Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen This Etext is in German. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. Der Gastfreund Franz Grillparzer Trauerspiel in einem Aufzug Personen: Aietes, Knig von Kolchis Medea, seine Tochter Gora, Medeens Amme Peritta, eine ihrer Jungfrauen Phryxus Jungfrauen Medeens Griechen in Phryxus' Gefolge Kolcher Kolchis. (Wilde Gegend mit Felsen und Bumen, im Hintergrunde das Meer. Am Gestade desselben ein Altar, von unbehauenen Steinen zusammengefgt, auf dem die kolossale Bildsule eines nackten, brtigen Mannes steht, der in seiner Rechten eine Keule, um die Schultern ein Widderfell trgt. Links an den Szenen des Mittelgrundes der Eingang eines Hauses mit Stufen und rohen Sulen. Tagesanbruch.) Medea, Gora, Peritta, Gefolge von Jungfrauen. (Beim Aufziehen des Vorhanges steht Medea im Vorgrunde mit dem Bogen in der Hand in der Stellung einer, die eben den Pfeil abgeschossen. An den Stufen des Altars liegt ein, von einem Pfeile durchbohrtes Reh.) Jungfrauen (die entfernt gestanden, zum Altare hineilend). Das Opfer blutet! Medea (in ihrer vorigen Stellung). Traf's? Eine der Jungfrauen. --Gerad' ins Herz! Medea (indem sie den Bogen abgibt). Das deutet Gutes; lat uns eilen denn! Geh' eine hin und spreche das Gebet. Gora (zum Altar tretend). Darimba, mchtige Gttin Menschenerhalterin, Menschentterin Die den Wein du gibst und des Halmes Frucht Gibst des Weidwerks herzerfreuende Spende Und des Todfeinds Blut: Darimba, reine, magdliche Tochter des Himmels, Hre mich! Chor. Darimba, mchtige Gttin, Darimba! Darimba! Gora. Sieh ein Reh hab' ich dir gettet Den Pfeil schnellend vom starken Bogen Dein ist's! La dir gefallen sein Blut! Segne das Feld und den beutereichen Wald Gib, da wir recht tun und siegen in der Schlacht Gib, da wir lieben den Wohlwollenden Und hassen den, der uns hat. Mach' uns stark und reich, Darimba, Mchtige Gttin! Chor. Darimba, Darimba! Gora. Das Opfer am Altar zuckt und endet, So mgen deine Feinde enden, Darimba! Deine Feinde und die unsern! Es ist Medea, Aietes' Tochter, Des Herrschers von Kolchis frstliches Kind Die empor in deine Wohnungen ruft Hre mich, hre mich Und erflle was ich bat! Chor (mit Zimbeln und Handpauken zusammen schlagend). Darimba, Darimba! Mchtige Gttin! Eriho! Jehu! Medea. Und somit genug! Das Opfer ist gebracht, Vollendet das zgernde Geschft. Nun Pfeil und Bogen her, die Hunde vor, Da von des Jagdlrms hallendem Getos Der grne Wald ertne nah und fern! Die Sonne steigt. Hinaus! hinaus! Und die am schnellsten rennt und die am leichtsten springt Sei Knigin des Tags.-- Du hier Peritta? Sagt' ich dir nicht, Da du mich meiden sollst und gehn? So geh! Peritta (knieend). Medea! Medea. Kniee nicht! Du sollst nicht knien! Hrst du? In deine Seele schm' ich mich. So feig, so zahm!--Mich schmerzt nicht dein Verlust, Mich schmerzt, da ich dich jetzt verachten mu Und hab' dich einst geliebt! Peritta. O wtest du! Medea. Was denn?