E-text prepared by Jens Sadowski WALTER HASENCLEVER DAS UNENDLICHE GESPRCH Eine nchtliche Szene 1913 KURT WOLFF VERLAG LEIPZIG Dies Buch wurde gedruckt im Mal 1913 als zweiter Band der Bcherei Der jngste Tag bei Poeschel & Trepte in Leipzig Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1913 In der Bar Santa Maria Mercede Chor der Kaufleute: Aus den roten Ozeanen, Festmoscheen, Goldfasanen, Aus dem Spuk der Karawanen Sind wir nun herangesplt. O der Glanz auf allen Spiegeln Droht uns wieder aufzuwiegeln -- Lat die Tren gut verriegeln: Leben wird hier ausgefhlt. Wit ihr noch, mit siebzehn Jahren Dritter Klasse hingefahren Auf die groen, wunderbaren Schiffe, die in Hamburg waren! Banken unsrer Vter krachen, Mgen wir darber lachen. Denn wie Apfel rollt uns kalifornisch Gold. Heulten Neger, bers Meer geprgelt, Dampften Pferde westwrts, ungezgelt: Wen die Gier des Herzens berflgelt, Dem ist unsre Erde hold! Manchmal aber schollen Dampfer, Post und Winde; Einer Ansichtskarte, einem Kinde Sahen wir die Heimat an. Und wie bermannte uns der Himmel, Ersten Hauptbahnhofs Gewimmel -- Ankunft, die man nicht beschreiben kann! Brach nicht unser Knie bei der Douane, Fhlten wir die eingebornen Krahne Und den Leuchtturm wehen von der Kste, (Die man weinend noch im Ozeane berschwenglich zog an alle Brste!) Doch nun reicht die Mischung der Getrnke, Da ein guter Geist uns wieder schenke Im Unendlichen ein Stelldichein; Urwald, bertrumpft von Weibern, Flaschen, Durch die Luft Orkane von Gamaschen Und im Eise mancher Wein! Wurden wir nicht einst ertappt von Lehrern, Hier an diesem Tisch zuerst geschwellt; Ausgestoen hat man den Verehrern Einer grten Welt uns zugesellt. Nun zurck nach zwanzig brtigen Jahren! Alte Sttte, die so weh getan. Und was damals fnfzig Pfennige waren -- Reiht ihm heute alle Schtze an! Der Eintretende: Wie schauert mich, im Duft der ewigen Nchte Am gleichen Orte wieder zu verweilen! O knnt ich, Abenteuer, dir enteilen -- Was kommt die Liebe nicht zu jedem Knechte! Voll ungenossnem Glck und Weltbegehren Greif ich in spter Nacht zu meinem Hut, Um grenzenlose Wunder zu verehren -- Doch schon am Freudenhause sinkt der Mut. Und leb ich so, in manchen Tag verschlagen, Sterb ich des Nachts am Ruhm von Kavalieren. Mich wird die weie Weste niemals zieren, Und keiner wird mir eine Ehre sagen. Werfel: An unsern Tisch, wo noch Zigarren ringeln, Du Mann aus mitternchtgem Pferdetrab! Leg deinen Mantel, leg den Purpur ab -- Vergi die Schreibmaschinen, die dich klingeln! An deine Sche hingen sich die Gassen, Doch deine Schritte wehten bers Meer; Der gleiche Gott der Liebe trieb dich her -- Du wirst die Freudenhuser nicht mehr hassen. Vielleicht ist vieler Menschen Todesstunde, Indes wir uns begegnen hier im All, Und manches Wesen fllt mit dumpfem Schall Aus weher Mtter Scho und Munde Hinab auf unsern dunkeln Ball. Mein spter Freund, fr diese Nacht geboren, So la mich etwas Gutes an dir tun! Hast du die Schlssel deines Tors verloren, Sollst du die Nacht in meinem Bette ruhn. Gott strzt mich wieder in die Welt hinein -- Klaviere, auf! Ich fhle Angst und Feier. Empfangt den Geist, ihr brgerlichen Schreier: Auch eure Liebe wird unendlich sein -- Denn ich will Gottes Wort in euch vollbringen, Will Freund und Feind sein, Erde, Hur und Kind; Doch mehr als allen Glauben will ich singen, Da _wir_ im Himmel und auf Erden _sind!