Produced by Jens Sadowski IWAN GOLL DITHYRAMBEN LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG BCHEREI DER JNGSTE TAG BAND 54 GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRCKNER WEIMAR GLAIRE STUDER ZU EIGEN DER GROSSE FRHLING DIE GTTLICHE ORGEL Wer von euch hrte die hektische Orgel nicht ber den Stdten? Straen sirrten wie abgebrochene Kometenschweife um die rote Erde. Goldene Karussells des Sonntags umflogen die Wochenwelt wie groe Ventilatoren. Aus den Warenhusern fielen die elektrischen Hesperidenpfel. Und jeder arme Passant, dem die wchsernen Damen sich gaben, wurde zum Kind, zum Weihnachtskind. Aber spitz und gotisch stand die Orgel ber dem Quadrat der Stdte: Orgel des Lebens, Orgel des Sterbens! Alle Stimmen der Menschen schrieen gegen den bleiernen Himmel. Die Orgel wute vom ewigen Skandal der Erde. Sie war voll versoffener Mnnerstimmen, voll blecherner Klagen hungernder Witwen. Altes Husten klopfte aus Spitlern. Zimbeln schlugen aus Kinderschulen. Und das Frsteln einsamer Propheten gab sie wieder. Die Orgel orgelte den hektischen Gesang der Erde. Sie strahlte gro und spitz ber den aufgehuften Husern des Elends. Ausgehhlte Hotels zerbrckelten. Fabriken drohten mit ihren keuchenden Schloten. Schlafgemcher strzten ein zu kalkigem Schnarchen. In den frhen Morgen schlotterten die eisigen Glocken. Und die Orgel donnerte berall ber der Welt! DER KINODIREKTOR Fr einen Groschen ffnet sich euch das Paradies. Hier ist das einzige Paradies der Welt: Chemnitzerstrae 136. Am Eingang die goldenen Lettern leuchten es laut. An die Kassa! Die Dame hat echte Brillantringe. Jedem schenkt sie ihr purpurnes Lcheln, dir, verschwitzter Dienstmann, und auch dir, hlzerner Soldat! Jedem will sie blonde Geliebte sein: fr einen Groschen! Die Welt sei euer. Der Portier im roten Frack ist euer Sklave. Kein anderes Gefhl hat der Kaiser, wenn er in sein Schlo tritt. Hier allein gibt es die glcklichen Menschen. Fr einen Groschen, o Brder, knnt ihr glckliche Menschen sehn. Da fcheln sich Damen ber sonnige Parks hinweg. Straen, himmlische Spiralen, entheben die Passanten der Erde. Und vor Tribnen fahren in berirdischen Galawagen die Prsidenten ferner Republiken auf. Ihr Dumpfen, seht: ihr sollt angelisch werden! Hier im Kino seid ihr jenseits der Erde. Gut und Bs des Lebens sind ja nichts als ein Reflex wie Schwarz und Wei auf dieser Leinwand. Nichts ist! Alles ist! Ich schenke euch die Schpfung Gottes: das Paradies, ohne Schlange und Apfel. Fluch dem Skeptischen, der lchelnd an die Leinwand klopft und sagt: Das ist ein weies Tuch! Fluch diesem Lgner: denn das ist das Leben, das reellste Leben! Das ist das Leben: wo Urwlder noch und Niagaraflle rauschen. Wo auf heiem Rennplatz ein Jockei sich den Hals bricht. Wo Mrder im Frack zu Engeln werden. Das ist das Leben: Weinend sitzt ihr bei hungernden Witwen. In unendlichem Mitleid beugt ihr euch ber den Bankier, der stehlen mute, der armselige Mensch! O Schpfung Gottes! O paradiesisches Orchester! Die Geigen schluchzen Liebe. Flten schaukeln wie Libellen ber dem Teich des Cellos. Und ich: seht in mir den letzten Apostel! Seht, wie ich kmpfe und leide und an euch sterbe. Ich mu fr einen Groschen meine ganze Seele hergeben. Ich mu euch den Kosmos herrollen. Ich mu euch alle Leidenschaften aufwhlen. Ich hin der Souffleur Gottes. Htte ich einen Groschen, wie selig wr ich! Nur einen Groschen! Kassandra sitzt an der Kassa und wird euch lcheln. Schenkt ihr einen Groschen! DER STUDENT Er kam aus den dunklen kleinen Pensionen. Da hatte er den Mittagstisch schon zur tollen Tribne erhoben. Aus Bakunin stand er auf. Aus zerkrampften Nchten. Aus den notwendigen Examen. Aus Zweifel und Spott. Aus tiefstem Schrei nach Gott. Seine Augen zwei schwarze Lcher in die graue Maske des Alltags. Auf seinen Lippen schwebte wie ein Falter sein Herz. Aber an jenem Tage war er berall, der Freund, der Bruder, der Mensch. Aus allen Pensionen trat so ein Student. In allen Versammlungen sprach so ein Fanatiker. Er schleuderte den brennenden Spitzbart ums Kinn. Er schlug mit der hageren Faust die Schlangen der Zeit nieder. Und um ihn die blassen Arbeiter der Vereine. Um ihn die stillen Jdinnen. Um ihn die aufkeimenden Knaben des nchsten Jahrhunderts. Hoch wuchsen seine goldenen Sulen am Eingang der Stdte. Die Julis wlzten sich in den Mohnckern naher Revolte. Die Menschenengel schwebten aus den Mansarden herab. Mtter taumelten mit ihren Shnen hinterher. Auf