Produced by Eric Eldred, Marc D'Hooghe, Charles Franks, and the Online Distributed Proofreading Team ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG--ACHT ERZHLUNGEN von OSCAR MARIA GRAF INHALT Zwlf Jahre Zuchthaus. Sinnlose Begebenheit. Die Lunge. Ohne Bleibe. Etappe. Michael Jrgert. Ein dummer Mensch. Ablauf. ZWLF JAHRE ZUCHTHAUS I. Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe zwanzigjhrigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs devote Pnktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht, aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange, bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der Grenze des Mimuts steht--so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht gerade krftig, etwas vornbergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein unfrmiger, zu groer Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren sa. Das lederne, scharfe Gesicht machte einen berreizten Eindruck. Die tiefliegenden, unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen derchen durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe, unregelmige Nase wie ein spitzer Hgel. Griesgrmig griff die massige, verfaltete Stirne von einer Schlfenbucht zur andern. Das Merkwrdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so Hilfloses und Schchternes, da man den Eindruck des Mdchenhaften nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geffnete kleine, aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zhne gezeigt htte. Kam noch hinzu ein ungewhnlich kurzes, fast in den Hals gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn, aus dem ein sprder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst htte man buchstblich der Meinung sein knnen, nach dem Hals ginge der Mund an. Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt genau ableben, htten ein sorgfltig gepflegtes Erinnerungsvermgen und vergen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Schlielich, da man irgendwie zur Welt kommt, aufwchst und allmhlich auf einen Namen hrt, dann, in der Schule, noch auf einen zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; da es einem schlecht oder besser geht, da man auf einem Gottesacker unter anderen Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester fallen hrt und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer und Pfandbriefe zu sehen bekommt,--das erlebt so ziemlich jeder Mensch auf die eine oder andere Weise. Ein schepperndes Weckerluten. Es ist noch tiefste Nacht drauen, die Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hrt auf den weiten, berschneiten Straen nur seine eigenen Schritte knirschen. Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Straenbahn, dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, rgerliches Pfrtnergesicht, her einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand, --herumgezogen--und ratsch! ein ganzer Hauskolo surrt bebend auf, die Riemen klatschen, chzen, es hmmert, feilt, quietscht, kracht, klingt, braust--das wute Peter Windel seit ewiger Zeit. Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Khle und Dmmerung und etliche schchterne Vogeltriller beim Erwachen. Das meiste der zwanzig Jahre--: Nchte ber technischen Bchern, Sonntagnachmittage ber dem Zeichenblock und manchmal ein Zhlen des ersparten Geldes. fters als wnschenswert Streitigkeiten, Znkereien mit der halbtauben, beschrnkten Logisfrau knnen noch hinzugezhlt werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte nur Interessen. Wenn nicht-- Und hier beginnt diese Geschichte. II. "Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate keine Bettwsche gewechselt! Wenn das nicht aufhrt, ziehe ich!" schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an. Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das Gesichtzu einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverstndliche Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unertrglicher. Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in den Hof. Windel ri die Schranktre auf, nahm seinen Regenmantel, schob die Frau beiseite und ging. Vierzig Mark fr ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnffelte nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Kche und lispelte Gebete. Unreinlich war sie nur von Zeit zu Zeit. Man mute sie dann grob anschreien.-- Auf der Treppe fiel Peter ein, da er "Die Elektrizitt als Nutzkraft" vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurck. Immer noch stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte. Einen Augenblick ma sie Peter verrgert. Dann stampfte er mit dem Fu auf den Boden. "Herrgott nochmal!" stie er heraus, warf seinen Mantel hin, ri die Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und warf die ganze Wsche der Frau vor die Fe, samt dem schmutzigen Handtuch. "Gehn Sie doch in die Kche mit Ihrem Lamentieren und legen Sie mir die Bettwsche dann herein, ich mach's mir selber!" sagte er noch, nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmi wtend die Tre zu. "Meine Lies' ... heut wird's das zweite Jahr!" wimmerte die Frau noch. Und fiel wieder in ihr wimmerndes Weinen.-- Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie quer auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen, eine ziemlich groe Wunde auf der Stirn--reglos, steif. Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote mute sich in den hingeworfenen Bettchern mit den Fen verwickelt haben und dann hingefallen sein. Peter Windel stand und stand. Er fhlte das Brennen des angesteckten Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war, zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und lie es wieder verglimmen. Stand und stand. Pltzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, lie die Tren offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und totenbleich an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der Polizeiwache. Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt zurckkam, waren schon Leute aus den Tren gekommen und musterten ihn, trippelten nach und blieben an der Eingangstre stehen mit gereckten Hlsen, brummten, lispelten. Der eine der Schutzleute schlo endlich die Tre. Man machte Licht in Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei oder drei schwarzen, verkohlten Streichholzkpfe auf ein Papier und sagte zu Windel, der sulenstarr dastand: "Setzen Sie sich." Der Arzt beugte sich her die Tote, ein Schutzmann prfte die Waschtischkante. Der Arzt nickte. "Setzen Sie sich!" sagte ein Schutzmann strenger. Peter brach endlich in einen Stuhl. Die drei lispelten in der Ecke. Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben die Tote. Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite stehen. "Wann haben Sie die Frau verlassen?" fragte der Schutzmann und notierte. Fragte weiter, mit einer gewissen hmischen Herausforderung: "Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt?" "Nein." "Wie lange wohnen Sie hier?" "Und haben schon fters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?" "Ja," sagte Peter. "Und diesmal?" "Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwsche mehr gab." "Sie waren also grob zu ihr?" "Ja." Und noch, was er Gehalt htte, was er bezahlen msse fr Logis, ob die Hullinger vielleicht eine grere Hinterlassenschaft in bar irgendwo aufbewahrt, beziehungsweise ob ihm bekannt wre, in welchen Verhltnissen die Hullinger gelebt habe. Peter antwortete meistens mit Ja oder Nein. Seine Stimme klang zerbrochen und schwer. "Dann mu ich im Hotel schlafen ... Herr Schutzmann ... wenn die Leiche hier liegenbleiben mu," sagte er endlich hilflos. Er hatte diese Anordnung vom Arzt gehrt. Da stand der Schutzmann selbstbewut auf, sagte: "Sie kommen mit!"-Alle Menschen waren noch auf dem dunklen Hof, und entsetzte Blicke fielen auf die Davongehenden. III. Wegen dringenden Verdachts, seine Logisfrau ermordet zu haben, wurde Peter Windel in Untersuchungshaft genommen und in einer Einzelzelle untergebracht. Vier hohe, glatte, mit kahler, graugrner lfarbe gestrichene Wnde umgaben ihn von nun ab. Unter der Lichtluke stand die hlzerne Pritsche, daneben der Abort. Auf dessen Deckel konnte man bei den Mahlzeiten den Enapf oder die blecherne Wasserkanne stellen. Die erste Nacht lehnte Peter schlaflos an der kalten Tr. Als die Wrter in der Frhe aufschlossen, muten sie fest drcken, bis seine steife Gestalt nachgab und endlich, als sie wtend fluchten, mechanisch etliche Schritte in den Raum machte. Whrend die Wrter die Brotration auf die Pritsche legten und den Kaffee in die blecherne Tasse gossen, stand der Gefangene die ganze Zeit unbeweglich und zusammengeschrumpft da. Sie achteten nicht weiter darauf und schlossen geruschvoll wieder die Tr.-- Jetzt war Licht. Die Gefngnisuhr schlug sieben. Peter schaute schchtern im Raum herum und begann zu gehen. Ging stoisch die Wnde lang. Immer zehn Schritte der Lnge nach und zwlf Schritte der Breite nach. Den ganzen Tag, ohne innezuhalten, wenn man Essen oder Abendbrot brachte.-- Erst als das Licht beim Hereinbruch der zweiten Nacht verlosch, legte er sich auf die Pritsche, zog die rauhe Decke her sich und schlief wie immer. Jh erwachte er in der anderen Frhe. Es war stockdunkel. Er griff in die Gegend des Abortes, als suche er etwas oder wolle Licht anstecken und stie dabei so hastig an die Wand der Wasserkanne, da dieselbe mit einem Knall auf den Boden fiel und klatschend die Flssigkeit aus ihr peitschte. Erschreckt schwang sich Peter von der Pritsche, hielt seine aufgeknpften Kleider raffend zusammen und lauschte aufmerksam.-- Jetzt schlug es fnf. Er atmete auf und begann unsicher und vorsichtig umherzutasten. Auf einmal fhlte er die Nsse an seinen Fen. "Herrgott! Herrgott!" brummte er mrrisch und besann sich. Aber in diesem Augenblick rkelte wer an der Tr. Ein Atmen wurde vernehmbar, das Licht in der hohen Decke flammte auf und wieder standen die kahlen Mauern ringsherum, das kleine Loch glotzte in den totenstillen Raum. "Was machen Sie denn da?!... Sind Sie ruhig!" brllte der Wrter drauen rgerlich. Peters Finger streckten sich und lieen von den Kleidern. Seine Hose fiel langsam herab. Ein Zittern schttelte seinen ganzen Krper. "Es ist schon fnf Uhr vorbei, ich mu weg!" hauchte er gedmpft. --Aber es war schon wieder dunkel. Und still.-- Erst nach einer Weile brachte Peter die Kraft auf, seine Hose hochzuziehen, und tastete sich zur Pritsche, legte sich darauf. Sein Herz schlug hrbar und mit jedem Uhrenschlag erregter. Um sechs Uhr schwang er sich empor und blieb dann hlzern sitzen. Das Licht griff endlich wieder von der hohen Decke in den Raum. Die Tr ffnete sich unter dem Knarren der Schlssel. Ein Wrter stellte das Frhstck herein und der andere an der Tr warf den Aufwischlumpen her und beide brummten und schimpften wegen des Wasserumschttens, hieen Peter aufwischen. Fast froh darber ergriff dieser den Lappen, kniete hin und wollte alles mglichst in die Lnge ziehen. Aber die Wrter zeterten und trieben zur Eile. "Vorwrts! Vorwrts! Glauben Sie, wir sind zu Ihrer Unterhaltung da! ... Marsch! Marsch! ... So ... fertig!" Sie rissen ihm den Lumpen aus der Hand und waren schon drauen. Wieder wich die Tr in die Wand zurck. Die Schlssel knirschten. Das Guckloch starrte wie ein grliches, ausgestochenes Auge in den kahlen Raum. Peter kniete benommen da. Lange. Es war still! Still!! Frchterlich still! Wie ein aufgescheuchtes Tier hob der Kniende pltzlich den Kopf, schaute scheu um sich und sprang mit einem Satz an den Abort, hob den Deckel und schlo ihn hastig wieder, hob und schlo. Die Splung rauschte. Auf und zu klappte der Deckel. Es krachte, rauschte. Immer hastiger, schneller, motorisch ri Peter auf und zu, auf und zu, immerfort, immerzu, nur um die Stille nicht mehr zu hren, hob und deckte zu, es rauschte, rauschte--bis der Wrter schrie: "Sie!! ... Sie! Sind Sie verrckt geworden!!--Passen Sie auf! ... Man ist schon mit anderen fertig geworden! ... Warten Sie, Sie!!" So erschrocken war Peter, da er noch lange zitterte, dann ging er hastig wieder die zehn und die zwlf Schritte. Den ganzen Tag.-- Viele, viele Tage, jedesmal um fnf Uhr frh, erwachte Peter so jh. Immer griff er hinber zum Abortdeckel, wollte Licht anstecken, sprang auf, brachte seine Kleider in Ordnung,--machte etliche Schritte, stie an die kalte Tr und prallte zurck. Neunzehnunddreiviertel Jahre gleichmiges Aufstehen lassen sich schlielich nicht aus der Gewohnheit auslschen. Um sechs Uhr pfiff es. Wenn er am Hebel stand undihn herumri, fing der mchtige Kolo der Fabrik zu surren an, die Riemen klatschten, quietschten, es krachte, bebte, hmmerte.... Peter war so mit dem Kopf an die Tr gestoen, da er taumelnd zurckfiel, glatt auf den Boden und liegenblieb.-- Wo!? Wo war man denn? Wo denn! Wo!!? Auf der Welt? In der Hlle? Tief in der Erde?-- Es war still! Nirgends war man! Nirgends! Gar nirgends! In einem Grab, in einem luftleeren, steinernen Sarg! In einer fressenden Stille! Und durfte langsam, ganz langsam sterben. Niemand wute, sah und hrte etwas. Es war still! Still!!--Still!!! Doch--man hrte etwas, zeitweilig ein ganz fernes Klopfen, ein Kratzen in den Wnden. Aus einer anderen Gruft vielleicht?!--Nein! Es waren Holz--oder Mauerwrmer, die nagten, nagten, weil sie einen Kadaver witterten.-- Die dann herabfielen wie Tropfen und langsam in den Leibbohrten,--nagten, nagten und alles auffraen!-- Das Licht kam wieder. Peter Windel stand auf, ging zehn und zwlf Schritte. Er a jetzt auch.-- IV. Endlich nach fnfzehn Wochen Haft fand die Verhandlung gegen Peter statt. Stupid folgte der Gefangene den Wrtern durch lange Gnge, dann fhlte er Luft und bekam Angst, atmete sparsam. Und dann sa er in einem Saal, sah Gestalten, sah starre Augen und hrte Redegerusche um sich herum und aus sich heraus. Zuerst sa er da wie eine leblose Puppe. Dann, mit jedem gehrten Wort, kam mehr und mehr das Leben in ihn. Sein Gesicht bewegte sich, als ffne es sich aus einer Erstarrung--und dann lag ein Lcheln die ganze Zeit auf seinen stoppeligen Falten und blieb.-- Die Dienstmagd vom Vorderhaus sagte aus. Einfach klangen ihre Worte. Sie sprach nicht zu viel und nicht zu wenig. Das Gerusch der Worte war erst undeutlich, dann wurde es klarer und klang.-- Am fraglichen Sonntag nachmittags zwei Uhr vernahm diese Dienstmagd ein Wimmern aus dem offenen Fenster des Windelschen Zimmers. Dem folgte ein grobes, kurzes Schimpfen. Dann sah sie den Angeklagten auf der Treppe, wie er pltzlich innehielt und wieder umkehrte. Und wieder hrte sie das Wimmern, noch deutlicher sogar und ein wtenden Schimpfen, dann einen Trzuschlag und Windel mit grimmigem Gesicht die Treppe hinunterrennen. Wie ruhig sie das sagte: "Und dann, gleich darauf, habe ich einen dumpfen Knall und einen kurzen, nicht recht lauten Schrei, der eher ein Sthnen war, gehrt und das Wimmern hat auf einmal aufgehrt. Ich wei nicht mehr genau, war's gleich nach dem Trzuschlagen oder ein wenig spter. Ich bin dann zu meiner Schwester gegangen, weil ich Ausgang hatte.... Die Leute im Vorderhaus und im Hinterhaus? ... Ja ... soviel ich gesehen habe, die waren fast alle weggegangen ... schon mittags.... Es war ja auch so schnes Wetter." Peter Windel sa da und lauschte. Es klang!-- Er begann auf einmal langsam--dann aber stoweise zu schluchzen. Eine Bewegung kam in den Saal. Eine Glocke lutete. Lauter rief wer! Ja!--Ja! Das konnte der Vesperruf in der groen Halle sein! Das war dasselbe, dnne, schrille Luten.-- Dann klangen wieder Stimmen hin und her. Der Chef, die Arbeiter und Angestellten und die frhere Logisfrau sagten gnstig ber den Angeklagten aus. Die letztere weinte sogar buchstblich und sprach erregt, da der Staatsanwalt sich verpflichtet fhlte, sie zu fragen, wie lange Windel sie kenne, ob er sie zuletzt noch aufgesucht und ob sie zu ihm in nherer Beziehung gestanden habe. Die dicke Frau wurde darob sehr schrill, schrie und es lutete abermals. Peter Windel war wieder ruhig geworden und lchelte wieder.-- Lchelte, trotz der furchtbaren Anklagerede des Staatsanwalts, lchelte starr in den Raum, als der Rechtsanwalt redete und redete.-- Man fand keine Absicht in dieser Tat. Die Beweise waren zu mangelhaft. Der Angeklagte war ein unbescholtener Mensch. Bis in die Schulzeit hatten die eifrigen Nachforschungen der Behrden zurckgegriffen, nichts lie auf einen jhzornigen, bswilligen Menschen schlieen, sondern eher auf einen schchternen, scheuen, dem das Leben stark mitgespielt hatte.-- "Alles, was die tote Frau Hullinger hinterlassen hat, fand man unberhrt. Sie haben ein Zeugnis aus der weitaus berwiegenden Mehrzahl der Aussagenden, da der Angeklagte nie zu einer solchen Tat fhig sei. Wie kann man annehmen, da ein solcher Mensch wegen einer geringfgigen Unreinlichkeit einfach eine alte Frau dermaen an den Waschtisch wirft, da sie augenblicklich tot ist!" rief der Verteidiger. Und viele nickten. Man hrte deutlich ein Aufatmen, als der Freispruch bekanntgegeben wurde und sah aufgeheiterte, fast erlste Gesichter.-- Peter Windel war frei. "Kommen Sie nur gleich wieder!" hatte sein Chef gesagt, als er ihm beim Weggehen die Hand drckte. Und der Rechtsanwalt hatte einen Blick wie ungefhr: "Na, das htten wir wieder durchgedrckt!" Nach fnfzehn Wochen sprten Peters zgernde Schritte wieder Straen, hrten seine Ohren Trambahnrattern, sahen seine Augen Menschen, Farben, Fenster, und er wute selber nicht, wie und weshalb er pltzlich an einen Schalter herantrat und sagte: "Dritter Klasse! Ja!" Er stieg auf den Zug und ging nicht in die Kupees. Eine Nacht lang stand er auf dem eisernen, ratternden Vorplatz eines Wagens und atmete.-- Der Wind pfiff. Der Zug sauste, ri die Luft auseinander, zog vorbeifliegende Lichter in die Lnge, bohrte hemmungslos in eine dunkle, ungewisse Ferne. Keine Wand mehr, keine zehn und zwlf Schritte, kein Ende--das Toben und Brausen wieder! Nur diesmal wie ein Flug durch einen unermelichen Raum.-- V. Aber--es ist nicht wahr! Man kann nichts wegtrinken, nichts vergessen machen, nichts auslschen! Man trgt es mit sich wie ein unsichtbares Schneckenhaus und zuletzt!?-- Es sind immer wieder die kahlen, glatten Mauern, die Tr mit dem ausgestochenen Aug' in der Mitte, die zehn und zwlf Schritte.... Es klopft.-- Es kratzt in den Wnden. Die Wrmer nagen. Sie warten und fallen pltzlich in einer Nacht wie schwere Tropfen herab, bohren sich ins Fleisch, nagen--nagen.-- Peter Windel hatte eine wilde Flucht hinter sich. Durch Stdte und Drfer war er gefahren, in Hotels und in Wirtschaften, in Animierkneipen oder am Leib eines Weibes hatte er die Nchte verbracht. Er trank, warf das Geld weg, a, sa in den Theatern und den Kinos, in den Bars und Vergngungslokalen jeder Klasse. Es war immer wieder die Stille, das Stockdunkle, das Grab!-- Er floh und kehrte endlich wieder zurck zu Jank, nahm die Arbeit wieder auf und wurde ruhiger. Es trat die alte Regelmigkeit in sein Leben. Ereignislos verliefen die Jahre. Er wurde alt. Gebckt ging er. Der Chef nahm ihn in die Abteilung fr technische Angelegenheiten ins Bureau. Da sa er nun jeden Tag auf seinem Drehstuhl und rechnete, schlug das Buch zu, kam am ndern Tag wieder und rechnete. Neben ihm sa das Schreibmaschinenfrulein, weiter am Fenster vorne der Ingenieur und manchmal auch der Chef. Jahre.-- Pltzlich an einem Nachmittag gegen drei Uhr warf Peter Windel die Feder weg, ri sich fast soldatisch herum, ging an den Schreibtisch des Ingenieurs und sagte mit hohler, kalter Stimme: "Die Sache liegt vollkommen glatt. Fr den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar." Steif stand er einen Augenblick vor dem verblfften Herrn und drehte sich rasch um, rannte zur Tr und war weg. Schon nach der Mittagspause hatte er sich den Hut unter den Schreibtisch gelegt. Und jetzt war er froh, da kein ihm bekannter Straenbahner den Wagen fhrte, in den er stieg. Nach der fnften Haltestelle stieg er aus. Er war mitten in der Stadt. "Das Urteil im Heinold-Proze! Zwlf Jahre Zuchthaus!" schrien die Zeitungsverkufer und flatterten mit den Extrablttern herum. Wichtige, gesprchige Gesichter tauchten auf, gedrngte Gruppen stauten sich um die Anschlagssulen. Peter bohrte seine Augen sphend in die staubige Luft. Nach einem regen Ausschreiten blieb er auf einmal stehen, murmelte etliche Worte heraus, drehte sich mechanisch herum und ging in den Blumenladen, vor dem er jetzt stand. Nach einer langen Weile kam er mit einem groen, auffallend schnen Rosenstrau heraus, und ein kaltes Lcheln lag auf seinen strrischen Zgen. "Lebenslnglich in einem Grab ... da schon lieber gleich weg," hatte er gestern beim Treppenhinaufgehen gehrt, und dann sagte eine andere Frau superklug: "Beantragt erst. Es hngt noch vom Gericht ab." Heute war niemand im Treppenhaus. Auch die Wohnung war leer. Die Logisfrau war wahrscheinlich zum Putzen gegangen und ihr Mann kam erst gegen sieben Uhr abends von der Arbeit. Peter ffnete rasch und schritt behend in sein Zimmer, legte behutsam den Rosenstrau auf den Tisch und holte sich in der Kche warmes Wasser zum Rasieren.-- Als er bereits im Gebrock vor dem Spiegel stand, berfiel ihn auf einmal ein maloses Zittern, und eine Totenblsse berzog sein Gesicht. Mit Gewalt straffte er seine Fe. Dann nahm er endlich den Strau und verlie die Wohnung. Es war schon dunkel, als er vor der Tr des Staatsanwalts Petersen stand und lutete. "Ich mchte gern ... wenn es erlaubt ist ... dem Herrn Staatsanwalt diese Blumen bringen ... und--und gratulieren," stotterte er dem Mdchen ins Gesicht. Das lie ihn ein und fhrte ihn in ein Empfangszimmer. Nach ganz kurzer Zeit tat sich die Mitteltr auf, und Peter stand vor dem Staatsanwalt. Einen Augenblick hatte der Mann eine steinern ernste Miene, dann flossen alle Falten in ein Wohlwollen und er lchelte geschmeichelt. Mit vielen unbeholfenen Verbeugungen reichte ihm Peter den Rosenstrau und stotterte devot: "Fr ... fr den auerordentlichen Eindruck, den ich von Ihrer Anklagerede empfing ... nur eine kleine Erkenntlichkeit meiner Wenigkeit, Herr ... Herr Staatsanwalt, Herr....!" Der Staatsanwalt nahm ihm mit aller Freundlichkeit der Herablassung den Strau aus der Hand, fhrte ihn an die Nase und sog in vollen Zgen den Duft ein, hob den Kopf wieder, sagte: "Ah ...!" und drehte sich lchelnd um, zur anderen Tr schreitend: "Das mu ich gleich meiner Frau sagen...." Jetzt, da er ihm den Rcken zugewendet hatte, rief Peter pltzlich mit schneidender Hast: "Eins, zwei, drei! ... einen Augenblick ..." und er lchelte, wie um sich zu besinnen ... "sind drei ... aber nein, nein! Das stimmt nicht! ... Zehn und zwlf, verstehn Sie ... sind?" Der Staatsanwalt hatte sich erschreckt umgedreht, stand unschlssig. Peters Mund bewegte sich fieberhaft. Schaum stand auf seinen Lippen: "Verstehn Sie ... zehn und zwlf Schritte! Den ganzen Tag! Den ganzen Monat--ein Jahr--zwei!--drei!--vier--zwlf Jahre! Zwlf Jahre!!" Und noch ehe der Staatsanwalt auf ihn zustrzen konnte, stie ihm Peter mit aller Wucht sein feststehendes Messer in die Brust, da er lautlos zusammenbrach und vornber hinfiel. Dumpf hallte es. Der Krper warf sich etliche Male zuckend und blieb dann steif liegen. Peters Mund ging auf und zu: "Zehn und zwlf Schritte--einen Tag, einen Monat--ein Jahr--zwlf Jahre, zwlf----" Die Tr ging auf. Hoch stand ihr Dunkel. Etwas Buntes, Weies flimmerte dazwischen! Peter schrie in einem Schrei: "Fr den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar,--Zwlf Jahre Grab! Verstehn Sie ... Das ausgestochene Aug'! Die Wrmer! Zwlf Jahre ... Verstehn Sie! Zwlf Jahre Nirgends! Nicht Hlle! Nicht Welt! Zehn und zwlf Schritte ... die W--rmer!".... Nach der irren Hast der ersten Worte spaltete sich die Stimme, berschlug sich und klang zuletzt wie ein keuchendes, ersticktes Sthnen. Jetzt hielt er inne. Die hohen Tren standen offen da. Schwarz und dster. Gegen ihn gerichtet wie drohende Rachen. Die Gestalten und Gesichter waren fort. Es war still. Still!