Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project. Seestern 1906 Der Zusammenbruch der alten Welt Zwanzigste Auflage == 96. bis 100. Tausend == Leipzig Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung Theodor Weicher. Alle Rechte, besonders des Recht der bersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Wir stehen am Ende. Das furchtbare Jahr, in dem die alte Welt von Blut so rot war, ist vorber. Wir haben ihn gehabt, den frischen frhlichen Krieg. Noch stehen europische Heere drauen, um Schritt fr Schritt das zurckzuerobern, was der Trmmersturz des Riesenkampfes verschttet hat. Das wieder aufzubauen, was dieses Jahr an friedlicher Kulturarbeit vernichtet hat, wird ein Jahrzehnt kosten. Und die, welche heimkehren aus Feindesland, sind ein der Arbeit entwhntes Geschlecht. Die Herzen sind hrter geworden in diesem Jahr, da die Welt nach Blut roch. Die Lnder sind leerer geworden; es sind zu viele schlafen gegangen unter den grnen Erdhgeln da drauen. Wir stehen am Ende des gewaltigsten Krieges, den die Geschichte der Menschheit sah; das Jahr 1906 ist ihr mit blutroten Lettern eingebrannt. Wir stehen am Ende, und dem Historiker liegt es ob, sich noch einmal Szene um Szene die Entwicklung des furchtbaren Dramas zu vergegenwrtigen, das in den unheilvollen Mrztagen 1906 vor Samoa seinen Anfang nahm und alle Vlker der alten Welt in seinen Wirbelsturm mit hineinri. Alle die Unverantwortlichen, die in den Parlamenten, in Volksversammlungen, in der Presse jenseits wie diesseits des Kanals immer wieder den Vlkerha geschrt, die da gemeint hatten, ein Waffengang zwischen Deutschland und England werde nur wie ein Gewitter die Luft reinigen, und man werde in der Lage sein, nach Gutdnken heute oder morgen, wenn die Spannung gelst, das Ganze Halt blasen zu lassen, ber sie alle war der Gang der Ereignisse rcksichtslos hinweggeschritten. ^Caesar supra grammaticos!^ Das hatten sie nicht berechnet, da ein europischer Krieg bei den tausendfltigen Beziehungen zu den berseeischen Neulndern, deren Millionenvlker widerwillig einer Handvoll Weier gehorchten, notwendigerweise die Welt in Flammen setzen mute. Wie eine Bora, wie ein glutheier alle schlummernden Gefhle aufpeitschender Wstensturm ging es durch die Lnder des Islam, wie ein elektrischer Strom zuckte es durch die scheinbar so indolenten Vlkermassive Asiens, als Europas Boden vom Waffenlrm widerklirrte. Die Diplomaten des Berliner Kongresses mhen sich jetzt den neuen Most in neue Schluche zu fllen; noch liegt nichts Fertiges, Abgeschlossenes vor, aber die Umrilinien sind gegeben. Da mgen wir noch einmal rckwrts schauen, und das Ganze uns noch einmal vergegenwrtigen, wie es sich entwickelt hat. Nur ein Querschnitt durch die Ereignisse soll hier gegeben werden, nur die Hauptpunkte sollen hervorgehoben werden, nur die Meilensteine, die den Weg des Jahres 1906 bezeichneten. Allein die _Einigkeit_ der Vlker Europas kann das, was ihnen verloren gegangen ist, die unbestrittene politische Macht und die Seeherrschaft auf dem Weltmeer wieder zurckgewinnen. Heute liegt der politische Schwerpunkt in Washington, Petersburg und Tokio. Im Mai 1907. Seestern. Der Zwischenfall von Samoa. Irgend etwas lag in der Luft. Nicht da gerade die politischen Nachrichten irgend jemandem Sorge gemacht htten. Drben jenseits des Meeres erscheinen Ereignisse, die in der Heimat wochenlang die Presse in Atem halten, mikroskopisch klein. Die groe Distanz und die Zeitdifferenz lt sie gewissermaen mit einem umgedrehten Fernglas sehen. Recht, recht gleichgltig ist unseren Landsleuten drben der Gang der groen und der kleinen Politik, von der man im stillen Winkel doch so gut wie nichts versprt. Trotzdem machte es einen tiefen Eindruck, als die Samoanische Ztg. am 3. Mrz durch eine Extraausgabe mitteilte, der deutsche Reichstag habe die neuerdings geforderte Auslandsflotte, auf die man beim Flottengesetz von 1900 verzichtet hatte, abgelehnt. Am Abend des Tages saen einige deutsche Kaufleute und mehrere Angestellte der deutschen Plantagengesellschaft in der Veranda eines Landhauses, von dem aus man den schnsten Blick auf Apia und die Reede hat. Am anderen Ufer der Bucht flatterte trge in der lauen Abendluft ber dem kaiserlichen Gouvernement die Flagge des Reiches. Leise rauschend schlugen die Wellen an den Strand, whrend die nach Norden offene Reede sonst gerade im Mrzmonat von heftigen Strmen heimgesucht wird. Gleich einem riesigen Gerippe lag das Wrack des Kreuzers Adler auf der Korallenbank, auf der sich eine Schar Samoaner tummelte. Hin und wieder erschien eine der geschmeidigen Gestalten zwischen den Stahlrippen des Wracks. Der feurige Sonnenball stand dicht am Rande des westlichen Horizontes. Von der Mwe, die auf der Reede lag[1], klangen die melancholischen Tne des Zapfenstreiches ber die ruhige Meeresflche, langgezogen und klagend. In der traumhaften Stille des Abends glaubte man fast die Ruderschlge der Gig zu hren, die einige Offiziere der Mwe dem Lande zutrug. Wie eine weie Raupe kroch das Boot ber den kupferfarbenen Seespiegel, whrend mit dem Scheiden der Sonne die Flagge am Heck des Kriegsschiffes verschwand. [Funote 1: Die Mwe war nach ihrem Eintreffen in Tsingtau noch einmal nach Apia zurckbeordert worden, da der in der Sdsee stationierte Kreuzer Condor eine Havarie erlitten hatte.] Dort kommen unsere Gste, sagte der Hausherr, der fr diesen Abend die Offiziere S. M. S. Mwe zu sich geladen hatte, da das Vermessungsschiff, ein hufiger Gast in Apia, am nchsten Tage die Reede verlassen sollte, um seine letzte Reise nach Tsingtau anzutreten, um dort als Hulk seine Tage zu beschlieen. Man brach auf und begab sich in das Speisezimmer, um dort die Marineoffiziere zu begren. Noch bevor sie die kurze Strecke von dem gebrechlichen Landungssteg am Strande bis zum Landhause, das am sanften Abhange des Berges lag, zurckgelegt hatten, erschien dort ein Soldat der eingeborenen Polizeitruppe mit einem Briefe fr den Hausherrn. Nachdem er ihn durchflogen, wandte er sich zu seinen Gsten: Schade, unser Gouverneur Dr. Solf bittet, ihn fr heute abend als entschuldigt gelten zu lassen und auerdem will er uns noch einen unserer Gste entfhren. Schade, es htte so nett werden knnen. In diesem Augenblick betraten die Marineoffiziere, lebhaft begrt, das Haus. Whrend die brigen Herren abschnallten, nahm der Hausherr den Kapitnleutnant Schrder beiseite und verstndigte ihn von dem Wunsche des Gouverneurs. Bei einer vorzglichen Bowle entwickelte sich schnell eine rege Unterhaltung, die sich bald auch dem Ereignis des Tages, dem Reichstagsbeschlusse ber die Auslandsflotte, zuwandte. Nun, allzu tragisch drfen wir's nun doch wohl nicht nehmen. Was bekommen wir in Apia von der Auslandsflotte berhaupt zu sehen? Ja frher, da lagen hier oft unsere groen Kreuzerfregatten, aber seit 1889, seit dem Unglck, schickt man uns doch nur kleine Khne. Das sind Sie, sagte einer der Pflanzer zu den Offizieren, mit Ihrer >Mwe<, die sieht ja recht nett aus, aber glauben Sie, da sie unseren englischen und amerikanischen Freunden imponiert? Eine >Antiquitt aus Williams Museum< nennen sie den Kahn. Nun, die >Mwe< geht ja jetzt auch ins alte Eisen in der Tsingtauer Rumpelkammer. Hchstens kommt sonst mal der >Falke< seligen Andenkens oder der >Cormoran< auf eine Stippvisite. Von Ihren Auslandsschiffen merken wir hier verdammt wenig; wenn Sie Ihre Schiffe nicht ins Ausland schicken, dann knnen wir uns die Kosten auch sparen. berhaupt sieht's friedlich genug aus in der Politik. Wer will denn auch heute einen Krieg anfangen? Jeder scheut doch die Verantwortung. Friedlich, meinte der Herausgeber der Samoanischen Zeitung, sieht es nun gerade nicht aus. Wenn ich den Zusammenhang auch nicht ganz verstehe, so mu doch irgend etwas in der Luft liegen, was sich ber das Niveau des diplomatischen Kleinkrieges, den wir seit Monaten verfolgen knnen, hinaushebt. Nach einer Depesche, die ich heute aus New York bekam, die allerdings unterwegs stark ramponiert sein mu, hat England sein Mittelmeergeschwader mobil gemacht. -- Auerdem wird von verdchtigen Schiffsbewegungen im Kanal berichtet. Doch ist der Zweck dieser Manahmen so unklar, da es ebenso gut eine amerikanische Ente sein kann. Sie wissen ja wie das amerikanische Kabel arbeitet. Die reinen Rsselsprnge depeschieren sie uns, wenn es ihnen pat. Ach was, das englische Sbelrasseln kennen wir; warten wir ab und trinken wir Tee oder besser diese geradezu erhaben komponierte Bowle. Lat uns lieber ein lustiges Lied singen. Wie immer, wenn Deutsche beisammen sind, war's kein lustiges, sondern ein wehmtiges Lied -- Hier in weiter, weiter Ferne Wie's mich nach der Heimat zieht! Lustig singen die Gesellen, Doch es ist ein falsches Lied, Doch es ist ein falsches Lied .... klangs voll und krftig aus zwanzig Mnnerkehlen in die tropische Sommernacht hinaus. Mit ernstem Gesicht hrte der Kapitnleutnant Schrder, der, vom Gouverneur zurckgekehrt, unbemerkt das Zimmer wieder betreten hatte, dem Gesange zu .... Andere Mdchen, andere Stdtchen O wie gerne kehrt' ich um ..... hallte es noch nach. Er trat jetzt an den Tisch: Meine Herren Kameraden, Sie haben eben mit Nachdruck versichert, da Sie gerne umkehrten; ich mu Sie nun leider auch tatschlich bitten, mit mir umzukehren und mit mir an Bord zu gehen. Und Sie, verehrter Herr Gastgeber, bitte ich, zu entschuldigen, da ich gewissermaen als steinerner Gast, als Strer der Freude erscheine. Aber die Pflicht ruft. Im brigen brauchen wir uns heute noch nicht zu verabschieden, denn die Mwe bleibt noch einige Tage im Hafen liegen. Ein rasches Abschiednehmen, dann ruderte die Gig wieder in die Finsternis hinaus, auf die Laterne zu, die wie ein einsamer Stern am Vortopp des weien Kreuzers drauen auf der Reede ber der weiten Meeresflche schwebte. Leise rauschend legte das Boot am Fallreep an, die beiden Fallreepsgste erschienen mit ihren Laternen, die Deckswache salutierte. Als man auer dem Hrkreis der Mannschaften war, ersuchte der Kommandant die Offiziere, ihm in seine Kajte zu folgen. Die Ordonnanz, die Licht gemacht, verschwand lautlos. Erwartungsvoll blickten die Herren ihren Vorgesetzten an. Nach einer kurzen Pause sagte er mit leicht stockender Stimme: Meine Herren, ich will Ihre Zeit nur auf ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Der kaiserliche Gouverneur, Herr Dr. Solf, hat mir aus einer amtlichen Meldung mitgeteilt, da die politische Lage die Mglichkeit eines Kriegs zwischen England und Deutschland nicht ausgeschlossen erscheinen lt. Es wird von deutschfeindlichen Kundgebungen in England berichtet. Mit leiser, erregter Stimme fortfahrend, setzte er hinzu: Unsere Kameraden von S. M. S. Sperber sind in Durban vom englischen Pbel insultiert worden. Die Lage ist ernst. Einstweilen ist angeordnet worden, da S. M. S. Mwe vor Apia bleibt. Im Falle eines Krieges hat die Mwe bis auf weiteres den Schutz der Kolonie zu bernehmen. Durch treue Pflichterfllung werden wir das Vertrauen Seiner Majestt, unseres obersten Kriegsherrn, ehren. Meine Herren Kameraden, diese Mitteilungen sind nur fr Sie bestimmt; sie sind Dienstgeheimnis. Und nun, meine Herren, lassen Sie uns ruhen. Mit festem Hndedruck verabschiedete sich der Kommandant von seinen Offizieren. Keiner fand Schlaf diese Nacht. Krieg? S. M. Kriegsschiff Mwe, Kriegsschiff? Vermessungsschiff sagte die Schiffsliste. Auerdem zum Tsingtauer Hulk kondemniert! Einerlei: Kriegsschiff. Langsam, mit hallenden Schritten ging der Posten auf Deck auf und ab, auf ... und ... ab, auf ... und ... ab. Tapp-tapp ... Kriegsschiff, Kriegs ... schiff. Antiquitt hatte der Englnder gesagt. Ach was, ein deutsches Lied singen Wie's mich nach der Heimat zieht ... Heimat ... ja Heimat ... aber erst der Krieg ... Kriegsschiff ... Kriegs ... schiff ... Einerlei, hier stand man auf Posten, der Schutz Samoas, und man wrde ja auch nicht allein gelassen werden. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr, hatte das nicht der Alte damals gesagt? Nein, nicht Dienst: _Pflicht_. Leise pltschernd schlugen die Wellen gegen den schlanken Leib der Mwe. Hin und wieder schnellte ein Fisch empor und fiel klatschend wieder aufs Wasser zurck. Knarrend drehte sich nur manchmal eine Stenge oder ein Tau im leichten Nachtwinde. Sonst Totenstille. Auch im Gouvernementsgebude am Strande erlosch in dieser Nacht das Licht nicht. * * * * * Die nchsten Tage verliefen vllig ruhig. Die Mannschaft der Mwe erhielt keinen Landurlaub mehr. Nur die Dampfpinasse fuhr mehrmals am Tage zwischen dem Gouvernementsgebude und dem Kriegsschiff hin und her. Dr. Solf teilte dem Kommandanten am 10. Mrz ein amtliches Chiffretelegramm mit, das letzte, welches er aus der Heimat erhielt. Es lautete -- vorsichtig abgefat, im Hinblick auf eine mgliche Entzifferung von unberufener Seite -- Handelt im Einvernehmen mit >Mwe<. Gefahr drohend von Washington und London. >Thetis< und >Cormoran< unterwegs. So konnte man binnen einiger Tage auf das Eintreffen der beiden Schiffe, des ersten von Batavia, des zweiten von Jaluit aus hoffen. Bereits machte sich die Bedeutung des englisch-amerikanischen Kabelmonopols geltend. Obige Depesche war wie erwhnt das letzte Chifferntelegramm, das berhaupt auf dem amerikanischen Kabel ber Pago-Pago weitergegeben wurde. Es war vorsichtigerweise schon an eine Mittelsperson gerichtet. Mindestens so gut wie auf deutscher Seite, waren die englischen und amerikanischen Einwohner Apias ber die politischen Vorgnge in Europa unterrichtet. Die Konsuln beider Lnder standen in steter telegraphischer Verbindung mit ihren Regierungen. Den Depeschenverkehr schon jetzt einer Zensur zu unterwerfen, lag fr die deutsche Behrde einstweilen kein vlkerrechtlicher Grund vor. Da man gengend informiert war, zeigte sich in dem sehr zurckhaltenden Benehmen der Englnder und Amerikaner gegenber den Deutschen. Man ging sich gegenseitig aus dem Wege. Im brigen zeigte Apia sein alltgliches Aussehen, und nichts lie uerlich darauf schlieen, da die Luft mit elektrischem Fluidum gesttigt war. Die Mwe blieb ruhig vor dem Hafen liegen. Der kleine, wackelige englische Postdampfer Kawau, der den Verkehr Samoas mit der Auenwelt vermittelt, fuhr noch am 12. Mrz mit zahlreichen amerikanischen Passagieren nach Pago-Pago auf Tutuila ab. Unter der Hand verstndigte ein schnell gebildetes Komitee der deutschen Bewohner Apias den Gouverneur, da im Ernstfall die Kolonie, meistens gediente Leute, sofort aus sich selber heraus eine Schutztruppe bilden wrde, und Herr Dr. Solf nahm, da die samoanische Polizeitruppe von 30 Mann doch nur ein fragwrdiges Kriegsinstrument war, das Anerbieten an -- auf alle Flle. Er unterrichtete auch das Komitee davon, da die in einem Schuppen hinter dem Gouvernementsgebude liegenden Armeegewehre im Ernstfall zur Verfgung stnden. So war man, wenn auch nicht gerstet, so doch vorbereitet. * * * * * Am Nachmittag des 13. Mrz erschien am westlichen Horizont eine Rauchwolke, und kurz vor 5 Uhr warf ungefhr 200 m seewrts von der Mwe der englische Kreuzer Tauranga, von Sidney kommend, Anker, ein alter Bekannter auf der Reede von Apia. Nach Erledigung der vorschriftsmigen Salutschsse lie sich der britische Kommandant an Land setzen, um dem Gouverneur einen Besuch zu machen. Dr. Solf ersuchte unter Hinweis, da von seiten der Mwe dasselbe geschehe, den Englnder, bei den gegenwrtigen Mihelligkeiten, deren Einflu sich schon bis Apia geltend machte, seiner Mannschaft einstweilen keinen Landurlaub zu geben, was Kapitn Hopkins auch bereitwillig zusagte. Hierauf verweilte er eine halbe Stunde -- ein lngerer Besuch wre aufgefallen -- im englischen Konsulat und fuhr dann an Bord der Mwe. Ein etwas wrmerer Ton kam in die anfangs streng frmliche Unterhaltung, als beide Schiffskommandanten sich als Kameraden vom Seymourzuge auf Peking erkannten. Noch an demselben Abend erwiderte Kapitnleutnant Schrder den Besuch auf der Tauranga. Am Abend desselben Tages wurde dem Gouverneur gemeldet, da ein amerikanischer Missionar von Eingeborenen windelweich durchgeprgelt worden sei, weil er durch reichliche Schnapsspenden und durch klingende Dollars versucht hatte, einige ehemalige Anhnger Malietoas gegen die Deutschen aufzuwiegeln. Der treffliche Seelenhirte -- man sagte ihm nach, er habe vor seiner Erweckung einen lngeren Urlaub nach Sing-Sing (dem bekannten amerikanischen Gefngnis) gehabt -- war bei seinem sauberen Handel von zwei Soldaten der eingeborenen Polizeitruppe berrascht worden, die alsbald die Rolle des Richters Lynch bernahmen und den Reverend weidlich verdraschen. Der amerikanische Konsul sandte alsbald ein amtliches Schreiben: Hoffentlich (^I hope sincerely^) genssen doch amerikanische Untertanen auch unter den gegenwrtigen Umstnden den Schutz der deutschen Regierung. Die Sache war fatal wegen der Beteiligung der beiden Polizeisoldaten. Dr. Solf teilte dem Konsul mit, beide beltter sen bereits im Arrest, er bte ihn aber, seinen Einflu dahin geltend zu machen, da sich amerikanische Untertanen auch jeder politischen Whlerei enthielten, nur dann knnte er garantieren usw. * * * * * Am 15. Mrz beschwerte sich der englische Konsul, da betrunkene Eingeborene -- der Schnaps stammte von dem amerikanischen Seelenhirten -- nachts in einige englische ^stores^ eingebrochen seien. Hierauf erlie Dr. Solf eine strenge Verfgung, die jede Verabfolgung von Spirituosen an Eingeborene oder Chinesen mit strengen Strafen belegte. Am Nachmittage erschienen auf der Reede der amerikanische Kreuzer Wilmington und der von Sidney kommende englische Kreuzer Wallaroo und ankerten neben der Tauranga. Am spten Abend fuhr vom Wilmington ein Boot an Land; ein Offizier begab sich ins amerikanische Konsulat und kehrte von dort erst spt wieder an Bord zurck. Ein Zollwchter berichtete, man habe zwei schwere Kisten aus dem Boot ins Konsulat geschafft; seiner Ansicht nach knnten sie nur Gewehre enthalten. Um die Sache aufzuklren, lie sich Dr. Solf auf 9 Uhr am anderen Morgen beim amerikanischen Konsul anmelden. Er teilte ihm mit, was ihm gemeldet sei, und machte den Konsul darauf aufmerksam, da das Waffeneinfuhrverbot nach wie vor bestehe. Der Konsul Mr(!) Schumacher wollte nichts von Kistentransporten und gar nichts von Gewehren wissen. Zwei Stunden darauf wurde einem eingeborenen Arbeiter auf einer amerikanischen Plantage, ein verdchtiges Paket abgenommen, das drei amerikanische Marinekarabiner enthielt. Der Bursche konnte entfliehen, die Waffen wurden ins Gouvernementsgebude gebracht. Dr. Solf sandte Mr. Schumacher ein offizielles Schreiben, in dem er seine Warnung wiederholte. Am Nachmittage bat Dr. Solf smtliche Schiffskommandanten und beide fremden Konsuln zu einer Konferenz zu sich. In kurzen Worten skizzierte er die politische Lage und bat die Vertreter der fremden Mchte, alles zu tun oder zu unterlassen, was zu einer Strung des Friedens fhren knnte. Es herrschte eine schwle Atmosphre in dem engen Raum. Die Besprechung hatte etwas Gezwungenes, und das gegenseitige Vertrauen fehlte. Pltzlich fiel ein Schu drauen, wildes Geschrei folgte. Der Kommandant des Wilmington eilte in nervser Hast ans Fenster. Drauen wurde ein Chinese mit Kolbensten von eingeborenen Polizeisoldaten in den kleinen Vorhof gefhrt, welcher zum Gouvernement gehrt. Eine Ordonnanz trat ein und meldete, der Chinese habe nach kurzem Wortwechsel einen Polizeisoldaten auf offener Strae erschossen. Erschossen??! Hier ist das Gewehr; die Ordonnanz berreichte es. Ein Zucken ging ber Dr. Solfs bartloses Gesicht. Er stie den Kolben des Gewehres mit kraftvoller Hand schmetternd auf den Fuboden, trat, die Faust an dem Gewehrlauf, an den Beratungstisch, und den durchdringenden Blick auf Mr. Schumacher geheftet, sagte er: Es ist heute das zweite Mal, da mir amerikanische Marinegewehre ins Haus getragen werden. In einer halben Stunde werden zwei Doppelposten vor dem Konsulatsgebude der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika stehen, damit keine Gegenstnde aus dem Gebude mehr -- gestohlen werden knnen. Die Amerikaner grten eisig und empfahlen sich. Die Englnder folgten ihnen. Zu kurzer Beratung blieben Kptlt. Schrder und Dr. Solf noch zusammen, dann kehrte auch dieser an Bord zurck. Eine halbe Stunde spter setzte die Mwe 30 Marinesoldaten an Land, die ein Alarmquartier in der Nhe des Gouvernementsgebudes bezogen und alsbald den Sicherheitsdienst in den Straen Apias bernahmen. Die Ttigkeit der eingeborenen Polizeitruppe blieb auf das samoanische Viertel beschrnkt. Zugleich erlie Dr. Solf eine Verfgung, da niemand nach Sonnenuntergang ohne Erlaubnisschein die Strae betreten drfe, was sofort auch den fremden Konsuln amtlich mitgeteilt wurde. * * * * * Glhend rot versank der Sonnenball im Meere. Auf der stillen Flut wiegten sich leise die schlanken weien Leiber der vier Schiffe. Scharf und deutlich drangen die schnarrenden Trommelwirbel und die langgezogenen Horntne des Zapfenstreichs zum Lande hinber. Langsam und ruckweise kletterte die weie Toplaterne wie ein blasser Stern am Fockmast der Mwe empor. Wie ein Spielschiff nahm sie sich mit ihrer hohen Takelage gegenber den ernsten, ausgesprochen kriegerisch aussehenden fremden Kreuzern aus. Nur zwei Batterienpforten unterbrachen die Reeling der Mwe, nur zwei grere Geschtze gegenber zwei Dutzend englischen und amerikanischen, im Ernstfall ein von vornherein verlorenes Spiel. Hinter der Mwe der groteske Bau des Wilmington, ein schwimmendes Pltteisen mit einem Fabrikschornstein drauf, ungefhr als wre in diesem Fahrzeug mit dem berlangen Schlot wieder eines jener frhesten unbeholfenen, unproportionierten Dampfboote lebendig geworden, wie sie noch hie und da in stillen Hafenwinkeln rosten. Schnell brach die tropische Nacht herein. Unter ihrem Schutze nherten sich zwei amerikanische Schiffsboote dem Strande; beide Kommandanten begaben sich ins amerikanische Konsulat. Nur eine Bootswache blieb am Strande zurck. Um 2 Uhr nachts wurden mehrere total betrunkene Seehelden vom Sternenbanner von deutschen Marinesoldaten im Arrestlokal eingeliefert. Whrend die Patrouillen mit der Bndigung dieser Gesellen -- es waren zwei Neger darunter -- beschftigt waren, spielten sich im eigentlichen Apia wste Szenen ab. Eine Schar wiskybegeisterter amerikanischer Matrosen war in mehrere Eingeborenenhtten eingebrochen. Aus einer Prgelei war ein regelrechter Kampf geworden. Schsse fielen von beiden Seiten. Die Samoaner, denen vor Jahren alle Waffen von den deutschen Behrden abgenommen, d. h. abgekauft worden waren, hatten unerklrlicherweise pltzlich amerikanische Karabiner; sie stammten, wie sich spter herausstellte, aus dem Waffenlager im Konsulat. Zwei amerikanische Matrosen wurden gettet, vier verwundet, acht sinnlos betrunkene Leute waren im Arrest. Von den Samoanern waren acht tot, vierzehn verwundet. Noch vor Tagesanbruch fand ein lebhafter amtlicher Verkehr zwischen dem Gouverneur und den Konsulaten statt. Es war eine bse Nacht. * * * * * Am 17. Mrz, morgens 7 Uhr, erhielt Dr. Solf vom amerikanischen und gleich darauf vom englischen Konsul ein Schreiben des Inhalts: Da bewaffnete Eingeborene amerikanische Seesoldaten berfallen htten, mten sie als Schiffskommandanten ihrer Regierung ersuchen, eine Abteilung Mannschaften zum Schutze der Konsulate zu landen. Dr. Solf antwortete: Die Konsulate stnden unter dem Schutze der deutschen Regierung; er erstrecke sich allerdings nicht auf Leute, die die Htten friedlicher Eingeborener berfielen, wie das geschehen sei. Eine Landung fremder Marinemannschaften knne er nicht erlauben. Er wolle ber den Fall telegraphisch Instruktionen seiner Regierung einholen. Bis dahin mte es bei diesem Bescheide bleiben. Die Bentzung des Kabels sei vor der Hand nur fr gewhnliche, nicht chiffrierte Depeschen zulssig. Die verhafteten Amerikaner mten bis auf weiteres im Arrest verbleiben. Antwort beider Konsuln: Wenn bis um 9 Uhr keine zustimmende Antwort des Gouverneurs vorliege, wrde die Landung zweier Abteilungen ohne Erlaubnis stattfinden. Antwort Dr. Solfs: Einer bewaffneten Landung wrde er mit Waffengewalt entgegentreten. Der Kommandant S. M. S. Mwe werde instruiert werden, jedes Boot mit bewaffneter Macht unter Feuer zu nehmen. Die Uhr schlug die 8. Stunde; alle Arbeit ruhte in Apia. berall wurden die Ereignisse der Nacht besprochen. Auf den Straen standen lebhaft sich unterhaltende Gruppen; die englischen und amerikanischen Ansiedler hatten sich in der Nhe ihrer Konsulate versammelt. Die Hgel hinter Apia waren dicht besetzt von Eingeborenen; das reine Amphitheater ^Caesar, morituri te salutant^ .... 5 Minuten nach 8 Uhr glitt das von 8 eingeborenen Polizeisoldaten geruderte Gouvernementsboot rasch aus dem Hafen hinaus. Dr. Solf begab sich an Bord der Mwe. Eine Viertelstunde spter verabschiedete er sich am Fallreep von Kapitnleutnant Schrder mit einem langen Hndedruck. Auf der Rckfahrt begegnete Dr. Solf dem Boote des amerikanischen Konsuls, das wenige Minuten spter beim Wilmington anlegte und kurz darauf zurckkehrte. Am Lande hie es Mr. Schumacher habe dem Kommandanten des Wilmington eine wichtige Meldung berbracht. 9 Uhr. Tausend Augen blickten hinaus aufs Meer voll banger Sorge. Man war auf sich selber angewiesen, ganz allein auf sich. Das Kabel hatte, nachdem der amerikanische Konsul noch eine Depesche erhalten, versagt, von der brigen Welt war man abgeschnitten. Drauen lagen die drei weien Schiffe mit ihren blanken drohenden Geschtzen, der Feind, daneben dem Lande zu die kleine Mwe. Und die Minuten rannen. Stolz flattert des Reiches Flagge ber dem Gouvernementsgebude in der frischen Brise. Dicke Ballen Rauch warfen die Schlote der Kriegsschiffe aus; er sank nieder auf die Wasserflche, auf ihr sich zerteilend zu einem feinen braunen Schleier. Ab und zu drang ein Signal herber. Klick, klick, klack, klick, klick, klack tnte es scharf und regelmig -- die Anker gingen auf, gleichzeitig erschien eine sprudelnde Welle am Heck .... man lie die Schraube angehen. Und die Minuten rannen. Die _kleine_ Mwe, die arme Mwe. Ihr Schicksal war besiegelt. Was ntzte es, da man die Faust ballte, da man die Zhne zusammenbi. Die _arme_ Mwe und unsere braven, blauen Jungen. Totenstill lag Apia da. Alle blickten sie hinaus mit brennenden Augen, alle Deutschen auf des Reiches uersten verlorenen Posten, alle, alle. Gewehr bei Fu stand das gelandete Marinekommando im Vorhof des Gouvernementsgebudes. Kerls das ist grlich. Wer doch wenigstens an Bord sein knnte, um den verfluchten Hunden eins aufs Fell zu brennen, knirschte der fhrende Leutnant zwischen den Zhnen hervor. Die Sekunden wuchsen, aber sie schwanden Tropfen um Tropfen. Am Gouvernementsgebude sammelten sich die Deutschen. Mit kurzem Hndedruck begrte man sich, man sprach nur flsternd, die Sekunden rannen. Da tnte pltzlich der heulende Schrei einer Dampfpfeife zum Lande herber, an dem langen Schlot des Wilmington erschien eine weie Dampfwolke. Am Bug des Schiffes wallte das Wasser auf. Langsam glitt der Wilmington zwischen den beiden Englndern hindurch und verlie nun unter Volldampf die Reede, weit drauen auf der offnen See einen flachen Bogen nach Osten beschreibend und dann die Richtung nach Pago Pago nehmend. Der amerikanische Konsul hatte dem Kommandanten des Wilmington das Telegramm seiner Regierung noch rechtzeitig bermitteln knnen, welches die Anweisung enthielt, auf _jeden Fall_ einen Konflikt zu vermeiden, bei Ausbruch von Feindseligkeiten Apia zu verlassen und alles weitere der Regierung der Vereinigten Staaten zu berlassen. Die beiden Englnder blieben auf ihren Pltzen. 9 Uhr. Trug der Wind nicht den Ton einer Trillerpfeife herber? Auf dem Achterdeck der Mwe trat die Mannschaft an. Kapitnleutnant Schrder hielt eine kurze Ansprache: Kameraden! die Kommandanten der englischen und amerikanischen Schiffe haben verlangt, Mannschaften landen zu drfen zum Schutze ihrer Konsulate. Fremde Konsulate auf deutschem Boden stehen unter deutschem Schutz und bedrfen keines anderen. Unser Gouverneur hat das Ansinnen deshalb rundweg abgelehnt und erklrt den Versuch einer Landung mit Waffengewalt verhindern zu mssen. Da der Wilmington in See geht, scheint der Amerikaner seine Forderung zurckgezogen zu haben. Die beiden Englnder werden aber sicherlich Ernst machen. Kameraden! Wir lassen deutschen Boden nicht vom Feinde betreten, einen Boden, auf dem so viel deutsches Blut geflossen ist. Kameraden! Wird die Landung versucht, so sprechen unsere Geschtze. Kerls, ich wollte wir htten hier ein anderes Schiff unter den Fen. Wenn um 9 Uhr der erste Schu fllt, so wird eine Viertelstunde spter die Mwe aller Voraussicht nach nicht mehr existieren. Kameraden! Zeigen wir der Welt, wie deutsche Seeleute ihre Flagge zu verteidigen wissen. Noch nie hat ein deutsches Kriegsschiff die Flagge vor dem Feinde gestrichen, der letzte von uns nehme sie hinab mit ins dunkle Grab. Und nun Kameraden, fassen wir alles, was uns bewegt, in dem Rufe zusammen: Unser allergndigster Kriegsherr, hurra, hurra, hurra! Das brausende Hurra fand am Lande ein tausendfaches Echo; die geprete Brust machte sich Luft in dem alten Kriegsruf. 5 Minuten vor 9 Uhr. Dr. Solf erscheint auf der Veranda des Gouvernementsgebudes. Die Matrosenabteilung tritt an. Mit einem Ruck fliegen die Gewehre empor. Totenstille. Alle Nerven gespannt. Arme Mwe. Einer zeigt nach dem westlichen Horizont, wo ein qualmiger Rauchstreifen ber dem Wasser liegt. Wer spricht da pltzlich von Hilfe und Rettung? .... Baum, baum .... 9 Uhr. Am Flaggenstock des englischen Konsulats fliegt eine Signalflagge empor bis dicht unter die Landesflagge. Die Entscheidung! Alle Augen suchen Dr. Solf, dessen eiserne Gesichtszge keine Bewegung verraten. Jetzt nimmt er den Federhut ab, tritt an die Brstung der Veranda und umklammert mit beiden Hnden das Gelnder, festen Auges aufs Meer blickend. Vom Bord der Wallaroo geht ein Boot zu Wasser, ebenso von der Tauranga. An allen Geschtzen hinter den Panzerschilden und an den Maschinengewehren sieht man die Bedienung stehen. Jetzt legen sich die Bootsmannschaften in die Riemen. Ruckweise schieen die Boote vor, jetzt kommen sie aus dem Schatten der Schiffskrper, eine leichte Kurve, jetzt sind sie im offenen Wasser. Man glaubt fast den Rudertakt zu hren. Ruck ... Ruck ... Ruck ... Aller Augen sind auf die Mwe gerichtet. An den dunklen Geschtzrohren leuchten die weien Anzge der Matrosen. Ein schriller Pfiff, an der vorderen Revolverkanone erscheint eine blaue Wolke, ein Blitz ... eine zweite Wolke, ein zweiter Blitz ... Platschend schlagen die Geschosse vor beiden Booten ins Wasser. Es ist, als ob sie zaudern. Nein, sie rudern weiter. Pratsch gehen die Ruder ins Wasser, pratsch ... pratsch ... Wer hat angefangen? ... irgendwer. Das alte Sturmlied vom Iltis. Stolz weht die Flagge schwarz-wei-rot von unseres Schiffes Mast. Alle Hupter entblen sich am offenen Grabe unserer blauen Jungen. Manch eine Trne rollt ber wettergebrunte Wangen. Ein letzter Gru von deutschem Mund ward ihnen das Flaggenlied. ... Am Heck der Mwe schumt's auf. Dicht entquellen dem Schlote die Rauchwolken. Bis 20 sollten die Kanoniere zhlen nach dem ersten scharfen Warnungsschu ... zwanzig. Eine blaue Wolke hllt die Revolverkanonen ein. Splitter und Holzscheite stieben empor an beiden Booten. Hoch spritzt das Meerwasser auf in Dutzenden von Fontnen. Einige Planken treiben auf dem Wasser, hie und da taucht ein Kopf, ein Arm auf. Das war alles, was man sah. Denn in dem Moment, da die Revolverkanonen der Mwe zu spielen beginnen, rast und tobt es drauen los, als ob die Hlle sich ffnete. In einem ungeheueren, grauweien Rauchschleier[2] verschwinden alle drei Schiffe. Rote und gelbe Blitze flammen auf. Dumpf hallende Schlge, heulendes Pfeifen, helles Zusammenkrachen von Eisenteilen, rollendes Kettenfeuer, donnernde Explosionen, die die Luft zerreien und darber das harte metallische Knattern der Maschinengewehre. Vereinzelte Geschosse schlagen am Lande ein, hier knickt ein Palmbaum, glatt abgeschnitten, in der Mitte zusammen, dort wirft eine berstende Granate gewaltige Erdmassen auf, ein Haus brennt. Im Hafen steigen an hundert Stellen zugleich springende Wassersulen auf. Nach 10 Minuten wird es stiller, hie und da noch ein Schu, Hornsignale, heulende Sirenentne, dann Hurragebrll, das gemarterte Trommelfell vermag die pltzliche Stille kaum zu empfinden, und der Hllenlrm klingt noch stundenlang im Ohre nach. Die dichte Rauchwand sinkt in sich zusammen, die leichte Brise reit groe Stcken von ihr los. [Funote 2: Die alte rauchstarke Geschtzmunition wird in den meisten Marinen beim Salutschieen und von den Schiffen auf den Auenstationen aufgebraucht. Das war vor Apia auf beiden Seiten der Fall.] Mastspitzen werden sichtbar, qualmende Schlote. Endlich zerteilt ein Windsto den Rauch, der wie eine Nebelwolke fortgeschoben wird. Die Sonne bescheint eine Sttte wster Vernichtung. Die Mwe ist verschwunden. Nur die Masten ragen noch aus dem Wasser, am Grotopp weht noch wei und stolz die Flagge des Reiches. Die brave Besatzung hatte, so weit sie nicht gettet war, in treuer Pflichterfllung ein Grab in den Wellen gefunden. Nur einzelne hatten sich in die Toppen gerettet. Ein Boot von der Tauranga ruderte auf das Wrack der Mwe zu, um die berlebenden an Bord zu bringen. Die Tauranga schien ziemlich unversehrt zu sein, nur ein 10 cm Geschtz war aus der Lafette geworfen und lag schief ber der Reeling. Der Panzerschild war wie ein Blechkasten seitlich zusammengedrckt. Schwer beschdigt schien dagegen die Wallaroo zu sein. Sie lag quer zu dem Wrack der Mwe, die ungefhr 30 m seewrts von dem Riff, das die Fortsetzung der Landspitze von Mulinuu bildet, gesunken war. Die Wallaroo lag offenbar bis zur Mitte des Schiffes _auf_ dem Riff -- wie er dahin geraten, war ein Rtsel -- mute auch schwer leck sein, denn die Lenzpumpen warfen an beiden Bordseiten mchtige Wasserstrahlen aus. Die Vernichtung der Mwe war vom Feinde teuer erkauft worden. Whrend vor dem Gouvernementsgebude das vor zwei Tagen gebildete ca. 160 Mann starke Freiwilligenkorps unter Gewehr antrat, stie gegen 11 Uhr von der Tauranga ein Boot unter der Parlamentrsflagge ab. Der erste Offizier des Schiffes berbrachte die Forderung, der Gouverneur sollte die deutsche Flagge niederholen und Apia den fremden Schiffskommandanten bergeben. Dr. Solf antwortete khl: Wer die deutsche Flagge haben wolle, mge sie sich nur holen. Punkt 11 Uhr erffnete die Tauranga ein zwar heftiges, in seinen Wirkungen aber ziemlich harmloses Bombardement auf Apia. Der Erfolg war gleich Null; mehrere Samoaner wurden gettet und verwundet, ein paar Gebude verwstet; das war alles. Um 12 Uhr nahm die Dampfpinasse der Tauranga drei stark besetzte Boote in Schlepp und nherte sich unter dem Feuer der Schiffsgeschtze dem Lande. Als man Gefahr lief, die eigenen Leute zu treffen, verstummte das Bombardement, und nun begann das Kleingewehrfeuer, untersttzt von dem Bootsgeschtz in der englischen Pinasse. Wacker griff das deutsche Freikorps in den Kampf ein, und die 30 Marinesoldaten, in guter Deckung liegend, machten dem Feinde arg zu schaffen. Schon hatten die Bootsmannschaften mehrere Tote verloren, aber trotzdem mute der Feind in ein paar Minuten den Strand erreichen; einige Seesoldaten sprangen bereits ber Bord und wateten, bis an den Hals im Wasser stehend, ans Land. Die letzte Entscheidung nahte .... Da stie pltzlich die Dampfsirene der Tauranga heulende Warnungsrufe aus, die Vorwrtsbewegung der Landungstruppen stockte, und zu gleicher Zeit scholl von der See her ein dumpfer Knall, und zwei Sekunden spter platzte auf dem Achterdeck der Tauranga eine Granate. Es war dies einer jener Momente, die spter allen Beteiligten bei ruhigem Nachdenken einfach unbegreiflich erscheinen. Das Interesse des Feindes war so sehr auf die Vorgnge am Lande konzentriert gewesen, und andererseits hatte man dort nur Augen fr die angreifenden Boote, mute sich auch vor den einschlagenden Granaten in Deckung halten, so da fast niemand das Nherkommen zweier Schiffe von der See her bemerkt hatte. Wie pltzlich aus dem Meer emporgetaucht lagen die vor einer Woche schon angekndigten deutschen Kreuzer Thetis und Cormoran, zwei Seemeilen vom Feinde entfernt und erffneten ein energisches und gut geleitetes Feuer. Nur Dr. Solf hatte das Erscheinen der Retter in der Not seit zwei Stunden beobachtet, und nur in seiner Umgebung war man unterrichtet. Freudig atmete man auf, als man mit scharfen Glsern 12 Uhr die deutsche Kriegsflagge am Heck beider Schiffe erkannt hatte. Und doch hing die schlieliche Entscheidung an einigen Minuten. Der Feind war in bler Lage. Die Hlfte der intakten Mannschaften befand sich in den Booten, andere waren mit Reparaturarbeiten -- auf der Wallaroo schon mehr Rettungsarbeiten -- beschftigt, so konnten die Geschtze einstweilen nur ungengend bemannt werden. Die Boote wurden schleunigst zurckgerufen. Nichtsdestoweniger nahm der Feind mit anerkennenswerter Fixigkeit das neue Gefecht auf. Schlimm stand es nur um die Wallaroo, die wie ein gestrandeter Pottwal auf dem Korallenriff hing. Ungefhr stand die Partie gleich. Tauranga und Thetis waren gleichwertig und der kleinere Cormoran konnte es mit der havarierten Wallaroo aufnehmen. Nun kam der starke Mannschaftsverlust auf seiten des Feindes hinzu. Ein glcklicher Schu traf die zurckkehrende Dampfpinasse, durchschlug den Kessel, der explodierte, und in einer halben Minute war das Fahrzeug von den Wogen verschlungen; auch ein anderes Boot ward von einer Granate getroffen. Das voreilige Landungsmanver kostete dem Feinde in 5 Minuten ber 60 Mann, da die rasch nher kommenden Deutschen das Feuer der leichten Geschtze auf die Boote konzentrierten. Die Einzelheiten des Gefechtes lieen sich infolge des Pulverdampfes, -- Thetis und Cormoran waren mit ihrer rauchschwachen Munition sehr im Vorteil -- den die englischen Geschtze entwickelten, nicht genau verfolgen. Wallaroo litt furchtbar. Die Geschosse vom Cormoran fegten das Deck, die ohnehin sprliche Bedienungsmannschaft der Geschtze wurde niedergemht. Deckaufbauten und Schornstein wurden heruntergeschossen. Doch die Englnder zeigten, da man unter dem Union Jack noch zu sterben wisse. Gegen 2 Uhr ward es still auf der Wallaroo, die wie ein totes Werk, eine qualmende Ruine auf dem Riff lag. Der Wind drckte den Pulverdampf nieder, rastlos klapperten die Maschinengeschtze, in kaum sekundenlangen Pausen entsandten die 10 cm Geschtze ihre heulenden Projektile. Aber schon wurden die Zwischenrume zwischen den feindlichen Schssen grer. Die Tauranga hatte nur noch einen Schornstein; vom Cormoran, der mehrere Volltreffer aufwies, war ein Mast ber Bord gegangen. Scheinwerfer und Peilkompa glichen einem wsten Gewirr von Eisenstben. Weiter tobte der Kampf. Jetzt verlie die Tauranga ihre Position, sie machte eine brillante Wendung nach Steuerbord und schrammte in fliegender Fahrt mit dem Heck fast den Cormoran. Dieser Augenblick wurde mit scharfem Blick von einem englischen Kanonier erfat. Ein Gescho traf die Mndung des Backbordtorpedorohres des Cormoran. Ein weier Blitz, eine betubende Detonation -- hoch stob der Gischt empor, in der Breitseite des Cormoran klaffte bis unter die Wasserlinie ein meterbreiter Ri, durch den gurgelnd und brandend das Wasser in das Innere strzte. Auerdem war einer der Backbordkessel zertrmmert, und weier Dampf brach aus allen Decksffnungen. Das Schiff lag gefhrlich nach Backbord ber; die Situation war kritisch. Kurz entschlossen gab daher der Kommandant das Kommando in die Maschine: Volldampf voraus. In voller Fahrt passierte der Cormoran die drohenden Korallenbnke, erreichte die innere Bucht von Apia und lief sicher gesteuert auf dem weichen Schlickgrund des Hafens auf, just an derselben Stelle, wo 1889 die Olga durch ein hnliches Manver einer anderen Gefahr entging. Sowie der Schiffsboden so einen Sttzpunkt gefunden hatte, pendelte der Kreuzer wieder in die horizontale Lage zurck und lag jetzt ruhig wie ein Block in der leichten Brandung. Der Choc warf eine mchtige Welle auf den Strand. Freilich schied der Cormoran so aus dem Gefechte aus, aber Schiff und Besatzung waren gerettet, und die Thetis hatte ja auch nur noch mit der arg zusammengeschossenen Tauranga zu tun, deren Maschinenleistung durch Versagen eines Kessels und durch Zerstrung eines anderen durch eine deutsche Granate, die das schwache Panzerdeck durchschlagen hatte, erheblich reduziert war. In dem Moment der Explosion auf dem Cormoran hatte die Tauranga einen kurzen Vorsprung vor der Thetis gewonnen. Diese folgte ihr jetzt und es entspann sich ein laufendes Feuergefecht, das aber nicht lange dauern konnte, da die Thetis noch ziemlich intakt war. Die Absicht des englischen Kommandanten war klar; er wollte das aussichtslose Gefecht mit Ehren zu Ende fhren. Er hielt den Kurs eine Seemeile vom Lande parallel der Kste. Die Thetis folgte unter voller Maschinenkraft und lief der Tauranga schnell auf. Deren zwei Heckgeschtzen gegenber hatte die Thetis sechs 10 cm-Geschtze im Gefecht und dieser Umstand entschied bereits nach 20 Minuten, zumal die Bedienung der beiden englischen Geschtze (dreimal abgelst) unter dem Schloenhagel der Maschinengeschtze schnell zusammenschmolz. Kurz nach 2 Uhr schor die Tauranga nach Steuerbord aus und lief auf dem Korallenriff auf. Das Vorschiff bumte sich hoch auf, das Heck fast unter Wasser drckend. Der furchtbare Anprall warf alle zu Boden. Der Kampf war zu Ende. Die Thetis stoppte 100 m von der Tauranga, die den Union Jack herunterholte. Im selben Moment gingen zwei Boote der Thetis, die einzigen noch verwendbaren, zu Wasser, um die berlebenden der Tauranga, der smtliche Boote zerschossen waren, herberzuholen. Als der englische Kommandant das Fallreep der Thetis betrat, schlug der Tambour den Ehrensalut, die Mannschaft prsentierte. Kapitnleutnant Hartmann begrte den geschlagenen Gegner mit einem Hndedruck und wies dessen Degen mit stummer Gebrde zurck. Als die Thetis dann drehte und den Kurs wieder auf Apia nahm, rutschte das Wrack der Tauranga von dem Riff herunter und versank in den Fluten, ein ungeheurer Sarg fr die an Bord zurckgelassenen Toten. Brausender Jubel empfing die Sieger am Lande. Ernst und wrdig war aber der Ton der Begrung. Dr. Solf lie sich sofort an Bord der Thetis rudern. In stummer Ergriffenheit schttelte er Kptlt. Hartmann immer wieder die Hnde. Apia war gerettet, aber unter welchen Opfern! und auf wie lange! denn das war jetzt der Krieg. In diesem Augenblicke loderten vielleicht schon berall auf dem ganzen Erdenrund die Flammen empor. Es ist nur noch wenig ber die Ereignisse in Apia nachzutragen: Am folgenden Tage wurden die Toten, Freund und Feind, soweit sie nicht auf dem Grunde des Meeres ruhten, nebeneinander bestattet. Aus den Berichten der 5 Geretteten von der Mwe ging hervor, da das Schiff gleich in den ersten Minuten von den feindlichen Geschossen furchtbar zerfetzt worden war. Sonderbarerweise blieb die Maschine intakt. Da fate der Kommandant den verzweifelten Entschlu, die Wallaroo zu rammen. Als die Mwe ungefhr noch 50 m von der Wallaroo entfernt war, lie der Englnder die Maschine rckwrts schlagen und rannte so mit voller Kraft auf das dicht hinter ihm liegende Korallenriff auf. So war die Strandung zu erklren. Die Wallaroo aus dem die deutschen Seeleute mit eigener Lebensgefahr mehrere Verwundete geborgen hatten, brannte in der Nacht gnzlich aus, eine gigantische Todesfackel ber dem Grabe der Gefallenen. In den nchsten Tagen ging es an das Ausflicken der Thetis, bei der es nur einige Schulcher im Rumpf und in den Schornsteinen und die Boote zu reparieren gab. Zwei stark beschdigte Maschinenkanonen wurden an Land geschafft. So war der Kreuzer schon nach zwei Tagen wieder fertig. Schlimmer sah es mit dem Cormoran aus. Auf die Reparatur des Dampfkessels mute verzichtet werden. In die zerschmetterte Bordwand fgte man einige Stahlplatten vom Wrack der Wallaroo ein, die leidlich passend gemacht wurden und so war der Cormoran nach einer Woche einigermaen wieder zurechtkalfatert. Schn sah das Pflaster zwar nicht aus, aber mit Farbe lt sich dem Auge manches verdecken. Dann wurde der Cormoran geleichtert und von der Thetis abgeschleppt. Nirgends zeigte sich ein Leck. Mit den Kohlenvorrten am Lande fllte man die Bunker wieder auf, und am 26. Mrz lagen beide Schiffe vollkommen gefechtsbereit wieder auf der Reede. Was war inzwischen aber in der Welt vorgegangen! Im deutschen Reichstag. Der Abgeordnete Stadthagen redete bereits zwei Stunden. Die meisten der sprlich erschienenen Volksvertreter hatten sich vor der alten Phrasengiekanne in die Restaurationsrume geflchtet, denn nach dem durch jahrelange Gewohnheit geheiligten Brauch benutzte der grauhaarige Genosse die Beratung des Etatskapitels: Gehalt des Reichskanzlers, um alles das, was die sozialdemokratische Presse im Laufe des letzten Halbjahres ihren glubigen Lesern an wirklichen und erlogenen Skandalgeschichten aufgetischt hatte, noch einmal wiederzukuen. Unter lebhaften Gestikulationen und bei den hinausgeschrieenen Kraftstellen mit der Stimme umkippend redete der zappelige Volkstribun allbereits zwei volle Stunden ber die tausend Kleinigkeiten, die die kochende Volksseele angeblich zum berschumen gebracht haben sollten. Jede Backpfeife, die einem renitenten Rekruten auf dem sandigen Kasernenhofe verabfolgt war, jeder freundschaftliche Rippensto ward hier zu einer unerhrten Beleidigung des geknechteten rechtlosen Volkes. Und weiter pltscherte der Strom der geschwtzigen Rede, wie ein Wasserhahn den man vergessen hat zuzudrehen, weiter und weiter in ermdendem Tonfall. Der Vizeprsident des hohen Hauses starrte wie geistesabwesend vor sich hin; in dem allgemeinen Stumpfsinn ward es ihm schwer, die Prsidialgewalt irgendwie imponierend zu markieren. Bleierne Mdigkeit lag ber dem Hause. Selbst aus dem Huflein der Roten, die als Ehrengarde fr ihren schlimmsten Dauerredner ausharrten, erklang nur selten ein schlfriges Bravo. Und weiter pltscherte der Worte Bchlein. Wie ein Schachbrett am Ende der Partie sahen die Sitzreihen der anderen Parteien aus. Hie und da ein Abgeordneter, der Briefe schrieb oder Schnrkel und geometrische Figuren aufs Papier malte um der Mdigkeit Herr zu werden. Ein dicker Domherr gerade vor Herrn Stadthagen hatte bereits kapituliert, die derbe Faust vor sich auf der Tischplatte schnarchte er wie ein dicker Kater in heier Mittagsstunde. Dicht am Eingang des Saales ein paar plaudernde Gruppen. Die Tribnen waren fast leer. Und weiter ging der Rede surrender Gleichstrom. Am Bundesratstische zwei Uniformen. Dem hohen Hause den Rcken kehrend und sich an die Kante des Tisches lehnend sprach Frst Blow leise und eindringlich mit einem Herrn in Generalsuniform. Der wandte den Kopf, als Herr Stadthagen die Worte hervorkreischte: ... wenn der Soldat in dieser Weise der Willkr seiner Vorgesetzten schutzlos preisgegeben ist, wenn die schreiendste Ungerechtigkeit zum Prinzip erhoben wird, so kann doch von einer Begeisterung fr den Heeresdienst, von der Sie bei festlichen Anlssen immer so viel zu rhmen wissen, keine Rede mehr sein. Erfllt mit diesen Gefhlen von Ha und Erbitterung, angesammelt in zwei Jahren rohester und brutalster Behandlung, versagt die Armee berhaupt als Waffe. Ein Heer, in dem das Ehrgefhl systematisch erttet wird, kann wohl in die Schlacht als willenlose Masse getrieben aber nicht gefhrt werden. Wenn heute ein Krieg ... In diesem Augenblicke erwachte der dicke Domherr mit den Worten: Sehr richtig, die von der andern Seite des Hauses mit einem frhlichen Guten Morgen beantwortet wurden. In der allgemeinen Heiterkeit, die diesen Zwischenfall begleitete, bemerkte man nicht, da ein Saaldiener an den Frsten Blow herantrat und ihm etwas zuflsterte, worauf dieser sich hastig von dem General verabschiedete. Und Herr Stadthagen redete weiter. Die Uhr ging stark auf drei. Graf Ballestrem bernahm wieder das Prsidium und sein Stellvertreter verlie die Tribne, um von seinem ermdenden Dienst Erholung zu suchen in der Restauration. In der Tr prallte er heftig mit dem Grafen Reventlow zusammen, der den Saal betrat, ein Blatt Papier in der hocherhobenen Rechten schwenkend. Ihm folgten einige Dutzende von Abgeordneten, die laut und erregt miteinander sprachen. Alle Augen wandten sich nach der Eingangstr. Dem Abgeordneten Stadthagen ri der Faden der Rede ab; Graf Reventlow eilte auf den Prsidenten zu und berreichte ihm das Blatt. Graf Ballestrem berflog den Inhalt, whrend sich die Schar der Volksvertreter um den Prsidentensitz drngte. Summendes Stimmengewirr erfllte pltzlich den Saal. Graf Ballestrem schob seinen Stuhl zurck, sein Auge suchte den Platz, wo vorher der Reichskanzler gestanden. Er war leer. Dann fuhr er mit einer hastigen Bewegung nach der Glocke, setzte sie wieder auf den Tisch, rckte an seiner goldenen Brille und begann: Meine Herren! Es wird mir soeben ein Extrablatt berreicht, das vom >Berliner Tageblatt< ausgegeben worden ist. Ich will es hiermit zur Kenntnis des hohen Hauses bringen. Es lautet: Washington, 18. Mrz. (Privattelegramm.) Wie aus Pago-Pago gemeldet wird, sind am 16. Mrz in der Abendstunde einige amerikanische Matrosen von samoanischen Eingeborenen in Apia berfallen worden. 4 Matrosen wurden gettet und einige schwer verwundet. Hierauf kndigten die Konsulen der Vereinigten Staaten und Grobritanniens am 18. frhmorgens dem deutschen Gouverneur an, es sei unumgnglich notwendig, da amerikanische und englische Marinemannschaften zum Schutze der Konsulate und der betreffenden Staatsuntertanen gelandet wrden. Obgleich dieses Ersuchen in der verbindlichsten Form gestellt war und das Ansehen der deutschen Behrden in keiner Weise beeintrchtigte, verweigerte der Gouverneur Dr. Solf die Landung solcher Schutzwachen und erklrte, da er einer Landung mit Waffengewalt entgegentreten wrde. Er verbrge den Schutz aller fremden Staatsangehrigen. Im Vertrauen auf diese Zusage verlie dann der amerikanische Kreuzer Wilmington den Hafen von Apia. Die Kommandanten der beiden englischen Kreuzer Tauranga und Wallaroo beharrten jedoch auf ihrer Forderung. Als dann um 9 Uhr eine englische Matrosenabteilung die Boote bestieg, um an Land zu gehen, erffnete der deutsche Kreuzer Mwe ohne weiteres das Feuer auf die Boote und die englischen Schiffe auf der Reede. Dieses provokatorische Vorgehen des deutschen Kreuzers fand damit ein Ende, da nach einem Gefecht von nur wenigen Minuten der Kreuzer Mwe zum Sinken gebracht wurde, worauf die Schutzwachen gelandet wurden. Die Kabelverbindung nach Pago-Pago scheint gestrt zu sein. Der amerikanische Kreuzer Wilmington, der in Pago-Pago auf Tutuila eingetroffen ist, hat den Verlauf des Gefechtes von der See aus beobachtet. Meine Herren! Diese Meldung kommt so berraschend und sie ist so schwerwiegend, da ich mich einstweilen lediglich auf diese Mitteilung beschrnke. Ich werde mich sofort mit dem Herrn Reichskanzler in Verbindung setzen, um zu erfahren, ob diese Nachricht auf Tatsachen beruht. Ich bitte Sie das Resultat meiner Anfrage beim Herrn Reichskanzler einstweilen abwarten zu wollen. Ich vertage hiermit die Sitzung auf eine Stunde. Schnell leerte sich der Sitzungssaal. Die Abgeordneten fluteten in die Restaurationsrume zurck, wo der Inhalt des Extrablattes mit groer Erregung besprochen wurde. Auf dem so hei umstrittenen Boden von Samoa war deutsches Blut geflossen. Die Geschtze waren gewissermaen von selber losgegangen und die mit elektrischem Fluidum bersttigte Luft hatte eine Entladung gefunden. War das der Krieg, oder war es noch mglich, unter Anspannung aller diplomatischen Knste, die Flut, die den Deich durchbrochen, in ihre Ufer zurckzudmmen? Und zwar so zurckzudmmen, da kein Flecken auf dem nationalen Ehrenschilde zurckblieb? So, wie diese Depesche gefat war, stammte sie aus amerikanischer Quelle und man wute aus Erfahrung, wie trbe diese Quelle in Zeiten nationaler Erregung flo. Vielleicht war, wenn anders in London der ehrliche Wille vorhanden war, diesen Konflikt als ein ^untoward event^ zu betrachten und zu behandeln, eine Mglichkeit gegeben, noch einen ^modus vivendi^ zu finden. Das war der Strohhalm, an den sich die Erwgungen derer anklammerten, die sich der furchtbaren Verantwortung bewut waren, einen Krieg zu entfesseln, der ohne weiteres die abendlndische Welt in Flammen setzen mute. Vielleicht hatte man in der Wilhelmstrae schon andere Nachrichten, obwohl die Schwierigkeit auf der Hand lag, den Schleier zu zerreien, den das angelschsische Kabelmonopol vor den Augen Europas zu weben im stande war. Im allgemeinen hatte man aber das Gefhl, hier machtlos am Ufer eines Stromes zu stehen, dessen Wogen von einer hheren Gewalt emporgepeitscht wurden. Man sa hier mit gebundenen Hnden, whrend die Weltenuhr drauen mit hartem Pendelschlag die Stunden ma und die Weltgeschichte ihren Gang ruhig weiterging, ohne da schwache Menschenhnde imstande waren, in die Speichen des Rades hineinzugreifen. Einige Abgeordnete trieb es hinaus aus dem engen Raum des Gebudes. Drauen auf dem Knigsplatz fegte ein mrrischer Mrzwind die kahlen Bume des Tiergartens und ein unfreundlicher Regentag hatte die Straen und Wege verdet. Nur schwach drhnte das Brausen der Volksmenge und des Wagenverkehrs vom Brandenburger Tor herber. Eine dichte Menschenmasse wogte unter den Linden auf und ab, nichts von der Hastigkeit des Berliner Lebens sonst. Man sah sich pltzlich einem Ungeheueren, Unerwarteten gegenber, man fhlte, da diese Stunden eine scharfe Scheide bildeten zwischen Vergangenheit und Zukunft. Um 5 Uhr erffnete Graf Ballestrem den Reichstag von neuem wieder, machte aber nur die Mitteilung, der Reichskanzler sehe sich auerstande, heute bereits weitere Erklrungen abzugeben, sei jedoch bereit, morgen bei Erffnung der Sitzung Aufschlu ber die politische Lage zu geben. Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. Die Abendbltter enthielten keine weiteren Nachrichten, berhaupt schien der gewohnte Strom der Reuterschen Depeschen pltzlich versiegt zu sein. Die Leitartikel forderten ein festes Auftreten der Regierung gegenber diesem englischen bergriff, forderten strenge Shne fr das vergossene deutsche Blut, und doch mischte sich ein Ton der Unsicherheit in diese Betrachtungen, das Gefhl, England gegenber zur See fast hilflos dazustehen mit den geringen eigenen maritimen Krften, und vielleicht noch ohne Verbndete. Auch die Bndnisfrage wurde mit einer gewissen Zaghaftigkeit errtert, es war unmglich, die Tragweite des Dreibundes ohne weiteres unter solchen Umstnden richtig einzuschtzen, und man fand nur darin schlielich einen zuversichtlichen Ton wieder, da man versicherte, in einem solchen Konflikt sei das deutsche Volk, auch allein, entschlossen, den letzten Mann an die Verteidigung der nationalen Ehre zu setzen. So verging der Abend. Bis tief in die Nacht hinein waren die Straen von erregten Menschenmassen belebt. Man konnte sich nicht entschlieen, zur Ruhe zu gehen, in fieberhafter Spannung weiteren Meldungen ber die Ereignisse von Samoa entgegenharrend. * * * * * Frst Blow schlo: ... und so haben wir denn von unserm diplomatischen Vertreter in London die Mitteilung erhalten, da die englische Regierung zwar bereit sei, ihr Bedauern ber den Zwischenfall auszusprechen, da sie aber keineswegs in der Lage sei, ihrem Vorgehen irgendwelche Schuld beizumessen, diese trage vielmehr lediglich der deutsche Gouverneur von Samoa, der sich geweigert habe, den fremden Staatsangehrigen in ausreichender Weise seinen Schutz angedeihen zu lassen. Der englische Standpunkt ist in diesem Fall ein solcher, da wir ihn unter keinen Umstnden teilen knnen. Wir haben Herrn Dr. Solf angewiesen, jeden feindlichen bergriff mit aller Entschiedenheit zurckzuweisen, das ist eine Auffassung, wie sie allein mit unserer nationalen Ehre vereinbar ist. Wie Sie bereits aus den Morgenblttern erfahren haben werden, sind die beiden englischen Schiffe spter durch unsere Kreuzer Thetis und Cormoran nach einem lngeren Gefechte vernichtet worden. Die diplomatischen Verhandlungen gehen weiter und ich kann dem hohen Hause die Zusicherung geben, da von meiner Seite alles geschehen wird, was eine friedliche Beilegung dieses Konfliktes herbeifhren kann, doch wre es tricht, zu verschweigen, da unsere Hoffnungen in dieser Beziehung sehr gering sind. Nach den Nachrichten, die wir besitzen, scheint es im Gegenteil fast so, als ob dieser Zwischenfall nur eine Episode ist in einem Plane, der mit einer freundschaftlichen Politik dem Deutschen Reiche gegenber in keiner Weise in Einklang gebracht werden kann. Sollten unsere Vorstellungen in London keinen Erfolg haben, so sind die Konsequenzen, die wir daraus zu ziehen haben, selbstverstndlich. Ich bin natrlich auerstande, mich darber auszusprechen, welche Manahmen in einem solchen Falle von uns zu treffen wren, noch auch darber, welche Nachrichten ber beunruhigende Maregeln in England wir bereits besitzen. Ich bitte deshalb das hohe Haus, sich fr heute mit diesen Mitteilungen zu begngen und gebe meinerseits die Versicherung, da ich bei einer ernsteren Wendung der Dinge keinen Moment zgern werde, dem hohen Hause entsprechende Mitteilungen zu machen. Sollten wir aber jetzt vor die groe Entscheidung um unsere nationale Zukunft gestellt werden und sollten wir gezwungen werden, das Schwert zu unserer Verteidigung zu ziehen, so wird das geschehen unter dem Wahlspruch, den die deutsche Hansa zu ihrer Devise gemacht: Das Fhnlein ist wohl leicht an die Stange gebunden, doch es ist schwer, es mit Ehren wieder herunterzuholen. Brausender Beifall folgte diesen Worten des Reichskanzlers, in den Jubelrufen nationaler Begeisterung schaffte sich die geprete Brust Erleichterung. Als die Hochrufe langsam verhallten, erhob sich Graf Ballestrem und machte dem Hause die Mitteilung, da zwei Antrge bei ihm eingebracht seien. Der Antrag Kardorff, von smtlichen Parteien, bis auf die Sozialdemokraten, unterschrieben, forderte das Haus auf, dem Frsten Blow fr seine Worte uneingeschrnktes Vertrauen auszusprechen und eine weitere Errterung einstweilen nicht eintreten zu lassen. Hingegen, fuhr er fort, verlangt ein _Antrag Bebel_ und Genossen, das hohe Haus mge die Regierung auffordern, die Erledigung des Zwischenfalles von Samoa dem _Haager Schiedsgericht_ zu berweisen. Lebhafte Unruhe und strmische Protestrufe folgten dieser Ankndigung. Kaum vernahm man noch, da der Abgeordnete Bebel zu seinem Antrag das Wort zu ergreifen wnschte, so stand der ehemalige Drechslermeister bereits auf der Tribne, aber es dauerte Minuten, bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft gestikulierende Abgeordnete dort oben gab, hin und wieder ein Wort vernehmbar wurde. Er zog alle Register seiner Beredsamkeit. Wir haben Sie immer gewarnt, schrie er, wir haben vergebens versucht die Verschleuderung des Volksvermgens fr eine maritime Politik zu hintertreiben, die das ganze Ausland gegen unsere sogenannte Weltpolitik mobil gemacht hat, die uns bei allen Vlkern verdchtigt hat und die dazu gefhrt hat, da unsere Politik berall mit Mitrauen verfolgt wird. Jetzt sehen Sie, wohin Sie mit dieser Weltpolitik gekommen sind. Ihr Staatsschiff, Herr Reichskanzler, hngt jetzt auf der kolonialen Korallenklippe, die Sie sich erst auf einer Konkursversteigerung mit vielen Millionen teuer genug gekauft haben. Hinter mir und meinen Genossen stehen drei Millionen deutscher Staatsbrger, die verlangen, da dieser Zwischenfall isoliert bleibt, und da seine Erledigung dem Haager Schiedsgericht berantwortet wird. Wir werden kein Mittel scheuen, selbst kein Mittel, welches Sie mibilligen werden, um zu verhindern, da Ihre unsinnige Politik uns in das furchtbare Unglck eines europischen Krieges hineinfhrt. Es ist Ihre Sache, Herr Reichskanzler, das wieder auszugleichen, was Sie gesndigt, denn die Achiver, das sind wir, das steuerzahlende Volk, hat keine Lust, das auszubaden, was die Knige gesndigt. Wir haben keine Neigung, uns fr das Phantom einer angeblichen nationalen Ehre auf dem Schlachtfelde hinmorden zu lassen. Was drben in Australien geschehen ist, geht uns in der Heimat recht wenig an, sehen Sie zu, wie Sie mit den fremden Kabinetten fertig werden, denn das ist Ihr Geschft, mit den fremden Vlkern wollen wir, das arbeitende Volk, uns schon vertragen. Zwischen uns und den Reden und Telegrammen eines Herrn, der die Welt in stete Unruhe versetzt hat, besteht kein Zusammenhang. Wir mibilligen seine Politik ..... Ein Sturm der Entrstung durchtoste das Haus, die Abgeordneten der rechten Seite und auch die Massen der Zentrumsabgeordneten, in denen der Funke nationaler Begeisterung zu glimmen begann, scharten sich um die Tribne und manche derben Flche und Verwnschungen schollen dem kreischenden Redner entgegen, dessen weitere Worte in dem allgemeinen Tumult untergingen. Auch auf den Tribnen machte sich laute Emprung geltend, und in dem brausenden Lrm verschwand auch der Schall der Prsidentenglocke, die Graf Ballestrem ber dem wogenden Meer erhobener Arme lautlos schwang. Langsam verhallte der Lrm, Herr Bebel wollte von neuem zu reden beginnen, aber der Prsident schnitt ihm den Faden ab mit den Worten: Ich entziehe hiermit dem Abgeordneten Bebel das Wort. Der Antrag Kardorff wurde mit 310 Stimmen angenommen, fr ihres Genossen Antrag stimmten 48 Unentwegte. Die Sitzung wurde vertagt und schnell verlieen die Abgeordneten das Reichstagsgebude, das von einer nach Zehntausenden zhlenden Menschenmasse umlagert wurde. Man hielt die einzelnen Herren auf der Strae an, um von ihnen zu erfahren, was Frst Blow gesagt. Fremde Menschen schttelten sich die Hnde, sprachen auf einander ein und die gemeinsame Not und Gefahr lie alle Standesunterschiede vergessen, man war Mensch zu Mensch. Man sprach laut und erregt, war emprt ber das, was in Samoa geschehen, und suchte dadurch, da man immer wieder versicherte, fr des Volkes Sicherheit keine Opfer scheuen zu wollen, tapfer der drohenden Gefahr ins Auge zu sehen, die dumpfe innere Angst zu bertuben, die Angst vor einer ungekannten, furchtbaren Gefahr, die jetzt vielleicht schon ber des Weltmeeres Wogen gegen die Heimatkste herankam. Man zog wieder durch die Linden, umjubelte des Frsten Blow Wagen, stand stundenlang, aller Tagesarbeit vergessend, vor den grauen Mauern des Kaiserschlosses und zog wieder in die Wilhelmstrae, dort vor des ersten Kanzlers Heimsttte, geduldig ausharrend und schon erhob eine neue Gefahr drohend ihr Haupt. In den schwarzen Strom der Menschen, der in gleichmigen Wellen zwischen den hohen Huserreihen der Linden auf und nieder wogte, ergo sich pltzlich von rechts her aus einer Zeitungsdruckerei ein schumender Giebach weier Papierbltter, zerflo in ihm, zerteilte sich, weie Schaumkpfe auf die schwarzen Wellen spritzend, in weien Strudeln das schwarze Wasser herumquirlend und wieder stockte der Strom. Mauergleich stand er, Totenstille herrschte und gierigen Blickes durchflog man die tanzenden Zeilen auf dem knitternden Papier und Extrablatt -- Extrablatt gellte der Ruf der Verkufer ber der stummen Menge. In der franzsischen Deputiertenkammer hatte ein Abgeordneter der nationalistischen Partei den Minister des Auswrtigen interpelliert ber den Zwischenfall von Samoa. Er hatte gefordert, da die franzsische Regierung sich gegenber der neuen Konstellation in der Politik so verhalten mchte wie es die Ehre Frankreichs, seine Bndnispflicht gegenber England und das Andenken an alte Schmach erfordere. Der Minister des Auswrtigen hatte darauf eine Darstellung der Ereignisse vor Apia gegeben, in der bekannten Form und hatte hinzugefgt, da die deutsche Regierung in London strenge Genugtuung gefordert habe, darauf sei die Antwort ergangen: Man sei leider nicht in der Lage eine solche zu gewhren, im Gegenteil msse man fordern, da Deutschland seinerseits fr den unmotivierten Angriff auf die englischen Schiffsmannschaften eine Genugtuung leiste. Man war demnach in Paris schon sehr genau ber den Verlauf der diplomatischen Verhandlungen orientiert und wurde anscheinend von London aus auf dem Laufenden gehalten. Er habe, so fuhr der Minister fort, unbedingt zuverlssige Nachricht durch Frankreichs diplomatischen Vertreter erhalten, da man in London fest entschlossen sei, auf seinen Forderungen zu beharren. Wenn Deutschland durch das Verhalten seines Gouverneurs auf Samoa den Krieg vom Zaune gebrochen habe, so sei England entschlossen, den Handschuh aufzunehmen und, wie mir versichert wird, lassen die Vorbereitungen der englischen Flotte keinen Zweifel darber zu, da eine friedliche Beilegung des Zwischenfalles wenig wahrscheinlich ist. Man ist jenseits des Kanales der Ansicht, da das Auftreten Deutschlands in internationalen Fragen seit Jahren ein derartiges gewesen ist, da kein Zweifel darber bestehen kann, da Deutschland die Absicht hat, sich ber die im internationalen Verkehr traditionellen Formen hinwegzusehen und in falscher Beurteilung seiner Machtmittel zur See es auf einen Bruch der Beziehungen zu den Vlkern angelschsischer Rasse ankommen zu lassen. Er stelle dem Hause anheim, ob dies der Moment sei, das provozierende Auftreten des deutschen Reiches in die gebhrenden Schranken zurckzuweisen, auf da man fr alle Zukunft Ruhe vor diesem Friedensstrer habe. Er stelle es dem Hause anheim, ob Frankreich in der Lage sei, eine solche Beunruhigung der ganzen Welt durch Deutschland und insbesondere der Staaten, mit denen man einesteils durch nationale Traditionen verbunden sei und mit denen man andererseits einen Vertrag geschlossen habe, der zwar Frankreich im Kriegsfalle keine Verpflichtungen auferlege, es jedoch vor die Frage stelle, ob es die Hoffnung auf die Wiedererlangung ihm geraubter Lnder auf ewig begraben solle. -- Es hie weiter in der Depesche, in der franzsischen Kammer htten smtliche Parteien (mit Einschlu der Sozialdemokraten) eine Tagesordnung eingebracht, die der Regierung in ihren Entschlssen vollkommenes Vertrauen ausspreche. Diese Tagesordnung sei einstimmig angenommen worden und die Kammersitzung habe geschlossen unter Rufen: Berlin, Berlin! In Paris herrschte grte Begeisterung und eine Stimmung, die keinen Zweifel darber lie, da man mit dem Ausbruch eines Krieges gegen Deutschland bereits in den nchsten Stunden rechne. Eine weitere Meldung aus Genf lie erkennen, da in Brest, Cherbourg und Toulon Maregeln zur Mobilisierung der Flotte getroffen wrden. Eine Depesche aus Brssel wollte bereits wissen, der Befehl zur Mobilmachung der franzsischen Ostkorps sei schon am Vormittag ergangen. Das war also das, worber man so oft gesprochen hatte, was man so oft sich als in ferner Zukunft liegend ausgemalt hatte, das war der Krieg. berall stockte der Pulsschlag auf einer Sekunde Dauer. ber die Vergangenheit, ber das friedliche Leben des Tages machte man in Gedanken einen Strich, von heute und dieser Stunde an war man ein anderer als gestern und ehegestern. Das ganze Leben der Kulturwelt versank in einem Augenblick in Vergessenheit, das Leben der europischen Vlker ward in einer Stunde zurckgeschraubt um Jahrzehnte, um Jahrhunderte. Man stand wieder, die Flinte im Arm, als Volk in Waffen an des Reiches Grenzen. Und immer weiter schumte der Giebach, Wirbel und Strudel ziehend in den dunklen Wogen der Menge. Dann flossen die Wasser wieder zusammen, breit und majesttisch, und dahin brauste ein breiter Strom, aus allen Seitenstraen weiteren Zuflu an sich ziehend und wogte kaum sich einengen lassend von den Husermauern, zu einem See sich erweiternd vor des alten Kaisers schlichtem Hause, dann wieder sich einpressend vor dem Zeughaus, wo die erkmpften Waffen und Fahnen stumme Zeugen waren von des preuischen Heeres Ruhm und Tapferkeit. Noch einmal eingeengt zwischen den Gelndern der Steinbrcke flo er dann breit hinaus auf den weiten Platz vor dem Kaiserschlo. Und jetzt lohte sie auf die nationale Begeisterung des Volkes, und whrend man bisher stumm, gedrckt von dem pltzlich hereinbrechenden Unheil schweigend dahin gewandert war, jetzt brach der Sturm los unwiderstehlich, alles mit sich fortreiend und treibend, auch die behelmten Diener der ffentlichen Ordnung, die vergebens versucht hatten, die erregten Volksmassen in Reihen lngs der Brgersteige zu ordnen; alles durcheinander wirbelnd, so flutete der Strom der Menschenmenge hin auf den Schloplatz, dort sich stauend und bis zu den Terrassen vor dem Schlosse emporschumend und ber sie hinwegleckend. Und nun begann es irgendwo, einer fing an und die anderen stimmten ein, und wie mit dem donnernden Tosen der Brandung scholl er hinauf, der alte Siegessang der Hohenzollern, da nicht der Rosse und Reisigen Macht, sondern des freien Mannes Liebe den Herrscherthron wie ein Fels im Meere grndet: Heil Dir im Siegerkranz! Wie Sturmgebrll, wie des Orkans Gewalt klang es, Zehntausende jubelten hier des Reiches Kaiser entgegen und nicht enden wollte es und immer wieder von neuem begann es, ber den grauen Mauern des Schlosses schwebte flatternd im Mrzwinde das knigliche Blutpanier der Hohenzollern. Und hinter dem Balkon, auf dem einst Friedrich Wilhelm IV. die tiefste Demtigung erlitt, begann jetzt die eine Hlfte der Glastr zu zittern, sie wich nach innen zurck, eine Hand erschien oben am anderen Trrahmen, schob mhsam einen Riegel zurck, einen Moment sah man in das Dunkel des dahinter liegenden Raumes, dann ward eine blaue Uniform sichtbar und festen Schrittes trat der Kaiser auf den Balkon. Er schien zu zgern, wandte sich nochmals nach rckwrts, winkte mit der Hand, die Kaiserin stand neben ihm, und whrend der Gesang pltzlich stockte und abflaute und sich in die Tiefe des Lustgartens bis hinten zum Museum verlor, wo er zwischen den Gebuden langsam im Widerhall erstarb, brausten dem Kaiser donnernde Hochrufe entgegen. Er legte die Hand grend an den Helm, sprach zu der Kaiserin, wies auf die Menschenmassen dort unten vor ihm und grte wieder und wieder. Und von neuem begann der Gesang, diesmal das alte Sturmlied von anno 70: Die Wacht am Rhein, das unser Volk auf seinem Siegeszuge geleitet. Es ward von neuem hinausgesungen, des Reiches Schirmherrn das Gelbde bietend, da auch in dieser ernsten Stunde des Volkes Heer treue Wacht halten werde an des Reiches Westgrenze. Und immer neue Jubelrufe erschollen, als neben dem Kaiser die schlanke Gestalt des Kronprinzen auf dem Balkon erschien. Kaiser Wilhelm legte seinem Sohne die Hand auf die Schulter, zu ihm eindringlich sprechend. Dann trat er an die Brstung des Balkons und sttzte sich mit der Linken auf ihren steinernen Rand, festen Blickes auf die Menge herniederschauend, und als sich sein Blick nach links verlor, wo die ^Via triumphalis^ der Linden bis an den Sulenbau des Brandenburger Tores schwarz von Menschen sich schier endlos dehnte, und er den Blick dann wieder zurckwandte auf die Menschenmasse vor ihm, die mit erhobener Rechten ihm gleichsam neue Heeresfolge zuschwor, da fhrte er in tiefer Ergriffenheit die Hand an die Augen, von denen eine Trne hernieder perlte. Da ward es leise still dort unten, ein jeder fhlte, da in dieser heiligen Stunde des Kaisers Herz zusammenschlug mit dem des Volkes. Der Kaiser schien sprechen zu wollen, man sah wie er die Lippen bewegte, doch von neuem brauste der Jubel empor und mit einer kurzen, schnellen Bewegung trat der Kaiser zurck von der Brstung, winkte noch einmal und verschwand mit der Kaiserin und dem Kronprinzen im Dunkel des Zimmers. Da kam pltzlich neue Bewegung in die Menge, ber den Kpfen derselben erblickte man den oberen Teil einer Droschke, die sich langsam und nur ruckweise vorwrts zu schieben vermochte, bis sie kurz vor der Schlobrcke still hielt und wie ein Wrack in der Brandung hilflos liegen blieb. Dann ffnete sich eine schmale Gasse und langsam erkmpfte sich der Reichskanzler Frst Blow, von strmischen Rufen begrt, den Weg zum Schlo. Erst spt am Abend kehrte der Kanzler, der sich nur schwer aller derer erwehren konnte, die ihm die Hand schtteln wollten, aus dem Schlosse in sein Palais zurck. Inzwischen hatte der Telegraph auf allen Stationen zwei inhaltsschwere Worte bermittelt: _Krieg mobil_. * * * * * Noch an demselben Abend wurden smtliche diplomatischen Vertreter des Reiches im Ausland ber die politische Lage dahin informiert, da die Verhandlungen in London vllig ergebnislos verlaufen seien und da die deutsche Regierung der drohenden Gefahr Rechnung getragen habe, indem sie die Mobilisierung des Landheeres, sowie der Flotte angeordnet habe. Es herrsche noch kein Kriegszustand, aber man msse auf Grund der Nachrichten, die man aus England erhalten habe, befrchten, da die englische Flotte ohne Kriegserklrung die deutschen Hfen und Ksten angreifen werde, wie das ja vom Zivillord der englischen Admiralitt und in der englischen Presse in der letzten Zeit fters ausgesprochen worden sei. Sollte die telegraphische Verbindung zwischen Berlin und dem Auslande unterbrochen werden, wie das zu erwarten sei, so seien die diplomatischen Vertreter des Reiches angewiesen, ihren letzten Instruktionen gem, die am Tage vorher noch in einer chiffrierten Depesche versandt worden seien, zu handeln. Die Vorgnge in Paris legten die ernstesten Befrchtungen nahe, da Frankreich sich dem britischen Feinde anschlieen werde, ja da es vielleicht von vornherein gesonnen sei, die Operationsbasis zu Lande gegen die deutschen Grenzen abzugeben. Es scheine, da Abmachungen zwischen London und Paris bestnden, derartig, da man annehmen knnte, die Mobilisierung des franzsischen Heeres sei bereits weiter gediehen, als die franzsische Presse in den letzten Tagen habe erkennen lassen. Jedenfalls sei zu befrchten, da die franzsische Flotte gleichzeitig mit der englischen vorgehen werde. Es sei so gut wie sicher, da sterreich sich Deutschland anschlieen werde, soweit es berhaupt ber seine militrischen Krfte in Anbetracht der inneren Krisis werde verfgen knnen. Nach Meldungen aus Rom gewinne es den Anschein, da England durch ein Ultimatum, welches durch ein pltzliches Erscheinen der englischen Flotte vor den italienischen Hfen gesttzt werde, Italien zum Abfall vom Dreibund drngen werde. Man hoffe, da Italien sich durch englische Drohungen nicht zwingen lassen werde, seine Dreibundsverpflichtung zu ignorieren. Die Entscheidung hnge in Rom jedenfalls an Stunden, die letzte Versicherung von seiten der italienischen Regierung laute dahin, da sie in der gegenwrtigen Krisis es mit ihrer Ehre nicht fr vereinbar halte, alte Bndnisverpflichtungen zu ignorieren, doch sei dem gegenber zu bedenken, da solche Entschlsse vielleicht doch durch ein bermchtiges Auftreten einer feindlichen Macht wankend gemacht werden knnten. Einstweilen sei man also ganz auf sich selber angewiesen und jedenfalls habe man die Macht des ersten Anpralls allein auszuhalten. Da Ruland sich neutral verhalten werde, sei so gut wie sicher. Als Frst Blow nach durcharbeiteter Nacht in frher Morgenstunde, da bereits der junge Tag durch die Vorhnge schimmerte, seinem Legationssekretr die eben eingelaufene letzte Post abnahm, fand er oben aufliegend ein offizielles Schreiben des deutschen Botschafters in London. Er ffnete es und durchflog es. Da teilt uns unser Botschafter offiziell mit, die Universitt London habe Sr. Majestt dem Kaiser am 10. Mrz die juristische Doktorwrde verliehen in Anerkennung seiner groen Verdienste um die Erhaltung des Weltfriedens. Das nennt man einen Treppenwitz der Weltgeschichte, sagte der Kanzler, kommen Sie, Hollmann, jetzt wollen wir noch einige Stunden schlafen! Den ersten Vortrag bitte ich mir um 8 Uhr zu halten. Krieg mobil. Wie einst zwischen Odins Adler und dem Drachen Nidhggr das Eichhrnchen Ratatsker am Stamme der Weltesche auf und nieder springend Zankworte hin und her trug, den nimmermden Streit zwischen den Kmpfern des Lichtes und den dunklen Mchten immer aufs neue entfachend, so weckte der elektrische Funke jetzt den Drachen der Zwietracht aus seinem Schlummer. An allen Kontaktpunkten, da wo die Midgardschlange der modernen Welt, die alle Lnder umschlingt, ihren Rachen ffnet und ihre blanken Zhne bleckt, leuchtete jetzt der kleine, grne Funke des Unheils auf. In der Abendstunde des 19. Mrz rasselten an allen Apparaten die elektrischen Glocken, tnte das ratternde Gerusch des Morsetelegraphen, ein kurzer Streifen weien Papieres erschien mit den inhaltschweren Worten: Krieg mobil. Auf allen Redaktionen tnten in spter Abendstunde die Telephonklingeln: Extrablattmeldung aus Berlin, und mit zitternden Federzgen entstanden auf dem Papier die wenigen Zeilen, die 60 Millionen die Kunde zutragen sollten, da der Kaiser die Mobilisierung der Land- und Seemacht befohlen habe. Noch war man auer stande, die ganze Wucht dieses Ereignisses zu erfassen und schon lag das weie Blatt am Rande des Setzerkastens, die bleiernen Lettern fgten sich aneinander, und hinein gingen diese kurzen Metallstreifen in die Maschine, die mit sausendem Schwunge diesen unscheinbaren Bissen erfate und herumwirbelte. Und heraus flatterten die weien, gedruckten Papierfetzen, von Dutzenden geschftiger Hnde erfat, die sie hinaustrugen auf die Strae, wo sie den Strom des Lebens pltzlich zum Stillstand brachten. Krieg mobil! -- Die Extrabltter klebten bereits an allen Straenecken und an allen Schaufenstern, wo sich die Menge vor ihnen staute und wo man mit starren Augen immer wieder die wenigen Worte las, da der Kaiser sein Volk rufe. Als erster Tag der Mobilmachung galt der 20. Mrz. Das ganze friedliche Leben des Volkes stand still. Der Arbeiter legte sein Werkzeug nieder und ging heim. In allen Schreibstuben und Kontoren ward es leer und in der stillen Arbeitsklause des Gelehrten hatte die Feder Ruhe. Des Kaisers Ruf war durch das Land gegangen und man bestellte sein Haus, um morgen hinauszuziehen auf die Sammelpltze, auf die Kasernenhfe, um sich dort als wehrhafter Mann einzureihen und des Befehles zu harren, der das Volk in Waffen an die Grenzen fhren sollte. Die Grenzkorps waren so gut wie mobil und standen nach 24 Stunden, am Abend des 20. Mrz, bereits in klirrender Rstung da, bereit, dem Angriff des Feindes zu begegnen. Auf allen Bahnstationen des Reiches aber begannen bereits am Mittag und Abend des 20. Mrz die ersten Truppentransporte. Es war fast berall das gleiche Bild. Eine kurze Ansprache der Truppenfhrer auf dem Kasernenhofe, die mit einem Hurra auf den obersten Kriegsherrn schlo. Dann Still gestanden! ... Bataillon marsch! ... Die Musik setzte ein und hinaus ging's auf die Strae, wo die Truppe von einer dicht gedrngten Menschenmenge mit lauten Rufen empfangen wurde. Die flotten Armeemrsche entfachten schnell eine patriotische Stimmung, die Straenjugend lie es sich nicht nehmen, jedes Bataillon bis zum Bahnhof zu geleiten, und man sah darber hinweg, da die Ordnung im Glied nicht so streng aufrecht erhalten wurde, wenn Mtter und Brute sich an die Reihen der marschierenden Leute herandrngten, um noch einen letzten Hndedruck zu erhaschen. Auf den Bahnhfen hatte die Bevlkerung dafr gesorgt, da den Truppen noch ein letzter Trunk und eine letzte Liebesgabe gereicht wurde. Einsteigen! hie es dann, noch ein Ku, eine Umarmung, hinein dann in die Wagen, die auf Tage hinaus oft das Heim der Ausziehenden bilden sollten. Immer wieder reichte man sich die Hnde durch die Fenster, dann ein schriller Pfiff der Lokomotive, ein brausender Hurraruf der Menge und unter Tcherschwenken ging es fort, immer weiter und immer schneller, bis der Zug den Blicken der Zurckgebliebenen entschwand. Es war ganz wie ^anno^ 70, nur da man damals, verwhnt durch die Erfolge von 64 und 66, mit dem sicheren Gefhl des Erfolges ins Feld zog, whrend jetzt die Ungewiheit ber die Zahl und Strke der Gegner das freudige Siegesgefhl und die nationale Begeisterung etwas dmpfte. Daheim sa man wieder zwischen den leeren Wnden und zergrbelte sich den Kopf ber das, was werden mochte, whrend die, die jetzt der Grenze zueilten, doch wenigstens der Gefahr frisch und klar ins Auge sehen konnten. Man lie die Arbeit ruhen, die Erschtterung fr das gesamte wirtschaftliche Leben war zu gro, als da man gleichmtig wieder zum Werkzeug der tglichen Arbeit greifen konnte. Man hatte das Bedrfnis sich mitzuteilen und auszusprechen, trieb sich planlos auf den Gassen herum, schlo sich jeder marschierenden Soldatenabteilung ohne weiteres an und kehrte dann immer wieder dahin zurck, wo die neuesten Extrabltter ausgegeben wurden. Was man aus ihnen erfuhr, war jedoch wenig genug, denn durch die Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges und auch des Burenkrieges gewitzigt, hatte die deutsche Regierung auch ihrerseits eine scharfe Depeschenzensur fr alles, was im Inlande vorging und auch nur im entferntesten mit der Mobilmachung zusammenhing, eingefhrt. So erfuhr das Volk eigentlich nur das, was es mit Augen sah, und selbst die entsprechenden Vorgnge in den benachbarten Stdten wurden erst tagelang nachher bekannt. Denn wenn auch der Feind darber unterrichtet war, da die Mobilisierung beschlossen war und ausgefhrt wurde, so lag doch ein hinreichender Grund vor, alle Nachrichten ber die Abfahrt von Truppenkrpern, ber alle Bahntransporte und ihre Richtung, vorlufig zu unterdrcken, damit der Feind keinen Anhalt dafr hatte, welche Truppen und wohin sie bereits unterwegs waren. Der Reichskanzler hatte sofort dafr gesorgt, da gleichzeitig mit dem Telegramm, welches die Mobilmachung bekannt gab, an smtliche Telegraphenstationen und an smtliche Zeitungen eine Mitteilung ergangen war, des Inhaltes: Er msse darum ersuchen, alles, was sich auf die Truppenmobilisierung beziehe, mit der grten Diskretion zu behandeln, und auch die Berichte ber Vorgnge in der eigenen Stadt so abzufassen, da die Richtung der Eisenbahntransporte und ihre Strke, sowie die Namen der Truppenfhrer nicht genannt wrden. Er ersuche die Redaktionen, diesem Wunsche Folge zu leisten in der Erwgung, da dem Feinde durch eine allzu reichliche Berichterstattung leicht wertvolles Material zugehen knnte. Er habe dafr gesorgt, da der Verkauf von Zeitungen und ihre Versendung durch die Post an der Landesgrenze berall sistiert wrde. Er bte aber auch seinerseits, seinem Wunsche Folge zu leisten, damit nicht durch irgendwelche Indiskretionen Premeldungen ber die Grenze gelangen knnten. Er hatte diese amtliche Mitteilung auch an die sozialdemokratische Presse gerichtet und dabei erwhnt, da er von jedem deutschen Blatte, einerlei, welcher Parteirichtung es angehre, erwarte, da es dieser Regierungsverfgung Folge leiste. Er bte, die Leser davon zu unterrichten, da sie vorlufig ber die Truppentransporte und den Aufmarsch der Armeen nichts erfahren knnten und sie darauf hinzuweisen, da dies im Interesse der militrischen Verteidigung geschehe. Er werde jedoch dafr sorgen, da alles Wissenswerte ber die Vorgnge auf dem voraussichtlichen Kriegsschauplatze der Presse rechtzeitig zugehe; dagegen habe er die lokalen Polizeiverwaltungen damit beauftragt, darauf zu achten, da seine Anordnungen ber den Nachrichtendienst aufs Genaueste befolgt wrden; er hoffe, da es nicht ntig sein werde, von Zwangsmaregeln Gebrauch zu machen. Diese Verfgung des Reichskanzlers ber eine freiwillige Prezensur im militrischen Interesse wurde bekanntlich von allen Zeitungen aufs Gewissenhafteste befolgt, so da ein Eingreifen der Behrden nirgends ntig wurde. Antwerpen von den Englndern besetzt. Das Nachrichtenmaterial aus dem Auslande war mehr als drftig, aber immerhin drang einiges auf Umwegen ber die Grenze. So hie es, die englische Flotte sei vor Antwerpen erschienen und habe die Festung, ohne Widerstand zu finden, besetzt. Diese Meldung, die ber Amsterdam einlief und mehrfach von anderen Orten besttigt wurde, gab verschiedenen liberalen Blttern Anla, sich in langen, theoretischen Artikeln ber die Neutralittsfrage an sich und insbesondere Belgiens Neutralitt zu verbreiten. Diese Schreibtischpolitiker konnten sich auch jetzt noch immer nicht zu der Erkenntnis aufraffen, da die Flut eines Krieges nicht vor papiernen Wnden Halt macht, sondern schonungslos ber alle Vertrge ber Neutralitt und derlei schne Sachen hinwegrauscht. Es konnte kaum noch einem Zweifel unterliegen, da sich England in Antwerpen eine Operationsbasis fr den Landfeldzug gesichert hatte, gewissermaen einen festlndischen Brckenkopf fr Truppentransporte. Welche Stellung die belgische Regierung dazu einnahm, war nicht zu ersehen, bis unser Gesandter am 21. Mrz mittags in Aachen eintraf und der Berliner Regierung mitteilte, man habe ihm in Brssel einfach seine Psse zugestellt, mit dem Ersuchen, das Land zu verlassen; somit stand auch Belgien in der Reihe der Gegner, es war von Frankreich und England vor die Frage gestellt worden, freiwillig oder unfreiwillig seine Grenzen den einmarschierenden Truppen zu ffnen. Die Stellung der Niederlande. Durch die Okkupierung oder den Anschlu Belgiens an die Verbndeten -- Genaueres war am 20. Mrz noch nicht darber bekannt -- waren die Niederlande in eine sehr prekre Lage versetzt worden. Sie hingen gewissermaen zwischen den Kriegfhrenden in der Luft. Auer stande durch ihre kleine Armee, die Landesgrenzen zu verteidigen und den Volksheeren der groen Nachbarreiche somit widerstandslos preisgegeben, schwankte die niederlndische Regierung zwischen einem Versuch, ihre Neutralitt zu bewahren und der Entscheidung, zu welcher von beiden Parteien sie sich schlagen sollte. Folgte man Englands Fahnen, so konnte man vielleicht hoffen, den ostindischen Kolonialbesitz aus dem Trmmersturz zu retten. Schlo man sich dem deutschen Nachbar an, so bestand eine Mglichkeit, da Deutschland auch die niederlndische Grenze schtzte. Andererseits war dann die kleine niederlndische Flotte in Gefahr, von den Englndern ohne weiteres berrannt zu werden, wodurch dann auch die Seestdte in die Gewalt der Englnder fielen. Wohl war man sich im Haag jetzt ber die Versumnisse der letzten Jahre klar, als man die Hnde, die sich von Osten hilfreich darboten, immer wieder eigensinnig zurckwies und durch das Beharren auf einer mitrauischen, chauvinistischen Politik glaubte, die Rolle einer politischen Macht spielen zu knnen. Jetzt fielen die Entscheidungen, ohne da man im Haag eine Mglichkeit hatte, sie irgendwie beeinflussen zu knnen. Man ging ber das Bestehen des niederlndischen Staates einfach zur Tagesordnung ber. Holland hatte dasselbe Geschick, wie das benachbarte Belgien, und ohne da weitere Schritte von der Regierung -- das Ministerium hielt zwar dauernd Sitzungen ab, wurde aber schlielich von den Ereignissen berrascht -- ergriffen wurden, ohne da berhaupt ein diplomatisches Aktenstck mit dem Auslande gewechselt wurde, hatte sich das Schicksal des Staates bereits erfllt. Noch ehe ein sentimentaler Protest der Niederlande in London eintraf, waren die Englnder bereits vor Vlissingen erschienen und im sdlichen Teile des Landes standen bereits deutsche Truppen auf niederlndischem Boden. Da man jetzt das tat, was man rechtzeitig htte vorbereiten sollen, hatte kaum noch einen Wert; der Anschlu der Niederlande an Deutschland verstrkte die Wehrkraft des Reiches nur um die vllig unvorbereitete, kleine niederlndische Armee und einige Kstenpanzerschiffe, die nicht einmal mehr die deutschen Hfen erreichten, sondern auf der Hhe von Texel von einem Detachement der englischen Flotte nach einem halbstndigen Kampfe abgetan wurden. Der Rest der niederlndischen Marine wurde in den Kriegshfen einfach von den Englndern abgewrgt. Der englische Admiral rstete diese Fahrzeuge noch auf den niederlndischen Werften mit den dortigen Bestnden aus und reihte sie dann dem englischen Reservegeschwader ein. Anfang April erschienen vor Batavia einige englische Schiffe. Das Gefecht auf der Reede endete mit der Vernichtung der geringen niederlndischen Streitkrfte. Nach Verlust zweier kleiner Kreuzer besetzten die Englnder Batavia und machten die Stadt zu einer englischen Flottenbasis. Die Gefechte der (von Hongkong aus) gelandeten englischen Truppen mit der niederlndischen Kolonialarmee dauerten bekanntlich noch einige Monate, dann aber zogen die Niederlnder es vor, eingeengt zwischen einem europischen Feind und den grausamen Banden der eingeborenen Volksstmme, zu kapitulieren, um ihr Leben nicht nutzlos an eine verlorene Sache zu setzen. Im Mai existierten niederlndische Kolonien nicht mehr und das kleine Mutterland ward mit zum Schauplatz der Kmpfe, die hier, auf dem Grenzgebiet zwischen West und Ost, die friedlichen Bewohner furchtbar in Mitleidenschaft zogen. ber dem Grabe der niederlndischen Selbstndigkeit aber prangte die Inschrift: Eine versumte Gelegenheit. Alarmierende Nachrichten. Am Abend des 20. Mrz waren berall an der westlichen Grenze vom Dollartbusen an bis hinunter nach Lrrach, alle Stationen der Grenzpolizei bereits von militrischen Kommandos besetzt. Der gesamte Grenzverkehr hatte schon um die Mittagsstunde vllig aufgehrt. Wer sich von den eintreffenden Reisenden nicht als Reichsangehriger ausweisen konnte, wurde zurckgeschickt, und andererseits lie man niemand, auch keinen Fremden mehr von diesseits ber die Grenze, schon um Indiskretionen von seiten Privatpersonen hinsichtlich der Mobilmachung zu verhindern. Besonders in den Hafenstdten, wo die Nachrichten aus aller Welt bis dahin zusammengeflossen waren, empfand man das pltzliche Abschnappen der Kabelmeldungen als strend. Man war von der Auenwelt vllig abgeschnitten, und wenn man auch das gewhnliche Depeschenmaterial, soweit es sich auf politische Vorgnge bezog, nicht gerade sehr entbehrte, so erzeugte doch das Ausbleiben der Meldungen ber den Schiffsverkehr im Auslande groe Beunruhigung. Nach dem Stand der Meldungen vom 18. Mrz wuten die Dampfergesellschaften und Reedereien der Seestdte zwar, wo sich an diesem Tage ihre Schiffe befunden hatten, man war jedoch jetzt vllig auer stande, zu kontrollieren, was aus diesen schwimmenden Millionen des Nationalvermgens geworden war. Die Vorkehrungen zur Sicherheit, die man treffen konnte, waren verschwindend gering. Man hielt alle auslaufenden Schiffe zurck und schickte sie von Bremerhaven und Cuxhaven usw. wieder stromaufwrts, um sie von dem Schauplatz voraussichtlicher baldiger Kmpfe zu entfernen. Das war aber auch alles, was sich anordnen lie. Der Verkehr nach den Nordseeinseln und die Kstenschiffahrt wurden sofort eingestellt. Der Hamburger und Bremer Senat hatte in Berlin angefragt, wie man sich gegenber den in den Hfen liegenden englischen und franzsischen Schiffen verhalten sollte. Einige englische Dampfer hatten ohne weiteres den Hafen bereits verlassen ohne Rcksicht darauf, ob sie Ladung oder Lschung bereits beendet hatten. Von Berlin aus kam die Anweisung, alle franzsischen und englischen Schiffe einstweilen im Hafen zurckzuhalten und weitere Anordnungen abzuwarten. Man beabsichtige dieses Schiffsmaterial als ein Pfandobjekt zu benutzen, falls die fremden Regierungen deutsches Privateigentum zur See aufbringen sollten. Eine entsprechende Note sei dem abreisenden englischen und franzsischen Botschafter vor ihrer Abfahrt aus Berlin zugestellt worden, mit der Bemerkung, da die deutsche Regierung gesonnen sei, sich in dieser Frage nach dem Verhalten der fremden Regierungen zu richten. Man blieb hierber nicht lange im unklaren. Selbst wenn man den zahlreichen Meldungen, da deutsche Dampfer und Segelschiffe auf der Nordsee und im Kanal, sowie an der englischen Kste bereits von englischen Kreuzern und Torpedobooten aufgebracht sein sollten, einstweilen keinen Glauben beimessen wollte, so lag doch andererseits von Amsterdam aus schon die Meldung vor, da der Dampfer Gretchen Bohlen, sowie der Dampfer der Deutsch-Ostafrikalinie Bundesrat (Durbaner Andenkens) sofort nach dem Verlassen des Hafens von Rotterdam von einem englischen Kriegsfahrzeuge aufgebracht waren. Ferner wurde gemeldet, da der Norddeutsche Lloyd-Dampfer Kronprinz Wilhelm, auf der Rckfahrt von New York, auf der Hhe von Dover angehalten und in den Hafen geschleppt worden sei. Es wurde auch noch von mehreren Schiffen berichtet; so sollten auf der Hhe von Texel der Touristendampfer Therapia von der Levantelinie und mehrere kleine Hamburger und Bremer Dampfer von einem groen englischen Kreuzer gekapert worden sein. Alle diese Nachrichten wirkten sehr alarmierend, und an der Brse von Hamburg herrschte groe Aufregung. Dazu kamen noch andere Meldungen, so hie es, die englische Flotte liege bereits auf der Hhe von Norderney. Dann wurde aus Frederikshavn (Nordkste Jtlands) gemeldet, eine schwimmende Batterie ohne Landesflagge habe in einer Entfernung von vier Seemeilen sdlich steuernd die jtische Ostkste passiert. Ein in Esbjerg eingetroffener dnischer Fischdampfer wollte ferner unweit der Doggersbank ein englisches Geschwader manverierend und nach Osten steuernd angetroffen haben; diese Meldung war bereits drei Tage alt. Schlielich wollte ein in Cuxhaven am Mittag des 19. aus Hull angekommener schwedischer Dampfer auf der Reede von Hull und im Hafen nicht weniger als 30 groe Passagierdampfer gesehen haben. Es war dem Dampfer, ohne Hull anzulaufen, gelungen, beim Anbruch der Nacht heimlich davonzukommen. So verging der 20. Mrz. Die Reede von Cuxhaven und die Elbmndung war vllig verlassen, nur nahe am Ufer waren noch einige Fischerboote von Finkenwrder und Blankenese verankert, die sich nicht getraut hatten, gewarnt von der Hafenbehrde, drauen ihrem Fang nachzugehen. In dem kleinen Hafen lagen zwei Dampfer der Nordseelinie, die ihre regelmigen Fahrten nach Helgoland usw. bereits eingestellt hatten. Drauen auf der Reede sah man den Lotsendampfer Kapitn Karpfanger langsam in die Elbmndung zurckdampfen. Er hatte im Schlepp die drei Feuerschiffe, die auf Anordnung der Marinebehrde eingezogen wurden. Zwei andere Dampfer, darunter ein weigestrichenes Marineboot, sah man drauen die Seezeichen einsammeln. Mitten im Fahrwasser lag der Pelikan von der Kaiserlichen Marine, von Booten umschwrmt, und weiter stromabwrts sah man mehrere Minenleger, die der Hamburger so drastisch Eierleger nennt, das Fahrwasser bereits mit einer Minensperre versehen. Zu demselben Zwecke wurden einige Fischdampfer und Torpedoboote verwendet. In den Batterien von Kugelbaake und Grimmerhrn herrschte reges Leben, und von den Kasernen tnten Signale herber. Die Kstenbahn hatte ihren Betrieb eingeschrnkt und war ausschlielich fr Militrtransporte zur Verfgung gestellt worden. Was landeinwrts von Cuxhaven vorging, davon wurden unberufene Augen durch eine doppelte Postenlinie ferngehalten; das eine war klar, da dort hinten etwas vorging, aber die vielen morgens nach Cuxhaven gefahrenen Hamburger waren infolge der strengen Absperrung nicht in der Lage, ihre Neugierde zu befriedigen. Sie hielten sich dafr schadlos, indem sie vor den beiden Batterien, deren gewaltige Rohre zwischen den Erdtraversen hervorschauten, auf der Strandpromenade auf und ab patrouillierten, die Mglichkeiten eines feindlichen Angriffes erwgend. Mittags liefen zwei Torpedodivisionen aus Cuxhaven aus. Von der Flotte sah man sonst weiter nichts, es hie nur, in Brunsbttel werde die Durchfahrt mehrerer Schiffe erwartet. Der Kanal war seit morgens um 6 Uhr fr jedes Handelsschiff gesperrt. So verging der 20. Mrz, ohne da man ber den Fortgang der Ereignisse etwas Positives erfuhr, unter grter Spannung. Der Transport von Marinekommandos und ihre Verteilung auf die einzelnen Befestigungen an der Elbmndung entzog sich der Beobachtung, da ber alle diese Transporte nichts in der Presse mitgeteilt wurde, der Dienst auf der Kstenbahn sich unter einer strengen Aufsicht vollzog und von lokalen Ereignissen nur die Zuschauer an Ort und Stelle erfuhren. Im Dom. Der 21. Mrz war durch kaiserliche Verordnung zum allgemeinen Bu- und Bettag bestimmt. Noch einmal wollte man den Schutz des Hchsten auf die deutschen Waffen herabflehen, noch einmal wollte man eine Stunde ruhiger Sammlung haben, bevor der Sturm losbrauste. Der Gottesdienst im Berliner Dom war auf 10 Uhr vormittags angesetzt. Der Kaiser hatte seine Residenz um 8 Uhr morgens verlassen und war mit der Kaiserin und dem Kronprinzen hinausgefahren nach Charlottenburg und Potsdam, um in den beiden stillen Kapellen, die die Grber der beiden ersten Hohenzollernkaiser bergen, einen stillen Abschied zu nehmen. Niemand war Zeuge gewesen dieser Stunden, da des Reiches Herrscher mit den Seinen an jenen, durch groe Erinnerungen geweihten, Sttten weilte. Reges Leben herrschte in der Reichshauptstadt, als die kaiserliche Equipage sich dem Brandenburger Tore wieder nherte. Ohne allen militrischen Pomp durchfuhr der Kaiser die Linden, berall von der Menge mit donnernden Zurufen begrt. Zahllose Blumen flogen in den kaiserlichen Wagen, man hatte das Bedrfnis, dem Monarchen seine Liebe und Anhnglichkeit durch diese letzten Spenden zu bezeichnen, denn am Tage darauf wollte der Kaiser zur Armee abreisen. Am Morgen hatte ein Berliner Blatt berichtet, ein Groindustrieller habe ein Gesuch an den Kaiser gerichtet, er wolle eine Million fr die verwundeten Krieger zur Verfgung stellen, wenn sein einziger Sohn von der Dienstpflicht befreit werde. Der Kaiser habe am Rande der Bittschrift bemerkt: Ablehnen, mein Sohn mu auch mit. Der gewaltige Prachtbau des Berliner Domes war bis auf den letzten Platz gefllt. Fast nur Uniformen; hier war noch einmal die Fhrerschaft der Armee, soweit sie nicht schon an der Grenze stand, um ihren Kaiser versammelt. Als die kaiserliche Familie ihre Loge betrat, ging ein Gemurmel durch die Versammlung. Ein metallisches Klirren und Knirschen des kriegerischen Schmuckes, aller Augen wandten sich einen Moment dem Herrscher zu und eine rauschende Bewegung ging durch die Menge. Die Worte des Predigers waren in dem weiten Gotteshaus verhallt; und whrend alle, die hier die Kniee gebeugt hatten vor dem Gott, der die Geschicke der Vlker in seiner Hand hlt, noch ihren Gedanken nachhingen und von der Vergangenheit Abschied nahmen, begann leise die Orgel mit ganz leisen, kaum hrbaren perlenden Akkorden, bald anschwellend zu brausenden Tnen, bald fast verklingend in den Wlbungen der Decke und in den Kapellen und Nischen ein leises Echo weckend. Dann setzte die Orgel wieder machtvoll ein und der Sturmgesang, der einst ein armes Volk begeistert und gefhrt hatte zum Kampfe gegen den bermchtigen Feind, er brach hervor mit ergreifender Gewalt, und jetzt begann der Domchor, und er klang hinaus wie Donnerhall dieser Schlachtensang, dieser eifernde Schrei um Hilfe: Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten und hinaus sangen sie es alle und fromme Begeisterung, die dem Hchsten bekennt, da ohne ihn kein Sieg, erklang hinaus, da die gewaltigen Mauern dieser Trutzkirche des protestantischen Glaubens erdrhnten. Leise ffneten sich die Tren, die ersten Bnke leerten sich bereits, in den breiten Eingangspforten drngten sich glitzernde Uniformen, da mischte sich in die Tne des verhallenden Chorals von drauen her ein scharfer, heller Klang. Der Gottesfrieden ward durch einen rauhen Ton zerrissen, die Gotteswelt versank, ein Rasseln wie von klirrendem Metall. Als die Ersten hinaustraten in den sonnigen, strahlenden Frhlingstag, hielten ihnen tausend Hnde etwas entgegen, was, rasch entziffert, die Meldung trug: _Die Englnder bombardieren Cuxhaven_. Donnernde Zurufe empfingen den Kaiser, als er das Gotteshaus verlie und rasch zu Fu, die Kaiserin am Arm, die Strae berschritt und im Portal des kaiserlichen Schlosses verschwand. Der erste Blitz war herniedergefahren, zndend, vernichtend, verwstend und zertrmmernd, wann folgte der zweite und wohin traf er? Ran an den Feind! Um 4 Uhr nachmittags am 20. Mrz lief auf der Funkspruchsstation Helgoland ein Zifferntelegramm aus Cuxhaven ein, das den kommandierenden Admiral des auf der Reede liegenden Geschwaders ber die politische Lage informierte und ihm neue Befehle bermittelte. Der Admiral begab sich von Bord seines Flaggschiffes Kaiser Wilhelm II. sofort an Land und hatte eine lngere Unterredung mit dem Kommandanten von Helgoland. Stunde spter legten sich die zehn Hamburger Kohlendampfer, die sich beim Geschwader befanden, in einige Entfernung lngsseits der Linienschiffe, und an den durch Stahltrossen konstruierten Schwebebahnen krochen bald die schwarzen Kohlengefe hinber zu den nur leise auf und nieder stampfenden Panzern, wo sie prasselnd in die schwarzen Schlnde der Bunker entleert wurden, whrend die Torpedoboote unten an der kleinen Mole anlegten und dort ihre Kohlenvorrte auffllten. Gegen 6 Uhr wurden die Trossen wieder eingeholt und die Kohlenschiffe nahmen ihren Weg nach der Richtung von Cuxhaven, bald im abendlichen Dmmerlicht nur noch als eine braune Rauchwolke am Horizont erkennbar. In der ruhigen See wiegten sich die grauen Leiber der fnf Panzer der Wittelsbach-Klasse neben ihnen der Kaiser Wilhelm II. und etwas seewrts die Kreuzer Friedrich Karl und Prinz Adalbert mit ihren drei schlanken Schloten. Weiter drauen, einen Halbkreis nach Westen bildend, lagen die vier Kreuzer Gazelle, Medusa, Niobe und Nymphe. Die scheidende Sonne berstrahlte den abendlichen Himmel mit gelben und glutroten Farben, die sich auf der leise wogenden Meeresflut in schimmernden Reflexen widerspiegelten. Fortwhrend wurden zwischen dem Lande und dem Admiralsschiff, sowie zwischen diesem und den einzelnen Schiffen des Geschwaders, Signale gewechselt. Als im Abenddmmern die Winkflaggen nicht mehr zu erkennen waren, blitzten oben zwischen den Signalmasten die farbigen, elektrischen Lichter als feuerige Funken auf, einen steten Kontakt zwischen dem Kommandanten und seinen Unterfhrern unterhaltend. Die Schiffe des Geschwaders waren die einzigen Punkte, die das eintnige Graugrn der Meeresflche unterbrachen. Nur ganz fern im Norden steuerte ein schwarzer, niedriger Frachtdampfer, an den hellen Flchen auf seinen Vorder- und Hinterdeck als Holzdampfer erkennbar, nach Sdwest, offenbar ein Schiff, das von dem drohenden Unwetter noch keine Nachricht erhalten hatte und friedlich seinen Weg fortsetzte, der einzige lebende Punkt in der weiten Wasserwste. Die Bewohner der Insel standen in dichten Scharen oben an der steinernen Brstung der Falm von dort aus mit scharfen Glsern den Horizont absuchend. Unten am Marinepier lagen die sechs schwarzen Hochseeboote S. 114 bis 119, taktmig auf der ans Ufer drngenden breiten Dnung sich an der Mole hebend und senkend. Kapitnleutnant Westerkamp betrat jetzt, vom Oberlande kommend, begleitet von den Fhrern der anderen Boote, eiligst die Mole, verabschiedete sich mit kurzem Hndedruck von seinen Kameraden und ging an Bord von S. 114. Im Schatten des hohen Felsenufers von Helgoland lagen die sechs Boote fast schon in vollkommener Dunkelheit, und die wenigen Neugierigen, die von dem Doppelposten am Strande vor der Mole zurckgehalten wurden, vermochten nur wenig von dem zu unterscheiden, was an Bord der Torpedoboote vor sich ging. Da dort aber rege Ttigkeit herrschte, konnte man daran erkennen, da huschende Schatten die rotglhenden Deckslichter bald verdeckten, bald wieder freigaben. Allmhlich aber ward alles ruhig, die Wache ging in hallenden Schritten auf den Decksplatten auf und nieder und alles Leben schien auf den schwarzen ernsten Schiffen erstorben. Um dieselbe Zeit konnte man oben von der Falm aus und von der am meisten nach Sdwest vorgeschobenen Batterie des Oberlandes ein merkwrdiges Schauspiel beobachten. Nur ein dunkelroter Streifen, der die dsteren Regenwolken, die sich am westlichen Horizont zusammengeballt hatten, in ihren unteren Konturen noch scharf erkennen lie, zeigte die Stelle, wo die Sonne untergegangen war. Eine frische Brise von Westen war aufgesprungen und schlug die Drhte des Signalmastes der Funkenspruchstation hart aneinander. Es lag wie Gewitterstimmung in der warmen Luft. Das Licht des steinernen Leuchtturmes brannte diese Nacht nicht mehr, das erste Zeichen des Kriegszustandes. Da blitzte es pltzlich im Sdwesten auf wie fernes Wetterleuchten, und weie Lichtgarben schossen pltzlich aus der Wasserflche empor, dreimal, viermal, in kurzen, unregelmigen Zwischenrumen, lautlos aufsprhend wie Raketenfeuer. Pltzlich zuckten auch vom Leuchtturm aus mehrere Blitze, den westlichen Teil der Insel mit weiem Licht bergieend. Dann war mit Gedankenschnelle diese stumme Lichtsprache wieder verschwunden und die Dunkelheit schlug ber diesem Feuerwerk wieder zusammen, nur in dem kleinen Gebude der Funkenspruchstation prasselten und knatterten die elektrischen Funken, die Mitteilung an den kommandierenden Admiral weitergebend, da das Kreuzergeschwader Wilhelmshaven um 4 Uhr nachmittags verlassen habe und, jetzt auf der Hhe von Helgoland befindlich, seinen Weg entsprechend der dem Admiral bekannten Befehle nach Norden fortsetze. Um 8 Uhr betrat Kapitnleutnant Westerkamp wieder das Deck des Torpedobootes S. 114. In die Tr des niedrigen Signalhauses tretend, hielt er seine Uhr gegen das Licht der kleinen Laterne an der Steuermaschine. 8 Uhr, sagte er leise zu dem Mann an der Maschine, schlo die Tr hinter sich und ergriff den Hebel des Maschinentelegraphen. Unten im Maschinenraum rasselten die Klingeln und kurz darauf warfen die dicken Schlote der Boote schwere Rauchwolken aus. Die Trossen wurden gelst, noch ein Signal an die Maschinen und lautlos verlieen die Boote ihren Liegeplatz, sofort von der Dunkelheit verschluckt, in der einige Minuten spter zwei grne Funken wie gierige Raubtieraugen erglhten, von der Stelle, wo das Admiralsschiff lag, mit einem anderen Glhsignal beantwortet. Helgoland war gesichert gegen jeden unvermuteten berfall. Whrend das Geschwader sdstlich der Insel liegen blieb, bildeten die Kreuzer in weiter Entfernung einen Halbkreis um die Insel und zwischen ihnen hielt eine Reihe vorgeschobener Torpedobootposten scharfe Wacht. Die von Kapitnleutnant Westerkamp befehligte Division hatte den Auftrag, in der Richtung auf den Kanal aufzuklren, whrend die Panzerkreuzer Prinz Adalbert und Friedrich Karl in derselben Richtung Fhlung mit dem Feinde suchen sollten, dessen Herannahen in dieser Nacht bereits zu erwarten war. Die einzelnen Schiffe standen durch Funkspruch miteinander in Verbindung, so da jede Nachricht sofort auf der ganzen Postenkette bekannt werden konnte. Gegen Mitternacht befand sich die Division des Kapitnleutnant Westerkamp, mit 25 Knoten Geschwindigkeit die Wogen durchrasend, etwa auf der Hhe von Terschelling. Kein Lichtschimmer, keine Laterne verriet den Weg der schwarzen Schiffe. Um den messerscharfen Bug sprudelte das dunkle Wasser, helle Schaummassen bis zum Wellenbrecher emporwerfend. Kapitnleutnant Westerkamp befand sich unten in der Offiziersmesse, dort auf der Seekarte den Weg der Division eine Seemeile um die andere verfolgend. Leise nur drang das taktmige Stampfen der Maschine, die den ganzen Schiffskrper in harten Schwingungen vibrieren lie, aus dem Maschinenraum zu ihm herber. Die Division hatte den Befehl, den Feind, falls er schon unterwegs angetroffen werden sollte, ohne weiteres anzugreifen. Wrde man den Feind nicht finden, so hatte die Division den Befehl, bei Tagesanbruch auf die beiden Panzerkreuzer zurckzufallen und abends wieder vorzugehen, um womglich in der Nacht noch die englischen Kriegshfen zu erreichen und, wenn eine Gelegenheit gnstig, feindliche Schiffe berraschend anzugreifen. Gegen Mitternacht zog sich Kapitnleutnant Westerkamp seinen lrock an und begab sich, die schmale, steile Treppe emporklimmend, wobei schon die starken Schwankungen des Bootes infolge heftiger werdenden Seeganges, deutlich zu spren waren, wieder an Deck. Es war eine finstere, sternenlose Nacht. Schon wenige Meter vom Schiffe aus verschwamm alles in absoluter Dunkelheit und nur das an diese bereits gewhnte Auge vermochte links und rechts die beiden zur Seite fahrenden Boote als schwebende Schatten zu erkennen. Gurgelnd und schumend verschwanden die von leichten Schaumstreifen gekrnten Wogen in rascher Fahrt hinter dem Schiffskrper, der auf ihnen eine graue Bahn rauschender Schaumblasen zurcklie. Die hinteren drei Boote vermochte man in der Finsternis, die wie aus Stahlblcken gefgt wie eine Wand vor den Augen stand, nicht zu erkennen. Das taktmige Schlagen der Maschinen und ihre dumpfen Kolbenste waren der einzige, rings vernehmbare Laut. Im Feuerraum flogen die Kohlen Schaufel um Schaufel in die glhenden ffnungen der Kesselfeuerungen. Der hochgespannte Dampf surrte und brauste in den Ventilen und wie am offenen Hllenrachen sah man die schwarzen Gestalten der Heizer in dem rotglhenden Lichte arbeiten, sobald die Feuertren sich ffneten, und unablssig flogen die Kohlen Schaufel um Schaufel in die Feuerungen. Vergebens suchte man mit starren Augen die kompakte Dunkelheit zu durchbohren. Da blitzte pltzlich ber Steuerbord eine weie Lichtgarbe auf, ganz fern die wogende Meeresflche mit bleichem Lichte berziehend und nach Sekunden wieder verlschend: War das Freund oder Feind? berall rasselten die Klingeln der Maschinentelegraphen. Die Fahrt wurde auf 28 Knoten erhht. Einen Moment drngten sich die Boote auf einen Haufen zusammen, um dann strahlengleich nach vorwrts auseinander zu schieen, jedes das andere aus dem Gesichtskreis verlierend. Der Wind pfiff frisch ber die dunkle Seeflche, und jetzt, wo man die Wogen schrg vom Backbord bekam, platschten wuchtige Spritzer ber Deck. Kapitnleutnant Westerkamp bernahm nunmehr das Kommando seines Bootes selber und hielt nach der Stelle, wo der Blitz des Scheinwerfers die Anwesenheit fremder Schiffe verraten hatte. Und weiter pflgte der schwarze Schiffsleib und die peitschenden Schrauben das schwarze Meerwasser. Da erschien vorn bers Steuerbord ein huschender Schatten, der den Weg von S. 114 kreuzte. Zwei Minuten spter und man passierte einen grauen, kaum bemerkbaren Schaumstreifen, der den Weg eines feindlichen Bootes flchtig markierte. Die erste Postenlinie des Feindes war passiert. Alle Pulse flogen, fest und sicher aber ruhte des Fhrers Hand auf dem Hebel des Maschinentelegraphen. Noch ein Moment und noch einer, da stieg eine graue nach oben zackig ausgerissene Wand vor den Blicken auf, herumgerissen den Hebel, ein leiser metallener Klang von unten aus der Maschine, der Schiffskrper erbebte unter den Vibrationen, S. 114 nderte seinen Kurs, ein wenig nach Backbord abfallend. Jetzt war man auf gleicher Hhe mit dem dunklen Schatten. Der Leutnant stand bei den Mannschaften am ersten Torpedorohr, jetzt das Kommandosignal: Los, ein Ri am Abzuge und klatschend sauste der blanke Metallkrper ins schwarze Wasser. Wird der Schu treffen, man zhlte in Gedanken 100 m ... 200 m ... 300 m ... 400 m ... jetzt, da schumte gerade aus, ganz hinten ein weier Wasserberg auf, ein dumpfer Krach wie von zerreiendem Metall und eine glnzende Wassergarbe stieg mittschiffs des feindlichen Panzerkreuzers auf. ... Da, blendende Helle, weie Strahlengarben. Pltzlich war das Deck in grelles Licht getaucht. Die Mannschaften an den Torpedorohren erschienen wie Gespenster aus der Dunkelheit auftauchend, zwei andere Boote zur linken Seite ebenfalls in Tageshelle. Von ihr geblendet vermochte das Auge den rasch aufeinander folgenden Ereignissen kaum noch zu folgen. Rasselnde Signale, laute Kommandos, das Wasser spritzte auf und von drben her, wo pltzlich die sich kreuzenden elektrischen Scheinwerfer eine ganze Flotte dem berraschten Blick zeigten, begann das taktmige Knattern der Maschinengeschtze, der Schnellfeuergeschtze. Wieder eine dumpfe Explosion, man war mitten in der feindlichen Flotte und es galt jetzt, wo der eigene Untergang gewi, dem Feinde nach Krften noch Schaden zu tun. berall plumpsten die schweren Stahlgranaten ins Wasser, spritzende Geyser in die Luft schleudernd, hier und da knickten an den Lancierrohren die Mannschaften zusammen. Auf S. 115 fehlte pltzlich ein Schornstein. Am Heck von S. 114 platzte eine 15 cm Granate die Decksplatten aufreiend und das hintere Lancierrohr ber Bord werfend. S. 117 kmpfte nach Backbord, dort einem englischen kleinen Kreuzer von der Pelorus-Klasse, dessen Konturen sich gegen das Licht der hinter ihm aufleuchtenden Scheinwerfer deutlich abzeichneten, aus beiden Rohren Torpedos lancierend. Sobald die Wasserstrahlen an seiner Backbordseite aufschumten, legte sich der Kreuzer weit ber, dem Feinde sein schrges von Menschen wimmelndes Deck zeigend. Heulende Geschosse durchfuhren die Luft. S. 118 hatte seinen Gegner zweimal gefehlt und whrend es die Rohre von neuem lud, fate es einen neuen Feind ins Auge. Pltzlich fhlte die Besatzung den Boden unter sich wanken, der am hinteren Torpedorohr stehende Maat sah eine riesenhohe schwarze Wand zum Greifen nahe neben sich erscheinen, fhlte die Decksplatten unter sich zerreien und suchte sich vergebens an der glatten, nassen Eisenwand neben ihm zu halten, aus der oben gelbe Blitze zuckten. Ein feindlicher Kreuzer war einfach ber S. 118 hinweggefahren, das Boot mitten zerschneidend und es unter sich in die Tiefe drckend. Der Maat erzhlte nachher -- er war der einzige berlebende der Besatzung -- er sei mit dem Boote in die Tiefe gegangen und habe im letzten Augenblick noch den glhenden Dampf der explodierenden Maschine, der von unten herausstrmte, gesprt; als er wieder an der Oberflche erschien, fhlte er einen schweren Krper neben sich im Wasser treiben, ein Stck von der Deckeinrichtung des gesunkenen englischen Kreuzers. Hieran sich anklammernd und von seiner Korkweste getragen, habe er sich bis Tagesanbruch ber Wasser gehalten, worauf er von einem englischen Torpedoboot aufgefischt wurde. Nach einer Viertelstunde herrschte wieder tiefe Stille auf dieser Sttte der Vernichtung. Das englische Geschwader hatte zwei Kreuzer Pelorus und Diadem verloren, die fast augenblicklich gesunken waren. Der englische Panzerkreuzer Cressy, von einem Torpedo an der Stelle an Steuerbord getroffen, wo der Panzergrtel dicht hinter dem zweiten Mast aufhrt, war mit schwerer Havarie zurckgekehrt, um im heimatlichen Dock zu reparieren. Auerdem waren zwei englische Torpedoboote, die sich gegenseitig in dem ^ple-mle^ angerannt hatten, gesunken. Von den deutschen Booten war nur S. 115 fast unbeschdigt durch die englische Linie durchgebrochen, S. 114 gelang es in der Dunkelheit nach Wilhelmshaven zu entkommen. Alle anderen Boote hatten den Angriff mit ihrer eigenen Vernichtung bezahlt. Im allgemeinen konnte man mit dem Ergebnis zufrieden sein. Die beiden Panzerkreuzer Prinz Adalbert und Friedrich Carl hatten von fern aus das Gefecht beobachtet. Auer stande bei einem so ungleichen Kampfe einzugreifen, hatten sie sich zurckziehen mssen. Sie erschienen, Fhlung mit dem Feinde behaltend, gegen 7 Uhr morgens in der Nhe von Helgoland, die durch die kleinen Kreuzer gebildete Postenkette langsam mit sich zurcknehmend. Da die elektrischen Wellen der Funksprche sich fortwhrend strten und eine Verstndigung zwischen den Kreuzern und der Station in Helgoland unmglich machten, erfuhr man erst gegen 8 Uhr in Helgoland Genaueres von dem Gefecht. Gleichzeitig meldete der im Nordosten der Insel, auf der Hhe von Westerland stationierte Kreuzer Kaiserin Augusta das Herannahen des zweiten feindlichen Geschwaders und um 9 Uhr meldete ein Funkspruch, da das Torpedoboot S. 115 bei Sylt eingetroffen sei. Das Boot habe nach dem Nachtgefecht beim Passieren der englischen Flotte deren ungefhre Strke feststellen knnen, sie bestnde aus ca. 20 Schiffen und habe eine ganze Reihe von Kohlendampfern bei sich. Der Feind nahte also heran. Das Bombardement von Cuxhaven. Am 21. Mrz morgens 9 Uhr war fr die Besatzung von Cuxhaven -- der Tag war bekanntlich ein allgemeiner Bu- und Bettag -- Kirchgang angesagt. Die Garnisonkirche war bis auf den letzten Platz gedrngt voll. Der Prediger hatte kaum begonnen, da tnten pltzlich von drauen her schmetternde Signalhrner und rasselnde Trommelwirbel. Auf den Straen wurde Generalmarsch geschlagen, und whrend der Prediger eine Pause machte und nach den ungewohnten Tnen hinhorchte, wurde die Tr aufgerissen und jemand schrie ins Gotteshaus hinein: Die Englnder kommen. Keiner hrte mehr auf die Friedensworte von der Kanzel, scharfe Kommandoworte und hinaus strmten Mannschaften und Offiziere aus den Kirchtren. Drauen wurde schnell angetreten und whrend die Signale aus den Straen des Stdtchens herbertnten und drben an der Ecke ein blasender Hornist erschien, eilten schon einzelne Abteilungen der Matrosenartillerie im Laufschritt in der Richtung nach den beiden Batterien Kugelbaake und Grimmerhrn. Aus allen Husern traten die Bewohner mit angsterfllten Blicken auf die Strae, anscheinend noch die Bedeutung dieses pltzlichen Alarms nicht erfassend, aber schon verbreitete sich mit Windeseile das Gercht vom Herannahen des Feindes. Und in fliegender Hast strzte man wieder in die Wohnungen, dort die wenigen Kostbarkeiten zusammenraffend und in der lhmenden Aufregung Dinge rettend und bergend, die des Aufhebens nicht wert waren. Noch konnte es ja Stunden dauern, vielleicht war auch der Feind schon in nchster Nhe, aber bereits begann die Einwohnerschaft von Cuxhaven die Stadt zu verlassen. Vom Hafen her drhnten heulende Dampfpfeifen und die Sirenen der Schleppdampfer, die die Fischerboote, breite Ewer und schlankere Kutter, auf denen die Fischerbevlkerung ihre Habseligkeiten schon am Tage vorher in Sicherheit gebracht hatte, nunmehr in langen Reihen stromaufwrts zogen. Polizisten gingen von Haus zu Haus, um die Bewohner im Hinblick auf ein mgliches Bombardement zum Verlassen ihrer Wohnungen aufzufordern. Auf dem Bahnhofe wurden Zge rangiert und hastendes, nervses Leben herrschte pltzlich in der kleinen Stadt. Allerlei Hausrat lud man auf Wagen, andere schrien sich heiser nach Karren und sonstigen Befrderungsmitteln und rangen verzweifelt die Hnde, ihr Eigentum im Stich lassen zu mssen. Der Bahnhof war bald von dichten Scharen umlagert, die immer neuen Zuflu aus allen Straen erhielten. Obgleich eine Abteilung der Hamburger Polizei alles aufbot, Ordnung in das Chaos zu bringen, entspannen sich wste Szenen als man erfuhr, da jede umfangreichere Gepckbefrderung mit den schon seit dem Tage vorher bereitstehenden Bahnzgen ausgeschlossen sei. Und immer von neuem schmetterten die Signalhrner. Eine Schar von Hamburger Herren hatte sich auf der alten Liebe gesammelt, von dort aus mit Fernglsern die Reede beobachtend und die Vorgnge in den Batterien verfolgend. Gegen 11 Uhr war der Hafen und der Strand vllig verdet. Die Straen lagen still und menschenleer und nur vom Bahnhof herber drhnte das Pfeifen der Lokomotiven und Rangieren der Zge. Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Meere, von wo ferner Kanonendonner bereits herber tnte. Am Horizont sah man eine Reihe von Schiffen langsam herandampfen. Zunchst kamen die beiden Kstenverteidiger Odin und Hagen, die an Cuxhaven schnell vorberfuhren. Dann erschienen vier kleine Kreuzer drauen zwischen den Snden, wo sonst die roten Feuerschiffe das Fahrwasser bezeichnet hatten, und dann kam die Linie der sechs Panzerschiffe langsam in die Elbmndung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren Schloten entquollen, konnte man deutlich die gelben Flammenblitze der Geschtze erkennen. Vom Feind war noch nichts zu sehen, doch zeigten die spritzenden Fontnen zwischen und diesseits der deutschen Schiffe, da ein ernster Kampf im Gange war. Langsam zogen sich die deutschen Schiffe in die breite Elbmndung zurck, und immer lauter erscholl der Donner der schweren Geschtze. Gegen 11 Uhr erschien ganz weit drauen, noch weiter hinaus als da, wo ein grauer Schatten die Lage des plumpen viereckigen Leuchtturms von Neuwerk andeutete, eine Reihe feuersprhender Linien, ber denen ein leichter blauer Rauchschleier hing: die englische Flotte. Die sechs deutschen Panzer lagen ungefhr auf der Hhe von Kugelbaake. Hinter ihnen, Cuxhaven rasch passierend, barg sich ein Schwarm von Torpedobooten. Die vier kleinen Kreuzer und die Kaiserin Augusta, sowie die beiden schweren Panzerkreuzer waren bereits aus dem Gefechte ausgeschieden und dampften elbaufwrts. Auf dem Friedrich Karl war der vordere Schornstein zerschossen, der mchtige Schlot lag, nach vornber gebrochen, neben der Kommandobrcke. Die Gazelle hatte zwei groe Schulcher dicht ber der Wasserlinie. Auf der Kaiserin Augusta war ein Backbordgeschtz aus seiner Lafette geworfen und ragte steil in die Luft. Im brigen waren an den Schiffen keine schweren Beschdigungen zu erkennen. Jedes einlaufende Schiff wurde von der Alten Liebe aus, die jetzt durch Militrposten von Neugierigen langsam gerumt wurde, mit lautem Hurra begrt. Noch immer schwiegen die Geschtze der Kstenbatterien, da die Entfernung bis zum Feind noch zu gro war, auch seine Geschosse die Batterien noch nicht erreichten. Aber immer zahlreicher wurden die englischen Schiffe. Anscheinend gingen sie jetzt zum Angriff vor. Gleichzeitig steuerten die sechs deutschen Linienschiffe, in Kiellinie einander folgend, vorsichtig -- offenbar durch eine Lcke in der Minensperre fahrend -- an Cuxhaven vorber und legten sich etwas stromaufwrts des neuen Hafens vor Anker. Da flammte es in der Batterie im Fort Kugelbaake auf. Die schweren 30,5 cm-Geschtze griffen in den Kampf ein, und heulend sandte die Batterie ihren ersten Gru dem Feinde entgegen. Der nachhallende Donner des Schusses lie alle Fensterscheiben in der Stadt erklirren. Nur in langen Pausen fielen die Schsse von deutscher Seite. Eine Viertelstunde spter blitzte es auch zwischen den grnen Erdtraversen des Forts Grimmerhrn auf. Das Gefecht wurde diesseits nur von den Kstenbatterien gefhrt, whrend das Geschwader, dessen strkstes Kaliber von 24 cm den Feind nicht mehr erreichte, auf diese Schuweite gezwungen war, unttig dem Artilleriekampfe zuzusehen. Der Feind war dagegen im stande, vermittels seiner zahlreichen 30,5 cm (dem gleichen Kaliber wie in den deutschen Kstenbatterien) und da seine Linienschiffe eine grere Maschinenkraft besaen, die Einhaltung dieser Feuerdistanz zu erzwingen. Ein Vordringen unserer Linienschiffe auf die Schuweite ihrer 24 cm-Geschtze htte sie, wenn berhaupt die englischen Panzer dann nicht zurckwichen, gezwungen, zunchst eine Strecke zurckzulegen, auf der sie der feindlichen schweren Artillerie schutzlos preisgegeben waren, zumal die Englnder, im Besitze genauer Seekarten, bei jedem Vorsto der deutschen Schiffe die immerhin schmale Fahrrinne mit dem strksten Kaliber energisch unter Feuer nahmen. Daher gab der Geschwaderchef den Befehl zum vorlufigen Rckzuge und ging, wie erwhnt, etwas stromaufwrts, auerhalb des feindlichen Schubereiches vor Anker. Inzwischen tobte der Geschtzkampf mit voller Wut weiter. Alle kleineren Kaliber schwiegen, da nur das Feuer der schwersten Geschtze auf solche Entfernungen wirksam war. Immerhin folgten sich die Schsse nur in langen Pausen, da man beiderseits bestrebt war, in Rcksicht auf die beschrnkte Leistungsfhigkeit der schweren 30,5 cm-Rohre, das Material zu schonen. Sobald die Kaiserin Augusta die Alte Liebe passiert hatte, ging ihre Dampfpinasse zu Wasser, und steuerte in den Hafen hinein. Ein Offizier stieg an Land und begab sich alsbald zu dem Kommandofhrer der Kstenbatterien, um ihm seine genaueren Beobachtungen ber die Strke und Zusammensetzung der feindlichen Flotte mitzuteilen. Diese stimmten im groen und ganzen berein mit der letzten Meldung, die man von der Beobachtungsstation auf dem Neuwerker Leuchtturm erhalten hatte, bevor eine feindliche Granate dessen Laterne und den Signalapparat zerstrte. Nur waren von Neuwerk aus noch vier schwere Panzer gemeldet worden, mit merkwrdig hohen Aufbauten, also Schiffe, die nicht zu der charakteristischen niedrigen Form englischer Linienschiffe paten. Demnach befand sich bereits eine franzsische Panzerdivision bei der englischen Flotte. Sie umfate, wie sich spter herausstellte, die franzsischen Linienschiffe Charlemagne, Gaulois, St. Louis und Bouvet. Whrend das Fort Kugelbaake weniger zu leiden hatte, fiel die erste auf Fort Grimmerhrn gerichtete feindliche Granate mitten in die Batterie, und mit mathematischer Genauigkeit gezielt, folgten mehr als ein Dutzend weiterer Geschosse. Reihenweise sanken die Kanoniere dahin, und zwischen den nur durch Erdtraversen, aber durch keine Panzerung geschtzten Kanonen rumten die feindlichen Granatsplitter in grauenvoller Weise auf. Immer neue Mannschaften ersetzten die Gefallenen, die zu blutigen Fleischklumpen zerhackt, ein entsetzliches Ende gefunden hatten. Die Podeste hinter den Geschtzen waren von Blut und Fleischfetzen schlpfrig, auf ihnen handhabten die dem Verderben schutzlos preisgegebenen Artilleristen maschinenmig mit sehnigen Armen die Ladevorrichtungen und schoben ein Gescho nach dem anderen in die heien Rohre. Schu um Schu erschtterte die Luft und in dem Hllenspektakel des eigenen und des fremden Feuers konnte man sich nur pantomimisch verstndigen. Um 2 Uhr war die Hlfte der Geschtze in Grimmerhrn auer Gefecht gesetzt. Bei zwei Rohren waren die Liderungen durch hineinspritzenden Sand und Steinstcke undicht geworden. Ein anderes Geschtz war durch einen seitlichen Volltreffer auf die Lafette aus seiner Stellung geworfen worden, und hatte einige Artilleristen mit seiner schweren Masse unter sich zerquetscht. Das Innere der Batterie bot ein scheuliches Bild der Verwstung. Blutige Fleischmassen in verbrannte und zerrissene Uniformfetzen gehllt und rauchende Blutlachen da, wo eben noch lebende Menschen gestanden. Eine Sanittsabteilung schleppte unter dem feindlichen Feuer von Granatsplittern umsaust, einige Schwerverwundete in die bombensicher eingedeckten Rume. Aber ohne Zaudern traten neue Ersatzmannschaften aus dem Innern des Forts auf die Ladepodeste, unablssig brllten und donnerten die Geschtze zwischen den Erdtraversen hervor, die allmhlich, von krepierenden Geschossen zerwhlt, ihre regelmigen Formen verloren und zu grauen Erdhaufen wurden. Drauen auf der Reede schoben sich die dunklen Silhouetten der englischen Panzer immer enger zusammen. Der Feind feuerte nur aus den vorderen Trmen mit dem schwersten Kaliber und drngte langsam in einem Halbrund immer nher gegen die Elbmndung vor, den deutschen Verteidigern so seine bestgeschtzte Stirnseite zukehrend. Aus den grauen Schiffskrpern, deren Signalmasten und hohen Schornsteine (teilweise paarweise nebeneinander gestellt, daran die Majestic-Klasse erkennen lassend) jetzt deutlich zu unterscheiden waren, zuckten und sprhten unaufhrlich die gelben Blitze, Tod und Verderben in die deutschen Kstenbatterien schleudernd. Mit dem Glase konnte man jetzt auch aufspritzende Wassersulen erkennen, wenn deutsche Granaten zwischen den feindlichen Schiffen einschlugen. Aber nicht alle Projektile versanken so nutzlos in den Wogen der See. Man hatte auf dem Vorderdeck mehrerer englischer Schiffe deutlich die Explosion deutscher Geschosse feststellen knnen. An Bord eines der Schiffe der Majestic-Klasse sah man eine schwarze Rauchwolke aufsteigen, worauf der vordere Signalmast seitwrts ber Bord strzte. Ein anderes Schiff schor pltzlich nach Backbord aus, so den deutschen Kanonieren die ganze Steuerbordseite zeigend, worauf ein anderer Englnder herandampfte, um das inzwischen noch mehrmals in der Wasserlinie getroffene und schwer berliegende Linienschiff aus der Gefechtslinie zu schleppen. Alles dies zeichnete sich fr das bloe Auge nur silhouettenhaft am Horizonte ab. Vom Leuchtturm in Cuxhaven konnte man jedoch mit guten Fernglsern die Treffer genauer beobachten. Es war von dort festzustellen, da mehrere englische Schiffe drehten und nunmehr mit den hinteren Turmgeschtzen das Gefecht weiterfhrten. Sehr viel mehr als die Englnder litten die Franzosen, die mit ihren hohen, leicht verletzlichen und nur ganz schwach gepanzerten Aufbauten den deutschen Kanonieren bessere Zielpunkte boten als die niedrig gehaltenen englischen Panzer. Zwei der franzsischen Linienschiffe (eins von ihnen war anscheinend in Brand geraten), muten schon, nachdem das Gefecht zwei Stunden gedauert hatte, aus dem Kampfe ausscheiden und dampften seewrts. Ein drittes franzsisches Schiff, der Bouvet, hatte das Feuer eingestellt. Es trieb schwerfllig schlingernd auf den Wogen hin und her. Es hatte sich wie man spter erfuhr folgendes ereignet: Eine deutsche Granate hatte, zwischen dem vorderen Geschtzturm und dem etwas hher liegenden Kommandoturm durchschlagend, nicht nur viele Telegraphensignalleitungen durchschlagen, sondern war, schrg den vorderen Schornstein durchbohrend, zwischen beiden Schloten durch das Panzerdeck gefahren und hatte, im Maschinenraum krepierend, die ganze Backbordmaschine mit fast smtlichen Kesseln zerstrt. Da der englische Admiral kein Linienschiff aus der Feuerlinie herausnehmen wollte, um den Bouvet abzuschleppen, lie man ihn einfach liegen, in der Hoffnung, das Rettungswerk beim Dunkelwerden ausfhren zu knnen. Gegen 5 Uhr nachmittags war der Bouvet, von drei weiteren deutschen Granaten getroffen, vollstndig manverierunfhig. Zwar nahmen die schweren Turmgeschtze hin und wieder das Feuer wieder auf, doch wurde gegen 5 Uhr die Decke des vorderen Turmes von einer Granate durchschlagen, die, im Innern des Turmes explodierend, die Geschtzbedienung einfach zu Brei zerquetschte. Da gleichzeitig eine Menge bereitliegender Kartuschen in die Luft flog, entstand eine Panik an Bord. Hierauf geriet der Bouvet, nur noch mit seiner Steuerbordmaschine arbeitend, durch Versagen des Rudermechanismus ins Treiben, lag etwa 10 Minuten quer zu der Richtung der deutschen Geschtze, wurde noch mehrmals getroffen und strandete dann auf einer Sandbank, nunmehr ein hilfloses Wrack. Es mute auffallen, da der Feind, whrend er dem Fort Kugelbaake nur wenig anhaben konnte und dort kein Geschtz dauernd auer Gefecht setzte, bereits mit dem ersten Schu in die Batterie von Grimmerhrn getroffen hatte. Das Rtsel lste sich leicht. An Bord der englischen Flotte befanden sich als Lotsen fr die deutschen Gewsser und insbesondere fr die Elbe- und Wesermndung englische Dampferkapitne und Steuerleute, die auf ihren regelmigen Fahrten nach Hamburg und Bremen die Fahrrinne so genau kennen gelernt hatten, da sie auch nach Entfernung der Seezeichen hinreichend Bescheid wuten, um die englische Flotte sicher zwischen den Snden und Untiefen der Wattenkste zu geleiten. Diese englischen Kapitne kannten selbstverstndlich auch die Lage der deutschen Kstenbatterien und fr ein einigermaen geschultes Auge war es ohne weiteres klar, da der Kanonier, der sein Geschtz auf Grimmerhrn richten wollte, nichts weiter zu tun brauchte, als den spitzen Turm der dicht dahinter liegenden Garnisonskirche als Richtpunkt zu nehmen. Bei dem berraschenden Ausbruch des Krieges hatte man diesen, der deutschen Marine natrlich gut bekannten Umstand bersehen und hatte es beim Herannahen der feindlichen Flotte versumt, hier die ntigen Vorkehrungen zu treffen. Das wurde durch Sprengung des Turmes jetzt im feindlichen Feuer nachgeholt. Gegen 2 Uhr mittags war der Kirchturm pltzlich von einer Staubwolke umhllt, worauf er und die Mauern der Kirche unter lautem Krachen in sich zusammen sanken. Dem Feind war dadurch ein bequemer Zielpunkt geraubt, womit sich dann auch die Zahl der Treffer in Fort Grimmerhrn sehr schnell verminderte. Leider hatte kurz vorher noch ein feindliches Gescho die bombensichere Decke einer Munitionskammer durchschlagen, worauf dieses Magazin mit seinem Inhalt in die Luft flog. Die niederfallenden Geschotrmmer und der Steinschutt richteten unter den Husern von Cuxhaven gewaltige Zerstrungen an. Um 4 Uhr nachmittags brannte Cuxhaven an mehreren Stellen. Da die Stadt von den Einwohnern gerumt war, hatte das wenig zu bedeuten. Man beschrnkte, um nicht nutzlos Menschenleben aufzuopfern, die Lscharbeiten auf das Notwendigste, und lie brennen, was brennen wollte, in der richtigen Erkenntnis, da durch die Feuersbrunst die Englnder vielleicht bertriebene Vorstellungen von der Wirkung des Bombardements erhalten wrden. In derselben Erwgung lie man 6 Uhr abends in den Forts langsam ein Geschtz nach dem anderen bis auf zwei Rohre verstummen. Und es schien wirklich, da der Feind glaube, da er nicht nur die Batterien niedergekmpft habe, sondern auch die Kstenstadt mit ihren Hafenanlagen in einen Trmmerhaufen verwandelt habe, zumal die Lagerhuser und das Depot der Hamburg-Amerika-Linie am Hafen lichterloh brannten. Pltzlich kam Bewegung in die feindlichen Linien, Signale wurden gewechselt, aus allen Schloten quollen dicke Rauchwolken, nur der havarierte Bouvet blieb regungslos liegen. Die feindlichen Geschwader bewegten sich vorwrts, das Feuer aus den schweren Geschtzen verringernd und es bald darauf ganz einstellend. Eine Pause entstand auch in dem diesseitigen Feuer. Mit rauchgeschwrzten Gesichtern standen die deutschen Kanoniere an ihren Geschtzen. Die letzte Ladung sa im Rohre und mit atemloser Spannung verfolgte man das Herannahen der feindlichen Flotte, des Kommandowortes harrend, das den Riesengeschtzen von neuem den Mund ffnen sollte. Schon mit bloem Auge konnte man am Bug der vorderen feindlichen Schiffe den sprudelnden Schaum erkennen, der durch die rasche Fahrt, mit der die sthlernen Kolosse durch Tausende von Pferdekrften vorwrts getrieben wurden, aufgewirbelt wurde. Es war ein majesttischer und zugleich herzbeklemmender Anblick, diese Reihe feindlicher Panzer heranrauschen zu sehen. Die pltzlich eintretende Stille wirkte so eigenartig; das Tosen des so schnell verstummten Geschtzkampfes klang im Ohre noch so intensiv nach, da jedes kleinste Gerusch sofort die Vorstellung von dem Wiederkehren des eben verhallten Donnergebrlls erweckte. Es war charakteristisch, da, als man in der ungewohnten Stille nun das Knattern und Prasseln der Feuersbrunst in dem hinter den Batterien liegenden Stdtchen hrte, sich viele Artilleristen umwandten, in dem bestimmten Gefhl, von rckwrts Maschinengeschtzfeuer zu erhalten. ber Cuxhaven lag eine qualmende Rauchwolke, von unten durch die aufleckenden Feuerzungen brandrot gefrbt, oben von den Strahlen der scheidenden Abendsonne mit gelben Lichtern umrandet. Leise schumten und brandeten die Wogen am Strande empor. Noch war der Feind etwa eine Seemeile von der ersten Minensperre entfernt. Die nchsten Minuten muten bereits die unterseeischen Minen mit den ersten englischen Schiffen in Berhrung bringen, da tnte der bellende Schrei einer Dampfsirene vom englischen Admiralsschiffe und fast im selben Augenblick erhob sich, whrend die Panzerschiffe ihre Fahrt verlangsamten, mitten im Fahrwasser, einer Riesenfontne gleich, ein weier, schumender Wasserberg, und neben ihm noch einer und noch einer, und zwischen diesen aufschieenden Strudeln erschienen an der Oberflche zwei schwarze Krper, wie treibende Wrackstcke hin und her geworfen zwischen den wtend aufgepeitschten Wogen. Und immer neue Fontnen und weie Gischtsulen stiegen empor. Die Zeugen dieses wunderbar schrecklichen Schauspieles auf dem Wasser vermochten sich die Vorgnge in den ersten Sekunden nicht zu erklren. Dann aber, als eine gewaltige Woge an den Strand prallte, bis auf den steinernen Uferdamm Schaummassen spritzend und dann wieder in unwiderstehlichem Sog zurcksinkend, und eine neue schaumgepeitschte Welle einen jener schwarzen Gegenstnde hoch hinauf auf den flachen Strand schleuderte, wo er wie ein umgekipptes Boot liegen blieb, da ward es klar, da die Englnder mit ihren _Unterseebooten_, die sie der Flotte vorangeschickt hatten, Kontreminen ausgelegt hatten und diese in der Nhe der deutschen Minen zur Explosion gebracht und so die uere Minensperre vernichtet hatten. Die Mannschaft der vier englischen Unterseeboote war hierbei dem sicheren Untergang geweiht. Keiner von der Besatzung entkam und was dort unter der Wasserflche vorgegangen, blieb ein stummes Geheimnis. In demselben Moment, als der erste Wasserberg aufschumte, verwandelten sich die bleigrauen, schweigenden Panzerschiffe wieder in feuerspeiende Vulkane. Aus allen Geschtzffnungen lohten die gelben Flammen. Aus allen Winkeln und Ecken, aus allen Stockwerken der Decksaufbauten, aus allen Turmffnungen und Geschtzpforten sprhte und zuckte der Tod. Wie Schloenhagel fuhren die Geschosse aus allen feindlichen Kalibern heran, warfen ganze Lagen von Sand und aufgewirbelten Steinen ber die Batterien, berall zersprangen feindliche Granaten und die dichten Salven aus den Schnellfeuergeschtzen zerfetzten die Geschtzbedienungen. Lautlos oder grliche Schreie ausstoend, sanken die deutschen Artilleristen dahin, durch keine Panzerwand gegen das feindliche Feuer geschtzt. Das Donnern und Gebrll aller Geschtze vereinigte sich zu einem Hllensabbat, als ffne sich die Erde und als schssen aus ihr die lodernden Gluten hervor. Hier vor der brennenden Stadt die feuerspeienden Sandhaufen der deutschen Forts, drben die flammenumzuckten, sthlernen Berge auf der wogenden Meeresflut. Jetzt wo der Feind so nahe, jetzt war der Moment gekommen, wo die deutschen _Mrserbatterien_ mit ihrem Steilfeuer eingreifen konnten. Gedeckt durch die dicken Stahlwnde der Panzerungen, begannen sie ihr Feuer. Wohin man blickte, nichts als flammende Blitze, tanzende, zuckende, sprhende Flammen. Und drben schlug's jetzt ein. Noch waren die feindlichen Staffeln wohlgeordnet, aber jetzt gerieten sie in Verwirrung. Auf dem Linienschiffe Ocean scho pltzlich eine weie Dampfwolke zwischen den Schloten empor, den einen von ihnen ber Bord werfend. Eine Mrsergranate hatte das Panzerdeck durchschlagen und hatte, im Maschinenraum berstend, verschiedene Kessel zur Explosion gebracht. Auf dem Panzer Glory explodierte ein Gescho im hinteren Turm, die zwei langen Geschtzrohre nach vorwrts ber das Deck werfend. Der Panzer verlangsamte seine Fahrt, bog nach Steuerbord aus, stie mit dem ihm seitwrts folgenden Albion zusammen und beide Schiffe wurden jetzt das Zielobjekt fr die Kstenbatterien. Auf dem Admiralsschiffe strzte der hintere Gefechtsmast zerschmettert ber Bord, mit seinen Drahtseilen anscheinend die eine Schraube unklar machend, denn das Schiff stoppte und beschrieb pltzlich einen Kreis. Es herrschte durch diese pltzliche Wirkung des deutschen Steilfeuers, dem die englischen Panzerdecks nicht gewachsen waren, Verwirrung in den Reihen des Feindes. In dem verhltnismig schmalen Fahrwasser lie sich die ursprngliche Formation nicht mehr innehalten, mehrere Schiffe berhrten sich gegenseitig. Das Linienschiff Ocean war leck geschossen und durch eine Maschinenhavarie gefechtsunfhig. Dicke Wasserstrahlen der Lenzpumpen quollen nach der dem Leck abgekehrten Seite aus dem Schiffsrumpfe hervor. Dann wurde der Panzer von einem Kameraden zurckgeschleppt, wo er jedoch unweit der Stelle, wo der Bouvet gestrandet war, ebenfalls auf den Sand geriet. Das war der Augenblick fr die deutschen Linienschiffe, in den Kampf einzugreifen. Vorsichtig die zweite Minensperre in Kiellinie passierend, ging es jetzt mit Volldampf auf den Feind los. Aber schneller, als man erwartet, hatte sich dieser wieder rangiert, Kehrt gemacht und ging unter voller Maschinenkraft wieder seewrts. Als die deutschen Panzer das Feuer der Kstenbatterien maskierten, brach dieses pltzlich ab, die Verfolgung des mit seinem Angriff abgeschlagenen Feindes dem Geschwader berlassend. Das Gefecht auf der Reede, welches von unserer Seite gegen den mehrfach berlegenen Feind nicht weiter fortgefhrt werden konnte, entzog sich in dem Abenddunkel der Beobachtung vom Lande. Vermge seiner greren Schnelligkeit vermochte sich der Feind mit seinen strkeren Kalibern die sechs deutschen Linienschiffe sehr bald vom Leibe zu halten. Um 8 Uhr kehrte das deutsche Geschwader wieder in die Elbmndung zurck, die Sicherung gegen feindliche Angriffe einer Postenkette von schnellen Kreuzern berlassend, deren Zahl durch die am Nachmittag von Brunsbttel eingetroffenen Schiffe Lbeck, Berlin, Mnchen wesentlich vermehrt worden war. Die deutschen Panzerschiffe waren vom Kampfe hart mitgenommen. Namentlich die hohen Decksaufbauten waren arg zusammengeschossen und durch die Splitterwirkung waren die Mannschaftsverluste recht hoch. Doch sahen die Beschdigungen fr das Laienauge schlimmer aus, als sie in Wirklichkeit waren. Vitale Teile waren kaum verletzt und alle deutschen Panzer waren gefechtsfhig geblieben. Der 21. Mrz hatte jedoch das besttigt, was in den letzten Jahren von verschiedenen Marineschriftstellern immer wieder hervorgehoben worden war, da nmlich die berlegene, niedrigere Bauart der englischen Panzerschiffe praktischer fr den Kampf sei, als die der deutschen mit ihren hohen, zwar martialisch aussehenden, dem Feinde aber ein gutes Zielobjekt liefernden Aufbauten ber Deck. Und nun erst die Franzosen, die Geschtzstnde und Brckendecks etagenweise bereinander stapeln bis zur Grenze der Seefhigkeit dieser wuchtigen, hoch aufragenden schwimmenden Festen! Whrend die niedrigen englischen Linienschiffe schwer zu treffende Ziele waren, hatten die Franzosen ihre Liebhaberei fr groteske Schiffsformen mit groen Mannschaftsverlusten und furchtbaren Zerfetzungen des Schiffskrpers ber Wasser zu ben. Das deutsche Geschwader nahm wieder seinen Ankerplatz innerhalb der zweiten Minensperre ein. Zwei weitere Torpedo-Divisionen rckten noch spt am Abend in die uere Vorpostenlinie vor. Der Standpunkt der feindlichen Flotte, die sich anscheinend mit ihrem Gros auf Helgoland zurckgezogen hatte, war um 9 Uhr abends noch in dieser Richtung an den zwischen den Schiffen gewechselten Scheinwerfersignalen erkennbar. Whrend der Nacht liefen durch Funksprche Meldungen ein, denen zufolge die feindliche Flotte sich durch eine mehrfache Postenkette von Kreuzern und Hochseebooten gegen einen Torpedoangriff von deutscher Seite geschtzt hatte. Nach dem Rckzuge des Feindes begannen beim Scheine elektrischer Bogenlampen Pionierabteilungen die Verwstungen in den Kstenforts mit mglichster Beschleunigung auszubessern, damit am nchsten Tage der Feind auch hier wieder alles gefechtsbereit fnde. Abends trafen noch mit der Kstenbahn zwei Zge der Hamburger Feuerwehr in Cuxhaven ein, die mit ihren Dampfspritzen und von Spritzendampfern untersttzt das Lschen des Feuers in der Stadt energisch in Angriff nahmen, aber noch bis in die frhe Morgenstunde lag eine brandrote Wolke ber der unglcklichen Stadt, ein Feuermal ber dem Grabe von Hunderten deutscher Mnner. Der erste Vorsto des Gegners war, allerdings unter schweren Opfern, abgeschlagen worden. Whrend der ganzen Nacht wurden durch Sanittstransporte die Schwerverwundeten aus den Kstenforts nach dem Bahnhofe berfhrt, um von dort nach den Hamburger Lazaretten evakuiert zu werden. Die Blockade. Nach dem Bombardement von Cuxhaven trat eine gewisse Stockung in den feindlichen Operationen ein. Die Verluste, die das vereinigte Angriffsgeschwader erlitten hatte, mahnten es zur Vorsicht. Die zerschossenen und havarierten Schiffe schickte man in die heimatlichen Hfen und fllte die Lcken mit inzwischen neu mobilisierten Schiffen aus. Auch die Ausrstung der deutschen Schiffe wurde mit allem Eifer vollendet. Am 2. April war die Mobilisierung auf jedem in Frage kommenden Schiffe abgeschlossen, nur das Mitte Mrz vor Kiel aufgelaufene Linienschiff Schwaben lag auf der dortigen Werft, um die erhaltene schwere Bodenbeschdigung zu reparieren. Auerdem lagen die Kstenpanzer Siegfried und Hagen, die vor der Kanalmndung zusammengerannt waren, im Dock. Die veralteten Schiffe der Sachsen-Klasse blieben in Wilhelmshaven vorlufig in Reserve. Mit fieberhafter Eile wurden in Cuxhaven die zerschossenen Batterien wieder hergestellt, einzelne demolierte Geschtze ausgewechselt und auerdem wurden mit den bei Krupp und Erhardt vorhandenen Bestnden an schwerer Artillerie neue Batterien errichtet. Der Panzer Wittelsbach wurde, um eine rasche Reparatur seiner Beschdigung zu ermglichen, in die eine Schleusenkammer von Brunsbttel gelegt, dort flickte man in drei Tagen seine Schulcher wieder aus. Die schwer beschdigte Gazelle wurde in das Dock von Blohm & Vo gelegt, das nach Brunsbttel geschleppt worden war und dort auch spter nach der Schlacht bei Helgoland gute Dienste tat. Ebenso wurden smtliche anderen Hamburger Schwimmdocks an die Elbmndung befrdert, wo sie havarierte Torpedoboote und kleine Kreuzer immer sofort aufnahmen, wenn diese mit Beschdigungen aus der Blockadelinie zurckkehrten. Die zerstrte Minensperre wurde wieder hergestellt und durch eine neue Linie ergnzt, in der man zum ersten Male eine aus Stahltrossen gefertigte netzartige Sperre als Schutz gegen die Unterseeboote anwandte. Als ein guter Erfolg konnte es angesehen werden, da es am 28. Mrz gelang, auf der Insel Neuwerk eine Ballonstation zu errichten, die in Verbindung mit dem Fesselballon, der stndig ber dem Fort Kugelbaake schwebte, nicht nur zur Beobachtung der Blockadeflotte diente, sondern auch bei Tage wenigstens einen gewissen Schutz gegen Angriffe durch Unterseeboote darstellte, die sich namentlich zahlreich bei dem franzsischen Geschwader befanden. Bekanntlich sind flache Kstengewsser aus einer gewissen Hhe fr den von dort aus Beobachtenden durchsichtig, und die dunklen Krper der Unterseeboote zeichnen sich auf dem hellen Meeresgrunde scharf ab. Es gelang mehrere Male, von dem Beobachtungsposten im Ballon das Geschwader in der Elbmndung rechtzeitig vor herannahenden Unterseebooten zu warnen. In Verbindung mit diesem Nachrichtendienst erwiesen sich mehrfach die Beobachtungsminen, die auf ein Signal der Ballonstation entzndet wurden und durch ihre Explosion feindliche Unterseeboote zerstrten, als ein ziemlich wirksamer Schutz. Nebenher wurde ein scharfer Postendienst unterhalten; auch von Kiel aus sicherte man durch vorgeschobene Kreuzer und die inzwischen als Hilfskreuzer eingestellten Schnelldampfer unserer groen Reedereien die dnischen Gewsser gegen eine feindliche Annherung. Die in der Ostsee erreichbaren englischen Schiffe waren von deutschen Kreuzern gekapert worden. Die meisten englischen Kauffahrer hatten jedoch rechtzeitig in neutralen Hfen einen Unterschlupf gefunden. Besonders in Kopenhagen lagen Dutzende von englischen Dampfern in langen Reihen an den Kais. Leider konnte man nicht verhindern, da ihre Besatzung auf Umwegen in die Heimat zurckkehrte, wo sie an Bord der englischen Flotte eingestellt wurde. Auf Vorposten. Fr den Feind begann jetzt, weil man vor der Komplettierung der eigenen Streitkrfte keinen neuen Schlag versuchen wollte, der ungeheuer anstrengende Blockadedienst. Da man mit den ziemlich intakten deutschen Streitkrften Tag und Nacht rechnen mute, wirkte dieser Dienst auf die feindlichen Seeleute sehr ermdend. Wollte man durch Scheinwerfer nicht seinen eigenen Aufenthalt verraten, war man an Bord der Englnder und Franzosen nachts allein auf Auge und Ohr angewiesen. Dazu wurden die Schiffe durch die rauhe See und durch heftige Strme frchterlich hin und her geworfen. Durch khne Vorste deutscher Torpedoboote verlor die Blockadeflotte eine Reihe von kleineren Schiffen, auch ein franzsisches Panzerschiff wurde durch eine Torpedoexplosion schwer leck. Unter Deck benutzte man empfindliche Telephonapparate, da man bei ruhiger See auf diese Weise das Gerusch der feindlichen Torpedoschrauben im Wasser auf weite Strecken hren kann. Solcher Vorpostendienst erschpfte die Besatzung derart, da man, um die Mannschaften frisch zu erhalten, die Kreuzer hchstens eine Woche in der Postenlinie lie und sie dann ablste und zurckzog. Die dienstfreien Schiffe lagen seewrts der Blockadelinie, halbwegs zwischen der dnischen Kste und der Doggerbank. Der Panzerkreuzer Friedrich Karl, der durch den Kanal nach Kiel zurckgekehrt war, befand sich nrdlich von Skagen in der uersten Postenlinie, die gegen ein Herannahen des Feindes durch die skandinavischen Gewsser sicherte. Alle Lichter waren sorgfltig abgeblendet, die See ging hoch und spritzte weie Schaumflocken an den Bordwnden empor. Oben auf dem Kommandostand erhielt der wachthabende Offizier die Meldung aus dem ersten Signalmast, es scheine so, als ob sich wenige Striche ber Backbord mehrere Schiffe bewegten. Ein leises Signal in die Maschine lie diese mit voller Kraft angehen. Die Posten an den Scheinwerfern erhielten ein Achtungssignal, der Kreuzer whlte sich mit 21 Knoten durch die schwarze See. Pltzlich eine Wand weien, blendenden Lichtes, das in den Augen schmerzte; vorn ber Backbord flammte dicht ber den Wellen der Lichtstrom eines Scheinwerfers auf, der mit seinem breiten Kegel pltzlich die schumenden Wogen vor dem Bug des Friedrich Karl in voller Deutlichkeit zeigte. Einen Moment, und das Vorschiff des Kreuzers sank in diese Lichtflut ein, durch die die aufgespritzten Schaumtropfen wie Schneeflocken herniederrieselten. Wie ein Phantom erschien der graue Schiffsrumpf von blendenden Reflexen umspielt. Wie an Bord eines Geisterschiffes tauchten die hinter ihren Geschtzen wie eherne Statuen stehenden Artilleristen gleichsam aus dem Nichts empor, dann wuchs der ragende Signalmast mit seinem zierlichen Gerippe von Stahldrhten aus der Dunkelheit heraus. Drben zuckten jetzt in der Nacht ein paar gelbe Feuerzungen auf und heulend sausten mehrere Granaten durch das Takelwerk des Friedrich Karl, aber schon war sein Vorderschiff wieder von der Dunkelheit verschluckt, und der letzte Schein des weiglhenden Lichtes fegte nur noch ber das Achterdeck, den sprudelnden Wasserwirbel am Heck und den ber die Wellen nachgezogenen Schaumstreifen im silbernen Schimmer aufleuchten lassend. Die wieder einfallende Dunkelheit betubte das geblendete Auge, und nur die roten Flammen aus den feindlichen Geschtzrohren und das Sausen und das klatschende Einschlagen der ziellos verfeuerten Granaten auf der Wasserflche gemahnte daran, da das soeben Geschaute nicht nur eine Vision gewesen. Da, ein tausendfacher, gellender Schrei, das Vorschiff des Friedrich Karl hob sich von einem gewaltigen Sto. Der Scheinwerfer oben auf dem ersten Signalmast blitzte auf und sandte seine weie Lichtflut aus der Hhe nach vorn, wo ein Krachen und Bersten von zerrissenem Metall und strzende schwere Gewichte einen Hllenspektakel machten. Ein grauenhaftes Schauspiel bot sich dem entsetzten Blick: Der scharfe Sporn des Friedrich Karl hatte sich in die Breitseite eines groen Ozeandampfers eingewhlt. Der Wind trieb aus dessen drei mchtigen Schloten die braunen Rauchschwaden seewrts, wo sie wie ein flatternder Schleier ber den Wogen hinkrochen. Auf dem fremden Schiffe, an dessen Bug der Name Lucania deutlich zu lesen war, liefen schreiend und kommandierend ein paar Leute hin und her. In diesem kritischen Moment platzten auf dem Friedrich Karl zwei feindliche Granaten dicht neben dem vorderen Turm, der sofort automatisch drehte und mit seinem 21 cm-Geschtz in die Dunkelheit hineinscho. Auch die Backbordartillerie nahm das Feuer langsam auf. Jetzt blitzte der englische Scheinwerfer von neuem auf und die dunkle Meeresflche erschien pltzlich belebt von einer langen Reihe feindlicher Schiffe: Die auf Kiel herandampfende englische Flotte. Durch die gewaltige Maschinenkraft des deutschen Kreuzers war sein mchtiger Rumpf weit in das feindliche Transportschiff hineingetrieben. Ein paar Sekunden nach dem Zusammenprall lie der Friedrich Karl die Schrauben rckwrts schlagen und ging langsam Zoll um Zoll rckwrts. Als sich sein grauer Stahlleib zurckschob, klaffte ber ihm ein riesenhaftes Loch mit verbogenen und zerrissenen Rndern an der Bordseite der Lucania, aus dessen schwarzen Tiefen weier Wasserdampf hervorquoll, und in das die See rauschend und polternd hineinstrzte. Kaum war der Friedrich Karl wieder frei, so legte sich die Lucania nach Steuerbord ber, dem deutschen Schiffe sein schrges, von Hunderten von schreienden Menschen belebtes Deck weisend. Einige der englischen Soldaten waren im naiven Selbsterhaltungstrieb auf den Friedrich Karl hinbergesprungen, andere suchten die Boote klar zu machen, was aber nicht mehr an der Steuerbordseite gelang, wo die Reeling mit dem Bootsdeck bereits ins Wasser tauchte. Durch mehrere Scheinwerfer war die schwarze Wasserflche hell beleuchtet. In der ersten berraschung konzentrierten alle englischen Schiffe ihre Aufmerksamkeit auf die unglckliche Lucania. Von den an Bord befindlichen 1500 Mann Infanterie wurde jedoch kaum der dritte Teil gerettet. Fast tausend Mann nahm das Unglcksschiff, als es nach wenigen Minuten infolge einer Kesselexplosion, die den Schiffsrumpf in zwei Teile zerri, sank, mit in die Tiefe. Noch ehe man sich ber die Gre des Unglcks klar geworden, war der Friedrich Karl wieder von der Dunkelheit verschlungen. Die geplante berraschung des Kieler Hafens war also miglckt. Bereits um 5 Uhr morgens wurde dort das Herannahen der englischen Flotte bekannt; sie erschien am Tage darauf, durch den groen Belt dampfend, weit drauen vor der Kieler Fhrde, worauf die beobachtenden deutschen Kreuzer sich zurckzogen und sich auf einen intensiven Postendienst beschrnkten. Da die englische Flotte den in Kiel stationierten Streitkrften weit berlegen war, konnte man zunchst einen Angriff von deutscher Seite mit Aussicht auf Erfolg nicht versuchen und begngte sich damit, dem Feinde seinen Blockadedienst durch stetige nchtliche Vorste zu erschweren. Nach den Erfahrungen des Bombardements von Cuxhaven, welches die schwere Artillerie an Bord der angreifenden englischen Flotte auerordentlich strapaziert hatte, war man offenbar auf feindlicher Seite entschlossen, die Lebensdauer der schweren Geschtzrohre nicht durch zweckloses Schieen unntigerweise zu verkrzen. Die Vernichtung der Lucania wurde in der Presse bekanntlich lebhaft errtert, da man sich wunderte, wie ein solcher Zusammensto _unvermutet_ erfolgen konnte, da doch der feindliche Scheinwerfer dem Friedrich Karl jenes Transportschiff gezeigt haben mte. Dabei wurde vergessen, da der Lichtkegel eines Scheinwerfers undurchsichtig ist. Der Lichtkegel des englischen Scheinwerfers hatte sich gewissermaen wie eine trennende Wand zwischen den Friedrich Karl und die Lucania gelegt, so da der Friedrich Karl, nachdem er die Lichtzone durchfahren, tatschlich unerwartet mit der Lucania zusammenstie. Am Feinde. Der am 21. Mrz mittags in Aachen eintreffende deutsche Gesandte aus Brssel brachte die Besttigung, da die Franzosen die belgische Grenze berschritten hatten. Man hatte sich bis dahin auf deutscher Seite darauf beschrnkt, den Tunneleingang der Aachen-Ltticher Linie militrisch zu besetzen, um so eine Unterbrechung dieser wichtigen Strecke zu verhindern. Jetzt, da die politische Lage klar, erging der Befehl, in Belgien einzurcken. Die beiden Kavallerieregimenter mit einer Maschinengewehrabteilung und die beiden Bataillone, die am Tage vorher schon unweit des Aachener Bahnhofes Alarmquartiere bezogen hatten, um sofort die bereitgehaltenen Zge besteigen zu knnen, verlieen, von den lauten Hurrarufen der Volksmenge begleitet, nachmittags um 4 Uhr den Bahnhof der alten Kaiserstadt. Der erste Zug, auf dessen erstem Lowry, der sich noch vor der Lokomotive befand, aus Schienen und Eisenbahnschwellen fr zwei Maschinengewehre kugelsichere Deckungen hergerichtet waren, erhielt gegen 6 Uhr abends dreiviertel Wegs nach Lttich aus einem Walde heftiges Gewehrfeuer. Die Maschinengewehre brachten es schnell zum Schweigen, die Truppen verlieen die Wagen und bezogen zu beiden Seiten der Bahn eine ausgedehnte Vorpostenstellung. Es galt zunchst festzustellen, ob, wie die Gerchte wissen wollten, bereits franzsische Truppen soweit gegen die deutsche Grenze vorgeschoben seien. Einfach heute schon nach Lttich hineinzufahren, verbot die Schwche dieser Vortruppen. Kurz vor der Stelle, wo die Bahn den zu beiden Seiten sich hinziehenden Wald verlt, um dann auf einer kleinen Brcke einen Bach zu passieren, worauf sie jenseits bald wieder im dichten Walde verschwindet, hielt am anderen Morgen eine Patrouille des rheinischen Husarenregimentes. Meyer, sagte der Gefreite Busch, wir wollen einmal bis an die Waldzunge vorgehen, mir ist so, als hrte ich ein leises Gerusch in den Schienen; mglich, da ein Zug herankommt. Von dort werden wir ihn jedenfalls besser beobachten knnen. Vorsichtig die beiden Pferde am Zgel fhrend, folgte Meyer durch das Unterholz dem Gefreiten. Nach etwa zehn Minuten standen sie am Rande des Waldes und berblickten jetzt den Bahnkrper, die kleine Brcke und den in der Morgensonne weilich glnzenden zweifachen Schienenstrang, der sich weiterhin zwischen den schwarzen Stmmen des Waldes wieder verlor. Vom Feinde war nichts zu sehen; tiefe Ruhe herrschte unter den hie und da schon einen hellgrnen Schimmer zeigenden Baumwipfeln, in denen die Vgel ihr lustiges Morgenliedchen pfiffen. Da wo sich der gegenberliegende Wald zum Bahndamm herniedersenkte, stand auf den Schienen eine Lokomotive, ganz ruhig, wie hingezaubert in diese friedliche Stille. Flsternd machten sich die beiden Husaren auf diese berraschende Erscheinung aufmerksam. Wie vergessen stand die Maschine da, kein Dampfwlkchen verriet, ob Bewegung in ihr wohnte. Kein Mensch war hinter den ovalen Fenstern des Fhrerstandes zu erblicken, ringsum zwitscherten die Vgel und rauschten leise im Morgenwinde die Zweige der Bume. Meyer, wir mssen weiter vor, folgen Sie mir, wir wollen hier links durch den Wald ber den Bach hinbergehen und dieses belgische Verkehrsinstrument einmal untersuchen. Langsam sich hinter den Baumstmmen deckend, ritten die beiden Husaren nach vorne. Jetzt muten sie den schtzenden Wald verlassen und stiegen den sanften, nur von wenigen Bumen bestandenen Abhang hinunter. Klapp, sagte es pltzlich ber ihnen und noch einmal klapp, und ein paar ste fielen vor ihnen herunter. Gleichzeitig weckten zwei Schsse ein in den Waldschluchten lang hinrollendes Echo. Also doch, sagte Busch, ich dachte es mir, dann also zurck. Da ertnten mehrere lange und kurze Pfiffe der Lokomotive, ein weier Dampfstrahl stieg ber ihrem blanken Kesseldom auf und langsam, wie von unsichtbarer Gewalt geschoben, bewegte sich die Maschine rckwrts. Sie geben ein Signal fr ihre Posten, sagte Busch, hren Sie: lang, kurz, lang, kurz, kurz, lang; ganz nach dem Morsesystem. Nun Vorsicht. Die Lokomotive, die lautlos auf den Schienen zurckgeglitten, machte wieder Halt. Ich bleibe hier, sagte Busch, Meyer, reiten Sie zurck und melden Sie dem nchsten Posten, was wir gesehen. Zu Be..., mehr hrte Busch nicht, er sprte neben sich einen klatschenden Schlag und fhlte eine widerlich warme Masse sich auf die Wange spritzen. Meyer strzte seitwrts vom Pferde und blieb liegen. Eine feindliche Kugel hatte ihn mitten in die Stirn getroffen. Der erste, sagte Busch, zog Meyers Sbel heraus und stie ihn neben der Leiche in den weichen Waldboden. Und nun ging's vorwrts auf Lttich zu, langsam kroch die eherne Schlange auf den Schienenstrngen vorwrts, whrend zu beiden Seiten des Bahnkrpers die Kavallerie sicherte. Als die ersten deutschen Truppen in die Vorstadt von Lttich am Mittage des 22. Mrz eindrangen, verlie der letzte Zug mit einem franzsischen Infanteriebataillon den Bahnhof auf der anderen Seite, und die franzsischen Chasseurs rumten vor der einrckenden deutschen Kavallerie die Vorstadt Lttichs. Die belgischen Truppen gingen teils in sdwestlicher Richtung auf die franzsische Grenze mit ihren franzsischen Kameraden zurck, teils wichen sie kampflos in der Richtung auf Antwerpen, wo bereits englische Truppen einen Rckhalt fr sie bildeten. Vor Brssel beabsichtigte man keinen weiteren Widerstand zu leisten. Da die Englnder zunchst auch im Verein mit den Belgiern bei weitem nicht stark genug waren, um die Forts von Antwerpen zu besetzen _und_ gleichzeitig ungefhr bei Lwen, wie ursprnglich beabsichtigt, dem deutschen Vormarsch einen Riegel vorzuschieben, war von dieser Seite, von wo aus man eventuell den deutschen Vormarsch htte flankieren knnen, einstweilen nichts Ernstliches zu befrchten. Der schnelle Vorsto der deutschen ersten Armee richtete sich auf die franzsische Grenze, die geringen belgischen Truppen und die hastig nach Belgien hinbergeworfenen franzsischen Truppen vor sich aufrollend und zusammentreibend. Bis nach Namur war die Bahnlinie seltsamerweise vllig unversehrt. In Namur traf man auf die ersten gesprengten Brcken und zerstrten Schienenstrnge. Da die Hauptlinie Lttich--Namur--Charleroi schnell von den Deutschen besetzt wurde, fiel das gesamte rollende Material auch auf den Zweiglinien der belgischen Bahn in deutsche Hnde. Das war das erste Versumnis des Feindes. Die teilweise aufgerissenen Schienen und die ziemlich ungeschickt gesprengten Brcken wurden in wenigen Tagen wieder repariert, so da der Verkehr bis Charleroi sofort funktionierte, ein erfreulicher Erfolg. Fr die Niederhaltung der unruhigen belgischen Arbeiterbevlkerung, die von fanatischen Pfaffen zwar aufgereizt wurde, sich aber passiv verhielt, sorgten in allen Stdten verstreute starke Truppenabteilungen, denen teilweise auch noch recht bedeutendes Kriegsmaterial in die Hnde fiel. Der sozialistische Aufstand in Charleroi. Als sich der erste deutsche Truppentransport Charleroi nherte, brannte der dortige Bahnhof lichterloh. Die seitwrts der Bahn gegen die Stadt vorrckenden deutschen Truppen stieen zwischen den ersten Husern bereits auf Widerstand. Fast smtliche Straen waren durch Barrikaden gesperrt, die sich innerhalb der Stadt zu einem Kreise zusammenfgten, der auch den Bahnhof mit einschlo. Ein von dem Brgermeister der Stadt den Deutschen entgegengesandter Parlamentr klrte ber die Sachlage auf. Die sozialistischen Arbeiterfhrer hatten, emprt ber das Verhalten des Knigshauses, welches beim Einrcken der fremden Heere sein Heil in der Flucht gesucht hatte und das unglckliche Land in der furchtbaren Lage zurcklie, den Kampfplatz zwischen den beiden Gegnern abgeben zu mssen, den stdtischen Magistrat abgesetzt und hatten dafr die rote Republik erklrt. Mit den Bergarbeitern des Bezirkes von Charleroi, die von allen Seiten in die Stadt hineinstrmten, verfgten die Sozialisten ber nicht unbetrchtliche Streitkrfte, die zudem alle militrisch geschult und gut bewaffnet waren. Man hatte in der Stadt die ffentlichen Gebude angezndet, wste Plnderungsszenen hatten bereits in den Brgerhusern stattgefunden und Mord und Brand und unerhrte Grausamkeiten bezeichneten den Anfang des roten Schreckens. Die deutsche Armeeleitung fhrte die Truppentransporte um die Stadt herum und stellte hinter ihr die zerstrten Bahnlinien ziemlich schnell wieder her, so da man nach vier Tagen an der franzsischen Grenze stand. Hinter der deutschen Front fiel drei Regimentern mit starker Artillerie die Aufgabe zu, den Widerstand der zum uersten entschlossenen sozialistischen Terroristen zu brechen. Die deutschen Truppen, die zunchst Charleroi zernierten, hatten sich das erste Zusammentreffen mit dem Feinde etwas anders vorgestellt. Anstatt in offener Feldschlacht dem Gegner entgegentreten zu knnen, hatte man sich hier zwischen brennenden Straen mit allem mglichen Gesindel und einer zum blinden Fanatismus aufgehetzten Zivilbevlkerung herumzuschlagen. Langsam nur gelang es, eine Barrikade nach der anderen einzunehmen, sie waren aus den Trmmern zerstrter Huser errichtet und gegen diese meterdicken Steinwlle erwies sich die Artillerie ziemlich wirkungslos, und fr die Hunderte, die unter dem deutschen Schrapnellfeuer verendeten, traten immer neue Kmpfer in die Lcken. Die Hauptsache war, da man den Bahnhof bald in die Hnde bekam, damit die doch recht unzulngliche provisorische Bahn um die Stadt herum wieder ausgeschaltet werden konnte. Aber gerade ber die Schienenstrnge vor dem Bahnhof zogen sich die strksten Barrikaden hin. Sie waren teilweise aus den meterhohen Papierrollen hergestellt, wie sie von Zeitungsrotationspressen verwendet werden, und dieses zhe, elastische Material war durch Granatfeuer kaum zu zerstren. Selbst gegen Haubitzgranaten erwiesen sich diese Papierrollen als eine auerordentlich widerstandsfhige Deckung, so da man im weiteren Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite solche Zeitungspapierrollen beim Bau von Schanzen und Blindagen sehr gern verwendete. Erst nach mehreren Tagen, nachdem eine Pionierabteilung regelrechte Minengnge an die Barrikaden herangefhrt hatte, wurden diese Stellungen erobert. Aber auch dann noch erforderte die Einnahme der Stadt ungeheure Opfer, da die Bergleute in allen Straen mit den ihnen in die Hnde gefallenen Dynamit- und Pulvervorrten Flatterminen gelegt hatten, die, unter den vorstrmenden deutschen Truppen explodierend, ganze Abteilungen zerrissen. Als dann der Bahnhof in deutschen Hnden war, wurde das Ende dieser Schreckensherrschaft dadurch beschleunigt, da unter den sozialistischen Anfhrern selber Streitigkeiten ausbrachen. Am letzten Tage des Kampfes kehrten sich die Waffen der Emprer gegen einander, als die deutschen Regimenter bereits die Verteidigung der vllig in Trmmer liegenden und an allen Orten brennenden Stadt auf einen nur noch kleinen Kreis von Barrikaden beschrnkt hatten. Die Blutorgie von Charleroi erlosch, als sich die Wut des Pbels in seinem eigenen Blute khlte. Diese Ereignisse blieben nicht ohne Eindruck auf die sozialistische Partei in Deutschland, hatte man doch hier gesehen, welche Opfer auf die Schlachtbank gefhrt werden, wenn man der Bestie den Kfig ffnet. Die ersten Gefechte an der franzsischen Grenze hatten mit der Zurckwerfung der drei franzsischen Armeen geendet. Die von Calais her erhofften englischen Hilfstruppen waren noch immer ausgeblieben, und mit der Besetzung von Calais durch deutsche Truppen war Antwerpen nach Sden isoliert und von dort den Englndern der Weg in den Norden Frankreichs abgeschnitten. Die englischen Transportdampfer fhrten Tag um Tag neue Truppen nach Antwerpen, aber dieser Strom wurde sehr bald dnner, nachdem die mobilen Truppen aus den englischen Hfen evakuiert waren und bis zur Mobilisierung der Miliz eine groe Pause eintrat. Infolgedessen entschlo man sich erst spt zu einem Vorsto auf die rechte deutsche Flanke, die hier unmittelbar nur durch ein Beobachtungskorps gedeckt war, das jedoch senkrecht auf der breiten Basis der deutschen Etappenlinie stand. Die unaufhrlich hier in der Richtung nach Sdwest vorberflutenden Truppenmassen brauchten gewissermaen nur rechtsum zu machen und standen als eine riesenhafte Front Antwerpen gegenber. Schon lagen die franzsischen Grenzfestungen im Rcken der siegreich vordringenden deutschen Armeen, man begngte sich damit, sie durch kleinere Detachements zu cernieren, die ausreichend waren, einen Ausfall zu verhindern und berlie es der Zeit und dem Hunger der eingeschlossenen Besatzung, sich selber den Tag der bergabe zu whlen. Wenn diese Detachierung deutscher Beobachtungskorps immerhin auch die Feldarmee um eine groe Anzahl von Streitern schwchte, so war dasselbe doch auch beim Gegner der Fall und die verhngnisvolle Bedeutung zwecklos gehaltener Festungen machte sich auf franzsischer Seite sehr bald geltend. In den franzsischen Festungen lagen Linientruppen, whrend man auf deutscher Seite diese vor den Festungen durch Landwehr sehr schnell ersetzte und dadurch die Feldarmee von einer mhseligen, zeitraubenden Aufgabe entlastete. Der Krieg erzieht den Krieg. Die Erfahrungen, die man in den ersten Gefechten machte, fhrten zu einer Reihe von nderungen an der Uniform und der Ausrstung. So verschwanden schon nach wenigen Tagen die Fhnchen an den Lanzen der Kavallerie. Die Metallbeschlge und die Uniformknpfe durften nicht mehr geputzt werden. Die glnzenden Sbelscheiden der Offiziere erhielten einen Farbanstrich und sehr bald gewhnten sich die Offiziere daran, im Gefecht den ziemlich zwecklosen Sbel zurckzulassen, und griffen in der Feuerlinie lieber zum Karabiner, der dann berhaupt als Offizierswaffe eingefhrt wurde. Im Gefechte wurden die Helmbezge allgemein getragen und da die blinkende Helmspitze leicht den Platz liegender Schtzen verriet, wurde sie abgeschraubt, wodurch freilich das Aussehen der Truppen dem von Feuerwehrleuten hnelte. Aber mit kriegerischen Schmuckstcken gewinnt man keine Schlachten. Wenn auch der grundlose Schmutz ausgefahrener Landstraen, das Biwakieren in Wind und Wetter allen Uniformen allmhlich das gleiche Kriegsgrau verlieh, so fertigte man doch in der Heimat ein neues graues Militrtuch, dessen Farbenton ungefhr die Mitte hielt zwischen der Uniform der Maschinengewehrabteilungen und dem Feldgrau, welches bei einzelnen Truppenteilen 1905 versuchsweise eingefhrt worden war, in groen Massen an, so da bald die Feldarmee neu eingekleidet werden konnte. Es hatte sich nmlich herausgestellt, da weniger die lebhaften Farben der Kavallerieuniform als vielmehr der dunklere Ton des Waffenrockes der Infanterie den Mann im Gelnde auf weite Entfernungen erkennen lie. Ebenso lie man allem Lederzeug die Naturfarbe oder stellte sie nachtrglich wieder her, da man in den ersten Gefechten besonders dem leuchtenden weien Riemenzeug viele Verluste verdankte. Die franzsischen Armeen hatten sich langsam rckwrts konzentriert. Die auerordentlich blutige Schlacht westlich von Lille und das gleichzeitige Gefecht bei Tournay hatten die franzsische Armee von der Kste und von Calais und somit von einer englischen Untersttzung an diesen Punkten abgeschnitten. ber 100000 Kmpfer deckten bereits das Schlachtfeld als die franzsische Armee auf der Linie Arras, Bapaume, St. Quentin, Laon und Chlons feste Stellungen einnahm, zwischen Laon und Chlons dann in Rheims einen gewaltigen Sttzpunkt findend. Hier sollte zunchst die Entscheidung fallen. Auf franzsischer Seite standen hier etwa 600000 Mann, whrend die ihnen gegenberstehende erste und zweite deutsche Armee etwa 400000 Mann zhlen mochte. ber die Erfolge der dritten und vierten Armee, die bei Nancy und sdlich davon standen, fehlten zur Zeit noch bestimmte Nachrichten, als der Kampf auf der langen Front hier im Norden begann. Die ersten Gefechte hatten sich hier in der Nhe der franzsischen Sperrforts entsponnen, von denen ein Teil nach wenigen Tagen bereits unter dem Steilfeuer der deutschen Belagerungsartillerie fiel und die somit ihren Ruf als eine absolut sichere Verteidigungslinie gegen Deutschland nicht rechtfertigten. Andere von diesen Sperrforts waren noch cerniert. Aus dem Sden, in der Nhe von Belfort, wurden zunchst die ersten in Deutschland sehr alarmierend wirkenden franzsischen Erfolge gemeldet, whrend auf dem sdlichen Kriegsschauplatz die italienische und franzsische Armee sich unweit der Grenze ziemlich das Gleichgewicht hielten, ohne da bisher ein entscheidender Schlag erfolgt war. Das Ultimatum in Italien. Die Nachricht von dem Gefecht auf der Reede von Apia war, ebenso wie in Berlin, am Nachmittag des 18. Mrz in Rom eingetroffen und hatte dort groe Erregung hervorgerufen. Handelte es sich doch, wenn es zu dem anscheinend unvermeidlichen Kriege zwischen England und Deutschland kam, um die Frage, welche Stellung Italien zu seinem Dreibundsgenossen einnehmen wrde. Der erste Eindruck war lediglich der einer gewaltigen Bestrzung, und der Schrecken vor dem nahenden Unglck eines Krieges bte einen lhmenden Druck aus. Dazu kam, da man dank des englischen Kabelmonopoles ja nicht einmal die volle Wahrheit kannte, man mute also nach den vorliegenden Nachrichten Deutschland fr den Staat halten, der durch seine schroffe Haltung den Zwischenfall von Samoa provoziert hatte. Daraus ergab sich auch, da irgendwelche Begeisterung nicht aufkommen konnte; man fhlte sich wider seinen Willen von dem Verbndeten im Norden in eine Krisis hineingezerrt, deren Ausgang nicht abzusehen war. Ebenso wie in Berlin, war die Nachricht aus Samoa whrend der Sitzung des Parlaments bekannt geworden. Der Ministerprsident hatte schleunigst die Sitzung verlassen und war ins Knigliche Palais gefahren. Als die Sitzung vorzeitig schlo, verlieen die sozialdemokratischen Abgeordneten den Saal unter Hochrufen auf Frankreich. Da keine formulierten Abmachungen vorlagen ber Italiens Verhltnis zu England, man sich aber an die Versprechungen, gelegentlich des Besuchs Eduards VII. im Quirinal bezglich der Erwerbung von Tripolis erinnerte, so waren die Sympathien fr beide in dem Drama von Samoa beteiligten Mchte geteilt. Man wute, da, sobald das Bndnis wirksam wrde, das englische Mittelmeergeschwader mit dem Angriff auf italienische Hfen keinen Tag zgern wrde. Auf den Straen wogten dichte Menschenmassen hin und her, und in den Kaffeehusern wurde die politische Lage eifrig diskutiert. Erst spt ward der Platz vor dem Quirinal leer. Der Ministerprsident, der abends um 8 Uhr vom Knig zurckkehrte, wurde auf der Strae Gegenstand lebhafter Ovationen, in die Hochrufe auf Deutschland mischten sich aber auch solche auf England und das dem Volksempfinden doch immerhin nher stehende Frankreich. Auch der 19. Mrz verlief ohne eine Entscheidung zu bringen. Man erfuhr nun allerdings aus Paris die ganze Wahrheit ber das Gefecht vor Apia und ber den schlielichen Sieg der deutschen Schiffe. Auerdem trafen Meldungen ein, die von einer Mobilisierung der englischen und franzsischen Flotte wissen wollten. Whrend man in London alle wichtigen Depeschen zurckhielt, hatte man eine wohl absichtlich passieren lassen, nmlich die Meldung der Times, da guten Informationen zufolge, die englische Regierung es nicht dulden werde, da Deutschland auf Bndnisvertrge aus frherer Zeit zurckgreife, da es vor Apia nicht der Angegriffene, sondern der Angreifer gewesen sei. Das konnte nur als eine Warnung an sterreich und Italien aufgefat werden. So verging der 19. Mrz unter allgemeiner Unruhe. Der Ministerprsident hatte erklrt, er sei vorlufig nicht in der Lage eine Interpellation in der Kammer zu beantworten, bevor nicht die Regierung nhere Nachrichten ber die Vorgeschichte der Krisis erhalten habe. Ein anscheinend offizis inspirierter Artikel der Tribuna aber erklrte, da ein Konflikt mit irgend einer Macht Italiens Heer und Flotte vollauf gerstet finden wrde. Aus Spezzia und aus Neapel, wo das zweite Geschwader der Manverflotte im Hafen lag, erfuhren die Zeitungen, da dort alle Vorbereitungen getroffen wrden, um eine schleunige Mobilisierung der Flotte vorzubereiten. Wo sich Truppenabteilungen auf der Strae zeigten, wurden sie von der Menge mit begeisterten Ovationen empfangen, und besonders die Marineoffiziere wurden in den Cafs als politische Orakelspender eifrig umlagert und ausgeforscht. * * * * * Ein herrlicher Frhlingstag ging in Neapel zu Ende. Glutrot verschwand die Sonne hinter dem Kimm des tiefblauen Meeres, mit ihrem Glanz alle Vorgebirge und Bergspitzen vergoldend und das weie Husermeer der Stadt mit ihren letzten Strahlen berschttend. Die leichte Rauchwolke ber dem Vesuv begann sich bereits an der inneren Glut des Berges rtlich zu frben. Wer dieses einzig schne Schauspiel oben von der Hhe des Castel St. Elmo geno, dem ward es schwer, sich angesichts dieses Bildes tiefsten Friedens in den Gedanken zu versetzen, da vielleicht innerhalb weniger Tage die Fluten des Krieges wiederum gegen diese sonnigen Gestade heranbranden knnten. Von unten her aus der Stadt drang das Gerusch der Volksmenge, die auf den Straen hin und her zog. Ab und zu verdichtete sich das leise Brausen zu explosiv wirkendem Geschrei, wenn hier und da sich dichtere Gruppen um einen Redner zusammenschlossen, der wie ein hpfender Punkt ber der dunklen Masse der Kpfe schwamm. Unten am Hafen wo die vier schweren Panzer still auf der blauen Flut lagen, und vor den Kasernen am Castel Nuovo sah man die Menschenmenge sich stauen. Whrend der Abend herabsank auf die bella Napoli wurden drben in der Meerenge, wo Capri in einem blauen Meere von Dunst und Sonnengold schwamm, einige Rauchwolken sichtbar und beim letzten Schimmer des Tages sah man am Horizonte eine Reihe massiver Schiffskrper auftauchen. Drunten in der Stadt konnte man sie nicht mehr bemerken, dort lag bereits alles im Dunkel. Es fiel allerdings auf, da man am Hafen die Ankunft des flligen Dampfers aus Messina vergebens erwartete. Dieser, der Postdampfer Calabria, war nmlich von einem Teil des englischen Mittelmeergeschwaders unterwegs angehalten worden, welches in der Stille der Nacht langsam bis auf die halbe Entfernung zwischen Capri und Neapel herandampfte. Gegen 11 Uhr abends legte in Neapel am uersten Molo eine kleine pustende Dampfpinasse des englischen Kreuzers Dido an. Ein Leutnant stieg an Land, meldete im Auftrage seines Kommandanten auf dem Hafenamte das Eintreffen des englischen Kreuzers auf der Reede und begab sich hierauf von der Menge, die englische und italienische Marineuniformen nicht unterscheidet, unbeachtet auf das Telegraphenamt. Hier gab er nach Rom an die Adresse des englischen Botschaftssekretrs Hopkins folgende Depesche auf: Bin um 5 Uhr 58 Neapel eingetroffen und hoffe morgen mittag 12 Uhr Bescheid, wann meine Braut in Rom eintrifft. Der Telegraphenbeamte befrderte diese Depesche unbeanstandet, ohne zu wissen, da Admiral Beresford damit dem englischen Botschafter am Quirinal mitteilte, da er mit dem Geschwader von fnf Panzern, fnf Kreuzern und acht Zerstrern auf der Reede liege und bis zum 20. Mrz mittags 12 Uhr Bescheid darber erwartete, ob er gegen die italienischen Schiffe die Feindseligkeiten beginnen sollte. Noch bevor auf dem Hafenamte eine Ordonnanz aus dem Marinekommando eingetroffen war um den Fhrer der englischen Pinasse dorthin zu bitten, war diese bereits wieder lautlos im Dunkel der Nacht verschwunden. Trotzdem die Ankunft des englischen Kreuzers, wie sie ihm das Hafenamt gemeldet hatte, den kommandierenden Admiral der zweiten Division des Manvergeschwaders stutzig gemacht hatte, nahm er, im Vertrauen darauf, da ein einzelnes Schiff, gegenber einer so starken Verteidigungsflotte, dem Hafen keine Gefahr bringen konnte, an dem Festmahl im Marinekasino teil, welches bis tief in die Nacht hinein dauerte, weil die widerstreitenden Ansichten der Offiziere ber den Ausgang der politischen Krisis dem Gesprch immer neue Nahrung gaben. * * * * * Whrend ein fahles Dmmerlicht den heranbrechenden Morgen in der rmischen Hauptstadt ankndigte, fuhr ein schlichter Wagen vor dem Ministerium des Auswrtigen in Rom vor. Der englische Botschafter lie den italienischen Minister um eine dringende Unterredung im Auftrage seiner Regierung ersuchen. Eine Viertelstunde spter standen sich beide Mnner gegenber. Der Englnder griff kurz zurck auf die Vorgnge in Samoa und erinnerte daran, da der deutsche Kreuzer die englischen Schiffe angegriffen habe. Es ist uns bekannt, fuhr er fort, da gewisse Bndnisvertrge aus frherer Zeit bestehen, die Italien verpflichten knnten, Deutschland seinen militrischen Beistand zu leihen. Soweit wir diese Vertrge kennen, kommt der Bndnisfall jetzt nicht in Frage, da Deutschland der Angreifer gewesen ist. Da um diese Stunde aber vielleicht (^I suppose^) die Feindseligkeiten in der Nordsee schon ausgebrochen sind, ist es fr uns von Wert, zu wissen, welche Haltung die italienische Regierung einzunehmen beliebt. Wir knnen leider (^I regret sincerely^) nicht darauf warten, ob sich Italien auf die eine oder die andere Seite schlagen, oder neutral bleiben wird. Wir mssen daher darauf bestehen, eine klare Antwort zu erhalten und zwar bis heute mittag um 12 Uhr, da bereits die nchsten Stunden schwere Entscheidungen fr uns enthalten knnen. Ich bin daher beauftragt von meiner Regierung, der Botschafter erhob sich und sttzte die rechte Hand auf den Schreibtisch des Ministers, dem italienischen Ministerium des Auswrtigen folgendes zu unterbreiten: In der verflossenen Nacht hat unser Mittelmeergeschwader Aufstellung genommen auf der Reede von Neapel und vor dem Kriegshafen von Tarent; gleichzeitig wird ein Teil der mit uns verbndeten franzsischen Flotte vor Spezzia erscheinen und ist beauftragt, Maddalena zu observieren. Wir sind gezwungen, diese Maregeln zu ergreifen, um zu verhten, da die italienische Regierung, von Berlin aus beeinflut, eine feindselige Haltung gegen uns einnimmt. Ich bin beauftragt, folgende Forderungen zu stellen: Die italienische Regierung erklrt, da sie in dem jetzt ausgebrochenen Kriege vllig neutral bleiben will. Als Pfand fr diese Versicherung fordern wir, da uns fr die Dauer des Krieges die Benutzung des Kriegshafens von Venedig als einer eventuellen Operationsbasis fr unsere Flotte gegen die sterreichischen Kriegshfen von Pola und Triest eingerumt wird. Diese Benutzung hat nur soweit zu gehen, als unseren Schiffen erlaubt wird, in Venedig Kohlen zu nehmen und kleinere Reparaturen auszufhren. Ich bin beauftragt, die zustimmende Antwort der italienischen Regierung bis 12 Uhr mittags entgegenzunehmen, anderenfalls wrden wir gezwungen sein, unsererseits mit dem Angriff auf Neapel und andere Kstenpunkte zu beginnen, whrend gleichzeitig die franzsische Flotte gegen Spezzia und Maddalena vorgeht. Ich bitte zu bedenken, da nach den Mitteilungen, die sich in unserem Besitz befinden, die italienische Flotte dem gegen sie detachierten Teil unserer Marine, sowie dem franzsischen Geschwader vor Spezzia nicht gewachsen ist. Die Abweisung unserer Bedingungen wrde im Laufe des heutigen Tages demzufolge _die Vernichtung der italienischen Marine_ bedeuten und uns wahrscheinlich in Besitz der betreffenden Kriegshfen setzen. Tiefes Schweigen herrschte in dem dmmerigen Gemach. Auf den Zgen des italienischen Ministers malte sich eine schlecht verhohlene Bestrzung. Der Englnder stand, die rechte Hand auf der Lehne des Stuhles, wie eine aus Erz gegossene Statue mitten im Zimmer. Der summende Schlag einer Uhr teilte die lastende Stille in kleine Stcke, es war 7 Uhr. Drauen auf der Strae hrte man den hallenden Schrei eines Ausrufers. Der Minister erhob sich und verabschiedete sich von dem Englnder mit den Worten: Ich werde Sr. Majestt dem Knig die Vorschlge Eurer Exzellenz bermitteln und bedaure, da das englische Kabinett uns in die Zwangslage versetzt, unsere Stellung in dem ausgebrochenen Konflikte so schnell zu whlen. Mit dem Bemerken: Die Ereignisse sind strker als wir, verabschiedete sich der englische Botschafter. Als Rom erwachte und seine Bewohner voll Erwartung nach den Zeitungen griffen, um aus