Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. This Etext is in German. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. DER ARME SPIELMANN von FRANZ GRILLPARZER Erzhlung (1847) In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest, wenn je ein Fest diesen Namen verdient hat. Das Volk besucht es und gibt es selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so knnen sie es nur in ihrer Eigenschaft als Glieder des Volks. Da ist keine Mglichkeit der Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch war keine. An diesem Tage feiert die mit dem Augarten, der Leopoldstadt, dem Prater in ununterbrochener Lustreihe zusammenhngende Brigittenau ihre Kirchweihe. Von Brigittenkirchtag zu Brigittenkirchtag zhlt seine guten Tage das arbeitende Volk. Lange erwartet, erscheint endlich das saturnalische Fest. Da entsteht Aufruhr in der gutmtig ruhigen Stadt. Eine wogende Menge erfllt die Straen. Gerusch von Futritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stnde ist verschwunden; Brger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt wchst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkmpft. Aber die Donaubrcke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich, ziehen endlich zwei Strme, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks, sich kreuzend quer unter- und bereinander, die Donau ihrem alten Flubette nach, der Strom des Volkes, der Eindmmung der Brcke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergieend in alles deckender berschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fnde die Zeichen bedenklich. Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust. Schon zwischen Stadt und Brcke haben sich Korbwagen aufgestellt fr die eigentlichen Hierophanten dieses Weihfestes: die Kinder der Dienstbarkeit und der Arbeit. berfllt und dennoch im Galopp durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen ffnet und hinter ihnen schliet, unbesorgt und unverletzt. Denn es ist in Wien ein stillschweigender Bund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu berfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht berfahren zu werden, auch ohne alle Aufmerksamkeit. Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Bis endlich fnf bis sechs Stunden vor Nacht die einzelnen Pferde- und Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die, sich selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das alte Sprichwort "Besser schlecht gefahren, als zu Fue gegangen" offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet, sitzen die geputzten Damen in den scheinbar stillestehenden Kutschen. Des immerwhrenden Anhaltens ungewohnt, bumt sich der Holsteiner Rappe, als wollte er seinen durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg obenhin ber diesen hinaus nehmen, was auch die schreiende Weiber- und Kinderbevlkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befrchten scheint. Der schnell dahinschieende Fiaker, zum ersten Male seiner Natur ungetreu, berechnet ingrimmig den Verlust, auf einem Wege drei Stunden zubringen zu mssen, den er sonst in fnf Minuten durchflog. Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter ein Peitschenhieb. Endlich, wie denn in dieser Welt jedes noch so hartnckige Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrcken ist, erscheint auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bume des Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land! Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und mischen sich unter die Fugnger, Tne entfernter Tanzmusik schallen herber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. Und so fort und immer weiter, bis endlich der breite Hafen der Lust sich auftut und Wald und Wiese, Musik und Tanz, Wein und Schmaus, Schattenspiel und Seiltnzer, Erleuchtung und Feuerwerk sich zu einem pays de cocagne, einem Eldorado, einem eigentlichen Schlaraffenlande vereinigen, das leider, oder glcklicherweise, wie man es nimmt, nur einen und den nchst darauffolgenden Tag dauert, dann aber verschwindet, wie der Traum einer Sommernacht, und nur in der Erinnerung zurckbleibt und allenfalls in der Hoffnung. Ich versume nicht leicht, diesem Feste beizuwohnen. Als ein leidenschaftlicher Liebhaber der Menschen, vorzglich des Volkes, so da mir selbst als dramatischem Dichter der rckhaltslose Ausbruch eines berfllten Schauspielhauses immer zehnmal interessanter, ja belehrender war als das zusammengeklgelte Urteil eines an Leib und Seele verkrppelten, von dem Blut ausgezogener Autoren spinnenartig aufgeschwollenen literarischen Matadors; als ein Liebhaber der Menschen, sage ich, besonders wenn sie in Massen fr einige Zeit der einzelnen Zwecke vergessen und sich als Teile des Ganzen fhlen, in dem denn doch zuletzt das Gttliche liegt--als einem solchen ist mir jedes Volksfest ein eigentliches Seelenfest, eine Wallfahrt, eine Andacht. Wie aus einem aufgerollten, ungeheuren, dem Rahmen des Buches entsprungenen Plutarch lese ich aus den heitern und heimlich bekmmerten Gesichtern, dem lebhaften oder gedrckten Gange, dem wechselseitigen Benehmen der Familienglieder, den einzelnen halb unwillkrlichen uerungen mir die Biographien der unberhmten Menschen zusammen, und wahrlich! man kann die Berhmten nicht verstehen, wenn man die Obskuren nicht durchgefhlt hat. Von dem Wortwechsel weinerhitzter Karrenschieber spinnt sich ein unsichtbarer, aber ununterbrochener Faden bis zum Zwist der Gttershne, und in der jungen Magd, die, halb wider Willen, dem drngenden Liebhaber seitab vom Gewhl der Tanzenden folgt, liegen als Embryo die Julien, die Didos und die Medeen. Auch vor zwei Jahren hatte ich mich, wie gewhnlich, den lustgierigen Kirchweihgsten als Fugnger mit angeschlossen. Schon waren die Hauptschwierigkeiten der Wanderung berwunden und ich befand mich bereits am Ende des Augartens, die ersehnte Brigittenau hart vor mir liegend. Hier ist nun noch ein, wenngleich der letzte Kampf zu bestehen. Ein schmaler Damm, zwischen undurchdringlichen Befriedungen hindurchlaufend, bildet die einzige Verbindung der beiden Lustorte, deren gemeinschaftliche Grenze ein in der Mitte befindliches hlzernes Gittertor bezeichnet. An gewhnlichen Tagen und fr gewhnliche Spaziergnger bietet dieser Verbindungsweg berflssigen Raum; am Kirchweihfeste aber wrde seine Breite, auch vierfach genommen, noch immer zu schmal sein fr die endlose Menge, die, heftig nachdrngend und von Rckkehrenden im entgegengesetzten Sinne durchkreuzt, nur durch die allseitige Gutmtigkeit der Lustwandelnden sich am Ende doch leidlich zurechtfindet. Ich hatte mich dem Zug der Menge hingegeben und befand mich in der Mitte des Dammes, bereits auf klassischem Boden, nur leider zu stets erneutem Stillestehen, Ausbeugen und Abwarten gentigt. Da war denn Zeit genug, das seitwrts am Wege Befindliche zu betrachten. Damit es nmlich der genulechzenden Menge nicht an einem Vorschmack der zu erwartenden Seligkeit mangle, hatten sich links am Abhang der erhhten Dammstrae einzelne Musiker aufgestellt, die, wahrscheinlich die groe Konkurrenz scheuend, hier an den Propylen die Erstlinge der noch unabgentzten Freigebigkeit einernten wollten. Eine Harfenspielerin mit widerlich starrenden Augen. Ein alter invalider Stelzfu, der auf einem entsetzlichen, offenbar von ihm selbst verfertigten Instrumente, halb Hackbrett und halb Drehorgel, die Schmerzen seiner Verwundung dem allgemeinen Mitleid auf eine analoge Weise empfindbar machen wollte. Ein lahmer, verwachsener Knabe, er und seine Violine einen einzigen ununterscheidbaren Knuel bildend, der endlos fortrollende Walzer mit all der hektischen Heftigkeit seiner verbildeten Brust herabspielte. Endlich--und er zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich--ein alter, leicht siebzigjhriger Mann in einem fadenscheinigen, aber nicht unreinlichen Molltonberrock mit lchelnder, sich selbst Beifall gebender Miene. Barhuptig und kahlkpfig stand er da, nach Art dieser Leute, den Hut als Sammelbchse vor sich auf dem Boden, und so bearbeitete er eine alte vielzersprungene Violine, wobei er den Takt nicht nur durch Aufheben und Niedersetzen des Fues, sondern zugleich durch bereinstimmende Bewegung des ganzen gebckten Krpers markierte. Aber all diese Bemhung, Einheit in seine Leistung zu bringen, war fruchtlos, denn was er spielte, schien eine unzusammenhngende Folge von Tnen ohne Zeitma und Melodie. Dabei war er ganz in sein Werk vertieft: die Lippen zuckten, die Augen waren starr auf das vor ihm befindliche Notenblatt gerichtet ja wahrhaftig Notenblatt! Denn indes alle andern, ungleich mehr zu Dank spielenden Musiker sich auf ihr Gedchtnis verlieen, hatte der alte Mann mitten in dem Gewhle ein kleines, leicht tragbares Pult vor sich hingestellt mit schmutzigen, zergriffenen Noten, die das in schnster Ordnung enthalten mochten, was er so auer allem Zusammenhange zu hren gab. Gerade das Ungewhnliche dieser Ausrstung hatte meine Aufmerksamkeit auf ihn gezogen, so wie es auch die Heiterkeit des vorberwogenden Haufens erregte, der ihn auslachte und den zum Sammeln hingestellten Hut des alten Mannes leer lie, indes das brige Orchester ganze Kupferminen einsackte. Ich war, um das Original ungestrt zu betrachten, in einiger Entfernung auf den Seitenabhang des Dammes getreten. Er spielte noch eine Weile fort. Endlich hielt er ein, blickte, wie aus einer langen Abwesenheit zu sich gekommen, nach dem Firmament, das schon die Spuren des nahenden Abends zu zeigen anfing, darauf abwrts in seinen Hut, fand ihn leer, setzte ihn mit ungetrbter Heiterkeit auf, steckte den Geigenbogen zwischen die Saiten; "Sunt certi denique fines", sagte er, ergriff sein Notenpult und arbeitete sich mhsam durch die dem Feste zustrmende Menge in entgegengesetzter Richtung, als einer, der heimkehrt. Das ganze Wesen des alten Mannes war eigentlich wie gemacht, um meinen anthropologischen Heihunger aufs uerste zu reizen. Die drftige und doch edle Gestalt, seine unbesiegbare Heiterkeit, so viel Kunsteifer bei so viel Unbeholfenheit; da er gerade zu einer Zeit heimkehrte, wo fr andere seinesgleichen erst die eigentliche Ernte anging; endlich die wenigen, aber mit der richtigsten Betonung, mit vlliger Gelufigkeit gesprochenen lateinischen Worte. Der Mann hatte also eine sorgfltigere Erziehung genossen, sich Kenntnisse eigen gemacht, und nun--ein Bettelmusikant! Ich zitterte vor Begierde nach dem Zusammenhange. Aber schon befand sich ein dichter Menschenwall zwischen mir und ihm. Klein, wie er war, und durch das Notenpult in seiner Hand nach allen Seiten hin strend, schob ihn einer dem andern zu, und schon hatte ihn das Ausgangsgitter aufgenommen, indes ich noch in der Mitte des Dammes mit der entgegenstrmenden Menschenwoge kmpfte. So entschwand er mir, und als ich endlich selbst ins ruhige Freie gelangte, war nach allen Seiten weit und breit kein Spielmann mehr zu sehen. Das verfehlte Abenteuer hatte mir die Lust an dem Volksfest genommen. Ich durchstrich den Augarten nach allen Richtungen und beschlo endlich, nach Hause zu kehren. In die Nhe des kleinen Trchens gekommen, das aus dem Augarten nach der Taborstrae fhrt, hrte ich pltzlich den bekannten Ton der alten Violine wieder. Ich verdoppelte meine Schritte, und siehe da! der Gegenstand meiner Neugier stand, aus Leibeskrften spielend, im Kreise einiger Knaben, die ungeduldig einen Walzer von ihm verlangten. "Einen Walzer spiel!" riefen sie; "einen Walzer, hrst du nicht?" Der Alte geigte fort, scheinbar ohne auf sie zu achten, bis ihn die kleine Zuhrerschar schmhend und spottend verlie, sich um einen Leiermann sammelnd, der seine Drehorgel in der Nhe aufgestellt hatte. "Sie wollen nicht tanzen", sagte wie betrbt der alte Mann, sein Musikgerte zusammenlegend. Ich war ganz nahe zu ihm getreten. "Die Kinder kennen eben keinen andern Tanz als den Walzer", sagte ich. "Ich spielte einen Walzer", versetzte er, mit dem Geigenbogen den Ort des soeben gespielten Stckes auf seinem Notenblatte bezeichnend. "Man mu derlei auch fhren, der Menge wegen. Aber die Kinder haben kein Ohr", sagte er, indem er wehmtig den Kopf schttelte.