_ Und mehr als alle Demut will ich leiden, Ein Heiland, den euch der Prophet verhie; Wenn einst die Eitelkeiten von euch scheiden, Verknd ich euch das groe _Paradies!_ Chor der Damen: Solange sich die Mnner echt gebrden, Und das Monokel hoch im Auge raucht, Solange Busen und Korsett gefhrden, Ist unsre Nhe wichtig und erlaucht. Und spricht ein Herr: Du bist wie eine Blume, Und fallen groe Huser bebend ein: Roger und Gallet regnen die Parfume -- Wir werden niemals berwunden sein. Kauft uns ein Obst! Bestellt uns eine Mischung! Wir schenken euch die herrlichste Erfrischung Vom Mdewerden in die Dmmerung. Man kennt sich aus in hunderttausend Betten; Jede Matratze hat ihren Sprung. Wenn wir den Leib an unsre Strmpfe ketten, Berauscht uns vieler Nchte Erinnerung. Wie Sektflaschen schwanger sind von donnerndem Schaume, So wehen wir auf: ein berall seiendes Ding. Vielleicht an irgendeinem Wstensaume Trifft man sich wieder, ihr Herren vom Ring! Wer wei, ob unsre Mutter in Gotha noch Zimmer vermietet; Ob unsre jngste Schwester eine Fehlgeburt hat! Wer bezahlt den Friseur! Wir sind nicht satt. Wer uns heute abend ein Roastbeaf bietet, Sei gestrzt in unsre rasende Stadt! Olly: Manchmal im Schlaf an meiner Mutter Brste Trum ich von dir (ich lieb dich) in der Nacht. Mein Haar in meiner Hand empfngt die Lste; Vom Kssen ist die Mutter aufgewacht. Sie ruft mich, was ich habe, und berhrt mich; Doch nher schwebt dein Bild wie ein Modell -- Aus Finsternissen wchst es und entfhrt mich; Denn du bist bei mir, und ich zucke schnell. Dann lieg ich lange wach in meinem Hemde Und sehne mich nach Leid und Glcklichsein; Mein Bruder, den man totschlug in der Fremde, Tritt an mein Bett -- und Weinen hllt mich ein. Noch singen in den Bars die Melodien, Sind viele Spiegel hei um mich geschart; Ich werde manchen Herren noch entfliehen. Wer holt mich fort zur letzten Droschkenfahrt? Hasenclever: Ich trage einen Gott von deiner Erde, Erscheine denn, gebannt durch mein Gefhl! Sei etwas, das ich nie besitzen werde -- Einst sollst du reiten auf Tiergarten-Pferde, Du sechzehnjhriges Tanzgesicht vom Brhl! Erst wenn du brennst in vielen Herzen, Entzndet sich dein Herz in mir. Im gleichen Raum und in den gleichen Schmerzen Kommen wir nher, Gott, zu dir! Sei mein Geschpf! So will ich dich begatten, Da du mir gleichst und mit mir wchst ins All; Noch stehst du ngstlich unter deinem Schatten, Da ruft dich ferner Spuk und Autoschall. Ich will dich in Madrid spazieren fhren, Und in Venedig sollst du Hure sein; Du wirst die Wunder aller Sphren spren -- So tritt in ihren Zauberkreis hinein! Erstrahle in Theatern und Parketten, Nimm Ehre, die dir damenhaft gebhrt; Verlier im Blick die Dirnen und die Betten, Du Ladenmdel, das ich einst verfhrt. Du lebst, fr mich gewollt. O ewig Neue! Die gleiche Flamme lodert uns dahin. In jedem Abenteuer, jeder Treue Sei bei mir -- doch, sei mehr, als was ich bin. Hrst du die Gongs der Riviera schallen? Schon schwebst du, ins Unendliche gerafft. Ich werde heil aus Aeroplanen fallen, Denn unser ist die Nacht, millionenhaft! Bekrnze deine Stirne, die entehrte, Und vor dem Spiegel nimm den neuen Hut Und schenke deine Gunst, die oft gewhrte, Noch einmal diesem ungeheuren Mut! Und sei gewi, da wir verkommen mssen. Noch singt die Bar -- nun beug im Tanz das Knie -- Erfllt von allen schmerzlichen Genssen, Kehr mir zurck, du se Melodie! Chor der Unsichtbaren: O wo im Raume sind wir hingetrieben, In welche sternenhafte Ruh geballt! Frstinnen nahn nicht wieder, uns zu