ihnen zu erfahren, welche Entscheidung die letzten Stunden gebracht haben knnten, ahnte niemand, da diese nicht drauen auf dem nordischen Meer, sondern im Kniglichen Palais, wo eine ernste Beratung des Monarchen mit dem Gesamtministerium stattfand, bis um die Mittagsstunde fallen mute. Erst um 10 Uhr wurde in Rom die Nachricht durch Extrabltter bekannt, da auf der Reede von Neapel am Abend vorher ein englischer Kreuzer eingetroffen sei, und eine Stunde spter erfuhr man, da fnf groe englische Panzerschiffe und eine Anzahl kleinerer Fahrzeuge auf der Reede Aufstellung genommen hatten. * * * * * Um 9 Uhr machte auf der Reede von Neapel der Schiffsleutnant Hamilton dem Kommandanten des englischen Linienschiffes London die Meldung, da soeben der italienische Panzer Lepanto an der Mole vor dem Arsenal festgemacht habe und da ein Karrentransport aus dem Arsenale nach dem Schiffe stattfnde, woraus zu schlieen sei, da man auf italienischer Seite seine Munitionsbestnde ergnze. Aus den Schloten der Italiener quollen schwarze Rauchwolken, man machte Dampf auf. Durch scharfe Glser konnten die Englnder erkennen, wie die Schutzkappen von den Geschtzen entfernt wurden und wie die Mannschaften die Rohre reinigten und putzten. Es herrschte ein emsiges Leben an Bord der vier Panzer: Lepanto, Italia, Dandolo und Duilio, sowie der beiden Kreuzer Etruria und Lombardia. Ein schwarzes Torpedoboot verlie in schneller Fahrt den Hafen, dicke Rauchschwaden ber den blauen, fast unbewegten Meeresspiegel hinter sich herschleppend. Es nahm den Kurs ums Kap Miseno in der Richtung nach Gaeta. Sonst herrschte eine tiefe, friedliche Stille, und nichts verriet, welche Gefahr von drauen her drohte, nur erschienen die Kstengewsser etwas verdet. Whrend sonst die Reede von zahllosen Fischerbooten und kleineren Fahrzeugen belebt war, und grere Dampfer und ferne Segler von der See her grten, schien jetzt alles Leben auf der Wasserflche erstorben, nur die wuchtigen, langgestreckten Kriegsmaschinen stieen schwere Packen Rauchs aus, die die leichte Brise langsam in einen hellbraunen Rauchschleier auflste. An Bord der Englnder verfolgte man die Vorgnge am Hafen mit grter Aufmerksamkeit. Whrend bis gegen 9 Uhr auf den Hafenkais und in den anstoenden Straen dichte Menschenmassen beobachtet wurden, sah man sie in der klaren, sichtigen Luft pltzlich von einer flimmernden Linie umsumt, die sich aus den grauen Mauern des Castel Nuovo fadenartig herauszog. Das blitzende Band umschlang die dunkle Masse, schwankte hin und her, schob sich vorwrts und zurck und rckte langsam nach dem Hintergrund des Platzes vor, hinter sich die hellen Flchen des Straenpflasters leer lassend und allmhlich die dunkle Welle in die Straeneingnge zurckschiebend: Militr mit aufgepflanztem Bajonett rumte die Pltze und Straen am Hafen. Gegen 11 Uhr kam von Norden her ein weier, schlanker Dampfer in Sicht; er schien dem Hafen zuzusteuern und schwebte einsam wie eine weie Linie ber der tiefblauen Meeresflche. Kurz darauf erschien hinter dem Kap Miseno wieder das Torpedoboot, welches vorhin dort verschwunden war, nderte sofort den Kurs und steuerte auf den weien Dampfer zu, an dessen Deck man mit scharfen Glsern die _deutsche Flagge_ erkennen konnte. Gleichzeitig lste sich aus der Masse des englischen Geschwaders ein Torpedoboot los, welches mit voller Fahrt, weie Schaumberge mit seinem Bug aufwhlend, ebenfalls auf das weie Schiff zufuhr. Es war ein seltsam aufregendes Schauspiel, dieses Wettrennen der beiden flinken schwarzen Boote um den weien Dampfer zu verfolgen. Gleichzeitig fast erreichten sie ihn, und fast gleichzeitig blitzte an Bord beider Torpedoboote an dem vorderen Geschtz ein Funke auf, worauf der Deutsche die Maschine zu stoppen schien, denn er ward schwerfllig pendelnd von den Wogen gewiegt. Man schien zu verhandeln. Dann umspielte den vorderen niederen Schlot des englischen Torpedos eine leichte Dampfwolke und sekundenlang spter drhnte der scharfe, bellende Ton einer Sirene zum Lande hinber. Man sah, wie der Deutsche den Kurs nderte und gefolgt von dem Torpedoboot auf das englische Geschwader zusteuerte, langsam die blauen Wogen zerteilend. Das italienische Torpedoboot fiel allmhlich nach hinten ab, folgte zunchst eine halbe Seemeile, machte mrrisch Kehrt und nahm dann unter voller Maschinenkraft Kurs auf den Hafen, wo es nach einer Viertelstunde lngsseits des Admiralschiffes Dandolo festmachte, worauf ein Offizier, kenntlich an seinem Sbel, ber den er beim Verlassen des Decks stolperte, das Fallreep zum Dandolo hinaufstieg. Erst spter erfuhr man, da jenes weie Schiff der Hamburger Vergngungsdampfer _Meteor_ gewesen war, der von Genua kommend hier vor dem Hafen von Neapel von den Englndern abgefangen wurde. * * * * * Um 11 Uhr wurde in Rom durch Maueranschlge und Extrabltter bekannt gemacht, da der Knig in bereinstimmung mit dem Ministerium die englischen Forderungen _abgelehnt_ habe. Sie wurden im Wortlaut mitgeteilt, mit der angefgten Erklrung: Aus der bermittlung des englischen Ultimatums habe sich klar ergeben, da England entschlossen sei, die Neutralitt Italiens in _keinem_ Falle zu achten. Fr den Verrat am Dreibund in der Stunde der Gefahr verlange die englische Regierung obendrein noch die Einrumung des Kriegshafens von Venedig, eine Forderung, die ein ehrliebendes Volk mit alten ruhmreichen Traditionen niemals akzeptieren knne. Die knigliche Regierung habe sich deshalb entschlossen, die englischen Forderungen abzulehnen und an die Entscheidung der Waffen zu appellieren, zumal das englische Geschwader vor Neapel bereits eine drohende Haltung angenommen habe. Man habe eine Erklrung nach Berlin gesandt, da Italien auch ohne Rcksicht auf sterreichs Haltung fest entschlossen sei, sein Geschick mit dem des Deutschen Reiches zu verbinden. Der Knig glaube, aus dem Herzen seines treuen Volkes zu sprechen, wenn er solche Entscheidung getroffen habe, zumal es sich inzwischen, wie man aus Berlin authentisch erfahren, herausgestellt habe, da der Zwischenfall von Samoa lediglich durch das provokatorische Verhalten der Englnder herbeigefhrt sei. Es handelt sich also in Samoa, wie jetzt in den europischen Gewssern, ganz ohne Frage um einen hinterlistigen berfall auf Deutschland, den England lngst geplant und bereits seit Wochen vorbereitet habe. Eine Drohung, wie sie der englische Botschafter heute morgen dem Minister des Auswrtigen bermittelt habe, mache es der italienischen Regierung unmglich, weiter den Weg der Verhandlungen zu beschreiten. Man habe daher die Flotte in Neapel und Spezzia, sowie den anderen Punkten, wo ein Angriff drohe, angewiesen, diesen mit den Geschtzen zurckzuweisen. Volksstimmungen sind Augenblicksstimmungen. Das auf der Schwche der einige Jahre lang stark vernachlssigten italienischen Marine basierende und die Empfindlichkeit eines fremden Volkes so wenig bercksichtigende Vorgehen Englands hatte eine leidenschaftliche Erregung erzeugt, die das Erscheinen der englischen Flotte vor Neapel als eine unertrgliche Beleidigung des italienischen Ehrgefhls empfand. Brausender Jubel erscholl in den menschengefllten Straen; nur ein starkes Aufgebot der Munizipalgarde vermochte die tobende Menge daran zu hindern, in der englischen Botschaft die Fenster zu demolieren. Ausgelscht, wenigstens in der augenblicklichen Begeisterung, waren auch die alten Sympathien fr den franzsischen Nachbar, seitdem man wute, da er gemeinsame Sache mit dem brutalen Angreifer machte. Aber wenn selbst das klerikale Element auf den Straen teils aus ehrlichem Empfinden, teils in kluger Bercksichtigung der momentanen Volksstimmung, sich an den patriotischen Kundgebungen beteiligte, drben jenseits der Tiber, dort wo der Papst-Knig grollend ber den Trmmern seiner weltlichen Herrschaft thronte, wo er auch die Leitung der Geister langsam aus seinen Hnden gleiten sah, dort blieb alles stumm, dort fate man diesen Waffengang auch nur als eine historische Episode in dem Weltendrama auf, in dem die Streiter der rmischen Hierarchie mit den Kindern der Welt um die letzte Entscheidung ringen. Die Seeschlacht vor Neapel. Wieder wie vor Jahrhunderten klopfte der Normanne mit eisernem Handschuh an Italiens Pforte, hinter der der Moloch Capua schon so viele Hekatomben blondhaariger Barbaren verschlungen hatte. Gegen 12 Uhr sah man die kompakte Masse des englischen Geschwaders sich in eine lange Dwarslinie auflsen und eine halbkreisfrmige Stellung auf der Reede von Neapel einnehmen. Die schweren englischen Panzer wandten der Stadt ihre Vorderseite mit den riesigen Turmgeschtzen zu, so die denkbar geringste Zielflche bildend. Whrend die Torpedoboote bei den Linienschiffen zurckblieben und sich hinter deren schweren Stahlleibern deckten, vom Lande aus somit unsichtbar werdend, dampften die englischen Kreuzer seewrts und zogen sich aus dem Feuerbereich zurck. Zwei Panzerkreuzer an den drei Schornsteinen als Schiffe der Kent-Klasse erkennbar (es waren Suffolk und Lancaster) gingen zwischen Ischia und der Kste unter Volldampf nach Nordwesten offenbar um, begleitet von vier kleineren Schiffen und einigen Hochseebooten, gegen etwa von Spezzia heranrckende italienische Streitkrfte zu sichern. Gleichzeitig verlie der italienische Kreuzer Etruria, der neben seinem Schwesterschiffe Lombardia lag, seine Boje und fuhr auf das englische Geschwader zu. Die Etruria hatte den Auftrag dem englischen Geschwaderchef die Aufforderung zu berbringen, mit seinen Schiffen die Reede von Neapel zu verlassen, andernfalls werde man sein Bleiben als eine herausfordernde Handlung ansehen und die ntigen Konsequenzen daraus ziehen. Whrend aller Augen am Lande und auf dem Geschwader der Etruria folgten und in banger Erwartung der Entscheidung harrten, die die kleine Dampfpinasse des italienischen Kreuzers, die jetzt am Fallreep der London lag, zurckbringen werde, wollten drei franzsische und vier englische Dampfer diesen letzten Moment benutzen, um den Handelshafen zu verlassen. Noch hatte jedoch das erste Schiff nicht die Mole passiert, als ein Torpedoboot heransauste und die fremden Kapitne aufforderte, sofort in den Hafen zurckzukehren, worauf der erste Dampfer, ein franzsischer, alsbald stoppte, Contredampf gab und rckwrts wieder in den Hafen hineinfuhr. Drauen hatte inzwischen die Etruria ihre Pinasse wieder an Bord genommen und steuerte in fliegender Fahrt auf den Kriegshafen zu. An ihrer Seite legte alsbald ein Marineboot an, nahm einen Offizier an Bord und ging hinber zum Dandolo. Die nchsten Minuten muten entweder den Rckzug der Englnder oder den Beginn des Kampfes bringen. Drauen auf der Reede machte sich keine Bewegung bemerkbar; die bleigrauen englischen Panzerschiffe blieben auf ihren Pltzen liegen, von den Meereswogen sanft hin und her gewiegt. An allen englischen Geschtzen standen die Artilleristen, die rmel an den sehnigen Armen emporgestreift, bereit dem Feind die todbringende Ladung aus allen Rohren hinberzusenden. 5 Minuten nach 1 Uhr ging am vorderen Maste des Dandolo ein Signal hoch, welches sofort von den anderen Schiffen beantwortet wurde; die Schornsteine warfen dicke Ballen Rauch aus, den ganzen Hafen in einen braunen Dunst verhllend. Die Schrauben gingen an und das italienische Geschwader nahm den Kurs seewrts dem Feinde entgegen. Etruria und Lombardia blieben vor dem Eingang des Kriegshafens zurck. Auf englischer Seite wurden diese Manver mit grter Aufmerksamkeit verfolgt. Admiral Lord Beresford hatte die Anweisung, das italienische Geschwader auf die Reede hinauszulocken und dort den Kampf auszufechten, um, soweit es die Rcksicht auf die eigenen Schiffe zulie, die Stadt Neapel zu schonen. Zehn Minuten nachdem das italienische Geschwader seinen Liegeplatz verlassen hatte, blitzte es aus allen vier Turmgeschtzen des Dandolo auf. Heulend sausten die Geschosse heran, das erste ungefhr 400 m vor dem Admiralsschiff auf die Wasserflche schlagend, einen Moment unter ihr verschwindend und dann dreimal rikoschettierend zwischen der London und der ihr zunchst liegenden Formidable durchfahrend. Eine zweite Granate, ein Zufallstreffer, nahm von der englischen Venerable den ersten Mast und den vorderen Schornstein mit ber Bord, auch noch den zweiten zerfetzend. In diesem Moment erging auf allen englischen Schiffen der Befehl zum Feuern, und mit Donnergetse entsandten die englischen Turmgeschtze ihre Ladungen. Furchtbar war die Wirkung am Lande, wo diese erste meist zu hoch gehende und ber die italienischen Panzer hinwegfegende Lage einschlug. Zwei Granaten trafen den dicken Turm der Kaserne des Castel Nuovo, mehrere platzten vor dem Munizipalgebude, dessen Frontmauer zertrmmernd. Wenige Minuten darauf brannte es im Hafenviertel an verschiedenen Stellen. Die vor dem Hafeneingang liegende Etruria erhielt einen Treffer mittschiffs in der ungeschtzten Wasserlinie, worauf der Kreuzer von einem heraneilenden Torpedoboot langsam in den Hafen bugsiert wurde, wo er nach einer Stunde sank. Die einschlagenden Granaten erzeugten am Land eine furchtbare Panik. Glcklicherweise waren die vom Hafen fhrenden Straen bereits vorher durch Militr gerumt, so da der Verlust an Menschenleben nur gering war. Auch das trotzige Castel dell'Ovo wurde von englischen Granaten schwer heimgesucht. Die wuchtigen Mauern sanken im Rauche explodierender Projektile in sich zusammen, ganze Steinlawinen strzten ins Meer. In dem brennenden Hafenquartier und oben in der Stadt lrmten und bimmelten die Feuerglocken. Auf der Formidable waren beide Schornsteine und Masten ber Bord gegangen, aber hinter den Panzerwnden arbeiteten die Geschtzbedienungen unerschtterlich weiter, ungeachtet, da der Rumpf des Schiffes fr das Laienauge nur noch einem Wrack glich, aus dessen Mitte die Flammen der Feuerungen emporschlugen. Nur widerstrebend entschlo man sich endlich dazu, die Formidable aus der Feuerlinie schleppen zu lassen, denn Maschinen und Artillerie waren fast vllig unversehrt, und aus der grauen Stahlmasse des Panzer lohten unaufhrlich die Blitze der Kanonen. Die englischen Schiffe litten anfangs sehr unter den panzerbrechenden Geschossen der Italiener, so erhielt der Bulwark beim berholen des Schiffes im Seegange einen schweren Treffer in der Wasserlinie, der ihn ntigte, durch Einnehmen von Wasserballast auf der Backbordseite, die durch den Treffer verursachte Schlagseite nach Steuerbord wieder auszugleichen. Sehr viel schlimmer sah es aber an Bord der Italiener aus. Hier durchbrachen die englischen Granaten ohne weiteren Widerstand die ungepanzerten Bordwnde, gingen teilweise glatt hindurch. Und sobald bei der geringer werdenden Entfernung zwischen beiden Flotten die englische Mittelartillerie, der die Italiener so gut wie nichts entgegensetzen konnten, in den Kampf eingriff, wurden die Verluste auf italienischer Seite so gro, da sie fast alle Viertelstunden eine vllige Neubesetzung der Geschtze ntig machten. Es erforderte starke Nerven fr die italienischen Kanoniere sich erst durch frmliche Leichenhgel und die auseinander gerissenen Krper ihrer Kameraden einen Weg an die Ladevorrichtungen bahnen zu mssen. In dem engen Raume der ungedeckten Barbettetrme, wo die riesigen 43 cm-Kanonen standen, watete man tatschlich in Blut, stand auf zermalmten Leichen und fand in dem Brei menschlicher Gliedmaen oft nur mit Mhe noch einen festen Standpunkt auf den Ladepodesten. Die Geschoaufzge waren durch Blut und verspritzte Krperteile verschmiert, und oft fanden die rastlos laufenden Ketten der Munitionsaufzge einen Widerstand an Knochenstcken, die in sie hineingesprengt waren. Dreiviertel Stunde hatte der Kampf gedauert. Auf allen italienischen Panzern klafften breite Schulcher und die dunklen Bordseiten waren wie gefleckt durch den gelben pulverartigen Belag, dem Rckstand der englischen Lydittgranaten. Nur hier und da hatte ein italienischer Panzer noch einen Schornstein oder zeigte Reste des Brckendecks, die ein wstes Gewirr verbogener Stahlbalken, siebartig durchlcherter Eisenwnde und wie Papier zusammengerollter Teile der Reeling darstellten. Dazwischen zerfetzte und zerschmetterte menschliche Krper, ein vom Leibe getrennter Kopf, der die noch intakten Mannschaften, die mechanisch die Ladevorrichtungen handhabten und eine Granate um die andere in den heien Schlund der Stahlrohre schoben, mit glsernen Augen anstarrte. Der Panzer Lepanto hatte am Hinterschiffe mehrere schwere Treffer unter der Wasserlinie erhalten; schon leckten die Wellen zwischen den Lcken der Reeling hindurch auf die Decksplatten, sich in dem geronnenen Blut, das an allen Eisenteilen klebte, rotfrbend. Das Vorschiff ragte weit aus dem Wasser, den riesigen Rammsporn zeigend. Auerdem waren die Maschinen auf mehreren Italienern teilweise gebrauchsunfhig geworden. Die Lepanto lag seit einer Viertelstunde vollkommen still, von den Wellen hin und her getrieben und zwar so, da sie dem Feinde die Breitseite zeigte. Da flog an dem einzigen Mast des britischen Admiralsschiffes ein Signal hoch. Die ganze Linie der Englnder bewegte sich vorwrts. In den Abstnden zwischen den Panzerschiffen erschienen die Torpedoboote und strzten sich wie eine heulende Meute mit heiserem Schrei ihrer Sirenen auf den todwunden Feind. Die Entscheidung nahte. Zwar versuchten die Italiener in diesen frchterlichen Minuten, da die dichte Linie des Feindes herandampfte, um dem grausigen Spiel ein Ende zu machen, ihr Feuer zu verstrken, indem sie ihre letzten Reserven in die Barbettetrme schickten, aber zu Dutzenden sah man sie in den Rauchwolken platzender englischer Granaten dahinsinken. Und als die britischen Linien auf Torpedoschuweite heran waren, war es still geworden hinter den sthlernen Brustwehren an Bord der Italiener. Auf dem Duilio, wo das eindringende Wasser bereits die Maschinen- und Kesselrume fllte -- denn weie Dampfstrahlen fuhren aus den Decksffnungen und ein paar dumpfe Detonationen lieen erkennen, da mehrere Kessel explodiert waren -- erschien jetzt eine _weie Flagge_. Das Schiff lag auf dem rechten Flgel und so konnte hier noch Hilfe gebracht werden, indem man durch Sirenensignale die heranstrmenden Torpedoboote zurckpfiff. Zwei Zerstrer legten sich lngsseit des Duilio und ein englischer Offizier sprang an Bord, auf dem Trmmerhaufen der zusammengeschossenen Kommandobrcke die englische Flagge aufpflanzend. Von dort sah er, whrend seine Leute sich mit Eifer an das Rettungswerk machten -- denn die Minuten, da das Schiff noch ber Wasser aushalten konnte, schienen gezhlt -- an der Italia und am Dandolo je zwei Torpedos explodieren. Hierauf verstummte auf beiden Schiffen das Geschtzfeuer. Die Italia sank zwei Minuten darauf wie ein Klotz mit dem Heck zuerst, im Momente des Sinkens das ganze Vorschiff senkrecht ber Wasser in die Hhe richtend und dann in den Wellen verschwindend. Dandolo zeigte kurz darauf die englische Flagge ber der italienischen und nur Lepanto kmpfte noch mit einem Geschtz. Da brauste das vom Vizeadmiral Lord Beresford selber gefhrte englische Admiralsschiff heran und grub seinen sthlernen Sporn in die Steuerbordseite des wehrlosen Feindes. Ein Moment, und London machte sich wieder frei, indem sie mit voller Kraft rckwrts ging, dann strzte eine riesige Wassermasse durch das von dem Rammsto gerissene Loch, Lepanto holte nach Steuerbord ber und verschwand kenternd in den Wogen. Kurz darauf sank auch der Duilio. Das Wrack des Dandolo nahm der englische Panzer Duncan ins Schlepp, whrend alle anderen englischen Schiffe ihre Boote, soweit sie nicht zerschossen waren, zu Wasser lieen, um die auf den Wogen treibenden italienischen Matrosen zu retten. Die meisten waren allerdings von den sinkenden Schiffen mit in den beim Untergang entstandenen Strudel hinabgerissen worden. Das furchtbare Drama war zu Ende. Um 5 Uhr nachmittags fuhr der Panzerkreuzer Juno in den Kriegshafen von Neapel ein, setzte, whrend die englische Panzerflotte in einem Halbkreis gefechtsklar auf der Reede Aufstellung nahm, eine Abteilung Mannschaften ans Land, die sofort in dem Arsenal alles Material im Laufe von zwei Stunden zerstrten. Die Torpedovorrte nahm der englische Panzerkreuzer an Bord. Das einzige im Hafen zurckgebliebene intakte Schiff, der Kreuzer Lombardia strich die Flagge und wurde unter dem Union Jack nach Malta gebracht, wo zwei Tage spter auch das Wrack des Dandolo eintraf. Da eine Landung nicht beabsichtigt war, wurde das englische Kommando mit Einbruch der Nacht zurckgezogen; die Marineanlagen kamen nach diesem Besuche fr eine weitere Verwendung whrend des Krieges nicht mehr in Betracht. Auf der Reede blieben nur zwei englische Panzerkreuzer als Beobachtungsposten liegen. Eine sehr wertvolle Kriegsbeute bildeten zwei deutsche und 18 italienische Dampfer, die man nach Malta fhrte. Die im Hafen liegenden Segelschiffe und Fischerboote lie man unbehelligt. An demselben Tage fand bekanntlich auch der Kampf mit den drei in _Tarent_ stationierten italienischen Panzerschiffen Ruggero di Lauria, Andrea Doria und Francesco Morosini statt, das mit der Vernichtung der beiden ersteren endigte, whrend der in Reparatur auf der Werft liegende Morosini kampflos in die Hnde des Feindes fiel und dann der englischen Flotte einverleibt wurde. Die vier englischen Linienschiffe hatten nach kurzem Gefecht die Einfahrt in den Hafen forciert, nachdem sie die gleich anfangs mit ihren Drehmechanismus in Unordnung geratenen Panzertrme auf der Insel San Paolo niedergekmpft hatten. Da eine Besetzung des Hafens von Tarent nicht beabsichtigt war, begngte man sich auch hier damit, das Arsenal und die Docks in hnlich grndlicher Weise wie in Neapel zu zerstren. Schlielich vernichteten die Englnder auch noch die wenigen kleineren italienischen Schiffe auf der Flottenstation von Maddalena nach einem kurzen Gefecht. Maddalena diente hinfort der englisch-franzsischen Flotte als Sttzpunkt fr die Blockade der italienischen Westkste. Bekanntlich rief die Beschieung von Neapel eine ungeheuere Entrstung hervor. Man warf den Englndern vor, eine offene Stadt bombardiert zu haben, wobei man jedoch verga, da Neapel Kriegshafen war. Die anfngliche Absicht der Englnder, den Kampf auf der Reede zu fhren, um die Stadt nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, wurde, wie oben geschildert, durch die Erffnung des Gefechtes von seiten des italienischen Admirals durchkreuzt. Immerhin herrschte groe Aufregung im englischen Parlament, als der irische Abgeordnete John Redmont den englischen Premierminister deswegen interpellierte. Die Antwort, die dieser gab, war echt bezeichnend fr die englische Auffassung. Der Minister las zunchst die Instruktion fr Lord Beresford im Wortlaute vor, woraus hervorging, da dem englischen Vizeadmiral von vornherein grte Schonung der Stadt zur Pflicht gemacht worden war. Er schilderte die bekannten Vorgnge zu Anfang des Gefechtes und sagte dann: Ebenso, wie Lord Beresford selber, bedauere ich die notwendig gewordene Beschieung des Hafenquartiers von Neapel. Wir beklagen es aufrichtig, da wir gezwungen waren, einige Granaten in das Arsenal zu senden und da mehrere zu hoch gehende Schsse in die benachbarten Straen trafen. Hierbei ist aber zu bedenken, da die Verantwortung dafr auf den italienischen Admiral fllt. Weiter mchte ich darauf aufmerksam machen, da Neapel zwar mit seinen baugeschichtlichen Denkmlern eine groe Anziehungskraft fr den Fremdenverkehr hat und da der Besuch besonders englischer Reisender der Stadt eine groe Einnahme bringt. Wollen Sie aber, meine Herren, bedenken, da der Reiz, den Neapel bietet durch die exakte Schieleistung unserer Schiffsartilleristen in keiner Weise verloren, sondern im Gegenteil gewonnen hat. Die Zerstrung einzelner Bauwerke fgt vielmehr den zahlreichen Sehenswrdigkeiten Neapels einige neue hinzu, denn ich bin sicher, da nach Beendigung dieses Krieges jene Ruinen fr alle Reisenden und besonders fr englische Touristen eine Hauptsehenswrdigkeit der Stadt bilden werden. Fr die Zerstrung einiger zwar malerischer, aber nicht sehr wertvoller Gebude wird die Stadt jedenfalls durch einen reichlicheren Besuch fremder Touristen vollauf entschdigt werden. Und ich denke, da die efeuumsponnenen Trmmer der zerstrten Gebude, verbunden mit der Erinnerung an den fr England so glorreichen Tag von Neapel fr alle Fremden eine grere Sehenswrdigkeit darstellen, als das zu der Zeit der Fall sein konnte, da jene Gebude noch unverletzt waren. Ich glaube, da sich auch das sehr ehrenwerte Mitglied dieses Hauses, welches im Namen einer etwas bertriebenen Humanitt die Anfrage an mich richtete, mit meiner Antwort zufrieden sein wird, und sich dabei beruhigen wird, da wir die Baudenkmler fremder Lnder danach einschtzen, ein wie groes Interesse sie fr die Mitglieder unseres glorreichen Volkes haben. Wie gesagt, eine echt englische, aber nicht ganz zurckzuweisende Auffassung, denn der kolossale Fremdenbesuch, den Neapel jetzt aufzuweisen hat, zeigt ja deutlich, da die durch das englische Bombardement zerstrten Gebude fr alle Touristen vorlufig fast so interessant sind, wie die Trmmersttte von Pompeji. Die Einwohnerschaft von Neapel, die den Fremden englische Granatensplitter (die brigens aus England neuerdings selber ^en gros^ bezogen werden) verkauft, ist ein Beispiel dafr, wie man ein nationales Unglck in Scheidemnze fr den Touristenverkehr umwechselt. Die Seeschlacht von Spezzia. Der englisch-franzsische Plan war ursprnglich folgender gewesen: Zu gleicher Zeit, da die englische Flotte vor Neapel und Tarent erschien, um dem in Rom berreichten Ultimatum den ntigen Nachdruck zu verleihen, sollte die franzsische Flotte mit imponierenden Streitkrften, d. h. unter Aufbietung smtlicher in Toulon gefechtsbereiter Panzerschiffe, auf der Hhe von Spezzia eintreffen. Jedoch hielten die Franzosen dieses Programm nicht ein, da Havarien auf verschiedenen Schiffen die Marschgeschwindigkeit ihres Geschwaders erheblich herabgesetzt hatte. Dieses, bestehend aus den sieben Linienschiffen: Suffren, Jena, Hoche, Neptune, Henri IV., Massena und Brennus, sowie den Panzerkreuzern: Gambetta, Gloire, Montcalm und Chancy -- also den wahrscheinlich in Spezzia zu erwartenden und voraussichtlich noch in der Ausrstung begriffenen Schiffen berlegen -- hatte zwar am Mittag des 19. Mrz die Reede von Toulon verlassen, unterwegs aber versagten die Maschinen des Brennus und auf dem Neptune brach die Steuerbord-Schraubenwelle. Unflle, die, wollte man das Geschwader nicht um zwei wertvolle Einheiten schwchen, zu einem lngeren Halt auf hoher See zwangen, bis der Schaden auf dem Neptune leidlich repariert war. Die Maschinenhavarie auf dem Brennus stellte sich allerdings als so erheblich heraus, -- acht Bellevillekessel leckten hoffnungslos -- da der Panzer nach Toulon zurckkehren mute. Zu der Zeit, da die Entscheidung ber Krieg und Frieden schon gefallen war, befand sich die franzsische Flotte erst halbwegs zwischen Toulon und Spezzia; das aber wurde verhngnisvoll. Die italienische Regierung hatte hier im Norden schneller ihre Maregeln getroffen, als vor Neapel. Der in Genua liegende Panzerkreuzer Carlo Alberto ergnzte dort Kohlen und Munition und ging am 18. Mrz morgens um 10 Uhr mit vier Torpedobooten in See, mit der Funkspruchsstation Genua stndig in Verbindung bleibend und durch sie auch ber den Ausbruch des Krieges unterrichtet. Nachmittags um 3 Uhr meldete der franzsische Kreuzer Chancy, da er unverstndliche Funksprche erhalte, was die Annahme nahelegte, da diese von italienischer Seite stammten. Um diese Zeit setzte die franzsische Flotte nach dem oben erwhnten Aufenthalt ihren Marsch auf Spezzia fort, whrend, wie gesagt, der Panzer Brennus langsam nach Toulon zurckdampfte. Als er sich auf der Hhe der Hyres-Inseln befand, erfolgten abends gegen 10 Uhr pltzlich, fast gleichzeitig an Steuerbord und Backbord, am Hinterschiffe zwei furchtbare Detonationen, die das Hinterdeck des Schiffes unter einem Wassersturz begruben: Ein berraschender Angriff der von Genua ausgelaufenen italienischen Torpedoboote, der den Erfolg hatte, da der Brennus nach kaum 20 Minuten sank. Fast um dieselbe Zeit fand sdlich von Genua ein anderes Gefecht statt, welches ein ebenso schnelles Ende nahm. Der nach Norden zu sichernde franzsische Panzerkreuzer Chancy erhielt zwei schnell aufeinanderfolgende Torpedoschsse, und wenn er auch das feindliche Torpedoboot anscheinend in der Dunkelheit berrannt hatte, -- man hrte nie wieder etwas von dem Fahrzeuge -- so war doch das Schiff nicht zu retten. Die Torpedos hatten 20 m von einander mittschiffs auftreffend fast ein Drittel der Schiffswand zerrissen. Das Wasser strzte in die Maschinen, sofort die Feuer lschend, so da jede Rettungsarbeit unmglich wurde. Der Chancy kenterte und sank so rasch, da kaum 40 Mann von seiner Besatzung sich in den Booten retteten, die zwei Tage darauf vor Genua eintrafen. Das waren zwei empfindliche Verluste noch vor Beginn des Kampfes. Die franzsische Flotte traf um Mitternacht des 20. Mrz vor Spezzia ein. Der alsbald unternommene Versuch von zehn Torpedobooten, in den Hafen einzudringen, scheiterte an der Wachsamkeit der Italiener. In Spezzia war man insofern in einer gnstigeren Lage, als man volle 24 Stunden Zeit hatte, die Ausrstung des im Hafen liegenden Geschwaders zu vollenden, und als im Morgengrauen des 21. Mrz die franzsische Flotte den Kampf mit den Kstenbatterien begann, fand sie einen wohlgersteten Feind. Da von den Franzosen das Linienschiff Suffren allein einen Oberdeckspanzer trug und somit gegen das Feuer aus den italienischen Mrserbatterien leidlich geschtzt war, so legte es sich nher an die Kste und nahm mit seinen schweren Geschtzen den Hafen und die Arsenale unter ein gleich anfangs sehr wirksames Feuer, whrend die brigen franzsischen Schiffe weiter auf der Reede zurckblieben. Die leidige Jahrhunderte alte Gewohnheit der Franzosen, ihr Schiffsmaterial zu ngstlich zu schonen, machte sich hier verhngnisvoll geltend. Anstatt alle Krfte an den ersten Offensivsto zu setzen -- eine jede Stunde des Zgerns zhlte auf seiten der Italiener, da sie der Ausrstung und Gefechtsklarmachung ihrer Schiffe zu gute kam -- lieen sie zunchst fast allein den Suffren das Bombardement weiterfhren. Etwa um 9 Uhr erhielt man von Sden her von einem englischen Kreuzer die Funkspruchmeldung von dem Siege vor Neapel. Als dieser auf der franzsischen Flotte bekannt wurde, erregte er groen Enthusiasmus und der franzsische Admiral beschlo jetzt die Hafeneinfahrt von Spezzia zu forcieren, indem er Unterseeboote voranschickte, um die Minensperre zu zerstren. Whrend sich nun die franzsischen Linienschiffe formierten, erfolgte durch das Versagen des Rudermechanismus auf dem Henri IV. ein an sich belangloser Zusammensto zwischen diesem und der Jena. Jedoch entstand eine momentane Unordnung in den franzsischen Reihen. In diesem Augenblick erschien die italienische Flotte in der weiten Hafeneinfahrt von Spezzia. Die sechs Linienschiffe Regina Margarita, Benedetto Brin, Emmanuel Filiberto (sein Schwesterschiff Admiral di St. Bon lag in Reparatur im Dock), Sardegna, Sicilia und Umberto gingen unter Volldampf dem Feinde entgegen. Gleich in den ersten Minuten des Kampfes erhielt der dem Feinde die verhngnisvolle Breitseite bietende Henri IV. vier Treffer mittschiffs, die seine Mittelartillerie an dieser Seite auer Gefecht setzte. Auerdem mute ein Treffer unter den Kommandoturm dessen Signalleitungen zerstrt haben, denn das Schiff verharrte ruhig in seiner gefhrlichen Lage. Da brauste unter voller Maschinenkraft die Sardegna heran. Doch pltzlich hob sich deren Bug mit dem Rammsporn hoch aus dem Wasser. Dann tauchte die Sardegna mit dem Vorschiff tief in die Wellen ein und setzte hierauf, wie eine Ente das bergekommene Sturzwasser abschttelnd, ihren Weg fort.[3] Wenige Minuten spter grub sich der Sporn der Sardegna in die Backbordseite des Henri IV. ein. Dieser legte sich unter der Wucht des Stoes nach Steuerbord ber, und als die Sardegna sich wieder frei gemacht hatte, schwankte er zurck, tauchte die Backbordreeling tief in die Wellen, einen Moment stand das Deck senkrecht zu den Wogen, die schweren Signalmasten klatschten auf das hoch aufspritzende Wasser; eine dumpfe Detonation erfolgte. Der Henri IV. kenterte und lag kurze Zeit kieloben, whrend die Schrauben das Wasser peitschten. Dann versank der schwere Schiffskrper in den Wellen, die ganze Besatzung, auch die, die sich in den letzten Minuten auf seinen Rumpf gerettet hatte, und auf der rotgestrichenen Metallmasse des Unterschiffes wie hilflose Ameisen herumkrochen, mit sich in die Tiefe reiend. Die Schlacht dauerte kaum eine Stunde. ber ihren Verlauf wissen die Augenzeugen die widersprechendsten Aussagen zu machen. Die Ereignisse folgten sich so schnell, da menschliche Sinne der sich jagenden entsetzlichen Eindrcke kaum Herr zu werden vermochten. Als am Vordermast des franzsischen Admiralsschiffes das Signal erschien Sammeln und nach Toulon zurckkehren, (das Signal wurde nicht mehr von allen Schiffen verstanden, da der Signalmast wenige Sekunden darauf seitwrts ber Bord strzte) waren nur drei franzsische Panzer noch leidlich imstande den Befehl auszufhren. Henri IV. und Hoche waren gesunken, Neptune, von mehreren Torpedoschssen getroffen, war, um die Besatzung zu retten, auf die Kste losgefahren und war unweit des Hafeneinganges langsam, das Vorschiff voran, untergegangen. In seinem turmartigen Signalmast, in dem sich schreckliche Szenen der Verzweifelung zwischen den nach oben enternden Mannschaften abgespielt hatten, hatte sich ein Teil der Besatzung gerettet; andere wurden von italienischen Zerstrern und Minenbooten aufgefischt. [Funote 3: Die Besatzung der Sardegna erzhlte spter, man habe auf den Henri IV. zusteuernd einen gewaltigen Sto gesprt, der alle an Bord Befindlichen zu Boden warf. Man glaubte zunchst einen Torpedoschu erhalten zu haben. Da aber nichts weiter erfolgte, alle wasserdichten Abteilungen meldeten, da das Schiff intakt sei und nur das Kollisionsschott etwas Wasser zog, so konnte man sich den Vorfall nicht erklren. Erst viel spter stellte sich heraus, da die Sardegna auf eines der franzsischen Unterseeboote gestoen sein mute.] Den Rckzug der schwer havarierten drei Panzer Suffren, Jena und Massena deckten die jetzt in den Kampf eingreifenden Panzerkreuzer. Doch wurde der Gambetta nach einer halben Stunde so zugerichtet, da er, nach einem vergeblichen Versuch, nach Sden zu entkommen, nur noch zwischen bergabe oder Vernichtung zu whlen hatte. Er hite die weie Flagge. Die Gloire opferte sich vergebens gegenber den italienischen Panzern auf. Nur dadurch, da die italienischen Schiffe selber sehr stark gelitten hatten und im Hinblick auf die mglicherweise von Sden zur Hilfe eilende englische Flotte sich nicht zu weit von Spezzia entfernen wollten, wurde es mglich, da die arg zusammengeschossene Jena und der Suffren, der nur noch einem rauchenden Wrack glich, nach Toulon entkamen, whrend der Massena in den Hnden des siegreichen Feindes blieb. Am 23. Mrz liefen die Trmmer der franzsischen Flotte, zwei fast gefechtsunfhige Panzerschiffe, fnf intakte Torpedoboote und fast alle kleinen Kreuzer, die sich an der Schlacht nicht beteiligt hatten, in Toulon wieder ein. Der Eindruck dieser Niederlage war ungeheuer. Er fhrte in Toulon zu einer Arbeiterrevolte. Dieselbe Stimmung teilte sich auch der Bevlkerung von Marseille mit, deren sozialistischer Stadtrat in einer phrasenreichen Entrstungskundgebung der Regierung, die sich leichtsinnig in diesen Krieg gestrzt habe, die Verantwortung fr das nationale Unglck aufbrdete. Die ersten Schsse, die franzsische Truppen in dem Feldzuge an der Sdgrenze abgaben, waren auf die eigenen Landsleute gerichtet, die das Arsenal von Toulon strmten und mehrere Marineoffiziere im Straenkampf tteten. Zwar gelang es der Regierungsgewalt die Ordnung wieder herzustellen, jedoch das Vertrauen auf die Flotte und auch, bei der leicht umschlagenden Stimmung der Sdlnder, auf das Heer, war geschwunden und nur widerwillig zogen die unter diesem Eindruck stehenden franzsischen Truppen in den Krieg. Frankreichs neueste Waffe, die so sehr protegierten Unterseeboote, hatten nichts ausgerichtet. Unentbehrlich fr die Hafenverteidigung und den Kstenkrieg, hatten diese Fahrzeuge in ihnen unbekannten Gewssern beim _Angriff_ auf einen unbekannten Hafen vllig versagt. Mehrere Boote waren brigens vor Spezzia gesunken, eines, wie erwhnt, von der Sardegna berrannt. Der Verlauf des Seekampfes hatte auerdem den Beweis erbracht, da man in der franzsischen Marine bei der Anhufung schwerer Gewichte auf den Decks in den festungsartigen Signalmasten und in den zu massigen Decksaufbauten zu wenig Rcksicht darauf genommen hatte, da dadurch die Schiffe berlastig wurden und beim einseitigen Einbruch von Wassermassen in die Schotten der Gefahr des Kenterns ausgesetzt waren. Auch die italienische Flotte hatte schwer gelitten, zwar war kein Schiff gesunken, doch schieden der Emmanuel Filiberto, sowie der kaum noch schwimmfhige Umberto die nur mit Mhe noch ins Dock gebracht wurden frs Erste aus der Flotte aus. Nach Beendigung der notwendigsten Reparaturen konnte jedoch der italienische Admiral bei einer Revue auf der Reede von Spezzia Mitte April konstatieren, da vier Panzerschiffe und die vier Panzerkreuzer wieder vollauf gefechtsfhig waren. Auerdem wurden die beiden im Bau befindlichen Linienschiffe Vittoria Emanuela und Regina Elena bald in die Flotte eingestellt. Die englische Flotte verhielt sich nach der Schlacht von Neapel zunchst passiv, hatte auch genug mit dem Ausflicken ihrer Schiffe zu tun, und begngte sich damit, zwischen Toulon, Maddalena und Neapel eine sichernde Postenlinie zu unterhalten, und auerdem die Strae von Brindisi, wo ein starkes Geschwader stationiert blieb, zu beobachten. Man traute der kleinen sterreichischen Flotte zunchst keine Offensive zu und hatte darin auch, wie sich zeigte, recht. Das sterreichische Geschwader in Pola und Triest, zu dem drei kleine italienische Kreuzer von Venedig stieen, wagte vorlufig keinen Vorsto, war es doch auch ein gefhrliches Wagnis, ber Brindisi hinauszugehen, wo man voraussichtlich mit einem zwei- bis dreifach berlegenen Gegner zusammentreffen mute. Die Aufgabe der sterreichischen Flotte war es frs Erste, nur auf dem Posten zu sein, um die Englnder und Franzosen zu zwingen, ein greres Geschwader bei Brindisi und Tarent konzentriert zu halten. So zog man wenigstens einen Teil der feindlichen Machtmittel zur See von der deutschen Kste ab. Das Nchste, was die franzsisch-englischen Kreuzer im Mittelmeer unternahmen, war, berall die deutschen, sterreichischen und italienischen Schiffe aufzubringen, soweit sie nicht in trkischen Hfen lagen oder ins schwarze Meer geflchtet waren. Dann herrschte einige Zeit fast vllige Ruhe. Es mag hier gleich erwhnt werden, da es dann am 17. Juli auf der Hhe von Brindisi zu einer Seeschlacht kam, die dadurch herbeigefhrt wurde, da der Unwille des sterreichischen Volkes ber die Unttigkeit der Flotte die Regierung zwang, sie den Feind angreifen zu lassen. Sie wurde dabei durch eine Diversion der Italiener von Spezzia untersttzt, die Schlacht blieb unentschieden, sie kostete den sterreichern die Hlfte ihrer Panzerschiffe und den Englndern ein Linienschiff und zwei Panzerkreuzer. Das unweit Messina gleichzeitig stattfindende Gefecht endete mit dem Untergang der Sardegna und der Gefangennahme der fast sinkenden Sicilia durch die Englnder, die aber hierbei ebenfalls ein Linienschiff einbten. Dann trat fr diesen Kriegsschauplatz bis zum Herbst wieder vollstndige Ruhe ein. Die Italiener blieben mit ihren letzten vier Linienschiffen in Spezzia (die beiden am 21. Mrz havarierten waren wieder ausgebessert) und die Verbndeten beschrnkten sich weiterhin auf einen ziemlich lockeren Blockadedienst vor Brindisi und an der italienischen Westkste. Verstrkt wurde das Blockadegeschwader im Laufe des Sommers durch die inzwischen in Toulon endlich fertiggestellten franzsischen Panzerschiffe, die aber nicht mehr zum Kampfe kamen. Und die andern Mchte ....? Ihre Stellung ergab sich gewissermaen von selbst. Wer die politischen Vorgnge der letzten Zeit aufmerksam studiert hatte und wer durch den Phrasenschleier der Presse hindurchzublicken vermochte, fr den gab es keine Enttuschungen. Wohl aber berraschungen. Die erste war Italiens Anschlu an Deutschland. Man hatte sich daran gewhnt, den Dreibund als eine ^quantit ngligeable^ anzusehen. Und es waren ja auch nicht so sehr geschriebene Paragraphen, die die Dreibundsmchte aufs neue zusammenschweiten, es war bei Italien mehr das Ungeschick der englischen Diplomatie, was die Regierung zwang zwischen einer Demtigung vor England, zwischen der Gefahr der Unpopularitt und womglich Abdankung und dem Kriege an der Seite Deutschlands zu whlen. Auch die Geduld sterreichs hatte die Ungeniertheit Englands bei der Entfachung des Nationalittenkampfes auf der Balkanhalbinsel bis zum uersten erschpft. Die ganz offen mit englischem Gelde betriebene Whlarbeit, die englischen Waffenlieferungen nach Saloniki trugen die Kriegsgefahr bis an die Grenze Bosniens. Hier wurden sterreich gefhrliche Fuangeln gelegt, um es bei der Abrechnung mit Deutschland zu paralysieren. Zudem griff durch Englands provozierende Behandlung der makedonischen Frage, wobei es sterreich, Italien und Ruland gegeneinander auszuspielen versuchte, allmhlich eine auerordentliche Gereiztheit beim Austausch endloser diplomatischer Aktenstcke Platz, da hier Anfang Mrz bereits ein Konflikt entstand. Er wurde, da englische Sovereigns in Bulgarien und Serbien krftig einheizten, auf diesem alten Tummelplatz nationaler Interessenkonflikte vielleicht einen Brand entzndet haben, htte der Zwischenfall von Samoa nicht der Entwickelung vorgegriffen. Durch Rulands Auftreten in Sofia und Belgrad, durch seine Drohung, nicht nur die heimlichen Schrer des Aufstandes zur Verantwortung zu ziehen -- die russische Flotte lag zum Auslaufen bereit in Sewastopol -- sondern gleichzeitig die alte Potemkin-Rechnung in Bukarest zu prsentieren, flaute die Bewegung ab. Die Rajahvlker zogen es vor, die englischen Pfunde in geruschvollen Versammlungen in Slivovitz, Wodki und andere landesbliche Getrnke anstatt in Patronen umzusetzen und ihre Haut fr die Herren der Londoner City zu Markte zu tragen. sterreich glaubte mit einem Federstrich seine alte Kabinettspolitik ohne Rcksicht auf die Empfindungen seiner zahllosen Nationalitten fortsetzen zu knnen, und verfgte am 22. Mrz die Mobilmachung der Armee. Als sich bereits zwei Armeekorps auf dem Wege nach der franzsischen Grenze befanden, brachen die bekannten Revolten des tschechischen Pbels in Prag und andern Stdten aus. Lrmende Volksversammlungen sandten Sympathieadressen nach Paris und auch aus Ungarn wurden massenhafte Gehorsamsverweigerungen bei der Mobilisierung bekannt. Die zum Garnisonsdienste einberufene Honvedarmee stellte im Rcken des sterreichischen Heeres eine so bedeutende Gefahr dar, da sie die Wiener Regierung zwang, die Hlfte der mobilen Armee im Lande zu lassen. Nur langsam vollzog sich deshalb der Transport der sterreichischen Truppen auf dem Weg durch Sddeutschland und die Lombardei nach der franzsischen Grenze. Das hatte bekanntlich den Vorsto der Franzosen auf Mlhausen zur Folge. Whrend im Norden Schlag auf Schlag folgte, whrend die deutschen Heere in Frankreich hineinfluteten, blieb die sterreichische Fhrung stets eine schleppende. Die sterreichischen Korps gliederten sich im Sden der deutschen Front an. Auf ihrem linken Flgel stand die italienische Armee. Auch Italiens halbes Heer hielt das Gespenst einer englischen Landung zur Verteidigung der langen Kstenlinien in der Heimat fest. Wenn die italienischen und sterreichischen Armeen manche erfreulichen Erfolge erreichten, so verdankten sie das dem Umstande, da ihnen nur schwchere feindliche Streitkrfte und die spanischen und portugiesischen Korps gegenber standen. Zugleich mit dem englisch-franzsischen Angriff hatte Portugal, der Vasall Grobritanniens, eine bombastische Kriegserklrung erlassen. Eingeengt in diesem Schraubstock der Westmchte blieb Spanien kaum noch eine Wahl. Zudem ward es von Paris aus kategorisch an die beim Besuche Loubets in Madrid getroffenen damals so harmlos aussehenden Abmachungen erinnert. Auch Spanien trat zu den Verbndeten ber, und zwar ohne eine Kriegserklrung. Es war eine gewisse Hemdrmligkeit im diplomatischen Verkehr eingerissen. Und Amerika ....? Im Grunde genommen war es ein einfaches Exempel, das restlos aufging. Beide angelschsischen Staaten, Amerika wie England, empfanden die deutsche wirtschaftliche Konkurrenz auf dem Weltmarkte seit Jahrzehnten gleich lstig. Von London wie von Washington aus hatte man ja hufig genug versucht, den andern in einen Krieg mit Deutschland hineinzutreiben. Keiner wollte derjenige sein der mit der grten Militrmacht anband, damit der andere als ^tertius gaudens^ inzwischen die Frchte des Krieges einheimse. Hatte England s. Zt. versucht, in dem Konflikt mit Venezuela Deutschland und die Vereinigten Staaten aneinander zuzubringen und sich dabei nicht nur whrend der Blockade, sondern auch bei dem Intriguenspiel in Washington gefhrlich exponiert, so zeigten die Vorgnge in Samoa ein Gegenstck dazu. Nur war der Erfolg diesmal ein sehr realer. Wir kennen die Vorgeschichte des Zwischenfalls von Apia nicht, und werden sie vielleicht nie kennen lernen; man wird schon dafr sorgen, da keine Dokumente auf die Nachwelt kommen. Das eine ist aber sonnenklar, da die Verteilung amerikanischer Gewehre an die Eingeborenen, da die Whlarbeit der amerikanischen Missionare hier einen Konflikt schaffen _sollte_, in dem man dann den angelschsischen Bruder liebevoll vor dem Rest sitzen lie. Im letzten Augenblick als schon die Geschtze schubereit waren, verlie, wie berichtet, der amerikanische Kreuzer Wilmington die Reede von Apia. Die kleine Kostenrechnung auf Samoa hat man von Washington aus spter unter Ausdrcken lebhaften Bedauerns bar beglichen. Es war der Einsatz im politischen Roulettespiel. Man setzte einen Dollar und gewann Millionen, wo der Handel zweier Nationen ein Jahr lang still lag. Ein einziges Mal hat England seine altbewhrte Politik, einen Zusammensto mit mchtigen Vlkern zu vermeiden, verlassen. Es glaubte _mit_ Amerika zu gehen und ward von ihm geschoben und mit einem freundschaftlichen Futritt in den Abgrund gestoen. Was England hundertmal gewollt hat, worauf es seine ganze Diplomatie konzentriert, gelang dem khl berechnenden Bruder Jonathan, als britische Schlauheit auf einen Augenblick schlafen gegangen war. Der Moment, da der Wilmington die Reede von Apia verlie, entschied fr Amerika wie fr England ber Milliarden. Amerika buchte sie unter: Haben. Und Ruland ...? Rulands Haltung war von klugen Erwgungen geleitet, die auch persnliche Neigungen am Zarenhofe zum Schweigen brachten. Vielleicht am besten charakterisierte ein Artikel der Nowoje Wremja die Lage, in dem es hie: Unserm Kriege mit Japan hat die ganze Welt mit niemals verhehlter Schadenfreude zugesehen. Es war der englischen Diplomatie gelungen, Japan auf es zu hetzen. Wir wissen, was wir England verdanken, und werden das nie vergessen. Japan hat, indem es unsere Flotte vernichtete, nur Englands Geschfte besorgt. Heute, da Europa in Flammen steht, sind wir in der glcklichen Lage, uns an dem Feuer ruhig die Hnde wrmen zu knnen. Jeder Sieg, jede Niederlage zhlt auf unserer Seite. Je mehr tote Soldaten man auf franzsischer Erde verscharrt, um so grer wird die russische Armee. Sollen wir Deutschland in den Rcken fallen? Wir haben genug polnische Provinzen. Was wir wollen, nehmen wir uns, wenn der Krieg an der Erschpfung beider Gegner zu Ende geht. Dann steht _uns_ die Welt offen. Ebenso denkt man in Japan, wo man das Bndnis mit England grinsend verlacht. Kein Gelber marschiert wieder fr England. Sollen wir Frankreich beispringen? Frankreich, das uns verraten, das unsere Schiffe aus Saigon verjagte? Diesmal sitzen wir im Parkett ... Das Spiel hat begonnen. Ruland blieb neutral, so neutral, da es selbst den englischen Kreuzer Arrogant der im April mit Maschinenschaden Riga anlief, kategorisch aufforderte, entweder den Hafen innerhalb 24 Stunden zu verlassen oder die Flagge zu streichen. Ruland instruierte die trkische Regierung, da es keinerlei Unruhen auf der Balkanhalbinsel dulden werde, schob seine Grenzposten in Turkestan langsam vor, erklrte, da es Getreide und Pferde _nicht_ als Kriegskontrebande betrachte, sorgte so fr die Aufrechterhaltung seiner Getreideausfuhr ber die westliche Grenze und wartete im brigen in aller Ruhe das Ende des Riesenkampfes ab. Die skandinavischen Lnder versandten an alle Regierungen eine Neutralittserklrung, konnten aber nicht verhindern, da englische Kreuzer hufig norwegische Fjorde aufsuchten. Dnemark setzte seine Armee auf den Kriegsfu, und versammelte 30000 Mann in Jtland, whrend der Rest des Heeres in und um Kopenhagen konzentriert blieb. Es schien zunchst so, als ob die englische Flotte Esbjerg als Operationsbasis gegen die deutsche Nordseekste benutzen wolle. Auf eine kategorische Erklrung von deutscher Seite, wenn die englischen Schiffe nicht sofort zum Verlassen Esbjergs veranlat wrden, so werde Deutschland in Jtland einrcken, erlie die dnische Regierung einen Protest nach London, der auch den gewnschten Erfolg hatte. Nicht aus Rcksicht auf Dnemarks kleines Heer und seine wenigen Kstenpanzer, sondern weil eine Verletzung der dnischen Neutralitt Jtland auf jeden Fall sofort in deutschen Besitz gebracht htte. Zwar htte Kopenhagen ein Sttzpunkt der englischen Flotte werden knnen. Doch lag der Nachdruck ja nicht auf einer Landung an der deutschen Kste. Und fuhr man schlielich nicht ebenso gut mit einer wohlwollenden Neutralitt Dnemarks, nach dem alten Erfahrungssatze: Neutralitt ist, wenn man nicht erwischt wird? * * * * * Es sei hier gleich der einzigen Gelegenheit gedacht, da die sozialdemokratische Phrase sich in die Tat umzusetzen versuchte. Nach der Drohung Bebels im Reichstage hatte man an so etwas wie die Proklamierung eines Massenstreiks in den Gewerben gedacht, die mittelbar mit der Mobilmachung zusammenhingen. Nichts davon geschah; der gesunde Sinn des deutschen Arbeiters war berall stark genug, um den Einflu verhetzender Vereinsrednerei zu berwinden. Und als einige gar zu laute Schreier festgesetzt wurden, brachte man dieser Maregel volles Verstndnis entgegen. In der Volksseele klangen ernstere Empfindungen und Stimmungen wider, als da sie sich ber das Schicksal einzelner Agitatoren htte aufregen knnen. Bekanntlich erfolgte in den ersten Tagen des Krieges ein Vorsto zweier franzsischer Korps ins untere Elsa, der dort eine ungeheure Panik erzeugte. Beim Herannahen des Feindes glaubte nun der sozialistische Magistrat einer Stadt, deren Namen verschwiegen bleiben mag, seine international-sozialdemokratische Gesinnung dokumentieren zu sollen. Als eine Abteilung afrikanischer Chasseurs sich der Stadt nherte, zogen ihnen die Herren vom Magistrat mit roten Fahnen und Schrpen und sonst allerhand Rotem entgegen, um die Befreier willkommen zu heien. Der franzsische Oberst lie ein halbes Dutzend Ansprachen und die Arbeitermarseillaise geduldig ber sich ergehen und befrderte dann die ganze Gesellschaft hinter die Front, wo man die aus allen Wolken fallenden Internationalen zunchst um ihre Unterschrift unter die Anweisung einer sechsstelligen Summe als Kontribution ersuchte. Und als sie sich weigerten, steckte man die entgeisterten Volkstribunen einfach ein und kassierte selber das Geld. Es blieb dies erfreulicherweise der einzige Fall, in dem unentwegte Genossen ihre Phrasen von Vlkerverbrderung praktisch zu verwerten suchten. In dem Riesenkampfe, in dem die Nationen sich eisenklirrend gegenberstanden, ward die kmmerliche Treibhauspflanze der Internationalitt schnell zu Boden getreten. Auf ferner, fremder Aue .... Jetzt standen sie drauen alle die jugendfrischen Shne eines fleiigen Volkes, die ein kurzer Befehl von ihrer Arbeit abgerufen hatte. Losgelst von allen Bequemlichkeiten der Kultur standen sie jetzt im Felde. Leute, die vor zwei Wochen noch das Bewutsein, einen nicht ganz tadellosen Kragen zu tragen oder ein Fleck auf dem Vorhemde aus dem moralischen Gleichgewicht gebracht htte, verwhnte Einwohner der Grostadt, denen bis dahin ein Mittagessen ohne weies Tischtuch ein unvollziehbarer Gedanke deuchte, die daheim gewohnt waren nasse Stiefeln sofort zu wechseln, waren jetzt froh, wenn sie berhaupt einmal dazu kamen, den durchschwitzten Rock ausziehen, oder ihr Hemd selber in meist sehr zweifelhaften Gewssern waschen zu knnen. Nach kurzer Zeit lag diesem Volksheere die ganze Kulturwelt wie eine blasse Erinnerung, von der man durch Jahre getrennt war, dahinten. Manche gefielen sich ganz besonders in der Pose des rauhen ungewaschenen Kriegers. Wenn nur die furchtbaren Regengsse nicht gewesen wren. Da man jedoch dem Tode tglich ins Auge sah, verloren alle kleinen Leiden ihre Bedeutung. Nur trockene Strmpfe und etwas festes im Magen und im Brotsack, dann lie sich die Sache schon ansehen. Und dies herzzerpressende, die Kehle zuschnrende Angstgefhl, wenn es zum ersten Mal ins Gefecht ging, wenn man zum ersten Mal auf Menschen schieen sollte, die einen doch schlielich nichts angingen, die einem doch nichts getan hatten. Aber solche Empfindungen verstummen, sobald der Soldat merkt, da dies doch etwas anderes sei als daheim ein Manver, wenn das pfeifende Sausen wie von einer schwippenden Gerte, wenn die durch einschlagende Kugeln verursachten Sandspritzer den Mann schleunigst sich decken hieen. Dann fielen die Ersten, und der Anblick der toten und verwundeten Kameraden entfachte in den andern eine ingrimmige Wut, eine wilde Gier nach Rache bis dann der Blutgeruch die Sinne umnebelt und alles andere Empfinden erstickt, nur das Eine: nur an ihn, nieder mit ihm, der dort drben immer schiet ..... Bei dem Vormarsch der deutschen Heere durch Belgien blieb die rechte Flanke nach Norden stets durch starke Truppenmassen gedeckt, die bei einem zu erwartenden feindlichen Vorsto von Antwerpen aus, sofort von rckwrts Verstrkungen heranziehen konnten. Da die Aufgaben der deutschen Heeresleitung im nordstlichen Frankreich lagen, verzichtete man einstweilen auf einen Angriff auf Antwerpen und wartete, bis der Feind seinerseits vorgehen werde. Der lie freilich lange auf sich warten. Es bedurfte erst ernsthafter Vorstellungen von franzsischer Seite, bis sich die englische Heeresleitung entschlo, durch eine Diversion direkt auf die deutsche Etappenlinie den franzsischen Verbndeten zu entlasten. Die Schlacht, die Mitte April nrdlich von Lwen an der Dyle stattfand, endete nach anfnglichen englischen Erfolgen schlielich mit der Zurckwerfung der englisch-belgischen Armee auf Antwerpen, worauf mit der Belagerung der Festung begonnen wurde. Der Verlauf der Schlacht wird recht anschaulich geschildert in folgendem Briefe eines deutschen Reiteroffiziers, der zu Beginn des Kampfes verwundet wurde. Der Brief lautet: Lazarett IV, Lwen, am 30. April 1906. Mein lieber Vater! Die beiden Telegramme, die Oberstabsarzt Gebhard Dir geschickt hat, werden Dich einstweilen ber mein Schicksal beruhigt haben. Soweit es einem zum Krppel geschossenen Offizier berhaupt gut gehen kann, darf ich mit meiner Lage hier zufrieden sein. Was spter aus mir und Euch werden wird, ist eine Frage an eine Zukunft, ber die ich kaum nachzudenken wage. Wir alle sind durch Familientraditionen gewohnt, dem Schicksal klar und scharf ins Auge zu sehen und insbesondere ist unser beiderseitiges Verhltnis ein derartiges, da wir die blichen konventionellen Geheimnisse nicht vor einander haben, und nicht zu haben brauchen. Deshalb hier endlich ein klares, unretouchiertes und durch keine Schnfrberei entstelltes Bild dessen, was mir die beiden letzten Wochen gebracht haben. Zwischen dem Augenblick, als ich auf dem Sattel meines Pferdes Dir die letzte Feldpostkarte am Morgen des 18. April mit Bleistift hinkritzelte, whrend um mich herum die Trompeten zum Aufsitzen bliesen, und dem Augenblick, da ich in der Fliederlaube des Lazarettgartens von Lwen wiederum zur Feder greife, wo um mich der Frhling blht und duftet, liegt eine Welt. La mich kurz chronologisch erzhlen. Am 18. April morgens rckten wir und ein Dragoner-Regiment zusammen auf der von Lwen nach Norden fhrenden Strae vor. Schweigend ritten wir in den strahlenden Frhlingsmorgen hinein. Von fern her schallte dumpfer Kanonendonner herber. Auf dem Hhenzuge, den die Strae, kurz bevor sie in das Tal der Dyle hinabsteigt, berschreitet, stand unsere Artillerie. Als wir gegen 6 Uhr in der kleinen Talsenkung hinter dem Hhenzug in eine Reservestellung einrckten, hatte der Geschtzkampf bereits Stunden gewhrt, ohne da wir oder der Gegner irgend welche nennenswerte Erfolge erreicht htten. Man sagte, da die kleine Stadt dort unten im Tale der Dyle fast schon in unserm Hnden gewesen war, als General French mit vier neuen Infanterieregimentern unsere Pioniere und die zwei Bataillone, die sich in den ersten Husern eingenistet und verbarrikadiert hatten, wieder hinaus warf. Seitdem, sagte man, stnde das Gefecht. Unser Oberst lie unser Regiment neben der Strae Halt machen und die Leute absitzen. Auf der anderen Seite stand ein Infanterieregiment, ebenfalls als Reserve. Die Leute saen im Straengraben. Whrend wir nach dem rasenden Lrm vor und ber uns hinhorchten, wollte kein rechtes Plaudern in Gang kommen. Es ist die gedrckte Stimmung, die eine Truppe stets befllt, wenn sie den Feind nicht sehen kann und nur dem Schall der Mordarbeit zu folgen vermag. Dazu wirkte der Anblick der Verwundetentransporte wie stets niederdrckend, so da nicht einmal die berufsmigen Witzemacher in der Kolonne Anklang fanden. Ich erhielt Befehl, mich oben bei der Artillerie ber den Stand der Schlacht zu orientieren, und ritt von einem Dragoner begleitet die sanft ansteigende Strae hinan. Es ist eine unvergeliche Erinnerung fr mich, das wundergewaltige Panorama einmal in meinem Leben gesehen zu haben, welches der Massenkampf der Vlker in ihrem Zusammenprall entrollt. Ich hielt oben dicht hinter der Kulminationslinie des Hgels zwischen beiden Artillerieregimentern, die nur durch die Chaussee in ihrer Aufstellung getrennt wurden. Eine einzige Linie springender gelber Blitze, schwarzer Rohre, aus denen der Tod dem Feinde entgegen brllte. Der Boden aufgewhlt und gepflgt von platzenden Granaten, oben in der Luft die weien Dampfballen zerspringender Schrapnells. Gedeckt zwischen den Chausseebumen konnte ich das Tal der Dyle berblicken, grne Fluren, in denen schwarze Linien die Stellungen unserer Infanterie markierten. Die Strae senkte sich vor mir bis zu dem Stdtchen, um das in frher Morgenstunde bereits so hei gestritten war. Jetzt brannte es zur Hlfte. Die englische Artillerie stand, wie die unsere, gedeckt hinter den Kuppen der jenseitigen Hgel, war also von hier aus unsichtbar. ber den langen Schtzenlinien, die sich wie Ackerfurchen ber das wellige Terrain zogen, stand ein feiner blauer Dunst; wie leichter Frhnebel aufsteigt, wenn die Morgensonne die Erde grt. ber einem an der Chaussee hinter unserer Artilleriestellung liegenden Bauernhof flatterte eine Fahne mit dem roten Genfer Kreuz. Ich konnte mit meinem Grzglas deutlich verfolgen, wie drben auf der Bahnlinie, auerhalb des Bereiches unserer Artillerie von Antwerpen her Zug um Zug heranrollte, eine lange Wagenreihe hinter der anderen herkriechend, um einige Kilometer nrdlich der Stadt Halt zu machen, worauf aus ihnen eine wimmelnde Ameisenschar herausquoll. Der Feind fhrte anscheinend von seiner Operationsbasis gerade hier nach seinem linken Flgel hin die grten Truppenmassen. Ich sah die englischen Bataillone sich formieren, sich in Schtzenlinien auflsen und so eine Ackerfurche neben und hinter der anderen entstehen. In den vorderen Furchen stiegen graugelbe Rauchwolken auf, und die Ameisen, die von ihnen zur Seite geschleudert wurden, sie blieben regungslos liegen. Das klappernde Infanteriegefecht schien zuweilen ganz einschlafen zu wollen, der Donner der Geschtze blieb das Grundmotiv. Offenbar hatte der Feind ein greres Geschtzkaliber herangezogen, denn whrend seine Granaten und Schrapnells bisher immer nur in und ber unseren Infanteriestellungen explodiert waren, flogen sie jetzt in flachem Bogen ber den Hhenkamm hinweg, diesseits berstend in die dichten Kolonnen unserer Reserven versinkend. Es entstand ein Schwanken, eine wellenfrmige Bewegung nach links und rechts, dann fluteten die dunklen Abteilungen zurck, man zog die