--"Lassen Sie mich wenigstens ihren Undank wieder gutmachen", sprach ich, ein Silberstck aus der Tasche ziehend und ihm hinreichend.--"Bitte! bitte!" rief der alte Mann, wobei er mit beiden Hnden ngstlich abwehrende Bewegungen machte, "in den Hut! in den Hut!"--Ich legte das Geldstck in den vor ihm stehenden Hut, aus dem es unmittelbar darauf der Alte herausnahm und ganz zufrieden einsteckte, "das heit einmal mit reichem Gewinn nach Hause gehen", sagte er schmunzelnd.--"Eben recht", sprach ich, "erinnern Sie mich auf einen Umstand, der schon frher meine Neugier rege machte! Ihre heutige Einnahme scheint nicht die beste gewesen zu sein, und doch entfernen Sie sich in einem Augenblicke, wo eben die eigentliche Ernte angeht. Das Fest dauert, wissen Sie wohl, die ganze Nacht, und Sie knnten da leicht mehr gewinnen als an acht gewhnlichen Tagen. Wie soll ich mir das erklren?" "Wie Sie sich das erklren sollen", versetzte der Alte. "Verzeihen Sie, ich wei nicht, wer Sie sind, aber Sie mssen ein wohlttiger Herr sein und ein Freund der Musik", dabei zog er das Silberstck noch einmal aus der Tasche und drckte es zwischen seine gegen die Brust gehobenen Hnde. "Ich will Ihnen daher nur die Ursachen angeben, obgleich ich oft deshalb verlacht worden bin. Erstens war ich nie ein Nachtschwrmer und halte es auch nicht fr recht, andere durch Spiel und Gesang zu einem solchen widerlichen Vergehen anzureizen; zweitens mu sich der Mensch in allen Dingen eine gewisse Ordnung festsetzen, sonst gert er ins Wilde und Unaufhaltsame. Drittens endlich--Herr! ich spiele den ganzen Tag fr die lrmenden Leute und gewinne kaum krglich Brot dabei; aber der Abend gehrt mir und meiner armen Kunst. Abends halte ich mich zu Hause, und"--dabei ward seine Rede immer leiser, Rte berzog sein Gesicht, sein Auge suchte den Boden--"da spiele ich denn aus der Einbildung, so fr mich ohne Noten. Phantasieren, glaub ich, heit es in den Musikbchern." Wir waren beide ganz stille geworden. Er, aus Beschmung ber das verratene Geheimnis seines Innern; ich, voll Erstaunen, den Mann von den hchsten Stufen der Kunst sprechen zu hren, der nicht imstande war, den leichtesten Walzer fabar wiederzugeben. Er bereitete sich indes zum Fortgehen. "Wo wohnen Sie?" sagte ich. "Ich mchte wohl einmal Ihren einsamen bungen beiwohnen."--"Oh", versetzte er fast flehend, "Sie wissen wohl, das Gebet gehrt ins Kmmerlein."--"So will ich Sie denn einmal am Tage besuchen", sagte ich.--"Den Tag ber", erwiderte er, "gehe ich meinem Unterhalt bei den Leuten nach."--"Also des Morgens denn."--"Sieht es doch beinahe aus", sagte der Alte lchelnd, "als ob Sie, verehrter Herr, der Beschenkte wren und ich, wenn es mir erlaubt ist zu sagen, der Wohltter; so freundlich sind Sie, und so widerwrtig ziehe ich mich zurck. Ihr vornehmer Besuch wird meiner Wohnung immer eine Ehre sein; nur bte ich, da Sie den Tag Ihrer Dahinkunft mir grognstig im voraus bestimmten, damit weder Sie durch Ungehrigkeit aufgehalten, noch ich gentigt werde, ein zur Zeit etwa begonnenes Geschft unziemlich zu unterbrechen. Mein Morgen nmlich hat auch seine Bestimmung. Ich halte es jedenfalls fr meine Pflicht, meinen Gnnern und Wohlttern fr ihr Geschenk eine nicht ganz unwrdige Gegengabe darzureichen. Ich will kein Bettler sein, verehrter Herr. Ich wei wohl, da die brigen ffentlichen Musikleute sich damit begngen, einige auswendig gelernte Gassenhauer, Deutschwalzer, ja wohl gar Melodien von unartigen Liedern, immer wieder von denselben anfangend, fort und fort herabzuspielen, so da man ihnen gibt, um ihrer loszuwerden, oder weil ihr Spiel die Erinnerung genossener Tanzfreuden oder sonst unordentlicher Ergtzlichkeiten wieder lebendig macht. Daher spielen sie auch aus dem Gedchtnis und greifen falsch mitunter, ja hufig. Von mir aber sei fern zu betrgen. Ich habe deshalb, teils weil mein Gedchtnis berhaupt nicht das beste ist, teils weil es fr jeden schwierig sein drfte, verwickelte Zusammensetzungen geachteter Musikverfasser Note fr Note bei sich zu behalten, diese Hefte mir selbst ins reine geschrieben." Er zeigte dabei durchbltternd auf sein Musikbuch, in dem ich zu meinem Entsetzen mit sorgfltiger, aber widerlich steifer Schrift ungeheuer schwierige Kompositionen alter berhmter Meister, ganz schwarz von Passagen und Doppelgriffen, erblickte. Und derlei spielte der alte Mann mit seinen ungelenken Fingern! "Indem ich nun diese Stcke spiele", fuhr er fort, "bezeige ich meine Verehrung den nach Stand und Wrden geachteten, lngst nicht mehr lebenden Meistern und Verfassern, tue mir selbst genug und lebe der angenehmen Hoffnung, da die mir mildest gereichte Gabe nicht ohne Entgelt bleibt durch Veredlung des Geschmackes und Herzens der ohnehin von so vielen Seiten gestrten und irregeleiteten Zuhrerschaft. Da derlei aber, auf da ich bei meiner Rede bleibe"--und dabei berzog ein selbstgeflliges Lcheln seine Zge--, "da derlei aber eingebt sein will, sind meine Morgenstunden ausschlieend diesem Exercitium bestimmt. Die drei ersten Stunden des Tages der bung, die Mitte dem Broterwerb, und der Abend mir und dem lieben Gott, das heit nicht unehrlich geteilt", sagt er, und dabei glnzten seine Augen wie feucht; er lchelte aber. "Gut denn", sagte ich, "so werde ich Sie einmal morgens berraschen. Wo wohnen Sie?" Er nannte mir die Grtnergasse. --"Hausnummer?"--"Nummer 34 im ersten Stocke."--"In der Tat", rief ich, "im Stockwerke der Vornehmen?"--"Das Haus", sagte er, "hat zwar eigentlich nur ein Erdgescho; es ist aber oben neben der Bodenkammer noch ein kleines Zimmer, das bewohne ich gemeinschaftlich mit zwei Handwerksgesellen."--"Ein Zimmer zu dreien?"--"Es ist abgeteilt", sagte er, "und ich habe mein eigenes Bette." "Es wird spt" sprach ich, "und Sie wollen nach Hause. Auf Wiedersehen denn!" und dabei fuhr ich in die Tasche, um das frher gereichte gar zu kleine Geldgeschenk allenfalls zu verdoppeln. Er aber hatte mit der einen Hand das Notenpult, mit der andern seine Violine angefat und rief hastig: "Was ich devotest verbitten mu. Das Honorarium fr mein Spiel ist mir bereits in Flle zuteil geworden, eines andern Verdienstes aber bin ich mir zur Zeit nicht bewut." Dabei machte er mir mit einer Abart vornehmer Leichtigkeit einen ziemlich linkischen Kratzfu und entfernte sich, so schnell ihn seine alten Beine trugen. Ich hatte, wie gesagt, die Lust verloren, dem Volksfeste fr diesen Tag lnger beizuwohnen, ich ging daher heimwrts, den Weg nach der Leopoldstadt einschlagend, und, von Staub und Hitze erschpft, trat ich in einen der dortigen vielen Wirtsgrten, die, an gewhnlichen Tagen berfllt, heute ihre ganze Kundschaft der Brigittenau abgegeben hatten. Die Stille des Ortes, im Abstich der lrmenden Volksmenge, tat mir wohl, und mich verschiedenen Gedanken berlassend, an denen der alte Spielmann nicht den letzten Anteil hatte, war es vllig Nacht geworden, als ich endlich des Nachhausegehens gedachte, den Betrag meiner Rechnung auf den Tisch legte und der Stadt zuschritt. In der Grtnergasse, hatte der alte Mann gesagt, wohne er. "Ist hier in der Nhe eine Grtnergasse?" fragte ich einen kleinen Jungen, der ber den Weg lief. "Dort, Herr!" versetzte er, indem er auf eine Querstrae hinwies, die, von der Husermasse der Vorstadt sich entfernend, gegen das freie Feld hinaus lief. Ich folgte der Richtung. Die Strae bestand aus zerstreuten einzelnen Husern, die, zwischen groen Kchengrten gelegen, die Beschftigung der Bewohner und den Ursprung des Namens Grtnergasse augenfllig darlegten. In welcher dieser elenden Htten wohl mein Original wohnen mochte? Ich hatte die Hausnummer glcklich vergessen, auch war in der Dunkelheit an das Erkennen irgendeiner Bezeichnung kaum zu denken. Da schritt, auf mich zukommend, ein mit Kchengewchsen schwer beladener Mann an mir vorber. "Kratzt der Alte einmal wieder", brummte er, "und strt die ordentlichen Leute in ihrer Nachtruhe." Zugleich, wie ich vorwrtsging, schlug der leise, langgehaltene Ton einer Violine an mein Ohr, der aus dem offenstehenden Bodenfenster eines wenig entfernten rmlichen Hauses zu kommen schien, das, niedrig und ohne Stockwerk wie die brigen, sich durch dieses in der Umgrenzung des Daches liegende Giebelfenster vor den andern auszeichnete. Ich stand stille. Ein leiser, aber bestimmt gegriffener Ton schwoll bis zur Heftigkeit, senkte sich, verklang, um gleich darauf wieder bis zum lautesten Gellen emporzusteigen, und zwar immer derselbe Ton, mit einer Art genureichem Daraufberuhen wiederholt. Endlich kam ein Intervall. Es war die Quarte. Hatte der Spieler sich vorher an dem Klange des einzelnen Tones geweidet, so war nun das gleichsam wollstige Schmecken dieses harmonischen Verhltnisses noch ungleich fhlbarer. Sprungweise gegriffen, zugleich gestrichen, durch die dazwischen- liegende Stufenreihe hchst holperig verbunden, die Terz markiert, wiederholt. Die Quinte darangefgt, einmal mit zitterndem Klang wie ein stilles Weinen, ausgehalten, verhallend, dann in wirbelnder Schnelligkeit ewig wiederholt, immer dieselben Verhltnisse, die nmlichen Tne.--Und das nannte der alte Mann Phantasieren! --Obgleich es im Grunde allerdings ein Phantasieren war, fr den Spieler nmlich, nur nicht auch fr den Hrer. Ich wei nicht, wie lange das gedauert haben mochte und wie arg es geworden war, als pltzlich die Tre des Hauses aufging, ein Mann, nur mit dem Hemde und lose eingeknpftem Beinkleide angetan, von der Schwelle bis in die Mitte der Strae trat und zu dem Giebelfenster emporrief: "Soll das heute einmal wieder gar kein Ende nehmen?" Der Ton der Stimme war dabei unwillig, aber nicht hart oder beleidigend. Die Violine verstummte, ehe die Rede noch zu Ende war. Der Mann ging ins Haus zurck, das Giebelfenster schlo sich, und bald herrschte eine durch nichts unterbrochene Totenstille um mich her. Ich trat, mhsam in den mir unbekannten Gassen mich zurechtfindend, den Heimweg an, wobei ich auch phantasierte, aber, niemand strend, fr mich, im Kopfe. Die Morgenstunden haben fr mich immer einen einen eigenen Wert gehabt. Es ist, als ob es mir Bedrfnis wre, durch die Beschftigung mit etwas Erhebendem, Bedeutendem in den ersten Stunden des Tages mir den Rest desselben gewissermaen zu heiligen. Ich kann mich daher nur schwer entschlieen, am frhen Morgen mein Zimmer zu verlassen, und wenn ich ohne vollgltige Ursache mich einmal dazu ntige, so habe ich fr den brigen Tag nur die Wahl zwischen gedankenloser Zerstreuung oder selbstqulerischem Trbsinn. So kam es, da ich durch einige Tage den Besuch bei dem alten Manne, der verabredetermaen in den Morgenstunden stattfinden sollte, verschob. Endlich ward die Ungeduld meiner Herr, und ich ging. Die Grtnergasse war leicht gefunden, ebenso das Haus. Die Tne der Violine lieen sich auch diesmal hren, aber durch das geschlossene Fenster bis zum Ununterscheidbaren gedmpft. Ich trat ins Haus. Eine vor Erstaunen halb sprachlose Grtnersfrau wies mich eine Bodentreppe hinauf. Ich stand vor einer niedern und halb schlieenden Tre, pochte, erhielt keine Antwort, drckte endlich die Klinke und trat ein. Ich befand mich in einer ziemlich gerumigen, sonst aber hchst elenden Kammer, deren Wnde von allen Seiten den Umrissen des spitzzulaufenden Daches folgten. Hart neben der Tre ein schmutziges, widerlich verstrtes Bette, von