Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library. Nikolaus Gogol Briefwechsel Nikolaus Gogol Smmtliche Werke In 8 Bnden Herausgegeben von Otto Buek Band 7 Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1913 Nikolaus Gogol Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden Herausgegeben von Otto Buek Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1913 Vorrede Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode nahe. Da raffte ich meine letzten Krfte zusammen, die mir noch blieben, benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner Geisteskrfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich wenigstens einen Teil der Schuld shnen zu knnen, die ich durch die Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen bedrfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Gte wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt und ich fhle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach meine Krfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, da mein Leben an einem Haar hngt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise ins Heilige Land rste, die meiner Seele ein Bedrfnis ist und whrend deren mir vieles zustoen kann, fhle ich den Wunsch, meinen Landsleuten beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So whle ich denn selbst alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die Gesellschaft gegenwrtig am meisten beschftigen, lasse alles beiseite, was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide alles aus, was nur fr wenige von Bedeutung sein knnte. Dazu fge ich noch zwei oder drei literarische Aufstze hinzu, und endlich lege ich dem Ganzen noch mein Testament bei, auf da dieses, wenn mich der Tod unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und verbrgt, sogleich rechtmig in Kraft trete. Mein Herz sagt mir, da mein Buch einem wirklichen Bedrfnis entspricht und da es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich mir zutraue, Ntzliches wirken zu knnen, sondern weil ich noch niemals so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Ntzliches zu vollbringen, wie heute. Fr uns Menschen gengt es schon, wenn wir die Hand ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und sie dem ohnmchtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der ffentlichkeit zu bergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen; zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen knnen, und ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklren, da alles Geld, das nach Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird, brigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedrfnis fhlen, whrend der kommenden groen Fasten nach dem Heiligen Lande zu pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermgen, teils denen zur Untersttzung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn fr ihre Wohltter, d. h. meine Leser, beten werden. Ich wnschte, ich knnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller Krnkungen, die ich ihnen zugefgt haben sollte. Ich wei, da ich viele Leute durch meine unberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke betrbt, viele sogar gegen mich aufgebracht und berhaupt bei vielen Ansto und rgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner Rechtfertigung sagen, da meine Absicht stets gut war, und da ich niemand betrben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine Unbesonnenheit, meine Hast und bereilung waren die Ursache, da meine Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe alle ber ihren wahren Sinn getuscht wurden. Alles andere dagegen, wobei tatschlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich mir mit jener Gromut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fhig ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit denen mich mein Lebensweg fr lngere oder krzere Zeit zusammengefhrt hat. Ich wei, da ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. berhaupt hatte die Art meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoendes an sich. Dies rhrte teils davon her, da ich einem Zusammentreffen und einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das Gefhl hatte, ich htte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich Notwendiges zu sagen (und leere und berflssige Redensarten wollte ich nicht machen), und da ich zugleich davon berzeugt war, da ich mich selbst wegen meiner zahllosen Mngel und Fehler noch in einiger Entfernung von den Menschen erziehen msse. Zum Teil aber war es auch die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher fr berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein mag, ich bitte, mir alle persnlichen Krnkungen zu verzeihen, die ich einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwrtigen Augenblicke zugefgt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewut oder unbewut geringschtzig oder ohne gebhrende Achtung behandelt haben sollte; wem es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben, den erinnere ich daran, da er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle seine Brder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brder nicht den Mut haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches vorkommen sollte, das sie krnken oder beleidigen knnte. Ich bitte sie, mir deshalb nicht innerlich zu zrnen, sondern mir statt dessen lieber gromtig alle Mngel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine Torheit, meine Unberlegtheit, meine bermige Eitelkeit und Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen -- mit einem Wort, alle die Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen, und die ich wahrscheinlich in noch weit hherem Mae besitze. Zum Schlu bitte ich alle Russen, fr mich zu beten, vor allem die Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich, mich in ihr Gebet einzuschlieen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft ihres Gebets glauben, wie auch die, die berhaupt nicht an das Gebet glauben und es nicht einmal fr notwendig halten; aber wie kraftlos, drr und matt auch immer ihr Gebet sein mge, ich bitte sie, in diesem kraftlosen, drren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am Grabe des Herrn fr alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso kraftlos, drr und matt sein, wenn nicht der heilige allgtige Wille des Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll. Im Juli 1846. I Mein Testament Vllig meiner Sinne mchtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege ich hier meinen letzten Willen nieder. I. Erstens ordne ich an, da mein Leib nicht eher begraben werden soll, als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflsung bemerkbar machen. Ich erinnere ausdrcklich daran, weil mich schon whrend meiner Krankheit Augenblicke der Ohnmacht berkamen, wo das Leben stockte, mein Herz aufhrte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich whrend meines Lebens schon hufig Zeuge vieler trauriger Vorflle war, an denen unsere unvernnftige bereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, da meine Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen wird. Im brigen aber soll man meinen Leib der Erde bergeben, ohne lange zu berlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknpft werden. Jeder sollte sich schmen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er wrde sich vor den Wrmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher alle, lieber um so krftiger fr meine Seele zu beten, und statt aller Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es am tglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen zu bewirten. II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen unwrdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten: und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch unerschtterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu hherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm whrend meines Lebens eigen war, der wird damit beweisen, da er mich wahrhaft geliebt hat, da er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwche und Nichtigkeit, meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der letzten Zeit nher traten, hat in Stunden des Kummers und der Entmutigung bei mir ein trbseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und bekmmert war, als andere. So mge denn auch ein jeder von ihnen nach meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn geschrieben habe. III. Drittens ordne ich an, da mich niemand beweinen soll; ja, der wrde eine Snde auf seine Seele laden, der meinen Tod fr einen groen und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein sollte, etwas Ntzliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon begonnen haben sollte, so wie es sich gehrt, meine Pflicht zu erfllen, und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk -- das ja nicht dem Vergngen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not tut -- begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wre es dennoch unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu berlassen. Selbst wenn heute in Ruland ein Mann strbe, dessen das Land bei der gegebenen Lage der Dinge wirklich bedrfte, so wre auch dies noch kein Grund fr einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon richtig ist, da, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen, einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des gttlichen Zornes ist, und da wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nhern knnte, das uns alle zu sich ruft. Wir drfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei jedem pltzlichen Verlust, sondern mssen in unser Inneres blicken und nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit und Verderbnis der Seele ist frchterlich, warum aber erkennen wir das erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen? IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich davon ausgehe, da ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen guten Gedanken als Vermchtnis hinterlassen sollte), viertens vermache ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat -- ich hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel _Abschiedserzhlung_ trgt. Diese Erzhlung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen grten Schatz, wie ein Zeichen der gttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen hat. Sie war mir ein Quell verborgener Trnen, seit den Tagen meiner Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermchtnis. Allein ich flehe all meine Landsleute an, es nicht als Krnkung und Beleidigung anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushren sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten; er mu strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine Belehrung fr die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute mgen doch bedenken, da ja auch jeder unserer Brder, der diese Welt verlt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns etwas wie eine Lehre, eine brderliche Mahnung zu hinterlassen, und dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung bekleidet, noch ob er ein ohnmchtiger, oder gar ein unvernnftiger Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, da ein Mensch, der auf dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses mein wohlbegrndetes Recht berufen knnte, htte ich es doch nicht gewagt, zu erwhnen, was man aus meiner Abschiedserzhlung heraushren wird; denn nicht mir, dessen Seele hlicher und sndhafter ist, als die aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit krankt, kommt es zu, solche Reden zu fhren. Allein was mich dazu treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar. Die Seele mchte vor Schrecken vergehen bei der bloen Ahnung der berirdischen Majestt und Erhabenheit des Jenseits und jener hchsten geistigen Schpfungen Gottes, vor denen die ganze Gre alles Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib chzt beim Gedanken an all die monstrsen gigantischen Gebilde und Frchte, deren Samen wir whrend unseres Lebens seten, ohne zu ahnen und ohne zu fhlen, was fr Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine _Abschiedserzhlung_ einen gewissen Eindruck auf _die_ machen, die das Leben noch immer fr ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -- ich wei nicht, ich finde kein Wort dafr, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. -- Fort mit dem leeren Anstand! Landsleute! -- ich habe euch geliebt, ich habe euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott geschenkt hat, fr die ich Ihm danke, wie fr Seine hchste Wohltat, weil diese Liebe mir Trost und Freude war whrend meiner schwersten Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzhlung euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwre es euch, ich habe sie nicht erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst entstrmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat, und ihre Klnge entsprangen aus den innersten Krften und Elementen unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich euch allen aufs engste verschwistert bin[1]. V. Fnftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und in den Zeitschriften weder mit bereiltem Lob noch Tadel zu gedenken; alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswrdiges als solches, was Lob verdient. Alle Ausflle, die sich gegen sie richteten, waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir gegenber hat sich niemand schuldig gemacht; es wre unedel und ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erklre ich laut, damit alle es hren knnen: da es auer den schon gedruckten Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas Totes, das ich in einer krankhaften Gemtsverfassung und in einem Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies fr eine nichtswrdige Flschung zu halten. Dafr aber mache ich es meinen Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen fr unsere Seele sein kann, und nach Verwerfung alles brigen, das nur der eitlen Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten einiges, das _denen_ von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren. Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein; und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit fr die Wertlosigkeit dessen, was ich frher geschrieben habe, von meiner Seele genommen. [Funote 1: Die Abschiedserzhlung kann nicht erscheinen: was nach dem Tode von Bedeutung sein knnte, das hat bei Lebzeiten keinen Sinn.] VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich selbst anzugehren -- sondern nur noch den Bekmmerten, den Leidenden und denen gehren, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge fr fremde Pilger, als der Wohnsttte eines Gutsbesitzers gleichen; wer auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen Lebensverhltnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht hilfsbedrftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu ermuntern, auf da keiner das Gut ungetrstet verlasse. Wenn der Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein rmliches Leben gewhnt ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden Bauern, zu dem besten und tchtigsten im ganzen Dorfe, fhren, der sich eines musterhaften Lebenswandels befleiigt und seinem Bruder mit einem guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso herzlich und freundlich nach seinen Verhltnissen ausfragen, ihm Mut zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den Weg geben, und dann dem Gutsherren ber alles Bericht erstatten, damit auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag hinzufgen oder ihm Hilfe und Untersttzung schenken knnen, was und wie sie es fr angemessen halten, auf da niemand ungetrstet davonfahre oder das Gut ohne Zuspruch verlasse. VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fllt mir ein, da ich hierber schon nicht mehr zu verfgen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Portrt ist gegen meinen Willen und ohne Erlaubnis ffentlich verbreitet worden. Aus vielen Grnden, die ich hier nicht nher anzugeben brauche, habe ich dies nicht gewnscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht abgetreten, eine ffentliche Ausgabe dieses Portrts zu veranstalten, und smtlichen Buchhndlern, die mit einem solchen Antrag an mich herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu vollenden, das meine Gedanken whrend meines ganzen Lebens beschftigt hat, und zwar so zu vollenden, da all meine Landsleute einstimmig erklrten, ich htte meine Aufgabe redlich gelst, und den Wunsch uerten, die Zge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen htte, einen unverdienten Ruhm zu genieen. Dazu kam noch ein anderer Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer groen Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Knstler, der mein Bild stechen wrde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Knstler ist bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschftigt, einen Stich nach dem unsterblichen Bilde Raffaels: _Die Verklrung Christi_ herzustellen. Er hat dieser Arbeit alles geopfert -- einer aufreibenden Arbeit, zu der er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen Vollkommenheit ausgefhrt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Mae verbreitet werden, um ihn fr alles zu entschdigen. Htte er mein Bild stechen knnen, so wre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan zerstrt: ist das Bild einer Persnlichkeit einmal in der ffentlichkeit verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschftigt. Sollte es sich jedoch so fgen, da nach meinem Tode unverffentlichte Briefe von mir herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein knnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Portrt kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder, hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser, die sich aus einem bertriebenen Wohlwollen fr alles, was Ruhm und Ansehen geniet, ein Portrt von mit angeschafft haben, es sofort, nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da diese Portrts schlecht und gar nicht hnlich sind, und sich nur ein solches Portrt zu kaufen, das die Unterschrift: _Gestochen von Jordanow_ trgt. Dies wre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber wre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich statt meines Bildes den Stich: _Die Verklrung Christi_ kaufen wollten, einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Auslndern die Krone der Radiererkunst darstellt und Ruland zum hchsten Ruhme gereicht. Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und Journalen verffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine Seele lade. II Die Frau in der vornehmen Welt An Frau *** Sie glauben, Sie knnen keinen Einflu auf die Gesellschaft ausben. Ich bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einflu der Frau kann sehr gro sein, besonders heute, bei der gegenwrtigen Gesellschaftsordnung oder -unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Mdigkeit bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedrfen wir der Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz pltzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei auf das, was wir so hufig bemerken knnen: auf die zahlreichen Mibruche aller Art. Es stellt sich heraus, da die Mehrzahl aller Flle von Bestechungen (Mibruchen im Dienst), sowie alle brigen Vergehen, deren man unsere Beamten und die Brger aller Klassen beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach lechzen, in der groen und kleinen Welt zu glnzen und zu diesem Zweck Geld von ihren Mnnern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die Leere in ihrem huslichen Leben zurckgefhrt werden knnen, das lediglich allerhand idealen Trumereien und nicht den wahren eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schner und erhabener sind als alle Trumereien. Die Mnner wrden sich auch nicht den zehnten Teil der Mibruche zuschulden kommen lassen, die sie jetzt verben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und Schuldigkeit tten. Die Seele der Frau -- ist fr den Mann ein schtzender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und Ansteckungen behtet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege festhlt, und eine Fhrerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten zurckleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der bse Geist des Mannes sein und ihn fr alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben das selbst gefhlt und einen so schnen Ausdruck dafr gefunden, wie ihn bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthlt. Jedoch Sie sagen: alle andern Frauen knnten ein Feld fr ihre Bettigung finden, nur Sie allein nicht. Sie finden berall Arbeit fr sich, sie knnen Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie knnen berall frdernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Ttigkeit fr sich und wiederholen immer wieder betrbt: Warum bin ich nicht an ihrer Stelle? Wissen Sie, da dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften knnte, wenn er an der Stelle eines anderen stnde oder _sein_ Amt bekleidete, und als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht knnte. Das ist der Grund allen bels. Wir alle sollten jetzt darber nachdenken, wie wir in unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken knnen. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an die Stelle gestellt, an der er steht. Man mu sich nur ordentlich umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann knnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum liegt mein Gut nicht danieder; das wrde Sie veranlassen, aufs Land zu gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu beschftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem gemeinntzigen Beruf ttig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann knnten Sie ihm behilflich sein, Sie knnten die treibende Kraft sein, die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben und Pflichten fr Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der groen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen jetzt einsamer und der erscheint als eine menschenleere Wste! Und dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevlkert, es gibt Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie berall sonst. Sie dulden und qulen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Strae hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat, seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und knnen es sich nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen sein knnten; dazu msse man ber so viele verschiedene Mittel verfgen, dazu msse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, da Ihnen schon bei dem bloen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besen, deren man gegenwrtig gerade bedarf? Alles das, was Sie ber sich selbst sagen, ist vollkommen wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand leisten zu knnen, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts unmglich ist. Erstens sind Sie schn, zweitens sind Sie im Besitz eines unbefleckten, von keiner Schmhung und Verleumdung berhrten Namens, und drittens verfgen Sie ber eine Kraft, ber eine Macht, die Sie selbst nicht in sich vermuten, -- ber die Macht der Herzensreinheit. Die Schnheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht vergebens gewollt, da gewisse Frauen schn sein sollen; es ist nicht umsonst so eingerichtet, da die Schnheit auf alle Menschen den gleichen mchtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles gleichgltig und gefhllos und die zu nichts fhig sind. Wenn schon die sinnlose Laune einer schnen Frau die Ursache welthistorischer Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand Torheiten veranlassen konnte, wie stnde es wohl dann, wenn diese Launen vernnftig und auf das Gute gerichtet wren? Wieviel Gutes knnte wohl dann eine schne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist somit eine mchtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine hhere Schnheit -- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemt entgegenleuchtet. Wissen Sie, da die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, da ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein hlicher Gedanke eingefallen sei, da sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut htten, -- ein Wort zu sagen, -- nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwhlte erfreuen, nein berhaupt kein Wort, da sie das Gefhl htten, da in Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanstndig und burschikos klingen wrde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr Wissen von Ihrer bloen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart nicht einmal einen hlichen Gedanken erlaubt, der schmt sich bereits dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mchtige Waffe. Zu alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben Sie wirklich, da Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe lt? Kaum haben Sie einen edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine Frau glcklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem huslichen Glck aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken geqult, da Sie dieses Glckes nicht wrdig sind, da Sie nicht das Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genieen, whrend Sie ringsum von soviel Leiden umgeben sind und whrend jeden Augenblick die Nachricht von allerhand Nten und Unglcksfllen zu Ihnen dringt: von Hungersnot, Feuersbrnsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all der lauten Zerstreuungen und Vergngungen in seiner Seele eine solche himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes Mitgefhl und Mitleid mit ihnen verschliet, der kann viel, sehr viel fr sie tun; der hat stets ein Bettigungsfeld, denn es gibt berall Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tnen einem jeden, infolge des stndigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Tne entgegen, die einen verwandt berhren; wenn Sie zu sprechen beginnen, und Ihr reiner Blick und dieses Lcheln, das niemals von Ihren Lippen schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu ihm sprche. Ihre Stimme hat etwas Mchtiges, Unberwindliches angenommen, Sie knnen befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloe Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwche und Kraftlosigkeit, ber die Sie so emprt sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche Schnheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit Ihrer ngstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg zurckfhren wollte, wrden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr Haupt zurckschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm auf die Lippen zu drngen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit flehendem Blick auffordern wrden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich durch die Erzhlungen ber die Laster und die Verdorbenheit der vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatschlich vorhanden, ja noch in weit hherem Mae, als Sie es glauben; aber Sie sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den traurigen Lockungen und Snden der Welt zu frchten? Strzen Sie sich nur ruhig mit demselben strahlenden Lcheln in sie hinein; treten Sie ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefllt ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kmmern, von welchen Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fhigkeit, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten mte, die dazu fhig ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr Lcheln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nchsten weiter, denn man bedarf Ihrer berall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie mit Weltleuten ber Dinge, ber die sich diese Leute zu unterhalten pflegen; zwingen Sie sie, darber zu sprechen, worber Sie sprechen. Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die den Lippen einer ppigen Weltdame entstrmen. Fhren Sie jenen schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton, in dem Sie so beredt zu erzhlen wissen, wenn Sie sich im Kreise von nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhrt, so erscheint, als rede er mit den Engeln se Worte ber einen himmlischen Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gesprche und Reden sollten Sie in die Gesellschaft einfhren. 1846. III Die Bestimmung der Krankheiten Aus einem Brief an den Grafen A. P. T. Meine Krfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein Geist. Noch nie fhlte ich mich durch die krperlichen Gebrechen so entkrftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fhle ich eine so schreckliche Mdigkeit im ganzen Krper, da ich mich Gott wei wie sehr freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht bermannt aus: Mein Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem! Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hlt und tiefer in sein Inneres hineinschaut, dann entstrmen der Seele nur noch Trnen und Worte des Dankes. O wie sehr bedrfen wir der Leiden! Von dem vielen Guten und Ntzlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser geworden, als ich frher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht gewesen wren, so htte ich gewi geglaubt, da ich schon ganz so sei, wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, da die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, ber den Strang zu schlagen, und den Wunsch in uns rege hlt, unsere Vorzge vor anderen Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlat htte, tausend Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger Frische, die mir die Gte des Himmels schenkt, und whrend der schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schnere und bessere Gedanken, als ich sie frher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, da jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird, als alles Frhere. Htten mich diese schweren und qualvollen Leiden nicht heimgesucht, wie hochmtig wre ich da wohl geworden, fr einen wie bedeutenden Menschen htte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden Augenblick fhle, da mein Leben an einem Haar hngt, da meine Krankheit pltzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht, ein Ende bereiten knne, da der ganze Nutzen, den meine Seele so innig zu bringen wnscht, nur ein ohnmchtiger Wunsch bleiben und nie Erfllung werden wird, da ich nie mit den Talenten, die mir Gott verliehen hat, wuchern, und da ich verdammt werden wrde, wie der schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fhle und erkenne, so fge ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der gttlichen Vorsehung fr meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, da es notwendig ist. Bitten Sie Gott nur um eins: da Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses Leidens und die ganze Tiefe seiner groen Bedeutung aufgehe. 1846. IV Etwas ber die Bedeutung des Wortes Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an Chrapowizky las: Mag der Satiriker die Worte schmhn, Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt, sagte er: Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind bereits seine Taten. Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und bestimmte Umstnde fr die Unaufrichtigkeit, Unberlegtheit oder bereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafr finden, da er sich bestechen lt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat, indem er die Schuld auf seine beschrnkten Verhltnisse, auf seine Frau, oder auf Krankheiten in seiner Familie abwlzt. Finden sich doch immer genug Grnde, die man anfhren kann! Ein Mensch gert pltzlich in schwierige Verhltnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer schuld daran war, da der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Trichtes und Albernes gesagt hat und da er seinen Gedanken in unberlegter und unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer seine Hand gefhrt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrhtem Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage Rcksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch ein Gefhl fr die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten mtern und Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fhltest. Zu alledem ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte, einen greren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich anspornten und vorwrts stieen! Warum also bliebst du ein Kind und wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu gehrt, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewhnlicher Schriftsteller knnte sich vielleicht noch mit den Umstnden entschuldigen, nicht aber ein Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, da er nicht wenigstens die grere Hlfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hlfte seiner Oden ist hchst merkwrdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch so ber sich selbst und ber das Heiligtum seiner berzeugungen und Gefhle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hlfte seiner Oden getan hat. Wie wenn er sich bemht htte, eine Karikatur seiner eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen schn und frei klingt, so durchwrmt ist von der inneren Kraft eines geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrcke, ja ganze Stze (jene knigliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden) finden sich hier wieder, aber sie wirken hier blo komisch und erzeugen einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und ihn berdies noch verkehrt angezogen htte. Wieviel Menschen urteilen heute ber Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefhle, blo weil sie den Eindruck haben, da diese Gefhle an vielen Stellen schwchlich und seelenlos ausgedrckt sind! Was fr zweideutige Gerchte sind ber seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und ber die Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, fr die er eintrat! Und dies blo darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er dem Feuer htte bergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller entdeckt, verffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es sich grndlich zu berlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede der Journalisten: Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns dankbar sein fr die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von einem groen Mann herrhrt, hat Anspruch auf unser Interesse und dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fhlen lassen, was wirklich heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger mu man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes, die noch nicht gengend fr ihr Amt vorbereitet waren und sich erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verknden. Man mu redlich mit dem Worte umgehen: es ist die hchste Gabe, die Gott den Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick ein Wort spricht, wo er unter dem Einflu leidenschaftlicher Verirrungen, des rgers, des Zornes oder einer persnlichen Abneigung steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und Ekel einflen, und in solchen Fllen kann man selbst beim reinsten Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwhnter Freund P*** kann als Beweis dafr dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum bemht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu berlegen, ob ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch gengend ausgereift war, um auch allen andern vertraut und verstndlich zu sein, mit einem Wort -- er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und schne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreiig Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise, sein ganzes Leben hindurch war er bemht, alles eiligst an den Mann zu bringen, was sich ihm an Gegenstnden darbot, die zur Bildung und Aufklrung Rulands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafr gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jngling begegnet, der erklrt htte, er schulde ihm Anerkennung fr ein neues Licht, das er ihm aufgesteckt, oder fr das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mute ihn oft verteidigen und fr die Reinheit seiner Absichten und fr die Aufrichtigkeit seiner Worte gegenber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl htten verstehen knnen. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu berzeugen, weil er es verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, da es vllig unmglich ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzufhren. [Wenn er vom Patriotismus spricht, dann spricht er so ber ihn, da es den Anschein hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er von der Liebe zum Zaren, einem Gefhl, das er warm und aufrichtig und wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so uert er sich so, da man nichts wie Kriecherei und habschtige Liebedienerei herauszuhren meint. Seiner aufrichtigen ungeknstelten Emprung ber jede Bestrebung, die Ruland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine groe Gefahr fr einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: Ein faules Wort gehe nie aus eurem Munde. Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden von uns bezieht, um wieviel mehr mu es fr die gelten, deren Reich -- das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schnen und Hohen zu reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von faulen Dingen. Alle groen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die die Gabe des Wortes besaen, in erster Linie ein langes Schweigen auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in ihnen der Wunsch am strksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn ihre Seele den Drang fhlte, den Menschen viel Gutes und Ntzliches zu sagen; sie fhlten, wie leicht man schnden kann, was man erhhen will, und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verrterin wird. Leg' Tr und Riegel deinem Munde auf, sagt Jesus Sirach: Du verzunest deine Gter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tr und Riegel? Du wgest dein Gold und Silber ein; warum wgest du nicht auch deine Worte auf der Goldwage? 1844. V ber den ffentlichen Vortrag russischer Dichtungen An L** Ich freue mich, da man bei uns endlich mit dem ffentlichen Vortrag der Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur schon aus Moskau einiges hierber geschrieben, dort soll man verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stcke aus meinen Erzhlungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht, da solche ffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit fr uns sind. Wie es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn wir allein sind, sind wir alle trge, und solange wir sehen, da sich die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden tchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwtzer, die ber die Macht der Rede verfgen und die sich in den Gerichtsslen und Parlamenten hervortun knnten, aber wir besitzen viele Leute, die die Fhigkeit haben, mit jedem andern zu _fhlen_. Eine Empfindung mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu eine Leidenschaft, die um so strker wird, je mehr sie merken, da sie sich nicht in Worten auszudrcken vermgen (ein Zeichen ist eine sthetische Natur). Auch unsere Sprache begnstigt die Ausbildung von Rezitatoren; sie ist wie geschaffen fr den kunstvollen Vortrag, da sie ber alle Klangnuancen verfgt und die khnsten bergnge vom Erhabenen zum Einfachen in ein und derselben Rede ermglicht. Ich glaube sogar, da die ffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel ersetzen werden. Ich wnschte freilich, da fr diese Vorlesungen, wie sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewhlt wrden, die es wirklich verdienen, ffentlich vorgetragen zu werden, so da es auch den Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mhe und Arbeit auf die Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht ntig, da durchaus etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies wegen seiner groen Vorliebe fr alles Neue. Alle diese neuen Erzhlungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend genug, als da man sie ffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel ber sie geredet, sie ausfhrlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur das erreicht, da sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so da die Persnlichkeit jedes Dichters fr unser Publikum zweideutig und widerspruchsvoll geworden ist und da sich niemand mehr ein klares Bild davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist. Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter vermitteln. Aber natrlich sollte der Vortrag nur von einem Redner bernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks, das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger Jngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem Zug an einem und demselben Abend eine Tragdie, eine Komdie, eine Ode und wer wei was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches Gedicht wie es sich gehrt vorzutragen -- das ist durchaus keine Kleinigkeit: dazu mu man es erst lange durcharbeiten. Man mu das hohe Gefhl, das die Seele des Dichters erfllte, aufrichtig mit ihm teilen; man mu jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst dann zum ffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird keineswegs laut und lrmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein. Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausstrmen, die ein Zeugnis fr seine echte innere Rhrung ist. Diese Kraft wird sich allen mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie ergriffen wurden, werden erschttert werden. Der Vortrag unserer Dichtwerke kann der ffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren Dichtern gibt es viel Schnes, das nicht blo gnzlich vergessen, sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich wei nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der ffentlichen Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr schn. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in Ruland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrnsten, Krankheiten und allerhand Migeschick zu leiden haben. Wie wrden sich die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht wrde! 1843. VI Wie man den Armen helfen soll Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa. Ich komme nun zu Ihren Ausfllen gegen die Torheit der (Petersburger) Jugend, die auf die Idee verfallen ist, auslndischen Sngern und Schauspielerinnen goldene Krnze und Becher zu verehren, whrend in Ruland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist weder Dummheit noch eine Verhrtung des Herzens, das ist nicht einmal Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgltigkeit, die ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in einer groen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rtsels Lsung, und das erklrt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel fr einen Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu erfreuen, wrde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er zufllig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der Hungersnot sein mte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu geben. Aber gerade fr die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon berzeugt ist, da seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hnde dessen gelangen wird, der sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flssigkeit, die man in der hohlen Hand trgt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen, als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was zuerst berlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt. Hierber wollen wir spter miteinander reden, weil das durchaus keine unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, da man sie in verstndiger Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam berlegen, wo zuerst und vor allem geholfen werden mu. Man sollte in erster Linie solchen Leuten helfen, die von einem pltzlichen unerwarteten Unglcksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglcklichen seiner einzigen Sttze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden pltzlichen Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male ber einen Menschen hereinbricht, der gar nicht an sie gewhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am Platze. Dabei aber ist es ntig, da diese Hilfe auch in wahrhaft christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie blo in einer Gelduntersttzung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst grndlich ber die ganze Lage des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat und keine Unterweisung fr ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe erwachsen. Der Wert der Untersttzung, die einem Menschen erwiesen wird, kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen betrgt sie selten soviel wie die Hlfte dessen, was der Mensch verloren hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der Russe ist berall zum uersten fhig: wenn er erkennt, da er mit dem wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben fhren kann, wie frher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm fr lngere Zeit einen Lebensunterhalt zu gewhren. Daher mssen Sie ihn belehren, wie er sich mit dem, was ihm durch Ihre Untersttzung zuteil wurde, aus seiner Lage heraushelfen kann; klren Sie ihn ber die wahre Bedeutung des Unglcks auf, damit er einsieht, da es ihm gesandt ward, auf da er sein frheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie frher, gleichsam ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen Charakter und seine Lebensverhltnisse nher kennen lernen werden. Und er wird Sie verstehen: das Unglck macht den Menschen weicher; sein Wesen wird feiner, zartfhlender, er bekommt mehr Verstndnis fr Dinge, die die Begriffe eines Menschen bersteigen, der in alltglichen gewhnlichen Verhltnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in ein Stck warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten wre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fllen durch die Vermittlung eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht wrde. Nur ein Priester ist imstande, den Menschen ber den tiefen heiligen Sinn eines Unglcks aufzuklren, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf dieser Erdenwelt ber einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer rmlichen Htte oder in prunkvollen Gemchern wohnt, stets eine Stimme aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein frheres Leben aufzugeben und von Grund aus zu ndern. 1844. VII ber Schukowskis bersetzung der Odyssee An W. M. Jasykow. Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche herauffhren. Die Odyssee ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenber nur eine Episode. Die Odyssee umfat die gesamte antike Welt, das ffentliche und das husliche Leben, alle Sphren der Menschen jener Zeit mit ihren Beschftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthlt oder was von ihr bergangen wre. Whrend mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der Antike und hierauf allen Dichtern berhaupt eine nie versiegende Quelle gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff fr eine unzhlige Menge von Tragdien und Komdien; und dies alles machte die Runde durch die Welt und wurde zum Gemeingut aller, whrend die Odyssee selbst vergessen wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der Umstand schuld, da es an einer bersetzung fehlte, die eine knstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte, teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um all die unendlichen kaum fabaren Schnheiten der hellenischen Zunge im allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfrulich unberhrten Geschmack begabt gewesen wre, wie er erforderlich ist, um einen Homer innerlich zu verstehen und nachzuempfinden. Gegenwrtig wird diese grte Dichtung in die reichste und vollkommenste aller europischen Sprachen bersetzt. Schukowskis gesamte literarische Ttigkeit war gleichsam nur die Vorbereitung zu diesem Werk. Er mute seine Verskunst an bersetzungen von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um fhig zu werden, Homers unvergngliche Verse nachzubilden -- sein Ohr mute der Leier aller Vlker lauschen, um so feinhrig zu werden, da ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mute auch von dem glhenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine Landsleute zu sthetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher Liebe zu Homer zu zwingen, es mute sich im Innern des bersetzers selbst vieles ereignen, was seine Seele zu hherer Harmonie stimmte und ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk nachzudichten, das einer solchen ebenmigen Harmonie und Ruhe entsprungen ist, er mute endlich auch noch in tieferem Sinn zum Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen muten erfllt werden, damit die bersetzung der Odyssee nicht zu einer sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige Wort_ entgegenklingen und ganz Ruland Homer als etwas Verwandtes und Vertrautes aufnehmen konnte. Dafr ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist keine bersetzung, sondern eher eine Neuschpfung, eine Restauration, eine Auferstehung Homers. Die bersetzung scheint uns noch tiefer in das Leben der Alten einzufhren, als selbst das Original. Der bersetzer ist gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich gewissermaen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser gestellt, das alle unendlichen Schtze Homers noch klarer und bestimmter hervortreten lt. Meiner berzeugung nach haben sich heute die Verhltnisse wie mit Absicht so gestaltet, da das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit geradezu zur Notwendigkeit werden mute: in der Literatur wie berall sonst -- macht sich eine gewisse Khle, ein Nachlassen des Interesses bemerkbar. Eine Mdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttuscht. Selbst die krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem Einschlag aller mglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge politischer und anderer Grungen angeflogen sind, sind sehr im Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran gewhnt sind, sich an die Schleppe der fhrenden Journalisten zu hngen, lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu bemerken, da die vorangehenden Leithmmel schon lngst sinnend und nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin sie ihre umherirrenden Herden fhren sollen. Mit einem Wort, jetzt ist eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung sein kann. Von der Odyssee wird eine groe Wirkung _auf uns alle_ und _auf jeden einzelnen von uns_ ausgehen. Sehen wir einmal zu, was fr eine Wirkung sie auf _uns alle_ ausben kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen dafr enthlt, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Mrchen ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausben. Edelleute und Brger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe an, wo die Kinder Freude an Mrchen zu bekommen pflegen -- sie alle werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -- ein Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, da die Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und da der alte Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen wollte. Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verfhrerisches fr unser Volk. Unser Volk ist klug, es wei sich selbst solche Dinge, die die gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu deuten und zu erklren. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie schwer es fr den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und hherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen, welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von Krften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal ber die alten Heiden lachen, weil es sie fr gnzlich unschuldig halten wird: zu ihnen sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen beim Gedanken, da es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfllt, als die alten Heiden, obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es Sein geschriebenes Gesetz stets in Hnden hat und in seinen Beichtvtern Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird verstehen, warum der Hchste auch dem Heiden um seines guten Lebenswandels und seines inbrnstigen Gebets willen Seinen Beistand lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon, Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Gttern, die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre ziehen, da dem Menschen berall und auf jedem Gebiet viel Unglck bevorsteht, da er dagegen ankmpfen mu -- denn nur dazu ward dem Menschen das Leben gegeben -- da er niemals verzagen darf, wie Odysseus nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein Herz wandte, ohne zu ahnen, da er schon durch diese Wendung an sein eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott hat, auf die Lippen drngt. Das ist das _Allgemeine_, der lebendige Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle machen mu, noch ehe sie entzckt und ergriffen sein werden von ihren dichterischen Vorzgen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden ber die antiken Schtze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den antiken Denkmlern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder andre verwundert dastehen werden ber die unglaubliche Kenntnis aller Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor dem blinden Snger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen werden ber den tiefen staatsmnnischen Blick, die groe Beherrschung der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der gttliche Alte gleichfalls besa, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der kommenden Geschlechter war -- mit einem Wort, noch ehe sich jemand je nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschftigung, seinen Neigungen, Liebhabereien und seiner persnlichen Eigenart fr irgendeine Einzelheit in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so greifbarer Deutlichkeit aufdrngt, wie es in keinem andern Werk mit hnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu berstrahlen, in den Hintergrund zu drngen imstande ist. Warum aber mssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht frmlich auf Schritt und Tritt, wie er das, was er fr alle Zeiten im Menschen befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schnheit der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu krftigen, wie er bemht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann -- in jedem seiner Helden den Menschen ein Muster und Beispiel fr jeden Beruf und Stand zu hinterlassen und allen zusammen in seinem unermdlichen Odysseus ein ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Ttigkeit aufzustellen. Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfruliche Schamhaftigkeit der Jnglinge, diese Gte und diese Milde der Greise, diese herzliche Gastfreundschaft, dieser Respekt, man mchte fast sagen, diese Ehrfurcht vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, da kein guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souvernen Willen eines hheren Wesens, da der Mensch aus eigener Kraft nichts zu erreichen vermag -- kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kndet von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der alten Welt ein lebendiges und vollstndiges Gesetzbuch zu hinterlassen, zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch keine geschriebenen Bestimmungen oder brgerlichen Rechte geregelt waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wuten, ja nicht einmal ahnten und als allein der gttliche Greis alles sah, hrte, erkannte und ahnte -- ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die Menschen nicht besitzen. Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjhriger berlegungen unter der Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als htte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und se nun mitten unter ihnen, wie der Grovater unter seinen Enkeln, der gelegentlich selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben, und als trage er nun treuherzig seine Erzhlung vor, nur darum besorgt, niemand zu ermden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflgeln durch die ganze Welt zu tragen, auf da sich alle spielend aneignen, was dem Menschen durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf da sie unmerklich davon kosteten und sich davon erfllten, was er whrend seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schnstem und Bestem gesehen und erfahren hat. Man knnte das Ganze beinahe fr eine ohne jede Vorbereitung dahinflieende Erzhlung halten, wenn sich einem nicht nachtrglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des Baus -- des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthllte. Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien Volksgesnge und Rhapsodien. Doch sehen wir nun einmal zu, was fr eine Wirkung die Odyssee auf _jeden einzelnen von uns_ ausben kann. Zunchst wird sie auf unsere Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem Lichte zurckgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver ungeknstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch ruhigem Gleichma unsere Rede dahinflieen mu. Sie wird allen unseren Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit nher bringen, die wir unser ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder vergessen: da wir nmlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat, da selbst ein Kind imstande wre, alles zu verstehen und in seinem Gedchtnis aufzubewahren. Aber eine noch strkere Wirkung als auf die Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausben, die sich erst auf die Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem Gymnasium sind oder auf der Universitt studieren, ihr knftiges Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem unntigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich ihre Vorgnger zur Genge umhergetrieben haben. Ferner wird die Odyssee auch einen Einflu auf den Geschmack und die Entwicklung des sthetischen Gefhls ausben. Sie wird einen frischen Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse Mdigkeit bemchtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, lt die literarischen Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz trichtes Zeug. Das Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und tchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten lt, wie die Odyssee. Ich bin berzeugt, da die Diskussionen, die Untersuchungen, die Betrachtungen und Errterungen, die Bemerkungen und Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften mehrere Jahre lang beschftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, mu man viel lesen, sich ber vieles neu orientieren, viel erlebt und ber vieles nachgedacht haben; ein hohler und oberflchlicher Kopf wird ber die Odyssee kaum etwas zu sagen wissen. Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem unserer Schriftsteller, in keinem der frheren Werke Schukowskis, ja nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die hufig im Ausdruck, in ihren Wendungen noch schrfer und genauer sind, als jener, hat die russische Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht. Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in smtlichen Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die bei jedem andern matt und dunkel wirken wrden, und andererseits wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen klingen und der Rede etwas Herbes, Gefhlloses verleihen wrden, stehen bei Schukowski so brderlich zusammen, alle bergnge und der Zusammensto der Gegenstze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut, alles fliet so in eins zusammen und lt die schwerfllige Masse des Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, da man den Eindruck hat, als htten der Bau und das Gefge der Sprache sich berhaupt verflchtigt; sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der bersetzer vllig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner ganzen majesttischen Gre vor unseren Augen, und wir hren die hehren, gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen, sondern deren Bestimmung es ist, -- ewig durch die Welt zu tnen. Jetzt werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten Wort seine hohe Wrde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen richtigen Platz anzuweisen, und was fr ein solches Werk, dessen Bestimmung es ist, in den Hnden aller zu sein und von allen genossen zu werden -- das ein geniales Werk ist, diese uere Wohlgestalt und dieser uere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten: hier fllt jedes kleinste Staubkrnchen ins Auge und wird von jedem bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkrnchen sehr richtig mit Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmckten Prunkgemach herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glnzt und strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie in einem unsauberen unaufgerumten Zimmer berhaupt nicht entdecken wrde. Viertens wird die Odyssee sowohl die Wibegierde derer, die sich mit der Wissenschaft beschftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das finden, was man aus ihr schpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren Augen, als htten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen. Man sieht ihn frmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu allen Tageszeiten: wie er sich andchtig zum Opfer vorbereitet, wie er beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet, wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht und die Jnglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das kleinste Mbelstck im Hause, von den Tischen, die hereingetragen werden, bis zum Riemenriegel an der Tr -- alles steht noch frischer und lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji. Und endlich bin ich sogar der Ansicht, da von dem Erscheinen der Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den geheimnisvollen Willen der Vorsehung berall ein schmerzlicher Schrei der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zustnden, mit der Zeit, wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns unser moderner brgerlicher Geist und die Aufklrung emporgehoben haben, verdchtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewutes Sehnen fhlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen, das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein, entspringt; wo durch die trichten Losungen und durch die bereilte Verkndigung neuer ganz unklar erfater Ideen hindurch sich ein allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte zu nhern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit mu die Odyssee durch die patriarchalische Gre des antiken Lebens, durch die unkomplizierte Einfachheit der das ffentliche Leben bewegenden Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf entgegentnen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird. Was kann zum Beispiel einen strkeren Eindruck machen, als der Vorwurf, den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der groen Unvollkommenheit seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu ben, seine Zuflucht zu List und Tcke zu nehmen, um den Feind zu vernichten, mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloe Erfllung der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebruche -- die nicht umsonst von den alten Weisen eingefhrt und festgesetzt worden waren, und die nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt wurden, -- wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden hat, durch bloe Erfllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse strenge Form, ein gewisses Ebenma, ja sogar eine gewisse Schnheit zu verleihen, so da alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes Gre und Wrde atmete, und da man in ihm wirklich den gttlichen Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir heilige und gttliche Menschen werden -- wir haben es mit all diesen Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie ueren Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wuten nichts aus uns zu machen, als traurige, halbe, zerstckelte und kleinliche Menschen, vom Kopf bis zu den Fen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind wir uns gegenseitig so zuwider geworden, da keiner den andern mehr achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen Menschenachtung reden. Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europischen Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausben. Sie wird sie an vieles Kindlich-Schne erinnern, das uns leider verloren gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern mu, als ihr rechtmiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken ber manche Dinge angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind, sich unsichtbar ber das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt werden kann. VIII Einige Worte ber unsere Kirche und unsere Geistlichkeit. Aus einem Brief an den Grafen A. P. T. Sie beunruhigen sich unntigerweise wegen der Angriffe, die heute in Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit der Gleichgltigkeit anzuklagen, wre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen Sie, da unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine wrdige berlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter die europischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflchliche, ungengend durchdachte Broschren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, mu man sie erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht mig da. Ich wei genau, da im Innern unserer Klster und in der Stille unserer Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Mnner, gerade diese Mnner tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in stndigem Gebet und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Hhe himmlischer Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten mu, wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht gengen, um einen rmischen Katholiken vollstndig zu berzeugen. Unsere Kirche mu in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte. Wir selbst mssen unsere Kirche werden und durch uns mu ihre Wahrheit verkndigt werden. Man sagt, da es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt, aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben. Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schlu zu diesem falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nmlich sind tot, sind Leichen, und nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam. Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was fr eine Antwort sollen wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: Hat die Kirche euch denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich gehrt, seine Pflicht und Schuldigkeit? Was sollen wir hierauf antworten, wenn wir es pltzlich tief im Innern fhlen, wenn das Gewissen es uns sagt, da wir die ganze Zeit ber neben unserer Kirche hergewandelt, an ihr vorbergegangen sind und sie nicht einmal jetzt ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem Wert und bemhen uns nicht, uns ein Gefhl dafr zu verschaffen, sondern wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn des Hauses, er mge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein Haus birgt, und der Herr wei selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in ihrer unberhrten ursprnglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren kleinsten ueren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fhig ist, alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lsen, sie, die angesichts des ganzen Europa das grte und unerhrteste Wunder zu vollbringen vermag, indem sie jeden unserer Stnde, alle mter und Berufe veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne den Staat in irgendeiner Weise umzuwlzen oder zu erschttern, Ruland gro und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefgte harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz unbekannt! Diese fr das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht. Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen. Das hiee sie herabsetzen. Fr uns gibt es nur eine Art der Propaganda -- unser Leben selbst. Durch unser Leben mssen wir unsere Kirche verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den reinen Atem unserer Seelen mssen wir ihre Wahrheit verknden. Mgen die Missionre des rmischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit den Hnden fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit schnell trocknenden Trnen begleiten. Der Verknder des griechischen Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, da schon beim bloen Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der alle weltlichen Wnsche erstorben sind, alles erschttert wird, noch ehe er erklrt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu ihm spricht: Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne da du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche. IX ber denselben Gegenstand Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. Die Ansicht, da unsere Kirche bei uns so wenig Autoritt und Bedeutung hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so tricht, wie die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer Kirche an jeder Berhrung mit dem Leben gehindert und durch die Regierung in ihrem Handeln beschrnkt. Freilich sind unserer Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wre nicht gut, wenn unsere Geistlichen hufiger mit uns zusammenkmen, an unseren tglichen Zusammenknften und Vergngungen teilnhmen oder sich in unsere Familienangelegenheiten mischen wrden. Der Geistliche ist vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit hherem Mae als wir: er wrde sicher zu all jenen Intrigen im Schoe der Familien kommen, die man den rmisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die rmisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit hat zwei Gebiete, auf denen sie sich bettigen kann und auf denen sie mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jhrlich Gelegenheit zur Bettigung bietet, whrend man sich auf dem zweiten jeden Sonntag treffen kann, lt sich sehr viel leisten. Und wenn der Priester es nur verstnde, angesichts des vielen Hlichen und Bsen, das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und sich's grndlich zu berlegen, wie er sich ausdrcken, wie er so zu den Menschen reden solle, da jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mchtige Worte dafr finden, wie ihm dies in seinen tglichen Unterhaltungen mit uns nie gelingen wrde. Er mu von einem erhhten Platz zu dem mitten im Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck gewinne, da nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der sie alle beide hrt, und da von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch ausgeht, der beide mit ehrfrchtigem Schaudern erfllt. Nein, es ist sogar gut, da unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung von uns hlt. Es ist gut, da sie sich sogar durch ihre Kleidung, die keinerlei Wandlungen und Launen unserer trichten Mode unterworfen ist, von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schn, gro und wrdig. Das ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert bernommenes Rokoko, das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende Kleidung der rmisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der _Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich fhren, dessen Abbild er fr uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht fr einen Augenblick vergessen und in den Genssen, Zerstreuungen und den nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns; daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, da sie gleichsam andre, hhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er berhaupt nur bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen. Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen einlt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, darstellen knnen. Der Priester mu auch Zeit fr sich selbst haben, er mu an sich selbst arbeiten knnen. Er mu sich ein Beispiel an unserem Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wste weilte und erst, nachdem er sich durch ein vierzigtgiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge Kpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man msse sich in der Welt herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man fr die Welt erzogen, sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge verborgen: suche zuvor den Schlssel zu deiner eigenen Seele; hast du _ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlssel auch die Seelen aller anderen aufschlieen. X ber das Lyrische bei unseren Poeten An W. A. Schukowski La uns von dem Aufsatz sprechen, ber den das Todesurteil gefllt ist, d. h. von dem Aufsatz, der die berschrift: _ber das Lyrische bei unseren Poeten_ trgt. Vor allem: Dank fr das Todesurteil! So ward ich denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew fr seinen Sowremennik meine Betrachtungen ber unsere russischen Dichter zu senden; und nun hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet, whrend mich die andern alle anfeuern und ermuntern; wei ich doch selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten htte ich schon begangen, wenn ich nur auf meine andern Freunde gehrt htte! So, da hast du meinen Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe, von gescheiteren Dingen zu reden. Am trichtesten aber geraten meine Gedanken und Betrachtungen ber die Literaten. Hier kommt alles, was ich schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverstndlich heraus. Ich bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrcken und niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe, sondern auch mit dem Herzen erahne und erfhle. Der Kern meines Aufsatzes ist vernnftig und richtig, und doch habe ich mich so ausgedrckt, da jeder meiner Ausdrcke zum Widerspruch herausfordert. Ich mu es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene hhere Art Lyrik, die nichts gemein hat mit leidenschaftlicher Schwrmerei und nur der sichere Aufschwung im Lichte des Verstandes, der hchste Triumph geistiger Nchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik berall da entgegen, wo er einen groen Gegenstand behandelt. Denke nur an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfrsten, der Prophet, oder sogar an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode verffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du wirst sehen, da er stets unendlich hoch ber die Leidenschaft, ja sogar ber sich selbst hinauswchst, wenn er an etwas Hheres rhrt. Ich mchte hier eines seiner Jugendgedichte Der Genius als Beispiel anfhren. Es ist brigens nicht lang. Einst strmte der Prophet, der hohe, Mit Blitz und Donner himmelwrts, Und eine mcht'ge Feuerlohe Erfllte da Elisas Herz. Es reckte sich sein Geist empor; Ein heiliges Gefhl erblhte In ihm, der vor Begeistrung glhte, Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr. So wird der Genius mit Beben Sich eigner Gre froh bewut, Sieht er den Bruder aufwrts streben Mit Donnerlaut aus Erdendust. Und hehrer Wundertat entgegen Die Krfte reifen neu erwacht, Und seiner Werke hoher Segen Strahlt sternengleich durch Weltennacht. Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Gre! Ich suchte das dadurch zu erklren, da unsere Dichter jeden groen Gegenstand in seinem richtigen Zusammenhang mit dem hchsten Quell aller Lyrik, mit Gott sehen, die einen bewut, die andern unbewut, weil die russische Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus irgendeinem Grunde ganz von selbst fhlt. Ich sagte, da es vorzglich zwei Gegenstnde sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist -- _Ruland_. Bei dem bloen Klang dieses Namens erhellt sich pltzlich das Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn herum grer und weiter, wchst er selbst gewissermaen zu hherer Wrde und Gre empor, und erhebt er sich hoch ber den gewhnlichen Menschen. Das ist mehr als bloe Liebe zum Vaterland. Demgegenber erschiene die Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafr sind unsere Hurrapatrioten. [Ihre brigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen knnen einem Ruland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Ruland spricht -- dann fhlt man eine bernatrliche Kraft durch seine Adern rinnen, man ist gleichsam ganz erfllt von der Gre Rulands. Die Vaterlandsliebe allein htte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin -- nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses groen, feierlichen Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Ruland redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie Stephan Batorius gegen Ruland in den Krieg zieht. Schon rstet Stephan sich zur Schlacht, Schon eilt er, seine ganze Macht Zu einer Heerschar zu verdichten, Um, wenn er Pskow den Tod gebracht, Ruland fr immer zu vernichten! Doch du, o heil'ges Vaterland, Du hehre Liebe unsrer Ahnen, Du riss'st das Schwert aus seiner Hand. Nicht siegten diesmal seine Fahnen. Diese nchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar unwillkrlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rulands verbindet, entspringt daraus, da der Gedanke unbewut an die hchste Vorsehung rhrt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes zum Ausdruck kommt. -- Auer der Liebe aber ist hieran auch noch das tiefe, innere Entsetzen ber die Vorgnge beteiligt, die sich durch Gottes Willen auf jenem Stck Erde abspielen sollten, jenem Stck Erde, das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunchst noch nicht fr alle sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr der Poesie, das alles hrt, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im _Samen_ die knftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen allmhlich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie drcken sich so unklar aus, da ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du hast unrecht, wenn du annimmst, da die heutige Jugend, wenn sie vom Slawentum trumt und prophetisch von Rulands Zukunft spricht, einer Modestrmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren Kpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verknden, ohne zu bemerken, da ihre Gedanken noch trichte Kinder sind -- das ist alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten: von diesen war gewhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in das heilige Buch des jdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern werden viel Unntzes und berflssiges zusammengeredet haben, trotzdem aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die Auserwhlten klar und verstndig auszusprechen wuten; sonst htte das Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch England, noch Deutschland von dieser Strmung ergriffen und prophezeien und knden nicht von sich selbst, warum tut dies Ruland allein? Nun, weil Ruland es deutlicher fhlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an allem teilhat, was sich mit unserem Lande zutrgt, und weil es ein neues Reich herannahen fhlt. Daher die biblischen Tne bei unseren Dichtern. Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen, und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen noch so glhenden Ausdruck zu geben vermgen. Und hier darfst du nicht mit mir streiten, mein herrlicher Freund. Doch la uns nun zu dem andern Gegenstande bergehen, an dem sich die Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge erhebt, von dem hier die Rede ist: la uns der Liebe zum Zaren gedenken. Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene, knigliche Note verliehen. Da diese Gefhle aufrichtig sind, darber brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem, nrgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflchlicher Gedanken und Erwgungen fhig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und den Wunsch, einen Vorteil fr sich herauszuschlagen, suchen, und werden diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener Dichter grnden. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist, der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins verweilen, in denen er den weiten Kreis ntzlicher, wohlttiger Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit Trnen in den Augen zu ihm von den Trnen spricht, die den Augen -- nicht nur der Russen -- nein auch gefhlloser Wilden, die an den uersten Enden seines Reiches wohnen, entstrmen wrden bei der bloen Berhrung mit der Milde und Liebe, die nur die allmchtige Hand des Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem Ausdruck emporgehoben, da selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden sollte, der fr eine Zeitlang seine Pflicht verge, er sich beim Lesen dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von tiefer Rhrung ber die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden wrde. Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner bermigen Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne Rhrung lesen, in denen der Dichter davon spricht, da, wenn seine Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur deshalb geschehen werde, Weil ich die Kaiserin besang, Der Reuen Zarin, welcher keine Je gleichkommt auf der weiten Welt. Des rhme, rhm' dich, meine Leier. Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum ohne aufrichtige seelische Erschtterung lesen: Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder; Das Alter raubte mir die Lieder. -- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald Ertnt der andern Lied, wenn meins verhallt, Und meiner Hand entsinkt die Leier; In andern glhe nun das Feuer, Mit dem drei Zaren einst mein Sang Zu Ruhm und Preis erklang. Der Greis, der mit einem Fu im Grabe steht, wird nicht lgen. Whrend seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis bers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Da sie im ganzen Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich vernehmen mute, das erklrt nur die eine Hlfte des Problems. Der ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne sich vorher Rechenschaft ber sie abgelegt und ohne sich berzeugt zu haben, da sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt wird, die Dinge, die die andern nur stckweise, von einer einzigen, oder etwa blo von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollstndigkeit nachzuschaffen, er konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat Puschkin die Bedeutung des unumschrnkten Monarchen gekennzeichnet! Wie klug war berhaupt alles, was er whrend seiner letzten Lebensjahre gesagt hat: Warum, so pflegte er zu sagen, warum mu einer von uns hher als alle, ja selbst noch ber dem Gesetze stehen? Darum, weil das Gesetz ein Stck Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brderliche fehlt. Mit der buchstblichen Erfllung des Gesetzes allein kommt man nicht weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu bedarf es eben der hchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich fr den Menschen lediglich in der unumschrnkten Gewalt verkrpern kann. Ein Staat ohne souvernen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind so hohl und so leer geworden, da sie keinen Pfifferling mehr wert sind. Ein Staat ohne souvernen Monarchen gleicht einem Orchester ohne Kapellmeister: die einzelnen Musiker mgen noch so tchtig sein; wenn es an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stckchen kaum merklich hin und her, und hlt berschau ber alle Musiker, und doch gengt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, hlichen Ton einer tppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu frei gehen zu lassen und die andern zu bertnen; er wacht ber der allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter hchster Eintracht und Harmonie! Welch tiefes Verstndnis besa er fr die groen, ewigen Wahrheiten! Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck gebracht, das du brigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir hier des Rtsels Lsung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus, die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt, eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige Auserwhlte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gste waren bereits in den Slen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen. Er hatte sich in den andern Flgel des Schlosses zurckgezogen, die erste freie Minute, whrend der ihn kein Geschft rief, benutzt, die Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektre versenkt, whrend im Saale schon lngst die Musik schmetterte und die Tnze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spt beim Ball, whrend auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrcke nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode, die ich hier noch einmal anfhren will. Sie hat nur eine einzige Strophe: Lang hieltest Zwiesprach' du mit dem Homer allein, Lang harrten wir auf dein Erscheinen, Und aus der therhh' stiegst du im Strahlenschein, Durch das Gesetz uns zu vereinen. Doch in der Wste fandst du uns. Entgegen scholl Dir gotteslsterliches Singen Beim wsten Zechgelag', du sahst uns blind und toll Um unsern neuen Gtzen springen. Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen In deinem Blick voll Hoheitsschimmer; Und da verfluchtest du den kindisch blden Wahn, Schlugst deine Tafeln jh in Trmmer. Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Hhen wolkenfern Stiegst du ins Tal, das wolkenlose. Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern Dem Bienensummen um die Rose. (Fiedler.) Aber lassen wir die Person Nikolaus' II. beiseite und sehen wir zu, was der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzufhren, in dem Gott wohnt, und la uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brder gelegt ist, der durch die furchtbare Verantwortlichkeit fr sie, die er Gott gegenber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung leidet und vielleicht im stillen solche Trnen vergiet und so schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller Sinnengensse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme Gottes in den Ohren klingt, die unaufhrlich mahnend zu ihm spricht, der darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der darf, wie er, seine Tafeln in Trmmer schlagen und das leichtsinnige, gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben, wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Gtzen springt. Aber was Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene hchste Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwche der Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu bestehen vermchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, gttlichen Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles, was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf da ein einziger alle Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich ber alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu nhern, allen gleich zu werden, von seiner Hhe zu uns allen herabzusteigen und allem verstndnisvoll zu lauschen: vom Donner des Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten Freuden und Vergngungen. Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei, vor der Gre und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrngenden Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten, da das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die Unabhngigkeit seines Geistes und auf seine persnliche Wrde war. Niemand hat so gesungen wie er: Ein Denkmal hab' ich mir errichtet ohnegleichen; Zu diesem Geisterbau bewchst nie Gras den Pfad, Trutzhuptig berragt es selbst die Ruhmeszeichen, Die sich Napoleon errichtet hat[2]. (Nach Fiedler.) [Funote 2: Im Original heit es: Die Kaiser Alexander hat. Schukowski hat wohl aus Zensurrcksichten Alexander in Napoleon umgendert. Anm. des Herausg.] An den Ruhmeszeichen Napoleons bist freilich du schuld, aber selbst wenn diese Zeile in ihrer ursprnglichen Fassung erhalten geblieben wre, sie wre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafr, da Puschkin, trotzdem er sich persnlich, als Mensch, vielen gekrnten Huptern berlegen fhlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrnten Knigs war, und da er es verstand, sich ehrfrchtig vor denen unter ihnen zu beugen, die der Welt die ganze Gre und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen gefhrt haben. Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut, indem sie erkannten, da sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten _Liebe_ aufgehen, und da es so allen offenbar werden msse, warum der Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur instinktiv fhlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmhlich auch in Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin, in den Frsten diese hchste gttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken. Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit und beinahe jedes moderne europische Volk leidet; die Bedauernswerten winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu helfen: jede uere Berhrung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein; jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schlielich so laut werden, da selbst das gefhlloseste Herz vor Mitgefhl zerspringen wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten Strke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu allem, was menschlich ist, entbrennen -- von einer gewaltigen Liebe, wie er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewhnlichen Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich verwirklichen knnen, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie ganz zur Tat werden; nur die knnen vllig von ihr durchdrungen werden, denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wren. Wenn so der Frst von Liebe fr jeden Menschen seines Reichs, fr jeden Beruf und Stand ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden, Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und fr es beten wird, dann wird im Frsten jene allmchtige Stimme der Liebe lebendig werden, die der leidenden Menschheit allein verstndlich ist, die ihre Wunden nicht schmerzlich berhren wird und die allein allen Stnden Frieden und Vershnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen wird -- ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist. In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die hchste Bedeutung, die hchste Aufgabe des Monarchen zu ergrnden. Die Staatsmnner, die Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der Sache in Betracht gezogen, nmlich die, da der Monarch der hchste Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich tglich ndernden Umstnde es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu erweitern oder zu beschrnken; dadurch aber wird dort der Frst seinem Volk und umgekehrt das Volk seinem Frsten gegenber in eine sonderbare Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reien will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die hchste Bestimmung des Monarchen erkannt; -- die Dichter haben Gottes Willen mit ehrfrchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische Gewalt in Ruland in ihrer wahren Gestalt zu begrnden, daher nehmen ihre Tne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort Zar ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung spricht: diese monarchische Gewalt in Ruland in ihrer hchsten und vollkommensten Gestalt zu begrnden. Alle Ereignisse, die sich von der Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu vereinigen, um diesen einen zu jener berhmten Umwlzung des ganzen Staats zu befhigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu erschttern, alle aufzurtteln, jeden von uns mit jener hheren Selbsterkenntnis auszursten, ohne die der Mensch sich selbst nicht verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf da nachher, wenn jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfat und alles sich seiner Kraft bewut ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in der Hand voraustragend, sein ganzes von _einem_ Geiste beseeltes Volk mit sich reien und jenem hchsten Lichte entgegenfhren knne, nach dem sich Ruland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare Fgung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung dieser monarchischen Gewalt enthllen konnte. Kein knigliches Geschlecht darf sich eines hnlichen Ursprungs rhmen, wie das der Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen Opfer ein unzerreibares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut bergegangen und hat eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt. [Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und sind so sehr eins geworden, da es uns allen heute als ein groes Unglck erscheinen wrde, wenn der Frst seinen Untertan vergessen und sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Frstengeschlechts zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz unbekannten Jnglings auf den Thron, wo doch Mnner aus den ltesten Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Mnner, die ihr Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich eine Reihe von Frsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten, daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl bergangen, und es erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht _einer_ wagte es, seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von Anhngern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwhlt? Einer, der in weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so da nicht nur unter den Bojaren, denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk, das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort im Schwange blieb: Der Kopf war gut, gottlob, da er in der Erde ruht.] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum letzten Habenichts herab einstimmig, da der Thron ihm gehren solle. Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, da die Lyrik unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Knigs aus den Bchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich uern sehen konnten -- wie kannst du glauben, da die Lyrik unserer Dichter nicht voller biblischer Anklnge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe htte nicht gengt, ihren Tnen eine so nchterne Strenge zu verleihen: dazu bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden berzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewuten Liebesgefhls; sonst mten ihre Tne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in deinen frhen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefhl deiner liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht besitzen. Wenn du das nicht fhlst, so beweist dies noch nicht, da es berhaupt nicht vorhanden ist. Du mut doch bercksichtigen, da du ja nicht alle Zge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben sich viele Zge in dir bis zu einer solchen Hhe und so stark in die Breite entwickelt, da sie den andern keinen Raum zum Wachstum lieen, und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Zge dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und Schrecken berluft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag sich fr nichts mehr zu begeistern, als fr ihren hchsten Quell, d. h. fr Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht den Abdruck des Gttlichen an sich trgt. Wer nur ein Fnkchen von dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel, vor dem er selbst ehrfrchtig erbebt und der ihn alles fliehen lt, was einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen hnlich sieht. Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen Lohn eintrgt, denn er fhlt zu gut, da das Hchste ber jeden Lohn erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Nheres ber seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das zwei seiner schnsten Gedichte umgibt, gelftet worden. Er hat bei Lebzeiten nie mit jemand von den Gefhlen gesprochen, die ihn erfllten, und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Ruland nach dem vielen kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und zornigen Ausfllen aller mglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz aufgehrt hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter uerungen zu glauben -- war es fr Puschkin gefhrlich, offen hervorzutreten: man htte ihm am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn verdchtigt, da er sich von Habgier und von einem selbstschtigen Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Ruland finden, der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines hohen reinen Gefhls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fhig ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen, doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen: wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die lauterste Wahrheit.] Die kniglichen Hymnen unserer Dichter haben selbst Auslnder durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen darber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz Paris ber uns emprt war. Trotzdem aber hat er feierlich erklrt, da in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines, sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen wirklich die Zge einer hheren Natur. In Augenblicken klarsten Bewutseins, hchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre geistigen Portrts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer Selbstverherrlichung machen wrden, wenn nicht das ganze Leben des Dichters eine Besttigung ihrer Treue wre. Indem Puschkin an seine Zukunft denkt, sagt er Und meinem Volke bleib' ich lange lieb und teuer, Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt, In grauser Zeit durchglht sein Herz mit Freiheitsfeuer Und den Gefallnen nie verdammt. (Fiedler.) Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu dies Portrt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gndig gestimmt war -- nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen -- nein, um ein Wort fr einen Unglcklichen oder Gefallenen einzulegen. Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rhrende Schauspiel, wenn das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Ha gegen den Verbrecher, auch nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will, sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklrten Europa vorkommt. Dies ist etwas Greres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreien; es ist der Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trsten, wie ein Bruder den Bruder trstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trsten. Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und strmisch, als er davon hrte, da der Monarch nach Moskau kommen wolle, whrend dort die Cholera wtete. -- Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anla zu jenen wundervollen Versen werden: Beim Himmel, wer so kalt und fest Dem schwarzen Tode kann begegnen Um andrer willen, ist ein Held. Ihn wird der Himmel ewig segnen, Wie auch der Spruch der blinden Welt Mag lauten .... (Fiedler.) Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug aus dem Leben eines anderen Monarchen: Peters des Groen, verherrlicht. Denke an das Gedicht: _Das Fest an der Newa_, wo er erstaunt fragt, was wohl der Anla zu jenem ungewhnlichen lauten Jubel, jener Feier im Hause des Zaren sein mag, von der ganz Petersburg und die ganze Newa widerhallt, die vom Kanonendonner erschttert wird. Er zhlt alle Ereignisse auf, die das Herz des Zaren erfreut haben mgen und der Anla zu diesem groen Jubelfeste sein knnten; er fragt sich: ist dem Zaren ein Thronerbe geboren, feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag, triumphiert der Zar ber einen unbesiegbaren Feind, oder ist die Flotte, fr die der Zar eine besondere Leidenschaft hatte, im Hafen eingelaufen? Und er antwortet auf alle diese Fragen: Weil zum Feind er stieg hernieder Und begrub uralten Groll, Schumen Becher, tnen Lieder, Ist der Zar so freudenvoll, Herrschet Jubel in den Hallen, Rauscht das Fest am Newastrand. Und Kanonenschsse schallen Donnernd durch das weite Land. Puschkin allein konnte die ganze Schnheit einer solchen Handlung empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben knnen, sondern diese Tat, diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg ber einen Feind -- das ist ein wahrhaft gttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher Handlungen fhig. Nur dort ist mehr Freude ber die Reue eines Snders als ber einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner alles Groen im Menschen, fr das er ein tiefes Verstndnis hatte, und wie htte es auch anders sein knnen, wenn die innere Vornehmheit ein charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist hchst merkwrdig, da die Schriftsteller in allen anderen Lndern wegen ihres persnlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft genieen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloer Pfuscher ist, der nicht allein keine schne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen lt, im Innern Rulands durchaus nicht fr einen gemeinen Menschen gehalten. Im Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den Schriftstellern hren, lebt etwas wie eine innere berzeugung, da der Schriftsteller ein hheres Wesen ist, da er unbedingt ein edler Mensch sein mu, da sich vieles fr ihn nicht schickt und da er sich manches nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, whrend der Wahlen zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines Gewissen hatte -- da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn, tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: Und das will ein Schriftsteller sein! 1846. XI Diskussionen Aus einem Brief an L*** Der Streit um den Grundcharakter unserer europischen und slawischen Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt, beweist nur, da wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, da auf beiden Seiten viel trichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und Europisten -- Altglubige und Neuglubige -- stlinge und Westlinge -- (was sie aber in Wahrheit sind, wei ich dir nicht zu sagen, weil sie mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, da sie sich ja gar nicht widersprechen, und da eigentlich gar kein Anla zum Streit fr sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebude und sehen nur einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze Fassade, knnen aber dafr die einzelnen Teile nicht genau sehen. Natrlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und stlinge, weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europer und Westlinge haben bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen Ausfhrlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, da sie ber dem Giebel, der diese Mauer krnt, die Spitze, in die der ganze Bau ausluft, d. h. das Kapitl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht sehen. Man knnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur fr einen Augenblick, etwas nher heranzukommen, und den andern, ein wenig zurckzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist des Hochmuts beide gefangen hlt. Jeder von beiden ist berzeugt, da das Recht ganz und ausschlielich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz und ausschlielich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mcke, die er findet, einen Elefanten. Natrlich bringen sie mit solch trotzigen Grosprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles schon lngst aufgegeben htten, weil sie heute bereits mancherlei kennen lernen, wovon sie frher nie etwas gehrt haben, und sich nur noch dagegen struben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wren alle miteinander nicht gefhrlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften beschrnkten. Das Schlimme ist, da zwei entgegengesetzte Anschauungen, die noch so wenig ausgereift und geklrt sind, bereits die Kpfe vieler Mnner von mtern und Wrden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir erzhlt, es kme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt oder wo die Macht in den Hnden zweier Personen liegt -- da ein Vorgesetzter vollkommen in europischem Geiste zu wirken und zu regieren sucht, whrend der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzufhren plant. Und daraus erwchst, sowohl fr die Sache selbst wie fr die Beamten, nur Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem vllig klar sind, machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze. Auch der Gauner hat jetzt die Mglichkeit, sich, sei es unter der Maske eines Slawophilen oder Europaschwrmers -- wie sich's trifft -- d. h. je nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefllt, ein hbsches Pstchen zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als Vorkmpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verben.] Diese Streithndel sind berhaupt eine Angelegenheit, an der sich klgere und ltere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die Jugend zuerst grndlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist nun einmal so und mu auch so sein, da sich die grten Schreier grndlich sattschreien mssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal grndlich nachdenken knnen. Hre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit. Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernnftig, und ich bin sogar berzeugt, da du dies besser machen wirst, als ein groer Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Mglichkeit nur in Stunden grter Kaltbltigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck. Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr gutes Recht nur trbt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, da du kein Jngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist. Einem jungen Mann stnde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu zrnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute etwas Schnes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz einfach hlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lcherlich gemacht. Siehe zu, da man nicht einmal von dir sagt: Dieser hliche, alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Brenhaut gelegen und nichts getan und nun tritt er pltzlich auf und macht andern Leuten Vorwrfe wegen ihres schlechten Lebenswandels. Aus dem Munde eines alten Mannes sollen nur gtige, nicht aber laute und polternde Worte kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut mu die hohen Reden des Greises durchwehen, so da die jungen Leute kein Wort der Entgegnung finden und das Gefhl haben, da jede Rede hier unziemlich wre und da ein ergrautes Haupt etwas Ehrwrdiges habe. 1844. XII Der Christ schreitet vorwrts An Schtsch--w Mein Freund! Halte dich nicht fr mehr, als fr einen Lehrling und fr einen Schler. Glaube nicht, da du schon zu alt bist, um noch zu lernen, da deine Krfte und Fhigkeiten schon die rechte Reife und den hchsten Grad der Entwicklung erreicht und da dein Charakter und deine Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser werden knnen. Fr einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schler bis zum Grabe. Nach dem gewhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine hchste Verstandesreife mit dreiig Jahren. Zwischen dem dreiigsten und vierzigsten Jahre geht es mit seinen Krften noch ein wenig aufwrts; jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, sondern sogar schwcher und klter als das, was er frher hervorgebracht hat. Dies gilt jedoch nicht fr einen Christen, und wo fr die andern die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst fr den Christen. Die begabtesten und fhigsten Menschen werden, wenn sie das vierzigste Jahr berschritten haben, stumpf, mde und schwach. Nimm alle Philosophen und die grten weltumspannenden Genies: ihre Bltezeit fllt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar hufig in Kindheit zurck. Denke zum Beispiel an Kant, der whrend seiner letzten Jahre fast gnzlich das Gedchtnis verlor, ein Kind wurde und starb. Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, da sie an Verstand und Geisteskrften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden und je mehr sie sich dem Tode nherten. Selbst die unter ihnen, die von Natur keineswegs mit glnzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes Leben lang fr einfltig und dumm galten, setzten die Menschen spter durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil sie sich jene vorwrtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch nur whrend seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten trumt, denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige Fernen blickt, die fr den Jngling soviel Verlockendes haben. Versinken aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so erlischt auch die Kraft, die ihn vorwrts treibt. Vor dem Christen aber strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergngliche Heldentaten bevor. Wie ein Jngling sehnt er sich nach den Kmpfen des Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und anzukmpfen htte, weil sein in sich zurckgewandter Blick, der immer an Schrfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kmpfen aufrufen. Daher knnen auch seine Krfte nie ganz einschlummern oder schwcher werden, sie werden vielmehr unaufhrlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn, wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersttlichen Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rckschritte machen, und warum er immer klger wird, je weiter er fortschreitet. Der Verstand ist nicht das hchste Vermgen in uns. Er hat lediglich polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber schreitet nicht vorwrts, wenn ihm die beiden andern Vermgen in uns, aus denen er seine Weisheit schpft, nicht vorangehen. Abstrakte Lektre, Grbeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbstndigen Entwicklung. Er ist weit abhngiger von den Zustnden des Gemts: sowie die Leidenschaften in uns zu toben beginnen, wird er blind und tricht; ist unsere Seele dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klrt auch er sich und lt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein weit hheres Vermgen; aber sie wird nur durch den Sieg ber die Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlssigten. Aber auch die Vernunft setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwrts zu streben. Es gibt ein noch hheres Vermgen; es heit Weisheit, und diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren, sondern ist ein Geschenk der hchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch erwerben, da er Gott Tag und Nacht immer wieder in heiem Gebet bittet, sie ihm herabzusenden, da er seine Seele bis zur reinsten unschuldigsten Gte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem Vermgen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine Ordnung im seelischen Hausgert herrscht und wo noch nicht alles ganz eintrchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben fr den Menschen, und er lernt die ganze wundersame Sigkeit kennen, die darin liegt, ein Schler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat wei er die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das trichteste Ding wendet ihm seine tiefste, klgste Seite zu, und das ganze Weltall liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schtze als alle andern wird er aus diesem Buch schpfen, denn weit lauter als den andern wird es ihm aus ihm entgegentnen, da er ein Schler ist. Sollte ihn jedoch auch nur fr einen Augenblick der Wahn anwandeln, da seine Lehrjahre beendet seien, da er kein Schler mehr sei, und sollte er sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekrnkt fhlen, so wird die Weisheit pltzlich von ihm genommen werden, und er wird im Dunkeln zurckbleiben, wie Knig Salomon in seinen letzten Tagen. 1846. XIII Karamsin Aus einem Brief an N. M. Jasykow Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat, mit groem Vergngen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der ueren Form nach: seine gewhnlichen groben und plumpen Ausflle fehlen hier ganz, und auch der Stil hat nichts von jener rohen Flchtigkeit, die ihm so sehr schadet. Vielmehr ist hier alles schn aufgebaut, wohl berlegt, geordnet und vorzglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so klug ausgewhlt, da Karamsin gewissermaen ganz durch sich selbst beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine auergewhnliche Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz erfllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und fr die fnf Talente, die ihm verliehen waren, noch fnf neue hinzuerworben! Karamsin war der erste, der den Beweis erbracht hat, da ein Schriftsteller bei uns unabhngig sei und von allen gleichmig als angesehenster Brger unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkndet, da die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen knne, und da sie, wenn er nur in so hohem Mae von dem reinen Streben nach dem Guten beseelt sei, da dieses Streben seine ganze Seele erfllt, ihm in Fleisch und Blut bergegangen und sein tgliches Brot geworden ist, nie zu streng gegen ihn verfahren werde, und da er berall Freiheit genieen knne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat eine so khne und edle Sprache gefhrt wie Karamsin, ohne da er darum seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrcken brauchte, trotzdem sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen Regierung bereinstimmten, und man hat unwillkrlich das Gefhl, da er allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre fr einen Schriftsteller! Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man knne in Ruland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn im Auge! Und dabei drcken sie sich selbst so tricht und roh aus, da sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmtigen Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und deren malose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie emprt, da niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhren will! Nein, man mu ein so reines, harmonisches Gemt besitzen wie Karamsin, dann erst hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verknden: dann werden uns alle anhren, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhren, wie man in keinem Lande der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Brgerrechte und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhren pflegt, die die Elite der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und Hingebung vermag eben nur unser herrliches Ruland zuzuhren [von dem man sich erzhlt, da es die Wahrheit berhaupt nicht liebt]. 1846 XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht ber das Theater und von der Einseitigkeit berhaupt An den Grafen A. P. T... Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein Mensch, der sich in der Gemtsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den Weg nicht entdecken knnen, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt fr sndhaft und fr ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mnch kann nicht strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausflle gegen das Theater ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Sttze fr Ihre Ansicht, da auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater eifern: und sie haben ganz recht, whrend Sie unrecht haben. Denken Sie einmal etwas tiefer darber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum berall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von berall vertriebenen Heidentums und eine Freisttte seiner wilden Bacchanale war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mchtig gegen das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich gendert. Die ganze Welt hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europischer Vlker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage begann, und nun waren es die heiligen Mnner selbst, die das Theater wieder begrndeten und einfhrten: an den geistlichen Akademien wurden Theater gegrndet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den heiligen Kirchenvtern gezhlt wird, dichtete selbst Stcke, die zur Auffhrung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fhig. Man mu einem Ding jedoch stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine unwichtige Angelegenheit, wenn man bercksichtigt, da es eine groe Menge von fnf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen Rumen aufnehmen und beherbergen kann und da diese ganze Menge, in der die einzelnen, fr sich genommen, nichts miteinander gemein haben, pltzlich von einer groen Erschtterung ergriffen werden, in einem einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Trnen oder in ein einziges allgemeines Gelchter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie mssen freilich einen Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten hheren Theater und jenen Ballettauffhrungen, Tnzen, Possen, Melodramen und all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstcke, die nur fr das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem korrupten Gefhl schmeicheln, und Sie mssen daneben das eigentliche Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragdien und Komdien aufgefhrt werden, mu in vlliger Unabhngigkeit von allen anderen Knsten dastehen. Es wre ja auch merkwrdig, Shakespeare mit Tnzern und Tnzerinnen in weiledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen. Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas fr sich, und ebenso ist der Kopf etwas fr sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das begriffen: dort gibt es eigene Theater fr die Werke der hheren dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darber nachdenken, ob es nicht mglich wre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur Auffhrung zu bringen, da das Publikum auf sie aufmerksam wrde und da die wohlttige moralische Wirkung, die von allen groen Dichtern ausgeht, ganz zur Geltung kme. Shakespeare, Sheridan, Molire, Goethe, Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den groen Gegenstnden zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die leisesten Nachwirkungen davon zu spren, was in den Werken der fanatischen Autoren jener Zeit grt und brodelt, die sich mit politischen Fragen beschftigten und die Saat der Miachtung gegen das Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslsterung, Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe fr das Gute ist selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Hufige Wiederholungen dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stcke, die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschftigen, mssen dazu fhren, da die Menschen sich festen Grundstzen zuneigen und in ihnen bestrkt werden und da sich ihre Charaktere unmerklich innerlich krftigen und befestigen, whrend diese Flut von leichten und nichtssagenden Stcken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und zerstreut und die Gesellschaft oberflchlich und leichtsinnig macht. Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glnzender Gegenstnde in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurckweichen, wie vor finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht, die zum Christentum emporfhrt, und wenn man sie nicht auf einen hheren Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des Christentums besser berschauen und alles besser erkennen kann, was ihr frher gnzlich unverstndlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann, die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das Theater, wenn es seiner hchsten Bestimmung zugefhrt werden knnte. Man mte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Vlker in ihrer ganzen strahlenden Schnheit zur Auffhrung bringen. Man mte sie hufiger, ja so hufig als mglich, auffhren, man mte ein und dasselbe Werk fortwhrend wiederholen. Und das ist sehr wohl mglich. Man kann allen Stcken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so da sie alle interessieren, die Kleinsten wie den Grten, wenn man es nur versteht, sie richtig aufzufhren. Das sind Torheiten, da sie veraltet sind und da das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man es fhrt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre blen Melodramen vorsetzen wrden, wrde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste Stck und fhre es auf, wie es sich gehrt, dann wird das Publikum in Scharen herbeistrmen. Molire wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich mu eine solche Auffhrung tatschlich und absolut knstlerisch sein, und diese Aufgabe mu stets einem wahrhaften Knstler und dem allerersten und tchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet, anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, irgendeinen Beamten und Sekretr, als Anhngsel zugesellen, sondern er soll alles allein machen und allein ber alles verfgen. Es mu sogar besonders dafr gesorgt werden, da die ganze Verantwortlichkeit ihm allein zufalle; man mu ihn ffentlich vor versammeltem Publikum smtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten Vorbildern, die durch eine dunkle berlieferung bis auf sie gekommen sind, sie schpfen ihre Belehrung aus Bchern und nehmen kein wirkliches lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stck zwanzigmal nacheinander anzusehen. Wen knnte es nicht interessieren, Schtschepkin oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf seine alte Rolle zurckkommt, nachdem er smtliche anderen Rollen gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stck gebildet haben; das Stck aber wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher vllig Unerhrtes -- fr den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt nichts, was den Menschen strker ergreift und erschttert, als jene vollkommene Ausgeglichenheit und bereinstimmung aller Teile, wie sie ihm bisher nur in der Ausfhrung eines Musikstckes durch ein Orchester entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, da ein Werk der dramatischen Kunst hufiger hintereinander gegeben werden kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in Worte gefaten Tne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger, als die Tne der Musik. Ich mu jedoch wiederholen, dies alles ist nur dann mglich, wenn diese Aufgabe auch tatschlich so ausgefhrt, wie es sich gehrt, und wenn die volle Verantwortlichkeit fr das Repertoire einem erstklassigen Schauspieler zufllt, d. h. wenn die Tragdien von dem ersten tragischen und die Komdien vom ersten komischen Schauspieler inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich wei, wieviel Leute es bei uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich berall herandrngen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit irgendwelchen Geldeinnahmen verknpft ist, so ist auch schon irgendein Sekretr bei der Hand, der sich hinzudrngt. Woher er pltzlich kommt, das wei Gott allein: es ist, wie wenn er pltzlich aus dem Wasser emporgetaucht wre; er beweist euch sofort, so klar wie da zwei mal zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, da er Papiere und Akten ber konomische Fragen vollschreibt und dann fngt er allmhlich an, sich in alles hineinzumengen, bis schlielich alles in Unordnung gert. Diese Sekretre sind wie ein unsichtbarer Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und mter unterwhlt, und das Verhltnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gnzlich verwirrt und verschoben. Wir haben uns erst neulich ber alle Berufe und mter unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, da sie gerade das sind, was sie sein sollen, da sie gewissermaen wie durch die Hand des Hchsten dafr geschaffen sind, um allen Bedrfnissen unseres Staatslebens zu gengen, und da sie alle insgesamt von ihrem wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu zerstren oder sich vllig ber sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Ttigkeit berschreiten, weil sie glaubten, da sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und edler werden mten. Wir sind damals smtliche Beamtenkategorien, von den hchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretre aber haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen ihres Berufs zu berschreiten. Wo ein Sekretr lediglich Schreiberarbeit zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm diese Vermittlung bertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut dem Untergebenen gegenber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wre, er richtet sich ein Vorzimmer ein, lt die Leute stundenlang auf sich warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten zu erleichtern, trgt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und dies alles geschieht hufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretrs einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in meiner Gegenwart so behandelten, da ich fr diese Menschen errten mute. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stmper gegen sie. Dies alles wre brigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so viele traurige Folgen htte. Viele wahrhaft ntzliche und unentbehrliche Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der Niedertracht eines Sekretrs, der die gleiche Achtung fr sich in Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rchte, da er ihn zu verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm beibrachte, kurz sich der niedertrchtigsten Mittel bediente, deren nur ein ehrloser Mensch fhig ist. In den Departements fr die schnen Knste usw. liegt die Oberleitung in den Hnden eines Komitees oder eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt es meist keinen Sekretr, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat er lediglich die Verfgungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat die Geschftsfhrung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber kommt es doch auch dort vor, da er sich dort infolge der Trgheit der Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines knstlerischen Leiters an sich reit. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbcker fngt an Stiefel zu machen und der Schuster mu Kuchen backen. Ein Knstler erhlt Instruktionen, die nicht von einem Knstler herrhren; es erscheint eine Verordnung, von der man berhaupt nicht verstehen kann, wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der doch bis dahin ganz gescheit war, pltzlich ein so trichtes Schriftstck abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran beteiligt; das Schriftstck stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's hingeschmiert, dem der Name Hndchen gebhrt.] Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und hchste Durchfhrung und Ausfhrung in den Hnden eines hchsten Meisters dieser Kunst liegen [und nicht in den Hnden irgendeines Sekretrs, der lediglich bei der Verwaltung des Geschfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Knstler ist, kann eine gute Auswahl von Stcken treffen und sie nach strengen Grundstzen sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden mssen, er wei, wie wichtig es ist, hufige Leseproben und Probeauffhrungen des ganzen Stckes zu veranstalten. Er wird es dem Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu lernen, sondern es so einrichten, da die Schauspieler das Ganze zusammen einstudieren und da jeder seine Rolle ganz von selbst whrend der Proben lernt und im Kopfe behlt, so da er durch die Umstnde selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloe Berhrung mit ihm unwillkrlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig knnen, knnen sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfllt sich jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und Natrlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er nie wieder loswerden knnen. Du wirst nie einen andern aus ihm machen, kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen; die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm fr ihn bleiben, und auch das Stck wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein wahrhafter Knstler ist, hat ein Gefhl fr das Leben, das in einem Stck pulsiert, und kann es dahin bringen, da dieses Leben auch allen Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er allein hat den richtigen Mastab fr die Veranstaltung der Proben, wie sie geleitet werden mssen, wann man mit ihnen aufhren kann, und wieviel Proben gengen, um das Stck dem Publikum in wirklicher Vollendung vorzufhren. Man mu es nur verstehen, diesen Schauspieler und Knstler dazu zu bewegen, da er sich dieser Sache wie seiner eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man mu ihm beweisen, da das seine Pflicht ist und da die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert -- so wird er es tun, so wird er es durchfhren, weil er seine Kunst lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafr sorgen, da auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er wird nie dulden, da ein banales oder nichtssagendes Stck auf die Bhne gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, da mglichst viel Geld in die Kasse kommt, auffhren lassen wrde], er wird es nicht dulden, weil schon sein inneres, sthetisches Gefhl das Stck ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm anvertrauten Schauspieler auszuben, sie zu tyrannisieren und zu schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rcksicht auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben. [Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretr dagegen wird dreist und ruhig eine Gemeinheit begehen, da er fest davon berzeugt ist, da niemand was davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten zuschulden kommen lt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet. Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes zuschulden kommen lassen wrden, so wrde dies sofort allgemeines Stadtgesprch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, da bei jeder Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fllt, den bereits jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der zugleich ein Knstler ist, der vllig in seiner Kunst lebt und aufgeht, dessen hchstes Lebenselement die Kunst ist, ber deren Reinerhaltung er wacht und die er htet wie ein Heiligtum, es nie dulden, da das Theater eine Pflanzsttte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darber urteilen, was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern deshalb, weil man das, was hier bers Theater gesagt wurde, auf alle Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstnde, die darunter zu leiden haben, da man ihre eigentliche Bedeutung verflscht und verdreht, und da es ja berhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben, gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im Sprichwort heit, das Kind mit dem Bade auszuschtten[3] lieben, so wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen knnte, vernichtet. Einseitige Menschen, die berdies noch Fanatiker sind, sind ein Krebsschaden fr die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hnde bekommen. Sie wissen nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind fest davon berzeugt, da die ganze Welt lgt und nur sie allein die Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefhrlichen Zustande. Es ist ein Glck, da Sie noch keine Stellung haben und da Sie nicht mit der Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne, der dazu befhigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten Stellungen auszufllen, Sie knnten weit mehr Unheil und Unordnung anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen Sie sich auch mit Ihrem Urteil ber alle Dinge in acht! Seien Sie nicht wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt gibt, vernichten mchten, da sie alles fr eitel Teufelswerk halten. Es ist ihr Los, in die grbsten Irrtmer zu verfallen. Etwas hnliches hat sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind pltzlich Leute erschienen und haben ffentlich in der Presse erklrt, Puschkin sei ein Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele hineingeblickt htten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet gewesen wre, in seinen Gedichten von den hchsten Dogmen des Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur mit groer Angst und tiefster Ehrfurcht entschliet, nachdem er sich durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach der Ansicht dieser Leute sollte man die hchsten und erhabensten Ideen des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, da er es nicht wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen war, in Verse zu kleiden, und da er es vorzog, allen denen, die sich bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse zum Hchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum vllig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine mglichst ungesuchte und einfache Deutung zu geben, die mglichst gnstig fr den Autor ist, und nicht eine falsche und geknstelte, die dem Autor schaden mu. Wenn das sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und schweigen mu und nicht einmal die Mglichkeit hat, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr mu sich die Kritik das zum Gebot machen, die selbst ber die unbedeutendsten Motive und Handlungen Aufklrung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! ffentlich erklren, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft, da er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schlielich auch dem Kritiker selbst vorwerfen, da er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein Christ knne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fllen, die Gott allein kennt und begreift, denn ein Christ wei, da unser Verstand nur bei einem ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu befhigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich entschliet, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er wird ferner erklren: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es ist schon nicht leicht, ber einen gewhnlichen Menschen ein Urteil zu fllen, und erst ein abschlieendes und endgltiges Urteil ber einen Dichter fllen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom Geist der Poesie in sich trgt und beinahe ein dem Dichter selbst ebenbrtiger Dichter ist -- wie dies ja auch fr jedes einfache Handwerk oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Mae mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und endgltiges Urteil fllen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie Demut ben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann, da er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind, die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwrmerischen Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht An einen Kirchenfrsten anfhren, in dem Puschkin von sich selbst redet und sagt: auch in den Jahren, als er noch fr die Schnheit und das Treiben dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloe Anblick des Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. [Funote 3: Aus rger ber die Luse in den Ofen mit dem Pelz!] Da traf dein Wort mich wundereigen Mit berirdischer Gewalt, Und meine Finger lieen schweigen Die Saiten, die wie Hohn geschallt. Mein Herz in seinem tiefsten Horte Schlug reuekrank, gewissenswund; Beim Chrysam deiner duft'gen Worte Ward es zu neuem Sein gesund. Aus deiner Geisteshhe reichst du Mir deine Hand zur Sttze nun; Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du Den Sturm -- und meine Sinne ruhn. Das ewig Wahre, ewig Schne Durchflammt das Herz mir im Gebet; Stumm hrt des Seraphs Harfentne Im heiligen Schauder der Poet. (Fiedler.) Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache strken und krftigen, denn sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die verschiedenartigen Glaubensstze und alle Fragen seiner Zeit umfate, Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten, in Augenblicken hchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums ber alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt fr einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein, da man die Menschen irrefhrt, indem man Zweifel und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen st? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klgsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Ruland wie zu seinem Fhrer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und berholt hat! Es ist noch gut, da es ein so unbegabter und unfhiger Kritiker war und da es ihm daher nicht gelingen konnte, einer solchen Lge Eingang zu verschaffen, und da Puschkin selbst Gedichte hinterlassen, die diese Lge widerlegen; [wre es nicht so gewesen, was htte er anderes tun knnen, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch berall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Ttigkeit, in der Gesellschaft -- kurz berall! Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst berzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das rechte Ma finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein; er kann blo ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafr, da der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, da er es noch nicht ganz erfat hat, weil das Christentum unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick fr jedes Ding und denken Sie immer daran, da es zwei gnzlich entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob man in Entzcken gert, wenn eine Ballettnzerin ihr Fchen mglichst hoch in die Hhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird, wenn ein groer Schauspieler durch seine erschtternde Rede die hchsten Gefhle im Menschen zu noch reinerer Hhe steigert. Ein andres sind die Trnen, die ein fremder Snger einem Menschen entlockt, indem er sein Gehr in angenehmer Weise kitzelt, Trnen, die, wie ich hre, heute auch solche Leute in Petersburg vergieen, die nicht Musiker sind, und ein andres sind die Trnen, die dem Auge des Zuschauers entstrmen, wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste erschttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung stehend, an seine pflichtmige Ttigkeit geht. Mein Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstren und zu vernichten, sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken -- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bsen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wre. Alle diese Hrner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden ihre Gtzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Knigs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel herrschte noch grere Freude, als es vernahm, da dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tnten. 1845. XV ber die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit Zwei Briefe an N. M. Jasykow I. Dein Gedicht Das Erdbeben hat mich entzckt. Auch Schukowski war ganz davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von deinen Gedichten, sondern berhaupt das beste russische Gedicht. Welch eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter, der seine Ode vollendet, ist so glcklich, da jeder von uns, was auch sein Beruf und seine Ttigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr, wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschttert wird, und alles vor Angst wegen des Kommenden vergehen will, auch fr sich nutzbar machen sollte. Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den Dichter gerichteten Worte: Und bring den angsterfllten Menschen Gebete mit aus Bergeshhn sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthllt sich das Geheimnis deiner Muse. Die gegenwrtige Zeit bietet gerade dem lyrischen Dichter die gnstigste Gelegenheit zur Bettigung. Mit der Satire kann man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die heutige Zeit schlft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen knnte, fhre es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes getroffen ward; geile die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir's aus der Gegenwart entgegentnen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der Tag wird's dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott lag, und so deutlich und berzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr geschildert, da die Gegenwart erbeben mu. Du besitzest alle Mittel und Fhigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen mssen erhoben werden, die andern bedrfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die mssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, die sie umgeben, bestrzt und verwirrt sind, und man mu denen ins Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des gttlichen Zornes und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben, sich wilden Ausschweifungen und einem schmhlichen Jubel hinzugeben. Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die in die Luft geschriebenen Buchstaben, die whrend des Festmahls des Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe jemand ihren Sinn zu entrtseln vermochte. Wenn du jedoch wnschest, da dich alle noch besser verstehen, dann erflle dich mit biblischem Geiste, la dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und steige hinab bis in die tiefsten Grfte des russischen Altertums, triff in ihm die Schmach der gegenwrtigen Zeit und vertiefe damit in uns das Gefhl fr das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen lt. Dein Vers wird nicht schwchlich und matt klingen; das brauchst du nicht zu frchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen, er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit Begeisterung erfllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns frmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch: Empfang beim Zaren in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrcke und die Namen der frstlichen Kleidungsstcke, der teuren Gewebe und Edelsteine ein wahrer Schatz fr einen Dichter; jedes Wort schreit frmlich nach dem Vers. Man staunt ber die Kostbarkeiten unserer Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles gro, kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen Vers mit solchen Worten zu schmcken, -- wirst du den Leser vllig in die vergangenen Zeiten zurckversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem Buche gelesen hatte, glaubte ich berall die alten Zaren jener vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertmlichen Zarenornat andchtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen. 1844. II. Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwhnten Gedichts: Das Erdbeben. La das begonnene Werk um Gottes willen nicht liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erflle dich mit dem Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstnde, die du bearbeiten solltest, und es ist eine Snde, wenn du sie nicht siehst. Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande, seine lyrische Kraft in blinden Luftschssen verpuffen zu lassen, wo sie dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblcke wegzuwlzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand fr den lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt frmlich nach einem lyrischen Mahnruf, wo du hinblickst, berall siehst du jemand, der ermahnt oder ermutigt und ermuntert sein will. So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken lieen. Du wirst Eindruck auf sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. h. wenn du ihnen beweisest, da ein Mensch, der sich dem Trbsinn hingibt, ein ganz berflssiges wertloses Ding ist, das zu nichts ntze ist, was auch immer die Ursachen der Trbsal und der Entmutigung sein mgen; denn Trbsinn und Kleinmut sind Gott verhat. Du wirst den echten russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit aufrufen und ihn ber alle Schrecknisse und alle Erschtterungen der Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhht und erhoben hast. Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden schnen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf da er seine arme Seele rette. Schon hat er sich weit von der Kste entfernt; schon wird er ganz umklammert und mitgerissen von der hchsten Schicht der Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn Diners, die Fchen der Tnzerinnen, und schon sieht man ihn tglich einem betubenden einschlfernden Rausch erliegen; schon wchst ihm unmerklich die fleischliche Hlle, schon ist er ganz Fleisch geworden und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus tiefster Not; la das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stck Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen eines Gefhls wieder zurckgibt. O wenn du ihm doch das sagen knntest, was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den dritten Teil meiner Toten Seelen zu schreiben! Stell' in einem zrnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages, wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Mnner mit ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte Schwelle ihrer prunkenden Palste und die abscheuliche Luft, die sie dort atmen; auf da sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und eilenden Fues entfliehe, wie vor der Pest. Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens -- mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo sich alles um ihn herum bestechen lt. Verherrliche ihn, seine Familie, sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube einhergeht und sich dem Gesptt der Leute aussetzt, als zult, da ihr Mann etwas Niedertrchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre herrliche Anmut so dar, da sie vor allen Augen aufstrahle wie ein Heiligtum, und da einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife. La einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus russischen Landen hervorgehen kann, der pltzlich aus seinem schmhlichen Schlummer erwacht, sich gnzlich verwandelt und mit einem Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der gewaltigste Streiter und Vorkmpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht, aber stell' es so dar, da die russische Seele in jedem von uns unwillkrlich erbebt und da jeder, selbst der Mann der unteren Stnde ausrufen mu: Wackerer Mann! und von dem Gefhl ergriffen wird, da auch er dasselbe vollbringen kann. Gro, gewaltig gro ist die Zahl der Gegenstnde fr einen lyrischen Dichter -- ein ganzes Buch wrde kaum gengen, um sie aufzuzhlen, geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefhle verkmmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermchte! Es schlummert unsere Khnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschtterliche Kraft und Strke, es schlft unser Verstand, der vllig von den Interessen eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert wird, das uns unter dem Namen der Aufklrung aufgedrngt worden und als Begleiterscheinung aller mglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin und rttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und Liebe -- fr die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrcke wirst du schon finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt streuen, deine Kleider zerreien und Gott weinend darum anflehen wirst, die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die Errettung ihres von Gott erwhlten Volkes herbeigesehnt haben. 1844. XVI Ratschlge An S. P. Schewyrew Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Whrend dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich gentigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht gefhrt habe. Und wie mit Absicht war dies beinahe fr alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschtterungen. Sie alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man mu nur selbst ernsthaft gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufsttigkeit, in die man bisher keinen Einblick hatte, werden einem pltzlich deutlich und verstndlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf. Whrend der letzten Zeit kam es sogar vor, da ich Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gnzlich unbekannt waren, und da ich ihnen Ratschlge erteilen konnte, die ich frher nie htte erteilen knnen. Und dabei bin ich doch gewi nicht klger als irgendein anderer Mensch. Ich kenne Menschen, die weit klger und gebildeter sind und die sehr viel ntzlichere Ratschlge erteilen knnten als ich, aber sie tuen es dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist gro, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, da wir uns durch Kummer und Leiden ein Krnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die wir aus keinem Buche zu lernen vermgen. Wer sich jedoch bereits ein solches Krnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren Mitbrdern dienen knnen. Er hat geboten, da wir einander fortwhrend belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, da das auch dir zugleich von Nutzen sei, so tue so, wie ich es fr richtig halte und wie ich es mir von nun ab fr immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf. Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich wei nicht einmal, ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen htte, wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal ber einen Menschen rgerst und ihm zrnst, so zrne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen, weil du einem andern zrnen konntest. Tue das unter allen Umstnden! Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mut du Egoist sein. Der Egoismus ist gar keine so hliche Eigenschaft. Die Menschen htten ihm blo keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt dem Egoismus eine groe Wahrheit zugrunde. Kmmere dich vor allem um dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafr, da die andern besser und reiner werden. 1846. XVII ber die Aufklrung An W. A. Schukowski Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir fr alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er mge mir die Kraft verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du in deiner Gte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und la dich nicht irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen, als ob du in den Scho deiner eigenen lieben Familie kmest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lrm des leeren Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen; rcksichtsvoll wird man die Strae vermeiden, in der du wohnen wirst. Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen -- ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns versteht man sich darauf und wei man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fhigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der Trgheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat, whrend alle um ihn herum sie in trichten Ausschweifungen ausgegeben haben und whrend die Jungen gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises lauschen und sie hten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von groem Nutzen fr die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens und unserer Gedanken ermdet fhlt, seine Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert fr das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Frchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhltst. Auch sie werden einem allgemeinen Bedrfnis entsprechen. So la denn den Mut nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! La dich nicht schrecken durch die Miform und die Disharmonie, der du begegnest. Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem vershnt und alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen -- unsere Kirche. Doch schon rstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu nehmen und ihr Licht hell ber die ganze Erde erstrahlen zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man fr ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rcksicht: sowohl fr das staatliche wie fr das gewhnliche Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition fr alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloe Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen in Ruland einzufhren, ohne sich ihren Segen dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wre sogar unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie vom Licht des Christentums verklrt worden sind. Du wirst sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Ruland mit einem Schlage von allen -- von den Glubigen wie von den Unglubigen -- zugegeben werden und wie unsere Kirche pltzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, da so viele von einer unerklrlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fden der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, da Er zuerst eine vorbergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen lie, der einen gebot, unbeweglich und gleichsam in einer groen Entfernung und Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, da die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, da Er der einen gebot, keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, auer denen, die von den heiligen Mnnern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten Vtern der Kirche eingefhrt wurden -- whrend Er die andere hie, sich in stetigem Wandel an alle Zeitumstnde, den Geist und die Gewohnheiten der Menschen anzupassen und alle mglichen Neuerungen durchzufhren, selbst solche, die von sndhaften und lasterhaften Priestern ausgingen, da Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaen die Herrschaft ber die ganze Welt gewinnen lie, da Er die eine hie, sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen und sich zu den Fen des Herrn niederzulassen, auf da sie sich recht tief mit Seinem Worte erflle, ehe sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu verknden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die Menschen zu kmmern, und ihnen die noch nicht vllig durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwhlt; sie lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete, sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen, da sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mute sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafr hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und Richtma der kommenden neuen Ordnung der Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemt in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Mglichkeiten fr eine Vershnung der Widersprche in ihr liegen, die die rmische Kirche nicht zur Ausshnung zu bringen vermag. Die rmische Kirche mochte noch ausreichen fr die frhere unkomplizierte Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus ausshnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Krfte und aller ihrer Fhigkeiten -- der guten sowohl wie der bsen -- gelangt ist, jetzt kann die rmische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader st sie, da sie mit ihrem dnnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darber klar, da sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die von solchen Kirchenfrsten herrhren, die noch keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der hchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick fr die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen vermag. Einen allseitigen vollstndigen Blick fr das Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer stlichen Hlfte, die offenbar fr eine sptere und hhere Entwicklungsstufe der Menschheit prdestiniert ist. In ihr kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein Verstand in seinen hchsten und edelsten Fhigkeiten frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle Krfte und Vermgen der Menschen in einem einmtigen Hymnus auf das hchste Wesen zusammenzufhren. Freund, la dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhltnisse noch siebenmal verwickelter wren -- unsere Kirche wird sie alle entwirren und zur Vershnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits etwas davon zu ahnen, da wir einen Schatz besitzen, in dem unsere Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. Wir fhren jetzt immer das sinnlose Wort Aufklrung im Munde, und dabei haben wir es uns nicht einmal berlegt, woher dies Wort stammt und was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei uns. Aufklren[4] heit nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen Krften und Vermgen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand; heit sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten umwogen, und sie wei, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Hnden empor, weiht alle mit ihnen und spricht: Christi Licht erleuchtet, heiliget, verklret alle! Und nicht umsonst ertnen whrend eines andern Teils der Messe in kurzen Abstnden, als kmen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden Ohr: Das Licht der Aufklrung! ohne da etwas anderes zu ihnen hinzugefgt wrde. 1846. [Funote 4: Das russische Wort fr Aufklrung hat noch den Nebensinn der _Durchleuchtung_. Anm. des Herausgebers.] XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen ber die Toten Seelen I. Sie haben unrecht, sich so ber den malosen Ton aufzuregen, in dem manche Angriffe gegen die Toten Seelen geschrieben sind: das hat auch seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die ber uns emprt sind. Wer ganz von der Schnheit einer Sache ergriffen ist, der sieht die Mngel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zrnt und gegen uns erbittert ist, der wird versuchen, alles Hliche, allen Unrat in uns aufzuwhlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, da wir ihn sehen mssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit zu hren, da man schon um eines kleinen Krnchens Wahrheit willen die Krnkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bcher schreiben. In der Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt htte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen htte, so htte ich wohl selbst gesehen, da das Buch unter keinen Umstnden in einem so rohen und unordentlichen Zustand htte erscheinen drfen. Ja, selbst die Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich ntig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedrfen wir der stndigen Pffe und Ste, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs tiefste verwundenden Spttereien vonnten! Auf dem Grunde unserer Seele liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel hlicher leicht verletzter Ehrgeiz verborgen, da wir in einem fort Pffe erhalten und mit allen nur mglichen Zuchtruten gezchtigt werden sollten, ja wir sollten uns stets dankbar ber die Hand freuen, die uns zchtigt. Indessen wnschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von Literaten, sondern von Menschen herrhren, deren eigentliches Ttigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch ttigen Leuten hat sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort fr mich auch nicht ein einziger geuert. Und doch haben die Toten Seelen viel von sich reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen; sie haben Verhltnisse berhrt, die ein jeder tglich vor Augen hat, obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstnde kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstiges und Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand tchtig dafr ausschelten und mir in seinem rger und Zorn die Wahrheit sagen, die ich hren will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre Stimme erhoben htte! Und doch htte jeder dies leicht gekonnt. Und wieviel Gescheites htte er sagen knnen! Ein Beamter htte mir offen vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten Vorgnge nachweisen knnen, da er mir nur zwei oder drei Vorgnge htte vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so htte er mich grndlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben Weise htte er fr die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den Beweis fr sie erbringen knnen. Durch Anfhrung einer Begebenheit, die sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte und literarische Redensarten. Und das gleiche htte der Kaufmann, der Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist, tun knnen, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht ber die Dinge besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist, stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. ber die Toten Seelen knnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel interessanteres Buch als die Toten Seelen selbst geschrieben werden; ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung schpfen knnen, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler verheimlichen! -- weil wir Ruland allesamt recht schlecht kennen. Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und fr alle vernehmbar erhoben htte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wre, wie wenn Ruland tatschlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von toten Seelen bewohnt wrde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis Rulands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von allem unterrichtet sein mte, was an smtlichen Ecken und Enden Rulands geschieht! Ich soll ber alles unterrichtet sein, ohne da mich jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schpfen, ich, ein Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank und gentigt ist, auerhalb Rulands in der Fremde zu leben. Auf welche Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und Journalisten knnen mich doch nicht darber belehren, denn sie sind doch auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat berhaupt nur einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich geweigert, mich zu belehren. Ich wei, da ich strenge Rechenschaft vor Gott werde ablegen mssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfllt habe, wie ich sollte; aber ich wei, da auch andere die Verantwortung fr mich werden bernehmen mssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott selbst wei es, da ich dies nicht ohne guten Grund sage. 1843. II. Ich habe es vorausgesehen, da alle lyrischen Episoden in meiner Dichtung falsch aufgefat werden wrden. Sie sind so unklar, haben so wenig Zusammenhang mit den Gegenstnden, die vor den Augen des Lesers vorberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des ganzen Werkes, da sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger gleichermaen irregefhrt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz allgemeiner Weise ber den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen; ich habe sogar ber die Versuche errten mssen, sie zu meinen Gunsten auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umstnden htte ich ein Werk herausgeben drfen, das zwar in seiner Anlage nicht schlecht, jedoch nur flchtig und wie mit weien Fden zusammengeheftet war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich wundere mich nur, da so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der rger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld, da wir nicht gewhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines Werkes zu forschen. Man htte darauf hinweisen mssen, welche Teile im Verhltnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat, nicht festhlt. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, da die letzte Hlfte des Buches viel weniger ausgefhrt ist als die erste, da sie viele Lcken enthlt, da darin die wichtigsten und bedeutsamsten Momente in gedrngter Krze dargestellt, die unwichtigen und nebenschlichen weit ausgesponnen sind, da der Geist, der das Werk erfllt, aus ihm nicht gengend hervorleuchtet, dafr aber die Buntheit der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen fllt. Kurz, man htte weit ernstere und gediegenere Einwnde machen, man htte mich weit heftiger tadeln knnen, als man es jetzt tut, und zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man Anzeichen einer bertriebenen Selbsteinschtzung, Selbstbeweihrucherung und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der Stadt erzhlt, seinen Helden fr eine Weile allein auf der Landstrae lt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck der Monotonie und der Einfrmigkeit seiner Umgebung, der den und kalten Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tnt, in einer lyrischen Apostrophe an Ruland selbst wendet, es um eine Erklrung fr das unbegreifliche Gefhl bittet, das sich des Dichters bemchtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles, jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als eine bisher unerhrte Prahlerei ausgelegt, whrend sie doch weder das eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck fr ein echtes Gefhl. Ich kann noch immer diese melancholischen Tne unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen Rume Rulands klingen. Diese Tne schwingen in meinem Herzen weiter, und ich bin erstaunt, da nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern empfindet. Wer beim Anblick dieser wsten, noch unbevlkerten und ungastlichen Rume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den melancholischen Klngen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushrt, der hat entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie sich wirklich verhlt. Schon sind beinahe hundertundfnfzig Jahre verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der europischen Aufklrung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso de, traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern irgendwo obdachlos auf der Landstrae lgen, noch weht uns von Ruland kein warmes herzliches Gefhl entgegen, wie wenn wir von lieben Brdern empfangen wrden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles gleichgltiger Stationswchter hervorschaut, der auf unsere Frage stets die nchterne trockene Antwort bereit hat: Wir haben keine Pferde! Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die Regierung ist doch die ganze Zeit ber unermdlich ttig gewesen. Dafr zeugen zahlreiche Bnde voller Verfgungen, Gesetzesverordnungen und Manahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Huser, eine Menge neu herausgegebener Bcher, eine Unzahl von Einrichtungen und Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitre Einrichtungen, Wohlttigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von keiner Regierung eines andern Staates gegrndet werden. Die Fragen kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertnten von oben Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher Zeugnis ablegen, die hufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, da man sich ihn wirklich anzueignen vermag und da er in uns Wurzeln schlgt. Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein, sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen mu und die nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom Begriff der gttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit erleuchtet ist. Ohne dies mu alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein Beweis dafr sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu umgehen, fr die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschfte durch neue Komplikationen zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knppel zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende, berall sehe ich, da _der_ die Schuld trgt, der die Verordnungen durchfhrt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berhmt zu machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwrtsstrebt, um nach gut russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen bereifer nicht erst viel, worum es sich handelt, bemchtigt sich sofort der Sache wie ein Sachverstndiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art -- schnell wieder abgekhlt, wenn er sich einem Mierfolg gegenbersieht; oder er ist schlielich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher Eitelkeit gleich alles hinschmeit und den Posten, auf dem er einen so schnen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit der die Leute grndlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all die kleinen Regungen eines bermig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, da er seinen Beruf ergriffen hat, um andre glcklich zu machen und nicht sich selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefhls allen und berall vor Augen zu fhren. Ich wei nicht, ob es viele Leute unter uns gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor der ganzen Welt erklren knnen, da Ruland ihnen nichts vorzuwerfen habe, da kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, den Raume sie vorwurfsvoll anstarre, da alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von ihnen erwarten. Ich wei nur, da ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen habe. Auch jetzt hre ich ihn wieder. Auch in meinem bescheidenen Beruf als Schriftsteller htte sich etwas machen, etwas leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was hat es zu bedeuten, da in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem Guten lebendig war und da ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen Die toten Seelen trgt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es htte machen knnen, wenn es so geschrieben gewesen wre, wie es htte geschrieben werden mssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrcken vermocht und selbst Anla dazu gegeben, da sie verkehrt aufgefat und da ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schdlich als ntzlich ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder die Ungeduld der stheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klngen ihre Freude haben, htten mich dazu gedrngt? Soll ich etwa sagen, da ich durch schwierige und rmliche Verhltnisse in eine peinliche Lage gebracht worden sei und, da ich mir das Geld fr meinen Lebensunterhalt htte erwerben mssen, gentigt gewesen wre, mich zu beeilen und mein Buch zu frh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine Pflicht redlich zu erfllen, den knnen keinerlei Verhltnisse schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die trichten Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kmmern. Der, der aus Rcksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schdigt, die fr sein Land ein Bedrfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war mir der verchtlichen Schwche meines Charakters, meines elenden Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewut, daher schien mich ein jedes Ding in Ruland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des Hchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder gutzumachen wre, und dieselben den Strecken, die meine Seele mit solcher Melancholie erfllten, versetzten mich durch ihre gewaltige freie Ausdehnung und Gerumigkeit -- dies weite Feld fr einen rastlosen Bettigungsdrang -- in Entzcken. Die Apostrophe an Ruland: Sollte nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf da er sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe, kam wirklich von Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schnen Bilde zuliebe oder aus Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefhlt und fhle sie noch heute. In Ruland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig), da es wahrhaft riesenhafter Krfte bedarf, um ihn wieder auf seine frhere Hhe zu bringen. Ich habe die groe Aufgabe geschaut, die groe Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so freien Spielraum fr die Entfaltung seiner Krfte besitzt, und weil nur der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich meinem Herzen der Schrei, den man fr Prahlerei und Hochmut gehalten hat! 1843. III. Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und Menschenkenner, mir die gleichen trichten Fragen vorlegen kannst, auf die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hlfte von ihnen bezieht sich darauf, was der Zukunft angehrt. Was fr einen Sinn hat blo diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und deiner wrdig, und ich wnschte, da auch andere Leute sie an mich gerichtet htten, obwohl ich nicht wei, ob ich sie auch vernnftig beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, da die Helden meiner letzten Werke, besonders die der Toten Seelen, trotzdem sie nichts weniger als naturgetreue Portrts von wirklichen existierenden Menschen, und obwohl sie an und fr sich sehr wenig sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen, wie wenn die Seele bei ihrer Schpfung beteiligt gewesen wre? Noch vor einem Jahr wre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schpfungen der Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen Entwicklung. Um mich dir besser verstndlich zu machen, will ich dir eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel ber mich gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens zu ergrnden gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem Grade das Vermgen besa, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so da die ganze Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den Toten Seelen offenbart. Die Toten Seelen haben nicht darum in Ruland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag gebracht, oder ein erschtterndes Bild vom Triumph des Bsen und von den Leiden der Unschuld entworfen htten. O nein. Meine Helden sind durchaus keine Bsewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen guten Zug verliehen htte, der Leser htte sich sicher mit ihnen allen ausgeshnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flte dem Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfllte, war dieses, da bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als der andere, da es unter ihnen auch nicht eine trstliche Erscheinung, keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser htte aufatmen und Mut schpfen knnen, und da es einem, wenn man das ganze Buch gelesen hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewlbe wieder in Gottes freie Welt hinaus. Man htte es mir eher vergeben, wenn ich lauter malerische Ungeheuer gezeichnet htte -- die Jmmerlichkeit und Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak, das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine Mngel und Laster! Ist das nicht eine auerordentliche Erscheinung? Frwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. Dies also ist mein grter Vorzug und ich wiederhole, er htte sich nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wren. Keiner meiner Leser wute, da er ber mich selbst lachte, whrend er ber meine Helden lachte. Ich hatte kein einzelnes groes Laster, das all meine brigen Untugenden um Haupteslnge berragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante Tugend besa, die mir ein besonders interessantes uere verliehen htte, dafr aber vereinigte ich in mir alle Scheulichkeiten, die es nur gibt, ich besa zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste jedoch, fr den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch, _besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefgt htte, da sie sich nur langsam und allmhlich vor mir enthllten, statt sich mir pltzlich und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von Seinem unendlichen Mitleid besa, -- dann htte ich mich sicherlich erhngt. Aber in dem Mae, als ich sie in mir entdeckte, verstrkte sich durch eine wunderbare hhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen zu befreien; es war ein auergewhnliches seelisches Erlebnis, das mich dazu fhrte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies fr ein Erlebnis war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt htte, da es jemand ntzen knnte, htte ich es schon lngst bekanntgemacht. Von diesem Augenblick an begann ich meine Helden ber ihre Gemeinheit hinaus auch noch mit meinen persnlichen Scheulichkeiten auszustatten. Das geschah folgendermaen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe, Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte sie mit Ha, Spott und allem, dessen ich noch sonst fhig war. Wenn jemand all die Ungeheuer gesehen htte, die meine Feder im Anfang fr mich selbst erschuf, er htte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir nur zu erzhlen, da Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der Toten Seelen vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdsterte. Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme: Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Ruland. Dieser Ausspruch berraschte mich. Puschkin, der Ruland so gut kannte, hatte nicht bemerkt, da dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit ist und in was fr einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden Eindruck mildern knnte, den die Toten Seelen hervorrufen konnten. Ich sah, da vieles Schlechte des Hasses nicht wert und da es besser ist, es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen wrden, wenn man ihnen ihre eigene Hlichkeit und Gemeinheit vor Augen fhrte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich fr meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese elenden Menschen sind jedoch keineswegs Portrts nach lebendigen Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Zge der Leute gesammelt, die sich fr besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus Generlen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich auer Zgen von mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von dir. Ich werde dir das spter beweisen, wenn die Zeit fr dich gekommen sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persnliches Geheimnis. Ich mute allen guten Menschen, die ich kannte, alles Hliche und Gemeine nehmen, das sie sich zufllig erworben hatten und es ihren rechtmigen Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein mssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bnden finden. Das ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten seine Aufgabe erfllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflt, er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen gegen uns selbst erzeugt. Frs erste gengt mir das. Mehr wollte ich nicht erreichen. Dies alles wre natrlich noch bedeutsamer geworden und wre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der Verffentlichung beeilt htte und wenn ich das Ganze noch sorgfltiger und grndlicher bearbeitet htte. Meine Helden haben sich noch nicht vllig von mir abgelst und daher auch noch nicht die rechte Selbstndigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine Frhgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet und selbst sein verfrhtes Erscheinen kann mir dadurch ntzlich werden, da es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen, die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten Verhltnisse Rulands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unntze Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hlfte deines Briefes angefllt hast, und die zu nichts fhren, als zur Befriedigung einer migen Neugierde), wenn du alle vernnftigen und sachlichen Bemerkungen und Einwnde, die ber mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als auch alle mglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem ttigen Leben stehen, sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatschlichen Begebenheiten beifgen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, da sie mein Buch in einem seiner Teile widerlegen oder besttigen -- zu jeder Seite knnte man ein ganzes Dutzend solcher Flle anfhren -- dann wrdest du ein wahrhaft gutes Werk tun, und ich wrde dir von Herzen dankbar sein. Wie wrde sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie wrde das meinen Kopf erfrischen und wieviel leichter wrde die Arbeit vonstatten gehen! Aber das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hlt meine Bitten fr ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen. Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll blo diese mige Neugierde, diese trichte unntze Hast, die, wie ich sehe, auch dich angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles wrdig und weise nach wohlgefgten Gesetzen vonstatten geht und wie vernnftig eines aus dem anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott wei warum, soviel unntze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn deine Worte auch ordentlich berlegt? Es ist absolut notwendig, da wir den zweiten Band erhalten. Wie? soll ich mich denn blo deswegen, weil alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das wre doch ebenso dumm, wie das, da ich mich mit dem ersten zu sehr beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bichen Verstand gekommen? Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die Menschen unwillig ber mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend etwas sagen. Und woraus schliet du nur, da der zweite Band gerade jetzt ein dringendes Bedrfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf hineingeblickt? Fhlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht? Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, whrend ich glaube, da er nicht frher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies blo, wenn man die Umstnde und den Gang der Zeit bercksichtigt. Wer von uns hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder der, der noch nicht wei, was den Inhalt bildet. Was das jetzt fr eine seltsame Mode ist, die neuerdings in Ruland aufgekommen ist! Der Mensch liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernnftiges tun und spornt die anderen zur Ttigkeit an; als ob jeder andere sich aus allen Krften anstrengen mte, vor Freude darber, da sein Freund mig auf dem Rcken liegt! Kaum erfhrt man, da irgendein Mensch mit einer ernsten Sache beschftigt ist, so treibt man ihn schon berall zur Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann heit es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schliee meine Predigt. Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt, was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube bitte nach diesem Bekenntnis nicht, da ich ebenso ein Ungeheuer bin, wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich suche es aus allen Krften, und meine Seele glht fr alles Schne, ich liebe meine Schndlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten, wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem Guten fernhlt. Ich kmpfe gegen es an und werde gegen es ankmpfen, bis ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist ganz falsch, was trichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht haben, da der Mensch nur erzogen werden knne, solange er noch in der Schule sitzt, und da er spter keinen Charakterzug mehr in sich verndern knne. Nur in einem trichten, weltlich gesinnten Schdel konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen meiner Scheulichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden bertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, ber sie zu lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr verlockendes ueres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das Hliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte vor Ihm prfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir, aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere eine Weile beiseite zu lassen und grndlich in dich selbst hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorberziehen lt, und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prfung zu unterziehen. In dieser meiner Antwort wirst du, wenn du nher zusiehst, auch eine Antwort auf deine brigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum ich bisher dem Leser nicht auch die trstlichen Erscheinungen gezeigt und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwhlt habe. Solche kann man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnckigkeit und Bestndigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles, was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine eigene Seele gewrgt und bedrckt: nur was lebendig in meiner Seele lebte, ist frei aus ihr herausgestrmt. IV. Ich habe den zweiten Teil der Toten Seelen verbrannt, weil das eine Notwendigkeit war. Das du sest, wird nicht lebendig, es sterbe denn, -- sagt der Apostel. Man mu zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fnfjhrigen Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschtterungen gekostet hat und worin vieles enthalten war, was mein hchstes Streben ausmachte und meine Seele ausfllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte. Ich danke Gott, da er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen. Sowie die Flamme die letzten Bltter meines Buches aufgezehrt hatte, erstand sein Inhalt pltzlich in verklrter und geluterter Gestalt vor mir, gleich einem Phnix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male, wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits fr ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wre der zweite Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er htte eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genu und die Befriedigung der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben mu, sondern die aller Leser, fr die die Toten Seelen geschrieben wurden. Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die fr die vornehme Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, -- das kann zu nichts fhren. Das erregt blo Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit angenommen, die Vorzge des russischen Charakters ber alles Ma zu preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran, diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu arbeiten, sondern sie suchen sie mglichst zur Schau zu stellen, als wollten sie Europa zurufen: Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch besser als ihr! Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rhmt und sich was auf sie zugute tut. Bei uns aber rhmt man sich und prahlt man schon, noch ehe man etwas geleistet hat -- man prahlt mit dem, was erst kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmtig und man grmt sich ber sich selbst, als da man hochmtig ist und sich selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewut und richtet seine Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten Erniedrigung erhebt und zur Hhe emporfhrt; im zweiten Falle dagegen flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur berhebung verleitet, indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verfhrt. Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und fr das Gute begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man berhaupt nicht vom Hohen und Schnen sprechen darf, ohne zugleich einem jeden die Richtung und den Weg zum Schnen zu zeigen, so da er sie taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande der Toten Seelen nur schwchlich und unvollkommen zum Ausdruck gekommen, und doch htte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt. Urteilen Sie bitte nicht ber mich und ziehen Sie keine Schlsse daraus; Sie werden sich ebenso tuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten, das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzufhren. Meine Aufgabe ist weit einfacher und nherliegend; meine Aufgabe ist das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken sollte. Meine Aufgabe -- ist _die Seele und die groe sichere ewige Aufgabe des Lebens_. Darum mu auch mein Tun stark und dauerhaft sein und ich mu Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu beeilen; mgen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne, was verbrannt werden mu, und ich handle sicherlich richtig, denn ich unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre Befrchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir vielleicht unmglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so sind sie berflssig. Meine Gesundheit ist sehr zart -- das ist freilich wahr. Zuzeiten ist mir's so schlecht zumute, da ich es ohne Gottes Hilfe kaum auszuhalten vermchte. Zu dem Verfall meiner Krfte ist noch ein so intensives Frsteln hinzugekommen, da ich gar nicht mehr wei, wie und woran ich mich erwrmen soll: ich mte mir Bewegung machen, und doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr als eine Stunde fr die Arbeit erbrigen, aber selbst dann fhle ich mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht. Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner Fhigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen wre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, da die grere Hlfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir auch die Kraft verleihen, was noch brig ist, zu vollenden und zu Papier zu bringen. Meine Krfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine geistigen Fhigkeiten werden vielmehr strker und krftiger, nun denn, so wird wohl auch die Krperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben, da, wenn die rechte Stunde schlgt, auch das, woran ich fnf Jahre lang mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen wird. 1846. XIX Liebt unser russisches Vaterland Aus einem Briefe an den Grafen A. T. Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung, mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen knnten? Sehen Sie nur, wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwrtig auf der Welt gibt, die sich glhend nach dieser Liebe sehnen und nur sprde Hrte und de Kaltbltigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart und verkndet, da wir in der Liebe zu unseren Brdern der Liebe zu Gott teilhaftig werden. Wir mssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben. So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brder lieben. Wie aber sollen wir die Brder lieben lernen? Wie sollen wir die Menschen liebgewinnen? Die Seele mchte nur das Schne lieben, die armen Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schnheit in ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafr, da Sie ein Russe sind. Fr den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und dieser Weg ist Ruland selbst. Wenn der Russe erst einmal Ruland lieben lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in Ruland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die Leiden und Krankheiten, von denen Ruland gegenwrtig in so hohem Mae betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, wrde niemand von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der Beginn der Liebe. Selbst in dem entrsteten Geschrei ber die Mibruche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt keineswegs blo die Emprung der guten und anstndigen Elemente ber die Unanstndigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang, da zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Huser gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen htten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht, wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger, erschtternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefhllosen beginnen sich zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner, auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Ruland noch nicht. Sie knnen sich immer nur grmen, klagen und sich darber aufregen, sowie Sie hren, da etwas Bses oder Hliches in Ruland passiert. Dies erregt bei Ihnen nichts wie rger, Bitterkeit oder Mimut. Nein, das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das ist hchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich ankndigt. Nein, wenn Sie Ruland wirklich lieben werden, dann wird jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Kpfen vieler ehrlicher und selbst gescheiter Leute entsteht, als knnten sie heutzutage nichts fr Ruland tun, und als ob Ruland ihrer berhaupt nicht bedrfte, ganz von selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit voller Strke empfinden, da die Liebe allmchtig ist und da man mit ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Ruland wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich frmlich dazu drngen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird, begngen wollen und jedes Krnchen Ttigkeit in diesem Beruf einem tatenlosen und migen Leben, wie Sie es jetzt fhren, vorziehen. Nein, Sie lieben Ruland noch nicht. Und solange Sie Ruland noch nicht lieben, knnen Sie auch Ihre Brder nicht lieben, ohne solche Liebe zu Ihren Brdern aber knnen Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe Sie sich nicht mit dieser gttlichen Liebe erfllen, gibt es keine Rettung fr Sie. 1844. XX Lernt Ruland kennen! Aus einem Brief an den Grafen P. T. Es gibt keinen hheren Beruf als den Mnchsberuf. Gott gebe, da es uns einmal beschieden sei, die schlichte Mnchskutte anzulegen, nach der sich meine Seele so sehnt! Schon der bloe Gedanke an sie ist mir eine Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden, knnen wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will, sich aus dieser Welt zurckzuziehen, mu man dieser Welt Lebewohl sagen knnen. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins Kloster. Diese Worte gelten fr alle, deren Weg dorthin fhrt. Sie sind reich, Sie knnen Ihr Vermgen unter die Armen verteilen, was aber htte ich ihnen zu geben? Mein Vermgen besteht nicht in Geld. Mit Gottes Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fhigkeiten verliehen, mit denen ich andern ntzen und dienen kann -- daher mu ich diese Gter unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber auch Sie knnen sich dadurch, da Sie all Ihr Geld wegschenken, noch nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn es Ihnen schwer wrde, sich von ihm zu trennen, dann lge die Sache anders. Allein Sie sind gleichgltig gegen das Geld, es bedeutet heute nichts mehr fr Sie. Was fr eine Heldentat und welch ein Opfer wre es, sich von ihm zu trennen. Oder heit es etwa, seinem Bruder Gutes tun, wenn man ein unntzes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nmlich das Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr Kloster ist -- Ruland. Nun, so legen Sie das geistige Mnchsgewand an -- sterben Sie sich selbst vllig ab -- sich selbst -- nicht Ruland -- und gehen Sie hin, um darin zu wirken und ttig zu sein. Unser Land ruft heute seine Shne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon ertnt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben entweder ein gefhlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Ruland fr einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und Elend ber das Reich hereinbrachen, die Mnche ihre Klosterzellen verlieen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu retten. Die Mnche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines friedlichen Brgers -- ja, wo denn nur? -- mitten im Herzen Rulands zu erfllen. Machen Sie keine Ausflchte, und weisen Sie nicht auf Ihre Unfhigkeit hin, Sie besitzen viele Fhigkeiten, die Ruland jetzt hchst dienlich und von grtem Nutzen sein knnen. Sie sind Gouverneur zweier Provinzen von uerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulnglichkeiten, die Ihnen damals noch anhafteten, weit besser ausgefllt als mancher andere, Sie haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse ber die Zustnde und Vorgnge im Innern Rulands erworben und das Land in seinem wahren Wesen kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich wrde Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine bestimmte Eigenschaft entdeckt htte, die mir weit bedeutsamer erscheint, als alle brigen. Ich meine jene Fhigkeit, ohne besondere Anstrengung und ohne _selbst_ zu arbeiten, ja, whrend Sie selbst ein bequemes miges Leben fhren, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glck, tchtige Beamte zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit brig lassen. Und wenn sich dann Gelegenheit bot, jemand fr eine Auszeichnung oder Belohnung vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz bergingen. Das ist Ihr hchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer groen Fhigkeit, sich die rechten Beamten zu whlen. Kein Wunder, da Ihre Beamten sich die grte Mhe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so beranstrengt, da er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem Sie aufs eifrigste bemht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fhig, wenn ein Vorgesetzter ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fhigkeit wird heute zu einem wahrhaften Bedrfnis. Gerade heute, in einer so selbstschtigen Zeit, wo ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst mglichst in den Vordergrund zu rcken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage Ihnen, mit dieser Ihrer Fhigkeit sind Sie heute in Ruland vllig unentbehrlich, und es ist eine Snde, da Sie dies nicht einmal empfinden. Ich wrde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf diese Fhigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen. Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an, da Sie sie nicht brachliegen lassen mgen. Sie aber halten sie wie ein Geizhals unter festem Verschlu und stellen sich taub. Es ist richtig, vielleicht stnde es Ihnen heute nicht gut an, eine hnliche Stellung einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb, weil Sie sie ntig haben -- Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in Ihren Augen ist keine Stellung zu gering -- sondern deshalb, weil Ihre Fhigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises bedrfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise in Ruland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Ruland machen. Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das gengt jetzt nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Ruland mehr, als in einem anderen Staate whrend eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst, whrend Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, da in den letzten zwei, drei Jahren ganz andere Menschen aus Ruland herauskommen, Menschen, die gar keine hnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem begegneten. Um zu erfahren, was das _heutige Ruland_ ist, mu man unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht, was man spricht und was man sich erzhlt. Das eine ist freilich wahr, da es in Ruland noch niemals eine so auerordentliche Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie heute unter den Leuten herrschen, und da der Unterschied der Bildung und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt hat, wie heutzutage. berdies ist ein Geist der Klatschsucht aufgekommen, sind so viele neue trichte Ideen mit allen daraus folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele trichte Gerchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlsse gezogen worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe ber Ruland so sehr entstellt und verwirrt, da man niemand mehr glauben kann. Man mu selbst eine Reise durch Ruland machen und sich selbst berzeugen. Das ist besonders ntzlich fr den, der eine Weile fern von Ruland in der Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten Kopfe zurckkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich und feinfhlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht sehen kann. Fhren Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunchst mssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher ber Ruland besaen, bis auf die letzte vllig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren eigenen Schlssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben, lossagen. Sie mssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wten, und Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch vllig unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer greren europischen Stadt beeilt, alle ihre Denkmler aus alter Zeit und alle Sehenswrdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so mssen Sie, wenn Sie in die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch grerem Interesse sich bemhen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und in ihren Altertmern, sondern in ihren Menschen. Ich mchte darauf schwren, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, da man ihn aufmerksam und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rsten Sie sich mit einem Tropfen wahrhaft brderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen knnen, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, das Salz einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zgen ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so da Sie sich schon selbst ein Urteil darber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten Beobachtungen ber die gegenwrtige Lage der Dinge machen knnen. Wenn Sie mit den fortgeschrittensten Reprsentanten jeden Standes reden werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und ffnen Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird Ihnen sofort erklren, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein nchterner, tchtiger Kleinbrger wird Ihnen einen Begriff von dem Kleinbrgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles Notwendige ber den Geschftsgang in den staatlichen Organen erfahren, und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphre der Gesellschaft werden Sie sich selbst ein Bild machen. brigens drfen Sie sich nicht allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen. Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem Stande hren. Vergessen Sie auch nicht, da heute alle miteinander im Streite liegen und einer den andern rcksichtslos verleumdet und schlecht macht. Suchen Sie sofort Fhlung mit der Geistlichkeit zu nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie alles brige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und Stdte Rulands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo und an welcher Stelle Sie sich ntzlich machen knnen und um welchen Posten Sie sich bewerben mssen. Inzwischen aber knnen Sie, wenn Sie nur wollen, schon durch Ihre bloe Reise sehr viel Gutes stiften. Schon whrend dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so groen wahrhaft christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster bieten wrde. Erstens knnen Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten knnen und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und Richters bernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das jetzt in Ruland ist und welches Verdienst in einer solchen Ttigkeit liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch hher gestellt als jede andere Art der Ttigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns berall etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund; die Kleinbrger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen Grund zu eintrchtiger Arbeit veranlat werden, miteinander wie Hund und Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und Freundschaft bemerken, wenn nmlich einer von ihnen heftigen Verfolgungen ausgesetzt ist. Ein Friedensstifter findet berall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu vershnen. Fr die Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen und wieder auszushnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, shnt er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht, dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine so groe Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, da ein anderer ihm auch nur ein bichen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen Entgegenkommen entschliet, drngt sich der andere frmlich dazu, ihn an Gromut noch zu berbieten. Daher knnen bei uns selbst die ltesten Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird und berdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die Streitenden tritt. Eine solche Vershnung aber -- dies mu ich noch einmal wiederholen -- ist jetzt sehr vonnten. Wenn nur einige wenige Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht ber irgendeine Sache sind, sich dazu verstnden, einander die Hand zu reichen, so wrde es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der Ttigkeit, zu der sich Ihnen whrend Ihrer Reise durch Ruland auf Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine andere Aufgabe fr Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie knnen der Geistlichkeit der Stdte, die Sie berhren werden, einen groen Dienst erweisen, indem Sie sie nher mit der Gesellschaft bekannt machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der Vorgnge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, da sie nicht in die Sphre des christlichen Lebens gehren. Dies ist sehr notwendig, weil viele Geistliche, wie ich wei, infolge der groen Menge von Ungehrigkeiten und Mibruchen, die in der letzten Zeit stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht sind, da niemand mehr auf sie hrt, da ihre Worte und Predigten in die Luft gesprochen sind, da das bel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat und da an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist unrichtig. Freilich sndigt der Mensch von heute wirklich unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner frheren Zeit; allein er sndigt nicht aus einem berma von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit, nicht aus Gefhllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu sndigen hat, sondern deshalb, weil er seine Snden nicht erkennt. Noch hat sich nicht allen die fr unser gegenwrtiges Zeitalter so furchtbare Wahrheit enthllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren Augen, da wir nmlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten der Snde verfallen sind, und da wir blo nicht offen und direkt, sondern indirekt sndigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und daher bleiben die Menschen taub fr ihre Worte. Wenn man heutzutage erklrt: ihr sollt nicht stehlen, nicht in berflu und ppigkeit leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den Armen milde Gaben reichen, so bedeutet das nichts und kann keine Wirkung haben. Denn abgesehen davon, da jeder sagen wird: aber das sind doch alles bekannte Dinge, wird er sich noch vor sich selbst rechtfertigen und sich womglich gar noch fr einen Heiligen halten. Er wird sagen: Stehlen? -- ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein paar Mnzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde ihn nicht anrhren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen Diebstahls entlassen; ich lebe natrlich auf groem Fue, aber ich habe weder Kinder noch Verwandte, ich brauche fr niemand zu sparen und zurckzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem berflu stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen. Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten und fr die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleiig, auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache meine Knieflle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorber, ohne da er eine Kupfermnze von mir erhlt, auch habe ich mich niemals geweigert, etwas fr irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben. Mit einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur fr gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine Sndlosigkeit sein. Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm blo einen Teil von all den furchtbaren Schrecken und beln zeigt, die er zwar nicht unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen Mann, da er, indem er sein Haus schmckt und seine Lebensweise nach dem Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres rgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem zurckzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut verschwenden, die Menschen ausplndern und sie zu Bettlern machen; auerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im Innern Rulands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge stehen mssen, und die es vielleicht nicht geben wrde, wenn er nicht wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben und die Kpfe anderer Leute verwirren wrde. Ebenso zeige man allen Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch sndigen, da sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr Geld verschwenden, sondern dadurch, da sie auch andere zu einem solchen Leben zwingen, da so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen hat [gewi, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen, mute er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn ausplndern. Dieser mute seinerseits irgendeinem Assessor oder einem Landrat die Kehle zudrcken und der Landpolizeihauptmann wiederum war gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplndern] und man lasse auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann werden sie nicht mehr an Hte oder an ein neues, modernes Kleid denken. Sie werden einsehen, da auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Stdten auf Kosten der ausgeplnderten Provinzen errichten, sie nicht von der furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist nicht gefhllos. Der Mensch wird im tiefsten erschttert sein, wenn Sie ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr erschttert fhlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher geworden, und die Hlfte seiner Snden rhrt von seiner Unkenntnis und nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lften und ihm nur eins von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sndlosigkeit zu prahlen. Er wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig wre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, da der Gedanke, da man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde richten msse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in dem traurigen Kopfe eines Nationalkonomen des 19. Jahrhunderts, nicht aber in dem gesunden Gehirn eines vernnftigen Menschen entstehen konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzhligen indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit, seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf alle Gefahren der gegenwrtigen Zeit hinweisen wrde, wo jeder von uns mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, blo durch seine Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann, kurz, wie wre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen wrde, auf welch gefhrlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein, die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner Worte wird in die Luft gesprochen sein. _Sie_ aber knnen viele Priester hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden, aufmerksam machen. Aber Sie knnen sich hierdurch nicht nur den Priestern, sondern auch anderen Menschen ntzlich erweisen. Dies sind Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist. Man mu dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller Wirrsale und Verwirrungen unserer _gegenwrtigen_ Zeit darstellt; nicht wie es dem oberflchlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem Manne erscheint, der es von dem hchsten Standpunkt eines Christen betrachtet, in Erwgung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rulands, wie sie in Ruland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute leben in einer fremden Welt auslndischer Journale und Zeitungen, nicht aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wnde wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber knnen sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In _einer_ Stadt knnen Sie Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann zu bringen. Sie knnen alle reicher machen und sich zugleich selbst weit mehr bereichern als alle. So Groes knnen Sie auf Schritt und Tritt vollbringen -- und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hlle liegt ber Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie knnen die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, da Sie es lernen, ihnen zu dienen. Wie knnte ein Diener seinen Herrn liebgewinnen, wenn dieser ihm bestndig fernbleibt und wenn er noch nie fr ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles fr es hingegeben hat, weil sie so viel fr es gelitten hat. Wachen Sie auf! Ihre Klosterzelle ist -- Ruland. 1845. XXI Was eine Gouverneursgattin ist An Fr. A. O. S. Ich freue mich, da Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre Gouvernementshauptstadt zurck. Sie mssen sie mit neuer Kraft lieben lernen; sie gehrt zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie mu Ihre wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen, da Ihre Anwesenheit fr das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne Nutzen, da die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind einfach mde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet berall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Bettigung. Sie wirkt sogar auch dann noch, wenn sie berhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst schon, da es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu schaffen zu machen und sich bestndig voller Hitze und Eifer auf alle mglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich, die Sie selbst erwhnt haben. Ihre Vorgngerin, Frau Sch., hat einen ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegrndet und zugleich damit alle mglichen Schreibereien, eine groe Aktenwirtschaft veranlat, allerhand konomen, Sekretre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen und einem trichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg durch ihre Wohlttigkeit berhmt gemacht und in K. eine groe Verwirrung angerichtet. Die Frstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle gegrndet, sie hat auerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch hatte sie gar keinen Einflu auf ihren Mann und sie hat sich auch an der eigentlichen Regierungsttigkeit und den offiziellen Geschften gar nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in der Stadt ihrer ohne Trnen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: Nein, wir werden nie eine zweite Frstin O. bekommen. Und wer sagt so etwas? Dieselbe Stadt, fr die sich, wie Sie annehmen, nichts tun lt, dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach fr alle Zeiten und unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Lt sich denn wirklich nichts machen? Sie sind mde, das ist alles, und Sie fhlen sich mde, weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen Krften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen schon oft gesagt habe: Sie haben einen groen Einflu. Sie sind die erste Persnlichkeit in der Stadt. Dank dem ffischen Wesen der Mode und der bei uns in Ruland herrschenden ffischen Nachahmungssucht im allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit, nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin sein. Wenn Sie nun recht fr Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere veranlassen werden, sich mehr und grndlicher mit ihren Angelegenheiten zu beschftigen. Bekmpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen. Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fnf-, sechsmal an. Loben Sie an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekmpfen Sie diesen abscheulichen nordlndischen Luxus, diesen Krebsschaden Rulands, diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und Schndlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_ gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, als selbst die Frstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin! Sie sind mde. Aus Ihren frheren Briefen ersehe ich, da Sie fr den Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht allzusehr beeilt htten, htten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist bereits ber die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich noch zu sehr fortreien. Alles Hliche und jede kleine Unannehmlichkeit macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drckt Sie zu leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte, von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, berzeugt haben. Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie auerdem noch etwas anderes, und zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu berzeugen, da alle Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, da sie Menschen sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles ndern. Sie werden sich mit den Menschen ausshnen und nur noch gegen ihre Krankheiten ankmpfen. Wer hat Ihnen gesagt, da diese Krankheiten unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich ber alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu verhelfen, da ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen vollstndigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon berzeugt sind, da ich in vielen Beziehungen eine grere Wirkung auszuben vermag als Sie. Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben, wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst sagen, da ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, da ich nicht auch Ihren unheilbaren Kranken zu helfen vermchte? Sie haben wohl vergessen, da ich zu beten vermag und da mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott erleuchteter Verstand knnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der nicht von Ihm belehrt ist. Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Zge mitgeteilt, wie sie jeder Provinzhauptstadt eigen sein knnen. Aber auch diese allgemeinen Zge sind noch nicht vollstndig. Sie haben sich darauf verlassen, da ich Ruland kenne wie meine fnf Finger. Und doch wei ich von Ruland so gut wie gar nichts. Wenn ich auch frher vielleicht etwas davon gewut habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden. Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind groe Vernderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt nicht mehr vom Gouverneur abhngig, sondern sind andern Departements und Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz, ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch gebeten, mich recht _vollstndig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen. Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom Kleinsten bis zum Grten zu bersehen vermag. Sie sagen selbst, da Sie whrend der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in K. Ruland besser kennen gelernt haben, als whrend Ihres ganzen frheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir geteilt? Sie sagen, Sie wten nicht einmal, an welchem Ende Sie anfangen sollen, Sie sagen, da der groe Haufen von Kenntnissen, die Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt (Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mierfolge). Ich will Ihnen helfen, sie zu ordnen, nur mchte ich Sie darum ersuchen, mir zunchst folgende Bitte zu erfllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies mglich ist, und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d. h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht berhrt und nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufllig angenehm sind oder gefallen haben, tun wrde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter, leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer vernnftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu Herzen nimmt, sondern gleichmig auf alle Punkte antwortet. Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen bedeutenden Persnlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten -- bekannt machen. Dies ist ein Bedrfnis fr mich. Ich mu ebenso ihr Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein mssen. Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen fr einen Beruf hat. Dies alles sollten Sie persnlich von ihnen selbst und nicht von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knpfen Sie dazu mit jedem ein Gesprch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufsttigkeit besteht, lassen Sie sich alle Gegenstnde nennen, auf die sie sich bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wre die erste Frage. Bitten Sie ihn dann weiter, er mge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel Gutes man unter den gegenwrtigen Verhltnissen in diesem Beruf zu tun vermag. Das wre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil man in diesem selben Beruf anrichten knne und auf welche Weise. Das wre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben, so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort fr mich auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfllen. Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Mglichkeit geben, mich Ihnen in der Zukunft einmal ntzlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffat, woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich bereits gleich jetzt tun liee ... Aber darum handelt es sich nicht. Beeilen Sie sich frs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun knnten und als ob Sie in der Lage wren, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie zunchst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen, begngen Sie sich frs erste damit, mir alles mitzuteilen. Auerdem bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem anderen Stck Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen ber jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern ber ihn sagen, kurz alles, was sich vom Standpunkt des ueren Beobachters von ihm sagen lt. Ferner bitte ich Sie, mir ganz hnliche Mitteilungen ber die gesamte weibliche Hlfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle kennen gelernt. brigens bin ich der berzeugung, da Sie sie doch nicht gengend kennen gelernt haben. Frauen gegenber lassen Sie sich schon durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefllt, lassen Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den allerbesten. Das mu ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie mssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Hliches und Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie grndlicher kennen lernen, weil davon vieles abhngt und weil sie einen groen Einflu auf ihre Mnner haben knnen. bereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunchst einmal ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu veranlassen. Suchen Sie sich ber die Verhltnisse einer jeden zu orientieren, womit sie sich beschftigt, ja suchen Sie selbst ihre Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre Neigungen, was einer jeden von ihnen gefllt und was das Steckenpferd einer jeden ist. Dies mu ich alles wissen. Meiner Ansicht nach mu man einen Menschen vllig und bis in sein Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu knnen. Ohne dies kann ich es nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja sogar unausfhrbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollstndiges Bild von Ihrer Stadt erhalte. Auer den Charakteren und den Persnlichkeiten beiderlei Geschlechts bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er Ihnen von zuverlssigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen gerade mitgeteilt werden, damit ich wei, was fr Klatschereien bei Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafr, da diese Aufzeichnungen Ihnen zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein fr allemal eine bestimmte Stunde des Tages dafr fest. Suchen Sie sich eine systematische und mglichst vollstndige Vorstellung von der ganzen Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort bersehen knnen, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und damit ich endlich ein mglichst vollstndiges Bild von Ihrer Stadt erhalte. Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Ttigkeit, ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, da vieles Unmgliche doch mglich und da vieles Unverbesserliche doch noch gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade darum, weil ich mich irren kann, und das mchte ich nicht gern. Ich mchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen, nicht hher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand, auf den sie gerichtet sind. Ich mchte Ihnen so raten knnen, da Sie sofort erklren: das ist nicht schwer, das lt sich leicht ausfhren. brigens mchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke geben, die allerdings nicht fr Sie, sondern fr Ihren Gatten bestimmt sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, da die Rte in der Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache. Sowie diese Rte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so wird jedermann ehrlich sein. Sie mssen nmlich wissen (wenn Sie dies nicht schon wissen sollten), da die allerungefhrlichste Art, Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen. Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind hufig blo deswegen gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie mssen zahlen, wenn sie eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschfte knnen sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt werden. Aber hten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafr, da in den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das bel ganz zur Reife gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen Einflu zu wirken. Ihr Gedanke, da ein Gouverneur stets Gelegenheit hat, viel Unheil anzurichten, da er nur wenig Gutes tun kann, da er kaum die Mglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf diesem Gebiete die Hnde gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einflu ausben, ja dieser Einflu ist sogar sehr gro, ebenso wie auch Sie einen groen _moralischen_ Einflu ausben knnen, obwohl Sie ber keinerlei gesetzliche Vollmachten verfgen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloer Furcht davor zurckschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen htte. Die Art, wie Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises gehandelt haben, den Sie ausdrcklich in die Stadt kommen lieen, um ihn mit dem Staatsanwalt auszushnen, und ihn um seiner Geradheit, Anstndigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Dies knnen Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders gefallen hat, ist folgendes: da der Richter (der, wie es sich herausgestellt hat, ein uerst gebildeter und aufgeklrter Mensch ist) so angezogen war, da man ihn, wie Sie sich ausdrcken, nicht einmal ins Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen htte. Ich htte ihm in diesem Augenblick den Scho seines abgetragenen Fracks kssen mgen. Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich ber die Bestechlichkeit und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrsten, und auch nicht darin, gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich lieber bemhen, jeden Zug von Ehrlichkeit ffentlich bekannt zu machen und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt freundschaftlich die Hand zu drcken. Glauben Sie mir, sobald es im ganzen Gouvernement bekannt wird, da der Gouverneur wirklich so handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt hat. Es ist dies ein Gefhl fr Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht fr jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Lnder durchdrungen ist, d. h. nicht fr die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung, auch nicht fr den europischen _point d'honneur_, sondern fr die echte sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der herrlichsten Taten fhig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der Gouverneur mu unbedingt einen moralischen Einflu auf den Adel ausben. Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit unbedeutenden mtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begngen. Das aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man seine dienstlichen Verpflichtungen erfllt, so wird er, was er auch fr ein Mensch sein mag, selbst wenn er trge ist und vielerlei Mngel hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht htte. Mit einem Wort, man darf niemals aus dem Auge verlieren, da das dieselben Beamten sind, die im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze Habe, die sie besaen. Wenn es einmal vorkommt, da ein Beamter wegen irgendwelcher unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so mu dies stets _unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von groer Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne da er seines Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten fr ihn Partei nehmen. Er wird noch lange Winkelzge zu machen und Mittel zu finden suchen, um alles derartig in Verwirrung zu bringen, da es berhaupt nicht mehr mglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter _Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er pltzlich die Nase hngen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen Seiten werden sich Beweise gegen ihn hufen, alles wird pltzlich an den hellen Tag kommen und die Sache wird sich vllig aufklren. Um eins aber bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen aus dem Amt gejagten Beamten gnzlich, mag er so schlecht sein, wie er will: denn er ist ein Unglcklicher. Aus den Hnden Ihres Gemahls mu er in Ihre Hnde gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie die Brtchen, die fr diese Unglcklichen bestimmt waren, an andre Leute verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in Betracht zieht, da die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren, sich deswegen zu beklagen. Daher mute ihre Entlassung ffentlich und vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen vllig fallen, machen Sie ihm die Rckkehr nicht ganz unmglich und behalten Sie den Ausgestoenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus Kummer, Verzweiflung und Scham noch grere Verbrechen begehen. Handeln Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder berhaupt durch irgendeinen klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen bestndig ber ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie dafr, da er nie ohne Arbeit und Ttigkeit ist. Nehmen Sie sich in diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum Vorbild, der den Menschen mit allen Geieln des Unglcks schlgt, ihn aber bis an sein Lebensende nie verlt. Ein Verbrecher mag sein, wie er will, solange die Erde ihn noch trgt und Gottes Donner ihn noch nicht vernichtet hat, so bedeutet das, da er sich hier in der Welt noch aufrecht zu erhalten vermag, auf da jemand durch sein Los gerhrt werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie brigens bei den Aufzeichnungen, die Sie fr mich machen werden, oder bei Ihren eigenen Forschungen ber alle mglichen Mistnde und Gebrechen allzusehr durch die traurigen Seiten unseres Lebens erschttert werden und sollte sich Ihr Herz mit Emprung erfllen -- so rate ich Ihnen in solch einem Falle, sich hierber so hufig wie mglich mit dem Erzpriester zu unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein kluger Mann und ein gtiger Priester. Fhren Sie ihn durch Ihr ganzes Krankenhaus und klren Sie ihn ber alle Leiden Ihrer Kranken auf. Selbst wenn er keine groen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst besitzen sollte, so mssen Sie ihn dennoch ber alle Krankheitsanflle, alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, da es ihm fortwhrend vor Augen steht, da er sich in Gedanken fortwhrend mit Ihrer Stadt beschftigen mu, da sie ihm immer lebendig und gegenwrtig ist, wie sie auch Ihre Gedanken bestndig beschftigen mu, damit all sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhrlich fr sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den Zuhrern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen, in viele Dinge Licht hineinzubringen und persnlich, ohne auf jemand hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von Angesicht zu Angesicht gegenberzustellen, so da sich ein jeder mit Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen zu lernen. Von ihnen hngt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt in ihren Hnden und nicht in den Hnden irgendeines anderen. Achten Sie trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz, Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit. Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen seiner Brder hren, so wahr und richtig sie auch immer sein mgen. Dazu kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergngungen ... Ein Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein gewisses Gefhl dafr, da er demtiger und bescheidener sein mu, als alle anderen Menschen. Auerdem wird er ja auch tglich whrend des Gottesdienstes, den er abhlt, daran erinnert, mit einem Wort, er ist weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurckzufinden, als wir, und indem er selbst dahin zurckkehrt, kann er auch uns alle auf ihn zurckfhren. Daher mssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfhige Leute unter ihnen antreffen, diese nicht geringschtzen, sondern ordentlich mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er fr eine Gemeinde hat, lassen Sie sich ein vollstndiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie sich erzhlen, was fr Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie versteht und in welchem Mae er sie kennt. Vergessen Sie niemals, da ich bisher noch gar nicht wei, was das Brgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Da sie auch schon anfangen, die Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, der man berall begegnet. Ich wnschte, Sie knnten mir einen von ihnen mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf bis zu den Fen in all seinen Einzelzgen vor mir sehen knnte. Also noch einmal: suchen Sie sie mglichst vollstndig und bis ins einzelne kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mhe geben, die Sache grndlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmhen, mit einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknpfen, was Sie meinetwegen Sonntags beim Verlassen der Kirche tun knnen. Alle Daten, die Sie so sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Brgers und Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen. Selbst im Krppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser Krppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefhl haben, da Sie so weit sind, dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darber. Sie werden ihm gerade das sagen, was er wissen mu. Sie werden ihm das Wesen eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein jeder Beruf bei uns sein mu, und Sie werden eine Karikatur dieses Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er durch unsere Mibruche geworden ist. Darber hinaus brauchen Sie nichts hinzuzufgen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedrfen solcher Gesprche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zgen abzustecken. Hufig wei mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine Gemeinde und seine Zuhrer verhalten soll, und bringt nichts als Gemeinpltze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren moralischen Einflu zu wirken. Erinnern Sie sie daran, da ihre Pflichten gro und furchtbar sind, da sie strengere Rechenschaft werden ablegen mssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, da heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf den Lebenswandel der Priester achten, da ein groes Revirement bevorsteht, weil nicht nur die hhere Obrigkeit, sondern auch alle Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, da der Grund alles bels darin liegt, da die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Klren Sie sie mglichst hufig ber die furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkrlich erschauert. Kurz -- vernachlssigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen Umstnden: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen groen moralischen Einflu auf die Kaufmannschaft, das Brgertum und die niederen Stnde der Stadtbewohner ausben, einen so groen Einflu, wie Sie sich's kaum vorstellen knnen. Ich will nur einiges davon erwhnen, was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen, mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fllt mir ein, da ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Brgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte knnten Ihnen vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich unterdrcke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, da Sie selbst einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch groe Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die weit mehr Nutzen bringen knnen, als irgendwelche Asyle und alle mglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergngen, zu einer Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden. Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern der Stadt zu sozialer Ttigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist mglich, sie aufzurtteln; wenn Sie mir nur ein vollstndiges Bild von ihrem Charakter, ihrer Lebensweise und ihrer Beschftigung geben wollen, so werde ich Ihnen sagen, wie und wodurch man sie zur Ttigkeit anspornen kann: in jedem Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurtteln und aufzuwecken. Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt genannt. Ich bin berzeugt, da sich noch weit mehr finden werden. Legen Sie keinen Wert auf ein abstoendes ueres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch groe Khnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas unangenehmes hochnsiges Benehmen angewhnt, dennoch ist unsere Seele in ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefhle fhig als jemals frher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben. Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Mnner; sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut und sind weit fhiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie dem keine Bedeutung bei, da sie sich von dem hohlen modischen Treiben umgarnen lieen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen zu reden, wenn es Ihnen glckt, der Frau auch nur im geringsten ihre hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben fr ganz hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in sich gehen, erkennen, da sie ihre Pflichten vernachlssigt hat, sich zu edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren Mann zu treuer Erfllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu veranlassen, da sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache stellen. Ich schwre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins Gewissen reden und uns die Peitsche spren lassen, sie werden uns mit der Geiel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird, da er schon lngst von selbst htte vorwrts laufen und nicht erst auf den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch nicht anders mglich, als da alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele kennen lernen. Bis dahin aber mssen Sie alle, bis zum letzten, lieben, ohne alle Rcksicht, ob einer Sie liebt oder nicht. Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fhle, da ich anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im gegenwrtigen Augenblick sehr gelegen kommen mgen. Und doch sind Sie selbst schuld daran, da Sie mir ber nichts ausfhrliche Nachrichten zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde. Ich hre fortwhrend von unheilbaren Krankheiten und wei doch nicht, woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie auf ein bloes Gercht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben, und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch eigenhndiges Befhlen und Betasten davon berzeugt habe. Also noch einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt grndlich kennen zu lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf besteht, wieviel Gutes und wieviel Bses man in seiner Stellung vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleiige Schlerin, schaffen Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, da Sie in Ihren Unterhaltungen mit mir mglichst umstndlich sein mssen. Denken Sie stets daran, da ich dumm, da ich _ganz_ dumm bin, solange mich nicht jemand in ausfhrlichster Weise ber einen Gegenstand orientiert. Oder stellen Sie sich lieber vor, da ein Kind oder ein vllig unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste Kleinigkeit, erklren und auseinandersetzen mu: nur dann wird Ihr Brief seinen Zweck ganz erfllen. Ich wei nicht, warum Sie mich fr einen solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich eingetroffen sind, so liegt das ausschlielich daran, da Sie mich damals in Ihre Geistes- und Gemtsverfassung eingeweiht haben. Ist denn das etwas so Groes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man mu blo die gegenwrtigen Verhltnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher Mensch mu entweder etwas Trichtes oder Unwahres sagen, oder aber in Rtseln reden. Ich mu Sie brigens noch wegen folgender Zeilen ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen fhren will. _Es ist traurig und sogar bitter, die Zustnde in Ruland aus der Nhe ansehen zu mssen. Im brigen aber sollte man nicht darber sprechen. Wir sollten hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den Hnden des allbarmherzigen Gottes liegt_. In den Hnden des allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwrtige, Vergangene und Zuknftige. Das ist ja unser ganzes Unglck, da wir die Gegenwart nicht sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies ganze Unheil, da das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach hlich und widerwrtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne mchten, so lassen wir die Hnde sinken, verzweifeln an allem und blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit, daher hngt ja auch die Zukunft fr uns alle gleichsam in der Luft: manche fhlen zwar, da sie schn sein wird dank einigen hochstehenden Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefhl nur noch keine streng zahlenmige oder arithmetische Begrndung geben knnen. Wie man jedoch diese Zukunft herbeifhren soll, das wei kein einziger. Es geht uns hnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei vergit man eine Kleinigkeit: man vergit, da die Straen und Wege, die in diese _heitere_ Zukunft fhren, ja gerade durch diese _dunkle und verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann hlt sie fr so hlich, widerwrtig und der Beachtung nicht wert, und ist sogar rgerlich, wenn man sie allen vor Augen fhrt. So lehren Sie mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie drfen sich nicht durch das viele Hliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir keine Niedertrchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts Ungewohntes fr mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niedertrchtige und Widerwrtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Hliche in Verlegenheit, ich fhlte mich durch vieles verstimmt, und es erfate mich ein Grauen bei dem Gedanken an Ruland. Seitdem ich aber tiefer in all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich zu hherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf. Ich sah Mittel und Wege und erfllte mich mit noch grerer Ehrfurcht vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafr, da er es mir ermglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl meine eigene wie die meiner armen Brder -- wenigstens teilweise kennen zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fnkchen Verstand besitze, wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rhrt das daher, weil ich mich bemht habe, mglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen, die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe und Sttze zu sein -- so war dies nur mglich, weil ich tiefer in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich schlielich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht blo eingebildeten, ertrumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schlielich nur dadurch mglich, da ich recht tief in den Abgrund der Niedertrchtigkeit und Gemeinheit hinabgesehen habe. Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurck. Vor allem aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus irgendeinem Grunde widerwrtig und gemein erscheinen. Ich versichere Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten Reinen ihr Gesicht mit den Hnden bedecken und bittere Trnen weinen werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gtern gerhmt und sich deshalb fr bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben, mit neuem frischerem Mut als frher an die Arbeit. Lesen Sie meinen Brief fnf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie brigens selbst schuld sind. Sie mssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes ganz zu eigen machen. Meine Fragen mssen zu Ihren Fragen und meine Wnsche zu Ihren Wnschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe Sie unablssig verfolgt und so lange qult, bis Sie meine Bitte erfllen und tuen, was ich verlange. 1846. XXII Der russische Gutsbesitzer An B. N. B. Die Hauptsache ist, da du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es dir zum unumstlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das brige wird sich schon von selbst ergeben. La dich nicht irremachen durch den Gedanken, da das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem Bauern verknpfte, fr immer zerrissen ist. [Da es zerrissen ist, ist wahr, und da die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch wahr, aber] da es fr alle Zeiten und fr immer zerrissen sein sollte -- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur ein Mensch, der nicht ber seine eigene Nasenlnge hinaussieht, kann so etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines Russen, der fr alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und Anhnglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den Russen so an sich ketten, da man nachher nur noch einen Gedanken hat: wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausfhrst, was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres erkennen, da ich recht hatte. Du mut die Aufgabe, die einem Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mut du die Bauern um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind. Du mut ihnen erklren, da du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist, weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen wrde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest, denn ein jeglicher mu Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird, und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso mten auch sie, die Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser Gelegenheit mut du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament zeigen, so da ein jeder bis auf den letzten sich davon berzeugen kann. Ferner mut du ihnen sagen, da du sie zur Arbeit und zur Ttigkeit anhltst, nicht weil du Geld fr irgendwelche Gensse und Vergngungen brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar Banknoten verbrennen], du mut es vielmehr so einrichten, da sie wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld htte nicht den geringsten Wert fr dich. Sage ihnen, du lieest sie blo darum arbeiten, weil es Gottes Wille sei, da der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweie seines Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich davon berzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und deswegen wrdest du um so schrfer darauf achten, da sie redlich arbeiten; nicht nur fr dich, sondern auch fr sich selbst. Denn du weit, und sie wissen es ja auch, da ein Bauer, der nicht arbeitet und sich dem Miggang ergibt, zu allem fhig ist -- er kann zum Dieb, zum Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine schwere Verantwortung vor Gott aufbrden. Bekrftige alles, was du sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten. Halte jeden dazu an, da er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue und das Buch ksse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie mssen klar erkennen, da du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europischen oder anderen Launen und Einfllen heraus handelst. Der Bauer wird das verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze Wahrheit: sage ihm, da die Seele des Menschen das Wertvollste auf der ganzen Welt ist und da du vor allem darauf achten wirst, da keiner von ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen berantworte. Bei jeglichem Tadel und jeder Rge, die du einem Menschen erteilst, der des Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht berfhrt worden ist, mut du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht gegenberstellen. Zeige ihm, da er sich gegen Gott und nicht gegen dich versndigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen, frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, bles zu tun, und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins Gewissen, weil sie es zugelassen haben, da ihr Bruder, der doch mitten unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund gefhrt und seine Seele um nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, da sie deswegen vor Gott Rechenschaft ablegen mssen. Suche es zu erreichen, da sich alle miteinander dafr verantwortlich fhlen und da alle Gegenstnde, die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafr, da von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tchtigsten Bauern eine mchtige Wirkung ausgehe und da ihnen eine groe Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, da es nicht allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel zu fhren, sondern da sie auch andere lehren mssen, gut zu leben, da ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und da das ihre Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, da sie den braven und tchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen, dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne erblicken, sollen alle Bauern ihre Mtzen vom Kopfe reien und ihm den Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Miachtung zu erweisen oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehr zu schenken, den mut du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mut du folgendermaen sprechen: O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche, da man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem keine Ehre erweisen, dem Ehre gebhrt! Beuge dich tief vor ihm und bitte ihn, da er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur Vernunft bringt, mut du zugrunde gehen wie ein Hund. Die braven Bauern aber mut du zu dir rufen und wenn es ltere Mnner sind, vor dir Platz nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren und sie im Rechten unterweisen und also erfllen knnen, was Gott uns geboten hat. Fhre das blo ein Jahr lang durch, und du wirst selbst sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird hierdurch nur gewinnen. Kmmere dich nur um die Hauptsache, alles andere wird dir von selbst in den Scho fallen. Christus hat nicht vergebens gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist, dafr ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser Leben. Fr den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch -- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort. brigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben, nur mut du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschftigen mut und wie du dies zu tun hast, darber will ich dir nichts sagen: das weit du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau wie meine eigene Handflche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist du ja vernnftig und hast du ja selbst eingesehen, da man nicht nur am Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen mu, um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den Arbeiten betrifft, was zunchst einmal von viel grerer Bedeutung ist als alles brige. Denke an das Verhltnis, das frher zwischen den Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mut ein Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen. Mache es dir zur Regel und vergi nie, wenn eine gemeinsame Sache in Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen mu in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch fr alle Bauern gedeckt sein, ganz so wie am Ostermontag, und du selbst mut mit ihnen speisen, mit ihnen zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit berall voranschreiten, sie alle zu tchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, fr die, die sich durch ihren Mut und ihre Tchtigkeit auszeichnen, ein Wort des Lobes und fr die Trgen und Faulen eine Rge bereit halten. Und wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mut du den Abschlu der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch greres Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht versetzen, das ist noch keine groe Kunst, das kann auch der Stanowoi, der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewhnt, er kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber, durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, da das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit ntzlicher fr ihn sein als alle mglichen Pffe und Maulschellen. Du mut stets smtliche Synonyme von: _braver Bursche_ fr den, der ermuntert, und alle Synonyme von: altes Weib fr den, der getadelt werden mu, bereit halten, damit das ganze Dorf wei, da ein Faulpelz und ein Trunkenbold ein altes Weib und ein erbrmlicher Kerl sind. Suche womglich ein noch schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, da er alles ist, was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es, wo du auch hinkommst, stets so ein, da bei deinem Kommen alles lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch bettigt und da jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen allen Mut und Kraft einzuflen, indem du ihnen zurufst: Kommt, Jungens, lat uns einmal alle zusammen anpacken. Nimm selbst die Axt oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser fr deine Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und die vielen trgen und bequemen Spaziergnge. Deine Bemerkungen ber die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Mglichkeit habe, allerhand trichte Bcher zu lesen, die europische Menschenfreunde fr das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, da der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt er wie tot hin und schlft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es so ergehen, wenn du hufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann, als all dieser Bcherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden sondern weil er _die_ Bcher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine andere Sache. Einen solchen mut du erziehen wie deinen eigenen Sohn, und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du fr eine ganze Schule verwandt httest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es vor jedem beschriebenen Stck Papier davonluft wie vor dem Teufel. Es wei, da dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es berhaupt nicht wissen, da es noch andere Bcher als die heiligen Bcher gibt. [Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemhst, da er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum bitten willst, er mge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen knnen, denn ein solcher Priester ist berall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem Kopfe, da du einen Priester finden knntest, der deinem Ideal vllig entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich erst durch das Leben selbst. Du mut selbst sein Lehrer sein, da du doch eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen Verwandten, und in ihm das Bedrfnis nach einer edleren Unterhaltung zu erwecken, aus der er etwas lernen knnte, berlassen sie ihn, jung und unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal wei, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage, da er gentigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt zu machen, whrend er doch vielmehr von vornherein eine gewisse Autoritt ber ihn ausben sollte, und nachher klagt man, da die Priester schlecht sind, da sie die Manieren der Bauern annehmen und sich gar nicht mehr von den gewhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da mchte ich doch fragen: wer wrde unter solchen Verhltnissen nicht verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung bese? Dagegen mut du es folgendermaen machen. Richte es so ein, da der Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mut geistliche Bcher mit ihm lesen, diese Lektre interessiert und befriedigt uns doch heute weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mut den Priester berall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persnlich von deinem Verhalten gegen die Bauern berzeugen knne. Hierdurch wird er klar erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die Beziehungen zwischen beiden sein mssen. Zugleich aber werden auch die Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, da er Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafr, da er zu Hause keine Not leide, da sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe und da er dadurch die Mglichkeit habe, bestndig mit dir zusammen zu sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewhnen, da er sich langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich gewhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar und gut auszudrcken, da ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt. Was nun die Predigt anbelangt, die du fr notwendig hltst, so mchte ich dir hierber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, da es fr einen Priester, der noch nicht vllig fr seine Ttigkeit ausgebildet ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist, berhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darber nachgedacht, wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser Zeit aber mchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die heiligen Kirchenvter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur uerlich angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing, immer bemht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen anzupassen, und er spricht so lebendig ber die notwendigsten, ja hufig sogar ber sehr hohe Dinge, da man ganze Partien aus seinen Predigten direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. La ihn dem Volke diese Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es gengt, wenn sie eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je krzer sie sind, um so besser. Der Priester mu sie jedoch, bevor er sie dem Volke vortrgt, mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur mit innerem Gefhl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten auch jenen berzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er fr eine ihn persnlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines Lebens abhngt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine eigene Predigt. Man mu nur wenig, aber in mglichst treffenden Worten zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewhnen wie unsere hchsten Kreise sich an sie gewhnt haben, die genau so hinfahren, um sich irgendeinen berhmten europischen Prediger anzuhren, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K. predigt der Priester berhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Whrend der Beichte aber redet er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, da dieser die Kirche verlt, wie wenn er aus einem Schwitzbad kme. S** hat einmal absichtlich dreiig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie machen wrden, wenn sie aus der Kirche kmen. Alle kamen rot wie die Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fnf Mann auf einmal vorgenommen. Whrend der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** selbst erzhlt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so da die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was blo geschehen war.] Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, da du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein Krsus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da annehmen, da die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat beweisen, da sie unrecht haben und da ein Gutsbesitzer, wenn er seine Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten Bande, von denen man sagt, da sie fr immer zerrissen seien, durch das gemeinsame Band Christi zu krftigen und zu befestigen vermag, das strker und krftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein Mann in hohen mtern und Wrden zu leisten vermag. Sage was du willst, ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften Lebenswandel zum Vorbild dienen knnen -- das ist kein unntzes Werk, sondern eine durchaus berechtigte und groe Tat. 1846. XXIII Der Historienmaler Iwanow An M. Ju. Weligurski Ich schreibe Ihnen ber Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal dieses Menschen! Endlich schienen sich alle ber ihn klar zu sein, alle waren berzeugt, da das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu unerhrte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Knstler, alles bemhte sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, [damit der Knstler nicht whrend der Arbeit sterbe -- ich meine dies ganz buchstblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man nicht das geringste aus Petersburg zu hren; ich flehe Sie an: [um Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat. Es sind so trichte Gerchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und alle Professoren der Akademie der Knste aus Furcht, das Bild Iwanows knnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, da ihm die Mittel zur Vollendung des Bildes nicht zur Verfgung gestellt werden. Das ist eine Lge, davon bin ich fest berzeugt. Unsere Knstler sind vornehme, anstndige Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine beispiellose Selbstentuerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat, er, der tatschlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so wrden sie ihr eigenes Geld brderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum htten sie Iwanow auch zu frchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er will berhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben auer seiner Arbeit. Er bittet blo [um eine armselige Pension] -- um eine Pension, wie sie ein Schler und ein Anfnger erhlt und nicht er, der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu verschaffen bestrebt sind, um das sich alle fr ihn bemhen, kann er sich trotz der Bemhungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt hat, da Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafr kann ich nicht finden. Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und noch immer ist das Gemlde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf endlich zu verstummen, wo man sieht, da der Knstler auch nicht einen einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, da die Skizzen zu dem Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, da man eine ganze Ausstellung mit ihnen fllen knnte, und da die ungewhnliche Gre des Bildes, dem kein zweites an Flchenumfang gleichkommt (das Bild ist grer als die Gemlde von Brjulow und Bruni), auerordentlich viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln, die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort -- jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie tricht der Vorwurf einem solchen Knstler gegenber war, der wie ein fleiiger Arbeiter sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so da er kaum noch wute, ob es in der Welt noch einen anderen Genu gibt als die Arbeit -- wie tricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die, die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schmen, wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war. Mit der Arbeit an diesem Gemlde verknpfte sich der eigenste, innerste, geistige Lebenszweck des Knstlers -- eine Erscheinung, wie sie in der Welt nur uerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der ber allen Menschen steht. Es war offenbar hhere Bestimmung, da sich an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Knstlers sowohl nach der Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die Kunst ihrer wahren und hchsten Bestimmung entgegenfhren, vollziehen sollte. Schon der Gegenstand des Gemldes ist, wie Sie wissen, hchst bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf gewhlt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und die bisher noch von keinem Knstler, nicht einmal von einem Meister einer der uralten, von so inniger Frmmigkeit erfllten knstlerischen Epochen behandelt worden ist, nmlich -- das erste Erscheinen Christi vor dem Volke. Das Bild stellt die Wste am Ufer des Jordans dar. Im Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Tufers, der vor versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die damit beschftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind, ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch die knftigen Jnger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, whrend er mit seiner Verrichtung beschftigt ist und verschiedene Krperbewegungen ausfhrt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die verschiedensten Gefhle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits vollkommen berzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt schon, andere wieder halten ihre Hupter voll Reue und Zerknirschung gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, da die harte Rinde der Gefhllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten ist. Und whrend nun alles von so verschiedenen Gemtsbewegungen ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen ward, in der Ferne -- und das ist der eigentliche Hhepunkt des Bildes. Der Knstler hat den Augenblick gewhlt, wo der Vorlufer Christi mit dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: _Siehe, das ist das Lamm, das der Welt Snde trgt._ Die ganze Menge aber hlt, ohne ihren Gesichtsausdruck zu verndern, ihre Augen auf Den geheftet, und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu dem frheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwhlten, die ganz vorne stehen, leuchten von einem wunderbaren Licht, whrend die andern noch bemht sind, in den Sinn der unverstndlichen Worte einzudringen und nicht begreifen knnen, wie ein einziger alle Snden der Welt auf sich nehmen kann, und whrend die Dritten zweifelnd ihr Haupt schtteln, als wollten sie sagen: Wie knnte ein Prophet aus Nazareth kommen! Er aber schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrckt langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu. Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen Proze _der Bekehrung des Menschen zu Christus_ darzustellen! Es gibt Menschen, die davon berzeugt sind, da fr einen groen Knstler alles erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch, eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, da ihm alles leicht erreichbar sei, wenn er blo ein talentvoller Knstler ist und die Akademie besucht hat. Ein Knstler kann nur darstellen, was er selbst _gefhlt_ und wovon er sich im Geiste eine vollstndige Idee gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches Gemlde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Knstler fr ausreichend gehalten htte, um sein Gemlde zu vollenden. Die gesamte materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit hchster Vollendung durchgefhrt. Auch die Gesichter haben jenen typischen Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der jdische Typus berall festgehalten. Man erkennt sofort an den Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgnge ist. Iwanow ist ausdrcklich zu diesem Zwecke berall herumgereist, um jdische Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung der Farben, der menschlichen Gewnder und die wohlberlegte Art, wie sie den menschlichen Krper umhllen und von ihm gehalten werden, bezieht, ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, da jede Falte die Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken mu. Endlich ist auch die landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewhnlich nur wenig achtet, die malerische Wste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so ausgefhrt, da selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten, staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden Pontinischen Smpfen und in den Wsteneien Italiens zugebracht, zahlreiche Skizzen von smtlichen wilden und den Gegenden, die sich in Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes Baumblatt studiert, kurz -- er hat alles getan, was er tun konnte, und alles nachgezeichnet, wofr er ein Vorbild finden konnte. Wie aber sollte er das darstellen, wofr bisher noch nie ein Knstler ein Modell finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafr finden, was die Hauptsache, die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemldes bildet? Wie konnte er den Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe? Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die hohen Gemtsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen gegangen, um die Menschen whrend des Gebets zu beobachten, und mute schlielich erkennen, da dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmchtig, da es ungengend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem, was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der Anla zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu Christus nicht im Knstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrnstig zu Gott gebetet, Er mge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er hat stille Trnen vergossen und Ihn angefleht, Er mge ihm die Kraft verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszufhren, und in einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, da er zu langsam arbeite, und ihn zur Eile drngen! Iwanow hat Gott angefleht, Er mge jene kalte Hrte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfllen, die ihm die Kraft verleihen wrde, diese Bekehrung so darzustellen, da auch der Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerhrt und erschttert dastnde, und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persnlich kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwrfe machen und glauben, er sei trge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht durch Hunger und dadurch, da man ihm alle Mittel entzge, dazu zwingen knne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen sagten: Er ist selbst schuld: das groe Bild ist etwas fr sich, in der Zwischenzeit knnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann brauchte er nicht vor Hunger zu sterben. So konnten die Leute reden, ohne zu ahnen, da ein Knstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschftigen, da es fr ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr fhig, sich auf andere Gegenstnde zu richten, so sehr er sich auch dazu zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zrtlichkeit fr Geld verkaufen, nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der Armut bewahren knnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden sagen: Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann htte man ihm sofort Geld geschickt? Das wre schn, wenn's so wre. Es soll doch einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Knnens gegeben hat, der sich selbst noch nicht darber klar zu werden vermag, was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen, die aus sehr natrlichen Grnden nicht einmal zu begreifen vermgen, da es eine hchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie unendlich weit ber das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer heutigen modeschtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: Ich will ein Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mgt die ganze Zeit ber, whrend der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu meinem Lebensunterhalt verschaffen? Dann wrden sich wahrscheinlich viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen wrden, und glauben Sie etwa, da es einen so trichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben wrde? Aber selbst angenommen, Iwanow htte sich in dieser Zeit der Unklarheit klar ausdrcken und sagen knnen: durch hhere Eingebung ward mir eine Idee zuteil, die mich unablssig verfolgt -- ich will die Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich fhle, da ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem Lebensunterhalt und um arbeiten zu knnen, brauche. Ja, htten wir ihm nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: Was ist denn das fr ein trichtes Gerede? Hltst du uns etwa fr Narren? Wie hngt denn das zusammen: die Seele und ein Gemlde? Die Seele ist etwas fr sich und ein Gemlde ist auch eine Sache fr sich. [Warum sollten wir auf deine Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch auch alle wahrhafte Christen.] So htten wir alle zu Iwanow gesprochen, und jeder von uns htte eigentlich recht gehabt. Wren nicht diese schwierigen Lebensverhltnisse und diese innere Seelenfolter gewesen, die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glhenderer Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fhigkeit gaben, seine Zuflucht zu Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner von den modernen profanen Knstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre Trnen die Gefhle zu erringen, die er sich ehedem durch bloes Nachdenken und bloe berlegung zu erringen suchte, so wre er nie imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand bereits den Grund gelegt hat, und er htte sowohl sich wie die andern betrogen trotz seines glhenden Wunsches, sie nicht zu tuschen. Glauben Sie nicht, da es leicht ist, sich whrend eines solchen inneren bergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsproze in dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir selbst erfahren. Meine Werke hngen in ganz wunderbarer Weise mit meinem Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs Jahre lang vermochte ich nicht fr die Welt zu schaffen. Die ganze Arbeit fand in mir und fr mich selbst statt. Und doch -- vergessen Sie dies nicht -- und doch lebte ich damals, ausschlielich von den Einknften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wute, da ich Not litt, und doch waren alle berzeugt, da dies seinen Grund ausschlielich in meinem Eigensinn hat, da ich mich nur hinzusetzen und irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernnftigen Menschen folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufstze fr eine Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, da mich mein Kopf schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige Seiten voll, zerri sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht genug war, so da ich mich zu Bett legen mute. Dazu kamen noch allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, da es mir vllig unmglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt ber meinen Zustand und meine Lage zu uern; dies alles brachte mich so herunter, da ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden Menschen hatte. Auch war ich vllig mittellos und lief bestndig Gefahr, nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam. Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, da sein armer Untertan in seiner unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heien Streben beseelt war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine Regung der Gnade und Gte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug, diese Hilfe richtete mich pltzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fhlen. Zu den Grnden, die mich veranlaten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen, kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich fr wrdig halten sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich der Liebe derer wrdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich ihnen sagen: Verget es niemals, ich wre jetzt vielleicht nicht mehr auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wre]. In solch eine Lage kommt man mitunter. Auerdem mu ich Ihnen noch sagen, da ich gerade zu dieser Zeit oft den Vorwurf zu hren bekam, ich sei ein Egoist: Viele konnten es mir nicht verzeihen, da ich mich nicht an Unternehmungen beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der Allgemeinheit planten. Meine Einwnde, ich knne nicht schreiben und ich drfe nicht fr Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden fr eine Laune gehalten. Selbst der Umstand, da ich im Ausland lebte, wurde auf ein sybaritisches Bedrfnis zurckgefhrt, die Schnheiten Italiens zu genieen. Ich konnte es nicht einmal meinen nchsten Freunden klarmachen, da mir nicht nur aus Rcksicht auf meine Krankheit eine zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedrfnis war, gerade weil ich nicht in ein falsches Verhltnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten wollte -- selbst dies vermochte ich ihnen nicht klarzumachen! Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam geworden, da ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und verstndlicher Weise htte mitteilen knnen. Wenn ich mich bemhte, einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthllen, so stand es mir sofort klar vor Augen, da ich den Menschen, zu denen ich sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich bereute bitterlich, da ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig zu sein. Ich mchte darauf schwren: es gibt Situationen von solcher Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst sieht, wie er lebendig begraben wird -- und nicht einmal einen Finger rhren und ein Zeichen geben kann, da er noch lebt. Nein, Gott bewahre uns vor dem bloen Versuch, im Moment eines solchen inneren bergangszustandes einem Menschen unser Herz zu ffnen. Zu Gott allein sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, da viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran: ich selbst htte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wre. Und ebenso verhlt es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so wrden sich alle sofort emprt gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwrfe und Anklagen gegen die andern Knstler wrden laut werden, und man wrde sie der Gefhllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende wrde gar ein dramatischer Dichter ein rhrsames Drama ber dieses Sujet schreiben, das Publikum bis zu Trnen rhren und Zorn und Abscheu wider die Feinde Iwanows erregen. Und doch wre dies alles nichts wie lauter Lge und Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode schuld wre. Nur _ein_ Mensch htte Anla, sich einer unehrenhaften Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser Mensch wre -- ich. Ich habe mich in einer ganz hnlichen Lage befunden, habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht klarmachen knnen, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewlzt. Nun liegt sie auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, da Iwanow nicht nur jene armselige Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern auerdem auch noch eine Prmie dafr, da er so lange an seinem Gemlde gearbeitet hat und da er whrend dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drngten]. Sparen Sie nicht mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fngt man berall an, den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des Knstlers noch nicht in vollem Mae widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz Rom, da eine hnliche Erscheinung seit den Zeiten Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemlde wird vollendet werden [-- dann wird auch der rmste Frstenhof in Europa gern soviel dafr bezahlen, wie man heute fr ein neu entdecktes Gemlde eines groen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemlde erzielen selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, da ihm die Prmie nicht fr sein Gemlde, sondern fr seine Selbstaufopferung und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf da dies Beispiel allen Knstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre ntig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: da man allen Lockungen des Lebens absterben msse wie Iwanow, da man nicht aufhren drfe, zu lernen, und sich stets fr einen Schler halten solle wie Iwanow, da man die grten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen mu wie Iwanow, da man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rcksichten des Anstands auer acht lassen mu wie Iwanow, da man alle Leiden auskosten und selbst bei einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so auerordentlichen feinsinnigen Empfindlichkeit fr alles, alle bitteren Niederlagen ertragen, ja selbst ruhig dulden mu, da einzelne einen fr verrckt erklren und berall das Gercht verbreiten, man sei nicht bei Verstande, so da man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hren mu, wie Iwanow dies getan hat. Fr alle diese groen Verdienste sollte ihm eine Prmie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedrfnis fr unsere jungen Knstler und fr die, die ihre Knstlerlaufbahn erst eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht blo darauf richten, sich feine Krawatten und Rcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, da die Hilfe und Untersttzung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil wird, die nicht an feine Rcke denken und von Zechgelagen mit ihren Kameraden trumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr ganz aufgehen wie ein Mnch in der Klosterzelle. Es wre sogar gut, wenn die Summe, die Iwanow bewilligt wrde, recht gro wre, damit sich alle anderen unwillkrlich hinter den Ohren kratzen. Frchten Sie nicht, da er diese Summe nur fr seinen eigenen Bedarf verwenden knnte. Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen. Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Knstler besser kennt als irgendein Beamter, zur Untersttzung zu dienen, und er wird besser darber verfgen, als ein Beamter dies vermchte. Wei Gott, was ein Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur Frau, oder er kann Freunde haben, die groe Feinschmecker sind und denen er ein feines Mittagessen vorsetzen mu. Ein Beamter kann einen groen Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womglich noch behaupten, da dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation hochzuhalten, um den Auslndern Sand in die Augen zu streuen, und Geld dafr verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet ttig ist, auf dem er spter anderen behilflich sein soll, der den Schrei der Bedrftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt hat, whrend er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhlt es sich ganz anders. Ihm kann man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden, besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut ist. Denn fleiige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und man sollte doch nicht zulassen, da solche Menschen vor Hunger sterben. Wenn es einmal passieren sollte, da einer von ihnen sich von den andern zurckzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt, da diese Sache, die scheinbar blo seine eigene Sache ist, einem allgemeinen Bedrfnis dient, mssen Sie so tun, als ob er den Menschen wissentlich diente, und fr seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen. Damit Sie sich aber berzeugen, da hierbei kein Betrug im Spiele ist, weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was fr einen Lebenswandel er fhrt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie Iwanow alle Anstandsrcksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden Gedanken an Vergngungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begrnden, von sich gewiesen hat und ein wahrhaft mnchisches Leben fhrt, Tag und Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann sind keine langen berlegungen am Platz, sondern dann mu man ihm die Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drngen und anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne uns vorwrts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafr zu sorgen, da er nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine groe Pension bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus und halten Sie die Lockungen und Verfhrungen der Welt von ihm fern. Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben mssen. Der Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen hat. Aber wen Gott fr wrdig gehalten hat, ihre Sigkeit zu kosten, und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn fr keine Schtze dieser Welt verkaufen wollen. 1846. XXIV Was die Frau ihrem Manne im huslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zustnden in Ruland sein kann Ich habe lange darber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tchtig auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schlielich aber habe ich mich entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fhig, sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner Ansicht nach nicht nur keineswegs glcklich, sondern noch weit elender als die jener Menschen, die tief im Unglck und im Elend zu stecken meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche des Gemts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fhigkeiten, und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr ber sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefhl fr diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet, um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Ttigkeit und zu wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs glcklich, sondern sogar gefhrlich. Sie beide zerflieen und gehen im Leben auf wie ein Stck Seife im Wasser. Alle ihre Vorzge und ihre guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstrke_. Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und Willensstrke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernnftig: _bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort. Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem Innern: Lieber Gott, fasse all meine Krfte und mein ganzes Ich in mir selbst zusammen und strke mich! Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrbeln, wozu und zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt mssen Sie auf Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre Hnde gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen berschlag ber den gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine bersicht ber all Ihre Bedrfnisse zu verschaffen. berlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben drfen und ausgeben mssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur Deckung der Ausgaben fr die Wohnungsmiete, die Heizung, Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wnde Ihres Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite Haufen mu das Geld fr die Kost und smtliche Lebensmittel, den Gehalt des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause leben, enthalten. Der dritte Haufen sei fr den Stall, fr den Wagen, den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz fr alles, was sich auf diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen mssen die Unkosten fr die Garderobe, d. h. fr alles, was Sie beide brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fnfte Haufen enthalte Ihr Taschengeld, der sechste Geld fr allerhand auerordentliche Ausgaben, die ja hufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Mbel, einer neuen Equipage, oder fr die Untersttzung eines Verwandten, wenn er pltzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedrfen. Der siebente Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben fr die Kirche und fr die Armen. Sorgen Sie dafr, da Ihnen diese sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert fr sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Fhren Sie ber jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen whrend dieser Zeit auch noch so gnstige Kaufgelegenheiten bieten sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so sehr zum Kaufe reizen sollte -- drfen Sie ihn nicht kaufen. Das knnen Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich gengend gefestigt und gekrftigt haben. Jetzt aber drfen Sie keinen Augenblick vergessen, da Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und da diese Erwerbung frs erste weit wichtiger fr Sie ist als jede andere. Seien Sie daher in solchen Fllen geradezu eigensinnig, bitten Sie Gott, er mge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, drfen Sie doch nicht mehr ausgeben, als der fr diesen Zweck bestimmte Haufen enthlt. Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreienden Jammers und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein mssen, und wenn Sie sehen, da hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wre, drfen Sie dennoch unter keinen Umstnden einen von den andern Haufen angreifen. Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglcklichen Ihre Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen mglichen Erniedrigungen aussetzen und sogar den ffentlichen Spott auf sich lenken muten, auf da Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschrnken und im voraus daran zu denken, so da am Ende des Jahres von jedem noch etwas fr die Armen brig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses bestndig im Kopfe behalten werden, werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich pltzlich einen Schmuckgegenstand fr Ihren Tisch oder Kamin kaufen, wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Mnner so leicht geneigt sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen, sondern alte Weiber.] Ihre Wnsche und Launen werden auf diese Weise unwillkrlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen, und schlielich wird es so weit kommen, da Sie selbst das Gefhl haben werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gnge, dann werden Sie erkennen, da man seine Gste ebensogut mit einem einfach servierten Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne alle Finessen in einfachen Glsern verschenkt wird, zu befriedigen vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das Gercht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie werden selbst darber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon berzeugen werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der allerhand Satzungen und Systeme fr die Diners erfindet, nicht einmal der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes Kassenbuch fr jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die Bilanz ber die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen Haufen beziehen, prfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen, um wievielmal notwendiger und ntzlicher es ist als ein anderes, und damit Sie sich ganz klar darber werden, auf welchen Gegenstand Sie im Fall der Not zuerst verzichten mssen, und so die Kunst lernen, zu erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist. Halten Sie sich whrend eines ganzen Jahres streng an diese Grundstze. Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie whrend der ganzen Zeit zu Gott, er mge Ihnen einen starken Willen verleihen -- dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist dies: da in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschtterlich werde. Hierdurch kommt ganz unwillkrlich auch Ordnung in alles andere. Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden Sie unwillkrlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung, setzen Sie fr jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann, sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur Ttigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, da er sich ganz der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen mu -- [sein eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser mu nicht auf seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], da er ja gerade darum geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich ganz dem Vaterlande zu widmen, und da ihm die Frau nicht dazu geschenkt ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst behindert wird, sondern gerade um ihn fr den Dienst zu strken und zu krftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen ber fr sich, jeder in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung wieder begegnen und sich so bereinander freuen, als htten Sie sich viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzhlen haben und nicht dasitzen und einander anghnen: erzhlen Sie ihm alles, was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und lassen Sie sich alles von ihm erzhlen, was er in seinem Departement fr den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie mssen unbedingt darber unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Ttigkeit besteht, Sie mssen wissen, was sein Ressort ist, was fr Angelegenheiten er an jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, da die Frau ihrem Manne eine Sttze und Helferin sein mu. Wenn Sie sich whrend eines Jahres alles von ihm erzhlen lassen und aufmerksam zuhren, so werden Sie im folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und werden wissen, wie Sie ihn trsten und ermutigen knnen, wenn ihm im Dienst eine Unannehmlichkeit zustt, wie Sie ihm behilflich sein knnen, ber sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst nicht fertig geworden wre, da ihm der Mut dazu gefehlt htte. So werden Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schnen und Guten werden. Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablssig zu Gott, er mge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst festzuhalten. Heute fngt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige jmmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Sttzen alles Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und trichtesten Umstnde und Verhltnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer meiner Freunde, mit dem Sie nicht persnlich bekannt sind, den aber ganz Ruland kennt, folgendermaen definiert: Die Freiheit besteht nicht darin, da man zu jeder willkrlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin, da man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag. Und er hat recht wie die Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken. So mu denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so seltsam und so wundersam geworden, heute mu die Frau dem Manne befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein. 1845. XXV Ueber lndliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit Aus einem Briefe an M. Vernachlssigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen Umstnden. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein hierdurch knnen Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer krftigen. Richten -- das ist etwas Gttliches, und ich wei nicht, was es Hheres gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht, ein gerechtes Urteil zu fllen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar die Bauern aus anderen umliegenden Drfern werden zu Ihnen hinstrmen, wenn sie erfahren, da Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie keinen von denen, die zu Ihnen kommen, fr zu gering und bernehmen Sie das Richteramt in allen Fllen, selbst bei einem unbedeutenden Streit oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten knnen Sie dem Bauern vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermchten, da Sie nichts finden knnten, woran Sie anknpfen sollen. Sitzen Sie ber jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und entscheiden Sie ber jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das Gericht mu erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches Gericht mu der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafr, da dies in Gegenwart von Zeugen geschieht, und da hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht und der andere unrecht hat. Daneben mssen Sie aber noch in anderer Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nmlich nach gttlichem Rechte: hierbei mssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der _recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, da er selbst daran Schuld war, da der andere ihn beleidigt hat, und zeigen Sie dem ersten, da er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mibilligung aus, weil er Christus selbst in seinem Bruder gekrnkt hat. Beiden aber erteilen Sie eine Rge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgeshnt, sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das Versprechen ab, da sie dem Priester in der Beichte alles beichten und bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden, werden Sie aus hchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott wird Sie dazu bevollmchtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen, vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und wahrhaftes Wissen daraus schpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen wrden, ber die einfachen Leute Recht zu sprechen, so wrden sie den Geist des Landes, die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einfhren, die sie fremden Lndern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege knnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von allen Vlkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke entsprungen und lebendig ist, da es keinen gerechten Menschen gibt und da Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein unerschtterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm erfllt, mit ihm ausgerstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht bermig gescheiter Mensch Autoritt im Volke, und wird hierdurch befhigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der hheren Kreise haben kein Gefhl, kein Verstndnis fr diesen Gedanken, weil wir uns nach dem Vorbild Europas allerhand trichte ritterliche Begriffe von der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten blo darber, wer recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere Streitigkeiten genau untersuchen, so knnen wir sie alle auf einen Nenner bringen, nmlich auf den, da alle beide Teile schuldig sind. Und dann erkennt man, da die Kommandantin in Puschkins Erzhlung Die Hauptmannstochter ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade wegen einer Schpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei folgende Instruktion mitgab: Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, und bestrafe alle beide. 1845. XXVI Rulands Schrecken und Grauen An die Grfin *** Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlssigen Persnlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem gedruckten Buche, das vielleicht von der Hlfte aller Menschen in Ruland, die da lesen knnen, gelesen werden wird. Was mich dazu veranlate, war der Umstand, da mein Brief vielleicht auch manchen andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die gleichen Befrchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich Ihnen alles erzhlen wollte, was ich wei (und ich wei ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann wrde sich Ihr Geist verfinstern, es wrde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie wrden nur noch daran denken, wie Sie aus Ruland entfliehen knnten. Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rulands. Der Unterschied ist blo der, da es dort noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberflche eines oberflchlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften in Form frhreifer Folgerungen und bereilter Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trgerische Prisma aller mglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten Staaten, deren uerer Schein und Glanz uns in solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemhen und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare Schreie ertnen, da selbst jenen berhmten Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so entzckt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt berall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten knnen, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Ruland vor unseren Augen sehen. In Ruland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer spteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals treffen in der Tat das Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten knne: _sauve qui peut_. So liegen die Dinge heute wirklich, und so mu es auch sein. Gott hat gewollt, da es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verchtlichen irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich selbst zu retten suchen, whrend er mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Ttigkeit soll heute ein jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er bestndig auf den himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden. Heutzutage mu ein jeder von uns den Dienst auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Ruland von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Brger eines andern himmlischen Reiches wre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher mssen wir alle unsere Pflichten gegen die Obrigkeit, die ber uns gesetzt ist, gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so erfllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine groe Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefhl oder unserer Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir mssen immer im Auge behalten, da wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und da wir es darum so verwalten mssen, wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die _gyptische Finsternis_, die uns Knig Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhrte und unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. Stockfinstere Nacht umfing sie pltzlich inmitten des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhrlich vor Augen, ohne sthlerne Ketten fesselte sie alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefhle, alle Regungen, alle Krfte schwanden ihnen dahin auer der einen einzigen Furcht, und dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern sahen whrend derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten im Licht und im Tage. Sehen Sie zu, da mit Ihnen nichts hnliches geschehe. Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, da er Sie erleuchten mge, wie Sie sich in Ihrer Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfllen knnen, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr fr Scherze. Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, wei Gott, vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein hlicher, zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes Christi Ihrer Seele bemchtigen kann. Vielleicht ist sie von jener schwchlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was glnzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt geniet. Vielleicht birgt sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Gter, die wir besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darber zu erschrecken, was in uns selbst, als darber, was auer uns und um uns herum vorgeht. Was aber die Schrecken und Grauen Rulands anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie waren fr viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der Verhltnisse, die dem Verstande neue Schleichwege erffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fhigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen Ende Rulands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Mnner von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europischen Mrkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich knnte Ihnen viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rulands sein und ihm zu unvergnglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt, da die Zahl solcher _Frauen_ grer ist als die der Mnner. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach meines Gedchtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Tchtern zu beginnen, die es mir so lebendig zum Bewutsein gebracht haben, wieviel mchtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft (Gott gebe, da die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfllen mge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfllt haben) -- Sie, Ihre Tchter, ferner alle die, von denen Sie kaum etwas gehrt haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht nie etwas hren werden, die aber noch weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas gehrt haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und jede von ihnen ist fr sich genommen eine auergewhnliche Erscheinung. Nur Ruland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen Verhltnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden berragt von einer, die ich nicht persnlich kenne und nicht gesehen habe, und von der nur ein dunkles Gercht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie geglaubt, da es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und gromtige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, da nicht einmal der Verdacht, sie knne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern abzuwlzen, so da diese sich des von jener vollbrachten Werks rhmen, als ob es ihr eigenes wre, in der festen berzeugung, da sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so klug im voraus zu berlegen, wie man dem entgehen knne, da der Name der Urheberin bekannt wird, whrend die Sache selbst notwendig laut von sich knden und sie bekanntmachen mute, und dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine hnliche hohe Weisheit habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als bla und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie gegenber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rulands und gerade zu einer Zeit, wo es fr den Menschen besonders schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhltnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken und Grauen in Ruland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und Unruhe versetzen. 1846. XXVII An einen kurzsichtigen Freund Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein richtiges Urteil ber die Ereignisse zu haben. Deine Schlsse sind morsch und hinfllig, deine Rechnung ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein verschlossenes Buch fr dich; ohne Gott in Rechnung zu stellen, wirst du nie einen groen tiefen Sinn in ihr finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Ruland ist nicht Frankreich, das franzsische Element ist nicht das russische Element.] Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht zu ziehen, und glaubst nun, da ein und dieselben Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk ausben mssen. Der Hammer, der auf ein Stck Glas herabfllt und es in Stcke schlgt, schmiedet das Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [ber die Finanzen] beruhen auf der Lektre auslndischer Bcher und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken. Du solltest dich schmen, da du, ein so kluger Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwchsig entfalten knnte, zu denken, sondern da du ihn mit allerhand fremdlndischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch nicht, da du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes nicht erkennen, da du an Gott gedacht hast, whrend du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl du dies gerne mchtest, und deine Taten werden nicht die Frchte tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schnsten Absichten kann man Bses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren Krften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wrest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und groen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand und gibst ihn fr deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen gefhrlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst auch Staatsmann werden, weil du tatschlich die Fhigkeiten dazu besitzt. Aber um so strenger mut du jetzt ber dich wachen. Fhre die Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, da man heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Bses anrichten kann. Schon aus deinen gegenwrtigen Projekten spricht mehr ngstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, in der Zukunft einer groen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott will es, da wir fr die Gegenwart sorgen sollen. Von dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der Schpfer einer glnzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu groes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles zu wissen, du meinst, da alle Zustnde und Verhltnisse [in Ruland] dir bekannt sind. Du glaubst, da es niemand gibt, von dem du etwas lernen knntest. Du bist aus allen Krften darum bemht, jenen (Staats)-Leuten hnlich zu sein, die sich durch eine kurze glnzende Laufbahn berhmt gemacht haben und ebenso schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaen, um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von dem glhenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen haben, ja deren Namen bereits vllig vergessen ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rulands verschwunden, und noch immer weisen uns die Europer zu unserer Beschmung auf ihre groen Mnner hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein groer Mann ist, klger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas _Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von Taten bereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der Erde hinweggeweht werden. Du bist stolz, sage ich dir, und mu es dir immer wieder sagen: du bist stolz. Wache ber dich und rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, da du dich zu allererst davon zu berzeugen suchst, da du der dmmste von allen bist und da du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mut, klger zu werden. Hre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du berhaupt nichts wtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind noch ein Rtsel fr dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann wre es ntig, da dich irgendein Unglck trifft oder da du von einer schweren Erschtterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er mge dir diese Erschtterung senden, da dir irgendeine unertrgliche Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoen mge, da sich ein Mensch finden mge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft, so da du nicht weit, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit entzweireiest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie sehr haben wir es ntig, einmal ffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen. 1844. XXVIII An einen hochgestellten Mann Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet, und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt berall notwendig. Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt berall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen der gegenwrtigen Verhltnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und welcher der leichteste ist. Fr einen Menschen, der kein Christ ist, ist heutzutage alles schwierig; fr einen solchen dagegen, der Christus in all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineintrgt, ist alles leicht. Ich will nicht sagen, da Sie schon im vollen Sinne des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein. Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwrts. Sie denken nicht mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und eine historische Persnlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch befinden mu, der heute Ruland von Nutzen sein will. Was also brauchen Sie zu frchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor etwas frchten kann, der bereits erkannt hat, da man berall als Christ handeln mu. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen -- so sehen Sie sich dort zunchst einmal grndlich und aufmerksam um. Ihre christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und bereilung bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schler. Sie werden keinen alten Offizier an sich vorber gehen lassen, ohne ihn ber seine persnlichen Zusammenste mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie wissen, da nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre Taten und Erlebnisse whrend des Kriegs- und Biwaklebens erzhlen lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden, werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan fr den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden, so werden Sie sich auch dann noch nicht bereilen. Ihre christliche Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen, werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle handeln wrden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von wem er auch kommen mge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger Stellung herrhrt, denn Sie wissen, da Gott zuweilen auch einem einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, da es ja nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehr schenken. Kurz, Sie werden jeden anhren, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug raten, denn Sie werden alle anhren. Sie werden nicht einmal imstande sein, unvernnftig zu handeln, denn unvernnftige Handlungen entspringen nur aus Hochmut und bermigem Selbstvertrauen, aber die christliche Demut wird Sie berall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine Hlfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze Sache zu kennen und voller Hast und bereilung zur Tat drngen, whrend doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen glauben, uns die gute Hlfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein, Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu frchten? Oder nehmen wir an, Sie wrden auch weiterhin irgendwo in Ruland Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche Weisheit erleuchten. Ich wei sehr wohl, da es jetzt uerst schwierig ist, in Ruland den Vorgesetzten zu spielen, -- weit schwieriger als jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel Mibruche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so berhand genommen, da ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft bersteigt. Ich wei auch, da heutzutage eine besondere Art ungesetzlicher Geschftspraxis unter Umgehung der Gesetze blich geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft hat, so da die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich die Dinge, ber die andere oberflchlich hinwegsehen, ohne etwas Bses zu ahnen, blo aufmerksam anschaut, so mu auch dem gescheitesten Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in solchen Fllen lehren, nicht den Schlssen des stolzen Verstandes Folge zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein. Sie wissen, wie vielen fremden Einflssen ein jeder Mensch heutzutage ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufsttigkeit zurckwirken, und daher werden Sie sich dafr interessieren, die Mnner, die die wichtigsten mter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem huslichen und in ihrem Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt etwas, was allen Vertrauen einflt. Hierdurch werden Sie alles erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals erfahren wrde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefate Beamte nur ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, da sich die Schuld heutzutage auf alle verteilt, da man unmglich gleich zu Anfang sagen kann, wer mehr Schuld trgt als die andern: es gibt Schuldige, die unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedchtiger sein, als Sie es jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, da _sie_ der Schlssel zu allem ist. _Die Seele_ mu man heute kennen lernen, immer wieder die Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn sie alle seine geistigen Krfte und Fhigkeiten, die ihm dazu gegeben wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um bles zu tun, oder berhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich selbst auszuspielen, da er nicht wissen wird, wo er sich vor sich selbst verbergen soll. Die Sache wird pltzlich eine ganz andere Wendung nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn so sehr in seinem ganzen Wesen erschttern, da er pltzlich Mut und Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein kann. Ihre gegenwrtige Ttigkeit als Generalgouverneur wird etwas gnzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Ttigkeit. Der Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungsttigkeit (die indessen sehr viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lstern), bestand meiner Ansicht nach gerade darin, da Sie das Wesen Ihres Berufs nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur fr den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohlttiger Einflu nur bei einem lngeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz sprbar werden kann. Einer unser Staatsmnner hat dieses Amt folgendermaen definiert: Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich auf der Durchreise befindet. Diese Definition ist genauer und entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in Verbindung stehen, wie in denen, die unabhngig sind und unter der Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Ansto zu geben, durch seine unumschrnkte Macht die schwierige Situation vieler Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas Eigenes einzufhren, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die bereits vorgeschrieben und ein fr allemal gezogen sind, in eine schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der hchsten Kontrolle und berwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und bereits eingefhrt ist, haben Sie mit der mhevollen Pflicht des Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt zurechtfinden und mit ihm fertig werden mu und der alle kleinen Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs gehrt, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres hchsten Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung fr eine lebenslngliche gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schpfungen und Einrichtungen ein Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wren, was Sie jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wren, dann htten Sie fr ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brcken und allerhand Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung seiner Krfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den Landstraen wie aus allen anderen uerlichkeiten der Bildung, um die wir heute so eifrig bemht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, da man sich nicht um das Wesen einer Sache, sondern um etwas bemhte, was nur eine Folge der eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewhnlich des russischen Sprichworts zu bedienen: Wenn nur erst der Zuber da ist, an den Schweinen wird es nicht fehlen. Die Brcken, die Wege und all diese Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst Stdte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat man sich viel um sie bemht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch die Stdte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst: Privatleute haben sie erbaut ohne jede Untersttzung der Regierung, und jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Mae vermehrt, da man sich schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es fr einen Wert, da heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafr zu einem Trdelmarkt wird und da die Zahl der Miggnger auf der ganzen Welt so zunimmt. In Ruland wre dieser ganze Plunder schon lngst von selbst entstanden und zwar mit all dem Zubehr von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich gehrt, um ihre inneren Angelegenheiten bekmmert htten. Denket zuerst daran, sagt der Heiland, alles andere wird euch von selbst zufallen. Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich auch gehrt habe, alle urteilen mit groer Achtung ber Ihre Verfgungen, alle sagen, Sie htten viele Mibruche ausgerottet und sehr viel wahrhaft edle und vorzgliche Beamte angestellt. Ich habe davon gehrt, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt haben. Aber Sie htten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht gezogen htten, da Ihre Ttigkeit nur provisorischer Art ist und da Sie nicht nur dafr htten sorgen sollen, da alles gut steht, solange Sie da sind, sondern vielmehr dafr, da auch nach Ihrem Scheiden alles in bester Ordnung sei. Sie htten sich fortwhrend vorstellen sollen, da Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfhigen Nachfolger besetzt werden wird, der die von Ihnen eingefhrte Ordnung nicht nur nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird, und daher htten Sie von vornherein daran denken mssen, etwas so Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen und so stark zu verwurzeln, da nach Ihnen schon niemand mehr imstande wre, umzustoen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie htten die Axt an die Wurzel des bels legen sollen und nicht an die Stmme und Zweige, und Sie htten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls geben sollen, da die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet und da kein Aufseher es mehr ntig htte, neben ihr zu stehen, um sie zu beaufsichtigen, und hierdurch erst htten Sie sich ein ewiges Denkmal Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt wei ich, da Sie ganz anders handeln werden, aber darum drfen Sie dieses Amt nicht gering achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persnlichkeit wie in unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen heutzutage niemand fhig ist auer dem Generalgouverneur. Die erste ist folgende: Alle Stnde und Berufe in ihre gesetzlichen Grenzen zurckzufhren und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewutsein zu bringen; das ist keineswegs unntz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und mter der Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der brigen allzusehr erweitert worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer groen Zahl abhngiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fhlbar gemacht, da gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die Kompetenzen viel zu unbeschrnkt waren und die Handlungsfreiheit zu gro war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, da einem die Hnde gebunden waren, wo man frdernd eingreifen mute. Es ist jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurckzufhren, weil die Beamten selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie bernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgnger und zwar genau in der Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder weniger Rcksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das eigentliche Urbild, das ihnen schon vllig aus dem Bewutsein entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und sogar kluge Vorgesetzte die mter, die man blo sich selbst wiederzugeben brauchte, gnzlich aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das aber kann nur von dem hchsten und souvernen Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmht, sich selbst grndlich ber das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle unsere mter und Berufe stellen in ihrer ursprnglichen Form wirklich gute und schne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen fr unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus eines Gouvernements etwas nher an. Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschrnkte Regent und Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der stdtischen (hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen der Stdte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhngt, wozu ich alles rechne, was in den Gegenden, die auerhalb des Stadtbildes liegen, geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die Anlage von Straen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im ersten Falle hngen der Polizeimeister der Provinz und die Brgermeister aller Stdte vllig von ihm ab und stehen ihm gnzlich zur Verfgung; im zweiten Falle kann er ber den Hauptmann der Landpolizei und die Assessoren der Landschaft verfgen, die durch die Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen aus Rten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretr darstellt, mit ihm verkehren, so da die Verantwortlichkeit bei jedem schweren Mibrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen lt, unbedingt auf die Rte und die Beamten fllt und da er trotz all seiner unumschrnkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschrnkt ist. Er ist mehr als ein bloes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des Geschftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm abhngen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Vertrge schlieen, die sich auf die Verpachtung oder den Rckkauf von Staatslndereien, Seen oder berhaupt ber irgendwelche Ein- oder Verkufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierber eingehen, so mu er schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein Vertrag geschlossen werden, ohne da _er_ anwesend ist. Demnach werden auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschftsfhrung gar nicht von ihm abhngen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert, irgendwelche Mibruche zu begehen. Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre hchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses vllig von seinem Ministerium abhngig ist, ganz unabhngig vom Gouverneur zu sein, und doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur daran gehindert, Mibruche zu begehen, da dieser whrend seiner Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu verlangen, da ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt werden, die er auf gut Glck herausgreifen kann, um sie bei sich zu Hause mit seinem Sekretr nachzuprfen und auf diese Weise alle in Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit ber die Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhngen, hat er doch das Recht, berall Mibruche zu verhindern, wo solche immer vorkommen mgen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einflu ausben. Im brigen ist es so eingerichtet, da er es in seinem amtlichen Verkehr mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf eine andere Weise wre es dem Generalgouverneur gnzlich unmglich, sich mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man nmlich die groe Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem europischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in unserem Adel verkrpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nchst dem Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhltnis unfrei und beengt fhlen wrden. Auch die mter des Polizeihauptmanns und der Assessoren, die beide vom Adel gewhlt werden, aber ganz von dem Gouverneur abhngen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, da beide Teile sich gegenseitig untersttzen. Der Adelsmarschall kann auch in solchen Fllen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschrnkt ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher und kraftvoller auf den Adel einzuwirken. Fehler und Versehen knnen berall vorkommen, berall knnen sich Unrecht, Lge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafr gibt es eine besondere Persnlichkeit, die von niemand abhngt, und die allen, selbst dem Gouverneur gegenber ihre Unabhngigkeit wahren mu -- das ist der Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stck Aktenpapier ber die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschlu gefat werden, ohne da er zuvor jede Seite mit dem Vermerk Gelesen versehen hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz ber sich; er hat niemand Rechenschaft abzulegen auer dem Justizminister; nur mit diesem steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles, was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen. Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen Autoritten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch greren Weitblick der Regierung schlieen lassen; ich will nur an das Gewissensgericht erinnern, denn etwas hnliches ist mir in keinem anderen Staate bekannt geworden. Meiner berzeugung nach ist das der Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Flle, in denen ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Hrte empfunden werden wrde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke beteiligt sind, alles, worber nur das menschliche Gewissen zu entscheiden vermag, und jene Flle, wo selbst die Anwendung des gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit wrde; kurz alles, was im hchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und unter Vermeidung aller Weiterungen vor hheren Instanzen entschieden und erledigt werden mu -- fllt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie weise ist doch die Einrichtung, da die Wahl des Gewissensrichters vom Adel abhngt, denn der Adel whlt hierzu gewhnlich einen Mann, den die allgemeine Stimme fr den menschenfreundlichsten und uneigenntzigsten Menschen erklrt. Wie gut ist es ferner, da er keinerlei Gehalt oder Lohn fr seine Mhe erhlt, und da diese Ttigkeit fr den Menschen mit keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu bernehmen. Wieviel verwickelte Streitflle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre Streitigkeiten ohne Rcksicht auf ihren eigenen Vorteil dem Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, da der Richter tatschlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und da er sich durch die Verwaltung seines gttlichen Richteramts berhmt gemacht hat. Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Vershnung? Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man ber die Weisheit der Gesetzgeber: man hat das Gefhl, Gott selbst habe die Herrscher und Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, da wir uns gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns gegenseitig helfen und frdern, nur die Wege zu Mibruchen sollen uns verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer Beamter hier noch sollte, jede neue Person wre hier nicht am Platze, jede Neuerung wre eine berflssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten mit besonderen Auftrgen und eine lange Reihe von provisorischen Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten so den Kopf verwirrt haben, da sie jeden Begriff von den genauen Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, da Sie es nicht auch so gemacht haben, Sie verstanden die Sache nmlich schon damals viel besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines schaffen. berhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschrnkung und berwachung eine hchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphre eines Menschen nicht durch die eines anderen beschrnken, schon im folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die Macht des ersten zu beschrnken, und so wrden die gegenseitigen Einschrnkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und trichtes System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen Vlkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Vlkern gibt es weder so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen lassen sich nur von ihrem persnlichen Eigennutz leiten. Man mu Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es berhaupt keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da wei, da man ihn mit Mitrauen ansieht, wie einen Gauner, und ihm berall Aufseher zugesellt, die ihn berwachen sollen, der lt unwillkrlich die Hnde sinken. Man mu den Menschen die Hnde lsen und sie nicht noch fester binden. Man mu darauf dringen, da sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht von andern festgehalten zu werden braucht; er mu weit strenger gegen sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an seinem Amte versndigt. Kurz, man mu ihm einen Begriff von dem Wesen seiner hheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmht, sich selbst ber das wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verstndnis seiner Pflichten erziehen mchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen persnlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretre und keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedrfen; infolgedessen werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine hnlichkeit mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind, wie Sie selbst wissen, ein groer Schaden, denn sie tragen dazu bei, allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anla, da ganz unmerklich neue Persnlichkeiten mit wichtigen Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewhnlicher Sekretr, den hufig niemand bemerkt und durch dessen Hnde dennoch alle Akten gehen; ein solcher Sekretr schafft sich eine Geliebte an, dies fhrt zu Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist dies: da abgesehen von der Heraufbeschwrung neuer Verwirrungen und Verwickelungen noch unbersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie sich nie anders als persnlich mit jemand auseinander. Wie kann man blo gering von einem Gesprch mit einem Menschen denken, besonders wenn es sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur ein trichtes Zeitungsgeschwtz und totes Gerede ber allerhand Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europischen Zeitschriften geschpft werden, einem solchen Gesprch vorziehen? Die Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, ber den man sich so unterhalten kann, da es beiden Teilnehmern so scheint, als sprchen sie in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, da ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gesprch schpft! Vor allem aber -- und dies drfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der Praxis des tglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung verfllt, auch nicht die Bchersprache oder die Sprache, die sich zu einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mibruche an der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache, deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen, trotz unserer Auslnderei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache heit der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein Vater aber fhrt keine papierene Korrespondenz mit seinen Kindern, sondern verstndigt sich direkt und unmittelbar mit einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem das echte Verstndnis fr seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft groe Leistung vollbringen. Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lsen kann, auer einem Generalgouverneur, und die heute nicht blo einem Bedrfnis, sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist etwas sehr Schnes, trotz der fremdlndischen Schale, von der er zeitweilig berwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefhl dafr. Vielen dmmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich den Adelsstand fremder Lnder zum Vorbild, und schlielich gibt es noch solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es berhaupt einen Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen einige Leute befinden, die ein Paar vernnftige und klare Gedanken ber diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die Massen, und die Masse hrt sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mitrauens gegen die Regierung verbreitet. Whrend der letzten europischen Revolutionen und Wirren aller Art waren einige Bsewichte besonders bemht, in den Kreisen unseres Adels das Gercht zu verbreiten, als suche die Regierung die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur vlligen Bedeutungslosigkeit herabzudrcken. Allerhand Flchtlinge, Emigranten und Leute, die es nicht gut mit Ruland meinten, schrieben allerlei Aufstze und fllten die Spalten der auslndischen Zeitungen mit ihnen an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu sen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, da es eine phantastische Partei von Bojaren gbe, die an der regierenden Gewalt selbst rttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, da der Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand berhaupt nicht schtze, das heit, diese Leute wollten eine solche Suppe in Ruland einbrocken und solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, da Furcht und gegenseitiges Mitrauen etwas Schreckliches sind und allmhlig selbst die heiligsten Bande zu zerreien vermgen. Aber Gott sei Dank, die Zeiten sind vorber, wo ein paar verrckte Menschen einen ganzen Staat in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen Mitrauens und Miverstehens gezndet, und ich kenne viele Adelige, die ganz ernstlich davon berzeugt sind, da der Kaiser den Adelstand nicht liebt, und die sogar tief betrbt darber sind. Bringen Sie diese Sache ins reine und klren Sie diese Leute ber die ganze Wahrheit auf, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, da der Kaiser diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stnde, aber freilich nur den Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schne edle Form und Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die Zierde, die Blte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel die Blte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes Element. Allein der Adel mu selbst zeigen, was er ist, und die Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem vlligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht ber sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt. Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen Leuten anfangen soll. Der Adel mu sich selbst seine wahre und volle Bedeutung wieder erobern. Und dabei knnen Sie allen in wahrem Sinne behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und da Sie Verstndnis fr die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie sie auch den Leuten am besten klarmachen knnen. Dazu bedarf es nicht etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklren werden, liegt ja schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine ganz ungewhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz anders herausgebildet als in anderen Lndern. Er fhrt seinen Ursprung nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurck, er ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich in bestndiger Auflehnung gegen die hchste Gewalt befinden und die Bedrcker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat, von Leistungen, die auf sittlichen Vorzgen und Verdiensten und nicht auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche Vorzge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in anderen Lndern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die lteste ist -- dies tun hchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit whrend ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder einmal vorkommen, da sich jemand seiner Ahnen rhmt, doch auch dann nur solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen wrden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache, der sich ein jeder zu rhmen wagt, -- das ist das Gefhl fr sittlichen Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf ankommt, diese hchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurck, selbst wenn es der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gef fr diesen sittlichen Anstand, der sich ber das ganze russische Land verbreiten mu, damit alle anderen Stnde einen Begriff davon erhalten, warum der hchste Stand die Blte des Volkes genannt wird. Wenn Sie ihnen annhernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der Nachwelt sichern knnen, wenn Sie es ihnen vllig klarmachen werden, da das ganze russische Land um Hilfe schreit und da man dem Lande nur durch groe, hochherzige Taten helfen kann, da man aber vor allem denen mit groen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, da ihre Herzen mit dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl. Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern erffnen Sie ihnen die volle Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lgenhaften Berichten auslndischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brausekpfe ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit auf. Sagen Sie ihnen, da Ruland wirklich unter den ruberischen Praktiken und unter den Betrgereien zu leiden hat, die heute mit einer Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und da dem Kaiser das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch nur ahnen kann. Ja und knnte es denn anders sein beim Anblick dieses Knuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den Menschen aufgetrmt, sie voneinander getrennt und jedermann die Mglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Ntzliches fr sein Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen Verfinsterung und Entfremdung gegenber dem Geist des Vaterlandes, angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser kuflichen Rechtsverdreher und Ruber, die wie die Raben von allen Seiten herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im Trben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen und ihnen sodann beweisen werden, da Sie jetzt vor der groen Aufgabe stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten: nmlich ebenso hochherzig wie ihre Vter einstmals in Reih und Glied wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten Posten und Stellungen einzurcken, selbst wenn diese von elenden Pbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten knnen von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien fr sich verlangen, zufrieden, da sie ihre hohen inneren Vorzge ans Licht stellen konnten. Kurz -- machen Sie ihnen blo die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens berzeugen. Sie knnen sie auch auf eine zweite groe Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen knnen: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, ber die alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente berall, auer in Ruland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut ber die Vorzge unseres lndlichen Lebens zu reden, nachdem man die Ohnmacht und Unfhigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen, sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat. Daher mssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische Verhltnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmhlichen Gleichgltigkeit gegen ihre eigenen Gter, die sie der Obhut fremder Tagelhner und Verwalter berlieen, herausgebildet hat, -- wirklich und wahrhaftig fr die Bauern zu sorgen, wie fr ihre eigenen Blutsverwandten und nicht wie fr fremde Leute; ja Sie sollten sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch allein knnen sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll, diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen Namen Christi trgt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's berlegt und selbst zum vollen Verstndnis der Bedeutung unseres Adels gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren groen Leistungen sein. Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand auer dem Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europischen Staaten haben heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu leiden. berall macht sich eine eigentmliche Erscheinung bemerkbar: die eigentlichen brgerlichen Gesetze sind ber ihre Grenzen und Schranken hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die auer ihrem Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand, andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter dem Zepter der Kirche verbleiben mu. Dieser Proze hat sich nicht etwa gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der brgerlichen Gesetze aus ihrem Bett geschah ganz von selbst, da sich berall leere unausgefllte Lcken darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die Mode unterwhlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und berlie so alle privaten Verhltnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal. Die brgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt wurden. Denn an und fr sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und weitlufig, und wenn wir wieder dazu zurckkehren, was von Rechts wegen der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche ist, wird das ganze brgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden knnen, das nur lediglich die groen Abweichungen von der sozialen Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhltnisse enthlt. Heute sieht jedermann, da eine groe Menge von Fllen, von Mibruchen und Intrigen nur dadurch entstehen konnte, da die philosophisch gebildeten Gesetzgeber Europas von vornherein smtliche mglichen Abweichungen bis in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann, selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und ganz unberechtigten Prozessen ebneten; frher htten diese Leute es fr unanstndig gehalten, einen solchen Proze zu beginnen, heute dagegen wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer Verfgung die Mglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rstet, und nimmt berhaupt keine Rcksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich menschenfreundlicher Mensch ist heute fhig, ganz offen die grten Grausamkeiten zu begehen, ja er rhmt sich ihrer noch, whrend er sich schon des bloen Gedankens schmen wrde, wenn ein Diener der Kirche beide Parteien, statt ihnen ihren persnlichen Vorteil vorzuhalten, vor das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte wrde, da, wie es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen, kasuistischen Fragen, kurz in allen Fllen, wo die Weiterungen vor den Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das brgerliche Gesetz die Menschen miteinander zur Vershnung bringt. Es ist nur die Frage: wie ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, da dem brgerlichen Rechte tatschlich nur die Flle zugewiesen werden, die wirklich unter das brgerliche Recht fallen, da der Herrschaft der Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben mu, und da der Kirche wieder zurckerstattet werde, was ihr ewiglich angehrt? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht werden? In Europa ist es unmglich, solches zu vollbringen: Dazu mten Strme von Blut vergossen werden, Europa wrde in unntzen Kmpfen erliegen und doch nichts erreichen. In Ruland aber ist die Mglichkeit hierzu vorhanden: in Ruland knnte es sich ganz unmerklich und schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen, Umwlzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwtz, in Ruland kann ein jeder Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen auf unser gegenwrtiges Leben angewandt werden knnen. Er kann eine mchtige Wirkung in der Richtung ausben, da die Beziehungen zwischen den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser komplizierten gesellschaftlichen Verhltnisse, wie sie heute bestehen, mu unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der Stdte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einfhrung und Befestigung der Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, da die Kirche heute ihre rechtmige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und zweitens auch durch bestimmte Manahmen erreichen -- aber nicht etwa durch erzwungene und gewaltsame Maregeln, sondern durch solche, die weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierber wollen wir spter einmal miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die einfache Sitte mchtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was ist denn brigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet? Mitunter hat sie berhaupt keine Bedeutung fr unsere Zeit, man kennt den Grund nicht, weswegen sie eingefhrt wurde, man wei nicht, woher sie stammt, und fhlt und merkt nichts von einer Autoritt, die sie eingesetzt htte; mitunter aber ist sie sogar ein berbleibsel aus den Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem schon die Sitte etwas so Mchtiges ist, da es schwierig ist, sie selbst im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie wrden sich wohl die Dinge gestalten, wenn man Sitten einfhren wollte, die sich auf die Vernunft grnden, die einstimmig und einmtig von allen anerkannt werden und die hhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten wrden? Eine solche Sitte wrde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortpflanzen, und keine Macht der Erde wrde sie vernichten knnen, was die Welt auch fr Erschtterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein gewaltiger Gegenstand, ber ihn mu man vernnftig reden, und dazu bin ich zu dumm. Vielleicht werde ich spter einmal, wenn Gott mir hilft und mich erleuchtet, etwas darber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es verwaltet sein mu, und sich dabei im Einklang mit den Wnschen und Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrtteln, alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche zu wirken. Sie werden selbst sehen, da dieser Beruf immer nur provisorisch sein kann, sonst htte er keinen Sinn, denn der innere Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten auer dem Brgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und frchten Sie sich vor nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt bernehmen sollten, halten Sie sich stets an die gleichen Grundstze. Vergessen sie niemals, da die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen Sie alle Angelegenheiten in der Weise, da sich alles, nicht nur so lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise abwickelt, da Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rcken vermag, sondern sich unwillkrlich auch selbst innerhalb der von Ihnen gezogenen Grenzen bettigen und die von Ihnen vorgezeichnete, vernnftige Richtung einhalten mu. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk dauernd, fr alle Zeiten zu begrnden und zu befestigen. Seien Sie allen Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien will. Suchen Sie auf alle Einflu zu gewinnen, aber nur in der Absicht, jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einflu gewinnen kann. Sorgen Sie ferner dafr, da keiner sich allzusehr auf Sie verlt und sttzt wie auf seinen eigenen Stab, so wie die rmisch-katholischen Damen sich ganz auf ihre Beichtvter sttzen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der Mensch mu vielmehr wissen, da die Wrterin ihm nur fr eine bestimmte Zeit und nicht fr immer beigegeben wird, und da, wenn der Lehrer ihn im Stiche lt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und sorgfltiger auf sich acht geben mu als frher, stets eingedenk, da es nun niemand mehr gibt, der ber ihn wacht, und jede Lehre, die ihm gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedchtnis bewahrend. Sorgen Sie auch dafr, da es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt niederlegen sollten, keine Trnen und kein Gejammer gibt, sondern da ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen mchten, sorgsam fr den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und wonach sie sich sonst nicht gerichtet htten, das werden sie jetzt willig aufnehmen und danach handeln. Fr mich ist die Stunde des Abschieds von meinen Freunden -- der schnste Augenblick; jeder meiner Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon berzeugt, da wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt haben, frhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden. Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit frhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen noch etwas ber die Liebe und die allgemeine Sympathie fr uns sagen, nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht beschftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu lieben, und nicht danach, da andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen Lohn fr seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, da Gott mir schon in meiner Jugend diese merkwrdige und mir selbst kaum verstndliche Abneigung gegen jegliche unpassende, berflssige Gefhlsergsse eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas Unangenehmem und Widerwrtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder Freunden herrhrten! Wie wichtig ist es doch, da unsere ganze Liebe keinem Wesen dieser Erde angehren darf! Sie sollte sich von einem Vorgesetzten auf den andern bertragen, und sowie ein Vorgesetzter merkt, da sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den ber ihm stehenden hheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so endlich zu ihrer rechtmigen Quelle gelangt und bis ein von allen geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott selbst darbringt. 1845. XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist Aus einem Briefe an U-- Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das schnere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Frher als ich noch trichter und dmmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor; jetzt dagegen erkenne ich, da das Los aller Menschen gleich beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem fnf Talente verliehen wurden und der noch fnf weitere dafr zurckbrachte. Ich glaube sogar, da das Los des ersten noch besser ist, gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar ist doch die gttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der rmste Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaen_ in Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt: _Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_, aber wenn ich mir diese Wohnungen vorstelle, wenn ich darber nachdenke, was die Wohnungen Gottes sein mgen, kann ich mich nicht der Trnen enthalten, und ich wei, da ich mich nie entscheiden knnte, welche ich whlen soll, wenn ich wirklich einmal gewrdigt sein sollte, am himmlischen Reiche teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: welche von ihnen mchtest du whlen? Ich wei nur das eine, da ich antworten wrde: die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist. Ich glaube, man kann sich nichts Schneres wnschen, als jenen Auserwhlten zu dienen, die bereite gewrdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majesttischen Gre zu schauen, zu ihren heiligen Fen liegen und sie zu kssen! 1845. XXX Ein Geleitspruch Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort erhltst du spter. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind gro. Bei einer solch zarten, feinfhligen Seele so grobe Beschuldigungen anhren, mit so hohen Gefhlen unter so groben, plumpen Menschen weilen zu mssen, wie die Bewohner dieses armseligen Stdtchens, in dem du dich niedergelassen hast und deren rohe tppische Berhrung, ohne da sie es wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schtze und Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu mssen, da mit plumper Brentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute auszustrmen, bis sie verstimmt sind und reien, und ber dies alles noch all die Gemeinheiten und Schndlichkeiten mit ansehen zu mssen, die sich tglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu mssen, die selbst der Verachtung wert sind -- ich wei wohl, da ist alles sehr bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanflle, die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag dir nichts andres zu sagen, als da es wirklich sehr hart, sehr bitter ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du wirst noch mehr Krnkungen zu erdulden haben, dir stehen noch hrtere Kmpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und schamlosen Leuten bevor, Leuten, fr die es nichts Heiliges gibt, die nicht nur einer solchen Schndlichkeit fhig sind, von der du schreibst [d. h. eine fremde Unterschrift zu flschen] -- die den Mut haben, ein so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, sondern noch weit niedertrchtigerer Handlungen fhig sind, deren bloe Beschreibung einem mitleidigen Menschen fr immer den Schlaf rauben knnte (o wenn doch solche Leute nie geboren wrden!) Alle himmlischen Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr zu retten vermag. Unzhlige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann alles passieren. Deine Nervenanflle und deine Leiden werden noch strker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets daran, da wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher drfen wir keinen Augenblick vergessen, da wir ausgezogen sind, um zu kmpfen, und hier gibt es nichts zu whlen und zu berlegen, wo uns weniger Gefahren drohen! Wie ein guter Soldat mu sich ein jeder von uns in den Kampf strzen, wo er am heiesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden, sondern mut mutig in den Kampf strmen; auch darfst du dir nicht etwa einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mut dir einen Starken zum Gegner whlen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen Leiden wird dir keine groen Ehren eintragen. [Fr einen Russen ist es nicht sehr rhmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen, wenn man im voraus wei, da er davonlaufen wird; es mit einem Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn fr unberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich rhmen kann!] Nun denn, vorwrts mein tapferer Kmpe! Gott helfe dir, mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund! XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie Trotz des ueren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr viel Eigenartiges. Ihr natrlicher Quell regte sich schon in der Brust des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafr aber eine mchtige Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zgellosen Freiheit, ein Streben, sich von den Tnen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt. Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem ungewhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein Werkzeug fr seine Zwecke zu verwandeln gewut hat: die Ironie, den Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze Wesen des Russen ergreift und erschttert, indem es seine empfindlichsten Stellen zu treffen wei. Sein Strom bricht endlich auch aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach, so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemhung, nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den Menschen zu hchster, geistiger Nchternheit und Besonnenheit zu erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und urwchsige Entwicklung, wie sie den andern Vlkern unbekannt war. Aber nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genu bereitet, ihren Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwrtigen brgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurckfhren lt, die unserem Lande schon frher eigen waren. Unsere brgerliche Ordnung ist ja auch nicht durch eine geregelte allmhliche Entwicklung der Dinge, nicht durch eine langsame wohlberlegte Verpflanzung europischer Sitten in unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmglich war, weil die europische Aufklrung bereits eine viel zu hohe Stufe der Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als da sie nicht frher oder spter von allen Seiten ber Ruland hereinbrechen und ohne einen solchen Fhrer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel grere Unordnung hervorrufen muten, als sie sich spter tatschlich bemerkbar machte. Unsere brgerliche Ordnung entsprang aus einer Erschtterung, aus jener gewaltigen Erschtterung des ganzen Staates, die der Zar, dieser groe Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europischen Staaten einzureihen und es pltzlich mit allem bekannt zu machen, was sich Europa durch lange Jahre blutiger Kmpfe und Leiden errungen hatte. Eine so pltzliche Umkehr war eine Notwendigkeit fr das russische Volk, und die europische Aufklrung war der Feuerstahl, der diese ganze Volksmasse treffen mute, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude ber das Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewut war. Noch hatte keiner das Gefhl, da er dazu erwacht sei, um im Licht der europischen Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu kopieren. Jeder fhlte nur, da er erwacht war. Aber schon diese bloe Umwlzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar gromtig auf seine Zarenwrde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von den Wirrungen und Verwicklungen entstnde, die selbst die geringfgigsten Vernderungen der Staatsform zu begleiten pflegen -- schon diese Umwlzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der Begeisterung wert war. Eine Staatsumwlzung, die gewhnlich das in Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Strme von Blut setzt, wenn sie die Folge innerer Parteikmpfe ist, wurde hier im Angesicht von ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glnzende Manver eines vortrefflich geschulten Heeres. Ruland erhob sich pltzlich zur Wrde eines groen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europischen Bildung. Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingefhrter kostbarer Schtze ausstt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das verffentlicht wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das Bestreben, einen Ausdruck fr die Begeisterung ber das neue Licht, das sich ber Ruland ergossen hatte, fr das Staunen ber die groe Aufgabe, die dem Lande bevorstand und fr den Dank zu finden, den es dem Zaren fr dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und es erschuf unsere gegenwrtige Poesie, indem es ihr jenes neue lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen, von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten. Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwrmerischer Jngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die Freude ber den ersten Sieg der Russen lt ihn seine erste Ode aufs Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen blich waren, ohne zu berlegen, ob sie sich fr unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine knstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schpferischer Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben hervor, wo er einen Gegenstand berhrt, der seiner wissensdurstigen Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschftigte, kommt ihm in Sinn, und die Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen ber Gottes Gre_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestt und Wrde atmet und die kein anderer auer Lomonossow htte schreiben knnen. Ein hnlicher Einfall wird der Anla fr die Epistel an Schuwalow: _ber den Nutzen des Glases._ Jede Erwhnung Rulands, das seinem Herzen so nahesteht und das er immer durch die Perspektive seiner glnzenden Zukunft sieht, erfllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nchternen Strophen begegnen wir Versen, die uns pltzlich in eine andere Welt versetzen. Man hat das Gefhl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu bedienen -- Der Gtterjngling David leicht Der Harfe heil'ge Saiten meistert Und aus Jesaias Mund begeistert Ein Psalm empor zum Himmel steigt. Er berschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern, wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzckt von seiner grenzenlosen Weite und seiner jungfrulichen Natur, und es scheint, als wolle sein Entzcken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters, aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwrdigste ist, indem er seine Verse in die strengen Mae des deutschen Jambus pret, tut er der Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fliet innerhalb der engen Grenzen dieses Versmaes mit der gleichen Wrde und Freiheit dahin, wie ein wasserreicher Flu in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen Versen noch schner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heit daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwrdige ist, da der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenrte: sie gleicht einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Ruland erscheint bei ihm nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint ausschlielich darum bemht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien abzustecken, whrend er die Ausmalung den andern berlt. Er selbst ist gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen sollen. Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingefhrt. Feste, Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persnlichkeiten, ja sogar eine Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstnde dieser Oden. Die Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer gewissen Bravour, ohne da ihre Produkte von wahrer Begeisterung getragen wurden. Hchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war ein wirklicher Dichter trotz der Hrte und Trockenheit seiner Verse. Die andern erreichten bestenfalls nur die kalte uere Rhetorik der Oden Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie gezndet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als Dershawin seine ersten Lieder dichtete. In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glnzenden Sammlung der vorzglichsten Werke russischer Schpferkraft gleicht, als sich auf allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen Schlachten ruhmgekrnte Feldherren auftraten, groe Staatsmnner in der inneren Organisation des Reiches ttig waren, geschickte Diplomaten sich beim Abschlu von Vertrgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und Sprachforscher eine rege Ttigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische wrdevolle uere wie alle Mnner aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezgelten Freiheit den Spielraum fr ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgefhrtes, wie man es wohl in Werken findet, die allzufrh in die ffentlichkeit gebracht werden. Die Mglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrngt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung, den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Whrend sich Lomonossow vllig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschlielich als eine Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gnzlich der Dichtkunst hin und hlt eine vielseitige wissenschaftliche Bildung fr unntz und berflssig. Rulands Gre und Staatsmacht kommt auch bei ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden sichtbar. Was ihn beschftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die Menschen aller Berufe und Stnde und zeugen von dem Streben, ein Gesetz des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem, selbst in seinen Genssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine wirkliche schpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch Gewaltigeres und berirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht, woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine dunkle Weissagung ber unserem Lande schwebt und uns eine bessere Zukunft vorhlt, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die armseligen berreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre Einbildungskraft an Erzhlungen von klafterhohen Helden, die tausend Jahre alt werden, entznden? -- was es auch sein mag: dieser Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine Ausdrcke und Wendungen Gott wei wie weit her: nur um mglichst nahe an seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer, aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung berkommt, da dienen diese ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier unbegreiflichen Kraft zu beleben, so da es uns so vorkommt, als blicke er uns mit tausend Augen an. Man berlese den _Wasserfall_: man hat den Eindruck, als wre hier eine ganze Epope in eine gewaltig dahinstrmende Ode zusammengedrngt. Gemessen an dieser Ode erscheinen alle Dichter neben ihm wie Pygmen, die Natur erscheint hier wie eine hhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen mit dem mchtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Snger des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und Rulands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind knigliche Adler, kurz, bei ihm ist alles gro und majesttisch. Man hat jedoch das Gefhl: was seine Gedanken am meisten beschftigte, was ihn am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gesthlten starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit, sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur erwachsen mte, genhrt und gro geworden auf dem unerschtterlichen Felsen unserer Kirche. Oft lt er die Person, an die die Ode gerichtet ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus, die sich hoch ber das gewhnliche Ma erhebt. Das, was wir einen Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhlt seine hohe heilige Bedeutung wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der Kirche selbst zu uns sprche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter erscheint alles bei ihm gro und gigantisch: seinen poetischen Metaphern fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade dadurch etwas noch Groartigeres und Erhabeneres. So schildert zum Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er ber den Sturm emprt, ber das Meer rast: Wild springt er auf die Wellen los, Schlgt mit dem Dreizack nach den Schiffen, Strmt himmelwrts, strzt in den Scho Des Hades mit gestrubten Haaren, Und durchs Gebirge hallt sein Schrei. Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen: das Ohr hrt nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem graukpfigen Greise, so struben sich auch dem Leser die Haare, der erschttert ist von der rauhen Gre des Bildes. Bei ihm ist alles monumental. Sein Stil ist von einer Gre, wie bei keinem unserer Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so sehen wir, da dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer Worte mit schlichten, ja trivialen begrndet ist, wessen sich kein anderer auer Dershawin erkhnen wrde. Wer auer ihm wrde es wagen, sich so auszudrcken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem groen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe den Tod wie einen Gast erwartet und sinnend sich den Schnurrbart streicht. Wer auer Dershawin htte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes Gefhl bleibt in unserer Seele zurck! Man mu jedoch sagen, da sowohl diese wie alle andern gigantischen Zge, die ihn weit ber alle unsere Dichter erheben, bei ihm etwas Zgelloses und Formloses annehmen, sowie ihn die Inspiration verlt: Alles gert in Unordnung: Satzbau, Sprache, Stil, alles knarrt wie ein schlechtgelter Karren, und sein Vers gleicht einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern Selbstbeherrschung predigte, wute sich selbst nicht zu beherrschen, hat sich nie ganz selbst gefunden und hat mhsam und mit der ganzen Kraft seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen mssen, um das aussprechen zu knnen, was sich der Seele des Dichters von selbst entringen mte. Htte er sich die wahre Bildung zu erringen gewut, es wrde keinen greren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber gleicht er nur einem gewaltigen unfrmlichen Felsblock, vor dem zwar niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrcken fortzueilen suchen. Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon hatte sich alles um ihn verndert: das Zeitalter Katharinas, die kniglichen Feldherren, der hfische Luxus und das ganze hfische Leben waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen sich mehr in sich selbst zurck und wetteiferten, aus dem Gefhl heraus, da sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen und Bewegungen Schnheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang die flinken franzsischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung unseres sicheren dichterischen Gefhls sei jedoch an dieser Stelle erwhnt, da uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nchsten stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der gleichen Art und behandelten hnliche Stoffe wie er. Die russische Sprache erhielt pltzlich eine gewisse Freiheit und die Fhigkeit, mit angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand berzugehen -- eine Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie. _Dmitriew_ bewies berall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos berwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und Lomonossows blich geworden war. Aber die Oberflchlichkeit der Epoche vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschrnkt, und man konnte sie bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu ffnen oder sie zu tchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu machen und zu beweisen, da er ber jeden Gegenstand etwas zu sagen habe. Die letzten Tne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden Tne einer Orgel und unsere Poesie schien pltzlich aus der Kirche in den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ lie den Duft eines wahrhaft beseelten Gefhls und eine eigenartige anthologische Anmut verspren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel an sein Landhaus Obuchowka: Mein liebes Huschen, strohgedecket, Ist nicht zu gro, noch ist's zu klein, Der Freund wird stets willkommen sein Und selbst den armen Bettler schrecket Kein Trschlo fort, will er hinein. Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines oberflchlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre Empfnglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europischer Bildung geweckt, und sie erkannte pltzlich, da sie von den Franzosen nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und fr ihre Entwicklung nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwrdiges vor. Eine unklare Sehnsucht, geheimnisvolle berlieferungen, wunderbare unerklrliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt, Trume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man htte eine solche Poesie fr die Laune eines Schulbuben halten knnen, wenn nicht jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wre, durch das die unsterbliche nach lebendiger Nahrung drstende Seele von sich Kunde gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfhlige Dichtung von dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief pltzlich in ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wren wir uns nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte erstanden wre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren Kristall seines Wesens gezeigt htte, das uns weit verstndlicher war, als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die strkste Individualitt in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fgung des Hchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief. Dieser Lockung folgend, strzte er sich auf alles Unerklrliche und Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Tne zu fassen, die eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen lieen. Alles dieser Art entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste davon sind bersetzungen. Aber diese bersetzungen tragen so sehr die Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft belebt und durchglht, da selbst Deutsche, die des Russischen mchtig sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien, whrend seine bersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man wei nicht, ob man ihn einen bersetzer oder einen ursprnglichen Dichter nennen soll; der bersetzer gibt seine eigene Persnlichkeit auf, whrend sie bei Shukowski strker hervortritt als bei irgendeinem unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen, so werden wir finden, da das eine von _Schiller_, ein anderes von _Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_ entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persnlichkeit jedes Dichters ist durchaus erhalten; als bersetzer hatte Shukowski ja auch keine Gelegenheit, sich vorzudrngen. Liest man jedoch mehrere Gedichte nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht zu ihren Fen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch mglich war, da seine eigene Persnlichkeit all diese Dichterpersnlichkeiten durchdringen konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrngt. Es gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein getreues Abbild seiner geistigen Persnlichkeit bilden knnte. Man mu auch sagen, da sich in keinem der von ihm bertragenen Dichter eine so starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an bersinnliche Krfte, die den Menschen berall schtzend umschweben. Wenn man Shukowski liest, so hat man bestndig das Gefhl, fr das Dershawin die Worte gefunden hat: Dem Schutz des Himmels bergeben Ward deines Lebens Sicherheit Und Legionen Engel schweben Ob deinem Haupte hilfsbereit. Er hat durch seine bersetzungen eine Wirkung ausgebt, wie ein ursprnglicher urwchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform, die damit etwas Leichtes und Unkrperliches wie eine Vision erhielt. Mit diesen bersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er neue Formen und Metren, die dann spter auch von allen andern russischen Dichtern angewandt wurden. Sein trger Geist hinderte ihn daran, vor allem ein schpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an schpferischer Kraft, er war nur zu trge im Erfinden. Im Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivitt: _Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwrmenden Klnge unserer slawischen Seele durch die Lande und sie berhrten uns weit verwandter als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafr, da sie zu einer Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen mchtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schpfung Shukowskis. Es gibt brigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den diese Trgheit des Verstandes zurckzufhren ist: es ist seine Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste festgesetzt hatte, ihn dazu drngte, auch noch bei jedem fertigen Werk liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zrnte ihm sehr, da er keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung fr Kritik und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen hervor, die seine eigensten, selbstndigsten Leistungen sind. Bezaubert von einer Landschaft, bemchtigt er sich ihrer und lt nicht eher von ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes, verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit hervorzaubert, wer in seinem Bericht ber den Mond die magische Pracht der Mondnchte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend und anschaulich zu schildern vermochte: der mute natrlich im hohen Mae die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine Slawin mit ihren Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andchtige trumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein warmes und erwrmendes Licht um sich, das den Leser mit einer unbegreiflichen Ruhe erfllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschlieen. In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer Entwicklung ein. In dem Mae, als sich die in einem leuchtenden Dmmer verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit luterte, begann er, den Geschmack und die Vorliebe fr die Gespenster und Phantome der deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Trumerei machte einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die Undine, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das therische, Unbestimmte, das er frher besa: er schreitet krftiger und sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von hchster Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem Erflltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer so erleuchteten und hohen Lebensanschauung htte uns ein solches Werk sicherlich die ursprngliche patriarchalische Welt des Altertums in einer vertrauten und heimischen Beleuchtung nherbringen mssen -- eine Leistung, die weit hher zu bewerten ist, als jede eigene Schpfung und die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen wrde. Shukowski verhlt sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern Handwerksmeistern: das heit wie ein Meister, der sich nur mit der letzten Verarbeitung des Materials beschftigt. Es ist nicht seine Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu frdern: er hat dem Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen Glanze erstrahlen lt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen fhrt. Ein solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem vielleicht nur darum eine geniale Empfnglichkeit verliehen ward, um all dem, was die andern Vlker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht verarbeitet oder bersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen. Whrend Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand, whrend er noch bemht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und Greifbaren zu befreien und sie in die Sphre unkrperlicher Gesichte zu erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewuten Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln, indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen Krperlichkeit verspren lie. Whrend jener sich ganz in den ihm selbst noch nicht vllig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in der ppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schne in allen Gestalten und Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust des Genusses aufzulsen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu bedienen, des Denkens und des Dichtens Wollust. Es schien, als ob eine innere Kraft im Schoe unserer Poesie diesen Dichter erschaffen htte, um sie von einer allzuweit gehenden bertreibung zu bewahren, damit uns der eine die nordischen Klnge der europischen Snger brchte, whrend der andere unser Ohr mit den sen Tnen des Sdens labte, indem er uns die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften Klngen des alten Hellas vermittelte, auf da selbst der Vers, der eine gewisse therische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem klingenden Wohllaute erfllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern des Sdens entgegentnt. Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan. Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealitt des ersten und ohne die schwellend-ppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrngt, konzentriert wie in dem russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrngt. Durch eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anfhren. Der Kasbek, einer der hchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter htte bei dieser Gelegenheit viele Seiten mit glhenden Versen bedeckt: Puschkin aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender unerwarteter Apostrophe: Ersehntes fernes Friedensreich! Knnt ich zu deiner Gnadenstelle Mich aus der Schluchten Haft befrein Und in der therlichten Zelle Allzeit dem Schpfer nahe sein! (Fiedler.) Das und nur das durfte ein Russe sagen, whrend ein Franzose, ein Englnder oder ein Deutscher einen langen Bericht ber ihre Empfindungen gegeben htten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig beobachtete, nur um nie etwas berflssiges oder bertriebenes zu sagen, da er in beiden Fllen die Banalitt scheute. Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen und was hat ihn nicht gefesselt? Von den ber den Wolken thronenden Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der elenden Htte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und Trepak; -- berall und allerorten: wird ihm der Ball, die Htte, die Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den hchsten und erhabensten Charakterzgen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher Schwche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt, reagiert er mit der gleichen Strke wie auf jeden Vorgang der ueren und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Grten schlgt er elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes Schpfungen lebt: jedem Ding wei er seine schnste Seite abzugewinnen, die nur dem Dichter bekannt ist, ohne da er dabei an eine Anwendung auf das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen Bedrfnisses denkt. Er verrt niemand, warum dieser Funke aufsprhte, und reicht keinen von denen, die taub fr die Poesie sind, eine Leiter, die dorthin fhrt. Er kmmerte sich um niemand, es gab fr ihn nur einen Wunsch: den mit poetischen Gefhl Begabten zuzurufen: Schaut hin, wie herrlich ist doch Gottes Schpfung!, und sich dann sogleich, ohne noch etwas hinzuzufgen, dem nchsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals auszurufen: Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schpfung! Was daher an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch der Gefhle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente -- Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich vereinigen. Puschkin gegenber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte seine Poesie? Was fr eine neue Richtung, welche neue Wendung hat Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen oder wohl gar einen destruktiven Einflu auf dieses Zeitalter ausgebt? Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine Persnlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialitt seiner Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist, und sonst nichts -- _was der Dichter ist_, sofern man ihn nicht als Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhltnisse aber auch nicht als Produkt seines eigenen persnlichen Charakters, d. h. als Mensch betrachtet, sondern unabhngig von allen diesen Faktoren in Betracht zieht, damit, wenn spter einmal irgendein hherer Seelenanatom der Sache auf den Grund gehen und sich darber klar werden wollte, was der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte feinnervige Geschpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig einsam bleibt, und bei keinem Verstndnis findet -- damit es ihm dann an nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Zge vereint finden wrde. Puschkin war der einzige, dem diese unabhngige Geistesart und eine so fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor. Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine kindliche Seele, die stets von den hchsten und letzten Idealen trumte, sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, da sie in dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest, nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfgigen krperlichen Fehler vergeben konnte, tnt doch der Groll des Dichters ber dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe, dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in diesem wissenschaftlichen Streben seine Persnlichkeit zu so deutlichem Ausdruck, eine Persnlichkeit, die eine echt deutsche Wrde atmet und nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski, Batjuschkow haben ihre eigene Persnlichkeit, ihre eigene Physionomie. Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen fr Zge herauslesen, die fr ihn persnlich charakteristisch wren? Man versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt gegenbersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rstungen der Dichtung. Nun denn, so tretet herein und whlet euch das Werkzeug, das euch pat, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und warum hat er das nicht getan? -- Das ist eine andre Frage. Er selbst beantwortet sie mit den Versen: Nicht unser Teil ist das Getmmel Des Pbels Hast und Waffenklang, Uns gab zur sen Pflicht der Himmel Begeistrung, Inbrunst und Gesang. (Eliasberg.) Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm heilig -- wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmckt dies Heiligtum; und er brachte nie etwas Unberlegtes und bereiltes aus seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe ungezgelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch ist alles darin -- seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im Busen des Dichters zu Asche verbrennen mute, damit diese Wohlgerche aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie htete er sie in seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer Dichter hat seine Sonette so sorgfltig gefeilt, wie er an diesen leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu entscheiden, welche Elegie die vorzglichste ist -- sie gleichen alle den glnzenden Zhnen des schnen Mdchens, die der Knig Salomo mit den jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und alle gleich schn sind. Wie htte er ber die Dinge sprechen knnen, die unsere moderne Gesellschaft interessieren und die fr sie von Bedeutung sind, wenn er fr jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher Weise anzog? Er wollte in seinem Onegin den modernen Menschen darstellen und ein modernes Problem lsen -- allein er vermochte es nicht. Er stie seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst an ihre Stelle und fhlte sich in ihrer Person auf's tiefste von allem ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung heterogenster Gefhle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behlt man wiederum nichts zurck als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert und fr alles Verstndnis hat. Seine vollkommensten Schpfungen: _Boris Godunow_ und die Dichtung Poltawa sind gleichfalls treue Spiegelungen der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwhlte, man hat auch nicht das Gefhl, da er eine besondere Sympathie fr einen der hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den Plan zu diesen beiden Dichtungen gefat htte, die so meisterhaft und so knstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die Verwunderung ber diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu, sie zu gestalten, denn er wollte, da auch andere Menschen ber sie staunen und sich ber sie wundern sollten. Die Lektre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschpfliche Thema unzhliger dramatischer Dichtungen, gab ihm pltzlich die Idee ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses Verfhrers und die Schwche des Weibes mit einer unerhrten Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewhnlicher Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn pltzlich auf den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei Seiten zusammenzudrngen, und man ist erstaunt, mit welcher Treffsicherheit sie erfat und trotz der Unbestimmtheit und Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften Ganzen zusammengefat ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die Idee nahe, im gleichen Versma und im Geiste Dantes die kindlichen Anfnge seines dichterischen Schaffens whrend seines Aufenthalts in Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten geflchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine lebendigere Sprache fhren, als die Wissenschaft. Das beweist wieder, wie frh schon diese groe Feinfhligkeit und diese Fhigkeit, auf alle Dinge der Welt mit uerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten. Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein Gehr. Man sprt frmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Lnder, der Zeiten und Vlker frmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der versunkenen Zeit aus; blickt er in die Htte des Bauern -- so ist er jeder Zoll ein Russe; alle Zge unseres Wesens finden sich bei ihm vertreten, und das alles ist hufig in ein einziges Wort, in ein einziges mit wunderbarer Feinheit gewhltes, treffendes Adjektivum zusammengefat. Diese Fhigkeit entwickelte sich immer krftiger in ihm, und er htte sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet, wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben erzhlen wollte, beschftigte ihn whrend dieser Zeit unablssig. Er schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken zu lassen, um sich einen schlichteren Erzhlerton anzugewhnen, und er befleiigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, da man an seinen ersten Erzhlungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute sich darber und schrieb dann die _Hauptmannstochter_, sicherlich das beste Werk unserer Erzhlungsliteratur. Gemessen an der Hauptmannstochter erscheinen alle unsere Romane und Erzhlungen wie fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben hier eine solche Hhe erreicht, da die Wirklichkeit daneben fast wie geknstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die schlichte Gre dieser einfachen Leute, -- das alles ist nicht nur lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Hheres als sie. Und so mu es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des Dichters, uns selbst, unser Ich -- aus uns herauszuheben und uns unser Selbst in geluterter veredelter Gestalt zurckzugeben. In Puschkin deutete alles darauf hin, da er fr diesen Beruf geboren, da dies sein Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: Die Handschrift des Dorfes Gorochino und Der Mohr des Zaren, sowie der mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem groen Roman Dubrowski. Whrend der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen gelernt, und er sprach so gescheit und so klug ber alle Dinge, da man jedes Wort htte aufschreiben mgen: denn seine Worte waren mindestens so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwrdiger war, das war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich ein noch helleres Licht ber das Leben verbreitet htte. Die Anklnge daran kann man in einem, erst nach seinem Tode verffentlichten Gedicht vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tnen die Flucht aus einer dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schnes reifte in diesem Menschen heran, was Ruland zum Heil und Segen htte gereichen knnen. -- Aber in dem Mae, als er sich dem Mannesalter nherte und von berall her Krfte zu groen Taten sammelte, dachte er um so weniger darber nach, wie er mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein pltzlicher Tod ri ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann im ganzen Staate erfuhr pltzlich, da wir einen groen Mann verloren hatten. Der Einflu des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war uerst geringfgig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch an die Tne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde, da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einflu auf die Dichter war sehr gro. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Sliches an. Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst Charakter und eigene Farbe hatten, entzndeten wie die Lichter. Ein ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: _Delwig_, dieser Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier frmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit einem Zug hinabstrzte, sondern tropfenweise schlrfte, wie ein Weinkenner seine Blume geniet und seinen Duft einsaugt. _Koslow_, eine harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Tne einer zu Herzen gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser Ohr klangen. _Baratynski_, ein Dichter von strenger, fast finsterer Eigenart, der schon frh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre uere Formung bemhte, noch ehe sie in ihm selbst vllig ausgereift waren. Finster und noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, whrend er andre geradezu erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so liee sich wohl ein Buch daraus machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen knnten. Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht htten leuchten lassen und nie solch reiner, schner seelischer Regungen fhig gewesen wren, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins htten entznden knnen. Selbst ltere Dichter stimmten unter seinem Einflu ihre Leier um. Der bekannte bersetzer der Odyssee, _Gneditsch_, der Nachdichter der _Psalmen_, _Th. Glinka_, der Freischrler und Dichter _Dawydow_ und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von seinem Schler. Selbst solche Kpfe wurden zu Poeten, die gar nicht fr den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs geringere Laufbahn erffnete, wenn man nach den geistigen Krften und Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen vollbrachten, so z. B. _Wenewitinow_, der uns so frh entrissen wurde, oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht vllig enthllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar fr manche gefhrlich geworden, besonders fr Baratynski und fr noch einen Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch gefhrlich, weil sie sie veranlate, gleich einen Ausdruck fr ihre noch gnzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfllt und durchdrungen waren, die allen vertraut und verstndlich gewesen wre; sie htten lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle vllig im Bann dieser unerhrt knstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer Schpfungen, deren Puschkin fhig war. Die ganze moderne Gesellschaft und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle Ansprche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und deklamierte Puschkins Verse. Nicht unser Teil ist das Getmmel, Des Pbels Hast und Waffenklang. Uns gab zur sen Pflicht der Himmel Begeistrung, Inbrunst und Gesang. Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt _Jasykow_ eine ganz besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie wilde entfesselnde Kraft, eine Khnheit in jedem Ausdruck, eine helle jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Strke und Vollendung bei einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es ist kein Zufall, da er den Namen _Jasykow_ (Herr der Zunge) trug: er ist Herr ber seine Zunge, wie ein Araber ber sein wildes Ro, und es ist fast so, als brstete er sich mit seiner Macht ber die Sprache. Er mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er fhrt sie stets zu Ende und rundet sie ab, da man von Staunen und Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen mchtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er berhrt, sprht und strmt frmlich ber von jugendlicher Frische. Man denke zum Beispiel an sein Gedicht Der Fluß«: Die Hllen fort. Mit frischem Mut Streckt sich die Hand zu krft'gen Schlgen, Und nun hinab. Und aus der Flut Sprht auf ein Diamantenregen. Wie sind so stark, so frisch und khl Die Elemente, die mich wiegen. Welch ses, seliges Gefhl. Wenn kosend sie den Leib umschmiegen! Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen Kreis und Durch den Ring nach seinem Ziele Saust der Nagel -- er erklingt, Bis bei heitrem Scherz und Spiele Mild der Frhlingstag versinkt. Alles, was den Jngling zum khnen Wagnis reizt -- das Meer, ein Sturm, Festgelage und klingende Becher, ein brderliches Bndnis voller Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die Bereitschaft, jeden Kampf fr das Vaterland zu bestehen -- dies alles findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhrter Kraft. Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin rgerlich: Warum hat er das Buch: _Gedichte von Jasykow_ genannt, er htte es einfach _Rausch!_ betiteln sollen. Ein Mensch von durchschnittsmiger Kraft wird nie etwas hnliches zustande bringen; dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Krfte. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals sah ich zum erstenmal eine Trne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: Als rauher Slawe kannt ich keine Trnen, doch ich verstehe sie.) Ich erinnere mich auch, welche Strophen ihn so bis zu Trnen rhrten: es sind die beiden ersten, in denen sich der Dichter an Ruland wendet, das man bereits fr schwach und kraftlos erklrt hatte, und in denen er ausruft Hrt ihr die Trompete schmettern? Auf, der Feind ruft, Vaterland! Denk wie du beim Kriegeswettern Stets dem Gegner hieltest stand. La zum blut'gen Kampf sich rsten Deine Recken, mutig, frei. Ruf aus Steppen sie und Wsten, Von den Flssen, von den Ksten, Aus dem fernsten Land herbei. Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhrte Tat der Aufopferung dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt mit allen ihren Schtzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind, den Flammen geweiht wird. Erd' und Himmel stehn in Flammen, Goldgeschmckte, heilge Stadt. Moskau! Wie? Du strzst zusammen? Hrst du's, Ruland? Auf zur Tat! Rase Feuer der Zerstrung! Du erhhst nur unsern Mut. Diese flammende Verheerung Bringt uns Rettung, bringt Verklrung, Phnix schwingt sich aus der Glut. Wem sollten solche Strophen nicht Trnen entlocken? Seine Verse sind wie ein alle Krfte entbindender durcheinanderrttelnder Rausch, aber in diesem Rausch liegt eine hhere Gewalt, die nach oben zieht. Fr Jasykow ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine uerung der Lust am Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude ber die Kraft, die die jungen Arme schwellt, und ber die groe Zukunft, die der Jugend bevorsteht, einer Freude darber, da die Studenten einmal fortstrmen werden, um Der groen Sache treu zu dienen, Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte. Leider geht nur diese Rauschstimmung hufig bis ins Malose, und der Dichter gibt sich allzusehr der Freude ber die ihnen winkende Zukunft hin, wie dies bei uns in Ruland so viele Leute tun, ohne ber einen groartigen Anlauf hinauszukommen. Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas Auerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher Grosprechereien und voll Verheiungen gewaltiger Taten waren. Allein die Erwartungen wurden nicht erfllt. Es erschienen zwar noch ein paar Gedichte von ihm, in denen die alten Tne noch einmal, wenn auch etwas abgeschwcht, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen fr seine Geistesverfassung blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der Langenweile deutscher Stdte, gleichgltige Reiseschilderungen und einen Bericht ber den einfrmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die auerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen spten Gedichten die Form behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch krftiger ist, wird ihm gerade dadurch zur Verrterin: sie dient nur dazu, einen mageren Gedanken und einen drftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschliet. Es wurde sogar die Meinung laut, Jasykow htte berhaupt keine Gedanken; er knne nur hohle tnende Verse schmieden und sei berhaupt kein Dichter. Alles begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein recht trichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie Puschkin: Nicht unser Teil ist das Getmmel, Des Pbels Hast und Waffenklang. Uns gab zur sen Pflicht der Himmel Begeisterung, Inbrunst und Gesang. Er lt den Dichter vielmehr sagen: Poet, ist alles in dir reif zum Werke, Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist, Des feurigen Gedankens hoher Geist, Der Rede Glut, des Wortes Strke, So geh und knde, da die Welt hre. Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschpft. Wenn die Elemente dazu nicht in ihm selbst gelegen htten, dann htte er sich den Dichter auch nicht so denken knnen. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem drftigen Inhalt der letzten Gedichte, wie anmaende Kritiker behauptet haben, nicht einmal seine Krankheit trgt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen -- vorausgesetzt, da der Mensch ihren Sinn richtig erkennt) -- nein, es war etwas anderes, was ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen. Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trber brannte. Du mut das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft und Strke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest -- dann werden deine Gedanken denselben Hhenflug nehmen, wie deine Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entstrmen. Du wirst uns dann die groe Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du wirst sie so schildern, da der Mensch erschauert, da er sich der sthlernen Kraft, die sich pltzlich in ihm regt, bewut wird, und Gott fr das bel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewutsein brachte. Jasykow htte nicht in die Fustapfen Puschkins treten und seinen Vers nach seinem Vorbilde behandeln und formen drfen; seine Domne ist weder die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefhl haben alle. Und er htte seine Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entznden sollen. Seine Verse gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder bewegt, oder tnt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm ein vielseitiges Talent fr das beschreibende Genre verliehen. Ein anderer erhlt die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwrtstreibende, sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den hchsten und hochherzigsten Regungen anzufeuern -- und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen. Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, da es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die Vorsehung sorgt besser fr den Menschen. Sie fhrt ihn durch Unglck, Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg gefunden htte. In der Lyrik Jasykows machte sich brigens wieder ein Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar. Erst neulich haben wir sein Gedicht Das Erdbeben kennen gelernt, das nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist. Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Frst Wjasemski eine besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor Puschkin begann, mssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach dem Auftreten Puschkins den Hhepunkt seiner Entwicklung erreichte. Frst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: whrend jener durch seine Gedankenarmut auffllt, setzt dieser durch die Flle seiner Ideen in Erstaunen. Der Vers ist fr ihn nur Mittel zum Zweck, das erste beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste Sorgfalt auf seine uere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration, auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Knstler und legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind -- Improvisationen, obwohl man freilich fr derartige Improvisationen sehr groe und vielseitige Fhigkeiten und einen Kopf von groer Reife und Ausbildung mitbringen mu. Er vereinigt in sich eine auerordentliche Menge vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine Fhigkeit fr unerwartete Schlsse und Folgerungen, Gefhl, Verstand, Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die Biographie Von Wisins tritt die reiche Flle seiner Talente, ber die er verfgte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen Seiten des Lebens -- kurz, hier finden sich alle Fhigkeiten vereinigt, ber die ein tiefer, ernster Historiker im hchsten Sinne dieses Wortes verfgen mu. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert htte, die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die groe Zahl auerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so knnte man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, da Europa wohl nie ein historisches Werk von hnlicher Bedeutung hervorgebracht htte. Das aber ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Frsten Wjasemski, da es ihm an einer groen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefhl, da sich die einzelnen Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfgen und merkt ihnen einen groen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken kraftvollen Vers, wie wir ihn in hnlicher Schnheit bei keinem andern Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefhl an die Seele, das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stt er uns ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand nicht im mindesten entspricht, man fhlt, da ihm die innere Sammlung fehlt, da er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Krfte gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine gewisse Gedrcktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der keine groe Aufgabe finden kann, die alle seine Fhigkeiten bis auf die letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des rmsten Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurckfhrt und ihn veranlat, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlsung. Nur bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, knnen Der Seele Flgel sich entfalten, Erstarkt der Wille, und das Walten Des Schicksals zeichnet klar sich ab. Whrend unsere Poesie ihren Weg unter der Fhrung und Leitung der Dichter aller Zeiten und Vlker so schnell und in so eigenartiger Weise zurcklegte, whrend die Klnge aller Lnder, in denen es eine Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewhlt und schritt solange still und geruschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages ber alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch ber ein Gehlz erhebt, in dem sie sich anfnglich versteckte. Dieser Dichter war -- Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewhlt, die alle Welt bisher fr eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar fr ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlssigt hatte, und er brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken russischen Kpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwrter so nahe verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Strke des Russen ausmacht, und sich in der Fhigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet, der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa eine vorgefate Meinung oder eine Vermutung ber eine Sache dar, sondern vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den Niederschlag vllig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen, den endgltigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen ihren Faktoren und nicht blo aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch in dem Spruch zum Ausdruck: Bloe Reden ergeben noch kein Sprichwort. Dieser nachhinkende Verstand, dieses Talent fr radikale endgltige Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Vlkern eigen ist, macht, da unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen Eigentmlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurtteln und seinen wundesten Punkt zu berhren; wie ein hundertugiger Argus blickt jedes von ihnen den Menschen an. Alle groen Mnner von Puschkin bis auf Suworow und Peter den Groen haben unsere Sprichwrter geliebt und bewundert. Die hohe Wrdigung, die man ihnen angedeihen lie, kommt in vielen Aussprchen zum Ausdruck: Ein Sprichwort wird nicht umsonst geprgt oder ein Sprichwort bleibt ewig bestehen. Es ist ja bekannt, da, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt gewhltes Sprichwort zu bekrftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem Schlage verstndlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr bersteigt. Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln sind nicht etwa fr Kinder geschrieben. Man wrde sich eines groben Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die in Ruland blich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters, die bei ihm so genau und treffend ist, da nicht nur der Fuchs, der Br und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle Geschpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen. Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist, da er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht, damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, -- selbst der Esel ist, trotzdem er doch den Lndern einer andern Zone angehrt, bei Krylow ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemsegrten geplndert hat, wird er pltzlich von einem mchtigen Ehrgeiz erfat, er will durchaus einen Orden haben, und tut frchterlich wichtig, als sein Herr ihm ein Glckchen um den Hals gehngt hat, denn er kommt nicht auf den Gedanken, da ja jetzt jeder seiner Diebsthle und jeder schlechte Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und da es nun bei jeder Gelegenheit krftige Schlge auf die Lenden setzen wird. Kurz -- berall befindet man sich bei ihm in Ruland, berall fhlt man sich an Ruland erinnert. berdies hat jede seiner Fabeln noch ihren historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner scheinbaren Gleichgltigkeit gegen die Vorgnge und Ereignisse seiner Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem Vaterlande abspielte mit groer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Ma, die rechte Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die vershnende Stimme des Mittlers, eine Eigentmlichkeit, die Rulands Strke ausmacht, wenn der russische Geist sich zu seiner wirklichen Hhe emporschwingt. Durch ein streng abgewogenes krftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen. Als einmal ein paar allzusehr fr das militrische Wesen begeisterte Leute behauptet hatten, da der ganze Staat ausschlielich auf die militrische Macht gegrndet werden msse und da in ihr das ganze Heil liege, whrend die Zivilbeamten sich ihrerseits ber alles, was mit dem Militr zusammenhing, lustig machten, blo weil ein Paar Leute das ganze Militrwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da schrieb er seinen berhmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln, in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmigen Grenzen verweist: Darin besteht des Staates wahre Macht, Da alle Teile weise Frieden halten. Die Waffen stehen drohend auf der Wacht, Die Segel sind der Brger -- Rechtsgewalten. Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung mglich, ohne Segel aber kommt man auf der See berhaupt nicht vom Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine groe Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen waren, man msse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht nehmen und sie bei der Besetzung der mter bergehen, blo weil sich gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden kommen lassen und sich an einem trichten Unternehmen beteiligt hatten, da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die Die klugen Menschen frchten Und lieber sich an einen Dummkopf halten. Man merkt, da er berall Partei fr den Verstand nimmt, berall mahnt er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschtzen, sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in der Fabel _Die Musikanten_ zum Ausdruck, die mit den Worten schliet: Ich mcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz verstehn. Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen mute, wie manche Leute sich statt tchtiger sachverstndiger Mnner allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen rhmten und erklrten, sie verstnden zwar nichts von ihrer Sache, htten dafr aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wute, da man bei einem klugen Menschen alles erreichen knne und da es nicht schwer sei, ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht, verstndig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn einredet: Mit einem Diebe -- ist man wie auf hoher See, mit einem Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch. Aber auch dem Gescheiten wei er ein krftiges Wort zu sagen, in der Fabel Teich und Fluß« tadelt er ihn heftig, weil er seine Fhigkeiten einschlafen lt, und in der Fabel Der Schriftsteller und der Ruber straft er ihn, weil er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mibraucht. berhaupt beschftigten ihn immer nur groe und bedeutende Fragen. Aus einem Buch kann jeder Mensch Belehrung schpfen, alle Stnde und Rnge im Staate, in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt: Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will, Mu er die Zgel fest, doch allzu straff nicht halten, ebenso wie der letzte Tagelhner, der in den untersten Reihen des Staatskrpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin, indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemht ist, ihrer Arbeit eine besondere Wrde zu verleihen. Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann, Der ungeehrt und im Verborgnen lebt Und den fr alle Sorgen, Mhn und Plagen Der einzige Gedanke nur erhebt! Er mu sie fr das allgemeine Beste tragen. Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis fr den hohen Sinn Krylows bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare Form zu geben, sie so allgemein verstndlich auszudrcken, wie Krylow. Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen Reizen und in ihrer drohenden Gre, ja selbst in ihrer Hlichkeit und in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprchs, die eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles ist so treffend ausgedrckt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit einer solchen Sicherheit erfat, da es eigentlich unmglich ist, festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise ausmacht. Der Versuch wre vergeblich, das Wesen seines Stils zu ergrnden. Der Gegenstand scheint berhaupt keine sprachliche Hlle zu besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet gleichfalls jeder Definition. Es lt sich nicht sagen, worin ihre Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfllig? Er fngt an zu tnen, wo sein Gegenstand zu tnen beginnt, er wird lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll und ehern, wo der Gedanke stark und krftig ist und er wird pltzlich leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten oberflchlichen Geschwtz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfigen Versmaen, bald wieder in schnellen einfigen; in der wohlberlegten Silbenzahl offenbart sich aufs deutlichste ihre unfabare Geistigkeit. Man denke blo an den groartigen Schlu der Fabel Die beiden Fsser: Den groen Mann erkennt man an der Tat Und die Gedanken, die sein Hirn erfllen, Denkt er im Stillen. Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte frmlich die Gre des in sich selbst versenkten Menschen herauszufhlen. Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie, nmlich zur satirischen Form hinbergeleitet. Wir Russen besitzen alle viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwrtern und Liedern zum Vorschein und, was das Merkwrdigste ist, hufig selbst da, wo die Seele ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt ist. Die Tiefe dieser urwchsigen Ironie hat sich uns noch nicht vllig erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflssen der europischen Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer heimatlichen Wurzel losgelst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die Fhigkeit ehrfrchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fnde. Alle unsere Dichter haben diese Fhigkeit besessen. Dershawin hat den greren Teil seiner Oden mit diesem krftigen Salze gewrzt. Wir finden sie aber auch bei Puschkin, bei Krylow, beim Frsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Frsten Dolgoruki; dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich, da unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemhte, seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Frst Kantemir mancherlei Stoffe fr die Satire und geielte in seinen Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft. Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen der bekanntesten Dichtungen und alle mglichen Parodien voll Spott und Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man denke nur an die Parodien des Frsten Gortschakow, an die Satire auf die Literaten von Wojeikow Das Irrenhaus und an die talentvollen Parodien Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer eigentmlichen slawischen Gutmtigkeit mischt. Indes die Satire brauchte bald ein greres Wirkungsfeld fr ihre Entwicklung, und so drang sie allmhlig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben Ursprung wie berall; wir begannen zunchst mit Nachahmungen; bald jedoch kamen auch originelle Zge zum Vorschein. In der Tragdie regten sich sittliche Mchte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich unter dem Einflu einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters darstellte; in der Komdie ergossen die Dichter ihren milden Spott ber die lcherlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der Menschen zu kmmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists, Frst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben wir ein achtungsvolles Gedchtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor zwei hervorragenden Werken, nmlich vor den beiden Komdien _Der Landjunker_ von Von _Wisin_ und vor Gribojedows _Verstand bringt Leiden_, die Frst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragdien genannt hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott ber die komischen und lcherlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mibruche in ihrem Innern aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit erschtternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt werden. Von diesen beiden Komdien hat jede eine besondere Epoche zum Gegenstand; die eine geielt die bel, die aus der Unbildung -- die andere die, die aus einer miverstandenen Bildung entspringen. Die Komdie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalitt des Menschen, dies Produkt einer stumpfen unerschtterlichen Stagnation der entlegenen Teile und Provinzen Rulands. Sie schildert die Rinde von Roheit und Brutalitt, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, da man in diesem Stck den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelste zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern, ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres Sohnes? Und doch fhlt man deutlich, da in keinem Lande, weder in Frankreich noch in England, ein solches Wesen mglich wre. Diese unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwrde eingebt hat, in so unnatrlicher Weise uert: in dieser sonderbaren Mischung mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so mehr hat sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe schwerfllige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden Leidenschaften kennt, geht vllig in einer stillen Liebe zum Vieh auf, die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich auf das Tier: die Schweine bedeuten fr ihn ebensoviel wie eine Gemldesammlung fr einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau Prostakowa -- dies unglckliche, vllig verschchterte Geschpf, in dem selbst die schwachen Krfte und Regungen, die noch in ihm waren, gnzlich durch die ewigen Nrgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Bses antun will, und der doch ganz unmerklich, infolge der bermigen Verzrtelung, und weil jeder seiner Wnsche erfllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung, am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h. seiner Mutter und seiner Wrterin, so da es ihm geradezu ein Genu ist, sie zu krnken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, berhaupt noch einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfhrt mit Schrecken, da bei ihnen weder der Einflu der Kirche noch die guten alten Sitten etwas auszurichten vermgen, von denen sich bei ihnen nichts als das Hliche und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu sprechen. In dieser Komdie erscheint alles wie eine monstrse Karikatur auf das Russentum, und doch enthlt sie nichts Karikiertes, alles ist mitten aus dem Leben geschpft und mit tiefster Seelenkenntis beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Ruland gestanden hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte. Die Komdie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche Epoche, sie schildert das bel, das durch eine schlecht verdaute Aufklrung, die oberflchliche Nachffung mondner uerlichkeiten statt des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich die Donquichotterien unserer europischen Bildung, die unorganische Vermischung der Sitten und Bruche, die die Russen so sehr ihrem eigenen Wesen entfremdet und zu Auslndern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus des Famussow ist ebenso tief erfat, wie der der Frau Prostakowa. Mit derselben Naivitt, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rhmt _er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des ganzen Standes, dem er angehrt: er ist stolz darauf, da die jungen Mdchen von Moskau die hchsten Tne singen knnen, da sie keine zwei einfache ungezierte Worte zu sagen vermgen, da seine Tre allen offen steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Auslndern und da in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun haben. Er ist ein Mann von gutem wrdigen Benehmen und zugleich ein Schwerenter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft hnlicher alter Herren weilt, wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf Schuweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hlt er nmlich fr jeden bereit, der die Bruche der vornehmen Welt nicht aufs strengste beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten Menschen, die trotz all ihres weltmnnischen _comme il faut_ gnzlich leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren Beschftigung mit dienstlichen Angelegenheiten fr die Gesellschaft ebenso schdlich sind, wie andere Leute sie dadurch schdigen, da sie dem Dienst zu entfliehen suchen und bestndig auf dem Lande sitzen, wo sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Gter darunter, da sie ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern berlassen und immer nur Geld fr Blle, sowie groe und kleine Diners von ihnen verlangen; damit zerstren sie das gesunde heilige Band, das einstmals den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nmlich alle mter und Posten ausschlielich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun haben und sich dem Miggang ergeben, berauben sie den Staat der wirklichen ttigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen sie von den jungen Leuten, da sie Tugend heucheln sollen, dabei aber fhren sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend gegen sich auf und pflanzen denen, deren Kpfe nicht allzu widerstandsfhig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Miachtung des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser ausgesprochene Lump, ber den alle schimpfen und der doch wunderbarerweise berall empfangen wird, ein Lgner und Gauner, der es aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflureichen Persnlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen wei, wofr sie eine schmhliche Schwche haben; ja er ist, wenn es darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkmpfer der Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entznden und alle Bcher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze ber die Lwen und Adler] zu verbrennen, womit er brigens verrt, da er, der sich vor nichts scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Geznk -- dennoch den Spott frchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder hervorragend ist eine dritte Figur: der trichte Liberale _Repetilow_, dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch immer erscheinen mag. Die ganze Nacht ber eilt er von Versammlung zu Versammlung, und freut sich, Gott wei wie sehr, wenn es ihm gelingt, Anschlu an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lrm gemacht und laute Reden ber Gegenstnde gefhrt werden, die er nicht versteht, und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hrt er sich all die verrckten Phantastereien begeistert an, und er ist berzeugt, da er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und da hier wirklich eine groe soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon offenbaren wird, wenn man nur gehrig Lrm macht, sich nachts recht hufig versammeln und heftige Diskussionen fhren wird. -- Auf derselben Hhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen Dienst so versteht, da es dabei lediglich darauf ankommt, die verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu knnen, der dabei aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung ber die Rnge und Titel festhlt. Er erklrt ganz offen, er halte sie fr die unentbehrlichen Kanle, die zum Generalsrang fhren; und habe er erst den, dann mge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine Sorgen, die Zustnde seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon berzeugt, da man Ruhe in der Welt schaffen knne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt. Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlstowa, diese traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialitt zweier Jahrhunderte. Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit und Hohlheit ererbt und fr diese fordert sie Achtung von der jungen Generation, sie verlangt, da dieselben Menschen, die sie verachtet, sie respektieren sollen, berhuft jeden, der ihr in den Weg luft, mit Vorwrfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafr aber protegiert sie kleine Negerjungen, Mpse und Leute von der Art einer Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwrtiges altes Weib im vollen Sinn des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glnzender Typus. Diese stumme gemeine Kreatur ist mit auerordentlicher Treffsicherheit erfat. Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geruschlos empor, schlummert doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein knftiger Sagorezki. Ein solcher Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung, eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernnftigen Sinn in seiner Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mute eine Reaktion hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem fhren, wie es in seiner ganzen Schroffheit durch Tschatzky reprsentiert wird. Tschatzky geht in seinem rger und in gerechter Emprung gegen alle diese Leute gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, da er gerade dadurch und durch seine unbeherrschte Sprache unertrglich und lcherlich wird. Alle Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der Unbildung, russische Ungeheuer, Krppel, vorbergehende Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente hervorgerufenen Grung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt sich der russische Brger. Der Zuschauer bleibt gnzlich im Ungewissen, wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese Persnlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und uert blo ihre Entrstung ber alles Gemeine und Verchtliche in der Gesellschaft, ohne in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild aufzustellen. Beide Komdien erfllen die Forderungen der dramatischen Technik nur schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige franzsische Stck berlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des Dramas wird weder straff geknpft noch kunstvoll gelst. Man hat den Eindruck, als htten die Komdiendichter sich hierfr nur wenig interessiert, als reprsentiere ihnen der Stoff nur einen andern hheren Inhalt, der allein fr das Auftreten und den Abgang ihrer Person magebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden des Stcks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre Anwesenheit zu erlutern und zu ergnzen und das satirische Gesamtbild zu vervollstndigen. Wre es anders, d. h. htten die Dichter die notwendigen Forderungen der Bhntechnik erfllt und jede ihrer Personen, die alle so auerordentlich glcklich erfat und gestaltet sind, sich vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloen Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wren diese beiden Komdien sicherlich zwei groartige Schpfungen des russischen Genius geworden. Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komdien nennen; eine so ausdrucksvolle und bedeutende Komdie hat es bisher, wie ich glaube, noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Anstze zu einer sozialen Komdie, indessen lie sich Aristophanes doch mehr durch persnliche Sympathien leiten, er geielte die Mibruche und Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein gengender Beweis dafr ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komdiendichter aber wurden von sozialen und nicht von persnlichen Motiven bewegt, ihre Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen unzhlige Mibruche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen selbst Fleisch und Blut, schien Krper geworden zu sein; am lyrischen Feuer der Entrstung entzndete sich ihr kraftvoller schonungsloser Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis, den Peter in Ruland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen unwillkrlich zu einem Vorkmpfer des Lichts macht. Beide Komdien sind keine eigentlichen Schpfungen der Kunst, und sind nicht aus der Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mute sich schon viel Schmutz und Unrat in unserem Lande angehuft haben, damit zwei solche Werke ganz aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns vorberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und da ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird. Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, da ihr Geist erloschen ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne, und die Trockenheit und die schwle Luft kndigen sein Nahen an. Schon heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspren wir die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Tne; noch vermag niemand diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken, da eine neue Zeit angebrochen ist, da sich neue Lebensgrundlagen herausgebildet haben, und da neue Fragen laut zu werden beginnen, die wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene Farbe und keine selbstndige Individualitt. Man tut sogar besser, diese Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, auer dem einen _Lermontow_, der die andern weit berholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine groe Zukunft htte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern ber ihn gewaltet htte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt htte, da dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr frh in solche Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine vorbergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein armes Pflnzchen, das sich vom mtterlichen Boden losgerissen hat, dazu verurteilt waren, traurig durch de Wsten zu irren, im sicheren Gefhl, da sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen wrden und da es ihr Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese herzzerreiende Gleichgltigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm schon so frh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbndnisse, die ohne Zweck und Ziel geknpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelst werden, das sind die Gegenstnde seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der _Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese Stimmung fr eine Weile populr und modern. Wie einst unter dem anfeuernden Einflu Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie die Enttuschung, die Entgeisterung, die _Desillusionierung_ im Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer bermigen Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind der Byronschen Enttuschung und Desillusionierung. Die Zeit, whrend der diese Stimmung herrschte, war freilich krzer, als die Dauer der beiden andern Modestrmungen, denn die Illusionslosigkeit hat fr niemand etwas Verlockendes. Lermontow glaubte, da ein Dmon der Verfhrung Macht ber ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung htte von ihm befreien knnen. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verfhrerischen Macht ber den Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow an, da diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der Mdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dmon aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: Ein Mrchen fr Kinder hat diese Gestalt mehr plastische Schrfe gewonnen, ist sie sinnvoller geworden. Vielleicht htte sich der Dichter, wenn er diese Erzhlung, die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt htte, ganz von diesem Dmon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen einer solchen Befreiung kann man bereits im _Engel_, im _Gebet_ und einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr Achtung und Liebe fr sein Talent besessen htte. Noch nie hat jemand eine _solche_ beinahe prahlerische Miachtung fr sein Knnen zur Schau getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, da er etwas wie Liebe fr die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zrtlichkeit einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis oder Puschkins Verse an. berall herrscht berflu und ein unntiger Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch nie hat jemand eine so korrekte, schne, duftige russische Prosa geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die lebendige Wirklichkeit, hier kndigt sich der knftige groe Maler und Darsteller russischen Lebens an .... Da aber ri der Tod ihn pltzlich von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches. Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehrt und in der ein Dichter nicht weilen darf, reit ihn mit einem Schlage ein pltzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem andern whrend eines einzigen Dezenniums in der Blte ihres Mannesalters und ihrer Krfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere leichtsinnige Generation fhlte sich nicht im geringsten erschttert. Doch es wird endlich Zeit, da wir zum Schlu noch etwas darber sagen, was denn eigentlich unsere Poesie berhaupt darstellt, wozu sie da ist, welchem Zwecke sie gedient und was sie fr unser ganzes russisches Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der Gesellschaft beeinflut, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie der Gesamtheit, gem dem Geist des Landes und den wurzelhaften Krften des Volkes, die die treibenden Mchte des Staates sein mssen, hhere Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer Gesellschaft -- eine vollstndige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast vllig unbekannt geblieben, unsere Gesellschaft wute so gut wie nichts von ihr; unser Publikum geno damals eine andere Erziehung unter der Leitung franzsischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer aus aller Herren Lnder, aus allen Stnden und Berufen, von Menschen ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundstze und Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war vergessen, so da unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber doch einmal glckte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah dies stets auf unnatrlichen Seitenwegen: entweder eine glcklich erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein minderwertiges Gedicht, das den fremdlndischen -- freigeistigen Ideen, die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht worden waren, nicht entsprach, wurde der Anla, da das Publikum etwas von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte aufhielt. Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft. Sie schwebte die ganze Zeit ber gleichsam hoch _ber_ der Gesellschaft, wie im Gefhl, da ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herablie, so nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geiel der Satire zu treffen, nicht aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist hchst merkwrdig: trotz alledem waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor Augen stellt, scheint er uns zu bertreiben und wir wollen nicht recht daran glauben, was Dershawin uns ber uns selbst sagt. Wenn aber ein Schriftsteller die hlichen und unwrdigen Zge unseres Wesens schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das Bild, das er von uns entwirft, fr eine Karikatur. In der Tat, in beiden Fllen ist irgendwo eine bertriebene, bersteigerte Kraft oder Potenz vorhanden, und doch ist tatschlich nichts bertrieben. Der Grund fr die erstere ist der, da unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon in dem Keim, der dem gewhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die knftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens in gereinigter, geluterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund der zweiten Erscheinung ist der, da unsere satirischen Schriftsteller, wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Hliche und Gemeine in den wirklich existierenden Reprsentanten des Russentums nur um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Emprung verlieh ihnen die Fhigkeit, eine Sache weit klarer und schrfer zu beleuchten, als sie dem gewhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in der letzten Zeit von allen unseren Charakterzgen -- die Spottlust am allerstrksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder ber seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas, eine Neigung, ber alles zu spotten: ber das Alte wie ber das Neue, und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in seiner Vollstndigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehuft, sie hat nur alle einzelnen Zge unserer vielseitigen Natur wie in einer Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefhl, da die Zeit noch nicht gekommen sei, uns vollstndig und allseitig darzustellen, uns unserer Eigenart zu rhmen, da wir uns vielmehr erst organisieren, uns selbst finden und Russen werden muten. Unsere russische Natur ist heute erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form annehmen zu knnen; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von berall her in unser Land verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir nur ein unreifes unvernnftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben unsere Dichter gefhlt; aus diesem Gefhl heraus war es gleichsam ihre stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Zge unseres Wesens nicht untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste berall, wo sie es fanden, und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle, was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das brige zu kmmern. Unsere Poesie hat nicht fr ihr Zeitalter getnt, sie lie ihre Stimme erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen wrde, wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkrperung des Menschen im Bilde, fr das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Gehei aus den eigenen urwchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz Ruland ergreifen und zum sehnlichsten Wnsche aller Russen werden wrde -- damit wir uns dann darber klar wren, was alles an Gutem und Schnem und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schtze werden sich uns immer mehr enthllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden. In dem Mae, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden wir auch ihre anderen hheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, da sie nicht blo die Hter unserer Schtze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch unsere Baumeister waren, sei es nun, da sie sich dessen bewut waren oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so viel hheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen Charakterzge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthllen. Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes von einer ungeheuren, fast biblischen Gre zu zeichnen, hatte nichts Willkrliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die mchtigen Zge eines groen und gewaltigen Menschen sind in ganz Ruland berall so lebendig, da selbst Auslnder, die etwas von Ruland kennen gelernt haben, darber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten und Gebruchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Ruland Europa von einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine Verwunderung ber die schlichten Bewohner unserer Bauernhtten nicht zu verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwrdigen weihaarigen Greise, die an der Schwelle der Htten sitzen; erschienen sie ihm doch wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als einmal mute er gestehen, da ihm in keinem Lande Europas, das er bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die patriarchalisch biblische Gre gemahnenden Erhabenheit erschienen war. Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mchtigen Ha gegen unser Volk erfllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese Feinfhligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei Puschkin mit solcher Strke uert, ist eine unserer nationalen Eigentmlichkeiten. Man denke blo an die Ausdrcke, mit denen das Volk selbst diesen eigentmlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick unttig sein kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ fr einen Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl derartiger Ausdrcke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz auerordentlich gro. [Funote 5: Der Marquis Custin.] Das ist ein groer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes, das Dershawin gezeichnet hat, wre noch nicht vollstndig und wrde noch nicht die ganze herbe Gre atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen Gefhl, an der Fhigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen ber die Schnheit der Schpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige Mitte, das Ma eines jeden Dinges zu finden wei, wie wir ihn besonders bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow uert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht, das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrcken vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener sichere Takt, den wir durch unsere weltmnnische Erziehung und Bildung verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser Bauer versteht es, so freimtig mit allen Hhergestellten und ber ihm Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, whrend wir es hufig nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafr aber einmal in einem von uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich vorhanden ist, dann geniet er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie gestatten wrde, ihm nimmt niemand etwas bel. Alle unsere Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmtigsten unter ihnen und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche Wagemut_ und dieser strmische Drang, seine Krfte fr alles Hohe und Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die berschumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet, sich fr eine groe Sache, deren kein andres Volk fhig ist, einzusetzen -- solch eine Aufgabe schmilzt pltzlich die ganze bunte, mit sich im Streit liegende Masse in einem mchtigen Gefhl zusammen; jeglicher Streit, alle engherzigen persnlichen Interessen -- alles ist vergessen, und ganz Ruland steht pltzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale Eigentmlichkeiten unseres Volks, die in ihnen blo schrfer und deutlicher zur Ausprgung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht pltzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor. Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon dadurch viel Gutes geleistet, da sie einen bisher noch nie bekannten Wohllaut verbreitet haben. Ich wei nicht, ob die Dichter irgendeiner andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versma und seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten, hundertjhrigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu sein scheint, dieser mit allen Dften des Mittags gesalbte Vers Batjuschkows, s wie der Honig aus Bergschlchten, dieser leichte therische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer olsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers und hufig von einer bitteren, qulenden russischen Schwermut durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flten einer herrlichen Orgel einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen. Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mgen, die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme von etwas Hheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde auserprobt, hat die Einflsse der Literatur aller Vlker erfahren, hat der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache geschaffen, um alle Menschen fr eine grere Aufgabe vorzubereiten. Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige, sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewute junge Dichtergeneration leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen -- so schn und beglckend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne ihre hhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darber klar zu sein, wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin lt sich nicht wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch durch die stolze Selbstbewutheit der Geste: heute mu der Dichter eine hhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der Poesie. Wie sie whrend der Kindheit der Vlker dazu diente, die Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, hheren Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um unsere zeitlichen Gter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer Schpfer selbst fr die Perle Seiner Schpfungen hlt. Zahlreiche Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie mu der Gesellschaft alles wahrhaft Schne wieder zurckerstatten, was ihr durch das sinnlose Leben von heute geraubt ward. Nein, diese knftigen Dichter werden keinem von unseren frheren Poeten hnlich sehen. Sogar ihre Sprache wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel lebendiger und krftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener eigene urwchsige Quell unserer Poesie nicht krftig und hoch genug, der schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strmte, als selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer erscheint dieser unerklrliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren Liedern entgegentnt, und ber das Leben und sogar ber das Lied selbst hinweg in unbekannte Fernen strmt, noch erscheint uns dieser glhende, verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein Rtsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren vielugigen Sprichwrtern verborgen ist, vllig Fleisch und Blut geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und traurigen Zeitalter so groe und bedeutsame Folgerungen und Schlsse zu ziehen, als dem Menschen in Ruland noch so enge Grenzen gezogen waren, als er noch gezwungen war, in einem so trben Sumpfe zu leben; so sind sie uns eine lebendige Mahnung, was fr gewaltige Folgerungen der moderne Mensch in Ruland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen. Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer hchsten Verstandsreife und Nchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesngen herstammt und die Seele unserer Dichter noch unbewut begeistert, wie ihm die heimatlichen Klnge unserer Lieder unbewut ans Herz greifen. Und endlich ist uns auch unsere merkwrdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthlt smtliche Tne und Farben, alle Klangnuancen, von den krftigsten bis herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der biblischen Kirchensprache schpft und sich andererseits die treffendsten Ausdrcke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt, aneignet; so gewinnt sie die Mglichkeit, sich in ein und derselben Rede bis zu einer Hhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verstndlich ist; -- eine Sprache, die selbst und an und fr sich schon dichtet, und die nicht umsonst fr eine geraume Zeit von den vornehmen Stnden vergessen worden war. Es war eine Notwendigkeit, da wir alles Hliche und Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdlndischen Bildung angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und ausplauderten, damit alle die unklaren Tne und die ungenauen Bezeichnungen fr die Dinge -- diese Produkte ungeklrter und verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche Klarheit unserer Sprache nicht mehr trben, und da wir nunmehr mit dem Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurckkehren konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch Felsblcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl Engel empfinden mgen, wird unserer Poesie einen mchtigen Impuls verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen anklingen, und selbst die rohesten Gemter mit jenem heiligen Gefhl der Ehrfurcht erfllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen einzupflanzen vermgen; sie wird unser Ruland ans Licht rufen -- unser russisches Ruland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem Vaterland entfremdete Russen bers Meer herberbringen wollen, nein, das Ruland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns hinstellen wird, da alle bis auf den letzten, so verschieden ihre Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mgen, einstimmig ausrufen werden: Ja, das ist _unser_ Ruland; hier fhlen wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo drauen in der Fremde! XXXII Auferstehungstag Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser Tag sich berall in allen andern Lndern kaum von den andern Tagen unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Ttigkeit nach, das Leben nimmt seinen gewhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche alltgliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und seine Gedanken schweifen unwillkrlich nach Ruland hinber. Es will ihm so dnken, als ob dieser Tag dort schner gefeiert wird, als ob dort der Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das Leben dort ein anderes und nicht so alltgliches Gewand trage. Er denkt an die feierliche Mitternacht, an das Glockengelute, das das ganze Land durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton verschmelzen lt, er denkt an den Ruf Christ ist erstanden, der an diesem Tage an die Stelle aller andern Gre tritt, an diesen Ku, den man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, da er ausrufen mchte. Nur in Ruland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit gefeiert werden sollte! Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er tatschlich nach Ruland versetzt wird, und sich blo daran erinnert, da dies ein Tag voll schlfrigen Hin- und Herrennens, voll trichten Getriebes, sinnloser Besuche, bewuten Nichtzuhausetreffens, statt eines Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigenntzigen Grund; man braucht nur daran zu denken, da sich der Ehrgeiz an diesem Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und da nicht etwa von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was fr eine Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl fr ein Geschenk erhalten wird; ja da selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der Festmesse und noch ehe die Sonne ber der Erde aufgegangen ist, trunken ber die Strae schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, da das hchstens eine Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und da es einen solchen Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Ku auf die Backe, um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder lieben mu, oder ruft irgendein [rckstndiger] Patriot voll Emprung ber unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht macht und behauptet, bei uns gbe es berhaupt nichts Ordentliches, wtend aus: Wir haben alles: ein schnes Familienleben, schne Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir erfllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller Menschen verdient. Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und uerlichkeiten, nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Ku, der dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, da wir an diesem Tage den Menschen tatschlich wie unser hchstes Kleinod ansehen lernen -- und ihn so in unsere Arme schlieen und an unser Herz drcken, wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, da wir uns so ber ihn freuen, wie ber den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch strker sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen, sind strker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit nher steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage -- in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten unserer Brder eine himmlische Verbrderung feiert, und davon ist kein einziger Mensch ausgeschlossen. Wie gelegen mte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglck der Lieblingsgedanke fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu umarmen, wo viele bestndig davon trumen, den inneren Wert und die Wrde des Menschen zu heben, wo die gute Hlfte der Menschen bereits feierlich anerkannt hat, da nur das Christentum das vermag, wo man bereits fordert, da das Gesetz Christi weit inniger mit unserem Familien- und Staatsleben verwachsen msse [ja wo bereits davon gesprochen wird, da alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und Unglcklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprchsstoff unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitren Anstalten [all dieser Hospize und Asyle fr Obdachlose] die Erde schon zu eng zu werden beginnt. Wie freudig mte eigentlich das neunzehnte Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum Probierstein dafr, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie sie lediglich [schne Trume und] bloe Ideen sind, die zu keinen Taten fhren. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen unserer Brder wie einen Bruder zu umarmen -- so tuen wir es nicht. Wir sehnen uns danach, die ganze Menschheit brderlich an unseren Busen zu drcken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser Menschheit abzulsen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten, und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, -- so werden wir ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur ein einzelner Mensch abzulsen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt, in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns berstimmt -- so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit abzulsen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren Schden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr Anspruch auf unser Mitleid hat als sie -- so werden wir ihn von uns stoen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme schlieen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie zusammengestoen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres Jahrhunderts die ganze Menschheit beglcken will, und das sind hufig gerade die Menschen, die von sich glauben, da sie wahre Menschenfreunde und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Strae hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhuser getrieben, statt Ihn bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da glauben sie noch, sie seien Christen!] Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht wrdig, nicht so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein schreckliches, unberwindliches Hindernis entgegen: es heit: _Hochmut_. Dieser Hochmut war auch den frheren Zeitaltern bekannt, aber jener Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage. Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts ist der Stolz auf unsere Reinheit. Hocherfreut darber, da sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen berholt und bertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit vllig in ihre Reinheit und Schnheit verliebt. Niemand schmt sich mehr, sich ffentlich der Schnheit seiner Seele zu rhmen und sich fr etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch fr einen wahren Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hlt, wie schonungslos und mit welcher Schrfe er ber andere Leute urteilt. Man mu nur einmal hren, mit was fr Grnden er sich dafr rechtfertigt, da er seinen Bruder nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne innerlich zu erbeben, erklrt er: Ich kann diesen Menschen nicht umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er atmet, ich mache einen groen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen und um ihm nicht zu begegnen. -- Ich kann nicht mit gemeinen und verchtlichen Leuten zusammen leben -- und da sollte ich einen solchen Menschen wie meinen Bruder umarmen? Ach! der arme Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, da es an diesem Tage weder gemeine noch verchtliche Menschen gibt und da alle Menschen -- Brder, Kinder derselben Familie sind und da jeder Mensch keinen andern Namen als den: _Bruder_ trgt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er hat vergessen, da er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und verchtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick veranlat werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet, was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, da er auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer etwas anderen Art, eine genau so scheuliche Handlung begehen kann, die in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrckt, _derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schssel serviert_. Es ist alles vergessen! Er hat vergessen, da die Zahl der gemeinen und verchtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich gestoen und so dazu beigetragen haben, da sie ihr Herz noch mehr verhrteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Wei Gott, vielleicht wird mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht htte er freudig jedem Hnde und Fe gekt, dessen Seele von Mitleid fr ihn ergriffen, ihn daran verhindert htte, in den Abgrund zu strzen; vielleicht htte ein einziger Tropfen Liebe ihm gengt, um ihn auf den rechten Weg zurckzufhren. Wie wenn es so schwer gewesen wre, auf dem Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein Inneres schon so sehr verhrtet htte, als ob er schon so ganz zu Stein geworden, da er keiner warmen Regung mehr fhig gewesen wre, wo doch selbst der Ruber noch dankbar ist fr ein Zeichen der Liebe und selbst das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat. Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er stt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen ausstzigen Bettler von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kmmern ihn die Leiden des andern, er will blo seine eiternden Schwren nicht sehen. Er will nicht einmal sein Klagelied hren, damit seine Nase den belduftenden Hauch, der aus dem Munde des Unglcklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er, der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern knnen? Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mchtiger ist als die erste, -- das ist der _geistige_ Hochmut. Nie noch hat er solche Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem in der Furcht zum Ausdruck, fr einen Dummkopf gehalten zu werden, einer Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit kann alles ertragen: er kann es ertragen, da man ihn einen Lumpen oder einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen -- es lt ihn kalt -- nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, da man sich ber seinen Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so leichte Spott ber seinen Verstand gengt ihm, um seinen Bruder, wie es der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht fr ihn. Er hat sogar vergessen, da auch der Verstand erst fortschreitet, wenn alle sittlichen Krfte des Menschen fortschreiten und sich entwickeln, und da er sich sogar zurckentwickelt, wenn die sittlichen Krfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, da kein Mensch smtliche Verstandeskrfte in sich vereinigt, da ein anderer Mensch gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist fr ihn eine Lge. Sein Vernunftstolz hlt jeden Schatten christlicher Demut von ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kmpft man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus persnlichem Ha oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die Leidenschaften des Verstandes: heute bekmpft man sich und streitet man sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der Widersprche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persnlich noch nie etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glhend hassen. Ist es nicht merkwrdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Ha und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Ha und Bosheit von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flgeln der Zeitungsbltter herangeflogen und fallen wie ein verheerender Heuschreckenschwarm von allen Seiten ber die Herzen der Menschen her. Schon hrt man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene berzeugung zu reden, nur um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu rumen, und nur weil ihr Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen -- schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen. Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen Liebe zum Menschen fhig sein? Er sollte sich mit jener reinen Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivitt erfllen knnen, die alle Menschen zu einer groen Familie macht? Er sollte etwas von der Sigkeit und Schnheit unserer himmlischen Brderschaft empfinden knnen? Er sollte diesen Tag feiern knnen? Ist doch selbst jene uere gtige Geste, jener Ausdruck der Gte verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem gegenber man das Gefhl hat, als htte der Mensch damals dem Menschen viel nhergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts hat ihn vernichtet und zerstrt. Ohne jede Maske ist der Teufel in der Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in verschiedenen Gestalten und schreckt keine aberglubischen Menschen mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fhlt, da man seine Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstnde mit den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich vor ihm beugen; die trichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie sie bisher noch nie gegeben worden sind -- und die Welt sieht es und wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine harmlose Spielerei gefallen lie und die jetzt als absolute Herrin und Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im Menschen austreibt. Kein Mensch frchtet sich noch, die wahrsten und heiligsten Gebote Christi zu bertreten, wohl aber frchtet er sich, die unsinnigste Anordnung der Mode unerfllt zu lassen, und er zittert vor ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, da selbst die, die sich ber sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln, die uns weit strker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritten, die sich neben den gesetzmigen rechtmigen Autoritten installiert haben -- was bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflsse? Was hat es zu bedeuten, da heute nur noch Nherinnen, Schneider und alle mglichen Handwerker die Welt regieren, whrend die Gesalbten Gottes abseits stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche berzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter Leute, und ein Zeitungsblttchen, von dem jedermann wei, da es nichts wie Lgen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber ber die Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und wagt's nicht, sich zu rhren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit! [Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge berhaupt noch die heiligen Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer Beherrscher keine Macht mehr ber uns hat? Oder ist das etwa ein neuer Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwcher] zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich fr alle ein unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da] Menschen, denen es so vorkommt, als wrde es an diesem Tage heller in ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen, jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen eines ewigen Frhlings, in ihre Seele hinberstrmt, jener herrlichen Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist? Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht fr immer vergessen und warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild? Wie kommt das nur, und was hat das alles fr einen Zweck? Als ob man wirklich nicht wte, was es fr einen Sinn und Zweck hat? Sieht man denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen, die noch etwas von dem Frhlingshauch dieses Festtags verspren, pltzlich so traurig ums Herz wird, auf da sie von einer Trauer befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf da sie ihren Brdern mit einem herzzerreienden Aufschrei zu Fen fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen den Reihe der brigen Tage zu entreien und nur diesen einzigen Tag nicht nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu umfassen und in die Arme zu schlieen wie ein Freund, der sich schuldig fhlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er ihn schon morgen wieder von sich stoen und ihm erklren sollte, er sei ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um _einmal_ diesen Wunsch zu fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott wei, vielleicht wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns hilft, an ihr emporzuklimmen. Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und nchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, blo das Riesengespenst der Langenweile wchst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure. Alles ist wst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie de und schrecklich wird Deine Welt! Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur in seinem Vaterlande wrdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum? Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen? Wirklich, was hat es zu bedeuten, da [dieser Festtag selbst verschwunden ist und da] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hrt die von Kssen begleiteten Worte: _Christ ist erstanden_; mit der gleichen Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhrlich ber das ganze Land dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die Sitten und Bruche, die ewig whren sollen, knnen nicht vergehen. Der Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie knnen wohl zeitweilig verblassen, sie knnen zugrunde gehen und absterben fr eine geist- und herzlose, fr eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu gekrftigt auf in den Auserwhlten, um in ihnen in hellem Lichte aufzustrahlen und sich ber die ganze Welt zu ergieen. Kein Titelchen von unseren alten Sitten und Bruchen, nichts, was an ihnen wahrhaft russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn. Die helltnenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der Wohllaut ausstrmende Mund unserer Priester wird es weithin verknden; das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen -- und der heilige Auferstehungstag wird wrdig gefeiert werden --, weit frher, denn von einem andern Volke. Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen knnen wir unsere Behauptung grnden? Sind wir etwa besser als andre Vlker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nhergekommen als sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. Wir sind schlimmer als alle anderen -- so mssen wir stets von uns sagen.] Aber es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheit. Gerade die Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheiung. Wir sind noch ein flssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist; wir haben noch die Mglichkeit, das, was nicht zu uns pat, abzustoen und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Vlker schon nicht mehr fhig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in ihr erstarrt sind. Da in unserem innersten wahren Wesen, das wir vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt ist -- dafr ist schon allein das ein Beweis, da Christus nicht mit dem Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und da der aufgepflgte und wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte entgegenstreckte, da das Prinzip der christlichen Brderlichkeit tief in unserer slawischen Natur begrndet ist, und da die Verbrderung der Menschen untereinander uns nher am Herzen liegt, als unser heimatliches Dach und die Blutsverwandtschaft, da bei uns noch nichts von jenem unvershnlichen Ha der Stnde und jenen gehssigen Parteiungen bekannt ist, die wir in Europa finden und die ein unberwindliches Hemmnis fr die Eintracht der Menschen und die brderliche Liebe bilden, da wir endlich Mut und Khnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in hnlicher Strke besitzt und da, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen, die kein andres Volk zu lsen vermchte, wie etwa folgende: mit einem Schlage alle unsere Fehler und Mngel und alles, was den hohen Sinn der Menschheit schndet, abzuwerfen, -- da wir uns dann, alle unsere krperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schndet, von uns stoen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre ganze Habe, ihre Huser und ihre irdischen Besitztmer verbrannten; dann wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurckbleiben wollen; in solchen Augenblicken ist jeder Ha und Streit, jede Feindseligkeit vergessen, der Bruder drckt den Bruder an den Busen, und ganz Ruland ist nur ein einziger Mensch. Das ist's, worauf wir die Behauptung grnden knnen, da der Auferstehungstag von uns frher gefeiert werden wird, als von den andern Vlkern. Das sagt mir deutlich meine innere Stimme, und das ist kein bloer Gedanke, der meiner Phantasie entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine gttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben Zeit werden sie wie aus _einem_ Munde verkndet. Ich wei es bestimmt, da, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Ruland mehr als ein Mensch fest daran glaubt und schon heute spricht: Frher denn in irgendeinem andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert werden. Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt. Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verndert. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt, teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher): [S. 18]: ... den Weg geben, und dann den Gutsherren ber alles ... ... den Weg geben, und dann dem Gutsherren ber alles ... [S. 25]: ... ich nicht Mutter eine Familie; dann knnten Sie Ihren ... ... ich nicht Mutter einer Familie; dann knnten Sie Ihren ... [S. 71]: ... Menschen, von Kopf bis zu den Fen, ja bis zu ... ... Menschen, vom Kopf bis zu den Fen, ja bis zu ... [S. 125]: ... der der ueren Form nach: seine gewhnlichen groben und plumpen ... ... der ueren Form nach: seine gewhnlichen groben und plumpen ... [S. 186]: ... Ich wei nur, da ich diesen Vorwurf sehr deulich vernommen ... ... Ich wei nur, da ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen ... [S. 206]: ... besitzen Sie nicht. Sie lieben Ruland noch nicht. ... ... besitzen sie nicht. Sie lieben Ruland noch nicht. ... [S. 235]: ... fr erste damit, mir alles mitzuteilen. Auerdem bitte ... ... frs erste damit, mir alles mitzuteilen. Auerdem bitte ... [S. 248]: ... uere, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ... ... ueres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ... [S. 248]: ... harrt, ihre himmliche Bestimmung klarzumachen: uns ... ... harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns ... [S. 253]: ... haben, mit neuem frischeren Mut als frher an ... ... haben, mit neuem frischerem Mut als frher an ... [S. 255]: ... An B. I. B. ... ... An B. N. B. ... [S. 285]: ... Verhltns zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ... ... Verhltnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ... [S. 287]: ... wiederspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ... ... widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ... [S. 293]: ... Ich habe lange darber nachgedacht, wen von ihnen ... ... Ich habe lange darber nachgedacht, wen von Ihnen ... [S. 295]: ... der Ausgaben fr die Wohnungsmiete, die Heizung; ... ... der Ausgaben fr die Wohnungsmiete, die Heizung, ... [S. 310]: ... nicht aus jenem in einen fehlerhaften Zirkel verlaufenden ... ... nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden ... [S. 313]: ... Seele hinein, wei Gott, vielleicht werden sie in ihr ... ... Seele hinein, wei Gott, vielleicht werden Sie in ihr ... [S. 314]: ... Seelenverwandschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ... ... Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ... [S. 331]: ... in Ihrem Verkehr mit den weit entfernten ... ... in ihrem Verkehr mit den weit entfernten ... [S. 333]: ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sichs ... ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich ... [S. 334]: ... dem Generalgouwerneur. ... ... dem Generalgouverneur. ... [S. 335]: ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Da ... ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das ... [S. 344]: ... Ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ... ... ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ... [S. 350]: ... und Unfhigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichrichtungen, ... ... und Unfhigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen, ... [S. 350]: ... Sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ... ... sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ... [S. 377]: ... ersten Bekanntchsaft mit beiden Dichtern aufdrngt, ... ... ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrngt, ... [S. 380]: ... der voller plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ... ... der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ... [S. 380]: ... Schlgt mit den Dreizack nach den Schiffen, ... ... Schlgt mit dem Dreizack nach den Schiffen, ... [S. 393]: (mehrfache Flle) ... wie z. B. Bayron oder selbst viele andre Dichter ... ... wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter ... [S. 412]: ... Menschen, dem die reichsten und manigfaltigsten Talente ... ... Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente ... [S. 412]: ... Bettler. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ... ... Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ... [S. 413]: ... Talent fr radikale endgltige Folgerungen, da dem ... ... Talent fr radikale endgltige Folgerungen, das dem ... [S. 424]: ... singen knnen, da sie keine zwei einfachen ungezierten ... ... singen knnen, da sie keine zwei einfache ungezierte ... [S. 438]: ... oder nicht; jedesfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ... ... oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ... [S. 450]: ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einen Invaliden, ... ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, ... [S. 456]: ... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ... ... der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ... [S. 461]: ... ihren Brdern mit einem herzerreienden Aufschrei zu ... ... ihren Brdern mit einem herzzerreienden Aufschrei zu ... End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by Nikolaj Gogol License: Share Alike