--Mit weit aufgerissenen Augen starrte Peter in diese Leere. Sein Krper begann zu schlottern, aber er ri sich zusammen. Er wich zurck. Sein Kopf stie dumpf an den Fenstergriff. Erschrocken wandte er sich herum. Die Helle brach her ihn. Er ffnete rasch. Jetzt befiel ihn wieder das Zittern. Sein Gesicht verzerrte sich. Er wollte umsehen und wagte es nicht. Seine Arme umklammerten das Fensterkreuz. Furchtbar schrie er: "Hilfe! Hi-ilfe!" Er schwang sich pltzlich mit einem wilden Satz aufs Fenster und sprang in die Tiefe.-- SINNLOSE BEGEBENHEIT Um es ohne Umschweife zu sagen--: Michel Zll hatte heute einen guten Tag. Vorgestern, als er stumpfsinnig in der Wrmestube der Arbeitsvermittlung sa und an dem nassen, verfilzten Zigarrenstummel saugte, den er auf dem Hergang in der Frhe gefunden hatte, kam sein Weib herein und sagte zu ihm: "Dein Alter ist gestorben ... Vom Elektrizittswerk haben sie hergeschickt, da er auf der Strae umgefallen ist.--Schau nach!" Es stimmte. Jetzt lag der Tote unter der Erde. "Ich komm schon!--Nachher!" sagte Michel zu seinem Weib nach dem Begrbnis und schickte es heim, whrend er zur Logisfrau des Verstorbenen ging.-- Wie oft hatte Michel es nicht gehrt, wenn Futritte auf ihn traten, wenn er in eine Ecke flog, wenn die Fuste seines Vaters auf seinen Kopf niedersausten oder eine Eisenstange, ein Teller, eine Brste: "Knochen, verstockter!--Der Teufel soll mich kreuzweis' holen, wenn ich dir einen Pfennig hinterla'! Ertrnkt sollte man dich im ersten Bad haben, du Nichtsnutz!" Mit sechszehn Jahren noch, als Michel schon im letzten Lehrjahr stand und eigentlich keine Last mehr war, wollte der Alte den Jungen wegrumen und bergo ihn beim Heimkommen mit siedendem Kartoffelwasser, weil er das Vogelfutter fr den Kanarienvogel mitzubringen vergessen hatte. Michel mute damals ins Krankenhaus gebracht werden und sah zum erstenmal, wie ein Bett aussah. Es war schn in diesen hellen Rumen. Man sah viele fremde Menschen, die allerhand erzhlten. Michel fate Mut da und ging nach seiner Entlassung mit dem was er auf dem Leibe trug, auf die Wanderschaft, schlug sich auf alle mgliche Art und Weise durchs Leben. Mutter--?! Ein komischer Begriff! Michel hatte noch so etwas wie eine abgemagerte Frau in einem Haufen Lumpen im Gedchtnis. Ein Paar spindeldrre Arme wie Stcke. Und Hsteln. Und das, was er nun seit ungefhr zwei Jahren unausgesetzt ablebte: Eben ein Zimmer voll Gerumpel, mit erstickender Luft und einem Vogelbauer im staubigen Fenster. Nur--da Michels Weib zwei Kinder hatte und hin und wieder zum Putzen ging, da das jetzige Zimmer keinen Vogelbauer hatte, ein klein wenig heller war, aber enger als das frhere. Vor zwei Jahren war es etwas anders. Damals arbeitete Michel noch in der Motorenfabrik. Es war guter Verdienst. Aber wie der Teufel sein wollte, die Firma machte Bankrott, kam noch hinzu, da das damalige Haus, in dem Michel mit Weib und Kindern in einer Zweizimmerwohnung hauste, in ein Warenhaus umgewandelt wurde, und die Leute nach langem Hin und Her auf die Strae gesetzt wurden. Weshalb soviel Aufhebens machen! Die Entwicklung der Dinge lt sich leicht denken. Die Hauptsache war immer: Man hatte zur Not ein Dach her dem Kopf bekommen. Man wute, wo man hingehrte.-- Nun, es ist etwas Wahres dran an dem Sprichwort: "Wo die Not am grten, ist Hilfe am nchsten." Trotzdem der Verstorbene sich vielleicht geschworen haben mochte, nie und nimmermehr fr Michel etwas zu hinterlassen, fiel dem Sohn jetzt die ganze erraffte Habschaft des Alten zu.-- Es war erst fnf Uhr nachmittags. Michel konnte in aller Ruhe das Zimmer des Verstorbenen durchstbern und alles mitnehmen. Er fand auer baren fnftausend Mark einige Anzge, von denen er den besten sogleich anzog, einen berzieher, den er ebenfalls umlegte, und allerhand Gerumpel, das er dem Tndler Finsterhofer verkaufte. Er war gut aufgelegt, der Michel, lachte und gab schlielich dem drngenden Tndler auch das ganze andere Geschleppe, die brigen Anzge und was da noch war. Die Tasche voll Geld schritt er in die dmmernde Stadt. "Ist doch gut, wenn man wei, wer einen auf die Welt gebracht hat," brummte er aufgeheitert und ging in eine der bekannten Wirtschaften inder Bahnhofsnhe, um noch ein paar Glser zur Feier des Tages zu trinken. Es kam ihm merkwrdig vor, als er so unter den anderen Arbeitern, Zuhltern, Herumlungerern und alten Huren sa. Einige kannten ihn und maen ihn von der Seite. "Hast das groe Los gezogen, Michel! He ... gibst was aus?" rief ihm ein Tisch zu und in jedem Blick war ein konstatierendes Zwinkern. Michel setzte sich. Es tat ihm wohl, da soviel Freundlichkeit ihn umgab. Auf seinem Gesicht war sogar eine Art Gnnerhaftigkeit. "Meinetweg'n ...," rief er und lachte, "trinkt. Mein Alter hat ins Gras gebissen! Es kommt mir nicht drauf an....!" Und die Gesichter um ihn zunten sich enger, fingen zu glnzen an. Man trank sich kameradschaftlich zu. "Erste Runde ... wer bezahlt!" schrie der martialische Kellner und Ordnungsmann in den Tisch. "Daher!" schrie Michel und griff in seine Hosentasche, zog die Scheine heraus. "Da gehn schon noch ein paar Runden, Michel?!" riefen mehrere. "Kameradschaft bleibt Kameradschaft!" bekrftigte ein anderer. Und Michel legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch: "Soviel soll genug sein!" Der Tisch war zufrieden, wurde laut, man brachte Bier und lie Michel leben! Dann stand Michel endlich auf. Einige wollten ihn noch halten, bettelten. Aber ein paar andere mischten sich ein und riefen: "Nein ... richtig gesagt, sind wir zufrieden ... der Michel kommt wieder!" Und jeder drckte Micheln die Hand. "Ein kreuzguter Mensch!" hrte dieser noch, als er die Tr hinter sich zuzog und seine Schritte eiliger straffte. Die groen Bogenlampen leuchteten schon durch den nachtdurchwobenen Nebel. Aus den Kaffeehusern griffen die Lichter, die Straenbahnen flimmerten, surrten und luteten. Michel stieg nicht ein. Er ging zufrieden dahin und lchelte manchmal. Es schien, als wolle er noch einmal, ganz fr sich allein, das eben zuteil gewordene Glck auskosten. Er griff nach seinem Geld. Er griff hastiger. Nichts. Seine Knie begannen zu schlottern, sein Herz stand jh still. Er griff nochmal. Das ganze Geld war weg. Man hatte es ihm gestohlen. Er taumelte an eine Hauswand. Griff, suchte--suchte alle Taschen durch, vorsichtig, zitternd, furchtbar. Nichts mehr. Einen Augenblick stand er starr. Die Trambahn surrte vorbei. Ganz dnner Schnee fiel. Die Lichter flimmerten. Es rauschte, rauschte--und war doch grauenhaft still. So als ob alles wie ein flieendes Wasser leise um ihn herumflsse. Er hrte es nicht und hrte es doch, hrte es wie ein verborgenes, leises Kichern.... Der Schnee fiel. Michel bewegte sich nicht von der Stelle. Lange.-- Endlich gab er sich einen Ruck, rannte in die Wirtschaft zurck, auf den Tisch zu. Es war keiner mehr da. Er fuhr den Ordnungsmann an. Fragte, flehte, weinte. Vergebens. In sich zusammengesunken verlie er die Wirtschaft. Machte sich auf den Heimweg. Als er vor dem Haus stand, in dem er wohnte,--hielt er inne. Er griff nochmal in alle Taschen. Dann, als er die Treppen emporstieg, schien es, als htte sein Gang wieder die gewhnliche Ruhe und Gleichgltigkeit, mit der er sonst dahinschritt. Der Dunst des Zimmers schlug ihm tzend entgegen. Es war still und dster. Die zwei Kinder lagen im Korb, in einem Berg von Lumpen, und schliefen. Anna sa am Tisch, die Petroleumlampe flammte rmlich und blulich her ihre Hnde. Gleichgltig schaute das Weib vom Sockenstopfen auf und rief: "Hast was gefunden?" Michel schwieg, drehte sich umstndlich um und schlo die Tr. Dann, seinem Weib wieder zugewendet, sagte er: "Zuwas stopfst' Socken? ... Brauchst blo Licht." "Hast denn solang braucht?" fragte Anna und fixierte nunmehr die ungewohnte Kleidung ihres Mannes. "Ja ...," sagte Michel und zog seinen berzieher aus, "ist eine schne Strecke gewesen...." "Ist ein schnes Stck Gewand," sagte Anna wieder, als Michel nher ans Licht getreten war und sich auszuziehen begann, "sonst hat er also nichts gehabt?" Der Michel schnaubte ein paarmal auf. Dann rief er einsilbig: "Geh, leg dich nieder ... fr uns wr's besser gewesen, man htt' uns im ersten Bad ertrnkt ... leg dich nieder, Alte!" Und plumpsig lie er sich ins Bett fallen, da die Federn knarzten. Bald darauf lag auch Anna an seiner Seite. Am ndern Tage trug Michel den berzieher aufs Leihamt und gab Anna das Geld. Wieder wie immer hockte er stumpfsinnig in der Wrmestube der Arbeitsvermittlung.-- DIE LUNGE Die Arbeiterin Manztter ist der Lungenschwindsucht erlegen. Sie war eine stille, fleiige Person. Sie schaffte sich auch etwas. Vor vier Jahren trat sie in die Zigarettenfabrik Zuccalisto ein. Bauernmagd war sie vorher gewesen. Eine von den vielen, die die Stadt anzog, der Verdienst und die Aussicht auf eine baldige, einigermaen ertrgliche Ehe vielleicht. Die Mnner auf dem Lande waren plump und bedacht auf offene manchmal in den Stall, faten sie an der Brust, packten ihr Kinn, leckten ihre Wangen. Ein rothaariger Knecht setzte ihr aufdringlich zu, stand und stand berall und schlug einmal sinnlos auf sie ein. Daraufhin floh sie in die Stadt. Sie nderte sich nicht, sparte, arbeitete und war fromm ohne Bigotterie. Noch immer las sie das Wochenblatt jedesmal aus und den Roman und hielt sich auerdem "Die christliche Dienstmagd". Unter dem vielen Gemisch von afrikanischen Missionsberichten, fand sie eines Tages die Geschichte eines Farmers in Sdwestafrika, leis berhaucht von friedlich-fleiigem Eheidyll. Einem solchen sparte sie das Geld vielleicht. Vierhundert Mark hatte sie schon auf der Sparkasse. Noch vielleicht zwei Jahre oder lngstens drei und es wren tausend gewesen. Tausend Mark!-- Das ist schlielich nur Angewohnheit, da man zur Vesper fr fnfzig Pfennig Kse oder ein Stck Wurst haben mu mit Bier. Kaffee mit einer Semmel geht auch oder Gerstenauflauf von Mittag. Machte schon wieder zwanzig Pfennig weniger.-- Auerdem kann man sich wchentlich zweimal zu den berstunden melden. Sind auch wieder drei Mark fnfzig Pfennig fr je eine Stunde. Man macht jedesmal drei, sind zusammen wchentlich einundzwanzig Mark. Eineinhalb Tagelohn mehr. Dann, wenn man heimkommt, ist's meistens schon dunkel, man braucht kein Licht mehr, legt sich einfach gleich ins Bett und schlft ein, hat gar keinen Hunger mehr.-- Zuletzt waren es schon sechshundert Mark. Sechshundert! Und da kam die Lunge. Und kurz darauf htte es eine allgemeine Aufbesserung gegeben, weil die Zigarettenfabrik Zuccalisto fnfundvierzig Prozent Dividende verteilen konnte dieses Jahr und auch was tun wollte fr ihre Arbeiter. OHNE BLEIBE Es war schneidend kalt.-- Der Schutzmann an der Ecke sah einem angeheiterten Doppelpaar griegrmig nach und knurrte mrrisch. Durch den Gedanken, da diese Leute nun in ihre warmen Stuben heimgingen und vor dem Zubettgehen vielleicht noch heien Tee tranken und eine Kleinigkeit zu sich nahmen, hatte er sich davon abbringen lassen, weiter auf und ab zu gehen und seine durchfrorenen Beine durch zeitweiliges Stampfen einigermaen warm zu erhalten. Jetzt stach die Klte doppelt qulend in allen seinen Gliedern. Er knirschte verdrossen, zog seinen Kopf noch tiefer in den aufgestlpten, starren Mantelkragen, bog mit sichtlicher berwindung die steifgewordenen Knie und ging wieder weiter.-- Die Stimmen der Sptlinge verschwammen mehr und mehr. Es wurde wieder still. Wie ausgestorben dehnte sich das verlassene Geviert aus. Dster und drckend ragten die Hauswnde empor. Der Schnee fiel dicht und sehr ruhig.-- Mimutig schwenkte der Schutzmann in eine breitere Strae ein. Durch die gleichmiger verteilte Schneeflche schien es hier heller und weiter zu sein. Er blickte erleichtert in die weie Eintnigkeit. Eine strichhaft hagere Gestalt kam auf ihn zu. Der Mann schien weder Kopf noch Arme zu haben. Nur die Beine warf er mechanisch nach vorne wie ein aufgezogenes Gespenst. Als er kaum noch fnf Schritte von ihm entfernt war, hustete der Schutzmann sehr vernehmlich und hob sein verrgertes Gesicht. "Sie!" rief er dem Herankommenden gehssig laut entgegen und warf sich in straffere Haltung. Die Gestalt blieb stocksteif stehen. Nur der Frost schttelte sie. "Haben Sie Papiere?" fragte der Schutzmann, noch einen Schritt machend, und musterte den Mann. Der rhrte sich nicht. "Sie!!" brllte der Schutzmann wie fluchend und leuchtete dem Fremden mit der Taschenlaterne entgegen. Alles an ihm war wieder in bester dienstlicher Ordnung. Ein harkiger, abgerissener, verdorrter Baumstamm oder eine arg ramponierte Sule konnte es sein, was da im Lichtkreis stand. Raschen Blicks berflog sie der Polizist. "Ihre Papiere!--Sind Sie denn taub!" schrie er abermals, wtend ber das Aufgehalten werden bei solcher Klte, und setzte schnell, wie witternd hinzu: "Oder haben Sie keine?" Der Fremde zog endlich seine erstarrte Hand aus der tiefen Hosentasche und reichte ihm die schmutzigen, durchnten Ausweise. "Karl Pruvik, Klempnergehilfe" stand auf der berleuchteten Invalidenkarte. Herkunft, Geburts--und letzter Dienstort und Datum waren verzeichnet. Abgestempelte Marken klebten auf der ersten Hlfte. Der Schutzmann steckte das Papier unter den blauen Militrpa und schlug diesen auf. "Infanterist Pruvik, Karl.--14. Regiment" orientierte die erste Seite. "Verwundet bei Luneville (Armschu rechts), desgleichen bei Tarnopol (Knieschu links), verwundet bei Verdun (Schulterschu links)" war im Anhang eingetragen, und so und soviele Gefechte und Schlachten erwhnte das nchste Blatt. Das Gesicht des Schutzmanns verlor mehr und mehr die stiere Hrte, hob sich etwas hher aus dem Mantelkragen. "Hm!--Auch Kriegsteilnehmer? ... Ohne Bleibe, was?" sagte er mit zufriedener Ruhe und streckte dem regungslos Dastehenden die Papiere him. Dessen Gestalt schwankte ein klein wenig nach vorne. "Hundeklte das! Warten Sie, es geht schon!" rief da der Schutzmann noch loyaler und steckte dem Mann die Papiere hilfsbereit in die Rocktasche: "Ist ja noch nicht so spt. Noch alles offen in der Stadt. Sie kommen sicher unter!" "So," sagte er eben, als in nchster Nhe die Uhr zehn schlug. Einen Augenblick horchte er auf, nickte und entfernte sich eilsamen Schritts. Schon von weitem ersphte er die Ablsung. Karl Pruvik ri sich fest zusammen und schritt wieder weiter. Der Schnee fiel und fiel. Nach einer langen Weile wurde es endlich etwas lichter. Menschen stapften vorber. Grelle Autolaternen glotzten her einen freien Platz. her einem mchtigen Sulenportal leuchteten gro die Buchstaben "Schauspielhaus". Vielleicht vom Licht angezogen verschnellerte Karl Pruvik unwillkrlich seine Schritte, eilte geraden Wegs auf den Theaterausgang zu. Eben strmte die Besucherschar aus den groen, glitzernden Toren. Er befand sich im Nu mitten im dichtesten Gemeng und drngte sich vorwrts. Eine warme Duftwelle schlug ihm entgegen, starkgeschminkte Gesichter tauchten auf und seltsam khne Reflexe warf das grelle Licht auf glnzende, rauschende Damentoiletten. berschnell schwirrten geschftige Stimmen ineinander, Seidenrauschen, Lcheln, Autohupen und das fadendnne Zirpen slicher Tonflle vermischten sich zu einem betubenden Gerusch. "Einfach glnzend!" rief wer. "Rhrend, wie die Hohlmann spielt!--Nein, einfach entzckend!" zwitscherte eine berhelle Stimme. "Huw, dieses Schweinewetter!-Kommt schnell ins Auto!" lie sich zwischendurch vernehmen. Und wieder: "Kritisch gewertet--: Eine Glanzleistung in Regie und Spiel!" Dann das laute, aufdringliche Gekicher der Backfische: "Dieses herrliche Rschenkleid, Mama!--Hast du gesehen,--den Sonnenschirm!--und das Biedermeierkostm im dritten Akt? Entzckend!--Du Lilly, weit du was! So gehen wir heuer im Fasching!--Gell Mammi! Gell!" Es pltscherte fort und fort, oben, unten, berall. Abschiednehmen, Handksse, Einladungen fr das morgige Festessen, Lachen, Autovor--und Abfahren--alles wie ein flimmernder Hexentanz!-- Karl Pruvik war mittlerweile unbemerkt bis an das Eingangstor gelangt. Noch eine geschickte Finte und er hatte fr heute nacht ein Dach ber dem Kopf. Sein Herz schlug heftig. Es war wieder Leben in seine froststarren Glieder gekommen. Behende glitt er an den aufeinandergedrngten Gestalten vorbei und fhlte auf einmal Raum und Wrme. Er lugte sphend nach dem betreten Portier, duckte sich mehr noch zusammen, hielt den Atem an, arbeitete sich an der Wand entlang. Im selben Augenblick aber stockte die Bewegung des Menschentrupps. Er zerteilte sich und jh brachen die Reden ab. Durch eine glotzende Gaffergasse hastete der Portier mit steinernem, finster drohendem Gesicht auf ihn zu. "Was suchen Sie denn da?--He! Sie! Sie!" schrie der Trhter. Karl Pruvik zog wie ein gezchtigter Hund die Schultern hoch und verbarg den Kopf vllig in seiner schlotternden Brust. "Was Sie wollen, frag' ich!?" bellte der Portier hinter ihm und packte ihn heftig am Arm, ri ihn zurck. Ohne Wort und ohne Abwehr lie sich der Eingedrungene von dem belfernden Trhter und zwei inzwischen herbeigeeilten Logendienern ins Freie schieben. "Hm, sowas?--Sich ins Theater einzuschleichen!" sagte jemand von den Stehengebliebenen und schttelte den Kopf. Der ins Stocken geratene Menschenhaufe bekam wieder Bewegung und drngte sich durch den Ausgang. Die Tore schlossen sich finster. Schwtzendtrabten die letzten Paare vorber. Karl Pruvik stand zgernd und benommen im glitzernden Schneegeflock. Einen Augenblick hatte es den Anschein, als straffe sich sein Krper, als hole er zu einem Satz aus und wolle in die vorbeigleitenden, duftenden, rauschenden, geschwtzigen Menschen springen, aber schlielich torkelte er doch her die verschneite Freitreppe hinunter und bog in die Seitengasse ein, die vom Theaterplatz abzweigte. Ein letztes Auto surrte weg. Die Stimmen verloren sich in der Ferne. Die erleichternde Helligkeit, die die Beleuchtung des Theaterpalastes nach allen Seiten him verbreitet hatte, verlosch lautlos. Es war wieder ringsherum die fahle, unwirkliche Dsternis der Winternacht.-- Karl Pruvik hob den Kopf hilflos. Eine knappe Wurfweite vor ihm ragte etwas Schwarzes aus dem Schnee und bewegte sich wie schwebend von der Stelle. Willenlos und ohne Grund folgte er der Erscheinung. Lange ging er so. Es mute schon tief nach Mitternacht sein. Trist ghnten die menschenleeren Straen und Pltze. Man stand am Rande des Stadtparkes. Die kerzengerade Gestalt verschwand zwischen den Bumen. In der aufgeworfenen Bahn der Spur schritt Karl Pruvik weiter. Es war viel dunkler hier. Die schneebeladenen Baumste lasteten schwer herab. Nur zeitweilig gab sich eine hellere, freiere Stelle und undeutlich lieen sich eingemummte Bnke erkennen. Auf einer solchen hockte die zusammengekauerte Gestalt nun, der er die ganze Zeit gefolgt war. Stoisch lie sich Karl Pruvik neben ihr nieder und legte wie aus einer pltzlichen Eingebung heraus seinen steifen Arm um nasse, scharfe Schultern. Lahm schmiegten sich die beiden Krper aneinander. "Kalt," murmelte es kaum hrbar aus dem Kopf, der haltlos auf seine Brust herabglitt. "Kalt," brummte Pruvik ebenso leise und schlo seine Augen. Auch sein Kopf sank herber auf das Genick des anderen. Kein Schnee fiel mehr. Es war seltsam--: Jetzt, da man schonungslos der Klte ausgeliefert war, wuteman nicht mehr, war's eine rasende Hitze oder eine gnzliche Eisigkeit, was in den Gliedern brtete. Der ganze Krper hatte das Gewicht verloren. Es schien als schwebe er durch eine unsglich friedliche Stille.... Auf einmal drckte etwas Hartes an den Arm, umklammerte, zerrte. Es schrie wie durch Nebelschwaden, dann nher. Es rttelte strker. Das Geschrei schwoll. Der Kopf' an der Brust bewegte sich stumm. Karl Pruvik ffnete die Augen. Das grelle Licht einer Taschenlaterne stach ihm ins Gesicht, blendete, schmerzte. "He!--He! Was ist da!!" schrie ein Schutzmann, ri erregt am Arm. "Was ist denn das! Auf! Auf!!" Alles tat wieder weh. Die zerfrorenen Knochen rhrten sich, schmerzten, als seien sie alle einzeln abgeschlagen und bewegten sich wie in einem geplatzten Gipsverband klappernd von dannen. Erst in der Stube der Polizeistation sah Karl Pruvik, da noch einer neben ihm stand, genau so reglos und stumpf wie er. Auf den redeten die zwei Schutzleute ein, fragten, schrien ihn an. Endlich nach einer Weile schritt man durch eine Tr und das Licht war aus den Augen. Die beiden lagen auf einer Pritsche, in warme Decken gewickelt. Die Glieder bewegten sich ohne Schmerz. Wrme kam langsam. Von Zeit zu Zeit berhrten sich Arm oder Fu. Nach langer Zeit hrte Karl Pruvik wieder polternde Stimmen und kalte Luft huschte her sein Gesicht. Die Pritsche knarrte und Schritte dumpften. Eine Tr fiel zu. Jetzt war es leer neben ihm.-- Es fiel glseriges Tageslicht durch die vergitterte Luke, als er die Augen ffnete. Ein etwas ins Rundliche gehender Schutzmann mit gemtlichem, wohlig gertetem Gesicht stand vor ihm und sagte in friedlichem Ba: "Sie knnen sich wieder fertig machen. Es liegt nichts vor gegen Sie!" Karl Pruvik hob seinen bermdeten Oberkrper auf der Pritsche. "Haben Sie denn den andern gekannt?" fragte der Schutzmann. Pruvik schttelte dumpf den Kopf. "Hat ein paarmal eingebrochen," erzhlte der Polizist beilufig und redete weiter: "Stehn Sie dann auf und kommen Sie. Sie knnen wieder gehen." Karl Pruvik sah ihn verstndnislos an. "Eine harte Zeit jetzt--und hundekalt diesen Winter!" brummte der Schutzmann und bat Pruvik abermals aufzustehen. Der erhob sich endlich und ging mit ihm durch die Tr in die Polizeistube hinaus. Ein Wachtmeister sa am Tisch und hatte seine Papiere in der Hand, sah ohne Arg, beinahe mitleidig auf Pruvik. "Sie knnen wieder gehen," sagte er in dienstlichem Brustton und reichte ihm Invalidenkarte und Militrpa. Karl Pruvik stand zgernd da und machte keine Bewegung. "Es liegt nichts vor gegen Sie!