Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library and the Google Cultural Institute. Nikolaus Gogol Arabesken Nikolaus Gogol Smmtliche Werke In 8 Bnden Herausgegeben von Otto Buek Band 6 Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1912 Nikolaus Gogol Arabesken, Prosaschriften, Rom Herausgegeben von Otto Buek Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1912 Inhalt des sechsten Bandes Arabesken (Erster Teil) 1 Vorwort 3 Skulptur, Malerei und Musik 5 ber das Mittelalter 15 Ein Kapitel aus einem historischen Roman 37 ber den Unterricht in der Weltgeschichte 57 Ein berblick ber das Werden Kleinrulands 83 Einige Worte ber Puschkin 103 ber die Architektur unserer Zeit 115 Al-Mamun 151 Arabesken (Zweiter Teil) 163 Das Leben 165 Schlzer, Mller und Herder 173 Der Newsky-Prospekt 183 ber die kleinrussischen Lieder 243 Gedanken ber Geographie 259 Der letzte Tag von Pompeji 275 Der Gefangene 289 ber die Vlkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts 301 Memoiren eines Wahnsinnigen 349 Aufstze aus Puschkins Zeitgenossen 387 ber die Strmungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 289 1834-1835 Petersburger Skizzen 427 Italienische Sommernchte 453 Rom 459 Anhang 533 Arabesken I 1835 Erster Teil Deutsch von _Charlotte Lolly Koenig_ Diese Sammlung enthlt eine Reihe von Schriften, die zu sehr verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen meines Lebens entstanden sind. Sie sind nicht auf Bestellung geschrieben. Sie waren ein Ausdruck meiner Seelenstimmung, und ich whlte mir nur solche Gegenstnde, die einen starken Eindruck auf mich machten. In diesen Stcken werden die Leser sicherlich viel Jugendliches finden. Ich gestehe, da ich einige von diesen Schriften vielleicht garnicht in diese Sammlung aufgenommen htte, wenn ich sie ein Jahr frher herausgegeben htte, als ich mich noch viel strenger gegen meine lteren Arbeiten verhielt. Aber statt gar zu streng mit seiner _Vergangenheit_ ins Gericht zu gehen, ist es weit besser, unerbittlich gegen seine _gegenwrtigen_ Leistungen zu sein. Das, was man frher einmal geschrieben hat, zu vernichten, scheint mir ebenso ungerecht, wie die vergangenen Tage seiner Jugend zu vergessen. Und auerdem: wenn ein Werk zwei oder drei noch nicht ausgesprochene Wahrheiten enthlt, so hat der Verfasser schon nicht mehr das Recht, sie dem Leser vorzuenthalten, und um zweier oder dreier richtiger Gedanken willen, kann man wohl schon die Unvollkommenheit des Ganzen verzeihen. Sodann mu ich noch einiges ber diese Ausgabe selbst sagen: als ich die gedruckten Bogen las, erschrak ich selbst an vielen Stellen ber die Unkorrektheit des Stils, ber vieles berflssige und Unzureichende, das eine Folge meiner Unvorsichtigkeit war. Aber der Mangel an Mue und andre nicht immer freundliche Lebensumstnde erlaubten es mir nicht, meine Manuskripte ruhig und aufmerksam durchzusehen, und so wage ich denn zu hoffen, da mich der Leser gromtig entschuldigen wird. I Skulptur, Malerei und Musik Dank sei dem Schpfer der Welten fr seine Gte und sein Mitleid mit den Menschen! Drei hehre Schwestern hat er entsandt, die Welt zu verschnen und zu erquicken; ohne sie wre die Welt eine Wste, die klanglos ihre Kreise zge. Lat uns unsere Wnsche enger, inniger zusammenschlieen und unsern ersten Becher der Skulptur weihn. Sie, die schne Sinnenkunst war es, die zuerst in diese Welt trat. Sie ist ein vllig ursprngliches Gebilde, die Spur jenes Volkes, das sich ganz, mit seiner ganzen Seele, seinem ganzen Leben in ihr verkrpert hat. Sie ist das klare Abbild jener leuchtenden, griechischen Welt, die vor uns im tiefen Abgrund der Jahrhunderte entschwunden, schon vom Nebel verhllt wird und nur noch von dem Gedanken des Dichters erreicht werden kann: jene von Weinranken und Olivenzweigen, harmonischen Trumen und prunkendem Heidentum geschmckte Welt. Jene Welt, die sich beim Klang der Zimbeln im gemessenen Tanz wiegte oder in bacchantischem Wirbel dahinraste, wo das Gefhl des Schnen alles durchdrang: die Htte des Bettlers, die Zweige der Platane, den Marmor der Sulenhallen, den von lebhaften, eigenwilligen Menschen bevlkerten Platz, das Relief, das den festlichen Becher zierte, und die sich lange schlingende Reihe anmutiger mythologischer Gestalten verbildlichte: wo schamhaft die Gttin der Schnheit dem Schaum der Wellen entsteigt, Tritonen dahinjagen und in die Hnde klatschen und Poseidon silberklar aus der Tiefe seines herrlichen Elements emportaucht. Jene Welt, in der die Religion nichts war -- als Schnheit, als die menschliche Schnheit und die gttergleiche Schnheit des Weibes -- jene ganze Welt ward festgehalten von der holden Skulptur; nichts auer ihr konnte das leuchtende Dasein dieser Welt so lebendig zum Ausdruck bringen. Wei wie Milch, Schnheit, Zartheit und Wollust atmend, bannte die Skulptur eine Idee und einen Gedanken -- die Schnheit, die stolze Schnheit des Menschen in den durchsichtigen Marmor. Selbst in der Glut der Leidenschaft und im strksten Affekt -- stets bleibt bei ihr der Mensch stolz und schn und fordert unsere Bewunderung heraus durch seine freie athletische Pose. Hier fliet alles in sinnlicher Schnheit zusammen; nie lassen wir beim Anblick einer schmerzerfllten Gruppe die bittere Klage unseres Herzens mit ihrer Klage zusammenklingen; ja, man knnte fast sagen, wir genieen den Anblick ihrer Qualen, so sehr wird der Drang unserer Seele durch die plastische, ruhige Schnheit berwltigt. Die Skulptur drckt nie ein anhaltendes, tiefes Gefhl aus, sie gibt nur schnelle spontane Empfindungen wieder: den wilden Zorn, einen rasenden Schmerzensschrei, das furchtbare Grauen, einen pltzlichen Schreck, Trnen, Stolz, Verachtung und endlich die in sich selbst versunkene Schnheit. Sie wandelt alle Gefhle des Beschauers in Genu, den ruhigen Genu, der stets mit der Wonne und der Selbstzufriedenheit der heidnischen Welt verbunden ist. Ihr fehlen jene geheimen, schrankenlosen Gefhle, die endlose Trume mit sich fhren. In ihr suchen wir umsonst nach dem langen, von Umwlzungen und Erschtterungen erfllten Leben. Ihre Schnheit hat etwas Momentanes, wie die einer schnen Frau, die einen Blick in den Spiegel wirft, ihrem Bilde freundlich zulchelt und frohlockend weiter eilt, triumphierend eine Schar stolzer Jnglinge nach sich ziehend. Sie ist bezaubernd wie das Leben, wie die Welt, wie die Sinnenschnheit, der sie als Altar dient. Sie wurde zugleich mit der scharf umrissenen und klar gestalteten heidnischen Welt geboren, sie stellte sie dar und ist mit ihr gestorben. Vergeblich versuchte man es, mit ihrer Hilfe die hohen Gestalten des Christentums zu verkrpern, sie stand ihnen so fern, wie der heidnische Glaube. Nie konnten die erhabenen strmenden Gedanken des Christentums auf der wollstigen Auenseite des Marmors Platz finden. Sie wurden ganz von seiner Sinnlichkeit aufgesogen. Nicht so ihre beiden andern Schwestern, die Malerei und die Musik, die das Christentum aus ihrer Niedrigkeit erhob und ins Gigantische steigerte. Durch seine mchtige Triebkraft blhten sie erst recht empor und sprengten die Fesseln der sinnlichen Welt. Wehmtig gedenke ich meiner herrlichen, wolkenhaften, marmornen Skulptur! Doch ... erklinge heller, mein Becher, kling' heller in meiner bescheidenen Zelle -- und es lebe die Malerei. Erhaben und herrlich wie der Herbst, der reich geschmckt durch das weinlaubumrankte Fenster blickt, fromm und gewaltig wie das Weltall -- ja du bist schn, du herrliche Musik der Augen. Nie hat die Skulptur es gewagt, deine himmlischen Offenbarungen darzustellen. Nie hat sie uns jene feinen geheimnisvollen irdischen Zge sehen lassen, bei deren Anblick wir das Gefhl haben, als erflle der Himmel unsere Seele, und bei denen wir das Unaussprechliche zu empfinden meinen. Wie aus wolkigem Nebel treten die langen Reihen der Bilder hervor, und aus altertmlichen, vergoldeten Rahmen blickst du lebendig, wenngleich die unbarmherzige Zeit deine Leuchtkraft verdunkelte, und wortlos und stumm steht mit gefalteten Hnden vor dir der Beschauer. Doch es ist nicht Sinnenglck, was aus seinen Augen strahlt, nein, sein Antlitz ist von einer berirdischen Lust verklrt. Du warst nie der Ausdruck einer bestimmten Nation und ihres Lebens, nein, dazu standest du zu hoch, du warst der Ausdruck alles dessen, was die christliche Welt an erhabenen Geheimnissen in sich birgt. Blickt hin auf das nachdenklich auf die Hand gesttzte Haupt; wie begeistert und tief bohrend ist ihr Blick! Sie ergreift nicht nur einen kurzen Augenblick wie der Marmor, sie zieht diesen Augenblick in die Lnge, sie setzt das Leben fort bis ber die Grenzen des Sinnlichen, sie entreit einer andern unendlichen Welt Erscheinungen, fr die es uns an Worten und Namen fehlt. All jenes Unbestimmbare, was kein vom wuchtigen Meiel des Bildhauers durchfurchter Marmorblock auszudrcken vermag, gewinnt Gestalt unter dem begeisterten Pinsel des Malers. Gewi wei auch sie die allen verstndlichen Leidenschaften auszudrcken, allein die Sinnlichkeit pulsiert nicht mehr so gewaltig in ihnen, und ein geistiges Element scheint alles zu durchdringen. Das Leiden findet in ihr einen unmittelbareren lebendigeren Ausdruck und ruft nur Mitleid hervor -- sie appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genufhigkeit. Sie nimmt sich auch nicht den Menschen allein zum Vorwurf -- ihre Grenzen sind weiter: sie umfat das ganze Weltall, alles Herrliche, was den Menschen umgibt, ist ihrer Macht erreichbar. Die geheimnisvolle Harmonie, das wunderbare Band zwischen Mensch und Natur -- in ihr allein ist sie zu finden. Sie bindet das Sinnliche an das Geistige. Aber schume noch feuriger, mein dritter Pokal! Noch heller funkle und perle ber den goldenen Rand, du schumendes Blut! -- Du funkelst zum Preis der Musik! Denn sie ist noch weit feueriger und strmischer als ihre beiden Schwestern. Sie ist ganz Leidenschaft! sie entreit den Menschen pltzlich und wie mit einem Schlage der Erde, betubt ihn durch den Donner ihrer gewaltigen Tne und versenkt ihn ganz in ihre Welt. Wie in die Saiten des Instrumentes, so greift sie herrisch an seine Nerven, an sein gesamtes Sein und lt sein ganzes Wesen erbeben. Er geniet schon nicht mehr, er fhlt keine Teilnahme, nein, er selbst wird ganz Leiden; seine Seele betrachtet keine unfabare Erscheinung, sie _lebt_, lebt ihr eigenes Leben, gewaltsam, leidenschaftlich zerstrend. Unsichtbar hat sie auf ihren sen Klngen die ganze Welt durchdrungen, strmt sie breit dahin und atmet und lebt in tausend verschiedenen Gestalten. Qualvoll und rebellisch ist sie -- am mchtigsten und herrlichsten wirkt sie jedoch in den unendlichen Kuppelgewlben eines dunklen Domes, wo sie tausend kniende Glubige zu _einer_ harmonischen Empfindung verschmilzt und mit sich fortreit, ihre tiefsten Herzensregungen blolegt, ihre Sinne betrt und sich mit ihnen in unabsehbare Hhen emporschwingt -- ein langes Schweigen und einen lang nachzitternden Ton hinter sich lassend, der in den Tiefen des hohen, spitzen Turmes verklingt. Wie knnte man euch miteinander vergleichen, ihr herrlichen Kniginnen der Welt! Der sinnliche Zauber der Skulptur erfllt uns mit hohem Genu, die Malerei -- mit stiller Begeisterung und Trumereien -- die Musik mit Leidenschaft und innerer Unruhe. Wenn wir ein plastisches Kunstwerk aus Marmor betrachten, gert unser Geist unwillkrlich in Entzcken, vor einem Gebilde der Malerei versinkt er in Betrachtung -- beim Klange der Musik -- macht er sich Luft in einem Schmerzenslaut -- als sei die Seele von einem einzigen Wunsch ergriffen -- sich vom Krper loszureien. Sie -- ist unser! Sie ist das Eigentum der neuen Welt! Sie blieb uns, als die Skulptur, die Malerei und die Baukunst uns verlassen hatten. Nie drsteten wir so nach Begeisterung, die die Seele erhebt, wie in der heutigen Zeit, wo alle die zahllosen kleinen Launen und Gensse, an deren Erfindung unser XIX. Jahrhundert sich den Kopf zerbricht, uns berwltigen und erdrcken. Alles verschwrt sich gegen uns; diese ganze verfhrerische Kette raffinierter Erfindungen des Luxus sucht unsere Sinne immer mehr und mehr zu betuben und einzuschlfern. Wir lechzen darnach, unsere arme Seele zu retten, diesen furchtbaren Versuchern zu entfliehen und -- so strzen wir uns in die Musik. O sei unser Schutzengel, unser Heiland, Musik, verla uns nicht! rttle unsere kleinliche habgierige Seele immer hufiger auf! greife mit deinen Tnen krftiger in unsere schlummernden Gefhle! Rege, whle sie auf und verscheuche, wenn auch nur fr Augenblicke, diesen frchterlichen kalten Egoismus, der mit aller Gewalt unsere Welt erobern will. O la bei dem machtvollen Strich deines Bogens die verwirrte Seele des Rubers, wenn auch nur fr kurze Momente, von Gewissensbissen gemartert werden, la den Spekulanten seine Rechnungen vergessen und die Frechheit und Schamlosigkeit vor den Schpfungen des Genies eine ungewollte Trne vergieen. O verlasse uns nicht, du, die du unsere Gottheit bist. Der groe Baumeister der Welt hat uns in seiner unergrndlichen Weisheit in stummes Schweigen gebannt, aber dem wilden unentwickelten Menschen pflanzte er den Gedanken der Baukunst ein. Mit einfachen Mitteln, ohne Hilfe des Mechanismus richtet er Berge von Granit auf, trmt sie steil zum Himmel empor und sinkt vor ihrer formlosen Gre in die Knie. Der alten heiteren Sinnenwelt sandte er die herrliche Skulptur, die uns die reine keusche Schnheit brachte, und die ganze antike Welt ward zu einem Loblied auf die Schnheit. Das sthetische Schnheitsgefhl einte sie zu einem harmonischen Ganzen und hielt sie fern von rohen Gelsten! Den finsteren, unruhigen Jahrhunderten, wo oft nur die Lge und die rohe Kraft triumphierten, und wo der Dmon des Aberglaubens und der Unduldsamkeit alle Lebensfreude verscheuchte, schenkte er die begeisternde Malerei, die die Welt die berirdischen Erscheinungen und die himmlischen Gensse der Heiligen sehen lie. Aber unserem jungen und zugleich altersschwachen Jahrhundert sandte er die gewaltige Musik -- um uns im Sturme zu ihm zu fhren. Doch wenn uns auch die Musik noch verlt, was soll dann aus unsrer Welt werden!? 1831. II ber das Mittelalter Niemals haben die Ereignisse der Weltgeschichte eine solche Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit angenommen, nie hat sie eine so groe Zahl von individuellen Erscheinungen gezeitigt, wie im Mittelalter. Alle Weltbegebenheiten strmen, je nher sie diesen Jahrhunderten liegen, nach langer Unbeweglichkeit mit gesteigerter Geschwindigkeit wie in einen Strudel, in einen wildbrodelnden Wirbel zusammen, um, nachdem sie von diesem in Umschwung gebracht, sich untereinander vermischt haben, neugeboren in frischen Wellen wieder emporzutauchen. In diesen Jahrhunderten fand eine groe Umwandlung der ganzen Welt statt. Sie sind der Knoten, in dem die alte und die neue Welt zusammentreffen. Man kann dem Mittelalter in der Geschichte der Menschheit dieselbe Bedeutung anweisen, wie sie das Herz im menschlichen Krperbau einnimmt, in das alle Adern einmnden und von dem sie alle ausgehen. Wie ging diese vollstndige Umwandlung vor sich? Welches sind die ursprnglichen Elemente, die sich in ihr erhielten? Was kam Neues hinzu? In welcher Weise vermengte sich Altes und Neues? Was entstand aus dieser Vermengung? Wie bildete sich das majesttische, stolze Gebude der Neuzeit? Dies sind so schwerwiegende Fragen, wie es wohl in der ganzen Geschichte kaum wichtigere gibt. Alles, was wir besitzen, dessen wir uns bedienen, was wir vor den frheren Jahrhunderten voraushaben, der ganze Bau und die kunstvolle Zusammensetzung unserer Administration, die Beziehungen der verschiedenen Stnde untereinander, ja diese Stnde selbst, unsere Religion, unsere Rechte und Privilegien, unsere Sitten und Gebruche, selbst unser ganzes Wissen, das sich in so schnellem Fortschritt vorwrts bewegt -- dies alles hat entweder seinen Keim und Ursprung in dem dunklen geheimnisvollen Mittelalter oder hat sich doch aus ihm entwickelt und herausdifferenziert. In ihm ruhen die ursprnglichen Elemente und das Fundament alles Neuen; ohne ein eingehendes, aufmerksames Studium dieser Epoche bleibt die neue Geschichte unzulnglich und unklar, der Forscher, der von ihr ausgeht, gleicht dem Besucher einer Fabrik, der sich ber die schnelle Herstellung der Produkte wundert, da sie beinahe vor seinen Augen entstehen, und dabei vergit, in das finstre Erdgescho hinabzusehen, wo die groen mchtigen Schwungrder verborgen sind, die den Ansto zum Ganzen geben; solch eine Geschichte gleicht der Statue eines Knstlers, der keine Anatomie studiert hat. Warum aber hat man sich trotz der groen Bedeutung dieser merkwrdigen Epoche immer so ungern mit ihrer Erforschung beschftigt? Warum beeilt man sich, wenn man zum Mittelalter kommt, stets, es so schnell wie mglich durchzunehmen und abzutun? Und warum haben sich nur wenige, sehr wenige Menschen, ergriffen von der Gre des Gegenstandes, die Mhe genommen, einige von den angefhrten Fragen zu beantworten? Mir scheint, es liegt daran, weil man dem Mittelalter stets den letzten Platz angewiesen hat. Man hielt diese Epoche eben fr gar zu barbarisch und unkultiviert, und infolgedessen blieb sie in der Tat immer dunkel und unerforscht und wurde nie richtig in ihrem Werte erkannt und in ihrer genialen Gre dargestellt. Barbarisch kann man nur ihren Anfang nennen, aber selbst diese finstre Zeit birgt schon mancherlei, was unsere Neugierde zu reizen geeignet wre. Schon der Proze der Vereinigung zweier Welten, der antiken und der neuen, der grelle Widerspruch in ihren Formen und ihren Eigentmlichkeiten, diese altersschwachen, absterbenden Elemente der Antike, die sich durch die neue Umgebung hindurchziehen, wie Flsse, die ins Meer strmen, aber noch lange ihr ses Wasser nicht mit den salzigen Wellen vermengen, sind _interessanter_ -- diese rohen, mchtigen Krfte der neuen Zeit, die hartnckig allen fremden Einflssen widerstehen, um sie endlich doch unfreiwillig in sich aufzunehmen, die mhevolle Anstrengung, mit der diese europischen Wilden die rmische Kultur fr sich zurechtschneiden, diese Bruchstcke, oder besser gesagt Fetzen rmischer Formen und Gesetze inmitten der neuen noch unbestimmten, denen es noch an Gestalt, Grenze und Ordnung fehlt, dieses ganze Chaos, in denen die Elemente der furchtbaren Majestt des heutigen Europas und seiner tausendfltigen Kraft ungegliedert durcheinanderbrodeln: dies alles ist _fesselnder_ fr uns und regt unsere Neugierde mehr an, als die starre Zeit des rmischen Weltreiches unter der Herrschaft kraftloser Imperatoren. Ein zweiter Grund, warum man sich so ungern mit der Geschichte des Mittelalters beschftigt, ist -- die angebliche Trockenheit, die man mit ihr zu verbinden geneigt ist. Man betrachtet sie wie eine Menge verschiedener ungeordneter Ereignisse, wie einen Haufen unzusammenhngender und sinnloser Begebenheiten, die kein gemeinsames Band umschliet, das sie alle zu einem Ganzen vereinigt. In der Tat, ihre schreckliche und ungewhnliche Kompliziertheit mu im ersten Augenblick chaotisch erscheinen; aber wenn man nur aufmerksamer und tiefer hineinblickt, so findet man bald Zusammenhang, Zweck und Richtung darin. brigens leugne ich nicht, da man den Instinkt und das Verstndnis haben mu, das nur wenigen Historikern verliehen ist, um dies alles zu entdecken. Einigen freilich ward die beneidenswerte Gabe zuteil, alles in bewunderungswrdiger Klarheit und Folgerichtigkeit zu sehen und darzustellen. Von ihrem Zauberstab berhrt, beleben sich die Ereignisse und bekommen ihr eigenes Geprge und Interesse; ohne sie dagegen erscheinen sie einem jeden noch lange trocken und sinnlos. Abgesehen etwa von einem stumpfsinnigen Dahinvegetieren der Vlker ist alles, was immer geschehen mag, interessant, sofern es nur in wahrheitsgemen Chroniken aufgezeichnet ist. berall gibt es einen durchgehenden Faden, wie jedes Gewebe seine Struktur hat, obwohl diese hufig vollstndig in dem Einschlag verschwindet; und wie ein jeder Edelstein eine unsichtbare Lichtquelle enthlt, die erstrahlt, wenn er der Sonne zugewendet wird so verliert sich dieser Faden nur da, wo die berlieferung aufhrt. So zieht sich auch in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters durch die Masse der Ereignisse das unaufhrliche Erstarken der ppstlichen Macht und die Entwicklung des Feudalismus wie ein unsichtbarer Faden hindurch. Fast knnte es scheinen, als kmen die Tatsachen ganz unabhngig voneinander zustande und drngten mit ihrem Glanz den einsamen, noch unbedeutenden rmischen Erzbischof in den Schatten; ein mchtiger Herrscher oder sein Vasall tut sich hervor, scheint nur in eigenem Interesse zu handeln, und doch strmten alle wesentlichen Vorteile daraus unbemerkt nach Rom. Alles, was geschah, schien absichtlich und zum Vorteil des Papstes zu geschehen. Hildebrandt hat den Vorhang ein wenig gelftet und uns die Macht gezeigt, die die Ppste schon frhzeitig errungen hatten. Die Geschichte des Mittelalters verdient am wenigsten den Vorwurf der Langenweile. Nirgends finden wir so viel Buntheit, so viel Handlung und Leben, solch krasse Gegenstze, so viel grelles Licht, wie in diesen Jahrhunderten: man knnte es mit einem gewaltigen Gebude vergleichen, dessen Fundament aus festem, fr die Ewigkeit gefgtem jungem Granit, und dessen dicke Mauern aus allerhand neuem und altem Material zusammengesetzt sind, so da der eine Ziegelstein gotische Runen, der andere eine rmische Vergoldung trgt; arabisches Schnitzwerk, griechische Karniese, gotische Fenster -- alles ist hier vereinigt zu einem Turm von auergewhnlicher Buntheit und Mannigfaltigkeit. Aber man kann wohl sagen, diese Grellheit sei nur ein ueres Kennzeichen der mittelalterlichen Vorgnge; ihre innere Bedeutung besteht in ihren ungeheuren, gigantischen Dimensionen, in ihrer geradezu unerhrten Khnheit, wie sie wohl nur der Jugend eigen ist, und ihrer Originalitt, die sie zu einer einzigartigen Erscheinung macht; in der Tat treffen wir weder in der alten noch in der neuen Geschichte etwas an, was ihnen gleich oder auch nur hnlich wre. Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse, die einen so mchtigen Einflu ausbten. Das wichtigste Thema der mittelalterlichen Geschichte ist der Papst. Er ist der mchtige Beherrscher dieser frhen Jahrhunderte, er bewegt alle ihre Krfte und lenkt, wie der Donnergott, mit einem Wink seiner Hand ihre Schicksale. Mit einem Wort, die ganze Geschichte des Mittelalters ist die Geschichte der Ppste. Ihre unberwindliche Herrschsucht, ihre nie versagenden Mittel voller Scharfsinn und Weisheit -- Folgen ihres hohen Alters -- ihr Despotismus und der Despotismus der zahllosen Legionen einer mchtigen Geistlichkeit -- dieser eifrigen Untertanen des geistlichen Oberhaupts, die alle Enden der Welt, wo das Zeichen des Kreuzes eingedrungen war, mit sthlernen Fesseln an sich banden -- das ist eine so ungeheure Erscheinung, die einzig in ihrer Art ist und die sich niemals wiederholt hat. Ich will nicht von den Mibruchen und der unertrglichen Schwere dieser Fesseln des geistlichen Despoten sprechen. Wenn wir tiefer in diese groartige Erscheinung eindringen, werden wir in ihr die wunderbare Weisheit der Vorsehung erkennen, htte diese allbezwingende Macht nicht alles in ihre Hnde gebracht, htte sie die Vlker nicht nach ihrem Willen gelenkt und angetrieben, so wre Europa zerbrckelt, und das gemeinsame Band htte gefehlt; wahrscheinlich wren einzelne Staaten zu Macht und Ansehen gelangt und dann pltzlich wieder in Verfall geraten und zugrunde gegangen, andere htten ihre Unkultur zum Schaden ihrer Nachbarn nicht aufgegeben, die Bildung und die Entwickelung der Volksseele htte sich ungleichmig vollzogen; an einem Ende htten Kultur und Sitte Fu gefat, whrend am anderen barbarische Finsternis ihr Wesen getrieben htte. Europa htte sich nicht in sich festigen, und nie in ein Gleichgewicht kommen knnen, durch das es sich heute so wunderbar erhlt. Es wre weit lnger in einem chaotischen Zustande verblieben und htte sich nie durch die sthlerne Macht des Enthusiasmus zu einem gewaltigen Bollwerk erhoben, das den Eroberern aus dem Osten durch seine Festigkeit standzuhalten vermochte; ohne diese groartige Erscheinung htte Europa vielleicht ihrem Ansturm nachgegeben, und statt des Kreuzes wre der mohammedanische Halbmond auf seinen Zinnen aufgepflanzt worden. Wenn wir die wunderbaren Wege der Vorsehung betrachten, so beugen wir unwillkrlich unsere Knie. Es ist, als sei den Ppsten die Macht eigens dazu gegeben worden, damit sich die jungen Staaten whrend dieser Zeit krftigen und befestigen knnten; damit sie erst lernen sollten, sich selbst unterzuordnen, um dann spter, als sie das notwendige Alter erreicht hatten, auch andere zu beherrschen, und damit sie ihre Energie entwickeln konnten, ohne die das Leben der Vlker farblos und kraftlos ist. Kaum waren die Vlker imstande, sich selbst zu regieren, da begann auch die Macht des Papstes pltzlich zu schwanken und zu zerfallen, als htte sie ihre Mission erfllt und wre berflssig geworden, ungeachtet aller Anstrengung und des heien Wunsches, die sinkende Macht festzuhalten. In dieser Beziehung war die ppstliche Macht dem Gerst, den Tragbalken eines Gebudes vergleichbar; anfnglich sind sie hher und erscheinen wichtiger als der Bau selbst, aber sobald dieser eine gewisse Hhe erreicht hat, werden sie als berflssig abgetragen. Der Gedanke an das Mittelalter verbindet sich unwillkrlich mit dem an die Kreuzzge -- diese auerordentliche Erscheinung, die sich wie etwas Gigantisches von den anderen wunderbaren und ungewhnlichen Begebenheiten abhebt. Wo und in welcher Zeit finden wir etwas, was ihnen an Originalitt und Gre gleichkme? Das ist kein Krieg um ein geraubtes Weib, kein Erzeugnis des Hasses zweier unvershnlicher Nationen, nicht der blutige Kampf zwischen zwei habschtigen Herrschern, zwei unersttlichen Eroberern um eine Krone oder einen Fetzen Landes, ja nicht einmal ein Krieg fr die Freiheit und Unabhngigkeit eines Volkes -- o nein -- keine Leidenschaft, kein egoistischer Wunsch, kein persnlicher Vorteil ist die Triebfeder dieser Kmpfe; alles ist nur von dem einzigen Gedanken erfllt: das Grab des gttlichen Heilandes zu befreien. Von allen Enden Europas strmen die Vlker, Kreuze vor sich hertragend, zusammen, Knige und Grafen in schlichten Bugewndern stellen sich an die Spitze, bewaffnete Mnche treten in die Reihen der Krieger, Erzbischfe und Einsiedler befehligen, das Kreuz in Hnden, zahllose Truppenmengen -- und alle strmen sie fort zum Kampf fr ihren Glauben. Die Macht einer Idee umfat alle Vlker. Liegt nicht etwas ganz Groes in diesem Gedanken? Mit Unrecht nennt man die Kreuzzge ein sinnloses Unternehmen. Wre es nicht merkwrdig, wenn der Jngling schon gleich die Sprache des reifen Mannes sprche? Sie waren das Produkt der damaligen Zeit, und des damaligen Zeitgeistes. Dies Unternehmen war die Tat eines Jnglings -- aber eines Jnglings, der ein geborenes Genie war. Was fr unzhlige, wunderbare, unvorhergesehene Folgen haben die Kreuzzge gezeitigt! Die ganze Masse mute erzogen und gebildet werden, sie mute die Welt kennen lernen, die ihr zum Teil verborgen blieb, weil die Geistlichkeit davor stand, und die ganze Masse strzt sich in einen andern Weltteil, dorthin, wo die erlschende arabische Kultur danach strebt, ihr ihre Flamme zu bergeben: ganz Europa streift in Asien herum. Sind wir nicht berechtigt, uns zu wundern! Gewhnlich ist es irgendein Fremder, der aus einem kultivierten Lande kommt und die Aufklrung und die ersten Kenntnisse in ein unbekanntes Land trgt, er bringt den Wilden allmhlich eine gewisse Bildung bei -- doch dieser Proze vollzieht sich langsam und ungleichmig. Hier dagegen sehen wir das Gegenteil; hier kommt das Volk als ganze Masse, um sich die Bildung zu holen, und obgleich es lange im fremden Lande verweilt, verschmilzt es nicht mit seinen Lehrern, nimmt weder deren Luxus noch deren Laster an, bewahrt seine Ursprnglichkeit und kehrt auch nach Aneignung vieler asiatischer Gebruche nicht als Asiate sondern als Europer nach Europa zurck. Ich will mich gar nicht einmal ber die anderen Folgen, wie z. B. die Vernderungen in der feudalen Verwaltung und Regierung auslassen, die ohne andauernde Entfernung vieler krftiger Mnner aus dem Lande nicht mglich gewesen wren. Aber werfen wir einen Blick auf die anderen Ereignisse, die die mittelalterliche Geschichte ausfllen. Wenn sie auch im Vergleich mit den Kreuzzgen nur Erscheinungen zweiten Ranges sind, so sind sie doch nichtsdestoweniger von wunderbarem Reiz und verleihen dem Mittelalter einen gewissen phantastischen Glanz -- sie sind ein Produkt einer herrlichen Jugend, die noch von ganz groen und starken Hoffnungen erfllt ist, einer unvernnftigen Jugend vielleicht, die aber auch in ihrer Unvernunft etwas Bezauberndes hat. Wir wollen die Begebenheiten in chronologischer Reihenfolge betrachten. Beginnen wir mit jener glanzvollen Zeit, als die Araber -- diese Zierde der morgenlndischen Vlker -- auf dem Schauplatz erschienen. Sie verdanken ihre ganze glorreiche Existenz einem einzigen Menschen und der von ihm gestifteten Religion, einer Religion, so reich wie die Nchte und Abende des Orients, so ppig wie die Natur an den Ufern des Indischen Ozeans, so erhaben und grblerisch, wie nur die gewaltigen Wsten Asiens sie hervorbringen konnte. Mit unerhrter Schnelligkeit errichten diese braunen Turbantrger ihre Kalifate an drei verschiedenen Enden des Mittellndischen Meeres. Ihre Phantasie, ihr Geist und alle ihre Fhigkeiten, mit denen die Natur die Araber so reichlich beschenkte, entwickeln sich vor den Augen des erstaunten Okzidents und prgen sich in verschwenderischer Flle in ihren Palsten, Moscheen, Grten, und Fontnen aus, und zwar ebenso pltzlich wie in ihren Mrchen, die nur so von Perlen und Edelsteinen orientalischer Poesie strotzen. Noch ein Jahrhundert, und schon ist es verschwunden, dieses auergewhnliche Volk, so da wir uns staunend fragen: hat es wirklich gelebt und existiert oder war es nur eine Schpfung unserer Phantasie? Wie wunderbar und voll von Widersprchen ist ferner das Erscheinen der Normannen, dieses Volkes, das der zrnende Norden wtend aus seinen Eisfeldern hervorschleuderte! Eine Handvoll khner Mnner, denen der dstre Odin und die Schneeberge Skandinaviens auf den Fersen zu folgen scheinen, breiten panischen Schrecken ber ganze gewaltige Staaten und Reiche aus. Gefhrt von ihren Knigen, kommen ihre beweglichen Knigreiche auf dem nrdlichen Eismeer dahergeschwommen und alles sinkt nieder vor diesen wenigen, im Strom, im Wellengang, in der furchtbaren Armut Skandinaviens und ihrer wilden Religion gesthlten Fremdlingen. Auch die gewaltigen Eroberungszge und die weite Verbreitung der mongolischen Vlker war beinah etwas bernatrliches. Die inneren grenzenlosen Gefilde Asiens, bis dahin den Augen aller Vlker verborgen, leuchteten pltzlich in schrecklicher Majestt auf, diese endlosen Steppen, Seen und ungeheuren Wsten, wo sich alles in einer unermelichen Breite und in unendlichen Ebenen verluft, wo der gewaltige Flchenraum durch das vereinzelte Auftreten von Menschen nur noch riesenhafter und elementarer wirkt. Diese Steppen, die von baumhohem Gras oder flutenden Kornfeldern bedeckt sind, die keines Menschen Hand je geset und geschnitten hat, diese Steppen, wo Rinder und Roherden weiden, die von Urzeiten her noch niemand gezhlt hatte und deren wahre Anzahl selbst ihren Besitzern unbekannt blieb, diese Steppen erblickten eines Tags einen Tschingis-Chan, der angesichts seiner kleinen, schlitzugigen, plattnasigen und breitschulterigen Mongolen das Gelbde ablegte: die Welt zu erobern -- und das menschenreiche Peking wird im Lauf eines Monats ein Raub der Flammen, ein Millionenvolk wird von mongolischen Pfeilen niedergestreckt, und der Knig der Tungusen geht mit Hunderttausenden seiner Untertanen auf einem festgefrorenen See zugrunde, die Rinderherden werden bis an die Grenzen Indiens getrieben, und ganze Scharen von Roherden irren an den Ufern der Wolga herum. Mit einem Worte: es ist, als ob sich in diesen Eroberungszgen die ganze ungeheure Gre Asiens spiegelte. Eine so rapide berflutung hat weder die alte noch die neue Geschichte je gesehen. Ich will hier nicht von dem bedeutenden Handelszentrum Venedig reden, diesem kleinen Fleckchen Erde, das von einer einzigen Stadt eingenommen wurde; eine Stadt, eine einzige Stadt, die keinem Reich angehrte, prete der ganzen Welt ihr Gold aus, und ihre kniglichen Kaufleute bertrafen mit ihren Schiffen, die stolz alle Meere durchkreuzten, mit ihren Palsten am Adriatischen Meere den Ruhm so manches Monarchen. Diese Erscheinung halte ich nicht fr auergewhnlich und einzig dastehend. Sie wiederholt sich hufig in der Geschichte, wenn auch mit Abweichungen und in mancherlei anderer Form. Unvergleichlich viel origineller ist das Leben in Europa whrend der Kreuzzge und nach ihnen, in jener Zeit, wo die Grenzen der Staaten noch unklar und unbestimmt waren; wo der Knigstitel noch ein Name ohne viel Bedeutung war und wo es noch Millionen von Grundbesitzern gab, die in ihren Lndern wie kleine Selbstherrscher regierten, wo ganz Europa von uneinnehmbaren Schlssern mit Trmen und Zinnen und von trotzigen Festungen berset war, wo sich die Kraft der Ritter durch den bestndigen Kampf und die ewigen Fehden ins bermenschliche, Lwenhafte steigerte, als sie sich vom Kopf bis zu den Fen in Eisen hllten, dessen Last trugen, die vordem kein Mensch htte heben knnen, und wo Stolz und Trotz sich zu einem rohen Unabhngigkeitsgefhl entwickelte. Man sollte glauben, dieser rohe Mut htte die Seele abhrten und erstarren lassen und sie ebenso gefhllos machen mssen, wie ihre undurchdringlichen Panzer. Aber wunderbarerweise wurden diese wilden Mnner gezhmt und gebndigt durch eine Erscheinung, die in schroffstem Widerspruch zu ihren Sitten stand: durch die allgemeine und grenzenlose Verehrung der Frauen. Die Frau wird im Mittelalter zur Gottheit; ihr zuliebe werden Turniere veranstaltet und Lanzen zerbrochen, ihr rotes oder blaues Band flattert am Helm oder Panzer und flt bernatrliche Krfte ein; um ihretwillen bezwingt auch der wildeste Ritter seine Leidenschaften und bndigt sie machtvoll wie seinen arabischen Hengst; ihr zuliebe legt er sich wundersame Gelbde auf, die an Strenge und Hrte gegen sich selbst nicht ihresgleichen haben, und dies alles nur um der hohen Wrde teilhaftig zu werden, vor seiner Gottheit in die Knie sinken zu drfen. Noch bewunderungswrdiger aber als diese begeisterte Liebe ist ihre Wirkung auf die Sitten. Die Vornehmheit der europischen Gesinnung ist die Folge dieser Liebe. Das Wanderleben, das jedem einzelnen Tausende von Erfahrungen und Abenteuern eintrug und ganz Europa in eine bewegte auf und ab wogende Hauptstadt verwandelte, hat spter in den Europern den Durst nach Entdeckung neuer Welten rege gemacht. Die immerwhrenden Fehden und Kriege, die stndige Unsicherheit der Lebensverhltnisse, haben nicht etwa wie das gewhnlich in den Geschichtsperioden zu geschehen pflegt, in denen der Luxus die Wunden sittlicher Gebreste der Vlker zerfrit, wo die Unersttlichkeit des persnlichen Vorteils, Gemeinheit, Schmeichelei und die Sucht nach verfeinerten Lastern hervorruft, den allgemeinen Geisteszustand und die Spannkraft der Europer geschwcht, nein, sie haben sie noch gesthlt und entwickelt. Die Laster der kultivierten Vlker wagten es nicht, den europischen Ritterstand anzutasten. Fast scheint es, als htte die Vorsehung ununterbrochen ber ihn gewacht und ihn mit der Sorgfalt eines treuen Erziehers unablssig behtet und geschtzt. Zugleich mit dem Aufkommen des neuen Luxus und Lebenskomforts, der durch Venedig und die Hansa in Europa eingefhrt wurde und die Ritter immer mehr ihren Gelbden und ihrem strengen Leben entfremdete, ihre Genusucht schrte und ihren religisen Enthusiasmus schwchte, begannen sich merkwrdige Verbnde, wie man sie nie vorher gekannt hatte, zu bilden, die als strenge Richter, als unerbittliches Gewissen ber die Vlker Europas wachten. Nie wei die Geschichte von Gesellschaften zu berichten, die untereinander mit so unlsbaren Banden verknpft waren, wie diese geistlichen Ritterorden. Jede Ttigkeit um des eigenen Vorteils oder der eigenen Existenz willen, die doch sonst immer der Zweck aller Verbnde ist, lag ihnen fern. Allem entsagen, was dem einzelnen wnschenswert ist, und nur fr die ganze Menschheit leben; -- als strenge Hter der Welt leben, allein zum Schutz des christlichen Glaubens -- sich ihm allein widmen, ihm alles zum Opfer bringen und alles von sich werfen, was im entferntesten dem eigenen Vorteile dient -- ist das nicht eine wunderbare Erscheinung! Nur aus dem Mittelalter konnte solch eine Kraft und solche Energie entspringen. Kaum aber fingen die Ritterorden an, von ihren ursprnglichen Zielen abzuweichen und ihre Augen auf andere Zwecke zu lenken, angelockt durch die Habsucht und die Beutegier, da lieen sie ppigkeit und Luxus immer mehr Gefallen am persnlichen Leben finden, und so wurden sie denen immer hnlicher, deren berwachung sie sich selbst zur Aufgabe gemacht hatten, und es entstehen die furchtbaren unerbittlichen Femgerichte, die unabwendbar waren, wie die gttlichen Anordnungen, und nicht mehr die Zge des Gewissens gegenber der leichtsinnigen Welt trugen, sondern eine furchtbare und grausige Darstellung des Todes und des Gerichtes bildeten. Keine Macht, kein Landbesitz, ja, selbst nicht die Krone auf dem Haupt konnte ihre Urteilsprche abwenden oder mildern. Unbekannt und unsichtbar wie das Schicksal, irgendwo im Waldesdickicht, in tiefen, feuchten unterirdischen Gewlben wogen und prften diese Richter das ganze Leben und das Vergehen dessen, der inmitten seiner unermelichen Lndereien, im Kreise seiner nach Hunderten zhlenden ergebenen Vasallen sich's nicht einmal trumen lie, da es auf der Welt eine hhere Macht geben knnte als die seine. Wenn diese unterirdischen Richter einmal den Urteilsspruch gefllt hatten, -- dann war alles verloren. Vergebens versuchten es die Herrscher mit ihrer drohenden Macht, die Annherung an ihre Person zu erschweren, umsonst schlo ihr Gold die Lippen und zwang alle, ihr Lob zu singen -- der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende der Welt, stahl sich durch die glnzende Schar ihrer Hflinge und traf sie hinterrcks an der Seite ihrer Freunde. Mutet es uns nicht wie ein fast mrchenhaftes Wunder an! Nur da sind die Handlungen eines Menschen so unabwendlich, so bernatrlich, so ungewhnlich, wo er auerhalb der Gesellschaft steht, jedes Schutzes einer gesetzlichen Macht entbehrt und nicht wei, was das Wort Unmglichkeit bedeutet. Auch die ganze Art der Ttigkeit, wie sie in der Mitte und am Ende des Mittelalters herrschte -- dieses allgemeine Streben nach der geheimnisvollen Wissenschaft, dieser Wunsch nach Erkenntnis und Erforschung der rtselhaften Naturkrfte, diese Unersttlichkeit, mit der sich alle der Zauberei und der Magie hingeben, in alledem grt und brodelt jene europische Neugierde, ohne die die Wissenschaft sich nie so entwickelt und die jetzige Vollkommenheit erreicht htte. Selbst der naive Geisterglaube und die Beschuldigung des Umgangs mit Geistern haben fr uns ein ganz besonderes Interesse. Die Beschftigung mit der Alchimie, der Krone mittelalterlicher Gelehrsamkeit, der Schlssel alles Wissens, entsprang dem kindlichen Wunsch, das vollkommene Metall zu entdecken, das dem Menschen die Macht ber alles verleihen sollte. Man stelle sich nur ein kleines deutsches Stdtchen im Mittelalter vor: diese schmalen, unregelmigen Straen, diese hohen, bunten, gotischen Bauten und dazwischen ein uraltes bauflliges Huschen, das allgemein fr unbewohnt gilt und auf dessen von Rissen durchzogenen Mauern Moos und Alter ihre Wohnsttte aufgeschlagen haben; diese zugenagelten Fenster -- das ist die Behausung des Alchemisten. Nichts lt auf die Gegenwart eines lebenden Wesens schlieen -- aber in dunkler Nacht steigt ein blulicher Rauch aus dem Schornstein auf und verrt das unermdliche Wachen des Greises, der ber seinem Problem grau ward, aber die Hoffnung noch immer nicht sinken lassen will -- scheu schleicht der fromme, mittelalterliche Handwerker an dieser Sttte vorbei, wo seiner Meinung nach Geister ihr Heim aufgeschlagen haben, in Wahrheit aber wirkt dort an Stelle der Geister der ewige Wunsch und der unberwindliche Wissensdrang, der nur von sich selbst lebt, sich stets von neuem an sich selbst entzndet und selbst durch Mierfolge noch mchtiger angefacht wird -- dieses Urelement des ganzen europischen Geistes -- das von der Inquisition, die bis in die tiefsten Grnde der menschlichen Gedanken eindrang, vergeblich verfolgt wird; aber er reit sich immer wieder los und er gibt sich trotz Furcht und Schrecken nur noch mit grerem Genu seinem Studium hin. Und die Inquisition! Welch dstere, furchtbare Erscheinung! Diese grausige, blinde Inquisition, die ber unzhlige Gewlbe und unterirdische Klster gebot, die an nichts anderes glaubte als an ihre furchtbaren Folterwerkzeuge, in deren Erfindung der Mensch einen geradezu hllischen Scharfsinn an den Tag legte. Diese Inquisition, die unter der Mnchskutte ihre eisernen Krallen hervorstreckte und alle ohne Unterschied ergriff, die einer seltsamen oder ungewhnlichen Beschftigung nachgingen, sie liefert wieder einen Beweis fr die groe Wahrheit, da, wenn auch die physische Natur des Menschen durch Qualen dazu gezwungen wird, die Stimme der Seele zum Schweigen zu bringen, doch in der groen Masse der ganzen Menschheit der Geist noch immer ber den Krper triumphiert hat. Sind das nicht alles ganz einzigartige Erscheinungen? Geben sie uns nicht das Recht, das Mittelalter eine wunderbare Epoche zu nennen? Das Wunderbare bricht sich hier bei jedem Schritte Bahn und gewinnt whrend dieser jugendlichen zehn Jahrhunderte die Herrschaft ber alles! Ich nenne sie jugendlich, weil in ihnen alles Junge lebendig ist: alles, was Mut, Leidenschaft, Begeisterung atmet, was nicht an die Folgen denkt, nie die kalte Berechnung zur Hilfe ruft und noch keine Vergangenheit besitzt, auf die es zurckblicken knnte. Alles am Mittelalter -- ist Poesie und Willkr! Man merkt sofort den Umschwung, wenn man das Gebiet der neuen Geschichte betritt. Der Unterschied ist zu auffallend; und unser Seelenzustand gleicht dann den Meereswellen, die sich anfnglich in Bergen und Tlern aufbumen und senken, um gleich darauf wieder als unendliche Flche still und ruhig dahinzuflieen. Im Mittelalter erscheinen die einzelnen Handlungen und Taten der Menschen ganz unberlegt, die wichtigsten Ereignisse widersprechen einander in jeder Beziehung und bilden groe Kontraste. Fassen wir sie jedoch alle zu einem Ganzen zusammen -- so erkennen wir die bewunderungswrdige Weisheit, die darin waltet! Wenn man das Leben des einzelnen Menschen mit dem Leben der Menschheit vergleichen knnte, so mte man das Mittelalter die Schulzeit des Menschen nennen. Da flossen seine Tage fast unbemerkt von der Welt dahin, seine Taten sind noch nicht so kraftvoll und reif, wie dies fr die Welt erforderlich ist, und niemand erfhrt etwas von ihnen. Dafr aber entspringen alle seine Handlungen einer triebartigen Leidenschaft und enthllen mit einem Schlage alle inneren Regungen der Menschen; ohne sie wre auch seine sptere Wirksamkeit in der Gesellschaft unmglich. Sehen wir ferner zu, welch ungeheure Ereignisse das Mittelalter umrahmen: das groe Kaiserreich, das die ganze Welt beherrschte, eine zwlf Jahrhundert alte Nation, geht an Erschpfung und Gebrechlichkeit zugrunde, und mit ihr versinkt die halbe Welt, strzt das ganze Altertum mit seiner halbheidnischen Denkungsart, seinen geschmacklosen Schriftstellern, seinen Gladiatoren, Statuen, seinem berladenen Luxus und seinen raffinierten Lastern zusammen. Dies ist der Anfang des Mittelalters, und sein Abschlu wird durch ein ungeheures Ereignis gekennzeichnet, eine allgemeine Explosion, die alles in die Luft sprengte und alle jene furchtbaren Gewalten, die bis dahin die Welt so despotisch umklammerten, vernichtete. Die Macht der Ppste wird erschttert und fllt zusammen, und ebenso geht es mit der Unwissenheit und Unkultur. Die Schtze und der Welthandel Venedigs werden unterminiert, und wenn das allgemeine Chaos nach dieser groen Umwlzung sich klrt und entwirrt, erscheint folgendes Bild vor den erstaunten Augen der Nachwelt: Knige, die ihr Zepter mit krftiger Hand festhalten; Schiffe, die mit mchtig geblhten Segeln das Mittelmeer durchschneiden und die Wogen des unendlichen Ozeans befahren; statt des ohnmchtigen Schwerts hlt der Europer die Feuerwaffe in den Hnden; gedruckte Bogen fliegen von einem Ende der Welt zum andern: und das alles ist ein Ergebnis des Mittelalters. Der ungeheure Druck der Mchtigen und die unertrgliche Knechtung des Volks waren scheinbar nur dazu da, um den allgemeinen Ausbruch hervorzurufen. Nur indem die menschliche Vernunft all ihre Krfte zusammennahm, konnte sie die harte Rinde, die sie umgab, durchbrechen. Vielleicht hat auch nur daher kein Jahrhundert so viele riesengroe Erfindungen aufzuweisen, wie das fnfzehnte, das das Mittelalter in so glnzender Weise beschliet: diese gewaltige Zeit, die an einen mchtigen, majesttischen gotischen Dom erinnert, finster und dunkel wie die sich durchkreuzenden Gewlbe, bunt wie seine vielfarbigen Fenster und die Menge des ihn schmckenden Zierates, und erhaben und voller Leidenschaft, wie die zum Himmel strebenden Mauern und Trme, die in eine in den Wolken verschwindende Spitze auslaufen. III Ein Kapitel aus einem historischen Roman[1] [Funote 1: Dieser Abschnitt ist dem Roman Der Hetman entnommen, dessen erster Teil vom Autor verbrannt wurde, weil er ihn nicht befriedigte. Wir bringen an dieser Stelle die zwei einzigen Kapitel, die berhaupt im Druck erschienen sind.] Unterdessen berschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in Kleinruland noch keine allgemeine Landstraen, dafr aber kannte ein jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkrzeste war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Grben dahin oder an einer Bschung entlang, berschritten eine Schlucht, und nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem Nachtlager vorliebnehmen zu mssen. Die grte Unbequemlichkeit fr den Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, da er sich im Umkreise von 25 bis 30 Schuweiten bei den Bewohnern nach dem Wege erkundigen mute und da die Aussagen sich fast immer widersprachen. Unser Reiter ritt in Gedanken versunken dahin, hielt die Zgel nur schlaff in Hnden und lie den Kopf hngen, bisweilen nur stolperte das feurige Ro, sein treuer Kamerad, ber Erdhgel und Baumstmpfe und ri ihn aus seinen Trumereien, die sich aber bald wieder wie eine Perlenschnur um sein Haupt schlangen. Zum erstenmal hatte er solch einen Auftrag auszufhren. Er war hinausgesandt in die weiten Steppen der Ukraine! Gott allein nur wute, wohin ihn der Weg fhren wrde! Wer war nur dieser Gletschik? ... Und was hatte Kasimir mit dem Anfhrer einer Bande, der sich Oberst des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ... Man hatte ihm keine gengenden Erklrungen gegeben, weder ber seinen Charakter, noch seine Strke, noch darber, was fr Beziehungen er hatte, noch auch zu wem ... Wozu also diese Vorsicht, die man im Gesprch mit ihm beobachten sollte? Warum sollte er so weit reiten -- nur um ihm Nachricht von den Ereignissen zu bringen, die Warschau so beunruhigten? Welchen Nutzen htte auch ein so weit entfernter Verbndeter bringen knnen? Er schalt innerlich auf sich selbst, weil er Brigitte nicht genauer nach allem ausgefragt hatte; ihr waren sicherlich die Grnde fr diese merkwrdige Botschaft mehr oder weniger bekannt. Die Sonne nahm langsam Abschied von der Erde. Malerische Wolken, deren Rnder von feurigen Strahlen vergoldet wurden, zogen, fortwhrend ihre Gestalt ndernd und sich wieder auflsend, am Himmel hin. Die Dmmerung breitete mrrisch einen grauen Nebel ber alles und schlo die Lden vor den Fenstern, aus denen noch soeben ein Licht auf Gottes Welt gefallen war. Nach einem langen Ritt durch die Steppe gelangte unser Reisender in einen Wald. Die vom Herbst unbarmherzig ihres grnen Laubes beraubten Bume erinnerten an ein groes Sieb und schienen in der nchtlichen Khle zu zittern. Gelbe Bltter lagen unordentlich am Boden wie Speisereste und zerbrochene Scherben nach einem Gelage, und nur ihr Rascheln unter den Hufen des Rosses lie die Gegenwart unseres Reiters erkennen. Zwischen den kahlen Wipfeln der Bume lugte der dunkle Himmel hervor. Ein scharfer Wind erhob sich im Felde und entsandte trbselige Seufzer bis in das Waldesdickicht. Unwillkrlich stutzte der Reiter und hemmte unschlssig sein Ro; was sollte er beginnen, der Weg war vollkommen verschwunden, und vor ihm lag nichts wie dichter Wald und das Ungewisse; da drang pltzlich ein lautes Zop, zop an sein Ohr, ein schwer beladener Wagen kam knarrend dahergefahren, und ein paar Stiere tauchten hinter den Bumen auf. Man mu sich in die Lage unseres Reisenden hineinversetzen, um seine Freude ber eine solche Begegnung zu verstehen. In diesem Augenblick erschien auch der Mond am Himmel. Ein silbernes Licht, von furchtsamen Schatten der Bume durchkreuzt, fiel wie ein Gitter auf die Erde, erleuchtete weithin die Umgegend, und Laptschinsky sah einen krftigen ltlichen Bauer vor sich. Der graue herabhngende Schnurrbart sa ihm stolz in dem gebrunten, scharf geschnittenen, muskulsen Gesicht, und ein Zug asiatischer Sorglosigkeit lag gutmtig darber. Durch die schwarzen Brauen zog sich schon manch silbernes Fdchen hindurch; die kleinen braunen Augen sprhten Feuer, und zuweilen leuchtete etwas wie Schlauheit oder Treuherzigkeit daraus hervor. Er hatte eine schwarze Kosakenmtze mit einem blauen Dach auf dem Kopfe. Ein kurzer Pelz ohne Tuchberzug diente ihm als undurchdringlicher Schutz gegen die Klte und wurde von einem hellen, farbigen Grtel festgehalten. Zum berflu hatte er sich noch einen gewhnlichen Mantel aus dickem, schmutziggrauem Stoff bergeworfen, wie ihn noch heute die kleinrussischen Bauern tragen. Im Grtel staken eine Flinte und ein krummer tatarischer Sbel, -- denn in jenen unruhigen Zeiten hielt jeder Kosak -- ob Krieger oder Bauer, es fr unumgnglich notwendig, immer eine Waffe bei sich zu tragen. Gott helf! sagte er, hielt seine Stiere an und entblte zum Zeichen der Hochachtung, die die einfachen Bauern zu jener Zeit noch den Kriegern zu erweisen pflegten, seinen Kopf, der nur noch ganz oben mit einem Haarbschel geschmckt war. Hier mssen wir uns erinnern, da Laptschinsky gezwungen gewesen war, sein schmuckes Kostm mit der bescheidenen Kleidung eines Kosakenfhrers zu vertauschen, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, die er sich seitens der Einwohner zugezogen htte, weil diese alles haten, was den Namen Pole trug oder auch nur zu ihnen gehrte. Unser Reiter dankte mit einem leichten Nicken des Kopfes fr den Gru. Weit du nicht, Landsmann, ob es von hier noch weit bis zur Ramodanowschen Landstrae ist? fragte er mit freundlicher Miene. Das kann ich nicht so ohne weiteres sagen, Euer Gnaden, warten Sie mal! Und er begann zu rechnen, was man aus den mechanisch zusammengedrckten Fingern entnehmen konnte. Bis zur Ramodanowstrae? ... Wie soll ich Euch sagen? ... sie ist nicht gerade sehr nahe. Ich mu gestehen, da unsere Kosaken ein wenig Angst gekriegt haben: jemand hat das Gercht verbreitet, da die ganze polnische Schlachta uns an der Ssula einen Besuch abstatten wolle. In ihrem blinden Eifer haben sie alle Brcken zerstrt, da werden Euer Gnaden vielleicht einen groen Umweg machen mssen. brigens, der Himmel mag's wissen, ich wiederhole nur, was die anderen sagen ... es kann ja auch sein, da Ihr einen krzeren Weg findet ... aber Sie wissen, jetzt ist es Herbst ... da kann es auch recht weit werden ... Aber wenn man recht bedenkt, so scheint es doch wieder viel nher. Ja, es wre eine andere Sache, wenn es Wegweiser gbe, wie Euer Gnaden sie gewi auf den Straen in Polen gefunden haben, wenn Sie dort gewesen sind. Man mu sich nicht ber die Widersprche, die den Monolog unsers Landmanns auszeichneten, wundern. Abgesehen von der tatschlichen Unkenntnis, liebten es die Kleinrussen stets, auch an den allerbekanntesten Dingen zu zweifeln. Ein Kleinrusse wird euch auch noch heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird sich erst zehnmal verbessern und manchesmal seinen Partner mit Absicht so in Verwirrung bringen, da jener zu seinem Staunen erfahren wird, da es bis zu einem bestimmten Ort sehr weit und zugleich sehr nahe ist. In welcher Richtung mu ich denn nun aber weiterreiten? fragte unser Reisender und blickte prfend auf seinen Lehrmeister. Unser Bauer sah sich den Mann von Kopf bis zu Fue an. Euer Gnaden wollen jetzt gleich weiterreiten? Und warum nicht? Gott bewahre! jetzt wrde sogar unsereiner, d. h. ein Hiesiger, sich's sehr berlegen, ehe er weiterreiten wrde. Weit du, Mosjpane, wir brauchen ja nur noch eine kleine Weile zu fahren, -- nicht lnger als ein tchtiger Bauer dazu braucht, eine halbe Fuhre Getreide zu zermahlen, dann hren wir schon die Hunde auf meinem Hofe bellen. Es ist immer besser, in einer warmen Htte zu schlafen -- morgen magst du dann mit Gott weiterreiten. Diesen Vorschlag konnte unser Reisender nicht von der Hand weisen, ja es schien fast, als ob er ihn erwartet htte. Und wohin fhrt Sie der Weg, Mosjpane? fragte der Bauer unterwegs seinen zuknftigen Gast. Ich reise weit, bis an das andere Ufer der Worskla zu dem Mirgoroder Oberst, Gletschik. Hr' mal, Landsmann, kennst du ihn vielleicht? Wie sollte ich diesen alten Hund nicht kennen! Und woher kommt ihr? Aus dem groen Lager bei Lochwitza. Wie kommt denn das, Euer Gnaden; wir haben doch gar nicht gehrt, da bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ist. Hierbei durchbohrte er den Fremden mit seinen Augen, als wolle er ihn auf Herz und Nieren prfen. Ja, natrlich, wie soll ein Bauer etwas von Kriegssachen verstehen; es sind noch keine Gerchte bis in unsere Einde gedrungen. Unser Gesandter stutzte und berlegte sich's, da man auch im Gesprch mit einem simplen Bauer die Vorsicht nicht auer acht lassen drfe, dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: Sieh mal Landsmann, mit Bestimmtheit kann ich es dir freilich nicht sagen. Ich selbst bin nicht im Lager gewesen, aber der Saporoger Hauptmann, Schljaiko, dem ich bei Lochwitza begegnet bin, hat mir einen Brief an den Mirgoroder Oberst mitgegeben, als er vernahm, da ich nach jener Gegend reite. Er jagte dahin wie ein Verrckter, trotz aller Fragen konnte ich nichts Zuverlssiges erfahren ... Ich war erst vor kurzem aus Warschau zurckgekehrt ... Sieh mal, mglicherweise hatte er Grund, mir zu mitrauen ... d. h. ... er ... nun ich glaube, du verstehst mich. Was reden Euer Gnaden, kann denn ein Bauer verstehn, was die Herren untereinander sprechen! Bei Gott, nein, wie soll unsereiner das verstehen. Unsere Schdel sind ja ganz anders gebaut als die Kpfe der Herrn ... wei der Teufel, was das ist! ... sie haben mehr hnlichkeit mit einem Kohlkopf als mit einem Menschenkopf ... Oh, du bist mir ein Schlauer! dachte Laptschinsky und nahm sich vor, seine Worte so bedchtig wie mglich zu setzen. Er ritt die ganze Zeit im Schritt und pate den leichten Gang seines stolzen Rosses den langsamen Schritten der schwerflligen Stiere an, denen der Bauer mit phlegmatischer Wrde, den Stock schwenkend und seine Pfeife rauchend, voranschritt. Der Rauch hllte sein braunes Gesicht wie in eine Wolke ein; zuweilen, wenn es von der aufflackernden Flamme beleuchtet wurde, erinnerte es an einen Vampir, der hie und da aus dem undurchdringlichen Sumpfnebel auftauchte und von dem ein wundersamer Funkenstrom ausging. Dies veranlate Laptschinsky, ihm immer wieder in die Augen zu sehen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch derselbe Mann sei, den er soeben getroffen hatte. Aber unser Bauer verscheuchte selbst alle Zweifel und lie seinem Gast keinen Augenblick Zeit zum Grbeln. Haben Euer Gnaden schon von solch einem Wunder gehrt? fragte er, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; siehst du dort im Dunkeln weit vor uns die Tanne? Zu seinem groen Erstaunen sah der Reisende wirklich eine Tanne. Wie hatte die ihren Weg hierher gefunden? denn hier zu Lande, d. h. in Kleinruland, htte das Auge wohl selbst im Umkreise von hundert Werst keine dieser Bewohnerinnen des Nordens entdecken knnen. Unwillkrlich starrte er sie an: sie allein schien sich inmitten dieser kahlen Bume etwas wie Leben erhalten zu haben. Aber konnte man das Leben nennen? Es war eine Mumie, die man nur mit Verwunderung unter nackten Skeletten entdeckt, und die allein der Verwesung Trotz geboten hatte. Man gewahrt an ihr dieselben Zge und dieselbe herrliche menschliche Form, aber, Gott, in welchem Zustande! Ein unbeschreibliches, unbegreifliches Gefhl von Wehmut und Grauen erfat die Seele beim Anblick dieses elenden Betruges, durch den die geschftige Kunst etwas dem Leben hnliches zu ergreifen und festzuhalten versucht. Das ist noch kein groes Wunder, da da eine Tanne steht. Wunderbar ist nur dieses: Jetzt wo wir miteinander plaudern, sind es wohl fnfzig Jahre her, da hier, wohl gar an diesem selben Platze, in prchtigen Gemchern ein groer, vornehmer Herr hauste. Ob er nun ein Woiwode, ein Hauptmann oder ein einfacher Gutsbesitzer gewesen ist, wei ich Euch nicht zu sagen; ich wei nur, da er Pole war und nicht unserer Religion angehrte. Er lebte, wie alle die unsaubern polnischen Herren leben; sein Haus war von frh bis zum Abend von Wein und Gesang erfllt, ein Zittern berlief jeden ehrlichen Christenmenschen, wenn er die Schreie vernahm, die aus dem Walde drangen. Die Gutsknechte ritten alle Gehfte ab und plnderten deren arme Bewohner. Aber mehr noch. Sie fingen bald an, auch noch die heiligen Kirchen zu plndern und zu bestehlen, und trieben es so schlimm, ... hol' sie der Teufel, ich mag gar nicht sagen, was sie alles verbten. Man htte sie alle erschlagen sollen ... Euer Gnaden ... Aber das ging nicht, denn es waren ihrer vielleicht hundertfnfzig Knechte, und jeder war mit einer Hellebarde, einem Luntengewehr und einer ganzen Kriegsrstung bewaffnet. Da erbot sich ein Kirchensnger, -- wie er hie und aus welchem Kirchspiel er stammte, das wei ich bei Gott nicht, Euer Gnaden, -- der also erbot sich, in den Wald zu gehen. Wenn es jetzt nicht Nacht und der Boden nicht mit Blttern bedeckt wre, knnte ich Ihnen vielleicht noch die Reste von diesem Teufelsnest zeigen. Um diese Zeit, -- offenbar hatte Gott es schon so bestimmt -- feierten sie gerade irgendeinen ihrer verfluchten Feiertage. Der Kirchensnger war aufs Schlimmste gefat und sagte zu sich: >Gott, steh mir bei!< und schob sich mutig durch das Tor, das von dem sich drngenden Volk versperrt wurde. Zimbeln und Trommeln erschallten und drhnten wie bei einer Hochzeit, und die betrunkenen Herren und ihre Knappen tanzten einen wilden Krakowiak. Als sie nun den Kirchensnger erblickten, Euer Gnaden, da riefen sie alle: >Was will der Pope hier!< Der Herr aber sprach: >He, ihr Knappen, schenkt dem Popen etwas Schnaps ein! mag er doch mit uns braven Christen einen Krakowiak tanzen, und helft ihm ordentlich mit dem Stock auf die Beine!< Der Snger fing nun, offenbar des Heiligen Geistes voll, an, den Ketzern ihre Snden und ihr gottloses Leben vorzuhalten, ihnen die Qualen des Jenseits zu schildern und ihnen klarzumachen, wie sie einmal in der Hlle tanzen wrden, dann aber nicht mehr freiwillig, sondern angetrieben von den glhenden Gabeln der Teufel! >Ah, du willst uns hier auch noch was vorpredigen? He, Knappen! bringt den Popen auf den Chor und legt ihm eine Binde um den Hals, damit er sich nicht erkltet!< Da packten die Knechte den unglcklichen Snger und schleppten ihn mit unmenschlichem Gelchter und Gejohle zu der Tanne, an der uns unser Weg vorbeifhrt. Seht, Euer Gnaden, das war nun eben die Sache. Die Tanne stand gerade vor dem Hause und wie mit Absicht unmittelbar vor dem Fenster des herrschaftlichen Schlafzimmers. Als nun die Nacht alle verscheucht und der eine auf seiner Latte, der andere darunter lag, kam es unserem Herrn pltzlich so vor, als ob etwas Kaltes auf ihn heruntertropfe. >Hol's der Teufel,< dachte der Herr, >was tropft denn da herunter?< Er erhob sich von seinem Lager und sah pltzlich, wie die stachlichten Tannenzweige die Mauer durchdrangen und sich -- als wren sie lebendig, -- immer weiter und weiter ausstreckten, bis sie ihn erreicht hatten. Unser Pan bekreuzigte sich vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, als er sah, da Menschenblut von den Zweigen herabtropfte. Erst war es kalt wie Eis, dann aber verbrannte es ihn so heftig, da er aufsprang und zum Fenster lief. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu versagen, als er hinausging. Die Tanne war ganz blau wie eine Leiche und sie nickte ihm frchterlich mit ihrem schwarzen, sich hochaufbumenden Barte zu. Anfnglich glaubte unser Herr, da ihm der Wein in den Kopf gestiegen wre; in der folgenden Nacht aber war es ebenso und das ganze Hausgesinde wute wie aus einem Munde zu erzhlen, wie der ganze Wald widerhallte von Grabesliedern, die schreckliche Stimmen zu Ehren der Toten sngen, so da einem ein Schauder ber den Rcken laufe und die Haare zu Berge stnden. Was taten sie nicht alles? Sie begruben den Leib des Sngers mit allen Ehren, dann wollten sie die Tanne umhaun, aber die Axt konnte ihr nichts anhaben. Bei jedem Schlag, den das Beil tat, wurde es schartig, der Baum aber sthnte wie ein ungetauftes Kind. Endlich entschlossen sie sich, diesen verfluchten Ort zu verlassen. Tag fr Tag versammelte sich das Gesinde, sattelte die Pferde, lud alles Hausgert auf und brach frhmorgens auf, eh noch die Teufel sich den Sand aus den Augen gerieben hatten, sie ritten und ritten bis zum spten Abend; man knnte meinen, sie mten wei Gott wie weit gekommen sein -- doch nun schlagen sie ihr Nachtlager auf, und blicken um sich; was sie sehen, sind lauter bekannte Dinge: derselbe finstre Wald, dasselbe Haus, die verfluchte Tanne; sie streckt ihre ste aus, wie ein Paar Arme, ergreift den Pan, bergiet ihn mit Blut und der schwarze zerwhlte Bart nickt ihm unheimlich zu, wie ehemals. Hier warf der Erzhler seinem Zuhrer einen herausfordernden Blick zu, seine funkelnden Augen blitzten in der dunklen Nacht noch heller, und er stellte mit Wohlgefallen den Eindruck fest, den seine Erzhlung auf jenen gemacht hatte. In der Tat, unser Reisender konnte ein gewisses Gefhl des Schreckens nicht loswerden, das sich heimlich in seine Seele schlich, und er sah sich unruhig um. Indessen kamen sie an der Tanne vorber. Der silberne Mondschein fiel gerade auf ihre traurigen ste, ihre langen Schatten, die sich fast wie eine Fortsetzung der Zweige ausnahmen, brachen sich an denen der anderen Bume und legten sich wie eine unendliche Leiter auf den Erdboden. Nachdem der Reiter vorbergeritten war, wandte er seinen Kopf noch einmal um. Sanft schaukelte der Wind die Wipfel der Tanne, da aber schien es ihm, da ein bser Geist von schrecklicher majesttischer Gestalt ihm langsam folgte, traurig mit dem schaurigen Bart nickte und seine dunkelgrnen Arme ausstreckte, um ihn zu ergreifen. Nun, und was geschah weiter? fragte er den Mann, der pltzlich stumm geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu lassen, die ihn unwillkrlich erfat hatte. Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entlie sein ganzes Gesinde und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfnfzig Seelenmessen fr den verstorbenen Kirchensnger gelesen hatte, verschwand der Spuk. Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl niemand sagen knnen. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar, da eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter erzhlte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, da sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er htte eine rote Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte. Zop, zop, zop! Hh! Na, da wren wir, Euer Gnaden. Laptschinsky erblickte tatschlich eine kleine Pforte, die aus wenigen quer bereinanderliegenden Brettern zusammengefgt war, wie man sie auch jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell erfllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz bergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu ffnen. Unser Reiter sah einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfate, im Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Stlle, die gleichfalls mit Dchern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewhnliche kleinrussische Htte. Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkrbe herum, viele von ihnen hingen auch an den Bumen, die ihre eigentmlich geformten Zweige von allen Seiten in den Hof herabhngen lieen, als knnte diesen Riesen das einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter dem Hof zog sich noch ein Gebude hin, das man in der Dunkelheit nicht recht erkennen konnte. All dieses lie darauf schlieen, da das Gut einem recht wohlhabenden Kosaken gehrte; denn zu jener Zeit konnte man nicht bei jedem soviel Pracht und berflu finden. Whrend der Hausherr mit dem Abladen seiner Scke beschftigt war, hatte Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen Bauern findet: der Tr gegenber befanden sich einige Fenster und vor ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, da hier jeder Gast stets einer freundlichen Aufnahme gewrtig sein kann. Um die ganze Stube zogen sich breitere und schmlere Bnke aus Lindenholz hin; neben der Tr stand ein mchtiger Ofen, der unten eine groe ffnung hatte; diese war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hhner, Gnse, Truthhne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte, gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, da er durchaus keines von den Geringsten unter Gottes Geschpfen sei. Auf dem Fuboden sa ein vierjhriger Knabe und schlug mit dem mchtigen Stengel einer Sonnenblume auf einen umgestlpten Topf; whrend ein anderer, der ein Jahr lter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehrt, fr sein ganzes Leben eingeprgt hatte. Vor einer groen eisenbeschlagenen Kiste sa ein elfjhriges Mdchen, sie hielt einen Sugling auf dem Scho, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung mit einem groen Hngeschlo klapperte und das Kind mit dem neuen Ankmmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Sbel, eine Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nhe auf einem Regal lag, wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedrftig war, ferner ein Beil, eine trkische Pistole, noch eine Flinte, eine Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika -- alles Waffen, die seit undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unvertrglichen Charakters miteinander in Frieden zu leben. Bitte nehmt mirs nicht bel, da ich Euch etwas warten lie, Euer Gnaden! sagte der eintretende Hausherr, der verfluchte Jahrmarkt hat mir so sehr den Kopf verwirrt, da er mir noch immer brummt. Ein wahres Glck, da meine Alte nicht zu Hause ist, sonst htte sie ihn mir tchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause. Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor geffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentmlich wehmtigen Gefhl. Es war ihm so, als she er ein dem Grabe verfallenes Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu fhren. Auf ihren von Runzeln durchfurchten Zgen lag die Gleichgltigkeit des Todes. Kein Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie und da richteten sie einen ihrer trben Blicke auf ihn; doch der htte sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen geglaubt htte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles erschien ihnen in Nebel gehllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat. Whrend Laptschinsky solchen Gedanken nachhing, kletterte die Alte auf den Ofen; dies war ihr gewhnlicher Aufenthalt, ihre ganz Welt, die ihr ebenso gerumig und belebt schien, wie die anderer Menschen; der Hausherr wandte sich seinen Kindern zu. Sieh mal an, Fedot! sagte er und hob den Jungen mit der Sonnenblume mit einem Griff bis an die Decke, wo hast du diesen frchterlichen Stengel her? Damit kannst du ja einen Menschen totschlagen! Was machst du da, Karpo? Du erwrgst ja den Kater! Ich habe dir was Ses mitgebracht! Komm doch her, du Hundesohn, was stehst du da und hltst Maulaffen feil? Seht, Euer Gnaden, so geht's, hundertmal habe ich ihm schon gesagt, da ich sein Vater bin, aber er will's immer nicht glauben, der Taugenichts! Und du Schreihals, wirst du noch lange brllen? Reich' mir mal den Stock, ich will's ihm schon zeigen. Reich' ihn nur mal her, Marjusja; ich werf' ihn gleich aus dem Fenster, da knnen ihn die Wlfe fressen, oder die Polen ... Gott hat dich reich mit Kindern gesegnet, Landsmann! sagte unser Gast zum Hausherrn. Ja, 's sind ihrer nicht wenige, Mosjpane, ich habe ihrer sieben. Zwei sind in der Fremde, die sind schon verheiratet, aber der Teufel mag wissen, was die fr eine Mitgift bekommen haben: je ein paar Fu Land, wo nichts auer Steppengras und Beifu wchst. Nun Fedot, sagst du nicht, danke? Der Herr gibt dir einen Pfefferkuchen, und du verbeugst dich nicht einmal? Bitte kssen Sie ihn nicht, seine ganze Fratze ist ja voller Asche. Als er hrte, da ich zum Jahrmarkt fahre, da gab es ein Geschrei! Nimm mich mit, Vater! -- Ja, was soll ich denn mit dir? Wie soll ich dich mitnehmen, man wird dich dort totdrcken! -- Nein, man wird mich schon nicht totdrcken! Nimm mich mit, nimm mich mit! -- Ja, aber es gibt doch so viele Zigeuner, die stehlen dich mir noch am Ende weg, -- dann heit's auf Nimmerwiedersehn! -- Nein, nimm mich mit, so ging's in einem fort weiter. Was sollte man da machen? Er fing so an zu heulen, da Gott erbarm'. Endlich gelang es mir, ihn zu beruhigen, ich versprach ihm, ein Lebkuchenpferd mit einem goldenen Kopf mitzubringen. Nun, Marjusja, auf die Mutter wollen wir nicht warten, bring' uns das Abendbrot. Gromutter schlft sicher schon. Also Euer Gnaden, fuhr er fort und wandte sich pltzlich, sich am Tisch niederlassend, an den Gast zu wem sagtest du, willst du reiten? Jetzt wo ich alt bin, da gleicht mein Kopf einem Sieb, man mag noch so viel reingieen, er ist immer leer; sprich so klug, wie du willst, ich vergesse doch alles. Wie Landsmann? ich sagte dir doch -- zu Gletschik, antwortete der Gast, etwas erstaunt ber diese merkwrdige Vergelichkeit. Zum Mirgoroder Oberst? Da hast du gar nicht ntig, weit zu reiten; kein anderer als er selbst in eigener Person sitzt vor dir, Mosjpane! Wenn in diesem Augenblick eine Flintenkugel an Laptschinskys Ohr vorbeigesaust wre, er htte nicht mehr erstaunt sein knnen. Ihm so pltzlich und unerwartet, so unvorbereitet zu begegnen, wo seine Gedanken ganz anderswo umherschweiften -- wo er -- doch nein -- es konnte nicht sein, sicherlich hatte er falsch verstanden. Und seine Augen richteten sich starr auf seinen Wirt, als wollte er sich vergewissern, da sein Gehr ihn betrogen htte. 1830. IV ber den Unterricht in der Weltgeschichte I Die Weltgeschichte in ihrer wahren Bedeutung ist nicht die besondere Geschichte der einzelnen Vlker und Reiche, ohne allen Zusammenhang, ohne allgemeinen Plan und allgemeinen Zweck, sie ist keine Reihe von Begebenheiten ohne alle Ordnung, in lebloser, trockener Form vorgetragen, wie man sie sehr hufig darzustellen pflegt: ihr Gegenstand ist etwas ganz Groes: sie soll _die ganze Menschheit_ umfassen und zwar mit einem Blick und in einem vollstndigen Bilde, sie soll zeigen, wie sie sich aus ihrer ursprnglichen armseligen Kindheit entwickelt hat, sich allmhlich in verschiedenen Richtungen vervollkommnete und endlich die Epoche der Jetztzeit erreichte. Diesen ganzen gewaltigen Proze, den der freie Menschengeist durchgemacht hat, der von seiner Wiege an mit ungeheurer Anstrengung und mit blutigen Mitteln gegen die Roheit, die Natur und gegen furchtbare Hindernisse aller Art ankmpfen mute, darzustellen -- das ist der Zweck der Weltgeschichte. Sie soll alle Vlker der Erde, die durch Zeit, Zufall, Gebirge oder Meere getrennt sind, sammeln, in ein geordnetes Ganzes vereinigen und ein groartiges, vollkommenes Epos daraus formen; Ereignisse, die keinen Einflu auf die Welt ausgebt haben, gehren nicht in sie hinein. Alle Weltereignisse mssen so fest ineinandergefgt sein, so eng ineinander eingreifen, wie die Glieder einer Kette; wenn nur ein Glied springt, zerreit die ganze Kette. Dieses Band mu man natrlich nicht in buchstblichem Sinne verstehen: das ist kein sichtbares, greifbares Band, durch das man oft Geschehnisse oder Systeme, wie sie hufig ganz unabhngig von den Tatsachen in den Kpfen zustande kommen, und die man nachtrglich mit den Weltereignissen knstlich verbindet, gewaltsam zusammenfgt. Dieses Band darf nur in einer allgemeinen Idee in dem ununterbrochenen Entwicklungsgang der Menschheit bestehen, im Verhltnis, zu dem die Reiche und die Ereignisse nur temporre Formen und Gleichnisse sind. Die Welt mu in ihrer ungeheueren Majestt dargestellt werden, in der sie sich uns darbietet, durchdrungen von den geheimnisvollen Wegen der Vorsehung, die sich in ihr in so wunderbarer unbegreiflicher Weise kundgeben. Das Interesse mu durchaus und zwar in so hohem Mae angeregt werden, da die Zuhrer vom Wunsche geqult werden, immer mehr zu erfahren, sie mssen unfhig sein, sich den Vortrag nicht bis zum Schlu anzuhren oder das Buch zu schlieen; -- und wenn sie das doch tun, so nur zu dem Zweck, um wieder von vorn anzufangen; es mu ihnen klar werden, wie das eine Ereignis ein anderes gebiert und wie ohne das Vorhergehende auch das Folgende nicht da wre. Nur so kann eine Weltgeschichte geschaffen werden. II Alles, was in der Geschichte vorkommt: die Vlker und die Ereignisse mssen lebendig dargestellt werden, und sozusagen den Zuhrern oder Lesern vor Augen stehen; jedes Volk, jedes Reich mu seine eigene Welt, seine eigene Farbe bewahren, jedes Volk mu sich mit all seinen Taten, seinem Einflu auf die Welt und so, wie es war, gleichsam in dem Kostm, in dem es ehemals auf Erden wandelte, klar und deutlich von den brigen Vlkern abheben. Allein um das zu erreichen, mu man nur ganz wenige Zge zusammenfgen -- aber es mssen die eigenartigsten Zge sein, die ein Volk vor allen anderen auszeichnen. Um die charakteristischen Zge ausfindig zu machen, dazu gehrt ein klarer Verstand, der imstande ist, alle unaufflligen Nuancen, die dem gewhnlichen Auge entgehen, zu entdecken, und dazu eine groe Geduld, die notwendig ist, um eine Menge hufig ganz uninteressanter Bcher zu durchstbern. Allein was einer entdeckt hat, kann er andern leicht mitteilen, und so knnen die Zuhrer es erfahren, ohne selbst die Archive zu durchforschen. III Der Lehrer mu auch die Geographie zu Hilfe nehmen, aber nicht in jener klglichen Gestalt, wie das hufig geschieht, d. h. indem man nur den Ort, wo etwas vorgefallen ist, auf der Karte aufweist. Nein, die Geographie soll uns so manches erklren, was uns ohne sie unbegreiflich erscheinen wrde. Sie soll uns lehren, wie die Bodenbeschaffenheit und Lage eines Landes ihren Einflu auf das Leben ganzer Nationen ausbte; wie sie ihnen einen besonderen Charakter aufdrckte; wie hufig Gebirge, die ewigen von der Natur selbst aufgerichteten Grenzen, den Ereignissen eine gewisse Richtung gaben und das Weltbild vernderten, indem sie die weitere Ausbreitung eines Volkes, das verwstend durch die Lnder zog, aufhielten, oder ein kleines Volk wie in einer uneinnehmbaren Festung einschlossen; wie diese starke Position, die Tatkraft eines Volkes zu wunderbarer Entfaltung brachte, whrend sie ein anderes zur Starrheit verdammte; die Geographie kann uns Aufschlu geben ber den Einflu der Lage eines Landes auf dessen Sitten, Gebruche, seine Verwaltung und seine Gesetze; hierbei kann der Schler erfahren, wie die Staaten entstehen, und da es nicht allein die Menschen sind, die sie errichten, sondern da die geographische Lage des Landes die Staatsform unmerklich herbeifhrt und entwickelt; da daher die Staatsformen etwas Heiliges sind und da ihre Abschaffung unfehlbar das Unglck eines Volkes zur Folge haben mu. IV Die groen, universalen Ereignisse mssen in ein klares Licht gestellt und mit all ihren weltumwlzenden Folgen in den Vordergrund gerckt werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begngen zu erklren, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die nchsten Folgen anfhren, wie wenn sie abgehackte ste aufschichteten, statt die Vorgnge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr versteln, um endlich ganz zu verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und verklingen, wie ein mchtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt. Solche Ereignisse mssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder klar erkennt, da sie die mchtigen Leuchttrme der Weltgeschichte sind, da diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprnglichen Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerst. V Jetzt noch ein Wort ber die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des Professors mu hinreiend und feurig sein. Er mu die Aufmerksamkeit der Zuhrer im hchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen imstande wre, seine Gedanken whrend der Vorlesung umherschweifen zu lassen, fllt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken seiner Zuhrer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn man es nicht an sich selbst erprobt hat, was fr einen schlechten Einflu es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hrer unmglich macht, seine Gedanken, und sei es auch nur fr einen Augenblick, auf andre Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die grte Gelehrsamkeit nichts helfen, man wird ihn nicht anhren, ja, selbst die grten Wahrheiten werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einflu auf die Hrerschaft bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken seelischen Erschtterungen; dann kann es hufig geschehen, da die unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glnzender und anmutiger Form dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten scholastischen Regeln festhlt, ohne doch selbst die dazu ntige geistige berzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich darber erheben, so fangen die Zuhrer an, ihren Lehrer zu verachten. Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht, zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die allerheiligsten Worte: wie Anhnglichkeit an die Religion, Vaterlandsliebe und Kaisertreue fr sie etwas Banales. Leider knnen wir gar nicht selten beobachten, was das fr furchtbare Folgen hat, und daher sollte man nie auer acht lassen, da das Alter der Hrer das Alter der starken Eindrcke ist; man mu einen hinreienden Schwung und eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schne und Gute zu richten; und daher mu der Vortrag des Professors selbst von Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine berzeugungen mssen so fest, so natrlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, da die Zuhrer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor ihren Augen enthllt hat. Der Vortrag des Professors mu sich zeitweise ins Erhabene steigern, er mu hohe Gedanken enthalten und erwecken, dabei aber mu er doch einfach und fr jeden verstndlich bleiben: wahrhafte Gre erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Gre ist -- da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit begngen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn verstehen. Um sich leicht verstndlich zu machen, mu er nicht mit Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch weit klarer. Diese Gleichnisse mu er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen Zuhrern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte verstndlich. Er mu nicht zuviel reden; dadurch ermdet er die Aufmerksamkeit seiner Hrer, denn eine allzu groe Kompliziertheit der Gegenstnde, ihr berma erschwert es dem Zuhrer, alles in seinem Gedchtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors mu unbedingt ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie mu sich dem Geist des Zuhrers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen, und sie mssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll und was es tatschlich enthlt; dann werden auch sie bei der Wiedererzhlung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und planlos eintritt. VI Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prfung meiner selbst wie meiner Zuhrer halte ich folgenden Lehrplan fr den besten: Vor allem halte ich es fr unbedingt notwendig, den Hrern eine vollstndige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge, damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit einem Blick berschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch unmglich ist, eine Stadt vollstndig kennen zu lernen, indem man nur durch all ihre Straen hindurchgeht, dazu mu man einen erhhten Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handflche vor einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte dargestellt werden mu. Vor allem mu ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung nimmt. Ich mu zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehllten und dem einfachen Volke noch unverstndlichen Religionen schildern; die hebrische Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und ursprngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich wrde schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische ngstlichkeit, gleich unbersteiglichen Mauern, voneinander getrennt waren, wie nur das Volk der Phnizier, dieses erste Seevolk der Alten Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie unfreiwillig miteinander in Berhrung brachte, und wie der erste Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Vlker gewaltsam zusammenschweite; doch blieben die Sitten, die Religionen und die Staatsformen in all diesen Reichen unverndert; die Knige verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich unter eine hchste Gewalt, den Knig der Knige, den Beherrscher Persiens. Ich wrde darstellen, wie diese Vlker durch den gemeinschaftlichen Verkehr allmhlich ihre Besonderheiten und ihre Nationalitt verloren und zusammen mit dem Knig der Knige, der, fast wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus verfielen. -- Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich mu nun schildern, wie sich hier das griechische Volk, diese hchste Blte der Antike entfaltete; sein lebhafter Verstand, seine Wibegierde, sein republikanischer Geist, seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich wrde nun schildern, wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewhnlichem Glanz entwickelte, wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen Gewalt unterwarf, und wie dieser groe Mann den gigantischen Plan fate, den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur berall hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden, wird die Stadt Alexandrien gegrndet, der Held stirbt und mit ihm strzt auch das Weltreich in Trmmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und ihre Frchte reifen; das berhmte alexandrinische Zeitalter bricht an, die ganze Alte Welt drngt sich in den Hfen Alexandriens, die griechischen Gelehrten weilen in allen Stdten, die Nationalitten verschwinden aufs neue, und die Vlker schmelzen wieder zusammen. Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der Rmer heran. Ich wrde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gtern bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen selbst bis in die Lnder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr zu bieten vermag. Schon Csar setzt seinen Fu auf Britanniens Boden, und der rmische Adler weht ber den Felsen von Albion ... Whrend dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder Vlker aus, die andere Stmme verdrngen und vor sich herjagen und sie nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wlder Germaniens, und durch unpassierbare Smpfe gegen die Rmer gedeckt, machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetm, das des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmhlich haben alle Reiche ihre Unabhngigkeit verloren. Die ganze Welt ist in rmische Provinzen eingeteilt. Die Rmer eignen sich alles von den unterworfenen Vlkern an -- erst ihre Laster, dann auch die Kultur -- wieder mischt sich alles durcheinander. Alle Menschen werden Rmer -- und doch gibt es keinen wahren Rmer mehr. Und whrend lasterhafte Imperatoren, Prtorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoe unbemerkt ein gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des gttlichen Heilandes -- und das ewige Wort ertnt, unverstanden von den Groen der Welt, in den Gefngnissen und Wsten und erwartet geheimnisvoll die neuen Vlker. Endlich senkt sich ein rtselhafter lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, whrend dessen die Kultur weder vorschreitet noch sich zurckentwickelt, Kraft und Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige Etikette und in jmmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt. Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Sto, der wie ein elektrischer Funke die ganze Kette durchluft: ein Volk drngt und jagt das andere vor sich her, dieses treibt das dritte vorwrts, und die am meisten vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des rmischen Reiches, whrend die armseligen Welteroberer ihre letzten Krfte zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter. Ich wrde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen entstehen und das Christentum annehmen. Ich wrde die feudalen Rechte, die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mchtige Papst, der ursprnglich nur rmischer Bischof war, zu einem gewaltigen Herrscher wird und seiner groen geistlichen Macht allmhlich auch die weltliche hinzufgt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Rmer von einem neuen starken Volk bedrngt und unterworfen, das ganz pltzlich und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird. Ich wrde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Sbel in der Hand durch den Islam die berbleibsel frherer griechischer Kultur verdrngt, und wie berraschend schnell diese herrliche Nation aus einem Eroberer zu einem Kulturtrger wird, sich zu vollem Glanz entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie pltzlich erlischt und von den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem es ihnen den Islam als Erbe hinterlt. Fast um dieselbe Zeit tauchten in Europa die Normannen, diese Korsaren der nrdlichen Meere, auf: mit unerhrter Khnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plndernd dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische Religion gegen das Christentum und fhren Europa ihre Kraft und ihre Sitten zu. Indessen wird der Papst allmhlich der unumschrnkte Beherrscher Europas, und selbst der von allen Vlkern geachtete deutsche Kaiser wagt es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze Vlker, Vasallen und Knige ihr Land und ihre Besitztmer, nhen das rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palstina. Ich wrde erzhlen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht -- wie der Osten und der Westen und die beiden groen Mchte Islam und Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt das tiefreligise christliche Zeitalter. Ich wrde darlegen, wie dann die religise Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des gttlichen Heilands gezogen hatte, berschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz ohne da Europa es bemerkt, eine groe, weltgeschichtliche Episode anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Gre unermeliche Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Lnder Asiens, die den Europern unbekannt waren. In Europa besaen nur die Klster eigenes Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum, alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und gebietet zugleich -- es ist das Jahrhundert der grten Zersplitterung und zugleich der grten Einheit. -- Jeder unterwirft sich nur dem eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten, beschlieen sie, sich von ihren Unterdrckern unabhngig zu machen und in Stdten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Stdte fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa, als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren Handel allmhlich alle nordeuropischen Staaten. Im Sden aber erblht als Frucht der Kreuzzge das durch seine Handelsgewalt so imponierende Venedig, diese Knigin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer auerordentlich komplizierten und merkwrdigen Verfassung. Alle Reichtmer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hnde ber. So wie der Papst Europa durch seine religise Macht beherrscht, ebenso beherrscht es Venedig durch seinen unermelichen Reichtum. Der geistliche Despot lie kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel zu zerstren, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Brger Genuas durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schlielich mte ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte pltzlich erweitert und der Handel des Mittelmeers zurckgeht. Die Europer eilen habgierig nach Amerika und fhren von dort Berge von Gold ein. Der Atlantische und der Groe Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit dringen die ppstlichen Missionare bis in das nordstliche Asien und Afrika vor, und die Welt tut sich fast pltzlich in ihrer unendlichen Gre auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmhlich, an der Rechtmigkeit der ppstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschtterte jetzt ein Augustinermnch, Luther, die Macht des Papstes. Ich wrde erzhlen, wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mnches entstand, und wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich ber die ganze Welt verbreitete, berall eindrang und einschlich und geheime Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte. Aber je hrter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter Krieg innerhalb und auerhalb der Staaten entbrannte pltzlich in ganz Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekmpft, sondern mit Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mnchs und Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die weltlichen Herrscher erstarken. Dann mte man darstellen, wie sich Europa nach diesen Kriegen vernderte. Die einzelnen Staaten und Vlker schlieen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frhere Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehrt. Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst entsteht in Europa ein Vlkerbund, der mit Waffengewalt die Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen ergreifen unermdliche hollndische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewchse, sie reien, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich, bis ein hervorragender Frst, die Unantastbarkeit der Staaten miachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich wrde das glnzende Zeitalter schildern, das dieser Knig (Ludwig XIV.) herbeifhrte; Frankreich strotzte frmlich von Erzeugnissen des Luxus, die franzsischen Fabriken, die franzsischen Gelehrten taten sich berall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa ein Rendezvous gab, und franzsische Sprache, franzsische Sitten und franzsische Etikette verbreitete sich ber die europische Welt. Aber indem dieser ehrgeizige Knig die Unantastbarkeit fremden Besitzes miachtete und den hollndischen Handel zugrunde richtete, zerstrte er auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Gre. Schnell macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht pltzlich als Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe -- eines absoluten militrischen Despotismus; mit seinen strmischen Bewegungen bringt er ganz Europa auer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf. Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt er seine schrecklichen Bndnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben strzt, indem er einen Vorsto nach Ruland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Hrte des Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gesthltes Heer zugrunde richten. Ruland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen lie, hlt nun im weiten Nordosten in drohender Majestt die Wacht; die befreiten Staaten nehmen wieder ihr frheres Aussehen und ihre alten Formen an und schlieen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes. Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen lt, beginnt, sich allmhlich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswrdige Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich aber auch wohlttiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das Wort aus Nazareth endlich sich ber die ganze Welt ergiet. Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollstndige Skizze gefat wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden werden, dann wird nichts dem Gedchtnis der Zuhrer entschwinden, und in ihren Kpfen wird sich unwillkrlich ein Ganzes bilden. Und schlielich wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine vollstndige Geschichte der Menschheit darstellen. VII Nach der Darstellung der ganzen Menschheitsgeschichte wrde ich die Geschichte der einzelnen Staaten und Vlker, die den groen Mechanismus der Weltgeschichte bilden, behandeln. Natrlich mu auch hier bei der Betrachtung jedes Einzelnen die Flle und Abgeschlossenheit gewahrt werden. Ich mu die Geschichte jedes Staates mit einem Blick von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende umfassen, mu zeigen, wie ein Reich gegrndet wurde, wann es seine hchste Macht und seinen hchsten Glanz erreichte, wann und warum es unterging (wenn es berhaupt unterging) und wie es die Gestalt annahm, die es noch heutzutage besitzt; wenn ein Volk vom Angesicht der Erde verschwunden ist, dann mte man aufzeigen, wie ein neues an seine Stelle trat und was dies letztere von dem frheren bernommen hat. VIII Damit das Vorgetragene sich dem Gedchtnis noch tiefer einprgt, ist nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende bersicht notwendig. Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfllen, mu man sich bemhen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine bersicht ber alle Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die Besonderheiten der sie bewohnenden Vlker hinzuweisen, damit die Zuhrer selbst ihre Schlsse daraus ziehen knnen. Zuerst mte man mit Asien anfangen, dieser groen Wiege der jungen Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwlzungen, wo pltzlich ganze Vlker von furchtbarer Gre auftauchen und ebenso pltzlich wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach der anderen fr immer verschwinden, whrend die Regierungsformen und der Geist der Vlker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer gleich hochmtig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft ergriffen; und ebenso schnell verfllt er wieder der Trgheit und dem tatenlosen Genuleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der groen Widersprche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert ein Volk von unbersehbarer Menschenzahl mit unzhligen Roherden sorglos von Ort zu Ort, whrend am anderen Ende, irgendwo in der Wste, ein rasender Fanatiker, ganz bla und abgemagert vom bestndigen Fasten, ber einer neuen Religion brtet, die einmal ganz Asien erfassen, das ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam in einen undurchdringlichen Panzer hllen und es seinem Verderben entgegenfhren soll; zugleich aber ist es mglich, da dicht daneben ein anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von asiatischer bersttigung, schon alle diese Phasen und Krisen lngst hinter sich hat. Nur hier knnen diese merkwrdigen Gegenstze existieren, die wir an den Bumen des Sdens beobachten, wo sich an demselben Zweige eine Blte entfaltet, eine andre schon eine Frucht ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte berreif zu Boden fllt. Dann mu man zu Europa bergehen, dessen Geschichte einen ganz entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Vlker im Gegensatz zu Asien viel lnger und viel groartiger ist und alles Ordnung und Regelmigkeit atmet; hier bewegen sich die Vlker Schritt fr Schritt und in gemessenem Takte wie regulre europische Truppen; fast alle Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander verflochten, da sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa verstanden werden knnen, und so erscheint Europa selbst fast wie ein einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter Proze zum Austrag: der Mensch erhob sich ber die Natur, und die Natur ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprdigkeit brachte erst die unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, lie ihn fhlen, wie hoch er ber allem Irdischen stand, und lie das Sein der Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der unermeliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes ber ihm, wie ber seiner Heimat. Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod darstellt, wo die Natur stets despotisch ber den Menschen herrscht, wo sie ihn in ihrer kniglichen Majestt immer wieder in seinen Urzustand, das sinnliche Leben, zurckstie; wo kein einziges einheimisches, eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern Lndern vergeblich den Kampf mit der glhenden, afrikanischen Natur aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben. Und endlich -- Amerika, -- diese Weltkolonie, dieses Babel aller mglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der groen Massen, die es umfat, noch aus unorganisierten Urkrften und Urelementen und gleicht, obwohl es aus lauter unabhngigen Staaten besteht, noch immer einer Kolonie. Ein flchtiger berblick ber die Geschichte eines jeden Erdteils in seinen am strksten ausgeprgten Charakterzgen, die Darstellung der tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflchlichen Resultate, sind _darum_ eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhrer zum Nachdenken veranlassen und Gedanken bei ihnen auslsen. Ihr Geist arbeitet schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Gre gegenbersieht. Solch ein berblick ist schon deshalb so notwendig, weil er dieselben Objekte hufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen Gegenstand ganz zu verstehen, mu er von allen Seiten beleuchtet werden, oder, wie Schlzer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut, wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen Richtungen kennt. IX Daher ist es gut, nach Beendigung des Kursus die ganze Weltgeschichte noch einmal nach einzelnen Jahrhunderten gleichsam in Form eines Epilogs zu berblicken. Dann wird die Weltgeschichte wie eine Stufenfolge der Jahrhunderte vor uns stehen. Dabei mu man unbedingt darauf hinweisen, wodurch der Anfang, die Mitte und das Ende eines jeden Jahrhunderts gekennzeichnet sind, und ferner -- seinen Geist und seine hervorstechenden Zge darstellen. Um jedes Jahrhundert genauer zu charakterisieren und eine gewisse Monotonie der Jahreszahlen zu vermeiden, wrde ich es nach dem Namen des Volkes oder des Mannes bezeichnen, die sich in dem betreffenden Zeitraum weit ber die andern emporschwangen und sich am intensivsten auf der Weltenbhne bettigten. Eine solche Stufenleiter der Jahrhunderte ist das beste Mittel, dem Gedchtnis der Zuhrer den Synchronismus der Ereignisse, der Erscheinungen und der Personen einzuprgen. X Mir scheint, da solch eine Art des Unterrichts natrlicher wre und der Wahrheit mehr entsprechen wrde. Jedenfalls wird der, der die Erhabenheit der Geschichte im Tiefsten erfat hat, einsehen, da sie nicht das Erzeugnis einer pltzlichen Eingebung, sondern die Frucht einer sorgfltigen berlegung und Erfahrung ist; da hierbei kein Epitheton, und kein einziges Wort nur aus Stilrcksichten oder eitler Schnrednerei verloren wurde, sondern da es das Resultat eines langen Studiums der Weltchroniken ist; da selbst der Entwurf einer allgemeinen und vollstndigen Skizze der allgemeinen Weltgeschichte, der selbst, wenn er so kurz ist, wie das hier geschildert wurde, nicht anders mglich ist, als indem man die allerfeinsten und verwickeltsten Fden der Geschichte aufgesprt und entwirrt hat, und da nur die Liebe zur Wissenschaft, die einem zum Genu ward, einen dazu bewegen konnte, seine Gedanken darzustellen, da unser Zweck dabei die Herzensbildung der jungen Zuhrer durch jene grndliche Erfahrung ist, wie sie uns durch die Geschichte vermittelt wird, sofern wir sie nur in ihrer wahren Gre erkennen. Sie sollen erkennen, da wir nur einen Zweck im Auge haben, in unseren Zuhrern feste und mnnliche Grundstze zu entwickeln, die fortan kein leichtsinniger Fanatiker und keine vorbergehende Erregung zu erschttern vermgen -- sie zu bescheidenen, demtigen, vornehmen Charakteren und zu ntzlichen und notwendigen Mitarbeitern des groen Knigs zu machen, auf da sie weder im Glck noch im Unglck ihre Pflicht, ihren Glauben, ihre unantastbare Ehre und ihr Gelbde, treue Diener des Vaterlandes und des Kaisers zu sein, verletzen. 1832. V Ein berblick ber das Werden Kleinrulands[2] [Funote 2: Diese Skizze bildet die Einleitung zu einer Geschichte Kleinrulands; da aber der ganze erste Teil dieser Geschichte vollstndig umgearbeitet wurde, so lassen wir diesen Teil als besonderen Aufsatz hier folgen.] I Welch furchtbar armselige Rolle spielt doch das XIII. Jahrhundert in der Geschichte Rulands. Hundert kleine Staaten, die einer Rasse entstammen, einen Glauben bekennen, eine Sprache sprechen, gemeinsame Charaktereigentmlichkeiten haben und -- fast mchte es scheinen, gegen ihren Willen, durch Blutsverwandtschaft untereinander verbunden sind -- alle diese kleinen Reiche waren so miteinander verfeindet, wie dies selbst unter verschiedengearteten Vlkern nur selten vorkommt. Nicht Ha (denn einer wirklich starken Leidenschaft waren sie nicht fhig), auch nicht eine stetige Politik als Folge eines unbeugsamen Sinnes oder reifer Lebenserkenntnis waren es, die sie trennten: es war ein Chaos von Kmpfen um vorbergehender, momentaner Vorteile willen, und diese Streitigkeiten waren um so verderblicher, weil sie den Volkscharakter, der unter den starken normannischen Frsten angefangen hatte, eine eigenartige Physiognomie anzunehmen, allmhlich zersetzten. Die Religion, die die Vlker mehr denn alles andere miteinander verbindet und erzieht, hatte nur wenig Einflu auf sie; denn sie war damals noch nicht mit den Gesetzen und mit dem Leben verwachsen. Die Mnche, die Lehrer, ja sogar die Metropoliten waren Einsiedler, die sich in ihre Zellen zurckzogen und ihre Augen vor der Welt verschlossen; sie beteten zwar fr alle Menschen, aber verstanden es nicht, mit Hilfe ihrer gewaltigen Waffe: des Glaubens -- Macht ber das Volk zu erringen und mit diesem Glauben die kleine Flamme des Glaubenseifers bis zum Enthusiasmus zu schren, der doch allein imstande ist, junge Vlker zu verbinden und sie fr groe Taten zu begeistern. Das war der groe Unterschied gegenber dem Westen, wo der allmchtige Papst ganz Europa mit seiner geistlichen Macht umspann, wie mit einem unsichtbaren Spinngewebe, wo sein allmchtiges Wort Streitigkeiten schlichtete oder entfachte, und wo die Bedrohung mit seinem furchtbaren Fluch die Leidenschaften und die noch halbwilden Vlker bndigte. Hier waren die Klster noch Zufluchtssttten fr die Menschen, die sich durch ihre Sanftmut und Gte von dem allgemeinen Charakter des Jahrhunderts abhoben. Nicht selten redeten die Geistlichen von ihren Hhlen und Klstern aus den Teilfrsten ins Gewissen; aber ihre Ermahnungen blieben erfolglos, die Frsten verstanden es nur, zu fasten und Kirchen zu bauen, damit glaubten sie, den Anforderungen des Christentums Genge geleistet zu haben: es als ein Gesetz zu achten und sich seinen Geboten zu fgen, verstanden sie nicht. Die geringfgigsten Ursachen hatten endlose Kriege zur Folge. Das waren keine Kriege zwischen dem Knig und seinen Lehnsmnnern oder der Vasallen untereinander -- nein -- das waren Zwistigkeiten zwischen Blutsverwandten, zwischen leiblichen Brdern, Vtern und Kindern. Nicht Ha oder starke Leidenschaft fachten sie an -- nein -- der Bruder erschlug seinen Bruder um eines Stckes Land willen, oder auch nur um Mut und Khnheit an den Tag zu legen. Welch schreckliches Beispiel fr das Volk! Blutsverwandtschaft galt fr nichts, denn die Bewohner zweier benachbarter Teile, die alle untereinander verwandt waren, waren jeden Augenblick bereit, mit der Wut von Wlfen bereinander herzufallen. Es war nicht ererbte Zwietracht, die sie antrieb, denn der Freund von heute wurde zum Feinde von morgen und umgekehrt. Das Volk hatte eine kaltbltige Bestialitt angenommen: es mordete, ohne recht zu wissen warum. Kein starkes Gefhl, weder Fanatismus, noch Aberglaube, ja nicht einmal ein Vorurteil konnten es begeistern, und es schien, als seien alle starken und hohen menschlichen Leidenschaften in ihm erloschen; wenn zu jener Zeit ein Genie erschienen wre, das den Wunsch gehabt htte, mit diesem Volk etwas Groes zu vollbringen, es htte keine Saite gefunden, bei der er es htte fassen knnen, um diesen gefhllosen Krper aufzurtteln; es sei denn etwa die eiserne physische Kraft. Damals schien die Geschichte gleichsam erstarrt zu sein und sich in Geographie verwandelt zu haben: das einfrmige Leben, das sich in den einzelnen Teilen regte, aber als Ganzes starr und unbeweglich dalag, konnte als geographisches Zubehr des Landes gelten. II Da nun trat ein wunderbares Ereignis ein. In Asien, im Herzen dieses Erdteils Asien, in diesen Steppen, die schon so viele Vlker ber Europa ausgegossen hatten, erhob sich jetzt das furchtbarste und zahlreichste von allen, dessen Eroberungszge eine Ausdehnung annahmen, wie nie vorher. Die frchterlichen Mongolen, mit ihren zahllosen Roherden und Zeltwagen, wie sie in Europa noch nie gesehen worden waren, berfluteten Ruland, und mit echt asiatisch-barbarischer Freude bezeichneten sie ihren Weg durch flammende Rauchsulen und Feuersbrnste. Diese Invasion unterwarf Ruland einer zweihundertjhrigen Sklaverei und entzog es den Blicken Europas. War dies nun eine Rettung, indem es Ruland seine Selbstndigkeit wahrte, da doch die Teilfrsten seine Integritt gegenber den litauischen Eroberern kaum aufrecht erhalten htten, oder war es eine Strafe fr die fortwhrenden Streitigkeiten -- genug, dieses furchtbare Ereignis zog gewaltige Folgen nach sich: es erlegte den Frstentmern Nord- und Mittelrulands ein schweres Joch auf, schuf aber zugleich im Sden ein neues slawisches Geschlecht, ein Geschlecht dessen ganzes Leben in einem bestndigen Kampf bestand und dessen Geschichte ich hier schildern will. III Am meisten hatte Sdruland unter den Tataren zu leiden gehabt. Niedergebrannte Stdte und Felder, verkohlte Wlder, das alte Kiew in Trmmern, menschenleere Wsten -- das war der Anblick den dies unglckliche Land darbot. Die erschrockenen Einwohner flohen nach Polen oder nach Litauen; zahlreiche Edelleute und Frsten wanderten nach dem Norden Rulands aus. Schon frher war die Zahl der Bevlkerung in dieser Gegend sichtlich zurckgegangen. Kiew war lngst nicht mehr die Hauptstadt, und die bedeutenderen Frstentmer hatten sich nach Norden hinaufgezogen. Es schien, als htte das Volk seine eigene Nichtigkeit erkannt, denn es verlie die Pltze, wo die bunte Natur ihre Erfindungskraft zu entfalten beginnt; herrliche, unbersehbare Steppen breiten sich hier aus und die verschiedenartigsten Grser von gigantischer Hhe bedecken sie; hie und da steigen unvermittelt ganz mit wilden Kirschbumen und Edelkirschen berste Hgel auf, oder es tut sich ein blumengeschmckter Abgrund vor uns auf, viele rauschende Flsse schlngeln sich durch das Land und bilden entzckende Landschaftsbilder, gewaltig gleitet der Dnjepr wie ein leuchtendes Band mit seinen unersttlichen Stromschnellen zwischen groartigen, steilabstrzenden Ufern und durch unbersehbare Wiesen dahin -- und dies alles erwrmt der milde Odem des Sdens. -- Das Volk verlie diese Gegenden und drngte sich nach den Teilen Rulands, wo die Oberflche der Erde einfrmig glatt und eben, fast immer sumpfig ist, und wo ein paar elende Kiefern und Fichten aus dem Boden ragen; hier gibt es kein frischpulsierendes Leben voller Bewegung, sondern nur ein dumpfes Vegetieren, das wie ein schwerer Druck auf dem Geiste lastet. Es ist, als wre damit die Wahrheit des Satzes bewiesen, da nur ein starkes, lebens- und charaktervolles Volk Gegenden von groartiger Naturbeschaffenheit aufsucht, oder da nur gewaltige und groartige Naturszenerien ein khnes, leidenschaftliches, charaktervolles Volk hervorbringen knnen. IV Als der erste Schreck vorber war, begannen allmhlich Auswanderer aus Polen, Litauen und Ruland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stmme, die sich in Groruland schon mit finnischen Vlkerschaften zu vermischen begannen, aber sich hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesngen und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurckkehrenden Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Lndern auf den Fersen, mit denen sie sich durch lngeres Beisammenleben allmhlich vermischt hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander verbunden. Trotz der bunten Bevlkerung fehlte es hier an jenen Zwistigkeiten, die im Innern Rulands nie aufhrten. Die von allen Seiten drohende Gefahr lie den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von den furchtbaren Herdenbesitzern bel zugerichtete Kiew, die altehrwrdige Mutter der russischen Stdte, blieb noch lange verarmt und konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nrdlichen Rulands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mnche und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen fort. Die Kunde von Kiew hrt pltzlich auf, und obwohl dort eine Linie des russischen Frstengeschlechts zurckblieb, geriet es fr ein halbes Jahrhundert vollstndig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzhlen, da es in der schrecklichsten Weise zerstrt wurde, und da die Beamten der Chane dort residierten -- dann aber ist's als htte sich ein undurchdringlicher Vorhang darber gebreitet. V Whrend so Ruland durch die Tataren zur Unttigkeit und Erstarrung verurteilt war, fhrte der groe Heide Gedimin ein neues Volk auf den Schauplatz der Geschichte herauf -- ein armes Volk, arm an Kultur und arm an Lebensmitteln --, es bewohnte die wilden Fichtenwlder im heutigen Weiruland, hllte sich in Tierfelle statt in Kleider, betete den Gott Perun an und beugte sein Knie in noch nie von der Axt berhrten Hainen vor dem altehrwrdigen Feuer; dies Volk, das unter dem Namen der Litauer bekannt war, hatte ehemals den russischen Frsten Tribut gezahlt. Nun aber wurde es unter seinem Frsten Gedimin zu der bedeutendsten Macht in dem gewaltigen Nordosten Europas! Damals glichen die Stdte, die Frstentmer und die Vlker des westlichen Ruland noch Stcken und Fetzen, die jenseits der Grenze des Tatarenjoches lagen. Sie bildeten kein Ganzes, und daher konnte auch der litauische Eroberer fast durch einen einzigen Angriff seines von ihm selbst geschaffenen heidnischen Heeres den ganzen Flchenraum zwischen Polen und dem tatarischen Ruland seiner Macht unterwerfen. Dann fhrte er sein Heer nach Sden in das Gebiet der wolhynischen Frsten. Es ist nur natrlich, da der Erfolg ihn berall begleitete. In Luzk stellte sich ihm der Frst Leo entgegen und leistete ihm harten Widerstand, war aber doch nicht imstande, ihn zurckzuschlagen und sein Land zu behaupten. Gedimin setzte Gouverneure und Gemeindelteste ein und zog weiter nach Sden, mitten ins Herz des sdlichen Rulands, nach Kiew. Dem Frsten Leo von Luzk gelang es auf der Flucht, den Frsten von Kiew, Stanislaus, zu berreden, dem furchtbaren Eroberer mit seiner wenig zahlreichen Streitmacht entgegenzutreten. Seine Truppen wurden noch durch verbndete Tataren verstrkt; aber alle ergriffen die Flucht vor dem mchtigen Litauer. Nachdem Gedimin den Feinden am Flusse Irpenj eine furchtbare Niederlage bereitet, zog er im Triumph in Kiew ein, das noch unter dem frischen Eindruck eines Einfalls der Tataren stand, und setzte dort den Frsten Mindow Oljschansky, der eben den griechischen Glauben angenommen hatte, als Regenten ein. So entri der litauische Eroberer den Tataren ein Stck Land, das fast vor ihren Augen gelegen war. Man sollte glauben, dies htte einen Kampf zwischen den beiden Vlkern zur Folge haben mssen, aber Gedimin war ein klarer und politischer Kopf, trotz seiner scheinbaren Wildheit und trotz des barbarischen Zeitalters. Er verstand es, sich die Freundschaft der Tataren zu erhalten, obwohl er ber Lnder herrschte, die er ihnen entrissen hatte, ohne ihnen Tribut zu zahlen. Dieser urwchsige Politiker, der weder schreiben noch lesen konnte und einen heidnischen Gott anbetete, rhrte nicht an die Sitten und die alten Regierungsformen der unterworfenen Vlker, alles blieb beim alten, er besttigte alle Privilegien und befahl seinen Gemeindevorstehern, die Landesgebruche streng zu achten, und hinterlie bei seinem Zuge durchs Land nirgends Spuren der Verwstung. Die absolute Bedeutungslosigkeit der herumliegenden Vlker und seiner Zeitgenossen lassen seine Gestalt zu ungeheuren Dimensionen emporwachsen. Er starb im Jahre 1340, seine Leiche wurde auf ein Pferd gesetzt, und er wurde nach der heidnischen Sitte der Litauer mitsamt seinem Waffentrger, seinen Jagdhunden und Falken verbrannt. Ihm folgten Oljgerd und Jagello auf dem Thron, zwei ebenso starke Charaktere, die noch weiter zum Aufschwung Litauens beitrugen, indem sie den angegliederten Lndern gegenber dieselbe Politik verfolgten wie er. VI So trennte sich das sdliche Ruland unter dem mchtigen Schutz der litauischen Frsten ganz von dem Norden. Jede Verbindung zwischen ihnen hrte auf; es bildeten sich zwei Reiche, die einen und denselben Namen Ruland fhrten, das eine unter dem Joch der Tataren -- das andere unter demselben Zepter wie Litauen. Aber alle nheren Beziehungen zwischen ihnen hrten auf; andere Gesetze, andere Sitten, andere Ziele, andere Verhltnisse und andere Taten schufen mit der Zeit ganz verschiedene Charaktere. Zu ergrnden, in welcher Weise dies geschah, bildet den Zweck unserer Geschichte. Aber vor allem mssen wir einen Blick auf die geographische Lage dieses Landes werfen, damit mssen wir durchaus beginnen, denn von der Beschaffenheit des Bodens hngt die Lebensweise, ja sogar der Charakter eines Volkes ab. Gar vieles in der Geschichte lt sich durch die Geographie erklren. Dieses Land, das spter den Namen der Ukraine erhielt, erstreckt sich im Norden bis zum fnfzigsten Grad nrdlicher Breite und ist eher flach als gebirgig. Hier begegnen wir hufig kleinen Hgeln, aber keiner zusammenhngenden Gebirgskette. In dem nrdlichen Teil gibt es zahlreiche Wlder, die ehemals ganze Herden von Bren und Wildschweinen beherbergten. Der sdliche Teil liegt ganz offen da und stellt ein weites Steppenland von ppiger Fruchtbarkeit dar, das aber nur hie und da mit Getreide bestellt ist. Dieser herrliche, jungfruliche Boden bringt aus sich selbst eine verschwenderische Flle der mannigfaltigsten, verschiedenartigsten Grser hervor. Hier trieben sich ganze Scharen von Steppenantilopen, Hirschen und wilden Pferden herum. Vom Norden nach Sden zieht sich der mchtige Dnjepr durch das Land, umsponnen von einem ganzen Netze kleinerer Nebenflsse, die in ihn mnden. Sein rechtes Ufer ist gebirgig und bietet anmutige und zugleich wilde Landschaftsbilder dar; das linke besteht ganz aus Wiesen, die mit kleinen Wldern bedeckt sind und meist unter Wasser stehen. Unweit der Mndung des Dnjepr ins Meer bilden schroff aus dem Flubett aufsteigende Felsen zwlf Stromschnellen, sie unterbrechen die Strmung und machen die Schiffahrt sehr gefhrlich. In ihrer Nhe gab es viele sogenannte Sugaken, wilde Ziegen mit weilich-glnzenden Hrnern und atlasweichem Fell. Frher war der Wasserstand des Dnjepr hher, sein Flubett breiter, und er berschwemmte die Wiesen an seinem Ufer auf grere Strecken hin. Wenn das Wasser sinkt, ist das Bild berraschend schn: alle Bodenerhhungen treten hervor und bilden unzhlige, grne Inseln inmitten der unabsehbaren Gewsser des Ozeans. Nur ein einziger schiffbarer Flu, die Desna, mndet in den Dnjepr, sie fliet durch die nrdliche Ukraine, mit ihren bewaldeten Ufern, die fast immer berschwemmt sind; aber auch dieser Flu ist nur stellenweise befahrbar. Auerdem gibt's im Norden noch den Oster und einen Teil des Sseim, im Sden die Ssula, den Psjoll mit einer Reihe schner Landschaftsbilder, den Chorol und andere; aber keiner von all diesen Flssen ist schiffbar. Verkehrswege gibt es nicht; die Produkte konnten nicht ausgetauscht werden, und daher konnte sich hier auch kein handeltreibendes Volk ansiedeln. Alle Flsse verzweigen sich in der Mitte; keiner von ihnen bildete durch seinen Lauf eine natrliche Grenze zwischen den benachbarten Vlkern. Im Norden lag Ruland, im Osten hausten die Kiptschatskischen, im Sden die Krimschen Tataren, im Westen lag Polen und berall offenes Land -- die Grenzen wurden durch Steppen und weite Ebenen gebildet. Htte es auch nur von einer Seite eine natrliche Grenze in Form eines Gebirges oder eines Meeres gegeben, so htte das hier wohnhafte Volk sich sicherlich sein politisches Wesen bewahrt und ein selbstndiges Reich gebildet. Aber das offene, unbeschtzte Land wurde die bestndige Beute von berfllen und Verwstungen, -- es wurde ein Platz, auf dem drei feindliche Nationen aufeinanderstieen, den Boden mit Knochen dngten und mit Blut trnkten. _Ein_ berfall der Tataren zerstrte die ganze Arbeit des Landmanns; die Wiesen und Felder wurden von den Hufen der Rosse zerstampft oder niedergebrannt, die leichtgebauten Htten bis auf den Grund niedergerissen und die Einwohner vertrieben oder mitsamt ihrem Vieh in die Gefangenschaft gefhrt. Das war ein Land des Schreckens; und daher konnte hier nur ein kriegerisches, durch Zusammenschlu starkes Volk erstehen -- ein tollkhnes Volk, dessen ganzes Leben von Kriegen erfllt, und das in Krieg und Schlachten gesugt und aufgezogen war. Freiwillige und unfreiwillige Auswanderer, heimatlose Wanderer, die nichts zu verlieren hatten, Menschen, deren Leben keinen Heller wert war, deren zgelloser Wille sich keiner Macht und keinem Gesetz fgen wollte, und denen berall der Galgen drohte, zogen in dies Land und whlten diesen uerst gefhrlichen Ort, in unmittelbarer Nhe der asiatischen Eroberer der Tataren und Trken, zu ihrem Aufenthalt. Diese zusammengewrfelte Menschenmenge wuchs immer mehr an, vermehrte sich und bildete schlielich ein ganzes Volk, das seinen Charakter, ja, ich mchte sagen, sein Kolorit der ganzen Ukraine mitteilte -- es vollzog sich ein Wunder -- die friedlichen slawischen Stmme verwandelten sich unter seinem Einflu in ein kriegerisches Volk, das unter dem Namen Kosaken bekannt ist und eine der merkwrdigsten Erscheinungen in der Geschichte Europas bildet; vielleicht war nur dies Volk imstande, die verheerende berschwemmung durch die beiden mohammedanischen Stmme, die Europa zu verschlingen drohte, zurckzudmmen. VII Das erste Auftauchen der Kosaken fllt, wenn nicht ins Ende des XIII., so doch in den Anfang des XIV. Jahrhunderts, in das Jahrhundert, wo der starke Glaubenseifer in Europa noch nicht erloschen war, und wo sich pltzlich fast an allen Orten Brderschaften und Ritterorden bildeten, ganz im Widerspruch zu der damaligen allgemeinen Zersplitterung; diese Genossenschaften legten sich mit bewunderungswrdiger Selbstverleugnung alle mglichen Opfer auf, entsagten den gewhnlichen Lebensgewohnheiten der Ehe und wurden zu unbeugsamen Htern der geistigen Gter der Welt, und zu ehernen Beschtzern des christlichen Glaubens. Je schwcher der Zusammenhang der damaligen Staaten untereinander war, desto mchtiger wuchs die furchtbare Macht dieser Verbindungen an. Die Verbreitung des Islam und das Erstarken der jungen, mchtigen mohammedanischen Vlker, die schon in Europa eingedrungen waren, trugen auch zu ihrem Wachstum bei. Der Geist dieser Brderschaften drang berallhin -- er fate nicht nur unter den Rittern Fu -- aber allerdings waren ihre Ziele und Zwecke nicht immer dieselben. Um diese Zeit entstand in der Nhe der Stromschnellen ein Stdtchen, oder eine Ansiedlung mit Namen Tscherkassy, die von khnen Einwanderern gegrndet war; ihr Name erinnert an Bewohner des Kaukasus, denen auch von vielen die Grndung des Stdtchens zugeschrieben wird, denn dies war der Hauptsammelplatz und Aufenthaltsort der Kosaken. Anfnglich zwangen die hufigen Einflle der Tataren in den nrdlichen Teil der Ukraine die Bewohner, sich durch die Flucht zu retten, sich den Kosaken anzuschlieen und ihre Zahl zu vergrern. Das war ein bunter Haufen der allerverwegensten Vertreter der angrenzenden Nationen. Wilde Bergbewohner, verarmte Russen, polnische Leibeigene, die sich dem Despotismus ihrer Herren entzogen hatten, ja sogar abtrnnige Mohammedaner oder Tataren haben vielleicht den ersten Grund zu dieser merkwrdigen Gesellschaft am anderen Ufer des Dnjepr gelegt, die sich spter, gleich den Ordensrittern, den bestndigen Kampf mit den Unglubigen zum Ziel setzte. Dieser Menschenhaufen besa keine Befestigungen und keine einzige Burg. Erdhtten, Hhlen und allerhand Schlupfwinkel zwischen den Felswnden des Dnjepr, die hufig unter dem Wasser, oder auf den Inseln, oder im dichten Steppengras gelegen waren, dienten ihnen zum Versteck fr sich selbst und die zusammengeraubten Schtze. Die Nester dieser Ruber waren unsichtbar; sie kamen pltzlich herangeflogen, bemchtigten sich ihrer Beute und verschwanden dann wieder. Sie bekmpften die Tataren mit deren eigenen Waffen, das heit, sie wandten dabei die Kriegsfhrung der Asiaten an und fhrten berflle auf sie aus. Da ihr Leben unter dem bestndigen Druck der Angst stand, wollten auch sie ihrerseits ein Schreckbild fr ihre Nachbarn sein. Die Tataren und Trken muten jeden Augenblick eines berfalls seitens dieser unerbittlichen Bewohner der Stromschnellen gewrtig sein. Die mohammedanischen Nachbarn wuten nicht, welchen Namen sie diesem verhaten Volk geben sollten. Wenn einer dem anderen seine tiefste Verachtung ausdrcken wollte, so nannte er ihn einen Kosaken. VIII Ein groer Teil dieser Gesellschaft bestand aus den ursprnglichen autochthonen Bewohnern des sdlichen Ruland. Ein Beweis dafr ist ihre Sprache, die, obwohl sie viele tatarische und polnische Worte in sich aufgenommen, immer ihren reinen sdslawischen Charakter bewahrt hat, der dem damaligen russischen sehr hnlich war, und ein fernerer Beweis ist ihr Glaube, der immer der griechisch-katholische blieb. Jeder hatte freien Zutritt zu dieser Gemeinschaft, nur mute er unbedingt den griechischen Glauben annehmen. Diese Gesellschaft trug alle Merkmale, die einer Ruberbande eigen sind, an sich; aber wenn wir nher zusehen, so finden wir hier Keime eines politischen Organismus und eines charaktervollen Volkes, das sich gleich zu Anfang seiner Existenz ein wichtiges Ziel gesetzt hatte, -- den Kampf mit den Unglubigen und die Reinerhaltung der eigenen Religion. Das waren jedoch keine strengen katholischen Ritter, sie erlegten sich weder Gelbde noch Fasten auf; sie kasteiten sich nicht durch Enthaltsamkeit und Abttung des Fleisches; sie waren unbndig wie die Stromschnellen ihres Dnjepr und vergaen die ganze Welt bei ihren wilden Gelagen und wsten Festen. Die enge Verbrderung, die unter den Mitgliedern einer Ruberbande herrscht, verband auch sie miteinander. Alles war Gemeingut -- der Wein, das Geld und ihre Wohnsttten. Die ewige Angst, die ewige Gefahr flte ihnen eine eigentmliche Lebensverachtung ein. Der Kosak kmmerte sich mehr um sein volles Ma Wein, als um sein Schicksal. Aber bei ihren berfllen bewiesen sie Gewandtheit, Schrfe des Geistes und eine groe Geschicklichkeit, aus jedem Umstande Nutzen zu ziehen. Man mute diesen Bewohner der Stromschnellen in seiner halb tatarischen und halb polnischen Tracht, die so recht den Grenzbewohner verrieten, sehen, wenn er mit asiatischer Gewandtheit auf seinem Ro dahinsprengte, im dichten Steppengras verschwand, dann wieder mit der Schnelligkeit eines Tigers aus seinem unsichtbaren Schlupfwinkel hervorstrzte oder ganz in Schlingpflanzen und Schlamm gehllt als Schreckgespenst aus dem Sumpf oder Flu vor dem fliehenden Tataren auftauchte. Nach solch einem berfall bummelte und zechte derselbe Kosak mit seinen Kameraden herum, vergeudete und verschleuderte die erbeuteten Schtze, war sinnlos betrunken und lebte sorglos dahin, bis zu einem neuen Kriegszug, wenn nicht die Tataren ihn berrumpelten, die Sorglosen im betrunkenen Zustand auseinandertrieben und ihre Ansiedlung bis auf den Grund zerstrten. Doch bald entstand, wie durch ein Wunder, die Ansiedlung aufs neue, und ein verheerender, furchtbarer Ausfall gegen die Tataren rchte die erlittene Schmach. Und wieder begann das alte sorglose und zgellose Leben. IX Es schien fast, als sollte die Existenz dieses Volkes ewig sein. Es verminderte sich nie, die Ausscheidenden, die Erschlagenen und Ertrunkenen wurden immer wieder ersetzt. Dieses frhliche Leben bte seine Anziehungskraft auf jedermann aus. Das war ja noch jene poetische Zeit, wo man mit dem Sbel in der Hand alles erreichen konnte, und wo jeder einzelne nicht Zuschauer, sondern handelnde Person sein wollte. Die Kolonie nahm allmhlich einen ganz eigenartigen, allgemeinen Charakter an, aus ihr bildete sich eine eigene Nationalitt heraus, und je nher das XV. Jahrhundert herankam, desto mehr vergrerte sie sich durch neuen Zuzug. Allmhlich entstanden ganze Flecken und Drfer mit Husern, die von Familien bewohnt wurden, und sich in der Nhe dieses trotzigen Bollwerks ansiedelten, um unter der Bedingung gewisser Verpflichtungen ihren Schutz zu genieen. So geschah es, da das Land um Kiew herum verdete, und sich dagegen am jenseitigen Ufer des Dnjepr immer mehr und mehr bevlkerte. Durch die Berhrung und den Verkehr mit den Kosaken wurden auch die verheirateten Mnner, die Familienvter, allmhlich immer kriegerischer gesinnt. Der Sbel und der Pflug schlossen Freundschaft untereinander und fanden sich bei jedem Landmann zusammen. Verwegene Hagestolze fingen an, nicht nur Gold, Geld und Rosse, sondern auch Tatarenfrauen und -tchter zu rauben, die sie nachher heirateten. Durch diese Vermischung erhielten die Gesichter, die ehemals einen recht verschiedenartigen Vlkertypus aufwiesen, eine mehr gleichartige asiatische Physiognomie. Und so entstand ein Volk, das seinem Glauben und seinem Wohnort nach zu Europa gehrte, aber nach seinen Sitten, nach seiner Tracht und Lebensweise vollkommen asiatisch war, ein Volk, in dem zwei verschiedene Weltteile zusammentrafen, und zwei vllig anders geartete Elemente sich untereinander mischten: europische Vorsicht und asiatische Sorglosigkeit, Treuherzigkeit und Verschlagenheit, krftige Aktivitt und grenzenlose Trgheit und Verzrtelung, das Streben nach Fortschritt und Vervollkommnung -- und zugleich der Wunsch sich den Anschein zu geben, als verachte man jeglichen Fortschritt und jede Vervollkommnung. 1832. VI Einige Worte ber Puschkin Bei dem Namen Puschkin steigt sofort der Gedanke an Rulands nationalen Dichter auf. Und in der Tat -- es gibt keinen unter unseren Dichtern, der hher stnde, keiner kann mit mehr Recht national genannt werden, als er. Daher gebhrt dieser Titel vor allem _ihm_, wie keinem andern. In ihm ist, wie in einem Wrterbuch, der ganze Reichtum, die ganze Kraft und Geschmeidigkeit unserer Sprache niedergelegt. Er hat mehr, denn je ein anderer, ihre Grenzen erweitert und uns ihre gewaltigen Dimensionen offenbart. Puschkin ist eine ganz auerordentliche Erscheinung, ja vielleicht die erste und einzige, die der russische Geist hervorgebracht hat, das ist der russische Mensch in seiner hchsten und letzten Ausprgung, wie er sich uns vielleicht erst in zwei Jahrhunderten darstellen wird. In ihm spiegelt sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache und der russische Charakter in einer solch reinen sublimen Schnheit, wie eine Landschaft auf der konvexen Oberflche eines optischen Glases. Schon sein Leben war echt russisch. Die freie Ungebundenheit und Flle, nach der es den Russen verlangt, wenn er sich fr einen Augenblick selbst vergit, und die eine so starke Anziehungskraft auf die frische russische Jugend besitzt, sind auch fr die ersten Jahre charakteristisch, whrend der er die groe Welt betritt. -- Wie mit Absicht fhrte ihn das Schicksal gerade dorthin, wo die Grenzen Rulands durch Schroffheit und charaktervolle Majestt der Natur bezeichnet werden, wo die grenzenlose russische Ebene vom Sdwind umfchelt und von steil in die Wolken ragenden Bergen unterbrochen wird. Der gigantische, mit ewigem Schnee bedeckte Kaukasus, der mitten aus der heien sdlichen Ebene emporsteigt, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, man kann sagen, er erweckte die Krfte seiner Seele und sprengte die letzten Ketten, die den freien Gedanken noch beschwerten. Das poesievolle, zgellose Leben der verwegenen Bergbewohner, ihre stndigen Zusammenste und ihre pltzlichen unwiderstehlichen berflle entzckten ihn. Und seit jener Zeit erhielt sein Pinsel jenen wunderbaren Schwung und jene Khnheit, die das ganze Ruland, das erst eben zu lesen begonnen hatte, so tief ergriff. Wenn er den Kampf eines Tschetschenzen mit einem Kosaken schildert, dann sind seine Worte wie Blitze; sie funkeln wie eine blanke Sbelklinge und strmen schneller dahin, als die Wogen der Schlacht. Nur er versteht es, den Kaukasus zu besingen; er ist mit seiner ganzen Seele, mit allen seinen Sinnen in ihn verliebt; er ist ganz erfllt, ganz durchdrungen von der Schnheit seiner Landschaft, vom sdlichen Himmel, von den herrlichen, Grusischen Ebenen, von den berauschenden Nchten und Grten der Krim. Das macht wohl, da er in all seinen Werken da am wrmsten und feurigsten ist, wo seine Seele vom Hauch des Sdens getroffen wird. Unwillkrlich setzt er hier seine ganze Kraft ein, und daher bten auch seine Schpfungen, die, vom Kaukasus handelnd, vom freien Leben der Tscherkessen und den Nchten der Krim erfllt sind, jenen herrlichen magischen Zauber aus; selbst die, denen es an Geschmack fehlte, und deren geistige Fhigkeiten nicht ausreichten, um ihn zu verstehen, waren von ihnen entzckt. Das Khne ist am leichtesten verstndlich, es weitet die Seele mchtig und gewaltig aus, vor allem die der Jugend, die es immer nach Ungewhnlichem drstet. Kein einziger Poet in ganz Ruland hatte ein so beneidenswertes Schicksal wie Puschkin. Der Ruhm keines einzigen hat sich so schnell verbreitet, wie der seine. Alle fhlten sich verpflichtet, bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einige von den herrlichen, glnzenden Stellen aus seinen Werken zu zitieren, oder doch wenigstens zu verballhornisieren. Schon sein Name allein hatte etwas Elektrisierendes; ein miger Tintenkleckser brauchte ihn nur in einer seiner Arbeiten zu erwhnen, und sie wurde berall gelesen[3]. Schon bei seinem ersten Auftreten war er durch und durch national; denn die wahre Nationalitt besteht ja nicht in der Beschreibung eines russischen Sarafans, sondern in dem Geist eines Volkes. Ein Dichter kann auch dann noch national bleiben, wenn er ganz fremde Welten darstellt, nur mu er sie mit seinen Augen durch sein nationales Element hindurch, mit den Augen seines Volkes anschauen, er mu so reden und fhlen, da seine Landsleute meinen, sie seien es selbst, die so fhlten und redeten. Wenn man von den Eigenschaften sprechen will, die die Vorzge Puschkins im Vergleich mit anderen Schriftstellern bilden, so mu man sagen, da sie in der auergewhnlichen Krze seiner Schilderungen und in der seltenen Kunst liegen, einen Gegenstand mit ein paar Strichen zu zeichnen. Seine Epitheta sind so khn und treffend, da sie oft eine lange Umschreibung ersetzen, sein Pinsel strmt frmlich dahin. Ein kleines Werk von ihm ist stets ebensoviel wert, wie eine ganze groe Dichtung. Man kann kaum von einem anderen Dichter sagen, da bei ihm in einem kleinen Stcke so viel Gre, Schlichtheit und Kraft enthalten sei, wie bei Puschkin. Aber seine letzten Werke, die er in der Zeit verfate, als der Kaukasus mit seiner schroffen Majestt, mit seinen mchtigen in die Wolken ragenden Gipfeln seinen Blicken entschwunden war, als er sich ins Herz Rulands zurckzog und sich tiefer in die schlichte Ebene, in das Studium des Lebens und der Sitten seiner Landsleute versenkte, als er ein echt nationaler Dichter sein wollte -- diese seine letzten Dichtungen berraschten nicht mehr durch die Farbenpracht und die blendende Khnheit, die all seine Werke erfllte, wenn er vom Elbrus, von den Bergvlkern des Kaukasus, von der Krim und Grusien erzhlte. [Funote 3: Unter Puschkins Namen wurden auch eine Reihe abgeschmackter Verse verbreitet. Das ist das gewhnliche Los des Talents, dessen Name bekannt und berhmt ist. -- Anfangs lacht man darber, aber spter fngt man an, sich zu rgern, wenn man ber die erste Jugend hinaus ist und sieht, da diese Torheiten kein Ende nehmen. Schlielich schrieb man Puschkin sogar Werke wie Das Cholera-Mittel, Die erste Nacht und hnliche zu.] Ich glaube, diese Erscheinung ist nicht schwer zu erklren. Alle Leser, die gebildeten und ungebildeten waren von seiner khnen Pinselfhrung und dem Zauber seiner Bilder entzckt und verlangten strmisch, er solle volkstmliche und historische Themata zum Gegenstand seiner Poesie machen, sie vergaen, da man doch unmglich das ruhige und weniger von Leidenschaften erfllte russische Leben mit denselben Farben malen konnte, wie die Berge des Kaukasus und seine freien Bewohner. Die Masse des Publikums, die sozusagen die Nation ausmacht, ist sehr seltsam in ihren Anforderungen und Wnschen; sie schreit: Schildere uns, so wie wir sind, vllig wahrheitsgetreu, stelle die Taten unserer Ahnen dar, und zwar so, wie sie sich wirklich vollzogen haben. Aber, wenn es der Dichter dann versucht, ihrem Ruf Folge zu leisten, und alles wahrheitsgetreu, d. h. ganz so wie es sich abspielte, zu schildern, dann heit es gleich: Das ist matt, das ist schwach, das ist schlecht, es entspricht durchaus nicht der Wahrheit. Die Masse des Volkes gleicht in dieser Hinsicht einer Dame, die bei einem Maler ein Portrt bestellt, und den Wunsch uert, er solle es so hnlich wie mglich machen; aber weh ihm, wenn er es nicht versteht, alle ihre Fehler zu verhllen! Die russische Geschichte nimmt erst in ihrer letzten Epoche unter den Zaren eine groe Lebhaftigkeit an; bis dahin war der Charakter des Volkes meist recht farblos, die verschiedenen Abstufungen der Leidenschaften waren ihm unbekannt. Den Poeten trifft keine Schuld; aber auch dem Volk kann man sein Gefhl nicht belnehmen, das es verleitet, den Taten seiner Vorfahren greren Wert beizulegen. Daher hat der Poet zwei Mglichkeiten: entweder sein Pathos hher emporzuschrauben, dem Schwchlichen grere Kraft einzuflen, mit Feuer von Dingen zu reden, die in sich selbst keine starke innere Wrme haben, dann ist die Masse seiner Verehrer, die Masse des Volks auf seiner Seite und zugleich mit ihr das Geld; oder er mu der Wahrheit treu bleiben, gro sein, wo auch das Thema gro ist, khn und schroff sein, wo wahrhafte Khnheit und Schroffheit sich zeigt, ruhig und still bleiben, wo auch die Ereignisse nicht sieden und brodeln. Dann aber kann er der Masse Lebewohl sagen. Sie wird ihm nicht zujubeln, es sei denn, da der Gegenstand, den er darstellt, schon an und fr sich so gro und gewaltig ist, da er einen allgemeinen Enthusiasmus entfachen mu. Der Dichter vermied den ersten Weg, eben weil er Dichter bleiben wollte, und weil ein jeder, der nur einen Funken des heiligen Berufes in sich fhlt, ein so feines Empfinden hat, das es ihm nicht erlaubt, sein Talent durch solche Mittel zu offenbaren. Niemand wird leugnen, da ein wilder Bergbewohner mit seiner kriegerischen Tracht, der so frei wie die Freiheit selbst, der sein eigener Herr und Richter ist, einen viel strkeren Eindruck macht, als irgendein Assessor; und obgleich der erstere seinen Feind gettet, nachdem er ihm in einer Felsspalte auflauerte, oder ein ganzes Dorf niedergebrannt hat, so erscheint er uns doch viel bedeutender und interessanter und erweckt immer in weit hherem Grade Mitleid, als unser Beisitzer in seinem fadenscheinigen, mit Tabakflecken beschmutzten Frack, der, ohne es zu wollen, nur auf dem Wege von allerhand Nachforschungen und Nachprfungen eine Reihe von allen mglichen Leibeigenen und Freien ins Elend gebracht hat. Aber der eine wie der andere sind beides Erscheinungen, die unserer Welt angehren; sie haben beide ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, obwohl aus einem ganz natrlichen Grunde das, was wir seltener sehen, unsere Phantasie weit strker erregt, und so ist der Umstand, da der Dichter das Gewhnliche dem Ungewhnlichen vorzieht, nichts anderes als eine falsche Rechnung des Dichters -- eine falsche Rechnung gegenber seinem zahlreichen Publikum -- aber freilich nicht gegenber sich selbst. Dadurch verliert er nicht, nein, er gewinnt vielleicht sogar noch an Wert, allerdings wohl nur in den Augen einiger weniger Sachkundiger. Bei dieser Gelegenheit fllt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Ich hatte immer eine gewisse Leidenschaft fr die Malerei. Ich interessierte mich besonders fr eine Landschaft, die ich gemalt hatte, und in deren Vordergrunde sich ein verdorrter Baum erhob. Ich lebte damals auf dem Lande, die Kunstkenner und die Richter, die ber mich zu urteilen hatten, waren meine Nachbarn. Einer von ihnen warf einen prfenden Blick auf das Bild, schttelte den Kopf und sagte: -- Ein guter Knstler whlt sich immer einen schnen, schlanken Baum mit jungen, frischen Blttern und nicht einen vertrockneten. In meiner Kindheit verdro es mich, solche Urteile zu hren, aber spter habe ich daraus eine Lehre gezogen: man mu wissen, was der Masse gefllt und was ihr nicht gefllt. Die Werke Puschkins, die aus der russischen Natur herauswachsen, sind ebenso still und leidenschaftslos, wie die russische Natur. Nur der kann sie ganz verstehen, dessen Seele wahrhaft russische Elemente in sich trgt, der Ruland seine Heimat nennt, dessen Geist so zart organisiert ist und dessen Gefhl so fein zu empfinden gelernt hat, da er die scheinbar unbedeutenden russischen Lieder und den russischen Geist nachempfinden kann; denn je alltglicher der Gegenstand ist, desto hher mu der Dichter stehn, um aus ihm das Ungewhnliche an die Oberflche zu ziehen, und zwar so, da dieses Ungewhnliche zugleich die lauterste Wahrheit darstellt. In der Tat: sind Puschkins letzte Werke auch in ihrem ganzen Werte erkannt worden? Hat auch nur einer den Boris Godunow richtig verstanden und seine Bedeutung begriffen, dieses groe und tiefe Werk, voll innerer, unnahbarer Poesie, das jeden groben, bunten Schmuck verschmht, der der Masse ins Auge sticht. Jedenfalls ist nie ein richtiges Urteil ber diese Werke gedruckt worden, und sie sind bis heute so gut wie unbeachtet geblieben. In seinen kleinen Schriften, dieser herrlichen Anthologie ist Puschkin auerordentlich vielseitig, hier erscheint er noch umfassender und bedeutender als in seinen Dichtungen. Einzelne von diesen kleinen Werken haben etwas so Packendes und Blendendes, da sie ein jeder verstehen kann, aber der weitaus grte Teil unter ihnen, und zwar die allerschnsten erscheinen der groen Masse unbedeutend und gewhnlich. Um sie zu verstehen, mu man einen ganz besonderen Sprsinn und einen viel feineren Geschmack haben, als ihn ein Mensch besitzt, auf den nur die allergrten und hervorstechendsten Zge wirken. Hierzu mu man der groben, schweren Speisen lngst berdrssig, man mu in gewissem Mae Sybarit sein, dem nur kleine Vgel von der Gre eines Fingerhuts oder solche Gerichte Genu gewhren, deren Geschmack dem fade, seltsam und unangenehm erscheinen mu, der an die Gerichte seines Kochs, eines Leibeigenen vom Lande, gewhnt ist. Diese Sammlung seiner kleinen Gedichte stellt eine Reihe blendender Bilder dar. Es ist jene klare Welt, erfllt von jenen Zgen, die nur den Alten bekannt waren, jene Welt, in der die Natur so lebendig zu uns spricht und sich so hell wiederspiegelt, wie in der silbernen Flut eines Flusses, aus dem pltzlich ein blendendweier Nacken, schneeweie Hnde und ein Alabasterhals, umschattet von nachtschwarzen Locken -- oder kristallene Trauben, Myrten und schattige Haine leuchtend emportauchen, als wren sie fr das Leben geschaffen. Hier ist alles beisammen: Genu, Einfalt und ein pltzlicher Hhenflug des Gedankens, der die begeisterte Seele des Lesers pltzlich mit heiligem Schaudern umfngt. Das sind keine Kaskaden einer Rhetorik, die nur durch Wortreichtum gefllt und in denen ein jeder Satz nur deshalb so wuchtig wirkt, weil er sich mit andern verbindet und durch das Getn der ganzen Masse betubt, aber einzeln betrachtet, schwach und inhaltsleer erscheint. Hier fehlt jede Beredsamkeit, hier gibt es nur Poesie. Es fehlt jeder uere Glanz, alles ist einfach, anstndig, von nur innerer Klarheit erfllt, die sich jedoch nicht sofort offenbart. Hier ist alles lakonisch, wie die wahre Poesie es immer ist. Es sind immer nur wenige Worte, aber sie sind so treffend, da sie alles sagen. In jedem Worte liegt ein ganzer unendlicher Abgrund beschlossen, jedes Wort ist so unerschpflich wie der Dichter selbst. So kommt es, da man diese kleinen Werke immer wieder liest, whrend dieser hohe Vorzug einem Werke fehlt, in dem der Grundgedanke allzu klar hervorleuchtet. Es war mir immer merkwrdig, Urteile von Mnnern, die den Ruf von Kunstkennern und Literaten hatten, ber diese Werke zu hren; hatte ich ehemals doch viel auf sie gegeben, ehe ich ihre Ansichten ber diesen Gegenstand kennen gelernt hatte. Man kann diese kleinen Werke einen Prfstein nennen, an dem man den Geschmack und das sthetische Gefhl des Kritikers messen kann. Aber seltsam! Man sollte meinen, diese Gedichte mten jedem verstndlich sein! Sie sind so schlicht und zugleich erhaben, so glhend und leuchtend, so sinnlich und zugleich doch wieder so kindlich rein. Wie knnte man sie nicht verstehen? Aber ach, es ist eine unerschtterliche Wahrheit: je mehr ein Poet ein wahrer Dichter ist, je mehr er nur die Gefhle darstellt, die nur ein Dichter kennt und empfindet, um so handgreiflich kleiner wird der Kreis der ihn umgebenden Menge, ja er wird schlielich so eng, da man zuletzt die Zahl seiner wahren Bewunderer an den Fingern abzhlen kann. 1832. VII ber die Architektur unserer Zeit Ich werde immer traurig, wenn ich die neuen Bauten sehe, die unaufhrlich vor unseren Augen entstehen, fr die Millionen verschleudert werden und von denen nur die allerwenigsten den erstaunten Blick durch Gre des Entwurfs, Eigenart und Khnheit der Phantasie, oder auch nur durch die Pracht und die blendende Buntheit der Ornamente fesseln. Und unwillkrlich drngt sich einem der Gedanke auf: sollte die groe Epoche der Architektur wirklich endgltig dahin sein? sollten wirklich Genialitt und Gre nie wieder bei uns einkehren? oder sind das Vorzge, die nur jungen von Energie und Enthusiasmus erfllten Vlkern eigen sind, die noch nichts wissen von der langweiligen und leidenschaftslosen Bildung? Warum erheben sich aber dann jene Vlker, auf die wir in unserer Selbstzufriedenheit so geringschtzig herabsehen und denen wir kaum einen Platz in der Weltgeschichte einrumen wollen, durch die Schpfungen ihres finsteren und durch keinen Funken von Wissen erleuchteten Verstandes so hoch ber uns? Warum sind denn dann die kolossalen Statuen der Inder so ungeheuer und grandios, warum sind die Baudenkmler der Araber so herrlich und prchtig? Und wie konnten in Europa whrend des Mittelalters so viele Bauten von so wunderbarer Gre entstehen? Wie ungern unterwirft man sich der berzeugungskraft dieser berlegung, aber alles spricht dafr, da sie wahr ist. Sie sind vorber -- diese Jahrhunderte, als noch der Glaube, der heie inbrnstige Glaube alle Gedanken, alle Geister und alles Tun und Trachten auf _ein_ Ziel hinlenkte, als noch der Knstler bestndig danach strebte, seine Schpfungen dem himmlischen Ideal immer mehr anzunhern; zu ihm allein trieb es ihn und schon wenn er seiner ansichtig wurde, erhob er fromm die zum Gebet gefalteten Hnde. Seine Gebude strebten zum Himmel empor, die schmalen Fenster, die Sulen und Pfeiler und die hohen Gewlbe streckten sich in die Hhe, durchbrochen und durchsichtig wie ein Spitzengewebe, schwebte gleich einer Rauchsule der spitze Turm darber, und der majesttische Dom erschien gegenber den Wohnhusern der Menschen so gewaltig und erhaben, wie das Streben unserer Seele gegenber den Trieben unseres Leibes. Es gab einst eine wunderbare christlich-europisch-nationale Architektur -- wir aber haben sie verlassen, aufgegeben und vergessen wie etwas Fremdes und sie geringschtzig behandelt wie etwas Plumpes und Barbarisches. Ist es da ein Wunder, da sich Europa schon nach drei Jahrhunderten eifrig auf alles mgliche strzte, gierig alles Fremde annahm, die herrliche antike rmische und byzantinische Bauart bewunderte und sie in seiner Weise verunstaltete; Europa wute nicht, da es mitten in seinem Herzen Wunderdinge gab, mit denen verglichen alles, was es bisher gesehen hatte, gering erscheint, es wute nicht, da es einen Mailnder und Klner Dom in sich beherbergte, und da noch heute die Steine des unvollendeten Turms vom Straburger Mnster verwittern. Die gotische Architektur, jener gotische Stil, der sich am Ende des Mittelalters herausbildete, ist eine Schpfung, wie sie der Geschmack des Menschen und seine Phantasie noch niemals hervorgebracht hat. Mit Unrecht will man sie von dem arabischen herleiten. Die Grundzge dieser beiden Stile gehen weit auseinander; von der arabischen Architektur entnahm die gotische nur die Kunst, der schweren Masse eines Baus eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen und sie mit wunderbaren Ornamenten zu schmcken, aber selbst der reiche Schmuck nahm bei ihr ganz andere Formen an. -- Sie ist erhaben und umfassend wie das Christentum! Hier finden wir alles vereinigt: einen Wald von schlanken, hoch ber unsere Hupter hinaufstrebenden Pfeilern, gewaltige, schmale Fenster in den verschiedenartigsten Variationen und mannigfachen Rahmen und dazu diese ungeheure, kolossale Masse, die durch eine bunte Menge kleiner Ornamente belebt wird; diese leichten Spinngewebe des Schnitzwerks, das das Ganze in sein Netz einhllt, es von der Basis bis zur Turmspitze umspinnt und mit ihm gen Himmel zu fliegen scheint: Majestt und Schnheit, Pracht und Schlichtheit, Schwere und Leichtigkeit -- das sind Vorzge, die nur die Architektur der damaligen Zeit zu vereinigen verstanden hat. Wenn man ins heilige Dunkel eines solchen Domes eintritt, wo das Licht phantastisch durch bunt gemalte Scheiben bricht, und seine Augen dorthin emporhebt, wo die mchtigen Pfeiler sich begegnen, kreuzen und schlielich ganz zu verlieren scheinen, da man ihr Ende nicht absieht, dann ist es nur natrlich, da man in seiner Seele unwillkrlich etwas von dem Schauer der Gegenwart des Heiligen versprt, an das selbst der khne Verstand nicht zu rhren wagt. Doch -- sie ist verschwunden, diese herrliche Architektur! Als der Enthusiasmus des Mittelalters erloschen war, als die Gedanken der Menschen sich immer mehr zersplitterten und sich auf eine Menge anderer Ziele richteten, als die Einheit und Ganzheit des einen Zieles verschwand, da verschwand zugleich mit ihnen auch Gre und Erhabenheit. Die Krfte zersplitterten sich und wurden immer schwcher. Man begann pltzlich auf allen Gebieten eine Menge der wunderbarsten Dinge zu produzieren, aber etwas wahrhaft Groes, etwas Gigantisches gab es nicht mehr. Eine Anzahl von Bewohnern des byzantinischen Reiches waren aus ihrer, von den Muselmnnern besetzten, lasterhaften Hauptstadt entflohen und verdarben nun den Geschmack der Europer und ihre kolossale Architektur. Die Byzantiner hatten damals schon lngst ihren klassischen alten attischen Geschmack verloren, ja, sie hatten sich nicht einmal den alten byzantinischen erhalten und brachten nur noch elende Reste ihres degenerierten Stiles nach Europa mit. Sie versuchten es, die runden, heidnischen, zauberischen, wollstigen Formen ihrer Kuppeln und Sulen dem Christentum anzupassen, aber sie machten das ebenso ungeschickt, wie sie das Christentum ihrem heidnischen, altersschwachen und jeder Spannkraft entbehrenden Leben angepat hatten. Die Kuppel streckte sich empor und nahm eine fast eckige Gestalt an. Die schlanken Linien der Giebel erschienen merkwrdig gebrochen und fhrten zu nichtssagenden Formen. Die in dieser Weise verunstaltete byzantische Architektur gelangte nach Europa, wo sie ihrerseits noch weiter verndert wurde, weil die Europer noch die ursprngliche gotische Idee und Vorstellung in ihrer Seele trugen, die der schwchlichen Vielseitigkeit der Griechen so sehr widersprach. Damals entstanden jene massiven Palste mit ihren sinnlosen Sulen und Halbsulen; das alles war zaghaft und kleinlich, das war keine Pracht, sondern nur eine migestalte Schlichtheit. Eine Menge mythologischer Kpfe und sinnloser Verzierungen, die an der schweren Masse klebten, verliehen ihr darum doch keine Leichtigkeit, milderten keineswegs ihre schroffen Linien durch einen Zusatz von Zartheit und drckten keinen Gedanken aus. Das Streben nach oben, das den schwersten Massen Leichtigkeit und Erhabenheit verliehen hatte, war verschwunden. Statt dessen wuchsen sie jetzt in die Breite. Aber die Kirchen, die im XVII. und im Anfang des XVIII. Jahrhunderts gebaut wurden, lassen die Idee ihrer Bestimmung noch weniger erkennen. Bei ihrem Anblick hat man, wie es scheint, dasselbe Gefhl, wie wenn ein roher Mensch sich die Allren eines feinen Weltmannes zu geben sucht. In ihnen vereinigte sich die gerade Linie in geschmackloser Weise mit der geschwungenen und krummen. Trotz der halbgotischen Form ihrer ganzen Masse haben sie den gotischen Charakter ganz eingebt. Die Fenster sind klein und stehen dicht gedrngt nebeneinander oder sie sind ohne jede Harmonie auf eine groe Flche verteilt. Die Pilaster ziehen sich nicht mehr durch die ganze Lnge des Baues hin, sondern sind entweder oben unter der Kuppel oder aber in der Mitte der Mauer angeklebt, sie sind kurz, plump und tragen hufig noch ein zweites Stockwerk ebensolcher kleiner und hlicher Sulenreihen. Die Linie des Daches ist gleichfalls gebrochen; dabei hlt man hufig noch an dem gotischen Turm fest, aber es ist nicht mehr der leichte, durchbrochene, durchsichtige Turm, der unter der Hand der mittelalterlichen Knstler eine so sthetische Gestalt annahm. Jetzt ist er massiv, schwerfllig und strebt auch gar nicht mehr zum Himmel empor. Alles, was an das lngliche, aufstrebende gotische Detail erinnerte, wurde nunmehr als geschmacklos verworfen. Obgleich der Geschmack im Laufe des XVIII. Jahrhunderts etwas besser wurde, haben wir darum noch nichts gewonnen; denn diese Besserung vollzog sich innerhalb der Fesseln fremder Formen. Die gotische Schwere wurde mit Recht verpnt, in ihrer Mischung mit der griechischen Form war sie hlich bis zur Unmglichkeit. Jetzt begann man mit noch grerem Eifer die Antike zu studieren. Aber man tat es, wie es ngstliche Schler tun, die die kleinsten Einzelheiten des Originals mit peinlicher Sorgfalt kopieren und darber die Idee des Ganzen vergessen. Man nahm einzelne Teile heraus und klebte sie an die ungeheure Masse und berlud diese mit ihnen, die dadurch einen bis dahin geradezu unerhrten Mangel an Einheitlichkeit und Harmonie aufzuweisen begann. Die Sulen und Kuppeln, die uns ehedem am meisten entzckt hatten, wurden bei jedem Gebude ganz ziel- und zwecklos und an jeder nur mglichen Stelle angebracht. Sie bildeten nicht mehr den Grundgedanken des Bauwerks, sondern nur noch seine Teile oder -- besser gesagt -- seinen Schmuck. Wir vergrerten die Dimensionen des Gebudes immer mehr, whrend wir die Kuppel im Verhltnis zum Ganzen immer kleiner werden lieen. Wir betrachteten das Gebude, das wir zum Modell gewhlt hatten, nicht aus einer gewissen Entfernung und durch das Vergrerungsglas, sondern wir sahen es aus der Nhe, und die Kuppel wurde ganz klein und verschwand vor dem Ganzen. Und da wir nun dieses einsame Thronen hoch ber dem Gebude als leer empfanden, so fgten wir schnell noch ein paar weitere hinzu, setzten dem Gebude noch einige Trme auf, die ber sie hinausragten, und die Kuppeln bekamen eine gewisse hnlichkeit mit Pilzen. Die Kuppel, dieses schnste und herrlichste Produkt des Geschmacks, wenn sie anmutig und leicht geschwungen das ganze Gebude beherrscht und strahlend mit ihrer wolkigen Oberflche auf der ganzen weien Masse ruht, verschwand vollstndig. Ich liebe die Kuppel, jene wundervolle, gewaltige, schwach gewlbte Kuppel, die der reiche Geschmack der Griechen im alexandrinischen Zeitalter und nach ihm im Jahrhundert der Genusucht und des Egoismus wieder erstehen lie. Dieses Jahrhundert einer raffinierten Lebenszerstckelung, das Jahrhundert der leichten, duftigen Wollust, der Trgheit und ppigkeit atmenden Anthologie, wo ein jeder nur sich selbst angehrte, fr sich selbst und nicht fr die Gesellschaft lebte, und wo ber den herrlichen, prchtigen ffentlichen Bdern sich berall diese Kuppel erhob, khn geschwungen wie das Himmelsgewlbe. Nichts kann die Masse der Huser so selig und so wundervoll krnen, wie eine solche Kuppel; aber sie darf nur ber einem Gebude ruhn, das sich unermelich in die Breite dehnt und einen mglichst groen Flchenraum umspannt. Sie mu auf seinem ganzen groen Grundri ruhn, sie mu heller als das Gebude selbst und womglich ganz wei sein. Dieses blendende Wei verleiht ihrer leicht geschwungenen Form einen unbegreiflichen Zauber und eine herrliche Flle, und sie rundet sich dann noch wunderbarer und luftiger im Himmelsblau. Noch heute haben die Stdte von Syrien und thiopien einen ganz ungewhnlichen Reiz, weil sich in ihnen noch einzelne Kuppeln dieser Art erhalten haben. Und auch gegenwrtig noch kann man im Orient eine ganze Menge von groartigen Exemplaren finden. Der Portikus mit seinen Sulen, dieses leuchtende Erzeugnis des harmonischen, attischen Geschmacks, der keinerlei berbau ber sich duldete, ist uns gleichfalls verloren gegangen. Man kam nicht auf den Gedanken, ihn ins Kolossale zu steigern, ihn ber die ganze Breite und Hhe des Gebudes auszudehnen. Man hat ihn nicht in die Breite entwickelt und auch nicht vergrert, sondern man wandte ihn in seiner gewhnlichen Form an. Ist es da ein Wunder, da Gebude, die eines mchtigen Portikus bedurft htten, leer erschienen, da nur ber den Portalen einige auf Sulen ruhende Giebel angebracht wurden. Die in Kirchen und Palsten ber ihm aufgebauten Massen und Trme, die seinem Charakter gar nicht entsprachen, erdrckten und vernichteten ihn vollends. So ist auch ein Dichter, der kein groes Genie besitzt, stets unzufrieden mit einem einfachen Sujet, und statt es neu zu entwickeln und ins Groe zu steigern, verkoppelt er es mit einer ganzen Reihe anderer. Seine Dichtung wird durch die Buntheit der verschiedenen Gegenstnde nur belastet, aber es fehlt ihr an einem beherrschenden Gedanken, und so bildet sie kein harmonisches Ganzes mehr. Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts begann sich pltzlich die Idee der attischen Schlichtheit zu verbreiten, sie wurde -- wie das immer zu geschehen pflegt -- zur Mode und legte ihren Stempel auf alles, selbst auf die Kleider der Frauen, die sich in leichte nachlssige Hetrengewnder verwandelten. Man htte meinen knnen, die Zeit htte sich noch weiter in das Studium der Antike vertiefen und ihren Geist noch umfassender ergrnden mssen, und doch trug alles, was nach ihrem Vorbild erbaut wurde, den Stempel des Kleinlichen und Miniaturhaften. Man lernte wohl die Kunst, die Teile miteinander zu verbinden und zu harmonisieren, nicht aber _die_, dem Ganzen Gre zu verleihen und ihm die Proportion zu geben, die das Staunen und die Bewunderung des Beschauers erregen konnte. Diese neue Strmung gab sich fast ausschlielich in der Errichtung kleiner Lauben, Gartenpavillons und hnlichen Spielereien aus. Diese Dinge hatten wohl mancherlei Attisches an sich, aber man mute sie durch das Mikroskop betrachten. Bei groen ffentlichen Gebuden dagegen hielt man es nicht fr ntig, sich von diesem Stil leiten zu lassen; und so wurde dieser schlielich primitiv und einfach bis zur Plattheit. Eine beraus schdliche Richtung in der Architektur fhrte zu der Idee der Proportion, aber nicht zu der, die ein Gebude in Beziehung auf sich selbst, sondern nur zu der, die es in Beziehung auf die es umgebenden Bauten haben mu. Das ist fast ebenso, wie wenn ein Genie sich von allem Originellen und Ungewhnlichen fernhalten wollte, weil die gewhnlichen Menschen sonst gar zu armselig und unbedeutend erscheinen wrden. Diese Proportionalitt bestand auch darin, da ein Gebude, so gro seine Dimensionen an sich auch sein mochten, unbedingt klein erscheinen mute. Man isolierte es und suchte einen so gewaltigen und breiten Platz fr es aus, da es einen noch weit unbedeutenderen Eindruck machen mute. Es war fast so, als glte es vor allem, den Gedanken einzuprgen, da das Groe gar nicht gro sei, und als wollte man die Achtung und die Andacht vor dem Groen gewaltsam in der Seele ersticken und den Menschen gegen alles gleichgltig machen. Man begann nun, allen stdtischen Gebuden eine ganz platte einfache Form zu geben. Die Huser suchte man einander so hnlich wie mglich zu machen, aber sie glichen mehr Scheunen und Kasernen, als heiteren Wohnsttten von Menschen. Ihre ganz glatte Form gewann durchaus nicht an Lebhaftigkeit durch die kleinen, regelmigen Fenster, die gegenber dem ganzen Gebude das Aussehen von zusammengekniffenen Augen annahmen. Und auf diese Architektur waren wir noch vor kurzem so stolz, hielten sie fr die hchste Blte des Geschmacks und erbauten ganze Stdte in ihrem Stile. Wenn sich heutzutage jemand erkhnte, inmitten dieser glatten einfrmigen Husermassen einen Bau zu errichten, der den Stempel eines eigenartigen, scharf ausgeprgten Stiles trge, oder unmittelbar neben ein Gebude im attischen Geschmack ein anderes gotisches zu setzen -- man wrde ihn sicherlich fr halb verrckt halten! Und darum haben ja auch die neuen Stdte gar keine Physiognomie: sie sind alle so regelmig, so einfrmig, so monoton; wenn man eine Strae kennen gelernt hat, fhlt man sich schon gelangweilt und versprt durchaus keinen Wunsch, in eine zweite hineinzublicken. Das ist eine lange Reihe von Mauern und weiter nichts! Vergebens sucht das Auge nach einem Punkt, wo sich eine Mauer von der ununterbrochenen Reihe loslst, in die Hhe schiet und in khn geschwungener Wlbung nach den Wolken strebt oder in einen gewaltigen Turm ausmndet. Eine alte deutsche Stadt mit ihren engen Gassen, ihren bunten Husern und ihren hohen Glockentrmen bietet ein Bild dar, das unserer Einbildungskraft weit mehr zu sagen hat; selbst die Ansicht einer morgenlndischen Stadt mit ihren hohen schlanken Minaretts, ihren bunten orientalischen, ganz im Grn der Grten ertrinkenden Kuppeln hat weit mehr Charakter und strmt mehr Poesie und Phantasie aus als unsere europischen Stdte mit ihrer modernen Architektur. Groe und kolossale Trme gehren unbedingt zu einer Stadt, ganz abgesehen von der groen Bedeutung, die sie fr die christlichen Kirchen haben -- sie bieten nicht nur einen schnen Anblick dar und dienen ihnen nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer Stadt ein scharfes charakteristisches Geprge geben und die Rolle eines Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich zu verirren. Noch notwendiger sind sie fr die Hauptstdte, da sie gnstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten kann. Bei uns begngt man sich gewhnlich schon mit einer Hhe, die gerade ausreicht, das Stadtbild zu berblicken. Und doch wre es fr eine groe Stadt von hervorragender Bedeutung, einen berblick ber eine Flche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu wrden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr gengen, und das Bild wrde sich sofort ndern, denn bei der Erhhung des Standortes nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die Hauptstadt gewinnt damit einen groen Vorteil, wenn ihr der berblick ber die Provinz gewhrleistet wird und wenn sie die Dinge schneller vorauszusehen vermag; ein Gebude, das das gewhnliche Ma bersteigt, nimmt sogleich ein majesttisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur Vorteil davon, denn die Gre des Baues spornt seine Begeisterung zu hherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an. Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Gre wie mit Absicht verbergen zu wollen, whrend sie doch gerade ihre Raumwirkung um so strker htte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Gre ist ein anderes: ein Gebude mu sich fast unmittelbar ber dem Haupte des Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf da sich ein pltzliches Staunen seiner bemchtige, und er mu kaum imstande sein, die ganze Hhe mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebude auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Strae mnden, so da man den Bau von ferne in perspektivischer Verkrzung bersehen kann; in der Nhe aber mu er eine berwltigende Gre haben. Es ist auch gut, wenn eine Strae an ihm vorbeifhrt, wenn an seinem Eingangstor Wagen donnernd vorberrollen, wenn sich Menschen um ihn drngen und durch ihre Kleinheit seine Gre noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt nur dem Menschen mehr Raum, und er wird hher und stolzer emporblicken auf die vor ihm liegenden Gegenstnde. Alles wird ihm klein erscheinen. Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwrdig eingerichtet, da nur das Pltzliche, das uns beim ersten Blick Betubende uns erschttert. Daher mu die Hhe eines Gebudes im Verhltnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom uersten Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst nher herankommen mu, dann ist es nichts mit dem Gebude, und zugleich damit sind die Mhen und die Kosten, die es verursacht hat, dahin. Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurck, der unser XIX. Jahrhundert beeinflut hat. Selbst die Griechen fhlten es, da die ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebude gar zu platt wirken mssen, besonders wenn eine grere Anzahl solcher Bauten nebeneinander stehen. Sie fhlten, da die strenge Regelmigkeit und Einfachheit unbedingt in der nchsten Umgebung irgendeinen Gegensatz herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher berwlbten sie ihre Huser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das blendende Wei der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen Sulen hebt sich beraus schn von dem grnen Dunkel des Laubes ab. Denn es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bume, die ihre Zweige fast immer unregelmig, aber darum um so schner darber ausbreiten. Auch wenn ihre Gebude von anderen Bauten umgeben waren und mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies berma an Schlichtheit und versuchten es daher, ihnen mglichst viel Abwechslung zu geben. Zunchst dachten sie an die Natur und an Bume; aber in der Stadt ist der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der glatten dorischen Sulen immer hufiger korinthische mit Kapitlen aus krausem Blattwerk zu verwenden; berhaupt kamen alle Vlker instinktiv darauf, ihre Gebude mit Blttern oder Weinranken und -trauben oder anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmcken. Sie folgten dabei blind und unwillkrlich einer dunkeln Eingehung ihres Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von einem dunklen Urwaldgestrpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der Schlag einer Axt ertnte, am deutlichsten wieder. Diese sich in unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den Baumstamm mit seinen sten, Zweigen und Blttern. Daher stelle man ruhig neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung von herrlichen, majesttischen Bumen, und der griechische wie auch der gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die hchsten Effekte werden durch schroffe Gegenstze erzielt. Die Schnheit wirkt nie glnzender und aufflliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort hlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung fr alles andere und da wirkt er in gleichem Mae auf alle Menschen. Die einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhltnis, nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der dunkelblauen, die weie mit der hellblauen, die hellrote mit der grnen usw. harmonieren. Alles hngt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur mu man es vermeiden, bei ein und demselben Gebude verschiedene Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein jedes fr sich ein Ganzes und Ursprngliches bilden, dann darf der Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhltnis zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmler der verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter ist sie, um so hufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben und zu genieen. Wre es denn etwa wnschenswert, da der Spaziergnger in einem englischen Garten statt der langen Reihe berraschender Bilder immer nur denselben Weg wiederfnde oder doch immer solche Alleen, die durch ihre Ausblicke so sehr an schon frher Gesehenes erinnern, da sie einem lngst bekannt vorkommen. Wir bedrfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schn, wenn sie in _ihrer Art_ schn sind. Jeder Stil, der glatte und massive der gypter, der kolossale und bunte der Indier, der prchtige maurische Stil, der finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil -- sie alle sind schn, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle wirken majesttisch, wenn sie nur richtig verstanden werden. Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so wrde ich immer den gotischen whlen. Er ist rein europisch, ein reines Erzeugnis des europischen Geistes -- und darum steht er uns auch am besten an. Seine wunderbare Erhabenheit und Schnheit bertrifft alle andern, aber ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert ihn nicht. Blickt hufiger hin auf den berhmten Klner Dom, -- da habt ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestt. Weder die Antike noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Knstlern mehr Spielraum gewhrt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in die Hhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen Pilaster mssen eng gedrngt das ganze Gebude durchziehen. Keinesfalls drfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Lnge des Gebudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal berragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es dies verlangt, hher, immer hher, lat seine Mauern emporstreben und dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Fhren, von unzhligen Eckpfeilern umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben, nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die Dimension des Gebudes verringern. Alle Linien mssen vom Fundament bis zur Spitze ihre Richtung bewahren. Grere Fenster, von mannigfaltigster Form und kolossalen Verhltnissen! Eine leichte therische Spitze, und je mehr sich der Bau in die Hhe schwingt, um so durchsichtiger, schwebender mu er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache nicht: es darf kein Verhltnis zwischen der Hhe und der Breite bestehen. Das Wort Breite mu vllig verschwinden. Hier gibt es nur eine gesetzgebende Idee: die Hhe. Ich bin berzeugt, da mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Hhe habe keinen Wert fr uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material. Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei Theatern, Brsen oder Vereinshusern, wie berhaupt bei Bauten anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelpltze fr das Amsement, fr Hndler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein, da es keinen erhabeneren, groartigeren und passenderen Stil fr ein Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber wrden wir dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von seiner niederen Htte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich der alten groen Wahrheit zu erinnern, da das Volk nicht imstande ist, die Religion in derselben Reinheit und Krperlosigkeit zu erfassen, wie ein Mensch von hherer Bildung, da auf den gemeinen Mann die sichtbaren Gegenstnde den strksten Eindruck machen und da, je geringer diese Wirkung auf ihn, desto schwcher auch seine Begeisterung und sein einfltiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine Art von Betubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt. Das Ungewhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur dann, wenn es von schroffer Khnheit ist und einem in die Augen sticht. Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr wrde die Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der Vorteil, der sich aus ihr ergbe, kme dem eines einzelnen Menschen gegenber dem der ganzen Menschheit gleich. Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil entfernte und die Welt auf seine Vorzge hinwies. Von da ab begann er sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hbsch, sehr gefllig fr das Auge, aber ach! es fehlt die wahre Gre, die uns in den groen Baudenkmlern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbgen ber den Fenstern und trotz der Trme ist der wahrhaft gotische Charakter in ihnen nicht berall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und fr sich schon nicht kolossal genug (ein groer Mangel bei einem gotischen Gebude!) und ferner fehlt jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich eintrchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit Bewutsein beiseite gelassen worden, und die daher rhrende Gltte verleiht ihnen unwillkrlich einen anderen Charakter. Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich schnell berall zu verbreiten und berall einzudringen. Noch ehe er Zeit hatte, sich zu wahrer Gre zu erheben, wurde er kleinlich und spielerisch. Landhuser, Schrnke, Paravents, Tische, Sthle -- alles wurde gotisch. Und die mchtigen und herrlichen Ornamente wurden zu allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere Wnsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so enzyklopdisch, da wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen Gegenstand zu konzentrieren vermgen. Und daher zerstckeln wir alles, was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und Gewhnliche herabzuziehen. Die gyptische Architektur, deren ganze Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau von kleinen Brcken und Torbgen, deren Spitze ein vorberfahrender Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehngen und Uhrgehusen und den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir uns bei groen ffentlichen Gebuden einer Architektur, der man kaum einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrt einen solchen Mangel an Phantasie, da man sie unmglich als einen eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann. Es gibt eine Goldader, von der man jedoch kaum wei, da sie existiert. Es gibt eine ganz eigene, besondere Welt, aus der Europa noch so gut wie gar nicht geschpft hat. Das ist die orientalische Architektur, dieses Erzeugnis der reinen Phantasie, einer wunderbaren, glhenden orientalischen Einbildungskraft, die sich in Hyperbeln und Allegorien hllt und das Leben und seine prosaischen Nte flieht. Das Leben der Asiaten konnte sich nie so vielseitig entwickeln, wie das der Europer, ihre Bedrfnisse waren nie so mannigfaltig und zahlreich wie die unsrigen, und daher ist es nur natrlich, da ihre einfachen Wohnhuser der Buntheit, Klarheit und Anmut entbehren. Sie stehen isoliert da, haben etwas Monotones und wirken ebenso langweilig durch den Mangel an jeglicher Idee, wie der Asiate selbst, whrend er ruht. Aber berall, wo die asiatische Prachtliebe, dieser herrliche, mchtige Prunk, der in ihren Mrchen aufleuchtet, hingedrungen ist, berall, wo diese perlengeschmckte Tochter der orientalischen Phantasie hingelangte, da stehen auch heute noch wundersame, prchtige Palste. Ihr Bau whrte ganze Jahrhunderte. Ein ganzes Volk, eine ganze Nation arbeitete an ihrer Aufrichtung, und die Vorfahren glaubten an eine Vollendung durch die kommenden Generationen, wie an eine unausbleibliche Vorherbestimmung. berall, wo diese allmchtige massive Prachtliebe oder der wilde Enthusiasmus ihrer ursprnglichen Religion Boden gewann, da trmten sich, durch ihre Riesendimensionen furchterzeugende Denkmler auf, vor denen der Gedanke staunend verstummt, wenn man bedenkt, wie unbedeutend ihre Mittel und ihr Wissen und wie armselig ihre Maschinen waren, die sie zum Heben und Befestigen dieser schrecklichen Massen benutzten. Aber eine noch grere Bewunderung ergreift uns, wenn wir sehen, wie der halbwilde und noch ganz unkultivierte Mensch sich bei der Errichtung dieser gigantischen Bauten pltzlich entwickelt, von der Idee der Gottheit durchdrungen und begeistert wird, so da er unwillkrlich seinen Geist aufleuchten lt und der allmhlichen jahrhundertlangen Bildungsarbeit vorauseilt. Man werfe einen Blick auf diesen massiven, majesttischen Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) der Indier, der seiner Gre nach wohl eins der bedeutendsten Gebude darstellt. Diese pyramidenfrmige Verjngung der Masse nach oben, dieses allmhliche Kleinerwerden der Stockwerke, diese Unzahl indischer Sulengnge, die die Mauern umkleiden, diese bereinander getrmten Pilaster und Sulen, die den Eindruck machen, als klmmen sie aneinander hinauf, nur um so schnell wie mglich den Gipfel des ganzen Massivs zu erreichen -- das alles ist das Erzeugnis eines ganz eigenartigen Geschmacks. Aber wenn der Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) allzu schwerfllig ist und einen allzu heidnischen Charakter hat, so sehe man sich den wunderbaren Kutub-Minar an, dessen sich Dehli mit Recht rhmt. Ich kenne in der ganzen Welt keinen zweiten Turm, der bei einer fast attischen Schlichtheit so viel tiefe Schnheit ausstrmte und in dem die Phantasie sich so rein und erhaben verkrperte. Wenn wir uns diesen Stil auch nicht vollkommen aneignen knnen, so knnten die Europer doch mit Nutzen dieses pyramidale, kegelfrmige Streben nach oben, diese charakteristische Eigentmlichkeit des indischen Stils bei ihren Bauten in Anwendung bringen. Der orientalische Stil der Palste ist ganz entgegengesetzter Art. Hier herrscht die asiatische Pracht vor. Das Gebude dehnt sich stark in die Breite aus. Die gewaltige orientalische Kuppel ist entweder ganz rund oder sie wlbt sich wie eine wollstige umgestlpte Vase; sie hat die Form einer Kugel oder sie beherrscht, reich beladen mit Schmuck und mit Schnitzwerk versehen, wie eine prunkvolle Mitra patriarchalisch das ganze Gebude. Unten am Fue friedigt ein ganzes Gehege von kleinen Kuppeln wie ein Reigen demtiger Sklaven die mchtigen Mauern ein. Auf allen Seiten erheben sich schmale Minarets, die durch ihre leichte, heitere Haltung einen wunderbaren Kontrast zu der gewichtigen majesttischen Form des ganzen Gebudes bilden. So ruht der Mohammedaner in seinem weiten gold- und edelsteingeschmckten Gewande inmitten schlanker nackter Huris mit ihren blendend weien Leibern. Nirgends hat die Baukunst so verschiedene Formen angenommen wie im Orient. Man kann wohl sagen, da hier jedes Gebude ohne Rcksicht auf schon vorhandene Stilformen seine eigene Architektur ausbildete, oder richtiger, es entsprang aus ganz neuen Voraussetzungen, aus der Ahnung eines eigenen Stilgefhls, das mit den frheren nur eine entfernte hnlichkeit hatte und stets auf religisen und nationalen Prinzipien beruhte. Ganz Indien ist mit herrlichen Bauten berst; jeder Bau hat eine scharf ausgeprgte Eigenart, er trgt in so hohem Grade den Stempel seines eigenen Wesens, da man ihn nie in einer gemeinsamen Kategorie mit den anderen unterbringen kann. Diese Unzahl mannigfaltigster Kuppelformen, die einander nie gleichen, diese Ornamente und Zieraten, die immer neu und immer voneinander verschieden sind -- alles spricht von einer wunderbaren Phantasie, die sich niemals durch irgendwelche Regeln in Fessel schlagen lie. brigens lag der Grund dieser Mannigfaltigkeit vielleicht in den zahllosen Sekten, die Indien erfllten und eine ewige Opposition, eine bestndige Reizsamkeit der Einbildungskraft zur Folge hatten. Aber von noch herrlicherer Pracht erfllt, wie sie nur die orientalische Natur ausstrmt, sind die Gebude, die durch den arabischen Stil beeinflut wurden. In Asien fand whrend jener verheerenden Zusammenste alter und neuer Vlker, besonders aber derer, die den Islam bekannten, eine auerordentlich starke Vermischung der Stilarten statt, die besonders khne Abweichungen zur Folge hatte. Aber niemals und nirgends hat sich die Khnheit mit einer so wundersamen Pracht verbunden wie bei den Arabern; sie entnahmen der Natur alles, was sie an edelster Schnheit in sich birgt. Ihre Architektur hat nichts von dem Charakter undurchdringlicher Wlder; sie besteht ganz aus Blumen; sie ist mit Blumen geschmckt, sie ertrinkt in einem Meer von herrlichen ppigen Blten, wie sie das zarte anmutige Tal Kaschmirs bersen. Ihre geschnitzten Sulen sind mit Tulpen umwunden, ihr Schnitzwerk stellt Vergimeinnicht, vierbltterige Blten oder sich entfaltende Rosen dar. Ihre Galerien gleichen Palmenhainen, deren Wipfel sich zu Hallen wlben; alles verrt ihre auerordentliche Prachtliebe und ihren blhenden Geschmack. Diese Architektur scheint wie geschaffen fr ein Leben, das dem Genu geweiht ist, und fr heitere, helle Wohnsttten der Menschen. Alles Finstere und Dstere ist hier restlos ausgestoen. Jeder Baum ist so wunderbar und von einem zauberischen Reiz wie eine orientalische Schne mit ihren schwarzen Augen, die wie Blitze funkeln, mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide. Die orientalische Architektur weist etwas auf, was die Europer noch niemals angewendet haben; das sind ihre Sulen, die nicht glatt, sondern vom Sockel bis zum Kapitl mit bunten Zieraten versehen sind. Mitunter sind diese Sulen ganz durchbrochen und filigranartig: das Schnitzwerk durchdringt sie vollstndig. Es ist dies die wundersamste Erfindung des orientalischen Geschmacks. Ein solcher Bau mag noch so massiv sein, die Sulen lassen ihn trotzdem beinah therisch erscheinen. Man knnte sich fragen, warum sollen wir diesen Stil nicht auch auf unsern Boden verpflanzen? Aber der Geist und der Geschmack des Menschen ist ein seltsames Ding: ehe er die Wahrheit erreicht, macht er so viele Umwege, begeht er so viel Torheiten, Verkehrtheiten und Sinnlosigkeiten, da er sich nachher selbst ber seinen Unverstand wundert. Europa hat sich um all diese Baudenkmler nicht einmal gekmmert. Nur der Stil der Chinesen, den man wohl als den allerarmseligsten und kleinlichsten unter den Stilgattungen der orientalischen Vlker bezeichnen kann, wurde gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts durch einen seltsamen Zufall zu uns herbergetragen. Es war noch gut, da die Europer ihn nach ihrer Gewohnheit sogleich beim Bau von kleinen Brcken, bei Pavillons, Vasen und Kaminen nachahmten, und da es ihnen nicht in den Sinn kam, ihn bei groen Bauten anzuwenden. In der Tat hatte dieser Stil manche Vorzge bei kleinen Nippessachen, weil die Europer ihn sofort in ihrem Geiste vervollkommneten und ihm eine Anmut verliehen, die er an und fr sich gar nicht besitzt. Fehlt es doch auch dem Volk, das ihn hervorbrachte, trotz seiner hohen Bildung, vllig an Energie. Es gibt noch eine Stilart, die sich grundstzlich von allen bisher erwhnten unterscheidet; es ist dies die Architektur der indischen und gyptischen Katakomben, bei denen diese zwei Vlker in so wundersamer Weise zusammentrafen und so Anla dazu gaben, eine ursprngliche Verwandtschaft zwischen beiden anzunehmen. Ihr Hauptmerkmal ist ihre Schwere; hier vereinigt sich alles zu einer plumpen Masse, zu einem Klumpen. Das Gebude ruht gewichtig, wie auf Elefantenfen, auf kurzen schweren Sulen, deren Dicke fast ebenso bedeutend ist, wie ihre Hhe. Hier kommt die Breite und die Masse zur absoluten Herrschaft. Es ist, als ob das ganze Gewicht der Erde in ihr zur Darstellung kme, der Erde in deren Innerem sich ihre plumpe Majestt versteckt. Das, was bei andern Stilarten ein Fehler ist, wird hier zu einem Vorzug. Diese unterirdische Architektur hat auch etwas Erhabenes, obwohl sie ganz andere Gedanken anregt. Hier wirkt das Gewicht nicht hlich, sondern groartig, weil es die Grundidee des ganzen Gebudes darstellt. Wenn sich ein Knstler die Aufgabe stellt, etwas Massives und Schweres zu schaffen, und wenn es ihm gelingt, so ist sein Werk sicherlich gut. Aber wenn er die Absicht hatte, etwas Schwerflliges hervorzubringen, und etwas produziert, was gar nicht schwerfllig wirkt, oder umgekehrt, wenn er etwas Leichtes hervorbringen will, und statt dessen etwas erzeugt, was schwerfllig wirkt, so ist das auf jeden Fall vom bel. Nachdem man die Erde von diesen unterirdischen Bauten entfernt hatte, und diese nun im Lichte der Sonne dastanden, boten sie immer einen seltsamen und zugleich furchterregenden Anblick dar. Es schien fast, als liee die Erde pltzlich ihr tiefstes Innere sehn, und als lge die Finsternis pltzlich von grellem Lichte beleuchtet da -- diese Finsternis, die nur vom Lichte erhellt, nicht aber von ihm vertrieben wird, wie eine gyptische Urne oder der Kopf eines Toten auf einer festlich geschmckten Tafel. Mir scheint, man tat unrecht, diese Architektur unter die Erde zu verbannen: wenn wir sie pltzlich inmitten heiterer, leichtgebauter Huser erblicken, kann sie ihren Eindruck auf uns nicht verfehlen, ja, sie wird sicherlich einen starken Effekt hervorbringen. Ein einziges solches Gebude inmitten einer stark bevlkerten Stadt wrde sicherlich wundervoll wirken, aber nur eins und nicht mehr. Bei Bauten dieser Art bestehen die Teile aus schweren Massen, aber bei alledem sind ihre Verhltnisse von einer inneren, wenn auch beinahe schrecklichen Harmonie erfllt. Und etwas Vollendetes in diesem Stile zu leisten, ist sicherlich nicht ganz leicht. Die sich ber dem Erdboden erhebenden Bauten der gypter weisen einen ganz anderen Charakter auf; sie sind gleichfalls massiv, zugleich aber sind hchste Anmut und Schlichtheit zwei Zge, die man nie an ihnen vermissen wird. Ihren Grundcharakter aber bilden ihre kolossalen Dimensionen. Je glatter, je weniger gegliedert und mit auffallenden Verzierungen versehen sie sind, um so besser. Aber man wende sie nur nicht bei kleinen Brcken an, ohne ihre ungeheuren Dimensionen ist diese Architektur weniger als gar nichts. Ich wiederhole noch einmal: jeder Stil ist schn, wenn all seine Voraussetzungen erfllt und wenn er in strengem Einklang mit seiner Bestimmung gewhlt und durchgefhrt ist. Ohne diese wohlmeinende und unparteiische Toleranz kann es keine wahrhaften Talente noch auch wirklich groartige Werke geben. Fort mit dieser Scholastik, die jedem Gebude das gleiche Ma vorschreibt und verlangt, da alles in demselben Geschmack gebaut werde! Eine Stadt mu aus den verschiedensten Massen bestehen, wenn wir verlangen, da sie unseren Augen eine Freude sein soll. Mgen sich in ihr die verschiedensten Stilarten vereinigen. Mag sich doch in derselben Strae ein finsteres gotisches Gebude, ein mit ppigem Zierat geschmckter orientalischer Palast, ein kolossaler gyptischer Bau und ein von anmutiger Harmonie erflltes griechisches Haus erheben! Da mgen die leicht gewlbte milchfarbene Kuppel, die andchtige, ins Grenzenlose ragende Turmspitze, die orientalische Mitra, das abgeplattete italienische und das hohe, mit Figuren geschmckte flmische Dach, die vierkantige Pyramide, die runde Sule und der eckige Obelisk uns entgegentreten. Die Huser drfen so wenig wie mglich zu einer kompakten einfrmigen Mauer verschmelzen, sondern sich bald hoch emporrecken und bald wieder tiefer herabsinken. Trme von verschiedenstem Stil sollen das Straenbild beleben. Sollte es wirklich jemand geben, der den Mut, oder besser gesagt, die Schwche htte, zu behaupten, eine flache Ebene in der Natur liee sich mit einer Gegend voller sich bereinander trmender Schluchten, Felsblcke und Hgel vergleichen? Ein Architekt, der wirklich schpferische Kraft besitzt, mu eine grndliche Kenntnis aller Baustile besitzen; am wenigsten sollte er den Geschmack der Vlker verachten, auf die wir wegen ihrer knstlerischen Rckstndigkeit gewhnlich herabzusehen pflegen. Er mu sie alle umfassen, studieren und all ihre unendlichen Variationen in sich aufnehmen. Was aber die Hauptsache ist, er mu in ihre Idee eindringen und sich nicht nur ihre kleinen ueren Formen und Teile aneignen. Um jedoch ihr Wesen zu ergreifen, dazu mu er ein Genie und ein Poet sein. Aber wenden wir uns nun zu der Architektur der Stdte. Eine Stadt sollte so gebaut werden, da jeder ihrer Teile, jede einzelne Husermasse ein lebendiges Bild darbietet. Jede Husergruppe mu belebt werden, so da sie -- wenn ich mich so ausdrcken darf -- immer neue charakteristische Zge hervorzubringen scheint, damit sie sich unserem Gedchtnisse einprge und unserer Einbildungskraft keine Ruhe lasse. Es gibt Bilder, die man sein Leben lang nicht vergit, und es gibt solche, die man trotz aller Anstrengungen nicht im Gedchtnis festhalten kann. Die Baukunst ist grber, zugleich aber groartiger als alle anderen Knste, wie die Malerei, die Skulptur und die Musik. Und daher liegt ihre Wirkung in dem Effekt, den sie ausbt. Ein Stadtbild hat den Vorzug, da man es mit einem Schlage verndern und nach eigenem Ermessen umgestalten kann. Hufig braucht man nur ein einziges Gebude zu den schon bestehenden hinzuzufgen, und es verndert gnzlich seine Form und erhlt einen vllig andern Charakter, so wie die Zeichnung eines Schlers pltzlich unter dem Pinsel oder dem Stift des Lehrers Leben gewinnt. Er verstrkt an der einen Stelle die Linie, retuschiert etwas an einer andern, er berhrt die dritte kaum, und alles wird anders. Auerdem fhren uns hufig die Fehler selbst auf die Idee, wie wir sie vermeiden knnen. Das Charakterlose bringt uns das Charaktervolle, das Kleinliche und Platte seine Gegenstze, das Khne und Ungewhnliche zum Bewutsein. Eine Vertiefung nach unten erweckt die Idee einer Erhhung nach oben und umgekehrt. Das Genie ist ein Besitzer unendlicher Reichtmer, vor dem die ganze Welt mit allen ihren Schtzen verblat. Bei der Anlage einer Stadt mu man auch auf die Bodenbeschaffenheit achten. Stdte werden entweder auf Anhhen, auf Hgeln oder in der Ebene erbaut. Eine hochgelegene Stadt erfordert weniger Kunst, weil da die Natur schon selbst bei ihrem Bau mithilft. Sie erhebt die Huser bald auf ihre majesttischen Hgel und lt sie mitten unter ihren Nachbarn wie Riesen erscheinen, bald wieder lt sie sie in die Tiefe herabsinken, um die umstehenden Huser zur Geltung zu bringen. In solchen Stdten ist es nicht notwendig, fr eine groe Abwechslung zu sorgen. Hier kann man glatte und einfrmige Fronten verwerten, weil schon das ungleichmige Terrain eine gewisse Abwechslung hineinbringt, indem es ihnen verschiedene Standpunkte anweist. Man mu darauf achten, da die Hhe der einzelnen hintereinander stehenden Huser so zur Geltung komme, da der Beschauer am Fue eines Hgels den Eindruck gewinnt, als erhebe sich vor ihm eine zwanzigstckige Masse. Dort bedarf es keiner groen Kunst, wo die Natur noch gewaltiger ist als die Kunst, und da dient die letztere nur dazu, die erstere zu schmcken. Da dagegen, wo das Terrain eben und einfrmig ist, wo die Natur schlummert, da mu die Kunst mit voller Kraft einsetzen. Sie mu Farbe und Kolorit in die Landschaft hineinbringen, mu -- wenn ich mich so ausdrcken darf -- den Boden aufwhlen, die Ebene verschwinden lassen und die tote, flache Wste beleben. Hier wren Schlichtheit und Einfrmigkeit Snde. Hier mu die Architektur so eigenartig wie nur mglich sein: sie mu bald ein dsteres ueres annehmen, bald wieder einen frhlichen Ausdruck, bald mu sie einen altertmlichen Eindruck machen, bald wieder durch ihre Neuheit verblffen. Sie mu uns mit Schrecken erfllen, durch ihre Schnheit blenden, bald dster blicken wie ein von Gewitterwolken verfinsterter Tag, und bald wieder heiter wie ein strahlender Morgen voller Sonnenglanz. Die Architektur ist in ihrer Art auch eine Weltchronik, sie spricht noch zu uns, wenn die Sagen und Gesnge lngst verstummt sind und wenn uns nichts mehr von einem untergegangenen Volke berichtet. So mag sie denn, wenn auch nur teilweise, sich mitten in unseren Stdten erheben, wie sie einst zu Lebzeiten eines zugrunde gegangenen Volkes existierte, auf da bei ihrem Anblick uns immer der Gedanke an sein vergangenes Dasein aufsteige, da wir uns in sein Leben und in seine Sitten und Gewohnheiten, in seinen Bildungsgrad versetzen und mit Dankbarkeit an dies Volk zurckdenken, dessen Auftreten selbst eine Sprosse an der Leiter unseres eigenen Aufstiegs bedeutet[4]. [Funote 4: Mir kam frher hufig ein seltsamer Gedanke; ich war der Ansicht, es mte doch schn sein, wenn eine jede Stadt eine Strae aufzuweisen htte, die gewissermaen eine ganze Chronik der Architektur darstellt: dazu mte sie mit einem schweren, finsteren Tor beginnen; htte der Beschauer dieses passiert, so sollte er zu beiden Seiten des Weges gewaltige, mchtige Gebude in einem ursprnglichen, noch rohen Geschmack, wie er allen Urvlkern eigen ist, erblicken, auf diese sollten die verschiedenen Entwicklungsformen des Stiles folgen: Seine machtvolle Umgestaltung, zur gyptischen Architektur, sodann zur Schnheit des griechischen Stils, ferner zur wollstigen Pracht der alexandrinischen und byzantinischen Architektur mit ihren flachen Kuppeln, dann zum rmischen Stil mit seinen vielreihigen Arkaden, und dann wieder der Niedergang, das Zurckfallen in die rohen Zeiten und das pltzliche Sichaufschwingen zu der ungewhnlichen Pracht der arabischen Architektur; hierauf sollte der rohe gotische, dann der gotisch-arabische und dann der reingotische Stil, diese Krone der Kunst, wie wir sie in dem Klner Dom vorfinden, folgen; hierauf die furchtbare Vermischung aller Stile unter dem Einflu der byzantinischen Kunst, dann die Wiederkehr der alten griechischen Architektur in neuem Gewande, und endlich mte die Strae in ein Tor ausmnden, das alle Elemente des neuen Geschmacks in sich zusammenfat. Diese Strae wre dann in gewissem Sinne eine lebendige Entwicklungsgeschichte des Geschmacks, und wer zu faul wre, dicke Folianten durchzublttern, der brauchte nur einmal durch diese Strae zu gehen, um ein vollkommenes Bild dieser Entwicklung zu erhalten.] Sollte es wirklich ganz unmglich sein, sei es auch nur um der Originalitt willen, eine vllig neue und eigenartige Architektur zu erschaffen, die allen Einflssen der lteren entzogen ist! Wenn der wilde, noch wenig entwickelte Mensch, dem nur die Natur, die er selbst noch so schlecht versteht, als Lehrmeisterin und Anregerin dient, ein Werk voller Schnheit, voll unbewuten instinktiven Stilgefhls schafft, woher knnen denn wir mit unseren so stark entwickelten Fhigkeiten und die wir die Natur in all ihrem geheimen Wirken soviel besser verstehen, -- woher knnen denn wir nichts schaffen, was von dem ganzen Reichtum unseres Wissens durchdrungen ist. Die Idee der Baukunst ward ja aus der Natur selbst geschpft, aber zu einer Zeit, als der Mensch ihren Einflu noch lebhaft empfand. Jetzt aber hat er die Kunst noch ber die Natur erhoben -- knnte er da seine Gedanken nicht aus der Kunst selbst oder richtiger aus der harmonischen Verschmelzung von Natur und Kunst schpfen! Man sehe nur, welche ungeheure Erfindungskraft er bei der Herstellung all der kleinen Mittel eines verfeinerten Luxus an den Tag legt. Man blicke hin auf all diese modernen Spielereien, die tglich emportauchen und wieder verschwinden. Man betrachte sie meinetwegen durch das Mikroskop, wenn sie anders unsere Aufmerksamkeit nicht fesseln -- welch feiner Geschmack spricht aus ihnen, was fr herrlichen nie dagewesenen Formen begegnen wir da! Hier finden wir einen Stil, wie er frher noch nie existiert hat. Das Schnitzwerk und die Arbeit sind so originell, so neu und dabei so schn, da wir uns hufig nicht satt sehen knnen. Aber ach! wir fhlen nicht das geringste Mitleid, wenn wir bemerken, wie der Geschmack des Menschen sich in der Produktion von Nichtigem und Vergnglichem verbraucht, statt sich in Ewigem und Unwandelbarem zu objektivieren. Knnten wir denn dieses in Stckwerk sich zersplitternde Kunstvermgen nicht auf groe Gegenstnde richten, mu denn alles, dem wir in der Natur begegnen, durchaus eine Sule, eine Kuppel oder ein Bogen sein? Wieviel Formen gibt es, die noch ganz unberhrt daliegen. In wie tausendfltiger Weise kann die gerade Linie sich in die gebrochene wandeln und ihre Richtung ndern! Wie unendlich mannigfaltig kann sich die Krumme wlben und ausweichen, wieviel neue Ornamente und Verzierungen lassen sich einfhren, die noch nie ein Architekt in seinen Kodex eintrug! -- In unserem Jahrhundert gibt es solche Errungenschaften und soviele ganz neue, nur ihm eigene Elemente, aus denen man das Material zu einer Unzahl neuer noch nie dagewesener Bauten schpfen knnte! -- Nehmen wir z. B. jene herabhngenden Verzierungen, wie sie erst vor kurzem gebruchlich wurden. Bisher wurde diese hngende Architektur nur bei Theaterlogen, Balkonen und kleinen Brcken angewandt. Aber wenn erst ganze Stockwerke schweben und durch khne Bogen miteinander verbunden sein werden, wenn ganze Massen statt auf schweren Sulen auf durchbrochenen Sttzen von Gueisen ruhen, wenn zahllose Balkone ein Haus von unten bis oben mit verschlungenem gueisernem Gitterwerk schmcken und tausenderlei herabhngende gueiserne Verzierungen es mit einem leichten Netz umgeben werden, so da es durch sie hindurchschimmert wie durch einen durchsichtigen Schleier, wenn diese diaphanen Verzierungen sich um einen herrlichen runden Turm schlingen und zusammen mit ihm zum Himmel emporfliegen wrden, -- welch eine Leichtigkeit und therische Schnheit wrden dann unsere Huser annehmen. Welch eine Menge von Anregungen finden wir berall verstreut, die im Kopfe eines Architekten ganz unerhrte, lebendige Ideen erzeugen knnen; aber freilich mte dieser Architekt ein schpferisches Genie und ein Dichter sein. 1831. [Dieser Aufsatz ist vor langer Zeit geschrieben. In den letzten Jahren ist der Geschmack in Europa und besonders in unserem geliebten Ruland besser geworden. Es gibt schon viele Architekten, die unserem Lande Ehre machen. Unter diesen mchte ich Brjulow nennen, dessen Bauten von wahrhaftem Geschmack und echter Originalitt erfllt sind.] VIII Al-Mamun Eine historische Charakteristik Nie ist ein Frst whrend einer solchen Bltezeit seines Reiches zur Herrschaft gelangt, wie Al-Mamun. Das furchterregende Kalifat erhob sich mchtig auf dem klassischen Boden der Alten Welt. Im Osten umfate es den ganzen blhenden Sdwesten Asiens, Indien mit eingeschlossen; im Westen zog es sich lngs den Ufern Afrikas bis nach Gibraltar hin. Seine mchtige Flotte beherrschte das Mittelmeer. Bagdad, die Hauptstadt dieser neuen, wunderbaren Welt, sandte seine Befehle bis in die entlegensten Grenzen seiner Provinzen. Das neu bekehrte Asien strmte in die ausgezeichneten Schulen von Bassor, Nippur und Kufa und reifte nun zu hherer Kultur. Damaskus konnte alle Lstlinge in seine kostbaren Stoffe hllen und ganz Europa mit Stahlklingen versorgen; schon dachte der Araber, Mohammeds Paradies auf der Erde zu errichten: er schuf Wasserleitungen, Palste und ganze Palmenwlder, wo Springbrunnen anmutig spielten und die Wohlgerche des Orients zum Himmel stiegen. Und doch hatte bei all dem Luxus noch keine der moralischen Krankheiten einer politischen Gesellschaft Zeit gehabt, hier Wurzel zu fassen. Alle Teile dieses gromchtigen Reiches, dieser mohammedanischen Welt, waren eng untereinander verbunden und dieser Zusammenhang wurde durch den Willen des merkwrdigen Harun immer mehr und mehr gefestigt, denn dieser hatte die vielseitigen Fhigkeiten seines Volkes erkannt. Er war weder nur Philosoph auf dem Thron, noch allein Politiker, noch blo Krieger oder Literat im Kaisermantel. Er vereinigte alles in sich, erstreckte seine Ttigkeit gleichmig auf alles und lie keinen Teil ber den andern Oberhand gewinnen. Er impfte seiner Nation nur gerade so viel von der fremdlndischen Kultur ein, wie ntig war, um ihre eigene Entwicklung zu frdern. Damals hatten die Araber die Epoche des Fanatismus und der Eroberungen schon hinter sich, waren aber noch immer von Enthusiasmus erfllt, und die feuersprhenden Seiten des Koran wurden noch mit derselben Begeisterung gelesen und seine Gebote noch ebenso sklavisch befolgt. Harun verstand es, den Gang der Administration und die Regierungsgeschfte zu beschleunigen und durch die Furcht vor seiner Allgegenwart seinen Befehlen berall Geltung zu verschaffen. Die Statthalter und Emire, die sonst immer darnach strebten, Selbstherrscher und Despoten zu sein, frchteten sich, dem Blicke des verkleideten Kalifen, dem nichts entging, zu begegnen -- und so ging die Regierung ohne Gesetze fest und bestimmt ihren Weg. Unter solchen Umstnden trat Al-Mamun die Herrschaft an. Byzanz nannte ihn den hochherzigen Beschtzer der Wissenschaft, die Geschichte reihte seinen Namen unter die Wohltter der Menschheit ein. Dieser Herrscher wollte sein politisches Reich in ein Reich der Musen verwandeln. Er besa die Lebhaftigkeit und alle Fhigkeiten, die fr ein ernstes Studium notwendig waren. Sein Charakter war von einer edlen Vornehmheit, das Streben nach Wahrheit seine Devise. Er war verliebt in die Wissenschaft, und zwar ganz selbstlos, er liebte sie um ihrer selbst willen, ohne an ihren Zweck und ihre Anwendung zu denken. Er gab sich ihr mit einer einseitigen Leidenschaft hin. Damals hatten die Araber erst eben den Aristoteles entdeckt. Ihrer allzu strmischen, ungeheuren orientalischen Phantasie mute der allumfassende, scharf denkende, griechische Philosoph fremd bleiben, aber die arabischen Gelehrten, die schon seit langer Zeit an mhsame Arbeit und schon an die Exaktheit und das formale Denken gewhnt waren, gaben sich mit einem wissenschaftlichen Feuereifer dem Studium hin. Diese endlosen Schlsse, diese die Ordnung dessen, was sie in ihren Seelen frher nur teilweise und wie durch ein Aufleuchten empfunden hatten, seine Erhebung zur Evidenz, das alles mute die damaligen Gelehrten bezaubern. Al-Mamun, der unter ihrem Einflu erzogen wurde, war von einem wahren Hunger nach Kultur erfllt und gab sich alle erdenkliche Mhe, diese bis dahin unbekannte griechische Welt in sein Reich einzufhren. Bagdad breitete seine Arme freundschaftlich der ganzen gelehrten Welt seiner Zeit entgegen. Die Gnade des Kalifen stand jedem offen, der irgendeinem Beruf angehrte, er mochte die Religion bekennen, die er wollte, und von noch so entgegengesetzten Prinzipien erfllt sein. Es war nur natrlich, da vor allem _die_ Mnner ihr Wissen nach Bagdad trugen, die in ihren Seelen noch das Bild des in christliche Formen gekleideten Polytheismus trugen, die bereit waren, mit ihrem Herzblut Ammonius Saccas, Plotin und die anderen Bekenner des Neuplatonismus zu verteidigen und die in dem nur zu sehr mit dem Streit um die verschiedenen christlichen Dogmen beschftigten Byzanz kein Feld fr ihre gelehrten Turniere fanden. Bagdad verwandelte sich in eine Republik der mannigfaltigsten Fakultten, Wissenschaften und Meinungen. Der knigliche Araber versenkte sich aufmerksam in die betubende Musik dieser gelehrten Disputationen und Spitzfindigkeiten. Die hheren Staatsbeamten konnten sich dem Beispiel ihres Herrschers nicht entziehen, und alle hheren Schichten des Reiches wurden von einer Art literarischer Monomanie ergriffen. Die Wesire und Emire versuchten ihrerseits, allerhand gelehrte Fremde an ihren Hof zu ziehen. Es ist selbstverstndlich, da die Administration damit in den Hintergrund gerckt wurde, da die Wrdentrger vieles, was zur Regierung gehrte, dem Gutdnken ihrer Sekretre oder Gnstlinge berlieen, da diese Gnstlinge hufig ganz ungebildet waren und ihre Stellung oft nur durch Intrigen erklommen, und da dies alles nicht ohne Einflu auf das Volk bleiben und mit der Zeit auf die Regierenden selbst zurckfallen mute. Die groe Zahl theoretischer Philosophen und Dichter, die hohe Regierungsposten einnahmen, lie im Lande keine starke Regierung aufkommen. Ihre Sphre liegt ganz wo anders; sie erfreuen sich des allerhchsten Schutzes und gehen ruhig ihren Weg. Nur die wenigen groen Dichter machen hierin eine Ausnahme, wenn sie den Philosophen, den Poeten und den Historiker in sich vereinigen, sie, die die Natur und den Menschen ergrnden, in die Vergangenheit dringen und die Zukunft voraussehen, und deren Worten das ganze Volk lauscht. Sie sind Hohepriester. Kluge Herrscher ehren sie durch ihren Verkehr, behten ihr kostbares Leben und frchten sich, dieses Leben durch Beteiligung an der so vielseitigen Ttigkeit des Regierens zu unterdrcken. Sie werden nur bei uerst wichtigen Ministerrten hinzugezogen, da sie bis in die Tiefe des menschlichen Herzens dringen. Der edle Al-Mamun hatte den aufrichtigen Wunsch, seine Untertanen glcklich zu machen. Er wute, da die Wissenschaften, die die Entwicklung der Menschen frdern, das beste Mittel, der treuste Fhrer zum Ziel seien. Mit aller Gewalt zwang er seine Untertanen, die von ihm eingefhrte Kultur anzunehmen. Aber die Aufklrung, die Al-Mamun zu verbreiten bestrebt war, entsprach am wenigsten dem angebotenen Charakter und der angeborenen Phantasie der Araber. Die wenig kraftvollen Prinzipien des Polytheismus, die sich in ein bloes Wortspiel verwandelt hatten, die frechen Verstmmelungen christlicher Ideen, die ein so seltsames Licht auf die Wissenschaft jener Zeit warfen, die sich nicht mit dieser verschmolzen, und man kann wohl sagen, sie durch ihr bergewicht vernichteten, bildeten einen krassen Kontrast zu der feurigen Natur der Araber, deren Phantasie die nchternen Schlsse des kalten Verstandes nur allzusehr unterdrckte. Dieses Volk ging nicht, nein, es flog frmlich seinem Entwicklungsziele entgegen. Sein Genius offenbarte sich pltzlich und gleichzeitig im Kriege, im Handel, in den Knsten, in der Manufaktur und in der ppigen Poesie des Orients. Seine reichen Gaben, wie hnliche in der Geschichte der Menschheit noch niemals dagewesen waren, entfalteten sich reich, strahlend, eigenartig und in hchster Orginalitt. Es schien fast, als sollte dieses Volk sich zu einer Nation von hchster Vollkommenheit entwickeln. Aber Al-Mamun verstand es nicht! Er beachtete die groe Wahrheit nicht, da die Bildung aus dem Volke selbst kommen mu, da eine aufgepfropfte Kultur nur insoweit angeeignet werden darf, als sie die eigene Entwicklung frdert, da aber die Entwicklung eines Volkes nur aus den eigenen nationalen Elementen hervorgehen kann. Fr die Araber aber wurde ihr Bettigungsfeld durch diese unfruchtbare fremdlndische Kultur nur versperrt. Der Kosmopolitismus Al-Mamuns, der allen Gelehrten aller Parteien den Eintritt in sein Reich gestattete, ging fast gar zu weit. Die Privilegien, die den Christen im Reiche zuteil wurden, muten notwendig den Ha der eigenen Untertanen erwecken und hatten selbst die Verachtung ntzlicher Einrichtungen zur Folge, -- ja, das Volk verlor sogar allmhlich die Liebe zu seinem Herrscher. In seinen Regierungsmaregeln war Al-Mamun mehr theoretischer als praktischer Philosoph, der doch ein Herrscher vor allem sein mte. Er kannte das Leben seines Volkes aus Beschreibungen und Erzhlungen anderer und nicht aus eigener Anschauung wie der groe Harun, der es persnlich studiert hatte. Bei den asiatischen Regierungsformen, die keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ganze Verwaltung auf den Schultern des Monarchen selbst, und daher mu seine Ttigkeit eine auergewhnlich intensive, mu seine Aufmerksamkeit bestndig gespannt sein; er darf niemand vertrauen, und sein Auge mu die Vielseitigkeit eines Argus haben; es braucht nur einen Augenblick einzuschlafen, und die mit seinen Vollmachten ausgestatteten Statthalter lehnen sich auf, und das Reich ist von einer Million Despoten erfllt. Al-Mamun aber lebte in seinem Bagdad wie in einem Musenreich, das er sich selbst geschaffen hatte und das ganz von der politischen Welt getrennt war. Die Christen, die allmhlich auch anfingen, sich in die Verwaltung einzumengen, konnten den Volksgeist und die Landessitten nicht kennen lernen. Auerdem war der fremde Glaube den Arabern, die noch an ihrem Enthusiasmus und ihrer Unduldsamkeit festhielten, unertrglich. Und whrend der Name Al-Mamuns auf den Lippen aller damaliger Gelehrten schwebte und seine Gastfreundschaft buntbeflaggte Schiffe an die syrische Kste lockte, wurde seine Macht im Innern des Reiches immer schwcher und schwcher. Die Bewohner der Provinzen, die ihren Kalifen nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, schtzten seinen Namen nur wenig. Die militrischen Krfte nahmen immer mehr ab. Die Kultur, die ihren Ausgangspunkt gewhnlich von Bagdad, dem Zentrum des Reiches, nahm, verringerte sich und erlosch immer mehr, je mehr sie sich den fernen Grenzen nherte. In den Grenzlndern hatte sich der Kulturzustand der Araber noch auf dem Niveau seiner ersten Periode erhalten, hier standen noch von Fanatismus erfllte Truppen, die jederzeit bereit waren, den Glauben Mohammeds mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Die mchtigen Emire, die bald die unzureichende Verbindung mit Bagdad erkannten, trumten von der Unabhngigkeit, und Al-Mamun mute noch whrend seiner Regierung den Abfall Persiens, Indiens und der entlegenen Provinzen Afrikas erleben. Aber vielleicht wre diese falsche Richtung der Verwaltung noch ein bel gewesen, das wieder gutzumachen war, wenn Al-Mamun seine Wahrheitsliebe nicht zu weit getrieben htte. Er wollte der religise Reformator seiner Nation werden. Er besa einen rein theoretischen Verstand, war ber jeglichen Aberglauben und alle Vorurteile erhaben, auch war er genauer ber einige christliche Dogmen unterrichtet, als seine Vorgnger, und so konnte er seine Augen nicht gegen die zahllosen Widersprche und den blhenden Unsinn, die in den Verordnungen des fanatischen Schpfers des Korans berall zum Ausdrucke kommen, verschlieen. Er entschlo sich, das heilige Buch Mohammeds zu reinigen und zu reformieren, und das in einer Zeit, als noch alle niederen Regierungsbeamten sowie der ganze Pbel davon berzeugt waren, da das Buch vom Himmel stamme, und wo der Zweifel an dem allergeringsten Gebote schon fr das grte Verbrechen galt. Der halbgriechischen Denkungsweise Al-Mamuns war der vllig blinde Enthusiasmus seiner Untertanen ganz fremd. Die Unterdrckung des Fanatismus hielt er fr den ersten Schritt zur Kultur seines Volkes -- und doch bildete dieser Fanatismus das ganze Sein des arabischen Volkes; diesen Fanatismus, dem er seine ganze Entwicklung und seine glnzende Epoche verdankte, zu zerstren, hie den politischen Bestand des ganzen Reiches untergraben. Al-Mamun erschien das Paradies Mohammeds, in das der Araber sein ganzes sinnliches Leben, dieses nur fr den Genu und fr die Wollust bestimmte Leben, hineintrug, als der Gipfel der Torheit. Aber er lie dabei auer acht, da diese Gebote ein Produkt des glhenden, arabischen Klimas, des feurigen Temperaments des Arabers waren, da dies Paradies fr den Mohammedaner die groe Oase inmitten der Wste seines Lebens war, da nur die Hoffnung auf dies Paradies es dem so sinnenfrohen Araber ermglichte, alle Armut und Unterdrckung zu ertragen und, beim Anblick des in Luxus frmlich versinkenden Sybariten den Neid in seiner Seele zu bekmpfen. Der Gedanke, da auch er einmal von Huris umringt, in einem Luxus schwelgen werde, der die Pracht aller irdischen Machthaber weit bertrifft, war wohl nur einer Sinnlichkeit und einer blhenden Phantasie fabar, wie sie die Natur den Arabern verliehen hatte. Und vielleicht htte sich der Glaube dieses Volkes erst im Verlauf der ferneren Entwicklung ohne allzu empfindliche Strungen reinigen lassen; Al-Mamun aber hatte kein Verstndnis fr die asiatische Natur seiner Untertanen. Man kann sich den Grad der Emprung in den zahllosen Schichten des Volkes vorstellen, als das Gercht von den Neuerungen des Kalifen sich verbreitete. Wie mute sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen schon allein wegen der Frderung der christlichen Religion und seiner Vorliebe fr die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei anklagte? Die rohe Masse der alten strengglubigen Bekenner des Koran zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die frheren Nomadenvlker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte -- sondern einen oppositionellen Fanatismus, -- einen Fanatismus, der die Massen auseinanderri, der Zank und Streit bis in die innersten Grnde des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrhrte, der den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner des Islams drckte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen lie, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange, zur Zeit der Kreuzzge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des Reiches ausbrachen, inmitten der Emprung und des Parteienzwists starb der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche Mittel fr Schulen, Werksttten und fr die Kunst ausgestreut und mit der anderen seine unbotmigen, fanatischen Untertanen gezchtigt hatte -- er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller Aufopferungsfhigkeit und seiner auergewhnlichen Liebe zu den Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewuten Ursachen wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten. Arabesken Zweiter Teil I Das Leben Ein armer Wstensohn hatte einen Traum: Still liegt das groe Mittellndische Meer und breitet sich aus in unendliche Fernen, und von drei verschiedenen Seiten blicken nach ihm hin die glhenden Ksten Afrikas mit ihren schlanken Palmen, die nackten syrischen Wsten und die vom Meer zerklfteten, dichtbevlkerten Ksten Europas. In einer Bucht an dem unbeweglichen Meer erhebt sich das alte gypten. Eine Pyramide steht neben der andern; granitene Sphinxe blicken aus grauen Augen; zahllose Stufen fhren zu ihnen hinauf. Genhrt von dem groen Nil, geschmckt mit geheimnisvollen Zeichen und heiligen Tieren, thront majesttisch das alte gypten unbeweglich und wie verzaubert, gleich einer Mumie, die der Verwesung Trotz bietet. Zahllose unabhngige Kolonien hat das heitere Griechenland um sich herum gegrndet. Das Mittelmeer ist mit Inseln berst, die in grnen Wldern ertrinken; Oliven, Weinreben und Feigenbume schaukeln sich mit ihren honiggetrnkten Zweigen im Winde; Sulen, wei wie die Brste einer Jungfrau, runden sich im ppigen Dunkel der Bume; der von wundersamem Meiel erweckte Marmor atmet wollstig und freut sich schamhaft seiner herrlichen Nacktheit; mit Weintrauben geschmckt, Pokale und Thyrsosstbe in Hnden, hlt das Volk im geruschvollen Tanz inne; schlanke, junge Priesterinnen mit wallenden Locken werfen flammende Blicke aus nachtschwarzen Augen. Efeubekrnzte Schalmeien, Zimbeln und andere musische Instrumente erklingen. Wie Fliegen schwirren Schiffe um Rhodus und Korkyra und bieten ihre selig geschwellten Fahnen dem Winde dar. Und alles atmet starr und unbeweglich in seiner steinernen Majestt. Stolz und unermelich dehnt sich das eiserne Rom, ein Wald von Lanzen starrt gen Himmel, und in drohendem Glanze leuchten die sthlernen Schwerter. Sein gieriges Auge scheint alles verschlingen zu wollen, und weit ausgestreckt ist seine sehnige Rechte. Aber auch Rom liegt unbeweglich da, wie alles rings umher und rhrt seine lwenstarken Glieder nicht. Die Luft des himmlischen Ozeans lastete dumpf und erstickend auf allem. Kein Wellenschlag bewegte das groe Mittelmeer, und es war, als wre das Jngste Gericht gekommen fr die drei Reiche -- vor dem Ende der Welt. Da sprach gypten, und die schlanken Palmen, die Bewohner seiner Ebenen, schwankten im Winde, und die Obelisken streckten ihre feinen Nadeln noch hher empor: Hrt mich, ihr Vlker! Ich allein drang ein in das Geheimnis des Lebens und in das Rtsel des Menschen. Alles ist vergnglich. Gemein ist alle Kunst, armselig jeder Genu und noch armseliger die Worte und Taten. Der Tod, der Tod herrscht ber die Welt und ber den Menschen! Der Tod verschlingt alles, und alles lebt fr den Tod. Fern, fern ist die Auferstehung! Gibt es denn berhaupt eine Auferstehung? Fort mit den Wnschen, den Genssen. Armer Mensch! Errichte immer hhere Pyramiden, um dein elendes Dasein wenigstens _etwas_ zu verlngern. Und es sprach das heitere Griechenland, das so klar ist wie der Himmel, wie der Morgen und wie die Jugend, und es war, als vernhme man keine Worte sondern Tne einer Schalmei: Das Leben ward fr das Leben geschaffen. Erweitere und bereichere dein Leben, erweitere mit ihm deine Gensse. Ihm bringe alles zum Opfer dar. Sieh, wie ist alles so plastisch und schn in der Natur, wie ist alles in Eintracht verbunden. In der Welt ist alles enthalten. Alles, auch alles, worber die Gtter gebieten, enthlt sie; lern' es nur finden. Gttlicher, stolzer Gebieter dieser Erde, bekrnze dein herrliches Haupt mit Eichenlaub und Lorbeer und geniee dein Leben; fliege hin auf deinem Wagen bei den rauschenden Spielen und lenke kunstvoll die feurigen Rosse. Fern sei deiner freien, stolzen Seele die Habgier und der Neid! Meiel, Palette und Flte sind geschaffen, die Welt zu beherrschen, sie aber soll sich der Schnheit beugen. Mit Efeu und Weinlaub umwinde deine duftende Stirn und das liebliche Haupt deiner schamhaften Freundin! Das Leben ward fr das Leben und fr den Genu geschaffen -- lern' des Genusses wrdig sein. Und das in Eisen gehllte Rom klirrte mit dem leuchtenden Walde seiner Lanzen und sprach: Ich habe des Geheimnis des Menschenlebens ergrndet. Die Ruhe ist des Menschen unwrdig, sie richtet ihn zugrunde in seinem eigentlichen Wesen. Kunst und Genu sind zu gering fr seine Seele. Der wahre Genu liegt in dem gigantischen Wunsche. Verchtlich ist das Leben der Vlker und des Einzelnen ohne ruhmreiche Heldentaten. Drste nach Ruhm, drste nach Ruhm, o Mensch! Beim betubenden Lrme der Waffen im Rausch unbeschreiblicher Lust la auf die Schilde der lanzentragenden Legionen dich heben! Hrst du, wie sich zu deinen Fen die ganze Welt, wie sich Millionen versammelten und, die Speere schwenkend, in einen einzigen Ruf ausbrechen? Hrst du's, wie dein Name furchtverbreitend auf den Lippen der fernsten Vlker bebt, die am Ende der Welt wohnen? Alles, was dein Blick umfassen kann, erflle alles mit dem Klang deines Namens! Strebe unablssig weiter, es gibt keine Grenzen weder der Welt noch deiner Wnsche. Furchtbar und streng schreite vorwrts und erweitere deine Weltherrschaft, dann wirst du zuletzt auch den Himmel erobern. Und Rom schwieg und heftete seinen Adlerblick auf den Osten. Auch Griechenland wandte seine herrlichen, vom Genu feuchten Augen nach Osten, und auch gypten wandte seine trben, farblosen Augen dem Orient zu. Ein steiniges Land; ein verachtetes Volk; ein paar einsame Htten stehen an nackte Hgel gelehnt, und hie und da nur fllt der sprliche Schatten eines drren Feigenbaumes auf sie. Hinter einem niedrigen bauflligen Zaun steht eine Eselin. In der Holzkrippe liegt ein Knblein; die jungfruliche Mutter steht ber es gebeugt und schaut es mit trnenfeuchten Augen an; hoch ber der Krippe aber steht ein Stern, und ein herrliches Leuchten erfllt die Welt. Die Pyramiden des hieroglyphengeschmckten gyptens senkten sich immer tiefer, und gypten versank in Trume; unruhig blickte das herrliche Griechenland, Rom senkte die Augen und schaute auf seine eisernen Lanzen; das groe Asien mit seinen zahllosen Hirtenvlkern lauschte gespannt, und der Ararat, der Urvater der Erde, beugte seinen Nacken. 1831. II Schlzer, Mller und Herder Schlzer, Mller und Herder sind die groen Baumeister der Weltgeschichte. Der Gedanke an diese war ihr Lieblingsgedanke und verlie sie keinen Augenblick whrend der ganzen Zeit ihres so verschiedenartigen Lebenslaufes. Man kann sagen, da Schlzer der erste war, der von der Idee eines einigen groen Ganzen, einer Einheit durchdrungen war, zu der alle Zeiten und alle Vlker zusammengefat und zusammengeschmolzen werden mssen. Er wollte die ganze Welt und alles Lebendige mit einem Blick umspannen. Es schien, als wnschte er hundert Argusaugen zu besitzen, um mit einem Blick alle Geschehnisse in den entlegensten Teilen der Welt zu bersehen. Sein Stil ist ein Blitz, der fast pltzlich bald hier, bald dort zndet und die Gegenstnde momentan, aber mit blendender Klarheit, beleuchtet. Ich wei nicht, ob er selbst das htte leisten knnen, was er den anderen so scharf vorgezeichnet hat; jedenfalls aber war niemand so stark von seinem Objekt ergriffen wie er. Er hatte die Gabe, alles in einem kleinen Brennpunkt zu konzentrieren und oft mit zwei, drei scharfen Strichen, ja zuweilen durch ein einziges Epitheton, ein bestimmtes Ereignis oder ein ganzes Volk zu charakterisieren. Seine Epitheta sind wunderbar, temperamentvoll und khn und erscheinen als die Frucht eines glcklichen Augenblicks, einer momentanen Eingebung; sie sind von so scharfer verblffender Wahrheit, da selbst eine tiefe und dauernd in ihrer Richtung beharrende Forschung sie nicht entdeckt htte, es sei denn, da sie von Schlzer selbst ausgefhrt worden wre. Er war nicht eigentlich Historiker, und ich glaube sogar, da er gar nicht Historiker htte sein knnen. Seine Gedanken sind zu sprunghaft, zu leidenschaftlich, um sich zu einer harmonisch und gemchlich dahinflieenden Erzhlung zu formen. Er analysierte die Welt und alle verschwundenen und noch lebenden Vlker, aber er beschrieb sie nicht; er sezierte die ganze Welt mit dem Messer des Anatomen, zerschnitt und zerlegte sie in massive Teile, er gruppierte und klassifizierte die Vlker wie ein Botaniker die verschiedenen Pflanzen nach bestimmten Merkmalen ordnet. Und daher sollte man glauben, da durch diese Art der Behandlung seine geschichtlichen Aufzeichnungen etwas Skelettartiges und Trockenes erhalten htten; aber merkwrdigerweise leuchtet alles bei ihm in so grellen Farben, der machtvolle Blitz seines Auges hat etwas so Sicheres, da man beim Lesen seiner gedrngten Weltskizze erstaunt bemerkt, wie unsere Phantasie sich entzndet, erweitert und alles nach demselben Gesetze ergnzt, das Schlzer mit einen gewaltigem Wort gekennzeichnet hat; zuweilen aber eilt unsere Einbildungskraft die khn vorgezeichneten Wege noch weiter. Da er einer der ersten war, der von der Gre und dem wahren Ziel der Weltgeschichte beunruhigt wurde, mute er unbedingt ein oppositionelles Genie werden. Diese seine Stellung gab ihm die groe Energie, das Feuer und sogar den rger ber die Kurzsichtigkeit seiner Vorgnger, die sehr hufig in seinen Schriften zum Ausbruch kommen. Mit einem Donnerwort vernichtet er sie und in diesem einen Wort verbindet sich der Genu und ein sardonisches Lcheln ber den Besiegten mit einer sieghaften Wahrheit. Man knnte ihn mit mehr Recht noch als Kant den Alleszermalmer nennen. Fast immer lassen sich die Mnner der Opposition zu sehr von ihrer Stellung hinreien, indem sie sich in ihrem enthusiastischen bereifer nur an eine Regel halten -- allem Vorangegangenen zu widersprechen. Doch dieser Vorwurf trifft Schlzer nicht: sein germanischer Geist beharrt unerschtterlich auf seinem Standpunkt. Er ist ein strenger, allwissender Richter; seine Urteile sind scharf, kurz und gerecht. Vielleicht werden einige sich darber wundern, da ich von Schlzer wie von einem groen Baumeister der Weltgeschichte rede, whrend doch die Gedanken und Werke, die er diesem Gegenstande gewidmet hat, in einem kleinen Leitfaden fr Studenten bestehn; aber dieses kleine Bchlein gehrt zur Zahl der Werke, nach deren Lektre man glaubt, ganze Bnde gelesen zu haben; ich mchte es mit einem kleinen Fenster vergleichen, durch das man, wenn man sein Auge nur nahe genug heranbringt, die ganze Welt erblicken kann. Er wirft ein helles Licht auf die Gegenstnde, lehrt sie uns begreifen, und schlielich gelangt man dazu, alles mit eigenen Augen zu sehen. Mller ist ein Historiker ganz anderen Schlages. Still, ruhig und bedchtig, ist er das volle Gegenteil von Schlzer. Mit einer eigenartigen, bezaubernden Liebe gibt er sich seinem Gegenstande hin. Sein Vortrag glnzt nicht durch eine scharf ausgeprgte Eigenart wie der Stil Schlzers; er kennt weder die leidenschaftlichen Ausbrche, noch den prgnanten Lakonismus, der den Vortrag Schlzers auszeichnet. Er umfat nicht alles so momentan, so mit einem Blicke wie jener, umspannt es nicht mit gewaltiger Hand, er erforscht alles, was die Welt erfllt, ruhig, in bestimmter Reihenfolge, ohne jene berstrzung und Hast, mit der ein Autor sich ausspricht, der sich frchtet, jemand knnte ihm seine Gedanken entwenden und ihm zuvorkommen. Das Wort Untersuchung pat so recht zu seinem Stil; seine Darstellungen sind wahrhafte Untersuchungen. Als Staatsmann beschftigt er sich vorzglich mit der Errterung der Staatsformen und mit den Gesetzen der gegenwrtigen und der untergegangenen Reiche; aber er betont diese Seite nicht in dem Mae, um darber andre Seiten ganz im Schatten zu lassen, ein Fehler, dessen nur einseitige Historiker fhig sind und in den auch Heeren mitunter verfallen ist; im Gegenteil, er wendet seine Aufmerksamkeit auch allen Grenzgebieten zu. Alles, was in der Geschichte nicht ganz klar ist, was noch wenig erforscht ist, das alles unterwirft er einer Untersuchung. Man fhlt sogar, da er sich mit Vorliebe mit der Urgeschichte und berhaupt mit den Epochen beschftigt, wo das Volk noch nicht von der Kultur und ihren Lastern berhrt ist und noch seine einfachen Sitten und seine Unabhngigkeit bewahrt. Diese Perioden schildert er mit einer leuchtenden Ausfhrlichkeit, mit einer sanften Wrme, wie wenn er sich selbst dabei verge und sich mitten unter seinen braven Schweizern zu befinden whnte. Das wichtigste Resultat, das er aus seiner Geschichtsdarstellung zieht, ist dieses, da ein Volk nur dann glcklich ist, wenn es die alten Sitten des Landes treu befolgt und seine einfache Lebensweise und Unabhngigkeit beibehlt. berall schimmert seine reife Weisheit und seine kindliche Seelenklarheit durch. Der Adel seiner Gedanken und die Freiheitsliebe durchdringen all seine Werke. Nicht der Gedanke an die Einheit und an ein unzertrennliches Ganzes ist das Ziel, nach dem seine Darstellung bewut hinstrebt; er spricht eigentlich nie darber, aber sein ganzes Werk lt uns diese Einheit fhlen, obgleich er ber der Betrachtung eines Volkes die Sache der ganzen Welt zu vergessen scheint. Seine Geschichte ist keine ununterbrochene, bewegliche Kette von Begebenheiten; hier gibt es keine dramatischen Effekte; aus allem spricht die bedchtige Weisheit des Autors. Er gibt seinen Gedanken keine scharfen prgnanten Formulierungen: sie scheinen sich bescheiden und hufig wie in einem unbeachteten Winkel zu verbergen, so da man sie nur entdeckt, wenn man sie sucht; aber dafr sind sie so erhaben und zugleich so tief, da nach einem Ausdruck Wagners im Faust der ganze Himmel zu dem glcklichen Finder niedersteigt. Dieser bescheidene, prunklose Vortrag und der Mangel an blendenden Lichtern weckt unwillkrlich unser Mitleid; sie sind der Grund, warum Mller so wenig bekannt oder besser gesagt nicht so bekannt ist, wie er es verdient. Nur solche Menschen, die tief durchdrungen von der Idee der Geschichte und einer edleren Bildung fhig sind, knnen ihn ganz verstehen; den brigen erscheint er unbedeutend und oberflchlich. Herder vertritt eine ganz andere Art der Geschichtsauffassung. Er betrachtet alles mit geistigen Augen. Bei ihm verschlingt die Macht der Idee vllig die greifbare Form. Stets sieht er einen Menschen als Vertreter der ganzen Menschheit an. Er forscht tief und begeistert gleich einem Brahmanen der Natur -- wie man ihn in Deutschland zu nennen pflegt. Bei ihm werden die Ereignisse bedeutender durch ihre Gruppierung, all seine Gedanken sind erhaben, tiefsinnig und weltumspannend. Sie erscheinen bei ihm nur selten in Beziehung zu der sichtbaren Natur und steigen gleichsam unmittelbar aus ihrem reinen Feuer empor. Daher fehlt es ihnen auch an historischer Greifbarkeit und Plastik. Wenn ein Ereignis riesengro ist und eine Idee einschliet -- dann entfaltet es sich bei ihm mit all seinen geheimsten Nebenwirkungen; aber wenn es zu nah mit dem Leben und der Praxis in Berhrung kommt, dann mangelt es ihm am bestimmten Kolorit. Wenn er sich herablt, einzelne Persnlichkeiten oder die Lenker der Geschichte zu schildern, dann erscheinen sie bei ihm lange nicht so deutlich wie die allgemeinen Gruppen und sie nehmen eine zu allgemeine Physiognomie an; sie sind entweder ganz gut oder ganz bse; alle die zahllosen Schattierungen der Charaktere, alle Verquickung und Mannigfaltigkeit der Eigenschaften, deren Erkenntnis nur einem Forscher zuteil wird, der die Menschen mit Mitrauen betrachtet, alle diese Abstufungen verschwinden vllig bei ihm. Er ist unendlich weise in der Erforschung des idealen Menschen und der Menschheit, aber ein Kind in der Erkenntnis des wirklichen Menschen, und dies ist nur natrlich --, da ein Weiser immer gro ist in seinen Gedanken und unwissend in den Kleinigkeiten, die das Leben ausfllen. Als Dichter steht er weit hher als Schlzer und Mller. Aber gerade weil er Poet ist, so erschafft und erarbeitet er alles in seinem Innern in seinem einsamen Arbeitszimmer; ganz ergriffen von einer hheren Offenbarung, whlte er stets nur das Schne und Groe, weil das nun einmal der Natur seiner erhabenen, reinen Seele entspricht. Aber das Hohe und Schne reit sich manches Mal von dem niedren und verachteten Leben los oder wird durch den Druck jener zahllosen und verschiedenartigen Erscheinungen, die soviel Buntheit in das menschliche Leben hineinbringen und deren Erkenntnis nur selten dem weltabgewandten Weisen zufllt, hervorgerufen. Sein Stil zeichnet sich vor dem der anderen durch Bilderreichtum und breite Pinselfhrung aus, er ist eben Dichter und hebt sich daher deutlich von dem ewig ruhigen und bedchtigen Mller, diesem Philosophen und Gesetzgeber, sowie von dem fast immer schroffen und unzufriedenen kritischen Philosophen Schlzer ab. Mir scheint, wenn man Herders tiefe Schlsse, die bis in die fernsten Anfnge der Menschheit reichen, mit dem schnellen, feurigen Blick Schlzers und der erfinderischen, weltgewandten Weisheit Mllers vereinigen knnte, dann htten wir erst einen Historiker, der da fhig wre, eine Weltgeschichte zu schreiben. Und doch wrde ihm noch manches dazu fehlen; es wrde ihm noch an jener dramatischen Kraft mangeln, die wir weder bei Schlzer, noch bei Mller, noch auch bei Herder finden. Ich verstehe unter dem Wort dramatische Kraft nicht die Kunst, die darin besteht, einen guten Dialog zu fhren, sondern die Fhigkeit, einem ganzen Werke jenen mitreienden Schwung und jenes dramatische Interesse mitzuteilen, das manche von Schillers historischen Fragmenten, besonders die Geschichte des Dreiigjhrigen Krieges, ausstrmen und das fast jedes einfache Geschehnis auszeichnet. Doch zu allem Genannten mchte ich noch gern das Anziehende der Erzhlergabe eines Walter Scott und seinen starken Sinn fr alle feinen Nuancen hinzufgen. Nehmen wir dann noch Shakespeares Talent fr die Entwicklung groer Charaktereigenschaften in den engsten Grenzen hinzu, dann, will es mir scheinen, htten wir einen Historiker, wie er fr eine Darstellung der Weltgeschichte erforderlich ist. Bis dahin aber werden Mller, Schlzer und Herder noch lange unsere groen Wegweiser bleiben. Sie haben viel, sehr viel Licht in die Weltgeschichte gebracht. Und wenn wir heute schon ein paar beachtenswerte geschichtliche Werke besitzen, so verdanken wir diese ihnen allein. 1832. III Der Newsky-Prospekt Es gibt in Petersburg nichts Schneres als den Newsky-Prospekt; fr Petersburg wenigstens bedeutet er alles! Gibt es einen Vorzug, der dieser Schnen unter den Straen, dieser Zierde unserer Hauptstadt, fehlte! Ich bin berzeugt, da kein einziger von den blassen Beamten, die ihre Einwohnerschaft bilden, den Newsky-Prospekt -- auch nicht fr alle Herrlichkeiten der Welt -- eintauschen wrde. Sie alle sind ganz begeistert fr den Newsky-Prospekt; nicht nur die Fnfundzwanzigjhrigen, die prachtvolle Schnurrbrte und einen wundervoll sitzenden Rock tragen, nein, auch jene, denen schon weie Haare ums Kinn sprieen, und deren Kpfe glatt sind wie silberne Schsseln. Und erst die Damen! Oh! die Damen schwrmen noch viel mehr fr den Newsky-Prospekt. Wem kann er denn auch nicht gefallen! Sobald man nur auf die Strae heraustritt, so erfat einen schon eine Feiertagsstimmung. Selbst wenn man etwas sehr Wichtiges vorhat, so vergit man sicherlich sein Geschft, sobald man den Newsky betritt. Dies ist der einzige Ort, wo die Menschen erscheinen, nicht, weil sie dort sein mssen, und wo sie weder die Notwendigkeit noch das Geschftsinteresse hintreiben, die doch sonst ganz Petersburg gefangen halten. Es kommt einem so vor, als sei der Mensch, der einem auf dem Newsky begegnet, weniger egoistisch als der auf der Morskaja, der Gorochowaja, Liteinji, Meschtschanskaja und den anderen Straen, wo der Geiz, die Habsucht und Geschftigkeit auf allen Gesichtern ausgeprgt ist, die man vorbeikommen oder in Wagen und Droschken einherjagen sieht. Der Newsky ist der wichtigste Verkehrspunkt Petersburgs, wo alles sich begegnet. Der Bewohner der Petersburger oder der Wiborger Seite, der seinen Freund auf Peski oder am Moskauer Tor schon seit vielen Jahren nicht mehr besucht hat, kann ganz sicher sein, ihn hier zu treffen. Kein Adrebuch und keine Auskunftsstelle kann einem so zuverlssige Nachrichten vermitteln, wie der Newsky-Prospekt. Der Newsky-Prospekt ist allmchtig. Er bildet die einzige Zerstreuung fr das an Spaziergngen so arme Petersburg. Wie ist sein Trottoir so rein gefegt und, o Gott! wie viele Fe haben ihre Spuren auf ihm hinterlassen! Der plumpe, schmutzige Stiefel des verabschiedeten Soldaten, unter dessen Wucht scheinbar jeder Granitblock bersten mte, der kleine, an Leichtigkeit einer Rauchwolke vergleichbare Schuh der jungen Dame, die ihr zierliches Kpfchen nach den glnzenden Ladenfenstern hinwendet, wie die Sonnenblume ihr Antlitz der Sonne zukehrt, und der rasselnde Sbel des hoffnungsvollen Leutnants, der eine tiefe Furche in das Pflaster grbt -- hier tritt alles zutage: die Gewalt der Kraft, wie die Macht der Schwche. Welch schnelles phantastisches Spiel rollt sich im Lauf eines einzigen Tages hier ab! Wie viele Vernderungen erlebt er im Lauf von vierundzwanzig Stunden! Fangen wir mit dem frhen Morgen an, wenn ganz Petersburg nach heiem, frischgebackenem Brot riecht, und von alten Weibern in zerlumpten Kleidern und Mnteln angefllt ist, die ihre Streifzge durch die Kirchen beginnen und die weichherzigen Fugnger berfallen. Ein wenig spter ist der Newsky wieder ganz leer: noch liegen die wohlgenhrten Ladenbesitzer und Kommis in ihren hollndischen Hemden da und schlafen oder sie seifen ihre ehrwrdigen Backen ein und trinken ihren Kaffee; vor den Tren der Zuckerbcker versammeln sich Bettler, und der schlaftrunkene Ganymed, der gestern noch gleich einer Fliege mit seiner Schokolade herumschwirrte, kriecht ohne Halsbinde und mit einem Besen in der Hand hervor und wirft ihnen altgebackene Kuchen und Brotreste zu. Auf der Strae trabt arbeitendes Volk einher, manches Mal berschreitet ein Haufen russischer Bauern, die zur Arbeit eilen, den Newsky; ihre Stiefel sind ganz mit Kalk beschmiert, und selbst der Katharinenkanal, der wegen seiner Sauberkeit bekannt ist, wre nicht imstande, sie rein zu waschen. Um diese Zeit wrde ich keiner Dame raten, dort spazierenzugehen, da das russische Volk sich solcher Ausdrcke zu bedienen pflegt, die sie wahrscheinlich nicht einmal im Theater zu hren bekme. Manches Mal begegnet man auch einem schlfrigen Beamten mit einem Portefeuille unter dem Arm, wenn ihn der Weg nach dem Departement zufllig ber den Newsky fhrt. Man kann wohl sagen, da um diese Zeit d. h. bis 12 Uhr der Newsky fr alle nur ein Mittel und nicht das eigentliche Ziel ist; er fllt sich allmhlich mit Leuten, die sich durchaus nicht um ihn kmmern und nur an ihre Beschftigung, ihre Sorgen und ihren Verdru denken. Ein russischer Bauer lt sich ber ein Zehnkopekenstck oder gar ber eine Kupfermnze im Werte von sieben Kopeken aus, Mnner und alte Weiber gestikulieren mit den Hnden oder halten Selbstgesprche, wobei sie mitunter recht bezeichnende Gesten machen, aber niemand hrt auf sie oder lacht ber sie, abgesehen etwa von ein Paar Jungen in buntgestreiften Kitteln mit leeren Flaschen oder neuen Stiefeln in den Hnden, die wie ein Blitz auf dem Newsky hin und her schwirren. Um diese Zeit wird niemand darauf achten, wie Sie angezogen sind, selbst wenn Sie statt eines Hutes eine Mtze auf dem Kopfe htten oder wenn Ihr Kragen aus ihrer Halsbinde hervorkrche. Um 12 Uhr machen die Gouverneure und Erzieher aller Nationalitten mit ihren Zglingen, die Batistkragen tragen, ihren obligaten Spaziergang. Die englischen Johns und die franzsischen Hhne gehen Arm in Arm mit den ihrer vterlichen Obhut anvertrauten Zglingen auf und ab und erklren ihnen voller Anstand und Wrde, die Schilder seien deshalb ber den Kauflden angebracht, damit man von ihnen ablesen knne, was in einem jeden Laden zu haben sei. Zahlreiche Gouvernanten, blasse Misses und rosige Mademoiselles gehen wichtig hinter leichtfigen, koketten Fruleins einher und schrfen ihnen ein, die linke Schulter hher zu ziehen und sich einer besseren Haltung zu befleiigen, kurz gesagt: um diese Zeit trgt der Newsky-Prospekt einen pdagogischen Charakter. Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrckt, um so mehr verringert sich die Zahl der Pdagogen, Gouvernanten und Kinder und schlielich werden sie ganz von ihren zrtlichen Vtern verdrngt, die ihre buntgekleideten, nervenschwachen Gefhrtinnen am Arme fhren. Allmhlich gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen huslichen Angelegenheiten erledigt haben: sie muten mit ihrem Arzt ber das Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase gebildet hatte, muten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde erkundigen, welch erstere brigens eine groe Begabung an den Tag legten; dann muten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen Zeitungsartikel ber die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen und endlich muten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den segensreichen Beruf eines Beamten fr besondere Auftrge bescherte; auch die schlieen sich ihnen an, die in den auslndischen mtern dienen und sich durch die Vornehmheit ihrer Beschftigung und ihrer Manieren auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch fr herrliche mter und Berufe, wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergngen, die feinen Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf dem Newsky sieht, strotzt frmlich von Wrde und Wohlanstndigkeit; die Herren in ihren langen Rcken mit den Hnden in den Taschen und die Damen in ihren rosa, weien oder hellblauen Atlasjacken und ihren koketten Htchen! hier kann man ganz ungewhnlichen Backenbrten begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen sammetweichen Backenbrten, die wie Atlas glnzen, und schwarz sind wie der feinste Zobel oder ein Stck Kohle; aber ach! leider gehren diese immer nur Auslndern an. Denen, die in den andern Departements dienen, hat die Vorsehung die schwarzen Brte versagt, und sie mssen zu ihrem groen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche Schnurrbrte, da keine Feder und kein Pinsel imstande wren, sie abzuschildern; Schnurrbrte, deren Pflege weitaus die grere Hlfte des Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht und bei Tage sind; Schnurrbrte, die mit den herrlichsten Parfms und Dften getrnkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt werden, die sich der rhrendsten Anhnglichkeit ihrer Besitzer erfreuen und die den Neid aller Vorbergehenden erwecken. Hier wird jedermann geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hten, Kleidern und durch all die bunten und leichten Tcher, denen ihre Besitzerinnen hufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als htte sich ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblten erhoben und schwebe nun als leuchtende Wolke ber den schwarzen Kfern, die durch das mnnliche Geschlecht reprsentiert werden. Hier begegnet man solchen Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen, schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so da man bei einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhflichen Ellbogen gegen sie anzustoen; es bermannt einen eine Schchternheit und eine wahre Angst, da man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstren knnte. Und was fr Frauenrmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie haben eine gewisse hnlichkeit mit zwei Luftballons, da man meint, die Dame mte sich pltzlich in den ther emporschwingen, wenn der Herr sie nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in die Hhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu setzen. Nirgends begrt man sich so wrdevoll und so ungezwungen wie auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lcheln begegnen, einem Lcheln, das einzig in seiner Art und ber alle Kunst erhaben ist; man mchte mitunter dahinschmelzen vor Vergngen ber solch ein Lcheln; aber es gibt auch ein Lcheln, vor dem man ganz klein wird und zusammenknickt wie ein Grashalm, so da man das Haupt senkt, und dann gibt es wieder eines, bei dem man sich hher fhlt als der Admiralittsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hrt man mit auergewhnlichem Anstand und einem hohen Gefhl der eigenen Wrde von Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl unergrndlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was fr sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Fe sehen, und wenn wir vorbergegangen sind, sich umkehren und unsere Fracksche betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu bedeuten hat. Anfnglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine Spur davon! Gewhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behrde an die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von Journalen beschftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags knnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen. Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschnsten Erzeugnisse der Menschheit. Der eine lt seinen feinen Rock mit dem schnsten Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare Augen und ein reizendes Htchen, ein fnfter einen Ring mit einem Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trgt, eine sechste einen Fu in einem entzckenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende Halsbinde, ein achter einen verblffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr schlgt drei -- die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung verdet. [Funote 5: Zur Zeit Nikolaus I. waren die Brte verboten.] Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird es pltzlich Frhling! er fllt sich ganz mit Beamten in grnen Amtsfrcken. Hungrige Titulr-, Hof- und andre Rte suchen aus allen Krften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretre beeilen sich noch schnell, ihre freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit einem Anstand einhergegangen, als htten sie bei Leibe keine sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die _alten_ Kollegiensekretre, Titulr- und Hofrte schnell und mit gesenktem Kopfe vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergnger anzuschauen und haben sich noch nicht vllig von ihren Sorgen losgerissen; in ihren Kpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und statt der Kauflden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das runde Gesicht ihres Bureauchefs. Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen Beamten. Hchstens eine Nherin, die mit einem Karton in der Hand ber die Strae luft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife Englnderin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen Bureaudiener, einen Russen mit einem drftigen Bart, in einem baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rcken, die Hnde, die Fe und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann -- sonst trifft man um diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt. Sobald sich jedoch die Dmmerung auf die Huser und Straen hinabsenkt und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwchter langsam die Leiter besteigt, um die Laternen anzuznden, sobald aus den niedrigen Fenstern der Kauflden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten, meistenteils Hagestolzen in warmen Rcken und Mnteln. Um diese Zeit fhlt man, da dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt etwas hnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmiges, Unruhiges in ihre Bewegungen. Lange Schatten huschen ber die Mauern und ber das Pflaster hin und reichen mit ihren Kpfen fast bis zur Polizeibrcke. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretre promenieren lange hin und her, whrend die alten Kollegienregistratoren, Titulr- und Hofrte grtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie verheiratet sind oder weil ihre deutschen Kchinnen so gut kochen. Jetzt trifft man wieder die alten, ehrwrdigen Herren, die mit so viel Wrde und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen. Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen und Wangen gefallen nmlich vielen Spaziergngern, hauptschlich jedoch den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange deutsche Rcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen. Halt! rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen befrackten und in einen Mantel gehllten jungen Mann, der neben ihm daherging, am Arme fest, hast du gesehn? Gewi habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka! Ja, von welcher sprichst du eigentlich? Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was fr Augen, Gott! was fr Augen! diese Figur, diese Zge, dies Oval des Gesichts -- ein wahres Wunder! Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite ging. Nun, warum gehst du denn der Brnetten nicht nach, wenn sie dir so gefllt? Ich bitte dich, wo denkst du hin! rief tief errtend der junge Mann im Frack. Als ob sie zu denen gehrt, die des Abends auf dem Newsky herumspazieren; das ist gewi eine feine Dame -- fuhr er seufzend fort -- ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel. Du Grnschnabel! rief Piragow und stie ihn mit Gewalt nach jener Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. Geh, Einfaltspinsel, sonst entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach! Und beide Freunde trennten sich. Wir kennen euch! dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und selbstbewuten Lcheln; er war davon berzeugt, da es keine Schne gab, die ihm widerstehen knnte. Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schchtern und ngstlichen Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte; wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkrlich seine Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, da er die Aufmerksamkeit der sich entfernenden Schnen auf sich ziehen knnte, und noch viel weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die Wohnung dieses herrlichen Geschpfs merken, das direkt vom Himmel auf den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott wei wohin, entschwinden wrde; und er rannte so schnell vorwrts, da er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbrten vom Trottoir herunterstie. Dieser junge Mann gehrte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine recht merkwrdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner Petersburgs gehren wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man begegnet diesem auerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt, wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind. Das war ein Knstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwrdige Erscheinung? Ein Petersburger Knstler! Ein Knstler im Lande des Schnees! im Lande der Finnen, wo alles na, eben, glatt, bla, grau und neblig ist! Diese Knstler haben durchaus keine hnlichkeit mit den italienischen Knstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die Petersburger Knstler sind meistens ein braves, schlichtes Vlkchen, sie sind schchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im kleinen Stbchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden von ihrem Lieblingsthema und trumen nicht einmal von Luxus oder berflu. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jmmerliches, stumpfes Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt: Gipshnde und -fe, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wnde, die mit Farbenklecksen beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die Arbeiten dieser Knstler haben fast immer ein graues, trbes Kolorit -- diesen unauslschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie stets mit wahrhaftem Genu bei der Arbeit. Hufig lebt in ihnen ein echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so wrde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln, wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft trgt. Diese Knstler sind sehr schchtern; ein Stern oder eine dicke Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, da sie sofort mit dem Preis fr ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu putzen und schn zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstck. Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer unvollendeten Landschaften, auf der man hufig eine auf dem Kopf stehende Nymphe entdecken kann, da der Knstler die Landschaft einfach auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere Leinwand zur Verfgung hatte. Solch ein Knstler sieht niemand gerade ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trbe und unbestimmt; er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets Ihre Zge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er demnchst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und unzusammenhngende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn durcheinanderschwirren, vergrern noch seine Schchternheit. Zu dieser Art von Leuten gehrte auch der oben erwhnte junge Mann -- der Knstler Piskarjow; er war sehr schchtern und bescheiden, aber in seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefhl, der im gegebenen Moment zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst ber seine Dreistigkeit zu wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefhle und seine Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete pltzlich ihr Kpfchen und sah ihn an! Gott! welch gttliche Zge! Die herrliche, blendend weie Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren wie Achat; sie kruselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel unter dem Hut hervor und berhrte die von der abendlichen Klte leicht getteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm von entzckenden Trumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer Kindheit brigbleibt -- alles, was beim Schein des Lmpchens vor dem Heiligenbilde unsere Schwrmerei und stille Begeisterung weckt -- alles dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu vereinigen, ineinanderzuflieen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller Strenge an, und ein Gefhl der Emprung ber diese freche Verfolgung sprach aus ihren Zgen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schchternheit bermannt, blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken schossen unserem jungen Schwrmer durch den Kopf, als er sich entschlo, ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt wrde, folgte er ihr aus weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die Schilder an den Husern an, lie aber dabei die Unbekannte keinen Moment aus den Augen. Die Zahl der Spaziergnger wurde geringer, und auf der Strae wurde es stiller, da sah sich die Schne um, und es schien ihm, als krusele ein leichtes Lcheln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trgerischen Licht dies Lcheln vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in ihm erzitterte, alle seine Sinne erglhten, und ein seltsamer Nebel hllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Fen, die Wagen und die vorberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die Brcke dehnte sich immer mehr in die Lnge und barst ber ihrem Bogen auseinander, die Huser standen auf dem Kopfe, ein Wchterhuschen strzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wchters, die goldenen Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schnen Kpfchens hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren der niedlichen Fchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach dem Takt seines Herzschlages dahinstrmten, zu migen. Manches Mal packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so freundlich gewesen? -- und er blieb einen Augenblick stehn, aber das Pochen seines Herzens, eine unberwindliche Gewalt, die Erregung all seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwrts. Er merkte gar nicht, wie sich auf einmal ein vierstckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er pltzlich gegen das eiserne Gelnder vor der Einfahrt stie. Er sah, wie die Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine Knie zitterten ihm, seine Gefhle und Gedanken glhten, ein wunderbares Glcksgefhl traf wie ein Blitz mit schneidender Schrfe sein Herz. Nein, das war _doch_ kein Traum! Gott! so viel Glck in einem einzigen Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten. Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, fr deren himmlischen Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnsttte nahe zu sein, er schon fr ein unaussprechliches Glck hielt -- war sie denn wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen? Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fhig, und keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jngling, den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedrfnis erfllte. Und was in einem lasterhaften Menschen khne und hliche Wnsche geweckt htte, das luterte _seine_ Gefhle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das herrliche schwache Geschpf entgegenbrachte, dies Vertrauen verpflichtete ihn zu dem Gelbde, mit ritterlicher Strenge und sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfllen. Er wnschte nur, da die Aufgaben, die sie ihm stellen wrde, so schwer als mglich, ja, geradezu unausfhrbar wren, damit er mit voller Anspannung aller seiner Krfte hinfliegen knnte, sie zu berwinden. Er zweifelte nicht daran, da irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte bewogen htte, sich ihm anzuvertrauen, da sicherlich bedeutende Dienstleistungen von ihm gefordert werden wrden, und er fhlte schon die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fhig machte. Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine Trume und Gedanken im Kreise herum. Steigen Sie vorsichtiger hinauf, erklang eine Stimme gleich einer Harfe und lie all seine Sinne von neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes klopfte die Unbekannte an die Tr; sie ffnete sich, und sie traten zusammen ein. Eine hbsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen; allein, sie sah Piskarjow so eigentmlich und frech an, da er unwillkrlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten, die zweite sa vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie eine elende Melodie einer altmodischen Polonse, die dritte sa vor dem Spiegel und kmmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschftigung zu unterbrechen. berall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut erhaltenen Mbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe berzog die Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeffnete Tr des benachbarten Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert eine laute mnnliche Stimme und das Gelchter einer Frau entgegen. Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen und fing an, sich die Gegenstnde im Zimmer genauer anzusehen; aber die nackten Wnde, die Fenster, die durch kleine Vorhnge verhngt waren, deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die schlaffen gealterten Zge dieser elenden Geschpfe, von denen das eine sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles berzeugte ihn davon, da er in eins jener hlichen Asyle geraten sei, wo das gemeine Laster, das von einer falschen berkultur und der groen bervlkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnsttte gegrndet hatte -- eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und Heilige, das unser Leben verschnt, schndet und erstickt, wo das Weib, dies schnste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schpfung, sich in ein merkwrdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in widerwrtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Mnner aneignet, und wo es aufhrt, das herrliche, schwache Geschpf zu sein, das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet. Piskarjow ma sie vom Kopf bis zu den Fen mit seinen Blicken, als wolle er sich noch einmal davon berzeugen, ob sie auch wirklich dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit sich fortgefhrt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm stand, noch immer so schn wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft gttlich. Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt -- man sah es ihr an, da das furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schn. Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in seiner schlichten Weise, wie frher seinen Trumereien hingeben. Aber dieses lange Schweigen langweilte die Schne; sie lchelte bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lcheln hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und pate so schlecht zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frmmigkeit zu der Fratze eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten. Piskarjow erbebte. Sie ffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verliee! Er wollte nichts mehr hren ... und machte einen furchtbar komischen und einfltigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen, statt sich ber solch einen Zufall zu freuen -- ber den sich jeder andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut htte -- strmte er, so schnell ihn seine Fe trugen, wie ein Reh auf die Strae. Gesenkten Hauptes und die Hnde in den Scho gelegt, sa er in seinem Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen lie. So eine Schnheit! Solch gttliche Zge! Doch wo mute ich sie finden? an welchem Ort! ... das war alles, was er sagen konnte. Wahrlich, nie werden wir mchtiger vom Mitleid erfat, als beim Anblick der Schnheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja, wenn sich noch das Hliche mit ihm verbnde, aber die Schnheit, die zarte Schnheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie sich in unseren Gedanken. Das schne Mdchen, das den armen Piskarjow so bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewhnliche Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verchtlichen Kreise erschien um so unerklrlicher. Ihre Zge waren so herrlich geformt, der Ausdruck des schnen Gesichts war so edel, da man durchaus nicht glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie hineingeschlagen. Fr einen leidenschaftlichen Gatten wre sie eine Perle, fr die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise htte sie wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung ihres wunderschnen Mundes ihre sen Befehle erteilt. In einem von Menschen erfllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wre sie eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern htte in wortloser Anbetung zu ihren Fen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische Wille des bsen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens zu zerstren, hatte sie mit Hohngelchter in diesen schrecklichen Abgrund gestrzt. Vllig hingenommen von herzzerreiendem Mitleid, sa Piskarjow vor der zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war lngst vorber, die Turmuhr schlug halb eins, aber er sa noch immer unbeweglich, schlaflos und gedankenlos vor sich hindmmernd da. Schon wollte der Schlummer seine Unbeweglichkeit bentzend, ihn leise berwltigen, das Zimmer fing an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch leise durch die ihn gefangen haltenden Trume, als pltzlich ein Klopfen, das an der Tre ertnte, ihn aufschreckte und wieder ermunterte. Die Tr ffnete sich, und ein Diener in einer eleganten Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewhnlichen Stunde ... er begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den eintretenden Diener. Die Dame, sagte der Diener, sich hflich verneigend, bei der Sie die Gte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt. Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Miverstndnis vor ... Hren Sie, mein Lieber, sagte er schchtern, Sie haben sich gewi in der Tr geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen Herrn geschickt und nicht zu mir. Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fu nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in der Liteinaja? Ja, das habe ich getan. Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen. Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen. Er setzte sich hinein, die Tr schlug zu, die Pflastersteine erdrhnten unter den Rdern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der Huser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den Wagenfenstern vorber. Whrend der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den Kopf, er wute nicht, wie er sich dies Abenteuer erklren sollte. Ein eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem Wagen und fhrte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsulen verziertes Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mntel und Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine luftige Treppe, mit einem blitzenden Gelnder, fhrte, umfchelt von aromatischen Dften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurck. Die ungewhnliche Buntheit der anwesenden Gste brachte ihn vollends in Verwirrung; es schien ihm, da irgendein Dmon die ganze Welt in eine Menge winziger Stcke zerbrckelt und dann diese Stcke ohne Sinn und Verstand durcheinandergewirbelt htte. Blendende Frauenschultern, schwarze Frcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende Gazeschleier, therische Bnder und ein dicker Konterba, der ber dem Gelnder des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glnzte und glitzerte vor seinen Augen. Pltzlich sah er so viele ehrwrdige Greise und ltere Mnner mit Sternen auf den Frcken, und Damen, die so leicht, stolz und grazis ber das Parkett schwebten oder in langen Reihen nebeneinander saen, er hrte so viele franzsische und englische Wrter, und die jungen Leute in den schwarzen Frcken trugen einen so edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Wrde, verstanden es so vorzglich, nur das Allernotwendigste zu sagen, scherzten so herablassend, lchelten so hflich, hatten solch herrliche Backenbrte und wuten so geschickt ihre schnen Hnde zu zeigen, indem sie ihre Halsbinde zurecht rckten; die Damen waren so duftig, so ganz hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie senkten so entzckend die Augen, -- da ... Aber schon das vllig verschchterte Wesen Piskarjows, der sich ngstlich an eine Sule drckte, lie seine vollstndige Verwirrung erkennen. Whrenddessen hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die Tnzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schpfungen der Pariser Modekunst, in Stoffe gehllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im Kreise herum; sie berhrten das Parkett nur ganz oberflchlich mit ihren funkelnden Fchen und erschienen dadurch noch therischer, als wenn sie es berhaupt nicht berhrt htten. Eine von ihnen war noch schner, kostbarer und glnzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostm zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und dabei hatte es den Anschein, als kmmerte sie sich gar nicht darum und als htte sich diese Harmonie von selbst ber sie ergossen. Sie schien die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie auch wieder nicht, die schnen, langen Wimpern waren gleichgltig gesenkt, und ihre blendendweie Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Kpfchens ein schwacher Schatten auf ihre entzckende Stirn fiel. Piskarjow strengte alle seine Krfte an, um sich einen Weg durch die Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu knnen, aber zu seinem grten Verdru verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem Lockenhaar in einem fort die Tnzerin; dabei sah er sich bald so von der Menge eingezwngt, da er weder vorwrts noch rckwrts zu gehen wagte, aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoen. Endlich jedoch war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrngen und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung zu bringen. Aber allmchtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte er es nmlich ganz vergessen, sich in einen anstndigen Anzug zu werfen. Er wurde rot bis ber die Ohren, lie den Kopf hngen und wollte in die Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er htte verschwinden knnen: hinter ihm stand eine ganze Mauer von eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformrcken. Er wnschte sich so weit fort als nur mglich von der Schnen mit der herrlichen Stirn und den entzckenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war das? Was war das? -- Sie ist es! schrie er fast mit Aufgebot all seiner Krfte. Es war wirklich dieselbe Schne, die er auf dem Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte. Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem klaren Blick an. O Gott, wie schn ist sie! ... das war alles, was er stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren Augen ab; alle lechzten frmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermdung und Gleichgltigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows. Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmchtiger Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz vermochte ihn nicht auszuhalten, es mute zerreien und die Seele mit sich entfhren! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch durch eine Neigung des Kopfes, nein -- dieses Zeichen lag in dem Blick ihrer verfhrerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck, da niemand ihn bemerken konnte; -- er aber bemerkte -- _er_ verstand ihn. Der Tanz dauerte lange, die mde Musik schien ersterben und erlschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tnte kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich -- war der Tanz zu Ende! Die schne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott, was war das doch fr eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser Berhrung Musik zu entstrmen, und die zarte Fliederfarbe lie das blendende Wei der schnen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal diese Hnde berhren -- und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr -- jeder andere wre zu khn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen -- Sie haben sich wohl gelangweilt? fragte sie, ich habe mich auch gelangweilt. Ich merke es wohl, da Sie mich hassen, fgte sie hinzu und senkte ihre langen Wimpern. Sie hassen? ich? .. wollte der vllig fassungslose Piskarjow ausrufen und er htte gewi noch eine ganze Menge unzusammenhngender Worte hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem sehr schnen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und angenehme Bemerkungen. Er lchelte freundlich, lie hierbei eine Reihe schner Zhne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows Herz zu treiben. Zum Glck wandte sich endlich einer von den Anwesenden mit einer Frage an den Kammerherrn. Wie unertrglich ist das! sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu ihm empor. -- Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen Sie zu mir! Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken. Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war gleich darauf an ihrer Seite. Ja, das war sie! Sie sa da wie eine Knigin, schner und herrlicher als alle andern, und suchte ihn mit den Augen. Sie sind hier? sagte sie leise. Ich will aufrichtig gegen Sie sein: die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewi sonderbar erschienen. Konnten Sie wirklich glauben, da ich zu jener verchtlichen Menschenklasse gehre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen merkwrdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch imstande, sagte sie und sah ihm forschend in die Augen -- es nie jemand zu verraten? O gewi, ich schwre Ihnen ... Aber in diesem Augenblick trat ein ltlicher Herr an sie heran, fing an, in einer Sprache, die Piskarjow unverstndlich blieb, mit ihr zu reden, und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rckkehr abwarten, aber in seiner Ungeduld fhlte er sich auerstande, irgendeinen Befehl, und wre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen. Er wollte ihr folgen, doch im Gedrnge wurden sie voneinander getrennt. Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in hchster Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stie alle, die ihm entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saen nur vornehme und reiche Herren beim Whist und hllten sich in ein stumpfes Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ltere Leute ber die Vorzge des Militrdienstes gegenber denen des Zivildienstes, und in einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Frcken flchtige Bemerkungen ber das mehrbndige Werk eines ernsten Poeten. Piskarjow fhlte, wie ein ltlicher Herr von ehrwrdigem ueren ihn bei einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stie ihn grob von sich, ohne zu bemerken, da der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug. Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein drittes -- auch da war sie nicht zu finden. Wo ist sie nur? Fhrt mich zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen, was sie mir zu sagen hatte! Aber all sein Suchen war umsonst. Mde und ngstlich drckte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor ihm, doch seine mden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wnde seines eigenen Zimmers zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlschen, das Licht war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich ber den alten Tisch ergossen. Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schner Traum! warum mute er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten knnen! Gewi wre sie zurckgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen, das ihn mit seinem trben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster hinein. Das Zimmer lag grau und trbe da: berall herrschte Unordnung ... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hllte sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfllt, das entflohene Traumbild wieder zurckzurufen. Der Traum zgerte auch nicht, sich einzustellen, aber er lie ihn nicht sehen, was er sehen wollte: bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der Kopf einer Finnlnderin, die er einst gemalt hatte, und hnlicher Unsinn. Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte -- aber die Schne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur fr einen Augenblick ihre wundervollen Zge vor ihm enthllt, wenn er doch nur fr einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen htte, wenn ihr entblter Arm nur fr einen Moment, wie eine schneeweie Wolke an seinen Blicken vorbergeschwebt wre! Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und sa nun mit einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen; teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof, wo ein schmutziger Wassertrger Wasser ausgo, das in der Luft gefror, und wo ein Verkufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: _alte Kleider zu verkaufen_. Alles Wirkliche und Alltgliche berhrte sein Ohr fremd und seltsam. So sa er bis zum Abend da, dann warf er sich leidenschaftlich ins Bett. Lange kmpfte er mit der Schlaflosigkeit, aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu trumen, aber diesmal war es ein fader, hlicher Traum. Gott, erbarme Dich! Oh, la mich sie sehen, wenn auch nur fr einen Augenblick, fr einen einzigen Augenblick! Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und trumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein Fagott war. Oh! das ist unertrglich! rief er da. Endlich erschien sie ihm, ihr Kpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank er in einen dummen Traum. Allmhlich bildeten seine Trume den ganzen Inhalt seines Lebens, und von dieser Zeit ab nahm sein Leben eine merkwrdige Richtung an: man konnte sagen, er schlief -- wenn er wach war, und er war wach -- wenn er trumte. Wenn ihn jemand gesehen htte, wie er ganz stumm vor seinem leeren Tisch sa, oder wie er auf der Strae einherging, er htte ihn fr einen Nachtwandler oder einen durch Alkohol vergifteten Narren gehalten; sein Blick war vllig ausdruckslos, seine angeborene Zerstreutheit entwickelte sich bis ins Malose und verjagte herrisch alle Bewegung und Empfindung aus seinem Gesicht, nur beim Anbruch der Nacht belebten sich seine starren Zge wieder. Dieser Zustand zerrttete seinen Organismus, aber die grte Qual brach erst fr ihn an, als der Schlaf endlich anfing, ihn ganz zu fliehen. Vom Wunsche verzehrt, diesen seinen einzigen Schatz zu retten, wandte er alle Mittel an, um ihn wiederzuerlangen. Er erfuhr, da es ein Mittel gbe, das einem den Schlaf wiederbringt, dazu brauche man nur Opium zu nehmen. Aber wo sollte er sich dies Opium verschaffen! Piskarjow erinnerte sich eines Persers, der Ladenbesitzer war, mit persischen Schals handelte und ihn bei jeder Begegnung gebeten hatte, ihm doch ein schnes Frauenbildnis zu malen. In der berzeugung, da der Perser Opium bese, entschlo er sich, zu ihm zu gehen. Der Perser empfing ihn, mit verschrnkten Beinen auf dem Diwan sitzend: Wozu brauchst du Opium? fragte er ihn. Piskarjow erzhlte ihm von seiner Schlaflosigkeit. Gut, ich will dir Opium geben -- aber male mir ein schnes Frauenbildnis dafr. Es mu jedoch wirklich schn sein! Sie mu schwarze Brauen und groe Sammetaugen haben, und ich selbst will neben ihr liegen und meine Pfeife rauchen! Hrst du, aber schn mu sie sein, wunderschn, hrst du? Piskarjow versprach ihm alles. Der Perser ging auf einen Augenblick hinaus und kehrte dann mit einem Flschchen, das mit einer schwarzen Flssigkeit angefllt war, zurck; vorsichtig go er einen Teil davon in ein anderes Flschchen und gab es Piskarjow mit der Weisung, nicht mehr als sieben Tropfen in Wasser zu nehmen. Piskarjow griff nach dem kostbaren Flschchen, das er fr keinen Goldklumpen wieder hergegeben htte und lief Hals ber Kopf nach Hause. Kaum war er zu Hause angekommen, so go er sich einige Tropfen in ein Glas Wasser, trank es hastig aus und warf sich auf sein Lager. Mein Gott! welche Wonne war dies! Da war sie! Da war sie wieder, aber jetzt erschien sie ihm in einer ganz anderen Welt. Oh, wie reizend war das! da sa sie am Fenster eines hellen Landhuschens; ihre Kleidung war von einer Schlichtheit, wie nur ein Poet sie ersinnen konnte. Ihre Haartracht ... Heiliger Gott, wie einfach war sie, und doch wie kleidsam! Der kurze Zopf fiel ihr auf ihren schlanken Nacken herab, alles an ihr war bescheiden, geheimnisvoll und deutete auf einen wunderbar edlen, feinen Geschmack. Wie grazis war ihr Gang, wie harmonisch der Takt ihrer Schritte und das Rauschen ihres schlichten Kleides! wie schn ihr Arm mit dem aus Haaren geflochtenen Armband! Mit Trnen in den Augen sagte sie zu ihm: Verachten Sie mich nicht, ich bin nicht das, wofr Sie mich halten! Sehen Sie mich an! Blicken Sie mich aufmerksam an und sagen Sie dann: sollte ich denn wirklich dessen fhig sein -- woran Sie denken? -- O nein, nein, der solches zu denken wagte ... soll ... Er wachte gerhrt, ja erschttert, mit Trnen in den Augen auf. Es wre besser, du existiertest berhaupt nicht, sondern wrest die Schpfung eines begeisterten Knstlers, ich wrde nicht von der Leinwand weichen, oh, ich wrde dich ewig anschauen und dich unaufhrlich kssen. Du wrest mein Leben, mein ganzes Sein die herrlichste Phantasie, und ich wre glcklich. Ich htte keinen Wunsch auer nach dir! Wie meinen Schutzengel wrde ich dich anrufen, im Schlafe und wenn ich wach wre, und wenn ich etwas Gttliches und Heiliges darstellen mte, so wrde ich auf dich warten, da du mir erscheinest. Doch nun, was fr ein entsetzliches Leben! Sie lebt -- aber was ntzt es mir! Ist denn das Leben eines Wahnsinnigen eine Freude fr seine Angehrigen und seine Freunde, die ihn einstmals liebten?! Mein Gott, was ist unser Leben! Ein ewiger Streit zwischen Illusion und Wirklichkeit! -- Solche und hnliche Gedanken beschftigten ihn unaufhrlich. Andere Interessen hatte er nicht, er dachte an nichts und a fast gar nichts; voller Ungeduld und mit der Leidenschaft eines Liebhabers wartete er auf den Abend und die ersehnte Erscheinung. Diese bestndige Richtung seiner Gedanken auf ein Ziel gewann schlielich solch eine Gewalt ber sein ganzes Sein und seine Einbildungskraft, da das ersehnte Bild fast tglich vor seinem inneren Auge erschien, aber immer in einer Umgebung, die der Wirklichkeit geradezu widersprach, denn seine Gedanken waren rein wie die Gedanken eines Kindes. Der Gegenstand seiner Liebe wurde durch seine Trume verwandelt und veredelt. Der Gebrauch des Opiums erhitzte seine Gedanken immer mehr; wenn es einmal einen bis zum hchsten Grade des Wahnsinns ungestmen, qualvoll und verzehrend Verliebten gegeben hat, so war _es_ dieser Unglckliche. Der schnste von allen seinen Trumen war dieser: Er fand sich in seinem Atelier wieder, war froh gestimmt und sa selig mit der Palette in der Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie sa neben ihm, sttzte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, mden Augen lag eine lastende Flle des Glcks, alles im Zimmer war durchtrnkt von Seligkeit, berall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit. Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Kpfchen an seine Brust ... Einen schneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fhlte sich frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten sich in seinem Hirn: Vielleicht, so dachte er, vielleicht ist sie durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Bue, vielleicht verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Darf man denn gleichgltig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken und sie vor dem Ertrinken zu retten! Und seine Gedanken eilten immer weiter: Mich kennt niemand, sagte er zu sich selbst, wer kmmert sich um mich, und um wen brauche ich mich zu kmmern?! Wenn sie aufrichtig bereut und ihren Lebenswandel ndert, so -- will ich sie heiraten. Ja, ich mu sie heiraten, ich werde verstndig handeln! Wieviel Menschen gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz verwerfliche Geschpfe heiraten; meine Tat wird uneigenntzig und vielleicht sogar gro sein. Ich werde der Welt eine ihrer schnsten Zierden wiedergeben! Whrend er solch leichtsinnige Plne schmiedete, fhlte er die Rte in seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak ber seine eingefallenen Zge und die Blsse seines Gesichts. Diesmal kleidete er sich sorgfltig an, wusch sich, kmmte sein Haar, warf sich in seinen neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging auf die Strae. Gierig sog er die frische Luft ein und fhlte ein Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu gehn. Als er sich der Strae nherte, die er seit der verhngnisvollen Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu pochen. Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedchtnis versagte ihm den Dienst. Zweimal ging er die Strae auf und ab und wute nicht, wo er stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben. Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tr: die Tr ffnete sich, -- und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien -- sie, die sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so ses Leben ausmachte -- sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz berwltigt von der Freude, konnte er sich vor Schwche kaum auf den Fen halten. Sie stand vor ihm, noch ebenso schn wie ehemals; obgleich ihre Augen etwas trbe waren und eine leichte Blsse auf ihren nicht mehr ganz so frischen Zgen lag, war sie doch immer noch wunderschn. Oh, rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. Warum sind Sie damals weggelaufen? Piskarjow lie sich ganz erschpft auf einem Stuhle nieder und blickte sie an. Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause gebracht. Ich war ganz betrunken! fgte sie mit einem Lcheln hinzu. Oh! wrest du doch stumm, wrest du der Sprache beraubt, statt solche Reden zu fhren! Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen keinen Eindruck auf sie ausben wrden. Nachdem er sich ermannt hatte, fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glhenden Farben die Schrecken ihrer Lage zu schildern. Sie hrte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem Gefhl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas vllig Unerwartetem und Merkwrdigem zu uern pflegen. Mit einem kaum merklichen Lcheln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke sa, in ihrer Arbeit -- sie reinigte gerade einen Kamm -- innehielt und dem neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhrte. Es ist wahr, ich bin arm! schlo Piskarjow nach einer langen und erbaulichen Ermahnung, aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide, einer wie der andere, um die Wette bemhen, unsere Lage zu verbessern. Es gibt nichts Schneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken. Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschftigt neben mir sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen. Wie wre das mglich! unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem Ausdruck tiefer Verachtung. Ich bin doch keine Wscherin oder Nherin, da ich arbeiten sollte! Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Hlichkeit dieses verchtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und Miggangs, dieser treuen Gefhrten des Lasters. Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte, frech ein: Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer so dasitzen. Hierbei verzog sie ihr erbrmliches Gesicht zu einer dummen Grimasse, und dies amsierte die Schne aufs hchste und brachte sie zum Lachen. Oh! das war zuviel! das war unertrglich! Er strzte hinaus, wie von Sinnen und als ob er den Verstand verloren htte. Seine Gedanken verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefhllos, so trieb er sich den ganzen Tag ber herum. Niemand wute, ob er irgendwo geschlafen hatte oder nicht, erst am nchsten Tage kehrte er, von einem trichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurck, er war in einem schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren verwhlt, und in seinen Zgen machten sich Anzeichen von Wahnsinn bemerkbar. Er schlo sich in seinem Zimmer ein, lie niemand zu sich herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne da sich sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geffnet htte, es verging eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rttelte an der Tr, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich brach man die Tr auf und fand einen leblosen Krper mit einer durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszgen konnte man schlieen, da seine Hand gezittert und da der Selbstmrder sich noch lange geqult hatte, bevor seine sndige Seele sich von ihrer Hlle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene, schchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme htte entwickeln knnen! Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen Krper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten Gestalten mit ihren gleichgltigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz still ohne jede religise Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wchter begleitete ihn -- aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps ber den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem Leichnam des Unglcklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte brigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem auerordentlichen Erlebnis beschftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begrbniszug mit dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel trgt, meinen Weg kreuzt. Ich spre immer etwas wie Verdru, wenn ich einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne; aber mein Verdru mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich fhrt, begleitet von einer Bettlerin, die zufllig des Weges daherkam und dem Sarge folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte. Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schnen Blondine nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes Geschpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den Schaufenstern ausgelegten Grtel, Halstcher, Ohrringe, Handschuhe und sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen Seiten und sah sich fortwhrend um. Mein Tubchen! sagte Piragow selbstbewut, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist vielleicht Zeit, den Leser etwas nher mit Piragow bekannt zu machen. Aber bevor wir erzhlen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze, etwas ber die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehrte. Es gibt in Petersburg Offiziere, die gewissermaen eine Mittelklasse bilden. In Gesellschaften, bei Diners von Staatsrten oder Wirklichen Staatsrten, die sich diesen Titel durch vierzigjhrigen Dienst erworben haben, kann man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen. Ein paar hhere Tchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst, von denen einzelne schon recht verblht aussehen, ein Teetisch, ein Klavier, ein huslicher Tanz -- dies alles ist nicht denkbar ohne die blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen Blondinen und den schwarzen Fracks der Brder und Hausfreunde glnzen sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltbltigen Jungfrauen aufzumuntern und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehrt eine groe Kunst, oder besser gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man mu nicht allzu klug und auch nicht allzu komisch reden, und in allem mu jene Hohlheit und Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in dieser Hinsicht mu man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehr zu verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelchter erstickt werden, wie: Bitte, hren Sie auf! Schmen Sie sich doch, einen so zum Lachen zu bringen! sind hufig die schnste Belohnung fr diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten verdrngt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. brigens aber hlt man sie fr gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben es, sich ber Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien ber A. A. Orlow. Auch versumen sie keinen ffentlichen Vortrag, ob in ihm nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgltig, was fr ein Stck gerade aufgefhrt wird, es mte denn eine ganz dumme Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht gengt; sonst aber sind sie immer im Theater. Fr die Theaterdirektionen ist das das beste Publikum. In den Stcken sind es hauptschlich schne Verse, die sie schtzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten oder sie bereiten die Zglinge fr diese Anstalten vor, und schlielich schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schlu fhren sie eine Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und einen Haufen brtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre werden sie jedoch nie frher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Barttrger[6] immer noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Tchter mindestens als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die wichtigsten Charakterzge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persnlich eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus Dimitri-Donskoj und Wehe dem Gescheiten zu deklamieren, und wute vortrefflich Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzglich davon erzhlen, da die Kanone etwas an und fr sich und da das Einhorn auch etwas an und fr sich sei ... brigens ist es auerordentlich schwer, alle Talente aufzuzhlen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow ausgestattet hatte. Er sprach gern ber eine Schauspielerin oder eine Tnzerin, aber nicht mit der Schrfe, wie sich gewhnlich Leutnants ber solche Gegenstnde auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er hufig sagte, whrend er sich aufs Sofa streckte: ach ja, alles ist eitel, was hat denn das zu bedeuten, da ich Leutnant bin; aber in seinem Innern fhlte er sich doch sehr durch die neue Wrde gehoben, und in der Unterhaltung bemhte er sich hufig darauf anzuspielen; ja als ihm einmal auf der Strae ein Schreiber begegnete, der ihm unhflich zu sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen Worten zu verstehen, da vor ihm ein _Leutnant_ und nicht ein xbeliebiger Offizier stehe -- und da in diesem Moment zwei allerliebste Damen vorbergingen -- bemhte er sich, sich besonders hbsch auszudrcken. Piragow trug berhaupt eine Leidenschaft fr alles Schne zur Schau und daher protegierte er auch den Knstler Piskarjow: vielleicht kam es brigens auch nur daher, weil er es so sehr wnschte, sein mnnliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen, da es unmglich ist, alle seine Vorzge mit einemmal aufzuzhlen, je lnger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentmlichkeiten kommen zum Vorschein, und man fnde nie ein Ende, wenn man sie alle herzhlen wollte. [Funote 6: d. h. Kaufleute.] Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit unverstndlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen Tabak- und Kramldenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen Nymphen bevlkerte Strae, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte sichtlich und schlpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses. Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, ffnete eine Tr und trat ein, whrend ihr Piragow mutig folgte. Pltzlich befand er sich in einem groen Zimmer mit schwarzen Wnden und einem verrucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben, Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glnzenden Kaffeekannen und Leuchtern lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen Sgespnen bestreut. Piragow begriff sofort, da dies die Werksttte eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine Seitentr. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der russischen Maxime und entschlo sich, vorwrts zu eilen. Er trat in ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht hnlich sah: es war sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, da der Wirt ein Deutscher war. Ein beraus merkwrdiges Bild setzte Piragow aufs hchste in Erstaunen: vor ihm sa _Schiller_ -- nicht jener Schiller, der den Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreiigjhrigen Krieges geschrieben hat, sondern der _bekannte_ Schiller, ein Schlossermeister aus der Meschtschanskistrae. Neben Schiller stand _Hoffmann_, aber wiederum nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tchtiger Schuhmachermeister dieses Namens aus der Offizierstrae und ein groer Freund Schillers. Schiller war betrunken, sa auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fu und sprach mit groem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die hchst merkwrdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller sa da, hielt den Kopf in die Hhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor; Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefat und fuhr mit der Schneide eines Schustermessers ber ihre Oberflche hin und her. Beide sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der auer guten Morgen kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen. Im brigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: Ich will sie nicht, ich brauche keine Nase! sagte er und fuchtelte mit den Hnden in der Luft herum. Allein fr diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden -- weil die deutschen Lden keinen russischen Tabak haben -- ich zahle in einem elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20 Kopeken -- und zwlfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel 40 Kopeken. -- Hrst du's, mein Freund Hoffmann, allein fr die Nase 14 Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rap -- denn an einem Feiertage will ich doch keinen scheulichen russischen Tabak schnupfen. Das Jahr ber schnupfe ich 2 Pfund Rap zu 2 Rubel das Pfund -- 4 Rubel und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein fr Tabak. Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht recht? Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. 20 Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen Knig in Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da ist meine Nase! Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow dazwischengekommen wre, dann htte Hoffmann sicherlich ohne viele Umstnde Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte. Schiller war sehr verdrielich, da pltzlich ein unbekannter, ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment strte. Obgleich er sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fhlte er doch, da sein Zustand und die Beschftigung, bei der er angetroffen wurde, in Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte. Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen Zuvorkommenheit: Sie entschuldigen doch! Machen Sie, da Sie fortkommen! sagte Schiller gedehnt. Diese Antwort verblffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war ihm ganz neu. Das Lcheln, das eben auf seinen Zgen gespielt hatte, verschwand pltzlich. Im Gefhl seiner gekrnkten Wrde sagte er: Ich mu mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht bemerkt ... da ich Offizier bin ... Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier! So mach' ich's mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff .... Hierbei hielt er sich die Hand vors Gesicht und blies drauf. Der Leutnant Piragow sah ein, da ihm nichts andres brigblieb, als sich zu entfernen; aber diese unziemliche Behandlung seines Standes war ihm doch sehr unangenehm. Ein paarmal blieb er auf der Treppe stehn, wie wenn er Mut fassen wollte und darber nachdchte, wie er Schiller seine Frechheit ben lassen knnte. Endlich kam er zu dem Schlu, da Schiller zu entschuldigen sei, da sein Hirn mit Bier und Wein angefllt wre, auch fiel ihm die reizende Blondine wieder ein, und so entschlo er sich, das alles zu vergessen. Am folgenden Tage betrat der Leutnant Piragow frhmorgens die Werkstatt des Schmiedes. Im ersten Zimmer kam ihm die hbsche Blondine entgegen und fragte ihn mit recht unfreundlicher Stimme, die ihr sehr gut zu Gesicht stand: Was wnschen Sie? Ah, guten Tag, meine Schne! Sie erkennen mich wohl nicht? Sie kleiner Schelm! was fr schne Augen Sie haben! Hierbei wollte ihr der Leutnant Piragow in liebenswrdiger Weise einen Finger unters Kinn legen und es emporheben, aber die Blondine stie einen erschrockenen Laut aus und fragte ihn ebenso unfreundlich: Was wnschen Sie? Nur Sie zu sehen, sonst wnsche ich nichts! erwiderte der Leutnant Piragow freundlich lchelnd und trat nher, aber als er merkte, da die ngstliche Blondine nach der Tr strebte, setzte er hinzu: Ich mchte ein Paar Sporen bestellen, meine Liebe, knnen Sie mir ein Paar Sporen machen? Um Sie liebzuhaben, brauche ich allerdings keine Sporen, im Gegenteil, eher noch Zgel! Was fr reizende Hndchen! Der Leutnant Piragow war bei solcher Art Liebeserklrungen immer sehr hflich. Ich werde gleich meinen Mann rufen! rief ihm die Deutsche laut zu, ging hinaus und einige Minuten darauf erblickte Piragow Schiller, der noch ganz verschlafen und kaum von seinem gestrigen Rausch ernchtert ins Zimmer trat. Als er den Offizier erkannte, stieg die gestrige Szene wie ein Traum vor ihm auf. Eine klare Erinnerung hatte er in diesem Zustande nicht, aber er fhlte, da er irgendeine Dummheit begangen hatte, und empfing daher den Offizier mit recht verdrielicher Miene. Weniger als 15 Rubel kann ich fr die Sporen nicht nehmen! sagte er, um Piragow so schnell wie mglich loszuwerden, denn es war ihm, dem ehrlichen Deutschen, sehr peinlich, dem Manne gegenberzustehn, der ihn in solch einer peinlichen Situation gesehen hatte. Schiller liebte es, nur mit zwei, drei guten Freunden und ohne Zeugen zu zechen, daher schlo er sich fr diese Zeit ein und verbarg sich selbst vor seinen Arbeitern. Warum sind Sie denn so teuer? sagte Piragow freundlich. Es ist doch deutsche Arbeit! erwiderte Schiller kaltbltig und strich sich das Kinn. -- Ein Russe wird sie Ihnen fr 2 Rubel anfertigen. Schn, um Ihnen zu beweisen, da ich Sie liebe und Ihre Bekanntschaft zu machen wnsche, will ich Ihnen 15 Rubel bezahlen! Schiller besann sich einen Augenblick: als ehrlicher Deutscher schmte er sich ein wenig. Von dem Wunsche getrieben, Piragow seine Absicht auszureden, sagte er, da er die Sporen frhestens in zwei Wochen herstellen knne. Aber Piragow erklrte sich ohne jedweden Widerspruch mit allem einverstanden. Der Deutsche dachte ein wenig nach und grbelte hin und her, ob er wohl seine Arbeit so ausgezeichnet ausfhren knnte, da sie wirklich 15 Rubel wert wrde. In diesem Augenblick trat die Blondine in die Werkstatt und machte sich etwas am Tisch, der mit Kaffeekannen besetzt war, zu schaffen. Piragow benutzte Schillers Nachdenklichkeit, trat dicht an sie heran und drckte ihren Arm, der bis zur Schulter entblt war. Dies mifiel Schiller sehr: Meine Frau! schrie er ihn an. Was wollen Sie denn? entgegnete die Blondine. Geh in die Kche! Die Blondine entfernte sich. Also in zwei Wochen? sagte Piragow. Ja, in zwei Wochen, sagte Schiller nachdenklich, ich habe jetzt viel Arbeit! Auf Wiedersehn, ich komme wieder vor! Auf Wiedersehn! sagte Schiller und schlo die Tr hinter ihm. Der Leutnant war fest entschlossen, seine Werbung nicht aufzugeben, obgleich die Blondine ihm sichtlich Widerstand entgegensetzte. Er konnte es nicht fassen, da man ihm widerstehen knnte, um so weniger, als seine Liebenswrdigkeit und sein illustrer Rang ihm alles Recht auf Entgegenkommen gab. Man mu noch hinzufgen, da Frau Schiller bei all ihrem Liebreiz sehr beschrnkt war. brigens bildet ja bei einer hbschen Frau die Dummheit noch einen besonderen Reiz. Wenigstens habe ich viele Mnner gekannt, die von der Dummheit ihrer Frauen begeistert waren und in ihr ein Symptom kindlicher Unschuld sahen. Die Schnheit bringt geradezu Wunder hervor. Alle geistigen Mngel wirken bei einer schnen Frau, anstatt abzustoen, nur noch besonders anziehend; selbst das Laster erhlt einen gewissen Anschein von Lieblichkeit. Aber wo die Schnheit fehlt, da mu eine Frau mindestens zwanzigmal so klug sein wie ein Mann, um Achtung oder gar Liebe einzuflen. Doch trotz ihrer Beschrnktheit war Frau Schiller stets ihrer Pflicht treu geblieben, daher wurde es Piragow sehr schwer, sein khnes Unternehmen erfolgreich zu Ende zu fhren. Allein die berwindung von Hindernissen ist stets mit Genu verbunden, und so wurde unsere Blondine ihm nur noch interessanter. Er fing an, sich sehr oft nach den Sporen zu erkundigen, so da Schiller dies zuletzt lstig wurde. Er gab sich alle Mhe, die begonnene Arbeit schnell zu beendigen, und endlich waren die Sporen fertig. Ach, welch eine herrliche Arbeit! rief der Leutnant Piragow beim Anblick der Sporen. Mein Gott, wie vortrefflich sind sie gemacht. Selbst unser General nennt solche nicht sein eigen! Ein Gefhl der Selbstzufriedenheit erfllte Schillers Seele. Seine Augen nahmen einen vergngten Ausdruck an, und er war innerlich bereit, sich vllig mit Piragow auszushnen. Dieser russische Offizier ist ein kluger Mann! dachte er bei sich. Nicht wahr, Sie knnen doch auch Einfassungen fr Dolche und andere Waffen anfertigen? Oh, gewi kann ich das, sagte Schiller lchelnd. So machen Sie mir also eine Fassung fr meinen Dolch. Ich werde ihn Ihnen bringen; ich habe einen sehr schnen trkischen Dolch, aber ich mchte ihn anders fassen lassen! Schiller traf dieser Vorschlag wie eine Bombe. Er runzelte die Stirn. Da haben wir's! dachte er bei sich, und schalt sich innerlich, da er selbst Anla zu einer neuen Bestellung gegeben hatte. Es jetzt noch abzulehnen, schien ihm unehrenhaft, auch hatte ja der russische Offizier seine Arbeit gelobt. -- Kopfschttelnd erklrte er seine Bereitwilligkeit, aber der Ku, den Piragow der zierlichen Blondine beim Fortgehen dreist auf die Lippen drckte, brachte ihn vollends aus der Fassung. Ich halte es nicht fr berflssig, den Leser etwas nher mit Schiller bekannt zu machen. Schiller war ein echter Deutscher in vollstem Sinn des Wortes. Schon als zwanzigjhriger Jngling, in jener glcklichen Zeit, wo ein Russe noch sorglos in den Tag hinein lebt, hatte sich Schiller bereits sein Leben zurechtgelegt und wich nie und in keinem Fall von seinem Ziel ab. Er hatte bei sich beschlossen, immer um 7 Uhr aufzustehn, um 2 Uhr zu Mittag zu essen, in allem gewissenhaft zu sein und sich Sonntags zu betrinken. Er hatte sich vorgenommen, im Laufe von zehn Jahren ein Kapital von 50000 Rubeln zurckzulegen, und schon dieser Entschlu gengte, um die Erfllung seines Planes so sicher und unumstlich zu machen wie das Schicksal; denn eher vergit es ein Beamter, in das Vorzimmer seines Chefs hineinzublicken, als da ein Deutscher sich entschliet, sein Wort zu brechen. Niemals gab er mehr aus, als er sich vorgenommen hatte, und wenn die Kartoffelpreise ber das gewhnliche Ma stiegen, legte er doch nie eine Kopeke zu, sondern verminderte lieber das Quantum; wenn er auch manches Mal nicht ganz satt wurde, so gewhnte er sich doch daran. Seine Ordnungsliebe ging so weit, da er bei sich beschlossen hatte, seine Frau nicht hufiger als zweimal am Tage zu kssen und, um ihr nur ja keinen berzhligen Ku auf die Lippen zu drcken, tat er nie mehr als einen Kaffeelffel voll Pfeffer in die Suppe; brigens wurde diese Regel am Sonntag nicht so streng eingehalten, da Schiller an diesem Tage stets zwei Flaschen Bier und eine Flasche Kmmel trank, auf den er freilich immer schimpfte. Er pflegte jedoch nicht so zu trinken wie die Englnder, die sich gleich nach dem Mittag einschlieen und sich ganz allein und still fr sich berauschen. Er als Deutscher bedurfte beim Zechen stets der Anregung und Begeisterung und trank daher immer in Gesellschaft, entweder mit dem Schuster Hoffmann oder mit dem Tischler Kunz, der ebenfalls ein Deutscher und dazu ein groer Sufer war. Dies war der Charakter unseres ehrenwerten Schiller, der nunmehr in eine sehr schwierige Lage geraten war. Obgleich er ein Phlegmatiker und ein Deutscher war, so erregte doch das Betragen Piragows so etwas wie Eifersucht in ihm. Er zerbrach sich den Kopf, es wollte ihm aber durchaus nichts einfallen, auf welche Art und Weise er den russischen Offizier abschtteln knnte. Unterdessen spielte Piragow, wenn er sich im Kreise seiner Kameraden befand und gemtlich die Pfeife rauchte, -- die Vorsehung hat es nun einmal so eingerichtet, da, wo Offiziere beisammen weilen, auch die Pfeife nicht fehlen darf -- hufig auf das Techtelmechtel mit der reizenden Blondine an; mit einem bedeutungsvollen und angenehmen Lcheln rhmte er sich bereits einer groen Intimitt mit ihr; in Wirklichkeit aber begann er bereits, die Hoffnung zu verlieren, da er sie jemals wrde erobern knnen. Eines Tages machte er einen Spaziergang auf der Meschtschanskaja und blickte immer auf das Haus, an dem das Schild Schillers mit den Kaffeekannen und Teemaschinen prangte; zu seiner groen Freude entdeckte er pltzlich das Kpfchen der Blondine, die sich aus dem Fenster beugte und die Vorbergehenden betrachtete. Er blieb stehn, warf ihr einen Handku zu und rief: Guten Morgen! Die Blondine erwiderte seinen Gru wie den eines alten Bekannten. Ist Ihr Mann zu Hause? Ja, sagte die Blonde. Und wann ist er nicht zu Hause? Sonntags ist er gewhnlich nicht zu Hause! sagte die dumme Gans. Das ist nicht bel, dachte Piragow bei sich, das knnte man ausnutzen. -- Und schon am nchsten Sonntag schneite er der Blondine ins Haus hinein. Schiller war wirklich nicht anwesend. Die hbsche Hausfrau war aufs hchste erschrocken; aber diesmal war Piragow vorsichtig, betrug sich sehr ehrerbietig, verbeugte sich in verbindlicher Form und lie dabei die ganze Schnheit seiner biegsamen, straffen Gestalt zur Geltung kommen. Er scherzte sehr nett und hflich, aber das deutsche Schfchen gab auf alles nur ganz einsilbige Antworten. Endlich, nachdem er schon ber alles mgliche geredet hatte und nun bemerkte, da sie nichts interessierte, schlug er ihr vor, etwas zu tanzen. Die Deutsche ging darauf ein, denn die deutschen Frauen pflegen bekanntlich sehr gern zu tanzen. Dieses gab Piragow Anla zu den khnsten Hoffnungen: erstens machte ihr dieses Spa, zweitens konnte er hierbei seine Gewandtheit und seine elegante Taille sehen lassen, drittens kann man sich einer Dame beim Tanzen noch mehr nhern als sonst, er konnte die hbsche Deutsche umarmen und damit den Grund zu allem weiteren legen, kurz, er hoffte auf einen vollstndigen Triumph. Er begann eine Gavotte vor sich hin zu summen, weil er wute, da die Deutschen einer allmhlichen Steigerung bedrfen. Die niedliche Blondine trat in die Mitte des Zimmers und hob ihren reizenden Fu empor. Diese Stellung versetzte Piragow derart in Begeisterung, da er ihr einen Ku auf den Fu drcken wollte. Die Deutsche fing an zu schreien, wodurch sie ihren Reiz in den Augen Piragows noch mehr erhhte. Er berschttete sie mit Kssen. Da ging pltzlich die Tr auf, und Schiller, Hoffmann und der Tischler Kunz traten ein. Alle drei ehrenwerten Handwerker waren betrunken wie die Schlosser. Ich berlasse es dem Leser, sich den rger und den Zorn Schillers vorzustellen. Frechling! schrie er in hchster Wut, wie wagst du es, meine Frau zu kssen! Du bist ein Lump und kein russischer Offizier! Hol dich der Teufel, nicht wahr, Freund Hoffmann, ich bin ein Deutscher und kein russisches Schwein! (Hoffmann bejahte dies.) Zum Donnerwetter, ich will doch keine Hrner tragen! Pack' ihn am Kragen, Freund Hoffmann! ich will nicht -- fuhr er fort und fuchtelte gewaltig mit den Hnden in der Luft herum, wobei sein Gesicht so rot wurde wie seine Weste. -- Ich lebe schon acht Jahre in Petersburg, ich habe eine Mutter in Schwaben und einen Onkel in Nrnberg, ich bin ein Deutscher und kein Hornvieh! -- Rei ihm die Kleider vom Leibe, Freund Hoffmann! halt ihn an den Hnden und Fen fest, Kamerad Kunz! Und die Deutschen packten Piragow an Hnden und Fen. Vergeblich versuchte er, sich freizumachen; diese drei Handwerker waren die krftigsten unter allen Petersburger Deutschen und verfuhren so grob und unhflich mit ihm, da ich, wie ich gestehen mu, keine Worte finde, diese traurige Szene zu schildern. Ich bin berzeugt, da Schiller den nchsten Tag wie im Fieber war und zitterte wie das Espenlaub, da er jeden Augenblick auf das Erscheinen der Polizei gefat war; er htte, wei Gott, wieviel dafr gegeben, wenn das gestrige Ereignis nur ein Traum gewesen wre. Ader das Geschehene lt sich nun einmal nicht mehr ungeschehen machen. In der Tat lie sich nichts mit der Wut und der Emprung Piragows vergleichen. Schon der Gedanke an die frchterliche Beleidigung brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Die Verbannung nach Sibirien oder Spierutenlaufen erschienen ihm als die geringsten Strafen, die Schiller verdient hatte. Er flog nach Hause, um sich umzuziehen und von dort direkt zum General zu fahren; ihm wollte er die Unverschmtheit der deutschen Handwerker in den glhendsten Farben schildern. Zu gleicher Zeit wollte er auch eine schriftliche Klage beim Generalstab einreichen: falls aber die angesetzte Strafe nicht gengend streng ausfallen sollte, wollte er die Sache vor alle Instanzen bringen. Allein dies alles fand einen ganz merkwrdigen Abschlu: unterwegs trat er in eine Konditorei, a zwei Kuchen aus Bltterteig, warf einen Blick in die Zeitschrift Die Nordische Biene und verlie das Lokal schon weniger wtend und aufgebracht. Der recht angenehm frische Abend lud ihn dazu ein, etwas auf dem Newsky auf und ab zu gehen; gegen neun Uhr hatte er sich so weit beruhigt, da er fand, am Sonntag ginge es nicht gut, den General zu belstigen, auch wrde er ihn wohl schwerlich zu Hause treffen, daher begab sich Piragow zu einer Soiree bei dem Chef der Kontrollbehrde, wo sich ein sehr netter Kreis von Beamten und Offizieren seines Regiments zusammenfand. Er verbrachte den Abend sehr angenehm und zeichnete sich bei der Mazurka so aus, da nicht nur die Damen, sondern auch die Herren ganz begeistert waren. Als ich vorgestern auf dem Newsky einherschlenderte und mich dieser beiden Ereignisse erinnerte, dachte ich so bei mir: Wie herrlich eingerichtet ist doch unsere Welt! Wie merkwrdig, wie unbegreiflich spielt doch das Schicksal mit uns; erreichen wir je, was wir wnschen? erlangen wir je, was die Bestimmung unserer Krfte und Fhigkeiten zu sein scheint? es kommt immer anders, als man glaubt. Dem einen beschert das Schicksal die herrlichsten Pferde, er aber fhrt gleichgltig spazieren, ohne ihre Schnheit zu bemerken, whrend ein anderer, dessen Herz vor Leidenschaft fr Pferde glht, zu Fu geht und sich damit begngen mu, mit der Zunge zu schnalzen, wenn ein schner Rappe an ihm vorberjagt. Ein dritter hat einen ausgezeichneten Koch, aber leider einen so kleinen Mund, da er nicht mehr als zwei Stckchen hineinstopfen kann, sein Freund dagegen hat ein Maul von der Gre des Generalstabstors und mu sich, ach! mit einem simpeln deutschen Kartoffelgericht begngen. Wie sonderbar spielt doch das Schicksal mit uns! Aber am seltsamsten ist doch das, was auf dem Newsky zu geschehen pflegt. Oh! traut ihm nicht, diesem Newsky-Prospekt! Ich hlle mich immer fester in meinen Mantel, wenn ich ber diese Strae gehe und gebe mir die grte Mhe, mich um keins der Dinge zu kmmern, die mir dort begegnen. Dort ist alles Trug, alles ist nur ein Traum, und nichts ist das, als was es erscheint. Sie glauben vielleicht, dieser Herr, der dort in einem feinen Rock daherkommt, sei sehr reich: keineswegs; der ganze Kerl besteht aus nichts anderem, als aus diesem Rock. Sie bilden sich ein, da diese beiden Dickwnste, die dort vor der im Bau begriffenen Kirche stehen, ber ihren Stil reden -- kein Gedanke. Sie sprechen darber, welch seltsame Pose zwei Krhen einnehmen, die auf ihrem Giebel einander gegenbersitzen. Sie glauben wohl, da jener Enthusiast, der mit den Hnden gestikuliert, davon spricht, wie seine Frau einem ihm ganz unbekannten Offizier durch das Fenster eine Papierkugel an den Kopf geworfen hat -- durchaus nicht, er redet ber Lafayette. Sie meinen wirklich, da diese Damen ... ach, den Damen sollten Sie berhaupt nicht trauen! Blicken Sie auch weniger in die Schaufenster hinein: die dort ausliegenden Nichtigkeiten sind vielleicht sehr schn, aber sie schmecken mchtig nach einigen Hundertrubelscheinen. Vor allem aber mge Gott Sie davor bewahren, den Damen unter die Hte zu gucken! Wie verlockend auch abends der Mantel einer Schnen im Winde flattert, auf keinen Fall wrde ich ihr aus Neugierde nachgehen. Halten Sie sich fern, um Gottes willen, halten Sie sich mglichst fern von der Laterne und gehen Sie schnell, so schnell wie mglich, vorber! Sie knnen noch von Glck sagen, wenn Ihnen nur ein hlicher Fettfleck auf Ihren eleganten Rock tropft. Aber auch abgesehen von der Laterne, berall lauert der Betrug auf Sie. Der Newsky-Prospekt ist immer voller Lug und Trug, am meisten jedoch dann, wenn die Nacht wie ein dichtes Gewlk auf ihn niedersinkt und die weien und hellgelben Mauern der Huser hervortreten lt, wenn die ganze Stadt in Lichterglanz erstrahlt und gleichsam vom Donner erdrhnt, wenn Myriaden von Equipagen ber die Brcken rollen, die Vorreiter schreiend auf den Pferden vorbeigaloppieren, und wenn Satan eigenhndig die Lampen anzndet, nur um alles in einem bernatrlichen Licht erscheinen zu lassen. IV ber die kleinrussischen Lieder Erst in den letzten Jahren, in der Zeit, wo das Streben nach Originalitt und nach einer eigenartigen nationalen Poesie erwacht ist, haben die kleinrussischen Lieder, die der gebildeten Welt bis dahin ganz unbekannt und nur im Volke lebendig waren, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Bis dahin war nur ihre bezaubernde Musik dann und wann in die hheren Kreise gedrungen, die Worte aber waren ganz unbeachtet geblieben und hatten niemandes Neugierde geweckt. Ja, selbst die Melodien wurden niemals in vollstndiger Fassung mitgeteilt. Irgendein talentloser Komponist zerstckelte sie mitleidlos und fgte sie in seine eigenen gefhllosen, plumpen Schpfungen ein.[7] Aber die allerschnsten Stimmen und Lieder haben nur die Steppen der Ukraine vernommen: nur hier erklingen sie unter dem Dache niedriger Lehmhtten, die von Maulbeer- und Kirschbumen umstanden sind, im Glanze der Morgensonne mittags und abends, whrend die zitronengelben Garben des Weizens unter der Sichel der Schnitter hinsinken, und nur hin und wieder wird der Gesang unterbrochen durch den Schrei der Steppenmwe, durch das Lied zahlloser Scharen von Lerchen und den ngstlichen Schlag der Golddrossel. [Funote 7: brigens drfen sich die Freunde der Musik und der Poesie beruhigen. Vor kurzem hat Maximowitsch eine vortreffliche Sammlung dieser Lieder herausgegeben, die von Aljabjew fr Gesang gesetzt sind.] Ich will mich nicht ber die Bedeutung der Volkslieder auslassen. Sie sind die lebendige, leuchtende, farbige Geschichte des Volks, die Wahrheit, die das ganze Leben einer Nation blolegt. Wenn dies Leben tatkrftig, wechselvoll, frei und eigenartig und von Poesie erfllt war, und wenn dies Volk trotz seiner Vielseitigkeit keine hhere Zivilisation erreicht hat, dann lebt sich all sein Feuer, all seine herrliche, jugendliche Kraft in den Volksliedern aus. Sie sind ein Grabdenkmal seiner Vergangenheit -- ja mehr als ein Grabdenkmal: ein mit einem beredten Relief geschmckter und mit einer historischen Aufschrift versehener Stein ist nichts im Vergleich mit dieser lebenden, redenden und von der Vergangenheit kndenden Chronik. In dieser Beziehung bedeuten die Volkslieder fr Kleinruland alles: seine Poesie, seine Geschichte und das Grab seiner Vter. Wer nicht in die Tiefen dieser Lieder gedrungen ist, der wird nichts von der Vergangenheit dieses blhenden Stckes Ruland erfahren. Der Historiker darf in ihnen nicht Hinweise auf Tage und Daten von Schlachten, genaue Ortsbeschreibungen oder wahrheitsgetreue Berichte suchen; in dieser Beziehung werden ihn nur die wenigsten Lieder weiterbringen. Wenn er aber das wahre Wesen, die Elemente des Charakters, alle Schwankungen und Nuancen des Gefhls und alles dessen, was ein bestimmtes Volk bewegt, seiner Leiden und Freuden ergrnden, wenn er den Geist vergangener Zeitalter, den allgemeinen Charakter des Ganzen und jedes einzelnen Teiles erforschen will, dann wird er in jeder Beziehung befriedigt sein; die Geschichte des Volks wird sich ihm in einer leuchtenden Gre offenbaren. Die kleinrussischen Lieder knnen mit vollem Recht historisch genannt werden, weil sie sich nicht einen Augenblick vom Leben entfernen und stets den historischen Moment und den geschichtlichen Zustand treu widerspiegeln. Sie alle sind von der schrankenlosen Freiheit des Kosakenlebens durchdrungen und durchflutet. Aus allem redet die Kraft, der Frohsinn, die Seelenstrke, mit der der Kosak den sorglosen Frieden des Familienlebens aufgibt, um sich in die Poesie der Schlachten, in Gefahren und zgellose Gelage mit den Kameraden zu strzen. Weder die dunkelbrauige Freundin mit ihrer strahlenden Frische, ihren braunen Augen, dem blendenden Glanz ihrer Zhne, die in hingebender Liebe dem Ro in die Zgel fllt, noch die Trnenbche vergieende alte Mutter, deren ganzes Dasein in dem einen Gefhl der Mutterliebe aufgeht, -- nichts hat die Macht, ihn zurckzuhalten. Eigensinnig und unerschtterlich eilt er in die Steppe und ins Lager der Kameraden hinaus. Die Gesellschaft seiner Kumpane, der lebenslustigen Raubritter, ersetzt ihm alles -- Weib, Mutter, Schwestern und Brder. Die Bande dieser Brderschaft gehen ihm ber alles und sind noch strker als die Liebe. Das Schwarze Meer leuchtet, die herrliche unermeliche Steppe vom Taman bis zur Donau -- dieser wilde Ozean von Blten wogt unter dem Hauch des Windes. In der unendlichen Tiefe des Himmels verschwinden Schwne und Kraniche. Der sterbende Kosak liegt mitten in der Khle dieser jungfrulichen Natur hingestreckt da, er nimmt seine letzte Kraft zusammen, um nicht zu sterben, ohne noch einmal seinen Kameraden einen Blick nachgesandt zu haben. Denn wohl wute es das Kosakenhaupt, Da es nicht fern vom Kosakenheer sterben wrde. Als er sie erblickt, ist er befriedigt, und stirbt. Ob nun das Kosakenheer still und gehorsam in den Krieg zieht, ob Pulverdampf und Kugelregen sich aus den Gewehren entldt, ob der Metkrug oder der Weinbecher kreist, ob von der furchtbaren Hinrichtung des Hetmans berichtet wird, da einem die Haare dabei zu Berge stehn, von der Rache des Kosaken oder von einem erschlagenen Helden, der mit weit ausgestreckten Armen und wirrem Schopf auf dem Rasen liegt, oder vom Geschrei der in den Wolken schwebenden Adler, die um das Recht streiten, dem Kosaken die Augen auszuhacken -- alles dies _lebt_ in den Liedern und ist in ihnen mit khnen Farben geschildert. Ein anderer Teil der Lieder stellt die andere Seite des Volkslebens dar: hier finden wir zahllose Zge aus dem Familienleben des Kosaken, und hier herrscht der absolute Gegensatz. Dort hren wir nur von Kosaken, vom Kriege und vom wilden Lagerleben; hier dagegen ersteht vor uns die Frauenwelt, diese wehmtige, zrtliche Liebe atmende Welt; die zwei Geschlechter verkehren nur kurze Zeit miteinander und trennen sich dann fr ganze Jahre. Diese Jahre schwinden fr die Frau in banger Erwartung und Sehnsucht nach ihren Mnnern und ihren Liebsten dahin, die einst wie ein Traum, ein Phantasiegebilde in ihrem herrlichen Kriegsschmuck an ihnen vorberzogen. Daher ist auch ihre Liebe von einer unendlichen Poesie durchwebt. Das frische, unschuldige, einem Tubchen vergleichbare junge Weib hat pltzlich die hchste Seligkeit, das Paradies des Weibes, das nur fr die Liebe geschaffen ist, kennen gelernt. Ihr erster Lebensfrhling, den sie mit dem starken, freien Sohn des Krieges verlebt hat, hat ihr ganzes Lebensglck in einen flchtigen Augenblick zusammengedrngt; mit ihm verglichen hat das ganze Leben keinen Wert; sie lebt nur in der Erinnerung an diesen Moment. Sehnschtig erwartet sie vom Morgen bis zum Abend die Rckkehr ihres Gatten mit den schwarzen Brauen. O ihr schwarzen Augenbrauen, Wie schwer macht ihr mir das Leben, Keine Nacht wollt ihr Alleine schlafen. Sie lebt ausschlielich von Erinnerungen. Alles, was sie zusammen gesehen, wo sie miteinander geweilt, was sie miteinander geredet, alles ruft sie sich in die Erinnerung zurck, ohne auch das Geringste auer acht zu lassen. Sie wendet sich an alles, was sie in der Natur entdeckt, an alles, was Leben ausstrmt, selbst an die leblosen Gegenstnde, klagt ihnen ihr Leid und spricht mit ihnen. Und wie einfach, wie poetisch schlicht sind ihre seelenvollen Worte. Alles bringt sie in Beziehung zu ihrem Gefhl und wird nicht mde zu reden, denn der Mensch hat immer viele Worte, wenn der Schmerz eine geheime Se in sich birgt. Endlich spricht sie in stiller, hoffnungsloser Verzweiflung: Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln, Wo ich mit dem Liebsten ging. Ach, jetzt kann ich nicht mehr lieben, Den ich einst so sehr geliebt. Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln Vor dem Schlosse in der Frh. Ach, ich kann mich nicht mehr lehnen An den Arm des Heigeliebten. Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln In dem Wald und Nsse suchen. Ach, vorber, lngst vorber Ist die heitre Mdchenzeit. Um denen, die die kleinrussische Sprache nicht beherrschen, die Tiefe des Empfindens, die sich in diesen Liedern offenbart, so verstndlich wie mglich zu machen, will ich hier eines dieser Lieder in der bertragung anfhren. Mein Liebster zrnt mir und grollt mir. Er sattelt seinen Rappen und zieht in die Ferne, weit, weit fort von mir. Wohin ziehst du, mein Geliebter, du mein graues Tubchen, wohin entfliehst du? Wem berlssest du mich schutzloses, junges Wesen? Ich lasse dich in Gottes Obhut, Geliebte! Warte auf mich, bis ich von der weiten Reise zurckkehre. Oh, wenn ich wte, wenn ich es doch sehen knnte, wohin mein Liebster trabt, so wollte ich ihm auf dem ganzen Wege Brcken aus grnem Schilf bauen und ihn immerfort bei mir erwarten. Allmchtiger Gott, ebne die Berge und Tler, auf da die Wege berall glatt seien, und da er bequem von seinem Ziele bis vors Haus reiten kann. Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, das Gras auf den Wegen fngt an zu grnen; da ist er, mein Geliebter kommt geritten! Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, der Wacholder erblht -- gewi plaudert mein Geliebter, mein graues Tubchen irgendwo mit einer andern. Warum kamst du nicht geflogen, wie ich dich bat! Hattest du kein Ro, kanntest du den Weg nicht mehr, oder hat's dir deine Mutter verboten? Ich habe ein Pferd; auch kenne ich den Weg, und die Mutter hat mir schon gestern abend geboten, mein Ro zu satteln. Aber kaum sitz' ich auf dem Pferde, kaum reit' ich zum Tore hinaus, da luft schon die andere mir nach und sthnt und weint so bitterlich, da greift mir ihr Kummer ans Herz. Man knnte tausende von hnlichen Liedern anfhren und vielleicht noch weit schnere. Alle sind sie wohlklingend, duftig und auerordentlich mannigfaltig. berall gibt es neue Farben, eine groe Schlichtheit und eine unbeschreibliche Zartheit des Gefhls. Wo aber die Gedanken das Religise streifen, sind sie ganz besonders poetisch. Sie bewundern nicht die gewaltigen Werke des ewigen Schpfers; eine solche Bewunderung gehrt schon einer hheren Entwicklungs- und Erkenntnisstufe an; ihr Glaube ist so unschuldig, so rhrend und so rein wie die unbefleckte Seele des Kindes. Sie wenden sich an Gott, wie Kinder an ihren Vater. Sie fhren ihn hufig mit so unschuldiger Einfalt in ihr Alltagsleben ein, da seine kunstlose Darstellung in ihnen gerade durch ihre Einfachheit etwas Erhabenes an sich hat. Dadurch erhalten in den Liedern der Kleinrussen auch die gewhnlichsten Gegenstnde etwas unbeschreiblich Poetisches, wozu auch die berreste verschiedener aus der altslawischen Mythologie herstammenden Sitten, die sie dem Christentum angepat haben, sehr viel beitragen. Oftmals fleht ein trauerndes Mdchen Gott an, er mge eine Wachskerze am Himmel entznden, bis der Liebste ber die Donau gesetzt ist. Auf allem liegt der Stempel reinster, ursprnglichster Kindheit und folglich hoher Poesie. Die Form ihrer Lieder, der Mdchenlieder sowohl wie der Kosakenlieder, ist fast immer dramatisch -- ein Zeichen fr die Entwicklung des Volksgeistes und des ttigen, unruhigen Lebens, das dies Volk so lange gefhrt hat. Fast niemals haben ihre Lieder eine beschreibende Form und sie gefallen sich nicht in ausfhrlichen Darstellungen der Natur. Nur hie und da scheint die Natur in der einen oder der andern Strophe hindurch, aber nichtsdestoweniger sind ihre Zge so neu, so fein, so bezeichnend und gut, da sie den ganzen Gegenstand vor die Seele zaubern. brigens nimmt man zu ihnen nur darum seine Zuflucht, um die Gefhle der Seele krftiger zum Ausdruck zu bringen. Und daher unterwerfen sich die Naturerscheinungen gefgig den Gefhlsregungen. Derselbe Gegenstand spiegelt sich immer gleichzeitig in der inneren und ueren Welt, oft ist statt der ganzen ueren Umgebung nur ein einziger markanter Zug oder ein Teil dieser Umgebung berhrt. Nirgends findet sich ein Satz wie etwa der folgende: es war Abend; statt dessen ist immer die Rede von gewissen Vorgngen, die abends zu geschehen pflegen, z. B.: Die Khe kamen vom Acker, die Schfchen von der Wiese; Das Mdchen stand beim Burschen und weinte sich die braunen Augen rot. Daher haben sehr viele, ohne dies recht zu verstehen, solche und hnliche Wendungen fr unsinnig erklrt. Ein Gefhl findet immer einen starken, pltzlichen, schroffen Ausdruck und wird nie durch lange Perioden abgeschwcht. In einigen Liedern gibt es keine fortlaufende Idee, sie gleichen einer Reihe von Strophen, von denen jede einen besonderen Gedanken in sich schliet. Oft erscheinen sie ganz unbedeutend, weil sie spontan entstanden sind, und da der Blick des Volkes sehr lebhaft ist, so werden gewhnlich die Gegenstnde, die zuerst in die Augen fallen, gleich im Anfang des Liedes erwhnt; dafr aber treten in diesem bunten Durcheinander Strophen hervor, die uns durch die bezaubernde Ursprnglichkeit ihrer Poesie entzcken. Hier vereinigen sich eine leuchtende, treue Malerei und eine wohlklingende Wortmusik. Ein solches Lied wird nicht mit der Feder in der Hand, nicht auf dem Papier, auf Grund strenger berlegung komponiert, nein, es entsteht im Taumel der Selbstvergessenheit, wenn die Seele singt und klingt und alle Glieder ihre gewhnliche gleichgltige Lage verlassen und sich freier zu rhren beginnen, wenn die Arme sich in die Hhe strecken und die strmischen Wellen der Lust den Menschen ber alles hinwegtragen. Dies sprt man sogar in den traurigen und wehmtigen Liedern, deren herzzerreiende Klnge schmerzvoll an unsere Seele greifen. Nie konnten solche Tne unter gewhnlichen Verhltnissen und bei einer nchternen Betrachtung des Gegenstandes der Seele eines Menschen entquellen. Nur dann, wenn der Wein den prosaischen Gedanken verwirrt und zerstrt, wenn die Gedanken seltsam und unbegreiflich in ihrer Disharmonie doch innerlich zusammenklingen -- in solch mehr feierlicher als heiterer Ekstase beginnt die Seele sich rtselvoll in unertrglich schmerzlichen Klngen auszustrmen. Hier gibt es keinen Gedanken, keine berlegung! Der ganze geheimnisvolle Organismus verlangt nach Tnen und nur nach Tnen. Daher ist die Poesie dieser Lieder so unbegreiflich, zauberhaft und grazis wie Musik. Die Gedankenpoesie ist fr jedermann weit verstndlicher als die Poesie der Tne oder besser gesagt die Poesie der Poesie. Nur ein auserwhlter, wahrhafter Dichter, ein Mann, der seinem innersten Wesen nach Poet ist, kann sie verstehen, und daher kommt es, da oft das allerschnste Lied unbemerkt vorberrauscht, whrend ein minderwertiges durch seinen Inhalt gewinnt. Der kleinrussische Versbau eignet sich sehr fr das Lied; in ihm finden sich Versma, Tonfall und Rhythmus vereinigt. Ihr Rhythmus ist schnell und rapid, daher ist die einzelne Zeile fast nie zu lang, aber selbst wenn dieses mitunter vorkommt, so wird er in der Mitte durch eine Zsur mit einem klangvollen Reim durchschnitten. Reine, langgedehnte Jamben kommen selten vor; meistenteils sind es schnelle Trochen, Daktylen, Amphibrachen, die schnell dahinfliegen, sich einer mit dem anderen frei und launenhaft verbinden und so zu neuen Versmaen fhren, die sie in mannigfaltigster Weise variieren. Die Rhythmen tnen und klingen zusammen wie die silbernen Hufeisen der Tanzenden. Ein sicheres Gehr und musikalisches Gefhl ist ihnen allen gemeinsam. Oft klingt eine Zeile mit einer anderen harmonisch zusammen, trotzdem beide sich nicht einmal miteinander reimen. Die Hufigkeit des Reims ist erstaunlich. Hufig enthlt eine Zeile zwei Zsuren und reimt sich zweimal vor dem Schlureim, der auerdem in der zweiten Zeile, die gleichfalls in der Mitte doppelt gereimt ist, einen Gegenreim findet. Manches Mal begegnen wir einem solchen Reim, den man eigentlich keinen Reim nennen kann, der aber in seiner Tonfrbung so wohlklingend ist, da er uns mehr gefllt als ein Reim, und der nie einem Dichter in den Sinn gekommen wre, whrend er die Feder in der Hand hlt. Den Charakter der Musik kann man nicht mit einem Wort bezeichnen: sie ist auerordentlich mannigfaltig. In vielen Liedern ist sie leicht, grazis, berhrt nur leicht die Erde, und es scheint, als spiele sie neckisch mit den Tnen. Zuweilen nimmt die Melodie eine mnnliche Physiognomie an und wird kraftvoll, stark und mchtig; schwer stampfen die Fe die Erde, und es scheint, als knne man nur den schwerflligen Hopak nach dieser Musik tanzen. Ein anderes Mal aber werden die Tne ungewhnlich frei, breit, schwingen sich gigantisch empor, suchen unendliche Rume zu umfassen, und bei ihren Klngen fhlt der Tnzer sich selbst als Riese: seine Seele, sein ganzes Sein erweitert sich und dehnt sich bis ins Unendliche. Er lst sich pltzlich von der Erde, dann trifft er sie noch krftiger mit seinen glnzenden Hufeisen, um im nchsten Augenblick wieder in die Luft zu fliegen. Was aber die traurige Musik anbelangt, so kann man sie hier so hren, wie nirgends sonst. Ob es nun der Schmerz um die geknickte Jugend ist, der es nicht vergnnt war, sich auszuleben, oder die Klage ber die traurige Lage des damaligen Kleinruland ... diese Tne leben, brennen und zerreien unsere Seele. Die melancholische russische Musik drckt, wie M. Maksimowitsch richtig bemerkt hat, ein Gefhl aus, das das Leben vergessen will; sie strebt danach, sich vom Leben zu entfernen und die alltglichen Nte und Sorgen zu bertuben; aber in den kleinrussischen Liedern verschmilzt dies Gefhl mit dem Lebensgefhl: ihre Tne sind so lebendig, man glaubt, da sie nicht nur zu klingen, sondern auch zu sprechen scheinen -- sie reden in Worten, sie sprechen in ganzen Stzen, und jedes Wort dieser feurigen Reden dringt in die Seele. Ihr Aufschluchzen gleicht manchmal so sehr einem Herzensschrei, da das Herz des Lauschers pltzlich zusammenzuckt, als htte ein scharfer Stahl es berhrt. Hufig klingt eine so starke, trostlose und gleichgltige Verzweiflung hindurch, da wir uns beim Hren selbst vergessen und das Gefhl haben, als sei die Hoffnung fr immer aus der Welt entflohen. An anderen Stellen hren wir ein kurzes Aufsthnen und so lebhafte, heftige Seufzer, da wir uns zitternd fragen: sind das noch Tne? Das ist der unertrgliche Jammer einer Mutter, der eine grausame Gewalt ihr Kind entreit, um es mit bestialischem Lachen an einem Stein zu zerschmettern. Nichts kann gewaltiger sein, als die Volksmusik, wenn das Volk nur poetische Begabung hat und ein wechselvolles, tatenreiches Leben fhrt, wenn der Druck der Gewalt und ewiger unberwindlicher Hindernisse es ihm nicht gestatteten, fr einen Moment einzuschlummern, ihm Klagen abntigen, und wenn diese Klagen niemals und nirgends anders zum Ausdruck kommen konnten, als in seinen Liedern. In solch einer Lage befand sich Kleinruland zu der Zeit, als sich die Union raubgierig auf das schutzlose Land strzte. Aus ihnen, aus diesen Tnen kann man sich ein ebenso deutliches Bild von diesen vergangenen Leiden machen, wie von einem Sturm mit Hagelschauern und einem Wolkenbruch, wenn man die diamantenen Trnen erblickt, die die erfrischten Bume von unten bis oben bedecken, wenn die Sonne ihre abendlichen Strahlen aussendet, wenn die Luft dnn und rein ist, wenn aus der Ferne das Brllen der Herden zu uns herberzittert und wenn der bluliche Rauch, dieser Vorbote des lndlichen Nachtmahls und der Feierstunde, in leuchtenden Ringen gen Himmel steigt und der Abend, der stille, klare Abend die beruhigte Erde umfngt. 1833. V Gedanken ber Geographie fr die unteren Klassen Gro und erstaunlich ist das Gebiet der Geographie. Lnder, wo der sdliche Himmel glht und wo jedes Geschpf sich einer doppelten Lebensenergie erfreut, und Gegenden, wo wir in den entstellten Zgen der Natur Grauen und Entsetzen lesen, wo das ganze Land sich in einen starren Leichnam verwandelt; Bergriesen, die in den Himmel ragen, nachlssig hingeworfene Landschaften, die von der ganzen Kraft und Fruchtbarkeit einer ppigen und reichen Vegetation berquellen, und wiederum glhende Wsten und Steppen, ein losgerissenes Stck Erde inmitten eines grenzenlosen Meers, die Menschen, die Kunst und die Grenze alles Lebens! -- wo wollte man Gegenstnde finden, die strker zu unserer Einbildung sprchen, gibt es eine herrlichere Wissenschaft fr die Kinder, gibt es eine, die die Poesie ihrer jugendlichen Seele lebhafter beflgeln knnte? Und ist es nicht traurig, wenn man ihnen anstatt all dieser Dinge ein lebloses, trockenes Skelett vorfhrt und kalt hinzufgt: Das ist die Erde, auf der wir wohnen; da ist die schne Welt, die uns der unbegreifliche Baumeister geschenkt hat! -- Aber mehr noch! Man verbirgt Ihn vor den Kindern und lt sie statt dessen einen politischen Krper benagen, der die Welt ihrer Begriffe bersteigt und sogar fr einen Verstand, der im Besitze hherer Ideen ist, viel Ungereimtes enthlt. -- Unwillkrlich kommt einem da der Gedanke: sollten wirklich der groe Humboldt und jene anderen khnen Forscher, die so viel Licht in das Gebiet der Wissenschaften hineingetragen, und die uns die wunderbaren Hieroglyphen, mit denen unsere Welt bedeckt ist, entziffert haben, nur einigen wenigen Gelehrten zugnglich sein, sollte die Altersstufe, die mehr denn jede andere das Bedrfnis nach Klarheit und Bestimmtheit hat, auf nichts als unverstndliche Darstellungen angewiesen sein? * * * * * Die Kindheit ist zunchst nichts wie ein groes Drsten, ein instinktives Streben nach Erkenntnis. Sie verlangt nach allem und mchte alles wissen. Am meisten interessiert sie sich fr ferne Lnder: Wie ist es dort? was geht dort vor? was gibt es da fr Menschen? wie leben sie? Diese Fragen drngen sich ihr in reicher Flle auf, sie alle beziehen sich auf die physische Geographie, und daher mu die gewaltige, reiche, furchtbare und zauberische Welt in ihrem physischen Zustande sie in hherem Mae und in umfassenderer Weise beschftigen. * * * * * In vielen von unseren Lehranstalten trgt man die Geographie in zwei, manches Mal sogar in drei Klassen vor, weil die Zglinge nicht imstande sind, das ganze Gebiet in einem Jahre durchzunehmen. Und das ist gut, denn die Geographie verdient es, da man sich nicht nur ein Jahr lang mit ihr beschftigt; aber die Lehrer verfallen in einen sehr groen Fehler; sie teilen den Erdball in zwei, oder je nach den Klassen, in drei Teile, und dabei fllt der untersten Klasse Europa zu, das gewhnlich nur nach seiner politischen Seite mit den ausfhrlichsten Details durchgenommen wird, whrend die hheren Klassen durch die Steppen und den afrikanischen Sand irren und sich mit den Wilden unterhalten mssen. Abgesehen von der Unvernunft und von der merkwrdigen Form solch einer Lehrmethode gehrt noch ein ungeheures Gedchtnis dazu, um diese ganze ungeordnete Masse festzuhalten. Aber selbst wenn man die Mglichkeit solch phnomenaler Begabungen in der Natur zugibt, so wird doch sogar in dem Kopfe eines solchen Phnomens nie ein schnes Ganzes zurckbleiben. -- Es werden hchstens sorgfltig bearbeitete, aber vllig getrennte Stcke sein, die von keinem krftigen Leben beseelt sind, das mit rhythmischem Pulsschlag durch alle Adern rinnt. Es ist wie bei einem Volke, das fr eine monarchische Regierung prdestiniert ist und sie im Sturme politischer Erschtterung verloren hat. Es ist viel besser, wenn der Zgling die Geographie auf zwei verschiedenen Altersstufen durchnimmt. Auf der ersten Stufe sollte er nur einen groen berblick ber die ganze Welt erhalten, aber einen solchen, der seine ganze Aufmerksamkeit anregt und ihm die ganze Weite und ungeheure Gre der geographischen Welt vor Augen fhrt. Zu diesem Kursus mten auch die Naturgeschichte, die Physik, die Statistik und alles, was mit der Welt zusammenhngt, ihren Teil beisteuern, damit die Welt den Eindruck einer einzigen, leuchtenden, bunten Dichtung mache und der Schler nach Mglichkeit mit all ihren Teilen bekannt und vertraut werde. Gar keine Einzelheiten, nur die groen markanten Zge! aber so, da er ahnt, wo Eisesklte und wo eine starke Vegetation vorherrscht, wo die Manufaktur und wo die Bildung hher steht, wo die Unwissenheit grer, wo die Erde tiefer ist, und wo die Berge sich mchtiger emportrmen. -- In der zweiten Periode des Kindesalters mssen die Grenzen dieser Welt auseinandergerckt werden. Jetzt soll er die Gegenstnde, die er frher mit bloem Auge gesehen, durchs Mikroskop betrachten. Dann wird er auch alle Ausnahmen und bergnge, und weniger die starken, als die feinen Abweichungen kennen lernen. * * * * * Der Schler soll berhaupt kein Buch bei sich haben. Ein Buch, es mag sein wie es will, wird seine Einbildungskraft stets einengen und abtten. Er soll nur die Karte vor sich haben. Man soll ihm keine geographische Erscheinung erklren, ohne sie auf der Stelle zu fixieren; selbst wenn es sich nur um eine lebendige, schne Beschreibung handelt, mu der Schler beim Zuhren seine Augen auf einen Punkt der Karte richten, und dieser kleine Punkt mu sich vor ihm immer mehr und mehr ausbreiten, und alle Karten, die er whrend der Rede des Lehrers vor sich sieht, in sich aufnehmen. Dann kann man sicher sein, da die Erscheinungen sich seinem Gedchtnis fr immer einprgen werden, und da er, whrend seine Augen das nackte Weltgerippe betrachten, es sofort mit leuchtenden Farben ausfllen wird. * * * * * Vor allem mu er die Gestalt der Erde in seinem Gedchtnis festhalten. Das Kartenzeichnen, mit dem man die Schler so sehr qult, bringt wenig Nutzen. Die vielen kleinen Details, die vielen einzelnen Staaten und Reiche knnen sich in seinem Kopfe nur gegenseitig vernichten. Viel besser ist es, man gibt den Kindern vor allem eine scharfe und lebendige Idee von der Gestalt der Erde: ich mchte dazu raten, zu diesem Zwecke das Wasser wei und die ganze Erde schwarz darzustellen, damit sie sich unwillkrlich dem Gedanken ganz deutlich und durch ihre scharfen Konturen aufdrngen und die Schler unaufhrlich mit ihrer unregelmigen Figur verfolgen. Jetzt wird es ihnen schon viel leichter fallen, die Gestalt der Erde nachzuzeichnen, nur sollte man ihnen nie gestatten, sich in Einzelheiten zu ergehen, d. h. alle kleinen Vorgebirge und Ausbuchtungen der Ufer zu vermerken. Es ist sogar besser, wenn sie diese anfnglich nicht kennen, dafr aber die allgemeine Gestalt der Erde festhalten. * * * * * Es ist weit besser, am Anfang die ganze Welt auf einmal zu behandeln, alle Weltteile auf einmal zu berblicken, denn auf diese Weise treten die Gegenstze um so strker hervor. Wenn man sie in ihrer Gesamtheit kennen gelernt hat, kann man hierauf grndlicher auf jeden Erdteil eingehen. Was nun die Reihenfolge anbelangt, in der die Weltteile durchgegangen werden sollten, so wrde ich dazu raten, sich durch die allmhlige Entwicklung des Menschen und damit durch die allmhlige Entdeckung der Erdteile leiten zu lassen: Man beginne mit Asien, der Wiege der Menschheit, mit ihrer Kindheit, gehe dann zu Afrika, zu ihrer feurigen und zugleich wilden Jugend ber, wende sich sodann Europa, ihrer schnellen Klrung und dem Reifen der Vernunft zu, schreite dann mit dieser nach Amerika fort, wo der gereifte, mchtige Mensch wieder mit dem ursprnglichen und sinnlichen Menschen zusammenstt, und schliee die Darstellung endlich mit den im grenzenlosen Ozean verstreuten Inseln. Eine solche Einteilung scheint mir weit natrlicher. Vor allem mu der Schler sich einen allgemeinen und charakteristischen Begriff von jedem einzelnen Erdteil machen. Zuerst von Asien, wo alles gro und weit ist, wo die Menschen uerlich so wrdevoll und kalt sind und doch pltzlich von unbezwinglicher Leidenschaft ergriffen, aufwallen knnen; in ihrem kindlichen Begriffsvermgen kommen sie sich klger vor als alle anderen; hier gibt es nur berhebung und sklavische Unterwerfung; alles ist frei und leicht gekleidet, leicht bewaffnet, und jedermann ist ein guter Reiter; hier kann der Trke sein ganzes Leben lang mit untergeschlagenen Beinen dasitzen und seinen Nargileh rauchen, hier rast der Beduine wie ein Sturmwind durch die Wste, hier wird der Glaube zum Fanatismus, dies ganze Land ist das Land der Glaubensbekenntnisse, die sich von hier aus ber die ganze Welt verbreiten. Dann gehe man zu Afrika ber, wo die Sonne so hei brennt und Ozeane von Sandwsten sich ber unermeliche Flchen dehnen; dies ist das Land der Lwen, Tiger, der Palmen und der Kokospalmen und der Menschen, die sich in ihrem ueren und ihren sinnlichen Neigungen nur wenig von Affen unterscheiden, deren zahlreiche Scharen das Land durchziehen usw. * * * * * Nachdem der Schler das Bild eines Erdteils aufgezeichnet hat, verzeichne er alle Hhen und Tiefen auf ihm und stellte dar, wie die Berge sich verzweigen und in langen, formlosen Ketten durch das Land ziehen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich der Reliefdarstellung Europas von Ritter bedienen, obwohl sie sich wegen ihrer unklaren Grenzen zwischen Licht und Schatten nicht ganz fr Kinder eignet. Daher wre es am besten, man stellte zu diesem Zwecke ein richtiges Basrelief aus festem Ton oder Metall her. Dann brauchte der Schler es sich nur aufmerksam anzusehen, und die Hhen und Tiefen wrden sich seinem Gedchtnis fr immer einprgen. * * * * * Da die Berge der Erde ihre Form gegeben haben, so mu ihre Kenntnis sozusagen den Anfang des ganzen Geographieunterrichts bilden. Nachdem wir ihre Verzweigungen auf der Oberflche der Erde aufgewiesen haben, mssen wir auf ihr ueres, auf ihre Form, auf ihre Zusammensetzung, auf ihre Entstehung und endlich auf ihren Charakter und ihre Eigenart hinweisen, durch die sie sich von anderen Bergketten unterscheiden -- doch dies darf nicht in trockner Weise mit einer gelehrten Ausfhrlichkeit geschehen, sondern so, da der Schler erkennt, da diese oder jene Gebirgskette aus dunklem oder hartem Granit bestehe, da das Innere einer anderen wei, kalkartig oder lehmig, locker, gelb, dunkel, rot oder endlich aus Erden und Gesteinen von leuchtenden Farben zusammengesetzt sei. Man kann sogar erzhlen, da die Gebirge hufig von Metallagern und Erzadern durchzogen sind, kann ihre Lage darstellen und zwar kann man dies interessant und unterhaltend tun. Was aber ihre Oberflche anbetrifft, so versteht es sich von selbst, da man alle hchsten Punkte angeben mu: alle bemerkenswerten Erscheinungen auf ihnen sowie die Hhen, bis zu denen die Menschen emporgestiegen sind. * * * * * Es knnte nicht schaden, auch die unterirdische Geographie kurz zu berhren. Mir scheint, es gibt keinen poetischeren Gegenstand als diese, obwohl sie nur fr die hheren Altersstufen ganz verstndlich sein kann. Hier haben alle Tatsachen und Erscheinungen etwas Gigantisches und Kolossales an sich. Hier begegnen wir ganzen ungeheuren Massen. Hier trgt alles den Stempel der gewaltigen Erdumwlzungen, hier wird die Seele mchtiger als sonst von den groen Werken des Schpfers erschttert. Hier liegen ganze Lager von unterirdischen Wldern begraben. Hier ruht in tiefster Einsamkeit die Muschel eingebettet, schon im Begriff, sich in Marmor zu verwandeln. Hier lodern ewige Feuer, deren Ausbrche die Oberflche der Erde umgestalten. Ein groer Teil dieser Erscheinungen kann selbst bei einer oberflchlichen Darstellung den Eindruck auf die Einbildungskraft des jungen Zglings nicht verfehlen. * * * * * Der Proze und die Ausbreitung der Vegetation auf der Erde mu auf der Karte an der Hand einer Stufenfolge der Wrmegrade aufgezeigt werden: wo eine sdliche Pflanze heimisch ist, wohin sie als Gast verschlagen ward, unter welchem Grade sie zugrunde geht, wo die nrdliche Vegetation beginnt, wo sich auch diese endlich verliert, wo alles Wachstum aufhrt, wo die Natur in den Umarmungen des kalten Ozeans abstirbt und wo der wunderbare Pol sich in undurchdringliche und fr den Menschen unzugngliche Eismassen einhllt. Und in der gleichen Weise mte auch die Ausbreitung der Tierwelt dargestellt werden. Doch der Boden verlangt eine andere Einteilung der Erde nach Zonen, von denen jede einzelne eine besondere Art umschliet. * * * * * Nur hie und da werden die Erzeugnisse der Kunst von den Geographen behandelt. Es gibt keinen bergang von der Natur zu den Produkten des Menschen. Die letzteren sind wie durch eine Axt von ihrem Urquell abgespalten. Ich rede nicht einmal davon, da bei ihnen jener Ehebund des Menschen mit der Natur, der die Manufaktur gebiert, gar nicht erwhnt wird. Bevor also der Schler zur Betrachtung der Industrie und den Erzeugnissen menschlicher Handarbeit fortschreitet, mu er hierzu durch die Kenntnis der Bodenerzeugnisse vorbereitet werden, damit er selbst daraus schlieen kann, welche Industrien sich in einem bestimmten Reiche vorfinden mssen; falls Ausnahmen in dieser Hinsicht vorkommen sollten, ist es unbedingt ntig, auf ihre Ursachen hinzuweisen: vielleicht liegen sie in dem sorglosen Charakter der Bevlkerung, in fremdartigen Nebenumstnden, in dem bergroen Reichtum der Nachbarn, in dem Mangel an Kommunikationsmitteln oder hnlichen Verhltnissen. Wenn er erst ber die Industrie orientiert ist, kann er auch zum Handel bergehen, der ja ohnedies nicht sehr interessant und nicht leicht verstndlich ist. * * * * * Bei der Aufzhlung der Vlker mu der Lehrer durchaus auf die Physiognomie und die Eigentmlichkeiten hinweisen, die der Charakter eines Volks, sozusagen unter dem Einflusse geographischer Verhltnisse angenommen hat. Er mu alle Vlker der Erde in groe Familien einordnen, erst die gemeinschaftlichen Zge einer jeden Gruppe schildern und dann erst zu ihren unterscheidenden Merkmalen bergehen. Dann mu er ihre physische Geschichte, d. h. die Geschichte ihrer Charakternderungen folgen lassen, damit es dem Schler klar werde, warum z. B. die Teutonen in Deutschland durch einen festen, phlegmatischen Charakter ausgezeichnet sind, und warum derselbe Stamm nach berschreitung der Alpen ein so munteres, leichtes Wesen annimmt. * * * * * Auch Karten, die die Ausbreitung der Bildung auf der Erdkugel darstellen, sind fr Kinder von groem Nutzen. Dieser Nutzen wird zur Notwendigkeit, sobald man zu Europa bergeht. Da es jedoch bei uns solche Karten noch nicht gibt, mu der Lehrer sich der kleinen Mhe unterziehen und selbst eine solche anfertigen. Die Punkte, wo die Kultur einen hohen Grad erreicht hat, mu er durch leuchtende Farben hervorheben und dort leichte Schatten aufsetzen, wo sie tiefer steht. Diese Schatten werden immer dunkler, je tiefer wir herabsteigen, und verwandeln sich in vllige Finsternis in dem Mae als die Natur verwildert und der Mensch bis zum seelenlosen Eskimo hinabsinkt. Die Gre der Erde und der einzelnen Staaten wird man sich nie durch Feststellung ihres Quadratinhalts einprgen. Man braucht nur einen Blick auf die Karte zu werfen, das ist das einzige Mittel, sie kennen zu lernen. Es wre nicht unangebracht, jedes Reich besonders auszuschneiden, so da es ein einzelnes Stck und durch Zusammenfgung mit den andern einen Weltteil bilde. So knnte man die Gre und Form eines jeden Reiches sichtbar machen. * * * * * Bei der Darstellung einer jeden Stadt mu man ihre Lage genau bestimmen: ob sie auf dem Berge liegt oder sich ins Tal hinabzieht, mu ihr Leben, ihre Bedeutung, ihre Einkunftsquellen schildern -- und berhaupt mit einigen krftigen Strichen ihren Charakter zeichnen. Der Lehrer mu aus dem reichhaltigen Material all das hervorziehen, was eine Eigentmlichkeit dieser Stadt ist, und wodurch sie sich von den vielen anderen unterscheidet. Der Schler soll wissen, was Rom, was Paris, was Petersburg ist. Er darf die anderen europischen Stdte nicht etwa an dem eigenen Mastabe, der sich beim Anblick von Petersburg in seinem Kopf gebildet hat, messen. Bei der Darstellung jeder einzelnen Stadt mu das, was allen Stdten gemeinsam ist, ausgeschlossen werden. In vielen von unseren Geographiebchern wird auch heute noch bei der Erwhnung einer Gouvernementsstadt erzhlt, da es dort ein Gymnasium, eine Kathedrale, und bei Zitierung einer Kreisstadt bemerkt, da es in ihr eine Kreisschule gibt usw. Wozu soll das dienen? Es gengt, wenn man dem Schler gleich am Anfang sagt, da es bei uns in jeder Gouvernementstadt ein Gymnasium und eine Kirche gibt. In der ganzen Welt aber gibt es nur einen Kreml, einen Vatikan, ein Palais-Royal, eine Reiterstatue Peters des Groen von Falkonet, ein Petscherski-Kloster in Kiew, einen King Bench! ber diese wird das Kind gewi Genaueres erfahren wollen. Man darf sich nicht mit nichtigen Dingen, wie mit dem Aufzhlen von Husern und Kirchen, aufhalten, die den Schler nur langweilen knnen, dies sollte nur in Ausnahmefllen gestattet sein, wenn etwas entweder durch seine Gre oder durch ein negatives Merkmal aus der Kategorie des Alltglichen hervorragt. Statt dessen kann man ber die Architektur einer Stadt sprechen -- in welchem Stil sie erbaut ist, und ob die Gebude durch Gre oder Schnheit auffallen. Bei der Darstellung einer sehr alten Stadt mu man darauf aufmerksam machen, wie majesttisch ihre, wenn auch seltsam anmutende altertmliche, in Jahrhunderten bewhrte und in den Erschtterungen gro gewordene Architektur und wie leicht und elegant dagegen der Stil einer anderen Stadt ist, die nur ein Jahrhundert zu ihrer Entstehung brauchte. Beim Gedanken an irgendein deutsches Stdtchen mu der Schler sich sofort enge Gassen und kleine, schmale, hohe Huschen, an denen alles so einfach, so lieb und so bukolisch ist, vorstellen, und daneben eckige Kirchen mit hoch in die Luft ragenden Turmspitzen. Mit dem Gedanken an Rom, diesem dumpfen Echo der ganzen antiken, in dem Wirbel der Jahrhunderte untergegangenen Welt, mu sich unweigerlich der Gedanke an mchtige, sich khn vom Boden erhebende Gebude verbinden, die, auf schlanke Hallen und gigantische Sulen gesttzt, verfallen, gleich als snnen sie ber die verflossenen Tage ihrer groen, herrlichen Jugend nach. Zu diesem Zweck wre es gut, den Schlern recht hufig die Fassaden der berhmtesten Bauten zu zeigen; dann wrde sich ihre ungewhnliche Gestalt dem Gedchtnis einprgen, und dies wrde unwillkrlich und unmerklich zur Bildung ihres jungen Geschmacks beitragen. * * * * * Hin und wieder mu auch die Geschichte durch die Erinnerung an vergangene Ereignisse die geographische Welt beleuchten. Das Vergangene mu aber schon sehr augenfllig und von rein geographischen Ursachen bewirkt sein, um an sie zu erinnern. Wenn jedoch der Schler zur selben Zeit Geschichte studiert, dann flieen Geographie und Geschichte miteinander zusammen, um ein organisches Ganzes zu bilden. * * * * * Der Vortrag des Lehrers mu fesselnd und bilderreich sein, alle eindrucksvollen Gegenden, alle groen Naturerscheinungen mssen mit leuchtenden Farben geschildert werden. Was stark auf die Phantasie wirkt, das geht dem Gedchtnis nicht leicht verloren. Der Vortrag mu dem Stil eines Reisenden gleichen. Die strenge analytische Systematik, besonders wenn sie sich auf Kleinigkeiten erstreckt, kann nicht lange im Kopf eines Jnglings haften. Das Kind behlt nur dann ein System, wenn es es nicht mit Augen sieht und wenn es ihm verborgen bleibt. Sein System -- ist das Interesse, der Faden, an dem sich die Ereignisse oder die Erzhlungen aufreihen. Alles, was wahrhaft notwendig ist, alles, was mehr mit unserem Leben zusammenhngt, was wir spter noch besser bei uns selbst anwenden knnen, -- dies alles ist interessant. brigens: was ist in der Geographie uninteressant? Sie ist so tief wie das Meer, sie erweitert unsere eigensten Handlungen und unsern Wirkungskreis, und obgleich sie uns die Grenzen eines jeden Landes zeigt, verhllt sie ihre eigenen so geschickt, da sie selbst fr Erwachsene ein philosophisch anziehender Gegenstand bleibt. Kurz gesagt, man mu versuchen, den Schler so viel als mglich mit der Welt bekannt zu machen, mit all ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit, aber in einer Weise, da sein Gedchtnis nicht berbrdet wird, sondern da ihm dies alles wie ein mit helleuchtenden Farben gemaltes Bild erscheint. Hierfr bieten uns die Beschreibungen der Reisenden einen reichen Schatz dar; es gibt deren eine ganze Menge; wie mir scheint, hat man es jedoch noch nicht verstanden, in dieser Hinsicht, gengenden Nutzen aus ihnen zu ziehen. * * * * * An der Trgheit und Unaufmerksamkeit des Schlers hat meist der Lehrer schuld, sie sind nur Zeugnisse fr seine eigne Nachlssigkeit; er hat es also nicht verstanden, die Aufmerksamkeit seiner jugendlichen Hrer zu fesseln, oder er hat es nicht gewollt; er hat sie gezwungen, seine bittern Pillen mit Widerwillen zu schlucken. Man darf nie einen vollstndigen Mangel an Fhigkeiten bei einem Kinde voraussetzen. Ich bin oft Zeuge gewesen, wie ein Kind, das allgemein fr ganz unbegabt und von der Natur als stiefmtterlich behandelt gehalten wurde, mit ungeteilter Aufmerksamkeit einer grauenerregenden Erzhlung lauschte, und wie auf seinem fast seelenlosen, von keinem Gefhl der Teilnahme belebten Gesichte unruhige Spannung und Angst miteinander abwechselten. Sollte es wirklich nicht mglich sein, diese Aufmerksamkeit fr die Wissenschaft nutzbar zu machen? 1829. VI Der letzte Tag von Pompeji Ein Bild von Brylow Dies Bild von Brylow ist eine der glnzendsten Erscheinungen des XIX. Jahrhunderts. Es ist der Auferstehungstag der Malerei, die lange Zeit in einer Art von lethargischem Schlafe verharrte. Ich will nicht von den Ursachen eines solch ungewhnlichen Stillstandes reden, obgleich dieser einen sehr interessanten Gegenstand fr die Forschung darbietet; ich will nur erwhnen, da, wenn auch das Ende des XVIII. und der Anfang des XIX. Jahrhunderts uns in der Malerei nichts Vollendetes und Gewaltiges gebracht, sie doch in ihren einzelnen Teilen mancherlei Frderliches geleistet haben. Die Malerei zerfiel in unzhlige Atome und Teilchen. Jedes dieser Atome ward unendlich viel tiefer erkannt und fortentwickelt wie in frheren Zeiten. Man entdeckte geheimnisvolle Erscheinungen, von denen man frher nicht einmal etwas ahnte: All das an der Natur, was der Mensch am hufigsten sieht, was ihn umgibt und ein Leben mit ihm lebt, diese _sichtbare_ Natur mit all ihren kleinen Zgen, die von den groen Knstlern vernachlssigt wurden, erreichte eine bewunderungswrdige Wahrheit und Vollkommenheit der Darstellung. Alles wetteiferte miteinander, um das lebendige Kolorit, das die Natur ausstrmt, zu erfassen. Alles Geheimnisvolle in ihrem Schoe, diese stumme Sprache der Landschaft ward entdeckt, oder richtiger, ward ihr geraubt, ward der Natur entrissen, obwohl ihr freilich nur Stcke entrissen wurden und obwohl alle Erzeugnisse dieses Jahrhunderts an Experimente oder, besser gesagt, an Notizen, Materialsammlungen und flchtige Gedanken erinnern, die ein Reisender in aller Eile in sein Tagebuch eintrgt, um sie nicht zu vergessen und um spter ein Ganzes aus ihnen zu machen. Die Malerei zerfiel in ihre primitivsten, beschrnktesten Zweige: die Stecherkunst, die Lithographie, und eine Unzahl unbedeutender Erscheinungen wurde mit groem Eifer bis in ihre einzelnen Teile bearbeitet. Dies verdanken wir dem XIX. Jahrhundert. Das Kolorit, das im XIX. Jahrhundert verwendet wird, bedeutet einen groen Fortschritt in der Erkenntnis der Natur. Man sehe sich nur einmal diese immer wieder erscheinenden Fragmente, Perspektiven und Landschaften an, die im XIX. Jahrhundert das Zusammenflieen des Menschen mit der ihn umgebenden Natur zum Ausdruck bringen: wie differenziert sich hier die von Licht umflutete Huserflucht, indem sie aus der Finsternis hervortritt! wie durchsichtig ist das vom Licht getroffene Wasser, wie flutet es im Schattendunkel der Zweige! wie schwl und strahlend verliert sich der leuchtende Himmel in der Ferne! wie nah rckt er dem Beschauer die einzelnen Gegenstnde: welch khne, welch unerhrte Verwerfung der Schatten dort, wo man sie frher nicht einmal ahnte, und zugleich bei aller Schrfe welch wundervolle Zartheit, welch eine geheime Musik selbst in den gewhnlichsten leblosen Gegenstnden! Aber worin es unsere Zeit am weitesten gebracht hat, das ist die Beleuchtung. Die Beleuchtung verleiht all unseren Schpfungen solch eine Kraft, ja, man kann sagen, solch eine Einheitlichkeit, da sie, obwohl sie keine tiefere Bedeutung in sich tragen, die auf etwas Geniales schlieen lt, doch unserm Auge unendlich angenehm sind. Sie knnen uns durch ihren Gesamtausdruck zwar nicht fesseln, trotzdem aber entdeckt man bei genauerer Beobachtung in ihrem Schpfer hufig eine, wenn auch beschrnkte Kunsterfahrung. Man betrachte einmal all diese unaufhrlich erscheinenden Gravren, diese Produkte eines starken Talents, in denen die Natur so lebendig pulsiert, da man meinen sollte, sie wren in Farbe getaucht. Die Morgenrte leuchtet in ihnen so zart am Himmel, da wir beim lngeren Hinsehen den purpurnen Widerschein des Abends zu erkennen glauben; die von Sonnenlicht berfluteten Bume scheinen gleichsam wie mit einer dnnen Staubschicht bedeckt; aus dem tiefsten Dunkel der Schatten blitzt ein leuchtendes, blhendes Wei sinnberckend hervor. Wenn man sie anblickt, so frchtet man sich, sie mit dem Atem zu streifen. Dieser Effekt, der sich berall in der Natur findet, und durch den Kampf von Licht und Schatten entsteht, dieser Effekt ist das Ziel und Streben all unserer Knstler geworden. Man kann sagen, das XIX. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Effekte. Jedermann vom Ersten bis zum Letzten hascht nach Effekt, vom Poeten bis zum Konditor, so da diese Effekte uns wahrlich schon zu langweilen beginnen, und es ist mglich, da das XIX. Jahrhundert infolge einer seltsamen Laune sich endlich wieder dem Schlichten zuwenden wird. brigens kann man sagen, da die Effekte sich am meisten fr die Malerei eignen, wie berhaupt fr alles, was wir mit den Augen genieen: hier fllt, wenn sie an unrechter Stelle angebracht und wenn sie falsch sind, ihre Falschheit und Zweckwidrigkeit sofort einem jeden auf. Ganz anders ist es bei Erzeugnissen, die sich nur dem inneren Auge erschlieen: hier wirken falsche Effekte schdlich, weil sie die Lge verbreiten, denn die einfltige Menge strzt sich kritiklos auf alles, was glnzt. In den Hnden eines echten, wahren Talentes dagegen sind sie stets wahrhaftig und steigern den Menschen ins Riesenhafte; wo sie jedoch in die Hand eines unechten Talentes geraten, da werden sie dem wahren Kunstkenner ein Greuel, da wirken sie so widerwrtig wie ein Zwerg in dem Gewande eines Riesen, oder ein gemeiner Mensch, der sich mit einer unverdienten, nur dem Verdienst gebhrenden Auszeichnung schmckt. Aber alles dieses gehrt nicht eigentlich zum gegenwrtigen Thema. Man mu zugeben, da im allgemeinen das Streben nach Effekt eher ntzt als schadet; es treibt uns eher vorwrts als rckwrts und hat sogar in der allerletzten Zeit viel zur Vervollkommnung beigetragen. Von dem Wunsch getrieben, einen Effekt hervorzubringen, haben viele ihr Objekt genauer studiert und ihre geistigen Fhigkeiten viel lebhafter angespannt. Und wenn der wahre Effekt sich grtenteils nur in kleinen Vorwrfen offenbarte, so lag die Schuld mehr an dem Mangel an groen Genies, als in der ungeheuren Zersplitterung des Lebens und der Kenntnisse, der man sie gewhnlich zuschreibt. Auerdem hat das Streben nach Effekt dazu beigetragen, da die Details mit groer Grndlichkeit herausgearbeitet und da sie durch ihr starkes Insaugefallen allen zugnglich gemacht werden. Ich erinnere mich nicht, wer es ausgesprochen hat, im XIX. Jahrhundert sei die Erscheinung eines universalen Genies, das das ganze Leben des XIX. Jahrhunderts in sich aufnehmen knnte, ein Ding der Unmglichkeit. Das ist durchaus unrichtig, das ist ein Gedanke, den nur die Hoffnungslosigkeit eingeben kann und der von einem gewissen Kleinmut zeugt. Im Gegenteil, nie wird der Flug der Seele eines Genius so strahlend sein, wie in unserer Zeit; noch nie war das notwendige Material so gut fr ihn vorbereitet wie im XIX. Jahrhundert. Und sein Schritt wird sicherlich der eines Riesen und jedem, vom Kleinsten bis zum Grten, sichtbar sein. Das Bild von Brylow kann eine vollwertige, universale Schpfung genannt werden. In ihr ist alles enthalten. Wenigstens hat es eine so gewaltige Mannigfaltigkeit in sein Bereich gezogen, wie vor ihm nie ein anderes Bild. Das Thema entspricht ganz dem Geschmack unseres Jahrhunderts, das aus dem Gefhl seiner ungeheuren Zersplitterung heraus darnach strebt, alle Erscheinungen zu ganzen Gruppen zusammenzuschlieen, und das daher die groen Krisen, die von der ganzen Masse empfunden werden, bevorzugt. Jeder kennt jene herrlichen Werke, zu denen die Vision des Balthasar, die Zerstrung Ninives und noch einige andere gehren; hier sind die gewaltigen Katastrophen in ihrer ganzen schrecklichen Gre dargestellt, in einer vollkommenen Beleuchtung; in furchtbarer Macht lassen ungeheure Blitze die schreckliche Finsternis aufleuchten und zucken ber den Kpfen des betenden Volks. Der Gesamteindruck dieser Bilder ist erschtternd und von seltener Einheitlichkeit; doch aber bilden sie nur den Ausdruck fr eine Seite dieses Gedankens. Sie erinnern an eine ferne Landschaft und liefern nur einen einzigen allgemeinen Eindruck. Wir haben nur ein Gefhl fr die furchtbare Lage der ganzen Volksmasse, erkennen aber keinen einzelnen Menschen, der den ganzen Schrecken der sich vor seinen Augen vollziehenden Zerstrung zum Ausdruck bringt. Diesen Gedanken, den wir nur in starker perspektivischer Verkrzung gesehen, stellt uns Brylow pltzlich unmittelbar vor Augen, und dieser Gedanke wchst ins Riesenhafte und scheint auch uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Die Darstellung, die Komposition seiner Idee ist mit auerordentlicher Khnheit ausgefhrt: er hat den Blitzstrahl ergriffen und lt ihn strmend auf sein Bild niederfallen. Der Blitz hat alles mit seinem Licht bergossen und berflutet, wie um alles sichtbar zu machen, so da kein Gegenstand dem Beschauer verborgen bleibt. Daher liegt auch auf allem eine ungeheuere Lichtflle. Die Figuren sind mit kraftvoller Hand hingeworfen, wie nur ein gewaltiger Genius es vermag. Diese ganze Gruppe, die im Augenblick, wo der Blitz niederfllt, wie erstarrt stehengeblieben ist, und in der sich tausend verschiedene Gefhle spiegeln, dieser stolze Athlet, der einen Schreckensschrei ausstt, in dem Kraft, Hochmut und Ohnmacht liegen, und der sich mit seinem Mantel gegen den Wirbelwind von Steinen deckt, dieses Weib, das zu Boden gestrzt ist und ihren herrlichen Arm von einer nie dagewesenen Schnheit ausstreckt, dieses Kind, das den Beschauer mit seinem Blick zu durchbohren scheint, dieser vom Blitzschlag betubte Greis, der von seinen Kindern getragen wird, dessen schrecklicher Krper schon einen Grabeshauch auszustrmen und dessen Hand mit den weit ausgespreizten Fingern in der Luft erstarrt zu sein scheint, diese Mutter, die die Flucht aufgibt und trotz der Bitten ihres Sohnes, dessen angsterflltes Flehen der Beschauer zu vernehmen meint, unbeugsam bei ihrem Entschlu verharrt, diese Menge, die entsetzt von den Mauern zurckweicht oder voller Schrecken und doch wieder ihren Schreck pltzlich vergessend, wild auf die Erscheinung hinstarrt, die das Ende der Welt ankndigt, dieser Priester im weien Gewande, der in hoffnungsloser Wut seinen Blick auf die ganze Welt richtet -- dies alles ist so gewaltig, so khn, so harmonisch ineinandergefgt, wie es nur im Kopfe eines universalen Genius mglich war. Ich will hier nicht den Inhalt des Bildes analysieren, noch die dargestellten Vorgnge erlutern und erklren. Hierfr hat jeder sein eigenes Auge und sein eigenes Gefhlsma; auerdem ist dies alles so augenfllig und steht in so naher Beziehung zu dem menschlichen Leben und zu der Natur, die der Mensch vor sich sieht und begreift, weil beide jedem, dem Kleinsten wie dem Grten, verstndlich sind: ich will nur die Vorzge und die scharf hervorstehenden Eigentmlichkeiten des Brylowschen Stils hervorheben, um so mehr, da sie wohl den meisten entgangen sein werden. Brylow ist der erste Maler, bei dem die Plastik bis zur hchsten Vollkommenheit gediehen ist. Seine Gestalten sind trotz des furchtbaren Ereignisses und trotz der Lage, in der sie sich befinden, doch nicht von jenem wilden Entsetzen erfat, von dem die herben Schpfungen Michelangelos erfllt sind, bei deren Anblick wir erbeben. Auch finden wir bei Brylow nicht jene Vorherrschaft der himmlischen, unerreichbaren und zarten Gefhle, von denen Raffaels Bilder berquellen. Seine Gestalten sind schn, trotz all der Schrecken ihrer Situation. Sie berwinden das Entsetzen durch ihre Schnheit. Er ist hier nicht so, wie bei Michelangelo, bei dem der Krper nur dazu dient, um die Kraft der Seele, ihre Leiden, ihre Seufzer und ihre furchtbaren Erschtterungen sehen zu lassen, bei dem die Plastik unterging und die Kontur des Menschen riesenhafte Dimensionen annahm, weil sie nur dem Gedanken zum Symbol dient, und bei dem nicht der Mensch, sondern allein seine Leidenschaften vor uns erscheinen. Bei Brylow erscheint der Mensch nur dazu, um seine ganze Schnheit und die hohe Anmut seiner Natur zu offenbaren. Die Leidenschaften und die wahrhaften, flammenden Gefhle treten uns in so wunderbaren Formen, in so herrlichen Menschengestalten entgegen, da ein Rausch des Entzckens uns erfat. Als ich das Bild zum dritten- und viertenmal ansah, schien es mir, als sei die Skulptur -- jene Skulptur, die in der Antike solch eine plastische Vollkommenheit erreicht hat, als sei die Skulptur endlich in die Malerei bergegangen und htte sich berdies mit einer geheimnisvollen Musik erfllt. Brylows Menschen haben stolze und schne Bewegungen; seine Frauengestalten haben etwas Strahlendes, aber es sind nicht die Frauen Raffaels mit ihren feinen, kaum erkennbaren Engelszgen -- das sind leidenschaftliche, wilde, sdliche Italienerinnen, in der ganzen reinen Schnheit des Mittags stark, kraftvoll, glhend in der Flle ihrer Leidenschaften und in der Macht ihrer Schnheit und herrlich in ihrer Weiblichkeit. Brylow hat keine Gestalt geschaffen, die nicht Schnheit atmete; all seine Menschen sind schn. Die Gesamtbewegungen seiner Gruppen sind von gewaltigem Rhythmus und sind in ihrer Gesamtwirkung schon etwas Schnes. Bei ihrer Erschaffung hat Brylow seine Phantasie ebenso stark gezgelt und kraftvoll gelenkt, wie der Bewohner der Wste einen arabischen Hengst. Daher ist das ganze Bild so voller Spannkraft und Pracht. Im allgemeinen entdecken wir in dem Bilde einen gewissen Mangel an Idealitt, d. h. einer abstrakten Idealitt; darin besteht sein strkster Vorzug. Wenn diese Idealitt, dieses bergewicht der Idee hinzugekommen wre, dann htte das Bild einen ganz anderen Ausdruck erhalten und nicht den Eindruck hervorgerufen, den es jetzt macht. Das Mitleid und jene furchtbare innere Ergriffenheit htten sich nicht so der Seelen der Beschauer bemchtigt, und der wunderbare, von Liebe zur Schnheit und Wahrheit erfllte Gedanke wre ganz verloren gegangen. Was uns schreckt, sind nicht die Zerstrung, nicht der Tod, im Gegenteil, in diesem Augenblick liegt etwas Poetisches, ein wie im Wirbelwind dahinstrmender, geistiger Genu; wir trauern um unser ses Sinnenglck, um unsere herrliche Erde. Brylow hat diesen Gedanken in seiner ganzen Kraft erfat. Er hat den Menschen in seiner hchsten Schnheit dargestellt, sein Weib ist der Inbegriff aller Herrlichkeit der Welt. Seine Augen strahlen hell wie die Sterne, seine Kraft und Wollust atmende Brust verspricht die Wonnen der Seligkeit. Und dieses wundersame Weib, diese Krone der Schpfung, dieses Ideal unserer Erde mu zugrunde gehen in dem allgemeinen Untergang wie das letzte verchtlichste Geschpf, das es nicht wert ist, zu ihren Fen dahinzukriechen. Ihre Trnen selbst, Ihre Angst und ihr Schluchzen -- alles ist schn. Die uere ins Auge fallende Eigenart oder die Manier Brylows bildet auch einen vllig originellen und einen besonderen Fortschritt. Auf seinen Bildern liegt ein Meer von Licht. Das ist sein Charakter. Seine Schatten sind krftig und scharf, gehen aber in der Gesamtmasse unter, verschwinden im Licht. Wie in der Natur, so sind sie auch bei Brylow kaum bemerkbar. Man knnte seinen Pinsel glnzend und durchsichtig nennen. Die Rundung eines schnen Krpers hat etwas Durchscheinendes und erinnert an Porzellan; das Licht, das ihn mit seinem Glanze berflutet, scheint zu gleicher Zeit in ihn einzudringen. Und dieses Licht ist wiederum so zart, da es zu phosphoreszieren scheint. Selbst der Schatten erscheint bei ihm durchsichtig und strmt bei aller Kraft und Strke eine reine, weiche Zartheit und Poesie aus. Seine Pinselfhrung prgt sich einem fr alle Zeiten ein. Ich hatte zuerst nur ein Bild von ihm gesehen -- das Portrt der Familie Witgenstein. Es prgte sich sofort und mit einem Schlage meiner Phantasie ein und lebt dort fr immer in seinem leuchtenden Glanze. Als ich auf dem Wege war, mir das Bild Die Zerstrung von Pompeji anzusehen, war das erste ganz aus meinem Gedchtnis geschwunden. Ich nherte mich mit einer greren Menge von Menschen dem Saal, wo das Bild hing, und ich hatte, wie das in solchen Fllen zu geschehen pflegt, fr einen Augenblick ganz vergessen, da ich gekommen war, um mir ein Werk Brylows anzusehen; ich hatte sogar vergessen, ob berhaupt ein Brylow auf der Welt existiert. Aber als mein Blick auf das Bild fiel, als es vor mir aufstrahlte, da durchzuckte mich wie ein Blitz der Gedanke an jenes Portrt, und ich glaubte das Wort Brylow zu hren. Ich hatte ihn wiedererkannt. Sein Pinsel hat etwas von jener Poesie, die man nur empfinden kann und die man stets wiedererkennt: unsere Sinne erkennen und fhlen stets die spezifischen Eigentmlichkeiten, obwohl wir sie mit Worten nie auszudrcken vermgen. Sein Kolorit hat eine Leuchtkraft, wie man sie frher fast nie gekannt hat; seine Farben glhen und treffen sprhend unsere Augen. Bei einem Knstler, der nur eine kleine Stufe tiefer stnde als Brylow, wren sie unertrglich, bei ihm aber sind sie von jener Harmonie belebt und von jener inneren Musik durchdrungen, die die lebendigen Geschpfe der Natur erfllt. Aber die strkste Eigenart und das, was das Grte an Brylow ist, das ist die ungeheure Vielseitigkeit und der ungeheure Umfang seines Talents. Er lt nichts auer acht, bei ihm ist alles von der Grundidee und den Hauptgestalten bis zum letzten Pflasterstein frisch und lebendig. Er bemht sich, alle Gegenstnde zu umfassen und ihnen allen den machtvollen Stempel seines Talents aufzudrcken. Gewhnlich pflegten sich die Knstler frherer Zeiten nur eine einzelne Seite eines Gegenstands vorzunehmen und auf diese ihr ganzes Talent zu konzentrieren, das sich daher auch zu einer ungewhnlichen, man mchte sagen, abstrakten Gre entwickelte. Raffael malte gewhnlich nur Gesichter und stellte das Erwachen himmlischer Leidenschaften und Neigungen auf ihnen dar; alles brige, selbst die Gewnder, lie er seine Schler vollenden. Auch alle brigen groen Knstler vernachlssigten, ergriffen von der Erhabenheit der Religion oder der Erhabenheit der Leidenschaften, alles Beiwerk und alles Sekundre auf ihren Gemlden. Bei ihnen hat der Himmel immer eine dunkelbraune Farbe; ihre Wolken erinnern mehr an Heubndel oder an Granitmassen; die Bume bilden entweder in ihrer Regelmigkeit etwas Kindlich-Einfrmiges oder in ihrer willkrlichen Form etwas Unharmonisch-Hliches. Fr Brylow dagegen sind alle Gegenstnde vom grten bis zum kleinsten wertvoll. Er sucht die Natur mit seinen Riesenarmen zu umfassen und drckt sie mit der Leidenschaft eines Liebhabers an sein Herz. Vielleicht ist ihm dabei die detaillierte Durcharbeitung der Teile, mit der ihm das XIX. Jahrhundert vorangegangen ist, von Nutzen gewesen. Vielleicht htte Brylow, wenn er frher zur Welt gekommen wre, nicht dieses vielseitige aufs Ganze und Kolossale gerichtete Streben besessen, und vielleicht gehren daher seine Werke zu den ersten, die durch ihre Lebendigkeit und als reine Spiegel der Natur einem jeden verstndlich sind. Seine Werke gehren zu den ersten, die sowohl der Knstler, der einen hochentwickelten Kunstgeschmack hat, wie der Laie, der nicht einmal wei, was Kunst ist (wenn auch nicht in gleicher Weise), begreifen kann. Es sind die ersten Werke, denen das beneidenswerte Los zuteil ward, sich einen Weltruf zu erobern, und das hervorragendste unter ihnen ist bis heute das Gemlde Der letzte Tag von Pompeji, das sich durch seine ungewhnliche Gre und die Vereinigung aller hchsten Schnheiten nur mit einer Oper vergleichen lt, wenn die Oper wirklich eine Vereinigung der dreieinigen Welt der Knste, der Malerei, der Poesie und der Musik darstellt. 1834. Im August. VII Der Gefangene Ein Kapitel aus einem historischen Roman Im Jahre 1543, zu Beginn des Frhjahrs, wurde nachts die Ruhe des kleinen Stdtchens Lukoma durch eine Abteilung der ordentlichen kniglichen Truppen gestrt. Der abnehmende Mond, der mit seiner leuchtenden Sichel durch die Wolken brach, die sich immerfort um ihn zusammenballten, erhellte fr einen Augenblick den Boden der Schlucht, auf deren Grunde sich das kleine Stdtchen angesiedelt hatte. Zum Erstaunen der wenig zahlreichen Stadtbewohner, die erwacht waren, zog die Abteilung, deren bloes Erscheinen sonst der Vorbote von allerhand Unruhen und Plnderungen war, mit einer schauerlichen Ruhe durch die Gassen. Man merkte, da die ganze Kraft ihrer stark gespannten Aufmerksamkeit sich auf den Gefangenen konzentrierte, der in ihrer Mitte einherritt; er hatte wohl das seltsamste Kostm an, das einem Menschen je gewaltsam aufgezwungen wurde. Sein Krper war von unten bis oben mit Gewehren bedeckt, die an ihm festgebunden waren, wahrscheinlich, um ihm eine gewisse Bewegungslosigkeit zu verleihen. Ein Kanonengestell war auf seinem Rcken befestigt. Sein Ro konnte sich kaum fortbewegen, und der unglckliche Gefangene wre lngst herabgefallen, wenn er nicht mit einem dicken Seil an den Sattel gebunden gewesen wre. Htte ein Mondstrahl auch nur fr einen Augenblick sein Gesicht gestreift, er htte sich in den blutigen Schweitropfen gebrochen, die ihm ber die Wangen rannen. Aber der Mond konnte das Gesicht des Gefangenen nicht sehen, da es hinter einer eisernen Maske verborgen war. Die neugierigen Bewohner versuchten hin und wieder mit offenem Munde nher an den Gefangenen heranzutreten, wenn sie aber die drohend geballte Faust oder den Sbel eines der Begleiter erblickten, schraken sie zurck, liefen eilig in ihre elenden Htten und wickelten sich, in der Khle der Nachtluft frstelnd, fester in die um die Schulter geworfenen tatarischen Pelze. Die Abteilung hatte die Stadt passiert und nherte sich einem einsamen Kloster. Dieses Gebude, das aus zwei vllig verschiedenen Teilen bestand, lag ganz am Ende der Stadt auf einem steilen Abhang. Der untere Teil der Kirche war aus Stein und bestand sozusagen ganz aus Spalten und Rissen; er war von Feuerrauch und Pulverdampf geschwrzt, stellenweise war er ganz grn, mit Nesseln, Hopfen und wilden Glockenblumen bedeckt, und bildete eine lebendige Chronik des Landes, das unter so viel blutigen Ernten zu leiden gehabt hatte. Der obere Teil mit seinen fnf geschwungenen, hlzernen Kuppeln, die eine entartete byzantinische Architektur geschaffen und die von barbarischen Nachahmern noch mehr verunstaltet waren, bestand ganz aus Holz. Die neuen Bretter, die zwischen den alten rauchgeschwrzten hervorschimmerten, verliehen der Kirche eine gewisse Buntheit und lieen erkennen, da fromme Pilger sie vor nicht gar zu langer Zeit ausgebessert hatten. Ein blasser Strahl der Mondsichel stahl sich durch die krausen Zweige der Apfelbume, die mit ihrem dichten Laubwerk einen Teil des Gebudes verdeckten, und fiel auf die niedrige Tr und das ber ihr angebrachte zackige Gesims, das mit kleinen, eigensinnig wuchernden gelben Blumen bedeckt war; sie leuchteten auf und glichen einer feurigen oder goldenen Aufschrift auf dem natrlichen Gesims. Einer aus der Menge, ein Mann mit einem nicht enden wollenden Schnurrbart, wie man noch nie einen hnlichen gesehen hatte, -- er war noch lnger als seine Arme -- ein Mensch, den man nach seinem Benehmen und seinem frechen, gebieterischen Blick wohl fr den Fhrer der Abteilung halten konnte, schlug mit dem Flintenlauf an das Tor. Die morschen Klostermauern drhnten und gaben einen Ton von sich, der wie die Stimme eines Sterbenden klang und in der Luft verhallte. Darnach trat wieder tiefe Stille ein. Ein wildes Fluchen in den verschiedensten Mundarten donnerte unter dem gewaltigen Schnurrbart des Abteilungschefs hervor: Macht auf! verfluchtes Popenvolk! Sonst wei ich schon, wie ich euch wecken will! Ein Pistolenschu ertnte, die Kugel drang durch das Tor und schlug ins Kirchenfenster ein, so da innen die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Dies verursachte eine groe Verwirrung in den Zellen, die an die Kirche grenzten; man sah Lichter aufblitzen; ein Schlsselbund erklirrte; das Tor ffnete sich knarrend, und vier Mnche mit dem Prior an der Spitze traten bleich mit einem Kreuz in der Hand heraus. Hebt euch weg! unreine Geister, Bewohner der Hlle! sagte kaum hrbar mit zitternder Stimme der Prior. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, hebe dich weg von hier, Satan! _Allez!_ Das klfft noch! Verfluchter Kerl! brllte der Fhrer in einer Sprache, der kein Mensch htte einen Namen geben knnen -- aus so verschiedenartigen Elementen war sie zusammengebraut -- Was klffst du Strolch und sagst, wir seien Teufel; wir Teufel? Wir sind von den Kniglichen! Was seid ihr fr Leute? Ich kenne euch nicht! Was seid ihr gekommen, die Ruhe der rechtglubigen Kirche zu stren? Ich werde dir die Augen mit Pulver auswaschen, alte Hndin! Gib mir die Schlssel zu den Klosterkellern. Wozu braucht ihr die Schlssel zu unseren Kellern? Ich werde nicht erst viel mit dir reden, dummer Pope. Aber wenn du willst, Baamasenjata, sprich mit meinem Gaul. Bring' diesem Antichristen die Schlssel, Bruder Kasjan, seufzte der Prior und wandte sich an den einen Mnch. Aber ich habe keinen Wein, so wahr Gott heilig ist, ich habe keinen! nicht ein einziges Fa, auch kein Fchen, ich habe nichts, was ihr brauchen knntet. Was geht mich das an! Meine Jungens wollen trinken. Ich sage dir, wenn du dummer Pope keinen Stall, kein Heu und keinen Weizen fr meine Pferde hergibst, dann fhre ich sie in eure Kirche und versetze dir einen Futritt ins Gesicht. Der Prior sagte keine Wort, er blickte die Ankmmlinge mit seinen bleiernen Augen an, die, wie es schien, schon lngst nicht mehr dieser Welt gehrten, denn sie lieen keine Andeutung von einer Leidenschaft erkennen, und sein Blick traf mit dem des Jesuiten zusammen, der seine Augen haerfllt auf ihn gerichtet hatte. Der Prior wandte sich ab, und sein Auge fiel auf den seltsamen Gefangenen mit dem Eisenvisier. Es schien, da dieser Anblick den Greis, der gegen alles, was nicht die Kirche anging, teilnahmslos war, berraschte. Warum habt ihr diesen Menschen gefangen? Gott! strafe sie mit Deiner dreifaltigen Macht! Gewi wieder ein Mrtyrer, der fr seinen Glauben an Christus leidet. Der Gefangene lie nur ein schwaches Sthnen vernehmen. Die Schlssel wurden gebracht, und beim Schein eines schlfrig brennenden Lmpchens nherte sich die ganze Bande dem Eingang einer Hhle, die sich hinter der Kirche befand. Kaum waren sie alle in das unterirdische, hliche Gewlbe hinabgestiegen, als Grabesfeuchtigkeit sie umfing. Stumm schritt der Fhrer voran, und die flackernde Flamme der Lampe mit ihrem nebligen Strahlenkranz warf ihm einen fahlen, gespenstigen Lichtschimmer ins Gesicht, whrend der Schatten seines endlosen Schnurrbarts sich emporbumte und alle mit zwei langen, dunklen Streifen bedeckte. Nur die beiden Enden des Kopfes mit ihrer plumpen Rundung waren hell und scharf beleuchtet und lieen den unsglich gefhllosen Ausdruck erkennen, der darauf hindeutete, da jede weichere Regung in dieser Seele lngst erstorben und erstarrt, da Tod und Leben ihm innerlich gleichgltig waren, da sein grter Genu in Tabak und Branntwein bestand und da er sich nur dort ganz selig fhlte, wo alles lrmt und klirrt und trunken zu Boden sinkt. Er war ein Sprosse der Grenzvlker, in dem zahlreiche Nationen sich gemischt hatten. Von Geburt ein Serbe, der alles Menschliche in den wsten Raubzgen und Trinkgelagen Ungarns in sich erttet hatte, seiner Kleidung und auch zum Teil seiner Sprache nach ein Pole, seiner Geldgier nach ein Jude, seiner Verschwendungssucht nach ein Kosak und in seinem ehernen Gleichmut ein Teufel. Er schien die ganze Zeit ber ganz ruhig zu sein und nur dann und wann murmelte er einen gewhnlichen Fluch zwischen den Zhnen hindurch, besonders wenn er auf dem unebenen Boden stolperte, der sich immer tiefer und tiefer hinabsenkte. Mit groer Sorgfalt betrachtete er alle Lcher in den Erdwnden, die jetzt ganz verschttet waren, und einst als Zellen und einzige Zufluchtssttte im Lande gedient hatten, wo selten ein Jahr verging, ohne da die Zerstrung durch Steppen und Felder raste, und wo niemand massivere Gebude und Schlsser errichtete, weil jedermann wute, wie geringe Dauer ihnen beschieden war. Endlich erreichten sie eine hlzerne ganz mit Moos und Schimmel bedeckte Tr, die mit Balken und Steinen verrammelt war. Der Fhrer blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwhnisch von oben bis unten. Nun! sagte er, wies mit den Augen nach der Tr hin, und es war, als ginge ein Windsto von seiner struppigen Braue aus. Sofort machten sich einige von seinen Leuten an die Arbeit; nur mit Mhe gelang es ihnen, die Balken zu entfernen. Die Tr ffnete sich! Gott! welch ein grauenerregender Anblick bot sich den Augen der Anwesenden dar! Schweigend blickten sie einander an, ehe sie wagten, dort einzutreten. Es liegt etwas von den Schrecken des Grabes in solch einem unterirdischen Gang. Dort herrscht der Tod in seiner starren Majestt, er reckt seine knchernen Gliedmaen unter all den blhenden Stdten und Drfern, unter der heiteren, lebensfrohen Welt. Aber wenn dieses Todesgrauen atmende Innere der Erde noch von lebenden Wesen, von jenen Hllengeistern bevlkert wird, deren Anblick uns schon allein erzittern lt, dann erscheint es noch furchtbarer. Der Modergeruch war so stark, da anfnglich allen der Atem stockte. Eine riesengroe Krte hockte da und glotzte die Eindringlinge, die sie in ihrer Ruhe gestrt hatten, mit ihren grlichen hervorquellenden Augen an. Die viereckige Hhle hatte nur einen einzigen Eingang; groe Stcke von Spinngeweben hingen in langen Fetzen von dem Erdgewlbe herab, das die Decke der Hhle bildete. Groe Haufen von Erde, die von der Decke herabgestrzt waren, lagen am Boden. Auf einem dieser Haufen lagen Menschenknochen, und blitzschnell huschten schnellfige Eidechsen zwischen ihnen hindurch. Eine Eule oder eine Fledermaus htte in dieser Umgebung noch schn gewirkt. Warum ist das keine Stube! 's ist eine schne Stube! schrie der Fhrer. _Allez_, hinein! Du, Hund, du wirst hier gut schlafen! Leg' dich mal auf den Erdklumpen und nimm dir die Krte zum Kopfkissen, oder besser, nimm sie dir fr die Nacht zur Frau! Einer von den Kniglichen lachte ber diesen Scherz, aber sein Gelchter fand in diesen feuchten Hallen ein so schreckliches, tonloses Echo, da er selbst erschrak. Der Gefangene, der bis dahin stillgestanden war, wurde in die Mitte der Hhle gestoen und hrte nur noch, wie hinter ihm die Tr knarrte und die Balken krachten, die den Eingang versperrten. Das Licht erlosch, und Finsternis umfing das Innere der Hhle. Der Unglckliche erbebte. Es schien ihm, als htte man den Sargdeckel ber ihm zugeschlagen, und das Krachen der Balken, die den Eingang versperrten, schien ihm dem Klirren des Spatens zu gleichen, wenn die Erde mit schrecklichem Laute auf die letzten berreste eines Menschen fllt und die Menge gleichgltig wie das Grab und wie im Traume flstert: Er ist nicht mehr -- aber einst lebte er. Nach dem ersten Schrecken verfiel der Gefangene in eine sinnlose Spannung, in einen seelenlosen Zustand, der gewhnlich einzutreten pflegt, wenn ein Schlag einen so furchtbar trifft, da der Mensch nicht einmal den Mut hat, an ihn zu denken, sondern seine Augen auf irgendeinen unbedeutenden Gegenstand heftet und ihn aufmerksam betrachtet. In solchen Augenblicken gehrt er einer anderen Welt an und hat keinen Teil mehr an dem, was die Menschen bewegt: er sieht gedankenlos vor sich hin, er fhlt, ohne zu empfinden, und ist von einem seltsamen Leben erfllt. Zuerst heftete er seine Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Finsternis. Fr eine Spanne Zeit war alles vergessen -- ihr Schrecken und der Gedanke daran, da er lebendig begraben war. Mit all seinen Sinnen suchte er sich mit der Finsternis vertraut zu machen, und vor ihm tat sich eine ganz neue seltsame Welt auf: pltzlich sah er helle Streifen die Dunkelheit durchziehen -- eine letzte Erinnerung an das Licht. Diese Streifen nahmen alle mglichen Farben an und bildeten die seltsamsten Figuren. Es gibt keine absolute Finsternis fr das Auge. Man mag es zudrcken, soviel man will, es malt und zaubert uns Farben vor, die es frher einmal gesehen hat. Diese bunten Arabesken nahmen entweder die Form eines bunten Schals oder eines reich gederten Marmors oder endlich jene seltsame Gestalt an, die uns so wunderbar fremdartig anmutet, wenn wir ein Stck eines Flgels oder das Beinchen eines Insekts unter dem Mikroskop betrachten. Zuweilen sah er einen schlanken Fensterrahmen, den es doch in seiner Hhle nicht gab, vor seinem Blick auftauchen. Ein phantastisches Azurblau leuchtete in dem schwarzen Rahmen auf, verwandelte sich dann in ein Kaffeebraun, verschwand ganz und ging dann in ein dunkles Schwarz ber, das mit Pnktchen von gelber, blauer oder unbestimmter Farbe best war. Bald aber verschwand diese ganze Welt, und des Gefangenen bemchtigte sich eine andere Empfindung. Anfnglich konnte er sich von diesem Gefhle keine Rechenschaft geben, dann aber gewann es immer mehr an Bestimmtheit. Er hatte ein Gefhl der Klte auf seiner Hand, und seine Finger glitten unwillkrlich ber etwas Schlpfriges hin. Pltzlich fuhr ihm der Gedanke an die Krte durch den Kopf! ... Er schrie auf und fhlte sich augenblicklich in die Wirklichkeit versetzt! Seine Gedanken tauchten pltzlich tief unter in den Schrecken der Gegenwart. Hierzu kam noch die gnzliche Erschpfung seiner Krfte und die furchtbare Stickluft: dies alles hatte zur Folge, da er in eine tiefe Ohnmacht versank. Unterdessen machten sich's die kniglichen Truppen in den Klosterzellen bequem, als ob sie zu Hause wren; sie schickten die Mnche fort, um die Stlle zu reinigen, und fingen frhlich an zu zechen, voller Freude, da sie sich endlich des Menschen, dessen sie bedurften, bemchtigt hatten. 1830. VIII ber die Vlkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts Die groe Vlkerwanderung, aus der die heutige Bevlkerung Europas hervorgegangen ist, reicht mit ihrem Anfang bis in das ferne Altertum. Sie beginnt vielleicht gleichzeitig mit der Grndung Roms, ja vielleicht sogar schon frher. Whrend noch das Mittelmeer die neu entstandenen Staaten umsplte, die ersten Schritte eines aufkeimenden Handels beobachten konnte und der Geist der Vlker, die die Blte der antiken Welt bilden, sich immer mehr und mehr entwickelte -- verbarg sich in den Tiefen Asiens eine andre unbekannte Welt, die dazu bestimmt war, die ganze antike Herrlichkeit, den Geist der Antike und seine alten Formen zu vernichten und sie durch einen neuen Geist zu ersetzen. Mittelasien bildet einen schroffen Gegensatz zum Sden und zu dem Sdwesten dieses Kontinents, sowie zu den afrikanischen und europischen Ksten des Mittelmeers, wo die blhende Vielgestaltigkeit der Natur, des Bodens, der Erzeugnisse, der Wechsel von Festland und Wasser, und die unzhligen Inselgruppen, die Vorgebirge und Meerbusen geradezu wie geschaffen sind, um die Tatkraft und den Geist des Menschen zu einer rapiden Entwicklung zu bringen. Die Natur Mittelasiens ist von ganz anderer Art: sie ist einfrmig und unermelich. Seine Steppen gehen ins Uferlose, sie bilden ungeheure Flchen und scheinen einem wsten Ozean zu gleichen, der nirgends durch eine Insel unterbrochen wird. Die stillen, regungslosen Seen inmitten dieser endlosen Ebenen konnten unmglich zur Tatkraft anspornen. Es schien, als htte die Natur selbst dieses Land fr Hirtenvlker bestimmt, damit wir uns nach diesen eine Vorstellung von der primitiven Lebensweise der Urvlker bilden knnten. Die Unermelichkeit dieser Ebenen konnte im Menschen nie den Gedanken an einen dauernden Wohnsitz aufkommen lassen, ein Gedanke, der gewhnlich nur beim Anblick von schroffen Felsen, Meeresufern, Inseln und berhaupt in Gegenden entsteht, wo man festen Fu fassen kann. Wo dagegen die Natur in regungslosem Schlummer liegt, da wird auch der Mensch sorglos und kmmert sich nur um das Allernotwendigste. Die patriarchalischen Bewohner der Steppen nhrten sich nur von Milch und Kse, die ihnen ihre halbwilden Haustiere lieferten, und nur selten aen sie Fleisch. Daher vermehrten sich auch ihre Herden in ganz ungewhnlichem Mae; ihre Besitzer muten immer hufiger von einem Ort zum andern ziehen, mit jedem Jahr wurde der Bedarf an Wiesen grer und grer -- und so kam es, da das Land, das uns noch heutzutage durch seine unermeliche Gre erschreckt, da das Land, das doppelt so gro war wie die ganze zivilisierte Welt jener Zeit und mit dem smtliche Bauern der Welt nichts anzufangen wten -- da dies Land zu eng fr seine Bewohner wurde. Die mchtigeren Frsten muten die schwcheren verdrngen. Ein Hirtenvolk, das kein immobiles Eigentum hat, dessen Besitz sich auf ein durch die Zeit erworbenes und befestigtes Recht sttzt, gibt leicht dem ersten Ansturm nach und zieht selbst mit seinen Herden weiter. So wurde Asien ein Menschen ausspeiender Vulkan. Jedes Jahr warf es neue Menschenscharen und Herden aus seinem Inneren aus, die ihrerseits die schon frher Ausgespienen aus ihren Niederlassungen verjagten. Diese berschritten die Berge und drangen in Europa ein. Man kann wohl sagen, diese Vlker schritten nicht in einer bestimmten Richtung vorwrts, sondern eins verdrngte das andere mechanisch von seinem Platz. Das waren keine Eroberer, sondern eine Art Sklaven, die unter dem Druck einer angedrohten Strafe handelten. So zog sich eine Kette von Vlkern von Osten und Nordosten durch ganz Europa bis nach Sden hin. Im Sden stie sie auf das erste Hindernis, sie bekam die gewaltige Macht der Rmer zu spren und traf mit der antiken Welt zusammen. Unterdessen fuhr Asien weiter fort, neue Scharen von Menschen auszuwerfen. Der Ansto, der von jedem neuen Ausbruch dieses Vulkans ausging, pflanzte sich durch die ganze Kette fort: die neuen Scharen drngten die vorderen Reihen weiter, jene die vor ihnen marschierenden und so fort. Die Wucht dieser Vlkerwanderung wurde bald auerordentlich stark, dafr aber wurde auch der Gegendruck seitens der Rmer sehr krftig, so da sich an der Grenze des rmischen Reiches eine ungeheuere Menge von Vlkern zu stauen begann. Bei jedem neuen Ausbruch wurde diese Menge immer grer und strker, und es wurde den Rmern immer schwerer, sich ihrer zu erwehren. Endlich gaben die Rmer nach, und die Horden strmten mit gewaltigem Ungestm nach dem Sden Europas. Htte Europa im Sden nicht das Mittellndische Meer zur Grenze gehabt, oder htten diese Vlker irgendein Verstndnis fr die Schiffahrt besessen, so htte die Vlkerwanderung noch lange fortgedauert -- denn Asien hrte nicht auf, neue Menschenscharen auszuwerfen -- die Vlker wren nach Afrika bergesetzt, Europa wre noch viele Jahre lang nicht zur Ruhe gekommen, das Chaos htte noch lange fortbestanden, viele Reiche wren erst viel spter gegrndet und der Fortschritt der Zivilisation wre berhaupt um viele Jahrhunderte zurckgeworfen worden. Aber als die Vlker den Sden Europas erobert hatten, und als sie das Meer und die Unmglichkeit, weiter vorwrtszuschreiten, vor sich sahen, da entschlossen sie sich, mit aller Gewalt gegen die nachdrngenden Feinde vorzugehen. Als die letzteren auf solch unerwarteten Widerstand stieen, beschlossen sie auch, ihre Feinde zurckzudrngen, die nun ihrerseits wieder dasselbe mit ihren Gegnern taten, und so geschah es, da der Ansto die entgegengesetzte Richtung erhielt, und die Bewegung kam pltzlich zum Stehen. Die Folgen dieser Erscheinung machten sich sogar in Asien fhlbar, und einige Hirtenvlker wurden hierdurch gezwungen, zum Ackerbau berzugehen. Diese Vlkerwanderung htte sich viel schneller vollzogen, wenn auch Europa aus solch flachen, offen daliegenden Ebenen bestanden htte, wie sie Asien bedecken. Hier dagegen hatte die Natur auf einer verhltnismig kleinen Flche eine ungeheuere Unregelmigkeit und Mannigfaltigkeit hervorgebracht: berall ist das Festland vom Meere durchfurcht, seine Ufer bestehen aus zahllosen Halbinseln und Vorgebirgen, und auch im Innern gibt es nur sehr wenig ebene Flchen; der Boden steigt und senkt sich in einem fort, erhebt sich und bildet ungeheure Gebirge, oder er fllt jh herab und bildet tiefe Tler, die wie durch einen Erdsturz zwischen diesen entstanden zu sein scheinen. Dazu kam, da Europa zu jener Zeit noch mit undurchdringlichen Urwldern bedeckt und von sumpfigen Mooren durchzogen war. Und daher vollzog sich die Vlkerwanderung, je tiefer sie bis ins Innere Europas drang, immer langsamer und langsamer: die Menschen muten sich durch Wlder hindurchschlagen, Berge bersteigen und Smpfe umgehen. Ihre Niederlassungen bildeten sozusagen Oasen, und die einzelnen Vlker wurden durch Urwlder und unerforschte Gegenden voneinander getrennt, so da sie hufig lange gegen jegliche berflle geschtzt waren. Und wenn dann eine neue Springflut von gewaltigen Vlkermassen, befehligt von einem unternehmenden Fhrer, herankam und Europa mit wundersamen Fanalen illuminierte, indem sie die alten Urwlder in Brand setzte und der Vernichtung preisgab, dann bot sich den erstaunten Blicken der Ankmmlinge ein Volk dar, von dessen Existenz sie keine Ahnung gehabt hatten, und das in seinen Sitten und Gebruchen sich zwar weit von ihnen entfernt, dennoch aber eine gewisse hnlichkeit mit ihnen bewahrt hatte. Man kann sagen, ganz Europa bestand damals aus lauter Fetzen und Bruchstcken, die die Natur selbst voneinander getrennt hatte; daher war die Unterwerfung dieses Erdteils und seine Vereinigung unter der Gewalt eines Herrschers ein Ding der Unmglichkeit, und so entstanden die zahlreichen europischen Nationen, die sich ohne allen Zweifel zu _einer_ Nation verschmolzen und einen einheitlichen Charakter angenommen htten, wenn Europa eine einzige offene Ebene gewesen wre. Das war eine neue nie gesehene Welt, von der die antiken zivilisierten Vlker nichts wuten, und die sich, wie man wohl sagen darf, auch selbst kaum kannte. Den Kern dieser Vlker bildeten die zahlreichen Stmme germanischer Nation, die sich ber den ganzen Westen ausbreiteten. Die Ufer der Nordsee, des Rheins, der Donau und ganz Mitteleuropa bis zur Ostsee waren von ihnen besetzt. Als die Rmer zum erstenmal mit ihnen zusammenstieen, bewies der Kulturzustand dieser Vlker, da sie schon lange in Europa ansssig waren, und da ihre bersiedelung nach Europa schon im grauesten Altertum stattgefunden haben mute. Da sie jedoch aus Asien stammten, dafr konnte man den Beweis in der seltsamen hnlichkeit einiger deutscher Stammwrter mit der persischen Sprache finden. Ob nun Asien in grauer Urzeit zugleich die Stmme ausgeworfen hat, die spter im Sden inmitten der Berge das persische[8] Volk und in den nordischen Wldern Europas das Volk der Germanen gebildet haben, oder ob vielleicht spter der gewichtige Einflu der Parther, die aus Mittelasien hervorbrachen, eine Reihe von Wrtern in die persische Sprache eingefhrt hat, die man bis dahin nur in den unermelichen asiatischen Steppen vernommen, und die sich bereits in Europa verbreitet hatten[9] -- wie dem auch sei -- jedenfalls stammen die Germanen ursprnglich aus Asien und hat sich ihre Einwanderung in Europa schon in grauer Urzeit vollzogen. Diese Vlker bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu den Rmern und gewissermaen eine Welt fr sich. Ihre physische und geistige Natur trug den ausgesprochenen Stempel echter Ursprnglichkeit und Eigenart. Ihre physische Organisation widersprach durchaus der der Vlker der Alten Welt. Die schwarzen glnzenden Augen, das dunkle Haar, das ausdrucksvolle Gesicht des Sdlnders, in dem sich die Begierde nach ppigkeit und bermigen Genssen zu spiegeln schien -- dieser gemeinsame Typus der bereits erstarrten antiken Welt -- traf hier auf sein vollkommenes Gegenteil: die blauugigen, blonden, groen und starken Germanen mit dem einseitig wilden, kriegerischen Ausdruck im Gesicht reprsentierten einen vllig neuen Typus der menschlichen Natur, der den Beginn der Neuen Welt kennzeichnete. [Funote 8: Schlzer.] [Funote 9: Mller.] Ihre Religion, ihre Lebensweise, ihr Temperament, die Grundelemente ihres Charakters unterschieden sich in jeder Beziehung von den zivilisierten Vlkern jener Zeit. Die Religion der Germanen zeichnete sich durch eine besondere Eigenart aus. Ihre Gottheit, der Gegenstand ihrer Anbetung, war die Erde. Es war, als htte der dstere Anblick des damaligen Europa ihnen die Idee zu dieser Religion eingegeben. Nur selten von Sonnenlicht umflossen, immer nur im Schatten hundertjhriger Eichen lebend, und Hhlen als erste Wohnsttten oder Verstecke fr ihre Schtze grabend, sahen sie nichts wie die Erde, deren gewaltige Kraft auf ihrer Oberflche Pflanzen wachsen lie, die ihnen als armselige Nahrung dienten, und herrliche, hohe Bume, die ber ihren Kpfen rauschten -- und so konnten sie die Erde fr die Erzeugerin aller Dinge halten. Von ihr leiteten sie ihren Gott Tuisto-Teut ab, der einen Sohn Mannus hatte und von diesem wiederum die verschiedenen Stmme der germanischen Vlker, die sie fr die ltesten Bewohner der Welt hielten. Es knnte scheinen, als ob dieser Begriff von der Religion sie ganz wesentlich von Asien unterscheidet, aber wir mssen nicht vergessen, welch gewaltigen Einflu die Natur und die Bodenverhltnisse stets gehabt haben. Die Natur bt eine despotische Herrschaft ber den Urmenschen aus. Je mehr der Mensch sich entwickelt, je mehr sein Geist heranreift, um so mehr Macht bekommt er ber die Natur, und dann schreibt er ihr die Gesetze vor, aber im wilden Urzustande mu _er_ sich _ihren_ Gesetzen fgen, ist er ihr Sklave. In Mittelasien liegt der Himmel immer offen vor dem Auge da; dort ist er unbersehbar und von einer gewaltigen Ausdehnung; im Vergleich mit ihm erscheint die Erde armselig und klein. Keine einzige hochgewachsene Pflanze, kein spitzer, kantiger, hoher und schmaler Fels fesselt das Auge; das auf den unabsehbaren Flchen sprieende Gras erscheint hier noch niedriger als sonst. Aber hier strahlt die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit und berflutet alles mit ihrem Licht: leuchtende Sterne bersen dicht das Himmelsgewlbe, und sie allein dienen den Menschen zum Halt und Wegweiser. Daher war in Asien berall die Anbetung der Sonne und der Himmelsgestirne vorherrschend. Je mehr dagegen die Vlker nach Europa vordrangen, desto seltener sahen sie die Sonne. Das dichte, majesttische Dunkel der europischen Wlder machte einen tieferen Eindruck auf ihre ungebildete Phantasie. Die Nebel und die aus den Smpfen aufsteigenden Ausdnstungen verbargen den Himmel vor ihnen, und die Notwendigkeit, sich zeitweise mit dem Ackerbau zu beschftigen, brachte es mit sich, da sie sich enger an die Erde anschlossen. Daher war auch bei den germanischen Vlkern die Anbetung der Gestirne nur sehr wenig verbreitet, und nur bei ganz wenigen Vlkern hat sich eine Erinnerung daran erhalten. Tief im Waldesdickicht, das nie von einem Sonnenstrahl durchdrungen wurde, brachten sie ihrer Gttin, der Mutter Hertha, ihre Opfer dar. Es scheint so, als ob ihnen die Finsternis fr heilig galt, darin war ihre Religion schon von Anbeginn allen anderen Religionen unhnlich. Sie glaubten an die Unsterblichkeit. Aber ihr Himmel war ein finsterer Himmel. In ihrer Walhalla sahen sie nur die Fortsetzung ihres kriegerischen Lebens: dorthin versetzten sie ihre germanischen Eichen, ihre flammenden Lagerfeuer und das Getse ihrer Waffen; bleifarbene Wolken verhllten ihren Himmel, den sie mit den dunklen Schatten ihrer groen im Kriege gefallenen Helden bevlkerten. Die Anbetung Herthas verbreitete sich fast bei allen germanischen Stmmen. Zu den Gegenstnden ihrer Verehrung gehrten auch die Schatten ihrer verstorbenen Helden, die sie sich in bernatrlicher, ins Riesenhafte gesteigerter Gre vorstellten. Auch ihre treuen Gefhrten, die Kriegsrosse, genossen dieselbe Verehrung, unter denen die weien nach Tacitus fr besonders heilig galten und in den heiligen Hainen untergebracht wurden. Man spannte sie vor den heiligen Wagen, dem der Knig und die Priester folgten, und aus dem Schnauben der Rosse deutete man die Zukunft. Die germanischen Vlker blieben lange Zeit ihrer ursprnglichen Lebensweise treu. Sie lebten nur fr den Krieg, er bildete ihre ganze Freude. Beim Kriegslrm erbebten sie wie junge, kampfmtige Tiger. Sie dachten nur daran, ihre Krfte zu messen und sich an der Schlacht zu vergngen. Habgier und Beutelust spielte nur eine geringe Rolle: als Hauptsache galt ihnen nur, sich in der Schlacht hervorzutun, damit ihre Heldentaten spter im Liede besungen wrden. Alle Vorteile und ihr ganzes Lebensglck hing mit dem Namen dessen zusammen, der sich mit Kriegsruhm bedeckt hatte. Er wurde zum Fhrer gewhlt; ihn bewunderten und verehrten alle Vlker. Er war der Vermittler und Richter in allen Streitfragen, und er verteilte im Kriege nach eigenem Ermessen die ganze Beute; sogar fremde und weit entlegene Stmme sandten ihm Pferdegeschirr zum Geschenk; die verwandten und untergebenen Stmme brachten ihm freiwillig die Erzeugnisse ihrer Felder, Frchte, Rinder und Rosse als Gabe dar. Mut und Tapferkeit galten als etwas Gttliches; alles strmte um die Wette der Fahne des Fhrers zu, und jedermann kmpfte nicht um der Beute willen, sondern um sich vor ihm auszuzeichnen und ein Wort der Anerkennung von ihm zu hren. Sein Name lebte noch lange in den Heldengesngen fort, nach seinem Tode wurden ihm zu Ehren groe Festgelage veranstaltet, und noch lange rhmte sich sein Stamm seiner Heldentaten; seinem Schatten wurden allmhlich gttliche Ehren zuteil, und er wurde ein Gegenstand der Anbetung. Solch ein Schicksal war beneidenswert, denn auch im unentwickelten Menschen glht ja schon die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Alle ohne Unterschied eiferten danach, ruhmvolle Taten zu vollbringen; die Schlachten huften sich, und die Germanen waren stets bereit, auf den ersten Ruf mit ihren wilden Kriegshorden heranzubrausen. Sie kmpften fast nackt, indem sie ihre athletische Kraft in aller Schlichtheit an den Tag legten. Ein Mantel, der statt von einer Schnalle, von einem Dorn zusammengehalten wurde, ein Raubtierfell ber der Schulter -- das war ihre ganze Rstung. Sie stellten sich in dichten Haufen in keilfrmiger Schlachtordnung auf und kmpften von nahem und von ferne mit kurzen Lanzen, die Framen genannt wurden; mit der Lwenkraft ihrer Muskeln schleuderten sie sie so weit, wie es ntig war, um den Feind zu erreichen; nur ihre Schilde waren etwas schner und prchtiger und waren mit grellen Farben bemalt; Scharen von Frauen und Kindern folgten ihnen in die Schlacht, begleiteten sie mit ihrem Geschrei und spornten sie immer wieder zu neuem Mut an: sie dachten nicht an Flucht, der Gedanke an die Sklaverei, die ihre Frauen und Kinder erwartete, verdoppelte nur die wilde Kraft ihres Ansturms, und der Feind war gezwungen, nachzugeben. Die Frauen sogen ihren Mnnern mitten im Getmmel der Schlacht die Wunden aus, verbanden sie, ja sie trugen die Verwundeten auf ihren Schultern hinweg. Der Tod des Fhrers wirkte nicht etwa lhmend auf sie, im Gegenteil, er kettete alle durch das sthlerne Band der Rache zusammen und machte sie unberwindlich. Es galt als grte Schande, seinen Schild wegzuwerfen; der Unglckliche, dem dies passierte, wurde ein Opfer der allgemeinen Verachtung und nahm sich selbst das Leben. Nur auf Grund der allgemeinen Achtung herrschte der Fhrer, ohne da ihm sonst irgendwelche Machtmittel zu Gebote standen, unumschrnkt ber die Stmme, und die Krieger befolgten mit bewunderungswrdigem Gehorsam seine Befehle. Doch nicht nur im Kriege hatte er den Oberbefehl, er behielt zuweilen seine Macht auch whrend des Friedens bei und nannte sich dann Heerfhrer[10]. Die Germanen waren sehr freiheitsliebend und wollten keine Gewalt ber sich anerkennen. Eine eigentliche Regierung gab es nicht. Sie versammelten sich und veranstalteten Volksversammlungen, die jeden Monat bei Neumond und Vollmond, bei auerordentlichen Anlssen jedoch zu jeder beliebigen Zeit abgehalten wurden. Sie erschienen trge und langsam zu diesen Versammlungen, wie um anzudeuten, da sie aus freien Stcken kmen; es vergingen einige Tage, bis die ntige Zahl beisammen war und die Beratung beginnen konnte. Sie saen in voller Rstung da; nur die Priester hatten das Recht, Schweigen zu gebieten; die Familienltesten prsidierten, die sogenannten Grauhaarigen (_grawion_), die spter diesen Namen in den der Grafen vernderten, die Frsten und die, die sich whrend der Schlachten ausgezeichnet hatten, fhrten das Wort; ihre Rede war schlicht und von jenem krftigen, gedrngten Lakonismus erfllt, durch den sich die treuherzige Beredsamkeit junger Vlker auszeichnet. Sie waren schlicht und offenherzig; ihre Verbrechen waren nur die Folgen ihrer Unwissenheit und nicht ihrer Lasterhaftigkeit. Nur Ehrlosigkeit und eine niedrige Gesinnung galten als Verbrechen; berlufer und Verrter wurden gehngt und einem qualvollen Tode berantwortet; fr ein gemeines und ehrloses Vergehen wurde der Schuldige in einen Sumpf versenkt, und es wurde Schlamm und Reisig auf ihn geworfen, wie um etwas zu verbergen, was nie ans Tageslicht kommen sollte. Die untreue Frau war ganz in der Gewalt ihres Mannes: er durfte ihr das Haupthaar abschneiden, ihr ihre Kleider wegnehmen und sie nackt und schmachbedeckt mit Ruten durch Drfer und Siedelungen jagen; niemand wagte es, auch wenn sie noch so schn war, ihr sein Mitleid zu bezeigen. Aber diese Flle waren nur selten, denn die Germanen hatten einen wilden und rauhen Charakter, und bei ihnen herrschten nur Bruche und Sitten, die gewhnlich viel strker sind als Gesetze. [Funote 10: Tacitus.] In ihrem huslichen Leben waren sie ganz im Gegensatz zu ihrem unruhigen kriegerischen Wesen sehr sorglos und trge. Sie waren stumpf und sehr faul und lagen in ihren Htten herum, ohne sich vom Fleck zu rhren. Je mutiger ein Mann zu sein glaubte, um so mehr hielt er es fr unter seiner Wrde, sich mit irgendeiner Arbeit abzugeben; die cker wurden von alten Leuten, von den Schwachen, Minderjhrigen und Knechten bebaut; letztere genossen volle Freiheit und muten nur eine kleine Naturalabgabe von ihren Feldern zahlen. Alle huslichen Arbeiten lagen auf den Schultern der Frauen. Die Frau brachte ihrem Manne keine Mitgift in die Ehe mit, im Gegenteil, _er_ mute ihr am Vorabend der Hochzeit einen Ochsen im Joch, ein voll ausgerstetes Pferd und eine Lanze darbringen, wie um damit auszudrcken, da sie von nun an an all seinen Beschftigungen teilnehmen msse. Die Kleidung der Germanen war ganz anders, als dies in der rmischen Welt und bei allen sdlichen Vlkern blich war, die eine gewisse Liebhaberei fr leichte, weite Gewnder hatten; sie trugen enge Kleider, die sich fest an den Krper anschmiegten, und die Tierfelle, in die sie sich mit Vorliebe hllten, verliehen ihnen ein wildes, tierisches Aussehen. Die Kleidung der Frauen unterschied sich nur wenig von der der Mnner; einzelne trugen hochrote Leinwandrcke, die nur bis zum Grtel reichten, so da der Hals, der Busen und die Arme offen blieben. Die Kinder waren sich ganz allein berlassen und wuchsen in der Gesellschaft der Haustiere auf. Erst wenn sie volljhrig wurden, durften sie Waffen tragen und an den Versammlungen teilnehmen. Die Gastfreundschaft, die allen wilden Vlkern von primitiven Sitten eigen ist, war auch den Germanen eigentmlich; der Gast wurde reichlich beschenkt, und wenn jemand nicht in der Lage war, einen Gast zu bewirten, fhrte er ihn selbst zu einem seiner Genossen. Am hufigsten jedoch konnte man die alten Germanen bei ihren Festgelagen antreffen, wo manches Mal mehrere Nchte hindurch gezecht wurde, dann war der Wald prachtvoll erleuchtet von lohenden Eichen, und ein Getrnk aus gegorenem Gerstensaft, wahrscheinlich der Urahne des heutigen Biers, das in Deutschland so viel getrunken wird, lie ihren Gedanken, Reden und Entschlssen freien Lauf. Bei diesen Gelagen kamen alle ihre Unternehmungen zur Reife. Hier faten sie die Plne zu ihren khnen, gewagten Angriffen, die whrend einer gemchlichen Volksversammlung wohl nicht jedem und auch nicht immer in den Sinn gekommen wren. Sie waren strmisch, waghalsig, und wenn sie einmal wach, erschttert und aus ihrer kaltbltigen Indolenz aufgerttelt waren, kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen. Ihre Verwegenheit kam ganz besonders beim Wrfelspiel zum Ausdruck, da konnte der wilde Germane so leidenschaftlich werden, da er sein Haus, seine Waffen, sein Weib, seine Kinder und zuletzt sich selbst verspielte und in die Sklaverei verkaufte -- ein Zustand, der ihn schlimmer dnken mute als der Tod! Vielleicht war dieses wilde Temperament die Quelle jener starken, khnen Leidenschaften, die den Europer erfllen. So geartet waren die germanischen Vlker -- diese wilden Elemente, aus denen das neue Europa hervorgegangen ist. Sie zerfielen in unzhlige Stmme und berzogen das nrdliche Europa ebenso dicht wie die dichten europischen Wlder. Um einen klaren berblick ber sie zu gewinnen, wollen wir mit den Gegenden beginnen, wo die Alte Welt diese ersten Begrnder der Neuen Welt zuerst erblickte, d. h. mit der Donau, die den Rmern als Grenze diente. Hier wohnten Stmme, die zwar noch frei aber doch nicht mehr ganz wild waren, und die schon Beziehungen mit dem antiken, zivilisierten Rom angeknpft hatten, als da sind: die Hermunduren, die Narisker, die Markomannen und die Quaden. Ferner lag eine groe Kette von germanischen Stmmen an den Ufern des Rheins von seiner Quelle bis tief herab zu der Stelle, wo er ins Meer fllt. Das waren die Vangionen, Triboker, Nemeter, Matiaken, Ubier; auf sie folgten die Tenkterer, die besten Reiter, deren Reiterei auch bei den Rmern berhmt war, und deren ganzer Besitz aus ihren Rossen bestand und immer dem Tapfersten hinterlassen wurde; dann folgten die Usipier und hart an der Mndung des Rheins, wo er ins Meer strmt -- die mchtigen Bataver. Das mittlere Deutschland war ganz mit Wldern bedeckt und barg die wildesten und mchtigsten Stmme in sich. Von Westen nach Osten fortschreitend, treffen wir zuerst auf die Chatten, die Ahnen der heutigen Hessen; sie bewohnten die aus zahllosen Hgeln bestehenden Ufer des Main. Dieses Volk verbreitete Schrecken um sich durch sein Fuvolk, durch dessen vortreffliche Aufstellung und Organisation, durch seine umsichtige Angriffstaktik und den wilden Ausdruck seiner Gesichter. Die Sitten und Gebruche der Chatten setzten einen durch ihre Eigenart unwillkrlich in Erstaunen. Kein Jngling durfte sich das Haar schneiden, ehe er nicht seine Hnde in Feindesblut gewaschen hatte, whrend der Schlacht muten sie in den vorderen Reihen kmpfen, und dann jagten sie den Feinden mit ihren struppigen, behaarten Gesichtern Angst und Schrecken ein. Jeder Chatte trug einen eisernen Ring am Arm, was sonst fr schmachvoll galt, weil der Ring an eine Kette erinnerte, doch durfte er ihn nicht frher ablegen, als bis er mit eigener Hand einen Feind gettet hatte. Sdlich von den Chatten wohnten die Cherusker, die Bewohner des Harzes, weiter folgten die Fosen, die Sigambrer, die Brukterer, die Angrivarier, die Chasuarier und endlich die Harier, die sich durch eine ganz eigene Angriffsweise auszeichneten. Sie fhrten ihre berflle in dunklen finsteren Nchten aus, frbten sich, um Schrecken und Furcht einzuflen, ihren Leib, trugen schwarz angestrichene Schilde und boten sich dem erstaunten Blicke der Feinde, die diesen Anblick nicht zu ertragen vermochten, wie ein Leichenzug dar. stlich von ihnen in etwas freieren, offener daliegenden Gegenden wohnten die Sueven. Diese bestanden aus einer Menge verschiedener Stmme und fhrten noch lange Zeit ein Hirtenleben, obwohl sich der Boden wegen seiner vielen Smpfe nur wenig dazu eignete. berhaupt kann man sagen, je mehr man sich dem Sden oder dem Sdwesten nherte, um so mehr Ackerbau treibende Stmme traf man an; oder Ackerbau und Viehzucht traten zusammen auf; je mehr man sich dagegen dem Osten, Ungarn, Dacien und Polen nherte, um so mehr berwog das Hirtenleben, und je tiefer man endlich in die Wlder des Harzes eindrang, um so finsterer und krftiger wurden die germanischen Stmme. Aber die allergefhrlichsten unter ihnen, die selbst die Rmer fast gar nicht kannten, und die dennoch die eigentlichen Zerstrer ihrer Herrschaft wurden -- das waren alle die Stmme, die die Ksten des Meeres und die an der Ostsee gelegenen Lnder bevlkerten. Bis hierher waren die Rmer nie vorgedrungen. Hier wohnten Seeruber, die unternehmungslustigsten unter den Germanen, die schon die Lage des Landes und des Meeres dazu zwang, sich in die khnsten Unternehmungen zu strzen. So ein Leben fhrten die Friesen und Chauken am Ufer der Nordsee, dann ein wenig weiter die gewaltigsten unter den Korsaren des Nordens, die Sachsen, ferner in Holstein die Cimbern, an der Ostsee die Goten, die Wariner, die Rugier und Burgunder und in Preuen die Longobarden, die Vandalen und die Heruler. Auerdem gab es in Mitteldeutschland noch eine ganze Reihe von Abkmmlingen dieser Stmme, die ganz verborgen in Wldern und Smpfen lebten; whrend der hufigen Schlachten und Kmpfe zwischen den einzelnen Stmmen wurden sie aus ihren Verstecken hinausgedrngt und sahen sich nun gezwungen, Pltze aufzusuchen, bis zu denen kein Mensch vordringen konnte. Auch die Berge der Alpen und der Karpathen bargen eine Menge von Fetzen oder berresten verschiedener Stmme in sich: gallische, germanische und wendische Vlker, die in dem wilden Europa herumvagabundierten. Der Nordwesten des Erdteils konnte infolge seiner ungeheuren Unfruchtbarkeit und Armut und seiner langen, den und ungeheueren Strecken keine starken Vlker hervorbringen und groziehen. In seinen weit verstreuten, obdachlosen, verwaisten Bewohnern -- den Finnen, und den Abkmmlingen estnischer Stmme erstarb alles Leben, ebenso wie in der Natur jener Gegenden. Dies war jene besondere Welt in dem wilden Europa! _Das_ waren die Vlker, deren gewaltige Kraft die Rmer vor allem an sich erfahren sollten. Und wenn das Weltreich nicht schon viel frher zusammenbrach, so liegt der Grund nur in der ungeheuren Zersplitterung der germanischen Vlker, in der Bodenbeschaffenheit Europas, die sie hinderte, zu einem Ganzen zu verschmelzen, in der Einfachheit ihrer Sitten, die sie veranlaten, sich mit den rohen Erzeugnissen ihres Landes zu begngen, in dem fr diese nur auf die Zerstrung ausgehenden Wilden so bezeichnenden Mangel an Habgier, in ihrem sehaften Leben und in ihrer Liebe zur Freiheit, die sie immer wieder zwang, sich in die Tiefe der Wlder zurckzuziehen. Die Rmer waren sich der Gefahr voll bewut, die ihnen von der frischen Kraft dieser europischen Vlker her drohte. Und daher waren sie darauf bedacht, keine Grenze des Reiches, weder die asiatische im Osten, noch die afrikanische im Sden, so zu schtzen und zu befestigen, wie die europische im Norden. Hier, kann man wohl sagen, konzentrierte sich ihre ganze militrische Schutzmacht. Und man mu zugeben, da die Verteidigungsmaregeln, die whrend der damaligen Lage des an Erschpfung zugrunde gehenden Reiches aufgeboten wurden, sehr vernnftig waren. Das rmische Reich berlie seine gefhrdeten Grenzen den frischen, kriegerischen Vlkern, die sie am besten verteidigen konnten und sich anfnglich mit wenigem begngten. Aber es mu zur Ehre der germanischen Vlker gesagt werden, da nur die uerste Not sie zwang, dieses Geschenk Roms anzunehmen. Diese Abhngigkeit erschien ihnen wie Sklaverei, und sie eilten wieder in die Tiefe ihrer Wlder zurck -- um dort ein Versteck fr ihre Freiheit zu suchen. Die Anschlge der Rmer zwangen sie, starke Bndnisse miteinander zu schlieen, aber diese Bndnisse waren nie offensiver Natur, ihr Zweck bestand immer nur darin, die Freiheit, die den Germanen teurer als alles war, vor Gefahren zu schtzen. Eins von diesen Bndnissen, das unter dem Namen des frnkischen Bundes bekannt wurde, wuchs und erstarkte dank der gnstigen Lage des Landes und dem immer heftiger werdenden Ansturm seitens aller andern Stmme. Die verschiedenen Vlker, die ihm beitraten, hatten einen Teil von Westfalen und Hessen besetzt und sich so eng miteinander verschmolzen, da sie schlielich nur eine Nation unter dem Namen der Franken bildeten. Doch dieses Bndnis wre den Rmern nie so gefhrlich geworden, und ganz Deutschland htte sich auch weiter nicht geregt, wenn nicht eine fremde Kraft, d. h. Vlker, die aus Asien kamen, einen Druck auf die Germanen ausgebt htte. Der stliche Teil Europas war uerst gefhrlich wegen seiner weiten Ebenen. Das war ein weitgeffnetes Tor nach Westeuropa, der groe Weg, auf dem die so verschieden gearteten Vlker eines nach dem andern herangezogen kamen, hier waren auch die Wlder bedeutend hufiger niedergebrannt, wie in anderen Gegenden; auch die Smpfe waren hier am frhesten ausgetrocknet und mit jedem Jahrhundert wurde dieser Weg freier und bequemer fr die groen Vlkerzge. Die weiten offenen Flchen gaben den Vlkern und Stmmen die Mglichkeit, sich zu groen Massen zu vereinigen, und eigneten sich ungemein fr ein Nomadenleben, das seinerseits gnstige Gelegenheiten zu Angriffen in groem Mastabe bietet. Ein ganzes Volk konnte pltzlich seine fliegenden Wohnsitze verlassen und mit seiner ganzen Masse einen furchtbaren, unwiderstehlichen berfall auf ein andres ausfhren. Eins von den germanischen Vlkern ward frher denn alle brigen dazu bestimmt, eine allgemeine Vlkerbewegung hervorzurufen. Dieses Volk waren die Goten[11], ein Volk, auf dem ein furchtbarer Fluch zu lasten schien, der es zu ewigem Wanderleben verurteilte. Die Goten muten lange herumirren, bald erschienen sie in Skandinavien, bald an den beiden Ksten der Ostsee und endlich im weiten Osten Europas. Nach dem Zeugnis des Geschichtsforschers Jornandes saen sie ursprnglich in Skandinavien. Es ist sogar mglich, da dies eins der Urvlker Europas war. Nachdem sie ihre schneebedeckte Heimat verlassen hatten, drangen sie bis an die Ksten Preuens und riefen eine groe allgemeine Umwlzung hervor. Sie verdrngten die Vandalen, die Longobarden, die Heruler, die Burgunder und Sachsen aus jenen Landstrichen und zwangen sie gegen ihren eigenen Willen, sich am eifrigsten an der Zerstrung des westrmischen Reiches zu beteiligen. Die allgemeine Erschtterung machte sich in ganz Europa bemerkbar: diese ganze Kette der mchtigen baltischen Stmme nherte sich den Grenzen Roms, drngte viele Stmme ins Gebirge und in die Smpfe zurck, konzentrierte ihre Krfte noch mehr und machte so die Rmer mit neuen Vlkern bekannt. Von nun an konnte man Herulern, Vandalen und Longobarden in ihren Armeen begegnen. [Funote 11: ber die Goten siehe Prokop, Jornandes, Gibbon.] Unterdessen hatten die Goten, nachdem sie vor sich her einen Weg gebahnt hatten, die am Ufer der Donau lebenden Vlker, die Markomannen und die Quaden, teils vertrieben, teils unterworfen; nun vereinigten sie sich in groen Massen in den sdlichen Ebenen Daciens und zogen zusammen mit den unterjochten Stmmen dem Schwarzen Meere entgegen. Je mehr sie nach Sden vordrangen, desto besser wurde der Weg, und um so schneller vollzog sich ihre Wanderung. Endlich erschienen sie mitten in Griechenland und in Kleinasien und brannten die Ksten des Schwarzen Meeres nieder. Chalcedon und Ephesus wurden eingeschert. Athen wurde in furchtbarer Weise und schonungslos zerstrt. Kaiser Decius erkannte die Gefahr, die den stlichen Grenzen seines gewaltigen Reiches drohte; er fhrte selbst seine Truppen gen Osten und fiel in der Schlacht mit der Waffe in der Hand, whrend sein Heer im Westen gegen die Vandalen, Heruler und Sueven kmpfte, die von den Goten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Mit Beute beladen kehrten die Goten zurck, besetzten das heutige Ruland, erhielten auf Grund eines Vertrages mit den Rmern ganz Dacien und setzten sich hier fest. Sie rissen die Herrschaft ber die Vlker, die an den Ufern der Donau wohnten, an sich und beunruhigten das sorglose Kaiserreich durch ihre Gegenwart. Als die Imperatoren, diese mchtigen Beherrscher der Welt, durch eigene schmerzliche Erfahrung den wilden Mut der Goten kennen gelernt hatten, beschlossen sie, sie in ihre Armee aufzunehmen und diesem unberwindlichen Volk von Barbaren Sold zu bezahlen. Dadurch gewannen sie sich krftige Verteidiger, zugleich aber zogen sie sich mchtige Feinde heran, denn sie enthllten ihnen die Geheimnisse einer wohlausgebildeten Taktik, die ihnen spter ein noch greres bergewicht verleihen mute. brigens aber war die Strategie der Goten auch schon ohnedies unberwindlich. Sie vereinigten in sich die Taktik der leichtbeweglichen Wandervlker und die der ansssigen bodenstndigen Stmme. Sie formierten sich in gewaltigen, dichtgedrngten Massen und zeigten die gleiche Standhaftigkeit im Ansturm des ersten Angriffs, wie whrend des Hhepunktes der Schlacht oder bei ihrem Ausgang, wo ihre Kraft allmhlich erlischt. Eine Schlacht mochte sich noch so lange hinziehen, es war unmglich, die Reihen der Goten ins Wanken zu bringen. Sie begleiteten ihren Angriff, gleich anderen germanischen Stmmen, mit Gesngen. In ihren Liedern verherrlichten sie die Namen ihrer alten Helden: Fridigern, Vidicula Ethespamar und anderer. Die geistliche Obergewalt lag in den Hnden eines einzelnen, dieser war zugleich Knig, Heerfhrer und Oberpriester; trotz alledem aber hing er von dem Rate der Tapferen ab. Bei den Goten herrschte von Urzeiten an das knigliche Geschlecht der Balten, und nur aus diesem Geschlecht durfte ihr Knig gewhlt werden. Sie beteten Wotan an, der im grauen Altertum zusammen mit Odin, diesem nordischen Uly[12], ihr Heerfhrer gewesen war. Von allen germanischen Stmmen waren die Goten am meisten zur Assimilation der Kultur befhigt. Bis zur Mitte des IV. Jahrhunderts wurde die Macht der Goten von den Vlkern, die an der Donau sowie von denen, die im Westen und Osten des heutigen Ruland saen, anerkannt. Der Name ihres Knigs Hermanrich stand in hohen Ehren an den Ufern des Schwarzen Meeres sowohl als auch in Livland. Allein die gotische Herrschaft wurde durch den groen Vlkerzug der Hunnen, die aus Asien hereinbrachen, erschttert. Die Hunnen oder Hjongnu waren nach de Guignes ein mchtiger Volksstamm, der die groen Steppen der Tatarei und der Mandschurei bewohnte und China in Unruhe versetzte; da sie jedoch der verschlagenen chinesischen Politik nicht gewachsen waren, wurden sie allmhlich den chinesischen Kaisern tributpflichtig. Allein ein groer Teil der Hunnen erhob sich mit seinen Wagen und Roherden und zog nach Westen, besetzte die Lnder jenseits des Kaspischen Meeres und entzog sich so den Blicken Chinas. Ihre Ansiedelung an den Ufern des Kaspischen Meeres verlegen die rmischen Historiker in die Zeit Domitians. Es ist hier vielleicht am Platz, darauf hinzuweisen, da die gebildete griechisch-rmische Welt jener Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Valens gar nicht einmal wute, da dieses Volk existiert, bis pltzlich die aus den Gebirgen Asiens hervorbrechenden Hunnen und mit ihnen die Avaren, Unnuguren, Usenguren (Uturguren, Cuturguren) und alle die anderen Vlker vor ihnen auftauchten, deren Namen fr das feine und zugleich korrumpierte Gehr der Griechen und Rmer einen so rohen Klang hatten. Der verheerende, unabwendbare Andrang dieser Bewohner Asiens, ihre Gewohnheit, rohes Fleisch zu essen, die Schdel der Feinde als Becher zu benutzen und die ersten besten unter ihren Gefangenen den Schatten ihrer Ahnen auf blutigen Scheiterhaufen zum Opfer zu bringen, ihre kalmckischen Zge, die flachen, plumpen, braunen Gesichter, die einem schon durch ihren wilden Ausdruck Angst einjagen konnten, ihre kleine Gestalt, die nur aus Muskeln zu bestehen schien -- dies alles versetzte die asiatisch-rmischen Provinzen in solchen Schrecken, da deren Bewohner daran zweifelten, ob sie sie wirklich zur menschlichen Gattung rechnen sollten. Sie waren der Ansicht, die Magier und Zauberer, die in den ungeheuren Wsten am Kaspischen Meer hausten, wren in unreinen Verkehr mit Teufeln getreten, und diesem Bunde seien die Hunnen entsprossen. [Funote 12: Schlegel] War es nur ein seltsamer Instinkt, der die Hunnen zurcktrieb, oder erschreckten sie die allzu bunten mit Grten und Stdten bersten Flchen des rmischen Asiens, die die Nomadenvlker fr Gefngnisse halten und daher fliehen, oder fanden sie keine den, freien Steppen, deren sie fr ihre zahllosen Herden unbedingt bedurften -- genug, sie zogen, statt die Richtung nach Sden einzuschlagen, -- nach Nordwesten, berhrten auf ihrem Wege den Kaukasus, scheuchten ein paar Volksstmme, die an seinem Fue wohnten, auf und nahmen sie auf ihrer Wanderung mit sich, und diese groe Masse von Nomaden ergo sich ber Europa. Auf dem vorgeschobensten Posten Europas standen damals, wie wir gesehen haben, die Goten. Ihre zahlreichen Stmme und die von ihnen unterjochten Vlker waren die ersten Wachtposten Europas und standen in dichten Scharen vor seinem mchtigen Tore, ein Tor, das leider viel zu gewaltig fr den kleinen Erdteil -- Europa -- war. Und die Goten, dieselben Goten, die bis dahin fr das unberwindliche Bollwerk Europas und fr eine unbesiegbare Macht gegolten hatten, wichen vor den Hunnen zurck. Es konnte auch gar nicht anders kommen. Die geheimnisvolle Kraft eines solchen Ansturms seitens solcher asiatischer Vlkermassen war den Goten vollkommen unbekannt. Wenn die Goten gewut htten, da ein solcher Einfall asiatischer Stmme nur durch den ersten gewaltigen Anprall gefhrlich ist, und da nur die Fhigkeit, ihnen einen dauernden Widerstand entgegenzusetzen und die Schlacht in die Lnge zu ziehen, den Sieg entscheiden kann -- wenn die Goten dies gewut htten, dann htten sich die Hunnen wieder in den Kaukasus zurckgezogen, und Europa htte nichts von der groen Erschtterung versprt, die sein ganzes uere umwandeln sollte. Aber dies Geheimnis blieb den Goten unbekannt. brigens mu man auch anerkennen, da es einer schier bermenschlichen Tapferkeit und Geistesgegenwart bedurfte, um dem ersten Ansturm der Hunnen zu widerstehen. Sie begleiteten ihren Angriff mit so entsetzlichem Geschrei, ihre ungeheuren Massen kamen so dichtgedrngt herangeflogen, ihre beinahe wilden Rosse kamen so wtend angerast, als strzten sie einen steilen Abhang hinunter und als knnten die Reiter selbst ihren Sturmschritt nicht hemmen; ihr schmales, zwischen den dicken Backen fast verschwindendes Auge war so scharf und sicher, sie gaben der Schlacht jeden Augenblick eine so rasche Wendung, sie konnten sich so schnell in alle Winde zerstreuen und verschwinden, sich so pltzlich wieder in einem Haufen vereinigen, sie schleuderten mit so groer Treffsicherheit einen ganzen Wald von Lanzen gegen ihren Feind, selbst wenn sie die Flucht ergriffen, wuten sie sich so vorzglich durch ihre Geschosse zu decken und sie begleiteten dies alles mit einem so wilden, betubenden Geschrei, da sich schwerlich ein Heerfhrer finden konnte, dessen Auge nicht unsicher, dessen Kopf nicht schwindlig geworden wre im Kampfe mit den Hunnen. Nachdem sie die Goten vertrieben hatten, nahmen die Hunnen den westlichen Teil der polnischen Provinzen des heutigen Ruland, den Norden und die Donaulnder ein -- wieder nahm die Geographie Europas ein andres Ansehen an. Dadurch, da die Hunnen einen so groen Flchenraum besetzten, muten sie notwendigerweise eine starke Erschtterung und eine mchtige Verschiebung in den Wohnsitzen der einzelnen Vlker hervorrufen. Die zurckgedrngten Goten zogen, obwohl ihnen dies nicht leicht wurde, nach Westen und Sden weiter; die Vandalen und Sueven, mit denen sich die Rmer, oder besser gesagt, die rmischen Germanen an den Grenzen schon vielfach gemessen hatten, zogen durch Frankreich ber die Alpen und drangen in Spanien ein. Und hier in Spanien stieen pltzlich Vlker aus den verschiedensten Himmelsgegenden zur allgemeinen Verwunderung miteinander zusammen: die Sueven von den Ksten der Ostsee und aus dem schneebedeckten Skandinavien und die Alanen, die die Hunnen auf ihrem Zuge vom Fue des Kaukasus verscheucht und hierher getrieben hatten. Fnfzig Jahre lang irrten die Hunnen in den Steppen Rulands herum, zogen mit ihren Zeltwagen von Ort zu Ort und trieben ihre Roherden von einem Platz zum andern, ohne weitere Eroberungen zu machen; denn auch diesmal wurde Westeuropa durch seine Urwlder und seine hgelige Bodenbeschaffenheit gerettet, auch fehlte es den Hunnen an einem unternehmenden Anfhrer. Sie begngten sich damit, ihre nchsten Nachbarn zu berfallen, raubten meist ihre Frauen und Kinder und trieben ihre Herden mit sich fort. Unter diesen Raubzgen hatten die Goten, da sie ihnen am nchsten wohnten, am meisten zu leiden. Die Goten teilten sich um diese Zeit in zwei groe Stmme: in die Westgoten, die sich ihre Knige aus der lteren herrschenden Linie der Balten, und in die Ostgoten, die ihre Knige aus dem neuen Herrschergeschlecht der Amaler whlten. Immer mehr von den Hunnen zurckgedrngt, drangen sie bis zum Sden der jetzigen Ukraine und der Moldau vor. Ein Teil der Westgoten, die sich nirgends sicher fhlten, wandte sich, gefhrt von Fridigern, Alatheus und Saphrax, mit der Bitte an den rmischen Kaiser, er mge es ihnen erlauben, die Donau zu berschreiten, sich am sdlichen Ufer des Flusses anzusiedeln und die rmischen Provinzen gegen berflle der immer mchtiger werdenden Barbaren zu verteidigen. Der Kaiser Valentinian, der das Reich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Valens regierte, nahm diese unerwartete Hilfe mit Freuden an -- und die Westgoten berschritten die Donau. Unterdessen hatten die Ostgoten und ein Teil der Westgoten, die im Sdosten wohnten, hufig unter Hungersnten zu leiden, und da sie sahen, da die Not immer strker wurde, baten sie den Kaiser Valens, der die stlichen Provinzen verwaltete und in Konstantinopel residierte, sie mit allerhand Waren zu versorgen und ihnen zu gestatten, mit den Bewohnern des Landes Handel zu treiben. Der Kaiser befahl den Regenten von Thracien, Lupicinus und Maximus, die Bitten der Goten in allen Punkten zu erfllen; beide waren typische Griechen aus der byzantinischen Zeit -- hinterlistig und immer bereit, auch ohne dringende Veranlassung ein Verbrechen zu begehen, den Barbaren gegenber aber hielten sie jede Missetat fr erlaubt. Sie lieen sich mit den Goten nicht erst in Handelsgeschfte ein, sondern raubten sie ganz einfach aus und trieben sie bis zum uersten, so da diese gentigt waren, ihre eigenen Frauen und Kinder zu verkaufen; endlich luden sie die heldenmtigsten Goten unter freundschaftlichen Vorwnden zu sich ein und beschlossen, sie heimlich umzubringen. Dies rief die Rachsucht dieses wilden Volkes, das sich jedoch noch ein ursprnglich menschliches Gefhl bewahrt hatte, wach. Ungeheure Scharen von Goten fielen in Thracien ein, drangen bis Konstantinopel vor, brannten alles nieder und plnderten und scherten alle Stdte und ihre Umgegenden ein, die sie auf ihrem Wege antrafen. Der Kaiser Valens befand sich in einer sehr milichen Lage. Er war ein eifriger Arianer und verfolgte unbarmherzig alle Gegner dieser Sekte. Infolgedessen hatte er viele Feinde, und selbst sein Bruder Valentinian, der Kaiser von Rom war, verweigerte ihm seine Hilfe. berdies war der Kaiser Valens auch sehr grausam und mitrauisch; man hatte ihm geweissagt, ein Mann, dessen Name mit den Buchstaben Theo... beginnt, wrde seinen Untergang herbeifhren -- und so lie er denn smtliche Theoderiche, Theodate und Theodosiusse, die irgendein bedeutenderes Amt bekleideten, erdolchen oder erwrgen. Es versteht sich von selbst, da diese Taten in seinen Untertanen keinen allzu groen Eifer und keine Neigung, ihren Monarchen zu verteidigen, wachriefen, und auerdem waren diese Untertanen ein erbrmliches und charakterloses Volk; die Soldaten waren jederzeit bereit, zu meutern und beim ersten Anla die Flucht zu ergreifen; die Staatsgelder wanderten in die Hnde von Eunuchen, Gnstlingen, Konkubinen und schlauen Priestern, und so erhielt Valens schlielich die Strafe fr sein frheres Leben. Verlassen von den fliehenden Soldaten, suchte er Schutz in einer armseligen Htte und wurde zusammen mit dieser von den rachschtigen Goten verbrannt. Nur der Unkenntnis der Goten, die sich nicht auf die Belagerung einer Stadt verstanden, verdankte Konstantinopel seine Rettung. Triumphierend und mit Beute beladen kehrten die Goten zu ihren Wohnsitzen zurck, bei den Rmern eine schauerliche Erinnerung an ihren Besuch hinterlassend. Bald darauf erfolgte die endgltige Teilung des rmischen Reichs. Der Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Skularisierung zu retten, er glaubte, die Schwche des Reiches sei die Folge seiner unermelichen Gre und der Unmglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen. Die stliche Hlfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt wurde -- noch treffender htte man sie das Reich der Eunuchen, Komdianten, Gnstlinge, Rennbahnen, der Verschwrer, der gemeinen Mrder und der disputierenden Mnche nennen knnen -- erhielt Arcadius, der ganz unter dem Einflu seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand; die westliche Hlfte, die mit Unrecht die rmische genannt wurde, weil hier alle beliebigen mter der Verwaltung von Emporkmmlingen besetzt waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Vlkern abstammten und nur mit einem dnnen uerlichen Firni rmischer Bildung berzogen waren: diese westliche Hlfte, die mitten im eigenen Herzen gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fhlte, dies westrmische Reich fiel dem minderjhrigen Honorius zu, der sich vllig von Stilicho leiten lie; letzterer war von Geburt ein Vandale, der unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwchling wurde. Die Vormnder, die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haten einander. Das erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer Grieche, seinem Feinde Stilicho bersandte, war das mchtige Heer der Westgoten, die er berredet hatte, Italien zu erobern, whrend er ihnen versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten verlieen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau und drangen in Italien ein. Aber fr Stilicho hatte diese Invasion gar keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen ber sie und knpfte eine Menge von Plnen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe dieser zahlreichen Menge junger, krftiger Barbaren viele andere Barbaren, die schon ins Innere des rmischen Reichs eingedrungen waren, zu vernichten. Damals _gehrte_ Gallien zu Rom und es gehrte doch auch wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner Hegemonie vereinigten Stmmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und Sden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich's die Alemannen und Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Sden, besetzt, und die rmischen Prfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht traurige Rolle: sie bekleideten eine Wrde, ohne die geringste Macht zu besitzen. Es schien fast, als lge ber der halben Welt statt des rmischen Reichs nur sein langer, mchtiger Schatten. Dieses Reich glich einer tausendjhrigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon lngst verfault und vermodert ist. Stilicho wute geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blhende Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er trumte schon davon, sich, wenn der Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plnen erfat hatte, befahl einem seiner Feldherrn, der ebenso unverstndig war wie er, den Goten, die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schdigen, in den Rcken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun pltzlich vor den Toren Roms. Wie gewhnlich floh Honorius; der Senat, der seine Ohnmacht einsah, flehte den mchtigen Goten an, er mge doch abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen Teil aus; der Sieger entschlo sich, auf den anderen Teil zu warten, und zog sich von Rom zurck. Kaum aber hrte Honorius, da die Gefahr vorber sei, als er nach Rom zurckkehrte, doch er dachte nicht daran, den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in heller Emprung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in einen Haufen Asche zu verwandeln. Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anfhrer der Goten in sich auf. Die herrlichen Huser und Palste wurden geplndert, aber der frchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das Blutvergieen. Hieraus kann man ermessen, wie gro seine Willenskraft und die Macht war, die er ber seine wilden Heerscharen besa, konnte er sie doch _davon_ abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte lngst Zeit gefunden, sich davonzumachen. Dafr aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner tiefen Verachtung der Rmer; er ernannte ihren Prfekten Attalus zum Kaiser und lie ihn auf den Knien vor der Tr seines Zeltes vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verlie er Rom und zog nach dem Sden Italiens. Hier schmiedete er groe Plne; er erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der afrikanischen Kste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie den Leichnam hinabsenkten, schtteten es zu und lenkten den Strom in sein frheres Bett zurck, damit niemand das Grab des groen Goten schnden oder ihm Schimpf antun knnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf zum Knig gewhlt und dieser fhrte die Goten endlich nach Spanien, wo sie sich sehr bald festsetzten und ein mchtiges gotisches Knigreich grndeten, nachdem sie die unbedeutenden rmischen Befehlshaber von dort vertrieben hatten. Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrngt und sahen sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die Vandalen, die bis dahin in Spanien die strkste Vormacht gebildet hatten, wurden energisch zurckgedrngt und gegen die Kste des Mittelmeers zurckgeworfen. Schon dachte der Knig Geiserich daran, nach Afrika berzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit herrschte in Rom fr den minderjhrigen Valentinian und seine Mutter der berhmte Atius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht whlerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wnschte. Atius hatte einen mchtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu diesem Zweck lie er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen. Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427 landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der afrikanischen Kste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und Verwstungen. Zu spt sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit seinem Kaiser ausgeshnt und wollte nun seinem unruhigen Verbndeten Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in Flammen, plnderte die Huser, metzelte die Einwohner nieder und ri alle Reichtmer an sich, die er nur finden konnte. Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald war die ganze Kste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen. Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevlkerung zum arianischen Glauben und grndete eins der mchtigsten Reiche dieser wilden und finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich bermtig. Seine frchterliche Flotte zerstreute sich ber das Mittelmeer und machte durch ihre Raubzge jegliche Schiffahrt unmglich. Jedes Jahr erschien dieser numidische Lwe an smtlichen Ksten des Mittelmeers, von Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blhenden und bevlkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien hatten abwechselnd die frchterliche und zerstrende Hand dieses gekrnten Piraten zu fhlen, der hier so schnell das erste Reich christlicher Corsaren gegrndet hatte. Endlich aber erfate ihn inmitten aller Gre und der Pracht der zusammengeraubten Reichtmer jener Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren lt und qult und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mitrauisch zu werden gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Knigs der Westgoten: er bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er aber die Rache der Goten frchtete, machte er dem Hunnenfhrer Attila den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen. Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein Standlager aus rohen, hlzernen Htten aufgeschlagen, in deren Mitte sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Fhrer, der den Hunnen bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die vorwrtsstrmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Vlker, die dem schier unberwindlichen Hunnenknige Tribut zahlten, begann mit dem Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die Heruler, die Akatirer, die Thringer und die Slawen, sie alle wurden von den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte ihm demtig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Gre. Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem ungeheuren Kopf und kleinen Kalmckenaugen, und sein Blick war so schnell, da keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne unwillkrlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle seine Stmme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebruche durch sein Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen Hflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwrdige Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewhnlichen Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein Ro, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmckt, und er nannte sich selbst die Geiel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu zchtigen. Seine Macht ber die Truppen war grenzenlos: sie glaubten, da er ein verzaubertes Schwert bese, mit dem er die ganze Welt erobern msse. Die unterworfenen Vlker beugten sich mit bewunderungswrdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. brigens war auch jeder Gedanke an eine Emprung vllig ausgeschlossen, denn Attila htte leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schdeln errichten knnen, bei deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen vergangen wre. Er lie sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein, besonders wenn der Friede fr ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein furchtbarer Richter. Er konnte auch gromtig sein, aber nur gegen Sklaven, die zu seinen Fen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch niemand htte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwren. Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plnen befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stmme, und er zog mit ihnen gen Westen. Das rmische Reich merkte bald, welch groe Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit bevlkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun geschah etwas Auerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa vereinigte sich zu einem einzigen Bndnis, die Rmer schlossen sich den Zerstrern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden- und Hirtenvlker strzten sich auf sehafte und zum Teil schon ackerbauende Vlker, das ungestme despotische Asien auf das gefestigte, freie Europa. Hier mssen wir bemerken, da die germanischen Vlker um so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen waren von alters her eine Schutzwehr der europischen Freiheit und im weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stmme auch heute noch einen gewissen Unabhngigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht werden. Das freie Westeuropa, die Rmer, die Westgoten, die Aremoriker, die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken unter Fhrung ihrer Knige und Feldherrn und unter der Oberleitung des gewandten Atius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen, Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren, Thringer, Roktolanen sowie einige slawische Stmme unter der Fhrung ihrer Frsten, Knige und Prinzen, geleitet von dem einen allmchtigen Willen Attilas, sollten eine Entscheidung ber so manches herbeifhren, was fr die Nachwelt von hchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt stand. Die unberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die verbndeten Vlker wurden zurckgeworfen, und der unbezwingliche Hunne, der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte, kehrte mit seinen Roherden und Vlkern in die Ebenen Ungarns und Pannoniens zurck. Atius, der nicht den Wunsch hatte, da die Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle brigen ausgezeichnet hatten, ein zu groes bergewicht gewnnen, erleichterte Attila den Rckzug. Die groe Vlkerliga zerfiel, nachdem sie ihre Aufgabe erfllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei vorber, in seinen Anfangszustand zurck. Aber der frchterliche Hunnenfhrer raufte sich zornig seinen edlen Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner Truppen durch neue ergnzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser Valentinian und sogar Atius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste Stadt, die Attilas schwere Hand zu spren bekam, war Aquileja. Er scherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, da ein Huflein berlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig grndeten. Von hier zog er wie eine feurige Geiel durch ganz Italien. Die Stdte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand, Modena, Parma lieen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. Ich schwre es, rief der wilde Hunne, da soll kein Gras mehr wachsen, wo der Huf meines Rosses den Boden berhrt hat! Endlich sah auch Rom Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen entgegen und, -- war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Vlkern vielfach verbreitete Gedanke, da Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge -- genug, Attila begngte sich damit, einen groen Tribut zu erheben, zog sich zurck und verlie Italien. Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Vlker seine Macht und Rache kennen lernen, aber sein pltzlicher Tod rettete sie. Attila fand einen seltsamen Tod. Er, der so dster und zurckhaltend gewesen war, der es nicht einmal geduldet hatte, da der Griff seines Sbels und sein Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmckt werde, vernderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mdchen von wunderbarer Schnheit, geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, da er seine ganze sthlerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausstrmen lie. Ein Blutstrom rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte. In einer unbekannten Wste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesngen, in denen seine Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwndigen Sarg gelegt -- die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben, wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fnde, wo die Gebeine des groen Mannes ruhten[13]. Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen pltzlich auseinander und zerstreuten sich wie alle asiatischen Vlker, die nur durch den mchtigen Willen eines Fhrers zusammengehalten werden. Nunmehr breiteten sich die europischen Vlker weiter und freier aus, sie wurden selbstndiger, und im Osten traten slawische Stmme mehr in den Vordergrund, die sich allmhlich vermehrten und in sechzig verschiedene Stmme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden, drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich allmhlich in sehafte Vlker. ber Italien lagen nach den Verwstungen Attilas noch lange Rauchwolken, aber selbst in den halbzerstrten Ruinen nisteten noch immer allerhand Tcken und Rnke, und in diesem vllig erschpften Reiche gab es immer noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Atius, die einzige Sttze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmchtigen Kaiser Valentinian zu verdchtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Sttze verlustig gegangen war, fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erflltes Haupt und heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber drstete nach Rache, sie war emprt ber den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf, nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbndeten und Freundes, zu rchen. [Funote 13: ber die Hunnen und Attila siehe Jornandes, De Guignes, Fischer.] Geiserich lie nicht gern lange auf sich warten; sofort verlie er mit seinen Vandalen die afrikanische Kste, schiffte sich auf seinen Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich verstand sich besonders gut auf das Plndern; nach ihm fand niemand etwas, woran er sich htte bereichern knnen. Rom, das bis dahin selbst von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen Knig ganz erbarmungslos geplndert; alles, was berhaupt mitgenommen werden konnte, wurde mitgenommen. Er fllte seine Schiffe mit einer Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wute; er nahm eine Menge von Schauspielern und Knstlern mit, selbst die Frau des Kaisers samt ihren Tchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie zugleich mit anderen Schtzen nach Afrika. Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blte prangend, der Glanzpunkt der europischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines verwsteten, zerstrten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den verlassenen Stdten kaum noch zu hren. Der rmische Imperator hatte gar keine Einknfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer, das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu bezahlen. Und so setzte denn ihr Anfhrer Odoaker den Kaiser ab und wurde selbst ein unbeschrnkter und vllig unabhngiger Herrscher; allein, er wollte die kaiserliche Wrde gar nicht mehr annehmen, sondern nannte sich ganz einfach Knig der Heruler. Ein anderer Teil des rmischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen gewissermaen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anfhrer Syagrius, der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten Frankenbund, der um diese Zeit bereits bermchtig zu werden begann, weil ein unternehmender Knig und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine Verstrkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Krften Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von frnkischen Stmmen berschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der Fhrung von Theoderich von den nrdlichen Grenzen des ostrmischen Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Vlker unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf ihren plumpen, khnen Schiffen ber das Meer, unterwarfen England -- und damit fand die groe Vlkerwanderung, soweit sie sich in groen Massen vollzog, endgltig ihren Abschlu, aber in engeren Grenzen und in kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen wilden Jger, die dieses allgemeine Herber- und Hinberwandern und dieser bestndige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von einer starken Leidenschaft fr allerhand Abenteuer und Wandern ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag, rhrte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, da es vergeblich gewesen wre, eine reine und unberhrte entdecken zu wollen, und erst mit der Zeit drckten bestimmte stabile Regierungsformen oder Beschftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier groe Vlkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung berragten, gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas konzentrierte. In Spanien -- die Westgoten, die mit einem Teil der von ihnen unterjochten Vlker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h. in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von diesen abhngenden Stmmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten. Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den frheren Nachbarn der Rmer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern, Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen rmischen Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen, Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet ihrer Herrschaft bis ber die Alpen ber den Rhein hinaus ausgedehnt hatten. Das war eine der mchtigsten Vlkergruppen. Im nrdlichen Deutschland saen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken erregten und sich nur wenig mit anderen Stmmen vermischt hatten, und in Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkmmlinge von Vlkern befanden, die in Osteuropa herumwanderten -- Sueven, Alanen, Avaren, Slawen, Gepiden -- und die unter der geschickten und festen Regierung Theoderichs eine Zeitlang das bergewicht in Europa erlangten. Auerdem bten diese groen Vlkermassen noch eine Schutzherrschaft ber eine Menge weit abseits wohnender Stmme aus. Die Grenzen zwischen ihnen verloren sich oft in unbekannte Rume; in dem von den Grenzen eingeschlossenen Lande erhielten sich hufig viele Vlker, die hier ganz unabhngig durch- und nebeneinander lebten. So in Mitteldeutschland -- die Longobarden, dann ein Teil der Bajuwaren, die sich in Italien ausgezeichnet, und alle Vlker, die einst in den ehemals unermelichen Wldern des Harzes und des felsigen Vorgebirges der Alpen gelebt hatten. Der Osten Europas war von den vllig zerstreuten slawischen Stmmen besetzt, die unter dem ewigen Druck aller aus Asien nach Europa strmenden Vlker noch nicht Zeit gefunden hatten, ttig in die Weltgeschichte einzugreifen. Jenseits des so bezeichneten Kreises im Norden und Osten wohnten verschiedene Vlker, die noch in dunkler Tatenlosigkeit dahinlebten. Dies war die Lage Europas am Ende des V. Jahrhunderts, dessen Ausgang so laut und unruhig war, als durch den unbeschreiblichen Ratschlu der Vorsehung das gewaltige Chaos, das die dunklen Elemente zu einer neuen Welt in sich trug, sich auf Europa niedersenkte, als sich Vlker in ungeheuren Massen verheerend auf andere Vlker strzten, zu jener Zeit, als noch gewaltige, finstere Taten geschahen, als die Namen eines Alarich, Geiserich und Attila gleich unruhigen Kometen durch die Welt schwirrten, whrend die Alte Welt im Osten langsam vermoderte, als die rmische Kultur sich zaghaft an die Ksten Syriens, Alexandriens und Konstantinopels drngte und die ketzerischen Lehren eines Nestor und Eutiches an ihren gebrechlichen altersschwachen Krften nagten. IX Memoiren eines Wahnsinnigen Den 3. Oktober. Heute hat sich etwas Auerordentliches ereignet. Ich stand diesen Morgen ziemlich spt auf, und als Mawra mir meine frisch geputzten Stiefel hereinbrachte, fragte ich sie, wieviel die Uhr sei. Als ich hrte, da es lngst zehn geschlagen htte, beeilte ich mich mit dem Ankleiden. Ich mu gestehn, am liebsten wre ich gar nicht in die Kanzlei gegangen, da ich im voraus wute, was fr eine saure Miene unser Abteilungschef machen wrde. Schon seit geraumer Zeit pflegt er mich immer wieder zu fragen: Sag' mal, Freundchen, was geht eigentlich in deinem Oberstbchen vor, du lufst hin und her wie ein Irrsinniger und wirfst alles so durcheinander, da sich selbst der Teufel nicht mehr auskennt, du schreibst die Titel mit kleinem Anfangsbuchstaben und datierst und numerierst die Akten nicht. So ein verdammter Kerl! Sicherlich plagt ihn der Neid, weil ich im Arbeitszimmer des Direktors sitze und die Federn fr Seine Exzellenz schneide. Mit einem Wort: ich wre gar nicht in die Kanzlei gegangen, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt htte, den Kassierer zu sehn, und von diesem Juden wenigstens einen kleinen Vorschu auf mein Gehalt herauszukriegen. Das ist auch so eine Kreatur. Gerechter Gott, eher bricht das Jngste Gericht herein, als da er einem das Gehalt fr einen Monat vorausbezahlt! Bitte ihn, soviel du willst, geh meinetwegen zugrunde, sei in der grten Klemme -- der alte Satan rckt nicht mit Geld heraus. Dafr mu er sich von seiner Kchin zu Hause ohrfeigen lassen. Das ist ja weltbekannt. Ich sehe auch nicht ein, was es fr Vorteile hat, im Departement zu dienen. Man hat da doch gar keine Einnahmen! In den Gouvernementsverwaltungen, in den Zivil- und Staatsbehrden dagegen, das ist eine ganz andere Sache! Da sitzt einer ganz in die Ecke gedrckt da und kritzelt irgend etwas -- sein Frack ist ganz fadenscheinig -- er hat eine Fratze, da man ausspucken mchte. Aber seht mal hin, was er sich fr eine Villa leistet! Man darf es gar nicht erst wagen, ihm eine schn vergoldete Porzellantasse anzubieten. Das, sagt er, solch ein Geschenk, das ist was fr 'nen Doktor. Er dagegen mu gleich ein paar Pferde, eine Equipage oder einen Biberkragen fr 300 Rubel haben. uerlich ist er so bescheiden und spricht so zart: Wollen Sie mir nicht fr einen Augenblick Ihr Messerchen leihen, um meine Feder zu schneiden! und dabei rupft er einen derartig, da er einem kaum das Hemd am Leibe briglt. Das mu man allerdings zugeben, unser Dienst hat etwas Vornehmes, berall herrscht eine solche Reinlichkeit, wie sie sich in keiner Gouvernementskanzlei finden drfte, alle Tische sind aus Mahagoni, und die Vorgesetzten sagen Sie zu einem. Ja, ich mu gestehn, ich htte lngst die Kanzlei verlassen, wenn nicht dieser vornehme Ton bei uns herrschte. Ich legte meinen alten Mantel an und nahm einen Regenschirm in die Hand, denn es regnete heftig. Die Straen waren leer; nur ein paar alte Weiber, die sich mit ihren ber den Kopf geschlagenen Rcken vor dem Regen schtzten, einige russische Kaufleute unter riesigen Schirmen und ein paar Droschken kamen mir entgegen. Von den besseren Leuten begegnete ich nur einigen von unseren Beamten. Bei einer Straenkreuzung erblickte ich einen von ihnen. Als ich ihn bemerkte, dachte ich mir sofort: He, Freundchen, du gehst mir nicht in die Kanzlei, du eilst jener Schnen nach, die vor dir herluft, und sphst nach ihren Fchen. Solche Teufelskerle, diese Beamten! Bei Gott! Die geben selbst einem Offizier nichts nach! Da braucht nur irgendein Mdel in einem netten Htchen vorberzugehn, sofort hat er sie schon gekapert. Als mir dies durch den Sinn ging, fiel mein Blick auf einen Wagen, der gerade vor einem Laden hielt, an dem ich vorberkam. Ich erkannte ihn sofort: es war der Wagen unseres Direktors. Ich berlegte: Er hat in diesem Laden nichts zu tun -- gewi ist es seine Tochter! Ich drckte mich dicht an die Wand. Der Bediente ffnete den Schlag, und sie hpfte heraus wie ein Vgelchen. Sie wandte ihr Kpfchen nach rechts und nach links, wie reizend zuckte sie mit den Brauen und wie blitzten ihre Augen! ..... Gott! mein Gott, ich bin verloren, ganz verloren! ... Warum mute sie aber auch bei solch einem Wetter ausfahren! Da soll noch jemand behaupten, da die Frauen keine Leidenschaft fr allerhand Putz und Flitterwerk haben. Sie hatte mich nicht erkannt, ich hatte ja absichtlich versucht, mich ganz hinter meinem Kragen zu verkriechen, weil ich einen ganz alten, fleckigen Mantel von altmodischem Schnitt umgelegt hatte. Jetzt trgt man Mntel mit einem langen Kragen, und der meine hat mehrere kurze bereinander; obendrein war das Tuch nicht einmal decatiert. Ihr Hndchen, das nicht Zeit gehabt hatte, in die Ladentr zu schlpfen, blieb auf der Strae. Ich kenne dieses Hndchen, es heit Maggie; ich hatte keine Minute auf der Strae gestanden, da hrte ich pltzlich ein feines Stimmchen: Guten Tag, Maggie! Was ist denn das, wer spricht denn da?! Ich schaute mich nach allen Seiten um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm daherkommen: die eine war schon recht alt, die andere noch jung; sie gingen an mir vorber, da erklang es aufs neue: Schm' dich, Maggie! Hol's der Teufel! Ich sah, da Maggie einen Hund beschnffelte, der hinter den Damen einherlief. Aha! sagte ich zu mir; wie wird mir, sollte ich am Ende betrunken sein? Aber das passiert mir ja nur hchst selten! Nein, Fidel, du irrst dich! Jetzt sah ich's deutlich: die, die dies sagte, war Maggie selbst: Ich war, wau, wau, ich war, wau, wau, wau, sehr krank! Sieh einer das Hndchen an! Ich mu gestehn, ich war sehr erstaunt, als ich hrte, da es geradeso sprach wie ein Mensch. Aber als ich spter alles ordentlich berlegte, hrte ich auf, mich zu wundern. Wahrhaftig, so etwas ist auf Erden schon hufiger vorgekommen! Man erzhlt sich, da in England einmal ein Fisch ans Land geschwommen sei, der zwei Worte in einer so merkwrdigen Sprache gesprochen htte, da sich die Gelehrten schon drei Jahre darber den Kopf zerbrechen und doch nicht herauskriegen knnen, was das fr eine Sprache war. Ich habe auch in der Zeitung von zwei Khen gelesen, die in einen Laden gekommen seien und ein Pfund Tee verlangt htten. Aber ich mu sagen, ich wunderte mich doch noch mehr, als ich Maggie sagen hrte: Ich habe dir geschrieben, Fidel; gewi hat Polkan dir meinen Brief nicht berbracht. Teufel auch, ich habe noch nie im Leben gehrt, da ein Hund schreiben kann. Richtig schreiben kann doch nur ein Edelmann ... Natrlich, es kommt wohl auch einmal vor, da irgendein Kaufmann, ein Bureaumensch oder sogar ein Leibeigner etwas hinkritzelt! Aber das ist doch immer nur ein mechanisches Geschreibsel! Ohne Punkte, ohne Komma und ohne alles Stilgefhl! ... Das setzte mich in Erstaunen. Ich mu gestehn, seit einiger Zeit fange ich an, Dinge zu sehen und zu hren, die bis jetzt noch kein Mensch gesehen und gehrt hat. Ich will mal diesem Hndchen folgen, sagte ich zu mir, und erfahren, wie und was es denkt. Ich spannte meinen Schirm auf und ging hinter den Damen her. Wir bogen in die Erbsenstrae, dann in die Meschtschanskaja, nachher in die Storljarnaja und endlich zur Kokuschkin-Brcke ein und blieben vor einem groen Hause stehn. Dieses Haus kenne ich! sagte ich zu mir, es gehrt Swerkow. So ein Kasten! Was leben da nicht alles fr Leute! Wie viele Kchinnen und wie viel Zugereiste gibt es da! Auch von uns Beamten gibt es da eine ganze Menge! Die sitzen wie Hunde einer auf dem andern und hetzen noch einen dritten auf ihn. Hier wohnt auch einer meiner Freunde, der sehr gut Piston blst. Die Damen stiegen in den fnften Stock hinauf. Schn, sagte ich zu mir jetzt will ich nicht mitgehen, ich will mir die Gegend merken und nicht versumen, mir die erste Gelegenheit zunutze zu machen. Den 4. Oktober. Heute ist Mittwoch und daher habe ich meinen Chef in seinem Arbeitszimmer aufgesucht. Ich kam absichtlich etwas frher, setzte mich hin und spitzte noch einmal alle Federn an. Unser Direktor mu ein sehr kluger Mensch sein. Sein ganzes Kabinett ist mit Bcherschrnken angefllt. Ich las die Titel einiger Bcher. Lauter gelehrtes Zeug, so gelehrt, da unsereiner sich gar nicht dranwagen kann -- alles franzsische oder deutsche Bcher. Und wenn man ihm erst ins Gesicht sieht -- uff -- welche Wrde leuchtet einem aus seinen Augen entgegen. Ich habe noch nie gehrt, da er ein unntzes Wort gesagt htte. Wenn man ihm ein Papier reicht, bemerkt er hchstens: Wie ist es heute drauen? Feucht, Euere Exzellenz! Ja, das ist keine Gesellschaft fr unsereinen. Er ist ein Staatsmann! Dennoch aber merke ich, da er mich besonders gern hat. Ach, wenn doch auch seine Tochter ... so eine verfluchte Geschichte! ... Doch still davon! Kein Wort mehr! Ich las heute in der Biene. Die Franzosen sind doch ein dummes Volk! Was wollen sie eigentlich? Bei Gott, ich mchte sie alle bers Knie legen und auspeitschen. Ich las auch eine sehr nette Beschreibung eines Balles, die ein Gutsbesitzer aus Kursk verfat hatte. Diese Kursker Gutsbesitzer schreiben doch sehr gut. Da bemerkte ich, da die Uhr halb eins schlug, und dennoch wollte unser Chef noch immer nicht aus seinem Schlafzimmer herauskommen. Aber keine Feder ist imstande, das zu beschreiben, was sich um halb zwei Uhr abspielte. Die Tr wurde geffnet, ich glaubte schon, es sei der Direktor, und sprang, mit den Papieren in der Hand, vom Stuhl auf: aber es war sie, sie selbst! Alle Heiligen! wie herrlich war sie angezogen! Ihr Kleid war schneewei wie das Gefieder eines Schwanes -- ein wundervolles Kleid. Und wie sie mich anblickte -- glich sie der Sonne -- bei Gott -- der Sonne! Sie grte und sagte: Ist Papa nicht hier gewesen? Herr Gott! was fr eine Stimme! -- der reinste Kanarienvogel, wahrhaftig, der reinste Kanarienvogel! Euere Exzellenz! wollte ich sagen, vernichten Sie mich nicht, aber wenn Sie mich schon durchaus vernichten wollen, so tun Sie es mit Ihrem hochgeborenen Hndchen! Aber hol's der Teufel, die Zunge versagte mir ihren Dienst, und ich sagte nur: Durchaus nicht! Sie sah erst mich an, dann die Bcher und lie dabei ihr Taschentuch fallen; ich sprang eilig hinzu, glitt aber auf dem verfluchten Parkett aus und htte mir fast die Nase zerschlagen, doch hielt sie mich noch im letzten Moment aufrecht und hob das Tuch auf! Alle Heiligen! Welch ein Tuch! der allerfeinste Batist -- Ambrosia -- das reine Ambrosia! Man glaubte ihm frmlich die Vornehmheit seiner Besitzerin anzumerken. Sie bedankte sich und lchelte flchtig, so da sich ihre zuckersen Lippen kaum merklich kruselten, dann ging sie. Ich blieb noch eine Stunde lang sitzen, als pltzlich der Diener hereintrat und sagte: Aksentjij Iwanowitsch, gehen Sie nach Hause, der Herr ist schon fortgefahren. Ich kann dieses Bedientenvolk nicht leiden; immer rekeln sie sich im Vorzimmer herum, und unsereins zu gren, das fllt ihnen gar nicht ein. Aber das ist noch nicht das rgste; einmal kam ein solcher Hund sogar auf den Gedanken, mir eine Prise anzubieten, ohne vom Stuhl aufzustehen. Ja, weit du denn nicht, du dummer Sklave, da ich ein Beamter und ein Edelmann bin?! Indessen nahm ich meinen Hut, legte mir allein meinen Mantel um, denn diesen hohen Herrn fllt es doch nicht ein, unsereinem hineinzuhelfen, und ging meiner Wege. Zu Hause lag ich meistens auf dem Bett. Dann schrieb ich ein paar schne Verse ab: Da mein Lieb ein Stndchen nicht zu sehn ist -- 's mu ein Jahr schon her sein, dacht' ich; Weil mein Leben mir so arg verhat ist, Kann ich da noch leben? -- sagt' ich. Wahrscheinlich ist es ein Gedicht von Puschkin. Abends wickelte ich mich fest in meinen Mantel und ging vor das Haustor Seiner Exzellenz, ich wartete ziemlich lange, ob sie nicht vielleicht heraustreten und in den Wagen steigen wrde, ich hoffte, sie noch einmal zu sehn; aber sie kam nicht. -- Den 6. November. Der Abteilungschef ist ganz aus dem Huschen! Als ich in die Kanzlei kam, lie er mich sofort rufen und sprach: Sag' mir bitte, was tust du eigentlich? Wie? ich tue gar nichts, antwortete ich. Hre mal, denk' doch mal darber nach, du bist doch schon ber 40 Jahre alt -- es wre bald Zeit, da du vernnftig wirst. Was bildest du dir eigentlich ein? Du glaubst wohl, ich sei nicht hinter all deine Schliche gekommen? Du lufst ja der Tochter unseres Direktors nach! Sieh dich doch nur mal an und mach' dir mal klar, wer du eigentlich bist! Du bist doch eine Null -- und weiter nichts. Du hast ja keinen Heller im Kasten. Wirf doch einen Blick in den Spiegel -- wie kannst du nur an so etwas denken! Hol' ihn der Teufel! weil sein Gesicht an eine Medizinflasche erinnert und weil er nur noch ein paar Haare auf dem Kopf hat, die er knstlich zu einem Schopf zusammendreht, den er mit allerhand duftenden Pomaden salbt, und weil er die Nase hoch trgt, bildet er sich ein, da ihm allein alles erlaubt sei. Ich verstehe, ich verstehe sehr gut, warum er so wtend auf mich ist. Er beneidet mich, vielleicht wei er, da ich bevorzugt werde, vielleicht hat er die Zeichen des Wohlwollens bemerkt, die mir zuteil geworden sind. Ach was! Ich spucke auf ihn! Auch was Groes! Ein -- Hofrat! trgt 'ne goldene Uhrkette und lt sich Stiefel zu 30 Rubel das Paar machen. Ach! hol ihn doch der Teufel! Bin ich etwa aus niederem Stande? Bin ich etwa ein Schneider oder der Sohn eines Unteroffiziers! Ich bin ein Edelmann! Ich kann mich doch auch heraufdienen. Ich bin erst 42 Jahre alt --, und da beginnt doch eigentlich der Dienst erst richtig. Warte nur, Freundchen! wir werden auch noch einmal Oberst sein, ja, vielleicht, so Gott will, auch noch ein bissel mehr! Dann schaffe ich mir eine schne Wohnung an, vielleicht noch eine bessere als deine. Du bildest dir wohl ein, da es auer dir keine anstndigen Menschen gibt? Dann schaffe ich mir einen Frack nach der neuesten Mode an und binde mir eine ebensolche Krawatte um wie du -- dann reichst du berhaupt nicht an mich heran. Ich habe blo kein Geld -- das ist das Pech. Den 8. November. Heute war ich im Theater. Man gab Filatka, den russischen Narren. Ich habe sehr gelacht. Dann folgte noch eine Posse mit allerhand komischen Couplets, in denen es ber die Gerichtsbeamten herging, besonders wurde ein Kollegienregistrator aufs Korn genommen; diese Couplets waren sehr krftig, und ich habe mich gewundert, da die Zensur sie nicht beanstandet hat. Von den Kaufleuten hie es geradezu, da sie das Volk betrgen, da ihre Shne verschwenderisch leben und nach dem Adelsstand streben. Dann gab's auch ein sehr amsantes Couplet ber die Journalisten: der Autor bat das Publikum um Schutz vor ihnen, da sie immer alles herunterreien. Die heutigen Schriftsteller schreiben sehr interessante Stcke. Ich gehe sehr gern ins Theater. Sobald ich nur ein paar Groschen in der Tasche habe, kann ich der Versuchung nicht widerstehn und geh' hinein. Es gibt unter den Beamten solche Schweine, die durchaus nicht ins Theater gehen wollen -- richtige Bauern -- es sei denn, da man ihnen ein Freibillett schenkt. Da war auch eine Sngerin. Sie sang wunderschn -- sie erinnerte mich an jene .... ach! so 'ne Gemeinheit. Doch still, still ... kein Wort mehr davon. Den 9. November. Um 8 Uhr begab ich mich in die Kanzlei. Der Abteilungschef tat so, als bemerke er mein Eintreten gar nicht. Ich meinerseits tat auch so, als htten wir nichts miteinander vorgehabt. Ich sah einige Akten durch und verglich sie miteinander. Um 4 Uhr ging ich wieder fort. Ich kam an der Wohnung des Direktors vorbei, aber es war niemand zu sehn. Nach Tisch lag ich meist wieder auf dem Bett. Den 11. November. Heute sa ich im Arbeitszimmer unseres Direktors, schnitt dreiundzwanzig Federn fr ihn und fr Ihre, oh, oh, oh, und fr Ihre Exzellenz vier Federn. Er hat es gern, wenn recht viele Federn auf seinem Tisch bereit liegen. Oh, das mu ein Kopf sein! Er schweigt bestndig, aber in diesem Kopf -- glaub' ich -- erwgt er alles. Ich mchte gern wissen, worber er am meisten nachdenkt, und was er fr Plne schmiedet. Ich mchte das Leben dieser Herrn gern so aus der Nhe beobachten, alle diese Equivoquen und Hofintrigen; wie sie sich bewegen, und was sie in ihrem Kreise tun und treiben: das wrde ich gern erfahren! -- Schon hufig hatte ich Lust, mich mit Seiner Exzellenz in ein Gesprch einzulassen, aber wei der Teufel, die Zunge versagt mir ihren Dienst. Schlielich sagt man nur, da es drauen kalt oder warm ist, und mehr bringt man bei dem besten Willen nicht heraus. Wie gern wrde ich einen Blick ins Gastzimmer werfen, aber die Tr steht nur selten offen; von dem Gastzimmer aus sieht man in ein zweites Zimmer! Gott, was fr eine noble Einrichtung! Was fr Spiegel! Welch ein Porzellan! Ich wrde auch gerne mal in den Teil des Hauses hineinblicken, wo Ihre Exz.... ja, da mchte ich gern einmal rein: in ihrem Boudoir, was stehen da wohl fr Flschchen und Bchsen, was fr herrlich duftende Blumen, die man kaum anzuhauchen wagt, da liegt vielleicht auch ihr Kleid, das sie eben abgelegt hat, und das mehr einem Lufthauch als einem Kleidungsstck gleicht. Wie gern wrde ich auch einen Blick ins Schlafzimmer werfen. Das mu ein Wunderland ... das mu ein Paradies sein, wie es, glaube ich, selbst im Himmel kein hnliches gibt. Ich mchte das Bnkchen sehn, auf das sie des Morgens beim Aufstehn ihr Fchen setzt, ich mchte sehn, wie sie sich die schneeweien Strmpfe anzieht ... O Gott! o Gott! Doch still! still! Kein Wort mehr! Heute fiel's mir pltzlich wie Schuppen von den Augen: ich erinnerte mich des Gesprchs der beiden Hunde, das ich auf dem Newsky-Prospekt belauscht hatte. Gut, dachte ich bei mir, ich werde jetzt alles erfahren! Ich mte nur den Briefwechsel dieser beiden elenden Hunde auffangen. Daraus werde ich gewi so manches erfahren. Ich mu hier anmerken: einmal habe ich Maggie sogar zu mir herangelockt und ihr gesagt: Hr' einmal, Maggie, wir sind jetzt allein, wenn du willst, werde ich sogar die Tr schlieen, so da uns niemand sehen kann -- erzhle mir alles, was du von dem Frulein weit: was treibt sie und wie ist sie, ich schwre dir, niemand soll etwas davon erfahren. Aber das listige Hndchen kniff nur den Schwanz ein, duckte sich ganz zusammen und schlich leise zur Tr hinaus, als htte es nichts gehrt. Ich vermute schon lange, da die Hunde viel klger sind als die Menschen; ich bin sogar berzeugt, da sie sprechen knnen, nur sind sie sehr eigensinnig. Ein Hund ist ein groer Politiker: er bemerkt alles und beobachtet jeden Schritt, den der Mensch macht. Nein, es mag biegen oder brechen, morgen gehe ich zu Swerkow, frage Fidel aus und nehme, wenn es glckt, alle Briefe, die Maggie ihr geschrieben, an mich. Den 12. November. Um 2 Uhr machte ich mich auf, denn ich wollte Fidel durchaus sehen und aushorchen. Ich kann den Kohlgeruch, der aus allen Krmerlden in der Meschtschanskaja aufsteigt, auf den Tod nicht leiden, dazu dringt noch ein solcher Gestank aus allen Pforten, da ich mir die Nase zuhielt und mich, so schnell ich nur konnte, aus dem Staub machte. Und dann verpesteten einem die grlichen Handwerker noch derartig die Luft mit dem Ru und dem Rauch, der aus ihren Werksttten aufsteigt, da es fr einen anstndigen Menschen tatschlich unmglich ist, hier spazierenzugehen. Als ich zum sechsten Stock emporgestiegen war und die Glocke gezogen hatte, trat ein Mdchen heraus, das nicht bel aussah, und dessen Gesicht mit kleinen Sommersprossen bedeckt war. Ich erkannte sie. Es war dieselbe, die die alte Frau begleitet hatte. Sie errtete ein wenig, und ich begriff sie sogleich. -- Die Kleine sehnte sich nach einem Schatz. Was wnschen Sie? fragte sie. Ich mu mit Ihrem Hndchen sprechen. Das Mdchen war offenbar sehr dumm! Ich merkte sofort, da sie dumm war! In diesem Moment kam der Hund bellend herangesprungen: ich wollte ihn fassen, aber das Scheusal htte mich mit seinen Zhnen beinahe an der Nase gepackt. Pltzlich erblickte ich in der Ecke sein Lager. Ach, das ist ja, was ich brauche! Ich trat nher, whlte das Stroh im Holzkasten durcheinander und holte zu meiner groen Freude ein kleines Papierbndel hervor. Als das garstige Tier das sah, bi es mich erst in die Wade, dann aber merkte es, da ich die Papiere eingesteckt hatte, und fing an zu winseln und zu schmeicheln, ich aber sagte: Nein, mein Schatz, lebe wohl! und lief davon. Ich glaube, das Mdchen hielt mich fr einen Wahnsinnigen, denn sie erschrak furchtbar. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich sofort an die Arbeit machen und die Briefe entziffern -- denn bei Licht sehe ich nicht gut. Aber Mawra war gerade dabei, den Fuboden zu waschen. Diese dummen Finnlnderinnen sind besonders immer dann reinlich, wenn man es nicht brauchen kann. So ging ich denn hinaus, um einen Spaziergang zu machen und das Geschehene zu berdenken. Endlich werde ich alles erfahren! Alle ihre Plne und Intrigen, alle geheimen Triebfedern und werde alles ergrnden. Diese Briefe werden mir alles enthllen. Die Hunde sind ein kluges Volk, sie kennen die politischen Verhltnisse, und daher werde ich dort alles Wissenswerte ber unsern Chef finden, das Portrt und die Machinationen dieses Mannes. Sicherlich wird auch einiges ber _sie_ darin enthalten sein, das ... doch still, kein Wort mehr. Gegen Abend kam ich nach Hause und lag die meiste Zeit ber auf dem Bett. Den 13. November. Nun wollen wir mal sehn! Der Brief ist ziemlich leserlich geschrieben. Doch aber liegt etwas Hndisches in der Handschrift. Wir wollen mal sehn: Liebe Fidel! Ich kann mich noch immer nicht recht an deinen plebejischen Namen gewhnen. Konnte man dir wirklich keinen besseren geben? Fidel, Rose -- wie vulgr das klingt! Aber lassen wir das jetzt beiseite, es freut mich sehr, da wir beschlossen haben, einander zu schreiben. Der Brief ist recht orthographisch geschrieben. Die Interpunktionszeichen sind immer auf ihrem richtigen Platze, und die Buchstaben sind nirgends verwechselt. Ja, ich glaube, da selbst unser Abteilungschef nicht so korrekt schreiben kann, obgleich er behauptet, da er die Universitt besucht habe. Sehen wir weiter! Mir scheint, eine der grten Freuden des Lebens ist, seine Gedanken, Gefhle und Eindrcke mit einem Freunde zu teilen. Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel besinnen. Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustr. Ist mein Leben nicht von Wohlstand umgeben? Mein Frulein, das der Papa Sophie nennt, liebt mich grenzenlos. O Gott, o Gott! Doch still, still! Kein Wort mehr! Papa liebkost mich auch hufig. Ich trinke Tee und Kaffee mit Sahne. Ach, _ma chre_, ich mu Dir sagen, da ich gar keine Freude an groen abgenagten Knochen habe, wie sie unser Polkan in der Kche zu fressen kriegt. Nur Wildpretknochen schmecken gut, und auch die nur, wenn das Mark noch darin ist. Es schmeckt auch sehr gut, wenn man mehrere verschiedene Saucen durcheinandermischt, nur drfen keine Kapern und keine Gemse darin sein; aber ich kenne nichts Schlimmeres, als die Gewohnheit, Hunden Brotkgelchen vorzusetzen. Da fngt irgendein Herr, der bei Tisch sitzt, und der schon allerhand Schund in seinen Hnden gehalten hat, pltzlich an, mit diesen selben Hnden Brot zu kneten, ruft Dich herbei und steckt Dir so eine Brotkugel zwischen die Zhne. Refsieren darf man nicht -- so frit man es denn, obwohl es einen ekelt, aber man frit es doch! Wei der Teufel, was das ist! So ein Bldsinn! Als ob es kein besseres Thema gbe, ber das man schreiben knnte. Wir wollen mal sehn, ob wir auf der anderen Seite nichts Vernnftigeres finden. .... Ich bin gern bereit, Dich von allen Ereignissen zu unterrichten, die sich bei uns abspielen. Ich habe Dir schon einiges von der Hauptperson erzhlt, die Sophie Papa nennt. Das ist ein sehr merkwrdiger Mensch ... Endlich! Ich wute es ja, sie haben einen politischen Blick fr alle Dinge. La uns 'n mal sehn -- was der Papa tut: ... merkwrdiger Mensch. Er schweigt fast immer und spricht nur selten; aber vor einer Woche sprach er in einem fort vor sich hin: >Werde ich ihn bekommen oder werde ich ihn nicht bekommen?< Einmal wandte er sich sogar mit der Frage an mich: >Wie denkst du, Maggie, werde ich ihn bekommen, oder werde ich ihn nicht bekommen?< Ich konnte rein gar nichts verstehen, beschnffelte seine Stiefel und schlich mich fort. Dann aber -- es ist jetzt eine Woche -- erschien Papa pltzlich hocherfreut, _ma chre_. Den ganzen Morgen lang gingen bei ihm uniformierte Herren ein und aus, die ihm alle zu etwas gratulierten. Bei Tisch war er so vergngt, wie ich ihn nie zuvor gesehn, und er erzhlte in einem fort Anekdoten. Nach dem Essen hob er mich zu sich empor, deutete auf seinen Hals und sagte: >Sieh mal, Maggie, was ist das?< Ich sah ein kleines Bndchen auf seiner Brust, roch daran, fand aber gar nicht, da es gut duftete, schlielich leckte ich noch einmal daran: es schmeckte etwas salzig. Hm, dieses Hndchen erlaubt sich, wie mir scheint, ein bichen viel. Es soll sich in acht nehmen, da es keine Prgel kriegt! ... So, er ist also ehrgeizig, das mu man sich merken! Leb' wohl, _ma chre_. Ich eile usw., usw. Morgen will ich meinen Brief beenden. -- Guten Tag, jetzt bin ich wieder bei Dir. Heute war mein Frulein Sophie ... Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so 'ne Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort. ..... mein Frulein Sophie in groer Aufregung. Sie rstete sich zu einem Ball, und ich war sehr erfreut, da ich Dir in ihrer Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast immer rgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das fr ein Vergngen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den Bllen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, da die rmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich mu gestehn, ich knnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine gebratenen Hhnerflgel bekme, so wte ich nicht, was mit mir geschhe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten, Rben oder Artischocken, die schmecken nie gut. Ein sehr ungleichmiger Stil. Man sieht doch gleich, da dies kein Mensch geschrieben hat. Er fngt an, wie es sich gehrt, und schliet wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er ist zwar ein bichen lang, und auch das Datum fehlt. Ach, meine Liebe, wie fhlbar macht sich doch das Herannahen des Frhlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren klingt es unaufhrlich, so da ich hufig minutenlang mit erhobenem Bein lauschend an der Tr stehe! Ich will Dir gestehn, da ich viele Verehrer habe. Hufig betrachte ich sie, whrend ich gemchlich am Fenster sitze. Ach, wenn Du wtest, was es fr Migeburten unter ihnen gibt! Der eine, ein plumper Kter, ist furchtbar dumm, die Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf der Strae einher und bildet sich ein, eine hchst bedeutende Persnlichkeit zu sein; er denkt wohl, da sich alle so ohne weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe ihn gar nicht beachtet und tat so, als htte ich ihn nie gesehn. Und was fr eine frchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, wrde sie Sophies Papa, der doch auch ziemlich gro und dick ist, um Kopfeslnge berragen. Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte ihn an, aber er kmmerte sich absolut nicht drum und verzog keine Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen mchtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! -- solch ein Bauer! Aber glaubst Du wirklich, _ma chre_, da mein Herz unempfindlich ist fr all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur den einen Kavalier gesehen httest, der mitunter ber den Zaun unseres Nachbars klettert -- er heit Tresor -- oh, _ma chre_ -- was der fr ein Schnuzchen hat!! .... Pfui Teufel! .... Was fr ein Bldsinn! .... Wie kann man nur ganze Seiten mit solchen Dummheiten anfllen. Einen Menschen! Ich will einen Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will eine Seite berschlagen, vielleicht wird's besser! ... Sophie sa am Tisch und nhte etwas. Ich blickte zum Fenster hinaus, weil ich mir gern die Spaziergnger anschaue, als pltzlich der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. >Ich lasse bitten!< rief Sophie und umarmte mich strmisch. >Ach, Maggie, Maggie! wenn Du wtest, wer das ist: ein brnetter Kammerjunker! und Augen hat er! schwarz und klar wie Achat!< und Sophie lief in ihr Zimmer. Einen Augenblick spter trat ein junger Kammerjunker mit einem schwarzen Backenbart herein; er nherte sich dem Spiegel, ordnete sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen Platz zurck. Sophie kam bald zurck und beantwortete seinen Kratzfu mit einem frhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf etwas zur Seite und versuchte zu hren, was sie sprachen. Ach, _ma chre_, was das fr Banalitten waren! Sie redeten davon, wie eine Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht htte, ferner, da ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche auerordentlich hnlich gesehen htte und beinahe auf dem Parkett ausgeglitten und gefallen wre. Schlielich erzhlten sie noch, da eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, whrend sie in Wirklichkeit grn seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht, als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnuzchen und mitten auf der Stirn einen kleinen weien Fleck. Auch Tresors Taille ist unvergleichlich, viel schner als die des Kammerjunkers. Auch seine Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem Teplow gefunden hat, und warum sie so entzckt von ihm ist?! ... Mir scheint auch, hier mu etwas nicht richtig sein. Es ist unmglich, da dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn: Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefllt, wird sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer sitzt. Ach, _ma chre_, wenn Du wtest, was das fr ein Scheusal ist. Die reine Schildkrte, die man in einen Sack gesteckt hat ... Was kann das wohl fr ein Beamter sein? Sein Familienname ist hchst seltsam. Er sitzt immer da und schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen Bschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu Botendiensten ... Mir scheint, dieses garstige Hndchen spielt auf mich an! Habe ich denn Haare wie ein Heubschel! Sophie kann sich nur mit Mhe des Lachens enthalten, wenn sie ihn ansieht. Du lgst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht wte, da dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht wei, wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs! Dieser Mensch hat mir doch ewigen Ha geschworen -- nun schadet er mir bei jedem Schritt, den ich tue. brigens will ich mir noch einen Brief ansehn. Vielleicht klrt sich dann die Sache von selbst auf. _Ma chre_ Fidel, verzeih', da ich so lange nicht geschrieben habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht, der gesagt hat, da die Liebe das zweite Leben ist. Auerdem gehen groe Vernderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht uns jetzt tglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist sehr vergngt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehrt, -- der bei uns den Fuboden fegt und immer Selbstgesprche fhrt -- da die Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, da Sophie einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militroberst heiratet ... Hol's der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein Kammerjunker oder General. Alles Schne, was es auf der Welt gibt -- fllt immer den Kammerjunkern oder Generlen zu. Du findest irgendein elendes Ding, das dich glcklich machen knnte, und willst schon mit der Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem General entrissen. Hol's der Teufel! ... Ich wnschte, ich wrde selbst General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. -- nein, ich wnschte nur deshalb, ich wre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und alle diese hfischen Verbeugungen und Equivoquen machen wrden, und um ihnen dann sagen zu knnen, da ich auf sie beide speie. Hol's der Teufel -- es ist aber doch rgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen Hndchens in Stcke gerissen. Den 3. Dezember. Es kann nicht sein. Das sind Lgengespinste, die Hochzeit wird niemals stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den man in die Hand nehmen knnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer Menschen! Er riecht doch und it nicht etwa mit ihr, und er niest und hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergrnden, woher diese Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und _wozu_ bin ich Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht wei ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte genug Beispiele dafr: irgendein ganz gewhnlicher Mensch, der nicht einmal Edelmann, sondern ein simpler Brger oder Bauer ist -- entpuppt sich pltzlich als hoher Wrdentrger, Baron oder ... na, wie sagt man doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wr's z. B., wenn ich pltzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues Band ber der Achsel -- was wohl meine Schne da fr Augen machen wrde? Und was wrde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh -- er ist ein groer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer; wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es doch gleich bemerkt, da er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja -- warum sollte ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten oder zu so etwas hnlichem ernannt werden! Ich mchte wirklich gern wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat? Den 5. Dezember. Heute habe ich den ganzen Tag ber Zeitungen gelesen. Was fr merkwrdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, da der Thron erledigt sei, und da sich die Stnde wegen der Wahl des Nachfolgers in einer sehr schwierigen Lage befinden, und da deswegen sogar Unruhen ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur mglich, da ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das geht doch nicht! Auf dem Throne mu doch ein Knig sitzen. Ja aber, wendet man ein, es ist doch kein Knig da! Das kann aber doch nicht sein, da kein Knig da ist! Ein Land kann nicht ohne Knig existieren. Ein Knig ist sicherlich da, aber er hlt sich irgendwo verborgen. Es ist sehr mglich, da er im Lande weilt, aber irgendwelche Familienverhltnisse oder Befrchtungen seitens der benachbarten Mchte, wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen -- oder gibt es vielleicht noch andere Grnde? Den 8. Dezember. Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene Grnde und Bedenken hielten mich zurck. Die spanischen Angelegenheiten wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur mglich, da eine Donna Knig wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von sterreich und unser Kaiser ... Ich mu sagen, diese Ereignisse haben mich dermaen erschttert und niedergeschmettert, da ich den ganzen Tag zu nichts fhig war. Mawra machte mir gegenber die Bemerkung, da ich beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, da sie zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte ber die spanischen Angelegenheiten nach. Im Jahre 2000, den 43. April. Der heutige Tag ist ein groer Jubeltag! Spanien hat wieder einen Knig! Er ist gefunden! Dieser Knig bin ich! Erst heute habe ich es erfahren. Ich mu gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, da es damals niemand eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Frher dagegen -- ich versteh' es nicht -- frher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, da das Gehirn des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in Wirklichkeit trgt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst erffnete ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, da der spanische Knig vor ihr steht, schlug sie die Hnde ber dem Kopfe zusammen und starb fast vor Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen Knig gesehn. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gndigen Worten mein Wohlwollen auszudrcken, indem ich ihr erklrte, ich sei gar nicht bse auf sie, weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht ber hhere Dinge reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, da alle spanischen Knige Philipp II. hnlich seien. Aber ich setzte ihr auseinander, da Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander htten, und da ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins Departement. Hol' es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen Papiere abzuschreiben! Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht. Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu kommen; es ist schon bald drei Wochen, da ich nicht in der Kanzlei war. Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die Juden eingefhrt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wscht! ... Ich ging aber zum Spa ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich wrde ihn begren und wrde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgltig an, nicht zu bse, aber auch nicht zu freundlich, und lie mich auf meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wtet, wer mitten unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was htte sich da fr ein Tumult erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef wrde sich dann so tief vor mir verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich rhrte keinen Finger. Ein paar Augenblicke spter entstand eine allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten strmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber rhrte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung hindurchging, knpften alle ihre Frcke zu; aber ich tat nichts dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem aufstehen? -- niemals! Was ist er auch fr ein Direktor! Ein Stpsel ist er, aber kein Direktor. Ein ganz gewhnlicher Stpsel -- ein simpler Stpsel, und weiter nichts -- so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am meisten Spa machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich wrde ganz unten in einem Eckchen eine Unterschrift hinsetzen -- Tischvorsteher Soundso -- fiel mir ja gar nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo gewhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit krftigen Zgen: Ferdinand VIII. Man htte sehen mssen, was fr ein ehrfrchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und sagte: Ich bedarf keiner Zeichen der Untertnigkeit und ging hinaus. Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn derartig an, da er die Hnde sinken lie. Von dort schritt ich geradaus in ihr Ankleidezimmer. Sie sa vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen Schritt zurck. Ich sagte ihr aber nicht, da ich der Knig von Spanien bin. Ich sagte ihr nur, da ihr ein so groes Glck bevorstehe, wie sie es sich wohl nicht trumen lasse, und da wir trotz aller Intrigen unserer Feinde vereinigt bleiben wrden. Mehr wollte ich auch nicht sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtckisches Geschpf ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist! Bisher wute noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste, der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hlt sich die Lorgnette vor die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern. Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rcken steht. So -- jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten -- ganz sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Vter, die berall herumscharwenzeln, sich an den Hof drngen und laut erklren, sie seien Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz kommt nmlich daher, weil sich unter der Zunge ein kleines Blschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Wrmchen, so gro wie ein Stecknadelkopf, und das alles rhrt von einem Bader her, der in der Erbsenstrae wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht vllig fest, da er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon ein groer Teil der Bevlkerung den mohammedanischen Glauben bekennen. Kein Datum, der Tag hatte kein Datum. Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich lie mir's jedoch nicht merken, da ich der Knig von Spanien bin. Ich hielt es nicht fr angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem mu ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezgert, weil ich bis jetzt noch kein spanisches Nationalkostm habe. Ich mte mir wenigstens einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider einen bestellen -- aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu kommt noch, da sie sich gar nicht fr ihre Arbeit interessieren, sie wollen nur Geschfte machen, ihre Hauptttigkeit ist, die Straen zu pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin entschieden, ihn mir selbst zu nhen, und zwar hinter verschlossenen Tren, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit einer Schere zerschnitten -- weil der Schnitt ja ganz anders sein mu. Des Datums erinnere ich mich nicht, der Monat war auch ausgeblieben, wei der Teufel, was da los war. Der Mantel ist vollstndig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschlieen, mich bei Hofe vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch wrde mein hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von Stunde zu Stunde. Den Ersten. Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs hchste erstaunt! Was fr Grnde mgen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich? Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mchten. Ich ging auf die Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen wren; aber der Postmeister ist furchtbar dumm -- er wei von nichts: Nein, sagt er, hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten Taxe befrdern. Hol' ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein Brief! So ein Unsinn -- Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies wre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt. _Madrid_, den 30. Februarius. Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, da ich gar keine Zeit hatte, zu mir zu kommen. Heute frh erschienen die spanischen Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich wunderte mich sehr ber die ungewhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so schnell, da wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze erreicht hatten. brigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen, und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge Menschen, die alle rasierte Kpfe hatten. Ich erriet sofort, da das Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Kpfe zu rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand fhrte, erschien mir jedoch sehr merkwrdig: er stie mich in eine kleine Stube und sagte: Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspren solltest, dich Knig Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Spe schon ausprgeln. Aber da ich wute, da er mich nur auf die Probe stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der Kanzler zweimal auf den Rcken schlug, da ich vor Schmerz beinah laut aufgeschrien htte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte, da dies der Ritterschlag war, den man bei der bernahme einer hohen Wrde erhlt -- in Spanien haben sich nmlich die alten Rittersitten noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschlo ich, an die Staatsgeschfte zu gehen. Ich entdeckte, da China und Spanien ein und dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit fr zwei verschiedene Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das morgen stattfinden soll, erfllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird sich etwas Auerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond setzen. Auch der berhmte englische Chemiker Wellington schreibt hierber. Ich mu gestehn, beim Gedanken an die auerordentliche Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fhlte ich eine groe Unruhe in meinem Herzen. Der Mond wird doch gewhnlich in Hamburg gemacht, und man mu sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, da sich England nicht darum kmmert. Er wird von einem lahmen Bttcher hergestellt, und man merkt gleich, da der Kerl keine Ahnung vom Monde hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Bauml; daher auch dieser schreckliche Gestank, der sich berall auf der Erde verbreitet, da man sich die Nase zuhalten mchte. Daher ist der Mond auch eine so zarte Kugel, da keine Menschen auf ihm leben knnen und da er nur noch von Nasen bewohnt wird. Darum knnen wir ja auch unsere Nasen nicht sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, da die Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen zu Mehl zermahlen knnte, ergriff mich solch eine Unruhe, da ich schnell Schuhe und Strmpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief, um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in groer Zahl im Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente Gesellschaft; als ich sagte: Meine Herren! wir mssen den Mond retten, die Erde will sich auf ihn setzen! da erhoben sich alle und strzten alle fort, um meinen kniglichen Willen auszufhren, ja, viele kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick trat der groe Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon. Ich, der Knig, blieb allein da. Aber zu meinem grten Erstaunen schlug mich der Kanzler mit seinem Stock ber den Rcken und trieb mich in mein Zimmer. So gro ist die Macht der spanischen Volkssitten. Im Januar desselben Jahres, der auf den Februar folgte. Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien fr ein merkwrdiges Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz ungewhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich -- ich verstehe nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus Leibeskrften schrie und rief, ich wolle kein Mnch werden. Aber was dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen lieen, das wei ich nicht mehr. Solch eine Hllenpein habe ich noch nie gefhlt. Ich wre fast rasend geworden, so da sie mich nur mit Mhe bndigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft der Knige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hnde der Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, da der, den ich fr den Kanzler hielt, der Groinquisitor in eigener Person ist. Aber ich kann's nicht begreifen, da der Knig der Inquisition verfallen konnte. Es ist zwar mglich, da Frankreich, und besonders Polignac dahinter steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich wei wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Englnder sind groe Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzge. Das ist doch weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt -- mu Frankreich niesen. Den 25. Heute kam der Groinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus der Ferne herankommen hrte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er: Poprischtschin! Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er: Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann! Ich schwieg noch immer. Ferdinand VIII., Knig von Spanien! Ich wollte meinen Kopf vorstecken, dachte mir aber: Nein, mein Lieber, du betrgst mich nicht, ich kenne dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gieen. Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! brigens hat mich eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, fr alles entschdigt: ich habe nmlich bemerkt, da es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nhe der Schwanzfedern. Der Groinquisitor verlie mich brigens in sehr bler Laune und drohte mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmchtigen Zorn, da ich wei, da er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument in Hnden Englands ist. D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349. Nein, ich kann's nicht lnger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit mir an! Sie gieen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner nicht, sie sehen und hren nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan? Warum qulen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was knnte ich ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich qulen, mein Kopf brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich! Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfiger Rosse, die dahinstrmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker! lute, lute, mein Glcklein, strmt vorwrts, ihr meine Rosse, und tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit seinen dunkeln Bumen zieht mondbestrahlt an mir vorber. Grauer Nebel breitet sich zu meinen Fen, und eine Saite tnt in ihm. Rechts das Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rulands Htten vor mir auf! Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein Mtterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass eine Trne auf seinen kranken Kopf fallen! blick' hin, wie sie ihn qulen! drck' ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz fr ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, da der Bei von Algier eine Warze unter der Nase hat? Aufstze aus Puschkins Zeitgenossen (_Sowremennik_) I ber die Strmungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835 Die Zeitschriftenliteratur, diese lebendige, frische, geschwtzige, feinfhlige Literaturgattung, ist ebenso notwendig fr die Wissenschaft und die Kunst, wie die Verkehrsmittel fr einen Staat, und wie die Messen und die Brsen fr den Handel und die Kaufmannschaft. Sie leitet und lenkt den Geschmack der Menge, setzt alles in Umlauf und bringt alles in Verkehr, was sich in der Bcherwelt ans Licht wagt und was ohne sie in der einen wie in der anderen Beziehung nur totes Kapital wre. Sie stellt den schnellen, eigenwilligen Austausch aller Anschauungen, das lebendige Wechselgesprch alles dessen dar, was unter der Buchdruckerpresse hervorkommt; ihre Stimme ist die wahre Reprsentantin der Ansichten einer ganzen Epoche und eines Jahrhunderts, solcher Ansichten, die ohne sie ungehrt verhallen wrden. Sie ergreift und zieht mit Absicht oder selbst, ohne es zu wollen, neun Zehntel alles dessen in ihr Bereich, was Eigentum der Literatur wird. Wie viele Leute gibt es nicht, die nur deshalb reden, kritisieren und Urteile fllen, weil alle diese Urteile ihnen schon beinahe fertig zugetragen werden, und die von sich aus nie eine Ansicht geuert, ber etwas geredet oder etwas kritisiert htten! Und daher hat die Zeitschriftenliteratur jedenfalls ein Recht auf unsere grte Aufmerksamkeit. Vielleicht hat sich der Mangel einer journalistischen Bettigung und einer lebendigen modernen Bewegung bei uns seit langem nicht so deutlich bemerkbar gemacht, wie in den zwei letzten Jahren. Der grte Teil unserer Zeitschriften zeichnete sich durch eine groe Farblosigkeit aus. Viele von den alten Journalen waren eingegangen, andere vegetierten matt und langsam weiter, neue erschienen nicht, auer etwa der Lesebibliothek und dem neueren Moskauer Beobachter, obgleich sich gerade um diese Zeit ein allgemeines Bedrfnis nach geistiger Nahrung fhlbar machte, und die Zahl der Leser um ein bedeutendes zugenommen hatte. So arm diese Epoche auch war, sie hat dasselbe Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, wie vielleicht eine solche voller Leben und Bewegung, denn sie gehrt in gleicher Weise unserer Literaturgeschichte an. Die Leser hatten vllig recht, wenn sie sich ber die Drftigkeit und Armut unserer Zeitschriften beklagten: Der Telegraph hatte schon lngst den scharfen Ton nicht mehr, der durch seine feindliche Stellung gegenber den Petersburger Journalen bedingt war. Das Teleskop war mit Aufstzen angefllt, denen es an jeder Frische und lebendigen Aktualitt fehlte. Um diese Zeit entschlo sich der Buchhndler Smirdin, der sich schon lngst durch seine Regsamkeit und Gewissenhaftigkeit bekannt gemacht hatte, all seine kurzsichtigen Kollegen durch seine Unternehmungslust beschmte und durch seine Wirksamkeit eine gewisse Bewegung in den Buchhandel gebracht hatte, zu der Herausgabe einer groen allumfassenden Zeitschrift; dazu wollte er smtliche Literaten, die es in Ruland gab, gewinnen und sie veranlassen, sich an seinem Unternehmen zu beteiligen. Der Prospekt umfate nahezu alle Namen unserer russischen Schriftsteller. Der Professor der arabischen Literatur, Herr Ssenkowski, erklrte sich bereit, die Leitung der Zeitschrift zu bernehmen. Herr Gretsch, der bereits seit langem als Herausgeber zweier Journale, der Nordischen Biene und des Sohnes des Vaterlandes bekannt war, wurde ihm als Redakteur zur Seite gestellt. Wir wissen nicht, ob sie sich dieser Sache freiwillig annahmen, oder ob Herr Smirdin sie durch sein Bitten dazu bewogen hatte; wie dem auch sei, jedenfalls war man im allgemeinen darber einig, da der Buchhndler ein wenig unvorsichtig vorgegangen sei. Da er eine so groe Anzahl von Literaten fr seine Zeitschrift gewonnen hatte, htte er die Wahl eines Redakteurs ihrem Gutachten berlassen mssen. berdies lieen alle Beteiligten eine sehr wichtige Frage auer acht: sollte die Zeitschrift auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein, sollte sie eine bestimmte, im voraus festgelegte Richtung vertreten oder sollte sie ein Sammelplatz aller mglichen Anschauungen und Meinungen werden? Die Antwort, die die Zeitschrift auf diese Frage gab, war sehr zweifelhaft; wie gewhnlich erklrte sie, die Kritik werde sehr wohlwollend und unparteiisch sein und sich jeder persnlichen Invektiven und unvornehmer Allren enthalten; ein Versprechen, das jeder Journalist abzugeben pflegt. Aber schon mit dem Erscheinen des ersten Heftes berzeugte sich das Publikum sofort, da die Zeitschrift durch den Ton, die Meinung und die Gedanken eines einzelnen beherrscht wurde, und da die Namen der Schriftsteller, deren glnzende Reihen eine halbe Seite des Titelblatts einnahmen, nur leihweise ausgeborgt worden waren, um eine grere Zahl von Abonnenten anzulocken. Der Buchhndler Smirdin tat seinerseits alles, was das Publikum _von ihm_ zu erwarten berechtigt war. Die Ehrlichkeit, die ihn immer ausgezeichnet hatte, bewies er auch wieder bei der Herausgabe der Zeitschrift. Die Zeitschrift erschien mit ungewhnlicher Pnktlichkeit: am Ersten jedes Monats erhielten die Abonnenten einen so dicken Band zugesandt, wie ihn ehedem keine von unseren Druckereien in zwei Monaten htte herstellen knnen. Statt der angekndigten achtzehn Bogen gab er manchen Monat doppelt so viele. Sehen wir nun aber zu, ob auch die Mnner, denen er die innere Organisation der Zeitschrift anvertraut hatte, ihre Pflicht erfllten. Die Hauptperson, der _Spiritus rector_ der ganzen Zeitschrift war Herr Ssenkowski. Der Name des Herrn Gretsch war nur _pro forma_ mit herangezogen; jedenfalls war nichts davon zu merken, da er an der Sache beteiligt war. Herr Gretsch ist schon seit langem der unvermeidliche Ehrenredakteur jeder neubegrndeten Zeitschrift: wie man gewhnlich einen wrdigen, lteren Herrn auffordert, bei allen Hochzeiten den Brautvater zu spielen. Aber was fr ein Ziel hatte die Redaktion dieser Zeitschrift im Auge, welches Problem beabsichtigte sie zu lsen? Hier werden wir unwillkrlich nachdenklich, und ebenso wird es wohl auch dem Leser ergehen. Herr Ssenkowski hat im Programm nichts davon gesagt, was er sich fr ein Ziel gesteckt habe und welche Richtung er einzuhalten gedenke; nur das eine war fr alle klar ersichtlich, da er sich sozusagen unbemerkt in die erste Nummer einschlich, um sich am Ende des Bandes ganz als Herr im Hause zu gebrden. brigens darf man sich hierber nicht beklagen: vielleicht ist ein gewisser scharfer Ton, und sogar eine gewisse Frechheit fr den Journalisten unentbehrlich, was wir freilich keineswegs billigen, obgleich es uns bekannt ist, da ein Journalist durch derartige Eigenschaften im Urteil der Menge immer nur gewinnt. Worauf aber richtete dieser neue Herr seine besondere Aufmerksamkeit? welch ein Gedanke beherrschte bei ihm alle anderen? wofr hatte er eine besondere Vorliebe? war etwas zu merken von jenen unverrckbaren Grundstzen, ohne die ein Mensch charakterlos wird, die ihm eine gewisse Originalitt verleihen und die seine Physiognomie bestimmen? Wenn man alles, was er in dieser Zeitschrift verffentlicht hat, durchliest, wenn man allen Worten, die er sagt, tiefer nachgeht, so kann man sich unwillkrlich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren: was hat das zu bedeuten? was veranlat diesen Mann zum Schreiben? Wir sehen einen Menschen vor uns, der sich sein Geld keineswegs ohne Gegenleistung erwirbt, der im Schweie seines Angesichts arbeitet, der sich nicht nur um seine eigenen Aufstze kmmert, sondern auch die fremden korrigiert und verbessert -- mit einem Wort: einen Menschen, der unermdlich ttig ist. Wozu dient nun diese ganze Ttigkeit? Sehen wir uns einmal den Leiter der Zeitschrift, wie er sich uns in den verschiedenen Gattungen seiner literarischen Werke darstellt, nher an, und sagen wir dann einige Worte ber die Haupteigenschaften seiner Aufstze, denn das ist durchaus und in jeder Beziehung eine Notwendigkeit. Herr Ssenkowski tritt in seiner Zeitschrift auf als Kritiker, als Erzhler, als Gelehrter, als Satiriker, als Verknder der neuesten Ereignisse usw. usw., und zwar unter den Namen Brambeus, Morosow, Tjutjundschu Oglu, A. Belkin und endlich in eigner Person. Als Gelehrter hat Herr Ssenkowski einen recht umfangreichen Aufsatz ber die Sagen verfat -- einen Aufsatz, der voller Hypothesen ist, und zwar nicht seiner eigenen, sondern solcher, die er auf gut Glck bei der flchtigen Lektre einiger Bcher aufgelesen hat; diese Hypothesen gehren nicht der russischen Geschichte an. Diese Sagen, die der scharfsinnige Schlzer, der bis jetzt in bezug auf die Strenge und die Tiefe seines kritischen Blicks nicht seinesgleichen gesunden, fr Mrchen erklrt hat, die keine Beachtung verdienen, diese Sagen macht Herr Ssenkowski zum Ecksteine der russischen Geschichte, ohne auch nur _einen_ Beweis dafr anzufhren, der der Kritik standhlt; es fllt ihm nicht ein, ihren einzigartigen, wahren Wert festzustellen. Die Sagen sind poetische Erzeugnisse eines Volkes, das eine groe Rolle in der Geschichte gespielt hat. Dieser Aufsatz, der voll theoretischer Figuren ist, hat vielen braven, aber ein wenig beschrnkten Leuten gefallen, und Herr Bulgarin hat sogar eine Rezension ber ihn geschrieben, in der er Herrn Ssenkowski noch ber Schlzer, Humboldt und alle Gelehrten stellt, die jemals existiert haben. Ein anderer Gegenstand, auf den Herr Ssenkowski sich sehr viel einbildet, und der sein eigentliches Steckenpferd ist, ist der Orient. Hier hat er schon von jeher seine Stimme erhoben, und sobald irgendein Artikel ber den Orient erschien, oder dieser irgendwo erwhnt wurde, und sei es auch nur in einem Gedicht, wurde er zornig und behauptete, der Autor knne kein Urteil ber den Orient haben, er drfe nicht ber ihn urteilen, denn er kenne den Orient gar nicht. Man verzeiht einem Menschen, der in seinen Gegenstand verliebt ist und der erkennt, wie wenig die anderen ihn verstehen, gern ein Wort der Emprung; aber dieser Mensch mu doch wenigstens eine anerkannte Autoritt sein. Herr Ssenkowski htte tatschlich etwas ber den Orient verffentlichen sollen. Einem Menschen, der noch nichts geleistet hat, glaubt man nicht so leicht aufs Wort, besonders wenn seine Urteile so leichtfertig und vom Geist der Unduldsamkeit erfllt sind; brigens findet man in seinen kleinen Aufstzen ber den Orient dieselben Fehler, die er bestndig bei anderen tadelt. In diesen Aufstzen sagt er tatschlich nichts Neues ber den Orient -- da findet man auch nicht einen krftigen Zug, keinen groen Gedanken, ja nicht einmal eine geniale Vermutung! Es lt sich nicht leugnen, da Herr Ssenkowski ein groes Wissen hat; im Gegenteil, man merkt sofort, da er viel gelesen hat; aber man sprt nirgends etwas von jener bewegenden, alles beherrschenden Kraft, die ihn auf ein bestimmtes Ziel hin dirigiert. Dieses ganze Wissen ist in einer Art Grung begriffen, eins widerspricht dem andern und vertrgt sich nicht mit dem andern. Untersuchen wir einmal seine Ansicht ber die moderne schne Literatur. In seinen Kritiken lt Herr Ssenkowski einen vollstndigen Mangel an einer festen Anschauung erkennen, so da keiner seiner Leser mit Bestimmtheit zu sagen vermchte, was dem Rezensenten am besten gefllt, wovon seine Seele ergriffen ward, woran er Geschmack findet: er verrt in seinen Rezensionen _weder einen positiven noch einen negativen Geschmack -- sondern gar keinen_. Das, was ihm heute gefllt, wird morgen zur Zielscheibe seines Spotts. Er war der erste, der Herrn Kukolnik neben Goethe gestellt hat, um dann zu erklren, er htte dies nur aus einer gewissen Laune heraus getan. Folglich sind seine Rezensionen nicht die Frucht seiner berzeugung oder seines Gefhls, sondern nur das Produkt von Stimmungen und Verhltnissen. Walter Scott, dieses groe Genie, dessen unsterbliche Werke ein so umfassendes und vollendetes Bild des Lebens geben, Walter Scott wurde von ihm ein Charlatan genannt. Und das mute Ruland lesen -- das wurde zu Leuten gesagt, die bereits eine gewisse Bildung besaen und die Walter Scott gelesen hatten. Man darf berzeugt sein, da Herr Ssenkowski das unabsichtlich und nur aus bereilung gesagt hat, denn er hat sich noch nie viel darum gekmmert, was er sagt, und er wei im folgenden Artikel schon nicht mehr, was er im vorhergehenden geschrieben hat. In seinen Analysen und Kritiken sprach Herr Ssenkowski auch niemals von dem inneren Charakter des Werkes, das er gerade untersuchte; nie gab er eine genaue und przise Bestimmung seines wahren Wertes: seine Kritik bestand entweder in einem bedingungslosen Lob, in dem der Rezensent sich von Herzen an seinen eigenen Phrasen berauschte, oder in einem Tadel, aus dem eine seltsame Bitterkeit sprach. Sie drehte sich um lauter Kleinigkeiten und beschrnkte sich darauf, zwei oder drei Stze zu zitieren und sie dem Spott und Hohn preiszugeben. Nie wurde etwas davon erwhnt, was sich der Schriftsteller in seinem Werke fr eine Aufgabe gestellt, wie er sie ausgefhrt, und wenn er sie nicht ausgefhrt hatte, wie er sie htte ausfhren sollen. Vor allem aber beschftigte sich Herr Ssenkowski mit allerhand literarischem Unrat und einer groen Menge aller mglichen seichten Bcher -- ber sie machte er sich lustig, ergo er seinen Spott und lie bei dieser Gelegenheit jenem Witz freien Lauf, der einigen Lesern so wohl gefllt. Schlielich erhob er sogar ein groes Geschrei wegen der zwei Frwrter dieser und jener, die ihm aus einem unbekannten Grunde mit dem Geiste der russischen Sprache unvereinbar schienen. -- ber diese zwei Frwrter schrieb er ganze Traktate, und alle Aufstze, die er ber irgendein Thema verfate, schlossen immer damit, da die Frwrter dieser und jener durchaus zu verwerfen wren. Dies erinnerte an den alten Proze Tredjakowskis gegen den Buchstaben y (_is hiza_) und das i (den zehnten Buchstaben des russischen Alphabets), eine Sache, die erst vor kurzem von einem Professor von neuem aufgenommen wurde. Ein Buch, in dem Herr Ssenkowski diesen beiden Wrtlein begegnete, wurde feierlich als schlecht geschrieben abgelehnt. Seine eigenen Werke, seine Erzhlungen und dergleichen erschienen unter der Firma Brambeus. Diese Erzhlungen und Aufstze in Form von Erzhlungen fielen allgemein auf durch ihre sklavische und bertriebene Nachahmung moderner franzsischer Autoren, besonders weil Herr Ssenkowski die ganze zeitgenssische franzsische Literatur schlecht zu machen suchte. Es ist unbegreiflich, wie wenig Scharfsinn er in diesem Fall entwickelte und fr wie einfltig er seine Leser hielt. Auerdem ist es ganz unverstndlich, weshalb er einigen seiner Aufstze das Prdikat phantastisch verlieh. Ein absoluter Mangel an Wahrheit, Natur und Wahrscheinlichkeit gengt noch nicht, um das Prdikat phantastisch zu rechtfertigen. Die phantastischen Werke des Barons Brambeus erinnern an jene Bcher, die einige Zeit lang in groer Menge erschienen, wie etwa das folgende: Wenn's dir nicht pat, so hr' nicht zu, doch str' mich nicht im Lgen und hnliche. Hier finden wir dieselbe Leichtfertigkeit, ja, der Autor macht nicht einmal den Versuch, seine Gedanken zu rechtfertigen. Erfahrene Leser wollen oft eine ganze Reihe von Entlehnungen entdeckt haben, die sich der Autor in der Eile und in der Hast, mit der er weiterstrmte, gestattete; er kmmerte sich nur wenig um ihren Zusammenhang, und so verlor das, was im Original noch einen Sinn hatte, in der Kopie jegliche Bedeutung. Dies waren die Ttigkeit und die Leistungen des Leiters der Lesebibliothek. Wir hielten es fr ntig, etwas ausfhrlicher auf sie einzugehen, da er in der Lesebibliothek Alleinherrscher war, und weil seine Ansichten sich mit groer Geschwindigkeit zugleich mit den viertausend Exemplaren des Journals ber das ganze Ruland verbreiteten. Eine Zeitschrift, die mit den vom Buchhndler Smirdin zur Verfgung gestellten Mitteln herausgegeben wurde, konnte unmglich ganz schlecht sein. Sie hatte schon den groen Vorzug, da jede Nummer einen groen Umfang hatte und als dicker Band erschien. Das war eine angenehme Neuerung fr die Abonnenten, besonders fr die Bewohner unserer Stdte und die Gutsbesitzer auf dem Lande. Die Bibliothek brachte mitunter interessante Aufstze aus auslndischen Zeitschriften, und in dem lyrischen Teile begegnete man den Namen der Leuchten unseres russischen Parnasses. Am besten aber war stets die Rubrik Vermischtes, die eine bunte Menge der neuesten Neuigkeiten enthielt. Dieser Teil hatte etwas Lebendiges und echt Journalistisches. Die schne Prosaliteratur, sowohl die Originale wie die bersetzungen, die Erzhlungen usw. lieen auf wenig Geschmack und wenig Verstndnis bei der Auswahl schlieen. In der Lesebibliothek pflegte auch etwas vorzukommen, was bis dahin in Ruland unerhrt war. Der Leiter korrigierte und arbeitete fast alle Aufstze um, die in ihr zum Abdruck kamen, und merkwrdigerweise gestand er das ganz khn und offen ein: Bei uns in der >Lesebibliothek< herrscht ein anderes Prinzip als bei anderen Zeitschriften, erklrte er einmal, wir behalten keine Erzhlung in ihrer ursprnglichen Form bei, alle werden umgearbeitet, zuweilen ziehen wir zwei, zuweilen auch drei zu einer zusammen, und die Aufstze gewinnen auerordentlich durch unsere Umarbeitungen. Solch eine seltsame Bevormundung war bisher in Ruland nicht blich. Viele Schriftsteller fingen an zu frchten, das Publikum knne Aufstze, die hufig ganz ohne Unterschrift erschienen, oder mit fingierten Namen gezeichnet waren, fr Arbeiten von ihnen halten, und zogen sich deshalb von der Mitarbeit an dieser Zeitschrift zurck. Die Zahl der Teilnehmer schmolz so zusammen, da die Herausgeber bereits im zweiten Jahre keine lange Liste von Namen aufstellen konnten, sondern nur dunkel andeuteten, da sie die besten Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zhlten, ohne sie jedoch zu nennen. Und obgleich die Zeitschrift weder ihr Format noch auch ihr Wesen nderte, wurden doch die Aufstze merklich schlechter: ein gewisser Mangel an Sorgfalt machte sich fhlbar. Schon wurde die Bibliothek in den Hauptstdten weniger gelesen, in der Provinz dagegen fand sie noch denselben Absatz, und die in ihr vertretenen Anschauungen verbreiteten sich ebenso rasch. Wenden wir uns jetzt zu den anderen Zeitschriften. Die Nordische Biene brachte alle offiziellen Nachrichten und erfllte in dieser Beziehung ihre Aufgabe. Sie enthielt politische Mitteilungen und die neuesten Nachrichten des Aus- und Inlands. Ihr Redakteur, Herr Gretsch, erreichte bei ihrer Leitung eine hohe Stufe der Pnktlichkeit und Gewissenhaftigkeit, sie erschien immer zur rechten Zeit; in literarischer Hinsicht aber fehlte es ihr an jeder festen und bestimmten Note und sie lie keine starke Hand erkennen, die den in ihr vertretenen Anschauungen eine bestimmte Richtung gab. Das war eine Art Korb, in den ein jeder hineinwarf, was ihm gerade in den Sinn kam. Die Bcherrezensionen, die fast immer wohlwollend waren, wurden von den Freunden und mitunter von den Schriftstellern selbst geschrieben. In der Nordischen Biene erprobten mancherlei anonyme Autoren, die sich hinter verschiedenen Buchstaben versteckten, die Schrfe ihrer Federn -- ohne Zweifel noch recht junge Leute, denn in ihren Aufstzen machte sich ein erhebliches Ma von Keckheit bemerkbar. Meist richteten sie ihre Angriffe auf Leute, die sich gar nicht verteidigen konnten, und auf arme hilflose Waisen. Auch las man da allerhand geistreiche Bosheiten, die sich brigens alle ziemlich hnlich sahen und gegen allerhand unsaubere Publikationen richteten. Das Wesen dieser Rezensionen bestand gewhnlich darin, da man das Buch nach allen Richtungen lobte und dann zum Schlu alle Verantwortung mit den Worten ablehnte: brigens wre es wnschenswert, da der verehrte Herr Autor einige kleine stilistische und sprachliche Fehler verbessere oder Ein gutes Buch verlangt auch eine gute Ausstattung und dergleichen, woraufhin sich der Verfasser des rezensierten Buches gewhnlich gekrnkt fhlte und sich ber die Parteilichkeit des Kritikers beklagte. Die Bcher wurden hufig von denselben Rezensenten besprochen, die Berichte ber die Erffnung einer neuen Tabaksfabrik in der Hauptstadt, ber Pomoden usw. schrieben; diese Berichte waren mitunter sehr geistreich, und die darin enthaltenen Witze lieen auf wohlerzogene Leute schlieen, die ohne allen Zweifel gute Grnde hatten, mit den Fabrikbesitzern zufrieden zu sein. brigens konnte man von der Nordischen Biene auch nicht mehr verlangen; dies war eine stets pnktlich erscheinende, alljhrliche Affiche, ihre Aufgabe bestand darin, das Publikum einzuladen, das Urteil aber berlie sie dem Leser selbst. Die Zeitschrift, die den Titel der Sohn des Vaterlandes und das Nrdliche Archiv trug, blhte die ganze Zeit ber im Verborgenen. Niemand sprach von ihr, niemand berief sich auf sie, trotzdem aber erschien sie regelmig einmal die Woche und war auf ihrer Rckseite ein so ungeheures Programm abgedruckt, wie man es schwerlich noch irgendwoanders finden wird. Der Sohn des Vaterlandes (so versprach das Programm) wrde Aufstze ber Archologie, Medizin, Jurisprudenz, Statistik, russische Geschichte, allgemeine Geschichte, russische Literatur, auslndische Literatur und endlich noch ber Literatur berhaupt, ber Geographie, Ethnographie usw., eine historische Galerie usw. bringen. Manch ein Leser wird die Hnde zusammenschlagen, wenn er ein solch frchterliches Programm liest, und meinen, dies wre die gewaltigste Enzyklopdie gewesen, die es je in der Welt gegeben hat. Aber keine Spur davon: statt dessen erschien ein mageres, dnnes Bchlein im Umfang von drei Bogen, das meist mit einem Aufsatz ber irgendeine Krankheit begann, der nicht einmal von Medizinern gelesen wurde. Kritische Aufstze und gar solche von lebendigem aktuellem Inhalt gehrten keineswegs zu den gewhnlichen Erscheinungen. Die politischen Nachrichten dieser Zeitschrift bestanden in denselben trockenen Fakten aus der Nordischen Biene und waren infolgedessen schon alle bekannt. Dazwischen kamen auch recht merkwrdige Originalerzhlungen zum Abdruck; sie waren ungeheuer kurz und vllig farblos. Und selbst wenn dann einmal etwas Bemerkenswertes darunter vorkam, so blieb es doch gnzlich unbeachtet. Die Namen der Redakteure, der Herren Bulgarin und Gretsch, prangten nur auf dem Titelblatt, und es gab nichts, was darauf hindeutete, da sie wirklich an der Herausgabe mit beteiligt waren. Trotzdem aber existierte das Journal nun einmal, also mute es doch Leser und Abonnenten haben. Diese Leser und Abonnenten bestanden aus allerhand ehrenwerten, alten Herren, die in der Provinz lebten und die ebensosehr das Bedrfnis hatten, etwas zu lesen, wie nach dem Mittagessen ein Stndchen zu schlafen und sich zweimal wchentlich rasieren zu lassen. Whrend dieser ganzen Zeit erschien in Petersburg noch eine rein literarische Zeitung, die sich gegen das Eindringen wissenschaftlicher Interessen und anderer ernster Beitrge zu schtzen wute; sie war weder politisch noch statistisch noch enzyklopdisch, sie trat fr die alten berlieferungen ein, hatte aber bei alledem einen besonderen Charakter. Diese Zeitung trug den Titel: Literarische Beilage zum Invaliden. In ihr erschienen kleine Erzhlungen und Unterhaltungen lndlicher Gutsbesitzer ber Literatur, diese waren hufig recht trivial, enthielten jedoch mitunter auch allerhand Bosheiten, die der Wahrheit sehr nahe kamen: der Leser bemerkte zu seiner Verwunderung, da die Gutsbesitzer sich gegen Ende der Artikel in richtige Literaten verwandelten, die sich das Schicksal der modernen Literatur sehr zu Herzen nahmen und ihre Urteile mit tzendem Spotte wrzten. Diese Zeitschrift bekmpfte alle erfolgreichen Literaten, obwohl ihre ganze Taktik darin bestand, irgendeinen Passus zu zitieren, der auf eine gewisse Voreiligkeit, wie sie den Journalisten eigen ist, schlieen lt, und dann von sich aus eine recht boshafte Bemerkung hinzuzufgen, die nicht lnger als eine Zeile und mit einem Ausrufungszeichen versehen war. Herr Wojeikow war ein eifriger Jger; er sa wie ein Fischer mit seiner Angel am Ufer, ohne je die Geduld zu verlieren, obwohl meist nur kleine Fische auf seinen Kder anbissen, whrend sich die groen wieder losrissen und ins Wasser zurckschwammen. Man fhlte deutlich, da der Redakteur eine wahrhafte literarische Ader besa; sein Blick war stets mit nie erlahmender Aufmerksamkeit auf das journalistische Getriebe gerichtet. Ich wei nicht, ob seine Zeitung viele Leser hatte, jedenfalls aber verdiente sie es, da man hin und wieder einen Blick in sie warf. In Moskau erschien nur eine Zeitschrift: Das Teleskop mit einer kleinen Beilage von einigen Seiten, unter dem Namen Fama; diese Zeitschrift, die zu Anfang sehr lebhaft einsetzte, flaute jedoch sehr schnell ab und bildete ein buntes Gemisch von allerhand Artikeln ohne jede literarische Bedeutung. Es war augenfllig, da die Herausgeber sich nicht die geringste Mhe gaben und die einzelnen Nummern auf gut Glck und ohne jede Sorgfalt erscheinen lieen. Das Monopol, das die Lesebibliothek an sich gerissen hatte, mute alle brigen Zeitschriften an ihrer empfindlichen Stelle treffen. Aber die Nordische Biene wurde von demselben Herrn Gretsch herausgegeben, dessen Name eine Zeitlang auf dem Titelblatt der Bibliothek stand, deren Chefredakteur er angeblich war, obgleich dies Amt, wie wir schon gesehen haben, nur ein Ehrentitel war; es war daher nur natrlich, da die Nordische Biene alles, was in der Bibliothek erschien, loben und ihren wahren _Spiritus rector_, der unter einer Reihe von Decknamen schrieb, einen russischen Humboldt nennen konnte. Aber auch ohne dies wre diese Zeitschrift wohl kaum als krftige Gegnerin in Betracht gekommen, da sie von keinem einheitlichen Willen geleitet wurde; die verschiedenen Literaten blickten dort nur hin und wieder, wenn sie es gerade ntig hatten, hinein. Auch der Sohn des Vaterlandes mute nachsprechen, was die Biene sagte. Und so konnten nur zwei Zeitschriften gegen seine Anschauungen Front machen. Herr Wojeikow nahm in der Literarischen Beilage einen Anlauf zur Opposition; aber diese Opposition bestand lediglich in kleinen Bemerkungen ber allerhand journalistische Schnitzer und in ein paar glcklichen Witzen, die sich in wenigen kurzen Worten und in einem Spott uerten, der von einzelnen Literaten sehr gut verstanden, von den Uneingeweihten aber kaum bemerkt wurde. Niemals lie er eine ausfhrliche und grndliche Kritik erscheinen, die die Richtung der neuen Zeitschrift in irgendeiner Weise kennzeichnete. Das Teleskop arbeitete in Gemeinschaft mit der Fama, und zwar gegen die Lesebibliothek, aber es tat dies ohne jede Energie, Ausdauer und ohne die dazu notwendige Geduld und Kaltbltigkeit. Seine kritischen Aufstze waren oft von rger ber einen glcklichen Neuling erfllt; es spottete ber den Barontitel des Herrn Ssenkowski, machte einige richtige Bemerkungen ber sein seltsames Kopieren der franzsischen Schriftsteller, traf aber nicht den Kern der Sache. In der Fama wiederholten sich dieselben Anspielungen auf Herrn Brambeus, und zwar oft in der Analyse vllig belangloser Werke. Auerdem schadete sich Das Teleskop auerordentlich durch das versptete Erscheinen der Nummern und die mangelnde Sorgfalt, mit der es redigiert wurde; und so kam es, da seine kritischen Artikel noch weniger verbreitet waren. Es ist klar, da die Krfte und Mittel dieser Zeitschriften gegenber der Lesebibliothek kaum in Betracht kamen, die unter ihnen wie ein Elefant unter winzigen Vierflern erschien. Der Kampf war zu ungleich, und, wie es scheint, zog man nicht in Erwgung, da die Lesebibliothek gegen fnftausend Abonnenten hatte, da die von ihr vertretenen Anschauungen selbst in solche Gesellschaftskreise drangen, wo man noch nie etwas von der Existenz des Teleskops und der Literarischen Beilage gehrt hatte, und da die Ideen und die in der Lesebibliothek erscheinenden Aufstze von den Herausgebern derselben Lesebibliothek, die sich hinter verschiedenen Namen versteckten, aufs hchste gelobt und herausgestrichen wurden, und zwar mit einem Enthusiasmus, der seine Wirkung auf einen groen Teil des Publikums nie verfehlte; denn was dem Gebildeten lcherlich scheint, das nimmt der beschrnkte Leser in all seiner Einfalt fr bare Mnze, und man konnte annehmen, da bei der Abonnentenzahl der Bibliothek die Anzahl der letzteren weit grer war; dazu kommt, da die meisten Abonnenten der Lesebibliothek Neulinge waren, d. h. solche, die frher noch keine Journale gelesen hatten und infolgedessen alles fr die lauterste Wahrheit hielten, und da endlich die Lesebibliothek eine starke Sttze in den viertausend Exemplaren der Nordischen Biene fand. Die Entrstung ber dies unerhrte Monopol wurde schlielich sehr stark. Endlich entschlossen sich einige Literaten in Moskau dazu, ihre eigene Zeitschrift herauszugeben. Diese neue Zeitschrift war eine Notwendigkeit nicht sowohl fr das Publikum, d. h. fr die grte Zahl der Leser, als vielmehr fr die Literaten, die in verschiedenem Mae unter der Bibliothek zu leiden hatten. Sie war eine Notwendigkeit erstens fr die, die einer Freistatt bedurften, in der sie ihre Anschauungen uern konnten, denn die Lesebibliothek nahm keine kritischen Aufstze auf, wenn sie nicht dem Geschmack des Chefredakteurs entsprachen, und zweitens fr die, die zu ihrem Erstaunen erfahren muten, wie der Redakteur die Hand an ihre eigenen Werke legte; denn Herr Ssenkowski war bereits so weit gelangt, da er alle der Bibliothek eingesandten Artikel ohne Ansehen der Person ihrer Autoren einer Bearbeitung unterzog. Er korrigierte Aufstze militrischen, historischen, literarischen, nationalkonomischen Inhaltes usw., und das tat er alles ohne jede bse Absicht, ohne sich weiter Rechenschaft abzugeben, oder sich dabei von einem Gefhl der Notwendigkeit und des Anstandes leiten zu lassen, ja, er dichtete sogar zu einer Komdie von Von-Wisin einen eigenen Schlu hinzu, ohne zu bercksichtigen, da diese ja schon ohnedies einen Schlu hatte. Dies alles war fr die Schriftsteller sehr peinlich, die kein einziges Organ hatten, in dem sie ihre Klagen vor der Welt und den Lesern vorbringen konnten. Aber schon allein das Gercht von der Grndung eines neuen Journals rief die Emprung der Lesebibliothek wach und veranlate sie zu einem vllig unerwarteten Schritt: sie versicherte ihren Abonnenten und Lesern mit ungewhnlichem Eifer, da die neue Zeitschrift keineswegs gut gesinnt sei und einen streitschtigen Charakter haben wrde. Ein Artikel, der bei dieser Gelegenheit in der Nordischen Biene erschien, war anscheinend von einem Menschen geschrieben, der voller Verzweiflung seinen vollstndigen Zusammenbruch vor Augen sieht. In ihm wurde dem Publikum mitgeteilt, das neue Journal wolle die Lesebibliothek zugrunde richten, und dies nur deshalb, weil die Herausgeber erklrt htten, sie wrden eine gleiche Anzahl von Bogen erscheinen lassen wie die Lesebibliothek. Nicht wahr, ein sehr unvorsichtiges Vorgehen? In solch einem Falle mu man seine selbstischen Gefhle kunstvoll zu verbergen suchen und den richtigen Moment abwarten, um erst dann dem Gegner einen wohlgezielten Schlag zu versetzen. Weil ich eine Zeitschrift herausgebe, soll etwa darum ein anderer keine herausgeben drfen? Und wie knnte ich zrnen, wenn mir jemand erklrt, er wolle mich zum Vorbild nehmen? Sollte ich ihm nicht vielmehr dankbar sein? Beweist er nicht gerade damit den hohen Grad von Achtung, den ich mir bei dem Publikum erworben habe? Je mehr Wetteifer, desto mehr Gewinn fr die Leser und die Literaten. Aber sehen wir zu, in welchem Mae der Moskauer Beobachter die Erwartungen des nach Neuem lsternen Publikums, die Hoffnungen der gebildeten Leser, die Erwartungen der Literaten und die Befrchtungen der Lesebibliothek rechtfertigte. Die neue Zeitschrift hatte, trotz aller ihrer eifrigen Bemhungen, sich berall bekannt zu machen, doch nicht die Mittel, ihr Erscheinen an allen Ecken und Enden Rulands anzukndigen, da die einzigen Herolde und Verbreiter neuer Nachrichten seine Gegner, die Nordische Biene und die Lesebibliothek waren, die natrlich nie eine in wohlwollendem Ton gehaltene Anzeige ber die neue Zeitschrift gebracht htten. Sie begann auch erst spt zu erscheinen, nicht zu Beginn des neuen Jahres, also nicht zu der Zeit, wo gewhnlich die Abonnements beginnen, und sie versumte es, fr ein regelmiges Erscheinen der Bnde und ihre pnktliche Zustellung zu sorgen. Aber der Hauptgrund fr den Mierfolg lag doch im Charakter der Zeitschrift selbst. Schon aus den ersten Bnden, die zur Ausgabe gelangten, konnte man erkennen, da die Grndung der Zeitschrift nur die Folge einer leidenschaftlichen Wallung war. Auch dem Moskauer Beobachter fehlte es an einer starken Triebfeder, die die ganze Zeitschrift im Gange hielt. Der Redakteur lie sich nur auf dem Titelblatt sehen. Sein Name war fast vllig unbekannt. Bis dahin hatte er nur einige wertvolle statistische Aufstze geschrieben, die indessen das rein literarisch gebildete Publikum gar nicht kannte. Seine literarische Richtung war unbekannt. Das war ein groer Fehler der Herausgeber des Moskauer Beobachters. Sie hatten vergessen, da der Redakteur immer eine hervorragende Persnlichkeit sein mu. Das ganze Ansehen einer Zeitschrift ruht auf ihm, auf der Originalitt seiner Anschauungen, der Lebhaftigkeit seines Stils, auf seiner Sprache, die allgemeinverstndlich und immer unterhaltend sein mu, sowie auf der Frische einer unermdlichen Wirksamkeit. Aber Herr Androssow trat im Moskauer Beobachter kaum merkbar hervor. Wenn die Herausgeber die Absicht hatten, einen Redakteur an die Spitze des Blattes zu stellen, der nur seinen Namen dazu hergab, wie das bei der allgemeinen Trgheit, die bei uns in Ruland herrscht, blich geworden ist, dann htten sie die redaktionelle Arbeit unter sich verteilen mssen. Aber sie berlieen dem Redakteur die ganze Verantwortung, und der Moskauer Beobachter glich bald einem jener gelehrten Vereine, deren Mitglieder berhaupt gar nichts tun, ja nicht einmal zu den Sitzungen erscheinen, whrend sich der Prsident jeden Tag einfindet, in seinem Lehnstuhl Platz nimmt und das Protokoll dieser sprlich besuchten Sitzung abfassen lt. Immerhin enthielt die Zeitschrift ein paar recht gute Aufstze und Gedichte von Jasikow und Baratinski; diese Juwelen unserer russischen Literatur gereichten ihr zur hchsten Zierde, dennoch aber sprt man in der Zeitschrift nichts von dem Puls des modernen Lebens oder von einer regen und bewegten Ttigkeit; auch fehlte es ihr an jener Mannigfaltigkeit, an der es einem periodisch erscheinenden Blatte nicht fehlen darf. Die wertvollen Aufstze, die in dieser Zeitschrift erschienen, glichen wenigen grnen Oasen, die aus einem ganzen Meer sandiger Steppen auftauchten. Auch schienen die Herausgeber nur geringe Kenntnis davon zu haben, was dem Publikum gefllt und was nicht. Oftmals verfielen auch gute Aufstze der Langenweile, nur weil sie sich durch mehrere Nummern hinzogen und stets mit der Unterschrift versehen waren: Fortsetzung folgt. Dies war die Zeitschrift, die die Aufgabe hatte, den Kampf mit der Lesebibliothek aufzunehmen. Der Beobachter begann mit einem oppositionellen Aufsatz von Schewyrew ber die Handelsgeschfte, wie sie in unserer Literatur aufgekommen waren. Der Autor zog gegen den Handelsgeist in unserer Gelehrtenwelt zu Felde, d. h. gegen das allgemeine Bestreben, sich aus der literarischen Arbeit eine Erwerbsquelle zu schaffen. Der Hauptfehler dieses Aufsatzes lag darin, da der Autor seine Aufmerksamkeit nicht auf den Kernpunkt richtete. Sodann donnerte er gegen alle, die fr Geld schreiben, ohne jedoch die Anschauungen des Publikums ber den inneren Wert der Ware zu widerlegen. Dieser Artikel war nur den Literaten verstndlich, bereitete der Lesebibliothek ein rgernis, bot jedoch dem Publikum keinerlei Belehrung, das nicht einmal begriff, um was es sich handelte. Auerdem war dieser Ausfall sogar vllig unberechtigt, da er sich gegen ein unverbrchliches Gesetz jeglicher Ttigkeit richtete. Die Literatur mute sich in ein Handelsunternehmen verwandeln, weil die Zahl der Leser und das Bedrfnis nach Lektre gewachsen war. Es ist nur natrlich, da in solch einem Fall die unternehmungslustigen Menschen, ohne viel Talent, stets im Vorteil sind, wie bei jedem Handelsgeschfte; wo ein gewandter und geriebener Kaufmann einem einfltigen Kufer gegenbersteht, trgt der erstere den Gewinn davon. Man mute darauf hinweisen, worin der Betrug besteht, und nicht die Hhe der Gewinne abschtzen. Es ist noch kein Unglck, da ein Literat sich ein eintrgliches Haus oder ein paar Pferde anschafft; das Schlimme ist nur, da dem armen Volk schlechte Ware geliefert wurde, und da es sich noch etwas auf diese Ware zugute tut. Herr Schewyrew htte die Aufmerksamkeit auf die armen Kufer und nicht auf die Hndler lenken mssen. Die Hndler sind meist zugereiste Leute; heute sind sie hier und morgen sind sie wei Gott wo. Bei dieser Gelegenheit bekam auch der Buchhndler Smirdin einen sehr ungerechten Vorwurf zu hren: dieser hatte sich nichts zuschulden kommen lassen und htte fr seinen Unternehmungsgeist und sein redliches Wirken nichts als Dankbarkeit verdient. Kein Zweifel, er hat manchen Leuten zuviel Freiheit gelassen, die sich lieber mit Handelsgeschften als mit der Literatur htten beschftigen sollen. Das Talent kriecht nicht und schmeichelt nicht, wohl aber die Habgier. Sich hierber zu beklagen, wre ebenso komisch und seltsam, wie wenn man sich ber die Regierung beklagen wollte, wenn man einmal einem kurzsichtigen Beamten begegnet. Fr das Talent ist die Nachwelt da, dieser unbestechliche Juwelier, der nur reinen Brillanten eine Fassung gibt. Herr Schewyrew bewies in seinem Aufsatz zwar einen edlen Zorn gegen die prosaische und unwrdige Richtung in unserer Literatur, aber auf die Mehrzahl des Publikums machte dieser Artikel nicht den geringsten Eindruck. Die Bibliothek antwortete nur kurz und ganz nach der Art ihrer gewhnlichen Taktik; sie wandte sich an die Zuschauer, d. h. an ihre Abonnenten, und sagte: Seht, was fr eine unvornehme Gesinnung Herr Schewyrew an den Tag gelegt hat, welchen Mangel an Anstand und an vornehmen Gefhlen, indem er uns beschuldigte, da wir nur fr Geld arbeiten, whrend wir doch ... usw. Das ist die allgemeine Taktik unserer Petersburger Zeitschriften und Tagesbltter, sowie ihnen irgend jemand ihre Habgier und ihre Unttigkeit zum Vorwurf macht, beklagen sie sich sofort bei dem Publikum ber die unanstndige Ausdrucksweise und den unvornehmen Charakter ihrer Gegner und sie erklren, der betreffende Aufsatz sei nur geschrieben worden, um das Publikum zu reizen und ihm das Geld aus der Tasche zu locken. Und daher hielten sie es ihrerseits fr ihre heilige Pflicht, das Publikum zu warnen. Und so kam es denn, da der Ausfall des Moskauer Beobachters an der Lesebibliothek abprallte wie eine Flintenkugel am dicken Fell eines Nashorns, wobei der plumpe Vierfler nicht einmal nieste. Nachdem der Moskauer Beobachter seine Kugel abgeschossen hatte, hllte er sich in Schweigen -- ein Beweis dafr, da er noch gar keinen wohlberlegten Aktionsplan entworfen hatte und absolut nicht wute, wie und womit er anfangen solle. Man htte entweder gar nicht anfangen sollen, oder, wenn man einmal begonnen hatte, nicht so bald wieder aufhren drfen. Nur durch eine unablssige Ttigkeit htte der Beobachter durchdringen und seinen Namen im Publikum bekannt machen knnen, wie das einstmals dem Telegraph gelungen war, der in der gleichen Weise und unter beinahe gleichen Verhltnissen gewirkt hatte. Der Beobachter lie bald darauf noch einige Nummern erscheinen, ohne jedoch auch nur in einer etwas zur Verteidigung und zur Begrndung seiner Anschauungen zu sagen. Endlich, nachdem schon mehrere Nummern erschienen waren, druckte er einen Aufsatz, der sich gegen Brambeus richtete und sich auf einen vor lngerer Zeit in der Bibliothek abgedruckten Artikel bezog. Dieser Aufsatz hatte den Namen Brambeus und die junge Literatur getragen, und Brambeus hatte sich in ihr als Gesetzgeber und Schpfer einer neuen Schule und als Fhrer einer neuen Epoche -- der russischen Literatur bezeichnet. Dies war allerdings sehr merkwrdig. Es ist ja schon vorgekommen, da Literaten sich selbst gelobt haben, indem sie sich entweder den Namen ihrer Freunde beilegten, oder auch in ihrem eigenen Namen; aber wenn sie es taten, so geschah es immerhin mit einer gewissen Schamhaftigkeit, worauf sie es spter selbst versuchten, die ganze Sache eigenhndig wieder zu vertuschen, da sie fhlten, da sie sich etwas vergeben hatten. Noch nie aber hat ein Autor sich selbst so frei, so ungeniert gelobt, wie der Baron Brambeus. Dieser originelle Artikel war allzu aufsehenerregend, als da er unbemerkt bleiben konnte. Das Teleskop nahm ihn sich vor und spottete recht kurzweilig aber freilich nur ganz flchtig ber ihn. Auch Herr Wojeikow wies mit seiner gewhnlichen Schlauheit auf ihn hin, und schlielich hatte der Aufsatz auch einen Artikel im Moskauer Beobachter zur Folge. Der Zweck dieses Artikels war, den Beweis zu fhren, aus welchen Quellen das Talent und die Berhmtheit des Barons Brambeus herstammen, welche Werke fremder Autoren er benutzt, als ob sie sein eigenes Eigentum wren, kurz, aus was fr Lappen sich Baron Brambeus seinen Schlafrock zusammengeflickt htte. Einige anonyme Bcher, die bald danach erschienen, brachten den Moskauer Beobachter in gnzliche Vergessenheit. Selbst die Lesebibliothek hrte schlielich auf, ihn noch weiter zu erwhnen, ein so ohnmchtiger Gegner war er geworden; sie fuhr nach wie vor fort, ber Wichtiges und Unwichtiges zu scherzen, und schrieb ber alles, was ihr gerade unter die Feder kam. Dies waren die Taten unserer Zeitschriften. Nachdem wir diese dargestellt, wollen wir zusehen, ob sie in diesen zwei Jahren etwas geleistet haben, was in der Geschichte der Literatur niedergelegt zu werden verdient oder ihr einen eigenartigen Zug aufzuprgen geeignet wre, zu was fr Anschauungen, was fr Meinungsuerungen sie den Grund gelegt, was sie festgestellt und welchem Gedanken sie Brgerrecht verschafft haben. Ein langes Programm, das Aufstze ber Statistik, Medizin, Literatur usw. verspricht, hat gar keine Bedeutung. Die Ankndigung, da die Kritik wohlwollend, frei von persnlicher Gehssigkeit und unparteiisch sein werde, bestimmt auch noch kein festes Ziel. Und doch sollte ein solches Ziel die notwendige Voraussetzung einer jeden Zeitschrift sein. Selbst die groe Zahl der in ihr erscheinenden Aufstze hat noch keine Bedeutung, wenn die Zeitschrift keine eigene Meinung hat, und wenn in ihr keine, und sei es nur eine einzige Richtung, zum Ausdruck kommt, die auf ein bestimmtes Ziel hinweist. Die Herausgabe des Telegraph hatte doch offenbar den Zweck, alle mglichen veralteten eingewurzelten, fast mechanisch gewordenen Gedanken unserer derzeitigen Verfechter des Alten und der Klassiker zu strzen. Der Moskauer Beobachter, eine der besten Zeitschriften, obwohl in ihm nicht viel von einer modernen Bewegung zu spren war, htte die Aufgabe gehabt, das Publikum mit den hervorragendsten Schpfungen Europas bekannt zu machen, den Kreis unserer Literatur zu erweitern und uns neue Vorstellungen ber die Schriftsteller aller Zeiten und Vlker zu vermitteln. Hier ist nicht der Platz, davon zu reden, inwieweit diese beiden Zeitschriften ihren Zweck erfllt haben; zum mindesten konnten die Leser in ihnen ein solches Streben bemerken. Aber man sehe sich einmal die Zeitschriften, die in den zwei letzten Jahren erschienen sind, aufmerksam an; man versuche es, den Grundgedanken einer jeden festzustellen. Man wird vergeblich nach einem solchen Grundgedanken suchen. Wenn man einen der Bnde aufschlgt, ist man erstaunt ber die Armseligkeit und Belanglosigkeit der Gegenstnde, die dort behandelt werden. Darnach knnte man meinen, in der literarischen Welt habe auch nicht ein einziges wichtiges Ereignis stattgefunden. Und dennoch ist 1. der berhmte Schotte gestorben, der groe Knder des Herzens, der Natur und des Lebens, dieser reichste, mannigfaltigste Genius des XIX. Jahrhunderts; 2. hat in der gesamten europischen Literatur eine neue Geschmacksrichtung voller Unruhe, Erregung und Bewegung die Oberhand gewonnen. Es erschien eine Reihe unreifer, zusammenhangsloser jugendlicher Werke, die jedoch eine starke Begeisterung und eine mchtige Glut ausstrmten: eine Folge der politischen Grungen des Landes, in dem sie entstanden. Diese seltsame Literatur, unruhig wie ein Komet und ebenso unorganisch wie er, hat Europa lebhaft erregt und sich schnell bis an alle Enden der literarischen Welt verbreitet. Und wenngleich diese Erscheinungen einen universellen europischen Charakter tragen, so haben sie doch auch auf Ruland einen Einflu ausgebt; aber fassen wir einmal die rein russischen literarischen Ereignisse ins Auge; 3. hat sich hier in hohem Mae die Lektre von Romanen und trockenen, langweiligen Erzhlungen verbreitet; zugleich machte sich eine allgemeine Gleichgltigkeit gegen die Poesie geltend; 4. erschienen neue Auflagen der Werke von Derschawin und Karamsin, die laut nach einer literarischen Kennzeichnung und nach einer wahrhaften, richtigen Bewertung verlangten, wie die aller brigen lteren Schriftsteller; denn in der literarischen Welt gibt es keinen Tod, und die Toten greifen ebenso in unser Leben ein und handeln und wirken mit uns wie die Lebenden. Sie verlangten nach einer Rckerstattung dessen, was ihnen wirklich gebhrt; sie forderten die Zurcknahme ungerechter Anklagen und falscher Wertschtzungen, die ganze Jahre hindurch und auch heute noch gedankenlos wiederholt werden. Aber haben denn unsere Zeitschriften auch -- auf Grund strenger berlegung -- ausgesprochen, wer Walter Scott war, worin seine Wirkung bestanden hat, was die moderne franzsische Literatur bedeutet, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist, woher sie stammt, was die Ursachen der falschen Geschmacksrichtung waren und worin ihr Wesen bestand; warum die Poesie von Prosawerken abgelst wurde; auf welcher Bildungsstufe das russische Publikum steht, wer dieses russische Publikum ist, und was die Originalitt und Eigenart unserer Schriftsteller ausmacht? Vergebens wird der Leser in dieser Richtung nach neuen Gedanken oder auch nur nach Spuren eines tiefen, gewissenhaften Studiums suchen. Auf Walter Scott hat man bei uns nur ein wenig geschimpft. Die franzsische Literatur wurde von den einen mit einem kindlichen Enthusiasmus aufgenommen; sie erklrten, die modernen Schriftsteller wren bis in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Herzens eingedrungen, die selbst einem Cervantes und Shakespeare verborgen geblieben wren; andere wieder schmhten sie, ohne selbst zu wissen warum, whrend sie selbst Werke im Geschmack dieser Schule schrieben, nur mit dem Unterschied, da diese noch mehr Unsinn und mehr Torheiten enthielten. Die Frage: warum bei uns fade Romane und Erzhlungen einen solchen Erfolg haben, hat keinen von ihnen beschftigt, statt dessen brachten sie zu den schon existierenden noch ihre eigenen auf den Markt. ber unser Publikum sagten sie nur, es sei ein hochachtbares Publikum und es msse sich auf alle Zeitschriften und alle mglichen Bltter abonnieren, denn diese knne ein jeder lesen: der Familienvater wie der Kaufmann, der Militr wie der Literat; ber Derschawin, Karamsin und Krylow hatten sie gar nichts zu sagen, oder sie wiederholten einfach dasselbe, was ein Kreisschullehrer seinen Schlern erzhlt, und halfen sich mit einem paar banalen Phrasen. Worber schrieben also unsere Journalisten? Sie sprachen von den beliebtesten und nchstliegendsten Dingen, sie redeten von sich selbst, lobten in ihren Zeitschriften ihre eigenen Aufstze, waren ausschlielich mit sich selbst beschftigt und schenkten allen anderen Gegenstnden hchstens eine khle, leidenschaftslose Beachtung. Alles Groe und Auerordentliche schien unsichtbar geworden zu sein. Ihre gleichgltige Kritik richtete sich auf Gegenstnde, die kaum der Rede wert waren. Worin bestand nun der eigentliche Charakter dieser Kritik? Was in ihr am deutlichsten zum Ausdruck kam, war folgendes: 1. Eine starke Miachtung der eigenen Meinung. Fast nie hatte man den Eindruck, da der Kritiker seine Ttigkeit fr etwas Wichtiges hielt, mit einem Gefhl der Ehrfurcht, und nachdem er sich die Sache zuvor berlegt hatte, an sie heranging; da er, whrend er seine Feder fhrte, an die kleine Zahl seiner Zeitgenossen gedacht htte, die eine hhere, edlere Bildung besaen und vor denen er fr jedes seiner Worte Rechenschaft ablegen mute. Die Kritik in unseren Zeitschriften war meist eine Art Possenreierei. Was tat man, wenn man das Buch eines Schriftstellers lobte, den man protegieren wollte? Man sagte nicht etwa einfach: dieses Buch ist gut, oder es verdient in dieser und jener Hinsicht Anerkennung, o nein: die Rezensenten erklrten, dieses Buch ist wundervoll, ganz auergewhnlich, es ist unerhrt genial, es ist das beste russische Buch; es kostet fnfzehn Rubel, der Autor steht hoch ber Walter Scott, Humboldt, Goethe und Byron. Kaufen Sie dies Buch, lassen Sie es sich einbinden und stellen Sie es in Ihre Bibliothek, kaufen Sie auch die zweite Auflage und stellen Sie sie gleichfalls in Ihre Bibliothek, es kann nie schaden, wenn man zwei Exemplare von einem guten Werk besitzt. Der grte Teil der Bcher wurde ohne jede berlegung und ganz kritiklos verherrlicht. Wenn man alle Bcher zusammenzhlen wollte, die als erstklassig angepriesen wurden, so knnte wohl jemand glauben, es gbe in der ganzen Welt keine reichere Literatur als die russische; wenn ihn nicht -- freilich erst nach einiger Zeit -- die widersprechenden Urteile derselben Rezensenten ber dieselben Werke nachdenklich und stutzig machen mten. Und dieselbe Malosigkeit trat in den abflligen Urteilen ber Werke von Autoren hervor, die sich den Ha oder die Abneigung des Kritikers zugezogen hatten. Und so ergo sich sein Zorn ebenso rckhaltslos, indem er einem momentanen Gefhl nachgab. 