Produced by The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) [ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] Die Schwgerinnen. Roman von Henriette Hanke geb. Arndt. Zweiter Theil. Ist die Natur nicht mit dem Glck im Bunde, Dann kommt sie bel fort, wie jede Saat, Die man geset auf fremdem falschen Grunde. _Dante Alighieri._ Hannover, 1836. Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung. Graf Frankenstern war der letzte Sprling eines alten frnkischen Geschlechts. Frh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bhle, einer Spaltung der Familie und dem Unglck seines Oheims zu danken, der vier krftige Shne in der Blthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat einem krnklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen. Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in solchem Zustande einmal fr todt gehalten worden. Ein rettender Zufall gab ihn dem Leben zurck; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen Gefahr nahm die Oberflche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen Gesichte blieben leichenhafte Zge, ein Grauen vor Allem, was an das Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner blassen Stirne.-- Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein inniges Band zrtlicher Achtung knpfte ihn an seine Verwandten, Liebe machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schlo zu Bonna war eine Oede des Hasses fr seinen knftigen Herrn. Als dieser nun auf eine ferne Ritterschule kam, fhlte er sich zum erstenmale gesellig glcklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte. Vorzugsweise schlo er sich an einen jungen Edelmann fremder Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den uern Verhltnissen der beiden Jnglinge, als ihre innerste Verschiedenheit, was diese Freundschaft begrndete. Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Ksten seiner Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren hatten groen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den Umschwung ihres zeitlichen Glckes erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete Dame jenes einst glnzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glck! -- Nach einer strmischen Gewitternacht, in der ein Schiff verunglckt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen Balken geklammert, unter Trmmern am Strande. Sein Blut flo aus einer Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben mogte, sacht in den glhenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmchtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hlfe leistete. Sie lie ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schdlichen Einflsse des Climas und der Jahreszeit auflsend; doch er genas, und kaum war der Sieg seiner rstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den unglckseligen Gast, der hnderingend an ihrem Lager stand -- dann erlosch ihr Blick, dieser mtterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres Kindes. Der Kaufmann verga niemals diesen Blick. Das Lcheln, womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz geschrieben, mit Zgen, die keine Zeit verwischte. Niemand that Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortfhrte von dieser traurigen Kste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich hinweg, als ein dmmerndes Gedenken an die Schnheit seines Vaterlandes, eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie Frhlingslaut an seine Seele rhrte -- und das Blut seiner Nation, das stolz und hei in seinen Adern flo. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben daher -- sprchwrtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mtterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit vertrumt, und, ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleies; aber der Ernst eines geschftsthtigen Lebens rief seine Krfte zu ntzlicher Uebung auf. Das jngste Tchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verstndni zu setzen gewut, die andern Geschwister nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schtzend um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: Vater! lasse doch den kleinen Ritter-- der Kaufmann lchelte zu dieser anmuthigen Benennung, -- nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getse der Websthle macht ihm Kopfschmerz. Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes und sprach: das Meer, daran die Wiege Deines kleinen Freundes gestanden, toset viel strker, Blanka! Aber er sorgte dafr, da Sylvius bald darauf in verhltnimige Aufsicht kme, und brachte ihn spter in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits erwhnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein gnstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer jugendlichen Freundschaft hlt sich so stark, da es keiner Verknpfung dieser Art bedarf oder zu bedrfen glaubt. Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurck, und nahm die Stellung ein, auf die er Ansprche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne da er sich ihrem Interesse htte anschlieen knnen; immer war und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm. Als er nach dem Tode seines Oheims die Gter antrat, meinte er, es sey nun schicklich, da er sich vermhle. Wenig zugnglich fr leidenschaftliche Gefhle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung sein Augenmerk auf die Tchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung von Stille fr sich einnahm, die in diesem Gemth wohne, und ihn ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen lie. Ein so glnzendes Loos wre dem Frulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos und unbegtert, lebte in Mitten einer hochmthigen Familie, hart gedrckt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mdchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schtzte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der irdische Brutigam kam bei dem Frulein dem himmlischen zuvor, und ein beinahe frstlicher Brautschatz machte es dem Gelbde der Armuth untreu. Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser jungfrulichen Seele gewesen wre. Ein klsterlicher Hauch -- wenn wir so sagen drften -- schwebte um die Gestalt der jungen Grfinn, und die Blume ihres Glckes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, htete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten zu verstoen, deren der Graf wirklich viele hatte; doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Grfinn so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lcke, welche der ganze Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufllen vermogte. Einen verborgenen Kummer trug sie darber. In ihrer linken Brust war eine kleine Verhrtung entstanden, die Grfinn wute nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit, einen Sachverstndigen um Rath zu fragen, und dann eine schmerzliche Schaam zu berwinden, als es spter doch geschah. Der Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, und der Bader des Ortes mute sich wie ein Gechteter seinem Blick entziehen. Als die Grfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward er heftig und sagte: nein, nein! meine Liebste! solch ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgltigkeit entblt, whrend das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein Richtschwert schwingen she.-- Ein jher Krampf flog ber seine Zge, die Grfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon. Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna gelutet werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschdigte die Geistlichkeit fr den Verlust, den sie an diesen stillen Begrbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie vterlich er fr seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhuser baute, nasse Augen heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, da er ihnen den Genu ffentlicher Trauer und Thrnen raubte; das Geprnge mit ihren Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Da ihr gtiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben msse, dies sahen sie nicht ein. Der Graf fhlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte in seiner nervsen Furcht vor der Mglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung wren dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der Erfllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fgten, groe Vortheile einzurumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von Bonna gesammelt wrden, sollte ein volles Ma von Wohlergehen ber sie ausgieen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so htten sie das Schlo gestrmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgttische Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurck. Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehat. Dies nhrte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschlo sich in sich selbst; nur das Gefhl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Gte war Grundsatz, deshalb erschtterte ihn der Undank nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen Spitze. Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch berschnappen-- sagte der Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader lie, beflissen, den Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklren, die nur Jenem schadete. So kam das Gercht in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhltnisse schafft, so wie nicht selten durch die Meinung Zustnde entstehen: so schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, fr wahnsinnig gehalten zu werden. Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler Besitz fr das Bedrfni des Glckes sey -- entuerte sich die Grfinn ihrer Vorzge, und meinte das Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermgen lge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrcken sich ffnen, als sie sich Mutter fhlte, und ihr ganzes Herz hing an diese Hoffnung. Die Grfinn ward von einem Knaben entbunden, aber schwer; es mute ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm sagte, Alles wre vorber. Wie duldsam die Grfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwche sie zulie, konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind nach kurzer Zeit an Krmpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren, und da die Natur des Vaters es ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmthiger Gelassenheit, so da sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fhlte sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mtterlichen Thrnen salbte. Mein Kind, mein ses, kleines Kind! jammerte die Grfinn, so mutest Du mir hinsterben, bewutlos wie eine Blume einschlft, die in tdtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes.-- Das Kind war weise-- sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte. _Wei_? sagst Du? fragte die Grfinn, aufhorchend, welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater fallen liee, und schritt mit matten Schritten nher, nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an eine blaurothe Farbe. Es war _weise_, sagte ich, betonte der Graf, denn es strubte sich gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mhe des Lebens nicht verlohnt. Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine dstere Ansicht ihr Gemahl von einem Daseyn htte, das Schtze ber seinem Haupte gehuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen. Die Grfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und htte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schtzte vor, es knne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des Todes. Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein bleiches, verstrtes Gesicht forderte Schonung fr seinen Zustand. Da dieser Zustand nun das Geheimni eines Leidens war, was innig verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Krpers genannt werden knnen, und die Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge fr sichtbare Uebel haben: so schonte selbst die Grfinn bei aller natrlichen Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, da der Grfinn jenes Gefhl fr ihn abging, welches allein den Geist zu durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verstndni!-- Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswrdigen Frau rhmen mssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer kleinen Schwche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundrzten, nahm sie den geringsten Anla wahr, ihre Kunst anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grte sie freundlich und bedeutsam -- was freilich zur Ehre eines vergtenden Willens erklrt werden knnte. Fr die Utensilien des Todes hatte die Grfinn ein bemerkendes Interesse; und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt: so prgte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit aus. Im Verschlu ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen der Familie aufgehoben lagen. Dies Kstchen, von einer Form, wie man auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhltni, ein kompendises Nhzeug fr Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwrts laufende Hhe zog sich eine feine sthlerne Gallerie, Schlo und Handhaben waren massiv und von Silber. Die Grfinn, gleichgltig gegen Schmuck und Putz, so da sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmht hatte, liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwhnte sie gesprchsweise, da die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wren. Sie sagte dies mit so bekmmerter Miene, als wre ein Leben von grerem Werth ihr erblichen. O! da sey ruhig, mein Schatz! antwortete der Graf eilig, weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ngstete, Perlen kannst Du sehr schn haben, wirklich kstlich; chte! orientalische!-- Und mit freundlicher Geflligkeit fr den Geschmack der Gattinn, lie er das Kstchen aus dem Behltni eines Schrankes heben, und reichte ihr den Schlssel. Die Grfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das nette Kfferchen und sprach: ist dies doch ein frmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig. Das Schlo, leise erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berhrten in dem Grafen eine berspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab. Und innen auch-- fuhr die Grfinn unvorsichtig fort, dieses duftende Kissen von weiem Atla, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch ein wenig mehr als Staub.-- Sie nahm ein Stck nach dem andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lchelnden Blicke. Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kstchen von nun an in Gewahrsam zu behalten. Eine abermalige Niederkunft der Grfinn war nicht glcklicher als die erste. Das Kind starb an Krmpfen. Sie fing an zu zweifeln, da ihr Mutterfreuden beschieden seyn wrden, nur halb getrstet von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn krnklichen Geschpfen das Leben gegeben zu haben fr langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frhen Tod zu beweinen. Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter dstrer Fassung hin, und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war es whrend jener Zustnde schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt uerte, wenn die Grfinn nur nicht wieder guter Hoffnung wrde, so drfe sie schon ohne Furcht seyn.-- Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne da irgend ein Ereigni bedeutender Art die tiefe, eintnige Ruhe im Schlo zu Bonna unterbrochen htte. Es war der Grfinn zuweilen, als htte sie seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bhle zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lcheln blickte sie in das heitere, vollblhende Gesicht mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an dem jungen Zuwachs der Tchter auf den Gtern ihres Gemahls, da sie alt wrde, und nahm in trbem Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefhl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der Gleichmigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit. Jetzt aber wurde die Grfinn, deren zarte Gesundheit selten gestrt gewesen, sehr krnklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Grfinn ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fhle sich beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten ihr bestndig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres Gemahls auszuhalten--: es lge ihr ein wenig im Gemth, und Zerstreuung wrde hier das Beste thun. Die Grfinn schttelte leise den Kopf, wobei ein paar Thrnen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: habe ich jene Schwermuth, unter der eine Frau unsglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth? Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unertrglich wird-- erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, da, wenn der Graf sich entschlieen knnte, die Bder von S... zu gebrauchen, so wre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es kostete einen schweren Entschlu, da dieser Rath befolgt wrde. Der Graf war beinahe menschenscheu, die Grfinn, durch langes Entwhnen von geselligem Umgang nonnenhaft blde geworden; es grauete Beiden vor dem Gerusch der Welt. Der Graf machte die schne Reise wie ein Automat. Er sprach nur, was er mute. -- Die Grfinn sa stumm an seiner Seite, und ihr Blick streifte dster ber die wallenden Getraidefelder hin, an denen noch die letzte Blthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von Sorgen. Sie lie halten, so oft ein Fugnger, mhselig und beladen, ein Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prchtigen Equipage aufsah, und reichte ein Geldstck heraus, das ihm frhlich weiter half. So sammelte die gute Grfinn tausend Segenswnsche ein, und der groe Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns. In dem pallasthnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nchst daran stoenden Zimmer ein alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne. Ein Zufall brachte die Grfinn schon am ersten Morgen in nhernde Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berhmter Accoucheur, der seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzhlte, die junge Frau htte fnf todte Kinder geboren, und _fnftausend lebendige_, setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von Stolz und Schmerz hinzu: habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder =nolens volens= an das Licht bringt. Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der Grfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger des Priesters der Lucina. Sie errthete gleich dem schnen Carniol, und fate ein Herz zu diesem Manne.-- Mein bleiches Tchterchen, fuhr er fort, thut mir leid; das gute Weib grmt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und mu meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe verkrppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein Aesop. Dies ist ein herber Spott fr die Kunst, und ein mchtiger Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewi eine weise Einrichtung von Gott. Die Krfte des Einzelnen gehren der Menschheit und nicht seinem Glck. Die Grfinn hrte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglcklich vor. So erwhnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, ber den Gebrauch der Bder dieses Ortes fr sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen, dann mit einem practischen Lcheln den Ausspruch: die Grfinn wrde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedrfen. -- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schnen und Guten sey: so drfen wir, in khner Anwendung desselben, die Grfinn als eine Gesegnete ihres Geschlechts betrachten. In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er berlie sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnivollen Spaziergnge, die dadurch an ihrem Reiz verlieren, da die Menge sie weder kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke sa ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklren schien. Der Graf grte stumm und ging vorber. Gieb Acht, Sylvius! sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte. Sylvius! wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache weiter reden hrte, rief er, da Berg und Thal davon wiederhallte: Sylvius! Vater und Sohn dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes. Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute mit groen Augen unter einem strohernen Htchen hervor, dem eine kleine rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit all' der hinreienden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemchtigt. Sieh hier meinen Sohn! sagte der ltere Sylvius, und streckte seine Hand nach dem jngeren aus: mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher, Frankenstern? Ich habe gar keine Kinder-- antwortete der Graf schmerzlich. Aber verheirathet bist Du doch? fragte der Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte blo. Wie wenig diese Antwort auch besagte: Romana wrde, sie geben zu knnen, sich fr einen Crsus an Glckseligkeit gehalten haben. Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die gro und schn, und sein grtes Glck geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jngsten und besten Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmthige Kaufmann seinen Familien-Verhltnissen gebracht. Seine lteren Tchter haten den Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es wre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint. Mein Vater sehnt sich nach mir-- sagte Blanka mit thrnenden Augen zu ihrem Gemahl: ich hre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jngst trumte mir, sein Reichthum wre zu Wasser geworden, wir schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das _todte Meer_. Als Sylvius nun sah, da seine Frau gemthskrank vor Heimweh werden knnte, machte er die Rckreise mglich. Die Fahrt war aber nicht glcklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrckt; aber man hrte es doch, und auch wes Geistes Kind seine Tchter wren. -- Die Folgen der Seereise, erschtternde Gefhle wirkten schdlich auf Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite. Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verlie dies Haus fr immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In tiefen Hhlen, von finstern Braunen berbuscht, lagen seine Augen, sein Blick war verstrt, und verrieth eine zerrttete Seele. Und jenes ihm eigenthmliche Lcheln um den geklemmten Mund, war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so da auch dieser weltvershnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien. Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verndert. Er war sehr braun geworden, sonst wrde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zgen -- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besnftiget, und etwas langsam und leise.-- Doch, empfnde wohl der Mensch eine uere Vernderung, ob er sie auch she, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der Zeit verschwindet, wo wir fhlen, da die Freundschaft _ewig_ ist. -- Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thrnen und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schlo sich fr Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr. Entzckt fhrte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine Wohnung, sein Glck mit seiner Frau zu theilen. Die Grfinn brannte unterdessen vor Begierde, die groe Nachricht, die sie wute, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er lie lange auf sich warten, endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren als eine Strung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, da Jemand ein Recht zu kommen hat: er mu auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch -- nur ein Gott kann diese wissen. Hier, im Beiseyn seiner Frau, schttete der Graf das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bnder die Freude sprengte. Du bleibst nun bei mir, Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen-- sagte er gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nhe bedrfe, mischte sich etwas von dem Bewutseyn, wie viel er uerlich zu gewhren vermge. Dein Sohn-- so fuhr der Graf fort, soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben. Die Grfinn hustete leise, und wurde bla vor Schrecken. Sie wre keine Frau gewesen, wenn diese Aeuerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget htte; dazu diese gesprchige Wrme, als ob Geist des Lebens ber ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit, eine hnliche Macht auf ihn gebt, und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie dies Dem bel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe krnkte in der Aeuerung des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich wie eine Schlange ber ihr Herz.-- Als die Grfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen Verhltni zu ihrer mtterlichen Erwartung. Vielleicht frchtete der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben berhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mig. Die Grfinn trug ihr Glck wie eine Bue, mit schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich tglich mehr verhrtete. Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flchtig hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Grfinn: ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Grnde. Der Graf sah seine Frau bestrzt an, nie hatte sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen. Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbstndigkeit fest. Er sagte: gieb mir ein Pltzchen, Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gtern wie Dir selbst zu ntzen: so hast Du mich. Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und da keine Frau, auch die beste nicht! durchaus vertrglich wre. Ganz in der Nhe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen ehrwrdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in ungewhnlicher Hhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Hfchen stand. Ein klares Brnnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete Gitterthre schien diesen lautern Quell zu verschlieen. Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich machten, da der Bezirk dieser Stelle einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war himmlisch. La mich hier zu Jesu Fen wohnen! sagte Romana, indem er mit glnzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, doch Dir zuvor und gewi am rechten Ort -- ein Bekenntni ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schtteln und weiter ziehen mu. Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm, da Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter vom goldenen Vlie gewesen, seinem Glauben entsagt habe, und der eifrige Anhnger einer frommen Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was der Welt Snde trgt. So wie Menschen von schwrmerischer Anlage der uersten und entgegengesetzten Richtungen ihres Wesens fhig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religisen Ideenwelt erfahren. Eine groe Gefahr, aus der er auf beinahe bernatrliche Weise gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wunderglubigkeit wechselte nur ihre Form in seinem Gemthe. Das Gefhl seiner Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt.-- Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfnglich, um die neue Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klstern, pbstlichen Kirchen und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmthig ein Hufchen der Stillen im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schtzte. Und so sagte er: was ich hre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber es ndert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es mglich war, da Du -- ein Abtrnniger werden konntest. Ich halte Dich fr einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. -- So eben dachte ich, wie seltsam es sey, da der Wind des Schicksals Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht. Von der festen Zuversicht des Freundes gerhrt, antwortete Romana: _weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den Blthenstaub im Frhling, auch ber Mauern, zu der verwandten Blume trgt. Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert arbeitsame Hnde frderten den Bau. Es fand sich, da ein gewlbter, vllig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse fhre, wovon die eiserne Gitterthre am Brunnen der Ausgang wre. Dieser Fund war fr den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekmmert, seine Frau wte bereits, was er ihr verhehlen mgen, und am liebsten fr immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. Sieh! sagte er sehr glcklich, und sich ins Geheim bewut, sein Umgang mit dem Freunde stnde unter unsichtbarem Schutze, so knnen wir ungehindert und selbst zur Nachtzeit zu einander kommen.-- Aber der Saamen des Geheimnisses trgt selten Frchte fr das Licht. Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache davor, und leise rieselte das Wsserchen unter der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die Frster und Holzschlger, die den Forstmeister zu sprechen kamen, Einla suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den muschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen einmal eher aufgethan werden. Wie selig Graf Frankenstern sich die Nhe seines Freundes getrumt: so empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah ein, da die Gefhle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener innigen und beglckenden Freundschaft gewesen wren. Wirklich hatte Romana sich sehr gendert, und war ein wenig kopfhngerisch geworden; der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft htte. Romanas Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der Flle seines Herzens anfnglich nur fr eine Linie hielt--; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zulie. Sie vermieden sorgsam jedes Gesprch, das nur von fern diesen Punkt berhrte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_ Stelle wei, welche geschont werden mu!-- Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhltnisse, durch das Gefhl, verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genhrt worden. Auch der Unglckseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die de Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wnschte, stellte ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, lie ihn von der breiten Strae abbeugen, auf der gewhnliche Menschen das Glck suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine dstern Farben und Symbole in den Bedarf des huslichen Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und wei, zu seinen Hupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war, da auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er wrde lchelnd seinen Morgentrunk aus einem Schdel genommen haben, er sprach freudig von seiner Auflsung, und diese Kraft stellte ihn hoch ber seinen Freund. Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablssig beschftiget. Das Bewutseyn, durch seine eigensten Krfte zu ntzen, hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, tuschte ihn ber die Unterlassungs-Snde, die Mittel dazu aus sich selbst zu schpfen. Romana besa schne Kenntnisse, und bte sie mit Flei. Er war thtig von frh bis spt, und der Kernspruch seines groen Landsmanns, da Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewhrte sich an ihm: er war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und flte seinem Sohne Lust und Eifer fr diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewhnte, seinen Verstand anzustrengen, unterdrckte er das frhzeitige Aufstreben von Gefhlen, denen die Einsamkeit Nahrung giebt. Die Grfinn war im Sptherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen Freund wiederfinden lie, schnell und sonder Gefhrlichkeit von einer Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mdchen machte ihr das Leben leicht. Dennoch schien die Mutter tdtlich erschpft. Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren-- sagte die Wrterinn nach einem Blick in den Calender, Gott verhte, da ihm nicht Alles rckgngig werde! Die Grfinn erschauerte bei diesen Worten in einer andern Furcht. Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschn an der Brust einer derben Amme. Keine Spur von Krmpfen zog das Herz der Mutter in der Befrchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brder -- was sie nach kurzer Zeit mit tausend Thrnen zurck zahlen mssen. Langsam hatte sich die Grfinn erholt, und war auch bei wiedererlangten Krften, und ihres Anlasses zur Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben. Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei seinem Freunde im Schlo befand. Sie unterredeten sich ber die Zukunft seines Sohnes. Sylvius bekommt einmal Deine Stelle-- sagte Graf Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewiheit an, den Vater des knftigen Forstmeisters zu berleben. Meinem Wunsche nach, antwortete Jener, geht er in die weite Welt. Dein einziger Sohn? erwiederte der Graf mit Vorwurf, Du willst doch nicht, da er ein Glcksritter werde? Warum nicht? bin ich doch auch Einer-- sagte Romana, und lchelte wie ein Eremit. Sieh lieber Frankenstern, fuhr er fort, die Seinen fr sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhltnisse einschlieen wollen, wre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der Mann ein Mensch und lernt brderlich denken. In diesem Aussenden liegt mir etwas Gttliches-- Wir aber sind Menschen, Romana, unterbrach ihn der Graf, und es liegt in der Natur, da man sein Kind so nahe und so lange als mglich um sich habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit vor. Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee? wendete Romana mit erhheter Stimme ein, ich fhle, das wrde ich knnen. Wre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen: so preise ich ihn selig. Zge er bers Meer, um die Heiden dem Erlser zuzufhren und versnke: ich wrde deshalb nicht zu Boden sinken. Im Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimni ewigen Gewinns. Wie rmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als da man athme! der Graf seufzte schwer, und Romana verlie ihn. Noch wirkte dieses Gesprch nach, als die Grfinn in das Zimmer ihres Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das volle Hndchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grbchen geformt, lag schtzend auf der linken Brust der Mutter. Den Grafen rhrte dieser Anblick. Er kte vterlich sacht diese kleine Hand, und das Mutterherz darunter schlug strker. Vielleicht ward in diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer stillen Freude, da dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum erstenmale uerte er, wie glcklich ihn der Besitz des Kindes mache, und da es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch sehr besorgt gewesen. Die Grfinn entfrbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: es knnte seyn, da ich mein Leben um einen Preis gerettet htte, der Dir mifllt. Dem Grafen fiel diese Aeuerung auf. Er sah seine Frau forschend an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein schadhaftes Fleckchen in der Brust versprt, was ihr dann und wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhrtet und dergestalt sich entzndet habe, da sie (die Grfinn) frchten mssen, den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt fassen knnte.