden: berall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern zugeflossen war, war so selbststndig und neu, da sie ihm bei einem vorbergehenden Aufenthalt in Moskau die gerhmten Produkte der zeitgenssischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen lie; diesen Aufenthalt in Moskau -- brigens auf seiner Reise in die Heimat -- benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknpfen, die er sich vorher sorgfltig ausgewhlt hatte und von denen er eine Frderung seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten. Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen uerungen aufs tiefste berrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P. Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler Schtschepkin in nhere Berhrung. Seine Rckkehr in die Heimat bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr als der glckliche, von lichten Trumen erfllte Jngling zurck, als der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei Jahren hatte er etwas kstliches verloren: die frohen Trume der Jugend. Die Trume der Jugend, die voll blhender Sehnsucht die Welt als einen Triumphpfad trumt, mit bunten Blumen berschttet. Aber der rosa Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestrzten Auge die kahle Mittelmigkeit des Alltags. Und Gogol erfllt die ernste Tragik des Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt. Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der Ferne ihm begehrenswert erschienen war -- alles zeigte sich noch nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und in der Nhe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklrt hatte. Das alles drckt sich in der vernderten Stimmung seiner nchsten Werke aus: deutlich scheidet sich schon Mirgorod hierin von den Abenden auf dem Gutshof bei Dikanka, die in allem die zrtliche Verklrung der Jugend atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich schon den Traum einer neuen glcklichen Zukunft ausmalt: er will nach Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben erffneten Universitt zu bewerben. Erfllt von dem Gefhl seiner reichen inneren Krfte, durchdrungen von der berzeugung, die im Kreise Puschkins alle beherrschte, da das Genie der Masse und ihrer Meinung absolut berlegen sei -- hatte er sich nie ernste Gedanken ber die Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest berzeugt, da allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten Vorstellung die Knste der welken Schulmeister in Schatten gestellt wrden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den Lehrstuhl fr mittelalterliche Geschichte an der Petersburger Universitt erobert hatte, hielt er es natrlich auch nicht fr ntig, sich fr die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt dessen berlt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den Revisor. Sein Selbstvertrauen wchst malos: er denkt daran, eine Geschichte Kleinrulands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht anders, als man erwarten konnte: in seiner Universittszeit entstehen dichterische Schpfungen von hohem Werte, wrdig seines Talents -- aber seine wissenschaftlichen Plne scheitern jammervoll, und seine Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glnzenden absteht, flchtig und mittelmig. Die Hrer verlieren Achtung und Vertrauen vor ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen, geschieht es nur, um sich durch seine phantastische Diktion unterhalten zu lassen. Gogols Professur endete mit einem vollstndigen Fiasko, zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material ausfallen lassen mute. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen an die Professoren erhht wurden, blieb ihm nichts anderes brig, als seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im Patriotischen Institut verloren. Nach diesen Mierfolgen richtete er all seine Kraft auf die Auffhrung des Revisors. Am 19. April 1836 wurde dieses groe Werk, das bis heute noch eine hohe Zierde der russischen Bhne ist, endlich zum erstenmal gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren khnste Hoffnung nur bis zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die Bhne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Krfte gelegt hatte. Die Pfeile der Komdie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte eine auerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war, entschlpften folgende denkwrdige Worte: Das ist ein Stck! Alle haben ihr Teil bekommen -- aber ich am meisten! Von tiefer Anteilnahme fr die schonungslose Entblung sozialer Schden erfllt, ebnete der Kaiser durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bhne. Aber statt da der Dichter ber eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er berrascht und niedergeschlagen und wehmtig ruft er aus: Herrgott, wenn nur einer oder zwei geschimpft htten -- Gott segne sie. Aber alle ... alle! Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, da alle das Werk schmhten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Auffhrungen werden durch die blichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehrden immer wieder gestrt: und das alles bringt den Kelch schlielich zum berlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre geqult und zerrttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden. Trotz der vielen Mierfolge blickt er mit unzerstrbarer Heiterkeit in sein zuknftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus, jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende, fremde, westeuropische Leben zu strzen. Frhlich, als htten sie die Last dsterer, ewig gleicher Eindrcke fr immer abgeworfen, eilten sie einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Trume der Jugend schwebten noch ber ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenrte eines besseren poetischeren Lebens, erfllt von Jubel und lichtem Glck. Mit dieser Reise in das Ausland begann fr Gogol eine neue Epoche seines Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt, gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er schliet neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner Vergangenheit wird mit