--Stahlst du dich neulich von der Jagd Und gingst zum Hirten ins Tergener Tal? Tatst du's? Sprich nein! Du Falsche, Undankbare! Versprachst du nicht du wolltest mein sein, mein Und keines Manns? Sag' an, versprachst du's? Peritta. Als ich's gelobte wut' ich damals-- Medea. Schweig! Was braucht's zu wissen, als da du's versprachst. Ich bin Aietes' knigliches Kind Und was ich tu' ist recht weil ich's getan. Und doch, du Falsche! htt' ich dir versprochen Die Hand hier abzuhaun von meinem Arm Ich tt's; frwahr ich tt's, weil ich's versprach. Peritta. Es ri mich hin, ich war besinnungslos, Und nicht mit meinem Willen, nein-- Medea. Ei hrt! Sie wollte nicht und tat's!--Geh du sprichst Unsinn. Wie konnt' es denn geschehn Wenn du nicht (wolltest). Was ich tu' das will ich Und was ich will--je nu das tu' ich manchmal (nicht). Geh hin in deines Hirten dumpfe Htte Dort kaure dich in Rauch und schmutz'gen Qualm Und baue Kohl auf einer Spanne Grund. Mein Garten ist die ungemene Erde Des Himmels blaue Sulen sind mein Haus Da will ich stehn des Berges freien Lften Entgegen tragend eine freie Brust Und auf dich niedersehn und dich verachten. Hallo! in Wald! Ihr Mdchen in den Wald! (Indem sie abgeben will kmmt von der andern Seite ein) Kolcher. Kolcher. Du Knigstochter, hre! Medea. Was? Wer ruft? Kolcher. Ein Schiff mit Fremden angelangt zur Stund'! Medea. Dem Vater sag' es an. Was kmmert's mich! Kolcher. Wo weilt er? Medea. Drin im Haus! Kolcher. Ich eile! Medea. Tu's! (Der Bote ab ins Haus.) Medea. Da diese Fremden uns die Jagdlust stren! Ihr Schiff, es ankert wohl in jener Bucht, Die sonst zum Sammelplatz uns dient der Jagd. Allein was tut's! Bringt lange Speere her Und nahet ein Khner, zahl' er's mit Blut! Nur Speere her! doch leise, leise, hrt! Denn sh's der Vater wehren mcht' er es. Kommt!--Dort das Mal von Steinen aufgehuft Seht ihr's dort oben? Wer erreicht's zuerst? Stellt euch!--Nichts da! Nicht vorgetreten! Weg! Wer siegt hat auf der Jagd den ersten Schu: So, stellt euch und wenn ich das Zeichen gebe Dann wie der Pfeil vom Bogen fort! Gebt Acht! Acht!--Jetzt!-- Aietes (ist unterdessen aus dem Hause getreten, mit ihm der) Bote, (der gleich abgeht.) Aietes. Medea! Medea (sich umwendend aber ohne ihren Platz zu verndern). Vater! Aietes. Du, wohin? Medea. In Wald! Aietes. Bleib jetzt! Medea. Warum? Aietes. Ich will's. Du sollst. Medea. So frchtest du, da jene Fremden-- Aietes. Weit du also?-- (Nher tretend, mit gedmpfter Stimme.) Angekommen Mnner Aus fernem Land Bringen Gold, bringen Schtze, Reiche Beute. Medea. Wem? Aietes. Uns, wenn wir wollen. Medea. Uns? Aietes. 's sind Fremde, sind Feinde, Kommen zu verwsten unser Land. Medea. So geh hin und tte sie! Aietes. Zahlreich sind sie und stark bewehrt Reich an List die fremden Mnner, Leicht tten sie (uns.) Medea. So la sie ziehn! Aietes. Nimmermehr. Sie sollen mir-- Medea. Tu was du willst Mich aber la zur Jagd! Aietes. Bleib, sag' ich, bleibe Medea. Was soll ich? Aietes. Helfen! Raten! Medea. Ich? Aietes. Du bist klug, du bist stark. Dich hat die Mutter gelehrt Aus Krutern, aus Steinen Trnke bereiten, Die den Willen binden Und fesseln die Kraft. Du rufst Geister Und besprichst den Mond Hilf mir, mein gutes Kind! Medea. Bin ich dein gutes Kind! Sonst achtest du meiner wenig. Wenn ich will, willst du (nicht) Und schiltst mich und schlgst nach mir; Aber wenn du mein bedarfst Lockst du mich mit Schmeichelworten Und nennst mich Medea, dein liebes Kind. Aietes. Vergi Medea was sonst geschehn. Bist doch auch nicht immer wie du solltest. Jetzt steh mir bei und hilf mir. Medea. Wozu? Aietes. So hre denn mein gutes Mdchen!