--Da einer keine Bleibe hat, kann jedem einmal passieren," sagte der Wachtmeister menschlich. Pruvik nahm mechanisch seine Papiere. "Gr Gott," sagten die beiden Polizisten und nickten dem Gehenden zu. Einer ffnete freundlich die Tr. Karl Pruvik ging. Es schneite nicht mehr auf den Straen. Das Bleich des Tages tat den Augen weh. Ein Wind hatte sich erhoben und pfiff schonungslos um die scharfen Hausriffe. Es war kalt. Es war wirklich grausam kalt.... ETAPPE I. Der Stab fr das Eisenbahnbauwesen der Ostarmee lag vor Dnaburg. Es ging die Rede von einem russischen Durchbruchsversuch. Die Baukompagnie 14 geriet ins Feuer. Es gab Verluste. Der Bau der Feldeisenbahn kam ins Stocken. Die Verbindung mit der Kampffront blieb auf Tage unterbrochen. Vom Oberkommando der Armee lief eine Beschwerde beim Stab ein. Drngende Befehle peitschten zur Beschleunigung. Der Major hatte wieder jenen gehssigen rger auf seinem finsteren Gesicht, der an den Brckenbau in Kowno vor der Ankunft des Kaisers erinnerte. Zwei Tage vorher bereits berwlbte das fertiggebaute, riesige hlzerne Mittelstck die gesprengte Memelbrcke damals. Die Belastungsprobe war glatt verlaufen. Allenthalben sah man entspannte, befriedigte Gesichter. Die ermdete Mannschaft trat schon zum Heimmarsch in die Quartiere zusammen. Pltzlich murrte ein langgezogenes, ruckendes Grollen ber den nebeligen Flu. Die Brckenmitte hatte nachgegeben, war fast um einen halben Meter tiefer gesunken. Eine Totenstille herrschte minutenlang. Dann bellten abgehackte Befehle durch die Luft. Die erschpften Abteilungen schwrmten wankend auseinander, wieder auf die Brcke und ins eisige Wasser. Die ganze Nacht hmmerte, chzte, krachte, schob und schrie es aus dem sprlich beleuchteten Gerst des Notbaues und aus der Flutiefe. Fieberhaft, mit verdrossenem, verbissenem Grimm wurde gearbeitet. Wie Rudel totgehetzter Ziehtiere trotteten die Kolonnen am Morgen in die zerschossene Stadt. Zwanzig Stunden wurde am darauffolgenden Tage gearbeitet. Zweiundzwanzig ununterbrochen am andern. Die Ruhr brach aus unter der Mannschaft. Mehr als vierzig Mann starben, fnf ertranken in der Memel. Als der Kaiser ankam, erhielt der Major das Eiserne Kreuz erster Klasse. "Herr Major,--hoffentlich ist es uns allen noch gegnnt, da wir den Pour le merite ebenso vergngt mit Ihnen feiern drfen," sagte damals der geschnrte, glatzkpfige Stabsadjutant piepsend. Und zerschlissen freundlich lchelte der Major: "Wenn Petersburg fllt!" --Damals ging es unaufhaltsam vor. Nun stockte es erstmalig whrend des ganzen Feldzugs.-- Die Russen funkten sehr nahe. Die zurckgetriebenen Eisenbahnbaukompagnien verpendelten die Zeit mit nutzlosen Appellen. Vom Hauptquartier kam Befehl auf Befehl. Die Offiziere flitzten nervs und gewichtig herum. Bei der Mannschaft gab es Arreste. Unbersehbare Mengen Baumaterialien stapelten sich und muten liegenbleiben. Der Major ritt die Bauzge ab, schrie, polterte, teilte Strafen aus. Fnfzehnhundert Russen, die an der Front gefangengenommen worden waren, trafen ein. Befehl zur Aufnahme des Weiterbaues der Feldeisenbahn erging. Langsam rollten die stehengebliebenen Bauzge vorwrts, in die tristen Schneefelder hinein. Vor, vor--immer noch vor ging es! Bis zu der Stelle, wo die Arbeit aufgegeben werden mute. Die Geschosse schwirrten hoch in der schneeigen Luft. Ganz nahe. Schnee, Schnee. Klte, Klte. Die Baukompagnie 14, 15 und die Russen marschierten auf die Arbeitsstellen. "Mist!--Humbug!--Unsinn!" knurrte von Zeit zu Zeit irgendeiner halblaut. In kilometerweiter Entfernung schlugen die Geschosse ein, warfen Kotfontnen. Schlaggg!--lag alles am Boden. Man lag die halbe Zeit in Deckung. Die Arbeit machte kaum wesentliche Fortschritte. Meldung erging an den zurckliegenden Stab.-- Der Ordonnanzreiter Peter Nirgend ritt durch den peitschenden Schnee. Das Pferd dampfte. Die Lenden spritzten Blut. Fiebernd bog sich der furchtsame Rcken im Galopp.-- Hauptmann und Oberleutnant der Baukompagnienempfingen den Heransprengenden mit mrrischen Gesichtern. "Meldung vom Stab der Eisenbahntruppen!" keuchte Nirgend. Nur mit Mhe konnte er sich stramm halten. Hastig ffnete der Hauptmann den Umschlag, berflog mit unterdrckter Entrstung das Papier und sah auf den Oberleutnant, reichte es ihm. "Hm!" brummte er kopfschttelnd. "Hm!" machte der Oberleutnant gleichfalls achselzuckend und ratlos. Dann stiegen beide in den Kanzleiwagen. Peter Nirgend fhrte sein schweitriefendes Pferd auf und ab. Aus den Quartierwagen der Mannschaft glotzten mimutige Gesichter. "Geht's vor?" fragte einer. "Der Hund!" knurrten etliche dumpf, als Nirgend nickte. Der Kanzleiunteroffizier rief aus dem Wagen, bergab ihm die Rckmeldung an den Stab. Der gefrorene Boden klapperte unter den ausgreifenden Hufen des Pferdes. Schneewolken staubten auf und nichts mehr sah man.-- Ein abermaliger Befehl des Stabes bestimmte unverzgliche Aufnahme der Arbeit und sofortige Herstellung der Verbindungslinie mit den Fronten. Schon tags darauf meldeten die vorgeschickten Kompagnien schwere Verluste. Die fnfzehnhundert Russen weigerten sich, aus ihrem Bauzug zu gehen. Man prgelte sie heraus. Aber am selben Abend noch muten die Zge zurckrollen. Viele Wagen waren zerstrt. Die Eisenbahnlinie berall ramponiert. Die ganze Nacht schrie es die Zge entlang. Neue Wagen wurden eingeschoben. Unaufhrlich wurde rangiert.-- Am andern Mittag raunte es von Ohr zu Ohr: "Es geht wieder vor!" Es ging ein Gercht herum von einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen Major und Hauptmann. Kurz darauf hie es: "Antreten zum Appell!" Vor den gepferchten Reihen der zum abermaligen Vorrcken bestimmten Truppen hakte ein fremder Offizier auf und ab und hielt eine schwunghafte Rede. "Das deutsche Wesen darf nicht untergehen! Hurra! Hurra! Hurra!" schlo er und alles brllte mit. Wie ein einziger Tierlaut klang's. "Frs Vaterland!" murrte einer zynisch beim Auseinandergehen. "Fr den Pour le mrite!" brummte ein brtiger Kerl und sah herausfordernd auf die lethargischen Gesichter der Kameraden. "Kotze!--Sich den Schwanz verbrennen ist die einzige Rettung!" murmelte der Mannschaftskoch stoisch. "Nulpe! Wo denn?--Wenn weit und breit kein Puff ist!?" warf ihm der Vagabund Tmpel hin und spuckte in groem Bogen durchs offene Fenster. Tief am Nachmittag chzten die Bauzge abermals finster in die schneeige, verlassene Gegend hinaus. Am zweiten Tag, als Nirgend von den Kompagnien zum Stab zurckritt, knallten Schsse hinter ihm her. Einer davon streifte leicht seinen rechten Arm. "Hu-u-und!" surrte es langgedehnt durch die kalten Nebelschwaden und lief ihm nach wie ein unterirdisches Grollen. Gegen Morgen tauchten auf einmal die gelben Lichter der Bauzuglokomotiven auf und kamen zischend nher. Die vierzehnte Kompagnie war his auf zirka hundert Mann aufgerieben, und die fnfzehnte hatte gleichfalls zahlreiche Verwundete und Tote. Die Russen hatten in der allgemeinen Panik des Zurckflutens die Fluchtergriffen und irrten rudelweise in den Schneefeldern herum.-- Nirgend trat dumpf ins Leutnantszimmer des Stabsbureaus, straffte seine Glieder und sagte: "Zur Stelle!" Der schmchtige, elegante Offizier drehte sich wippend, etwas nervs herum, ma den Hereingetretenen von oben his unten und fragte: "Na,--und?" "Man hat mich angeschossen," sagte Nirgend unvermittelt. "Ja--und?" "Es waren welche von uns, Herr Leutnant." Die gepflegten, spitzen Augenbrauen des Offiziers griffen zuckend in die pltzlich streng gefaltete Stirn. "Quatsch!--Woraus schlieen Sie denn das;" rief er wegwerfend. "Weil jeder wtend ist," sagte der Meldereiter einfach. "Halten Sie Ihr Maul, Sie Lmmel!--Was bilden Sie sich eigentlich ein!" belferte der Leutnant drohend und schnellte auf. "Ich rede nicht um meinethalben," erzhlte Nirgend ruhig und schaute dem Schimpfenden entschlossen ins Gesicht, "aber um den Pour le merite geht keiner mehr vor. Ich reite nicht mehr!" "Wasss!!" zischte es durch die warme Zimmerluft. Matratzenfeder. Die Tr des anderen Zimmers wurde ruckhaft aufgerissen. "Wasss!--Was ist da!?" schnarrte der Major und machte einen Schritt auf Nirgend zu. Schon ri sich der Leutnant schlank und stramm herum, wollte melden. Aber der Soldat kam ihm zuvor, sagte, zum Major gewendet, mit der gleichen, einfachen Ruhe: "Ich reite nicht mehr, Herr Major! Um einen Pour le mrite geht keiner mehr vor, sagen alle!" Einen Moment fielen die beiden Offiziere fast auseinander. Dann schrien sie, bellten drohend: "Hinaus! Hi-naus! Sie Schweinehund!" Ganz korrekt drehte sich Nirgend um und ging aus dem Zimmer. In der angrenzenden Schreibstube wurde fieberhaft gearbeitet. Jeder sa geduckt da und kaum einer wagte aufzuschauen. Nur einige ngstliche Blicke trafen den Hindurchschreitenden. Der Stab nistete in einem einstckigen Gelehrtenhaus. In den unteren Rumen waren die Bureaus, oberhalb die Schlafzimmer der Offiziere und auf dem Dachboden hausten die Mannschaften. Dort angelangt, legte Nirgend sich so wie er war aufs Stroh und zndete sich eine Zigarette an. Es war merkwrdig, heute kam keiner zu Bett. Dster glomm der sprlich helle Kreis der brennenden Zigarette im Dunkel. Wie in einer verlassenen Totengruft lag man hier. Langsam fielen die Minuten von der Decke herab. Eine lange Zeit verging. Dann knarrten Schritte die Treppe herauf, kamen nher. Es muten mehrere Leute sein. Peter Nirgend rhrte sich nicht. Die Tr wurde geffnet. Im Lichtkreis einer Taschenlaterne tauchte undeutlich die Gestalt des Leutnants auf. Dahinter muten noch einige Leute stehen. Zwei Seitengewehre funkelten zur Hhe. Nirgend erhob sich ohne Hast. Irgendeine dunkle, breite Gestalt tappte herein, tastete herum und entzndete die Lampe. Jetzt traten der Leutnant und die zwei Soldaten mit den aufgepflanzten Seitengewehren an den Tisch, wo der Unteroffizier, der Licht gemacht hatte, stand. Der Leutnant verlas etwas von sofortiger Inhaftierung und berweisung an ein Kriegsgericht, faltete den Bogen wieder, sah Nirgend flchtig an und sagte zum Unteroffizier: "Wenn er in fnf Minuten nicht folgt, wenden Sie Gewalt an!" "Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der strammgestandene Korporal. "Naja!" sagte der Leutnant und ging. Einige Augenblicke standen sich die Soldaten schweigend gegenber. "Kamerad!--Mensch?" brachte der Unteroffizier endlich heraus, stockte aber pltzlich und sagte dumpfer: "Packen Sie Ihre Sachen zusammen und kommen Sie." "Seid ihr Vierzehner?" fragte Nirgend unbeweglich. Keine Antwort. Keine Bewegung der anderen. Starr standen die drei. "Gestern nacht habt ihr auf mich geschossen--einer von eurer Kompagnie war's!--Weil ich den Befehl zu euch brachte zum Vorrcken.--Einen Denkzettel habt ihr dem Major geben wollen--jetzt macht ihr drei wieder die Handlanger der Ordensjger!" stie Nirgend heraus. Keine Bewegung. Schweigen. Starr standen die drei. Wie glatte, finstere Glassturze. Alles rutschte an ihnen herab. Man stand selber unter einem solchen Glassturz. Gespannt his aufs uerste mute man an sich halten. Eine einzige Bewegung--und alles konnte zusammenfallen, klirrte herab. Und--? Und man stand ohnmchtig, ausgeliefert und vereinsamt zwischen den anderen. Die nackten Arme halfen nichts. Nicht einmal zu einer Umschlingung, denn man rutschte ab. Fiel hin und war ein Huflein nichts. Und was war geschehen? Nichts! Die nackten Arme halfen nichts! Gar nichts! Nur die Karttschen der Feinde, Hekatomben auseinandergerissener Leiber. Das Unertrgliche. Die Sinnlosigkeit fhrte zum Sinn zurck. "Wollen Sie den Befehl befolgen?!" rief der Unteroffizier jetzt. "Ja!" schrie Nirgend fast berlaut: "Ja--am liebsten wrde ich wieder hinausreiten zu euch. Immer vor! Immer vor mtet ihr--fr den Pour le mrite!" "Los--los!" plapperte der Unteroffizier verrgert, "reden Sie nicht! Los!" "Ja!" bellte Nirgend abermals, "das ist das deutsche Wesen!" "Marsch!" brllte der Unteroffizier: "Vorwrts jetzt!" Und zog ihn in die Mitte. Man ging.-- II. Der Schnee lag tief. Langsam ging es vorwrts. "Was macht man eigentlich mit mir?" fragte Peter Nirgend auf einmal steif stehenbleibend. Es antwortete niemand. "Los--los!" brummte der Unteroffizier vorne wie fr sich. Die Soldaten schoben den Gefangenen weiter. "Er hat euch geschunden his aufs Blut.--Ihr habt es selbst gesagt, da ihr nicht mehr mitmachen wollt," sagte Peter beharrlich und stemmte sich gegen die schiebenden Hnde. "Los--los! Wir mchten auch zur Ruh kommen!" stie der Unteroffizier abermals murmelnd heraus und machte eine halbe Wendung. Einer der Soldaten setzte dem Hftling das Knie in den Rcken. "Gibt doch blo Arrest, Mensch!" sagte der Unteroffizier beilufig. Peter Nirgend lie nach. Man watete wieder weiter. Die lange, geschwertete Linie eines sprlichen Lichtes stach durchs Dunkel. Das war das Gemeindehaus, wo der Arrest abgesessen wurde. Landstrmler versahen dort den Dienst. "Ihr kriecht, bis man euch die Kugel in den Leib jagt!" knirschte Peter. Schweigen. Der Unteroffizier schlug mit der Faust an die Gemeindehaustr. Mit hochgehobener Petroleumlampe erschien der verschlafene Sergeant in ihrem Rahmen. Der Trupp trat in die wohligwarme Wachstube. Zwei Landstrmler hoben schlfrig ihre Oberkrper auf den Pritschen, rieben sich die Augen. Einer davon stieg herab und nahm den Schlsselbund, winkte Peter. "Kommt vors Kriegsgericht! Befehlsverweigerung!" sagte der Unteroffizier zum Sergeant, der den Einlieferungsschein unterschrieb. Eine leise Verachtung schwang mit den Worten mit. Der Landstrmler fhrte den Hftling in die letzte Zelle. "Kamerad, leg dich gleich hin und wickle dich fest ein. Es ist kalt," sagte er und trat aus der Zelle, schlo ab. Peter Nirgend blieb lauschend stehen. Jetzt hrte man die Leute vorne im Korridor. Er ging an die Tr, schlug fest mit den Fusten an dieselbe, schrie: "Ich mu dem Herrn Unteroffizier noch was ausrichten!" Und sein ganzer Krper zitterte. Der Trupp kam den Korridor entlang, ffnete. "Was ist's denn?" fragte der Unteroffizier rgerlich und trat ein. Die anderen blieben drauen. "Werde ich erschossen?" fragte Peter unvermittelt. "Quatsch! Festung wird's geben!" rsonierte der Unteroffizier: "Was wollen Sie denn?" "Da--da ist eine Blutlache!" rief Peter hastig und deutete auf die Bodenflche hinter der Pritsche. Der Unteroffizier trat einen Schritt nher heran und beugte sich vornber, hinter die Pritschenecke. Jetzt war der Lichtkreis der Taschenlaterne nur noch ganz klein in der Nische. Peter machte einen ruckhaften Satz, stemmte blitzschnell sein Knie auf den Rcken des Korporals und schnitt mit aller Gewalt in dessen Hals, tiefer--tiefer. Das warme Blut rann her seine Finger. Der Krper des Ermordeten gab nach, hing schrg her die Pritsche. Die anderen strzten herein und warfen sich auf Peter, schlugen auf ihn ein, his er liegenblieb. Ihn berleuchtend, sagte ein Soldat zum Gefesselten: "Hund! Morgen stehst du an der Wand!" Peter Nirgend schlo die Augen. Nach einer ziemlichen Weile wurde die Tr wieder aufgeriegelt. Wieder erschien der hochgehobene Arm des Sergeanten mit der Petroleumlampe, nur diesmal sehr zitternd. Offiziere traten ein. Einer beugte sich ber den Toten am Boden. Dann trugen zwei Soldaten die Leiche hinaus. "Was haben Sie denn da gemacht!?" fragte der Major Peter. Der schwieg. Kopfschtteln. Ein Soldat trat ein, stand stramm, erzhlte den Hergang. "Sowas heit sich deutscher Soldat!" schnarrte der Leutnant beflissen. Inzwischen trug man ein Tischchen herein. Die Lampe wurde daraufgestellt und der Gerichtsoffizier nahm das Protokoll auf. Nach der Vernehmung des gnzlich gebeugten, zusammengefallenen Sergeanten und des anderen Soldaten, trat der Leutnant abermals an Peter heran, stie ihn: "Und Sie?" "Was haben Sie anzugeben?" rief der Gerichtsoffizier gleichfalls ber den Tisch. Keine Antwort kam. "Kerl!" Schweigen. Das Protokoll wurde verlesen. "Geben Sie das zu?" fragte der Gerichtsoffizier den Angeklagten. Dieser nickte stumm. Kopfschttelnd verlieen die Offiziere den Raum. Zwei Soldaten der Baukompagnie 14 mit bajonettbepflanzten Gewehren blieben zurck. Der Tisch mit der Petroleumlampe gleichfalls.-- "Schuft!" knurrte einer der Wchter und versetzte Peter einen Sto in den Leib. "Du sollst unsere berstunden schmecken, Hund!" fluchte der andere und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Mde geworden, setzten sich die zwei Wachhabenden auf das trockene Flecklein des Bodens und zndeten sich Zigaretten an. "Kamerad! Einen Zug! Einen Zug!" wimmerte mit einem Male Peter flehend. "Ah?" rief der Raucher hmisch, ging an den Gefesselten heran und hielt ihm die rauchende Zigarette unter die Nase: "Riecht gut, Herr Halsabschneider, hm?" "La ihn doch! Er ist nicht wert, da man ihn anschaut!" brummte der andere Soldat. Aber der Angesprochene lie sich nicht abhalten. Da reckte sich Peter stemmend, schrie: "Hasenfe!" "Halt die Fresse, Hund!" fielen die beiden ihn an und warfen ihn zurck, da die Pritsche knarrte. "Hasenfe!" plrrte Peter wilder. Die beiden hielten die Gewehrlufe drohend auf ihn gerichtet: "Noch ein Wort und wir knallen dich nieder!" "Hasenfe!" schrie Peter noch greller. Die Wchter schlugen sinnlos auf ihn ein. "Hasenfe!" bellte der Gefesselte aus Leibeskrften: "Hasenfe! Hasenfe!" Da schossen sie. Das Gehirn peitschte an die Wand. Als der Sergeant und die Landstrmer schlotternd angestrmt kamen, standen sie wie geistesabwesend stramm. Erst als kurz darauf der Leutnant eintrat, meldeten sie zugleich: "Melden Herrn Leutnant, da wir ihn erschossen haben, weil er uns Hasenfe genannt hat." Der Leutnant warf einen flchtigen Blick auf die Leiche, drehte sich herum und sagte befehlsmig: "Gut! Abtreten!"-- Tags darauf diktierte er dem Kanzleiunteroffizier folgende Meldung an das Oberkommando der stlichen Streitkrfte in die Maschine: "Meldereiter Peter Nirgend, zugeteilt dem Stab der Eisenbahntruppen, wurde wegen Befehlsverweigerung inhaftiert. Weiterleitung des Verfahrens war dem Kriegsgericht der Etappenkommandantr bergeben. Nirgend ermordete kurz nach seiner Einlieferung in die Arrestanstaltin seiner Zelle den Unteroffizier der Eisenbahnbaukompagnie 14 Joseph Thiele durch Durchschneidung des Halses. Sofortige Protokollaufnahme durch den Gerichtsoffizier ergab Mord. Exekution wurde auf andern Tag 9 Uhr festgelegt. Infolge fortgesetzter Widersetzlichkeiten gegen die Wachhabenden und Verhhnung des Feldheeres, muten die Pioniere Traugott Schloch und Otto Flemming von der Eisenbahnbaukompagnie 14 von der Waffe Gebrauch machen, was den Tod des Nirgend zur Folge hatte."-- Wegen Nachlssigkeit im Dienst wurde der Arrestsergeant strafversetzt.-- Einige Wochen spter stand in einem Tagesbericht des Oberkommandos: "Wegen pflichtmiger Ausfhrung eines Befehls wurden ausgezeichnet mit dem Militrverdienstkreuz zweiter Klasse laut Beschlu des O.K.d. O.A.: der Pionier Traugott Schloch bei der Eisenbahnbaukompagnie 14, der Pionier Otto Flemming bei der Eisenbahnbaukompagnie 14." MICHAEL JRGERT I. "Alle Dinge sind eitel." Immer kehrt dieses Wort wieder, wenn der Name Michael Jrgert in meiner Erinnerung auftaucht. Viele Male habe ich nachdenkend dieses Leben umschritten wie einen verfallenen, traurigen, rtselhaften Garten. Unruhig suchte ich nach dem Sinn dieses Ablaufs, trachtete danach, all die widerstrebenden Geschehnisse folgerichtig aneinanderzureihen, um mglicherweise ein erklrendes Bild zu finden, einen Abschlu, eine befriedigende Lsung. Es gelang nicht. Hoffend, da mir vielleicht eine Stunde doch noch die Erleuchtung bringt, habe ich--so gut es ging--vorerst nur das nackte Tatschliche aus diesem Leben aufgeschrieben, alles so, wie es sich zugetragen hat. Und hier ist es: Michael Jrgert kannte seinen Vater nicht. Als er sieben Jahre alt war, erfuhr er von seiner Mutter so etwas wie ein Gestorbensein durch einen merkwrdigen Unfall. Und einmal beim Maitanz warf ein Knecht in sein Ohr, da sein Vater "im Suff ertrunken sei". Darum, so hie es, se ja seine Mutter schon all die Jahre im Gemeindehaus und wisse nicht, von was sie leben sollte. Der Bruder von Michaels Vater, der wegen einer Weibergeschichte "ins Amerika durch sei", hte sich wohlweislich, etwas von sich hren zu lassen, raunten sich die Drfler zu, wenn die Rede von den Jrgerts ging.-- Nach seiner Schulentlassung kam der etwas schwchliche Knabe als Knecht in den Reinaltherhof. Es waren vier Knechte und zwei Mgde da. Fnf Jahre sthlten den wachsenden Krper, ergossen versteckten und offenen Spott auf Michael. Auf Maria Lichtme, als er zwanzig Jahre zhlte, wechselte er seinen Dienstplatz und trat beim Peter Sllinger ein, dessen Gehft auf der runden Anhhe vor dem Dorfe lag. Rechts vom Sllingerhof, nah am Waldrand, hockte die baufllige Htte des Gtlers Johann Pfremdinger, den man im ganzen Umkreis den "Letzten Mensch" hie, weil er die bigotte alte Pfanningerin zur Haushlterin hatte und im allgemeinen sehr schlecht auf die Weiber zu sprechen war. Wenn man ihn rgern wollte, brauchte man blo eine junge Dorfmagd oder Bauerstochter des Sonntags an seinem Haus vorbeigehen zu lassen.-- Rundherum lagen die Felder Sllingers, weit verstreut die zwei Tagwerk Pfremdingers und oft, wenn der alte Husler zur Erntezeit schwerfllig und mhsam auf den Fuwegen durch die Wiesen des Bauern ging, um auf seine Grundstcke zu gelangen, sagte der letztere mrrisch zu ihm: "Bist saudumm!--Wennst tauschen ttst mit mein' Rainacker, httst alles ums Haus ... Aber mit dir kann man ja nicht reden!" "Auf'm Rainacker wachst das nicht wie bei mir," gab ihm der "Letzte Mensch" stets mit der gleichen Beharrlichkeit zurck und trottete weiter.-- Die Jahre gingen, schwiegen. Der Peter Sllinger wurde unterdessen zum Brgermeister gewhlt und kam eines Tages in den Stall zu Michael, sagte: "Das geht jetzt nimmer, da die Gemeinde deine Mutter aushlt. Bist ein Mordstrumm Mannsbild worden und kannst selber fr sie aufkommen. Der 'Letzt' Mensch' wird sterben. Die Pfanningerin mssen wir ins Gemeindehaus tun." Michael nickte stumm. "Da drauen kann's nicht bleiben, die Pfanningerin," fuhr der Bauer fort, indem er eine verchtliche Geste in die Gegend des Pfremdingerhauses machte, "die alte Kalupp' pat grad noch fr ein' Heustadel." Und wieder nickte Michael stumm. "Herrgott, bist du ein Stock!" stie der Bauer heraus und ging kopfschttelnd und brummend aus dem Stall. Die Knechte lachten.-- Michael ging nach Feierabend zu seiner Mutter ins Gemeindehaus und brachte ihr die Nachricht. Die alte Frau sah ihm nur in die Augen. Dann sagte sie: "Ja ja, ist ja auch wahr, die alte Pfanningerin ist ja auch lter als ich."-- Spt, nachdem seine Mutter lngst schlief, zhlte Michael sein erspartes Geld. Zhlte, zhlte. Dachte, dachte. Rechnete, rechnete. Am andern Tag, whrend der Arbeit, hielt er manchmal inne und schaute starr ins Leere. Des fteren sah man ihn jetzt am Abend in die Pfremdinger-Htte gehen. "Was er nur immer beim 'Letzten Mensch' anfngt, das Hornvieh!? Mcht wohl gar Husler werden?" spttelten die Knechte, und Sllinger schaute dem fast furchtsam Davonschleichenden mit finsterem Blick nach.-- Die Sterbeglocken klangen dnn durch die Luft. Mit dem alten Pfremdinger ging es zu Ende. Die Pfanningerin, der Pfarrer--und Michael Jrgert standen in der niederen Kammer um das Bett. Dann kam noch die Jrgertin. Ganz zuletzt erst wlzte sich der Husler nochmal herum. Schon drehten sich seine Augen. "Er soll's haben, Hochwrden! Aber die Hlft' gehrt der Kirch'!" hauchte er schon rchelnd mit letzter Kraft heraus. "In Ewigkeit, Amen," murmelte sich bekreuzigend die alte Pfanningerin. und der Pfarrer sah Michael an, nickte ihm zu. "Hab's denkt, da er's kriegt, wenn er fleiig in die Kirch' rennt und um den Pfarrer herumscharwenzelt recht bigott! Sowas tragt immer was ein!" war ungefhr die bliche Bauern-Nachrede, als es verlautbarte, da Michael das Pfremdinger-Anwesen vom "Herrn Hochwrden zudiktiert" bekommen habe. Acht Tage nach dem Begrbnis fuhr Michael auf einem Schubkarren die sprliche Habschaft seiner Mutter ins Pfremdingerhaus und am darauffolgenden Tag die Sachen der alten Pfanningerin ins Gemeindehaus. Hinter manchem Fenster stand ein spttischspitzes Gesicht und sagte ungefhr: "Der hat's leicht. Kann sein Zeug auf dem Schubkarren fahren." Gut ein Vierteljahr war Stille. Wenn die Mher beim Morgendmmern auf die Felder gingen, sang immer schon die Sense Michaels unter dem flinken Schleifstein.