-- Der Graf legte beide Hnde vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blsse des Grauens. Er sagte: gut, da ich es nicht wute; der bloe Gedanke macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brchte mich von Sinnen. Du glaubst nicht, setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, wie tausend Dinge, stumpf fr den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich. Seine Lippen zuckten, als whle ein Messer in seiner Seele. Die Grfinn htte beinahe ihr Gestndni bereut -- gewi htte sie es sollen. Sie sprach: in dieser Noth that ich das Gelbde, hlfe mir der Himmel und wrde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie fr eitle Wnsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht lange, so gena ich an einem simpeln Umschlage. Verstehe ich Dich recht? fragte der Graf schwach, Albane -- eine Klosterfrau? Die Mutter nickte ngstlich. Das ist hart! murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr nicht hrter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Grfinn weichmthig: Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der Welt, und ihren trglichen Freuden. Die Gter kommen an fremde Hand -- Anverwandte haben wir nicht, Albane stnde allein. So ist sie unter den vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter, giebt ihr Schwestern. Der Graf lchelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft. Nein, fuhr die Grfinn, ihren Gemahl miverstehend, fort, dort wrde mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut Christi? Dieses Glck! antwortete Graf Frankenstern und deutete auf seine Kleine, eine Brust, daran solch ein Kind erblht, kann viel verschmerzen. Ihr seyd zu Mttern geboren. Und -- da ich es nur frei gestehe -- ich mag die Klster nicht leiden, und es wird einmal aller Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin untergehen? O mein Gott! jammerte die Grfinn, und hob ihre Augen thrnenschwer zur Hhe, warum bin ich nicht gestorben? Ihr Herz schlug so mchtig, da des Kindes Hndchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst wankte. Der Graf war erschttert; nach einer Pause sagte er: Du wirst glauben, da mir Dein Leben ber Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere nicht, da ich gleichgltig dazu wre, wenn unser einziges Kind geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der keiner Zurechnung fhig ist. -- Nthigenfalls wrde Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht, ber das Schicksal eines Menschen also zu verfgen, auch einer Mutter zusteht, und meine, von der Snde, es gethan zu haben, knne Jeder sich selbst entbinden. Dies sind Romanas Grundstze, sthnte die Grfinn, es ist _sein_ Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott lt sich nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens. Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Grfinn fhlte einen tiefen krperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen. Von Frost geschttelt mute sie sich alsbald zu Bett legen. O! da die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wchter ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, da die Grfinn ihr erneuetes Unglck siebenfach verhllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr nichts mehr werth. Wenn die geneigten Leser der Meinung wren, Gte und Liebe in dem Charakter der Grfinn Frankenstern wrde nicht zugelassen haben, da sie in grausamer Selbstsucht das Glck ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer Rettung gemacht htte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken, wie grade die zrtlichsten, die weichsten Mtter es sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lsen -- welche oftmals das Schwerste ber ihre Kinder verhngen. Hier war es ein Schleier, und den zu tragen hielt die Grfinn fr leicht. Sie hielt ferner, im Gefhl _ihrer_ Ehe, _keine_ fr ganz glcklich, und verwechselte ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die vollendender wre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, da Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein hheres Glck erreichen sollen: so war der Grfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter wrde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die mtterliche Ahnung, welche die Grfinn frchten lie, ihre Tochter in den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen.-- Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Grfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, da er sie erflle: denn der Graf mute umgangen werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Grfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wute. Verzeihen Sie, Romana, da ich Sie bemhte! redete sie ihn mit jenem rhrenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto strker ans Herz dringt, ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie knnten mir einen groen Gefallen erzeigen. Herr mein Gott! antwortete der Forstmeister, und das Mitleid migte diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, gebieten Sie doch ber mich! Es wre mir viel daran gelegen, sprach hierauf die Grfinn, wenn Sie morgen -- oder bermorgen, der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer fllte den Moment, meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wre freilich ein ganzer -- zu entfernen wten. Das wird schwer halten, erwog Romana, hlt doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich inde darauf, es geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer kleinen Reise zu bereden. Dann fiele mir ein Stein vom Herzen, erwiederte die Grfinn, indem ein paar Thrnen ber ihre abgehrmten Wangen rollten. Wissen Sie denn, ich werde operirt -- das heit, ich lasse mir die Brust ablsen. So begreifen Sie auch, da dies meinem Manne verschwiegen bleiben mu. Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, strubten dem Forstmeister das Haar. Die Brust -- ablsen? fragte er, und sein mnnliches Gesicht errthete in Angst; die Grfinn erbarmte ihn unaussprechlich. Und bleibt kein anderes Mittel? Ein sanftes Kopfschtteln, und: nur dieses letzte-- war die sehr leise Antwort. Sie werden eines Beistandes bedrfen, arme Grfinn! sagte Romana dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen abwehren, und hier eine Sttze in der Gefahr seyn knnte. Die Grfinn lchelte; es war, als htte die Sense des Todes dies Lcheln in ihre tiefen Zge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie sprach: ich wre doch allein, im Grausen Dessen, was mir bevorsteht; allein mu Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nthig haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie fr einen redlichen Mann, Romana. Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugni empfangen, als dies. Er wrdigte es, und die Grfinn fuhr mit bewegter Stimme und widerstrebenden Lippen fort: an ihre mnnliche und christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, da Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrngte Mutter dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich einer Schuld. Versprchen Sie, Ihren Einflu auf meinen Mann fr diesen Zweck zu benutzen: dies wrde mich sterbend noch erquicken. Darauf erzhlte die Grfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden msse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das hchste Glck erschienen, dem sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Grfinn erffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, da sie sich von einem ungewhnlichen Anfluge ehelicher und vterlicher Zrtlichkeit des Grafen hinreien lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelbni zu brechen. Ich mu nun, setzte sie trostlos hinzu, den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode ben: denn der Himmel lt nicht mit sich spaen. Ich bekam sofort Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, da meine Tochter durch Gehorsam shne, was ihr Vater zu sagen sich verma. Werden Sie es nicht hindern, Romana? da Albane-- weicher lt sich nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die Stimme der Grfinn zerschmolz in Thrnen. Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weie, feuchte Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne da er eine zusichernde Sylbe gesagt htte. Wie berzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klster, htte die kleine Albane lieber heute schon einsperren mgen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter geworden, da dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens wrde. Vielleicht wre die Grfinn dennoch zu retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen Glauben an gttliche Hlfe und an die seinige noch einmal zu bewhren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Grfinn von ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund eben so gern secirt, als ganz glcklich gesehen haben wrde -- und Wir wissen, da die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgem behandle. -- Als nun der gefrchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der Grfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anla, den die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der Grfinn entmannte den Operateur. Verstrten Auges blickte er nach der Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher Schrfe in die Diele ein, da ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben aufgaffte. -- Die Grfinn verlangte mit erlschender Stimme: man solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von bler Vorbedeutung: die Grfinn verschied am dritten Tage.-- Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mrder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen Umstnde ihres Todes nicht kannte, und nur wute, da sie von jenem Wortwechsel an gekrnkelt hatte; die Wahrheit wrde zu stark fr ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekmpften ihn mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm krftig bei; aber -- wie sind jene finstern Mchte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen Langeweile ghnte, aus Furcht, der Graf knne dann frher noch in das Elend vlliger Geistesverwirrung strzen. -- Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, da er die kleine Albane unter andere Aufsicht gbe, als die ihrer Amme. Mit jener Hartnckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrckt wre, an seinem Willen festhlt, behauptete der Graf, er knne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trge, welche seine Albane genhrt. Und wozu auch? fragte er mit dsterm Stolz, meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert, zu bedrfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu tadeln an meinem Kind. Dagegen lie sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg. Wenn man annehmen darf: da die Freundschaft durch ein verjhrtes Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafr und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung -- knnten zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher Verhltnisse angesehen werden, doch nicht unerschtterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstnde. Die einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemth voll gttlicher Kraft der Liebe! Allmlig hatte Romana sich seinem unglcklichen Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen, da ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum mehr verstanden, als ihr uerer Verkehr, besonders von Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich selbst zurckgezogen, war ihm auch das Nchste, sein Kind ausgenommen -- gleichgltig geworden. Er vermite Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang sa er allein, und flsterte so anhaltend, da die Bedienten oft lange warten muten, ehe sie ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der fortwhrenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dmon. Da er gestrten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimni der Achtung, doch Jedem klar. Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam beschftiget. Er band die Bltter einer Espe mit grner Seide an die Zweige fest, der Knuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und glnzte in der Sonne. Gott gre Dich, lieber Frankenstern! sagte Jener, was machst Du denn da? Der Graf lchelte und sprach: ei! ich binde mir die Bltter ein wenig fest, dies Zittern ngstet mich, so oft ich es sehe. Ich wei, wie Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lftchen bebt: die Furcht ist das entsetzlichste Gefhl. Und indem er emsig in seinem unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: dann -- Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Bltter fallen, und liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehufte Leichen -- manche haben ordentlich Physiognomie-- Der Forstmeister sah voll Mitleid in die seines Freundes. Den Schmerz der Natur, sagte er mit dem tiefsten, wollen wir ihrem Schpfer berlassen. Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frhling gesehen, das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Krnze von Laub und Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen?-- Er umschlang den Freund, und weinte vor groer Rhrung. So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick seines Tchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese zrtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte sich zart und schn. Die Natur war ihre Gouvernante, und welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefhls, ihr Gang war ein leichtes Schweben ber gemeinen Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten htte weder die Stiftshofmeisterinn eines Fruleins-Instituts heben, noch die gutmthige Plumpheit der Amme unterdrcken knnen.-- Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner knftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung fr das junge Herz, und es mischte sich in ihnen religise Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glckes zu tuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die kleine Grfinn mit den Wrden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedrfni, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das Verlangen und die Fhigkeit _zu lieben_. Whrend die Amme whnte, sie baue mglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster verhat, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstlich gewi, da seine Tochter Profe thun msse--; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er hinaus schieben zu drfen, wie weit? dies wute er selbst nicht, und es dmmerte ihm vor den Augen. Wie knnte ich Dich nur verlassen, mein Vater? fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fhlte dann selbst die Unmglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu knnen. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Grfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rcken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater recht kindlich zu sagen, da sie doch lieber den Brautkranz wie den Schleier trge, wenn sich nmlich ein Mann fr sie fnde, der sie nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen frchterlichen Zustand gerathen. Soll ich auch des Todes sterben, wie Deine Mutter? hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. Es war mein Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mgtest glcklich werden; aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mgte wohl ein Vater sein Kind zu lebenslnglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des Lebens glte? -- Aber es giebt einen Schlssel zur Freiheit---- Geistig Gestrte sind wie Inspirirte zu betrachten. Der Schlssel zum hheren Leben ist die Liebe! und Albane trug ihn in stiller Brust.-- Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundstze beider Vter waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre hchste Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der die Grfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beima, durch Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit vergtender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das, was wir bewahren, wre es auch fremdes Eigenthum, allmhlig eigenen Werth fr uns gewinnt, so war das Glck nicht minder als das Leben der Comte ihm theuer geworden. Er bedauerte, da ein so schnes Kind dem Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschftigkeit tastete er an diesem Entschlu herum. Albane hthete sich inde wohl, ihm ihr jungfruliches Herz zu ffnen -- und der Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wre, sich so erschttert, da der Arzt, gegen dessen persnliches Annhern er eine innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen durfte, strker in ihn zu dringen. So begngte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genu des Daseyns zu wnschen, ehe es seine dstere Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Grfinn es so ganz ohne allen Umgang aushalten knne, und erwhnte zugleich, wie dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jngling der nmliche Fall sey; so da Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und knftig -- rhrte und regte ein Herz fr die himmlische Schnheit, fr das schuldlose Unglck dieses Mdchens an -- ein Herz, dessen heie Sehnsucht ein langes stilles Glhen fr ein verhangenes Bild gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Trger des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhltni, auch das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das oberflchlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mdchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimni manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe frstlichen Besitzthums, war ein armer verstrter Mann, mit dem der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mgen. -- Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrtteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wre. Wenn Albane ihren Vater ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glckleins, was den Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich lie, und Geschfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die Comte daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wute Albane ihn leicht zu lsen. Die Bewunderung, mit der jene Mnner zu ihr aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht verglhen lt in todter wster Asche. Darum ist es unser laienhaftes Urtheil, da Kranke dieser Art unter der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst sttzen zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der Seele ruht, knnen aber gnzlicher Zerstrung nicht immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall. Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsglich schwer. Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und da sie sich nicht selbst genge, ward ihr klar in Thrnen, die sie hei und heimlich weinte. -- Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages ber ein, weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe strubte, aus Furcht, in Bewutlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief und sthnend er athme. Ihr Blick hing bewlkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefhl hatte keine Sttze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern schwingen, da die summende Fliege ihren Vater nicht belstige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu, und einschlfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein trumendes Vergessen.-- Niemals kamen Gste in das Schlo zu Bonna, niemals! Auf der breiten steinernen Brcke, die zu seinen Thoren fhrte, wuchs Gras, als htte ein altglubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch leer und de, nur die Zeit wohnte darin, und ntzte den Glanz der Mbeln nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die junge Grfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und seine Glocke war ein Tonstck von ganzen Noten und groen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane nur dem Namen nach kannte, und manchmal wnschte sie wohl, die Horen mgten ihr die Pforten des Himmels ffnen, da Alles zu Ende wre. Sie thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. -- Die Weidenflte, das Gelut der Heerden, der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies Alles regte eine sehnschtige Wehmuth in ihr an, einen wollstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzcken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie sie das bethrnte Gesicht an den Blttern einer dunkeln Laube trocknete. Erschrocken fragte er: Du hast geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind? Albane antwortete berrascht, die Freiheit, mein Vater! ich fhle mich so beengt. -- Es war einer der lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Vernderung mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wren, belebte und erhhte sich ihr ganzes Wesen. In dem groen, kalten Schlosse war es wie Frhling geworden. Die zarte Wange der jungen Grfinn, sonst nur schwach gefrbt, war eine glhende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im Abglanz ihres Blickes zu lcheln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berhrte sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters blhete eine kleine kmmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf. Es ist bereits frher erwhnt worden, da mehrere Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehrten jener religisen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein schtzbarer Oekonom. Der Geschftskreis, den er mit der besonnensten Umsicht versah, war gro, der seines Familienlebens hingegen klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewhlt, eben so sicher zufriedne Tage zhlen, als dieser, von dem kein Error zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Grfinn, obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrcken: einer hheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein Gefhl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre frher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es ein sanfter Nachhall jenes erschtternden Ereignisses, vielleicht ein noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der Ruhe und Rechtmigkeit -- wenn wir so sagen drfen -- womit sie sich bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, da Verla auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen Zugestndnisses nicht erwehren, da, in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Grfinn, wre vielleicht ein greres Glck als Eigenthum, wie als Geschenk -- und dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie knne einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. -- Fabia sprach gelassen von der nchsten Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rcksicht auf das Grte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen knnte, da sein Kind ihn verlassen msse, um dem Manne zu folgen -- da Albane auch dies vergleichungsweise bemerkte und fhlte. Sie galt fr eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart erfllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht, und an das Knftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nmlich so zu nennen -- man sagte die Comte krnklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe von Niemand mehr gesehen. Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehrt, ein Beweis, da es glcklich lebte. Da ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Grfinn Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich hatte Fabia sich doch verndert. Sie war hagerer als sonst -- die frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schrfer hervortrat, als sie sich zu lcheln bemhte. -- Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, da Albane kaum mehr zu kennen wre. -- Sie sa an dem einzigen Fenster eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb dster war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grnen duftenden Stauden ab, die in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blhten. Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht der Grfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frsteln schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthmliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem bestrzten Blicke nach der Ursache dieser Vernderung. Wie war diese unvergleichliche Schnheit zerstrt! welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelscht? -- Zwar hatte man lange schon von einer bedeutenden Unplichkeit der jungen Grfinn gesprochen, und wie diese selbst fr die Diener des Hauses unsichtbar wrde -- die Amme war sichtlich gengstet, doch schweigsam wie das Grab, das sie fr ihren Liebling frchtete--: aber diese matte Blsse, diese kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein beladenes Gemth, als auf unterdrckte Kraft des Krpers hin. Mit Fabien stand der Grfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhltnisse bewegte das Herz im Busen der unglcklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anla dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gtigst eine blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein groer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wnsche. Die Grfinn gewhrte dies und mehr, jede schne seltne Pflanze, die sich innerhalb der Glashuser, oder im Bereich des Gartens berhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergngen. Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der zgernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lchelnd sagte: doch diese Frage ist wohl vom Ueberflu. Sie haben aus Neigung geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und begnstiget durch ein Stillleben, was ich mir ber alle Maaen traut und glcklich denke. Sie drfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken, mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blht-- hier stockte die Grfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine aufquellende Thrne. Diese Seligsprechung einer Vermhlten im Munde der grflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mute die Frau des Cassirers befremden, und jene hchste Blthe der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblmte, auf der schaamhaften Lippe eines Mdchens die zchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach errthend: ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die gnstigste Lage lt wohl etwas zu wnschen brig. Mein Mann ist brav, und hat mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen Gemths, besonders was seine Geschfte betrifft. Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gndige Herr Graf-- Albane nickte, und Fabia fuhr fort: dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kmpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenu, mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten mit einer gewissen mitrauischen Klte ab -- und der Himmel ist mein Zeuge! da ich ihm gern die Sonne zuneigen mgte. Endlich wnscht er sich so sehnlich ein Kind -- und es wre hart fr mich, wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte. Nichts lockt so sicher Aeuerungen des Vertrauens auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt, berschtzt wird. In diesem Falle drfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer ohngefhren Angabe seines Vermgens errathen. Die weie Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe ab und zerpflckte sie in ihrem Schooe. Das Gesprch ward noch eine Weile mit Wrme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Spter hrte man von ihr und ihrem Manne, sie htten ein Pflegekind angenommen. Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewhnlich allein. Sie war krzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Grfinn, die schwerlich zu vlliger Gesundheit und Krften kommen knne, in ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thren der Gruft eher ffnen wrden, als die Pforten des Klosters.-- Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Grfinn fragte nach der Ursache dieser Betrbni: ein junges Lamm war ihm von der Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige Schfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach: wenn ich das Verlorene nur wieder htte! das wre mir lieber als Alles. Dieser kleine Vorfall rhrte wunderbar an Albanens Gemth. Dort flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blhenden Klee verschwinden; am Hgel tauchte er wieder auf, und hielt das gefundene Lmmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust gedrckt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, da es nun da sey, seine Miene lachte entzckt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben glnzte im Schein der sinkenden Sonne. Die Grfinn sah thrnenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schnen Augen berflo. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und konnte seine Betroffenheit ber ihren Anblick an dieser einsamen Stelle nicht bergen. Albane fhlte ihre Wange erkalten, und stammelte, da sie von einer jhen Schwche angewandelt worden sey, die ihr von der letzten Krankheit anhnge. Der Forstmeister betrachtete dies holde, tdtlich erblate Gesicht wie mit vterlichem Mitleid. Er bat, die Grfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu fhren, die in der Nhe sey, auf da sie sich daselbst erholen und eine kleine Strkung zu sich nehmen knne. Er bat so herzlich, da Albane seine Gte nicht ablehnen konnte. Whrend des Gehens untersttzte er die zarte Gestalt, deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwrfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. Ihr Vater, liebe Comte, redete er treumthig weiter, dem die nchste Sorge fr die theure Gesundheit seines Kindes zustnde, ist leider! dieser Obhut nicht fhig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde werden, wenn seine einzige Sttze vor ihm snke in das Grab? -- Und wenn das so fortgeht---- Sie standen an dem Hause, Albane drckte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem sdlichen Dach, das getragen von der heitersten Wohnung, einem der hngenden Grten der Semiramis zu gleichen schien. Der Forstmeister fragte: ob die Grfinn sich wohl zu erschpft fhle, um diese mige Hhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch uerte, lie er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken. Es war ein himmlisches Pltzchen, und Albane geno zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. Wie schn ist es hier! eine wahre Augenweide! sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden Wolkenschfchen therisch versinnlichten. Ja, antwortete Romana innigst begngt, ich danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mgte. Und an Gold mangelt es hier auch nicht. Die Sonne go eben ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein flssiger Rubin. Wie Viele mgten in ertrumter Gre mich beklagen, setzte er mit heiterm Lcheln hinzu, whrend ich mein Glck hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und mit sich selbst umzugehen wei, entbehrt nie eines trstenden Freundes. Wre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig froh -- so wrde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grne Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jngling; und wenn ich des Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_ Holze da an? Er deutete auf das Kreuz. Grfinn! fuhr Romana begeistert fort, und verga zu Wem er rede, wie mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt! Sie geht gefhrt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein leidenschaftlicher Mensch, ungestm in meinen Wnschen, meinem Begehren; ich frchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne da ich es eigentlich besa. Die Leidenschaft betubt, sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser Glck zertrmmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen gehorchen. Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des Gemths, diese Stille der Seele mgte wohl eine Frucht gereifter Jahre seyn. Der Forstmeister schttelte sein ehrwrdiges Haupt und sprach: das wre traurig, liebe Comte. Dann wre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das Alter ruhete der Liebe im Schooe. Nein! wir sind nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefllt: er wird frh oder spt merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glck behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, da, wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer wrfe, zur Shne fr den Himmel! Schon die Gesetze der Welt mssen das Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen knnen. Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschttert, und als er ihr das Brod und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als gensse sie das heilige Abendmahl. Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, da er die Seele der Grfinn zerri -- wie vielen Kummer ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trbsinn, durch sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stnde. Es ist, fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, als ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr lsen wolle! -- Was ihn hlt und hrmt: ich wei es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten Freunde!-- Ein gekrnkter Seufzer stieg aus dieser vterlichen Brust -- Albane stand auf. Aber was ist Ihnen, liebe Grfinn? fragte Romana bestrzt, Sie weinen? Sie zittern? Albane konnte den hervorbrechenden Thrnen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Fen sinken. Entlassen Sie mich--, bat Albane sehr leise, ich fhle mich krank. Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Grfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm. Er fhrte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend, da er seine Schwiegertochter leite. Ach! die arme Grfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. -- Sie hatte den heien Bitten des Geliebten nicht widerstehen knnen, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen. Nimmermehr, das wute Albane, wrde ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme waren im Geheimni dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der Umstnde eine Tuschung der Art zu ermglichen, und bis dahin dauernd zu erhalten. Tief in der weiblichen Natur begrndet, liegt etwas Widerstrebendes, ein geheimnivoller Wille, nicht zu wollen, was ein hheres Gesetz als sein Geschlecht von ihm fordert, whrend der Mann, wo er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung gehorcht. Der Gedanke an das Kloster war der Grfinn stets furchtbar gewesen, und das Gefhl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung gestrubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berhrt -- er wute nichts. Und wie mag ein weiblich Ohr, erfllt von den Stimmen der Liebe, und in nervser Scheu vor jenem Glcklein der Kirche, das ber der absterbenden Novize gelutet wird -- auf das Flstern religisen Zartgefhls hren? -- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhltni, ja selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhhete die heimlichen Entzckungen desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, da es unentdeckt bliebe, seine Tochter wre vermhlt. Diese Gattinn, das freie Eigenthum der Liebe, wrde dem Sylvius der ffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenruberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren Lippen Weihe und Wonne. -- Als htte eine schtzende Gottheit einen Schleier ber diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhllt. Albane galt fr eine Himmelsbraut, kein schnder Verdacht schlich ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war ber jeden Argwohn erhaben; wie htte man denken knnen, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens entziehen, fr den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern fr die junge Grfinn war so allgemein und innig, da man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen haben wrde -- und nachsah. Die Natur gab diesem Bndni Unauflslichkeit, und jetzt fhlte Albane zum erstenmale, da das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehrt; denn schon die Gestalt einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht es unmglich, ohne Snde oder Sorge den hchsten Segen des Weibes zu verheimlichen. Nur die Lage der Grfinn, so gnzlich abgesondert von der Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte fr jene Umstnde -- fast einzig und allein in ihrer Art, der blde Geist ihres Vaters, das blinde Vertrauen dessen sie geno, das vorsichtige Verfahren des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen ber jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das Band dieser ehelichen Liebe schien an Sttzen gebunden, die tiefer begrndet waren, als fr ein sterbliches Auge einzusehen mglich, es war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, da die furchtsame Besorgni Albanens, es knne zur Kenntni ihres Vaters kommen, allmhlig nachlie. Sie ward endlich sicher. Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betubtes Herz dringt -- ward laut. Die Grfinn war lngst nicht mehr glcklich, wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glck duchte ihr nur ein entzckender Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerbltig erwacht wre. Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewutseyn ihrer, seiner Liebe gengte ihr nicht mehr. -- Ein krnklicher Gram zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefhl unsglicher Wehmuth, von trbem Grund der Seele, bedrngte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: manches Herz geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach-- Albane verkannte, da der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wre. -- Geschah es, da sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hrte: so fhlte sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre Tropfen in ihr Auge, und die arme Grfinn htte all ihr Blut verstrmen mgen, wenn sie eine Thrne ihres Kindes, _eine_ nur -- trstend htte wegkssen drfen.-- In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wute. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde zurck; aber es zog allmhlig immer trauter und vershnender ihr Denken und Sinnen an sich. Einst fhrte das Bedrfni innerster Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thr sie sich ffnen lie. Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter lie sie abheben, und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weie Kleid war in der linken Brustgegend hochroth gefrbt, als htte der Todten das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen Mund schwebte noch der Schatten eines Lchelns, womit die edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rhrung an dieser Sttte der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwrfe htte nicht so dringend an ihr Herz reden knnen, als dieser stille Anblick, der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft als sndlich empfand. -- Fuhr die Grfinn des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Bue in die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefhl war ein frommes Heimweh. Sie wnschte sterben zu knnen an diesen Tnen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemths ward es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend eine Weise Ansto zu geben: so wird ein zarterer Sinn Anstand nehmen, den geistig Blden zu hintergehen. So war Albane sich nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewut worden, die sie in heier Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem grten nicht, shnen zu knnen glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz der Grfinn erschtterte, fand daher den Tag der Reife, und lsete die Frucht der Selbsterkenntni ab, in einem Gedanken, den sie lange getragen. Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er verga in der Heftigkeit seiner strebsamen Wnsche, da Albane, indem sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabnderliches gezeigt. Das se Geheimni, der unsichtbare Trauring, war ihm eine Fessel, die er in mnnlichem Trotz abstreifen mgen -- er fhlte sich beschrnkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine jugendlichen Krfte an den Schranken der Welt zu versuchen. Ich las heute, sagte die Grfinn in der Spte jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, die entstehende Liebe ist in einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wnschen bescheiden, nur die glckliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich. Ach, Albane! lautete seine Antwort, wie knnte meine Liebe glcklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache ich mich ansehen mu -- ich bin nicht im Stande, Dein Herz ganz auszufllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer Gedanke wrde Raum finden zwischen Dir und mir. Wie Du mich qulst, Romana! seufzte seine Frau, gnne mir den Trost, das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden la mich vorsichtig halten, das Gewebe der Verhngnisse ist zart. -- Und damit Du das Wenige schtzen lernst, was Du an mir besitzest: so drfte es gut seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in mich, den Vater zu einer Reise von lngerer Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius, drfte eine weite Ausflucht eben einmal nthig seyn. Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jngere Romana glaubte jedoch nicht, da es dazu kommen wrde; aber der Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschlu seine Krfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen htte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten Maregeln fhig, und Albane, welche diesen Lichtblick bentzten zu mssen glaubte, frderte die Anstalten in drngender Eile. Es gab mehr Leute, welche diesen gnstigen Zeitpunkt zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich tchtig fr sein Fach, doch nicht als vertragsam gerhmt werden konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgngers. Dieser, rgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein freundlicheres Verhltni einzuleiten; bei solcher Unfgsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, da Fabia einsah, ihrem Manne wrde nicht nur sein Amt, sondern das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. -- Aber dieser Gutsherr war so wenig zugnglich, wie ein Fels im Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen lie, und ihn dieser gesammelten Geistes und beraus gtig fand, erschrak er fast vor Freude, da der Blthenmoment fr seine Angelegenheit so pltzlich gekommen wre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde ber den Oberverwalter, und der Graf verfgte ohne Weiteres, da der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bhle versetzt wrde. -- Er hob bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber diese war auch fr lngere Zeit die letzte. Nachdem die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fhlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen lie, ihm Papiere von Wichtigkeit zu bergeben, raffte Dieser sich mhsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach. Graf Frankenstern war heute nicht vllig so klar, als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach dem Flgel, den seine Tochter bewohnte, Aufschlu von ihr zu fordern. Die Grfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in seine Zimmer zurckkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewlbe offen, worin Silberzeug und kostbare Vorrthe verwahrt wurden. Welche Unvorsichtigkeit! murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte die eiserne Thr nach Auen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle. Eine Truhe war geffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter hing ber dem Deckel, Bschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am Boden, und ein starker Geruch erfllte den khlen Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhht, jenes Schmuckkstchen, das unsre Leser kennen. Eine schne, doch schadhafte Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund -- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine kleine verwelkte Rose.-- Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. Freund! sagte er hinter sich gewandt, Sie knnten mir einen Gefallen thun -- und Sie werden es! setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den Platz fr die Kleinodien des Hauses-- hier lchelte der Graf dster--, seltsam gewhlt; ich mu diesen Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kstchen nicht, und mu es daher whrend unserer Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlssiger Mann, ich wei Niemand, zu dessen Redlichkeit ich greres Vertrauen htte. Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die kranken Nerven desselben nicht vertrgen. Auf einen Wink hob er das Kfferchen hinweg, und bat um den Schlssel. Albane wird ihn haben-- versetzte der Graf in Scheu und Hast, verlassen Sie Sich jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichni des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen. Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach dieser Liste, und es whrte lange, ehe er sie fand. Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kstchen auf seinem Schooe; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing: das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich htte ihnen unter diesen Umstnden den Ueberrock nicht bel genommen; vielmehr verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die Abendluft knnte Ihnen schdlich werden. Unter dieser gndigen Frsorge, obgleich sie gewi redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthmlichen Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister mgte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen. Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenbla, unter einem dunkeln Mantel, der in der Dmmerung wie schwarz lie, trug er einen zierlichen Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des Trgers einer Bahre. -- Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthre entgegen; aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers, setzte das Kstchen auf den Tisch und sprach mit erschpfter Stimme: ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher -- nun der Himmel wei es -- wie sauer er mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trge ich eine Weltlast, die immer schwerer wrde. -- Ist denn das Kstchen wirklich so schwer? die Juwelen der grflich Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wnschte wohl, ich wre der Ehre, sie zu bewahren, berhoben gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein Todtengrber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand. Fabia warf einen bekmmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form diese wste Idee erregt haben mogte, und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: das Kstchen hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine mten schwerer in das Gewicht fallen. Nun drang Fabia darauf, da der Kranke sich sogleich zur Ruhe begbe; und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der Oberverwalter htte ihm die Demanten aus Christi Krone verflscht, sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe -- pflckte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, da sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er she eine Unzahl Motten um das Licht flirren.-- Fabia, dies Muster huslicher Ordnung, konnte die Vorwrfe des Fiebertrumenden ungekrnkt anhren. Sie lchelte beklommen, und starrte verstrt in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die Beschlge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden Tag hrte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche ber die Schlobrcke drhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorber und verschwand in der grauenden Frhe, und Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines gengsteten Herzens: Sey mir gndig, Gott, sey mir gndig; denn auf Dich trauet meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und Deine Gte ist trstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck-- Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer. Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu, und es wre heilsam fr trbe Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rhmen, die unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefllt, als diese werkthtige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in bestndiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth siegte ber jede Unbill verdrlicher Launen ihres Mannes, ihre klare verstndige Handlungsweise lag offen da vor seinem mitrauischem Blick; stets achtsam auf ihre Pflicht versumte Fabia nie, was ihr zu thun oder zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit seine Gattinn alles Mgliche von sich forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ -- Zufriedenheit mit seinem huslichen Glck ab. Diesmal machte ein bsartig galligtes Fieber den Rentmeister fr lngere Zeit unfhig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein. Fabia schrieb eine schne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchfhrung, und deshalb wohl geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch diesem Geschft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir knnen uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig es sey, da eine Frau den Beruf des Mannes ehre. Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafr auch ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden mu. -- Auch von dieser Seite htte ihr bitterster Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen knnen. Dies, wie berhaupt den reellen Werth seiner Frau, wute der Rentmeister auch zu schtzen, und vielleicht war es mehr ein Bedrfni seiner Krankheit als seines Herzens, da er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar tief empfand. Das liebenswrdige Pflegekind fllte diese Lcke nicht aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten verletzt, kmpfte sie oft mit Thrnen, wenn ihr Mann mimthig gegen die Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine Anklage fr sie selbst enthalten konnten. Wie aus einem Stein entsprungen, sagte er dann wohl, wie von der Sonne ausgebrtet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu sterben. Der natrlichste Trost fr eine verwaisete Jugend, der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine Thrne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und keine Blume spriet aus der trocknen Erde meines Grabes. Da weinte Fabia schon jetzt. Du schneidest mir mein Herz entzwei-- sprach sie mit unterdrckter Stimme. Wir wollen uns nicht versndigen, Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wre, etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbrmlicher Art, dessen klgliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu grerem Jammer bald wieder entrissen wrde?-- Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in eigenwilligem Trotze der besnftigenden Vorstellung seiner Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen Worte: ihnen zur Strafe erhren die Gtter der Sterblichen Wnsche!-- Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters gewesen. Spter hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, da dies ersehnte Glck ihnen noch werden knne, und sich mit ganzer Liebe -- so weit Fabiens Gemth derselben fhig war, und der krnkliche Zustand ihres Mannes sie zulie -- der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schn; aber so recht wohl wollte es ihr in Bhle nicht werden. Dazu kam, da ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung fr immer verstrt wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre Uebergabe schlo, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand der Rentmeister so viel Geschfte, deren Abschlu ihm bei seiner Ortsvernderung dringend anlag, da es ihm gengte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kstchen ins Auge, und er verlangte den Schlssel dazu von seiner Frau. Den Schlssel? fragte Fabia befremdet, ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das Kstchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich wei mich jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen. Der Rentmeister besann sich jetzt, da der Graf den Schlssel hatte schicken wollen, und er muthmate, da es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden wre. Einen Schlosser kommen zu lassen, da dieser den innenliegenden Reichthum she, dazu war der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mitrauen verursachte ihm und Andern gar manche unntze Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich beruhen zu lassen. Nach lngerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bhle, die daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu, ihren Nachla zu reguliren, und somit eine Menge Schlssel in die Hnde, darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des Unglcks in dem Gedanken, einen jener Schlssel an dem Kstchen zu versuchen, ob es sich ffnen liee. Das knstliche Schlo widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bsen Feind, der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen berckt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war -- und auf dem atlanen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und Brustschleifen geruht, lag, in weiem Battist gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, da er kaum zu erkennen war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkrperlich, so gewesen -- sah das winzige Gesicht unter einem tiefen Hubchen hervor, dessen Form fr ein Mdchen zeugte. -- Ein schwach gewrzhafter Geruch war die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals. Als Fabia mit heien Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht. Sieh hin! sagte er mit blulichen Lippen, der Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck ersetzen mu. Wer wird mir denn glauben, da ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlssel nicht, und ich -- ich leichtglubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwhnische Vorsichtigkeit getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war!-- Zum erstenmale verlie Fabien ihre Fassung. Sie stie einen leisen Schrei aus, und stand entfrbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich. Mein Herr und Heiland! stammelte sie, das ist ganz erschrecklich! der Verstand steht mir still. Der meinige ist hier zu Ende-- fuhr der Rentmeister fort, Was soll ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? da ein Zufall diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mrder stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne fr Treu und Glauben auf dem Schaffot zu beschlieen. Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren Mglichkeiten zu berbieten. Sie sprach aus gengsteter Seele: ach! warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hie Dich dies Behltni ffnen? -- Das Kind lge fein stille vor wie nach, und wir wten von nichts. Das arme Wrmchen!-- Und mit gewundenen Hnden niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die unglckliche Albane wohl genagt haben mogte.-- Was redest Du doch, Frau? rief der Rentmeister erzrnt, es htte lngst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb wurden die Anstalten zu jener fluchwrdigen Reise so schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite Welt; die Frchte ihres Leibes fallen Anderen zur Last, und von ihnen heit es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben. Du vergissest, lieber Mann, fiel Fabia betubt ihm in die Rede, da man die Grfinn todt sagt. Ach! ihr wre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem Leben gelastet htte. -- Graf Frankenstern aber und der junge Romana mssen doch einmal wieder kommen.-- Die werden sich hten-- entgegnete Fabiens Gemahl. Der Alte -- ich meine den Grafen -- hat um dies gruliche Geheimni gewut: nichts ist gewisser. Die Hast, womit er mich nthigte, das Kstchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedchtni. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es wollte mich erdrcken, als ich es mir nach Hause trug. Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein gttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil geworden, was er fr besser hielt, als das weise Versagen seines Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung und war sehr gebeugt. Die unglckliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskrfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. Wir wissen, wie er nach krnklichen Jahren kurz vor seinem Ende die Beruhigung geno, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mute, den Seinen eine Sttze hinterlassen zu knnen. Sterbend legte er in die Brust des wackern Administrators das Geheimni nieder, was ihn zu Tode gedrckt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig zu machen. Nachdem sein Bruder bestattet worden, lie Herr Prlat bei nchtlicher Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von der das Stift den Namen fhrt. Die Maurer mogten whnen, sie vergrben einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schlge hallten schaurig von den stillen Wnden wieder. Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. Was blickst Du so dster, Fabia? flsterte ihr Schwager, verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht so bibelfest wie Du, wei aber doch, da, wenn ein finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden mssen. Darin lasse Alles sich fgen, wie es des Himmels Wille ist!-- Als die Grfinn, der heimischen Gegend entrckt, fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versnke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Fen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trbe Strom, worin Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwrts, so wie die Rder des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit mssen leidenschaftliche Gemther zuletzt vor ihrem eigenen Glcke fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe geistige Genu, ist ihnen das einzige Bedrfni. Weinend wenden sie das Auge von jenem sen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und streben nach Selbstbewutseyn. Sie wissen, wie bald das schwache Herz erliegt, wie nthig ihm eine Sttze sey. Das Glck aber fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser hchstes Streben, whrt ewig. Die berspannte Saite springt jedoch mit einem Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersttigung von Geheimni das Verlangen in der Grfinn erzeugt, de zu bleiben, ohne irgend eine andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer khnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewut--: da ein vlliges Nichtseyn ihr dagegen wnschenswerth erschien. Da sie spurlos verschwnde, sich und Andern, das htte Albane wohl gewnscht. So war diese Reise vorlufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher Seite erlsend fr sie wre. -- Auch waren Grnde dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart verhllen, da nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, der Grfinn vertrautester Freund, hatte ihr erffnet, wie er von hoher Behrde aufgefordert worden sey, ber den Gesundheitszustand ihres Vaters und sein geistiges Vermgen Zeugni einzusenden. Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugni, fr eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren Aufsicht unmglich einem Geisteskranken anvertraut bleiben knne, das schne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anstndig zu pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, da der Bischof, in Kenntni von dem Gelbde der Mutter Albanens, sich hchlich wundere, wie und warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhltnissen der Grfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen Anmaungen zu entziehen. Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise entschuldigt haben wrde. Da war kein trges Sumen mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein Hauch pltzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte auch wohl im Zorn ber so manchen Mibrauch, der sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gtige Schtzer seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und errthend vor Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung. Doch nur fr diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche Ohrenblserei desselben zu thtiger Umsicht entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald wieder in seine gewhnliche Apathie zurck, und fuhr mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne da ihre schnsten Wunder vermogt htten, nur mit einem Strahl gttlicher Offenbarung an seinen finstern Geist zu dringen. Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verlie ihn nie; die Pflicht der Sorge fr ihren Vater erfllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode qulte ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner Lebensruhe knne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zge, wie man nur in der Heimath schlafen zu knnen meint. Ein bestndiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die Geiel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstten Drange, ihm keine bleibende Sttte zu gnnen. Der Ausbruch des Krieges hatte das Land berschwemmt -- die Gter des Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlsser in Auswahl zum Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten bentzten. Der Oberverwalter sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mute in Allem fr sich selbst stehen.-- Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, leicht fr wahr angenommen, da ja die Grfinn immer krnklich gewesen. Eine authentische Besttigung war unter jenen wsten Umstnden nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. Zweifel wre hier Glauben gewesen -- Glaube der Liebe!-- Als die Grfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine sinnige Sage uns erzhlt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trsten sie aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hlle zurckgekehrt sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, unauslschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an den Hals ihres Vaters, und das ungestm klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie verga, da der Graf ihr Geheimni nicht kenne. Sie wute nicht, da Sylvius sie fr todt hielt. Die Grfinn dachte endlich nicht daran, da sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber nichts destoweniger fhlte sie unter heien Schmerzen, wie sehr sie ihn geliebt, und da er sie nicht vergessen drfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon berzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach. Dies also war die Liebe-- sagte Albane mit dem wunden Lcheln einer frischen Krnkung, der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so lieben Menschen, -- _Mnner_! O meine Mutter! Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wre denn die Rckkehr nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefhle sich ab, und eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um das zertrmmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekrnkter Liebe nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefhlt, da ist der Schmerz jenes Wissens grer, als der ihrer Erfahrung. Wer getrstet seyn will, darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht. Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Krper schien gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstrende Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit zurckgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit ernsten Gegenstnden. Er interessirte sich fr Politik -- allein nur in Gemheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. Ach! sagte er dann, und deutete traurig auf die hohen Sthle, Sie schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig. Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr.-- Die Grfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. Sie schmckte sich geduldig, wenn er es fr solch eine Zusammenkunft wnschte, sorgte fr eine vornehme Bewirthung, die unberhrt blieb, weil nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit trumerischem Lcheln starrte sie in die wste Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber jener Friede, welcher hher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren. Vorzugsweise beschftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen -- und htte lieber gesehen, da Jedermann diese Erste Frau auf Hnden trge. Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben, sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, binde Dir ein besseres Halsband um, meine Tochter. Albane erblate. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. Wenn das wre, antwortete sie mit wankender Stimme, dann htte ich nur _einen_ Schmuck--: zahllose Perlen! Perlen aus dem tiefsten Meer! Und ber ihre Wangen rollten Thrnen, in denen ein Glanz von Freude schimmerte. Die groe Tragdie des Krieges war aus, die Vlker steckten das Schwerdt in die Scheide, die Frsten zogen ruhmgekrnt nach Haus. Gras wuchs ber den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blhte die segensreiche Aehre am schnsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als wre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er drfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung der Dinge. Albane, sagte er, ich habe es nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bhle-- ein leiser letzter Schauer vor Bonna rieselte ber seine Nerven -- hrst Du? meine Tochter? Dann setzte er hinzu: Sanct Capella ist nicht weit von dort. Die Klster sind aufgehoben-- antwortete die Grfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, vllig entsagend, alle Wnsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhllt hatte. Nun, das Stift steht ja noch-- versetzte Jener, als wolle er sich nicht merken lassen, da er daran nicht gedacht. Nonne kannst Du nicht werden-- fuhr der Graf wie befreit fort, nicht Seine pbstliche Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthtige Tochter geworden, fr mich alten schwachen Mann! Da weinte Albane laut. Sie fhlte sich entsndigt, und da die Liebe des Gesetzes Erfllung sey. Die Zurstungen zur Reise wurden nun getroffen. Wie werde ich Alles finden? fragte die Grfinn sich tausendmal. Das Thor der Mglichkeiten that sich weit vor ihr auf -- doch der knftige Tag ist den Sterblichen verschlossen. * * * * * Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem knftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berhrt von seinem Mantel; ihre Hand liegt in der seinigen--; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Lnder, welche Constanz durchreist, liegen fhlbarer noch fr seine Gattinn, zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem dunkeln Jenseits herber. Jener rhrende Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft -- und Therese hrte nur, da ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooe hlt, weil Constanz, um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne _Hut_ und deshalb bel gefahren ist -- und ein fremder Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift nicht losreien, und doch, so wie der unermeliche Himmel sich vor ihr ausspannt, spannt ein geheimnivoller Aether die Flgel ihrer Sehnsucht nach der Ferne.-- Erzhle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden-- sagte Constanz zu seiner schweigsamen Gefhrtinn, und vergnne, da ich Dir still zuhre. Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftrhre verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glcklich in Sanct Capella gelebt. O sehr glcklich! antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung htte ihren Mann beleidigen mssen, wenn er innigere Ansprche an seine Frau gemacht. Der Ort ist doch wirklich zauberisch schn gelegen, fuhr Therese fort, und lt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das ist denn ein ganz anderes Verhltni, als die Verbindungen in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam -- und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der Charaktere, welche dazu gehrt, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein kstlicher Mensch ist der Bruder! nur gesunder mchte ich ihn wnschen, obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie eine Mutter war sie fr mein Bestes bedacht. Man mu sie nur kennen. Wer sie aber kennt, schtzt sie gewi. Sie gleicht einem sen Kern in sprder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Snde den Menschen verzeihen knnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammni zu spren, die Niemand selig werden lsset, der die Welt ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmthigen Geistes, mild gegen Jedermann -- kein feindlicher Gedanke, kein gehssiges Gefhl fnde Raum in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die grte Rhrung hren. -- Dafr scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, einmal von Engeln emporgetragen. Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese-- fiel hier Constanz seiner Gattinn in die Rede, und ich htte Dir so viel Sinn fr _klsterliche_ Vorzge kaum zugetraut. Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie sprach: von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat sie ber die tollen Lgen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, ich denke mir, er geniet das Vergngen eines Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzhlt, und gnne es ihm. Und der Major? mit diesen drei Frageworten strte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, dem scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen. Therese errthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und hherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: o! das ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir vterlich gut, und ich htte ihm zuweilen die Hand kssen mgen. Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das Gedchtni knpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: dieser Major Feldmesser-- _Feldmeister_, berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, hat mir auch sehr gefallen. Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen schnen Blick zu, und erwiederte: er ist der beste Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist. Nun der Schatten darf Deinem Gemlde auch nicht fehlen-- versetzte Constanz, doch das Schnste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswrdige Geschpf, erquicklich in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blmchen Augentrost. Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls hrt. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: es ist ein seelengutes Mdchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben knnte. -- Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Krften wird viel aufgebrdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen mglich ist. Das se Lamm! sprach Constanz mit regem Bedauern, doch nach dem Sprchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange. Ein diplomatisches Lcheln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurck versetzte, so kam er durch eine sehr natrliche Association der Ideen auf die Frage: wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu? Du meinst, wir htten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage ich Dir! versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen Freuden des Stiftes glnzend verdoppelte; ihre Rckblicke zeigten Alles in erhheter und reinster Potenz. Des Abends waren wir zusammen, und spielten Whist oder Schach-- setzte sie mit fallender Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern Kostgngerinn von Sanct Capella endete in einem leisen, ernsten Seufzer. Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde -- nicht wahr? fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an einem Lckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, als ob sie am Gewissen gezupft wrde. Nicht immer--, antwortete sie halblaut, ich war auch bisweilen im Verlust. -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz bewegte? -- Genug, die Wage seines unplichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzge, womit er sagte: da Deine Zeit so mit Vergngen besetzt war, wie ich zu dem meinigen hre, -- so fandest Du wohl wenig Mue, meiner zu gedenken?-- So htte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewut, da ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig lchelnd: es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.-- Wo hast Du die Phrase her, Therese? fragte Constanz, erstaunt ber das Wissen seiner Frau, und ber die Anwendung, welche sie von jenen Worten machte. Ich schlug sie jngst in einem Buche auf, worin der Bruder las-- sagte die schne Frau, welcher der Verfall des ganzen rmischen Reichs brigens sehr gleichgltig war. So bin ich noch Deine Welt? fragte er seltsam heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwrmt, fiel wie ein Mondstrahl, khl und geheimnivoll, in das Dster seiner Vorstellungen. Whrend der lngeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch freundliches Geschwtz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so war's vielleicht, da er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. -- Das Bedrfni der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal fr die Liebe. Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser Andere schon verkrzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefllt, bedarf nichts als des Glckes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr Verhltni in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die Schpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas auer sich merken, und mit jenem Bewutseyn, was der Liebe heiliges Glck vernichtet, ihr Gefhl verhllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen Dornen und Disteln der Erbsnde, und das Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, wissend, da es sterben mu!-- Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegnnt, sahen sie die schne Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In uerster Erschpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geder am Halse hpfte, in jeder Fingerspitze hmmerte ein Puls. Sie war zu mde, um sich ngsten zu knnen, da Constanz sich unwohl klagte. Dein Husten pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton, sagte sie unter einem nervenfrstelnden Rckenschauer zu ihrem Manne. Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich. Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun-- antwortete Constanz mit mattem Lcheln, und schlo die entzndeten Augen vor dem Husermeer, was der letzte Abendschein vergoldete. Das wolle der Himmel geben! erwiederte Therese unschuldig auf jene berhmten Worte. Indessen dmmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur Mezeit, und trotz der abendlichen Spte ein wogendes Gewimmel in den Straen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, rckte jedoch nur langsam vorwrts, und hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner Vorzglichkeit so hoch ber die Adler und Sterne der besten Gasthfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds ber die menschliche Unvollkommenheit. Therese erschrak, als die groen Laternen zu beiden Seiten des therblauen Schildes, worauf der weie Engel, mit einer Palme in den Hnden, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen lieen; es war todtenbla, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmchtig in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er eines Sylbenlautes mchtig war, forderte er einen Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Hnden eines flinken Dienstmdchens das Bett, wonach Constanz sthnend verlangte; der Tisch war gedeckt, die krftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schttelte sich gegen den Genu, und der armen Therese war aller Appetit vergangen. Eine tdtlich lange Stunde war vorber, und der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an der Hausthre, das unaufhrliche Gehen auf dem Vorsaal, der Laut jeder mnnlichen Stimme im Flur, tuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er seufzte nur.-- Unglcklicherweise hatte man fr das Erkranken eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das Gefhl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge fr das Leben Anderer verschlungen. Sie fuen fest auf der begrabenen Welt, die einen dstern Lorbeer fr sie trgt.-- Jener Primus der Mediciner dieser Stadt sa bei einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus Hamburg, den der Pchter redend darin einfhrt -- als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genge und gtlich, ehe er ihm Folge leistete. Endlich rollte sein Wagen vor. Der Regierungsrath kommt-- rief der Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfhig, der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravittisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und fate den Puls des Kranken. Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flchtig; doch ihr Athem stockte.-- Eine schlimme Halsentzndung ist im Anzuge-- war der Ausspruch, wobei Therese ihren schnen, freien Hals wie zugeschnrt fhlte. Ein Wundarzt mu schleunigst herbeigerufen werden-- setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszge des Kranken, der taub und glhend, wie in den Schmerz von Flammen eingehllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine groartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem Aufwrter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu tragen. Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurck zu kehren; unbekmmert darum, ob auch wissend -- da ein bedeutenderer Mann hier strbe. Verlassen _Sie_ mich nur nicht! flehte Therese den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die Nacht ber da zu bleiben. Auch wird es nthig sein-- sagte er, um diese Maregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntni der Gefahr zu rechtfertigen, der Herr Gemahl haben die Brune. Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl gefhrlich werden konnten, und fragte furchtsam: die Brune? an der sterben doch wohl nur Kinder?-- Der Wundarzt schwieg; ein Lcheln trber Erfahrung, ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort. Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten. Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bngsten zerflieen. Als der goldne Morgen heraufstieg, zerflo Therese in tausend Thrnen: Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zgen Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden. Eine Stunde frher-- hatte der Wundarzt unbedachtsam geussert, und der Kranke wre zu retten gewesen; jene Stunde der Sumni, am Tische des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten gab. Das Gerusch des Tages erwachte, der Markt fllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgltige Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien frhlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so da sie zu erliegen glaubte. Sie fhlte sich frchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes, die ruhig trumen wrden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich sank sie in eine fhllose Mattigkeit. Wie ungemein dies traurige Ereigni nun auch war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedrnge seines Hauses, sich nur auf flchtige Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er bernahm die Meldung bei den Behrden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun fr weiteren Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gste mit jenem interessanten Vorfall zu unterhalten. Zum Trster war der practische Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst fr den freudigsten Zweck, keines geschftsmigen Bestellens jemals fhig gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wnsche, da ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maa zum Sarge zu nehmen, kam, und dem Schlosser Gehr geben, fr den der Wirth bat, da er die Arbeit bekme. -- Ich beschwre Dich, Fli--, sagte sie mit gerungenen Hnden zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden Seele, berhebe mich dieser Menschen, die hrter sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es lnger nicht aus, ihnen Rede zu stehen. In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewhl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefhl von einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, als ob Fabia sprche: Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich! _Eine Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglckt hatte. Die Glocken hallten mit tiefen Tnen dies Wort -- die Stille flsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch regelmig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, da es wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: hrtest Du nichts, Fli? Nein, antwortete der Bediente, ich glaubte, gndige Frau wren eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafr. Ach! fuhr er sein betrbtes Herz erleichternd fort, zur Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung. Ach la es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht willst, da ich selbst den Tod davon habe-- sagte Therese abwehrend, es war mir, als hrte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt ist. Sie lauschte nach der Wandseite. Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und logirt daneben-- antwortete Fli, und seine Dame nahm doch Anstand, ihm einen Auftrag der Neugier zu geben. Mein Kopf ist wst-- sagte Therese, und in diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut. Doch wie von jener Tuschung besnftiget, schlief sie nun wirklich ein. Als Therese am nchsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, sagte sie: mit Schrecken sehe ich, da ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin -- ich mu doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Fli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube knnte ich nicht tragen, ich strbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir am besten. Sie schleuderte den Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fu, und setzte mit einem herben Lcheln hinzu: Wer mich so she, mte glauben, ich wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen. Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen. Du warst lange, Fli-- empfing ihn seine Dame im Klageton eines gtigen Vorwurfs, wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe. Kann nichts dafr, gndigste Frau, entschuldigte sich jener, es ist berall ein Gedrnge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da lieen sie mich stehen. Dann mssen kleine Fe bei groen Damen hier rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem Maae kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner Strae. Es ist hier eine verflixte Polizei. Wie so? fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu versuchen. Nun, antwortete der Bediente mit entrstetem Tone: wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das msse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere braucht sich Niemand zu kmmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von allen Seiten, so da ich daran denken mute, was mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem bezauberten Prinzen erzhlte, der---- Ich wei, ich weiß -- unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. -- Fli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er meinte, es kme vom Bcken; nur ber seinen Horizont ging es gnzlich, da sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. Wie sah denn der Herr aus? fragte sie. Es war der hbscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe-- antwortete Fli, lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid. Therese lie sich die Uniform beschreiben. Sie hrte still zu, dann sagte sie mit rgender Stimme: Du httest ihm doch hflicher Auskunft geben sollen. Fli, stumm gekrnkt, schttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem subalternen Verstande, da selbst die betrbteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fhle, die dem kleinsten ihrer persnlichen Reize zu Theil wrde: er wute nicht, wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren Benehmens vorhielt.-- Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese ffnete die Thr, und trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb aber stehen, als die therische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem Schwarz besumt, aus der dstern Stille ihres Zimmers aufflatterte, und redete sie an. Ach meine Liebe, sagte sie mit einer Flle von Gutherzigkeit in dem wohlgenhrten Gesicht, Sie sind gewi die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrbt. Wie gern htte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkufen, -- sieh Drtchen! o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch vergessen! Therese bedeckte mit der weien Hand die Augen, vor all' diesem huslichen Wust. Sie htte keiner Erinnerung bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfgigkeiten eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers. Knnte ich Ihnen irgend womit dienen? fragte die Baroninn im Tone erhheter Achtung, da sie kein Sterbenswrtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem schnen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage hatte, deren Zurckhaltung stets am strksten an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte gerhrt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges Mitgefhl zu uern, nicht verkennen. Die Zeit-- setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen Trsterinn hinzu: die Zeit, glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den grten Schmerz. Da mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen darf -- Sich lange hier aufhalten? Ich frchte nicht, da ich das mte, antwortete Therese mit einem Blick voll Schauer: der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Fen. Die Dame nickte, gleich einer unfrmlichen Pagode auf diesem groartigen Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: sonst htte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin die Baroninn Lenau. Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wute von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen Ehren fhrt, und wrdigte ihn wohl hher als den Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstckten Vaterlandes betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und der Baroninn, lie sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch -- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so flsterte, da sie ihn nennen hrte, ein zartes ob auch melancholisches Gefhl, wie das Schnste seiner Schilflieder es erregt, in ihrem Busen auf.-- Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth lie Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer anspruchslosen Victualienfuhre bentzt -- langsam und schwerfllig abfahren. Therese dachte dieser flchtigen Begegnung nach, welche sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besa berhaupt eine gewisse Vorliebe fr ltere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, ohne sich eines Grundes dafr bewut zu seyn. Diese Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, da, als Therese einst ein rstiges Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich abwies, ihr Schwager lchelnd sagte: die Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schnen Frchten anzustehen?-- hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, whrend ein Verhltni ungeheuchelter Zuneigung zwischen der alten Nonne und der jngsten Schwgerinn des Administrators bestand. Es giebt sich Alles, hatte die Baroninn gesagt, auch das, was uns beugt. Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmhlig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne da auch das reinste Herz davon beunruhigt wrde. Therese blickte tiefsinnig in das Gewhl, welches geruschvoll wie ein Strom, doch eben so unverstndlich sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, whrend dieses Acts allein zu bleiben. Fli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefhl der Einsamkeit und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht dazu gegeben. Es ist so schn, gndigste Frau, sagte er beklommen, wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. Ich mgte sagen, es she den Frauen so hnlich. Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schlft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so wrde ich meinen Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen mte. Therese errthete beschmt, und ein Anflug von Zorn ber den Vorwurf, der in diesen treuen Worten fr sie lag, schrte die Flamme ihres Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: da ich mein blutend Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wre eine Form, die meinem Wesen widerstnde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unrthlich finden wrde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Fli. Und dabei lchelte sie todesngstlich, wie im Besserwissen einer hheren Stimmung. Jener schttelte den Kopf, und seine Miene wrde ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort bertragen haben: aber die Liebe ist doch nur Eine! Wre nur der Schwager hier, jammerte Therese, und brach in Thrnen aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt--, oder ein anderer Freund, der sich meiner annhme! Fli schwieg gekrnkt. Seine weinende Dame sprach: verlassener als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer?-- In dieser Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod von jedem irdischen Bande gels't; aber die Stunde des Begrbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. Erschtternd in Schluchzen, aufgels't in Leid, sa Therese im einsamen Sopha, whrend Der, dem sie kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhesttte schwankte, und sie an fremder Stelle allein lie. Jeder Glockenhall bewegte ihre Seele in einer Schwingung strmischen Schmerzes; berwltigt von unbekannten aber furchtbaren Gefhlen, war sie keines klaren Gedankens fhig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren mden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten ber, schlo die Augen, und lie unbewut einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause, was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewhnliche und bange Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe. Da eilte ein starker doch gedmpfter Schritt die Treppe herauf an die Thr von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wrtchen der Erlaubni abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu Theresens Fen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Ku auf die schwarze Serge ihres Schuhes. Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, der dennoch die geprete Empfindung verstndlich machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute sagte sie mit wankender Stimme: so eben begrbt man meinen Mann -- und ich wei nicht, ob es sich ziemt, da Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe trste?-- O Therese! rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, ohne da ich wute, Wen er trfe! und nun sollte ein erbrmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz mich drngt, selbst wenn es anders schlge, als fr den einzigen Wunsch dieser geliebten Nhe? Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster in den Fall ihrer Thrnen. Frchten Sie nicht, Therese, sagte er mit jener edelsinnigen Achtung, die einem hheren Gemth der Anblick des Leidens einflt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde Klte der Eifersucht mischte, da ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefhle nicht genug ehren mgte, um von dem meinigen zu schweigen. -- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so seltsam unglcklicher Lage in dieser fremden Stadt bedrfen knnten. Mit unsglicher Mhe und Eile bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, da ich Sie fnde ---- Therese! mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht? Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom flo in sein Herz, und machte es schwellen. Sie schttelte den schnen Kopf, und diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht ab. _Unvermuthet?_ sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer Ahnung, nein mein Freund! ich wute, Sie wren mir nahe. Wo ich bedrngt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme vernommen. Unmglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. Ach! und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hnde in ihrem Schooe, _was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde es nie -- _nie!_ vergessen. Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefhl des Empfngers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; doch das Unma von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrckte. Seine Zunge war fr einen Moment gelhmt, dann sagte er: ich glaubte nicht, da der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen nach besaen, Sie bis zu diesem Grade auer Fassung bringen knnte, da es nur auf Ihre Neigung ankommen wrde, jenen hohlen Besitz zu behalten. Therese seufzte aus voller Brust und dachte: am Ende nimmt er es wohl bel, da ich traurig bin? -- O ber die Mnner! ihre Eigensucht findet sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt!-- Sie antwortete: als Constanz zurckkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da htte ich im Voraus wissen knnen, was mir begegnen wrde. Mir war so kalt und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlsse. Nun ging es holter, polter fort. Unerbittlich fr den Wunsch der Seinen, gnnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine Uebelstnde etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft lie der Schwager mich gewhren, und mir kein Hrchen krmmen. Er war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater geliebt! Sein Neffe lchelte khl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, denn die Wrme, womit Therese des Administrators erwhnte, that der Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag. Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten, fuhr sie fort, war mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verndert vor, so auch mein Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemdet, mehr am Geist als am Krper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, da ich Ihnen von der kurzen Krankheit erzhle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden hinabwrgte; ich bin es nicht im Stande. Und wre er mein Feind gewesen, und nicht mein Mann, ich htte gern, als es ihm an Luft gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen mgen. Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend in sprachlosem Schmerz, schlo diese Rede. Ich glaube Ihnen--, sagte Rudolph bewltigt. Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so da er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts scheint Denen trbe, die gewinnen_--, setzte er hinzu: jenes Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen mu, ohne da er bei diesem Anblick zagen drfte? Ein strkeres Gefhl bezwingt ihn. Mein ses Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da. Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. Und mit dem schchternen Aufschluchzen berwundner Aengste sagte Therese: ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachla des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmglich. Ich glaube, ich knnte die grte Erbschaft wegschenken, um nur nicht davon reden zu hren. Der Lieutnant lchelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach weiter: ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille meines Mannes aushndigen mute. Ich wute nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? -- Wre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, wie denn berhaupt Strungen begehrlicher Art hier unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus der Feder flieen; aber Thrnen sind genug auf das Papier geflossen. Ich schreibe an den Major-- sagte der Lieutnant mit nachholender Hast, heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der Administrator mu her. Doch drfte es bei der groen Entfernung eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefat, holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. Mir war, als htte ich auch getrumt -- aber feenhaft, und meine Zukunft wre verwandelt. Ich wte Ihnen Gutes zu erzhlen; allein es deucht mir unzart, da ich in diesen Augenblicken von mir sprche, und von irgend einem andern Glck als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen zu knnen. Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und sprach: so wre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, da Ihre Gegenwart die grte Wohlthat fr mich ist. Aber noch ist mein ganzes Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, da ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich wrde mich wieder einmal freuen knnen. -- Es ist mir, als begbe sich der Trost, da ich Sie she, nur im Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so jhe, so erschtternde Vernderung lt uns fhlen, da nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend durch meine Glieder, ich knnte erwachen, und Sie wren verschwunden. Nein ich bleibe! rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mgte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, da wir uns in Polen, im Stifte, und nun hier, in der Weite, abgerissen von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns verknpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu wollen. Constanz-- flsterte Therese, wird mir auch sein Schatten zrnen? Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns-- entgegnete Rudolph, sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich fr unendliche Wnsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, da er dem Liebsten, was die Erde fr ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mignnen sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wte, in weiblich schicklicher Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl fr eine Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des Tages lasse ich meinen Boten fliegen. Jetzt trat Fli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er zurckkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen dsterte um die beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, bangen Geruch aus. Eine wunde Rthe flo mit der Blsse Theresens zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den sie whrend dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers berzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden Offizier erkannte. Fli! sagte Therese mit weichem Tone, dieser Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so gtig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nthige hierber ertheilen. Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herablie, ber dies Zusammentreffen, wie ber die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklren. -- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend hrmt, versenkt in tiefen Gram, erhebt sich in jeder Sphre ber Den, der Ohr und Lippe dem Troste ffnet. Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die keinen lngeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entlie. Therese empfand sein Fortgehen selbst fr die Frist einer kurzen Frhlingsnacht, und bei der Gewiheit seiner Wiederkehr, doch bengstend. Fli blieb stckisch, und wartete mit finsterer Unterwrfigkeit seines Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne da die Migunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu mischte? -- Vor Allem stehet der Genu auch der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener Strafe gebt wird, die sich tglich erneut. -- Der Freundschaft -- und ist diese weniger therischen Ursprungs? -- wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum Unendlichen! So hoch kann der gewhnliche Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefhlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. -- Und nicht immer sind die Beweggrnde Derer rein, die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhltni lauter sey, ein Herz in Flammen lutern. -- Htte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls wrde ihn gesegnet haben; der junge hbsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war ihm ein Dorn im Auge. Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zgerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien im Drange einer willkommnen Nachricht. Ich habe ber Sie verfgt-- sagte er mit einem offnen Blicke, und hrbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken lie, als bedrfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, werden Sie mir das Zutrauen verleiden, da ich es durfte? Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewi darber und jetzt deutlicher zu seyn. Hier knnen Sie nicht bleiben, mein ses Kind! sprach der Lieutnant, und dieser zrtliche Zusatz snftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. -- Selbst meine Besuche, fuhr er fort, wrden einem rgerlichen Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin empfindlich gegen die ffentliche Meinung. Lieber aber mgte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als da Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wre es um den leisesten Hauch eines Wortes -- verdunkelt wrde. Da ist mir denn guter Rath nicht ber Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, die Besitzerinn eines hbschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine so wackere Frau, da ich wohl manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch genhrt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrbni herabzustimmen. Sie werden--, dies setzte der Lieutnant mit einem gutmthigen Lcheln hinzu, Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren. Es htte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Tubchen war vllig zahm geworden. Fli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm kme. Auch konnte von Seiten der Behrden noch irgend eine Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn mte. Schon in einer Stunde -- mit solch militairischer Krze war dieser Aufbruch bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt werden wrde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. Therese sumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, den sie mit besserem Recht fr den ihrigen, und fr einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier ber ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurck, so lange er durch das lrmende Getse der Stadt rollte. Doch als auch das Gerusch der Vorstadt immer lndlicher wurde, bis endlich am letzten Huschen die sausenden Rder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorberflogen, der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frhlingslfte milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grnen Stille einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe mischte das Blablau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang ber Theresens Einbildungskraft, und den Tumult jener wsten Scenen, denen sie entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten Frische erster Frbung, und es schien mit Wrme zu sagen, da es den Thau gar wohl kenne, der zu nchtlicher Zeit sinkt.-- Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schnes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische Uebermthigkeiten sein Aufmerken erforderten. Therese sa allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflchtete. -- Gnzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun eine schtzende Aufnahme verdanken wrde; aber sie berlie sich mit unbedingtem Vertrauen ihrem Fhrer. Die Gleichgltigkeit des Kummers und erschpfter Krfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das Fahren erinnerte sie an die jngste Vergangenheit. Constanz lag nun still fr immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum gengte ihm zur langen Rast! sein ruheloses Leben voll glnzender Entwrfe war nun aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und whrend der Reise gehabt hatte, und gestand sich, da es Vorgefhle gebe. War die tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wnsche schwiegen, vielleicht Gewhr dafr, da Furcht und Hoffnung nun erfllt seyen? -- Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, nie sein Verhngni in so innigem Bezug auf ihr Gemth empfunden; obzwar jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun abgerissen war. Auch das Glck wird mit Bue getragen, nicht allein das Gefhl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schtzung dessen, was wir verloren haben.-- Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes Lftchen ri eine flammende Rose aus dem Kranz von Purpurgewlk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. -- Das Gelut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde Abendglckchen, da der Tag sich neigte, und dieser friedsame begngte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! -- Als nun die Sonne hinunter war, die geschftigen Schatten einschliefen, und ein dmmernder Duft sich ber Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige Mutter vor Theresens trumenden Augen, und ihr berirrdisches Lcheln sagte: mir ist recht wohl! la mich schlafen, Kind! Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt blhete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der Hhen mit dem rthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen zusammenflo. Und der Abendwind flsterte mit _seiner_ Stimme: ich habe nun Ruhe gefunden -- was betrbst Du Dich? Eine namenlose Wehmuth lie Theresen wnschen, sie knnte auch sterben. -- Sterben? jetzt, wo ihrer treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht? frgst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoes. Aber lasse mich den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzcken des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten Einflsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das Meer der Ewigkeit zu ergieen. In Beiden fhlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blthenhang ihrer Hoffnungen; nur das Alter klammert sich fest an den entbltterten Stamm des Daseyns, htte es auch nur bittere Frchte getragen.-- Bei einem Bug der Strae ffnete sich die Aussicht in ein reiches Dorf, von Obstgrten umgeben. Das Schlo, kein Rittersitz von architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum abgesondert und sehr freundlich. Der Lieutenant rief in den Wagen: Wir sind an Ort und Stelle,-- und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendrthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, sprte Therese jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein neues Verhltni ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir uns dem Ziele einer Reise nhern. Der Spiegel eines schngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer Brustwehr eingefat, und zu beiden Seiten mit weien Gartenbnken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner Sterne zurck, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer Dame, die ber das Gelnder gelehnt, Karpfen ftterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise ber die glatte Wasserflche, worin das Schlo winkte und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, da sie den Wagen nicht kommen gehrt hatte. Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um -- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und jetzt wute sie auch auf einmal, da Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte genannt, und von ihr erzhlt hatte. Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung vllig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Flle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur wie zum Spott der ihr eigenthmlichen Milde, womit sie nie eine andere Schrfe handhabte. -- Sieh da! sagte die Baroninn sichtlich erfreut, mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist dehalb zu Herzen gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege-- setzte sie mit einem Lcheln vergngter Schlauheit hinzu. Diese einfachen Worte, und eine begrende Umarmung lieen Theresen fhlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey. Rudolph hatte nicht nthig, das Kleinod seiner Sorge der gtigen Tante werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mgen. Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schnheit fr einen Empfehlungsbrief ihres Schpfers, und das Unglck fr ein heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, da Therese sich wie im Himmel fhlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das Vergangene zu berschtzen -- war von mancher Seite fr sie und fr manche kleine Ble schonungsloser gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster der Wirthlichkeit, als Du, husliche Fabia! aber dies hausmtterliche Walten war ihr ein rhriges Vergngen, ein vorbereitender Genu, kein werkthtiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm; doch ohne selbstgefllige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtdtender und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tgliches Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die frhliche Zutraulichkeit zu Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie lie die ganze Welt gewhren -- und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, wei diese kstliche Eigenschaft zu wrdigen. Allein auch Therese hatte sich gendert, nicht nur, da ihre Umgebung eine andere war. Wir drfen es zudem rhmlich voraussetzen, da Frau Fabia sich der _verwittweten_ Schwgerinn gewissenhaft angenommen haben wrde. Theilnahme an _widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der _Mitfreude_ war dies verschlossene Gemth nicht fhig. Ihre Tugenden schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wre -- ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So verste sie Niemandem das Leben, und selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine suernde Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur; ihre Glckseligkeitslehre lief auf unschdlichen Genu hinaus, den keine Verbitterung trbte. Sie schlrfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge, und wandelte das reine Element in strkenden Wein. -- Einer Therese mute dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mihelligkeiten zwischen den Schwgerinnen Anla gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; doch wre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimni jener wunderbaren Gegenwirkung Anderer auf uns, wrde hier, wo im Umgange einer frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als da sie sich erheitern mge, Theresen zu einem soliden Ernst fr Pflicht und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine scharfe Ehrenwchterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes gewesen! wie krnkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwchen von Constanz reizender Gattin in allzugnstigem Lichte zu betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen Rge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was ber den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die Baroninn gnnte das menschliche Glck, zu gefallen, von ganzem guten Herzen so gern, ohne dehalb eine liebenswrdige Frau fr einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besa oder empfing, schien ihr natrlich. Sie fand die fteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung fr sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmig. Sie schalt, wenn er eine Stunde lnger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese vertheidigte lchelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Krfte beweisen durfte. Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schookind des Geschicks; -- den Neigungen der Gnstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewut, da sie die Gte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhltni heiligte, was auerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen knnen. Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella zurck. * * * * * An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben groen Zimmer, worin unsere Erzhlung anhebt. Sie saen feiernd am offnen Fenster einander gegenber. Tiefe, ernste Dmmerung herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstnde; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das uranfngliche Dster. Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies -- beilufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und uerer Thtigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlschen wollte. Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte die Schwgerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche Gemthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der klsterlichen Seitengebude zu bersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Drauen aber pulsirte das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frhlingskrftig. Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewlbt; die grne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer Milchstrae von Blthen, schien dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel. Veronica hing mit verklrten Zgen an der berirrdischen Welt, die -- nach einem poetischen Gleichni -- wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Kpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst zurcksinkend: ich will doch warten, bis Frau Fabia kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird. -- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit, wre es viel, wenn sie es ertrge, da ihre se Blume gebrochen da liegt! Josephine lchelte sanft und sprach: ich, liebe Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor ber _alles_ Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Mu uns Jemand sterben, mssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie der auflebende Frhling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf ich es gestehen: es gehet mir wohl, worber htte ich mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, da ich es nicht zu beschreiben wte. Aber um alles Glck der Welt mgte ich dieses wehmthige Gefhl nicht tauschen. Mein Kind, antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mtterliches Bild fr ihre Erklrung anzuwenden, das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schpfers, wird zum Licht geboren. Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht wei, von wannen er kommt -- und ein zartes Errthen Josephinens barg sich unter dem dunkeln Flgel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach das Mdchen: ach, und der Frhling! das lichte Wei seines ersten Blmchens, sein Blthenschnee, das rinnende Gewsser, kommt mir wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehrt, inniger aber sehnschtig. Das Knftige zieht mich zu sich heran, und von dem Gegenwrtigen kann ich nicht lassen. Und wenn nun, fuhr Schwester Veronica fort, die Farben aufglhen, und wie Tne zusammenklingen, so da Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjngt, dann feiern wir das Gedchtni der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der in den Frhling gehrt und nicht in den Herbst, zur trben Zeit, wo die letzten Bltter fallen. Nie habe ich fr meine Verstorbene inbrnstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem Gemth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Spro des Grases aus ihrer Asche grnen und blhen sah. -- Ich verstehe wohl Dein Gefhl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reit der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer Nhe zieht uns zu ihnen hinber. Nein, nein! rief Josephine lebhaft und ngstlich, und fate das Gewand der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen Stoff zu halten meint, es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir entzge. Auch reit mich nichts hinweg -- diese Mglichkeit knnte ich nur frchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hrte -- ich sa auf der Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mute weinen, und wute doch nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzckenden Klnge in den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und da, wenn einst ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle aufwecken wrde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestbchen bewohnen? -- O la mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber dennoch scheiden mte-- ihre Stimme versagte fr einen Moment--, so werde ich jene Tne, die mich ber das Irrdische hinaus trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem Herzen Alles, was ich hier geliebt, und fr wenig Anderes wird Raum darin seyn. Mein trautes Kind! rief Veronica in einem Ausbruch der Rhrung und Gte, Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bcher, meine Blumen -- die Violine, den Ring--: Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch, da _Du_ mir die Augen zudrckest. Dann werde ich-- setzte sie leise hinzu, wie eine Nonne sterben, von der man sagt, da der Engel jungfrulicher Frmmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen. Du fhlst sehr wahr: die Musik ist ein religises Geheimni, und nicht auf Erden geboren. Die Tne, welche aus der innersten Flle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des groen Violinisten -- ich htte ihn hren mgen -- etwas Dmonisches gehabt haben, und alle Schnheit seines Vortrages wrde mir hchstens nur gewesen seyn, als ob ich empfnde, wie die Kunst verzweifelt. Nein! selbst Paganini htte meine cremoneser Geige nicht erben drfen; sie ist nur Dein Vermchtni -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbrche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals ber den stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist. Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtnende Schwingung gerieth. Sie wollte nchstdem das geschmeichelte Gefhl ihrer Virtuositt mit dem unerknstelten Beifall vergelten, den sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte. Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, ls'te das Instrument, ein Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde. Dann setzte sie sich nieder, hob das schne Auge aufwrts und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glckseligkeit anspricht: Kaum hat mit frischem Thau die Nacht Des Himmels dunkle Au begossen, So seh ich tausend Lilien sprossen, Verklrt von wundersamer Pracht. Sie ffnen ihre Kelche weit Und lassen ihre Strahlen regnen, Die schlummermde Welt zu segnen Durch einen Traum von Herrlichkeit! Ihr Lilien der heil'gen Nacht! Wie sehn ich mich nach Eurem Garten, Wo Engel liebend Eurer warten, Ein treuer Grtner Euch bewacht: Gebt ihr so fern mit mildem Schein Schon sen Trost der Brust hienieden, Wie s, wie s wird einst der Frieden Im Schatten Eurer Blthen seyn! Welch ein kstliches Lied, mein ses Mdchen! sagte die Nonne mit schimmernden Augen, es spricht fr eine tiefe und heilige Empfindung. Kennst Du den Dichter? Josephine nannte ihn --*) und sprach: es ist auch mein liebstes. Seit ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es weder gestrt noch tglich werden darf, und eine Stimmung und Stille erheischt, die -- wie jetzt-- *): Heinrich Wenzel. Ein Schlummerlied im hheren Chor-- unterbrach Schwester Veronica die Rede des Mdchens. Wenn das Kind etwa schon gestorben wre: so knntest Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen haben. Die Thr ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit mden Schritten ein. Sie hielt einen Brief unerffnet, verhngnivoll in ihrer weien Hand. Nun, Frau Fabia, sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, was werden wir nun erfahren? Die Kleine ist dem Herrn entschlafen-- antwortete Fabia mit jener dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam fr ihren Ausdruck ist. Noch ist die Mutter betubt, der Vater hingegen scheint gelassen; nur frchte ich, da es nicht vorhalten werde. -- Noch kein Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge es geschwind, da ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bhle ist angekommen, und die einfltigen Leute schickten ihn mir nach. Es war, als ob der Tod hrbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten. Josephine eilte, die Lampe anzuznden, und indem der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern glitt, sah Veronica, da ihre Zge sich vernderten. Eine Neuigkeit, Schwester Veronica, wendete die Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, Graf Frankenstern ist mit seiner Tochter endlich angekommen. Graf Frankenstern! rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten alten Zeit des Klosters. Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und Comte Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Grfinn Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein hheres Wesen und wie so ganz war sie fr Sanct Capella eingenommen! -- In Bhle, sagten Sie, hlt die Herrschaft sich auf? Ja-- antwortete Fabia schwach, und eine groe Erschtterung dieser starkmthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, reiche mir einen Stuhl, Josephine-- sagte sie sehr sacht, whrend das sichtliche Schwanken ihres Krpers verrieth, da Fabia mit dem Gefhl der Ohnmacht kmpfe.-- Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid ber ihr unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und druend, da seine Frau nicht vergessen mge, welch eine Last ihn ins Grab gedrckt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken. Jesus Maria! rief die Nonne, als sie die Todesblsse auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, was widerfhrt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand htte -- ein Trunk frischen Wassers-- das zitternde Mdchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbstndiger Kraft gegen die Schwche, von der sie einen Augenblick bewltigt worden war, wie gegen die mitleidige Angst, welche ber sie verfgen wollte, und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: es ist schon vorber. Seyn Sie auer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine -- Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich doch.-- Sie strkte sich durch einen erfrischenden Zug. Ja, ja! sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden Strafpredigt an, ein _geistlich_ Amt, das der Trstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken Odem, und Wer sich stark fhlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten, und bernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man sieht nicht zu, da man sich daran ergtze. So ist aber -- der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und geluterte Seele nicht sicher, da kleinliche und niedere Stoffe, welche die Scheidekunst eines gereinigten Charakters fr immer aussondern mte, sich in das Ergebni ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der freundschaftlichen Aeuerung der Schwester Veronica, die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, drfte ein kleiner Nonnendnkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, da, um in Todesngsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausflieen knne, der durch _priesterliche_ Weihen dazu befhigt worden sey. Denn der Bote-- so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, ein Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, als ob ich das Schicksal in Person kommen she, was mir ein neues Pckchen zu tragen brchte. Wer wei auch, was der Brief enthlt! -- So viel ich mich erinnere, waren Sie in frheren Jahren in Verbindung mit Grfinn Albane?-- Fabia nickte schwer und schwieg. Wenn nur der Schwager da wre! sagte sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, erst morgen Abend kehrt er zurck, dann ist es zu spt. Wozu? fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu: wenn Sie in Etwas bedrngt wren, Frau Fabia, worin ich Ihnen mit Rath und That ntzlich werden knnte-- Das wird sich spter finden-- antwortete Fabia mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen hin, und drckte dankbar die zellenzarte Hand der Nonne, wie aus Wachs gewebt, fr jetzt bedarf ich nichts als Ruhe. Wie kalt Sie noch sind! sagte Schwester Veronica besorglich, ich dchte, ein Krampfpulver wre nicht bel fr die Nacht; es beruhiget die Nerven. Fabia lchelte seltsam bitter, als bedrfe ihre innere Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war groe Wsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne frh auf, um sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir drfen khn behaupten, da die Gttinn, an der wir Selbstgeflligkeit so natrlich finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser huslichen Sphre sich von ihrem brausenden Element benetzen lie. -- Da diese Wolke ihm vorbergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber Therese gleich den Mnnern, und wendete am liebsten jener huslichen Nothwendigkeit den Rcken. Sie badete wohl eher die Fchen im Thau, als da sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemhung na gemacht htte. -- Wir zweifeln daher, da Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mgen, wogegen sie gewi den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes geeigneter gehalten haben wrde, besungen zu werden.-- Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist ber diesen Wssern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an die Thr der Pflegemutter, und Fabia that auf. -- Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewhnlich achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlssigkeit noch keusch und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert, glhte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der Feindinn jeder Thtigkeit -- beschlichen, welche uns anhngt, sobald wir herzenskrnklich sind. Vergieb, liebe Mutter, da ich es wagte, Dich zu stren-- sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu mildern suchte. Es befremdete uns, da Du noch nicht aufgestanden warst, weil es gegen Deine Weise ist. Ich habe nicht viel geschlafen-- antwortete Fabia gemigt wie immer, und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir mssen heute nach Bhle auf das Schlo -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfltig, ich will Dir gern behlflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und wirf den gestickten Schleier ber, er lt Dir uerst gnstig. _Heute?_ fragte Josephine bestrzt, und dachte, der Herold des jngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen huslicher Geschftigkeit nur einen Schritt von der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das Mdchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehrt. Das Ende aller Dinge schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekmmert setzte daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung ausdrckte: Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter. Und wenn auch! antwortete Diese, indem ein herbes Lcheln der Gleichgltigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, der Herr mein Gott wird mich strken. Sie heftete dabei einen durchdringenden Blick auf das Crucifix von Gueisen, welches auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von dem flehenden Geflster am Altar des innern Heiligthums verstehen: _Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Snden mit Deinem theuren Blut, gieb, da Albane-- hier drang ein unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des hchsten Erbarmers. Und von einem Gefhl ermuthiget, was sich erhob, sagte sie: es mu Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin? O sprich mir davon nicht! bat Josephine, und kte Fabiens mtterliche Hand. Eben jetzt mu ich recht sehr mit Dir davon sprechen, erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. Wir haben viel mit einander zu reden. -- Doch siehe! da Du die Thr zuvor verschlieest. So! nun schiebe den Riegel vor. Von dieser Vorsicht gengstet, war Josephine voll Furcht und Warten der Dinge, die da kommen wrden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause zu bedrfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton wrdevoller Abbitte: wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir zeither strenger war, als da ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wnschen jemals geschmeichelt htte -- so geschah es-- ihre Stimme wankte. O geliebte Mutter! rief Josephine, welche diese demthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, es ist nur zu meinem Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, da Du Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen, diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bhle etwa linkisch benehmen sollte-- Ein Lcheln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: das frchte nicht. Du hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Grfinn Frankenstern, der ich Dich zufhre, ist Deine Mutter. Josephine stie einen leisen Schrei aus, als htte ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien diese Himmelsgabe zurck zu nehmen, und das liebliche Bild des Mdchens versteinte zu weiem Marmor. So ist's, mein Kind! setzte Fabia mtterlicher als je hinzu, die Stunde, darin das Band sich ls't, was uns so lange verknpfte, reit nicht allein an meinem Herzen -- ich mu mich ernstlich zusammennehmen. Mutter! sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht verstoen. Du brichst mir das Herz entzwei, Mdchen! entgegnete Fabia schmerzlich. Darf ich Dich denn jenen Ansprchen vorenthalten? Es wird Alles darauf ankommen, wie wir die Grfinn finden. Du bist die Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen-- Der Onkel -- ist mein Vater? fragte Josephine mit schwacher Stimme. Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an. Bei dieser Erklrung, welche Fabia nicht aus lossagender Klte, sondern der vollstndigen Erklrung wegen gab, sah Josephine aus, als wren ihr alle Adern geffnet. Ihre Seele strmte in Liebe fr die Menschen, mit denen sie gelebt, fr den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden war. Sie empfand den Einflu einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wute. Die grfliche Mutter stand wie eine verhllte Gottheit von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine fr ihre Nherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es duchte Josephinen, als ob sie diesem gtigen Freunde hinterrcks entfhrt wrde. Ein Gefhl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, da sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen knnte, da er Augenzeuge wre der strubenden Wehmuth, womit sie von hinnen schied.-- Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewut gewesen, um so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurckweichen, wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrner Seide; doch indem die verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten lie, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flmmchen Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an der man erkannte, we Geistes Kind sie wre. Der Himmel hatte sich mit Gewlk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: den guten Regenschirm wollen wir noch mitnehmen, zur Frsorge. Wir knnten ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel wo die Pfeifen lehnen-- Und hurtiger flattert der Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es mglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drngte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher Empfindung, in den heien Blick, womit sie die stummen kalten Wnde grte, und Wer wei, ob nicht zum letztenmal! -- Dort stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem wehenden Schleier, eher der schnsten Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weies Blttchen lag lockend auf der grnen Flche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: Josephine, stand in kalligraphischer Schnheit am Rande des Blttchens, und das Urbild dieses wohllautenden Namens stand mit schneren Zgen davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern: Ich mu fort -- verzeihe, da ich mit Ich anfange; aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, da ich von Sanct Capella scheiden mu. Kannst Du etwas beitragen---- Deine-- Josephine vernahm, da ein Eilbote ihr nachgeschickt wrde. Sie mute sich losreien. Ein Fdchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an ihrem Finger. Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bhle. Fabia sa still in sich gekehrt, trbsinnig starrte Jene in die Ferne. Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem Immergrn seiner Gehlze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte Schlo, eine verstorbene Einde von Stein -- als sie jetzt bei dem Postamente vorber fuhren, worunter der todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wchter mit keinem minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, und als sey dies festgehaltene flchtige Bild nur allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten. Das eintnige Gerusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefhle der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und aufgehrt zu leben -- es duchte seiner Wittwe, als ob das Lftchen, welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kruselte, ihr seine letzten Seufzer zuwehete. Blthenbume streuten ihren Schmuck vor die Schwelle, ber die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten zu entlassen--; und diese Gleichgltigkeit der Natur, welcher der Mensch unwillkrlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden, an dieselbe Sttte, wo die Schuld, eigene oder fremde, unsre besten hinweggenommen fr immer -- schrfte die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewut ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand. Um das Schlogebude schwebte die Stille der Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt kaum weniger leidend an Gemth. Das Unglck, wie mchtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unhnlich einer Statue seines Standes, an einer Sule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit hatte angemessen der altvterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewuter Geringschtzung gegen diese Etiquette adeliger Gre, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwrdiges Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, da sie erwartet wrde -- und Josephinens Blick hing dabei so ngstlich an den goldbesponnenen Knpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung davon abzhlen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lchelte nur; die Tochter des Oberverwalters von Bonna mute fremd geworden seyn, dem Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermthigem Scherz: es ist zwar heute groer Galatag; aber diese hohen Gste lassen Raum und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn drfen sich ganz und gar nicht irren lassen. Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefhl, da _sie_ es nicht sey, welche die nchste Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es, da die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Errthen, noch ehe es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkndigung auf unser eigenes Gesicht?-- Sie standen auf dem den Vorsaal. Eine Uhr, in langem weien Gehuse, nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus, und das Gleichmaa des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier keine Flgel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_ der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehren. Der Bediente zog die Thr sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus dem ihr gegenber geffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden Damen ein. Frau Fabia, und hinter ihr das schchterne Mdchen, sah sich in einem Zimmer, das fglich den Slen des Schlosses beigezhlt werden knnen. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, beschatteten die Seitenwnde, und gaben der schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des lnglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit wei und seladongrnem Atlas berzogen; davor ein Tisch, kstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in schimmernder Weie bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Grovater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In einen Winkel geschmiegt sa der Graf, und dem Canapee gegenber seine Tochter. Bei dem ersten Blicke auf jenen unglcklichen Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas eigenthmlich Rhrendes. Jener: weil ihr hinflliger Anblick das Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: da ihnen selbst unsichtbar, eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hngt. Und sind Bldsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar knnte Graf Frankenstern fr einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines innern Lebens nur um so finsterer erschien. Auch Grfinn Albane war lter geworden, als zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Vernderung durchaus ein anderer. Man knnte von ihr sagen, ihre Schnheit sey verwelkt, um verklrt zu werden. Ein weies Kleid von wolkigem Mousselin umhllte ihre zarte Gestalt, doch, im schrfsten Contrast zu dieser anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermit! so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Grfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frhlingssonne und einer jhen Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. -- Ein kleines blankes Schlsselbund an ihrer linken Seite stellte die Grfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gste dar, denen zu Ehren sie so geschmckt, und gleichsam nur dadurch verkrpert sich zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem reichen Haar, lie phantastisch und in Zweifel, welch eine Frstinn in der wsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? -- Und ber dies husliche Theater go die wasserziehende Sonne einen trben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und winterwei hervor, wie durch einen Hauch von Frost entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glhte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur Genu in Gedanken, und schwelgte heute mehr als je in seinem Wahn; und Albane sa da so geisterhaft gesttigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lcheln auf den bleichen Lippen, als htten diese nie die Sigkeit des Lebens gekostet, und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und strkt!-- Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rcken hinab, und ihr nhernder Gang erstarrte. Die Grfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bckte sich darnach. Doch achtlos dieses ominsen Vorfalls schritt die Grfinn den Kommenden entgegen, und begrte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. Das ist Josephine? fragte sie; aber das Epitheton fr den Laut dieser Frage fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berhrte ihr Mund die Stirn des Mdchens, und dieser heilige Ku, den das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand, firmelte es. Josephine! rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte ber ihn. Grfinn Albane berlie ihren Vater dem Entzcken, sein kaiserliches Idol, oder die Psyche desselben, in lieblicher Verjngung vor sich zu sehen, und das Mdchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu ffnen, legte sie die zitternde Hand an den blanken Drcker einer Tapetenthr, und zog Fabien mit sich in ein anstoendes Cabinet. Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia! sagte sie hastig und herzlich, Josephine scheint ein Engel. Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lgen. Die fromme Fabia antwortete: Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei des Mdchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! la wohl gelingen! Josephine ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemth und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der gttlichen Gnade. Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergo, ganz unvermischt und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende Wirkung desselben trbte.-- Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschmt von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr Blick, zufllig vielleicht -- auf einen Ring von groem Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. -- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Krper: ich will nicht frchten, Grfinn, da Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu glnzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, da mein Thun Werth vor Gott htte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, da sie dem Herrn gefalle. Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und Zurckgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoes sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schtze der Erde aufwge! ist mir das Herz doch schon beschwert genug. O Grfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten Mann in das Grab gedrckt und mir viel tausend, tausend Thrnen gekostet! Der Grfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ngstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebrche zu einer Frage, deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen mte. Es lag etwas Vershnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: Sie wissen wahrscheinlich, da ihr Herr Vater meinem seligen Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den Schlssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich darauf so krank, da ich frchtete, das Grab werde sich ihm zunchst ffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt fr eine Ahnung halten mgte, gab uns der Zufall den Aufschlu in die Hnde. Wir fanden in dem Kstchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle--: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer. Hier hielt Frau Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne. Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der Grfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender Wind etwa in dem Kelch der weien Rose entblt. Sie lchelte kalt und sprach: so hielten Sie vermuthlich davor, da ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt fnde, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl war jenes Kindlein das meine, ein zu frh Gebornes. Ich versndigte mich durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu knnen -- o! wie bestraft sich doch jeder Gedanke ruberisch gegen die Natur! -- Der Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mtterlichen Schmerz, als aus Leidenschaft fr jedes Prparat, schlug mir vor, den Krper meines Kindes zu balsamiren, so knnte ich ihn in einem khlen Gewlbe aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergimeinnicht, was der Tod mir vom Herzen gepflckt, in jenes sarghnliche Kstchen; darin ist es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nmliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust abgelst. Frau Fabia fhlte bei diesen erklrenden Worten einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: doch werden Sie zugeben, da jenes Depot geeignet war, einen Geschftsmann stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mitrauen heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah. Die Grfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach gesehn, hlt man gar bald eines Verbrechens fhig. Grfinn-- stammelte die Wittwe, ich habe viel gelitten, dieser Geschichte wegen. So wre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie! erwiederte die Grfinn mit dem herben Lcheln der Krnkung. Fabien stiegen Thrnen in die Augen. Das Taschentuch entfiel ihr -- die Grfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlssel an ihrem Grtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfgig diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes. Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen Schlssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken an ihrem Grtel umfat hielt, bis es ihr gelang, ihn davon los zu machen; und sprach: htte ich diesen Schlssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen knnen, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimni umschlsse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich gewut, welchen Kummer Sie deshalb trgen? -- Nehmen Sie ihn denn hin mit der Versicherung, da ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! frchten Sie keinen andern Lohn als dieses Wort, was bethtigen zu knnen, meine beste Hoffnung wre. Ein Edelstein, und wre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter!-- Wissen Sie schon, sagte Fabia, durch eine sehr natrliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thrnen trocknete, da Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct Capella aufhlt? Er ist der intimste Freund meines Schwagers. Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zgen der Grfinn vor. Um Gotteswillen! sprach sie mit aller Dringlichkeit befrchtender Angst, verhindern Sie, da er hierher kommt! ich wei nicht, ob ich es aushielte. Das geringe Ma meiner noch brigen Krfte reicht kaum zur Erfllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes Band ist gelst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Fr ihn bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehrt, wie er, ein jngeres schnes Weib umfangend, davon sprach, da eine gestorbene Liebe in ihrem Grabe bleiben msse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn wiedersehen. Und indem die Grfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren flchtige Zeuginn sie gewesen, ber ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht hherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten Erscheinung. Wenn ich nur kann, liebe Grfinn! antwortete Fabia in Bezug auf das von ihr erflehte Verhindern, wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius -- oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm irgend verweigerlich? Josephine bleibt einstweilen hier, entschied die Grfinn, ohne sich auf eine nhere Bestimmung ber diesen Punkt einzulassen, auf Sie aber, liebe Fabia, verlasse ich mich, da Sie den Vater derselben mir entfernt halten. Frau Fabia versprach dies mit grerer Willfhrigkeit als sie vielleicht frher gezeigt haben wrde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu ermitteln. Sie hielt den Schlssel zur Chatoulle fest empor und sprach: knnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt -- nein! den groen Sarg meines Mannes damit ffnen und ihm sagen, wie so ruhig er htte seyn knnen bei Lebzeiten, und da er sich und mich unntz abgeqult. Ach! er wrde so wenig auf mich hren als sonst. Ja, die Todten schlafen tief-- sagte Albane mit verstrtem Lcheln. Das Bedrfni dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als jemals in ihr an. Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an Josephinens Seite, und in emsigem Gesprch mit ihr, welches anziehend seyn mute, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine schlaffen Gesichtszge charakterisirte, und unter jedem Hrchen des greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefhls gewichen, womit die anmuthige Nhe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn so nahe anging. Wir berlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und eilen der spten Rckkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor. Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mivergngt, kam der Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurck. Der Zweck dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige Fatalitten zugestoen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn verstimmte. Jenes geheimnivolle Unbehagen, welches die Seele wie den Krper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwle Schauer, der die Blitze ankndigt, die unser Herz treffen sollen, die ganze Atmosphre trber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung trgt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise bengstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwrtige Minute den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wnsche, also erschwere? So wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewhr als sich selbst, zu jedem Glck verhilft, und oft unsere khnsten Erwartungen berflgelt. Sylvius, der sich unplich fhlte, begab sich sogleich in sein Zimmer, um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das milungene Geschft dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prlat von Sanct Capella schritt mit bewlkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen geheien -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser scheinbaren Vernachlssigung fragte er eine dienende Person, die ihm begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, da sie verreist wre. Verreist? meine Schwgerinn? fragte der Administrator, und htte nicht unglubiger hohnlcheln knnen, wenn man ihm gesagt: das Stift, in hchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schnen Abend ein wenig spatzieren gegangen. Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurck, setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund von groer Erheblichkeit msse eine so stete Haushlterin von Ort und Stelle gerckt haben. Doch um nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem Blttchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzhligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte. Allmchtiger Gott! rief er zu sich selbst, das arme Mdchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen!-- Ein Getmmel aufrhrischer Gedanken bestrmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, da ihr Andenken ob jener eigenmchtigen Gewaltthat, um wenig spter vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt wrde. -- Aber der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe thatschlicher Beweise htte ihn so vollstndig berzeugen knnen, wie die schulmige Entschuldigung der ersten Zeile: da es nimmer ein Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine ganze Kraft fr diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fdchen an der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fden nicht, in denen der Sommer in die Lfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie die Zuneigung zu einem persnlichen Gegenstand: und so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen machte. Schwester Veronica wird es wissen-- dachte der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses rthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die den Sle entlang, bis zur Thr der entlegenen Zelle, an welche die Abendsonne Verklrung mahlte, so da dieser Eingang wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefhl, der Andacht verwandt, lie ihn zgernd dies Altarblatt betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Gttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange der Erwartung, ward in dieser sanften Nhe wunderbar besnftigt. Er richtete sich hochathmend auf, whrend er den gekrmmten Finger leise und langsam an die Thr legte. Sie that sich auf. Der hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wnde, und warf einen Schimmer von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschftiget war. Ein Myrthenbaum von ppiger Schnheit, davon die Nonne mit whliger Vorsicht eine Menge Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klsterliche Jungfrau den alten schnen Kopf, um den ein Nimbus der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie geblht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewhrte ihr Anblick ein fast berirdisches Bild. Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge umher aufheben zu wollen. Kein Stubchen dieser reinlichen Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig in der pltzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine grere als diese lautlose Unruhe strte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens war. Verzeihen Sie doch ja gtigst meiner Zudringlichkeit, sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gru, Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden. Man findet, in abgesondertem Verhltnisse werden die Menschen leicht eben so weitluftig als frmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drngende Krze anschleift. Schwester Veronica lie das Messerchen, womit sie Myrthen schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wre. Zugleich bemerkte sie still fr sich, da sein stattliches Aeuere etwas verstrt sey -- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von strkeren Eindrcken bewegt, spannte sich fr den beziehungsvollen Ton, womit er anhob: ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer Rckkehr die Schwgerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine mitgenommen---- Der Administrator stockte. Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, wrden mir des Nheren Auskunft geben knnen. Was ich wei, will ich ihnen sagen-- sprach die Nonne, und das tiefsinnige Lcheln in ihren Zgen drckte eben sowohl ihre bekmmerte Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemthsruhe aus, die sie dem Frager gbe. Frau Fabia ist nach Bhle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort ist die Grfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater angekommen -- und trgt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote-- Das Gesicht des Administrators hatte sich whrend dieser Nachricht verndert. Das ist ein groes Ereigni! unterbrach er die Nonne mit gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: das ist ein groes Unglck! Der Nonne ging die Ahnung auf, sie htte ihm etwas hchst Wichtiges mitgetheilt. Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ltliches Frauenzimmer, dem Reiz des Bewutseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen knne, habe Werth fr den, der es hre: so konnte auch Schwester Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Mnze auszuzhlen. Vorerst aber mute sich der Administrator auf ihr instndiges Nthigen niederlassen. Er berhrte kaum die Kante eines Stuhls, und sa dennoch wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: gestern Abend, da es dmmerte -- das Schummerstndchen bringe ich gern drben zu -- ging ich hinber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, fr ein Todtenkrnzchen zu sorgen -- die Mutter, hie es, wre auer sich, und man hatte geschickt, Frau Fabia mgte kommen, und in dieser Angst den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist, das mu man an ihr rhmen -- von christlicher Geduld und gelassenem Wesen-- diese Tugenden seiner Schwgerinn htte jetzt schwerlich ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mgen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und es duchte ihm, seiner theilnehmenden Nchstenliebe ungeachtet, als ob sie von einem Falle sprche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen htte. So blieb ich denn, fuhr die geistliche Jungfrau fort, mit Josephine allein. Das gute Kind war aber betrbt und uerte sonderbare Gedanken, die ich jedoch fr weiter nichts hielt, als jenen wehmthigen Ernst, der ein jugendlich Gemth ergreift, wenn es den Tod in der Nhe wei, und gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann wird der Gedanke an jede mgliche Trennung, die uns selbst bevorstehen knnte, so natrlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie weh es ihr thun wrde, Sanct Capella zu verlassen, wo ihr nur allein wohl wre. Wie gern sie hier sterben mgte oder wohnen in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, da an solch ein Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, da sie mein Stbchen erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt. Das Auge des Zuhrers schien dies Testament im Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick sphte umher, als schtzte er die lieben Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trge die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies Adagio, zhle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten Sinn an ihre Auflsung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wnsche des jungen Mdchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein Gefhl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. Wie wir noch so ber mein Vermchtni sprachen, fuhr die Nonne fort: kam Frau Fabia zurck. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmchtig. Ich kann nicht leugnen, da mir alle Glieder zitterten. Die Frau Schwgerinn ist nicht nervenschwach, nein! eine starkmthige Person, huslich erkrftiget, gesund an Leib und Seele: so mute ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. Am Morgen in aller Frhe wollte ich mich erkundigen, wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gesprch und unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrngen in das Geheimni eines Andern, und habe mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen mu ein Geschenk der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestm davon trgt, wenn er die Gutherzigkeit berrascht. -- Ich dachte, es wird wohl an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: da sie fr diesen Nachmittag nach Bhle fahren wrde. Josephine stand stumm und bla wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspt wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht fr ewig, mein Herzenskind! was wrs denn auch, wenn Du ein paar Tage drben bleiben mtest? bin ich doch in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Grfinn Frankenstern gewesen, und wrde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und Dir das kleine Gemach zeigen knnen, worin ich geschlafen. -- Das schien dem lieben Mdchen denn traut und trstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther Herr Administrator, wte ich Ihnen nicht zu sagen. Es gengte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in gebundener Rede -- im Sinne der Zurckhaltung -- einige Worte; denn es machte ihn beklommen, da er gegen die herzliche Nonne nicht ganz aufrichtig seyn drfte. So war es ihm nicht unlieb, da der Zufall ihm ber einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefhl, das der Freundschaft wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichma starker Schritte auf und nieder ging. Es verndert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden. Demnach lie eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem dumpfen Gefhl getuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle seines Zimmers zurcktreten, als er die Einquartierung desselben inne ward.-- Bitte nicht bel zu nehmen, Freundchen, da ich so sans faon Eingang gesucht-- sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, und ein fremdartiges Lcheln lief hurtig wie Geflgel ber die Furchen seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von der Sonne beschienen. Den rechten Eingang finden-- fuhr er fort, ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts. Herr Prlat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes zu bedrfen. Eine bse Ahnung kroch an sein Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: Sie haben mir etwas Schlimmes anzukndigen, Major! fassen Sie Sich in der Krze, ich bitte! _ich_ bin gefat.-- Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete er: Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glcklich retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon msse ein Glck verlautbaren: etwa des groe Loos -- die Ankunft des Knigs -- oder einen Ehrenaufzug und dergleichen. Da eine Hiobspost mit solch frhlichem Geblse kommen knne, das htte ich nimmer gedacht. So erinnere ich mich, da, als ich, ein junger Offizier damals, in B-- stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang. Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und Schrecken. Der Fhrer der ersten Dame, ein allerliebstes Mdchen, schn wie das Leben, war der Tod!-- Major! sagte der Administrator in sichtlicher Pein, nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren soll? -- Mein Bruder-- Es wre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen lie, und einfach sagte: ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu sterben.-- Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. Groer Gott! mein guter Constanz! rief er mit blassen Lippen, und fhlte in diesem herzandringenden Moment, da Eines Vaters Blut in ihren Adern flsse. Nicht mglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen? Es war, als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage lge. An mich! antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewutseyn eines wahrhaften Freundes, mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich auer Stande dazu gefhlt, und Fli nicht Zeit gehabt hat. _Fli!_ der Leichtfu vergit zu bemerken, Wer Fli sey, als ob mir wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben wren. Der Major berhrte hierauf in Krze, wie? und wann? der Gemahl Theresens gestorben sey. Ich trume wohl? fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, wie aber kam der Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben Dienstleistung? Es war, als ob er diese sonderbare Fgung im Namen des Verstorbenen bel nhme. Sehen Sie, erwiederte der Major, das ist eine merkwrdige Geschichte, und ich gbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner Jugend Logik studirt htte. Da knnte ich Ihnen Alles fein ordentlich entwickeln, statt da ich hinten anfange, vorn ein Fdchen abreie, -- und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glck gehabt, was mir bei dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama der Estafette gewissermaen doch Recht. Die Fee Fanferlsche -- Sie wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben eingesetzt. Das htte der Junge wohl nicht gedacht, da, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lcherlichen Verlegenheit empor ri, und sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafr fr zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit berheben, und so weich setzen wrde? -- Man schtzt ihren Nachla auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit diesem Vermchtni erfhrt er, versetzt zu seyn, worauf er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht fr einen Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Da der Rudolph grade an den Ort kommen mute, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von Ohngefhr. Taugt nichts! rief ich unwillkrlich aus, wie ich das las. Nun verursacht groes Glck auch im besten Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken fr Mambrins Helm hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet. Ich glaube, wrde die Armee auf Kriegsfu gesetzt, er she sie auf Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der!-- Der Administrator empfand schmerzlich, da des alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglckend. Er hatte nur Gefhl fr den Verlust eines so krftigen jungen Lebens, welches der Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war. Ich kann es noch nicht fassen-- schob der Administrator in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein Ton lie errathen, da er von der Rede des Freundes wenig oder nichts gehrt, und whrend ihrer Dauer nur an den Verstorbenen gedacht htte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: Sie meinen also, Major, da Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wre?-- Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrstung trat der Major vor ihn hin, und sprach: da sey Gott fr! da ich so etwas nur gedacht, geschweige denn geuert htte. Oder es mte eine Verabredung der hheren Mchte darunter verstanden seyn, die vorausgesehen, da Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen wrde, der wie mein braver Artillerist fr sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wre ja nicht einmal mglich gewesen; denn mein Neffe ward frher versetzt, als der Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Htten Sie Acht gegeben, was ich gesagt: so wrden Sie jetzt hren, wo ich hinaus gewollt -- mein Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwrts gefhrt. -- Da geht der Rudolph eines Tages ber den Markt, und stt auf einen Menschen, der einen Schuh trgt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nmlich -- an der Farbe, an dem kleinen polnischen Mae; er kennt die Dame, der er gehrt. Nun luft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und fhrt ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und da mein Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als billig.-- Dies Letztere sagte der Major in dem Tone lblichen Gutachtens, und mit persnlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rcksicht, in welchem Verhltni sein Oheim zu der Familie des Hingeschiedenen stnde -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein Lcheln, so bitter als traurig, nicht unterdrcken, als er sagte: es wre dessenungeachtet sehr mglich, da mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen diesen Curator einzuwenden htte.-- Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er fhlte wohl, da sein Freund recht hatte; wie htte er aber das kleine Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber mnnlich verbeien als rgen, und mit der Gereiztheit eines Betrbten Geduld haben mgen? Er antwortete demnach langmthig: das hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafr gesorgt, da Therese den Gasthof verliee. Sie hlt sich jetzt hchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin htte ich beinahe vergessen. Therese lt Sie flehentlichst bitten, wenn es irgend mglich wre, hinzukommen. Sie wte sich nicht Rath und es gbe Manches zu ordnen, was nur den nchsten Verwandten zustnde.-- Herr Prlat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem Anla, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse gnstig war. Sein Herz war erschttert, und nicht von der Seite allein, wo der pltzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht es bestrzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wre der Bestand aller bisherigen Verhltnisse aufgelst. Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten. Wer wte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit ohne Zeitverlust fr sein Amt ermglichen knnte? -- Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er sich auch stark genug dazu fnde, die kalten Geschfte des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thrnen hinzunehmen, die Therese etwa vergieen mgte, -- fhlte er mit einem nervsen Schauer, da ein Leben von so verhngnivollem Gewicht, und in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so frh hinab ziehen mssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: seine Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben. Das sag' ich auch! sprach der Major, man bekam Schwindel, vom Hren blo. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel-- der Hund knurrte -- still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum andern. Wren wir vom Schpfer dazu geschaffen: dann htte er uns Flgel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist Derjenige, der in der Tragdie dieses Erdenlebens am wrdigsten aushlt. -- Wir schreiten bedchtig einher, oder fahren gemchlich mit Vieren. -- In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen, noch an der Strke des Rosses. -- Oft habe ich ber diese Stelle nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein sprte, da empfand ich, da der gtige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben knnte. Und jetzt, sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, wo er endlich festen Fu gefat haben wrde, mute mein guter Bruder sterben! Ebendeswegen! erwiederte der Major mit verstrkter Stimme, ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der klgste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser als ein spterer Rckzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin verlscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser sehaften Charge pate er nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermhlt, sein Weibchen dann in irgend einem Neste sitzen lt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.-- Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses erstarb das bse Princip dem alten Feldmeister auf der soldatischen Zunge. Er grte, schlpfte zur Thr hinaus, durch ein unverstndliches Murmeln andeutend, er wolle den bewuten Brief holen -- und Herr Prlat sah sich mit seiner Schwgerin allein. Er hatte den Wagen nicht kommen gehrt, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes Ineinanderflieen von Klarheit und Trbsinn ber ihre Zge verbreitete, was Zutrauen einflte, sie werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu theilen fhig seyn, als zu beurtheilen wissen. Es ist mir lieb, Fabia, da Du nun da bist! sagte der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein Gru klang traurig. Denke nur, mein guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du! Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag fr sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie. Um Gott! was Du sagst, mein Bruder! antwortete Fabia, und wre diese Nachricht mehr als ein Gercht? Diese Nachricht, erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewiheit in Blick und Ton, ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Brune gestorben, und -- also erstickt! Dies Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser scho ihm in die Augen, und vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mtterlich_ zu uern pflegte, das heit: ob auch zartsinnig, doch berlegen -- schmte er sich der brderlichen Thrne nicht. Denke Dir das nicht gar so schwarz-- sagte Fabia leidsam, und bemhte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rhrung, ihren Schwager zu trsten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft geltend, welche gewi zu den schtzbarsten dieser oft verkannten Frau gehrte. Fabia besa die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trben, den Blick des Geistes schrfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen vergnnt, als diese sonst selten gefunden werden drfte, wo es an Weltkenntni fehlt, die Fabia nicht erwerben knnen. -- Zuweilen sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlssigkeit willen glaubte man an sie. Und da Fabia es fr eine Pflichterfllung ihrer Religion hielt, sich der Betrbten anzunehmen: so versumte sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine schmerzvergtende Innigkeit, deren sie gnzlich ermangelte, wo es darauf ankam, sich mit den Frhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen hatte: ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten --: so war ihr nichts von grerem Werth, sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so nher, als sie bedachte, er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch auch sie seinen Tod in einem Nachgefhl ihrer eigenen Verwittwung. Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben! sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien, hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mgen und Keinem; aber der Bruder kam mir bel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch selten trgt; inde whnte ich, er wre nur angegriffen von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn frher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese htte nicht mehr gut gethan. Sie waren einander entwhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn sie Jahre zult, in denen man vergngt ohne einander seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, da er alles Fremdartige ausschliet, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzhlen haben: da fhlt gewi Eins fr's Andre _wenig_. Du gehst zu weit, Fabia-- entgegnete der Administrator, Tausende von Ehegatten werden durch Pflicht und Verhltni getrennt, und lieben sich dennoch. Darauf sprach Frau Fabia: es mag eine Liebe geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was nun Theresen anbetrifft: so drfte ihr ehelich Gefhl schwerlich unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer wei, wie sehr wir Ursach htten, fr diese Auflsung den Herrn zu preisen! -- Du weit ja selbst, wie verbitternd Scheidungen anderer Art-- der Faden ihrer Rede ri bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute dster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit. Was soll nun aus Theresen werden? fragte Fabia, und wendete die Richtung ihrer Gedanken, ohne Vermgen, ohne einen Halt, der Lust am Flei, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft-- Der Administrator lchelte dieser unntzen Sorge. Ich glaube, gute Fabia, sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwche andeutet, _wir_ drfen dehalb unbekmmert seyn. Das Glck selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flgel des Leichtsinns, und diese hat Therese schon. Und nun erzhlte er seiner Schwgerinn halblaut, was er vom Major erfahren. Er schlo mit den Worten: so lt sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schner Zug von Dir ist, liebe Fabia, da Du das Unglck achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden -- _der Herr_ _heim sucht_: so la uns Theresen mindestens nicht zrnen, da sie verdienstlos eine Begnstigte scheint; da noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel gefat, wie ein neuer Kinderzahn schon glnzend dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glck kommt von Gott, und wir schmhen den Geber, wenn wir vom Glcklichen nicht glimpflich denken. Mit einem bekrnkten Lcheln antwortete Fabia: o! ich will ihr alles Gute gnnen und wnschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und wei allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Da ich mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bhle -- Du weit es. Frankensterns sind da, und die Grfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig -- und sehr unglcklich. Eine Centnerlast ist von meiner Seele gewlzt; aber ich knnte doch nicht sagen, da mir leicht zu Muthe wre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken nur, drckt mich nieder. Und nun erzhlte auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Grfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich erklrt, hinsichtlich jenes emprenden Verdachts. Sie endete ihren Bericht mit den Worten: und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben verkrzt, und das meine mir verkmmert! Sieh, Fabia! sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, htten wir _die gttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wre uns das nagende Gefhl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute. Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte schattenhnlich vor ihm auf. Und Josephine? fragte er mit verhaltener Stimme. Sie grt Dich -- grt Dich tausendmal! antwortete Fabia. Sie wird fr einige Zeit in Bhle bleiben? fragte der Administrator abermals, und ein Gefhl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, lie ihn seiner Schwgerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: was wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen Gewinn; die Tochter ist ihm entrckt, und er mu es geschehen lassen. Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich liee: wer knnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind! Wer es hindern knnte? entgegnete Herr Prlat lebhaft und mit Wrme: _Du_, Fabia! unbeschadet des mtterlichen Vorrechts ist Josephine auch Dein, durch die treue Mhe der Erziehung. Du httest, dnkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen, da das arme Mdchen in jener unheimlichen Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewhnt -- es wre auch hart fr den armen Sylvius, wenn er ihre Nhe -- dies einzige Glck, was er ohne Vorwurf geniet -- einben sollte. Wirst Du mit ihm sprechen? fragte Fabia mit kranker, krampfhafter Stimme, mein Kopf glht und hmmert; ich werde nun gehen, und mir einen Umschlag von Kruteressig geben lassen. Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurck und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschrnkt werden knnte und mte. Dann erffnete er ihr den Entschlu zur Reise, was der nthigen Gestalten wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trmmer brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwche zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prlat mogte seinem Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stren. Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frhlingshell und heilig erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Krfte.-- Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen berzeugt hatte, sah er die darin enthaltenen Umstnde wie mit andern an. Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in der Frhe des nchsten Tages statt haben sollte. Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Reprsentantinn der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit ber den Entschlafenen zu sagen. Sie uerte sich dabei in der ihr eigenthmlich milden Gelassenheit, die auf der Hhe des Alters und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach: besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, da die arme Therese noch nicht berhin wre? solch glcklicher Leichtsinn ist oftmals zu groer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lssig seyn will, mu sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und selbst das Glck ist gewichtig und trgt sich schwer, wie vielmehr das Unglck! -- Jener berhmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige Nacht gemalt hat, o wunderschne! trug sich an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen, fleiig zu seyn, so kme es mir vor, als she ich einen Schmetterling an einer drthernen Kette sein Futternpfchen ziehen, wie man Vgel abzurichten pflegt. Ich gnnte es ihr, da sie sich von Blumen nhrte. Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete: wenn ich die Schwgerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gnzlich unbekmmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da heit: es wird ein grausamer Engel ber Dich kommen-- Das ist denn der Gasthof zum Engel fr die Aermste gewesen-- entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten sich flsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe dchten. Veronicas Schauen war ein glubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen Gutes wnscht, und das Beste gnnt. Und weil das Versagte uns das Hchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns fr den Nichtbesitz entschdigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel auf Erden, als wofr sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung geschlossen. Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung fr sich. Indem sie wute, da eine Frau auch Tugend und Treue bedrfe, um ihren Mann auf die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glck in den Selbstgenu eines reinen Bewutseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trben Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite. Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewi ist es, da jenes schpferische Genie des Glckes, daraus die Poesie des Lebens, ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewutem besteht, und da die Erfllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort.-- Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigni genommen: Hauptmann Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch vermit, da der gutmthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte. Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange in die Wildni des Waldes noch nicht zurck -- Frau Fabia fr ihren Schwager mit Einpacken beschftiget, und Herr Prlat allein in seinem Zimmer, um einiges Nthige fr seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der Hauptmann bei ihm ein. Obgleich Jener verdsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen lge, so bemerkte er doch, er she den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weien Glaee-Handschuh, blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen -- glnzten leichenfrmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene drckte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von Selbstgeflligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette, gepret mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das im Verhltni seiner Gre zu dem kleinen Gott jenes zwanzigpfndige anschaulich machte, wovon er einst erzhlt. Der Administrator dankte in Krze und lchelnd. Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden und sagte, da, da er ihn diesen Morgen unter den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefrchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufllen litt, htte sein Zittern wieder bekommen. Der Veteran errthete, fate unter die straffe Halsbinde, rusperte sich und sprach: =au contraire=, Werthester! ich war nie gesnder, und fhle mich wie verjngt. Meine Natur-- ist vortrefflich; ich wei es-- unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug fhlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen. Von Zittern keine Spur-- setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht frher. Mir widersteht die bliche, oder vielmehr _ble_ Sitte, da man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= ber Einen herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mgten auf diese Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir ber Alles. Sie ist die Grazie des Gefhls-- entgegnete der Administrator wie mit trbem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, zum erstenmale etwas Wahres zu finden. Grazie! ja, auf Ehre! antwortete jener, das ist das rechte Wort. Und das fletschende Lcheln, womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. Diese Eigenschaft, setzte er mit Grimasse hinzu, ist jedoch nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, da mir alle Leute gut sind. Ich mu etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es? dachte ich oft. Mir selbst unerklrbar. Als ich ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir knnen nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glck bei dem schnen Geschlecht war enorm -- ich knnte Ihnen zum Erstaunen davon erzhlen. Herr Prlat entsetzte sich vor dieser Mglichkeit und sprach hastig in jener flchtigen Tonweise, die nicht zweifeln lt, man wnsche verschont zu bleiben: zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das viel Vergngen gewhren. Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede wie folgt: die Weiber -- ich sage Ihnen-- liefen davon? fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergtend hinzu, ich meine, aus Furcht vor dem Sieger. Ah so! antwortete der Csar des Invalidencorps, zufriedengestellt, diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich stark fhlt, der hte sich nur vor einer Delila, die ihn an die Philister verrth. Auch dem niedlichsten Satan htte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo er gewi ist, sein Fortne nicht zu verfehlen. Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glck an, statt seiner ein Thor der Erlsung zu erschttern, da er frei wrde. Es verlie sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs nher kommen -- und entrckte ihm das Ziel. Jetzt freilich, sprach der Hauptmann, habe ich manchen bedenklichen Augenblick, da ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen lie. -- Was ntzt mir all' mein aufgespartes Vermgen? mein schnes Geldchen, und mein Gut? ich geniee es allein. Das macht grmlich vor der Zeit. Ich bedrfte Jemandes, der mich erheiterte. Der Administrator lchelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte: Wer so Viel in sich trgt, wie Sie, dchte ich, kann kaum in den Fall kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen. Den Teufel auch, mein Freund! antwortete der martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt. Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glcklich macht, und welches ihn ergtzt -- und so habe ich denn lngst reiflich berlegt und erwogen -- Hm! Hm! es wre das Zutrglichste fr mich, ich heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der Windrose; ich wute nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich wie durch einen pltzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin. Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelstete, vermuthlich auf eine Sandbank gerathen wre. So sprach er nicht ohne einen Blick mitleidigen Ernstes auf den khnen Segler: Heirathen? Sie scherzen, Capitain. Nicht da ich wte-- antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus. Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaerlich zu Muthe. Auch wre das zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den glcklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen in mein Zimmer zurck, und wartete bis jetzt. Ist das Gemth einmal afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, da als meine Mutter im Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, da auch Leute von Rang so ringen mssen -- kamen Schlsser, Schreiner, und so weiter -- um die Arbeit fr die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, da er einen jener armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemihandelt htte. -- An diese Scene mute ich unwillkrlich denken, da ich Anstand nahm, frher als in diesem Augenblick mich Ihrer gtigen Frsprache bei der Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus.-- Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, da Moorhausen den Verstand verloren htte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernnftig als mglich: in der That, Sie fhlen fein; es wre wirklich ein Stckchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprchen.-- Ein Lcheln der Selbstzuversicht verklrte den alten Ehestandscandidaten. Sie meinen, sprach er, die schne Frau wrde mir den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan -- werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hlt Die nicht, dafr stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte Snder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste Scharmtzel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das. Capitain Moorhausen, versetzte Herr Prlat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen Unsinn lnger auszuhalten, Sie sind ein eben so einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschhe in jedem Sinne _zu spt_. Sollte meine Schwgerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der Mann, den sie whlt, zweifelsohne schon zur Seite.-- Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlngerte sich zusehends. Der Administrator bckte sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hnde, an denen jenes erwhnte Zittern sichtlich zu werden anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: sehen Sie diese zutrauliche Erklrung meiner Seits nicht fr einen Korb an; auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser Absicht. Nein! nur einen Sttzpunkt auf dem einsamen Gange, der unter manchen Umstnden, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt der Geist der Lge die gttliche Stimme, welche einst sprach: es ist nicht gut, da der Mensch allein sey. Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, da sein Vertrauter auch schweigen mge. Die Glaeehandschuh platzten bei dem Hndedrucke des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er lie die Flgel tief hngen -- und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment wrde diesen Preiswrdigen jetzt nicht den glcklichen Zieler genannt haben. Josephine war nur ein paar Wochen in Bhle. Obgleich -- nach der Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken nicht hinber schwebten nach St. Capella und weiter noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wute--: so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfngliche Gemth geltend. Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Grfinn, die selbst der Umgang ihres liebenswrdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mdchen, dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frhling hatte sich inde entfaltet, und prangte in vllig aufgeschlossener Schnheit. Auch in die dumpfen Zimmer und Sle des herrschaftlichen Hauses von Bhle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden Blttern der Linde spielten an den kalten Wnden, und mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberflu von Diamanten, und sein eintniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner dstern Anwohner, und flo mit dem Strom von Lust, Leid und Leben zusammen, der die verjngte Schpfung schwellte. An einem der schnsten Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, ber den die Sonne lange goldene Brcken schlug, so da die Mglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Rthsel des Daseyns ergrnden; doch als jetzt das himmlische Licht ber diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten fhren. Dies war unerhrt. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das Mdchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur Frsorge um seinen Hals. Die Grfinn wollte nachkommen. Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und untersttzte ihn zart, doch jugendkrftig. Seine gleitenden Schritte, das fhlbare Wanken des verfallnen Krpers bewegten ihr das Herz im Busen, und ihr elastischer Fu ging so langsam als mglich. Der Bediente ffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grnen Bezirk. Alles stand hier noch unverndert; nur die jungen Bume waren gro und stark geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll Blthen, und schimmerten mit weirthlichen Bscheln lieblich zwischen dem finstern Gehlz. Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der Wonne der sen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwche, strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam machte, es mgte ihm fr's Erste wohl zu viel werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schne Aussicht bot. -- Unter einer breitstigen Esche winkte ein weier Gartenstuhl, so hart und kunstlos, als htte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der Graf lie sich mit Hlfe seiner Fhrerinn darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu seinen Fen. Es war eine kleine Anhhe. Der Wind kruselte sanft das grne Meer der Saat, ein lindes Suseln, wie von Geisterflgeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein Auge an dem frischen Anblick zu strken. Er sah die Ernte im Geist -- und die dnnen Halme seines Haupthaars weheten silberwei auf und nieder, als wre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nhe. Die Welt ist doch schn! sagte er nach einer beschaulichen Pause, wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_! Und mit fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: gehst Du gern schlafen, mein Kind?-- Josephine fuhr aus trumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: ich? wenn ich mde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht Holdes. In sanfter Betubung strkt sein Labsal. Wer mgte ihn nicht lieben, diesen Wohlthter? -- Auch beunruhigt mich nie ein bser Traum -- hchstens trume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wrmte ich einen Schneeknig an meiner Brust -- der war erstarrt; pltzlich flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich ihm nach. Schneeknig? erwiederte der Graf, das ist ein kleiner Vogel, nicht wahr? Und wie aus einem Geklft seines Gedchtnisses tnte ein Echo jener Stelle: der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vgel schweben, emporzufliegen. -- In vergleichendem Sinne sagte er: die Vgel des Waldes sind glcklicher daran als wir; sie steigen aufwrts mit frhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer aber schlft, ist allein, ist in Gefahr, und schliet sich sein Auge, dann-- Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen sind einsam, und da sie es _wissen_, ist ihr grter Schmerz. Wer aber schlft -- und wre es auch im Grabe -- geniet unbewut Frieden, und Gott schtzt den Schlummer des Gerechten!-- Graf Frankenstern schien sichtlich erschttert durch diese Rede des Mdchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein halbes Sculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines Dmons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: so frchtest Du Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind? Ein unsterbliches Lcheln verklrte mit der Abendsonne zugleich Josephinens reine Zge. Nein! gewi nicht! versicherte sie mit Innigkeit. Ich halte dafr, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Gehei: wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- frh oder spt! -- Das kleinste Blmchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblhet es auf's neue; die Sonne geht unter und schner wieder auf, und das Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneeknig erwrmt, sollte erstarren -- und nicht fr den Himmel schlagen? -- Knnte ich glcklich machen, Alle, die ich liebe, ich gbe gern die kleine Blume meines Lebens hin. Ein paar Thrnen rollten, als Josephine dies sprach, von ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glnzt nicht schner. Dies war der wunderbare Moment, der eine gequlte Seele erlsete. Der Graf athmete auf mit leisem Sthnen, wie Einer der erwacht, und sprach: ich sehe ein, da Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwnde -- als ob es Morgen wrde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nchstens einmal hinber fahren. Josephine lchelte wehmthig, und das Herz war ihr unsglich schwer. Und glaubst Du wohl, fragte der Greis abermals nach einer stillen Weile, da ich die Abendglocke hre? Dem Mdchen kam ein Grauen an: es war fast unmglich in dieser Entfernung. Ich bin doch mde von dem kurzen Gange, sagte er mit matter Stimme, la mich ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank?-- Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drckte das sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute gengstet aus, wo die Grfinn nur bleiben mge? Da kam Albane. Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wste des Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. Mir ducht, ich she meine Frau-- stammelte er kaum verstndlich, warum sprichst Du so leise?---- Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete schwcher und schwcher. Die Grfinn knieete in's Gras und faltete die Hnde; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glhte wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des mden Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender Hand streichelte sie den khlen Scheitel, den der Gedanke verlie, und dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prfend an den Puls der Schlfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille. Er ist gestorben-- sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als knnte ein Laut ihn wecken. Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen. Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurck in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein erblates Angesicht. O mein Vater! sagte die Grfinn mit heien Thrnen, kann man leichter und schner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde. In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergo ihr gepretes Herz sich in den bekannten Strophen: schlummre wohl inde, du trge Brde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und ihre Lampen brennen ber Dir im heil'gen Zelte. -- Es schien der Grfinn bedeutsam, da ihr Vater unter einer Esche verschieden wre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende Kraft zuschreibt.-- Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverndert. Jetzt fing die Abendluft an khl zu werden; die Grfinn erschauerte in jenem Frsteln, welches man nur in der Nhe des Todes empfindet, und auch Josephinens blhende Wange war sehr bla. -- Auf einen Wink der Ersteren ward der weie Gartensessel mit seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse getragen. Hier lie man die Vorhnge tief herab, und die entseelte Hlle auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezndet, auf da es hell wrde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei ihm, weil sie frchteten, er knne im Starrkrampf liegen. Htte der Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache wrde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren geheimnivollen Schein auf seine schweigsamen Zge warf, blhete ein glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte sich fr jenen Freibrief geffnet, der nicht mit Dinte geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes. Drauen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nchtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich mhlig ber den Leichnam aus -- da verlie ihn die Grfinn unter den Flgeln der Morgenrthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre erschpften Krfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen, ob sie ein wenig schlummern knne? doch ihre Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ngstlich unter dem weichen Sterbepfhl ihres Grovaters. Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflsung desselben dargethan, ohne Gerusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegrbni in Bhle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung zu spter Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem dstern Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nchte sinkt, fielen Albanens Thrnen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen.-- * * * * * Nachdem der Administrator seiner brderlichen Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht gengt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschlu dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurck. Auf der langen Reise hatte er Mue, ber dies Fragment seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brder waren nun beide todt. Die Beschftigung mit den Papieren des Jngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als das Vermchtni der mtterlichen Natur ihn jemals fhlen lassen, da sie ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefhl von Einsamkeit mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche lnger als zwei Jahre in huslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine Auflsung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch htte die Weite den Verknpfungspunkten ihrer gegenseitigen Anhnglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein fr weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural.-- Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thrnen Prunk zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswrdiger Gewandtheit vernderte sie den Faltenwurf des Trauerflors, und verhllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben mglichst zu genieen, und kaum die Ble der flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen knnten. So hatte die schne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, da sie, sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister heirathen werde, und sich von diesem Bndni des Glckes Flle verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in den geheimsten Zgen eines Mnnerherzens lesen lt, verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Brgschaft leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften des knftigen Gatten, von seinem Erbvermgen, was sie ber jeden Mangel hinwegsetze und sicher stelle; als ob sie darin die Gewhr fnde, welche zunchst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlssigkeit beruhete. So drfen wir auch hoffen, setzte Therese wie zum Facit der aufgezhlten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, da die gute Baronin uns ihr schnes Gut vermache. Sie hat schon ein Wrtchen davon gemunkelt. Dann lebe ich den Sommer ber hier, glckselig wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fu, auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh! so geht bei uns das Sprchwort in Erfllung, wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Der Administrator hing schweigend an diesem geschwtzigen Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem pltzlichen Ingrimm berrascht: nun so spanne Deine Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, da ihrer keine der Geier hole. Therese sah ihren Schwager betroffen an. Bist Du mir bse, Clestin? fragte sie, scheu geworden, und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut? Herr Prlat verneinte mit Hitze jede Animositt gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann: wie sollte ich Dir zrnen, Therese? Du bist ein Weib!-- Er lchelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in diesem Lcheln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. -- Er nahm einen khlen Abschied von der knftigen Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar warme Thrnen in die Augen. Die Baroninn Lenau empfand, vermge der Sympathie ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrbte, und sagte, als diese weinte: das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende. Theresen aber fiel der Taufstein auf das Herz.-- Der Administrator hing, wie wir bereits erwhnt, seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres Mannes war in ihm gekrnkt, sondern der Mann im Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, da ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren Verkltung entrissen. Er dachte an die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, da der pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer Schwgerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, da Therese _abwesend_ war.-- Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit ins Grab strzte: so mute die philosophische Selbstfrage in dem letzten der drei Brder entstehen: von welchem Geist und Wesen _sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Grnde seines Herzens hinab, und was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. -- Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an diese gttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft untersttzte ihn, wenn gleich als Kummersule. Die Nachricht von der Ankunft der Grfinn hatte seinen Freund Sylvius auer sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser uersten Aufregung verlassen mssen. Jetzt dachte er bekmmert darber nach, was aus diesem ganz einzigen Verhltni nun werden solle? -- In den zartesten Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glckes davon ab -- und nicht der kleinste. Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct Capella an, und das Erste was er vernahm, war: da Graf Frankenstern unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser desselben erschrak ber diesen Verwesenden; denn da Grfinn Albane nun wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen wrde, war die natrlichste Ideenfolge; aber sie fhrte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einde. Seine Wohnung duchte ihm unsglich weit, und so war es ihm im Stillen lieb, da er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth des Hauses willkommen zu heien. Der Administrator stattete Bericht ab, jedoch in Krze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergnzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, da ihr Wissen, wie das unser Aller, nur Stckwerk seyn solle, und wie auch Veronica, die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von der Erbsnde einer kleinen Neugier gar nicht frei.-- Herr Prlat lief flchtig ber die Vorgnge der Krankheit und ber den Hgel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas lnger bei dem Glck des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was auch zu diesem gehrte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als mglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon. Der Major hob an: der Rudolph hat Glck, und ich gnne es ihm von Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tchtiger Mensch, ein ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, da er nicht zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen -- und die verfngliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir die Obristinn erzhlte, von gesponnenem Glase. Eine gefhrliche Masse, das! man macht auch kleine Sprhteufelchen davon. Und dabei fllt mir eine merkwrdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, lie ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlpfen, worin solch ein gehrntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grnliche durch die geschmorte Rinde in die schwarze Hlle der gegossenen Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber a den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit, und wrde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Fllsel die Zunge geritzt htte. Gott behte und bewahre! rief die Nonne mit frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, wie war es mglich, da Sie ohne Schaden davon kamen? Der Major lachte und sprach: Was verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater tobte, da ich den Teufel im Leibe htte; und die Mama kochte ohne Unterla Milchbrei, den sie mit mtterlichen Thrnen salzte. -- Aber um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele wnschen, da die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben nicht versalzen mgen. Fabia lchelte ganz leise. Sie sprach: Therese lsset ihre Lindigkeit kund werden Jedermann -- und das Kchenwesen war nie ihre Sache. Der Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwgerinn sich glimpflich auszudrcken wte, indem sie doch verstndlich genug andeutete, da Coquetterie und Mangel an Huslichkeit, diese Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen Glckseligkeit, von der die Rede war, schdlich werden knnten. Und wie in unbewuter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort und sprach: der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergllt ihrem Manne jede Freude, und brt ihn am langsamen Feuer!