allen Zutaten der Unordentlichkeit umgeben; mir gegenber, hart neben dem schmalen Fenster, eine zweite Lagersttte, drftig, aber reinlich, und hchst sorgfltig gebettet und bedeckt. Am Fenster ein kleines Tischchen mit Notenpapier und Schreibgerte, im Fenster ein paar Blumentpfe. Die Mitte des Zimmers von Wand zu Wand war am Boden mit einem dicken Kreidenstriche bezeichnet, und man kann sich kaum einen grelleren Abstich von Schmutz und Reinlichkeit denken, als diesseits und jenseits der gezogenen Linie, dieses quators einer Welt im kleinen, herrschte. Hart an dem Gleicher hatte der alte Mann sein Notenpult hingestellt und stand, vllig und sorgfltig gekleidet, davor und--exerzierte. Es ist schon bis zum belklang so viel von den Miklngen meines, und ich frchte beinahe, nur meines Lieblings die Rede gewesen, da ich den Leser mit der Beschreibung dieses hllischen Konzertes verschonen will. Da die bung grtenteils aus Passagen bestand, so war an ein Erkennen der gespielten Stcke nicht zu denken, was brigens auch sonst nicht leicht gewesen sein mchte. Einige Zeit Zuhrens lie mich endlich den Faden durch dieses Labyrinth erkennen, gleichsam die Methode in der Tollheit. Der Alte geno, indem er spielte. Seine Auffassung unterschied hierbei aber schlechthin nur zweierlei, den Wohlklang und den belklang, von denen der erstere ihn erfreute, ja entzckte, indes er dem letztern, auch dem harmonisch begrndeten, nach Mglichkeit aus dem Wege ging. Statt nun in einem Musikstcke nach Sinn und Rhythmus zu betonen, hob er heraus, verlngerte er die dem Gehr wohltuenden Noten und Intervalle, ja nahm keinen Anstand, sie willkrlich zu wiederholen, wobei sein Gesicht oft geradezu den Ausdruck der Verzckung annahm. Da er nun zugleich die Dissonanzen so kurz als mglich abtat, berdies die fr ihn zu schweren Passagen, von denen er aus Gewissenhaftigkeit nicht eine Note fallen lie, in einem gegen das Ganze viel zu langsamen Zeitma vortrug, so kann man sich wohl leicht eine Idee von der Verwirrung machen, die daraus hervorging. Mir ward es nachgerade selbst zuviel. Um ihn aus seiner Abwesenheit zurckzubringen, lie ich absichtlich den Hut fallen, nachdem ich mehrere Mittel schon fruchtlos versucht hatte. Der alte Mann fuhr zusammen, seine Knie zitterten, kaum konnte er die zum Boden gesenkte Violine halten. Ich trat hinzu. "Oh, Sie sind's, gndiger Herr!" sagte er, gleichsam zu sich selbst kommend. "Ich hatte nicht auf Erfllung Ihres hohen Versprechens gerechnet." Er ntigte mich zu sitzen, rumte auf, legte hin, sah einigemal verlegen im Zimmer herum, ergriff dann pltzlich einen auf einem Tische neben der Stubentr stehenden Teller und ging mit demselben zu jener hinaus. Ich hrte ihn drauen mit der Grtnersfrau sprechen. Bald darauf kam er wieder verlegen zur Tre herein, wobei er den Teller hinter dem Rcken verbarg und heimlich wieder hinstellte. Er hatte offenbar Obst verlangt, um mich zu bewirten, es aber nicht erhalten knnen. "Sie wohnen hier recht hbsch", sagte ich, um seiner Verlegenheit ein Ende zu machen. "Die Unordnung ist verwiesen. Sie nimmt ihren Rckzug durch die Tre, wenn sie auch derzeit noch nicht ganz ber die Schwelle ist.--Meine Wohnung reicht nur bis zu dem Striche", sagte der Alte, wobei er auf die Kreidenlinie in der Mitte des Zimmers zeigte. "Dort drben wohnen zwei Handwerksgesellen."--"Und respektieren diese Ihre Bezeichnung?"--"Sie nicht, aber ich", sagte er. "Nur die Tre ist gemeinschaftlich."--"Und werden Sie nicht gestrt von Ihrer Nachbarschaft?"--"Kaum", meinte er. "Sie kommen des Nachts spt nach Hause, und wenn sie mich da auch ein wenig im Bette aufschrecken, so ist dafr die Lust des Wiedereinschlafens um so grer. Des Morgens aber wecke ich sie, wenn ich mein Zimmer in Ordnung bringe. Da schelten sie wohl ein wenig und gehen." Ich hatte ihn whrenddessen betrachtet. Er war hchst reinlich gekleidet, die Gestalt gut genug fr seine Jahre, nur die Beine etwas zu kurz. Hand und Fu von auffallender Zartheit.--"Sie sehen mich an", sagte er, "und haben dabei Ihre Gedanken?"--"Da ich nach Ihrer Geschichte lstern bin", versetzte ich.--"Geschichte?" wiederholte er. "Ich habe keine Geschichte. Heute wie gestern, und morgen wie heute. bermorgen freilich und weiter hinaus, wer kann das wissen? Doch Gott wird sorgen, der wei es"--"Ihr jetziges Leben mag wohl einfrmig genug sein", fuhr ich fort; "aber Ihre frheren Schicksale. Wie es sich fgte--" "Da ich unter die Musikleute kam?" fiel er in die Pause ein, die ich unwillkrlich gemacht hatte. Ich erzhlte ihm nun, wie er mir beim ersten Anblicke aufgefallen; den Eindruck, den die von ihm gesprochenen lateinischen Worte auf mich gemacht htten. "Lateinisch", tnte er nach. "Lateinisch? das habe ich freilich auch einmal gelernt oder vielmehr htte es lernen sollen und knnen. Loqueris latine?" wandte er sich gegen mich, "aber ich knnte es nicht fortsetzen. Es ist gar zu lange her. Das also nennen Sie meine Geschichte? Wie es kam?--Ja so! da ist denn freilich allerlei geschehen; nichts Besonderes, aber doch allerlei. Mchte ich mir's doch selbst einmal wieder erzhlen. Ob ich's nicht gar vergessen habe. Es ist noch frh am Morgen", fuhr er fort, wobei er in die Uhrtasche griff, in der sich freilich keine Uhr befand.--Ich zog die meine, es war kaum 9 Uhr.--"Wir haben Zeit, und fast kommt mich die Lust zu schwatzen an." Er war whrend des letzten zusehends ungezwungener geworden. Seine Gestalt verlngerte sich. Er nahm mir ohne zu groe Umstnde den Hut aus der Hand und legte ihn aufs Bette; schlug sitzend ein Bein ber das andere und nahm berhaupt die Lage eines mit Bequemlichkeit Erzhlenden an. "Sie haben"--hob er an--"ohne Zweifel von dem Hofrate--gehrt?" Hier nannte er den Namen eines Staatsmannes, der in der [zweiten] Hlfte des vorigen Jahrhunderts unter dem bescheidenen Titel eines Bureauchefs einen ungeheuren, beinahe ministerhnlichen Einflu ausgebt hatte. Ich bejahte meine Kenntnis des Mannes. "Er war mein Vater", fuhr er fort.--Sein Vater? des alten Spielmanns? des Bettlers? Der Einflureiche, der Mchtige sein Vater? Der Alte schien mein Erstaunen nicht zu bemerken, sondern spann, sichtbar vergngt, den Faden seiner Erzhlung weiter. "Ich war der mittlere von drei Brdern, die in Staatsdiensten hoch hinaufkamen, nun aber schon beide tot sind; ich allein lebe noch", sagte er und zupfte dabei an seinen fadenscheinigen Beinkleidern, mit niedergeschlagenen Augen einzelne Federchen davon herablesend. "Mein Vater war ehrgeizig und heftig. Meine Brder taten ihm genug. Mich nannte man einen langsamen Kopf; und ich war langsam. Wenn ich mich recht erinnere", sprach er weiter, und dabei senkte er, seitwrts gewandt, wie in eine weite Ferne hinausblickend, den Kopf gegen die untersttzende linke Hand--"wenn ich mich recht erinnere, so wre ich wohl imstande gewesen, allerlei zu erlernen, wenn man mir nur Zeit und Ordnung gegnnt htte. Meine Brder sprangen wie Gemsen von Spitze zu Spitze in den Lehrgegen- stnden herum, ich konnte aber durchaus nichts hinter mir lassen, und wenn mir ein einziges Wort fehlte, mute ich von vorne anfangen. So ward ich denn immer gedrngt. Das Neue sollte auf den Platz, den das Alte noch nicht verlassen hatte, und ich begann stockisch zu werden. So hatten sie mir die Musik, die jetzt die Freude und zugleich der Stab meines Lebens ist, geradezu verhat gemacht. Wenn ich abends im Zwielicht die Violine ergriff, um mich nach meiner Art ohne Noten zu vergngen, nahmen sie mir das Instrument und sagten, das verdirbt die Applikatur, klagten ber Ohrenfolter und verwiesen mich auf die Lehrstunde, wo die Folter fr mich anging. Ich habe zeitlebens nichts und niemand so gehat, als ich damals die Geige hate. Mein Vater, aufs uerste unzufrieden, schalt mich hufig und drohte, mich zu einem Handwerke zu geben. Ich wagte nicht zu sagen, wie glcklich mich das gemacht htte. Ein Drechsler oder Schriftsetzer wre ich gar zu gerne gewesen. Er htte es ja aber doch nicht zugelassen, aus Stolz. Endlich gab eine ffentliche Schulprfung, der man, um ihn zu begtigen, meinen Vater beizuwohnen beredet hatte, den Ausschlag. Ein unredlicher Lehrer bestimmte im voraus, was er mich fragen werde, und so ging alles vortrefflich. Endlich aber fehlte mir, es waren auswendig zu sagende Verse des Horaz--ein Wort. Mein Lehrer, der kopfnickend und meinen Vater anlchelnd zugehrt hatte, kam meinem Stocken zu Hilfe und flsterte es mir zu. Ich aber, der das Wort in meinem Innern und im Zusammenhange mit dem brigen suchte, hrte ihn nicht. Er wiederholte es mehrere Male; umsonst. Endlich verlor mein Vater die Geduld. Cachinnum! (so hie das Wort) schrie er mir donnernd zu. Nun war's geschehen. Wute ich das eine, so hatte ich dafr das brige vergessen. Alle Mhe, mich auf die rechte Bahn zu bringen, war verloren. Ich mute mit Schande aufstehen, und als ich, der Gewohnheit nach, hinging, meinem Vater die Hand zu kssen, stie er mich zurck, erhob sich, machte der Versammlung eine kurze Verbeugung und ging. Ce gueux schalt er mich, was ich damals nicht war, aber jetzt bin. Die Eltern prophezeien, wenn sie reden! brigens war mein Vater ein guter Mann. Nur heftig und ehrgeizig. Von diesem Tage an sprach er kein Wort mehr mit mir. Seine Befehle kamen mir durch die Hausgenossen zu. So kndigte man mir gleich des nchsten Tages an, da es mit meinen Studien ein Ende habe. Ich erschrak heftig, weil ich wute, wie bitter es meinen Vater krnken mute. Ich tat den ganzen Tag nichts als weinen und dazwischen jene lateinischen Verse rezitieren, die ich nun aufs Und wute mit den vorhergehenden und nachfolgenden dazu. Ich versprach, durch Flei den Mangel an Talenten zu ersetzen, wenn man mich noch ferner die Schule besuchen liee, mein Vater nahm aber nie einen Entschlu zurck. Eine Weile blieb ich nun unbeschftigt im vterlichen Hause. Endlich tat man mich versuchsweise zu einer Rechenbehrde. Rechnen war aber nie meine Strke gewesen. Den Antrag, ins Militr zu treten, wies ich mit Abscheu zurck. Ich kann noch jetzt keine Uniform ohne innerlichen Schauder ansehen. Da man werte Angehrige allenfalls auch mit Lebensgefahr schtzt, ist wohl gut und begreiflich; aber Blutvergieen und Verstmmlung als Stand, als Beschftigung. "Nein! Nein! Nein!" Und dabei fuhr er mit beiden Hnden ber beide Arme, als fhlte er stechend eigene und fremde Wunden. "Ich kam nun in die Kanzlei unter die Abschreiber. Da war ich recht an meinem Platze. Ich hatte immer das Schreiben mit Lust getrieben, und noch jetzt wei ich mir keine angenehmere Unterhaltung, als mit guter Tinte auf gutem Papier Haar- und Schattenstriche aneinander- zufgen zu Worten oder auch nur zu Buchstaben. Musiknoten sind nun gar beraus schn. Damals dachte ich aber noch an keine Musik. Ich war fleiig, nur aber zu ngstlich. Ein unrichtiges Unterscheidungszeichen, ein ausgelassenes Wort im Konzepte, wenn es sich auch aus dem Sinne ergnzen lie, machte mir bittere Stunden, Im Zweifel, ob ich mich genau ans Original halten oder aus eigenem beisetzen sollte, verging die Zeit angstvoll, und ich kam in den Ruf, nachlssig zu sein, indes ich mich im Dienst abqulte wie keiner. So brachte ich ein paar Jahre zu, und zwar ohne Gehalt, da, als die Reihe der Befrderung an mich kam, mein Vater im Rate einem andern seine Stimme gab und die brigen ihm zufielen aus Ehrfurcht. Um diese Zeit--sieh nur", unterbrach er sich, "es gibt denn doch eine Art Geschichte. Erzhlen wir die Geschichte! Um diese Zeit ereigneten sich zwei Begebenheiten: die traurigste und die freudigste meines Lebens. Meine Entfernung aus dem vterlichen Hause nmlich und das Wiederkehren zur holden Tonkunst, zu meiner Violine, die mir treu geblieben ist bis auf diesen Tag. Ich lebte in dem Hause meines