2. Der literarische Unglaube und die literarische Unbildung. Diese beiden Eigentmlichkeiten haben sich in der letzten Zeit in unserer Literatur besonders verbreitet. Nie findet man den Namen von Schriftstellern erwhnt, die ihre Laufbahn bereits vollendet haben, und die, von der Sonne des Ruhmes umstrahlt, von ihrer Hhe auf uns herabblicken. Kein Rezensent hat seine Augen ehrfrchtig zu ihnen erhoben und ihnen Beachtung geschenkt. Fast nie begegnet man den Namen eines Derschawin, Lomonossow, Von-Wisin, Bogdanowitsch, Batjuschkow usw. auf den Seiten unserer Zeitschriften. Nie hrt man was ber ihren Einflu, der auch heute noch fortdauert und sich heute noch bemerkbar macht. Nie werden sie zur Vergleichung mit der heutigen Epoche herangezogen. Es ist, als wre unserem Zeitalter die Wurzel abgeschnitten, als gbe es keinen Ursprung, von dem wir herstammten, und als gbe es fr uns keine Geschichte unserer Vergangenheit. Diese literarische Unbildung verbreitet sich hauptschlich unter den jngeren Rezensenten, so da unsere zeitgenssische, kritische Literatur wie etwas Fremdes, Angeschwemmtes erscheint. Ein, zwei Jahre vergehen, und die Reden, die anfnglich ziemlich laut und rege waren, verstummten und verhallten wie ein Ton ohne Resonanz oder wie eine Phrase, die auf dem gestrigen Ball fiel. Die Namen der Schriftsteller, die ihren Ruhm lngst fest begrndet, und die Namen derer, die erst nach einem solchen streben, sind zu einem bloen Spielzeug geworden. Der eine Rezensent richtet die wieder auf, die sein Gegner fallen gelassen hat, und das alles geschieht ohne jede Kritik ganz gedanken- und ideenlos. Hufig verdankt ein Name seinen Ruhm dem Streit zweier Rezensenten. Von den Schriftstellern unseres Vaterlandes wird nicht geredet, dafr beginnt jeder Rezensent, selbst wenn er ber ein ganz unbedeutendes, belangloses Buch schreibt, unbedingt mit Shakespeare, den er nie gelesen hat. Es ist heutzutage eben Mode, von Shakespeare zu reden -- also her mit dem Shakespeare! Er erklrt: Wir wollen das vorliegende Buch von folgendem Gesichtspunkt aus betrachten. Sehen wir zu, inwieweit unser Autor mit Shakespeare bereinstimmt, und dabei ist das Buch, das analysiert werden soll, -- ein barer Unsinn, der ohne jegliche Absicht, mit Shakespeare zu rivalisieren, geschrieben ist, und hchstens mit dem Geist und der Ausdrucksweise des Rezensenten selbst hnlichkeit hat. 3. Der Mangel an einer rein sthetischen Genufhigkeit und an Geschmack. In den Moskauer Journalen findet man noch hin und wieder einen gewissen Geschmack oder eine Art Liebe zur Kunst, die Kritik der Petersburger Zeitschriften, besonders die der sogenannten anstndigen dagegen ist auerordentlich drftig. Die besprochenen Werke werden hoch ber die Byrons, Goethes usf. erhoben. Aber nirgends gewinnt der Leser den Eindruck, da dies der Ausflu eines Gefhls, ein Zeichen des Verstndnisses ist, da es aus der Tiefe einer dankerfllten, tiefergriffenen Seele hervorquillt. Ihr Stil ist trotz seiner ueren oft verschnrkelten, glnzenden Prunkhaftigkeit von einer erttenden Klte. Nur dann merkt man ihm eine gewisse Lebhaftigkeit und einen leidenschaftlichen Schwung an, wenn sich der Rezensent an einer wunden Stelle getroffen, wenn er sich in seiner persnlichen Wrde getroffen fhlt. Die Gerechtigkeit verlangt, da wir hier die Kritiken von Schewyrjow erwhnen, die eine lobenswerte Ausnahme bilden. Er teilt uns seine Eindrcke in der Form mit, wie seine Seele sie aufnimmt. Aus seinen Aufstzen spricht stets ein Mensch, der nachdenkt, ja, der sich mitunter vom ersten Eindruck fortreien lt. 4. Die Kleinheit der Gedanken und ein kleinliches Prahlen. Wir haben schon gesehen, da die Kritik sich nie mit bedeutenden Fragen beschftigte. Die Aufmerksamkeit der Rezensenten war stets auf eine ganze Reihe inhaltsloser Bcher gerichtet, nicht etwa deshalb, um sie zu analysieren, sondern um die Liebenswrdigkeit des Kritikers zu beweisen und die Leser zum Lachen zu bringen. In wie hohem Mae die Kritik mit allerhand Torheiten und albernen Streitereien beschftigt war, konnten die Leser bereits aus dem berhmten Proze gegen die beiden armen Frwrter _dieser_ und _jener_ ersehen. So weit also ist es allmhlich mit der russischen Kritik gekommen! Wer aber waren denn die, die bei uns ber die Literatur redeten? Whrend dieser Zeit lieen weder Schukowski, noch Krylow, noch Frst Wjasemski ihre Meinung hren, auch die, die noch vor kurzer Zeit eine Zeitschrift herausgegeben hatten, die in mancherlei Aufstzen ihre eigene Stimme erhoben und einen eigenen Geschmack und wirkliche Kenntnisse an den Tag gelegt hatten, waren verstummt: kann man sich da noch ber solche Zustnde in unserer Literatur wundern? Warum schwiegen denn die Schriftsteller, die in ihren Werken ein echtes sthetisches Gefhl offenbart hatten? Hielten sie es fr unter ihrer Wrde, in die Sphre der Tagesliteratur hinabzusteigen, wo gewhnlich allerhand Kmpfer laut miteinander im Streite liegen? Wir haben kein Recht, hierber zu entscheiden. Wir wollen hier nur bemerken, da eine Kritik, die von echtem Geschmack und einem tiefen Verstand geleitet wird, da die Kritik eines hochbegabten Talentes gleichwertig ist mit jeder originalen Schpfung: aus ihr lernen wir den Schriftsteller, den sie analysiert, und in noch hherem Mae den Kritiker selbst kennen. Die Kritik eines Talentes berlebt das ephemere Dasein einer Zeitschrift. Fr die Geschichte der Literatur ist sie geradezu unschtzbar. Unsere Literaturgeschichte ist noch jung. Sie hat nur wenige Koryphen hervorgebracht; aber fr die Kritik eines Denkers bietet sie ein reiches Feld dar und Arbeit fr viele Jahre. Unsere Schriftsteller haben sich eine vllig eigenartige Form geschaffen; trotz des gemeinsamen Zuges unserer Literatur, der Neigung zur Nachahmung, enthalten sie doch rein russische Elemente, ja selbst die Art, wie wir nachahmen, hat einen ganz besonderen nordischen Charakter an sich und stellt auch in der europischen Literatur eine beachtenswerte Erscheinung dar. Aber genug davon. Wir wollen diese Ausfhrungen mit dem aufrichtigen Wunsch schlieen, da sich bei uns im kommenden Jahr eine lebhaftere Ttigkeit entwickeln, und bei einer greren Anzahl von Zeitschriften die Abhngigkeit vom Monopol immer mehr verschwinden mge, auf da dadurch bei allen ein lebhafterer Wetteifer entbrenne, ihre Bestimmung zu erfllen. Zum mindesten macht sich schon heute darin ein trstliches Streben bemerkbar, da einzelne Zeitschriften versprechen, im kommenden Jahre der Herausgabe ihrer Bnde mehr Sorgfalt zuzuwenden als frher. Die Verleger des Sohnes des Vaterlandes und des Teleskop haben von Verbesserungen gesprochen. Man kann kaum daran zweifeln, da bei grerer Mhewaltung mehr geleistet werden kann. Jedenfalls begleiten wir unseren Wunsch mit herzlicher Aufrichtigkeit und der heien Frbitte: Mge das Streben aller und eines jeden einzelnen tausendfltige Frucht tragen; je uneigenntziger und gewissenhafter seine Ttigkeit sein wird, um so mehr wohlverdiente Anerkennung und Dankbarkeit mge ihm zuteil werden. II Petersburger Skizzen 1836 I Seltsam -- wohin nur die Residenz Rulands verschlagen ward --: Bis ans Ende der Welt. Ein merkwrdiges Volk, diese Russen. Einst besaen sie in Kiew eine Hauptstadt, da war es zu hei, da war es nicht kalt genug; und so siedelte denn die russische Residenz nach Moskau ber -- doch nein, auch hier war's noch nicht kalt genug. Herrgott! Also her mit Petersburg! Aber wie wildfremd sind sich dafr auch Mutter und Sohn! Was fr eine Landschaft! Was fr eine Natur! Die Luft ist mit Nebel erfllt, die blasse, graugrne Erde ist mit verkohlten Baumstmpfen, Tannen, Kiefern und kleinen Erdhgeln bedeckt ... Noch gut, da einen die blitzschnell vorberfliegenden, schnurgeraden Chausseen und die russische Troika mit Sang und Klang wie im Sturmwind an ihnen vorbeitragen. Und welch ein Unterschied -- welch ein Unterschied zwischen den beiden. Moskau ist noch bis heute ein langbrtiger russischer Bauer -- Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europer. Wie sich das alte Moskau weit ausgedehnt, wie es in die Breite gewachsen ist! Und wie hat sich dagegen das stutzerhafte Petersburg zusammengezogen und in die Lnge gestreckt! Von allen Seiten ist es von Spiegeln umstellt, hier die Newa, dort der Finnische Meerbusen! Wahrhaftig, es fehlt ihm nicht an Gelegenheit, sich selbst anzuschauen, sich zu bespiegeln! Bemerkt es nur das kleinste Stubchen oder Flckchen auf seinem Kleide, so wird's sofort entfernt. Moskau ist ein altes Hausmtterchen, es bckt seine Pfannkuchen, sitzt daheim, sieht sich die Dinge von ferne an und lt sich, ohne sich vom Sessel zu erheben, erzhlen, wie es in der Welt hergeht. Petersburg dagegen ist ein flotter Bursche, der nie zu Hause sitzt, der immer gut angezogen ist, sich fr Europa schn macht und den Auslndern zunickt. In Petersburg ist alles in steter Bewegung, vom Keller bis hinauf zur Dachkammer; um Mitternacht fngt man an, franzsische Brtchen zu backen, die am nchsten Morgen allesamt von der aus den verschiedensten Volksstmmen zusammengesetzten Bevlkerung verzehrt werden; whrend der Nacht leuchtet bald eins seiner Augen, bald das andre. Whrend der Nacht liegt ganz Moskau in tiefem Schlaf, am Morgen aber schlgt es ein Kreuz, verneigt sich nach allen vier Himmelsrichtungen und fhrt dann mit seinen Kalatschi[14] auf den Markt. Moskau ist _weiblichen_[15], Petersburg mnnlichen Geschlechts. In Moskau gibt es lauter Brute, in Petersburg lauter Freier. Petersburg gibt mehr acht auf seine Kleidung, hat die grellen Farben nicht gern, ebensowenig wie alle khnen Abweichungen von der Mode, Moskau dagegen verlangt, da, wenn's schon eine Mode geben soll, diese auch nach allen Regeln durchgefhrt werde; trgt man lange Taillen -- dann mssen sie noch viel lnger werden; werden groe Frackaufschlge getragen, dann sind sie hier so gro wie das Tor einer Scheune. Petersburg -- ist ein Mensch von peinlicher Akkuratesse -- ein echter Deutscher, es erwgt alles und rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt, tut es einen Blick in die Tasche; Moskau -- ist ein russischer Edelmann, wenn er sich einmal amsiert, dann amsiert er sich so, da er hinfllt, und kmmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche hat. Moskau liebt die goldene Mittelstrae nicht. Alle Moskauer Zeitschriften bringen am Schlu jeder Nummer, sie mgen einen noch so gelehrten Inhalt haben, immer ein Modebild; die Petersburger Zeitschriften bringen nur selten Illustrationen als Beilage, aber wenn sie einmal eine beifgen, dann kriegt ein Leser, der das nicht gewhnt ist, einen Schreck. Die Moskauer Zeitschriften reden von Kant, Schelling usf. usf., in den Petersburger Journalen wird nur vom Publikum und ber die gute Gesinnung geschrieben ... In Moskau halten die Zeitschriften Schritt mit dem Jahrhundert, verspten sich aber bei Zustellung ihrer Nummern; in Petersburg halten die Journale nicht Schritt mit dem Jahrhundert, dafr erscheinen sie mit groer Pnktlichkeit zur festgesetzten Zeit. In Moskau bringen die Literaten ihr Geld durch, in Petersburg verdienen sie welches. In Moskau fhrt alle Welt in dichte Brenpelze eingehllt -- und meist zu einem Diner; in Petersburg luft alles in Friesrcken herum, die Hnde tief in die Taschen vergraben, und fliegt in hchster Eile zur Brse oder ins Bureau. Moskau amsiert sich bis 4 Uhr morgens und verlt am nchsten Tage das Bett nicht vor 2 Uhr. Petersburg amsiert sich auch bis 4 Uhr morgens, und doch eilt es am andern Tage, als ob nichts passiert wre, schon um 9 Uhr in seinem Friesrock in die Kanzlei. Nach Moskau kommt Ruland mit vollen Taschen und kehrt erleichtert wieder zurck. Nach Petersburg kommen die Leute mit leerem Beutel und fahren mit einem hbschen Kapital nach allen Himmelsgegenden auseinander. Nach Moskau kommt Ruland in Winterschlitten auf holperigen Winterwegen gefahren, um zu kaufen und zu verkaufen: in Petersburg luft das russische Volk im Sommer zu Fu, um bei einem Bau Beschftigung zu finden und um zu arbeiten. Moskau -- ist die groe Vorratskammer, hier trmt sich Ballen ber Ballen, und den kleinen Hndler beachtet es kaum. Petersburg ist ganz in kleine Stcke zersplittert, hat sich in lauter Lden und Kaufhuser aufgelst und macht Jagd auf die rmeren Kufer. Moskau sagt: Wenn der Kufer mich braucht -- wird er mich schon finden! Petersburg fhrt Ihnen mit seinen Aushngeschildern direkt unter die Nase, verkriecht sich mit seinem Weinausschank bis unter den Fuboden Ihrer Wohnung und bringt seine Droschkenhaltestellen geradewegs in Ihrem Haustor unter. Moskau sieht ber seine eigenen Einwohner hinweg und sendet seine Waren nach ganz Ruland; Petersburg verkauft seine Krawatten und seine Handschuhe an seine eigenen Beamten. Moskau ist eine groe Markthalle; Petersburg -- ein heller Kaufladen. Moskau ist fr Ruland eine Notwendigkeit. Ruland ist eine Notwendigkeit fr Petersburg. In Moskau begegnet man nur selten einem Frack mit Uniformknpfen, in Petersburg hat jeder Frack solche Knpfe. Petersburg macht sich gern ber die Unbeholfenheit und Geschmacklosigkeit Moskaus lustig. Moskau spottet ber Petersburg, weil hier nicht gut russisch gesprochen wird. In Petersburg spazieren um 2 Uhr auf dem Newsky-Prospekt Leute, von denen man meinen knnte, sie seien aus den Modebeilagen der Journale, die in den Schaufenstern ausliegen, entsprungen; sogar ganz alte Damen haben hier so dnne Taillen, da man lachen mu; in Moskau trifft man stets inmitten der Masse modern gekleideter Spaziergnger eine alte Frau mit einem Kopftuch, die keine Spur von Taille hat. Ich knnte noch mancherlei sagen, allein es ist -- [Funote 14: Eine Art Semmel.] [Funote 15: Moskau = russisch Moskwa ist weiblichen, Petersburg spr. Pitirburg -- mnnlichen Geschlechts.] Ein Abstand von ganz ungeheurer Gre! ... II Es ist schwer, die allgemeine Physiognomie von Petersburg zu schildern. Es hat etwas, das an eine amerikanische Kolonie in Europa erinnert: ebensowenig ursprngliche Nationalitt und ebensoviel fremdlndische Mischlinge, die sich noch nicht zu einer festen Masse zusammengefgt haben. Soviel verschiedene Nationen sich hier zusammen finden, ebensoviel Gesellschaftsschichten gibt es hier. Diese Kreise sind streng voneinander geschieden: Aristokraten, Beamte im Dienste, Handwerker, Englnder, Deutsche, Kaufleute, sie alle bilden Kreise, die sich nur ganz selten miteinander vereinigen, gewhnlich aber fr sich leben und sich unterhalten, ohne da einer von dem andern etwas wei. Jeder von diesen Kreisen besteht, wenn man genauer zusieht, wieder aus einer Menge kleiner Kreise, die gleichfalls nicht miteinander zusammenhngen. Nehmen wir z. B. die Beamten. Die jungen Gehilfen der Tischvorsteher bilden ihren eigenen Kreis, und nie wird der Abteilungschef zu ihnen herabsteigen. In Gegenwart eines Kanzleibeamten hebt wiederum der Tischvorsteher seinen Kopf um ein paar Zoll hher. Die deutschen Handwerker und die deutschen Beamten bilden auch ihren besonderen Kreis. Die Lehrer bilden einen Kreis, die Schauspieler einen, ja sogar die Literaten, die noch immer recht zweideutige und zweifelhafte Persnlichkeiten darstellen, stehen abseits fr sich da. Mit einem Wort, es ist fast so, wie wenn eine riesengroe Postkutsche bei einem Gasthause vorgefahren wre, in der alle Gste whrend der Fahrt in ihre Mntel gehllt dagesessen htten, und nur darum zusammen in den allgemeinen Saal trten, weil eben kein anderer Raum vorhanden ist. Der Versuch, ffentliche Vereine zu grnden, hat bis jetzt keinen Erfolg gehabt. Der Petersburger besucht auch den Klub nur, um dort Mittag zu essen, und nicht, um seine Zeit dort zu verbringen. Da Petersburg noch nicht zu einem Gasthaus geworden ist, das liegt allein an einer inneren Naturanlage des Russen, der, trotzdem er sich bestndig an den Fremden abschleift, sich immer noch eine gewisse Originalitt bewahrt hat. Um von jedem dieser einzelnen Kreise erzhlen zu knnen, um ihr Leben, das in Genssen und Vergngen, Hoffnungen und Schmerzen dahinfliet, zu studieren, mte man zu den Leuten gehren, die gar nicht schreiben, weil diese Leute -- dies ist der Lohn fr ihre Ttigkeit -- absolut keine Zeit haben. Also lassen wir die Blle und Soireen beiseite. Ich will mich den Vergngungen zuwenden, die eine lngere Erinnerung an sich zurcklassen und die von allen Gesellschaftsklassen mitgemacht werden. Die Theater und Konzerte -- das sind die Punkte, wo alle Klassen der Petersburger Gesellschaft zusammenstoen, wo sie genug Mue haben, sich aneinander sattzusehen. Das Ballett und die Oper -- sind der Knig und die Knigin der Petersburger Theater. Sie waren noch prchtiger, rauschender, hinreiender als in den frheren Jahren, und die entzckten Zuschauer hatten vllig vergessen, da es auch noch eine gewaltige Tragdie gibt, die den gleichgestimmten Herzen der stumm lauschenden Menge unwillkrlich die erhabensten Gefhle einhaucht, da es eine Komdie gibt, die das getreue Abbild der sich vor uns hin und her bewegenden Gesellschaft ist: eine tief durchdachte Komdie, die durch die Tiefe ihrer Ironie uns zum Lachen reizt; nicht zu jenem Lachen, das durch einen oberflchlichen Eindruck, durch einen flchtigen Witz oder durch einen Kalauer hervorgerufen wird, auch nicht zu jenem Lachen, das die rohe Menge in unserer Gesellschaft bewegt, die nach Verrenkungen und fratzenhaften Verzerrungen der Natur verlangt, sondern zu jenem elektrisierenden, belebenden Lachen, das, durch den blendenden Gedankenblitz erschttert, unwillkrlich, frei, ungewollt, unmittelbar aus der Seele hervorstrmt, das aus dem ruhigen Genu geboren wird und nur durch einen hohen Verstand hervorgerufen werden kann. Die Zuschauer hatten recht, wenn sie von dem Ballett und der Oper entzckt waren ... Auf der dramatischen Bhne gab es Melodramen und Possen und zugereiste Gste, die sich auf der franzsischen Bhne zu Hause fhlten, aber auf der russischen eine recht merkwrdige Rolle spielten. Es ist ja eine lngst anerkannte Tatsache, da die russischen Schauspieler sich recht seltsam ausnehmen, wenn sie Marquis, Vicomtes und Barone spielen, ebenso wie die franzsischen Schauspieler wahrscheinlich recht komisch wren, wenn sie versuchen wollten, russische Bauern darzustellen. Und wie machen sich Blle, Abendgesellschaften und moderne Routs, die in den russischen Stcken vorkommen, auf der Bhne? Und die Possen? Die Posse hat sich schon lngst die russische Bhne erobert und bildet die Unterhaltung der Mittelklassen, denn diese Leute wollen eben lachen. Wer htte gedacht, da wir nicht nur bersetzungen, sondern auch Originalpossen auf der russischen Bhne zu sehen bekommen wrden? Eine russische Posse! Es ist wirklich sehr merkwrdig, und zwar deshalb, weil dieses leichte, farblose Spiel nur bei den Franzosen entstehen konnte, bei einer Nation, deren Charakter keine tiefen, unwandelbaren Zge besitzt; aber wenn man den immer noch etwas schwerflligen und rauhen russischen Charakter zwingt, sich als _petit matre_ zu bewegen, dann kommt es mir immer so vor, wie wenn einer von unseren wohlbeleibten, pfiffigen und langbrtigen Kaufleuten, der bis dahin nichts anderes als schwere Stulpenstiefel getragen hat, statt dieser den einen Fu mit einem schmalen Schuh und Strmpfen _ jour_ bekleiden wollte, whrend der andere noch im Stiefel steckt, und dann in diesem Aufzuge im ersten Paar der Franaise erscheinen wollte. Es sind schon fnf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachfferei! Sogar die Deutschen .... wer htte das gedacht, da selbst die Deutschen, dieses gediegene, zu tiefen, sthetischen Genssen geneigte Volk, da die Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte Melodramen zusammenkleistern und fr die Bhne bearbeiten. Ja, wenn dieses Miasma noch auf den Wink eines mchtigen Genies hergetragen worden wre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies keineswegs lcherlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas Trstliches. Aber da Dumas, Dulange und andere -- universale Gesetzgeber werden konnten! ... Ich mchte schwren, das XIX. Jahrhundert wird sich dieser fnf Jahre schmen! O Molire! groer Molire! du, der du deine Charaktere so grozgig ausstattetest, mit einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du edel glhender Schiller, der du die Menschenwrde in so poetisch verklrtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf eurer Bhne geschieht, seht, was fr ein seltsames Ungeheuer sich unter dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser Leben? wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in unseren Melodramen erblicken knnten! Aber unser Melodrama lgt in der schamlosesten Weise .... Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das groe, tiefe, ungewhnliche Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltglich umgibt, was unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewhnliche; das dagegen, was nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine Hlichkeit, durch seine Unfrmlichkeit inmitten der Ordnung in Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmigkeit mit beiden Hnden greift. Und so fliet das Leben eines groen Talents wie ein groer breiter Strom in voller Regelmigkeit, rein wie ein Spiegel, dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen Wolken: bei der Mittelmigkeit dagegen fliet es hin wie eine trbe und schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis. Das _Seltsame_ ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu, unbedingt merkwrdig, noch nie dagewesen und ganz unerhrt sein mu: ein Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Shne des glhenden Afrika europische Frcke angezogen htten; Henker und Gift -- nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das Theater gerhrt und trnenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar ber sie werden kann. Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten Gesellschaft! Unwillkrlich steigen die blutigen Wettkmpfe, zu denen ganz Rom whrend der Epoche hchster Macht und stumpfer bersttigung zusammenstrmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine Rmer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit gegeben worden sind, zusammennimmt, so knnte man glauben, in ein Museum geraten zu sein, in dem absichtlich alle Migeburten und Auswchse der Natur vereinigt sind, oder besser gesagt -- man glaubt einen Kalender vor sich zu haben, in dem mit kalendermiger Kaltbltigkeit alle merkwrdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender Spitzbubenstreich; heute wurde der Ruber und Brandstifter Soundso gekpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht .... und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen studieren wollte. Da ist es denn nicht zu verwundern, da das Ballett und die Oper noch eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genu. Die Oper wird bei uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die Begeisterung nicht vorber, mit der sich ganz Petersburg auf die lebendige, feurige Musik der Fenella und die wilde, von hllischen Genssen erfllte Musik Robert des Teufels strzte. -- Semiramis, die noch vor fnf Jahren vom Publikum sehr khl aufgenommen wurde, versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet, dasselbe Publikum in Verzckung. ber den Enthusiasmus, den die Oper Das Leben fr den Zaren hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst reden: er ist begreiflich und ganz Ruland bekannt. ber diese Oper mte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen. Ich rede jedoch nicht gern ber die Musik oder ber den Gesang. Mir scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen mssen die Musiker von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich und beruht auf einer unbewuten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker -- sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre Stimme nach, um auf sie gesttzt, sich wie ein perlender, singender Springquell gnzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphre emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, da sich die Melomanie immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart zutrauen wrde, sitzen bestndig in dem Leben fr den Zaren, im Robert, in der Norma, in Fenella und in Semiramis. Beinahe zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgefhrt; jede von ihnen erlebt unzhlige Auffhrungen, und trotzdem ist es hufig schwer, ein Billett zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rckkehr zu unserer alten Zeit, nach einer Reise durch das fremde Land der europischen Kultur, wo alles um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde Menschen um uns drngten -- eine Rckfahrt in einem russischen Dreigespann mit seinen klingenden Glocken -- ist es nicht so, als erhben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mtzen schwenkend, aus: In der Fremde ist es schn -- aber zu Hause ist's doch noch besser. Was fr eine herrliche Oper knnte man nach unseren nationalen Motiven komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder htte! Unsere Ukraine hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere, ertnen -- die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang -- die Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Ruland aus Balken von Fichtenholz die Htten gezimmert. Mit Gesang fliegen die Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Stdte wie Pilze empor. Alte Frauen singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und Brgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart, whrend er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende Rulands erlegt der russische Hndler rittlings auf einer Eisscholle sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas ist nur ein schner Anfang. Er hat es mit viel Glck verstanden, in seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hrt es deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen hrt man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus dem des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka. Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelegenheit mu ich ein paar Worte ber das Ballett berhaupt sagen. Die Ballettauffhrungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe Vollendung erreicht; aber man mu gestehen, da der Fortschritt nur in der wachsenden Pracht der Kostme und der Dekorationen besteht, das eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hlt nicht Schritt mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den Tnzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es berall Nationaltnze; der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates wechseln die Tnze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der Kleinrusse, wie der Sdslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen ist ausdrucksvoll, der des andern gefhllos, der eine ist wild und rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfllig, der andere leicht und therisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der Tnze? Sie stammt aus dem Charakter der Vlker, aus ihrer Lebensweise und der Art ihrer Beschftigung. Ein Volk, das ein stolzes, kriegerisches Leben fhrt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den Tnzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit; ein Volk, das in einem heien Klima lebt, lt auch in seinen Nationaltnzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spren. Der Schpfer eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn er sich nur von einem feinen Geschmack leiten lt, aus diesem reichen Stoffe whlen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, da er, wenn er erst einmal den Grundcharakter erfat hat, ihn noch weiter entwickeln und sich weit ber sein Original emporschwingen kann, so wie ein musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Strae hrt, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschrnkt erscheint, sich zu hherer Form und Plastik entwickeln. Die Petersburger sind groe Freunde des Theaters. Wenn Sie einmal an einem frischen, kalten Morgen, whrend der rosig goldene Himmel von durchsichtigen Rauchwolken, die aus den Schornsteinen aufsteigen, durchzogen wird, auf dem Newsky-Prospekt spazieren sollten, dann treten Sie um diese Zeit ins Foyer des Alexandra-Theaters: Sie werden erstaunt sein ber die hartnckige Geduld, mit der die hier versammelte Volksmenge in dichten Haufen den Billettverkufer belagert, der seine Hand aus dem Kassenfenster herausstreckt. Wie viel Lakaien aller Art drngen sich hier, der eine im grauen Mantel mit einer bunten seidenen Krawatte, aber ohne Mtze, und ein anderer, bei dem der dreistckige Kragen der Livree einem bunten Tintenwisch aus Tuch in Gestalt eines Schmetterlings gleicht. Hier drngen sich auch jene Beamten, die sich die Stiefel von ihren Kchinnen putzen lassen, und die niemand haben, den sie nach einem Theaterbillett schicken knnen. Hier knnen Sie auch sehen, wie ein echtrussischer Held pltzlich die Geduld verliert, auf den Schultern der ganzen Menge bis zur Kasse vordringt und sein Billett empfngt. Dann erst wird Ihnen klar werden, wie sich bei uns die Liebe zum Theater bemerkbar macht. Und was wird auf unseren Bhnen gegeben? -- Melodramen und Vaudevilles! ... Ich hasse diese Melodramen und Vaudevilles. Die Lage der russischen Schauspieler ist sehr traurig. Vor ihnen zittert und brodelt ein aufnahmefhiges Publikum, und sie mssen Leute darstellen, die sie noch nie gesehen haben. Was sollen sie mit diesen seltsamen Helden anfangen, die weder Franzosen noch Deutsche sind, sondern halbverrckte Leute, die weder eine bestimmte Leidenschaft noch eine charakteristische Physiognomie haben? Wie soll man da zeigen, was man kann, wie sollen sich unter solchen Verhltnissen Talente entwickeln? Gebt uns um Gottes willen wahrhaft russische Charaktere, gebt uns uns selber, unsere Gauner und unsere Querkpfe! herauf mit ihnen auf die Bhne und gebt sie dem Gelchter aller preis! Das Lachen -- ist etwas wahrhaft Groes, es raubt uns weder das Leben, noch unser Eigentum, und doch steht der Schuldige da wie ein Hase, dem man die Beine zusammengebunden hat. Wir haben uns so sehr an die farblosen franzsischen Stcke gewhnt, da wir uns beinahe frchten, unsere eigenen zu sehen. Wenn man uns einen lebendigen Charakter vorfhrt, so glauben wir gleich, das sei eine persnliche Anspielung, weil die dargestellte Person weder einem _Paysan_, einem Theater-Tyrannen, einem Reimschmied, einem Richter oder dergleichen verbrauchten Typen gleicht, die von zahnlosen Autoren frmlich in ihre Stcke geschleppt werden, so wie man etwa einen jener unvermeidlichen Figuranten auf die Bhne schleppt, die vor dem Publikum mit dem gleichen stereotypen Lcheln ihre im Laufe von vierzig Jahren bis zur Virtuositt einstudierten Pas herunterholzen. Wenn man z. B. sagt, da es in einer Stadt einen nicht ganz nchternen Hofrat gibt, so fhlen sich gleich alle Hofrte beleidigt, und manch ein anderer Rat sagt wohl gar: Wie ist das nur mglich, ich habe einen Verwandten, der ist Hofrat: ein vortrefflicher Mensch! wie kann man denn sagen, da es einen betrunkenen Hofrat gibt! Als ob ein einziger einen ganzen Stand um seine Ehre bringen knnte! Und solch eine Empfindlichkeit ist bei uns tatschlich in allen Gesellschaftsklassen verbreitet. Braucht es etwa noch der Beispiele? Man denke nur an den Revisor. Es ist wirklich peinlich. Es wre doch wirklich hchste Zeit, einzusehen, da nur eine getreue Darstellung von Charakteren -- nicht in ihren lngst bekannten immer aufs neue wiederholten allgemeinen Zgen -- sondern in einer Form von wahrhaft nationalem Geprge, die uns durch ihre Lebendigkeit berrascht, so da wir ausrufen: Ja aber, mir scheint, das ist doch ein Bekannter von mir! -- da nur solch eine Darstellung einen wesentlichen Nutzen bringt. Wir haben aus dem Theater ein Spielzeug in der Art jener Rasselchen gemacht, womit man Kinder herbeilockt, wir haben vergessen, da das Theater ein Katheder ist, von dem aus man einer ganzen groen Menge eine lebendige Lehre vortrgt, auf ein Beispiel hinweist, wo uns beim festlichen Lichterglanz, beim Lrm der Musik, unter einstimmigem Gelchter, ein weitbekanntes, verstecktes Laster gezeigt wird, und wo, begleitet von der geheimen Stimme der allgemeinen Teilnahme, ein allbekanntes, sich ngstlich verbergendes, edles Gefhl ans Licht gezogen wird. Aber genug vom Theater. Ich habe schon zuviel davon geredet. Der Winterkarneval schliet mit einer lauten und lrmenden Woche ab; dann fliegt die eine Hlfte der Petersburger auf Schaukeln durch die Luft oder saust wie der Wirbelwind die Rodelbahn hinunter, whrend sich die andere Hlfte in eine lange Kette von Wagen verwandelt, die sich kaum vorwrtsbewegt, immer wieder aufgehalten von dem fr Ordnung sorgenden Gendarmen; da gibt's den ganzen Tag ber und am Abend alle mglichen Vorstellungen, und der ganze Admiralittsplatz ist mit Nuschalen bedeckt .... Still und finster ist die Zeit der groen Fasten. Es ist einem, als vernehme man eine Stimme, die einem zuruft: Halt ein, Christenmensch: sieh zu, wie du lebst. Die Straen sind leer. Man sieht keine Wagen. Ein sinnender Zug liegt auf den Gesichtern der Vorbergehenden. Ich liebe dich, du Zeit der Nachdenklichkeit und des Gebets! Freier und mit mehr berlegung werden meine Gedanken dahinflieen, und diese ganze seichte, eitle Gesellschaft wird sicherlich mde und verschlafen daliegen und vergessen, zu mir zu kommen und mich mit ihrem trivialen Gerede ber Whist, Literatur, Auszeichnungen und Theater zu plagen. Die Fastenzeit in Petersburg ist das Fest der Musik. Um diese Zeit kommen hier Musiker aus allen Teilen Europas zusammen. Das Monstre-Konzert zum Besten der Invaliden hat immer etwas Gewaltiges; vierhundert Musiker! das macht einen mchtigen Eindruck! Wenn der harmonische Zusammenklang von vierhundert Tnen unter dem drhnenden Gewlbe emporhallt, dann mu, wie mir scheint, auch die Seele jedes Zuhrers, und wre sie noch so armselig, von einer ganz ungewhnlichen Erschtterung durchzittert werden. Whrend der Fastenzeit fllt dann und wann ein Sonnenstrahl in die Petersburger Atmosphre. Der westliche Teil, der dem Meere zugewandt ist, wird heller. Der Norden blickt von der Wiborger Seite weniger finster herber. Immer hufiger halten die Wagen auf der Strae, und die Insassen steigen aus, um auf dem Trottoir spazierenzugehen. Seit dem Jahre 1836 ist der Newsky-Prospekt, dieser laute, ewig bewegte, emsige, vorwrtsdrngende Newsky-Prospekt ganz heruntergekommen: der Treffpunkt der vornehmen Welt ist an den Englischen Kai verlegt worden. Der verstorbene Kaiser liebte den Englischen Kai. Er ist auch wirklich wundervoll. Aber jetzt, wo der Korso dahin verlegt worden ist, habe ich erst bemerkt, da der Kai etwas zu kurz ist. Die Spaziergnger sind trotzdem noch im Vorteil, denn die Hlfte des Newsky-Prospekts war immer von Handwerkern und Beamten besetzt, und man hatte hier die Aussicht, dreimal soviel Pffe zu bekommen, wie an irgendeinem anderen Ort. Warum eilt nur unsere Zeit, die durch nichts zu ersetzen ist, so schnell dahin? Wer ruft sie zu sich? Was bilden doch die groen Fasten fr einen ruhigen, stillen Zeitabschnitt! Was kann man in diesen sieben Wochen nicht alles vollbringen? Jetzt will ich mich endlich ernstlich an meine Arbeit machen. Jetzt werde ich endlich vollenden, was mich der Lrm und die allgemeine Unruhe nicht vollenden lieen. Aber ach, die erste Woche geht schon zu Ende! Ich habe noch nicht angefangen und schon kommt die zweite hinter ihr hergejagt, schon ist die erste Hlfte der dritten vorber, schon kommt die vierte heran, schon beginnt der groe Jahrmarkt im Gostinnij Dwor[16], und eine ganze Galerie von jungen Weidenruten mit wchsernen Frchten und Blumen blht unter den dunklen Hallen auf. Als ich an dieser bunten Allee, in deren Dunkel eine Menge von roh geschnitztem Kinderspielzeug aufgetrmt war, vorberging, wurde mir recht peinlich zumute. Ich rgerte mich ber die rotwangigen Kinderfrauen, die sich hier in ganzen Trupps herumtrieben, ber die Kinder, die ganz glcklich vor diesem Haufen eines ihnen so viel Vergngen bereitenden Plunders stehenblieben, und ber den schwarzen untersetzten Griechen mit dem groen Schnurrbart, der sich moldauischer Konditor titulierte und allerhand zweifelhafte und undefinierbare Leckereien feilbot. Die auf den Tisch ausgebreiteten Stiefelbrsten, bleiernen ffchen, Gabeln und Messer, Honigkuchen und kleinen Spiegel widerten mich an. Die bunte Menge aber drngt sich und schiebt sich immerfort weiter, berall begegnet man demselben Ausdruck in den Zgen; mit derselben Neugierde wie im vorigen Jahr, wie vor zwei und drei und mehr Jahren, blickt man auf all die Dinge; ich aber und jeder einzelne Mensch von diesem Volk sind schon nicht mehr dieselben, es sind andere Gefhle, die es heute bewegen, nicht die, die es im vergangenen Jahr bewegten, die Gedanken sind finsterer geworden, von den Lippen strahlt uns kein so heiteres Seelenlcheln entgegen wie ehedem, und jeden Tag verliert es etwas von seiner frheren Lebhaftigkeit! [Funote 16: Eine groe Markthalle in Petersburg.] Auf der Newa gab es frh Eisgang. Ohne von den Winden beunruhigt zu werden, taute das Eis noch beinahe vor dem eigentlichen Eisgang auf und war so locker, da es sich, whrend es von der Strmung fortgetragen wurde, von selbst auflste. Bei nahezu gleicher Zeit sandte auch der Ladoga-See seine Eismassen hinunter. Die Hauptstadt war pltzlich wie verwandelt. Die Spitze des Glockenturms der Peter-Pauls-Kirche, die Festung, die Wilhelmsinsel, die Wiborger Seite und der englische Kai -- alles nahm ein malerisches Aussehen an. Rauchwolken ausstoend, kam der erste Dampfer herangeflogen! Von Wassilij Ostrow und nach ihm hin fuhren die ersten, mit Beamten, Soldaten, alten Kinderfrauen und englischen Kanzleibeamten besetzten Khne ber die Newa. Ich kann mich nicht erinnern, da wir in jngster Zeit so ein stilles, heiteres Wetter gehabt haben. Es war am Abend vor Ostersonntag, als ich den Boulevard der Admiralitt betrat und auf ihm bis zum Landungsplatz der Dampfer schritt, von dem einem zwei Jaspis-Vasen entgegenleuchten; da lag mit einem Male die Newa offen vor mir, auf der Wiborger Seite schimmerte das helle Rot des Himmels durch einen blauen Nebel hindurch, die Huser der Petersburger Seite waren in ein beinahe violettes Licht getaucht, das ihr unschnes uere verhllte, die Kirchen, ber deren gewlbte Flchen der Nebel seine monotone Decke breitete, schienen wie auf einen Hintergrund von hellrosa Stoff gemalt oder aufgeklebt, und in dieser violetten und hellblauen Finsternis blitzte allein die Turmspitze der Peter-Pauls-Kirche auf und spiegelte sich im unendlichen Wasserspiegel der Newa -- da schien mir's, als sei ich gar nicht in Petersburg, sondern als wre ich in eine andere Stadt versetzt, in der ich schon einmal gewesen war, wo ich alles kenne und wo es das gibt, was Petersburg nicht hat ... Da war auch der bekannte Ruderknecht, den ich schon mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, er machte sich am Ufer mit seinem Kahn zu schaffen, vertraute Reden klangen an mein Ohr; und dann das Wasser und der Sommer, die es in Petersburg nicht gab. Ich liebe den Frhling auerordentlich. Sogar hier in diesem rauhen Norden ist er meine liebste Jahreszeit. Mir scheint, kein Mensch in der ganzen Welt liebt ihn so wie ich. Mit ihm kehrt meine Jugend zu mir zurck; im Frhling ist meine Vergangenheit mehr als eine bloe Erinnerung -- sie liegt vor meinem Blick und treibt mir Trnen in die Augen. Ich war durch die hellen, klaren Tage des Ostersonntags so berauscht, da ich den groen Jahrmarkt auf dem Admiralittsplatz gar nicht bemerkte. Nur ganz von ferne sah ich, wie eine Schaukel einen jungen Burschen, Arm in Arm mit einer Dame in elegantem Hut, hoch in die Luft trug, und an einer Ecke streifte mein Auge das groe Schild einer Schaubude, auf dem ein ungeheurer roter Teufel mit einer Axt in der Hand abgebildet war. Sonst habe ich nichts mehr gesehen. Es ist fast, als ob das Leben der Residenz mit dem Ostersonntag seinen Abschlu findet, und es scheint, als mache sich hierauf alles, was wir auf der Strae sehen, auf die Reise. Die Vorstellungen und die Blle nach Ostern sind nichts als die Reste von denen, die vor der Fastenzeit stattfanden, oder besser gesagt -- sie sind die letzten Gste, die spter aufbrechen als die anderen, am Kamin noch einige Worte wechseln, und die Hand vor den Mund legen, um ihr Ghnen zu verbergen. Die Stadt trocknet ganz aus, auch die Trottoirs sind trocken. Die Petersburger Gentlemen spazieren im bloen Rock, jeder mit einem andern Spazierstock herum; statt der schweren Kutschen sieht man halbgedeckte Droschken und Kabrioletts ber das glatte Straenpflaster rollen. Jetzt werden auch viel weniger Bcher gelesen. Schon sieht man in den Schaufenstern statt der wollenen Strmpfe Sommermtzen und Reitpeitschen ausliegen. Mit einem Wort, whrend des ganzen Monats April scheint ganz Petersburg im Aufbruch begriffen. Es ist so angenehm, die sitzende, sehafte Lebensweise aufzugeben und von einem weiten Weg unter einen andern Himmel nach den grnen Hainen des Sdens, nach Lndern, in denen eine neue Luft weht, zu trumen. Der hat es gut, dem am Ende einer Petersburger Strae die in die Wolken ragenden Berge des Kaukasus, die Seen der Schweiz, das mit Lorbeeren und Anemonen geschmckte Italien oder das trotz seiner de noch herrliche Griechenland winkt .... Aber halt ein, mein Gedanke: noch trmen sich zu meinen beiden Seiten die Huser Petersburgs empor .... III Italienische Sommernchte Erste Nacht. Sie waren so s und so qualvoll, diese schlaflosen Nchte. Er sa krank in seinem Lehnstuhl. Ich war bei ihm. Der Schlaf wagte es nicht, meine Lider zu berhren. Stumm und gehorsam schien er das Heiligtum unseres nchtlichen Wachseins zu achten. Es war mir so s, neben ihm zu sitzen und ihn anzuschaun. Schon seit zwei Nchten sagten wir uns _du_. Wie viel nher war er mir seitdem gerckt. Er sa immer gleich sanft, still und ergeben da. Gott! wie freudig, mit welcher Heiterkeit htte ich seine Krankheit auf mich genommen! Und wenn mein Tod ihm seine Gesundheit htte zurckgeben knnen, wie bereitwillig htte ich mich ihm in die Arme geworfen! * * * * * Heute nacht war ich nicht bei ihm. Ich hatte mich endlich entschlossen, wieder einmal zu Hause zu schlafen. Oh! wie hlich, wie trivial war diese Nacht und mein verchtlicher Schlaf! Ich schlief schlecht, obgleich ich alle Nchte in der vergangenen Woche schlaflos verbracht hatte. Der Gedanke an ihn peinigte mich. Ich sah ihn vor mir, wie er mich flehend und vorwurfsvoll anblickte. Ich sah ihn mit den Augen der Seele. Wie ein Verbrecher eilte ich am nchsten Morgen in aller Frhe zu ihm. Er erblickte mich von seinem Bett aus und lchelte mit jenem Engelslcheln, das ihm jetzt eigen war. Er reichte mir die Hand und drckte sie liebevoll. Verrter! sagte er. Du bist mir untreu geworden. -- Mein Engel, rief ich aus, verzeihe mir. Ich habe gefhlt, wie du gelitten. Ich habe mich die ganze Nacht geqult. Meine Ruhe war keine Ruhe. Verzeihe mir. Er war so gtig. Mild drckte er meine Hand. Wie war ich da fr die Qualen meiner so sinnlos verbrachten Nacht belohnt! -- Mein Kopf ist mir so schwer, sagte er. Ich fchelte ihm mit einem Lorbeerzweig Khlung zu. Oh, wie khl, wie schn das ist! sagte er. Seine Worte waren ... ach, wie waren diese Worte ...! Was htte ich damals nicht dafr gegeben -- auf welche irdischen Gter, diese verchtlichen, gemeinen, hlichen Gter htte ich damals nicht verzichtet ... nein ... oh, sprechen wir nicht davon! O du, in dessen Hnde diese formlosen, schwachen Zeilen, dieser matte Ausdruck meiner Gefhle, kommen -- wenn sie berhaupt in deine Hnde kommen -- du wirst mich verstehn. Sonst wirst du sie nie zu sehen bekommen. Du wirst verstehn, wie hlich dieser ganze Haufen von Schtzen und Ehren, dieser tnenden Lockungen der Holzpuppen ist, die man Menschen nennt. Oh! mit welcher Freude, mit welcher Wut wollte ich alles zerstampfen und zertreten, was das mchtige Zepter des Kaisers des Nordens zu verschenken hat, wenn ich nur wte, da ich damit ein Lcheln auf seinem Antlitz erkaufen knnte, das mir eine kleine Erleichterung ankndigt. Warum hast du mir einen so schlimmen Mai gebracht? sagte er, als er erwachte; er sa im Lehnstuhl, er hrte den Wind, der hinter den Fensterscheiben brauste, die sen Wohlgerche wilder Jasminblten und weier Akazien mit sich fhrte und sie mit den Rosenblttern durch die Luft trug. * * * * * Um 10 Uhr ging ich zu ihm hinunter. Ich hatte ihn vor drei Stunden verlassen, um selbst etwas auszuruhn und etwas zurechtzumachen, um ihm eine kleine Abwechslung zu verschaffen, damit mein Erscheinen ihm spter mehr Freude bereite. Ich kam um 10 Uhr zu ihm hinunter. Er sa schon ber eine Stunde allein. Die Gste, die bei ihm gewesen waren, hatten ihn lngst verlassen. Er sa allein. Die Qual der Einsamkeit war auf seinem Gesicht zu lesen. Als er mich erblickte, winkte er leicht mit der Hand. O du mein Retter, sagte er. Noch heute klingen mir diese Worte im Ohre. O du mein Engel, du hast dich gelangweilt? Oh! wie habe ich mich gelangweilt! antwortete er. Ich kte ihn auf die Schulter. Er reichte mir seine Wange. Wir kten uns; er drckte noch immer meine Hand. Achte Nacht. Er lag nicht gern im Bett und legte sich fast nie nieder. Er zog seinen Lehnstuhl und die sitzende Stellung vor. Aber in dieser Nacht sagte ihm der Arzt, er msse sich ausruhn. Mimutig stand er auf, sttzte sich auf meine Schulter und ging zu seinem Bett. Mein liebes Herz! Sein mder Blick, sein bunter warmer Rock, sein langsamer Schritt, ich sehe das alles noch, es steht mir vor Augen. Er lehnte sich an meine Schulter und flsterte mir ins Ohr, indem er einen Blick auf das Bett warf: Jetzt bin ich verlassen. -- Wir wollen nur eine halbe Stunde im Bett bleiben, sagte ich ihm, dann setzen wir uns wieder in deinen Stuhl! Ich blickte auf dich, du liebe, zarte Blte! Die ganze Zeit, whrend du im Bett oder im Lehnstuhl schliefst oder nur schlummertest, folgte ich jeder deiner Bewegungen, bei jedem Blick aus deinen Augen wie durch eine unerklrliche Gewalt an dich gebannt. Wie seltsam neu war mir damals mein Leben, und doch war mir's, als sei das alles nur eine Wiederholung von etwas Fernem, lngst Dagewesenem! Aber mir scheint, es ist schwer, eine Vorstellung davon zu geben, mir war's, als kehre ein flchtiger, neuer Abschnitt meiner Jugend zu mir zurck, einer Zeit, wo die junge Seele nach Freundschaft und Verbrderung mit ihren jungen Altersgenossen drstet, nach einer wahrhaft jugendlichen Freundschaft voller lieber, beinahe kindlicher Kleinigkeiten und gegenseitiger Beweise einer zrtlichen Anhnglichkeit; wo es so s ist, einander Aug' in Auge zu schauen, wo man hufig sogar zu dem berflssigsten Opfer bereit ist. Alle diese sen, jungen, frischen Gefhle -- die, ach, nur die Bewohner einer unwiederbringlich verlorenen Welt sind -- alle diese Gefhle kehrten zu mir zurck. Mein Gott, warum nur? Ich blickte auf dich, meine liebe, junge Blte! Wehte mich darum dieser liebliche Duft der Jugend so pltzlich an, um mich dann mit einemmal in eine noch grere, tdliche Erstarrung der Gefhle zu strzen, und um mich pltzlich um zehn Jahre lter zu machen, damit ich noch verzweifelter, noch hoffnungsloser auf mein dahinschwindendes Leben sehen sollte? So flammt ein ausgehendes Licht noch ein letztes Mal in der Luft auf und erleuchtet noch einmal zitternd die dstren Mauern, um dann fr immer zu erlschen. Rom Ein Fragment Deutsch von Otto Buek Sieh dir den Blitz an, wenn er durch kohlschwarze Wolken bricht und schier unertrglich aufleuchtet in einer wahren Flut von Licht: so sind die Augen der Albanerin Anunziata. An ihr erinnert alles an jene alten Zeiten, als der Marmor aufzuleben begann und der Meiel in der Hand des Bildhauers blitzte. Ein schwerer Zopf dichter, pechschwarzer Haare schlang sich in zwei Ringen hoch um das Haupt, um in vier langen Locken auf den Hals herabzufallen. Wem sie den leuchtenden Schnee ihres Antlitzes zuwenden mochte -- ihr Bild prgte sich jedem tief ins Herz hinein. Wandte sie jemand ihr Profil zu -- so strmte ein wunderbarer Adel von ihm aus, und der schne Schwung der Linien bertraf alles, was je eines Malers Pinsel geschaffen hat. Oder drehte sie einem den Rcken und lie sie ihm ihren Hinterkopf mit dem herrlichen, aufwrts gekmmten Haar, den leuchtenden Hals und die berirdische, nie gesehene Schnheit ihrer Schultern sehen -- so wirkte sie auch da wie ein Wunder. Aber am herrlichsten war sie, wenn sie ihre Augen auf jemand richtete, ihn ansah und kalte Schauer in sein Herz go. Hell wie Erz tnte ihre volle Stimme. Kein geschmeidiger Panther htte es an Kraft, Stolz und Schnelligkeit der Bewegungen mit ihr aufnehmen knnen. In jedem Teile ihres herrlichen Krpers erschien sie wie die Krone der Schpfung, von den Schultern bis hinab zu dem lebenatmenden Fu von antiker Bildung -- ja bis zur letzten Zehe dieses Fues. Wohin sie gehen mochte -- stets lie sie ein Bild vor dem Auge erstehen: wenn sie abends mit der getriebenen Bronzevase auf dem Haupte zum Brunnen eilte, so schien sich die ganze Umwelt mit einer wunderbaren Harmonie zu erfllen: die herrlichen Linien des Albanergebirges verloren sich sanfter in der Ferne, blauer als sonst erschien die Tiefe des rmischen Himmels, schlanker strebte die Zypresse zur Hhe, und der schnste unter den Bumen des Sdens, die rmische Pinie, hob sich mit ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden Spitze zarter und reiner vom Himmel ab. Und alles, der Brunnen, wo auf den Marmorstufen die Albanermdchen, eine grer und schlanker als die andre, in Haufen beieinander standen und mit ihren krftigen, silbernen Stimmen durcheinanderschwatzten, whrend in klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang und nacheinander die untergehaltenen kupfernen Krge fllte, -- der Brunnen, die Mdchengruppen, -- alles schien allein um ihretwillen da zu sein, um ihre sieghafte Schnheit noch heller erstrahlen, um erkennen zu lassen, da sie ber alles herrscht und gebietet, wie eine Knigin ber ihr Hofgesinde. Oder, wenn an einem Feiertage die dunkle Baumgalerie, die von Albano nach Castel Gandolfo fhrt, voll festlich gekleideter Menschen ist, wenn unter ihrer dunklen Wlbung die Minenti stutzerhaft in Sammetkleidern mit leuchtenden Grteln und einer goldfarbenen Blume an ihrem Kastorhut einherspazieren, wenn zahlreiche Esel mit halbgeschlossenen Augen schlanke, krftige Albanerinnen und Frascatanerinnen in malerischer Haltung mit weithin schimmerndem, weiem Kopfputz im Schritt oder im Galopp vorbertragen, oder mhsam, fortwhrend stolpernd und so gar nicht malerisch mit einem langen, unbeweglichen, in einen erbsgrauen, undurchdringlichen Mantel gehllten Englnder vorberziehen, der aus Furcht, seine Fe knnten die Erde berhren, mit spitzwinklig emporgezogenen Beinen dasitzt, oder mit einem Knstler in einer schlichten Bluse, einem an einem Riemen befestigten Holzkasten und einem kecken Van-Dyk-Brtchen vorbeitraben, whrend Schatten und Sonnenlicht abwechselnd ber die ganze Gruppe huschen -- selbst dann, d. h. selbst an solch einem Feiertage ist es einem weit wohler zumute, wenn sie da ist, als wenn sie fehlt. Die Passage lt sie strahlend und ganz in Licht gehllt aus ihrer finstern, dunklen Tiefe heraustreten. Der Purpurstoff ihres albanischen Kleides flammt wie Gold, das ein Sonnenstrahl berhrt hat. Eine wundersame Feiertagsstimmung leuchtet einem jeden von ihrem Anlitz entgegen, und wer ihr begegnet, bleibt wie angewurzelt stehen: der stutzerhafte Minenti mit der Blume am Hut stt einen Schrei der berraschung aus, das Gesicht des Englnders im erbsgrauen Mantel verwandelt sich in ein Fragezeichen, und der Knstler mit dem Van-Dyk-Brtchen ...; doch dieser bleibt viel lnger auf einem Flecke stehen, als alle andern, wie wenn er sich dchte: ja, das wre ein herrliches Modell fr eine Diana, eine stolze Juno, eine verfhrerische Grazie wie berhaupt fr jede Frau, die jemals auf einer Leinwand dargestellt ward! Und er fgt wohl in Gedanken khn hinzu: ja, das wre ein Paradies, wenn ein solches Wunder mein bescheidenes Atelier fr immer schmcken knnte. Wer aber ist _er_, dessen Blick sich so viel leidenschaftlicher und wie gebannt an ihre Spuren heftet! Wer ist er, der jedes ihrer Worte, jede ihrer Bewegungen und Gedankenregungen so aufmerksam auf ihrem Gesichte verfolgt. Ein fnfundzwanzigjhriger Jngling, ein rmischer Frst, der Nachkomme einer Familie, die einst die Ehre, den Stolz und die Schmach des Mittelalters bildete und die nun in einem wunderbaren alten Schlo auf ihr nahes Ende wartete. Dieses mit Fresken von Guercin und Caracci gezierte Schlo beherbergte eine Bildergalerie voll nachgedunkelter Gemlde, verblichener Stoffe, lazurblauer Tische und wurde von einem _Maestro di casa_ verwaltet, der selbst grau wie ein Falke war. Vor kurzem erst hatten ihn die rmischen Straen erblickt: diese schwarzen Augen, die hinter dem ber die Schulter geworfenen Mantel Blitze hervorschleuderten, diese Nase von antiker Kontur, das Elfenbein seiner Stirn und die auf sie herabfallende wehende Locke seidenen Haares. Nach fnfzehnjhriger Abwesenheit war er wieder in Rom aufgetaucht; nun ein stolzer Jngling, er, der noch vor kurzem ein Kind gewesen war. Aber der Leser mu unbedingt erfahren, wie das alles geschah, und daher wollen wir schnell die Geschichte dieses jungen, aber an starken Eindrcken schon so reichen Lebens an uns vorberziehen lassen. Seine frhste Jugend hatte der Frst in Rom verlebt; er erhielt eine Erziehung, wie sie bei den hohen rmischen Wrdentrgern, deren Leben sich seinem Ende entgegenneigt, blich ist. Ein Abb vertrat bei ihm die Stelle des Lehrers, Aufsehers, Gouverneurs usw.; dieser war ein strenger Klassiker, ein Verehrer der Briefe Pietro Bembos, der Werke des Giovanni della Casa und einiger fnf oder sechs Gesnge Dantes, die er beim Lesen stets mit lebhaften Ausrufen wie: _Dio che cosa divina!_ begleitete, um nach ein paar Zeilen gleich wieder hinzuzufgen: _Diavolo che divina cosa!_ Darin bestand das ganze knstlerische Werturteil und die ganze Kritik der von ihm so bewunderten Werke -- im brigen aber sprach er nur ber Broccoli und Artischocken, -- dies war sein Lieblingsthema, und er wute ganz genau, zu welcher Jahreszeit das Kalbfleisch am besten sei und in welchem Monat man damit beginnen knne, junges Ziegenfleisch zu essen; ber all diese Gegenstnde unterhielt er sich am liebsten auf der Strae, wo er gewhnlich einen andern Abb zu treffen pflegte; er trug schwarze seidene Strmpfe, in die er zuvor ein Paar wollene hineinstopfte, wodurch er seine dicken Waden geschickt zur Geltung zu bringen wute, nahm regelmig einmal im Monat eine Portion _Olio di ricino_ in einer Tasse Kaffee als Purgiermittel ein und wurde, wie alle Abbs, mit jedem Tag und jeder Stunde wohlbeleibter. Es ist begreiflich, da sich der junge Frst bei einer solchen Erziehung kein groes Wissen aneignete. Er erfuhr nur, da die lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei, da es drei Arten von Monsignori gibt: solche in schwarzen Strmpfen, solche in violetten Strmpfen und endlich solche, die beinahe so viel bedeuten, wie ein Kardinal; er lernte einige Briefe Pietro Bembos -- meist Glckwunschschreiben an die zu jener Zeit lebenden Kardinle -- kennen, machte nhere Bekanntschaft mit der Corsostrae, wo er hufig mit dem Abb spazierenging, sowie ferner mit der Villa Borghese und mit zwei bis drei Lden, vor denen der Abb haltzumachen pflegte, um sich Papier, Federn und Schnupftabak zu kaufen, und endlich noch mit der Apotheke, wo jener sein _Olio di ricino_ bezog. Das war der ganze Horizont, der das Wissen des Zglings umschlo. Von den anderen Lndern und Staaten hatte der Abb nur in ganz unklaren und unsicheren Andeutungen gesprochen: er hatte erwhnt, da es ein sehr reiches Land, Frankreich, gbe, da die Englnder gute Kaufleute seien und eine groe Vorliebe fr das Reisen htten, da die Deutschen -- sehr viel trnken und da im Norden ein barbarisches Land Moscovien liege, in dem eine furchtbare Klte herrsche, bei der ein menschliches Gehirn leicht in die Brche gehen knne. Wahrscheinlich htte der Zgling bis zu seinem fnfundzwanzigsten Jahre kaum noch etwas ber diese Tatsachen hinaus erfahren, wenn es dem alten Frsten nicht pltzlich eingefallen wre, die alte Erziehungsmethode fallen und dem Sohne eine europische Bildung geben zu lassen, was wohl zum Teil dem Einflu einer franzsischen Dame zuzuschreiben war, auf die der Frst seit einiger Zeit berall -- im Theater wie auf Spaziergngen -- bestndig seine Lorgnette richtete, wobei er alle Augenblicke sein Kinn in sein ungeheures weies Jabot versenkte und sich eine schwarze Locke auf seiner Percke zurechtstrich. So wurde denn der junge Frst nach Lucca geschickt, um hier die Universitt zu beziehen. Dort entfaltete sich whrend eines sechsjhrigen Aufenthaltes seine lebhafte italienische Natur, die unter der langweiligen Aufsicht des Abbs nur geschlummert hatte: Es zeigte sich, da der Jngling eine nach erlesenen Genssen drstende Seele und eine starke Beobachtungsgabe besa. Die italienische Universitt, wo die Wissenschaft unter der harten Hlle trockener, scholastischer Formen dahinvegetierte, befriedigte die jngere Generation nicht mehr, an deren Ohr schon die Kunde von dem lebendigen Geiste gedrungen war, die hie und da ber die Alpen kam. Der Einflu Frankreichs machte sich bereits in Oberitalien bemerkbar: er wurde zugleich mit allerhand neuen Moden, Vignetten, Vaudevilles und geknstelten Produkten der zgellosen, ungeheuerlichen und leidenschaftlichen franzsischen Muse, die aber dennoch Spuren eines starken Talentes erkennen lt, hierher getragen. Die starke politische Bewegung, die sich seit der Julirevolution in den Zeitschriften bemerkbar machte, fand auch hier ihr Echo. Man trumte von der Wiederherstellung der entschwundenen ruhmvollen italienischen Vergangenheit und blickte voller Emprung auf die verhate weie Uniform der sterreichischen Soldaten. Aber die zu ruhigen Genssen reizende italienische Natur machte sich nicht Luft in einem Aufstand, zu dem sich der Franzose ohne lange Bedenken entschlossen htte: all diese Gefhle strmten nur in dem einen unbestimmten Wunsch zusammen, das wahre Europa jenseits der Alpen kennen zu lernen. Die ewige Bewegung, die es durchflutete, und sein heller Glanz erschienen in lockender Ferne. Dort war alles neu, stand alles im Gegensatz zu dem ehrwrdigen Alter Italiens, dort hatte das XIX. Jahrhundert und das wahre europische Leben begonnen. Ein heies Sehnen ri die Seele des jungen Frsten dorthin; er trumte von hellem Licht und Abenteuern, und jedesmal umwlkte ein drckendes Gefhl der Wehmut seinen Geist, wenn er der Unmglichkeit inne wurde, seinen Wunsch erfllt zu sehen: er kannte den unbeugsamen, despotischen Willen des alten Frsten, und er fhlte sich auerstande, es mit ihm aufzunehmen -- da erhielt er pltzlich einen Brief von dem Frsten, in dem dieser ihm befahl, nach Paris zu reisen, seine Studien in der dortigen Universitt zu beendigen und nur in Lucca die Ankunft eines Onkels abzuwarten, um sich mit diesem zusammen auf die Reise zu begeben. Der junge Frst sprang vor Glck in die Hhe, kte seine smtlichen Freunde ab, gab ihnen in einer Osterie, die in der Umgegend der Stadt lag, ein Festmahl und war zwei Wochen spter bereits unterwegs mit einem Herzen, das jedem Gegenstand mit frohem Pochen entgegenschlug. Als man den Simplon passiert hatte, leuchtete ein freudiger Gedanke in seinem Kopfe auf; er befand sich auf der andern Seite der Alpen: er war in Europa. Die wilde Unform der Schweizer Alpen, die sich ohne weite Perspektiven und ohne jene weich in der Ferne verlaufenden Tiefen in die Hhe trmten, erschreckte zunchst seinen an die hohe Ruhe und an die heitere wollstige Schnheit der italienischen Natur gewhnten Blick. Aber er erheiterte sich mit einem Schlage beim Anblick der europischen Stdte, der prachtvollen hellen Gasthfe und des Komforts, der jeden Reisenden erwartete, so da er sich's bequem machen konnte, wie wenn er zu Hause wre. Diese kokette Sauberkeit und dieser Glanz -- das war ihm alles neu. In den deutschen Stdten fhlte er sich ein wenig berrascht durch den etwas seltsamen Krperbau der Deutschen und den Mangel an Grazie, Harmonie und Schnheit, fr die der Italiener ein angeborenes Gefhl im Busen trgt; auch die deutsche Sprache machte einen unangenehmen Eindruck auf sein musikalisches Ohr, aber nun lag die franzsische Grenze vor ihm, und sein Herz erbebte. Die leichten, hpfenden Laute einer modernen europischen Sprache trafen zrtlich kosend sein Ohr, und mit Wonne suchte er ihr sanft gleitendes Gerusch aufzufangen; schon in Italien waren ihm diese Laute als etwas Hohes erschienen, befreit von allen krampfhaften Bewegungen, wie sie den starken Sprachen aller Vlker der gemigten Zone eigen sind, die sich noch nicht gewhnt haben, sich in mavollen Grenzen zu halten. Einen noch greren Eindruck aber machten auf ihn die Frauen, diese seltsamen, leicht dahinschwebenden Geschpfe. Er war berrascht ber diese flchtigen Wesen mit den kaum hervortretenden zarten Formen, den kleinen Fen, dem feinen therischen Gliederbau, dem Feuer der Augen, das Hingabe und Sympathie ausstrmte, und ihrem leichten, kaum ber Andeutungen hinausgehenden Geplauder. Voller Ungeduld erwartete er die Ankunft in Paris, das er in seiner Einbildung mit Trmen und Palsten ausschmckte; er machte sich ein eigenes Phantasiebild von dieser Stadt, und mit pochendem Herzen gewahrte er endlich die ersten Anzeichen der Nhe der Hauptstadt: Plakate an den Mauern, Buchstaben von ungeheurer Gre, immer zahlreicher werdende Omnibusse und Diligencen, -- und nun erschienen die ersten Huser der Vorstadt. Doch jetzt war er in Paris und fhlte sich dunkel von der ungeheueren Auenseite der Stadt umfangen; Staunen erfate ihn, als er die Bewegung und all den Glanz in den Straen erblickte, dies wirre Durcheinander der Dcher, den Wald der Schornsteine, die dichten stillosen Husermassen mit den eng beieinanderstehenden bunten Lden, die hlichen nackten, zusammenhangslosen Fassaden, diese zahllose bunte Menge goldener Buchstaben, die alle Wnde bedeckten, bis auf die Dcher und sogar auf die Schornsteine emporkletterten, die hellen unteren Stockwerke, die aus lauter Spiegelglsern bestanden, und in die man bequem hineinsehen konnte. Dies also war Paris, dieser ewig kochende Krater, dieser Springbrunnen, der eine wahre Funkengarbe von Neuigkeiten, von Aufklrung, Moden, erlesenem Geschmack und winzigen, aber mchtigen Gesetzen ausspie, denen sich selbst die Tadler nicht zu entziehen vermochten: diese groe Ausstellung aller Erzeugnisse der Kunst, hchster Meisterschaft und aller Talente, die sich in den unbedeutendsten Winkeln Europas verbergen, die drngende Sehnsucht und der schnste Traum eines Zwanzigjhrigen, diese Wechselstube und dieser Jahrmarkt Europas. Ganz betubt und unfhig, sich zu sammeln, streifte er durch die Straen, die von allerlei Volk wimmelten und von zahlreichen Rinnen, die die Rder vorberrollender Omnibusse hinterlieen, durchfurcht waren, bald gefesselt durch den Anblick eines Cafs und seiner wunderbaren, geradezu kniglichen Ausstattung, bald wieder berrascht durch die berhmten gedeckten Passagen, wo ihn das dumpfe Gerusch von einigen tausend Fugngern betubte, meist jungen Leuten, die sich wie eine kompakte Masse vorwrts bewegten, und vllig geblendet von dem flimmernden Glanz der Kauflden, die von oben her durch ein auf das Glasdach der Galerie fallendes Licht erleuchtet wurden. Zuweilen auch blieb er vor einem der vielen Plakate stehen, die in Millionen Exemplaren und dicht nebeneinanderhngend, das Auge durch ihre Buntheit beunruhigten: das waren laute Ankndigungen von etwa vierundzwanzig Vorstellungen, die hier tglich stattfanden, und einer schier unendlichen Anzahl aller mglichen Konzerte; und als nun endlich dies ganze mrchenhafte Durcheinander gegen Abend bei der zauberischen Gasbeleuchtung aufflammte -- als alle Huser pltzlich gleichsam durchsichtig wurden und von unten herauf lebhaft zu leuchten begannen, da geriet er vollends in Verwirrung: die Fenster und die Glser der Magazine schienen ganz verschwunden, ja berhaupt nicht mehr vorhanden zu sein, und das ganze Innere schien unbewacht unmittelbar an der Strae zu liegen, einen flimmernden Glanz um sich zu verbreiten und sich tief innen in den Glsern zu spiegeln. _Ma quest' una cosa divina!_ wiederholte der lebhafte Italiener fortwhrend. Sein Leben flo schnell dahin, wie das Leben vieler Pariser und das der zahlreichen jungen Auslnder, die nach Paris kommen. Bereits um neun Uhr befand er sich, kaum, da er aus dem Bett gesprungen war, in einem prachtvollen Caf mit modernen Fresken unter Glas und einer von Gold strotzenden Decke. Auf den Tischen lagen ganze Ste von Zeitungen und Zeitschriften gewaltigen Formats, und ein Kellner von vornehmem uern schritt mit einer wundervollen Kaffeekanne in der Hand an den Gsten vorbei. Hier trank er mit der Genusucht eines Sybariten aus einer ungeheuren Tasse den fetten Kaffee, lehnte sich wohlig in das weiche elastische Sofa zurck und dachte an die niedrigen, dunklen italienischen Cafs mit ihren unsauberen Bottegas und ihren schmutzigen, ungewaschenen Glsern. Dann vertiefte er sich in die Lektre der ungeheuren Zeitungen und gedachte der schwindschtigen kleinen Zeitschriften Italiens, des Diario di Roma, des Il Pirato und hnlicher, in denen nichts wie harmlose politische Nachrichten und womglich Anekdoten ber die Thermopylen und den Perserknig Darius zu lesen waren. Hier dagegen sprte man berall die glhende Leidenschaft, die dem Schriftsteller die Feder gefhrt hatte. Hier berstrzten sich die Fragen frmlich, jede Erwiderung rief eine neue hervor -- hier schien sich ein jeder nach Krften durchzusetzen, sich recht breit zu machen und grozutun: irgendeiner drohte mit einer baldigen politischen Umwlzung und verkndigte einen Zusammenbruch des Staates, jede kaum merkliche Bewegung in der Kammer und im Ministerium, jede ihrer Aktionen wuchs sich zu einer gewaltigen, machtvollen Bewegung der hartnckigen Parteien aus und hallte als lautes, wtendes Geschrei aus den Journalen wider. Ja, der Italiener versprte etwas wie Furcht, wenn er dies las und daran dachte, da vielleicht schon morgen die Revolution ausbrechen knnte; wie von einem Dunst umnebelt verlie er das Lesezimmer, und erst die Straen von Paris vermochten es, den ganzen Ballast in einem Augenblick aus seinem Kopfe zu vertreiben. Dieser ber alle Gegenstnde dahinhpfende Glanz, diese bunte Bewegung erschienen ihm nach der schweren Lektre fast wie zarte Blumen, die sich an dem Rande eines Abgrundes angesiedelt hatten. Mit einem Schlage befand er sich wieder ganz auf der Strae und war bald gleich allen andern in jeder Hinsicht ein miger Flaneur. Er sah sich die frhlichen, grazisen Verkuferinnen an, die gleich kaum erblhten Knospen im ersten Lenz der Jugend prangten, und die alle Pariser Kauflden anfllten, als wenn die rauhe Gestalt des Mannes etwas Anstiges an sich htte und hinter den groen Fensterscheiben wie ein schwarzer Fleck erschienen wre. Er sah, wie die bis zur Koketterie schmalen, mit den feinsten Seifen gewaschenen Hndchen ihm lockend entgegenglnzten, wie sie damit beschftigt waren, das Konfektpapier zu falten, whrend die Augen hell und unverwandt auf die Vorbergehenden gerichtet waren; er sah, wie sich an einer andern Stelle ein blondes, lieblich geneigtes Kpfchen, die langen Wimpern tief in die Seiten eines Moderomans versenkt, am Fenster abzeichnete, und wie die Schne gar nicht bemerkte, da bereits ein ganzer Haufen junger Leute vor ihr stand, ihren schneeweien Hals, ja, jedes Hrchen auf dem Kopfe betrachtete, und selbst das leise Wogen des Busens belauschte, das die Lektre begleitete. Er blieb auch vor einem Bcherladen stehen, wo ihm seltsame Buchstaben gleich Hieroglyphen entgegenblickten, oder wo sich dunkle Vignetten gleich schwarzen Spinnen von dem dicken glnzenden Papier abhoben, Vignetten, die meist mit einem solchen Schwung und einer solchen Leidenschaft hingeworfen waren, da es oft ganz unmglich war, herauszubekommen, was sie eigentlich darstellten. Oder er sah sich eine Maschine an, die fr sich allein einen ganzen Laden ausfllte und die hinter der groen Spiegelscheibe in voller Ttigkeit war, indem sie eine ungeheure Walze, die Schokolade zerrieb, hin und her wlzte. Er blickte auch in die Lden hinein, vor denen die Pariser Krokodile, die Hnde in den Taschen und mit offenem Munde, stundenlang herumstehen: da sah man wohl einen gewaltigen roten Hummer aus dem grnen Gemse hervorgucken, oder eine getrffelte Pute mit der lakonischen berschrift 300 Frank thronen, oder gelbe und rote Fische mit goldigen Flossen und Schwnzen in Glasvasen herumschwimmen. Oder er schlenderte auf den breiten Boulevards herum, die das ganze enge winklige Paris majesttisch durchquerten; da sah man, wie sich mitten in der Stadt gewaltige Bume bis zur Hhe eines sechsstckigen Hauses emporreckten, und wie sich Scharen von Fremden und ein Haufen urwchsiger Pariser Lwen und Tiger, die in den Novellen und Erzhlungen nicht immer richtig dargestellt sind, auf dem Asphalttrottoir drngten. Und wenn er genug herumflaniert und des Schauens satt war, dann begab er sich in ein Restaurant, wo die mit Spiegelscheiben ausgeschlagenen Wnde lngst im Glanze des Gaslichts erstrahlten und unzhlige Gruppen von Damen und Herren widerspiegelten, die hinter den kleinen im Saale verstreuten Tischen saen und sich geruschvoll unterhielten. Nach dem Diner eilte er sogleich ins Theater, wobei ihm nur die Wahl schwer wurde, fr welches er sich entscheiden sollte: denn jedes hatte seine eigene Berhmtheit, jedes seinen hervorragenden Autor, jedes seine besonderen Schauspiele. berall wurden Novitten aufgefhrt. Dort gab es ein glnzendes Vaudeville, lebensprhend, oberflchlich und jeden Tag neu, wie der Franzose selbst, ein Stck, das vielleicht in drei migen Minuten entstanden war, und beim Publikum, dank der unerschpflichen Laune des Schauspielers, von Anfang bis zu Ende unaufhrliche Lachstrme entfesselte. Dort wieder gab man ein Drama voller Glut und Leidenschaft. -- Und unwillkrlich verglich er die trockene, drftige Schaubhne Italiens, wo der alte Goldoni, den schon alle auswendig konnten, unaufhrlich wiederholt, oder allerhand neue Komdien aufgefhrt wurden, deren Harmlosigkeit und Naivitt selbst ein Kind htten langweilen mssen -- unwillkrlich verglich er jene mageren Erzeugnisse mit dieser lebendigen, hastigen dramatischen Flut, wo das Eisen geschmiedet wurde, solange es noch hei, und wo jedermann besorgt war, seine Novitt knne vorzeitig kalt werden. Wenn er sich dann grndlich ausgelacht, aufgeregt und satt gesehen hatte, kehrte er mde und ganz berwltigt von all den Eindrcken nach Hause zurck und sank ins Bett, den einzigen Gegenstand, den der Franzose bekanntlich in seiner Stube nicht entbehren kann. Wenn er ein Arbeitszimmer, ein Mittagessen und des Abends einen beleuchteten Raum braucht, dann sucht er ein ffentliches Gebude auf. Aber der Frst unterlie es trotzdem nicht, mit diesem abwechslungsreichen Miggang auch die geistige Bettigung zu verbinden, nach der seine Seele voller Ungeduld drstete. Er besuchte auch die Vorlesungen smtlicher berhmter Professoren. Das lebendige, oftmals Begeisterung ausstrmende Wort, die neuen Gesichtspunkte und die neuen Seiten, die der redegewandte Professor den Dingen abzugewinnen wute, hatten fr den jungen Italiener etwas berraschendes. Er fhlte pltzlich, wie eine Hlle von seinen Augen sank, wie die Gegenstnde, die er frher kaum bemerkt hatte, nun pltzlich in einem neuen, hellen Lichte erstrahlten, und wie der alte Plunder von allerhand Kenntnissen, die er sich bisher angeeignet hatte und die bei der bergroen Zahl der jungen Leute gewhnlich wieder spurlos in Vergessenheit geraten, da es ihnen an Gelegenheit zur Anwendung fehlt, pltzlich lebendig zu werden begann und nun, mit neuem Auge angesehen, sich fr immer in seinem Gedchtnis befestigte. Er unterlie es auch nicht, sich alle berhmten Prediger, Publizisten und Redner, die Diskussionen in der Kammer und berhaupt alles anzuhren, was den Ruhm von Paris bildet und in Europa laut von sich reden macht. Und trotzdem es ihm hufig an den Mitteln fehlte, da er vom alten Frsten nur einen geringen Wechsel erhielt, wie er wohl einem Studenten, aber keinem Frsten angemessen ist, fand er dennoch Gelegenheit, sich alles anzusehen, sich Zutritt bei allen Zelebritten zu verschaffen, deren Ruhm die europischen Bltter bestndig ausposaunen, indem eins das andre wiederholt, ja, er lernte sogar die Modeschriftsteller persnlich kennen, deren seltsame Schpfungen, wie die vieler andrer, einen so starken Eindruck auf seine junge leidenschaftliche Seele gemacht hatten, und in denen alle Welt eine bisher noch nie angeschlagene Saite und bislang noch von niemand erfate Regungen der Leidenschaften zu vernehmen glaubte. Mit einem Wort, das Leben des jungen Italieners nahm eine groe, vielgestaltige Wendung und ward von dem mchtigen Glanze europischen Lebens umstrahlt. Welche Unzahl von Eindrcken an einem einzigen Tage: sorgloser Miggang und ein unruhiges Erwachen, eine leichte Beschftigung der Augen und eine angestrengte Arbeit des Geistes, ein Vaudeville im Theater, eine Predigt in der Kirche, der politische Wirbel in den Zeitschriften und in der Kammer, das Hndeklatschen in den Auditorien, der erschtternde Donner des Konservatoriumsorchesters, der therische Glanz der tanzenden Bhne, der laute Lrm auf den Straen -- welch ein mchtig flutendes Leben fr einen fnfundzwanzigjhrigen Jngling! Es gibt keinen herrlicheren Punkt als Paris, und fr nichts in der Welt htte er ein solches Leben hingegeben. Wie angenehm und lustig ist's doch, mitten im Herzen Europas zu leben, wo man immer hher emporsteigt, whrend man vorwrtsschreitet, wo man fhlt, da man ein Glied der groen universellen Gemeinschaft ist. Ja mitunter kam ihm sogar der Gedanke, Italien gnzlich Valet zu sagen und sich fr immer in Paris niederzulassen. Italien erschien ihm jetzt wie ein finsterer, mit Schimmel bedeckter Winkel Europas, wo alles Leben und jede Bewegung erstorben war. So entflohen vier heie Jahre seines Lebens -- vier Jahre von ungeheurer Bedeutung fr einen Jngling -- doch am Schlu dieses Abschnittes erschien ihm gar manches schon nicht in demselben Lichte wie ehemals. Von vielem fhlte er sich enttuscht. Dasselbe Paris, das unaufhrlich neue Fremde anzog, diese nie erlschende Leidenschaft der Pariser machte auf ihn lngst nicht mehr den Eindruck wie frher. Er sah, wie diese groe Vielseitigkeit und Bewegtheit des Lebens verging, ohne Folgen blieb und in der Seele keinen fruchtbaren Niederschlag hinterlie. In dem Wirbel dieser ewigen siedenden Bewegung und Ttigkeit entdeckte er nun eine furchtbare Unttigkeit und ein schreckliches Vorherrschen des Wortes ber die Tat. Er sah, wie jeder Franzose scheinbar nur mit dem erhitzten Kopfe arbeitete, wie diese Lektre der mchtigen Zeitungsbltter den ganzen Tag in Anspruch nahm und keine Stunde fr das praktische Leben briglie, wie jeder Franzose in diesem seltsamen Strudel einer von Druckerschwrze beherrschten papierenen Politik erzogen wurde und ohne jede Kenntnis des Standes, dem er angehrte, ohne alle die ihm zukommenden Rechte und Lebensverhltnisse auch in der Praxis kennen gelernt zu haben, sich schon der einen oder andern Partei anschlo, sich all ihre Interessen feurig und leidenschaftlich zu Herzen nahm, und seinen Gegnern heftig entgegentrat, ohne seine Interessen, noch seine Gegner von Angesicht zu kennen -- und das Wort _Politik_ fing schlielich an, unserem Italiener lebhaften Ekel zu erregen. In den Bewegungen des Geistes, des Handels ... berall und in allem glaubte er nur gewaltsame Anstrengungen und ein ewiges Streben nach neuen Sensationen zu entdecken. Der eine suchte aus allen Krften dem andern, wenn auch nur fr einen Moment, den Rang abzulaufen. Der Kaufmann verwandte sein ganzes Kapital auf die Ausstattung seines Ladens, um die Menge durch seinen Glanz und seine Pracht anzulocken. Der Buchhandel nahm seine Zuflucht zu allerhand Bildern und Illustrationen, mit denen die Bcher ausgestattet wurden, sowie zu einem luxurisen Buchschmuck, um hierdurch die erkaltende Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken: In ihren Romanen und Novellen suchten die Schriftsteller den Leser durch die Seltsamkeit unerhrter Leidenschaften und durch Darstellung hlicher Ausgeburten der menschlichen Natur zu fesseln. Alles schien sich einem frech und ohne Aufforderung von selbst anzubieten und aufzudrngen, wie eine Dirne, die die Mnner nachts auf der Strae einzufangen sucht; alles streckte in wildem Wetteifer seine Hand mglichst weit aus, wie ein drngender Haufe zudringlicher Bettler. Selbst in der Wissenschaft und in den so durchgeistigten Vorlesungen, deren Wert er unbedingt anerkennen mute, glaubte er die Absicht herauszufhlen, Vorzge ans Licht zu stellen, mit ihnen zu prahlen und sich selbst in Szene zu setzen: berall gab es glnzende Episoden, aber dem Ganzen fehlte doch der mchtige, feierliche, erhabene Flu. berall das Bestreben, bisher unbeachtete Tatsachen aufzuspren und ihnen eine ungeheure Bedeutung beizulegen, oft zum Nachteil der Einstimmigkeit und Harmonie des Ganzen, nur um sich den Ruhm einer Entdeckung zu sichern; und schlielich dieses fast durchgngige, dreiste Selbstbewutsein, dieser vllige Mangel einer Erkenntnis unserer Unwissenheit -- und unserem Italiener fiel ein Vers ein, in dem der italienische Dichter Alfieri in einer boshaften Laune den Franzosen den Vorwurf macht: _Tutto fanno, nulla sanno,_ _Tutto sanno, nulla fanno._ _Gira volta son Francesi,_ _Piu gli pesi, men ti danno._ Eine trbselige Stimmung bemchtigte sich des jungen Frsten. Vergebens versuchte er es, sich zu zerstreuen und Menschen aufzusuchen, die er achtete, aber seine italienische Natur wollte nicht mit der franzsischen zusammenstimmen. Er schlo zwar schnell Freundschaften, aber ein Tag gengte, um den Franzosen bis zur letzten Faser seines Wesens kennen zu lernen; am nchsten Tage gab es schon nichts mehr an ihm zu erforschen. Weiter als bis zu einer gewissen Tiefe konnte man keine Frage in seine Seele versenken, und die scharfe Klinge des Gedankens wollte nicht weiter eindringen, und doch hatte der Italiener ein viel zu tiefes Gefhl, um eine ihm vllig befriedigende Antwort bei einem leichtsinnig veranlagten Menschen finden zu knnen. So stie er auf eine seltsame Leere, selbst in den Herzen derer, denen er seine Achtung nicht versagen konnte. Und er erkannte zuletzt, da die ganze Nation, bei all ihren glnzenden Eigenschaften, ihrem edlen Streben, ihren ritterlichen Aufwallungen, dennoch bla und unvollkommen blieb: ein leichtes Vaudeville, da sie selbst geschaffen hatte. ber ihr ruhte keine erhabene Idee von hoher Wrde. berall gab es nur Andeutungen von Gedanken, aber die _eigentlichen_ Gedanken fehlten: berall gab es nur halbe und keine ganzen Leidenschaften, alles blieb unvollendet, flchtig hingeworfen, mit rascher Hand skizziert; die ganze Nation war eine glnzende Vignette, und nicht das Bild eines groen Meisters. War es nur eine melancholische Stimmung, die ihn pltzlich berfallen hatte und ihn nun alles in einem solchen Lichte sehen lie, oder lag der Grund dazu in dem wahrhaften, frischen, inneren Gefhl der Italiener -- genug, dies Paris mit all seinem Lrm und Glanz wurde ihm bald eine drckende Wste, und unwillkrlich flchtete er sich bis an die desten und entlegensten Enden der Stadt. Nur die italienische Oper besuchte er noch; nur da allein schien seine Seele auszuruhen, und die Klnge der heimatlichen Sprache wuchsen jetzt fr ihn bis zu ihrer ganzen Macht und Flle empor. Immer hufiger sah er jetzt sein ihm fast gnzlich aus dem Gedchtnis entschwundenes Italien vor sich: dort irgendwo in weiter Ferne und in einem eigentmlichen, verlockenden Lichte; sein mahnender Ruf wurde mit jedem Tage deutlicher vernehmbar, und so entschlo er sich denn am Ende, an seinen Vater zu schreiben, er mge ihm erlauben, nach Rom zurckzukehren, da er kein Bedrfnis empfnde, lnger in Paris zu bleiben. Zwei Monate lang blieb jede Antwort, ja sogar der gewohnte Wechsel aus, den er schon lngst zu erwarten hatte. Anfnglich wartete er geduldig, da er den launischen Charakter seines Vaters kannte, endlich aber bemchtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Er ging jede Woche mehrmals zu seinem Bankier und erhielt doch immer nur die gleiche Antwort, da keinerlei Nachrichten aus Rom eingetroffen seien. Schon war seine Seele der Verzweiflung nahe. Die Mittel zur Bestreitung seines Lebensunterhalts waren schon seit langer Zeit erschpft, schon hatte er mehrfach beim Bankier eine Anleihe machen mssen, doch auch dies Geld war bereits ausgegeben, und schon lange Zeit a, frhstckte und lebte er auf Kredit; man begann ihn bereits schief und unfreundlich anzusehen, -- aber nicht einmal seine Freunde wollten das geringste von sich hren lassen. Ein Gefhl tiefer Vereinsamung berfiel ihn. Voller Erwartung und Unruhe irrte er durch diese ihm tdliche Langeweile einflende Stadt. Jetzt im Sommer erschien sie ihm noch weit unertrglicher; die groe Menge der Reisenden hatte sich in die Bder begeben, oder befand sich in den groen europischen Gasthfen und unterwegs. Eine gewisse de und Leere warf ihre Schatten auf alles. Die Gebude und Straen von Paris waren unertrglich; die Grten verschmachteten elend inmitten der Huser, auf die die Sonne hei herniederbrannte. Halbtot blieb er an der Seine auf einer schweren, lastenden Brcke oder am schwlen Ufer stehen, und versuchte es, sich selbst zu vergessen, oder sich durch irgendeinen Anblick zu zerstreuen; eine unendliche Langeweile verzehrte ihn, und ein unbekannter Wurm nagte an seinem Herzen. Endlich erbarmte sich das Schicksal seiner -- und eines Tages berreichte ihm sein Bankier einen Brief. Er stammte von seinem Onkel, der ihm mitteilte, da der alte Frst nicht mehr am Leben sei, und da er nun kommen knne, um ber die Erbschaft zu verfgen; dies erfordere seine persnliche Anwesenheit, weil die Vermgensverhltnisse sich in groer Unordnung befnden. Der Brief enthielt auch noch eine magere Banknote, die gerade dazu reichte, die Reise und den vierten Teil seiner Schulden zu bezahlen. Der junge Frst wollte keinen Augenblick lnger zgern, er wute den Bankier, wenn auch nicht ohne Mhe, dazu zu bewegen, auf die Bezahlung der Schuld zu warten, und