-- Das Gold der Fremden all und ihre Schtze-- Gelt lchelst? Medea. Ich? Aietes. Ei ja, das viele Gold Die bunten Steine und die reichen Kleider Wie sollen die mein Mdchen zieren! Medea. Ei immerhin! Aietes. Du schlaue Bbin, sieh, Ich wei dir lacht das Herz nach all der Zier! Medea. Kommt nur zur Sache, Vater! Aietes. Ich-- Hei dort die Mdchen gehn! Medea. Warum? Aietes. Ich will's! Medea. Sie sollen ja mit mir zur Jagd. Aietes. Heut keine Jagd' Medea. Nicht? Aietes. Nein sag' ich und nein! und nein! Medea. Erst lobst du mich und-- Aietes. Nun, sei gut, mein Kind! Komm hierher! Weiter! hierher, so! Du bist ein kluges Mdchen, dir kann ich trauen. Ich-- Medea. Nun! Aietes. Was siehst du mir so starr ins Antlitz? Medea. Ich hre Vater! Aietes. O ich kenne dich! Willst du den Vater meistern, Ungeratne? I ch entscheide was gut, was nicht. Du (gehorchst). Aus meinen Augen Verhate! (Medea geht.) Bleib!--Wenn du wolltest, begreifen wolltest-- Ich wei du kannst, allein du willst es nicht! --So sei's denn, bleib aus deines Vaters Rat Und diene, weil du dienen willst. (Man hrt in der Ferne kriegerische Musik.) Aietes. Was ist das? Weh sie kommen uns zuvor! Siehst du Trin? Die du schonen wolltest, sie tten uns! In vollem Zug hierher die fremden Mnner! Weh uns! Waffen! Waffen! (Der Bote kommt wieder.) Bote. Der Fhrer, Herr, der fremden Mnner!-- Aietes. Was will er? Meine Krone, mein Leben? Noch hab' ich Mut, noch hab' ich Kraft Noch wallt Blut in meinen Adern Zu tauschen Tod um Tod! Bote. Er bittet um Gehr. Aietes. Bittet? Bote. Freundlich sich mit dir zu besprechen Zu stiften friedlichen Vergleich. Aietes. Bittet? und hat die Macht in Hnden, Findet uns unbewehrt, er in Waffen, Und bittet, der Tor! Bote. In dein Haus will er treten, Sitzen an deinem Tische, Essen von deinem Brot Und dir vertrauen Was ihn hierher gefhrt. Aietes. Er komme, er komme. Hlt er Friede nur zwei Stunden, Spter frcht' ich ihn nicht mehr. Sag' ihm, da er nahe, Aber ohne Schild ohne Speer, Nur das Schwert an der Seite, Er und seine Gesellen. Dann aber geh und biet auf die Getreuen Rings herum im ganzen Lande Hei sie sich stellen gewappnet, bewehrt Mit Schild und Panzer mit Lanz' und Schwert Und sich verbergen im nahen Gehlz Bis ich winke, bis ich rufe.--Geh! (Bote ab.) Ich will dein lachen du schwacher Tor! Du aber Medea, sei mir gewrtig! Einen Trank, ich wei es, bereitest du Der mit sanfter, schmeichelnder Betubung Die Sinn' entbindet ihres Diener-Amts Und ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs. Geh hin und hole mir von jenem Trank! Medea. Wozu? Aietes. Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir! Dann komm zurck. Ich will sie zhmen diese Stolzen! (Medea ab.) Aietes (gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).) Peronto, meiner Vter Gott! La gelingen, was ich sinne Und teilen will ich, treu und redlich Was wir gewinnen von unsern Feinden. (Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grnen Zweigen in der Hand. Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand gleichfalls einen grnen Zweig, in der Rechten ein goldenes Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.) Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein. Die Musik schweigt.) (Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der darauf stehenden Bildsule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen gefesselt stehn, dann spricht er:) Phryxus. Kann ich den Augen traun?--Er ist's, er ist's! Sei mir gegrt, du freundliche Gestalt, Die mich durch Wogensturm und Unglcksnacht Hierher gefhrt an diese ferne Kste, Wo Sicherheit und einfach stille Ruh Mit Kindesblicken mir entgegen lcheln. Dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung In jener unheilvollen Stunde gabst Und das, wie der Polarstern vor mir leuchtend, Mich in den Hafen eingefhrt des Glcks, Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem Altar Und beuge betend dir ein frommes Knie, Der du ein Gott mir warest in der Tat Wenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht! (Er knieet.) Aietes (im Vorgrunde). Was ist das? Er beugt sein Knie dem Gott meiner Vter! Denk' der Opfer, die ich dir gebracht, Hr' ihn nicht Peronto, Hre den Fremden nicht! Phryxus (aufstehend). Erfllet ist des Dankens se Pflicht. Nun fhrt zu eurem Knig mich! Wo weilt er? (Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus dem Wege.) Phryxus (erblickt den Knig, auf ihn zugehend). In dir gr' ich den Herrn wohl dieses Landes? Aietes. Ich bin der Kolcher Frst! Phryxus. Sei mir gegrt! Es fhrte Gttermacht mich in dein Reich, So ehr' in mir den Gott, der mich beschtzt. Der Mann, der dort auf jenem Altar thront, ist er das Bildnis eines der da lebte? Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen? Aietes. Es ist Peronto, der Kolcher Gott. Phryxus. Peronto! Rauher Laut dem Ohr des Fremden, Wohltnend aber dem Geretteten. Verehrst du jenen dort als deinen Schtzer So liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm, Denn (Brder) sind ja Eines Vaters Shne. Aietes (der Umarmung ausweichend). Schtzer er dir? Phryxus. Ja, du sollst noch hren. Doch la mich bringen erst mein Weihgeschenk. (Er geht zum Altar und stt vor demselben sein Panier in den Boden.) Medea (kommt mit einem Becher.) Medea (laut). Hier Vater ist der Trank! Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise). Schweig Trichte! Siehst du denn nicht? Medea. Was? Aietes. Den Becher gib der Sklavin Und schweig! Medea. Wer ist der Mann? Aietes. Der Fremden Fhrer, schweig! Phryxus (vom Altare zurckkommend). Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus! Doch wer ist dieses blhend holde Wesen, Das, wie der goldne Saum der Wetterwolke Sich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt? Die roten Lippen und der Wange Licht Sie scheinen Huld und Liebe zu verheien, Streng widersprochen von dem finstern Aug, Das blitzend wie ein drohender Komet Hervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel. Halb Charis steht sie da und halb Mnade, Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut. Wer bist du, holdes Mdchen? Aietes. Sprich Medea! Medea (trocken). Medea bin ich, dieses Knigs Kind! Phryxus. Frwahr ein Kind und eine Knigin! Ich nehm' dich an als gute Vorbedeutung Fr eine Zukunft, die uns noch verhllt. O lchle Mdchenbild auf meinen Eintritt! Vielleicht, wer wei, ob nicht dein Vater, Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt, Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea! Aietes. Was also, Fremdling, ist dein Begehr? Phryxus. So hre denn was mich hierher gefhrt, Was