Reserven aus der Feuerlinie, um sie nicht zwecklos abschlachten zu lassen. Ich konnte mich von dem seltsam fesselnden Bilde nicht losreien, und hatte, mit dem Glase den Bewegungen der feindlichen Schtzenlinien folgend nicht darauf geachtet, da in der Batterie links neben mir das Feuer nachzulassen begann. Zwei Rohre waren unbrauchbar geworden und an den anderen vier Geschtzen lagen die Bedienungsmannschaften fast alle in einem wsten Knuel um die Lafetten. Schrapnell auf Schrapnell platzte ber der dezimierten Batterie und eine Granate um die andere whlte den Boden zwischen den Kanonen auf. Die Leitung des feindlichen Feuers wurde offenbar vom Ballon aus, von dem man unsere Stellungen einsehen konnte, dirigiert. Gerade als ich den Fesselballon mit dem Glase ins Auge fate, fhlte ich den Boden unter mit erzittern. Unmittelbar neben mir stieg eine gelbe Dampfwolke auf, mein Pferd ward nach links hinber geschleudert. Der Krach des explodierenden Geschosses machte mich fast taub. Ich lag hilflos unter dem Pferd und griff mit der rechten Hand in eine ekelhafte, schmierige, warme Masse. Ein Stck der Granate hatte meinem Pferd den Bauch aufgerissen. Ich sah, wie der Dragoner vom Pferd sprang, fhlte mich von seinen Armen emporgehoben und nach dem Grabenrande hingeschleift. Ich blickte zurck auf den Krper meines treuen Tieres, das mich ein paar Sekunden vorher noch getragen und wie sich in solchen entsetzlichen Momenten das ganze Seelenleben auf den Bruchteil einer Sekunde konzentriert, man im Augenblick Stunden erlebt und scheinbar Gleichgltiges mit aller Schrfe beobachtet, sah ich mitten auf der blutigen Masse einen Stiefel liegen. Ich packte den Dragoner am Arm und deutete dorthin. Herr Leutnant, sagte er, der Stiefel ntzt Ihnen nischt mehr. Ich verstand das nicht. Einige Minuten -- es kann auch lnger gewesen sein -- mu ich bewutlos geworden sein. Als ich die Augen wieder aufschlug, stand ein junger, blonder Militrarzt mit einem Schmi ber der Backe neben mir. Mein Dragoner bettete mich, so gut er's vermochte, in die Lcke einer Hecke, am Grabenrande. Was ist's, fragte ich den Arzt. Herr Leutnant, die Hauptsache ist, da wir die Blutung zum Stehen bekommen. Ich fhlte, wie er mit einem scharfen Instrument in meinem rechten Bein herumbohrte, ein rasender Schmerz durchzuckte mich. Bin ich schwer verwundet, fragte ich. Der rechte Oberschenkel ist glatt durchschlagen. Jetzt dmmerte es in mir auf, was es mit dem Stiefel auf sich hatte; ich war ein Krppel. Was weiter in den nchsten Stunden geschehen ist, wei ich nicht, nur der furchtbare Schmerz an meiner rechten Seite lie mich zuweilen aus dem Dmmerzustand erwachen. Das Rasen und Drhnen der Schlacht ging um mich weiter, einmal als ich erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel, Mittag also. Auf der Chaussee, an deren Rand ich ziemlich versteckt in der Hecke lag, hrte ich das Schttern und Rasseln von Fahrzeugen, das allmhlich schwcher wurde. Von unserer Artillerie sah ich nichts mehr. Nur die weie Flagge mit dem roten Kreuz flatterte noch ber dem Giebel des Bauernhauses. Aber was sie bewegte, war nicht der Wind, es waren die Flammen, die aus dem Dache des Hauses hervorzngelten. Die Ambulanz brannte. Gellendes Geschrei drang aus dem Erdgescho des Hauses und aus dem raucherfllten Garten davor. Zwei Ordonnanzen rasten an mir vorber und verschwanden in der Senkung der Strae, die Hufe ihrer Pferde klapperten auf der Chaussee. Dann kam eine Kompagnie im Laufschritt aus dem Tal der Dyle herauf, warf sich dicht neben mir zu beiden Seiten der Strae nieder und das furchtbare, rollende Prasseln des Kleingewehrfeuers benahm mir wieder die Sinne. Halb bewutlos glaubte ich noch zu hren, wie grere Menschenmassen an mit vorberwogten, ich hrte fluchen und schimpfen. Dann ward's wieder stiller, und neben mir sagte eine Stimme: die Khakis kommen. Der Trieb der Selbsterhaltung lie mich meine Schmerzen berwinden, ich fragte nach der Richtung hin, wo ich die Stimme gehrt hatte: Werden wir geschlagen? Ich erhielt keine Antwort. Auf der Chaussee schleppte sich mhsam ein verwundeter Infanterist, sein Gewehr als Stock benutzend, fort, nach der Richtung wo unsere Schtzenlinie verschwunden war. Ich rief ihn an, er sagte: Wir sind zurckgeschlagen, und setzte sich auf den Grabenrand neben mir. So warteten wir beide in dumpfem Schweigen, whrend ein beklemmender Schmerz vor dem Grauenvollen, was nun kommen wrde, meine Brust zusammenprete, auf das Erscheinen des Feindes. Hinten prasselte und knatterte das Feuer in den Dachsparren des Ambulanzhauses, davor hielt ein Wagen mit der Genfer Flagge, in dem man einige Verwundete fortzuschaffen suchte. Mitten auf der Strae stand ein graubrtiger Stabsarzt, schwenkte in der Hand ein groes weies Tuch und beobachtete durch ein Glas das Terrain vor ihm. Ich suchte ihn anzurufen, doch er schttelte den Kopf, winkte weiter mit dem Tuch, und deutete mit seinem Krimstecher nach vorn. Jetzt hrte ich ein englisches Kommando und sah im Laufschritt ber die Felder lange Linien heranlaufender Menschen in graugelber Uniform. Vor dem Kamm des Hgels warfen sie sich nieder, sich zwischen Hecken und in den von den Granaten gerissenen Lchern einnistend und die Tornister unserer gefallenen Mannschaften als Deckung benutzend. Whrend das taktmige Klappern der Gewehrschlsser und der scharfe Knall der Schsse anwuchs wie zu einem orkanartigen Hagelwetter, wenn es auf ein Blechdach herniederschlgt, hrte ich auf der Chaussee das Rasseln und Stoen einer heranfahrenden Batterie. Rings um mich und in die Reihen der Khakis schlugen pfeifende Geschosse ein und stubten Sand und Kiesel auf. Jetzt war sie heran, die erste englische Batterie, das vorderste Geschtz nur noch mit vier Pferden bespannt. In das Gespann des zweiten Geschtzes schlug eine Granate, wirbelte die Pferdeleiber durcheinander, ri blutige Fetzen von den Reitern und warf die Protze quer ber die Chaussee, das Geschtz in den Straengraben dicht neben mir schleudernd. Ein Khakileutnant sprang vom Pferd, brllte die Mannschaften an und zwang sie unter einer Flut von Schimpfworten die Kanone hinter mir in den Acker zu schleppen. Dicht an meinem Kopfe fhlte ich die in der weichen Erde whlenden schweren Tritte der englischen Kanoniere. Dann ein schnappender Ton von Metall, ^fire^! tnte das Kommando, ein Feuerstrahl scho an mir vorbei durch die Luft, die englische Artillerie hatte den Kampf aufgenommen. Das beginnende Wundfieber mu whrend der nchsten Stunden meine Sinne betubt haben. Als ich wieder erwachte, war es Abend. Wie ich spter erfuhr, hatte die Schlacht folgende Wendung genommen: Vor der bermchtigen englischen Artillerie, die ungefhr ber das Doppelte an Geschtzen verfgte wie unsere Artillerie hier auf dem rechten Flgel, hatten wir zunchst zurckweichen mssen. Nachmittags hatte nach Heranziehung von Reserven unsere Vorwrtsbewegung dann von neuem begonnen, und am Abend waren die verlassenen Positionen wieder in unseren Hnden, der Feind trat den Rckzug ber die Dyle in der Richtung auf Antwerpen an. Der Tag war unser, aber unter welchen Opfern. Es war, wie gesagt, Abend, als ich erwachte. Rings um mich tiefe Stille, die Schlacht hatte sich weit hinber ber die Dyle gezogen. Neben mir stand noch das englische Geschtz, ber der Lafette lagen zwei tote Kanoniere, den Kopf in der Todesstarre krampfhaft nach oben gebogen. Selbst meine durch die Schrecknisse der letzten Wochen gesthlten Nerven vertrugen diesen Anblick nicht. Wie vier feurige Kohlen glotzten mich die gebrochenen Augen der Toten, in denen sich die brandrote Farbe des Abendhimmels widerspiegelte, an. Um das nicht sehen zu mssen, kroch ich unter frchterlichen Schmerzen ein paar Schritte fort. Mitten auf der Chaussee stand ein zweites englisches Geschtz. Auch verlassen, auch von einer stummen Totenwache umlagert; jener Leutnant, der am Mittag das umgeworfene Geschtz ins Feuer gefhrt hatte, lehnte am Rade der Lafette. Die rechte Hand hielt noch den Krimstecher, den Kopf hatte eine Granate fortgerissen. Die Protze dahinter auf der Chaussee war in den Graben geschleudert, ihre Deichsel starrte wie ein Galgen in die Luft, den Kopf des einen Pferdes wie mit dem Strick eines Henkers in die Luft zerrend. Das Dmmerlicht leuchtete gerade genug, um mit all dies Grliche noch einmal zu zeigen; dann ward das Licht schwcher, die Sonne sank. ber den leise verschwimmenden Konturen des Hgels schauten nur die langen Schutzschilde zu beiden Seiten eines dritten Geschtzrohres, welches mitten im Ackerfelde stand, starr empor. Ich erkannte daran, da es Ehrhardtsche Geschtze, Geschtze deutscher Herkunft aus der Zeit des Burenkrieges gewesen waren, mit denen der Feind von hier aus in die Kolonnen unserer braven Truppen hineingepfeffert hatte. Und die Nacht senkte sich hernieder. Ganz von fern drhnte der Geschtzkampf nach, langsam abflauend und dann wieder anschwellend. Stunde um Stunde verrann. Zuweilen mu ich wieder in Fieberphantasien verfallen sein. Ich wei noch, da ich trumte, ich wre auf einer nchtlichen Wanderung, ich wanderte auf der Landstrae drunten in Wrttemberg, mitten durch den schweigenden Wald, durch die Stille der Nacht, die keine Stille ist, in der hundert Stimmen lebendig werden, die uns das Gerusch des Tages berhren lt. Und ich wanderte und wanderte, und wunderte mich darber, da mein rechtes Bein schmerzte und ich trat hinaus aus dem Wald und sah hinber auf das Dorf unten im Talgrund. Es lag eine Stimmung ber dem Ganzen wie in dem alten, frommen Lied von Paul Gerhardt: Nun ruhen alle Wlder, und in diese Elegie hinein platzte pltzlich eine Stimme von ganz fern her, ein Hund schlug an bau--a, bau--a, bau--a, so klang es pltzlich ganz weit von fern irgendwo her bau--a, bau--a, bau--a, und immer wieder nur der eine Hund und er bellte unablssig und immer lauter. Er schrie und rasselte an der Kette, da fingen noch andere Hunde an, das ganze Dorf war voller Hunde, wtend bellten und klfften sie und die Stille der Nacht verschwand, und es schrie irgend jemand nach Wasser und die Hunde bellten lauter und sie wuchsen und wurden grer, wurden zu riesengroen Ungeheuern und sie zerrten an ihren Ketten. Dazwischen immer wieder der eine Ruf Wasser. Da erwachte ich. Von fern her drhnten die Geschtze noch immer, bau--a, bau--a, bau--a bellten sie und schrien wie die Kriegshunde, mit denen der Donnergott ber den Wald dahin fhrt, whrend die sturmgepeitschten Wipfel unter ihm rauschend aneinander schlagen. Wasser. Der Kamerad konnte nicht weit von mir liegen. Ein paar Schritte nur, aber ich Krppel konnte ihn nicht erreichen. Ich griff nach meiner Feldflasche, sie war bei meinem Sturze heil geblieben. Ich trank gierig ein paar Zge, dann, meine ganze Willenskraft zusammennehmend, schlo ich den Stpsel wieder. Kamerad, rief ich, hier meine Flasche, ein kleiner Rest ist noch darin; und ich warf sie nach der Richtung, von wo gerufen wurde. Ein leise gehauchter Dank wurde verschlungen von dem Splittern des Gefes auf einem Chausseestein. Das karge Labsal erreichte die drstende Zunge nicht. Meine Gedanken wanderten wieder in die Ferne. Ich war zu Hause und sah eine schn geschliffene Flasche mitten auf einem gedeckten Tisch stehen, Wasser so viel man wollte, und hier die Besten des Volkes im Straengraben verkommend, weil ein neidischer Zufall das letzte Labsal in den Sand rinnen lt. Bau--a, bau--a, bau--a bellten die Geschtze weiter und die Nacht wurde lebendig rings um mich her. Sie erwachten die Stimmen des Schlachtfeldes, das Klagen und Sthnen der Verwundeten, der Jammerschrei der Sterbenden. Flche und Verwnschungen, englische Worte, flehentliche Bitten: Wasser, Wasser, und drben ber der Talmulde rotbrauner Brandrauch ber der Stadt, da die Kriegsfurie friedliches Leben mitleidslos zerstampft hatte. Das Herz erstarrte mir und krampfte sich zusammen unter dem Gefhl eigner Hilflosigkeit so entsetzlichem Unglck gegenber. An seinem Mitleiden ist Gott zu Grunde gegangen, so sagt wohl jener Philosoph, jener Herrenmensch. Er hat nie verwundet unter Todwunden auf einem Felde gelegen, wo der unerbittliche Schnitter Tod die Garben gemht hat. Es war eine furchtbare Nacht, einsam unter den Einsamen, allein unter den Verlassenen. Hin und wieder blickte ein Mondstrahl zwischen den Wolken hindurch, das schauerliche Bild des Todes mit seinem fahlen Scheine bergieend. Dann ward es stiller. Rastlos jagten, lautlosen Reitergeschwadern gleich, zerfetzte Wolken ber den Nachthimmel, es ward klter, der Morgen nahte. Blasses Dmmerlicht lie die Umrisse des Geschtzes vor mir auf der Chaussee wieder deutlicher hervortreten. Da flatterte neben mir aus der Hecke etwas auf. Eine Amsel setzte sich auf das Korn des Geschtzrohres, putzte sich die Flgel und begann ihr schrilles Morgenliedchen zu pfeifen .... Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem Saal voll weier Betten; ich war im vierten Lazarett von Lwen. Was soll ich Dir schreiben ber den Verlauf der Heilung, die mein Freund, der Oberstabsarzt Gebhardt fr ein Wunder seiner Kunst erklrt. Ich bin ein Krppel. Ich sitze hier in der Fliederlaube des Gartens, um mich blhender Frhling; in vier Wochen darf ich meine Krcke nehmen und heimkehren, heimkehren zu was? Bescheidene Gemter werden sagen, ich darf mich beglckwnschen, da ich noch so davon gekommen bin, wo die Blte unseres Volkes auf dem Schlachtfelde modert. Beglckwnschen dazu, da das dankbare Vaterland soweit fr mich sorgen wird, da es mich in den Stand setzt, eine Drehorgel zu kaufen, mit der ich als dekorierter Kriegsinvalid hinfort auf der Strae mir mein Brot suchen darf? Dein Sohn Otto. Der Union Jack im Kieler Hafen. Von dem Verbleiben der englischen Truppentransportdampfer hatte man nichts wieder gehrt, seitdem der Friedrich Karl einen von ihnen zerstrt hatte. Es hie -- so wurde wenigstens von der dnischen Kste gemeldet -- die Mehrzahl der Schiffe liege irgendwo auf hoher See. Da man nach dem Schicksal Hollands und Belgiens nicht sicher war, ob England nicht etwa ber die Neutralitt Dnemarks ebenfalls einfach zur Tagesordnung bergehen werde, blieb das 9. Armeekorps verstrkt durch Teile des 10., einstweilen in Schleswig-Holstein stehen und bernahm zusammen mit dem 2. Korps den Schutz der Ostseekste, whrend die Strecke zwischen Cuxhaven und der Emsmndung durch die 19. Division (Hannover) verteidigt wurde. berall an der Kstenlinie waren Beobachtungsposten verteilt, die durch Telegraphenleitungen untereinander in Verbindung standen; dazu trat der Dienst auf den Funkspruchsstationen. So glaubte man sich gegen eine berraschung gesichert, zumal auf allen Bahnhfen Vorbereitungen getroffen waren, um die hinter der Seefront konzentrierten Truppen sofort nach einem bedrohten Punkte in Bewegung setzen zu knnen. Die englischen Kreuzer, die flinken Scouts und zahlreiche Hochseeboote patrouillierten an den deutschen Ksten, muten demzufolge von den vorhandenen Sicherheitsmaregeln unterrichtet sein, und so durfte man sich in England kaum der Illusion hingeben, jetzt noch etwas durch eine berraschung erreichen zu knnen. Die jtische Halbinsel war durch einen starken Truppenriegel von deutscher Seite abgeschlossen und auerdem verstndigte der russische Gesandte in Kopenhagen seinen englischen Kollegen vertraulich davon, da Ruland eine Verletzung der Neutralitt Dnemarks als eine unfreundliche Handlung ansehen werde. Nach dieser Richtung hatte sich der Einflu der Zarin-Mutter geltend gemacht. Im Hinblick auf die indische Grenze galt es also fr die Londoner Regierung, hier politisch zu verfahren, um Ruland nicht an den Dreibund heranzudrngen. Der monotone Kstenwachtdienst wirkte bald ermdend auf die Truppen, die vor Begierde brannten, sich mit dem Feinde zu messen, und hier nichts weiter zu tun hatten, als Tag fr Tag mit dem Teleskop die leere See zu beobachten und den Horizont nach Rauchwolken ferner Dampfer abzusuchen. Man wirkte dieser gedrckten Stimmung dadurch entgegen, da man einen strammen Garnisonsdienst unterhielt und durch Felddienstbungen und scharfes Exerzieren den Leuten Beschftigung gab. Man lag also auf der Lauer gegenber einem Feinde, den man kaum sah und von dessen Anwesenheit nur die Silhouetten der vor Kiel kreuzenden englischen Flotte und die hier und da auftauchenden englischen Kreuzer Zeugnis gaben. Gelegentlich bei rauhem Wetter oder wenn Frhjahrsnebel die Fernsicht hinderte, kamen die englischen Schiffe auch nher heran und sandten einige Granaten nach den Beobachtungsstationen oder bten ihre Artilleristen im Schieen nach diesem oder jenem Seebad. Am Abend des 13. April, es war Karfreitag, schob der auf dem Bungsberge nordstlich von Eutin stationierte Posten mimutig sein Fernrohr zusammen und gab auf seinem Morseapparat die telegraphische Meldung nach Kiel: Vom Feinde nichts sichtbar, die Fernsicht durch Dunst behindert. Die Meldungen von den beiden Stationen auf Fehmarn lauten ebenso, seitdem ein groer Kreuzer mit drei Schornsteinen, von Osten kommend, nachmittags den Fehmarn-Belt in der Richtung auf Kiel passiert hat. * * * * * Als am Morgen des 14. April die Uhr auf dem Ltjenburger Kirchturme die fnfte Stunde verkndete, raste auf der von Ltjenburg nach Kiel fhrenden Chaussee ein blauer Husar im schrfsten Galopp dahin. Die Hufe seines schweibedeckten Pferdes schlugen hart auf der Chaussee auf und in Windeseile wollte der Reiter gerade eine Kurve des Weges nehmen, als das Pferd sich pltzlich hoch aufbumte, sich dann berschlug, und den Reiter in hohem Bogen in den Graben warf, wo er mit gebrochenem Genick neben einem weien Kilometerstein regungslos liegen blieb. Das Pferd kugelte ebenfalls in den Graben und zerhieb mit den zappelnden Beinen das Buschwerk der Hecke. Rasch sprangen aus dem Knick zwei grau gekleidete Gestalten, schleiften den toten Reiter durch das Haselgestrpp ins Ackerfeld und warfen ihm seine Lanze nach, die zitternd im weichen Erdreich stecken blieb. Der Husar war durch einen in Manneshhe ber die Chaussee gespannten Draht zu Fall gebracht worden. Wenige Minuten darauf trabte von fern her auf schwerflligem Ackergaul ein zweiter Reiter heran, ein Bauernbursche. Kaum hatte er das Versteck der beiden erreicht, so fielen sie ihm in die Zgel. Ein ihm auf die Brust gesetztes Bajonett brachten den Mann zum Schweigen, er ward gebunden, der Mund wurde ihm mit einem Tuch verstopft, und, ehe er sich besann, war er von krftigen Armen hinter den Knick geschleppt und lag nun hilflos neben den beiden Leuten, die auch sein Pferd rasch einfingen und aufs Feld trieben, wo es ruhig zu fressen begann. Wieder war alles ruhig. Leise unterhielten sich die beiden Grauen in englischer Sprache, da sauste auf der Chaussee ein Automobil heran, blitzschnell passierte es den Standpunkt der beiden Posten, die die acht Insassen der Maschine mit leisem Pfiff begrten. Aus der Richtung von Kiel drhnte bald darauf ein dumpfer Ton, andere folgten, und nach einer Pause brummte es von drben her wie ferner Donner, der den Boden leise erzittern lie. Die englische Flotte hatte das Bombardement der Kieler Hafenforts erffnet. Jetzt begann sich der dicke Dunst der Morgenfrhe in einen feinen rieselnden Regen aufzulsen. Zu gleicher Zeit liefen in Kiel von der Beobachtungsstation Hessenstein und Bungsberg die Meldungen ein: Verbindung nach den Kstenstationen unterbrochen, Regenwetter. Die Verbindungen nach der Kste waren in der Tat unterbrochen worden; nicht durch einen Zufall, sondern durch feindliche Hnde. Die englischen Transportdampfer hatten am Abend des 13. April noch auer Sicht der deutschen Kste im Groen Belt gelegen und hatten sobald die Sonne gesunken war, von dnischen Lotsen gefhrt, die Fahrt durch den Langelandbelt zwischen Laaland und Langeland auf die Hohwachter Bucht angetreten. Sie waren im nchtlichen Dunkel unbemerkt geblieben. Etwa um 11 Uhr abends waren am Strande unweit Hohwacht ungefhr ein Dutzend Boote gelandet. Die Mannschaften hatten sich lautlos an die beiden hier am Strand befindlichen kleinen Detachements herangeschlichen -- deren Stellungen ein paar Tage zuvor ein englischer Zerstrer ausgemacht hatte -- und hatten zunchst deren rckwrtige telegraphische Verbindung, die etwa um Mitternacht aufgefunden wurde, zerschnitten und deren Enden an ihre eigenen mitgefhrten Morseapparate angeschlossen. Zwei Patrouillen am Strande und mehrere einzelne Posten wurden -- ohne da ein Schu fiel -- berwltigt. Um 12 Uhr befanden sich etwa 300 Englnder am Lande, umstellten die beiden schwachen deutschen Feldwachen und machten die schlafenden Leute, die nicht mehr zu ihren Gewehren gelangen konnten mit dem Bajonett nieder. Die Englnder hatten nun eine Strecke von rund 10 km am Strande frei zur Verfgung, wo sich kein deutscher Soldat mehr befand. Um durch die Dampfmaschinen an den Ladekrhnen auf den Transportschiffen keinen Lrm zu verursachen, der in der stillen Nachtluft weit vernehmbar werden mute, hatte man die Entladung der Transportdampfer weiter drauen vollzogen, was bei dem schwachen Seegang keine Schwierigkeiten machte. Hierbei kamen den Englndern die mchtigen Holzfle, die Torpedoboote aus dem Groen Belt hierher geschleppt hatten -- sie entstammten der Ladung mehrerer gekaperter Holzdampfer -- sehr zu statten. Drauen auf der See wurden die Truppen auf diesen Flen verladen und diese dann durch Torpedoboote in die Nhe der Kste geschleppt, wo sie durch Ruderboote und durch lange Stangen dem Strande nher geschoben wurden. Diese Fle durch die Pinassen der Kriegsschiffe heranschleppen zu lassen vermied man, um die Landung nicht durch die heftig ratternden Maschinen der kleinen Dampfboote zu verraten. Um 2 Uhr nachts standen etwa 2000 Englnder am Strande, und als im Osten das erste Dmmerlicht des 14. April sichtbar wurde, war ihre Zahl bereits auf 5000 Mann angewachsen. Gleichzeitig entluden zwei Transportdampfer ebenfalls auf Flen die Pferde der Kavallerie und, was das wichtigste war, zwei Dutzend groer Automobile, die imstande waren je einen leichten fr 30 Mann Raum bietenden Wagen zu ziehen. Von den Pferden erwies sich allerdings die Mehrzahl, infolge des langen Aufenthaltes auf hoher See, als wenig brauchbar. Immerhin konnte die erste Kavalleriepatrouille von 20 Mann bereits um 1 Uhr abrcken, um zunchst die nach Kiel fhrende Chaussee zu gewinnen. Vier Automobile folgten ihnen und um die Zeit des Sonnenaufganges hatten die englischen Aufklrungstruppen den halben Weg nach Kiel zurckgelegt. Zwar war die Landung nicht vllig unbemerkt geblieben, in mehreren Drfern hatten die Hunde angeschlagen. Jedoch maen die Dorfbewohner dem Gebell keine Bedeutung bei, da man an Truppendurchzge gewhnt war. Auch die auf der Chaussee auftauchenden Reiter waren fr die an die Feldarbeit gehenden Bauern keine auffallende Erscheinung. Der wogende Nebel verhinderte jede Fernsicht und entzog die Vorgnge am Lande den Blicken der hher gelegenen Beobachtungsstationen auf dem Hessenstein und auf dem Bungsberge. Zudem hatten die Englnder die Vorsicht benutzt, den Bauernhfen und den Drfern gewissermaen zunchst die Windseite abzugewinnen und durch Radfahrerposten zu sichern. Die sich immer weiter auf Kiel zuschiebenden englischen Vortruppen zerstrten berall sofort die Telegraphenverbindungen und unterbanden so jede Nachrichtenbermittelung. Als dann die Automobile mit ihrer Truppenbesatzung die Fahrt nach Kiel begannen, hatte man dort keine Ahnung, was sich in der Nacht am Strande ereignet hatte. * * * * * Die zweite Abteilung des englischen Landungskorps hatte ihre Landung etwas weiter nordwestlich bewerkstelligt. Hier hatte man auch drei Batterien schwerer Haubitzen ausgeschifft. Diese trafen von den neukonstruierten Automobilprotzen gezogen, gegen 5 Uhr vor der kleinen Bahnstation Schnberg ein, wo sich rasch ein Gefecht zwischen der die Besatzung des Dorfes bildenden Kompagnie und der englischen Infanterie entsponnen hatte. Das waren die ersten Schsse, die berhaupt fielen. Die Kompagnie verbarrikadierte sich in den Husern zu beiden Seiten der Dorfstrae, ihre Streitkrfte um die Bahnstation konzentrierend. Wollten die Englnder berhaupt etwas erreichen, so konnte das nur durch ein berraschendes Auftreten geschehen; von dieser Erwgung geleitet lieen sie Schnberg rechts liegen und verzichteten berhaupt auf die ursprnglich geplante Benutzung der Eisenbahnlinie, da das geringe vorhandene rollende Material auf dem Bahnhofe durch die tapfere kleine deutsche Truppe verteidigt wurde. Zwar wurde das Schieen in der Morgenfrhe von Fort Stosch aus gehrt. Man fragte durch Funkspruch hinber, erhielt jedoch von der bereits in englischen Hnden befindlichen Station in Schnberg keine Antwort und meldete nun seine Beobachtungen nach Kiel, wo alsbald konstatiert werden konnte, da auch die Telegraphenverbindung nach Schnberg zerstrt sei. Der Morseapparat des Bahntelegraphen klapperte seltsame Zeichen herunter, was man zunchst darauf zurckfhrte, da infolge des Regenwetters irgend eine Nebenleitung auf der Linie entstanden sei. Jene Antworten aus Schnberg kamen jedoch nicht aus dem Orte selber, sondern von der durch britische Truppen bereits besetzten Station Probsteierhagen, wo sich englische Telegraphisten des deutschen Morsealphabets zu bedienen suchten. Als kurz darauf dann das Bombardement der Kieler Hafenforts durch die englischen Schiffe einsetzte, wandte sich die ganze Aufmerksamkeit diesem Kampfe zu. Der Beginn des Kanonendonners von der See her, der die Fensterscheiben in der Stadt erklirren lie, hatte die Bevlkerung Kiels aus dem Schlafe aufgeschreckt. Gleichzeitig hrten die Bewohner der Kaiserstrae in Gaarden, dem Stadtteil auf der stlichen Seite des Hafens, die schmetternden Morgensignale aus der Kaserne der I. Werftdivision herberschallen. Als sie an die Fenster eilten, konnten sie nur konstatieren, da in der stillen Strae noch nichts zu sehen war, und auer den Kommandos auf dem Kasernenhofe drben und dem fernen Kanonendonner war auch nichts Auergewhnliches zu hren. Da bogen von der Preetzer Chaussee her kommend zwei Automobile im raschen Tempo in die Strae ein, zwischen den Husern mit ihrem rasselnden Mechanismus ein hallendes Echo weckend. Auf den beiden Fahrzeugen und den ihnen angehngten Transportwagen sah man Leute in grauer Uniform, mit Mtzen, die, hnlich den fr die deutschen Automobilabteilungen gebrauchten, vorn die Zahl 10 zeigten; es war also anscheinend eine Automobilabteilung des 10. Korps. Unter den verschiedenartigen Uniformen, die tagtglich auf den Straen der Stadt auftauchten, war es fr den Zivilisten ohnehin schwer sich zurecht zu finden und auch die Marinetruppen hatten oft Mhe, sich alle Farbennuancen der Landtruppen zu merken. Die beiden Automobile passierten die Marinekasernen, und der Offizier auf dem ersten Fahrzeuge grte mit lssiger Handbewegung den strammstehenden Posten vor dem Kasernentor. Etwas verwundert ber die fremdartige Erscheinung auf der Strae verfolgte dieser den Weg der Automobile, die jetzt in die Norddeutsche Strae einbogen und seinen Blicken entschwanden. Auch der etwas verschlafene Posten am Eingang der Werft salutierte und lie die Fahrzeuge passieren. Diese fuhren in den Werftbezirk ein und machten seitwrts vor den vier groen Trockendocks Halt; ihre Insassen sprangen herunter und schleppten einige kofferhnliche Gegenstnde nach der Richtung der Docks, wo ihnen einige Werftarbeiter ahnungslos Platz machten. Einzelne von den Automobilfahrern gingen entlang der Kaimauer des Baubassins, wo der Kreuzer Amazone in Reparatur lag und gingen langsam auf das Ende des Uferdammes zu, wo sich der gewaltige, turmartige Eisentank zur Aufbewahrung der Masutfeuerung erhebt. Aus dem Tore der Marinekaserne trat inzwischen eine Abteilung Marineinfanterie gerade auf die Strae, um nach dem Hafen zur Landungsbrcke hinunter zu marschieren. Die regennasse Strae lag noch im tiefsten Frieden, und auf dem blanken Pflaster hallten die Schritte der Leute, als sie nach Verlassen des Tores Tritt faten, laut wider. Die trbe Stimmung des Regenmorgens teilte sich auch den Mannschaften mit, und verdrossen schoben sie sich vorwrts. Als sie gerade in die Augustenstrae einbiegen wollten, klapperte von links her ein neues Automobil mit seinem Anhngewagen heran und wollte vor der Abteilung noch vorbersteuern. Der fhrende Leutnant der Marineinfanterie rief dem Offizier auf dem Automobil zu: Herr Kamerad, lassen Sie uns erst vorber, es geht nach Friedrichsort. In der Aufregung dieses kritischen Momentes verga sich aber der Herr Kamerad und fiel aus der Rolle, indem er den Maschinisten zurief: ^Go on^. Ein fragender Blick des deutschen Offiziers. Wo wollen Sie hin? rief er dem Fremden zu. Es erfolgte keine Antwort. Alles dies entschied sich mit Gedankenschnelle. Das Automobil brauste heran und einzelne von den Mannschaften auf dem Anhngewagen nahmen instinktiv die Gewehre hoch. Da ertnte auf deutscher Seite der Ruf: Es sind Englnder. Die Ordnung der Kompagnie lste sich auf, ein paar Schsse erklangen, deutsche und englische Flche, ein rasches Handgemenge. Das Automobil lag mit zerschossenen Radreifen seitwrts auf dem Pflaster, mit seinem schnaubenden und klappernden Mechanismus einen frchterlichen Lrm machend. Der Anhngewagen stand quer ber die Strae, die Englnder wurden heruntergezerrt. Einige lagen blutend auf der Strae. Von den wenigen berlebenden der Szene wurde dann berichtet: Pltzlich sei vor ihnen eine weie Feuergarbe aus dem Straenpflaster aufgeschlagen, und als sie wieder zur Besinnung gekommen, htten sie, whrend der Knall der Explosion ihnen noch in den Ohren gellte, vor sich einen schwarzen trichterfrmigen Krater gesehen, die Strae beset mit Leichen und zerfetzten Krperteilen. Die nchsten Huser vllig demoliert, kein Fenster mehr heil, soweit das Auge reichte. Die Explosion war dadurch entstanden, da entweder absichtlich oder unabsichtlich -- genaues lie sich nicht mehr feststellen -- die auf dem Automobil mitgefhrte kolossale Ladung von Schiebaumwolle zur Entzndung gebracht worden war. Langsam rieselte der feine Aprilregen auf diese Szene der Verwstung hernieder, das verspritzte Blut in breiten Bchen in den Straengossen mit fortwaschend. Als die 2. Kompagnie im Laufschritt und ohne Ordnung aus der Kaserne auf die Strae eilte, schlug es vom Uhrturm der Kaiserlichen Werft gerade 6 Uhr und gleichzeitig tnten von der Werft her mehrere rasch aufeinanderfolgende Detonationen und hinter ihrem Gebudekomplex stiegen an mehreren Stellen schwarze Rauchwolken auf, in denen dunkle Krper mit in die Luft gerissen wurden. Wstes Geschrei und scharfe Kommandoworte folgten. Alles eilte nach der Werft. Dort standen unweit des Einganges zwischen den langgestreckten Gebuden die beiden englischen Automobile, zwischen den Schienengleisen vllig verlassen da. Die Mannschaften der Automobile hatten die auf den Maschinen mitgefhrten Sprengkrper an und zwischen den Toren zweier Trockendocks zur Explosion gebracht. Zwischen der Kaimauer des Baubassins und dem Kreuzer Amazone war eine weitere Mine explodiert. Die Amazone lag mit ihren Masten und Schornsteinen schrg auf dem Dache des Schuppens am Kai, und Zoll um Zoll sank der Schiffskrper, sich langsam von der Ufermauer abdrngend, ins Wasser ein. Dieses war von einer braunen opalisierenden Flssigkeit bedeckt, dem aus dem riesigen Tank ins Wasser strmenden Masut. In den beiden beschdigten Trockendocks lagen die Kstenpanzer Hagen und Siegfried. Beide Fahrzeuge wurden durch den ins Dock einbrechenden Wasserschwall hin und her und gegen die Docksmauern gestoen. Von allen Seiten strmten jetzt die Werftarbeiter nach der Unglckssttte zusammen und standen in schwarzen Scharen auf den Uferkais. Vergebens versuchten einige Werftpolizisten und Marinebaumeister die Menge zurckzutreiben, ihre Warnung vor der drohenden Gefahr war umsonst, da nur die ersten Reihen der Arbeiter sie verstanden, diese aber von den von hinten nachdrngenden immer weiter vorwrts geschoben wurden. Wie es gekommen, blieb rtselhaft; pltzlich war die breite Wasserflche des Baubassins und das daranstoende Ausrstungsbassin ein gelbes zum Himmel aufwallendes Flammenmeer. Der ausgeflossene Masut war in Brand geraten. Nur mit Mhe gelang es, einige im Ausrstungsbassin liegende Schiffe in den Hafen hinauszubringen. Die Amazone, die beiden Kreuzer Blitz und Pfeil, sowie zwei grere Torpedoboote lagen in dem lodernden Feuermeer und waren fr jede Hilfe unerreichbar. Nur mit Mhe bahnte sich an der Stelle, wo die vor Wut fast rasenden Arbeiter und Soldaten die wenigen berlebenden Englnder buchstblich in Stcke traten, die Werftfeuerwehr mit ihren Dampfspritzen den Weg zum Kai, um unter grter Lebensgefahr die Schuppen und Ausrstungsgebude zu retten. Das Masutbassin, aus dem der Feuerungsstoff durch das von der Explosion gerissene Loch einem sprudelnden Lavabach gleich hervorquoll, brannte knatternd und rauschend wie eine qualmende Riesenfackel am Kopfende der Kaimauern. In der Stadt Kiel hatte der Kanonendonner und die ungeheueren Explosionen auf der Werft, die keine Fensterscheibe in Gaarden heil lieen, alles auf die Straen gejagt. Von allen Seiten steuerten kleine Fahrzeuge und Schleppdampfer ber den Hafen nach der Gaardener Seite hinber. Der ganze Hafen hallte wider von dem gellenden Schreien der Sirenen und dem dumpfen Heulen der Dampfpfeifen, whrend von der See her der Kanonendonner wie ein fernes Gewitter grollte. Da es sich hier um einen englischen Angriff handelte, war klar, nur der Feind war den Augen noch verborgen. Eine fieberhafte Erregung und eine dumpfe Wut machte sich berall geltend, und die durch den Erfolg des Feindes geschrften Augen wachten mitrauisch ber jeder fremdartigen Erscheinung. Der kleine weie Werftdampfer Schneewittchen, der von der Holtenauer Kanalmndung in voller Fahrt schrg ber die Fhrde der brennenden Werft zueilte, traf mitten im Fahrwasser gegenber von Bellevue auf einen kleinen Kieler Vergngungsdampfer, der allein von allen Fahrzeugen auf der Wasserflche in der Richtung nach dem westlichen Ufer fuhr. An Bord sah man nur ein paar Leute in grauer Uniform, mit groen breitrandigen Mtzen, hnlich der Uniform der deutschen Automobiltruppen. Dem Fhrer des Schneewittchen fiel dies auf. Ohne da er sich Rechenschaft ber die Richtung seiner Gedanken geben konnte, nderte er den Kurs und steuerte direkt auf den verdchtigen Dampfer zu. Auf etwa 50 m Entfernung rief er ihn an, erhielt keine Antwort, rief nochmals hinber, wieder keine Antwort. Die finsteren Mienen der grauen Mnner am Bord des Dampfers und ihre abweisende Haltung gegenber dem Anruf muten Argwohn erwecken. Kurz entschlossen hielt der Fhrer des Schneewittchen direkt auf das andere Fahrzeug zu. Lautlos aber setzte dieses seinen Weg fort. Es konnte nicht anders sein, das war der Feind. Da das Schneewittchen kein Geschtz an Bord hatte und ihr Fhrer nicht ber ein einziges Gewehr verfgte, so blieb nur eine Mglichkeit: er rannte das geheimnisvolle Fahrzeug einfach an. Weit bohrte sich der scharfe Bug des Schneewittchen in den schwarzen Krper des kleinen Hafendampfers, zwei Minuten und er war mit dem grten Teil seiner Besatzung unter den Wellen verschwunden. Zwei Englnder wurden in den Wellen aufgefischt und an Bord des Schneewittchen genommen, das jetzt mit seinem zerdrckten Bug Not hatte, noch die Landungsbrcke von Bellevue zu erreichen. Die Aussagen der Englnder rechtfertigten die Vernichtung des verdchtigen Dampfers vollkommen. Eine englische Automobilabteilung hatte nmlich Neumhlen erreicht und den dort liegenden kleinen Hafendampfer, der bereits Dampf auf hatte, um kurz nach 6 Uhr nach Kiel hinberzufahren, weggenommen. Sie hatte ihre fr die Zerstrung der Holtenauer Kanalschleusen bestimmten Sprengminen an Bord untergebracht und befand sich bereits auf dem Wege nach der Kanalmndung, als das Schicksal sie ereilte. Nur durch das entschlossene Vorgehen des Fhrers des Schneewittchen war eine Katastrophe verhindert worden, eine Tat, die mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse belohnt wurde. Es dauerte mehrere Stunden bis die brennenden Gebude der Werft gelscht waren -- der Materialschaden war, da der Ausrstungsbestand in den drei verbrannten Schuppen nicht mehr sehr gro war, nur gering -- und der auf der Wasserflche schwimmende Masut sich langsam verzehrt hatte. Da nunmehr die Kieler Garnison alarmiert war und ein unablssiger Strom von Truppen ber Neumhlen und um die Kieler Fhrde herum ber Gaarden und ferner auf der Bahnlinie nach Rasdorf gefhrt wurde, war jedem englischen Angriff nach dieser Richtung vorlufig ein Ziel gesetzt. Ein solcher war auch gar nicht beabsichtigt gewesen. Der Zweck des auerordentlich khnen und mit groem Geschick durchgefhrten Handstreichs der englischen Landungstruppen war mit der Inbrandsetzung der Werft leider nur zu gut erreicht worden. Die Absichten auf die Holtenauer Kanalschleusen und auf die Germaniawerft waren durch das schnelle Eingreifen des Schneewittchen und durch die vorzeitige Explosion des Automobils vor der Marinekaserne glcklicherweise vereitelt worden. Aber die Lage war dennoch ernst. Whrend die englische Panzerflotte, unter dem Schutz des Regenwetters, nher an die Kste herandampfend, die Hafenforts mit ihren schweren Geschtzen bombardierte, wurde ihr Vorgehen durch die Operation der Landungsarmee wirksam untersttzt. Bei dem unsichtigen Wetter hatten die Forts Korgen und Heikendorf bisher nicht in das Gefecht eingreifen knnen. Die englischen Schiffe waren von ihnen aus nur verschwommen erkennbar und wollte man nicht seine Munition aufs Geratewohl verschwenden, so war einstweilen eine Zurckhaltung des Feuers geboten. Des Kommandos harrend, standen die Kanoniere im Fort Korgen an ihren Geschtzen, nach dem grauen Durcheinander am Eingang der Fhrde hinter dem Leuchtturm von Friedrichsort scharf auslugend, wo das Aufflammen gelber Blitze die ungefhre Lage des Angreifers erkennen lie. Die weien Kasernen von Friedrichsort brannten seit 7 Uhr, mit ihrem schwlenden Rauch die ganze Uferlinie verhllend. Auf der Fhrde lagen die fnf Panzer der Braunschweig-Klasse, sowie die Deutschland, gegenwrtig des Momentes, da ein Vorsto auf den Feind Erfolg versprach. Leise rieselte der unablssig fallende Regen herab. Da platzte pltzlich auf der Traverse zwischen zwei Geschtzen im Fort Korgen ein feindliches Gescho, die Artilleristen mit Sand und Grasstcken berschttend. Dann noch eins und noch mehrere, im inneren Hofe des Forts. Da die feindlichen Granaten von der See her nicht bis hierher reichten, muten diese Schsse von anderwrts kommen. Eine auf dem Podest einer Lafette explodierende Granate warf das Geschtz aus ihr heraus und gegen die Traverse. In die allgemeine Bestrzung ber solche Feuerwirkung eines unsichtbaren Gegners wandten sich alle Blicke nach rckwrts. Im gleichen Moment erscholl hinter dem Fort krftiges Kleingewehrfeuer. In raschem Laufe kamen einige Artilleristen in das Fort gerannt und riefen: Die Englnder! und schon wurden die ersten in Khaki gekleideten Feinde sichtbar. Schnell entschlossen begegnete der Kommandant des Forts dieser neuen Gefahr. Er lie die zur Sicherung nach der Landseite aufgestellten wenigen Revolvergeschtze und Maschinengewehre bemannen und in wenigen Minuten setzte deren Feuer ein. Doch der Kampf war aussichtslos. Die geringe Besatzung des Forts sah sich einem ungefhr zehnfach berlegenen Feinde gegenber, der auerdem durch das Feuer seiner Haubitzbatterien und durch zahlreiche Maschinengeschtze untersttzt wurde, whrend die deutsche Festungsartillerie nach dieser Seite berhaupt nicht gebraucht werden konnte. Nichtsdestoweniger fand der Feind energischen Widerstand. Da man es auf englischer Seite mit einer Elitetruppe zu tun hatte, zeigte sich, als der Feind von drei Seiten zum Sturme berging und im Laufschritte das freie Terrain vor dem Fort, das von dem deutschen Maschinenfeuer mit Geschossen berst wurde, passierte. Die Sturmkolonne mochte an 3000 Mann zhlen und sie erzwang sich, nachdem mehr als die Hlfte von ihr gefallen, tatschlich den Eingang in das Fort, in dem nur wenige berlebende noch angetroffen wurden. Die Englnder schafften sofort ihre Maschinengeschtze und ihre Haubitzbatterien auf die Wlle und nahmen von hier aus auch die Heikendorfer Batterie unter Steilfeuer. Es war wirklich der letzte Moment, da die Englnder Fort Korgen nehmen konnten. Denn kaum hatten sie sich darin eingerichtet, so wurden die deutschen Schtzenlinien landwrts sichtbar, die die nach Sden vorgeschobenen englischen Truppen vor sich hertrieben. Hier jedoch kam die deutsche Verfolgung zum Stehen, da die in den Erdwllen des Forts eingegrabenen englischen Schnellfeuergeschtze und Maschinengewehre, die ein rasendes Feuer begannen, vorlufig Halt geboten. Von Schnberg her, wo die deutsche Abteilung endlich in einem erbitterten Dorfgefecht berwltigt worden war, rckten jetzt weitere englische Streitkrfte heran und verstrkten von Fort Korgen die Stellung nach Osten hin unter Anlehnung an die kleine Bahnlinie, so da der Ort Probsteierhagen allmhlich zum Zentrum der englischen Front wurde. Da aber von Sden her immer mehr deutsche Truppen in das Gefecht eingriffen, wurde der anfngliche Zahlenunterschied auf beiden Seiten allmhlich ausgeglichen. Es befand sich also der ganze Abschnitt zwischen Fort Korgen, Probsteierhagen und Ltjenburg, mit Ausnahme des Forts Stosch und anderer Kstenbatterien in englischem Besitz. Doch war der Feind gezwungen, nach einem Gefecht westlich des Selenter Sees und einem zweiten um Ltjenburg, wohin mit der Bahn von Eutin mehrere Bataillone geworfen worden waren, dort seine Streitkrfte zurckzunehmen und sich nach Norden zu konzentrieren. Wenn jetzt das Bombardement der Englnder einen Erfolg auch an anderer Stelle am Eingang des Kieler Hafens gehabt htte, so war Kiel durch einen Vorsto der englischen Flotte zu nehmen. Die von englischen Artilleristen bedienten Geschtze im Fort Korgen und die dort installierten englischen Haubitzen begannen alsbald mit dem Feuer auf die Hafenforts und die deutschen Linienschiffe, diese konnten nur schwach erwidern, da man Gefahr lief, in die hinter Korgen liegenden Schtzenlinien der deutschen Infanterie hineinzutreffen, was auch mehrfach geschah. Nur mit dem Steilfeuer der Mrserbatterien war unter diesen Umstnden Fort Korgen beizukommen. Und dieses wurde denn auch wirksam erffnet. Gleichzeitig verlieen die fnf Schiffe der Braunschweig-Klasse, gefhrt von der Deutschland, ihren Liegeplatz und dampften, rechts an der Ruine des Friedrichsorter-Leuchtturms vorbergehend, auf die Reede hinaus dem Feinde entgegen. Die Artilleristen in den Hafenforts hatten mit Anspannung aller Krfte bisher das feindliche Bombardement erwidert, man war sich jedoch darber klar, da man infolge des unsichtigen Wetters dem Gegner nicht viel Schaden zugefgt hatte. Selber hatte man freilich auch nicht sehr gelitten. Noch einmal schwoll der Geschtzkampf zu voller Wut an, die Erde erdrhnte unter dem Gebrll von Hunderten der schwersten Kaliber. Seewrts hinter der grauen Regenwand lauerte der bermchtige Feind, dessen Schiffe jeden Moment aus dem Dunstschleier hervortauchen konnten. Rechts auf Korgen standen englische Schiffsartilleristen hinter deutschen Geschtzen und die grnen Erdwlle der deutschen Trutzfeste, ber der der Union Jack wie ein nasser Lappen in der feuchten Luft hing, wurden von deutschen Granaten zerrissen. Eine furchtbare Krisis, die Mnner von Stahl und Herzen von Eisen erforderte. Jetzt lenkte die Deutschland, in den Toppen die Flagge des Reiches, durch die Lcke in der ueren Minensperre und in Kiellinie folgten ihr die fnf Schiffe der Braunschweig-Klasse, diesen wieder zwei Kstenverteidiger. Es waren die einzigen Streitkrfte, ber die man in Kiel verfgte. Denn die von Cuxhaven herbeigerufenen Linienschiffe der Kaiser- und Wittelsbach-Klasse konnten erst nach Stunden durch den Kanal eintreffen. Jetzt maskierte die Deutschland das Feuer der Forts und langsam verstummte ein Geschtz nach dem anderen hinter den deutschen Bastionen. Eine furchtbare Stille trat auf Minuten ein und nur von rechts her klapperte taktmig das Infanteriefeuer weiter. Nun drhnten die Geschtze der deutschen Schiffe und alles verschwand hinter dem grauen Regenschleier des Aprilmorgens. Es war vom Lande aus unmglich dem Gange des Gefechtes zu folgen, unablssig brllte der Donner von der See her, und in den Lrm der schweren Geschtze mischte sich das hellklingende, bellende Schnarren der Maschinengeschtze. Die Ufer der Kieler Fhrde waren von den Einwohnern der Stadt in schwarzen Massen umsumt. Aller Augen starrten nach der Seeseite, wo die Entscheidung ber das Schicksal von Kiel fallen sollte. Langsam sanken die Flammen der brennenden Werft in sich zusammen. Hier war die Gefahr gedmpft, aber die aus den Drfern der Probstei von der Front im Hauptquartier des IX. Armeekorps einlaufenden telegraphischen und telephonischen Meldungen, wuten noch von keinen durchschlagenden Erfolgen. Im Gegenteil, es schien, als ob der Kampf nach anfnglichen Vorteilen auf deutscher Seite zum Stehen gekommen war, und als ob die Strke der englischen Truppen von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs. Um 11 Uhr lie der Regen nach, zuweilen brach die Sonne durch und nur vor der Hafenmndung lagerte eine dicke Dunstwolke. Jetzt lste sich von diesem grauen Hintergrund ein hellerer breiter Schiffskrper, an der Mastspitze flatterte trge die Flagge mit dem schwarzen Kreuz. Also ein deutsches Schiff, noch kein Englnder. Es war der Kstenpanzer Odin, zu einem fast unkenntlichen Wrack zerschossen, das aus den Stmpfen der ber Bord gegangenen Schornsteine Rauch und Flammen spie. Beim Friedrichsorter Leuchtturm wurde der Odin von einem Seeschlepper ins Tau genommen und durch die Lcke in der Minensperre hineinbugsiert. Als es diese passierte erschien an dem vorderen, den einzigen noch stehenden Mast ein Signal; schnell entziffert, enthielt es die Meldung: Angriff des Feindes abgeschlagen. Weiter nichts. Drauen auf der See erfolgten jetzt ein paar krachende Explosionen, dann setzte wieder das regelmige Gebrll der schweren Geschtze ein, das aber jetzt grere Pausen zu machen begann. Einhalb 12 Uhr kroch aus dem wallenden Nebelmassen drauen wiederum ein zerschossenes Wrack hervor, ohne Masten und Schornstein, es war schwer, in ihm das einst so stolze Flaggschiff Deutschland zu erkennen. Ihm folgten, mit Schlagseite nach Backbord, der Panzer Elsaß« und die verhltnismig intakte Braunschweig, die drei anderen Lothringen, Preuen und Hessen, sowie der Kstenpanzer Aegir waren vom Feinde vernichtet worden. Man erwartete mit Bestimmtheit einen neuen Vorsto der feindlichen Flotte, doch man wartete vergebens. Als gegen 1 Uhr der Dunst sich verzog und die Luft wieder sichtig wurde, lag das britische Geschwader weit drauen. Es hatte durch das deutsche Feuer so sehr gelitten, da es darauf verzichtete, das Bombardement zu erneuern, da auch inzwischen Fort Korgen von den Deutschen zurckerobert worden war. Genaueres ber die englischen Verluste erfuhr man erst spter aus dnischer Quelle. Zwei englische Panzerschiffe waren gesunken, ferner war die schwer beschdigte Remarquable unweit des Blker Leuchtturms auf den Strand gesetzt, um die berlebenden der Besatzung zu retten. Die Beschdigungen an anderen Schiffen waren auerdem derart, da der englische Admiral es nicht wagte, mit ihnen die Kieler Hafeneinfahrt zu forzieren, zumal die Zerstrung der Kieler Werft leider zu gut gelungen und weitere Aufgaben entscheidender Art fr die englische Flotte in Kiel nicht vorhanden waren, die gelst werden konnten, bevor weitere deutsche Verstrkungen durch den Kanal eintreffen muten. Die englischen Kreuzer, die auf der Hhe der Colberger Heide die englische Landung beschtzt hatten, erhielten nunmehr, nachdem Fort Korgen wieder in deutschem Besitz war, und es ein Wahnsinn gewesen wre, gegen die rapid anwachsenden deutschen Truppenmassen die schwachen Landpositionen und die paar Drfer zu halten, die Anweisung, die Wiedereinschiffung der Truppen zu decken. Doch auch das gelang nicht vollstndig. Von den gelandeten 7000 Englndern lagen 1500 auf dem Felde vor Fort Korgen. Weitere 2000 waren in den Gefechten am Selenter See, bei Ltjenburg und in dem erbitterten Straenkampfe in Probsteierhagen gefallen, so da -- da alle Verwundeten selbstverstndlich zurckgelassen werden muten -- nur 3500 Englnder ihre Transportschiffe wieder htten erreichen knnen. Doch machte ein Vorsto der deutschen Truppen von Lab aus an der Kste entlang auch dieses Unternehmern illusorisch. Mitten unter die englischen Boote und Transportfle pfefferte pltzlich die deutsche Artillerie von den Strandhhen bei Schnberg hinein, so da nur etwa 1000 Englnder an Bord ihrer Transportschiffe, von denen zwei noch durch die Granaten einer deutschen Haubitzbatterie zum Sinken gebracht wurden, gelangten. 1000 Briten gerieten in deutsche Gefangenschaft. Das war das Ergebnis, als am Abend des 4. April die Sonne sank, und sich die hellgrauen Leiber der fnf Schiffe der Kaiser-Klasse, die am Nachmittag durch den Kanal auf der Kieler Fhrde eingetroffen waren, bei Friedrichsort in der grnen Meeresflut spiegelten. Der Angriff auf Kiel war abgeschlagen und nur die Silhouetten von sechs englischen Panzerkreuzern zeigten drauen weit auf der Reede, da der Feind die Blockade aufrecht erhielt. Mit ungeheueren Opfern war der Erfolg auf deutscher Seite erkauft worden. Die englische Landung und die teilweise Zerstrung der Kieler Werftanlagen bewies aber schlagend, wie recht diejenigen gehabt hatten, die immer eine Befestigung des Kieler Hafens nach der Landseite fr eine unumgnglich notwendige Forderung gehalten hatten. Unter der Hypnose, der Feind werde auch stets dort angreifen, wo man zur Verteidigung gerstet sei, hatte man geglaubt, die Kste sei durch Signalstationen und schwache Truppenabteilungen gengend geschtzt. Die Konzentrierung grerer Streitkrfte, die man glaubte schnell nach einem bedrohten Punkte hinwerfen zu knnen, erwies sich als nicht ausreichend gegenber einem feindlichen Handstreich, wie er jetzt erfolgt war. Die Durchfhrung dieser englischen Unternehmung verdiente volle Anerkennung, wenn sie andererseits auch nur das bewiesen hatte, da eine Landung und ein rckwrtiger Angriff auf die ungeschtzte Landseite der Kieler Forts nur dann sein Ziel wirklich vollstndig erreicht haben wrde, wenn man auf englischer Seite einen ununterbrochenen Strom von Truppen in die gewonnenen Positionen htte lenken knnen. Dazu reichte aber die Strke des englischen Landungskorps nicht aus. Auch haperte es bald mit dem Munitionsersatz. Nur die unerhrte Tapferkeit auf deutscher Seite und die Entschlossenheit, selbst unter gnzlicher Aufopferung der eigenen Flotte die Wucht des feindlichen Angriffes zu brechen, hatte die englische Offensive rechtzeitig zum Stehen gebracht. Wie man spter erfuhr, war die Offensive des deutschen Panzergeschwaders nur um eine Viertelstunde einer allgemeinen Angriffsbewegung der Blockadeflotte zuvorgekommen. Bekanntlich wurden nachher die Versumnisse in der Verteidigung des Kieler Hafens sehr bald nachgeholt, und heute ist die gesamte Halbinsel der Probstei mit in die Befestigung hineinbezogen worden. Die Hhen bei Schnberg werden jetzt von den grnen Bastionen eines deutschen Forts gekrnt, das zum Andenken an den braven Verteidiger des Ortes den Namen Fort Gerstenhauer trgt. Die Seeschlacht von Helgoland. Seit dem Bombardement von Cuxhaven beschrnkte sich die Ttigkeit der beiden Flotten in der Nordsee auf ein gegenseitiges Beobachten. Hin und wieder kam es zu kleinen, ziemlich harmlosen Schieereien zwischen den auf Vorposten befindlichen Kreuzern, aber etwas Ernstliches schien der Feind nicht zu beabsichtigen, bis die Hauptmacht der franzsischen Panzerflotte und der grte Teil ihrer Panzerkreuzer in der Nordsee sich mit dem brigen Geschwader vereinigt hatte. Dieser Zeitpunkt wurde aber immer weiter hinausgeschoben, da die Werften und Arsenale in Brest und Cherbourg zu der Ausrstung der dort liegenden Schiffe sehr viel mehr Zeit gebrauchten, als man ursprnglich in dem gemeinsamen Angriffsplan vorgesehen hatte. So mute die Nordseeflotte darauf verzichten, gleichzeitig mit dem Angriff auf den Kieler Hafen gegen die Elbmndung und gegen Wilhelmshaven eine kraftvolle Offensive zu entwickeln, und beschrnkte sich daher auf einen Scheinangriff, der von deutscher Seite energisch abgewiesen wurde. Das nur zwei Stunden dauernde Feuergefecht kostete den Franzosen einen greren Panzerkreuzer. Ein frher unternommener nchtlicher Versuch, ^ la^ Port Arthur, die Elbmndung durch Versenkung mehrerer mit Zement beladener alter ausrangierter englischer Panzerschiffe zu sperren, scheiterte an der Wachsamkeit der deutschen Kreuzer, die den schwerflligen Transport der Sperrschiffe in flaches Wasser trieben, wo sie dann strandeten. Da es auf der Hand lag, da die englische Flotte nur auf die Ankunft der franzsischen Panzer des Nordseegeschwaders wartete, mute man auf deutscher Seite diese Frist benutzen, um dem feindlichen Angriff zuvorzukommen. Am 15. April abends bei Dunkelwerden verlie die Kaiser-Klasse den Kieler Hafen und ging vom Feinde unbemerkt durch den Kanal nach Brunsbttel. Das Fehlen dieser Panzer im Kieler Hafen blieb am anderen Morgen dem Feinde verborgen. Von der Beobachtungsstation im Fesselballon, der stndig ber der englischen Blockadeflotte schwebte, konnte man keine Vernderung auf der Fhrde feststellen, da an der Stelle, wo die fnf Schiffe der Kaiser-Klasse gelegen hatten, die beiden beim Brande der Werft arg beschdigten Kstenpanzer Hagen und Siegfried sowie drei Kreuzer der Gazelle-Klasse an den Bojen festgemacht hatten. Auf so groe Entfernung war der Unterschied kaum festzustellen. In Wilhelmshaven, Bremerhaven, wo zwei Kstenpanzer Beowulf und Fritjof, bei den Weserforts stationiert waren, und in Cuxhaven, wo am 16. frh die Kaiser-Klasse eintraf, war man ber die Absicht instruiert, womglich am 16. April -- Ostermontag -- den Feind in ein Vorpostengefecht vor Cuxhaven zu verwickeln, worauf dann ein konzentrischer Angriff aus den anderen Hfen erfolgen sollte. Diese Disposition beruhte auf den Beobachtungen der letzten Wochen. Jedesmal wenn das in der Elbmndung liegende Panzergeschwader, die vier Schiffe der Wittelsbach-Klasse und Kaiser Wilhelm II. (die Kaiser-Klasse lag in Reserve bei Brunsbttel) ausgelaufen war, um in die Schieereien zwischen den Vorpostenschiffen einzugreifen, waren die feindlichen Kreuzer auf das Gros der Blockadeflotte zurckgefallen und sobald die deutschen Granaten diese erreichten, wich der Feind elastisch zurck und hielt die deutschen Schlachtschiffe auerhalb des Feuerbereichs seiner schweren Artillerie. Wollte sich das deutsche Geschwader der feindlichen bermacht nicht einfach ausliefern, so blieb ihm nichts weiter brig, als stets unverrichteter Dinge in die Elbmndung wieder einzulaufen. Dieses Spiel hatte sich mehrere Male erneuert, und auf deutscher Seite machte sich bereits eine dumpfe Wut darber geltend, da man den Feind nicht vor die Klinge bekommen konnte. Am 16. April lagen zwei franzsische Panzerkreuzer Victor Hugo und Amiral Aube als Wachtschiffe hinter der ueren Postenkette, halbwegs zwischen Helgoland und Cuxhaven. Um 5 Uhr morgens lief von Cuxhaven unser Kreuzer York aus, dem Feinde entgegen. Vor ihm wichen die kleinen englischen Kreuzer und Zerstrer koulissenartig nach beiden Seiten zurck. Dadurch kam man unbewut den Absichten des York entgegen, der Befehl hatte, mit den beiden Panzerkreuzern anzubinden. Die Granaten aus den deutschen 21 cm-Geschtzen schlugen bereits zwischen den beiden Franzosen ein, und diese begannen unter mchtiger Rauchentwicklung schon ihren Rckzug in der blichen Weise, als pltzlich der Amiral Aube mittschiffs weie Dampfwolken ausstoend seine Fahrt verlangsamte und dann unbeweglich liegen blieb, mit den Heckgeschtzen das Feuer des York hastig aber ohne Erfolg erwidernd. Es war ein sonniger Frhlingstag, ein frischer Nordwind strich ber die blaugrnen Wellen der Nordsee hin und jagte weie Schaumstreifen ber die breite Dnung. Endlos dehnte sich die weite wogende Seeflche, auf der von der Elbmndung aus in der Richtung auf Helgoland nur die beiden langgestreckten franzsischen Kreuzer sichtbar waren, mit ihren vier, paarweise vorne und hinten an den Signalmasten zusammengedrngten niedrigen Schloten. In der Ferne verrieten noch einige graubraun gestrichene kleinere englische Kreuzer die Anwesenheit des Feindes in diesen sonst vllig verdeten Kstengewssern. Ganz hinten an der Horizontlinie waren die Silhouetten zahlreicher hoher Schiffskrper mit ihren starren Masten zu erkennen. ber ihnen stiegen jetzt dicke schwarze Rauchmassen auf; offenbar machte diese Flottenabteilung Dampf auf. Auf etwa 6000 m hatte der York das Gefecht begonnen und von Cuxhaven aus konnte man erkennen, wie mehrere deutsche Granaten auf den langen Decks der Franzosen aufschlugen und dort krepierten. Und schon ging die Kaiserin Augusta, mit ihrem scharfen Bug breite rauschende Schaumkmme aufwhlend, seewrts, um zusammen mit der ihr vorauseilenden Vineta sich auf den Feind zu strzen, der offenbar durch eine Maschinenhavarie hilflos und unbeweglich geworden war. Jetzt zogen sich auch die vor dem York nord- und sdwrts zurckgewichenen englischen Kreuzer wieder heran und eilten dem bedrngten Kameraden zur Hilfe. Ebenso verlangsamte der bereits 2000 m vom Am. Aube entfernte Victor Hugo seine Fahrt, wendete und brachte seine zwlf vorderen Geschtze ins Feuer. Nunmehr waren smtliche groen Kreuzer im gegenseitigen Feuerbereich; die Vineta litt schwer darunter, da ihre hohen Aufbauten dem Feinde eine bequeme Zielflche boten. Ein Schornstein sah aus wie eine zerfetzte Papierrolle, von der groe Lappen herabhingen. Man hatte jedoch den Feind zum Stehen gebracht. Wollte er den havarierten Am. Aube nicht im Stich lassen, so mute er das Vorpostengefecht weiterfhren und sich strker engagieren, als man es bisher gewohnt war. Gegen 7 Uhr waren beide Parteien sich auf ungefhr 3000 m nahe. Es war wie bei Wrth; aus einem kleinen Vorpostengefecht entwickelte sich gleichsam mechanisch eine Schlacht, indem von beiden Seiten immer mehr Streitkrfte ins Feuer gefhrt wurden. Um 7 Uhr gingen die fnf Schiffe der Wittelsbach-Klasse in Kiellinie hintereinander dampfend aus der Elbmndung heraus und griffen 8 Uhr mit ihren schweren Geschtzen in den Kampf ein, was gleich anfangs den Erfolg hatte, da eine explodierende Granate das Heck des Victor Hugo wegri und seinen Rudermechanismus unklar machte. Somit befand sich auch der Victor Hugo in derselben hilflosen Lage, wie sein bereits jmmerlich zerfetzter Kamerad Am. Aube, der nur noch einen Schornstein und einen Signalmast hatte und jedenfalls auch in der Wasserlinie beschdigt war. Er drehte, jetzt quer zur Fahrtrichtung des York, steckte die Steuerbordsreeling tief ins Wasser und verschwand dann langsam in den Wogen. Auch ein anderer kleiner Kreuzer, der von Norden herandampfte, ging etwa 1000 m vom Am. Aube unter. Die beiden franzsischen Panzerkreuzer hatten schleunigst um Hilfe signalisiert, wie sich das aus den Strungen auf der Funkspruchsstation Neuwerk und auf dem deutschen Geschwader kurz nach Beginn des Feuergefechtes ergab. Das Gros der Blockadeflotte, die Linienschiffe, dampften heran und um 8 Uhr war vom Lande aus gesehen, der ganze Horizont von zahllosen starren Masten und schmutzigen Rauchwolken umsumt. Es war kein Zweifel mehr, die Absicht der deutschen Flottenleitung war erreicht; die feindlichen Geschwader kamen endlich einmal auf Schuweite heran. Der Wittelsbach-Klasse waren die fnf Panzer der Kaiser-Klasse, gefhrt von dem Flottenflaggschiff Kaiser Wilhelm II. bereits gefolgt. Mit anderen Worten: alles was an wirklich modernen Linienschiffen von der deutschen Flotte noch auf dem Wasser schwamm, ging jetzt in der Richtung auf Helgoland aus der Elbe heraus. * * * * * Von Viertelstunde zu Viertelstunde hatten die Funkspruchsstationen entlang der Kste die Meldungen ber den Fortgang des Vorpostengefechtes bei Neuwerk nach Bremerhaven, Wilhelmshaven und Emden gemeldet. Es galt von deutscher Seite jetzt alle Krfte ins Gefecht zu fhren, um die Entscheidung nach der Richtung zu beeinflussen, da in dem Riesenkampfe um die Seeherrschaft auf dem deutschen Meere mglichst viel feindliche Schiffe zum Sinken gebracht wurden. An einen wirklichen Sieg konnte man nicht denken, es galt nur die Verluste des Feindes so zu gestalten, da seine Krfte nach der Schlacht nicht mehr imstande sein konnten, die deutschen Flumndungen zu forzieren. Dann hatte die deutsche Flotte ihre Aufgabe gelst. Whrend die zehn deutschen Panzer aus der Elbmndung der englischen Flotte entgegendampften um sie