-- Dann kam das Unglck. Die einzige Kuh, die im Jrgertstall stand, ging ein. Notschlachtung mute vorgenommen werden. Die Bauern kamen, musterten das Fleisch mitrauisch, kauften, schimpften: "Ob er vielleicht nicht wisse, da die Suppenbeine als Zuwag' dreingingen?" Und einige wieder sagten in beinahe mitleidigem Tonfall: "Ja, mein Gott, Bauer sein ist nicht so einfach! ... Sonst tt's ja jeder machen." Drei Wochen nachher begrub man die alte Jrgertin. "Wrst' Knecht geblieben, wr gescheiter gewesen," sagte Sllinger zu seinem ehemaligen Knecht, "wenn's einmal angeht, hrt's nicht mehr auf."-- Michael strzte sich in die Arbeit. Der Pfarrer kam ein paarmal ins Haus, sah nach. "Eine Kuh halt, eine Kuh, Herr Hochwrden!" murmelte Michael hin und wieder dumpf. "Der Herr hat's gegeben--der Herr hat's wieder genommen," antwortete der Geistliche nur.-- Und Michael verkaufte Heu und die zwei letzten Scke Korn. Droben auf dem schmalen Streifen, ber den Sllingerfeldern, hatte er dieses im letzten Jahr noch gebaut. Vom Reinalther lieh er sich damals den Fuchsen und den Pflug, ackerte. Und seine Mutter humpelte hinterdrein und ste.-- Es war Ferkelmarkt in Greinau. Die ganzen Bauern aus der Umgegend standen gruppenweise auf dem Platz vor der Gastwirtschaft "Zur Post", handelten hartnckig herum mit den Hndlern und kauften endlich. Die eingepferchten Jungschweine machten einen Heidenlrm, die Pferde scharrten ungeduldig und wurden unsanft zurckgerissen. Die Wirtsstube war vollbesetzt. Aus und ein ging man, redete, schmauste, und knarrend und knirschend, in scharfem Trab, rollten die Wgelchen davon. Schchtern kam tief am Nachmittag Michael an. Die Bauern stieen einander, zwinkerten, tuschelten spttisch. "Jesus! Jesus! Jetzt wird's besser, der Michl kauft Ferkel!" lachte der pralle Postwirt aus einer Gruppe und alle richtetengeringschtzige Blicke auf den Husler. Schweigsam und scheu umschritt der die Ferkelsteigen. Es wurde schon leerer auf dem Platz. "Pa fein auf, da sie dir nicht im Sack ersticken, Michl!" warf der Sllinger rlpsend auf den Wagen steigend Michel zu, als er sah, da dieser zwei lautgrunzende Jungschweine in seinen Sack zog. Sein hmisches Lachen schnitt die Luft auseinander.-- Dmmer stieg schon von den Feldern auf. Nacht sickerte gelassen vom Himmel. Michael schritt beschwerlich aus. Die Schweine rumorten immerzu im Sack auf seinem Rcken. Er mute fest zuhalten, da ein lahmer Krampf langsam in seine Arme rieselte. Aber die bogen sich wie aus Eisen von der Brust ber die Schulter.-- Die Schritte hallten vereinsamt. Stille.-- Jetzt waren auch die Schweine still geworden, ganz still. Auf einmal merkte es Michael. Ein Schreck durchfuhr ihn. Jhe Mattigkeit fiel bleischwer in seine Kniegelenke. Er rttelte den Sack vorsichtig, fast wie einer, der zwischen Hoffnung und Angst vor der Gewiheit schwankt und nicht mehr aus noch ein wei. Nichts. Er rttelte strker. Nichts.-- Inzwischen war er an der schmalen Brcke, nah vor dem Hgel angelangt, auf dem das Sllingergehft mit gelben Augen sa. Der Bach murmelte gleichmig versunken. Schweitriefend zerrte Michael den Sack auf die Brcke, wollte--in unseliger Verzweiflung blitzhaft an den Spott Sllingers denkend --nachsehen. Da--da--wupp!--fiel der Sack in die Tiefe. Es platschte. Breite Ringe warf das Wasser und jetzt plrrten pltzlich die Schweine heulend auf. Es gurgelte etliche Male und war jh grauenhaft still. Mit einem furchtbaren Aufschrei sprang Michael ins Wasser, tappte wie ein schwimmender Hund ungelenk auf der Oberflche herum, weinte, hustete, tauchte, schrie, brllte.-- Am ndern Tage fischten die zwei Knechte des Brgermeisters den leeren zerrissenen Sack mit den Heugabeln aus dem Wasser und spieten ihn auf einen Zaunpfahl vor Michaels Huschen. Dann klopften sie. Aber niemand gab an.-- Das ganze Dorf lachte knisternd. Als man drei Tage niemanden aus--und eingehen sah beim Jrgert, schickte Sllinger den Nachtwchter und Gemeindediener Peter Gsott hinaus. Der klopfte wieder und wieder, drohte mit wtenden Flchen, als niemand angab und holte dann den Schmied zum Trffnen. Die beiden fanden Michael in der Schlafkammer ganz starr auf dem Bettrand sitzend und wie irr ins Leere glotzend. Einen Augenblick zwang ihnen dieser Zustand Schweigen ab. Endlich sagte der Schmied: "Was hast' denn, da' dich einsperrst, Michl?" Aber der Angesprochene machte nur mit der Hand eine lahme, wegwerfende Geste. "Deinen leeren Sack haben die Sllingerknecht' gefunden! Die Ferkel selber sind ersoffen," sagte dann der Gemeindediener. Als beide sahen, da Michael beharrlich mit der gleichen Apathie antwortete, gingen sie und meldeten dem Brgermeister, da der "spinnerte Kerl" schon noch lebe. Er sei, meinten sie, nur ein wenig irr noch.-- Im Dorf ging daraufhin die Rede: "Der Michl hat's Spinnen angefangen wegen der ersoffenen Ferkel." Michael sah man nur ganz selten seit diesem Vorfall. Hchstenfalls bog er einmal scheu ums Hauseck und eilte dem Wald zu.-- Um diese Zeit kam zum Brgermeister Sllinger eine seltsame Nachricht aus Amerika, betreffend die Familie Jrgert und deren Nachkommen. Der Bauer, der sich, wie er sich ausdrckte, "darin nicht rechtauskannte", schickte zum Pfarrer und dieser entzifferte endlich, da die Familie Jrgert (berlebende oder Nachkommen) infolge des Todes eines Bruders des verstorbenen Vaters Michaels zur Generalerbin einer auerordentlich hohen Hinterlassenschaft in barem Geld eingesetzt sei und den Betrag von einer Bank in Hamburg einverlangen knnte, sobald der Nachweis der Erbberechtigung erbracht sei.-- Als der Pfarrer, der selber ein wenig zitterte, dies dem Sllinger auseinandersetzte, erbleichte dieser sichtlichund sank wie vom Schlag getroffen in einen Stuhl. "Ruhig beibringen, ist das beste. Ich geh' selber zu ihm hinaus," sagte der Geistliche nach einigem Schweigen, nahm seinen Hut, steckte das Papier zu sich und begab sich zu Michael. Ins Haus getreten, bemerkte er diesen dsig neben dem Herd hockend, und als der geistliche Herr in sanftem, vorsichtigem Tonfall seinen Namen rief, sprang er pltzlich auf, schlpfte, so schnell es nur ging, furchtgepackt in das ruige Holzloch unter dem Ofen und gab keinen Laut von sich. Eine gute Weile stand der Geistliche ratlos da. Endlich fand er wieder zum Entschlu zurck. "Geh heraus, Michl," sagte er sanft, "wir wollen wieder eine Kuh kaufen und Ferkel." Michael rkelte sich erst und schlpfte dann vollends aus dem Loch. Seine Blicke waren mit einer schmerzvollen Bitthaftigkeit auf den Pfarrer gerichtet. "Und dein Husl, Michl, das werden wir auch wieder richten lassen. Es ist arg baufllig," ermunterte dieser den Zgernden. Und als Michael endlich aufrecht stand, nahm ihn der Gottesmann mild am Arm und zog ihn sacht hinaus ins Freie. Frische Frhe lag her den Feldern. Die Wiesen dufteten schwer. Die Sonne stieg langsam in die Mittagshhe.-- Wie zwei Kranke schritten die beiden dahin. Der Sllinger wagte nicht herauszutreten, als sie vorbeikamen. Er lugte nur schweigend durchs Fenster. Im Pfarrhaus angekommen, sagte der Geistliche zu Michael: "Du mut jetzt eine Zeitlang bei mir bleiben. Die Marie wird dir ein Zimmer einrichten, bis dein Husl fertig ist. Bis dahin ist auch wieder Viehmarkt in Greinau." Und als verstnde er von alledem nichts, als hre er nur eine erleichternde Melodie aus den Worten, stand Michael da und schwieg. Allmhlich glttete sich sein bangvolles Gesicht und eine aufatmende Ruhe glnzte in seinen Augen. Drei stille Wochen glitten him. Jeden Tag saen die zwei zusammen in der Pfarrstube oder gingen wohl manchmal im Garten umher. Langsam wurde Michael ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit konnte man ein bses Aufblitzen auf seinem knchernen, schweigend gefalteten Gesicht wahrnehmen. Die vterliche Arglosigkeit seines Pflegers aber machte ihn nach und nach etwas zutraulicher und offener. Manchmal des Abends, wenn der Geistliche aus einem Betbuch laut einige Stellen vorlas, hob der Husler den Kopf und lauschte sichtlich aufmerksamer. Ein friedlicher Hauch hob Stck fr Stck von dem Feindseligen ab, das hinter den Falten brtete, und lebendiger kreisten seine Augen. Endlich nach einem Monat erffnete der Pfarrer seinem Pflegling die Nachricht aus Amerika. Michael hrte stumm zu. Er schien anfnglich nicht zu begreifen. Dies erkennend, legte der Geistliche das Papier auf den Tisch. "Du bist jetzt ein reicher, sehr reicher Mann geworden, Michl," sagte er, "du kannst dir hundert Khe kaufen, ein Haus und soviel Ferkel, als du willst. Es ist von jetzt ab keiner mehr im ganzen Umkreis, der nur ein Drittel soviel Geld hat wie du. Begreifst du? Gott hat dir geholfen. Es geht alles seinen gerechten Gang, wenn er es will." Michael schien die letzten Worte nicht mehr zu hren. Seine Augen waren auf einmal weit geworden. Eine Gier flackerte in ihnen und der ganze Ausdruck seines Gesichts war pltzlich vllig verndert. "Ich--ich kann also auch das Sllingerhaus und das vom Reinalther kaufen?" fragte er hastig und gedmpft. "Das kannst du, wenn sie wollen," nickte der Geistliche, "du kannst zehn solche Huser kaufen, wenn du willst." "Zehn....!?" stie Michael lauernd heraus und bohrte seine Blicke in die Augen des Pfarrers. "Es ist sehr viel Geld," gab der zurck. "Und," fuhr Michael noch leiser, fiebernd vor Unruhe, scheu, als lausche an den Wnden irgendein ungebetener Gast, fort: "Und ich krieg' das ganze Geld in die Hand. Ich brauch' nur schreiben lassen?" "Ja, wenn Du willst." "Ja ...!! Ja, gleich! Gleich! Ich will!" schrie Michael verhalten. "Gut," sagte der Pfarrer und ging an den Tisch, "ich schreibe." "Und ... und die Huser vom Sllinger und--und vom Reinalther?" fragte Michael beharrlich. "Die ...? Ich kann mit ihnen reden," antwortete der Geistliche, whrend er schrieb. Dann lie er Michael unterzeichnen.-- II. Im Dorf ging ein Schweigen um. Langsam verbreitete sich die Kunde von Michaels Erbschaft. Betroffenen Gesichts raunten sich die Bauern die Neuigkeit zu.-- Der Baumeister von Greinau, Michael Lindinger mit Namen, wurde ins Pfarrhaus geladen. Michael lchelte schrg, als der Mann eintrat und beauftragte ihn, einen Plan fr ein neues Haus zu bringen. Trotz der Einwendungen des Pfarrers wurde der Umbau des alten Anwesens abgelehnt. Michaels Rede war jetzt sicher geworden, fast bestimmt. "Ein neues Haus mu her!" sagte er beharrlich. Und der andere Michael erwiderte pfiffig: "Ja--schon lieber was Neues als Flickwerk. Das taugt ein paar Jahr', dann geht's wieder von vorn' an." Diese Beipflichtung entwaffnete den Geistlichen. Der Plan wurde gefertigt. Der Auftrag gegeben. Die ehemalige Pfremdinger-Htte krachte zusammen mit allem, was sie barg. So hatte es Michael gewnscht, steif und fest. Alles Dawider des Pfarrers ntzte nichts. Krachte zusammen. Und die Drfler standen herum, schwiegen, staunten, starrten. Vom Pfarrhausfenster aus berschaute Michael den Vorgang. Auf einmal begann der Hausrist zu wanken, brckelte, krachte. Die Herumstehenden rannten auseinander und zuletzt war minutenlang eine ungeheure Staubwolke. Dann, als es wieder lichter geworden war, lag ein riesiger Trmmerhaufen da. Deutlich sah Michael, wie einige die Kpfe schttelten. Eine Weite dehnte seine Brust. "Das ist nicht recht," rief der Pfarrer hinter ihm. Michael hatte ihn nicht eintreten hren und ri sich erschrocken herum. Reglos und stumm standen sich die beiden gegenber.-- Seitdem begegnete Michael seinem Pfleger mit verstocktem Schweigen. Mied ihn.-- Der Bau wurde begonnen. Jeden Abend kam Lindinger ins Pfarrhaus und berichtete ber den Stand, machte Vorschlge, legte Rechnungen vor. Sein fast beteuerndes, sich immer wiederholendes: "S'ist wahnwitzig teuer, die Sach', wahnwitzig teuer," lie Michel lcheln. "Macht nichts, macht gar nichts," erwiderte er stets. "Ja--es ist gut, da' wieder Arbeit gibt," meinte dann der Maurermeister meistens und ging. Kaum war er drauen, schrumpfte Michaels Gestalt im Lehnstuhl zusammen. Das Kinn schob sich vor. Nur die Pupillen kreisten im Raum.-- An einem der Abende, als eben der Maurermeister das Zimmer Michaels verlassen hatte, trat der Pfarrer ein. Michael erhob sich und wandte ihm den Rcken zu.-- "Gelobt sei Jesus Christus!" brachte der Geistliche nach einigem Schweigen heraus. Ohne sich umzuwenden, nickte Michael. Dann ging er ans Fenster, deutete in die Talmulde, die der erste Mond silbern bestrich. "Hhh--h! Wird hoch der Turm, hoch!" keuchte er, reckte den Kopf strrisch vor, nahe an die Scheibe: "Wenn man ganz droben ist, mssen schon die Wolken angehen!" Unschlssig stand der Geistliche. Schwieg. "Zum Sllinger kann ich hinunterschaun und aufs ganze Dorf!" redete Michael weiter, ohne ihn zu achten. "Die zwei Kirchenfenster?" fragte endlich der Geistliche fast schchtern und hielt pltzlich mitten im Wort inne, als sich Michael nunmehr hastig umwandte. "Zwei ...?! Sechs! Sechs Fenster ...--und neue Glocken, damit ich's hr' in der Frh!" berflgelte dieser ihn, "da mu die Luft zittern, wenn die luten!--Schafft sie an! Morgen! Gleich! Gleich! Und drei neue Megewnder!--Mssen fertig sein zum Jahrtag meiner Mutter! Bestellt's! Bestellt's auch gleich!--Gleich!" Wie von einem wilden Strudel dahergetragen strzten die Worte heraus.-- Mit sehr ernstem Gesicht verlie der Pfarrer fast traumwandlerisch das Zimmer. Lange noch hrte ihn die Marie im Zimmer auf- und abgehen und laut beten. Klare, kalte Mrztage zeigten das hereinbrechende Frhjahr an. Michael ging manchmal aus. Selten suchte er den Bau auf. Nie beschritt er ihn. Immer bog er scheu ums Dorf und stapfte auf die Sandgrube zu, aus der man den Kies fr sein Haus holte. Es schien ihn dort etwas zu interessieren. Er stand meistens oben am Rand und berschaute die zackige Mulde. Bhmen und Italiener arbeiteten auf Taglohn dort und sprengten hin und wieder einen Felsen, wenn an einer Stelle der Kies ausging.-- Eben lud man wieder. Michael war ganz nah herangekommen, stand wie witternd, mit sphendem, vorgebeugtem Kopf da und sah aufmerksam auf jede Bewegung des Lademeisters. "Und das--das reit alles ein?--Mit einem Krach?" fragte er diesen gespannt. Der Mann nickte und murmelte ein paar unverstndliche Worte. Dann entzndete er ein Streichholz und steckte die Zndschnur an. Alles rannte aus der Grube, wartete bis es knallte. Als dies geschehen war und die Leute wieder in die Grube zurckgingen, sah man Michael im Trrahmen des Werkmeisterhauses stehen. Er lie sich das Pulver zeigen, rieb es merkwrdig lange auf seiner flachen Hand und sagte harmlos zum Werkmeister: "Und so ein Staub hat's drinnen, da alles in die Luft fliegt?--Hm--hm--hm!" Ging wieder.-- Der Nachtwchter Peter Gsott glaubte bemerkt zu haben, da eine mnnliche Gestalt am Rand der Sandgrube auftauchte, sich schwarz vom bleichen Mondhimmel abhob, dann aber pltzlich, wie in den Erdboden gesunken, verschwand. Der Werkmeister schimpfte die Sprenger, da sie soviel Pulver brauchten. Es entstand ein Streit. Ein Italiener brllte, da die ganze Grube hallte. Auf einmal kam man ins Handgemenge. Ein furchtbares Raufen entstand. Der Werkmeister bekam einen Schlag auf den Kopf und mute ins Krankenhaus gebracht werden. Am ndern Tag verhafteten die Gendarmen von Greinau zwei Bhmen und einen Italiener, der beim Sllinger auf der Tenne logierte. Er hatte sich im Taubenschlag verkrochen und als man ihn herunterholte, stie er furchtbare Drohungen auf den Brgermeister aus, die aber niemand verstand. Anscheinend glaubte er, die Leute htten ihn verraten. Michael begegnete der Haftkolonne und sah sich die drei Burschen sehr genau an. Spter trat er ins Brgermeisterhaus und ffnete die Stubentr hastig. Der Sllinger war im Augenblick so erstaunt, da er frmlich aufschrak und kein Wort fand. Sulenstarr stand er da und heftete seinen Blick auf den nhertretenden Michael. Gemessen kam dieser heran, ganz nahe und eine ungeheure Spannung lag in seinem Gang. "Gibst dein Haus nicht her?" fragte er den stummen Bauern lauernd. "Nicht?" wiederholte er, als der verneinte und ma ihn scharf von der Brust bis zur Stirn. "Ich ...!?" fand endlich der Sllinger das Wort. "Ja?" "Solang ich leb' nicht!" schrie der Brgermeister schroff, als wolle er sagen: "Was willst denn du auf einmal bei mir?" "Es pat mir nicht vor meinem Turm," sagte Michael tonlos und sprde und lchelte hhnisch in sich hinein. Drauen, vor der Tr, hrte er noch den Schlag der Sllingerfaust auf die Tischplatte. III. Richtig, der eine von den Bhmen lud damals den Felsen, erinnerte sich Michael. Und der Italiener, der aus Sllingers Taubenschlag geholt worden war, stand neben ihm, als es krachte. Dem konnte man nichts nachweisen und mute ihn nach vier Tagen wieder aus dem Amtsgerichtsgefngnis entlassen. Nun strolchte er mit finsterem Gesicht herum, und da bei den Bauern von alt her der Aberglaube herrschte, da solche Kerle mit ihren Verwnschungen kraft einer innewohnenden dmonischen Macht Schaden und Unglck anrichten knnten, so wagte keiner etwas gegen sein Kampieren in Heustdeln und Tennen einzuwenden.-- An einem Aprilnachmittag traf ihn Michael auf der Waldstrae, ging entschlossen auf ihn zu und sprach ihn an. "Habt's keine Arbeit mehr kriegt?" Offenbar verstand der Angesprochene dies, denn er nickte finster. "Geht's zu meinem Bau. Verlangt's den Lindinger und sagt's, ich hab Euch geschickt," sagte Michael. Am ndern Tag schleppte der Italiener auf dem Bau Mrtel.-- Das Haus wuchs. Der Turm der Vorderfront bedurfte nur noch des Dachstuhls. Beim Sllinger wurde eingebrochen. Man nahm wieder den Italiener fest, obwohl ihn niemand angezeigt hatte. Da man ihm aber nichts nachweisen konnte, entlie man ihn abermals. Michael traf ihn am Pfarrhaus, nickte schon von weitem grend und hatte ein Lcheln wie ungefhr: "Gut so!" Und wieder arbeitete der Italiener auf dem Bau, finster gegen jedermann, verschlossen und wortkarg, nur etwas aufgetaner zu Michael.--Die Kirche war nun jeden Sonntag drckend voll. Die sechs Fenster strahlten ihren vielfarbigen Prunk ber die Kpfe der Betenden. Einen Monat spter erschollen die neuen Glocken erstmalig. Und in der Luft schwang ein Surren weithin. Wenn man jetzt Michael sah, lag ber seinem Gesicht etwas wie ein leuchtender, verschwiegener Triumph. Der April zerging in Regen, Schneegestber und flchtigen Sonnentagen. Die ersten Maitage lieen die grauweien Wnde des Neubaus sehr schroff leuchten. Man konnte Michael manchmal mit dem Baumeister durch die Rume schreiten sehen. Die Schreiner brachten Mbel. Es ging dem Vollenden zu. Es war wahr, was der erste Knecht vom Reinalther sagte: "Einen solchen Stall trifft man so schnell nicht mehr." Und: "Eine Lust msse es sein, dort zu arbeiten." Aber der Sllinger warf verchtlich hin: "Was hilft ihm das schne Haus und alles, wenn er kein Grundstck hat!" Und aus den Reden der Drfler am Biertisch konnte man deutlich heraushren, da keiner bereit war, auch nur ein Tagwerk von seinen Grnden abzugeben. "Unser Heu bleibt unser Heu," sagte der Gleimhans. Und alle nickten. "Der kommt schon und will einen Grund!--Aber da bleibt ihm der Schnabel sauber!" brummte der Reinalther. Der Sllinger blickte dster drein und schwieg.-- Pfarrer und Ministrant gingen mit Michael durch die Rume des neuen Hauses, beweihrucherten und besprenkelten alles. Eine Woche spter trieben drei Viehtreiber wohl an die zwanzig Khe auf der Strae von Greinau her ins Dorf und lieferten sie bei Michael ab. Der wohnte schon vier Tage in seinem Haus. Zwei fremde Mgde, ein Knecht und jener Italiener, den man von der Sandgrube davongetrieben und verhaftet hatte, waren da. Und Heufuhren kamen an. Ganz fremde Gesichter blickten von den leeren Wagen herunter, die durchs Dorf ratterten. "Wenn er jeden Pfifferling kaufen mu, wird die Herrlichkeit bald ein End' haben," brummten die Bauern, "mit den paar lumpigen Wiesen kann er grad' eine Kuh fttern." Nach etlichen Wochen kam eine Magd Michaels zum Reinalther und zum Gleimhans und richtete aus, die Bauern sollten zu ihm kommen. "So--!? Sonst nichts....?!" rief der Reinalther hhnisch und schaute das dralle Frauenzimmer hmisch an, "sagst, er soll sich einen ndern Dummen suchen!" Und--: "Der hat grad so weit zu mir her!" fertigte der Gleimhans die Botschaftbringerin ab.-- Gleichsam, als htte man sie ohne jeden Grund persnlich beleidigt, kam die Magd zurck und berichtete Michael das Verhalten der beiden Bauern. "Geh!--Ist schon gut!" schnitt dieser ihr das Wort ab, als sie gesprchiger werden wollte. Seine Zge vernderten sich nicht. Nur seine Augen glommen einmal funkelnd auf.-- In der Wirtsstube Simon Lechls herrschte diesen Abend ein belebteres Gesprch. "Jetzt wird er langsam angekrochen kommen und Grnd' wollen," brummte der Reinalther. "Da kann er alt werden!" erwiderte der Gleimhans. Und alle nickten. "Mit seinem Geldhaufen ist er gar nichts!" sagte der Lechlwirt: "Grnd' machen den Bauern!" "Das ist's!" besttigte der Sllinger. Und wieder nickten alle.-- IV. Die Jahre verstrichen. Das kahle, grell leuchtende Haus am Waldrand nahm mehr und mehr eine verwitterte Farbe an. Bisweilen, wenn die Scheune leer war, sah man die schwarze Kutsche Michaels in scharfem Trab aus dem Dorf rollen, Greinau zu. Vorne auf dem Bock sa der Italiener mit finster gefaltetem Gesicht und schaute nicht nach links und nicht nach rechts. An den darauffolgenden Tagen knarrten dann meistens schwerbeladene Heufuhren auf der Greinauer Strae daher und fuhren durchs Hoftor Michaels. "Nette Wirtschaft!" brummten die Bauern: "Jeden Bschel Futter mu er kaufen!" Und halb war es Mimut, halb Schadenfreude, was auf ihren Gesichtern stand. Die Ernten in dieser Gegend waren mehr als berreichlich. Die Aufkufer, die aus der Stadt kamen, hatten es leicht und konnten anmaend sein. Sie minderten die Preise, wo und wie immer es nur ging. Die Transportkosten his zum Bestimmungsort muten die Bauern tragen. Es kostete stets einen ganzen Tag Zeit, wenn ein Drfler seinen verkauften Hafer, sein Korn oder Heu nach Greinau auf den Bahnhof fuhr und dort in den Waggon lud. In die "Ferkelburg" aber, wie man Michaels Haus nannte, fuhren fremde Heuwagen!-- Michael war fast nie zu sehen. Er sa in seiner Turmkammer und sann. Grbelte, als warte er auf etwas. Gleichmig und ereignislos verlief die Zeit. Durch irgendeinen findigen Kopf angeregt, war die ganze Drflerherde um Greinau darauf gekommen, da eine Eisenbahnlinie gerade in dieser Gegend notwendig sei. Eine Vereinigung bildete sich, wurde "Lokalverband der Eisenbahninteressenten" genannt. Eine Eingabe um die andere bestrmte das Ministerium. Die Regierung nahm endlich Kenntnis davon, der Landtag sprach sich befrwortend aus. Die Eisenbahnlinie wurde genehmigt.-- Michael verfolgte die Berichte im "Greinauer Wochenblatt" eifrig. Man sah ihn jetzt fters am Gemeindekasten vor dem Brgermeisterhaus stehen und die Anschlge lesen. Vom Sllingerhgel aus konnte man das ganze hingebreitete Land bersehen. Da stand er auch. Und nicht selten. Oft sogar lange.-- An jenem Tag, da die amtliche Bekanntmachung von der Genehmigung der Eisenbahnlinie angeschlagen war, wandte er sich behend, wie von einer verhaltenen Freude ergriffen, herum und berblickte die Weiten. "Hm!--Jetzt!" stie er pltzlich heraus, nickte etliche Male und ging zuversichtlicher von dannen. Erst nachdem er in der Tr der Ferkelburg verschwunden war, trat der Brgermeister aus seinem Haus und heftete die Bekanntmachung der groen Versammlung im Gasthaus "Zur Post" in Greinau in den Kasten. Am darauffolgenden Sonntag war der Tanzsaal der Postwirtschaft zum Bersten voll. Die Bauern aus der Ganzen Umgebung waren zusammengestrmt. Die bejahende Entschlieung der Regierung wurde bekanntgegeben. Die ganze Versammlung brllte und klatschte begeistert. "Eine Bahn mu her!" erscholl von allen Seiten. Es gab schwere Rusche.