ich verloren, Herr, und was ich suche. Geboren bin ich in dem schnen Hellas, Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts. Es lebet niemand, der sich hhrer Abkunft, Sich edlern Stammes rhmen kann als ich, Denn Hellas' Gtter nenn' ich meine Vter Und meines Hauses Ahn regiert die Welt. Medea (sich abwendend). Ich gehe Vater um-- Aietes. Bleib hier und schweig! Phryxus. Von Gttern also zieh' ich mein Geschlecht! Allein mein Vater, alten Ruhms vergessend Und jung-erzeugter Kinder Recht und Glck, Erkor zur zweiten Eh' ein niedrig Weib, Das, neidisch auf des ersten Bettes Sprossen Und b'rall Vorwurf sehend, weil sie selbst Sich Vorwurf zu (verdienen) war bewut, Den Zorn des Vaters reizte gegen mich. Die Zwietracht wuchs und Hscher sandt' er aus Den Sohn zu fahn, vielleicht zu tten ihn. Da ging ich aus der Vter Haus und floh In fremden Land zu suchen heimisch Glck. Umirrend kam ich in die Delpherstadt Und trat, beim Gotte Rat und Hilfe suchend In Phbos' reiches, weitberhmtes Haus. Da stand ich in des Tempels weiten Hallen, Mit Bildern rings umstellt und Opfergaben, Erglhend in der Abendsonne Strahl. Vom Schauen matt und von des Weges Last Schlo sich mein Aug und meine Glieder sanken; Dem Zug erliegend schlummerte ich ein. Da fand ich mich im Traum im selben Tempel In dem ich schlief, doch wachend und allein Und betend zu dem Gott um Rat. Urpltzlich Umflammt mich heller Glanz und einen Mann In nackter Kraft, die Keule in der Rechten, Mit langem Bart und Haar, ein Widderfell Um seine mcht'gen Schultern, stand vor mir Und lchelte mit milder Huld mich an. ("Nimm Sieg und Rache hin!") sprach er, und lste Das reiche Vlie von seinen Schultern ab Und reichte mir's; da, schtternd, wacht' ich auf. Und siehe! von dem Morgenstrahl beleuchtet Stand eine Blende schimmernd vor mir da Und drin aus Marmor knstlich ausgehaun Derselbe Mann, der eben mir erschienen Mit Haar und Bart und Fell, wie ich's gesehn. Aietes (auf die Bildsule im Hintergrunde zeigend). Der dort? Phryxus. Ihm glich er wie ich mir. So stand er da in Gtterkraft und Wrde, Vergleichbar dem Herakles, doch nicht er. Und an dem Fugestell des Bildes war Der Name (Kolchis) golden eingegraben. Ich aber deutete des Gottes Rat; Und nehmend was er rtselhaft mir bot Lst' ich, ich war allein, den goldnen Schmuck Vom Hals des Bildes, und in Eile fort. Des Vaters Hscher fand ich vor den Toren Sie wichen scheu des Gottes Goldpanier Die Priester neigten sich, das Volk lag auf den Knieen Und vor mir her es auf der Lanze tragend Kam ich durch tausend Feinde bis ans Meer. Ein schifft' ich mich und hoch als goldne Wimpel Flog mir das Vlie am sturmumtobten Mast Und wie die Wogen schumten, Donner brllten Und Meer und Wind und Hlle sich verschworen Mich zu versenken in das nasse Grab Versehrt ward mir kein Haar und unverletzt Kam ich hierher an diese Rettungskste Die vor mir noch kein griech'scher Fu betrat. Und jetzo geht an dich mein bittend Flehn Nimm auf mich und die Meinen in dein Land, Wo nicht so fass' ich selber Sitz und Sttte Vertrauend auf der Gtter Beistand, die Mir (Sieg und Rache) durch dies Pfand verliehn! - Du schweigst? Aietes. Was willst du, da ich sage? Phryxus. Gewhrst du mir ein Dach, ein gastlich Haus? Aietes. Tritt ein, wenn dir's gutdnkt, Vorrat ist Von Speis' und