Vaters, unbeachtet von den Hausgenossen, in einem Hinterstbchen, das in den Nachbars-Hof hinausging. Anfangs a ich am Familientische, wo niemand ein Wort an mich richtete. Als aber meine Brder auswrts befrdert wurden und mein Vater beinahe tglich zu Gast geladen war--die Mutter lebte seit lange nicht mehr--, fand man es unbequem, meinetwegen eine eigene Kche zu fhren. Die Bedienten erhielten Kostgeld; ich auch, das man mir aber nicht auf die Hand gab, sondern monatweise im Speisehause bezahlte. Ich war daher wenig in meiner Stube, die Abendstunden ausgenommen; denn mein Vater verlangte, da ich lngstens eine halbe Stunde nach dem Schlu der Kanzlei zu Hause sein sollte. Da sa ich denn, und zwar, meiner schon damals angegriffenen Augen halber, in der Dmmerung ohne Licht. Ich dachte auf das und jenes und war nicht traurig und nicht froh. Wenn ich nun so sa, hrte ich auf dem Nachbarshofe ein Lied singen. Mehrere Lieder heit das, worunter mir aber eines vorzglich gefiel. Es war so einfach, so rhrend und hatte den Nachdruck so auf der rechten Stelle, da man die Worte gar nicht zu hren brauchte. Wie ich denn berhaupt glaube, die Worte verderben die Musik." Nun ffnete er den Mund und brachte einige heisere, rauhe Tne hervor. "Ich habe von Natur keine Stimme", sagte er und griff nach der Violine. Er spielte, und zwar diesmal mit richtigem Ausdrucke, die Melodie eines gemtlichen, brigens gar nicht ausgezeichneten Liedes, wobei ihm die Finger auf den Saiten zitterten und endlich einzelne Trnen ber die Backen liefen. "Das war das Lied", sagte er, die Violine hinlegend. "Ich hrte es immer mit neuem Vergngen. Sosehr es mir aber im Gedchtnis lebendig war, gelang es mir doch nie, mit der Stimme auch nur zwei Tne davon richtig zu treffen. Ich ward fast ungeduldig von Zuhren. Da fiel mir meine Geige in die Augen, die aus meiner Jugend her, wie ein altes Rststck, ungebraucht an der Wand hing. Ich griff darnach, und--es mochte sie wohl der Bediente in meiner Abwesenheit bentzt haben--sie fand sich richtig gestimmt. Als ich nun mit dem Bogen ber die Saiten fuhr, Herr, da war es, als ob Gottes Finger mich angerhrt htte. Der Ton drang in mein Inneres hinein und aus dem Innern wieder heraus. Die Luft um mich war wie geschwngert mit Trunkenheit. Das Lied unten im Hofe und die Tne von meinen Fingern an mein Ohr, Mitbewohner meiner Einsamkeit. Ich fiel auf die Knie und betete laut und konnte nicht begreifen, da ich das holde Gotteswesen einmal gering geschtzt, ja gehat in meiner Kindheit, und kte die Violine und drckte sie an mein Herz und spielte wieder und fort. Das Lied im Hofe--es war eine Weibsperson, die sang--tnte derweile unausgesetzt; mit dem Nachspielen ging es aber nicht so leicht. Ich hatte das Lied nmlich nicht in Noten. Auch merkte ich wohl, da ich das Wenige der Geigenkunst, was ich etwa einmal wute, so ziemlich vergessen hatte. Ich konnte daher nicht das und das, sondern nur berhaupt spielen. Obwohl mir das jeweilige Was der Musik, mit Ausnahme jenes Lieds, immer ziemlich gleichgltig war und auch geblieben ist bis zum heutigen Tag. Sie spielen den Wolfgang Amadeus Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner. Die ewige Wohltat und Gnade des Tons und Klangs, seine wunderttige bereinstimmung mit dem durstigen, zerlechzenden Ohr, da"--fuhr er leiser und schamrot fort--"der dritte Ton zusammenstimmt mit dem ersten, und der fnfte desgleichen, und die Nota sensibilis hinaufsteigt wie eine erfllte Hoffnung, die Dissonanz herabgebeugt wird als wissentliche Bosheit oder vermessener Stolz und die Wunder der Bindung und Umkehrung, wodurch auch die Sekunde zur Gnade gelangt in den Scho des Wohlklangs.--Mir hat das alles, obwohl viel spter, ein Musiker erklrt. Und, wovon ich aber nichts verstehe, die fuga und das punctum contra punctum und der canon a due, a tre und so fort, ein ganzes Himmelsgebude, eines ins andere greifend, ohne Mrtel verbunden, und gehalten von Gottes Hand. Davon will niemand etwas wissen bis auf wenige. Vielmehr stren sie dieses Ein- und Ausatmen der Seelen durch Hinzufgung allenfalls auch zu sprechender Worte, wie die Kinder Gottes sich verbanden mit den Tchtern der Erde; da es hbsch angreife und eingreife in ein schwieliges Gemt. Herr", schlo er endlich, halb erschpft, "die Rede ist dem Menschen notwendig wie Speise, man sollte aber auch den Trank rein erhalten, der da kommt von Gott." Ich kannte meinen Mann beinahe nicht mehr, so lebhaft war er geworden. Er hielt ein wenig inne. "Wo blieb ich nur in meiner Geschichte?" sagte er endlich. "Ei ja, bei dem Liede und meinen Versuchen, es nachzuspielen. Es ging aber nicht. Ich trat ans Fenster, um besser zu hren. Da ging eben die Sngerin ber den Hof. Ich sah sie nur von rckwrts, und doch kam sie mir bekannt vor. Sie trug einen Korb mit, wie es schien, noch ungebackenen Kuchenstcken. Sie trat in ein Pfrtchen in der Ecke des Hofes, da wohl ein Backofen inne sein mochte, denn immer fortsingend, hrte ich mit hlzernen Gerten scharren, wobei die Stimme einmal dumpfer und einmal heller klang wie eines, das sich bckt und in eine Hhlung hineinsingt, dann wieder erhebt und aufrecht dasteht. Nach einer Weile kam sie zurck, und nun merkte ich erst, warum sie mir vorher bekannt vorkam. Ich kannte sie nmlich wirklich seit lngerer Zeit. Und zwar aus der Kanzlei. Damit verhielt es sich so. Die Amtsstunden fingen frh an und whrten ber den Mittag hinaus. Mehrere von den jngeren Beamten, die nun entweder wirklich Hunger fhlten oder eine halbe Stunde damit vor sich bringen wollten, pflegten gegen eilf Uhr eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Die Gewerbsleute, die alles zu ihrem Vorteile zu benutzen wissen, ersparten den Leckermulern den Weg und brachten ihre Feilschaften ins Amtsgebude, wo sie sich auf Stiege und Gang damit hinstellten. Ein Bcker verkaufte kleine Weibrote, die Obstfrau Kirschen. Vor allem aber waren gewisse Kuchen beliebt, die eines benachbarten Grieslers Tochter selbst verfertigte und noch warm zu Markt brachte. Ihre Kunden traten zu ihr auf den Gang hinaus, und nur selten kam sie, gerufen, in die Amtsstube, wo dann der etwas grmliche Kanzleivorsteher, wenn er ihrer gewahr wurde, ebenso selten ermangelte, sie wieder zur Tre hinauszuweisen, ein Gebot, dem sie sich nur mit Groll, und unwillige Worte murmelnd, fgte. Das Mdchen galt bei meinen Kameraden nicht fr schn. Sie fanden sie zu klein, wuten die Farbe ihrer Haare nicht zu bestimmen. Da sie Katzenaugen habe, bestritten einige, Pockengruben aber gaben alle zu. Nur von ihrem stmmigen Wuchs sprachen alle mit Beifall, schalten sie aber grob und einer wute viel von einer Ohrfeige zu erzhlen, deren Spuren er noch acht Tage nachher gefhlt haben wollte. Ich selbst gehrte nicht unter ihre Kunden. Teils fehlte mir's an Geld, teils habe ich Speise und Trank wohl immer--oft nur zu sehr--als ein Bedrfnis anerkennen mssen, Lust und Vergngen darin zu suchen aber ist mir nie in den Sinn gekommen. Wir nahmen daher keine Notiz voneinander. Einmal nur, um mich zu necken, machten ihr meine Kameraden glauben, ich htte nach ihren Ewaren verlangt. Sie trat zu meinem Arbeitstisch und hielt mir ihren Korb hin. Ich kaufe nichts, liebe Jungfer, sagte ich. Nun, warum bestellen Sie dann die Leute? rief sie zornig. Ich entschuldigte mich, und sowie ich die Schelmerei gleich weg hatte, erklrte ich ihr's aufs beste. Nun, so schenken Sie mir wenigstens einen Bogen Papier, um meine Kuchen daraufzulegen, sagte sie. Ich machte ihr begreiflich, da das Kanzleipapier sei und nicht mir gehre, zu Hause aber htte ich welches, das mein wre, davon wollt' ich ihr bringen. Zu Hause habe ich selbst genug, sagte sie spttisch und schlug eine kleine Lache auf, indem sie fortging. Das war nur vor wenigen Tagen geschehen, und ich gedachte aus dieser Bekanntschaft sogleich Nutzen fr meinen Wunsch zu ziehen. Ich knpfte daher des andern Morgens ein ganzes Buch Papier, an dem es bei uns zu Hause nie fehlte, unter den Rock und ging auf die Kanzlei, wo ich, um mich nicht zu verraten, meinen Harnisch mit groer Unbequemlichkeit auf dem Leibe behielt, bis ich gegen Mittag aus dem Ein- und Ausgehen meiner Kameraden und dem Gerusch der kauenden Backen merkte, da die Kuchenverkuferin gekommen war, und glauben konnte, da der Hauptandrang der Kunden vorber sei. Dann ging ich hinaus, zog mein Papier hervor, nahm mir ein Herz und trat zu dem Mdchen hin, die, den Korb vor sich auf dem Boden und den rechten Fu auf einen Schemel gestellt, auf dem sie gewhnlich zu sitzen pflegte, dastand, leise summend und mit dem auf den Schemel gesttzten Fu den Takt dazu tretend. Sie ma mich vom Kopf bis zu den Fen, als ich nher kam, was meine Verlegenheit vermehrte. Liebe Jungfer, fing ich endlich an, Sie haben neulich von mir Papier begehrt, als keines zur Hand war, das mir gehrte. Nun habe ich welches von Hause mitgebracht und--damit hielt ich ihr mein Papier hin. Ich habe Ihnen schon neulich gesagt, erwiderte sie, da ich selbst Papier zu Hause habe. Indes, man kann alles brauchen. Damit nahm sie mit einem leichten Kopfnicken mein Geschenk und legte es in den Korb. Von den Kuchen wollen Sie nicht? sagte sie, unter ihren Waren herummusternd, auch ist das Beste schon fort. Ich dankte, sagte aber, da ich eine andere Bitte htte. Nu, allenfalls? sprach sie, mit dem Arm in die Handhabe des Korbes fahrend und aufgerichtet dastehend, wobei sie mich mit heftigen Augen anblitzte. Ich fiel rasch ein, da ich ein Liebhaber der Tonkunst sei, obwohl erst seit kurzem, da ich sie so schne Lieder singen gehrt, besonders eines. Sie? Mich? Lieder? fuhr sie auf, und wo? Ich erzhlte ihr weiter, da ich in ihrer Nachbarschaft wohne und sie auf dem Hofe bei der Arbeit belauscht htte. Eines ihrer Lieder gefiele mir besonders, so da ich's schon versucht htte auf der Violine nachzuspielen. Wren Sie etwa gar derselbe, rief sie aus, der so kratzt auf der Geige?--Ich war damals, wie ich bereits sagte, nur Anfnger und habe erst spter mit vieler Mhe die ntige Gelufigkeit in diese Finger gebracht", unterbrach sich der alte Mann, wobei er mit der linken Hand, als einer, der geigt, in der Luft herumfingerte. "Mir war es", setzte er seine Erzhlung fort, "ganz hei ins Gesicht gestiegen, und ich sah auch ihr an, da das harte Wort sie gereute. Werte Jungfer, sagte ich, das Kratzen rhrt von daher, da ich das Lied nicht in Noten habe, weshalb ich auch hflichst um die Abschrift gebeten haben wollte. Um die Abschrift? sagte sie. Das Lied ist gedruckt und wird an den Straenecken verkauft.--Das Lied? entgegnete ich. Das sind wohl nur die Worte. --Nun ja, die Worte, das Lied.--Aber der Ton, in dem man's singt. --Schreibt man denn derlei auch auf? fragte sie.--Freilich! war meine Antwort, das ist ja eben die Hauptsache. Und wie haben denn Sie's erlernt, werte Jungfer?--Ich hrte es singen, und da sang ich's nach. --Ich erstaunte ber das natrliche Ingenium; wie denn berhaupt die ungelernten Leute oft die meisten Talente haben. Es ist aber doch nicht das Rechte, die eigentliche Kunst. Ich war nun neuerdings in Verzweiflung. Aber welches Lied ist es denn eigentlich? sagte sie. Ich wei so viele.--Alle ohne Noten?--Nun freilich; also welches war es denn?--Es ist gar so schn, erklrte ich mich. Steigt gleich anfangs in die Hhe, kehrt dann in sein Inwendiges zurck und hrt ganz leise auf. Sie singen's auch am ftesten. Ach, das wird wohl das sein! sagte sie, setzte den Korb wieder ab, stellte den Fu auf den Schemel und sang nun mit ganz leiser und doch klarer Stimme das Lied, wobei sie das Haupt duckte, so schn, so lieblich, da, ehe sie noch zu Ende war, ich nach ihrer herabhngenden Hand fuhr. Oho! sagte sie, den Arm zurckziehend, denn sie meinte wohl, ich wollte ihre Hand unziemlicherweise anfassen, aber nein, kssen wollte ich sie, obschon sie nur ein armes Mdchen war.