-- Schon nach einer knappen Woche erschienen die Vermessungsbeamten im Dorf und wurden mit ehrwrdiger Neugier empfangen, durchschritten die Felder, steckten wei-rote Stangen auf, kamen immer nher an die Huser heran, zogen eine Linie durch Reinalthers Garten, ber das Gehft Sllingers hinweg.-- Die Hnde in den Hosentaschen, schweigend und gewichtig, sahen ihnen die Bauern erst zu. "Also so ging's?" fragte der Gleimhans einen Vermesser. "Jawohl, ganz so," erwiderte dieser und war schon wieder weiter. "Hm!" brummte der Gleimhans, hob den Kopf und sah den Reinalther verwundert an. "Mt also mein halber Garten weg?" sagte dieser und sah den Geometern nach. Die entfernten sich mehr und mehr. Weiter ging es--ber das Gehft Sllingers hinweg. "Hoi--Hoi! Da wr demnach das ganze Brgermeisterhaus im Weg!" stie jetzt der Reinalther fast entsetzt heraus und sah betroffen, mit offenem Maul, auf Gleimhans. "Das wird sauber!--Gibt's nicht!" schrie dieser wtend und straffte seine Gestalt. "Und--schau nur!--durch meine schnsten Grnd' gings'!" rief der Reinalther, als eben die Vermesser die Linie durch seine Weizenlande zogen, fustete seine Hnde drohend und polterte gleichfalls: "Gibt's nicht!" Und auf der Stelle gingen die beiden zum Sllinger hinauf und erhoben lebhaften Einspruch gegen dieses Vermessen. "Dein Haus soll weg! Dein Haus, Sllinger! Und unsere schnsten Grnd' wollen's!" schrie der Reinalther aufgebracht. Und der Gleimhans, der sich schon wieder ermannt hatte, sagte drohend: "Sollen kommen und mir durch meinen Acker bauen!" Der Brgermeister war wutrot his hinter die Ohren, schlug gewaltig in den Tisch und rief ebenfalls: "Gibt's nicht! Gleich morgen fahren wir zum Bezirksamtmann!" Als die beiden Bauern aus dem Brgermeisterhaus traten, stand Michael am Rande des Hgelrckens und sah den Vermessern gespannt nach. "Hm,--der Michl!" brummte erstaunt der Reinalther. "Den freut's, weil's ihm keine Grnd' nehmen knnen!" stie der Gleimhans wtend heraus.-- Das ganze Dorf war am nchsten Tag in Aufruhr. Man ri berall die wei-roten Stangen heraus, zerbrach sie. In aller Frhe schon fuhren Sllinger, der Gleimhans und Reinalther nach Greinau zum Bezirksamtmann und verlangten schimpfend eine sofortige Regelung der Angelegenheit. Sie schrien, fluchten und drohten zuletzt auf das gefhrlichste. Der Bezirksamtmann rannte erregt in seinem Arbeitszimmer auf und ab, gewann aber dann die Ruhe wieder und zuckte mit den Achseln: "Ja, meine Herren, wenn keiner durch seinen Acker die Linie laufen lt, dann gibt es eben keine Bahnstrecke!" "Wir pfeifen auf eine!" riefen die drei Bauern zugleich. Der Bezirksamtmann machte ihnen klar, da der Beschlu der Regierung nicht rckgngig gemacht werden knne, da doch angemessen entschdigt werde und da "die Herren der betreffenden Instanzen doch keine Kindskpfe seien und doch--" "Das ist uns gleich! Die Bahn kommt nicht! So nicht!" fuhr ihm der Sllinger ins Wort und vertrat starrkpfig den Standpunkt seiner Begleiter. Schlielich nach langem Hin und Her wurde beschlossen, eine Versammlung der "Eisenbahninteressenten" einzuberufen.-- Bis auf die Strae heraus standen am nchsten Sonntag die Bauern, die sich beim Postwirt in Greinau zusammengefunden hatten. Zeitweilig entstand ein gefhrliches Gedrnge nach der Saaltr. Furchtbar strmisch ging es zu. Ein Regierungsvertreter war erschienen. Er wurde niedergeschrien, als er betonte, da "wenn die Abgabe der Grnde nicht gutwillig geschhe, einfach abgeschtzt wrde." Einfach abgeschtzt!--Einfach abgeschtzt!!! Was sollte denn das heien? Etwa gar, da einem einfach die cker genommen wrden!? Die Bauern wurden wild, standen auf, richteten sich drohend gegen die Tribne. Die auf der Strae Stehenden zwngten sich gewaltsam herein. "Gibt's nicht!" schrie der ganze Chorus. Ein ungeheurer Lrm erhob sich. Alles machte Miene anzugreifen. Der Bezirksamtmann fuchtelte vllig ratlos mit den Armen. Der Assessor schwang wehrlos die Glocke. Es half alles nichts. Der Lrm wurde nur noch rger. "'naus!--'naus! 'naus aus unserm Gau!" brllte der ganze Saal. Saftige Grobheiten flogen den Herren da droben an den Kopf. Als nichts mehr auf die tobende Schar einwirken konnte, schrie der Bezirksamtmann heiser: "Die Versammlung ist geschlossen!" und verschwand eiligst mit dem Herrn von der Regierung. Die rebellischen Bauern wurden allmhlich wieder ruhiger, betranken sich weidlich und hielten die Sache fr gewonnen. Ohne besonderen Zwischenfall verliefen die nchsten Tage.-- In seinem Turmzimmer ging Michael auf und ab, blieb hie und da stehen, hob rasch den Kopf und lchelte schmal. Und frh am Morgen, him und wieder, schritt er her die nebeligen Felder.-- Inzwischen wurde der Bau der Eisenbahn im Landtag zum Beschlu erhoben. Soweit lie man sich noch ein, da man Sllingers Haus umkreiste. Dafr aber lief jetzt die Linie durch seine besten Getreidecker. Und war beschlossene Sache! Nchstes Frhjahr sollte die Strecke in Angriff genommen werden. Beim Sllinger liefen die amtlichen Schriftstcke ber die abzutretenden Grundstcke ein. Die Bauern standen vor den Anschlgen mit verbissenen Gesichtern, brummten und fluchten. Eine furchtbare Erbitterung hatte das ganze Dorf ergriffen. Aber es half alles nichts. Alles nichts! Und die Schtzpreise waren spottniedrig. Es gab kein Zurck mehr. Mimutig fgten sich die Bauern. "Eine Bahn! Eine Bahn! hat alles geschrien!--Jetzt haben wir's!" polterte der Gleimhans beim Lechl; "ich hab's immer schon gesagt: es kommt nichts Besseres nach! Wo man mit der Regierung zu tun hat, ist Schwindel!" Und die anderen, die am Tisch saen, sahen ihn finster an. Finster und besiegt, berlistet und ratlos. "Mssen ja doch! Hilft uns alles nichts!" brummte der Reinalther und spuckte wtend aus. Und manchmal sagte ein Verrgerter: "Ach was,--ich verkauf mein ganzes Zeug dem Jrgert und mach' ihm einen saftigen Preis! Dann kann der sich mit der Regierung herumstreiten!" Kaum einer--so schien es--hrte darauf. Aber dann wiederholte es sich des fteren. Schchtern klang es erst. Allmhlich erzeugte es nachdenkliche Gesichter und dann--dann sah man eines Tages den Reinalther aus der "Ferkelburg" herausgehen. Keiner fragte nach dem Grund dieses Besuches. Zwei-, dreimal wiederholte er sich und wieder einmal fuhr die schwarze Kutsche aus dem Tor der "Ferkelburg". Reinalther und Michael saen hinten drinnen, der Italiener auf dem Bock. Es ging Greinau zu. "Warum hast deine Alte nicht mitgenommen?" fragte Michael im Dahinfahren. "Brummt und brummt blo! Hat keinen Verstand fr so was!" antwortete der Bauer mit leichtem rger. "Hat's doch schn jetzt! Kann sich in die Stub'n sitzen und privatisieren!" meinte Michael fast ermunternd. "Freilich! Das hab ich ihr doch schon hundertmal gesagt! Aber sie meint halt immer: 'Der Feschl! Der Feschl--wenn er von der Fremd' kommt--knnt' eine schne Metzgerei aufmachen und hat jetzt auf einmal keine Heimat mehr!" redete der Reinalther in die Luft, als sprche er mit sich selbst. "Aber Geld hat er! Einen Batzen Geld!" erwiderte Michael darauf. Und der Bauer nickte: "Das mein' ich eben auch!" Nachdem sie das Notariat verlassen hatten, lag auf Michaels Gesicht eine freudig erregte Farbe. Er lud den Reinalther sogar zu einem richtigen Schmaus ein und der wurde nach dem zweiten Krug schon gesprchig. "Wren noch andere im Dorf, die ihr Zeug anbringen mchten, sag ich dir, Michl, brauchst dich blo dranmachen," schwatzte er vertraulich ber den Tisch. "Brauchen blo kommen,--alle nimm' ich!" gab ihm Michael zurck. ber Reinalthers Gesicht huschte eine wohlige Rte. Offen und richtig freundschaftlich betrachtete er seinen ehemaligen Knecht. "Wei dich noch, wie'st mein Knecht warst, Michl," erzhlte er, "htt'st dir auch den Buckl krumm gearbeit', wenn dein Amerikaner nicht ins Gras 'bissen htt'!" Und Michael nickte und schlo mit einem: "Jaja, so ist's auf der Welt hie und da!" Dann fuhren sie wieder ins Dorf zurck. Der Reinalther durfte in seinem Haus bleiben und sa von jetzt ab Tag fr Tag beim Simon Lechl in der Wirtsstube. Oft kam er angeheitert nach Hause. Dann brummte sein Weib: "Wirst noch grad so wie der ersoffene Jrgert." "Hab'ns doch, Alte! Hab'ns doch!" grhlte dann der Bauer bierselig heraus.-- V. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, griff die Vernderung der Sachlage mehr und mehr in das Leben eines Teiles der Drfler ein. Die Kleinhusler fristeten hierzulande ein hartes Dasein. Ihre krglichen Feldstreifen trugen wenig. Jeder von ihnen war gezwungen, zur Erntezeit und whrend des Winters, beim Holzen, bei den Bauern auf Taglohn zu arbeiten. Dieser Verdienst war, wie man sich auszudrcken pflegte, "zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel." Diesen Leuten kam der Bahnbau gelegen. Es gab ertrgliche Lhne dort. "Da hab ich meinen Batzen Geld, basta!--Und brauch' nicht bitten und betteln bei den Bauern," uerte sich der Fendt, dessen baufllige Htte am Dorfausgang stand. "Ich bleib' berhaupt nicht mehr da," sagte der Rieminger, "ich verkauf mein Husl dem Jrgertmichl und mach' eine Wscherei auf in der Stadt. Da hab' ich auf niemand aufzupassen!" Und so geschah's auch. Kaum ein halbes Jahr rann him, da hatte Michael auch das Fendthusl und den bauflligen Reishof gekauft. Die beiden Husler bekamen eine saftige Summe und konnten in ihren Husern bleiben. Michael verlangte nicht einmal Mietzins von ihnen. Das trug sich herum von Ohr zu Ohr. Mit einer gewissen Achtung sprach man davon.-- Der Bahnbau war in vollem Gange. Durch Gleimhansens cker trampelten die Arbeiter, dicht hinter dem Sllingergehft, in den Weizenlanden whlten sie den Kot aus der Erde. Mit verbissenen Gesichtern schauten die Bauern auf ihre verwsteten cker. Viel Fremdvolk war unter den Arbeitern. Italiener und Bhmen. Es gab Einbrche, nchtliche Raufereien und Messerstechereien.-- Die Sllingerin bekam die letzte lung. Nach einigen Tagen starb sie. Das ganze Dorf und viele Bauern aus der Umgebung standen um das Grab. Die Glocken trugen ihr Luten durch die Luft. Der Reinalther sagte beim Leichenschmaus im Wirtshaus zum Sllinger: "Was hast' von dei'm Leben, Brgermeister? Deine zwei Shn' sind ja doch schon stdtisch, da will keiner mehr an die Mistgabel und an den Pflug!" Finster sah der Sllinger ins Leere und erwiderte kein Wort. Seine zwei Shne, der Martin und der Joseph, saen da und schwiegen gleichfalls. Zwei flotte Burschen waren sie, sahen gar nicht mehr burisch aus, studierten in der Stadt und hatten runde, selbstbewute Gesichter, auf denen ein berheblicher Stolz glnzte. Der Brgermeister stand auf einmal auf und ging. Es war Erntezeit. Die Strae fhrte an den ehemaligen Reinaltherfeldern vorbei und an der Breite des Ignatz Reis. Da arbeiteten die Knechte Michaels und der Italiener beaufsichtigte sie. Er war ein schweigsamer, finsterer Geselle mit unheimlich tiefglimmenden Augen. Wenn er wo auftauchte, griffen alle unwillkrlich hastiger zu. Der Sllinger blieb einen Augenblick stehen, bi die Zhne aufeinander und schlug, weitergehend, den Hirschgriffstock fester auf den Boden.-- Den Michael sah man jetzt tagsber fast nie. Nur am Abend stelzte er her den Sllingerhgel, blieb manchmal stehen und sah wie prfend der Bahnlinie nach. Gebckt ging er. Er trug meistens einen breiten Mantel und hielt einen Stock in der Rechten. Manchmal wenn ein Heimkehrender an ihm vorbeiging, lag ein verglommenes Lcheln auf seinen faltigen Zgen. Pltzlich aber verfinsterten sie sich, sein Kopf senkte sich und hastig trottete er weiter. Einmal traf es sich, da er dem Sllinger begegnete. Er blieb fest stehen und sah dem Bauern lauernd in die Augen. Es war gerade an der Stelle, wo der Bahndamm sich hob, nah' am Bachbrcklein. "Grad' deine schnsten cker haben's hergenommen," sagte Michael. "Hm!" nickte der Brgermeister und wute nicht, wo er hinschauensollte. "Wirst alt jetzt, Sllinger! Gib's her, dein Anwesen!" begann Michael wieder. Der Bauer schttelte nur den Kopf strrisch und ging wortlos weiter. Aber dieses Mal sah Michael noch tief in der Nacht die Stubenfenster im Brgermeisterhaus leuchten. Einige Tage spter geriet der Heustadel hinter dem Sllingerhof in Brand und nur mit Mhe konnte die Feuerwehr das berschlagen der Flamme aufs Bauernhaus verhindern. Der Italiener Rotti und der Bhme Zdrenka hatten es auf die Brgermeister-Magd abgesehen. In einer Nacht erstach der Bhme den Italiener. Zwei Gendarmen von Greinau kamen. Unruhig wurde es im Sllingerhaus. Der Brgermeister schlug wtend auf den Tisch: "Ich mag nicht mehr!" Und resolut rannte er zur Tr hinaus, geradewegs auf die "Ferkelburg" zu. Michael empfing ihn freundlich und ruhig. Er bot eine Summe, da der Bauer seine Augen weit aufri. Der Handel kam zustande. Der Sllinger gab sein Brgermeisteramt auf und zog zum Schmied. "Verkauf deine Kalupp'!" sagten jetzt jeden Abend der Reinalther und er in der Lechlstube zum griesgrmigen Gleimhans. "Hast deine Ruh' und einen schnen Batzen Geld und der Michl lt dich drinn, solang als du willst!" bekrftigte der Lechlwirt. "Solang' ich leb, nicht!" gab der Gleimhans einsilbig zurck und schttelte beharrlich den Kopf.-- Michael kaufte das Schmiedanwesen. Der Schmied zog in die Stadt.-- "Kauft das ganze Dorf," brummte der Gleimhans, "und hat uns zuletzt alle in der Mausfall'n!" "Soll er, wenn's ihm gefllt!--Er kann sich's leisten, zahlt gut und ist nicht zuwider!--Lt mit sich reden!" verteidigten der Wirt und der Reinalther den Herrn von der "Ferkelburg". Und dumpf nickte der Sllinger.-- Aber am nchsten Tag trat Michael ins Reinaltherhaus. Der Bauer empfing ihn aufgerumt und freundlich, ohne jegliches Arg. "Im Frhjahr mt's raus! Hab' einen Pchter," sagte da auf einmal Michael kurz. Dem Bauern gab es einen Ruck. Er sah ihn gro an. "Bringt aber sein Zeug schon bernchst's Monat!" sagte Michael wieder und wandte sich zum Gehen. Der Reinalther wurde jh bleich. Sein Kinn bebte. Seine Unterlippe rutschte etwas herunter. Hilflos und bittend sah er auf Michael. "Geht's gar nicht, da wir die paar Kammern hinten kriegen knnten und bleiben drfen!" brachte er kleinlaut heraus. Michael schttelte schweigend den Kopf. "Gar nicht?" Michael drehte sich um, sah ihn kalt an: "Knnt's ja am End zum Schmied einzieh'n. Obenauf sind noch drei Kammern. Nachher seid's mit'm Sllinger beieinand! berleg' dir's und la mir's wissen!" Und ehe der Bauer etwas erwidern konnte, war er drauen. Eine Weile stand der Reinalther wie besinnungslos da. Dann ging er zum Lechlwirt hinber. Der Gleimhans und der Sllinger saen da. Schchtern und ganz von auen herum erkundigte sich Reinalther nach den Rumlichkeiten im Schmiedhaus. "Mut' raus?" fragte der Lechl. Stumm nickte der Befragte. "Ins Schmiedhaus?" "Schier," erwiderte der Bauer und setzte hinzu: "Hat einen Pchter frs Frhjahr." Gleimhansens Augen glnzten listig. Er hob den Kopf und lchelte schadenfroh. "Vom Schmiedhaus ist gar nicht mehr weit ins Gemeindehaus!" warf er boshaft him. Der Sllinger rckte sein Gesicht empor. "Ja--!" sagte der Gleimhans, ihn messend, "samt eurem Geld jagt er Euch in die Mausfall'n, wenn's ihm pat!" Die beiden anderen Bauern saen dumpf da und starrten schweigend ins Leere. Der eine erhob sich, und der andere. Und beide gingen ohne ein Wort.-- VI. Wiederholte Male hatte Michael zum Gleimhans geschickt. Er selbst kam, der Italiener kam, die Magd kam. Es half alles nichts. Der Bauer gab sein Anwesen nicht her. "Wenn nochmal einer kommt, kann er seine Knochen vor der Tr zusammenkratzen!" brllte er das letztemal wild. Es kam keiner mehr. Michael hatte nach und nach das ganze Dorf aufgekauft. Die Gehfte und Huser lagen brach und still da. Die ehemaligen Besitzer waren entweder fortgezogen, gestorben oder arbeiteten gegen Taglohn auf der Bahnstrecke. Die Grundstcke wurden von den Ferkelburgleuten beackert, bebaut und bewirtschaftet. Im ehemaligen Reishof logierte eine Hausiererin und fhrte einen Kramladen. In den sonstigen Husern wohnten Arbeiter oder auch die frheren Besitzer, gingen in der Frhe heraus und abends hinein. Die Mauern brckelten ab, die Grten verwahrlosten, alles lag verdet und ruinenhaft da. Michael selbst sa den ganzen Tag in seinem Turmzimmer, her die Protokolle und Urkunden gebeugt, die er beim jedesmaligen Kauf eines Anwesens vom Notariat ausgehndigt bekam. Nur der Italiener und die Magd, die ihm das Essen brachte, sahen ihn. Alt und verfallen sah er aus. Zusammengeschrumpft war seine Gestalt. Nachts, wenn der Mond silbern her die Talmulde glitt, stand er am Turmfenster und berschaute seinen Besitz. Dann glomm manchmal in seinen Augen etwas wie Triumph. Nur wenn sein Blick auf das Gleim-Anwesen fiel, wurde es finster auf seinem Gesicht.-- Aus der Erde brach der Frhling. Die Magd kam zum Reinalther und brachte die Botschaft, der Bauer solle sich zum Ausziehen bereitmachen. "Jaja, in Gott's Nam'! Sagt's nur, ich will ins Schmiedhaus!" gab ihr der Bauer als Antwort mit in die "Ferkelburg". Am selben Tag trottete Michael eilsam auf den Kramladen zu und verschwand scheu in dessen Tr. Die Krmerin schrak frmlich zusammen, als er so dastand. Aus einem grauenhaft gelben Gesicht starrten verkohlte Augen auf sie. "Gib mir zwei Kalbstrick, Irlingerin, aber gute!" sagte Michael kurz. Die Krmerin legte einen Packen Stricke hin. Michael prfte sorgfltig einen um den andern. "Die!" stie er hastig heraus, warf das Geld him und nahm zwei Stricke. "Tragen denn gleich zwei Kh' diesmal?" fragte die Krmerin endlich. Aber Michael nickte nur und ging. Eilig stelzte er durchs Dorf. Als er die Tr seines Turmzimmers zuschlo, zog er die Stricke aus seiner Brusttasche, prfte sie nochmal und legte sie in den Schrank, schlo ab. Offenbar befriedigt atmete er auf, trat an den Schreibtisch und las wieder die Urkunden.-- Gegen Abend kam der Pfarrer, der lange nicht mehr dagewesen war, in die Ferkelburg. Mitrauisch und etwas verwirrt empfing ihn Michael. "Das Kloster Sankt Marien mchte den Sllingerhof, Michl?" sagte nach einer Weile Schweigens der Geistliche. Michael schttelte den Kopf. "Ist nicht recht, da alles so tot daliegt, Michl!" ermahnte der Pfarrer. "So?" sagte Michael hartnckig, und seine Falten zuckten fast hhnisch. "Wirst ein alter Mann, Michl! Was tust mit den vielen Husern!" murmelte der Geistliche hilfloser. "G'richt halten!" stie Michael gedmpft heraus und heftete seine Blicke funkelnd auf den Pfarrer. Der stand beklommen da und atmete schwer. "Unser Herrgott wird dir Dank wissen, Michl!" fand er endlich das Wort wieder und erinnerte abermals an den Sllingerhof. "Steht zu arg in der Sonn'", murmelte Michael noch leiser und unheimlich heraus, "und wirft mir den ganzen Schatten in die unteren Stuben!" Er stand gespannt da, bewegte sich nicht. Der Geistliche wurde pltzlich bla, als er das eingeschrumpfte, gelbe Gesicht im matten Licht sah. Jetzt funkelten Michaels Augen wieder und seine Lippen gingen auf und zu: "Hat einmal meinem Vater gehrt, nicht?! ... Und der Sllinger hat es ihm abgekauft, nicht?! ... Und--der Gleimhans hat ihm Geld 'geben. --Vieh hat er dazumal geschachert, der Sllinger, nicht?! Und-und hat's meinem Vater langsam abgekauft--langsam, nicht?! ... War ja ein Httl, damals--nicht!?--" Er hielt inne. Der Pfarrer stand wortlos da. "Und nachher hat er das Saufen angefangen, mein Vater, nicht?!" keuchte Michael fortfahrend heraus: "Und dann haben's meine Mutter ins Gemeindehaus, und--und nachher haben sie sie auslogiert--ist gestorben, weil unsere Kuh krepiert ist! Hat's nicht mehr erleben knnen ... nicht!?"-- Jetzt stockte er pltzlich, hielt die Worte zurck und erbleichte. Wieder bohrte er seine mitrauischen Blicke in das Gesicht des Pfarrers. Eine Unruhe fieberte auf seinen Falten. Auf einmal, ohne des Pfarrers zu achten, stie er heraus: "So dunkel ist's da unterm Turm wie im Gemeindehaus bei meiner Mutter dazumal....!?"-- "Michl!" rief der Pfarrer nur mehr. Dann ging er.-- Michael stand eine Zeitlang in der gleichen Haltung da, dann zuckte er erschreckt zusammen und brach in seinen Lehnstuhl. Spter rief er den Italiener. Es war schon Nacht drauen. Er steckte die Kerze an und zog die dichte Gardine vor. "Hast immer geladen in der Sandgrube, nicht?" fragte er den Italiener. Der nickte. "Bist krank, Guisepp'! Mut Ruh' haben," redete Michael gut auf ihn ein und lie ihn nicht aus den Augen. Guiseppe stand verlegen und verstndnislos da. "Das Sllingerhaus da drben, Guisepp', das soll dir gehren, wenn'st --wenn'st nochmal sprengst, blo mehr dies einzige Mal!" sagte Michael aschfahl und ffnete seinen Schreibtisch, legte drei Pulverscke aufs Pult. Der Italiener starrte ihn gro und schweigend an. Als dies Michael bemerkte, sprudelte er fast bittend und hastig heraus: "Haben dich nie erwischt, Guisepp', nie! Hast dich immer rausgemacht--wirst's auch diesmal fertigbringen!"-- Und dann setzte er ihm den Plan auseinander. Mitten im Gesprch horchte er jh auf. Fern aus dem Dorf hrte man Wagengeknatter und "H"-Rufe. Der Gleimhans fuhr die Habe Reinalthers ins Schmiedhaus. "Geh!" sagte Michael hastig zum Italiener. Mechanisch verlie dieser das Zimmer.-- Bis tief in die Nacht hinein schleppten der Gleimhans, der Sllinger und die Reinalther-Eheleute die Mbel in die wackeligen Kammern im ersten Stock des Schmiedhauses. Es war eine windige, unruhige, stockdunkle Nacht. Manchmal trug eine Windwelle Laute und abgerissene Stze herber zur "Ferkelburg". Michael ging zitternd im Turm auf und ab. Auf und ab. Von Zeit zu Zeit neigte er sich ber den Schreibtisch und schrieb noch ein Wort oder einen Satz auf einen aufgeschlagenen Bogen Papier. Jetzt ri der Wind die Schlge der Kirchturmuhr auseinander. Michael tappte ans Fenster, hob die Gardine ganz schmal beiseite und band den Strick an den Fenstergriff. Und sah scharf und sphend ins Dunkel hinaus. Da krachte es furchtbar. Ein riesiger Feuerklumpen brach in der Gegend des Schmiedhauses schleudernd in die Schwrze der Nacht.-- Und um die runde Anhhe hetzte eine lange Gestalt auf die Ferkelburg zu. Michael fate den Strick und legte seinen Hals in die Schlinge. Dann brach er ins Knie und hob seine ineinandergerungenen Hnde zur Hhe. Sank.-- Mit jener grauenhaften Blsse, die oft jh von furchtbarer Ahnung Erschtterte befllt, sagte der Pfarrer am andern Tag vor der Leiche des Erhngten: "Alle Dinge sind eitel!" Und hob den Blick gen Himmel. Auf dem Schreibtisch lag ein Testament, das Guiseppe die ganzen Besitzungen und Hinterlassenschaften Michaels zuerkannte.-- EIN DUMMER MENSCH I. Seltsam sind Menschenwege. Kalt ist der Winter, hei der Sommer, die Zeit luft weg und Alter und Verbitterung hocken in den Knochen, eh' man sich richtig umsieht. Und schlielich--was ist's gewesen, wenn man nachdenkt?-- Misere, Misere, Misere! Zufall ist alles--und nichts.-- Vor zweieinhalb Monaten noch--hol der Teufel diese kalten, widerwrtig regnerischen Herbsttage!