Denkmlern stand er und zerballte die Zeit. Im Volk war er und schrie nach Gerechtigkeit. berall in der Welt war so ein aufgepeitschter Student. berall ffneten sich die Schleusen des Himmels. MEETING DER FNFTEN KLASSE Ihr Mitmenschen! So seid ihr alle gekommen, durch die abendgehhlten Straen, durch die Tunnels der Stadt: Ihr Gedrckten, ihr Flchtigen aus der Zwielichtwohnung, aus hagefllter Kaserne und dumpfem Schlafloch! Euch alle, meine Brder, hat mein weher Ruf durchdrungen! Oh ihr mutet waten durch das grelle Gold des Boulevards. Ihr wurdet vom gelben Gezisch der Kinos angespieen. Es war so weit, so weit bis auf diesen offenen Abendplatz. Und nun? Hier steh ich, der ich euch rief. Da steh ich auf hlzerner Estrade und habe nichts in den Hnden als den groen Himmel, nichts in den Augen als den Glauben an euch, und nichts zu verschenken als ein Wort, ein einziges, schallendes, tiefes Wort. Erwartetet ihr mehr? Glaubtet ihr mich bereit, euch das Giftmittelchen Ha einzuimpfen? Ein Advokat wrde euch mit grandioser Geste an seine Brust drcken? Oder ich sei ein Metzgerjunge, der je nach Bedarf ein Kilo oder ein Viertelpfund Befriedigung an jeden verteilt, ein bichen Klassenkampf, ein paar Phrasen vom Kapitalismus und von Lohntarifen? Meine Mitmenschen, wie habt ihr euch geirrt! Ich rief euch alle und habe doch nichts im Munde als ein einziges Wort, das wie eine blutige Sense ber meine Lippen streift. Schaut mich nicht so an: Ich bin kein Prophet. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein einsamer, nackter Mensch wie jeder von euch. Strzt mir nicht zu Fen! Schluchzet nicht! Jeder von euch knnte dasselbe tun und auf diese Tribne steigen und knnte die Menschheit befreien helfen. Er brauchte nur wie ich sein aufgeblutetes Herz zeigen und das eine Wort aussprechen. Das eine Wort, das ihr ja alle wit! Das Wort, das mehr Geist enthlt als die Literatur des gesamten neunzehnten Jahrhunderts, das mehr Revolte ist als alle Appells und Proklamationen eurer bisherigen Fhrer, ein Wort, das sich um die runde Erde wlbt wie der nchtliche Himmel, dunkel und so voller goldener Mglichkeiten doch. Ein Wort! Ihr alle kennt es so gut, auch wenn ihr es immerzu verschweigt. Ihr fahrenden Zigeuner, die den bunten Wagen hinter der Schiebude stehen lieet. Du, zynischer Apache. Du Nachtasylenschlfer. Strfling, dem die Nummer der Zelle noch immer wei auf schwarz vor den Augen flimmert. Dienstmdchen, das in seiner Schwangerschaft nachher am Kanal ein dichtes Weidengestrpp aufsuchen wird. Durchgefallener Student, der trotz Mythologie und Philosophie an diesem einen Wort, weil's unausgesprochen blieb, scheitern mute. Ich knnte brigens dies Wort wie ein Zauberer auf dem Markt aus der Tasche ziehen und vorgaukeln lassen. Ich knnte es euch hinwerfen, wie ehedem der Ritter seine goldene Brse unter das Fuvolk. Aber es ist nicht einmal ntig, es auszusprechen. Es gilt nur, davon zu wissen, bewut zu sein, da ein jeder es in sich trgt, wie der Chirurg behauptet, da ihr alle ein Herz in euch tragt. Schon brodeln eure dumpfen Stimmen. Schon bewegen sich eure schweren Fe. Eure Hnde sind gezackt. Ich fhle, ich fhle, ihr habt mich verstanden! Wie knnte es anders sein? Ihr alle seid ja selbst schon einmal an diesem Wort gestorben. Ihr sahet Verwundete beschmt ihre Eingeweide mit den Hnden verbergen. Sahet Familienvter sich toll ber grnende Jnglinge strzen. Und den Toten saht ihr ins verglaste Auge, und das Wort stand erstarrt auf ihrem schwarzen Mund. Ich brauche es euch nicht zu sagen. Ich habe in euer Antlitz gesehen. Ich habe euer Herz geprft an diesem goldenen Abend. Ich wei, ihr seid bei mir, wie ich bei euch bin. Ich wei, schon ist das Wort kein Wort mehr, schon ist es Tat, Sinn und Erleichterung: schon ist es die Menschenliebe selbst! DER PFLICHTVERGESSENE GEISTIGE Ich aber hab euch nicht befreien drfen! Ich war der Wahre nicht, den ihr brauchtet! Ich hatte Gott bezwungen, aber nicht die Menschen! Ich hatte Gottes Lcheln bekmpft. Das wallende Gewand vor Abendhorizonten zurckgeschlagen. Mitternachtssonne blhte aus blauen Sternwldern auf. Doch warum hab ich nicht die Menschen so bekmpft! Das graue Profil steinerner Avenuen mit heien Fackeln erleuchtet Dem Arbeiter aus haariger Brust das Herz herausgerissen! Das starre Frackhemd des gecken Tnzers zerrissen! Warum bin ich nicht in die Drfer gegangen, wo Bauern wie schwarze Schatten an der Erde kleben. Warum bin ich nicht hingegangen, ihnen