lieben; Weshalb ist keine Sehnsucht mehr geblieben, Was schreckt uns die verlorene Gestalt! Wir hngen nicht mehr bla an Telephonen, Und keine Stimme ruft uns dunkel an. Wir sind nicht mehr geqult durch unser Wohnen, Kein Bettler kennt uns, dem man wohlgetan. Und keine Spange im zerwhlten Lager, Noch warm von Schlaf, verkndet uns die Nacht. Kein Jngling rhrt uns, arm, verliebt und hager. Kein Weib, an Virtuosen aufgewacht. Uns lockt nicht mehr die Dankbarkeit von Frauen, Die Mutter werden fromm an einem Kind, Und von Kokotten, die sich hher bauen, Weil sie geliebt und auf der Erde sind. Was unser war, zu sein in diesen Reichen, Entschwand mit vieler Menschen Leid und Glck. Wenn wir jetzt einsam durch, die Sle streichen -- Wo ist ein Zauberwort von unsresgleichen! Und wo ein Gott! Wer findet uns zurck! Ihr lebt, um euer Herz zu berwinden, Geschwister jedem Wesen auf der Welt; Doch seid ihr ins Unendliche gestellt -- So lebt, euch im Unendlichen zu finden. Begrabt die Liebe und verliert die Schmerzen Der unerreichten Sehnsucht, die euch qult, Und ziehet wieder ein in eure Herzen, Denn alle Erde war durch euch beseelt. Ihr gingt geschmckt zu einem Maskenballe, Da fiel ein kranker Mensch am Hause um; Ihr neigtet euch und wart in seinem Falle Und halft ihm in ein Sanatorium. Ihr fhltet Ha und Elend des Verschweinten, Ihr saht ein Pferd, das sich in Krmpfen wand, Und wenn Verlassne hinter Brcken weinten, Nahm euch der Gott an seine Bruderhand. Nun ruft vergangnes Leben mchtig wieder -- O Trne, die den Ruhelosen trug! Ihr Gouvernanten und ihr Kirchenlieder Und erste Wunde, die ein Heimweg schlug! Bleibt! Haltet ein in letzten Harmonien -- (Erschein im Bild der Nacht, erhabner Mond) Und offenbart, was im Vorberfliehen Die Welt mit strkerem Gefhl belohnt. O kehrt zurck, ihr tausendfachen Herzen, Zum Tod verschwendet an die Sternennacht -- Durch vieles Lieben und durch vieles Schmerzen Habt ihr die Ewigkeit in uns vollbracht! KURT WOLFF VERLAG LEIPZIG (FRHER ERNST ROWOHLT VERLAG) WALTER HASENCLEVER DER JNGLING Geheftet Mark 2.50 Gebunden Mark 3.50 _Richard Dehmel:_ Nehmen Sie meinen besten Glckwunsch zu Ihrem Buch. Was mich vor allem fesselte, ist die Lebenskunst, die aus Ihrer Dichtkunst spricht. Gerade heute entstehen wenig Bcher, die in hohem Sinne epikureisch sind. Ich glaube, Ihr Jngling kann auch reifen Mnnern eine lchelnde Anleitung geben, das Schicksal als eine Angelegenheit geistigen Genusses aufzufassen; ich wnsche Ihnen solche mnnliche Leser! _Deutsche Montagszeitung:_ Eine neue Gesellschaftsdichtung im Sinne Beethoven-Schillers und der IX. Symphonie. FRANZ WERFEL WIR SIND NEUE GEDICHTE Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf schwerem Japanbtten in Ganzlederbd. M 35.-- Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50 Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berhmt gewordenen Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Flle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenssischen Poeten, wird hier gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Gttlichen im Gefhl aller Menschheit nher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Strke und Verkndigung eines neuen Ethos. URTEILE BER FRANZ WERFEL: _Wilhelm Herzog_ im Berliner Tageblatt: . . . ein ganz junger, ganz groer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst. _Frankfurter Zeitung:_ . . . ein ganz groer Dichter, mit allem Ernste sei das gesagt. License: Share Alike