--Nun, ich bin ja jetzt auch ein armer Mann. Da ich nun vor Begierde, das Lied zu haben, mir in die Haare fuhr, trstete sie mich und sagte: der Organist der Peterskirche kme fter um Muskatnu in ihres Vaters Gewlbe, den wolle sie bitten, alles auf Noten zu bringen. Ich knnte es nach ein paar Tagen dort abholen. Hierauf nahm sie ihren Korb und ging, wobei ich ihr das Geleite bis zur Stiege gab. Auf der obersten Stufe die letzte Verbeugung machend, berraschte mich der Kanzleivorsteher, der mich an meine Arbeit gehen hie und auf das Mdchen schalt, an dem, wie er behauptete, kein gutes Haar sei. Ich war darber heftig erzrnt und wollte ihm eben antworten, da ich, mit seiner Erlaubnis, vom Gegenteile berzeugt sei, als ich bemerkte, da er bereits in sein Zimmer zurckgegangen war, weshalb ich mich fate und ebenfalls an meinen Schreibtisch ging. Doch lie er sich seit dieser Zeit nicht nehmen, da ich ein liederlicher Beamter und ein ausschweifender Mensch sei. Ich konnte auch wirklich desselben und die darauffolgenden Tage kaum etwas Vernnftiges arbeiten, so ging mir das Lied im Kopfe herum, und ich war wie verloren. Ein paar Tage vergangen, wute ich wieder nicht, ob es schon Zeit sei, die Noten abzuholen oder nicht. Der Organist, hatte das Mdchen gesagt, kam in ihres Vaters Laden, um Muskatnu zu kaufen; die konnte er nur zu Bier gebrauchen. Nun war seit einiger Zeit khles Wetter und daher wahrscheinlich, da der wackere Tonknstler sich eher an den Wein halten und daher so bald keine Muskatnu bedrfen werde. Zu schnell anfragen schien mir unhfliche Zudringlichkeit, allzu langes Warten konnte fr Gleichgltigkeit ausgelegt werden. Mit dem Mdchen auf dem Gange zu sprechen, getraute ich mir nicht, da unsere erste Zusammenkunft bei meinen Kameraden ruchbar geworden war und sie vor Begierde brannten, mir einen Streich zu spielen. Ich hatte inzwischen die Violine mit Eifer wieder aufgenommen und bte vorderhand das Fundament grndlich durch, erlaubte mir wohl auch von Zeit zu Zeit aus dem Kopfe zu spielen, wobei ich aber das Fenster sorgfltig schlo, da ich wute, da mein Vortrag mifiel. Aber wenn ich das Fenster auch ffnete, bekam ich mein Lied doch nicht wieder zu hren. Die Nachbarin sang teils gar nicht, teils so leise und bei verschlossener Tte, da ich nicht zwei Tne unterscheiden konnte. Endlich--es waren ungefhr drei Wochen vergangen--vermochte ich's nicht mehr auszuhalten. Ich hatte zwar schon durch zwei Abende mich auf die Gasse gestohlen--und das ohne Hut, damit die Dienstleute glauben sollten, ich suchte nur nach etwas im Hause--, sooft ich aber in die Nhe des Grieslerladens kam, berfiel mich ein so heftiges Zittern, da ich umkehren mute, ich mochte wollen oder nicht. Endlich aber--wie gesagt--konnte ich's nicht mehr aushalten. Ich nahm mir ein Herz und ging eines Abends--auch diesmal ohne Hut--aus meinem Zimmer die Treppe hinab und festen Schrittes durch die Gasse bis zu dem Grieslerladen, wo ich vorderhand stehenblieb und berlegte, was weiter zu tun sei. Der Laden war erleuchtet, und ich hrte Stimmen darin. Nach einigem Zgern beugte ich mich vor und lugte von der Seite hinein. Ich sah das Mdchen hart vor dem Ladentische am Lichte sitzen und in einer hlzernen Mulde Erbsen oder Bohnen lesen. Vor ihr stand ein derber, rstiger Mann, die Jacke ber die Schulter gehngt, eine Art Knittel in der Hand, ungefhr wie ein Fleischhauer. Die beiden sprachen, offenbar in guter Stimmung, denn das Mdchen lachte einigemale laut auf, ohne sich aber in ihrer Arbeit zu unterbrechen oder auch nur aufzusehen. War es meine gezwungene vorgebeugte Stellung oder sonst was immer, mein Zittern begann wiederzukommen; als ich mich pltzlich von rckwrts mit derber Hand angefat und nach vorwrts geschleppt fhlte. In einem Nu stand ich im Gewlbe, und als ich, losgelassen, mich umschaute, sah ich, da es der Eigentmer selbst war, der, von auswrts nach Hause kehrend, mich auf der Lauer berrascht und als verdchtig angehalten hatte. Element! schrie er, da sieht man, wo die Pflaumen hinkommen und die Handvoll Erbsen und Rollgerste, die im Dunkeln aus den Auslagkrben gemaust werden. Da soll ja gleich das Donnerwetter dreinschlagen. Und damit ging er auf mich los, als ob er wirklich dreinschlagen wolle. Ich war wie vernichtet, wurde aber durch den Gedanken, da man an meiner Ehrlichkeit zweifle, bald wieder zu mir selbst gebracht. Ich verbeugte mich daher ganz kurz und sagte dem Unhflichen, da mein Besuch nicht seinen Pflaumen oder seiner Rollgerste, sondern seiner Tochter gelte. Da lachte der in der Mitte des Ladens stehende Fleischer laut auf und wendete sich zu gehen, nachdem er vorher dem Mdchen ein paar Worte leise zugeflstert hatte, die sie, gleichfalls lachend, durch einen schallenden Schlag mit der flachen Hand auf seinen Rcken beantwortete. Der Griesler gab dem Weggehenden das Geleit zur Tre hinaus. Ich hatte derweil schon wieder all meinen Mut verloren und stand dem Mdchen gegenber, die gleichgltig ihre Erbsen und Bohnen las, als ob das Ganze sie nichts anginge. Da polterte der Vater wieder zur Tre herein. Mordtausendelement noch einmal, sagte er, Herr, was soll's mit meiner Tochter? Ich versuchte, ihm den Zusammenhang und den Grund meines Besuches zu erklren. Was Lied? sagte er, ich will euch Lieder singen! wobei er den rechten Arm sehr verdchtig auf und ab bewegte. Dort liegt es, sprach das Mdchen, indem sie, ohne die Mulde mit Hlsenfrchten wegzusetzen, sich samt dem Sessel seitwrts berbeugte und mit der Hand auf den Ladentisch hinwies. Ich eilte hin und sah ein Notenblatt liegen. Es war das Lied. Der Alte war mir aber zuvorgekommen. Er hielt das schne Papier zerknitternd in der Hand. Ich frage, sagte er, was das abgibt? Wer ist der Mensch? Es ist ein Herr aus der Kanzlei, erwiderte sie, indem sie eine wurmstichige Erbse etwas weiter als die andern von sich warf. Ein Herr aus der Kanzlei? rief er, im Dunkeln, ohne Hut? Den Mangel des Hutes erklrte ich durch den Umstand, da ich ganz in der Nhe wohnte, wobei ich das Haus bezeichnete. Das Haus wei ich, rief er. Da wohnt niemand drinnen als der Hofrat--hier nannte er den Namen meines Vaters--, und die Bedienten kenne ich alle. Ich bin der Sohn des Hofrats, sagte ich, leise, als ob's eine Lge wre.--Mir sind im Leben viele Vernderungen vorgekommen, aber noch keine so pltzliche, als bei diesen Worten in dem ganzen Wesen des Mannes vorging. Der zum Schmhen geffnete Mund blieb offen stehen, die Augen drohten noch immer, aber um den untern Teil des Gesichtes fing an eine Art Lcheln zu spielen, das sich immer mehr Platz machte. Das Mdchen blieb in ihrer Gleichgltigkeit und gebckten Stellung, nur da sie sich die losgegangenen Haare, fortarbeitend, hinter die Ohren zurckstrich. Der Sohn des Herrn Hofrats? schrie endlich der Alte, in dessen Gesichte die Aufheiterung vollkommen geworden war. Wollen Euer Gnaden sich's vielleicht bequem machen? Barbara, einen Stuhl! Das Mdchen bewegte sich widerwillig auf dem ihren. Nu wart, Tuckmauser! sagte er, indem er selbst einen Korb von seinem Platze hob und den darunter gestellten Sessel mit dem Vortuche vom Staube reinigte. Hohe Ehre, fuhr er fort. Der Herr Hofrat--der Herr Sohn, wollt' ich sagen, praktizieren also auch die Musik? Singen vielleicht, wie meine Tochter, oder vielmehr ganz anders, nach Noten, nach der Kunst? Ich erklrte ihm, da ich von Natur keine Stimme htte. Oder schlagen Klavizimbel, wie die vornehmen Leute zu tun pflegen? Ich sagte, da ich die Geige spiele. Habe auch in meiner Jugend gekratzt auf der Geige, rief er. Bei dem Worte Kratzen blickte ich unwillkrlich auf das Mdchen hin und sah, da sie ganz spttisch lchelte, was mich sehr verdro. Sollten sich des Mdels annehmen, heit das in Musik, fuhr er fort. Singt eine gute Stimme, hat auch sonst ihre Qualitten, aber das Feine, lieber Gott, wo soll's herkommen? wobei er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand wiederholt bereinanderschob. Ich war ganz beschmt, da man mir unverdienterweise so bedeutende musikalische Kenntnisse zutraute, und wollte eben den wahren Stand der Sache auseinandersetzen, als ein auen Vorbergehender in den Laden hereinrief: Guten Abend alle miteinander! Ich erschrak, denn es war die Stimme eines der Bedienten unseres Hauses. Auch der Griesler hatte sie erkannt. Die Spitze der Zunge vorschiebend und die Schulter emporgehoben, flsterte er: Waren einer der Bedienten des gndigen Papa. Konnten Sie aber nicht erkennen, standen mit dem Rcken gegen die Tre. Letzteres verhielt sich wirklich so. Aber das Gefhl des Heimlichen, Unrechten ergriff mich qualvoll. Ich stammelte nur ein paar Worte zum Abschied und ging. Ja selbst mein Lied htte ich vergessen, wre mir nicht der Alte auf die Strae nachgesprungen, wo er mir's in die Hand steckte. So gelangte ich nach Hause, auf mein Zimmer, und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Und sie blieben nicht aus. Der Bediente hatte mich dennoch erkannt. Ein paar Tage darauf trat der Sekretr meines Vaters zu mir auf die Stube und kndigte mir an, da ich das elterliche Haus zu verlassen htte. Alle meine Gegenreden waren fruchtlos. Man hatte mir in einer entfernten Vorstadt ein Kmmerchen gemietet, und so war ich denn ganz aus der Nhe der Angehrigen verbannt. Auch meine Sngerin bekam ich nicht mehr zu sehen. Man hatte ihr den Kuchenhandel auf der Kanzlei eingestellt, und ihres Vaters Laden zu betreten konnte ich mich nicht entschlieen, da ich wute, da es dem meinigen mifiel. Ja, als ich dem alten Griesler zufllig auf der Strae begegnete, wandte er sich mit einem grimmigen Gesichte von mir ab, und ich war wie niedergedonnert. Da holte ich denn, halbe Tage lang allein, meine Geige hervor und spielte und bte. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Das Glck unseres Hauses ging abwrts. Mein jngster Bruder, ein eigenwilliger, ungestmer Mensch, Offizier bei den Dragonern, mute eine unbesonnene Wette, infolge der er, vom Ritt erhitzt, mit Pferd und Rstung durch die Donau schwamm--es war tief in Ungarn--, mit dem Leben bezahlen. Der ltere, geliebteste, war in einer Provinz am Ratstisch angestellt. In immerwhrender Widersetzlichkeit gegen seinen Landesvorgesetzten und, wie sie sagten, heimlich dazu von unserem Vater aufgemuntert, erlaubte er sich sogar unrichtige Angaben, um seinem Gegner zu schaden. Es kam zur Untersuchung, und mein Bruder ging heimlich aus dem Lande. Die Feinde unseres Vaters, deren viele waren, benutzten den Anla, ihn zu strzen. Von allen Seiten angegriffen und ohnehin ingrimmig ber die Abnahme seines Einflusses, hielt er tglich die angreifendsten Reden in der Ratssitzung. Mitten in einer derselben traf ihn ein Schlagflu. Er wurde sprachlos nach Hause gebracht. Ich selbst erfuhr nichts davon. Des andern Tages auf der Kanzlei bemerkte ich wohl, da sie heimlich flsterten und mit den Fingern nach mir wiesen. Ich war aber derlei schon gewohnt und hatte kein Arges. Freitags darauf--es war mittwochs gewesen--wurde mir pltzlich ein schwarzer Anzug mit Flor auf die Stube gebracht. Ich erstaunte und fragte und erfuhr. Mein Krper ist sonst stark und widerhltig, aber da fiel's mich an mit Macht. Ich sank besinnungslos zu Boden. Sie trugen mich ins Bette, wo ich fieberte und irresprach den Tag hindurch und die ganze Nacht. Des andern Morgens hatte die Natur die Oberhand gewonnen, aber mein Vater war tot und begraben. Ich hatte ihn nicht mehr sprechen knnen; ihn nicht um Verzeihung bitten wegen all des Kummers, den ich ihm gemacht; nicht mehr danken fr die unverdienten Gnaden--ja Gnaden! denn seine Meinung war gut, und ich hoffe ihn