jedem Tage grer, entscheidender. Ein, zwei Monate vergehen -- und er fhlte sich allen ehmaligen Sorgen und rgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder: und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die Bitterkeit, mit der sie die schnste Zeit seines Lebens erfllt hatte, lie sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen ber ihre Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend fr des Dichters unbertroffene Aufnahmefhigkeit. Mit der Hingabe eines Jnglings wei er die zahllosen neuen Eindrcke zu genieen, er reist von einem Land in das andere, um sich endlich fr lngere Zeit in Italien niederzulassen, das er spter seine zweite Heimat nennt. Die Wunder der italienischen Natur und Kunst, die groe Eigenart Roms, die Lebensfhrung, die allem frher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach -- wie stark mute das alles auf die empfngliche Seele des Knstlers wirken! Und gierig schlrft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glcklichen poetischen Umgebung geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem sthetischen Genieen der Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berhrten alle Dinge die Seele unserer Einsiedler zrtlich: das stille Genieen der Kunst, der Zauber der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende berraschender Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des sdlichen Himmels. Jede durchkreuzte Strae dieser hingebend geliebten Stadt, jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es fr Gogol, hier in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit einem Wort: es war die glcklichste, hellste Zeit seines Lebens. Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer, und ihr Glck mute hart gebt werden. Das Schicksal ist nicht freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange beschieden, in dieser Hochflut sthetischer Gensse zu leben. Allein in dieser Zeit hatte er den ersten Band der Toten Seelen geschrieben, eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwchst. Das glckliche Leben verdsterte sich durch materielle Sorgen, und auch Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mute er eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mdchen wenigstens nach Moskau zu begleiten, und die Rckreise brachte neue Sorgen, die eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein Leben; im Jahre 1840 berstand er nacheinander in Wien und Rom zwei schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religis gestimmte Gogol als eine gttliche Erlsung von dem Tode, die ihm das Schicksal nur gewhrt hat, um durch neue Schpfungen dem Nutzen der Menschheit in einem hheren Sinne dienen zu knnen oder, wie er sich spter uerte, um einen Hymnus auf die gttliche Schnheit zu singen. Das alles geschah an der Grenze der dreiiger und vierziger Jahre. Die sensible Natur des Knstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der schwersten Schicksalsschlge, die ihn betroffen hatten, war der frhe Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er whrend der letzten Monate seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol war fr die Freundschaft aufs uerste empfindlich, und gerade darum blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder zerrtteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenssischen literarischen Welt, beschrnkt durch seine persnlichen Beziehungen und materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprche und gegenseitiger Gereiztheiten geriet er unwillkrlich in eine unangenehme und unbequeme Lage, da sie sich alle fr berechtigt hielten, eine Untersttzung ihrer zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen. So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt fhlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annherung an die Moskauer nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst sagte, bertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhnglichkeit an Italien verletzt. Die Mhen, die das Erscheinen der Toten Seelen im Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Auffhrung des Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien, vor allem mit der Zensur, die Meinungen uerte wie folgende: der Titel Tote Seelen schon knne nicht zugelassen werden, da die Seele unsterblich sei! Besonders hatte die Erzhlung vom Kapitn Kopeikin darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche hochgestellte Persnlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei qulende Intrigen. Und waren es frher nur die Intrigen im Theater, die ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei Schwierigkeiten: vor den Aksakows mute er seine Beziehungen zu Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, da er mit dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhltnisse seiner Familie auf das uerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da seine eigene materielle Lage eher alles andere als glnzend war. Noch whrend seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung allen Boden unter den Fen verloren. Nachdem er seinen frheren Beruf aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer bestimmten Ttigkeit zurckzukehren -- ausgenommen natrlich die Arbeit an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, da es sein heier Wunsch sei, dem Vaterlande zu ntzen, und da er, da er sich in keiner Stellung befnde, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig befestigt sich in ihm die berzeugung, da er sich ganz dem heiligen Werk der Arbeit an den Toten Seelen widmen msse. Er glaubt sich von Gott dazu berufen, in den folgenden Bnden die Ganzheit des russischen Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Fr Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit immer strker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknpfen; und um die ihm gestellte Aufgabe wrdig lsen zu knnen, glaubt er sich geistig ganz neu gebren zu mssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu knnen. Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschliet seine Seele vor den andern. Er beginnt, seinen frheren Arbeiten wenig Bedeutung beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so ntige, noch nie gesagte Wort zu verknden. Grandiose Perspektiven erffnen sich vor seinem Auge, und unwillkrlich drngt sich ihm die Empfindung auf, da der erste Teil der Toten Seelen nur die Vorhalle zu einem mchtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung schreibt er Zeilen, wie jene ber Ruland, die tiefster Inspiration entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten Zeitgenossen als mehr denn anmaend erscheinen lieen. Tnend verkndet er in diesen Zeilen, da nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und da er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, wo aus einem anderen Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer Reden hren. Gogol trumt von seiner messianischen Sendung: wenn er auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit Segen bringen knne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er vergit seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die Vorsehung fr sein hohes, ber der Ebene des gewhnlichen Lebens gelegenes Schicksal, und er heit alle Prfungen willkommen: selbst die Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschrnkt er seine Habe auf ein Kfferchen mit den Handschriften seiner Werke und einigen Bchern religisen Inhalts; und zuletzt sucht er Trstung selbst in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Krper mehr und mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein ganzes sittliches Sein erfllt, wandelt seine moralische Persnlichkeit vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Vernderung ist, vielmehr erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das bergewicht. Dieser Proze beginnt Ende der dreiiger Jahre und erfllt das ganze nchste Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das strmische Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten Idealismus lutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom Standpunkt des sthetikers bewertet, der ihren zerstrenden Einflu auf seine schpferische Kraft betrachtet. Unter diesem sthetischen Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des Zwiespaltes, in den die freie schpferische Kraft durch ihre Bindung mit -- wenn auch zweifellos idealen -- religisen Motiven geraten mu. Eines aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen schmerzlichen und langwierigen Auflsungsproze seiner physischen Krfte dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner sthetischen Schpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religise Ekstase. Aber trotz der hartnckigen Gerchte, die sich bis ber seinen Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige Strung festgestellt. Andererseits hat jeder von der uerst schroffen Umwandlung Gogols whrend seiner letzten Jahre berichtet, und dieser Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski besttigt wird, mu bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus mit bercksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm -- aber immer noch frher als die andern Freunde -- S. T. Aksakow, sind unter dem Eindruck der berstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not der Todesstunde schnell gereift, auerdem fanden sie auch einen gnstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich whrend seines Lebens im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A. P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwhlt zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflssen des westeuropischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen. Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgltige: mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden Selbstbespiegelungen und bestrmt von grausamen unablssigen Leiden zerrann ihm sein frheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden verwandelte sich in eine mitrauische Gespanntheit, seine dichterische Schpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber er ist nicht mehr der frhere Enthusiast, der sich vor der wundervollen italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschlielicher beschrnkten sich seine Gedanken auf das Religise: es zieht ihn nach Palstina, und eine Zeitlang lt er sogar die Arbeit an den Toten Seelen, um die Ausgewhlten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden zu schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefllt er in seiner von der Zensur entstellten und verkrzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist bis zum uersten geqult und niedergedrckt. [Funote 1: berhmter russischer Kritiker.] Der bekannte Brief Belinskis und eine andere uerung seiner Freunde, verstrkt durch eine Anzahl Kritiken zerrtteten Gogol endgltig. Er fhlt sich zu einer Gegenuerung gezwungen und schreibt die Beichte des Dichters. Und Anfang 1848 gibt er seiner heien Sehnsucht nach und reist nach Jerusalem. Nach seiner Rckkehr bleibt er in der Heimat, langsam nur schreitet die Arbeit an den Toten Seelen vorwrts. Sein Lebensmut sinkt und allmhlich unterliegt er in dem schweren Kampfe zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen immer schwcher werdenden geistigen und krperlichen Krften. In dieser Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathus, einen tiefgehenden Einflu auf ihn, und seine strengen asketischen Worte peinigen die kranke Seele des Dichters so, da er die Predigt des Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: Genug, genug, es ist furchtbar! Hier soll bemerkt werden, da ein starker Bestandteil von Gogols Religiositt die Furcht vor dem Jenseits war. Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der Toten Seelen. Hartnckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben. Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklrt sich aus der peinigenden Ungewiheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften wrden oder nicht: bis zu seinem Tode kmpften in Gogol flammende Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unertrgliche Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich so weit wie mglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten. Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begrbnis erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der Universittskirche statt. Eine groe Menge Volk hatte sich eingefunden, um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen. Die feindlichen Stimmen verstummen, und die groe Bedeutung Gogols stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -- dem ersten, den Ruland aus eigener Kraft hervorgebracht hat. Anhang Abende auf dem Gutshof bei Dikanka (Erster Teil.) Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzhlungen erschien im September des Jahres 1831. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum den 26. Mai 1831. I. _Der Jahrmarkt in Sorotschintzy_ stammt aus dem Jahre 1830. 1851 wurde diese Novelle mit unwesentlichen stilistischen nderungen in der Gesamtausgabe von Gogols Werken wieder abgedruckt. II. _Die Johannisnacht._ Diese Erzhlung erschien zuerst im Februar- und Mrzheft der Vaterlndischen Annalen (Otetschestwennye Sapiski), Jahrgang 1830 und zwar anonym unter dem Titel: _Basawrjuk oder die Johannisnacht_. Eine kleinrussische Novelle (nach einer Volkssage), erzhlt vom Kster an der Kirche zu Pokrowsk. Gogol arbeitete die Novelle spter fr die Abende auf dem Gutshof bei Dikanka um. Hierbei beseitigte er einige nderungen, die _Swinjin_ bei der Drucklegung in den Vaterlndischen Annalen eingefgt hatte, und schickte der Erzhlung eine kleine Vorrede voraus, in der er auch auf Swinjins nderungen hinwies. III. _Mainacht oder die Ertrunkene._ Ist im Jahre 1829 entworfen und dann fr die Abende neu bearbeitet worden. 1851 fgte Gogol noch einige kleine nderungen ein. IV. _Der verschwundene Brief._ Stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831, und wurde von Gogol fr die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal durchgesehen. Abende auf dem Gutshof bei Dikanka (Zweiter Teil.) Der zweite Teil der Abende erschien Anfang Mrz 1832; die Unterschrift des Zensors trgt das Datum: den 31. Januar 1832. I. _Die Nacht vor dem Weihnachtsfest_ wurde 1831 niedergeschrieben und 1851 noch einmal durchgesehen. II. _Schreckliche Rache_ stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831. In der ersten Ausgabe der Abende lautete der Titel dieser Novelle Schreckliche Rache (eine alte Sage). In der zweiten und den folgenden Auflagen der Abende vom Jahre 1836 wurde der Untertitel (eine alte Sage) fortgelassen. III. _Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante._ Die Zeit der Entstehung dieser Novelle ist unbekannt. IV. _Der verhexte Ort._ Auch ber die Entstehungszeit dieser Erzhlung liegen keine Nachrichten vor. _Der Herausgeber._ * * * * * Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt. Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verndert. Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): ... Frieda Ichak. ... ... Frida Ichak. ... [S. 6]: ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konten ... ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte ... [S. 92]: ... Die Hexe hat deine sndige Seele in Verderben gestrzt! ... ... Die Hexe hat deine sndige Seele ins Verderben gestrzt! ... [S. 127]: ... Verfgung: An den Amtman Jewtuch Makohonenko. ... ... Verfgung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. ... [S. 198]: ... erschien der Mondschein vom Leuchten der Schnees! ... ... erschien der Mondschein vom Leuchten des Schnees! ... [S. 205]: ... Dem Schmied berlief es kalt; er erschrak, wurde ... ... Den Schmied berlief es kalt; er erschrak, wurde ... [S. 210]: ... Weber Schapuwalenko. Gr Gott, Ostop! ... ... Weber Schapuwalenko. Gr Gott, Ostap! ... [S. 219]: ... Herrschaften es hier gibt! dache der Schmied. ... ... Herrschaften es hier gibt! dachte der Schmied. ... [S. 228]: ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben, anwortete der ... ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben, antwortete der ... [S. 242]: ... ht' er viel Wunderliches erzhlen knnen. Ja, ... ... htt' er viel Wunderliches erzhlen knnen. Ja, ... [S. 243]: ... Und siehe da, der seltsame Greis knirrschte zischend ... ... Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend ... [S. 244]: ... schon und schnarrchte laut ber ganz Kijew. ... ... schon und schnarchte laut ber ganz Kijew. ... [S. 260]: ... Hetmann selten zu essen bekommt. So was verschmht ... ... Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmht ... [S. 299]: ... von seltsamem und schrecklichen ueren herein. Zum ... ... von seltsamem und schrecklichem ueren herein. Zum ... [S. 309]: ... vergangener Zeiten. ... ... vergangenen Zeiten. ... [S. 313]: ... und so hat er die Geschiche denn auch wirklich aufgeschrieben. ... ... und so hat er die Geschichte denn auch wirklich aufgeschrieben. ... [S. 322]: ... Unterwegs passierte nicht besonders Bemerkenswertes. ... ... Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. ... [S. 322]: ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischen Plne willen, ... ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Plne willen, ... [S. 326]: ... Kopfkissen! Und reie dem Frauenzimmer ein bischen ... ... Kopfkissen! Und reie dem Frauenzimmer ein bichen ... [S. 342]: ... Burschen viel ber Jerusalem gehrt hatte? ... ... Burschen viel ber Jerusalem gehrt hatte. ... [S. 359]: ... Wo sind die Fuhrleute, fragte der Grovater und ... ... Wo sind die Fuhrleute? fragte der Grovater und ... [S. 365]: ... Stmen herab. Der Grovater zog sich die neuen ... ... Strmen herab. Der Grovater zog sich die neuen ... [S. 368]: ... bei Gott, rein wie zwei Holzkltze! Die roten Augen glotzen ... ... bei Gott, rein wie zwei Holzkltze! Die roten Augen glotzten ... [S. 369]: ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Splicht aufgieen ... ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Splicht ausgieen ... [S. 383]: ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selow, in glcklicher ... ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glcklicher ... [S. 391]: ... Pletniew und seinen andern Petursburger Freunden gefiel ... ... Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel ... End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka, by Nikolaj Gogol License: Share Alike