Trank genug. Dort nimm und i! Phryxus. So rauh bst du des Wirtes gastlich Amt? Aietes. Wie du dich gibst so nehm' ich dich. Wer in des Krieges Kleidung Gabe heischt Erwarte nicht sie aus des Friedens Hand. Phryxus. Den Schild hab' ich, die Lanze abgelegt. Aietes. Das Schwert ist, denkst du gegen uns genug? Doch halt' es wie du willst. (Leise zu Medea.) Begehr' sein Schwert! Phryxus. Noch eins! An reichem Schmuck und kstlichen Gefen Bring' ich so manches, was ich sichern mchte. Du nimmst es doch in deines Hauses Hut? Aietes. Tu, wie du willst! (Zu Medea.) Sein Schwert sag' ich begehr'! Phryxus. Nun denn, Gefhrten, was wir hergebracht Gerettet aus des Glckes grausem Schiffbruch, Bringt es hierher in dieser Mauern Umfang Als Grundstein eines neuen, festern Glcks. Aietes (zu Medea). Des Fremden Schwert! Medea. Wozu? Aietes. Sein Schwert sag' ich! Medea (zu Phryxus). Gib mir dein Schwert! Phryxus. Was sagst du holdes Kind? Aietes. Fremd ist dem Mdchen eurer Waffen Anblick Bei uns geht nicht der Friedliche bewehrt. Auch ist's euch lstig. Phryxus (zu Medeen). Sorgest du um mich? (Medea wendet sich ab.) Sei mir nicht bs! Ich weigr' es dir ja nicht! (Er gibt ihr das Schwert.) Den Himmlischen vertrau' ich mich und dir! Wo du bist da ist Frieden. Hier mein Schwert! Und jetzo in dein Haus, mein edler Wirt! Aietes. Geht nur, ich folg' euch bald! Phryxus. Und du Medea? La mich auch dich am frohen Tische sehn! Kommt Freunde teilt die Lust wie ehmals die Gefahr! (Ab mit seinen Gefhrten.) (Medea setzt sich auf eine Felsenbank im Vorgrunde und beschftigt sich mit ihrem Bogen, den sie von der Erde aufgehoben hat. Aietes steht auf der andern Seite des Vorgrundes und verfolgt mit den Augen die Diener des Phryxus, die Gold und reiche Gefe ins Haus tragen.--Lange Pause.) Aietes. Medea! Medea. Vater! Aietes. Was denkst du? Medea. Ich? Nichts! Aietes. Vom Fremden mein' ich, Medea. Er spricht und spricht; Mir widert's! Aietes (rasch auf sie zugehend). Nicht wahr? Spricht und gleit Und ist ein Bsewicht, Ein Gottverchter, ein Tempelruber! Ich tt' ihn! Medea. Vater! Aietes. Ich tu's! Soll er davon tragen all den Reichtum Den er geraubt, dem Himmel geraubt? Erzhlt' er nicht selbst, wie er im Tempel Das Vlie gelst von der Schulter des Gottes, Des Donnerers, Perontos, Der Kolchis beschtzt. Ich will dir ihn schlachten Peronto! Rache sei dir, Rache! Medea. Tten willst du, den Fremden, den Gast? Aietes. Gast? Hab' ich ihn geladen in mein Haus? Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht Und geheien sitzen auf meinem Stuhl? Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten, Er nahm sich's, b' er's der Tor! Medea. Vater! Peronto rchet den Mord! Aietes. Peronto (gebeut) ihn. Hat der Freche nicht an ihm gefrevelt? Sein Bild beraubt in der Delpherstadt? Fhrt der Erzrnte ihn nicht selbst her Da ich ihn strafe, da ich rche Des Gottes Schmach und meine? Das Vlie dort am glnzenden Speer, Des Gottes Kleid, der Kolcher Heiligtum Soll's ein Fremder, ein Frevler entweihn? Mein ist's, mein! Mir sendet's der Gott Und (Sieg und Rache) geknpft an dies Pfand Den Unsern werd' es zu Teil! Tragt nur zu des kostbaren Guts! Ihr fhret die Ernte mir ein! Sprich nicht und komm! da er uns nicht vermit Gefahrlos sei die Rach' und ganz! Komm, sag' ich, komm! (Beide ab ins Haus.) (Ein Kolchischer Hauptmann mit Bewaffneten tritt auf.) Hauptmann. Hierher beschied man uns. Was sollen wir? Ein Kolcher (aus dem Hause).) Heda! Hauptmann. Hier sind wir! Kolcher. Leise! Hauptmann. Sprich! Was soll's? Kolcher. Verteilt euch rechts und links und wenn ein Fremder-- Doch still jetzt! Einer naht!