einst wiederzufinden, wo wir nach unsern Absichten gerichtet werden und nicht nach unsern Werken. Ich blieb mehrere Tage auf meinem Zimmer, kaum, da ich Nahrung zu mir nahm. Endlich ging ich doch hervor, aber gleich nach Tische wieder nach Hause, und nur des Abends irrte ich in den dunkeln Straen umher wie Kain, der Brudermrder. Die vterliche Wohnung war mir dabei ein Schreckbild, dem ich sorgfltigst aus dem Wege ging. Einmal aber, gedankenlos vor mich hinstarrend, fand ich mich pltzlich in der Nhe des gefrchteten Hauses. Meine Knie zitterten, da ich mich anhalten mute. Hinter mir an die Wand greifend, erkenne ich die Tre des Grieslerladens und darin sitzend Barbara, einen Brief in der Hand, neben ihr das Licht auf dem Ladentische und hart dabei in aufrechter Stellung ihr Vater, der ihr zuzusprechen schien. Und wenn es mein Leben gegolten htte, ich mute eintreten. Niemanden zu haben, dem man sein Leid klagen kann, niemanden, der Mitleid fhlt! Der Alte, wute ich wohl, war auf mich erzrnt, aber das Mdchen sollte mir ein gutes Wort geben. Doch kam es ganz entgegengesetzt. Barbara stand auf, als ich eintrat, warf mir einen hochmtigen Blick zu und ging in die Nebenkammer, deren Tre sie abschlo. Der Alte aber fate mich bei der Hand, hie mich niedersetzen, trstete mich, meinte aber auch, ich sei nun ein reicher Mann und htte mich um niemanden mehr zu kmmern. Er fragte, wieviel ich geerbt htte. Ich wute das nicht. Er forderte mich auf, zu den Gerichten zu gehen, was ich versprach. In den Kanzleien, meinte er, sei nichts zu machen. Ich sollte meine Erbschaft im Handel anlegen. Knoppern und Frchte werfen guten Profit ab; ein Compagnon, der sich darauf verstnde, knnte Groschen in Gulden verwandeln. Er selbst habe sich einmal viel damit abgegeben. Dabei rief er wiederholt nach dem Mdchen, die aber kein Lebenszeichen von sich gab. Doch schien mir, als ob ich an der Tre zuweilen rascheln hrte. Da sie aber immer nicht kam und der Alte nur vom Gelde redete, empfahl ich mich endlich und ging, wobei der Mann bedauerte, mich nicht begleiten zu knnen, da er allein im Laden sei. Ich war traurig ber meine verfehlte Hoffnung und doch wunderbar getrstet. Als ich auf der Strae stehenblieb und nach dem Hause meines Vaters hinberblickte, hrte ich pltzlich hinter mir eine Stimme, die gedmpft und im Tone des Unwillens sprach: Trauen Sie nicht gleich jedermann, man meint es nicht gut mit Ihnen. So schnell ich mich umkehrte, sah ich doch niemand; nur das Klirren eines Fensters im Erdgeschosse, das zu des Grieslers Wohnung gehrte, belehrte mich, wenn ich auch die Stimme nicht erkannt htte, da Barbara die geheime Warnerin war. Sie hatte also doch gehrt, was im Laden gesprochen worden. Wollte sie mich vor ihrem Vater warnen? oder war ihr zu Ohren gekommen, da gleich nach meines Vaters Tode teils Kollegen aus der Kanzlei, teils andere ganz unbekannte Leute mich mit Bitten um Untersttzung und Nothilfe angegangen, ich auch zugesagt, wenn ich erst zu Geld kommen wrde. Was einmal versprochen, mute ich halten, in Zukunft aber beschlo ich, vorsichtiger zu sein. Ich meldete mich wegen meiner Erbschaft. Es war weniger, als man geglaubt hatte, aber doch sehr viel, nahe an eilftausend Gulden. Mein Zimmer wurde den ganzen Tag von Bittenden und Hilfesuchenden nicht leer. Ich war aber beinahe hart geworden und gab nur, wo die Not am grten war. Auch Barbaras Vater kam. Er schmlte, da ich sie schon drei Tage nicht besucht, worauf ich der Wahrheit gem erwiderte, da ich frchte, seiner Tochter zur Last zu sein. Er aber sagte, das solle mich nicht kmmern, er habe ihr schon den Kopf zurechtgesetzt, wobei er auf eine boshafte Art lachte, so da ich erschrak. Dadurch an Barbaras Warnung rckerinnert, verhehlte ich, als wir bald im Gesprche darauf kamen, den Betrag meiner Erbschaft; auch seinen Handelsvorschlgen wich ich geschickt aus. Wirklich lagen mir bereits andere Aussichten im Kopfe. In der Kanzlei, wo man mich nur meines Vaters wegen geduldet hatte, war mein Platz bereits durch einen andern besetzt, was mich, da kein Gehalt damit verbunden war, wenig kmmerte. Aber der Sekretr meines Vaters, der durch die letzten Ereignisse brotlos geworden, teilte mir den Plan zur Errichtung eines Auskunfts-, Kopier- und bersetzungs-Comptoirs mit, wozu ich die ersten Einrichtungskosten vorschieen sollte, indes er selbst die Direktion zu bernehmen bereit war. Auf mein Andringen wurden die Kopierarbeiten auch auf Musikalien ausgedehnt, und nun war ich in meinem Glcke. Ich gab das erforderliche Geld, lie mir aber, schon vorsichtig geworden, eine Handschrift darber ausstellen. Die Kaution fr die Anstalt, die ich gleichfalls vorscho, schien, obgleich betrchtlich, kaum der Rede wert, da sie bei den Gerichten hinterlegt werden mute und dort mein blieb, als htte ich sie in meinem Schranke. Die Sache war abgetan und ich fhlte mich erleichtert, erhoben, zum ersten Male in meinem Leben selbstndig, ein Mann. Kaum, da ich, meines Vaters noch gedachte. Ich bezog eine bessere Wohnung, nderte einiges in meiner Kleidung und ging, als es Abend geworden, durch wohlbekannte Straen nach dem Grieslerladen, wobei ich mit den Fen schlenkerte und mein Lied zwischen den Zhnen summte, obwohl nicht ganz richtig. Das B in der zweiten Hlfte habe ich mit der Stimme nie treffen knnen. Froh und guter Dinge langte ich an, aber ein eiskalter Blick Barbaras warf mich sogleich in meine frhere Zaghaftigkeit zurck. Der Vater empfing mich aufs beste, sie aber tat, als ob niemand zugegen wre, fuhr fort, Papiertten zu wickeln, und mischte sich mit keinem Worte in unser Gesprch. Nur als die Rede auf meine Erbschaft kam, fuhr sie mit halbem Leibe empor und sagte fast drohend: Vater! worauf der Alte sogleich den Gegenstand nderte. Sonst sprach sie den ganzen Abend nichts, gab mir keinen zweiten Blick, und als ich mich endlich empfahl, klang ihr: Guten Abend! beinahe wie ein Gott sei Dank! Aber ich kam wieder und wieder, und sie gab allmhlich nach. Nicht als ob ich ihr irgend etwas zu Danke gemacht htte. Sie schalt und tadelte mich unaufhrlich. Alles war ungeschickt; Gott hatte mir zwei linke Hnde erschaffen; mein Rock sa wie an einer Vogelscheuche; ich ging wie die Enten, mit einer Anmahnung an den Haushahn. Besonders zuwider war ihr meine Hflichkeit gegen die Kunden. Da ich nmlich bis zur Erffnung der Kopieranstalt ohne Beschftigung war und berlegte, da ich dort mit dem Publikum zu tun haben wrde, so nahm ich, als Vorbung, an dem Kleinverkauf im Grieslergewlbe ttigen Anteil, was mich oft halbe Tage lang festhielt. Ich wog Gewrz ab, zhlte den Knaben Nsse und Welkpflaumen zu, gab klein Geld heraus; letzteres nicht ohne hufige Irrungen, wo denn immer Barbara dazwischenfuhr, gewaltttig wegnahm, was ich eben in den Hnden hielt, und mich vor den Kunden verlachte und verspottete. Machte ich einem der Kufer einen Bckling oder empfahl mich ihnen, so sagte sie barsch, ehe die Leute noch zur Tre hinaus waren: Die Ware empfiehlt! und kehrte mir den Rcken. Manchmal aber wieder war sie ganz Gte. Sie hrte mir zu, wenn ich erzhlte, was in der Stadt vorging; aus meinen Kinderjahren; von dem Beamtenwesen in der Kanzlei, wo wir uns zuerst kennengelernt. Dabei lie sie mich aber immer allein sprechen und gab nur durch einzelne Worte ihre Billigung oder--was fter der Fall war--ihre Mibilligung zu erkennen. Von Musik oder Gesang war nie die Rede. Erstlich meinte sie, man msse entweder singen oder das Maul halten, zu reden sei da nichts. Das Singen selbst aber ging nicht an. Im Laden war es unziemlich, und die Hinterstube, die sie und ihr Vater gemeinschaftlich bewohnten, durfte ich nicht betreten. Einmal aber, als ich unbemerkt zur Tre hereintrat, stand sie eben auf den Zehenspitzen emporgerichtet, den Rcken mir zugekehrt und mit den erhobenen Hnden, wie man nach etwas sucht, auf einem der hheren Stellbretter herumtastend. Und dabei sang sie leise in sich hinein.--Es war das Lied, mein Lied!--Sie aber zwitscherte wie eine Grasmcke, die am Bache das Hlslein wscht und das Kpfchen herumwirft und die Federn strubt und wieder glttet mit dem Schnblein. Mir war, als ginge ich auf grnen Wiesen. Ich schlich nher und nher und war schon so nahe, da das Lied nicht mehr von auen, da es aus mir herauszutnen schien, ein Gesang der Seelen. Da konnte ich mich nicht mehr halten und fate mit beiden Hnden ihren in der Mitte nach vorn strebenden und mit den Schultern gegen mich gesenkten Leib. Da aber kam's. Sie wirbelte wie ein Kreisel um sich selbst. Glutrot vor Zorn im Gesichte stand sie vor mir da; ihre Hand zuckte, und ehe ich mich entschuldigen konnte-Sie hatten, wie ich schon frher berichtet, auf der Kanzlei fter von einer Ohrfeige erzhlt, die Barbara, noch als Kuchenhndlerin, einem Zudringlichen gegeben. Was sie da sagten von der Strke des eher klein zu nennenden Mdchens und der Schwungkraft ihrer Hand, schien hchlich und zum Scherze bertrieben. Es verhielt sich aber wirklich so und ging ins Riesenhafte. Ich stand wie vom Donner getroffen. Die Lichter tanzten mir vor den Augen.--Aber es waren Himmelslichter. Wie Sonne, Mond und Sterne; wie die Engelein, die Versteckens spielen und dazu singen. Ich hatte Erscheinungen, ich war verzckt. Sie aber, kaum minder erschrocken als ich, fuhr mit ihrer Hand wie begtigend ber die geschlagene Stelle. Es mag wohl zu stark ausgefallen sein, sagte sie, und--wie ein zweiter Blitzstrahl--fhlte ich pltzlich ihren warmen Atem auf meiner Wange und ihre zwei Lippen, und sie kte mich; nur leicht, leicht; aber es war ein Ku auf diese meine Wange, hier!" Dabei klatschte der alte Mann auf seine Backe, und die Trnen traten ihm aus den Augen. "Was nun weiter geschah, wei ich nicht", fuhr er fort. "Nur da ich auf sie losstrzte und sie in die Wohnstube lief und die Glastre zuhielt, whrend ich von der andern Seite nachdrngte. Wie sie nun zusammengekrmmt und mit aller Macht sich entgegenstemmend gleichsam an dem Trfenster klebte, nahm ich mir ein Herz, verehrtester Herr, und gab ihr ihren Ku heftig zurck, durch das Glas. Oho, hier geht's lustig her! hrte ich hinter mir rufen. Es war der Griesler, der eben nach Hause kam. Nu, was sich neckt--sagte er. Komm nur heraus, Brbe, und mach keine Dummheiten! Einen Ku in Ehren kann niemand wehren.--Sie aber kam nicht. Ich selbst entfernte mich nach einigen halb bewutlos gestotterten Worten, wobei ich den Hut des Grieslers statt des meinigen nahm, den er lachend mir in der Hand austauschte. Das war, wie ich ihn schon frher nannte, der Glckstag meines Lebens. Fast htte ich gesagt: der einzige, was aber nicht wahr wre, denn der Mensch hat viele Gnaden von Gott. Ich wute nicht recht, wie ich im Sinne des Mdchens stand. Sollte ich sie mir mehr erzrnt oder mehr begtigt denken? Der nchste Besuch kostete einen schweren Entschlu. Aber sie war gut. Demtig und still, nicht auffahrend wie sonst, sa sie da bei einer Arbeit. Sie winkte mit dem Kopfe auf einen nebenstehenden Schemel, da ich mich setzen und ihr helfen sollte. So saen wir denn und arbeiteten. Der Alte wollte hinausgehen. Bleibt doch da, Vater, sagte sie; was Ihr besorgen wollt, ist schon abgetan. Er trat mit dem Fue hart auf den Boden und blieb. Ab- und zugehend sprach er von diesem und jenem, ohne da ich mich in das Gesprch zu mischen wagte. Da stie das Mdchen pltzlich einen kleinen Schrei aus. Sie hatte sich beim Arbeiten einen Finger geritzt, und obgleich sonst gar nicht weichlich, schlenkerte sie mit der Hand hin und her. Ich wollte zusehen, aber sie bedeutete mich, fortzufahren. Alfanzerei und kein Ende! brummte der Alte, und vor das Mdchen hintretend, sagte er mit starker Stimme: Was zu besorgen war, ist noch gar nicht getan! und so ging er schallenden Trittes zur Tre hinaus. Ich wollte nun anfangen, mich von gestern her zu entschuldigen; sie aber unterbrach mich und sagte: Lassen wir das und sprechen wir jetzt von gescheitern Dingen. Sie hob den Kopf empor, ma mich vom Scheitel bis zur Zehe und fuhr in ruhigem Tone fort: Ich wei kaum selbst mehr den Anfang unserer Bekanntschaft, aber Sie kommen seit einiger Zeit fter und fter, und wir haben uns an Sie gewhnt. Ein ehrliches Gemt wird Ihnen niemand abstreiten, aber Sie sind schwach, immer auf Nebendinge gerichtet, so da Sie kaum imstande wren, Ihren eigenen Sachen selbst vorzustehen. Da wird es denn Pflicht und Schuldigkeit von Freunden und Bekannten, ein Einsehen zu haben, damit Sie nicht zu Schaden kommen. Sie versitzen hier halbe Tage im Laden, zhlen und wgen, messen und markten; aber dabei kommt nichts heraus. Was gedenken Sie in Zukunft zu tun, um Ihr Fortkommen zu haben? Ich erwhnte der Erbschaft meines Vaters. Die mag recht gro sein, sagte sie. Ich nannte den Betrag. Das ist viel und wenig, erwiderte sie. Viel, um etwas damit anzufangen; wenig, um vom Breiten zu zehren. Mein Vater hat Ihnen zwar einen Vorschlag getan, ich riet Ihnen aber ab. Denn einmal hat er schon selbst Geld bei derlei Dingen verloren, dann, setzte sie mit gesenkter Stimme hinzu, ist er so gewohnt, von Fremden Gewinn zu ziehen, da er es Freunden vielleicht auch nicht besser machen wrde. Sie mssen jemand an der Seite haben, der es ehrlich meint.