Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library Nikolaus Gogol Briefwechsel II Nikolaus Gogol Smmtliche Werke In 8 Bnden Herausgegeben von Otto Buek Band 8 Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1914 Nikolaus Gogol Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden Zweiter Teil Hans Kchelgarten Deutsch von Ulrich Steindorff Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1914 An Arkadius Ossipowitsch Rosetti Neapel, im Jahre 1847. Ich wei nicht, wie ich Ihnen fr Ihren Brief und die zahlreichen Mitteilungen danken soll, die er enthlt, liebster, bester Arkadij Ossipowitsch. Wenn ich hufiger das Glck htte, solche Briefe zu erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe zu mir erfllt wren, mte ich schon lngst viel klger sein, als ich es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen will, jemand in irgendeiner Weise davon zu berzeugen, da ich wissen mu, was man ber mich spricht, da das die einzige Gelegenheit fr mich ist, etwas zu lernen, kurz, da es einen Menschen gibt, dem man die Wahrheit sagen mu, so hart und bitter sie auch sein mag, und fr den selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Ha und der Lieblosigkeit entspringen, ein Bedrfnis sind? So war denn auch einer der Grnde, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das Bedrfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als dadurch, da man ihn erzrnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen, die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer empfindlichsten Stelle treffen muten. Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide auerordentlich darunter, da ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen Umstnden kennen mte; ich leide darunter, da ich eigentlich gar nicht wei, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, mter und aller Bildungsstufen in Ruland darstellen. Alles, was ich hierber bisher unter einem ungeheuren Aufwand von Mhe ermitteln konnte, ist nicht ausreichend, wenn meine Toten Seelen das werden sollen, was sie eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach drste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschlu der Bedienten und Lakaien ber mein gegenwrtiges Buch sagen -- nicht eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der Beurteiler mit seinem Urteil ber das Werk am besten charakterisiert. Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst fr ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gtiger Mensch oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, da Sie es sich heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewutsein bringen knnen, wie an diesem, was der Russe von heute fr ein Mensch ist. Ich kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen Gebrechen leiden, einen wohlttigen Einflu auszuben, ich hatte erwartet, da sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten uern wrden, als das wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter fr mich, vieles mitanhren zu mssen. Aber wie danke ich Gott heute dafr, da es gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt unwillkrlich gentigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt die Mglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, da meine Persnlichkeit hierbei Schaden gelitten hat (ich mu es Ihnen gestehen; ich brenne noch heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaend ich mich an vielen Stellen ausgedrckt habe: fast la Chlestakow), so mu man doch immer Opfer bringen. Ich brauchte eine solche ffentliche Ohrfeige, ja ich hatte sie vielleicht ntiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umstnden Nutzen zu ziehen: Gott hat pltzlich einen ganzen Haufen von Schtzen vor mir ausgeschttet, so da ich mit beiden Hnden danach greifen mu, wenn ich sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas, dessen nur ein Christ fhig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten fr mich auf, wo Sie sie immer finden mgen. Es wre Ihnen ein leichtes, sich tglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu machen wie z. B. die folgenden: Heute habe ich den und den, die und die Meinung uern hren; ber das Leben dieses Menschen ist folgendes bekannt, er hat einen solchen Charakter (kurz, Sie knnten mir in flchtigen Zgen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts ber ihn bekannt, so schreiben Sie: ber sein Leben kann ich nichts in Erfahrung bringen, ich glaube aber, da er das und das ist; uerlich macht er einen guten und anstndigen (oder unanstndigen) Eindruck; er hlt seine Hnde so; schneuzt sich folgendermaen; er schnupft Tabak und zwar in folgender Weise; kurz, Sie drfen keinen Zug vergessen, der Ihnen ins Auge fllt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie jeden geringfgigen Umstand sorgfltig buchen. Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und Reihenfolge zu geschehen: man wirft blo zwei, drei Zeilen aufs Papier, ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar berzeugt, da dies eine angenehme Beschftigung fr Sie sein wird, weil Sie stets das schne Bewutsein haben werden, da Sie das fr einen Menschen tun, der Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so groe Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhlt. Was soll ich machen, wenn dies Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur fr ein Spielzeug gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist; es ist sogar so wenig ein Spielzeug, da, wenn ich nicht genug von diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen Toten Seelen pltzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann und lauter Dinge zum Vorschein kommen knnen, wie Sie sie in meinem Buche gefunden und die Ihnen so mifallen haben. Glauben Sie mir: wenn dies Buch nicht erschienen wre, htte ich nie jene kunstlose Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der Toten Seelen herrschen mu, wenn sie jedermann fr einen treuen Spiegel des Lebens und nicht fr eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch groen Umweg man machen mu, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut besser, hierber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist alles, was ich zu sagen vermag. Was nun die Verffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band herauszugeben -- ist mir unmglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor, die nicht vergessen werden drfen, und ber meine ganze Zeit habe ich schon disponiert; zudem wrde ein ganz hnliches Werk nicht einmal Aufsehen erregen. Ich mchte nur, da Wjasemski seine Bemerkungen dazu macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch einmal durchsehen und verbessern, so da selbst der schlichteste Zensor, auch ohne da sie vor eine hhere Instanz zu gelangen brauchten, die Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es nur verstndig auszudrcken versteht. Der Mierfolg der besten und hochherzigsten Unternehmungen rhrt meist von unserer Ungeschicklichkeit her -- da wir gewhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken: Man mu Wasser in seinen Wein gieen (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber verdnne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit groer Sicherheit und hochmtiger Miene Ratschlge zu erteilen, die wir in dem Tone eines Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, da er sich irren knnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, knnen wir sicher sein, da unsere Gedanken von vielen Lesern beifllig aufgenommen und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehrt, mag fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden; wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrngt, da soll sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon gedruckten Stze einen mavolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders verffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine hhere Bedeutung verleihen und die Menschen in Ruland an _Ruland_ erinnern und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen werden. Obwohl es groe Mngel hat, -- es ist nicht auf kurze flchtige Eindrcke berechnet. Man mu es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur fr die, die es berhaupt nicht verstanden, sondern auch fr die, die es besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergrndet werden knnen. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wre sehr schn, wenn die vollstndige Ausgabe im September erscheinen knnte. Das Buch wird gekauft werden, man kann nmlich noch einiges hinzufgen, was dazu beitragen knnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu lesen. Sie danken mir dafr, da ich Ihnen (durch die Bemhungen um mein Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele nher kennen zu lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafr, da Sie mir einige Mitteilungen ber ihn zukommen lieen, um derentwillen ich ihn heute noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit hher schtze als je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem schnen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich dafr geben wrde, wenn ich ihn jetzt sehen, persnlich mit ihm sprechen und ihn an meine Brust drcken knnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie aufs herzlichste, mein unschtzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich Ihnen vielmals fr Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr Gogol. _P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Bchern eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind. Alle andern erhalten durch den Kurier die schnsten Sachen zugestellt; sogar Buchweizengrtze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblttchen. Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu besttigen. Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn. [Funote 1: Getrocknete Rckensehne vom Str, die in Ruland zur Fllung von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.] ber den Zeitgenossen (Sowremennik) Ein Brief an P. A. Pletnew Den 4. Dez. 1846. Endlich komme ich dazu, mit dir ber den Zeitgenossen zu sprechen. Der Zeitgenosse war eine schlechte Zeitschrift trotz des vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses schne Ziel, um dessentwillen du ihn gegrndet hast, war aus der Zeitschrift fr niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil, alle Leute fragten betroffen: Erklren Sie mir bitte, warum und zu welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit sagen? Was wollen diese Gemeinpltze in seinem Programm bedeuten, diese vielen Wiederholungen ber Unparteilichkeit, seine uneigenntzige Liebe zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die jeder Journalist macht und doch keiner hlt? Der magere Inhalt dieser dnnen Bchlein, der leblose, gleichgltige, matte, verwaschene Stil, in dem seine Urteile ber alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein Rtsel auf: warum heit die Zeitschrift Der Zeitgenosse? Wir wollen ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung: weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung fr alle modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde fr alle Fragen, die die groe Masse unserer Gesellschaft beschftigen, noch endlich jenen enzyklopdischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blten, die im Garten der Poesie wachsen, zu ergtzen und die hchsten Regungen der Menschenseele zu verstehen. Der Snger des Mnnich und einiger anderer schner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, htte die polemische Arena meiden sollen. Der Zeitgenosse war selbst unter Puschkin nicht das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte. Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften schaffen, in der durchdachtere und grndlichere Abhandlungen zum Abdruck kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die Mitarbeiter zur Eile gedrngt werden und nicht einmal soviel Zeit haben, das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen. brigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er zuerst sogar zurcktreten. Die ganze Schuld fllt auf mich: ich flehte ihn an, seinen Plan doch auszufhren. Ich versprach ihm meine dauernde Mitarbeit. In meinen Aufstzen fand er vieles, was einer periodischen Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu jener Zeit tatschlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu hoch, als da er noch ein solch jugendliches Gefhl in sich htte bergen knnen: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt lie. Mein hartnckiges Zureden und mein Versprechen, ttig mitzuwirken, berzeugte ihn; aber ich htte mein Wort doch nicht halten knnen, selbst wenn er am Leben geblieben wre. Ich wute noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung fhren wrde, ich wute nicht, da ich einmal alle Krfte und Fhigkeiten fr jede lebendige literarische Bettigung verlieren und lange Zeit fr alles absterben wrde, was den Menschen von heute bewegt. Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschttert durch diesen fr alle so schmerzlichen Verlust, der fr dich noch weit schmerzlicher war als fr alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der Zeitschrift. Die Erkenntnis, da die moderne Gesellschaft verwaist und des Lichts der Poesie beraubt zurckgeblieben und dazu verurteilt sein sollte, nichts wie trichte und unfruchtbare Diskussionen und Streitereien ber die Kunst anzuhren, statt sich an den Werken der Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und tief betrbt ber diese Vereinsamung und Leere, die sich brigens schon zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemchtigt hatte, bernahmst du die Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas errichten, das zu Beginn der Puschkinschen ra ganz von selbst emporgeblht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergat du sogar, da nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern da eine hhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht einmal, da du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise erreichen lie. Der Zeitgenosse htte als Zeitschrift nicht einmal dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten Journalisten in dir vereinigt httest. Ich mu gestehen, ich kann es mir nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu einer Notwendigkeit fr unsere Epoche machen sollte. Eine solche enzyklopdische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedrfnis mehr wie frher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drngt uns alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft und die oberflchliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Krfte und seine Fhigkeiten genauer zu prfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu whlen, und zwar kein flchtiges Augenblicksziel, sondern eine lebensvolle, reiche und groe Aufgabe, die allein den Fhigkeiten entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen. Der Zeitgenosse sollte gnzlich auf den Namen einer Zeitschrift verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrngter Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas hnliches darstellen wie die Blumen des Nordens des Barons _Delwig_, dem du durch dein Verstndnis fr den Wohllaut der Poesie und deine Fhigkeit, dich an ihr zu erfreuen und sie intensiv zu genieen, so sehr gleichst. Es ist weit besser, er erscheint blo dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen: das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus der Sommerfrische in den Stdten zusammenstrmt, und das drittemal zu Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo sich alles mit dem grten Heihunger auf ein neues Buch strzt. Alles, was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektre trgt, mu wegbleiben: alle Berichte ber Tagesneuigkeiten, jegliche politischen Nachrichten oder Anzeigen smtlicher neuen Bcher; hchstens darf der Band einen ernsten kritischen Bericht ber die bedeutsamsten Werke enthalten, die whrend eines Jahrdrittels erschienen sind, und zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert werden, da es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der Literatur und da es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei hnlichkeit mit den bereilten hastigen und fragmentarischen Produkten unserer Zeitschriftenliteratur haben, drfen aufgenommen werden. Nur die schnsten Blten unserer modernen literarischen Produktion drfen hier vereinigt sein. Das aber lt sich nur in einer Zeitschrift erreichen, die nicht mehr als dreimal jhrlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen. Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger gestaltet werden als frher. Ich will hier ausdrcklich _die_ modernen Schriftsteller anfhren, deren Aufstze unserm Zeitgenossen zur Zierde gereichen wrden. Vor allem mssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen, der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzhler ist. Niemand darf sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache rhmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrcke und jede seiner Wendungen ist prgnant und von einem feinen Anstandsgefhl erfllt. Er hat einen groen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist ber alles unterrichtet, was heute unsere hheren Gesellschaftskreise beschftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfllt, und er ist durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingefhrt worden, sich eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Kme noch solch ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann knnte er ein treuer Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke wrden um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. -- Gleich nach ihm mssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet, ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch, wahrhaft produktive Schpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil eine groe Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der Natur geschpft. Er braucht keinen Knoten zu schrzen und ihn dann wieder zu lsen, worber sich die Romanschreiber so sehr die Kpfe zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine uerst interessante Erzhlung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit bedeutender als smtliche Erzhler von groer Erfindungsgabe. Vielleicht bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als irgendein anderer meinem persnlichen Geschmack und den eigentmlichen persnlichen Forderungen, die ich an einen Erzhler stelle, entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schpfe ich Belehrung und neue Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies, da ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr ntzlich sein kann, ja da er eine Notwendigkeit fr uns ist. Seine Werke sind ein lebendiger und getreuer statistischer Bericht ber Ruland. Alles, was er aus seinem umfassenden Gedchtnis schpft und was er uns in seiner wahrheitsgetreuen Sprache erzhlt, wird ein wertvoller Beitrag fr deinen Almanach sein. Ich wei nicht, warum _N. Pawlow_ so gnzlich verstummt ist, ein Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzhlungen sofort ein Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben und sich blo dadurch geschadet bat, da er es vorzog, nicht mehr _er selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen Erzhlungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen poetischen Einfllen oder zu knstlichen mosaikartigen Ausschmckungen des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges psychologisches Phnomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzhlen, um eine Novelle mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schpfungen zu schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehren. Mancherlei Vorzge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller, dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blhender Stil und seine groe Kenntnis der Sitten und Bruche Kleinrulands sprechen dafr, da er ganz vorzglich dafr geeignet wre, eine Geschichte dieses Landes abzufassen. Auch htte er sicherlich in noch hherem Grade die Befhigung, frische und lebensvolle Aufstze fr den Almanach zu schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bruchen der alten Zeiten zu erzhlen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer Novelle oder einer dramatischen Erzhlung hineinzustellen, ganz hnlich wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der vorhergehenden Epoche erzhlt hat. Sein Roman hat recht interessante Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren Perlen: sein groes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die ber alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gnzlich verloren, ohne irgendeinen Nutzen zu bringen. Man hat mir gesagt, da die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im allgemeinen einen groen Erfolg habe und da einige junge Schriftsteller eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte, konnte ich in der Tat eine hnliche Tendenz konstatieren, obwohl der Aufbau dieser Novellen mir auerordentlich primitiv und ungeschickt vorkam; die Form der Erzhlung erschien mir bertrieben und allzu wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich bin berzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der Mensch, die Persnlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller -- zum Durchbruch gekommen ist -- da sich dann alles andere ganz von selbst ergeben, da jeder von ihnen eine starke schriftstellerische Eigenart bekunden, und da keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu bemerken sein wird. Ich mu hier noch _des_ Schriftstellers gedenken, der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama _Der Tod Ljapunows_ begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, ber die nur ein erfahrener Bhnenschriftsteller verfgt, allein es besitzt viele Vorzge, die in seinem Schpfer einen Schriftsteller von hervorragender Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in einer so lebensvollen Sprache von ihr knden zu knnen -- das ist eine groe Gabe! An seiner Stelle wrde ich mich frmlich in die alten Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektre keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen knnte er viele herrliche Stoffe entnehmen. Wer wei, vielleicht wrde ihn eine solche Lektre auf den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln wrde. Ein echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so stark in die historischen Charaktere einzufhlen vermag, ein Werk, das so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit mchte ich noch etwas von den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich wnschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und knntest ihn dazu veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzhlenden Genre zu versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit frher als alle anderen ein groes Talent fr eine anschauliche Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam bei ihm ungezwungen heraus und strmte ihm in reicher Flle zu; alles gelang ihm ohne groe Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, da er einmal ein uerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden wrde. Ich wei wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer ausgebreiteten freien Ttigkeit in sich einschlafen lassen, sein Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld fr die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt berall das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in dem es sich ausbreiten kann, um so grndlicher und tiefer knnen wir gerade dies Stck Leben erforschen und durchdringen. Sogar die Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenhnlichen Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben zurckblickt, kann einen herrlichen Stoff fr einen Roman abgeben ... Was fr ein Festtag wre das fr meine Seele, wenn ich einmal im Zeitgenossen eine Novelle fnde, unter der sein Name stnde! Was endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleiiger und eifriger Mitarbeiter an deinem Zeitgenossen sein. Du hast schon selbst bemerkt, da man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und noch whrend unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fhigkeiten, die die notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will dir gestehen, da selbst in meinen frhsten Projekten und in meinen Trumen von einer knftigen Ttigkeit nie der Gedanke an die Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall darauf gestoen. Ich hatte einige Beobachtungen ber einzelne Seiten des Lebens gemacht, deren ich fr meine inneren geistigen Angelegenheiten bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschftigten, und _sie_ gaben den Anla dazu, da ich zur Feder griff und beschlo, dem Leser voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst spter, d. h. nach Vollendung meiner eigenen Erziehung htte mitteilen sollen. Ich mute mir alles unter groen Mhen erringen, was einem geborenen Schriftsteller mhelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte Form fr meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller, nicht einmal bei einem von den schlechten, so da selbst ein Anfnger, ein Schuljunge das Recht hat, sich ber mich lustig zu machen. Alles, was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann aber nie als Muster schner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer wrde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schlern den Rat geben wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur schildern mu: er wrde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den Beweis dafr kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das Niveau ihres eigenen Knnens herabgesunken sind und ihre Selbstndigkeit und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter whrend seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das Gefhl habe, da jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf und da meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben vermgen, dann sollst du einen Aufsatz von mir fr deinen Zeitgenossen erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst du mir nicht zrnen. Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern erwhnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften beschftigt sind, teils an Schpfungen abstrakteren Charakters arbeiten, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die weder die Mglichkeit noch Mue genug haben, an deinem Zeitgenossen mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemhen. Bei dieser Gelegenheit mu ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn du vielen Literaten Verstndnislosigkeit und mangelnde Teilnahme fr deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgltigkeit gegen die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw. zurckgefhrt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren Angelegenheit beschftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, da ein anderer sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist wie der, den ein anderer Mensch zurcklegen mu, und man darf nicht alle Menschen mit derselben Elle messen. Daher mut du selbst die ablehnende Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch, wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag fr den Zeitgenossen zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir gibt. Wenn blo die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beitrge liefern werden, so wrde dies allein schon vollauf gengen. Aber ich wei, da auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur Verfgung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute ber einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, da es gegenwrtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt; indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch geqult, obwohl sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben, seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche Grund der Trgheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet. Der poetische Teil des Zeitgenossen kann gleichfalls sehr reichhaltig gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_ erhalten. Zum Dank fr sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fhlen. Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine frheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzhlungen und Mrchen beurteilen, die in der letzten Zeit im Zeitgenossen zum Abdruck gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das Publikum machen, und es ist kein Wunder, da das Publikum, das jedes neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedrfnissen mit und in ihm eine Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte fr eine _Kinderei_ von Schukowski erklrt hat. Sie waren tatschlich fr kleine Kinder geschrieben. Diese Mrchen und Erzhlungen htten in Form eines besonderen Buches unter dem Titel _Eine Gabe fr die Kinder von Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber wei ich, da er dir fr den Almanach einige von den Perlen berlassen wird, die tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich whrend der letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Frst Wjasemski und Jasykow. Sie knnen den Zeitgenossen mit neuen Tnen bereichern, wie man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tnen, die aus einem gequlten, gepreten Herzen hervorstrmen, mit Liedern, die aus der Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen Gehalt der Poesie erfllt hat. Die jngeren von unseren Dichtern, die erst in jngster Zeit aufgetreten sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine gewisse Begabung fr eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, da sie echte und wahre Gefhle besitzen, allein auch sie knnen poetische Saiten anschlagen, die unserem Empfinden nher liegen. Die Poesie ist die reine Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein knstliches Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugnglich und verstndlich sein. Die Schpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten auf der Erde erscheinen; fr einen anderen ist es gefhrlich, diesen Weg zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphre der reinen Erdichtung wagten, whrend sogar geringe Talente sich hoch ber sich selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu veranlat wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen Erlebens darzustellen. Die Zeit rckt immer nher, wo der Drang nach einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird. Selbst die, die nicht einmal daran denken, da sie Dichter sein knnten, werden Tne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen, viele kostbare Schtze werden dir von allen Seiten fr deinen Zeitgenossen zuflieen. Du selbst, der du die Leier schon lngst beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verstndnis fr all ihre Bitternisse htte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das es allein versteht, den Trauernden und Bekmmerten liebevoll an seinen Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schlielich alles wendet, was da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des Kummers, wie an die der hheren Trstung, die auf dich herabgesandt wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck fr sie, stelle sie recht und wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Trnen der Rhrung und die innigsten Gefhle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe kommen und es dir ermglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu bringen, wie dies selbst ein groer, alle Zauberknste der Dichtung beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen gelernt hat, nie vermchte. Dann wird der Zeitgenosse seinen Namen rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- hheren Sinne: er wird allen hchsten Augenblicken, allen hchsten Empfindungen der russischen Schriftsteller und Menschen Genge tun. Dann wird er sich auch dem eigentlichen Ziele weit mehr nhern, das deinem Geiste unklar und entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem sthetischen Bund voll herrlicher brderlicher Liebe vereinen. In ganz Ruland vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwhrend in dir genhrt hast; nur du hast keine pekuniren Interessen im Auge gehabt und an keinen Lohn fr deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewut eine reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten, vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie mu glnzend ausgestattet sein; sie mu eine in jeder Beziehung kostbare und wertvolle Gabe darstellen: der Druck mu so schn und vornehm wie nur mglich, die Bcher mssen mit den schnsten Stichen und Vignetten, die bei uns in Ruland hergestellt werden knnen, geschmckt sein (damit mut du russische Graveure beauftragen und keine Auslnder heranziehen). Das Format der Bnde mut du nicht zu gro whlen, es sollte nur ein wenig grer sein als das der Blten des Nordens, kurz, das Werk mu seinem inneren Wert und seiner ueren Ausstattung nach den Eindruck eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einknfte davon fr deine eigenen Bedrfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen, kannst du alles darauf verwenden, das Werk mglichst schn auszustatten und hierdurch unseren armen Knstlern, die hufig bitteres Elend leiden mssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunchst einmal das erste Buch des Zeitgenossen zusammen und sorge dafr, da es am kommenden Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken. Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz haben mchtest. So matt und flchtig er auch geschrieben sein mag, ich bin trotzdem davon berzeugt, da ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir und mir darin bereinstimmen wird, da ein solches Werk eine Notwendigkeit fr Ruland ist, und er wird dir sicherlich die beste seiner Arbeiten zur Verfgung stellen. In den Zeitungen brauchst du es nur mit wenigen Worten anzukndigen und zwar brauchst du nur zu erwhnen, -- da vom Zeitgenossen dreimal im Jahre, zu den oben angefhrten Terminen, je ein Band erscheinen werde; fge nur noch die Namen der Autoren hinzu, deren Aufstze zum Abdruck kommen sollen -- das wird vollstndig gengen. Alles brige -- der Gehalt und die Bedeutung der Aufstze sowie die Pracht und Schnheit der Ausstattung -- mag fr jeden Leser eine angenehme berraschung sein. Die Beichte des Dichters Alle sind sich darber einig, da noch nie ein Buch soviel Aufsehen gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anla gegeben hat, wie die Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden. Und was das merkwrdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit Mitrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem lebenden Krper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker Konstitution in kalten Schwei ausbricht. So erschtternd und krnkend jedoch fr einen vornehm denkenden und anstndigen Menschen viele von diesen Schlssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch alle die schwachen Krfte, ber die ich verfgte, zusammen, ich beschlo, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch hierber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen Vorwurf geringgeachtet und verschmht, denn ich berzeugte mich mit der Zeit immer mehr, da, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und rger geneigt machen, und wenn er sich erst einmal die Fhigkeit erworben hat, alles ruhig anzuhren, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen mu, die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen zusammenfgt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwgung zieht, kurz, ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heit: Volkes Stimme -- Gottes Stimme und nach der alle suchen. Aber obwohl viele Vorwrfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches Urteil man ber mein Buch zu fllen beschlossen hat. Wenn ich die Summe von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines unerhrten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat, er stnde hoch ber allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz Ruland gehrt und beachtet zu werden, und verfge ber die Kraft und die Fhigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_ Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betrten Menschen, der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzgen berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaen gescheite und aufgeklrte Leute, wie auch glubige Christen. Folglich kann keine der Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, -- _vllig_ wahr sein. Am richtigsten wre es noch, dies Buch einen treuen Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten, dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist, wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschtzung seiner Vorzge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen, und daneben die feste berzeugung, da auch die anderen viel von ihm lernen knnen; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwrfe wider andere Leute wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und fr die man noch weit heftigere Vorwrfe verdiente -- kurz alles, was man in der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, da hier alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und da alles, was der Mensch in seinem Inneren verschliet, nach auen gekommen ist, sowie ferner mit dem Unterschied, da sich dies alles in weit wilderer und lauterer Weise uert und frmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfllt, nach auen und ans Licht drngt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem grere Gaben und Fhigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur ein Beweis fr die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lge. Zu diesem Schlu jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten nhert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand das richtige Verhltnis zu ihm finden lie. Als ich dies Buch schrieb, stand ich unablssig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich whrend der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich mich auer jeder Gefahr befand. So kam es, da ich ganz unmerklich in einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich knnte vielleicht das Werk nicht mehr vollenden, das whrend zehn Jahren alle meine Gedanken beschftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines epischen, erzhlenden Kunstwerks htte beweisen sollen. So verwandelten sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer, unverstndlicher Stcke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen hatten. Dazu kam schlielich noch der vllig verschiedene Ton dieser Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von ihnen waren in einer Zeit verfat, als ich selbst zu meiner Erziehung des Tadels und der Rge bedurfte, mir solche Rgen von anderen erbat und forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, da ich die Vorwrfe fr mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute gerichteten Reden nur die brderliche Liebe zum Worte kommen lassen sollte: so geschah es, da hufig Milde und Schrfe fast dicht nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufstze, die fr das Buch bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stcken herstellen und vieles nher erklren sollten, nicht aufgenommen worden. Dazu kommt schlielich noch meine dunkle Sprache und Unfhigkeit, mich auszudrcken, -- zwei Eigentmlichkeiten eines noch nicht ganz ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei, mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlssen und Folgerungen Anla zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in solchen Stzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach, da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist, es gab keine zwei Menschen, die innerlich bereinstimmten, sowie sie an die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne zu der sehr richtigen Bemerkung veranlate, da ein jeder in der Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine, als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich von selbst, da die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So krnkend daher auch all diese Angriffe und Verdchtigungen seiner persnlichen moralischen Qualitten fr einen Menschen sein mgen, in dem noch nicht jedes Ehrgefhl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen anzuklagen. Ich mu hier noch ein paar flchtige Bemerkungen ber eine Frage machen, die nicht mit meinen moralischen Qualitten zusammenhngt. Ich war uerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Ansto an Worten nahmen, die doch vllig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen klammerten und Schlsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen smtliche Bauern Landwirte und von schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schlu zu ziehen, da ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien mir uerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft ntzliches Buch fr das einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das Gefhl hatte, man msse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk in erster Linie vorsetzen msse. Solange es jedoch noch keine so gescheiten Bcher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen knne und ein strkeres Bedrfnis fr die Bauern darstelle, als alles, was ihnen unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine Erinnerung reicht, bin ich stets fr die Volksbildung eingetreten; aber es schien mir so, als ob es besser wre, ehe man fr die Bildung des Volkes sorgt, erst einmal fr die Bildung der Menschen zu sorgen, die in engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen, denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten moralischen Grundlage fehlt, und die daher berall nur Schaden stiften, weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung htte als der Bauernstand. Dieser Stand schien mir weit mehr der Bcher zu bedrfen, die der Feder kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die Verstndnis fr ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschftigter Bauer dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu bedrfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle meines Buches, wo ich sage, da die gegen mich gerichteten Kritiken viel Wahres enthalten, den Schlu zog, ich sprche meinen Werken jegliche Vorzge ab und stimmte nicht mit den Kritikern berein, die sich zu meinen Gunsten geuert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es keineswegs vergessen, da meine geringen Vorzge und Verdienste Anla zu sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmler der Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhhen. Aber es htte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen Vorzgen gesprochen htte; ja und warum htte ich das auch tun sollen? Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften, weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet, Anla dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger seltsam berhrte es mich -- da man daraus, da ich die Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und hervorgehoben habe, den Schlu zog, ich leugnete die Notwendigkeit der europischen Bildung und hielt es fr berflssig, da sich ein Russe ber den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Frher sowohl als auch jetzt war ich immer der Meinung, ein russischer Brger msse ber die europischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer berzeugt, da, wenn man ber diesem sehr lblichen glhenden Interesse fr die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergit, eine solche Kenntnis der auslndischen Dinge nicht zu unserem Wohl ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine falsche Richtung geben knne, statt sie in sich zu sammeln und zu konzentrieren. Ich war von jeher davon berzeugt und bin es noch heute, da wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr grndlich kennen lernen mssen, und da wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefhl dafr bekommen knnen, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen, denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einfhren, das Alte -- nicht nur oberflchlich sondern grndlich und in seiner Wurzel -- kennen lernen mten; denn sonst kann selbst die wohlttigste Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen. [Funote 2: Auf mein Testament htte man sich nicht berufen drfen: in einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rstet, vor das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen kann.] Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich berdies gar nicht fr einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am Worte Hngenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu halten, beweisen mir nur, da niemand sich bei der Lektre meines Buches in einer ruhigen Gemtsstimmung befand; da sich schon ein bestimmtes Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und da jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen Standpunkt betrachtete; so kam es, da alle nur das bemerkten, was sie in ihrem Vorurteil bestrkte und reizte, und an allem vorbergingen, was geeignet war, dies Vorurteil zu zerstren und den Leser zu beruhigen. Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, da sie sogar alle Gesetze des Anstandes auer acht lie, die man bisher einem Schriftsteller gegenber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem Verfasser beinahe ins Gesicht, da er verrckt geworden sei, und man empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrttung. Ich kann nicht leugnen, da es mich noch mehr betrbt hat, wenn ebenfalls gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute ffentlich in der Presse erklren, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas Neues darin gbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr. Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten mge, das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Ergu meines Herzens und meines Inneren. Noch bin ich nicht ffentlich fr einen ehrlosen Menschen erklrt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lge ist; aber alles, was meinem Herzen und meiner Seele entstrmt ist, eine Lge zu nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung, da mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen, der mehrere Jahre ganz fr sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich selbst beschftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie einen Schler, um sich einen wenn auch spten Ersatz fr die in seiner Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der berdies den andern Menschen nicht vllig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm allein angehren -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen knnen unmglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so entscheidendes Urteil fllen. Einem solchen Fall gegenber wird selbst der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden mssen. In Angelegenheiten, die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, ber einen gewhnlichen Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der khlen Erwgung, dem Rsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedrfnis zu einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trgt, in sich zu gehen und nicht ber andere, sondern ber sich selbst Gericht zu halten. Kurz, die groe Sicherheit, mit der diese Urteile gefllt wurden, schien mir von dem groen Selbstvertrauen des Urteilenden zu zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die berlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben erst bei einem unserer Brder gergt haben; wie wir, indem wir einem anderen sein hochmtiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich durch unsere eigenen Worte einen Beweis fr unseren eigenen Hochmut und unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, whrend wir einem anderen Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden. Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut hat, dies einzugestehen, und sich nicht schmt, ffentlich und vor allen Leuten zu erklren, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um meine moralischen Qualitten zu verteidigen, erhebe ich hier meine Stimme. Nein, ich halte es lediglich fr meine Pflicht, auf eine Frage zu antworten, die fast einstimmig von seiten smtlicher Leser aller meiner frheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage nmlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphre aufgegeben habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte, ber die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden Genre zuwandte. Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig und in mglichster Krze die ganze Geschichte meiner literarischen Ttigkeit zu erzhlen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen knnen, ob ich die Sphre meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung zu grbeln und klgeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen mssen, da sich an meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen offenbart, Der ber die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie _wir_ dies wnschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukmpfen vermag. Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon erklren, was vielen in meinem vor kurzem verffentlichten Buche als ein so unlsliches Rtsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so wrde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwrdige Angelegenheit mich sehr mrbe und mde gemacht hat, und weil es mir nach diesem Wirbelsturm von Miverstndnissen sehr schwer ums Herz ist. Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf mein eigentlicher Beruf ist. Ich wei nur das eine: da in den Jahren, als ich ber meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon sehr frh ber meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), da mir damals der Gedanke, ich knnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl es mir immer so schien, da ich noch einmal ein berhmter Mann werden knnte, da mir ein groes weites Wirkungsfeld offen stnde und da ich einmal etwas fr das allgemeine Wohl leisten wrde. Ich dachte einfach, ich wrde mich empordienen und dies alles wrde mir durch den Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke Neigung fr den Staatsdienst. Mein Kopf war bestndig davon erfllt, und alles, was ich tat und womit ich mich beschftigte, tat ich im Hinblick darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente, in denen ich es whrend der letzten Schuljahre zu einer gewissen Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, da ich einmal ein komischer und satirischer Autor werden knnte, obwohl ich trotz meiner melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar andere Leute mit meinen Spen belstigte, und obgleich sich schon in meinen frhesten Urteilen ber die Menschen eine gewisse Fhigkeit, bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie grbere und feinere und komische Charakterzge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstnde es, -- ich mchte nicht sagen, die Menschen _nachzuffen_ oder zu parodieren, -- sondern sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener Situation sagen wrde, unter vlliger Wahrung seiner Anschauungsweise, seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrcken. Aber ich brachte dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, da ich diese Fhigkeit noch einmal verwerten wrde. Die heitere frhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in einem gewissen seelischen Bedrfnis. Ich hatte oft unter Anfllen einer mir selbst vllig unerklrlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen, dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen. Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich vllig aus dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was fr einen Nutzen das haben knne. Es war die Jugend in mir, die mich dazu veranlate, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst, whrend sich andere erstaunt fragten, wie einem vernnftigen Menschen nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht htte diese Lustigkeit allmhlich und zugleich mit dem Bedrfnis nach Zerstreuung aufgehrt, ebenso wie meine schriftstellerische Ttigkeit. Allein Puschkin veranlate mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich schon lngst dazu zu berreden gesucht, ich sollte ein groes Werk in Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen Szene vorlas, der jedoch einen weit strkeren Eindruck auf ihn machte, als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: Wie ist es nur mglich, da Sie bei dieser Fhigkeit, den Charakter eines Menschen zu erraten und durch wenige Zge ganz vor einem erstehen zu lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur mglich, da Sie sich bei dieser Fhigkeit nicht entschlieen, ein groes Werk zu schreiben! Das ist einfach eine Snde! Hierauf hielt er mir meine schwchliche Konstitution und meine krperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben frh ein Ziel setzen knnten; er fhrte das Beispiel des Cervantes an, der zwar bereits frher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzhlungen verfat hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern einnehmen wrde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen htte, den Don Quijote zu schreiben, und schlielich trat er mir sein eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das er, wie er mir sagte, keinem anderen auer mir berlassen htte. Dieser Stoff waren Die toten Seelen. (Die Idee zum Revisor stammt gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich -- um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte, da ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und ber Dinge, die wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im Revisor wollte ich alles Schlechte und Hliche, das es in Ruland gibt, soweit es mir damals bekannt war, zusammentragen und anhufen, alle Mibruche, die an allen den Stellen und in allen den Fllen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschtternde. Durch das Gelchter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz. Ich selbst fhlte, da mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war, da ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich frher war, und da das Bedrfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem Revisor empfand ich mehr denn je das Bedrfnis, ein umfassendes Werk zu schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, ber die man lachen mute. Puschkin fand, da der Stoff der Toten Seelen sich gerade darum so gut fr mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot, ganz Ruland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu durchqueren und eine ganze Reihe vllig verschiedener Charaktere an uns vorberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben, ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darber Rechenschaft gegeben zu haben, was fr ein Mensch mein Held eigentlich sein mute. Ich dachte mir einfach, da der komische Plan, mit dessen Durchfhrung Tschitschikow beschftigt war, mir schon von selbst die Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und da die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst eine Reihe von komischen Momenten und Phnomenen erzeugen wrde, die ich mit rhrenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich tat, mute ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich einem derartige Fragen aufdrngen? Soll man sie verscheuchen? Ich versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Ntigung empfand, meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu machen, konnte ich auch keine Liebe fr die Aufgabe empfinden, ihn darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worber ich lachte, wirkte traurig und deprimierend. Ich sah mit voller Klarheit ein, da ich nicht mehr ohne einen ganz bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, da ich mir erst selbst den Zweck meines Werks vllig deutlich machen, mir ber seinen wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden mte, was erst den Dichter mit einer starken und wahren Liebe fr sein Werk erfllt, die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwrtsschreitet -- kurz, da der Autor das Gefhl und die berzeugung haben mu: indem er an seinem Werk arbeite, erflle er gerade _die_ Pflicht, die seine irdische Bestimmung ausmache, und fr die ihm alle seine Gaben und Fhigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erflle, diene er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatschlich im Staatsdienst stnde. Der Gedanke an den Staatsdienst verlie mich nie. Ehe ich den Schriftstellerberuf whlte, wechselte ich mehrmals meine Ttigkeit und meine Stellung, um zu erfahren, fr welchen Beruf ich mich am besten eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wute damals noch nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu knnen, wie ich ihm dienen wollte. Ich wute damals nicht, da man dazu jede persnliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstberhebung in sich besiegen msse und keinen Augenblick vergessen drfe, da man seine Stellung nicht um seines persnlichen Glckes, sondern um des Wohles vieler solcher willen innehat, die da unglcklich werden wrden, wenn ein edler Mann seinen Posten im Stiche lt, und da man allen persnlichen Kummer und alle Krnkungen vergessen msse. Ich wute damals noch nicht, da der, der Ruland wahrhaft und ehrlich dienen will, sehr viel Liebe fr sein Vaterland besitzen mu, eine Liebe, die alle anderen Gefhle in sich aufgesogen hat, da man sehr viel Liebe fr den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen Sinn dieses Wortes sein mu. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich, der ich diese Eigenschaften nicht besa, auch meinen Dienst nicht so ausben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatschlich frmlich darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fhlte, da ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich alles andere auf: meine frheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft, die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Ruland, um in der Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwgen, wie ich es durchfhren, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den Beweis liefern knnte, da ich gleichfalls ein Brger meines Vaterlandes gewesen bin, und da ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich ber mein Werk nachdachte, um so mehr fhlte ich, da ich die Charaktere nicht auf gut Glck whlen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur solche Menschen darstellen mute, an denen sich unsere wahren wesenhaften russischen Charakterzge am strksten und deutlichsten offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene hheren Zge der russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig eingeschtzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht gengend verlacht und gegeielt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten charakteristischen psychologischen Phnomene zusammentragen und meine Beobachtungen ber die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewut war, noch nicht die rechte Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig dargestellt, viel zur Entrtselung mancher Seiten unseres Lebens beitragen, kurz -- ich wollte, da dem Leser bei der Lektre meines Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben und Fhigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen Vlkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen groen Menge von Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Vlkern eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft, von der ich einen gengenden Vorrat besa, wrde mir helfen, diese Vorzge so darzustellen, da der Russe von einer heien Liebe zu ihnen entbrennen wrde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls einen gengenden Vorrat mein eigen nannte, wrde es mir ermglichen, seine Fehler und Mngel in so leuchtenden Farben zu schildern, da den Leser ein tiefer Ha gegen sie erfassen wrde, selbst wenn er sie in sich selbst entdecken sollte. Aber ich fhlte zugleich, da ich dies alles nur dann vollbringen knnte, wenn ich mir selbst vllig darber klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzge unseres Wesens und welches seine wahren Mngel und Fehler sind. Man mu sich beides genau berlegen und es gegeneinander abschtzen, man mu es sich ganz klarmachen, um nicht eine unserer Schwchen in eine Tugend zu verwandeln und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzge dem Gelchter preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unntz vergeuden. Seitdem man mir vorwarf, ich spottete nicht nur ber die Fehler, sondern ber die Menschen, die gewisse Schwchen haben, im allgemeinen, und nicht nur ber den _ganzen_ Menschen, sondern auch ber seine Stellung und das Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist), da sah ich ein, da man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen msse -- um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur irgendeine Seite einer Sache ins Lcherliche zu ziehen, damit die Dmmsten und Stumpfsinnigsten sofort ber deren smtliche Seiten lachen. Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, da ich nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau darber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die Vorzge und die Mngel unseres russischen Wesens bestehen; um sich jedoch ber das russische Wesen klar zu werden, mu man zunchst die menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem aus einem die Vorzge und Mngel eines jeden Volkes deutlich sichtbar werden. Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich fr eine Zeitlang gnzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektre. Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers, und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne da ich selbst wute, wie dies geschah, zu Christus gefhrt, denn ich sah, da er der Schlssel zur Seele des Menschen war, und da noch kein Seelenkenner sich je auf jene Hhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die er erreicht hat. Ich prfte alles mit dem Verstande nach und berzeugte mich so davon, was anderen durch den Glauben vllig klar ist und was ich bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit mathematischer Klarheit ein, da man auf Grund von Vorstellungen unserer Einbildungskraft nicht ber die hheren Regungen und Gefhle des Menschen reden und schreiben knne; man mu wenigstens etwas davon in sich selbst tragen -- kurz, man mu zuvor selbst besser werden. Das mag sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine grndliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich mu jedoch sagen, da ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und daher ist es kein Wunder, da der Gedanke, ich mte noch etwas lernen, sich mir erst in reiferem Alter aufdrngte. Ich begann mein Studium mit so elementaren Bchern, da ich mich geradezu schmte, anderen Menschen zu verraten, womit ich mich beschftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Bchern -- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen bungen auf mich zu achten, wie ein Lehrer auf seinen Schler, und ich betrachtete mich selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht etwa, um damit zu prahlen (ich wte auch nicht, womit man hier prahlen knnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon berzeugt, da viele gleich mir eine schlechte Schulbildung genossen haben, pltzlich zur Besinnung kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehrt, da viele sich darber beklagten, sie knnten sich nicht mehr von ihren schlechten Gewohnheiten befreien, trotz des heiesten Wunsches, sie loszuwerden. Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem brigen angepat hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich durch die Erfahrung davon berzeugt hatte, da sich manches davon verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, da ich mein ganzes Innere zur Schau gestellt habe, kann ich erwidern, da ich immerhin noch kein Mnch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre Seele bedrckte. Wenn Karamsin whrend seiner schriftstellerischen Ttigkeit ein hnliches Erlebnis gehabt htte, er htte es sicherlich in derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die dazu gehrt, um ein Mensch und ein Brger zu sein, ehe er als Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken, da jemand daran Ansto nehmen knnte, wenn ich ffentlich erklrte, ich strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstiges dabei, da ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu sagen: Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel! Was endlich den Vorwurf anbelangt, da ich in meinem Buch, nur um mit meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an den Tag gelegt htte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so mu ich darauf erwidern, da bei mir weder von Selbstverkleinerung noch Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat sich durch die hnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale tuschen lassen. Ich kam mir in der Tat widerwrtig vor, aber nicht etwa aus Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher das Ideal des schnen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber ist nicht Demut, sondern eher ein Gefhl, das ein neidischer Mensch hat, wenn er sieht, da ein anderer einen besseren und schneren Gegenstand in Hnden hlt, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glck gehabt, whrend meines Lebens, besonders aber whrend der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu lernen, deren geistige und seelische Qualitten mir so gro erschienen, da meine eigenen daneben verblaten, und ich zrnte mir immerfort, weil ich das nicht besa, was andere besaen. Man htte also hchstens das Recht, meinen mignstigen und neidischen Charakter im allgemeinen verantwortlich zu machen und anzuklagen. Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurckkehren. Eine Zeitlang waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Ruland und die Menschen in Ruland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen. Alles fhrte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die ueren Verhltnisse, ber die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen meinen Willen veranlaten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden, sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil man mir den Vorwurf machte, ich tte nichts; ich wollte mich gewaltsam dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzhlung oder irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein, schweren Leiden und schlielich sogar mit solchen Anfllen, die mich dazu ntigten, jede Beschftigung fr lange Zeit gnzlich aufzugeben. Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, da ich nicht imstande war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jngeren Jahren gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten Frhling gibt! Und wenn jeder Mensch beim bergang aus einem Lebensalter in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen mu, warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war -- das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Trumen unserer Phantasie darstellt, und so fand ich schlielich Den, Der die Quelle des Lebens ist. Seit meiner frhsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche Vorliebe dafr, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen feinsten Zgen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen, -- und so wurde ich zu Ihm gefhrt, Der allein die Seele ganz durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollstndigen Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als bis ich die Lsung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir ber einige Hauptfragen im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch bis heute noch ein Rtsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch jenen bergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch nicht alles von sich abgestoen hatte, was sich einmal von mir ablsen sollte. Sowie dieser Zustand in mir berwunden und mein Verlangen nach Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in mir der lebhafte Wunsch zu regen, Ruland nher kennen zu lernen. Ich knpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und von denen ich erfahren konnte, was in Ruland vorgeht; ich suchte erfahrene Mnner der Praxis aus allen Stnden kennen zu lernen, die alle Mibruche und Machenschaften in Ruland kannten. Ich wollte Bekanntschaft mit Menschen aus allen Stnden machen und von jedem etwas erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschftigung hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit fr jeden Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen, den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen, den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, da sich die Lebenden daraus eine Lehre ziehen, da sie daraus etwas lernen knnen. Deshalb knpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die brigen bat ich, flchtige Portrts und Charakterskizzen von Leuten fr mich herzustellen, und zwar von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine gengende Anzahl von Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt htte; daran hatte ich keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus einer weit vollstndigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen ganz einfach, so wie ein Knstler, der ein groes Gemlde, eine eigene Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er bertrgt diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hngt sie ringsum an den Wnden auf, um sie bestndig vor Augen zu haben, und um nie einen Versto gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er sich fr die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der Phantasie geschpft und erzeugt, ich besa nie diese Fhigkeit. Mir glckte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus Tatsachen schpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte ich nur dann, wenn ich mir seine uere Gestalt bis auf die feinsten Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Portrt im Sinne einer bloen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Portrt stets erschaffen, ich erschuf es durch Nachdenken, mit berlegung und nicht in der reinen Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwgung zog, um so wahrer und treuer ward das, was ich schuf. Ich mute weit mehr wissen als jeder andere Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu bersehen oder nicht zu bercksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen. Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und konnten es nicht begreifen, da ich all diese Kleinigkeiten und Torheiten wissen wollte, whrend ich doch eine Phantasie besa, die selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur entdeckt htte. Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen Briefen ist die groe Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern gerade deswegen, damit man mich durch Anfhrung einzelner anekdotischer Zge widerlegen sollte. Derartige Einwnde von praktischen und erfahrenen Leuten sind fr mich deswegen so wichtig, weil sie mir die Sache selbst nher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere Wesen Rulands gewhren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen, die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie fr die Fragen unseres inneren Lebens, statt dessen beschftigte man sich mit meiner Persnlichkeit und schrieb ganze Bogen darber voll, ob ich ein Recht habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der Toten Seelen -- der nicht sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wute sehr gut, da viele sich ber ihn lustig machen wrden, aber ich war fest entschlossen, jeden Spott zu ertragen, wenn ich blo mein Ziel erreichte. Ich glaubte, da vielleicht fnf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfllen wrden, wie ich es wnschte. Ich verlangte gar nicht, da man die Fehler der Toten Seelen verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande blo in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere whrend seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten ber solche Vorflle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an Ruland gemahnt. Ich wei, da wir uns alle schwer aufraffen knnen und da wir trge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schpfen; ich dachte jedoch, die Lektre der Toten Seelen wrde die Menschen aufrtteln, besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand htten. Ich gab meine Adresse an und bat darum, da nur die mir in ihren Briefen solche Flle mitteilen mchten, die sie selbst nicht in der Presse verffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es fr weit ntzlicher, sie berall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob eine solche Verbreitung von Kenntnissen ber Ruland in Form von lebendigen Tatsachen gerade gegenwrtig eine dringende Notwendigkeit sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine bergangszeit nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben bemerkbar, berall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten, ja dem bel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte, da wir heute mehr denn je bemht sein mssen, alles herauszustellen und ans Licht zu bringen, was im Inneren Rulands vorgeht, damit wir ein Gefhl dafr bekommen, aus was fr einer Menge verschiedener Elemente der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen wollen; da aber wre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal ordentlich umshen und uns die Sache berlegten, bevor wir so ber die Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime Hoffnung, da die Lektre der Toten Seelen viele auf die Idee bringen wrde, Aufzeichnungen ber sich selbst zu machen, und da viele dazu veranlat werden knnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor whrend der Zeit, als er die Toten Seelen schrieb, eine solche Wendung nach Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es knnte einem Menschen, der bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch abwrts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig fr das allgemeine Wohl und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewutsein kommen, da er durch eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer Wirksamkeit stehen, mit Ruland bekannt machen und sie damit in schner Weise fr seine Unttigkeit entschdigen, ja mehr als entschdigen kann. Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen Anteilnahme fr alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse verfolgt, knnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des Jnglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich tuschte mich in manchen Leuten: ich glaubte, da in einem Teil meiner Leser noch ein Funke von Liebe lebte. Ich wute damals noch nicht, da mein Name nur deshalb so populr ist, weil er einzelnen Leuten die Mglichkeit und das Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig bereinander lustig zu machen. Ich glaubte, da viele durch mein Gelchter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das ja gar nicht aus bser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich fhre dies alles nur deswegen an, um zu beweisen, da ich alle meine Krfte angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, da ich ber alle nur mglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit frdern knnten, ich lie es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit mu ich brigens erwhnen, da viele ihr Erstaunen darber geuert haben, da ich ein solches Bedrfnis nach Daten ber Ruland habe und dabei selbst fern von Ruland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht berlegt, da ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der fr mich einen Aufenthalt in einem warmen Klima ntig machte, gerade eine solche Entfernung von Ruland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver in Ruland verweilen zu knnen. Fr die, die mir das nicht nachzufhlen vermgen, will ich mich hier nher erklren, obwohl es mir etwas schwer wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht. Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schpferischen_ Begabung fehlt, besitzen eine Fhigkeit, die ich die Einbildungskraft nennen will -- eine Fhigkeit, die darin besteht, sich Gegenstnde, die einem nicht gegenwrtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns unmittelbar vor Augen stnden. Diese Fhigkeit ist nur dann in uns wirksam, wenn wir uns von den Gegenstnden entfernen, die wir beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich gewhnlich solche Epochen zum Gegenstand whlen, die bereits hinter uns liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit uns von allem, was um uns ist, loslst, versetzt sie unsere Seele in eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich hatte keine Vorliebe fr die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen, weil mein Geist stets eine Vorliebe fr das Wesentliche und Faliche und fr einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah zugleich ein, da man, wenn man das gegenwrtige Leben schildern will, nicht bestndig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren konnte, deren man bedarf, um ein groes und formvollendetes Werk hervorzubringen. Das Gegenwrtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz unmerklich und ohne da man es fhlt, von einer satirischen Anwandlung erfat. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor sich, die sich in unserer Nhe befinden: die ganze Masse, die Menge sieht man nicht, denn man kann nicht alles bersehen. Ich fing also an, darber nachzugrbeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen -- wie ich mich so vom Gegenwrtigen entfernen konnte, da es sich fr mich gewissermaen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschtterte Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und die ich heute mit Leichtigkeit ertragen htte, mit denen ich dagegen damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaten mich dazu, das Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Lndern hingezogen gefhlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe fr sie gehabt. Auch besa ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen verzehrt, die nach starken Eindrcken drsten. Aber seltsam! schon whrend meiner Kinderjahre, selbst whrend meiner Schulzeit und damals, als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran dachte, da ich Schriftsteller werden knnte, kam es mir immer so vor, als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein groes Opfer zu bringen, und da ich gerade, um meinem Vaterlande zu dienen, gezwungen sein wrde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und zu erziehen. Ich wute nicht, _wie_ das geschehen wrde, noch wozu das ntig sei; ich dachte auch gar nicht darber nach, ich sah mich jedoch so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich so hufig, da es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal beunruhigte und ihn veranlate, fremde Lnder aufzusuchen, lediglich um, wie er sich ausdrckt, Mich unterm Himmel Afrikas Nach Rulands trben Gaun zu sehnen. Wie dem auch sein mag, dieser unwillkrliche Drang in mir war so stark, da noch keine fnf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte, diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefhl zu widerstehen. Der Plan und der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wute nur das eine, da ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden Lndern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als ob ich ahnte, da ich erst jenseits von Ruland den wahren Wert meines Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfllen wrde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich keine Menschenseele aus Ruland befand), so wurde mir traurig zumute; ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, da ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rckreise dachte. Ich blieb nicht lnger als drei Tage im Auslande, und obwohl mich die Neuheit der Gegenstnde reizte, beeilte ich mich, auf demselben Dampfer nach Hause zurckzukehren, aus Furcht, da es mir spter vielleicht nicht mehr gelingen knnte, den Weg nach Hause zurckzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, berhaupt nicht mehr an fremde Lnder zu denken -- und whrend der ganzen Zeit meines Petersburger Aufenthaltes, d. h. whrend voller sieben Jahre kam mir nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein Bedrfnis nach Einsamkeit mich dazu ntigten, Ruland zu verlassen. Zweimal bin ich nachher wieder nach Ruland zurckgekehrt, einmal sogar, um fr immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches Verlangen erfat hatte, mir ber alles klar zu werden, wrde es mir bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht merkwrdig? Mitten im Herzen Rulands, sah ich beinahe nichts von Ruland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit groer Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie davon, was in Ruland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wute. Es ist bekannt, da jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten hat, und daher ist es sehr schwer fr ihn, andere Leute, die nicht dazu gehren, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich verpflichtet fhlt, mglichst hufig mit den ihm nahestehenden Menschen zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und fr sich so viel Angenehmes hat, da man sehr viel Selbstaufopferung besitzen mu, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen lernte, teilten mir immer nur fertige Schlsse und Folgerungen und nicht blo schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. berhaupt bemerkte ich, da eine gewisse Vernderung in den Kpfen und in den Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals frher zu tun pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung einer jeden Sache ergrnden: ein Motiv, eine Regung, die darauf hindeutete, da die Gesellschaft einen mchtigen Schritt vorwrts gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse bereilung, mit der man sogleich die Schlsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis drei Tatsachen ber das Ganze urteilte; man bersah vllig, da damit noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und in Erwgung gezogen waren. Ich bemerkte, da sich beinahe jeder in seinem Kopfe seine eigene Vorstellung ber Ruland gebildet hatte, und das war der Anla zu fortwhrenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie noch frher in den alten Zeiten blich waren, wo jeder blo das erzhlte, was er in seinem Leben gesehen und gehrt hatte, und wo ein Gesprch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkrlich selbst von dieser hastigen Sucht, sofort bereilte Schlsse und Folgerungen aus allem zu ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war. Noch mehr aber mute ich mich ber unsere Provinz wundern. Dort hrte man nicht einmal den Namen Ruland aussprechen. Wie mir schien, waren nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur ber solche Gegenstnde, die man in den neuesten aus dem Franzsischen bersetzten Romanen gelesen hatte. Kurz -- whrend meines ganzen Aufenthalts in Ruland zerfiel und zerstob Ruland frmlich in meinem Kopfe. Ich konnte mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwcher. Sowie ich es jedoch verlie, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen, der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust, jeden frischen Menschen, der frisch aus Ruland eingetroffen war, kennen zu lernen, wurde wieder stark und mchtig in mir. Es bildete sich sogar die Fhigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich in einem Gesprch von der Dauer einer Stunde, was ich whrend meines Aufenthaltes in Ruland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung zu bringen vermochte. Jedermann wei, da man im Ausland viel leichter Bekanntschaft macht, da sich in den Bdern Deutschlands und in den Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wren und die sich ihr ganzes Leben lang nicht kennen gelernt htten. Das war es, was mich veranlate, einem Aufenthalt auerhalb Rulands den Vorzug zu geben, schon im Hinblick darauf, da ich auf diese Weise mehr von Ruland erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darber nach, wie ich mich in Ruland selbst ber vieles unterrichten knnte, was dort vorgeht. Durch Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man davon im Kopfe behlt, sind die Stationen und die Kneipen. In den Stdten und Drfern Bekanntschaften anzuknpfen, ist fr einen Mann, der nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man wird leicht fr einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist hchstens ein Sujet fr eine Komdie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln knnte. Wenn man jedoch erfhrt, da der Reisende noch dazu ein Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die Hlfte aller russischen Leser ist fest davon berzeugt, da ich nur einen einzigen Lebenszweck habe, nmlich diesen, alles am Menschen vom Kopf bis zu den Fen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie ein so lebhaftes Bedrfnis empfunden, die gegenwrtige Lebenslage des Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die Gegenstze in der Denkweise so gro geworden sind und alle Welt von einem wahren Wirbel von Miverstndnissen erfat ist, so da kein Mensch mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und da man gentigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Hnden zu betasten, da man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren. Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt fr mein Werk ausersehen habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir frher zum Vorwurf genommen hatte. Je grer die Vorzge einer bestimmten Persnlichkeit sind, um so greifbarer und plastischer mu man sie vor dem Leser erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und Details, die dafr sprechen, da diese bestimmte Person auch wirklich gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt und bla und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag, armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe mu wirklich das Gefhl haben, da die dargestellte Persnlichkeit aus demselben Leibe herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehrt, da sie etwas Lebendiges, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins zusammenflieen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Rsonnement und keine Predigt hervorgebracht werden knnen. Eine solche volle Verkrperung, diese letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erflle, wenn ich alle groen Charakterzge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen tglich umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles, das Groe wie das Kleine, bercksichtige und nichts auer acht lasse. In dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim grten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fhigkeit, Schlsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu erdichten. Ich mute immer erst eine groe Menge von Menschen anhren, wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die Leute meine Meinung gesund und vernnftig. Hrte ich dagegen nicht alle an und zog ich einen bereilten Schlu, so waren meine Ansichten blo schroff und ungewhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem _Briefwechsel mit meinen Freunden_, kommt vieles vor, das hnlichkeit mit einer bloen Prsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine Voraussetzung ist. Es enthlt nichts als Folgerungen, aber die einen Schlsse und Folgerungen sind unter Bercksichtigung smtlicher Seiten einer Sache gezogen und sind daher allen klar, whrend andere nur Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schler gleichzeitig zu Worte kommen. Es war mir also nicht mglich, mir all das zu verschaffen, was ich brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da wohl ein Wunder, da ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich selbst kmpfen, wenn man solche Ansprche an sich selbst zu stellen gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben -- selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die Frage nach dem Warum stellt? Warum muten eine Reihe von Umstnden eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem Verlangen erfat, den russischen Menschen darzustellen, als ich das allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen geqult, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich solche Umstnde ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich jedoch ntigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele hinabzutauchen? Warum blieb fr mich die Fhigkeit, mich berall an der Schnheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten mochte, stets der Gipfel, die Krone aller sthetischen Gensse? Warum wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhrlich von dem Verlangen geqult, die menschliche Seele zu ergrnden? Erklrt mir vor allem, warum dies so kommen mute, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so schreiben kann, wie ich frher geschrieben habe. Ich wollte den Umstnden und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte, Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich es frher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heit, wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts mehr aus der Feder flieen. Voller Freude, da ich durch meine an meine Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaen ins Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen, und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach Mglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu geben, damit das Buch den Charakter eines vernnftigen Werkes erhielte; ich bedachte nicht, da das Publikum vieles davon, was an einzelne Personen gerichtet war, auf sich beziehen wrde, besonders nach meinem Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich frchtete mich davor, die Fehler und Mngel des Buches selbst nachzuprfen, und verschlo meine Augen, denn ich wute, da ich mein Buch, wenn ich es einer strengeren Prfung unterziehen wrde, vielleicht ebenso vernichten knnte, wie ich die Toten Seelen und alles, was ich in der letzten Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch knnte die Leser wenigstens in geringem Mae fr mein langes Schweigen entschdigen, ich glaubte, ich knnte darin meine schwierige Lage schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben unmglich gemacht hatte, und ich wrde die Aufmerksamkeit auf die praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte ferner, solche Dinge zu berhren, die mir einen tieferen Einblick in Ruland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen wrden, zur Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt berhufte mich mit Vorwrfen. Ich bekam nur Worte und Reden ber Dinge zu hren, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden knnen. Ich lie die Hnde sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu regen begonnen hatte, erlosch, und ich fhlte mich ganz von selbst und ohne da ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den Sinn gekommen war: soll ich berhaupt noch etwas schreiben? Soll ich noch weiter in diesem Berufe ttig sein, von dem mich in der letzten Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, da es mir selbst gelingen sollte, mich zu berwinden, angenommen selbst, da mein Kiel wieder die ntige Leichtigkeit und Bestndigkeit erlangen wrde, und da mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder flieen wrde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, da meine Werke der Gesellschaft von heute tatschlich von Nutzen sein konnten und heute eine Notwendigkeit fr sie darstellten? Werfen wir dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit: begnstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner: ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, gnstig? Alle sind sich mehr oder weniger darber einig, da unsere heutige Zeit eine bergangszeit genannt werden kann. Alle fhlen heute mehr denn je, da sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist nicht einmal eine Station, auf der man vorbergehend haltmacht, kein Nachtquartier und kein Rasten whrend der Reise. Alles sucht etwas, aber es sucht es nicht drauen, sondern in dem eigenen Inneren. Die moralischen Fragen haben ein starkes bergewicht ber die politischen, die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermgen das Interesse der Welt mehr zu fesseln. berall kommt mehr oder weniger deutlich der Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren, erleben Krisen und Umwlzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung mglich zu sein schienen. Ein jeder fhlt mehr oder weniger, da er sich nicht in der richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden sollte, wenn er auch nicht wei, worin dieser ersehnte Zustand nun eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich dorthin, woher sie etwas ber die Fragen, die heute alle beschftigen, zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthlt. Bedarf man also wohl in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der ber ein gewisses schpferisches Talent verfgt, der lebendige Bilder von Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns zunchst einmal klar, was das fr ein Schriftsteller ist, dessen Hauptbegabung sein schpferisches Talent ist. Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin berein, da ein produktiver Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die Ansprche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht: um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht, herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die hufig ein auergewhnliches Talent fr das beschreibende, malende Genre besitzen, denen jedoch die _schpferische_ Gabe vllig mangelt. Wer dagegen _schafft_, wer viel Zeit und Mhe darauf verwendet, dem sein Werk teuer zu stehen kommt, der darf seine Mhe und Arbeit nicht umsonst verschwenden. Die Schpfungen seiner Kunst mssen fr unser Leben einen Fortschritt bedeuten, er mu, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er auf der Hhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld fr die Belehrung, die er aus ihr geschpft hat, abtragen knnen, indem er auch sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die sthetiker unserer Zeit ebenso wie die frherer Zeiten das Wesen des Dichters oder ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schpferischer Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich aufgenommen hat, ist fr einen schpferischen Schriftsteller sogar unmglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der ber einen flinken Pinsel verfgt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag, was an seinem Blick vorberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln geqult und beunruhigt wird. Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den Fragen des Lebens beschftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als jemand anderes das lsende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen; aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er sich bei allen seinen groen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit des Stils, zu der Adlerkraft und -schrfe des Blicks, zu dem fortreienden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum Brger seines Landes und zum Brger der ganzen Menschheit herangebildet hat und berall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein Fels, unerschtterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn antreten. Wenn er wirklich ber solche Mittel und Werkzeuge verfgt, dann wird er dem Publikum solche Menschen vorfhren, wie er sie gegenwrtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie mit jener portrthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, da das Bild eines Menschen uns berallhin verfolgt, so da wir es nicht wieder loswerden knnen. Bei solchen Mitteln wird es ihm natrlich nicht schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen Schriftsteller unsere Kpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man mu nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche lebendige Bilder, die wie die rechtmigen Herren in der Seele der Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich einem die Tore der Herzen von selbst ffnen, um sie aufzunehmen, wenn man nur das Gefhl hat und nur das Geringste davon sprt, da diese Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschpft sind, da sie unserem eigenen Krper entstammen. Wer knnte in solch einem Falle noch daran zweifeln, da heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuben vermchte, wie solch ein Schriftsteller, und da niemand unserer Zeit und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch tatschlich ber einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfgt, sich aber noch nicht zu einem Brger seines Landes und der Menschheit herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wre es fr ihn sogar gefhrlich, sich in die ffentlichkeit hinauszuwagen; dann kann seine Wirkung eher schdlich als ntzlich sein. Diese Arbeit an sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder entstammt. Je weniger hnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je ungewhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtmern und Miverstndnissen kann er berall Anla geben. Das, was in ihm lediglich eine natrliche uerung, eine normale Funktion seines auergewhnlichen Organismus, ein vorbergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes ist, kann anderen Menschen als ein Hhepunkt, als Zielpunkt erscheinen, den alle erreichen mssen. Je liebevoller er sich fr seine Helden und Charaktere einsetzt, je grndlicher er sie ausfhrt, und je lebendiger seine Darstellung ist, um so grer wird der Schaden sein. Wir alle haben den Beweis dafr vor Augen. Eine bekannte franzsische Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung berragt, hat in wenigen Jahren eine gewaltigere Umwlzung in den Sitten hervorgerufen als smtliche Schriftsteller, die sich bemhten, die Menschen zu korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren mglicherweise nur der Ausdruck einer vorbergehenden Verirrung, der sie in einer spteren Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen: _Ein Wort ist wie ein Spatz_, sagt ein russisches Sprichwort, _lt du es aus der Hand, so fngst du es nie mehr ein_. Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schpferischer Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fhigkeiten, in denen eine suggestiv fortreiende Kraft liegt. Der allgemeinen Zeitstrmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen des Hchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fhle, da ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und da ich daher nicht ffentlich hervortreten sollte. Auch das unlngst verffentlichte Buch Briefwechsel mit meinen Freunden ist ein Beweis dafr. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtmern Anla gibt und sogar zur Verbreitung verkehrter Gedanken beitrgt, wenn schon von diesen Briefen, wie man sagt, einem ganze Stze und Seiten wie lebendige Bilder im Kopf haften bleiben, was wre erst dann geschehen, wenn ich, statt mit diesen Briefen, mit einem erzhlenden Werk voll lebendiger Anschauungen hervorgetreten wre? Ich fhle selbst, da hierin weit mehr meine Strke liegt als in theoretischen Errterungen. Jetzt kann die Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wre kaum jemand imstande gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder htten etwas Suggestives gehabt und htten sich so in den Kpfen festgesetzt, da kein Kritiker sie von dort htte wieder austreiben knnen. Man darf nicht auer acht lassen, da alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit meiner eigenen berzeugungen htten beweisen mssen und meine berzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten Toten Seelen vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein fr den mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich in meinem Briefwerk auf einem hheren Standpunkt als in den vernichteten Toten Seelen. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer ausgedrckt htte, so htten viele Leute unterlassen, mir Einwnde zu machen. In den von mir vernichteten Toten Seelen ist weit mehr von dem bergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck gekommen, es steckt noch eine weit grere Unbestimmtheit in den grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende, treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel Eindrucksvolles, mit sich Fortreiendes, und die Helden haben etwas Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller htte ich die Feder niederlegen mssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang gefhlt htte, sie zu ergreifen. Aber so etwas mu mit Besonnenheit betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, da ich in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die ganze Sache etwas genauer berlegen und alle Umstnde in Betracht ziehen, die kein Richter auer acht lt, wenn er ber jemand zu Gericht sitzt. Ich habe den Eindruck, da heute nicht nur ein Mensch, der schriftstellerisch ttig ist, sondern jeder Kopf berhaupt sich der Ttigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlsse und Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten nur solche sich ffentlich bettigen, deren Erziehung vollendet ist und die fertige Brger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur solche, die Ruland ebenso glhend lieben wie der, der sich Kosak Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Bse an der russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun, die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt ber den wirklichen Zustand aufzuklren, in dem sich heute die Menschen in Ruland befinden. Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die schriftstellerische Ttigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller meiner Gedanken und Wnsche war, wo ich doch allem anderen, allen Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mnch alle Bande, die mich an alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht, der schriftstellerischen Ttigkeit zu entsagen: gehrten doch gerade die Augenblicke zu den schnsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in Gedanken ausgebrtet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch jetzt noch immer berzeugt, da es kaum einen hheren Genu gibt als den des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher Mensch mte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den inneren Drang fhlte, sie zu ergreifen. Ich wei nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wre, so zu handeln, wenn ich nicht die Fhigkeit zum Schreiben verloren htte; denn -- um ganz aufrichtig zu sein -- das Leben htte dann pltzlich allen Wert fr mich eingebt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das htte fr mich ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, fr den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafr ist, da der Schpfer den Menschen keinen Augenblick verlt. Das Herz bleibt keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die Erde, die eine Weile vom Pflug unberhrt bleibt, andere und neue Kruter und Grser wachsen lt, bis sie sich in ein neues von ihnen befruchtetes und gedngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir, als ich die Fhigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs neue zu dem Gegenstand zurck, von dem ich in meiner Kindheit getrumt hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und unscheinbarste Stellung htte mir gengt, wenn ich nur meinem Vaterlande so htte dienen knnen, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja ich htte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mgen, als ich dies jemals gewnscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat mich niemals verlassen. Ich shnte mich auch erst mit meiner schriftstellerischen Ttigkeit aus, als ich mich innerlich berzeugte, da man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen knne. Aber auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein groes Werk vollendet haben wrde, ganz so wie die anderen Menschen in den Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Plne und Absichten hatten blo etwas Anmaendes und entsprangen einer hochmtigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafr ablegen wrde, da ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und seinen fundamentalsten Zgen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den Zgen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern wrde, da ich die Seele des Menschen nicht aus Bchern und Erzhlungen, sondern aus Erfahrung kenne, da ich schon von frhester Jugend auf von dem Wunsche beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so wrde man mir eine Stellung anweisen, die es mir erlauben wrde, mit Menschen aller Stnde und mit vielen Leuten in persnliche Berhrung zu kommen, nicht erst durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen Leuten ntzlich erweisen und mir selbst noch eine grere Menschenkenntnis erwerben wrde. Es schien mir so, als ob Ruland am meisten unter den gegenseitigen Miverstndnissen leidet, und da wir vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen Wunsche nach Frieden beseelt wren. Ich hatte gesehen und bereits die Erfahrung gemacht, da man durch persnliche Unterhandlungen und Aufklrungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine solche Stellungen gebe, so wrde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen wollte, wie ich mich Ruland durch die Fhigkeiten, die ich besa, ntzlich und notwendig erweisen knnte. Ich schmiedete die khnsten Plne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes grndeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fhigkeit, dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in meinen Augen alle mter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der kleinste wie der grte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur mit dem gebhrenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, da man, wenn man den Menschen nur ein wenig zu schtzen wei und einen Begriff von seiner Wrde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der Mensch viele Fehler und Mngel hat, da man, sofern man nur etwas wahrhaft christliche Liebe fr ihn hat und endlich von wirklicher Liebe zu Ruland erfllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses bertrifft alles andere. Ein Amt und eine Stellung wren fr mich dasselbe wie ein Hafen und das Festland fr einen Seefahrer. Ich bin berzeugt, da heutzutage ein jeder, der von dem heien Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der ein Russe ist und dem Rulands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und mit demselben Eifer zu vielen mtern und Stellungen im Staate drngen sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der bel sind gro, und sie haben schon viel Schmach ber uns gebracht. Andererseits aber bin ich auch berzeugt, da wir schon um unserer selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So strmisch und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand emprt, man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfllen, da man dem Himmel Rechenschaft dafr abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schmen braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist fr uns kein Rtsel mehr. Es war einmal ein Rtsel, als die klgsten unter den Menschen, die Denker und Dichter, ber es nachsannen und zur berzeugung kamen, da sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der der klgste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaen fr den grten aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht zugeben wollen, da Er Gott sei, gehalten wird, mu man Ihm aufs Wort glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte. Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelst. Das aber gengt noch nicht. Uns ward ein vollstndiges und umfassendes Gesetz fr alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschrnken vermag, das man selbst bis in die Mauern des Gefngnisses tragen, das man jedoch nicht erfllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu mu man zum mindesten ein festes irdisches Fundament unter den Fen haben. Wenn man ein Amt und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrpp und Schluchten, wenn man auch das gleiche Ziel im Auge behlt. Auf einem Wege geht sich's leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele -- ansieht, so erkennt man, da das Gesetz, das uns Christus gegeben hat, nur fr uns selbst gegeben ward, da er sich gleichsam an uns selbst wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle, an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwhlt haben, verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Hhergestellte benehmen soll, und wenn er nur einen Teil davon erfllt, so werden ihn alle, die ber ihm stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfllt, so werden ihm alle unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalitt des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhltnis der Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphre angewandt und bertragen werden. Wir brauchen blo alle Menschen, mit denen wir so hufig in unangenehmster und peinlichster Art zusammenstoen, zu unseren Nchsten und unseren Brdern zu machen, zu jenen Nchsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht blo nicht darauf zu achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht blo nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern blo darauf zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich durch irgend etwas gekrnkt zu fhlen, dem ersten, dem man begegnet, die Hand zur Vershnung entgegenzustrecken. Man braucht blo eine kurze Zeit lang so zu handeln und man wird bald inne werden, da der Umgang mit anderen Leuten uns selbst und da ihnen der Umgang mit uns viel leichter wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fhlen, auch an einer unscheinbaren Stelle manch ntzliche Tat zu vollbringen. Am schwersten hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fu gefat hat, der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher mu auch das Leben ein ewiges Rtsel fr ihn sein. Ihm gegenber ist sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er wei, da er ein Gefangener ist, und er wei daher auch, was von dem Gesetz er fr sich auswhlen mu. Ihm gegenber ist noch der Bettler im Vorteil, er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und wei daher, was er fr sich aus dem Gesetz Christi schpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht wei, was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts haltmacht und nirgends festen Fu gefat hat, der hat weder in der Welt noch auer der Welt ein Heim; er wei nicht, wer sein Nchster ist, wer seine Brder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben lernt, die einem am nchsten stehen und die Gelegenheit haben, uns Kummer zu bereiten): sein Gemtszustand hat die meiste hnlichkeit mit einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung. So war ich denn nach vielen Jahren langer Mhe und mancherlei Versuchen und hufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwrtsschreitend, endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon whrend meiner Kindheit getrumt hatte, da das Dienen die Bestimmung des Menschen und da unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht vergessen, da man ein Amt im irdischen Staate bernimmt, um dadurch dem himmlischen Knig zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge behalten mu. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffat, kann man es allen recht machen: dem Knig, dem Volk und seinem Vaterland. Als ich diese berzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natrlich bemht war, mir mit Rcksicht auf meine Fhigkeiten einen solchen Beruf zu whlen, der mich auch weiter in den Stand setzen wrde, die Menschen in Ruland auch in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die Fhigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, ber ein ausreichendes Material verfgte. Und so war auch einer der Grnde meiner Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fu durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen fr eine rechtschaffene Erfllung meiner Pflicht und fr meinen Eintritt ins Leben zu erflehen; ich wollte Ihm fr alles danken, was sich in meinem Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Ttigkeit erbitten und Ihn um Belebung und Erfrischung fr den weiteren Weg und das Werk, fr das ich mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich nichts Merkwrdiges, da doch auch der Schler nach Beendigung seines Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Ttigkeit beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Krftigung zuteil wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind -- von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar, da ich in einem gedruckten Buche hierber geredet habe; aber ich hatte mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch recht schwach und glaubte gar nicht, da ich imstande sein wrde, diese Reise zu vollenden. Ich wollte, da _die_ fr mich beten sollten, deren ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wute nicht, wie ich es anstellen sollte, da meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen und in die Mauern der Einsiedler drnge, und ich dachte, da vielleicht einer von denen, die mein Buch lesen wrden, mein Wort bis an das Ohr jener tragen mchte. Ich bat auch die anderen, fr mich zu beten, weil ich nicht wute, wessen Gebet Ihm wohlgeflliger ist, zu Dem wir alle beten. Ich wei nur das eine, da der Geringste und Schlechteste unter uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und da sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet. Dafr htte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man htte lieber an die Worte _Bittet, so wird euch gegeben_ denken und dies Gebot erfllen sollen. Wie es geschehen konnte, da ich nun gentigt bin, dem Leser ber dies alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich wei nur das eine: da ich nie den Wunsch hatte, mich ber meine geheimsten und innersten Seelenregungen zu uern -- nicht einmal meinen aufrichtigsten Freunden gegenber. Ich war fest entschlossen, nichts von meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die ber mich gefllt wurden, ruhig ber mich ergehen zu lassen, da ich fest davon berzeugt war, da, wenn erst der zweite und dritte Band der Toten Seelen erscheinen wrden, sich alles aufklren und niemand mehr die Frage stellen wrde: was ist der Autor selbst fr ein Mensch? trotzdem der Autor gnzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklrungen ber meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, da ich auch von mir selbst reden mute, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott wei, vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mute dies gerade deswegen geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen konnte. Die Versuchung, hochmtig zu werden, lag mir sehr nahe, besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatschlich von einigen Fehlern und Mngeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete bestndig in meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich gengt es schon, sich eine gewisse Gltte, ein gewisses Gleichma und eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen anzueignen, damit sie unsere Fehler bersehen und nicht beachten. Wenn man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart, der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwrfe auf einen niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne bse Absicht an die empfindlichsten Seiten unseres Wesens rhren, dann fngt man an -- ob man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mngel in sich zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht htte. Das ist eine furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klger und vernnftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne Errten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott, da Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies Buch aber wre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht entsprungen war, anderen zu ntzen, vor allem mir selbst am meisten gentzt. Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte ber den Nutzen zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch wirklich so ganz wertlos fr andere Menschen, besonders aber fr die Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die ber dies Buch geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu hitzig und heftig betrachtet. Man htte es weit kaltbltiger beurteilen sollen. Statt als Vorkmpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu laden, htte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man htte das Buch analysieren, man htte feststellen sollen, was es seinem innersten Wesen nach ist, und man htte nicht eher auf die Einzelheiten und die Teile eingehen drfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen vllig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand trichte Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas trumen lassen. Zunchst htte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und schicklicher ausgedrckt htte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten. Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge hat, wenn sie gebietet, einander unaufhrlich zu belehren, wobei man es verstehen mu, mit derselben Freude Ratschlge von anderen entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber war damals wirklich bereit, Ratschlge von anderen Menschen entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine Schule vor, die mit Schlern von mir angefllt ist, deren Lehrer ich bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, da alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrdern und Mitschlern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich jeder das davon whlen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten sich diese Briefe unmglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder wrde sich nur das davon aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte nicht geglaubt, da so mancher gerade danach greifen wrde, dessen ein anderer bedurfte, ausrufen wrde: Das kann ich nicht brauchen! und mir dann noch zrnen wrde. Ich wollte auch keine neue Lehre verknden. Als ein Schler, der in einigen Fchern etwas weiter fortgeschritten ist als ein anderer Mitschler, wollte ich es den brigen Kameraden blo klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben wrde, wrde man zu mir sagen: Ich danke dir, Mitbruder! und nicht: Ich danke dir, mein Lehrer! Wenn nur nicht mein Testament gewesen wre, das ich unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen Werken erteilen sollte, so wre es niemand eingefallen, mir solche apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen knnen, was ihm von Nutzen sein drfte. Was ferner die Meinung anbetrifft, da mein Buch schdlich wirken msse, so kann ich dies unter keinen Umstnden zugeben. In dem Buche kommt trotz all seiner Mngel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen berzeugung: nmlich da die hchste Instanz in allen Fragen die Kirche und da _sie_ der Schlssel zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der Lektre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn darber belehren werden, was er sich aus meinem Buche fr seine Zwecke aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere Bcher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch beiseitelegen wird, so wie ein Schler das Buchstabieren aufgibt, wenn er frei lesen gelernt hat. Zum Schlu mu ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die ber mein Buch gefllt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir gegenber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen selbst, ich htte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine Vorzge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden, einbilden knnen, da ich hher stehe als alle anderen Menschen und da ich das Recht habe, ber andere Leute zu richten, worauf aber knnte sich der sttzen, der mit solcher Sicherheit ber mich zu Gericht sitzt und nicht einmal das Gefhl hat, da er hher steht als ich? Wie dem auch sein mag, um ein allseitiges Urteil ber einen Menschen zu fllen, dazu mu man hher stehen als der, ber den man richtet. Man kann wohl gewisse Bemerkungen ber diese oder jene Einzelheit machen, man kann Meinungen uern und Ratschlge erteilen, allein ber den ganzen Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschlge sttzt, ihn fr vllig verrckt erklren, behaupten, er habe seinen Verstand verloren, er sei ein Lgner und Betrger, der die Maske der Frmmigkeit angelegt habe, ihm gemeine und niedertrchtige Absichten unterlegen -- nein, das sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen offenkundigen Schurken, der das Schandmal der ffentlichen Verachtung trgt, vorzubringen imstande wre. Mir scheint, ehe man solche Beschuldigungen ausspricht, mte man innerlich erschrecken und erbeben, man sollte erst ein wenig darber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei zumute wre, wenn ffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen gegen uns erhoben wrden! Es wre wirklich gut, wenn man sich's erst ein wenig berlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: Irre ich mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es nicht fr alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die uere scheinbare hnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die geschicktesten rzte eine Krankheit fr eine andere gehalten und ihren Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten secierten. Nein, das Buch Briefwechsel mit meinen Freunden enthlt, so groe Mngel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel Derartiges, was nicht allen sofort verstndlich sein kann. Es ntzt nichts, sich darauf zu berufen, da man das Buch zwei- oder dreimal gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, mu man entweder eine sehr einfache und gtige Seele haben oder ein sehr vielseitiger Mensch sein, der auer einem Verstande, der die Dinge von allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch ber ein hohes poetisches Talent und eine Seele verfgt, die einer vollen, groen und tiefen Liebe fhig ist. Ich kann nicht leugnen, da diese ganzen Wirrnisse und diese Miverstndnisse sehr bitter fr mich waren -- um so mehr, als ich geglaubt hatte, da mein Buch eher den Keim zur Vershnung als zu Streit und Zwietracht enthalte. Meine Seele wre unter all den Vorwrfen zusammengebrochen; manche darunter waren so frchterlich, da Gott jeden vor solchen Anklagen bewahren mge! Andererseits aber fhle ich mich verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen vieler Verfehlungen htten mit Vorwrfen berschtten knnen, die mich aber in dem Gefhl, da sie bereits das Ma dessen berstiegen, was die schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott mge es ihnen vergelten! Ich kenne keine grere Tat, als einem Menschen, der den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen. 1847. An W. A. Schukowski Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847. Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage fliehen in steter Beschftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, da man nicht wei, wie man eine Stunde erbrigen soll. Ich lerne wie ein Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzhlen! Ich mchte davon sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nmlich von unserer lieben _Kunst_, fr die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach Jerusalem stehe, mchte ich dir mein Herz ausschtten; wem gegenber knnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenber? Die Literatur hat ja doch fast mein ganzes Leben ausgefllt, und hier liegen meine Hauptsnden. Nun sind es bald zwanzig Jahre, da ich, ein Jngling, der kaum ins Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben Weg auf diesem Felde zurckgelegt hatte. Das war im Schlosse von Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten -- bis auf das kleinste Mbelstck und die geringsten Sachen, die darin standen, vor mir, wie wenn es heute wre. Du reichtest mir die Hand und warst ganz erfllt vom Verlangen, dem knftigen Mitkmpfer zu helfen. Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns, zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenfhrte? Es war die Kunst! Wir fhlten, da zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die strker war als die gewhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das? Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst versprt hatten. Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Mae ich Dichter bin; ich wei nur das eine, da ich, noch ehe ich die Bedeutung und das Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt meiner ganzen Seele empfand, da sie was Heiliges sein msse. Und so wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das _Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, whrend alles andere an die zweite Stelle rckte. Es schien mir so, als ob ich mich von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen drfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des Brgers, und da die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei. Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Ttigkeit sein msse, aber schon regte sich die schpferische Kraft in mir und ich wurde durch die nheren Lebensumstnde selbst auf bestimmte Gegenstnde hingewiesen. Dies alles spielte sich gleichsam unabhngig von meiner eigenen (freien) Willkr ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, da ich einmal ein satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen wrde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschler mit unpassenden Scherzen. Aber das waren vorbergehende Anwandlungen; im allgemeinen hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken neigendes Wesen. Spter kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzhlungen! Meine Leidenschaft fr die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den frhesten Tagen meiner Kindheit erfllte, verlieh meinen Gestalten etwas Natrliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Portrts nach der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte anfnglich etwas Gutmtiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs hchste erstaunt, wenn ich hrte, es fhle sich jemand gekrnkt oder ganze Gesellschaftsklassen und -stnde zrnten mir darob, so da ich schlielich nachdenklich wurde. Wenn die Macht des Gelchters so gro ist, da man es frchtet, so darf man es nicht mibrauchen. Ich entschlo mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln, in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelchter preiszugeben -- so entstand der Revisor. Das war mein erstes Werk, das aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einflu auf die Gesellschaft auszuben, was mir brigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komdie die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere Regierungsform zu verspotten, whrend ich nur die eigenmchtige bertretung dieser rechtmigen und gesetzmig sanktionierten Ordnung durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zrnte sowohl meinen Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der die Schuld daran trug, da ich nicht verstanden worden war. Ich wollte entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele drstete nach der Einsamkeit, ich hatte das Bedrfnis, aufs ernsthafteste ber meinen Beruf und meine Ttigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit dem Gedanken an ein _groes Werk_, in dem alles Gute und Bse, das es im russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres russischen Wesens mglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen, aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit gestalten und so bestimmte Formen annehmen, da ich ans Werk gehen und mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fhlte ich, da mir noch vieles fehlte, da ich es noch nicht verstand, den Knoten der Vorgnge und Begebenheiten zu schrzen und ihn wieder zu lsen, und da ich erst bei den groen Meistern in die Schule gehen und von ihnen lernen mute, wie man ein groes Werk aufbauen und komponieren mu. Ich begann also die groen Meister zu studieren und machte zunchst den Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schpferische Fhigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung groer Mhen gelang es mir, wenigstens den ersten Teil der Toten Seelen herauszugeben, gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von einer unfruchtbaren Stimmung erfat. Ich kaute an meiner Feder, meine Nerven und alle meine Krfte waren in einem Zustande der Erregung -- und es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich htte die Fhigkeit zum literarischen Schaffen vllig verloren. Da lieen mich pltzlich Krankheit und schwere seelische Zustnde dies alles, ja sogar jeden Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin, wozu ich schon frher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer Lust versprt hatte -- nmlich auf die Beobachtung des inneren Menschen und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem Wege trifft man auch ganz unwillkrlich _nher_ mit _Ihm_ zusammen, Der allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat; selbst wenn die Welt Seine Gttlichkeit leugnen wollte, diese Eigenschaft knnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, da sie nicht blo _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wre. Durch diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich dazu veranlat, berhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu erfahren, da es hhere Grade und hhere Erscheinungsformen des Seelischen gibt. Von da ab begann die schpferische Fhigkeit wieder in mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fhle, da die Arbeit mir glcken, ja, da selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und da mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein knftiger Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir seinen Schlern eine Seite aus meiner knftigen Prosa vorlesen und erklrend hinzufgen: Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben, obwohl sie einander nicht gleichen. Die Herausgabe meines Buches Briefwechsel mit meinen Freunden, mit der ich mich (aus lauter Freude, da meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe, ohne zu berlegen, da ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu ntzen vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Malosigkeit und des berschwangs geworden bin, dem in dem bergangszustande, in dem sich die Gesellschaft gegenwrtig befindet, fast jeder vorwrtsschreitende Mensch verfllt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt wurde, und trotz der Widersprche in der Beurteilung, kam doch schlielich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als Schriftsteller nicht berschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_ und nicht in der Form der Beweisfhrung zu den Menschen zu sprechen. Ich mu das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht Betrachtungen _ber_ das Leben anstellen. Das ist eine vllig evidente Wahrheit. Aber es ist die Frage: htte ich auch ohne diesen groen Umweg ein wrdiger Vertreter der Kunst und ein schpferischer Knstler werden knnen? htte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen knnen, da es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermchte man Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller mu, wenn er blo die schpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren, erst einen Menschen und Brger seines Landes aus sich machen; erst dann darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles milingen. Was hilft's, die Verchtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das Ideal des schnen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwrdige im Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwrde? und so lange man noch keine einigermaen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht ganz ber die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte bilden? Das hiee doch das alte Haus einreien, ehe man die Mglichkeit hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein mit Zerstrung. In der Kunst liegt ein Keim des Schpferischen, ein aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstrung. Das hat man stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und Unwissenheit. Bei den Klngen der orphischen Leier wurden Stdte erbaut. Trotz des noch ungeklrten und ungeluterten Begriffs, den unsere Gesellschaft von der Kunst hat, hrt man doch schon allgemein sagen: Die Kunst vershnt mit dem Leben. Das ist wirklich wahr. Ein echtes Kunstwerk enthlt etwas Beruhigendes, Vershnendes in sich. Whrend wir es lesen, erfllt sich unsere Seele mit einer ebenmigen Harmonie, und wenn man es zu Ende gelesen hat, fhlt sie sich befriedigt: man wnscht nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine Entrstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergiet sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brdern; berhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs auf. Wenn vom Werk des Knstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es nichts als die edle Regung einer glhenden Seele, die Frucht einer vorbergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem Leben vershnt. Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfllen und nicht Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die Menschen unserer Erde so darstellen, da ein jeder das Gefhl hat: das sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen Zge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen fhren, selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum fr ihre freie Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem Mae gewrdigt sind, da jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem glhenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlssigte und lngst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen. Die Kunst mu uns auch alle schlechten Zge und Eigenschaften unseres Volkscharakters so vor Augen fhren, da jeder von uns ihre Keime vor allem in sich selbst wiederfindet und veranlat wird, darber nachzudenken, wie er zunchst einmal in sich selbst alles, was die hohe Wrde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten knne. Erst dann und erst auf diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfllen und Ordnung und Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen. So la uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine knftige Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten wrdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den Toten Seelen widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies mu ich um jeden Preis tun, denn ich mte mich schmen, wenn ich es nicht tte). Ich will dort, so gut ich kann, Gott meinen Dank fr alles Vergangene aussprechen; ich will dort beten, da meine Seele gekrftigt werde und meine Fhigkeiten und Geisteskrfte sich sammeln und konzentrieren mgen, und dann mit Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wnschte ich, da Gott uns wieder einmal zusammenfhren mge, und da wir wieder einmal eine Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben knnten. Jetzt wre es noch notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und bereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen Jahr. Gebe Gott, da es fr uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde, weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein Lieber! Ich ksse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht aufzubrechen. Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns. Dein G. Wenn du findest, da dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man knnte ihn in der zweiten Auflage des Briefwechsels an die Spitze des Buches, d. h. an die Stelle des Testaments stellen, das fortgelassen werden soll, und ihm den Titel geben: _Die Kunst ist die Macht, die uns mit dem Leben vershnt._ Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt du nicht die lateinische bersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text, die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schne Ausgabe. Der ganze Homer in einem Bande Gro-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, da die bersetzung recht anstndig sei, und sie knnte dir weit mehr ntzen als alle anderen. Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Htel de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt wird, mu das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend geschrieben werden. Betrachtungen ber die Heilige Liturgie 1845-1852. Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck genehmigt. Moskau, den 9. Februar 1889. Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko. Vorrede Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfngern, die noch keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu zeigen, in welcher Vollstndigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen Erklrungen, die von den Kirchenvtern und -lehrern herrhren, sind hier nur die ausgewhlt, die wegen ihrer Einfachheit und Verstndlichkeit von jedermann begriffen werden knnen und die in erster Linie dazu dienen, die notwendige und richtige Ordnung, gem der eine Handlung aus der anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen, da sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des Ganzen bilde. Er ist berzeugt, da sich jedem, der der Liturgie mit Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe innere Bedeutung von selbst erschlieen wird. [Funote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die geheimnisvolleren und tieferen Erklrungen kennen zu lernen, knnen solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.] Einleitung Die Gttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des groen Liebeswerkes, das fr uns geschehen ist. Tief bekmmert ber ihre Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen berall und an allen Enden der Welt ihren Schpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die, die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine Gotteserkenntnis besaen --, fhlten sie doch, da hier auf Erden Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden knnten, Der die von Ihm selbst erschaffenen Welten geheien hatte, sich in streng geregelten Bahnen zu bewegen. berall rief die schmerzbewegte Kreatur ihren Schpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins empor, und diese Klagen tnten am lautesten und deutlichsten aus dem Munde der Auserwhlten und der Propheten. Man hatte ein dunkles Vorgefhl, ja man wute, da der Schpfer, Der sich hinter Seinen Werken versteckt hatte, noch einmal persnlich vor die Menschen treten -- da Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen wrde. Sowie sich die Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen, tauchte berall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf. Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwhlten Volkes. Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren Klarheit wie bei den Propheten. Diese Klagen fanden Erhrung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums vorausgeahnt und dunkel gefhlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie man es sich zufolge der noch ungeluterten Begriffe vorgestellt hatte -- nicht in stolzer Pracht und Majestt, nicht als Richter, der da kommt, um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderku. Er erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentmlich ist, und wie sie die gttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war, vorgebildet hatten. Das Offertorium (_Proscomidia_) Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, mu schon am Vorabend auf krperliche und geistige Nchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit ben, er mu sich mit allen Menschen ausgeshnt haben und sich davor hten, noch etwas wie rger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er beugen sich anbetend vor der Knigspforte, kssen das Bild des Heilands, das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still fr sich die Worte des Psalms sprechen. Ich aber will in Dein Haus gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht. Sodann treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt] dreimal vor ihm nieder und kssen das auf ihm liegende Evangelium, als wre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie kssen auch den heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen Gewnder zu hllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien, damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen alltglichen irdischen Geschften nachgeht. Mit den Worten Gott! reinige mich armen Snder und erbarme Dich meiner! erfassen Priester [und Diakon] die Gewnder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein Untergewand von glnzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein mu. Daher spricht er auch, whrend er sich den Rock anzieht, die Worte: Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist frhlich in meinem Gott: denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Brutigam mit priesterlichem Schmuck gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide. Hierauf nimmt er die Stola und kt sie; dies ist ein langes schmales Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die Snger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trgt, und das gleich einem therischen Flgel in der Luft flattert, sowie durch sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar. Nachdem er das Band gekt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann legt er die Armbnder oder berrmel an, die dicht ber dem Handgelenk zusammengebunden werden, um den Hnden eine grere Freiheit und Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu verleihen. Whrend er sie anzieht, denkt er ber die unablssig alles erschaffende, berall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den rechten berrmel anzieht, spricht er: Herr, Deine rechte Hand tut groe Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und mit Deiner groen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwrtigen gestrzt. Dann zieht er den linken berrmel an und denkt dabei an sich selbst, da er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn erschaffen hat, Er mge ihn lenken und leiten und ihm Seine hchste himmlische Fhrung zuteil werden lassen, und er spricht: Deine Hand hat mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, da ich Deine Gebote lerne. In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide Schultern bedeckt, den Hals umschliet und deren beide Enden sich wieder auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, da sich in seinem Amte zwei mter vereinigen -- das des Priesters und das des Diakons. Auch heit das Kleidungsstck nicht mehr Orarion, sondern Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgieung der himmlischen Gnade ber die Priester; daher wird dieser Akt auch von den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: Gelobt sei Gott, Der Seine Gnade ausgieet ber seine Priester wie das Salbl, das von dem Haupte Aarons herabflieet auf seinen Bart und auf den Saum seines Kleides. Sodann zieht der Priester beide berrmel an, indem er diese Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgrtet sich mit einem Grtel, der Chorrock und Stola umschliet, damit das weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen Handlung behindere und um durch diese Umgrtung seine Dienstbereitschaft anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Grtel anzulegen, wenn er sich reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat schreitet; so legt auch der Priester den Grtel an, indem er seinen Weg antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet seinen Grtel wie eine Feste der gttlichen Macht, die ihn strkt und krftigt, und er spricht: Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgrtet und meinen Weg untrglich macht, meine Fe geschwinder denn die des Hirsches und stellt mich auf die Hhe, d. h. in das Haus des Herrn. Wenn er jedoch eine hhere priesterliche Wrde innehat, so hngt er ein viereckiges Stck Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es symbolisiert das geistige Schwert, die alles berwindende Kraft des gttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg ber den Tod, den Christus vor aller Welt errungen hat, auf da der unsterbliche Geist des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht dies Stck Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Grtel an der Lende aufgehngt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: Grte dein Schwert an deiner Seite, du Held, und schmcke dich schn. Es msse dir gelingen in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen. Endlich legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der hchsten alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese Handlung mit den Worten: Deine Priester la sich kleiden mit Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen. Also ausgerstet mit der gttlichen Rstung steht der Priester nunmehr als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich fr ein Mensch, so unwrdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen Geist erfllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide die Hnde, indem sie die Worte des Psalms sprechen: Ich wasche meine Hnde in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar. Dann verbeugen sie sich dreimal, indem sie sprechen: Gott, reinige mich Armen von meinen Snden und erbarme Dich meiner! und erheben sich gereinigt und erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen gleichend. Der Diakon kndigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er spricht: Segne uns, o Herr!, der Priester erffnet die Feier mit den Worten: Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit! und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer heiligen Handlung erforderlich ist: whrend dieses Teils des Gottesdienstes werden die Stcke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi reprsentieren und sich sodann in ihn verwandeln sollen. Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloe Vorbereitung auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten Lebensjahre Christi an sie geknpft, waren doch diese auch eine Vorbereitung auf seine groen Werke, die er spter auf Erden vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes bei geschlossenen Tren und zugezogenem Vorhang ab, ohne da die Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne da das Volk etwas von Ihm erfuhr. Fr die andchtige Gemeinde aber werden whrend dieser Zeit die Horen[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die erste Stunde, wenn fr die Christen [der Morgen] begann, um die dritte, d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlser der Welt ans Kreuz geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab. Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablssigen Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit verlesen. [Funote 4: Tschassy.] Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich spter in den Leib Christi verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstck, das den Namen Jesu Christi trgt. Durch die Absonderung eines Teils vom ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, da Er geboren wird, Der Sich fr die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich fr ihn damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer, die Zeugen der damaligen Vorgnge waren, er versetzt sich nicht in die Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde: dies geschieht spter im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die knftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit vorausverkndigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des Siegels stt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: Wie ein Lamm wird Er zur Schlachtbank gefhrt, dann stt er die Lanze in den Teil, der zur Linken liegt, und spricht: Und wie ein unschuldiges Lamm sich stumm scheren lt, so ffnet er seinen Mund nicht, dann versenkt er die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: Um Seiner Demut willen ward Er verdammt, stt ihn dann in den unteren Teil, indem er die Worte des Propheten wiederholt, der ber die wunderbare Herkunft des Opferlammes nachsinnt: Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er stammt? Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstck des Brotes auf der Lanze empor und spricht: Denn Sein Leib ward von der Erde hinweggenommen, und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gem dem es whrend der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er: Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Snde trgt, zum Leben und zum Heil der Welt. Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, da das Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte Lamm versinnbildlicht, stt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf hingedeutet werden soll, da die Seite des Heilands von einem am Kreuze stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er: Der Kriegsknechte einer ffnete Seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr. Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, da nun die Zeit gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gieen. Der Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfrchtig und andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: Lasset uns beten zu dem Herrn! vor sich hinmurmelte, giet nun Wein und Wasser in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich whrend der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren. Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten Christen zu erfllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nchsten standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein Stck zum Andenken an jene heraus und legt die Stcke auf dieselbe Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja auch jene von dem glhenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet er ein Stck zum Gedchtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm Davids spricht: Die Knigin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes Gewand gehllt und reichlich geschmckt. Dann nimmt er das dritte Brot, das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben Speer neun Stcke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei Stcken anordnet. Er schneidet ein Stck zu Ehren Johannes des Tufers, ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen ihren Abschlu erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen Kirchenvter ein viertes Stck, ein fnftes zu Ehren der Mrtyrer und ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Vter und Mtter heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stck zu Ehren der Wundertter und Uneigenntzigen, ein achtes zu Ehren der gttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Groen heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird. Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstcke, die er herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am nchsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Gttern und Mensch unter Menschen. [Funote 5: Diskos.] Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stck zu Ehren des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtglubigen Christen heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mgen, und endlich schneidet er auch noch fr jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stck heraus. Dann nimmt der Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stcke zur Erinnerung an alle Verstorbenen aus ihm heraus, indem er fr sie betet und Vergebung der Snden fr sie erfleht; er betet fr die Patriarchen, fr die Zaren, die Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet fr alle -- bis auf den letzten Christen -- fr den man sich bei ihm verwendet hat oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stck heraus. Zum Schlu fleht er selbst um Vergebung aller seiner Snden, dann schneidet er ein Stck fr sich selbst heraus und legt alle Stcke auf die heilige Patene unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kmpfende irdische. Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er Fleisch ward und ein Mensch wurde. Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krmchen auf der Patene zusammen, auf da nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und auf da alles erfllet werde. Dann tritt der Priester vom Altar zurck und fllt vor ihm nieder, als beuge er sich vor dem verkrperten Christus selbst; er begrt in dieser Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen Brotes auf Erden; er begrt es, indem er mit Thymian ruchert, nachdem er das Rauchfa zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: Wir bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf da es dufte von geistlichen Wohlgerchen; nimm ihn an auf Deinen hohen ber den Himmeln thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen Geistes. Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwrtiges verwandelt, und er blickt auf diesen Seitenaltar, als wre er die geheimnisvolle Krippe, darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit einem Sterne darber besteht, umruchert und auf die Hostienschssel gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wre, der einst ber dem Kindlein leuchtete, und er spricht: Er kam, und der Stern stand oben ber, da das Kindlein war: er blickt auf das heilige Brot, das fr die Opfer bestimmt ist, als wre es das neugeborene Kindlein, als wre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wren die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehllt war. Nachdem er vor der ersten Decke mit Weihrauch geruchert hat, bedeckt er das heilige Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: Der Herr ist Knig und herrlich geschmckt, d. h. des Psalms, in dem die wunderbare Gre und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf ruchert er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen Kelch mit ihr, indem er spricht: O Herr Christus, Deine Gte bedeckt die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll. Er nimmt die groe Decke, die der heilige Ar genannt wird, und bedeckt nun beides: die Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns mit Seinem schtzenden Flgel zu bedecken; indem dann beide von dem Altar zurcktreten, verbeugen sie sich ehrfrchtig vor dem heiligen Brote, ganz so, wie einst die Hirtenknige das neugeborene Kindlein anbeteten; hierauf ruchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein zusamt dem kostbaren Golde darbrachten. Der Diakon steht auch whrend dieser Zeit bestndig dem Priester aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: Lat uns beten zu dem Herrn begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen Handlung gibt. Endlich nimmt er das Rucherfa aus den Hnden des Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den fr Ihn zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll. Lat uns beten zu dem Herrn fr die kostbaren Gaben, die wir ihm darbringen. Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben zunchst blo fr die Opferhandlung vorbereitet sind, drfen sie von nun ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der fr das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet folgendermaen: Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren Heiland, Erlser und Wohltter gesandt hast, Der uns gesegnet und geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es entgegen auf Deinem hoch ber den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch derer in Deiner Gte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben, sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte uns unschuldig in der Verrichtung Deiner gttlichen Sakramente. Und nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon ruchert unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe denn die Zeit war, der allgegenwrtig und der immerdar berall zugegen war, und er spricht bei sich selbst: Du warst leibhaftig im Grabe, mit Deinem Geist in der Hlle, als Gott mit dem beltter im Paradiese und auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher. Und er tritt mit dem Rucherfa in der Hand aus dem Altarraum hervor, um die ganze Kirche mit Wohlgerchen zu erfllen und alle, die sich zum heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heien. Diese Rucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch im huslichen Leben aller alten Vlker des Orients jedem Gast bei seinem Eintritt eine Schssel zum Waschen und Wohlgerche dargebracht wurden. Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknpft, an das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trgt, in der sich der Gottesdienst und die brderliche Bewirtung und Speisung aller in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlser selbst, Der selbst allen diente und die Fe wusch, ein Beispiel gegeben hat. Indem dann der Diakon ruchert und sich in gleicher Weise vor allen verbeugt, vor den Reichsten wie vor den rmsten, heit er, der Diener Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gste des himmlischen Wirtes; er ruchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gste, die zum heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den Tempel mit Wohlgeruch erfllt hat, kehrt er in den Altarraum zurck, in dem er nochmals ruchert; dann stellt er das Rucherfa endlich beiseite, nhert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen Hochaltar. Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich, sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen, indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet unterweist. Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen, sagt der Apostel Paulus, aber der Heilige Geist selbst tritt fr uns ein, mit unaussprechlichen Seufzern. Der Priester und der Diakon flehen den Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen und fr ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi begrten: Ehre sei Gott in der Hhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der Vorhang der Kirche zurckgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn die Gedanken der Betenden auf die hchsten und erhabensten Gegenstnde hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die ffnung des Tores zum Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, da die Geburt Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, da nur die Engel im Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind anzubeten, Kenntnis von ihr besaen, und da nur die Propheten sie von ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: O Herr, ffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verknden. Der Priester kt das Evangelium, der Diakon kt den heiligen Hochaltar, senkt das Haupt und gibt das Zeichen fr den Beginn der Liturgie, indem er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: Es ist Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr! und der Priester segnet ihn mit den Worten: Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit. Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen Handlung gedenkt, whrend der er den Flug des Engels vom Altar zur Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist und einer Seele vereinigen und gewissermaen eine heilige, alles erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefhl, da er dieser Aufgabe nicht wrdig ist, fleht er den Priester demtig an: Bete fr mich, o Herr! Gott lenke deine Schritte! antwortet ihm der Priester. Gedenke meiner, heiliger Mann! Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Diakon spricht leise, aber mit krftiger Stimme: Amen! und tritt aus der nrdlichen Tr vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Knigspforte gegenberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: Herr, ffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verknden! und indem er sich dem Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: Segne mich, o Herr! Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen: Gesegnet sei das Reich ..., und die Liturgie beginnt. Die Liturgie der Katechumenen Der zweite Teil der Liturgie heit die Liturgie der Katechumenen. Wie der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi, Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war, Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurckgezogenheit und Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkndigt hat. Dieser Teil heit auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil whrend der ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehrten. Dazu kommt noch, da die heilige Handlung, die aus der Verlesung der Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster Linie einen verkndigenden Charakter trgt. Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des Altarraumes ruft: Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ... Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht und leuchtet die Verkndigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn aller heiligen Handlungen voran; der Betende mu daher allem entsagen, sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gnzlich in das Reich der Heiligen Dreieinigkeit versetzen. Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Knigspforte zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale Band -- das Sinnbild des Engelsflgels -- empor und ruft das ganze versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den Zeiten der Apostel unablssig zum Himmel emporsendet, deren erstes die Bitte um Frieden ist, ohne die man berhaupt nicht zu beten vermag. Die versammelten Andchtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit dem Chor der Snger aus: Herr, erbarme Dich unser! Der Diakon steht auf der Kanzel, er hlt die Gebetstola, die den erhobenen Flgel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie auf, an die hhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu beten fr den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, fr den heiligen Tempel und die, die ihn glubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, fr den Kaiser, den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und den Militrstand, fr die Stadt, fr das Haus, darin die Liturgie zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine reiche Ernte, um friedliche Zeiten, fr die Seefahrer und Reisenden, fr die Kranken und Leidenden, fr die Gefangenen und ihre Errettung; er fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, da Er uns vor jeglichem Kummer, Zorn und Not bewahren mge, und indem die Versammlung der Andchtigen alles mit dieser allumschlieenden Kette von Gebeten, die die groe Ektenia heit, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Snger: Herr, erbarme Dich! Im Bewutsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir, die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst, einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sngerchor: Dir, o Herr! Der Diakon beschliet die Kette der Gebete mit einem Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede Handlung einleitet und beschliet. Die Versammlung der Andchtigen antwortet mit einem besttigenden Amen! Ja, so geschehe es! Der Diakon steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone. Die Antiphone sind Wechselgesnge, d. h. Lieder, die den Psalmen entnommen sind und das Erscheinen des gttlichen Sohnes in der Welt prophetisch ankndigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden Sngerchre, die auf beiden Chren postiert sind, gesungen; sie bilden einen Ersatz fr die lteren Psalmodien und sind krzer als diese. Whrend des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren des Altarraumes fr sich; der Diakon steht unterdessen in betender Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern seiner Hand emporhlt. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist, besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an die versammelten Andchtigen: Lat uns abermals und abermals zu Gott beten! Die versammelten Andchtigen rufen: Herr, erbarme Dich unser! Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu weihen. Die Gemeinde ruft aus: Dir, o Gott! Der Diakon beschliet diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze Kirche ruft besttigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten Antiphons. Whrend des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das Heiligenbild des Erlsers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der Hand emporhlt; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie vorhin mit den Worten auf: Lat uns in Frieden zu dem Herrn beten! Die Gemeinde erwidert: Herr Gott, [erbarme Dich. Der Diakon ruft aus]: O Gott, hilf uns, sei uns gndig, errette uns, behte uns durch Deine Gnade! Die Gemeinde erwidert: Herr Gott, erbarme Dich unser! Der Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: Lat uns unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen! Die Gemeinde antwortet: Dir, o Herr! Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet besttigend: Amen, und der Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: Du, Der Du uns dies gemeinsame eintrchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhieest, wenn zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewhren, worum sie bitten! erflle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten; schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke uns im knftigen das ewige Leben. Jetzt werden vom Chor so laut, da alle es hren knnen, die Seligpreisungen verkndet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der Wahrheit und im knftigen ein ewiges Leben verheien. Die andchtige Gemeinde spricht die Worte des weiseren beltters, der Christus am Kreuze anflehte: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst, und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: _Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_ -- d. h. die, die sich nicht berheben und sich nicht mit ihrem Verstande brsten. _Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getrstet werden_ -- d. h. die, die da noch mehr ber ihre eigenen Unvollkommenheiten und Verfehlungen, als ber die Beleidigungen und Krnkungen trauern, die ihnen zugefgt werden. _Selig sind die Sanftmtigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_ -- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen vergeben und von Liebe erfllet sind, deren Waffe die alles besiegende Gte ist. _Selig sind, die da hungert und drstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden_ -- d. h. die, die nach der himmlischen Gerechtigkeit drsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich selbst herzustellen. _Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_ -- d. h. die, die jeden ihrer Brder bemitleiden und in jedem, der ihnen bittend naht, Christus selbst erkennen, der fr ihn bittet. _Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_ -- wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewssers, das weder durch Sand noch Schlamm getrbt wird, das reine Himmelsgewlbe spiegelt, so gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen Leidenschaften aufgewhlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm. _Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heien_ -- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und Vershnung in unser Heim tragen, wahrhafte Shne Gottes. _Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihrer_ -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die Gerechtigkeit nicht blo mit dem Munde, sondern durch die Wohlgeflligkeit ihres ganzen Lebens verkndigen. _Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmhen und verfolgen, und reden allerlei bels wider euch, so sie daran lgen. Seid frhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_; -- ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und fr sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmht, obwohl sie rein sind, und drittens freuen sie sich, da sie um Christi willen leiden, obwohl sie unschuldig sind. Die Gemeinde der Andchtigen spricht dem Vorleser mit vor Trnen bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkndigen, wer in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die wahren Knige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen Reiche teilhaben. Jetzt ffnet sich feierlich die Knigspforte, als wre sie das Tor zum himmlischen Knigreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des gttlichen Ruhms und die hchste Lehrsttte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit schpfen und die uns das _ewige Leben_ verheit. Der Priester und der Diakon nhern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Knigspforte, sondern durch eine Seitentr, die die Tr der Seitenkammer darstellt, der man in der ersten Zeit die Bcher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde. Die Gemeinde der Andchtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das die demtigen Diener der Kirche in den Hnden tragen, als wre es der Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu verkndigen; er schreitet durch die schmale nrdliche Tr, gleichsam unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen gezeigt hat, durch die Knigspforte wieder ins Allerheiligste zurckzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, Er, Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Wrden eingesetzt hat, auf da sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, mge diesen Engeln und himmlischen Krften, die Ihm mit uns dienen, gebieten, mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten. Der Diakon weist mit der Gebetstola auf die Knigspforte und spricht zum Priester: Segne, o Herr den heiligen Eingang! -- Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! erwidert der Priester. Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trgt es in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Knigspforte stehen, hebt es hoch mit den Hnden empor und ruft: Hchste Weisheit! wodurch er ausdrcken will, da das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige hchste Weisheit der Welt durch das Evangelium verkndet ward, das er jetzt mit seinen Hnden emporhebt. Dann ruft er: Verzeih! d. h.: Erwachet, rafft euch auf, berwindet eure Trgheit und Lssigkeit! Die Gemeinde der Andchtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem Chor: Kommt, lat uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten! Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen! Das hebrische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: Der Herr _kommt gegangen_, lobet den Herrn! da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrckt, d. h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes ankndigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt. Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkndigt, wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertnen jetzt Gesnge zu Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesnge und Hymnen zu Ehren des Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezhlt hat, und weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat, wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen. Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des Priesters, betritt die Knigspforte, schwingt die Stola und gibt den Sngern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut drhnt der Gesang des Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes, der dreimal wiederholt wird: Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser! Mit dem Ruf: heiliger Gott verkndigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker -- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf: heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die Snger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, da in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten ist und da es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wre und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt htte. Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist Seines Mundes, sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich dessen bewut, da auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der das Wort bewegt, da jedoch sein menschliches Wort ohnmchtig ist, vergebens ertnt und nichts schafft, da sein Geist nicht ihm gehrt, da er von allen mglichen fremden Eindrcken beeinflut wird, und da nur durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das Bild der Dreieinigkeit des Schpfers drckt sich im Geschpfe ab, und das Geschpf wird seinem Schpfer hnlich -- Indem dies jedem bewut wird, betet er, whrend er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich selbst, da der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen mge, und dabei wiederholt er dreimal bei sich selbst: Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser! Der Priester betet im Inneren des Altarraums leise zu Gott, er mge dieses Trichagion gndig aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt dreimal bei sich selbst: Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher! Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar nieder. Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhhten Platz im Allerheiligsten, als drnge er bis in die Tiefe der Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen hchsten erhabensten ber allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoe des Vaters und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt dem Fleische in den Scho des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls aufgefordert wird, Ihm in den Scho des Vaters nachzufolgen -- eine Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat, als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu dem Alten der Tage kam. Der Priester schreitet nun unerschtterlichen Schrittes voran und spricht: Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Der Diakon fleht ihn an: Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar! und der Priester segnet ihn, indem er spricht: Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar, jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dann nimmt er auf dem erhhten Orte Platz, der fr den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch an, da er selbst den Aposteln gleichgestellt ist. Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des Tempels. Mit dem Ruf: Lat uns aufmerken! fordert der Diakon alle Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und die Gemeinde der Andchtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst sein mu, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen sie nicht: Friede sei mit dir! sondern mit deinem Geiste! Der Diakon ruft aus: Hchste Weisheit! Laut und ausdrucksvoll, so da jedes Wort einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung; aufmerksam, empfnglichen Herzens, mit suchender Seele und einem Verstndnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht, lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe und Leiter zum besseren Verstndnis der Evangelien. Wenn der Vorleser seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des Altarraumes zu: Friede sei mit dir! Der Chor antwortet: Und mit deinem Geiste! Der Diakon ruft aus: Hchste Weisheit! Der Chor singt ein donnerndes Halleluja!, das das Nahen des Herrn ankndigt, Der kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen. Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Rucherfa in der Hand, um den Tempel mit Wohlgerchen zu erfllen und fr den Empfang des Herrn, der da naht, vorzubereiten; dieses Ruchern soll uns an die geistige Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltnenden Worte des Evangeliums reinen Herzens anhren. Der Priester betet im Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, da das Licht der gttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und da unsere geistigen Augen sich ffnen mgen, auf da wir die Predigt des Evangeliums verstndnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich selbst, sie bittet, da das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen mge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: Gott verleihe auf Frbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme groe Kraft, da du die frohe Botschaft machtvoll verkndigest, auf da erfllet werde das Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi! Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes zu: Hchste Weisheit! Vergib! Lat uns dem heiligen Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen! Der Chor antwortet: Und mit deinem Geiste!, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt. Alle beugen andchtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemhten sie sich, die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Semann selbst durch den Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; -- nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht, auf die zwar auch einige Samenkrner fallen, um jedoch sofort von den Vgeln -- den bsen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; -- auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich vergleicht, das nur ganz oberflchlich mit Erde bedeckt ist, sie, die das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesuberten Acker vergleicht, der von Dornen berwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen eben aufsprieende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen -- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mhen, den Dornen der Versuchungen und der zahllosen Lockungen des erttenden, weltlichen Lebens mit seinen trgerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, -- so da die Saat keine Frucht trgt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trgt -- etliches hundertfltig, etliches sechzigfltig, etliches dreiigfltig --, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu Hause, in der Familie, im Dienst, whrend der Arbeit, whrend der Muestunden und Vergngungen, im Gesprche mit anderen Menschen, und, wenn es mit sich allein ist, wieder zurckerstattet. Kurz, jeder Glubige bemht sich, ein Hrer und Tter des Wortes zugleich zu sein, den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so da sein geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen hat, Regen, Flsse und Wirbelstrme, alle mglichen Leiden und Migeschick wider ihn erhben, unerschtterlich dastehen wird, gleich einer auf einem Felsen erbauten Feste. Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem Inneren des Tempels zu: Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft verkndigst! Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefhl ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: Ehre sei Dir, unserem Gott, Ehre sei Dir! Der in der Knigspforte stehende Priester nimmt das Evangelium aus den Hnden des Diakons entgegen und stellt es auf den Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm zurckkehrt. Der Hochaltar, der die hchsten erhabensten Gefilde darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die Knigspforte schliet sich, und die Tr zum Allerheiligsten wird verhngt zum Zeichen, da es keine andere Tr zum Himmelreiche gibt als die, die uns Christus geffnet hat, und da wir nur mit Ihm durch sie eintreten knnen, denn es heit: Ich bin die Tr. Hiernach pflegte whrend der ersten christlichen Zeit die Predigt stattzufinden, worauf die Erklrung und Interpretation der verlesenen Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist ber andere Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklrung der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu stren, ans Ende gestellt. Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch inbrnstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: Lasset uns beten aus ganzem Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemt, indem er die Gebetstola mit drei Fingern in die Hhe hebt; und whrend alle aus tiefster Seele inbrnstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie aus: Herr, erbarme Dich! Der Diakon aber untersttzt und verstrkt seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er fordert die Gemeinde nochmals auf, fr alle Menschen zu beten, welchen Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mgen; zunchst und in erster Linie fr die in den hchsten mtern und Stellungen, wo es der Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er wei, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhngt, da die Mchtigen redlich ihre Pflicht erfllen, inbrnstig und bittet Gott, Er mge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: Herr, erbarme Dich! Die ganze Reihe dieser Gebete heit: doppelte Ektenia oder die Ektenia des inbrnstigen Gebets, und der Priester bittet im Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhrung dieser allgemeinen verstrkten Gebete, und sein Gebet heit das Gebet der inbrnstigen Bitte. Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der Entschlafenen verkndigt. Der Diakon hlt die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, fr den Seelenfrieden der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf da Gott ihnen alle ihre Snden, ihre bewuten und unbewuten Verfehlungen vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen mge, wo die Gerechten in Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: Herr, erbarme Dich! indem er inbrnstig fr seine Lieben und fr alle entschlafenen Christen betet. Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher Knig, gewhre uns Deine gttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Snden! ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sngerchor: Gewhre es uns, o Herr! Der Priester aber betet im Inneren des Altarraums und bittet den berwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige Leben schenkte, Er mge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in Frieden in die friedlichen grnen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem Herzen, Er mge ihnen alle ihre Snden erlassen und verkndet laut: Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gtigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit. Der Chor ruft besttigend: Amen, worauf der Diakon die Ektenia fr die Katechumenen beginnt. Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den Katechumenen zhlen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den Glubigen zurcksteht, die gewrdigt wurden, an den Liebesmahlen der ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam blo bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit Ihm erfllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzensklte und Drre verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist, ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts ist, Der da spricht: Es sei denn, da jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen! -- Indem also jeder Anwesende dessen eingedenk ist, zhlt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: Lasset uns zu Gott beten, Katechumenen! aus der Tiefe seines Herzens: Gott, erbarme Dich unser! Hierauf ruft der Diakon: Ihr Glubigen, lasset uns fr die Katechumenen beten und Ihn bitten, Er mge ihnen gndig sein, sie erwecken mit dem Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren, sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er mge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten in Seiner Gnade. Und die Glubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefhle, wie wenig sie den Namen der Glubigen verdienen, indem sie fr die Katechumenen bitten, auch fr sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in ihrem Innern, indem sie mit dem Sngerchor die Worte nachsprechen: Herr, erbarme Dich unser! Der Diakon ruft: Katechumenen, beugt euer Haupt vor Gott!, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich ausrufen: Vor Dir, o Herr! Der Priester betet leise fr die Katechumenen, sowie fr die, die sich in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet hat folgenden Wortlaut: Herr, unser Gott, Der Du in der Hhe wohnst und herabsiehst auf die Demtigen, Der Du das Heil herabsandtest dem menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine auserwhlte Herde, auf da sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Chor fllt mit einem donnernden Amen! ein. Und in Erinnerung, da nun der Augenblick gekommen ist, wo ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgefhrt wurden, ruft der Diakon mit lauter Stimme: Tretet heraus, Katechumenen! Hierauf erhebt er abermals die Stimme und ruft noch einmal: Tretet heraus, Katechumenen! Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: Tretet heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr Glubigen alleine, lat uns abermals und abermals zu Gott beten! Bei diesen Worten erbeben alle im Bewutsein ihrer Unwrdigkeit. Inbrnstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die Kufer und die schamlosen Krmer, die Sein Heiligtum zu einer Mrdergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder Anwesende bemht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er mge selbst den Glubigen, der in die auserwhlte Herde aufgenommen wird, in ihm erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: Ein heiliges Volk, Menschen der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird; Er mge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Glubigen gehrt, die whrend der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der Ikonostasis auf den Andchtigen herabblicken, an der Liturgie teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfat, fleht er sie um Hilfe an, als seine Brder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der Glubigen. Die Liturgie der Glubigen Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der Krper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm whrend des Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefllte Kelch gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Glubigen vom Seitenaltar herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester ber den Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern, als die Kirche noch kein stndiges Heim hatte; man bediente sich damals, da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte, dieses Tuches sowie einzelner Stcke von Reliquien; dies Corporale ist noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, da die Kirche auch heute noch nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hintrte und als ob er sich erst jetzt fr die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in der ersten christlichen Zeit wurde nmlich der Altar erst in diesem Augenblick geffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhngt, weil ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die eigentlichen Gebete der Glubigen. Der Priester fllt in dem noch immer geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der Glubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf da er wrdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend, der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hlt die Gebetstola mit drei Fingern empor und ruft alle Glubigen zu denselben Gebeten auf, mit denen die Liturgie der Katechumenen begann. Alle Glubigen sind bemht, ihre Herzen mit einem eintrchtigen, friedlichen, vershnlichen Gefhl zu erfllen, das jetzt noch notwendiger ist, und rufen: Herr, erbarme Dich!; sie beten noch inbrnstiger und flehen Gott um den hheren Frieden, um Errettung unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen Gottes und ihre Einigung an; sie beten fr diesen heiligen Tempel und fr die, die ihn andchtig und gottesfrchtig betreten, und bitten Gott, Er mge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch inbrnstiger in ihrem Herzen: Herr, erbarme Dich! Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: Hchste Weisheit!, womit er andeutet, da dieselbe hchste Weisheit, derselbe ewige Sohn, Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusen, daraus wir Belehrung schpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot verwandeln wird, um Sich fr die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden bereiten sich, aufgerttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise bei sich, fllt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene Gebet: Keiner, der noch durch fleischliche Lste und Gensse gefesselt wird, ist wrdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist gro und furchtbar, selbst fr die himmlischen Mchte. Allein da Du in Deiner unermelichen Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o Gott, herrschst ber alle himmlischen und irdischen Geschpfe und sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der Seraphim und Knig von Israel, Der Du allein heilig bist und in den Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh herab auf mich armen Snder und Deinen unwrdigen Knecht, reinige meine Seele und mein Herz von bsen Gedanken und mache mich wrdig, bekleidet mit der priesterlichen Gnade, mache mich wrdig durch die Macht Deines Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin, beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir ab und verstoe mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern la es geschehen, da diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich Unwrdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gtigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit. Mitten whrend des Gebetes ffnet sich die Knigspforte, und man sieht den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien. Der Diakon kommt mit dem Rucherfa in der Hand gegangen, um dem hchsten Knig den Weg zu bereiten, er ruchert reichlich und lt Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr Gebet zu reinigen, auf da es lauter werde wie der Weihrauch vor dem Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, da sie reine Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu knnen. Die Snger auf beiden Chren stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden Cherubimgesang an: Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen, lasset uns nun alles andere vergessen und den hchsten Knig emporheben, Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und beschattet von Lanzen. Die alten Rmer hatten den Brauch, den neugewhlten Knig auf einem Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen Lanzen, die ber ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen. Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner irdischen Gre vor der Erhabenheit des hchsten Knigs in den Staub sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der himmlischen Mchte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige Brot hinausgetragen wurde. Der Gesang dieses Liedes trgt einen angelischen Charakter und soll daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben hintritt, die mit dem Ar bedeckt sind, spricht er: Nimm hin, o Herr! Der Priester zieht den Ar hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke Schulter und spricht: Erhebet eure Hnde zu dem Heiligtume und segnet den Herrn! Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentr oder durch das nrdliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen stattfindet, so trgt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch, ein dritter den heiligen Lffel, mit dem der Priester das heilige Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib gestoen wurde. Alle heiligen Gerte werden hinausgetragen, sogar der Schwamm, mit dem die Krmchen des heiligen Brotes auf der Hostienschssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt, welcher mit Essig und Galle gefllt wurde und mit dem die Knechte ihren Schpfer trnkten. Diese feierliche Prozession, die der groe Ausgang genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten. Bei dem Anblick des hchsten Knigs, Der in der bescheidenen Gestalt des Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter wie von den Lanzen unzhlbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien, und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr Haupt und beten mit den Worten des beltters, der den Herrn vom Kreuze aus anflehte: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst. Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen groen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen, und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten auferlegt sind, von deren Erfllung die Wohlfahrt aller Menschen und die Rettung ihrer eigenen Seele abhngt, und er schliet mit den Worten: Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtglubigen] Christen in Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]! Die Snger beschlieen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen Halleluja!, das das ewige Wandeln des Herrn verkndigt. Der Zug betritt nun die Knigspforte. Der Diakon nhert sich allen voran dem Altar, bleibt zur Rechten vor der Tr stehen und begrt den Priester mit den Worten: Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem Reiche! Der Priester erwidert: Gott der Herr gedenke deines heiligen Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wre er ein Sarg. Die Knigspforte schliet sich, als wre sie das Tor zum Grabe des Herrn, der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene vom Haupte des Diakons, als nhme er den Leib des Heilands vom Kreuze herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wre es das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: Der ehrbare Joseph nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegen war. Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt, Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: Im Grabe warst Du leibhaftig, in der Hlle mit der Seele und Gott gleich, im Paradies mit dem beltter und saest doch zugleich auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir erfllst, Unbeschreiblicher! Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: Als Lebenspender, als wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder Knigspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller Auferstehung! Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch hinweg, nimmt den Ar von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehllt wurde, ruchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch abermals, indem er spricht: Der ehrbare Joseph nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt war. Dann nimmt er das Rucherfa aus den Hnden des Diakons entgegen, ruchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor ihnen verneigt, und wiederholt, whrend er sich zu den bevorstehenden Opferhandlungen rstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten David: Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar opfern, denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches schtzt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebenschliche Gedanken und Rcksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind eines seelischen Aufruhrs. Der Priester bittet Gott, seine Seele fr das bevorstehende Opferwerk zu reinigen, legt das Rucherfa wieder in die Hnde des Diakons, lt das Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: Gedenke meiner, mein Bruder und Amtsgenosse! Gott gedenke deiner Priesterschaft in Seinem Reiche! erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt an seine Unwrdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhlt: Bete fr mich, heiliger Herr! Der Priester antwortet: Der Heilige Geist komme ber dich, und die Kraft des Hchsten erleuchte dich! -- Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens. Und im vollen Bewutsein seiner Unwrdigkeit fgt er [der Diakon] hinzu: Gedenke meiner, o heiliger Herr! Der Priester erwidert: Gott gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Diakon sagt: Amen! kt dem Priester die Hand und geht durch die nrdliche Seitentr hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet fr die dargebrachten und auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern. Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Knigspforte zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flgel eines Engels, der zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze Reihe von Gebeten, die schon keine hnlichkeit mit den frheren mehr haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er alsbald zu solchen Gebeten ber, die nur die Glubigen, die in Christo leben, an Gott richten. Wir bitten Gott, da Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen, friedlichen und sndenlosen mache! fleht der Diakon. Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Snger und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: Gewhre ihn uns, o Herr! Wir bitten Gott, da Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen Lehrmeister und Beschtzer unserer Seelen und unserer Leiber sende! Die Gemeinde: Gewhre ihn uns, o Herr! Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Snden und Verfehlungen! Die Gemeinde: Gewhre sie uns, o Herr! Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele ntzlich ist, und um Frieden auf Erden! Die Gemeinde: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumtiges Ende! Die Gemeinde: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und friedliches Ende unseres Lebens und darum, da wir einst gute Rechenschaft ablegen am Jngsten Gerichte Christi! Die Gemeinde: Gewhre uns das, o Herr! Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen Gebrerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott. Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus, ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: Dir, o Herr! Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: Durch die groe Gnade Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem allerheiligsten, gtigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Chor singt ein donnerndes Amen! Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester nicht mit dem Opfer; denn noch mu vieles geschehen, ehe das heilige Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der Priester der Gemeinde den Gru des Heilands zu: Friede sei mit euch allen! Die Gemeinde antwortet: Und mit deinem Geiste! Der Diakon steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: Lat uns einander lieben und einmtig bekennen ... Hier fllt der Sngerchor ein, indem er die Schluworte: Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die alleinige unteilbare Dreieinigkeit! mitsingt, wodurch wir daran erinnert werden sollen, da wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch Den nicht liebgewinnen knnen, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: Ich will Dich lieben, o Herr, meine Strke, mein Fels und mein Hort! Er kt die mit dem Tuch verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, kt den Rand des heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst teilnehmen, tuen desgleichen; dann kssen sie sich alle untereinander und der Hauptpriester spricht: Christus ist mitten unter uns! Man antwortet ihm: Er ist und wird sein! Auch alle Diakone, die zugegen sind, kssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen. Frher kten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die Mnner die Mnner, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: Christus ist mitten unter uns! und gleich darauf die Antwort erhielten: Er ist und wird sein! daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, da er alle Christen vor sich hat, nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden, nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszushnen, gegen die er etwas wie Migunst, Ha oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen in Gedanken einen Ku, indem er bei sich spricht: Christus ist mitten unter uns! und in ihrem Namen antwortet: Er ist und wird sein! denn ohne dies wre er tot fr alle folgenden heiligen Handlungen nach Christi eigenem Wort: So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und vershne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfere deine Gabe; und an einer anderen Stelle heit es: Und wer da sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lgt; denn wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er nicht sieht? Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden zu, hlt die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach altem Brauch: Die Tore, die Tore! Ehedem wurde dieser Ruf an die Pfrtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stren pflegten, frech und blasphemisch in die Kirche eindrngte; heute wird dieser Ruf an die Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die Tore ihres Herzens zu behten, in denen die Liebe bereits Eingang gefunden hat, auf da kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindrnge, und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und fr die Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafr wird der Vorhang vor der Knigspforte, oder die hohe Pforte, hinweggezogen, die sich nur dann ffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die hchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhren auf: Lat uns der hchsten Weisheit lauschen! Die Snger stimmen einen kraftvollen mannhaften Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und ausdrucksvoll: Ich glaube an Gott den Vater, den allmchtigen Schpfer des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Dann machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich vorstellen, und fahren dann fort: Und an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus, gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und verehret wird und durch die Propheten geredet hat. Dann machen sie wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich vorstellen, und fahren fort: Und an eine heilige katholische und apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Snden und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen! Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Snger und er prgt jedes Wort des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen, wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Ar, der ber den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen. Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkndet: Lat uns fromm, lat uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das heilige Opfer in Frieden darbringen, d. h. lat uns wrdig vor Gott hintreten, wie es sich fr den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und khnen Mutes, indem wir Gott loben, mit friedlichem vershntem, eintrchtigem Herzen, denn ohne dies vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus ihrem Munde emporsteigt, und die Besnftigung der Herzen als Opfergabe darbringt mit dem Sngerchor: Die Gnade des Friedens, das Opfer des Dankes. In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit etwas Salbl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der Besnftigung ist, denn Salbl und Barmherzigkeit bedeuten im Griechischen dasselbe. Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Ar von den heiligen Gaben hinweg, kt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: Die Gnade unseres Herrn ... Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt den Fcher oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll ber den heiligen Gaben. Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen Ruf an das Volk: Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! worauf ihm alle Anwesenden antworten: Und mit deinem Geiste! Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlsers, Der Seine Augen zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jngern die gttliche Speise darreichte, und ruft: Lat uns unsere Herzen zum Himmel erheben! Und jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das, was nun geschehen wird -- und er denkt daran, da in diesem Augenblick das gttliche Lamm fr ihn geschlachtet wird, da das gttliche Blut des Herrn selbst in den Kelch fliet, um ihn zu entshnen, und da alle himmlischen Mchte sich mit dem Priester vereinigen, um fr ihn zu beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: Wir wollen uns zu Gott erheben! Der Priester ruft, des Erlsers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: Lat uns unserem Gotte danken! Der Chor erwidert: Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens und unfehlbar ist. Der Priester aber betet im stillen bei sich: Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist Gott, der Unaussprechliche, Unergrndliche, Unsichtbare und Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein erweckt, hast uns Abtrnnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein knftiges Reich geschenkt. Fr dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, fr alle die Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch fr diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von Engeln, Cherubim und sechsfach geflgelte Seraphim zur Verfgung stehen, vielugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen, rufen, jauchzen und sprechen: Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll! Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sngerchor aufgenommen; es trgt die Gedanken der Glubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich fort, ntigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth! und mit ihnen den Thron des gttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, da der Herr selbst herabsteigen und Sich fr alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem Gesang der Seraphim, der im Himmel ertnt, noch der Gesang der hebrischen Jnglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem begrten, Zweige auf den Weg streuend: Hosianna in der Hhe. Gelobt sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Hhe! Denn der Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische Jerusalem. Der Diakon fhrt fort, mit dem Fcher ber die heiligen Gaben hinzufcheln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert mit dieser Bewegung des Fchers das Walten der Gnade. Der Priester aber betet im stillen weiter: Mit diesen heiligen Mchten, o Herr, Der Du die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist. Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also hast Du die Welt geliebt, da Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf da alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben, Der da kam und alles erfllte, was von uns verkndet ward; in der Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab fr das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hnde, dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen Jngern und Aposteln und sprach ... Und mit lauter Stimme verkndete der Priester die Worte des Heilandes: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der fr euch gebrochen wird zur Vergebung der Snden. Bei diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen Amen! Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot ruht. Der Priester aber fhrt leise fort: Desselbigengleichen nahm Er auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ... und er verkndet laut, nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: Trinket alle daraus, dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird fr euch und fr viele zur Vergebung der Snden. Und die ganze Kirche antwortet ebenso laut wie das erstemal: Amen! Der Priester fhrt fort, leise zu beten: Und indem wir also gedenken dieses erlsenden Gebotes und alles dessen, das fr uns getan ward: des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt, des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft -- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die Stimme und spricht: -- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen fr alle und fr alles! Der Diakon legt nun den Fcher beiseite und hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Hhe: in diesem Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer fr die ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare Hinschlachtung des gttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das dem Schpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer hat nie aufgehrt seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht das Opfer selbst, sondern ein reumtiger Geist, mit dem es dargebracht wurde. Daher mu jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, da der Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige geringschtzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen mu gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten lie und nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Snden mit sich nahm, es im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und irdischen Gtern ttete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht. Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten. Tief durchdrungen vom Bewutsein, da es auf Erden nichts gibt, das da wert wre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: Also sei Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, fr alle und fr alles! Der Chor singt: Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott! Und nun folgt der Hhepunkt der ganzen Liturgie: die Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln knnen. Der Priester fllt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst spricht: Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gtiger, sondern la uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten. Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den Vers: Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren einen gerechten Geist. Noch einmal wird der Anruf wiederholt: Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gtiger, sondern la uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten. Und die Gemeinde singt den Vers: Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir! Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gtiger, sondern la uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten. Der Diakon weist gesenkten Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich selbst: Segne, o Herr, das heilige Brot! Und der Priester segnet es dreimal mit dem Kreuze und spricht: Und mache dieses Brot zu dem heiligen Leibe Deines Christus. Der Diakon sagt: Amen! Und damit ist das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst: Segne, o Herr, den heiligen Kelch! Und der Priester segnet ihn und spricht: Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines Christus. Der Diakon sagt: Amen! und spricht, indem er auf die beiden heiligen Gaben hinweist: Segne sie beide, o Herr! Der Priester segnet sie und spricht: Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist! Der Diakon sagt dreimal: Amen! Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein _Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein mge -- ob er Peter oder Iwan heit --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die Person Seiner Priester, wie auf das Wort: Es werde Licht! das Licht ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut! die Erde sie ewiglich aufgehen lt. Und es ist nicht ein Bildnis oder die bloe Erscheinung des Leibes, die sich auf dem Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib, der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten des Vaters sitzt. Er behlt nur deshalb auch weiter die Gestalt des Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst gesagt hat: Ich bin das Brot. Vom Kirchturm her ertnt jetzt Glockengelut, um allen den groen Augenblick zu verkndigen, auf da der Mensch -- wo er sich in diesem Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen Beschftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den Mauern eines Gefngnisses schmachtet -- kurz, damit er berall, wo er sich auch aufhlt, in diesem furchtbaren Augenblick auch fr sich beten knne. Alles strzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den Herrn mit den Worten des beltters an: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst. Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: Gedenke an mich, o heiliger Herr! und der Priester antwortet: Gott gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Und nun gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze Kirche, die triumphierende wie die kmpfende, mit in sein Gebet einschliet und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller whrend des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen, reinen, gttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als der Frsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die fr ihre hohe Demut und Bescheidenheit wrdig erachtet wurde, Gott in ihrem Schoe zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, da die Demut die hchste Tugend und da in dem Herzen des Demtigen Gott lebendig sei. Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der Kirchenvter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der whrend des Offertoriums die Brotstcke fr sie herausgeschnitten wurden; sodann wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest, sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die wichtigsten und hchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen, die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [Gott helfe ihm und untersttze ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl betrifft; mge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff eintrchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militrkammer, auf da sie getreulich ihre Pflicht erfllen, und auch uns lasset im Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben fhren in aller Frmmigkeit und Reinheit! Bei dieser Gelegenheit betet der Priester auch fr alle anwesenden Christen bis auf den letzten, da der allgtige Gott Seine Gnade ber sie alle ergieen, ihre Schatzkammern mit Gtern fllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder gro werden lassen, die Jugend belehren, das Alter sttzen und krftigen, die Kleinmtigen trsten, die Zerstreuten sammeln, die Verfhrten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische Kirche aufnehmen mge. Fr alle Christen bis auf den allerletzten, wo sich ein solcher Christ auch immer aufhalten mge, betet bei dieser Gelegenheit der demtige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen Schchten schmachtet. Fr alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht allein an diesem gemeinsamen Gebete fr alle Menschen, sondern er betet auch fr alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt. Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: Und la uns preisen und lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Die ganze Kirche antwortet mit einem besttigenden Amen! Der Priester ruft: Die Gnade des groen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch allen!, und die Gemeinde erwidert: Und mit deinem Geiste! Hiermit haben die Gebete fr alle, die der Kirche Christi angehren, ihr Ende erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott emporgerichtet werden. Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet fr die Gaben selbst aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt sind, auf da sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe fr uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: Lat uns aller Heiligen gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Lat uns beten fr die dargebrachten und geweihten heiligen Gaben! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Lat uns beten, da unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen mge auf Seinem heiligen, ber dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend von geistigen Wohlgerchen, und da Er uns herabsenden mge Seine gttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Lat uns zu Gott beten, da Er uns bewahren mge vor Kummer, Zorn und Not! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Hilf, rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Wir bitten Gott um einen vollkommen ungetrbten, vollkommen heiligen, friedlichen und sndlosen Tag! Der Chor singt: Gewhre ihn uns, o Gott! Wir bitten Gott um einen Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschtzer unserer Seelen und Leiber! Der Chor singt: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Snden und Verfehlungen! Der Chor singt: Gewhre sie uns, o Gott! Wir bitten den Herrn um alles Gute, was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden! Der Chor singt: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott um ein Leben in Frieden und um ein reumtiges Ende! Der Chor singt: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und friedliches Ende und darum, da es uns beschieden sein mge, in Ehren Rechenschaft abzulegen am Jngsten Tage Christi! Der Chor singt: Gewhre es uns, o Herr! Und nun ruft der Diakon nicht mehr die Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: Wir bitten Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem Gotte! Und alle singen mit vlliger und inniger Hingebung: Dir, o Herr! Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an: Wrdige uns, o Herr, da wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater, zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen. Und alle Glubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfllte Sklaven, sondern wie reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen Gottesdienst und die stetige Ausfhrung der heiligen Bruche in jenen engelhaften Gemtszustand himmlischer Rhrung versetzt fhlen, in dem der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das Gebet des Herrn: Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Unser tglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und fhre uns nicht in Versuchung, sondern erlse uns von dem bel. Dieses Gebet umfat alles und schliet alles in sich ein, was wir brauchen. Die Bitte: Geheiligt werde Dein Name! enthlt das Erste, worum wir zuerst und vor allem bitten mssen: wo Gottes Name geheiligt wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den Worten: Dein Reich komme! flehen wir das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den Worten: Dein Wille geschehe! wird der Mensch durch den Glauben wie durch die Vernunft gefhrt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein, als der Wille Gottes? Wer wei denn besser als der Schpfer, was Seinen Geschpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Gte und Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: Unser tglich Brot gib uns heute! bitten wir um alles, dessen wir zu unserem tglichen Lebensunterhalt bedrfen. Unser Brot aber ist die hchste gttliche Weisheit und Christus selbst. Er selbst hat gesagt: Ich bin das Brot und wer von Mir isset, wird nicht sterben. Mit den Worten: Vergib uns unsere Schuld! bitten wir, da alle unsere schweren Snden, die auf uns lasten, von uns genommen werden mgen -- wir bitten, da uns alles erlassen werden mge, dessen wir uns gegenber dem Schpfer selbst schuldig gemacht haben, indem wir uns an unseren Brdern vergingen; streckt Er uns doch jeden Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns mit herzzerreiendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den Worten: Und fhre uns nicht in Versuchung! bitten wir Gott, uns vor allem zu behten, was unser Gemt verwirrt, uns irre leitet und uns unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: Sondern erlse uns von dem bel! bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Bse von uns weicht, bemchtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer Seele, und wir fhlen uns schon auf Erden wie im Himmel. So umfat und schliet dieses Gebet alles in sich ein, was uns die hchste gttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen mssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines kindlichen Herzens, so mu auch der Abgesang des Gebets auf den Chren einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen mnnlichen Tnen, sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen scheint, mu dieses Gebet gesungen werden, auf da man in ihr den Frhlingshauch des Himmels zu verspren meine und da in ihm etwas erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berhrt, denn in diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: Vater unser! Der Priester begrt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit dem Grue des Heilands: Friede sei mit euch allen! Die Gemeinde erwidert: Und mit deinem Geiste! Jetzt fordert der Diakon alle zu einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst ablegen mu, indem er ruft: Beugt eure Hupter vor dem Herrn! Und indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: Ich beuge mein Haupt vor Dir, mein Herr und Gott, ich bekenne meine Snden aufrichtig und schreie zu Dir: ich bin sndig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten, aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie den Zllner und mache mich wrdig, gleich dem beltter in Dein himmlisches Reich einzugehen. Und whrend so alle gebeugten Hauptes in innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare fr alle mit folgenden Worten bei sich selbst: Wir danken Dir, unsichtbarer Knig, Der Du in Deiner unermelichen Kraft alles erschaffen und durch Deine groe Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast; blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: La den Seefahrer den Hafen und den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele und des Leibes! Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Gte Gottes wendet: Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem Allerheiligsten, gtigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Chor ruft: Amen! Nunmehr rstet sich der Priester, selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht: Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns, Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst, und mache uns [Priester] wrdig, aus Deiner allmchtigen Hand Deinen reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen darzureichen. Whrend der Priester dies Gebet spricht, rstet sich der Diakon zum heiligen Abendmahl: er tritt vor die Knigspforte, umgrtet sich mit der Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre Flgel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich dreimal und spricht bei sich selbst: O Gott, reinige mich Snder und erbarme Dich meiner! Wenn dann der Priester seine Hand nach der heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend sind, durch das anfeuernde Wort: Lat uns aufmerken! auf, alle ihre Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der die Patene in die Hhe hebt und ruft: Das Heilige den Heiligen! dringt aus dem Altar hervor. Tief erschttert von dieser Verkndigung, die da besagt, da man selbst heilig sein mu, um das Heilige in sich aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: Einer ist heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters! worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist, gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, da auch der Mensch heilig sein kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird, ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst. Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst, gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und sofort erlscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder gewhnliches dunkles Eisen wird. Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gem dem Zeichen, das whrend des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier Teile, indem er spricht: Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt wird, und das da heiligt, die davon essen. Er legt eins von den Stcken des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute fr sich und den Diakon zurck und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl der Kommunikanten betrgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward, und in dem kleinsten Teil erhlt sich der Christus ganz und unversehrt, wie in jedem Gliede unseres Krpers dieselbe ganze und unteilbare Seele zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert Stcke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild derselben Dinge erhlt. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt, dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich unversehrt erhlt, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stcke, die whrend des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen, werden der Gemeinde whrend des heiligen Abendmahls dargereicht. In den ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht, wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch. Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten und noch unwissenden Christen, die blo dem Namen nach Christen geworden waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen wurden, wo man sie zu aberglubischen Zwecken und Zauberknsten verwendete, oder da man in der Kirche in unwrdiger Weise mit ihnen umging, sich hierbei stie, Lrm machte und die heiligen Gaben sogar verschttete, als die Vter vieler Kirchen sich gentigt sahen, dem Volke den Kelch vllig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die abendlndische rmisch-katholische Kirche bei sich eingefhrt hat, da ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der morgenlndischen Kirche nicht das gleiche geschhe: da Leib und Blut dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter Gestalt dargereicht werden und da ihm beides nicht in die Hand gegeben, sondern in einem heiligen Lffel gereicht werden solle, der die Form jener Zange haben msse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des Propheten Jesaias berhrte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden, was das fr eine Berhrung ist, deren ihr Mund gewrdigt wird, und ein jeglicher deutlich erkennen, da der Priester in diesem heiligen Lffel jene glhende Kohle hlt, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange vom Altar Gottes nahm, also da bei der bloen Berhrung der Lippen des Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, da eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkrakt des Priesters sein knne, an, da im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das Gef gegossen werde, was die erwrmende Gnade des Heiligen Geistes symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: Die Wrme des Glaubens, erfllet vom Heiligen Geiste! Beim Einschtten des warmen Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf da die Wrme zugleich zum Sinnbild der Blutwrme diene und, indem sie sich jedem fhlbar macht, ihm zum Bewutsein bringe, da sie nicht aus einem toten Leib, dem ja kein warmes Blut entfliet, sondern aus dem lebendigen, lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einstrmt; denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, da auch der tote Leib des Herrn nicht von Seiner gttlichen Seele verlassen, da er voll der Wirkung des Heiligen Geistes ist, und da die Gottheit Sich nicht von ihm getrennt hat. Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch das Sakrament der Kommunion von allen seinen Snden gereinigter Mensch da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger und wrdig, anderen das Abendmahl zu reichen. Die Knigspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine Stimme: Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben! Nun erscheint der verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Knigspforte stehende Priester mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde. Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heien Flamme der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die Hnde auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben zu dem Gekreuzigten bekennen: Ich glaube, o Herr, und bekenne, da Du in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist, die Snder zu erlsen, deren vornehmster ich selbst bin. Ich glaube auch, da dies Dein heiliger Leib und da dies Dein gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und vergib mir meine Snden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig gemacht habe, und gib, da ich nicht als Verworfener teilhaftig werde Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Snden und zum ewigen Leben. Hier hlt der Andchtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fhrt sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht: La mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch Dich kssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen gleich dem beltter, indem ich spreche: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst. Und indem der Betende in seinem Inneren einen Augenblick andchtig innehlt, fhrt er fort: Gib, o Herr, da ich mir aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse und trinke, sondern da es mir zum Heil meiner Seele und meines Krpers gereiche. Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich dem Geistlichen nicht wie einem gewhnlichen Priester, sondern wie dem feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hlt, mit offenem Munde die glhende Kohle des heiligen gttlichen Leibes und Blutes, die ihm im Lffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen hlichen Schmutz und Unrat seiner Snden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den heiligen Lffel an seine Lippen fhrt, den Kommunikanten beim Namen nennt und spricht: Der Knecht Gottes empfngt das gerechte und heilige Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung der Snden und zum ewigen Leben, nimmt er den Leib und das Blut des Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem Gott gegenber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der Ewigkeit, denn er ist erfllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit ist. Indem der Mensch durch den Genu des Leibes und des Blutes dieses groen Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht erfllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Ar abgetrocknet, und diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an den Propheten Jesaias richtete: Siehe, hiermit sind deine Lippen gerhret, da deine Missetat von dir genommen werde und deine Snde vershnet sei. Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem heiligen Kelche zurck, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie grt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt soviel nher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann geht er wieder an seinen Platz zurck, ganz erfllt von dem Gedanken, da er Christus selbst in sich aufgenommen hat, da Christus in ihm weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist, wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst vollzieht Er Sein Begrbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend stimmt der Sngerchor einen Jubelgesang an: Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sndlosen. Wir beten Dein Kreuz an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung, denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, auer Dir, und preisen Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Glubigen, lasset uns anbeten die heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt groe Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er starb, hat Er den Tod berwunden. Und hierauf singt der Chor gleich den Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln: Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist ber dir aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau und Mutter Gottes schmcke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist auferstanden. O groes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du Wort und Kraft Gottes! la uns deiner noch in vollkommener Weise teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches! Whrend die frohlockende Kirche also widerhallt von den Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum, den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den Herrn und Wohltter unserer Seelen dafr, da Er alle durch Seine Gnade teilnehmen lie an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schliet mit der Bitte, Gott mge uns auf den rechten Weg fhren, uns alle in der heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behten und unseren Schritten Kraft und Festigkeit verleihen. Und nun ffnet sich die Knigspforte zum letztenmal, denn dieses offene Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das Christus allen zuteil werden lie, indem Er Sich selbst der ganzen Welt zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der Diakon die Worte spricht: Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben, sowie das Zurcktragen des Kelches soll versinnbildlichen, da Christus zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines Vaters zurckzufhren. Vom Chor ertnt ein donnernder feierlicher Jubelgesang zur Antwort: Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn; unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint. Und die ganze Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den Worten: Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum, denn er nimmt an, da in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschlu Seines Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen Hochaltar, verneigt sich und ruchert zum letztenmal, indem er spricht: Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines Ruhmes voll, inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende Jubelgesnge und Tne, die von strahlender geistiger Freude erfllt sind, die verklrten Gemter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem hchsten Ausdruck geistiger Freude: Wir haben das wahre Licht geschaut, wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem wahrhaften Glauben erfllt und beten an die Heilige unteilbare Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlst. Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, da Christus uns verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkndigt, da der Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns weilet, indem er spricht: Immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit, worauf der Kelch und die Patene zurckgetragen und auf den Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war, sondern jenen hchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die Himmelfahrt Christi in den Scho des Vaters vollzog. Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Fhrung des Sngerchors zu einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des Lobgesangs: La unseren Mund sich erfllen mit Deinem Lobe, o Herr, da wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns wrdigest, an Deinem heiligen, gttlichen, unvergnglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen; behte uns in Deinem Heiligtume, auf da wir den ganzen Tag Belehrung schpfen aus Deiner Weisheit! Hierauf singt der Sngerchor dreimal ein begeistertes: Halleluja!, das allen das ewige Wandeln und die Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel, um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: Vergib! lasset uns, nachdem wir empfangen haben das gttliche, heilige, reine, unvergngliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament Christi, wrdig danken dem Herrn. Und alle Anwesenden singen leise und mit dankbarem Herzen: Herr, erbarme Dich! Hilf, rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott! ruft der Diakon zum letztenmal. Und alle singen den Gesang: Herr, erbarme Dich! Wir beten, da dieser ganze Tag heilig, friedlich und sndlos zu Ende gehe und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte! Und mit der sanften Fgsamkeit eines Kindes und dem himmlischen Vertrauen auf Gott rufen alle aus: Dir, o Herr! Der Priester hat whrenddessen das Corporale zusammengelegt und verkndigt nun mit dem Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch hellerem Lichte in den verklrten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaen: Da Du bist unsere Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit. Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die Patene stehen. Alle die Stcke, die bisher auf der Patene lagen und die whrend des Offertoriums zum Gedchtnis der Heiligen, zu Ehren der Entschlafenen und fr das geistige Wohlergehen der Lebenden herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht, und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und kmpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenvter, die Priester, die Einsiedler, die Mrtyrer, alle Snder, fr die ein Stck aus dem Brote herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die, die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich aufgenommen hat, fr alle, auf da ihre Snden weggewaschen werden, denn um der Erlsung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht, sowohl fr die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch fr die, die nach seinem Erscheinen leben. Und so sndhaft sein Gebet auch sein mag, der Priester richtet es fr alle zu Gott empor, selbst fr die heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt: Die ganze Welt mu gereiniget werden. Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet fr alle an, und die hohe Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse durchdrangen und klar einsahen, da es keine Trennung unter denen, so in Gott leben, gibt, da ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit unseres Leibes nicht aufhrt, da die Liebe, die hier erblhte und uns verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mchtiger wird, und da ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der Liebe noch weit nher gerckt wird. Und alles, was aus Christus hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es entspringt. Sie haben ja auch durch ihre hheren Sinnesorgane erfahren, da sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten mu, und da sie in der Tat fr ihre auf Erden herumirrenden Brder betet; sie haben auch erkannt, da Gott uns im Gebet die hchste Seligkeit beschieden hat, denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein Geschpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf da es die hohe Wonne des Wohltuns mitgeniee; der Engel, der der berbringer Seines Befehls ist, versinkt frmlich in Seligkeit, blo weil er Seine Befehle berbringen darf. Der Heilige betet im Himmel fr seine Mitbrder, die hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen hchsten Wonnen und an Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschpfe gehen aus Gottes Hand hervor, um an der hchsten und erhabensten Seligkeit teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende nimmt. Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stcke entnommen und aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und bt damit den alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird, weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch trichte Kundgebungen einer ungestmen Freude und durch Worte des Streits statt durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rhrenden himmlischen Mahles im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und whrenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine, unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl die Kirchen selbst einsahen, da es unbedingt notwendig sei, diesen Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen Kirchen zu tilgen, konnte die morgenlndische Kirche sich nichtsdestoweniger nicht entschlieen, diese Sitte gnzlich abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfngt, dieses statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jngern unterredet hat, daher mu er es voller Ehrfurcht genieen und sich vorstellen, er sei von allen Menschen wie von lieben Brdern umgeben, daher geniet er es denn auch, wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche sein konnten. Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schliet er die Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den Worten: Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die Frbitte Seiner reinen Mutter, auf Frbitte unseres Erzbischofs Johannes Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie des Chrysostomus stattfindet), auf Frbitte des Heiligen (hier nennt er den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und errette uns, denn Er ist gtig und menschenfreundlich. Die Gemeinde bekreuzigt sich, fllt auf die Knie und geht auseinander, whrend der Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete fr das Leben des Kaisers emporrichtet. Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewnder ab, indem er spricht: Nun entlt Du Deinen Knecht! und er begleitet diese Handlung mit Lobgesngen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, giet noch etwas Wein und Wasser hinein, splt die inneren Wnde des Kelches ab, trinkt sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfltig mit dem Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann rumt er die heiligen Gefe zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht ebenso wie der Priester: Nun entlt Du Deinen Knecht! worauf er dieselben Gesnge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender Freudigkeit erfllten Geist und Worten des Dankes fr den Herrn auf den Lippen. Schlu Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausbt, ist gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder Handlung andchtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden fr ihn erfllbar, das Joch Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel verlassen hat, woselbst er an dem gttlichen Liebesmahl teilgenommen hat, sieht er alle Menschen als seine Brder an. Was er auch tut, ob er wieder an seine gewohnten Geschfte geht, sich seinem Dienst oder seiner Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt ihm ganz unwillkrlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel mitgebracht hat; ohne da er es selbst merkt, wird er freundlicher und gtiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten ber sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wre es der Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rhrung ergriffen und will vor Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfllt fr seinen Wohltter. Und alle, die der gttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen die Kirche sanftmtiger, sind gtiger im Umgang mit dem Menschen und freundlicher und milder in allem, was sie tun. Daher mu ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will, die gttliche Liturgie, so oft als nur mglich, besuchen und ihr aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht vollstndig aufgelst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen unvershnlichen Ha widereinander erfllt sind, so liegt der letzte tiefste Grund in der gttlichen Liturgie, die den Menschen an das heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brdern mahnt. Wer sich daher in der Liebe strken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so oft als mglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und wenn er das Gefhl hat, da er dessen noch nicht wrdig ist, mit seinem Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und unwillkrlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden. Gewaltig und unermelich knnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein, wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehrt hat, in sein Leben aufzunehmen. Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schpfen und indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum letzten Bettler gleichermaen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben von allem. Wenn aber die heilige Liturgie schon, whrend sie zelebriert wird, so stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andchtig und mit Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes Wesen, gleich einem Gef, das spter zu nichts mehr ...; und mag er nun den ganzen Tag erregt in der Erfllung seiner zahlreichen seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm verkrpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die Streitenden zu vershnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen sucht, Gnade gegenber dem Schwachen zu ben; ob er den Trauernden trstet und den Bedrckten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte werden von der heilenden Kraft des Balsams erfllt sein und berall und allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden. Jugendschriften 1834 Groer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drngen sich in ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefhle zusammen! Nein, das ist kein Traum. Das ist die verhngnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurckgedrngt. Zu meinen Fen braust meine Vergangenheit; ber mir, durch Nebelschleier hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick ber mir und weiche dieses ganze Jahr, das fr mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll, gro vor mir, grt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mgest du ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein! Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du mein Schutzengel. Sollten sich Trgheit und Gefhllosigkeit auch nur einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich aus dem Schlummer, gib es nicht zu, da sie Macht ber mich gewinnen! La deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein Gewissen vor mir stehen: la jede deiner Ziffern lauter denn eine Sturmglocke an mein Ohr tnen, la sie gleich einem galvanischen Stab meinen ganzen Krper in Zuckungen versetzen und erschttern. Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch groe Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetrmter Huser, dieser lrmenden Straen, dieser siedenden Geschftigkeit -- dieser Menge, dieses Durcheinanders aller mglichen Moden, Paraden, Beamten, dieser seltsamen nordischen Nchte, dieses Glanzes und dieser gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit fruchtreichen Grten geschmckten Kiew, das mein prachtvoller, wundersamer, sdlicher Himmel berwlbt und das wonneatmende Nchte einhllen, wo die Berge mit ihren schnen -- man mchte sagen harmonischen -- Hngen, und wo mein klarer, wild dahinstrmender Dnjepr, der es umsplt, im Schmuck grnen Buschwerks prangt? -- Wird es dort sein? ... Oh! Ich wei nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du, der du schon seit meiner Wiege im Vorberfliegen mein Ohr mit deinen harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche wonnevolle Trume in mir nhrtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher, blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir. Ich liege zu deinen Fen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von Begeisterung erfllt sein. Die erhabene Gottheit, die ber dieser Erde thront, wird ber ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, ksse und segne mich! ber eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken Es gibt bisher noch keine vollstndige und befriedigende Darstellung der Geschichte Kleinrulands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollstndig sind und durch die bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als Material ganz wertvoll sein knnen) noch keine Geschichte. Ich habe mich entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und mglichst ausfhrlich darzustellen, wie dieser Teil Rulands sich loslste (und selbstndig wurde), was fr eine politische Verfassung er unter der fremden Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevlkerung heranbildete, die sich durch eine groe Originalitt des Charakters und durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mute und hartnckig seine Religion verteidigte, und wie es sich schlielich fr immer an Ruland anschlo; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land allmhlich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Ruland vllig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefhr fnf Jahre lang habe ich mit groem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses Landes beziehen. Die Hlfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie fertig, aber ich zgere noch, die ersten Bnde herauszugeben, da ich vermute, da es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Hnden von Privatpersonen befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzhlungen von Bandurenspielern, Aktenstcke (besonders auch solche, die sich auf die ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es ist unmglich, da meine gebildeten und aufgeklrten Landsleute mir diese Bitte abschlagen knnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens Kopien. Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzhlung Der schreckliche Eber I. Der Lehrer Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte mehr Aufsehen als das Gercht, das vor zwei Jahren durch das Land ging, die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die pltzliche Erhhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der Ukraine aus der Krim eingefhrt wurde. In den Schenken, auf den Straen, in der Mhle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in ihren groen Kitteln und Kapuzen suchten, whrend sie mit hchst phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen lieen, den Einflu der Persnlichkeit festzustellen, der das Schicksal scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz ber den Kpfen aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den herrschaftlichen Gemchern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin eines Gutes von fnfzig Seelen speiste. Man sprach davon, da das Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und da sich sein Einflu ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhngen als von ihm. Einzelne lieen mit bedeutsamer Miene durchblicken, da nunmehr womglich selbst der Verwalter zu einer bloen Null herabsinken werde. Nur der _Miroschnik_, d. h. der Mller Ssolopi Tschubko, wagte die Behauptung aufzustellen, da die Dorfltesten nichts von ihm zu befrchten htten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine neue Mtze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, da der Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fnfgespann zum Stehen und das stockende Mhlrad wieder in Schwung bringen msse. Aber seine wichtige Haltung, sein glnzender Triumph ber den Kirchensnger und die donnerhnliche Bastimme, die alle Pfarrkinder in Rhrung versetzt hatte, waren noch im Gedchtnis aller lebendig, und so blieb denn die vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so lieen sich dafr ihre liebenswrdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener krftigen Zunge, die so laute und durchdringende Tne hervorzubringen vermag und die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschlu der Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Mnnern, lieen sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der Vorzge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf. Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von pltzlichen Aufschreien und Geznk, erfllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow. Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die lbliche Gewohnheit hatten, ihrer Zunge auch noch mit den Hnden nachzuhelfen, konnte man in den Straen fortwhrend ein Paar krftig ineinander verkrallter Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein Schmeichler an einem Gnstling des Glcks hngt oder wie ein Geizhals seine Tasche festhlt, wenn die Straen de werden und eine einsame Laterne ihr erlschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Mnner zu leiden, die es versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf den Kopf herab, und hufig verprgelte eine erregte Gevatterin in der Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten. Inzwischen hatte sich unser Pdagoge vllig im Hause Anna Iwanownas eingelebt. Er gehrte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck vor der abgrndigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinruland gegen etwa hundert Rubel jhrlich fr ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. -- brigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und er wre wohl gar wei Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wren, die sich bestndig ber seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verlie und immer jngere und jngere an ihre Stelle traten, lieen sie ihm berhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in seinen Bart und Schnurrbart, bald hngten sie ihm hinten am Rock Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schtteten ihm Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es berdrssig wurde, der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich gentigt sah, dem Seminar Lebewohl zu sagen und sich in die _Vakanz_ schicken zu lassen, d. h. nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu werden. Diese Vernderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spttereien und Streiche seiner mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhnglichkeit und Sympathie. Mute man denn auch nicht unwillkrlich Achtung vor ihm empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den Leser darber aufzuklren, da ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst zu reden von einem blauen), wenn er blo nicht aus grauem Stoff gefertigt ist, in den Drfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen selbst von den trgsten und unbeweglichsten Kpfen die Mtzen herab und begeben sich in die Hnde ihrer Besitzer; selbst die wrdigen mit schwarzen und grauen Schnurrbrten gezierten, sonnengebrunten Hupter beugen sich tief bis zum Grtel. Die Zahl aller Rcke im Dorfe betrug -- wenn man auch den Mantel des Kirchensngers mitrechnet -- drei; aber so wie ein majesttischer Krbis sich stolz aufblht und alle brigen Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt, also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine smtlichen Mitbrder. Was ihm den grten Reiz verlieh, das waren die Knochenknpfe, die von den in Haufen auf der Strae stehenden Straenjungen mchtig angestaunt wurden. Nicht ohne Vergngen hrte unser stutzerhafter Erzieher der Jugend, wie die Mtter ihre Suglinge auf die Knpfe aufmerksam machten, und wie die Kleinen ihre Hndchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d. h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genu, zuzusehen, wie wrdig und mit welcher Rhrung unser ehrenwerter Lehrer mit vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sttigung besorgte. Da gab es kein berflssiges Wort, keine unntige Bewegung; er schien sich vllig in seinen Teller zu verfgen und ganz in ihm aufzugehen. Wenn er ihn so grndlich geleert hatte, da kein gastronomisches Gert, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand, dessen es sich bemchtigen konnte, schnitt er sich ein Stck Brot ab, spiete es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gert noch einmal ber den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als kme er eben aus der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur uere Vorzge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt bezeugten, und der Leser wrde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schlieen wollte, da damit alle seine Gaben und Fhigkeiten erschpft gewesen wren. Der wrdige Pdagoge besa fr einen einfachen Mann geradezu unermeliche Kenntnisse, von denen er einige fr sich behielt, wie z. B. die Zubereitung einer Arznei gegen den Bi von tollen Hunden und die Kunst, blo aus Eichenrinde und Salpetersure die schnste rote Farbe herzustellen. Auerdem konnte er eigenhndig die herrlichste Stiefelwichse und Tinte herstellen und fr den kleinen Enkel Anna Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte er Garn auf und spann er sogar. Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mgde vllig in ihn vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach seiner Farbe vllig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund, dessen dreisten Ansprchen die abstehenden Ohren nur mit Mhe eine Schranke zu setzen vermochten, sich fortwhrend verzog und verzerrte, indem er sich zu einem Lcheln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen eine hellgrne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie entrtseln? Wie dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_ Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von Garn und seiner groen Lebenserfahrung. Der Haushlterin gefiel am meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden; brigens hatte auch sie bemerkt, da der Lehrer eine wundersame gerhrte Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen Enkel machten die papierenen Hhne und Mnnchen auerordentlich viel Spa. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die Treppe hinaustreten sah, sofort zrtlich mit dem Schweife wedelnd, entgegenzulaufen und ihn ohne alle Frmlichkeit auf die Lippen zu kssen, wenn der Lehrer, die Wrde, die seinem Amte gebhrte, vergessend, sich unter dem majesttischen Giebel niederzusetzen beliebte. Nur die beiden lteren Enkelkinder und die Jungen, die zum Hause gehrten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_, _Bild_, _Br_ durchnahm, frchteten sich vor der beredten, hchst ausdrucksvollen Rute des strengen Pdagogen. Whrend seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine Beobachtungsgabe mit dem gebhrenden Respekt haften blieb, war, wie der Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht, das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen Zeiten koloriert und den man, seit Gott wei wie langer Zeit, mit dem Namen Falte zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder, erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte schwchliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose bersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften glhenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die Erinnerung, diese Reprsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft brigbleibt, wenn das verhngnisvolle siebente Jahrzehnt einem Klte durch die einstmals von Feuer durchstrmten Adern treibt und das Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. brigens belebten die ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschftigen und sich zu schaffen zu machen, einigermaen das schon erloschene Leben in ihren Zgen, und ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, da ihr noch weitere dreiig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fnf Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heit bis zur Stunde, wo man sich Ruhe zu gnnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Ttigkeit. Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Rume besucht und den ganzen Haushalt durchmustert: Kche, Keller und Vorratskammern; sie hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hhner und Gnse eigener Zucht, fr die sie eine groe Vorliebe hatte, zu fttern. Vor dem Mittagessen, das nie spter als um zwlf Uhr stattfand, blickte sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloer Geruch den Pdagogen in eine unerklrliche Aufregung versetzte; besa er doch eine leidenschaftliche Sympathie fr alles, was der geistigen und physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen Mittagessen und Abend gibt's fr eine Hausfrau genug zu tun. -- Da gibt's Wolle zu frben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Frchte einzumachen, Likre zu sen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und Hausrezepte kommen whrend dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen Auge unseres Pdagogen konnte es nicht entgehen, da auch Anna Iwanowna die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene Schchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen ber ihre auergewhnlichen wirtschaftlichen Knste und Fhigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm, wie er spter erfuhr, von groem Nutzen. Die wrdige alte Dame verschlo die sen Likre und die Glser mit Eingemachtem nicht eher, als bis Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die auerordentliche Gte des einen wie des anderen gerhmt hatte. Alle brigen Personen standen im Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebude im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters enthllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere Kolorit, das jedem eigentmlich war, und dann erblickte er, fast wie in einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein fortwhrendes Gerusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pdagoge verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und sich gleich einem mchtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu erwerben. Gnzlich unbegreiflich waren allein die Grnde, die ihn veranlat hatten, sich dem Kchenmeister anzuschlieen. War es die hohe Achtung, die Iwan Ossipowitsch unwillkrlich vor seiner Kunst empfand, oder war es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden. Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch unbegreiflicher war die Macht, die der Kchenmeister ber unseren Pdagogen besa, so da der von Natur so bescheidene und schchterne Lehrer, der nichts in den Mund nahm auer einem medizinischen Dekokt von _Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkrlich in die Schenken und berallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Kchenmeister seine Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Kche, die Speicher, die Scheunen, die Stlle und Vorratskammern, die einen unregelmigen Kreis um den gerumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem Vergngen verweilte er bei dem Garten, der ppig in die Breite geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrnen Mntel gehllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden und schlummerten oder, sich pltzlich ihren Trumen entreiend, die unbotmige Luft wie Windmhlenflgel durchschnitten, und dann ging es wie ein unverstndliches Geflster durch das Blattwerk, und die gemessene majesttische Bewegung ihres ganzen Krpers gemahnte an die alten Mimen, die die groen Schatten der Verstorbenen auf den Gersten Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr Objekt und hafteten mehr an den weniger majesttischen Gartenbewohnern, die dafr von unten bis oben mit Birnen und pfeln behangen waren, von denen die ppige Ukraine frmlich strotzt. Von hier aus kmpften sie sich bis zur Kche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen, Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kruter hin, die in die Apotheke der Dorfkche gehren. Nicht ohne besonderes Vergngen betrat er das reine, sauber geweite und aufgerumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel gehllte Landschaft hinaussah. Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas ber den Eindruck, den unser Lehrer auf die Schnen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die gesenkten Augen, das Geflster und die tiefen Verbeugungen lieen erkennen, da seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe Angelegenheit erschien. brigens ist es hier wohl am Platze, den freundlichen Leser daran zu erinnern, da Iwan Ossipowitsch einen Rock aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknpfen von der Gre eines mchtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten auslegte. Zum Glck oder Unglck jedoch suchte das Gefhl, das der armen Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein wahres Meer von unertrglichen Qualen beschert hat, unseren Pdagogen nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker, und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wute er doch genau, da keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hlfte des Menschengeschlechts fr nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An solchen Prinzipien, die bei ihm schlielich die Festigkeit von Grundstzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ... _Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums hufig zu sagen, indem er die Schlge zhlte, die er seinen faulen Schlern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres Lehrers heftig erschtterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke von Miverstndnissen bestrmte, ihn, der bisher unbeugsam in den Fustapfen seiner groen Lehrmeister gewandelt war und sich mit regelmigem Pulsschlag in seiner flaschenfrmigen Sphre bewegt hatte. II. Der Erfolg der Gesandtschaft (Der Kchenmeister entschliet sich trotz der eigenen Herzenswunde, die er sich ganz pltzlich durch den Anblick der sich am Teiche waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem Lehrer gegeben hat, einzulsen und den Gesandten und Frsprecher seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in die Htte des Kosaken Charjka Potyliza.) Nachdem Oniko seine Toilette beendigt hatte, berschritt er nicht ganz ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Bse schien ihn necken zu wollen (er gab dies spter selbst zu), indem er ihm fortwhrend die schlanken Fchen seiner Nachbarin vorzauberte: Ach, wenn doch der Lehrer nicht wre! wiederholte er mehrmals bei sich selbst; was htte es ihn gekostet, wenn er sich's htte einfallen lassen, sich nur ein klein wenig spter zu verlieben? Und nachdenklich durchma er langsamen Schrittes die groe Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchfhrte. Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, da er nicht mehr weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hpfte ihm in dem Busen ... die blonde Schne ffnete das Tor, trieb die lstigen Hunde mit einer langen Rute auseinander und stand nun vor ihm. Der Hof Charjkas stellte ein groes Quadrat dar, das auf einer Bschung, die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geffnet war, sah man unmittelbar vor sich eine sauber geweite Htte mit mchtigen Fenstern von ungleicher Gre und eine eichene Tr, die schon ganz schwarz vor Alter war; das Huschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer sogenannten Prisba), das nach der in Kleinruland herrschenden Sitte mit Wsche, Suppenschsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton, bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied bewilligt wird, und den man zum Dank fr seine treuen Dienste mit Splwasser zu fllen pflegt. Zu beiden Seiten der Htte befanden sich Stlle und Speicher mit struppigen beschdigten Dchern. Hinter der Htte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag berragt wurde, ber den man nur noch die vorberziehenden Wolken und die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte sich der Gemsegarten gleich einem kostbaren trkischen Schal bis zum Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man berall Strohhaufen, die unordentlich herumlagen. Katerina schien ein wenig verwundert ber Onikos Besuch. Da sie annahm, da ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater gefhrt haben konnte, ffnete sie das Tor nur zur Hlfte und sagte ein wenig verlegen: Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen. _Mag es ihm so leicht aufstoen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_ Was wr' ich fr ein Tlpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen? Die blonde Schne blieb berrascht und verblfft stehen, denn sie wute nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lcheln, das durch sein seltsames Benehmen veranlat war, huschte ber ihr Gesicht und schien anzudeuten, da sie auf weitere Aufklrung warte. Der Kchenmeister fhlte selbst, da er sich nicht ganz deutlich ausgedrckt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte; er fuhr daher fort: Da mte mich doch schon der Bse selbst zum _Alten_ fhren, wenn dieser eine so hbsche Tochter hat. Ah, ist es das! sagte Katerina lchelnd und leicht errtend. Bitte, tretet ein! und sie schritt voraus und ging auf die Tr der Htte zu. In Kleinruland haben die Mdchen viel mehr Freiheit als irgendwo anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, da unsere Schne, ohne da ihr Vater etwas davon wute, einen Gast bei sich empfing. Bist du zu Fu hierher gekommen, Oniko? fragte sie ihn, indem sie sich auf der Schwelle an der Tr der Htte niederlie und eine wrdige und ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lcheln, bei dem sie eine lange Reihe schner Zhne sehen lie, sie deutlich verriet. -- Wieso zu Fu? -- Teufel auch! sollte sie ber das, was gestern vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Kchenmeister. -- Gewi doch zu Fu, meine Schne. Wahrhaftig, der Teufel mte mich reiten, wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt htte, blo um von einem Hof zum anderen zu gelangen! Aber von der Kche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit! Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf. -- Nein, du Schelmin! Der Bse selbst ist nicht schlauer als dieses Mdel! wiederholte der Kchenmeister mehrmals bei sich selbst und wnschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft vergessend, die zwischen ihnen bestand. brigens wre ich damit einverstanden, da mir die Karauschen samt den frischgesalzenen Eierschwmmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur noch einmal so lachen wolltest, schnes Mdchen! Bei diesen Worten konnte der Kchenmeister sich nicht mehr beherrschen und umarmte sie. Nein, das habe ich nicht gerne! rief Katerina errtend, wobei sie eine zornige Miene machte. Bei Gott, Oniko, wenn du noch einmal so etwas tust, so werfe ich dir ohne viel Umstnde diesen Topf an den Kopf. Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf, und das Lcheln, das hierbei ber ihr Antlitz huschte, schien deutlich sagen zu wollen: aber ich wre dessen nicht fhig! Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so bse zu werden! Als ob das wei Gott was fr ein Verbrechen wre, -- ein hbsches Mdchen zu umarmen! Sieh, Oniko, ich bin ja gar nicht bse, sagte sie, indem sie ein wenig von ihm abrckte und wieder ein frhliches Gesicht machte; brigens schien es mir so, als httest du den Lehrer erwhnt. Da aber machte der Kchenmeister ein recht kmmerliches Gesicht, das mindestens um ein paar Zoll lnger wurde als gewhnlich. Der Lehrer ... Iwan Ossipowitsch soll das heien ... Pfui Teufel noch einmal! Ich verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlpfen knnen, ganz als ob ich Gewrzbranntwein getrunken htte. Der Lehrer ... Sieh mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in dich verknallt, da ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben lt. Er grmt und hrmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt aufs Geratewohl hergekommen, um mich fr ihn zu verwenden. Da hast du einen schnen Auftrag bernommen, unterbrach ihn Katerina ein wenig rgerlich. Bist du etwa sein Brautwerber oder sein Verwandter? Ich wrde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe in die Kche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern um Almosen fr sie zu bitten. Das ist schon ganz richtig; indes, ich wei wohl, da es dich freut, und sogar sehr freut, da der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir nachzulaufen. Das sollte mich freuen? Hr' mal, Oniko: wenn du das sagst, um dich ber mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du solltest dich schmen, ein armes Mdchen schlecht zu machen! Wenn du aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dmmste Mensch im ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt: ich wei wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlat. Du hast wohl geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch. Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdrmel eine Trne aus dem Gesicht, die pltzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr ber die glhende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen Abendhimmel hinunterschiet. -- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Oniko bei sich, indem er das glhende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lcheln von vorhin lange Zeit mit dem rger kmpfte, um ihn schlielich gnzlich zu verscheuchen. Der Donner treffe mich hier auf der Stelle! rief er endlich aus, da er seine innere Erregung nicht mehr unterdrcken konnte, und umfate ihre rundliche Taille. Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso freut, da du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn ich ihm sein Splwasser bringe. Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr grinsen, wenn du erfhrst, da fast alle Mdchen im Dorf dasselbe sagen. Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mdchen haben ihn lieb. Neulich gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwhrend ihre Kpfe ber den Zaun, wie Frsche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da streckte wieder eine andere ihr Kpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel alle mitsamt dem Lehrer! Ich gbe ein Viertel vom besten Branntwein dritter Gte dafr, wenn ich von dir erfahren knnte, Katerina, ob du mich auch nur fr einen Groschen liebhast? Ich wei nicht, ob ich dich liebe; ich wei nur, da ich um alles in der Welt keinen Trunkenbold heiraten mchte. Wer mag mit so einem zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein Mensch stammt; man mag gar nicht in die Htte hineinschauen: da gibt's nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen. Nein, nein, nein! Gott behte! Mich schaudert's schon beim bloen Gedanken daran! ... Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten Hauptes und wie ein Verdammter sa der Kchenmeister in seine Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer Gewissensnte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen deutlich, da ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle ungestmen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden Reihe an ihm vorberzogen. Wahrhaftig, was bin ich fr ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich liege blo meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofr mir ein guter Mensch gedankt htte? Ich habe nur immer gebummelt und gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, da Herz und Seele sich dabei wohl fhlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder nchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein Hundeleben, das ich fhre! Die schne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes Hndchen auf die Schulter und murmelte halblaut: Nicht wahr, Oniko, du wirst nie mehr trinken. Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Fr dich knnte ich alles tun. Das Mdchen sah ihn gerhrt an, und der Kchenmeister schlo sie begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer von Kssen, wie ihn der ruhige und gemtliche Gemsegarten schon lange nicht erlebt hatte. Kaum aber hatte der Laut der verliebten Ksse die Luft erschttert, als eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des Donners das Ohr des sich zrtlich liebkosenden Paares traf. Der Kchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem Zaune stehende Ssimonicha. Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe wei man noch nicht, wie Burschen und Mdel sich kssen, wenn der Vater nicht zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lmmchen! Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lge. So also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ... Mit Trnen im Auge mute sich das schne Mdchen in die Htte zurckbegeben, wute sie doch, da sie den giftigen Reden der Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte. Wenn dir doch jemand ein Schlo vor den Mund hngte, alte Hexe! sagte der Kchenmeister. Was geht denn dich das an? Was mich das angeht? fuhr die unermdliche Schankwirtin fort. Das ist noch schner! Die Burschen machen sich einen Spa draus, ber den Zaun und in fremde Grten zu klettern, die Mdchen locken die Burschen zu sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebugeln und kssen sich -- und das sollte mich nichts kmmern! Hast du's gehrt, Karno? schrie sie pltzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an einen vorbergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam einherschreitenden Kuh. Hast du's gehrt? Steh doch einen Augenblick still. Was das fr eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ... Pfui Teufel! schrie der Kchenmeister, indem er zur Seite spuckte und vllig die Geduld verlor. Der Teufel selbst hat sich vermummt und die Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen! Und der Kchenmeister setzte seinen Fu auf den Zaun und war einen Augenblick spter im Garten des Herrn. Es war nicht mehr sehr frh, als er in die Kche zurckkehrte und sich an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die groe Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach go der Kchenmeister Essig in den mit sauerem Rahm versetzten Brei oder er spiete mit wichtiger Miene die Mtze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten. Whrend des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen, warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, da man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rcksicht auf die Mhen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, lie man den Kchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wre unser Held nicht so leichten Kaufes davongekommen. Nein, Herr Lehrer! murmelte er, indem er sich auf seine hlzerne Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, die Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren! Und nachdem er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern. Das Weib Ausgeburt der Hlle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift, das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt, verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner lichtspendenden Rechten zrnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine wundersame Schpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser armseliges Glck: du wolltest nicht, da der Mensch ewige Segenswnsche aus den Grnden seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen lie: lieber mochten Flche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du schufst das Weib. So sprach Telekles, ein junger Schler des Platon, indem er vor seinen Lehrer trat. Seine Augen sprhten Blitze; auf seinen Wangen wtete ein Feuer, und die zitternden Lippen kndeten von wilden Strmen einer zerrissenen Seele. Seine Hand drngte zornig die purpurnen Wellen seines weichen Gewandes zurck, und die geffnete Schnalle fiel nachlssig auf die jugendliche Brust des Jnglings herab. Wie, mein gttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem gttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen lie? War es nicht dein Wohllaut ausstrmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis ihrer milden Schnheit zu sagen wute? Hast du uns nicht gelehrt, so glhend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine gttliche Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen Abgrnden des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du kennst das Weib nicht. Glhende Trnen entstrmten seinen Augen; er verhllte sein Haupt mit dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Hnden und lehnte sich an die Marmorsule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitl, das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich der Brust des Jnglings, wie wenn alle verborgenen Nerven seines Wesens, alle Gefhle und alles, was das Innere des Menschen ausfllt, in schmerzlichen Klagelauten aufsthnte, und diese Klagelaute gingen wie eine Erschtterung durch seinen ganzen Krper, und seine ganze krperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfabar ist, verwandelte sich, unfhig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen, in eine einzige schmerzliche Klage. Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht flo wie ein mchtiger, wundervoller Wasserfall durch eine khne ffnung in der Kuppel auf den Weisen hinab und berschttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und Gefhlen zu knden. Kannst du denn auch lieben, Telekles? fragte er ihn mit ruhiger Stimme. Ob ich lieben kann! fiel der Jngling rasch ein, frag' doch den Zeus, ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschttern vermag. Frag' Phidias, ob er Gefhle im kalten Marmor entznden und dem toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut siedet, sondern eine heie Flamme wtet, wenn alle meine Gefhle, alle meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Tne verwandle, wenn diese Tne in mir glhen und meine Seele nichts wie Liebe tnt, wenn meine Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefhl sein eigen nennt? Hat am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt? Armer Jngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das Schicksal, das diesem sanften Geschpf bereitet wird, in dem die Gtter die Schnheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen wollten! Armer Jngling! Du httest dieses sanfte Wesen mit deinem glhenden Atem versengt, du httest dieses reine Leuchten durch einen Sturm von Leidenschaft getrbt und in Aufruhr versetzt! Ich wei, du willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen, die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich auch im voraus geprft? Glhte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie drsten nach ewiger Seligkeit, nach einem nie endenden Glck, und ein kurzer, flchtiger Schmerz gengt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam errichtete Gebude zerstren! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, da die schne Alkinoe sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glck und ein Meer von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blttere die flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine Seite finden, die beredter, die gttlicher ist als jene? Wolltest du alle kostbaren Edelsteine der persischen Knige oder alles Gold Libyens fr jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die hchsten Ehren in Athen und die hchste Gewalt im Volke im Vergleich zu ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schne, das es den Gttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges Gefhl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Trnen der Rhrung vergieen und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf da er ihr ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren Haupte verscheuchen mge. Betrachte dich mit prfendem Auge: was warst du frher und was bist du jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes gttlichen Zgen entdeckt hast: wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und entrtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel nher kamst du dem hchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann? Wenn wir das Weib tiefer und grndlicher verstehen lernen. Denk an die ppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist das Ergebnis? Sie haben kein Verstndnis fr das Gefhl des Schnen -- dieses unendliche Meer geistiger Gensse. Kein Funke schlgt aus ihrem Herzen empor beim Anblick der Gttin des Praxiteles; ihre Seele spricht nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und kein verstndnisvoller Laut tnt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib? -- Die Sprache der Gtter. Wir wundern uns ber das milde heitere Haupt des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Gtter in ihm zu sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst bewundern wir die Gtter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir dagegen sind blo seine Verkrperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck von ihr glht in unserer Seele, und je strker und je umfassender und grer die Wirkung ist, die er auf uns ausbt, um so edler und schner werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Knstlers weilt, sich unkrperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne. Warum strebt aber dann der Knstler mit so unersttlicher Begierde danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen Gefhlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der unendlichen Welt seines Inneren zugnglich zu machen, d. h. das Weib im Manne zu verkrpern. Und wenn das Auge eines Jnglings, dessen Herz glhend und verstndnisvoll fr die Kunst schlgt, zufllig auf das unsterbliche Bild des Knstlers fllt, -- was sucht es, was ergreift es in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er erblickt die grenzenlose, unendliche, unkrperliche Idee des Knstlers vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige Lieder ertnen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist, und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkrperlich umarmt seine Seele die gttliche Seele des Knstlers! Wie verschmelzen ihre Geister in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wren die hohen Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmckt und nicht geformt wrden durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters wrden sich in Barbarei verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfltigkeit der Farben fllt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren Stempel kindlicher Unschuld trgt und wo uns alles heimatlich berhrt. Und wenn die Seele versinkt im therischen Schoe der weiblichen Seele, wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brder, d. h. Gefhle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fhig sind, findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tnen in ihr die alten Klnge wider, dann gedenkt sie des frheren paradiesischen Lebens am Busen Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit. Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich hin: vor ihnen stand Alkinoe, die whrend ihres Gesprches unbemerkt eingetreten war. Auf ein Gtterbild gesttzt, schien sie vllig in stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte hufig ganz pltzlich der Ausdruck einer gttlichen Seele. Die marmorweie Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der schlanke, von den purpurroten Bndern des Beinharnischs umschlungene Fu, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hlle abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berhren; der hohe gttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den Fuboden herab. Es schien, als ob der dnne lichte ther, in dem sich die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und blulichen Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen zerstreut, fr die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als ob dieser ther sichtbare Form angenommen htte und, indem er nun vor ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklrte und vergttlichte. Die nachlssig zurckgeworfenen Locken umdrngten schwarz wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die ihren Augen entsprhten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein, selbst die Knigin der Liebe war nie so schn, nicht einmal in dem Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfrulichen Wellen entstieg. Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jngling der stolzen Schnen zu Fen, und eine heie Trne, die dem Auge der sich ber ihn beugenden Halbgttin entstieg, tropfte auf seine brennenden Wangen. Fragmente Gedichte und poetische Versuche Sturm Warum so trb? -- Einst war ich heiter, Sag' ich zu meiner Lust Genossen. Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen; Die Freude starb: ich lebe weiter. Jung war ich, und mein heller Blick hat Trauer nicht und Migeschick Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin, Stirbt wie der Herbst, und ich verblute Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute. Die Freude lockt nicht meinen Sinn. Die Freunde lachen: Was du nur Zu weinen hast! Das Wetter ist So heiter klar, und die Natur Nicht halb so trb, wie du es bist. Und ich: Mir gilt das alles nichts. Ob Tag zu Tag und Jahr sich trmt, Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's Mich an, wenn mir's im Herzen strmt. -- Albumblatt Das Licht verliert im Auge des Trumers schnell seine Wrme. Er findet die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfllt, seine Erwartungen unbefriedigt, und die Glut des Genieens verraucht in seinem Herzen ... Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie glcklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage erkennt: der Tage einer glcklichen Kindheit, da er die keimenden Zukunftstrume von sich warf und seine Freunde verlie, die ihm von ganzem Herzen ergeben waren. Hans Kchelgarten Eine Idylle in ** Bildern von W. Alow 1827 Deutsch von Ulrich Steindorff Das vorliegende Werk htte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht besondere Umstnde, die nur fr den Verfasser von Bedeutung sind, die Veranlassung dazu gegeben htten. Dies Werk ist eine Frucht seiner achtzehnjhrigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil ber die Vorzge oder Mngel dieser Dichtung abzugeben -- das berlassen wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, da viele von den Bildern dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir rechnen es uns indessen zum Verdienst an, da wir dem Publikum, soweit dies mglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes kennen zu lernen. Erstes Bild Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dmmerdunst Mit seinen Husern, seinen Grten. Alles liegt In hellem Licht. Der Glockenturm erglnzt Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu Das Konterfei von Zaun und Grtchen gibt. Und nichts hlt Ruhe in dem Silberspiegel. Blau wlbt der Himmel sich; die Wolken ziehn Wie Wellen hin, und flsternd rauscht der Wald. Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt, Da steht behaglich unter Lindenschatten Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt Von seinem greisen Herrn und arg verfallen. Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz, Von blh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk; Die Fenster windschief. Aber immer ist Das Huschen traulich nett. Um keinen Preis Der Welt wr' es dem Alten feil. -- Dort steht Die Linde, sein geliebter Ruheplatz. Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht Rings von den Rosenbumen. Vgel nisten In ihrem Dunkel und erfllen Garten Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall. -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden, Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier Ein wenig in der Frische noch zu schlummern. Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach Schlft er. Der sanfte Wind khlt sein Gesicht Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren. Wer ist die Schne, die mit Blicken Ihm naht, in denen alle Glut, Des Morgens ganze Frische ruht, Und vor ihn tritt? Welch ein Entzcken, Wie sie mit lilienweier Hand Ihn sanft berhrt, um ihn zu wecken, Bemht, ihn ja nicht zu erschrecken. Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand Zur Welt, sprach er, die Lider kaum Geffnet, leise wie im Traum: Du wunder-, wunderbarer Gast, Der du mein Heim besuchet hast, Warum fllt Kummer mich und schwillt Durch meine Seele. Was bewegt Mich Greisen denn dein Engelsbild So tief, so seltsam tief, und regt Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt, Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt Und allem, was da lebt, lngst kalt. Seit ich mich tot in mir verscharrte, Ist's Ruhe nur, auf die ich warte, Die ich begehre immerfort. Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort. Und nun kommst du, du Junge, mir Zu Gaste, lockst mich hei zu dir? Ach nein, aus deinem lichten Munde Flammt einer neuen Hoffnung Kunde. Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde Bin ich bereit. Allein mir fehlt Die Wrde. Meine Sndenlast Ist gro. Ich war in dieser Welt Ein arger Streiter und gehat Von Hirt und Herde. Grausamkeit War mir nicht fremd. Allein ich schwor Den Teufel ab, und ich verlor Zur Bue keinen Tag, allzeit Entshnend die Vergangenheit. Voll schwerer Sorge und verwirrt Fragt sie sich bang: Soll ich's ihm sagen, -- Wer wei, wohin die Trume ihn verschlagen, -- Sag' ich ihm, da er phantasiert? Doch Nebel des Vergessens hngt Um ihn, den neuer Schlaf umfngt. Sie neigt sich ber ihn, verstohlen. Wie sanft er schlft, wie still er ruht! Kaum merklich hebt beim Atemholen Die Brust sich. Licht in therflut Hlt ihn ein Engel in der Hut, Und paradiesisch Lcheln flicht Sich leuchtend um sein Angesicht. Nun ffnet er die Augen: Wer, Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach; Mir trumte -- --, du, wo kommst du her? Bist, Wildfang, du so frh schon wach? Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer. -- Grovater, nein, 's ist hell und klar. Im Walde blitzt das Sonnenlicht. Und schon am frhsten Morgen war Es hei wie jetzt. Es regt sich nicht Ein Blatt. -- Weit du, warum ich kam? Es gibt ein Fest. Wir feiern heut. Der alte Geiger Lodelham Und auch der Fritz sind lngst bereit. Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --! Den Greis Umspielt ein weises Lcheln. Still Hrt er, was sie erzhlen will, Das sorglos junge Blut. Ich wei, Grovterchen, nur du hast Macht, Ein bitter groes Weh zu bannen. Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht Und bald am Tag schleicht er von dannen Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht, Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt, Dann hrt er gar nicht, was man sagt. Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht, So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz Noch lange qult, geht er zugrund. >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund Das harte Wort gebraucht, mein Herz. Meinst du, da er vielleicht mit mir Nicht mehr zufrieden ist, da er Mich nicht mehr liebt? Das trfe schwer Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir, Du Engelsguter! -- Und sie schlang Die Arme fest um ihn. Kaum ging Ihr Atem, als sie an ihm hing In ihrer Liebe so verwirrt und bang. Als sich die Trne ihr ins Auge stahl, Wie war sie schn in ihrer Qual. Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein. Schmst du dich nicht? Der Pfarrer mhte Sich trstend um sie. Gottes Gte Wird dir Geduld und Kraft verleihn. Wenn du ihn innig bittest, wirst Du auch bei ihm Erhrung finden. Hans lebt ja nur fr dich. Du irrst. Du mut die Zweifel berwinden. Du darfst dir nicht mit solchen leeren Gedanken deine Ruhe stren. -- -- Und als er noch der weinenden Luise Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt, Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee, Den heien, bernsteinklaren, den der Greis So gern im Freien nahm. Er liebte es, Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen. So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen. Luise ftterte gedankenschwer Den Kater, der mit lautem Schnurren, Vom sen Duft gelockt, sie lang umstrichen. Der Greis erhob sich vom geblmten Sessel Aus Vterzeit, sprach sein Gebet und drckte Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich Den sonntglichen, taftnen Schlafrock an, Den silberschimmernden, und nahm das Kppchen, Das Hans ihm krzlich aus der Stadt gebracht Und ihm geschenkt. So ging er denn gemchlich, Sich auf Luisens weie Schulter sttzend, -- Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwrts -- Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag! Es lie ein Wind das Gold der Felder wogen, Das, berragt von dichten, frchteprangenden Laubkronen, in der Sonne flimmerte. Fern dunkelten die grnen Wlder. Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst Entstrmten Fluten wundersamster Dfte. Die Bienen waren fleiig unterwegs Und sogen Honig aus den jungen Blten. Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite Klang laut und lauter krft'ger Rudersang. Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien. Das frohe Schrein der Herden scholl herauf. Tief in der Ferne sah man schon das Dach Vom Haus Luisens winken, sah das Rot Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- -- Zweites Bild Noch ungeklrt sind die Gedanken, Die Hans bewegen, und sein Blick Sieht wirr die Welt des Lebens wanken Und sucht sein knftiges Geschick. -- In stillem Frieden war die Zeit Dem Tndelnden vorbeigeflossen; Noch hatte keine Bitterkeit Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen. Kind dieser Erdenwelt war er. Doch ihrer Leidenschaften Brand War seinem Herzen unbekannt. Ganz sorglos war und leicht bisher In Heiterkeit und Glck und Lust Das Kind beim Spiel der Kinderschar. Das Bse war noch seiner Brust Ganz fremd. Ihm blhte wunderbar Die Welt. -- Schon in der frhsten Zeit Der Kindheit war sein Kamerad Luise, deren Heiterkeit Und Milde seinen Lebenspfad Erhellt. Wenn sie im grnen Kleid Zu tanzen anfing oder sang, Dann scho durchs blonde Ringelhaar Manch Blitz, der zndend weitersprang. Ihr rosa Miedertchlein glitt Herab. Man sah bei jedem Schritt Das feine, zarte Fchenpaar. Sie war ein Kind, und kindlich war Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief Sie fort, versteckte sich und schrie Ihm pltzlich zu, da er erschreckte. Sie schwrzte heimlich, wenn er schlief, Ihm sein Gesicht, und lachend weckte Sie ihn dann aus dem sen Schlafe. Und er, er kte sie zur Strafe. -- Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land. Die Spiele wollten nicht mehr taugen. Die gegenseit'ge Keckheit schwand. Es schwand das Feuer seiner Augen. Und sie hlt Traurigkeit gebannt Und Schchternheit. -- Ihr, junger Herzen Verliebte, erste Worte, wart Gekommen, und es blieben nicht erspart Die Tage voller ser Schmerzen. Was blieb ihm denn zu wnschen weiter, Wo er Luise bis zur Nacht, Gefesselt wie von Zaubermacht, Nicht lie, ihr treuester Begleiter, Ihr Schatten, wo sie ging und stand. Mit innig tiefer Freude sahen Die Eltern, wie das Glck sich fand, Und sahen sich nicht satt. Die nahen, Leidvollen, zweifelvollen Zeiten hielt noch ein Engel sanft verhllt den beiden. -- Doch allzubald befiel ein Schmerz, Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram Sein Blick; er starrte himmelwrts Und war ganz unstet, ach, und wundersam. Es schien, als suchte stets sein Geist, Als hegte er geheimen Groll. Die Seele sehnte sich zumeist Gedankenschwer und kummervoll. -- Er sitzt und schaut hinab vom Strand Hinaus aufs Meer wie festgebannt. Und wenn im Takt die Wellen rauschen, Scheint einer Stimme er zu lauschen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Bald geht er grbelnd durch das Tal, Die Augen feierlich voll Glanz, Wenn bei der Wolken Wirbeltanz Der Donner grollt, ein Feuerstrahl Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen Hei prasselt und mit einemmal In Strmen rauscht auf allen Wegen. Bald sitzt er in der Mitternacht Vor alten Sagen auf und wacht Und hofft, da sich die Lettern regen In ihrer Stummheit, wenn die Seiten Er wendet, die so tiefe Kunde Ihm bringen von den grauen Zeiten. Ins Buch versunken manche Stunde, Sitzt er und wendet kaum das Haupt. Wer ihn in dieser schweren Not Gesehn, der htte fest geglaubt, Die Zeit, da er gelebt, sei tot. Gedanken, wunderbare, hatten Mit ihrem Zauber ihn gebannt. Er suchte dunkler Eichen Schatten Auf seinem Weg durchs Sommerland. Aus diesen tiefen Schatten sprach Manch Rtsel, das er nicht verstand, Und trumend streckte er die Hand Liebkosend aus und griff darnach. -- Luise ist die ganze Zeit Allein in ihrem tiefen Kummer. Ihr Herz ist einzig ihm geweiht. Sie findet nchtens keinen Schlummer Und bringt die gleiche Zrtlichkeit Ihm dennoch stets entgegen, hlt Die zarten Arme um ihn, kt Ihn sanft, da er den Schmerz vergit, Bis er der Schwermut neu verfllt. Schn sind die Stunden, wunderbar, Wenn ferne Trume ihn umschweben Und der Gesichte lichte Schar Ihn forttrgt in ein andres Leben. Doch, wenn der Seele Land zerstrt, Der stille Erdenfleck vergessen, Der Scholle nicht sein Herz gehrt, Die schlichten Menschen er vermessen Nicht achtet, werden Traumgestalten Auch dann noch froh im Herzen walten? -- -- Indessen lat sein unstet Wesen Belauschen uns. Macht euch bereit, Die Rtsel seines Geists zu lsen In ihrer Mannigfaltigkeit. -- Drittes Bild Du klassisch schner Werke klassisch schnes Land! Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen! An dich, in wundersamer Gluten Wehn, Ist meine Seele festgebannt. Vom Tempel hoch bis hin zu des Pirus Mauern Ergieen sich und wogen feierliche Massen. schines' Worte blitzen, donnern und durchschauern, Der Ili Wassern gleich, und fassen Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle. Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit Der Parthenon, wo Sule sich an Sule reiht; Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht. Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle. Im Portikus steht gttergleich ein Greis Und redet weise von der andern Welt; Sagt, wer fr Tugend einst Unsterblichkeit erhlt, Wen Schande trifft und wen der Preis. Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen. Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen Zu strmt das Volk. Wie Persiens Farben prangen! Sieh, wie die Tuniken sich bauschen! Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen, Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen. Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten, Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten, Da ihnen sich die hohe Wissenschaft enthlle, Wie man Gensse schlrft und trinkt des Lebens Flle. Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrmt, Trifft einen Jngling, und sein Atem stockt verschmt. Wie hei die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut! Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht Auf ihrer Schultern Marmorpracht, Auf ihre Brste wie die Flut. -- Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren. Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmckt Mit Efeu, strmen durch den heil'gen Hain in wirren, Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrckt, entrckt. Allein! -- Verschwunden ist der Chor. Und Gram befllt mich neu und Wehe. Stieg' doch vom Tal ein Faun empor; Drng' aus des Gartens dunkler Nhe Mir einer Nymphe Sang ans Ohr! Ihr Griechen, wunderbarlich habt Die Welt mit Trumen ihr erfllt, In Zauber alles eingehllt! Heut ist sie rmlich, grau, verschabt Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- -- * * * * * Doch neue Trume kommen und heben Und ziehen ihn lockend himmelan Empor aus der Sorgen Ozean, hinweg von allem kleinlichen Leben. -- Viertes Bild Im Land, wo des Lebens Wunderquellen Entspringen und strahlend rings alles erhellen; Wo schwer die Nchte vom Ambraduft, Von Lotosse geschwngert die Luft; Wo Rucherwerkwolken die Blue durchfluten Und Mangostans Frchte golden gluten; Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet; Wo khn sich ob allem der Himmel weitet Und Blten regnet in ppigem Glanz; Wo Schwrme von Faltern auffunkeln im Tanz: Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken, Nichts sehend, nichts hrend; traumestrunken. Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar, Wie Hemasagara funkelt ihr Haar. Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht, Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen; Ihre Stimme den nchtlichen Ton von Syringen, Dem silbernen Tone, wenn Israfil Die Flgel schlgt in mutwilligem Spiel; Dem heimlichen Pltschern des Tschindara-Flu. Und ihr Lcheln erst! Und erst ihr Ku! Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet In Himmeln, wo sie Verwandte findet. Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei, Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei! Erinnrung an sie bleibt und hlt Sich fest; und Duft erfllt die Welt. -- * * * * * Bunt war sein Trumen berstrahlt; Vom Drang der Jugend hei durchflossen. Die Hoheit, die sein Herz genossen, Hat herrlich oft sich abgemalt Auf seinem Angesicht. Allein, Was ihn in seinen Trumerein, Was die erregte Seele qulte, Wonach er schrie, wonach er bangte, In wilder Leidenschaft verlangte, Als glt' es, da er sich vermhlte Der ganzen Welt mit ganzer Lust, Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust, Von Dumpfheit voll und Schwere fand Er diese Welt und wirr. Es flog Sein Herz und schlug und schlug und zog Ihn hin nach fernem, fernem Land. Wer sah ihn so? Sein Atem chzte. Die Brust ging keuchend auf und nieder. Stolz funkelte durch seine Lider. Ach, wie die Seele darnach lechzte, Am flcht'gen Traum sich festzusaugen. Ach, welche Feuer in ihm brannten, Wie ihn die Trnen bermannten, Das Leben schrend in den heien Augen. -- Sechstes Bild Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf, Wo unserer Geschichte Welt, die Welt, Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet. Das heitre Lnensdorf, so hie es einst; Doch wei ich nicht, ob es noch heut so ist. -- Weit schimmerte dem Wanderer entgegen Das kleine, weie Huschen Wilhelm Bauchs, Des Musikers, das er vor langer Zeit, Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm, Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus; Grn war's gestrichen; rote Ziegelplatten Erklirrten hell im Wind. Kastanienbume Umstanden es und drngten in die Fenster. Durch ihre Stmme sah ein Weidenzaun, Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten. Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch. Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange, Behangen mit der Wsche, die im Glanz Der heien Mittagssonne lustig blinkte. Durch eine Speicherluke drngte sich Laut girrend eine Taubenschar; es schrien Die Puter, und mit seinen Flgeln schlagend Entbot der Hofhahn seinen Morgengru Dem Tag und pickte den behbig bunten Hennen Die Krner fort. Zwei fromme Ziegen rupften Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch In krausen Wolken aus dem Schornstein auf Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren. Dort auf der Seite, wo der Mauerputz Ein wenig abgebrckelt von den grauen Ziegeln, Dort, wo die alten Bume Schatten geben, Stand schon seit frhstem Morgen suberlich Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge: Radieschen, gelber Kse, eine Dose In Entenform mit Butter; Wein und Bier, Der se Bischof, Zucker, Waffelkuchen Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Frchten: Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. -- Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise Der Tchter und des alten Pfarrherrn feiern. Luise kam, doch ihre Schwester Fanny, Die Jngere, war fortgeeilt, um Hans Zu holen, und war noch nicht zurck. Vermutlich irrte er vertrumt umher. Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen, Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn, Aus ihren Augen keinen Vorwurf lse. Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater, Zu ihr und sprach: Du mut den Hans mal schelten, Da er so lange nicht mehr bei uns war. Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwhnt. Doch sie war um die Antwort nicht verlegen: Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln. Er ist schon ohnedies so bleich und elend. Was, krank, sagst du? fiel Mutter Berta ein. Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie, Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen, Seid ihr einmal vermhlt. Ein junger Spro, Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft, Fngt pltzlich an zu blhn. -- Ist denn die Frau Nicht Lichtflut fr den Mann? -- Ein kluges Wort, Warf da der Pfarrer ein. Wenn Gott es will, Glaubt mir, wird alles noch vorbergehn! Er klopfte wieder seine Pfeife aus. Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten; Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten, Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Trken, Von Missolunghi, von Kolokotroni, Dem groen Fhrer, und vom argen Krieg, Von Canning sprachen sie, vom Parlament, Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid, Als Hans erschien und sich Luise pltzlich Mit einem Aufschrei ihm entgegenstrzte. Der Jngling schlang den Arm um ihre Hfte Und kte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm: Nun schm' dich, Hans, da du so ganz vergessen Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise Vergit, wie solltest du der Alten noch Gedenken! -- Vterchen, la sein, la sein -- Was schiltst du Hans denn immer! sprach die Mutter. Lat uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt: Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen, Der Glhwein und nicht minder der Kapaun, Den mit Rosinen ich und Butter briet. -- So setzten sie sich friedlich an den Tisch Und waren alle bald vom Wein belebt, Die Seelen voller Glck und Heiterkeit. -- Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flte. Es gab ein Stck -- der Feiernden zu Ehren. Bald drehten allesamt im Walzer sich. Selbst Wilhelm wurde lustig, und gertet Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog Hans mit Luise toll dahin. Die Welt Flog mit im gleichen, wundervollen Takt. Luise wagte kaum zu atmen, kaum Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen. Der Pfarrer sagte: Ach, ich sehe mich nicht satt An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar. Luise, dieses heitre, liebe Kind, Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden. Sie sind doch freinander wie geschaffen. Ja, glcklich wird ihr ganzes Leben sein. Ich danke Dir, mein gt'ger Gott, da Du Im hohen Alter mir die Gnade schenktest Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst, Damit ich solche Enkel schauen durfte. Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme: Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn. Siebentes Bild Des Abends Khle senkt sich still hernieder. Die letzten, leisen Sonnenstrahlen kssen Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken Durchst, erglht der Wald, und fern, fern her Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille. Und nur der Hirtenflten melanchol'scher Ruf Tnt dann und wann von fernen, heitren Ufern; Und dann und wann ein leises Pltschern, wenn Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt, Wenn eine Schwalbe mit den Flgeln, ehe Sie auf zum Himmel steigt, es flchtig streift. -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt. Wen trgt er wohl? Wer fhrt wohl auf dem Meer? Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare, Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin. Die bermt'ge Fanny lt die Hand, Die von der Angelschnur herabgezogen, Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle In stummer Freude einer Welle zu, Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag Der Ruder feurig schumend perlte. Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klrte Und voller Duft ein Hauch von Sden kam, Da sprach der Pfarrer tief gerhrt: Wie schn Ist dieser Abend Gottes doch! So still Und herrlich wie das Leben des Gerechten. Denn es vollendet ebenso voll Frieden Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest Ergieen sich die gleichen schnen Trnen. Ja, auch fr mich wird's Zeit. Auch meine Tage Sind bald gezhlt. Ich kann nicht lang mehr bleiben. Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen? -- Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied Auf der Oboe spielte, lie das Instrument Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne. Und Trume strmten seltsam auf ihn ein. Luise wandte sich ihm zu: Sag' mir, sag', Hans, Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele Noch Mitleid, Mitgefhl wachrufen kann, Was qulst du mich? Sag' mir einmal, warum Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Bchern? Ich wei es. Unsre beiden Fenster liegen Doch nicht umsonst einander gegenber. Warum weichst du uns allen aus und trauerst? Dein trber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh', Und deine Trauer macht mich selber trbe! -- Das rhrte Hans. Er wurde ganz verlegen. Er drckte sie im Schmerz an seine Brust, Und eine Trne stahl sich ihm ins Auge. Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer. Denn in Gedanken ich versunken scheine, Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz Mit Freude sich und Frieden fllen liee, Da deiner Jugend reinen Schlaf nichts stre, Da Bses dir nicht nahe, nicht der Schatten Von einem Kummer dich berhre, da Dein Glck in alle Ewigkeiten whre! Da lehnte sie an seine Brust sich an Und konnte in der Flle des Gefhls, Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. -- Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet Und steigt schnell aus. Hrt, sprach der Vater Wilhelm, Hrt, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht, Da ihr euch nicht erkltet. Es ist feucht. Der Nebel steigt. -- Hans ging mit ihr und dachte: Was wird, wenn sie erfhrt, was sie doch nicht Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen. In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut. Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt htte, Als htte er den ewigen Gott belogen. -- -- Achtes Bild Vom Turme schlgt es Mitternacht. Hans sitzt wie immer auf und wacht. Dem Einsamen gewohnte Zeit. Das Flackerlicht der Lampe leiht Nur sprlich Helligkeit. Es fllt Wie Saat des Zweifels in die Welt Des Schlafs. -- Kein Blick trf' in der Runde Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne Rauscht wie Gesprch aus Menschenmunde Die Welle in dem Glanz der Sterne. Die Stille lt den Atem hren Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stren Der laute Tag in seinem Denken, Wo ber seine Stirn sich senken Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt Sich auf im Bett; im Fenster jetzt: Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht; Ich seh' mich satt an seinem Bild. Er wacht, da er mein Glck erfllt. Gott sei ihm gndig, sei ihm mild. -- * * * * * Die Welle rauscht im Mondeslicht. Ein Traum sinkt nieder und umfngt Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis. Um Hans spielt der Gedankenkreis Noch immer, dem er sich versenkt. 