--Kommt! hrt das Weitre! (Alle ab.) Phryxus (mit ngstlichen Schritten aus dem Hause). Ihr Gtter! Was ist das? Ich ahne Schreckliches. Es murmeln die Barbaren unter sich Und schaun mit hhn'schen Lcheln hin auf uns. Man geht, man kommt, man winkt, man lauert. Und die Gefhrten, einer nach dem andern Sinkt hin in dumpfen Schlaf; ob Mdigkeit, Ob irgend ein verruchter Schlummertrank Sie einlullt wei ich nicht. Gerechte Gtter! Habt ihr mich hergefhrt, mich zu verderben? Nur eines bleibt mir noch: Flucht auf mein Schiff. Dort samml' ich die Zurckgebliebenen, Und dann zur Rettung her, zur Hilfe--Horch! (Schwertgeklirr und dumpfe Stimmen im Hause.) Man ficht!--Man ttet!--Weh mir, weh!--zu spt! Nun bleibt nur Flucht. Schnell eh die Mrder nahn! (Er will gehn.) Krieger (mit gefllten Spieen treten ihm entgegen). Zurck! Phryxus. Ich bin verraten!--Hier! (Von allen Seiten treten Bewaffnete mit gesenkten Speeren ihm entgegen.) Gewaffnete. Zurck! Phryxus. Umsonst! Es ist vorbei!--Ich folg' euch Freunde! (An den Altar hineilend.) Nun denn, du Hoher, der mich hergefhrt, Bist du ein Gott, so schirme deinen Schtzling! Aietes (mit bloem Schwert aus dem Hause.) Medea (hinter ihm.) Gefolge. Aietes. Wo ist er? Medea. Vater, hre! Aietes. Wo, der Fremdling? Dort am Altar. Was suchst du dort? Phryxus. Schutz such' ich! Aietes. Gegen wen? Komm mit ins Haus! Phryxus. Hier steh' ich und umklammre diesen Altar, Den Gttern trau' ich; o da ich es dir! Medea. O Vater hre mich! Phryxus. Du auch hier Schlange? Warst du so schn und locktest du so lieblich Mich zu verderben hier im Todesnetz? Mein Herz schlug dir vertrauensvoll entgegen, Mein Schwert, den letzten Schutz gab ich in deine Hand Und du verrtst mich? Medea. Nicht verriet ich dich! Gabst du dein Schwert mir, nimm ein andres hier Und wehre dich des Lebens. (Sie hat einem der Umstehenden das Schwert entrissen und reicht es ihm.) Aietes (ihr das Schwert entreiend). Trichte! Vom Altar fort! Phryxus. Ich bleibe! Aietes. Reit ihn weg! Phryxus (da einige auf ihn losgehen). Nun denn, so mu ich sterben?--Ha, es sei! Doch ungerochen, klaglos fall' ich nicht. (Er reit das Panier mit dem goldenen Vlie aus der Erde und tritt damit in den Vorgrund.) Du unbekannte Macht, die her mich fhrend, Dies Pfand der Rettung huldvoll einst mir gab Und (Sieg und Rache) mir dabei verhie; Zu dir ruf' ich empor nun! Hre mich! Hab' ich den (Sieg) durch eigne Schuld verwirkt, Das Haupt darbietend dem Verrternetz Und blind dem Schicksal trauend statt mir selber So la doch (Rache) wenigstens ergehn Und halte deines Wortes zweite Hlfte! Aietes. Was zauderst du? Phryxus. Aietes! Aietes. Nun was noch? Phryxus. Ich bin dein Gast und du verrtst mich? Aietes. Mein Gast? Mein Feind. Was suchtest du, Fremder, in meinem Land? Tempelruber! Hab' ich dir Gastrecht gelobt? dich geladen in mein Haus? Nichts versprach ich, Trichter! Verderbt durch eigne Schuld! Phryxus. Damit beschnst du deine Freveltat? O triumphiere