zu rufen: -- Es ist drauen Abend! Kommt, wir wollen uns in die Augen sehn! Warum hab ich die Knaben nicht aus den Waisenhusern gerettet, zwei zu zwei an der Hand, alle im gleichen runden weien Kragen, und bin mit ihnen auf den Hgeln gekniet: -- Dort oben sind die Sterne: Kt euch! Was bin ich nicht in die Kontore gekommen, wo Knirschen des Telephons, Zorn zugeschlagener Tren mich empfing. Ich htte die Tippfruleins auf die Strae gefhrt und geschrien: -- In den Potsdamer Platz mndet die Milchstrae! Oh, steigt mit mir in diesen Omnibus: Wir fahren zum Himmel! Ich war der Starke nicht, den ihr brauchtet. Ich flchtete trotzig in die Einsamkeit Gottes. Ich spielte mit roten Vgeln. Behngte mich mit redenden Steinen. Ich bin's nicht wert, heute euren zerklfteten Leichnam zu kssen. Ich bin's nicht wert, heute noch von Liebe zu singen. Ihr hasset mich, weil ich nicht mit euch hasse. Ihr wehrt mich ab wie den steigenden Schatten der Shne. Ihr Sterbenden, ihr lat mich nicht in eure Schuld einziehn! DER STREIK Schwlt noch gelber Schnaps in euren Mndern, giert noch Dirnenblut in euren Augen: Hinter euch sind Schmerz und Qual und Not! Hinter euch zerschlagen liegt das Haus der Nchte. Hllen des Asphalts sind eingestrzt. Alle Winter glitschrig aufgetaut. Eure Fuselgassen sind gesubert. Die mystischen Fabriken frieren nackt. Der Schlote steinerne Arme schleifen schlapp. Vergangene Frhlinge auf Bahndammhgeln! Hungernde ihr vor vollen Bckerein! O ihr armen Schlfer der Sonntagmorgen! Auf, die Sonne huft euch brennende Scheiterhaufen! Das Pflaster singt euch unter den tanzenden Stiefeln! O ihr alle! Heie Jnglinge reden selbstverstndlich in die Menge. Mnner tragen den Sonnenturban ums kurze Haar. O die Zeit ist neu! Der Mensch ist gro! Der Tyrann hngt an den roten Schloten. Makler mssen die schweren Klumpen Goldes schwitzend schleifen. Und ihr Proletarier seid voran. Morgenfrhe strahlt euch grnend um die Schlfen. Arbeit glht nach euren starken Muskeln. Und der Menschheit Liebe ist bereit. DIE PROZESSION O da brannte die Stadt ihre goldenen Opfer an. Die Straen waren mit Gold gepflastert. Unter den Dchern gingen Petroleumsterne auf. Langsam wandelten die Mnner in den Abend, des Strohhuts Heiligenschein rund um den schweren Nacken geflochten. Sie kamen alle zurck aus der Erde. Fabrik und Werkstatt waren zu Asche zerfallen. Der Abend schwankte wie ein blauer Baldachin. Kinderengel spielten vor den Spezereihandlungen mit Bonbons und Himmelskugeln. Junge Mtter gingen schwer, als trgen sie den Mond unter der Schrze. Sie zogen, sie zogen alle herein. Leuchtende Prozession des Feierabends: Durch die Schenken flatterten die Kellnerinnen hell. Absinth schwenkte grne Laternen. Kinos rasten mit lrmenden Fackeln ber die Boulevards. Stampfende Pianolas erlsten die steinerne Welt. Rostige Glocken, aus schchternen Trmen, zerklirrten an den Mauern Gottes. Des Menschen Stimme aber war lauter und reiner. Der Mensch erhob sich zur Befreiung der Erde. In Vereinslokalen wurden die Weltbrder begrt. Rote Meetings schlossen sich um die grellen Pltze. Ladenmdchen ffneten die elfenbeinernen Altre ihrer Brust. Heie Bestimmung trieb den Volksschullehrer voran. Krmer verteilten ihre Orangen umsonst. Mit Krawall strzten die Scheiterhaufen der fremden Hotels. Dienstmnner rissen die grne Sklavenmtze von der Schlfe. Mittlerweile erstanden die starren Barrikaden. Flatternde Frauen hielten die roten Laternen darber und sangen. An diesem Abend stieg die Menschheit in heiliger Prozession. Sie kam zum Gipfel ihres Stadtgebirgs. Kometen fielen aus allen Horizonten herab. Kometen gingen rund und rot zwischen Menschenarmen und Erdeschloten auf. Die Revolte begann. Aber am nchsten Tat, da blhte der groe Frhling ber der Erde. Die Akazienalleen ffneten sich der unendlichen Prozession. Sonne, Sonne war berall. Man trug sie in einer Blume einfach am Knopfloch. Aus jedem Fenster, winterblind, blhte sie mit roten Zacken. Unendlicher Garten der Menschlichkeit! Menschen wandelnde Bume! Gesang prasselte wie roter Wind ber dem Asphalt. Heilige schritten voran. Jnglinge den Adamsapfel aus schmutzigem Kragen stehend. Frauen mit den schreienden Menschen hart an der prallen Brust. Frhling! Frhling! Arme streckten sich nackt wie brennende Fackeln. Alle tanzten in ihren Arbeitskleidern. Goldene und blaue Trams flgelten ins Land der Freiheit. Lifts stiegen hell zum Himmel wie Jakobsleitern: und alle Menschen waren auf und ab wie