--Ich wies auf sie.--Ehrlich bin ich, sagte sie. Dabei legte sie die Hand auf die Brust, und ihre Augen, die sonst ins Graulichte spielten, glnzten hellblau, himmelblau. Aber mit mir hat's eigene Wege. Unser Geschft wirft wenig ab, und mein Vater geht mit dem Gedanken um, einen Schenkladen aufzurichten. Da ist denn kein Platz fr mich. Mir bliebe nur Handarbeit, denn dienen mag ich nicht. Und dabei sah sie aus wie eine Knigin. Man hat mir zwar einen andern Antrag gemacht, fuhr sie fort, indem sie einen Brief aus ihrer Schrze zog und halb widerwillig auf den Ladentisch warf; aber da mte ich fort von hier. --Und weit? fragte ich. Warum? was kmmert Sie das?--Ich erklrte, da ich an denselben Ort hinziehen wollte.--Sind Sie ein Kind! sagte sie. Das ginge nicht an und wren ganz andere Dinge. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben und gerne in meiner Nhe sind, so bringen Sie den Putzladen an sich, der hier nebenan zu Verkauf steht. Ich verstehe das Werk, und um den brgerlichen Gewinn aus Ihrem Gelde drften sie nicht verlegen sein. Auch fnden Sie selbst mit Rechnen und Schreiben eine ordentliche Beschftigung. Was sich etwa noch weiter ergbe, davon wollen wir jetzt nicht reden.--Aber ndern mten Sie sich! Ich hasse die weibischen Mnner. Ich war aufgesprungen und griff nach meinem Hute. Was ist? wo wollen Sie hin? fragte sie. Alles abbestellen, sagte ich mit kurzem Atem. --Was denn?--Ich erzhlte ihr nun meinen Plan zur Errichtung eines Schreib- und Auskunfts-Comptoirs. Da kommt nicht viel heraus, meinte sie. Auskunft einziehen kann ein jeder selbst und schreiben hat auch ein jeder gelernt in der Schule. Ich bemerkte, da auch Musikalien kopiert werden sollten, was nicht jedermanns Sache sei. Kommen Sie schon wieder mit solchen Albernheiten? fuhr sie mich an. Lassen Sie das Musizieren und denken Sie auf die Notwendigkeit! Auch wren Sie nicht imstande, einem Geschfte selbst vorzustehen. Ich erklrte, da ich einen Compagnon gefunden htte. Einen Compagnon? rief sie aus. Da will man Sie gewi betrgen! Sie haben doch noch kein Geld hergegeben?--Ich zitterte, ohne zu wissen, warum.--Haben Sie Geld gegeben? fragte sie noch einmal. Ich gestand die dreitausend Gulden zur ersten Einrichtung.--Dreitausend Gulden? rief sie, so vieles Geld! --Das brige, fuhr ich fort, ist bei den Gerichten hinterlegt und jedenfalls sicher.--Also noch mehr? schrie sie auf.--Ich gab den Betrag der Kaution an.--Und haben Sie die selbst bei den Gerichten angelegt?--Es war durch meinen Compagnon geschehen.--Sie haben doch einen Schein darber?--Ich hatte keinen Schein. Und wie heit Ihr sauberer Compagnon? fragte sie weiter. Ich war einigermaen beruhigt, ihr den Sekretr meines Vaters nennen zu knnen. Gott der Gerechte! rief sie aufspringend und die Hnde zusammenschlagend. Vater! Vater!--Der Alte trat herein.--Was habt Ihr heute aus den Zeitungen gelesen?--Von dem Sekretarius? sprach er. --Wohl! wohl!--Nun, der ist durchgegangen, hat Schulden ber Schulden hinterlassen und die Leute betrogen. Sie verfolgen ihn mit Steckbriefen!--Vater, rief sie, er hat ihm auch sein Geld anvertraut. Er ist zugrunde gerichtet.--Potz Dummkpfe und kein Ende! schrie der Alte. Hab ich's nicht immer gesagt? Aber das war ein Entschuldigen. Einmal lachte sie ber ihn, dann war er wieder ein redliches Gemt. Aber ich will dazwischenfahren! Ich will zeigen, wer Herr im Hause ist. Du, Barbara, marsch hinein in die Kammer! Sie aber, Herr, machen Sie, da Sie fortkommen, und verschonen uns knftig mit Ihren Besuchen. Hier wird kein Almosen gereicht.--Vater, sagte das Mdchen, seid nicht hart gegen ihn, er ist ja doch unglcklich genug.--Eben darum, rief der Alte, will ich's nicht auch werden. Das, Herr, fuhr er fort, indem er auf den Brief zeigte, den Barbara vorher auf den Tisch geworfen hatte, das ist ein Mann! Hat Grtz' im Kopfe und Geld im Sack. Betrgt niemanden, lt sich aber auch nicht betrgen; und das ist die Hauptsache bei der Ehrlichkeit.--Ich stotterte, da der Verlust der Kaution noch nicht gewi sei.--Ja, rief er, wird ein Narr gewesen sein, der Sekretarius! Ein Schelm ist er, aber pfiffig. Und nun gehen Sie nur rasch, vielleicht holen Sie ihn noch ein! Dabei hatte er mir die flache Hand auf die Schulter gelegt und schob mich gegen die Tre. Ich wich dem Drucke seitwrts aus und wendete mich gegen das Mdchen, die, auf den Ladentisch gesttzt, dastand, die Augen auf den Boden gerichtet, wobei die Brust heftig auf und nieder ging. Ich wollte mich ihr nhern, aber sie stie zornig mit dem Fue auf den Boden, und als ich meine Hand ausstreckte, zuckte sie mit der ihren halb empor, als ob sie mich wieder schlagen wollte. Da ging ich, und der Alte schlo die Tr hinter mir zu. Ich wankte durch die Straen zum Tor hinaus, ins Feld. Manchmal fiel mich die Verzweiflung an, dann kam aber wieder Hoffnung. Ich erinnerte mich, bei Anlegung der Kaution den Sekretr zum Handelsgericht begleitet zu haben. Dort hatte ich unter dem Torwege gewartet, und er war allein hinaufgegangen. Als er herabkam, sagte er, alles sei berichtigt, der Empfangsschein werde mir ins Haus geschickt werden. Letzteres war freilich nicht geschehen, aber Mglichkeit blieb noch immer. Mit anbrechendem Tage kam ich zur Stadt zurck. Mein erster Gang war in die Wohnung des Sekretrs. Aber die Leute lachten und fragten, ob ich die Zeitungen nicht gelesen htte? Das Handelsgericht lag nur wenige Huser davon ab. Ich lie in den Bchern nachschlagen, aber weder sein Name noch meiner kamen darin vor. Von einer Einzahlung keine Spur. So war denn mein Unglck gewi. Ja, beinahe wre es noch schlimmer gekommen. Denn da ein Gesellschaftskontrakt bestand, wollten mehrere seiner Glubiger auf meine Person greifen. Aber die Gerichte gaben es nicht zu. Lob und Dank sei ihnen dafr gesagt! Obwohl es auf eines herausgekommen wre. In all diesen Widerwrtigkeiten war mir, gestehe ich's nur, der Griesler und seine Tochter ganz in den Hintergrund getreten. Nun, da es ruhiger wurde und ich anfing zu berlegen, was etwa weiter geschehen sollte, kam mir die Erinnerung an den letzten Abend lebhaft zurck. Den Alten, eigenntzig wie er war, begriff ich ganz wohl, aber das Mdchen. Manchmal kam mir in den Sinn, da, wenn ich das Meinige zu Rate gehalten und ihr eine Versorgung htte anbieten knnen, sie wohl gar--aber sie htte mich nicht gemocht."--Dabei besah er mit auseinanderfallenden Hnden seine ganze drftige Gestalt.--"Auch war ihr mein hfliches Benehmen gegen jedermann immer zuwider. So verbrachte ich ganze Tage, sann und berlegte. Eines Abends im Zwielicht--es war die Zeit, die ich gewhnlich im Laden zuzubringen pflegte--sa ich wieder und versetzte mich in Gedanken an die gewohnte Stelle. Ich hrte sie sprechen, auf mich schmhen, ja es schien, sie verlachten mich. Da raschelte es pltzlich an der Tre, sie ging auf, und ein Frauenzimmer trat herein.--Es war Barbara.--Ich sa auf meinem Stuhl angenagelt, als ob ich ein Gespenst she. Sie war bla und trug ein Bndel unter dem Arme. In die Mitte des Zimmers gekommen, blieb sie stehen, sah rings an den kahlen Wnden umher, dann nach abwrts auf das rmliche Gerte und seufzte tief. Dann ging sie an den Schrank, der zur Seite an der Mauer stand, wickelte ihr Paket auseinander, das einige Hemden und Tcher enthielt--sie hatte in der letzten Zeit meine Wsche besorgt--, zog die Schublade heraus, schlug die Hnde zusammen, als sie den sprlichen Inhalt sah, fing aber gleich darauf an, die Wsche in Ordnung zu bringen und die mitgebrachten Stcke einzureihen. Darauf trat sie ein paar Schritte vom Schranke hinweg, und die Augen auf mich gerichtet, wobei sie mit dem Finger auf die offene Schublade zeigte, sagte sie: Fnf Hemden und drei Tcher. So viel habe ich gehabt, so viel bringe ich zurck. Dann drckte sie langsam die Schublade zu, sttzte sich mit der Hand auf den Schrank und fing laut an zu weinen. Es schien fast, als ob ihr schlimm wrde, denn sie setzte sich auf einen Stuhl neben dem Schranke, verbarg das Gesicht in ihr Tuch, und ich hrte aus den stoweise geholten Atemzgen, da sie noch immer fortweinte. Ich war leise in ihre Nhe getreten und fate ihre Hand, die sie mir gutwillig lie. Als ich aber, um ihre Blicke auf mich zu ziehen, an dem schlaff hngenden Arme bis zum Ellenbogen emporrckte, stand sie rasch auf, machte ihre Hand los und sagte in gefatem Tone: Was ntzt das alles? Es ist nun einmal so. Sie haben es selbst gewollt, sich und uns haben Sie unglcklich gemacht; aber freilich sich selbst am meisten. Eigentlich verdienen Sie kein Mitleid--hier wurde sie immer heftiger--, wenn man so schwach ist, seine eigenen Sachen nicht in Ordnung halten zu knnen; so leichtglubig, da man jedem traut, gleichviel ob es ein Spitzbube ist oder ein ehrlicher Mann.--Und doch tut's mir leid um Sie. Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen. Ja, erschrecken Sie nur. Ist's doch Ihr Werk. Ich mu nun hinaus unter die groben Leute, wogegen ich mich so lange gestrubt habe. Aber da ist kein Mittel. Die Hand habe ich Ihnen schon gegeben, und so leben Sie wohl--fr immer. Ich sah, da ihr die Trnen wieder ins Auge traten, aber sie schttelte unwillig mit dem Kopfe und ging. Mir war, als htte ich Blei in den Gliedern. Gegen die Tre gekommen, wendete sie sich noch einmal um und sagte: Die Wsche ist jetzt in Ordnung. Sehen Sie zu, da nichts abgeht. Es werden harte Zeiten kommen. Und nun hob sie die Hand auf, machte wie ein Kreuzeszeichen in die Luft und rief: Gott mit dir, Jakob!--In alle Ewigkeit, Amen! setzte sie leiser hinzu und ging. Nun erst kam mir der Gebrauch meiner Glieder zurck. Ich eilte ihr nach, und auf dem Treppenabsatze stehend, rief ich ihr nach: Barbara! Ich hrte, da sie auf der Stiege stehenblieb. Wie ich aber die erste Stufe hinabstieg, sprach sie von unten herauf: Bleiben Sie! und ging die Treppe vollends hinab und zum Tore hinaus. Ich habe seitdem harte Tage erlebt, keinen aber wie diesen; selbst der darauffolgende war es minder. Ich wute nmlich doch nicht so recht, wie ich daran war, und schlich daher am kommenden Morgen in der Nhe des Grieslerladens herum, ob mir vielleicht einige Aufklrung wrde. Da sich aber nichts zeigte, blickte ich endlich seitwrts in den Laden hinein und sah eine fremde Frau, die abwog und Geld herausgab und zuzhlte. Ich wagte mich hinein und fragte, ob sie den Laden an sich gekauft htte? Zur Zeit noch nicht, sagte sie.