Produced by Ralph Janke, Matthias Grammel, Marilynda Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net =Die Weltrtsel= * * * * * Gemeinverstndliche Studien ber Monistische Philosophie von =Ernst Haeckel= * * * * * Neu bearbeitete =Taschenausgabe= * * * * * Leipzig =Alfred Krner Verlag= 1909 Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig Vorwort zur ersten Auflage. (1899). Die vorliegenden Studien ber =monistische Philosophie= sind fr die denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stnde bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an dessen Ende wir stehen, gehrt das lebendige Wachstum des Strebens nach =Erkenntnis der Wahrheit= in weitesten Kreisen. Dasselbe erklrt sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen Naturerkenntnis in diesem merkwrdigsten Abschnitte der menschlichen Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in den dieselbe zur gelehrten Tradition der =Offenbarung= geraten ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstrkung des vernnftigen Bedrfnisses nach Verstndnis der unzhligen neu entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen. Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem =Jahrhundert der Naturwissenschaft= entspricht keineswegs eine gleiche Klrung ihres theoretischen Verstndnisses und jene hhere Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen, die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, da die abstrakte und grtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf unseren Universitten seit Jahrhunderten als Philosophie gelehrt wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schtze der Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern mssen wir auf der anderen Seite zugestehen, da die meisten Vertreter der sogenannten exakten Naturwissenschaft sich mit der speziellen Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs begngen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- fr berflssig halten. Whrend diese reinen Empiriker den Wald vor Bumen nicht sehen, begngen sich jene Metaphysiker mit dem bloen Begriffe des Waldes, ohne seine Bume zu sehen. Der Begriff der =Naturphilosophie=, in welchem ganz naturgem jene beiden Wege der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode, zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider Richtungen mit Abscheu zurckgewiesen. Dieser unnatrliche und verderbliche Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der wachsende Umfang der ungeheuren populren naturphilosophischen Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, da trotz jener gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der denkenden Philosophen dennoch hervorragende Mnner der Wissenschaft aus beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt nach der Lsung jener hchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir kurz mit einem Worte als =Die Weltrtsel= bezeichnen. Die Untersuchungen ber diese Weltrtsel, welche ich in der vorliegenden Schrift gebe, knnen vernnftigerweise nicht den Anspruch erheben, eine vollstndige =Lsung= derselben zu bringen; vielmehr sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben fr weitere gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit wir uns gegenwrtig deren Lsung genhert haben. =Welche Stufe in der Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht? Die Antwort auf diese groen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgem nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres objektiven Wesens sind beschrnkt, ebenso wie diejenigen aller anderen Menschen. Das Einzige, was ich fr dieselben voll in Anspruch nehme, und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen mssen, ist, da meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist, d. h. der vollstndige Ausdruck der berzeugung, welche ich durch vieljhriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablssiges Nachdenken ber den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe. Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt ber ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66. Lebensjahre, wohl annehmen, da sie =reif= im menschlichen Sinne ist; ich bin auch vllig gewi, da diese =reife Frucht= vom Baume der Erkenntnis fr die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen Vernderungen erfahren wird. Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner =Generellen Morphologie der Organismen= niedergelegt, einem weitschweifig und schwerfllig geschriebenen Werke, welches nur sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die neubegrndete Entwickelungslehre fr das ganze Gebiet der organischen Formenwissenschaft durchzufhren. Um wenigstens einen Teil der neuen, darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen weiteren Kreis von Gebildeten fr die grten Erkenntnisfortschritte unseres Jahrhunderts zu interessieren, verffentlichte ich zwei Jahre spter (1868) meine =Natrliche Schpfungsgeschichte=. Da dieses leichter geschrzte Werk trotz seiner groen Mngel in neun starken Auflagen und zwlf verschiedenen bersetzungen erschien, hat es nicht wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen. Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen =Anthropogenie=, in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lsen versuchte, die wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem greren Kreise von Gebildeten zugnglich und verstndlich zu machen; die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 ber unsere gegenwrtige Kenntnis vom =Ursprung des Menschen= auf dem vierten internationalen Zoologenkongre in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899). Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen Gesammelten populren Vortrgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre= (1878). Endlich habe ich die allgemeinsten Grundstze meiner monistischen Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden Glaubenslehren kurz zusammengefat in dem Glaubensbekenntnis eines Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft= (1892, achte Auflage 1899). Die vorliegende Schrift ber die =Weltrtsel= ist die weitere Ausfhrung, Begrndung und Ergnzung der berzeugungen, welche ich in den vorstehend angefhrten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der monistischen Weltanschauung abzuschlieen. Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes =System der monistischen Philosophie= auf Grund der Entwickelungslehre auszubauen, wird nicht mehr zur Ausfhrung gelangen. Meine Krfte reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden Alters drngen zum Abschlu. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des =neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter meine Lebensarbeit machen. Die unermeliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat, lt es schon heute unmglich erscheinen, alle Zweige desselben mit gleicher Grndlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der alle Gebiete der Wissenschaft gleichmig beherrschte, und der die knstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Mae bese, wrde doch nicht imstande sein, im Raume eines migen Bandes ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen Kosmos auszufhren. Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr ungleich und lckenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen, den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher Ausfhrung derselben. Das vorliegende Buch ber die Weltrtsel trgt daher auch nur den Charakter eines Skizzenbuches, in welchem =Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefgt sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in frheren Jahren, zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die Behandlung leider oft ungleichmig; auch sind mehrfache Wiederholungen nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen. Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die Hoffnung aus, da ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit -- trotz ihrer mir wohl bewuten Mngel -- ein kleines Scherflein zur Lsung der Weltrtsel beigetragen habe, und da ich im Kampfe der Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen berzeugung allein zur Wahrheit fhrt, den Weg der =empirischen Naturforschung= und der darauf gegrndeten =monistischen Philosophie=. =Jena=, 2. April 1899. _Ernst Haeckel._ Vorwort zur Taschenausgabe. Auf Anregung des Verlegers der Weltrtsel, Herrn =Alfred Krner=, und auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei besonders in Betracht, den Inhalt einem greren Kreise durch leichtere Darstellung und geflligere Form zugnglich zu machen, berflssige Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele Fremdwrter und verwickelte Ausfhrungen durch leichter verstndliche zu ersetzen. Ferner sind viele Stze entfernt worden, welche teils ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher Durchfhrung gewonnen. Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und =Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten groen Ausgabe enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der spter erschienenen Volksausgabe (Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft). Diejenigen Leser, welche diese weiteren Zustze und Erluterungen kennen zu lernen wnschen, finden sie in der krzlich erschienenen zehnten Auflage der =groen Ausgabe=, und teilweise in der neu durchgesehenen und verbesserten Auflage der =Volksausgabe= (240. Tausend). Mge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der Aufklrung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser anregen, sich selbstttig an der Lsung der groen Weltrtsel zu beteiligen. =Jena=, 29. September 1908. _Ernst Haeckel._ Inhalt ~I~. Anthropologischer Teil =Der Mensch= 1. Stellung der Weltrtsel 1 2. Unser Krperbau 14 3. Unser Leben 24 4. Unsere Keimesgeschichte 32 5. Unsere Stammesgeschichte 42 ~II~. Psychologischer Teil =Die Seele= 6. Das Wesen der Seele 54 7. Stufenleiter der Seele 68 8. Keimesgeschichte der Seele 80 9. Stammesgeschichte der Seele 90 10. Bewutsein der Seele 101 11. Unsterblichkeit der Seele 113 ~III~. Kosmologischer Teil =Die Welt= 12. Das Substanzgesetz 127 13. Entwickelungsgeschichte der Welt 140 14. Einheit der Natur 154 15. Gott und Welt 168 ~IV~. Theologischer Teil =Der Gott= 16. Wissen und Glauben 180 17. Wissenschaft und Christentum 191 18. Unsere monistische Religion 206 19. Unsere monistische Sittenlehre 217 20. Lsung der Weltrtsel 229 =Erstes Kapitel.= _Stellung der Weltrtsel._ Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der Weltanschauungen. Monismus und Dualismus. Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden Beobachter eines der merkwrdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten sind darber einig, da dieses groartige Jahrhundert in vieler Beziehung alle seine Vorgnger unendlich berflgelt und Aufgaben gelst hat, die in seinem Anfange unlsbar erschienen. Die berraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr usw. haben unserem modernen Kulturleben ein vllig neues Geprge gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine Fortschritte gegen frhere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar leider bedenkliche Rckschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefhl innerer Zerrissenheit und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren beizutragen. Dies kann aber nach unserer berzeugung nur durch mutiges Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung einer klaren, fest gegrndeten, =naturgemen Weltanschauung=. _Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts vergegenwrtigen und ihn mit der glnzenden Hhe an dessen Schlusse vergleichen, so mu jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich gro erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf sich rhmen, da er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von grter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Grten haben wir unschtzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns im Reiche der einzelligen Lebewesen eine unsichtbare Welt voll unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen Zelle den gemeinsamen Elementar-Organismus kennen gelehrt, aus dessen sozialen Zellverbnden, den Geweben, der Krper aller vielzelligen Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von grter Tragweite; sie werden ergnzt durch den embryologischen Nachweis, da jeder hhere vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle entwickelt, der befruchteten Eizelle. Die bedeutungsvolle, hierauf gegrndete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verstndnis fr die geheimnisvollen Lebenserscheinungen erffnet, zu deren Erklrung man frher eine bernatrliche Lebenskraft oder ein unsterbliches Seelenwesen annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem Arzte erst durch die damit verknpfte Zellularpathologie klar und verstndlich geworden. Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkrfte= im ganzen Universum nachgewiesen. Die mechanische Wrmetheorie hat gezeigt, wie eng dieselben zusammenhngen und wie jede unter bestimmten Bedingungen sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat uns gelehrt, da dieselben Stoffe, welche unseren Erdkrper und seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der brigen Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen. Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im groartigsten Mastabe erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von kreisenden Weltkrpern nachgewiesen hat, grer als unsere Erde, und gleich dieser in bestndiger Umbildung begriffen, in einem ewigen Wechsel von Werden und Vergehen. Die Chemie hat uns mit einer Menge von neuen, frher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefhr achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, da eines von diesen Elementen, der Kohlenstoff, der wunderbare Krper ist, welcher die Bildung der unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die chemische Basis des Lebens darstellt. Alle einzelnen Fortschritte der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses =kosmologische Grundgesetz= die ewige Erhaltung der Kraft und des Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Weltrtsel zu deren Lsung fhrt. * * * * * Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine allgemeine bersicht ber den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis und ber ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete eingehen. Nur einen grten Fortschritt wollen wir noch hervorheben, der dem Substanzgesetz ebenbrtig ist und der es ergnzt: die Begrndung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende Forscher schon seit Jahrtausenden von =Entwickelung= der Dinge gesprochen; da aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und da die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige Entwickelung der Substanz, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Erst in seiner zweiten Hlfte gelangte er zu voller Klarheit und zu allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen hchsten philosophischen Begriff empirisch begrndet und zu umfassender Geltung gebracht zu haben, gebhrt dem groen englischen Naturforscher =Charles Darwin=; er legte 1859 den festen Grund fr jene Abstammungslehre, welche der geniale franzsische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon 1809 in ihren Hauptzgen erkannt, und deren Grundgedanken unser grter deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch erfat hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlssel zur Frage aller Fragen geschenkt, zu dem groen Weltrtsel von der Stellung des Menschen in der Natur und von seiner natrlichen Entstehung. Wenn wir heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem =Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklrung aller Naturerscheinungen zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen, weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Gre unter allen anderen groen Mnnern des neunzehnten Jahrhunderts. Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen= Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute im Zeitalter des Verkehrs stehen, wenn der internationale Handel und das Reisen eine frher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben, wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und Zeit berwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der Dampfkraft und der Elektrizitt. Wenn wir durch die Photographie das Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik haben wir alle frheren Jahrhunderte weit berflgelt. _Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So drfen wir heute mit gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurckblicken. Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern mssen wir da den Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: Verglichen mit unseren erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=. Um uns von der Wahrheit dieser schweren Vorwrfe zu berzeugen, brauchen wir nur einen unbefangenen Blick in unser ffentliches Leben zu werfen, oder in den Spiegel zu blicken, den uns tglich unsere Zeitung, als das Organ der ffentlichen Meinung, vorhlt. _Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz, dem ~Fundamentum regnorum~. Niemand wird behaupten knnen, da deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer hheren und niederen Gerichtshfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir sehen ganz davon ab, da in vielen modernen Staaten -- trotz der auf Papier gedruckten Verfassung -- noch tatschlich der Absolutismus herrscht und da manche Mnner des Rechts nicht nach ehrlicher berzeugung urteilen, sondern entsprechend dem hheren Wunsche von magebender Stelle. Wir nehmen vielmehr an, da die meisten Richter und Staatsanwlte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich irren. Dann erklren sich wohl die meisten Irrtmer durch mangelhafte Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht vielfach die Ansicht, da gerade die Juristen die hchste Bildung besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten mter vorgezogen. Allein diese vielgerhmte juristische Bildung ist grtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere Juristen nur oberflchlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen Ansichten ber Willensfreiheit, Verantwortung usw., denen wir tglich begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fllt es gar nicht ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte= zu bekmmern, die ersten Vorbedingungen fr richtige Beurteilung des Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch keine Zeit; diese wird leider nur zu sehr durch das grndliche Studium von Bier und Wein in Anspruch genommen, sowie das veredelnde Mensurenwesen; der Rest der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von Paragraphen der Gesetzbcher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen zu allen mglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befhigt. _Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier nur ganz flchtig streifen. Die unerfreulichen Zustnde des modernen Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann tglich fhlbar. Zum groen Teile erklren sich deren Mngel daraus, da die meisten Staatsbeamten eben Juristen sind, Mnner von hoher formaler Bildung, aber ohne jene grndliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann. Bau und Leben des sozialen Krpers, d. h. des =Staates=, lernen wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche Kenntnis vom Bau und Leben der =Personen= besitzen, welche den Staat zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen. Wenn unsere Staatslenker und Volksvertreter diese =unschtzbaren biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besen, so wrde unmglich in den Zeitungen tglich jene entsetzliche Flle von soziologischen Irrtmern und von politischer Kannegieerei zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten zu beklagen ist es, da der moderne =Kulturstaat= sich der kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und da der bornierte Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteifhrer die Hierarchie untersttzt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor Augen fhrte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des rmischen Papismus, der sein rgster und gefhrlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und Menschenkenntnis der Staatsbrger auf eine hhere Stufe hebt. Dabei kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind untergeordnete Fragen gegenber der groen Hauptfrage: Soll der moderne Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=, durch unvernnftige Glaubensstze und klerikale Willkr, oder soll er =nomokratisch=, durch vernnftige Gesetze und brgerliches Recht geleitet werden? _Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19. Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=, die alle anderen Wissenschaften so weit berflgelt und welche, bei Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrdel in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des Mittelalters bernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische Sport und die zeitraubende grndliche Kenntnis der klassischen Sprachen, sowie der uerlichen Vlkergeschichte. Die Sittenlehre, der wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlssigt und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher uns zu einer monistischen Religion fhrt, sondern jener unvernnftige Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums bildet. Whrend die groartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf unseren hheren Schulen gar keine oder nur ganz ungengende Verwertung finden, wird das Gedchtnis mit einer Unmasse von philologischen und historischen Tatsachen berladen, die weder fr die Geistesbildung, noch fr das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten Einrichtungen und Fakulttsverhltnisse der Universitten entsprechen der heutigen Entwickelungsstufe der natrlichen Weltanschauung ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen Schulen. _Unsere Kirche._ Im schrfsten Gegensatze zu der modernen Bildung und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen, welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr gutes Recht einrumt. Da hren wir neben vortrefflichen Sittenlehren, die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen harmonieren, Vorstellungen ber das Wesen von Gott und Welt, von Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker, rzte und Philosophen, die grndlich ber die Natur beobachtet und nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehr schenken wollen. Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=, auf welche sich die monistische Entwickelungslehre grndet. _Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen Gegenstzen ergeben sich fr unser modernes Kulturleben schwere Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des ffentlichen und privaten Lebens; sie wnscht die Menschheit mittels der =Vernunft= auf jene hhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich auf jenen besseren Weg zum Glck erhoben zu sehen, welche wir unserer hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen struben sich mit aller Macht diejenigen einflureichen Kreise, welche unsere Geistesbildung in den berwundenen Anschauungen des Mittelalters zurckhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen= und verlangen, da die Vernunft sich unter diese hhere Offenbarung beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie, der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rckstndigkeit beruht zum grten Teile gewi nicht auf eigenntzigem Streben, sondern teils auf Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der Tradition. Die gefhrlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr die Trgheit. Gegen diese beiden Mchte kmpfen die Gtter selbst dann noch vergebens, wenn sie die erstere glcklich berwunden haben. _Anthropismus._ Eine der mchtigsten Sttzen gewhrt jener rckstndigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die =Vermenschlichung=. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen mchtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtmlichen Vorstellungen, welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen brigen Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schpfung und als ein von dieser verschiedenes, gotthnliches Wesen auffat. Bei genauerer Kritik dieses einflureichen Vorstellungskreises ergibt sich, da er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen= Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht auf der Vorstellung, da der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendnkel uerst erwnscht, und da er mit den Schpfungsmythen und mit den Dogmen der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den grten Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma= knpft ebenfalls an die Schpfungssagen der drei genannten, sowie vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschpfung und Weltregierung Gottes mit den Kunstschpfungen eines sinnreichen Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. Gott der Herr als Schpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei in seinem Denken und Handeln durchaus menschenhnlich vorgestellt. Daraus folgt dann wieder umgekehrt, da der Mensch gotthnlich ist. Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Die ltere naive Mythologie verleiht ihren Gttern Menschengestalt, Fleisch und Blut. Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen Theosophie, welche den persnlichen Gott als unsichtbares Wesen verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und handeln lt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich aus dieser Vergleichung der menschlichen und gttlichen Seelenttigkeit von selbst; es fhrt zu der gttlichen =Verehrung= des menschlichen Organismus, zum anthropistischen Grenwahn. Daraus folgt wieder der hochgeschtzte Glaube an die persnliche Unsterblichkeit der Seele, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen, dessen unsterbliche Seele den sterblichen Krper nur zeitweise bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepat, wurden zur Quelle der gefhrlichsten Irrtmer. Die =anthropistische Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unvershnlichem Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunchst schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt. _Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich, sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung des Weltganzen=, welche uns der hchste Standpunkt der monistischen Naturerkenntnis gewhrt. Da berzeugen wir uns von der Wahrheit der folgenden wichtigen =kosmologischen Lehrstze=: 1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen (Materie und Energie) erfllt den unendlichen Raum und befindet sich in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verluft in der unendlichen Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rckbildung. 4. Die unzhligen Weltkrper, welche im raumerfllenden ther verteilt sind, unterliegen smtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen unzhligen vergnglichen Weltkrpern, und unsere Erde ist einer von den zahlreichen vergnglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere Erde hat einen langen Abkhlungsproze durchgemacht, ehe auf derselben tropfbar flssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Proze, die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen, hat viele Millionen Jahre (weit ber hundert!) in Anspruch genommen. 8. Unter den verschiedenen Tierstmmen, welche sich im spteren Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten, hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings alle anderen weit berflgelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des Wirbeltierstammes hat sich erst spt (whrend der Triasperiode) aus Amphibien die Klasse der Sugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste und hchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertirzeit durch Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jngste und vollkommenste stchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst in spterer Tertirzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging. 12. Demnach ist die sogenannte Weltgeschichte eine verschwindend kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte, ebenso wie diese selbst ein kleines Stck von der Geschichte unseres Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergngliches Sonnenstubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine vorbergehende Erscheinung in der vergnglichen organischen Natur. Nichts scheint mir geeigneter als diese groartige =kosmologische Perspektive=, um von vornherein den richtigen Mastab und den weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lsung der Weltrtsel einhalten mssen. Denn dadurch wird nicht nur die magebende Stellung des Menschen in der Natur klar bezeichnet, sondern auch der herrschende =anthropistische Grenwahn= widerlegt, die Anmaung, mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenberstellt und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose Selbstberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verfhrt, sich als Ebenbild Gottes zu betrachten, fr seine vergngliche Person ein ewiges Leben in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, da er unbeschrnkte Freiheit des Willens besitzt. Der lcherliche Csarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmtigen Selbstvergtterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren Grenwahn aufgeben und die naturgeme kosmologische Perspektive einnehmen, knnen wir zur Lsung der Weltrtsel gelangen. _Zahl der Weltrtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzhligen Weltrtseln umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschrnkt. Die =monistische Philosophie= wird schlielich nur ein einziges, allumfassendes Weltrtsel anerkennen, das =Substanzproblem=. In der berhmten Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er =sieben Weltrtsel=; er fhrt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf: ~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die (anscheinend absichtsvoll) zweckmige Einrichtung der Natur, ~V~. das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewutseins, ~VI~. das vernnftige Denken und der Ursprung der damit eng verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit. Von diesen sieben Weltrtseln erklrt der Rhetor der Berliner Akademie =drei= fr ganz transzendent und unlsbar (das erste, zweite und fnfte); =drei= andere hlt er zwar fr schwierig, aber fr lsbar (das dritte, vierte und sechste); bezglich des siebenten und letzten Weltrtsels, welches praktisch das wichtigste ist, nmlich der Willensfreiheit, verhlt er sich unentschieden. Nach meiner Ansicht werden die drei transzendenten Rtsel (~I, II, V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12); die drei anderen, schwierigen, aber lsbaren Probleme (~III, IV, VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgltig gelst; das siebente und letzte Weltrtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklrung, da sie als reines =Dogma= auf bloer Tuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht existiert. _Lsung der Weltrtsel._ Die Mittel und Wege zur Lsung der Weltrtsel sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis berhaupt: =Erfahrung= und =Schlufolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die inneren Sinnesherde unserer Grohirnrinde ttig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Auenwelt durch diese unschtzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben, werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und diese wiederum durch Assoziation zu Schlssen verknpft. Die Bildung dieser Schlufolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die nach meiner berzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind: =Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen, die Bildung von zusammenhngenden Kettenschlssen, die Abstraktion und Begriffsbildung, die Ergnzung des erkennenden Verstandes durch die plastische Phantasie, schlielich das Bewutsein, das Denken und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der Grohirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelenttigkeiten. Alle zusammen vereinigen wir in dem hchsten Begriffe der =Vernunft=. _Vernunft, Gemt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein knnen wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lsung der Weltrtsel gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) vernnftig wie die nchstverwandten Sugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, da es auer der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege gebe: Gemt und Offenbarung. Diesem gefhrlichen Irrtum mssen wir entschieden entgegentreten. =Das Gemt hat mit der Erkenntnis der Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir Gemt nennen und hochschtzen, ist eine verwickelte Ttigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefhlen der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung, aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei knnen die verschiedensten anderen Ttigkeiten des Organismus mitspielen, Bedrfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit frdern alle diese Gemtszustnde und Gemtsbewegungen in keiner Weise; im Gegenteil stren sie oft die allein dazu befhigte Vernunft. Noch kein Weltrtsel ist durch die Gehirnfunktion des Gemts gelst oder auch nur gefrdert worden. Dasselbe gilt aber auch von der sogenannten =Offenbarung= und den angeblichen, dadurch erreichten =Glaubenswahrheiten=; diese beruhen smtlich auf bewuter oder unbewuter Tuschung (vergl. das 16. Kapitel). _Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten Fortschritte zur Lsung der Weltrtsel mssen wir es begren, da in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu fhrenden Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als gleichberechtigte und sich gegenseitig ergnzende Erkenntnismethoden anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmhlich eingesehen, da die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und ebenso haben sich anderseits die Naturforscher berzeugt, da die bloe Erfahrung fr die Bildung einer realen Weltanschauung ungengend ist. Die zwei groen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das vernnftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde, die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die groen Assozionszentren der Grohirnrinde vermittelt. (Vergl. Kapitel 7 und 10.) Erst durch die vereinigte Ttigkeit beider entsteht wahre Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche die Welt blo aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmhen, weil sie die wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch manche Naturforscher, da die einzige Aufgabe der Wissenschaft das tatschliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen Naturerscheinungen sei; das Zeitalter der Philosophie sei vorber, und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893). Diese einseitige berschtzung der Empirie ist ein ebenso gefhrlicher Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die grten Triumphe der modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wrmetheorie, die Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der vorausgegangenen, ausgedehntesten und grndlichsten =Empirie=. _Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt, in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische= oder zwiespltige, anderseits die =monistische= oder einheitliche Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und den immateriellen Gott, der ihr als Schpfer, Erhalter und Regierer gegenbersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die Gott und Natur zugleich ist; Krper und Geist (oder Materie und Energie) sind fr sie untrennbar verbunden. Der auerweltliche persnliche Gott des Dualismus fhrt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des Monismus zum =Pantheismus=. _Materialismus und Spiritualismus._ Sehr hufig werden auch heute noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und hnliche Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtmer veranlassen, wollen wir zur Vermeidung aller Miverstndnisse nur kurz noch folgendes bemerken: ~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus= identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von toten Atomen auflst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus= (neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet und die Welt nur als eine rumlich geordnete Gruppe von bloen Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen Naturkrften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der festen berzeugung, da die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann. Wir halten fest an der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute= oder Grundeigenschaften des allumfassenden gttlichen Weltwesens, der universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.) =Zweites Kapitel.= _Unser Krperbau._ Monistische Studien ber menschliche und vergleichende Anatomie. bereinstimmung in der grberen und feineren Organisation des Menschen und der Sugetiere. Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen ber die Gestaltung und Lebensttigkeit der Organismen haben zunchst den sichtbaren Krper ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt ebenso fr den =Menschen= wie fr alle anderen belebten Naturkrper. Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der ueren Gestalt begngen, sondern sie mu in das Innere derselben eindringen und ihre Zusammensetzung aus den grberen und feineren Bestandteilen erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im weitesten Umfange auszufhren hat, ist die =Anatomie=. _Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des menschlichen Krperbaues ging naturgem von der Heilkunde aus. Da diese bei den ltesten Kulturvlkern gewhnlich von den Priestern ausgebt wurde, drfen wir annehmen, da diese hchsten Vertreter der damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und frher ber ein gewisses Ma von anatomischen Kenntnissen verfgten. Aber genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Sugetieren und von diesen bertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzglichste Autoritt galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum, der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese lteren Anatomen erwarben ihre Kenntnisse zum grten Teile nicht durch die Untersuchung des menschlichen Krpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --, sondern durch diejenige der menschenhnlichsten Sugetiere, besonders der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon =vergleichende= Anatomen. Das Emporblhen des =Christentums= und der damit verknpften mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen Naturwissenschaften, den Niedergang. Die rmischen =Ppste= waren vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen Organismus mit Recht fr ein gefhrliches Mittel der Aufklrung ber unser wahres Wesen. Whrend des langen Zeitraums von dreizehn Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige Quelle fr die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des =Aristoteles= fr die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus= die eng damit verknpfte geozentrische Weltanschauung zerstrt wurde, begann auch fr die Erkenntnis des menschlichen Krpers eine neue Periode des Aufschwungs. Die groen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius= und =Fallopius= frderten durch eigene grndliche Untersuchungen die genaue Kenntnis unseres Krperbaues so sehr, da ihren zahlreichen Nachfolgern bezglich der grberen Verhltnisse hauptschlich nur Einzelheiten festzustellen brigblieben. Der ebenso khne wie geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das groe, einheitlich durchgefhrte Werk ~De humani corporis fabrica~ (1543) und gab der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbstndige Richtung und sichere Grundlage. _Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Krperbaues erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, beraus wichtigen Forschungsrichtungen, der =vergleichenden Anatomie= und der =Gewebelehre= oder der mikroskopischen Anatomie. Die erstere war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie eng verknpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen fr ein todeswrdiges Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte beschrnkten sich grtenteils auf die genaue Untersuchung des menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren, als der groe franzsische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden ~Leons sur l'Anatomie compare~ herausgab und darin zum ersten Male bestimmte Gesetze ber den Krperbau des Menschen und der Tiere festzustellen suchte. Whrend seine Vorlufer -- unter ihnen auch =Goethe= 1790 -- hauptschlich nur das Knochengerst des Menschen mit demjenigen der brigen Sugetiere eingehend verglichen hatten, umfate =Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation; er unterschied in derselben vier groe, voneinander unabhngige Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und Strahltiere. Fr die Frage aller Fragen war dieser Fortschritt insofern epochemachend, als damit klar die Zugehrigkeit des Menschen zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der scharfblickende Linn in seinem ersten ~Systema naturae~ (1735) dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Sugetiere= angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem khnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begrndung durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeifhrte. Diese fand ihre weitere Ausfhrung durch die groen vergleichenden Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes Mller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem dieser letztere in seinen Grundzgen der vergleichenden Anatomie (1870) zum ersten Male die durch =Darwin= neu begrndete Abstammungslehre auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter den biologischen Disziplinen. Seine Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere (1898) legte den unerschtterlichen Grund fest, auf welchem sich unsere berzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen nach allen Richtungen hin klar beweisen lt. =Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange desselben (1802) unternahm ein franzsischer Arzt, =Bichat=, den Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Krpers in ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch fhrte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element fr die zahlreichen, verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 fr die Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich darauf auch fr die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert Klliker= und =Rudolf Virchow= fhrten dann im sechsten Dezennium des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegrndete Gewebelehre fr den gesunden und kranken Organismus des Menschen im einzelnen durch; sie wiesen nach, da auch im Menschen, wie in allen anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und da diese Elementar-Organismen die wahren, selbstttigen Staatsbrger sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Krper, den Zellenstaat, aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der =Stammzelle= oder befruchteten Eizelle (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den brigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Sugetiere, die jngste und hchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spt erworbene Eigentmlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische Bildung der Haare, der Hautdrsen, der Milchdrsen, der Blutzellen bei den Sugetieren ganz eigentmlich und verschieden von derjenigen der brigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten histologischen Beziehungen ein =echtes Sugetier=. _Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Krperbau zeigt sowohl in der grberen als in der feineren Zusammensetzung den charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese hchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer natrlichen Einheit zuerst 1801 von dem groen =Lamarck= erkannt; er fate unter diesem Begriffe die vier hheren Tierklassen von =Linn= zusammen: Sugetiere, Vgel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen Klassen: Insekten und Wrmer, stellte er jenen als =Wirbellose= (~Invertebrata~) gegenber. =Cuvier= besttigte (1812) die Einheit des Vertebratentypus und begrndete sie fester durch seine vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den Fischen aufwrts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen berein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und Knochengerst, und dieses besteht berall aus einer Wirbelsule und einem Schdel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe Urform zurckzufhren. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der Rckenseite dieses Achsenskeletts das Seelenorgan, das zentrale Nervensystem, in Gestalt eines Rckenmarks und eines Gehirns. Auch von diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschlieenden Knochenkapsel, dem =Schdel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und Gre hchst mannigfaltig abgestuft; im groen und ganzen bleibt die charakteristische Zusammensetzung dieselbe. Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die brigen Organe unseres Krpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen: berall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprngliche Anlage und die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Gre und Ausbildung der einzelnen Teile hchst mannigfaltig sich sondert, entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen. So sehen wir, da berall das Blut in zwei Hauptrhren kreist, von denen die eine (Aorta) ber dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter dem Darm verluft, und da durch Erweiterung der letzteren an einer ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses Ventralherz ist fr alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das Rckengef oder Dorsalherz fr die Gliedertiere und Weichtiere. Nicht minder eigentmlich ist bei allen Vertebraten die frhzeitige Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder Kiemendarm) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der Leber (daher Leberdarm); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=. _Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfler= (~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene hheren, blutfhrenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei Beinpaaren auszeichnen. Spter wurde dieser Begriff erweitert, nachdem =Cuvier= gezeigt hatte, da auch die zweibeinigen Vgel und Menschen eigentlich Vierfler sind; er wies nach, da das innere Knochengerst der vier Beine bei allen hheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den Amphibien aufwrts bis zum Menschen, ursprnglich in gleicher Weise aus einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die Arme des Menschen, die Flgel der Fledermuse und Vgel zeigen denselben typischen Skelettbau wie die Vorderbeine der laufenden, eigentlich vierfigen Tiere. Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerstes in den vier Gliedmaen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich davon zu berzeugen, braucht man blo das Skelett eines Salamanders oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu vergleichen. Da sieht man sofort, da vorn der Schultergrtel und hinten der Beckengrtel aus denselben Hauptstcken zusammengesetzt ist wie bei den brigen Vierflern. berall sehen wir, da das erste Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Rhrenknochen enthlt (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das zweite Glied ursprnglich stets durch zwei Knochen gesttzt (vorn Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fues, so berrascht uns die Wahrnehmung, da die zahlreichen, denselben zusammensetzenden, kleinen Knochen ebenfalls berall hnlich angeordnet und gesondert sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei Knochengruppen des Vorderfues (oder der Hand): ~I~. Handwurzel, ~II~. Mittelhand und ~III~. fnf Finger; ebenso hinten die drei Knochengruppen des Hinterfues: ~I~. Fuwurzel, ~II~. Mittelfu und ~III~. fnf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen hchst mannigfaltig gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden sind, auf eine und dieselbe Urform zurckzufhren, sowie die Gleichwertigkeit der einzelnen Teile berall festzustellen. Diese wichtige Aufgabe wurde erst vollstndig von =Carl Gegenbaur= gelst. Er zeigte in seinen Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere (1864), wie diese charakteristische fnfzehige Beinform der landbewohnenden Vierfler ursprnglich (erst in der Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen Flosse (Brustflosse oder Bauchflosse) der lteren, wasserbewohnenden Fische entstanden ist. In gleicher Weise leitete er in seinen Untersuchungen ber das Kopfskelett der Wirbeltiere (1872) den jngeren Schdel der Tetrapoden aus der lteren Schdelform der Fische ab. Besonders bemerkenswert ist noch, da die ursprngliche, zuerst bei den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fnfzahl der Zehen= an allen vier Fen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverstndlich ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bnder, der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe geblieben wie bei den brigen Vierflern; auch in diesen =wichtigen Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=. _Sugetiernatur des Menschen._ Die Sugetiere (~Mammalia~) bilden die jngste und hchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind zwar ebenso wie die Vgel und Reptilien aus der lteren Klasse der =Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen Merkmalen. uerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrsen: Schweidrsen und Talgdrsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drsen an der Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches fr die Klasse besonders charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das =Gesuge=. Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus den =Milchdrsen= (~Mammae~) und den Mammar-Taschen (Falten der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder =Milchwarzen= aus denen das junge Sugetier die Milch seiner Mutter saugt. Im inneren Krperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz eines vollstndigen =Zwerchfells=, einer muskulsen Scheidewand, welche bei allen Sugetieren die Brusthhle von der Bauchhhle gnzlich abschliet; bei allen brigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung. Durch eine Anzahl von merkwrdigen Umbildungen zeichnet sich auch der =Schdel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates (Oberkiefer, Unterkiefer und Gehrknochen). Aber auch das Gehirn, das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und ueren Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Krperteile zeigen bei den Sugetieren besondere Eigentmlichkeiten im grberen und feineren Bau; diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frhzeitige Trennung derselben von den lteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin, welche =sptestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Sugetier=. _Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Sugetiere unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natrliche Hauptgruppen geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~. =Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~) und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhltnissen des Krperbaues und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen =historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir spter sehen werden. Auf die lteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jngsten Unterklasse gehrt auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle die Eigentmlichkeiten, durch welche sich smtliche Zottentiere von den Beuteltieren und den noch lteren Gabeltieren unterscheiden. In erster Linie gehrt dahin das eigentmliche Organ, welches der Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen= (~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch eingeschlossenen Sugetier-Embryo lngere Zeit zur Ernhrung; es besteht in blutfhrenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der Keimhlle auswachsen und in entsprechende Grbchen der Schleimhaut des mtterlichen Fruchtbehlters eindringen; hier wird die zarte Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdnnt, da unmittelbar die ernhrenden Stoffe aus dem mtterlichen Blute durch dieselbe hindurch in das kindliche Blut bertreten knnen. Diese vortreffliche, erst spt entstandene Ernhrungsart des Keimes ermglicht demselben einen lngeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schtzenden Gebrmutter; sie fehlt noch den beiden lteren Unterklassen der Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische Merkmale, insbesondere die hhere Ausbildung des Gehirns und den Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere ber die letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Zottentier=. _Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der Placentaltiere wird neuerdings in eine groe Zahl von =Ordnungen= geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart fhren wir hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehren die drei Ordnungen der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehrigen dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentmlichkeiten berein und unterscheiden sich dadurch von den brigen Ordnungen der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus, welche ursprnglich der kletternden Lebensweise auf Bumen angepat sind. Hnde und Fe sind fnfzehig und die langen Finger vortrefflich zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen entweder teilweise oder smtlich Ngel (keine Krallen). Das Gebi ist vollstndig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezhne, Eckzhne, Lckenzhne, Backenzhne). Auch durch wichtige Eigentmlichkeiten im besonderen Bau des Schdels und des Gehirns unterscheiden sich die Herrentiere von den brigen Zottentieren, und zwar um so aufflliger, je hher sie ausgebildet, je spter sie in der Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der brigen =Primaten= berein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.= _Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene grndliche Vergleichung des Krperbaues der Primaten lt zunchst in dieser hchst entwickelten Sugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen= (~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen in jeder Beziehung als die niedere und ltere, die letzteren als die hhere und jngere Ordnung. Die Gebrmutter der Halbaffen ist noch doppelt oder zweihrnig, wie bei allen brigen Sugetieren; bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehlter vllig verschmolzen; sie bilden einen =birnfrmigen Uterus=, wie ihn auerdem nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am Schdel die Augenhhle von der Schlfengrube durch eine kncherne Scheidewand vollstndig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch gar nicht oder nur unvollstndig ausgebildet. Endlich ist bei den Halbaffen das groe Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und verhltnismig klein; bei den Affen ist es viel grer, und besonders der graue Hirnmantel, das Organ der hheren Seelenttigkeiten, ist viel besser entwickelt; an seiner Oberflche sind die charakteristischen Windungen und Furchen um so mehr ausgeprgt, je mehr er sich dem Menschen nhert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders auch in der Bildung des Gesichts und der Hnde, zeigt der =Mensch alle anatomischen Merkmale der echten Affen=. _Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen wurde schon 1812 von =Goffroy= in zwei natrliche Unterordnungen geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen ausschlielich die westliche, letztere die stliche Erdhlfte. Die amerikanischen =Westaffen= heien =Plattnasen= (~Platyrrhinae~), weil ihre Nase plattgedrckt, die Nasenlcher seitlich gerichtet und deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche die Alte Welt bewohnen, smtlich =Schmalnasen= (~Catarrhinae~); ihre Nasenlcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen besteht darin, da das Trommelfell bei den Westaffen oberflchlich, dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt; hier hat sich ein langer und enger kncherner Gehrgang entwickelt, whrend dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender Gegensatz beider Gruppen darin, da alle Katarrhinen die Gebibildung des Menschen besitzen, nmlich 20 Milchzhne und 32 bleibende Zhne (in jeder Kieferhlfte 2 Schneidezhne, 1 Eckzahn, 2 Lckenzhne und 3 Mahlzhne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhlfte einen Lckenzahn mehr, also im ganzen 36 Zhne. Da diese anatomischen Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind, und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten Hemisphren der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knpft sich daran die phylogenetische Folgerung, da seit sehr langer Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und stlichen Hemisphre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist fr die Stammesgeschichte unsere Geschlechts beraus wichtig; denn der Mensch teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus lteren ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt. _Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen, welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit langer Zeit in zwei natrliche Sektionen geteilt: die geschwnzten =Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen= (~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel nher als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der allgemeinen Gestaltung des Krpers (besonders des Kopfes), sondern auch durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer Bestndigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen, wie beim Menschen, aus fnf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt, dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln. Im Gebi der =Cynopitheken= sind die Lckenzhne lnger als breit, in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fnf Hcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie beim Menschen, der uere Schneidezahn breiter als der innere, bei den Hundsaffen umgekehrt schmler. Endlich ist von besonderer Bedeutung die wichtige Tatsache, da die Menschenaffen mit dem Menschen auch die eigentmlichen feineren Bildungsverhltnisse seiner scheibenfrmigen ~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen (vergl. Kap. 4). brigens ergibt schon die oberflchliche Vergleichung der Krperform der heute noch lebenden Menschenaffen, da sowohl die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen im gesamten Krperbau nher stehen als smtliche Hundsaffen. Unter diesen letzteren stehen namentlich die hundskpfigen =Papstaffen= (~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen Papstaffen und den hchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder Beziehung grer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen. Die vergleichende Anatomie ergibt somit fr den unbefangenen und kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, da der Krperbau des Menschen und der Menschenaffen nicht nur im hchsten Grade hnlich, sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben 200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden unser inneres Knochengerst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres Blutkreislaufs; dieselben 32 Zhne setzen in der gleichen Anordnung unser Gebi zusammen; dieselben Speicheldrsen, Leber- und Darmdrsen vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung ermglichen die Erhaltung unseres Geschlechts. Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in der =Gre= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und Menschenaffen; allein dieselben oder hnliche Unterschiede entdecken wir auch bei der sorgfltigen Vergleichung der hheren und niederen Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen, welche ganz genau dieselbe Gre und Form der Nase, der Ohren, der Augen usw. haben. Man braucht blo aufmerksam in einer greren Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung= bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu berzeugen. Oft sind ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Krperbildung, da ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeintrchtigen aber nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Krperbau=; denn sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der einzelnen Teile. =Drittes Kapitel.= _Unser Leben._ Monistische Studien ber menschliche und vergleichende Physiologie. bereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der Sugetiere. Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19. Jahrhunderts zum Range einer selbstndigen, wirklichen =Wissenschaft= erhoben. Diese Lehre von den Lebensttigkeiten, die =Physiologie=, hat sich zwar frhzeitig der Heilkunde als eine wnschenswerte, ja notwendige Vorbedingung fr erfolgreiche rztliche Ttigkeit fhlbar gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom Krperbau. Aber sie konnte erst viel spter und langsamer als letztere grndlich erforscht werden, da sie auf viel grere Schwierigkeiten stie. Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natrlich schon sehr frhzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von eigentmlichen Vernderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den toten Naturkrpern fehlten: selbstndige Ortsbewegung, Herzklopfen, Atemzge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher organischen Bewegungen von hnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkrpern war nicht leicht und oft verfehlt; das flieende Wasser, die flackernde Flamme, der wehende Wind, der strzende Fels zeigten dem Menschen ganz hnliche Vernderungen, und es war sehr natrlich, da der naive Naturmensch auch diesen toten Krpern ein selbstndiges Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den ersteren. _Menschliche Physiologie._ Die ltesten wissenschaftlichen Betrachtungen ber das Wesen der menschlichen Lebensttigkeiten treffen wir (ebenso wie diejenigen ber den Krperbau des Menschen) bei den griechischen Naturphilosophen und rzten im sechsten und fnften Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezglichen, damals bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=. Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefat und den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben, gebhrt dem groen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den ersten groen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen Untersuchungen ber die =Organe= des menschlichen Krpers stellte er sich bestndig auch die Frage nach ihren Lebensttigkeiten oder =Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte vor allem die menschenhnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen, die er hier gewonnen, bertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht nur von unwissenden und beschrnkten Leuten, sondern auch von wissensfeindlichen Theologen und von gefhlsseligen Gemtsmenschen vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehren aber zu den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns unschtzbare Aufschlsse ber die wichtigsten Fragen gegeben. Ebenso wie fr die Anatomie des Menschen, so blieb auch fr seine Physiologie das System des =Galenus= whrend des langen Zeitraums von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse. Der kulturfeindliche Einflu des Christentums bereitete auch auf diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die unberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt htte, selbstndig wieder die Lebensttigkeiten der Menschen zu untersuchen und ber das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16. Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen rzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 verffentlichte der englische Arzt =Harvey= seine groe Entdeckung des =Blutkreislaufs= und wies nach, da das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch regelmige, unbewute Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle unablssig durch das kommunizierende Rhrensystem der Adern oder Blutgefe treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen ber die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berhmten Satz aufstellte: Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei (~omne vivum ex ovo~). Die mchtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen, welche =Harvey= gegeben hatte, fhrte im 16. und 17. Jahrhundert zu einer groen Anzahl von Entdeckungen. Diese fate der Gelehrte =Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male zusammen; in seinem groen Werke ~Elementa physiologiae~ begrndete er den selbstndigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= fr die Nerventtigkeit eine besondere Empfindungskraft oder Sensibilitt und ebenso fr die Muskelbewegung eine besondere Reizbarkeit oder Irritabilitt als Ursache annahm, lieferte er mchtige Sttzen fr die irrtmliche Lehre von einer eigentmlichen =Lebenskraft=. _Lebenskraft (Vitalismus)._ ber ein volles Jahrhundert hindurch, von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung herrschend, da zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische und chemische Vorgnge zurckzufhren sei, da aber ein anderer Teil derselben durch eine besondere, davon unabhngige =Lebenskraft= (~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem Zusammenhang mit der Seele sich ausbildeten, so stimmten doch alle darin berein, da die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen Krften der gewhnlichen Materie unabhngig und wesentlich verschieden sei; als eine selbstndige, der anorganischen Natur fehlende =Urkraft= sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen. Nicht allein die Seelenttigkeit selbst, die Sensibilitt der Nerven und die Irritabilitt der Muskeln, sondern auch die Vorgnge der Sinnesttigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rtselhaft, da es unmglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische Naturprozesse zurckzufhren. _Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in der ersten Hlfte des 17. Jahrhunderts hatte der berhmte Philosoph =Descartes=, fuend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den Gedanken ausgesprochen, da der Krper des Menschen ebenso wie der Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und da ihre Bewegungen nach denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den knstlichen, vom Menschen fr einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings nahm =Descartes= trotzdem fr den Menschen allein eine vollkommene Selbstndigkeit der immateriellen Seele an und erklrte sogar deren subjektive Empfindung, das Denken, fr das einzige in der Welt, von dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (~Cogito, ergo sum~!). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die Erkenntnis der mechanischen Lebensttigkeiten vielseitig zu frdern. Im Anschlu daran fhrte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkrpers auf rein physikalische Gesetze zurck, und gleichzeitig versuchte =Sylvius=, die Vorgnge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische Prozesse zu erklren. Allein diese vernnftigen Anstze zu einer naturgemen, mechanischen Erklrung der Lebenserscheinungen vermochten keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des 18. Jahrhunderts traten sie ganz zurck, je mehr sich der Vitalismus entwickelte. Eine endgltige Widerlegung des letzteren und Rckkehr zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19. Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer Geltung erhob. _Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Krperbau des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebensttigkeit ursprnglich grtenteils nicht durch direkte Beobachtung am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den nchstverwandten hheren Wirbeltieren, vor allem den =Sugetieren=. Aber die eigentliche vergleichende Physiologie, welche das ganze Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum Menschen hinauf im Zusammenhang erfat, ist erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts; ihr groer Schpfer war =Johannes Mller= in Berlin (1801-1858). Ursprnglich ausgehend von der Anatomie und Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der hheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden, den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten Hhe der biologischen Erkenntnis. Allerdings war =Mller= ursprnglich, gleich allen Physiologen seiner Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmhlich in ihr prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war =Mller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklren; seine reformierte Lebenskraft steht nicht ber den physikalischen und chemischen Gesetzen der brigen Natur, sondern sie ist streng an dieselben =gebunden=; sie ist schlielich weiter nichts als das =Leben= selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. berall war er bestrebt, dieselben mechanisch zu erklren, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in der Ttigkeit der Muskeln, in den Vorgngen des Blutkreislaufs, der Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und Entwickelung. Die grten Fortschritte fhrte hier =Mller= dadurch herbei, da er berall von den einfachsten Lebenserscheinungen der niederen Tiere ausging und Schritt fr Schritt ihre allmhliche Ausbildung zu den hheren, bis zum hchsten, zum Menschen, hinauf verfolgte. Hier bewhrte sich seine Methode der =kritischen Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie. _Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schlern von =Johannes Mller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mchtig frderten, war einer der glcklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker =Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkrpers als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes Mller= sofort die auerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des Tierkrpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und veranlate sodann seinen Schler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe lste der letztere glcklich in seinen Mikroskopischen Untersuchungen ber die bereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen (1839). Damit war der Grundstein fr die =Zellentheorie= gelegt, deren Bedeutung ebenso fr die Physiologie wie fr die Anatomie seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewhrt hat. Da auch die Lebensttigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurckgefhrt werden msse, fhrten namentlich zwei andere Schler von =Johannes Mller= aus, der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brcke= in Wien und der berhmte Histologe =Albert Klliker= in Wrzburg. Der erstere bezeichnete die Zellen richtig als =Elementar-Organismen= und zeigte, da sie ebenso im Krper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbstndig ttigen Faktoren des Lebens sind. =Klliker= erwarb sich besondere Verdienste nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch durch den Nachweis, da das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden Furchungskugeln einfache Zellen sind. So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie fr alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die darauf gegrndete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit selbstndig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein doppeltes Verdienst erworben. In seinen Psychophysiologischen Protisten-Studien (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher experimenteller Untersuchungen gezeigt, da die von mir (1866) aufgestellte =Theorie der Zellseele= durch das genaue Studium der einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und da die psychischen Vorgnge im Protistenreiche die Brcke bilden, welche die chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der hchsten Tiere verbindet. Weiter ausgefhrt und gesttzt auf die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in seiner Allgemeinen Physiologie. Dieses ausgezeichnete Werk geht zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes Mller= zurck, im Gegensatze zu den einseitigen und beschrnkten Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschlielich durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der Lebenserscheinungen ergrnden zu knnen. =Verworn= zeigte, da nur durch die =vergleichende= Methode =Mllers= und durch das Vertiefen in die Physiologie der =Zelle= jener hhere Standpunkt gewonnen werden kann, der uns einen einheitlichen berblick ber das wundervolle Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewhrt; nur dadurch gelangen wir zu der berzeugung, da auch die smtlichen Lebensttigkeiten des Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie diejenigen aller anderen Tiere. _Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie fr alle Zweige der Biologie bewhrte sich in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts nicht allein in den groartigen Fortschritten der gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermge ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die grte Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre. Da die Krankheiten des Menschen wie aller brigen Lebewesen =Natur=erscheinungen sind und also gleich den brigen Lebensfunktionen nur naturwissenschaftlich erforscht werden knnen, war ja schon vielen lteren rzten zur festen berzeugung geworden. Auch hatten schon im 17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische Vernderungen zurckzufhren. Allein der damalige niedere Zustand der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ltere Theorien, die das Wesen der Krankheit in bernatrlichen oder mystischen Ursachen suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung. Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schler von =Johannes Mller=, den glcklichen Gedanken, die Zellentheorie vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu bertragen; er suchte in den feinen Vernderungen der kranken Zellen und der aus ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener grberen Vernderungen, welche als bestimmte Krankheitsbilder den lebenden Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders whrend der sieben Jahre seiner Lehrttigkeit in Wrzburg (1849-1856) fhrte =Virchow= diese groe Aufgabe mit so glnzendem Erfolge durch, da seine =Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und die von ihr gesttzte praktische Medizin in neue, hchst fruchtbare Bahnen lenkte. Fr unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit fhrt. Auch der kranke Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben ewigen ehernen Gesetzen, wie die ganze brige organische Welt. _Physiologie der Sugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen, welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Sugetiere= nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch seinem ganzen Krperbau nach zur Klasse der Sugetiere gehrt, mu er auch den besonderen Charakter seiner Lebensttigkeiten mit den brigen Sugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben eigentmlichen Form, welche auch allen anderen Sugetieren zukommt; sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und ihrer Lungen. Nur bei den Sugetieren wird alles Arterienblut aus der linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Krper gefhrt, whrend dies bei den Vgeln durch den rechten und bei den Reptilien durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Sugetiere zeichnet sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, da aus ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell= vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollstndige Scheidewand zwischen Brusthhle und Bauchhhle bildet. Ganz besonders wichtig aber ist fr diese hchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch in den Brustdrsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege, welche die Ernhrung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich bringt. Da dieses Sugegeschft auch andere Lebensttigkeiten in der eingreifendsten Weise beeinflut, da die Mutterliebe der Sugetiere aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat, erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In Millionen von Bildern, zum groen Teil von Knstlern ersten Ranges, wird =die Madonna= mit dem Christuskinde verherrlicht als das reinste und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen extremste Form die bertriebene Zrtlichkeit der Affenmutter darstellt. _Physiologie der Affen._ Da unter allen Sugetieren die Affen im gesamten Krperbau dem Menschen am nchsten stehen, lt sich von vornherein erwarten, da dasselbe auch von ihren Lebensttigkeiten gilt; und das ist in Wahrheit der Fall. Wie sehr die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die Sinnesfunktionen, das Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des Menschen nhern, wei jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie weist dieselbe bedeutungsvolle bereinstimmung auch fr andere, weniger bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herzttigkeit, die Drsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung ist besonders merkwrdig, da die geschlechtsreifen Weibchen bei vielen Affenarten einen regelmigen Blutabgang aus dem Fruchtbehlter erleiden, entsprechend der Menstruation (oder Monatsregel) des menschlichen Weibes. Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrse und das Sugegeschft geschieht bei den weiblichen Affen genau ebenso wie bei den Frauen. Besonders interessant ist endlich die Tatsache, da die =Lautsprache der Affen=, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten menschlichen Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden Menschenaffen gibt es eine indische Art, welche musikalisch ist: der ~Hylobates syndactylus~ auf Sumatra singt in vollkommen reinen und klangvollen, halben Tnen eine ganze Oktave. Fr den unbefangenen Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen, da unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat. =Viertes Kapitel.= _Unsere Keimesgeschichte._ Monistische Studien ber menschliche und vergleichende Ontogenie. bereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen und der Wirbeltiere. In noch hherem Mae als die vergleichende Anatomie und Physiologie ist die =vergleichende Ontogenie=, =die Entwickelungsgeschichte des Einzeltieres= oder Individuums, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere aus den Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese inhaltsschwere Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden Menschengeist beschftigt; aber erst sehr spt, 1828, zeigte uns der Embryologe =Baer= die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst 1859 lieferte uns =Darwin= durch seine Reform der Deszendenztheorie den Schlssel, mit dessen Hlfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen knnen. Da ich diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden Verhltnisse in meiner =Keimesgeschichte des Menschen= (im ersten Teile der Anthropogenie) einer ausfhrlichen, populr-wissenschaftlichen Darstellung unterzogen habe, beschrnke ich mich hier auf eine kurze Zusammenfassung und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen dabei zunchst einen historischen Rckblick auf die ltere =Ontogenie= werfen. _Prformationslehre._ =ltere Keimesgeschichte.= (Vergl. den 2. Vortrag meiner Anthropogenie.) Wie fr die vergleichende Anatomie, so sind auch fr die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des =Aristoteles=, des vielseitigen Vaters der Naturgeschichte, die lteste uns bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v. Chr.). Nicht allein in seiner groen Tiergeschichte, sondern auch in einer besonderen kleinen Schrift: Fnf Bcher von der Zeugung und Entwickelung der Tiere erzhlt uns der groe Philosoph eine Menge von interessanten Tatsachen und stellt Betrachtungen ber deren Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit wieder zur Geltung gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden. Natrlich sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtmer zu finden, und von der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Nheres bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte. Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit zu beschftigen; der italienische Anatom =Fabricius ab Aquapendente= verffentlichte 1600 die ltesten Abbildungen und Beschreibungen von Embryonen des Menschen und einiger hheren Tiere; und der berhmte =Marcello Malpighi= in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie in der Botanik, gab 1687 die erste zusammenhngende Darstellung von der Entstehung des Hhnchens im bebrteten Ei. Alle diese lteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht, da im Ei der Tiere, hnlich wie im Samen der hheren Pflanzen, der ganze Krper mit allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur in einem so feinen und so durchsichtigen Zustande, da man sie nicht erkennen knne; die ganze Entwickelung sei demnach nichts weiter, als Wachstum oder =Auswickelung= (~Evolutio~) der eingewickelten Teile. Diese falsche Lehre, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast allgemein in Geltung blieb, nennen wir am besten die Vorbildungslehre oder =Prformationstheorie=. =Einschachtelungslehre.= In engem Zusammenhange mit der Prformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie, welche die denkenden Biologen lebhaft beschftigte: die sonderbare Einschachtelungslehre. Da man annahm, da im Ei bereits die Anlage des ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mute auch der Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden Generation darin vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier der nchstfolgenden, usw. ~in infinitum~! Daraufhin berechnete der berhmte Physiologe =Haller=, da der liebe Gott vor 6000 Jahren -- am sechsten Tage seines Schpfungswerkes -- die Keime von 200 000 Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im Eierstock der ehrwrdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe. Kein Geringerer als der hochangesehene Philosoph =Leibniz= schlo sich diesen Ausfhrungen an und verwertete sie fr seine Monadenlehre; und da dieser zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher Gemeinschaft befinden, bertrug er sie auch auf die Seele; -- die Seelen der Menschen haben in deren Voreltern bis auf Adam, also seit dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form organisierter Krper existiert. _Epigenesislehre._ Im November 1759 verteidigte in Halle ein junger, 26jhriger Mediziner, =Kaspar Friedrich Wolff=, seine Doktordissertation unter dem Titel: ~Theoria generationis~. Gesttzt auf eine Reihe der mhsamsten und sorgfltigsten Beobachtungen wies er nach, da die ganze herrschende Prformationstheorie falsch sei. Im bebrteten Hhnerei ist anfangs noch keine Spur vom spteren Vogelkrper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden wir statt dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine, kreisrunde, weie Scheibe. Diese dnne =Keimscheibe= wird lnglich rund und zerfllt dann in vier bereinanderliegende Schichten, die Anlagen der vier wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das Nervensystem, darunter die Fleischmasse (Muskelsystem), dann das Gefsystem mit dem Herzen und zuletzt der Darmkanal. Also, sagt Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in einer Auswickelung vorgebildeter Organe, sondern in einer =Kette von Neubildungen=, einer wahren ~Epigenesis~; ein Teil entsteht nach dem andern, und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der spter ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch eine Reihe der merkwrdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese groe Entdeckung sich unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten Tatsachen htte besttigen lassen, und obgleich die darauf gegrndete =Theorie der Generation= eigentlich gar keine Theorie, sondern eine nackte Tatsache war, fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch nicht die mindeste Anerkennung. Besonders hinderlich war die mchtige Autoritt von =Haller=, der sie hartnckig bekmpfte mit dem Dogma: Es gibt kein Werden! Kein Teil im Tierkrper ist vor dem anderen gemacht worden, und alle sind zugleich erschaffen. =Wolff=, der nach Petersburg gehen mute, war schon lange tot, als die vergessenen, von ihm beobachteten Tatsachen von =Lorenz Oken= in Jena (1806) aufs neue entdeckt und richtig gedeutet wurden. _Keimbltterlehre._ Nachdem durch =Oken= die =Epigenesistheorie= von =Wolff= besttigt worden war, warfen sich in Deutschland mehrere junge Naturforscher mit groem Eifer auf die genauere Untersuchung der Keimesgeschichte. Der bedeutendste war =Karl Ernst Baer=; sein berhmtes Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel: Entwickelungsgeschichte der Tiere, Beobachtung und Reflexion. Nicht allein sind darin die Vorgnge der Keimbildung ausgezeichnet klar und vollstndig beschrieben, sondern auch zahlreiche geistvolle Spekulationen daran geknpft. Die zwei blattfrmigen Schichten, welche in der runden Keimscheibe der hheren Wirbeltiere zuerst auftreten, zerfallen nach =Baer= zunchst in je zwei =Bltter=, und diese vier Keimbltter verwandeln sich in vier =Rhren=. Durch sehr verwickelte Prozesse der Epigenesis entstehen daraus die spteren Organe, und zwar bei dem Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher Weise. Unter den vielen einzelnen Entdeckungen von =Baer= war eine der wichtigsten das menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen, wie bei allen anderen Sugetieren, fr Eier kleine Blschen gehalten, die sich zahlreich im Eierstock finden. Erst =Baer= zeigte (1827), da die wahren Eier in diesen Blschen, den Graafschen Follikeln, eingeschlossen und viel kleiner sind, Kgelchen von nur 0,2 mm Durchmesser, unter gnstigen Verhltnissen eben als Pnktchen mit bloem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, da aus dieser kleinen Eizelle der Sugetiere sich zunchst eine charakteristische Keimblase entwickelt, eine =Hohlkugel= mit flssigem Inhalt, deren Wand die dnne Keimhaut bildet. _Eizelle und Samenzelle._ Zehn Jahre, nachdem =Baer= der Embryologie durch seine Keimbltterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand fr dieselbe eine neue wichtige Aufgabe durch die Begrndung der =Zellentheorie= (1838). Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die daraus entstehenden Keimbltter zu den Geweben und Zellen, welche den entwickelten Tierkrper zusammensetzen? Die richtige Beantwortung dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Schlern von =Johannes Mller=: =Robert Remak= und =Albert Klliker=. Sie wiesen nach, da das Ei ursprnglich nichts anderes ist als eine einfache =Zelle=, und da auch die zahlreichen Keimkrper oder Furchungskugeln, welche durch wiederholte Teilung daraus entstehen, einfache Zellen sind. Aus diesen Furchungzellen bauen sich zunchst die Keimbltter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. =Klliker= erwarb sich das groe Verdienst, auch die schleimartige Samenflssigkeit der mnnlichen Tiere als Anhufung von mikroskopischen kleinen Zellen nachzuweisen. Die beweglichen stecknadelfrmigen Samentierchen (~Spermatozoen~) sind nichts anderes als eigentmliche =Geielzellen=, wie ich (1866) zuerst an den Samenfden der Schwmme nachgewiesen habe. Damit war fr =beide= wichtige Zeugungsstoffe der Tiere, das mnnliche Sperma und das weibliche Ei, bewiesen, da auch sie der Zellentheorie sich fgen. _Gastratheorie._ Alle lteren Untersuchungen ber Keimbildung betrafen den Menschen und die hheren =Wirbeltiere=, vor allem aber den Vogelkeim: denn das Hhnerei ist das grte und bequemste Objekt dafr und steht jederzeit in beliebiger Menge zur Verfgung; man kann in der Brutmaschine sehr bequem das Ei ausbrten und dabei stndlich die ganze Reihe der Umbildungen, von der einfachen Eizelle bis zum fertigen Vogelkrper innerhalb dreier Wochen beobachten. Auch =Baer= hatte nur fr die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere die bereinstimmung in der charakteristischen Bildung der Keimbltter und in der Entstehung der einzelnen Organe aus derselben nachweisen knnen. Dagegen in den zahlreichen Klassen der =Wirbellosen= -- also der groen Mehrzahl der Tiere -- schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimbltter ganz zu fehlen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei einzelnen Wirbellosen nachgewiesen, so von =Klliker= 1844 bei den Cephalopoden und von =Huxley= 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig wurde sodann die Entdeckung von =Kowalevsky= (1866), da das niederste Wirbeltier, der Lanzelot oder ~Amphioxus~, sich genau in derselben, und zwar in einer sehr ursprnglichen Weise entwickelt wie ein wirbelloses, anscheinend ganz entferntes Manteltier, die =Seescheide= oder ~Ascidia~. Auch bei verschiedenen Wrmern, Sterntieren und Gliedertieren wies Kowalevsky eine hnliche Bildung der Keimbltter nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der Entwickelungsgeschichte der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren beschftigt, und da ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere berall dieselbe Bildung von zwei primren Keimblttern fand, gelangte ich zu der berzeugung, da dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen Tierreiche derselbe ist. Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, da bei den Schwammtieren und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen) der Krper lange Zeit hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei einfachen Zellenschichten besteht. Schon =Huxley= hatte sie bei den Medusen mit den beiden primren Keimblttern der Wirbeltiere verglichen. Gesttzt auf diese Beobachtungen und Vergleichungen, stellte ich dann 1872 in meiner Biologie der Kalkschwmme die =Gastratheorie= auf, deren wesentlichste Lehrstze folgende sind: ~I~. Das ganze Tierreich zerfllt in zwei wesentlich verschiedene Hauptgruppen: die einzelligen =Urtiere= (~Protozoa~) und die vielzelligen =Gewebtiere= (~Metazoa~); der ganze Organismus der =Protozoen= bleibt zeitlebens eine einfache Zelle (seltener ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein ~Coenobium~). ~II~. Dagegen ist der Organismus der =Metazoen= nur im ersten Beginn einzellig, spter aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche =Gewebe= bilden. ~III~. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche =Keimbltter=, und aus diesen =Gewebe=, die den Protozoen noch ganz fehlen. ~IV~. Bei allen Metazoen entstehen zunchst nur =zwei= primre Keimbltter, die berall dieselbe wesentliche Bedeutung haben: aus dem ueren =Hautblatt= entwickelt sich die uere Hautdecke und das Nervensystem, aus dem inneren =Darmblatt= hingegen der Darmkanal und alle brigen Organe. ~V~. Die Keimform, welche berall zunchst aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus diesen beiden primren Keimblttern besteht, ist die =Darmlarve= oder der Becherkeim (~Gastrula~); ihr becherfrmiger, zweischichtiger Krper umschliet ursprnglich eine einfache verdauende Hhle, den =Urdarm=, und dessen einfache ffnung ist der =Urmund=. Dies sind die ltesten Organe des vielzelligen Tierkrpers, und die beiden Zellenschichten seiner Wand sind seine ltesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe sind erst spter (sekundr) daraus hervorgegangen. ~VI~. Aus dieser Gleichartigkeit oder =Homologie der Gastrula= in smtlichen Stmmen und Klassen der Gewebtiere zog ich nach dem Biogenetischen Grundgesetze den Schlu, da =alle Metazoen ursprnglich von einer gemeinsamen Stammform abstammen, Gastra=, und da diese uralte, lngst ausgestorbene Stammform im wesentlichen die Krperform und Zusammensetzung der heutigen, durch =Vererbung= erhaltenen Gastrula besa. ~VII~. Dieser phylogenetische Schlu aus der Vergleichung der ontogenetischen Tatsachen wird auch dadurch gerechtfertigt, da noch heute einzelne =Gastraden= existieren, sowie lteste Formen anderer Tierstmme, deren Organisation sich nur sehr wenig ber diese letzteren erhebt. ~VIII~. Bei der weiteren Entwickelung der verschiedenen Gewebtiere aus der Gastrula sind zwei verschiedene Hauptgruppen zu unterscheiden: Die lteren =Niedertiere= (~Coelenteria~) bilden noch keine Leibeshhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei den Gastraden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jngeren =Obertiere= (~Coelomaria~) hingegen besitzen eine echte Leibeshhle und meistens auch Blut und After; dahin gehren die =Wurmtiere= (~Vermalia~) und die hheren typischen Tierstmme, welche sich aus diesen entwickelt haben, die Sterntiere, Weichtiere, Gliedertiere, Manteltiere und Wirbeltiere. _Eizelle und Samenzelle des Menschen._ Das Ei des Menschen ist, wie das aller anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese kleine kugelige Eizelle (von nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe charakteristische Beschaffenheit wie die aller anderen, lebendig gebrenden Sugetiere. Dasselbe gilt von den beweglichen =Spermien= oder Samenfden des Mannes, den winzig kleinen, fadenfrmigen Geielzellen, welche sich zu Millionen in jedem Trpfchen des schleimartigen =mnnlichen Samens= (~Sperma~) finden; sie wurden frher wegen ihrer lebhaften Bewegung fr besondere =Samentierchen= (~Spermatozoa~) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen Geschlechtszellen in der =Geschlechtsdrse= ist dieselbe beim Menschen und den brigen Sugetieren; sowohl die Eier im Eierstock des Weibes, als die Samenfden im Hoden oder Samenstock des Mannes entstehen berall auf dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die Leibeshhle auskleidet. _Empfngnis oder Befruchtung._ Der wichtigste Augenblick im Leben eines jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment, in welchem seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick, in welchem die Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue Zelle, die befruchtete Eizelle, ist die individuelle =Stammzelle= (~Cytula~), aus deren wiederholter Teilung die Zellen der Keimbltter und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der Bildung dieser Stammzelle, also mit dem Vorgange der =Befruchtung= selbst, beginnt die =Existenz der Person,= des selbstndigen Einzelwesens. Diese ontogenetische Tatsache ist =beraus wichtig=, denn aus ihr allein schon lassen sich die weitestreichenden Schlsse ableiten. Zunchst folgt daraus die klare Erkenntnis, da der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren, alle persnlichen Eigenschaften, krperliche und geistige, von seinen beiden Eltern durch =Vererbung= erhalten hat; und weiterhin die inhaltschwere berzeugung, da die neue, so entstandene Person unmglich Anspruch haben kann, =unsterblich= zu sein. Die feineren Vorgnge bei der Empfngnis und der geschlechtlichen Zeugung berhaupt sind daher von allerhchster Wichtigkeit; sie sind uns in ihren Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige wesentliche Ereignis bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne. Von den Millionen mnnlicher Geielzellen, welche die weibliche Eizelle umschwrmen, dringt nur eine einzige in deren Plasmakrper ein. Die Kerne beider Zellen, der Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander. So entsteht eine neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in sich vereinigt; der Spermakern bertrgt die vterlichen, der Eikern die mtterlichen Charakterzge auf die =Stammzelle=, aus der sich nun das Kind entwickelt; das gilt ebenso von den krperlichen wie von den geistigen Eigenschaften. _Keimanlage des Menschen._ Die Bildung der Keimbltter durch wiederholte Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula und der weiterhin aus ihr hervorgehenden Keimformen geschieht beim Menschen genau so wie bei den brigen hheren Sugetieren, unter denselben eigentmlichen Besonderheiten, welche diese Gruppe vor den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die bedeutungsvolle Keimform der =Chordula= oder Chordalarve, die zunchst aus der Gastrula entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die gleiche Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der Lnge nach durch die Hauptachse des lnglich-runden, schildfrmigen Krpers (des Keimschildes); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus dem ueren Keimblatt das Rckenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann erst erscheinen zu beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab, die Ketten der Urwirbel, die Anlagen der Muskelplatten, mit denen die Gliederung des Wirbeltierkrpers beginnt. Vorn am Darm treten beiderseits die Kiemenspalten auf, die ffnungen des Schlundes, durch welche ursprnglich bei unseren Fischahnen das vom Munde aufgenommene Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach auen trat. In zher =Vererbung= treten diese =Kiemenspalten=, die nur bei den fischartigen, im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute noch beim Menschen wie bei allen brigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden spter. Selbst nachdem schon am Kopfe die fnf Hirnblasen, seitlich die Anfnge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus dem fischartigen Menschenkeim hervorgesprot sind, ist dessen Bildung derjenigen anderer Wirbeltiere noch so hnlich, da man sie nicht unterscheiden kann. _hnlichkeit der Wirbeltierkeime._ Die wesentliche bereinstimmung in der ueren Krperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des Menschen und der brigen Wirbeltiere in dieser frheren Bildungsperiode zeigen, ist eine =embryologische Tatsache ersten Ranges=; aus ihr lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten Schlsse ableiten. Denn es gibt dafr keine andere Erklrung als die Annahme einer =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Wenn wir sehen, da in einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen und des Affen, des Hundes und des Kaninchens, des Schweines und des Schafes zwar als hhere Wirbeltiere erkennbar, aber sonst nicht zu unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur durch gemeinsame Abstammung erklrt werden. Diese Erklrung erscheint um so sicherer, wenn wir die spter eintretende Sonderung oder Divergenz jener Keimformen verfolgen. Je nher sich zwei Tierformen in der gesamten Krperbildung stehen, desto lnger bleiben sich auch ihre Embryonen hnlich, und desto enger hngen sie auch im Stammbaum der betreffenden Gruppe zusammen, desto nher sind sie stammverwandt. Daher erscheinen die Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch spter noch hchst hnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher ihre Unterschiede von den Embryonen anderer Sugetiere sofort erkennbar sind. _Die Keimhllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen hnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhllen. Es zeichnen sich nmlich alle Wirbeltiere der drei hheren Klassen, Reptilien, Vgel und Sugetiere, vor den niederen Klassen durch die Bildung eigentmlicher Embryonalhllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut) und des ~Serolemma~ (serse Haut). In diesen mit Wasser gefllten Scken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und Sto geschtzt. Diese zweckmige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich erst entstanden, als die ltesten Reptilien (Proreptilien), die gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollstndig an das Landleben sich anpaten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien, =fehlt= diese Hllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war bei diesen Wasserbewohnern berflssig. Mit der Erwerbung dieser Schutzhllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Vernderungen in engem Zusammenhang, erstens der gnzliche Verlust der Kiemen (whrend die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als rudimentre Organe sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=. Dieser blasenfrmige, mit Wasser gefllte Sack wchst bei dem Embryo aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als die vergrerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten und untersten Teile bildet sich spter die bleibende Harnblase der Amnioten, whrend der grere uere Teil rckgebildet wird. Gewhnlich spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des Embryo, indem sich mchtige Blutgefe auf seiner Wand ausbreiten. Sowohl die Entstehung der Keimhllen, als auch der Allantois geschieht beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein echtes Amniontier.= _Die Placenta des Menschen._ Die Ernhrung des menschlichen Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentmliches, uerst blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder Blutgefkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelst und als sogenannte Nachgeburt ausgestoen. Die Placenta besteht aus zwei wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mtterlichen Gefkuchen. Dieser letztere enthlt reich entwickelte Blutrume, welche ihr Blut durch die Gefe der Gebrmutter zugefhrt erhalten. Der Fruchtkuchen dagegen wird aus zahlreichen verstelten Zotten gebildet, welche von der Auenflche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut von deren Nabelgefen beziehen. Die hohlen, blutgefllten Zotten des Fruchtkuchens wachsen in die Blutrume des Mutterkuchens hinein, und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdnnt, da durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernhrenden Blutflssigkeit erfolgen kann. In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des Mutterkuchens wesentlich verschieden. Hchst wichtig ist nun die erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, da gerade die =Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen gewisse Eigentmlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also besttigt sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: Die Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen. Die angeblichen Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen und der Affen ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatschlichen Verhltnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Grnde =zugunsten= derselben. Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber hchst interessanten Labyrinthgnge unserer Keimesgeschichte eindringt, und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der brigen Sugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten Lichttrger fr das Verstndnis unserer Stammesgeschichte finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als Vererbungs-Phnomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen unserer Ahnenreihe, gem dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.) Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergnglichen Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhllen, und vor allem der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlsse ber unsere nahe =Stammverwandtschaft mit den Primaten=. =Fnftes Kapitel.= _Unsere Stammesgeschichte._ Monistische Studien ber Ursprung und Abstammung des Menschen von den Wirbeltieren, zunchst von den Herrentieren. Der jngste unter den groen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder =Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit spter und unter viel greren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natrliche Schwester, die Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis der geheimnisvollen Vorgnge, durch welche sich die organischen =Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und schwierigere Frage zu beantworten: Wie sind die organischen =Spezies= entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen? Die =Ontogenie= konnte zur Lsung ihrer nahe liegenden Aufgabe zunchst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten; sie brauchte nur Tag fr Tag und Stunde fr Stunde die sichtbaren Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer Zeit whrend der Entwickelung aus dem Ei erfhrt. Viel schwieriger war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen Prozesse der allmhlichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung ist nur in sehr engen Grenzen mglich, und der weitaus grte Teil dieser historischen Vorgnge kann nur indirekt erschlossen werden: durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr verschiedenen Gebieten angehren, der Palontologie, Ontogenie und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches der natrlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknpfung der Schpfungsgeschichte mit bernatrlichen Mythen und religisen Dogmen bereitet wurde; es ist daher begreiflich, da die wissenschaftliche Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mhen und schweren Kmpfen errungen und gesichert werden mute. _Mythische Schpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem mythologischen Labyrinthe der bernatrlichen Schpfungssagen stecken. Einzelne Bemhungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien und zu einer natrlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos. Die mannigfaltigsten Schpfungsmythen entwickelten sich bei allen lteren Kulturvlkern im Zusammenhang mit der Religion, und whrend des Mittelalters war es naturgem das zur Herrschaft gelangte Christentum, welches die Beantwortung der Schpfungsfrage fr sich in Anspruch nahm. Da die Bibel als die unerschtterliche Grundlage des christlichen Religionsgebudes galt, wurde die ganze Schpfungsgeschichte dem ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses sttzte sich auch noch der groe schwedische Naturforscher =Carl Linn=, als er 1735 in seinem grundlegenden ~Systema Naturae~ den ersten Versuch zu einer systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzhligen verschiedenen Naturkrper unternahm. Als bestes, praktisches Hilfsmittel derselben fhrte er die bekannte doppelte Namengebung ein; jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran. In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nchstverwandten =Arten= (~Species~) zusammengestellt. Hchst verhngnisvoll wurde fr die Wissenschaft das theoretische =Dogma=, welches schon von =Linn= selbst mit seinem praktischen Speziesbegriffe verknpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem denkenden Systematiker aufdrngen mute, war natrlich die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schpfer in naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gltigen Mosaischen Schpfungsmythus: Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind. Mit diesem Dogma war jede natrliche Erklrung der Artentstehung abgeschnitten. =Linn= kannte nur die gegenwrtig existierende Tier- und Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren ausgestorbenen Arten, welche in den frheren Perioden der Erdgeschichte unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevlkert haben. Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch =Cuvier= nher bekannt. Er gab in seinem berhmten Werke ber die fossilen Knochen der vierfigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich wies er nach, da in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine Reihe von ganz verschiedenen Tierbevlkerungen aufeinander gefolgt war. Da nun =Cuvier= hartnckig an =Linns= Lehre von der absoluten Bestndigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur durch die Annahme erklren zu knnen, da eine Reihe von groen Katastrophen und von wiederholten Neuschpfungen in der Erdgeschichte auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder groen Erdrevolution sollten alle lebenden Geschpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue Bevlkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen fhrte und auf den nackten Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend. _Transformismus._ =Goethe.= Da die herrschenden Vorstellungen von der absoluten Bestndigkeit und bernatrlichen Schpfung der organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten, ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister mit Versuchen beschftigt, zu einer naturgemen Lsung des groen Schpfungsproblems zu gelangen. Allen voran war unser grter Dichter und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljhrigen und eifrigen morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen und zu der festen berzeugung eines gemeinsamen natrlichen Ursprungs gelangt. In seiner berhmten Metamorphose der Pflanzen (1790) leitete er alle verschiedenen Formen der Gewchse von einer Urpflanze ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schdels versuchte er zu zeigen, da die Schdel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen zusammengesetzt seien, und da diese letzteren nichts anderes seien als umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien ber vergleichende Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen berzeugung von der Einheit der Organisation gefhrt; er hatte erkannt, da das Knochengerst des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller brigen Wirbeltiere -- geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen sehr bestndigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und sich noch tglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet --. Diese Umbildung oder Transformation lt =Goethe= durch die bestndige Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskrften geschehen, einer inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem Spezifikationstrieb, und einer ueren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der Idee der Metamorphose; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=, letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch diese naturphilosophischen Studien ber Bildung und Umbildung organischer Naturen in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern er demnach als der bedeutendste Vorlufer von =Darwin= und =Lamarck= betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natrlichen Schpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage ber Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck= (Eisenach 1882) habe ich dies nher begrndet. Doch kamen diese naturgemen Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie hnliche Vorstellungen von =Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne des 19. Jahrhunderts nicht ber gewisse allgemeine berzeugungen hinaus. Es fehlte ihnen noch der groe Hebel, dessen die natrliche Schpfungsgeschichte zu ihrer Begrndung durch die Kritik des =Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=. _Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begrndung des Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der groe franzsische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen Betrachtungen ber die lebenden Naturkrper die bahnbrechenden Ideen ber die Unbestndigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die er dann 1809 in den zwei Bnden seines tiefsinnigsten Werkes, der ~Philosophie zoologique~, eingehend begrndete. Hier fhrte =Lamarck= zum ersten Male -- gegenber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den richtigen Gedanken aus, da die organische =Art= oder =Spezies= eine =knstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso wie die bergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und Klasse. Er behauptete ferner, da alle Arten vernderlich und im Laufe sehr langer Zeitrume aus lteren Arten durch Umbildung entstanden seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen, waren ursprnglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten und ltesten entstanden durch Urzeugung. Whrend durch =Vererbung= der Typus sich bestndig erhlt, werden anderseits durch =Anpassung=, durch Gewohnheit und bung der Organe, die Arten allmhlich umgebildet. Auch unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natrliche Weise durch Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Sugetieren entstanden. Fr all diese Vorgnge, wie berhaupt fr alle Erscheinungen in der Natur und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschlielich =mechanische=, physikalische und chemische Vorgnge als wahre, bewirkende Ursachen an. Sein Werk enthlt die Elemente fr ein rein monistisches Natursystem auf Grund der Entwickelungslehre. Man htte erwarten sollen, da dieser groartige Versuch, die Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begrnden, alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschpfung erschttert und einer natrlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen htte. Indessen vermochte =Lamarck= gegenber der konservativen Autoritt seines groen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre spter sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Goffroy St. Hilaire=. Die berhmten Kmpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoe der Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem vollstndigen Siege des letzteren. Die mchtige Entfaltung, welche zu jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Flle von interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie und Physiologie, die Begrndung der Zellentheorie und die Fortschritte der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen berflu von dankbarem Arbeitsmaterial, da darber die schwierige und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde. Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schpfungs-Dogma. Selbst nachdem der groe englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie von =Cuvier= widerlegt und fr die anorganische Natur unseres Planeten einen natrlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen hatte, fand sein einfaches Kontinuittsprinzip keine Anwendung auf die organische Natur. Die Anfnge der natrlichen Phylogenie, welche in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die Keime zu ihrer natrlichen Ontogenie, welche 50 Jahre frher (1759) =Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben hatte. Hier wie dort verflo ein volles halbes Jahrhundert, ehe die bedeutendsten Ideen ber natrliche Entwickelung die gebhrende Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lsung des Schpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefat und den reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen glcklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als seinen bedeutendsten Vorgnger, wieder zu besinnen. _Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von =Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen groen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berhmten Hauptwerk: ber die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natrliche Zchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe ums Dasein. Gewi hat die Reform der vergleichenden Anatomie und Physiologie durch =Johannes Mller= der ganzen Biologie eine neue, fruchtbare Epoche erffnet, gewi waren die Begrndung der Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie durch =Baer=, die Begrndung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer= und =Helmholtz= wissenschaftliche Grotaten ersten Ranges; aber keine von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgebt, wie =Darwins= Theorie von der natrlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das mystische =Schpfungsproblem= gelst, und mit ihm die inhaltsschwere Frage aller Fragen, das Problem vom wahren Wesen und von der Entstehung des Menschen selbst. Vergleichen wir die beiden groen Begrnder des Transformismus, so finden wir bei =Lamarck= berwiegende Neigung zur =Deduktion= und zum Entwurfe eines vollstndigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemhen, die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und Experiment mglichst sicher zu begrnden. Whrend der franzsische Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit berschritt und eigentlich das Programm der zuknftigen Forschung entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den groen Vorteil, das einigende Erklrungsprinzip fr eine Masse von empirischen Kenntnissen zu begrnden, die bis dahin unverstanden sich angehuft hatten. So erklrt es sich, da der Erfolg von =Darwin= ebenso berwltigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin= hatte aber nicht allein das groe Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich zu erklren, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip= jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzchter die Erfahrungen der knstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande anwendete und in dem =Kampf ums Dasein= das auslesende Prinzip der natrlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=. _Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte, erschien als eine der nchsten die Reform des zoologischen und botanischen =Systems=. Wenn die unzhligen Tier- und Pflanzenarten nicht durch bernatrliche Wunder erschaffen, sondern durch natrliche Umbildung entwickelt waren, so ergab sich das =natrliche System= derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner =Generellen Morphologie der Organismen=. Bis dahin hatte man unter =Entwickelungsgeschichte= sowohl in der Zoologie als in der Botanik ausschlielich diejenige der organischen =Individuen= verstanden. Ich begrndete dagegen die Ansicht, da dieser =Keimesgeschichte= (~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenberstehe. Beide Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen przisen und umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gltigen =Biogenetischen Grundgesetz=. _Natrliche Schpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der Generellen Morphologie niedergelegten Anschauungen trotz ihrer streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich, den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populr gehaltenen Werke einem greren, gebildeten Leserkreise zugnglich zu machen. Dies geschah 1868 in der Natrlichen Schpfungsgeschichte (Gemeinverstndliche wissenschaftliche Vortrge ber die Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der Generellen Morphologie weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging umgekehrt derjenige der Natrlichen Schpfungsgeschichte weit ber dieselbe hinaus. Trotz seiner groen Mngel hat dieses Buch doch viel dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natrlichen Systems, dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die ausfhrliche, dort vermite Begrndung des phylogenetischen Systems spter in einem greren Werke nachgeholt, in der =Systematischen Phylogenie= (Entwurf eines natrlichen Systems der Organismen auf Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894) behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbume= der kleineren und greren Gruppen sind hier so weit ausgefhrt, als es mir meine Kenntnis der drei groen Stammesurkunden gestattete, der Palontologie, Ontogenie und Morphologie. _Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, urschlichen Zusammenhang, welcher nach meiner berzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus hervorgehoben und einen przisen Ausdruck dafr in mehreren Thesen von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung gegeben: =Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernhrung). Schon =Darwin= hatte (1859) die groe Bedeutung seiner Theorie fr die Erklrung der Embryologie betont, und =Fritz Mller= hatte dieselbe (1864) an dem Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erlutert, in der geistvollen kleinen Schrift: =Fr Darwin= (1864). Ich selbst habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwmme (1872) und in den Studien zur Gastratheorie (1873-1884). Die dort aufgestellte Lehre von der Homologie der Keimbltter, sowie von den Verhltnissen der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_ (=Strungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer Zoologen besttigt worden; durch sie ist es mglich geworden, die natrlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte der Tiere nachzuweisen; fr ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprnglichen Stammform. _Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begrnder der Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, da sie allgemeine Geltung besitze, und da also auch der =Mensch=, als das hchst entwickelte Sugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei, wie alle anderen Sugetiere, und diese weiter hinauf von demselben lteren Zweige des Stammbaums, wie die brigen Wirbeltiere. Er hatte auch schon auf die Vorgnge hingewiesen, durch welche die =Abstammung des Menschen vom Affen=, als dem nchstverwandten Sugetiere, wissenschaftlich erklrt werden knne. =Darwin=, der naturgem zu derselben berzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859) ber diese anstigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg und hat dieselbe erst spter (1871) in seinem Werke ber Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl geistreich ausgefhrt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863) jenen wichtigsten Folgeschlu der Abstammungslehre sehr scharfsinnig errtert in seiner berhmten kleinen Schrift ber die Zeugnisse fr die Stellung des Menschen in der Natur. An der Hand der vergleichenden Anatomie und Ontogenie und gesttzt auf die Tatsachen der Palontologie zeigte =Huxley=, da die Abstammung des Menschen vom Affen eine notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und da eine andere wissenschaftliche Erklrung von der Entstehung des Menschengeschlechts berhaupt nicht gegeben werden knne. Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die schwierige Aufgabe, nicht nur die nchstverwandten Sugetier-=Ahnen des Menschen= in der Tertirzeit zu erforschen, sondern auch die lange Reihe der lteren tierischen Vorfahren, welche in frheren Zeitrumen der Erdgeschichte gelebt und whrend ungezhlter Jahrmillionen sich entwickelt hatten. Die hypothetische Lsung dieser groen historischen Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht; weiter ausgefhrt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie= (~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die fnfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthlt diejenige Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem gegenwrtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele der Wahrheit nach meiner persnlichen Auffassung am meisten nhert; ich war dabei stets bemht, alle drei empirischen Urkunden, die =Palontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende Anatomie), mglichst gleichmig und im Zusammenhange zu benutzen. Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen durch sptere phylogenetische Forschungen vielfach ergnzt und berichtigt werden; aber eben so sicher steht fr mich die berzeugung, da der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte im groen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollstndig der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende Anatomie und Ontogenie enthllt: auf die silurischen Fische folgen die devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen Reptilien und die mesozoischen Sugetiere; von diesen erscheinen wiederum zunchst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere (~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und darauf in der Kreide die ltesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von diesen letzteren treten wieder zunchst in der ltesten Tertirzeit die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen (~Cynopitheken~), spter die Menschenaffen (~Anthropomorphen~); aus einem Zweige dieser letzteren ist whrend der Plioznzeit der sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und aus diesem endlich der sprechende Mensch. Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer =Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Krpern kennen wir keine versteinerten berreste; die Palontologie kann uns hier keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim denselben ~Chordula~-Zustand durchluft wie der Embryo aller anderen Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblttern einer ~Gastrula~ entwickelt, schlieen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf die frhere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~, ~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache, da auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen Tiere, sich ursprnglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die befruchtete Eizelle -- weist zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes =Protozoon=. Fr unsere =monistische Philosophie= ist es brigens zunchst ziemlich gleichgltig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren noch sicherer feststellen lassen wird. Fr sie bleibt als =sichere historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, da der =Mensch zunchst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe niederer Wirbeltiere. Die logische Begrndung dieses Satzes habe ich schon 1866 im siebenten Buche der Generellen =Morphologie= betont (S. 427): Der Satz, da der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren, und zwar zunchst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller Deduktionsschlu, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt. Von grter Bedeutung fr die definitive Feststellung und Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =palontologischen Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns die berraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Sugetieren der Tertirzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzgen klarzulegen. Die vier Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch tiefe Klfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klfte werden aber vollkommen ausgefllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen gnzlich verwischt, wenn wir ihre tertiren, ausgestorbenen Vorfahren vergleichen, und wenn wir bis in die eozne Geschichtsdmmerung der ltesten Tertirzeit hinabsteigen. Da finden wir die groe Unterklasse der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfat, nur durch eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden Urzottentieren vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, da wir sie vernnftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben deuten knnen. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung des Knochengerstes und dasselbe =typische Gebi= der ursprnglichen Plazentalien mit 44 Zhnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe Gre und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle kurze Beine und fnfzehige Fe, die mit der flachen Sohle auftreten. Bei manchen dieser ltesten Zottentiere der Eoznzeit war es anfangs zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nhern sich hier unten diese vier groen, spter so sehr verschiedenen Legionen der Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen. Die wichtigsten von allen neueren palontologischen Entdeckungen, welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklrt haben, betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere (~Primates~). Frher waren versteinerte Reste derselben uerst selten. Noch =Cuvier=, der groe Grnder der Palontologie, behauptete bis zu seinem Tode (1832), da es keine Versteinerungen von Primaten gbe; zwar hatte er selbst schon den Schdel eines eoznen Halbaffen (~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtmlich fr ein Huftier gehalten. In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden; darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine zusammenhngende Ahnenkette von den ltesten Halbaffen bis zum Menschen hinauf darstellen. Der berhmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist =der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der hollndische Militrarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene ~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte ~Missing link~, das angeblich fehlende Glied in der Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum hchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung, welche dieser merkwrdige Fund besitzt, ausfhrlich errtert in dem Vortrage ber unsere gegenwrtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen, welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen Zoologenkongre in Cambridge gehalten habe. Der Palontologe, welcher die Bedingungen fr Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt, wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glcklichen Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach ihrem Tode (wenn sie nicht zufllig ins Wasser fallen) nur selten unter Verhltnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres Knochengerstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen von Java ist also auch von seiten der =Palontologie= die Abstammung des Menschen vom Affen ebenso klar und sicher bewiesen, wie es frher schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie= geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden unserer Stammesgeschichte. =Zusatz= (1908). Die dreiig Hauptstufen, die sich gegenwrtig in der Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs Strecken verteilen lassen, habe ich bersichtlich zusammengestellt in meiner Festschrift ber: Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~). Jena 1908. =Sechstes Kapitel.= _Das Wesen der Seele._ Monistische Studien ber den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen. Die Lebensttigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des =Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfat, sind unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rtselhaftesten. Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige Erkenntnis der =Psyche= zur Voraussetzung hat, so kann man die =Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie. Die groe Schwierigkeit ihrer naturgemen Begrndung liegt nun aber darin, da die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die groe Mehrzahl der sogenannten Psychologen besitzt jedoch von diesen anatomischen Grundlagen der Psyche nur sehr unvollstndige oder gar keine Kenntnis, und so erklrt sich die bedauerliche Tatsache, da in keiner anderen Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen ber ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so fhlbarer hervorgetreten, je mehr die groartigen Fortschritte der Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben. _Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner berzeugung ist das, was man die =Seele= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft -- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge mu ich von vornherein betonen, da wir fr dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen knnen als in allen brigen Naturwissenschaften; d. h. in erster Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die =Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische =Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlsse mglichst dem unbekannten =Wesen= der Erscheinung sich zu nhern sucht. Mit Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber mssen wir zunchst gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen Ansicht scharf ins Auge fassen. _Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des Seelenlebens, welche wir bekmpfen, betrachtet Seele und Leib als zwei verschiedene =Wesen=. Diese beiden Wesen knnen unabhngig voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden. Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen, chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches, =immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rtselhafte Ttigkeit uns vllig unbekannt ist. Diese bliche Auffassung ist als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und =supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Krften, welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fut auf der Annahme, da auer und ber der Natur noch eine geistige Welt existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts wissen und unserer Natur nach nichts wissen knnen. Diese hypothetische =Geisteswelt=, die von der materiellen Krperwelt ganz unabhngig sein soll, und auf deren Annahme das ganze knstliche Gebude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen, eng mit ihr verknpften Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders dartun mssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begrndet wren, so mten die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen sein; diese einzige Ausnahme von dem hchsten kosmologischen Grundgesetze mte aber erst sehr spt im Laufe der organischen Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die Seele des Menschen und der hheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des freien Willens, ein anderes wesentliches Stck der dualistischen Psychologie, ist mit dem Substanzgesetze ganz unvereinbar. _Monistische Psychologie._ Unsere natrliche Auffassung des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis aller psychischen Ttigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist, vorlufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie durch die chemische Analyse berall als ein Krper nachgewiesen ist, welcher zur Gruppe der =Plasmakrper= gehrt, d. h. jener eiweiartigen Kohlenstoff-Verbindungen, welche smtlichen Lebensvorgngen zugrunde liegen. Bei den hheren Tieren, welche ein Nervensystem und Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich =empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche Erfahrung hat uns noch keine Krfte kennen gelehrt, welche der materiellen Grundlage entbehren, und keine geistige Welt, welche auer der Natur und ber der Natur stnde. Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen; es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem hchsten kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen -- aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit, ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgngen im =Plasma= ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Vernderungen, welche teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurckzufhren sind. Aber ganz dasselbe mssen wir auch fr die hheren Seelenttigkeiten der hheren Tiere und des Menschen behaupten, fr die Bildung der Vorstellungen und Begriffe, fr die wunderbaren Phnomene der Vernunft und des Bewutseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen entwickelt, und nur der hhere Grad der Zentralisation, durch innige und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu dieser erstaunlichen Hhe. _Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lsung dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese Tatsache ist um so merkwrdiger, als die =Logik=, die Lehre von der Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir alles vergleichen, was ber die Grundbegriffe der Seelenkunde von den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten Ansichten. Was ist denn eigentlich die =Seele=? Wie verhlt sie sich zum =Geist=? Welche Bedeutung hat eigentlich das =Bewutsein=? Wie unterscheiden sich =Empfindung= und =Gefhl=? Was ist der =Instinkt=? Wie verhlt sich der =freie Wille=? Was ist =Vorstellung=? Welcher Unterschied besteht zwischen =Verstand= und =Vernunft=? Und was ist eigentlich =Gemt=? Welche Beziehung besteht zwischen allen diesen Seelenerscheinungen und dem =Krper=? Die Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschlieenden Fragen lauten so verschieden als mglich; nicht allein gehen die Ansichten der angesehensten Autoritten darber weit auseinander, sondern auch eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autoritt hat oft im Laufe ihrer eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten vllig verndert. Sicher hat diese =psychologische= Metamorphose vieler Denker (die wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht. _Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentmliche Natur vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewutseins bedingt gewisse Abnderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, da zu der gewhnlichen, =objektiven=, =uern= Beobachtung noch die =introspektive Methode= treten mu, die =subjektive=, =innere= Beobachtung, welche die Spiegelung unseres Ich im Bewutsein bedingt. Von dieser unmittelbaren Gewiheit des Ich gingen die meisten Psychologen aus: ~Cogito, ergo sum!~ =Ich denke, also bin ich.= Wir werden daher zunchst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf die anderen, ihn ergnzenden Methoden einen Blick werfen. _Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus grte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in unzhligen Schriften ber das menschliche Seelenleben niedergelegt sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf =Selbstbeobachtung=, und auf Schlssen, welche wir aus der Assozion und Kritik dieser subjektiven, inneren Erfahrungen ziehen. Fr einen wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg berhaupt der einzig mgliche, vor allem fr die Erforschung des =Bewutseins=; diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentmliche Stellung ein und ist mehr als jede andere die Quelle unzhliger philosophischer Irrtmer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungengend und fhrt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder berhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn ein groer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hren, Riechen usw.), ferner die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede andere Lebensttigkeit des Organismus, nmlich erstens durch grndliche anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte physiologische Analyse der davon abhngigen =Funktionen=. Um diese uere Beobachtung der Seelenttigkeit auszufhren und dadurch die Ergebnisse der inneren Beobachtung zu ergnzen, bedarf es aber grndlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der Anthropologie haben nun die meisten sogenannten =Psychologen= gar keine oder nur hchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine gengende Vorstellung zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, da die eigene Seele dieser Psychologen gewhnlich die einseitig ausgebildete (wenn auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines =Kulturmenschen= hchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied= einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ltere und niedere Vorlufer fr ihr richtiges Verstndnis unentbehrlich sind. So erklrt es sich, da der grte Teil der gewaltigen psychologischen Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist gewi hchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der Mitwirkung und Ergnzung durch die brigen Methoden. _Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt, je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben =exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen mglichst =genau= empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst scharf, womglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar, vorzglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache um mebare Grenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik, sodann der Astronomie, der Mechanik, berhaupt einem groen Teile der Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig und fhrt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als exakte betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den Geisteswissenschaften gegenberstellt. Denn ebensowenig als diese letzteren kann auch der grere Teil der Naturwissenschaft wirklich exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein Teil der Physiologie ist, mu sie im allgemeinen deren fundamentale Erkenntniswege teilen. Sie mu die tatschlichen Erscheinungen des Seelenlebens mglichst genau =empirisch= ergrnden, durch Beobachtung und durch Experiment; und sie mu dann die Gesetze der Psyche aus diesen durch induktive und deduktive Schlsse ableiten und mglichst scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus leicht begreiflichen Grnden nur sehr selten mglich; sie ist mit groem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgefhrt; fr den weitaus grten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen nicht anwendbar. _Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der erstrebten exakten Untersuchung zugnglich erscheint, ist seit Jahren mit groer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die Begrnder derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst Heinrich Weber=, untersuchten zunchst genau die Abhngigkeit der Empfindungen von den ueren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen und besonders das quantitative Verhltnis zwischen Reizstrke und Empfindungsintensitt. Sie fanden, da zur Erregung einer Empfindung eine bestimmte minimale Reizstrke erforderlich ist (die Reizschwelle), und da ein gegebener Reiz immer um einen gewissen Betrag (die Unterschiedsschwelle) gendert werden mu, ehe die Empfindung sich merklich verndert. Fr die wichtigsten Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehr, Druckempfindung) gilt das Gesetz, da ihre nderung derjenigen der Reizstrke proportional ist. Aus diesem empirischen Weberschen Gesetz leitete =Fechner= sein psycho-physisches Grundgesetz ab, wonach die Empfindungsintensitten in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstrken in geometrischer Progression. Indessen haben sptere Forscher gezeigt, da dieses Fechnersche Gesetz exakt nur fr mittlere Intensitten gilt, also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm frher zuschrieb. _Vergleichende Psychologie._ Die auffllige hnlichkeit, welche im Seelenleben des Menschen und der hheren Tiere -- besonders der nchstverwandten Sugetiere -- besteht, ist eine altbekannte Tatsache. Die meisten Naturvlker machen noch heute zwischen beiden psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied, wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon berzeugt und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, lie in seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder Idee) durch verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem Gottesglauben verknpfte, fhrte die prinzipielle Scheidung zwischen der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einflu von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, da nur der Mensch eine wahre Seele und somit Empfindung und freien Willen besitze, da hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlssigt und das psychologische Studium auf den Menschen beschrnkt; die menschliche, meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen, welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die Begrndung der vergleichenden Anatomie zur Hhe einer philosophischen Naturwissenschaft erhob. _Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse fr das Seelenleben der Tiere wurde erst in der zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts neu belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von =Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen ber die Triebe der Thiere (Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde erst mglich durch =Johannes Mllers= Reform der Physiologie. Dieser geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie und Physiologie, gleichmig umfassend, fhrte zuerst die =exakten Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der Physiologie durch und verknpfte sie zugleich in genialer Weise mit den =vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirnttigkeit) wie auf alle brigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines Handbuchs der Physiologie des Menschen (1840) handelt speziell Vom Seelenleben und enthlt auf 80 Seiten eine Flle der wichtigsten psychologischen Betrachtungen. _Vlkerpsychologie._ Fr die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden Seelenlehre ist es hchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschrnken, sondern auch die mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen =Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Sugetieren und an deren Spitze bis zum Menschen hinauf fhrt. Auch innerhalb des Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr betrchtlich und die Verzweigungen des Seelenstammbaums hchst mannigfaltig. Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der hchsten Stufe ist kolossal, viel grer, als gemeinhin angenommen wird. In der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts die =Anthropologie der Naturvlker= (=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende Ethnographie eine hohe Bedeutung fr die Psychologie gewonnen. Leider ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch nicht gengend kritisch durchgearbeitet. _Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlssigt und am wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am krzesten und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile, Dogmen und Irrtmer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten Seelenfragen fhrt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunchst die beiden Hauptzweige derselben gegenber, die ich zuerst 1866 unterschieden habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte (~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die allmhliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie urschlich bedingen. Fr einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die rationelle =Pdagogik= mute sich ja schon frhzeitig die Aufgabe stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfhigkeit der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung und Leitung sie praktisch durchzufhren hatte. Allein die meisten Pdagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenber auch in der Schule die naturwissenschaftliche Methode zu grerer Geltung gelangt; man bemht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele die Grundstze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch =Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die Erziehung hat die schne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen Blte zu entwickeln. Fr die Kenntnis unserer frhesten psychischen Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in seiner interessanten Schrift Die Seele des Kindes, Beobachtungen ber die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren. Fr die Erkenntnis der spteren Stufen und Metamorphosen der individuellen Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer Leitstern des wissenschaftlichen Verstndnisses zu bewhren. (Vergl. =Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.) _Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode hherer Entwickelung begann fr die Psychologie, wie fr alle anderen biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundstze der Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines epochemachenden Werkes ber die Entstehung der Arten (1859) ist dem =Instinkt= gewidmet; es enthlt den wertvollen Nachweis, da die Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebensttigkeiten, den allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung= umgebildet, und diese erworbenen Abnderungen werden durch =Vererbung= auf die Nachkommen bertragen; bei ihrer Erhaltung und Ausbildung spielt die natrliche =Selektion= durch den Kampf ums Dasein ebenso eine zchtende Rolle wie bei der Transformation jeder anderen physiologischen Ttigkeit. Spter hat =Darwin= in mehreren Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgefhrt und gezeigt, da dieselben Gesetze geistiger Entwickelung durch die ganze organische Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=, die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklrt, gilt also auch fr das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen Organismus bis hinauf zum Menschen. Die weitere Ausfhrung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=. Leider wurde er durch seinen allzu frhen Tod an der Vollendung des groen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden Seelenkunde gleichmig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen sind, gehren zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten =Tatsachen= zusammengefat und geordnet, welche seit Jahrtausenden durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit =objektiver Kritik= geprft und zweckmig gruppiert; und drittens ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlsse= ber die wichtigsten allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundstzen unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) fhrt den Titel: Die geistige Entwickelung im Tierreich und stellt die ganze lange Stufenreihe der psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten Erscheinungen des Bewutseins und der Vernunft bei den hchststehenden Tieren im natrlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten ber den Instinkt von Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine vollstndige Sammlung von allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat, gegeben. Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt die geistige Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen Befhigung (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe fhrt darin den berzeugenden Beweis, =da die psychologische Schranke zwischen Tier und Mensch berwunden ist=; das begriffliche Denken und Abstraktionsvermgen des Menschen hat sich allmhlich aus den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens bei den nchstverwandten Sugetieren entwickelt. Die hchsten Geistesttigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewutsein=, sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der =Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch besitzt keine einzige Geistesttigkeit, welche ihm ausschlielich eigentmlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der nchstverwandten Sugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur quantitativ, nicht qualitativ verschieden. _Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwhnt soll eine merkwrdige Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem eigentmlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung des ursprnglichen =monistischen= Standpunktes mit einem spteren =dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur berzeugung gelangt, da die drei =Gromchte des Mystizismus=: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit -- als Dogmen der =reinen= Vernunft -- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand spter, da diese drei Hauptgespenster Postulate der =praktischen= Vernunft und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene Schule der =Neokantianer= den Rckgang auf =Kant= als einzige Rettung aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte. In Deutschland gilt gegenwrtig als einer der bedeutendsten Psychologen =Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen Philosophen den unschtzbaren Vorzug einer grndlichen =zoologischen=, =anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Frher Assistent und Schler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frhzeitig daran gewhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes Mller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von diesen Gesichtspunkten geleitet, verffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele. Er liefert darin, wie er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, da der Schauplatz der wichtigsten Seelenvorgnge in der =unbewuten Seele= liegt, und er erffnet uns einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewuten Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den ueren Eindrcken stammen. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an =Wundts= Werk erscheint, ist, da er hier zum ersten Male das =Gesetz der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisfhrung benutzt (a. a. O. S. ~VIII~). Dreiig Jahre spter verffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite, wesentlich verkrzte und gnzlich umgearbeitete Auflage seiner Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele. Die wichtigsten Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten vllig aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der Vorrede zur zweiten Auflage, da er sich erst allmhlich von den fundamentalen Irrtmern der ersten befreit habe, und da er diese Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsnde= betrachten lernte; sie lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen mochte, ledig zu werden wnschte. In der Tat sind die wichtigsten Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts= weit verbreiteten Vorlesungen vllig entgegengesetzte; in der ersten Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie= als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundstzen wie die gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreiig Jahre spter ist fr ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden, deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft vllig verschieden sind. Den schrfsten Ausdruck findet diese Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=, wonach zwar einem jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische Vorgnge entsprechen, beide aber vllig unabhngig voneinander sind und =nicht in natrlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen Naturforscher bekannt wird, der frher die entgegengesetzten Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf diesem letzteren, beschrnkten Standpunkt seit mehr als fnfzig Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von ihm habe losmachen knnen, mu ich natrlich die Jugendsnden des jungen Physiologen =Wundt= fr die richtige Naturerkenntnis halten und sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen =Wundt= energisch verteidigen. Ein interessantes Beispiel hnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei der berhmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=; die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so weniger bersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre hindurch an der grten Universitt Deutschlands eine hchst bedeutende Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden Einflu auf das moderne Geistesleben gebt haben. =Rudolf Virchow=, der verdienstvolle Begrnder der Zellularpathologie, war in der besten Zeit seiner wissenschaftlichen Ttigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts (und besonders whrend seines Wrzburger Aufenthalts, von 1849 1856) reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten Vertreter jenes neu erwachenden =Materialismus=, der im Jahre 1855 besonders durch zwei berhmte, fast gleichzeitig erschienene Werke eingefhrt wurde: =Ludwig Bchners= Kraft und Stoff, und =Carl Vogts= Khlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen Anschauungen von den Lebensvorgngen im Menschen -- smtlich als mechanische Naturerscheinungen aufgefat! -- legte damals =Virchow= in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bnden des von ihm herausgegebenen Archivs fr pathologische Anatomie nieder. Wohl die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfate, ist die Rede ber Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizin (1849). Es geschah gewi mit Bedacht und mit der berzeugung ihres philosophischen Wertes, da =Virchow= 1856 dieses medizinische Glaubensbekenntnis an die Spitze seiner Gesammelten Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medizin stellte. Er vertritt darin ebenso klar als bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie ich sie hier mit bezug auf die Lsung der Weltrtsel darstelle; er verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren einzige zuverlssige Quellen Sinnesttigkeit und Gehirnfunktion sind; er bekmpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede sogenannte Offenbarung und jede Transzendenz mit ihren zwei Wegen: Glauben und Anthropomorphismus. Vor allem betont er den monistischen Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist und Krper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht er (S. 4) den Satz aus: Ich habe die berzeugung, da ich mich niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen. Leider war diese berzeugung ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre spter vertrat Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah dies in jener vielbesprochenen Rede ber Die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung in Mnchen hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift Freie Wissenschaft und freie Lehre (1878) zurckgewiesen habe. hnliche Widersprche in bezug auf die wichtigsten philosophischen Grundstze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der ~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berhmte Rhetor der Berliner Akademie im allgemeinen die Grundstze unseres Monismus vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen =Ignorabimus-Rede= das Bewutsein als ein unlsbares Weltrtsel hingestellt und als eine bernatrliche Erscheinung den anderen Gehirnfunktionen gegenbergestellt hatte. Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den psychologischen Metamorphosen dieser und anderer berhmter Denker entgegentritt, ist sehr merkwrdig. In ihrer Jugend umfassen diese khnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach einem einheitlichen, natrlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter haben sie eingesehen, da dieser nicht vollkommen erreichbar ist, und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser psychologischen Metamorphose knnen sie natrlich anfhren, da sie in der Jugend die Schwierigkeiten der groen Aufgabe bersehen und die wahren Ziele verkannt htten; erst mit der reiferen Einsicht des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen htten sie sich von ihren Irrtmern berzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, da die groen Mnner der Wissenschaft in jngeren Jahren unbefangener und mutiger an ihre schwierige Aufgabe herantreten, da ihr Blick freier und ihre Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen spterer Jahre fhren vielfach nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trbung der Einsicht, und mit dem Greisenalter tritt allmhliche Rckbildung ebenso im Gehirn wie in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen Formen des Gesinnungswechsels, da die hchsten Seelenfunktionen ebenso wesentlichen individuellen Vernderungen im Laufe des Lebens unterliegen wie alle anderen Lebensttigkeiten. =Siebentes Kapitel.= _Stufenleiter der Seele._ Monistische Studien ber vergleichende Psychologie. Psychologische Stufenleiter. Instinkt und Vernunft. Die groartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der berzeugung gefhrt, da das organische Leben in allen Abstufungen, vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf, aus denselben elementaren Naturkrften sich entwickelt, aus den Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Psychologie wird daher knftig nicht, wie bisher, die ausschlielich subjektive und introspektive Zergliederung der hchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich der menschliche Geist allmhlich aus einer langen Reihe von niederen tierischen Zustnden entwickelt hat. Die schne Aufgabe, die einzelnen Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff genommen worden. _Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne Ausnahme sind verknpft mit materiellen Vorgngen in der lebendigen Substanz des Krpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben jenen Teil des letzteren, der als der Trger der Psyche erscheint, als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes Wesen, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff fr die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= Seele ist in diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff Stoffwechsel oder Zeugung. Beim Menschen und den hheren Tieren ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems, das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden Auslufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das Psychoplasma noch nicht zur selbstndigen Differenzierung gelangt, ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma= desselben. In allen Fllen, ebenso auf dieser niedersten wie auf jener hchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich, wenn die Seele arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren Seelenttigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane und des Gehirns bei den hheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit des Psychoplasma, die wir Seele nennen, ist stets mit Stoffwechsel verknpft. _Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkrper ohne Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustnde der umgebenden Auenwelt und reagieren darauf durch gewisse Vernderungen in ihrem Innern. Licht und Wrme, Schwerkraft und Elektrizitt, mechanische Prozesse und chemische Vorgnge in der Umgebung wirken als =Reize= auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Vernderungen in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner =Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fnf Grade: ~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze =Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der zweiten Stufe beginnen sich an der Oberflche des Krpers einfachste =Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und Pigmentflecken, als Vorlufer von Tastorganen und Augen; so bei einem Teile der hheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane= entwickelt, mit eigentmlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und Wrmesinnes, des Gehrs und Gesichts. Die spezifische Energie dieser hheren Sinnesorgane ist keine ursprngliche Eigenschaft, sondern durch funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~. Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems= und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion der frheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen Vorstellungen, die zunchst noch unbewut bleiben, so bei vielen niederen und hheren Tieren. ~V~. Auf der fnften Stufe bildet sich im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle fr die empfangenen Eindrcke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewute Empfindung; hnliche Organe besitzen alle hheren Wirbeltiere und unter den Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt. _Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkrper ohne Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen =Psychoplasma= Lagevernderungen der Teilchen aus inneren Ursachen statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begrndet sind. Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu erschlieen. Wir unterscheiden fnf Abstufungen derselben. ~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam zukommen. Sie geschehen gewhnlich so langsam, da man sie nicht unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate erschlieen kann, aus der Vernderung in Gre und Gestalt des wachsenden Krpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren, Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches Gewicht= verndern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung oder Ausstoung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, fhren Bewegungen von Blttern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels= aus, d. h. es verndert sich die Spannung des Protoplasmas und damit auch dessen Druck auf die umschlieende elastische Zellenwand. ~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die =Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsvernderungen der Krperoberflche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen Zustnden oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase= (Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden ~Va~: die =amboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen, Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die hnlichen =Plasmastrmungen= im Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung= (Geielbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen, Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den meisten Tieren). _Reflexe._ Die elementare Seelenttigkeit, welche durch die Verknpfung von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung -- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als =Reizbewegung= bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit (Irritabilitt). Jede physikalische oder chemische Vernderung der umgebenden Auenwelt kann unter Umstnden auf das Psychoplasma als Reiz wirken und eine Bewegung hervorrufen oder auslsen. Wir werden spter sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslsung= die einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschliet an hnliche mechanische Bewegungsvorgnge in der anorganischen Natur (z. B. bei der Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Sto). _Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied, den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen (~Histonen~) machen, gilt auch fr deren elementare Seelenttigkeit, fr die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= luft der ganze Proze des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle ab; die =Zellseele= derselben erscheint noch als eine einheitliche Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei =Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelenttigkeit, der =zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger enger Verbindung, oft direkt durch fadenfrmige Plasmabrcken. Ein Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird durch die Verbindungsbrcken den brigen mitgeteilt und kann alle zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Whrend man frher irrtmlich annahm, da die Zellen der Pflanzengewebe ganz isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt berall feine Plasmafden nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre lebendigen Plasmakrper in materiellem und psychologischem Zusammenhang erhalten. So erklrt es sich, da die Erschtterung der empfindlichen Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes bertrgt und ihre zarten Fiederbltter zum Zusammenlegen, die Blattstiele zum Herabsinken veranlat. _Reflex und Bewutsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewut werden, kann eine allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewutsein wissen wir eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns aber zu der Annahme, da diejenigen Tiere, die einen hnlichen Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch in hnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewutwerden ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffer (~Cephalopoden~) in Betracht. _Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewutseins sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewutsein kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr bei allen Organismen an, ohne da wir ihnen ein dem unseren hnliches klar bewutes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die Vorstellung als das =innere Bild= des ueren Objektes, welches durch die Empfindung bermittelt ist. ~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten knnen Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese knnen vom Gedchtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet. Die Produktion dieses spezifischen, oft hchst verwickelt gebauten Skeletts durch eine hchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle ist nur dann erklrlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fhigkeit der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion des plastischen Distanzgefhls, wie ich in meiner Psychologie der Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121). ~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Znobien oder Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen) begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht. Da einmalige Reize nicht blo eine vorbergehende Bewegung eines Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslsen, sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem spter reproduziert werden kann, so mssen wir zur Erklrung dieser Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen. ~III~. =Unbewute Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, hhere Stufe der Vorstellung ist die hufigste Form dieser Seelenttigkeit im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens auf bestimmte Seelenzellen oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich, seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer hheren Stufen. ~IV~. =Bewute Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den hchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt sich das Bewutsein als eine besondere Funktion eines bestimmten Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewute werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der bewuten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen hchsten psychischen Funktionen befhigt, welche wir als =Denken= und berlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den lteren, unbewuten und den jngeren, bewuten Vorstellungen hchst schwierig ist, knnen wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, da die letzteren aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir drfen bewutes und vernnftiges Denken nicht nur bei den hchsten Formen des Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Sugetiere, ein Teil der niederen Vertebraten), sondern auch bei den hchstentwickelten Vertretern anderer Tierstmme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und hhere Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren). _Stufenleiter des Gedchtnisses._ Eng verknpft mit der Stufenleiter in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedchtnisses; diese hchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen =Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrcke im Plasma, welche der Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen= in den =aktuellen= Zustand ber. Entsprechend den vier Stufen der Vorstellung knnen wir auch beim Gedchtnis vier Hauptstufen der aufsteigenden Entwickelung unterscheiden. ~I~. _Zellulargedchtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung das Gedchtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie bezeichnet und die hohe Bedeutung dieser Seelenttigkeit hervorgehoben, der wir fast alles verdanken, was wir sind und haben (1870). Ich habe spter (1876) diesen Gedanken weiter ausgefhrt und in seiner fruchtbaren Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begrnden versucht, in meiner Abhandlung ber Die Perigenesis der Plastidule oder die Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen Erklrung der elementaren Entwickelungsvorgnge. Ich habe dort das unbewute Gedchtnis als eine allgemeine, hchst wichtige Funktion aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen Molekle oder Moleklgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=, von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die =lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedchtnis; das ist der Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann sagen: =Die Erblichkeit ist das Gedchtnis der Plastidule=, hingegen die Variabilitt ist die Fassungskraft der Plastidule. Das elementare Gedchtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem molekularen Gedchtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Fr die erstaunlichen Leistungen des unbewuten Gedchtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und regelmige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette; besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter den Protozoen liefern dafr eine Flle von interessanten Beispielen. In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von =Richard Semon=, 1904: Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Geschehens). ~II~. _Histonalgedchtnis._ Ebenso interessante Beweise fr die zweite Stufe der Erinnerung, fr das unbewute Gedchtnis der =Gewebe=, liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Krper der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=, jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von Znobien bei den sozialen Protisten beginnt. ~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das =unbewute Gedchtnis= derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen, als Reproduktion der entsprechenden unbewuten Vorstellungen zu betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind. Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedchtnis unbewut. Aber auch beim Menschen und den hheren Tieren, denen wir Bewutsein zuschreiben mssen, sind die tglichen Funktionen des unbewuten Gedchtnisses ungleich hufiger und mannigfaltiger als diejenigen des bewuten; davon berzeugt uns leicht eine unbefangene Prfung von tausend unbewuten Ttigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., tglich vollziehen. ~IV~. Das =bewute Gedchtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen beim Menschen und den hheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher nur als eine spt entstandene =innere Spiegelung=, als die hchste Blte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewute Vorgnge in den Ganglienzellen abspielten. _Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen, welche man gewhnlich als Assoziation der Ideen (oder krzer Assozion) bezeichnet, durchluft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den niedersten bis zu den hchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser Ideenassozion sind uerst mannigfaltig; trotzdem aber fhrt eine sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmhlicher Entwickelung von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf. Alles hhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und je naturgemer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert, ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nchterner Betrachtung =unvernnftig=. Ganz besonders gilt dies von den bernatrlichen =Gestalten des Glaubens=, dem Geisterspuk des Spiritismus und Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des Glaubens und der angeblichen Offenbarung werden vielfach als die wertvollsten Geistesgter des Menschen hochgeschtzt. _Instinkte._ Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings auch heute noch viele Anhnger besitzt, betrachtete das Seelenleben des Menschen und der Tiere als gnzlich verschiedene Erscheinungen; sie leitete das erstere von der =Vernunft=, das letztere von dem =Instinkt= ab. Der traditionellen Schpfungsgeschichte entsprechend nahm man an, da jeder Tierart bei ihrer Schpfung eine bestimmte, unbewute Seelenqualitt vom Schpfer eingepflanzt sei, und da dieser =Naturtrieb= (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso unvernderlich sei wie deren krperliche Organisation. Nachdem schon =Lamarck= (1809) bei Begrndung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollstndig widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende wichtige Lehrstze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell verschieden und ebenso der Abnderung durch =Anpassung= unterworfen wie die morphologischen Merkmale der Krperbildung. ~II~. Diese Variationen (groenteils durch vernderte Gewohnheiten entstanden) werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen bertragen und im Laufe der Generationen gehuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion= (ebenso die knstliche wie die natrliche) trifft unter diesen erblichen Abnderungen der Seelenttigkeit eine Auswahl, sie erhlt die zweckmigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen. ~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters fhrt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur Entstehung neuer Spezies. Dies gilt fr smtliche Protisten und Pflanzen ebenso wie fr smtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte treten aber bei letzteren um so mehr zurck, je mehr sich auf ihre Kosten die =Vernunft= entwickelt. _Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflchlichen, mit dem Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche nur im Menschen eine wahre Seele anerkennen, wird auch ihm allein als hchstes Gut die =Vernunft= und das Bewutsein zugeschrieben. Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten Jahrzehnte grndlich widerlegt. Die hheren Wirbeltiere besitzen ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmhlichen Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=, =Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda, Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel grer als die Differenz zwischen der Vernunft dieser letzteren und der vernnftigsten Sugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw. _Sprache._ Der hhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand und Vernunft, welcher den Menschen so hoch ber die Tiere erhebt, ist eng verknpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier, wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar, welche ununterbrochen von den niedersten zu den hchsten Bildungsstufen hinauffhrt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschlieliches Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein gemeinsamer Vorzug aller hheren =sozialen Tiere=, mindestens aller Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verstndigung, zur Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berhrung oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Tne, welche bestimmte Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvgel und der singenden Menschenaffen (~Hylobates~) gehrt zur Lautsprache, ebenso wie das Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine Vernunft zu so viel hheren Leistungen befhigt. Die =vergleichende Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten Sprachen der verschiedenen Vlker sich aus wenigen einfachen Ursprachen langsam und allmhlich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat berzeugend dargetan, da die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen der hheren Tiere verschieden ist. _Stufenleiter der Gemtsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe von Seelenttigkeiten, welche wir unter dem Begriffe =Gemt= zusammenfassen, spielt eine groe Rolle ebenso in der theoretischen wie in der praktischen Vernunftlehre. Fr unsere Betrachtungsweise sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag, Sinnesttigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird hier besonders das Widernatrliche und Unhaltbare jener Philosophie klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen will. Alle die zahlreichen uerungen des Gemtslebens, welche wir beim Menschen finden, kommen auch bei den hheren Tieren vor (besonders bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden =Elementarfunktionen der Psyche= zurckfhren, auf Empfindung und Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung. Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehrt das =Gefhl von Lust und Unlust=, welches das Gemt bestimmt, und ebenso gehrt auf der anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und Abneigung= (Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust und nach Vermeiden der Unlust. Anziehung und Abstoung erscheinen hier zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche eine so groe Rolle im hheren Seelenleben des Menschen spielen, sind nur Steigerungen der Gemtsbewegungen und Affekte. Da auch diese den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden wir bei allen Protisten jene elementaren Gefhle von Lust und Unlust, welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= uern, in dem =Streben= nach Licht oder Dunkelheit, nach Wrme oder Klte, in dem verschiedenen Verhalten gegen positive und negative Elektrizitt. Auf der hchsten Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene feinsten Gefhlstne und Abstufungen von Entzcken und Abscheu, von Liebe und Ha, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die unerschpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine zusammenhngende Kette von allen denkbaren bergangsstufen jene primitivsten Urzustnde des Gemts im =Psychoplasma= der einzelligen Protisten mit diesen hchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Grohirnrinde abspielen. _Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne als =kosmologisches= Attribut betrachtet: die =Welt= als Wille und Vorstellung (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein =anthropologisches= Attribut, als eine ausschlieliche Eigenschaft des Menschen; letzteres gilt z. B. fr =Descartes=, fr welchen die Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewhnlichen Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkrlichen Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelenttigkeit der meisten Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir -- ebenso wie bei der Empfindung -- zur berzeugung, da er eine allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist. _Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen Willens ist unter allen Weltrtseln dasjenige, welches den denkenden Menschen von jeher am meisten beschftigt hat, und zwar deshalb, weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage zugleich die wichtigsten Folgerungen fr die praktische Philosophie verknpfen, fr die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E. =Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter seinen sieben Weltrtseln behandelt, sagt daher von dem Problem der Willensfreiheit mit Recht: Jeden berhrend, scheinbar jedem zugnglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religisen berzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine Rolle von unermelicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab. -- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, ber welchen lngere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube der Bibliotheken modern. -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch darin klar zutage, da =Kant= die berzeugung von der Willensfreiheit unmittelbar neben diejenige von der Unsterblichkeit der Seele und neben den Glauben an Gott stellte. Er bezeichnete diese drei groen Fragen als die drei unentbehrlichen =Postulate der praktischen Vernunft=, nachdem er vorher in der =Kritik der reinen Vernunft= klar dargelegt hatte, da ihre Annahme vllig unbegrndet ist. Das Merkwrdigste in dem groartigen und hchst verworrenen Streite ber die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, da dieselbe theoretisch nicht nur von hchst kritischen Philosophen, sondern auch von den extremsten Gegenstzen verneint und trotzdem von den meisten Menschen als selbstverstndlich noch heute bejaht wird. Hervorragende Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt wie die bekanntesten Fhrer des reinen Materialismus, =Holbach= im 18. und =Bchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes und die Prdestination unvereinbar ist; Gott, der Allmchtige und Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wre Gott nicht allmchtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch =Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen Weltanschauung. Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=, zwischen den Gegnern und den Anhngern der Willensfreiheit, ist heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgltig zugunsten der ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei als derjenige der hheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, nicht der Art nach unterscheidet. Whrend noch im 18. Jahrhundert das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen, philosophischen und kosmologischen Grnden bestritten wurde, hat uns dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken. Wir wissen jetzt, da jeder Willensakt ebenso durch die Organisation des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen Bedingungen der umgebenden Auenwelt abhngig ist wie jede andere Seelenttigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschlu zum jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen Umstnde gegeben, wobei das strkste Motiv den Ausschlag gibt, entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemtsbewegungen bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen. =Achtes Kapitel.= _Keimesgeschichte der Seele._ Monistische Studien ber ontogenetische Psychologie. Entwickelung des Seelenlebens im individuellen Leben der Person. Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffat -- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist fr unsere monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl die meisten Psychologen von Fach ihr teils nur geringe, teils gar keine Bercksichtigung schenken. Wie nun die individuelle Entwickelungsgeschichte der wahre Lichttrger fr alle Untersuchungen ber organische Krper ist, so wird sie auch ber die wichtigsten Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anznden. Obgleich nun diese Keimesgeschichte der Menschenseele uerst wichtig und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschrnktem Umfange die verdiente Bercksichtigung gefunden. Es waren bisher fast ausschlielich die =Pdagogen=, welche sich mit einem Teile derselben beschftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die Ausbildung der Seelenttigkeit beim Kinde zu leiten und zu berwachen, muten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pdagogen in der Neuzeit wie im Altertum grtenteils im Banne der herrschenden dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Auerdem aber betrafen ihre Beobachtungen grtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die merkwrdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer= (1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift ber Die Seele des Kindes; Beobachtungen ber die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren. Indessen mssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen, noch weiter zurckgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im befruchteten Ei. _Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19. Jahrhunderts fr ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren Hand kritischer Beobachtung gezeigt, da bei der Entwickelung des Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe der merkwrdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten Dogma der embryonalen =Prformation= fest. Nach diesem nahm man an, da im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder prformiert sei; die Entwickelung des Keimes bestehe eigentlich nur in einer Auswickelung der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als notwendiger Folgeschlu dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin die oben erwhnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der =Ovulisten=schule stand gegenber eine andere, ebenso irrtmliche Ansicht, die der =Animalkulisten=; diese glaubten, da der eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern in der mnnlichen Spermazelle des Vaters liege, und da in diesem Samentierchen die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei. =Leibniz= bertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete fr sie eine wahre Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie fr den Krper und sagte in seiner Theodicee: So sollte ich meinen, da die Seelen, welche eines Tages menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies, dagewesen sind; da sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Krper existiert haben. hnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19. Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den Todessto versetzte. _Mythologie des Seelenursprungs._ Die nheren Aufschlsse, welche wir durch die vergleichende Ethnologie neuerdings ber die mannigfaltigen Mythenbildungen der lteren Kulturvlker sowohl als der heutigen Naturvlker gewonnen haben, sind auch fr die Psychogenie von groem Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes knnen die Mythen ber den Seelenursprung etwa folgendermaen in fnf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=: die Seele lebte frher im Krper eines anderen Tieres und ist erst aus diesem in den menschlichen Krper bergetreten; die gyptischen Priester z. B. behaupteten, da die menschliche Seele nach dem Tode des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren aber wieder in einen Menschenleib zurckkehre. ~II~. Mythus der =Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbstndig an einem anderen Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf= oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler, oft als Klapperstorch gedacht) geholt und in den menschlichen Krper eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschpfung=: der gttliche Schpfer, als persnlicher Gott-Vater gedacht, erschafft die Seelen, hlt sie vorrtig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem Seelenbaum; der Schpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (whrend des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der =Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwhnt). ~V~. Mythus der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den Krper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mtterliche Seelenkeim lebt in der Eizelle, der vterliche in dem beweglichen Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen immateriellen Seele zusammen. _Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angefhrten Dichtungen ber die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die bewunderungswrdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten Dezennien ber die feineren Vorgnge bei der Befruchtung und Keimung des Eies ausgefhrt worden sind, haben ergeben, da diese mysterisen Erscheinungen smtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie= gehren. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der mnnliche Befruchtungskrper, das Spermium oder Samentierchen, sind =einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der =Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das Vermgen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder das Urei bewegt sich nach Art einer =Ambe=; die sehr kleinen Samenkrperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen des schleimartigen, mnnlichen Samens sich finden, sind Geielzellen und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geiel ebenso lebhaft schwimmend im Sperma umher wie die gewhnlichen =Geielinfusorien= (~=Flagellaten=~). Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen, oder wenn sie durch knstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in Berhrung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnesttigkeit des Plasma, die wir als =erotischen Chemotropismus= bezeichnen. Man kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der Romanliebe) Zellenwahlverwandtschaft oder sexuelle =Zellenliebe= nennen. Zahlreiche Geielzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Krper einzudringen. Es gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glcklichen Bewerber, das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte Samentierchen mit seinem Kopfe (d. h. dem Zellenkern) in den Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dnne Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer mnnlicher Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die Eizelle in Kltestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel (Chloroform, Morphium, Nikotin) betubt, unterbleibt die Bildung dieser Schutzhlle; dann tritt =berfruchtung oder Polyspermie= ein, und zahlreiche Samenfden bohren sich in den Leib der bewutlosen Zelle ein. Diese merkwrdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgnge, die gleich darauf sich in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche Eikern und der mnnliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nhern sich und verschmelzen bei der Berhrung vollstndig miteinander. So ist denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden, welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der ganze vielzellige Organismus hervorgeht. Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwrdigen =Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind beraus wichtig und bisher nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewrdigt. Wir fassen die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fnf Stzen zusammen: ~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere hhere Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese Stammzelle entsteht berall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs, der weiblichen Eizelle und der mnnlichen Spermazelle. ~III~. Beide Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene Zellseele, d. h. beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfngnis verschmelzen nicht nur die Plasmakrper der beiden Geschlechtszellen und ihre Kerne, sondern auch ihre Seelen; d. h. die in ihnen enthaltenen psychischen Anlagen (oder Spannkrfte) vereinigen sich zum Seelenkeim der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der Kern der Eizelle bertrgt einen Teil der mtterlichen, der Kern der Spermazelle einen Teil der vterlichen Eigenschaften. Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der Empfngnis oder Konzeption wird ferner die hchst wichtige Tatsache festgestellt, da jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen Existenz= hat; die vllige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Krper der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre Seele. Durch diese Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit der Seele= widerlegt, auf den wir spter zurckkommen. Ferner wird dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, da der Mensch seine individuelle Existenz der Gnade des liebenden Gottes verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein auf dem =Eros= seiner beiden Eltern, auf jenem mchtigen, allen vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher zu deren Begattung fhrt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen Prozesse ist aber nicht, wie man frher annahm, die Umarmung oder die damit verknpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die Einfhrung des mnnlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanle. Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren mglich, da der befruchtende Samen mit der abgelsten Eizelle zusammenkommt (was beim Menschen gewhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen, wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert, und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall berlassen; dann fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene zusammengesetzten psychischen Funktionen des Liebeslebens hinweg, die bei hheren Tieren eine so groe Rolle spielen. Daher fehlen auch allen niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die =Darwin= als sekundre Sexualcharaktere bezeichnet hat, die Produkte der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvgel und vieler Hhnervgel, sowie viele andere Auszeichnungen der Mnnchen, welche den Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Blsche=, Liebesleben der Natur, 3 Bnde, 1901.) _Vererbung der Seele._ Unter den angefhrten Folgeschlssen der =Konzeptionsphysiologie= ist fr die Psychologie ganz besonders wichtig die =Vererbung der Seelenqualitten von beiden Eltern.= Da jedes Kind besondere Eigentmlichkeiten des Charakters, Temperament, Talent, Sinnesschrfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, da auch psychische Eigenschaften von beiderlei Groeltern durch Vererbung bertragen werden; ja, hufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr mit den Groeltern als mit den Eltern berein. Alle die merkwrdigen =Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gltigkeit fr die besonderen Erscheinungen der Seelenttigkeit wie der Krperbildung; ja, sie treten uns hufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer entgegen, als an der letzteren. Nun ist ja an sich das groe Gebiet der =Vererbung=, fr dessen ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche Verstndnis erffnet hat, reich an dunkeln Rtseln und physiologischen Schwierigkeiten; wir drfen nicht beanspruchen, da uns schon jetzt alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben wir doch schon sicher gewonnen, da wir die =Vererbung als eine physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der Ttigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknpft ist; und wie alle anderen Lebensttigkeiten mssen wir auch diese schlielich auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma= zurckfhren. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung selbst genau; wir wissen, da dabei ebenso der Spermakern die vterlichen, wie der Eikern die mtterlichen Eigenschaften auf die neugebildete Stammzelle bertrgt. Die Vermischung beider Zellkerne ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das neugebildete Individuum bertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute herrschenden Schulen ratlos gegenber, whrend sie sich durch unsere monistische Psychogenie in einfachster Weise erklren. _Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache, auf welche es fr die richtige Beurteilung der individuellen Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuitt der Psyche= in der Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfngnis auch tatschlich ein neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich seiner geistigen noch leiblichen Qualitt eine unabhngige Neubildung, sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollstndig zur Bildung einer neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen Trger dieser psychischen Spannkrfte sind, zu einem neuen =Zellkern= sich verbinden. Da wir nun sehen, da die Individuen einer und derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfgige Unterschiede zeigen, so mssen wir annehmen, da solche auch schon in der chemischen Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind. _Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke der Empfngnis zunchst auch nur die besonderen Eigenschaften der beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen Zellkerne erblich bertragen werden, so kann damit doch zugleich der erbliche psychische Einflu lterer, oft weit zurckliegender Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der =latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso fr die Psyche wie fr die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zgen des Seelenlebens, im Besitze bestimmter knstlerischer Talente oder Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Groeltern als den Eltern; nicht selten tritt auch ein aufflliger Charakterzug hervor, den weder diese noch jene besaen, der aber in einem lteren Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in diesen merkwrdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze fr die Psyche wie fr die Physiognomie, fr die individuelle Qualitt der Sinnesorgane, wie fr die der Muskeln, des Skeletts und anderer Krperteile. Am aufflligsten knnen wir dieselben in regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren hervorragende Ttigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen usw., und nicht minder bei den rmischen Zsaren. _Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der =Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der =phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine Geltung fr die =Psychologie= wie fr die =Morphologie=. Wie bei allen anderen Organismen, so ist auch beim Menschen =die Keimesgeschichte ein Auszug der Stammesgeschichte=. Diese gedrngte und abgekrzte Rekapitulation ist um so vollstndiger, je mehr durch bestndige Vererbung die ursprngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~) beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollstndiger, je mehr durch wechselnde Anpassung die sptere =Strungsentwickelung= (~Cenogenesis~) eingefhrt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag). Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele anwenden, mssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, da stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind. Denn beim Menschen wie bei allen hheren Tieren und Pflanzen haben im Laufe der phyletischen Jahrmillionen so betrchtliche Strungen oder =Zenogenesen= sich ausgebildet, da dadurch das ursprngliche reine Bild der =Palingenese= oder des Geschichtsauszuges stark getrbt und verndert erscheint. Whrend einerseits durch die Gesetze der gleichzeitigen und gleichrtlichen Vererbung die =palingenetische= Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze der abgekrzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch= verndert. Zunchst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelenttigkeit, die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist. Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig gebrenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgendert, weil die volle Ausbildung des Keimes hier lngere Zeit innerhalb des mtterlichen Krpers stattfindet. Wir mssen daher als zwei Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der Seele. _Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt sich normalerweise im Mutterleibe whrend des Zeitraumes von neun Monaten. Whrend dieser Zeit ist er vollkommen von der Auenwelt abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des mtterlichen Fruchtbehlters (~Uterus~) geschtzt, sondern auch durch die besonderen Fruchthllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen drei hheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien, Vgeln und Sugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den ltesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst in der Permperiode (gegen Ende des palozoischen Zeitalters) erworben wurden, als diese hheren Wirbeltiere sich an das bestndige Landleben und die Luftatmung gewhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre lteren Vorfahren, die Fische. Bei diesen lteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besa die Keimesgeschichte noch in viel hherem Grade den palingenetischen Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der Salamander und Frsche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres freien Wasserlebens den Krperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich an das Landleben gewhnen, verwandelt sich ihr fischhnlicher Krper in das vierfige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung im Wasser tritt die ausschlieliche Luftatmung durch Lungen, und mit der vernderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat, Nervensystem und Sinnesorgane, einen hheren Grad der Ausbildung. Die schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch die Lebensweise und Seelenttigkeit des Fisches und erlangt erst durch ihre Verwandlung diejenige des Frosches. Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschlu in die schtzenden Eihllen dem direkten Einflusse der Auenwelt ganz entzogen und jeder Wechselwirkung mit derselben entwhnt. Auerdem aber bietet die besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel gnstigere Bedingungen fr zenogenetische Abkrzung der palingenetischen Entwickelung. Vor allem gehrt dahin die vortreffliche Ernhrung des Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vgeln und Monotremen (den eierlegenden Sugetieren) durch den groen gelben Nahrungsdotter, welcher dem Ei beigegeben ist, bei den brigen Sugetieren hingegen (den lebendig gebrenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das Blut der Mutter, welches durch die Blutgefe des Dottersackes und der Allantois dem Keime zugefhrt wird. Bei den hchstentwickelten =Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmige Ernhrungsform durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den hchsten Grad der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich whrend dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Kfer usw.). Hier ist der =Puppenschlaf=, whrend dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter derjenigen Stufe steht, welche spter (nach dem Puppenschlaf) das vollendete, geflgelte und geschlechtsreife Insekt zeigt. _Postembryonale Psychogenie._ Die Seelenttigkeit des Menschen durchluft whrend seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den meisten hheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die wichtigsten derselben knnen wir wohl folgende fnf Hauptabschnitte unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen des Selbstbewutseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele des Knaben und des Mdchens bis zur Pubertt (zum Erwachen des Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jnglings und der Jungfrau bis zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der Ideale), 4. die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der vollen Reife und der Familiengrndung), 5. die Seele des Greises und der Greisin (Periode der Rckbildung). Das Seelenleben des Menschen durchluft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rckbildung wie jede andere Lebensttigkeit des Organismus. =Neuntes Kapitel.= _Stammesgeschichte der Seele._ Monistische Studien ber phylogenetische Psychologie. Entwickelung des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen. Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns berzeugt, da unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe tierischer Vorfahren durch allmhliche Umbildung im Laufe vieler Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun das Seelenleben des Menschen von seinen brigen Lebensttigkeiten nicht trennen knnen, vielmehr zu der berzeugung von der einheitlichen Entwickelung unseres ganzen Krpers und Geistes gelangt sind, so ergibt sich auch fr die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe, die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele stufenweise zu verfolgen. Die Lsung dieser Aufgabe versucht unsere Stammesgeschichte der Seele oder die =Phylogenie der Psyche=. Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten Fachpsychologen bestritten wird, mssen wir fr sie dennoch die allerhchste Wichtigkeit und das grte Interesse in Anspruch nehmen. Denn nach unserer festen berzeugung ist die =phyletische= Psychologie vor allem berufen, uns das groe Weltrtsel vom Wesen und der Entstehung unserer Seele zu lsen. _Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft fr viele noch kaum erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinfhren sollen, sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende Anatomie, Physiologie und Ontogenie von hchstem Werte. Aber auch die Palontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Sttzpunkten; denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten berreste der Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung ihrer Seelenttigkeit. Freilich sind wir hier, wie berall bei phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen gezwungen, um die Lcken der empirischen Stammesurkunden auszufllen; aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung, da wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf gewinnen knnen. _Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende Psychologie des Menschen und der hheren Tiere lt uns zunchst in den hchsten Gruppen der Sugetiere, bei den =Herrentieren=, die wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie der =Sugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns die lange Reihe der lteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese Wirbeltiere stimmen berein in der Struktur und Entwickelung ihres charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Da dieses sich aus einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien= zu lehren. Weiter zurckgehend erfahren wir durch die vergleichende Ontogenie, da dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des ueren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden ist; bei diesen ltesten Plattentieren, die noch kein gesondertes Nervensystem besaen, wirkt die uere Hautdecke als universales Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte berzeugen wir uns endlich, da diese einfachsten Metazoen durch Gastrulation aus =Blastaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprnglich aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind. ~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die ltesten Vorfahren des Menschen, wie aller brigen Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der embryologischen =Tatsache=, da jeder Mensch, wie jedes andere Tier, im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die =Stammzelle=. Wie diese schon von Anfang an =beseelt= war, so auch jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ltesten Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten vertreten war. ber die Seelenttigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten; sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier ein neues Gebiet voll hchst interessanter Erscheinungen erffnet. Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gesttzten =Psychophysiologischen Protistenstudien=. Auch die wenigen lteren Beobachtungen ber das Seelenleben der Protisten sind darin zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen berzeugung, da bei allen Protisten die unbewuten Vorgnge der Empfindung und Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst zusammenfallen, und da ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der =Plasmamolekle= (der Plastidule) zu suchen sind. Die psychischen Vorgnge im Protistenreich sind daher die Brcke, welche die chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der hchsten Tiere verbindet; sie reprsentieren den Keim der hchsten psychischen Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen. Die sorgfltigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von =Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern, liefern die bndigen Beweise fr meine monistische =Theorie der Zellseele= (1866). Gesttzt auf eigene langjhrige Untersuchungen von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien, hatte ich den Satz aufgestellt, da jede lebendige Zelle psychische Eigenschaften besitzt, und da also auch das Seelenleben der vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen. Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle= Zellen des Krpers gleichmig (oder mit geringen Unterschieden) daran beteiligt; in den hheren Gruppen dagegen, entsprechend den Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben, die Seelenzellen. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser =Zellular-Psychologie= hatte ich teils 1876 in meiner Schrift ber die Perigenesis der Plastidule errtert, teils 1877 in meiner Mnchner Rede ber die heutige Entwickelungslehre im Verhltnis zur Gesamtwissenschaft. Eine mehr populre Darstellung enthalten meine beiden Wiener Vortrge (1878) ber Ursprung und Entwickelung der Sinneswerkzeuge und ber Zellseelen und Seelenzellen. Die einfache =Zellseele= zeigt brigens schon innerhalb des Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen Seelenzustnden. Bei den ltesten und einfachsten Protisten ist das Vermgen der Empfindung und Bewegung gleichmig auf das ganze Plasma des homogenen Krperchens verteilt; bei den hheren Formen dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere Zellwerkzeuge oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geieln und Wimpern der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der Zellkern betrachtet, welcher den ltesten und niedersten Protisten noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders hervorzuheben, da die ursprnglichsten und ltesten Protisten =Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten= oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundr, durch Metasitismus, die ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen= oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die Umkehrung des Stoffwechsels, bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzge der Tierseele, welche der Pflanzenseele noch fehlen. ~II~. _Zellvereinsseele_ oder Znobial-Seele (~Coenopsyche~); =zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die =Stammzelle= (~Cytula~) zerfllt dadurch in einen maulbeerhnlichen Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses soliden Krpers Flssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein kugeliges Blschen; alle Zellen treten an dessen Oberflche und ordnen sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~). Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der =Keimblase= (~Blastula~). Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula beobachten knnen, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren Bewegungen, welche berall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange der gewhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die ueren Bewegungen, welche in der gesetzmigen Lagevernderung der geselligen Zellen und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten. Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie berall in prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen bernommen worden sind. Die =Empfindungen= knnen ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden: 1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung ihrer individuellen Selbstndigkeit und ihrem Verhalten gegen die Nachbarzellen uern (mit denen sie in Berhrung und teilweise durch Plasmabrcken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Znobiums=, welche in der individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt. Das kausale Verstndnis der =Blastula=bildung liefert uns das =Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklrt und auf entsprechende historische Vorgnge zurckfhrt, welche sich ursprnglich bei der Entstehung der ltesten Protisten-Znobien, der =Blastaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ltesten =Zellen-Assozion= gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch lebenden Znobien. Solche bestndige =Zellvereine= der Gegenwart sind z. B. die bekannten Kugeltierchen (~Volvocina~). Ihre schwimmende Ortsbewegung wird durch schwingende Geieln vermittelt, die von den einzelnen Zellen an der Oberflche der Flimmerkugel ausgehen. In allen diesen Znobien knnen wir bereits neben einander zwei verschiedene Stufen der psychischen Ttigkeit unterscheiden: ~I~. die =Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als Elementar-Organismen) und ~II~. die =Znobialseele= des ganzen Zellvereins. ~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunchst zwei verschiedene Formen der Seelenttigkeit zu unterscheiden, nmlich ~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des Zellenstaates, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele= ist berall die hhere psychologische Funktion, welche den zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen oder =physiologisches Individuum=, als wirklichen Zellenstaat erscheinen lt. Sie beherrscht alle die einzelnen Zellseelen der sozialen Zellen, welche als abhngige Staatsbrger den einheitlichen Zellenstaat konstituieren. ~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist fr uns der Inbegriff der gesamten psychischen Ttigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Frher fand man gewhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin, da man den letzteren allgemein eine Seele zuschrieb, den ersteren dagegen nicht. Indessen fhrte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit und der Bewegungen bei verschiedenen hheren Pflanzen und niederen Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu der berzeugung, da beide gleichmig beseelt sein mten. Spter traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders =Franc=, lebhaft fr die Annahme einer =Pflanzenseele= ein. Tieferes Verstndnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die =Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie= von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende Physiologie zeigte sodann, da das physiologische Verhalten gegen verschiedene Reize (Licht, Elektrizitt, Wrme, Schwere, Reibung, chemische Einflsse usw.) in den =empfindlichen= Krperteilen vieler Pflanzen und Tiere ganz hnlich ist, und da auch die =Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz hnlichen Verlauf haben. Wenn man daher diese Ttigkeiten bei niederen, nervenlosen Metazoen (Schwmmen, Polypen) einer besonderen Seele zuschrieb, so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen, besonders bei den sehr empfindlichen Sinnpflanzen (~Mimosa~), den Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden Kletter- und Schlingpflanzen. ~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem Interesse fr die vergleichende Physiologie im allgemeinen und fr die Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelenttigkeit jener =niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin gehren vier verschiedene Gruppen von ltesten =Zlenterien= oder Niedertieren, nmlich: 1. die =Gastraden=, 2. die =Platodarien=, 3. die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der Nesseltiere. _Die Gastraden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von niedersten Zlenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller Metazoen von hchster Wichtigkeit ist. Der Krper dieser kleinen, schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eifrmiges) Blschen, welche eine einfache Hhle mit einer ffnung enthlt (Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Hhle wird aus zwei einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die innere (Darmblatt) die Ttigkeiten der Ernhrung, und die uere (Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geieln, lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkrliche Schwimmbewegung bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gastraden sind deshalb so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen bleiben, welche die Keime aller brigen Metazoen (von den Spongien bis zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen. Wie ich in meiner =Gastratheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei smtlichen Gewebetieren zunchst aus der vorher betrachteten =Blastula= eine hchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut (~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet an einer Seite eine grubenfrmige Vertiefung, und diese wird bald zu einer so tiefen Einstlpung, da der innere Hohlraum der Keimblase verschwindet. Die eingestlpte (innere) Hlfte der Keimhaut legt sich an die uere (nicht eingestlpte) Hlfte innen an; letztere bildet das =Hautblatt= oder uere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das =Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene Hohlraum des becherfrmigen Krpers ist die verdauende Magenhhle, der =Urdarm=, seine ffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm ist bei allen Metazoen das ursprngliche =Seelenorgan=; denn aus ihm entwickeln sich bei smtlichen Nerventieren nicht nur die uere Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den Gastraden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen, welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen, gleichmig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt sich hier in einfachster Form. _Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbstndigen Stamm des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine eigentmliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die einfachste Form der Schwmme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts weiter als eine ~Gastraea~, deren Krperwand siebfrmig von feinen Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernhrenden Wasserstromes. Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm) bildet der knollenfrmige Krper einen Stock, welcher aus Tausenden oder Millionen solcher Gastraden (Geielkammern) zusammengesetzt und von einem ernhrenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in uerst geringem Grade entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr natrlich, da man diese festsitzenden, unfrmigen und unempfindlichen Tiere frher allgemein als Gewchse betrachtete. Ihr Seelenleben (fr welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen. _Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist fr die vergleichende und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn in diesem formenreichen Stamm der Zlenterien vollzieht sich vor unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der =Gewebeseele=. Es gehren zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller Nesseltiere lt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp= erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Swasserpolypen (~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen noch keine gesonderten Nerven und hheren Sinnesorgane, obgleich sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=, welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch Generationswechsel verknpft sind), besitzen bereits ein selbstndiges Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir knnen also hier den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen lernen. Sehr interessant ist fr die Psychologie auch die Klasse der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prchtigen, freischwimmenden Tierstcken, welche von Hydromedusen abstammen, knnen wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=) der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame, einheitlich ttige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=). ~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der =phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller hheren Tiere wird, ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten =Seelenapparat= vermittelt, und dieser besteht immer aus drei Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven= stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten). Die Einrichtung und Ttigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven sind die Leitungsdrhte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrcken der Auenwelt. Die Ganglienzellen oder Seelenzellen, welche das nervse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die hchsten von allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und Gedanken, an der Spitze von allem das Bewutsein. Die groen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des Seelenapparates mit einer Flle der interessantesten Entdeckungen bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie in sich aufgenommen htte, mte sie heute schon eine ganz andere Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist. Jeder der hheren Tierstmme besitzt sein eigentmliches Seelenorgan; in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt, Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten =Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei den fnfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von einem Nervenring umgeben, von welchem fnf Nervenstmme ausstrahlen. Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und =Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion, zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen Ganglien; von diesen oberen Schlundknoten gehen zwei seitliche Nervenstmme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar ventrale untere Schlundknoten, welche sich mit den ersteren durch einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser Schlundring kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Krpers in ein Bauchmark fort, einen strickleiterfrmigen Doppelstrang, welcher in jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~); hier findet sich allgemein auf der Rckenseite des innerlich gegliederten Krpers ein Rckenmark entwickelt; aus einer Anschwellung seines vorderen Teiles entsteht spter das charakteristische blasenfrmige Gehirn. Obgleich nun so die Seelenorgane der hheren Tierstmme in Lage, Form und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen, ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, fr die meisten einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der =Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus der uersten Zellenschicht des Keimes, aus dem =Hautsinnesblatt= (~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervsen Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung aus Ganglienzellen oder =Seelenzellen= (den eigentlichen aktiven Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln. _Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der hheren Tierstmme eine besondere, diesem eigentmliche Lage, Gestalt und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der Fall. berall finden wir hier ein =Rckenmark= vor, einen starken zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rckens verluft, oberhalb der Wirbelsule (oder der sie vertretenden Chorda). berall gehen von diesem Rckenmark zahlreiche Nervenstmme in regelmiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment oder Wirbelgliede. berall entsteht dieses Medullarrohr im Embryo auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rckenhaut bildet sich eine feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Rnder dieser Markrinne oder =Medullarrinne= erheben sich, krmmen sich gegen einander und verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre. Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder Medullarrohr ist durchaus fr die =Wirbeltiere= charakteristisch, in der frheren Embryonalanlage berall dasselbe und die gemeinsame Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich spter daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen Tieren zeigt eine hnliche Bildung; das sind die seltsamen meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen (Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, da die ungegliederten Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer gemeinsamen lteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind (~Prochordonia~). _Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange Stammesgeschichte unserer Wirbeltierseele beginnt mit der Bildung des einfachsten Medullarrohrs bei den ltesten Schdellosen; sie fhrt uns durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmhlich bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf, welcher diese hchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemen Psychologie= ist, erscheint es zweckmig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben hat sich gleichmig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine Funktion, die Psyche, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche =Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere; nmlich ~I~. die Schdellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmuler (~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche (~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Sugetiere (~Monotrema~ und ~Marsupialia~), ~VI~. die lteren plazentalen Sugetiere, besonders die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jngeren Herrentiere, die echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch (~Anthropomorpha~). _Seelengeschichte der Sugetiere._ Der wichtigste Folgeschlu, welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Sugetiere ergibt, ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon abhngige Seelenleben der hchsten und der niedersten Sugetiere, und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von vermittelnden Zwischenstufen vollstndig ausgefllt. Die allgemeinsten Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen Forschungen sind folgende: ~I~. Das Gehirn der Sugetiere entwickelt sich zwar in gleicher Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnrung der anfangs einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen der brigen Vertebraten durch gewisse Eigentmlichkeiten, welche allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die berwiegende Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Grohirns und Kleinhirns, whrend die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurcktritt. ~II~. Trotzdem schliet sich die Hirnbildung der niedersten und ltesten Mammalien noch eng an diejenige ihrer palozoischen Vorfahren an, der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst whrend der Tertirzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Grohirns, welche die jngeren Sugetiere so auffallend vor den lteren auszeichnet. ~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des Grohirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen vorzglichen psychischen Leistungen befhigt, findet sich auerdem nur bei einem Teile der hchstentwickelten Sugetiere der jngeren Tertirzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede, welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen diesen letzteren und den niederen Primaten (den ltesten Affen und den Halbaffen). ~VI~. Demnach mu die historische stufenweise Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von hheren und niederen Sugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten. =Zehntes Kapitel.= _Bewutsein._ Monistische Studien ber bewutes und unbewutes Seelenleben. Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewutseins. Unter allen uerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewutsein=. Nicht allein ber das eigentliche Wesen dieser Seelenttigkeit und ber ihr Verhltnis zum Krper, sondern auch ber ihre Verbreitung in der organischen Welt, ber ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten gegenber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewutsein zu der irrtmlichen Vorstellung eines immateriellen Seelenwesens und im Anschlu daran zu dem Aberglauben der persnlichen Unsterblichkeit Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtmer, die unser modernes Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurckzufhren. Ich habe daher schon frher das Bewutsein als das =psychologische Zentralmysterium= bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller mystischen und dualistischen Irrtmer, an deren gewaltigen Wllen alle Angriffe der bestgersteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese Tatsache allein rechtfertigt es, da wir hier dem Bewutsein eine besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte aus widmen. Wir werden sehen, da das Bewutsein nicht mehr und nicht minder wie jede andere Seelenttigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und da es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz= unterworfen ist. _Begriff des Bewutseins._ Schon ber den elementaren Begriff dieser Seelenttigkeit, ber seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander. Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewutseins als =innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man hufig das objektive und subjektive Bewutsein, das Weltbewutsein und Selbstbewutsein. Bei weitem der grte Teil aller bewuten Seelenttigkeit betrifft, wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewutsein der Auenwelt, der =anderen Dinge=; dieses =Weltbewutsein= umfat alle mglichen Erscheinungen der Auenwelt, welche berhaupt unserer Erkenntnis zugnglich sind. Viel beschrnkter ist unser =Selbstbewutsein=, die innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelenttigkeit, aller Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willensttigkeiten. _Bewutsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe des Bewutseins und der psychischen Funktionen fr identisch: =alle Seelenttigkeit ist bewute=; das Gebiet der Psychologie reicht nur so weit als dasjenige des Bewutseins. Nach unserer Ansicht erweitert diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebhrlicher Weise und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtmern und Miverstndnissen. Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes= und =Fritz Schultze=), da auch die unbewuten Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehren; in der Tat ist sogar das Gebiet dieser unbewuten psychischen Aktionen (der Reflexttigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewuten. Beide Gebiete stehen brigens im engsten Zusammenhang und sind durch keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewute Vorstellung pltzlich bewut werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder unserem Bewutsein vllig entschwinden. _Bewutsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des Bewutseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die auerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen, welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewutsein anderer Wesen knnen wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit schlieen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner uerungen mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale Menschen= erstreckt, knnen wir allerdings auf deren Bewutsein gewisse Schlsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber schon bei =abnormen= Persnlichkeiten (bei genialen und exzentrischen, stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlsse entweder unsicher oder falsch. In noch hherem Grade gilt das, wenn wir das Bewutsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich stellen. Da ergeben sich alsbald so groe tatschliche Schwierigkeiten, da die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten Anschauungen darber kurz einander gegenberstellen. ~I~. _Anthropistische Theorie des Bewutseins:_ =es ist dem Menschen eigentmlich.= Die weitverbreitete Anschauung, da Bewutsein und Denken ausschlieliches Eigentum des Menschen seien, und da auch ihm allein eine unsterbliche Seele zukomme, ist auf =Descartes= zurckzufhren (1643). Dieser geistreiche franzsische Philosoph und Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der Seelenttigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen, als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Krper, als ausgedehntem, materiellem Wesen, vollstndig getrennt. Trotzdem soll sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrse!) mit dem Krper verbunden sein, um hier Einwirkungen der Auenwelt aufzunehmen und ihrerseits auf den Krper auszuben. Die =Tiere= dagegen, als nicht denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten= sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen Gesetzen verluft. Fr die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach =Descartes= den =Dualismus=, fr diejenige der =Tiere= den =Monismus=. Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen Denker mu hchst auffallend erscheinen; zu Erklrung desselben darf man wohl mit Recht annehmen, da er seine wahre berzeugung verschwieg und deren Erkenntnis den selbstndigen Denkern berlie. Als Zgling der Jesuiten war =Descartes= schon frhzeitig dazu erzogen, wider bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht frchtete er auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm seine skeptische Forderung, da jedes reine Erkenntnisstreben vom Zweifel am berlieferten Dogma ausgehen msse, fanatische Anklagen wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mchtige Wirkung, welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausbte, war sehr merkwrdig und seiner doppelten Buchfhrung entsprechend. Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich fr ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinenttigkeit. Die =Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, da ihr Dogma von der Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhngigkeit vom Krper durch die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begrndet sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hlfe der empirischen Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und vergleichenden Psychologie vllig berwunden. ~II~. _Neurologische Theorie des Bewutseins:_ es =kommt nur dem Menschen und jenen hheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die berzeugung, da ein groer Teil der Tiere -- zum mindesten die hheren Sugetiere -- ebenso eine denkende Seele und also auch Bewutsein besitzt, wie der Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und monistischen Psychologie. Die groartigen Fortschritte der Neuzeit in mehreren Gebieten der Biologie haben uns bereinstimmend zu der Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis gefhrt. Wir beschrnken uns bei ihrer Wrdigung zunchst auf die hheren =Wirbeltiere= und vor allem die Sugetiere. Da die intelligentesten Vertreter dieser hchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und Hunde -- in ihrer gesamten Seelenttigkeit sich dem Menschen hchst hnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert. Ihre Vorstellungs- und Sinnesttigkeit, ihr Empfinden und Begehren ist dem Menschen so hnlich, da wir keine Beweise dafr anzufhren brauchen. Aber auch die hhere Assoziationsttigkeit ihres Gehirns, die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlssen, das Denken und das Bewutsein im engeren Sinne, sind bei ihnen hnlich entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach davon verschieden. berdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und Histologie, da die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl die feinere als die grbere Struktur) bei diesen hheren =Sugetieren= im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die vergleichende Ontogenie bezglich der Entstehung dieser Seelenorgane. Die vergleichende Physiologie lehrt, da die verschiedenen Zustnde des Bewutseins sich bei diesen hchst entwickelten Plazentaltieren ganz hnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, da sie auch auf uere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann hhere Tiere durch Alkohol, Chloroform, ther usw. ebenso betuben, durch geeignete Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es nicht mglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen Stufen des Tierlebens das Bewutsein zuerst als solches erkennbar wird. Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des Bewutseins, der Intelligenz und des Gemts bei den hheren Tieren sehr genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklrt, weist zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmglich es ist, die ersten Anfnge dieser hchsten Seelenttigkeiten bei den niederen Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, da diejenigen Tiere ein unserem eigenen hnliches bewutes Erleben haben, die ein Nervensystem von annhernd so feiner Struktur, histologischer Differenzierung und Zentralisation besitzen. ~III~. _Animalische Theorie des Bewutseins:_ =es findet sich bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach wrde ein scharfer Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linn= scharf formuliert in seinem grundlegenden ~Systema naturae~ (1735); die beiden groen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich nach ihm dadurch, da die Tiere Empfindung und Bewutsein haben, die Pflanzen nicht. Spter hat besonders =Schopenhauer= diesen Unterschied scharf betont: Das Bewutsein ist uns schlechthin nur als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert hat, bleibt die Bewutlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben blo eine Dmmerung desselben. Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen Tierstmme, besonders der Schwmme und Nesseltiere, nher kennen lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewutsein besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen= zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf ihr fragliches Bewutsein. ~IV~. _Biologische Theorie des Bewutseins:_ =es ist allen Organismen gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, whrend es den anorganischen Naturkrpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme wird gewhnlich mit der Ansicht verknpft, da alle Organismen (im Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben, Seele und Bewutsein, flieen dann gewhnlich zusammen. Eine andere Modifikation dieser Anschauung ist, da diese drei Grunderscheinungen des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknpft sind, da aber das Bewutsein nur ein =Teil= der psychischen Ttigkeit ist, wie diese selbst ein =Teil= der Lebensttigkeit. Da die Pflanzen in demselben Sinne wie die Tiere eine Seele besitzen, hat namentlich =Fechner= sich zu zeigen bemht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein Bewutsein von hnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind ja bei sehr empfindlichen =Sinnpflanzen= (~Mimosa~, ~Drosera~, ~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Bltter, bei manchen anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die autonomen Bewegungen, bei schlafenden Pflanzen (auch vorzugsweise ~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend hnlich denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewutsein zuschreibt, darf es ganz gewi auch den ersteren nicht absprechen. ~V~. _Zellulare Theorie des Bewutseins:_ =es ist eine Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknpfung mit der Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und Physiologie die lebendige Zelle als den Elementarorganismus behandelt und das ganze Verstndnis des hheren, vielzelligen Tier- und Pflanzenkrpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann man auch die =Zellseele= als das psychologische Element betrachten und die zusammengesetzte Seelenttigkeit der hheren Organismen als das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie zusammensetzen. Ich habe die Grundzge dieser =Zellular-Psychologie= schon 1866 in meiner Generellen Morphologie entworfen und sie spter weiter ausgefhrt in meinem Aufsatz ber Zellseelen und Seelenzellen. Zum tieferen Eindringen in diese Elementarpsychologie wurde ich durch meine langjhrige Beschftigung mit den einzelligen Lebensformen gefhrt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten zeigen hnliche uerungen von Empfindung und Willen, hnliche Instinkte und Bewegungen wie hhere Tiere; besonders gilt das von den sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenber der Auenwelt, wie in vielen anderen Lebensuerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren Gehusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) knnte man deutliche Spuren bewuter Seelenttigkeit zu erkennen glauben. Wenn man nun die biologische Theorie des Bewutseins akzeptiert (Nr. ~IV~), und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewutseinsanteil ausstattet, dann wird man auch jeder selbstndigen Protistenzelle Bewutsein zuschreiben mssen. Die materielle Grundlage desselben wre dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder ein Teil desselben. Definitiv widerlegen lt sich diese Annahme, die ich frher vertrat, nicht. Ich mu aber jetzt =Max Verworn= zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten Psychophysiologischen Protistenstudien annimmt, da wohl smtlichen Protisten ein entwickeltes Ichbewutsein fehlt, und da ihre Empfindungen und Bewegungen durchweg den Charakter des =Unbewuten= tragen. ~VI~. _Atomistische Theorie des Bewutseins:_ =es ist eine Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen Anschauungen ber die Verbreitung des Bewutseins geht diese aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptschlich der Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewutseins= empfinden. Diese Erscheinung trgt ja einen so eigenartigen Charakter, da ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen hchst bedenklich erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten dadurch zu berwinden, da man sie als eine Elementareigenschaft aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der chemischen Wahlverwandtschaft. Es wrde danach so viele Formen des Elementarbewutseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes Atom Wasserstoff wrde sein hydrogenes Bewutsein haben, jedes Atom Kohlenstoff sein karbonisches Bewutsein usw. Ich halte diese Hypothese fr unbegrndet und beharre in der berzeugung, da das Bewutsein an einen hohen Grad von Differenzierung und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen und einem Teile der hheren Wirbeltiere. _Monistische und dualistische Theorie des Bewutseins._ Soweit auch die verschiedenen Ansichten ber die Natur und die Entstehung des Bewutseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle schlielich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung -- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurckfhren, auf die =transzendente= (bernatrliche, =dualistische=) und die =physiologische= (natrliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=, vertreten, und sie wird gegenwrtig von einer groen Anzahl hervorragender Naturforscher geteilt. _Transzendenz des Bewutseins._ In dem berhmten Vortrag ber die Grenzen des Naturerkennens, welchen =E. Du Bois-Reymond= am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig hielt, stellte derselbe zwei verschiedene =unbedingte Grenzen= unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals berschreiten werde -- =niemals=, wie das oft zitierte Schluwort des Vortrags emphatisch betont: ~Ignorabimus~! Das eine absolut unlsbare Weltrtsel ist der Zusammenhang von Materie und Kraft und das eigentliche Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses =Substanzproblem= im zwlften Kapitel eingehend behandeln. Das zweite unbersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem des =Bewutseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistesttigkeit aus materiellen Bedingungen, bezglich Bewegungen zu erklren ist, wie die (der Materie und Kraft zugrunde liegende) Substanz unter bestimmten Bedingungen empfindet, begehrt und denkt. Wenn man diese vielbesprochene Ignorabimusrede unbefangen auf ihren Kern untersucht, so mu man darin das entschiedene Programm des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist =doppelt= unbegreiflich: einmal die materielle Welt, in welcher Materie und Kraft ihr Wesen treiben, und gegenber, ganz getrennt, die immaterielle Welt des Geistes, in welcher Denken und Bewutsein nicht aus materiellen Bedingungen erklrbar sind, wie bei der ersteren. Es war ganz naturgem, da der herrschende Dualismus und Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten darber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond= bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb er auch (trotz seiner schnen Reden!), ebenso wie alle anderen sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der Gegenwart. Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenberstehenden Weltrtsel, das allgemeine Substanzproblem und das besondere Bewutseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: Freilich ist diese Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, da wir auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere Reden darber bleibt mig. -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemht, da jene beiden groen Fragen nicht zwei verschiedene Weltrtsel sind. =Das neurologische Problem des Bewutseins ist nur ein besonderer Fall von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.= (Monismus, 1892, S. 23.) _Physiologie des Bewutseins._ Die eigenartige Naturerscheinung des Bewutseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die dualistische Philosophie behauptet, ein vllig und durchaus transzendentes Problem; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866 behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurckzufhren. Ich habe es spter noch bestimmter als ein =neurologisches Problem= bezeichnet, auf der Annahme fuend, da ein dem menschlichen analoges Bewutsein nur bei den hheren Tieren mit stark zentralisiertem Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit lt sich das fr die hheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem fr die plazentalen Sugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen ist. Das Bewutsein der hchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewutsein dieser vernnftigsten Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas, Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen diesen letzteren und den hchst entwickelten Vernunftmenschen (=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewutsein ist mithin nur =ein Teil der hheren Seelenttigkeit=, und als solche abhngig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des =Gehirns=. Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren den sicheren Beweis gefhrt, da derjenige engere Bezirk des Sugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewutseins bezeichnet, ein Teil des =Grohirns= ist, und zwar der spt entstandene graue Mantel oder die Grohirnrinde. Aber auch die =morphologische= Begrndung dieser physiologischen Erkenntnis ist den bewunderungswrdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie= gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der neuesten Zeit verdanken. Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894 nach, da in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete der zentralen Sinnesorgane oder vier innere Empfindungssphren liegen, die Krperfhlsphre im Scheitellappen, die Riechsphre im Stirnlappen, die Sehsphre im Hinterhauptslappen, die Hrsphre im Schlfenlappen. Zwischen diesen vier =Sinnesherden= liegen die vier groen =Denkherde= oder Assozionszentren, die realen =Organe des Geisteslebens=; sie sind jene hchsten Werkzeuge der Seelenttigkeit, welche das =Denken= und das =Bewutsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder das groe occipito-temporale Assozionszentrum (das wichtigste von allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn oder die Reilsche Insel, das insulare Assozionszentrum. Diese vier Denkherde, durch eigentmliche und hchst verwickelte Nervenstruktur vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren =Denkorgane=, die einzigen Organe unseres Bewutseins. In neuester Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, da in einem Teile derselben sich beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche den brigen Sugetieren fehlen, und welche die berlegenheit des menschlichen Bewutseins erklren. _Pathologie des Bewutseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der modernen Physiologie, da das Grohirn beim Menschen und den hheren Sugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewutseins ist, wird einleuchtend besttigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner =Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Grohirnrinde durch Krankheit zerstrt werden, erlischt ihre Funktion, und zwar lt sich hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen; wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der Teil des Denkens und des Bewutseins, welcher an die betreffende Stelle gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment; Zerstrung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum) vernichtet deren Funktion (die Sprache). brigens gengt ja der Hinweis auf die bekanntesten alltglichen Erscheinungen im Gebiete des Bewutseins, um die vllige Abhngigkeit desselben von den =chemischen= Vernderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genumittel (Kaffee, Tee) regen unser Denkvermgen an; andere (Wein, Bier) stimmen unser Gemt heiter; Moschus und Kampher als ~Excitantia~ beleben das erlschende Bewutsein; ther und Chloroform betuben dasselbe usw. Wie wre das alles mglich, wenn das Bewutsein ein immaterielles Wesen, unabhngig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wre? Und worin besteht das Bewutsein der unsterblichen Seele, wenn sie nicht mehr jene Organe besitzt. Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, da das Bewutsein beim Menschen (genau ebenso wie bei den nchstverwandten Sugetieren) =vernderlich= ist, und da seine Ttigkeit jederzeit abgendert werden kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und uere Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind auch die merkwrdigen Zustnde des alternierenden oder =doppelten Bewutseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter vernderten Umstnden, ein ganz verschiedenes Bewutsein; er wei heute nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin ich; -- heute mu er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen des Bewutseins knnen nicht blo Tage, sondern Monate und Jahre dauern; sie knnen selbst bleibend werden. _Ontogenie des Bewutseins._ Wie jedermann wei, ist das neugeborene Kind noch ganz ohne Bewutsein, und wie =Preyer= gezeigt hat, entwickelt sich dasselbe erst spt, nachdem das kleine Kind zu sprechen angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person. Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male Ich sagt, in welchem das =Ichgefhl= klar wird, beginnt sein Selbstbewutsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Auenwelt. Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten zehn Lebensjahren macht, und spter langsamer im zweiten Dezennium bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknpft mit unzhligen Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewutseins= und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der Schler das Zeugnis der Reife erlangt hat, ist in Wahrheit sein Bewutsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in vielseitiger Berhrung mit der Auenwelt, das =Weltbewutsein= sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle Ausbildung des vernnftigen Denkens und damit des Bewutseins, welche dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre reifen Frchte trgt. Gewhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium (bald frher, bald spter) beginnt dann jene langsame und allmhliche Rckbildung der hheren Geistesttigkeit, welche das Greisenalter charakterisiert. Gedchtnis, Rezeptionsfhigkeit und Interesse an speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die Produktionsfhigkeit, das gereifte Bewutsein und das philosophische Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die individuelle Entwickelung des Bewutseins in frher Jugend beweist die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch in spteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls berzeugt uns die Ontogenese des Bewutseins aufs klarste von der Tatsache, da dasselbe kein immaterielles Wesen, sondern eine physiologische Funktion des Gehirns ist, und da es also auch keine Ausnahme vom Substanzgesetze bildet. _Phylogenie des Bewutseins._ Die Tatsache, da das Bewutsein, gleich allen anderen Seelenttigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter Organe gebunden ist, und da es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit diesen Gehirnorganen, allmhlich entwickelt, lt schon von vornherein schlieen, da es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche natrliche =Stammesgeschichte des Bewutseins= im Prinzip behaupten mssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe einzudringen und spezielle Hypothesen darber aufzustellen. Indessen liefert uns die Palontologie doch einige interessante Anhaltspunkte, die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende, quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen Sugetiere innerhalb der =Tertirzeit=. An vielen fossilen Schdeln derselben ist die innere Schdelhhle genau bekannt und liefert uns sichere Aufschlsse ber die Gre und teilweise auch ber den Bau des davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere) ein gewaltiger Fortschritt von den lteren eoznen und oligoznen zu den jngeren mioznen und plioznen Vertretern desselben Stammes; bei den letzteren ist das Gehirn (im Verhltnis zur Krpergre) 6-8 mal so gro als bei den ersteren. Auch jene hchste Entwickelungsstufe des Bewutseins, welche nur der =Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmhlich und stufenweise -- eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zustnden entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvlkern antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=, welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknpft ist. Je hher sich beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je mehr er fhig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewutsein. =Elftes Kapitel.= _Unsterblichkeit der Seele._ Monistische Studien ber Fanatismus und Athanismus. Kosmische und persnliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz. Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der groen Frage ihrer Unsterblichkeit wenden, betreten wir jenes hchste Gebiet des Aberglaubens, welches gewissermaen die unzerstrbare Zitadelle aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn bei dieser Kardinalfrage knpft sich an die rein philosophischen Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre individuelle Fortdauer ber den Tod hinaus garantiert haben will. Dieses hhere Gemtsbedrfnis ist so mchtig, da es alle logischen Schlsse der kritischen Vernunft ber den Haufen wirft. Bewut oder unbewut werden bei den meisten Menschen alle brigen allgemeinen Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der persnlichen Unsterblichkeit beeinflut, und an diesen theoretischen Irrtum knpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses wichtigen Dogmas kritisch zu prfen und seine Unhaltbarkeit gegenber den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen. _Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck fr die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen ber die Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die persnliche Unsterblichkeit des Menschen als =Athanismus=. Dagegen nennen wir =Thanatismus= die berzeugung, da mit dem Tode des Menschen nicht nur alle brigen physiologischen Lebensttigkeiten erlschen, sondern auch die =Seele= verschwindet, d. h. jene Summe von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes Wesen, unabhngig von den brigen Lebensuerungen des lebendigen Krpers, betrachtet. Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berhren, betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschlielich das definitive Aufhren der Lebensttigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualitt das betreffende Einzelwesen angehrt. Der Mensch ist tot, wenn seine Person stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne, da der Geist groer Mnner (z. B. in einer Dynastie hervorragender Herrscher, in einer Familie talentvoller Knstler) durch Generationen fortlebt; und ebenso sagt man, da die Seele ausgezeichneter Frauen oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhlt. Allein in diesen Fllen handelt es sich stets um verwickelte Vorgnge der =Vererbung=, bei welchen eine abgelste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz auf die Nachkommen bertrgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich, und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelenttigkeit ebenso wie jede andere physiologische Funktion. _Kosmische und persnliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der Unsterblichkeit ganz allgemein auffat und auf die Gesamtheit der erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung; er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar, sondern selbstverstndlich. Denn die These von der Unzerstrbarkeit und ewigen Dauer alles Seienden fllt dann zusammen mit unserem hchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden diese kosmische Unsterblichkeit spter, bei Begrndung der Lehre von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausfhrlich errtern; jetzt wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes Unsterblichkeitsglaubens, der gewhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der Immortalitt der =persnlichen Seele=. Wir untersuchen zunchst die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begrndeten =Thanatismus=. Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen desselben den =primren= und den =sekundren= Thanatismus; bei ersterem ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprnglicher (bei primitiven Naturvlkern); der sekundre Thanatismus dagegen ist das spte Erzeugnis vernunftgemer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten Kulturvlkern. _Primrer Thanatismus (Ursprnglicher Mangel der Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, da der Glaube an die persnliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen Menschen ursprnglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist weder eine ursprngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende Ethnologie festgestellte Tatsache, da mehrere Naturvlker der ltesten und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmen, die wir auf Grund der ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= fr einen berrest der ltesten indischen Urmenschen halten; ferner von mehreren ltesten Stmmen der nchstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs und einigen Stmmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der primitivsten Urvlker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien, am oberen Amazonenstrom usw., weder Gtter noch Unsterblichkeit. _Sekundrer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._ Im Gegensatze zu dem primren Thanatismus, der sicher bei den ltesten Urmenschen ursprnglich bestand und noch heute besteht, ist der sekundre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spt entstanden; er ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens ber Leben und Tod, also ein Produkt echter und unabhngiger philosophischer Reflexion. Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, spter bei den Grndern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und =Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca= und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner wichtigsten Glaubensartikel, die hchste Bedeutung. Whrend der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters wagte begreiflicherweise nur selten ein khner Freidenker, seine abweichende berzeugung zu uern; die Beispiele von =Galilei=, von =Giordano Bruno= und anderen unabhngigen Philosophen, welche von den Nachfolgern Christi der Tortur und dem Scheiterhaufen berliefert wurden, schreckten gengend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde erst wieder mglich, nachdem die Reformation und die Renaissance die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknpfung mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen Kreisen solche Macht, da selbst die meisten berzeugten Freidenker ihre Meinung still fr sich behielten. Nur selten wagten einzelne hervorragende Mnner, ihre berzeugung von der Unmglichkeit der Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies in der zweiten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von =Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe berzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der grte der Hohenzollernfrsten, der Philosoph von Sanssouci. Was wrde =Friedrich der Groe=, dieser =gekrnte Thanatist und Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen berzeugungen mit den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger vergleichen knnte! Unter den =denkenden rzten= ist die berzeugung, da mit dem Tode des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhre, wohl seit Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hteten sich meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im 18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen, da die Seele als ein rtselhafter Bewohner desselben ihre freie Existenz fortfristen konnte. Endgltig beseitigt wurde sie erst durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts. Die Begrndung der Deszendenztheorie und der Zellentheorie, die berraschenden Entdeckungen der Ontogenie und der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswrdigen Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus allmhlich jeden Boden, so da jetzt nur selten ein sachkundiger und ehrlicher Biologe noch fr die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strau=, =Feuerbach=, =Bchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind smtlich =Thanatisten=. _Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die hchste Bedeutung hat das Dogma der persnlichen Unsterblichkeit erst durch seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums= gefunden; und diese hat auch zu der irrtmlichen, heute noch sehr verbreiteten Ansicht gefhrt, da jenes Dogma berhaupt einen wesentlichen Grundbestandteil jeder geluterten =Religion= bilde. Das ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele fehlt vollstndig den meisten hher entwickelten orientalischen Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute ber 30 Prozent der gesamten menschlichen Bevlkerung der Erde beherrscht; er fehlt ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten, spter an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und, was das Wichtigste ist, er fehlt der lteren und reineren jdischen Religion; weder in den fnf Bchern =Moses=' noch in jenen lteren Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach dem Tode zu finden. _Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung, da die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich weiterlebe, fehlte dem ltesten, schon mit Sprache begabten =Urmenschen= gewi ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen, wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs von Indien und anderen primitiven Naturvlkern. Erst bei zunehmender Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken ber Leben und Tod, ber Schlaf und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen lteren Menschenrassen -- unabhngig voneinander -- mystische Vorstellungen ber die dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus, Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlngerung, Hoffnung auf bessere Lebensverhltnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende Physiologie hat uns neuerdings eine groe Anzahl von sehr verschiedenen derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; groenteils hngen sie eng zusammen mit den ltesten Formen des Gottesglaubens und der Religion berhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der =Athanismus= eng verknpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche sich die meisten Glubigen von ihrer persnlichen unsterblichen Seele bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem persnlichen lieben Gott. _Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in dem Glaubensartikel ausspricht: Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Wie am Osterfest Christus selbst von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als Gottes Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes, gedacht wird, versinnlichen uns unzhlige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der Mensch am jngsten Tage auferstehen und seinen Lohn fr die Fhrung seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und anthropistisch; er erhebt sich nicht viel ber die entsprechenden rohen Vorstellungen vieler niederer Naturvlker. Da die Auferstehung des Fleisches unmglich ist, wei eigentlich jeder, der einige Kenntnisse in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung Christi, welche von Millionen glubiger Christen an jedem Osterfeste gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die Auferweckung von den Toten, welche er mehrfach ausgefhrt haben soll. Fr die reine Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie die damit verknpfte Hypothese eines ewigen Lebens. _Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenber dem materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere und hhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als der bedeutendste Begrnder desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur whrend des individuellen Lebens vorbergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges Leben der selbstndigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen Verbindung annimmt, ist er auch Anhnger der =Seelenwanderung=; die Seelen existierten als solche, als ewige Ideen, schon bevor sie in den menschlichen Krper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen, suchen sie sich als Wohnort einen anderen Krper aus, der ihrer Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen Tyrannen schlpfen in den Krper von Wlfen und Geiern, diejenigen von tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie vllig unvereinbar mit unseren festgegrndeten physiologischen Erkenntnissen. Wir erwhnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurditt den grten kulturhistorischen Einflu erlangten. Denn einerseits knpfte an die platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie spter zu einem Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie. Die platonische =Idee= verwandelte sich spter in den Begriff der =Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfabar und metaphysisch ist, aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann. _Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als =Substanz= ist bei vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem und idealistischem Sinne als ein immaterielles Wesen von ganz eigentmlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel) als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln, so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden. Dann mssen wir an der Seelensubstanz die eigentliche, uns allein bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen, Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den hheren Tieren bildet dann der Seelenstoff einen Teil des Nervensystems, bei den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres vielzelligen Plasmakrpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil ihres plasmatischen Zellenkrpers. Somit kommen wir wieder auf die =Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemen Erkenntnis, da diese materiellen Organe fr die Seelenttigkeit unentbehrlich sind; die Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen Funktionen. Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche Seele soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und ganz verschieden von dem sichtbaren Krper, in welchem sie wohnt. Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele mit dem ther und betrachten sie gleich diesem als einen uerst feinen und leichten, hchst beweglichen Stoff oder ein imponderables Agens, welches berall zwischen den wgbaren Teilchen des lebendigen Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasfrmigen Zustand zu; und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den Naturvlkern zu der spter so allgemein gewordenen dualistischen Auffassung fhrte. Wenn der Mensch starb, blieb der Krper als Leiche zurck; die unsterbliche Seele aber entfloh aus ihm mit dem letzten Atemzuge. _therseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem physikalischen ther als qualitativ hnlichem Gebilde hat in neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die groartigen Fortschritte der Optik und der Elektrizitt (besonders in den letzten Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des thers bekannt gemacht und damit zugleich gewisse Schlsse auf die materielle Natur dieses raumerfllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhltnisse spter (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf hinweisen, da dadurch die Annahme einer =therseele= vollkommen unhaltbar geworden ist. Eine solche =therische Seele=, d. h. eine Seelensubstanz, welche dem physikalischen ther hnlich ist und gleich ihm zwischen den wgbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmglich individuelles Seelenleben hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darber um die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische Lebenskraft mit dem physikalischen ther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der Widerlegung bedrftig. _Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine =gasfrmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden ursprnglich fr identisch gehalten und mit demselben Namen belegt. =Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der Rmer sind ursprnglich Bezeichnungen fr den Lufthauch des Windes; sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen bertragen. Spter wurde dann dieser lebendige Odem mit der Lebenskraft identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen oder in engerem Sinne als deren hchste uerung, der Geist. Davon leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung der individuellen Geister ab, der =Gespenster= (~Spirits~); auch diese werden ja heute noch meistens als luftfrmige Wesen -- aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! -- vorgestellt; in manchen berhmten Spiritistenkreisen werden dieselben freilich trotzdem photographiert! _Flssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasfrmigen Krper in den tropfbar-flssigen -- und die meisten auch in den festen -- Aggregatzustand berzufhren. Es bedarf dazu weiter nichts als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die luftfrmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern auch zusammengesetzte Gase (Kohlensure) und Gasgemenge (atmosphrische Luft) sind so aus dem luftfrmigen in den flssigen Zustand versetzt worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Krper fr jedermann =sichtbar= und in gewissem Sinne handgreiflich geworden. Mit dieser nderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher frher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte, als unsichtbare Krper, die doch sichtbare Wirkungen ausben. Wenn nun die Seelensubstanz wirklich, wie viele Gebildete noch heute glauben, gasfrmig wre, so mte man auch imstande sein, sie durch Anwendung von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flssigen Zustand berzufhren. Man knnte dann die Seele, welche im Momente des Todes ausgehaucht wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als =unsterbliche Flssigkeit= aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere Abkhlung und Kondensation mte es dann auch gelingen, die flssige Seele in den festen Zustand berzufhren (Seelenschnee). Bis jetzt ist das Experiment noch nicht gelungen. _Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wre, wenn wirklich die Seele des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte, so mte man ganz dasselbe auch fr die Seele der hheren Tiere behaupten, mindestens fr diejenige der ihm am nchsten stehenden Sugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine eigentmliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern lediglich durch einen hheren =Grad= der psychischen Ttigkeit, durch eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen Menschen das =Bewutsein= hher entwickelt als bei den meisten Tieren, die Fhigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft. Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so gro, als man gewhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der entsprechende Unterschied zwischen den hheren und niederen Tierseelen oder selbst als der Unterschied zwischen den hchsten und tiefsten Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren persnliche Unsterblichkeit zuschreibt, so mu man sie auch den hheren Tieren zugestehen. Diese berzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der Tiere ist denn auch ganz naturgem bei vielen Vlkern alter und neuer Zeit zu finden. _Beweise fr den Athanismus._ Die Grnde, welche man seit zweitausend Jahren fr die Unsterblichkeit der Seele anfhrt, und welche auch heute noch dafr geltend gemacht werden, entspringen zum grten Teile nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem sogenannten Bedrfnis des Gemtes, d. h. dem Phantasieleben und der Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele ein unbegrndetes Dogma fr die =reine= Vernunft, ein bloes Postulat fr die =praktische= Vernunft. Diese letztere und die mit ihr zusammenhngenden Bedrfnisse des Gemtes, der moralischen Erziehung usw. mssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn diese ist einzig und allein durch empirisch begrndete und logisch klare Schlsse der reinen Vernunft mglich. Es gilt also hier vom =Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstnde der mystischen Dichtung, des transzendenten Glaubens, nicht der vernnftig schlieenden Wissenschaft. Wollten wir alle die einzelnen Grnde analysieren, welche fr den Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so wrde sich ergeben, da nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich= ist; kein einziger vertrgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis, da ein persnlicher Schpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, da die sittliche Weltordnung die ewige Fortdauer der menschlichen Seele erfordere, ist unbegrndetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, da die hhere Bestimmung des Menschen eine volle Ausbildung seiner mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, da die Mngel und die unbefriedigten Wnsche des irdischen Daseins durch eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits befriedigt werden mssen, ist ein frommer Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, da der Glaube an die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen gemeinsame Wahrheit sei, ist tatschlicher Irrtum. Der =ontologische= Beweis, da die Seele als ein einfaches, immaterielles und unteilbares Wesen unmglich mit dem Tode verschwinden knne, beruht auf einer ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere hnliche Beweise fr den Athanismus sind hinfllig geworden; sie sind durch die wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=. _Beweise gegen den Athanismus._ Gegenber den angefhrten, smtlich unhaltbaren Grnden =fr= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmig, die wohlbegrndeten, wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen. Der =physiologische= Beweis lehrt uns, da die menschliche Seele ebenso wie die der hheren Tiere kein selbstndiges, immaterielles Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff fr eine Summe von Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebensttigkeiten durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis grndet sich auf den hchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt uns in den Ganglienzellen desselben die wahren Elementarorgane der Seele kennen. Der =experimentelle= Beweis berzeugt uns, da die einzelnen Seelenttigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmglich sind; werden diese Bezirke zerstrt, so erlischt damit auch deren Funktion; insbesondere gilt dies von den Denkorganen, den einzigen zentralen Werkzeugen des Geisteslebens. Der =pathologische= Beweis ergnzt den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum, Sehsphre, Hrsphre) durch Krankheit zerstrt werden, so verschwindet auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hren); die Natur selbst fhrt hier das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische= Beweis fhrt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre einzelnen Fhigkeiten nach und nach entwickelt; der Jngling bildet sich zur vollen Blte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter findet allmhliche Rckbildung der Seele statt, entsprechend der senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis sttzt sich auf die Palontologie, die vergleichende Anatomie und Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergnzung begrnden diese Wissenschaften die Gewiheit, da das Gehirn des Menschen (und also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmhlich aus demjenigen der Sugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere entwickelt hat. _Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergnzt werden knnten, haben das alte Dogma von der Unsterblichkeit der Seele als vllig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die Kritik der reinen Vernunft weist aber nach, da dieser hochgeschtzte Glaube, bei Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft damit verknpfte Glaube an den persnlichen Gott. Nun halten aber noch heute Millionen von Glubigen -- nicht nur aus den niederen, ungebildeten Volksmassen, sondern aus den hheren und hchsten Bildungskreisen -- diesen Aberglauben fr ihr teuerstes Besitztum, fr ihren kostbarsten Schatz. Es wird daher ntig sein, in den damit verknpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prfung zu unterziehen. Da ergibt sich denn fr den objektiven Kritiker die Einsicht, da jener Wert zum grten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht auf diese =athanistischen Illusionen= wrde nach meiner festen und ehrlichen berzeugung fr die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen =Verlust=, sondern einen unschtzbaren positiven Gewinn bedeuten. Das menschliche =Gemtsbedrfnis= hlt den Unsterblichkeitsglauben besonders aus zwei Grnden fest, erstens in der Hoffnung auf ein besseres zuknftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natrlichen Vergeltungsgefhl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprche auf Entschdigung fr die zahllosen Mngel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins, ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafr zu besitzen. Wir verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen ber dieses selige Leben im Jenseits sind hchst seltsam und um so sonderbarer, als darin die immaterielle Seele sich an hchst materiellen Genssen erfreut. Die Phantasie jeder glubigen Person gestaltet sich diese fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persnlichen Wnschen. Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem Paradiese die herrlichsten Jagdgrnde zu finden, mit unermelich vielen Bffeln und Bren; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflchen mit einer unerschpflichen Flle von Eisbren, Robben und anderen Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen herrlichen Grten und Wldern; nur setzt er voraus, da jederzeit unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnssen und anderen Frchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist berzeugt, da in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Grten sich ausdehnen, durchrauscht von khlen Quellen und bevlkert mit den schnsten Mdchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort tglich einen berflu der kstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni, und ewigen Abla fr alle Snden, die er auch im ewigen Leben noch tglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuroper hofft auf einen unermelichen gothischen Dom, in welchem ewige Lobgesnge auf den Herrn der Heerscharen ertnen. Kurz, jeder Glubige erwartet von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend vermehrten und verbesserten Auflage. Besonders mu hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden Dogma von der Auferstehung des Fleisches eng zusammenhngt. Wie uns Tausende von lgemlden berhmter Meister versinnlichen, gehen die auferstandenen Leiber mit ihren wiedergeborenen Seelen droben im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie schauen Gott mit ihren Augen, sie hren seine Stimme mit ihren Ohren, sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla, wie die unsterblichen Trken und Araber in Mohammeds lieblichen Paradiesgrten, wie die altgriechischen Halbgtter und Helden an Zeus' Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia. Mag man sich dieses ewige Leben im Paradiese aber noch so herrlich ausmalen, so mu dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden. Und nun gar: =Ewig=! Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung diese ewige individuelle Existenz fortfhren! Der tiefsinnige Mythus vom =Ewigen Juden=, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen Ahasverus sollte uns ber den Wert eines solchen ewigen Lebens aufklren! Das beste, was wir uns nach einem tchtigen, nach unserm besten Gewissen gut angewandten Leben wnschen knnen, ist der ewige Friede des Grabes: =Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!= Jeder vernnftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt, und der ber die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen Erdgeschichte nachgedacht hat, mu bei unbefangenem Urteil zugeben, da der banale Gedanke des ewigen Lebens auch fr den besten Menschen kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten. Den besten und den am meisten berechtigten Grund fr den Athanismus gibt die Hoffnung, im ewigen Leben die teueren Angehrigen und Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames Schicksal frh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glck erweist sich bei nherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls wrde es stark durch die Aussicht getrbt, dort auch allen den weniger angenehmen Bekannten und den widerwrtigen Feinden zu begegnen, die hier unser Dasein getrbt haben. Unlsbare Schwierigkeiten bereitet auch den glubigen Athanisten die Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die abgeschiedene Seele ihr ewiges Leben fortfhren soll? Sollen die Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben harten Kampf ums Dasein, der den Menschen hier auf der Erde erzieht? Soll der talentvolle Jngling, der dem Massenmorde des Krieges zum Opfer fllt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfllte, ewig als rckgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein frheres Bltestadium zurck entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen im Olymp als =vollkommene= Wesen verjngt fortleben sollen, dann ist auch der Reiz und das Interesse der =Persnlichkeit= fr sie ganz verschwunden. Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der anthropistische Mythus vom =jngsten Gericht=, von der Scheidung aller Menschenseelen in zwei groe Haufen, von denen der eine zu den =ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der Hlle bestimmt ist -- und das von einem persnlichen Gott, welcher der Vater der Liebe ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst die Bedingungen der Vererbung und Anpassung geschaffen, unter denen sich einerseits die bevorzugten Glcklichen =notwendig= zu straflosen Seligen, andererseits die unglcklichen Armen und Elenden ebenso =notwendig= zu strafwrdigen Verdammten entwickeln muten. Eine kritische Vergleichung der unzhligen bunten Phantasiegebilde, welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Vlker und Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewhrt das merkwrdigste Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien gegrndete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in seinen ausgezeichneten Werken: Seelenwahn (1886) und Gestalten des Glaubens (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen erscheinen mgen, wie unvereinbar sie smtlich mit der vorgeschrittenen Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute eine hchst wichtige Rolle und ben trotzdem als Postulate der praktischen Vernunft den grten Einflu auf die Lebensanschauungen der Individuen und die Geschicke der Vlker. Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird nun freilich zugeben, da diese herrschenden materialistischen Formen des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten, da an ihre Stelle die geluterte Vorstellung von einem immateriellen Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten Seelensubstanz treten msse. Allein mit diesen unfabaren Vorstellungen kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts anfangen; sie befriedigen weder das Kausalittsbedrfnis unseres Verstandes, noch die Wnsche unseres Gemtes. Fassen wir alles zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie der Gegenwart ber den Athanismus ergrndet haben, so mssen wir zu dem bestimmten Schlusse kommen: Der Glaube an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten Erfahrungsstzen der modernen Naturwissenschaft vllig widerspricht. =Zwlftes Kapitel.= _Das Substanzgesetz._ Monistische Studien ber das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der Materie und der Energie. Einheit und Trinitt der Substanz. Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das =Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=; seine Entdeckung und Feststellung ist die grte Geistestat des 19. Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich ihm unterordnen. Unter dem Begriffe =Substanzgesetz= fasse ich zwei hchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters zusammen, das ltere =chemische= Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und das jngere =physikalische= Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Da diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverstndlich erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart anerkannt. Indessen wird diese fundamentale berzeugung doch von anderer Seite noch heute vielfach bestritten und mu jedenfalls erst bewiesen werden. Wir mssen daher zunchst einen kurzen Blick auf beide Gesetze gesondert werfen. _Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der Konstanz der Materie, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den Weltraum erfllt, ist unvernderlich.= Wenn ein Krper zu verschwinden scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt, verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft in gasfrmige Kohlensure; wenn ein Zuckerstck sich im Wasser lst, geht seine feste Form in die tropfbar flssige ber. Ebenso wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkrper zu entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich die oberflchliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, da neue Materie entsteht oder geschaffen wird; nirgends finden wir, da vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfllt. Dieser Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschtterlicher Grundsatz der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des groen franzsischen Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst gefhrt zu haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem denkenden Studium der Naturerscheinungen beschftigt haben, so fest von der absoluten Konstanz der Materie berzeugt, da sie sich das Gegenteil gar nicht mehr vorstellen knnen. _Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der Konstanz der Energie, =Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unvernderlich.= Wenn die Lokomotive den Eisenbahnzug fortfhrt, verwandelt sich die Spannkraft des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hren, werden die Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die Kette der Gehrknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet und von da durch den Hrnerv zu den akustischen Ganglienzellen, welche die Hrsphre im Schlfenlappen unserer Grohirnrinde bilden. Die ganze wunderbare Gestaltenflle, welche unseren Erdball belebt, ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie gegenwrtig die bewunderungswrdigen Fortschritte der Technik dazu gefhrt haben, die verschiedenen Naturkrfte ineinander zu verwandeln: Wrme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall, diese wiederum in Elektrizitt bergefhrt oder umgekehrt. Die genaue =Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung ttig ist, hat ergeben, da auch sie konstant bleibt. Der groen Entdeckung dieser fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn sehr genhert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwbischen Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhngig von ihm kam =Hermann Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fnf Jahre spter seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen Gebieten der =Physik= nach. Wir wrden heute sagen mssen, da es auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der organischen Physik! -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und spiritualistischen Philosophen erhoben wrde. Diese erblicken in den eigentmlichen Geisteskrften des Menschen eine Gruppe von freien, dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders gesttzt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, da ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff der =Kraft= und der =Energie= getrennt; fr unsere vorliegende allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgltig. _Einheit des Substanzgesetzes._ Von grter Wichtigkeit fr unsere monistische Weltanschauung ist die feste berzeugung, da die beiden groen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehren; beide Theorien sind ebenso innig verknpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft= (oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze selbstverstndlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten eines und demselben Objektes, des =Kosmos=, betreffen; indessen ist diese naturgeme berzeugung weit entfernt, sich allgemeiner Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekmpft von der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen (inkonsequenten!) Monisten, welche im Bewutsein oder in der hheren Geistesttigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des freien Geisteslebens einen Gegenbeweis zu finden glauben. Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des =einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Da dieselben ursprnglich nicht zusammengefat und nicht in dieser Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze, welche noch heute vielfach bestritten wird, drcken viele berzeugte Naturforscher in der Benennung aus: Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes. Um einen krzeren und bequemeren Ausdruck fr diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu haben, habe ich schon vor lngerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das =Substanzgesetz= oder das kosmologische Grundgesetz zu nennen (Monismus, 1892, S. 14, 39). _Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen= Substanzbegriff in die Wissenschaft einfhrte und seine fundamentale Bedeutung erkannte, war der groe Philosoph =Baruch Spinoza=; sein Hauptwerk erschien kurz nach seinem frhzeitigen Tode, 1677. In seiner groartigen pantheistischen Weltanschauung fllt der Begriff der Welt (Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=; sie ist gleichzeitig der reinste und vernnftigste =Monismus=, und der geklrteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz= oder dieses gttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie= (den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die spter der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf diesen hchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurck, den ich mit =Goethe= fr einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte. Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugnglich sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere vergngliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese =Modi= sind krperliche Dinge, materielle Krper, wenn wir sie unter dem Attribut der =Ausdehnung= (der Raumerfllung) betrachten, dagegen Krfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der Energie) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt auch unser =Monismus= jetzt zurck; auch fr uns sind =Materie= (der raumerfllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz. _Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der herrschenden Atomistik, angenommen hat, berwog bisher die Annahme, da allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome selbst sind dem gewhnlichen kinetischen Substanzbegriff zufolge tote diskrete Krperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und in die Ferne wirken. Der eigentliche Begrnder und angesehenste Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der groe Mathematiker =Newton=, der berhmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem Hauptwerke ~Principia philosophiae naturalis mathematica~ (1687) wies er nach, da im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der =Massenanziehung=, dieselbe unvernderliche Gravitationskonstante herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden Verhltnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhltnis des Quadrats ihrer Entfernungen. Diese allgemeine =Schwerkraft= bewirkt ebenso die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen aller Weltkrper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war, dieses Gravitationsgesetz endgltig festzustellen und dafr eine unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie in vielen anderen Fllen, das grte Gewicht legen, gibt uns nur die =quantitative= Beweisfhrung fr die Theorie, sie gewhrt uns nicht die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen. Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und gefhrlichsten Dogmen der spteren Physik wurde, gibt uns nicht den mindesten Aufschlu ber die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung; vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis. _Der trinitre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwnde gegen unsere monistische Substanztheorie hinfllig, wenn wir den beiden Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares Attribut hinzufgen, die unbewute =Empfindung= (~Psychoma~). Die wahren inneren Ursachen der mechanischen Bewegungen, welche die dualistische Metaphysik als immaterielle Krfte, als Geisteskrfte oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der Physik gegenberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar an die raumerfllende Materie gebunden. Gewhnlich wird ja von der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als eine Form der Energie aufgefat; das geschieht sowohl von deren materialistischer Richtung (Stoff und Kraft von =Bchner=), als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung (Energetik als berwindung des Materialismus von =Ostwald=). Die Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden manche irrefhrende Miverstndnisse beseitigt, wenn wir den bisher vorherrschenden Begriff der Energie in zwei gleichwertige Attribute zerlegen, in aktive Energie -- =Mechanik= (Wille im Sinne von Schopenhauer) und in passive Energie -- =Psychoma= (unbewute Empfindung im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der =Dreieinigkeit der Substanz= (oder Trinitt des Kosmos) im 19. Kapitel meiner =Lebenswunder= nher erlutert. (Ergnzungsband zu den Weltrtseln, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfllung= oder Ausdehnung, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder Mechanik, Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder Weltseele, Geist (= =Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Krper. _Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese Trinitrtheorie der Substanz richtig ist, dann mu auch das groe Konstanzgesetz, die Lehre von der =Erhaltung= der unzerstrbaren Substanz, ebenso auf die Empfindung, wie auf Stoff und Kraft Anwendung finden. Die niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise verschieden von den niederen und hheren Formen des organischen Seelenlebens, von der Sinnesttigkeit der niederen Organismen, von der Geistesttigkeit des Menschen (Denken). Jede Psychomform kann in die andere bergefhrt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen Weltraum ist unvernderlich.= _Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die wir vorstehend einander gegenbergestellt haben, sind im Prinzip =monistisch=; beide betrachten Stoff und Kraft als untrennbar, die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhlt es sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend sind; diese werden auch von der einflureichen Theologie gesttzt, soweit sich dieselbe berhaupt auf solche metaphysische Spekulationen einlt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die =materielle Substanz= bildet die =Krperwelt=, deren Erforschung Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht berhaupt an deren Erschaffung aus Nichts und andere Wunder glaubt!). Die =immaterielle Substanz= hingegen bildet die =Geisterwelt=, in welcher jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie entweder gar nicht, oder sie sind der Lebenskraft unterworfen, oder dem freien Willen, oder der gttlichen Allmacht, oder anderen solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts wei. Eigentlich bedrfen diese prinzipiellen Irrtmer heute keiner Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist. _Masse oder Krperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =wgbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte, welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gemacht hat, und der ungeheuere Einflu, welchen sie auf alle Seiten des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begngen uns daher mit wenigen Bemerkungen ber die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen, alle die unzhligen verschiedenen Naturkrper durch Zerlegung auf eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurckzufhren, d. h. auf einfache Krper, welche nicht weiter zerlegt werden knnen. Die Zahl dieser Elemente betrgt ungefhr achtzig. Nur der kleinere Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde verbreitet und von hoher Bedeutung; die grere Hlfte besteht aus seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die =gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwrdigen Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff= in ihrem =Periodischen System der Elemente= nachgewiesen haben, machen es sehr wahrscheinlich, da dieselben keine =absoluten Spezies der Masse=, keine ewig unvernderlichen Gren sind. Man hat nach jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und innerhalb derselben nach der Gre ihrer Atomgewichte geordnet, so da die chemisch hnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die gruppenweisen Beziehungen im natrlichen System der Elemente erinnern einerseits an hnliche Verhltnisse der mannigfach zusammengesetzten Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler Gruppen, wie sie im natrlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich zeigen. Wie nun bei diesen die Verwandtschaft der hnlichen Gestalten auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es sehr wahrscheinlich, da auch dasselbe fr die Familien und Ordnungen der Elemente gilt. Wir drfen daher annehmen, da die jetzigen empirischen Elemente keine wirklich einfachen und unvernderlichen =Spezies der Masse= sind, sondern ursprnglich zusammengesetzt aus gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung. Neuerdings soll es tatschlich gelungen sein, ein Element in ein anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfllung zu gehen. _Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos= und =Lukretius=; spter fand derselbe eine weitere und mannigfach verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung und =empirische Begrndung= fand aber der =moderne Atomismus= erst 1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das Gesetz der einfachen und multiplen Proportionen bei der Bildung chemischer Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschtterliche =exakte Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind smtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen, kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht weiter zerlegt werden knnen. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu gefhrt, die Atome wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Gre, Beseelung usw. ganz auer Spiele; denn diese Qualitten sind hypothetisch; empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre chemische Affinitt, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41). _Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als Affinitt oder Verwandtschaft bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften der Masse und uert sich in den verschiedenen Mengenverhltnissen oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der Intensitt, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von der vollkommenen Gleichgltigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft, finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die grte Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman =Die Wahlverwandtschaften= die Verhltnisse der Liebespaare in eine Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse der Vernunft und Moral berwindet, ist dieselbe mchtige unbewute Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch zur Apfelsure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von einem Molekl Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen Proze bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fnften Jahrhundert v. Chr. erkannt, in seiner Lehre vom =Lieben und Hassen der Elemente=. Sie findet ihre empirische Besttigung durch die interessanten Fortschritte der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gewrdigt haben. Wir grnden darauf unsere berzeugung, da auch schon den =Atomen= die einfachste Form der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der =Fhlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also eine universale =Seele= von primitivster Art, das Elementarpsychom. Dasselbe gilt aber auch von den Moleklen oder Massenteilchen, welche aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren Verbindung verschiedener solcher Molekle entstehen dann die einfachen und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt. _ther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwgbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=. Nachdem man schon lange die Existenz eines uerst feinen, den Raum auerhalb der Masse erfllenden Mediums angenommen und diesen ther zur Erklrung verschiedener Erscheinungen (vor allem des =Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nhere Bekanntschaft mit diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizitt=, mit ihrer experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verstndnis und ihrer praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die berhmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der frhzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Grte zu erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehrt ebenso wie der allzu frhe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und vielen anderen genialen Jnglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der menschlichen Geschichte, welche fr sich allein schon den unhaltbaren Mythus von einer weisen Vorsehung und von einem alliebenden Vater im Himmel grndlich widerlegen. _Die Existenz des thers_ oder Weltthers, als realer Materie, kann seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch heute noch vielfach lesen, da der ther eine bloe Hypothese sei; diese irrtmliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen und populren Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen vorsichtigen exakten Physikern. Mit demselben Rechte mte man aber auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststck zustande bringen, und deren hchste Weisheit darin besteht, die Realitt der Auenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nmlich ihre eigene teure Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele. _Wesen des thers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die reale Existenz des thers als eine positive Tatsache betrachtet wird, und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch unzhlige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche, genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und Sicherheit ber ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung, die ich persnlich (als bloer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht Stzen zusammen: ~I~. Der ther erfllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen Materie) eingenommen ist; er fllt auch alle Zwischenrume zwischen den Atomen der letzteren vollstndig aus. ~II~. Der ther besitzt wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei aus uerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B. unteilbaren therkugeln von gleicher Gren], so mu man weiterhin auch annehmen, da zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder der leere Raum oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein vllig hypothetischer =Interther=; bei der Frage nach dessen Wesen wrde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim ther erheben [~in infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens kaum mehr mglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung fhrt), so nehme ich eine eigentmliche =Struktur des thers= an, die nicht atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man vorlufig (ohne weitere Bestimmung) als =therische= oder =dynamische= Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des thers ist, dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentmlich und von demjenigen der Masse verschieden; er ist weder gasfrmig, noch fest; die beste Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer uerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der ther ist =imponderable Materie= in dem Sinne, da wir kein Mittel besitzen, sein Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt, was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe uerst gering und fr unsere feinsten Wagen unwgbar. ~VI~. Der therische Aggregatzustand kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende Verdichtung in den gasfrmigen Zustand der Masse bergehen, ebenso wie dieser letztere durch Abkhlung in den flssigen und weiterhin in den festen bergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustnde der Materie= ordnen sich demnach (was fr die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fnf Stufen derselben: 1. der therische, 2. der gasfrmige, 3. der flssige, 4. der festflssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~. Der ther ist ebenso unendlich und unermelich wie der Raum selbst; er befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung. _ther und Masse._ Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des thers, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schliet auch diejenige seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile der Materie befinden sich nicht nur berall in innigster uerer Berhrung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als Naturkrfte oder als Funktionen der Materie unterscheidet, in zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht ausschlielich) Funktion des =thers=, die andere ebenso Funktion der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wrme, der Elektrizitt und des Magnetismus werden berwiegend durch den imponderablen ther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere, der Trgheit, der Wasserwrme und des Chemismus durch die ponderable =Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen berall in bestndiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische Vorgnge des thers eng verknpft mit mechanischen und chemischen Vernderungen der Masse; die strahlende Wrme des ersteren geht direkt ber in die Massenwrme oder mechanische Wrme der letzteren; die Gravitation kann nicht wirken, ohne da der ther die Massenanziehung der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen knnen. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, besttigt zugleich die bestndige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz, zwischen =ther= und =Masse=. _Kraft und Energie._ Das groe Grundgesetz der Natur, welches wir als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen stellen, wurde ursprnglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte (1842), und von =Helmholtz=, der es ausfhrte (1847), als das Gesetz von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre frher hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn, die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837). Spter wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprnglich gleichbedeutend war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewhnlich als das Gesetz von der =Konstanz der Energie= bezeichnet. Fr die allgemeine Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begngen mu, und fr das groe Prinzip von der Erhaltung der Substanz kommt dieser feinere Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafr interessiert, findet eine sehr klare Auseinandersetzung darber z. B. in dem ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= ber das Grundgesetz der Natur (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erlutert, sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener Gebiete. Wir begngen uns hier mit der wichtigen Tatsache, da gegenwrtig das Energieprinzip und die damit verknpfte berzeugung von der Einheit der Naturkrfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt der Physik im 19. Jahrhundert gewrdigt wird. Wir wissen jetzt, da Wrme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizitt ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir knnen durch geeignete Vorrichtungen eine dieser Krfte in die andere verwandeln, und berzeugen uns dabei durch genaueste Messung, da von ihrer Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht. _Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=). Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt bestndig, gleichviel, welche Vernderungen uns erscheinen; sie ist ewig und unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und Bewegung; die ruhenden Krper besitzen aber ebenso eine unverlierbare Gre von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren. Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoung als die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, da der mechanische Wert der Spannkrfte und der lebendigen Krfte in der materiellen Welt eine konstante Quantitt ist. Kurz gesagt, zerfllt der Kraftbesitz des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhltnis ineinander verwandelt werden knnen. Die Verminderung des einen bringt die Vergrerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes bleibt jedoch unverndert. =Die Spannkraft= oder die =potentielle Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (= Triebkraft) werden bestndig ineinander umgewandelt, ohne da die unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den geringsten Verlust erleidet. _Einheit der Naturkrfte._ Nachdem die moderne Physik das Substanzgesetz zunchst fr die einfacheren Beziehungen der anorganischen Krper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur nach. Sie zeigte, da alle Lebensttigkeiten der Organismen ebenso auf einem bestndigen =Kraftwechsel= und einem damit verknpften Stoffwechsel beruhen wie die einfachsten Vorgnge in der sogenannten leblosen Natur. Nicht nur das Wachstum und die Ernhrung der Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und Bewegung, ihrer Sinnesttigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses hchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen des Nervensystems, welche man bei den hheren Tieren und beim Menschen als das =Geistesleben= bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch fr die gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkrften in allen Naturerscheinungen. _Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische berzeugung, da das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung fr die =gesamte Natur= besitzt, nimmt die hchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen, sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der hchste intellektuelle Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen der Metaphysik=: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Indem das Substanzgesetz berall mechanische Ursachen in den Erscheinungen nachweist, verknpft es sich mit dem =allgemeinen Kausalgesetz=. =Dreizehntes Kapitel.= _Entwickelungsgeschichte der Welt._ Monistische Studien ber die ewige Entwickelung des Universum. Schpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie. Unter allen Weltrtseln das grte, umfassendste und schwerste ist dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewhnlich die =Schpfungsfrage= genannt. Auch zur Lsung dieses schwierigsten Weltrtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle frheren, ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, da alle verschiedenen einzelnen Schpfungsfragen untrennbar verknpft sind, da sie alle nur ein einziges, allumfassendes =kosmisches Universalproblem= bilden, und den Schlssel zur Lsung dieser Weltfrage gibt uns das eine Zauberwort: =Entwickelung=! Die groen Fragen von der Schpfung des Menschen, von der Schpfung der Tiere und Pflanzen, von der Schpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf bernatrlichem Wege =erschaffen=, oder hat sie sich auf natrlichem Wege =entwickelt=? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen fr eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf deren Beantwortung fr das =ganze= Weltproblem geworfen. _Schpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht ber die Entstehung der Welt war in frheren Jahrhunderten fast berall, wo denkende Menschen wohnten, der =Glaube an die Schpfung=. In Tausenden von interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen, =Kosmogonien= und =Schpfungsmythen= hat dieser Schpfungsglaube seinen mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige groe Philosophen und besonders jene bewunderungswrdigen freien Denker des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natrlichen =Entwickelung= erfaten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle jene Schpfungsmythen den Charakter des =bernatrlichen=, Wunderbaren oder Transzendenten. Unfhig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen und ihre Entstehung durch natrliche Ursachen zu erklren, mute die unentwickelte Vernunft selbstverstndlich zum =Wunder= greifen. In den meisten Schpfungssagen verknpfte sich mit dem Wunder die Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende Gott planmig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schpfers war meistens ganz menschenhnlich (anthropomorph). Der allmchtige Schpfer Himmels und der Erden, wie er im ersten Buch Moses und in unserem heute noch gltigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz menschlich gedacht wie der moderne Schpfer von =Agassiz= und =Reinke=. _Schpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der =Kreation= knnen wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale Schpfung des Weltalls und die partielle Schpfung der einzelnen Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der =Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~, den einzelnen Erscheinungsformen der Substanz). Diese Unterscheidung ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen, die letztere dagegen verwerfen. _Schpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser Schpfungslehre hat Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen. Man stellt sich vor, da der ewige Gott (als vernnftiges, aber immaterielles Wesen!) fr sich allein von Ewigkeit her (im leeren Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam, die Welt zu schaffen. Viele Anhnger dieses Glaubens beschrnken die Schpfungsttigkeit Gottes aufs uerste, auf einen einzigen Akt; sie nehmen an, da der auerweltliche Gott (dessen brige Ttigkeit rtselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr die Fhigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann nie weiter um sie bekmmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie nhert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schpfungsgedanken kam. Andere Anhnger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen an, da Gott der Herr die Substanz nicht nur einmal erschaffen habe, sondern als bewuter Erhalter und Regierer der Welt in deren Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nhern sich bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese und hnliche Formen des Schpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen Anfang der Welt. _Schpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser individuellen, noch jetzt herrschenden Schpfungslehre hat Gott der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (aus Nichts) geschaffen, sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses herbergenommene Schpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da glubige Anhnger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten Kapitel meiner Natrlichen Schpfungsgeschichte eingehend dargelegt. Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus drften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schpfungsakte= beschrnkt; zuerst schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, fr die allein das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus der Weltkrper und der Gebirgsbildung; spter erwarb Gott Intelligenz und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten Krften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten (Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in =drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schpfung des Himmels (d. h. der auerirdischen Welt); ~B~. Schpfung der Erde (als Mittelpunkt der Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schpfung des Menschen (als Ebenbild Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen Theologen und anderen Gebildeten; es wird in vielen Schulen als Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schpfung in sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren Kindern schon in der frhesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest eingeprgt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche, denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen, sind vllig fehlgeschlagen. Fr die Naturwissenschaft gewann derselbe dadurch groe Bedeutung, da =Linn= bei Begrndung seines Natursystems (1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von ihm fr bestndig gehaltenen) =Spezies= benutzte: Es gibt so viele verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind. Dieses Dogma wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich =Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~. =Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevlkerung neu geschaffen und am Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt so viele General-Schpfungsakte, als getrennte geologische Perioden aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818, und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Palontologie, welche in ihren unvollkommenen Anfngen diese Lehre von den wiederholten Neuschpfungen der organischen Welt zu sttzen schien, hat dieselbe spter vollstndig widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch -- ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist nicht durch einen natrlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern durch die Gnade Gottes geschaffen (der alle Dinge kennt und die Haare auf unserem Haupte gezhlt hat). Man liest diese christliche Schpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei Geburtsanzeigen (Gestern schenkte uns der gndige Gott einen gesunden Knaben usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzge unserer Kinder werden oft als besondere Gaben Gottes dankbar anerkannt (die erblichen Fehler gewhnlich nicht!). _Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der Schpfungssagen und des damit verknpften Wunderglaubens mute sich schon frhzeitig denkenden Menschen aufdrngen; wir finden daher schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben durch eine vernnftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der Welt mittels natrlicher Ursachen zu erklren. Allen voran stehen hierin wieder die groen Denker der ionischen Naturphilosophie, ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen Versuche, welche sie unternahmen, berraschen uns zum Teil durch strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorlufer moderner Ideen erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzhlige Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Whrend des Mittelalters -- und besonders whrend der Gewaltherrschaft des Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten dafr, da der unbedingte Glaube an die hebrische Mythologie des Moses als definitive Antwort auf alle Schpfungsfragen galt. Selbst diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wibegieriger Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen. Auerdem wurde der wahren Erkenntnis der natrlichen Entwickelung ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Prformationslehre= versperrt, durch das Dogma, da die charakteristische Form und Struktur jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl. S. 33). _Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne) nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des 19. Jahrhunderts; sie gehrt zu seinen wichtigsten und glnzendsten Erzeugnissen. Tatschlich ist dieser Begriff, der noch im 18. Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzge derselben in frheren Schriften ausfhrlich behandelt, am eingehendsten in der Generellen Morphologie (1866), sodann mehr populr in der Natrlichen Schpfungsgeschichte (1868, elfte Auflage 1908) und mit besonderer Beziehung auf den Menschen in der Anthropogenie (1874, fnfte Auflage 1903). Ich beschrnke mich daher hier auf eine kurze bersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfllt nach ihren Objekten in vier Hauptteile: die natrliche Entstehung 1. des Kosmos, 2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen. ~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten Versuch, die Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebudes nach =Newton=schen Grundstzen -- d. h. durch mathematische und physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklren, unternahm =Immanuel Kant= in seinem berhmten Jugendwerke, der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755). Leider blieb dieses groartige und khne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen, im ersten Bande seines Kosmos. Inzwischen war aber der groe franzsische Mathematiker =Pierre Laplace= selbstndig auf hnliche Theorien wie =Kant= gekommen und fhrte sie mit mathematischer Begrndung weiter aus in seiner ~Exposition du systme du monde~ (1796). Sein Hauptwerk ~Mcanique cleste~ erschien im Jahre 1799. Die bereinstimmenden Grundzge der Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklrung der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, da alle Weltkrper ursprnglich aus rotierenden Nebelbllen durch Verdichtung entstanden sind. Diese =Nebularhypothese= ist zwar spter vielfach verbessert und ergnzt worden, sie gilt aber noch heute als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebudes einheitlich und mechanisch zu erklren (vergl. =Wilhelm Blsche=, Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In spterer Zeit hat sie eine bedeutungsvolle Ergnzung und zugleich Verstrkung durch die Annahme gewonnen, da dieser =kosmogonische Proze= nicht nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat. Whrend in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden Nebelbllen neue Weltkrper entstehen und sich entwickeln, werden in anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene Weltkrper durch Zusammensto wieder zerstubt und in diffuse Nebelmassen aufgelst. _Anfang und Ende der Welt._ Fast alle lteren und neueren Kosmogenien und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen, gingen von der herrschenden Ansicht aus, da die Welt einen =Anfang= gehabt habe. So htte sich im Anfang nach einer vielverbreiteten Form der Nebularhypothese ursprnglich ein ungeheurer Nebelball aus uerst dnner und leichter Materie gebildet, und in einem bestimmten Zeitpunkte (vor undenklich langer Zeit) habe in diesem eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der erste Anfang dieser kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgnge in der Bildung der Weltkrper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten und mathematisch begrnden. Dieser erste =Ursprung der Bewegung= ist das zweite Weltrtsel von =Du Bois-Reymond=; er erklrt es fr =transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Gestndnis, da man hier einen ersten bernatrlichen Anstoß«, also ein Wunder, annehmen msse. Nach unserer Ansicht wird dieses zweite Weltrtsel durch die Annahme gelst, da die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprngliche= Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im Substanzgesetz und zweitens in den groen Fortschritten, welche die Astronomie und Physik in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff= (1860) haben wir nicht nur erfahren, da die Millionen Weltkrper, welche den unendlichen Weltraum erfllen, aus denselben Materien bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, da sie sich in verschiedenen Zustnden der Entwickelung befinden; wir haben sogar mit ihrer Hilfe Kenntnisse ber die Bewegungen und Entfernungen der Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Flle von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19. Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und Nebelflecke, uns die groe Bedeutung der kleinen Weltkrper kennen gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den greren Sternen im Weltraum verteilt sind. Wir wissen jetzt auch, da die =Bahnen= der Millionen von Weltkrpern =vernderlich= und zum Teil unregelmig sind, whrend man frher die Planetensysteme als bestndig betrachtete und die rotierenden Blle in ewiger Gleichmigkeit ihre Kreise beschreiben lie. Wichtige Aufschlsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik, sowie in der dadurch gefrderten thertheorie. Endlich erweist sich auch hier wieder als grter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das =universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, da es ebenso berall in den fernsten Weltrumen unbedingte Geltung hat wie in unserem Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in der kleinsten Zelle unseres menschlichen Krpers. Wir sind aber auch zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, da die Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz unterworfen.= Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die sich gegenseitig erlutern und ergnzen, ergibt sich eine Reihe von beraus wichtigen Schlssen ber die Zusammensetzung und Entwickelung des Kosmos, ber die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der =Weltraum= ist unendlich gro und unbegrenzt; er ist nirgends leer, sondern allenthalben mit Substanz erfllt. ~II~. Die =Weltzeit= ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich berall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Vernderung; nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die unendliche Quantitt der Materie ebenso unverndert wie diejenige der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich wiederholenden Entwickelungszustnden. ~V~. Diese Phasen bestehen in einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten Dichtigkeitsverhltnisse (=Aggregatzustnde=). ~VI~. Whrend in einem Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkrper entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte Proze, die Zerstrung von Weltkrpern, die aufeinander stoen. ~VII~. Die ungeheuren Wrmequantitten, welche durch diese mechanischen Prozesse bei den Zusammensten der rotierenden Weltkrper erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Krfte dar, welche die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die =Neubildung= rotierender Blle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach Verflu weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer kleiner geworden, in die Sonne strzen. Besonders wichtig fr die klare Einsicht in den universalen kosmischen Entwickelunsproze sind diese modernen Vorstellungen ber periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkrper. Unsere Mutter =Erde= schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen Sonnenstubchens zusammen, wie deren ungezhlte Millionen im unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes =Menschenwesen=, welches in seinem anthropistischen Grenwahn sich als Ebenbild Gottes verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen Sugetieres hinab, welches nicht mehr Wert fr das ganze Universum besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur vorbergehende Entwickelungszustnde der ewigen Substanz, individuelle Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit gegenberstellen. _Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als bloe Formen der Anschauung erklrt hat -- den Raum als Form der ueren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich ber diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der auch heute noch fortdauert. Bei einem groen Teile der modernen Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, da dieser kritischen Tat als Ausgangspunkt einer rein idealistischen Erkenntnistheorie die grte Bedeutung beizulegen sei, und da damit die natrliche Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realitt des Raumes und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden Grundbegriffe ist die Quelle der grten Irrtmer geworden; sie bersieht, da =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems, die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=, als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: Raum und Zeit haben =empirische Realitt=, aber =transzendentale Idealitt=. Mit diesem Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden erklren, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der subjektiven Seite des Problems; denn diese fhrt in ihrer Konsequenz zu jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: Krper sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden. Dieser Satz sollte heien: Krper sind fr mein persnliches Bewutsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige meiner Denkorgane, nmlich der Ganglienzellen des Grohirns, welche die Eindrcke der Krper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch Assozion derselben jene Vorstellung bilden. Ebenso gut, wie ich die Realitt von Raum und Zeit bezweifle, oder gar leugne, kann ich auch diejenige meines eigenen Bewutseins leugnen; im Fieberdelirium, in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewutsein halte ich Vorstellungen fr wahr, welche nicht real, sondern Einbildungen sind; ich halte sogar meine eigene Person fr eine andere (S. 111); das berhmte ~Cogito ergo sum~ gilt hier nicht mehr. Dagegen ist die =Realitt von Raum und Zeit= jetzt endgltig bewiesen durch die Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare Vorstellung vom leeren Raum glcklich abgestreift haben, bleibt uns als das unendliche, =raumerfllende= Medium die =Materie=, und zwar in ihren beiden Formen: =ther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir auf der anderen Seite als das =zeiterfllende= Geschehen die ewige Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen =Entwickelung= der Substanz uert. _~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Krper seine Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht uere Umstnde daran hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken, Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort in derselben Weise weiter bewegen. Man bersah dabei, da jede Bewegung auf uere Hindernisse stt und allmhlich aufhrt, wenn nicht ein neuer Ansto von auen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft zugefhrt wird, die jene Hindernisse berwindet. So wrde z. B. ein schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die Reibung im Aufhngungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner Bewegung allmhlich aufhben und in Wrme verwandelten. Wir mssen ihm durch einen neuen Ansto (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des Gewichtes) neue mechanische Kraft zufhren. Daher ist die Konstruktion einer Maschine, welche ohne uere Hilfe einen Arbeitsberschu erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhlt, unmglich. Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, muten fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch theoretisch die Unmglichkeit desselben. Anders verhlt es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, da das ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist. Diese unendliche und ewige Maschine des Weltalls erhlt sich selbst in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich groe =Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt. Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum mobile~ fr den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend wie sie fr die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmglich ist. Damit werden auch die Schlufolgerungen abgelehnt, die aus der Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind. _Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begrnder der =mechanischen Wrmetheorie= (1850), =Clausius=, fate den wichtigsten Inhalt dieser bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptstzen zusammen. Der erste Hauptsatz lautet: =Die Energie des Weltalls ist konstant=; er bildet die eine Hlfte unseres Substanzgesetzes, das Energieprinzip (S. 28). Der zweite Hauptsatz behauptet: =Die Entropie des Weltalls strebt einem Maximum zu.= Nach der Ansicht von =Clausius= zerfllt die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine (als Wrme von hherer Temperatur, als mechanische, elektrische, chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist, der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wrme verwandelte und in klteren Krpern angesammelte Energie, ist fr weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam verbrauchten Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach innen gewendete Kraft); er wchst bestndig auf Kosten des ersten Teiles. Da nun tagtglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls in Wrme bergeht und diese nicht in die erstere zurckverwandelt werden kann, mu die gesamte Quantitt der arbeitsfhigen Energie immer mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede mten zuletzt verschwinden und die vllig gebundene Wrme gleichmig in einem einzigen trgen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein; alles organische Leben und alle organische Bewegung wrde aufgehrt haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wre; das wahre Ende der Welt wre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und ihr Schatten, 1902.) Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wre, so mte dem angenommenen =Ende= der Welt auch ein ursprnglicher =Anfang= derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe. Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System ablaufen. Im groen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff eines geschlossenen Systems nicht anwenden knnen, herrschen aber jedenfalls Verhltnisse, die eine Umkehrung des energetischen Ablaufs mglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoe von zwei Weltkrpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen, kolossale Wrmemengen frei, whrend die zerstubten Massen in den Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner Meteoriten, Vereinigung derselben zu greren usw. beginnt dann von neuem. =Herbert Spencer= hat in seinen Grundprinzipien berzeugend dargelegt, da selbst fr ein =geschlossenes= Universum der Schlu unerlaubt wre, es msse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe bleiben. Man knne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer frheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwrtigen sei zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im entgegengesetzten Sinne ein, und so wrde sich das Leben des Universums unaufhrlich fortsetzen. Wie =Poincar= (Die moderne Physik, 1908) bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker berein, welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, da man bei gengend langer Beobachtung die verschiedenen Zustnde wiederkehren sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Vernderungen durchgemacht hat. ~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde, auf die wir jetzt noch einen flchtigen Blick werfen, bildet nur einen winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jnger und stammt zum weitaus grten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=, =Kepler= und andere groe Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die sptere Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberflche, die Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wsten war noch zu Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen; meistens begngte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder mit der Annahme der traditionellen Schpfungssagen; insbesondere war es auch hier wieder der berlieferte Glaube an die mosaische Schpfungsgeschichte, welcher der selbstndigen Forschung von vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte. Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die =ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht darin, da wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren und benutzen, um dadurch die hnlichen geschichtlichen Vorgnge der =Vergangenheit= zu erklren. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in seiner Geschichte der durch berlieferung nachgewiesenen natrlichen Vernderungen der Erdoberflche diese ontologische Methode (1822) begrndet hatte, wurde sie bald (1830) von dem groen englischen Geologen =Charles Lyell= in seinen Prinzipien der Geologie auf die ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen Geschichte der Erde und des Lebens (1908) eine lichtvolle populre Darstellung derselben gegeben. Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte mssen wir vor allem die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ltere Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der brigen Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lsten sich vom quator des rotierenden Sonnenkrpers als Nebelringe ab, welche sich allmhlich zu selbstndigen Weltkrpern verdichteten. Aus dem gasfrmigen Nebelball wurde durch Abkhlung der glutflssige Erdball, und weiterhin entstand an dessen Oberflche durch fortschreitende Wrmeausstrahlung die dnne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur an der Oberflche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte sich aus der umgebenden Dampfhlle das erste tropfbar-flssige Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung fr die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=. ~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart fort. Die groen Weltrtsel, welche dieser interessanteste Teil der Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts allgemein fr unlsbar oder doch fr so schwierig, da ihre Lsung in weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit berechtigtem Stolze sagen, da sie durch die moderne =Biologie= und ihren =Transformismus im Prinzip= gelst sind. Zuerst stellte (1809) =Jean Lamarck= die Lehre fest, da alle die unzhligen Formen des Tier- und Pflanzenreiches durch allmhliche Umbildung aus gemeinsamen einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und da die allmhliche Vernderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit =Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fnfzig Jahre spter fhrte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser Deszendenztheorie, gesttzt auf die groartigen, inzwischen erfolgten Fortschritte der Biologie, weiter aus und fllte zugleich durch seine neue Selektionstheorie die bedenklichste Lcke der ersteren aus. Er zeigte, wie die natrliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein der unbewute Schpfer ist, welcher die zweckmige Organisation der Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schpfungsplan hervorbringt. Dadurch ist =Darwin= der Kopernikus der organischen Welt geworden. ~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann fr uns Menschen derjenige jngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar erkannt, da diese Entwickelung vernnftigerweise nur auf =einem= natrlichen Wege denkbar sei, durch =Abstammung vom Affen=, als von dem nchstverwandten Sugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in seiner berhmten Abhandlung ber die Stellung des Menschen in der Natur, da diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschlu der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und palontologische Tatsachen wohlbegrndet sei; er erklrte diese Frage aller Fragen im Prinzip fr gelst. =Darwin= behandelte sie in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke ber die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl (1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866) diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes Kapitel gewidmet. 1874 verffentlichte ich meine =Anthropogenie=, als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze Ahnenreihe bis zur ltesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen; ich sttzte mich dabei gleichmig auf die drei groen Urkunden der Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und Palontologie (Fnfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898 auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ber unsere gegenwrtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen gehalten habe. Die ausfhrlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung gegeben: =Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift zur 350jhrigen Jubelfeier der Universitt Jena, am 30. Juli 1908. =Vierzehntes Kapitel.= _Einheit der Natur._ Monistische Studien ber die materielle und energetische Einheit des Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall. Durch das Substanzgesetz ist zunchst die fundamentale Tatsache erwiesen, da jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie, Schall und Wrme, Licht und Elektrizitt knnen ineinander bergefhrt werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkrfte= oder, wie wir auch sagen knnen, dem =Monismus der Energie=. Im gesamten Gebiete der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkrper betrifft. Anders verhlt sich scheinbar die organische Welt, das bunte und formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der Hand, da ein =groer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen zurckzufhren ist. Fr einen anderen Teil aber wird das auch heute noch bestritten, so vor allem fr das Weltrtsel des =Seelenlebens=, insbesondere des Bewutseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der modernen =Entwickelungslehre=, die Brcke zwischen den beiden, scheinbar getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren berzeugung gelangt, da auch alle Erscheinungen des =organischen= Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die =anorganischen= Phnomene im unendlichen Kosmos. _Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die berwindung des frheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen =Monismus des Kosmos=, die prinzipielle Einheit der organischen und anorganischen Natur schon 1866 sehr eingehend zu begrnden versucht, indem ich die bereinstimmung der beiden groen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe, Formen und Krfte einer eingehenden kritischen Prfung und Vergleichung unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug ihrer Ergebnisse enthlt der fnfzehnte Vortrag meiner Natrlichen Schpfungsgeschichte. Whrend die hier entwickelten Anschauungen von der groen Mehrzahl der Naturforscher gegenwrtig angenommen sind, ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden, sie zu bekmpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der =teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen, wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner berzeugung fr die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre. _Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der letzten Dezennien durch unzhlige Analysen folgende fnf Tatsachen festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkrpern kommen keine anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentmlich sind, und welche ihre Lebenserscheinungen bewirken, sind zusammengesetzte Plasmakrper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweiverbindungen. ~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer Proze, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~. Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten Eiweikrper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff. ~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbestndigkeit und ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fnf fundamentalen Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: Lediglich die eigentmlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des Kohlenstoffes -- und namentlich der festflssige Aggregatzustand und die leichte Zersetzbarkeit der hchst zusammengesetzten, eiweiartigen Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener eigentmlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren Sinne das Leben nennt. Obwohl diese Kohlenstofftheorie von mehreren Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die physiologischen Verhltnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik des lebendigen Plasma viel besser und grndlicher kennen als um die Mitte des 19. Jahrhunderts, lt sich unsere Theorie eingehender und sicherer begrnden, als es damals mglich war. _Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung= (~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit ber diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran, da dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehrt. Ich beschrnke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem =Beginn der Biogenesis=: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakrpern in einer anorganischen Bildungsflssigkeit, und ~II~. die Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen, aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natrlichen Schpfungsgeschichte so eingehend behandelt, da ich hier darauf verweisen kann. Eine sehr ausfhrliche und streng wissenschaftliche Errterung derselben habe ich bereits 1866 in der Generellen Morphologie gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); spter hat =Naegeli= in seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884) die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natrlichen Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei: Die Urzeugung leugnen heit das Wunder verknden. Eine kritische Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings ber Urzeugung aufgestellt worden sind, enthlt das 15. Kapitel (Lebensursprung) meines Buches ber die Lebenswunder (Volksausgabe 1906). _Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die eng damit verknpfte Kohlenstofftheorie besitzen die grte Bedeutung fr die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen= (=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fnfzig Jahren durch seine =Selektionstheorie= den Schlssel zur monistischen Erklrung der Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte Mannigfaltigkeit der zweckmigen Einrichtungen in der lebendigen Krperwelt ebenso auf natrliche mechanische Ursachen zurckzufhren, wie dies vorher nur in der anorganischen Natur mglich war. Die bernatrlichen zweckttigen Ursachen, zu welchen man frher seine Zuflucht hatte nehmen mssen, sind dadurch berflssig geworden. _Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen (oder Werkursachen) und den zweckttigen Ursachen (oder Endursachen) hat mit Bezug auf die Erklrung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph schrfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berhmten Jugendwerke, der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels, hatte er 1755 den khnen Versuch unternommen, die Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebudes nach =Newton=schen Grundstzen abzuhandeln. Er sttzte sich dabei ganz auf die mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde spter von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begrndet. Als dieser von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott, der Schpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar und ehrlich: Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht. Damit war der =atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies mu um so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus= noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die =anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklrt. Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklrung= der Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen zurckfhrt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution der betreffenden Naturkrper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont, da es ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft geben kann, und da die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur mechanischen Erklrung =aller= Erscheinungen unbeschrnkt sei. Als er aber spter in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die Erklrung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur besprach, behauptete er, da dafr jene mechanischen Ursachen nicht ausreichend seien; hier msse man zweckmig wirkende Endursachen zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft zur mechanischen Erklrung anzuerkennen, aber ihr =Vermgen= sei begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermgen zu, aber fr den grten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders fr die Seelenttigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen unentbehrlich. Der merkwrdige 79 der Kritik der Urteilskraft trgt die charakteristische berschrift: Von der notwendigen Unterordnung des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklrung eines Dinges als Naturzweck. Die zweckmigen Einrichtungen im Krperbau der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme bernatrlicher Endursachen (d. h. also einer planmig wirkenden Schpferkraft) so unerklrlich, da er sagte: Es ist ganz gewi, da wir die organisierten Wesen und deren innere Mglichkeit nach blo mechanischen Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns erklren knnen, und zwar so gewi, da man dreist sagen kann: Es ist fr Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder zu hoffen, da noch etwa dereinst ein Newton aufstehen knne, der auch nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man mu diese Einsicht dem Menschen schlechterdings absprechen. Siebzig Jahre spter ist dieser unmgliche =Newton= der organischen Natur in =Darwin= wirklich erschienen und hat die groe Aufgabe gelst, die =Kant= fr unlsbar erklrt hatte. _Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=). Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und seitdem =Kant= (1755) die Verfassung und den =mechanischen= Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundstzen festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz des Weltmechanismus= mathematisch begrndet hatte, sind die smtlichen anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der =Zweckbegriff= aus diesem ganzen groen Gebiete =verschwunden=. Jetzt ist diese monistische Betrachtung nach harten Kmpfen zu allgemeiner Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermelichen Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker ber den Zweck der elektrischen Krfte oder ein Chemiker ber den Zweck der Atomgewichte grbeln? Wir drfen getrost antworten: =Nein=! Sicher nicht in dem Sinne, da der liebe Gott oder eine zielstrebige Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal pltzlich aus nichts zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und da er sie nach seinem vernnftigen Willen tagtglich wirken lt. Diese anthropomorphe Vorstellung von einem zweckttigen Weltbaumeister und Weltherrscher ist hier vllig berwunden; an seine Stelle sind die ewigen, ehernen, groen Naturgesetze getreten. _Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der =Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Krperbau und in der Lebensttigkeit aller Organismen tritt uns die Zweckttigkeit unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso fr einen bestimmten Lebenszweck eingerichtet wie die knstlichen, vom Menschen erfundenen und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es war daher ganz naturgem, da die ltere naive Naturbetrachtung fr die Entstehung und die Lebensttigkeit der organischen Wesen einen Schpfer in Anspruch nahm, der mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewhnlich wurde dieser allmchtige Schpfer Himmels und der Erden durchaus anthropomorph gedacht; er schuf jegliches Wesen nach seiner Art. Solange dabei dem Menschen der Schpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Hnden, konnte man sich von diesem gttlichen Maschinenbauer und von seiner knstlerischen Arbeit in der groen Schpfungswerksttte noch eine anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich der Gottesbegriff luterte und man in dem unsichtbaren Gott einen immateriellen Schpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die Physiologie an die Stelle des bewut bauenden Gottes die unbewut schaffende =Lebenskraft= setzte -- eine unbekannte, zweckmig ttige Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen Krften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit -- in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatschliche Widerlegung erst durch den groen Physiologen =Johannes Mller=. Zwar war auch dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen und hielt sie fr die Erklrung der letzten Lebensursachen fr unentbehrlich, aber er fhrte zugleich in seinem klassischen, noch heute unbertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, da eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Mller= selbst zeigte in einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen Experimenten, da die meisten Lebensttigkeiten im Organismus des Menschen ebenso wie der brigen Tiere nach physikalischen und chemischen Gesetzen geschehen, da viele von ihnen sogar mathematisch bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln und Nerven, der niederen und hheren Sinnesorgane, wie von den Vorgngen bei der Ernhrung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und dem Blutkreislauf. Rtselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft nicht erklrbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der hheren Seelenttigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung). Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Mllers= Tode so bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, da das unheimliche Gespenst der Lebenskraft auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln verschwand. Es war ein merkwrdiger chronologischer Zufall, da =Johannes Mller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles Darwin= die ersten Mitteilungen ber seine epochemachende Theorie verffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete das groe Rtsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die Frage von der Entstehung zweckmiger Einrichtungen durch rein mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan. _Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der lteren, 1809 von =Lamarck= begrndeten =Deszendenztheorie=, ihre Begrndung durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der =Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich die wahren bewirkenden Ursachen der allmhlichen Artumbildung enthllt. =Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche =Kampf ums Dasein= der unbewut wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der Vererbung und Anpassung bei der allmhlichen Transformation der Spezies leitet; er ist der groe =zchtende Gott=, welcher ohne Absicht neue Formen ebenso durch natrliche Auslese bewirkt, wie der zchtende Mensch neue Formen mit Absicht durch knstliche Auslese hervorbringt. Damit wurde das groe philosophische Rtsel gelst: Wie knnen zweckmige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zweckttige Ursachen? Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der =teleologischen Mechanik= zu immer grerer Geltung entwickelt und hat auch die feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns durch die funktionelle Selbstgestaltung der zweckmigen Struktur mechanisch erklrt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das grte Hindernis einer vernnftigen und einheitlichen Naturauffassung. _Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen Lebenskraft, das grndlich gettet schien, wieder aufgelebt; verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Bchern gegeben: Die Welt als Tat (1899) und Einleitung in die theoretische Biologie (1901). Er nennt sie Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher Grundlage; tatschlich ist aber diese Grundlage der christliche Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht und =Moses= als hchste wissenschaftliche Autoritt betrachtet, verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die Mosaische =Schpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er nennt die Lebenskrfte, im Gegensatze zu den physikalischen Krften, Richtkrfte, Oberkrfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungsstzen der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird auch der neue sogenannte Keplerbund nicht lsen, den er 1908 zur Bekmpfung und Vernichtung des 1905 gegrndeten Monistenbundes ins Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus (der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten, Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3. Kapitel meiner Lebenswunder eingehend nachgewiesen. _Unzweckmigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den beraus interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begrndet, welche in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung von der zweckmigen Einrichtung der lebendigen Naturkrper direkt widerlegen. Diese Wissenschaft von den rudimentren, abortiven, verkmmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen Individuen sttzt sich auf eine unermeliche Flle der merkwrdigsten Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern lngst bekannt waren, aber erst durch Darwin urschlich erklrt und in ihrer hohen philosophischen Bedeutung vollstndig gewrdigt worden sind. Alle hheren Tiere und Pflanzen, berhaupt alle diejenigen Organismen, deren Krper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren, zweckmig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen, ja zum Teil sogar gefhrlichen und schdlichen Einrichtungen erkennen. In den Blten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen Geschlechtsblttern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkmmerte oder fehlgeschlagene Staubfden, Fruchtbltter, Kronen-, Kelchbltter usw.). In den beiden groen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vgel und Insekten, gibt es neben den gewhnlichen, ihre Flgel tglich gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flgel verkmmert sind, und die nicht fliegen knnen. Fast in allen Klassen der hheren Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkmmert, zum Sehen nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Krper besitzen wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrse des Mannes und in anderen Krperteilen; ja der gefrchtete Wurmfortsatz unseres Blinddarmes ist nicht nur unntz, sondern sogar gefhrlich, und alljhrlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzndung zugrunde. Die =Erklrung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen im Krperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, da diese rudimentren Organe =verkmmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch bung und hufigeren Gebrauch gestrkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch Unttigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rckbildung. Aber obgleich so durch bung und Anpassung die hhere Entwickelung der Organe gefrdert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort spurlos durch Nichtbung; vielmehr werden sie durch die Macht der Vererbung noch whrend vieler Generationen erhalten und verschwinden erst allmhlich nach lngerer Zeit. Der blinde Kampf ums Dasein zwischen den Organen bedingt ebenso ihren historischen Untergang, wie er ursprnglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein immanenter Zweck spielt dabei berhaupt keine Rolle. _Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das Tier- und Pflanzenleben immer und berall unvollkommen. Diese Tatsache ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, da die ganze Natur in einem bestndigen Flusse der =Entwickelung=, der Vernderung und Umbildung begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im groen und ganzen -- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur auf unserem Planeten bersehen knnen -- als eine fortschreitende Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Niederen zum Hheren, vom Unvollkommenen zum Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den Nachweis gefhrt, da dieser historische =Fortschritt= -- oder die allmhliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion= ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich auch daraus, da kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er in einem gegebenen Augenblicke den Umstnden vollkommen angepat wre, wrde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen der Auenwelt sind selbst einem bestndigen Wechsel unterworfen und bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen. _Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber ber die Schicksale der Vlker und ber den verschlungenen Gang der Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer sittlichen Weltordnung. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel der Vlkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht, welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft ber die anderen bestimmt hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist neuerdings um so schrfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persnlichen Gotte, dessen Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat. Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur. =Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie die zweckmigen Einrichtungen im Leben und im Krperbau der Tiere und Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er hat uns auch in seinem =Kampf ums Dasein= die gewaltige Naturmacht erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt. Man knnte freilich sagen: Der Kampf ums Dasein ist das berleben des Passendsten oder der Sieg des Besten; das kann man aber nur, wenn man das Strkere stets als das beste (in moralischem Sinne!) betrachtet; und berdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen Welt, da neben dem berwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen jederzeit auch einzelne Rckschritte zu niederen Zustnden vorkommen. Verhlt es sich nun in der Vlkergeschichte, die der Mensch in seinem anthropozentrischen Grenwahn die Weltgeschichte zu nennen liebt, etwa anders? Ist da berall und jederzeit ein hchstes moralisches Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke der Vlker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Vlkergeschichte, nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts, die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben ewigen, ehernen, groen Gesetzen wie die Geschichte der ganzen organischen Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevlkert. Die Geologen unterscheiden in der organischen Erdgeschichte, soweit sie uns durch die Denkmler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei groe Perioden: das primre, sekundre und tertire Zeitalter. Ihre Zeitdauer ist schwer abzuschtzen, betrgt aber (zusammengenommen) jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist, liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei groen Perioden nacheinander entwickelt; in der primren Periode die =Fische=, in der sekundren die =Reptilien=, in der tertiren die =Sugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die Sugetiere den hchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, da auch die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei Zeitrume sich fortschreitend zu hherer Vollkommenheit entwickelten. Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausflu einer bewuten zweckmigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie lehrt uns, da der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist. Tausende von bewunderungswrdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie anderen, strkeren, Platz machen muten, und diese Sieger im Kampfe ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne vollkommneren Formen. Genau dasselbe gilt von der =Vlkergeschichte=. Die bewunderungswrdige Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat schonungslos die Schtze der Erkenntnis, welche die hellenische Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft durch die Unwissenheit der blindglubigen =Massen=. Erst die Renaissance zerri die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf wieder den Ansprchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser neuen, wie in jenen frheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig der groe Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung. _Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung eine moralische Weltordnung im Gange der Vlkergeschichte nachzuweisen ist, ebensowenig knnen wir eine weise Vorsehung im Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalitt bestimmt, welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als hchstes Weltprinzip das blinde =Fatum= (die Anangke), das Gtter und Menschen beherrscht. An ihre Stelle trat im Christentum die bewute Vorsehung eines Gottes, welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung als patriarchalischer Herrscher fhrt. Der anthropomorphe Charakter dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen liebenden Vater, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem Planeten unablssig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden Gebete und frommen Wnsche derselben jederzeit bercksichtigt, ist vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim Nachdenken darber die farbige Brille des Glaubens ablegt. Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglcksflle in einem frher nicht geahnten Mae zugenommen; das erfahren wir tagtglich durch die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde durch Schiffbrche, Tausende durch Eisenbahnunglcke, Tausende durch Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende tten sich alle Jahre gegenseitig im Kriege, und die Zurstung fr diesen Massenmord nimmt bei den hchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden Kulturnationen den weitaus grten Teil des Nationalvermgens in Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljhrlich als Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich berwiegend tchtige, tatkrftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, da der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine sittliche Weltordnung -- ebenso wie an eine liebevolle Vorsehung -- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er trstet die Leidenden, strkt die Schwachen, erhebt im Unglck; er befriedigt unser zweifelndes Gemt und versetzt uns in eine Idealwelt des Jenseits, in welcher die Mngel des irdischen Daseins im Diesseits berwunden sind. So lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit diesen Gebilden der Dichtung begngen. Allein das fortgeschrittene Kulturleben der Gegenwart reit ihn gewaltsam aus jener schnen Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lsung ihn nur die vernnftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befhigt. Unzweifelhaft wird die frhzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmig in den Unterricht eingefhrt und auf die moderne Entwickelungslehre gesttzt, den hher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernnftiger und vorurteilsfreier, sondern auch besser und glcklicher machen. _Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prfung der Weltentwickelung lehrt, da dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen ist, so scheint nichts brig zu bleiben, als alles dem =blinden Zufall= zu berlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie frher der =Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es verlohnt sich daher wohl der Mhe, hier noch einen flchtigen Blick darauf zu werfen. Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen= Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die andere Gruppe dagegen meint gem ihrer =mechanistischen= Auffassung: Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer Proze, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken knnen; was wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der biologischen Verhltnisse; weder in der Entwickelung der Weltkrper, noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je nach der Definition des Zufalls. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in Verbindung mit dem Substanzgesetz, berzeugt uns, da jede Erscheinung ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall. Wohl aber knnen und mssen wir diesen unentbehrlichen Begriff beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknpft sind, von denen aber natrlich jede ihre Ursache hat, unabhngig von der anderen. Wie jedermann wei, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die grte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen Naturkrper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer persnlichen Schicksale werden oft durch zufllige Begegnung mit anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, da wir in jedem einzelnen =Zufall= wie in der Entwickelung des Weltganzen die universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des =Substanzgesetzes=. =Fnfzehntes Kapitel.= _Gott und Welt._ Monistische Studien ber Theismus und Pantheismus. Der anthropistische Monotheismus der drei groen Mediterran-Religionen. Extramundaner und intramundaner Gott. Als letzten und hchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser hchste Grundbegriff im Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, da kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgendert worden ist; denn kein anderer berhrt in gleich hohem Mae sowohl die hchsten Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernnftigen Wissenschaft als auch zugleich die tiefsten Interessen des glubigen Gemtes und der dichtenden Phantasie. Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen der Gottesvorstellung ist zwar hchst interessant und lehrreich, wrde uns hier aber viel zu weit fhren; wir mssen uns damit begngen, nur auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten Weltanschauung einen flchtigen Blick zu werfen. Wenn wir von allen feineren Abtnungen und bunten Gewandungen des Gottesbildes absehen, knnen wir fglich -- mit Beschrnkung auf den tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darber in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknpft mit der =monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen= oder mystischen Weltanschauung. ~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott steht der Welt gegenber als deren Schpfer, Erhalter und Regierer. Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenhnlich gedacht, als ein Organismus, welcher dem Menschen hnlich (wenn auch in hchst vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=, den die verschiedenen Naturvlker offenbar unabhngig voneinander mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwrts bis zu den geluterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus. _Polytheismus_ (Vielgtterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen Gttern bevlkert, welche mehr oder weniger selbstndig in deren Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen untergeordnete Gtter in den verschiedensten leblosen Naturkrpern, in den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten einfachster Art. Der =Dmonismus= erblickt Gtter in lebendigen Organismen, in Bumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgtterei nimmt schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvlker sehr mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der hchsten Stufe gelutert im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Gttersagen des alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die schnsten Vorbilder fr Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche Heilige als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gtige Vermittelung beim obersten Gott oder bei der Jungfrau Maria ersucht werden. _Triplotheismus_ (Dreigtterei, Trinittslehre). Die Lehre von der =Dreieinigkeit Gottes=, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der christlichen Kulturvlker die grundlegenden drei Glaubensartikel bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, da der =Eine Gott= des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der allmchtige Schpfer Himmels und der Erde (dieser unhaltbare Mythus ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie lngst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der eingeborene Sohn Gottes des Vaters (und zugleich der dritten Person, des Heiligen Geistes!!), erzeugt durch unbefleckte Empfngnis der Jungfrau Maria. ~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, ber dessen unbegreifliches Verhltnis zum Sohne und zum Vater sich viele christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses =christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns ber die eigentlichen Beziehungen dieser drei Personen zu einander vllig im Dunkeln und geben auf die Frage nach ihrer rtselhaften Einheit keine irgendwie befriedigende Antwort. Dagegen mssen wir besonders darauf hinweisen, welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinittslehre in den Kpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig anrichten mu. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde (Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffllige Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- brigens ist die =Dreieinigkeit= im Christentum keineswegs originell, sondern gleich den meisten anderen Lehren desselben aus lteren Religionen bernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldischen Magier entwickelt sich die Trinitt der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt; ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprngliche Chaos, =Bel=, der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti= als Gotteseinheit ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus =Brahma= (dem Schpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem Zerstrer). _Amphitheismus_ (Zweigtterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen Gttern regiert, einem guten und einem bsen Wesen, =Gott= und =Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem bestndigen Kampfe, wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses Kampfes ist jederzeit der gegenwrtige Zustand der Welt. Der liebe =Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schnen, der Lust und Freude. Die Welt wrde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht bestndig durchkreuzt wrde von dem bsen Wesen, dem =Teufel=; dieser schlimme Satanas ist die Ursache alles Bsen und Hlichen, der Unlust und des Schmerzes. Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des Gtterglaubens insofern der vernnftigste, als sich seine Theorie am ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklrung vertrgt. Wir finden ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen Kulturvlkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kmpft =Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstrer. Im alten gypten steht dem guten =Osiris= der bse =Typhon= gegenber. In der Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus gegrndet, herrscht bestndiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott des Lichtes, und =Ahriman=, dem bsen Gott der Finsternis. Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verfhrer, der Frst der Hlle und Herr der Finsternis. Als persnlicher =Satanas= war er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde er mit zunehmender Aufklrung allmhlich abgesetzt, oder er mute sich mit jener Rolle begngen, welche ihm =Goethe= in der grten aller dramatischen Dichtungen, im Faust, als =Mephistopheles= zuteilt. Gegenwrtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der Glaube an den persnlichen Teufel als ein berwundener Aberglaube des Mittelalters, whrend gleichzeitig der Glaube an Gott (d. h. den persnlichen, guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls erklrt sich die vielbeklagte Unvollkommenheit des Erdenlebens viel einfacher und natrlicher durch diesen Kampf des guten und bsen Gottes als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens. _Monotheismus_ (Eingtterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann in vieler Beziehung als die einfachste und natrlichste Form der Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich den Kirchenglauben der Kulturvlker. Tatschlich ist dies jedoch nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei nherer Betrachtung meistens als eine der vorher angefhrten Formen des Theismus, indem neben dem obersten Hauptgotte noch einer oder mehrere Nebengtter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen, welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die moderne Statistik, da unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere Erde bevlkern, die groe Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich= sollen davon =ungefhr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500 Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10 Millionen ganz religionslos. Allein die groe Mehrzahl der angeblichen Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengtter, als da sind: Engel, Teufel, Dmonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, knnen wir in zwei Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingtterei. _Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt die Verkrperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwrmende Gottheit, von deren Einflu sichtlich alles organische Leben unmittelbar abhngig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann fr den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen als die wrdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und Geogenie hat uns berzeugt, da die Erde ein abgelster Teil der Sonne ist und spter wieder in ihren Scho zurckkehren wird. Die moderne Physiologie lehrt uns, da der erste Urquell des organischen Lebens auf der Erde die Plasmabildung ist und da diese Synthese von einfachen anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensure und Ammoniak nur unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primre Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachtrglich, sekundr, diejenige der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nhren; und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein spterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser gesamtes krperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht und Wrme spendende Sonne zurckzufhren. Unbefangen und vernnftig betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer Monotheismus= besser begrndet als der anthropistische Gottesdienst der Christen und anderer Kulturvlker, welche Gott in Menschengestalt sich vorstellen. Tatschlich haben auch schon vor Jahrtausenden die Sonnenanbeter sich auf eine hhere intellektuelle und moralische Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der grten Teilnahme die erhebenden Andachtsbungen der frommen Parsi, welche beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~. Aufl., S. 56). _Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes, die Vorstellung, da das hchste Wesen dem Menschen gleich empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form), spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die grte Rolle in der Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund die drei groen Religionen der mediterranen Menschenart, die ltere mosaische, die mittlere christliche und die jngere mohammedanische. Diese =drei groen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten Ostkste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in hnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwrmer semitischer Rasse gestiftet, hngen nicht nur uerlich durch diesen gemeinsamen Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Zge ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen groen Teil seiner Mythologie aus dem lteren Judentum direkt bernommen hat, so hat der jngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren ursprnglich rein =monotheistisch=; alle drei sind spterhin den mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter sie sich zunchst an den vielteiligen Ksten des mannigfach bevlkerten Mittelmeers und sodann in den brigen Erdteilen ausbreiteten. _Der Mosaismus._ Der jdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600 vor Chr.) begrndete, gilt gewhnlich als diejenige Glaubensform des Altertums, welche die hchste Bedeutung fr die weitere ethische und religise Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses, wie spter Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das Glaubens-Fundament der hchstentwickelten Kulturvlker gebildet hat, auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als =Bibel= einen Einflu und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwrdige Geschichtsquelle unbefangen und vorurteilslos prfen, so stellen sich viele wichtige Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlsse geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten erschttern. Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begrnden suchte, und wie ihn spter mit groem Erfolge die =Propheten= ausbildeten, hatte ursprnglich harte und lange Kmpfe mit dem herrschenden lteren Polytheismus zu bestehen. Ursprnglich war =Jehovah= oder Japheh aus jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen Forschungen der modernen Assyriologen ber =Bibel und Babel= (Delitzsch u. a.) haben gelehrt, da der monotheistische Japhehglaube schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben andere Gtter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der Abgtterei bestand im jdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote Mosis ausdrcklich sagt: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht andere Gtter haben neben mir. _Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingtterei meistens nur theoretisch im Prinzip, whrend er praktisch in die mannigfaltigsten Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in der Trinittslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene =Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch, da in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine groe Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als viel wichtiger und einflureicher als die drei mnnlichen Personen der Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatschlich eine solche Bedeutung gewonnen, da man ihn als einen =weiblichen Monotheismus= der gewhnlichen mnnlichen Form der Eingtterei gegenberstellen kann. Die hehre Himmelsknigin erscheint hier so sehr im Vordergrund aller Vorstellungen (wie es auch unzhlige Madonnenbilder und Sagen bezeugen), da die drei mnnlichen Personen dagegen ganz zurcktreten. Nun hat sich aber auerdem schon frhzeitig in der Phantasie der glubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von =Heiligen= aller Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische Engel sorgen dafr, da es im ewigen Leben an Konzertgenssen nicht fehlt. Die rmischen Ppste -- die grten Charlatans, die jemals eine Religion hervorgebracht hat! -- sind bestndig beflissen, durch neue Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch bekommen, da das vatikanische Konzil die Ppste als Stellvertreter Christi fr =unfehlbar= erklrt und sie damit selbst zum Range von =Gttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten persnlichen Teufel und die bsen Engel, welche seinen Hofstaat bilden, so gewhrt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten anthropistischen =Polytheismus=, da der hellenische Olymp im Vergleiche dazu klein und drftig erscheint. _Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jngste Form der Eingtterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frhzeitig den polytheistischen Gtzendienst seiner arabischen Stammesgenossen verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber nicht entschlieen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden mu, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundstzen unserer Vernunft vereinbar noch fr unsere religise Erhebung von irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria als der Mutter Gottes betrachtete er ebenso als eitle Gtzendienerei wie die Verehrung von Bildern und Bildsulen. Je lnger er darber nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewiheit seines Hauptsatzes: Gott ist der alleinige Gott; es gibt keine anderen Gtter neben ihm. Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb ein idealisierter, allmchtiger Mensch, ebenso wie der strenge, strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den Vorzug lassen, da sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung und unvermeidlichen Abartung den ursprnglichen reinen Charakter strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion. Das zeigt sich auch heute noch uerlich in den Gebetsformen und Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmckung ihrer Gotteshuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und Konstantinopel bewunderte, erfllten mich mit wahrer Andacht die einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene und zugleich prchtige architektonische Schmuck des uern. Wie edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern und goldenem Flitterkram berladen, auen durch bermige Flle von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schn erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsbungen des Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der katholischen Messen und der lrmenden Musik ihrer theatralischen Prozessionen. _Mixotheismus_ (Mischgtterei). Unter diesem Begriffe kann man fglich alle diejenigen Formen des Gtterglaubens zusammenfassen, welche =Mischungen= von religisen Vorstellungen verschiedener und zum Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch aber ist sie die wichtigste und merkwrdigste von allen. Denn die groe Mehrzahl der Menschen, die sich berhaupt religise Vorstellungen bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frhzeitig in der Kindheit eingeprgten Glaubensstzen ihrer speziellen Konfession und aus vielen verschiedenen Eindrcken, welche spter bei der Berhrung mit anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende Einflu philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die unbefangene Beschftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser widersprechenden Vorstellungen, welcher fr feiner empfindende Gemter uerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter Glaubensstze einerseits und der frhzeitigen =Anpassung= an irrtmliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche das Kind von frhester Jugend an durch die Eltern eingezwngt wurde, bleibt meistens in der Hauptsache magebend, falls nicht spter durch den strkeren Einflu eines anderen Glaubensbekenntnisses eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem bertritt von einer Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte aufgegebene, nur eine uere Etikette, unter welcher bei nherer Untersuchung die allerverschiedensten berzeugungen und Irrtmer sich bunt gemischt verstecken. Die groe Mehrzahl der sogenannten Christen sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten, Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen Religionen. berall gesellen sich zu der ursprnglichen Vorstellung des alleinigen oder dreieinigen Gottes spter erworbene Glaubensbilder von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen Dmonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten. _Wesen des Theismus._ Alle hier angefhrten Formen des Theismus im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als des =Auerweltlichen= oder =bernatrlichen=. Immer steht Gott als selbstndiges Wesen der Welt oder der Natur gegenber, meistens als Schpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persnlichen= und bestimmter noch die Vorstellung, da Gott als Person dem Menschen hnlich ist. In seinen Gttern malet sich der Mensch. Dieser =Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der groen Mehrzahl der Gottesglubigen magebend, bald in mehr roher und naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, da Gott als hchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gnzlich von dem unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder Geistesttigkeit. _Der persnliche Anthropismus Gottes_ ist bei der groen Mehrzahl der Glubigen zu einer so gelufigen Vorstellung geworden, da sie keinen Ansto an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint die Person Gottes auch in Gestalt anderer Sugetiere (Affen, Lwen, Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vgeln (Adler, Tauben, Schwne) oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen). In den hheren und abstrakteren Religionsformen wird diese krperliche Erscheinung aufgegeben und Gott nur als =reiner Geist= ohne Krper verehrt. Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Trotzdem bleibt aber die Seelenttigkeit dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht unkrperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasfrmig. ~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fllt mit demjenigen der =Natur= oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht im Prinzip smtlichen angefhrten und allen sonst noch mglichen Formen des =Theismus= schroff gegenber, wenngleich man durch Entgegenkommen von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu berbrcken, sich vielfach bemht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale Gegensatz bestehen, da im =Theismus= Gott als auerweltliches oder =extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenbersteht und =von auen= auf sie einwirkt, whrend im =Pantheismus= Gott als innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur selbst ist und als denkende Substanz, als Kraft oder Energie ttig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem =Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=. Da der =Pantheismus= erst aus der geluterten Naturbetrachtung des denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise viel jnger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvlkern in mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten Anfngen der Philosophie bei den ltesten Kulturvlkern (in Indien und gypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen= auf, in der ersten Hlfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle groen Denker dieser Blteperiode des hellenischen Geistes berragt der gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des =unendlichen Weltganzen= tief und klar erfate. Nicht nur den groen Gedanken der ursprnglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung= aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte =Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die khne Vorstellung von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden Weltbildungen. Auch viele von den folgenden groen Philosophen des klassischen Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=, hatten in gleichem oder hnlichem Sinne tief eindringend bereits jene Einheit von Natur und Gott, von Krper und Geist erfat, welche im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten Ausdruck gewonnen hat. Der groe rmische Dichter und Naturphilosoph =Lucretius Carus= hat ihn in seinem berhmten Lehrgedichte ~De rerum natura~ in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre pantheistische Monismus wurde bald ganz zurckgedrngt durch den mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen Einflu, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren mchtigster Anwalt, der rmische Papst, die geistige Weltherrschaft gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrckt; =Giordano Bruno=, sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo Fiori in Rom von dem Stellvertreter Gottes lebendig verbrannt. Erst in der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den groen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form ausgebildet; er stellte fr die Gesamtheit der Dinge den reinen =Substanzbegriff= auf, in welchem Gott und Welt untrennbar vereinigt sind. Wir mssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhltnis von =Spinoza= zum spteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im 19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben, haben vor allem die unsterblichen Werke unseres grten Dichters und Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen Gott und Welt, Prometheus, Faust usw. hllen die Grundgedanken des Pantheismus in die vollkommenste und schnste dichterische Form. Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den frheren philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzge von deren historischer Entwickelung, sind in dem Grundri der Geschichte der Philosophie von =Friedrich berweg= eingehend dargestellt (10. Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche klare bersicht derselben -- gewissermaen eine Stammesgeschichte der Weltrtsel und der Versuche zu ihrer Lsung -- hat =Fritz Schultze= (Dresden) in seinem =Stammbaum der Philosophie= gegeben; ein Tabellarisch-Schematischer Grundri der Geschichte der Philosophie von den Griechen bis zur Gegenwart (Leipzig, 2. Auflage, 1899). _Atheismus_ (Die entgtterte Weltanschauung). Es =gibt keinen= Gott und keine Gtter, falls man unter diesem Begriff persnliche, auerhalb der Natur stehende Wesen versteht. Diese =gottlose Weltanschauung= fllt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen Ausdruck dafr, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die Nichtexistenz einer auerweltlichen und bernatrlichen Gottheit. In diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: =Pantheismus= ist nur ein hflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der Erkenntnis, da die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist blo eine hfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben. Whrend des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der Gottlose im Evangelium mit dem Bsen schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen Leben die Hllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es begreiflich, da jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht des Atheismus ngstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher, der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet, traut man von vornherein alles Bse zu; der =theistische= Kirchgnger dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbrger, auch wenn er sich bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klren, wenn im 20. Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernnftigen Naturerkenntnis weicht und der monistischen berzeugung der =Einheit von Gott und Welt=. =Sechzehntes Kapitel.= _Wissen und Glauben._ Monistische Studien ber Erkenntnis der Wahrheit. Sinnesttigkeit und Vernunftttigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und Offenbarung. Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=. Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir sind zwar unfhig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- das Ding an sich -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und Vergleichung berzeugt uns, da bei normaler Beschaffenheit des Gehirns und der Sinnesorgane die Eindrcke der Auenwelt auf diese bei allen vernnftigen Menschen dieselben sind, und da bei normaler Funktion der Denkorgane bestimmte, berall gleiche Vorstellungen gebildet werden; diese nennen wir wahr und sind dabei berzeugt, da ihr Inhalt dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, da diese Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind. _Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei verschiedenen, aber innig zusammenhngenden Gruppen von physiologischen Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte mittels der Sinnesttigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so gewonnenen Eindrcke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche die Vorstellungen bilden und verknpfen, sind die =Denkorgane=. Diese letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren =Nervensystems=, jenes wichtigsten und hchstentwickelten Organsystems der hheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte Seelenttigkeit ist. _Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnesttigkeit des Menschen, welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich langsam und allmhlich aus derjenigen der nchstverwandten Sugetiere, der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser hchstentwickelten Tierklasse berall von wesentlich gleichem Bau, und ihre Funktion erfolgt berall nach denselben physikalischen und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so sind auch bei den Sugetieren alle Sensillen ursprnglich Teile der Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung an verschiedene Reize (Licht, Wrme, Schall, chemische Reize) ihre spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stbchenzellen der Retina in unserem Auge und die Hrzellen in der Schnecke unseres Ohres, als auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer Zunge stammen ursprnglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der Oberhaut ab, welche die ganze Oberflche unseres Krpers berziehen. Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen. Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schlu, da auch in der langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die hheren Sinnesorgane mit ihren speziellen Energien ursprnglich aus der Oberhaut niederer Tiere entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine solchen gesonderten Sensillen enthielt. _Spezifische Energie der Sensillen._ Von grter Bedeutung fr die menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, da verschiedene Nerven unseres Krpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitten der Auenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt nur Lichtempfindung, der Hrnerv des Ohres nur Schallempfindung, der Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behlt dieselbe Qualitt. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven, welche von =Johannes Mller= zuerst in ihrer weitreichenden Bedeutung gewrdigt wurde, sind sehr irrtmliche Schlsse gezogen worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen Erkenntnistheorie. Man behauptete, da das Gehirn oder die Seele nur einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und da daraus nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Auenwelt geschlossen werden knne. Die skeptische Philosophie zog daraus den Schlu, da diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realitt, sondern er negierte sie einfach; er behauptete, da die Welt nur in unserer Vorstellung existiere. Diesen Irrtmern gegenber mssen wir daran erinnern, da die spezifische Energie ursprnglich nicht eine anerschaffene besondere Qualitt einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung= an die besondere Ttigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in welchen sie enden. Nach den groen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen die ursprnglich indifferenten =Hautsinneszellen= verschiedene Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen, die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im Laufe langer Zeitrume bewirkten diese ueren Sinnesreize eine allmhliche Vernderung der physiologischen und weiterhin auch der morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit zugleich vernderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen aufgenommenen Eindrcke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte Schritt fr Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche sich als ntzlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler Jahrmillionen jene bewunderungswrdigen Instrumente, welche als =Auge= und =Ohr= unsere teuersten Gter darstellen. Ihre Einrichtung ist so wunderbar zweckmig, da sie uns zu der irrtmlichen Annahme einer Schpfung nach vorbedachtem Bauplan fhren knnte. Die besondere Eigentmlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat sich aber erst durch Gewohnheit und bung -- d. h. durch =Anpassung= -- allmhlich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu Generation bertragen worden. _Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der Sinnesttigkeit beim Menschen und bei den brigen Wirbeltieren ergibt eine Anzahl beraus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von den beiden hchstentwickelten, den sthetischen Sinneswerkzeugen, Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und verwinkelteren Bau als bei den brigen Tieren und entwickeln sich auch im Embryo derselben auf eigentmliche Weise. Diese typische Ontogenese und Struktur der Sensillen bei smtlichen Wirbeltieren erklrt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine groe Mannigfaltigkeit der Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung= an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder geminderten Gebrauch der einzelnen Teile. Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne keineswegs als das vollkommenste und hchstentwickelte Wirbeltier. Das Auge der Vgel ist viel schrfer und unterscheidet kleine Gegenstnde auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das Gehr vieler Sugetiere, besonders der in Wsten lebenden Raubtiere, Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche und nimmt leise Gerusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf weist schon ihre groe und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die Singvgel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine hhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist bei den meisten Sugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren, viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene feine Sprnase mit der des Menschen vergleichen knnte, wrde er mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die hchste Entwickelungsstufe. Wir selbst knnen natrlich nur ber diejenigen Sinnesempfindungen urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie im Krper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende Wirbeltiere eigentmliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkrpers verluft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in mehrere verzweigte Kanle bergeht. In diesen Schleimkanlen liegen Nerven mit zahlreichen sten, deren Enden mit eigentmlichen Nervenhgeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte Hautsinnesorgan zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch durch den Besitz anderer eigentmlicher Sensillen ausgezeichnet, deren Bedeutung uns unbekannt ist. Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, da unsere menschliche Sinnesttigkeit beschrnkt ist, und zwar sowohl in quantitativer als in qualitativer Hinsicht. Wir knnen also mit unseren Sinnen, vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Auenwelt besitzen. Aber auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollstndig, insofern unsere Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher dem Gehirn nur die bersetzung der empfangenen Eindrcke mitteilen. Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnesttigkeit darf uns aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur fr den Menschen. In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): =Alle Wissenschaft ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit= berhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso unbesonnen und tricht als der, welcher seine Augen ausreit, weil sie einmal auch schndliche Dinge sehen knnten; oder der, welcher seine Hand abhaut, weil er frchtet, sie knnte einmal auch nach fremdem Gute langen. Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der =Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtmliche, sondern sogar =grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! ~Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu!~ (=Locke=.) _Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten Kulturmenschen begngt sich nicht mit jener lckenhaften Kenntnis der Auenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane gewinnt. Er bemht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrcke, welche er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er verwandelt sie in den Sinnesherden der Grohirnrinde in spezifische Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhngendem Wissen. Aber dieses Wissen bleibt immer lckenhaft und unbefriedigend, wenn nicht die =Phantasie= die ungengende Kombinationskraft des erkennenden Verstandes ergnzt und durch Assozion von Gedchtnisbildern entfernt liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhngenden Ganzen verknpft. Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die wahrgenommenen Tatsachen erklren und das Kausalittsbedrfnis der Vernunft befriedigen. Die Vorstellungen, welche die Lcken des Wissens ausfllen oder an dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als =Glauben= bezeichnen. So geschieht es fortwhrend im alltglichen Leben. Wenn wir irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie. In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, da ein bestimmtes Verhltnis zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen. Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen drfen in der Wissenschaft nur solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen Erkenntnisvermgens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von Schwingungen des thers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur des lebendigen Plasmas usw. _Theorie und Glaube._ Die Erklrung einer greren Reihe von zusammenhngenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn auch hier ergnzt die dichtende Phantasie die Lcke, welche der Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen lt. Die Theorie kann daher immer nur als eine Annherung an die Wahrheit betrachtet werden; es mu zugestanden werden, da sie spter durch eine andere, besser begrndete Theorie verdrngt werden kann. Trotz dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie fr jede wahre Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklrt= erst die Tatsachen durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten und reine Wissenschaft blo aus sicheren Tatsachen aufbauen will (wie es oft von beschrnkten Kpfen in der modernen sogenannten exakten Naturwissenschaft geschieht), der verzichtet damit auf die Erkenntnis der Ursachen berhaupt und somit auf die Befriedigung des Kausalittsbedrfnisses der Vernunft. Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten Ranges; sie erklren eine ganze Welt von groen Naturerscheinungen durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= fr alle einzelnen Tatsachen ihres Gebietes und durch den Nachweis, da alle Erscheinungen in demselben zusammenhngen und durch feste, von dieser einen Ursache ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine provisorische Hypothese sein. Die =Schwerkraft= in der Gravitationstheorie und in der Kosmogenie, die =Energie= selbst in ihrem Verhltnis zur Materie, das =Atom= in der Chemie, das lebendige =Plasma= in der Zellenlehre, die =Vererbung= in der Abstammungslehre -- diese und hnliche Grundbegriffe in anderen groen Theorien knnen von der skeptischen Philosophie als bloe Hypothesen, als Erzeugnisse des wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere Hypothese ersetzt werden. _Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in den verschiedenen =Religionen= zur Erklrung der Erscheinungen benutzt und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden. Da aber diese beiden Glaubensformen, der natrliche Glaube der Wissenschaft und der bernatrliche Glaube der Religion, nicht selten verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmig, ja notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der religise Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit dem natrlichen Glauben der Vernunft in unvershnlichem Widerspruch. Im Gegensatz zu letzterem behauptet er bernatrliche Vorgnge und kann somit als =berglaube= oder =Oberglaube= bezeichnet werden, die ursprngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied dieses Aberglaubens von dem vernnftigen Glauben besteht eben darin, da er bernatrliche Krfte und Erscheinungen annimmt, welche die Wissenschaft nicht kennt und nicht zult, welche durch irrtmliche Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist als solcher =unvernnftig=. _Aberglaube der Naturvlker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns eine erstaunliche Flle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen Naturvlkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen frherer Zeiten, so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung und schlielich eine einfache Urquelle fr alle. Diese finden wir in dem natrlichen =Kausalittsbedrfnisse der Vernunft=, in dem Suchen nach Erklrung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben, Mondfinsternis usw. Das Bedrfnis nach kausaler Erklrung solcher Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvlkern der niedersten Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung bertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein Hund den Vollmond anbellt oder eine tnende Glocke, deren Klppel er sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so uert er dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfnge der primitiven Naturvlker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus, in verschiedenen Gemtsbedrfnissen und in traditionell gewordenen Gewohnheiten. _Aberglaube der Kulturvlker._ Die religisen Glaubensvorstellungen der modernen Kulturvlker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz gelten, pflegen von ihnen hoch ber den rohen Aberglauben der Naturvlker gestellt zu werden; man preist den groen Fortschritt, welchen die aufklrende Kultur durch Beseitigung des letzteren herbeigefhrt habe. Das ist ein groer Irrtum! Bei unbefangener kritischer Prfung und Vergleichung zeigt sich, da beide nur durch die besondere Gestalt des Glaubens und durch die uere Hlle der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der =Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernnftiger Aberglaube, wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf welchen jene stolz herabsehen. Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen Blick auf die gegenwrtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen der heutigen Kulturvlker, so finden wir sie allenthalben von traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die Schpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfngnis Mari, an die Erlsung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw. ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernnftigen Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist fr den wahrhaft =Glubigen= eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je mehr eine bestimmte Konfession sich fr die allein seligmachende hlt -- fr die =katholische= --, und je inniger diese berzeugung als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger mu sie naturgem alle anderen Konfessionen bekmpfen, und desto fanatischer gestalten sich die frchterlichen Glaubenskriege, welche die traurigsten Bltter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und doch berzeugt uns die unparteiische =Kritik der reinen Vernunft=, da alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Mae unwahr und unvernnftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der unkritischen Tradition. Die vernnftige Wissenschaft mu sie samt und sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen. _Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeliche Schaden, welchen der unvernnftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der glubigen Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends aufflliger als in dem unaufhrlichen Kampfe der Glaubensbekenntnisse. Unter allen Kriegen, welche die Vlker mit Feuer und Schwert gegeneinander gefhrt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen; unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glck der Familien und der einzelnen Personen zerstrt haben, sind die religisen, dem Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehssigsten. Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskmpfen des Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch grere Zahl der Unglcklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist geraten, ihr Ansehen bei den glubigen Mitbrgern und ihre Stellung im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern mssen. Die verderblichste Wirkung bt das offizielle Glaubensbekenntnis dann, wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknpft und als konfessioneller Religionsunterricht in den Schulen zwangsweise gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frhzeitig von der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugefhrt. Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit allen Mitteln zu frdern suchen. _Der Glaube unserer Vter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des rckstndigen Kulturstaates und dessen Abhngigkeit von klerikaler Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten Traditionen und von Gemtsbedrfnissen verschiedener Art. Unter diesen ist besonders wirkungsvoll die andchtige Verehrung, welche in weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem heiligen Glauben unserer Vter. In Tausenden von Erzhlungen und Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch gengt unbefangenes Nachdenken ber die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der vlligen Ungereimtheit jener einflureichen Vorstellung zu berzeugen. Der herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hlfte des aufgeklrten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in der ersten Hlfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der letztere weicht sehr ab von dem Glauben unserer Vter im 17. und noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natrlich von dieser als rgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends vllig verndert. Und wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer heidnischen Vter! Jeder selbstndig denkende Mensch bildet sich eben seinen eigenen, mehr oder weniger persnlichen Glauben, und immer ist dieser verschieden von dem seiner Vter; denn er ist abhngig von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der Kulturgeschichte zurckgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene Glaube unserer Vter als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich bestndig umbilden. _Spiritismus._ Eine der merkwrdigsten Formen des Aberglaubens ist diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus, der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie betrbende Tatsache, da noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen von diesem finsteren Aberglauben vllig beherrscht sind; ja sogar einzelne berhmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen knnen. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere feinsten Gesellschaftskreise schmen sich nicht, Geister erscheinen zu lassen, welche klopfen, schreiben, Mitteilungen aus dem Jenseits machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, da selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. Die bedauerliche Tatsache, da selbst hervorragende Physiker und Biologen sich dadurch haben irre fhren lassen, erklrt sich teils aus ihrem berma an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mchtigen Einflu starrer Dogmen, welche religise Verziehung dem kindlichen Gehirn in frhester Jugend schon einprgt. brigens ist gerade bei den berhmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen die Physiker =Zllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den schlauen Taschenspieler =Slade= irre gefhrt wurden, dessen Schwindel nachtrglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrger entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fllen, in welchen die angeblichen Wunder des Spiritismus grndlich untersucht werden konnten, hat sich als Ursache eine grbere oder feinere Tuschung herausgestellt; die sogenannten Medien (meist weiblichen Geschlechts) sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervse Personen von ungewhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche =Telepathie= (oder Fernwirkung des Gedankens ohne materielle Vermittelung) existiert ebensowenig als die Stimmen der Geister, die Seufzer der Gespenster usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl du Prel= und andere Spiritisten von solchen Geistererscheinungen geben, beruhen auf Ttigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel an Kritik und an physiologischen Kenntnissen. _Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer mchtigsten Sttzen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rtsel des Daseins, deren Lsung auf natrlichem Wege durch die Vernunft nicht mglich ist, auf bernatrlichem Wege durch Offenbarung geben zu knnen; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder Glaubensstze ab, welche als gttliche Gesetze die Sittenlehre ordnen und die Lebensfhrung bestimmen sollen. Derartige gttliche Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden, deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der Gott, der sich offenbart, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt, sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem glubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fllen anthropistisch gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch die Grohirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In den indischen und gyptischen Religionen, in der hellenischen und rmischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen Testament -- denken, sprechen und handeln die Gtter ganz wie die Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse des Daseins enthllen, die dunkeln Weltrtsel lsen wollen, sind =Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der Glubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der kindliche Glaube an diese unvernnftigen Offenbarungen ist Aberglaube. Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernnftiger Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und den =Vernunft=schlssen, welche er durch richtige Assozion dieser empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernnftige Mensch mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schpft bei unbefangener Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion aufgebrdet haben. =Siebzehntes Kapitel.= _Wissenschaft und Christentum._ Monistische Studien ber den Kampf zwischen der wissenschaftlichen Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und Dogma. Zu den hervorragenden Charakterzgen des 19. Jahrhunderts gehrt die wachsende Schrfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Christentum. Das ist ganz natrlich und notwendig; denn in demselben Mae, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen =Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen frherer Jahrhunderte berflgeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft unter das Joch der sogenannten =Offenbarung= beugen wollten, und dazu gehrt auch die christliche Religion. Je sicherer durch die moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und Anthropologie die Gltigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger strubt sich die christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik, die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten =Geisteslebens= anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der Gehirnphysiologie. Diesen offenkundigen und unvershnlichen Gegensatz zwischen der modernen wissenschaftlichen und der berlebten christlichen Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher bewiesen, als der grte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David Friedrich Strau=. Sein letztes Bekenntnis: =Der alte und der neue Glaube= 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gltige Ausdruck der ehrlichen berzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart, welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen, herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden, vernunftgemen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen; aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft= gegenber den Ansprchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das philosophische Bedrfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung empfinden. =Strau= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegenstze zwischen altem und neuem Glauben klargelegt. Die volle Unvershnlichkeit zwischen beiden Gegenstzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes zwischen beiden -- auf Tod und Leben -- hat von philosophischer Seite namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten Schrift ber die Selbstzersetzung des Christentums (1874). Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und seiner Lehre gefrdert haben, sind auerdem namentlich folgende hervorzuheben: =David Strau=, Das Leben Jesu fr das deutsche Volk. 1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin), Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E. Verus=, Vergleichende bersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897. Wenn man die Werke von =Strau= und =Feuerbach=, sowie die Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft von =John William Draper= (1875) gelesen hat, knnte es berflssig erscheinen, diesem Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es ntzlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den historischen Verlauf dieses groen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb, weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht, sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschrfen. Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemhungen vieler weltlicher Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natrlichen Todfeinde, auf mglichst guten Fu zu setzen, d. h. sich dessen Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden Verbndeten die Unterdrckung des freien Gedankens und der freien wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern. Wir mssen ausdrcklich betonen, da es sich hier um notgedrungene =Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen die letzteren. In erster Linie mu dabei unsere Abwehr gegen den =Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese allein seligmachende und fr alle bestimmte katholische Kirche ist nicht allein weit grer und weit mchtiger als die anderen christlichen Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer groartigen, zentralisierten Organisation und einer unbertroffenen politischen Schlauheit. Man hrt allerdings oft von Naturforschern und von anderen Mnnern der Wissenschaft die Ansicht uern, da der katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des bernatrlichen Glaubens, und da diese trgerischen Gestalten des Glaubens alle in gleichem Mae die natrlichen Feinde der Vernunft und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen irrtmlich; denn die zielbewuten und rcksichtslosen Angriffe der ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gesttzt auf die Trgheit und Dummheit der Volksmassen, sind vermge ihrer mchtigen Organisation ungleich schwerer und gefhrlicher als diejenigen aller anderen Religionen. _Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des Christentums fr die ganze Kulturgeschichte, besonders aber seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft richtig zu wrdigen, mssen wir einen flchtigen Blick auf die wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen. Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das =Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus= (zwlf Jahrhunderte, vom vierten bis fnfzehnten), ~III.~ die =Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten), ~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert). ~I.~ =Das Urchristentum= umfat die ersten drei Jahrhunderte. Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfllte Prophet und Schwrmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung; er kannte nur jdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis, zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes Jahrtausend frher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was wir von ihm und seinen ursprnglichen Lehren wissen, ist den Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien betrifft, so wissen wir, da sie ausgewhlt sind aus einem Haufen von sich widersprechenden und geflschten Manuskripten aus dem 2. Jahrhundert. Der gltige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nica, 325, fgt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein, was auf eine Ungewiheit bis zu diesem Datum schlieen lt. Neuere Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen Evangelien (Matthus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaen nach und nicht von diesen Mnnern geschrieben worden sind) auf 65-100 n. Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest. Aber es kommt dabei in Betracht, da, wenn die biblischen Gelehrten von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 fr Markus, 70-75 fr Matthus, 80-98 fr Lukas, 80-120 fr Johannes), sie nicht an die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen Evangeliums von Johannes angefhrt werden), das ist also bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwhnungen (oft sehr fragliche) von Sagen angefhrt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis fr die Echtheit irgend einer der Evangelienerzhlungen, bis mehr als ein Jahrhundert nach dem Tode Christi. Niemand, der wei, in welchem Grade Legenden in der orientalischen Atmosphre anwachsen, kann Dokumenten solch spten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das frheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wre (wir mssen immer bedenken, da sich das nur auf die Aussagen Jesu bezieht), so wre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren fr die Mythenbildung gegeben. Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier Anspruch auf Echtheit machen knnen (Rmer, Korinther 2, Galater), vermehren unsere Kenntnis ber die Begebenheiten im Leben Jesu nur sehr wenig. So bleiben wir beschrnkt auf sehr krgliche und unsichere Nachforschungen ber die Handlungen und die Persnlichkeit des Grnders des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und beliebtesten Traditionen mu gnzlich verlassen werden. Die Geschichte von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird sowohl von den fhrenden christlichen Gelehrten Deutschlands als auch Englands fr eine der sptesten und der wenigst glaubwrdigen biblischen Geschichten erklrt, mit anderen Worten: fr eine spter eingeschobene wertlose Flschung. Die Sagen von der Auferstehung und von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das Neue Testament wird zerstrt wie das Alte, und die schne Figur von Jesus lst sich zusehends in ein Nebelbild auf. Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen Theologen (=Strau=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich spter auch englische, franzsische und italienische Philosophen anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt, da das Leben Jesu zum grten Teile ein Erzeugnis der religisen =Dichtung=, hnlich der von Buddha ist, und da keine zuverlssigen historischen Quellen darber existieren. Viel klarer ergibt sich das aus den berraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem ganzen dogmatischen Lehrgebude des Christentums etwas Originelles von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien davon erzhlen, ist aus lteren orientalischen Quellen zusammengetragen und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter und fhren mit groer Wahrscheinlichkeit den Beweis, da der Jesus des Evangeliums berhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines =Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von =Kalthoff= und =Promus= ber die Entstehung des Christentums (1904) und von =Karl Vollers=: Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen Theologen =Saladin= (Stewart Ro): Jehovahs gesammelte Werke, eine kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebudes auf Grund der Bibelforschung (Leipzig 1896). ~II.~ _Der Papismus,_ das =lateinische Christentum= oder =Papsttum=. Der Papismus oder die rmisch-katholische Kirche, oft auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus= genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen Kulturgeschichte eine der groartigsten und merkwrdigsten, eine welthistorische Gre ersten Ranges. Trotz aller Strme der Zeit erfreut sie sich noch heute des mchtigsten Einflusses. Von den 500 Millionen Christen, welche die Erde gegenwrtig bewohnen, bekennt die grere Hlfte, nmlich ber 250 Millionen, den rmischen, nur 75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind Protestanten. Whrend eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den groen alten Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen. In Asien zhlt der Buddhismus heute noch ungefhr 503 Millionen, die Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als 120 Millionen Anhnger. Die Weltherrschaft des Papismus prgt vor allem dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod alles freien Geisteslebens, den Rckgang aller wahren Wissenschaft, den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glnzenden Blte, zu welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rhmt wohl am Mittelalter, da andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturttigkeit befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur Hebung, sondern zur Unterdrckung der freien Geistesforschung verwandt. Die ausschlieliche Vorbereitung fr ein unbekanntes ewiges Leben im Jenseits, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium, welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der rmischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die =Reformation=. _Rckschritte der Kultur im Mittelalter._ Es wrde uns viel zu weit fhren, wenn wir hier die jammervollen Rckschritte schildern wollten, welche menschliche Kultur und Gesittung whrend zwlf Jahrhunderte unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am prgnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des grten und geistreichsten =Hohenzollern=frsten illustriert; =Friedrich der Groe= fate sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch das =Studium der Geschichte= zu der berzeugung gefhrt, da von Konstantin dem Groen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser Wahnsinnsperiode hat (1887) =L. Bchner= gegeben in seiner Schrift ber religise und wissenschaftliche Weltanschauung. Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen, interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekmpfung der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, da dasselbe den Glauben ber die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, da es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung fr das erdichtete Jenseits betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung an sich jeden Wert absprach. Allein die planmige und erfolgreiche Bekmpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten Jahrhunderts, besonders seit dem berchtigten Konzil von Nica (325), welchem Kaiser =Konstantin= prsidierte, -- =der Groe= genannt, weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel grndete, dabei ein nichtswrdiger Charakter, ein falscher Heuchler und vielfacher Mrder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe gegen jedes selbstndige wissenschaftliche Denken und Forschen war, beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschtze, welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum grten Teile vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte und Scheiterhaufen sorgten dafr, da jeder Ketzer, d. h. jeder selbstndige Denker, seine vernnftigen Gedanken fr sich behielt. Tat er das nicht, so mute er sich darauf gefat machen, lebendig verbrannt zu werden, wie es dem groen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=, dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen Zeugen der Wahrheit geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, da das selbstndige Denken und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des allmchtigen Papismus durch zwlf traurige Jahrhunderte wirklich vllig begraben blieben. _Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschtzen, und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser Weltreligion in unsere neue, monistische Religion hinber zu retten suchen mssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die Prinzipien der wahren Humanitt, der goldenen Regel, der Toleranz, der Menschenliebe im besten und hchsten Sinne des Wortes, alle diese wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum seiner Auflsung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden, alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei doch die =alte Firma= als Aushngeschild zu bewahren. An die Stelle der christlichen Liebe trat der fanatische Ha gegen alle Andersglubigen; mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet, sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrstze des ultramontanen Aberglaubens zu erheben wagten. berall in Europa blhten die Ketzergerichte und forderten unzhlige Opfer, deren Folterqualen ihren frommen, von christlicher Bruderliebe erfllten Peinigern besonderes Vergngen bereiteten. Die Papstmacht wtete auf ihrer Hhe durch Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege stand. Unter dem berchtigten Groinquisitor Torquemada (1481-1498) wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt, neunzigtausend mit Einziehung des Vermgens und den empfindlichsten Kirchenbuen bestraft, whrend in den Niederlanden unter der Herrschaft Karl des Fnften dem klerikalen Blutdurst mindestens fnfzigtausend Menschen zum Opfer fielen. Und whrend das Geheul gemarterter Menschen die Luft erfllte, strmten in Rom, dem die ganze christliche Welt tributpflichtig war, die Reichtmer der halben Welt zusammen, und wlzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre Helfershelfer in Lsten und Lastern jeder Art. Welche Vorteile, sagte der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, hat uns doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht! Dabei war der Zustand der europischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft, Gottesgnadentum und Mnchtum beherrschten das Land, und die armen Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Htten im Machtbereiche der Schlsser oder Klster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrcker und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den Nachwehen und berbleibseln dieser traurigen Zustnde und Zeiten, in welchen von Pflege der Wissenschaft und hherer Geistesbildung nur ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. Unwissenheit, Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung des im elften Jahrhundert eingefhrten =Zlibats=, um die absolute Papstmacht immer strker werden zu lassen (=Bchner= a. a. O.). Man hat berechnet, da whrend dieser Glanzperiode des Papismus ber zehn Millionen Menschen dem fanatischen Glaubensha der =christlichen Liebe= zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die geheimen Menschenopfer, welche das =Zlibat=, die =Ohrenbeichte= und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschdlichsten und fluchwrdigsten Institutionen des ppstlichen Absolutismus! Die unglubigen Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes sammelten, haben einen der strksten Beweise dagegen bersehen, die Tatsache, da die rmischen =Statthalter Christi= zwlf Jahrhunderte hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten =im Namen Gottes= verben durften. ~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvlker, welche wir die Weltgeschichte zu nennen belieben, lt deren dritten Hauptabschnitt, die Neuzeit, mit der Reformation der christlichen Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der Grndung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=, das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fnfzehnten Jahrhunderts begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere groe Ereignisse ein, welche im Verein mit der =Renaissance= der Kunst auch diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hlfte des sechzehnten Jahrhunderts mehrere hchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren Grundfesten erschtterten; so die erste Umschiffung der Erde durch =Magellan=, welche den empirischen Beweis fr ihre Kugelgestalt lieferte (1522); die Grndung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus= (1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther= seine 95 Thesen an die hlzerne Tr der Schlokirche zu Wittenberg nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit wurde die eiserne Tr des Kerkers gesprengt, in dem der ppstliche Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen gehalten hatte. Man hat die Verdienste des groen Reformators, der auf der Wartburg die Bibel bersetzte, teils bertrieben, teils unterschtzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig die Lehre von der Auferstehung, der Erbsnde und Prdestination, der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel Josua die Sonne stillstehen hie und nicht das Erdreich. Fr die groen politischen Umwlzungen seiner Zeit, besonders die groartige und vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verstndnis. Schlimmer noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen lie, weil er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekmpfte. berhaupt traten die fanatischen Rechtglubigen der reformierten Kirche nur zu oft in die blutbefleckten Futapfen ihrer papistischen Todfeinde, wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure Greueltaten der Reformation auf dem Fue: die Bartholomusnacht und die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in Italien, lange Brgerkriege in England, der Dreiigjhrige Krieg in Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die mchtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie und neuer Bahnen der Naturforschung mglich, welche dann dem folgenden achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des =Jahrhunderts der Aufklrung= erwarb. ~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgngern gegenber. Wenn in diesen letzteren bereits die =Aufklrung= nach allen Richtungen hin die kritische Philosophie gefrdert, und wenn ihr das Aufblhen der Naturwissenschaften die strksten empirischen Waffen in die Hnde gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig; es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der =monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die ~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden groen Franzosen zwei ebenbrtige Deutsche, =Baer= als Begrnder der Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Mller= (1834) als der der vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schler des letzteren, =Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=, die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die Entwickelungsgeschichte der Erde auf natrliche Ursachen zurckgefhrt und damit auch fr unseren Planeten die Geltung der mechanischen Kosmogenie besttigt, welche =Kant= bereits 1755 mit khner Hand entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz= (1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergnzende Hlfte des groen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hlfte die Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859 =Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das grte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts. Wie verhlt sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunchst wurde naturgem die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer grer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit ihm die orthodoxe Evangelische Allianz -- ) muten naturgem jenen mchtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen verflchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und strebte nach Vershnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien; er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlsse mit einer geluterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr brig blieb. Zwischen beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromiversuche; darber hinaus aber drang in immer weitere Kreise die berzeugung, da das dogmatische Christentum berhaupt jeden Boden verloren habe, und da man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische Religion des 20. Jahrhunderts hinberretten knne. Da jedoch gleichzeitig die gegebenen ueren Formen der herrschenden christlichen Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen politischen Entwickelung mit den praktischen Bedrfnissen des Staates immer enger verknpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete religise Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als =Scheinchristentum= bezeichnen knnen -- im Grunde eine religise Lge bedenklichster Art. Die groen Gefahren, welche dieser tiefe Konflikt zwischen der wahren berzeugung und dem falschen Bekenntnis der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich =Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: =Die konventionellen Lgen der Kulturmenschheit.= Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden Scheinchristentums ist es fr den Fortschritt der vernunftgemen Naturerkenntnis sehr wertvoll, da dessen mchtigster und entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19. Jahrhunderts die alte Maske angeblicher hherer Geistesbildung abgeworfen und der selbstndigen =Wissenschaft= als solcher den entscheidenden Kampf auf Tod und Leben angekndigt hat. Es geschah dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklrungen gegen die Vernunft, fr deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft und Kultur dem rmischen Statthalter Christi nur dankbar sein kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkndete der Papst das Dogma von der =unbefleckten Empfngnis Mari=. ~II~. Zehn Jahre spter, im Dezember 1864, sprach der heilige Vater in der berchtigten =Enzyklika= das =absolute Verdammungsurteil ber die ganze moderne Zivilisation und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er eine Aufzhlung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftstze und philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte sechs Jahre spter, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfrst im Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er fr sich und alle seine Vorgnger in der Papstwrde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm. _Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschlge in das Antlitz der Vernunft, da sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen Kreise von Anfang an das hchste Bedenken erregten. Als man im vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung ber das Dogma von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklrten sich nur drei Viertel der Kirchenfrsten zugunsten desselben, nmlich 451 von 601 Abstimmenden; dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischfe, welche sich der gefhrlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald, da der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als die zaghaften besonnenen Katholiken; denn in den leichtglubigen und ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller Bedenken blinde Annahme. Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlssigen Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich festgenagelt ist, erscheint fr den unbefangenen Kenner als ein gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rcksichtsloses Streben nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Ppste und der rmischen Kirchenfrsten, aus denen sie gewhlt wurden, nach dem Mastabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar, da die groe Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrger waren, viele von ihnen nichtswrdige Verbrecher. Diese allbekannten =historischen Tatsachen= hindern aber nicht, da noch heute Millionen von gebildeten glubigen Katholiken an die Unfehlbarkeit dieses heiligen Vaters glauben und durch Spenden von Peterspfennigen sein Regiment sttzen; sie hindern nicht, da noch heute protestantische Frsten nach Rom fahren und dem heiligen Vater (ihrem gefhrlichsten Feinde!) ihre Verehrung bezeugen. _Enzyklika und Syllabus._ Unter den angefhrten drei groen Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu befestigen suchte, ist fr uns am interessantesten die Verkndigung der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen denkwrdigen Aktenstcken wird der Vernunft und Wissenschaft berhaupt jede selbstndige Ttigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung unter den alleinseligmachenden Glauben, d. h. unter die Dekrete des unfehlbaren Papstes, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese malose Frechheit in allen gebildeten und unabhngig denkenden Kreisen hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine vortreffliche Errterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft gegeben (1875). _Unbefleckte Empfngnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilitt des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten Empfngnis. Indessen legt nicht nur die rmische Hierarchie auf diesen Glaubenssatz das hchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte =Immakulateid=, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die unbefleckte Empfngnis Mari, gilt noch heute Millionen von Christen als heilige Pflicht. Viele Glubige verbinden damit einen doppelten Begriff; sie behaupten, da die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch den Heiligen Geist befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch soll ursprnglich das Dogma der unbefleckten Empfngnis nur bedeuten, da Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von Erbsnde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings nachgewiesen, da auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern aus lteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=, bernommen ist. hnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien und Griechenland. Wenn Knigstchter oder andere Jungfrauen aus hheren Stnden, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen Sprlings meistens ein Gott oder Halbgott ausgegeben, in diesem Falle der mysterise Heilige Geist. Die Erzhlung der beiden Evangelisten Matthus und Lukas, da auch Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser rtselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwrtig von den meisten Theologen als eine spter entstandene Sage angesehen; sie behaupten, da der jdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater gewesen sei. Andere wieder erklren die uneheliche Geburt Christi durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: =Josephus Pandera=, der rmische Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Juda stand, verfhrte =Mirjam= von Bethlehem, ein hebrisches Mdchen, und wurde der =Vater von Jesus=. Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall, welche die bernatrliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist) leugneten, aber als seinen natrlichen Vater nicht einen =Juden= (den Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera oder Pantheras) anerkannt zu sehen wnschten. Historische Zeugnisse, die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, knnen weder fr die Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden. Interessant ist brigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung, welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier groen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der prde Brite blind an die unmgliche Sage von der Erzeugung durch den Heiligen Geist. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfltig zur Schau getragene Prderie der feineren Gesellschaft (besonders in England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in dem dortigen ~High life~. Die Enthllungen z. B., welche darber vor einigen Jahren die Pall Mall Gazette brachte, erinnerten sehr an die Zustnde von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit. Die =romanischen= Rassen, welche diese Prderie verlachen und die sexuellen Verhltnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen =Roman der Maria= recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade in Frankreich und Italien Unsere liebe Frau sich erfreut, ist oft in merkwrdiger Naivett mit jener Liebesgeschichte verknpft. So findet z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) Jesus von Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Standpunkte aus dargestellt hat, gerade in der =unehelichen Geburt Christi= ein besonderes Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine herrliche Gestalt umstrahlt! Der Streit ber diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft erregte, hat gegenwrtig an Interesse sehr verloren. Denn die berraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte haben das ganze orientalische Prachtgebude der =christlichen Mythologie= in seinen Grundfesten erschttert. Das reine =Idealbild= von Jesus Christus, dessen erhabene Zge der Glubige aus dem Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch (oder Gottmensch) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprnglichen reinen Christentums, der veredelnde Einflu dieser Religion der Liebe auf die Kulturgeschichte, ist ganz unabhngig von jenen mythologischen Dogmen. Die angeblichen =Offenbarungen=, auf welche sich diese Mythen sttzen, sind dagegen ( -- ebenso wie smtliche Wundergeschichten des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen unserer modernen =Naturerkenntnis=. =Achtzehntes Kapitel.= _Unsere monistische Religion._ Monistische Studien ber die Religion der Vernunft und ihre Harmonie mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und Schnen. Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart, welche unsere monistischen berzeugungen teilen, halten die Religion berhaupt fr eine abgetane Sache. Sie meinen, da die klare Einsicht in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht blo das Kausalittsbedrfnis unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die hchsten Gefhlsbedrfnisse unseres =Gemtes=. Diese Ansicht ist in gewissem Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen Auffassung des Monismus tatschlich die beiden Begriffe von Religion und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser hchsten und reinsten Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die meisten Gebildeten unserer Zeit bei der berzeugung, da die Religion ein selbstndiges, von der Wissenschaft unabhngiges Gebiet unseres Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als die letztere. Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, knnen wir eine Vershnung zwischen jenen beiden groen, anscheinend getrennten Gebieten in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger Vortrage niedergelegt habe: Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem Glaubensbekenntnis eines Naturforschers habe ich mich ber dessen doppelten Zweck mit folgenden Worten geuert: Erstens mchte ich damit derjenigen =vernnftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn auch nur wenige den Mut oder das Bedrfnis haben, sie offen zu bekennen. Zweitens mchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und Wissenschaft= knpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der hchsten menschlichen Geistesttigkeit unntigerweise aufrecht erhalten wird; das ethische Bedrfnis unseres =Gemtes= wird durch den Monismus ebenso befriedigt wie das logische Kausalittsbedrfnis unseres =Verstandes=. Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist, da ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Mnner und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich durfte diesen unerwarteten Erfolg um so hher anschlagen, als jenes Glaubensbekenntnis ursprnglich eine freie Gelegenheitsrede war, die unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg whrend des Jubilums der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natrlich erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite; ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus= auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern des Aberglaubens, sondern auch von liberalen Kriegsmnnern des evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche Wahrheit als auch den aufgeklrten Glauben zu vertreten behaupten. Nun hat sich aber der groe Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet; er ist fr die erstere um so gefhrlicher geworden, je mchtigere Untersttzung das letztere durch die wachsende geistige und politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Lndern schon so weit vorgeschritten, da die gesetzlich garantierte Denk- und Gewissensfreiheit praktisch schwer gefhrdet wird. In der Tat hat der groe weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft vortrefflich schildert, heute eine Schrfe und Bedeutung erlangt wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als =Kulturkampf=. _Der Kulturkampf._ Die berhmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=, welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt hatte, erklrte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die Dogmen des unfehlbaren Statthalters Christi. Das Ungeheuerliche und Unerhrte dieses brutalen Attentates gegen die hchsten Gter der Kulturmenschheit rttelte selbst viele trge und indolente Gemter aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden Verkndung der ppstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche, das in den Kmpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland die Geburtssttte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung; andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken ein mchtiges Heer von streitbaren Glubigen, welches an blindem Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen Kulturvolke bertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: Weide meine Schafe! Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das =Weiden= in =Scheeren= bersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das politische Weltrtsel der deutschen Nationalzerrissenheit gelst und uns durch seine bewunderungswrdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler Einheit und Macht gefhrt hatte. Frst Bismarck begann 1872 jenen denkwrdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die Maigesetzgebung (1873) ebenso klug als energisch gefhrt wurde. Leider mute er schon sechs Jahre spter aufgegeben werden. Obwohl unser grter Staatsmann ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschtzt: erstens die unbertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der rmischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und Leichtglubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche sich die erstere sttzte, und drittens die Macht der Trgheit, des Fortbestehens des Unvernnftigen, blo weil es da ist. So mute denn schon 1878, nachdem der klgere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung angetreten hatte, der schwere Gang nach Canossa wiederholt werden. Die neu gestrkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mchtig zu, einerseits durch die gewissenlosen Rnke und Schlangenwindungen seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwrdige politische Unfhigkeit des deutschen Volkes. So muten wir denn am Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschmende Schauspiel erleben, da das sogenannte Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf war, und da die Geschicke unseres gedemtigten Vaterlandes von einer papistischen Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der ganzen Bevlkerung betrgt. Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte= von allen frei denkenden Mnnern als eine politische Erneuerung der Reformation begrt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte liberale Presse feierte Frst Bismarck als politischen Luther, als den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre spter, nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe liberale Presse das Gegenteil und erklrte den Kulturkampf fr einen groen Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur, wie kurz das Gedchtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische Bildung ist. Der sogenannte Friedensschlu zwischen Staat und Kirche ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus, getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien, will und mu die =Alleinherrschaft= ber die leichtglubigen Seelen behaupten; er mu die absolute Unterwerfung des Kulturstaates fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der beiden ringenden Kmpfer bewltigt am Boden liegt. Entweder siegt die alleinseligmachende Kirche, und dann hrt freie Wissenschaft und freie Lehre berhaupt auf; dann werden sich unsere Universitten in Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit hherem Mae fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall gewesen ist. (Vergl. hierber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung des Christentums, 1874.) Gerade zur Frderung dieser hohen Ziele erscheint es hchst wichtig, da die moderne Naturwissenschaft nicht blo die Wahngebilde des Aberglaubens zertrmmert und deren wsten Schutt aus dem Wege rumt, sondern da sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues wohnliches Gebude fr das menschliche Gemt herrichtet; einen =Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen monistischen Weltanschauung die wahre Dreieinigkeit des 19. Jahrhunderts andchtig verehren, die =Trinitt des Wahren=, =Guten und Schnen=. Um den Kultus dieser gttlichen Ideale greifbar zu gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die Vernderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt (in ihrer =ursprnglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtmer und Mngel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, da wir uns bei Begrndung unserer monistischen Religion mglichst an die bestehenden Institutionen anlehnen mssen. Wir wollen keine gewaltsame =Revolution=, sondern eine vernnftige =Reformation= unseres religisen Geisteslebens. ~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) berzeugt, da die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu finden ist, und da die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die kritische Beobachtung und Reflexion sind, die empirische Erforschung der Tatsachen und die vernunftgeme Erkenntnis ihrer bewirkenden Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen mssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel errterten Ursachen jede sogenannte =Offenbarung= ablehnen, jede Glaubensdichtung, welche behauptet, auf bernatrlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze Glaubensgebude der jdisch-christlichen Religion, ebenso wie das islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher, da wir die Wahrheit nur mittels der Vernunftttigkeit der echten =Wissenschaft= finden knnen, nicht mittels der Phantasiedichtung des mystischen Glaubens. Die Gttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grnen Walde, auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshhen; -- aber nicht in den dumpfen Hallen der Klster, in den engen Kerkern der Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Gttin der Wahrheit und Erkenntnis nhern, sind die liebevolle Erforschung der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich groen Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsbungen und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Gttin der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Frchte vom Baume der Erkenntnis und der unschtzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an bernatrliche Wunder und das Wahngebilde eines ewigen Lebens. ~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhlt es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Whrend bei der Erkenntnis der Wahrheit die Offenbarung der Kirche vllig auszuschlieen und allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fllt dagegen der Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen Religion grtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natrlich gilt das nur von dem ursprnglichen, reinen Christentum der drei ersten Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europische Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwlf Jahrhunderte beherrscht hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten, bilden die Humanittsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als christliche Moral (im besten Sinne!) zusammenfat, keine neuen Erfindungen des Christentums, sondern sie sind von diesem aus lteren Religionsformen herbergenommen. In der Tat ist ja die =Goldene Regel=, welche diese Gebote in einem Satze zusammenfat, Jahrhunderte lter als das Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natrliche Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt als von frommen, glubigen Christen auer acht gelassen. Auch beging die christliche Tugendlehre einen groen Fehler, indem sie einseitig den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf. =Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nchstenliebe und Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.) ~III~. _Das Ideal der Schnheit._ In vielfachen Gegensatz zum Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schnheit. Das ursprngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des irdischen Lebens und betrachtete dasselbe blo als eine Vorbereitung fr das ewige Leben im =Jenseits=. Daraus folgt unmittelbar, da alles, was das menschliche Leben im =Diesseits= darbietet, alles Schne in Kunst und Wissenschaft, im ffentlichen und privaten Leben, keinen Wert besitzt. Der wahre Christ mu sich von ihm abwenden und nur daran denken, sich fr das Jenseits wrdig vorzubereiten. Die Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschpflichen Reizen, die Verwerfung jeder Art von schner Kunst sind echte Christenpflichten; diese wrden am vollkommensten erfllt, wenn der Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in Klstern oder Einsiedeleien ausschlielich mit der Anbetung Gottes beschftigte. Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, da diese asketische Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natrliche Folge das Gegenteil bewirkte. Die Klster, die Asyle der Keuschheit und Zucht, wurden bald die Brutsttten der tollsten Orgien. Der Kultus der Schnheit, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten Weltentsagung in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben des hheren katholischen Klerus und in der knstlerischen Ausschmckung der christlichen Kirchen und Klster entwickelten. _Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, da unsere Ansicht durch die Schnheitsflle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche besonders in der Bltezeit des Mittelalters so unvergngliche Werke schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken, die Hunderte von prchtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen christlicher Heiliger und Mrtyrer, die Millionen von schnen Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schnen Knste im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen Denkmler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten ihren hohen sthetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene Mischung von Wahrheit und Dichtung beurteilen. Aber was hat das alles mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung, welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen Schnheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und die Frauenliebe gering schtzte, welche allein die Sorge um die immateriellen Gter des ewigen Lebens predigte? Der Begriff der christlichen Kunst ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die reichen Kirchenfrsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollstndig. Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentmliche =Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von der Erkenntnis der hier verborgenen Schtze, die zu selbstndiger =Wissenschaft= gefhrt htten. Auerdem aber erinnerte der tgliche Anblick der berall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der Darstellungen aus der heiligen Geschichte, den glubigen Christen jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden fr wahre Erzhlungen, die Wundergeschichten fr wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt. Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen ungeheuren Einflu auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf die Festigung des Glaubens gebt, einen Einflu, der sich in der ganzen Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht. _Monistische Kunst._ Den schrfsten Gegensatz zu dieser herrschenden christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der =Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die berraschende Erweiterung unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzhligen schnen Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer Zeit einen ganz anderen sthetischen Sinn geweckt und damit auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche wissenschaftliche Reisen und groe Expeditionen zur Erforschung unbekannter Lnder und Meere frderten schon im 18., noch viel mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Flle von unbekannten organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten wuchs bald ins Unermeliche, und unter diesen (besonders unter den frher vernachlssigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende schner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive fr Malerei und Bildhauerei, fr Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschlo in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische= Forschung in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berhmte Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prchtigen Medusen und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen erffneten uns da mit einem Male eine ungeahnte Flle von verborgenen Formen, deren eigenartige Schnheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus bertrifft. Allein schon in den fnfzig groen Bnden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln eine Masse solcher schner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen anderen groen Prachtwerken, welche die mchtig wachsende zoologische und botanische Literatur der letzten Dezennien enthlt, sind Millionen reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen Kunstformen der Natur eine Auswahl von solchen schnen und reizvollen Gestalten weiteren Kreisen zugnglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften. Leipzig 1899-1903.) Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschlieen. Vielmehr mssen dafr nur seine Augen geffnet und sein Sinn gebt werden. berall bietet die umgebende Natur eine berreiche Flle von schnen und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme, in jedem Kfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung Schnheiten, an denen der Mensch gewhnlich achtlos vorbergeht. Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrerung betrachten, oder noch mehr, wenn wir die strkere Vergrerung eines guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir berall in der organischen Natur eine neue Welt voll unerschpflicher Reize. Aber nicht nur fr diese sthetische Betrachtung des Kleinen und Kleinsten, sondern auch fr diejenige des Groen und Grten in der Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geffnet. Noch im Beginne desselben war die Ansicht herrschend, da die Hochgebirgsnatur zwar groartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten -- und besonders die Bewohner der Grostdte -- glcklich, wenn sie jhrlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die Kristallpracht der Gletscher genieen knnen; oder wenn sie sich an der Majestt des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner Ksten erfreuen knnen. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und verstndlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im sthetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen Naturverstndnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der hheren menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen Religion. _Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden =anthropistischen= steht, prgt sich besonders in der verschiedenen Wertschtzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse fr ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das frheren Zeiten unbekannt war; es wird untersttzt durch die erstaunlichen Fortschritte der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn fr die unendliche Schnheit der Natur in allen Gebieten. Besonders ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine frher nicht geahnte Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hlfte des 19. Jahrhunderts hatte einer unserer grten und vielseitigsten Naturforscher, =Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als Anregungsmittel zum Naturstudium und als geographisches Anschauungsmittel von hoher Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles Bildungsmittel hochzuschtzen sei. Seitdem ist der Sinn dafr noch bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die Kinder frhzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der hchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem Gedchtnis einzuprgen. _Moderner Naturgenu._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schnem und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und sthetischen Sinn besitzt, eine unerschpfliche Flle der herrlichsten Gaben. So wertvoll und beglckend aber auch der unmittelbare Genu jeder einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der brigen Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem groartigen =Kosmos= den Entwurf einer physischen Weltbeschreibung gab, als er in seinen mustergltigen Ansichten der Natur wissenschaftliche und sthetische Betrachtung in glcklichster Weise verband, da hat er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenu mit der wissenschaftlichen Ergrndung der Weltgesetze, verknpft ist, und wie beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine hhere Stufe der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemtslebens=, die unter den Begriff der =natrlichen Religion= fallen. _Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schnen bilden ebenso einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen. Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten =Diesseits=, hier in einem unbekannten =Jenseits=. Unser Monismus lehrt, da wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, hchstens drei Menschenalter hindurch das Glck haben, im Diesseits die Herrlichkeiten dieses Planeten zu genieen, die unerschpfliche Flle seiner Schnheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner Naturkrfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, da die Erde ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir blo eine kurze Zeitlang uns zu kasteien und abzuqulen brauchen, um sodann im Jenseits ein ewiges Leben voller Wonne zu genieen. Wo dieses Jenseits liegt, und wie diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll, das hat uns noch keine Offenbarung gesagt. Solange der Himmel fr den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt ber der scheibenfrmigen Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Gtter oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber fr alle diese Gottheiten und fr die mit ihnen tafelnden unsterblichen Seelen die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. Himmelsbild und Weltanschauung, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswrdigen Fortschritte der modernen Kosmologie eine vllige Umwandlung erfahren. Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, da der unendliche Raum mit schwingendem ther erfllt ist, und da Millionen von Weltkrpern, nach ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle im ewigen groen Werden und Vergehen begriffen. _Monistische Kirchen._ Die Sttten der Andacht, in denen der Mensch sein religises Gemtsbedrfnis befriedigt und die Gegenstnde seiner Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten Kirchen. Die Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen Altertum, die Synagogen in Palstina, die Moscheen in gypten, die katholischen Dome im sdlichen und die evangelischen Kathedralen im nrdlichen Europa -- alle diese Gotteshuser sollen dazu dienen, den Menschen ber die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer hheren, idealen Welt versetzen. Sie erfllen diesen Zweck in vielen tausend verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen und Zeitverhltnissen. Der moderne Mensch, welcher Wissenschaft und Kunst besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn berall in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum oder auf einen Teil desselben richtet, berall findet er zwar den harten Kampf ums Dasein, aber daneben auch das Wahre, Schne und Gute; berall findet er seine =Kirche= in der herrlichen =Natur= selbst. =Neunzehntes Kapitel.= _Unsere monistische Sittenlehre._ Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nchstenliebe. Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche. Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfllt werden knnen, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernnftigen Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen Philosophie zufolge mu unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik in vernnftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des Kosmos stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im Lichte unseres Monismus ein einziges groes Ganzes darstellt, so bildet auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil dieses =Kosmos=, und so kann auch seine naturgeme Ordnung nur eine einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=: eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt. Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die groe Mehrzahl der Philosophen und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, da die sittliche Welt von der physischen ganz unabhngig sei und ganz anderen Gesetzen gehorche; also msse auch das =sittliche Bewutsein des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhngig von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr auf den religisen Glauben sttzen. Die Erkenntnis der sittlichen Welt soll danach durch die glubige =praktische Vernunft= geschehen, hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewute =Dualismus= in =Kants= Philosophie war ihr grter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches Unheil angerichtet und wirkt noch heute mchtig fort. Zuerst hatte der =kritische Kant= in der groartigen und bewunderungswrdigen Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, da die drei groen =Zentraldogmen der Metaphysik=: der persnliche Gott, der freie Wille und die unsterbliche Seele vllig unbegrndet sind und immer unbegrndet bleiben werden. Spter aber fhrte der =dogmatische Kant= das schimmernde ideale Luftschlo der praktischen Vernunft auf, in welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnsttte jener drei mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die Vordertr mittels des vernnftigen Wissens hinausgeschafft waren, kehrten sie nun durch die Hintertr mittels des unvernnftigen Glaubens wieder zurck. Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernnfte von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der =praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch heute den Rckgang auf Kant so eindringlich gerade =wegen= dieses willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche untersttzt sie dabei aufs wrmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu vortrefflich pat. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden dadurch hinfllig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz ruhen, bedrfen keines persnlichen Gottes mehr; die vergleichende und genetische Psychologie zeigte, da eine unsterbliche Seele nicht existieren kann, und die Physiologie wies nach, da die Annahme des freien Willens auf Tuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich machte klar, da die =ewigen, ehernen Naturgesetze= der anorganischen Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben. Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber fr die praktische Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen Dualismus zertrmmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen Stelle das neue Gebude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt, da das =Pflichtgefhl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften =kategorischen Imperativ= beruht, sondern auf dem =realen Boden der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden hheren Tieren finden. Sie erkennt als hchstes Ziel der Moral die Herstellung einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen Selbstliebe und Nchstenliebe. Vor allen anderen war es der groe englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begrndung dieser monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken. _Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehrt zu den =sozialen Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens gegen die Gesellschaft, der er angehrt. Erstere sind Gebote der =Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nchstenliebe= (Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natrlich und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft existieren und sich wohl befinden, so mu er nicht nur sein eigenes Glck anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er angehrt, und der Nchsten, welche diesen sozialen Verein bilden. Er mu erkennen, da ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so naturnotwendig, da man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute, wie es seit Jahrtausenden geschehen ist. _Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit der Selbstliebe und der Nchstenliebe ist das wichtigste =Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das hchste Ziel aller vernnftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des =naturgemen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nchstenliebe=. Das Goldene Sittengesetz sagt: Was du willst, da dir die Leute tun sollen, das tue du ihnen auch. Aus diesem hchsten Gebot des Christentums folgt von selbst, da wir ebenso heilige Pflichten gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem =Monismus= auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige Stze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=, die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und gleich notwendig sind; der Egoismus ermglicht die Selbsterhaltung des =Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=, die sich aus der Kette der vergnglichen Individuen zusammensetzt. ~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhlt, sind nur hhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche wir bei allen hheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die praktische Sittenlehre, als Normwissenschaft in Zusammenhang mit der =Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=. _Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich unmittelbar das hchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die Goldene Regel bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt in dem einfachen Satze aus: =Du sollst deinen Nchsten lieben wie dich selbst= (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Rmer 13, 9 usw.). In diesem wichtigsten und hchsten Gebote stimmt unsere =monistische Ethik= vollkommen mit der =christlichen= berein. Nur mssen wir gleich die historische Tatsache hinzufgen, da die Aufstellung dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen Glubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel= mehr als fnfhundert Jahre lter als Christus und von vielen verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: Tue deinem Nchsten nicht, was du ihm verbeln wrdest. -- =Konfutse=, der groe chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit der Seele und den persnlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor Chr.: Tue jedem anderen, was du willst, da er dir tun soll; und tue keinem anderen, was du willst, da er dir nicht tun soll. Du brauchst nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=. =Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.: Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wnschen, da andere gegen uns handeln sollen. In gleichem Sinne und zum Teil mit denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=, =Aristippus=, dem Pythagorer =Sextus= und anderen Philosophen des klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! -- ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, da das Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten von mehreren Philosophen -- unabhngig voneinander -- aufgestellt worden ist. Anderenfalls mte man annehmen, da Jesus es aus anderen orientalischen Quellen (aus lteren semitischen, indischen, chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) bernommen habe, wie es jetzt fr die meisten anderen christlichen Glaubenslehren nachgewiesen ist. _Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe ausdrcklich als hchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die Spitze seiner Sittenlehre stellt, wrde unsere =monistische Ethik= in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen lteren heidnischen Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch gestrt, da die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu widersprechen. Wir mssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung der Neuzeit unvertrglich und bezglich ihrer praktischen Konsequenzen geradezu schdlich sind. Dahin gehrt die Verachtung der christlichen Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die Kultur, die Familie und die Frau. ~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und wichtigsten Migriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel geradezu aufhebt, mssen wir die =bertreibung= der Nchstenliebe auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekmpft und verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, da auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein verfeinerter Egoismus ist. Nichts Groes, nichts Erhabenes ist jemals ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu groen Opfern befhigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in frhester Jugend als wichtigste eingeprgt und welche in Millionen von Predigten verherrlicht werden, gehrt der Satz (Matthus 5, 44): Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet fr die, so euch beleidigen und verfolgen. Dieses ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhlt es sich mit der Anweisung: Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib auch den Mantel; d. h. in das moderne Leben bersetzt: Wenn dich ein gewissenloser Schuft um die eine Hlfte deines Vermgens betrgt, dann schenke ihm auch noch die andere Hlfte. Die vielbewunderte Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche von ihnen =im Munde= gefhrt wird. brigens ist ja der offenkundige Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten, eine allbekannte Tatsache. Es wre interessant, mathematisch festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das =altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil verwandelt, in die rein =egoistische= Realpolitik der Staaten und Nationen. ~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der unsterblichen Seele nur einen vorbergehenden Aufenthalt im sterblichen Leibe anweist, ist es ganz natrlich, da der ersteren ein viel hherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene Vernachlssigung der Leibespflege, der krperlichen Ausbildung und Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen Gebote der tglichen Waschungen und der sorgfltigen Krperpflege, die wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgefhrt sehen. Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klstern der Mensch, der sich niemals ordentlich wscht und kleidet, der seine schmutzige Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules Leben mit gedankenlosen Betbungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt. Als Auswchse dieser Leibesverachtung mge noch an die widerwrtigen Bubungen der Geiler und anderer Asketiker erinnert werden. =III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von unzhligen theoretischen Irrtmern und praktischen Fehlern, von geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung, welche es dem Menschen als Ebenbild Gottes anweist, im Gegensatze zu der brigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer hchst schdlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter Natur beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der brigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rhmliche =Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nchststehenden, uns befreundeten Sugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den Sittengesetzen vieler anderer lterer Religionen gehren, vor allem der weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer lngere Zeit im katholischen Sdeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen Tierqulereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid als den hchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen Christen Vorwrfe ber ihre Grausamkeit macht, erhlt er zur lachenden Antwort: Ja, die Tiere sind doch keine Christen! Leider wurde dieser Irrtum auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fhlende Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser Beziehung unsere monistische Ethik ber der christlichen! Der =Darwinismus= lehrt uns, da wir zunchst von Primaten und weiterhin von einer Reihe lterer Sugetiere abstammen, und da diese =unsere Brder= sind; die Physiologie beweist uns, da diese Tiere dieselben Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, da sie hnlich Lust und Schmerz empfinden wie wir. Kein mitfhlender monistischer Naturforscher wird sich jemals jener rohen Mihandlung der Tiere schuldig machen, die der glubige Christ in seinem anthropistischen Grenwahn -- als Kind des Gottes der Liebe! -- gedankenlos begeht. -- Auerdem aber entzieht die prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Flle der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft erhebenden =Naturgenu=. ~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und nur eine Vorbereitung auf das ewige Leben im besseren Jenseits, so verlangt sie folgerichtig, da demgem der Mensch auf alles Glck im Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Gter= gering zu achten hat. Zu diesen irdischen Gtern gehren aber fr den modernen Kulturmenschen die unzhligen kleinen und groen Hilfsmittel der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen irdischen Gtern gehren alle die hohen Gensse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie, welche schon whrend des christlichen Mittelalters (trotz seiner Prinzipien!) sich zu hoher Blte entwickelten, und welche wir als ideale Gter hochschtzen; -- zu diesen irdischen Gtern gehren die unschtzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der Naturerkenntnis. Alle diese irdischen Gter der verfeinerten Kultur, welche nach unserer monistischen Weltanschauung den hchsten Wert besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja groenteils verwerflich, und die strenge christliche Moral mu das Streben nach diesen Gtern mibilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu fhren gezwungen sind, ist auch in diesem Sinne ein wirklicher =Kulturkampf=. ~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehrt die Geringschtzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt, d. h. gegen jenes naturgeme Zusammenleben mit den nchsten Blutsverwandten, welches fr den normalen Menschen ebenso unentbehrlich ist wie fr alle hheren sozialen Tiere. Die Familie gilt uns ja mit Recht als die Grundlage der Gesellschaft und das gesunde Familienleben als Vorbedingung fr ein blhendes Staatsleben. Ganz anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem Jenseits gerichteter Blick die Frau und die Familie ebenso gering schtzte wie alle anderen Gter des Diesseits. Von den seltenen Berhrungen mit seinen Eltern und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzhlen; das Verhltnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart und innig, wie es uns Tausende von schnen Bildern in =poetischer Verklrung= vorfhren; er selbst war nicht verheiratet. Die Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist, erschien Jesus eher wie ein notwendiges bel. Noch weiter ging darin sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es fr besser erklrte, nicht zu heiraten, als zu heiraten. Es ist dem Menschen gut, da er kein Weib berhre (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen guten Rat befolgte, wrde sie damit allerdings bald alles irdische Leid und Elend loswerden; sie wrde durch diese Radikalkur innerhalb eines Jahrhunderts aussterben. ~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persnlich jene feine Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts beruht, ist dafr ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung beider Geschlechter und die gegenseitige Ergnzung, die sich beide gleicherweise in den praktischen Bedrfnissen des tglichen Lebens wie in den hchsten idealen Funktionen der Seelenttigkeit gewhren. Denn Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen, jeder mit seinen Eigentmlichkeiten, Vorzgen und Mngeln. Je hher sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der sexuellen Liebe erkannt, und desto hher stieg die Achtung der Frau, besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus welcher die herrlichsten Blten der Poesie und der Kunst entsprossen sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des =Orients=, da das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit ihm unrein sei. Die beleidigte Natur hat sich fr diese Miachtung furchtbar gercht; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift verzeichnet. _Papistische Moral._ Die bewunderungswrdige Hierarchie des rmischen Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister verschmhte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung jener unreinen Anschauung und in der Pflege der asketischen Vorstellung, da die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche Wert dieses =Zlibats= so hoch, da dasselbe fr obligatorisch erklrt wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einri, ist durch die Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon im Mittelalter wurde die Verfhrung ehrbarer Frauen und Tchter durch katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle spielte) ein ffentliches rgernis; viele Gemeinden drangen darauf, da zur Verhtung derselben den keuschen Priestern das =Konkubinat= gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen unglubige Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinle und Bischfe mit ganzen Scharen von Freudenmdchen. Die geheimen und ffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so schamlos und gemeingefhrlich, da schon vor =Luther= die Emprung darber allgemein und der Ruf nach einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern berall laut wurde. Da trotzdem diese unsittlichen Verhltnisse in katholischen Lndern noch heute fortbestehen (wenn auch mehr im Geheimen), ist bekannt. Frher wiederholten sich noch immer von Zeit zu Zeit die Antrge auf definitive Aufhebung des Zlibats, so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen Lndern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem das ultramontane Zentrum die lcherlichsten Mittel zur Vermeidung der sexuellen Unsittlichkeit vorschlgt, denkt noch heute keine Partei daran, die Abschaffung des Zlibats im Interesse der ffentlichen Moral zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901). Der moderne Kulturstaat, der nicht blo das praktische, sondern auch das moralische Volksleben auf eine hhere Stufe heben soll, hat das Recht und die Pflicht, solche unwrdige und gemeinschdliche Zustnde aufzuheben. Das =obligatorische Zlibat= der katholischen Geistlichen ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der =Ablakram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprnglichen Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral ins Gesicht; alle drei sind nichtswrdige Erfindungen des =Papismus=, darauf berechnet, die absolute Herrschaft ber die leichtglubigen Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Krften materiell auszubeuten. Die Nemesis der Geschichte wird frher oder spter ber den rmischen Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglck gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den Todessto zu versetzen -- wenigstens in den wahren Kulturstaaten. Man hat neuerdings berechnet, da die Zahl der Menschen, welche durch die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit ber zehn Millionen betrgt. Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach grere Zahl der Unglcklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen die Unzahl derjenigen, deren hheres Geistesleben durch sie gettet, deren naives Gewissen geqult, deren Familienleben vernichtet wurde? Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht Die Braut von Korinth: Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, =Aber Menschenopfer unerhrt=! _Staat und Kirche._ In dem groen =Kulturkampfe=, der infolge dieser traurigen Verhltnisse noch immer gefhrt werden mu, sollte das erste Ziel die vollstndige =Trennung von Staat und Kirche= sein. Die freie Kirche soll im freien Staate bestehen, d. h. jede Kirche soll frei sein in voller Ausbung ihres Kultus und ihrer Zeremonien, auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und aberglubigen Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, da sie dadurch nicht die ffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefhrdet. Und dann soll gleiches Recht fr alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber fr alle diese Glubigen der verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben; der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen verhten, sie aber weder unterdrcken, noch untersttzen. Auch sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld fr die Aufrechterhaltung und Frderung eines fremden =Glaubens= herzugeben, der nach ihrer ehrlichen berzeugung ein schdlicher =Aberglaube= ist. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen kleineren Lndern ist in diesem Sinne die vollstndige Trennung von Staat und Kirche lngst durchgefhrt, und zwar zur Zufriedenheit aller Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein wesentlicher Grund fr den Aufschwung der Wissenschaft und des hheren Geisteslebens berhaupt. _Kirche und Schule._ Es ist selbstverstndlich, da die Entfernung der Kirche aus der Schule sich blo auf die =Konfession= bezieht, auf die besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser konfessionelle Unterricht ist reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormnder, oder derjeniger Priester oder Lehrer, denen diese ihr persnliches Vertrauen schenken. Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen Konfession zwei verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstnde: erstens die monistische Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. ber die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= -- erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knpft naturgem an den bestehenden Elementarunterricht in biblischer Geschichte und in der Sagenwelt des griechischen und rmischen Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente. Das ist schon deshalb selbstverstndlich, weil unsere ganze =bildende Kunst= auf das Innigste mit der jdischen und christlichen, der hellenischen und rmischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, da die israelitischen und christlichen Sagen und Legenden nicht als =Wahrheit= gelehrt werden, sondern gleich den griechischen und rmischen als =Dichtungen=; was sie an ethischen und sthetischen Werten enthalten, wird dadurch nicht vermindert, sondern erhht. -- Was die =Bibel= betrifft, so sollte dieses Buch der Bcher den Kindern nur in sorgfltig gewhltem Auszuge in die Hand gegeben werden (als Schulbibel); dadurch wrde die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen Geschichten und unmoralischen Erzhlungen verhtet werden, an denen namentlich das Alte Testament so reich ist. _Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so mehr seine Kraft und Frsorge der Pflege der =Schule= widmen knnen. Der unschtzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr zum Bewutsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform= drngt sich uns immer entschiedener auf. Besonders drften dabei folgende Fortschritte zu bercksichtigen sein: 1. Im bisherigen Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darber ganz vernachlssigt. 2. In der neueren Schule mu die =Natur= das Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht auerhalb der Natur stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr hchstes und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den grten Teil der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, mu aber stark beschrnkt und auf die Elemente reduziert werden (das Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafr mssen die =modernen Kultursprachen= auf allen hheren Schulen um so mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Franzsisch, Italienisch). 5. Der Unterricht in der Geschichte mu mehr das innere Geistesleben, die Kulturgeschichte bercksichtigen, weniger die uerliche Vlkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die Grundzge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschlu an die Geographie, Anthropologie im Anschlu an die Biologie. 7. Die Grundzge der =Biologie= mssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der moderne Anschauungsunterricht frdert die anziehende Einfhrung in die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik). Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im Zusammenhang mit kologie oder Bionomie); spter sind die Elemente der Anatomie und Physiologie anzuschlieen. 8. Ebenso mu von =Physik= und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzge kennen lernen. 9. Jeder Schler mu gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womglich auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt nicht nur das Interesse an der Natur und erhlt die Erinnerung an ihren Genu, sondern die Schler lernen dadurch berhaupt erst richtig =sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit als bisher ist auf die =krperliche Ausbildung= zu verwenden, auf Turnen und Schwimmen; vorzglich aber sind wchentlich gemeinsame =Spaziergnge= und jhrlich in den Ferien mehrere =Fureisen= zu unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von hchstem Wert. Das Hauptziel der hheren Schulbildung blieb bisher in den meisten Kulturstaaten die Vorbildung fr den spteren Beruf, Erwerbung eines gewissen Maes von Kenntnissen und Abrichtung fr die Pflichten des Staatsbrgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als Hauptziel die Ausbildung des =selbstndigen Denkens= verfolgen, das klare Verstndnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in den natrlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne Kulturstaat jedem Brger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht, mu er ihm auch die Mittel gewhren, durch gute Schulbildung seinen Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine vernnftige Anwendung zu machen. =Zwanzigstes Kapitel.= _Lsung der Weltrtsel._ Rckblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Weltrtsel durch die monistische Naturphilosophie. Am Ende unserer philosophischen Studien ber die Weltrtsel angelangt, drfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lsung gelungen? Welchen Wert besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19. Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche Aussicht erffnen sie uns fr die Zukunft, fr die weitere Entwickelung unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker, der die tatschlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse und die einheitliche Klrung unseres philosophischen Verstndnisses einigermaen bersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19. Jahrhundert hat grere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im Verstndnis ihres Wesens herbeigefhrt als alle frheren Jahrhunderte; es hat viele groe Weltrtsel gelst, die an seinem Beginne fr unlsbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nhern knnen, den Weg der exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte groe Gesetz der =mechanischen Kausalitt=, fr das unser =kosmologisches Grundgesetz=, das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist, beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist der sichere, unverrckbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns durch das dunkle Labyrinth der unzhligen einzelnen Erscheinungen den Pfad zeigt. Um uns davon zu berzeugen, wollen wir einen flchtigen Rckblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwrdigen Zeitraum gemacht haben. ~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die lteste, die Menschenkunde die jngste Naturwissenschaft. ber sich selbst und sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts zur Klarheit, whrend er in der Kenntnis des gestirnten Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele Kenntnisse besa. Die alten Chinesen, Inder, gypter und Chalder kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphrische Astronomie genauer als die meisten gebildeten Christen des Abendlandes viertausend Jahre spter. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt; hingegen besa Christus selbst (der Sohn Gottes!) bekanntlich gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel und Erde, Natur und Mensch von dem beschrnktesten geozentrischen und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als grter Fortschritt der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen groartiges Werk: ~=De revolutionibus orbium coelestium=~ (1543) selbst die grte Revolution in den Kpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemus= strzte, entzog er zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, da der christliche Klerus, an seiner Spitze der rmische Papst, die neue Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekmpfte. Trotzdem brach sie sich bald vollstndig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf die wahre Mechanik des Himmels gegrndet und =Newton= ihr durch seine Gravitationstheorie die unerschtterliche mathematische Basis gegeben hatte (1686). Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt war die Einfhrung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner khnen Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die =Verfassung=, sondern auch den =mechanischen Ursprung= des ganzen Weltgebudes nach Newtons Grundstzen abzuhandeln unternahm. Durch das groartige =~Systme du monde=~ von =Laplace=, der unabhngig von =Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war, wurde dann 1796 diese neue =~Mcanique cleste=~ so fest begrndet, da es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem grten Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue Bahnen erffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860) wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingefhrt und dadurch kosmologische Aufschlsse von grter Tragweite gewonnen. Es ergab sich nun mit Sicherheit, da die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich dieselbe ist, und da ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen unserer Erde. Die monistische berzeugung von der =physikalischen= und =chemischen Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehrt sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir der =Astrophysik= verdanken, einem neuen hchst interessanten Zweige der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener gewonnene Erkenntnis, da auch dieselben Gesetze der mechanischen Entwickelung im unendlichen Universum ebenso berall herrschen wie auf unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos= vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Vlkergeschichte und im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke, die aus glhenden, uerst dnnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie als Keime von Weltkrpern, die Milliarden von Meilen entfernt und im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile dieser Sternkeime sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement= vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen, die bereits durch Abkhlung glutflssig geworden, anderen, die schon erstarrt sind; wir knnen ihre Entwickelungsstufe annhernd aus ihrer verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich vom Mutterplaneten ebenso abgelst hat wie dieser von der Sonne. Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit Hilfe der mchtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl der sichtbaren Weltkrper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich gezhlt worden, die meisten wahrscheinlich viel grer als unsere Erde. Von vielen Fixsternen, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns zu gelangen, drfen wir mit Sicherheit annehmen, da sie =Sonnen= sind, hnlich unserer Mutter Sonne, und da sie von Planeten und Monden umkreist werden, hnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir drfen auch weiterhin vermuten, da sich Tausende von diesen Planeten auf einer hnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h. in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberflche zwischen dem Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren flssigen Wassers gestattet. Damit ist die Mglichkeit gegeben, da der =Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr verwickelte Verbindungen eingeht, und da aus seinen stickstoffhaltigen Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare =lebendige Substanz=, die wir als alleinigen Eigentmer des organischen Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven =Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=) aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, knnen nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunchst bildeten sich aus ihrem homogenen Plasmakrper durch Sonderung eines inneren =Kerns= vom ueren =Zellkrper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, da auch die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen hnlich wie auf unserer Erde abspielt -- immer natrlich die gleichen engen Grenzen der Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flssig bleibt; fr glhendflssige Weltkrper, auf denen das Wasser nur in Dampfform, und fr erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches Leben in gleicher Weise unmglich. _Die hnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen drfen, bietet natrlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld fr farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns hnliche, vielleicht hher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen? Soweit wir gegenwrtig zur Beantwortung dieser Frage befhigt erscheinen, knnen wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist sehr wahrscheinlich, da auf einigen Planeten unseres Systems (Mars und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische Proze sich hnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten. ~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, da aus solchen einzelligen Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunchst soziale Zellvereine bildeten, spter gewebebildende Pflanzen und Tiere. ~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, da im Pflanzenreiche sich zunchst Moose und Farne, spter Algen, zuletzt Blumenpflanzen entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, da auch im Tierreiche der biogenetische Proze einen hnlichen Verlauf nahm, da aus Blastaden sich zunchst Gastraden entwickelten, und aus diesen Niedertieren spter Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich, ob die einzelnen Stmme dieser hheren Tiere (und ebenso der hheren Pflanzen) denselben oder einen hnlichen Entwickelungsgang auf anderen Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist es unsicher, ob Wirbeltiere auch auerhalb der Erde existieren, und ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen Jahre ebenso Sugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben wie auf unserer Erde; es mten dann Millionen von Transformationen sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen ist es wahrscheinlicher, da auf anderen Planeten sich andere Typen von hheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde fremd sind; vielleicht auch aus einem hheren Tierstamme, der den Wirbeltieren an Bildungsfhigkeit berlegen ist, hhere Wesen, die uns irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermgen weit bertreffen. ~VIII~. Die Mglichkeit, da wir Menschen mit solchen Bewohnern anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten knnten, erscheint ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen Weltkrpern und die Abwesenheit der atmosphrischen Luft in dem ungeheuren, nur von ther erfllten Zwischenraum. Whrend nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem hnlichen biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind andere schon weiter vorgeschritten und gehen im planetarischen Greisenalter ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wrme in den kalten Weltraum wird die Temperatur allmhlich so herabgesetzt, da alles tropfbar flssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hrt die Mglichkeit organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden Weltkrper immer strker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ndert sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger, ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt strzen die Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren sind. Durch diesen Zusammensto werden wieder ungeheure Wrmemengen erzeugt. Die zerstubte Masse der zerstoenen kollidierten Weltkrper verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der Sonnenbildung beginnt von neuem. Das groartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen der unzhligen Weltkrper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen kosmogenetischen Zustnde, welche wir im Universum nebeneinander beobachten. Whrend an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle von glutflssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an seinem quator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen; ein vierter ist schon zur mchtigen Sonne geworden, deren Planeten sich mit sekundren Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw. Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren Weltkrpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar gesetzlose Vagabunden die Bahn der greren durchkreuzen, und von denen tglich ein groer Teil in die letzteren hineinstrzt. Dabei ndern sich bestndig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden Weltkrper. Die erkalteten Monde strzen in ihre Planeten wie diese in ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoen mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstuben in nebelartige Massen. Dabei entwickeln sie so kolossale Wrmemengen, da der Nebelfleck wieder glhend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem. Bei dieser bestndigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverndert, und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurcklaufende =Metamorphose des Kosmos=, das ~Perpetuum mobile~ des Universums. Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=. ~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel spter als der Himmel wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten zwar ber die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie ber die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich smtlich hllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden Phantasie. Unter all den zahlreichen Schpfungssagen, von denen uns die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige bald allen brigen den Rang ab, die Schpfungsgeschichte des =Moses=, wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzhlt wird. Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode des Moses; ihre Quellen sind aber grtenteils viel lter und auf assyrische, babylonische und indische Sagen zurckzufhren. Den grten Einflu gewann diese jdische Schpfungssage dadurch, da sie in das christliche Glaubensbekenntnis hinbergenommen und als Wort Gottes geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die griechischen Naturphilosophen die natrliche Entstehung der Erde auf dieselbe Weise wie die der anderen Weltkrper erklrt. Auch hatte schon damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die spter so groe Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der groe Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese Petrefakten fr die fossilen berreste von Tieren erklrt, die in frheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autoritt der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafr, da die mosaischen Schpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts begannen unabhngig davon wissenschaftliche Forschungen ber den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlsse auf ihre Entstehung abgeleitet. Der Begrnder der Geognosie, Werner in Freiberg, lie alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, whrend =Voigt= und =Hutton= (1788) richtig erkannten, da nur die sedimentren, Petrefakten fhrenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflssiger Massen entstanden sind. Der heftige Kampf, der zwischen jener =neptunistischen= und dieser =plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch whrend der ersten drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet, nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begrndet und =Charles Lyell= dasselbe mit grtem Erfolge fr die ganze natrliche Entwickelung der Erde durchgefhrt hatte. Durch seine Prinzipien der Geologie (1830) wurde die beraus wichtige Lehre von der =Kontinuitt= der Erdumbildung endgltig zur Anerkennung gebracht, gegenber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Palontologie=, welche letzterer durch sein Werk ber die fossilen Knochen (1812) begrndet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich so weit entwickelt, da die Hauptperioden in der Geschichte der Erde und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dnne Rindenschicht der Erde war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflssigen Planeten erkannt, dessen langsame Abkhlung und Zusammenziehung sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde, die Reaktion des feurigflssigen Erdinnern gegen die erkaltete Oberflche, und vor allem die ununterbrochene geologische Ttigkeit des Wassers sind die natrlich wirkenden Ursachen, welche tagtglich an der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mchtig arbeiten. Drei beraus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken wir den glnzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle bernatrlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Lnge der ungeheuren Zeitrume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich erweitert. Wir wissen jetzt, da die ungeheuren Gebirgsmassen der palozoischen, mesozoischen und znozoischen Formationen nicht viele Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten. Drittens wissen wir jetzt, da alle die zahlreichen, in diesen Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare Naturspiele sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die versteinerten berreste von Organismen, welche in frheren Perioden der Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind. ~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19. Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar vor aller Augen, da wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen. Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizitt dem 19. Jahrhundert den charakteristischen Maschinenstempel aufgedrckt. Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft, Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen zweiter Hlfte -- dadurch so gefrdert worden, da unsere Grovter aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen wrden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der Begrndung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789) das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton= (1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begrndet hatte, war der modernen =Chemie= die Bahn erffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf eine frher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt fr die =Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847) bedeutet auch fr diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale Einheit der Naturkrfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der unzhligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in die andere umgesetzt werden kann. ~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die groartigen und fr unsere ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie= und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit bertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir drfen sagen, da von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der grere Teil berhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie und Phylogenie, durch unzhlige Entdeckungen und Erfindungen so sehr bereichert worden, da der heutige Zustand unseres biologischen Wissens denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache bertrifft. Das gilt zunchst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres Verstndnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine Selektionstheorie das groe Weltrtsel von der organischen Schpfung gelst, von der natrlichen Entstehung der unzhligen Lebensformen durch allmhliche Umbildung. Zwar hatte schon fnfzig Jahre frher der groe =Lamarck= (1809) erkannt, da der Weg dieser Transformation auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche erst spter durch die Begrndung der Entwickelungsgeschichte und der Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser und anderer Disziplinen zusammenfaten und in der Stammesgeschichte der Organismen den Schlssel zu ihrem einheitlichen Verstndnis fanden, gelangten wir zur Begrndung jener =monistischen Biologie=, deren Prinzipien ich (1866) in meiner Generellen Morphologie festzulegen versucht habe. (Vergl. meine Natrliche Schpfungsgeschichte, 11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche ber die =Lebenswunder= versucht. (Gemeinverstndliche Studien ber Biologische Philosophie, Ergnzungsband zu dem Buche ber die Weltrtsel.) ~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich vernnftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: =Mensch, erkenne dich selbst= und das andere berhmte Wort: Der Mensch ist das Ma aller Dinge sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- lnger als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und spt sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger, die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begrndet. Noch spter aber wurde die Frage aller Fragen gelst, das gewaltige Rtsel vom =Ursprung des Menschen=. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den einzigen Weg zu seiner richtigen Lsung gezeigt und die Abstammung des Menschen vom Affen behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst fnfzig Jahre spter, diese Behauptung sicher zu begrnden, und erst 1863 stellte =Huxley= in seinen Zeugnissen fr die Stellung des Menschen in der Natur die gewichtigsten Beweise hierfr zusammen. Ich selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausfhrliche Begrndung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das natrliche System der Organismen habe ich in den drei Bnden meiner Systematischen Phylogenie gegeben (1894). Die schrfere kritische Unterscheidung der sechs Strecken und dreiig Hauptstufen unserer menschlichen Stammesgeschichte enthlt meine Festschrift ber Unsere Ahnenreihe (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908). _Schlubetrachtung._ Die Zahl der Weltrtsel hat sich durch die angefhrten Fortschritte der wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert; sie ist schlielich auf ein einziges allumfassendes Universalrtsel zurckgefhrt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht, der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme Glubige als Weltgeist oder =Gott=? Knnen wir heute behaupten, da die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses Substanzrtsel gelst oder auch nur, da sie uns dessen Lsung sehr viel nher gebracht haben? Die Antwort auf diese Schlufrage fllt natrlich sehr verschieden aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein zu, da wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch ebenso fremd und verstndnislos gegenberstehen, wie =Anaximander= und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200 Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir mssen sogar eingestehen, da uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer wunderbarer und rtselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je grndlicher wir ihre unzhligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen lernen. Was als =Ding an sich= hinter den erkennbaren Erscheinungen steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses mystische Ding an sich berhaupt an, wenn wir keine Mittel zu seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es existiert oder nicht? berlassen wir daher das unfruchtbare Grbeln ber dieses ideale Gespenst den reinen Metaphysikern und erfreuen wir uns statt dessen als echte Physiker an den gewaltigen realen Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatschlich errungen hat. Da berragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des verflossenen groen Jahrhunderts das allumfassende =Substanzgesetz=, das Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes. Die Tatsache, da die Substanz berall einer ewigen Bewegung und Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen =Entwickelungsgesetz=. Indem dieses hchste Naturgesetz festgestellt und alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der berzeugung von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf begrnden, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der ewigen, ehernen, groen Gesetze im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich die drei groen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie, den persnlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit des Willens. In der vorliegenden Behandlung der Weltrtsel habe ich meinen konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar hervorgehoben. Ich sttze mich dabei auf die Zustimmung von fast allen modernen Naturforschern, welche berhaupt Neigung und Mut zum Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen berzeugung besitzen. Ich mchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne vershnlich darauf hinzuweisen, da dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst bis zu einer erfreulichen Harmonie gelst werden kann. Bei vllig folgerichtigem Denken, bei gleichmiger Anwendung der hchsten Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und anorganischen Natur --, nhern sich die Gegenstze des Theismus und Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berhrung. Aber freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die groe Mehrzahl aller Philosophen mchte mit der rechten Hand das reine, auf Erfahrung begrndete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig nicht den mystischen, auf Offenbarung gesttzten =Glauben= entbehren, den sie mit der linken Hand festhlt. Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen und anthropistischen Dogmen versinkt in Trmmer; aber ber diesem gewaltigen Trmmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres =Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in seiner ganzen Pracht erkennen lt. In dem reinen Kultus des Wahren, Guten und Schnen, welcher den Kern unserer neuen =monistischen Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz fr die verlorenen anthropistischen Ideale von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Anmerkungen des Bearbeiters Fettschrift markiert durch _ ... _ Gesperrter Text markiert durch = ... = Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Inkonsistente Schreibweisen wurden korrigiert. End of the Project Gutenberg EBook of Die Weltrtsel, by Ernst Haeckel License: Share Alike