Engel. O groer Frhling der wiedererstandenen Menschheit! DAS GOLDENE VLIES Als der Mensch zurckkam, trug er das goldene Vlies. Er trug ums Haupt die Friedenskrone blauer Schwalben. Heller Mittag war's: um seine Schultern drngten sich die Sterne. Der zerbrochene Mond war in seine Stirn getzt. Kometen neigten sich und sprangen wie Blumen um seinen Erdenwandel. In seinem Blick wohnte die Gte. Aus seinen Wunden trufelte die Erkenntnis. Aus wehen Hnden schttelte er unendliche Verzeihung. Da wurde vor ihm die blasse Blumenverkuferin zur Madonna. Der heisere Schrei des Maklers duckte sich zum Gebet. Der graue Schaffner wandelte als ein Herrgott durch seinen Omnibus. Am Tage, als das goldene Vlies ber der Erde wogte, verstummte die Klage der tiefen Menschen. Das Lied der kleinen Pltterin wurde freudiger. Die Bitte des Bettlers klang ganz erlst. Die Blinden glaubten, sein Schimmern im Abendgold zu sehn. Die Sterbenden hofften, er sei das Tor in die Ewigkeit. Smaragden rieselten die Kiesel hinter seinem Fu. Betende Frauen im blauen Gewand waren die Schatten seiner Glorie. Er trug ums Haupt eine Krone von blauen Schwalben. Als der Mensch zurckkam mit dem goldenen Vlies, war Friede auf Erden. DIE ALPENPASSION I. FLUCHT FLORIAN: Wie Fremde wandern wir auf Erden. Jeder in seinem eigenen Kfig gefangen. Verschlammte moosige Steine sind wir am Grund der Erde: die wallenden Himmel kennen uns nicht. STELLA: Es ist keine Liebe mehr von Menschen zu Menschen! Es ist kein Schttern von Einsamen zu Einsamen! Wir sind wandelnde Grotten, Granit, die keine Welle durchzittert! FLORIAN: O wir zu Pyramiden gehuften Cafs, zu Meeren angeschwollenen Meetings, zu Gebirgen gesteigerten Konzertsle: Wir lgen, wir lgen! Jeder von uns ist einsam, einsam! STELLA: Einmal, da nherten wir uns: und siehe, Ha glutete aus unsern Augen. Krieg spreizte die gierigen Finger. Und wir glaubten, unserm Schicksal zu entfliehn, wenn Blut aus unsern Krpern floh! FLORIAN: Wir whlten uns in die Erde, unsere Schlechtigkeit zu verbergen: da wuchsen die monumentalen Grber ber uns! Wir rissen die Stdte auf und whlten uns in die Lust: da schrieen die Lachenden so bs wie im Tollhaus! STELLA: Und jeder Nachbar, den wir tteten, war ein Stab mehr an unserm Kfig! Jeder Bruder, den wir mordeten, war ein Schrei mehr in unserer Einsamkeit! FLORIAN: O wre eine Flucht! O knnt' ich mich in die Wolke Gottes hllen! Den Himmel aufreien und ihm zuschluchzen: Das ist meine Qual: Ich bin ein schlechter Mensch! STELLA: Ich bin ein schlechter Mensch! Alle Leiden der Erde sind in mir. Alle meine Schwestern bumen sich in meinen Leidenschaften empor! Alle Mtter in mir beweinen einen Sohn! FLORIAN: Wir mssen uns selber fliehn: da werden wir uns wiederfinden. Wenn wir die Grate des Todes erst erklommen, dann wird das sausende Leben wieder um uns sein. STELLA: Wir wollen vor jeder gemeinen Butterblume knien: Dann wird die groe Sonnenblume lauter um uns donnern! Wir wollen in uns selbst einkehren: dann wird die ganze Menschheit erlst in uns Einzug halten! II. SCHLUCHT FLORIAN: O Mensch, bist du mein Schicksal oder mein Gespenst? Noch hockst du grau an allen meinen Wegen. Sthnst aus Spitlern und spukst aus Spelunken. Dein Klagen ist im Wind. Deine Kasernen sind bis ins Gebirg gestaut. Dein Schatten klebt an allen meinen Schritten. Du schreist aus meiner Seele! Du klagst mich an, o Wegelagerer, mein Bruder, mein Schatten! Und ach, ich leugne nichts: ich komm' aus deinen Stdten, deinen Kriegen. Ich hab es tief erlebt: ich _bin_ von deinen Mrdern! Wirf Wahnsinn ber mich! Kreuzige mich mit deiner Mitleidsgeste! Spie auf mein Herz mit deinen Schreien! Die Menschheit tief in mir ist schuldig! Und ich bin schuldig in der Menschheit! Ich hab' den Mord gesehn und ihn geklagt! Ich hab' soviel gesehn: die grnen Leichen strzend in die cker. Um schwarze Munde Speichel rot erfroren. Die Liebesleiber schwrend voller Ratten. Die Himmelsaugen aufgeschumt zu Schwefel. Und abgeriss'ne Arme, die im Tod noch um Verzeihung flehten. Von Feuersternen berblhte Wsten. Von Bombendomen berplatzte Nchte. Und bunt besungene Begrbnisse. Noch mehr: Zuchthuser vollgeschwemmt. Kinder zu Hungertod geschndet. Vgel und Grten ihres Lieds beraubt. O Schlucht, o Mensch in mir, Erinnerung, Anklage, Reue und Gerechtigkeit: ich wei nichts mehr, als da ich Mensch und schlecht bin. Doch, Bruderschatten, sag: ist Shne nicht genug gebaut zu Massengrbern? Weht Trauer nicht genug um deine alten