--Und wo die Eigentmer wren?--Die sind heute frhmorgens nach Langenlebarn gereist.--Die Tochter auch? stammelte ich.--Nun freilich auch, sagte sie, sie macht ja Hochzeit dort. Die Frau mochte mir nun alles erzhlt haben, was ich in der Folge von andern Leuten erfuhr. Der Fleischer des genannten Ortes nmlich--derselbe, den ich zur Zeit meines ersten Besuches im Laden antraf--hatte dem Mdchen seit lange Heiratsantrge gemacht, denen sie immer auswich, bis sie endlich in den letzten Tagen, von ihrem Vater gedrngt und an allem brigen verzweifelnd, einwilligte. Desselben Morgens waren Vater und Tochter dahin abgereist, und in dem Augenblick, da wir sprachen, war Barbara des Fleischers Frau. Die Verkuferin mochte mir, wie gesagt, das alles erzhlt haben, aber ich hrte nicht und stand regungslos, bis endlich Kunden kamen, die mich zur Seite schoben, und die Frau mich anfuhr, ob ich noch sonst etwas wollte, worauf ich mich entfernte. Sie werden glauben, verehrtester Herr", fuhr er fort, "da ich mich nun als den unglcklichsten aller Menschen fhlte. Und so war es auch im ersten Augenblicke. Als ich aber aus dem Laden heraustrat und, mich umwendend, auf die kleinen Fenster zurckblickte, an denen Barbara gewi oft gestanden und herausgesehen hatte, da kam eine selige Empfindung ber mich. Da sie nun alles Kummers los war, Frau im eigenen Hause, und nicht ntig hatte, wie wenn sie ihre Tage an einen Herd- und Heimatlosen geknpft htte, Kummer und Elend zu tragen, das legte sich wie ein lindernder Balsam auf meine Brust, und ich segnete sie und ihre Wege. Wie es nun mit mir immer mehr herabkam, beschlo ich durch Musik mein Fortkommen zu suchen; und solange der Rest meines Geldes whrte, bte und studierte ich mir die Werke groer Meister, vorzglich der alten, ein, welche ich abschrieb; und als nun der letzte Groschen ausgegeben war, schickte ich mich an, von meinen Kenntnissen Vorteil zu ziehen, und zwar anfangs in geschlossenen Gesellschaften, wozu ein Gastgebot im Hause meiner Mietfrau den ersten Anla gab. Als aber die von mir vorgetragenen Kompositionen dort keinen Anklang fanden, stellte ich mich in die Hfe der Huser, da unter so vielen Bewohnern doch einige sein mochten, die das Ernste zu schtzen wuten--ja endlich auf die ffentlichen Spaziergnge, wo ich denn wirklich die Befriedigung hatte, da einzelne stehenblieben, zuhrten, mich befragten und nicht ohne Anteil weitergingen. Da sie mir dabei Geld hinlegten, beschmte mich nicht. Denn einmal war gerade das mein Zweck, dann sah ich auch, da berhmte Virtuosen, welche erreicht zu haben ich mir nicht schmeicheln konnte, sich fr ihre Leistungen, und mitunter sehr hoch, honorieren lieen. So habe ich mich, obzwar rmlich, aber redlich fortgebracht bis diesen Tag. Nach Jahren sollte mir noch ein Glck zuteil werden. Barbara kam zurck. Ihr Mann hatte Geld verdient und ein Fleischhauergewerbe in einer der Vorstdte an sich gebracht. Sie war Mutter von zwei Kindern, von denen das lteste Jakob heit, wie ich. Meine Berufsgeschfte und die Erinnerung an alte Zeiten erlaubten mir nicht, zudringlich zu sein, endlich ward ich aber selbst ins Haus bestellt, um dem ltesten Knaben Unterricht auf der Violine zu geben. Er hat zwar nur wenig Talent, kann auch nur an Sonntagen spielen, da ihn in der Woche der Vater beim Geschft verwendet, aber Barbaras Lied, das ich ihn gelehrt, geht doch schon recht gut; und wenn wir so ben und hantieren, singt manchmal die Mutter mit darein. Sie hat sich zwar sehr verndert in den vielen Jahren, ist stark geworden und kmmert sich wenig mehr um Musik, aber es klingt noch immer so hbsch wie damals." Und damit ergriff der Alte seine Geige und fing an, das Lied zu spielen, und spielte fort und fort, ohne sich weiter um mich zu kmmern. Endlich hatte ich's satt, stand auf, legte ein paar Silberstcke auf den nebenstehenden Tisch und ging, whrend der Alte eifrig immer fortgeigte. Bald darauf trat ich eine Reise an, von der ich erst mit einbrechendem Winter zurckkam. Die neuen Bilder hatten die alten verdrngt, und mein Spielmann war so ziemlich vergessen. Erst bei Gelegenheit des furchtbaren Eisganges im nchsten Frhjahre und der damit in Verbindung stehenden berschwemmung der niedrig gelegenen Vorstdte erinnerte ich mich wieder an ihn. Die Umgegend der Grtnergasse war zum See geworden. Fr des alten Mannes Leben schien nichts zu besorgen, wohnte er doch hoch oben am Dache, indes unter den Bewohnern der Erdgeschosse sich der Tod seine nur zu hufigen Opfer ausersehen hatte. Aber entblt von aller Hilfe, wie gro mochte seine Not sein! Solange die berschwemmung whrte, war nichts zu tun, auch hatten die Behrden nach Mglichkeit auf Schiffen Nahrung und Beistand den Abgeschnittenen gespendet. Als aber die Wasser verlaufen und die Straen gangbar geworden waren, beschlo ich, meinen Anteil an der in Gang gebrachten, zu unglaublichen Summen angewachsenen Kollekte persnlich an die mich zunchst angehende Adresse zu befrdern. Der Anblick der Leopoldstadt war grauenhaft. In den Straen zerbrochene Schiffe und Gertschaften, in den Erdgeschossen zum Teil noch stehendes Wasser und schwimmende Habe. Als ich, dem Gedrnge ausweichend, an ein zugelehntes Hoftor hintrat, gab dieses nach und zeigte im Torwege eine Reihe von Leichen, offenbar behufs der amtlichen Inspektion zusammengebracht und hingelegt; ja, im Innern der Gemcher waren noch hie und da, aufrecht stehend und an die Gitterfenster angekrallt, verunglckte Bewohner zu sehen,--es fehlte eben an Zeit und Beamten, die gerichtliche Konstatierung so vieler Todesflle vorzunehmen. So schritt ich weiter und weiter. Von allen Seiten Weinen und Trauergelute, suchende Mtter und irregehende Kinder. Endlich kam ich an die Grtnergasse. Auch dort hatten sich die schwarzen Begleiter eines Leichenzuges aufgestellt, doch, wie es schien, entfernt von dem Hause, das ich suchte. Als ich aber nhertrat, bemerkte ich wohl eine Verbindung von Anstalten und Hin- und Hergehenden zwischen dem Trauergeleite und der Grtnerswohnung. Am Haustor stand ein wacker aussehender, ltlicher, aber noch krftiger Mann. In hohen Stiefeln, gelben Lederhosen und langherabgehendem Leibrocke sah er einem Landfleischer hnlich. Er gab Auftrge, sprach aber dazwischen ziemlich gleichgltig mit den Nebenstehenden. Ich ging an ihm vorbei und trat in den Hofraum. Die alte Grtnerin kam mir entgegen, erkannte mich auf der Stelle wieder und begrte mich unter Trnen. "Geben Sie uns auch die Ehre?" sagte sie. "Ja, unser armer Alter! der musiziert jetzt mit den lieben Engeln, die auch nicht viel besser sein knnen, als er es war. Die ehrliche Seele sa da oben sicher in seiner Kammer. Als aber das Wasser kam und er die Kinder schreien hrte, da sprang er herunter und rettete und schleppte und trug und brachte in Sicherheit, da ihm der Atem ging wie ein Schmiedegebls. Ja--wie man denn nicht berall seine Augen haben kann--als sich ganz zuletzt zeigte, da mein Mann seine Steuerbcher und die paar Gulden Papiergeld im Wandschrank vergessen hatte, nahm der Alte ein Beil, ging ins Wasser, das ihm schon an die Brust reichte, erbrach den Schrank und brachte alles treulich. Da hatte er sich wohl verkltet, und wie im ersten Augenblicke denn keine Hilfe zu haben war, griff er in die Phantasie und wurde immer schlechter und schlechter, ob wir ihm gleich beistanden nach Mglichkeit und mehr dabei litten als er selbst. Denn er musizierte in einem fort, mit der Stimme nmlich, und schlug den Takt und gab Lektionen. Als sich das Wasser ein wenig verlaufen hatte und wir den Bader holen konnten und den Geistlichen, richtete er sich pltzlich im Bette auf, wendete Kopf und Ohr seitwrts, als ob er in der Entfernung etwas gar Schnes hrte, lchelte, sank zurck und war tot. Gehen Sie nur hinauf, er hat oft von Ihnen gesprochen. Die Madame ist auch oben. Wir haben ihn auf unsere Kosten begraben lassen wollen, die Frau Fleischermeisterin gab es aber nicht zu." Sie drngte mich die steile Treppe hinauf bis zur Dachstube, die offen stand und ganz ausgerumt war bis auf den Sarg in der Mitte, der, bereits geschlossen, nur der Trger wartete. An dem Kopfende sa eine ziemlich starke Frau, ber die Hlfte des Lebens hinaus, im buntgedruckten Kattunberrocke, aber mit schwarzem Halstuch und schwarzem Band auf der Haube. Es schien fast, als ob sie nie schn gewesen sein konnte. Vor ihr standen zwei ziemlich erwachsene Kinder, ein Bursche und ein Mdchen, denen sie offenbar Unterricht gab, wie sie sich beim Leichenzuge zu benehmen htten. Eben als ich eintrat, stie sie dem Knaben, der sich ziemlich tlpisch auf den Sarg gelehnt hatte, den Arm herunter und glttete sorgfltig die herausstehenden Kanten des Leichentuches wieder zurecht. Die Grtnersfrau fhrte mich vor; da fingen aber unten die Posaunen an zu blasen, und zugleich erscholl die Stimme des Fleischers von der Strae herauf: Barbara, es ist Zeit! Die Trger erschienen, ich zog mich zurck, um Platz zu machen. Der Sarg ward erhoben, hinabgebracht, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus die Schuljugend mit Kreuz und Fahne, der Geistliche mit dem Kirchendiener. Unmittelbar nach dem Sarge die beiden Kinder des Fleischers und hinter ihnen das Ehepaar. Der Mann bewegte unausgesetzt, als in Andacht, die Lippen, sah aber dabei links und rechts um sich. Die Frau las eifrig in ihrem Gebetbuche, nur machten ihr die beiden Kinder zu schaffen, die sie einmal vorschob, dann wieder zurckhielt, wie ihr denn berhaupt die Ordnung des Leichenzuges sehr am Herzen zu liegen schien. Immer aber kehrte sie wieder zu ihrem Buche zurck. So kam das Geleite zum Friedhof. Das Grab war geffnet. Die Kinder warfen die ersten Handvoll Erde hinab. Der Mann tat stehend dasselbe. Die Frau kniete und hielt ihr Buch nahe an die Augen. Die Totengrber vollendeten ihr Geschft, und der Zug, halb aufgelst, kehrte zurck. An der Tre gab es noch einen kleinen Wortwechsel, da die Frau eine Forderung des Leichenbesorgers offenbar zu hoch fand. Die Begleiter zerstreuten sich nach allen Richtungen. Der alte Spielmann war begraben. Ein paar Tage darauf--es war ein Sonntag--ging ich, von meiner psychologischen Neugierde getrieben, in die Wohnung des Fleischers und nahm zum Vorwande, da ich die Geige des Alten als Andenken zu besitzen wnschte. Ich fand die Familie beisammen ohne Spur eines zurckgebliebenen besondern Eindrucks. Doch hing die Geige mit einer Art Symmetrie geordnet neben dem Spiegel und einem Kruzifix gegenber an der Wand. Als ich mein Anliegen erklrte und einen verhltnismig hohen Preis anbot, schien der Mann nicht abgeneigt, ein vorteilhaftes Geschft zu machen. Die Frau aber fuhr vom Stuhle empor und sagte: "Warum nicht gar! Die Geige gehrt unserem Jakob, und auf ein paar Gulden mehr oder weniger kommt es uns nicht an!" Dabei nahm sie das Instrument von der Wand, besah es von allen Seiten, blies den Staub herab und legte es in die Schublade, die sie, wie einen Raub befrchtend, heftig zustie und abschlo. Ihr Gesicht war dabei von mir abgewandt, so da ich nicht sehen konnte, was etwa darauf vorging. Da nun zu gleicher Zeit die Magd mit der Suppe eintrat und der Fleischer, ohne sich durch den Besuch stren zu lassen, mit lauter Stimme sein Tischgebet anhob, in das die Kinder gellend einstimmten, wnschte ich gesegnete Mahlzeit und ging zur Tre hinaus. Mein letzter Blick traf die Frau. Sie hatte sich umgewendet, und die Trnen liefen ihr stromweise ber die Backen. Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der arme Spielmann, von Franz Grillparzer. End of the Project Gutenberg EBook of Der arme Spielmann, by Franz Grillparzer License: Share Alike