zum Kampfe zu stellen, der dann in dem Dreieck zwischen Helgoland, Scharhrn und Wangeroog stattfand, verlieen in Wilhelmshaven die vier Schiffe der Brandenburg-Klasse um 8 Uhr die Mole, gefolgt von den vier Veteranen der Sachsen-Klasse und der Oldenburg. Gleichzeitig gingen die beiden Kstenpanzer Beowulf und Fritjof von Bremerhaven aus in See, um zusammen mit den Divisionen von Wilhelmshaven die feindliche rechte Flanke, die von den franzsischen Panzerschiffen gebildet wurde, anzugreifen. Alles, was auf deutscher Seite noch irgendwie als Schlachtschiffen in Betracht kommen konnte, war hier aufgeboten, selbst die Sachsen-Klasse glaubte man noch einsetzen zu drfen. Nur die kleinen Kreuzer in Cuxhaven und Wilhelmshaven blieben dort, mit den vllig veralteten und kaum noch fr die Hafenverteidigung in Betracht kommenden Panzerkanonenbooten zurck. Da man es mit einer zweifachen bermacht zu tun hatte, stand der Ausgang von vornherein nicht in Frage. Im Torpedoraum. Um 7 Uhr wurde in Wilhelmshaven Klarschiff geschlagen. Alle Mann standen an ihren Posten, gewrtig des Signals, das des Reiches sthlerne Schutzwehren dem Feinde entgegenwerfen sollte. An den Geschoaufzgen, in den Trmen und in den Kasematten standen die Posten die Hand an der Radwelle des Paternosterwerkes, das aus schwarzer Tiefe heraus, aus den Granat- und Munitionskammern die gewichtigen Projektile nach oben befrdern sollte. Jeder Mechanismus glnzte blank geputzt und war zu der todbringenden Arbeit gerstet. Aus dem Maschinenraum drhnte dumpfes Stampfen und Zischen herauf, und die gewaltigen Schiffsleiber zerrten und rttelten an ihren Stahltrossen, wenn die Schrauben versuchsweise einige Umdrehungen machten. Jetzt ein Druck auf den Hebel, dort oben im Kommandoturm, der den Fhrer mit einem sthlernen Wall gegen feindliches Feuer schtzt. Die Trossen werden losgeworfen, ein schrillender Glockenschlag in der Maschine, das stille Wasser des Hafenbeckens wirbelt mit schmutzigem Schaum am Heck in wallenden Strudeln empor. Vorn am Bug erhebt sich eine schwache Welle, sie teilt sich, rauscht an beiden Seiten zurck in breiten Streifen, und hinaus lenkt das Panzerschiff aus dem Hafenbecken. Whrend die Blicke der am Ufer Zurckbleibenden an der Flagge des Reiches, die stolz von allen Masten flattert, hngen, und tausend Hnde den treuen Mnnern einen letzten Gru zuwinken, tnte vom Lande noch einmal die begeisternde Weise des Flaggenliedes und donnernde Hurras erschttern die Luft. Hinaus geht's mit wehenden Flaggen, hinaus auf die freie deutsche See, deren grne Wasser und weies Schaumgeriesel an den hellgrauen Panzerwnden der Schiffe klatschend emporlecken. Ja, wer von dort oben an den Geschtzen dem Feinde ins Auge blicken, wer sich als Herrscher fhlen konnte ber die weite See. Das war ein ander Los, auch fr den, der mit seinem letzten Blick noch des Himmels Blau und den krftigen Salzhauch der See in sich trinken konnte; hier starb's sich anders, als dort unten im Dunkel, eingepfercht zwischen Stahlmauern und unablssig sich drehenden und stampfenden Stahlblcken, dort unten, wo man nichts von dem sah, was drauen vorging, wo, wenn das Schiff sank, alles im Wasserstrudel erstickt wurde. Der Leutnant Andersen kommandierte in der Steuerbordstorpedokammer des Panzers Wrth. Schweigend standen die krftigen halbnackten Mnner in dem niedrigen, dunstigen nur von zwei elektrischen Lampen erhellten Raume. Nur flsternd unterhielten sich die Leute miteinander und achteten sorgsam auf jedes Gerusch, gegenwrtig des Augenblickes, der ihnen das Telegraphenkommando bermittelte, das dem blanken Torpedo in der Ladekammer den Lauf in die Meeresflut freigeben sollte. Von hinten aus der Tiefe des Schiffsraumes her tnte das wuchtige Arbeiten und Hmmern der Maschinen, die mit voller Kraft der Dampfspannung das Schiff durch die Wogen trieben. In dem Lrm der rhythmisch auf- und niederarbeitenden Kolbenstangen, des taktmig sich hebenden und senkenden sthlernen Gestnges, des zischenden Blasens an den Ventilen ging die Menschenstimme fast unter. ffnete sich die schmale eiserne Tr zum Heizraum, so sah man dort wie in einen Krater, in dem die nackten vom Kohlenstaub geschwrzten Arme der Heizer mit scharrenden Schaufeln groe Kohlenblcke in die weie Glut der Feuerung hineinwarfen. Es war ein seltsam schauriges Bild, diese von dem Feuerschein grell beleuchteten Gestalten zwischen den roten Schlnden der Feuerungen und den schwarzen glnzenden Kohlenhaufen unermdlich schaffen zu sehen. In den Ventilatoren rauschte und brauste der frische Luftstrom, der nach unten gefhrt, wenigstens einen Zug Lebensluft in diese Gluthlle hineintrieb. Noch war man in dem ruhigeren Fahrwasser der Jade, aber jetzt ging's hinaus. Leutnant Andersen zog seine Uhr: Wenn wir mit 15 Seemeilen laufen, so mssen wir jetzt ungefhr am Roten Sand-Leuchtturm sein. Und wie eine Antwort auf seine Bemerkung klang jetzt der durchdringende Ton des Maschinentelegraphen. Also Volldampf flsterte der Leutnant und wieder standen die schweigenden Mnner in dem dumpfen, niedrigen Raum und horchten auf jeden Ton, der von auen durch die dicken Stahlplatten zu ihnen hereindrang. Schwerfllig begann das Schiff zu stampfen, man war auf freier See. Die Wogen warfen ihre Wassermassen rauschend und polternd gegen die Schiffswand. Mit den Schiffsbewegungen begann jetzt alles, was lose war, langsam hin und her zu pendeln, und unwillkrlich machte jeder diese wiegenden schwebenden Schwingungen mit, auf und nieder. Unter dem Druck dieser dumpfen Stimmung, von den Schwankungen in gedankenloses Hindmmern gewiegt, bildete man sinnlose Worte nach dem scharfen Taktschlag der Maschinen und wiederholte sie immer wieder von neuem nach dem Rhythmus der Kolbenschlge. Aller Augen hingen schlielich wie an einem Rettungsanker an einem von der Decke herniederbammelnden Stckchen Tau, welches mit den Schiffsbewegungen langsam hin und her schwebte. Da erschtterte ein furchtbarer Krach den ganzen Bau des Schiffes, das schwingende Tau machte auf halbem Wege Halt und wute anscheinend nicht mehr, welchem Rhythmus es sich nun wieder anpassen sollte. Gott sei Dank, sagte Leutnant Andersen, wir haben das Feuer erffnet. Martens nehmen Sie doch das Tau herunter, das macht einen ja ganz nervs. Jetzt dachte jeder daran, wie wohl das Tau dahin gekommen sein mochte. Ein paar Sekunden wieder nur das dumpfe taktmige Stampfen der Maschinen, und dann brach es oben los wie ein Gewitter, der Geschtzkampf hatte begonnen. Einer der Leute, der zunchst an der Auenwand des Torpedoraumes stand, prallte pltzlich von ihr zurck, seinen Nebenmann fast umreiend. Ein krachender Donnerschlag gellte in den Ohren, die Erschtterung lie die elektrischen Lampen aufzucken. Jeder suchte sofort an der weigestrichenen Wandflche, ob nicht irgendwo ein Wasserstrudel hereinbrauste, sie alle wie Muse in der Falle ersufend. Nichts erfolgte, oben raste nur der tosende Orkan weiter, und die Wogen polterten gegen die Schiffswand. Herr Leutnant, sagte einer der Mannschaften, dort kommt Wasser. Und richtig, durch einen fast unmerklichen Ri oben in der Auenwand perlte und quoll tropfenweise ein schwaches Gerinnsel in den Torpedoraum hinein. Eine feindliche Brisanzgranate war vor der Wrth ins Wasser schlagend krepiert. Der Druck der Explosion hatte ein Stck der sthlernen Auenhaut unterhalb des Panzergrtels zwischen einzelnen Spanten weggedrckt und hatte auch den Doppelboden an einigen Stellen eingerissen. Das war die Detonation von vorhin gewesen. Unaufhrlich erbebten die Stahlmassen des Panzers unter den Sten des Geschtzfeuers und wurden dazwischen von krachend einschlagenden feindlichen Geschossen erschttert. Whrend bisher die Bewegungen des Schiffes nur ein regelmiges Stampfen auf den Wogen gewesen waren, ward der Schiffskrper jetzt im Gefechte regellos hin und her geworfen und schleuderte in der Maschine und in dem Torpedoraum die Mannschaften oft heftig gegen einander. Dann wieder fhlte man sich wie in einem Wirbel um sich selber gedreht, wenn das Schiff nach links oder rechts eine rasche Wendung machte. Stumm standen die Mannschaften im Torpedoraume an dem mattglnzenden Rohre. Da erschien in Flammenschrift vor ihnen an der Auenwand das Kommando: Achtung. Ein Seufzer der Erleichterung ringsum. Endlich also. Die Hand am Hebel, den zweiten Torpedo bereit, da er sofort dem ersten in das Lanzierrohr nachgeschoben werden konnte; so vergingen die Sekunden tropfenweise. Man mute dicht am Feind sein. Los! lautlos erschien in glhenden Lettern der Befehl auf der Glasscheibe des Signalapparates. Den Hebel herumgerissen; ein leises metallenes Klappen und Schnappen im Rohre, ein Gurgeln und Schluchzen von Wasser, das in die leere Kammerschleuse des Lanzierrohres hineinflutete. Das Gescho war fort .... Traf es? ... Krftige Arme ergriffen den zweiten Torpedo, er glitt in die dunkle ffnung des Rohres, und nach ein paar Sekunden sah alles aus wie vorher. Hatte der Schu getroffen? Hier nach unten drang kein Ton, nur oben raste das Donnergetse weiter und von hinten her drhnte das Sthnen und Stampfen der rastlos arbeitenden Maschinen, von auen krachten wuchtige Schlge gegen die Schiffswand. Da lie ein schmetterndes Krachen alle Pulse stocken, ein markerschtternder Schrei aus der Maschine, ein nervenbetubendes Gepolter zerreienden Metalls, als ob ungeheuere Eisenblcke gegeneinander geschleudert wrden; doch das taktmige Stampfen und Schlagen der Maschinen dauert fort. Martens, schlieen Sie die Tr! schrie der Leutnant, und knallend fiel die Tr in ihren sthlernen Rahmen. Auf dem Gange drauen verklang das Wimmern und Schreien sterbender Menschen. Eine feindliche Granate war in den Kesselraum der Wrth gefahren und hatte zwei Kessel zerschlagen. Der ausstrmende Dampf verbrhte die in der Nhe befindlichen Heizer sofort und drang auch in andere Schiffsrume, deren Schotttren nicht geschlossen waren, auch hier noch mehrere Leute ttend. Die vom Torpedoraum nach dem Gange fhrende Eisentr, die eben noch rechtzeitig geschlossen wurde, war in einem Moment darauf ebenso wie die ganze Wand glhend hei. Als Martens die Tr zuwarf, blieben an ihrem Griff bereits Hautfetzen von ihm kleben. Herr Leutnant, sagte er, seine Rechte hinhaltend, das war hohe Zeit. Ohne Aufhren drhnte das Gebrll der Schlacht. Da erloschen pltzlich die Lichter im Torpedoraum, das elektrische Kabel mute irgendwo verletzt sein, und nur die beiden llampen erhellten den schwlen, dunstigen Raum mit ihrem rtlichen Lichte. Noch einmal kam das Kommando, noch ein Torpedo verlie das Rohr, dann warf ein Sto die Mannschaft in einem wilden Knuel durcheinander. In sinnlosem Entsetzen glaubte jeder jetzt das Wasser hereinbrechen zu sehen, denn das konnte nur ein Rammsto gewesen sein. Empfing man ihn, oder rammte man selber? Die Schwankungen des Schiffes lieen nach ... Keine Schlagseite ... Die Wrth schien unverletzt. Dann wieder eine kreiselnde Bewegung. Wir gehen zurck, sagte der Leutnant, indem er seinen kleinen Taschenkompa beobachtete, natrlich, wir gehen zurck. Voigt, gehen Sie nach oben und bringen Sie sofort Bescheid, wie die Schlacht steht. Nur mit Mhe konnte der Mann die Tr des Torpedoraumes aufstoen, er mute mit ihr einen schweren Krper beiseite schieben, erkannte in dem schwachen Lichte auf dem Wallgang einen seiner Kameraden, der von dem siedenden Dampfe verbrht im letzten Moment noch gehofft hatte, sich in die Torpedokammer retten zu knnen. Jetzt lag er, eine Masse gequollenen Fleisches, drauen an der Tr, die Hand noch an deren Griff. Als Voigt die Tr wieder schlo, lste sich der Arm des Toten vom Krper. Fnf Minuten spter, stand Voigt wieder vor seinem Leutnant und meldete, whrend dicke Trnen ber die Wangen des braven Burschen rollten: Herr Leutnant, S. M. S. >Wrth< geht auf Wilhelmshaven zurck. Herr Kapitnleutnant Wehrmann lt Herrn Leutnant sagen, wir wren vom Geschwader das letzte Schiff, welches noch auf der Sdfront kmpft. Das Geschwader auf der Elbe ist anscheinend vollkommen vernichtet. Wir werden vom Feinde hart verfolgt. Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen Raum. In das Gefhl, doch noch heil davon zukommen, mischte sich der qulende Schmerz ber diesen Ausgang und eine sinnverwirrende die Kehle drrende Wut, dem Feinde ohnmchtig gegenber zu stehen. Doch kein Raum zu solchen Gedanken. Eine Ordonnanz erschien: Alle Mann aus den Torpedorumen an die Geschtze. Leutnant Andersen fhrte seine Leute durch Gnge, auf deren Boden sthnende Verwundete lagen, ber zerschmetterte Treppen, ber blutbeschmierte Planken hinauf in den hinteren Geschtzturm. Sowie die Mannschaften an die frische Luft kamen, taumelten sie, von einer pltzlichen Schwche erfat, die furchtbaren Stunden dort unten in dem stickigen Dunst hatten die Nerven auch dieser frischen Naturmenschen bis zur Erschpfung gebracht. Aber keine Zeit zur Schwche; der Leutnant bernahm das Kommando im hinteren Turm an dem einzigen noch intakten Geschtz und rasch packten die sehnigen Arme der Torpedomannschaften die auf der Ladeschale liegende Granate, schoben sie ins Rohr und entnahmen den Armen eines toten Kanoniers die Kartusche. S. M. S. Wrth nahm mit seinem letzten Heckgeschtz das Feuer gegen das ihn verfolgende englische Linienschiff Eduard VII. wieder auf, mit einem famosen Treffer in die eine Geschtzpforte von dessen vorderen Turm diesen auer Gefecht setzend. Der Englnder blieb zurck, da er an der Ruine des Roten Sand-Leuchtturms nicht mehr wagte, in das gefhrliche Fahrwasser der Jade einzulenken. Die Wrth traf, mit ihren Maschinen immer noch zwlf Seemeilen machend, um 6 Uhr wieder an der Mole von Wilhelmshaven ein, das letzte Schiff des Geschwaders, das am Morgen Wilhelmshaven verlassen hatte. Die anderen drei Schiffe der Brandenburg-Klasse waren drauen whrend des Kampfes gesunken. Die in Brand geratene Oldenburg lag in den Watten von Wangeroog. Der Kstenpanzer Hildebrand war von seinem Fhrer ebenfalls dort auf den Strand gesetzt und, nachdem er ihn mit den wenigen berlebenden der Mannschaft verlassen, gesprengt worden. Das war alles, was von der deutschen Flotte, die von Sden angegriffen, noch ber Wasser zu sehen war. Die vier Schiffe der Sachsen-Klasse hatte die See verschlungen. Von den zehn Linienschiffen der Wittelsbach- und der Kaiser-Klasse, die von der Elbmndung aus angegriffen hatten, war der grte Teil gesunken. Nur Schwaben und Zhringen waren noch imstande, Cuxhaven wieder zu erreichen. Kaiser Wilhelm II. sa drauen auf dem Scharnhrn-Sande. Wettin war dadurch zugrunde gegangen, da ihm ein feindlicher Torpedoschu den Boden aufri. Dadurch wurde der Masutbehlter beschdigt, sein Inhalt lief in die Feuerungen und aus allen Decksffnungen schlugen die Flammen. Kurz darauf erfolgte eine Explosion, die das Schiff buchstblich in Stcke ri. Aber teuer hatte der Feind die Zerstrung der deutschen Flotte erkaufen mssen: drei franzsische und fnf englische Panzerschiffe waren ebenfalls gesunken. Geschtze, Torpedo und Ramme waren auf deutscher Seite gut bedient und geleitet gewesen. Vier englische und zwei franzsische Panzer muten ferner zur Reparatur die heimischen Hfen aufsuchen. Die Zerstrung einiger havarierter feindlicher Schiffe, verdankte man brigens der mittags whrend der Schlacht von Emden ausgelaufenen deutschen Torpedoflotte, die, 16 Boote stark, sich auf die hinter die Schlachtlinie geschleppten auer Gefecht gesetzten feindlichen Schiffe strzte und von ihnen mehrere nachtrglich noch zum Sinken brachte, wobei sie allerdings sechs ihrer Boote opferte. Um 4 Uhr war die Schlacht zu Ende, durch ein Signal verstndigte man sich mit dem Feinde. Es wurde eine Waffenruhe bis zum anderen Morgen festgesetzt, die beiderseits dazu benutzt werden durfte, die auf hoher See noch treibenden Mannschaften zu retten. Die als Hospitalschiff ausgerstete kaiserliche Yacht Hohenzollern und ein Seeschlepper der Hamburg-Amerika-Linie, von Bremen aus zwei Dampfer des Norddeutschen Lloyd sowie einige Torpedoboote gingen zu diesem Zwecke in See. Als der Seeschlepper Hamburg mit dem ersten Transport von Verwundeten, die von dem gestrandeten Kaiser Wilhelm II. geborgen waren, abends gegen 8 Uhr im Hamburger Hafen eintraf und an den St. Pauli-Landungsbrcken fest machte, luteten die Glocken von allen Trmen Hamburgs und alle Flaggen sanken auf Halbmast. * * * * * Der Tag von Helgoland hatte denen eine furchtbare Lehre gegeben, die sich einer Vermehrung der deutschen Flotte gegenber ablehnend verhalten hatten und die nichts Besseres zu tun wuten, als bis zum berdru auf dem Gott wei von wem in einem Momente politischen Schwachsinns konstruierten Satz herumzureiten: Eine kleine, aber gut bemannte und gut gefhrte Flotte ist unter Umstnden wohl imstande einer greren Seemacht gegenber den Sieg zu erringen. Dieses Dogma politischer Kaffeeschwestern war vor der Macht der Tatsachen wie ein Rauch im Winde verflogen. Die Toren, sie hatten aus den verschiedenen Zeitungsmeldungen ber Unflle auf der britischen Marine frischweg gefolgert: Ja, ja, auf der englischen Flotte ist auch nicht alles so wie es sein sollte. Diese Marinedilettanten vergaen einfach die Zahl den Unflle zu der Zahl der Schiffe in Beziehung zu setzen, wobei dann die englische Flotte nicht schlechter abgeschnitten htte als die deutsche. Aus solchen Trugschlssen entstand in der Einbildung dieser Siebengescheiten schlielich das Bild einer vllig verlotterten britischen Marine, mit der die deutsche kleine, aber gut gefhrte Flotte gegebenenfalls wohl fertig werden knnte. Der Stammtischlwe, der solche Weisheit von sich gegeben, ging dann heim und zog die Zipfelmtze ber seine sehr betrchtlichen Ohren. Andere legten den Finger nachdenklich an ihre hochgeehrten Nasen und dozierten: der Burenkrieg hat erwiesen, wie schlecht die englische Armee ist, da liegt denn doch die Annahme nahe, da auf der Marine ... O, wie oft haben wir verzweifelnd solches Geschwtz hren mssen. Unntig hinzuzufgen, da diese Bierbankpolitiker natrlich nie ein englisches Kriegsschiff oder einen englischen Soldaten gesehen hatten. Diese falsche Selbstzufriedenheit fhrte uns vor hundert Jahren nach Jena, sie hat uns jetzt ber die Ablehnung der Flottenvorlage nach Helgoland gefhrt. Helgoland, Kiel und Cuxhaven waren andere Tage als die von Santiago, Port Arthur und Tsuschima. Hier standen sich die besten Artilleristen und Schiffsfhrer auf dem besten Schiffsmaterial gegenber. Hier entschied demzufolge die Zahl und die Gre der Schiffe. Da unsere Linienschiffe zu klein waren, da 11 bis 13000 Tonnen nicht den 15 und 16000 der Feinde gewachsen sind, da die 24 cm-Geschtze nicht so weit schieen wie die 30,5 cm, ist hundertmal vorher gesagt worden. Den Beweis durfte leider erst Helgoland erbringen. Die unwiderstehliche Tapferkeit auf deutscher Seite, die rcksichtslose Aufopferung in einem von vornherein aussichtslosen Kampfe, die leuchtende Pflichttreue unserer Marine vom hchsten Kommandofhrer bis zum letzten Heizer, der schweigend seine Kohlen schaufelte, bis das einbrechende Wasser diese stummen Helden erstickte, sie haben mit dem Verluste fast der ganzen deutschen Flotte Eins erreicht: _der Feind wagte solchen Artilleristen und Matrosen gegenber keinen weiteren Angriff_. Nicht da der moralische Eindruck des deutschen Angriffs so lange vorgehalten htte -- auch moralische Eindrcke sind keine Pkelware. Nein, aber die Niederkmpfung der deutschen Flotte hatte die schweren Kaliber, die 30,5 cm-Turmgeschtze an Bord der Englnder so sehr strapaziert, da nach der Schlacht von Helgoland _alle_ diese Drahtgeschtze, so weit sie nicht durch deutsche Granaten und eigne Rohrkrepierer -- deren sehr hohe Zahl wird man wohl nie erfahren -- unbrauchbar geworden waren, die Grenze ihrer auf nur ca. hundert Schu berechnete Leistungsfhigkeit so weit erreicht hatten, da die Englnder es nicht wagen durften, noch einmal ernsthaft mit den Kstenforts anzubinden. Denn bis die britischen Panzer neue Rohre erhalten konnten, vergingen lange Monate, da die Anfertigung dieser Riesengeschtze mindestens ein halbes Jahr beansprucht. Das, die Auergefechtsetzung der gesamten feindlichen schweren Artillerie, war der Erfolg den die versinkende deutsche Flotte erreicht hatte. Er ward bald bemerkbar, da die Blockadeflotte stets auf hoher See blieb. Dazu kam, da die Englnder im Sommer erfuhren, da vor Kiel und in der Elbemndung die sechs von der Germaniawerft gebauten _deutschen Unterseeboote_ in Dienst gestellt seien. Diese Tatsache an sich hielt den Feind in grerer Entfernung von der Kste. Htte man doch diese Fahrzeuge eher gehabt! Der englische Angriff auf Cuxhaven und der scharfe Blockadedienst wren durch sie leicht vereitelt worden. Die Unterseeboote sind unentbehrlich fr die Verteidigung an Flu- und Hafeneingngen, diese Lehre hat jetzt auch der Bldeste begriffen. Da Unterseeboote auf hoher See eine fragwrdige Offensivwaffe zumal in unbekannten Gewssern sind, erwies der Mierfolg der Franzosen vor Spezzia. Wie htten endlich Unterseeboote in Dar-es-Salam, Swakopmund, Tsingtau usw. dem kolonialen Kriege eine ganz andere Wendung geben knnen! Zum Schlu noch eins: Die Erfahrungen bei Cuxhaven und im ganzen Blockadedienst haben gezeigt, wie vorteilhaft es ist, wenn Panzerschiffe und Kreuzer dasselbe Aussehen haben, so da der Feind mglichst lange im Unklaren bleibt, welche Schiffsklasse er vor sich hat. Die gleichmige Bauart der englischen Kreuzer und Panzer hat bekanntlich oft zu Verwechslungen Anla gegeben. Infolgedessen haben wir uns noch whrend des Krieges daran machen mssen, den schn geschweiften Bug unserer groen Kreuzer zu beseitigen, da dieser sie schon von weitem als Kreuzer verrt. Mit den Batterien von Helgoland scho sich die Blockadeflotte nur selten herum. Man frchtete das Steilfeuer der Mrserbatterien und verzichtete deshalb auf das Vergngen, die Insel den Deutschen entzweizuschieen und dadurch die Batterien ins Wasser zu werfen. Der Einsatz an Munition und Abnutzung der Geschtze war zu gro im Verhltnis zu dem mglichen Erfolge. Infolgedessen blieben die englisch-franzsischen Schiffe immer auer Schuweite der helgolnder Geschtze. Jenseits des Meeres. Wie erwhnt (vergl. S. 30), hatte Frst Blow am 19. Mrz smtlichen diplomatischen Vertretern des Reiches im Auslande eine letzte Mitteilung zugehen lassen und sie darin auf ihre am Tage vorher in einem chiffrierten Telegramm erhaltenen Instruktion verwiesen. Diese, die alsbald ihre Wirkung uerte, bedeutete eine notwendige Verteidigungsmaregel Deutschlands. Ohne auslndische Flottensttzpunkte und Kohlenstationen, an Kabeln nur ber die sehr fragwrdige Verbindung ber Vigo-Azoren nach New York verfgend, war man auf dem Weltmeer einfach den feindlichen Seemchten ausgeliefert. Um diesen wenigstens eine sehr wertvolle Waffe zu entwinden, hatte jene chiffrierte Depesche den deutschen Gesandten und Konsuln im Auslande (soweit diese letzteren deutsche Staatsangehrige waren) den Befehl bermittelt, die Fhrer der in den neutralen Hfen liegenden deutschen Schiffe anzuweisen, diese abzursten und die Mannschaften mit der schnellsten Gelegenheit in die Heimat zu entsenden und zwar auf Kosten der Regierung, die in der Auszahlung der Reisegelder den Konsulen freie Hand lie. Andererseits erhielten mehrere groe Handels- und Passagierdampfer in den Hafenpltzen der franzsischen und englischen Kolonien noch rechtzeitig die Ordre, sofort auszulaufen und, wo ihnen ein Unterseekabel erreichbar, es aufzunehmen und zu zerschneiden. Infolgedessen machte sich in dem berseeischen Nachrichtendienste, als man sich in London im Besitze eines absoluten Kabelmonopoles glaubte, die sehr verblffende Erscheinung bemerkbar, da eine groe Anzahl englischer Kabel pltzlich nicht mehr funktionierte. So waren im indischen Ozean die Verbindungen nach Australien pltzlich gestrt, ebenso die Leitungen nach Kapstadt (in Swakopmund und Dar-es-Salam abgeschnitten) und groe Bestrzung herrschte in London als am 24. Mrz smtliche von Valencia nach der neuen Welt hinbergehenden Seekabeln unbrauchbar waren. Das war ein Verdienst des deutschen Panzerkreuzers Roon der am 20. Mrz mit den beiden kleinen Kreuzern Leipzig und Medusa und zwei Schnelldampfern des Norddeutschen Lloyd von Wilhelmshaven auslaufend, nrdlich um Schottland herumgefahren war. In London glaubte man die gesamte deutsche Flotte in den Nordseehfen blockiert und dachte auf der Rckseite des Kriegsschauplatzes an keine Gefahr. So wurden die beiden zum Schutze des Kabels bei Valencia stationierten englischen Kreuzer vom Auftauchen des Roon am Abend des 24. vllig berrascht. Ein Gefecht von etwa 20 Minuten entschied ber ihr Schicksal. Die Zerstrung der Kabel durch Grundminen wurde dann vom Roon so grndlich besorgt, da die meisten whrend der Dauer des Krieges nicht wieder hergestellt werden konnten. Der Feind war auf die sdenglischen und die franzsischen Leitungen und die Kabel ber die Azoren angewiesen. Aber auch hier hatte unser Kreuzer Bremen vorbergehend das deutsche Kabel unbrauchbar gemacht. Nachdem so dem Feinde der Nachrichtendienst erschwert war, suchte unser kleines fliegendes Geschwader den Atlantic nach fremden Schiffen ab, und versenkte zahlreiche groe englische und franzsische Dampfer, aus denen es vorher stets seine Kohlen ergnzte. Riesige Transporte von Lebensmitteln und Kriegsmaterial (^made in America^) wurden so vernichtet, und panischer Schrecken herrschte an der franzsischen Kste, als die geheimnisvollen deutschen Kaperschiffe Ende April pltzlich vor St. Nazaire auftauchten und einige Granaten in die Stadt warfen. Hierauf wurde in Brest ein englisch-franzsisches Kreuzergeschwader gebildet, welches auf die deutsche Flottille Jagd machte. Doch erst Ende Mai wurden diese an der amerikanischen Kste von groer feindlicher bermacht gestellt. Das abendliche Gefecht auf der Hhe von Kap Hatteras endete mit dem Untergange der Medusa und der beiden Lloyddampfer -- der Feind verlor zwei groe Kreuzer -- wogegen es dem Roon und der Leipzig noch gelang, im Dunkel der Nacht nach Fort Monroe zu entkommen. Beide Kreuzer muten auf Verlangen der amerikanischen Regierung im Hafen von Baltimore abrsten, wo sie von der Bevlkerung mit ungeheurem Jubel empfangen wurden, von denselben Leuten, die an den Lieferungen fr englisch-franzsische Rechnung und an den Versicherungsprmien, wenn die Schiffe durch deutsche Granaten versenkt wurden, Unsummen verdienten. Der Kriegsgott hat eben zwei Gesichter. Auch Singapore befand sich pltzlich auer Verbindung mit den chinesischen Hfen. Die Leitung Aden-Bombay war unterbrochen und das englische Kabelnetz hrte wenige Tage nach Ausbruch der Feindseligkeiten an vielen Stellen auf zu arbeiten. Das verhinderte freilich nicht, da englische Kreuzer massenweis deutsche Schiffe aufbrachten. Fast ein Drittel des schwimmenden Nationalvermgens des deutschen Volkes befand sich Mitte April als Kriegsbeute im Besitz des Feindes. Die deutschen Reedereien bezifferten den Wert dieses Verlustes an groen Dampfern mit ihrer Ladung auf etwa eine halbe Milliarde Mark. Dem gegenber war es deutschen Kreuzern nur gelungen, etwa 180 grere englische Schiffe -- meist im Atlantic -- zu kapern und sie, da man sie in keinen Heimathafen oder neutralen Hafen fhren konnte, zu versenken, was an der Londoner Brse mit einem Minus von 9 Millionen Pfund notiert wurde. Die deutschen Schiffe im Auslande. Leichte Arbeit hatte der Feind mit den im Auslande stationierten deutschen Kreuzern. Die nach den westindischen Gewssern zusammengezogenen drei Schiffe Bremen, Falke und Panther lieferten auf der Hhe von St. Thomas der britischen Isis und dem franzsischen Kreuzer Jurien de la Gravire ein Gefecht. Nach einer Stunde sank die Bremen als letztes deutsches Schiff mit wehenden Flaggen. Der kleine Stationskreuzer Sperber und das Vermessungsfahrzeug Wolf wurden vor Bimbia an der Mndung des Kamerunflusses von drei franzsischen Kreuzern zusammengeschossen, worauf eine Abteilung franzsischer Senegalschtzen von den Kameruner Gouverneurgebuden Besitz nahmen, nachdem die deutsche Schutztruppe am Lande fast bis auf den letzten Mann vernichtet war. Kamerun und wenige Tage darauf auch Togo waren franzsisch. Der kleine Seeadler scho zwar vor Sansibar ein englisches Kanonenboot in den Grund, doch war Ostafrika nicht zu halten, als von Aden vier grere englische Kreuzer herannahten. Aus einer Entfernung, in der die deutschen 10 cm an Bord der Stationre lngst nicht mehr trafen, zerstrten die englischen Granaten binnen kurzem Seeadler und Bussard und bombardierten sodann Dar-es-Salam, Bagamojo und Tanga. Hierauf wurden die von der Somalikste auf vier Transportdampfern der P. & O.-Linie herangefhrten indischen Sikks in der Strke von 2500 Mann in Tanga an Land gesetzt, vor denen sich die Reste der deutschen Schutztruppe langsam ins Innere zurckziehen muten. Am Tanganjika und am Viktoriasee fanden einige kleine Gefechte in den Hafenpltzen statt und Ende Juni wehte ber fast allen Stationen in Deutsch-Ostafrika der Union Jack. Nach dem erfolgreichen Kampfe der deutschen Schiffe vor Apia, der den Krieg eingeleitet hatte, nahte auch hier Ende April das Verhngnis. Die englischen und franzsischen Schiffe auf der australischen Station suchten nacheinander smtliche deutsch-australischen Inseln ab, hiten berall die Flaggen der Verbndeten. Gegenber vier englischen Kreuzern, darunter der groe Kreuzer Powerful, waren Thetis und Cormoran vor Apia machtlos. Ein Gefecht von kurzer Dauer entschied ber das Schicksal Deutsch-Samoas. Eine bittere Krnkung bedeutete es allerdings fr Herrn Dr. Solf, Apias heldenmtigen Verteidiger, da er an Bord des Kreuzers Prometheus als Gefangener nach London gebracht wurde, wo er unter dem Geheul des Pbels in einem offenen Wagen durch die Straen gefahren, mehrfach insultiert und durch einen Steinwurf schwer verletzt wurde. Die kindische Wut der durch die Jingo-Presse aufgereizten Menge wandte sich in einer nachher auch von englischer Seite scharf getadelten, hlichen Weise gegen den vermeintlichen Urheber des Krieges. Aber erst nachdem man der heulenden Bestie dieses Vergngen gemacht, wies man Herrn Dr. Solf auf der Insel Wight ein Domizil an. Von Windhuk nach Mafeking. In Sdwest gebot die noch immer 12000 Mann starke deutsche Truppenmacht Vorsicht. Die Manahmen des Feindes beschrnkten sich zunchst darauf, da der von Kapstadt kommende Kreuzer Crescent Tag fr Tag einige Granaten nach Swakopmund hineinscho. Da diese aber nur einige alte Hererodamen gettet, ein paar Wellblechdcher zerschlagen, sonst aber auer groen Staubwolken keinen Schaden angerichtet hatten, so verschwand die Crescent wieder und blieb eine Zeitlang vor der Walfischbai vor Anker liegen. Auf eine Landung der Marinetruppen und einen Vormarsch auf Swakopmund verzichtete man aus guten Grnden. England benutzte ein ihm altvertrautes Mittel und bewaffnete unter Verleugnung des natrlichen Solidarittsgefhls der weien Rasse wiederum die Hottentotten und Hereros gegen die Deutschen. Schon Wochenlang vor Ausbruch des Krieges -- auch ein Beweis, da England ihn gewollt und vorbereitet hatte -- gingen englische Agenten und reichliche Waffensendungen ber die deutsche Grenze. Und als am 24. Mrz die Crescent die ersten Schsse auf die weien Huser von Swakopmund abgab, sahen sich die Deutschen bereits von der doppelten Gefahr eines englischen Einmarsches und eines neuen Eingeborenenaufstandes bedroht. Die Nachrichten aus dem Sden lauteten trostlos und in den einzelnen Orten wie Keetmanshoop vermochten sich die deutschen Garnisonen kaum des Andranges der Hottentotten zu erwehren. Wurden deren Banden nun noch durch kaplndische Truppen und durch Artillerie verstrkt, so war das Schicksal der Stationen besiegelt. Wollte man nicht die einzelnen deutschen Abteilungen zwecklos nach einander aufopfern, so galt es rasche Entschlsse zu fassen. Da die Kolonie, die sich kaum von der furchtbaren Erschtterung durch den zweijhrigen Eingeborenenkrieg zu erholen begann, bei weitem auer stande war, die Lebensmittel fr die verhltnismig starke Truppenmacht zu liefern, und die englische Blockade nicht eine Konservenbchse ins Land lie, so war an der Menge der auf den Etappenstationen und in Windhuk, Swakopmund usw. lagernden Proviantvorrten die Dauer des Widerstandes fast bis auf den Tag genau zu berechnen. Der Hunger und das sicher bevorstehende Herannahen einer feindlichen bermacht, waren die zwei Gewichte an der Uhr, deren Pendelschlag die Schicksalstunde Deutsch-Sdwestafrikas ausma. Da galt es, wie gesagt, schnelle Entschlsse zu fassen. Und gerade rechtzeitig noch zog der Gouverneur smtliche Militrposten und smtliche deutsche Farmer von Sden nach Norden zurck. Auf den schwerflligen Ochsenwagen konnten die bedauernswerten Ansiedler, die nach zwei Jahren erzwungener Mue kaum erst wieder den Wirtschaftsbetrieb begonnen hatten, noch eben ihren Hausrat bergen; dann ging's, gedeckt durch Reiterpatrouillen, mit den Viehherden nach Norden in der Richtung auf Windhuk. Verlassene Weideflchen, verschttete Brunnen und verbrannte Farmen bezeichneten den Rckweg der deutschen Bewohner des Schutzgebietes. So ward ein breiter Grtel wsten Landes, das dem Feinde nichts mehr liefern konnte, zwischen den Sammelplatz der Deutschen, den Windhuker Bezirk und die englische Grenze gelegt, eine Maregel, die denn auch das Vorrcken des Feindes so erschwerte, da es hier zu eigentlichen Kmpfen gar nicht kam. Die Abschneidung der Lebensmittelzufuhr von der See her und der Aufstand der Eingeborenen im Sden konnten folgerichtig nur auf einen Weg weisen. Was man an der Kste nicht mehr erhalten konnte, mute man sich auf der Landseite holen. Und so beschlo der deutsche Gouverneur selber einen Vorsto in Feindesland in der Richtung auf Mafeking zu unternehmen. In Swakopmund und entlang der Bahnlinie bis Windhuk wurden berall kleine Garnisonen zurckgelassen. Dann begann der Bau der Feldbahn von Windhuk nach der englischen Grenze, wozu das vorhandene Material der Otavibahn und das erst vor Wochen fr die Strecke Windhuk-Rehoboth eingetroffene verwendet wurde. An der Vormarschlinie wurden berall Etappenposten verteilt und an den Stationen feste Blockhuser errichtet. Die Kunde von dem deutschen Vormarsch traf erst Anfang Mai in Kapstadt ein, worauf sofort die englischen Truppen, die bereits Keetmanshoop erreicht hatten, zurckgerufen wurden. Man konzentrierte nmlich nunmehr alle verfgbaren Streitkrfte im Norden, in der Transvaalkolonie, schon um eine mgliche Burenerhebung im Keime ersticken zu knnen. Ein Aufstand im Betschuana- und West-Griqualande ntigte jedoch zur Detachierung mehrerer Regimenter, und die unruhige Haltung der Buren machte in den kleineren Garnisonen den britischen Besatzungen das Leben recht sauer, zumal man es schon nicht mehr wagte, jeder Unbotmigkeit mit voller Strenge zu begegnen. Es kamen tglich Raufereien mit englischen Soldaten auf den Straen vor, auch hie es, einzelne Militrposten seien von aufstndischen Buren berwltigt worden. Der Nachrichtendienst und die Beweglichkeit der englischen Abteilung litt sehr unter der hufigen Zerstrung der Telegraphenlinien. Die Aufregung stieg ins Ungemessene, als Mitte Juni gemeldet wurde, die Deutschen seien in der Strke von 7000 Mann im Anmarsch auf Mafeking. Unter unsglichen Anstrengungen und Entbehrungen hatten diese den mhseligen Marsch durch die Wste erzwungen. Bei einem Gefecht unweit Mafeking wurde am 20. Juni ein englisches Bataillon vllig vernichtet. Da nunmehr die Burenbevlkerung den Englndern smtliche Lieferungen an Lebensmitteln usw. verweigerte, und zu offenen Feindseligkeiten berging, so war es das Klgste, was der englische Hchstkommandierende tat, nmlich seine Truppen nach Sden zurckzuziehen, so lange er noch die Eisenbahnen in der Hand hatte. In einzelnen Stdten hielten sich die englischen Garnisonen. Die Deutschen besetzten bei ihrem Vormarsch nach Sden zunchst Bloemfontein und machten dies zur Basis der weiteren Operationen. Es galt zunchst die Streitkrfte der ehemaligen Burenrepubliken zu organisieren, und es trat deshalb eine Pause in der Vorwrtsbewegung ein. Da sich verschiedene Mihelligkeiten zwischen den Burengenerlen und der deutschen Heeresleitung ergaben, wurde der Einmarsch in die Kapkolonie immer wieder verzgert, bis man sich im Herbst von anderen Ereignissen berrascht sah. Kiautschou. Unsere in den chinesischen Gewssern stationierten Kriegsschiffe hatten im vollsten Mae ihre Schuldigkeit getan. Dutzende von Schiffswracks an der chinesisch-japanischen Kste zeugten von der Ttigkeit unserer Kreuzer. Den Ausbruch des Krieges hatte unser Geschwader durch den sibirischen Telegraphen erfahren und gleichzeitig den Befehl erhalten, dem feindlichen Handel soviel Schaden wie irgend mglich zuzufgen und so die Zeit auszuntzen bis zu dem Erscheinen feindlicher Streitkrfte vor Tsingtau. Alle deutschen Handelsschiffe wurden durch die Konsuln angewiesen neutrale Hfen aufzusuchen. Einige auf hoher See befindliche Passagierdampfer konnten durch Funkspruch der Kriegsschiffe vor Beginn der Feindseligkeiten benachrichtigt werden, andere wurden durch diesen oder jenen Kreuzer in neutrale Hfen geleitet. Gleichzeitig strzten sich unsere Kreuzer, immer ihre Operationsbasis Kiautschou im Auge behaltend, auf die englischen und franzsischen Handelsschiffe. Traf man solche in der Nhe der Kste, so lie man die Mannschaft ihre Boote besteigen, womit sie ziemlich sicher den nchsten Hafen erreichen konnten, und brachte an Bord des fremden Dampfers eine Mine am Schiffsboden an, die bei der Explosion diesen aufri, so da das Fahrzeug auf der Stelle sank. Lange konnte dieses Zerstrungswerk von deutscher Seite natrlich nicht betrieben werden. Nachdem sich die englischen und franzsischen Geschwaderchefs ber einen gemeinsamen Plan verstndigt hatten, fand ein konzentrisches Vorgehen mit berlegenen Streitkrften auf Kiautschou statt. Am 9. April erschienen drei feindliche Panzerkreuzer (die englischen Hogue und Sutley und der franzsische Gueydon) mit sechs kleineren Kreuzern, auf der Reede von Tsingtau. Trotzdem gleich anfangs der Sutley auf eine deutsche Mine lief, die ihn augenblicklich zerri, und zwei kleine Franzosen vernichtet wurden, erlag das schwache deutsche Geschwader doch nach einstndigem Gefecht der feindlichen bermacht. Ja wenn wir _Unterseeboote_ zur Verteidigung gehabt htten! Die Batterien in Tsingtau und auf den die Stadt umgebenden Hgeln konnten whrend des Gefechtes nur wenig ausrichten, da die feindlichen Schiffe fr ihre Granaten meist unerreichbar waren. Nach der Vernichtung der deutschen Schiffe gengte dann ein Bombardement von etwa zwei Stunden, um die deutsche Artillerie zum Schweigen zu bringen. Fast die gesamte Besatzung der Batterien fand dabei ihren Tod. Der Rest der Garnison von Tsingtau, kaum 200 gefechtsfhige Mannschaften, ging nach der Besetzung der Stadt durch den Feind in die Gefangenschaft. Zu spt bedauerte man, Tsingtau nicht rechtzeitig d. h. gleich nach der Besetzung und _vor_ dem russisch-japanischen Kriege zu einem Waffenplatz umgeschaffen zu haben, dessen Befestigungen eine lngere Verteidigung ermglichten. Von allen diesen Ereignissen, mit Ausnahme der Einnahme von Tsingtau, die durch den sibirischen Telegraphen ber Tokio, Wladiwostok nach der Heimat gemeldet wurde, erfuhr man zu Hause nichts. ber das Schicksal der afrikanischen Kolonien war man bis in den Sommer vllig im Ungewissen, erst dann sickerten langsam die Nachrichten, die man in London nach Mglichkeit geheim hielt, durch und berichteten in Deutschland von Kmpfen, in denen ein unerhrter Heldenmut an eine aussichtslose Aufgabe verschwendet wurde. In stummer Pflichterfllung waren die Shne des Vaterlandes, die auf den fernen Auenposten treue Fahnenwacht gehalten, in den Tod gegangen, ein glnzendes Beispiel deutscher Tapferkeit. Die Millionenschlacht. Vier Tage lag das dritte Bataillon bereits auf diesem Acker eingegraben. In vier Tagen war die lange, dnne Schtzenlinie nur um 400 m vorgerckt. Ein Bataillon, ein Steinchen nur in der riesigen Frontmauer von beinahe einer halben Million Menschen, die bis jetzt vergebens versuchten, dem fast um die Hlfte strkeren Feinde Schritt fr Schritt Boden abzugewinnen. Den etwa 400000 Streitern der ersten und zweiten deutschen Armee standen in den Stellungen, die sich von Arras bis Chlons hinzogen, ber 600000 Franzosen gegenber. Vier Tage hatte der Kampf gedauert, der mit dem Donnergebrll seiner Geschtze Himmel und Erde erschtterte. Auf beiden Seiten machte sich allmhlich ein strender Munitionsmangel fhlbar. Besonders auf franzsischer Seite, wo man zumal am ersten Tage der Schlacht die Geschosse in geradezu unsinniger Weise vergeudet hatte, so da alle Fahrzeuge, die man irgendwie nur auftreiben konnte, herangezogen werden muten, um aus den Riesendepots von Reims und Laon die schwindenden Bestnde in der Front zu ergnzen. Von den Beobachtungsballons auf deutscher Seite konnte man diese Munitionstransporte genau verfolgen und daraus erkennen, wo in der feindlichen Linie schwache Punkte entstanden waren, die einem gewaltsamen Offensivvorsto Aussicht auf Gelingen bieten konnten. Und doch hielt man noch zurck, um den von Sden her stndlich erwarteten Flankenangriff auf den rechten franzsischen Flgel erst mit voller Kraft wirken zu lassen. Das dritte Bataillon hatte sich am ersten Tage am Waldrande im Ackerfelde eingenistet. Es hatte, da hier im Zentrum der deutschen Stellung nordstlich von Rethel zunchst nur ein hinhaltendes Feuergefecht beabsichtigt war, die Infanteriepositionen des Feindes auf dem jenseitigen Hgelgelnde unter Feuer gehalten, und zwar wie der Fesselballon meldete, mit gutem Erfolge. Da der Feind die Stellung des Bataillons offenbar gut erkundet hatte, lenkte er am ersten Tage ein sehr heftiges Schrapnellfeuer auf die dunkle Waldlinie hinter den Schtzengrben, welches so viele Opfer forderte, da der Bataillonsfhrer alsbald die Schtzenlinie nach vorn abbauen und unter Verzicht auf die sonst gewohnten Sprnge 300 m vorrcken lie, dadurch wurden die Verluste wesentlich vermindert. Dann war die Nacht gekommen. Die Mannschaften schliefen in den Schtzengrben, und als der Morgen dmmerte, ward das Feuergefecht mit ausgeruhten Krften wieder aufgenommen. Und wieder prasselte der Bleihagel der Schrapnells hernieder, und die einschlagenden Infanteriegeschosse erzeugten auf dem Erdboden beim Einschlagen kleine puffende Staubwlkchen. So verging auch dieser Tag, ein glhend heier Sommertag. Die Feldflaschen waren geleert und nur der Brotbeutel wies noch seine eisernen Gefechtsrationen fr drei Tage auf. In braunrotem Dunst versank die Sonne hinter den Hgeln im Westen. Tagsber machte die Feuerzone der feindlichen Artillerie eine rckwrtige Verbindung unmglich. Erst der Einbruch der Dunkelheit, als die Treffsicherheit des auch whrend der Nacht fortdauernden Schrapnellfeuers allmhlich nachlie, brachte Erleichterung. Aus dem Wald hervor tauchten die Mannschaften der Proviantkolonnen, die die ledernen Wasserscke bis in die Schtzenlinien schleppten, wo die Feldflaschen rasch gefllt wurden. Die Infanterie war ohne Tornister, nur mit dem Brotbeutel, der den Proviant und Patronen in ausreichender Zahl barg, ausgerstet ins Gefecht gegangen. Und zum zweiten Male ging die Sonne auf und noch lag man auf demselben Acker. Unablssig waren die Hgelzge, ber die sich die franzsische Artilleriestellung unabsehbar von Sdost nach Nordwest hinzog, wieder von einer fast lckenlosen Linie gelber, runder Feuerblitze umsumt. Bis jetzt hatte das Bataillon etwa 100 Mann verloren. Von den annhernd 60 Verwundeten waren die meisten whrend der letzten Nacht hinter die Feuerlinie befrdert worden. Nur die Toten mute man liegen lassen, hatte aber dafr gesorgt, da die Leichen sofort eingegraben wurden. Und wie richtig man dabei gehandelt, zeigte sich, als die stechende Sonne des schwlen Sommertages glhend auf den Ackerboden niederbrannte, und trotzdem machte sich der entsetzliche Verwesungsgeruch schon bemerkbar. Mittags 11 Uhr fiel der Major Brandstetter und Hauptmann von Unruh bernahm die Fhrung des Bataillons. Gegen 2 Uhr steigerte sich die furchtbare Hitze zur Unertrglichkeit. Matt wie die Fliegen lagen die Leute in den Schtzengrben, ein sparsames Feuer auf die jenseitigen Stellungen weiter fhrend. Die Luft war von braunen Staubmassen erfllt, in die sich der blaugraue Rauch ber den Artilleriestellungen mischte. Alles lechzte nach Khlung, aber man htte unntz Menschenleben verschwendet, wollte man von den Wasserpltzen hinter der Front die Truppen neu versorgen. Gegen 3 Uhr zuckte der erste Blitzstrahl zur Erde und ein furchtbares Gewitter ging hernieder. Eine graue Regenwand hllte die riesenhafte Front ein, so da beide Gegner sich aus den Augen verloren. Whrend die Blitze unablssig herunterknatterten und das Gebrll des Donners auch den Schlachtenlrm bertnte, wurde dieser gnstige Moment von der deutschen Heeresleitung geschickt ausgentzt. In rasendem Galopp ging die Artillerie vor und nahm die Stellungen, die man eigentlich erst in der darauffolgenden Nacht zu besetzen gehofft hatte. Als eine halbe Stunde darauf der Regen langsamer zu fallen begann, der Himmel sich aufklrte und nur dumpfe Donnerschlge sich noch in das Getse der Vlkerschlacht mischten, waren die deutschen Infanteriestellungen teilweise bis zu 1500 m weiter vorgeschoben. So verging auch dieser Tag. Der Verwesungsgeruch wurde infolge der nach dem Gewitter wieder einsetzenden Schwle jetzt so furchtbar, da jedes Bataillon froh war, wenn es Befehl erhielt die alten Positionen zu verlassen und vorwrts neue Schtzengrben aufzuwerfen. Im Ballon. Die Leere des Schlachtfeldes, diese charakteristische Erscheinung moderner Massenkmpfe, verlor sich, sobald man die beiderseitigen Stellungen vom Ballon aus beobachtete. Leutnant Wegemann befand sich im Fesselballon des 8. Korps. Die Gondel war vollgepfropft mit Instrumenten. Die Drhte zweier Telephonleitungen lagen in dem Drahtseil, welches den Ballon mit der Erde verband. Es war ein eigenartiges Gefhl mit dem Auge der geschwungenen Kurve der Stahltrosse zu folgen, die bereits in einer Entfernung von hundert Meter nur noch die Dicke eines Fadens zu haben schien und schlielich mitten in ein Fahrzeug endete, das sich von hier oben fast wie ein Gertewagen von der Feuerwehr ausnahm. Man konnte die Stellungen des Feindes und die eigenen an den dunklen Schtzenlinien, den dampfenden Erdwllen der Batterien und den kompakteren Massen der Reserven wie auf der Landkarte ablesen. Wie auf der Karte des Kriegsspieles daheim im Kasino schoben sich die Bataillone und Batterien hin und her, und whrend unten das Ohr betubt wurde von dem wsten, gellenden Gebrll der Feldschlacht, klang hier der Donner der Kanonen nur wie ein grollendes Gewitter. Drben zwischen den Geschtzen einer franzsischen Batterie flammten jetzt gelbe Blitze auf, schwarze Erdschollen sausten in die Luft, und am Rande der Rauchwolken explodierender Granaten sah man die dunklen Gestalten der Kanoniere sich platt auf den Boden legen. Eingeschlagen, murmelte Leutnant Wegemann, und dann zu der Ordonnanz neben ihm: Mller, geben Sie hinunter: Mehrere Volltreffer der Feldhaubitzabteilung des 23. Regiments, in franzsische Batterien rechts der Chaussee nach Suippes. Die rechtsanschlieenden Batterien durch indirektes Feuer mit derselben Elevation erreichbar. Die Ordonnanz wiederholte es mit hier in der dnneren Luft seltsam hart klingender Stimme in die Schallffnung des Telephons hinein. Man sah, wie unten neben dem breiten, schweren Ballonfahrzeug ein winziger Offizier die Meldung aufschrieb und ein Radfahrer auf der Chaussee sie bis zur Batterie hintrug. Wenige Minuten darnach verschwanden die beiden durch die Ballonmeldung bezeichneten franzsischen Batterien in einer durch die massenweis einschlagenden deutschen Granaten erzeugten Rauchwolke, in die dann im rasenden Galopp mehrere Protzen mit ihren Gespannen hineinsausten. Dann ein wster Knuel, und als sich der Qualm verzog, war der Boden bedeckt von dunklen Krpern und zappelnden Pferdeleibern zwischen den zerschossenen Geschtzen. Nur zwei Gespanne jagten in wilder Eile zurck ber das Feld mit den beiden geretteten Kanonen. Vergeblich sphte der Leutnant im Ballon mit seinem scharfen Trieder-Binocle nach Sdosten aus. Von dort mute ja die Entscheidung kommen, noch lie sie auf sich warten, aber sie kam. Die Gefechtsleitung. Anders wie im 70er Feldzuge sah es an der Stelle aus, von wo die unsehbaren Heeresmassen gegen einander dirigiert wurden. Nicht hoch zu Ro auf einem Hgel hielt der Heerfhrer, mit scharfem Auge die Front absphend und mit seinen Befehlen die Ordonnanzen in die Feuerlinie hetzend. Diese Szene, so malerisch auf Schlachtenbildern, war anders geworden im Laufe von 36 Jahren. An der Chaussee, die nrdlich von Rethel gerade auf ein kleines Dorf weit hinter der Feuerlinie fhrte, lag ein groer Gutshof, ber dessen schloartigen Hauptgebude die Fahne des Armeekommandos flatterte. ber den grauen Dchern der meisten Huser wiegte sich in der ruhigen Luft der kleine Fesselballon der Funkentelegraphie, dessen elektrische Drhte einmndeten in einen Schuppen, vor dem die gewichtigen Fahrzeuge der Funkspruchabteilung standen. Unablssig zischte und knatterte der Apparat, eine Meldung nach der anderen aus den Lften empfangend. Fortwhrend wanderten die weien Zettel mit den Meldungen hinber in den groen Gartensaal des Herrenhauses, in dem eine Reihe Tische zusammengeschoben und mit einer Karte im groen Mastbe belegt worden war. Auf ihr waren die beiderseitigen Stellungen durch Fhnchen und kleine Kltze markiert. Ein genaues Abbild dessen, was man vom Fesselballon aus sehen konnte. Hier verfolgte der Kommandierende, in tiefem Nachdenken vor den Tischen auf- und abgehend und die ihm zugestellten Meldungen mit einander vergleichend, den Gang der Schlacht. Neben dem Gartensaal hatte sich die Feldtelegraphie eingerichtet, die berallhin ihre Drhte abgerollt und teilweise unter Benutzung der franzsischen Telegraphen an der Landstrae sie nach allen Truppenabteilungen, bis in die Schtzenlinien hinein, verzweigt hatte. Dazu Telephonapparate in unendlicher Menge; ganze Drahtbndel zogen sich nach dem Gutshof hin. An ihnen lenkte, wie an den Drhten eines Marionettentheaters, der Hchstkommandierende die Bewegungen jedes einzelnen Bataillons. Hier waren die Entscheidungen zusammengedrngt auf den Raum eines Zimmers, und diese ungeheure Verantwortung machte sich geltend in einer ernsten Stimmung, die alle erfllte, die sich ihrer Wichtigkeit bei der Steuerung der Heeresmaschine bewut waren. Auf dem Hofe standen mehrere Automobile und Fahrrder, jeden Augenblick bereit, die Ordonnanzen bis in die Feuerlinie zu fhren. Daneben wieder die Rosse der Meldereiter, die querfeldein im Galopp herangejagt waren und nun die neuen Befehle fr die Truppenkrper erwarteten. Jetzt sprengte ein Gefreiter der Jger zu Pferde, den Chausseegraben in elegantem Sprunge nehmend, mit seinem Pferd auf den Hof, warf die Zgel einem Trainsoldaten zu und bergab einem Stabsoffizier eine Meldung. Ein freudiges Aufleuchten zuckte ber das Gesicht des Hchstkommandierenden, als er den Meldezettel berflog: Also endlich!, sagte er, ging an die Karte und markierte im Sdosten der deutschen Front eine neue Verschiebung im Gelnde. Und nun rasselten die Klingeln der Apparate, knatterte und sauste der Mechanismus der Funkentelegraphie und neue Befehle flatterten nach allen Seiten. Die Automobile keuchten und tuteten auf der Landstrae und mit einem Schlag kam ein frischer Zug in das Ganze. Da nahte von einer Husarenabteilung eskortiert eine Equipage und machte vor dem Gutshofe Halt. Mit strammen Gru machten die Soldaten und Offiziere einem jugendfrischen Manne in Generalsuniform Platz, der rasch das Gedrnge durchschritt und jetzt mit leichtem Gru beim Hchstkommandierenden eintrat. Der empfing ihn mit freudigem Zuruf: Majestt, die Entscheidung ist da, soeben erhalten wir den Funkspruch, da die Umgehung des Feindes von Sden her durch die drei Korps ber Vitry auf Chlons wirksam begonnen hat. Nach zwei Stunden darf unser entscheidender Gewaltsto einsetzen, und wenn die Sonne sinkt, hoffe ich, da unsere Kapellen den Choral von Leuthen spielen drfen. Die Entscheidung. Unablssig rollte das Kleingewehrfeuer, ohne Aufhren lrmte der Donner der Geschtze, und noch war kein Wanken, keine Bewegung nach vorwrts oder rckwrts in den eisernen Fronten beider Heere zu bemerken. Die Erde war von Geschossen durchwhlt und Zehntausende lagen mit zerschmetterten Gliedern auf den so hei umstrittenen Kampfplatze. Man fhlte berall instinktiv: jetzt nahte der gewaltige Augenblick, da die Hunderttausende der Volksheere pltzlich herauswuchsen aus den Hhlen und Grben der Erde, da sie gegen einander prallen wrden, um mit blanker Waffe die Siegespalme zu heischen. Ein Funkspruch vom Fesselballon des IV. Korps hatte gemeldet, da Teile der sprlichen feindlichen Reserven nach Sdwest abmarschiert waren, um auf der Innenlinie den rechten Flgel bei Chlons zu verstrken. Der Feind mute die Gefahr erkannt haben, wenn er eine solche Truppenverschiebung angesichts der deutschen Ballonposten unternahm und dadurch noch die Front schwchte. Zu gleicher Zeit meldeten mehrere Funksprche, da groe Munitionskolonnen zwischen den Forts von Reims in rascher Fahrt auf die franzsischen Artilleriestellungen dirigiert wrden, woraus zu schlieen, da dort Munitionsmangel herrschte. Und nach dem hitzigen Schnellfeuer whrend des ganzen Tages war das nicht zu verwundern. Tatschlich muten sich groe Truppenteile fast verschossen haben, denn der Geschtzkampf wurde um 4 Uhr nur noch schleppend weitergefhrt. Die Ungeduld der deutschen Bataillone war kaum noch zu zgeln. Und jetzt begann man kompagnieweise die Schtzenlinien langsam nach vorwrts abzubauen. An einigen Stellen gingen unsere Soldaten in groen Sprngen bis zu 200 m vor, und zwar ohne groe Verluste zu leiden. Denn das erwartete Schnellfeuer blieb aus. Nur vereinzelt pfiffen den vorstrmenden Truppen die feindlichen Kugeln um die Ohren. Jetzt galt es. Die Meldungen aus den deutschen Fesselballons berichteten, da mehrfach drben ein Stocken in den Munitionstransporten eintrat. Man sah hinter den feindlichen Batterien Ordonnanzen hastig nach rckwrts reiten, den Munitionskolonnen entgegen. Zwar wurde der Artilleriekampf weitergefhrt, aber mit geringem Erfolge. Gerade die dem IV. Korps gegenberstehenden Batterien fgten den Schtzenlinien kaum noch Verluste zu. Mehrere Telephonleitungen meldeten gleichzeitig: Feindliche Artillerie schiet nur noch mit Kartuschen. Eine nach Nordosten fhrende Chaussee durchschnitt, der Talsenkung eines kleines Baches folgend, ein welliges Hgelgelnde; der Straenkrper war in der Tiefe den Blicken des Freundes und des Feindes auf eine Strecke von annhernd zwei Kilometern entzogen. Jenseits auf der flachen Hgelkette lagen nur noch einige deutsche Kompagnien in einer kleinen Bodenwelle eingegraben, dazwischen groe Lcken freien Feldes. Da erscholl von fern das klappernde Gerusch tausender von Pferdehufen, die hart auf den Chausseekrper aufschlugen und hineinschwenkte in den breiten Hohlweg ein Kavallerieregiment nach dem anderen. Der Anmarsch der Reiter wurde den Blicken des Feindes -- den gegenberstehenden Fesselballon hatte ein Schrapnell kurz vorher heruntergeholt -- durch ein Gehlz entzogen und unablssig ergo sich der Strom der glnzenden Reitergeschwader in das Tal. Acht Kavallerieregimenter hielten hier gedeckt, in abwartender Stellung. Auf Ansbach-Bayreuth! Auf Ansbach-Bayreuth! Auf Ansbach-Bayreuth! Schnall um deinen Degen und rste dich zum Streit! Prinz Heinrich ist erschienen auf Striegaus sonn'gen Hhn, Die preuischen Truppen in Parade zu sehn. Schon tnt von den Hhen ein Morgengru, Der jeden Preuen begeistern mu, Drum Brder seid mutig, seid schnell und bereit, Wenn's Vorwrts heit! Auf Ansbach-Bayreuth! (Alter Text des Hohenfriedbergers.) Noch einmal wtete der Geschtzdonner los. Die Erde zitterte unter den Erschtterungen und die Luft war erfllt von todbringenden Geschossen. Dazwischen das Klappern und Knattern des Infanteriefeuers und der helle Klang der Maschinengewehre. Es war, als sei die Hlle losgelassen. Da schmetterten scharf und schneidend Trompetensignale in den Gewittersturm der Vlkerschlacht. Durch Hunderttausend zuckte es. Und whrend nun die acht Regimentskapellen gewaltig einsetzten und die machtvoll begeisternde Weise des Hohenfriedbergers ber das weite dampfende Schlachtgefilde dahinbrauste, schlug die dunkle Woge von Menschen- und Pferdeleibern an dem Abhang des Hohlweges empor. Im Nu war der grne Hang erklommen und jetzt jagten die blinkenden, rasselnden Reitergeschwader dahin ber die sanft nach vorn abfallende Ebene, im breiten Strome alles mit sich fortschwemmend. Ein herrlicher, herzerfrischender Anblick fr das Soldatenherz, nachdem man fnf Tage in Erdlchern versteckt, wie ein Maulwurf geduckt hinter den Rand des Schtzengrabens rastlos nur immer auf die rauchenden Hgel und die schieenden Ackerfurchen drben abgedrckt hatte. Die Schtzenlinien des Feindes stutzten. War dies ein Phantom, eine Tuschung der erregten Sinne? Es galt, die wenigen Minuten auszukaufen, bis die dichte Wand von flatternden Pferdemhnen, von blitzenden Reitersbeln, das schreckliche Gatter von wirbelnden Lanzen, diese donnernde Staublawine, unter der die Erde von tausendfltigem Hufschlag erdrhnte, heran war. Man hatte auf deutscher Seite gut beobachtet, die franzsische Infanterie hatte sich bis auf wenige Patronen verschossen und die deutschen Geschtze hatten durch ein aus allen Kalibern ohne Pause fortgefhrtes Schnellfeuer die feindlichen Munitionskolonnen, in denen Dutzende von Wagen aufflogen, von der Feuerlinie ferngehalten. Hinter den Positionen der Artillerie und den Schtzenlinien hatten die deutschen Granaten, hatten die Schrapnells mit ihrem Bleiregen eine Feuerzone geschaffen, die kein lebendes Wesen passieren konnte. Zwar rissen die letzten Granaten der franzsischen Batterien groe Lcken in die deutschen Schwadronen, wohl sank Mann und Ro dahin im wsten Knuel der Vernichtung, aber der Gedanke an die leeren Patronentaschen erzeugte drben angesichts der Reiterattacke einen lhmenden Schrecken. Und dieses Gefhl der Hilflosigkeit lie in den Reihen der franzsischen Regimenter die durch die fnftgige Schlacht entnervt und in ihrer Widerstandskraft erschttert waren, jetzt eine Panik entstehen. Ja, wenn die Artillerie jetzt Karttschen gehabt htte, ein einziger Munitionswagen konnte dem Verhngnis wehren! Bei der schnell sich verringernden Distanz hatte das planlose Schieen der franzsischen Schtzenlinien nur geringe Wirkung. Jede Feuerleitung fehlte. Von der Angst vor dem herannahenden Furchtbaren jeder klaren berlegung beraubt, verpulverte man die wenigen letzten Patronen sinnlos, zwecklos; die Befehle der laut schimpfenden, erregten Offiziere widersprachen sich fortwhrend. Im instinktiven Selbsterhaltungstrieb ballten sich die Kompagnien zu einzelnen Massen zusammen, um bei dem Bajonett die Rettung zu suchen. Die verhngnisvolle Gefahr des Kleinkalibers, die Munitionsverschwendung, hatte sich hier schrecklich geltend gemacht. Jetzt war die lange Linie der deutschen Kavallerie heran und brach in die feindlichen Reihen ein. Blinkende Sbel, wuchtige Hiebe, zertretene Menschen, hochaufsteigende Pferde, ein kurzer, aussichtsloser Kampf und schon waren die deutschen Reiter zwischen den franzsischen Batterien, alles vor sich niederwerfend. Lhmendes Entsetzen trug dieser durchschlagende Erfolg eines Kavallerieangriffes auch in die Reihen der franzsischen Reserven, die jetzt einfach ausrissen. Der schlecht geleitete und zaghaft durchgefhrte Gegensto zweier franzsischer Bataillone versagte vllig. Im Nu waren die deutschen Reiter zwischen den flchtenden Franzosen. Einzelne Carrs, die sich zusammenzuballen suchten, wurden niedergeritten. Schwere Pferdeleiber im Ansprunge die Bajonette niederdrckend und im Todeskampfe mit den Hufen die Infanteristen zerschlagend, rissen groe Breschen in die Fronten, durch die die langsam dnner werdenden Linien der deutschen Regimenter immer weiter vorwrtsstrmten. Der Rest der Schwadronen jagte jetzt nach links und rechts abschwenkend, davon. Die Riesenaufgabe der tapferen Reiter war gelst. Als sich die Coulissen der Kavallerieregimenter nach beiden Seiten auseinanderschoben, strmten hinter ihnen im unwiderstehlichen Anlauf die deutschen Schtzenlinien heran. Von allen Seiten klang das Angriffssignal: Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp ber das Feld, weckte den teutonischen Kampfeszorn und trug den Sturmlauf der deutschen Regimenter mitten in die durch den Kavallerieangriff gebrochene Lcke. Vier franzsische