Fahnen? Nun la mich frei! La einen noch, der an Erlsung glaubt! Der hell zu Mitternacht den Engel flattern hrt; und der zu Morgenaufgang Lcheln um der Sonne Lippen sieht. Nun lat mich fliehn, Schlucht, Schatten, Schmerz! Es gibt noch Wlder ber euch, die singend schweben! Es gibt noch Gipfel, die mit Purpur uns umglhn! Es gibt noch Shne, die uns glcklich brauchen! III. BERGWALD STELLA: O Wald, du brtiger, lchelnder Gott, Du nimmst mich auf mit deinen groen Armen, als wr' ich eine Nymphe und keine Menschentochter, Als sprng' ich blond aus blauem Brunnen, und klebte nicht roter Staub an meinen Schuhn! Deine wilden Tiere grasen aus meiner Hand, als schnffelten sie nicht das Blut an mir: O Wald, du leuchtender, tausendugiger Freund, Du nimmst mich auf! In dein Zweigengewlk blitzen die Sonnenpfeile, Erdbeer und Waldmeister tanzen Um deine schwarze Erdebrust: O du vterlicher Freund und Gatte, Wald mit dem offenen Herzen im zottigen Bltterfell, Du nimmst mich auf! So sollen alle Frauen an dir Liebe und Mitleid und Demut lernen! Da sie wie junge Quellen ber zermrbte Leiber sich ergieen, Wie Palmen mit offenen Hnden Sonne auf die Schlummerden trufeln. O du friedensstarker, mchtiger Gott, Gib mir soviel Arme, als Elende in den Ritzen der Erde sind, Sie aufzuheben, Gib mir soviel Munde, als Schreie und Qualen und Verbrechen sind, Sie zu trsten, Gib mir so ein tausendfltig Herz, Als schluchzende Mtter in dunklen Alkoven hocken, Als frierende Waisen an leeren Bckereien vorberhungern, Als tolle Verwundete ihr Fleisch mit glhenden Ngeln hetzen, Als Erblindete mit stochernden Stben an stumme Wnde pochen, Gib mir so ein tausendfltig Herz, Als du grne Spiegel hast, zu zittern und zu schimmern, ber die Menschheit mich zu beugen, ber sie hinzurauschen Wie du, ein Wald von Liebe. IV. GIPFELAN FLORIAN: Erde, du verqulte, schlaflose Magd, Was wissen wir Menschen von deinem Schmerz! Bist unsre Mutter doch, und wir schlagen dich Wie die erwachsenen Jungen die buckligen Alten schlagen, Verachten dich, wie die Brger ihre verlassenen Dirnen verachten. Wir kratzen uns in deine rindigen Hcker, In deine verwitterten, knchernen Felsen, Wo du den krummen Adler beherbergst, Doch ber dich hinaus, du Trnenarme, Steigen wir, den Himmel zu erobern! Du bleibst unten, hrene, nchtige Mutter, In deinen Kriegstlern und steinernen Grbern gefangen, Wie in besudeltem Wochenbett: Uns aber drstet nach dem Wein der Wahrheit! Aus deinen unergrndeten Tiefen prallt unser Schrei Und gellt die Qual unsrer vermummten Geschlechter! Mit unsrem Geist, dem Menschengeist, Der in den Feuern der Welt verbrennt, Mit unsrem Geist, der ber Nacht und Schmerz Sich tglich aufwrts ringt zu dem Ewigen, Wollen wir steigen, da unsre runde Stirn Als drittes Gestirn ber dir leuchte, Mutter! Wir wollen dir deinen Stolz wiedergeben, Dein Lcheln und deine ewige Liebe: Denn es ist wahr, o schchterne Magd, o Erde, Ein Gott ist dein Gatte, und heilig sind seine Shne! V. PANORAMA FLORIAN: So ist es wahr! Die tausend Gipfel um mein Haupt sind Zinken meiner schwebenden Krone! Es schimmert die Erde um mich wie eine marmorne Kathedrale! So ist es wahr! In meinen mrben Menschenhnden zittert der Schpfung Allerheiligstes. Kristallene Trme hngen vom Himmel hernieder. Und Weihrauchsulen wirbeln aus tiefgeknietem Tal. So ist es wahr! Ich lasse die Erde und die Sonne um mich kreisen. Mein Geist fhrt zu Erkenntnis und Vershnung. Ich bin ein Mensch: der Mittelpunkt der Welt! STELLA: Ja, es ist wahr! Die Welt ist deine Kathedrale. Du bist der Bischof ihrer Prozession. Du bist der Erste der Erkennenden. Aber vergit du, da du Erde bist? Aus schwerem Stein gebaut ist dieser Dom. Aus Opfern ein gesttzter Scheiterhaufen. Ein aus Jahrhunderten gesteilter Sonnenberg. Und alles Elend ist in deiner Prozession! Die an der Diele Knieenden. Die mit den Sulen Emporgeschrieenen. Die Humpelnden und die Verstmmelten. Die Zaudernden und die Zornigen. Die Gedemtigten und die Verschchterten. Sie alle: Die blutgebumten Mtter. Die grinsenden Selbstmrder. Die Glhenden zu Mitternacht. Die Frstelnden zu Mittag. Und die den Kelch ihres Herzens unter dem abgeschabten Mantel verbergen. Und die weien Kerzen der Kindermelodien. Die von Leidenschaft verwaschenen Mienen. Und die von schandhaftem Lachen ausgehhlten Schlfte. FLORIAN: Die Menschheit zog mit mir wie dunkle Wolke. Doch wenn des Tags Erkenntnisgeist erstrahlt, taumelt die Nacht zurck zur schernen Unterwelt. Dann