1. Entschieden alles! Ist's Gebot, Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn? Gibt's andres Ziel nicht als den Tod? Vermag ich Beres nicht zu sehn? Soll ich mich hin zum Opfer geben, Tot fr die Welt und ruhmlos leben? 2. Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt, Nur Nichtigkeiten lieben drfen; Kalt jedem Glck sein, das sich gibt, Und niemals Seligkeiten schlrfen? Der Erde Schnheit nie mehr finden, Nie Wahres mehr in ihr ergrnden? 3. Was ruft, was lockt ihr mich so bang, Ihr, dieser Erde schnste Lande. Bei Tag und Nacht wie Vogelsang Hr' ich in meiner Trume Bande, Bei Tag und Nacht die sen Tne, Und bin berckt von eurer Schne. 4. Euch, euch gehr' ich. Bald, ach bald Such' ich die seligen Gefilde, Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Hin fliegt umschumt des Schiffes Bug. Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug. 5. Ja, fallen wird der trbe Flor, In den euch stets der Traum gehllt. Aufschlieen wird die Welt das Tor Zur Wunderherrlichkeit, gewillt, Den Jngling freundlich zu begren Mit unversieglichen Genssen. 6. Der Schnheit Meister! Meine Augen Bereiten sich, was ihr geschaffen Mit Stift und Meiel, einzusaugen. Mein Herz will eure Glut erraffen. Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff! Bring mich an Land, einsames Schiff! 7. Du aber, enger Winkelfrieden, Mein Wald, mein Feld, ihr mt verzeihn. Himmlischer Regen reich beschieden Sei euch und Blte und Gedeihn. Das Herz, scheint's, hrmt sich, euch zu lassen, Und drstet, euch noch einmal zu umfassen. 8. Auch du, mein engelstilles Herz, Vergib und geiz' mit deinen Trnen. Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz. Verzeih dem armen Hans sein Sehnen. Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen, Und ich zurck. Wie knnt' ich dein vergessen! -- Neuntes Bild Wer kommt noch zu so spter Stunde Behutsam durch die Nacht gewallt, Den Wanderstab am Grtelbunde, Den Rucksack rstig umgeschnallt? Vor ihm ein Haus zur rechten Hand; Zur linken fhrt ein Weg ins Weite. Er will den weiten Weg ins Land, Erfleht von Gott Kraft zum Geleite. Allein er wendet, bermannt Von stillem Weh, verzehrt von Gram, Den Schritt zum Haus, woher er kam. * * * * * Vor einem offnen Fenster sitzt, Den Kopf in seine Hand gesttzt, Und ruht ein wunderschnes Kind. Mit seinem Flgel streicht sie mild Und gibt ihr Trume ein -- der Wind, Von denen sie nun ganz erfllt, Ein Lcheln zeigt. Und ihm entquillt, Wie er sich peinvoll naht der Schnen Und bebend ihr ins Antlitz schaut Und kummerschwer, sein Weh in Trnen. Sein Auge schimmert glanzbetaut. Er beugt sich nieder glhend hei Und kt sie seufzend, leis, ganz leis. * * * * * Den weiten Weg eilt er dahin. Sein Innerstes durchbebt ein Schauer. Unrast umdstert seinen Sinn, Und seine Seele tiefe Trauer. Noch einmal wendet er den Blick Zum Abschiedsgru. -- Ein weies Band, Zieht schon der Nebel bers Land. Sein sthnend Herz weist ihn zurck. Ein rauher Wind mit scharfem Tone Stt Eichenkron' an Eichenkrone. Und grau verschwimmt im fernen Raum Das Haus. Ganz unklar wie im Traum Hat Pfrtner Gottlieb nur vernommen, Da wer durchs Gartentor gekommen Und da einmal, als wenn er schlte, Der treue Hund im Hofe bellte. Zehntes Bild Spt wird der helle Fhrer wach, -- Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer Wogt bers Feld ein Nebelmeer, Und Regen rauscht und schlgt aufs Dach. Des jungen Morgens Khle fchelt Die Schne aus der Ruh'. Benommen Vom Schlaf am Fenster und beklommen, Streicht sie ihr Haar zurecht und lchelt. Doch rger schleicht sich ein und feuchtet Das Auge, da es funkelnd leuchtet: Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern? Du schwurst: beim ersten Tageslicht! Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern, Ein trber Tag. Die Nebel schauern, Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht? Gengstigt halb und halb verdrossen, Blickt sie zum Fenster ihres Hans. Geschlossen ist's und bleibt geschlossen. Er schlft gewi, und Traumesglanz Umgaukelt ihm sein Liebstes noch. Lang hat's getagt. Vom Regen sind Durchfurcht die Tler, und vom Wind Gewiegt der Wald. Ach, km' er doch! * * * * * Der Mittag naht. Unmerklich steigt Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen Tnt Donner noch. Der Eichwald schweigt. Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen Am Himmel paradiesisch Licht. Mit Funken ist die Eiche bersprht. Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied. Wo bist du, Hans, was kommst du nicht? * * * * * Warum? -- Die arge Brust umflicht Schwermut. Das Ohr wird md der Qual, Zu horchen auf die Stundenzahl. Die Tre geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht: Herein tritt Berta; wohlig fllt Der rosa Morgenrock, der weiche, Und farbenfroh die kantenreiche, Gestickte Schrze. Engelgleiche, Was hat die Nachtruh' dir vergllt? Bist bleich und matt. Was ist geschehn? Strte der Regen, der so schwer Herabgerauscht, das wilde Meer, Der Hahn, der wste Lrmer, den Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr? Hat dich der Bse berkommen, Dir deinen reinen Schlaf genommen, Ins Herz gesenkt trbselig Trauern? Tust mich von ganzer Seele dauern. * * * * * Nein, nicht des Regens Rauschen, ach, Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn, Der wste Lrmer, hat's getan. Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach. Nicht solcher Traum hat mich benommen, Bin solcher Trbsal nicht beklommen. Der Traum, der mir zu Sinnen kam, War anders, schwer und wundersam. -- * * * * * Mir trumte: Finstre de sei Um meinen Weg. Rings Nebel nur Vom Moor, und in der Wstenei Von trocknem Boden keine Spur. Ein ekler Dunst! Die Erde weicht. Bei jedem Schritt ein neuer Schlund, Bei jedem Schritt ein neuer Grund Zur Herzensangst. Und mich beschleicht Unsglich Wehe. Da erscheint Urpltzlich Hans vor mir. Blut rinnt Aus einer Wunde. Er beginnt Zu schluchzen ber mir und weint. Doch statt der hellen Trnen flo Ein trber Strom. Ich wachte auf. Und ber Brust und Antlitz go Vom Blondhaar triefend wie der Lauf Von tausend Bchen dummer Regen. Mein Herze schlug in trben Schlgen, Und Traurigkeit befiel den Sinn. Die Locken blieben feucht. In Sorgen Sitz' ich verhrmt seit frhem Morgen. Wann kommt er heim? Wo ist er hin? * * * * * Die Mutter steht gedankenvoll Kopfschttelnd vor ihr, ehe sie Ihr Antwort gibt: Ach, wt' ich, wie Ich deiner Not Herr werden soll, Mein Tchterchen. Komm, la uns sehn, -- Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn. * * * * * Sie treten in sein Zimmer. Leer, Ganz leer! Im Winkel liegt umher Ein alter Platoband, gar arg Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark Und Schillers Werke, die vermenen, Bei Winkelmanns, den halb vergenen. Und Fetzen von Papier. Es blhn Die Blumen auf der Etagere. Die Feder blinkt, mit der er khn Entlastet sich der Trume Schwere. Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist? Luise nimmt ihn auf und bebt. Von wem? An wen? Und als sie liest, Fngt ihre Zunge wie noch nie Zu lallen an. Sie strzt aufs Knie. Gram, sengend Wehe warf sie nieder. Und Grabesklte rann durch ihre Glieder. Elftes Bild Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann, Wie sie verhrmt im Staube kauert; Die einsam Welkende, sieh' an, Wie sie in trber de trauert, Vergessen, ach! Schau' hin einmal Auf dein Geschpf, in dessen Brust Du Lebensglck und Lebenslust Mit Gram vertauscht und Hllenqual. Durchwhlte Grfte, siehst du sie? Und wie sie dich geliebt, ja, wie! Mit welch lebend'ger Innigkeit Klang ihrer Rede Melodie, Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit, Da du gelauscht? Wie war von Schuld, Von Trbsal rein des Blickes Brand, Der dich versengt. Wie oft entschwand Zu langsam ihrer Ungeduld Der bse Tag, zeigte sich nicht, Der Trumerischen, dein Gesicht. Und du konntst sie verlassen, du? Hast dich von allem abgewandt Und wanderst fremd in fremdem Land? Wem tust du das? Fr wen, wozu? Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann! Am Fenster harrt sie noch, verzehrt Von Sehnsucht, da er wiederkehrt Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- -- Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle Liegt wundersam auf allen Dingen. Ein khler Wind regt seine Schwingen. Kaum hrbar pltschert fern die Welle. Die Nacht entbreitet ihre Schatten. Leis tnt die Syrinx. Es ermatten Im West die letzten Glutenschimmer. Sie sitzt reglos und harrt noch immer. -- Nchtliche Gesichte Allmhlich dunkelt und vergeht Des Abends Rot. Schon liegt die Welt In sem Schlaf, und berm Feld Steigt auf des Mondes Majestt. Das Meer erschimmert wie Kristall. Durchsichtig scheint das ganze All. * * * * * Schatten wachsen auf und ziehen. Wundersam gestaltet fliehen Herrlich sie, weit, immer weiter, Himmelwrts die Sternenleiter. * * * * * Heller wird's: zwei Lichter blitzen. Da: zwei Ritter, zottig, fahl. Zweier schart'ger Schwerter Spitzen, Zweier Panzer Schmiedestahl! Halt! Sie suchen, treten an; Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei! Kmpfen, glitzern Mann an Mann. Suchen wieder ... Da, vorbei! Dunkel schwillt und deckt sie schwer. Nur der Mond steht berm Meer. -- * * * * * Ein Lied der Kn'gin Nachtigall durchschallt Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht. Die Erde atmet kaum, sie lauscht Vertrumt der Sngerin. Der Wald Steht reglos. Alles schlft im Kreise. Es tnt nur die verklrte Weise. * * * * * Luftgebaut ragt der Palast Einer Mrchenfee empor. Vor dem Fenster dicht am Tor Singt verklrt ein Minnegast. Sieh, ein Silberteppich glnzt, Ganz durchwebt mit Wolkenringen. Drber schwebt ein Geist, der grenzt Nord und Sd mit seinen Schwingen. Schlafen sieht der Gast, gebannt Durch ein Gitter aus Koralle, Seine Fee. Die Perlmuttwand Bringt der Trn' Kristall zu Falle. -- Dunkel eint und deckt sie schwer. Nur der Mond steht berm Meer. -- -- * * * * * Kaum schimmert durch den Dunst das Land. Geheime Wnsche ohne Zahl Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal, Taucht aus dem Nebel. bermannt Hat Schlaf den Fischer lngst. Er ruht; Und unablssig rauscht die Flut. -- * * * * * Strandwrts schwimmen Meerjungfrauen Herrlich schn. Den leuchtend hellen, Weien Schaum der glhend blauen Wogen teilen sie. Die Wellen Spielen kosend wie im Traum Um die Schne mit der weien Lilienbrust. Sie atmet kaum. Um die zarten Glieder gleien Tropfen wie ein Funkensaum. Ach, sie lchelt, kichert leise Und schwimmt sinnend hin im Licht. Bald voll Lust, bald wieder nicht. Trumerisch singt sie die Weise, Den Sirenensang der Klagen Des Verrats, den sie ertragen, Sie, die Junge. -- Reglos ruht Mondbeglnzt die blaue Flut. -- * * * * * Ein Friedhof fern in fremder Flur, Von einem alten Zaun umhegt. Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt Der stummen Toten Huser. Nur Der Flug der Eulen und das schrille Schrein zerreit die Grabesstille. -- * * * * * Langsam steigt aus seinem Bette Jetzt ein Leichnam. Wei umwallt Ihn sein Mantel. Vom Skelette Klopft den Staub er wrdig. Kalt Weht vom Schdel Grabhauch. Feuer, Gelbes Feuer glht aus seinen Augen. Mit den Knochenbeinen Hlt ein Ro, ein ungeheuer Glnzend Ro er, einen Schimmel. Und es wchst, wchst bis zum Himmel. Leiche steht nach Leiche auf. Zug des Grauns! Von seinem Lauf Beben Erde, ach, und Lfte. -- Endlich schlieen sich die Grfte. -- * * * * * Ein Schrecken packt sie an. Sie schlgt Das Fenster hastig zu. Ihr Blut Von Eisesklte, bald von Glut Durchschauert, bebt gleichwie die Flut Im Sturm. Ein schweres Wehe legt Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. -- Wenn mitleidlos des Schicksals Faust Ein kalter Kieselstein entsaust Und trifft ein armes Herz, wer hlt Die Treue, sagt, in aller Welt Noch dem Verstand? Wes Seele ficht Kein bel an? Und wer verfllt, Sich ewig gleich, im Unglck nicht Dem Aberglauben? Wer erblat Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfat Im Traum? -- Aufs Lager bang Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer. Vergeblich suchte sie den Schlummer. Wenn ein Gerusch durchs Dunkel drang, Ein Muslein strich, floh ihre Lider Der Schlaf, der launenhafte, wieder. -- Dreizehntes Bild Ein traurig Bild: Ruinen von Athen! Die Sulenreih'n, die bildwerkreichen, Sind morsch. In den Tlern stehn Sie traurig, mder Zeiten Zeichen. Zertrmmert halb und halb verwittert Das hehre Denkmal, und zersplittert Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. -- Ein morscher Architrav nur prangt Voll Majestt, und Efeu rankt Und hlt am Kapitl sich fest. In Grben, die man lngst verlie, Herabgestrzt ein Giebelkranz; Dort schimmert noch ein prcht'ger Fries Und der Reliefmetopen Glanz. Hier trauert eine reichgeschmckte Korinthsche Sule noch. Und leise Eidechsen schlpfen scharenweise Darber hin. Voll Wrde blickt Er auf das Elend rings. Gerckt In toter Zeiten dunkle Nacht, Verdrngt, hat er fr nichts mehr acht. Athens Ruinen, ach! Trb gleiten Die Bilder von Vergangenheiten Vorbei. An kaltem Marmor lehnt Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt, Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens! Das Bndel des vergangnen Lebens Knpft er nicht auf. Ohnmcht'ge Qual, Verlorne Mh'! -- Allberall Liest nur Zerstrung, Schmach und Schande Der trbe Blick. Im Sonnenbrande Blinkt durch die Sulen dann und wann Ein Turban wohl. Quer durch die Blcke, Durch Pfeiler, Grber, Mauerstcke Treibt barsch sein Ro ein Muselmann. -- -- Hufschlag stampft letzte Trmmer nieder. -- -- Unsagbar tiefe Traurigkeit Packt da den Fremden pltzlich wieder. Wie sthnt sein Herz so laut. Er kann Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid, Da er den weiten Weg gemessen, Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen, Friedlichen Platz daheim vergessen, Verlassen um der Grber willen? Ach, wren doch die Traumgespinste, Die schnen, seinem Sinn geblieben. Der reinen Schnheit Spiegelknste, Ach, htten sie ihn nicht getrieben! Nun sind die Trume tot und kalt Und abgestreift ihr Zauberflor. -- Mit unbarmherziger Gewalt Habt ihr ihm schonungslos das Tor Zur Glut der Traumeswelt verschlossen, Ihr, der Wirklichkeiten Sprossen! Langsam verlt und kummerschwer Der Fremde nun den Trmmerort. Er schwrt, des blinden Einst nicht mehr Zu denken, aber immerfort Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- -- Sechzehntes Bild Zwei Jahre sind dahin. In Lnensdorf Blht alles noch und prankt wie ehedem. Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stren Den stillen Herzensfrieden der Bewohner. Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel Verndert. Lange ist der Pfarrer tot. Er hat den dornenvollen Weg beendet Und schlft den letzten tiefen, tiefen Schlaf. Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt, Und alle hatten Trnen in den Augen, Gedenkend seines Lebens, seines Tuns. Er war es, der fr unser Seelenheil, Fr unser geistig Brot von je gesorgt. Er war es, der so schn das Gute lehrte; Er war der Trauervollen steter Trost, Der feste Schild der Witwen und der Waisen. Wie voller Gte stieg er doch an Feiertagen Auf seine Kanzel, und wie rhrend sprach Er von dem reinen Martertum, vom Leiden Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschttert Und unter Trnen seinen tiefen Worten. -- Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht Links von der Strae dicht an einem Friedhof Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebckt In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel Der Zeit hat seine Runen eingegraben. In ihrer Mitte leuchtet eine weie Urne Auf schwarzem Steine, von zwei grnen Erlen Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten. Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn. Die braven Bauern waren gern bereit, Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten Verkndeten durch eine Inschrift, wie Er lebte, wieviel stille Jahre er Als Seelensorger zugebracht und endlich Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. -- Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham Errtend seine Flechten lst, und wo Im Felde sich ein frischer Wind erhebt, Der Tau die blitzend blanken Perlen streut, Rotkehlchen in den dichten Bschen schlagen, Und erst zur Hlfte noch der Sonnenball Sich bers Land hebt, kommen Buerinnen Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab Und schmcken es mit duft'ger Blumen Flle Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt, Das Haupt in ihre Lilienhand gesttzt, Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen, Als wollte sie Unfaliches begreifen. Wer wrde, ach, in dieser kummervollen Gestalt Luise wohl erkennen? Wer? Der frohe Glanz der Augen ist erloschen, Ihr unschuldreines Lcheln ist nicht mehr Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht Das Zeichen einer Freude drber hin. Und doch, wie schn ist sie in ihrem Harm! Wie kniglich ihr Blick trotz allen Wehs! So trauert wohl der strahlende Seraph Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach. Voll Schnheit war die glckliche Luise, Die trauernde war fast noch herrlicher. Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied. Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele War sie dem Greise zugetan. Und nun Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht Erfllt. Wie innig hattest du gewnscht, Am heiligen Altare uns zu trauen, Fr alle Zeiten unsern Bund zu schlieen. Wie hattest du den trumerischen Hans Geliebt -- -- Und er? -- -- -- Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Htte. Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim An seiner Drechselbank und schneidet Platten Aus Buchenholz mit feiner Maserung, Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert. Zu seinen Fen liegt vergngt geduckt Hektor, sein lieber, treuer Kamerad. Wie immer sorgt die tchtige Hausfrau Berta Vom frhsten Morgen an schon fr sein Wohl. Dicht vor dem Fenster drngt sich eine Schar Von Gnsen, und die Hhner gackern auch Noch unaufhrlich. Ganz wie ehedem Hrt man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen, Die Tag fr Tag im Kchenabfall picken. -- Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes. Die grnen Bltter wurden gelb und fielen, Die Schwalben zogen ber ferne Meere. -- In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta: Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben. Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei. Jetzt wird's frh feucht, und dichte Nebel fallen Und schicken ihre Schauer ber uns. Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not! Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen. Gott wei, ob er am Leben ist, ob nicht. -- Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter! Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll Von Sehnsucht und vom Freunde trumend, Und fast unhrbar sagt sie vor sich hin: Ich htte ihn nicht minder stark geliebt! Siebzehntes Bild Wie trb auch sonst die Tage schleichen Im Herbst, das Heute ist voll Licht. Die Sonne zeigt ein hell Gesicht, Und blanke Silberwellen streichen Am Himmel hin. Den Weg herab Mit Rucksack kommt und Wanderstab Ein Fremder matt und scheu daher. Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt, Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt Vom alten Hans, fast gar nichts mehr. Sein halberloschner Blick umschweift Das Meer der gelben hrenwellen, Der Berge bunten Kranz. Es greift Der schne Traum sein Herz; es schwellen Des Allvergessens Seligkeiten Die Brust. Doch die Gedanken schreiten, Ach, einem andern Ziele zu. Nichts wr' ihm ntiger als Ruh'. Er kommt, so scheint's, von weit, weit her. Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer Schmerzt seine Seele ihn und chzt. Er denkt, doch kein Gedanke lechzt Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grbeln? Erstaunt, wie er mit allen beln Von dem Geschick gemartert ward; Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt, Lacht bitter auf er, da er trunken Die Welt des Wahns, so hassenswert, In seiner Unvernunft begehrt Und ihrem leeren Glanz versunken; Da er sich in der Menschen Scho, Von ihrem eklen Tun wie toll Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos Geworfen khn und glaubensvoll. Ach, kalt wie Grber waren sie, Habgier und Ehrsucht galt allein, Nichts sonst, -- und wie verchtlich Vieh So tierisch, ach, und so gemein. Sie zogen in den Staub, was gut Und hehr. Es schalten ihre Zungen Verchtlich nur Begeisterungen Und Geistestat. Falsch war die Glut; Und wenn sie sich emporgeschwungen, Verderben rings. Wer lauschte schon Der Reden einschlferndem Ton Und bebte nicht? Von Gift wie schwer Ihr Atem, wie voll Lge ist Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List; Wie hohl die Worte und wie leer! * * * * * Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit Begegnet und von ihm erkannt. Doch ward zu hherm Glck die Klarheit Ihm in der Seele Trumerland? Wie ferne Sternenhelle zog Verlockend ihn der Ruhm. Allein Sein blinkend Gift war scharf, es trog Der dichte Qualm ihm vor den Schein. * * * * * Der Tag versinkt im West. Die Schatten Des Abends wachsen, und die matten, Hellweien Wolkenrnder glhen In greller Rte auf. Die dunkeln Vergilbten Bltter alle sprhen Von goldnem Strahlenwerk und funkeln. Der Wiesengrund der Heimat tut Sich vor dem Wandrer auf. Es fllt Den matten Blick urpltzlich Glut, Und eine heie Trne quillt. Die Freuden aus vergangnen Jahren, Harmloser Spe, alter Trume Scharen, Sie engen ihm die Brust und rauben Den Atem ihm. Er will's nicht glauben Und sinnt dem Grund nach und beginnt Zu weinen wie ein schwaches Kind. * * * * * Meditationen Der Augenblick, da wunderbar Ein Auserkorner im Gefhl Der hchsten Kraft und Selbsterkenntnis Erfat des Daseins hchstes Ziel, Der sei gesegnet immerdar. Nicht leerer Trume Schattenpracht Und nicht des Ruhmes Flitterglanz Strt ihn und lockt bei Tag und Nacht Ihn in den lauten Wirbeltanz Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft, Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat, Reizt ihn und treibt die Leidenschaft Zu Edlem ihn und groer Tat. Fr sie setzt er sein Leben ein; Mag auch der Torenpbel schrein, Er wird lebend'ger Trmmer wegen Nicht wankend, denn er hrt allein Der Enkelzeit rauschenden Segen. * * * * * Wenn aber Trug und Traumgestalten Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen, Dem Willenskraft und Hrte fehlen, Im Wirrwarr standhaft sich zu halten, Dann ist es besser, ohne Flle Das Feld des Lebens zu durchmessen, In der Familie, in der Stille Des Weltenlrmes zu vergessen. -- -- Achtzehntes Bild Die Sterne gehen auf in Harmonie. Mit mildem Blicke schweifen sie Ob all der Schlafversunkenheit Als Wchter leisen Menschenschlummers. Sie senden Ruh' der Guten Leid, Und Bsen -- des Gewissenskummers Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht Der Trbsal Frieden jetzt? Ihr seid Des Menschen Freude, trstend Licht. -- Wenn seine Blicke voller Leid Und Kummer flehend an euch haften, Hrt er den Streit der Leidenschaften Im Herzen; und er ruft euch laut, Bis er die Schmerzen euch vertraut. -- Noch ist Luise traurig-md; Und noch entkleidet nicht; sie blickt Vertrumt, weil aller Schlaf sie flieht, Noch in die Herbstnacht unverrckt. Ihr Sinn beschwrt das alte Bild. Da fllt sie Heiterkeit und weitet Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt, Das am Spinett sie froh begleitet. Das Laub fllt raschelnd von den Bumen, Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht In des Vergessens sen Trumen, Vom Mantel eingehllt, und spht Und lauscht. -- Soll er noch lnger sumen? -- Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange Der Stimme, die ihm nicht geklungen Seit seiner Trennung, die ihm lange, So lange, lange nicht gesungen! Das Lied, das heier Leidenschaft, Das, sangesfrohem Mut entquollen Und all dem berma der Kraft, Begeistert einst und froh erschollen, Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen Der Bltter wonnesam entgegen: Dich rufe ich! Ich rufe dich, Des Lcheln mich bezaubert hat, Mein Lieb! Viel Stunden setze ich Mich zu dir, und es sehen sich Die Augen doch an dir nicht satt. Du singst: -- geheimnisvolle Klnge, Des Herzens reinste Tne hallen Und zittern durch die Luft und schallen Wie Schlag von tausend Nachtigallen, Als ob ein Silberbach mir snge. Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle, Durchbebt von Gluten, wundersamen. Dein Herz brennt in der Stille helle, Und deine Ruh' strmt Well' auf Welle In mich die heien Liebesflammen. Bist du mir fern, dann qult mich Wehe. Vergessen gibt es nicht fr mich. Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe, Stets bete ich und stets erflehe Ich Glck, mein Engel, nur fr dich! -- * * * * * War's Tuschung, was sie sah? Es sprhten Zwei Feuer auf; zwei Augen glhten Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm, Wie jemand seufzend nher kam. Angst packt sie, Zittern fllt sie an; Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann Solch wundersames Wiedersehen, Kann der Gefhle eignen Bann, Der Blicke Flammensprach' verstehen? Wer kann die Feuerworte finden, Zu schildern recht, wie das Empfinden, Aufwogend wild, die Brust durchsplt Und unser tiefstes Herz durchwhlt? Man bebt, erblat, vor Freude schwach. Gedanken, Worte fehlen; ach, Voll Seligkeit entringt im berschwang Der Brust sich nur ein heller Klang. * * * * * Hans fat allmhlich sich. Er blickt Durch Trnen ihr ins Angesicht Und denkt: In Traum bin ich entrckt; Erwachte ich doch ewig nicht! Sie ist noch die, die mich umfat Mit kindlich innigem Verlangen. Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last Der Trauer. Wie verhrmt, verblat Ist jetzt das frische Rot der Wangen. Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen Zu finden, floh von ihrem Herzen. Des Leidensschlafes Schwere sank Von ihm; gesund und ruhig ward Er wieder, er, den Strme lang Geschttelt, wild durchtobt und hart. -- So strahlt die Welt stets sonnenblank Aufs neu. -- In Glut gehrtet Stahl Glnzt strker, heller tausendmal. -- Die Gste zechen. Ihre Runde Gehn Glas und Becher und erklingen. Die Alten plaudern manche Stunde. Derweil sich hei im Tanze schwingen Die Jnglinge, da lrmt und schallt Die heiterste Musik. In Saus und Braus Herrscht Freude ber Alt und Jung; Und gastlich ladend lacht das Haus. Der Buerinnen junge Schar Bringt blaue Veilchen fr die Braut, Dem Brut'gam Flammenrosen dar. Sie schmcken das verliebte Paar. Bleibt lang noch jung, so hallt es laut, Blht, wie hier diese Veilchen blhn Vom Felde, frisch und immer grn. Mag euer Herz von Liebe, schaut, Wie dieser Rosen Feuer glhn! * * * * * Von Zrtlichkeit ganz hingerissen harrt Hans erbebend schon. Sein Blick Ist helle Freude, tiefes Glck. Sein Herz will unverstellt genieen, Nachdem des Zwanges Panzerkleid Gefallen ist, die Seligkeit. Euch, Trume voller Trug und List, Wird nun nicht mehr vergttern er, Der ird'scher Schnheit Diener ist. -- Doch was umdstert ihn so schwer? (Unfalich ist des Menschen Art!) Von seinen Trumen scheidend, starrt Er ihnen trauernd nach, verloren, Wie einem, dem er Treu' geschworen. -- So harrt der Schler vor dem Schlage Der Glocke am ersehnten Tage Des letzten Unterrichts. Ganz voll Von Plnen und vor Freude toll, Spinnt er sich Trume. Ohne Klage, Zufrieden mit der Welt und sich in lang Entbehrter Freiheit berschwang. Doch wenn die Abschiedsstunde naht Von Haus und Freund und Kamerad, Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit Geteilt und Lust an tollen Streichen, Dann seufzt er wohl und Trnen schleichen Ins Aug' ihm, und er fhlt ein Leid. -- Epilog Es heben in der de sich und steigen In meines Tempels Einsamkeit, Die unerkannt und unentweiht Von eines Menschen Fu, im Schweigen Der Seele Trume auf. Wie weit Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen? Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht? Wird einer Jungfrau heies Herz sich neigen, Wird eines Jnglings Sinn durch sie befreit? Voll ungewollter Rhrung singe Mein Lied ich, rtselhaft erregt, Das stille Lied, das mich bewegt Und das ich dir als Loblied bringe, Mein Deutschland! Hoher Plne Land, Der Feen und Geister Knigtum, Mein Herz ist voll von deinem Ruhm! Der groe Goethe hlt die Hand Als Schutzgeist ber dein Gedeihn. Mit seinen hohen Liedern bannt Er jede Not von dir und Pein. -- -- Beilage Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski I. Gogols Brief an Bjelinski Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils). Ich habe Ihren Aufsatz ber mich im Sowremennik mit schmerzlichem Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentnt, der mir zrnt. Ich aber wnsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt, gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe, da er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine Stelle in meinem Buche zu betrben. Wie konnte es nur geschehen, da in Ruland alle Menschen bis auf den letzten so ber mich aufgebracht waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die stlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen, sie alle fhlen sich schmerzlich berhrt. Es ist wahr, ich wollte jedem von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das fr ntig, weil ich es an meiner eigenen Haut gesprt hatte, wie notwendig so etwas ist [wir alle htten etwas mehr Demut und Bescheidenheit ntig], aber ich habe nicht geglaubt, da die Schlge, die ich austeilte, so plump, so ungeschickt und so verletzend ausfallen wrden. Ich dachte, man wrde mir das alles gromtig verzeihen, und mein Buch wrde den Grund zu einer allgemeinen Vershnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen. Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verrgerten Menschen gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie ber alle die Stellen hinweg, die bisher noch fr viele, wenn nicht gar fr alle ein Rtsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und einsichtsvollen Menschen verstndlich sind, und Sie werden erkennen, da Sie sich in vielen Punkten geirrt haben. Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals zu lesen, da ich alle Miverstndnisse, denen es ausgesetzt sein wrde, schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines Autors zusammenhngt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich selbst zurckgezogen lebte und unter seiner Unfhigkeit, sich auszudrcken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschlu, sich selbst an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gesptt auszusetzen, indem man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so bald verstanden wird, der ffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis allein htte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn veranlassen mssen, mit der Abgabe seines Urteils ber das Buch zu warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur aufrichtigen Rechenschaftsablage ber sich selbst geeigneten Geistesstimmung aufs neue zu berlesen, denn nur in solchen Augenblicken ist die Seele fhig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie htten dann sicherlich nicht diese unberlegten Folgerungen daraus gezogen, von denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, da ich gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mngeln reden, enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzge hervorgehoben haben, htten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was ihn reizen und rgern mu, und der einen Gegenstand nicht ruhig von allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange berlegt, wie ich mich ber die Kritiker uern sollte, die meine Vorzge hervorgehoben und anllich meiner Werke viele schne Gedanken, die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzge und die sthetischen Gefhlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo ich etwas hierber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen wrde, hierber zu sprechen, damit man nachher nicht erklren sollte, da ich ein eigenntziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefhl htte lenken lassen. Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, whlen Sie die bittersten Worte, ber die Sie verfgen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lcherlich zu machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfhlendsten Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschtterungen; aber es ist bitter, sehr bitter fr mich -- dies erklre ich Ihnen ganz aufrichtig -- zu wissen, da selbst ein bser Mensch Ha und Zorn gegen mich in seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch fr einen guten Menschen gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefhle. N. G. II. Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch Frankfurt, den 20. Juni (1847). Du wunderst dich, da ich so begierig bin, zu hren, was man ber mein Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen kennen zu lernen, und aus den Urteilen ber mein Buch gewinne ich doch etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die fr mich noch weit bedeutsamer ist, als ihre uere Charakteristik, und die ich, wie du selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie htte kennen lernen knnen. brigens, da wir gerade darber reden: Vor einigen Tagen las ich _Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des Zeitgenossen (Sowremennik). Er scheint zu glauben, da das ganze Buch auf ihn gemnzt ist, und hat aus ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen, herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst, Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Malose verliert. Wahrscheinlich hat er die Leithmmel[6] auf sich bezogen, und doch galt diese Bemerkung blo den Journalisten im allgemeinen. Diese Gereiztheit hat mich sehr betrbt, nicht wegen der harten Worte, die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weit doch, da ich die hrtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch immerhin whrend zehn Jahren, trotz aller bertreibungen und Malosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Zge in meinen Werken aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie glaubten, ein viel besseres Verstndnis fr diese Dinge zu besitzen als er. Ich mte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mngel und Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getuscht; ich hielt Bjelinski fr grer und glaubte nicht, da er solch einer kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fhig sei. Ich wei nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit zu ertragen, aber fr mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen Vorwrfe, weil meine Seele tatschlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genu bereitet. Bitte sprich hierber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen mich ist. Wenn ihm die Galle berluft und er eine Wut gegen mich hat, so mag er sie im Zeitgenossen (Sowremennik) an mir auslassen und zwar in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte, so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen darfst. [Funote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.] [Funote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: Mir scheint, du bist sehr im Irrtum, wenn du glaubst, da Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben hat, weil er deine Ausflle gegen die Journalisten im allgemeinen auf sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders, als fest davon berzeugt sein, da er nie eine Zeile geschrieben hat, um sich fr eine persnliche Krnkung zu rchen.] Aus alledem ersehe ich, da ich gentigt sein werde, einige Erklrungen ber mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst solche Leute, die mich und meine Persnlichkeit doch weit besser kennen knnten als er, so seltsame Schlsse aus meinem Werke ziehen, da man einfach starr ist. Offenbar enthlt es weit mehr Dunkelheiten und Unklarheiten, als ich selbst darin finde ... III. Bjelinskis Brief an Gogol Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines _verrgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu knnen. Dieses Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu charakterisieren, in die mich die Lektre Ihres Briefes versetzt hat. Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatschlich nicht sehr schmeichelhaftes Urteil ber die Verehrer Ihres Talentes zurckfhren. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund. Eine Krnkung, eine Verletzung unseres Selbstgefhls lt sich noch ertragen, und ich wre vernnftig genug gewesen, ber diesen Gegenstand zu schweigen, wenn es sich blo darum gehandelt htte; was der Mensch jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefhls, seiner Menschenwrde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lge und Unsittlichkeit fr Wahrheit und Tugend ausgibt. Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem Vaterlande verknpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen seiner groen Fhrer auf dem Wege zum Selbstbewutsein, zum Fortschritt und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begrndeten Anla, einen Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine solche Liebe einbten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube, meine Liebe sei ein wrdiger Lohn fr ein groes Talent, sondern deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Emprung zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen sind. Sie sehen selbst, da sogar Menschen von derselben Geistesrichtung wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen. Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen berzeugung wre, selbst dann mte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die man kennen mu, um sich nicht ber ihren Beifall zu freuen) das Buch fr einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege ber den Himmel einem hchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich, erstaunlich ist nur das, da Sie sich darber wundern. Ich glaube, das kme daher, weil Sie Ruland _nur als Knstler_ so tief und grndlich kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem phantastischen Buche mit so wenig Glck auf sich genommen haben. Und das nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewhnt haben, Ruland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch bekannt, da nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so zu sehen, wie man sie gerne sehen mchte; denn Sie leben ja auch in dieser _schnen Ferne_ ganz fr sich und in sich selbst, bleiben ihr selbst fremd und bewegen sich in dem einfrmigen Kreise gleichgestimmter oder doch solcher Menschen, die nicht krftig genug sind, sich Ihrem Einflu zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, da Rulands Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus, sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklrung und der Humanitt liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es genug gehrt!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es braucht, ist, da das Volk zum Gefhl seiner Menschenwrde erweckt wird, ein Gefhl, das ihm fr Jahrhunderte durch den Schmutz und die Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht, sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und eine mglichst strenge und pnktliche Erfllung dieser Gesetze. Statt dessen aber bietet Ruland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu knnen, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen, die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Wajka, Stjoschka, Palaschka titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien fr die Integritt der Persnlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen aller mglicher Diebe und Ruber in mtern und Wrden gibt! Die aktuellsten nationalen Fragen, die das Ruland von heute bewegen, sind folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der Prgelstrafe und die Sorge fr eine mglichst strenge Durchfhrung zum mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fhlt sogar die Regierung selbst (die sehr gut wei, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern behandeln, und wie viele von den ersten alljhrlich durch die Hand der letzten umkommen), was durch die schwchlichen, fruchtlosen und halben Regierungsmanahmen zugunsten der weien Neger und durch die komische Einfhrung der einschwnzigen Knute an Stelle der dreischwnzigen Peitsche dokumentiert wird. Das sind die Fragen, die ganz Ruland whrend seines apathischen Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein groer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, knstlerischen, von tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung Rulands zum Selbstbewutsein mitgearbeitet und ihm die Mglichkeit gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche unterweist, wie sie ihren Bauern mglichst viel Geld abnehmen knnen, und sie belehrt, da sie sie mglichst viel schimpfen sollen ... Und das sollte mich nicht empren? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben unternommen htten, knnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, da man an die Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein! Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen teuflischen Lehre erfllt wren, so htten Sie in Ihrem neuesten Buche etwas ganz anderes geschrieben. Sie htten zum Gutsbesitzer gesagt: Da seine Bauern seine Brder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet, ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft mglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen mten, wie unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhltnis sei. Und dann der Ausdruck: _O du ungewaschenes Maul!_ Welchem Nosdrjow, welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der Welt als eine groe Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu berliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie ihren Brdern glauben und sich selbst nicht fr Menschen halten? Und Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal Sie in der trichten Redensart erblicken, da man sowohl den, der recht, wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit hufiger den prgelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis eines mhsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmglich! Entweder Sie sind krank ... dann mssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute, Apostel der Unwissenheit, Vorkmpfer des Obskurantismus und der finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie! Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Da Sie fr diese Lehre eine Sttze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe ich noch: sie war ja doch stets die Sttze der Knute und die Bediente des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein? Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit verkndete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein Martyrium bekrftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgem eine Vorkmpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine Feindin und Verfolgerin der Brderlichkeit unter den Menschen -- und das ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslschte, natrlich in weit hherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das wei doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich mglich sein, da Sie, der Verfasser des Revisors und der Toten Seelen, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niedertrchtige russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch ber die katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wuten nicht, da diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, whrend die erste nie etwas war, als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten Sie denn wirklich nicht wissen, da unsere Geistlichkeit vom ganzen russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem erzhlt das russische Volk obszne Anekdoten? Vom Popen, von der Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in Ruland der Pope fr jeden Russen der Inbegriff der Gefrigkeit, des Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk das religiseste Volk der Welt. Das ist eine Lge. Die Grundlage der Religiositt ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht ... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Tpfe mit ihnen zu. Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich berzeugen, da dies ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiositt. Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die Religiositt aber erhlt sich daneben und vertrgt sich hufig mit ihm: ein lebendiges Beispiel dafr ist Frankreich, wo es auch heute noch unter den aufgeklrten und gebildeten Leuten viele aufrichtige Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben, dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk: mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand, und darin liegt vielleicht gerade die Gewhr fr die Gre seiner knftigen historischen Schicksale. Die Religiositt hat nicht einmal in der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten Persnlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Buche, scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man wrde ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religise Intoleranz und Fanatismus vorwerfen wollte, man htte eher noch Grund, ihren vorbildlichen Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiositt findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fllt. Ich will nicht nher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknpft. Ich will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet, die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe stehen. Was mich persnlich anbetrifft, so berlasse ich es Ihrem Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzckt in die Betrachtung der gttlichen Schnheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist sehr bequem und daher sehr -- eintrglich), nur bitte ich Sie, seien Sie vernnftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schnen Ferne_; aus der Nhe gesehen ist es viel weniger schn und auch nicht so ungefhrlich. -- Ich will hier nur eins bemerken: wenn ein Europer, besonders ein Katholik, von dem religisen Geist ergriffen wird, wird er zum Anklger, der sich gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die jdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der Mchtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt: wenn ein Mensch (selbst ein anstndiger) von der Krankheit, die bei den Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen wird, dann fngt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu spenden als dem himmlischen; dabei aber bertreibt er gleich und wird so malos, da der Gott, selbst wenn er ihn fr seinen sklavischen Diensteifer belohnen wollte, sieht, da er sich damit vor der Gesellschaft kompromittieren wrde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir Russen. Hierbei fllt mir noch ein, da Sie in Ihrem Buche behaupten und es als eine groe Wahrheit hinstellen, da Lesen und Schreiben dem einfachen Volke nicht nur nicht ntzen, sondern sogar geradezu schaden wrde. Was soll ich Ihnen darauf sagen? Mge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken verzeihen, wenn Sie nicht gewut haben sollten, was Sie sagten, indem Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: Es ist mglich, da ich mich geirrt habe und da alle meine Gedanken falsch sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtmer glauben? Darauf antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Ruland schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von Buratschok und Genossen in erschpfender Weise vertreten worden. Natrlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafr aber haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel grerer Energie und mit weit grerer Konsequenz vertreten, sie sind khn bis zu ihren letzten Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert und nichts fr den Satan briggelassen, whrend Sie jedem von beiden eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprche verwickelten und fr Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wren, um konsequent zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem Verderben beitragen knnen ... Wessen Hirn aber htte den Gedanken von der Identitt Gogols und Buratschoks ertragen knnen? Sie haben sich einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums erobert, als da es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher berzeugungen zu glauben vermchte. Was uns bei einem Toren natrlich vorkommt, kann uns bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen Strung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, da dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem Monat, sondern vielleicht whrend eines ganzen Jahres geschrieben wurde, oder da Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles darin hngt sehr genau zusammen, selbst die nachlssige Darstellung lt erkennen, da viel berlegung darin steckt, da es wohl durchdacht ist. Ein Hymnus auf die hchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet, dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gercht verbreitete, Sie htten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon frher ist in Petersburg einer Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon sprechen, da man in Ruland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre Unzufriedenheit mit Ihren frheren Schriften uern und erklren, Ihre Werke wrden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren fnden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, da Ihr Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber als Mensch geschadet hat. Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Krfte, die nach auen drngen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trbsinn, Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des Literaten haben bei uns schon lngst den glnzenden Flitter der Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund, weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung, selbst bei einem geringen und drftigen Talent, auf den Lohn der allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularitt der groen Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Krfte aus ehrlicher berzeugung oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel hierfr ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertnige Gedichte zu schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem groen Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, da der Mierfolg Ihres Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Hrte der Wahrheiten zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt htten. Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber pate das Publikum in diese Kategorie? Wre es wirklich mglich, da Sie ihm im Revisor, in den Toten Seelen mit geringerer Schrfe und weniger Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die alte Schule zrnte und grollte Ihnen ja auch tatschlich bis zur Raserei, aber der Revisor und die Toten Seelen sind darum doch nicht vergessen, whrend Ihr Buch schmhlich vom Orkus verschlungen wurde. Und das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen Schriftstellern seine einzigen Fhrer, seine Beschtzer und Erretter aus dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schdliches_ Buch vergeben. Das beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, da diese Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Ruland lieben, so freuen Sie sich ber die Niederlage Ihres Buches. Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, da ich das russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich erschreckt, weil ich es fr mglich hielt, da es einen schlechten Einflu auf die Regierung und auf die Zensur ausben, nicht aber, weil ich daran glaubte, da es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen knnte. Als sich in Petersburg das Gercht verbreitete, die Regierung wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen jedoch sogleich, da das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und da es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatschlich mehr in den Aufstzen, die ber es geschrieben wurden, als durch sich selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt. Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war uerst unglcklich. Die Zeiten naiver Frmmigkeit sind selbst fr _unsere_ Gesellschaft lngst vorber. Sie begreift schon, da es ganz gleich ist, wo man betet, und da nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder verloren haben. Wer da fhig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm vllig fremd sind, bedrckt werden, -- der trgt Christus in seiner Brust und der braucht nicht zu Fu nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach furchtbarer berhebung und zweitens nach einer hchst schmachvollen Herabsetzung der eigenen Menschenwrde. Der Gedanke, sich in ein abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut ber alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts oder des Schwachsinns sein und fhrt in beiden Fllen nur zur Heuchelei, zum Pharisertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt, sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrcken ber andere zu uern (das wre schlielich nur eine Unhflichkeit gewesen), nein, Sie sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach hlich; denn wenn ein Mensch, der seinen Nchsten auf die Backe schlgt, uns zur Emprung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hlle und Teufel spricht aus Ihrem Buch. Und welch eine Sprache, was fr Stze sind das: Die Menschen sind heute allzumal solch traurige jmmerliche Waschlappen geworden. Glauben Sie wirklich, da das heit, sich biblisch ausdrcken, wenn Sie sagen, die Menschen sind allzumal, statt alle? Welch groe Wahrheit ist es doch, da, wenn der Mensch sich gnzlich der Lge hingibt, ihn auch Verstand und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres Buches stnde, wer htte gedacht, da dieser geschwollene und wirre Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der Toten Seelen und des Revisors sein knnte! Was endlich mich selbst anbetrifft, so erklre ich Ihnen nochmals: Sie haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz fr eine Frucht der Verrgerung hielten, die durch Ihr Urteil ber mich als einen Ihrer Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein emprt htte, dann htte ich mich auch wirklich nur ber dies eine emprt und rgerlich geuert und ber das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen. Freilich ist es ganz richtig, da Ihr Urteil ber Ihre Verehrer in doppelter Hinsicht sehr unschn war. Ich erkenne an, da es notwendig sein kann, einem Toren zuweilen einen krftigen Schlag zu versetzen, wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung lcherlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst fr seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Ha und Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen von auserlesenen Verstandesfhigkeiten, zum mindesten solche, die auch keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung ber Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernnftiges ber sie gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen und edlen Quelle, da Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde bedingungslos htten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen drfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben. Sie haben dies natrlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreien lieen, whrend Wjasemskij, dieser Frst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausfhrte und eine private Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich) verffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie getan, weil Sie diesen erbrmlichen Reimschmied zu einem groen Dichter gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen seines matten an der Erde klebenden Verses. Das alles ist nicht schn. Da Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen mglich sein wrde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und htte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin steht, und das, was darin stand, beleidigte und emprte meine Seele aufs tiefste. Wenn ich meinem Gefhl freien Lauf lassen wollte, wrde sich dieser Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht, Ihnen hierber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem ffentlich das Recht gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere Rcksicht kennten, als die der Wahrheit. In Ruland htte ich das nicht tun knnen, da die dortigen Schpekins fremde Briefe ffnen, und zwar nicht zu ihrem persnlichen Vergngen, sondern weil sie dienstlich dazu verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute in Gesellschaft Annenkows ber Frankfurt am Main nach Paris weiterreise. Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Mglichkeit, Ihnen alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzge machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mgen Sie oder die Zeit mich belehren, da ich mich in meinen Schlssen ber Sie geirrt habe. Ich wrde der erste sein, der sich hierber freuen wrde, aber ich werde nie bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine oder Ihre Person, sondern um etwas weit Greres und Hheres, als ich und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die russische Gesellschaft, um Ruland. Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schliee: wenn Sie den unglcklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft groen Werke mit stolzer Bescheidenheit zu verleugnen, so mssen Sie nun mit aufrichtiger Demut Ihr letztes Buch abschwren und die schwere Schuld, die Sie durch seine Verffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schpfungen wieder gutmachen, die an Ihre frheren Werke erinnern. Salzbrunn, den 15. Juli 1847. IV. Gogol an Bjelinski[8] [Funote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprngliche Konzept vorhanden. Es umfat zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stcke gerissen, so da jedem Heft ungefhr zehn Bltter entsprachen. Der russische Herausgeber hat die einzelnen Stcke wieder aneinander gelegt und den ursprnglichen Wortlaut nach Mglichkeit durch entsprechende Ergnzungen und Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind durch Punkte ersetzt.] Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht mit Ihren eigenen Worten: Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines Abgrundes! Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe, ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefat! Wie haben Sie es ausgelegt! ... Oh, mgen die heiligen Mchte Frieden in Ihre leidende Seele gieen! Wozu muten Sie den einmal gewhlten friedlichen Weg gegen einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf die Schnheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre Seele und ihre Geisteskrfte bis zum Verstndnis alles Schnen zu erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genieen und so unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg htte Sie zur Vershnung mit dem Leben gefhrt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu segnen. Jetzt dagegen fliet Ihr Mund von Ha und Galle ber ... Wozu muten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des politischen Lebens, in diese trben Tageskmpfe strzen, bei denen selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren mu. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft des Pulvers hat und sich schon entzndet, noch ehe Sie sich davon berzeugt haben, was Wahrheit und was Lge ist, wie sollten Sie da nicht die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und auch andere mit sich in den Flammentod reien ... Oh, wie tut mir mein Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich mitschuldig wre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen teilhtten? Aber nein, wenn ich alle meine frheren Werke betrachte, so sehe ich, da _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen mu. Mein Spott und mein Ha galten nicht der Obrigkeit und nicht den _hchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen. Nirgends habe ich ber den Kern des russischen Charakters und die gewaltigen Krfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur ber das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen Charakterzgen gehrt. Mein Fehler bestand darin, da ich den Russen noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht vllig entfaltet, da ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn ich den Russen auch grndlich erforscht habe und wenn mir auch eine gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah, da ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die bedeutsamer und von hherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen Werken vorkamen, und mit strkeren Charakteren aufnehmen zu knnen. Alles konnte bertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es auch mit diesem Buch, ber das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit glhenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner Verffentlichung einer Hast und bereilung schuldig gemacht, die sonst nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu strmische Kpfe zur Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in diesen Strudel und diese Unordnung zu strzen, in die pltzlich alle Dinge dieser Welt gestrzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlschen wollte. Ich bin in bertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es selbst nicht gemerkt. Eigenntzige Ziele aber habe ich weder frher gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber jetzt, wo es Zeit ist, da ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich habe meine Armut liebgewonnen und wrde sie niemals gegen jene Gter eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie htten doch mindestens daran denken sollen, da ich keinen Winkel mein eigen nenne, ja ich bin sogar darum bemht, meinen kleinen Reisekoffer mglichst zu erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird. Sie htten sich also hten sollen, solche beleidigende Verdchtigungen gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt htte ... Sie entschuldigen sich damit, da der Brief im Zustande heftiger Emprung geschrieben ist. Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den wichtigsten Dingen zu reden? Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns mu daran erinnert werden, da sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, fr Millionen zu sorgen. Ja wir mten einander sogar an die Heiligkeit unserer Pflichten mahnen. Ohne dies wrde der Mensch in rein materiellen Gefhlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in Ruland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rhrt diese Neigung zum Luxus und diese furchtbare Hufung der Laster nicht daher, weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England, ein anderer nach Preuen, ein dritter nach Frankreich hinber; der eine schwrt auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Kpfe soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht, da sich uns berall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Pltzchen verschaffen knnte? ... Sie sagen, Rulands Heil liege in der europischen _Zivilisation_; aber was ist das fr ein unbestimmtes uferloses Wort? Wenn Sie doch wenigstens klar definiert htten, was man unter dem Namen der europischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehren sowohl die Phalanstre, die Roten und alle mglichen Kategorien anderer Leute, die allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch umstrzlerische destruktive Prinzipien haben, da in Europa jeder denkende Kopf zittert und sich unwillkrlich fragt: wo ist denn nun unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser Zivilisation angenommen ... Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, da ich einen Hymnus auf unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des Priesters der morgenlndischen Kirche solle in seinem Leben und in seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr viele komische Anekdoten ber sie erzhlen, aber dafr bin ich auch solchen Priestern begegnet, ber deren heiligen Lebenswandel und ber deren hohe Taten ich staunen mute, und ich sah, da sie Produkte unserer morgenlndischen und nicht solche der abendlndischen Kirche waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schndet, wohl aber auf die Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhhen. Wie merkwrdig ist doch meine Lage, da ich mich gegen Angriffe verteidigen mu, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch richten! Sie sagen, Sie htten mein Buch angeblich hundertmal gelesen, whrend Ihre eigenen Worte davon zeugen, da Sie es nicht ein einziges Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trgt die Schuld, da Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von Sophismen und unberlegter jugendlicher schwrmerischer Verirrungen auf. Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem geringen Fond von Kenntnissen von so groen Erscheinungen zu sprechen? Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben Priester, die durch ihren Mrtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer und das Schwert des Mrders umkamen, fr den sie beteten, bis sie schlielich ihre Henker ermdeten, so da die Sieger den Besiegten zu Fen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese selben Priester, diese Bischfe und Mrtyrer, die das Heiligtum der Kirche auf ihren Schultern durch alle Fhrnisse hindurchgetragen und gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten, den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplndern, die sich ein Vermgen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind Sie geraten? Sie erklren, da Voltaire dem Christentum einen Dienst geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht fr Voltaire geschwrmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, da Voltaire ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Fr einen Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwrmen, wie berhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz aller seiner glnzenden _Aperus_ immer nur der Franzose geblieben, der davon berzeugt ist, da man lachend und scherzend von allen hohen Gegenstnden sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den Franzosen im allgemeinen gesagt hat: Der Franzos ist ein Kind, Er strzt geschwind Einen Thron ber Nacht, Schafft Gesetz und Macht, Ist schnell -- wie der Blitz Und leer wie der Witz. Er reizt und macht, Da man staunt und lacht -- -- -- -- -- -- -- Man kann nicht auf Grund einer oberflchlichen journalistischen Bildung ber solche Gegenstnde urteilen. Dazu mu man die Geschichte der Kirche studiert haben. Dazu mu man die ganze Geschichte der Menschheit verstndnisvoll und mit berlegung aus den Quellen selbst kennen lernen und nicht etwa aus modernen oberflchlichen Broschren, die Gott wei wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopdische Wissen zerstreut den Geist nur und konzentriert ihn nicht. Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen ber den russischen Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott wei wie lange mit den Bauern zu tun gehabt htten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von Kirchen und Klstern, die das russische Land erfllen und die nicht aus den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so berzeugende Sprache sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg zugebracht hat und es bestndig mit leichten Zeitungsaufstzen franzsischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie tricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch kann nicht ber das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken, da ich mehr Recht habe, ber das russische Volk zu sprechen, _als Sie_. Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen berzeugung aller Leute, von einer grndlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die Schpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des russischen Wesens anfhren? Was haben Sie geschrieben, woraus eine solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein groer Gegenstand, und darber knnte ich Ihnen ganze Bcher vollschreiben. Sie wrden sich schmen, da Sie den Ratschlgen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschlge mgen eine noch so geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen Protest gegen die Volksbildung ... sondern hchstens einen Protest gegen die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, whrend doch die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur hchsten Klarheit zu fhren. berhaupt erinnern Ihre Urteile ber die Gutsbesitzer an die Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in Ruland verndert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Da die Aufsicht und Autoritt eines Gutsbesitzers, der die Universitt besucht und folglich fr vieles ein Gefhl hat, ... weit gnstiger und vorteilhafter fr die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstnde gibt, ber die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem himmelstrmenden Feuer des Jnglings oder Ritters darber reden ... berhaupt bemht man sich bei uns weit mehr um die nderung der Namen und der Ausdrcke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich schmen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrckung zu sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man gefhrt, wenn man eine falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat. Sodann bin ich auch ber das khne Selbstvertrauen und die Sicherheit erstaunt, mit der Sie erklren: Ich kenne unsere Gesellschaft und den Geist, der sie beseelt. Wie kann man fr dies sich jeden Augenblick verwandelnde Chamleon einstehen? Durch welche Tatsachen knnen Sie beweisen, da Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, da Sie ein tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den Menschen und der Welt in Berhrung kommen, der Sie das friedliche Leben eines Journalisten fhren und stets nur mit Feuilletonartikeln beschftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle hinein, die ber alles in der Welt und die ganze Menschheit reden, whrend es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kmmern sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfllen, dann wrde es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlssigen und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ... ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen begegnet, die ber diese Sache vllig die Orientierung verloren haben. Viele denken, wenn sie sehen, da die Gesellschaft sich auf einem Abweg befindet und da die Dinge immer verworrener werden, da man die Welt durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, da man sie in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern knne. Andere glauben, man knne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmigen Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die Gesellschaft wirken. Das sind Trume! Abgesehen davon, da selbst die gelesensten Bcher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die Frchte ... wenn berhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art, als der Autor glaubt; vielmehr sind sie hufig so beschaffen, da er entsetzt vor ihnen zurckweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten mu ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch mu eingedenk sein, da er nichts weniger als ein Stck Materie, da er kein Vieh ist, sondern ein hoher Brger des hohen himmlischen Brgerreichs, und so lange nicht ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen Brgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen Gemeinwesen keine Ordnung geben. Sie sagen, Ruland htte lange vergeblich gebetet. O nein, Ruland hat im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es 1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle brigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfnden, um nur allen Komfort zu genieen, den uns die europische Zivilisation samt all ihren Torheiten beschert hat. Nein, lassen wir diese Trume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht tun. Wir wollen uns bemhen, unsere Talente nicht in der Erde zu vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausben. Dann wird alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Gter zurckkehren. Die Beamten werden erkennen, da man kein ppiges, verschwenderisches Leben zu fhren braucht, und werden aufhren, Geschenke anzunehmen. Die Ehrgeizigen aber werden sehen, da eine hohe Stellung weder mit einem hohen Gehalt, noch mit groen Geldeinnahmen verknpft ist ... weder sie noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frhere Ttigkeit zu erinnern. Der Literat lebt fr die Wahrheit. Er soll der Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Ha und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Ttigkeit laugt die Seele aus, man entdeckt pltzlich eine innere Leere in sich. Denken Sie daran, da Sie nur eine oberflchliche Bildung genossen und nicht einmal die Universitt beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektre groer Werke und nicht durch Beschftigung mit modernen Broschren wieder gut, die aus einem erhitzten Gemt entspringen, das von der geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt. V. Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle aufgefunden worden ist Sie haben meine Worte ber das Lesen und Schreiben ganz buchstblich verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte sind. Es kam mir beinahe komisch vor, da Sie aus diesen Worten den Schlu ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung bekmpfen; als ob jetzt davon die Rede wre -- wo das doch eine Frage ist, die unsere Vter lngst gelst haben! Unsere Vter und Grovter haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, da die Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie man erst _die_ Menschen aufklren knne, die in nahem Verkehr mit dem Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben knnen und sich dabei doch soviel Mibruche zuschulden kommen lassen ... Glauben Sie mir, es ist viel notwendiger, da wir die Bcher, die Ihrer Ansicht nach so ntzlich fr das Volk sind, fr diese Leute herausgeben. Das Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bcher fr diese Leute herauszugeben, Bcher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen mu -- nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte ausdrcken: _Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_ oder Denke daran, da deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du -- sondern, die sie belehren, wie man es anfngt, nicht zu stehlen, und da das Recht wirklich eingehalten werde ... VI. Gogol an W. G. Bjelinski[9] [Funote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol an Stelle des oben abgedruckten ersten, spter in Stcke gerissenen, geschrieben hat.] Ostende, den 10. August 1847. Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz matt, ich fhle mich in meinem tiefsten Inneren erschttert. Ich kann wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich habe Ihren Brief beinahe in einem zustande vlliger Gefhllosigkeit gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und was htte ich auch antworten sollen! Gott wei, vielleicht enthalten Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, da ich gelegentlich meines Buches ungefhr fnfzig verschiedene Briefe erhalten habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute, die dieselbe Ansicht ber einen Gegenstand haben: was der eine verwirft, das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich aus alledem entnehmen zu knnen glaubte, war die, da ich Ruland berhaupt nicht kenne, da sich sehr vieles verndert hat, seit ich nicht mehr dort war, und da man heute beinahe alles, was es dort gibt, von neuem kennen lernen mu, und daraus zog ich fr meinen Teil folgenden Schlu: da ich nichts mehr verffentlichen und vor das Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie, noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in Ruland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von vielem berzeugt und vieles mit eigenen Hnden befhlt haben werde. Ich sehe, da viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und manche Seiten des Lebens nicht bercksichtigt zu haben, selbst in vielen Punkten eine groe Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, da sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben. Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen, da nicht jeder von uns die gegenwrtige Zeit versteht, eine Zeit, in der der Geist vlliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein: jedes Ding will bercksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in bertreibungen und Malosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die andere Seite sofort derselben bertreibungen und Malosigkeiten schuldig macht. Die gegenwrtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernnftiger berlegung: ohne sich zu erhitzen, wgt sie alles ab und zieht sie alle Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmglich, die rechte Mitte, das vernnftige Ma der Dinge kennen zu lernen. Sie verlangt von uns, da wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des Greises, und da wir nicht mit dem heien Draufgngertum der alten Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenber sind wir reine Kinder. Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere Zeit nicht erfllt. Ich wenigstens bin mir darber klar, aber sind auch Sie sich dessen bewut? Ebenso wie ich die gegenwrtigen Dinge und viele Umstnde bersehen habe, die ich htte bercksichtigen mssen, ebenso haben auch Sie vieles bersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst zurckgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch vieles kennen lernen mu, was Sie schon wissen und was ich nicht wei, so mten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich wei und was Sie zu Unrecht vernachlssigt und bersehen haben. Jetzt aber denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen Probleme fr eine Weile. Sie werden spter mit grerer Frische und also auch mit grerem Nutzen fr Sie selbst wie fr die Probleme zu diesen zurckkehren. Ich wnsche Ihnen von ganzem Herzen, da Ihnen jener Seelenfriede zuteil werde, der unser hchstes Gut ist, ohne den man nicht wirken und auf keinem Gebiete vernnftig handeln kann. N. Gogol. Nachtrag Band VII und VIII Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden (Die wrtliche bersetzung des Titels lautet: _Ausgewhlte Stellen_ aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von Stcken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, fate Gogol bereits im Beginn des Jahres 1845; an die Ausfhrung seiner Idee ging er jedoch erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte, unterzog er smtliche Stcke, die er in Buchform herauszugeben gedachte, einer grndlichen Korrektur und berarbeitung. Zu allererst wurde das VII. Kapitel: _ber Schukowskis bersetzung der Odyssee._ An W. M. Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) fr den Druck umgearbeitet, redigiert und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Verffentlichung in dessen Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhlt Pletnjew von Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die ersten sechs Stcke des Briefwechsels zugeschickt. Zwischen dem 13. und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufstze (Nr. 8-14, Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite 151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3. Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite 323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10. Kapitel: _ber das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski (Band VII, Seite 85 ff.). Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18. August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung: der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel nicht gestatten; daher muten fnf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28 (Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gnzlich wegfallen. Diese Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen spter in der Gesamtausgabe von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von _Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern. Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846, die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen. Die neue vernderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: Diese Bedeutung des Herrschers wird allmhlich auch in Europa ... (Band VII, Seite 100, Zeile 3 v. o.) und schliet mit dem Satze: daher nehmen ihre Tne einen biblischen Charakter an (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach dem Manuskript nachtrglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): Die souverne Gewalt des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem Mae, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die Notwendigkeit einer hchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle hchsten Vorzge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott hnlich machen, in Erscheinung treten lt -- jene hchsten kollektiven Attribute und Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem Mae, dem dies zum unerschtterlichen Gebot gemacht ward und der da fhlt, da er fr die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso furchtbare Rechenschaft wird ablegen mssen, wie jedes einzelne Individuum fr die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese hchste leitende Obergewalt dahinfiele -- so wrde der menschliche Geist verarmen. Diese souverne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit, wenn der Monarch nicht fhlt, da er das Abbild Gottes auf Erden sein soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen Handlungen nicht mehr zurechtfinden knnen, besonders bei der gegenwrtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur Erkenntnis kommt, da er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes zu sein, wird fr ihn alles klar und deutlich werden und wird auch Klarheit in sein Verhltnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie berhaupt keinen von den Frsten, denen die Welt den Namen des Groen beilegt, und deren Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhltnisse und Umstnde auer der kniglichen Wrde auch noch die Rolle eines Feldherrn, Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkrpern, was die unbedeutenderen Nachahmer irreleitet und so viele Frsten in Versuchung fhrt. Er wird sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das Gott dazu auserwhlt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den Knigen zu zeigen, wie regiert werden mu. Und wie wahrhaft gttlich hat Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Vlker zu lieben! Mit welch vterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geiel wider Sein Volk! Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und die Snden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach: >Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und die Sndhaftigkeit wirklich so gro sind!< Und wer war es, der so sprach? Der Allwissende, fr alles Sorgende, der die Knige dieser Erde zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht deshalb verhngte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer ist, ihn zu erretten, und um seine gefhllose Natur durch eine starke Erschtterung und ein Weckmittel aufzurtteln, ihm die ganzen Schrecken des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu fhren und ihn dadurch zu mahnen, da es noch Zeit wre, an seine Rettung zu denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner unberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf da der schwache und ohnmchtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm doch Seine Propheten, da sie erfllt von Liebe zu ihren Brdern und, nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verstndlich war, sie zur Besinnung brchten; Er, der sich entschlo, da Er endlich sah, da alles vergeblich war, da nichts sie zur Vernunft bringen knne und da es kein Mittel gbe, die Menschen Seiner unabwendlichen Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst fr alle zum Opfer zu bringen, um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen und den Menschen zu beweisen, da eine solche Liebe hher ist, denn alles, was es gibt, da sie an sich selbst die hchste himmlische Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt fr den, der vor den Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Knige zu unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Knige David und Salomo, die mit ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in ihrem Knigstume das weise Zusammenwirken zweier Mchte -- der geistlichen und weltlichen -- verkrperten, und zwar in der Weise, da nicht blo keine von beiden die andere strte und hemmte, sondern da sie sich gegenseitig noch strkten und befestigten. So enthlt das heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses vllig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch noch in den erhabensten uerungen seiner Ttigkeit gegenber allen Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europischen Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Tne auch einen biblischen Charakter an. Der ursprngliche Text der Aufstze und Privatbriefe Gogols an seine Freunde, die in dem Briefwechsel Aufnahme fanden und erst nach einer durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Verffentlichung an Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stcke um so geringer, je mehr wir uns der ersten Hlfte des Jahres 1843 nhern. Von den Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die Ausgewhlten Stellen aus seinem Briefwechsel fr wrdig erachtet. Aus dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwrfe folgender Artikel: 1) _ber den ffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr. 5, Seite 43) und 2) _Die drei ersten Briefe ber die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18, Seite 175). Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufstze und Briefe: 1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite 111.) 2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A. T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stck stammt aus der zweiten Hlfte des Jahres 1844. 3) _Etwas ber die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.) Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844 niedergeschrieben. 4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844 niedergeschrieben. 5) _ber die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom 2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert. 6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.) Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stcke: 1) _ber Schukowskis bersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben ist. 2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die Idee zu diesem Schreiben rhrt vom Ende des Jahres 1844 her. Niedergeschrieben wurde es im Februar und Mrz des Jahres 1845. 3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht ber das Theater und von der Einseitigkeit berhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr. 14, Seite 129) -- ist im Mrz und April 1845 niedergeschrieben. 4) _Lernt Ruland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des Jahres 1845?). 5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?) 1845. 6) _ber lndliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite 301). 7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band VII, Nr. 29, Seite 359.) Mehr als die Hlfte der Briefe, die in die Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: Whrend dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich gentigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie gefhrt habe. Und wie mit Absicht war dies beinahe fr alle, die meinem Herzen nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschtterungen. Sie alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und Hilfe von mir (vgl. Band VII, Seite 163 ff.). Whrend der letzten Zeit, fhrt Gogol fort, kam es sogar vor, da ich Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gnzlich unbekannt waren, und da ich ihnen Ratschlge erteilen konnte, die ich frher nie htte erteilen knnen. Am meisten von Krankheit geqult war Gogol in den ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr schwere Zeit fr ihn. Gogol arbeitete whrend dieser Monate intensiv an der Auswahl aus dem Briefwechsel. Gleichzeitig brauchte er eine Kur, machte er Reisen, war er von schweren Sorgen geqult und mute sich um Dinge kmmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung hatten. Zugleich aber mute er zahlreiche, sehr verschieden geartete Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlberlegter Weise beantwortet sein wollten. Hchstwahrscheinlich erfolgte die Antwort auf einzelne Briefe vor der ffentlichkeit, d. h. in der Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden, und es wre vergeblich, nach dem ursprnglichen Text der Briefe, die unmittelbar an die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. Auf Ihren langen Brief, schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Grfin ***, ... antworte ich ... nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hlfte aller Menschen in Ruland, die da lesen knnen, gelesen werden wird (vgl. Band VII, Seite 309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der Auswahl waren unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es ist daher heute noch fr den grten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die in der Auswahl enthalten sind, kaum mglich, die chronologische Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage beantworten lt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem Briefwechsel usw. aufgenommen wurde. Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufstze der Auswahl: 1) _ber das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stck wurde 1845 niedergeschrieben und 1846 nochmals umgearbeitet. 2) _Was die Frau ihrem Manne im huslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zustnden in Ruland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.) Dieses Stck stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint unmittelbar fr den Druck bestimmt gewesen zu sein. 3) _Einige Worte ber unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und 4) _ber denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hlfte des Jahres 1846. 5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23, Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder Mrz dieses Jahres an den Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachtrglich, d. h. im August oder September, nochmals fr den Druck umgearbeitet. 7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13, Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846 niedergeschrieben. 8) _ber die Aufklrung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite 167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres. 9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21, Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten Juli-Hlfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im September 1846 und 1847 fr die Drucklegung nochmals umgearbeitet. 10) _Rulands Schrecken und Grauen._ An die Grfin *** (Band VII, Nr. 26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben. 11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite 369.) Dieser Aufsatz wurde whrend dreier Epochen geschrieben, er ist 1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 fr die Drucklegung vollendet. 12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2, Seite 21.) 13) _Der Christ schreitet vorwrts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12, Seite 117.) 14) _Ratschlge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.) 15) _Der vierte Brief ber die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV, Seite 199.) 16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite 255.) Die Originalmanuskripte der letzten fnf Briefe sind unbekannt. Wahrscheinlich sind diese Stcke gleich fr die Auswahl geschrieben. Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am 13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils, der fnfte am 26. September. Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur Auswahl stammt aus dem August des Jahres 1846. Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trgt kein Datum. * * * * * Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1) ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt. _ber den Zeitgenossen_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11), ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert. _Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847 begonnen und noch in demselben Jahre vollendet. Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am 10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski gesandt. _Die Betrachtungen ber die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite 115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem (d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachtrglich wurden sie noch bis zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10]. _Hans Kchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich bereits whrend seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) lie er das Werk unter dem Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhndlern in Kommission. Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi offenkundig abgelehnt. [Funote 10: 1911 ist eine deutsche bersetzung von K. von Mickwitz in Rendsburg (Heinrich Mller Shne) erschienen, die dem Herausgeber bei der vorliegenden Ausgabe, besonders fr die Ermittlung der Bibelzitate, wertvolle Dienste geleistet hat. Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher aufgefhrten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock entnommen.] _Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite 369.) Dieser Briefwechsel mit dem berhmten russischen Kritiker Wissarion Bjelinski bildet eine wichtige Ergnzung zu der Auswahl, da er ein helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit dem Buche verfolgte, schrfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausbte. Die Auswahl aus dem Briefwechsel bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der Toten Seelen setzt jene innere Krise ein, die so verhngnisvoll fr Gogols Schaffen und sein persnliches Schicksal werden sollte. Der Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmhlich bis zu einer selbstqulerischen Melancholie, die das ganze menschliche Tun einseitig in den Blickpunkt der religisen Zielsetzung einstellte. Der religis-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher Gre und Schnheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den hchsten Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drngt sich immer krftiger jener rckwrtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen Lebensauffassung vor, die in der demtigen Unterwerfung unter die gottgewollten Bindungen, in ihrer fgsamen Hinnahme den Sieg der Tugend und damit die Selbsterlsung aus der Wirrnis und den Unzulnglichkeiten der menschlichen Zustnde erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den Briefwechsel zu dem Grundbuch des rckstndigen Ruland machen, zu dem Arsenal aller reaktionren Ideologien, die auf alle folgenden Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu Gogols Zeit der strmische Protest der europisch gesinnten russischen Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht gerecht. In seinem prachtvollen Emprungsausbruch bersieht Bjelinski die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und fr die der Zensor ein feineres Verstndnis zeigte, als er nicht unbetrchtliche Teile aus dem Briefwechsel herausstrich, ebenso wie Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und knstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine hhere geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen kommender groer Ereignisse erfllten Zeit, die schon den groen Frhlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rstete, mute Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk eines finsteren rckwrtsdrngenden Geistes erscheinen. Die Emprung ber das Buch war allgemein, nicht allein bei den sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei Gogols nchsten Freunden, die ber den hochmtigen lehrhaften Ton, den Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 verffentlichte Bjelinski im zweiten Heft des Sowremjennik (Zeitgenossen) eine auerordentlich ungnstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrcksichten eines mavollen Tones befleiigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht erklren konnte, war er geneigt, ihn auf persnliche Motive zurckzufhren, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht. Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfate jenen berhmten Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so groe Rolle in dem geistigen Freiheitskampf Rulands gespielt hat. Dieser Brief ist das Manifest des revolutionren Ruland geworden. Zwei weltgeschichtliche Gegenstze stoen hier in heftigem Zusammenprall aufeinander. Europertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre groe Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autoritt auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel gekmpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Blo der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der Rache des Despotismus. Muten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht hatten. So kmpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunchst noch mit geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Ruland gnzlich verboten. Alexander Herzen verffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London erscheinenden Polarstern. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872 auch in Ruland auszugsweise unter Weglassung der schrfsten Stellen nachgedruckt. Der vollstndige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der russischen Revolution. Chronologische Tabelle der Werke Gogols Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl. Hans Kchelgarten (um 1828) [VIII] Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I. Teil 1831 [III] Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II. Teil 1832 [III] Arabesken 1834 [VI] Mirgorod, Teil I und II 1834 [IV] ber die Strmungen der Zeitschriftenliteratur 1835 [VI] der Jahre 1834-1835 Der Revisor 1836 [V] Die Equipage 1836 [IV] Die Nase 1836 [II] Petersburger Skizzen 1837 [VI] Italienische Sommernchte 1839 [VI] Szenen aus einer unvollendeten Komdie -- Der 1832-1842 [V] Morgen eines vielbeschftigten Herrn -- Der Proze -- Das Vorzimmer -- Fragment Eine Heiratsgeschichte 1833-1842 [V] Die Toten Seelen, I. Teil 1835-1842 [I] Die Spieler 1836-1842 [V] Nach dem Theater 1836-1842 [V] Das Portrt 1837-1842 [II] Der Mantel 1839-1842 [II] Rom 1839-1842 [VI] Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden 1846 [VII u. VIII] Die Beichte des Dichters 1846 [VIII] Betrachtungen ber die Heilige Liturgie 1845-1848 [VIII] Brief an Schukowski 1848 [VIII] Die Toten Seelen, II. Teil 1845-1852 [II] Inhalt des siebenten Bandes Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I Seite Vorrede 1 I Mein Testament 9 II Die Frau in der vornehmen Welt 21 III Die Bestimmung der Krankheiten 30 IV Etwas ber die Bedeutung des Wortes 35 V ber den ffentlichen Vortrag russischer Dichtungen 43 VI Wie man den Armen helfen soll 49 VII ber Schukowskis bersetzung der Odyssee 55 VIII Einige Worte ber unsere Kirche und unsere Geistlichkeit 73 IX ber denselben Gegenstand 79 X ber das Lyrische bei unseren Poeten 85 XI Diskussionen 111 XII Der Christ schreitet vorwrts 117 XIII Karamsin 123 XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht ber das 129 Theater und von der Einseitigkeit berhaupt XV ber die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit 151 XVI Ratschlge 161 XVII ber die Aufklrung 167 XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen ber die Toten 175 Seelen XIX Liebt unser russisches Vaterland 203 XX Lernt Ruland kennen! 209 XXI Was eine Gouverneursgattin ist 227 XXII Der russische Gutsbesitzer 255 XXIII Der Historienmaler Iwanow 271 XXIV Was die Frau ihrem Manne im huslichen Leben des Alltags 291 und bei den heutigen Zustnden in Ruland sein kann XXV ber lndliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit 301 XXVI Rulands Schrecken und Grauen 307 XXVII An einen kurzsichtigen Freund 317 XXVIII In einen hochgestellten Mann 323 XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist 359 XXX Ein Geleitspruch 363 XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie 369 XXXII Auferstehungstag 447 Inhalt des achten Bandes Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II Seite An Arkadius Ossipowitsch Rosetti 1 ber den Zeitgenossen (Sowremjennik) 11 Die Beichte des Dichters 33 An W. A. Schukowski 101 Betrachtungen ber die Heilige Liturgie 115 Einleitung 121 Das Offertorium (_Proscomidia_) 125 Die Liturgie der Katechumenen 145 Die Liturgie der Glubigen 169 Schlu 217 Jugendschriften 223 1834 225 ber eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken 231 Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzhlung Der 235 schreckliche Eber I Der Lehrer 237 II Der Erfolg der Gesandtschaft 251 Das Weib 263 Fragmente Gedichte und poetische Versuche 275 Sturm 277 Albumblatt 279 Hans Kchelgarten 283 Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski I Gogol an Bjelinski 349 II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch 355 III Bjelinskis Brief an Gogol 361 IV Gogol an Bjelinski 381 V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle 395 aufgefunden worden ist VI Gogol an W. S. Bjelinski 399 Nachtrag 405 Berichtigungen Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Proze. Das Bedientenzimmer usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube). Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das Vorzimmer_ (Die Bedientenstube). Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836. Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verndert. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt, teilweise unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher): ... Deutsch von Ullrich Steindorf ... ... Deutsch von Ulrich Steindorff ... [S. 1]: ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ... ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ... [S. 13]: ... auf: warum heit die Zeitschrift Der Zeitgenosse. Wir ... ... auf: warum heit die Zeitschrift Der Zeitgenosse? Wir ... [S. 15]: ... lie. Mein hartnckiges Zureden und mein Verspechen, ... ... lie. Mein hartnckiges Zureden und mein Versprechen, ... [S. 37]: ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ... ... sowie ferner mit dem Unterschied, da sich dies alles in ... [S. 64]: ... wrden, Aufzeichnungen ber sich selbst zu machen, und ... ... wrde, Aufzeichnungen ber sich selbst zu machen, und ... [S. 101]: ... An W. A. Schukkowski ... ... An W. A. Schukowski ... [S. 156]: ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ... ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ... [S. 159]: ... ausdrucksvoll, so da jedes Wort einem jeden vernehmich ... ... ausdrucksvoll, so da jedes Wort einem jeden vernehmlich ... [S. 179]: ... alle Tage unseres Lebens. Und im vollen Bewusein ... ... alle Tage unseres Lebens. Und im vollen Bewutsein ... [S. 183]: ... an Gott den Vater, den allmchtigen Schpfer Himmels ... ... an Gott den Vater, den allmchtigen Schpfer des Himmels ... [S. 184]: ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ... ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ... [S. 372]: ... behaupten nnd es als eine groe Wahrheit hinstellen, ... ... behaupten und es als eine groe Wahrheit hinstellen, ... [S. 378]: ... Sie haben dies natrlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ... ... Sie haben dies natrlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ... [S. 411]: ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ... ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ... [S. 417]: ... ber den Zeitgenossen; (Sowremjennik); ... ... ber den Zeitgenossen; (Sowremennik); ... [S. 427]: ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ... ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ... End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Kchelgarten, by Nikolaj Gogol License: Share Alike