-- Ach! entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem khlenden Seufzer, Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll es da oder dort so seyn. Die Frauen, hrte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn es nicht etwa bser Leumund redet -- sind ihren Mttern hufig eine Nebensache, und fterer lstig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau -- aber da mein Geschlecht dahin entartet wre, scheint mir kaum mglich. So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Mnner die schnste Gelegenheit links liegen lassen, das gttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleiiger den Himmel bauten: so wrde sich seltner ein Stein des Anstoes fr das Heirathen finden. Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drckte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: Hoch hinaus wollen sie wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstnde: da wre die Loosung: Ein Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glck und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. Sie wrden jeden Mann nicht allein glcklich gemacht haben, sondern auch _gut_. Bei dieser Erklrung in Krze errthete Veronica durch die blasse Tnche des Alters so jungfrulich schn, als htte dies rauhe Betasten ihrer zartesten Gefhle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Sptrose abgerieben. Herr Prlat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach: an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, da so wenige Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie gegrndet? -- Ich erinnere mich, da meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen franzsischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Brutigams in der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprchelchen im Munde fhrte, wovon ich nur den Anfang noch wei: der Eine thuts um der Ducaten, der Andre um ein schn Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwlf Aussprche enthielt dies psychologische Orakel. _Zwlf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel. Legion heit ihre Zahl, und dann wre der Einzige noch nicht darunter, auf den sich bauen lt: _wahre Liebe_! Wahre Liebe! wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das leise Spottlcheln, welches ihm auf der brtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit der Andacht des Gefhls ausgesprochen -- hohnneckte. Es ist damit, fuhr er fort, wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie Viele bekennen sich blo uerlich dazu, ohne diese gttliche Mutter des Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Mnner besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind dem heidnischen Gtzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlser wird da tagtglich gekreuziget, so da ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mgte. Wer Sie so hrte, Herr Major, entgegnete hierauf die Nonne, welcher es leise bengstigte, so oft ein religises Bild, behuf der Rede gebraucht ward, der sollte glauben, Sie sprchen aus Erfahrung. Und doch wei ich von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau gefhrt haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche Dame gerhmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu geschweigen. Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie der Gerhrte unwillkrlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme antwortete er: meinen Sie, Schwester Veronica, da, wenn jene Erfahrung meine eigene wre, ich sie ausgesprochen haben wrde? -- Meine Frau war gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es gewesen. -- Doch dehalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's! es ist an der Zeit. Es war auch an der Zeit, dies Gesprch zu enden. Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht minder als der gegenwrtigen angedeihen lie, hatte kein Wort mehr gesagt. Ihr duchte, sie htte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschtzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wnschte, er mgte einmal zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mute er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major davon sprach, da er die abgeschiedene Gattinn erst vollkommen gewrdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekrnktem Geiste das Amt der Schlssel nieder, und ahnete nicht, da diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen leisen Schritt vorauseilte. * * * * * Noch immer hatte Grfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil seiner Beruhigung daran zu knpfen schien, da seine Frau ihm angehre, lie nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hlfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden schrte den Funken, der in der Asche glomm, worin Albane bte -- und Josephinens rhrende Frsprache gewann endlich ihrem Vater die heiersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt erschttert, da sie glauben mogte, die heftige Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen mute, werde drein gehen. Und so war der Entschlu dazu gleichsam ein Abschlu aller bisherigen Verhltnisse, und sogar erforderlich, um Josephinens willen. In der Stunde, worin die Grfinn ihren Gemahl in Bhle erwartete, sa sie am offnen Fenster und allein, von jener suselnden und summenden Frhlingsstille trumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens, aus seinem innersten Dster herauf, Gefhle der Vergangenheit beschwrt. Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hrte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein Nherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mchtige Fortschritte gemacht, seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung, ber welche er sonst Macht gebt, konnte ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermgend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thre stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war -- und eine weite wste Welt lag zwischen ihnen. Albane! sagte er leise, und ein paar groe Thrnen rollten ber seine Wangen, bin ich Dir gar nichts mehr?-- O! welch ein Zauber liegt in der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine Stimme enthlt den Schlssel zu jedem Geheimni der Harmonie, und kann, ob sie durch tausend Miverhltnisse hindurch klnge, nie zu einem Milaut fr die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenrthe der Jugend einst zu den Gttern erhoben, zeigte sich gebeugt von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt, da ihr unsterblicher Antheil der seine wrde.-- Die Grfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lcheln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen drfen; es war das geistigselige Lcheln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte, die so wenig eines Lautes mchtig schienen, wie ein krperloses Wesen der Rede fhig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach mit bebendem Munde: vielleicht, Sylvius, wre es besser gewesen, wir htten die _begrabene Liebe_ frherer Jahre ruhen lassen--; aber, da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden gereichen, da Du mich shest, so komm doch nher und la uns freundlich zusammen sprechen! Diese Antwort zerri Romanas mnnliche Seele. Was ist das _Zrnen_ der Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht mglich war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes zu fassen, als jene Erinnerung. Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Da Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genge leistete, ermannte ihn. Gefat entgegnete er nun: ja, theure Albane! es ist die Bedingni meines Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann, da ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du whntest, und mindestens -- wie Dein Gefhl auch entscheide -- mich bedauern mssen. Hre mich gutwillig an! Hierauf erzhlte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schtz, einfach und wahr. Er verschmhete, nach edelsinniger Art, Alles und Jedes, was jenem Verhltni zur Beschnigung dienen knnen. -- Diese Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewltigen, erschpft; und so eilte er zum Schlu und sprach: Du weit nun Alles -- und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _uern_ Beziehungen nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst auflsen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und wei, da ich Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wre es Dir nicht mglich, einen flchtigen Augenblick zu vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, fr den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der ffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bndnisses, und -- lass' mich es hinzufgen: zu dem Glck unseres Kindes?-- Die Grfinn athmete tief. Sie schttelte leise den Kopf, lchelte weinend und verneinend und sprach: der Himmel sey mein Zeuge! ich zrne Dir nicht. Auch mte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurckgehen ist unmglich, des griechischen Sngers Gattinn verschwand vor einem Rckblicke. Ein erstorbenes Gefhl lt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich mich die Deinige wute -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch -- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein so unglckliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob wir verdient haben, mit einander glcklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein Verhltni der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen mssen Diejenigen ein Glck verschmhen, welche es sich anzueignen wagten, ohne hhere Befugni, als die der Leidenschaft. -- Wir vershnen den Himmel durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Vter uns von dorther segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu knnen, als das Band der Stola uns zusammenfgte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein. Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe berlt mir das kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist lngst berichtiget. Gnne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_ Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil jener frheren sen Tuschungen wird mir wiederkehren, der Traum Deiner Nhe wird mich begleiten und beglcken, und so werden meine Tage gleichmig hinrinnen, wie das Bchlein unter dem Kreuze, welches dort die Wache hlt. Albane! rief Sylvius mit heftigem, mit heiem Schmerz, Du reiest mir mein Herz entzwei, und ich wei nicht, ob gtiger als grausam? Vermag nichts, Dich zu bewegen, da Du anderes Sinnes wrdest? Du solltest dies nicht einmal wnschen, viel weniger fragen-- antwortete die Grfinn bedeutsam. Sieh es doch ein, mein Sylvius, es geschieht zu Deinem Besten, da ich mich Deinem Wunsche weigere. Willigte ich in Dein Begehr, es thte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise knnen wir vereint seyn -- sonst nicht. Snke ich in Deinen Arm: ein Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurck, und so oft ich die Ebereschen Frchte tragen sehe, wrde mein Herz bluten. -- Und Wer mgte sie zhlen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der tiefen Wunde enttrufelten, die Albane geschlossen whnte? -- Doch nur ihre abgehrmte Wange war gerthet, und hellblinkende Tropfen standen in ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhrtung des Vorwurfs, etwas vom Zartgefhl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer ausgelscht werden knne. -- Und whrend eine unsichtbare Feder in der Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er mit berredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an Josephine, und wie das Verhltni des Mdchens sich bei dem Zwiespalt der Eltern nun gestalten solle?-- Sieh! antwortete die Grfinn mit nachsinnender Miene, auch die Mutter mu ben, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als ob das liebe Kind mir nicht angehrte. Nur was man selbst gebildet hat, daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift sehr glcklich zu fhlen, so knnte sie zunchst unter Deiner Aufsicht dort bleiben. Noch bin ich durch die verhngnivolle letztere Zeit zu befangen, als da ich sogleich das Beste ausfinden knnte; aber Gott wird Alles zum Guten leiten!-- Wenn Du auf diese Weise am Ende bist-- entgegnete Sylvius, so drfte meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber vielleicht eine Ruhesttte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich Josephinens annehmen, da Du selbst das natrlichste Glck abweisest? -- Die Grfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lcheln. Dann sagte sie: ich liebe Josephinens Glck mehr als das meine -- _darin_ fhle ich mich wenigstens als Mutter. Ohne da Beide es merkten, verlngerte sich dies Gesprch bis in den dmmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen, als sollte sie ihn halten, so hatten sich whrend ihres trauten Zusammenseyns abgerissene Fden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen leise wieder angeknpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer abgeschiedenen -- webt geschftig. Es wird mir nicht leicht, zu scheiden-- sagte Romana mit einem Ton, der diese Versicherung beglaubigte, meine Fe sind wie Blei, und versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf ich Dich wiedersehen, Albane? Er sah sie dunklen Blickes an. Das Auge der Grfinn glnzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete: wenn es Dich trsten mag--: so sollst Du mir willkommen seyn. Darauf fate er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte Hoffnung zu fassen wagt, und fhlte einen leisen Druck der seinigen. Dieser elastische Druck hob mit berirdischer Federkraft den Stein von seinem Herzen, von der Thr der begrabenen Liebe -- und ein Engel des Trostes, mit Flgeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen, ging daraus hervor. * * * * * Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach Bhle hinber fahren, und der Grfinn seine Aufwartung machen, deren Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien. Vielleicht htte das Interesse fr diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit gegnnt; aber das Verlangen drngte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prlat aber blickte auf keine Weise verblendet, die schne mnnliche Gestalt musternd an, welche auch ein miger Grad von Selbstgeflligkeit tadellos gefunden haben wrde. Er schaute vielmehr ber aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an den Fltchen der feinen Halsbinde, whrend er gleichgltig dazu aussah, und gleichsam unbewut der verbessernden Mhe, die er sich gab, nur an die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem Katheder. -- Doch pltzlich schien unser Professor der Psychologie sein Studium zu wechseln, daran zu erkennen, da er die Farbe wechselte, und da ein so entzcktes Lcheln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen Stern aufgehen she. Und wirklich war dem so. Die Thre ging auf, und im Hintergrunde des Spiegels -- als htte, Der hinein sah, eben eine Frage an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem Glanz jugendlicher Schnheit, erhht durch einen Schimmer berirdischer Freude, den die Trauer nur wie ein Wlkchen umdsterte -- verschwand Alles. Josephine! mein einzig Mdchen! rief der Administrator mit dem hellen Laut wonniger Ueberraschung, wo kommst Du her? eben wollte ich nach Bhle. Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen -- und onkelhaft dreist kte er die sen Lippen. -- Dieser Ku -- die glckselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mdchen der Sprache. Ach! knnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, da ich wieder hier bin! sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, Seit ich wute, da Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich qulte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da mute sie endlich meinen Bitten nachgeben. Herr Prlat lchelte begeistert. Du Herzenskind! sagte er gerhrt. Also hlt die Grfinn doch so viel auf Anstand? Man glaube nicht, da in dieser Frage der mindeste Vorwurf fr die arme Albane lag. Nein! nur eine leise Verwunderung, da bei dem einsamsten Unglck noch dieser Sinn fr das Schickliche gefunden wrde. Nun, so ist es mir lieb, setzte er schnell hinzu, da ich nicht zgern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewhnlich nicht zurecht kommen. Das sehe ich! sagte Josephine lachend, und schickte sich an, nachzuhelfen. Es ist nicht allzuschn gerathen. Dieser Zipfel hier, nimm es mir nicht bel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmtze des ehrwrdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch ein Kntchen zu knpfen? Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das Licht, welches dem Administrator whrend dieser verfnglichen Minute aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hnde an Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bnder ihres Hutes bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzgen -- _ihr_ Athem spielte fhlbar wie ein laues Lftchen, und immer wrmer wurde ihm ums Herz. Er lie sie zierlich gewhren, und verhielt sich schweigsam und lauschend. Die magische Schleife war nun geschrzt -- legen die Grazien jemals eine Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden.-- Auf _bindende_ Knste-- uerte Herr Prlat etwas gepret, versteht Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine! er hob das Mdchen zu sich empor, berhebe mich knftig dieser Mhe -- heirathe mich, liebe, theure Seele!-- Onkel! rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfruliche Wange glhte zwischen Schaam und Zrnen. Sie hielt diese Sprache fr einen Scherz. Ich bin Dein Onkel nicht! entgegnete Jener heftig, diesen Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied unserer Jahre durch gehrigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer, Du wrst mir gut -- so knnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und Alles bliebe beim Alten. Da lag das Mdchen an seiner Brust und stammelte: wenn es wahr wre -- o Gott im Himmel! Es ist wahr! wiederholte der Administrator im gefhltesten Entzcken dieser Versicherung, und drckte das holde hingebende Wesen innigst an sich, ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich mchte es nicht ruberisch an mich reien, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen. Wer wei, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu krnklich -- oder was Du sonst an mir etwa auszusetzen httest. Mir hast Du nur Einen Fehler, meine se Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich gewachsen.-- Er lchelte wie ein Liebender, indem er den schlanken Wuchs des Mdchens mit einem langen Blicke ma -- nicht nur wirklich ein Stckchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern berhaupt allen Forderungen und Wnschen an meine knftige Frau vllig gewachsen. In reizender Verwirrung antwortete Josephine: es mag vielleicht geziemend seyn, da ein Mdchen an sich hlt: ich gebe Dir mein Ja ohne Weiteres. Wen knnte ich lieber haben? -- Alle meine Wnsche sind erfllt. In diesem Augenblicke wei ich es erst ganz, wie unglcklich ich geworden wre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer verlassen mssen! Jetzt bin ich Dein!-- Sie warf sich mit dem Ausdruck der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend, und der Spiegel verdoppelte ein Bndni, magisch geschlungen, in dem einfachen Glck der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie im Himmel giebt.-- Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Grfinn, noch an Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wrtchen dazu sagen knnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung fr unser Geschlecht, welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen lt, wenn es unser Herz etwa wie ein Pfeil treffen knnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte. Josephine flchtete mit ihrem Glck in das Betstbchen der Nonne, und legte das Bekenntni desselben auf diesem jungfrulichen Hausaltare nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nthig gewesen, brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. Htte ich doch nicht geglaubt, sagte das Mdchen mit jener Traulichkeit, in welcher auch die schchternste Verlobte sich dem ausschlieendsten Vertrauen annhert, woran der Geliebte ein Recht hat, da ich einmal Gott danken wrde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche Braut ansehen mssen. Lieber! versume doch ja nicht, sobald als mglich mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir weniger. Meinst Du, fragte Herr Prlat, der brgerliche Eidam werde der Grfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, Josephine!-- Das Mdchen kopfschttelte zu diesem Zweifel und sprach: Du kennst die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gnzlich ohne Anspruch und Eigensucht -- Fabia hingegen-- Josephine flsterte diese Worte, neigt ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn: denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wre ich nimmer nach Sanct Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verstrmen, da ich die theure Albane nur einmal lcheln she. Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen grten Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand. Wir knnten sehr bald mehr als quitt werden-- gab ihm jener zur Antwort, Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Glubiger, sondern schulde Dir zwiefach. Wenn dies Dein Ernst ist-- entgegnete Herr de Romana, so nimmst Du einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge gewesen, das Mdchen werde die Jugend hinkmmern, bei der traurigen Mutter, und mit all seiner Liebenswrdigkeit der Bestimmung des Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du Josephinens Neigung auch gewi? Ich denke doch! antwortete der Brutigam lchelnd, so gewi man irgend einer weiblichen Neigung seyn kann.-- Ein leiser Seufzer verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung. Auch hoffe ich, setzte er hinzu, das Kloster werde mich schtzen, das Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darber nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen glcklich machen knnen, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: da sich auf der Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschpft, Witz und Phantasie und Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist. Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: aus welchen wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, da jene sympathetische Regungen der Freundschaft fr Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mdchen knpften? die magnetische Kette der Gefhle, wie weit auch angelegt, lt uns empfinden, wo unser Herz stark berhrt war. Was mich ferner mit zrtlicher Innigkeit fr das Mdchen erfllt, ist nicht die holde Bildung allein, sondern auch der Einflu ihrer Bildnerinnen. Darunter drfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch sehr achtungswerth. Und das mit Recht-- erwiederte Sylvius. Sie gehrt meines Erachtens zu den unerkannten Gren. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff fr eine Frau, ist ein Fels fr das Vertrauen. Ich schtze Fabia sehr hoch. Der folgende Morgen war schon weit vorgerckt, ohne da Herr Prlat einen Augenblick finden knnen, in welchem seine Schwgerinn zu sprechen wre. Frau Fabia schien von kleinen geschftigen Sorgen umringt, so da sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer Miene lie ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr ber eine Sache zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner Huslichkeit geschehen mgte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich ihm aus. Endlich haschte er den gnstigen Moment und sprach: gnne mir ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen. Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefat hatte, leise los, setzte sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, da man sich nur auf flchtiges Verweilen einlassen knne und wolle, und sagte: nun, so lasse doch hren, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll. Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wute nicht wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: Deine Stimmung Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurck. Ich wollte Dir eben erffnen, da ich -- da Josephine-- Fabia lchelte, ihre Gesichtsfarbe war blsser als gewhnlich. Sie sprach: das kme zu spt, Freund -- die Grfinn hat mir diesen Morgen geschrieben, da Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den Wunsch, da der Herr Alles wohl gelingen lasse! Und whrend Fabia diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lcheln ihres Mundes in Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt ber die Taubenpost der weiblichen Mittheilung, fhlte ein heies bitteres Aufwallen in seinem Herzen, ber das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem Ton: Fabia, es scheint, Du zrnest mir. Glaube nicht, da ich Dir zurckhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewut gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete, Josephine werde als mein Weib mich glcklich machen. Und wenn diese Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das Mdchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem Glck. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht?-- Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. Nein, Bruder! antwortete sie mit jener Besnftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewiheit angehrt: das wrde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- wrde der Major sagen-- Fabia lchelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafr meinen besten Segen. -- Jenes Geheimni, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gels't -- Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer Pflicht genug, und diese umfat der Trauring. Ich werde mit der Grfinn ziehen. Die arme Albane wre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, da ein treues Gemth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben. Der Administrator stand stumm und sah zu Boden. Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: wir wollen nach Bonna. Dort hat die Grfinn einen Wittwensitz, den sie schwerlich tauschen mgte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls, Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ wrde ich berflssig seyn, das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in spten Tagen einen Theil der Jugend zurck. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glcklich war. Ich werde in der Nhe ihrer Grber leben -- und den Garten des sdlichen Daches pflegen, den der selige Oberfrster Romana angelegt -- die Sonne mag jetzt wohl eine Wste darauf bescheinen. -- Ich bin alsdann -- Du weit es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf meines Zions Zinnen. Fabia! antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rhrung bewltiget, besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich fr die Grfinn ein Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehrst zu meinem Glck. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als da sie Deines Rathes nicht wohl entbehren knnte. Sie hat _Dich_! entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles Weitere behob, und also den Rath und den Helfer dazu. Und was wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig. Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher Engel wrde es verschmht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu machen. Es ist eine gttliche Sphre, allwo der Ruhm verschwindet, den wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf der mngelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedrfni menschlicher Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tnen ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrckten Gefhls, in welchem Fabia sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte. Der Administrator dachte beklommen dem Entschlu seiner Schwgerinn nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie knftig zu vermissen. Seine brderliche Freundschaft fr die getreue Fabia lie ihn nicht ergrnden, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre. Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschlu widersteht, der sich ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn selbst knnen sie beschworen werden.-- Freilich sah Herr Prlat ein, da Fabia, im Ganzen genommen, Recht htte, da ihre husliche Unfehlbarkeit, Josephinens schchternen Versuchen, als Hausfrau fr sich allein zu stehen, hinderlich seyn wrde; da die Grfinn Jemandes bedrfe, der mit zarter achtsamer Sorge um sie sey -- und wie es in der religisen Bufertigkeit von Fabiens Character liege, sich selbst zur Shne zu geben, fr das Unrecht, was Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhltni nicht nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob eine Flamme sich trenne.-- Frau Fabia nahm sich zusammen, auf da sie ein achtungsvolles Gedenken mit hinweg nhme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht dafr, da die Hochzeit weithin aufgeschoben wrde. -- Aus der Ferne kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um nicht viel spter anberaumten. Dann wollten die Neuvermhlten im Herbst zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjngte sich vor Vergngen. Er htte sich beinahe von seinem Sprichwort entwhnt, denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte, und -- Alles taugte ihm.-- Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub ber Winter. Vielleicht wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamrthe abkhlen, womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wre.-- Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich des Amtes der Schlssel. Die Redlichkeit, womit sie beides gefhrt, gab diesem kleinen Act etwas Feierliches. Fabia! sagte der Administrator gerhrt, wollte Gott! mein Facit wre einst dem Deinen gleich, und wir Alle knnten in der Rechnung bestehen, wie Du! -- Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen! der Himmel mge Dich dafr belohnen! Er kte die ntzliche Rechte mit einer greren Wrme als der Dankbarkeit -- und diese zuverlssige Hand zitterte ein wenig.-- Am Morgen der Trauung -- Josephine war nur wenige Tage vorher von Bhle nach dem Stift zurckgekehrt -- brachte Schwester Veronica ihrem Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte sie: Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von _meinen_ Hnden sollst Du ihn empfangen. Das zarteste jungfruliche Bewutseyn lag in diesen Worten. Und indem ich Dir ihn aufsetze-- die Nonne that es mit leisem Beben, ist es mir, als wrde mein liebes Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altre, die der Himmel aufrecht hlt! -- Als ich im Frhling die Zweiglein von der Myrthe schnitt, zu dem Todtenkrnzchen fr die kleine Julie, und Perlen dazu fdelte: wenn mir das der Baum damals gesagt htte! -- Auch in diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthrnen! trage ihn zu lebenslnglichem Glck! die Krone der Unschuld, die Dir Dein Engel reicht, _die_ trgst Du ewig! -- Heute fhle ich wieder wie gro Gott ist! wie gut! -- Ich bin Jungfrau, und Dein brutlicher Anblick lt mich das Entzcken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schlieen -- und dann den Ring erben. Josephine umschlang die Nonne, und drckte schon jetzt, sanft kssend, die weinenden zu, das heilige Vermchtni zu besiegeln. Sie war eine Erbinn dieses Herzens und seines Friedens. [ Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant", "Obristin" -- "Obristinn", mit folgenden Ausnahmen, Seite 6: "Aufsicht" gendert in "Aussicht" (ohne Aussicht auf eine andere Versorgung) Seite 18: "nnd" gendert in "und" (und fragte ihn um seine Meinung) Seite 19: "" hinter "Freundes." entfernt (und Romana lag in den Armen seines Freundes.) Seite 26: "Gemeine" gendert in "Gemeinde" (Anhnger einer frommen Gemeinde geworden sey) Seite 26: "geretttet" gendert in "gerettet" (auf beinahe bernatrliche Weise gerettet worden) Seite 59: "" eingefgt (doch diese Frage ist wohl vom Ueberflu) Seite 64: "erinnnere" gendert in "erinnere" (an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere) Seite 66: "," gendert in "," (Entlassen Sie mich--, bat Albane) Seite 79: "Famile" gendert in "Familie" (Juwelen der grflich Frankensternschen Familie liegen darin) Seite 84: "entsinnnen" gendert in "entsinnen" (jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen) Seite 86: "" eingefgt (Mein Herr und Heiland!) Seite 90: "bersttigung" gendert in "Uebersttigung" (Vielleicht hatte eine gewisse Uebersttigung) Seite 103: "" vor "regieren" entfernt (regieren gestrenge Herren nicht lange) Seite 103: "" eingefgt (Des Abends waren wir zusammen) Seite 104: "," gendert in "," (Nicht immer--, antwortete sie halblaut) Seite 112: "" eingefgt (Du bist nun auch eine Wittwe) Seite 126: "," gendert in "," (Ich glaube Ihnen--, sagte Rudolph bewltigt) Seite 128: "" eingefgt (heute noch! sogleich) Seite 133: "," gendert in "," (Sie werden--, dies setzte der Lieutnant) Seite 134: "." eingefgt (dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.) Seite 135: "Blabau" gendert in "Blablau" (mischte das Blablau eines fernen Amphitheaters von Bergen) Seite 138: "Vei" gendert in "Bei" (Bei einem Bug der Strae ffnete sich die Aussicht) Seite 142: "gefordet" gendert in "gefordert" (nichts von der jungen Frau gefordert ward) Seite 151: "" eingefgt (Noch ist die Mutter betubt) Seite 163: "" eingefgt (Deine--) Seite 170: "," gendert in "." (Josephine scheint ein Engel.) Seite 171: "anwortete" gendert in "antwortete" (Die fromme Fabia antwortete) Seite 172: "Borna" gendert in "Bonna" (den Tag vor ihrer Abreise von Bonna) Seite 174: "sie" gendert in "Sie" (doch werden Sie zugeben, da jenes Depot geeignet war) Seite 175: "" eingefgt (htte ich diesen Schlssel wohl so nahe) Seite 196: "Batrachtungen" gendert in "Betrachtungen" (In Folge dieser Betrachtungen sagte er) Seite 202: "geschwisterliche" gendert in "geschwisterlichen" (ri bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab) Seite 202: "Thereseu" gendert in "Theresen" (Was soll nun aus Theresen werden?) Seite 202: "" eingefgt (Ich glaube, gute Fabia,) Seite 202: "dem" gendert in "den" (Er schlo mit den Worten) Seite 205: "des" eingefgt (giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele) Seite 206: "Offfziere" gendert in "Offiziere" (Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator) Seite 208: "das" gendert in "da" (Aber eben so gewi ist es, da jenes schpferische Genie) Seite 213: "" eingefgt (Mir ist wahrhaftig in Gott) Seite 242: "ffentlilichen" gendert in "ffentlichen" (zu der ffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bndnisses)] End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwgerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke License: Share Alike