gibt es auch kein Elend mehr, ihr Schuldigen. Dann gibt es keine Schuld mehr, ihr Elenden. Wie unbewute Quellen werdet ihr aus euren Qualen springen. Mit Gesten tiefen Wissens den erlsenden Strahl um euren Scheitel schlingen. Hier ist der brennende Turm des Sonnenaufgangs. Hier ist die offene, schallende Halle Gottes. Hier ist in meiner Brust die Menschheit befreit! STELLA: Aus Leid und nicht aus Glck erbaut ist dieser Dom. Aus Schlucht und Schluchzen schpft die Orgel ihre Fugen. Aus tiefer Demut kommen die goldenen Glocken. Versteig dich nicht in deine Einsamkeit! Du wirst an zuviel Sonne blind, an zuviel Himmel wirst du irr! O Mensch, bleib deiner Menschheit treu! Du hrst von Gipfel zu Gipfel suseln die silberne Stimme der tglichen Ewigkeit. Doch ist es nicht dieselbe Stimme, wenn ein Mensch zum andern hinberschreit? VI. GLETSCHER FLORIAN: Gletscher, du Einsamer, Einziger gegen den Sturm! Du nie Berauschter, nie Aufgetaner! Nie geschrieener Schrei! Im Sturz Erstarrter, Herber und Harter! Mnnlicher Schmerz: Stumm in deinen Stolz gebeugt, steil in deinen Himmel gestemmt! Dunkles Genie, geizig ber dein Leid gekrmmt wie die Buckligen. O nie schwingender Egoist; mnnlicher, heiliger Weltenschmerz! STELLA: Gletscher, ewige Mutter der Welt, deren Scho das Blut der Liebe entquillt! berschwang, berflu, berflut! Nie genug der Hnde und Schreie und Ksse, zu lieben, zu lieben. Nicht genug der Wimpern zu weinen, zu schluchzen. Nicht genug der Arme, der klagenden, der flehenden, der umarmenden, nicht genug der Arme, zu umschlingen! Nicht genug der Schreie zur Geburt und Revolte! Nicht Tler genug dich auszuschrein und zu vergeuden! Nicht Menschen genug zu trsten und zu laben! O du allgemeine, ewige Mutter! FLORIAN: Gletscher, du steinerner Gott, dem tglichen Kampf Enthobener! Hier ist der Rand des Himmels, und der Turm der Erde strzte zu Staub. Sulen, hymnische, tragen die Arkaden deiner Gewalt. Wie in spielender Trumerei fgt sich des Schicksals geometrisches Gesetz. Einziger du, in Einsamkeit verbittert, in Ewigkeit verknchert. Einziger, an dem die Gre des Alls sich mit! STELLA: Gletscher, aus dir erstieg das Volk und die Gemeinschaft! Aus dir kommen verbndet und vereint die Niederen und die Starken, die Nackten und die Schmigen, die Inbrnstigen und die Unglubigen. Deiner geffneten Brust entstrzen die tausend Shne des Tals, springen die Knabenbche, rauschen die Arbeitsstrme, steigen und steigen die Ozeane! Dein ist der Ruf, wenn sie mit irren Zungen in Schlucht und Schlachtfeld den Frhling der neuen Welt verknden! FLORIAN: Gletscher, Mrtyrer der Erde, steiler Block vor des Himmels Geheimnis: bleib', o bleib' der Gefangene deiner Gre! Nicht erschwachen darfst du und schmelzen, nicht dich lsen zum Tal der Qual, wo Hunde winseln, wo Menschen auf Krcken hpfen ber die Brcken. Wo Schlachthaus mit rotem Auswurf dich bespeit, Fabrik mit eklem Atem dich beschmutzt; staubige Hfen und salzige Meere einander bekmpfen, einander vernichten. Gletscher, du Starker, hte dich vor dem Volk und der Freiheit! Bleibe der Knecht! Bleibe der Knig! Bleibe der Groe, der Stumme, der Einzige! STELLA: Gletscher, steh auf, da die Tuba des Aufruhrs erschallt! O Vlkerwanderung, o Auszug aus Verbannung und Verkennung! O Erlsung aus der tiefen Schmach! O allgemeine Gleichheit, o befreiter Gletscher der Menschheit! Staubtropfen im Wind, fremder Passant auf dem Boulevard! Ihr alle und jeder! Jeder von euch erhebt sich, schreit, erstrahlt! Bankier und Prolet verwechseln Spazierstock und Krcke, Bettler und Kaufmann kssen sich als Brder! Die Ketten klirren in den Kerkern. Die Kpfe lodern ber der Erde wie Sterne. Alle Gletscher reit es hin zu Tal. Alle Vlker schmelzen zusammen in Liebe. VII. GRAT FLORIAN: Umsonst, umsonst! Ich hab' mich an der Glasur des Himmels blutig gekratzt. Ich hab' mir die Flgel an den Sulen des Himmels lahmgeschlagen. Umsonst hab' ich mich aufgerissen. Der Nagel der Sonne kreuzigt mich an die Erde. Die Gewlbe des Himmels zerplatzen ber meinem schlfrigen Auge. Die Gletscher haben schwarzen Speichel um die Lippen. Taub bin ich in der Symphonie der Welt. Denn mein Ohr ist wie die Muschel des fernsten Meers. Die schwarzen Horizonte der Erde tnen wie nchtliche Gongs. Und die Rufe der Menschen berdrhnen die Kantate der Berge. O es schreit in mir der Abgrund und der Tod. Es schreit der Zweifel und der Streit. Es schreit Zerknirschung und das Kruzifix. Es schreit in mir die Erde. Es schreit und