--trottete Adam Hgl verdrielich durch die dumpfen Straen, berlas ein um das anderemal die Karte des Arbeitsamtes, die ihm anbefahl, da er sich beim Kranenwerk als Erdarbeiter zu melden htte, zerknllte sie ebensooft in der Tasche und trat gedankenlos in die Kneipe der engagementslosen Artisten "Zur wilden Rosa." Widerlich, wie er jetzt auf einmal noch qulender die kalte Nsse an seinen Gliedern herabrieseln fhlte! Und ausgerechnet mute noch dazu die selbstspielende Geige unausgesetzt kratzen, da es durch Mark und Bein ging! Die rauchige Luft war zum Schneiden dick hier und ein Lrm herrschte an allen Tischen wie auf einem Jahrmarkt. Knirschend und ohne sich um die geschwtzige Gesellschaft zu kmmern, lie sich der Eingetretene auf einen Stuhl fallen und schwang seinen patschnassen Hut ein paarmal derart wtend him und her, da die herausgepeitschten Tropfen wie aus einem Weihwasserpinsel herumflogen. "Pilsner oder Most?" schrie der Kellner her die Kpfe hinweg. "Pilsner!" brummte Hgl finster zurck und machte sich breit. "Hoho!" murrte jemand beinahe drohend am Tisch, und rgerliche Gesichter hoben sich. Auf einmal rief eine bekannte Stimme: "Mensch! Hgl!" und Adam Hgl sah verwundert auf. "Hgl! Mensch! Adam!" schrie es abermals und ein Herr mit rundem, lachendem Gesicht tauchte an der anderen Tischseite auf, beugte sich behend in die gedrngten Leute: "Erinnerst du dich? Krull, vierte Kompagnie, Zimmer achtundzwanzig!? Bauchreden!" Adam Hgl faltete schnell die Stirn. Ja, es stimmte: Im Zimmer achtundzwanzig der vierten Kompagnie lag er neben Ferdinand Krull und betrieb als Liebhaberei die gelegentlich erlernte Kunst des Bauchredens. Er entsann sich ganz deutlich, und unwillkrlich, fast von selbst entquollen ihm einige Laute. Er sa gerade aufgerichtet da, mitten im pltzlich verstummten Kreis der Gesichter, mit geschlossenem Mund--nur der herausgedrckte Punkt seines Halses bewegte sich etwas auf und ab--und tief unten in seinem Bauch redete es. "Mensch, du kannst noch!? Komm sofort mit! Du wirst meine beste Nummer!" jubelte jetzt der ehemalige Barkellner Ferdinand Krull, und ehe die verblffte Schar sich's richtig versah, trabten die beiden eilsamen Schrittes aus der Kneipe, stiegen in das bereitstehende Auto und weg waren sie.-- Am selben Abend schon stand Adam Hgl auf der grell beleuchteten, gerumigen Bhne des Krullschen "Paradies-Kasinos" und johlte seine Bauchstimmen-Witze in das bunte, glnzende Publikum, das sich allabendlich hier zusammenfand. Flchtig zurechtgemacht, im zu groen, faltigen Frack des beleibteren Krull, mit viel zu weitem Kragen, der sich wie ein schmaler weier Kummet um seinen drren, langen Hals wand, in einer karierten, schnrenden Weste, einer billigen gestreiften Hose und den qulend drckenden Lackschuhen des Wirtes--so stand Adam Hgl, eine beachtete, wichtig gewordene Einzelperson,--wie aus einer tiefen sumpfigen Finsternis pltzlich auf einen strahlenden, weithin sichtbaren Gipfel gehoben--inmitten der sorglosen, groen, prchtigen Welt. Musik fiel ein, suselte se, schmeichelnde Melodien durch den Raum, tuschte, brach ab--der Vorhang peitschte in die Hhe. Vereinzeltes Sthlercken noch, leise verschwingendes Glserklirren und andchtige Stille minutenlang. Adam Hgl ri die Augen weit auf. In der blauberleuchteten, abgedmpften Zuschauergruft tauchten puppige Herrenrcken auf, khngekleidete Damen, ebenmige, gepflegte, wunderbar abgetnte Gesichter und lange, glitzernd beringte Hnde mit Elfenbeinfarbene Nacken bogen sich waghalsig. Herausfordernde, runde, nackte Arme bewegten sich lssig undentblte, leicht gertete Brste hoben und senkten sich wie weiche, mrchenseltsame Lichtflchen, die ein fchelnder Wind arglos um schwirrte.-- Mit Gewalt mute Adam Hgl an sich halten. Der Atem stand ihm still. Schwei war auf seiner Stirn. Mhsam prete er endlich die ersten Laute heraus. Es rkelte. Sein Herz klopfte auf einmal wie im Galopp. Mit ganzer Kraft straffte er sich, grhlte unbeholfen den ersten Witz heraus, begann ohne Zwischenpause den zweiten. Es rkelte schon wieder. Seine Knie begannen zu schlottern. Er bi die Zhne fest aufeinander, prete--prete die Laute, die auf der Kehle saen, wieder zurck, hinunter in den Bauch und hatte endlich den zweiten Witz. Das Rkeln verstrkte sich, verflachte zu einer allgemeinen Bewegung. Schon drohte er umzufallen--da brach ein berstender, frenetischer Jubel her ihn her, ein Gelchter wie aus einer vielstimmigen Riesentrompete, ein betubendes Klatschen, als sei hoch auf einem Berge die Schleuse eines gehemmten Flusses mit einem Male jh aufgerissen worden und die ganze Wasserlast falle sausend in die Tiefe. Er war gerettet. Er atmete auf, hielt inne, lie den Jubel verrauschen und jetzt flo sein ganzer Mut und Witz berckend sicher aus ihm heraus, hinab in die Gruft und wieder zurck an seine schweinasse Brust wie verhundertfachter, brausender Dank. Er hatte gesiegt. Einen solchen aus allen Geleisen geratenen Beifall hatte das "Paradies-Kasino" noch nie erlebt.-- Vollkommen erschpft schleppte sich Adam Hgl am Arm seines ehemaligen Regimentskameraden immer wieder durch die getrmten Blumenhaufen, vor bis an die Rampe, kaum noch fhig, sich zu verbeugen. Und immer, immer wieder zuckte der Vorhang, fuhr sausend auseinander und in die Hhe. Zuletzt sah es aus, als htten sich alle Menschen da unten bereinandergeworfen und in das wste, kreischende Plrren mischte sich endlich die Musik undschwoll an zu einem mchtigen Choral. Und regelmiger, breit und den ganzen Raum erbeben lassend sang es aus allen Kehlen zur Hhe: "Ooo du Pa--a--aradies! Pa--a-aradies --Kasi--ino--o--o!" da Adam Hgl buchstblich wie halbtot seinem Kameraden in die Arme sank und aus tiefstem Glck erschttert auf johlte: "Pa--a--aradies!"-- Einige Tage spter konnte er an allen Litfassulen in halbmetergroen Buchstaben seinen Namen lesen und darunter stand: "Die groe Nummer". Und jeden Abend erntete er den gleichen Beifall. Schon in der Mitte des zweiten Monats war auf allen Plakaten, quer her "Die groe Nummer" geklebt, zu lesen: "Zum dritten Male prolongiert!"-- II. Ohne es selber recht innezuwerden, rckte Adam Hgl in eine andere Menschen schicht hinauf. Er trug nunmehr seidegeftterte Anzge der besten Schneider, ging mit gelassener Selbstsicherheit durch die Straen und grte mit ausnehmender Vorliebe auffllig gestikulierend und so geruschvoll, da alles stehen blieb und lachen mute, vornehme Gste des "Paradies-Kasinos". Fast jeden Abend nach seinem Auftreten sa er an irgendeinem Tisch, inmitten einer fidelen Gesellschaft, trank je nach der Art seiner Gastgeber entweder herablassend beilufig oder mit einigen Brusttnen lobender Aufmerksamkeit ltesten Wein, Bekanntesten franzsischen Sekt, jeden Nerv kitzelnde Likre und sog, immer witzgerecht, mit gebt buerlicher, biederer Bescheidenheit alle Bewunderung der Gste in sich hinein. Seine berechnete Natrlichkeit wirkte bestechend bei Damen, alten Lebemnnern und Industriellen. Er zotete, wenn ihn ein abflliger, herabmindernder Witz traf, her alles hinweg mit jenerunerschtterlichen, nie angreifbaren, hmischen Trockenheit, die entwaffnet. Mit dem ganzen unterdrckten Instinkt eines Menschen, demdie Angst vor dem Wiederzurcksinken in den Sumpf Spannkraft gibt, beobachtete er, erwog die Mglichkeiten neuer Bekanntschaften, erlistetesich notwendige Gebrden und Manieren, machte sich gutwirkende Kniffe zunutze und galt bald als der gewiegteste Weinkenner und groartigste, bewunderungswrdigste Zecher, mit dem es eine Lust war, Gelage zu halten. Freilich, es gab auch Abende ohne Einladung, wo er am Knstlertisch in der zerwetzten Nische sa und sich mit Kollegen und Kolleginnen, die mit ihm das Programm ausfllten, unterhielt. Artisten aus aller Herren Lnder, dicke Sngerinnen, zierliche Chansonetten und schwergebaute Ringkmpfer waren da. Intrigen, Neid und Intimitten gab es da, Vertraulichkeiten und Klatsch. Mit teilweise unverhohlenem oder auch leisem, verstecktem, stechendem Spott sahen diese weltbereisten, mit allen Wassern gewaschenen Leute auf den Neuling herab. Es war unerquicklich und feindselig in dieser Nische, alles deutete zurck in die Misere. Drauen, im Zuschauerraum, vertrugen sich die dickaufgetragenen Freundlichkeiten vorbergehender Kollegen fast lcherlich leicht. Whrend er nicht selten, wenn er spt nachts den Knstlertisch verlassen hatte und heimwrts ging, zukunftsbesorgt und entmutigt war, lebte er als Gast an den Tischen der Kasinobesucher stets auf, schaute den vorbergehenden Kollegen khn und dreist in die Augen, warf ihnen treffsichere Zoten zu und lchelte unverschmt, wenn er auf ihren Gesichtern die nur schwer zurckgehaltene Wut aufsteigen sah. Hier, in diesem Meer, dessen Wellen ihn unausgesetzt emporhoben, fhlte er sich vllig geborgen, unverfolgbar und mchtig. Adam Hgl war kein Optimist. "Nichts dauert ewig und jeder mu sich nach der Decke strecken," sagte er bei jeder Gelegenheit mit leiser Ironie, doch handelte er danach. Gelegentlich eines wsten Gelages mit dem Millionr van Haarskerk und seiner Gesellschaft in einem abgedmpften Hinterraum des Paradies-Kasinos lie er sich kaltes Wasser kbelweise her den Kopf schtten, spielte mit Meisterschaft den vllig Betrunkenen, trank gesalzenen Sekt ohne eine Miene zu verziehen, ertrug zur Steigerung des Vergngens viele, viele Ste in den hingehaltenen Bauch und tanzte zuguterletzt patschig und negerhaft wie ein Eunuch im Hemd herum, da sich die ganze Gesellschaft vor Lachen wlzte. Von da ab sa er jeden Abend am Tische van Haarskerks, duzte sich mit diesem. Der Millionr war eine besondere Art von Mensch, Er hatte der kleinen Kabarett-Diva Yvonne eine Villa drauen an der Peripherie der Stadt gebaut und vertrieb sich die Zeit damit, mit ihren frheren Bekannten Gelage zu halten, ausgesuchte Gerichte zu kochen und Autotouren zu machen. Durch sein Verhltnis mit der Diva war er im Laufe einer ganz kurzen Frist zu einer Art Stadtbekanntheit geworden. Meistens kam er mit zwei oder drei vollbesetzten Autos im Paradies-Kasino an. Allerhand zweifelhaft gekleidete Leute begleiteten ihn, alles frhere Geliebte Yvonnes--: abgewirtschaftete Studenten, die sich Dichter nannten, einige Kunstmaler, ehemalige Kabarettleute, undefinierbare Witzbolde und schlielich noch einige Herren, die stets neueste Mode am Leibe trugen, gepudert waren und das Einglas ins Auge geklemmt hatten. Nach Schlu der Vorstellung fuhr man nicht selten mit noch Hinzugekommenen, momentan die Langeweile vertreibenden Eingeladenen nach Hause, um dort weiterzutrinken, zu diskutieren oder Bakkarat zu spielen, his die Frhe fahl ihr Licht durch das dicke Glasdach des Wintergartens auf die Zecher herabfallen lie. Adam Hgl fate festesten Fu in diesem Hause, ja, zhlte geradezu zur Familie, lernte fabelhafte Tafeln kennen, berschttete die gelassene Gleichgltigkeit, mit der man hier Unsummen in die Spieltischmitte schob und wieder wegzog, mit seinen herabmindernden Spen, trank ebenso whlerisch wie selbstverstndlich Whisky pur wie Kognak von 1875, Mit dem ihm eigenen Geschick sekundierte er, wenn Yvonne ihre tausendmal erzhlten Bettgeschichten und anzglichen Witze erzhlte. Sein trainiertes Gelchter ri jedesmal mit und erleichterte den nur mit Mhe die Langeweile verbergenden, devot Beifall spendenden Gnstlingen ihre schwierige Aufgabe auf das angenehmste. Oft und oft kam es vor, da die berreizte Diva eine Vase durch eine Glastr warf, Unheil stand drohend--da auf einmal trompetete das Lachen Hgls und glttete im Nu den Sturm. Es gab Nchte in diesem Hause mit ihm, die begannen mit einem wsten Balgen zwischen Yvonne und van Haarskerk, mit einem Zusammenschlagen kostbarster chinesicher Zierrate, mit einem Demolieren von Tren und Mbeln und endeten wie etwa eine unvergleichlich lustige Sylvesterfeier. Hier war ein reicher Fischplatz. Adam Hgl warf vorsichtig seine Angeln und Netze aus.-- "Denn nichts dauert ewig und jeder mu sich nach der Decke strecken!" III. Die Tage und die Nchte liefen davon. Viel zu schnell. Sie schwebten vorbei, ohne sich voneinander zu unterscheiden. Es war ein unaufhaltsames Flieen. Es gab keinen festen Punkt, kein Nachdenken, keinen Widerstand. Allmhlich, mit jedem Tag bemerkbarer, lie der Beifall nach. Es brach jetzt kein pltzliches Gelchter mehr aus. Es war keine Stille mehr in der Zuschauergruft, wenn Hgl auftrat. Man sandte auch kein resolutes "Pst!" mehr aus aufmerksamen, lauschenden Tischen, wenn die Kellner servierten. Gelangweilte Gesichter sah man ringsum. Es schwtzte jedermann whrend des Vertrags. Wie ein bses Gewissen rieselte durch den erschauernden Krper jene penetrante Peinlichkeit, die immer einsetzt, wenn man sich hilflos einer strkeren Macht gegenbersieht und es sich nicht eingestehen will. Es war acht Tage vor dem Ende des dritten Monats, und nichts wieder hatte Krull von abermaliger Prolongierung erwhnt. Adam Hgl stand benommen hinter dem eben herabgefallenen Vorhang und wischte sich den Schwei von der Stirn. Es klatschte mig. Der Vorhang zuckte fast mitleidig und wurde rasch noch einmal hochgezogen. Es klatschte etwas mehr, als Hgl dankte. Der Vorhang fiel wieder herab. Bagg--bagg--bagg --bagg!--schon schwammen die Redegerusche, das Klirren der Glser, das Sthlercken und Surren der Ventilatoren darber hinweg, und alles verebbte zu einem gleichmigen Gepltscher. In acht Tagen vielleicht stand Krull, der in der letzten Zeitmerkwrdig schchtern auswich und sich selten sehen lie, vor ihm und sagte ungefhr: "Adam, du weit! Mein Publikum will Abwechslung. Ichbin Wirt, ich mu mich nach ihm richten." Man war ihn satt!--Er konnte wo anders hingehen?--Schlielich--er hatte noch etwas Geld, Anzge. Es ging eine Zeitlang. Dann?-- Der Boden schwankte, man glitt aus, man lie sich dahintreiben, dumpf und verbittert auf einen nchsten jhen Zufall wartend. Die fast mrchenhafte Leichtigkeit, mit der man her Nacht so hoch getragen worden war, hatte die Energie vernichtet.--Adam Hgl knirschte und sah scheu rundherum. Die Angst kam von der Magengegend zur Gurgel heraufgekrochen. Mit einem Ruck ri er sich zusammen und schritt zur Tr. Da kam der schlanke Kellner und bat ihn in die Loge des Millionrs. Er atmete erleichtert auf. "Ich komme gleich," sagte er schnell und ging in die Garderobe. Nach einigen Minuten schritt er die Logenreihen entlang und hatte schon wieder die breitlachende, humorvolle Miene, die man an ihm gewohnt war. Aus verschiedenen Tischen nickten ihm Leute grend zu, und scheinbar ganz in seligster Wonne erwiderte er. Die Haarskerksche Loge war wie gewhnlich gepfropft voll. Jeder der Herren lachte bereits das knallige Lachen Adam Hgls. Das gab Mut. Noch war man also nicht ausgelscht.-- "Ah--haha!!" krchzte der Millionr aufstehend und machte Platz. "Was machst du?" fragte Yvonne den Angekommenen. "Einen schlechten Eindruck," erwiderte Hgl trocken. Die Unterhaltung belebte sich, wurde aufdringlich laut. "Psst! Psst!" zischte es aus den gegenberliegenden Tischen, denn eben trat die neuengagierte Sngerin auf und trillerte die ersten Laute. "Ah--a--a--ah--ah--a--a--aa!" sang Hgl boshaft mit angestrengtester Kopfstimme nach und der ganze Tisch kreischte hellauf. "Psst! Psst!" Adam Hgl entdeckte mit einem flchtigen Blick drben in einer dunklen Ecke Krull mit finsterem Gesicht, wandte sich schnell wieder weg. "Ein Trteltubchen! Ein Tubchenturtel!" grhlte er sehr laut. "Ru--u--uhee! Psst!" brummte es noch energischer und emprt gehobene Gesichter tauchten auf. "Mistkfer! Schweinebande!" knirschte Yvonne dumpf in den Tisch und rief lauter: "Anton zahl'! Wir wollen gehen! Sofort!" Der Kellner kam eilends herangeflitzt. Sehr geruschvoll bezahlte der Millionr und die ganze Loge erhob sich. Alle tappten im Gnsemarsch knatternd auf den Ausgang zu. "Psst! Psst! Ru--uhe!" surrte es ihnen nach. An der Tr stand Krull, verbeugte sich devot und wollte entschuldigen. "Schon gut! Schon gut! Wir werden's uns merken!" schrie Yvonne und befahl resolut: "Kommt! Lat euch nicht aufhalten!" Der Trupp strzte hinaus. "Ich mchte heut' nur Hgl, Kotlehm und Raming, Anton! La die andern nach Hause fahren! Wir wollen unter uns sein!" sagte Yvonne vor dem Auto. Der Millionr rannte auf die anderen Begleiter zu, sagte ihnen dies, kam wieder zurck, stieg rasch ins volle Auto und gab das Zeichen zum Abfahren. "So sind alle Wirte, weit du! Pack! Pack!" schimpfte Yvonne whrend des Dahinfahrens. "Eben! Eben!" brummte Hgl in tiefem Ba. "Ein solches Miststck mit ihrem Geplrr! Na, ich danke!" "Eben! Eben!" sekundierte Hgl befriedigt. Der Maler Kotlehm lachte gewaltsam. "Und diese Presackbrste, pw! Diese Wurstfinger, h!" zeterte Yvonne. "Gulasch! Gulasch mit Kartoffel!" murmelte Hgl. Man lachte allenthalben. Yvonne warf ihre Arme hingerissen um Hgls Nacken und drckte ihr kaltes geschminktes Gesicht an seine Wange, kte ihn breit und feucht, da es schnalzte: "Hgl, Du bist mein Mann!" Die Stimmung war wiederhergestellt. "Was trinken wir?" fragte van Haarskerk. "Sekt! Sekt!--Ich mchte heute schwimmen im Sekt--und dann Whisky!" rief Yvonne emphatisch. Das Auto fuhr surrend durchs Tor. IV. Die Dienerschaft war zu Bett gegangen. Es war still. berall herrschte ein Geruch nach Zigaretten, Parfm und Alkohol. Man lie sich in die tiefen, nachgiebigen Fauteuils um den offenen Kamin im Rauchzimmer fallen. Jener Punkt war erreicht, wo alles de, langweilig, dumm und trist zu sein scheint. Die Stimmung war zweideutig und unentschieden. Es hie geschickt eine Krise zu vermeiden, die scharfen, vorgeschobenen Riffe der berreiztheit gewandt zu umsegeln. Noch zwei oder drei schweigende Minuten und man stand vielleicht auf, ghnte dsig und ging zu Bett--oder aber auch Yvonne stie zufllig mit dem Fu wo an, knirschte gehssig und schmi eine Vase kaputt. Es gab Skandal und alles war verloren, verhunzt. "Ich hab' Hunger," sagte Yvonne bereits bedrohlich. Adam Hgl ergriff die Gelegenheit und brummte trocken: "Ein frugales Mittelstck! Sehr richtig! Weder Frh--noch Nachtstck--ein Mittelstck, ein Stck in der Mitte!" Man lachte lahm. Der Maler Kotlehm und der Lyriker Raming bewegten sich etwas aufgefrischter: "Ja, das wre nicht dumm!" "Geht!" befahl Yvonne Hgl und dem Millionr. Die beiden waren aufgestanden. "Komm! Kommen Sie, Herr Kchenchef! Wir wollen--Na, die Herrschaften, na--na!?" trompetete Hgl in seinem breiten Ba, als er mit van Haarskerk in die Kche ging. Whrend der Hausherr eineinhalb Dutzend Eier kochte, schmierte Hgl Butterbrote, strich Kaviar darauf, schnitt Schinken und Seelachs. Der Sekt war bereits abgekhlt. Als er die Glser und das Tablett mit den Speisen in das Rauchzimmer trug, hatte sich Adam Hgl wieder ganz in der Gewalt und bediente behend wie ein Servierkellner. Man griff gierig zu, schmatzte. Die Stimmung hob sich. "Und ick?!--Ick hock mir ins Klosette rin und kotze alle Spucke rinn!--rinn!--rinn!--" johlte Hgl wie ein Grammophon mit wsserigem Mund. Und: "--rinn!--rinn!--" wiederholte der ganze Chorus. Zufllig warf der Millionr seine Eierschalen in groem Bogen zur Decke. Sie fielen in den Spiegel oberhalb des Kamins und zischten auseinander. Belustigt darber schleuderte Yvonne ihr Ei in die glitzernde Flche. Benng! klatschte es spritzend auseinander. Einen Moment gafften alle unschlssig. "Hoi--j! Hoi--j!" brllte Hgl unverblfft wie ein Ausrufer und warf ebenfalls sein Ei in den Spiegel. Das gefhrliche Riff war umschifft. Alles grhlte mit einem Male mitgerissen. Patsch--Patsch--Patsch! Jeder warf sein Ei in den Spiegel. Es klatschte um die Wette. Yvonne schttelte sich berstend. Adam Hgl hpfte vor Vergngen. Wie doch alles einfach ist!--"Das ist--um es richtig zu sagen--der Kampf mit dem Spiegel oder der verspritzte Eidotter auf dem Kamingesims!" plapperte Raming rlpsend. "Hahaha--ha! Der Lyriker wird witzig!" stichelte der Millionr. "Der Spiegelkrieg! Das Krieglspielchen! Das Spielchen mit dem Kriegl-Spiegl!" gluckerte Hgls Bauchstimme. Ein hemmungsloses Gelchter peitschte auf. Man trank berschnell und mit vollstem Behagen. Adam Hgls Gesicht glnzte triumphierend. Sehr gewandt spuckte er seinen Mund voll Sekt zur Decke. Ein dicker Strahl war's. Im Nu folgten die ndern. Die Stimmung hatte einen ersten Hhepunkt erreicht. Es galt, ihn zu halten. Adam Hgl begann zu zoten. --Dem Lyriker Raming gab der Millionr seit einem Jahr ein Stipendium, weil Yvonne dessen bastardhaft verfaltetes Gesicht gelegentlich einmal als "angeilend" bezeichnet hatte. Des Malers Kotlehm vulgre Schnheit entzckte die Diva dergestalt, da sie van Haarskerk veranlate, ihm ein Atelier zu bauen. Von anderen noch wute Adam Hgl, da sie betrchtliche Summen wegen eines Witzes oder dergleichen erhalten hatten. Und er hatte sich Wasser kbelweise her den Kopf schtten lassen. In den Bauch treten lassen! Und in acht Tagen?-- Raming rlpste, lie den Kopf haltlos auf seine Brust herabgleiten, sank zusammen und schlief ein. "Der ausgewundene Strumpf zieht sich in die Vorhaut zurck!" rief Hgl breit, berprfte unbemerkt die Gesichter der ndern. "Die Inspiration kommt im Schlaf!" warf der Millionr beilufig him. "Weit du, Anton," sagte die Diva schnell und aufgerumt, "ein Spielchen wre jetzt richtig angebracht!" "Ein Bakkarat?--Ja, das wr' jetzt sehr nett!" sagte der Maler Kotlehm ebenso. "Sehr richtig! Gewi die Damen! Gewi die Herren! Die Dammenherren, die Herrendammen!" plapperte Hgl und verbeugte sich wie ein Lakai: "Adam Hgl bernimmt die Saufregie, bitte, bitte meine Herrschaften, bitte!" Das Schnarchen Ramings sgte friedlich und gleichmig. Yvonne, Kotlehm und der Millionr setzten sich um das Spieltischchen, legten die Banknoten in die Mitte. "Prost, Herr Kunstmaler, Herr Kotstengel!" rief Hgl hmisch, hob das volle Sektglas und schluckte hastig den ganzen Inhalt hinunter. Van Haarskerk gab die Karten. Hgl, der nicht spielen konnte, ging auf und ab und brmmelte leise singend vor sich him. Von Zeit zu Zeit lugte er flchtig auf den getrmten Haufen der Banknoten, die sich in der Tischmitte sammelten. Lssig zog man die Scheine weg oder warf neue him. Mattblauer Tag lag schon auf den Gesimsen. Die Grten drauen bleichten. Stare zwitscherten leise auf. Tau stieg von der Erde hoch. Unbehaglich tappte Adam Hgl auf und ab, schielte manchmal auf die Spieler, dann wieder durch die Fenster. Lstig! Die Umstnde hatten einen kaltgestellt. Alles entglitt wieder.--Jetzt verspielte Kotlehm. Erwar darauf gekommen, an jenem Abend im abgedmpften Hinterraum des "Paradies-Kasinos", da man auch in den Bauch stoen knnte. Adam Hgl umspannte ihn unbemerkt mit seinen dsteren, hassenden Blicken. "A--ah--ach!" stie van Haarskerk mit boshafter Befriedigung heraus, als der Maler abermals einen Geldschein auf den Tisch warf. "Prost!" rief Hgl schadenfroh. "Donner und Doria!" lachte der Maler etwas nervs und legte die Karte auf den Tisch. Abermals Hundert! Adam Hgl lie eine saftige Zote vom Stapel. Yvonne lachte. Wie um sich zu wehren, nahm Kotlehm das Glas und schrie feldwebelmig: "He! Kuli! Einschenken!" Adam Hgl scho das Blut zu Kopf. Aber er fate sich schnell und hob die Karaffe: "Besser zielen!--Vorbeigeschissen!" Er zitterte ein wenig, als er eingo und schttete daneben. "Hehe! Du! Kuli!" schrie Kotlehm und stie ihn in den Bauch. Erquickt schnellte der Millionr auf, nahm ihm die Karaffe. Adam Hgl zog verwirrt die Schultern hoch. Van Haarskerk lachte stoweise und schttete den Rest ber seinen geduckten Schdel. Eiskalt rann der Sekt den Rcken herunter. Adam Hgl raffte seine letzen Krfte zusammen. Ratlosigkeit, Wut und Verzweiflung standen auf einmal da. Wie von schwirrenden Peitschen umsummt brummte der zerrttete Kopf.