Schtzengrben bis an den Rand mit zerstampften Menschenleibern gefllt, vier zerschossene Batterien zwischen deren Geschtzruinen sich kein Leben mehr regte, lagen bereits hinter der deutschen Angriffsfront, und immer mehr Bataillone fluteten hinein in diese nach beiden Seiten rasch weiter reiende Bresche mit der das franzsische Zentrum an einer schwachen Stelle durchbrochen war. Aber schon schob der Feind von beiden Seiten Truppen vor, um das Loch wieder zu stopfen. Doch umsonst. Die deutsche Artillerie war schon heran, nistete sich hinter einem Eisenbahndamme ein und bng ... bng ... bng ... knatterte das Feuer der Maschinengeschtze in die Reihen der franzsischen Kavallerieregimenter, sie in wenigen Minuten mit einem Sprhregen von Geschossen niedermhend. Es war eben ein Unterschied, ob eine Reiterattacke auf einen aus gedeckter Stellung feuernden, siegreichen Feind oder auf erschtterte Infanterie ansetzt die nur noch die letzte Patrone im Laufe hat. Auf dem Manverfelde sieht beides fr das Laienauge gleich aus und die Biertischstrategen, die sich ber die sinnlosen Kavallerieattacken so sehr emprten, sie hatten immer nur das eine vergessen, da niedergekmpfte Infanterie nicht mehr schiet. Hinter dem Eisenbahndamm stand die rasch vorrckende deutsche Artillerie sehr bald in Strke von zwei Regimentern, die nun mit Schrapnells unter den flchtenden franzsischen Bataillonen frchterlich aufrumte. Und nun begann die regellose Flucht. Von Sdosten her war der rechte franzsische Flgel umfat und aufgerollt worden. Das Zentrum war gegenber Rethel durchstoen und berall vor der franzsischen Front wuchsen jetzt aus der Erde die Massen der deutschen Bataillone empor. Es gab kein Halten mehr und vor allem fehlte jede Disposition des Rckzuges auf feindlicher Seite. Die franzsischen Korpsfhrer verloren die Leitung ber ihre Truppen. Vergebens, da sich die Offiziere mit dem Revolver in der Hand den Fliehenden in den Weg warfen; vergebens, da sie diesen oder jenen niederschossen, die zurckflutende Woge ri auch sie mit sich fort, und wollten sie nicht unter den Stiefeln ihrer Leute enden, so muten sie mit dem Strome schwimmen. hnlich war es auf dem linken Flgel, wo sich die englischen Bataillone lnger hielten und durch die siegreichen Vorste der Deutschen isoliert, teilweise bis auf den letzten Mann ihre Positionen verteidigten. Die deutsche Artillerie, deren Geschosse zuweilen selbst in die eigenen Sturmkolonnen einschlugen, hielt jeden Versuch einer Gegenoffensive nieder. Die Schlacht war entschieden. Auf dem Rckzuge der einzelnen franzsischen Korps fehlte jede einheitliche Fhrung. Nur einige gewannen die Strae nach Paris und nach Sdosten, die meisten Regimenter trieb wahnsinnige Angst und die volle Deroute zwischen die Forts von Reims und Laon, wo sich die Hunderttausende nunmehr stauten, whrend die deutschen Granaten unablssig in die Scharen der Flchtenden einschlugen. Es gab kein Halten mehr auf dieser Flucht. Die deutsche Kavallerie, deren ganze Kraft rcksichtslos eingesetzt wurde und bei der aus Mann und Ro der letzte Atemzug herausgeholt wurde, lste auf der Verfolgung jeden Truppenverband des Feindes auf und was sich nicht um Reims konzentrierte, -- die Feldbefestigungen vor Laon fielen noch am Abend den Deutschen in die Hnde, worauf die mit Menschen gefllte Stadt, die unablssig bombardiert wurde, um Mitternacht kapitulierte -- war keine Armee mehr, nur noch ein wstes Gemenge erschpfter, um ihr armes Leben sorgender Menschen, die keinen Widerstand mehr zu leisten im stande waren. Die englische Armee, die auf dem linken Flgel gestanden hatte, war ebenfalls zersprengt, und zog sich in vlliger Auflsung nach Sdwesten zurck. Der grte Teil ihrer Artillerie und ihr schwerflliger Tro fiel den Deutschen in die Hnde. Die Nacht. Die Flucht der franzsischen Regimenter erfolgte konzentrisch auf Reims. Die Batterien, die eine Stellung nach der andern aufgeben muten, fuhren rcksichtslos querfeldein, Verwundete mit den Hufen der Pferde zerstampfend und mit den Rdern der Protzen und Geschtze zermalmend, fliehende Truppenkrper zerreiend und durchbrechend, dafr von den eigenen Leuten in wilder Entrstung zuweilen mit Gewehrschssen bedacht. So lste sich alle Ordnung auf. Die beiden von Nordosten und Sdwesten sich langsam vorschiebenden Frontlinien des deutschen Heeres nahmen die fliehenden Hunderttausende gewissermaen in eine Zange, deren Flgel sich immer enger zusammenschlossen. Wo auf deutscher Seite noch Reserven vorhanden waren, schob man diese jetzt in die Front und lie die vllig erschpften, bei den entscheidenden Sturmangriffen furchtbar dezimierten Regimenter auf dem Schlachtfelde an Ort und Stelle biwakieren. Von Biwakieren war freilich nicht viel die Rede, die Mannschaften sanken, bis auf das uerste ermdet, in ihren letzten Kampfpositionen einfach um, und die Ermattung war so stark, da kaum jemand an Abkochen und Proviantfassen dachte. Nicht einmal zum Feuermachen reichte die Energie mehr aus. Nur schlafen, bis ins Unendliche schlafen, war der einzige Gedanke, der noch in diesen automatischen Maschinen lebte. Und so lagen sie bataillonsweise, kompagnieweise hingemht und versanken in einen traumlosen, bleiernen Schlaf, whrend nur ein paar Posten Wache hielten, um den vorbeipassierenden Truppenteilen den Weg zwischen dem schlafenden Heere nach vorn zu weisen. Und unablssig ging es vorwrts in dem blutroten, grausigen Dmmerschein der Sommernacht, die durch den lodernden Brand der Stdte und Drfer erhellt wurde, als stnde eine Welt in Flammen. Von fernher klangen ber das Schlachtfeld die alle Lebensgeister weckenden Weisen unserer Armeemrsche und bertubten das Gewimmer der Verwundeten und den Verzweiflungsschrei der Sterbenden. Neben den erschpften Helden der Fnftageschlacht schliefen die anderen Zehntausende den ewigen Schlummer. Die schwarzen Schlangen marschierender Bataillone schoben sich auf die Stelle zu, wo aus dem Festungsgebiet von Reims wster Waffenlrm herberdrang, wo der Feuerschein der brennenden Lager aufstob zum Himmel. Ohne Aufhren ging es vorwrts und neben und zwischen den Truppen die langen Wagenreihen der Ambulanzen, die kaum im stande waren, auch nur die notdrftigste Hilfe in dieser schrecklichen Nacht zu bringen. Einer solchen Zahl von Opfern gegenber erlahmte die hilfreiche Hand des Arztes. Als die Tete eines der letzten Reserveregimenter, -- eben aus der Heimat eingetroffen -- den Eingang des Dorfes Grandcourt passierte, waren die Sanittssoldaten gerade am Werke, die niedrigen Huser der langen Dorfstrae in Lazarette umzuwandeln und mit den verwundeten Kriegern zu belegen, die eine Sanittskolonne herangefhrt hatte. Da auf der linken Seite der Strae ein von den Franzosen bei ihrem Rckzuge stehengelassener Wagenzug mit Lagermaterialien und einige zwanzig mit Heu und Stroh hochbeladene Bauernwagen die Passage sperrte und auf der rechten Seite die Fahrzeuge der Sanittskolonne vor den Haustren hielten, war die nicht sehr breite Dorfstrae fast vllig verstopft. Die ersten Kompagnien des Regimentes rckten daher nur bis in die Mitte des Dorfes vor und machten dann Halt, damit vorne erst Platz geschaffen wrde. So standen die Kompagnien eingeteilt zwischen den beiden langen Wagenzgen und warteten eine Viertelstunde nach der anderen. Um den Eindruck abzuschwchen, der erfahrungsgem uerst deprimierend auf jeden Soldaten wirkt, wenn er noch vor dem Kampfe die jmmerlich sthnenden Opfer der Schlacht und ihre blutenden Glieder vor Augen bekommt, lie der Regimentskommandeur die Musik einige Mrsche spielen, die ihre alte Zauberkraft, den schlummernden Kampfesmut zu wecken, auch hier wieder wirksam erwiesen. Schmetternd klang der Torgauer durch die von den Schrecken des Krieges erfllte lange Dorfstrae, zwischen den Husern mannigfaltiges Echo weckend und die Schmerzensschreie der Verwundeten bertnend. Rings war der Himmel vom Brandschein gertet. Leise strich der Nachtwind ber die Reihen derer, die dem Kampfe entgegengingen und die armen Opfer der Feldschlacht, die mit zerschossenen Gliedern zurckgebracht wurden. Die Huser auf der rechten Seite der Dorfstrae waren bereits mit Verwundeten gefllt, jetzt begann man auch die auf der linken Seite zu belegen, wobei die Sanittsleute mit ihrer schrecklichen Last die Reihen der Kompagnien passieren muten. Eben trug man einen Obersten hinber, der einen Schu durch die Lunge erhalten hatte, und wollte ein weiteres Haus ffnen. Es war verschlossen; ohne weiteres wurde die Tr eingestoen und mit ihr zugleich strzten zwei Soldaten in die dunkle Hausflur. Als hier der Besitzer mit einer Laterne in der Hand erschien und einem Feldwebel, der ihm entgegentrat den Eingang verwehren wollte, wobei er in verzweifelter Erregung einen unverstndlichen Wortschwall hervorsprudelte, schob man den Mann einfach beiseite, und die Tragbahre, auf welcher der Oberst lag, wurde gerade in den Hauseingang hineingetragen, als dieser pltzlich erhellt wurde. Ein altes Weib, dem die grauen Haare wild um den Kopf flatterten, strmte, einen brennenden Holzscheit schwingend heraus, schlug mit diesem dem verblfften Feldwebel ins Gesicht, stie ihn zur Seite, da er auf der Hausflur hinkrachte, und drngte sich an den Sanittssoldaten vorbei. Die rasende Megre stand pltzlich auf der Strae, wilde Verwnschungen kreischend. Ein Leutnant der ersten Kompagnie, dem angesichts der grlichen Gefahr der Herzschlag stockte, entri einem Soldaten das Gewehr. Einen Moment, und er hatte sich zwischen den beiden nchsten Heuwagen durchgewunden und holte zu dem vernichtenden Schlage aus; wie vom Blitze gefllt lag das Weib mit zerschmettertem Schdel im Straenkote. Um einen Atemzug zu spt, denn schon war das Furchtbare geschehen: im letzten Moment hatte die Hexe ihr teuflisches Vorhaben noch ausgefhrt. Im hohen Bogen hatte sie die brennende Latte oben auf den nchsten Heuwagen geschleudert. Fauchend und rauschend fuhr der Nachtwind hinein in das Heu, und im Nu stand der Wagen in lichten Flammen, die dem Windzuge folgend mit Gedankenschnelle den nchsten ergriffen, und bevor man sich noch von der Erstarrung erholt hatte, war die Dorfstrae ein blendendes sausendes Flammenmeer. Das Heu brannte, das Stroh brannte, die rote Glut spritzte nach allen Seiten; die Huser brannten. Wohin man sah, gelbe und rote Flammen, schwlender Rauch, der in den Augen bi. Strzende Wagen, die Glutlawinen ber die Strae schtteten, knatternde Sparren, ein feuriger Regen von zerstiebenden, brennenden Schindeln und dazwischen wimmernde, ratlos hin und her laufende, rettende und sich gegenseitig anrennende Menschen. Im roten Feuerschein erstrahlten die Gewehrlufe, die Bajonette, mit denen man die Glut auseinander zu reien suchte; vergebens, in diesem feurigen Graben war keine Hilfe mglich. In der flackernden Brandung, die brausend auch die Sanittswagen ergriff, erschien pltzlich ber dem ersten, wie hingezaubert gegen den brandroten Hintergrund, die in dem scharfen Luftzuge heftig flatternde weie Fahne mit dem Genfer Kreuz. Ein einziger, furchtbarer Verzweiflungsschrei durchgellte diese Szene der Vernichtung. Kaum geborgen unter dem schtzenden Dach sahen die hilflosen Verwundeten sich rettungslos dem Flammentode preisgegeben. Wildes Geschrei, laute Kommandos, ein Durcheinander von hin und her hastenden Menschen. Die Kompagnien waren von der Dorfstrae verschwunden. In die Haustren eindringend, griffen sie rasch zu, um ihre verwundeten Kameraden aus dieser brodelnden Hlle nach rckwrts durch die Hfe der Huser ins Freie zu retten. Aber nicht mehr berall gelang es, und nach entsetzlichen Szenen verzweifelter Rettungsversuche mute man acht Huser -- und es waren gerade die am dichtesten mit Verwundeten belegten -- ihrem schaurigen Schicksal berlassen. Whrend aus jenen Unglckshusern, mitten aus der Flammenglut der herzzerreiende Todesschrei hilfloser Menschen in die Finsternis hinausdrang, whrend das Dorf langsam wie eine lodernde Fackel niederbrannte, tnten drauen von allen Seiten des Schlachtfeldes herber die Militrkapellen der vorrckenden Truppen, den zwischen brennenden, strzenden Bretterwnden dem Tode rettungslos Geweihten die Siegeskunde zutragend, der Choral von Leuthen: Nun danket alle Gott. Als das fahle Morgenlicht heraufdmmerte, sumten nur noch rauchende, schwarze Brandruinen die lange Dorfstrae. Ein Germpel von eisernen Radreifen und Deichselbeschlgen zwischen der dampfenden Holzasche lie noch die Trmmer des Sanittszuges und auf der anderen Seite die der franzsischen Wagen erkennen. Dazwischen verkohlte menschliche Krper. Vor den zusammengestrzten Lehmmauern eines Hauses sa, in zerrissener verbrannter Uniform, der Oberst jenes Regiments, auf einem Prellstein. In seinem Schoe hielt er das Haupt eines junges Offiziers, dessen schauerlich verwundeter und verstmmelter Krper kaum noch menschliche Formen hatte. Stumpfsinnig nickte er vor sich hin, das einzige lebende Wesen auf dieser Sttte grlicher Vernichtung. Eine im scharfen Trabe heranrollende Batterie bahnte sich soeben ihren Weg durch den Brandschutt auf der Dorfstrae. Nur im Schritt vermochte sie hier vorzurcken, damit sich die Pferde nicht in den Wagentrmmern verfingen. Unter den schweren Kanonenrdern knirschte und knackte das verbrannte Holzwerk. Jetzt war das erste Geschtz bei der Gruppe auf dem Prellstein angekommen. Der Batteriechef stieg vom Pferde und trat an den Obersten heran, grte und fragte: Kann ich helfen, Herr Oberst. Der aber stierte ihn blde an: Wir wollen nach Hause gehen, Ludwig, Mutter wartet. Der Oberst war in jener Schreckensnacht, als er vergebens versucht hatte, seinen schwer verwundeten Sohn aus dem brennenden Hause zu bergen, irrsinnig geworden. Aufs Tiefste erschttert stieg der Batteriechef wieder zu Pferde und langsam mit den Rdern in dem schweren Schutt knirschend und ber verkohlte Leichen hinwegrollend, setzte die lange Reihe der Geschtze ihren Weg fort. Staub zum Staube, Erde zur Erde. Nach einer Woche kapitulierte die Lagerfestung Rheims. Wste Szenen ohnmchtiger Erbitterung hatten sich in dem weiten Rayon zwischen den Forts abgespielt. Der Proviant ging zu Ende und das unablssig von deutscher Seite fortgefhrte Bombardement demoralisierte die eingeschlossene Armee so vollstndig, da das Oberkommando auf franzsischer Seite, zumal sich ernstliche Reibungen zwischen den einzelnen Korpsfhrern geltend machten, auf einen Ausfall aus der Festung und auf weiteren Widerstand verzichtete. Daheim. Es war leer geworden in der Heimat seitdem das Volksheer drauen stand. Die wirtschaftlichen Betriebe stockten und soweit die Fabriken ihre Ttigkeit nicht vollstndig eingestellt hatten, arbeiteten sie mit einem Viertel ihrer frheren Kraft. Da der Handel gnzlich lahm gelegt war und auch die Hnde fehlten, die Waren des Ausfuhrhandels herzustellen, lie man die Kessel abblasen und die schnurrenden Rder stillstehen. Wozu auch noch arbeiten, da die englische Blockade die Hfen schlo? Nur die Betriebe, die fr die unmittelbarsten Lebensbedrfnisse des Volkes und fr die Versorgung der Armee arbeiteten, wurden vollstndig aufrecht erhalten. Auch bei der Ernte fehlten die Arbeiter, und hier griff man zu dem einfachen Mittel, das zunchst etwas verblffend wirkte, dann aber allerseits als berechtigt anerkannt wurde, den nationalen Wehrdienst in nationale Arbeit umzuwandeln. Wie man in Friedenszeiten militrische Krfte herlieh, um die Erntearbeiten zu vollenden, so berief man jetzt die Landsturmpflichtigen zweiten Aufgebotes ein, die aus Leuten bestehen, die entweder wegen geringer, krperlicher Fehler vom Wehrdienst befreit, oder nach abgeleisteter Wehrpflicht zu alt waren, um ins Feld zu rcken. Als die Zeit der Ernte herannahte, sah man drauen auf den Feldern im Schweie ihres Angesichtes behbige Landsturmleute an hochbeladenen Bauernwagen stehen, sah man sie die Ernte bergen und die Garben schichten. Professoren und reiche Kaufleute, junge und alte Mnner jeden Berufes, alle wurden sie herangezogen, um die Hnde zu ersetzen, die hier in der Heimat fehlten, weil des Volkes Shne drauen jenseits der Grenze im harten Kampfe des Reiches Schicksal zum Siege wandten. Unter Murren zwar anfangs, bald aber in voller Wrdigung der Lage, unterzogen sich alle mit erfreulichem Eifer den Pflichten, die das Vaterland auch auf diesem Gebiete von seinen Brgern forderte. Es war still und einsam geworden daheim und so rechte Andacht zur Arbeit hatte man nirgends. Immer wieder drang der Ruf der Extrablattverkufer hinein in die Werksttten, in die Schreibstuben und Kontore. Und wieder stand man an den Straenecken und vor den Zeitungsredaktionen in dichten Haufen. Immer wieder dasselbe Bild, Monat fr Monat. Wenn die weien, siegverkndenden Bltter hinausflatterten auf die Strae, dann brach der Jubel los: Noch ein Sieg -- zu Lande. Zu lodernder Begeisterung erhoben sich die Herzen, wenn der Telegraph die Kunde brachte, da unsere braven Truppen wieder den Feind geschlagen in schier endlosem Kampfe. Aber dann Tage darauf, wenn die anderen Meldungen kamen, die langen, eng bedruckten Seiten mit den Listen der Gefallenen und Verwundeten, dann ward es still unter den dichtgedrngten Scharen, die diese nchternen Reihen von Namen und Zahlen mit eiligem Blick durchflogen, nach einem geliebten Namen forschend und erleichtert aufatmend, wenn er nicht darunter war. Es war ein wunderbar ergreifender Anblick jedesmal, wenn die Verlustlisten herauskamen, wenn sie an die Plakatsulen angeheftet wurden und Hunderte diese riesigen Bltter umlagerten. Wenn dann einer der Zunchststehenden die Namen langsam buchstabierte und mit der ungeschickten Betonung des einfachen Mannes laut vorlas, horchten alle mit gespannten Sinnen und in stummer Teilnahme machte man Platz, wenn dieser oder jener pltzlich zusammenzuckte, wenn ihm die Trnen ber die Wangen rollten und er sich leise davonschlich. Und weiter ging die endlose Reihe der Namen, immer neue, es war der letzte Appell fr die, welche drauen ihr Leben gelassen. Und dann geschah es, da mitten unter der Menge ein junges Weib aufschrie und im dumpfen Schmerz heimwrts wankte, ihr Kindchen an der Hand fhrend, nunmehr eine vaterlose Waise. Dann streichelte der Kleine die Hand der weinenden Mutter und fragte: Kommt Vater nicht wieder zurck? Nimmermehr, nie wieder! O, welch ein Schicksal liegt in diesem Worte: nie wieder! Wie viel blhendes Leben zertrat dieser grausame blutige Krieg! Wenn sie dann heimkehrten die langen Wagenzge, wenn auf den Bahnhfen die Transportwagen der Krankenhuser und Lazarette hielten, um die zerschossenen, die wunden und kranken Opfer aufzunehmen und dorthin zu bringen, wo menschliche Kunst sich oft vergebens abmhte, Leben zu erhalten und zerschmetterte Glieder zu heilen. Wie der Krieg die wildesten Leidenschaften entfacht, wie er die tierischen Instinkte aufpeitscht, wenn der Soldat die Waffe auf einen Gegner richtet, der ihm persnlich nichts zuleide getan, der ihm unbekannt und gleichgltig, auch ein Mensch, um dessen Leben daheim Weib und Kinder zittern, um den sich die Eltern sorgen, um ihn, der nun zum Manne erwachsen die Sttze ihres Alters sein sollte. Mensch zu Mensch, nur verschieden nach dem Volksempfinden und nach den Farben der Uniform. Ja die Kugel ist eine Trin, dieses kleine Stckchen Metall, es wei nicht, von wannen es kommt und wohin es fhrt, und welche Trnensaat dem Boden entspriet, auf dem sein Opfer verblutet. Der Krieg, der die niedrigsten und hchsten Instinkte der Menschheit entfesselt, sie zur Sonnenhhe emporhebt und in Nacht und Grauen finsterer Leidenschaften hinabstt, er weckt auch die hchste Blte des Mannestums, die _Kameradschaft_. Und mit Staunen sahen die Shne des Volksheeres, die, sich dem Diensteid zufolge und der Soldatenpflicht gehorchend, dem Befehl der jungen Offiziere beugten, daheim auf dem Kasernenhofe und jetzt im Schlachtendonner, wie diese Jnglinge in wenigen Wochen zu Mnnern erwuchsen, die sich eins fhlten mit dem Volke in Waffen, ber das sie nur das Kommandowort erhob. Lcherlichen Dnkel und kleinliche berhebung drckte die Gewalt des Krieges bald zu Boden. Jetzt, wo _ein_ Schicksal ber alle entschied, verwischten sich auch die von Menschenwitz ausgeklgelten Standesunterschiede. Mensch zu Mensch. Die Soldaten hingen mit kameradschaftlicher Bewunderung und Liebe an ihren Fhrern, von denen sie wuten, da sie sich keine Ruhe gnnten bevor der letzte Mann nicht versorgt war. Gewi, es gab Ausnahmen, aber sie blieben Ausnahmen. Trotz der strengen Disziplin wurden auch Flle hlicher Ausschreitungen bekannt, die eine harte Strafjustiz erforderlich machten. Aber das war sicher, wer drauen durch eine Kugel auf dem Sandhaufen endete, und die, welche ohne die militrischen Ehrenzeichen heimgeschickt wurden, die wren auch daheim dem Spruche des Staatsanwaltes verfallen. Es blieben Ausnahmen, hliche Ausnahmen, gegenber der Masse von herrlichen Beispielen deutscher Soldatentreue, von Kameradschaftlichkeit und schonender Milde gegenber dem besiegten Feinde. Immer neue Schlachten, neue Siege und neue Verlustlisten. Wie lange sollte dieses furchtbare Ringen noch dauern, das die Lnder entvlkerte und die jugendfrische Blte der Nationen unter dem grnen Rasen bettete? Daheim lagen tglich Millionen auf den Knien und flehten zum Himmel, da er dem mrderischen Schlachten, den Blutopfern des Volkes ein Ende machen mge. Und immer neue Schlachten, neue Gefechte, neue Verlustlisten. Immer mehr Menschen erschienen daheim in schwarzer Kleidung, lebten mit verweinten Augen ihr Alltagsleben stumm und teilnahmslos dahin, ein Leben, dem jede Zukunftshoffnung fehlte, ein Leben, vor dem sich erdrckende Sorgen trmten, und immer neue Schlachten. Es war etwas anderes, drauen im Feindeslande dem Gegner frei und offen ins Auge zu sehen, die Waffe in der Hand, die die Entscheidung barg; anders daheim, wo man den Klang der Siegestrommeten nicht hrte, wo man nur die langen Zge der Verwundeten sah und nur die Opfer zhlte, die dieser Riesenkampf tagtglich erforderte. Als der Herbst kam. Antwerpen wurde belagert, Cherbourg und Le Havre wurden belagert, Brest wurde durch grere Streitkrfte von der Landseite aus beobachtet. Auf eine eigentliche Belagerung von Paris hatte man verzichtet und sich damit begngt, die groen Zufahrtsstraen nach der Hauptstadt durch starke Beobachtungskorps besetzt zu halten und einen weiten Ring um den riesigen Fortsgrtel zu legen. Die dadurch halb und halb eingeschlossene und lahmgelegte Besatzung von Paris, bestand aus 200000 Linientruppen und 100000 Mobilgardisten, die aber, wie die ersten Ausfallsgefechte bewiesen, wenig kriegstchtig waren. Durch eine sinnreiche Staffelung der deutschen Beobachtungskorps, verbunden mit einem komplizierten Signal- und Nachrichtendienst, der mit allen Mitteln der modernen Technik, mit Fesselballons, Funksprchen, Heliographen, Automobilen u. s. w. arbeitete, war es bisher gelungen, bei jedem Ausfall den die Pariser unternahmen, die Massierung der franzsischen Truppen zwischen der Stadt und den Forts rechtzeitig vom Ballon aus zu erkennen und ehe der Kampf begann, auf dem Schlachtfelde jedesmal strker zu sein, als der angreifende Feind. Die meisten franzsischen Anlufe endeten schon vor den deutschen Drahthindernissen. Durch Anlegung breiter Minenfelder ^ cheval^ der Straen, auf denen der Anmarsch des Feindes erfahrungsgem erfolgte, wurde ein weiteres Sperrmittel geschaffen, das mit seiner furchtbaren Explosivkraft auch eine moralische Einwirkung auf die Angriffslust ausbte. Eine Truppe, die stets darauf gefat sein mute, -- und wo waren keine deutschen Minen! -- da die Erde kilometerweit unter ihr aufri und da der Stein- und Eisenhagel der Dynamiteruption Hunderte vernichtete, war an sich schon unsicher im Anmarsch und ging schlecht ins Gefecht. Smtliche Versuche, den Ring der deutschen Beobachtungskorps zu durchbrechen, waren bisher gescheitert, und trotz der in Paris angehuften riesigen Vorrte begann sich in der Millionenstadt bereits ein Mangel an Nahrungsmitteln geltend zu machen, wenn er auch noch nicht in irgendwie drckender Form fhlbar wurde. Mehr als die Hlfte Frankreichs war im Besitz der verbndeten Heere. In einem groen Bogen von der Loiremndung ber Orleans bis Lyon standen die deutschen Armeen von dort bis sdlich Lyon die sterreicher, die jedoch in den Gebirgen von Lyonnais gegenber den mit dem Terrain vertrauten franzsischen Truppen sehr wenig wirkliche Erfolge aufzuweisen hatten. Das untere Rhne-Tal und die sdfranzsische Kste war mit Ausnahme des von der Landseite belagerten Hafens von Toulon und Marseilles, dessen geschickt angelegten Feldbefestigungen noch standhielten, in den Hnden der italienischen Armee; ihr Hauptquartier befand sich zur Zeit in Nmes. Die franzsische Regierung hatte sich von Paris nach Bordeaux geflchtet und hatte in den ihr noch zur Verfgung stehenden Landesteilen die ^leve en masse^, wie 1871 organisiert, allerdings bei der Krze der Zeit ohne den erhofften Erfolg. Die englischen Truppen bildeten von der Loire-Mndung bis etwa Bourges den linken Flgel der langgestreckten Stellung, die die franzsischen Korps in einem Halbrund sich anlehnend an die Gebirgsketten Mittelfrankreichs einnahmen. Der rechte Flgel, wo sich auch die spanischen und portugiesischen Truppen befanden, stand mit der Front fast direkt nach Osten gerichtet bis zur Meereskste hinunter den Italienern gegenber. In Brest und Cherbourg befanden sich starke englische Streitkrfte, sie stellten auch neben den belgischen Truppen das Hauptkontingent der Verteidiger Antwerpens. Diesen letzten vom Feinde gehaltenen Pltzen in Nordfrankreich fhrte die englische Flotte fortgesetzt neues Material an Geschtzen, Munition, Proviant und Truppen zu. Jede von den deutschen Geschtzen zerschossene Position wurde bald wieder ausgebessert und hinter den zerstrten Auenwerken erhoben sich immer neue Reihen von Schanzen, gegen die nur ein langsames Vorrcken mglich war. Andererseits war von deutscher Seite ein ernsthaftes Vorgehen nicht einmal beabsichtigt, da man mit den englischen Zufuhren rechnend, sich darauf beschrnkte, zu verhindern, da die drei Seefestungen zu Einfallstoren fr neue Armeen wurden. Gegen Ende des Sommers war der Krieg nach den ungeheuer verlustreichen Feldschlachten eine Zeit lang zum Stehen gekommen; man war auf beiden Seiten bestrebt, die riesigen Einbuen an Mannschaften zu ersetzen und wollte dann von deutscher Seite im Oktober mit dem konzentrischen Angriff von Norden und Osten her beginnen, war aber durch die geringen Erfolge der sterreicher und Italiener gezwungen, die Entscheidung noch hinauszuzgern. Zur See war die deutsche Flagge verschwunden, ebenso die italienische und die sterreichische. Die Reste der deutschen und italienischen Flotte wurden durch das feindliche Geschwader in den Hfen blockiert. Das Weltmeer war einsamer geworden und die gewohnten Straen des internationalen Dampferverkehrs waren verdet, da auch die meisten englischen Handelsdampfer zu Transporten zwischen den heimischen Hfen und den belagerten franzsischen Kstenpltzen, sowie zur Verproviantierung der englischen Blockadeflotte in der Nord- und Ostsee und im Mittelmeer herangezogen waren. Vielen deutschen Ozeandampfern war es gelungen, sich in nord- und sdamerikanische Hfen zu flchten; teils lagen sie dort still am Hafenkai, oder sie waren durch Scheinkufe in amerikanische und in die Hnde von Reedern der sdamerikanischen Republiken bergegangen. Wo aber die deutsche Flagge im berseeischen Handelsverkehr verschwunden war, war sie berall durch das Sternenbanner ersetzt worden. Die Union machte sich in allen Erdenwinkeln die gnstige Situation, da sich ihre beiden Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt in erbittertem Kampfe gegenseitig zerfleischten, zu nutze, und trat mit ihren Handelsagenten berall in die entstandenen Lcken ein, eine Position nach der anderen mit ihren Schiffen und ihren Preiscourants erobernd. Nicht geringe Energie entwickelten auch besonders im Indischen und im Groen Ozean die _japanischen_ Kaufleute, die nach jeder Gelegenheit aussphten, an verwaister Sttte festen Fu zu fassen. ber die Phrasen von der offenen Tr und andere Talmiwerte europischer Diplomatie war man in dem wilden Wettlauf um die Handelsherrschaft jenseits des Meeres lchelnd hinweggeschritten. Auch die Theorien der Neutralittspflichten hatten nur noch Makulaturwert. Nur der eigene Vorteil war noch die Richtschnur alles Handelns, seitdem das gewohnte Spannungsverhltnis zwischen den europischen Mchten durch den Krieg gelst war und kein internationales Gericht, durch das Gleichgewicht der Mchte erzwungen, mehr ber dem internationalen Ehrenkodex der Neutralittsgesetze wachte. Ohne Bedenken lieferten die Vereinigten Staaten Munition, Waffen, Proviant und Schiffe nicht nur nach England, sondern auch in die belagerten franzsischen Seepltze, und in der Garonne-Mndung war die amerikanische sowie auch die japanische Flagge zahlreich neben der englischen vertreten. War man doch auf der Schattenseite des Kriegsschauplatzes bei dem englisch-franzsischen Nachrichtenmonopol sicher, da Deutschland von solchen Freundschaftsdiensten einstweilen nichts erfuhr und in England, Frankreich und Spanien lie man von diesen Lieferungen selbstverstndlich nichts verlauten. Man nutzte nach Krften die Lage aus, unbemerkt alle Geschfte besorgen zu knnen, die der rollende Dollar verlockend erscheinen lie. Lissabon, Vigo, Bordeaux und Barcelona waren die groen Umschlagspltze des eintrglichen Einfuhrgeschftes, welches aus amerikanischen und anderen Hfen unter neutralen Flaggen besorgt wurde. Nur darauf sah man, da diese Liebesdienste stets in klingender Mnze beglichen wurden. Das zum Zwangskurse ausgegebene Papiergeld berlie man den Landeskindern der kriegfhrenden Mchte, die sich mit ihm begngen muten, whrend das gute Gold in die Taschen der Zwischenhndler flo, die bei den Kriegslieferungen Riesensummen verdienten. Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern. Hrt ihr's dumpf im Osten klingen? Er mcht' euch gar zu gern verschlingen, Der Geier, der nach Beute kreist: Hrt im Westen ihr die Schlange? Sie mchte mit Sirenensange Vergiften euch den frommen Geist. Schon naht des Geiers Flug, Schon birgt die Schlange klug Sich zum Sprunge, Drum haltet Wacht Um Mitternacht Und wetzt die Schwerter fr die Schlacht. E. Geibel. Der Jahrhundertstag der Schlacht von Jena am 14. Oktober war durch einen neuen Zusammenprall der Volksheere auf dem historischen Schlachtfelde nrdlich von Poitiers gefeiert worden. Der Vorsto der Englnder und der auf dem rechten Flgel dieser Gefechtsfront stehenden vier franzsischen Korps war durch die Wachsamkeit der auf einen solchen historischen Schlachttag wohl vorbereiteten Deutschen zurckgeschlagen worden. Die Verfolgung des Feindes hatte so lange gedauert, als aus den deutschen Kavallerieregimentern aus Mann und Ro noch ein Atemzug und ein Klingenschlag herauszuholen gewesen war. Eine allgemeine Erschpfung auf beiden Seiten war eingetreten, und nur langsam schoben sich die deutschen Reservekolonnen in die eroberten Stellungen hinein. Es war ein klarer, stiller Oktobernachmittag, morgens war ein Regenschauer hernieder gegangen. Jetzt konnte man in der durchsichtigen, feuchtfrischen Luft weit, weit nach Sden sehen, bis zu den blauen Gebirgszgen ganz in der Ferne, wo die Massen des feindlichen Heeres neue Verteidigungsstellungen suchten. Abseits vom Wege, neben einem kleinen Wldchen, von dessen Bumen langsam die braunroten Bltter herabrieselten auf die nasse Erde, hielt eine Gruppe von Reitern, die um einen einzelnen Mann einen Kreis bildete. Er hielt in der Linken ein groes Kartenblatt und sprach, mit der Rechten Linien und Punkte auf dem Papier markierend, zu einem Adjutanten. Dann klappte er die Karte zusammen, schob sie in die Satteltasche und ritt, gefolgt von den Generlen, nach der Chaussee zurck. In diesem Moment erklangen die flotten Weisen eines Marsches an der Waldecke, wo die Chaussee sich ins Tal hinabsenkt, eine Regimentsmusik erschien und im strammen Schritt tauchte die Kolonne aus dem Walde hervor. Ein scharfes Kommando, die Musik brach pltzlich ab, um dann mit den Klngen des Prsentiermarsches wieder einzusetzen. Der Oberst fhrte sein Regiment an Kaiser Wilhelm vorber, der hart an der Chaussee zwischen den hohen Pappelbumen haltend, seine Truppen passieren lie: Das Regiment, welches zwei Tage vorher bei Poitiers mit dem letzten entscheidenden Angriff das englische Zentrum zum Weichen gebracht hatte. Im strammen Schritt, den deutschen Heerknig mit begeisterten Jubelrufen begrend, zog das Regiment vorber, langsam wie eine schwarze Schlange der Senkung der Chaussee folgend und allmhlich im Tal versinkend. Als die Letzten vorber und auch der letzte Gepckwagen rumpelnd und polternd hinter der Hhe des Hgels verschwunden war, ward's wieder still dort oben auf der Hhe ... In tiefes Sinnen versunken hielt der Kaiser mitten auf der Chaussee, die schwermtige Pracht des klaren Herbstabends und die ruhige Schnheit der Fernsicht auf die blauen Berge Frankreichs in sich aufnehmend. Und diese andchtige Stimmung teilte sich seiner Umgebung mit, kaum wurde ein Laut gehrt in dem Kreise der deutschen Heerfhrer; das leise Knarren des Lederzeuges der Sttel und das Scharren der Pferdehufe brachte das Schweigen nur noch deutlicher zum Bewutsein. Leise rieselten die welken, braunen Bltter von den hohen Bumen herab auf die Landstrae. Von irgendwo drben her, hinten vom Walde, wo mehrere Regimenter im Biwak lagen, klangen die sehnsuchtsvoll klagenden Tne einer Musikkapelle herber, die mit der schmelzenden Weise von La Paloma der Stimmung des Abends einen seltsam ergreifenden Ausdruck verliehen. Und die Tne verschwammen und fanden sich in der Luft und quollen immer mit neuer Macht hervor, weit hinter dem Walde. Und noch immer hielt der Kaiser, von seiner Umgebung durch die Breite der Chaussee getrennt, zwischen den Pappeln. Da mischte sich in diese Elegie des Herbstabends ein rauher, schnaufender, polternder Lrm, ein Automobil klapperte heran, machte kurz vor dem Standpunkte des Kaisers Halt; ihm entstieg der Reichskanzler. Frst Blow trug ein weies Blatt in der Hand und berreichte es dem Kaiser, whrend dessen Umgebung nur die Worte verstand: Majestt, soeben trifft aus Rom diese chiffrierte Depesche ein, in der uns unser Botschafter eine Mitteilung macht, die offenbar ....., das Weitere war nicht vernehmbar, da sich der Kaiser ber den Hals seines Pferdes gebeugt, zum Kanzler herniederneigte und jetzt vom Pferde stieg, das von einem Reitknechte beiseite gefhrt wurde. Die Generle zogen sich, ein paar Schritte dem Walde zureitend, diskret zurck, und der Kaiser und der Kanzler blieben mitten auf der Chaussee allein, sich eifrig unterhaltend, wobei der Kaiser stets von neuem in die Depesche hineinblickte. Drben vom Walde her schollen noch immer die wehmtigen Akkorde von La Paloma herber, doch der Zauber des Herbstabends war gestrt. Irgend etwas Entscheidendes mute vorgefallen sein, denn nachdem sich der Kaiser von seiner Umgebung mit kurzem Gru verabschiedet, bestieg er mit dem Frsten Blow das Automobil, welches ihn schnell zum Hauptquartier zurckfhrte. Noch an demselben Abend erfuhr man in der engeren Umgebung des Kaisers den Inhalt jener Depesche: Der deutsche Botschafter in Rom hatte dem Reichskanzler mitgeteilt, da nach einer Meldung aus Barcelona die letzten Nachrichten ber eine Bewegung unter den mohammedanischen Stmmen an der Nordkste Afrikas doch eine grere Bedeutung haben mten, als man zunchst annehmen konnte. Die Ermordung mehrerer Franzosen und Italiener in Tripolis mute offenbar mit der Revolte in Tunis im Zusammenhange stehen, die die europischen Einwohner veranlat hatte, in Besorgnis um ihr Leben und Eigentum die Stadt auf franzsischen und englischen Schiffen zu verlassen. Dazu kamen Gerchte, die ebenfalls aus Barcelona bermittelt wurden, da sich in Marokko eine tiefgehende europerfeindliche Bewegung bemerkbar mache. Ja man wollte sogar wissen, da alle Europer in Mogador und Casablanca ermordet worden seien. Eine aus dem Lager vor Marseille bermittelte Meldung besagte schlielich, da die europische Kolonie in Tanger die Entsendung eines franzsischen Kriegsschiffes dorthin erbeten habe, da die Kabylen die Stadt bedrohten. Das Wichtigste aber, was Frst Blow dem Kaiser zu melden hatte, war eine Mitteilung des deutschen Botschafters in Petersburg, der eine ber Sibirien eingetroffene Meldung weitergab, wonach in Kanton und Hankau ein chinesischer Aufstand ausgebrochen sei, dem smtliche europische Kaufleute in beiden Stdten zum Opfer gefallen seien. Auch wollte man an der russisch-chinesischen Grenze von einer Bewegung unter den Chinesen gehrt haben. Ja ein Gercht wollte wissen, da ein neuer Aufstand in Peking das dortige Gesandtschaftsviertel bedrohe, so da sich die Gesandten entschlossen htten, die in Tientsin stationierten europischen Truppen an Peking heranzuziehen. Nur in der engeren Umgebung des Kaisers erfuhr man von diesen Nachrichten. Im Hauptquartier wurden sie lebhaft besprochen. Zur See vllig machtlos sah sich Deutschland auer stande seinen bedrohten Landeskindern jenseits des Meeres irgendwelche Hilfe zu leisten und auerdem war man dank des englisch-franzsischen Kabelmonopols nicht einmal im Besitz von sicheren Nachrichten ber das Schicksal der Deutschen in Marokko und im fernen China. Das dumpfe Gefhl der Hilflosigkeit gegenber solchen Ereignissen lie einen auergewhnlichen Entschlu reifen. Am anderen Morgen um 6 Uhr verlie ein Stabsoffizier im Automobil das deutsche Hauptquartier und war bald darauf an der uersten Vorpostenlinie angelangt. Hier bestieg Oberst von Gersdorf das Pferd eines Ulanenoffiziers und ritt, begleitet von seinem Trompeter und einer Ordonnanz, die eine mchtige weie Fahne trug, auf der Chaussee, die auf die franzsischen Vorposten zufhrte, in raschem Trabe vorwrts. Um 9 Uhr wurden die drei Reiter von den franzsischen Posten angerufen. Der Oberst bat in franzsischer Sprache zu dem nchsten Kommandofhrenden gebracht zu werden. Es wurden ihm die Augen verbunden, um 12 Uhr stand er vor General Turner und befand sich eine Stunde darauf in einem Bahnzuge, der ihn nach Bordeaux fhrte. Kaiser Wilhelm hatte sich entschlossen, an die Ritterlichkeit der feindlichen Heerfhrer zu appellieren, und hatte die franzsische Regierung durch den Parlamentr ersuchen lassen, ihm, wenn mglich, genaue Auskunft zu geben ber die gemeldeten europerfeindlichen Bewegungen in Marokko und China. Die Sorge um das Schicksal deutscher Landeskinder, die vielleicht einem erbarmungslosen Feind ausgeliefert, des Schutzes des Reiches entbehren muten, rechtfertigte diesen Schritt vollauf, denn gegenber einem solchen Gegner waren doch europische Interessen trotz des Krieges solidarisch. Keiner von denen, die in der Nacht die stille Dorfstrae, an der das deutsche Hauptquartier lag, passierte, wute, welche neuen Sorgen den siegreichen Heerknig des deutschen Volkes bedrckten. Wer aber hinaufschaute zu den erleuchteten Fenstern des einfachen Dorfwirtshauses, die des Reiches Herrscher in dem kleinen franzsischen Orte bewohnte, dessen Name seit vier Tagen der Weltgeschichte angehrte, der sah bis in die frhe Morgenstunde an den Fenstervorhngen unablssig einen gleitenden Schatten, der an dem einen Fenster auftauchte und verschwand, am nchsten erschien, wieder verschwand und dann wieder rckwrts denselben Weg durchma. Rastlos, unaufhrlich, bis des Morgens Dmmerschein die Schatten verblassen lie und unten das Leben erwachte und Rosseschnauben den frischen Morgenwind grte. Dort oben hielt des Reiches Kaiser mit seinem Kanzler ernsten Rat ber die nchste Zukunft. Der Sturm bricht los. Die Nachrichten, die Oberst von Gersdorf drei Tage darauf aus Bordeaux zurckbrachte, lieen die schlimmsten Befrchtungen weit hinter sich zurck. Die Ereignisse an der afrikanischen Kste hatten sich sehr viel schneller entwickelt, als man im deutschen Hauptquartier ahnte. Die arabische Gefahr war nicht nur eine drohende, sondern war bereits vorhanden. An der Kste zwischen Alexandrien und Tunis lebte kein Europer mehr. Die auf den Ruinen von Karthago errichtete franzsische Kathedrale war in Flammen aufgegangen. Mehrere Tausend Europer hatten sich in Tunis noch an Bord englischer und franzsischer Schiffe retten knnen. In Algier hatte man smtliche Auenposten nach der Wste zu zurcknehmen mssen. Was sich nicht rechtzeitig gerettet hatte, war von den aufstndischen Arabern niedergemacht worden. Nur mit Mhe widerstanden die kleinen spanischen Presidios an der marokkanischen Kste dem Ansturm der Kabylen. Tanger wurde noch gehalten durch ein franzsisches Marinekommando. Was aus den Europern an der atlantischen Kste des Sultanates geworden, darber fehlten alle Nachrichten. Die Masse der marokkanischen Heerscharen, die in den Vorstdten von Tanger bereits tglich der schwachen franzsischen Besatzungstruppe Gefechte lieferte, wurde nach Zehntausenden geschtzt; ganz Marokko befand sich im Aufstande. Der schwache Sultan war in Fez auf dem Marktplatze hingerichtet und der siegreiche Prtendent kmpfte an der Spitze seiner fanatischen Krieger in den Vorstdten von Tanger. Dazu trafen Nachrichten aus gypten ein, die bereits wissen wollten, da die gyptisch-englischen Truppenteile sdlich von Chartum geschlagen seien, und die bis ins ungemessen Phantastische wachsenden Gerchte erzhlten, da ganz Zentral-Afrika sich unter dem Mullah der mit unendlichen Heeresmassen nilabwrts vordrang, erhoben habe. Die Meldungen, die von der Ermordung von Europern im gyptischen Sudan und einer gefhrlichen Bewegung selbst in der Umgegend von Kairo berichteten, nahmen tglich an Zahl zu, soda es kaum noch einem Zweifel unterliegen konnte, das sich tatschlich die gesamte Welt des Islam in einer gewaltigen Aufstandsbewegung befand. Dieses Auflodern eines unerwarteten Fanatismus war gekommen, wie der Dieb ber Nacht. Von Tanger bis nach der ostafrikanischen Kste hin mute alles nach einem gemeinsamen Plan organisiert worden sein, andernfalls wre das gleichzeitige Losbrechen des Aufstandes auf dem ganzen afrikanischen Kontinent unerklrlich gewesen, und, wie man spter erfuhr, war das in der Tat der Fall. Das Hauptquartier der Propaganda des Islam, gewissermaen der mohammedanische Jesuitenorden, die Sekte der Senussi, sdlich und stlich von Tripolis, hielt die Fden dieser wie ein Steppenbrand sich ausbreitenden Bewegung in der Hand. Der Mahdi, der Kalif, der Mullah und Bu Hamara sind stets nur Werkzeuge des Fhrers der Senussi gewesen. Von dort aus waren auch jetzt die Befehle an alle Koranglubigen versandt worden und an einem Tage, gegen Mitte Oktober, ward berall die grne Fahne des Propheten entrollt. Der Dschechad, der Glaubenskrieg, hatte begonnen. Auch in Konstantinopel rhrte es sich, mute es sich rhren, wollte der Padischah das Erbe der Kalifen nicht widerstandslos aus der Hand geben. Wer die Bekenner des Islam als Vlker in Schlafrock und Pantoffeln verspottet hatte, wer die stumpfe Ergebenheit der Muslim in ihr Schicksal, von den Drohnen an der Staatskrippe ausgewuchert zu werden, als ihr wahres Gesicht genommen hatte, sah sich jetzt bitter getuscht. Der Fanatismus der Muslim konnte wohl schlummern, konnte Jahrzehnte, Jahrhunderte schlummern, erstorben war er nicht. Jetzt da die Waffen der Giaur sich gegen einander kehrten, jetzt war die Stunde, da die Energie aller Vlker, die ihre Gebetsteppiche nach Osten, nach Mekka zuwandten, zu ungeahntem, furchtbaren Leben wieder erwachte. Die uns Europern in ihrem Wesen ewig verschlossene und rtselhafte Welt des Orients, sie wallte auf, wie in einem scheinbar erloschenen Vulkane wieder neue Lavaquellen aufbrechen. Wie Heuschreckenschwrme ergossen sich die ungezhlten Massen fanatischer Glaubenskmpfer ber die von Europern einer Halbkultur geffneten Lnder Afrikas, aus ihrem dunklen Schoe im Innern immer neue Krfte gebrend und gewaltige Menschenwogen nach den Kstenlndern zutreibend. Vergebens mhten die englischen Maschinengeschtze in einer Schlacht bei Chartum Tausende von Derwischen nieder. Die Zahl der Feinde minderte sich zwar, ergnzte sich aber stets, und mit der letzten Patrone, die man in die glutheien Rohre schob, war auch der letzte Widerstand der kleinen Scharen von Europern gebrochen, die nach dem Abfall der eingeborenen Elemente, statt aus Regimentern nur noch aus derem Skelett, nur noch aus Offizieren und wenigen weien Freiwilligen bestanden, denen man die geretteten Gewehre in die Hand gedrckt hatte. Keiner von den Kmpfern bei Chartum konnte von dem Ausgang der Schlacht berichten, lngst war ihnen der Rckweg abgeschnitten, die Nildampfer waren in die Hnde der Fellachin gefallen, die als Heizer und Maschinisten auf ihnen ein scheinbar harmloses Dasein fhrten, bis der Ruf des neuen Kalifen auch sie erreichte und ihre Hnde gegen ihre weien Herren waffnete. In wilder Hast und wahnsinniger Verzweiflung retteten sich die englischen Beamten und die englischen Touristen aus Kairo nach Suez und Alexandrien. Die Schreckensszenen dieser Flucht aus gypten berichteten von unerhrten Grausamkeiten eines bis zur vollen Raserei aufgestachelten Fanatismus, da sie das Blut derer, die sie mit erlebten, erstatten machten. Alexandrien wurde von der englischen Garnison so lange gehalten, bis der letzte Europer an Bord der Schiffe im Hafen gebracht war. Nur mit Mhe konnte ein Bombardement der Stadt den Rckzug und die Einschiffung der englischen Garnison decken. Auch Suez und die Kanalstrecke bis Port Said wurde noch von englischen Marine-Mannschaften gehalten, die sich bei Ismailia in schnell befestigten Feldbefestigungen gegen die fortgesetzten Angriffe der einst von englischen Offizieren gedrillten gyptischen Armee verteidigten, der die gesamten Munitions- und Waffenvorrte in die Hnde gefallen waren. La illaha ill allah! Der allgewaltige Schech ul Islam war von der Oase Siwah, der alten Heimsttte des Jupiter Ammon, kommend, an einem Oktobernachmittage ber die groe Nilbrcke in Kairo eingezogen. Sein Weg glich einem Triumphzuge; berall warfen sich ihm begeisterte Fellachin in den Weg, um von den Hufen seines Pferdes berhrt zu werden und dadurch unverwundbar zu werden in dem heiligen Kriege. Im vizekniglichen Palais, wo der Schech Wohnung genommen hatte, war er vom Khediven mit allem Pomp des Orients empfangen worden. Auf dem Dache des Schlosses wehte das alte Sturmpanier des Islam, der Sandschak-Scherif, die grne Fahne des Propheten. Ganz Kairo befand sich auf den Beinen; von allen Seiten aus Obergypten und aus den Kstenprovinzen, aus Syrien und Arabien strmten ungezhlte Scharen von Glaubenskmpfern unablssig in die Stadt, die das Hauptquartier und die Operationsbasis fr den Feldzug gegen die Giaurs war. Als die sinkende Sonne mit ihren Strahlen die Felsabhnge des Mokattam in rtliches Licht tauchte und die Umrisse der Zitadelle in Kairo und der dahinterliegende stille Windmhlenhgel in der Abendbeleuchtung seltsam scharf und nahe erschienen, traten auf allen Minarets der Stadt, hoch oben ber der alle Straen durchwogenden Volksmenge, die Mueddins heraus, um die Glubigen mit nselnder Stimme zum Gebet zu rufen. Ein Wille, ein Gedanke, ein Gott beseelte diese wimmelnden Massen, die die Wste geboren und die in endlosen Zgen jetzt herbeieilten, um der Stimme des neuen Propheten zu folgen und ihre Leiber in leidenschaftlichem Fanatismus den Maschinengeschtzen und dem Kleinkaliber der Unglubigen entgegenzuwerfen. Der weite Platz vor dem vizekniglichen Palais und alle dorthin einmndenden Straen glichen einem wirbelnden Meere bunter Farben. Als sich die abendliche Dmmerung verdichtete, flammten berall an den Kandelabern die Gaslichter und die elektrischen Monde auf, und auf den hohen schlanken Minarets erschienen Laternen und qualmende Pechfackeln. In das Rauschen und Brausen der durcheinander flutenden Menschenmenge mischte sich das dumpfe Schlagen riesengroer Trommeln und von fern her klangen die wilden Musikweisen aus der Kaserne an der anderen Seite des Abdin-Platzes. Neue Bewegung kam in die sich hin und her schiebenden Massen, als von den Minarets der Gebetsruf der Mueddins ertnte und die alte Kampfparole des Islam: La illaha ill allah (Es gibt keinen Gott auer Gott) drunten ein tausendfaches Echo weckte. Mitten auf dem Abdin-Platze bildete sich jetzt ein Ring um einen groen Mann im grnen Turban und eine Stille entstand, die ihre Wellen allmhlich bis an die Mauern des Schlosses, bis an die Kaserne und die den Platz umgrenzenden Huser vortrieb. Ein dumpfes Schweigen brtete in der heien, stauberfllten, schwlen Luft, die in den Strahlen der scheidenden Sonne wie ein blutiger Nebel erschien. Aller Blicke hafteten am Balkon des vizekniglichen Palastes, auf dem eine hohe, weie Gestalt erschien: der Schech ul Islam. Ein tausendstimmiger Schrei erschtterte die Luft und erstarb dann auf einen Wink des Schechs hin allmhlich wieder in den Gassen und Straen, in den Hfen und Winkeln der hohen Steinpalste langsam nachdonnernd. El Futa! klang es scharf und gebieterisch oben vom Balkon herab, und von neuem erbrauste die Brandung in tosendem, rhythmischem Tonfall, als die Tausende die erste Sure des Korans dem Schech nachsprachen. Im Namen des Allbarmherzigen! Lob und Preis Gott, dem Herrn der Welt, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gebets. Dir wollen wir dienen und zu Dir wollen wir flehen, auf da Du uns fhrest den rechten Weg: Den Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg derer, ber welche Du zrnest und nicht den der Irrenden. Es war die Riesenorgel des Meeres, das alle Dmme zersprengte, das die Arbeit eines Jahrhunderts, das mhsame Werk einer fremden Kultur niederri, es war der Erlsungsruf eines Volkes, das sich aus einem Zeitalter trostloser Knechtung aufzuraffen versuchte, das die Hand wieder ausstreckte nach der Herrschaft ber den Orient. Dieses Volk, das sich aus dem Dmmerzustande eines mhseligen Dahinvegetierens erhob, war begeistert von dem trgerischen Glauben an einen neuen goldenen Tag, und als die Worte des Koran erklangen, als neben den Schech ul Islam der Khedive oben auf den Balkon trat, eine Schattengestalt neben dem kraftvollen Bannertrger des Fanatismus, brach es mit elementarer Gewalt wieder hervor: La illaha ill allah, -- es ist kein Gott auer Gott. Unter steten Unruhen verflo die Nacht des Tages, an dem der Schech ul Islam die grne Fahne entrollt und in der Stadt der Kalifen mit kraftvoller Hand die Zgel der Regierung ergriffen hatte. Einsam schwebte oben von dem kleinen Fort auf der Hhe des Mokattam das gelbe Licht einer Laterne. Ein Hoffnungsstern fr alle diese bunten Vlker, die ein begeisterndes Wort aufgeschreckt hatte aus ihrem tatenlosen Traumleben. Als dann die Morgensonne die Spitzen der Pyramiden von Gizeh grte, diese riesigen Denksteine einer versunkenen Zeit, die jetzt einsam im Wstensande ruhten, nicht mehr beschmutzt von dem wimmelnden Ameisenschwarm europischer Touristen, zog der Schech ul Islam an der Spitze der gyptischen Regimenter und der unbersehbaren Reiterscharen der Beduinen der Wste nach Osten aus, gen Ismailia, dem letzten Bollwerk, das noch die Shne der Hunde mit ihren Maschinengeschtzen hielten. Zwei Tage darauf waren die englischen Verteidiger Port Saids und Ismailias von der Brandungswelle, die der Schech ul Islam heranfhrte, hinweggeschwemmt. Lesseps' Kanal war an zwei Stellen durch Dynamitsprengungen verschttet und die in ihm abgeschnittenen beiden englischen Kreuzer wurden, nachdem sie ihre Munition gnzlich verschossen, von ihren Kommandanten mit den wenigen berlebenden der Besatzung in die Luft gesprengt. Dann ging der Siegeszug des Schechs weiter nach Norden durch die Wste, in der einst die Kinder Israels 40 Jahre geschmachtet. In Jerusalem und den anderen Stdten Palstinas gaben furchtbare Judenmassakres Zeugnis von der Wut des alten Glaubenshasses. Anfang November ffneten Damaskus und Beirut ihre Tore dem gyptischen Heere, welches dann Mitte des Monats in den Gebirgspssen Kleinasiens zunchst Halt machte, aus den Bauerndrfern berall reichlichen Zuzug erhaltend. Die Truppen des Vilajet Konia traten alsbald zum Schech ul Islam ber; die von Tag zu Tag erwartete trkische Armee blieb jedoch aus. Bereits im Oktober, kurz nachdem die ersten Nachrichten von der Erhebung gyptens und Nordafrikas nach Europa gedrungen waren, machte sich eine hnliche Bewegung in der europischen Trkei bemerkbar. Die Ermordung der europischen Konsuln in Saloniki und Adrianopel erhellte wie ein Fanal auch hier pltzlich die Szene. Es war kein Zweifel, da der Sultan der afrikanischen Aufstandsbewegung gegenber eine freundliche, nur durch die Rcksicht auf Ruland, welches die Garantie fr die Ruhe in der Trkei bernommen hatte, gemilderte Haltung einnahm. Das Erscheinen der russischen Schwarzenmeer-Flotte vor Konstantinopel wirkte zunchst als ein Dmpfer. Aber die Lage war so drohend und barg fr die Zukunft solche Gefahren, da die europischen Kaufleute in der Trkei es vorzogen, sich und die Ihrigen schleunigst zu Wasser und zu Land in Sicherheit zu bringen. Der Beginn der Kmpfe an der russisch-trkischen Grenze, in Armenien, lie denn auch erkennen, da hier kein Halten war, wenn man nicht durch einen kraftvollen Feldzug dem Siegeszuge des Schech ul Islam entgegentrat. Die ersten Erfolge in Nordafrika setzten sofort den ganzen Kontinent in Brand. Mit einer Schnelligkeit, die den elektrischen Telegraphen fast berholte, durch ein geheimnisvolles, uns Europern ewig unverstndliches System der Nachrichtenbermittelung war die Emprung gyptens in wenigen Tagen bis hinunter nach Lorenzo-Marques und bis nach der Senegalmndung bekannt, jedenfalls viel eher, als da es noch mglich gewesen wre, den europischen Besatzungen in den einzelnen Kolonien eine Warnung zukommen zu lassen. Die arabische Aufstandsbewegung, der sich auch die heidnische, nicht dem Islam angehrige Negerbevlkerung instinktiv anschlo, wallte allerorten so pltzlich auf, da in den englischen, franzsischen und portugiesischen Besitzungen und im Kongostaate die kleinen Garnisonen, soweit sie nicht berhaupt von der Kriegsfurie im ersten Ansturm hinweggefegt wurden, nur mit Mhe sich der Belagerer erwehren konnten. An der ganzen Guineakste hielten sich Ende Oktober auer Dakar und St. Louis in Senegambien nur noch ein paar englische Kstenpltze. Die ganze Westkste des Kontinentes war bis auf Loanda, Swakopmund und Lderitzbucht, wo die deutschen Besatzungen die ziemlich zaghaften Angriffe der Hereros und Hottentotten siegreich abschlugen, in den Hnden der Eingeborenen, die alle Europer erschlugen oder unter grlichen Martern zu Tode qulten. Eine eigenartige Illustration zu dem frher viel verspotteten Worte: In Afrika wird immer nur der Neger herrschen. Da man die Neger militrisch ausgebildet und auch die Unteroffiziersstellen mit Farbigen besetzt hatte, rchte sich hier in verhngnisvoller Weise. Die europischen Kolonialmchte wurden berall mit ihren eigenen Mitteln und was noch schlimmer war, mit ihren eigenen Waffen, die sie den Eingeborenen in die Hnde gegeben hatten, bekmpft. An der ostafrikanischen Kste hielt sich auer Sansibar nur noch das britische Mombas. Die englischen Garnisonen, die die deutschen Kolonien besetzt hatten, verbluteten in Kamerun und Dar-es-Salam und Tanga bald unter den tglich wiederholten Sturmangriffen der Schwarzen. Taten eines schweigenden Heldentums, wie sie auf diesen verlorenen Auenposten europischer Kultur nutzlos vollbracht wurden, blieben in Europa monatelang unbekannt; erst jetzt erfahren wir nheres aus den Erzhlungen der Eingeborenen, die sich an jenen Kmpfen beteiligt hatten. Auch die Besatzungen in Britisch-Nigeria, in Dakar, St. Louis und Mombas lagen in den entfesselten Fluten dieses Vlkeraufruhrs wie einsame Felsblcke, an denen die Wogen unablssig nagten und brckelten. An den Hngen der Basutoberge. Bei ihrem Rckzug nach Sden ins Kapland hatten die englischen Truppen die Eisenbahnen hinter sich zerstrt, und der Bahnkrper war durch Dynamitsprengungen berall so zerrissen, da seine Wiederherstellung mit den geringen Bestnden an Schienenmaterial Wochen und Monate in Anspruch nahm. Und auch dann konnte man nur die Linie, die von Bloemfontein ber Colesberg nach Sden fhrte, allein wieder notdrftig in stand setzen, so da sie fr Truppentransporte gengte. Mitte Oktober sollte die allgemeine Vorwrtsbewegung nach Sden beginnen, doch sollte es dazu nicht mehr kommen. Man hatte bekanntlich zu Anfang des Krieges mit einem allgemeinen Kaffernaufstand gerechnet. Es hatten damals auch mehrere Volksversammlungen stattgefunden, die von den Fhrern der thiopischen Kirche geleitet wurden. Da es aber nach einigen Plnderungen von Farmen und vereinzelten Mordtaten bald wieder berall ruhig wurde, hatte man sich der Hoffnung hingegeben, da man die Offensivkraft der thiopischen Propaganda doch berschtzt habe, und da es auf der Seite der Eingeborenen noch an der ntigen Organisation fehle. Diese Auffassung behauptete sich whrend des Sommers und es schien in der Tat so, als ob das Prestige der europischen Waffen doch noch so gro sei, da die Kaffern sich nicht zu einem wirklichen Aufstand entschlieen konnten. Allerdings blieben Gehorsamsverweigerungen der schwarzen Arbeiter auf den Farmen an der Tagesordnung und auch die mongolischen Minenarbeiter zeigten sich so aufsssig, da man gentigt war, sie in einem Stadtviertel von Johannesburg zu internieren und dieses militrisch bewachen zu lassen. Wenn sich in der Erdrinde vulkanische Eruptionen und Erdbebenkatastrophen vorbereiten, so kndigen sie sich dadurch vorher an, da die Quellen ausbleiben, und in alten Geschichten ist zu lesen, wie jhes Entsetzen die Menschheit erfat, wenn das Quellwasser versiegt und die Lebensadern der Erde pltzlich in blutroter Farbe wieder erscheinen. Anfang Oktober wurde aus dem gesamten Gebiete, welches die deutschen Truppen und die Burenmiliz besetzt hielten, gemeldet, da im Zeitraume einer Woche fast smtliche Kaffern nicht nur aus den Farmen verschwunden seien, sondern da auch die Viehtreiber und die im Transportdienst beschftigten Eingeborenen pltzlich davon gelaufen seien. Es war nur in den seltensten Fllen mglich gewesen der Flchtlinge wieder habhaft zu werden. Es war, als habe der Erdboden die schwarzen Kerle aufgesogen. Der Offensivsto ins Kapland wurde dadurch vereitelt, da man sich nunmehr ganz anders einrichten und von der Feldarmee grere Kommandos an den Transportdienst abgeben mute. Nur ungern entschlo man sich auch einige Hundert von den chinesischen Minenarbeitern einzustellen, aber die harte Notwendigkeit und der absolute Mangel an Arbeitskrften zwang zu dieser Manahme. Dann trafen die ersten Nachrichten von greren Raubzgen bewaffneter Kaffernbanden im Osten der Oranjeriver-Kolonie ein, Geschichten von der scheulichen Abschlachtung einzelner Farmen und ganzer Drfer gingen von Mund zu Mund, und verbreiteten einen jhen Schrecken. Diese neue Gefahr bestimmte die deutsche Armeeleitung ein Bataillon, dem sich zwei grere Burenkommandos unter General Delarey anschlossen, stlich der Bahnlinie Bloemfontein-Colesberg zu detachieren und nach Maseru, am Fue der Basutoberge, vorzuschieben. Es war kurz nach Sonnenaufgang, als Major Findeisen zusammen mit General Delarey die Vorpostenlinie abritt. In der Nacht hatte sich unter dem Schutze der Dunkelheit eine Kaffernbande an die uersten Posten herangeschlichen, und es bedurfte bei Tagesgrauen eines energischen Vorstoes, um den zwischen den Termitenhgeln und dem niedrigen Buschwerk der Steppe versteckten Feind zurckzuwerfen. Auf dem Schauplatze dieses nchtlichen Kampfes hielt Major Findeisen neben Delarey, und beide blickten nach dem im Morgenlichte daliegenden dunklen Hhen des Basutolandes hinber. Mit seinem Glase suchte der Major die Felsabhnge der Berge ab, da drngte er mit einem Ruck sein Pferd zu Delarey hinber und reichte ihm das Glas, welches dieser jedoch zurckwies. Delareys scharfe Augen hafteten auch bereits an dem Felsplateau in halber Hhe der Berge, das von einer unermelichen Menge Kaffern wimmelte; auch die dahinterliegende Schutthalde war schwarz von Menschen. In der klaren Luft konnte man bemerken, da den Mittelpunkt dieser Tausende von Kaffern ein einzelner Mann auf einem Felsblock bildete, der anscheinend eine Ansprache hielt. Die ganze Versammlung schien in wilder Bewegung zu sein. Man konnte an dem matten Blinken von Metall erkennen, wie die dunklen Gestalten ihre Gewehre ber den Kpfen schwangen. Petrus Mapanda. Alle Hnge, die breite Flche des Bergplateaus, alle Klippen und Felstrmmer waren berflutet von einer unendlichen Menge von Kaffern, zwischen denen die hohen Gestalten der Basutoneger um Haupteslnge hervorragten. Alle horchten den Worten des Mannes dort auf dem breiten Felsblock, dem einzigen ruhenden Punkt in dem Gewimmel wolliger Negerschdel. Petrus Mapanda predigte den Vernichtungskrieg gegen den weien Mann. In seinen Hnden hielt der Fhrer dieses Kaffernaufstandes ein hollndisches Bibelbuch und mit weithin schallender Stimme kndete er seinen Hrern die uralte Geschichte, da Jehovah sein Volk hinausfhren wolle aus der Knechtschaft. Wie er allen, die seinen Namen bekennen und seine Gebote halten, das gelobte Land untertan machen wolle, das Land, aus dem ein ruberischer Feind, der auf seinen Schiffen ber das Weltmeer gekommen, sie einst vertrieben. Petrus Mapanda erzhlte, wie er in der Stille der Bergwste auf den Gipfeln der Basutoberge einsame Zwiesprache gehalten habe mit Jehovah, der ihm das Schwert in die Hand gedrckt habe. Und der Messias der schwarzen Rasse, vor dem sich alle willig beugten, der gestern noch ein namenloser Kaffer, heute das Haupt der thiopischen Kirche war, ergriff das Bibelbuch und las: Also zogen sie aus von Succoth und lagerten sich in Etham, vorn an der Wste. Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensule, da er sie den rechten Weg fhrete, und des Nachts in einer Feuersule, da er ihnen leuchtete zu reisen Tag und Nacht. Wie ein neuer Moses stand Petrus Mapanda auf dem Felsblock, inmitten der lautlos horchenden schwarzen Menge, die jetzt, als das Bibelwort verklungen, mit lautem Geheul ihre Gewehre in die Luft schwang und dem Propheten, der sie in das gelobte Land hinabzufhren versprach, in wilder Begeisterung zujauchzte. Weit sah man von dem hohen Bergplateau hinab in das flache Steppenland. Die in der klaren Luft deutlich erkennbaren kleinen deutschen Abteilungen, die nach Maseru hineinmarschierten, erschienen von hier oben wie Bleisoldaten aus der Spielschachtel. Vor der Postenkette hielten zwei Reiter, einer in der grau-gelben deutschen Uniform, der andere in dunklerer Kleidung. Man sah, wie mehrere Patrouillen jetzt in der Richtung auf die Berge vorgingen. Auge in Auge stand man sich vor der entscheidenden Stunde gegenber. Wenn jetzt der schwarze Bergstrom hinunterdonnerte ins Tal, wenn unablssig von oben neue Massen nachfolgten, so mute ein solcher Wasserschwall die kleine Schar des Feindes erdrcken und ersufen, mute das Land berschwemmen und die dunkle Woge weit hinaustragen, mute alles Leben vor sich vernichten, mute die Stdte niederbrechen und zerstren, was der Flei eines Jahrhunderts gebaut. Und Petrus Mapanda begann von neuem, er erzhlte, wie der gelbe Mann im fernen Osten ein Riesenreich zu Boden geworfen, wie der Japaner den Russen geschlagen, weil Jehovah von diesem, der seine Gesetze miachtet und in den Staub getreten, alle Kraft genommen hatte. Jetzt habe Jehovah den Sinn der Feinde der schwarzen Rasse verwirrt, da sie ihre Waffen im Kriege gegeneinander kehrten. Die Weien haben ihr Herz verhrtet gegen die Leiden des schwarzen Mannes, sie haben Gottes Gebote vergessen, haben Gottes Ebenbilder in die Kette der Sklaverei geschmiedet. Wie eine Feuersule wird der Herr vor uns herziehen whrend der Nacht und wie eine Wolkensule whrend des Tages. Der sich an seinen eigenen Worten berauschende Prophet deutete jetzt mit erhobenen Hnden hinauf zu dem Gipfel des Berges, den eine Nebelwolke verhllt hatte. Seht ihr, dort ist Jehovah, dort ist unser Hort und unsere Hilfe! Seht, er sandte uns ein Zeichen, die Wolkensule wird vor uns hergehen, wenn wir heute hinabsteigen in die Gefilde, da er die letzten Streitkrfte der Weien vor uns niederwerfen wird wie Gras, welches in der Sonne verwelkt. Und die ragende Gebirgswelt hallte wider von dem begeisterten Schrei der Tausende und Abertausende die Petrus Mapanda jetzt hinabfhrte nach Etham-Maseru, am Rande der Wste. Der schwarze Schrecken. Die Heeressulen von mehr als hunderttausend Kaffern und Basutos, die ber Nacht herabstiegen von den Basutobergen, stieen mit furchtbarem Aufprall auf das Huflein der Weien. Mitten im Kaffernheere schritt, eine schwarze Fahne mit goldenem Kreuz in der Rechten tragend, Petrus Mapanda, der gefeit schien gegen alle ihn umsausenden Kugeln. Der Tag von Maseru endete mit der Vernichtung des deutschen Bataillons und der Burentruppen und schnell drangen die schwarzen Fluten bis nach Bloemfontein vor. Dorthin zog der deutsche Hchstkommandierende alle Truppen zusammen. Schnell wurden die kleinen Forts vor der Stadt mit den Geschtzen der Feldartillerie armiert und die bereits nach Sden vorgeschobenen Truppen kehrten auf der Bahn zurck. Bloemfonteins schwchste Seite blieb die Verpflegungsfrage, da ein Teil der von Norden herandampfenden Proviantzge dem Feinde in die Hnde fiel. Am 10. November war die Stadt, deren Verteidiger, die Zivilbevlkerung eingerechnet, kaum 22000 Mann zhlte, von annhernd 150000 Kaffern eingeschlossen, zu denen sich dann auch die chinesischen Minenarbeiter aus Johannesburg gesellten. Die Lage war beraus ernst. Die letzten Nachrichten, die der Telegraph noch bermittelte, berichteten, da Pretoria und viele andere Stdte der ehemaligen Burenrepubliken in den Hnden des Feindes waren. Nur in einzelnen Orten verteidigten sich noch Buren und Deutsche in hoffnungslosem Widerstand. Die schwarze Woge hatte das gesamte flache Land berschwemmt, war weit hinein in das Gebiet des Kaplandes hinbergeflutet berall mordend und brennend. Furchtbar waren die Leiden der armen Gefangenen. Hilflose Frauen fielen unter der Hand blutgieriger Neger, mit dem Gewehre ihres Gatten ihre Kinder und die eigene Ehre verteidigend. Ein Blutgeruch von Brand und Mord lagerte ber dem ganzen Lande. In Bloemfontein erschpften sich die deutschen Truppen unablssig in Ausfllen und Offensivsten ber der Linie der Forts und Feldbefestigungen hinaus. Kam nicht bald Entsatz, so war auch dieses letzte Bollwerk verloren. Man war sich in der Stadt der ganzen Gre der Gefahr bewut. Als die letzten deutschen Truppen, die von Colesberg schleunigst zurckbeordert waren, diesen Ort verlieen, hatte sich auf der Bahnlinie eine Lokomotive unter der Parlamentrsflagge dem deutschen Posten genhert. Ein englischer Offizier berbrachte eine Mitteilung der Kapregierung. Aus ihr ergab sich, da die Rebellion unter den chinesischen Minenarbeitern in Johannesburg nicht nur parallel ging mit der von Petrus Mapanda geleiteten thiopischen Bewegung. Vielmehr sei sie von Ostasien her entfacht worden, wo eine neue fremdenfeindliche Bewegung sich rasch ausbreite. Der englische Offizier hatte den Auftrag, der deutschen Heeresleitung mitzuteilen, da in Bordeaux bereits ber eine Einstellung der Feindseligkeiten auf dem europischen Kriegsschauplatze verhandelt werde, damit die europischen Staaten nunmehr gemeinsam die in Afrika und Asien pltzlich entstandene Gefahr bekmpfen knnten. Durch den englischen Offizier hrte man auch zuerst von dem Araberaufstande an der nordafrikanischen Kste und von der Vertreibung der Englnder aus gypten, Nachrichten, die im Kaffernheere lngst bekannt waren und dessen Offensivkraft zu wilder Wut aufstachelten. Der englische Offizier sollte auf Grund dieser Mitteilung um eine Waffenruhe von zunchst vier Wochen ansuchen. Ein Kafferneinfall ins Kapland habe bereits ganz Natal ergriffen und lege die Notwendigkeit nahe, den Kampf zwischen den europischen Mchten einstweilen zu vertagen, um gemeinsam mit der Niederwerfung des Kaffernaufstandes zu beginnen. Alle diese Mitteilungen hatten praktisch nur noch einen historischen Wert, Bloemfontein war eingeschlossen und war am Tage darauf von jeder Verbindung nach auen abgeschnitten. Ende November war die Lage die folgende: Das englische Hauptquartier befand sich in Kapstadt und grere Detachements lagen in den Kstenstdten. In den Stdten hatten die Einwohner, durch die vom Lande geflchteten Farmer verstrkt, berall eine lokale Verteidigung organisiert, hatten Feldschanzen aufgeworfen und die Straen verbarrikadiert, so da die Kaffern sich nicht heranwagten, zumal sie ber keine Artillerie verfgten -- abgesehen von den wenigen Geschtzen, die ihnen in Pretoria und Johannesburg in den Depots in die Hnde gefallen waren, mit denen sie aber nicht viel anzufangen wuten. In allen vom Feinde belagerten und hin und wieder besonders nachts angegriffenen Stdten des Kaplandes begann die Frage der Verproviantierung allmhlich schon brennend zu werden, da es nur selten gelungen war, die Viehherden aus den Farmen in die Stdte zu retten. Es galt aber auszuhalten bis auf den letzten Mann und die letzten Patronen fr sich und fr Weib und Kind aufzubewahren, damit niemand lebend in die Hnde eines zu bestialischer Mordlust aufgestachelten Feindes fiel. Denn welches Los der Weien dann harrte, zeigte das grliche Schicksal der Verteidiger von Graafreinet. Dort hatten sich nach der Einnahme der Stadt Szenen abgespielt, wie sie sich nur eine wste Phantasie htte ersinnen knnen. Die erbarmungslose Abschlachtung aller gefangenen Weien und blutige Szenen von der Schndung von Frauen und Kindern, die mit Entsetzen von Mund zu Mund weiter erzhlt wurden, und die Zukunft in einem dsteren, hoffnungslosen Lichte erscheinen lieen, sthlten die Widerstandskraft der treuen Mnner auf den Schanzen bis auf das uerste. Die Not war eine unerbittliche Lehrmeisterin. Diese halbverhungerten Europer, die, das Gewehr im Arme, Tag und Nacht in den Schtzengrben Wache hielten, waren im Laufe weniger Wochen zu Meistern des Buschkrieges geworden und leisteten in der sinnreichen Anlage von Schanzen und Barrikaden geradezu erstaunliches. Jedes Leben, jede Patrone war kostbar und es galt damit zu sparen, da vorlufig kein Ersatz mglich war und man vergebens nach einem Ton horchte, der von drauen eine Kunde herbertrug. Man lebte abgeschnitten von aller Welt, wie auf einer einsamen Insel im weiten Weltmeer. Nur auf dem dort oben, der die Geschicke der Vlker lenkt, nur auf den wenigen Patronenrahmen fr das treue Gewehr und auf dem mageren Inhalt des Proviantbeutels beruhte die letzte Hoffnung, die diese eisernen Helden von einem grauenvollen, blutigen Schauspiele der Vernichtung trennte. Wollten die Mchte Europas Sdafrika nicht hoffnungslos den Kaffernhorden ausliefern, in deren Kriegfhrung der Einschlag religiser Begeisterung sehr bald verschwunden war und die nur blutrnstige Mord- und Raubgier beseelte, so war es jetzt allerhchste Zeit einzugreifen. Waffenstillstand und Frieden. Die Entwicklung der Ereignisse in Afrika bestimmte England die deutschen Bedingungen fr Bewilligung einer Waffenruhe anzunehmen; und wollte Frankreich sich nicht der Gefahr aussetzen, unter einer konzentrischen Offensivbewegung, deren Ring sich vom Mittelmeer bis zum Ozean um das letzte Drittel franzsischen Bodens immer enger zusammenschlo, zermalmt zu werden, so blieb ihm ebenfalls keine andere Wahl. Die Verhandlungen in Bordeaux nahmen daher einen raschen Fortgang. Zwar waren die deutschen Bedingungen hart und schlugen der gallischen Eitelkeit tiefe Wunden. Doch der Verlauf des Krieges, die steten Niederlagen hatten Frankreich zu der Einsicht gefhrt, da es als Schauplatz dieses Riesenkampfes unter seinen Folgen bei weitem am meisten zu leiden gehabt hatte. Die Franzosen waren kriegsmde und die Erbitterung gegen eine Regierung, die das Land an den Abgrund der vlligen Auflsung gefhrt hatte, lie die Kabinettskrisis zu einer dauernden Erscheinung werden. Glcklicherweise war der se Pbel der Hauptstadt, der immer noch auf die Unbezwingbarkeit der Riesenfestung Paris pochte, durch die deutsche Zernierung der Millionenstadt isoliert und von jedem Einflu auf die Verhandlungen in Bordeaux abgeschnitten. Er demonstrierte zwar gegen den Abschlu des Waffenstillstandes durch Straenexzesse, fand sich aber schlielich mit der vollzogenen Tatsache ab. Die Magenfrage siegte ber alle Regungen nationaler Eitelkeit. Spanien und Portugal waren finanziell ruiniert und sagten willenlos zu allem Ja und Amen. So folgte der Waffenruhe von 14 Tagen der Waffenstillstand, der im Vertrage von Bordeaux unter folgenden Bedingungen abgeschlossen wurde. England tritt an Deutschland ab: die Walfischbai und Sansibar. Deutschland erhlt ferner die portugiesischen Besitzungen Angola und Benguela und das zentralafrikanische Gebiet nrdlich der bisherigen Grenze von Deutsch-Sdwestafrika und des Laufes des Sambesi, der fortan die Grenze zwischen dem deutschen und englischen Besitz bildet. Demzufolge fllt Portugiesisch-Ostafrika sdlich des Sambesi an England. Auerdem erhlt Deutschland das westliche Drittel und Frankreich das stliche Drittel Marokkos als Interessensphre. In Mogador oder einem andern Hafen der Westkste darf Deutschland eine befestigte Kohlenstation errichten. Italien erhlt Tripolis bis zur gyptischen Grenze und als Entschdigung fr seine Ansprche auf Albanien die Insel Kreta. Frankreich tritt Nizza an Italien ab. Der Kongostaat wird unter Deutschland, England und Frankreich zu gleichen Teilen aufgeteilt. Die portugiesischen Besitzungen in der Sundasee fallen an England, Deutschland erhlt dafr ganz Neuguinea. Mit dem Knigreich der Niederlande wird der nrdliche Teil des ehemaligen Belgiens nach Magabe der Sprachgrenze vereinigt. Der sdliche Teil fllt an Frankreich. Luxemburg wird deutsch. Die Niederlande treten in ein nheres staatsrechtliches Verhltnis zum deutschen Reiche. Die portugiesischen Besitzungen in Vorderindien fallen an England. Fr den Verlust Ungarns wird sterreich durch Macedonien entschdigt. Die Struma bildet die Grenze gegen den Rest des trkischen Gebietes. Saloniki wird somit sterreichisch. Die Befestigungen der Dardanellen und des Bosporus werden geschleift. Das Schwarze Meer ist fremden Kriegsschiffen verschlossen. Russische Kriegsschiffe drfen die Meerenge passieren. Die Trkei rumt Palstina. Das Land wird unter sterreichischen Schutz gestellt. Alle genaueren Bestimmungen bleiben dem Berliner Kongre vorbehalten. Alle gekaperten Schiffe werden -- so weit sie nicht zerstrt sind -- den Eigentmern zurckgegeben. Die Bestimmungen ber Kaperei und Seerecht werden auf dem Berliner Kongre neu geregelt. England und Frankreich zahlen eine Kriegsentschdigung von je 5 Milliarden Mark. England garantiert die Zahlung der auf Frankreich entfallenden Raten. Nach den eingehenden Raten rumen die Truppen der verbndeten Mchte den franzsischen Boden, ebenso werden die Kriegsgefangenen ausgewechselt. Am 7. November 1906, an demselben Tage, da vor hundert Jahren General Blcher in dem kleinen Pfarrhaus von Ratekau die Kapitulation seines Heeres mit den Worten unterschrieb: Ich kapituliere, weil ich kein Geld, keine Munition und keine Patronen mehr habe, wurde die Ratifizierung des Waffenstillstandes auf beiden Seiten ausgetauscht und die Waffen ruhten. Durch den Waffenstillstand, der den Frieden bereits in sich schlo, war die englische Mittelmeerflotte in den Stand gesetzt, sofort mit ihren Operationen vor Alexandrien und Port Said zu beginnen. Das Bombardement von Alexandrien am 16. November und die gleichzeitige Beschieung von Port Said vertrieb die gyptischen Heeresabteilungen und mit der Landung dreier Regimenter, die von Malta herangezogen wurden, fate England wieder festen Fu auf afrikanischem Boden. Nun begann der unendlich mhselige und opferreiche Feldzug, in dem das englische Heer langsam das Niltal aufwrts rckte. Am 7. November drhnten vor Wilhelmshaven, vor Cuxhaven und vor der Kieler Fhrde von neuem die Geschtze der englischen Flotte und weckten ein Echo in den deutschen Kstenbatterien. Aber den Schssen folgten nicht wieder die gewohnten hochaufspritzenden Wassersulen drauen auf der weiten Meeresflche und die schwarzen Rauchwolken vor den Schanzen am Strande. Der Kanonendonner grte einen seltenen Gast, der auf deutscher Erde fast fremd geworden war, er grte den Frieden. Von allen Trmen luteten die Glocken und man besann sich wieder darauf, da der Mensch noch zu anderer Arbeit geschaffen war, als automatisch an den Zerstrungswerkzeugen des Krieges zu schaffen, da das Ohr noch andere Tne in sich aufzunehmen im stande war, als den Donnerhall der Geschtze, dem man angstvoll dreiviertel Jahr lang gelauscht. Man fhlte sich wieder frei wie der Gefangene, der seine Ketten zerrissen vor sich am Boden sieht. Am 7. November fiel der erste Schnee des Jahres, dicht und unablssig vom Morgen bis zum Abend. Auf den Straen warfen sich spielende Kinder mit Schneebllen, ein allgemeines Freuen zog wieder ein in die Herzen, und selbst ernste Mnner, die im hastigen Geschftsschritt ber das Pflaster eilten, sah man sich bcken und lustig einen Schneeballwurf erwidern. Es war ja Friede, und man konnte es sich schon einmal erlauben, in frhlicher Lust am kindlichen Spiele teilzunehmen. Es war ja Friede! Unablssig rieselten die weien Flocken herab und eine weie Decke verhllte alles Land, als wollte sie allen Jammer und alle Not der letzten Monate mitleidig dem Auge verhllen. Nur die schwarzen Trauerkleider, die in allen Familien -- es war ja keine verschont geblieben -- das Alltagskleid geworden, mahnten noch an die Zeit des Schreckens und der unsglichen Verluste. Frohen Herzens begrte man in Cuxhaven das Herannahen eines groen Dampfers der Amerika-Linie, der am Kai des Hafens anlegte. Man glaubte es ja kaum, da hier noch einmal ein friedlicher Handelsdampfer seine Trossen festmachen wrde, und fast ungewohnt schien ein paar Arbeitern dieses Tun. Und doch war die Patricia noch nicht zu friedlichem Werke erschienen. Sie sollte als erster deutscher Transportdampfer deutsche Truppen nach Sdafrika bringen. Denn jetzt galt es schnell dafr zu sorgen, da den in Bloemfontein eingeschlossenen Helden Entsatz gebracht wurde, und hinter der Patricia lag -- ein seltsames Zusammentreffen der Namen -- die Pretoria. Sie lud Eisenbahnmaterial zur Wiederherstellung der zerstrten Bahnlinien. Die englische Flotte vor Cuxhaven hatte am 8. November, nachdem sie den Abschiedssalut mit dem Fort Kugelbake getauscht, Dampf aufgemacht und war am Horizont verschwunden. Die See war frei, aber die See war leer. Die sthlernen Geschwader, die einst sich im blutigen Kampfe mit dem Feinde gemessen, die stolzen Panzergeschwader Kaiser Wilhelms, sie lagen fast alle am Grunde des Meeres. Die See war leer, denn von ihr war durch den Feind die deutsche Flagge getilgt und Tausende ruhten unter den Wogen nach treuer Pflichterfllung im ewigen Schlafe. Am 8. November ging der Lotsendampfer Kapitn Karpfanger wieder hinaus und legte die Tonnen und Seezeichen, und ein Torpedoboot schleppte die Feuerschiffe wieder hinaus, die wie vergessene Dekorationsstcke bis dahin in einem Hafenwinkel gelegen, nun aber dem friedlichen Handelsverkehr seine Wege wieder weisen sollten. Langsam passierten die vier rotgestrichenen Schiffskrper, mit frohen Zurufen von der Alten Liebe begrt, Cuxhaven und langsam entschwanden sie in der dicken Schneeluft dem Auge, westlich der Stelle, wo das riesenhohe Wrack des franzsischen Linienschiffes Bouvet und weiter hinaus das des englischen Panzers Ocean die drohenden Sandbnke verriet. Dicht und unablssig versanken die weien Schneeflocken in der grauen Meerflut. Gegen Abend tnte von drauen her der brummende, langgezogene Ton einer Dampfpfeife; das erste Handelsschiff erschien und gegen 6 Uhr passierte der ber die Toppen beflaggte norwegische Dampfer Sigurd Jarl die Alte Liebe. Hilfe naht. Drauen auf weitem Meere durchfurchten jetzt die Kiele der Transportschiffe, geleitet von den Kreuzern Englands und Deutschlands, die Wogen des Ozeans. Durch Sprengungen war es den Englndern gelungen, acht Tage nach der Einnahme von Port Said die Wracks im Suezkanal zu beseitigen, und den Kanal wieder passierbar zu machen. Mehrere Dampfer des sterreichischen Lloyds und die beiden Schiffe der Ostafrika-Linie Kaiser und Kanzler, die in Triest beim Ausbruch des Krieges auf der Rckfahrt von Afrika Zuflucht gesucht und dort jetzt die ersten deutschen Truppentransporte fr Ostafrika und Kapstadt an Bord genommen hatten, verlieen Ende November Suez. Jetzt ging die Fahrt entlang der ostafrikanischen Kste. Schweigend lag die italienische Somalikste im Morgenglanze der aufgehenden Sonne. Das Meer war ruhig, unablssig arbeiteten die Maschinen und trieben die mit Truppen gefllten Dampfer eine Seemeile um die andere ihrem sehnschtig erwarteten Bestimmungsorte entgegen. Jetzt war man in Sicht von Mombas, wo noch die englischen Verteidiger gegenber dem Ansturm der arabischen Horden stand hielten. Der begleitende Kreuzer, die italienische Liguria hite, als man sich der Kste nherte, zum Gru den Union Jack im Vortopp und donnerte seinen Salut nach Mombas hinber. Mit scharfen Glsern hielt man Ausschau nach der Stadt. Als die englische Flagge ber einem Gebude entdeckt wurde und weie Rauchwolken auf einem kleinen Erdwall unweit der Kste aufstiegen und der Wind den Schall einiger Kanonenschsse herbertrug, brach auf den Transportschiffen, an deren Steuerbordreeling sich Kopf an Kopf drngte, ein ungeheurer Jubel los und man grte die wackeren Verteidiger von Mombas mit donnerndem Hurra. Die Liguria setzte ihre Boote aus und lie sie durch ihre Pinasse mit einer Besatzung von 300 Mann von den Transportdampfern an Land schleppen, denen im Laufe des Tages noch groe Sendungen von Munition und Proviant folgten. So war Mombas gesichert und weiter gings nach Sden zu. Am anderen Morgen tauchte die deutsch-ostafrikanische Kste auf. Dort wo die brandenden Wellen einen zerstrten Schiffskrper umsplten, dort wo weie Huserruinen am Strande erkennbar waren, dort mute Tanga liegen. Die Transportdampfer blieben weiter seewrts, nur die Liguria ging nher an die Kste heran, hite das Kriegsbanner des Deutschen Reiches und sandte aus ihren Buggeschtzen ihren Salut hinber. Doch kein Ton antwortete vom Lande, alles Leben war erstorben. Zwischen den weien Mauern der Huser von Tanga lagen die letzten deutschen Verteidiger lngst erschlagen von der Wut eines unerbittlichen Feindes. Die Liguria ging wieder seewrts und langsam lieen die Transportschiffe ihre Maschinen wieder angehen. Tiefe Niedergeschlagenheit herrschte an Bord, dumpf rollte der Donner des Trauersalutes ber die blauen Wogen des Ozeans, whrend die Flaggen auf Halbmast sanken, ein letzter Gru den treuen deutschen Mnnern, die dort in Tanga ihr Leben geopfert. Und weiter ging die Fahrt nach Sden. Vor Dar-es-Salam warfen die Transportschiffe Anker, die Liguria dampfte wieder dem Lande zu, vor der Stadt gefechtsklar machend. Die Pinasse des Kreuzers wurde aber vom Ufer aus mit einigen Schssen empfangen. Nun erffnete die Liguria ein viertelstndiges Bombardement auf Dar-es-Salam, worauf die Araber einige Huser, u. a. das Gouvernementsgebude, in Brand steckten und sich landeinwrts zogen, so da die Landung der italienischen Marinesoldaten ungehindert von statten gehen konnte. Am Nachmittage befanden sich 500 deutsche Soldaten wieder im Besitze des Ortes. Zwei Truppentransportdampfer blieben vor dem Hafen liegen, den die deutsche Besatzung in der Strke von 2000 Mann zunchst in verteidigungsfhigen Zustand setzte. Am anderen Tage trafen zwei englische Kanonenboote von Sansibar vor dem Hafen ein und blieben dort stationiert als Rckhalt fr die deutschen Truppen. Und so ging es weiter. berall, wo noch Kstenpltze gehalten wurden, sorgte man fr die Verstrkung und Neuverproviantierung ihrer Verteidiger. Alle anderen Streitkrfte wurden nach Kapstadt dirigiert, wo Ende Dezember eine stattliche Streitmacht versammelt war, die nunmehr auf der Bahnlinie, an deren Wiederherstellung unablssig gearbeitet wurde, einen Vorsto nach Norden zum Entsatz von Bloemfontein unternehmen konnte. Alle Weien, vor allem die Verteidiger der von den Kaffern bedrngten rasch nacheinander entsetzten Stdte des Kaplandes schlossen sich der Armee an. Ende Januar war der grte Teil des Kaplandes wieder im Besitze der deutsch-englischen Armee und es ist bekannt, da am 27. Januar die ersten Abteilungen der Entsatztruppen fr Bloemfontein die Stadt erreichten, deren Verteidiger inzwischen auf knapp 10000 Mann halbverhungerter Mnner zusammengeschmolzen waren. Dieser Erfolg brach die Widerstandskraft der Kaffernarmee, gegen die nunmehr ein konzentrischer Angriff in der Oranjeflu-Kolonie und in Transvaal begann, der immerhin noch viele Opfer forderte, dessen Ausgang aber nicht mehr zweifelhaft sein konnte. Eine fieberhafte Spannung herrschte an Bord der Kaiserin Augusta als man die flache Kstenlinie bei Swakopmund in Sicht bekam. Mehrere Schsse aus den 15 cm-Geschtzen sollten den Verteidigern des Ortes das Nahen der Hilfe schon von weitem verknden. Und strmischer Jubel machte sich in lauten Hurrarufen Luft, als man in grauem Dunste den Leuchtturm erkennen konnte und ber ihm des Reiches Flagge noch wehen sah. Auch hier war es hohe Zeit, da Hilfe kam. Die Hereros hatten Swakopmund unablssig bedrngt und einige Erdschanzen vor der Stadt waren ihnen bereits in die Hnde gefallen. Jetzt hatte die Not ein Ende, und das Erscheinen eines Landungskommandos, das sofort die ausgemergelten Verteidiger ablste, gengte, um die Hereros zum Zurckgehen zu veranlassen. Dann wurde die Wiederherstellung der Eisenbahn mit dem mitgebrachten Schienenmaterial in Angriff genommen und um Weihnachten konnten unsere Ablsungsmannschaften in Windhuk bereits das Christfest feiern. Ein Vorsto in der Richtung auf Mafeking, an der militrischen Feldbahn entlang, der zum Entsatz von Bloemfontein auch von dieser Seite unternommen wurde, kam allerdings zu spt; Bloemfontein war entsetzt, als zwei deutsche Regimenter am 1. Februar die Bahnlinie Bloemfontein-Johannesburg erreichten. Im fernen Osten. Der Europermord in den chinesischen Hafenpltzen, in den Stdten am Jangtse und auf den Missionsstationen im Innern des Reiches forderte ungezhlte Opfer. In den meisten Fllen verbarrikadierten sich die weien Kaufleute und ihre Angestellten -- alle nationalen Gegenstze wurden von der ueren Gefahr selbstverstndlich sofort zum Schweigen gebracht -- in ihren Husern und verteidigten sich bis zur letzten Patrone. Die in den schier unermelichen Scharen der Gelben durch das Kleinkaliber gerissenen Lcken wurden stets sofort wieder ausgefllt, durch neue Bedrnger, die wie ein jher gelber Schlammstrom aus allen Straen und Winkeln zwischen den Husern hervorquollen. Fielen die Ersten, so wurden ihre Leichen zur Brustwehr fr die dahinterstehenden Reihen. Wo es den fanatisierten chinesischen Horden gelang, Europer lebend zu fangen -- meist drauen auf den einsamen Missionsstationen, wo die mutigen Verknder des Evangeliums von der Gefahr pltzlich berrascht wurden -- endeten sie unter den Hnden der chinesischen Henkersknechte, unter bestialischen Martern und Qualen, wie sie nur eine berreizte Phantasie erdenken konnte. Solche Ereignisse straften den frommen Glauben derer Lgen, die gemeint hatten, die Religion der Liebe sei im stande, die wilden Instinkte der mongolischen Rasse zu mildern. Es erwies sich, da die Bekehrungsarbeit unter den Chinesen immer nur ein uerlicher Akt geblieben war und da das Taufwasser an dem durch Jahrtausende gezchteten Rassencharakter von heute auf morgen nichts zu ndern vermocht hatte. Der dnne Kulturlack sprang sofort ab, und der Chinese blieb, was er stets innerlich gewesen war, ein blutgieriger, raffiniert grausamer Bursche, ohne jede Regung von Mitgefhl fr seine Opfer, mochte er nun zu Buddha beten oder vor dem fremden Christengott die Knie beugen. Nach wenigen Wochen war das Schicksal smtlicher kleinerer europischen Handelsniederlassungen besiegelt und nur in den greren Hafenstdten vermochte man sich in den Settlements noch mit Aufbietung aller Krfte zu verteidigen. Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Berlin, London und der franzsischen Regierung fhrten dazu, da man sich mit der russischen Regierung verstndigte. Da das englisch-franzsische Geschwader in Ostasien durch die Entsendung mehrerer Schiffe nach Europa erheblich reduziert worden war, reichten dessen Streitkrfte bei weitem nicht aus, um die europischen Quartiere in den Kstenstdten zu schtzen. Man landete jedoch in Schanghai, in Canton und in anderen Stdten einige Marinemannschaften und so war es mglich, diese Pltze wenigstens vorlufig zu halten. Die noch in Tientsin stehenden internationalen Streitkrfte wurden ebenfalls vom Geschwader aus verstrkt. Deutsche, franzsische, englische und russische Soldaten standen als treue Kameraden neben einander auf den Schanzen, und zwar ohne da erst ein entsprechender Befehl aus der Heimat abgewartet wurde. Als Basis fr diese Streitkrfte im Norden dienten die Taku-Forts. Die zweifelhafte Haltung der chinesischen Regierung machte es notwendig, das befestigte Gesandtschaftsviertel in Peking zu rumen und das ganze diplomatische Korps nach Taku zurckzuholen, was nur nach schweren Kmpfen und unter Aufbietung aller verfgbaren Streitkrfte gelang. Auf das gemeinsame Ersuchen der europischen Mchte erklrte sich Ruland bereit, sein in Wladiwostok liegendes Geschwader zum Schutze der Europer in China zur Verfgung zu stellen. Es dampfte nach Sden ab und stationierte einige Schiffe auf der Reede von Taku, whrend zwei groe Kreuzer Gromoboi und Diana im Hafen von Schanghai eintrafen. Ihnen folgten zwei Transportschiffe von Wladiwostok, die eine grere Truppenabteilung an Land setzten. Auerdem gestattete Ruland, da ein internationales Korps die sibirische Bahn bis Wladiwostok benutzte, da der Transport auf dem Seewege zu lange gedauert htte. Diese internationalen Truppen langten im Dezember in Wladiwostok an und wurden von dort auf groen Handelsdampfern nach Schanghai befrdert. Von russischen und englischen Flukanonenbooten geleitet, fuhren die Transportschiffe zunchst den Jangtse aufwrts, um die paar Pltze, in denen sich die Europer noch hielten, zu entsetzen. Und es war hchste Zeit, da hier Hilfe gebracht wurde. Als ein russisches Kanonenboot Hankau erreichte, wehte ber dem zusammengeschossenen Fremdenviertel noch die deutsche und englische Flagge, und am Ufer lagen die beiden kleinen deutschen Flukanonenboote Tsingtau und Vaterland. Diese beiden Schiffe waren einst durch den Ausbruch des Krieges auf dem Jangtse halbwegs zwischen Schanghai und Hankau berrascht worden. Die chinesische Regierung, der es groes Vergngen machte, hier ungestraft einmal die fremden Teufel chikanieren zu knnen, forderte die beiden Schiffe durch den Kreuzer Pao-Min auf, entweder den Jangtse zu verlassen und von Schanghai aus seewrts zu gehen, dem englischen Geschwader entgegen, oder in Schanghai auf die Dauer des Krieges abzursten. Die deutschen Schiffsfhrer hatten zwischen der zwecklosen Aufopferung von Schiff und Mannschaft und der Abrstung zu whlen und entschieden sich fr das letztere. Zhneknirschend gab man die Maschinenventile, die Verschlsse der kleinen Schnellfeuerkanonen und die Gewehre an einen feisten grinsenden chinesischen General ab und ging dann unter die Bewachung der Mongolen, die sich immer mehr zu einer Gefangenschaft herausbildete. Als nun der Wettersturm losbrach, ffneten die deutschen Matrosen ohne weiteres das chinesische Arsenal, wo sich ihre Waffen befanden, holten sie heraus und setzten die Schiffe wieder in stand. Dann bemchtigten sie sich einer ausreichenden Menge von Lebensmitteln und legten Beschlag auf einen chinesischen Kohlendampfer, aus dem die Kanonenboote ihre Bunker fllten. Unter dem Hurra der am Bund versammelten europischen Einwohner von Schanghai ging es dann den Jangtse aufwrts an Nanking, das whrend der Nacht passiert wurde, vorber nach Hankau zu, ber dessen Schicksal man seit Abschneidung der telegraphischen Verbindung in das Innere nichts mehr gehrt hatte. Die letzte Depesche enthielt eine dringende Bitte um militrischen Schutz gegen die revoltierende Bevlkerung des Ortes. Die europischen Bewohner Hankaus hatten sich in einem groen langgestreckten Yamen am Uferkai verbarrikadiert und leisteten bereits zwei Wochen lang einen fast hoffnungslosen Widerstand. Die Lehmmauern des Yamens lagen schon in Trmmern und die Gewehrkugeln der mongolischen Angreifer hatten das Huflein der Englnder furchtbar dezimiert. Keiner von ihnen war mehr unverwundet. Bei einem nchtlichen Vorsto war die Hlfte des Yamens in die Hnde der Mongolen gefallen, und als der Morgen nach der Schreckensnacht anbrach, bot sich den Blicken der letzten Verteidiger ein entsetzliches Schauspiel. Zwischen den Ruinen der niedergebrannten Huser einer Strae in Sichtweite des europischen Yamens machten sich die entmenschten Barbaren daran, ihre etwa zwanzig Gefangenen, darunter die Hlfte Frauen und Kinder, mit den raffinierten Foltern mongolischer Grausamkeit zu Tode zu qulen. Unter groen, mit l gefllten Kesseln wurden riesige Feuer entfacht, und wer mit den Einzelheiten chinesischer Justiz vertraut war, wute wozu diese Kessel bestimmt waren. Um die Qual der armen Gefangenen abzukrzen, feuerte man aus dem Europer-Yamen fortwhrend unter die Gruppe der Gefangenen, ohne Rcksicht darauf, da hierdurch der Vorrat an Patronen verhngnisvoll zusammenschmolz. Es war eine teuflische List der Gelben, auf diese Weise mit den Gefhlen der belagerten Englnder rechnend, sie zu einer Munitionsverschwendung zu verfhren. Da strmte durch eine Bresche in der Mauer des Yamen ein englischer Grokaufmann und rannte, das Gewehr in der Rechten, gerade auf den Feind zu, gefolgt von acht Landsleuten, die auf diese Weise durch einen Gewaltvorsto hofften, ihre Frauen und Kinder aus den Hnden der blutgierigen Kanaillen befreien zu knnen. Ein Hagel von Gewehrkugeln schlug um die kleine Gruppe der Vorstrmenden ein; ihr Schicksal gegenber von Tausenden Chinesen, die in stoischer Ruhe die paar Leute herankommen lieen, konnte nicht ungewi sein. Es war Wahnsinn, aber drben lagen ihre Frauen gefesselt unter der gelben Horde. In diesem Moment drhnte vom Strom her ein Kanonenschu. Die angreifenden Englnder waren ebenso erstaunt wie ihre Feinde, als die Lehmmauer eines Hauses unter dem Pulverblitz einer berstenden Granate in sich zusammensank und alsbald mehrere schwere Geschosse durch die dichten Reihen der Mongolen blutige Furchen zogen. Gleichzeitig lie der dumpfe Ton zweier Dampfpfeifen auf dem Flusse die fast verzweifelte Besatzung des Yamens erkennen, da hier Hilfe herankam. Mitten auf der breiten Flche des Jangtse dampften die beiden deutschen Kanonenboote heran, und nahmen mit ihren Schnellfeuergeschtzen und Maschinengewehren die Chinesenstadt unter ein sehr wirksames Feuer. Unter dem Eindruck der nahenden Hilfe machten jetzt alle Europer aus dem Yamen einen Ausfall und es gelang ihnen, da die Chinesen in wilder Flucht davonjagten, die Gefangenen zu befreien. Ergreifende Szenen spielten sich dann am Uferkai ab, als eine kleine Abteilung deutscher Matrosen an Land stieg und in das Yamen einrckte. Um die berlebenden Europer an Bord zu nehmen und nach Schanghai zurckzubringen, dazu fehlte es leider den Kanonenbooten an dem ntigen Raum und vor allem an den erforderlichen Kohlen und so entschlo man sich, einstweilen hier zu bleiben, bis von Schanghai aus neuer Entsatz heranrcken konnte. Die den Jangtse aufwrts dampfenden russischen Kanonenboote und Transportschiffe versahen Hankau, Nanking und einige andere Jangtsepltze mit ausreichenden Garnisonen, so da man der weiteren Entwicklung der Dinge jetzt ruhiger entgegensehen konnte. Die deutschen Marinetruppen hatten zwei Wochen lang in Hankau, wo die Chinesen leider nur zu gut dafr gesorgt hatten, da keine Lebensmittel mehr in erreichbarer Nhe waren, noch einen harten Dienst gehabt. Als dann der in Manila zu Beginn des Krieges aufgelegte havarierte Kreuzer Condor von dort in Schanghai eintraf, wurde die Besatzung von Tsingtau und Vaterland abgelst, worauf sie mit einem englischen Dampfer in die Heimat geschickt wurde. Ihr schneidiges Vorgehen hatte in England so lauten Enthusiasmus erregt, da die englische Regierung in Berlin das Ansuchen stellte, die Besatzung der beiden Kanonenboote mchte, wenn sie auf der Heimfahrt in Portsmouth eintrfe, einige Tage lang Gast der Londoner Bevlkerung sein, eine Bitte, der man in Berlin selbstverstndlich bereitwilligst entsprach. Japan. Eine groe Enttuschung bereitete Japans Haltung whrend des Krieges allen denen, die da geglaubt hatten, die politische Entwicklung werde allein durch Bndnisvertrge und papierne Urkunden bestimmt. Die englische Regierung hatte sich durch das Bndnis mit Japan auf der gegen Ruland gerichteten Front eine gewisse Rckendeckung geschaffen. Da dieses Bndnis sich nur auf Ostasien bezog, war es klar, da seine Paragraphen fr den europischen Krieg zunchst nicht in Betracht kamen. Immerhin hatte man gehofft, da Japan sich nach englischem Muster wohlwollend neutral verhalten wrde. Ausschlielich in dem Gedankengang europischer Politik sich bewegend, hatte man den japanischen Egoismus und den Rasseninstinkt der Vormacht der mongolischen Vlker zu niedrig eingeschtzt. Stellte man diesen in Rechnung, so bot Japans Verhalten allerdings keinen Grund, irgendwie erstaunt zu sein. Einzelne deutsche Schiffe hatten japanische Hfen aufgesucht und diesen wurde von der japanischen Regierung verboten, whrend der Dauer des Krieges die betreffenden Hfen wieder zu verlassen. Ob sie hier lagen oder drauen von englischen Kreuzern vernichtet oder abgefangen wurden, blieb sich in seiner Wirkung vollkommen gleich, es waren kaltgestellte Figuren auf dem Schachbrett des Welthandels. Ein japanisches Geschwader kreuzte whrend der ersten Wochen des Krieges an der chinesischen Kste und der japanische Kreuzer Naniwa beobachtete auf der Reede von Tsingtau die Vernichtung des kleinen deutschen Geschwaders, um dann nach Sasebo heimzukehren und dem Tenno schadenfroh zu melden, da Kiautschou aufgehrt habe eine deutsche Pachtung zu sein und da ein unbequemer Konkurrent in Ostasien von der Bildflche verschwunden sei. Dann kamen die ersten Nachrichten ber die Ttigkeit japanischer Agenten in Indien, dem franzsischen Hinterindien, in Singapore und an der ganzen chinesischen Kste. Die Bewegung unter den Eingeborenen und vor allem ein Aufstand in Franzsisch-Indochina zwang die kriegfhrenden Mchte ihre Seestreitkrfte, soweit sie nicht nach der Heimat zurckbeordert wurden, in den kolonialen Hfen stationiert zu halten. Auf franzsischer Seite erinnerte man sich jetzt zu spt, da man einst die Gefahr unterschtzt hatte, als whrend des russisch-japanischen Krieges japanische Agenten ganz Indochina bereisten und dort Millionen von Flugschriften und Bilderbogen verteilt hatten, auf denen in phantastischer Form dargestellt war, da wie jetzt die Japaner die Moskowiter geschlagen, so in Zukunft die Heere des Tenno auch mit allen europischen Eindringlingen aufrumen wrden. Diese damals ausgestreute Saat stand jetzt in den Halmen. Das englisch-japanische Bndnis war wie ein Klang aus lngst verschollenen Zeiten. Durch die Festhaltung der europischen Seestreitkrfte in den Kolonien war man auerstande, die Ttigkeit japanischer Emissre auf dem Kontinent verhindern zu knnen. Wohl kamen aus Schanghai, aus Tientsin, Peking und anderen Stdten Meldungen, die die Schuld an der immer strker anschwellenden Bewegung unter den Chinesen fast ausschlielich der japanischen Whlarbeit zuwiesen, doch hatte man keine direkten Beweise in Hnden, und in London htete man sich, unbequeme Anfragen nach Tokio zu richten. Man beobachtete nur und schwieg. Wohl aber dmmerte in England die Erkenntnis auf, da das englisch-japanische Bndnis ein Verrat an der Zukunft der weien Rasse gewesen sei. Als dann die von europischen und japanischen Offizieren gedrillten chinesischen Regimenter, mit europischen Waffen ausgerstet, heranrckten und die ersten Gefechte auf chinesischem Boden stattfanden, wurden unter den Toten auf der Walstatt Dutzende von japanischen Offizieren aufgelesen. Dann erst wurde der englische Gesandte in Tokio beauftragt, der japanischen Regierung ernste Vorstellungen zu machen. Drohen konnte man nach den Verlusten der Flotte vor Helgoland nicht mehr, wollte man sich von den Gelben nicht auslachen lassen. Es war natrlich kein Zweifel, da die Erhebung der mongolischen Rasse das Werk der Japaner war, die sich jedoch vorsichtig im Hintergrund hielten. Die Antwort in Tokio zeugte davon, da man sich dort in die europische Diplomatie gut eingelebt hatte, sie lautete: Gewi, es befnden sich wohl einzelne japanische Offiziere im chinesischen Heere, doch seien sie aus der japanischen Armee vorher ausgeschieden. Fr jedes japanische Offizierspatent, welches bei einem gefallenen Japaner auf chinesischem Boden gefunden werde, mache sich die japanische Regierung anheischig eine Million Pfund als Entschdigung zu zahlen. -- Es wurde selbstverstndlich nie ein solches Offizierspatent gefunden, was bei der mongolischen Schlauheit kein Wunder war. Weiter hie es in der japanischen Erklrung: Die Regierung sei auerstande, Leute, die nicht mehr dem japanischen Heere angehrten, und aus Sympathie fr ein befreundetes und stammverwandtes Volk sich an einigen Kmpfen beteiligten, zur Rechenschaft zu ziehen. Oder habe England etwa Deutschland den Krieg erklrt, als es auf den sdafrikanischen Schlachtfeldern deutsche Offiziere gefangen genommen htte. Man hatte viel gelernt in Tokio. Noch stehen unsere Truppen in China, noch sucht eine groe internationale Armee von den Kstenstdten aus, langsam ins Innere ihre Posten vorschiebend, den verlorenen Boden wieder zu gewinnen und das an europischer Kulturarbeit wieder aufzurichten, was die Schuttlawine des chinesischen Aufstandes erdrckt und vernichtet hat. Im englischen Parlament. Es fielen zwei groe Tage fr die Londoner Bevlkerung zusammen. Am Morgen war die heldenmtige Besatzung der beiden deutschen Kanonenboote Tsingtau und Vaterland an Bord des englischen Dampfers Colombo in Portsmouth eingetroffen; mittags rstete sich die englische Hauptstadt zum Empfang der deutschen Gste. Und an demselben Tage hatte im englischen Unterhause der Hauptredner der Opposition eine Interpellation der Regierung, wegen der Besetzung des Hafens von Bender-Abbas an der persischen Kste durch die russische Flotte angekndigt. Die Nachricht von der russischen Flaggenhissung war zwei Tage zuvor in London eingetroffen und hatte dort groe Erregung hervorgerufen. Der Sitzungssaal des Unterhauses war bis auf den letzten Platz besetzt. Selbst hinter den Sitzreihen standen noch Abgeordnete, andere sumten die Galerien. Lautes Stimmengewirr durchschwirrte den hohen Raum, das noch mehr anschwoll, als der Staatssekretr des auswrtigen Amtes, der sich zur Beantwortung der Interpellation bereit erklrt hatte, seinen gewohnten Platz einnahm und vor sich auf den Tisch des Hauses eine Aktenmappe niederlegte. Es lag etwas wie Krisenstimmung in der Luft. Der Lrm verstummte, als sich nunmehr der Redner des Tages erhob. Er gab zunchst einen kurzen berblick ber die Kriegsereignisse des letzten Jahres. Noch einmal entrollte sich das gewaltige Drama des Riesenkampfes vor seinen Zuhrern, dann zog er, unter Beifallsrufen seiner Parteigenossen, in kurzen, knappen Stzen die Bilanz dieser Ereignisse: Die Regierung hat dies Land, sagte er, mit allzugroer Leichtherzigkeit in einen Krieg hineingefhrt, dessen Folgen sie nicht bersah, die sie aber bei vorsichtiger Einschtzung der politischen Lage und der Krfte unserer Gegner htte voraussehen mssen. Doch an der Vergangenheit ist nichts mehr zu ndern. Fassen wir das Ergebnis des Krieges zusammen, so ist es das folgende: Die Vernichtung des grten Teiles der deutschen Flotte hat unserer Marine schwerere Verluste gekostet, als wir bei Beginn der Feindseligkeiten erwarten durften. Wir sind stolz auf unsere Erfolge zur See. Aber die Marine Kaiser Wilhelms hat mehr geleistet als wir glaubten. Ein Drittel unserer Schlachtflotte liegt am Grunde des Meeres, ein Drittel unserer Panzerschiffe befindet sich im Dock zur Reparatur, und die schwere Artillerie der noch gefechtsfhigen Schiffe ist so sehr durch den Kampf mitgenommen, da sie kein Seegefecht mehr riskieren kann. (Lebhafte Unruhe im Hause.) Ich verrate keine Geheimnisse. Es ist allgemein bekannt, da die Lebensdauer der schweren Geschtze auf unseren Linienschiffen sich nur auf eine beschrnkte Anzahl von Schssen erstreckt, und diese ist berall fast erreicht. Sehen wir ab von den Neubauten, die auf unsern Werften ihrer Vollendung entgegengehen, so ist unsere Schlachtflotte, die aus dem Kriege zurckgekehrt ist, _wehrlos_, sie kommt fr einen Kampf zur See nicht mehr in Betracht, bis sie neue Geschtze erhalten hat. Also ist es das Ergebnis des Krieges, da dieses Land die Seeherrschaft auf dem Ozean verloren hat auf krzere oder lngere Zeit. (Unruhe im ganzen Hause.) Wir mssen ehrlich sein gegen uns selber und das nicht bersehen, was andere auch sehen. Da die franzsische Flotte noch mehr gelitten hat als unsere, ist kein Trost fr uns, und auch die Vernichtung der deutschen Marine kann uns fr den Verlust der britischen Seeherrschaft nicht entschdigen. _Es gibt heute nur noch eine groe Flotte auf dem Ozean_, das ist die _Flotte der Vereinigten Staaten_. (Der Redner wird mehrfach unterbrochen und macht eine lngere Pause.) Was dieser Erfolg des Krieges fr England bedeutet, will ich nicht weiter errtern, es gengt, die Tatsache festzustellen. Deutschland befindet sich in hnlicher Lage wie wir. Ehemals die grte Militrmacht in Europa, hat es diesen Rang fr eine Zeit wenigstens an Ruland abtreten mssen. Diese beiden Tatsachen bedeuten nichts mehr und nichts weniger, als _da die Entscheidung ber die Geschicke der Welt nicht mehr in der Hand der beiden Seemchte der germanischen Vlker liegt, nicht mehr bei England und Deutschland steht_, sondern zu Lande Ruland zugefallen ist und zur See von der amerikanischen Union abhngt. Petersburg und Washington sind an die Stelle von Berlin und London getreten. _Darum_ haben wir dreiviertel Jahr gekmpft. _Darum_ haben wir Hunderttausend Soldaten auf franzsischer Erde begraben, _darum_ sind unsere Flotten in den Wogen der See versunken. Ich klage die Regierung nicht an; ich folge dem alten Wahlspruch unseres Volkes ^Right or wrong, my country!^ (Vereinzelte Cheers.) Dieser Krieg hat der Vormacht des Slaventums und der anspruchsvollen uns nicht freundlich gesinnten Regierung der Vereinigten Staaten, ohne da sie einen Finger zu rhren brauchten, zu einer Weltmachtstellung verholfen, die wir zurckerobern mssen (laute Cheers), in der Zukunft zurckerobern mssen, denn heute ist unsere Flotte zu schwach. Was kann uns die Vermehrung und Konzentrierung unseres afrikanischen Kolonialbesitzes fr solche Verluste entschdigen? Wir mssen unsere Kolonien in Afrika von neuem erobern. Ebenso Deutschland und Frankreich. Ich spreche nicht von Riesenverlusten unseres Handels, von den finanziellen Einbuen durch die Belastung unseres Budgets mit den unerhrten Ausgaben fr diesen Krieg. Und sind wir unseres Besitzes sicher? Ich erinnere das Haus an das, was sich in Sdafrika, in Canada, in der ^Commonwealth^ von Australien vorbereitet. Ich erinnere daran, da Kolonien nicht dankbar sondern anspruchsvoll sind. Was soll daraus werden? (Lebhafte Bewegung im ganzen Hause.) Das Gespenst der Sorge um Indien ist der Hausgeist der englischen Politik. Verlieren wir Indien, so wankt uns der Boden unter den Fen. Jetzt weht die russische Flagge ber den Strandbatterien von Bender-Abbas. Unsere indische Bastion wird durch die russische Erwerbung flankiert. Sollen wir das dulden? Vertrgt das die Ehre dieses Landes? (Rufe: Nein, nein!) _Wir drfen nicht mehr Nein sagen._ Wir mssen Ja sagen (Lebhafter Widerspruch). Wir mssen Ja sagen, weil wir dieses Land nicht um einen persischen Hafen in einen neuen Krieg strzen drfen, in dem wir ohne Verbndete dastehen. Oder ist das Bndnis mit Japan mehr als ein wertloses Stck Papier. Wir mssen uns abfinden mit der Tatsache, da Bender-Abbas Ruland gehrt, da Persien eine russische Interessensphre ist. Wir drfen nicht in denselben Fehler verfallen wie im Winter vorigen Jahres, als wir glaubten, die Welt sei zu klein, als da groe Vlker nebeneinander existieren knnten. Fr Deutschland war neben England Raum genug, jetzt hat Amerika uns _beiden_ den Platz eingeengt. Fr Ruland ist auch neben England Raum genug in Asien. Wir erwarten, da die Regierung in Petersburg die Verhandlungen in diesem Sinne fhrt. Wir drfen dann hoffen, da Bender-Abbas ein Ventil fr das russische Expansionsbedrfnis wird, da hier das Streben Rulands nach dem Meere ein Endziel findet und da dadurch die afghanisch-indische Grenze von einem unertrglichen Druck entlastet wird. Wenn Englands Ehre angetastet wird, steht die Bevlkerung dieses Landes zusammen wie ein Mann, wir sind gewohnt fr die Macht und Herrlichkeit des Vaterlandes das Letzte zu opfern. Hier handelt es sich aber nicht um unsere Ehre, sondern um unseren Ehrgeiz, um den Verzicht auf ein Phantom, um den Verzicht auf einen Besitz, der uns nie gehrt hat. Und wir sind heute nicht mehr reich und mchtig genug, um einen Krieg zu fhren, der nur unsere nationale Eitelkeit befriedigen kann. Donnernder Beifall folgte diesen Worten auf _beiden_ Seiten des Hauses. Die Abgeordneten drngten sich an den Redner heran, schttelten ihm die Hnde und sprachen eifrig auf ihn ein. Es war kein Zweifel, er hatte allen aus dem Herzen gesprochen, die bitteren Wahrheiten, die man in so klaren Stzen eben gehrt, hatten ihren Eindruck nicht verfehlt. Von dem lauten Stimmengewirr wurde die Ankndigung des Sprechers des Hauses, da der Staatssekretr des ueren nach fnf Minuten die Interpellation beantworten werde, vllig bertubt. berall standen Gruppen der Abgeordneten in lebhaftem Gesprch zusammen. Durch die hohen Fenster des Sitzungssaales tnte von drauen her das dumpfe Brausen des Straenverkehrs herein, wie der ewig gleiche Tonfall der Meeresbrandung. Jetzt schwoll diese einfrmige Melodie auf dem Resonanzboden der Riesenstadt zu grerer Strke an, laute Cheers erschollen drauen und dann setzten in der Ferne die schmetternden Klnge einer Militrkapelle ein. Geleitet von den strmischen Willkommengru der Londoner Bevlkerung zogen die deutschen Marinesoldaten in London ein. Noch lauschte man im Sitzungssaale diesen ungewohnten Tnen, da erhob sich der Staatssekretr des ueren von seinem Platze: Das sehr ehrenwerte Mitglied des Hauses hat die Meinung seiner politischen Freunde in einer Weise zum Ausdruck gebracht, die sich, wenn auch in weniger schroffer Form, mit den Anschauungen des Ministeriums, welches ich zu vertreten die Ehre habe, deckt. Die Regierung dieses Landes wei die bedauerlichen Folgen des Krieges vollauf zu wrdigen, sie gibt sich ber den Zustand unserer Seemacht keinen Tuschungen hin und ist ebenfalls der Ansicht, da es gefhrlich wre, sich auf irgendwelche politische Experimente einzulassen, die das Land in neue unabsehbare Verwicklungen strzen knnten. Die Besetzung von Bender-Abbas durch das russische Geschwader bedeutet an sich keine Bedrohung unserer indischen Machtstellung. Wenn die Richtung der russischen Expansionspolitik durch die Einnahme von Bender-Abbas eine andere wird, so wird England keinen Einspruch dagegen erheben, unter der Voraussetzung, da Englands Interessen in Persien -- die keine politischen sind und es nie gewesen sind -- nicht beeintrchtigt werden. Unser Botschafter in Petersburg ist in diesem Sinne beauftragt, eine Erklrung der russischen Regierung zu fordern. Sobald diese erfolgt, werde ich dem Hause weitere Mitteilungen machen. Vorlufig bitte ich, diesen Gegenstand verlassen zu drfen. Der Staatssekretr machte eine Pause und suchte zwischen den Papierblttern in seiner Mappe. Drauen erklangen jetzt die vollen krftigen Akkorde der deutschen Militrmusik. Der Staatssekretr begann von neuem. Das sehr ehrenwerte Mitglied des Hauses hat erwhnt, da nach den bedauerlichen Verlusten des Krieges die amerikanische Flotte gegenwrtig die strkste Seemacht der Welt darstellt. Ich bitte das hohe Haus, sich dieses Umstandes zu erinnern, wenn ich jetzt zu meinem Bedauern eine sehr ernste Mitteilung zu machen habe. (Der Staatssekretr rusperte sich und rckte an seinem Halskragen, als sei ihm dieser pltzlich zu eng geworden.) Unser Botschafter in Washington teilt uns soeben mit, da ihm die Regierung der Vereinigten Staaten eine diplomatische Note zugestellt habe des Inhalts: _Die Regierung der Vereinigten Staaten fordert die Regierung Grobritanniens auf, aus ihren kolonialen Besitzungen in Westindien, aus Jamaica, den Bahama-Inseln, Britisch-Honduras und Britisch-Guyana die englischen Garnisonen zurckzuziehen._ Das gleiche Ersuchen werde in Paris, in Kopenhagen und im Haag berreicht. Der Bau des Panamakanales lege der Regierung der Vereinigten Staaten die Notwendigkeit nahe dafr zu sorgen, da diese wichtige Schiffahrtsstrae nicht durch irgendwelche Macht im Kriege gesperrt werden knne, und Amerika knne es nicht mehr dulden, da der Schiffahrtsweg an den Bastionen europischer Festungswerke vorberfhre. Da die europischen Kolonien in Westindien nur noch geringe wirtschaftliche Bedeutung htten, sie aber als Militrstationen aufhren mten zu bestehen, verlange die amerikanische Regierung die Rumung dieser Besitzungen, die nunmehr unter amerikanischen Schutze selbstndig werden sollten. Zum Schlusse der Note heit es: die Regierung in Washington habe diesen Zeitpunkt fr ihre Manahme gewhlt, da er die grte Garantie biete fr eine friedliche Erledigung der Angelegenheit. Nach den groen Verlusten im Kriege und bei dem gegenwrtigen Zustande der europischen Flotten sei selbst eine europische Koalition nicht imstande, mit Aussicht auf Erfolg der amerikanischen Flotte entgegenzutreten. Die Vereinigten Staaten und _Japan_ seien zur Zeit die einzigen wirklichen Seemchte. Die europischen Regierungen mten daher jetzt endlich auch praktisch der Monroedoktrin die Stellung zubilligen, die Deutschland wenigstens theoretisch bereits freiwillig anerkannt habe. Da ward es totenstill im Hause. Alle fhlten es: Es fuhr ein Schlag hernieder, den man nicht mehr parieren konnte. Durch die hohen Fenster strich die laue Frhlingsluft. In der Ferne verklang der Pariser Einzugsmarsch. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Theodor Weicher, Leipzig Otto Julius Bierbaums Goethe-Kalender auf das Jahr 1906 herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, mit Buchschmuck von E. R. Wei, einem Dreifarbendruck nach einem Gemlde M. A. Stremels sowie mehreren Holzschnitten, tzungen nach alten Vorlagen. Volksausgabe im Stile der Goethezeit. 2. Aufl. Preis 1 Mark. Der Grundgedanke dieser Verffentlichung ist: Einfhrung d. Nationalschatzes an Lebensweisheit, Lebensschnheit, Lebenskunst, der dem deutschen Volke aus dem Leben und Schaffen Goethes geworden ist, in das tgliche Leben jedes einzelnen. Daher die Kalenderform. Lichtenbergs Briefe. Herausgegeben von Albert Leitzmann und Carl Schddekopf. Drei Bnde m. zahlr. Abbildg. nach Handzeichnungen. (Die drei Bnde sind auch einzeln kuflich.) Broschiert 30 Mark, gebunden 37 Mark 50 Pf. Otto Julius Bierbaum sagt ber Lichtenbergs Briefe: Diese drei Bnde gehren zu den Bchern, die sich der Erfahrene in seiner Schlafstube aufstellt, damit sie ihn abends leicht hinberleiten in diese wunderliche, dunkle Lebenszeit, wo zuweilen das Unbewute wach wird, whrend das Bewutsein schlft, und damit sie ihn beim Erwachen mit als erste wieder begren, wenn es gilt, sich fr das helle Gebrause eines neuen Tages zu rsten, der wer wei was fr Schnheiten oder Scheulichkeiten auf uns loszulassen bereit ist. Sie sind nicht soviel wert wie das freundliche Lcheln einer freundlichen Frau, die mit diesem Lcheln sagt: Was kommen mag, ich bin bei dir. So viel kann kein Buch. Aber Bcher wie dieses und hnliche Bcher, die nicht Kunst, sondern das Leben selber sind, und zwar das Leben von Menschen der schenkenden Tugend, will sagen von Menschen, die so voll von Geist und Gemtskraft sind, da jede, auch die unbedeutendste uerung voll ist vom Hauche innersten Lebens, der sich mitteilt wie der Duft von Blumen -- solche Bcher sagen einem, wo immer man sie aufschlagen mag, auch einen wirklich schnen Guten Morgen! Druck von G. Kreysing in Leipzig. Anmerkungen zur Transkription Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t oder kursiv sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die in Antiqua gesetzt waren, wurden ^so^ markiert. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 4]: ... Vortop des weien Kreuzers drauen auf der Reede ber der weiten ... ... Vortopp des weien Kreuzers drauen auf der Reede ber der weiten ... [S. 14]: ... dem Wasser, am Grotop weht noch wei und stolz die Flagge des ... ... dem Wasser, am Grotopp weht noch wei und stolz die Flagge des ... [S. 25]: ... bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhafte gestikulierende ... ... bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft gestikulierende ... [S. 50]: ... Elbmndung herein. Unter dem dicken braunen Rauchfahnen, die ihren ... ... Elbmndung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren ... [S. 56]: ... Uferdamm Schaummassen spritzend und dann wieder in unwiderstehlichen ... ... Uferdamm Schaummassen spritzend und dann wieder in unwiderstehlichem ... [S. 69]: ... hin. Sie waren teilweise aus dem meterhohen Papierrollen hergestellt, ... ... hin. Sie waren teilweise aus den meterhohen Papierrollen hergestellt, ... [S. 82]: ... Befehl zum Feuern, und mit Donnergetse entsanden die englischen ... ... Befehl zum Feuern, und mit Donnergetse entsandten die englischen ... [S. 88]: ... befand, erfolgte abends gegen 10 Uhr pltzlich, fast gleichzeitig ... ... befand, erfolgten abends gegen 10 Uhr pltzlich, fast gleichzeitig ... [S. 91]: ... Den Rckzug der schwer havarierten drei Panzer Suffrien, ... ... Den Rckzug der schwer havarierten drei Panzer Suffren, ... [S. 95]: ... und portugisischen Korps gegenber standen. ... ... und portugiesischen Korps gegenber standen. ... [S. 96]: ... und die Vereinigten Staaten aneinander zubringen und sich dabei ... ... und die Vereinigten Staaten aneinander zuzubringen und sich dabei ... [S. 105]: ... von den Reitern und warf die Protze quer ber die Chaussee, des Geschtz ... ... von den Reitern und warf die Protze quer ber die Chaussee, das Geschtz ... [S. 120]: ... anderer Kstenbatterien in englischen Besitz. Doch war der Feind ... ... anderer Kstenbatterien in englischem Besitz. Doch war der Feind ... [S. 123]: ... von sechs englischen Panzerkreuzer zeigten drauen weit auf der Reede, ... ... von sechs englischen Panzerkreuzern zeigten drauen weit auf der Reede, ... [S. 129]: ... Posten die Hand der Radwelle des Paternosterwerkes, das aus schwarzer ... ... Posten die Hand an der Radwelle des Paternosterwerkes, das aus schwarzer ... [S. 137]: ... die Grenze ihre auf nur ca. hundert Schu berechnete Leistungsfhigkeit ... ... die Grenze ihrer auf nur ca. hundert Schu berechnete Leistungsfhigkeit ... [S. 137]: ... in Dar-es-Salaam, Swakopmund, Tsingtau usw. dem kolonialen Kriege ... ... in Dar-es-Salam, Swakopmund, Tsingtau usw. dem kolonialen Kriege ... [S. 151]: ... Luft der kleine Fesselballon der Funkentelegraphie, dessen elektrischen ... ... Luft der kleine Fesselballon der Funkentelegraphie, dessen elektrische ... [S. 157]: ... nicht viel die Rede, die Manschaften sanken, bis auf das uerste ermdet, ... ... nicht viel die Rede, die Mannschaften sanken, bis auf das uerste ermdet, ... [S. 158]: ... Brand der Stdte und Drfer erhell wurde, als stnde eine Welt in ... ... Brand der Stdte und Drfer erhellt wurde, als stnde eine Welt in ... [S. 164]: ... stumm und teilnahmlos dahin, ein Leben, dem jede Zukunftshoffnung ... ... stumm und teilnahmslos dahin, ein Leben, dem jede Zukunftshoffnung ... [S. 167]: ... an verwaister Sttte festen Fu zu fassen. Uber die Phrasen von ... ... an verwaister Sttte festen Fu zu fassen. ber die Phrasen von ... [S. 170]: ... Casablanca ermordet worden seien. Eine aus dem Lager vor Marsaille ... ... Casablanca ermordet worden seien. Eine aus dem Lager vor Marseille ... [S. 177]: ... Wut des alten Glaubenshasses. Anfang November ffnete Damaskus ... ... Wut des alten Glaubenshasses. Anfang November ffneten Damaskus ... [S. 184]: ... hoffungslos den Kaffernhorden ausliefern, in deren Kriegfhrung der ... ... hoffnungslos den Kaffernhorden ausliefern, in deren Kriegfhrung der ... [S. 195]: ... Transportschiffe versahen Hankau, Nauking und einige andere Jangtsepltze ... ... Transportschiffe versahen Hankau, Nanking und einige andere Jangtsepltze ... [S. 200]: ... in einen ueuen Krieg strzen drfen, in dem wir ohne Verbndete ... ... in einen neuen Krieg strzen drfen, in dem wir ohne Verbndete ... End of the Project Gutenberg EBook of 1906. Der Zusammenbruch der alten Welt, by Ferdinand Grautoff License: Share Alike