zerrt mich bleischwer nieder. O Mutter Erde, du hast mich mehr geliebt, als ich wute. O Menschheit, du bist grer, als ich whnte! Alle Erkenntnis ist Lge, die nicht der Liebe entflammt! Jeder von euch, ein Bettler oder ein Siecher; er hat mehr Himmel in seinem Auge als ber den Mont Blanc gewlbt ist! Jede von euch, eine Schwester oder eine Braut: sie hat mehr Trnen in ihrem Herzen als der sommerliche Gletscher! Weil ihr dort unten seid, seid ihr Erhabene! Ihr werdet nichts von der Leere und Klte des Himmels ahnen und von der Dunkelheit Gottes: aber ihr werdet an die ewige purpurne Flamme der Liebe glauben! Weil ihr Schlechte seid, seid ihr gebenedeit! Euch werden die Guten ihre Liebe schenken, die Hellen ihre Schnheit und die Frommen ihren Gott. Lieben, lieben will ich wieder lernen! Gte, Gte will ich wieder ben! ber sich selber sich erheben ist schwerer als ber Berge schweben! VIII. NACHTHTTE FLORIAN: Auf der Welt ist graue Sintflut. Wolken rollen durch den Himmel. Platinmond zerschmolz im Gletschertiegel. Nacht hat alles berschwemmt. STELLA: Aber wir sind in der Arche schwankend, schwankend hingetragen. Ganz mit Wind die Wnde ausgeschlagen. Schallende Musik die Fenster. Schtterer Schnee ein tiefer Teppich. FLORIAN: Hr', die Strme Gottes rauschen. Wlfe schleichen durch die Himmelsschluchten. Und Giganten schlagen ihre Keulen! STELLA: Nein, es sind Lawinen, die zu Trnenstrzen schmelzen. Donner wirbt wie eine Vaterstimme. Und die Engel sind uns nah. FLORIAN: Das Gewitter rauscht wie Heimatglocken. Von den Gletschern strzen Schiffe, die uns Hochzeitsgste bringen. Deine Stimme ist ein roter Wein. STELLA: Alle Sterne sind erloschen. Einzig unsre Liebesarche schaukelt auf dem Meer der Nacht. Eine rosa Ampel, wacht sie ber der Menschheit. FLORIAN O ich fhl' uns niederrauschen. Aus der Nacht schlt sich das helle Tal. Wollen wir die weie Taube senden? STELLA: Unsre Liebe schlingt sich um die ganze Erde. Tausend Vgel schwirren uns entgegen. Tausend Menschen schauen zu uns auf. O, wir wollen alle, alle lieben! IX. WASSERSTURZ FLORIAN: Wasser und Mensch, Ihr seid die ewige Bewegung! Ihr seid der Trieb von allen Trieben: ihr seid der Geist! Da steht kein Felsen starr und keine Gottheit hoch: Vor eurem Strahl zersplittern die Blcke Granit, Vor eurer Stimme birst das Schweigen des Todes. O Wasserfall, du Perlentnzer, Aus deinem steilen, einzigen Wasserstamm Blhst du Millionen Wasserzweige an die Erde! Der giftigen Nessel am Straengraben gibst du dich hin, Du treibst den grnen Springbrunnen der Palmen empor; Vergimeinnicht frstelt in deinem Tau, Und der fette lbaum saugt dich mit kupfernen Pumpen auf, Du bist der unendliche Geliebte der Erde! So will ich, dein unsterblicher Geliebter, ber die Menschheit strmen und berstrmen: Hinunter, hinunter aus der Einsamkeit Schumend von Liebe niederschmelzen, (An den Gipfeln erma ich die Tiefe der Tler) Zurck zur Menschheit will ich mich ergieen, Zu den dunklen Schluchten der Besiegten und Geknechteten, Zu den grauen Wsten der Streber und Unfruchtbaren, Zu den endlosen Ebenen der Armen und der Tlpel, Zu den rauchigen Hfen der Vertriebenen und Gezwungenen -- Hinab, hinab, dem ewigen Trieb mu ich gehorchen, Wer sich verschenkt, bereichert _sich_ am meisten. Ich will mit sprudelndem Mund und lachenden Augen Die groe Liebe dieser Nacht vergeuden, Mich geben und geben, da ich wei: Unversiegbar sind die Gletscher der Erde, Unversiegbar sind die Quellen des Herzens! DER PANAMAKANAL (ZWEITE FASSUNG) I. Noch lagen die Jahrhunderte des Urwalds mitten zwischen den Meeren. Mit goldenen Zacken ausgeschnitten die Golfe und Buchten. Mit zhem Hammer zerschlug der Wasserfall die gestemmten Felsen. Die Bume schwollen in den sinnlichen Mittag hinein. Sie hatten die roten Blumenflecken der Lust. Schierling schumte und zischte auf hohem Stengel. Und die schlanken Lianen tanzten mit weitoffenem Haar. Wie grne und blaue Laternen huschten die Papageien durch die Nacht des Gebschs. Tief im fetten Gestrpp rodete das Nashorn. Tiger kam ihm bruderhaft entgegen vom Flulauf. Feurig kreiste die Sonne am goldenen Himmel wie ein Karussell. Tausendfltig und ewig war das Leben. Und wo Tod zu faulen schien: neues Leben sprote mit doppeltem Leuchten. Noch lag das alte Jahrhundert zwischen den Menschen der Erde. II. Da kamen die langen, langsamen Arbeitertrupps. Die Auswanderer und die Verbannten. Sie kamen mit Kampf und mit der Not. Mit keuchenden Qualen kamen die