besorgte sich einen Platz im Postwagen. Eine schwere Last schien von seiner Seele genommen zu sein, als Paris in der Ferne vor ihm versank und die frische Luft der Felder ihn anwehte. Zwei Tage darauf war er schon in Marseille; er wollte jedoch nicht eine einzige Stunde ruhen und bestieg noch am selben Abend das Dampfschiff. Er fhlte sich durch das Mittelmeer heimatlich berhrt; umsplte es doch die Ksten seines Vaterlandes, und schon beim Anblick seiner unendlichen Wogen fhlte er sich erfrischt. Es ist schwer, die Empfindung zu schildern, die ihn beschlich, als er die erste italienische Stadt -- das prachtvolle Genua erblickte. Doppelt so schn erschienen ihm nun die mchtig emporstrebenden bunten Glockentrme, die gestreiften Kirchen aus weiem und schwarzem Marmor und das ganze Amphitheater mit den vielen Trmen, das ihn beim Einlaufen des Dampfers pltzlich von allen Seiten umgab. Nie zuvor hatte er Genua gesehen. Diese funkelnde Buntheit der Huser, Kirchen und Palste inmitten dieser feinen therischen Luft, die in einer fast unbegreiflichen Blue erstrahlte, -- war ganz unvergleichlich. Er stieg ans Ufer und befand sich sogleich in diesen dunklen, wunderbaren, engen, mit Fliesen ausgelegten Straen, ber denen oben nur ein ganz schmaler Spalt blauen Himmels sichtbar war. Dieses dichte Nebeneinander der hohen gewaltigen Huser, dieser Mangel jeden Wagengerassels, diese kleinen dreieckigen Pltze und dazwischen die gewundenen Linien der Straen, die wie kleine Korridore aussehen und unzhlige Lden Genuesischer Gold- und Silberschmiede beherbergen, -- das alles hatte fr ihn etwas berraschendes. Die malerischen Spitzenmntel der Frauen, die kaum merklich von dem warmen Siroccowind hin und her bewegt wurden, ihr fester Tritt, der helle Klang der Stimmen auf den Straen, die offenstehenden Tore der Kirchen, der Weihrauchduft, den sie ausstrmten -- dies alles wehte ihn an wie ein Hauch aus fernen, lngst vergangenen Zeiten. Es fiel ihm ein, da er schon seit vielen Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen war, in der Kirche, die in jenen aufgeklrten Gegenden Europas, wo er geweilt hatte, ihre hohe, reine Bedeutung eingebt hatte. Vorsichtig trat er ein und sank stumm neben dem prachtvollen, marmornen Sulengang auf die Knie; er betete lange, ohne selbst zu wissen, um was er bat -- er dankte Gott dafr, da Italien ihn wieder in seinen Scho aufgenommen, da ihn wieder ein Bedrfnis nach dem Gebet berkommen hatte, da seine Seele so feierlich gestimmt war ..., und das war sicherlich das schnste Gebet. Mit einem Wort, er lie Genua wie eine wundervolle Station hinter sich zurck: hier hatte er den ersten Ku Italiens empfangen. Und mit demselben heiteren Gefhl sah er Livorno, das de Pisa und das von ihm bisher so wenig gekannte Florenz an sich vorberziehen. Majesttisch grten ihn die schwere facettierte Kuppel des florentinischen Doms, die dunklen Palste einer kniglichen Architektur und die strenge Gre der kleinen Stadt. Dann ging's weiter ber den Apennin, auch hier begleitete ihn dieselbe heitere Seelenstimmung, und als dann endlich nach einer sechstgigen Reise in klarer Ferne auf blauem Himmelsgrunde eine sich herrlich rundende Kuppel aufleuchtete -- oh! wie viel Gefhle drngten sich da pltzlich in seiner Brust! Nie hatte er hnliche gekannt, und er htte sie auch nicht aussprechen knnen. Aufmerksam betrachtete er jeden Hgel und jede Erhebung. Und nun waren endlich auch der Ponte Molle und das Stadttor da, jetzt nahm ihn der schnste aller Pltze auf, die Piazza del Popolo; der Monte Pincio mit seinen Terrassen, Treppen, Statuen und den sich oben ergehenden Menschen tauchte auf! Gott! wie fing da sein Herz an zu pochen! Der Vetturino jagte ber die Corsostrae dahin, auf der der Frst einst so unschuldig und treuherzig mit dem Abb spazierengegangen war, als er noch nichts andres wute, als da die lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei. Und nun zogen auch wieder alle Huser an ihm vorbei, an denen er jede Einzelheit auswendig kannte: der Palazzo Ruspoli mit seinem ungeheueren Caf, die Piazza Colonna, der Palazzo Sciarra, der Palazzo Doria, und endlich bogen die Reisenden in die engen Gassen ein, auf die die Auslnder so schimpfen; hier lrmte es nicht und wimmelte es nicht von Menschen, und nur selten begegnete man dem Laden eines Barbiers mit ein paar gemalten Lilien ber der Tr, oder dem eines Hutmachers, der einen breitkrempigen Kardinalshut vor dem Eingang aufgehngt hatte, oder endlich einem Laden mit geflochtenen Sthlen, die gleich hier am Ort und mitten auf der Strae hergestellt wurden. Endlich machte der Wagen vor einem groartigen Palais im Stil Bramantes halt. In dem kahlen, noch nicht aufgerumten Flur lie sich niemand sehen. Auf der Treppe wurde der Ankmmling von dem alten gebrechlichen _Maestro di casa_ begrt, weil der Portier wie gewhnlich mit seinem Stab ins Caf gegangen war, wo er die grte Zeit zu verbringen pflegte. Der Alte ffnete eilig die Lden, und allmhlich wurde es hell in den gewaltigen, altertmlichen Slen. Ein trauriges Gefhl bemchtigte sich des Frsten -- ein Gefhl, das ein jeder versteht, der nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren nach Hause zurckkehrt, wo einem alles so viel lter und verdeter vorkommt, und wo jeder Gegenstand, den wir seit unserer Kindheit kennen, eine so trbselige Sprache redet. Und je heiterer die Erinnerungen sind, die sich an ihn knpfen, um so drckender ist das Gefhl der Wehmut, das bei seinem Anblick unser Herz ergreift. Der Frst durchschritt die lange Flucht der Sle, betrat flchtig das Arbeitszimmer und das Schlafzimmer, wo vor noch gar nicht langer Zeit der alte Besitzer des Schlosses auf einem Bett einzuschlafen pflegte, ber dem sich ein Baldachin mit Quasten und einem Wappen erhob, und aus dem er gewhnlich in Pantoffeln und im Schlafrock ins Arbeitszimmer trat, um ein Glas Eselsmilch zu trinken, da er gern dick werden wollte. Dann besichtigte er das Ankleidezimmer, wo der Alte sich einst mit der peinlichsten Sorgfalt einer alten Kokette geputzt hatte; pflegte er sich doch von hier aus in seinem Wagen, begleitet von seinen Lakaien zum Corso nach der Villa Borghese zu begeben, wo er seine Lorgnette unaufhrlich auf eine Englnderin richtete, die gleichfalls hier ihre Spazierfahrt machte. Auf den Tischen und in den Schubladen konnte man noch die Reste von Schminke, Puder und aller mglichen Farben finden, mit deren Hilfe sich der Greis zu verjngen suchte. Der _Maestro di casa_ erzhlte, er habe noch zwei Wochen vor seinem Tode den festen Entschlu gefat, zu heiraten, und htte sogar ausdrcklich zu diesem Zwecke eine Konsultation mit auslndischen Doktoren abgehalten, um mit diesen zu beraten, wie man wohl _con onore i doveri di marito_ erfllen knne, aber eines schnen Tages sei er nach einem Besuche bei einigen Kardinlen und einem Prior ganz mde nach Hause zurckgekehrt, habe sich in seinen Lehnsessel gesetzt und sei den Tod der Gerechten gestorben, obwohl sein Tod noch seliger gewesen wre, wenn es ihm nach den Worten des _Maestro di casa_ ein paar Minuten frher eingefallen wre, nach seinem Beichtvater _il padre_ Benvenuto zu schicken. Der junge Frst hrte sich das alles zerstreut an, ohne mit seinen Gedanken bei der Sache zu sein. Nachdem er sich von der Reise und den seltsamen Eindrcken erholt hatte, machte er sich daran, seine Angelegenheiten zu ordnen. Er war erschrocken ber die Verwirrung, die hier herrschte. Alles, vom Kleinsten bis zum Grten, befand sich in einem geradezu unmglichen Durcheinander. Vier nie enden wollende Prozesse wegen ein paar verfallener Schlsser und Gter in Ferrara und Neapel, alle Einnahmen schon auf drei Jahre im voraus vllig erschpft; Schulden und tiefste Armut inmitten von hchstem Prunk und Luxus -- das war das Bild, das sich den Augen des Frsten darbot. Der alte Frst war eine unbegreifliche Mischung von Geiz und Verschwendung gewesen. Er hielt sich ein groes Personal von Bedienten, die er nicht bezahlte, die nichts auer ihrer Livree erhielten und sich mit den Trinkgeldern der Auslnder begngen muten, die beim Frsten erschienen, um sich die Galerie anzusehen. Der Frst hatte Jger, Offizianten, _Lakaien_, die hinter seinem Wagen herfuhren, und _Lakaien_, die nirgends hinfuhren und nur tagelang in einem nahegelegenen Caf oder in einer benachbarten Osteria saen und schwatzten. Der junge Frst entlie sofort das ganze Gesindel, all diese Lakaien und Jger, und behielt nur den alten _Maestro di casa_; er hob fast den ganzen Marstall auf, verkaufte alle Pferde, die nie gebraucht worden waren, berief die Rechtsanwlte zu sich, um weitere Beschlsse ber die Prozesse zu fassen, und wute es so einzurichten, da von den vier Prozessen nur noch zwei brigblieben; auf die brigen Prozesse verzichtete er, da sie ja doch gnzlich aussichtslos waren. Er nahm sich vor, sich von nun ab in allem einzuschrnken und in seinem Leben die strengste konomie walten zu lassen. Das wurde ihm nicht sehr schwer, da er sich schon frh gewhnt hatte, sich einzuschrnken. Es wurde ihm auch nicht schwer, dem Verkehr mit seinen Standesgenossen zu entsagen; -- brigens bestand diese ganze Gesellschaft nur aus zwei oder drei aussterbenden Familien, deren Erziehung ganz auf ein paar drftigen Brocken franzsischer Bildungselemente beruhte, ferner aus einem reichen Bankier, um den sich ein Kreis von Auslndern scharte, und in ein paar unnahbaren, zugeknpften, unfreundlichen Kardinlen, die ihr Leben in grter Zurckgezogenheit beim Tresettspiel (einer Art Schafskopf) mit ihrem Kammerdiener oder Barbier verbrachten. Mit einem Wort, er sonderte sich gnzlich von allen Menschen ab, widmete sich ganz dem Studium Roms und erinnerte in dieser Beziehung sogar an die Auslnder, die zunchst durch die unbedeutende schmucklose Auenseite der Stadt mit ihren dunklen fleckigen Husern berrascht sind und sich, von Gasse zu Gasse irrend, erstaunt fragen: wo ist denn das gewaltige, alte Rom? um es erst spter wahrhaft kennen zu lernen, wenn das antike Rom allmhlich aus den engen Gassen hervorzutreten beginnt: hier in Form einer dunklen Arke, dort in Form marmorner, in die Mauer eingelassener Karniese, einer verwitterten Porphyrsule, eines Giebels inmitten eines belriechenden Fischmarkts; oder als ein vollstndiger Porticus vor einer neueren Kirche, oder endlich ganz abseits und dort in der Ferne, wo die bewohnte Stadt ein Ende nimmt; hier wchst es pltzlich aus tausendjhrigem Efeulaub und Aloen mitten aus der offenen Ebene in seiner ganzen Gre hervor: als ungeheures Kolosseum, als Triumphpforte, als Ruinen der unbersehbaren Csarenpalste, der kaiserlichen Bder, der Tempel und Grberhallen, die auf dem offenen Felde verstreut liegen; jetzt bemerkt der Fremde schon nichts mehr von den neuen engen Straen und Gassen, ganz umfangen von der antiken Welt; in seiner Erinnerung erstehen die gewaltigen Gestalten der Csaren, und sein Ohr glaubt den Schrei und das Beifallsgeklatsch des rmischen Volks zu vernehmen. Aber es ging ihm doch auch wieder nicht so, wie dem Auslnder, der allein fr seinen Titus Livius und Tacitus schwrmt, an allem vorbersieht und fr nichts Sinn hat, auer fr die Antike, und der in einer edeln und pedantischen Aufwallung gern die ganze neue Stadt niederreien wrde -- nein, er fand alles gleich schn, die antike Welt, die sich unter dem dunklen Architrav regte, das gewaltige Mittelalter, das berall die Spuren gigantischer Knstler und einer wunderbaren Freigebigkeit der Ppste hinterlassen hatte, und endlich die an dieses sich anschlieende neue Zeit mit ihren zahlreich sich drngenden neuen Vlkern. Ihm gefiel diese wunderbare Verschmelzung zu einem Ganzen, dieser Charakter einer dicht bevlkerten Hauptstadt und dieser Charakter einer einsamen Wste, die sich hier miteinander mischten, diese Palste und Sulen, dieses Gras und das wilde Gebsch, das sich an den Mauern dahinzog, der lrmende Markt inmitten dunkler, einsamer, unten verdeckter Massen, das helle Geschrei des Fischhndlers in der Sulenhalle, der Limonadenverkufer vor dem Pantheon mit seiner fliegenden und mit grnem Laub geschmckten Bude; ihm gefiel selbst die Unscheinbarkeit dieser dunklen, unordentlichen Straen, der Mangel aller hellen, gelben Farbe an den Husern, dieses Idyll inmitten der Stadt, die Ziegenherde, die auf dem Straenpflaster ausruhte, das Schreien der Kinder und diese reine feierliche Stille, die unsichtbar auf allen Dingen zu liegen schien, und die auch den Menschen umfing. Ihm gefielen diese unaufhrlichen berraschungen, diese Pltzlichkeiten, die einem in Rom so auffallen. Wie ein Jger, der am frhen Morgen auf die Jagd geht, oder wie ein alter Ritter, der auf Abenteuer auszieht, so machte er sich jeden Tag auf, um neue und immer neue Wunder aufzusuchen; er blieb unwillkrlich stehen, wenn sich pltzlich inmitten einer rmlichen Gasse ein Palast vor ihm auftrmte, der eine finstere und strenge Gre atmete. Seine schweren unerschtterlichen Mauern waren aus dunklem Travertin errichtet, seine Spitze krnte eine prachtvolle, wunderbar ausgeschmckte, kolossale Karniese, die mchtige Tr war mit marmornen Tragbalken ausgelegt, und die Fenster mit ihrem herrlichen architektonischen Schmuck boten einen majesttischen Anblick dar. Oder es blickte ihm pltzlich auf einem kleinen Platz ein malerischer Brunnen entgegen, der sich selbst und seine vom Moos verunstalteten granitenen Stufen mit feuchtem Na besprengte, oder eine finstere, schmutzige Strae endete pltzlich mit einer glnzenden architektonischen Dekoration eines Bernini, mit einem gen Himmel strebenden Obelisk, mit einer Kirche oder einer Klostermauer mit ihren kohlschwarzen Karniesen, die auf dem dunkelblauen Himmel im Glanze der Sonne aufflammten; je weiter sich die Straen in die Tiefe verloren, um so hufiger wurden die Palste und die architektonischen Schpfungen eines Bramante, Borromini, Sangallo, della Porta, Vignola, Buonarotti, und es wurde ihm endlich klar, wie man nur hier in Italien das Gefhl hat, da es eine Architektur gibt, und etwas von ihrer strengen knstlerischen Gre ahnt. Aber noch grer war der geistige Genu, wenn er in das Innere der Kirchen und Palste trat, wo sich Arken, flache Pfeiler und runde Sulen aus allen mglichen Marmorarten, unterbrochen von blauen Basaltkarniesen, von Porphyr, Gold und antiken Steinen, miteinander zu einer wundervollen Harmonie verbanden, sich einstimmig einem tief durchdachten Plane fgend, und wo sich hoch ber dies alles die unsterbliche Schpfung des Pinsels erhob. Sie waren von einer hohen Schnheit, diese tief durchdachten Ausschmckungen der Sle, voll von einer kniglichen Gre und architektonischen Pracht, die sich in diesem fruchtbaren Zeitalter berall ehrfrchtig vor der Malerei zu beugen wute, als der Knstler noch Architekt, Maler und sogar Bildhauer in einer Person war. Diese mchtigen Schpfungen des Pinsels, wie sie heute schon nicht mehr vorkommen, erhoben sich finster vor ihm auf den dunklen Mauern, sie, die noch immer aller Nachahmung unerreichbaren, unbegreiflichen Vorbilder. Und wenn er nun in das Innere eines solchen Gebudes eintrat und sich immer tiefer in dem Anblick versenkte, dann glaubte er zu fhlen, wie sich sein Geschmack, dessen Keim seine Seele schon immer barg, beinahe merklich entwickelte. Wie kleinlich und armselig erschien ihm gegenber dieser majesttischen, wunderbaren Pracht aller Prunk des XIX. Jahrhunderts, der hchstens brauchbar war, Lden auszuschmcken, und der nichts als Mbeltischler, Tapezierer, Zimmerleute, Vergolder und einen ganzen Haufen von Handwerkern hervorgebracht, die Welt -- der Raffaele, Tiziane und Michelangelos beraubt und die Kunst bis zum Handwerk herabgedrckt hatte! Wie elend erschien ihm jetzt all dieser Luxus, der einen nur beim ersten Blick verblfft, und den man bald mit Gleichmut betrachtet, angesichts dieses erhabenen Einfalls, seine Mauern mit unsterblichen Gebilden des Pinsels auszuschmcken, dieser wunderbaren Idee der Besitzer jener Palste -- sich einen ewigen Gegenstand des Genusses zu verschaffen in Stunden, wo man ausruht von der Arbeit und von den lrmenden Sorgen des Lebens, sich in einen Winkel zurckzieht, weit abseits von allen Menschen, in ein altertmliches Sofa zurckgelehnt, seinen Blick stumm auf die Wand richtet und mit der Seele tief in die Geheimnisse des Pinsels eindringt, ganz in die Betrachtung der in der Schnheit webenden geistigen Ideen verloren! Denn unendlich erhebt die Kunst den Menschen, indem sie den Regungen unserer Seele eine wunderbare Schnheit und einen hohen Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unerschtterlichen, fruchtbaren Pracht, die den Menschen mit Gegenstnden umgab, die seine Seele mit Bewegung erfllten und veredelten, der heutige kleinliche Schmuck, wie er alljhrlich von der unruhigen Mode ausgespien und wieder zerstrt wird, diesem seltsamen, unbegreiflichen Produkt des XIX. Jahrhunderts, vor dem sich die Weisen stumm beugen, dieser verheerenden Vernichterin alles dessen, was ungeheuer, erhaben und heilig ist. Wenn er sich derartigen berlegungen hingab, scho ihm unwillkrlich der Gedanke durch den Kopf: Rhrt nicht vielleicht daher jene gleichgltige Klte, die unser gegenwrtiges Zeitalter umfngt, jenes gemeine Geschftsinteresse und diese vorzeitige Abstumpfung der Sinne, die noch nicht einmal Zeit hatten, zu erwachen und sich zu entwickeln? Man beraubte den Tempel seiner Heiligtmer, und der Tempel ist kein Tempel mehr. Fledermuse und bse Geister haben ihre Wohnsttte in ihm aufgeschlagen. Je tiefer sein Blick in die Dinge eindrang, um so mehr berraschte ihn die ungewhnliche Fruchtbarkeit jenes Zeitalters, und unwillkrlich mute er ausrufen: Wie und wann vermochten sie nur all dies zu erschaffen? Dieser wunderbare Charakter, der Rom auszeichnete, wuchs fr ihn mit jedem Tag zu immer mchtigerer Gre empor. Eine Galerie neben der andern, und immer noch wollten sie kein Ende nehmen. Dort jene Kirche barg irgendein Wunderwerk des Pinsels, dort jene verwitternde Mauer entzckte den Blick durch eine Freske, deren Farben bereits zu erlschen drohten, und dort auf den hoch emporgetrmten Marmorblcken und Sulen, die aus alten heidnischen Tempeln hierher gebracht worden waren, leuchtete einem ein von einem unsterblichen Pinsel ausgeschmckter Plafond entgegen. Das alles glich einer tief verborgenen Goldader, die mit gewhnlicher Erde bedeckt und nur dem Bergmann allein bekannt war. Wie voll war seine Seele jedesmal, wenn er nach Hause zurckkehrte, und wie verschieden war dieses von ruhiger, feierlicher Stille erfllte Gefhl von jenen unruhigen Eindrcken, mit denen Paris seine Seele so sinnlos bestrmt hatte, wenn er mde und abgespannt nach Hause zurckkehrte und nur selten fhig war, sich ber das Ergebnis dieser Empfindungen Rechenschaft abzulegen. Jetzt erschien ihm die unscheinbare und dunkle Auenseite Roms, ber die die Auslnder so sehr klagen, noch mehr zu diesen innern Schtzen der Stadt zu stimmen. Es wre ihm geradezu peinlich gewesen, nach alledem auf eine moderne Strae mit ihren prunkvollen Lden, den stutzerhaft gekleideten Menschen und den eleganten Equipagen hinauszutreten: dies wre ihm fast wie eine unheilige Zerstreuung, ja wie eine Tempelschndung vorgekommen. Diese bescheidene Stille, dieser eigentmliche Charakter der rmischen Bevlkerung, dieser Schatten des XVIII. Jahrhunderts, der noch in Form eines schwarzen Abbs in einem Dreimaster mit schwarzen Strmpfen und Schuhen oder eines purpurnen altertmlichen Kardinalswagens mit seinen vergoldeten Achsen, Rdern, Karniesen und Wappen durch die Straen huschte, gefiel ihm weit besser, denn dies alles stimmte so gut mit der Gravitt und Wrde Roms berein: dieses lebendige, nie hastende Volk, das ruhig und malerisch durch die Straen schritt, den Mantel ber den Arm geschlagen oder die Jacke ber der Schulter, ohne jenen schwerflligen Ausdruck in den Gesichtern, der ihm so seltsam bei den blauen Blusentrgern und berhaupt an der ganzen Bevlkerung von Paris aufgefallen war. Hier erschien selbst die Armut in einem heiteren Lichte, sorglos und unbekannt mit Qualen und Trnen streckte sie unbefangen und schn ihre Hand aus; hier wirkte alles schn und heiter: die malerischen Regimenter von Mnchen, die in langen weien und schwarzen Kleidern ber die Straen gingen, ein schmutziger rothaariger Kapuziner, der pltzlich in seinem hellen kamelfarbenen Kleide in der Sonne aufleuchtete, endlich dieses ganze Knstlervolk, das sich hier von allen Weltenden zusammenfand, die engen Fetzen europischer Kleidung fortwarf und in freien, malerischen Kostmen einherging, ihre wrdigen majesttischen Brte, wie wir sie auf den Portrts Leonardo da Vincis und Tizians finden, und die so wenig hnlichkeit mit dem hlichen, schmalen Brtchen haben, das sich der Franzose zurecht schneidet und dann fnfmal im Monat stutzen lassen mu. Hier bekam der Knstler ein Gefhl fr das lange wallende Haar, das er sich in dichten Locken herunterfallen lie. Hier erhielt selbst der Deutsche mit seinen krummen Beinen und seinem ungegliederten Krperbau einen bedeutenden Ausdruck, lie sich seine goldenen Locken ber die Schultern fallen und kleidete sich in eine leicht gefaltete griechische Bluse oder einen Sammetrock, wie er unter dem Namen Cinquecento bekannt ist und wie ihn nur die Knstler in Rom tragen. Auf ihren Gesichtern lagen die Spuren einer strengen Ruhe und einer friedlichen Arbeit. Selbst die Gesprche und Meinungsuerungen, die man auf den Straen, in den Cafs, in den Osterien vernahm, hatten keine hnlichkeit mit denen, die der Frst in den anderen Straen Europas gehrt hatte, ja sie waren ihnen geradezu entgegengesetzt. Hier hrte man nichts von gefallenen Fonds, von Kammerdebatten oder von der spanischen Frage. Hier sprach man nur von einer neuerdings entdeckten antiken Statue, von der Kraft des Pinsels der groen Meister, hier stritt man sich und diskutierte ber das neu ausgestellte Werk eines modernen Knstlers, ber Volksfeste, oder man hrte hier Reden, in denen der Mensch sein Inneres preisgab, und die in Europa durch langweilige Salongesprche und politische Unterhaltungen verdrngt sind, die selbst jeden beseelten Ausdruck aus den Gesichtern vertrieben haben. Oft verlie er die Stadt, um sich in der Umgegend umzusehen, und dann setzten ihn neue Wunder in Erstaunen. Wie herrlich waren diese stummen Wsten der rmischen Felder, die mit Ruinen antiker Tempel berst, sich mit unbeschreiblicher Ruhe ringsherum erstreckten. Bald lie die dichte Decke gelber Blten sie ganz wie in Gold getaucht erscheinen, bald wieder lieen die roten Blten wilden Mohns sie aufglhen wie eine neuentfachte Kohle. Nach vier verschiedenen Seiten bot sich ein vierfacher wunderbarer Anblick dar. Auf der einen Seite flossen die Felder unmittelbar in einer scharfen ebenen Linie mit dem Horizont zusammen. Die Arken der Wasserleitungen schienen in der Luft zu schweben und gleichsam auf den glnzenden silbernen Himmel aufgeklebt zu sein. Auf der andern Seite sah man hinter den Feldern die Berge hindurchschimmern. Sie trmten sich nicht wild und jh aus der Ebene empor, wie in Tirol oder in der Schweiz, sondern in harmonischen flieenden Linien, sich hebend und senkend und umstrahlt von der herrlichen Klarheit der Luft, schienen sie zum Himmel emporfliegen zu wollen. An ihrem Fue zog sich eine lange Arkade von Wasserwerken gleich einem langgestreckten Fundament dahin, der Gipfel der Berge glich der luftigen Fortsetzung eines wunderbaren Gebudes, und die Farbe des Himmels war hier schon nicht mehr silbern, sondern hatte jenen unbeschreiblichen Ton des jungen Flieders. In einer dritten Richtung wurden diese Felder gleichsam durch Berge begrenzt, aber hier traten sie nher an sie heran, trmten sich hher empor, traten mit ihren Vorderreihen noch strker hervor und verschwanden in sanften Abstufungen in der Ferne. Die dnne blaue Luft lie ihre Farben wunderbar abgetnt erscheinen, und durch diese blaue therische Hlle hindurch sah man kaum merklich die Huser und Villen von Frascati durchschimmern, hier leise und sanft berhrt von den Strahlen der Sonne, dort untertauchend in dem Helldunkel kaum erkennbarer Heine, die in der Ferne erglhten. Aber wenn man sich pltzlich umdrehte, dann lag mit einemmal ein neues Bild vor einem. Die Felder gingen unmittelbar in die Stadt Rom ber. Die Ecken und die Linien der Huser zeichneten sich scharf und klar ab, in scharfen Konturen rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen Johann und die majesttische Kuppel der Peterskirche, die immer hher und hher emporstrebte, je mehr man sich von ihr entfernte, und die endlich den ganzen Horizont einsam beherrschte, wenn die ganze Stadt bereits verschwunden war. Noch mehr aber liebte er es, diese Felder whrend eines Sonnenunterganges von der Terrasse einer der Villen von Frascati oder Albano zu betrachten. Dann erschienen sie wie ein unbersehbares Meer, das hinter dem dunklen Gitter der Terrasse erglnzte und aufstieg. Alle Unebenheiten und Linien verschwanden in dem sie umspielenden Lichte. Anfangs erschienen sie noch grnlich, und hie und da erkannte man noch die Arken und Grabmler, die auf ihnen verstreut waren, dann aber spielten sie pltzlich in regenbogenfarbenem Lichte, in hellen, durchscheinenden, gelben Tnen, und kaum noch konnte man die Ruinen der antiken Baudenkmler erkennen. Endlich aber frbten sie sich immer tiefer purpurrot, verschlangen selbst die unendliche Kuppel und flossen in ein tiefes Himbeerrot zusammen, und nur noch der in der Ferne glnzende goldene Streifen des Meeres trennte sie von dem Horizont, der ebenso purpurrot dalag, wie sie. Niemals aber hatte er gesehen, da die Felder gleich dem Himmel wie in Flammen getaucht waren. Lange stand er, ganz erfllt von einer unbeschreiblichen Wonne, in diesen Anblick versunken, da, und dann hatte er wieder alles vergessen, selbst sein Entzcken. Und wenn dann auch die Sonne untergegangen war, der Horizont schnell erlosch und sich noch schneller, ja beinahe pltzlich die Felder verdunkelten, wenn dann der Abend sein finsteres Antlitz zeigte, Leuchtkfer in feurigen Fontnen ber den Ruinen emporschwirrten und jenes plumpe geflgelte Insekt, das aufrecht herangeflogen kommt wie ein Mensch und unter dem Namen Teufel bekannt ist, ihm pltzlich sinnlos ins Auge flog, dann erst merkte er, da die Klte der sdlichen Nchte bereits herabgesunken war und ihn ganz durchschttelte, und er beeilte sich, in die Straen der Stadt zu kommen, um nicht an dem Fieber, wie es hier im Sden verbreitet ist, zu erkranken. So flo sein Leben in dem Genu der Natur, der Knste und der Antike dahin. Bei dieser Lebensweise erfate ihn pltzlich strker als je der Wunsch, sich tiefer in die Geschichte Italiens zu versenken, die er bisher nur fragmentarisch und in einzelnen Episoden kennen gelernt hatte. Ohne dies wre ihm die Gegenwart unvollstndig und unvollkommen erschienen, und so machte er sich gierig daran, die Archive, die Chroniken und Memoiren zu studieren. Er konnte sie jetzt nicht blo so lesen wie irgendein Italiener, der ewig in der Stube hockt, sich mit Leib und Seele in die beschriebenen Vorgnge versenkt und ber der groen Zahl der Personen und der Ereignisse, die sich um ihn drngen, die groe Masse, das Ganze bersieht; -- er konnte jetzt alles ruhig berschauen, wie aus einem Fenster des Vatikan. Sein Aufenthalt auerhalb Italiens inmitten des Lrms und der Bewegung ttiger Vlker und Staaten diente ihm als strenge Prfung und Probe bei allen Schlssen und Folgerungen, und verlieh seinem Auge eine reiche Vielseitigkeit und einen allumfassenden Blick. Wenn er jetzt in den Geschichtsbchern las, war er noch mehr und ohne alle Voreingenommenheit berrascht durch die Gre und den Glanz der italienischen Vergangenheit. Er war ganz erstaunt ber die schnelle und vielseitige Entwicklung des Menschen auf einem so schmalen, engbegrenzten Fleckchen Erde, durch die mchtige und kraftvolle Regsamkeit aller Krfte. Er sah, wie hier der Mensch in voller Ttigkeit war, wie jede Stadt ihre eigene Sprache sprach und ihre groe Geschichte besa, die ganze Bnde ausfllte, und wie hier mit einem Schlage alle Arten und Gestalten des brgerlichen Lebens und der Regierungsformen entsprangen: -- ewig bewegte Republiken voll starker unbotmiger Charaktere, und mitten unter ihnen -- allmchtige Despoten, eine ganze Stadt voll kniglicher Kaufleute, von geheimen Fden der Regierung umsponnen unter der monarchischen Scheingewalt des einen Dogen; die Fremden, die herbeigerufen worden waren und nun inmitten der einheimischen Bewohner lebten, die starken Zusammenste und Abwehrmaregeln im Schoe eines unbedeutenden Stdtchens, der fast mrchenhafte Glanz der Herzge und Monarchen winziger Lnder, alle die Mzene, Protektoren und Inquisitoren, diese ganze Reihe groer Mnner, die um ein und dieselbe Zeit zusammentrafen, die Lyra, der Zirkel, das Schwert und die Palette, diese Tempel, die mitten im Streit, im Kampf und whrend mchtiger Unruhen errichtet wurden, diese Feindschaften, die Blutrache, diese Zge des Gromuts und diese ganze Masse romantischer Ereignisse im brgerlichen Leben, mitten im Wirbel des politischen, gesellschaftlichen Daseins, und das wundersame Band, das sich um dies alles schlang, eine so erstaunliche Entfaltung aller Seiten des politischen und brgerlichen Lebens, ein solches Erwachen aller menschlichen Elemente in einem so engen Bezirk, die an andern Orten immer nur in Bruchstcken und auf groen Flchen zur Darstellung kamen! -- Und das alles war pltzlich verschwunden, pltzlich dahin, alles war erloschen wie erkaltete Lava und von Europa selbst aus seinem Gedchtnis getilgt, wie ein alter unntzer Plunder. Nirgends, nicht einmal in den Journalen lt uns das arme Italien seine des Diadems beraubte Stirn sehen; mit seiner politischen Bedeutung hat es jeden Einflu auf die Welt verloren. Wie aber, dachte er, wird denn sein Ruhm nie wieder auferstehen? Gibt es denn gar kein Mittel, ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben? Und er gedachte der Zeit, als er noch als Student der Universitt, als er in Lucca von der Zurckfhrung der ruhmreichen Vergangenheit getrumt hatte; er erinnerte sich, wie dies der liebste Gedanke der italienischen Jugend gewesen war und wie sie gutmtig und treuherzig beim vollen Becher davon geschwrmt hatten. Und nun mute er erkennen, wie kurzsichtig diese jungen Leute gewesen waren und wie kurzsichtig die Politiker sind, die dem Volke Trgheit und Sorglosigkeit vorwerfen. Und eine dunkle Ahnung des mchtigen Fingers, vor dem der Mensch verstummt und sich demtig beugt, des mchtigen Fingers, der den Weltereignissen ihr Ziel und ihren Gang vorschreibt, bemchtigte sich seiner und erfllte sein Gemt mit Staunen und Ehrfurcht. Aus dem Schoe Italiens hatte Er den armen von seinem eigenen Heimatlande verfolgten Genueser emporsteigen lassen, der allein sein ganzes Vaterland zugrunde richten sollte, indem er ein neues unbekanntes Land und neue weite Seewege entdeckte. Der Horizont der Welt erweiterte sich; das Leben Europas erhielt einen mchtigen Schwung und ward erfllt von lebhafter Bewegung. Schiffe begannen die Welt zu umsegeln und machten die mchtigen Krfte des Nordens frei. Das Mittelmeer verdete, und wie das versandende Bett eines Flusses, versandete Italien, das in dem Wettstreit zurckgeblieben war. Noch steht Venedig, noch spiegeln sich seine erloschenen Palste in den Wellen des Adriatischen Meeres, und ein herzzerreiender Schmerz erfllt die Seele des Fremden, wenn ihn der Gondelfhrer gebeugten Hauptes an den kahlen Mauern und zerstrten Brstungen stummer marmorner Balkone vorberrudert. Stumm liegt Ferrara da und schreckt uns mit dem drohend finstern Anblick seines herzoglichen Schlosses. Traurig und de stehen in ganz Italien die gebeugten Trme und die architektonischen Wunder inmitten einer Generation, die gleichgltig zu ihnen emporsieht. Laut schallt das Echo durch die einst so lebhaften Straen, und der rmliche Vetturino hlt vor einer schmutzigen Osteria, die sich in einem prunkvollen Schlo angesiedelt hat. Im hrenen Bukleid des Bettlers wandelt das heutige Italien einher, und wie staubige Lumpen hngen an ihm die Fetzen seines verblichenen Knigsmantels. In einer Aufwallung tiefen Seelenschmerzes htte er mitunter sogar Trnen vergieen knnen. Aber dann bemchtigte sich seiner von selbst ein groer trostreicher Gedanke, und ein hheres Ahnungsvermgen gab ihm die Gewiheit, da Italien noch nicht gestorben sei, da die Spuren seiner ewigen unerschtterlichen Macht ber die ganze Welt sich noch fhlbar machten, da sein gewaltiger Genius ewig ber dem Lande schwebt, er, der von Anbeginn das Schicksal Europas in seinen Busen gelegt hatte, der das Kreuz in die finsteren europischen Wlder trug, der mit dem Schifferhaken der brgerlichen Ordnung den an ihren fernen Grenzen hausenden halbwilden Menschen an sich zog, der die Glut des Verkehrs und des Welthandels entfachte, die Listen der Politik und das verwickelte Federwerk der brgerlichen Verhltnisse spielen lie, all seine geistigen Krfte glanzvoll entfaltete, seine Stirn mit dem heiligen Kranze der Poesie umwand, und als der _politische_ Einflu Italiens bereits zu schwinden begann, die Welt mit herrlichen Wundern erfllte: mit Kunstwerken, die den Menschen mit nie geahnten Genssen und gttlichen Gefhlen beschenkten, wie sie bisher noch nie den Schchten seiner Seele entstiegen waren. Und als nun auch das Jahrhundert der Kunst zur Neige ging und die ganz von ihren Rechnungen und Geschften in Anspruch genommenen Menschen fr sie erkalteten, da schwebt er ber der Welt und wird er getragen von den klagenden Seufzern der Musik, und an den Ufern der Seine, an der Newa, an der Themse, an der Moskwa, am Mittelmeer und am Schwarzen Meer, an den Ksten Algeriens und auf fernen, vor kurzem noch halbbarbarischen Inseln ertnt begeisterter Beifall zum Preise der unser Ohr mit Wohllaut erfllenden Snger. Und endlich beherrscht er selbst durch sein ehrwrdiges Alter und als Bild des Verfalls und der Verwesung drohend die Welt: diese erhabenen architektonischen Wunder blieben uns erhalten wie ein mahnender Schatten, als ein ewiger Vorwurf, um Europa seinen kleinlichen chinesischen Luxus und seine kindliche, spielerische, geistige Zersplitterung entgegenzuhalten. Dieser ganze Haufen untergegangener Welten und diese wunderbare Mischung mit der ewig blhenden Natur -- das alles existiert nur zu dem Zweck, um die Welt aufzurtteln, um den Bewohner des Nordens zuweilen wie im Traum diesen Sden sehen zu lassen, es existiert nur, damit der Gedanke an ihn, ihn aus dem kalten Leben und all der Geschftigkeit, die die Seele verhrtet und erstarren lt, herausreie und ber sich emporhebe, indem sich pltzlich ein leuchtender, den Menschen weit mit sich forttragender Ausblick vor ihm auftut, ihm eine coliseische mondbeglnzte Nacht, das in Schnheit sterbende Venedig, ein unsichtbares Leuchten des Himmels und das warme Gekose der herrlichen Luft vorzaubert -- auf da er wenigstens _einmal_ in seinem Leben ein _schner Mensch_ sei. In einem solchen feierlichen Augenblick shnte er sich mit dem Niedergang und Verfall seines Vaterlandes aus, und nun glaubte er, berall Keime des ewigen Lebens und einer besseren Zukunft zu erblicken, die uns der ewige Schpfer der Welt unablssig bereitet. In solchen Augenblicken dachte er auch hufig ber die Bedeutung des rmischen Volkes fr die Gegenwart nach; und es schien ihm, als ob hier noch ein ganz unverbrauchtes Material vorliege. In den Epochen des Glanzes hatte es auch nicht ein _einziges_ Mal eine bedeutende Rolle gespielt; nur die Ppste und die adligen Familien hatten ihre Namen ins Buch der Geschichte eingezeichnet, das Volk aber war unbeachtet geblieben. Das Spiel der Interessen in ihm und um es herum hatte nicht in seinen Kreis eingegriffen und es nicht mit sich fortgerissen; noch war es unberhrt von jeglicher Bildung geblieben, die wie ein Sturmwind die in ihm schlummernden Krfte aufgerttelt htte. Etwas von kindlicher Gte und Vornehmheit lag in seiner Natur. Dieser Stolz auf den rmischen Namen, der Grund weshalb ein groer Teil der Brger, die sich fr Nachkommen der alten Quiriten hielten, nie eine ehrliche Verbindung mit andern Bevlkerungsklassen einging; dieser aus Gutmtigkeit und Leidenschaft gemischte Charakter, ein Beweis fr seine Schnheit und Reinheit (der Rmer vergit nie das Gute oder Bse, das ihm angetan wird; er ist entweder gut oder bse, verschwenderisch oder geizig, seine Laster und Tugenden ruhen noch in ihren ursprnglichen Schchten und haben sich noch nicht zu einem unbestimmten Ganzen vermischt wie beim Menschen unserer Zivilisation, der alle mglichen Leidenschaften, jedoch nur in ganz geringen Dosen besitzt und bei dem sie alle unter der Oberherrschaft des Egoismus stehen); diese Unmigkeit und diese Neigung, aus dem Vollen zu genieen -- ein allgemein verbreiteter Zug bei allen starken Vlkern -- das alles wurde fr ihn von groer Bedeutung. Und dann diese strahlende ungeknstelte Heiterkeit, wie wir sie heute kaum bei einem andern Volke finden, berall, wo der Frst hingekommen war, hatte er den Eindruck gewonnen, als mache man mhsame Anstrengungen, das Volk zu _zerstreuen_ und zu unterhalten; hier dagegen unterhielt es sich selbst, hier wollte es selbst mit teilnehmen; whrend des Karnevals war es kaum zu zgeln; alles, was es im Laufe eines Jahres zurckgelegt hatte, war es bereit, in diesen einundeinhalb Wochen wieder durchzubringen; fr ein Kostm konnte es sein ganzes Geld ausgeben; der einfache Mann verkleidet sich als Bajazzo, als Weib, als Poet, als Doktor oder Graf, schwatzt euch allerhand trichtes Zeug vor oder hlt euch wohl gar eine Vorlesung, ob ihr nun zuhrt oder nicht -- und diese Frhlichkeit ergreift alle miteinander wie ein Wirbel, vom vierzigjhrigen Mann bis zum jngsten Burschen, der letzte Bettler, der nichts hat, was er anziehen knnte, wendet seinen Kittel um, schwrzt sich sein Gesicht mit Kohle, schliet sich dem bunten Haufen an und luft mit. Und diese Heiterkeit entspringt ganz einfach seiner Natur, sie ist kein Produkt des Rausches, denn dasselbe Volk pfeift einen Betrunkenen aus, wenn es ihm auf der Strae begegnet. Und dann -- diese Zge eines angeborenen knstlerischen Instinkts und Gefhls! hatte doch einmal in Gegenwart des Frsten eine einfache Frau einen Knstler auf einen Fehler in seinem Gemlde aufmerksam gemacht; er sah, wie dieses Gefhl sich in der malerischen Kleidung und in dem Schmuck der Kirchen ausprgte, sah wie das Volk in _Gensano_ die Straen mit Blumenteppichen bedeckte, wie die vielfarbigen Blumenbltter sich zu bunten Flecken und Schatten verwandelten und auf dem Pflaster zu allerhand Figuren gruppierten -- zu dem Wappen eines Kardinals, zum Bilde des Papstes, zu einem Namenszug, zu Vgeln, Tieren und verschieden gestalteten Arabesken; er sah, wie die Ewarenhndler, die Pizzicaruoli am Abend vor Ostersonntag ihre Lden ausschmckten: die Schinken, die Wrste, die weien Schweinsblasen, die Zitronen und allerhand Bltter ordneten sich zu einem bunten Mosaik zusammen, das einen _Plafond_ darstellte. Die zylindrischen Parmesankse und andere Ksesorten bildeten ganze Sulenreihen, indem sie sich bereinander trmten; Talgkerzen gruppierten sich zu dem mosaikartigen Gewebe eines Vorhanges, der die inneren Wnde schmckte; da sah man ganze Statuen und historische Gruppen, die einen christlichen oder biblischen Stoff darstellten, aus schneeweiem Talg gegossen, den der erstaunte Beschauer fr Alabaster halten mute -- der ganze Boden verwandelte sich in einen heiteren Tempel, in dem vergoldete Sterne erstrahlten, der von kunstvoll aufgehngten _Ampeln_ erleuchtet wurde und in dessen Spiegelscheiben sich zahllose Haufen von Ostereiern spiegelten. Zu alledem ist ein gewisser Geschmack erforderlich, und der Pizzicaruolo machte das nicht, weil es ihm etwas einbrachte, sondern nur um andere und sich selbst an diesem Anblick zu erfreuen. Und endlich war dies ein Volk, das sich seiner eigenen Wrde bewut war: hier bildete es das Volk: _il popolo_, und nicht den gemeinen Pbel; es war sich bewut, die wahren Urelemente des ersten Quiritenzeitalters in sich zu tragen; nicht einmal die fremden Reisenden, diese Verfhrer, die die Korruption in die mig dahinlebenden Vlker tragen, -- brachten es fertig, dies Volk zu verderben, obwohl sich freilich infolge der berflutung mit fremden Gsten die Gasthuser und die Landstraen mit einer Klasse von verchtlichen Leuten bevlkern, nach denen sich der Reisende hufig ein Urteil ber das ganze Volk bildet. Sogar die Torheit der Regierungsmanahmen, dieser zusammenhanglose Haufen aller mglichen Gesetze, die zu den verschiedensten Zeiten und unter ganz verschiedenartigen Verhltnissen entstanden waren, und noch bis heute nicht wieder aufgehoben sind, unter denen es sogar Edikte gibt, die aus der alten rmischen Republik stammen, selbst sie haben es nicht vermocht, in diesem Volke das hohe Rechtsbewutsein zu entwurzeln. Er verfolgt den unehrlichen Glubiger mit seinem Tadel, begleitet den Leichenzug der Verstorbenen mit Pfeifen und spannt sich gromtig vor den Leichenwagen, der den Leib eines vom Volke geliebten Mannes mit sich fhrt. Selbst das Betragen der Geistlichkeit, das hufig rgernis erregen knnte und in andern Lndern Sittenlosigkeit und Korruption zur Folge haben wrde, scheint keinen Eindruck auf das Volk zu machen: denn es versteht die Religion von ihren heuchlerischen Dienern zu unterscheiden und ist noch nicht angekrnkelt von dem kalten Geist des Unglaubens. Und schlielich haben es selbst die Not und die Armut, diese unvermeidlichen Begleiterscheinungen eines stagnierenden Staates, nie zu finsteren beltaten verleitet: dieses Volk bleibt immer heiter, ertrgt alles mit Ruhe, und nur in Romanen und Erzhlungen lesen wir von Mordtaten und Messerstechereien auf den Straen. Aus diesen Zgen ersah der Frst, da er es hier mit einem starken, noch unberhrten Volke zu tun hatte, dem sich offenbar in der Zukunft noch ein groes Feld der Bettigung erffnen mute. Die europische Bildung hatte es, wie es schien, mit Absicht bergangen und keine ihrer Vollkommenheiten in seinem Busen Wurzeln schlagen lassen. Selbst die geistliche Herrschaft, dieses seltene Schattengebilde, das sich aus einer vergangenen Zeit herbergerettet hatte, hatte sich gleichsam nur zu dem Zwecke erhalten, um die Nation vor fremden Einflssen zu behten, damit keiner der ehrgeizigen Nachbarn sich an ihm vergreife, und damit sein stolzes Volkstum in stiller Einsamkeit warte, bis seine Stunde kommen werde. Und dennoch hatte man hier in Rom nicht den Eindruck der Totenstarre; selbst diese Ruinen und die prunkvolle Armut strmten nichts von jener peinigenden, whlenden Stimmung aus, die uns bei der Betrachtung der berreste einer bei lebendigem Leibe verwesenden Nation befllt. Hier war man von dem entgegengesetzten Gefhl beherrscht: von einer heiteren, feierlichen Ruhe. Und jedesmal, wenn der Frst an dies alles dachte, versank er unwillkrlich in Sinnen, und es schien ihm, als lge eine seltsame geheimnisvolle Bedeutung in dem Worte: das ewige Rom. Die Folge davon war, da er sich mit immer grerem Eifer dem Studium seines Volkes hingab. Er beobachtete es auf den Straen und in den Cafs, von denen jedes sein eigenes Publikum hatte; in dem einen verkehrten die Antiquare, in einem andern die Jger und die Schtzen, in einem dritten die Bedienten der Kardinle, in einem vierten die Knstler, in einem fnften die ganze rmische Jugend und die rmischen Dandys. Er beobachtete es in den Osterien, in den echten rmischen Osterien, in die sich nie ein Fremder verirrt, wo sich ein rmischer _Nobile_ zuweilen neben einem _Minente_ niederlt, und wo an heien Tagen alle Anwesenden ihre Rcke und Krawatten ablegen; oder er besuchte eine jener kleineren rmlichen aber malerischen Vorstadtschenken mit ihren luftigen Fenstern ohne Glasscheiben, wo die Rmer mit ihren Familien oder in zahlreicher Gesellschaft einkehrten, um dort zu Mittag zu essen, oder, wie sie sich ausdrckten, __per far allegria__. Er lie sich neben ihnen am Tische nieder, speiste mit ihnen zu Mittag und beteiligte sich an ihren Unterhaltungen, immer wieder erstaunt ber ihren schlichten, gesunden Menschenverstand und ber die Lebhaftigkeit und Originalitt, mit der diese ungebildeten Leute zu erzhlen verstanden. Die beste Gelegenheit jedoch, sie kennen zu lernen, bot sich ihm whrend der Zeremonien und Festlichkeiten, wenn die ganze Bevlkerung Roms pltzlich an der Oberflche erscheint und eine schier unendliche Menge holder Schnheiten vor einem auftauchen, von deren Existenz man bisher keine Ahnung hatte, und wie man ihnen nur noch auf den Basreliefs und in den Anthologien der Alten begegnet. Diese groen, tiefen Augen, diese Alabasterschultern, diese pechschwarzen Haare, die sich in tausendfltigen Formen ums Haupt schlingen oder auf die Schultern herabfallen, malerisch durchbohrt von einem goldenen Pfeil, diese Hnde, dieser stolze Gang -- dies alles erinnerte ihn an die ernste, klassische Schnheit, und hatte nichts gemein mit dem leichtsinnigen Reiz graziser Frauen. Hier glichen die Frauen mehr den Bauten Italiens: sie glichen entweder Palsten oder rmlichen Htten, sie waren entweder vollendete Schnheiten oder ganz hlich; die Mittelmigkeit war hier berhaupt nicht vertreten, _hbsche_ Frauen gab es hier nicht. Und er geno ihren Anblick, wie er die Verse einer herrlichen Dichtung geno, deren Schnheit sich noch weit ber die der andern erhebt, und die in der Seele einen khlen, erfrischenden Schauer hervorrufen. Allein, bald gesellte sich zu all diesen Genssen ein Gefhl, das all den andern den Krieg erklrte -- ein Gefhl, das die mchtigsten Leidenschaften aus ihrem geistigen Schlummer erweckte, Leidenschaften, die sich in demokratischer Rebellion gegen die hohe Seeleneinheit auflehnten: er erblickte Anunziata. Und so sind wir denn endlich bei dem hehren Bildnis angelangt, das sein helles Licht ber den Anfang unserer Erzhlung verbreitete. Es war zur Zeit des Karnevals. Heute gehe ich nicht zum Corso, sagte der Principe zu seinem _Maestro di casa_, whrend er aus dem Hause trat, der Karneval fngt an, mich zu langweilen; ich finde die Gartenfeste und die Aufzge, wie sie im Sommer stattfinden, viel schner. Ja ist denn das ein Karneval? versetzte der Alte. Das ist ein Karneval fr Kinder. Ich erinnere mich eines Karnevals! Da sah man auf dem ganzen Corso auch nicht einen Wagen, und auf den Straen gab's die ganze Nacht Musik; die Maler, die Architekten und Bildhauer stellten ganze Gruppen und veranstalteten groe Auffhrungen, und das Volk -- der Herr Frst verstehen doch -- das _ganze_ Volk, alle -- alle Vergolder, Rahmenbauer, Mosaikleger, smtliche schnen Frauen, die ganze Signoria und alle Nobili -- sie alle, alle ... machten mit ... _o quanta allegria_! Das war ein richtiger Karneval. Aber heutzutage, was ist denn das fr ein Karneval! Ach! ... sagte der Alte, zuckte die Achseln, und dann sagte er noch einmal Ach, zuckte nochmals die Achseln und fgte schlielich hinzu: _E una porcheria!_ -- Der _Maestro di casa_ untersttzte seinen Ausruf in einer lebhaften Aufwallung seines Temperaments mit einer uerst krftigen Geste, beruhigte sich aber sogleich wieder, als er bemerkte, da der Frst schon lngst nicht mehr vor ihm stand, sondern sich schon lange auf der Strae befand. Da er keine Lust hatte, sich am Karneval zu beteiligen, hatte er weder eine Maske mitgenommen noch auch ein Drahtnetz vors Gesicht gelegt. Er hllte sich tief in seinen Mantel und wollte sich ber den Corso nach dem andern Stadtteil begeben. Aber das Menschengewhl war zu gro. Er drngte sich zwischen zwei Menschen hindurch, wobei ihm eine Ladung Mehl auf den Kopf geschttet wurde; ein bunter Harlekin schlug ihm whrend er mit seiner Kolombine an ihm vorbeistrmte mit seiner Knarre auf die Schulter, von allen Seiten flogen ihm _confetti_ und Blumenstrue ins Gesicht, von beiden Seiten flsterte ihm jemand ins Ohr, von rechts ein Graf und von links ein Arzt, der ihm eine lange Vorlesung ber den Inhalt seines Blinddarmes hielt. Es war vllig unmglich zwischen all den Menschen hindurchzukommen, denn die Volksmenge wuchs immer mehr an, und die lange Kette der Wagen machte halt, da sie nicht mehr vorwrts kommen konnte. Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit der Menge auf einen mutigen Burschen, der auf Stelzen die Huserreihen entlang schritt, obwohl ihm jeden Augenblick die Stelzen unter den Beinen weggeschlagen werden konnten und er Gefahr lief, sich auf dem Pflaster zu Tode zu fallen. Aber deswegen schien er sich keine Sorge zu machen. Er trug einen ausgestopften Riesen auf seiner Schulter, den er mit einer Hand festhielt, und in der andern Hand ein Stck Papier mit einem Sonett und einem darangehefteten Schwanz, wie man sie bei Papierdrachen findet, und schrie dazu aus voller Kehle: _Ecco il gran poeta morto! Ecco il suo sonetto colla coda._ (Da ist der verstorbene groe Dichter! Das ist sein Sonett mit dem Schwanz [_coda_][17].) Der verwegene Bursche hatte eine so dichte Menschenmenge um sich geschart, da der Frst in dem Gedrnge kaum noch zu atmen vermochte. Endlich setzte sich die ganze Menge hinter dem toten Poeten in Bewegung, auch die lange Wagenreihe, worber der Frst sehr erfreut war, obgleich ihm in dem Gedrnge der Hut vom Kopfe geschlagen worden war, nach dem er jetzt eilig griff. Als er noch damit beschftigt war, den Hut aufzuheben, schlug er die Augen auf und blieb wie angewurzelt stehen: vor ihm stand ein Mdchen von einer unbeschreiblichen Schnheit, sie hatte ein leuchtendes albanisches Kostm an und kam in Gesellschaft von zwei andern gleichfalls schnen Frauen daher, die aber neben ihr verblaten, wie die Nacht vor dem Tage. Das war ein herrliches Wunderbildnis. Alles mute vor ihrem Glanze dahinschwinden. Wenn man sie ansah, wurde es einem klar, warum die italienischen Dichter schne Frauen mit der Sonne verglichen. Ja, das war eine Sonne, das war die vollkommenste Schnheit! Aller Glanz, der uns zersplittert und auf die einzelnen Schnen dieser Welt verteilt entgegenstrahlt, war hier in einer einzigen vereinigt. Wenn man ihren Busen und ihre Bste ansah, erkannte man sogleich die Mngel des Busens und der Bste anderer schner Frauen. Im Vergleich mit ihrem dichten glnzenden Haar mute jedes andere Haar dnn und farblos erscheinen. Ihre Hnde muten jeden Menschen zum Knstler machen! denn wie ein Knstler htte er sie ewig anschauen mgen und es nie gewagt, sie anzuhauchen. Im Vergleich mit ihren Fen muten die Fe aller Englnderinnen, aller Deutschen, aller Franzsinnen und der Frauen aller andern Nationen wie Holzspne erscheinen, nur die antiken Bildhauer haben die hehre Idee ihrer Schnheit in ihren Statuen festgehalten. Ihre Schnheit war vollkommen und wie dazu geschaffen, jedermann in gleicher Weise zu blenden. Hierzu bedurfte es nicht eines besonderen Geschmacks; angesichts solcher Vollendung muten alle Geschmacksrichtungen zusammentreffen; vor ihr muten alle andchtig auf die Knie sinken, der Glubige wie der Unglubige wren vor ihr niedergefallen, wie vor einer pltzlichen Erscheinung der Gottheit. Der Frst sah, wie die ganze Menge und alle Anwesenden, soviel ihrer da waren, sie anstarrten, wie sich ein unwillkrliches mit Entzcken gemischtes Staunen in den Zgen der Frauen malte, wie sie immer wieder ausriefen: _O bella!_ wie alle ohne Ausnahme sich in Knstler verwandelt zu haben schienen und ganz im Anschauen des schnen Wesens verloren waren. Aber im Gesicht des Mdchens war nichts zu lesen, auer einem lebhaften Interesse fr den Karneval: sie sah nur die Menge und die Masken, merkte nichts von den auf sie gerichteten Augen und hrte kaum auf die hinter ihr stehenden Herren in Sammetjacken, anscheinend ihre Verwandten, die sie wahrscheinlich hieher begleitet hatten. Der Frst suchte von den Leuten, die neben ihm standen, zu erfahren, wer und woher wohl dies wunderschne Mdchen sei, aber man antwortete ihm berall blo mit einem Achselzucken und einer unbestimmten Geste und fgte vielleicht noch hinzu: Ich wei nicht, wahrscheinlich ist's eine Fremde[18]. Unbeweglich und mit angehaltenem Atem schien er sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Endlich richtete auch das schne Mdchen ihre tiefen Augen auf ihn, um sie jedoch sogleich verlegen von ihm abzuwenden. Ein Schrei weckte ihn aus seinen Trumereien: vor ihm stand ein mchtiger Wagen. Eine Anzahl Masken in roten Blusen rief ihn beim Namen, bestreute ihn mit Mehl und begleitete ihre Spe mit dem langgezogenen Rufe hu ... hu ... hu! In einem Nu war er unter dem lauten Gelchter der Umstehenden von Kopf bis zu den Fen mit Mehl berschttet. Ganz wei wie Schnee, ja selbst mit weien Augenwimpern, eilte der Frst nach Hause, um sich umzuziehen. [Funote 17: In der italienischen Poetik gibt es eine besondere Form, die unter dem Namen Sonett mit dem Schwanz (_con la coda_) bekannt ist -- sie wird dann angewandt, wenn das Gedicht den ganzen Gedanken nicht zu fassen vermag und daher ein Zusatz erforderlich wird, der oft grer ist als das eigentliche Sonett.] Als er zu Hause angekommen war und sich umgekleidet hatte, war soviel Zeit verstrichen, da nur noch einundeinhalb Stunden bis zum Ave-Maria brigblieben. Die Wagen kehrten bereits leer vom Corso zurck: die Insassen hatten sich auf die Balkons zurckgezogen, um sich das Volk anzusehen, das sich in Erwartung der Pferderennen noch immer durch die Straen drngte. Als er in den Corso einbog, stie er auf einen Wagen, der mit Mnnern und Frauen angefllt war. Die Mnner trugen Jacken, die Frauen hatten Blumenkrnze auf dem Haupt und Zimbeln und Kastagnetten in den Hnden. Die Insassen des Wagens schienen in heiterer Stimmung nach Hause zurckzukehren, er war an der Seite mit Girlanden geschmckt, und die Speichen und Reifen der Rder waren mit grnen Zweigen umwunden. Aber das Herz des Frsten wurde kalt, als er sah, da im Wagen, inmitten der Frauen, das schne Mdchen sa, das einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ein strahlendes Lcheln erleuchtete ihr Antlitz, und unter Schreien und Singen rollte der Wagen schnell an ihm vorbei. Sofort machte der Frst sich auf und eilte ihm nach, aber ein langer Zug von Musikanten kam ihm in den Weg: eine Geige von schreckenerregender Gre kam auf einem sechsrdrigen Wagen dahergefahren. Ein Mann sa rittlings auf dem Gestell, und ein anderer, der ihr zur Seite ging, strich mit einem gewaltigen Fiedelbogen ber vier dicke Stricke, die die Saiten darstellen sollten. Die Herstellung dieser Geige hatte wahrscheinlich viel Mhe und groe Unkosten an Zeit und Geld verursacht. Voran schritt ein Mann mit einer ungeheueren Trommel. Eine groe Menge Volks, junge Burschen und Knaben folgten in hellen Scharen dem Musikantenaufzug, und die ganze Prozession wurde beschlossen durch einen in Rom wegen seiner Leibesflle bekannten Pizzicaruolo, der eine Klistierspritze von der Gre eines Kirchturms in der Hand trug. Als der Zug die Strae verlassen hatte, sah der Frst, da es schon zu spt war und daher keinen Sinn mehr hatte, hinter dem Wagen herzulaufen; zudem wute er ja auch nicht, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Dennoch aber konnte er den Gedanken nicht aufgeben, das schne Mdchen wieder aufzufinden. Seine Einbildungskraft zauberte ihm immer wieder dieses strahlende Lachen und den offenen Mund mit der langen Reihe wundervoller Zhne vor. Das ist ein Blitzstrahl und kein Weib! sagte er immer wieder zu sich selbst und fgte stolz hinzu: Sie ist eine Rmerin: ein solches Weib konnte nur in Rom geboren werden. Ich mu sie unbedingt wiedersehn; ich trage Verlangen nach ihrem Anblick, nicht um sie zu lieben -- nein, ich mchte sie nur ansehen, ihre ganze Gestalt betrachten: ihre Augen, ihre Hnde, ihre Finger, ihre glnzenden Haare. Ich will sie nicht kssen, ich mchte sie nur ansehen. Wie nur? So mu es doch auch sein, das liegt im Wesen der Natur; sie hat kein Recht, ihre Schnheit zu verbergen und mit sich fortzutragen. Die vollendete Schnheit ward der Welt ja darum geschenkt, damit jeder sie anschaue, und auf da er ihr Bild ewig in seinem Herzen trage. Wenn sie nur _schn_, nur eine gewhnliche Schnheit und kein Wesen von dieser hchsten Vollkommenheit wre, dann htte sie wohl das Recht, einem _Einzelnen_ anzugehren, er knnte sie in eine Wste forttragen und der Welt ihren Anblick vorenthalten. Aber die vollkommene Schnheit mu jedem sichtbar sein. Lt denn ein Architekt einen prachtvollen Tempel in einer engen Gasse errichten? Nein, er stellt ihn auf einen offenen Platz hin, damit der Mensch ihn von allen Seiten betrachten und sich an ihm erfreuen knne. >Ward etwa deshalb das Licht angezndet,< sagt der gttliche Meister, >auf da man es verberge und unter den Scheffel stelle. Nein das Licht ward angezndet, auf da es auf dem Tische stehe, allen Helligkeit spende und auf da sich alle im Lichte bewegen.< Nein, ich mu sie unbedingt sehen! So sprach der Frst zu sich selbst, dachte dann lange nach und ging alle Mittel durch, die ihn zu seinem Ziele fhren knnten; endlich schien er eins gefunden zu haben: sofort und ohne einen Augenblick zu zgern begab er sich in eine der entlegenen Gassen, deren es in Rom sehr viele gibt, wo es nicht einmal einen Kardinalspalast mit einem gemalten Wappen auf dem ovalen Holzschilde gibt, wo sich ber jedem Fenster und jeder Tr der engen Huschen eine Nummer befindet, wo sich das Pflaster bucklig emportrmt und wieder senkt, und wohin sich von Fremden hchstens ein geriebener deutscher Knstler mit seinem Feldstecher und seinem Farbenkasten verirrt, oder etwa noch ein Ziegenbock, der hinter der vorbergehenden Herde zurckgeblieben ist und stehenbleibt, um sich diese merkwrdige Strae anzuschauen, die er noch nie gesehen hat. Hier hrt man die sonoren Stimmen der Rmerinnen; in allen Fenstern ertnt Geplauder und lebhafte Wechselrede. Hier herrscht volle Aufrichtigkeit, und der Passant kann hier alle huslichen Geheimnisse erfahren; selbst Mutter und Tochter sprechen hier nicht anders miteinander, als indem beide ihre Kpfe zum Fenster hinausstecken. Mnner sieht man hier berhaupt nicht. Kaum erglnzt der erste Strahl der Morgensonne, und schon ffnet sich das Fenster, und _siora_ Susanna blickt auf die Strae hinaus. In einem anderen Fenster erscheint _siora_ Grazia, noch damit beschftigt, sich den Rock anzuziehen, sodann ffnet _siora_ Nanna das Fenster, auf sie folgt _siora_ Lucia, die sich das Haar kmmt, und endlich streckt _siora_ Cecilia ihre Hand aus dem Fenster, um sich die Wsche zu holen, die auf einer Schnur vor dem Hause hngt und nun ihre Strafe dafr erhlt, da sie so widerspenstig war und sich so schwer erreichen lie: denn Donna Cecilia drckt sie zornig zusammen und wirft sie mit den Worten: _che bestia!_ auf den Boden. Hier lebt alles, hier ist alles in Bewegung, hier fliegt pltzlich ein Schuh aus dem Fenster, um einen unartigen Jungen oder einen Ziegenbock zu treffen, der mit einem einjhrigen Kind an einem Korb steht, es beschnuppert und seinen Kopf vorbeugt, um ihm zu zeigen, was zwei Hrner sind. Hier blieb nichts unbekannt, hier wute man alles. Die Signoras waren ber alles unterrichtet, was auf der Welt passierte, sie wuten, was _siora_ Giudita sich fr ein Tuch gekauft hatte, bei wem es heut Fisch zum Mittagessen gab, wer Barbaruccias Geliebter und welcher Kapuziner der beste Beichtvater war. Nur selten flocht auch der Gatte ein Wort ein, der meist auf der Strae an die Mauer gelehnt dastand, eine kurze Pfeife in den Zhnen hielt, und es fr seine Pflicht hielt, wenn er von einem Kapuziner reden hrte, ein paar Worte wie: Das sind alles Gauner! hinzuzufgen, worauf er wieder fortfuhr, seine Nase in Rauchwolken einzuhllen. Hier kam nie ein Wagen vorbeigefahren, auer etwa ein zweirdriger Rumpelkasten, der von einem Maultier gezogen wurde und Mehl fr den Bcker mitfhrte, gewhnlich wurde er auch von einem schlfrigen Esel begleitet, der kaum dazu zu bewegen war, seinen Korb mit den Broccoli bis an seinen Bestimmungsort zu schleppen, trotz aller Hhs der Straenjungen, die seine unempfindlichen Lenden mit Steinwrfen regalierten. Hier gibt es keine Magazine auer ein paar kleinen Lden, wo Brot, Bindfaden und Glasflaschen feilgeboten werden, und einem dunklen, engen Caf, das sich in einer Straenecke befindet, da konnte man stets den Anblick eines bestndig auf die Strae herauslaufenden Bottegas genieen, der den Signoris in kleinen Blechkannen Kaffee oder eine in Ziegenmilch gekochte Schokolade, die unter dem Namen Aurora bekannt ist, servierte. Alle Huser gehrten hier zwei, drei, mitunter aber auch vier Hausbesitzern, von denen der eine nur den lebenslnglichen Niebrauch, ein zweiter nur eine Etage besa, deren Mietzins er jedoch nur zwei Jahre lang erheben durfte, wonach der Stock auf Grund eines Testaments auf zehn Jahre an den _padre_ Vincenzo fiel, dessen rechtlicher Anspruch jedoch von einem Verwandten des ursprnglichen Besitzers, der in Frascati wohnte, und der schon rechtzeitig fr die Einleitung eines Prozesses gesorgt hatte, angefochten wurde. Es gab auch solche Hausbesitzer, die nur ein einziges Fenster in einem bestimmten Hause und zwei andere in einem andern Hause besaen, und die Einknfte von dem Fenster, fr das der unordentliche Mieter brigens den Mietzins meist schuldig blieb, mit einem Bruder teilten, -- mit einem Wort, hier gab es in Hlle und Flle Material fr unaufhrliche Prozesse und reichen Broterwerb fr die Advokaten und Kuriale, die Rom berschwemmten. Alle Damen, von denen soeben gesprochen wurde, sowohl die vornehmsten, die stets mit ihrem vollen Namen genannt wurden, wie die geringeren Ranges, die nur mit Diminutiven beehrt wurden: alle Tettas, Tuttas, Nannas usw. hatten meistens gar nichts zu tun; das waren Gattinnen von Rechtsanwlten, kleinen Beamten, kleinen Kaufleuten, Trgern, Facchinos, gewhnlich aber Frauen unbeschftigter Brger, deren ganzes Talent darin bestand, sich geschickt mit ihren nicht mehr ganz intakten Mnteln zu drapieren. Viele von den Signoras standen den Malern Modell. Hier gab es Modelle aller Arten. Wenn sie Geld hatten, verbrachten sie ihre Zeit mit ihren Mnnern oder in groer Gesellschaft in den Osterien, hatten sie kein Geld -- so waren sie deshalb auch nicht betrbt, sondern saen am Fenster und blickten auf die Strae hinaus. Heute war die Strae stiller als sonst, weil ein Teil der Bewohner mit der Volksmenge nach dem Corso gezogen waren. Der Frst ging auf die alte verfallene Tr eines Huschens zu, die zahlreiche Lcher aufwies, so da selbst der Hauswirt lange mit dem Schlssel nach dem Schlsselloch suchen mute. Er war eben im Begriff, nach dem Ring zu greifen, als er pltzlich die Worte vernahm: Signor Principe will Peppe sehen? Er hob das Haupt und erblickte _siora_ Tutta, die ihren Kopf aus dem dritten Stock hervorstreckte. [Funote 18: Die Rmer nennen alle, die nicht in Rom leben, Fremde (_forestieri_), auch wenn sie nur zehn Meilen auerhalb der Stadt wohnen.] So ein vorlautes Frauenzimmer! rief _siora_ Susanna aus dem gegenberliegenden Fenster. Der Principe ist vielleicht gar nicht deswegen gekommen, um Peppe zu sehen! Natrlich, um Peppe zu sehen! Nicht wahr, Herr Frst? Doch nur um Peppe zu sprechen? Nicht wahr? Herr Frst? Um Peppe zu sprechen? Ach was, Peppe! Was fr einen Peppe, fuhr _siora_ Susanna, mit beiden Hnden gestikulierend, fort. Der Frst hat gerade Zeit, jetzt an Peppe zu denken! Jetzt ist doch Karneval. Der Frst will sicher mit seiner Cousine Marchesa Montelli, und mit seinen Freunden eine Wagenfahrt unternehmen und in die Stadt fahren, _per far allegria_. Peppe! Peppe! Der Frst war hchst erstaunt, solche Details ber die Art, wie er seine Zeit verbringen wollte, zu vernehmen, aber er hat keinen Anla, sich zu wundern, denn _siora_ Susanna wute alles. Nein, meine lieben _signore_, sagte der Frst, ich mu in der Tat Peppe sprechen. Diesmal jedoch war es _siora_ Grazia, die die Antwort erteilte; sie hatte schon lngst ihren Kopf aus einem Fenster der zweiten Etage herausgestreckt und sa lauschend da. Sie schnalzte zur Antwort ein wenig mit der Zunge und machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Finger -- das gewhnliche Zeichen der Verneinung bei den Rmerinnen -- und fgte dann hinzu: Er ist nicht zu Hause. Aber vielleicht wissen Sie, wo er ist, wohin er gegangen ist? Eh, wohin wird er gegangen sein! versetzte _siora_ Grazia, indem sie ihren Kopf ein wenig auf die Seite neigte, vielleicht -- in die Osteria, am Platz beim Brunnen; wahrscheinlich hat ihn jemand aufgefordert; er ist halt irgendwohin gegangen: _chi lo sa_ (wer will es wissen). Wenn der Principe ihm irgend etwas zu bestellen hat, fiel hier Signora Barbaruccia ein, die am gegenberliegenden Fenster sa und im Begriff war, sich einen Ohrring ins Ohr zu hngen: Sie brauchen es mir nur zu sagen, ich will es ihm ausrichten. Nein, lieber nicht, dachte der Frst und dankte fr ein solches Entgegenkommen. In diesem Augenblick lugte aus einer Nebengasse eine mchtige schmutzige Nase hervor, die wie eine ungeheure Axt ber den gleich darauf zum Vorschein kommenden Lippen und ber dem ganzen Gesicht schwebte: das war Peppe in eigener Person. Da ist Peppe! rief _siora_ Susanna. Da kommt Peppe, _sior_ Principe! rief Signora Grazia lebhaft aus ihrem Fenster. Er kommt, Peppe kommt! trompetete _siora_ Cecilia aus einer Straenecke. Principe, Principe! Das ist ja Peppe! Da ist Peppe! (_ecco_ Peppe, _ecco_ Peppe!) schrien die Kinder auf der Strae. Ich seh, ich sehe, sagte der Frst, ganz betubt von dem lauten Geschrei. Da bin ich, _eccellenza_. Da bin ich! sagte Peppe, indem er die Mtze abnahm. Man merkte es ihm an, da er schon etwas vom Karneval abgekriegt hatte. Er war auf einer Seite mit einer Ladung Mehl bedacht worden: der ganze Rcken und eine Seite waren ganz wei, der Hut war eingekeilt und das ganze Gesicht mit weien Tupfen bedeckt. Peppe war schon deswegen merkwrdig, weil er sein ganzes Leben lang den Diminutivnamen Peppe getragen hatte. Er hatte sich durchaus nicht bis zum Giuseppe aufschwingen knnen, obwohl er bereits grau zu werden begann. Er stammte sogar aus einer guten und wohlhabenden Kaufmannsfamilie, aber er hatte sein letztes Huschen in einem Proze verloren. Schon sein Vater, ein Mensch von derselben Gattung wie Peppe, trotzdem er _sior_ Giovanni genannt wurde, hatte sein ganzes Vermgen aufgezehrt, und nun fristete Peppe gleich vielen andern notdrftig sein Leben, so wie es gerade kam: bald nahm er Dienste bei einem Auslnder, bald spielte er den Boten bei einem Rechtsanwalt, bald brachte er einem Knstler das Atelier in Ordnung, bald wieder diente er als Wchter in einem Weinberg oder in einer Villa und je nach dem Amt, das er bekleidete, wechselte er auch bestndig sein Kostm. Mitunter begegnete man Peppe in einem weiten Rock und einem runden Hut auf der Strae, bald wieder in einem engen Kaftan, der an zwei drei Stellen geplatzt war, und so enge rmel hatte, da Peppes lange Arme wie zwei Besenstiele aus ihnen hervorguckten, zuweilen aber erschien er in einem ganz undefinierbaren Kostm, wobei er die einzelnen Kleidungsstcke noch nicht einmal richtig angezogen hatte: mitunter konnte man fast glauben, er habe die Jacke an Stelle der Hosen angezogen und sie hinten, so gut es eben ging, zugebunden. Er war stets zu allen mglichen Diensten bereit und bernahm allerlei Auftrge, hufig sogar, ohne da dabei etwas fr ihn abfiel. Er lief hin und verkaufte fr die in seiner Strae wohnenden Damen allerhand alten Plunder: in Pergament gebundene Bcher eines verarmten Abbs oder Antiquars oder das Gemlde eines Knstlers; er ging morgens zu den Abbs und nahm ihre Hosen und Schuhe, um sie zu putzen, mit sich nach Hause, wobei er es dann meist verga, sie zur rechten Zeit wieder zurckzubringen, blo aus dem bereifrigen Wunsch, sich irgendeinem Dritten gefllig zu erweisen, und die Abbs hatten dann den ganzen Tag ber Zimmerarrest, da sie ja nicht ohne Hosen und Stiefel ausgehen konnten. Oft fiel ihm eine betrchtliche Geldsumme zu. Aber er verfgte ber sie nach rmischer Art, d. h. schon am folgenden Tage war fast nichts mehr davon brig, und dies nicht etwa deshalb, weil er das Geld fr sich verbrauchte oder verschwendete, sondern weil er alles in der Lotterie verspielte, fr die er eine groe Leidenschaft besa. Es gab kaum eine Nummer, mit der er es nicht schon versucht hatte. Jede unbedeutende, ganz alltgliche Begebenheit erhielt fr ihn eine groe Bedeutung. Wenn es sich einmal ereignete, da er irgendeinen Plunder auf der Strae fand, so sah er gleich in seinem Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer er dort verzeichnet stand, um sich sofort das entsprechende Lotteriebillett zu besorgen. Einmal trumte er, da der Satan, -- den er ohnedies aus einem unbekannten Grunde jedesmal zu Beginn des Frhlings im Traume sah -- da ihn der Satan bei der Nase gepackt hielt und ber die Dcher smtlicher Huser schleifte, von der St. Ignatiuskirche, ber den ganzen Corso durch die Tre Ladronigasse bis nach der Via della Stamperia, bis er endlich auf der Treppe der Trinita haltmachte und sagte: Das hast du dafr, da du zum heiligen Pankratius gebetet hast, Peppe! Deine Nummer wird nicht gewinnen. Dieser Traum machte in der ganzen Strae groes Aufsehen, und besonders _siora_ Cecilia und _siora_ Susanna regten sich sehr ber ihn auf; aber Peppe deutete ihn in seiner Weise: er holte sofort sein Wahrsagebuch und fand hier, da der Teufel 13, die Nase 24 und der heilige Pankratius 30 bedeutet, und kaufte sich noch am selbigen Morgen alle drei Nummern. Dann addierte er alle drei Zahlen zusammen, was 67 ergab und besorgte sich noch Nummer 67. Wie gewhnlich waren alle vier Nummern Nieten. Ein anderes Mal geriet er in Streit mit einem Weinbauer, einem dicken Rmer namens _sior_ Raphael Tomacelli. Was der Anla zu diesem Streite war, das wei Gott allein; es gab jedoch zwischen ihnen einen sehr lauten, von lebhaften Handbewegungen begleiteten Disput, und schlielich wurden beide kreidebleich -- ein drohendes Zeichen, auf das hin gewhnlich alle Frauen entsetzt ans Fenster eilen und der vorberkommende Spaziergnger sich in Sicherheit zu bringen sucht -- mit einem Wort, ein Zeichen dafr, da beide Parteien gleich zum Messer greifen werden. Und in der Tat, der dicke Tomacelli hatte bereits seine Hand in den ledernen Stiefelschaft gesteckt, der seine dicke Wade eng umspannte, um sein Messer hervorzuholen, und rief: Warte nur, ich krieg dich schon, du Kalbskopf! als sich Peppe pltzlich mit der Hand vor den Kopf schlug und eilig das Schlachtfeld verlie. Es war ihm eingefallen, da er sich noch nie ein Lotteriebillett auf das Stichwort Kalbskopf gekauft hatte. Er sah im Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer der Kalbskopf verzeichnet stand, und lief schleunigst nach der Lotteriekollekte, so da alle Straenbewohner, die sich bereits auf ein blutiges Schauspiel gefat gemacht hatten, durch diese unerwartete Wendung aufs hchste berrascht wurden, ja selbst Raphael Tomacelli lie sein Messer wieder in den Stiefelschaft gleiten, wute lange nicht, was er nun beginnen sollte und sagte schlielich: _Che uomo curioso!_ (Seltsamer Mensch!) brigens lie sich Peppe dadurch, da die Billette stets Nieten waren, und da das Geld weggeworfen war, nicht im mindesten beirren. Er war fest berzeugt, da er einmal reich werden wrde, und wenn er an einem Laden vorberging, unterlie er es nie, zu fragen, was ein jeder Gegenstand koste. Als er einmal erfuhr, da ein groes Haus verkauft werden sollte, begab er sich zum Verkufer, um sich bei diesem genauer danach zu erkundigen, und als seine Bekannten sich ber ihn lustig machten, versetzte er treuherzig: Was lacht ihr, warum lacht ihr? Ich will es doch nicht gleich kaufen, sondern spter einmal, wenn ich Geld haben werde. Das ist doch gar nicht so seltsam ... Ein jeder sollte sich ein Vermgen erwerben, um seinen Kindern, den Armen, oder fr einen Kirchenbau und andre schne Dinge etwas zu hinterlassen ... _Chi lo sa._ Der Frst kannte ihn schon lange, sein Vater hatte ihn sogar einmal als Bedienten engagiert, aber sehr bald wieder davongejagt, weil Peppe seine Livree bereits in einem Monat aufgetragen und die ganzen Toiletten des alten Frsten durch einen unvorsichtigen Sto mit dem Ellenbogen aus dem Fenster auf die Strae geworfen hatte. Hr mal, Peppe! sagte der Frst. Was befehlen _eccellenza_? versetzte Peppe, der barhaupt vor dem Frsten stand, der Herr Frst braucht nur zu sagen, >Peppe!< und schon bin ich da! Daher brauchen der Herr Frst nur zu sagen: >Hr mal, Peppe!< so erwidere ich schon: _ecco me eccelenza_! Du mut mir folgenden Dienst leisten, Peppe! ... Bei diesen Worten sah der Frst sich um, und bemerkte, da sich smtliche _siore_ Grazias, smtliche Susannen, Barbarucci, Tettas und Tuttas, soviel ihrer da waren, neugierig aus dem Fenster lehnten; die arme _siora_ Cecilia aber war beinahe im Begriff, auf die Strae herunterzufallen. Hm, die Sache steht schlimm! dachte der Frst, komm Peppe, folge mir! Mit diesen Worten schritt er voran, whrend Peppe ihm gesenkten Hauptes folgte und vor sich hinmurmelte: Eh! diese Weiber sind so neugierig, weil's eben Weiber sind, weil sie eben neugierig sind. Lange schritten sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschftigt, aus einer Strae in die andere. Peppe dachte bei sich: Der Frst will mir wahrscheinlich einen wichtigen Auftrag geben, weil er nicht in Gegenwart der andern davon reden will; folglich habe ich ein schnes Geschenk oder gar Geld von ihm zu erwarten. Wenn mir der Frst aber Geld gibt, was soll ich damit anfangen? Soll ich es dem Cafbesitzer _sior_ Serviglio geben, dem ich schon lange was schuldig bin? _Sior_ Serviglio wird in der ersten Fastenwoche sicherlich sein Geld von mir zurckfordern, denn er hat all sein Geld fr den Bau der ungeheuren Geige verbraucht, an der er drei Monate lang eigenhndig gearbeitet hat, um whrend des Karnevals mit ihr durch alle Straen zu ziehen, jetzt wird _sior_ Serviglio wahrscheinlich noch lange statt Rostbraten nur Ziegenfleisch und in Wasser gekochte Broccoli essen, bis er sich wieder mit seinem Caf genug Geld verdient hat. Oder soll ich _sior_ Serviglio noch nicht bezahlen, sondern ihn blo zum Mittagessen in eine Osteria auffordern? Denn _sior_ Serviglio ist ein -- _vero Romano_ und wird mir um der ihm erwiesenen Ehre willen die Rckzahlungsfrist noch ein wenig verlngern; die Lotterie beginnt bestimmt in der zweiten Woche der Fasten. Wie soll ich nur bis dahin das Geld verwahren? Die kann ich es so verstecken, da weder Giacomo noch Meister Petruccio, der Drechsler, etwas davon erfhrt, die mich sicherlich bitten werden, ihnen etwas zu leihen? Giacomo hat nmlich all seine Kleider bei den Juden im Gettho versetzt, Meister Petruccio hat gleichfalls seine Kleider zum Juden ins Gettho getragen, und hat einen Unterrock und das letzte Tuch seiner Frau in Stcke gerissen, um sich als Weib zu verkleiden ... wie soll ich es nur anstellen, da ich ihnen nichts leihen mu? Dies waren die Gedanken, die Peppe durch den Kopf gingen. Der Frst seinerseits aber dachte: Peppe kann herauskriegen, wo das schne Mdchen wohnt, wer sie ist und kann sie mir auffinden. Erstens kennt er alle Menschen und hat daher eher als alle andern Gelegenheit, in der Menge einem Freund zu begegnen, er kann von diesem etwas erfahren, kann in alle Cafs und Osterien hineinblicken und kann sogar jemand ansprechen, da er durch seine Figur bei niemand Verdacht erregt. Er schwatzt zwar mitunter zuviel und ist recht zerstreut, aber wenn man ihn bei seiner Rmerehre fat und ihm sein Ehrenwort abnimmt, so wird er das Geheimnis schon zu bewahren wissen. So dachte der Frst, whrend er die Straen durchschritt; endlich blieb er stehen, als er gewahrte, da er die Brcke lngst berschritten hatte und sich schon lange auf _der_ Seite Roms befand, die jenseits des Tibers liegt, da er bereits bergan ging und da die Kirche S. Pietro in Montorio nicht mehr fern war. Um nicht auf dem Wege stehenzubleiben, betrat er den Platz, von dem aus man ganz Rom berblicken kann und sagte zu Peppe gewandt: Hr mal, Peppe: ich mu dich um einen Dienst bitten. Was wnschen _eccellenza_? versetzte Peppe. In diesem Augenblick aber sah der Frst Rom vor sich liegen; wie ein herrliches, leuchtendes Panorama breitete sich die ewige Stadt vor ihm aus. Auf der ganzen hellen Masse der Huser, Kirchen, Kuppeln und Turmspitzen lag der leuchtende Glanz der herabsinkenden Sonne. Einzeln und in ganzen Gruppen traten eines hinter dem andern die Huser, die Dcher, die Statuen, die schwebenden Terrassen und die Galerien hervor; dort funkelten die dnnen Spitzen der Trme und Kuppeln einer Masse und spielten mit der kaprizisen Buntheit bemalter Laternen in tausend Farben, dort trat ein ganzer Palast hervor, dort die schn geschmckte Spitze der Antoninussule mit dem Kapitl und der Statue des Apostels Paulus; mehr rechts strebten die Gebude des Kapitols mit ihren Rossen und Statuen in den Himmel, noch mehr rechts ber der leuchtenden Masse der Huser und Dcher erhob sich majesttisch und streng das finstere Massiv des coliseischen Kolosses, dort wieder funkelte eine Flucht von Mauern, Terrassen und Kuppeln, in blendendes Sonnenlicht getaucht. Und ber der ganzen blitzenden Masse grten die Wipfel steinerner Eichen fern aus den Villen der Ludovisi und Medici mit ihrem dunklen Laub herber, ber ihnen ragte ein Wald von rmischen Pinien empor, die ihre zarten Stmme mit den kuppelfrmigen Wipfeln in die Luft streckten. Und dieses ganze Bild wurde seiner ganzen Lnge nach begrenzt von dunkelblauen Bergen, die sich zart und durchsichtig wie die Luft am Horizont erhoben und von einem phosphoreszierenden Lichte umwoben wurden. Kein Wort und kein Pinsel htte die wunderbare Harmonie und den eintrchtigen Zusammenhang aller Zge dieses Bildes schildern knnen! Die Luft war so rein und durchsichtig, da die zarteste Linie der fernen Gebude klar hervortrat und da alles so nahe erschien, wie wenn man es mit der Hand greifen konnte. Das letzte kleinste architektonische Ornament, der Arabeskenschmuck eines Gesimses -- alles zeichnete sich mit einer unbeschreiblichen Deutlichkeit ab. In diesem Augenblick ertnte ein Kanonenschu und ein ferner, in eins zusammenflieender Schrei der Volksmenge -- das Zeichen, da die reiterlosen Rosse schon vorbeigaloppiert waren und damit der Karnevalstag seinen Abschlu gefunden hatte. Die Sonne sank immer tiefer herab und nherte sich dem Erdrand; ihr Abglanz auf der Masse der Bauwerke wurde immer rosiger und glhender, die Stadt erschien jetzt noch belebter und nher, die Pinien noch dunkler, das Blau der Berge wurde noch tiefer, sie phosphoreszierten noch strker, und der erlschende Himmelsther wurde noch wundersamer und feierlicher! ... O Gott, welch ein Anblick! Und ganz hingerissen von all der Herrlichkeit verga der Frst sich selbst, die Schnheit Anunziatas, das rtselhafte Schicksal seines Volkes und alles, was es auf dieser Welt gab. Anhang I Arabesken Die Arabesken sind in der ersten Januarhlfte des Jahres 1835 erschienen; die Unterschrift des Zensors trgt das Datum den 10. November 1834. Arabesken (Erster Teil) I. _Skulptur, Malerei und Musik._ Der Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1831, die endgltige Bearbeitung fr den Druck fllt in das Jahr 1834. II. _ber das Mittelalter._ Dieser Aufsatz, Gogols Antrittsvorlesung, ist im August 1834 niedergeschrieben. III. _Ein Kapitel aus einem historischen Roman._ Wurde zum erstenmal in dem Almanach Nordische Blumen fr das Jahr 1831 (_Ssewernyje zwety na 1831 god_) abgedruckt. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum den 18. Dezember 1830. IV. _ber den Unterricht in der Weltgeschichte._ Dieser Aufsatz ist im Dezember 1833 geschrieben. In der ersten Hlfte des Jahres 1834 wurde er noch einmal berarbeitet und erschien dann in der neuen Fassung im Februarheft der Zeitschrift des Kultusministeriums (_Journal Ministerstwa Narodnawo prossweschtschenja_) Jahrgang 1834. V. _Ein berblick ber das Werden Kleinrulands._ Der erste Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1833; im Mrz 1834 wurde er fr den Druck neu bearbeitet und erschien zum erstenmal im Aprilheft der Zeitschrift des Kultusministeriums, Jahrgang 1834, unter dem Titel Ein Abschnitt aus der Geschichte Kleinrulands, Band I, Buch I, Kapitel I. VI. _Einige Worte ber Puschkin._ Der erste Entwurf stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Bearbeitung fr den Druck aus dem Jahre 1834. VII. _ber die Architektur unserer Zeit._ Dieser Aufsatz ist in der zweiten Hlfte des Jahres 1833 begonnen, 1834 wurde er vor der Drucklegung noch einmal berarbeitet. VIII. _Al-Mamun._ Dieses Essay stammt aus dem Jahre 1834. Arabesken (Zweiter Teil) I. _Das Leben._ Der Entwurf zu dieser Skizze stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Bearbeitung aus dem Jahre 1834. II. _Schlzer, Mller und Herder._ Der erste Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Fassung aus dem Jahre 1834. III. _Der Newsky-Prospekt._ Diese Novelle wurde 1833 oder im Anfang des Jahres 1834 begonnen. Im Oktober 1834 wurde sie fr den Druck fertiggestellt. Bei der Umarbeitung erhielt folgende Stelle der ursprnglichen Handschrift eine neue Fassung: Wenn Piragow seine Uniform angehabt htte, so htte wahrscheinlich die Achtung vor seinem Rang und seiner Wrde die wilden Teutonen sicherlich von ihrem Unternehmen abstehen lassen; aber er war ja nur als Zivilist und als Privatperson erschienen -- im Rock und ohne Epauletten. In rasender Wut rissen die Deutschen ihm den Rock vom Leibe; Hoffmann setzte sich ihm mit dem ganzen Gewicht seines Leibes auf die Beine, Kunz packte ihn am Kopfe und Schiller ergriff ein Rutenbndel, das bei ihm den Dienst eines Besens versah. Ich mu zu meinem groen Bedauern gestehen, da der Leutnant Piragow uerst schmerzhafte Prgel bezog. (Vergl. Seite 238.) IV. _ber die kleinrussischen Lieder._ Dieser Aufsatz ist im Mrz des Jahres 1834 niedergeschrieben und im Aprilheft der Zeitschrift des Kultusministeriums, Jahrgang 1834, erschienen. V. _Gedanken ber Geographie._ Dieser Aufsatz erschien zum erstenmal in der ersten Nummer der Literaturzeitung (_Literaturnaja Gaseta_) im Januarheft des Jahrgangs 1831 unter dem Titel Einige Gedanken ber die Art, wie man Kinder in der Geographie unterrichten soll. Die neue Fassung, wie sie in den Arabesken vorliegt, stammt aus dem Jahre 1834. VI. _Der letzte Tag von Pompeji._ Ist im August des Jahres 1834 geschrieben. VII. _Der Gefangene._ Stammt aus dem Jahre 1830. VIII. _ber die Vlkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts._ Ist wahrscheinlich im September des Jahres 1834 geschrieben. IX. _Memoiren eines Wahnsinnigen._ Stammt aus dem Jahre 1834. II Aufstze aus Puschkins Zeitgenossen I. _ber die Strmungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835._ Dieser Aufsatz wurde im Februar 1836 begonnen und erschien in neuer Bearbeitung im April des Jahres 1835 im ersten Bande des Zeitgenossen (_Sowremennik_) von Puschkin. II. _Petersburger Skizzen 1836._ Dieser Aufsatz besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil stammt aus dem Jahre 1835, der zweite aus dem April und Mai des Jahres 1836. Beide Teile wurden zum erstenmal im sechsten Bande von Puschkins Zeitgenossen abgedruckt, der erst nach seinem Tode erschien und die vom 2. Mai 1837 datierte Unterschrift des Zensors trgt. III. _Italienische Sommernchte._ Der Entwurf zu diesen Skizzen stammt aus dem Jahre 1839. III Rom Ein Fragment S. T. Aksakow, dem Gogol diese Erzhlung 1839 selbst vorgelesen hat, nennt sie die Italienische Novelle Anunziata. Die Erzhlung ist noch vor dem September desselben Jahres in Rom niedergeschrieben. Gegen Ende des Jahres 1841 wurde das Fragment vor der Drucklegung noch einmal berarbeitet. Es erschien in der dritten Nummer des Moskwitjanin (der Moskauer) vom Jahre 1842. * * * * * Diese Nachtrge und Anmerkungen sind der russischen Ausgabe von _Tichonrawow_ und _Schenrock_ (Petersburg 1901) entnommen. _Der Herausgeber._ Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt. Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verndert. Im Original ist in den Memoiren eines Wahnsinnigen im letzten Eintrag (Seite 384) der Monatsname Februar um 180 Grad gedreht (kopfstehend) geschrieben. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 3]: ... kann man wohl schon die Unvollkommenheit deines Ganzen ... ... kann man wohl schon die Unvollkommenheit des Ganzen ... [S. 10]: ... apelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genufhigkeit. ... ... appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genufhigkeit. ... [S. 27]: ... pltzlich in schrecklicher Majestt auf, diese endenlosen ... ... pltzlich in schrecklicher Majestt auf, diese endlosen ... [S. 31]: ... der inmitten seiner unvermelichen Lndereien, im Kreise ... ... der inmitten seiner unermelichen Lndereien, im Kreise ... [S. 31]: ... singen -- der unerbitterliche Dolch erreichte sie am Ende ... ... singen -- der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende ... [S. 34]: ... ist, und niemand erfhrt etwas von von ihnen. ... ... ist, und niemand erfhrt etwas von ihnen. ... [S. 39]: ... der heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen ... ... die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen ... [S. 40]: ... des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun! ... Man ... ... des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ... Man ... [S. 43]: ... heuzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird ... ... heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird ... [S. 44]: ... doch gar nicht gehrt, da bei Lochwitze ein Lager aufgeschlagen ... ... doch gar nicht gehrt, da bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ... [S. 50]: ... nachdem er zweiundfnzig Seelenmessen fr den verstorbenen ... ... nachdem er zweiundfnfzig Seelenmessen fr den verstorbenen ... [S. 54]: ... erwrgst ja den Kater? Ich habe dir was Ses mitgebracht! ... ... erwrgst ja den Kater! Ich habe dir was Ses mitgebracht! ... [S. 74]: ... Nordosten in drohender Majestt die Wacht; die bebefreiten ... ... Nordosten in drohender Majestt die Wacht; die befreiten ... [S. 125]: ... kein harmonisches Ganze mehr. ... ... kein harmonisches Ganzes mehr. ... [S. 125]: ... so wurden dieser schlielich primitiv und einfach bis zur ... ... so wurde dieser schlielich primitiv und einfach bis zur ... [S. 127]: ... Wlbung nach den Wolken strebt oder in einen gegewaltigen ... ... Wlbung nach den Wolken strebt oder in einen gewaltigen ... [S. 140]: ... mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbarem Halsgeschmeide. ... ... mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide. ... [S. 146]: ... uere annehmen, bald wieder einen frhlichen Ausdruck, ... ... ueres annehmen, bald wieder einen frhlichen Ausdruck, ... [S. 158]: ... die keine bestimmte Gesetze kennen, liegt die ... ... die keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ... [S. 161]: ... Fanatismus, -- einen Fantismus, der die Massen auseinanderri, ... ... Fanatismus, -- einen Fanatismus, der die Massen auseinanderri, ... [S. 168]: ... des Menschen. Alles ist vergnglich. Gemein ist alle ... ... Menschen. Alles ist vergnglich. Gemein ist alle ... [S. 179]: ... ein unzertrennliches Ganze ist das Ziel, nach dem seine ... ... ein unzertrennliches Ganzes ist das Ziel, nach dem seine ... [S. 192]: ... Lesen von Journlen beschftigen, mit einem Wort, ... ... Lesen von Journalen beschftigen, mit einem Wort, ... [S. 197]: ... Epaulette bringen sie schon in solch eine Vewirrung, da ... ... Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, da ... [S. 199]: ... Licht dies Lcheln vorgegaukelt hatt. Allein, der ... ... Licht dies Lcheln vorgegaukelt hatte. Allein, der ... [S. 263]: ... nie ein schnes Ganze zurckbleiben. -- Es werden ... ... nie ein schnes Ganzes zurckbleiben. -- Es werden ... [S. 271]: ... in Kiew, einen King Bench? ber diese wird das ... ... in Kiew, einen King Bench! ber diese wird das ... [S. 273]: ... ein organisches Ganze zu bilden. ... ... ein organisches Ganzes zu bilden. ... [S. 283]: ... Schrecken und doch wieder seinen Schreck pltzlich vergessend, ... ... Schrecken und doch wieder ihren Schreck pltzlich vergessend, ... [S. 306]: ... der Zivilisation wren berhaupt um viele Jahrhunderte ... ... der Zivilisation wre berhaupt um viele Jahrhunderte ... [S. 331]: ... von selbst, da diese Taten in seine Untertanen keinen allzu ... ... von selbst, da diese Taten in seinen Untertanen keinen allzu ... [S. 399]: ... durchaus zu verwerfen wren. Dies erinnnerte an den ... ... durchaus zu verwerfen wren. Dies erinnerte an den ... [S. 410]: ... Beobochter die Erwartungen des nach Neuem ... ... Beobachter die Erwartungen des nach Neuem ... [S. 410]: ... Biene unb die Lesebibliothek waren, die natrlich nie ... ... Biene und die Lesebibliothek waren, die natrlich nie ... [S. 424]: ... allerhand Kmpfer laut miteinander im Streite liegen. ... ... allerhand Kmpfer laut miteinander im Streite liegen? ... [S. 424]: ... mit jeder orginalen Schpfung: aus ihr lernen wir den ... ... mit jeder originalen Schpfung: aus ihr lernen wir den ... [S. 444]: ... Verhltnissen Talente entwickeln. Gebt uns um Gottes ... ... Verhltnissen Talente entwickeln? Gebt uns um Gottes ... [S. 444]: ... Autoren frmlich in ihre Stcken geschleppt werden, so wie ... ... Autoren frmlich in ihre Stcke geschleppt werden, so wie ... [S. 462]: ... hob sich mir ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden ... ... hob sich mit ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden ... [S. 462]: ... klingendem, diamentenem Strahl das Wasser emporsprang ... ... klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang ... [S. 492]: ... Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unschtterlichen, ... ... Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unerschtterlichen, ... [S. 497]: ... rndeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen ... ... rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen ... [S. 501]: ... ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben. Und ... ... ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben? Und ... [S. 501]: ... er gedacht der Zeit, als er noch als Student der Universitt, ... ... er gedachte der Zeit, als er noch als Student der Universitt, ... [S. 529]: ... er kann von diesen etwas erfahren, kann in alle Cafs ... ... er kann von diesem etwas erfahren, kann in alle Cafs ... End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom, by Nikolaj Gogol License: Share Alike