nicht! Tritt her zu mir! Aietes. Was soll's? Phryxus. Sieh dieses Banner hier, mein letztes Gut Die Schtze alle hast du mir geraubt Dies eine fehlt noch. Aietes (darnach greifend). Fehlt? Wie lange noch? Phryxus. Zurck! Betracht's, es ist mein letztes Gut Und von ihm scheidend scheid' ich von dem Leben. Begehrst du's? Aietes. Ja! Phryxus. Begehrst du's? Aietes (die Hand ausstreckend).) Gib mir es! Phryxus. Nimm's hin des Gastes Gut du edler Wirt Sieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's (Mit erhhter Stimme.) Und gibst du's nicht zurcke, unbeschdigt Nicht mir dem Unbeschdigten zurck So treffe dich der Gtter Donnerfluch Der ber dem rollt, der die Treue bricht. Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache! Er hat mein Gut. Verwahre mir's getreu! Aietes. Nimm es zurck! Phryxus. Nein! Nicht um deine Krone! Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertraut Bewahre treu das anvertraute Gut! Aietes (ihm das Vlie aufdrngend). Nimm es zurck! Phryxus (ihm ausweichend). Du hast mein Gut, verwahr' es treu! Sonst Rache, Rache, Rache! Aietes (ihn ber die Bhne verfolgend und ihm das Banner aufdringend). Nimm es, sag' ich! Phryxus (ausweichend). Ich nehm' es nicht. Verwahre mir's getreu! (Zur Bildsule des Gottes empor.) Siehst du? er hat's, ihm hab' ich's anvertraut Und gibt er's nicht zurck, treff' ihn dein Zorn! Aietes. Nimm es zurck! Phryxus (am Altar). Nein, nein! Aietes. Nimm's! Phryxus. Du verwahrst's! Aietes. Nimms! Phryxus. Nein! Aietes. Nun so nimm dies! (Er stt ihm das Schwert in die Brust.) Medea. Halt Vater halt! Phryxus (niedersinkend). Es ist zu spt! Medea. Was tatst du? Phryxus (zur Bildsule empor). Siehst du's, siehst du's! Den Gastfreund ttet er und hat sein Gut! Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschtzest O rche mich! Fluch dem treulosen Mann! Ihm mu kein Freund sein und kein Kind, kein Bruder Kein frohes Mahl--kein Labetrunk-- Was er am liebsten liebt--verderb' ihn!-- Und dieses Vlie, das jetzt in seiner Hand Soll niederschaun auf seiner Kinder Tod!-- Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast-- Und vorenthlt--das anvertraute Gut-- Rache!--Rache!-- (Stirbt. Lange Pause.) Medea. Vater! Aietes (zusammenschreckend). Was? Medea. Was hast du getan! Aietes (dem Toten das Vlie aufdringen wollend). Nimm es zurck! Medea. Er nimmt's nicht mehr. Er ist tot! Aietes. Tot!-- Medea. Vater! Was hast du getan! Den Gastfreund erschlagen Weh dir! Weh uns allen!--Hah!-- Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt Drei Hupter, blut'ge Hupter Schlangen die Haare, Flammen die Blicke Die hohnlachenden Blicke! Hher! hher!--Empor steigen sie! Entfleischte Arme, Fackeln in Hnden Fackeln!--Dolche! Horch! Sie ffnen die welken Lippen Sie murren, sie singen Heischern Gesangs: Wir hten den Eid Wir vollstrecken den Fluch! Fluch dem, der den Gastfreund schlug! Fluch ihm, tausendfachen Fluch! Sie kommen, sie nahen Sie umschlingen mich, Mich, dich, uns alle! Weh ber dich! Aietes. Medea! Medea. ber dich, ber uns! Weh, weh! (Sie entflieht.) Aietes (ihr die Arme nachstreckend). Medea! Medea! (Ende.) Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Gastfreund, von Franz Grillparzer. End of the Project Gutenberg EBook of Der Gastfreund, by Franz Grillparzer License: Share Alike