Menschen und schlugen die drhnenden Glocken des Metalls. Sie hoben die Arme wie zum Fluch und rissen den Himmel zrnend um ihre nackten Schultern. Ihr Blut schwitzte in die Scholle. Wieviel magere Kinder, wieviel Nchte, angstvolle, wurden an solchem Tag vergeudet! Die Fuste wie Fackeln aufgereckt. Zerschrieene Hupter. Aufgestemmte Rmpfe. Es war Arbeit. Es war Elend. Es war Ha. So wanden sich die Spanier einst am Marterpfahl. So krmmten sich die Neger einst in verschnrtem Kniefall. Das aber waren die modernen Arbeitertrupps. Das waren die heiligen, leidenden Proletarier. Sie hausten in Baracken und in Lattenhtten stumpf. Geruch des Bratfischs und der Ekel des Branntweins schwlten. Die hlzernen Betten stieen sich an wie Srge im Friedhof. Am Sonntag sehnte sich eine Ziehharmonika nach Italien oder nach Kapland. Irgendein krankes Herz schluchzte sich aus fr die tausend andern. Sie tanzten zusammen mit schwerem, schchternem Fu. Sie wollten die Erde streicheln, die morgen aufschreien mute unter der Axt. Dann schlrften sie fr fnf Cents Himbeereis. Und wieder kam das Taghundert der Arbeit. III. In ein Siechbett verwandelten sie die Erde. Die roten Fieber schwollen aus den Schlften. Und die Wolken der Moskitos wirbelten um die Sonne. Kein Baum mehr rauschte. Kein Blumenstern blhte mehr in dieser Lehmhlle. Kein Vogel schwang sich in den verlorenen Himmel. Alles war Schmerz. Alles war Schutt und Schwefel. Alles war Schrei und Schimpf. Die Hgel rissen sich die Brust auf im Dynamitkrampf. Aus den triefenden Schluchten heulten die Wlfe der Sirenen. Bagger und Kranen kratzten die Seen auf. Die Menschen starben in diesem unendlichen Friedhof. Sie starben berall an der gleichen Qual. Den Mnnern entfuhr der tolle Ruf nach Gott, und sie bumten sich wie goldene Sulen auf. Den Weibern entstrzten erbrmliche, bleiche Kinder, als ob sie die Erde strafen wollten mit so viel Elend. Von der ganzen Erde waren sie zum knechtischen Dienst gekommen. Alle die Trumer von goldenen Flssen. Alle Verzweifler am Hungerleben. Die Aufrechten und die Wahrhaftigen waren da, die noch an ein Mitleid des Schicksals glaubten. Und die dunklen Tlpel und die Verbrecher, die tief ins Unglck ihre Schmach verwhlten. Die Arbeit aber war nur Ausrede. Jener hatte zwanzig verbitterte Generationen in seinem Herzen zu rchen. Dieser hatte die Syphilismutter in seinem Blut zu erdrosseln. Sie alle schrien im Kampf mit der Erde. IV. Sie wuten aber nichts vom Panamakanal. Nichts von der unendlichen Verbrderung. Nichts von dem groen Tor der Liebe. Sie wuten nichts von der Befreiung der Ozeane und der Menschheit. Nichts vom strahlenden Aufruhr des Geistes. Jeder einzelne sah einen Sumpf austrocknen. Einen Wald hinbrennen. Einen See pltzlich aufkochen. Ein Gebirge zu Staub hinknien. Aber wie sollte er an die Gre der Menschentat glauben! Er merkte nicht, wie die Wiege eines neuen Meers entstand. Eines Tages aber ffneten sich die Schleusen wie Flgel eines Engels. Da sthnte die Erde nicht mehr. Sie lag mit offener Brust wie sonst die Mtter. Sie lag gefesselt in den Willen des Menschen. Auf der Wellentreppe des Ozeans stiegen die weien Schiffe herab. Die tausend Bruderschiffe aus den tausend Hfen. Die mit singenden Segeln. Die mit rauchendem Schlot. Es zirpten die Wimpel wie gefangene Vgel. Ein neuer Urwald von Masten rauschte. Von Seilen und Tauen schlang sich ein Netz Lianen. Im heiligen Kusse aber standen der Stille Ozean und der Atlantische Aufruhr. O Hochzeit des blonden Ostens und des westlichen Abendsterns. Friede, Friede war zwischen den Geschwistern. Da stand die Menschheit staunend am Mittelpunkt der Erde. Von den brodelnden Stdten, von den verschtteten Wsten, von den glhenden Gletschern stieg der Salut. Das Weltgeschwader rollte sich auf. Es spielten die blauen Matrosenkapellen. Von allen Lndern wehten freudige Fahnen. Vergessen war die dumpfe Arbeit. Die Schippe des Proletariers verscharrt. Die Ziegelbaracken abgerissen. ber den schwarzen Arbeitertrupps schlugen die Wellen der Freiheit zusammen. Einen Tag lang waren auch sie Menschheit. Aber am nchsten schon drohte neue Not. Die Handelsschilfe mit schwerem Korn und l lieen ihre Armut am Ufer stehn. Am nchsten Tag war wieder Elend und Ha. Neue Chefs schrien zu neuer Arbeit an. Neue Sklaven verdammten ihr tiefes Schicksal. Am andern Tag rang die Menschheit mit der alten Erde wieder. End of the Project Gutenberg EBook of Dithyramben, by Iwan Goll License: Share Alike