-- Er drohte zu fallen, drckte noch einmal mit ganzer Gewalt den Bauch heraus und grunzte endlich wieder. Wieder bellte das Gelchter. Der Maler Kotlehm sprang auf und fuchtelte mit den Armen herum wie ein peitschenschwingender Tierbndiger. Das Spiel war zerrissen. Die neue Sensation hatte die Langeweile im Nu ausgelscht. Man umtanzte, umjohlte Adam Hgl, der wie ein blinder Br herumtappte. Gutgezielte Ste sausten in dessen Bauch. Van Haarskerk kam mit einer gefllten Karaffe, schttete, go, go. Adam Hgls Schuhe pfiffen. "Schurken! Sadistische Hunde!" schrie Yvonne machtlos in den betubenden Lrm. Raming hob schlfrig den Oberkrper und lie sich wieder zurckfallen. Das wste Gebrll zerspaltete die verrauchten Bume. Zwischendurch gluckste wie das Rcheln eines Verendenden Hgls Bauchstimme.--Heute noch! Noch einmal! Dann war vielleicht die Rettung da. Man war geborgen. Eine Nacht Wasser ber den Kopf--und keine Misere mehr.-- Die Hose platzte, als er sich bckte. Kotlehm ri das Hemd heraus. "Hoij! Hoij!" zischte es von allen Seiten. Man nahm Hgl in die Mitte und stampfte durch den Wintergarten ins Freie. Schwerfllig, plumpsig bewegte sich der Tro an den ersten Gemsebeeten vorbei. Der Millionr schob hinten, Kotlehm zog und zerrte an den Armen Hgls. Yvonne kreischte unaufhrlich. "A--ahach Mensch, la mich doch schnaufen!" sthnte Hgl und ri seinen Mund weit auf. Dicker Schwei rann ihm herunter. "Hoij! Hoij!" schrie es wieder. Zog, zerrte. Adam Hgl prustete, hauchte. Der Maler Kotlehm ri einen Rettich aus dem Gemsebeet und stopfte ihn mit aller Gewalt in Hgls Mund. Die Zhne krachten. Der Schlund kmpfte gegen das Ersticken. Blau lief der Kopf an. Adam Hgl stemmte sich wrgend, spuckte, erhob beide Arme furchtbar, stie in die leere Luft. Es war auf einmal frei um ihn. Wie Kettenlast fiel etwas ab. Der wachgewordene Krper straffte sich, als renne er stahlhart gegen eine Wand und stiee sie durch. So leicht atmete es sich. Eine groe Stille stand unfabar wei ringsherum.-- Nach langer Zeit, als er die Augen ffnete, saugte die Klte der feuchten Erde an allen seinen Gliedern. Er lag langgestreckt in einem Gemsebeet. Schmutz und Blut klebten auf seinen zerschundenen Wangen. Er schlo den Mund, schluckte. Die Gurgel wrgte. Ein wster Ekel stieg vom Magen auf.-- Wie eine gemeine, grne Qualle hockte das Haus in den zertrampelten Beeten. Das zrtliche Rot des frhen Tages beleckte die Fenster, die ausdruckslos vor sich hinglotzten. Es roch nach Verwesung.-- Taumelnd sprang er auf und rannte entsetzt aus dem Garten. Schwankend wie ein Wrack trieb er ber die Wiesen, der Stadt zu. Eine grliche Schwche fieberte in ihm. Angstvoll schleuderte er zuletzt seine Fe nach vorne, lief, lief, was er konnte. Erst als er die ersten Huser erreicht hatte, hielt er inne und wischte sich aufatmend Kot und Blut aus dem Gesicht. Ruhig und nchtern griff die Strae aus. Arbeiter gingen vorber und beachteten ihn kaum. Sie bewegten sich und redeten wie Menschen, die nichts anficht. Es strmte eine seltsame Festigkeit aus ihren Gebrden und Worten. Verlassen, nutzlos, ein jmmerlicher Wicht stand Adam Hgl da. Unerbittlich brach die Scham der letzten Wochen aus ihm, stieg, stieg. Bettelnd, hilflos blickte er auf alle Menschen. Endlich gab er sich einen Ruck und ging wieder weiter. Sein Gesicht bekam langsam eine grere Ausgeglichenheit. Fester, entschlossener, mit dem erleicherten Ernst eines Menschen, der sich durch eine groe Erschtterung die Ruhe wieder zurckerobert hat, schritt er frba.-- ABLAUF I. Man sagt, wenn sich die zwanziger Jahre aus einem Menschenleben winden, fangen die Reibungen an zwischen natrlichem Denken und dunklem Trieb. Es beginnt ein Aufruhr im Innern. ber die Dmme, die die Erziehung notdrftig aufgebaut hat, bricht das Blut und je nach der Festigkeit des Betroffenen folgt einer solchen Krise eine Zerrttung, ja nicht selten ein zeitweiser gnzlicher Zusammenbruch und nur langsam, unter Weh und Qual, stellt sich das Gleichgewicht wieder ein.-- Glcklich derjenige, der von frh auf Menschen, Bcher, Winke, Erfahrungen und Anleitungen kennenlernte, die seinen Horizont erweiterten und ihm einigermaen dazu verhalfen, solchen Erschtterungen nicht ganz wehrlos zu begegnen. Alle aber, die von Kind auf nichts anderes kennenlernen, als da dieser oder jener geschickte Handgriff, diese Finte oder jene schwer erlernbare Krperhaltung die Mhe der Arbeit erleichtern, haben wenig Zeit, sich gegen solche innere berflle zu wappnen. Es ist wahr, auch sie berwinden. Aber sie leiden mehr darunter und werden rger mitgenommen von solchen Qualen. Der Schmerz fllt hier mit schwererer Wucht nieder auf arglose, unvorbereitete Herzen. Die Jahre verflieen verbraucht und wenig sinnvoll fr solche Menschen. Sie stehen meist unvermerktmitten im Gestrpp pltzlich hervorbrechender Gefhle, kmpfen blindlings gegen ihre Dmonie, werden berwltigt davon und fallen schlielich in gnzliche Lethargie.-- Johann Krill fiel so in den Rachen der Welt. Sein Vater war Zimmermann auf einem Dorfe, seine Mutter Bauernmagd. Auf einmal war dieses Kind da und man mute notgedrungen heiraten. Man frettete sich gerade so durch gegen Taglohn. Wenn das Akkordmhen zur Erntezeit anfing, war es am besten. Zimmererarbeiten gab es wenig. Hin und wieder Baumfllen und Holzspalten im staatlichen Forst, das war ziemlich alles. Es hie eben: "Nicht krank sein!" und "Sich nach der Decke strecken!" --Kinder solcher Eltern, noch dazu "ledige", haben nichts Gutes bei den Bauern. Es heit aufstehen mit den Knechten um vier Uhr frh, zugreifen und den anderen an Flinkheit nichts nachgeben und den Mund halten. Die Knochen schmerzen am Anfang, aber das verliert sich mit der Zeit.-- Nach seiner Schulentlassung kam Johann zu einem Schlosser im nahen Marktflecken zur Lehre. Jetzt waren es Hammerstiele und Eisenstangen oder Wellblechstcke, mit denen man warf oder zuschlug. Und wehe, wenn der Vater eine Klage hrte! Sein Ochsenziemer, der stets neben dem Handtuch am Ofen hing, war furchtbar. Nun, es kam schlielich die Gesellenprfung und der Achtzehnjhrige ging auf die Wanderschaft. Als gutgelernter, sehniger Arbeiter landete er dann nach ungefhr fnf Jahren in dieser Stadt und fand Stellung in einer Fabrik. Es war ein Riesenwerk, man verdiente gut und hatte keinen schweren Posten geschnappt. An einem Abend--es war Sommer und Samstag--kam Johann in seinem Zimmer an, wusch sich, zog seinen Sonntagsanzug an und steckte Geld zu sich. Er bummelte erstmalig wie ein freier Mensch in aufgefrischter Stimmung durch die Straen, besah sich das bunte Treiben, trank in verschiedenen Lokalen und als diese geschlossen wurden, trottete er, auf einmal merkwrdig berwach und unruhig, die "Fleischgasse" auf und nieder. Diese Strae hie eigentlich "Fleuschgasse", getauft nach dem Namen eines verdienten Ehrenbrgers der Stadt, aber seitdem die Polizei verfgt hatte, da sich nur hier die professionellen Prostituierten auf und ab bewegen durften, hatten Volksmund und ble Nachrede den harmlosen Namen "Fleusch" in den anzglichen "Fleisch" umgewandelt. Johann Krill brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen. Schon nach kurzer Zeit redete ihn eine sliche Stimme an und besinnungslos folgte er. Zum erstenmal in seinem Leben fiel der junge Mann in eine vollkommene Verwirrung. Eine ganz fremde Luftschicht umschwelte ihn. Er wute nicht mehr, ging oder schwebte er. Durch all seine Glieder flog und flammte es. Er sah alles doppelt, hrte jedes Gerusch wie aus weiter Ferne und wute nicht, was es war. Wie ein Hitzklumpen fiel sein Krper auf eine schwammige Teigmasse und ertrank darin. Es bi sich jemand fest an ihm. Es lachte. Langsam kehrte alles wieder zurck, wurde deutlicher und war ein grnliches Zimmer, ein Gesicht, das breit auseinandergeflossen vor ihm lag. Schlielich, als er die Besinnung wieder hatte, verzog auch er das Gesicht zu einem Lachen, wollte reden, begann zu schlottern, schmi seinen Kopf in ihre Brust und verschluckte das Weinen. Erquickt darber prete ihn das Mdchen wild an ihre Brste, nahm seinen zerwhlten Kopf und hob ihn auf, zog ihn kosend immer wieder an ihren dicklippigen Mund und kte ihn unausgesetzt, da er zuletzt gnzlich machtlos mit sich geschehen lie und auf einmal weinerlich und wimmernd anfing, sein Leben zu erzhlen. Stockend kamen ihm die Worte, so, als besinne er sich immer erst, bevor er sie ber die Lippen lasse. Und beruhigt, fast ein wenig staunend sa das halbnackte Mdchen da und hrte zu. Aber auf einmal stockte es wieder--und endete und wieder griffen seine Arme aus, er umspannte sie, ri und zerrte an ihr, da sie aufkreischte. "Nimm alles! Tu alles!" murmelte er verhalten, als sie seine Geldbrseaus der Hose zog, drngte es ihr auf, dieses Geld, und beleckte ungeschlacht ihren ganzen Leib wie ein durstiger Hirsch. Und nicht nur das. Pltzlich klang sein Gemurmel wieder weinerlich und in einem fort sthnte er: "Du! Du! Ich hab dich so gern! Du--du! Ich mcht dich heiraten. Ich arbeit', ich mach' alles. Du hast es gut bei mir! Du! Du!" Anfnglich schien es, als belustige sich das Mdchen ber ihn. Sie zog ihn an den Haaren und kitzelte ihn lachend. Dann aber, als seine Wildheit immer mehr anschwoll und seine Zge einen fast irren, dsteren Ausdruck annahmen, lie sie das Spielen. In ihren schlaffen Krper stieg mit einem Male eine Wrme. berwltigt, zuckend sank sie zurck, ihn umfangend. Sie, ber die vielleicht Hunderte hinweggegangen waren, umschlang diesen plumpen, ungeschlachten Menschen und kte ihn mit dem ganzen, hingegebenen Ernst echter Liebe.... In der Frhe nach dieser wsten Nacht rannte Johann in seinen Sonntagskleidern zur Fabrik, wankte wie betrunken durch das zufllig offene Tor und erschrak derart, als ihn der Portier anrief und fragte, was er denn an einem Feiertag hier wolle, da er sich wie ein pltzlich ertappter Dieb umdrehte und wortlos davonjagte. Er lief durch die Straen mit eingezogenem Kopf, ging wieder langsamer, setzte sich in irgendeine versteckte Nische und hielt seinen erhitzten Kopf fest. Immer wieder mndete er in die "Fleischgasse", wagte es aber nicht, hinaufzugehen zu seiner auf so eigentmliche Weise gewonnenen Geliebten. Der Abend kam. Die Nacht fiel herab und er stellte sich an die Ecke, wo er sie getroffen hatte, wartete und wartete. Und es geschah etwas, was niemand gedacht htte, etwas, was ebenso unglaubwrdig wie wunderlich klingt--: Anna kam nicht. Sie stand an keiner Ecke, war berhaupt nicht auf der ganzen Strae zu sehen. Sie lag droben--so wie er sie verlassen hatte--im Bett, verstrt, zerbrochen und bekam erst wieder vlliges Leben, als er nach langem Kampf und mit vielen Finten zu ihr gelangt war. Aufgefrischt schwang sie sich aus ihrer Lagerstatt, streichelte ihn zrtlich und begehrend und sagte zuletzt muttergtig: "Ja, dich mcht ich heiraten." Beide standen benommen voreinander, ein jedes zitterte und sagte nichts mehr.-- Seit dieser Zeit hate man Johann in der Fabrik. Er verhielt sich wie vllig verstummt und hatte stetsein Gesicht, als wolle er die ganze Welt umbringen. Er arbeitete fr drei. Und jeden Tag verlie er fast fluchtartig nach der Arbeit die Fabrik und kam zu Anna. Als es endlich ruchbar wurde, da er sich verheiraten wolle und man es ihm sagte, ihn beglckwnschte und leichte Anzglichkeiten machte, wurde er rot his hinter die Ohren und schlug verwirrt die Augen nieder. "Ja! Ja!" schrie er dann auf wie ein brllendes, gereiztes Tier, da die Fragenden halb verrgert und halb verblfft "Oho!" herausstieen und sich alle mit ihm verfeindeten. Alle wunderten sich, da er gar keine Anstalten zur Hochzeit traf. Er hielt bei keinem seiner Arbeitskollegen um die Brautzeugenschaft an. Finster hockte er whrend der Vesperzeit da und starrte dumm ins Leere. Niemand wute, ob er um einen freien Tag zur Erledigung seiner Verehelichung gebeten hatte. Drei Tage vor seiner Hochzeit kam er nicht mehr und wurde entlassen, weil er auch kein Entschuldigungsschreiben schickte.-- II. Die ersten Wochen der Krillschen Ehe verliefen--wenn man so sagen darf--unterirdisch glcklich. Mit Hilfe Bekannter fand Anna schon einige Tage vor ihrer Hochzeit eine annehmbare, freundliche Dreizimmerwohnung in einem anderen Viertel. Mit den Ersparnissen Johanns wurden Mbel auf Teilzahlung beschafft und zum Schlu hatte man, wei Gott wie, noch Geld brig. Man sah das Paar nicht mehr in der alten Gegend. Auerdem vermied es Johann auf der Strae, Leuten, die er zu kennen glaubte, zu begegnen. Furchtsam wich er aus, machte groe Bogen vor frheren Bekannten, ja, scheute sogar nicht, ihrethalben groe Umwege zu machen. Zu Hause erst, in der Verborgenheit der vier Wnde, kam Beruhigung ber ihn. Mit zufriedenem Gefhl durchtappte er immer wieder die Rume und bestaunte seine Habschaften und am Ende stand er stets mit verschwommenen Augen vor seinem stndig adrett gekleideten, beweglichen Weib. Vorerst dachten die beiden nicht ans Verdienen. Mit tausend Kleinigkeiten verzettelten sich die Tage. Es gab kein geregeltes Dahinleben mehr, keine bestimmte Mittagszeit, kein Weckerluten in der frischen Frhe, keine Mdigkeit am Abend. Die Nacht war kurz, lstig kurz und oft noch um zehn Uhr vormittags verdsterten die herabgezogenen Jalousien das dumpfige Schlafzimmer. Und man blieb liegen und liegen. Mit der bewuten Neugier, mit der wilden, noch einmal vllig auflodernden, durstigen Liebe erfahrener Frauen, ber die das zu frhe Altern schon ihre ersten Schatten geworfen, liebte Anna Johann. Jede ihrer Bewegungen, jedes Wort waren eine stumme, begehrende Aufforderung. Ihre Nhe benahm den Atem, zerrttete die eben gefaten Gedankengnge. Wie eine warme, unsagbar wohltuende Gischtwelle ergo sich ihre Atmosphre unaufhrlich ber Johann. Er _war_ nicht mehr! Zerschmolzen, zerronnen liefen die Zungen seiner Brunst ohne Unterla her das Meer ihres Krpers. Die Zeit war weggeweht, alles schwirrte, rann, floh.-- Erst ganz langsam wieder festigte sich seine Gestalt, stckweise beinahe. Und es schien, als seien es andere Teile, die sich nun vereinigten. Ein immer klarer werdendes Begreifen keimte auf, wuchs ohne berstrzung, vermittelte Halt und Festigkeit. Alle Scheu, alle Furcht und Unsicherheit wichen. Auf einmal war Johann Krill ein anderer. Jetzt erst kam ihm die Besinnung. Jetzt erst war er eigentlich verheiratet, hatte ein Fundament, besa Weib und Mbel und so weiter. Er erinnerte sich genau. Es war nirgends anders. Im Dorf nicht. In der Stadt nicht. Es war immer das gleiche. Der Bauer, bei dem er zuletzt auf dem Dorfe war, hatte drei Tchter. Ringsum standen grere und kleinere Huser. "Dahinein gehrst du, das ist was Handfestes," lie er einmal beim Abendessen fallen, der Bauer, und deutete dabei auf den mchtigen Grillhof hinber. Und die ltere Tochter sah ihn ohne Verblffung an und sagte: "Der Grillhans braucht blo kommen." Zur Erntezeit lie man die ltere Tochter daheim und an einem Abend sagte sie: "Hat schon geschnappt!" Etliche Wochen spter gab es eine saftige Hochzeit. "Ein' schne Sach', Hans, ein schner Hof. Der ist so einen Brocken Weib wert," lachte der Bauer bei der Hochzeit und schaute seinem Schwiegersohn in die Augen. Und: "Ja--ja, hast mir's ja auch leicht gemacht," brummte der Grillhans bierselig. Dann kamen die beiden anderen Tchter an die Reihe. Bei der einen vollzog sich die Sache leicht, und bei der jngsten, die etwas hochnsig war, ging es schwerer. "Herrgott, Rindvieh!--um so einen Hof ziert man sich doch nicht so! Besinn dich nicht so lang', sag' ich!" brllte der Bauer sie an und als zufllig an einem der darauffolgenden Abende der gewnschte Werber kam, sagte er zu diesem: "Bleib nur beieinander mit der Zenz. Wir legen uns nieder." Und Bauer und Buerin gingen schlafen. "Ist's so weit?" fragte der Bauer beim Mittagessen andern Tags seine Tochter. Und diese sagte nickend: "Im Frhjahr, meint er. Er will noch den Stall bauen lassen." "In Gottesnamen, die paar Monat' sind gleich vergangen. Meinetwegen!" brummte der Bauer und die Sache nahm ihren gewhnlichen Verlauf. Im Frhjahr gab es wieder eine breite Hochzeit.-- Es war also nirgends recht viel anders. Johann Krill war mit dieser Erkenntnis zufrieden. Das Neue, das Unerwartete, was ihn einmal in Brand und Aufruhr gesetzt hatte, war verloschen. Ohne Staunen stand er nunmehr auf dem Boden der Welt und achtete nichts mehr auf ihr. Kurzum, er wurde--gemtlich. Kam eine angenehme Sache, war es gut, kam sie nicht, war es auch gut.-- An einem Nachmittag, als sie beim Kaffeetrinken in der Kche saen, sagte Anna: "Es wird Zeit, da wir wieder um Verdienst schauen." Und Johann nickte stumm. Er begann wieder Stellung zu suchen. Umsichtig und resolut wie sie war, machte sich aber auch Anna auf die Suche und an einem Tag kam sie freudig an und sagte: "Die Rienken will mich frs Bfett. Ich kann gleich anfangen, sagt sie. S'ist ein gutes Lokal.--Was meinst du?--Unser Geld ist weg und mit einer Stellung fr dich wird's noch eine Zeitlang dauern. Jetzt kannst du auch mit aller Ruhe suchen." Das leuchtete ein. Johann nickte wieder. "Die Rienken? Wo ist denn das?" fragte er dann weiter. Anna begann von einer Bar "Tip-Top" zu erzhlen. "In der Quergasse," berichtete sie geschftiger, "die Rienken kenn' ich schon lang. Ist eine nette Person. Es verkehren massenhaft Gste dort, nur bessere Leute. Nicht so allerhand, von Hinz bis Kunz. Lauter Stammgste... Na, was sag' ich--Fabrikbesitzer, Beamte und so Leute. Wer wei, man kann ein gutes Geld machen, braucht sich nicht abzuschinden und kann schlielich auch fr dich was ausfindig machen,--wie meinst du?" Johann Krill glotzte stumpf in ihre Augen. "Na, so hr doch, du--Patsch, hr doch!--Und die Rienken ist eine gute Person, steht zu einem," redete Anna weiter und rttelte ihren Mann schmeichelhaft, begann wieder ihr siegendes Lachen und kte ihn. "Das ist--also wieder--das Alte," sagte Johann endlich. Nachdenklich, schwerfllig. "A--aber geh doch, Tolpatsch! Keine Rede davon! Wer sagt denn _davon_ was! Ich bin doch nur hinterm Bfett--nu ja, nu ja, wenn schon einer mal zu tappen anfngt und mir ein Glschen bezahlt, Herrgott--das ist doch kein Weltuntergang," beruhigte ihn Anna und fuhr fort: "Sieh mal--Ware sind wir nun ein fr allemal, ob so oder so--ob du in die Fabrik gehst oder ob ich--was anderes mache. Es kommt immer nur darauf an, da wir uns die Sache mglichst leicht machen, da wir noch was wegschnappen fr unseren Komfort!" Johann Krill hatte jetzt ein wenig klarere Augen. Es war etwas wie ein aufgegangenes Licht auf seinem Gesicht. Er nickte. "Stimmt schon," sagte er. "Also sag' ich der Rienken, da ich komme?" fragte Anna. "Ich mu dann auch was suchen," gab Johann statt jeder Antwort zurck. "Ach, du bist ja verdreht!--Ja freilich, freilich,--sofort denkt er, er mu nun wieder rackern von frh bis spt und fr die Familie sorgen! Ach du, du!" lachte Anna und knllte seinen Kopf in ihre Brust. Jeden Nachmittag um vier Uhr ging Anna nunmehr zur Bar "Tip-Top" der Sylvia Rienke. Spt in der Nacht kam sie stets nach Hause, roch nach Zigaretten und Alkohol. Manchmal war sie auch leicht betrunken, brachte allerhand zu essen und zu trinken mit, und dann saen die beiden Eheleute nicht selten his zum Morgengrauen in der besten Laune beisammen und lieen sich's gut gehen.-- In der letzten Zeit war Johann Krill etwas einsilbiger. Er sa meistens in Hemdsrmeln im Schlafzimmer und schien schwerfllig immer ber das gleiche nachzudenken.-- Ja, alles war ausgelscht. Langweilig und trist vertropften die Stunden. Es war ungemtlich. Wenn man den ganzen Tag in der Fabrik arbeitete, verging wenigstens die Zeit schneller. Aber Anna zerstreute ihn immer wieder. Wenn sie nachmittags weggegangen war, verlie auch er die Wohnung und lungerte entschlulos in der Stadt herum oder setzte sich in irgendeine Kneipe. Und jetzt, da er sich alleingelassen sah, unterhielt er sich auch wieder mit seinesgleichen. "Maschinenschlosser?" fragte ihn eines Tages ein lterer Arbeiter am Kneipentisch. "Ja," antwortete Krill. "Eventuell auch zum Maschinisten zu gebrauchen?" "Bei Schall und Weber war ich Maschinist." "Mensch, bei uns sucht man solche. Geh hin. Du kannst sofort anfangen," erzhlte der Arbeiter und berprfte Krill. Der nickte. Etliche Tage nachher schlief Johann schon, als Anna heimkam. Sein Gesicht war ruig. Er schwitzte. Anna wollte ihn aufwecken, aber er drehte sich schlfrig um und schnarchte weiter. Verrgert legte sie sich ins Bett. In der Frhe, als pltzlich der Wecker schrillte, schrak sie empor und sah erstaunt auf ihren Mann, der sich eben wusch. "Arbeitest du denn wieder?" fragte sie. "Ja." "Dumm!--Ich htte jetzt etwas fr dich.--Ein schner Posten," sagte sie und richtete sich vollends auf im Bett. Einige Augenblicke stummten sie einander an. "Der Fabrikmensch, der immer Schwedenpunsch schmeit, hat mir's versprochen ... La doch das andere fahren, da verkommst du ja blo," begann Anna wieder und wollte eben aus dem Bett springen. "Jetzt ist's schon wie's ist!" knurrte er und ging. III. Es gab rgerlichkeiten bei Krills. Dadurch, da nun auch Johann seiner Arbeit nachging, vernachlssigte der Haushalt. Anna, die oft erst gegen zwei oder drei Uhr nach Hause kam, schlief bis tief in den Mittag hinein. Schlielich meldeten sich die Wanzen. Man putzte, schrubbte, streute belriechende Pulver aus. Aber es half nichts. Es war unertrglich zuletzt. "Das ist eine verschobene Sache, wenn du ins Geschft gehst und hier mu alles verkommen," sagte Johann zu Anna. "Fr wen tu' ich's denn?--" erwiderte sie, "man braucht soviel und die Lhne sind zum Verhungern." Sie kam schlielich auf alles zu sprechen. Da man sich doch nicht umsonst von unten herausgewunden habe, da man doch nicht zu den Nchstbesten gehre und man msse jetzt eine neue Wohnung haben. Was der Umzug schon koste! Alles klang wie ein zaghafter Vorwurf. "Warten httest du sollen. Der Herr mit dem Schwedenpunsch ist so nett. Du knntest da gut unterkommen." Eine Zeitlang ging es auf solche Weise hin und her. Johann war die ganze Rederei schon widerwrtig. "Was du doch alles erzhlst! Sind wir denn wei der Teufel was?!" sagte er endlich fester: "Mein Vater hat sein Leben lang gearbeitet. Meine Mutter stand noch mit siebzig Jahren frh um vier Uhr auf--und wir, wir bilden uns auf einmal ein, etwas Besonderes zu sein!" Whrend des Redens schon bekam sein Gesicht langsam eine bestimmtere Haltung. Schlielich, als aller Spruch und Widerspruch allmhlich erlahmte, einigte man sich aber doch, und Johann willigte beilufig ein, sich in der Fabrik des Herrn, der bei der Rienken jeden Abend Schwedenpunsch bezahle, vorzustellen. Mit jedem Tag wurde er nun auch mivergngter. Es gefiel ihm nicht mehr in seiner Fabrik. Er wurde mrrisch gegen jedermann und kam zuletzt pltzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen stellte er sich in dem anderen Betrieb vor. Er wurde merkwrdig freundlich empfangen und ging besinnungslos darauf ein, Nachtschicht zu machen. Anna behandelte ihn zrtlicher als je, wenn er frhmorgens ankam. Nicht lange darauf fand sie auch eine Wohnung im dritten Stock des Rienkeschen Hauses und alles machte einen glcklichen Anlauf. Sie brachte jetzt immer mehr mit. Pasteten, kalte Hhnerschenkel, Blumen, Zigaretten, halbe Flaschen Wein, ja zuletzt sogar Stoffe, Halsketten, einen Ring. Sie war in der frhlichsten Laune jedesmal und erzhlte von diesem und jenem Herrn, von den guten Gsten bei Rienkes und konnte sich nicht genug tun, den Chef Johanns zu loben. "Und was ich dir sage--er ist ein Mensch, der das Leben kennt. Er ist fr die Arbeiter. Er lt leben neben sich," plauderte sie. Und Johann lchelte hlzern und sah auf ihre Brste, die schwammig und verbraucht nach unten sich sackten. "Ist fr die Arbeiter--?" sagte er und sah sie dumm an. "Ist ein anstndiger Mensch. Keiner von den Ausntzern, gar nicht so eingebildet und hochnsig--und fidel, sag ich dir, fidel,--na ich danke, wenn der anfngt. Man kann sich schief lachen," erwiderte Anna und lachte auf, als erinnere sie sich an etwas sehr Drolliges. "Und--der gibt dir--so--solche Sachen?" Annas Mund zuckte ein wenig. Sie schlug schnell die Augen nieder und fand das Wort nicht gleich. "Hmhm," brachte sie dann heraus und schluckte etwas hinunter, setzte rasch hinzu: "Und die Rienken ist so nett zu mir." "So," brummte Johann nur noch, "nu ja, es geht immer rundum." Dann legte er sich schlafen. Am Abend schlpfte er in seine Sonntagskleider und ging nicht in die Fabrik. Er durchwanderte etliche Male die Quergasse und trat dann in die "Tip-Top"-Bar. Es ging bereits fidel zu. Einige Herren in modischem Anzug saen vorne am Bfett auf den hohen Sthlen und saugten an den Strohhalmen, die in schlanken gefllten Glsern mit glitzerndem Eis staken. In der einen Ecke spielte ein Befrackter Klavier und ein hagerer Geiger begleitete ihn. In den Nischen, die mit knstlichem Efeu zu Laubengngen hergerichtet waren, tuschelte es und hin und wieder zirpte ein schrilles Auflachen aus ihrem Dunkel. Eben wollte eine hochbusige duftende Bedienerin mit zuvorkommender Freundlichkeit auf Johann zueilen. Da auf einmal schrie es aus einer Nische: "Um Gotteswillen, Hans!" Und ein hurtiges Getrampel und Knarren wurde hrbar. Johann wandte schnell den Kopf dahin und sah hinter einer dichten Weinflaschenparade das pralle, runde, kleinstirnige Gesicht seines Chefs, die Rienken und das totenblasse, entsetzte Gesicht seiner Frau. Die Kpfe der drei hingen auseinander wie schwere Dolden. Geradewegs ging Johann auf sie los und lie sich in einen der gepolsterten Sthle an ihrem Tisch fallen. Eine peinliche Stille trat ein. Jeder hielt jetzt fassungslos den Atem an. Nur Johann schien sicher zu sein. "Ich bin nicht zur Schicht gegangen, Herr Hochvogel--ich hab' einen Hllendurst, ich knnt' ein Meer aussaufen," sagte er ohne sichtliche Erregung und lchelte schnell. Das lste eine Entspannung aus. Man atmete wieder und nahm langsam die gewhnliche Haltung an. Der Fabrikherr schnitt ein malitises Gesicht. Er suchte sich zu fassen und griff zum Weinglas. "Hei ist's hier," sagte Johann wieder. "Nicht zur Schicht? Aber Johann!?" brachte nunmehr Anna heraus. Die Rienken erhob sich und verlie den Tisch. "Das macht doch nichts, oder? Herr Hochvogel, macht das was aus?" fragte Johann den Fabrikherrn. "Na--wissen Sie, meinetwegen,--wir wollen einige gute Schoppen heben--ich kann's verstehen,--ich drck' gern ein Auge zu--bei Ihnen, Herr Krill.--Sie sind mir gut--sie arbeiten zuverlssig, da--da--da bersieht man auch mal einen Seitensprung, Prost!" sprudelte der Fabrikherr verlegen. Die Worte flossen schnell, fast ngstlich aus ihm, so, als wren sie wunderliche Ziegelsteine, mit denen man im Nu eine schtzende Mauer um sich schlieen knnte. "Zu gtig," lispelte Anna bereits. Und Herr Hochvogel go das Glas der Rienken voll und schob es behend dem Arbeiter hin: "Da, trinken Sie!" Die rgste Gefahr schien behoben zu sein. Man konnte es an den allmhlich sich wieder aufheiternden Gesichtern sehen. Auch die Wirtin kam wieder an den Tisch und der Fabrikant bestellte in einem fort. Johann beachtete das Getue Hochvogels mit seiner Frau auch nicht weiter. Er trank in vollen Zgen und wurde immer lustiger, lachte und machte hin und wieder einen dreisten Witz. Dadurch wurde auch Anna khner. Sie wich nicht von der Seite des Fabrikherrn und streichelte ihn ein paarmal kosend, warf belustigte Blicke zwischen den beiden Mnnern hin und her. "Hab ich nicht gesagt, Hans, da er ein netter Mensch ist?" sagte sie bermtig und lachte piepsend. "Ein netter Me--ensch! Ein sehr netter Mensch! Ein Goldmensch!" brmmelte Johann schon etwas betrunken und summte weiter: "Verbringt das Geld so gemtlich, so--so--so--" Er wankte bereits him und her und rlpste ungeniert in den Tisch. Glsern standen seine Augen. Die anderen kicherten. "Hat ihn schon mchtig," hrte er Hochvogels Stimme. "Na, na! Herr Krill, na--!" rief die Rienken. Johann hob den schweren Kopf und glotzte auf das verschwommene Gemeng der drei, die im fahlen Lichtschimmer hinter den Weinflaschen sich hin und her drckten. "Ein ne--etter Mensch,--eine richtige Qualle--e--iin dummes Vieh!--Ein geiler Orang--g--kutan, hahahaha--hat den Schwanz eingezogen, weil der Wrter gekommen ist, haha--a--a!--" Johann sank haltlos zurck. "Das ist zu stark!" zischte Hochvogel. Der Tisch knarrte. Die Weinflaschen klirrten gegeneinander. Die zwei Frauen lispelten besnftigend. Schnell, berschnell mengten sich ihre flehenden Worte ineinander. Ein Gezerre um den Aufgestandenen begann. Mit herabhngenden Armen, halb eingeschlafen, zerfallen hing Johann auf dem Stuhl. "Er ist doch betrunken!" "Bitte, bitte,--er ist's doch nicht gewohnt!" "Er meint's doch nicht bel, Herr Hochvogel!" "Bitte!--Hier, trinken Sie. Er schlft ja schon! Seh'n Sie, seh'n Sie!--Es passiert nie wieder. Ich sag's ihm morgen,--mein Wort, mein Ehrenwort!" alles zerflo ineinander, bittend, winselnd, aufgeregt, ngstlich. Wie ein zischendes Gezirpe umsummte dieses Gepltscher Johanns Kopf. Als giee irgend jemand kaltes Wasser her ihn. "Haha! Hat's viellleicht gestoh--lllen und--und wirft's weg,--dadas Gellldt,--wei--weils brennt in der Tasche, haha,--das dumme Vieh, haha--das Arschloch!" grunzte der Betrunkene lallend und lachte ruckweise, immerfort, glucksend. Da wurde der Tisch weggestoen und stapfend hasteten Schritte vorbei. Wieder das Gezwitscher. Noch geschftiger. Dann fiel eine Tr krachend zu. "Hans!" schrie Anna wtend und ri ihren Mann an der Schulter. "Saustall!" stie die Rienken heraus. Krill hob den Kopf und langte lahm nach Anna: "Haha--ha--es ist so wunderschn auf der We--elt, haha--ha!" Sein ausgreifender Arm fiel wieder herab. Er sank in die alte Haltung zurck. Dnner Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Er schnaubte geruschvoll wie ein Pferd, das von der Kolik geplagt wird. Unter wstem Gezeter und Gejammer verlie Anna mit ihm die Bar. Sie mute ihn buchstblich die Stiege hinaufschleppen. IV. Dieser unerquickliche Vorfall hatte schlimme Folgen. Am andern Tag, sehr frh, schellte es. Krill schlief wie ein Sack. Anna schreckte auf und lief halb angekleidet an die Tr. Der Ausgeher der Hochvogelschen Fabrik brachte die Papiere und den Lohn fr Johann. In einem sehr kurzen, rgerlichen Brief stand, da sich Krill nicht mehr sehen lassen sollte und entlassen sei. "Ja, ja--ist schon recht!" sagte Anna verwirrt und warf die Tr zu. Ohne Johann zu wecken, kleidete sie sich an und ging in die Fabrik hinaus, um Hochvogel zu besnftigen. Auf dem ganzen Wege berlegte sie sich die besten Worte und bte sich in der Art, wie sie den Verrgerten wieder dazu bewegen wollte, da er stillschweigend ber das ble Ereignis hinwegginge.-- Aber sie wurde nicht vorgelassen. Erbittert und erniedrigt trat sie den Heimweg an. "Da!--Das hast du gemacht mit deinen Dummheiten!" fuhr sie den inzwischen erwachten, auf dem Bettrand sitzenden Johann an und warf ihm das Schreiben Hochvogels him. Der blickte stumpfsinnig zu ihr auf und sagte kein Wort. Dies erregte sie nur noch mehr. Sie stampfte schimpfend aus dem Schlafzimmer und rannte zur Rienken hinunter. Die Wirtin empfing sie sehr khl. "Herr Hochvogel hat mich wissen lassen, da er nicht mehr kommt. Ich kann Sie nicht mehr brauchen.--Das ist der Dank dafr, da ich mich so um Sie angenommen habe," schimpfte sie mit hochgehobenem Kopf. Anna versuchte auf alle mgliche Art, sie umzustimmen. Vergebens. "Und berhaupt--glauben Sie, ein solcher Mann wie Hochvogel lt sich derartige Schmutzigkeiten ins Gesicht sagen! Passen Sie mal auf,--das hat noch ein gerichtliches Nachspiel. Und ich, was hab' ich von meiner Gutmtigkeit?--Vor die Gerichte werde ich gezerrt. Mein Lokal verliert den guten Ruf--ich hab' den Schaden und sitz' in der Patsche,--werden Sie sehen, ob's nicht so kommt?--Sagen Sie es nur ihrem 'Kerl'--am liebsten ist's mir, ihr zieht aus. Basta!" zeterte die Bienken immer bestimmter. Auch Anna wurde allmhlich rgerlich und schimpfte. "Geh'n Sie blo aus meinem Lokal, Sie--Sie! So eine krieg' ich alle Tage!" fauchte die Wirtin wtend, rannte zur Tr und ri sie auf: "Geh'n Sie blo aus meinem Lokal!" "Geh'n Sie!" schrie sie, da ihr Kopf blau anlief: "Geh'n Sie! Sie--Sie Ludermensch!" Auch in Anna platzte die angesammelte Wut nun vollends. "Was sagen Sie da, was?! Sie Kupplerin, Sie dreckige!" schrie sie schriller noch. "Solang man sich hergibt, ist man gut, dann kann man gehen, Sie Dreckfetzen!" "Geh'n Sie! Geh'n Sie!" pfiff die Wirtin erstickt: "Hinaus da, hinaus!" Keifend verlie Anna das Lokal. Zitternd vor Erregung kam sie in ihrer Wohnung an. "Es ist Schlu mit allem! Ich mag nicht mehr!" sthnte sie erschpft und sank in einen Kchenstuhl. Unter stoweisem Weinen und Vorwrfen erzhlte sie Johann ihr Migeschick. Der hatte den Kopf unter dem Hahn der Wasserleitung und lie immerfort den kalten Strahl her ihn herabrinnen. Er drehte sich nicht um. Nicht im mindesten lie er sich stren. Annas Geduld ri vllig. Sie begann wst zu schimpfen. "Und du!--Du lungerst da heroben herum und lt mich die Fe ausrennen! Ich kann mich mit den Leuten herumschlagen und die Suppe ausfressen, die du eingebrockt hast!" bellte sie ihn an. "Du! Du Lump!" Er drehte sich endlich um. Kein Wort kam aus ihm. "So rede doch, Stock!" schrie sie, "was willst du denn jetzt machen? Ich kann nichts mehr tun! Ich bin kaputt!" Er schwieg immer noch. Da stand er, tatschlich wie ein Stock. Sie zerbrach an seiner Gleichgltigkeit und fiel in ein heftiges Weinen. Es schttelte sie gerade so. Johann sah ohne Niedergeschlagenheit auf ihre zusammengekauerte, zuckende Gestalt nieder. "Was ich tun will?" sagte er endlich leichthin, als sei gar nichts vorgefallen,--"der wird mich schon nicht gleich herauswerfen. Ich gehe einfach heute wieder zur Schicht und fertig. Und die Rienken--die wird schon wieder aufhren mit ihrem Geschimpfe, wenn sie md ist." Anna blickte auf einmal auf zu ihm. "Ist doch ein netter Kerl, dieser Hochvogel. Mit dem lt sich doch reden," brummte er. Der arglose Ernst, die Selbstverstndlichkeit dieser Worte bezwangen. Tatschlich wurde sie vollkommen ruhig und glaubte zuletzt wirklich, da dies der einzig glckliche Weg sei, mit einem Schlag alles Miliche beheben wrde. "Herrgott, ich bin ja auch so dumm! Ich la mich von jedem ins Bockshorn jagen," schalt sie sich selbst, wischte sich schnell die Trnen ab und stellte Kaffeewasser auf. Ganz munter wurde sie wieder. Als sie dann wieder am Tisch saen, begann sie ber die Rienken zu schimpfen und ber Hochvogel und erzhlte im Laufe des Gesprchs alles mgliche von den beiden. "Es war ganz richtig, da du ihm mal heimgeleuchtet hast," sagte sie, "die ganze Sippschaft glaubt immer, sie knnte Schindluder mit einem treiben!--Was hat er mir nicht alles angetragen, wenn ich mit ihm schlafen wrde! Und wie hat die Rienken gekuppelt und jetzt--jetzt spielt sie sich auf, diese Sau, diese alte!" Sie blickte immer wieder wie verlegen zu Johann herber, wurde aber, da er vollkommen ruhig war, immer weitschweifiger und erzhlte mehr und immer mehr. Sein Gleichmut qulte sie. Sie berichtete dreister, anzglicher. "Er hat das Geld gerade so weggeworfen. Die Bluse hat er mir aufgerissen, einmal. Er hat immer seine Hand unter meinem Rock gehabt, der Drecksack! Von den Hosen hat er einmal ein halbes Dutzend dahergebracht und wollte, da ich's vor ihm anziehen soll--und die Bienken half mit und verschwand immer, wenn er anfing," sagte sie und fuhr fort: "Einmal wollt' ich ihn schon heraufnehmen in der Frhe und abwarten, bis du von der Fabrik kmst." Johann verzog keine Miene. "Jaja--das Loch und das Geld," brummte er beilufig. "Es geht immer rundum." Ihre Hnde bewegten sich in einem fort. Nervs zerrieb sie die Brotkrumen mit den Fingern. Sie erzhlte nichts mehr. Sie schwieg. Als er fortgegangen war, fiel ihr Kopf auf den Tisch und ein wstes Schluchzen brach aus ihr.-- Johann kam ohne Hindernis durch die Fabrikpforte. Im Umkleideraum trafen ihn bereits befremdende Gesichter. Keiner sprach ihn mehr an und als er in den Maschinenraum hinuntersteigen wollte, kam der Schichtmeister rasch auf ihn zu und rief: "Sie sind doch entlassen, was wollen Sie denn noch hier?" Einige Arbeiter blieben mit verwunderten Mienen stehen. Das rttelte ihn aus der Fassung. Er sah beklommen auf den Schichtmeister, auf die Arbeiter und hilflos im Raum herum. "Sie sind nun einmal bestimmt entlassen, das wei ich," rief der Schichtmeister resoluter, "ich kann gar nicht verstehen, da Sie der Pfrtner hereingelassen hat, der hat es doch gewut! Hat er Sie denn nicht darauf aufmerksam gemacht?" Johann schttelte stumm den Kopf, blieb beharrlich stehen, dumm und kindisch. Die beiden anderen Arbeiter trotteten weiter. Der Schichtmeister holte den Portier. Zeternd redete er auf denselben ein, als er mit ihm ankam. "Wie konnten Sie denn den Mann hereinlassen. Der Chef hat's doch ausdrcklich gesagt, da er entlassen ist," bellte er. Der Portier sah verrgert auf Johann und sagte ebenfalls: "Jaja, ich hab' Sie nur nicht gesehen. Sie sind entlassen. Sie haben hier nichts mehr zu suchen." Johann knickte zusammen. "Ja--ja, nu ja, dann mu ich gehn," stotterte er endlich heraus, ging in den Ankleideraum und entfernte sich. Niedergedrckt, fast beschmt trat er durch das groe Fabrikportal ins Freie. Zermrbt kam er zu Hause an. "Ja," sagte er tonlos zu Anna, "man hat mich rausgesetzt!" "Da hast du es nun!" stie diese heraus, "Trottel!" Die Vorwrfe begannen von neuem. "Ich mu mich eben wieder um was anderes umsehn," brummte er rgerlich. "Und ich?! Wenn die Rienken uns hinaussetzt, was ist dann! Glaubst du, ich hab' mir umsonst meine Fe ausgerannt, da wir ein wenig anstndiger leben konnten! Du keine Arbeit, kein Geld, ich nichts zu tun--ich danke!" belferte sie. "Nu ja, in Gottesnamen, es wird schon wieder werden!" schlo er und legte sich zu Bett. Machtlos stand Anna vor diesem Stumpfsinn. Vor Verbitterung zitterte sie am ganzen Krper und faustete in einem fort die Hnde. "Herrgott, es ist ja zum Davonlaufen!" schrie sie auf einmal: "Meinetwegen--ich geh!" Sie schmi heftig die Tr zu. "Dummes Frauenzimmer!" Er stieg aus dem Bett, rief ihr nach, aber es antwortete niemand mehr. Wegen solcher Dummheiten war man pltzlich aus der Ordnung gerissen.--Er schlo die Tr wieder. Der Nachtschlaf war auch zum Teufel.-- Er kleidete sich schlielich an und ging sie suchen. Ohne nachzudenken, wanderte er zur Fleischgasse und fand sie auch dort. Bereits stand ein Herr in einem hellen Regenmantel vor ihr und lispelte. Johann trat an die beiden heran und ri Anna weg: "Unsinn! Komm!" "Ich mag nicht!" knirschte sie eigensinnig und wollte sich losmachen. Der Herr im Regenmantel ergriff ihre Partei und begann zu brllen. Er schwang schon den Stock und wollte auf Johann einbauen. Da kam ein Schutzmann eiligen Schrittes angeflitzt, notierte den Namen des Herrn und nahm die beiden mit auf die Wache. Alles Gejammer Annas half nichts. Das Erklren Johanns war vergebens. Sie muten mit. Hlich, wie das Migeschick die Menschen gemein macht! Auf dem ganzen Weg berschttete Anna Johann mit den wstesten Schimpfworten und schlielich ri auch diesem die Geduld. "Halt das Maul, dummes Vieh, dummes!" fluchte er, "hilft ja doch nichts! Was lufst du denn davon, so mitten in der Nacht! Jetzt hast du es." "Vorwrts! Marsch-marsch!" knurrte der Schutzmann immer wieder. V. Der Vorfall in der Fleischgasse hatte zur Folge, da man Johann wegen Zuhlterei in Untersuchung behielt. Ein Verfahren wurde gegen ihn eingeleitet. Anna entlie man nach ungefhr zehn Tagen. Sie wurde polizeirztlich untersucht und erhielt die bliche Erlaubniskarte der Prostituierten wieder. Als sie zu Hause ankam, war sie nicht wenig erstaunt. Die Rienken, nun einmal rabiat geworden, hatte die Gelegenheit bentzt und pfnden lassen. Whrend der Haftzeit nmlich war der Monatserste gekommen, der Dritte, der Fnfte und der Siebente. So waren wenigstens die ziemlich eindeutigen Briefe der Bar- und Hausbesitzerin, die im Kasten steckten, datiert. Man sah es den schiefen, gekratzt-hingeflitzten Buchstaben der Schrift frmlich an, da Sylvia Rienke das Warten auf den Mietszins satt hatte, das Warten und diese Mieter. "Diese, wo Kerle haben, die mir meine Gste verjagen, knnen bei mir ziehen," hie es endlich im Kndigungsbrief vom Achten. Und Recht behielt sie, die wackere Wirtin. Anna mute ziehen. Sie verkaufte, was briggeblieben war, und bezog ein Zimmer in der Nhe der Fleischgasse. Die drohend gereckten Fuste, die sie am Tage ihres Abzuges, plrrend und keifend, mit weiem Schaum vor dem Munde, der Rienken entgegenhielt, und das hmische, restlos rachschtige: "Das streich ich dir noch an, Mistvettel!" waren ein Anfang fr ihr weiteres Verhalten. Jetzt gab es fast jeden Tag kleinere oder grere Unannehmlichkeiten in der Bar "Tip-Top". Anna hetzte Polizei und von ihr bestochene skandalschtige Gste in das Lokal. In der ganzen Fleischgasse war sie jetzt die Fleiigste. Mit einem Eifer, ja, mit einer geradezu fanatischen Selbstvergessenheit, wie man sie nur bei Verzweifelten oder Bohrend-Hassenden findet, verbi sie sich ins Verdienen. "Die?! Hm, die schleppt auf Rekord," lie sich nicht selten eine andere Prostituierte vernehmen, wenn die Rede auf Anna kam. Und es stimmte.-- Das Merkwrdigste aber war, da sie nunmehr alle Hebel in Bewegung setzte, um Johann frei zu bekommen. Sie warf das Geld weg an Rechtsanwlte, verfate eine Eingabe um die andere, bestrmte die Instanzen, rannte von Pontius zu Pilatus, ja, sie fate zu guter Letzt sogar dem romantischen Plan, ihn mit Hilfe einiger Mnner zu befreien, die ihr das Blaue vom Himmel herunterzuholen versprachen, ihr Geld und wieder Geld abnahmen und eines Tages verschwanden. Und Johann? Er lag den ganzen Tag auf der Pritsche, wurde sogar dick von dem Essen, das sie ihm schickte, und war stets ruhig und trocken, wenn sie ihn besuchen durfte. Als sie ihm von dem Auszug aus dem Rienkeschen Hause erzhlte, hrte er stumm zu--dann, nach einer Weile, lchelte er und sagte: "Hml Hm,--war doch schn an dem Abend mit Hochvogel, hmhamhm!" Er fand nichts Schlimmes daran, da Anna manchmal klagte. "Es ist--man mte so was aufmachen, wie die Rienken hat," sagte er ein andermal wie aus einem dumpfen Gedankenkreis heraus. Und wieder einmal, als Anna jammerte, da alles Essen so teuer wre, lie er so etwas fallen wie: "Nuja, die Bauern machen sich jetzt gesund. Hm, die Bauern und die, die was fr'n Magen verkaufen--" Man sagt, der Weise berwindet und kommt zur vollkommenen Ruhe. Es gibt Menschen, die ohne Empfindungsvermgen geboren werden. Und es sind welche, die, wenn die Schmerzen und Erschtterungen ihre Seele in zu rascher Aufeinanderfolge zermrben, zuletzt in eine vllige Stumpfheit mnden. Zu diesen gehrte Johann Krill. "Es war doch schn an dem Abend mit Hochvogel--so gemtlich!" und "So was wie die Rienken hat, mt' man aufmachen." Das war er!-- Mittlerweile kam der Termin zur Verhandlung gegen ihn. Anna hetzte noch mehr herum. Sie schlief nicht mehr, sie verga das Essen. Im Gerichtssaal hustete sie die ganze Zeit. Unstet liefen die Pupillen ihrer Augen von einem Winkel zum anderen. Auch die Rienken war als Zeuge geladen. Dummerweise war einer von den letzten Anwlten, die Anna genommen hatte, darauf gekommen, sie zu laden. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, dessen schweres Spitzengewirr vom speckigen Nacken kraus herabrann her den hochgeschnrten, berquellenden Busen. Ein blutrotes Granatkollier prangte patzig auf der gelben, welken Haut ihres Halses, dessen blaue derung nur schlecht vom dick aufgetragenen Puder verwischt war. Ihre Froschhnde waren beteuernd auf den Magen gepret und spielten manchmal mit dem Schildpatt-Lorgnon, das an einer breiten goldenen Kette herabhing. "Ich bin gleich fertig mit meinen Aussagen, Herr Amtsrichter, ich hab' ein Geschft und viel im Kopf," begann sie, als sie aufgerufen wurde. "Die?!--Gott sei Dank, ich hab' immer anstndige Bedienerinnen gehabt," fuhr sie fort, her Anna befragt, und warf einen seitlichen, herablassenden Blick auf diese, "aber nun, man tappt auch einmal herein.--Ich hab' es mir aber--glauben Sie es mir, Herr Amtsrichter, ich bin fnfzehn Jahre auf dem gleichen Platz und wei, was der Ruf fr ein Geschft ausmacht--ich hab' es mir geschworen: Rienken, sagt' ich mir, Rienken--von der Fleischgasse nimmst du keine mehr, nicht um die Welt!" Sie kam immer mehr in Zug. "Vettel!" schrie Anna schrill und wurde verwarnt. Die Rienken drehte sich schnell um und dann wieder zum Richter. "Man soll sich nicht rgern, Herr Amtsrichter?" Und sie schnitt eine weinerliche Miene: "Wie hab' ich den Leuten geholfen und was hab' ich davon!--Es ist blo gut, da ich meinen Kopf nie verlier', es ist ja blo gut, da ich mich nie auf die gleiche Stufe stelle mit--mit--so was." Und endlich zur Sache gerufen, erzhlte sie weitschweifig, da Johann die Stellung bei diesem Fabrikherrn nicht umsonst angenommen habe. "Und Nachtschicht--er wird schon gewut haben, warum. Man kennt solche--Nachtschichten!" Und Herr Hochvogel?... Sie geriet etwas in Verwirrung. Nun, der habe bald klar gesehen, ein solcher Herr liee sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen. "Der mu her! Der mu Zeuge machen!" schrie Anna, und ihr Rechtsanwalt brachte es auch fertig. Nun wurde es aber noch ungnstiger. Obwohl dem Fabrikanten die ganze Sache uerst unangenehm war, obwohl er sich auerordentlich zurckhielt und nichts gegen Johann eigentlich vorbringen konnte, als eben jenen blen Vorfall in der Rienkeschen Bar--es machte alles einen schlechten, sehr schlechten Eindruck --Johann Krill wurde verurteilt. Anna bekam einen minutenlangen Schreikrampf. Sie strzte vor und wollte auf die Rienken los. Es muten sie Schutzleute mit Gewalt wegbringen. Johann, der ohne Erregung den Auftritten zusah, nahm alles mit Ruhe hin. Er lchelte fast verlegen, als ihn die Richter am Schlu fragten, ob er noch etwas zu sagen wnsche. "Dumm," brummte er und kratzte sich hinter dem rechten Ohr, "dumm, Herr Richter, man tappt eben hinein und--und dann passiert allerhand." Die steinernen Amtsmienen wuten einen Augenblick lang wirklich nicht, sollten sie lachen oder einige beruhigende Worte des Mitleids aus ihren Lippen lassen. Damit war es zu Ende. Anna konnte Johann nun nicht mehr besuchen. Die beiden waren auseinander.--In ihrer Wut schlug Anna einige Tage spter die zwei groen Fensterscheiben der Rienkeschen Bar ein und konnte mit Mhe nur berwltigt werden. Das Beil wurde ihr abgenommen und der herbeigerufene Schutzmann nahm sie mit. Und wieder gab es einen Proze. Wegen Bedrohung und Sachbeschdigung wurde Anna Krill zu zwei Monaten Gefngnis verurteilt. Hier bricht der Faden ab. Es ist nichts mehr zu berichten. Eine Million ist viel--eine Milliarde ist mehr.--Johann Krill ist Legion. Vielleicht arbeitet Johann Krill wieder irgendwo oder er trinkt, oder er hat den Halt verloren und sitzt weiter in Gefngnissen. Anna--Sie wird eines Tages krank sein, wieder gesunden, wieder krank werden und so fort.... Das einzige, was bestehen bleibt, solange wie diese Gesellschaft, ist--die Rienken! Wie lange noch?! End of Project Gutenberg's Zur Freundlichen Erinnerung, by Oscar Maria Graf License: Share Alike