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Lichtenstein Wilhelm Hauff Inhalt: Vorwort Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Lichtenstein Wilhelm Hauff Die Sage, womit sich die folgenden Bltter beschftigen, gehrt jenem Teil des sdlichen Deutschlands an, welcher sich zwischen den Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet. Das erstere dieser Gebirge schliet, von Nordost nach Sden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinber an den Rhein und bildet mit seinen schwrzlichen Tannenwldern einen dunklen Hintergrund fr die schne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die, vom Neckar durchstrmt, an seinem Fue sich ausbreitet und Wrttemberg heit. Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei Kmpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor. Es erregt dies umso grere Bewunderung wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo mchtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck, die Grafen von Zollern, um seine Wiege gelagert waren; wenn man die inneren und ueren Strme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten. Gab es doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus den Hallen ihrer Vter verdrngt schien, wo sein unglcklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drckender Verbannung leben mute, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Sldner das Land bewachten und wenig fehlte, da Wrttemberg aufhrte zu sein, jene blhenden Fluren zerrissen und eine Beute fr viele oder eine Provinz des Hauses sterreich wurden. Unter den vielen Sagen, die von ihrem Land und der Geschichte ihrer Vter im Mund der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse wie die, welche sich an die Kmpfe der eben erwhnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglcklichen Frsten Ulrich knpft. Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fllt, hat ber ihn entschieden, denn es ist der Anfang seines langen Unglckes. Doch darf die Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glckes. War ja doch jene lange Verbannung ein luterndes Feuer, woraus er weise und krftiger als je hervorging. Es war der Anfang seines Glckes, denn seine spteren Regentenjahre wird jeder Wrttemberger segnen, der die religise Umwlzung, die dieser Frst in seinem Vaterland bewerkstelligte, fr ein Glck ansieht. In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des Armen Konrad war sechs Jahre frher mit Mhe gestillt worden. Doch war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog dasselbe nicht fr sich zu gewinnen wute, seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den schwbischen Bund, eine mchtige Vereinigung von Frsten, Grafen, Rittern und freien Stdten des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt,hauptschlich auch dadurch, da er sich weigerte, ihm beizutreten So sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein Tun, als wollten sie nur die Gelegenheit abwarten, ihn fhlen zu lassen, welch mchtiges Bndnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht stand, den Ritter Gtz von Berlichingen untersttzt zu haben, um sich an dem Kurfrsten von Mainz zu rchen. Der Herzog von Bayern, ein mchtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines frnkischen Ritters, der an seinem Hof lebte. Glaubwrdige Chronisten sagen, das Verhltnis des Johann von Hutten zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne sah. Daher griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor, forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn nieder. Die Huttischen, hauptschlich Ulrich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei. Auch die Herzogin, die durch stolzes, znkisches Wesen Ulrich schon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spt, und sie und ihre Brder traten als Klger und bittere Feinde bei dem Kaiser auf. Es wurden Vertrge geschlossen und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschlge angeboten und wieder verworfen, die Not um den Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn nicht, denn er meinte, recht getan zu haben Der Kaiser starb in dieser Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen Milde bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter, den er in diesen Bedrngnissen so gut htte brauchen knnen, denn das Unglck kam jetzt schnell. Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als dem Herzog die Kunde kam, da Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem Gebiet lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Stdter hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhat und sollten jetzt seine Rache fhlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war, warf er sich aufs Pferd, lie die Lrmtrommeln durch das Land tnen, belagerte die Stadt und nahm sie ein Der Herzog lie sich von ihr huldigen, und die Reichsstadt war wrttembergisch. Aber jetzt erhob sich der schwbische Bund mit Macht, denn diese Stadt war ein Glied desselben gewesen So schwer es auch sonst hielt, diese Frsten, Grafen und Stdte aufzubieten, so zgerten sie doch hier nicht, sondern hielten zusammen, denn der Ha ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen. Das Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall. So war also im Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht zu zweifeln, da er dann groen Anhang bekommen wrde. Gelang es dem Bund, den Herzog aus dem Feld zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so vieles zu rchen war, durfte er keine Schonung erwarten Die Blicke Deutschlands hingen bange am Erfolg dieses Kampfes, sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu ersphen, was die knftigen Tage bringen werden, ob Wrttemberg gesiegt, ob der Bund den Wahlplatz behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorberziehen, mge das Auge nicht zu frh ermdet sich davon abwenden. Kapitel 1 Nach den ersten trben Tagen des Mrz 1519 war endlich am zwlften ein recht freundlicher Morgen ber der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die engen, kalten Straen mit ihren hohen, dunklen Giebelhusern hatte der schne Morgen heller als sonst beleuchtet und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich pate. Die groe Herdbruckergasse-- sie fhrt vom Donautor an das Rathaus--stand an diesem Morgen gedrngt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden Seiten der Huser hinzogen, nur einen engen Raum in der Mitte der Gasse briglassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lief durch die Reihen und brach nur in ein kurzes Gelchter aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwchter eine hbsche Dirne, die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedrngt hatte, etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurckdrngten, oder wenn ein Schalk sich den Spa machte: "Sie kommen! Sie kommen!" rief, alles lange Hlse machte und schaute, bis es sich zeigte, da man sich wieder getuscht habe. Noch dichter aber war das Gedrnge da, wo die Herdbruckergasse auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort hatten sich die Znfte aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die Brauer mit ihren Fahnen und Gewerbezeichen, sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt. Bot aber schon die Menge hier unten einen frhlichen, festlichen Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Husern der Strae selbst. Bis an die Giebeldcher waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Mdchen, um welche sich die grnen Tannen- und Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tcher, mit welchen die Seiten geschmckt waren, wie Rahmen um liebliche Gemlde zogen. Das anmutigste Bild gewhrte wohl ein Erkerfenster am Hause des Herrn Hans von Besserer. Dort standen zwei Mdchen, so verschieden an Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter Schnheit, da, wer sie von der Strae betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben mchte. Beide schienen nicht ber achtzehn Jahre alt zu sein. Die eine, grere, war zart gebaut, reiches, braunes Haar zog sich um eine freie Stirn, die gewlbten Bogen ihrer dunklen Brauen, das ruhige, blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen-- sie gaben ein Bild, das unter unseren heutigen Damen fr sehr anziehend gelten wrde, das aber in jenen Zeiten, wo noch hheren Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Wrde neben der anderen Schnen sich geltend machen konnte. Diese, kleiner und in reichlicherer Flle als ihre Nachbarin, war eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, da sie gefallen. Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viele Lckchen und Zpfchen geschlungen und zum Teil unter ein weies Hubchen voll kleiner, knstlicher Fltchen gesteckt. Das runde frische Gesichtchen war in immerwhrender Bewegung, noch rastloser glitten die lebhaften Augen ber die Menge hin, und der lchelnde Mund, der alle Augenblicke die schnen Zhne sehen lie, zeigte deutlich, da es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an Gegenstnden fehle, die ihrer frhlichen Laune zur Zielscheibe dienen muten. Hinter den beiden Mdchen stand ein groer, bejahrter Mann; seine tiefen, strengen Zge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer dnner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die reichen, bunten Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die glcklichen Einflle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter und Jahre, zog hin und wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing an den schnen Mdchen, und sie beschftigten eine Weile durch ihre berraschende Erscheinung jene mige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, da das Schauspiel dessen sie harrte, sich noch immer nicht zeigen wollte. Es ging schon stark gegen Mittag. Die Menge wogte immer ungeduldiger, prete sich strker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der andere aus den Reihen der ehrsamen Znfte auf den Boden gelagert, da tnten drei Schsse von der Schanze auf dem Lug-ins-Land herber, die Glocken des Mnsters begannen tiefe, volle Akkorde ber die Stadt hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen geordnet. "Sie kommen, Marie, sie kommen!" rief die Blonde im Erkerfenster und schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter zum Fenster hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwhnten Strae, von dem Erker konnte man hinab beinahe bis an das Donautor, und hinber bis in die Fenster des Rathauses sehen, die Mdchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewhlt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genieen. Jetzt hrte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen Klngen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich ein langer, glnzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene Schar der Ulmer Patriziershne war eine allzu tgliche Erscheinung, als da das Auge lange darauf verweilt htte. Als aber das schwarz und weie Banner der Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Gren und Farben, zum Tor hereinschwankten, da dachten die Zuschauer, da jetzt der rechte Augenblick gekommen sei. Auch unsere Schnen im Erkerfenster schrften jetzt ihre Blicke, als man die Menge am unteren Teil der Strae ehrerbietig die Mtzen abnehmen sah. Auf einem groen, starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen krftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast stand mit der tiefgefurchten Stirn und dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustharnisch ber ein eng anschlieendes, rotes Wams, Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeschlitzt, die wohl neu recht hbsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine einfrmige, dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite, schwere Reiterstiefel schlossen sich unter den Knien an. Seine einzige Waffe, ein ungewhnlich groes Schwert mit langem Griff ohne Korb, vollendete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren frh ergrauten Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange, goldene Kette von dicken Ringen, fnfmal um den Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig auf die Brust herabhing. "Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der so jung und alt aussieht?" rief die Blonde, indem sie das Kpfchen ein wenig nach dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zurckbeugte. "Das kann ich dir sagen, Berta", antwortete dieser bedchtig. "Es ist Georg von Frondsberg, oberster Feldhauptmann des bndischen Fuvolks, ein wackerer Mann, wenn er einer besseren Sache diente!" "Behaltet Eure Bemerkungen fr Euch, Herr Wrttemberger", entgegnete ihm die Kleine, indem sie lchelnd mit dem Finger drohte, "Ihr wit, da die Ulmer Mdchen gut bndisch sind!" Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: "Jener dort auf dem Schimmel ist Truchse Waldburg, der Feldleutnant, dem auch etwas von unserem Wrttemberg wohl anstnde. Dort hinter ihm kommen die Bundesobersten. Wei Gott, sie sehen aus wie Wlfe, die nach Beute gehen." "Pfui! Verwitterte Gestalten!" bemerkte Berta. "Ob es wohl auch der Mhe wert war, Bschen Marie, da wir uns so putzten? Aber siehe da, wer ist der junge, schwarze Reiter auf dem Braunen? Sieh nur das bleiche Gesicht und die feurigen, schwarzen Augen! Auf seinem Schild steht: 'Ich hab's gewagt'." "Das ist der Ritter Ulrich von Hutten", erwiderte der Alte, "dem Gott seine Schmhworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder, das ist ein gelehrter, frommer Herr. Er ist zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so. Denn was wahr ist, mu wahr bleiben!" "Und siehe, da sind Sickingens Farben, wahrhaftig, da ist er selbst. Schaut hin, Mdchen, das ist Franz von Sickingen Sie sagen, er fhre tausend Reiter ins Feld. Der ist's mit dem blanken Harnisch und der roten Feder." "Aber sagt mir, Oheim", fragte Berta weiter, "welches ist denn Gtz von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzhlt. Er ist ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen. Reitet er nicht mit den Stdten?" "Gtz und die Stdter nenne nie in einem Atem", sprach der Alte mit Ernst. "Er hlt zu Wrttemberg." Ein groer Teil des Zuges war whrend dieses Gesprches am Fenster vorbergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie gleichgltig und teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaute. Es war zwar sonst des Mdchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch trumerisch auszusehen, aber heute, bei einem so glnzenden Aufzug, so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein groes Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, als ein Gerusch von der Strae her ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mchtiges Ro bumte sich in der Mitte der Strae unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht durch die flatternden Fahnen der Znfte. Sein hoch zurckgeworfener Kopf verdeckte den Reiter, so da nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunterri und zum Stehen brachte, lie einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung ber das Gesicht herabgefallen. Als er es zurckschlug, traf sein Blick das Erkerfenster. "Nun, dies ist doch einmal ein hbscher Herr", flsterte die Blonde ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als frchte sie, von dem schnen Reiter gehrt zu werden, "und wie er artig und hflich ist! Sieh nur, er hat uns gegrt, ohne uns zu kennen." Aber das stille Bschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ein glhendes Rot zog ber die zarten Wangen. Ja, wer die ernste Jungfrau gesehen htte, wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, htte wohl nie geahnt, da so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge wohnen knnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gru des jungen Ritters erwiderte. Der kleinen Schwtzerin war unsere flchtige, aber wahre Bemerkung ber den Anblick des schnen Mannes vllig entgangen. "Nur schnell, Oheim!" rief sie und zog den alten Herrn am Mantel. "Wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber? Nun?" "Liebes Kind!" antwortete der Oheim. "Den habe ich in meinem Leben nicht gesehen Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst, sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unseren Tpfen laben wollen." "Mit Euch ist doch nichts anzufangen", sagte die Kleine und wandte sich unmutig ab. "Die alten und gelehrten Herren kennt Ihr alle auf hundert Schritte und weiter. Wenn man aber einmal nach einem hbschen, hflichen Junker fragt, wit Ihr nichts. Du bist auch so, Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession an Fronleichnam wre; ich wette, Du hast das Schnste von allem nicht gesehen und hattest noch den alten Frondsberg im Kopf, als ganz andere Leute vorbeiritten!" Der Zug hatte sich whrend dieser Strafrede Bertas vor dem Rathaus aufgestellt; die bndische Reiterei, die noch vorberzog, hatte wenig Interesse mehr fr die beiden Mdchen. Als daher die Herren abgesessen und zum Imbi ins Rathaus gezogen waren, als die Znfte ihre Glieder auflsten und das Volk sich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich vom Fenster zurck. Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb befriedigt. Sie htete sich brigens wohl, vor dem alten, ernsten Oheim etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verlie, wandte sie sich an ihre Base, die noch immer trumend am Fenster stand: "Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben, wenn ich wte, wie er heit. Da Du aber auch gar keine Augen hast, Marie! Ich stie Dich doch an, als er grte. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig brunlich, aber hbsch, sehr hbsch. Ein Brtchen ber dem Mund, nein! ich sage Dir--wie Du jetzt nur wieder gleich rot werden kannst!" fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort. "Als ob zwei Mdchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schnen Mund eines jungen Herrn sprechen drften. Dies geschieht oft bei uns. Aber freilich, bei Deiner seligen Frau Muhme in Tbingen und bei Deinem ernsten Vater in Lichtenstein kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Bschen Marie trumt wieder, und ich mu mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will." Marie antwortete nur durch ein Lcheln, das wir vielleicht etwas schelmisch gefunden htten. Berta aber nahm den groen Schlsselbund vom Haken an der Tr, sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rsten. Denn wenn man ihr auch etwas zu groe Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute Haushlterin, als da sie ber der flchtigen Erscheinung des hflichen Reiters das Gemse und den Nachtisch vergessen htte. Sie hpfte hinaus und lie ihre Base allein bei ihren Gedanken. Und auch wir stren sie nicht, wenn sie jetzt die schnen Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einem Mal aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein flchtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand, ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nchte gedenkt, wo sie im stillen Kmmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schrpe flocht, deren freudige Farben sie heute aus ihren niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bschen Berta den sen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe? Kapitel 2 Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blttern beschrieben haben, galt den Huptern und Obersten des schwbischen Bundes, der an diesem Tag, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog Ulrich von Wrttemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzu heftigen Ausbrche seines Zornes und seiner Rache, durch die Khnheit, mit welcher er, der einzelne, so vielen verbndeten Frsten und Herren die Stirne bot, zuletzt noch durch die pltzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den bittersten Ha des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu erwarten, da man, so weit gegangen, friedliche Vorschlge tun werde. Hinzu kamen noch die besonderen Rcksichten, die jeden leiteten. Der Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu rchen, unglcklichen Dietrich von Spt und seine Gesellen, um ihre Schmach in Wrttembergs Unglck abzuwaschen die Stdte und Stdtchen, um Reutlingen wieder gut bndisch zu machen, sie alle hatten ihre Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lstern nach gewisser Beute eingestellt. Bei weitem friedlicher und frhlicher waren bei diesem Einzug die Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes "artigen Reiters", der Bertas Neugierde in so hohem Grad erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefrbt hatte. Wute er doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den Waffen nicht fremd, doch nicht zunchst fr das Waffenwerk bestimmt war. Aus einem armen, aber angesehenen Stamm Frankens entsprossen, war er, frh verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck des Adels zu schtzen. Daher whlte sein Oheim fr ihn diese Laufbahn. Die Sage erzhlt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tbingen die damals in ihrem ersten Erblhen war, in den Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis auf uns, da er einem Frulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte, wrmere Teilnahme schenkte als den Lehrsthlen der berhmtesten Doktoren. Man erzhlt sich auch, da das Frulein mit ernstem, beinahe mnnlichem Geist alle Knste, womit andere ihr Herz bestrmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern und die Jnger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die heutigen. Es sollen aber weder nchtliche Liebesklagen noch frchterliche Schlachten und Kmpfe um ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur einem gelang es, dieses Herz fr sich zu gewinnen, und dieser eine war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste Strahl des Verstndnisses aufging, und wir sind weit entfernt, uns in dieses se Geheimnis der ersten Liebe eindrngen zu wollen, oder gar Dinge zu erzhlen, die wir geschichtlich nicht belegen knnen. Doch knnen wir mit Grund annehmen, da sie schon bis zu jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrngt von ueren Verhltnissen, gleichsam als Trost fr das Scheiden, ewige Treue schwrt. Denn als die Muhme in Tbingen das Zeitliche gesegnet und Herr von Lichtenstein sein Tchterlein zu sich holen lie, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, da so heie Trnen und die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der Snfte zurcksah, nicht den bergigen Straen denen sie Valet sagen mute, allein gelte. Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwnscht. Seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrsthle der gelehrten Doktoren, die finstere Hgelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhat geworden Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen entgegenstrmte, als er an einem schnen Morgen des Februar aus den Toren Tbingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die Sehnen seiner Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner Faust krftiger in den Zgel faten, so erhob sich auch seine Seele zu frischem heiterem Mut. So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den Schnbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem Liebchen nicht nher, zwar konnte er nichts sein nennen, als das Ro, da er eben ritt, und die Burg seiner Vter, von welcher der Volkswitz sang: Ein Haus auf drei Sttzen, Wer vorn hereinkommt, Kann hinten nicht sitzen. Aber er wute, da dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Rmers: _Fortes fortuna juvat_ hatte ihn noch nie belogen. Wirklich schienen auch seine Wnsche nach einer ttigen Laufbahn bald in Erfllung zu gehen. Der Herzog von Wrttemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel an einem Krieg. Der Erfolg schien aber damals sehr ungewi. Der schwbische Bund, wenn er auch erfahrenere Feldherren und gebtere Soldaten zhlte, hatte doch durch Uneinigkeit sich in allen Kriegen selbst geschadet. Ulrich auf seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere, kampfgebte Mnner geworben, aus seinem eigenen Land konnte er, wenn auch minder gebte, doch zahlreiche und tchtige Truppen ziehen, und so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich. Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht mig bleiben zu drfen. Ein Krieg war ihm erwnscht. Es war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziel, um Marie wrdig freien zu knnen, bald nahebringen konnte. Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen noch zu der anderen Partei. Vom Herzog sprach man im Land schlecht, des Bundes Absichten schienen nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen, achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein Gtchen grenzten, auf einmal dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bund zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, da der alte Lichtenstein sich mit seiner Tochter in Ulm befinde. Auf jener Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bund seine Dienste an. Die frnkische Ritterschaft, unter Anfhrung Ludwigs von Hutten, zog sich am Anfang des Mrz gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von Bayern und den brigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je nher sie dem Gebiet ihres Feindes kamen. Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der uersten Stadt seines Landes gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal zuvor im groen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die Wrttemberger zur entscheidenden Schlacht zu ntigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die Gre des schweren Geschtzes von den Wllen der Stadt entgegentrug, als das Gelute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau herbertnte. Wohl schlug auch Georgs Herz hher bei dem Gedanken an seine erste Waffenprobe, Aber wer je in hnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht tadeln, da auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergessen lieen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Mnster aus dem Nebel auftauchte, als nachher der verhllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunklen Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortrmen sich vor seinen Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er frher tief in die Brust zurckgedrngt hatte, schwerer als je ber ihn 'Schlieen jene Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf er sich jenem gegenberstellen, ohne sein ganzes Glck zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie mglicherweise noch in jenen Mauern sein? Und wenn alles gut wre, wenn unter der festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drngt, auch Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie geschworen?' Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewiheit Raum; denn wenn sich auch alles Unglck gegen ihn verschwor, Mariens Treue, er wute es, war unwandelbar. Mutig drckte er die Schrpe, die sie ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschlo, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten, da kehrte seine alte Freude wieder, stolzer hob er sich im Sattel, khner rckte er das Barett in die Stirn, und als der Zug in die festlich geschmckten Straen einbog, musterte sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Huser, um sie zu ersphen. Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das frhliche Gewhl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell drckte er seinem Pferd die Sporen in die Seiten, da es sich hoch aufbumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertnte. Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Errten dem Glcklichen sagte, da er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zug vor das Rathaus, und es htte nicht viel gefehlt, so htte ihn seine Sehnsucht alle Rcksichten vergessen lassen und ihn unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen. Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich von krftiger Hand am Arm angefat fhlte. "Was treibt Ihr, Junker?" rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme ins Ohr. "Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? Ich glaube, Ihr schwindelt; wre auch kein Wunder, denn das Frhstck war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer fhren gute Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen." Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige Minuten geschwebt hatte, auf dem Rathausplatz in Ulm etwas unsanft war, so wute er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem nchsten Grenznachbarn in Franken, Dank, da er ihn aus seinen Trumen aufgeschttelt und von einem bereilten Schritt zurckgehalten hatte. Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den brigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritt an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt vorgesetzt hatte, wieder erholen wollten. Kapitel 3 Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen gefhrt wurden, bildete ein groes, lngliches Viereck. Die Wnde und die zu der Gre des Saales unverhltnismig niedere Decke waren mit einem Getfel von braunem Holz ausgelegt, unzhlige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenberstehende Wand fllten Gemlde berhmter Brgermeister und Ratsherren der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in die Hfte, die Rechte auf einen reich behngten Tisch gesttzt, ernst und feierlich auf die Gste ihrer Enkel herabsahen. Diese drngten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die, in Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweien Halskrausen wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gste, die, in Lederwerk und Eisenblech gehllt, oft gar unsanft an die seidenen Mntelein und samtenen Gewnder streiften. Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glnzenden Mittagsmahl zugesagt hatte; als aber sein Kammerdiener seine Entschuldigung brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles drngte so ungestm zur Tafel, da nicht einmal die gastfreundliche Ordnung des Rates, der je zwischen zwei Gste einen Ulmer setzen wollte, gehrig beobachtet wurde. Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als einen ganz vorzglichen anpries. "Ich htte Euch", sagte der alte Herr, "zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten und Waldburg setzen knnen, aber in solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehriger Ruhe stillen Ich htte Euch ferner zu den Nrnbergern und Augsburgern fhren knnen, dort unten, wo der gebratene Pfau steht--wei Gott, sie haben keinen blen Platz--, aber ich wei, da Euch die Stdter nicht recht behagen, darum habe ich Euch hierher gesetzt. Schaut Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den gerucherten Schweins-kopf mit der Zitrone im Maul, links eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergngen in den Schwanz beit, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist." Georg dankte ihm, da er mit so viel Umsicht fr ihn gesorgt habe, und betrachtete zugleich flchtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa fnfundzwanzig bis dreiig Jahren Das frischgekmmte Haar, duftend von wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmem Znglein gekruselt sein mochte, lieen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon berzeugte, in ihm einen Ulmer Herrn erraten Der junge Herr, als er sah, da er von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer groen silbernen Kanne fllte, auf glckliche Ankunft und gute Nachbarschaft mit ihm anstie, und auch die besten Bissen von den unzhligen Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte. Doch diesen konnte weder seines Nachbarn zuvorkommende Geflligkeit noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen Er war noch zu sehr beschftigt mit dem geliebten Bild, das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als da er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt htte. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, wenn die Blschen des alten Weines zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, da der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmhe, ihn fr einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah, der lchelnde Mund des in seinen Trumen versunkenen Jnglings schienen ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingebter Zunge den Gehalt des edlen Trankes lange zu prfen pflegen. Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gsten das Mahl so angenehm als mglich zu machen, gehrig nachzukommen, suchte er auf der entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen. Er schenkte sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Wrzburger, wie Ihr in Franken ihn gewohnt sein werdet, aber es ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt." Verwundert ber diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und antwortete mit einem kurzen "Ja, ja!--", der Nachbar lie aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. "Es scheint", fuhr er fort, "als munde er Euch doch nicht ganz; aber da wei ich Rat. Heda! Gebt eine Kanne Uhlbacher hierher!--Versucht einmal diesen, der wchst zunchst an des Wrttembergers Schlo; in diesem mt Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, groen Sieg!" Georg, dem dieses Gesprch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten fhren konnte. "Ihr habt", sprach er, "schne Mdchen hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken." "Wei Gott", entgegnete der Ulmer, "man knnte damit pflastern." "Das wre vielleicht so bel nicht", fuhr Georg fort, "denn das Pflaster Eurer Straen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten." "Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener. "Wahrhaftig, Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen mtterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein Frulein von Lichtenstein, eine Wrttembergerin, die auf Besuch dort ist." Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen Verwandten Mariens zusammenfhrte. Er beschlo, den Zufall zu bentzen, und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar: "Ihr habt ein paar hbsche Mhmchen, Herr von Besserer..." "Dietrich von Kraft nenne ich mich", fiel jener ein, "Schreiber des groen Rates." "Ein Paar schne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besucht sie wohl recht oft?" "Jawohl", antwortete der Schreiber des groen Rates, "besonders seit die Lichtenstein im Haus ist. Zwar will mein Bschen Berta etwas eiferschtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser." Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn er prete die Lippen zusammen und seine Wangen frbten sich dunkler. "Ja, lacht nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der Geist des Weines zu Kopf stieg, "wenn Ihr wtet, wie sie sich beide um mich reien.--Zwar--die Lichtenstein hat eine verdammte Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm und ernst, da man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spa zu machen, noch weniger lt sie ein wenig mit sich schkern wie Berta; aber gerade das kommt mir so wunderhbsch vor, da ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie sich; lat nur den einmal ber der Ulmer Markung sein, so soll sie schon kirre werden." Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen Schon vorher hatte er mitten durch das Gerusch der Speisenden diese Stimmen zu hren geglaubt, wie sie in schleppendem, einfrmigem Ton ein paar kurze Stze hersagten, ohne zu verstehen, was es war. Jetzt hrte er dieselben Stimmen ganz in der Nhe, und bald bemerkte er, welchen Inhalts ihre eintnigen Stze waren Es gehrte nmlich in den guten alten Zeiten, besonders in Reichsstdten, zum Ton, da der Hausvater und seine Frau, wenn sie Gste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkmmlichen Sprchlein zum Essen und Trinken zu ntigen. Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, da der hohe Rat beschlo, auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu ben. Die Wahl fiel auf den Brgermeister und den ltesten Ratsherrn. Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "ntigend" umgangen, kein Wunder, da ihre Stimmen durch die groe Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie eine Drohung klang. Eine rauhe Stimme tnte in Georgs Ohr: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken wandte sich der Gefragte um und sah einen starken, groen Mann mit rotem Gesicht; aber ehe er noch auf die schrecklichen Tne antworten konnte, begann an seiner anderen Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dnnen Stimme: "So esset doch und trinket satt, Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat." "Hab' ich's doch schon lange gedacht, da es so kommen wrde", fiel der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte. "Da sitzt er und schwatzt, statt die kstlichen Braten zu genieen, die uns die Herren in so reichlicher Flle vorgesetzt haben." "Mit Verlaub", unterbrach ihn Dietrich von Kraft, "der junge Herr it nichts. Er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab' ich's nicht gleich weg gehabt, da er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hlt." Georg wute gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick berraschte. Breitenstein hatte sich jetzt des Schweinskopfes mit der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert, und begann mit groem Behagen und gebter Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Brgermeister auch zu ihm, und eben, als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser sah den Ntigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupt und deutete auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme lie sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundlichst: "So esset doch und trinket satt, Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat." So war es nun in den "guten alten Zeiten"! Man konnte sich wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt. Die groen Schsseln und Platten wurden abgetragen und gerumigere Humpen, grere Kannen, gefllt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtrnke und das in Schwaben schon damals sehr hufige Zutrinken begann, und nicht lange, so uerte auch der Wein seine Wirkungen, und so fllte Gelchter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher den Saal. Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anstndigere, ruhigere Frhlichkeit. Dort saen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchse, Franz von Sickingen und noch andere ltliche, gesetzte Herren. Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, nachdem er sich genugsam gesttigt hatte, seine Blicke und sprach zu Georg: "Das Lrmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wre es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewnscht habt?" Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu werden, stand freudig auf, um dem alten Freund zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, da sein Herz bei diesem Gang ngstlicher pochte, seine Wangen sich hher frbten, seine Schritte, je nher er kam, ungewisser und zgernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glnzenden ruhmbekrnzten Vorbild nahte, hnliche Gefhle bestrmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, whrend der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg galt schon damals als einer der berhmtesten Feldherren seiner Zeit. Italien, Frankreich und Deutschland erzhlten von seinen Siegen, und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und Grnder eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fuvolkes. Zu ihm fhrte Breitenstein den Jngling, "Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er den hochgewachsenen schnen jungen Mann mit Teilnahme betrachtete. "Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein, "ob Euch nicht einfllt, in welches Haus er gehren mag?" Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchse von Waldburg wandte prfend sein Auge herber, Georg war schchtern und blde vor diese Mnner getreten; aber sei es, da die freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, da er fhlte, wie wichtig der Augenblick fr ihn sei, er bekmpfte die Scham, den Blicken so vieler berhmter Mnner ausgesetzt zu sein, und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht. "Jetzt, an diesem Blick erkenne ich Dich", sagte Frondsberg und bot ihm die Hand "Du bist ein Sturmfeder?" "Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite." "Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer noch sinnend auf Georgs Zgen ruhte, "an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn allzu frh eingescharrt! Und Du", setzte er hinzu, "Du hast Dich eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt Dich schon so frh aus dem Nest und bist kaum flgge?" "Ich wei schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer Stimme, "das Vgelein will sich ein paar Flckchen Wolle suchen, um das alte Nest zu flicken!" Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Jnglings. Er hatte sich nie seiner Drftigkeit geschmt, aber dieses Wort klang so hhnend, da er sich zum ersten Mal dem reichen Sptter gegenber recht arm fhlte. Da fiel sein Blick ber Truchse Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und sein alter Mut kehrte wieder. "Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgltig sein." "Nun, nun!" erwiderte jener. "Wie es mit dem Arm aussieht, werden wir sehen, im Kopf mu es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spa gleich Ernst macht." Der gereizte Jngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie Dein Vater, lieber Junge; nun, Du willst zeitlich zu einer Nessel werden. Und wir werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Fleck sitzt. Da Du dann nicht der letzte bist, darfst Du gewi sein." Diese wenigen Worte aus dem Mund eines durch Tapferkeit und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberhmten Mannes bten so besnftigende Gewalt ber Georg, da er die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurckdrngte und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurckzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stren, teils um sich genauer zu berzeugen, ob die flchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei. Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchse, wie man tchtige Gesellen fr unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb so viel Eifer fr die Sache von uns, als er zu uns brachte." "Mt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf. "Was braucht es da? Er soll einen Spa von seinem Obern ertragen lernen." "Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spa, sich ber unverschuldete Armut lustig zu machen; ich wei aber wohl, Ihr seid seinem Vater noch nie grn gewesen." "Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht. Er hat dem Bund noch keinen Eid geleistet; also kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so mchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hnseln, er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen liee!" Sprachlos vor Zorn ber den Widerspruch, den er nie ertragen konnte, blickte Truchse den einen und den andern an, mit so wutvollen Blicken, da sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel schlug, um noch rgeren Streit zu verhten "Lat doch die alten Geschichten!" rief er. "berhaupt wre es gut, die Tafel wrde aufgehoben. Es dunkelt drauen schon stark und der Wein wird zu mchtig. Dietrich Spt hat schon zweimal des Wrttembergers Tod ausgebracht, und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlsser niederbrennen oder verteilen soll." "Lat sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren drfen ja heute machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden." "Nein", antwortete Ludwig Hutten, "wenn einer von so etwas reden darf, bin ich es, als der Blutrcher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklrt ist, mssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern ber den Mnch von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn gert. Lat uns aufbrechen." Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die nchsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein. Kapitel 4 Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurckgezogen hatte, nicht so entfernt gestanden, da er nicht jedes Wort der Streitenden gehrt htte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg sich des unberhmten, verwaisten Jnglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er sich nicht verbergen, da sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen mchtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchse war zu bekannt im Heer wegen seines unbeugsamen Stolzes, als da Georg htte glauben drfen, Huttens vermittelnde und besnftigende Worte htten jede Erinnerung an diesen Streit verlscht, und da Mnner von Gewicht, wie Waldburg, in solchen Fllen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fallen wohl bekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den Schreiber des groen Rates, vor sich. "Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen", sprach Dietrich von Kraft, "und es mchte Euch auch jetzt etwas schwer werden, denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist berfllt." Georg gestand, da er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in einer der ffentlichen Herbergen noch ein Pltzchen zu bekommen. "Darauf mchte ich doch nicht so sicher bauen", entgegnete jener, "und gesetzt, Ihr fndet auch in einer solchen Schenke einen Winkel, so drft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, da Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freude offen." Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, da Georg nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe frchtete, die gastfreundliche Einladung mchte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune zugleich mit den Dnsten des Weines verflogen sein werde. Jener aber schien ber die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und fhrte ihn aus dem Saal. Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddmmerung war whrend der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und Windlichter angezndet; ihr dunkelroter Schein erhellte den groen Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenberstehenden Huser und auf den blanken Helmen und Brustharnischen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feind berfallenen Posten, als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahl glich. berrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler frhlicher Gesichter, der krftigen Gestalten, die in jugendlichem Mut ansprengten, khne Reiterknste bten und dann singend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden. Unwillkrlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen Kampfpreis wute. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber der schwrzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke ber den Platz hinzog, verhllte die Gegenstnde wie mit einem Schleier und lie sie nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. "So ist auch meine Zukunft", sagte er zu sich, "das Jetzt ist hell, aber wie dunkel, wie ungewi das Ziel!" Sein freundlicher Wirt ri ihn aus diesem dsteren Sinnen mit der Frage, wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen wre, so htte vielleicht der gute Kraft eine flchtige, aber brennende Rte, die bei dieser Frage ber Georgs Wangen zog, bemerken knnen. "Ein junger Kriegsmann", antwortete er schnell gefat, "mu sich so viel als mglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei mir. Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten bergeben." Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen Mannes gegen sich selbst, gestand aber, da er, wenn er einmal zu Feld ziehe, den Dienst nicht so streng lernen werde. Ein Blick auf sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekruselten Bart berzeugten Georg, da sein Begleiter aus voller Seele spreche, und die zierliche bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten, widersprach diesem Glauben nicht. Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren lngst abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten beim groen Rat eintrat. Er wrde sich vielleicht lngst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen haben, wenn nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen jungen Damen der Stadt als eine gute Partie angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr flsterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushlterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritt abgehalten htte. Herr Dietrich hatte ein groes Haus, nicht weit vom Mnster, einen schnen Garten am Michelsberg, sein Hausgert war im besten Stand, die groen eichenen Kasten voll des kstlichsten Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgulden, Herr Dietrich selbst war ein hbscher, solider Herr, ging immer geschniegelt und gebgelt, mit gesetztem, anstndigem Gang in den Rat, hatte einen guten Haus- und Ratsverstand; war aus einer alten Familie: war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und jedes hbsche Ulmer Stadtkind sich glcklich geschtzt htte, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen? Georg kamen brigens diese Verhltnisse bei nherer Besichtigung nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei groe Katzen und die unfrmig dicke Amme. Diese vier Geschpfe starrten den Gast mit groen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen ihn schnurrend, mit gekrmmten Rcken, die Amme schob unmnutig an der ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie fr zwei Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage besttigen hrte, sondern auch den Auftrag (man war ungewi, war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock fr den Gast zuzursten, da schien ihre Geduld erschpft; sie lie einen wtenden Blick auf ihren jungen Gebieter schieen und verlie mit ihrem Schlsselbund rasselnd das Gemach. Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei groe Armsthle an den ungeheuren Ofen gerckt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein, und entfernte sich dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dietrich lud seinen Gast ein, an seiner gewhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er ffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel. Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm erzhlte, da er seit seinem zehnten Jahr alle Abende mit der Amme an diesem Spiel sich ergtze. Wie de, wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille ber den weiten Gngen und Gemchern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken des Holzwurmes im schwrzlichen Getfel und dem eintnigen Rollen der Wrfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes fr ihn gehabt, seine Gedanken waren auch fern davon, und die tiefe Melancholie der den Gemcher und der Gedanke, nur wenige Straen von ihr entfernt, doch den langersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu mssen, breitete dstere Schatten ber seine Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen, die seinem gutmtigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh entschdigte ihn fr den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden. Mit dem Schlag der achten Stunde fhrte Dietrich seinen Gast zum Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftschen Hauses nichts vergeben. Hier ffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem Gast das Mahl durch Gesprch zu wrzen suchte. Aber umsonst sphte dieser, ob er nicht von seinem schnen Mhmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er: Kraft zhlte unter den wrttembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare Gefhle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst auer den berhmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich gleichgltig war. So aber hatte auch ihr Vater sich an dem Sammelplatz des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, da ihm das Glck vergnnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er doch die Gewiheit in der Brust, ihm beweisen zu knnen, da Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kmpfer im Heer sei. Der Hausherr fhrte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach und schied von ihm mit einem herzlichen Glckwunsch fr seine Ruhe. Georg besah sich das Gemach, zog die Gardinen vor und lie die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorberziehen. Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorber, dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedrnge fhrten sie seine Seele in das Reich der Trume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der Geliebten. Kapitel 5 Georg wurde am andern Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner Tr erweckt. Er schlug die Vorhnge seines Bettes zurck und sah, da die Sonne schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder stark und strker gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon vllig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen, wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dietrich gleich auf die Ursache seines frhen Besuches. Der groe Rat hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathaus abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu, alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehrte, er mute die Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen, er mute vor allem zu seinen lieben Mhmchen eilen, um ihnen dieses seltene Glck zu verkndigen. Er erzhlte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gast und versicherte ihm, da er vor dem Drang der Geschfte nicht wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch Georg hatte nur fr eines Sinn; er durfte hoffen, Marie zu sehen und zu sprechen, und darum htte er gerne Herrn Dietrich fr seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedrckt. "Ich sehe es Euch an", sagte dieser, "die Nachricht macht Euch Freude, und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein Paar Tnzerinnen haben, wie Ihr sie nur wnschen knnt; mit meinen Bschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Fhrer bei solchen Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, da Ihr und kein anderer zuerst sie aufziehen sollt; und wie werden sie sich freuen, wenn ich ihnen einen so flinken Tnzer verspreche!" Damit wnschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versumen. Herr Dietrich hatte als sehr naher Verwandter schon frh am Tag Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine vielen Geschfte bei diesem Morgenbesuch entschuldigten. Er fand die Mdchen noch beim Frhstck. "Ich sehe Dir es an, Vetter", begann Berta, "Du mchtest gar zu gerne von unserer Suppe kosten, weil Dir Deine Amme heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat; aber schlage Dir diese Gedanken nur gleich aus dem Sinn; Du hast Strafe verdient und mut fasten--." "Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben", unterbrach sie Marie. "Jawohl", fiel ihr Berta in die Rede, "aber bilde Dir nur nicht ein, da wir eigentlich Dich erwarteten; nein, ganz allein Deine Neuigkeiten." Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Berta so empfangen zu werden, er wollte daher, um sie zu vershnen, da er nicht gestern abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto lngerem Strom geben; aber Berta unterbrach ihn. "Wir kennen", sagte sie, "Deine breiten Erzhlungen, und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit angesehen; von Eurem Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte mir auf meine Frage." Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn hin und fuhr fort: "Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen Rates, habt Ihr unter den Bndischen keinen jungen, beraus hflichen Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so milchwei wie das Eure, aber doch nicht minder hbsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schner, hellblauer Schrpe mit Silber..." "Ach, das ist kein anderer als mein Gast!" rief Herr Dietrich. "Er ritt einen groen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt?" "Ja, ja, nur weiter!" rief Berta. "Wir haben unsere eigenen Ursachen, uns nach ihm zu erkundigen." Marie stand auf und suchte ihr Nhzeug in dem Kasten, indem sie beiden den Rcken zukehrte; aber die Rte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, lie ahnen, da sie kein Wort von Herrn Dietrichs Erzhlung verlor. "Nun, das ist Georg von Sturmfeder", fuhr der Ratsschreiber fort, "ein schner, lieber Junge. Sonderbar, auch Ihr seid ihm gleich beim Einzug aufgefallen."--und nun erzhlte er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Jnglings Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus gefhrt habe. "Nun, das ist schn von Dir, Vetter", sagte Berta, als er geendet hatte, und reichte ihm freundlich die Hand, "ich glaube, es ist das erste Mal, da Du es wagst, Gste zu haben. Aber das Gesicht der alten Sabine htte ich sehen mgen, als Junker Dieter so spt noch einen Gast brachte." "Oh, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz unverblmt zu verstehen gab, es knne wohl geschehen, da ich bald eine meiner schnen Basen heimfhren wrde..." "Ach, geh doch!" entgegnete Berta, indem sie ihm hocherrtend ihre Hand entreien wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Mhmchen noch nie so hbsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drckte die weiche Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die Waagschale der frhlichen Berta, die jetzt in holder Verschmtheit vor ihm sa, stieg hoch in den Augen des glcklichen Ratsschreibers. Doch nun fiel ihm der Grund seines Besuches wieder ein, den er whrend des Gesprches ganz vergessen hatte. Berta sprang mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem Abendtanz mitteilte. "Marie, Marie", rief sie in hellen Tnen, da die Gerufene bestrzt herbeieilte. "Marie, ein Abendtanz auf dem Rathaus!" rief die beglckte Berta. Auch diese schien freudig berrascht von dieser Nachricht. "Wann? Kommen auch die Fremden dazu?" waren ihre schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen frbte, und aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Trnen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang. Berta und der Vetter waren erstaunt ber den schnellen Wechsel von Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht unterdrcken, da Marie eine leidenschaftliche Tnzerin sein msse. Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt, als wenn er Georg fr einen Weinkenner hielt. Als der Ratsschreiber sah, da er jetzt, wo die Mdchen sich in eine wichtige Beratung ber ihren Anzug verwickelten, eine berflssige Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschften nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen, und die hohen Gste und die angesehensten Huser zu laden. berall erschien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzhlt, ist die Freude am Tanzen nicht erst heute ber die Mdchen gekommen. Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen, er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspht, die bis jetzt nur der engere Ausschu des Rates mit den Bundesobersten teilte. Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschfte kam er gegen Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem Gast zu sehen. Er traf ihn bei einer sonderbaren Arbeit. Georg hatte lange in einem schngeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer gefunden hatte, geblttert. Die reinlich gemalten Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzge und Schlachtenstcke, welche mit khnen Zgen entworfen, mit besonderem Flei ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfllt von den kriegerischen Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er zum groem rgernis der Frau Sabine bald lustige, bald ernstere Weisen dazu sang. So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen Er konnte sich nicht enthalten, noch einige Zeit an der Tr zu lauschen, ehe er den Gesang unterbrach. Der Snger begann von neuem: "Kaum gedacht, War der Lust ein End' gemacht, Gestern noch auf stolzen Rossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das khle Grab. Doch was ist Aller Erden Freud' und Lst'! Prahlst du gleich mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Sieh', die Rosen welken all'. Darum still Geb' ich mich, wie Gott es will: Und wird die Trompete blasen, Und mu ich mein Leben lassen, Stirbt ein braver Reitersmann." "Wahrlich, Ihr habt eine schne Stimme", sagte Herr von Kraft, als er in das Gemach eintrat. "Aber warum singt Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, mu frhlich sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt." Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreund die Hand "Ihr mgt recht haben", sagte er, "was Euch betrifft. Aber wenn man zu Feld reitet, wie wir, da hat ein solches Lied groe Gewalt und Trost, denn es gibt auch dem Tod eine milde Seite." "Nun, das ist ja gerade, was ich meine", entgegnete der Schreiber des groen Rats. "Wozu soll man das auch noch in schnen Verslein besingen, was leider nur zu gewi nicht ausbleibt? Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprichwort. brigens hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen." "Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?" fragte Georg neugierig. "Hat der Wrttemberger Bedingungen angenommen?" "Dem macht man gar keine mehr", antwortete Dietrich mit wegwerfender Miene. "Er ist die lngste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen", setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu, "aber bis jetzt bleibt es noch unter uns. Die Hand darauf. Ihr meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zrich und Bern geschickt haben, ist zurck. Was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb liegt--mu nach Haus." "Nach Haus zurck?" rief Georg erstaunt. "Haben die Schweizer selbst Krieg?" "Nein", war die Antwort, "sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld. Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das ganze Heer nach Haus zurckrufen." "Und werden sie gehen?" unterbrach ihn der Jngling. "Sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen zu verlassen?" "Das wei man schon zu machen. Glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Gter und bei Leib und Lebensstrafe nach Haus zu eilen, sie werden bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld, um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht." "Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?" bemerkte Georg. "Heit das nicht dem Feind, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen stehlen und ihn dann berfallen?" "In der Politica, wie wir es nennen", gab der Ratsschreiber zur Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenber kein geringes Ansehen geben zu wollen, "in der Politica wird die Ehrlichkeit hchstens zum Schein angewandt. So werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklren, da sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute gegen die freien Stdte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, da wir dem groen Bren mehr Goldgulden in die Tatze drcken als der Herzog." "Nun, und wenn die Schweizer auch noch abziehen", sagte Georg, "so hat doch Wrttemberg noch Leute genug, um keinen Hund ber die Alb zu lassen." "Auch dafr wird gesorgt", fuhr der Schreiber in seiner Erluterung fort, "wir schicken einen Brief an die Stnde von Wrttemberg und ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bund zuzuziehen." "Wie?" rief Georg mit Entsetzen "Das hiee ja den Herzog um sein Land betrgen. Wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und sein schnes Wrttemberg mit dem Rcken anzusehen?" "Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Wovon soll denn Hutten seine 42 Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn Sickingen seine tausend Reiter und zwlftausend zu Fu, wenn er nicht ein hbsches Stckchen Land damit erkmpft? Und meint Ihr, der Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt zunchst an Wrttemberg--." "Aber die Frsten Deutschlands", unterbrach ihn Georg ungeduldig, "meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, da Ihr ein schnes Land in kleine Fetzen reit? Der Kaiser, wird er es dulden, da Ihr einen Herzog aus dem Land jagt?" Auch dafr wute Herr Dietrich Rat. "Es ist kein Zweifel, da Karl seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an, und wenn sterreich seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch, seht nicht so dster aus. Wenn Euch nach Krieg gelstet, dazu kann Rat werden. Der Adel hlt noch zum Herzog, und an seinen Schlssern wird sich noch mancher die Zhne einbrechen. Wir verschwatzen brigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, da wir erfahren, was Frau Sabina uns gekocht hat." Damit verlie der Schreiber des groen Rates von Ulm so stolzen Schrittes, als wre er selbst schon Obervormund von Wrttemberg, das Zimmer seines Gastes. Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zrnend schob er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mut zu seinem ersten Kampf geschmckt hatte, in die Ecke. Mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streit gefhrt, den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesandt hatte. "Ficht ehrlich!" war das Symbol das der Waffenschmied in die schne Klinge gegraben hatte, und er sollte sie fr eine Sache fhren, die ihre Ungerechtigkeit an der Stirn trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener Mnner, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da sollten geheime Rnke, die Politica, wie Herr Dietrich sich ausdrckte, entscheiden? Wo ihn der frhliche Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Plnen dieser Menschen dienen? Ein altes Frstenhaus, dem seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spiebrgern vertreiben sehen? Unertrglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich belehren lassen zu mssen. Doch dem Unmut ber seinen gutmtigen Wirt konnte er nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, da ja jene Plne nicht in seinem Kopf gewachsen seien und da Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber, wenn sie einmal ein Geheimnis, einen groen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; da sie sich mit dem adoptierten Kind brsten, als wre es Minerva, aus ihrem eigenen harten Kopf entsprungen. Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch rief. Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem ertrglicher, als er sich erinnerte, da ja auch Mariens Vater dieser Partei folge. Es war ihm, als mchte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher Mnner wie Frondsberg ihre Dienste geliehen. Kapitel 6 Man blies schon lngst zum ersten Tanz auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem jungen, frnkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete, kein Gehr zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrcken; ganz anders als die brigen Frulein, die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Tnzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tnzern zuwandten, um zu prfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewi auf sie gerichtet sei. In gehaltenen Tnen hielten jetzt die Zinken und Trompeten und endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam, ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu fhren. Er flsterte ihm zu, da er selbst schon fr den nchsten Tanz mit Bschen Berta versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand fr seinen Gast geworben. Beide Mdchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen, was sie ber ihn gesprochen, Bertas angenehme Zge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, lie sie nicht bemerken, welches Entzcken ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mhsam nach Atem suchte, wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien. "Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast", begann der Ratsschreiber, "der um die Gunst bittet, mit Euch zu tanzen." "Wenn ich nicht schon diesen Tanz meinem Vetter zugesagt htte", antwortete Berta, schneller gefat als ihre Base, "so solltet Ihr ihn haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen." "So seid Ihr noch nicht versagt, Frulein von Lichtenstein?" fragte Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte. "Ich bin an Euch versagt", antwortete Marie. So hrte er denn zum ersten Mal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den sesten Namen genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold anblickten wie vormals. Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg Truchse, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner Tnzerin vor, die Fackeltrger folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff Mariens Hand und schlo sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen nicht so glcklich wie ihn, denn noch immer lag eine dstere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirn. Sie sah sich um, ob Dietrich und Berta, das nchste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe seien.--Sie waren fern. "Ach, Georg", begann sie, "welch unglcklicher Stern hat Dich in dieses Heer gefhrt?" "Du warst dieser Stern, Marie", sagte er, "Dich habe ich auf dieser Seite geahnt, und wie glcklich bin ich, da ich Dich fand! Kannst Du mich tadeln, da ich die gelehrten Bcher beiseite legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, da der deinige sehen soll, da seine Tochter keinen Unwrdigen liebt." "Ach Gott! Du hast doch dem Bund noch nicht zugesagt?" unterbrach sie ihn. "ngstige Dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht vllig zugesagt; aber es mu nchster Tage geschehen. Willst Du denn Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gnnen? Warum magst Du um mich so bange sein? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit uns." "Ach, mein Vater, mein Vater!" klagte Marie. "Er ist ja--doch brich ab, Georg, brich ab--Berta belauscht uns; aber ich mu Dich morgen sprechen, ich mu, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! Wenn ich nur wte wie?" "Was ngstigt Dich denn nur so?" fragte Georg, dem es unbegreiflich war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? "Du stellst Dir die Gefahren grer vor, als sie sind", flsterte er ihr trstend zu. "Denke an nichts, als da wir uns jetzt wieder haben, da ich Deine Hand drcken darf, da Auge in Auge sieht wie sonst. Geniee jetzt die Augenblicke, sei heiter!" "Heiter? Oh, diese Zeiten sind vorbei, Georg! Hre und sei standhaft--mein Vater ist nicht bndisch!" "Jesus Maria! Was sagst Du?" rief der Jngling und beugte sich, als habe er das Wort des Unglcks nicht gehrt, herab zu Marien. "Oh sag, ist denn Dein Vater nicht hier in Ulm?" Sie hatte sich strker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei dem ersten Laut wren ihre Trnen unaufhaltsam geflossen; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging mit gesenktem Haupt, nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekmpfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist dieses Mdchens ber die Schwche ihrer Natur, die einem so groen, tiefen Kummer beinahe erlegen wre. "Mein Vater", flsterte sie, "ist Herzog Ulrichs wrmster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, fhrt er mich heim auf den Lichtenstein!" Betubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tnen schmetterten die Trompeten, sie begrten den Truchse, der eben an dem Musikchor vorberzog, er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstcke zu, und von neuem erhob sich ihr betubender Jubel. Das leise Gesprch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser Tne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein Geflster ber sie im Saal erging, das sie als das schnste Paar pries. Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehrt. Sie war zu gutmtig, als da Neid darber in ihre Seele gekommen wre, aber sie setzte sich doch im Geist an Mariens Platz, und fand, da man vielleicht das Paar nicht minder schn gefunden htte. Auch das Gesprch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tnzer. Die Musik hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde wurde in ihr rege, sie zog ihren Tnzer nher an das vordere Paar, um ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gesprch verstummte, als sie nherkam, oder wurde so leise gefhrt, da sie nichts davon verstand. Ihr Interesse an dem schnen jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lstig geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, hinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz endete. Denn sie durfte hoffen, da der nchste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer fr sie sein werde. Sie tuschte sich nicht in ihrer Hoffnung, Georg kam, sie um den nchsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hpfte frhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte. Verstrt, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, da er sich immer erst wieder sammeln mute, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte. War dies jener "hfliche Ritter", welcher sie, ohne da sie sich je gesehen hatten, so freundlich grte? War es derselbe, welcher so heiter, so frhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen fhrte? Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte diese--? Ja, es war klar, Marie hatte ihm besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm getanzt. Je weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern zu mssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwtzigkeit das Gesprch ber den bevorstehenden Krieg, das sie mit Mhe angesponnen hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber traten. "Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnt?" "Es ist mein erster", antwortete dieser kurz angebunden, denn er war unmutig darber, da jene ihn noch immer im Gesprch halte, da er mit Marie so gerne gesprochen htte. "Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine mchtige Narbe auf der Stirn." "Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg. "Wie? Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter. "Nun, und da seid Ihr gewi recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den Ketzern in Wittenberg." "Nicht so weit, als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu Marien wandte, "ich war in Tbingen." "In Tbingen", rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Rte der Scham auf den Wangen, vor ihm stand, berzeugte sie, da die lange Reihe von Schlssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund hatten. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Ritter begrt, warum Marie geweint, die ihn gewi gerne auf der feindlichen Seite gesehen htte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich, sie muten sich lngst gekannt haben. Beschmung war das erste Gefhl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz bestrmte; sie errtete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschftige. Unmut ber Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Zge. Sie suchte Entschuldigung fr ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Htte diese ihr gestanden, in welchem Verhltnis sie zu dem jungen Mann stehe, sie htte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wre ihr dann, meinte sie, hchst gleichgltig geblieben, sie htte nie diese Beschmung erfahren. Berta hat an diesem Abend den unglcklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewrdigt, was ihm brigens ber dem greren Schmerz, der seine Seele beschftigte, vllig entging. Sein Unglck wollte es auch, da er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestrt zu sprechen, der Abendtanz ging zu Ende, ohne da er ber Mariens Schicksal und ber die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflstern, er mchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgendeine Gelegenheit finden wrde, ihn zu sprechen. Verstimmt kamen die beiden Schnen nach Hause. Berta hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, da sie ahnte, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein groer Schmerz beschftigte, war nach und nach immer dsterer, einsilbiger geworden. Aber auf beiden lastete die Strung ihres bisherigen freundschaftlichen Verhltnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Mdchen nur zu noch engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, da es in langen Ringellocken ber den schnen Nacken herabstrmte. Sie versuchte, es unter das Nachthubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zu Rande, aber zu stolz, ihrer Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinn nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Hubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden. Schweigend nahm Marie das verworfene Hubchen wieder auf und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden. "Hinweg, Du Falsche!" rief die erzrnte Berta, indem sie die hilfreiche Hand zurckstie. "Berta; hab' ich dies um Dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut. "Oh wenn Du wtest, wie unglcklich ich bin, Du wrdest sanfter gegen mich sein!" "Unglcklich?" lachte jene laut auf, "unglcklich! Vielleicht, weil der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?" "Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "Du bist bse auf mich und sagst mir nicht einmal warum?" "So? Du willst also nicht wissen, da Du mich betrogen hast? Nicht wissen, wie mich Deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschmung aussetzten? Ich htte nie geglaubt, da Du so schlecht, so falsch, an mir handeln wrdest!" Von neuem erwachte in Berta das krnkende Gefhl, sich hintangesetzt zu sehen Ihre Trnen strmten, sie legte die heie Stirn in die Hand, und die reichen Locken flossen ber ihr zusammen und verhllten die Weinende. Trnen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese Trnen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: "Berta! Du schiltst meine Heimlichkeit. Ich sehe, Du hast erraten, was ich nie von selbst sagen konnte. Setze Dich selbst in meine Lage. Ach, Du selbst, so heiter und offen Du bist, Du selbst httest mir Dein Geheimnis nicht vertrauen knnen. Aber jetzt ist es ja aus. Du weit, was meine Lippen auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und nicht erst von gestern her. Willst Du mich hren? Darf ich Dir alles sagen?" Bertas Trnen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene Fragen, aber Marie hob an zu erzhlen, wie sie Georg im Haus der seligen Muhme kennengelernt habe. Wie sie ihm gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden Alle jene schne Erinnerungen lebten in ihr auf, mit glhenden Wangen, mit strahlendem Auge fhrte sie die Vergangenheit herauf. Sie erzhlte von so mancher schnen Stunde, vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied "Und jetzt", fuhr sie mit wehmtigem Lcheln fort, "jetzt hat ihn dieser unglckliche Krieg auf diese Seite gefhrt. Er hrt, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht anders, als mein Vater sei dem Bund beigetreten, er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! Oh Berta, Du kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so streng, wenn etwas seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Mann seine Tochter geben, der sein Schwert gegen Wrttemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine Trnen! Ach, ich wollte Dir so oft sagen, warum sie flieen, aber eine unbesiegbare Scham schlo meine Lippen. Kannst Du mir noch zrnen? Mu ich mit dein Geliebten auch die Freundin verlieren?" Auch Mariens Trnen flossen und Berta fhlte den eigenen Schmerz von dem greren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend und weinte mit ihr. "In den nchsten Tagen", fuhr diese fort, "will mein Vater Ulm verlassen, und ich mu ihm folgen. Aber noch einmal mu ich Georg sprechen, nur ein Viertelstndchen. Berta, Du kannst gewi Gelegenheit geben. Nur ein ganz kleines Viertelstndchen!" "Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?" fragte Berta. "Was nennst Du die gute Sache?" antwortete Marie. "Des Herzogs Sache ist vielleicht nicht minder gut als die Eure. Du sprichst so, weil Ihr bndisch seid. Ich bin eine Wrttembergerin, und mein Vater ist seinem Herzog treu. Doch sollen wir Mdchen ber den Krieg entscheiden? La uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen." Berta hatte ber der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer Base zugehrt hatte, ganz vergessen, da sie ihr jemals gram gewesen war. Sie war berdies fr alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen ihr diese Mitteilungen erwnscht. Sie fhlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle mgliche Mhe, dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen. "Ich hab's gefunden", rief sie endlich aus, "wir laden ihn geradezu in den Garten." "In den Garten?" fragte Marie schchtern und unglubig, "und durch wen?" "Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, mu ihn selbst bringen", antwortete sie, "das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wrtchen davon merken, lass' nur mich dafr sorgen." Marie, entschlossen und stark bei groen Dingen, zitterte doch bei diesem gewagten Schritt. Aber ihre mutige, frhliche Base wute ihr alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit erneuerter Hoffnung, und befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mdchen, ehe sie sich zur Ruhe legten. Kapitel 7 Sinnend und traurig sa Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Trstliches fr seine Hoffnungen erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt, und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden. Zwlf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der Ritterschaft und gesamten Stdte an ihre Lanzen geheftet, zum Ggglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem Wrttemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straen rief man einander frhlich diese Nachricht zu, und die Freude, da es jetzt endlich ins Feld gehen werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur einen traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb ihn aus dem Kreis der frhlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los knftiger Siege im Wrfelspiel zu belauschen. Ach! Ihm waren ja schon die Wrfel gefallen! Ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig verloren. Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstrmten, weckten ihn aus seinem Brten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Tr. "Glck auf, Junker!" rief er, "jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber ihr wit es vielleicht noch gar nicht? Der Krieg ist angekndigt, schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten." "Ich wei es", antwortete sein finsterer Gast. "Nun und hpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehrt-- nein, das knnt Ihr nicht wissen", fuhr Dietrich fort, indem er zutraulich nher zu ihm trat, "da die Schweizer bereits abziehen?" "Wie, sie ziehen?" unterbrach ihn Georg. "Also hat der Krieg schon ein Ende?" "Das mchte ich nicht gerade behaupten", fuhr der Ratsschreiber bedenklich fort, "der Herzog von Wrttemberg ist noch ein junger, mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Stdte und Burgen. Da ist einmal der Hellenstein und darin Stephan von Lichow, ein Mann wie Eisen. Da ist Gppingen, das Philipp von Rechberg auch nicht auf den ersten Stckschu ergeben wird. Da ist Schorndorf, Rothenberg und Asberg, da ist vor allem Tbingen, das er tchtig befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beien, bis Ihr Eure Rosse im Neckar trnkt." "Nun, nun!" fuhr er fort, als er sah, da seine Nachrichten die finstere Stirn seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten. "Wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmt, so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?" "Base? Ja, warum fragt Ihr?" "Nun seht, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin Berta vorbrachte. Als ich aus dem Rathaus kam, winkte sie mir hinauf und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der Donau zu fhren. Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr mt mir schon den Gefallen tun, mitzugehen. Solche Geheimnisse und Auftrge sind zwar gewhnlich nicht weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Msterlein fr den Webstuhl oder eine Probe seiner Wolle, oder ein tiefes Geheimnis der Kochkunst, oder gar ein paar Krnlein von einer seltenen Blume mit, denn Marie ist eine groe Grtnerin--doch wenn Ihr gestern an dem Mdchen Gefallen gefunden habt, geht Ihr wohl gerne mit." Mitten in dem schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mute Georg ber die List der Mdchen lachen. Freundlich bot er dem guten Boten die Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten. Dieser lag an der Donau, ungefhr zweitausend Schritte unter der Brcke. Er war nicht gro, zeugte aber von Sorgfalt und Flei. Die schnen Obstbume waren zwar noch nicht belaubt, und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog und in einer gerumigen Laube endete, gab durch sein helles Grn einen lebhaften Anblick und hinlnglichen Schutz gegen die einem weien Hals und schnen Armen so gefhrlichen Strahlen der Mrzsonne. Dort, auf dem breiten, bequemen Steinsitz, wo die Lcken der Laube eine freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewhrten, hatten die Mdchen unter mancherlei Gesprchen der jungen Mnner geharrt. Marie sa traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schnen Arm auf eine Lcke der Laube aufgesttzt und das von Gram und Trnen mde Kpfchen in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glnzendes Haar hob die Blsse ihres Teints um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht, und schlaflose Nchte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so berraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das vollendete Bild frhlichen Lebens, sa die frische, runde, rosige Berta neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunkeln Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schrferen Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen, hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast standen mit dem sinnenden, geistvollen Blick Mariens, so wurde auch jede ihrer raschen lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer. Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base zu trsten, oder doch ihren groen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzhlte und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebrde und Sprache vieler Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Knste, womit die Natur ihre frhliche Tochter ausstattete. Aber wir glauben, da sie wenig ausrichtete, denn nur hie und da glitt ein wehmtiges, schnell verschwebendes Lcheln ber Mariens feine Zge hin. Endlich ging die Gartenpforte auf. Mnnertritte tnten den Gang herauf und die Mdchen standen auf, die Erwarteten zu empfangen. "Herr von Sturmfeder", begann Berta nach den ersten Begrungen, "verzeiht doch, da ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen. Aber meine Base Marie wnscht, Euch Auftrge an eine Freundin zu geben.--Nun, und da wir andern nicht zu kurz kommen", setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, "so wollen wir eins plaudern und den Abendtanz von gestern mustern." Damit ergriff sie ihres Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab. Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine Brust und weinte heftig. Die sesten Worte, die er ihr zuflsterte, vermochten nicht, ihre Trnen zu stillen "Marie", sagte er, "Du warst ja sonst so stark, wie kannst Du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?" "Hoffnung?" fragte sie wehmtig, "mit unserer Hoffnung, mit unserem Glck ist es fr ewig aus." "Sieh", antwortete Georg, "eben dies kann ich nicht glauben, ich trage die Gewiheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben, da sie untergehen knne?" "Du hoffst noch? So hre mich ganz an. Ich mu Dir ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters hngt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist. Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind abzuholen. Nein, er sucht die Plne des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst Du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jngling geben, der durch unser Verderben sich emporzuschwingen sucht? Einem, der sich an Menschen anschliet, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?" "Dein Eifer fhrt Dich zu weit, Marie", unterbrach sie der Jngling, "Du mut wissen, da mancher Ehrenmann in diesem Heer dient!" "Und wenn dies wre", fuhr jene eifrig fort, "so sind sie betrogen und verfhrt, wie auch Du betrogen bist." "Wer sagt Dir dies so gewi?" entgegnete Georg, welcher errtete, die Partei, die er ergriffen, von einem Mdchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er ahnte, da sie so unrecht nicht habe. "Wer sagt Dir dies so gewi? Kann nicht Dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschschtigen Mannes fhren, der seine Edlen ermordet, der seine Brger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verprat und seine Bauern verschmachten lt?" "Ja, so schildern ihn seine Feinde", antwortete Marie, "so spricht man von ihm in diesem Heer; aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Frsten nicht lieben, wenn gleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Mnner, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut fr den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen ruberischen Edlen, diesen Stdtern ihr Land abtreten." Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. "Aber wie entschuldigen denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?" fragte er. "Ihr sprecht immer von Eurer Ehre", antwortete Marie, "und wollt nicht leiden, da ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist nicht meuchelmrderisch gefallen, wie seine Anhnger in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampf, worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er tat. Aber man soll nur auch bedenken da ein junger Herr, wie der Herzog, von schlechten Rten umgeben, nicht immer weise handeln kann Aber er ist gewi gut, und wenn Du wutest, wie mild, wie leutselig er sein kann!" "Es fehlt nur noch, da Du ihn auch noch den schnen Herzog nennst", sagte Georg bitter lchelnd "Du wirst reichen Ersatz finden fr den armen Georg, wenn er es der Mhe wert hlt, mein Bild aus Deinem Herzen zu verdrngen." "Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich Dich nicht fr fhig gehalten", antwortete Marie, indem sie sich mit Trnen des Unmuts, im Gefhl gekrnkter Wrde, abwandte. "Glaubst Du denn das Herz eines Mdchens knne nicht auch warm fr die Sache ihres Vaterlandes schlagen?" "Sei mir nicht bse", bat Georg, der mit Reue und Beschmung einsah wie ungerecht er sei, "gewi, es war nur Scherz!" "Und kannst Du scherzen wo es unser ganzes Lebensglck gilt?" entgegnete Marie. "Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und Du magst scherzen? Ach, wenn Du gesehen httest, wie ich so manche Nacht mit heien Trnen zu Gott flehte, er mge Dein Herz hinber auf unsere Seite lenken, er mge uns vor dem Unglck bewahren, auf ewig getrennt zu sein, gewi Du knntest nicht so grausam scherzen!" "Er hat es nicht zum Heil gelenkt", antwortete Georg, dster vor sich hinblickend. "Und sollte es nicht noch mglich sein?" sprach Marie, indem sie seine Hand fate und mit dem Ausdruck bittender Zrtlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah. "Sollte es nicht noch mglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zufhren! Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es Dir hoch anschlagen, wenn Du ihm folgst, an seiner Seite wirst Du kmpfen, mein Herz wird dann nicht zerrissen nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits. Mein Gebet, wenn es um Glck und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen beiden Heeren irren!" "Halt ein!" rief der Jngling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg der berzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren sen Lippen gelagert. "Willst Du mich bereden, ein berlufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heer ein, heute wird der Krieg erklrt und morgen soll ich zu dem Herzog hinberreiten? Kann Dir meine Ehre so gleichgltig sein?" "Die Ehre?" fragte Marie und Trnen entstrzten ihrem Auge. "Sie ist Dir also teuerer als Deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue schwur. Wohlan! Sei glcklicher mit ihr als mit mir! Aber mge Dir, wenn Dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlgt, weil Du in unsern Fluren am schrecklichsten gewtet, wenn er Dir ein Ehrenkettlein umhngt, weil Du Wrttembergs Burgen am tapfersten gebrochen, mge Dir der Gedanke Deine Freude nicht trben, da Du ein Herz brachst, das Dich so treu, so zrtlich liebte!" "Geliebte!" antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefhle zerrissen, "Dein Schmerz lt Dich nicht sehen wie ungerecht Du bist. Doch es sei; damit Du siehst, da ich den Ruhm, der mir so freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen wei, so hre mich: Hinber zu Euch darf ich nicht. Aber ablassen will ich von dem Bund, mge kmpfen und siegen wer da will--mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!" Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des jungen Mannes mit sem Lohn "Oh, glaube mir", sagte sie, "ich fhle, wie viel Dich dieses Opfer kosten mu. Aber sieh mir nicht so traurig an Dein Schwert hinunter. Wer frh entsagt, der erntet schn sagt mein Vater; es mu uns doch auch einmal die Sonne des Glckes scheinen. Jetzt kann ich getrost von Dir scheiden, denn wie auch der Krieg enden mag, Du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch' schweres Opfer Du gebracht hast!" Bertas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, da der Ratsschreiber nicht mehr zurckzuhalten sei, schreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Trnen und trat mit Georg aus der Laube. "Vetter Kraft will aufbrechen", sagte Berta, "er fragt, ob der Junker ihn begleiten wolle?" "Ich mu wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll", antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie gewesen wren, so kannte er doch die strenge Sitte dieser Zeit zu gut, als da er ohne den Vetter, als Landfremder, bei den Mdchen geblieben wre. Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dieterich fhrte das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, da seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Berta mochte in Georgs Augen gelesen haben, da ihm noch etwas zu wnschen brigbleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge berflssig war. Sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig ber eine Pflanze, die gerade zu seinen Fen mit ihren ersten Blttern aus der Erde sprote, da er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rcken vorging. Schnell bentzte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenem Gewand, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen Er sah sich um, und oh Wunder! Er erblickte die ernste, zchtige Base in den Armen seines Gastes. "Das war wohl ein Gru an die liebe Base in Franken?" fragte er, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. "Nein, Herr Ratsschreiber", antwortete Georg, "es war ein Gru an mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzufhren gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?" "Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen", antwortete Herr Dietrich, der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Trnen etwas eingeschchtert wurde. "Aber der tausend, das hei' ich _veni, vidi, vici_. Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schne und habe mich kaum eines Blickes erfreuen knnen Und heute mu ich nun gar den Marder selbst herausfhren, der mir das Tubchen vor dem Mund wegstiehlt." "Verzeih den Scherz, Vetter, den wir uns mit Dir machten", fiel ihm Berta ins Wort, "sei vernnftig und la Dir die Sache erklren." Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu schweigen Durch die freundlichen Blicke Bertas besnftigt, versprach er zu schweigen unter der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, da sie etwa auch einen solchen Gru an ihn bestelle. Kapitel 8 Ulm glich in den nchsten Tagen einem groen Lager. Statt der friedlichen Landleute, der geschftigen Brger, die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straen gingen, sah man berall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhten, mit Lanzen, Armbrsten und schweren Bchsen. Statt der Ratsherren in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter mit wehenden Helmbschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer groen Schar bewaffneter Dienstleute, ber die Pltze und Mrkte. Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der Donau bte Sickingen seine Reiterei, auf einem groen Blachfeld gegen Sslingen hin pflegte Frondsberg sein Fuvolk zu tummeln. An einem schnen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Stnden auf jener Wiese versammelt, um diesen bungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so groer Ruf vorangegangen war, vielleicht nicht mit geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder kniglichen Shne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten sahen. Knpft sich doch ja gerade an die Person eines ausgezeichneten Fhrers das Interesse, das dem ganzen Heer gilt, ja, wir meinen oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder die ffentlichen Bltter erzhlen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir uns die Gestalt des Heerfhrers vor das Auge zurckrufen knnen. So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumute sein, wenn sie ihre engen Straen verlieen, um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fuvolk, das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Wink nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine mchtige Stimme, die selbst die Trommeln bertnte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles gewhrte ein so neues, anziehendes Bild, da auch die bequemsten Brger es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen und dieses Schauspiel zu genieen. Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und frhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die guten Ulmer an ihm nahmen und der auf allen Gesichtern geschrieben stand, erfreuen; mochte ihm hier auen an dem schnen Morgen, unter seinen Waffenbungen, wohler sein als in den engen kalten Straen der Stadt--er blickte so freundlich auf die Menge hin, da jeder glaubte, von ihm besonders beachtet und begrt zu werden, und der Ausruf: "Ein wackerer Herr, ein braver Ritter!" jedem seiner Schritte folgte. Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er vorbersprengte, so durfte man gewi sein, da er dort mit dem Schwert oder der Hand herbergrte und traulich nickte. Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner freundlichen Winke zu sehen; die Nherstehenden sahen sich fragend an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Brger schien dieser Auszeichnung wrdig. Als Frondsberg wieder vorbersprengte und die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand sich, da die Gre einem groen, schlanken, jungen Mann gelten muten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand. Das Wams von seinem Tuch mit Seidenschlitzen, die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schrpe zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmckt als er, auch durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden. Der Jngling schien aber zum rgernis der guten Spiebrger nicht sehr erfreut ber die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil wurde. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme ber die Brust gekreuzt, schien nicht anstndig genug fr einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden gegrt wurde. berdies errtete er bei jedem Gru des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und sah ihm mit so dsteren Blicken nach, als glte es ein langes Scheiden, und dieser Gru wre der letzte eines lieben Freundes gewesen. Die bungen des Fuvolkes waren zu Ende gegangen, das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Wrttemberg. Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglcklich gefhlt wie in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschwren lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie unglcklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der betubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Mdchens hatten ihn berwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blick seinen Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine Lage! Nichts davon zu sagen, da alle seine goldenen Trume, alle jene khnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, da auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewi in die Weite hinausgerckt war--er sollte auf die Gefahr hin, von Mnnern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging, Von Tag zu Tag, so lange es ihm nur mglich war, verschob er diese Erklrung, wo sollte er Grnde, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapferen Degen Breitenstein, seinem vterlichen Freund, seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirn sollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Gre, womit er den Sohn seines tapferen Waffengenossen zu freudigem Kampf aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehrt, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmndigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken ffnete, und auch ihm mute er in so zweideutigem Licht erscheinen. Er hatte sich unter diesen trben Gedanken langsam dem Tor der Stadt genhert, als er sich pltzlich am Arm ergriffen fhlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm. "Was willst Du?", fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken unterbrochen zu werden. "Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid", antwortete der Mann "Sagt einmal, was gehrt zu Licht und Sturm?" Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer. Er war nicht gro, aber krftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefrbt, wre flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet htten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch am ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mtze aus Leder. Whrend Georg diese flchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine Zge lauernd beobachtet. "Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter", fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort, "was pat zu Licht und Sturm, da es zwei gute Namen gibt?" "Feder und Stein!" antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar wurde, was unter jener Frage zu verstehen sei. "Was willst Du damit?" "So seid Ihr Georg von Sturmfeder", sagte jener, "und ich komme von Marien von--" "Um Gottes willen, sei still, Freund, und nenne keinen Namen", fiel Georg ein, "sage schnell, was Du mir bringst." "Ein Brieflein, Junker!" sprach der Bauer, indem er die breiten, schwarzen Kniegrtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte, auflste und einen Streifen Pergament hervorzog. Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit glnzend schwarzer Tinte geschrieben: "Bedenk' Deinen Eid--Flieh bei Zeit. Gott Dein Geleit.--Marie Dein in Ewigkeit." Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen mchte, ein Auge voll Zrtlichkeit, umflort von einem Schleier stiller Trnen, einen holden Mund, der das Blttchen noch einmal kt, verschmte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gru errten, wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, da er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glnzender Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten fr ihren trstenden Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner anderen Zeit ntiger gewesen als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben. Wute er doch, da ein Wesen, das teuerste, das fr ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der Schlu jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei. "Dacht' ich's doch", antwortete dieser, "da das Blttchen keinen bsen Zauberspruch enthalten msse; denn das Frulein lchelte so gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drckte. Es war vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prchtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons, des Tufers Johannes, vorgestellt ist. Vor sieben Jahren, als ich in groer Not und einem schmhlichen Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein Paar schne Gnse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gerne hat.--Aber ich langweile Euch mit meinem Geschwtz, Junker?" "Nein, nein, erzhle nur weiter", antwortete Georg, "komm, setze Dich zu mir auf jene Bank." "Das wrde sich schn schicken!" entgegnete der Bote, "wenn ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft gegrt hat; erlaubt mir, da ich mich vor Euch hinstelle." Georg lie sich auf einen Steinsitz am Weg nieder, der Bauer aber fuhr, auf seine Axt gesttzt, in seiner Erzhlung fort: "Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber 'gebrochener Eid tut Gott leid', heit es, und so mute ich mein Gelbde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen, was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, da ich diesmal nicht zu Seiner Ehrwrden knne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger Herr und htte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht htte. Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so verget nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment fhrt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schliet, und ist lang und schmal. Dort war es, wo mir das Frulein begegnet ist. Es kommt mir nmlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab entgegen, ich drcke mich an die Wand, um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und spricht: 'Ei, Hans, woher des Wegs?'" "Woher kennt Euch denn das Frulein?" unterbrach ihn Georg, "Meine Schwester ist ihre Amme, und--" "Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?" rief der junge Mann "Habt Ihr sie auch gekannt?" fragte der Bote. "Ei, seh doch einer! Aber da ich weiter sage: Ich hatte meine groe Freude, sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester hufig in Lichtenstein und habe das Frulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lehrte. Aber ich htte sie kaum wieder erkannt, so gro war sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai. Ich wei nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele, und ich mute fragen, was ihr fehle und ob ich ihr nicht etwas helfen knne? Sie besann sich dann eine Weile und sagte dann: 'Ja, wenn Du verschwiegen wrest, Hans, knntest Du mir wohl einen groen Dienst leisten!' Ich sagte zu, und sie bestellte mich nach der Vesper." "Aber wie kommt sie nur in das Kloster?" fragte Georg, "Sonst darf ja doch kein Weiberschuh ber die Schwelle." "Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben, als im Stdtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir dies Blttchen und bat mich, Euch aufzusuchen." "Ich danke Dir herzlich, guter Hans", sagte der Jngling. "Aber hat sie Dir sonst nichts an mich aufgetragen?" "Ja", antwortete der Bote, "mndlich hat sie mir noch etwas aufgetragen; Ihr sollt Euch hten, man habe etwas mit Euch vor." "Mit mir?" rief Georg. "Das hast Du nicht recht gehrt, wer und was soll man mit mir vorhaben?" "Da fragt Ihr mich zu viel", entgegnete jener, "aber wenn ich es sagen darf, so glaube ich, die Bndischen. Das Frulein setzte noch hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, da sich jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist." Georg war berrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauern, er entsann sich auch, da Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunchst auf ihn beziehe. Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so konnte er doch nichts finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepat htte. Mit Mhe ri er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden habe? "Dies wre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen", antwortete er, "ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber die Strae hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fuvolk zu betrachten. Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht.--Nun, da war mir's, als hrte ich nahe bei mir Euren Namen nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Mnner, die sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin; ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewi war, so gab ich Euch das Rtsel von Sturm und Licht auf." "Das hast Du klug gemacht", sagte Georg lchelnd, "aber komm in mein Haus, da man Dir etwas zu essen reiche; wann kehrst Du wieder heim?" Hans bedachte sich eine Weile, endlich aber sagte er, indem ein schlaues Lcheln um seinen Mund zog: "Nichts fr ungut, Junker; aber ich habe dem Frulein versprechen mssen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem bndischen Heer Valet gesagt habt." "Und dann?" fragte Georg. "Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle Tage steht sie wohl im Grtchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hans noch nicht komme!" "Die Freude soll ihr bald werden", antwortete Georg, "vielleicht schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Briefchen." "Aber greift es doch klug an", sagte der Bote, "das Pergament darf nicht breiter sein, als jenes, das ich brachte. Denn ich mu es wieder im Kniegrtel verstecken. Man wei nicht, was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand." "Es sei so", antwortete Georg, indem er aufstand. "Fr jetzt lebe wohl, um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Mnster. Gib Dich fr meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den Wrttembergern nicht ganz grn." "Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein", rief Hans dem Scheidenden zu. Er sah dem schlanken Jngling nach und gestand sich, da das holde Pflegekind seiner Schwester keine ble Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blhenden Farben verloren hatten. Kapitel 9 Georg war anfangs bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem Kraftschen Haus benehmen werde. Er frchtete nicht ohne Grund, jener mchte sich durch seine Mundart, durch unbedachte uerungen verraten, was ihm hchst unangenehm gewesen wre; denn je fester er bei sich beschlossen hatte, das Bundesheer in den nchsten Tagen zu verlassen, um so weniger wollte er in den Verdacht geraten, in Verbindung mit Wrttemberg zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im schlimmsten Fall, wenn der Bote entdeckt wurde, wenn er bekannte, an ihn geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und den Mann aufsuchen, ihn bitten; sich so bald als mglich zu entfernen, aber als er bedachte, da dieser schon lngst von dem Platz ihrer Unterredung sich entfernt haben msse, da er indes zu Kraft kommen knne, schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen; um jenem dort die ntigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu warnen. Und doch, wenn er sich das khne Auge, die kluge, verschlagene Miene des Mannes ins Gedchtnis rief, glaubte er hoffen zu drfen; da Marie, obgleich ihr keine groe Wahl brigblieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut habe. Und wirklich traute er seinen Augen, seinen Ohren kaum, als ihm um Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet und sein Liebesbote hereingefhrt wurde. Welche Gewalt mute dieser Mensch ber sich haben! Es war derselbe, und doch schien er ein ganz anderer. Erging gebckt, die Arme hingen schlaff am Krper herab, selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Bldigkeit, der Georg ein unwillkrliches Lcheln abntigte. Und als er dann zu sprechen anfing, als er ihn in frnkischer Mundart begrte, und mit der gelufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an bernatrliche Dinge zu glauben, die Mrchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedchtnis auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet und sie glcklich mitten durch das feindselige Schicksal hindurchfhrt. Der Zauber war zwar bald gelst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer allein war und ihn der gute Schwabe von seiner Persnlichkeit versicherte; aber doch konnte er ihm seine Verwunderung nicht versagen ber die Rolle, die er so gut gespielt. "Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit", antwortete der Bauer, "man wird oft gentigt, von Jugend auf durch solche Knste sich fortzuhelfen; sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann." Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote aber bat dringend, er mchte doch jetzt auch an seine Abreise denken, er mchte bedenken, wie sehr sich das Frulein nach dieser Nachricht sehne, da er nicht frher heimkehren drfe, als bis er diese Gewiheit bringen knne. Georg antwortete ihm, da er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres abwarten wolle, um in seine Heimat zurckzukehren "Oh, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten", antwortete der Bote, "wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es bermorgen, denn das Land ist offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag' ich Euch dies." "Ist es denn wahr, da die Schweizer abgezogen sind?" fragte Georg, "und da der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?" Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, ffnete behutsam die Tr, und als er sah, da kein Lauscher in der Nhe sei, begann er: "Herr! Ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse und wenn ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb groe Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet: Ihre Rte und Landammnner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch ber achttausend Mann; jedoch lauter gute Wrttemberger und nichts anderes darunter." "Und der Herzog", unterbrach ihn Georg, "wo war denn dieser?" "Der Herzog hatte in Kirchheim zum letzten Mal mit den Schweizern unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte. Da kam er gen Blaubeuren; wo sich sein Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekanntgemacht, da sich bis neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Mnner, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht Junker, der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und wei den Bauer nicht fr sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verprat, was man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglck ist, da ist es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, da er ein tapferer Mann und unser unglcklicher Herzog sei, dem man das Land mit Gewalt entreien wolle. Es ging ein Gemurmel unter uns, der Herzog wolle eine Schlacht liefern, und jeder drckte das Schwert fester in der Hand, grimmig schttelten sie ihre Speere und riefen den Bndlern Verwnschungen zu. Da kam der Herzog--" "Du sahst den Herzog, Du kennst ihn?" rief Georg neugierig. "Oh sprich, wie sieht er aus?" "Ob ich ihn kenne?" sagte der Bote mit sonderbarem Lcheln. "Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war, mich zu sehen Der Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreiig Jahre. Er ist stattlich und krftig, und man sieht ihm an, da er die Waffen zu fhren wei. Augen hat er wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute.--Der Herzog trat in den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille unter den vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, da er sich, also verlassen; nimmer zu helfen wte. Diejenigen, worauf er gehofft, seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die Schweizer knne er keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: 'Herr Herzog! Habt Ihr unsern Arm schon versucht, da Ihr die Hoffnung aufgebt? Schaut, diese alle wollen fr Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder einen Spie und ein Messer, und so sind hier viele tausend; seid Ihr des Landes so mde, da Ihr uns verschmht?' Da brach dem Ulrich das Herz; er wischte sich Trnen aus dem Auge und bot dem Alten seine Hand. 'Ich zweifle nicht an Eurem Mut', sprach er mit lauter Stimme, 'aber wir sind unserer zu wenig, so da wir nur sterben knnen, aber nicht siegen. Geht nach Haus, Ihr guten Leute, und bleibt mir treu. Ich mu mein Land verlassen und im bittern Elend sein. Aber mit Gottes Hilfe hoffe ich auch wieder hereinzukommen.' So sprach der Herzog, unsere Leute aber weinten und knirschten mit den Zhnen und zogen in Trauer und Unmut ab." "Und der Herzog?" fragte Georg. "Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin wei man nicht. In den Schlssern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen; bis der Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt." Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, da der Junker auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs Quartier gehalten werde; Georg war nicht wenig erstaunt ber diese Nachricht; was konnte man von ihm im Kriegsrat wollen? Sollte Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben; ihn zu empfehlen? "Nehmt Euch in acht, Junker", sprach der Bote, als der alte Johann das Gemach verlassen hatte, "und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem Frulein gegeben; vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen lie: Ihr sollt Euch hten, weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd besorgen und bin zu jedem Dienst erbtig." Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an; und Hans trat auch sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das Schwert um und setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der Tr, seines Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein. Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Haus zu; man wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er im ersten Zimmer rechts die Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in dieses Heiligtum wurde ihm nicht so bald verstattet; ein alter brtiger Kriegsmann fragte, als er die Tr ffnen wollte, nach seinem Begehr und gab ihm den schlechten Trost, es knne hchstens noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich ergriff er die Hand des jungen Mannes und fhrte ihn einen schmalen Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden sollte. Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank eines Vorzimmers sa, der kennt die Qual die Georg in jener Stunde auszustehen hatte. Da geht endlich eine Tr, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Tr bewegt sich nach langer Zeit wieder. "Georg von Frondsberg lt Euch seinen Gru vermelden", sprach der alte Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, "es knne vielleicht noch eine Weile dauern, doch sei dies ungewi, darum sollt Ihr hierbleiben. Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern." Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers, denn ein Tisch war nicht vorhanden und verlie das Gemach. Georg sah ihm staunend nach; er htte dies nicht fr mglich gehalten; ber eine Stunde war schon vergangen, und noch nicht? Er griff zu dem Wein; er war nicht bel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen Einsamkeit das Glas munden? Kein Wunder daher, da Georg, als er nach zwei tdlich langen Stunden in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht in der besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten Fhrer, der ihn hierher geleitet hatte, den langen Gang hin An der Tr wandte sich jener um und sagte freundlich: "Verschmht den Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finstere Miene ab; es tut nicht gut bei den strengen Herren da drinnen." Georg war in dem Augenblick zuwenig Herr ber sich, als da er den wohlgemeinten Rat htte befolgen knnen; er dankte ihm durch einen Hndedruck, ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Trklinke, und die schwere eichene Zimmertr drehte sich chzend auf. Um einen groen, schwerflligen Tisch saen acht ltliche Mnner, die den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jrg Truchse, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberster Feldleutnant den obersten Platz am Tisch ein, zu beiden Seiten von ihm saen Frondsberg und Franz von Sickingen, von den brigen kannte er keinen auer den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen treulich aufbewahrt; es saen dort noch Christoph Graf zu Ortenberg, Alban von Closen; Christoph von Frauenberg und Diepolt von Stein, bejahrte, im Heer angesehene Mnner. Georg war an der Tr stehengeblieben, Frondsberg aber winkte ihm freundlich, nher zu kommen. Er trat bis an den Tisch und berschaute nun mit dem freien khnen Blick, der ihm so eigen war, die Versammlung. Aber auch er wurde von den Versammelten beobachtet, und es schien, als fnden sie Gefallen an dem schnen, hochgewachsenen Jngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige nickten ihm sogar freundlich zu. Der Truchse von Waldburg hob endlich an "Georg von Sturmfeder, wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tbingen gewesen, ist dem so?" "Ja, Herr Ritter", antwortete Georg. "Seid Ihr in der Gegend von Tbingen genau bekannt?" fuhr jener fort. Georg errtete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem Lichtenstein war; doch fate er sich bald und sagte: "Ich kam zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie mir im allgemeinen bekannt." "Wir haben beschlossen", fuhr Truchse fort, "einen sicheren Mann in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der Herzog von Wrttemberg bei unserem Anzug tun wird. Es soll auch ber die Befestigung des Schlosses Tbingen, ber die Stimmung des Landvolkes in jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein solcher Mann kann dem Wrttemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert Reiter, und wir haben--Euch dazu ausersehen." "Mich?" rief Georg voll Schrecken. "Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehrt bung und Erfahrung zu einem solchen Geschft, aber was Euch daran abgeht, mge Euer Kopf ersetzen." Man sah dem Jngling an, da er einen heftigen Kampf mit sich kmpfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest zusammengepret. Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar; aber wie fest er auch bei sich beschlo, den Antrag auszuschlagen, wie erwnscht beinahe diese Gelegenheit erschien; um dem Bund zu entsagen; so kam ihm die Entscheidung doch zu berraschend, er scheute sich, vor den berhmten Mnnern seinen Entschlu auszusprechen. Der Truchse rckte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der junge Mann so lange mit seiner Antwort zgerte: "Nun? Wird's bald? Warum besinnt Ihr Euch so lange?" rief er ihm zu. "Verschont mich mit diesem Auftrag", sagte Georg nicht ohne Zagen, "ich kann, ich darf nicht." Die alten Mnner sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren nicht. "Ihr drft nicht, Ihr knnt nicht?" wiederholte Truchse langsam, und eine dunkle Rte, der Vorbote seines aufsteigenden Zornes, lagerte sich auf seiner Stirn und um seine Augen. Georg sah, da er sich in seinen Ausdrcken bereilt habe; er sammelte sich und sprach mit freierem Mut: "Ich habe Euch meine Dienste angeboten, um ehrlich zu fechten; nicht aber um mich in Feindesland zu schleichen und hinterrcks nach seinen Gedanken zu sphen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, aber so viel wei ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenschaft geben zu knnen; und wer von Euch der Vater eines Sohnes ist, mchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten, den Kundschafter zu machen?" Der Truchse zog die dunklen, buschigen Augenbrauen zusammen und scho einen durchdringenden Blick auf den Jngling, der so khn war, anderer Meinung zu sein als er. "Was fllt Euch ein, Junker!" rief er. "Eure Reden helfen Euch jetzt nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem kindischen Gewissen vertrgt, was wir Euch auftragen; es handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr mt!" "Und ich will nicht!" entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er fhlte, da mit dem Zorn ber Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von Minute zu Minute wuchs, er wnschte sogar, der Truchse mchte noch weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen. "Ja freilich, freilich!" lachte Waldburg in bitterem Grimm. "Das Ding hat Gefahr, so allein im Feindesland herumzureiten Ha! Ha! Da kommen die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit groen Worten und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapferen Arm an, und wenn es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt es an Herz. Doch Art lt nicht von Art, der Apfel fllt nicht weit vom Stamm--und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren." "Wenn dies eine Beleidigung fr meinen Vater sein soll", antwortete Georg erbittert, "so sitzen hier Mnner, die ihm bezeugen knnen, da er in ihrem Gedchtnis als ein Tapferer lebt. Ihr mt viel getan haben in der Welt, da Ihr Euch herausnehmt, auf andere so tief herabzusehen!" "Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich reden soll?" unterbrach ihn Waldburg. "Was braucht es da das lange Schwatzen? Ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln und Euch nach unseren Befehlen richten wollt oder nicht!" "Herr Truchse", antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er sich selbst zugetraut hatte, "Ihr habt durch Eure scharfen Reden nichts gezeigt, auer da Ihr kaum wit, wie man mit einem Edelmann, der dem Bund seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn eines tapferen Vaters sprechen msse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer rgster Feind wre, darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlt, mein Ro satteln, aber gewi nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht lnger Ehre, diesen Fahnen zu folgen nein, ich sage mich los und ledig von Euch fr immer; gehabt Euch wohl!" Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen und wandte sich zu gehen. "Georg", rief Frondsberg, indem er aufsprang, "Sohn meines Freundes!" "Nicht so rasch, Junker", riefen die brigen und warfen mibilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schlo und die gewaltigen Flgel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihn und den wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Mnner; sie schieden Georg von Sturmfeder auf ewig vom schwbischen Bund. Kapitel 10 Georg fhlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer ber das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu entscheiden er so lange gezgert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie besser nicht htte wnschen knnen. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberst-Feldleutnant mute die Schuld sich selbst beimessen. Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Donner der Geschtze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden Tne der Trompeten ihn begrten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen Frondsberg gefhrt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem Mund sich Ruhm zu erwerben!--Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben hatte; wie schmte er sich, sein Schwert fr die zu ziehen, die, nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schne Land sich zur Beute ausersehen hatten! Wie schrecklich war ihm der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der feindlichen Seite zu wissen, treu ergeben dem unglcklichen Frsten, den auch er aus seinen Grenzen zu jagen helfen sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu fr ihn schlug? "Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint", sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte, "Du hast es wohl mit mir gemeint; was jedem anderen, der heute an meiner Stelle stand, zum Verderben gewesen wre, hast Du fr mich zum Heil gelenkt!" Jene Heiterkeit, die, seit er wute, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trben Ernst gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirn, um seinen Mund zurck; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen frohesten Augenblicken. Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. "Nun, das ist doch sonderbar", sagte er, "ich eile nach Haus, um meinen Gast in seinem gerechten Schmerz zu trsten und finde ihn so frhlich wie nie; wie reime ich das zusammen?" "Habt Ihr noch nie gehrt, Herr Dietrich", entgegnete Georg, der es fr geratener hielt, seine Frhlichkeit zu verbergen, "habt Ihr nie gehrt, da man auch aus Zorn lachen und singen kann?" "Gehrt hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick", antwortete Kraft. "Nun, und Ihr habt also auch schon von der verdrielichen Geschichte gehrt?" fragte Georg. "Man erzhlt es sich gewi schon auf allen Straen?" "Oh nein", antwortete der Ratsschreiber, "man wei nirgends etwas davon, man htte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Wrttemberg damit ausposaunen mssen. Nein! Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen und erfahre manches noch in der Stunde, wo es getan oder gesprochen wurde. Aber nehmt mir's nicht bel, Ihr habt da einen dummen Streich gemacht!" "So", antwortete Georg lchelnd, "und warum denn?" "Bot sich Euch nicht die schnste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem wren die Bundesobersten mehr Dank schuldig als--" "Sagt es nur heraus", unterbrach ihn Georg "als dem Kundschafter in des Feindes Rcken. Es ist nur schade, da mein Vater und die Ehre meines Namens mich vor und nicht hinter den Feind bestimmt haben, es sei denn, da er vor mir fliehe." "Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht htte. Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wre wie Ihr, man htte es mir nicht zweimal sagen drfen." "Ihr habt hierzulande vielleicht andere Grundstze ber diesen Punkt" sagte Georg nicht ohne Spott, "als wir in unserem Franken, das htte Truchse von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen." "Ihr bringt mich da eben noch recht auf etwas anderes. Der Oberfeldleutnant! Wie habt ihr ihn Euch so zum Feind machen mgen, denn da dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht, drft Ihr gewi sein." "Das ist mein geringster Kummer", antwortete Georg "aber eines tut mir weh, da ich den bermtigen, der schon meinem Vater Bses getan, wo er konnte, nicht vor meine Klinge stellen und ihm zeigen kann, da der Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich gestoen hat." "Um Gottes willen", fiel Kraft ein, "sprecht nicht so laut, er knnte es hren. berhaupt mt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner im Heer unter ihm dienen wollt." "Ich will den Herrn Truchse von meinem verhaten Anblick bald befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum letzten Mal in Ulm untergehen sehen." "So wre es wahr", fragte Herr von Kraft mit Staunen, "was man noch dazu setzte und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder wolle wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?" "Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit", antwortete Georg ernst, "am wenigsten bei einem Stand wie dem unsrigen. Was aber Eure gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, da ich weder fr eine gute Sache noch fr eine gute Meinung, sondern fr ein paar groe Herren und fr ein paar Mauern voll Spiebrger mich schlagen sollte." Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine Hand ergriff und drckte, ruhiger fort: "Nehmt mir meine scharfen Worte nicht bel, mein freundlicher Wirt, wei Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen. Aber aus Eurem eigenen Mund habe ich die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in diesem Heer erfahren. Schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da Ihr mir die Binde von den Augen genommen habt." "Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker. Es wird bunt hergehen, wenn die Herren erst das schne Land da drben unter sich teilen. Aber da habe ich gedacht, es geht ja in einem hin, Ihr knntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen. Man sagt, Ihr drft es mir aber nicht belnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen, das meinte ich--" "Nichts davon!" fiel Georg rasch ein, gerhrt von der Gutmtigkeit seines Gastfreundes. "Das Haus meiner Vter zerfllt, unsere Tore hngen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrcke wchst Moos, und auf dem hohen Wartturm hausen Eulen. In fnfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder ein Muerchen und erinnert den Wanderer, da hier einst ein ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen Mauern ber mir zusammenstrzen und den letzten meines Stammes unter ihren Trmmern begraben, niemand soll von mir sagen: Ich habe fr ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen." "Jeder nach seiner Weise", antwortete Dietrich, "es klingt dies alles recht schn; aber ich fr meinen Teil wrde mir schon etwas gefallen lassen, um mein Haus anstndig und wohnlich wiederherzustellen.-- Mgt Ihr brigens Euren Entschlu ndern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen lassen." "Ich erkenne Eure Gte", antwortete Georg, "aber Ihr seht, da ich unter den gegenwrtigen Umstnden nichts mehr in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten." "Nun, und man kann Euch Gre mitgeben?" fragte der Ratsschreiber mit beraus schlauem Lcheln. "Ihr reitet doch den nchsten Weg nach Lichtenstein?" Der junge Mann errtete bis an die Stirn hinauf. Es war zwischen ihm und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise dieser Gegenstand noch nicht zur Sprache gekommen, um so mehr berraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines Gastfreundes. "Ich sehe", sagte er, "da Ihr mich noch immer falsch versteht. Ihr glaubt, ich habe dem Bund nur deswegen den Rcken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschlieen? Wie mgt Ihr nur so schlimm von mir denken?" "Ach, geht mir doch!" entgegnete der kluge Ratsschreiber. "Niemand anders als mein reizendes Bschen hat Euch von uns abwendig gemacht. Ihr httet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrckt, wenn der alte Lichtenstein auch mitgemacht htte. Nun er auf der anderen Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu mssen!" Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber war zu fest von seiner eigenen Klugheit berzeugt, als da er sich diese Meinung htte ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz natrlich und sah nichts Bses oder Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gru an die Base in Lichtenstein verlie er das Zimmer seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um. "Fast htte ich das Wichtigste vergessen", sagte er, "ich begegnete Georg von Frondsberg auf der Strae. Er lt Euch bitten, heute abend noch zu ihm in sein Haus zu kommen." Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, da ihn Frondsberg nicht ohne Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint und dessen freundliche Plne er so schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken an diesen schweren Gang sein Schwert um und wollte eben seinen Mantel zurechtlegen, als ein sonderbares Gerusch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen nherten sich seiner Tr, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Estrich seines Vorsaales klirren zu hren. Er machte schnell einige Schritte gegen die Tr, um sich von dem Grund seiner Vermutung zu berzeugen. Aber noch ehe er die Tr erreicht hatte, ging diese auf. Das matte Licht einiger Kerzen lie ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen, die seine Tr umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor. "Georg von Sturmfeder!" sprach er zu dem Jngling, der mit Staunen zurcktrat. "Ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrates gefangen." "Mich? Gefangen?" rief Georg mit Schrecken "Warum? Wessen beschuldigt man mich denn?" "Das ist nicht meine Sache", antwortete der Alte mrrisch, "doch wird man Euch vermutlich nicht lange in Ungewiheit lassen. Jetzt aber seid so gut und reicht mir Euer Schwert und folgt mir auf das Rathaus." "Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?" entgegnete der junge Mann mit dem Zorn beleidigten Stolzes. "Wer seid Ihr, da Ihr mir meine Waffen abfordern knnt? Da mu der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!" "Um Gottes willen, gebt doch nach" rief der Ratsschreiber, der sich bleich und verstrt an seine Seite gedrngt hatte. "Gebt nach! Widerstand kann Euch wenig ntzen. Ihr habt es mit dem Truchse zu tun", flsterte er heimlicher. "Das ist ein bser Feind, bringt ihn nicht noch rger gegen Euch auf." Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflsterungen des Ratsschreibers. "Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker", sagte er, "da Ihr in Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gerne die unziemlichen Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert mgt Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff und diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschliet, manchen rhmlichen Kampf ausfechten sehen Es ist lblich, da Ihr viel darauf haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen mgt. Aber aufs Rathaus mt Ihr mit, denn es wre tricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten wolltet." Der Jngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der Strae bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und folgte dem ergrauten Fhrer und seinen Landsknechten. Kapitel 11 Der Trupp, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, da sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, mten es ihm ansehen, da er ins Gefngnis gefhrt werde. Nchst diesem beschftigte ihn unterwegs vorzglich ein Gedanke: Es war das erste Mal in seinem Leben, da er in ein Gefngnis gefhrt wurde, er dachte daher nicht ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverlies in seinem alten Schlo, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm immer vor das Auge. Er war einige Male im Begriff, seinen Fhrer darber zu befragen, doch drngte der Gedanke, man mchte es fr kindische Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurck. Nicht wenig war er daher berrascht, als man ihn in ein gerumiges, schnes Zimmer fhrte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber im Vergleich mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefngnis glich. Der alte Kriegsmann wnschte dem Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurck. Ein kleiner hagerer, ltlicher Mann trat ein: Der groe Schlsselbund, welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schlieer kund. Er legte schweigend einige groe Scheiter Holz ins Kamin, und bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Mrznacht sehr zustatten kam. Auf die Bretter der breiten leeren Bettstelle breitete der Schlieer eine groe, wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem Mund hrte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit einer dnnen Decke berlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die Bemhungen des Alten und sein Gefngnis. "Das ist halt die Ritterhaft", belehrte ihn der Schlieer. "Die fr den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schn, doch ist sie dafr desto besuchter." "Hier war wohl seit langer Zeit niemand?" fragte Georg, indem er das de Gemach musterte. "Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele gndig! Es schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen." "Wie?" sagte Georg lchelnd. "Hierher soll er sich nach seinem Tod noch bemht haben?" Der Schlieer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald vor-, bald zurckzudrngen schienen. Er legte das Holz zurecht und brummte: "Man spricht so mancherlei." "Und auf jener Decke ist er verschieden?" rief Georg, den bei allem jugendlichen Mut doch ein unwillkrlicher Schauder berlief. "Ja, Herr!" flsterte der Schlieer leise, "dort auf jener Decke ist er abgefahren. Gott gebe, da es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heit des Ritters Totenkammer!" Mit leisen Schritten, als frchte er, durch jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten auen seine Schlssel im Trschlo, als feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein. "Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?" dachte Georg, und fhlte, wie sein Herz lauter pochte. Er war daher unschlssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen Totenkammer; der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch klter als das kalte feuchte Leichentuch. Er begann sich dieser Untersuchungen, dieses Zgerns zu schmen, und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen auf. Auch das hrteste Lager ist weich fr den, der mit gutem Gewissen zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Trume auf und lagerten sich bange ber den jungen Mann. Er sah deutlich wie der alte Schlieer zu dem groen Schlsselloch hereinguckte und sich segnete, da er auf der anderen Seite der Tr stehe, denn in der Totenkammer begann es, recht unheimlich zu werden. Es fing an, wunderlich umherzurauschen, auf den Backsteinen schlurften alte Sohlen in hlichen Tnen. Georg glaubte zu trumen; er ermannte sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Tuschung. Schwere Tritte tnten im Gemach. Jetzt wurde das Feuer heller angeschrt. Der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine groe, dunkle Gestalt. Sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bett war gar nicht weit. Die Schritte kommen nher, das Leichentuch wird angefat und geschttelt. Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drckt die Augen zu, aber als die Decke gerade neben seinem Haupt gefat wurde, als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirn legte, da ri er sich los aus seiner Angst, er sprang auf und ma mit ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand. Hell flackerten die Flammen im Kamin, sie beleuchteten die wohlbekannten Zge von Frondsberg. "Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?" rief Georg, indem er freier atmete und seinen Mantel zurechtlegte, um den Ritter nach Wrde zu empfangen. "Bleibt, bleibt", sagte jener und drckte ihn sanft auf sein Lager nieder. "Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch ein halbes Stndchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr, und in Ulm schlft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur Abkhlung heute nacht recht hart gebettet hat." Er fate Georgs Hand und setzte sich zu seinen Fen auf das Bett. "Oh wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!" sprach Georg, "Stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zurckstt, und was Ihr gtig fr ihn ausgesonnen mit rauher Hand zerreit?" "Nein mein junger Freund!" antwortete der freundliche Mann. "Du stehst vor meinen Augen als der echte Sohn Deines Vaters. Gerade so schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschlu und Rede war er. Da er ein Ehrenmann dabei war, wei ich wohl, aber ich wei auch, wie unglcklich ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er fr Festigkeit ausgab, machten." "Aber sagt selbst, edler Herr!" entgegnete Georg. "Konnte ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchse aufs uerste gebracht?" "Du konntest anders handeln, wenn Du die Weise und Art dieses Mannes beachtetest, welche sich Dir letzthin schon kundgab. Auch httest Du denken knnen, da Leute genug da waren, die Dir kein Unrecht geschehen lieen. Du aber schttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg." "Das Alter soll klter machen", erwiderte der junge Mann, "aber in der Jugend hat man heies Blut. Ich kann alles ertragen, Hrte und Strenge, wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht krnken. Aber kalter Spott, Hohn ber das Unglck meines Hauses kann mich zum wtenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu qulen?" "Auf diese Art uert sich immer sein Zorn", belehrte ihn Frondsberg. "Je klter und schrfer er aber von auen ist, desto heier kocht in ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, Dich nach Tbingen zu senden, teils weil er sonst keinen wute, teils auch, um das Unrecht, das er Dir angetan, wiedergutzumachen. Denn in seinem Sinn war diese Sendung hchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch Deine Weigerung gekrnkt und vor dem Kriegsrat beschmt." "Wie?" rief Georg. "Der Truchse hat mich vorgeschlagen? So kam also jene Sendung nicht von Euch?" "Nein", gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lcheln zur Antwort, "nein. Ich habe ihm sogar mit aller Mhe abgeraten, Dich zu senden, aber es half nichts, denn die wahren Grnde konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wute, ehe Du eintratst, da Du Dich weigern wrdest, dieses Amt anzunehmen.--Nun, reie doch die Augen nicht so auf, als wolltest Du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich wei allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!" Georg schlug verwirrt die Augen nieder. "So kamen Euch die Grnde nicht gengend vor, die ich angab?" sagte er. "Was wollt Ihr denn so Geheimnisvolles von mir wissen?" "Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn merke fr die Zukunft: Wenn man nicht verraten sein will, so mu man weder bei Abendtnzen sich gebrden wie einer, der vom St.-Veits-Tanz befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schnen Mdchen gehen. Ja, mein Sohn, ich wei allerlei", setzte er hinzu, indem er lchelnd mit dem Finger drohte, "ich wei auch da dieses ungestme Herz gut wrttembergisch ist." Georg errtete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht auszuhalten. "Wrttembergisch?" entgegnete er, nachdem er sich mit Mhe gefat hatte. "Da tut Ihr mir Unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heit noch nicht, sich an den Feind anzuschlieen; gewi, ich schwre Euch--" "Schwre nicht!" fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort. "Ein Eid ist ein leichtes Wort, aber es ist doch eine drckend schwere Kette, die man bricht, oder von der man zerbrochen wird. Was Du tun wirst, das wird so sein, da es sich mit Deiner Ehre vertrgt. Nur eines mut Du dem Bund an Eides Statt geloben, und dann erst wirst Du aus Deiner Haft entlassen: In den nchsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kmpfen." "So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?" sprach Georg bewegt. "Das htte ich nicht gedacht! Und wie unntig ist dieser Schwur! Fr wen und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kmpfen? Die Schweizer sind abgezogen das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich hten, den nchsten Besten, der vom Bundesheer herberluft, in ihre Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist entflohen--" "Entflohen?" rief Frondsberg aus. "Entflohen? Das wei man noch nicht so gewi; warum htte der Truchse denn die Reiter ausgeschickt?" setzte er hinzu. "Und berhaupt, wo hast Du diese Nachrichten alle her? Hast Du den Kriegsrat belauscht? Oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen, da Du verdchtige Verbindungen mit Wrttemberg unterhltst?" "Wer wagt dies zu behaupten?" rief Georg erblassend. Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prfend auf den Zgen des jungen Mannes. "Hre, Du bist mir zu jung und zu ehrlich zu einem Bubenstck", sagte er, "und wenn Du etwas der Art im Schild fhrst, httest Du Dich wohl nicht vom Bund losgesagt, sondern auch ferner Wrttembergs Spion gemacht." "Wie? Spricht man so von mir?" unterbrach ihn Georg, "Wenn Ihr nur ein Fnkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so von mir spricht!" "Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!" entgegnete Frondsberg und drckte die Hand des jungen Mannes. "Du kannst denken, da, wenn ein solches Wort ffentlich gesprochen wrde oder ich an diese Einflsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu Dir kme. Aber etwas mu denn doch an der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam fters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns geheime Winke, da dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer Botschafter aus Wrttemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit Dir gesprochen haben; auch wurde er in Deinem Haus gesehen. Wie verhlt sich nun diese Sache?" Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehrt. "So wahr ein Gott ber mir ist", sagte er, als Frondsberg geendet hatte, "ich bin unschuldig. Heute frh kam ein Bauer zu mir und--" "Nun warum verstummst Du auf einmal", fragte Frondsberg, "Du glhst ja ber und ber, was ist es denn mit diesem Boten?" "Ach! Ich schme mich, es auszusprechen und dennoch habt Ihr ja schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von--meinem Liebchen!" Der junge Mann ffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen Streifen Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. "Seht, dies ist alles, was er brachte", sagte er, indem er es Frondsberg bot. "Das ist also alles?" lachte dieser, nachdem er gelesen hatte. "Armer Junge! Und Du kennst also diesen Mann nicht nher? Du weit nicht, wer er ist?" "Nein er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafr wollte ich stehen!" "Ein schner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften soll; weit Du denn nicht, da es der gefhrlichste Mann ist, es ist der Pfeifer von Hardt." "Der Pfeifer von Hardt?" fragte Georg. "Zum ersten Mal hre ich diesen Namen, und was ist, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?" "Das wei niemand recht; er war beim Aufstand des armen Konrad einer der schrecklichsten Aufrhrer, nachher wurde er begnadigt; seit dieser Zeit fhrt er ein unstetes Leben und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs von Wrttemberg." "Und hat man ihn aufgefangen?" forschte Georg weiter, denn unwillkrlich nahm er wrmeren Anteil an seinem neuen Diener. "Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als mglich die Anzeige, da er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz geheim ausheben wollten, war er ber alle Berge. Nun, ich glaube Deinem Wort und Deinen ehrlichen Augen, da er in keinen anderen Angelegenheiten zu Dir kam--Du kannst Dich brigens darauf verlassen, da er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein Deinetwegen sich nach Ulm wagte. Und solltest Du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm Dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wchter ruft zehn Uhr. Lege Dich noch einmal aufs Ohr und vertrume Deine Gefangenschaft. Vorher aber gib mir Dein Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich Dir, wenn Du Ulm verlt, ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen--." "Ich komme, ich komme", rief Georg, gerhrt von der Wehmut des verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lchelnden Miene zu verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte; der Ritter aber verlie mit langsamen Schritten die Totenkammer. Kapitel 12 Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drckende Strahlen auf einen Reiter, welcher ber den Teil der schwbischen Alb, der gegen Franken hinausluft, hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war wohl bewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und Schwert; einige andere Stcke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und wei gestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich ber die Brust zog, lie erraten, da der junge Mann von Adel war, denn diese Auszeichnung war damals ein Vorrecht hherer Stnde. Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht ins Tal hinab gewhrte. Fr hielt sein schnaubendes Ro an, wandte es zur Seite und geno nun den schnen Anblick, der sich vor seinem Auge ausbreitete. Vor ihm eine weite Ebene, von waldigen Hhen begrenzt, durchstrmt von den grnen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die Hgelkette der wrttembergischen Alb, zu seiner Linken in weiter, weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau spannte der Himmel seinen Bogen ber diese Szene, und seine sanften lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwrzlichen Mauern Ulms, das am Fu des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen ungeheuren Mnsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in diesem Augenblick den Mittag einzuluten; ihre Tne zogen in langen, beruhigenden Akkorden ber die Stadt, ber die weite Ebene, bis sie sich an den fernen Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lfte verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wnsche der Menschen zum Himmel tragen. "So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen Eintritt begrt habt", rief der junge Reiter, "mit denselben Tnen, mit denselben feierlichen Akkorden sprecht ihr zu ihm, wenn er kommt und geht; wie anders, wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum ersten Mal lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Tne, es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Tne entgegen? Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr eingelutet, von euch tnt jetzt das Grabgelute meiner Hoffnung? Das Bild des Lebens!" setzte er wehmtig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses Tal, auf diese Mauern sein Pferd wandte. "Das Bild des Lebens! Um Wiege und Sarg schweben sie in gleichen Tnen, und die Glocken meiner Hauskapelle haben an jenem frhlichen Tag, wo man mich zur Taufe trug, mir eben so getnt, wie sie mir tnen werden, wenn man den letzten Sturmfeder zu Grabe trgt!" Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben unsere Leser den jungen Reiter schon lngst erkannt, Georg lie sein Pferd langsam hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach seiner Heimat, und die Vergleiche, die er zwischen dieser Heimkehr und dem frhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu beitragen, seine dsteren Gefhle aufzuhellen. Der gestrige Tag, der schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch heute der Abschied von Mnnern, die ihm wohlwollten, hatten ihn heftig angegriffen. Wie treuherzig und gutmtig hatte Dietrich von Kraft, sein zierlicher Gastfreund, seine Abreise bedauert. Wie gleich war sich dieser gute Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben; vom ersten Becher an, den er mit ihm im Rathaussaal geleert, bis zum Abschiedstrunk, den er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er ihm gelohnt? Beschftigt mit sich selbst hatte er ihn wenig geachtet, bersehen. Wie hatte er dem biederen Breitenstein, wie dem Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling ausgezeichnet hatte, wie hatte er es ihm vergolten? Er hatte unter diesen trben Gedanken eine gute Strecke auf dem Gebirgsrcken zurckgelegt. Die Strahlen der Mrzsonne wurden immer drckender, die Pfade rauher, und er beschlo, unter dem Schatten einer Eiche sich und seinem Pferd Mittagsruhe zu gnnen. Er stieg ab, schnallte den Sattelgurt leichter und lie das ermdete Tier die sparsam hervorkeimenden Grser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlaf berlassen htte, wozu nach dem ermdenden Ritt ihn der khle Schatten einlud, so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in einem Land das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Ro und vielleicht gar um seine Waffen zu kommen; einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem Krper kmpft, der ungestm seine Rechte fordert. Er mochte wohl ein Stndchen geschlummert haben, als ihn das Wiehern seines Pferdes aufschreckte. Er sah sich um und gewahrte einen Mann, der, ihm den Rcken kehrend sich mit dem Tier beschftigte. Sein erster Gedanke war, da man seine Unachtsamkeit bentzen und das Pferd entfhren wolle. Er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei Sprngen dort. "Halt! Was hast Du da mit dem Pferd zu schaffen!" rief er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte. "Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?" antwortete dieser und wandte sich ihm zu. An den listigen, khnen Augen, an dem lchelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den ihm Marie gesandt hatte. Er war noch unschlssig, wie er sich gegen ihn benehmen sollte, denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine gute Handvoll Heu vorzeigte: "Ich konnte mir wohl denken; da Ihr keinen Futtersack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben sieht es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen Armvoll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich behagt." So sprach der Bauer und fuhr ganz gelassen fort, dem Pferd das Futter hinzureichen, "Und woher kommst Du denn?" fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von seinem Staunen erholt hatte. "Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, da ich Euch nicht gleich folgen konnte", antwortete dieser. "Lge nicht!" unterbrach ihn der junge Mann. "Sonst kann ich Dir frder nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her." "Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, da ich mich etwas frher auf den Weg machte als Ihr?" sagte der Bauer und wandte sich ab. Doch entging Georg nicht, da jenes listige Lcheln wieder ber sein Gesicht zog. "La mein Pferd jetzt stehen", rief Georg ungeduldig, "und komm mit mir unter die Eiche dort. Da setze Dich hin und sprich, aber ohne auszuweichen, warum hast Du gestern abend so pltzlich die Stadt verlassen?" "An den Ulmern lag es nicht", entgegnete jener. "Sie wollten mich sogar einladen, lnger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und Wohnung geben." "Ja, ins tiefste Verlies wollten sie Dich stecken, wo weder Sonne noch Mond hinscheint und wohin die Kundschafter und Spher gehren." "Mit Verlaub, Junker", erwiderte der Bote, "da wre ich, wiewohl ein paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen, wie Ihr." "Hund von einem Aufpasser!" rief der Junker ungeduldig, indem Zorn seine Wangen rtete. "Willst Du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen mit dem Pfeifer von Hardt?" "Was sprecht Ihr da?" fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene auf. "Was nennt Ihr fr einen Namen? Kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?" Er hatte vielleicht unwillkrlich bei diesen Worten die Axt, die neben ihm lag, in seine nervige Rechte gefat. Seine gedrungene feste Gestalt, seine breite Brust, gaben ihm, trotz seiner nicht ansehnlichen Gre, doch das Ansehen eines nicht zu verachtenden Kmpfers. Sein wild rollendes Auge, sein eingepreter Mund mchten manchen einzelnen Mann auer Fassung gebracht haben. Der Jngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurck, und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finstern Auge jenes Mannes. Er legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte ruhig und fest: "Was fllt Dir ein, Dich so vor mich hinzustellen und mit dieser Stirn mich zu fragen? Du bist, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, Du bist dieser Meuterer und Anfhrer von aufrhrerischen Hunden. Pack Dich fort, auf der Stelle, oder ich will Dir zeigen, wie man mit solchem Gesindel spricht." Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen. Er hieb die Axt mit einem krftigen Schwung in den Baum, und stand nun ohne Waffe vor dem zrnenden jungen Mann. "Erlaubt", sagte er, "da ich Euch fr ein anderes Mal warne, Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich, nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen zu lassen. Denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, htte aufs schnellste befolgen wollen, wre er mir trefflich zustatten gekommen." Ein Blick dahin berzeugte Georg, da der Bauer wahr gesprochen habe. Errtend ber diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig Erfahrung er noch im Krieg besitze, lie er seine Hand vom Griff seines Schwertes sinken und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, seinem Beispiel und sprach: "Ihr habt ganz recht, da Ihr mir grollt, Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wtet, wie weh mir jener Name tut, wrdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze mir verzeihen! Ja, ich bin der, den man so nennt; aber es ist mir ein Greuel mich so rufen zu hren. Meine Freunde nennen mich Hans, aber meinen Feinden gefllt jener Name, weil ich ihn hasse." "Was hat Dir der unschuldige Name getan?" fragte Georg. "Warum nennt man Dich so? Warum willst Du Dich nicht so nennen lassen?" "Warum man mich so nennt?" antwortete jener. "Ich bin aus einem Dorf, das heit Hardt und liegt im Unterland, nicht weit von Nrtingen. Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann und musiziere auf Mrkten und Kirchweihen, wenn die ledigen Burschen und die jungen Mgelein tanzen wollen. Deswegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bsen Zeit, darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden." Georg ma ihn mit einem durchdringenden Blick, indem er sagte: "Ich wei wohl, in welcher bsen Zeit: Als ihr Bauern wider euern Herzog rebelliert habt, da warst Du einer von den rgsten. Ist's nicht so?" "Ihr seid wohl bekannt mit dem Schicksal eines unglcklichen Mannes", sagte der Bauer, finster zu Boden blickend. "Ihr mt aber nicht glauben; da ich noch derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und meinen Sinn gendert, und ich darf sagen, da ich jetzt ein ehrlicher Mann bin." "Oh, erzhle mir", unterbrach ihn der Jngling, "wie ging es zu in jenem Aufruhr? Wie wurdest Du gerettet? Wie kommt's, da Du jetzt dem Herzog dienst?" "Das alles will ich auf ein anderes Mal aufsparen", entgegnete jener. "Denn ich hoffe nicht zum letzten Mal an Eurer Seite zu sein. Erlaubt mir dafr, da ich auch Euch etwas frage: Wo soll Euch denn dieser Weg hinfhren? Da geht nicht die Strae nach Lichtenstein!" "Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!" antwortete Georg niedergeschlagen. "Mein Weg fhrt nach Franken zu dem alten Oheim. Das kannst Du dem Frulein vermelden, wenn Du nach Lichtenstein kommst." "Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das knnt Ihr anderswo ebensogut. Langeweile haben? Die kauft Ihr aller Orten wohlfeil. Kurz und gut, Junker", setzte er gutmtig lchelnd hinzu, "ich rate Euch, wendet Euer Ro und reitet so ein paar Tage mit mir in Wrttemberg umher. Der Krieg ist ja so gut wie beendet. Man kann ganz ungehindert reisen." "Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn zu fechten. Wie kann ich also nach Wrttemberg gehen?" "Heit denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Strae zieht? So also, vierzehn Tage lang? In vierzehn Tagen glauben sie den Krieg vollendet? Wird noch mancher nach vierzehn Tagen an den Mauern von Tbingen den Kopf stoen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!" "Und was soll ich in Wrttemberg?" rief Georg schmerzlich. "Soll ich recht in der Nhe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei der Eroberung der Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf ewig Lebewohl gesagt und den Rcken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! Nach Franken will ich ziehen, in meine Heimat", sagte er dster, indem er die umwlkte Stirn in die Hand sttzte, "in meinen alten Mauern will ich mich begraben und trumen, wie ich htte glcklich sein knnen!" "Das ist ein schner Entschlu fr einen jungen Mann von Eurem Schrot und Korn! Habt Ihr denn in Wrttemberg gar nichts zu tun, als des armen Herzogs Burgen zu strmen? Nun, reitet immerhin", fuhr er fort, indem er den Jngling mit listigem Lcheln anblickte, "versucht einmal, ob der Lichtenstein nicht mit Sturm genommen werden knne?" Der junge Mann errtete bis in die Stirn hinauf. "Wie magst Du nur jetzt Deinen Scherz treiben", sagte er halb in Unmut, halb lchelnd, "wie magst Du mit meinem Unglck spaen?" "Fllt mir nicht ein, Scherz mit meinem gndigen Junker zu treiben", antwortete sein Gefhrte. "Es ist mein voller Ernst, da ich Euch bereden mchte, dorthin zu ziehen." "Und was dort tun?" "Nun! Den alten Herrn fr Euch gewinnen, und die Trnen des bleichen Fruleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!" "Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? Der Vater kennt mich nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?" "Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Vter eine freie Zehrung in einem Schlo fordert? Lat nur mich dafr sorgen, so sollt Ihr bald auf den Lichtenstein kommen!" Der Jngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Grnde fr und wider, er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz des Krieges sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich der Krieg notwendig ziehen mute. Doch als er bedachte, wie mild die Bundesobersten selbst seinen Abfall angesehen hatten, wie sie sogar im Fall seines vlligen bertrittes zum Feind nur vierzehn Tage Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte sich die Schale nach Wrttemberg. "Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen", dachte er.--"Nun wohlan!" rief er endlich "Wenn Du mir versprichst, da nie davon die Rede sein soll, mich an die Wrttemberger anzuschlieen, da ich nicht als Anhnger Eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein behandelt werde, wenn Du dies versprichst, so will ich folgen." "Fr mich kann ich dies wohl versprechen", antwortete der Bauer, "aber wie kann ich etwas geloben fr den Ritter von Lichtenstein?" "Ich wei, wie Du mit ihm stehst und da Du oft zu ihm nach Ulm kamst, und er sein Vertrauen in Dich setzt. So gut Du ihm geheime Botschaft aller Art bringen konntest, so gut kannst Du ihm auch dies beibringen." Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an. "Woher wit Ihr dies?" rief er. "Doch--die, welche mich verfolgten, knnen auch dies gesagt haben. Nun gut, ich verspreche Euch, da Ihr berall so angesehen sein sollt, wie Ihr wollt. Besteigt Euer Ro, ich will Euch fhren, und Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!" Kapitel 13 Von jenem Bergrcken, wo Georg den Entschlu gefat hatte, seinem geheimnisvollen Fhrer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von Reutlingen, wo Mariens Bergschlo, der Lichtenstein, lag. Der eine war die offene Heerstrae, welche von Ulm nach Tbingen fhrt. Sie fhrt durch das schne Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fu der Alb kommt, von da quer ber dieses Gebirge, vorbei an der Feste Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst fr Reisende, die Pferde, Snften oder Wagen mit sich fhrten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem Pfeifer von Hardt ber das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu whlen. Die Bundestruppen hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich ber die ganze Strae bis gegen Urach hin und verfuhren gegen jeden, der nicht zum Heer gehrte oder sich zu ihnen bekannte, mit groer Strenge und Erbitterung. Georg hatte seine Grnde, diese Strae nicht zu whlen, und sein Fhrer war zu sehr auf seine eigene Sicherheit bedacht, als da er dem jungen Mann von diesem Entschlu abgeraten htte. Der andere Weg, eigentlich ein Fupfad, und nur den Bewohnern des Landes genau bekannt, berhrte auf einer Strecke von beinahe zwlf Stunden nur einige einzeln stehende Hfe, zog sich durch dichte Wlder und Gebirgsschluchten und hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstraen zu vermeiden, einen Bogen machte, und fr Pferde ermdend und oft beinahe unzugnglich war, doch den groen Vorteil der Sicherheit. Diesen Pfad whlte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bndischen zu stoen. Sie zogen rasch frba, der Bauer war immer an Georgs Seite. Wenn die Stellen schwierig wurden, fhrte er sorgsam sein Pferd, und bewies berhaupt so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt fr Reiter und Ro, da in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Mann immer mehr an Gewicht verloren, und er nur einen treuen Diener in ihm sah. Georg unterhielt sich gerne mit ihm. Er urteilte ber manche Dinge, die sonst auerhalb des Kreises des Landmannes liegen klug und scharfsinnig, und mit einem so schlagenden Witz, da er dem sonst ernsten, jungen Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trbe stimmte, unwillkrlich ein Lcheln abntigte. Von jeder Burg, die in der Ferne aus den Wldern auftauchte, wute er eine Sage zu erzhlen, und die Klarheit und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, da er bei manchem Hochzeitsschmaus, bei manchem Kirchweihtanz, neben seinem Amt als Spielmann auch das eines Erzhlers bernommen haben msse. Nur so oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr des armen Konrad gespielt hatte, brach er dster ab, oder wute mit mehr Gelufigkeit, als man dem schlichten Mann zugetraut htte, das Gesprch auf andere Gegenstnde zu bringen. So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wute immer voraus, wann wieder ein Gehft kam, wo sie Erfrischung fr sich und gutes Futter fr das Pferd finden wrden berall war er bekannt, berall wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit Staunen aufgenommen; er flsterte dann gewhnlich ein Viertelstndchen mit dem Hausvater, whrend die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete, und die "Bebla" und "Mdla" den hohen schlanken Gast, seine schnen Kleider, seine glnzende Schrpe, die wallenden Federn seines Barettes bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Krfte gesammelt, so begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Tr, und der junge Reiter konnte zu seiner Beschmung niemals die Gastfreundschaft der guten Leute belohnen. Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten sie sich standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rtsel lste ihm sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: "Wenn die Leute nach Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein.", schien nur eine ausweichende Antwort zu sein. Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Hfe zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurechtmachte, als sie ihm zu Ehren ein Paar Tauben geopfert und einen dick geschmlzten Haferbrei aufgetragen hatte. Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam es Georg vor, als ob sein Fhrer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu Werk gehe. Denn er lie, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter wohl fnfhundert Schritte davor haltmachen, nahte sich behutsam den Gebuden, und erst, nachdem er alles sorgfltig ausgespht hatte, winkte er dem Junker zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in dieser Gegend gefhrlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nhe seien? Er sagte nichts Bestimmtes darber. Gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg sich mehr gegen das ebene Land herabzog, schien die Reise gefhrlicher zu werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen nhern zu wollen, sondern hatte sich in einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter fr das Pferd und hinlngliche Lebensmittel fr sie beide enthielt. Auch glaubte Georg zu bemerken, da sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie frher, sondern sehr stark zur Rechten ablenkten. Am Rand eines schattigen Buchenwldchens, wo eine klare Quelle und frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt. Georg stieg ab, und sein Fhrer zog aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Fen des Ritters und begann mit groem Appetit zuzugreifen. Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit aufmerksamem Auge die Gegend. Es war eine schnes, breites Tal, in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flchen eilte schnell hindurch; die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleiig angebaut, eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hgel am anderen Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der Gebirgsrcken, ber welchen sie gezogen waren. "Es scheint, wir haben die Alb verlassen", sagte der junge Mann, indem er sich zu seinem Gefhrten wandte. "Dieses Tal, jene Hgel sehen bei weitem freundlicher aus als der Felsenboden und die den Weidepltze, die wir durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und wrmer als oben, wo uns die Winde oft so hart anfaten." "Ihr habt recht geraten, Junker", sagte Hans, indem er die Reste ihrer Mahlzeit sorgfltig in den Sack legte. "Diese Tler gehren zum Unterland, und jenes Flchen, das Ihr seht, strmt in den Neckar." "Wie kommt es aber, da wir so weit vom Weg ablenken?" fragte Georg. "Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als htten wir die alte Richtung verlassen, aber Du wolltest nie darauf hren Dieser Weg mu, soviel ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts fhren." "Nun, ich will es Euch jetzt sagen", antwortete der Bauer, "ich wollte Euch auf der Alb nicht unntig bange machen, jetzt aber sind wir, so Gott will in Sicherheit. Denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben sollen." "In Sicherheit?" unterbrach ihn Georg verwundert. "Wer soll uns etwas anhaben?" "Ei, die Bndischen", erwiderte der Spielmann. "Sie streifen auf der Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns. Mir fr meinen Teil wre es nicht lieb gewesen, in ihre Hnde zu fallen; denn sie sind mir, wie Ihr wohl wit, gar nicht grn. Und auch Euch wre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn Truchse gefhrt zu werden." "Gott soll mich bewahren!" rief der Junker. "Vor den Truchse? Lieber lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber hier? Es ist ja hier in der Nhe keine Feste von Wrttemberg, und Du sagtest mir ja doch, sie knnten ungehindert durchs Land ziehen; wonach streifen sie denn?" "Seht, Junker! Es gibt berall schlechte Leute. Was ein rechter Wrttemberger ist, der lt sich eher die Haut abziehen, als da er den Herzog verrt, nach welchem die Bndler jetzt ein Treibjagen halten. Aber der Truchse soll unter der Hand einen ganzen Haufen Gold dem versprochen haben, der ihn fngt. Er hat seine Reiter ausgeschickt, diese streifen jetzt berall, und die Leute sagen, es gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen und den Sprhunden alle Schluchten und Schlupfwinkel zeigen." "Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Land geflohen, oder, wie andere sagen, in Tbingen auf seinem festen Schlo, wo ihn vierzig Ritter beschtzen." "Ja, die vierzig Edlen sind dort", antwortete der Bauer mit schlauer Miene. "Auch des Herzogs Shnlein, der Christoph, ist dort, das hat seine Richtigkeit. Ob aber der Herzog selbst dort ist, wei niemand recht. Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schliet er sich nur zur hchsten Not in eine Feste ein; er ist ein khner, unruhiger Herr, und es ist ihm wohler in den Wldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat." "Den Herzog also suchen sie? Also mte er hier in der Nhe sein?" "Wo er ist, wei ich nicht", erwiderte der Pfeifer von Hardt, "und ich wollte wetten, dies wei niemand als Gott; aber wo er sein wird, wei ich", setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche, "wo er sein wird, wenn die Not am hchsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden, wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not gegen diese Bndler zu schtzen. Denn ist er auch ein strenger Herr, so ist er doch ein Wrttemberger, und eine schwere Hand ist uns lieber als die gleienden Worte des Bayern und des sterreichers." "Und wenn sie den unglcklichen Frsten erkennen, wenn sie auf ihn stoen? Hat er nicht seine Gestalt verhllt und unkenntlich gemacht? Du hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, und ich glaube ihn beinahe vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glnzendes Auge. Aber wie ist seine Gestalt?" "Er mag kaum acht Jahre lter sein als Ihr", entgegnete jener, "er ist nicht so gro wie Ihr, aber in vielem Euch hnlich an Gestalt; besonders wenn Ihr zu Pferd saet und ich hinter Euch ging, da gemahnte es mich oft, und ich dachte: So, gerade so sah der Herzog aus in den Tagen seiner Herrlichkeit." Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen, die Worte des Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah jetzt erst ein, wie tricht er gehandelt, in diesem Kriegsstrudel sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen. Es wre ihm hchst unangenehm gewesen, in diesem Augenblick gefangen zu werden, zwar konnte er nach seinem Eid reisen, wohin er wollte, wenn er nur in den nchsten vierzehn Tagen keinen ttlichen Anteil am Kampf gegen den Bund nahm; aber er fhlte, welch nachteiliges Licht es dennoch auf ihn werfen mte, in dieser Gegend, so weit vom Weg nach seiner Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft eines Mannes, der den Bundesobersten sehr verdchtig, sogar gefhrlich geschienen hatte. Umzukehren war keine Mglichkeit, denn es lie sich beinahe mit Gewiheit annehmen, da die Bundestruppen bereits die ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das Sicherste schien, sich zu beeilen, ber die uersten Posten des Heeres hinauszukommen; man hatte dann die Gefahr im Rcken, vor und neben sich aber freie Bahn. Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn ber diese Gefahren hinaus tragen sollte, hing die Ohren; die groe Eile und die ermdenden, steinigen Fupfade hatten seine Kraft geschwcht; zu seinem groen Verdru bemerkte Georg sogar, da es auf dem linken Vorderfu nicht gerne auftrat, was nach einem achtstndigen Weg ber scharfe, eckige Felsen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit des Junkers; er untersuchte das Tier und riet, es noch einige Stunden stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei der Gegend so kundig, da sie eine groe Strecke in der Nacht zurcklegen knnten. Kapitel 14 Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte Zerstreuung in der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen Augen ffnete, als ihn der Bauer etwa fnfzig Schritte hher gefhrt hatte. "Ein herrliches Land, dieses Wrttemberg!" rief Georg, indem sein Auge von Hgel zu Hgel schweifte. "Wie khn, wie erhaben diese Gipfel und Bergwnde, diese Felsen und ihre Burgen! Und wenn ich mich dorthin wende gegen die Tler des Neckars, wie lieblich jene sanften Hgel, jene Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren Tler mit Bchen und Flssen, dazu ein milder Himmel und ein guter, krftiger Schlag von Menschen!" "Ja", fiel der Bauer ein, "es ist ein schnes Land; doch hier oben will es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre Unterland, Herr, da ist es eine Freude, im Sommer oder Herbst am Neckar hinabzuwandeln; wie da die Felder so schn und reich stehen, wie der Weinstock so dicht und grn die Berge berzieht, und wie Nachen und Fle den Neckar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so frhlich an der Arbeit sind und die schnen Mdchen singen wie die jungen Lerchen!" "Wohl sind jene Tler an der Rems und dem Neckar schner", entgegnete Georg, "aber auch dieses Tal zu unseren Fen, auch diese Hhen um uns her haben eigenen, stillen Reiz. Wie heien jene Burgen auf den Hgeln? Und jene fernen Berge?" Der Bauer berblickte sinnend die Gegend und zeigte auf die hinterste Bergwand, die, dem Auge kaum noch sichtbar, aus den Nebeln ragte. "Dort hinten, zwischen Morgen und Mittag, ist der Roberg, in gleicher Richtung herwrts, jene vielen Felsenzacken sind die Hhen von Urach. Dort, mehr gegen Abend, ist Achalm, nicht weit davon, doch knnt Ihr ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein" "Dort also", sagte Georg still vor sich hin, und sein Auge tauchte tief in die Nebel des Abends, "dort, wo jenes Wlkchen in der Abendrte schwebt, dort schlgt ein treues Herz fr mich; jetzt auch steht sie vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht herber in diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin. Oh da die Abendlfte Dir meine Gre brchten und jene rosigen Wolken Dir meine Nhe verkndeten!" "Weiter hin, Ihr seht doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute, feste Burg; wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst die Wohnung berhmter Kaiser, es ist Hohenstaufen." "Aber wie heit jene Burg, die hier zunchst aus der Tiefe emporsteigt?" fragte der junge Mann, "sieh nur, wie sich die Sonne an ihren hellen weien Wnden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft zu tauchen scheinen, wie ihre Trme in rtlichem Licht erglnzen." "Das ist Reussen, Herr! Auch eine starke Feste, die dem Bund zu schaffen machen wird." Die Sonne des kurzen, schnen Mrztages begann whrend dieses Zwiegesprchs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends rollten dunkle Schleier ber das Gebirge und verhllten dem Auge die ferneren Gipfel und Hhen. Der Mond kam bleich herauf und berschaute sein nchtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Trme von Neuffen rtete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank; auch diese Mauern hllten sich in Dunkel, und durch die Wlder zog die Nachtluft, geheimnisvolle Gre flsternd, dem hellen Mond entgegen. "Jetzt ist die wahre Tageszeit fr Diebe und fur flchtige Reisende wie wir", sagte der Bauer, indem er des Junkers Pferd aufzumte, "sei es noch um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein bndischer Reiter aufspren!" "Glaubst Du, es habe Gefahr?" sagte Georg, indem er seine Hand nach dem Helm ausstreckte und das dnne Barett abnahm. "Meinst Du, wir sollten uns besser wappnen?" "Lat hngen, Junker", rief der Bauer lachend, "solch eine Sturmhaube ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr warm; lat immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den Herzog nicht, und sollten sie kommen, wir zwei frchten ihrer viere nicht." Der junge Mann lie zgernd seinen schnen Helm am Sattelknopf hngen, er schmte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der, unberitten, nur durch eine dnne lederne Mtze geschtzt und mit einer einfachen Axt schlecht bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Fhrer ergriff die Zgel des Rosses und schritt voran den Berg hinab. "Du meinst also", fragte Georg nach einer Weile, "bis hierher werden sich die bndischen Reiter nicht wagen?" "Es ist nicht wohl mglich", antwortete der Pfeifer, "Neuffen ist ein starkes Schlo und hat gute Besatzung. Sie werden es zwar in kurzer Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel, wie die Handvoll Reiter des Truchse, wagt sich doch nicht in die Nhe einer feindlichen Burg." "Schau, wie hell und schn der Mond scheint", rief der Jngling, der, noch immer erfllt von dem Anblick auf dem Berg, die wunderlichen Schatten der Wlder und Hhen, die hellglnzenden Felsen betrachtete, "sieh, wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!" "Es wre mir lieber, er schiene heute nacht nicht", entgegnete sein Fhrer, indem er sich zuweilen besorgt umsah, "dunkle Nacht wre besser fr uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Es kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter." Sie zogen indes weiter. Der Pfeifer von Hardt unterhielt Georg unterwegs mit einer Reihe von Geschichten ber die Gegend, die sie durchzogen. "Horch! Hrtest Du nicht das Wiehern von Rossen", rief Georg pltzlich, dem es in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond schien noch hell, die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im Gebsch, und oft wollte es ihm bednken, als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben sich hergehen. Der Pfeifer von Hardt blieb stehen. "Es kam mir vorhin auch so vor, aber es war der Wind, der in den Eichen chzt, und der Schuhu rief im Gebsch. Wren wir nur das Wiesental noch hinber, da ist es so offen und hell wie bei Tag; jenseits fngt wieder der Wald an, da ist es dann dunkel und hat keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet Trab ber das Tal hin, ich laufe neben Euch her." "Warum denn jetzt auf einmal Trab?" fragte der junge Mann "Meinst Du, es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, Du hast sie auch gesehen, die Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen? Glaubst Du, es sind Bndische?" "Nun ja", flsterte der Bauer, indem er sich umsah, "mir war es auch als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, da wir aus dem verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab ber das Tal hinber, weiterhin hat es keine Gefahr." Georg machte sein Schwert in der Scheide locker und nahm die Zgel seines Rosses krftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, da der junge Mann jeden Zug seines Gefhrten erkennen konnte und deutlich sah, da er seine Axt auf die Schulter nahm und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, herauszog und in den Grtel steckte. Sie wollten eben am Ausgang des Hohlwegs in das Tal einbiegen, da rief eine Stimme im Gebsch: "Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf, Gesellen, der dort auf dem Ro mu der Rechte sein!" "Flieht, Junker, flieht!" rief sein treuer Fhrer und stellte sich mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in demselben Augenblick sah er sich von fnf Mnnern angefallen, whrend sein Gefhrte schon mit drei andern im Handgemenge war. Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen und zur Seite auszuweichen. Einer packte die Zgel seines Rosses, doch in demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirn, da er ohne Laut niedersank; doch die anderen, wtend gemacht durch den Fall ihres Genossen, drangen noch strker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fu aus mehreren Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe. "Lebendig oder tot", rief einer der Kmpfenden, "wenn der Herr Herzog nicht anders will, so mag er's haben." Er rief's, und in demselben Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb ber den Kopf getroffen, nieder. In tdlicher Ermattung schlo er die Augen, er fhlte sich aufgehoben und weggetragen und hrte nur das grimmige Lachen seiner Mrder, die ber ihren Fang zu triumphieren schienen. Nach einer kleinen Weile lie man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter sprengte heran, sa ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten. Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal zu ffnen. Er sah ein unbekanntes Gesicht, das sich ber ihn beugte. "Was habt Ihr gemacht?" hrte er rufen. "Dieser ist es nicht, Ihr habt den Falschen getroffen. Macht, da Ihr fortkommt, die von Neuffen sind uns auf den Fersen." Matt zum Tode schlo Georg sein Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Gerusch von Streitenden, doch auch dieses verzog sich; feuchte Klte drang aus dem Boden des Wiesentales und machte seine Glieder erstarren, aber ein ser Schlummer senkte sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte entschwanden seine Sinne. Kapitel 15 Der schwbische Bund war mit Macht in Wrttemberg eingedrungen, von Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der Hellenstein, das feste Schlo von Heidenheim, gefallen. Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch die Unvorsichtigkeit der Besatzung; am mutigsten hielt sich Mckmhl; es schlo einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer geschlagen htte; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen Auch diese Mauern wurden gebrochen, und Gtz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das Unterland. So war nun ganz Wrttemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bndischen Gewalt, und der bayerische Herzog brach mit seinem Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen; aber sie gaben zu bedenken, da ja er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter ihnen sei, da man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen Christoph, und gegen das Land Krieg fhre. Aber vor der ehernen Stirn Wilhelms von Bayern vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn untersttzt, also mit gefangen, mit gehangen--auch Stuttgart mute seine Tore ffnen. Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollstndig; der grte Teil des Oberlandes hielt noch zum Herzog; und es schien nicht, als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses hher gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Pltzen, Urach und Tbingen beherrscht; solange diese sich hielten, wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Brgerschaft mit dem Bund, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich den Bndischen. Und so war in der Mitte des April nur noch Tbingen brig; doch dieses hatte der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und die Schtze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren, kampfgebten Rittern und zweihundert der tapfersten Landeskinder war das Schlo anvertraut. Diese Feste war stark, mit Kriegsvorrten wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Wrttemberger, denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schne und Herrliche hervorgegangen; von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem angestammten Frsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bndischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tnten durch den Schnbuch, die Tler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war. Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht gesehen. Ein tiefer, aber se Schlummer hielt wie ein mchtiger Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem Zustand wohl zumute wie einem Kind, das am Busen seiner Mutter schlft, nur hin und wieder die Augen ein wenig ffnet, um in eine Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu verschlieen. Schne beruhigende Trume aus besseren Tagen gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lcheln zog oft ber sein bleiches Gesicht und trstete die, welche ihn mit banger Erwartung pflegten. Wir wagen es, den Leser in die niedere Htte zu fhren, die ihn gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, nachdem er verwundet worden war. Die Morgensonne dieses Tags brach sich in farbigen Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das grere Gemach eines drftigen Bauernhauses. Das Gert, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und Sinn fr Ordnung. Ein groer, eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten von einer hlzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner oder schne, selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getfel trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt und allerlei musikalische Instrumente eines lngst verflossenen Jahrhunderts, wie Zimbeln, Schalmeien und eine Zither, aufgestellt waren. Um den groen Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehngt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine groe Bettstelle, mit Gardinen von grogeblmtem Gewebe, die im hintersten Teil der Stube aufgestellt war. An diesem Bett sa ein schnes, liebliches Kind, von etwa sechzehn bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen, mit bunten Bndern durchflochtenen Zpfen ber den Rcken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebrunt, doch nicht so sehr, da dadurch das schne jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt worden wre; ein munteres blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor. Weie, faltenreiche rmel bedeckten bis an die Hand den schnen Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten geschnrt, mit blendend weien, zierlich genhten Linnen umgeben, schlo eng um den Leib; ein kurzes schwarzes Rckchen fiel kaum bis ber die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu noch eine blanke Schrze und schneeweie Zwickelstrmpfe mit schnen Kniebndern wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem drftigen Gemach, besonders da es Werktag war. Die Kleine spann emsig feine glnzende Fden aus ihrer Kunkel, zuweilen lftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick hinein. Doch schnell, als wre sie auf bsen Wegen ertappt worden, schlug sie die Vorhnge wieder zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, da sie gelauscht habe. Die Tr ging auf, und eine runde, ltliche Frau in derselben Tracht wie das Mdchen, aber rmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine dampfende Schssel Suppe zum Frhstck auf, und stellte Teller auf dem Tisch zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schne Kind am Bett, sie staunte sie an, und wenig htte gefehlt, so lie sie den Krug mit gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt. "Was fllt Der aber um Gottes Willa ei', Brbele?" sagte sie, indem sie den Krug niedersetzte und zu dem Mdchen trat. "Was fllt Der ei', da De am Wertich da nuia rautha Rock zum Spinna anziehst? Und au's nui Miader hot sie an, und, ei da Di!--au a silberne Kette. Und en frischa Schurz, und Strmp no so mir nix Dir nix aus em Kasta reia? Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, Du dummes Ding; Du? Woit Du net, da mer arme Leut sind? Und da Du es Kind voma onglckliche Mann bist?-" Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lcheln, das ber ihr Gesicht flog; zeigte, da die Strafpredigt nicht sehr tief gehe. "Ei, so lasset Uich doch b'richta", antwortete sie, "was schadet's denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christliche Wertag anhau? An der silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder wscha!" "So? Als wemma et immer gnuag z'wscha und z'putza htt? So sag mer no, was ist denn in De g'fahra, da De so strhlst und scha machst?" "Ah was!" flsterte das errtende Schwabenkind, "wisset Er denn net, da heut der acht Tag ist? Hot et der tti g'sait, der Junker werd' am heutige Morga verwacha, wenn sei Trnkle guete Wirkung hb? Und do hanna eba denkt--" "Ist's um dui Zeit?" entgegnete die Hausfrau freundlicher. "Da host wrle reacht; wenn er verwacht und sieht lles so schluttig und schlampich, se ist's et guot, und knnt Verdru g beim tte. Ih sieh aus wia na Drach. Gang, Brbele, hol mer mei schwarz Wammes, mei rauths Miader und en frischa Schurz." "Aber Muater", gab die Kleine zu bedenken, "Er wendt Uich doch et do anthau wlla? Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tt? Ganget lieber uffe und theant Uich droba an, i bleib derweil bei em." "Da hast au reacht, Mdle", murmelte die Alte, lie selbst das Frhstck stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die Tochter aber ffnete das Fenster der frischen, erquickenden Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Frhstck; die Lerchen in den Bumen vor den Fenstern antworteten in einem vielstimmigen Chorus, und das schne Mdchen sah, von der Morgensonne umstrahlt, lchelnd ihren kleinen Kostgngern zu. In diesem Augenblick ffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf eines schnen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg. Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf seinen Wangen; sein Blick war wieder glnzend, wie sonst; sein Arm stemmte sich krftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine Umgebung; dieses Zimmer, dieses Gert waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm wie einem, der mit frhlichen Brdern eine Nacht durchjubelt, die Besinnung endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht. Lange sah er dem Mdchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlaf entgegen trat, war so freundlich, da er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die Neugierde, ber das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Gerusch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zurckschlug. Das Mdchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um, ber ein schnes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue Augen staunten ihn an; ein roter, lchelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rckkehr ins Leben zu begren. Sie fate sich und eilte mit kurzen Schrittchen an das Bett, doch machte sie unterwegs mehrere Male halt, als besinne sie sich ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, da sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch. Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schnen jungen Kindes lchelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen "Sag mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?" fragte Georg. "Wem gehrt dieses Haus, worin ich, wie mir scheint, aus einem langen Schlaf erwacht bin?" "Sind Er wieder ganz bei Uich?" rief das Mdchen, indem sie vor Freude die Hnde zusammenschlug. "Ach, Herr Jeses, wer hett' des denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an, und et so duselig, da oins llemol angst und bang wora ist." "Ich war also krank?" forschte Georg, der das Idiom des Mdchens nur zum Teil verstand. "Ich lag einige Stunden ohne Bewutsein?" "Ei, wie schwtzet Er doch", kicherte das hbsche Schwabenkind und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu verbeien, "a paar Stund, saget Er. Heut nacht wird's g'rad nei Tag; da se Uich brocht hent." Der Jngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bild kehrte wie mit einem Schlag seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, da er vom Bund sich losgesagt habe; da er sich entschlossen habe, nach Lichtenstein zu reisen, da er ber die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, da--er und sein Fhrer berfallen, vielleicht gefangen wurden "Gefangen?" rief er schmerzlich "Sage, Mdchen, bin ich gefangen?" Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Zge ernst, beinahe wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen schrecklichen Zustand zurck, wo er, vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermtige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlssig, ob sie bleiben oder um Hilfe rufen solle, trat sie einen Schritt zurck. Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Besttigung seiner Frage zu lesen. "Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit", dachte er, "vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!" Sein Krper war noch zu erschpft, als da er der trauernden Seele widerstanden htte; eine Trne stahl sich aus dem gesenkten Auge. Das Mdchen sah diese Trne, ihre Angst lste sich augenblicklich in Mitleiden auf, sie trat nher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die herabhngende Hand des Jnglings zu ergreifen "Er messet et greina", sagte sie, "Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und--Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita", setzte sie wehmtig lchelnd hinzu. "Fortreiten?" fragte Georg; "Also bin ich nicht gefangen?" "G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es htt zwar a paarmol sei kenne, wia dia vom schwbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker koin Menscha seha lau." "Der Vater?" rief der Jngling. "Wer ist der gtige Mann? Wo bin ich denn?" "Ha, wo werdet Er sei?" antwortete Brbele. "Bei aus send Er in Hardt." "In Hardt?" Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wnde gab ihm Gewiheit, da er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. "Also in Hardt? Und Dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?" "Er hot's et gern, wemmer em so ruaft", antwortete das Mdchen, "er ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer Hans zua nem sait." "Und wie kam ich denn hierher?" fragte jener wieder. "Ja wisset Er denn au gar koi Wrtle meh?" lchelte das hbsche Kind und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzhlte, ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einmal vor neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt, um ihm zu ffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch vier andere Mnner bei ihm, die eine mit einem Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen htten. Der Vater habe den Mantel zurckgeschlagen und ihr befohlen, zu leuchten, sie sei aber heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wrmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach fr einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht. Der Vater habe ihm seine Wunden mit Krutern verbunden, habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien fr Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt. Nach dem zweiten Trnklein aber sei er still geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen. Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mdchens zugehrt. Er hatte sie oft unterbrechen mssen, wenn er ihre zierlichen Ausdrcke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die Kruter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet hatte. "Und Dein Vater", fragte er sie, "wo ist er?" "Was wisset mir, wo er ist!" antwortete sie ausweichend, doch als besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: "Uich kammes jo saga, denn Ihr messet gut Freund sei mit em Vater. Er ist nach Lichtastoi." "Nach Lichtenstein?" rief Georg, indem sich seine Wangen hher frbten. "Und wann kommt er zurck?" "Ja er sott schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. Wennem no nix g'scheha ist. D'Leut saget, die bndische Reiter bassenem uff." Nach Lichtenstein--dorthin zog es ja auch ihn. Er fhlte sich krftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und das Versumnis der neun Tage einzuholen. Seine nchste und wichtigste Frage war daher nach seinem Ro. Und als er hrte, da es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin fr seine Wartung und bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte lngst alle Spuren von Blut und Schwerthieben aus den schnen Gewndern vertilgt; mit freundlicher Geschftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatten. Lchelnd breitete sie Stck vor Stck vor ihm aus und schien sein Lob, da sie alles so schn gemacht habe, gerne zu hren. Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, da der Junker ganz genesen sei, der Mutter zu verknden. Kapitel 16 Als die runde Frau und Brbele von der Bodenkammer herabstiegen, war ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der Kche, und zwar aus zweierlei Grnden: Einmal, weil jetzt dem Gast ein krftiges Hafermus gekocht werden mute, und dann--von der Kche ging ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren. Brbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter ber die Schulter durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr Herz pochte seit siebzehn Jahren zum ersten Mal recht ungestm: Denn so hbsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem Anblick bis zu Trnen gerhrt gewesen, wenn er mit starren Augen, ohne Bewutsein, beinahe ohne Leben da lag. Seine bleichen, noch im Kampf mit dem Tod so schnen Zge hatten sie oft angezogen, wie ein rhrendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anzieht. Aber jetzt, sie fhlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen waren wieder gefllt von schnem, mutigem Feuer; es wollte dem Brbele auf den Zehen bednken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine solchen gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strngen um die schne Stirn. Es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab. Seine Wangen hatten sich wieder gertet, seine Lippen waren so frisch wie die Kirschen an Petri und Paul. Und wie ihn das seidengestickte Wams gut kleidete, und der breite weie Halskragen, den er ber das Kleid heraus gelegt hatte! Aber das konnte das Mdchen nicht ergrnden, warum er wohl immer wieder auf eine aus wei und blauer Seide geflochtene Schrpe nieder sah. So fest, so eifrig, als wren geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemht sei. Ja, es kam ihr sogar vor, als drcke er die Feldbinde an das Herz, als fhre er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt. Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein beendet. "'s ist a Herr wie na Prinz", sagte sie, indem sie das Hafermus umrhrte. "Was er a Wammes a hat! Dia Herra z'Stuagert kennet's et schner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckt a so schier ausenander! Es ist, ka sei, a bisle Bluat na komme, da ens verzirnt." "Noi, sell isch et", entgegnete Brbele, die jetzt bequemer das Zimmer bersehen konnte. "Aber wisset Er, Muater, wia mers frkommt? Er macht so gar fuirige Auga druf na. Sell ist gewi ebbes von seim Schatz." Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, ber die richtige Vermutung ihres Kindes ein wenig zu lcheln, doch schnell nahm sie ihre mtterliche Wrde wieder zusammen, indem sie entgegnete: "A, was woist Du von Schtz! So na Kind wie Du mua gar a nix so denka. Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang mir sell Hfele her. Der Herr wir a frnehmes Fressa g'wohnt sei, i mua am a bisle viel Schmalz in de Brei dauh." Brbele verlie etwas empfindlich das Fenster. Sie wute, da sie ihrer Mutter nicht widersprechen drfe, aber diesmal hatte diese offenbar unrecht. Das Frhstck des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieser war bald hereingebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, da er nicht fr feierliche Gelegenheiten ein Fchen im Keller liegen hatte. Das Mdchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schssel mit Hafermus in beiden Fusten, ihrem holden Tchterlein voran in die Stube. Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mhe, den vielen Knixen der Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schlo zu Neuffen gedient und wute, was Lebensart war. Daher blieb sie mit der rauchenden Schssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand errtend hinter der runden Frau, und ihr verschmtes Gesicht wurde nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehrige Anzahl Knixe, doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein halbes Stndchen mit ihm geplaudert. Das Mdchen deckte jetzt den Tisch mit frischem Linnen, setzte dem Junker das Hafermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank unter dem Kruzifix. Dann steckte sie einen zierlich geschnitzten, hlzernen Lffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, da das Frhstck delikat bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung, und nicht, ohne das Salzfa zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten alten Zeiten. Georg hatte, whrend sie das Frhmal verzehrten, Mue genug, die beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, da die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen weniger khnen Mann als seinen Fhrer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffeln hatte sie wohl nicht) gebracht htte. Auch das Kind des Spielmanns dnkte ihm eine liebliche Dirne, und ein so schner Kopf, solche freundlichen Augen htten vielleicht in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wre es nicht von einem Bild schon ganz erfllt gewesen, wre nicht die Kluft so unendlich gro gewesen, welche Geburt und Verhltnisse zwischen den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt hatten. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unschuldigen Zgen, und wre die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschftigt gewesen, so wre ihr wohl die Rte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg, wenn zufllig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes begegnete. "Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen." Dieser richtige Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: Er mute gewi sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein zurckkommen wrde, weil er nur seine Nachrichten ber die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen. Und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. ber das Erstere konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mdchen frher schon gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend, habe aber versprochen, am fnften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarteten ihn daher stndlich Die runde Frau vergo Trnen, indem sie dem Junker klagte, da ihr Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Hause gewesen sei. Er sei von trberen Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berchtigt. Jetzt murmeln die Leute auch wieder allerlei ber ihn, und gewi bringe er seine Frau und sein Kind durch sein gefhrliches Leben noch in Unglck und Jammer. Georg suchte alle Trostgrnde hervor, um ihre Trnen zu stillen. Es gelang ihm wenigstens so weit, da sie ihm seine Fragen nach dem Bundesheer beantwortete. "Ach, Herr", sagte sie, "des ist a Graus und a Jomer. 'S ist grad, wie wenn der wild Jger uf de Wolka reitet, und mit seine g'schpenstige Hund bers Lager wegzieht. 'S ganz Unterland hent se schau, und jetzt goht's mit em hella Haufe ge Tibenga." "So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?" fragte Georg verwundert. "Hellenstein, Schorndorf, Gppingen, Teck, Urach? Sind sie alle schon eingenommen?" "lles hent se. A Mann vo Schorndorf hot's g'sait, da se de Hellastoi, Schorndorf und Gppinga hent. Aber von Teck und Aurich kan e Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo." Sie erzhlte nun: Am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen. Sie htten einen Teil des Fuvolkes vor das eine Tor gesetzt und sich mit der Besatzung ber die bergabe besprochen. Da seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehrt, und indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im Schlo Urach aber seien vierhundert herzogliche Fuknechte gewesen. Die habe die Brgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind anrckte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden niedergestoen worden. Die Stadt habe sich dem Bund ergeben. "Es ist koi Wunder", schlo die runde Frau ihre Erzhlung, "lle Burga und Schlsser nehme se ei. Denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schieet, graier als mei Kopf, da lle Maura zema brecha und lle Tirn einfalla maet." Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, da eine Reise von Hardt nach Lichtenstein nicht minder gefhrlich sein werde als jener Ritt ber die Alp, denn er mute gerade die Linie zwischen Urach und Tbingen durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen vom Heer verlassen. Die Belagerung von Tbingen mute notwendig viel Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, da keine eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen hatte, besetzt halten wrden. Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Fhrers. Seine Kopfwunde war geheilt. Sie war nicht tief gewesen, denn die Federn seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hieb, der nach ihm gefhrt worden war, seine Schrfe genommen. Doch war der Schlag noch immer krftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewutseins zu berauben. Auch seine brigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt, und die einzige krperliche Folge jener unglcklichen Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem Wundfieber zuschrieb. Doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde, denn ein frischer Mut und sehnschtige Gedanken in die Ferne verjagten gar bald solche schlimmen Gste. Er mute auch die trauliche gutmtige Geschwtzigkeit des Mdchens bewundern. Die runde Frau mochte schmlen wie sie wollte, mochte sie noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie lie es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte hierber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als nmlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bett des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie ber ihrer Arbeit ein. Es mochte ungefhr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Gerusch im Zimmer aufgeweckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen; seine Zge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine groe Kappe gehllt hatte; sie glaubte einen Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war und bei dessen Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen mssen, in ihm zu erkennen. Neugierig, endlich einmal zu hren, was dieser Mann bei dem Vater zu tun habe, schlo sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr wahrscheinlich, da ihr Vater sie nur im Zimmer lie, weil er sie fr fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzhlte von einem Frulein, die ber eine gewisse Nachricht untrstlich sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf das Frulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken geschildert und versprochen, da er, sobald sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um dem Frulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Lckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater gefhrt, aus der Stube gegangen, und kurz nachher hrte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten. Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschfte der folgenden Tage bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt verdrngt, sie erwachte aber jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Brbele durchs Kchenfenster gesehen hatte. Sie wute, da der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Frulein mute es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen. Trnen traten ihr in die sonst so frhlichen Augen, als sie bedachte, wie leicht der Junker seinem Liebchen htte wegsterben knnen, und wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wre, und doch war sie gewi recht schn und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige Schwabenkind weiter; dem Frulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht, aber er, er wute ja seit vielen Tagen kein Wrtchen von ihr; denn frher wute er nichts von sich selbst, und seit er wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl die Binde, die er gewi von ihr hatte, so bewegt angeschaut und ans Herz und den Mund gedrckt? Sie nahm sich vor, ihm zu erzhlen, was in jener Nacht vorgegangen sei, vielleicht ist es ihm doch ein Trost, dachte sie. Georg hatte bemerkt, wie die frhliche Miene des spinnenden Brbele nach und nach ernster geworden war, wie sie ber etwas nachzusinnen schien, ja er glaubte sogar eine Trne in ihrem Auge bemerkt zu haben. "Was hast Du, Mdchen", sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte, "warum wirst Du auf einmal so still und ernst und netzest ja sogar Deine Fden mit Trnen?" "Send denn Ihr so lustig, Junker? fragte Brbele und sah ihm recht fest ins Auge, "i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auge grollt, was selle Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gewi vo Eurem Schtzle, und jetzt tuets Uich loid, da Er et bei er send." Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errtete tief ber ihre Frage. "Du hast vielleicht recht", sagte er lchelnd, "doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie bald wiedersehen." "Ach, was des fr a Freud sein wird in Lichtastoi!" entgegnete Brbele mit einem schelmischen Seitenblick. Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe etwas gesagt haben? "In Lichtenstein?" fragte er sie. "Was weit Du von mir und Lichtenstein?" "Ach, i mags dem gndigen Frule wohl gnna, da se wieder a mol a Freud hot; mer hot mer gsait, se hb rechtschaffa g'jommert, wie Er so krank gw send." "Gejammert, sagst Du?" rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat. "So wute sie um meine Krankheit? Oh sprich, was weit Du von Marie? Kennst Du sie? Was sagte der Vater von ihr?" "Der Vater hot koi sterbes Wrtle zu mer gsait, und i wit au net, da es a Frule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wr. Aber Er meet mers et bel nemme, Junker, dasse a bissele ghorcht han, gucket, des Ding ist so ganga." Sie erzhlte dem Junker, wie sie hinter das Geheimnis gekommen sei und da der Vater, wahrscheinlich, um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei. Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit der trstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mute er erfahren, da sie mehrere bange Tage in Ungewiheit geschwebt habe: in der schrecklichen Ungewiheit, ob er nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen wrde; er kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer denken! Wahrlich, sein eigenes Unglck schien ihm gering und nicht zu beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mdchens vorstellte. Wieviel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der Abschied von ihm geworden: und kaum hatte ihr Herz wieder freier geatmet in dem Gedanken, da er des Bundes Fahnen verlassen werde, kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr die Schreckensbotschaft von der tdlichen Wunde. Und dieses vor den Blicken des Vaters verschlieen zu mssen, diesen groen Schmerz allein tragen mssen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fhlte er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, da jener sonst so kluge Mann gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe. Das Mdchen mochte seine Gedanken erraten: "I sieh wohl, Er mchtet gern fort; wenn no der Vater do wr, denn alloi fendet Er da Weg nach Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und do kennet Er leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege und mach, da er bald kommt." "Du wolltest ihm entgegengehen?" sagte Georg, gerhrt von der Gutmtigkeit des Mdchens. "Weit Du denn, ob er schon in der Nhe ist? Vielleicht ist er noch Stunden entfernt, und in einer Stunde wird es Nacht!" "Und wr's so Nacht, da mer da Weg mit de Hnd greifa met, und met i laufa bis Lichtastoi, i wetts gern dauh, Er kommet jo no blder zu--". Errtend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schmte sie sich doch, jenes zarte Verhltnis, das ihr heute so klar wie noch nie zuvor einleuchtete, zu berhren. "Und willst Du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wre es ja tricht von mir, zurckzubleiben und erst Deinen Vater zu erwarten. Ich sattle geschwind mein Ro und reite neben Dir her, und Du zeigst mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann." Das Mdchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem langen Zopfband "Aber es wird jo scho en era Stund Nacht", flsterte sie kaum hrbar. "Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei in Lichtenstein", antwortete Georg, "Du wolltest Dich ja vorhin selbst bei Nacht und Nebel auf den Weg machen." "Ja i wohl", entgegnete Brbele, ohne aufzusehen, "aber Uich ist's gwi et gsund, wo ner erst krank gw send, so in der khla Nacht en Weg von sechs Stund zmacha." "Das kann ich nicht beachten", rief Georg, "und die Wunde ist ja geheilt, ich bin gesund wie zuvor; nein, rste Dich immer, gutes Kind, wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln." Er nahm den Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehngt war; und schritt zur Tr. "Herr! Euer Gnaden!" rief ihm das Mdchen ngstlich nach. "Lasset's lieber geh. Gucket, 's tuet se et, da mer so selbander in der Nacht fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tt mer gwi ebbes ahnga, wenne--wartet lieber bis morga frh, so wille Uich meinetwega fhra bis Pfullinga." Der Junker ehrte die Grnde des guten Mdchens und hing schweigend den Zaum wieder an die Wand. Er beschlo, diesen Abend und die folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten, kme er nicht, so wollte er mit dem frhesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung seiner schnen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen. Kapitel 17 Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus zurck, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr lnger zgeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die runde Frau hatte nach einigen harten Kmpfen ihrem Tchterlein erlaubt, da sie den Junker geleiten drfe. Sie wute zwar, da ein so unerhrtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne. Wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen Ritter gelegen sein msse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen und wie einen Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch, diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu drfen; doch machte sie die Bedingung, da Brbele vorausgehen und ihn eine Viertelstunde hinwrts an einem Markstein erwarten msse. Georg nahm gerhrt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges Geschenk fr die damalige Zeit, und eine bedeutende Summe fr die Reisekasse Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll brigens nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, da die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat oder da sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er mchte den Junker durch die Rckgabe des Geschenkes beleidigen. Nur so viel ist gewi, da die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend, und da ihre Tochter Brbele eine schnes Mieder von feinem Tuch mit Goldborden auf der nchsten Kirchweih trug, das man frher nie an ihr gesehen. Auch soll sie jedes Mal errtet sein, wenn die Mdchen das neue Mieder befhlten und lobten. Georg fand seine Fhrerin auf dem bezeichneten Markstein sitzend. Sie sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm her. Das Mdchen kam ihm heute noch viel hbscher vor als gestern. Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und ihre Augen glnzten freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten Marsch, denn das kurze Rckchen hinderte den Fu nicht, flink auszuschreiten. Sie hatte ein Krbchen an den Arm gehngt, als wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemse noch Frchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte, sondern ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen hatte. Sie whlte meistens Nebenwege und fhrte den Reiter hchstens zwei- bis dreimal durch Drfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie halt. Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer kleinen halben Stunde ein Stdtchen liegen; der Weg schied sich hier, und ein Fupfad fhrte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt blieb das Mdchen stehen und sagte: "Was Er dort sehet, ist Pfulliga, von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtastoi zeiga." "Wie? Du willst mich schon verlassen?" fragte Georg, der sich an die munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewhnt hatte, da ihn der Abschied berraschte. "Warum gehst Du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen? Dort kannst Du in der Herberge etwas essen und trinken; Du willst doch nicht geradezu nach Haus laufen?" Das Mdchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trbe Augen nicht verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nhe ihres schnen Gastes teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wute. "Do mue i von Uich geh, gndiger Herr", sagte sie, "so gerne au no weiters mitging, aber d'Mueter will's so; dort in dem Drfle am Berg hanne a Bas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt. Jetzt b'het Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und lle seine Heilige nemmet Uich in Schutz. Gret mer de Vater und au", setzte sie lchelnd hinzu, indem sie schnell eine Trne abschttelte, "gret mer sell Frhla, die Er so gern hent." "Dank Dir, Brbele", entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum Abschied vom Pferd hinab. "Ich kann Dir Deine treue Pflege nicht vergelten. Aber wenn Du nach Haus kommst, so schau in den geschnitzten Schrank, dort wirst Du etwas finden, das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Rckchen fr den Sonntag reicht. Nun, und wenn Du es dann zum ersten Mal anhast und Dein Schatz Dich darin kt, so denke an Georg von Sturmfeder!" Der junge Mann gab seinem Pferd die Sporen und trabte ber die grne Ebene hin dem Stdtchen zu. Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fhlte sich ermdet und durstig und fragte daher auf der Strae nach einer guten Herberge. Man wies ihn nach einem kleinen dsteren Haus, wo ein Spie ber der Tr und ein Schild, mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr luden. Ein kleiner barfiger Junge fhrte sein Pferd in den Stall, ihn selbst aber empfing in der Tr eine junge, freundliche Frau und fhrte ihn zur Trinkstube. Es war dies ein weites finsteres Zimmer, an dessen Wnden sich schwere eichene Tische und Bnke hinzogen. Die ungeheure Menge von Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getfel herabblinkte, bewies, da die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein msse. In der Tat saen auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele Gste beim Wein. Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prfend an, als er an ihren Tischen vorber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein gefhrt wurde; doch lieen sie sich in ihrem Gesprch durch den vornehmen Gast nicht lange stren, sondern schwatzten weiter ber Krieg und Frieden, ber Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame Spiebrger in so unruhigen Zeiten, wie Anno 1519, zu tun pflegten. Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit lchelnder Miene nach ihm herber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging, und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas groer Mund zu holdseliger Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das laternenfrmige Erkerlein lag um zwei Stufen hher als die brige Trinkstube; Georg konnte daher mit Mue die Tische bersehen und trinkend die Gste mustern. Ob-gleich er nicht viel in Herbergen und Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht dadurch, da er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen jetzigen Beobachtungen untersttzte. Die Gesellschaft, die um einen der groen eichenen Tische sa, bestand aus etwa zehn bis zwlf Mnnern. Sie unterschieden sich auf den ersten Anblick nicht sehr voneinander, groe Brte, kurze Haare, runde Mtzen, dunkle Wmser gehrten dem einen so gut wie dem andern an. Doch sonderte ein schrferer Blick bald vorzglich drei von den brigen. Der eine--er sa Georg am nchsten, war ein kleiner, fetter, freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas lnger als das der anderen, er hatte es sorgfltiger gekmmt; auch schien sein dunkler Bart besser gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch und ein Filzhut mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel hingen, bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken als die brigen, denn er schlrfte bedchtig, und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, da er leer sei, tat er dies mit einem gewissen Anstand und vernehmlicher als die brigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, beraus fein und listig aus, als wisse er noch manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das Vorrecht, das Kellnermdchen in die Wangen zu kneifen oder ihren runden Arm zu "ttscheln", wenn sie ihm die gefllte Kanne brachte. Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches sa, stach nicht minder gegen seine Umgebung ab als der Fette; alles war an ihm lnglich und hager. Sein Gesicht, von der Stirn bis zu dem langen, zugespitzten Kinn, ma wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit welchen er auf dem Tisch den Takt eines Liedes spielte, das er leise vor sich hin pfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg einmal zufllig bckte, gewahrte er zu seinem groen Erstaunen, da der hagere Mann lange, dnne Beine beinahe unter dem ganzen Tisch hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, was die Brger vorbrachten, widersprach, ausdrckte; er sah aus wie einer, der viel mit vornehmen Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem Stdtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. Nach Georgs Mutmaungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menschen knstlich umzubringen. Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und zerlumpt aus; er hatte brigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem Wesen, das ihn von der gutmtigen, behaglichen Ruhe der Spiebrger merklich unterschied. Er hatte ber dem einen Auge ein groes Pflaster, das andere aber blickte khn und offen um sich. Ein groer Reisestock mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzer Rcken, worauf er gewhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen mochte, lieen schlieen, da er entweder ein Bote sei oder, wahrscheinlicher noch, einer jener herumziehenden Krmer, die auf Mrkten und Kirchweihen, nebst wundersamen Nachrichten aus fernen Landen, fr die Weiber wirksame Mittel gegen behextes Vieh und fr die Mdchen schne bunte Bnder und Tcher bringen. Diese drei waren es auch, die das Gesprch fhrten, das nur hin und wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln von den brigen ehrsamen Brgern unterbrochen wurde. Diese Mnner handelten brigens eine Materie ab, die Georgs Interesse sehr in Anspruch nahm. Sie sprachen ber die Unternehmungen des Bundes im wrttembergischen Unterland. Der Krmer mit dem ledernen Rcken hatte erzhlt, da Mckmhl, worin sich Gtz von Berlichingen eingeschlossen, von den Bndischen erstrmt und jener tapfere Mann gefangen worden sei. Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelchelt und einen guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere lie aber den Lederrcken nicht aussprechen; er schlug den Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher und sagte mit hohler Stimme: "Das ist erstunken und erlogen, Freund! Seht, das ist gar nicht mglich, denn der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das mu ich wissen, und berdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn fangen lassen." "Mit Verlaub", unterbrach ihn der fette Herr, "dem ist nicht so, sondern Gtz ist in der Tat gefangen und sitzt in Heilbronn. Aber nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schlo in Mckmhl ist nicht erstrmt worden, sondern die Bndischen hatten ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen, wie er aber aus dem Tor kam, wurde er berfallen, seine Knechte gettet und er gefangen. Seht, das ist nicht recht, und da hat der Bund schndlich gehandelt." "Da mu ich doch bitten, Herr" sprach der Lange. "Da man nicht so von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie z.B. Herr Truchse von Waldburg mein geneigter Herr und Freund ist." Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, splte aber das, was ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Brger brachen bei Erwhnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des Staunens aus und lfteten ehrerbietig ihre Mtzen. "Nun, wenn Ihr beim Bund so bekannt seid", sagte der Zerlumpte mit etwas trotziger Miene, "so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben knnen, wie es um Tbingen aussieht und was weiter zu erwarten ist." "Es pfeift aus dem letzten Loch", antwortete der Gefragte, "ich war vor kurzer Zeit dort und sah die vortrefflichen und schrecklichen Anstalten zur Belagerung." "Ei--so--wie", flsterten die Brger und rckten nher zusammen, als erwarteten sie wichtige Kunde. Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurck, steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige Zoll lnger aus und sprach: "Ja, ja, Ihr Leute, dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in groem Schaden, denn die Obstbume sind alle abgehauen, man schiet mit aller Macht auf Stadt und Schlo, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schlo liegen vierzig Ritter, aber sie knnen die paar Muerlein nicht mehr lange halten!" "Was? Ein paar Muerlein?" rief der fette Herr und setzte seine Kanne klirrend auf den Tisch. "Wer je das Schlo von Tbingen gesehen hat, kann nicht von ein paar Muerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg stt, zwei tiefe Graben, da die Bndler mit keiner Leiter hinaufknnen, und Mauern zwlf Schuh dick, und Trme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht bel spielen lassen." "Umgeschossen, umgeschossen" rief der lange Mann mit so greulich hohler Stimme, da die erschrockenen Brger die Trme von Tbingen krachen zu hren glaubten, "den neuen Turm, den der Ulrich neulich aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen; wie wenn er nie dagestanden wre." "Aber damit ist noch nicht alles hin", antwortete der Zerlumpte. "Die Ritter machen Ausflle aus dem Schlo und haben schon manchen auf dem Wrth am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf geschossen, da er heute noch Ohrensummen hat." "Da seid Ihr falsch berichtet", sprach der Hagere nachlssig, "Ausflle? Dafr haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; es sind Griechen, ich wei nicht vom Ganges oder Epiros, man heit sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der lt keinen Hund aus dem Loch ausfallen." "Der hat halt auch ins Gras beien mssen", entgegnete der zerlumpte Mann mit einem hhnischen Seitenblick. "Die Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und gefangen, und--" "Gefangen? Den Samares?" rief der Lange, aus seiner vornehmen Ruhe aufgeschreckt. "Freund, das habt Ihr falsch gehrt!" "Nein", antwortete jener sehr ruhig, "ich habe die Glocken luten hren, als man ihn in Sankt Jrgenkirche begraben hat." Die Brger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, um zu erforschen, was fr einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache. Er lie seine buschigen Augenbrauen herab, da von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dnnen Knebelbart, schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte: "Und wenn sie ihn auch in zehn Stcke zerhauen htten, den Griechen, es hilft doch nichts! Das Schlo mu ber, da hilft nichts, und hat man Tbingen, dann gute Nacht Wrttemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und meine gndigen Herren und Gnner sind Meister." "Wer steht Euch dafr, da er nicht wiederkommt? Und dann?" sagte der kluge, fette Herr und klappte den Deckel zu. "Was? Wiederkommen!" schrie jener. "Der Bettelmann! Wer sagt das, da er wiederkommt? Wer wagt es? He?" "Was geht es uns an?" murmelten die Gste unmutig. "Wir sind friedliche Brger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern anders werden.--Wenn man in der Herberge ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein." So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, da ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den anderen mit stechendem Blick an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte: "Es war nur zur Erinnerung, da wir den Herzog frder nicht mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie Gift und Operment, darum gefllt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht hat, ich will es einmal singen." Die Brger sahen finster vor sich hin und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglcklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme: "Vater Unser, Reutlingen ist unser; Der Du bist in dem Himmel, Elingen wlln wir bald gewinnen; Geheiligt werde Dein Nam', Heilbronn und Weil wlln wir auch han; Zu uns komme Dein Reich" Der Ulmer Bund sieht uns keinem gleich; Dein Will' geschehe, Die Mnz' hat gereit ein ander Geprge; Gib uns unser tglich Brot, Wir haben Geschtz fr alle Not; Vergib uns unsere Schuld, Wir haben des Knigs von Frankreich Huld; Als wir vergeben unsern Schuldigern, Wir wlln dem Bund das Maul zusperr'n! La uns nicht gefhrt werden, Wir wlln bald Kaiser werden, In keine Versuchung, sondern erls uns von allem bel. Amen. So behalten wir des Kaisers Namen." Er schlo seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnrkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als da die Brger einander heimlich anstieen und ber die jmmerlichen Tne des Sngers die Achsel zuckten. Er aber schaute stolz im Kreis umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhrer den gerechten Beifall lesen. "Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen", sagte der Zerlumpte, "so fein kann ich's nicht, aber doch wei ich auch ein neues Lied und will es mit Eurem Verlaub singen." Der Hagere sah ihn scheel und spttisch an, die Brger aber nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuschlo, aber doch hin und wieder auf den langen Mann hinber schielte, als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache: "Oh weh, wo bleibet Deine Kraft, Wrttemberg, Du arme Landschaft; Ich klag Dich billig hart und sehr, Denn der Bader von Ulm, der ist Dein Herr. Der zu Nrnberg die Wetschger macht, Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht, Der Salzsieder von Schwbisch Hall, Von Ravensburg die Krmer all. Von Rottweil die neuen Schweizerknaben Wollten der Gans auch ein Feder haben, Und der Schneider von Memming ist in der Sach' Und auch der Krschner von Biberach." Lrmender Beifall und Gelchter unterbrach den Snger; sie langten ber den Tisch herber, schttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewi, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.--Der Snger mit dem ledernen Rcken fuhr fort: "Den Saymer von Kempten ich Euch meld' Und Holzhauer von dem Herdtfeldt. Und andere, die ich nicht nennen will, Der Haufen ist gro und wird gar zuviel. Und auch der ist in dem Strau, Der richt' alles mit Ungeld aus, Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind, Des reichen Barchetwebers Kind." "Da Euch der Kuckuck in den Hals fahr, Ihr Lumpenhund!" fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte hrte. "Ich wei wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint, meinen gndigen Gnner, den Herrn von Fugger. Den soll mir ein solcher Landlufer verunglimpfen?" Er begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit schrecklicher Gebrde. Doch der mit dem ledernen Rcken lie sich nicht einschchtern; er stellte seine ungemein muskulse Faust vor sich hin und sagte: "Den Landlufer knnt Ihr fr Euch behalten, Herr Calmus, man wei wohl, wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rhrlffelarme vom Leib schlagen." Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, da er in so gemeine Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus der Trinkstube. Kapitel 18 Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gste erstaunt einander an, es war ihnen, als htten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen, es htte gekracht, als ob die Erde bersten wolle, ja, als wre ein erschrecklicher, ttender Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur ein "kalter Schlag". Dem Mann mit dem Lederrcken dankten sie, da er den ungezogenen bermtigen Gast so schnell entfernt habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse? "Den kenne ich wohl", antwortete dieser, "das ist unseres Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mdchen von dicken Hlsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, da sie blind werden. Er heit eigentlich Kahlmuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heit er sich Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen groen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel geheien hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund." "Mit dem Herzog mu er aber nicht gut stehen", bemerkte der schlaue Herr, "denn er hat doch lsterlich ber ihn geschimpft." "Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging aber so: Der Herzog hatte einen schnen dnischen Jagdhund, der hatte sich im Schnbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte der Hund; er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier heilen knnte, und zufllig war der Kahlmuser da und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an. Er bekam im Schlo in Stuttgart alle Tage gut zu essen und eine Ma Wein; das schmeckte ihm nun so gut, da er ber ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da lie ihn eines Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es sich, da sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmuser, so lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, da er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und Frau Sabina und habe nur deswegen den Hund bernommen, weil er dadurch ins Schlo kam." "So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?" sagte einer der Brger. "Das htten wir wissen sollen, so htten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Krieg schuld mit seiner Liebelei, und der drre Kahlmuser hat ihm dazu geholfen?" "De mortuis nil nisi bene; man mu die Toten schonen, sagen die Lateiner", entgegnete der fette Herr, "der arme Teufel hat es mit dem Leben teuer genug bezahlt." "Aber es ist ihm recht geschehen", rief jener Brger mit groer Hitze, "an des Herzogs Stelle htt' ich's gerade auch so gemacht, ein jeder Mann mu sein Hausrecht wahren." "Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?" fragte der fette Herr mit beraus schlauem Lcheln. "Da habt Ihr die beste Gelegenheit, ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hngen knnt." Ein schallendes Gelchter der Brger von Pfullingen belehrte den Gast im Erker, da jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem eigenen Haus nicht so ganz strenge Justiz ben msse. Er errtete und murmelte einige unverstndliche Worte in seinen Becher hinein. Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich seiner an: "Ja, wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er htte den Hutten auf der Stelle hngen knnen, ohne da er erst mit ihm focht; er ist ja Freischff vom westflischen Stuhl, vom heimlichen Gericht, und darf einen solchen Ehrenschnder ohne weiteres abtun. Und er hatte die besten Beweise gleich bei der Hand." Das Gesprch der Brger sank jetzt zum Geflster herab, und Georg glaubte zu bemerken, da sie ber ihn ihre Glossen machten. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schnes Tafeltuch ber den runden Tisch ausgebreitet hatte. Dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr bescheiden, ber das Woher? Und Wohin? Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr ber den eigentlichen Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben Das Gesprch der Gste an der langen Tafel hatte ihn belehrt, da es hier nicht minder gefhrlich sei, zu gar keiner Partei zu gehren, als sich fr irgendeine bestimmt zu erklren; er sagte daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, als da sie sich den Ort, wohin er gehe, noch nher htte bezeichnen lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu erkundigen, denn er war glcklich, wenn ihm die Wirtin zum goldenen Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides beschreiben wrde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen. Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde die Chronik von fnf bis sechs Schlssern aus der Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte bei diesem Namen tiefer Atem und schob die Schssel weit weg, um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzhlerin zu widmen "Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben schne Felder und Wlder, und keine Rute Landes verpfndet. Da liee sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar nicht viel darauf hlt und ihn immer streichelt, wenn er mit den Leuten spricht. Er ist ein strenger, ernster Mann. Was er einmal haben will, das mu geschehen, und sollte es biegen oder brechen. Er ist auch einer von denen, die es so lange mit dem Herzog hielten. Die Bndischen werden es ihm bel entgelten lassen." "Wie ist denn seine..., ich meine, Ihr sagtet, er habe eine Tochter, der Lichtenstein?" "Nein", antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht in grmliche Falten zog, "von der habe ich gewi nicht gesprochen, da ich es wte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wre ihm besser, er fhre kinderlos in die Grube, als da er aus Jammer ber sein einziges Kind abfhrt." Georg traute seinen Ohren nicht. Was konnte die Wirtin gerade von Marien so Arges denken, da sie den Vater glcklich pries, wenn er dieses Kind nicht htte? "Was ist es denn mit diesem Frulein?" fragte er, indem er sich vergebens abmhte, recht scherzhaft auszusehen: "Ihr macht mich neugierig, Frau Wirtin. Oder ist es ein Geheimnis, das Ihr nicht sagen drft?" Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten, ob niemand lausche. Aber die Brger waren ruhig in ihrem Gesprch begriffen und achteten nicht auf sie, und sonst war niemand in der Nhe, der sie hren konnte. "Ihr seid ein Fremder", hub sie nach diesen Forschungen an, "Ihr reist weiter und habt nichts mit dieser Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was ich nicht jedem vertrauen mchte. Das Frulein dort oben auf dem Lichtenstein ist ein--ein--ja bei uns Brgersleuten wrde man sagen, sie ist ein schlechtes Ding, eine lose Dirne--" "Frau Wirtin!" rief Georg. "So schreit doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen sich ja um. Meint Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewi wei? Denkt Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr lt sie ihren Liebsten in die Burg. Ist das nicht schrecklich genug fr ein sittsames Frulein?" "Bedenkt, was Ihr sprecht! Ihren Liebsten?" "Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten. Es ist eine Schande und ein Spott! Es ist ein ziemlich groer Mann, der kommt in einen grauen Mantel gehllt ans Tor. Sie hat es zu machen gewut, da zu dieser Zeit alle Knechte vom Tor entfernt sind, und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen half, um den Weg ist. Da kommt sie nun allemal, wenn es drben in Holzelfingen elf Uhr schlgt, selbst herunter in den Hof, die Nacht mag so kalt sein, als sie will, und bringt den Schlssel zur Zugbrcke, den sie zuvor ihrem alten Vater vom Bett stiehlt. Dann schliet der alte Snder, der Burgwart, auf, die Brcke fllt nieder, und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fruleins." "Und dann?" fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust, kein Blut mehr in den Wangen hatte. "Und dann?" "Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt. Soviel ist gewi, da der nchtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben mu, denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei, drei Nel Wein dazu getrunken. Was weiter geschieht, wei ich nicht. Ich will nichts vermuten, nichts sagen, aber das wei ich", setzte sie mit einem christlichen Blick gen Himmel hinzu, "beten werden sie nicht." Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, da er nur einen Augenblick gezweifelt habe, da diese Erzhlung eine Lge, von irgendeinem migen Kopf ersonnen sei. Oder wenn auch etwas Wahres daran wre, so konnte es doch nichts sein, das Marien zur Unehre gereicht htte. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor. "So? Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?" sprach sie. "Dem ist nicht so. Sehet, ich wei das gewi, denn die alte Rosel, die Amme des Fruleins--" "Die alte Rosel hat es gesagt?" rief Georg unwillkrlich. Ihm war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt. Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so zweifelhaft. Denn er wute, da sie eine fromme Frau und dem Frulein sehr zugetan war. "Ihr kennt die alte Rosel?" fragte die Wirtin, erstaunt ber den Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte. "Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, da ich heute zum ersten Mal in diese Gegend komme. Nur der Name Rosel fiel mir auf." "Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heit Rosina bei uns, und so nennt man die alte Amme in Lichtenstein. Nun seht, diese hlt viel auf mich und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein ses Weinmschen, was sie fr ihr Leben gerne it, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch, was ich Euch sagte. Der Vater wei gar nichts von diesen nchtlichen Besuchen; denn er geht schon um acht Uhr zu Bett. Die Amme schickte das Frulein jedes Mal um acht Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie stellte sich, als gehe sie zu Bett, und siehe da, was geschieht? Kaum ist alles ruhig im Schlo, so macht das Frulein, das sonst keinen Span anrhrt, eigenhndig ein Feuer auf dem Herd, kocht und bratet, was sie kann und wei, holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank und deckt in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster hinaus in die kalte schwarze Nacht, und richtig, wenn es drben elf Uhr schlgt, rasselt die Zugbrcke nieder, der nchtliche Geselle wird eingelassen und geht mit dem Frulein in die Herrenstube. Sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen Tren sind gar dick. Dann lugt sie auch einmal durch's Schlsselloch, sah aber nichts als den Kopf des Fremden." "Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?" "Alt? Wo denkt Ihr hin! Die sieht mir auch danach aus, da sie es mit einem Alten htte! Jung ist er und schn, wie mir die Rosel sagt. Er hat einen dunklen Bart um Mund und Kinn, schnes gerolltes Haar auf dem Kopf und sah recht freundlich und liebreich aus." "Da ihm der Satan den Bart Haar fr Haar auszwicke!" murmelte Georg und strich mit der Hand ber sein Kinn, das noch ziemlich glatt war. "Frau, besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehrt von der Frau Rose!? Hat sie dies alles so gesagt? Macht Ihr nicht noch mehr dazu?" "Gott bewahre mich, da ich ber jemand lstere! Da kennt Ihr mich schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr geflstert, was eine ehrliche Frau einem schnen jungen Herrn nicht wieder sagen kann. Und denkt Euch, wie recht schlecht das Frulein ist, sie hat noch einen anderen Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!" "Noch einen?" fragte Georg aufmerksam, denn die Erzhlung schien ihm mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen. "Ja, noch einen. Es soll ein gar schner, lieber Herr sein, sagte mir die Rosel. Sie war mit dem Frulein einige Zeit in Tbingen, und da war ein Herr von--von--ich glaube Sturmfittich heit er--der war auf der hohen Schule. Und da lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme schwrt, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich liebgehabt, das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um ihn, als sie von Tbingen ging. Nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche Herz, und die Amme heult, wenn sie nur an den schnen, treuen Herrn denkt. Er soll noch viel, viel schner gewesen sein als der, den sie jetzt hat." "Frau Wirtin, wie oft lat Ihr mich denn klopfen, bis ich einen vollen Becher bekomme", rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf; denn die Frau Wirtin hatte ber ihrer Erzhlung alles brige vergessen. "Gleich, gleich!" antwortete sie und flog an den Schenktisch hin, den durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen. Und von da ging es zum Keller, und Boden und Kche nahmen sie in Anspruch, so da der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam ber das, was er gehrt hatte, nachzusinnen. Den Kopf auf die Hand gesttzt, sa er da und schaute unverrckt in die Tiefe seines silbernen Bechers. So sa er am Nachmittag, so sa er am Abend. Die Nacht war schon lange eingebrochen, und er sa noch immer so hinter dem runden Tisch im Erker, tot fr die Welt umher, nur hin und wieder verriet ein tiefes Seufzen, da noch Leben und Empfindung in ihm sei. Die Wirtin wute nicht, was sie aus ihm machen sollte. Sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt, hatte versucht, mit ihm zu sprechen aber er hatte ihr gedankenlos mit starren Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet. Es war ihr ganz Angst dabei geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er das Zeitliche segnete und ihr den goldenen Hirsch hinterlie. Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrcken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder sei er verliebt bis ber die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptung mit einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie gesehen und der aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben. Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung. Er glaubte, dem jungen Mann sei vielleicht ein Unglck geschehen, wie jetzt oft im Krieg vorkomme, und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einige Male nach dem stummen Gast im Erker hinauf und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewchs und Jahrgang der Ritter trinke? "Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was der goldene Hirsch hat." "Da haben wir es!" rief der kluge Mann "Ich kenn' den Heppacher Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht fhren und der ist ihm zu Kopf gestiegen. Lat ihn sitzen, lat ihn immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlgt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser." Der Zerlumpte schttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin aber lobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten. Es war neun Uhr in der Nacht, die tglichen Zechgste hatten schon alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gnge durchs Zimmer und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er sah dster und verstrt aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so freundlichen offenen Zgen tiefe Spuren des Grams eingedrckt. Die Wirtin dauerte sein Anblick. Sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Spplein kochen und ihm dann ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien fr diese Nacht ein rauheres Lager sich erwhlt zu haben. "Wann sagt Ihr", hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, "wann geht der nchtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurck?" "Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten Hahnenschrei kommt er wieder ber die Zugbrcke." "Lat mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht, der mich nach Lichtenstein geleite." "Jetzt in der Nacht?" rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen. "Jetzt wollt Ihr ausreiten? Ei geht doch Ihr treibt Spa mit mir." "Nein, gute Frau, es ist mein Ernst. Aber sputet Euch ein wenig, ich habe Eile." "Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt", entgegnete jene, "und jetzt wollt Ihr auf einmal ber Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken. Aber wei Gott, Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr knnt mir herunterfallen oder allerlei Unglck anrichten, und dann hiee es, wo hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, da sie die Leute so laufen lt." Der junge Mann hatte ihre Rede ganz berhrt, denn er war wieder in sein dsteres Sinnen zurckgesunken. Als sie aufhrte zu sprechen, schrak er auf und wunderte sich, da sie seinen Befehl noch nicht befolgt habe. Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen. Da dachte sie, da sie doch keine Gewalt habe, ihn zurckzuhalten und da es geratener sein mchte, ihn ziehen zu lassen. "Lat dem Herrn seinen Braunen herausfhren", rief sie, "und der Andres soll sich rsten, heute nacht noch ein Stck Wegs zu gehen!-- Er hat recht, da er jemand mitnehmen will", sprach sie fr sich weiter, "der kann ihn doch im Notfall halten. Zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle keiner so leicht vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt wie der Schwengel in der groen Glocke, aber besser ist besser.--Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter? Nun, Ihr habt gehabt eine Ma Alten, macht zwlf Kreuzer, und das Essen--nun, es ist nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt. Ihr habt ja mein Huhn kaum angesehen. Nun, wenn Ihr fr den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schn danken." Nachdem die Rechnung in dem niederen Mnzfu der guten, alten Zeit berichtigt war, entlie die Wirtin zum goldenen Hirsch ihren Gast. Sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, da sie nicht leicht einen schneren Mann gesehen habe, und sie schrfte daher ihrem Knecht, der sie begleitete, um so sorgfltiger ein, recht genau auf ihn acht zu haben, weil es bei diesem Herrn "doch nicht ganz richtig im Kopf sei". Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nchtlichen Reiter, wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort.--"Nach Lichtenstein", schlug er einen Weg rechts ein, der zum Gebirge fhrte. Der junge Mann ritt schweigend durch die Nacht hin. Er sah nicht rechts, er sah nicht links, er sah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite, seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie damals, als ihn die Mrder am Weg niedergeschlagen hatten. Seine Gedanken standen still, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und zu wnschen aufgehrt. Und doch war ihm damals wohler gewesen, als ihm auf dem khlen Teppich des Wiesentales die Besinnung schwand. Er war ja entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie, und die erstarrenden Lippen hatten noch einmal einen sen Namen ausgesprochen. Aber jetzt war die Leuchte verlscht, die seinen Pfad durchs Leben erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen und dann in lichteren Hhen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden. Und unwillkrlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert, als wolle er sich versichern, da ihm dieser Gefhrte wenigstens treu geblieben sei, als sei dies der gewichtige Schlssel, der die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum Licht fhrt. Der Wald hatte lngst die Wanderer aufgenommen. Steiler wurden die Pfade, und das Ro strebte mhsam unter der Last des Reiters und seiner Rstung bergan, doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte khler und spielte mit den langen Haaren des Jnglings, er fhlte es nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete khne Felsenmassen und die hohen gewaltigen Eichen, unter welchen er hinzog, er sah es nicht. Unbemerkt von ihm rauschte der Strom der Zeit an ihnen vorber, Stunde um Stunde verging, ohne da ihm der Weg lang dnkte. Es war Mitternacht, als sie auf der hchsten Hhe ankamen. Sie traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der brigen Erde, lag auf einem einzelnen, senkrecht aus der nchtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein. Seine weien Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten im Mondlicht. Es war, als schlummere das Schlchen abgeschieden von der Welt, im tiefen Frieden der Einsamkeit. Der Ritter warf einen dsteren Blick dorthin und sprang ab. Er band das Pferd an einen Baum und setzte sich auf einen bemoosten Stein, gegenber von der Burg. Der Knecht stand wartend, was sich weiter begeben werde, und fragte mehrere Male vergeblich, ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei? "Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?" fragte endlich der stumme Mann auf dem Stein "Zwei Stunden, Herr!" war die Antwort des Knechtes. Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn fr sein Geleit und winkte ihm zu gehen. Er zgerte, als scheue er sich, den jungen Mann in diesem unglcklichen Zustand zu verlassen. Als aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte, entfernte er sich still. Nur einmal noch sah er sich um, ehe er in den Wald eintrat. Der schweigende Gast sa noch immer, die Stirn in die Hand gesttzt, im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten Stein. Kapitel 19 Georg von Sturmfeder war nicht von so khlem Blut, da ihn die Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der Billigkeit und Migung herausgejagt htte; er war berdies in einem Alter, wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewhnt hat, den Menschen a priori zu mitrauen wo aber ein solcher Fall umso berraschender ist, umso gefhrlicher wirkt, eben weil das arglose Herz ihn nie gedacht hat. Georg war auf der Stufe der dsteren, stillen Wut und der Rache angekommen; ber diese Empfindung brtend, sa er unempfindlich gegen die Klte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer wiederkehrender Gedanke war, den nchtlichen Freund "zu stellen, und ein Wort mit ihm zu sprechen". Es schlug zwei Uhr in einem Dorf ber dem Wald, als er sah, da sich Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten; erwartungsvoll pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des Schwertes umfat. Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar, Hunde schlugen an; Georg sprang auf und warf den Mantel zurck. Er hrte, wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches "gute Nacht" sprach. Die Zugbrcke rauschte nieder und legte sich ber den Abgrund, der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf, und ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrckt, den dunklen Mantel fest umgezogen, schritt ber die Brcke und gerade an den Ort zu, wo Georg Wache hielt. Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem drhnenden: "Zieh, Verrter, und wehr Dich Deines Lebens!", auf ihn einstrzte; der Mann im Mantel trat zurck und zog; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander. "Lebendig sollst Du mich nicht haben", rief der andere; "wenigstens will ich mein Leben teuer genug bezahlen!" Zugleich sah ihn Georg tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen und gewichtigen Hieben merkte er, da er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungebter Fechter, und er hatte manch ernsten Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er seinen Mann gefunden. Er fhlte, da er sich bald auf die eigene Verteidigung beschrnken msse, und wollte eben zu einem letzten, gewaltigen Sto ausfallen, als pltzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der Hand gewunden; zwei mchtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn regungslos, und eine furchtbare Stimme schrie: "Stot zu, Herr! Ein solcher Meuchelmrder verdient nicht, da er noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe!" "Das kannst Du verrichten, Hans", sprach der im Mantel, "ich stoe keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber mach es kurz." "Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!" sagte Georg mit fester Stimme. "Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was liegt an meinem Leben?" "Was habe ich?" fragte jener und trat nher. "Was Teufel ist das fr eine Stimme?" sprach der Mann, der ihn noch immer umschlungen hielt, "Die sollte ich kennen!" Er drehte den jungen Mann in seinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen, zog er die Hnde von ihm ab! "Jesus, Maria und Joseph! Da htten wir bald etwas Schnes gemacht! Aber welcher Unstern fhrt Euch auch gerade hierher, Junker? Was denken auch meine Leute, da sie Euch fortlassen, ohne da ich dabei bin!" Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg so anredete und ihm die Hand zum Gru bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundliche Zeichen einem Mann zu erwidern der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im Mantel, bald den Pfeifer an. "Meinst Du", sagte er zu diesem, "ich htte mich von Deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen, da ich Deine Verrterei hier nicht sehe? Erbrmlicher Betrger! Und Ihr", wandte er sich zu dem anderen, "wenn Ihr ein Mann von Ehre seid, so steht mir, und fallt nicht zu zweit ber einen her; wenn Ihr wit, da ich Georg von Sturmfeder bin, so mgen Euch meine frheren Ansprche auf das Frulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu messen, bin ich hierher gekommen. Darum befehlt diesem Schurken, da er mir mein Schwert wiedergebe, und lat uns ehrlich fechten, wie es zwei Mnnern geziemt." "Ihr seid Georg von Sturmfeder?" sprach jener mit freundlicher Stimme und trat nher zu ihm. "Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum hier. Glaubt mir, ich bin Euch sehr gewogen und htte Euch lngst gerne gesehen. Nehmt das Ehrenwort eines Mannes, da mich nicht die Absichten in jenes Schlo fhren, die Ihr mir unterlegt, und seid mein Freund!" Er bot dem berraschten Jngling die Hand unter dem Mantel hervor, doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm zwar gesagt, da er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und mute er seinen Worten trauen; aber sein Gemt war noch so verwirrt von allem, was er gehrt und gesehen, da er ungewi war, ob er den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen bittersten Feind angesehen hatten empfangen sollte oder nicht. "Wer ist es, der mir die Hand bietet?" fragte er. "Ich habe Euch meinen Namen genannt und knnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen." Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob das Barett zurck; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Wrde, und Georg begegnete einem glnzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit trug. "Fragt nicht nach Namen", sprach er, indem ein Zug von Wehmut um seinen Mund blitzte, "ich bin ein Mann und dies mag Euch genug sein; wohl fhrte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hfthorns lauschten viele hundert Knechte; er ist verklungen. Aber eines ist mir geblieben", setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die Hand des jungen Mannes fester drckte, "ich bin ein Mann und trage ein Schwert: Si fractus illabatur orbis, Impavitum ferient ruinae." Er drckte das Barett wieder in die Stirn zog seinen Mantel hoch herauf und ging vorber in den Wald. Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gesttzt. Der Anblick dieses Mannes--es war ihm unbegreiflich--hatte alle Gedanken der Rache in seinem Herzen ausgelscht. Dieser gebietende Blick, dieser gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen dieses Mannes erfllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beschmung. Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Berhrung zu stehen, er hatte es bekrftigt mit jener tapferen Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel gefhrt hatte; er hatte es bekrftigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast wlzte sich von seiner Brust, denn er glaubte, er mute glauben. "Wer ist dieser Mann?" fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben ihm stand. "Ihr hrtet ja, da er keinen Namen hat, und auch ich wei ihn nicht zu nennen." "Du wtest nicht, wer er ist?" entgegnete Georg, "und doch hast Du ihm beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du willst mich belgen!" "Gewi nicht, Junker", antwortete der Pfeifer, "es ist, Gott wei es, wahr, da jener Mann derzeit keinen Namen hat; wenn Ihr brigens durchaus erfahren wollt, was er ist, so wit, er ist ein Gechteter, den der Bund aus seinem Schlo vertrieb; einst aber war er ein mchtiger Ritter im Schwabenland." "Der Arme! Darum also ging er so verhllt? Und mich hielt er wohl fr einen Meuchelmrder! Ja, ich erinnere mich, da er sagte, er wolle sein Leben teuer genug verkaufen." "Nehmt mir nicht bel, werter Herr", sagte der Bauer, "auch ich hielt Euch fr einen, der dem Gechteten auf das Leben lauern wollte, darum kam ich ihm zu Hilfe, und htte ich nicht Eure Stimme noch gehrt, wer wei, ob Ihr noch lange geatmet httet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hierher, und welches Unheil fhrt Euch gerade dem gechteten Mann in den Wurf! Wahrlich, Ihr drft von Glck sagen, da er Euch nicht in zwei Stcke gehauen; es leben wenige, die vor seinem Schwert standgehalten htten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da einen argen Streich gespielt!" Georg erzhlte seinem ehemaligen Fhrer, welche Nachrichten ihm im Hirsch in Pfulligen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so hchst wahrscheinlich gelautet habe. "Dacht' ich's doch, da es so was sein msse", antwortete der Pfeifer. "Die Liebe hat manchem noch rger mitgespielt, und ich wei nicht, was ich in jungen Jahren in hnlichem Fall getan htte. Daran ist aber wieder niemand schuld als meine alte Rosel, die alte Schwtzerin, was hat sie ntig, der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten kann, zu beichten?" "Es mu aber doch etwas Wahres an der Sache sein", entgegnete Georg, in welchem das alte Mitrauen hin und wieder aufblitzte. "So ganz ohne Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!" "Wahr? Etwas Wahres msse daran sein? Allerdings ist alles wahr nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt der Mann vor das Schlo, die Zugbrcke fllt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Frulein empfngt ihn und fhrt ihn in die Herrenstube--" "Nun? Siehst Du?" rief Georg ungeduldig. "Wenn dies alles wahr ist, wie kann dann jener Mann schwren, da er mit dem Frulein--" "Da er mit dem Frulein ganz und gar nichts wolle?" antwortete der Pfeifer. "Allerdings kann er das schwren; denn es ist nur ein Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel, freilich nicht gewut hat, nmlich, da der Ritter von Lichtenstein in der Herrenstube sitzt, das Frulein aber sich entfernt, wenn sie ihre heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem gechteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen und getrunken und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwrmt hat, verlt er das Schlo, wie er es betreten." "Oh ich Tor! Da ich dies alles nicht frher ahnte. Wie nahe lag die Wahrheit und wie weit lie ich mich irreleiten!--Aber sprich", fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort, "auffallend ist es mir doch, da dieser gechtete Mann alle Nacht ins Schlo kommt; in welch unwirtlicher Gegend wohnt er denn wo er keine warme Kost, keinen Becher Wein und keinen warmen Ofen findet?--Hre, wenn Du mich dennoch belgest!" Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spttischen Ausdruck auf dem jungen Mann "Ein Junker wie Ihr", antwortete er, "wei freilich wenig, wie weh Verbannung tut; Ihr wit es nicht, was es heit, sich vor den Augen seiner Mrder verbergen, Ihr wit nicht, wie schaurig sich's in feuchten Hhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk dem gewhrt, der bei den Eulen speist und beim Uhu in der Miete ist: aber kommt, wenn es Euch gelstet; der Morgen bricht noch nicht an, und in der Nacht knnt Ihr nicht nach Lichtenstein; ich will Euch dahin fhren, wo der gechtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht." Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr aufgeregt, als da er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von Hardt angenommen htte, besonders auch, da er darin den besten Beweis fr die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein Fhrer ergriff die Zgel des Rosses und fhrte es einen engen Waldweg bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern des Lichtensteins zurckgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu unterbrechen. Er hing seinen Gedanken nach ber den Mann zu dessen geheimnisvoller Wohnung er gefhrt wurde. Unablssig beschftigte ihn die Frage, wer dieser Gechtete sein knnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum, da mehrere Anhnger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge zu Pfullingen whrend seines teilnahmslosen Hinbrtens, von einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die Bndischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Strke dieses Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht beraus groe, aber krftige Gestalt, die gebietende Miene, das heldenmtige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedchtnis zurckrief, wurde es ihm immer mehr zur Gewiheit, da der Gechtete kein anderer als der treueste Anhnger Ulrichs von Wrttemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg, sei. So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekmpfte, lngst wieder in seine Rechte eingesetzt war, und seinem Hfthorn wieder Hunderte folgten, rechnete er es unter seine schnsten Waffentaten, dem tapferen, gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu sein. Die Wanderer waren whrend dieses Selbstgesprchs des jungen Mannes auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das Pferd seitwrts an und winkte Georg zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit dichtem Gestruch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurck, hinter welchen ein schmaler Fupfad sichtbar wurde, welcher abwrts fhrte. Nicht ohne Mhe und Gefahr folgte Georg seinem Fhrer, der ihm an einigen Stellen krftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fu hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst suchte der junge Mann nach der Sttte des gechteten Ritters. Der Pfeifer ging nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein mute, denn jener brachte zwei groe Kienfackeln daraus hervor; er schlug Feuer und zndete mit einem Stckchen Schwefel die Fackeln an. Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, da sie vor einem groen Portal standen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte, und dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Gechtete, wie sich der Pfeifer ausdrckte, beim Uhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jngling, die andere zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er diese Warnung geflstert, schritt er voran in das dunkle Tor. Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen Urgrovater in Palstina in Gefangenschaft geraten war, ein Mrchen gehrt, das von Geschlecht zu Geschlecht berliefert worden war; dort war ein Knabe von einem bsen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in einen Palast, dessen erhabene Schnheit alles bertraf, was der Knabe je ber der Erde gesehen hatte. Diese Sage, die sich der kindlichen Einbildungskraft tief eingedrckt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden Jnglings. Alle Augenblicke stand er still, von neuem berrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte, denn in hohen, majesttisch gewlbten Bogen zog sich der Hhlengang hin, und flimmerte und blitzte, wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch grere berraschung stand ihm bevor, als sich sein Fhrer links wandte und ihn in eine weite Grotte fhrte, die wie der festlich geschmckte Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war. Sein Fhrer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jnglings machte. Er nahm ihm die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen und beleuchtete so einen groen Teil der Grotte. Der Fhrer stieg, nachdem er das Auge des Jnglings fr hinlnglich gesttigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. "Das ist die Nebelhhle", sprach er, "man kennt sie wenig im Land, und nur den Jgern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man allerlei bse Geschichten von diesen Kammern der Gespenster wei. Einem, der die Hhle nicht genau kennt, mchte ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlnde und unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt es geheime Gnge und Kammern, die nur fnf Mnnern bekannt sind, die jetzt leben." "Und der gechtete Ritter?" fragte Georg. "Nehmt die Fackel und folgt mir", antwortete jener, und schritt voran in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, als Georg die tiefen Tne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Fhrer darauf aufmerksam. "Das ist Gesang", entgegnete er, "der tnt in diesen Gewlben gar lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Mnner singen, so lautet es, als snge ein ganzer Chor Mnche die Hora." Immer vernehmlicher tnte der Gesang, je nher sie kamen, desto deutlicher wurden die Biegungen einer angenehmen Melodie Sie bogen um eine Felsenecke und von oben herab ertnte ganz nah die Stimme des Singenden, brach sich an den zackigen Felsenwnden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle, geheimnisvolle Tiefe ergo. "Hier ist der Ort", sprach der Fhrer, "dort oben in der Felswand ist die Wohnung des unglcklichen Mannes; hrt Ihr sein Lied? Wir wollen warten und lauschen, bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt, unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war." Die Mnner lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der Wasser etwa folgende Worte, die der Gechtete sang: "Vom Turme, wo ich oft gesehen Hernieder auf ein schnes Land, Vom Turme fremde Fahnen wehen, Wo meiner Ahnen Banner stand. Der Vter Hallen sind gebrochen, Gefallen ist des Enkels Los, Er birgt, besiegt und ungerochen, Sich in der Erde tiefem Scho. Und wo einst in des Glckes Tagen Mein Jagdhorn tnte durchs Gefild, Da meine Feinde grlich jagen, Sie hetzen gar ein edles Wild. Ich bin das Wild, auf das sie pirschen, Die Bluthund' wetzen schon den Zahn, Sie drsten nach dem Schwei des Hirschen, Und sein Geweih steht ihnen an. Die Mrder han' in Berg und Heide Auf mich die Armbrust aufgespannt, Drum in des Bettlers rauhem Kleide Durchschleich' ich nachts mein eigen Land; Wo ich als Herr sonst eingeritten Und meinen hohen Gru entbot. Da klopf' ich schchtern an die Htten Und bettle um ein Stckchen Brot. Ihr warft mich aus den eignen Toren, Doch einmal klopf' ich wieder an, Drum Mut! Noch ist nicht all verloren, Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann. Ich wanke nicht; ich will es tragen; Und ob mein Herz darber bricht, So sollen meine Feinde sagen, Er war ein Mann und wankte nicht." Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tnen seines Liedes nachsandte, lie ahnen, da er im Gesang nicht viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Mann von Hardt war whrend des Liedes eine groe Trne ber die gebrunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung wiederzuerhalten und dem Bewohner der Hhle eine heitere Stirn und ein ungetrbtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlpfrigen Felsen hinan, der zu der Grotte fhrte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich, da er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit einem tchtigen Strick zurckkehren. Er klimmte die Hlfte des Felsens wieder herab und lie sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe schwerlich gelungen wre. Er war oben und wenige Schritte noch, so stand er vor dem Felsengemach des Gechteten. Kapitel 20 Der Teil jener groen Hhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied sich merklich von den brigen Grotten und Kammern durch seine Trockenheit. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den grten Teil der Lnge dieser Grotte. Gegenber sa jener Mann auf einem breiten Brenfell, neben ihm stand sein Schwert und ein Hfthorn; ein alter Hut und der graue Mantel, mit welchem er sich verhllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem Tuch; ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen krftigen Krperbau und seine feinen, edlen Zge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefhr vierunddreiig Jahre alt sein, und sein Gesicht war noch immer hbsch und angenehm zu nennen, obgleich die erste Blte der Jugend von Gefahren und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flchtigen Bemerkungen drngten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte still stand. "Willkommen in meinem Palast, Georg von Sturmfeder!" rief der Bewohner der Hhle, indem er sich von dem Brenfell aufrichtete, dem Jngling die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. "Seid herzlich willkommen. Es war kein bler Einfall Unseres Spiel-manns, Euch in diese Unterwelt herabzufhren und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen. Hans! Du treue Seele, Du warst bisher Unser Majordomus, Truchse und Kanzler, Wir ernennen Dich jetzt zu Unserem Kellermeister und Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener Sule mu ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das Wir jetzt fhren, gie ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn Unserem ehrenwerten Gast." Georg sah erstaunt auf den gechteten Mann Er hatte nach dem Schicksal, das ihn betroffen nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klagegesang, den er gehrt hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Strmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde. Und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend ber seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm berfallen und gentigt, eine kleine Weile in dieser Hhle Schutz gegen das Wetter zu suchen. "Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast", sagte der Ritter, als Georg bald ihn, bald seine Umgebung mit verwunderten Blicken ma. "Vielleicht habt Ihr erwartet, da ich Euch etwas vorjammern werde? Aber ber was soll ich klagen? Mein Unglck kann in diesem Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, da man heitere Miene zum bsen Spiel mache. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie Frsten selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten Sle meines Palastes? Glnzen nicht ihre Wnde wie Silber? Wlben die Decken sich nicht wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? Werden sie nicht getragen von Sulen, die von Smaragden und Rubinen und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein Obermundschenk, mit dem Wein. Sprich, mein Getreuer! Ist das all Unser Getrnke, was in diesem Becher ist?" "Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung", sprach der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines Gefhrten schon vertraut war, "aber auch ein Restchen Wein das wenigstens noch drei Becher fllt, ist im Krug und--nun, wir haben ja heute einen Gast und knnen schon etwas draufgehen lassen--ich will es nur gestehen ich habe heute nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem anderen." "Das hast Du wohl gemacht", rief der gechtete Ritter, und ein Strahl der Freude drang aus seinem glnzenden Auge. "Glaubt nicht, Herr Georg, da ich ein Schlemmer und Sufer bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen Becher rundgehen zu lassen. Pflanze die Krge nur hier auf, werter Kellermeister, Wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glckes. Ich bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!" Georg dankte und trank. "Ich sollte die Ehre erwidern", sagte er, "und doch wei ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! Mgt Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Vter einziehen, mge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grnen und blhen-- es lebe!" Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben den Becher ansetzen als das Gerusch vieler Stimmen, vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich "Es lebe! lebe!" riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. "Was ist das?" sagte er. "Sind wir nicht allein?" "Es sind meine Vasallen, die Geister", antwortete der Ritter lchelnd, "oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Ruf beistimmte. Ich habe oft", setzte er ernster hinzu, "in den Zeiten des Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hren, doch hat es mich nie so erfreut und gerhrt als hier, wo mein einziger Gast es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten Flle den Becher. Hans, und trinke, und weit Du einen guten Spruch, so gib ihn preis." Der Pfeifer von Hardt fllte sich den Becher und blickte Georg mit freundlichen Blicken an: "Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht Schnes dazu: 'Das Frulein von Lichtenstein!'" "Hallo, Sa! Sa! Trinkt, Junker, trinkt!" rief der Gechtete und lachte, da die Hhle drhnte. "Aus bis auf den Boden, aus! Sie soll blhen und leben fr Euch! Das hast Du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als ksse er schon ihren Mund.--Drft Euch nicht schmen! Auch ich habe geliebt und gefreit und wei, wie einem frhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zumute ist!" "Armer Mann!" sagte Georg, "Ihr habt geliebt und gefreit und mutet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurcklassen?" Er fhlte sich, whrend er dies sprach, heftig am Mantel gezogen er sah sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worber man mit dem Ritter nicht sprechen msse. Und den Jngling gereuten auch seine Worte, denn die Zge des unglcklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte: "Der Frost im September hat schon oft verdorben, was im Mai gar herrlich blhte, und man fragt nicht, wie es geschehen sei. Meine Kinder habe ich in den Hnden rauher, aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt." Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er die trben Gedanken aus dem Gedchtnis wischen fuhr er mit der Hand ber die Stirn, und wirklich gltteten sich die Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um sich her und sprach: "Der Hans hier kann mir bezeugen, da ich schon oft gewnscht habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzhlt, wo man Euch wahrscheinlich fr einen der Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen." "Das soll mir lieb sein", antwortete Georg. "Ich mchte fast glauben, man hat mich fr den Herzog selbst gehalten denn diesem paten sie damals auf; und ich will gerne die tchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde." "Ei, das ist doch viel. Wit Ihr nicht, da der Hieb, der nach Euch gefhrt wurde, ebensogut tdlich werden konnte?" "Wer zu Feld zieht", entgegnete Georg, "der mu seine Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schner, in einer Feldschlacht vor dem Feind bleiben, wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen--Aber doch wre ich damals auch gestorben, wenn es htte sein mssen, um die Streiche dieser Meuchelmrder vom Herzog abzulenken." Der Gechtete sah den Jngling mit Rhrung an und drckte seine Hand. "Ihr scheint groen Anteil am Herzog zu nehmen", sagte er, indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, "das htte ich kaum gedacht; man sagte mir, Ihr wret bndisch." "Ich wei, Ihr seid ein Anhnger des Herzogs", antwortete Georg, "aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der Herzog hat manches getan, was nicht recht ist. Zum Beispiel die huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, htte er unterlassen knnen. Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr mt selbst gestehen, er lie sich doch zu sehr vom Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf--" Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, fortzufahren "Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bndisch wurde, so, und nur etwas strker sprach man von ihm im Heer. Aber eine groe Frsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht bekannt, da ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur mitleidig bin und niemand ungerecht mihandelt sehen kann, oder auch, weil ich die Absichten der Bndischen besser durchschaute ich sah, da dem Herzog zuviel geschehe; denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen, und sogar von seinem Frstenstuhl, zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er htte ja vielleicht noch eine Schlacht wagen knnen, aber er wollte nicht das Blut seiner Wrttemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er htte den Leuten Geld abpressen knnen und die Schweizer damit halten, aber er war grer als sein Unglck. Seht--das hat mich zu seinem Freund gemacht." Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien hher zu schlagen, seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an und drckte seine Hand an sein pochendes Herz. "Wahrlich", sagte er, "es lebt eine heilige, reine Stimme in Dir, junger Freund! Ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie Du sagtest, er ist grer als sein Unglck, und--besser als der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, die ihm die Probe gehalten haben! Ach, da er nur Hundert gehabt htte, wie Du bist, und es htte kein Fetzen der bndischen Paniere auf einer wrttembergischen Zinne geweht. Da Du sein Freund werden knntest! Doch es sei fern von mir, Dich einzuladen, sein Unglck mit ihm zu teilen, es ist genug, da Deine Klinge und ein Arm wie der Deinige nicht mehr seinen Feinden gehrt. Mgen Deine Tage heiterer sein als die seinigen, mge der Himmel Dir Deine guten Gesinnungen gegen einen Unglcklichen belohnen!" Es wehte ein Geist in den Worten des gechteten Ritters, der manche verwandte Saite in dem Herzen des Jnglings anschlug. War es die Anerkennung seines persnlichen Wertes, die ihm aus dem Mund eines Tapferen so ermunternd klang, war es die hnlichkeit des Schicksales dieses Unglcklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglck seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht fr das siegende Unrecht, sondern fr die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten Unglck war, sich zu erklren--Georg fhlte sich unwiderstehlich zu diesem gechteten Mann, zu der Sache, fr die er litt, hingezogen; begeistert fate er seine Hand und rief: "Es spreche mir keiner von Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglck anzuschlieen! Mgen andere dieses schne Land dort oben teilen und in den Gtern dieses unglcklichen Frsten schwelgen--ich fhle Mut in mir, mit ihm zu tragen, was er trgt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein der sich an seine Seite stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch komme, Ulrichs Freund fr immer!" Eine Trne glnzte in dem Auge des Gechteten, indem er den Handschlag zurckgab. "Du wagst viel, aber Du bist viel, wenn Du Ulrichs Freund bist. Das Land da oben gehrt jetzt den Rubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut Wrttemberg, Hier vor mir sitzt der Ritter und der Brger, verget einen Augenblick, da ich ein armer Ritter und ein unglcklicher, gechteter Mann bin, und denkt, ich sei Frst des Landes, wie ich der Herr der Hhle bin. Ha! Noch gibt es ein Wrttemberg, wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im Scho der Erde. Flle den Becher, Hans, und lege Deine rauhe Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!" Hans ergriff den vollen Krug und fllte den Becher. "Trinkt, edle Herren, trinkt", sagte er, "Ihr knnt Euch in keinem edleren Wein Bescheid tun, als in diesem Uhlbacher." Der Gechtete trank in langen Zgen den Becher aus, lie ihn wieder fllen und reichte ihn Georg. "Wie ist mir doch?" sagte dieser. "Blhte nicht dieser Wein um Wrttembergs Stammschlo? Ich glaube, man nennt so den Wein, der auf jenen Hhen wchst?" "Es ist so", antwortete der Gechtete, "Rothenberg heit der Berg, an dessen Fu dieser Wein wchst, und auf seinem Gipfel steht das Schlo, das Wrttembergs Ahnen gebaut haben--Oh, ihr schnen Tler des Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von euch auf immer!" Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn dieses Mannes seine kummervolle Seele verhllt hatte. Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus dem dsteren Hinbrten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben hatte. "Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, frhlicher, als Ihr sie verlassen habt." "Ihr werdet sie wiedersehen, die Tler Eurer Heimat", rief Georg, "wenn der Herzog einrckt in sein Land, wenn er einzieht in die Burg seiner Ahnen, wenn die Tler des Neckars und seine weinreichen Hhen widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. Verscheucht die trben Gedanken: trinkt, verget nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Wrttemberger Wein--der Herzog und seine Treuen!" Ein angenehmes Lcheln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf den dsteren Zgen des Ritters auf. "Ja!" rief er, "Treue ist das Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein khler Trank dem einsamen Wanderer in der Wste. Verget meine Schwche, Junker. Verzeiht sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt. Aber wenn Ihr je vom Gipfel des roten Berges hinabgesehen httet auf das Herz von Wrttemberg, wie der Neckar durch grne Ufer zieht, wie manneshohe Halme in den Feldern wogen, wie sanfte Hgel am Flu sich hinaufziehen, bepflanzt mit kstlichem Wein, wie dunkle, schattige Forsten die Gipfel der Berge bekrnzen, wie Dorf an Dorf mit den freundlichen roten Dchern aus den Wldern von Obstbumen hervorschaut, wie gute fleiige Menschen, krftige Mnner, schne Weiber auf diesen Hhen, in diesen Tlern walten und sie zu einem Garten anbauen--httet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit meinen Augen, und set jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht, vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Scho der Erde! Oh, der Gedanke ist schrecklich und oft zu mchtig fr ein Mnnerherz!" Georg bangte, der Ritter mchte durch die traurige Gegenwart und seine schneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurckgefhrt werden, daher suchte er schnell dem Gesprch eine andere Wendung zu geben: "Ihr wart also oft um den Herzog, Herr Ritter? Oh sagt mir, ich bin ja jetzt sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht wahr, er ist sehr vernderlich und hat viele Launen?" "Nichts davon", antwortete der Gechtete, "Ihr werdet ihn sehen und lernt ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen. Von Euren eigenen sagt Ihr gar nichts? Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schnen Frulein von Lichtenstein?--Ihr schweigt und schlagt die Augen nieder? Glaubt nicht, da es Neugierde sei, warum ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache ntzlich sein zu knnen." "Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist", antwortete Georg, "ist von meiner Seite keine Zurckhaltung, kein Geheimnis mehr ntig. Es scheint auch, Ihr wtet lngst, da ich Marien liebe, vielleicht auch, da sie mir hold ist?" "Oh ja", entgegnete der Ritter lchelnd, "wenn ich anders die Zeichen der Liebe verstehe und richtig deuten kann. Denn sie schlug, wenn von Euch die Rede war, die Augen nieder und errtete bis an die Stirn; auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gben alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an." "Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom Bund lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hierher, da dachte ich, ich knnte das Frulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann hier fhrte mich ber die Alb. Ihr wit, was meine Reise um acht Tage verzgerte. Sobald der Morgen herauf ist, will ich oben im Schlo einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe." "Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch knnte es sein, da er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mitrauisch und grmlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wit, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus meiner Hhle steige, mit warmer Speise und mit noch wrmerem Trost fr die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mgen Euch bei ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen fr ihn und manchen andern, nehmt diesen Ring und tragt ihn zum Andenken an diese Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Wrttembergs verknden." Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom Finger. Ein roter Stein war in der Mitte gefat, und in den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Wrttembergs. Um den Ring standen erhaben eingeprgte Buchstaben, deren Sinn er nicht verstand. Sie hieen Uhzwut. "Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?" fragte er. "Ist es etwa ein Feldgeschrei fr die Anhnger des Herzogs?" "Nein, mein junger Freund", antwortete der gechtete Ritter. "Diesen Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heien Ulrich Herzog zu Wrttemberg und Teck!" "Er wird mir ewig teuer sein", erwiderte Georg, "als ein Andenken an den unglcklichen Herrn, dessen Namen er trgt, und als schne Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Hhle." "Wenn Ihr an die Zugbrcke von Lichtenstein kommt", fuhr der Ritter fort, "so gebt dem nchsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet gewi empfangen werden, als wret Ihr des Herzogs eigener Sohn. Doch fr das Frulein mt Ihr Eure eigenen Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht. Etwa ein herzlicher Hndedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder ein ser Ku auf ihren roten Mund. Doch, um gehrig vor ihr zu erscheinen, habt Ihr Ruhe ntig, denn Eure Augen mchten nach einer durchwachten Nacht etwas trbe sein. Daher folgt meinem Beispiel, streckt Euch auf die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und Du, wrdiger Majordomus, oberster Kmmerer und Mundschenk, Hans, getreuer Gefhrte im Unglck, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum Schlaftrunk, da ihm jene Felle zum weichen Pfhl, diese Felsengrotte zum Schlafgemach werde und ihn der Gott der Trume mit seinen lieblichen Bildern besuche!" Die Mnner tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich, wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des Jnglings und streute seine Schlummerkrner ber ihn, und er hrte nur noch halb im Traum, wie der gechtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte, ber ihn und jenes unglckliche Land, in dessen tiefem Scho er jetzt ruhte, seinen Schutz und seine Hilfe herabzusenden. Kapitel 21 Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die Gegenstnde umher besinnen, als er vom Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeschttelt wurde; allmhlich aber kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurck, und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der gechtete Ritter begrte. "So gerne ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen wrde", sprach dieser, "so mchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen, wenn Ihr anders ein warmes Frhstck haben wollt. In meiner Hhle kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten knnte." Georg stimmte seinen Grnden bei und dankte ihm fr seine Beherbergung. "Wahrlich", sagte er, "ich habe selten eine frhlichere Nacht beim Becher verlebt als in dieser Hhle. Es hat etwas Reizendes, so tief unter den Fen der Menschen zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schnsten Schlosses um diese Felsenwnde!" "Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist", entgegnete der Bewohner der Hhle, "aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern ber sein Unglck zu brten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grnen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das Auge, mde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen mchte in die reizende Landschaft, hinberschweifen mchte ber lachende Tler zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betubt von dem eintnigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wnden rieseln und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstrzen, sich hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu hren, zu lauschen, wie das Wild in den Bschen rauscht!" "Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit mu schrecklich sein!" "Und dennoch", fuhr jener fort und richtete sich hher auf, indem ein stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, "und dennoch preise ich mich glcklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben. Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tiefer hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hnde meiner Feinde zu fallen und ihr Gesptt werden; und wenn sie dahin mir nachkmen, die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Ngeln weiter hineinscharren in die hrtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen, tiefer und immer tiefer, bis zum Mittelpunkt der Erde. Und kmen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lstern, die mich verlassen haben, und wollte den Teufel rufen, da er die Pforten der Finsternis aufreie und mich berge gegen die Verfolgung dieses bermtigen Gesindels." Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar, da Georg unwillkrlich vor ihm zurckbebte. Seine Gestalt schien grer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen glhten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie vernichten sollten, seine Stimme drhnte hohl und stark, und das Echo der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tnen seine Verwnschungen nach. Obgleich diese Gradation dem Jngling zu stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefhle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein angeschossenes Wild suchte, um ihn zu tten. "Es liegt ein Trost in dieser Besinnung", sagte er zu dem Gechteten, "und Ihr werdet Euer Unglck leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht scharf ins Auge fat. Ich bewundere Euch um Eure Seelenstrke, Herr Ritter; aber eben dieses Gefhl der Bewunderung ntigt mir eine Frage ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als da ich sie nicht wagen drfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?" Es mute etwas Lcherliches in dieser Fragen liegen, das Georg nicht finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zgen des Ritters gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in lautes Gelchter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte. Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Mnner noch mehr zu reizen. Endlich fate sich der Geachtete, "Verzeiht, werter Gast, da ich das Gastrecht so grblich verletzte und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lcherlich fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?" "Nein, aber ich wei, da er ein tapferer Ritter ist, da er wegen des Herzogs vertrieben wurde und da die Bndischen auf ihn lauern, und pat dieses nicht alles ganz gut auf Euch?" Danke Euch, da Ihr mich fr so tapfer haltet, aber das mchte ich Euch doch raten, da Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommt wie mir, denn dieser htte Euch ohne weiteres zu Kochstcken zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen. brigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von den wenigen, die ihren Herrn im Unglck nicht verlieen." "So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?" entgegnete Georg traurig "und ich mu gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?" "Junger Mann!" sagte der Gechtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde. "Ihr habt einen Freund gefunden durch Euer tapfereres, ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem unglcklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu haben, fragt nicht weiter, ein Wort knnte vielleicht dieses trauliche Verhltnis zerstren, das mir so angenehm ist. Lebt wohl, denkt an den gechteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe zwei Tage vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hren." Es wollte Georg dnken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Frst, der seinen Diener huldreich entlt, so gro war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirn thronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang. Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezndet und stand wartend am Eingang der Grotte; der gechtete Ritter drckte einen Ku auf die Lippen des Jnglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wute nicht, wie ihm geschah, noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und doch zugleich so unendlich hoch ber ihm gestanden, noch nie hatte er gefhlt, wie in jenen Augenblicken, da ein Mann, entkleidet von jenem irdischen Glanz, der das Leben schmckt, selbst in rmlicher Hlle und Umgebung eine Erhabenheit und Gre von sich strahlen knne, die das Auge blendet, und das Gefhl des eigenen Ichs so pltzlich berrascht und hinabdrckt. Ein heller, freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der Hhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in der khlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gngen und Grotten der Hhle umzieht und wovon sie vielleicht den Namen Nebelhhle trgt, lagert sich beengend auf die Brust. Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstcke, die am Sattel befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie Georg befrchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Klte dienen mochte, ber den Rcken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht, whrend der Bauer diesem einige Hndevoll Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter den Berg hinan Sie waren erst wenige Schritte vorgerckt, als der Klang einer Glocke aus dem Tal herauftnte und die feierliche Stille des Morgens unterbrach; eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis die melodischen Tne von wenigstens zwlf Glocken von den Hhen umher und aus den Tlern aufstiegen. berrascht hielt der junge Mann sein Pferd an. "Was ist das?" rief er. "Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein Fest im Kalender haben? Wei Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus aller Zeit heraus gekommen, da ich den Sonntag nur daran erkenne, da die Mdchen neue Rcke und frische Schrzen anhaben." "Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen", antwortete Hans der Spielmann, "ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen mssen, wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte, als Mess' und Predigt; aber heute ist es ein anderes Ding", setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz, "heut ist Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!" "In Ewigkeit!" erwiderte der Jngling. "Es ist das erste Mal in meinem Leben, da ich den Tag nicht wrdig begehe, wie ich soll, und dieser Tag erinnert mich an manche schne Stunde meiner Kindheit. Damals lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein. Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag kam; wir wuten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten dann, da es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo uns die Mutter schne Sachen bescherte. Requiescant in pace!" setzte er ernster hinzu, indem er seitwrts blickte, um eine Trne zu verbergen. "Sie sind drben alle drei und feiern dort ihren heiligen Freitag." "Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen", sagte der Pfeifer nach einigem Stillschweigen, "aber mein Beichtiger mag es mir schon vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen, die schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen vorwrts und nicht rckwrts sehen. So wrde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren knnt und wie sie sich freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, und wird ein gewisses Frulein nicht auch eine gute, sanfte Mutter werden." Georg suchte umsonst ein Lcheln zu unterdrcken, das dieser sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte. "Hre, guter Freund", entgegnete er, "Dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch mchte ich keinem andern raten, meine Ohren durch solche sndige Gedanken zu entweihen." "Nichts fr ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das Frulein damit beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber seht Ihr nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde, und wir sind oben." "So viel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schlo auf einen einzelnen, jhen Felsen hinausgestellt? Bei Gott, ein khner Gedanke, da konnte wohl niemand hinberkommen, wer nicht mit den Geiern im Bund war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt knnte man mit Stckschssen sehr zusetzen." "Meint Ihr? Nun, es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die auch ein Wrtchen antworten wrden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so mt Ihr bemerkt haben, da der Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher gesondert ist, dorther knnte man nicht viel Schaden tun; die einzige Seite, die nher am Berg liegt, ist die, wo die Zugbrcke herbergeht. Pflanzt einmal dort Geschtz auf und seht zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schiet, ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollt Ihr Geschtz herauf-fhren in diesen Schluchten und Bergen, ohne da Euch wenige entschlossene Mnner mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?" "Da habt Ihr recht", antwortete Georg "ich mchte wissen, wer den Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schlo zu bauen." "Das will ich Euch sagen", erwiderte der Spielmann, der mit allen Sagen seines Landes vertraut war, "es lebte einmal vor vielen Jahren eine Frau, die mute viel Verfolgung dulden und wute sich nicht mehr zu raten. Da kam sie an diesen Felsen und sah, wie ein groer Geier mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle Nachstellung sicher war. Da beschlo sie, den Geier zu verdrngen. Sie lie das Schlo dorthin bauen, und als alles fertig war, lie sie die Brcke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach: "Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind." Und es konnte ihr keiner mehr etwas anhaben. Aber seht, da sind wir schon. Lebt wohl, vielleicht da ich Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land hinab und bringe dann dem Herrn in der Hhle Kundschaft, wie es dort unten aussieht. Verget nicht, an der Brcke Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden, und htet Euch, das Siegel selbst zu brechen." "Sei ohne Sorgen! Ich danke Dir fr Dein Geleit, und gre meinen werten Gastfreund in der Hhle." Georg sprach es, trieb sein Pferd an, und in wenigen Augenblicken war er vor der ueren Verschanzung von Lichtenstein angelangt. Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu bergeben. Georg hatte indes Zeit genug, das Schlo und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemtsstimmung, die ihn nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte, die khne Bauart dieser Burg aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag beleuchtet anschaute. Wie ein kolassaler Mnsterturm steigt aus einem tiefen Alptal ein schner Felsen, frei und khn, empor. Weit ab liegt alles feste Land, als htte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgesplt. Selbst an der Seite von Sdwest, wo er dem brigen Gebirge sich nhert, klafft eine tiefe Spalte, hinlnglich weit, um auch den khnsten Sprung einer Gemse unmglich zu machen, doch nicht so breit, da nicht die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brcke die getrennten Teile vereinigen konnte. Wie das Nest eines Vogels, auf den hchsten Wipfel einer Eiche oder auf die khnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing das Schlchen auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr groen Raum haben, denn auer einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die vielen Schiescharten im untern Teil des Gebudes und mehrere weite ffnungen, aus denen die Mndungen von schwerem Geschtz hervorragten, zeigten, da es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen Fenster des obern Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten doch die ungeheuern Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Festen verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungelbe Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, da es auf festem Grund wurzelte, und weder vor der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schne Aussicht bot sich schon hier dem berraschten Auge dar, und eine noch herrlichere, freiere lie die hohe Zinne des Wartturms und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen. Diese Bemerkungen drngten sich Georg auf, als er wartend an der uern Pforte stand, die wohlverschanzt herwrts ber der Kluft auf dem Land den Zugang zu der Brcke deckte. Jetzt tnten Schritte ber die Brcke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien selbst, seinen Gast zu empfangen. Es war jener ernste, ltliche Mann, den Georg in Ulm mehrere Male gesehen, dessen Bild er nicht vergessen hatte; denn die dsteren feurigen Augen, die bleichen, aber edlen Zge, seine groe hnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in die Seele des Jnglings geprgt. "Ihr seid willkommen in Lichtenstein!" sagte der alte Herr, indem er seinem Gast die Hand bot und eine gtige Freundlichkeit den gewhnlichen strengen Ernst seiner Zge milderte. "Was steht Ihr mig da Ihr Schlingel!" wandte er sich nach dieser ersten Begrung zu seinen Dienern "Soll etwa der Junker sein Ro mit hinauffhren in die Stube? Schnell, hinein mit in den Stall; das Rstzeug tragt auf die Kammer am Saal!--Verzeiht, werter Herr, da man Euch solange unbedient stehen lie, aber in diese Burschen ist kein Verstand zu bringen. Wollt Ihr mir folgen?" Er ging voran ber die Zugbrcke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei diesem Gang voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen rteten sich vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefhle zurckdachte, die ihn zuerst vor diese Burg gefhrt hatten. Sein Auge suchte an den Fenstern umher, ob er nicht die Geliebte ersphe, sein Ohr schrfte, vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen. Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief, stark gebaut, und mit Fallgattern, ffnungen fr siedend l und Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen, womit man in den guten alten Zeiten den strmenden Feind, wenn er sich der Brcke bemeistert haben sollte, abhiellt. Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst der schne, gerumige Pferdestall und die khlen Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang fhrte in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen, denn auf dem Vorplatz, der zu den Zimmern fhrte, wo in andern Wohnungen husliche Gertschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken und Kisten mit Stckkugeln aufgepflanzt. Das Auge des alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschtze damals fr ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stcken zu versehen. Von hier ging es noch einmal aufwrts in den zweiten Stock, wo ein beraus schner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm. Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saal entfernten. Kapitel 22 Als die beiden Mnner in dem weiten Saal von Lichtenstein allein waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute ihn an, als messe er prfend seine Zge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus seinen Augen, und die Melancholie seiner Stirn war verschwunden, er war heiter, frhlich sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfngt, der von langen Reisen zurckkehrt. Endlich stahl sich eine Trne aus seinem glnzenden Auge, aber es war eine Trne der Freude, denn er zog den berraschten Jngling an sein Herz. "Ich pflege nicht weich zu sein", sprach er nach dieser feierlichen Umarmung zu Georg, "aber solche Augenblicke berwinden die Natur, denn sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? Trgen die Zge dieses Briefes nicht? Ist dieses Siegel echt und darf ich ihm glauben? Doch--was zweifle ich! Hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirn gedrckt? Sind die Zge nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? Nein, Ihr knnt nicht tuschen--die Sache meines unglcklichen Herrn hat einen Freund gefunden?" "Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meint, so habt Ihr recht gesehen, sie hat einen warmen Anhnger gefunden. Der Ruf bezeichnete mir lngst den Herrn von Lichtenstein als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wre vielleicht auch ohne den Rat jenes unglcklichen Mannes, der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen." "Setzt Euch zu mir, junger Freund", sagte der Alte, dessen Augen immer noch mit Liebe auf dem Jngling zu ruhen schienen, "setzt Euch hier und hrt, was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe ndern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, da man die berzeugung eines jeden ehren msse, und da ein Mann, wenn er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei, weil er anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe mit so uneigenntzigen Absichten ndert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wenn man dem Glck den Rcken kehrt, um sich an das Unglck anzuschlieen, da hat die nderung groen Wert, denn sie trgt das Geprge einer edlen Tat an der Stirn." Georg errtete ber sich selbst, als er hrte, wie der Lichtensteiner seine uneigenntzigen Absichten pries. War es denn nicht auch die schne Tochter, die ihn zu der Fahne des Vaters fhrte? Und mute er nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn ber kurz oder lang dieses Motiv seines bertrittes ans Licht kam? "Ihr seid zu gtig", antwortete er, "die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, da mein bertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem emprten Gefhl des Rechtes geleitet wurde; doch knnte es auch einen irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich mchte nicht, da Ihr mich fr zu gut hieltet, es wrde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher ungnstiger von mir urteiltet." "Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr," entgegnete der Herr des Schlosses und drckte seinem Gast die Hand. "Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich khn behaupten, da, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet, als das Gefhl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann. Wer Schlechtes im Schilde fhrt, ist feig, und wer feig ist, wagt es nicht, den Truchse, den Herzog von Bayern und den schwbischen Bund vor den Kopf zu stoen und so aufzutreten, wie ihr aufgetreten seid." "Was wit Ihr von mir?" rief Georg mit freudigem Erstaunen. "Habt Ihr denn je von mir gehrt vor diesem Augenblick?" Der Diener, welcher bei diesen Worten die Tre ffnete, unterbrach die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildpret und volle Becher vor Georg hin und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn aufs neue. "Verschmht diesen Morgenimbi nicht", sagte er zu dem jungen Mann, "den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, um am hohen Fest eine Predigt zu hren und die Messe. Nun, Ihr fragt mich, ob ich noch nie von Euch gehrt hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr in Ulm einrcktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen, die sich dort aufhielt, hauptschlich aber, um manches zu erfahren, was fr den Herzog zu wissen wichtig war; Gold ffnet alle Pforten", setzte er lchelnd hinzu, "auch die des hohen Rates, und so hrte ich tglich, was die Bundesobersten beschlossen. Als der Krieg erklrt wurde, war ich gentigt, abzureisen, ich hielt aber treue Mnner in jener Stadt, die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging." "War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt", fragte Georg, "den ich bei dem Gechteten traf?" "Und der Euch ber die Alb fhrte? Jawohl! Diese brachten immer Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, da man beschlo, einen Spher hinter den Rcken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von Tbingen, um dem Bund sogleich Nachricht von unseren Schritten zu erteilen. Ich erfuhr auch, da die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun mu ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich gleichgltig, nur bedauerte ich Euch, als ich hrte, da Ihr noch solch ein junges Blut wret, denn sobald Ihr ber die Alb kmet als Kundschafter, wret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond hinscheint. Um so berraschender war mir und vielen Mnnern die Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen. Auch da Ihr absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schwren mutet, erfuhr ich Und wie freut es mich, da Ihr nun gar unser Freund geworden seid!" Die Wangen des jungen Mannes glhten, sein Auge strahlte vor Freude; brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhltnisse zwischen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen Erfllung oft so weit in die Ferne hinausgerckt schien, war in Erfllung gegangen; er hatte unbewut Mariens Vater fr sich gewonnen "Ja, ich habe ihnen abgesagt", antwortete Georg, "weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund geworden; doch wre es mglich, ich htte mich nicht so bald zu Eurer Sache bekannt; aber als ich unten in der Hhle neben jenem gechteten Mann sa, als ich bedachte, wie man mit den Edlen und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so mchtig an meiner Brust anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar, hierher msse ich stehen, hier msse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas zu tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch herbergeritten, um die Hnde in den Scho zu legen!" "Das konnte ich mir denken", sagte der Ritter lchelnd, "vor vierzig Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es lie mich nicht lange auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wit Ihr; man kann sagen, eher schlimm als gut. Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen Strich von Urach herauf. Auf eines kommt alles an, hlt Tbingen fest, so siegen wir." "Die Ehre von vierzig Rittern birgt dafr", rief Georg mit Unmut, "das Schlo ist stark, ich habe kein strkeres gesehen, Besatzung ist hinlnglich da, und vierzig Mnner von Adel werden sich so leicht nicht ergeben. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses? Sie mssen sich halten." "Wohl, wenn sie alle dchten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tbingen an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tbingen einen festen Punkt, von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es sind groe Kriegsvorrte, es ist ein groer Teil des Adels dort; solange sie zu seiner Partie halten, ist Wrttemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem Geist nach ist es noch des Herzogs; aber ich frchte, ich frchte!" "Wie? Unmglich knnen sich die Vierzig ergeben!" "Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt", erwiderte der Alte, "Ihr wit nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann straucheln machen knnen. Und es ist mancher in der Burg, dem der Herzog zuviel getraut hat. Er merkt auch wohl, da es nicht ganz lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem bewegten Schreiben, das Schlo nicht zu bergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott ber ihn verhnge." "Der arme Herr!" rief Georg bewegt. "Aber ich kann nicht glauben, da der Landesadel so schndlich freveln knnte; sie werden ihn einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird Ausflle machen, er wird sie schlagen, die Belagerer, trotz Bayern und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschlieen, wir werden fechtend durch das Land ziehen und diese Bndler verjagen." "Marx Stumpf ist noch nicht zurck", sagte der Ritter von Lichtenstein mit besorgter Miene, "auch haben sie seit gestern das Schieen eingestellt. Sonst hrte man jeden Stckschu hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grab." "Vielleicht schweigt das Geschtz wegen des Festes; gebt acht, sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, da es durch Eure Felsen hallt." "Was da!" entgegnete jener. "Wegen des Festes? Seinem Herzog treu zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber, sie hrten den Donner der Feldschlangen von Tbingens Wllen, als da sie die Ritter mig shen. Miggang ist aller Laster Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schlo kommt, der wird sie aufrtteln aus ihrem Schlummer." "Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tbingen geschickt, sagt Ihr? Der Herzog will ins Schlo, weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint? Da kann also Ulrich nicht bis Mmpelgard entflohen sein, wie die Leute sagen. Da ist er vielleicht in der Nhe? Oh da ich ihn sehen knnte, da ich mich mit ihm nach Tbingen schleichen knnte!" Ein sonderbares Lcheln zog flchtig ber die ernsten Zge des Alten. "Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist", sagte er, "Ihr werdet ihm angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glck gut, so sollt Ihr auch mit ihm nach Tbingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf.--Doch jetzt mu ich Euch bitten, Euch ein Stndchen allein zu gedulden Mich ruft ein Geschft, das aber bald abgetan sein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schaut Euch um in meinem Haus, ich wrde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein solches Vergngen zum Karfreitag pate." Der alte Herr drckte seinem Gast noch einmal die Hand und verlie das Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlo dem Wald zureiten. Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen Aufenthalt in der Hhle etwas auer Ordnung gekommen war. Er erging sich dann in dem groen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mute. Es waren frhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele vorberdrngten, schnell und flchtig wie ein Zug heller Wlkchen, die am blauen Gewlbe des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, die er seit mehr als einem Jahr im Wachen getrumt, in Trumen klar gesehen hatte. Dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft erzhlte, dies die Gemcher ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte gro geworden ist. Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist, der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, freundlich begrte. Dieses Grtchen, auf einem schmalen Raum am Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf auf dem Tisch standen, hatte sie vielleicht heute schon gepflckt. Er ging hin, die Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begren. Er beugte sich herab ber die Blumen, er fhrte die duftenden Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Gerusch vor der Tr zu vernehmen. Er sah sich um--sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Tr stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie zu berzeugen, da es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wieviel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr, als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke, wo sie, wie aus einem Traum erwacht, sich ansahen, sich berzeugen muten, ob sie denn wirklich sich wieder htten. "Wieviel habe ich um Dich gelitten", sagte Marie, und ihre Wangen straften sie nicht Lgen, "wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden mute. Zwar hattest Du mir gelobt, vom Bund abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung, Dich so bald wiederzusehen?--Und dann, wie mir Hans die Nachricht brachte, da Du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber berfallen, verwundet worden seiest. Das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu Dir, konnte Dich nicht pflegen!" Wie beschmt war Georg, wenn er an seine trichte Eifersucht zurckdachte, wie fhlte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenber. Er suchte sein Errten zu verbergen, er erzhlte, oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefgt habe, wie er dem Bund abgesagt, wie er berfallen worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen. Georg war zu ehrlich, als da ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder in Verlegenheit gesetzt htten. Besonders als sie mit Verwunderung fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wute er sich nicht zu raten. Die schnen, klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, da er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht htte. "Ich will es nur gestehen", sagte er mit niedergeschlagenen Augen, "die Wirtin in Pfullingen hat mich betrt. Sie sagte mir etwas von Dir, was ich nicht mit Gleichmut hren konnte." "Die Wirtin? Von mir?" rief Mane lchelnd. "Nun, was war denn dies, da es Dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?" "La es doch! Ich wei ja, da ich ein Tor war. Der gechtete Ritter hat mich schon lngst berzeugt, da ich vllig unrecht hatte." "Nein, nein", entgegnete sie bittend, "so entgehst Du mir nicht. Was wute die Schwtzerin wieder von mir? Gestehe nur gleich--" "Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzhlte, Du habest einen Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg." Marie errtete. Unwille und die Lust, ber diese Torheit zu lachen, kmpften in ihren schnen Zgen. "Nun, ich hoffe", sagte sie, "Du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehrt, und aus Unmut ber eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, Du knntest unser Schlo noch erreichen und hier bernachten?" "Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Sieh, ich war noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewi nicht; aber Deine Amme, die alte Frau Rosel, wurde angefhrt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert, da ich um meine Liebe betrogen sei, da--oh sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht bse! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schlo herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben." "Das konntest Du glauben?" rief Marie, und Trnen strzten aus ihren Augen "Da Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne. Da die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht bel, denn sie wei nichts Besseres zu tun. Aber Du, Du, Georg, konntest nur einen Augenblick so arge Lgen glauben, Du wolltest Dich ber-zeugen da--" Von neuem strmten ihre Trnen, und das Gefhl bitterer Krnkung erstickte ihre Stimme. Georg zrnte selbst, da er so tricht hatte sein knnen, aber er fhlte auch, da, wenn er ein groes Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. "Verzeihe mir nur diesmal", bat er. "Sieh, wenn ich Dich nicht so liebgehabt htte, ich htte gewi nicht geglaubt. Aber wenn Du wtest, was Eifersucht ist!" "Wer recht liebt, kann gar nicht eiferschtig sein", sagte Marie unmutig, "Aber schon in Ulm hast Du etwas der Art gesagt, und schon damals hat es mich recht tief betrbt. Aber Du kennst mich gar nicht, wenn Du mich recht gekannt httest, wenn Du mich geliebt httest, wie ich Dich, wrest Du nicht auf solche Gedanken gekommen." "Nein! Ungerecht mut du doch nicht werden", rief Georg und fate ihre Hand, "Wie kannst Du mir vorwerfen, da ich Dich nicht liebe, wie Du mich? Htte es denn nicht mglich sein knnen, da ein Wrdigerer als ich erschienen, da der arme Georg durch irgendeinen bsen Zauberer aus Deinem Herzen verdrngt worden wre? Es ist ja doch alles mglich auf der Erde!" "Mglich?" unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lcheln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. "Mglich? Wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir fr mglich halten konntet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! So habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann mu sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er mu fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so mu er auch glauben." "Diesen Vorwurf habe ich von Dir am wenigsten verdient", sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang, "Wohl bin ich ein Rohr, das vom Wind hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten--" "Es knnte sein", flsterte sie, doch nicht so leise, da es sein Ohr nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies. "Auch Du willst mich also darum verachten, und doch bist Du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe Dich auf bndischer Seite gesucht, ich war selig, als ich Dich dort fand. Du batest mich, davon abzulassen, ich ging, Ich tat noch mehr. Ich kam zu Euch herber, es kostete mich beinahe das Leben, und doch lie ich mich nicht abschrecken. Ich ergriff Wrttembergs Partei; ich kam zu Deinem Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, da ich sein Freund geworden--aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Wind hin und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich--zum letzten Mal--von Dir bewegen lassen. Ich will fort, weil Du meine Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!" Er grtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein Barett und wandte sich zur Tre. "Georg!" rief Marie mit den sesten Tnen der Liebe, indem sie aufsprang und seine Hand fate. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuts war verschwunden, selbst die Trnen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge. "Um Gottes willen, Georg! Ich meinte es nicht so bse. Bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich schme mich, da ich so unwillig werden konnte." Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besnftigen, er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lcheln gewonnen zu werden, denn sein Entschlu stand fest, das Schlo zu verlassen "Nein!" rief er, "Du sollst das Rohr nicht mehr zurckwenden. Aber Deinem Vater kannst du sagen, wie Du seinen Gast aus seinem Haus vertrieben hast." Die runden Fensterscheiben zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entri seine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr, schritt er fort, er ri die Tr auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte. Kapitel 23 Als Georg die Tre ffnete, richtete sich aus einer sehr gebckten Stellung die hagere, kncherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von frher Jugend an in einer Familie bleiben, sich einbrgern, in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden Sie hatte ihre Ntzlichkeit besonders nach dem Tod der Frau von Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit groer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushlterin, von diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert. Sie hatte aber wie ein kluger Feldherr sich den Rcken gesichert, sie hatte jene Posten, aus denen sie in die hheren Stellen vorgerckt war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen wie sie behauptete, mit groer Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre lange Dienstzeit die Zgel der huslichen Regierung an sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen, da sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze Gnade nur darin bestand, da er sie nicht in Gegenwart der brigen auszankte. Mit dem Frulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten Verhltnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen besessen. Noch in Tbingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so ttigen Anteil an allem, was ihr Frulein betraf, da sie gesagt htte: "Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zrtlichste", oder-- "uns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden mssen." Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Frulein bemerkte, da Frau Rosel zu gern schwatze, sie war ihr auf der Spur, da sie sogar von ihrem Verhltnis zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an klter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im Augenblick, warum dies geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen Rock von Fries und eine kstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt hatte, auf hheren Befehl in Lichtenstein bleiben mute, da wurde die Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Frulein habe es beim Vater dahin gebracht, da sie nicht nach Ulm mitreisen drfe. Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurckkehrte. Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte, suchte einige Male Erkundigungen ber Herrn Georg einzuziehen und so das alte Verhltnis wieder anzuknpfen, doch Mariens Herz war zu voll, die Amme ihr zu verdchtig als da sie etwas gesagt htte. Als daher der gechtete Ritter nchtlicher Weile ins Schlo kam, als das Frulein so geheimnisvoll Speisen fr ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen wurde, da schttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, da er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fruleins, wute er ja doch nicht, wie dieses Verhltnis indessen so anders sich gestaltet habe. Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Snden, worunter Neugierde ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution dafr erhalten, und war mit soviel leichterem Herzen und Gewissen auf den Lichtenstein zurckgekehrt, als sie vorher schwer und unter der Last der Snden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um ihre Snden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kmmerlein hinaufstieg um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hrte sie ihr Frulein und eine tiefe Mnnerstimme heftig miteinander sprechen; es wollte ihr sogar bednken, ihr Frulein weine. "Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?" dachte sie. Die natrliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefhl zog ihr Auge und Ohr ans Schlsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind. Der junge Mann hatte die Tre so rasch geffnet, da sie nicht mehr Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer gebckten Stellung am Schlsselloch auftauchen konnte. Doch sie wute zu helfen in solchen milichen Fllen, sie lie Georg nicht an sich vorber, lie beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hnde des jungen Mannes und berstrmte ihn mit einem Schwall von Worten. "Ei, du meine Gte! Htt' ich glaubt, da meine alten Augen den Junker von Sturmfeder noch schauen wrden! Und ich mein', Ihr seid noch schner worden und grer, seit ich Euch nimmer sah! Htt' ich das gewut! Steh' da, wie ein Stock an der Tr', denke, ei! Wer spricht jetzt mit dem gndigen Frulein? Der Herr ist's nicht. Von den Knechten ist's auch keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker Georg, der da drin spricht!" Georg hatte sich whrend dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von ihr loszumachen gesucht. Er fhlte, da es sich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, da er auf Marien zrne, und doch glaubte er, keinen Augenblick mehr bleiben zu knnen. Er rang endlich eine Hand aus der knchernen Faust der Alten, aber indem er sie frei fhlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels hhnisches Lcheln zu achten, an ihr Herz gedrckt. Er war bei dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fhlte seinen Unmut schwinden, er fhlte, da es Marie nicht so bs mit ihm gemeint habe.--Wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurckkehren? Wie sollte er so ganz ungekrnkt scheinen? Wre er mit Marien allein gewesen, so war es vielleicht noch eher mglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen Hndedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangengeben? Er schmte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schmte. Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram ihres Fruleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene Gutmtigkeit ber die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen war. Sie fate die Hand des Junkers fester: "Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen; nachdem Ihr kaum ein Stndchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, lt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht begrt?" Es war schon ein groer Gewinn fr Mariens Sache, da Georg sprach: "Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir zusammen leerten." "Nun?" fuhr die Alte fort. "Da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abschied genommen haben?" "Nein, ich sollte ihn im Schlo erwarten." "Ei, wer wird denn gehen wollen?" sagte sie und drngte ihn sanft in das Zimmer zurck "Das war mir eine schne Sitte. Der Herr knnte ja Wunder meinen, was fr einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei Tag kommt", setzte sie mit einem stechenden Blick auf das Frulein hinzu, "wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der Nacht." Marie errtete und drckte die Hand des Jnglings, und unwillkrlich mute dieser lcheln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf. "Ja, ja, wie ich sagte", fuhr Frau Rosel fort, "braucht Euch nicht wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wre vielleicht besser gewesen, Ihr wret schon frher gekommen. Im Sprichwort heit es: 'Sieh fr Dich, irren ist milich; und wer will haben Ruh, bleib' bei seiner Kuh!' Aber ich will nichts gesagt haben." "Nun ja", sagte Marie, "Du siehst, er bleibt da. Was willst Du nur mit Deinen Reden und Sprchlein? Du weit selbst, sie passen nicht immer." "So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist. 'Aber Reu' und guter Rat ist unntz nach geschehener Tat'. Ich wei schon, 'Undank ist der Welt Lohn', ich kann ja schweigen. 'Wer will haben gute Ruh, der seh' und hr' und schweig' dazu.'" "Nun, so schweig' immerhin", entgegnete das Frulein, etwas gereizt. "brigens wirst Du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken lt, da Du Herrn von Sturmfeder schon kennst. Es wre mglich, er knnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein gekommen." Frau Rosel kmpfte zwischen guter und bser Laune. Es tat ihr wohl, da man sie brauchte, da man Stillschweigen von ihr erbitten mute. Auf der andern Seite war sie noch unwillig darber, da das Frulein seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverstndliche Worte vor sich hin, indem sie die Sthle wieder an die Wnde stellte, die Becher vom Tisch nahm und die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der Tisch eingelegt war, zurckgelassen hatte. Marie gab Georg der sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht vllig mit sich und der Geliebten ausgeshnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet lie. Ihm selbst war viel daran gelegen, da Mariens Vater noch nichts um ihre Liebe wute, er frchtete, jener mchte es als einziges Motiv seines bertritts zu Wrttemberg ansehen, er mchte ihn darum weniger gnstig beurteilen, als er bisher getan. Dies erwgend, nherte sich Georg der alten Frau Rosel. Er klopfte ihr traulich auf die Schultern, und ihre Zge hellten sich zusehends auf. "Man mu gestehen", sagte er freundlich, "Frau Rosalie hat eine schne Haube; aber dies Band pat doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen." "Ei was!" sagte die Alte etwas rgerlich, denn sie hatte sich wohl auf eine freundlichere Rede gefat gemacht. "Was kmmert Euch meine Haube, 'Ein jeder fege vor seiner Tr'. 'Sieh auf Dich und auf die Deinen, danach schilt mich und die Meinen'. Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine Reichsgrfin. 'Wenn alle Leute wren gleich, und wren alle smtlich reich, und wren all' zu Tisch gesessen, wer wollt' auftragen Trinken und Essen?'" "Nun, so habe ich's nicht gemeint", sagte Georg besnftigend, indem er eine Silbermnze aus seinem Beutel zog. "Aber mir zu Gefallen ndert Frau Rosalie schon ihr Band. Und da meine Forderung nicht gar zu unbillig klinge, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmhen!" Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne durchdringen und Gewlk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltnender dnkte als das verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des Herzogs und dem Wappen von Teck--wie konnte sie so vielen Reizen widerstehen? "Ihr seid doch der alte freundliche Junker!" sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne Tasche an ihrer Seite gleiten lie und den Saum von Georgs Mantel zum Mund fhrte. "Gerade so wutet Ihr es in Tbingen zu machen. Stand ich am Jrgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt, richtig rief es hinter mir: 'Guten Morgen, Frau Rosalie, und wie geht es dem Frulein?' Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt: wenigstens zwei Drittel von dem Rock, den ich hier trag', verdank' ich Eurer Gnade!" "Lat das, gute Frau", unterbrach sie Georg. "Und was den Herrn betrifft, so wirst Du--" "Was meint Ihr!" erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrckte. "Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da knnt Ihr Euch drauf verlassen. 'Was ich nicht wei, macht mir nicht hei, und was mich nicht brennt, das blase ich nicht!'" Sie verlie bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten Stock hinab, um dort in der Kche ihr Regiment zu verwalten. Die Liebenden aber hatten sich nach ihrem Abzug bald wieder gefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen, und als sie mit den sesten Tnen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, da vermochte er ihr nicht nein zusagen, und der Friede war, was selten der Fall ist, in krzerer Zeit wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte. Mit hohem Interesse hrte Marie auf Georgs fernere Erzhlung und es gehrte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein Vertrauen in das Wort des Gechteten dazu, um nicht von neuem auer Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errtete sie, sie richtete sich stolzer auf und drckte die Hand des Geliebten, sie gestand ihm, da er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener Mann sei ein tapferer Kmpe. Und als er erzhlte, wie sie hinabstiegen in die Nebelhhle, wie sie den Gechteten besuchten, wie er tief unter der Erde in rmlicher Umgebung doch so gro und erhaben geschienen; da strzten Trnen aus ihren Augen, sie blickte hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er mchte das traurige Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Hhle sich seinen Freund genannt, wie er sich zu Wrttembergs Sache, zu der Sache der Unterdrckten und Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge von wunderbarem Glanz; sie sah Georg lange an, er glaubte eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zgen zu lesen, die nicht die Freude, da er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein hervorbrachte. "Georg!" sagte sie, "es werden viele sein, die Dich einst um diese Nacht beneiden werden. Du darfst es Dir auch zur Ehre rechnen, denn glaube mir, nicht jeden htte Hans zu dem Vertriebenen gefhrt." "Du kennst ihn", erwiderte Georg. "Du weit um sein Geheimnis? Oh sag mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht htte wie dieser. Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schlo, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als 'der Mann', aber sein Arm, dessen Strke ich gefhlt, sein heller Blick verbrgten mir, da er einst einen berhmten Namen in der Welt gehabt haben msse." "Er hatte einen Namen", antwortete Marie, "einen, der sich mit den besten messen konnte. Aber wenn er Dir ihn nicht selbst gesagt hat, so darf ich ihn auch nicht nennen, das wre gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg mu sich also schon noch gedulden", setzte sie lchelnd hinzu, "so hart es ihn auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr." "Mir kannst Du es ja doch sagen", unterbrach sie Georg, "sind wir nicht eins? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne da es der ander Teil wissen mu? Schnell! Antworte, wer ist der Mann in der Hhle?" "Werde nicht bse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wre, so mtest Du es auch wissen und knntest es mit Recht verlangen aber so--ich wei zwar, da es bei Dir so sicher wre als bei mir, aber ich darf nicht." Sie sprach noch, als die Tr aufsprang und eine Dogge von ungeheurer Gre hereinstrzte. Georg fuhr unwillkrlich auf denn einen Hund von solcher Gre und Strke hatte er nie gesehen Der Hund stellte sich ihm gegenber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tnte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zhne, die er vorwies, zeigten ihn als einen Kmpfer, dessen Zorn man nicht reizen drfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besnftigt zu ihren Fen zu legen. Sie streichelte seinen schnen Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald nach dem Junker sphten. "Er hat Menschenverstand!" sagte sie lchelnd. "Er kommt, um mich zu warnen, da ich den Mann in der Hhle nicht verraten soll." "Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er den Kopf so stolz aus dem goldenen Halsband hervortrgt, als gehre er einem Kaiser oder Knig!" "Er gehrt ihm, dem Vertriebenen", erwiderte Marie, "und wenn ich auf dem Sprung war, den Namen seines Herrn zu nennen kam er, mich zu warnen." "Warum aber fhrt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich. Wahrlich, ein Arm wie der seine, untersttzt von einem solchen Tier, darf sechs Mrder nicht frchten." "Das Tier ist wachsam", antwortete sie, "aber wild. Wenn er es in der Hhle unten htte, so htte er zwar einen sicheren Schutz. Wie aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Hhle kme? Sie ist so gro, da man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge wrde ihn verraten. Sie wrde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte hrte, und sein Aufenthalt wre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge fr ihn. Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude solltest Du sehen, wenn es Nacht wird; er wei, da dann sein Herr bald ins Schlo kommt, und wenn die Zugbrcke niederfllt und die Schritte des Mannes auf dem Hof tnen, da ist er nicht mehr zu halten; er wrde sechsfache Ketten zerreien, um bei ihm zu sein." "Ein schnes Bild der Treue! Doch ein schneres noch ist der Mann; dem dieser Hund gehrt. Hing er doch ebenso treu an seinem Herrn und lie sich verbannen und ins Elend jagen; es ist tricht von mir", setzte Georg hinzu, "ich wei, Neugierde steht einem Mann nicht an, aber wissen mchte ich, wer er ist." "So gedulde Dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will ich ihn fragen, ob Du es wissen darfst, ich zweifle nicht, er wird es erlauben." "Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick mu ich a ihn denken; wenn Du mir es nicht sagst, so mu ich mich an den Hund wenden, vielleicht ist er gtiger als Du." "Versuche es immer", rief Marie lchelnd, "wenn er sprechen kann, so soll er es nur gestehen." "Hr einmal, du ungeheurer Geselle" wandte sich Georg in dem Hund, der ihn aufmerksam ansah, "sage mir, wie heit dein Herr?" Der Hund richtete sich stolz auf, ri den weiten Rachen auf und brllte in schrecklichen Tnen "U-u-u!" Marie errtete. "La doch die Possen", sagte sie und rief den Hund zu sich, "wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher Gesellschaft ist!" Georg schien nicht darauf zu hren. "U hat er gesagt, der gute Hund? Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten! Es ist nicht das erste Mal, da man ihn fragt: wie heit dein Herr?" Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit noch grulicheren Tnen als vorher sein "U-u-u!" zu heulen an. Aufs neue errtete Marie, sie hie beinahe unwillig den Hund schweigen; er legte sich ruhig zu ihren Fen. "Da haben wir's", rief Georg lachend, "der Herr heit U! Und fing das sonderbare Wort auf dem Ring den mir der Ritter gab, nicht auch mit U an? Ungeheuer! Heit dein Herr vielleicht Uffenheim? Oder Uxkll? Oder Ulm? Oder vielleicht gar--" "Unsinn! Der Hund hat gar keinen anderen Laut als U; wie magst du Dir nur Mhe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der Vater den Berg herauf; willst Du, da es ihm verborgen bleibe, so nimm Dich zusammen und verrate Dich nicht. Ich gehe jetzt, denn es ist nicht gut, wenn er uns beisammen antrifft." Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah sich von ihrem sen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zrtliche Annherung unmglich machte. Kapitel 24 Karfreitag und Ostern waren vorbergegangen, und Georg von Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen wrde oder Gelegenheit da wre, der Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter einem Dach mit der Geliebten, immer in ihrer Nhe, oft ein Stndchen mit ihr allein von ihrem Vater geliebt--er hatte in seinen khnsten Trumen kein hnliches Glck ahnen knnen. Nur eine Wolke trbte den Himmel der Liebenden, die dstere Wolke, die zuweilen auf der Stirn des Vaters lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen ohne da der Ritter seinem Gast erffnete, was sie gebracht htten. Einige Male glaubte Georg in der Abenddmmerung sogar den Pfeifer von Hardt ber die Brcke schleichen zu sehen; er hoffte von diesem vielleicht etwas erfahren zu knnen, er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er bis an die Brcke kam, war jede Spur von ihm verschwunden. Der junge Mann fhlte sich etwas beleidigt ber diesen Mangel an Zutrauen, wie er es bei sich und seinen uerungen gegen Marie nannte. "Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partei nicht viel Lockendes hat; der Mann in der Hhle und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich nicht erfahren, wie es mit Tbingen steht? Warum nicht, wie der Herzog operiert, um sein Land wieder zu erobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen gut? Verschmht man mich im Rat?" Marie suchte ihn zu trsten Es gelang oft ihren schnen Augen ihren freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen aber dennoch kehrten sie in manchem Augenblick wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er beigetreten war. Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht lnger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, fr unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plnen stehe, ob man nicht auch seiner endlich einmal bedrfe? Aber der Ritter von Lichtenstein drckte ihm freundlich die Hand und sagte: "Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es Dir das Herz beinahe abdrcken will, da Du nicht teilnehmen kannst an unseren Mhen und Sorgen; aber gedulde Dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, so wird sich manches entscheiden. Was soll ich Dich mit ungewissen Nachrichten, mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist nicht gemacht, bedchtig in ein Gewebe von Bosheit zu schauen und die knstlich geschlungenen Fden wieder loszumachen. Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst Du ein willkommener Genosse sein bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst Du zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald mu es sich entscheiden." Der junge Mann sah ein, da der Alte recht haben knne, und doch war er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den Namen des Gechteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nchsten Nacht ins Schlo gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen drfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: "Noch ist's nicht an der Zeit!" Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam. Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in der Hhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nhe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gast zuzubringen. Er war zu stolz, sich aufzudrngen er wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; es geschah nicht. Er beschlo, wenigstens einmal uneingeladen zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmig um acht Uhr gefhrt wurde, lag gegen das Tal hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brcke ber den Abgrund fhrte. Von hier war es also nicht mglich, ihn kommen zu sehen. Das groe Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brcke hinaus, sie waren aber vergittert und hoch, so da man zwar ins Freie hinber, aber nicht hinab auf die Brcke sehen konnte. Es blieb ihm daher nichts brig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn er den nchtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht mglich, weil dort so viele Leute wohnten, da er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Torweg und die Stlle musterte, die unter dem Schlo in den Felsen gehauen waren, bemerkte er an der Zugbrcke eine Nische, die von den Torflgeln bedeckt wurde, welche man nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschlo. Dies war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewhren schien, um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links von der Nische schlo sich die Zugbrcke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinauf fhrte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen mute, der ins Schlo kam. Dorthin beschlo er, in der kommenden Nacht sich zu schleichen. Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewhnlich ins Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entlie den Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich angekleidet auf das Bett. Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Wald herbertrug. Oft schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Krften gegen die Bande des Schlummers strubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedchtnis zurckzufhren. Zehn Uhr war lngst vorber. Die Burg war still und tot, Georg raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hllte sich in seinen Mantel und ffnete behutsam die Tr seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten. Die Angeln seiner Tr knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand diese verrterischen Tne gehrt habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glcklich, da ihn dieses trgerische Licht nicht zum zweiten Mal verraten werde. Er schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er an, um zu lauschen, ob alles still sei. Er hrte nichts als das Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen ber der Brcke, Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht tnt alles lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tag nicht beachtet htte. Wenn Georgs Fu auf ein Sandkrnchen trat, so rauschte es auf der gewlbten Wendeltreppe, da er erschrak und glaubte, man msse es im ganzen Haus gehrt haben. Er kam am ersten Stock vorber. Er lauschte, er hrte niemand, aber auf dem Herd in der Kche flatterte ein luftiges Feuer. Jetzt war er unten Auf den Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblick zurcklegte, hatte er eine Viertelstunde verwandt. Er stellte sich in die Nische und zog den Torflgel noch nher zu sich her, da er vllig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Tr war gro genug, da er durch sie alles beobachten konnte. Noch war alles still im Schlo. Nur flchtige Tritte glaubte er ber sich zu vernehmen, es war wohl Marie, die geschftig hin und her ging. Nach einer tdlich langen Viertelstunde schlug es im Dorf elf Uhr. Dies war die Zeit des nchtlichen Besuches, Georg schrfte sein Ohr, um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hrte er oben den Hund anschlagen, zugleich rief ber dem Graben eine tiefe Stimme: "Lichtenstein!" "Wer da?" fragte man aus der Burg. "Der Mann ist da!" antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuch in der Hhle so wohl bekannt war. Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den Grundfelsen gehauen war. Er ffnete mit einem wunderlich geformten Schlssel das Schlo der Zugbrcke. Indem er noch damit beschftigt war, strzte in groen Sprngen der Hund die Treppe herab. Er winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er hpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm behilflich sein, die Brcke fr seinen Herrn herabzulassen Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschlieen nicht zurechtzukommen schien. "Spute dich, Balthasar!" flsterte sie. "Er wartet schon eine gute Weile, und drauen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind." "Jetzt nur noch die Kette los, gndiges Frulein", antwortete er, "dann sollt Ihr gleich sehen, wie schn meine Brcke fllt. Ich habe auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit l geschmiert, da sie nicht mehr knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken." Die Ketten rauschten in die Hhe, die Brcke senkte sich langsam nach auen und legte sich ber den Abgrund. Der Mann aus der Hhle, in seinen groben Mantel eingehllt, schritt herber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief ins Herz geprgt, und doch berraschten ihn aufs neue seine auffallend khnen Zge, sein gebietendes Auge, seine freie Stirn, das Krftige, Gewaltige in seinen Bewegungen. Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen Hals herabstrmten, die blendende Stirn, das sinnige, blaue Auge, dem die langen dunklen Wimpern und die schngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentmlichen Reiz gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles, berstrahlt von dem Licht, das sie in der Hand hielt, bewirkte, da Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben, als in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, krftigen Formen des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob. Der nchtliche Gast half mit beinahe bermenschlicher Kraft dem alten Pfrtner die Brcke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurck und Georg vernahm folgendes Gesprch: "Ist Nachricht da von Tbingen? Ist Marx Stumpf zurck? Ich lese Unglck in Euern Mienen!" "Nein, Herr, er ist noch nicht zurck", sagte Marie, "der Vater erwartet ihn aber noch diese Nacht." "Da ihm der Teufel Fe mache! Ich mu warten, bis er kommt, und sollte es Tag darber werden--Hu! eine kalte Nacht, Frulein", sagte der Gechtete, "meine Uhus und Kuzlein in der Nebelhhle mu es auch gewaltig frieren, denn sie schrien und jammerten in klglichen Tnen, als ich heraufstieg." "Ja, es ist kalt", antwortete sie, "um keinen Preis mchte ich mit Euch hinabsteigen Und wie schauerlich mu es sein, wenn die Kuzlein schreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke!" "Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit", erwiderte jener lchelnd, indem er das errtende Gesicht des Mdchens am Kinn ein wenig in die Hhe hob. "Nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die Hlle? Was das fr eine Liebe sein mu! Wei Gott, Euer Mund ist ganz wund. Gar zu arg mt Ihr es doch nicht machen mit Kssen." "Ach Herr!" flsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Rte ber die zarten Wangen go. "Wie mgt Ihr nur so sprechen. Wit Ihr, da ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker denkt?" "Nun, einen Scherz mt Ihr mir schon gelten lassen", sagte der Ritter und kniff sie in die errtenden Wangen, "ich habe ja in meiner Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber was gebt ihr mir, wenn ich fr den Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, da er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wit, der Alte tut, was ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt er ihn unbesehen." Marie schlug die Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken an. "Gndigster Herr", antwortete sie, "ich will es Euch nicht verwehren, wenn Ihr fr Georg ein gutes Wort sprecht. brigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen." "Ich frage, was ich fr ein gutes Wort bekomme? Alles hat seinen Preis. Nun, was wird mir dafr?" Marie schlug die Augen nieder. "Ein schner Dank", sagte sie "aber kommt, Herr, der Vater wird schon lngst auf uns warten." Sie wollte vorangehen, der Gechtete aber ergriff ihre Hand und hielt sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hrbar, es wurde ihm bald hei, bald kalt, er fate den Torflgel und wre nahe daran gewesen, diese Frsprache um einen fixen Preis zu verbitten. "Warum so eilig?" hrte er den Mann der Hhle sagen. "Nun, sei es um ein Kchen so will ich loben und preisen, da Dein Vater sogleich den Pfaffen holen lt, um das heilige Sakrament der Ehe an Euch zu vollziehen." Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen. Das Frulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blick an. "Das kann unmglich Eurer Gnaden Ernst sein", sagte sie, "sonst httet Ihr mich zum letzten Mal gesehen." "Wenn Ihr wtet, wie erhaben und schn Euch dieser Trotz steht", sagte der Ritter mit unerschtterlicher Freundlichkeit, "Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. brigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Frsprecher machen. Und an Eurem Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Ku anhalten, dann wollen wir sehen, wer recht behlt." "Das knnt Ihr!" sagte Marie, indem sie ihm lchelnd ihre Hand entzog und mit dem Licht voranging. "Aber macht Euch immer auf eine abschlgige Antwort gefat, denn ber diesen Punkt spat er nicht gerne." "Ja, er ist verdammt eiferschtig", entgegnete der Ritter im Weiterschreiten. "Ich knnte Euch davon eine Geschichte erzhlen, die mir selbst mit ihm begegnet ist. Aber ich habe versprochen, zu schweigen."--Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg schpfte wieder freien Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und Gngen hrte. Dann verlie er seinen Platz und schlich sich nach seiner Kammer zurck. Die letzten Worte Mariens und des Gechteten lagen noch in seinen Ohren. Er schmte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkrlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in welch unwrdigem Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei. Er verbarg sein errtendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spt entfhrte ihn der Schlummer diesen qulenden Gedanken. Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben Uhr gewhnlich die Familie zum Frhstck versammelte, kam ihm Marie mit verweinten Augen entgegen. Sie fhrte ihn auf die Seite und flsterte ihm zu: "Tritt leise ein, Georg! Der Ritter aus der Hhle ist im Zimmer. Er ist vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen ihm diese Ruhe gnnen!" "Der Gechtete!" fragte Georg staunend, "wie kann er es wagen, noch bei Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?" "Nein!" antwortete Marie, indem von neuem Trnen in ihren Wimpern hingen "Nein! Es mu in dieser Stunde noch ein Bote von Tbingen anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, beschworen, er mchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehrt. Hier will er ihn erwarten." "Aber knnte denn der Bote nicht auch in die Hhle hinabkommen?" warf Georg ein. "Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus." "Ach, Du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab. Und nur zu leicht wird er mitrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr zureden wegzugehen; er htte glauben knnen, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, da er sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt." Sie waren whrend dieser Rede an die Tr der Herrenstube gekommen, Marie schlo so leise als mglich auf und trat mit Georg ein. Die Herrenstube unterschied sich von dem groen Gemach im oberen Stock nur dadurch, da sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wnde umzog ein Getfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hlzern kunstreich ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmckten die Wand, welche kein Fenster hatte, und Tische und Gertschaften zeigten da der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei, und seinen Hausrat, wie er ihn vom Grovater empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor einem groen Tisch in der Mitte des Zimmers sa der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn und den langen Bart auf die Hand gesttzt und schaute finster und regungslos in einen Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrge auf dem Tisch, der Becher vor dem alten Herrn machten, da man ungewi war, ob er die Nacht beim Becher zugebracht habe, oder ob er so frh am Tag sich durch einen guten Trunk Krfte sammeln wolle. Er grte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, in dem ein kaum bemerkbares Lcheln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie tat, einen eigentmlichen Stempel aufdrckte. Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank. Dieser rckte ihm nher und flsterte ihm mit heiserer Stimme zu: "Ich frchte, es steht schlimm!" "Habt Ihr Nachricht?" fragte Georg ebenso heimlich. "Ein Bauer sagte mir heute frh, gestern abend htten die Tbinger mit dem Bund gehandelt." "Gott im Himmel!" rief Georg unwillkrlich aus. "Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frh erfahren", entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete. Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jhen Abgrund liegt, sa der gechtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims gesttzt, er schlummerte. Sein grauer Mantel war ber die Schulter herabgefallen und lie ein abgetragenes unscheinbares Lederkoller sehen, in das die krftige Gestalt gehllt war. Sein krauses Haar fiel nachlssig um die Schlfe, und einige Bsche des gerollten Bartes quollen unter der Hand, in die er den Kopf gesttzt hatte, hervor. Zu seinen Fen lag sein groer Hund. Er hatte seinen Kopf auf den Fu seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt des Gechteten. "Er schlft", sagte der Alte und zerdrckte eine Trne in den Augen "Die Natur fordert die Schuld an den Krper und umhllt die Seele mit einem wohlttigen Schleier. Er atmet leicht. Oh da es beruhigende Trume wren, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht wnschen, da er sie im Traum vergit!" "Es ist ein hartes Schicksal!" erwiderte Georg, indem er wehmtig auf den Schlafenden blickte. "Vertrieben von Haus und Hof, gechtet, in die Wste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu mssen! Wahrlich, es ist hart! Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bndler nach seinen Gtern gelstete." "Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben", sprach der Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst. "Ich habe ihn beobachtet seit den Tagen seiner Kindheit, bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen lie er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreien aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen knnte? Und wahrlich, er hat es grausam gebt!" Er hielt inne, als htte er schon mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg ber den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen. Die Sonne war ber die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genieen. Unter dem Felsen von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Hhen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach. Drei Drfer liegen freundlich in der Tiefe. Georg betrachtete bewundernd. Er strengte sein Auge mehr und mehr an, er suchte in die Weite zu dringen, und jedes Schlo, jedes Dorf in der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm. Sie teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frhen Kindheit dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flsternd jeden Fleck, sie wute ihm jede Turmspitze zu nennen. "Wo ist eine Stelle in deutschen Landen", sprach Georg, in diesen Anblick versunken, "die sich mit dieser messen knnte! Ich habe Ebenen gesehen und Hhen erstiegen, von wo das Auge noch weiterdringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen sie nicht. So reiche Saaten, Wlder von Obst, und dort unten, wo die Hgel blulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen Frsten beneidet, aber hier stehen zu knnen, hinauszublicken von dieser Hhe und sagen zu knnen, diese Gefilde sind mein!" Ein tiefer Seufzer in ihrer Nhe schreckte Marien und Georg aus ihren Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand im Fenster der Gechtete und blickte mit trunkenen, glnzenden Blicken ber das Land hin, und Georg war ungewi, ob jene Worte oder das Andenken an sein Unglck die Brust dieses Mannes bewegt hatten. Er begrte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei? "Der von Schweinsberg ist noch nicht zurck", antwortete dieser. Der Gechtete trat schweigend an das Fenster zurck und schaute in die Ferne. Marie fllte ihm einen Becher. "Seid getrosten Mutes, Herr", sagte sie, "schaut nicht mit so finstern Blicken auf das Land. Trinkt von diesem Wein, er ist gut Wrttembergisch und wchst dort unten an jenen blauen Bergen." "Wie kann man traurig bleiben", antwortete er, indem er sich wehmtig lchelnd zu Georg wandte, "wenn ber Wrttemberg die Sonne so schn aufgeht und aus den Augen einer Wrttembergerin ein so milder blauer Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Tler, wenn uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt euren Becher und lat uns darauf trinken. Solange wir Land besitzen in den Herzen, ist nichts verloren: Hie gut Wrttemberg allezeit." "Hie gut Wrttemberg allezeit", erwiderte Georg und stie an. Der Gechtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit wichtiger Miene hereintrat. "Es sind zwei Krmer vor der Burg", meldete er, "und begehren Einla." "Sie sind's, sie sind's", riefen in einem Augenblick der Gechtete und Lichtenstein. "Fhr sie herauf." Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte dieser Meldung, Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen feurigen Augen die Tre durchbohren, der Gechtete seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Rte und Blsse, die auf seinen ausdrucksvollen Zgen wechselte, zeigten, wie die Erwartung dessen, was er hren werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie nherten sich dem Gemach. Der gewaltige Mann zitterte, da er sich am Tisch halten mute, seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Tr, als wolle er in den Mienen des Kommenden sogleich Glck oder Unglck lesen--jetzt ging die Tr auf. Kapitel 25 Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem Blick die Eintretenden, in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer von Hardt, der andere war--jener Krmer, den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf einen Pack, den er auf dem Rcken getragen ab, ri das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner gebckten Stellung auf, und stand nun als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen krftigen Zgen vor ihnen. "Marx Stumpf!" rief der Gechtete mit dumpfer Stimme. "Wozu diese finstere Stirne? Du bringst Uns gute Botschaft, nicht wahr; sie wollen Uns das Pfrtchen ffnen sie wollen mit Uns aushalten bis auf den letzten Mann?" Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekmmerten Blick auf ihn "Macht Euch auf Schlimmes gefat, Herr!" sagte er. "Die Botschaft ist nicht gut, die ich bringe." "Wie", entgegnete jener, indem die Rte des Zornes ber seine Wangen flog und die Ader auf seiner Stirn sich zu heben begann "Wie, Du sagst sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht mglich, sieh Dich wohl vor; da Du nichts bereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von dem Du sprichst." "Und dennoch sage ich es", antwortete Schweinsberg, indem er einen Schritt weiter vortrat, "im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich es sagen, sie sind Verrter." "Du lgst!" schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. "Verrter, sagst Du? Du lgst. Wie wagst Du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! Gestehe, Du lgst." "Wollte Gott, ich allein wre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der seinen Herrn verlt. Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren Herr Herzog, Tbingen ist ber!" Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er bedeckte sein Gesicht mit den Hnden Seine Brust hob und senkte sich, als suche sie vergeblich nach Atem. Die Blicke aller hingen gerhrt und schmerzlich an ihm, vor allem Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es selbst, es war Ulrich von Wrttemberg! In einem schnellen Flug zog es an seiner Seele vorber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief in der Erde Scho besucht, welche Worte jener zu ihm gesprochen wie sein ganzes Wesen ihn schon damals berrascht und angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, da er nicht lngst schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war. Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hrte nur die tiefen Atemzge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes, der sein Unglck zu kennen und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich, sie faten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre schne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie fate sich endlich ein Herz und flsterte; "Herr Herzog! Hier ist noch gut Wrttemberg alleweg!" Ein tiefer Seufzer lste sich aus seiner gepreten Brust, aber seine Hnde drckten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg. Unwillkrlich kam ihm der heldenmtige Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum ersten Male gesehen gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu sprechen. "Warum so kleinmtig, Mann ohne Namen! Si fractus illabator orbis, impavitum ferient ruinae!" Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Wrttemberg. Sei es dieser Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengre, Trotz und wahrer Erhabenheit ber das Unglck, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des "Unerschrockenen" erwarb--er zeigte sich von diesem Augenblick an seines Namens wrdig. "Das war das rechte Wort, mein junger Freund", sprach er zur Bewunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hnde sinken lie, sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte, kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte, "das war das rechte Wort. Ich danke Dir; da Du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir ber Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, Marie!" "Es war letzten Donnerstag, da ich Euch verlie", hob der Ritter an; "Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen htte. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgltig einen Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht gesehen, und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tchtig ausgescholten hatte, trank mit mir, als htte ich zeitlebens den Kram auf dem Rcken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke." Der Herzog schien sich an dieser Erzhlung zu zerstreuen; munterer, als man bei so groem Unglck htte denken sollen fragte er: "Nun Georg, Du hast ihn gesehen; sah er so recht aus, wie ein schbiger, filziger Krmer? Wie?" "Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt", antwortete der junge Mann lchelnd. "Von Pfullingen zog ich abends noch frba bis nach Reutlingen. Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bndischer. Augsburger, Nrnberger, Ulmer, alle mglichen Stdter, und jubilierten mit den Reutlingern, da man die Hirschgeweihe wieder von ihren Wappen genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen Spottlieder ber Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer frchteten. Am Karfreitag frh ging ich nach Tbingen, das Herz pochte mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schne Neckartal vor meine Blicken lag, und die festen Trme und Zinnen von Tbingen vom Berg herberragten." Der Herzog prete die Lippen zusammen wandte sich ab und sah hinaus ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf seinen Herrn doch jener winkte ihm, fortzufahren. "Ich stieg hinab ins Tal und wanderte weiter nach Tbingen. Die Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bndischen besetzt, und nur wenige Truppen standen mehr im Lager, das sie ber dem Ammertal auf dem Berg geschlagen hatten. Ich beschlo, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie es mit dem Schlo stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Weg zur Besatzung ginge. Ihr kennt die Herberge in der obern Stadt, nicht weit von der St.-Georgen-Kirche; dort trat ich ein und setzte mich zum Wein. Die bndischen Ritter, so erfuhr ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste Platz zu meinem Zweck." "Ihr wagtet viel", unterbrach ihn Herr von Lichtenstein, "wie leicht konnten Leute da sein; die Euch abkaufen wollten; und da wre der Krmer bald entdeckt gewesen!" "Ihr verget, da es Freitag war", entgegnete jener; "ich hatte also guten Grund, mein Bndel nicht auszupacken und anzupreisen nach Krmersitte. Doch so leicht wre ich wohl nicht entdeckt worden; habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Bchslein mit Wundbalsam verkauft! Wei Gott, ich htte lieber mit ihm gestritten, da er es gleich htte brauchen knnen.--Es war noch das Hochamt in der Kirche; daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, da die Ritter im Schlo einen Waffenstillstand bis Ostermontag frh gemacht htten. Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frhtrunk. Ich setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so groer Herren." "Wen sahst Du dort?" fragte der Herzog. "Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gesprch, das sie fhrten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchse von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor fnfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nrnberg von der Mhre warf." "Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?" unterbrach ihn Georg. "Breitenstein? Da ich nicht wte, doch ja, so hie wohl jener; der den Hammelschlegel auf einen Sitz verzehrte. Jetzt fingen sie an; von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und her; oft flsterten sie auch untereinander; doch ich habe gute Ohren und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchse nmlich erzhlte, da er einen Pfeil in die Burg habe schieen lassen mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es mu dies schon mehrere Male geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe." Des Georgs Stirn verfinsterte sich. "Ludwig von Stadion!" rief er schmerzlich. "Ich htte Huser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich tat ihm alles, was ich ihm an den Augen ansehen konnte--er hat mich zuerst verraten?" "Im Brieflein stand, da er, der Stadion, und noch zwlf andere der Fehde mde, auch schon halb und halb willens seien; sich zu ergeben; Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten" "Um den hab' ich's nicht verdient", sagte Ulrich, "ich war ihm gram, weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinn tat. Wie man sich irren kann in den Menschen! Htte man mich gefragt, wer mich verraten wrde und wer dagegen spreche, ich htte hier den Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!" "Im Brieflein stand auch noch weiter, da Euer Durchlaucht vielleicht Entsatz bringen, oder, wenn dies nicht mglich, auf geheimen Wegen in die Burg sich begeben wollten. Die Bndischen sprachen mancherlei hierber. Sie waren aber darin einig, da man die Besatzung zu einem Vergleich bringen msse, ehe Ihr heranrcktet, oder gar ins Schlo kmet. Denn dann, meinten sie, knnten sie noch lange belagern mssen. Wie ich nun dies alles hrte, schien es mir nicht geraten, durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und dann war ich verraten. Ich beschlo, den Tag noch zu warten; hrte ich bis Samstag frh nichts Schlimmeres ber die Besatzung, so wollte ich ins Schlo dringen und Ew. Durchlaucht Schreiben bergeben. Ich streifte im Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der Nhe der Obersten zu halten; so kam der Nachmittag." "Das war noch Freitag, an dem Fest?" fragte Lichtenstein "Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte am Schlo und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht weit davon und sah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: 'Nein; denn es wre wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, da Ihr im Feld baut.' Georg von Frondsberg rief: 'So es geschehen, ist es ohne meinen Befehl geschehen; wer bist Du?' Da antwortete der im Schlo: 'Ich bin Ludwig von Stadion.' Darauf lchelte der Bndische und strich sich den Bart. 'Ist's also, wie Du sagst', rief er, 'so will ich's wenden', ritt zu ein paar Schanzkrben und warf sie um. Dann rief er dem Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen, um miteinander einen Trunk zu tun." "Und sie kamen?" rief der Herzog, "Die Ehrvergessenen kamen?" "Auf dem Schloberg vor dem uersten Graben ist ein Platz, dort sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach, hinber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmcken die Aussicht. Dorthin lieen sie einen Tisch bringen und Bnke, und die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von Hohen-Tbingen auf, die Brcke fiel ber den Graben; und Ludwig von Stadion mit noch sechs anderen kamen ber die Brcke; sie brachten Eure silbernen Deckelkrge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten Wein, sie grten die Feinde mit Gru und Handschlag und setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim khlen Wein." "Der Teufel gesegne es ihnen allen!" unterbrach ihn der Ritter von Lichtenstein und schttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lchelte schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink fortzufahren. "So taten sie sich gtlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote Kpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht fern, und keine ihrer verrterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen nahm der Truchse den Stadion bei der Hand: 'Herr Bruder', sagte er, 'in Eurem Keller ist ein guter Wein; lat uns bald ein, da wir ihn trinken.' Jener aber lachte darber, schttelte ihm die Hand und sagte: 'Kommt Zeit, kommt Rat.' Wie ich nun sah, da die Sachen so stehen; beschlo ich mit Gott, mein Leben dranzusetzen und in die Burg zu den Verrtern zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch die Finsternis kommen hrte, und fragte mich nach der Losung. Ich sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im Bart: 'Atempto'; der Kerl machte groe Augen, zog aber das Gatter auf und lie mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor und kam im Keller heraus. Ich schpfte einige Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang." "Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird Dir schwer", sagte Ulrich. Willig befolgte jener das gtige Gehei seines Frsten und sprach dann mit frischer Stimme weiter: "Im Keller hrte ich viele Stimmen, und es war mir; als zankte man sich. Ich ging den Stimmen nach und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem groen Fa sitzen und trinken. Es waren einige von Stadions Partei, und Hewen und mehrere der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und groe Humpen vor sich, es sah schauderlich aus, fast wie das Fehmgericht. Ich barg mich in ihrer Nhe hinter ein Fa und hrte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit rhrenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er sagte, wie sie ja gar nicht ntig htten sich zu ergeben, wie sie auf lange mit Vorrten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer sammeln wrden, Tbingen zu entsetzen, wie doch eher die Belagerer in Not kmen als sie." "Ha! Wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?" "Sie lachten und tranken. 'Da hat es gute Weile, bis der ein Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen und nicht stehlen?' fragte einer. Hewen aber fuhr fort und sagte: Wenn es auch nicht so bald mglich sei, so mten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann; wie sie Euch zugeschworen, sonst handelten sie als Verrter an ihrem Herrn. Da lachten sie wieder und tranken und sagten: 'Wer will auftreten und uns Verrter nennen?' Da rief ich hinter meinem Fa hervor: 'Ich, Ihr Buben; Ihr seid Verrter am Herzog und am Land!' Alle waren erschrocken, der Stadion lie seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euern Brief aus dem Wams. 'Hier ist ein Brief von Eurem Herzog', sagte ich, 'er will, Ihr sollt Euch nicht bergeben sondern zu ihm halten; er selbst will kommen und mit Euch siegen oder in diesen Mauern sterben'." "Oh, Tbingen!" sagte der Herzog mit Seufzen, "wie tricht war ich, da ich dich verlie! Zwei Finger meiner Linken gbe ich um dich; was sage ich, zwei Finger? Die Rechte liee ich mir abhauen; knnte ich dich damit erkaufen! Und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?" "Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu wissen, was sie tun sollten. Hewen aber ermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion, ich kme schon zu spt. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollten sich der Fehde mit dem Bund begeben und den Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollten sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs Ungewisse wollten sie den Krieg nicht fortfhren; denn ihre Burgen und Gter wrden so lange beschdigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den Bund dienten. Ich verlange nun; sie sollten mich hinauffhren in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Mnner da seien, das Schlo zu halten, ich zhlte auf, wen ich noch fr treu hielte, die Nippenburg, die Gltlingen die Ow, die beiden Berlichingen; die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, Wlwart, Kaltental, der von Hewen aber schttelte den Kopf und sagte, ich htte mich in manchem geirrt." "Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast Du sie nicht gesehen?" "Oh ja, sie saen im Keller beim Stadion und tranken Euern Wein. Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten; die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl fr sich und auch den grten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schlohof und im Rittersaal zum Kampf, und es bleibe ihnen als den Geringeren; nichts brig, als zu sterben. So gerne sie nun auch fr Euch den letzten Blutstropfen aufwnden, so wollten sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen als von ihren Landsleuten und Waffenbrdern totgeschlagen werden. Da blieb mir nichts brig, als sie zu bitten, sie mchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Tchterleins annehmen und ihnen das Schlo bei der bergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achseln, ich aber gab den Verrtern meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte fnf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf demselben Weg aus der Burg, wie ich gekommen war." "Herrgott im Himmel! Htte ich dies fr mglich gehalten!" rief Lichtenstein "Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch in spten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen und wie sie ihr Frstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: 'Treu und ehrlich wie ein Wrttemberger', ist zum Hohn geworden!" "Wohl konnte man einst sagen, 'treu wie ein Wrttemberger'", sprach Herzog Ulrich, und eine Trne fiel in seinen Bart. "Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfrsten, Grafen und Herren zu Tisch sa, da sprachen und rhmten sie viel vom Vorzug ihrer Lnder. Der eine rhmte seinen Wein; der andere sprach von seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. 'Von Euren Schtzen wei ich nichts aufzuweisen', sagte er, 'doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald und komm' ich nachts durch die Berge und bin md und matt, so ist ein treuer Wrttemberger bald zur Hand, ich gre ihn und leg' mich in seinen Scho und schlafe ruhig ein.' Des wunderten sich alle und staunten und riefen. 'Graf Eberhard hat recht', und lieen treue Wrttemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich meine Treuen in die Burgen kaum wende ich den Rcken; so handeln sie mit dem Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen;--doch fahre fort, gib mir den Kelch bis auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen" "Nun; da ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tbingen auf, bis ich wegen der bergabe Gewiheit bekme. Gestern, am Ostermontag, sind sie zusammengekommen; sie haben die Pakte schriftlich aufgesetzt und nachher durch den Herold auf den Straen ausrufen lassen; um fnf Uhr abends haben sie das Schlo bergeben. Ihr seid der Regierung frmlich entsetzt. Prinz Christoph, Euer Shnlein, behlt Schlo und Amt Tbingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Obervormundschaft, und in das brige, heit es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber, so wahr mir Gott gndig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so gro wie in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Wrttembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah." So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war whrend seiner Erzhlung vllig heraufgekommen auch an den uersten Bergen war der Nebel gefallen, und was um die fernen Hhlen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die Gegenden, ber welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Licht durchschimmern lie. Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war; verschlo der Herzog einen groen Schmerz in der tapferen Brust. Ein Gefhl der Reue war es, das drckend auf der Brust Ulrichs von Wrttemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig fr ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewhl eines prchtigen Hofes und betubt von den Einflsterungen falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglck allein, was ihn beschftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten Landes. Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen Freunden wandte, staunten sie ber den Ausdruck seiner Zge. Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm ber den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirn, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rhrung, ein stiller, groer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten. "Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?" fragte er. "Wie Ruber", antwortete dieser, "sie verwsten ohne Not die Weinberge, sie hauen die Obstbume nieder und verbrennen sie am Nachtfeuer; Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten nieder, was die Pferde nicht fressen. Sie mihandeln die Weiher und pressen den Mnnern das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lat erst den Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwsteten Bergen keine Weinbeere wchst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen mssen--da wird das Elend erst recht angehen." "Die Buben", rief der Herzog, und ein edler Zorn sprhte aus seinen Augen, "sie rhmten sich mit groen Worten, sie kmen, um Wrttemberg von seinem Tyrannen zu befreien; es zu entheben aller Not. Und sie hausen im Land wie im Trkenkrieg. Aber ich schwre es, so mir Gott eine frhliche Urstnd gebe und seine Heiligen gndig sein wollen meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwsteten Tlern des Neckars und auf seinen Hhen keine Traube reift, ich will kommen mit schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut verzapfen. Ich will rchen, was sie an mir und meinem Land getan so mir der Herr helfe." "Amen!" sprach der Ritter von Lichtenstein. "Aber ehe Ihr hereinkommt, mt Ihr auf gute Art aus dem Land hinaus. Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefhrdet entkommen wollt." Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: "Ihr habt recht, ich will nach Mmpelgard. Von dort aus will ich sehen, ob ich so viel Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her, du getreuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung, Du weit nicht, was es heit, die Treue brechen und den Eid vergessen." "Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt", sagte Schweinsberg und trat nher zum Herzog, "Ich will mit Euch ziehen nach Mmpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmht." Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer. "Nehmt mich mit Euch, Herr!" sagte er. "Meine Knochen taugen freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im Rat." Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten. ber die Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein glhendes Rot, sein Auge leuchtete vom Mut der Begeisterung. "Herr Herzog!" sagte er. "Ich habe Euch meinen Beistand angetragen in jener Hhle, als ich nicht wute, wer Ihr waret, Ihr habt ihn nicht verschmht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber knnt Ihr ein Herz brauchen, das recht treu fr Euch schlgt, ein Auge, das fr Euch wacht, wenn Ihr schlaft, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, so nehmt mich auf und lat mich mit Euch ziehen." Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Mann ohne Namen gezogen hatten, loderten in dem Jngling auf, sein Unglck und die erhabene Art, wie er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten, erhhten diese Flammen zur Begeisterung und zogen ihn zu den Fen des Herzogs ohne Land. Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen jungen Gast, gerhrt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob ihn auf von den Knien und kte ihn auf die Stirn. "Wo solche Herzen fr Uns schlagen", sagte er, "da haben Wir noch feste Burgen und Wlle, und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb und wert, Georg von Sturmfeder, Du wirst mich begleiten mit Freuden nehme ich Deine treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, Dich brauche ich zu wichtigerem Geschft, als meinen Leib zu decken. Ich werde Dir Auftrge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt treu an mir gehandelt, Ihr habt mir allnchtlich Eure Burg geffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in meinem Rat." Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demtig in der Ferne stand. "Komm her, Du getreuer Mann!" rief er ihm zu und reichte ihm seine Rechte. "Du hast Dich einst schwer an Uns verschuldet, aber Du hast treu abgebt, was Du gefehlt." "Ein Leben ist nicht so schnell vergolten", sagte der Bauer, indem er dster zu Boden blickte, "noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will sie zahlen." "Geh heim in Deine Htte, so ist mein Wille. Treibe Deine Geschfte wie zuvor, vielleicht kannst Du uns treue Mnner sammeln, wenn wir wieder ins Land kommen. Und Ihr, Frulein! Wie kann ich Eure Dienste lohnen? Seit vielen Nchten habt Ihr den Schlaf geflohen um mir die Tr zu ffnen und mich vor Verrat zu sichern! Errtet nicht so, als httet Ihr eine groe Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit, zu handeln, Alter Herr", wandte er sich zu Mariens Vater. "Ich erscheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmhen, den ich Euch zufhre." "Wie soll ich Eure Rede verstehen, gndigster Herr?" sagte der Ritter, indem er verwundert auf seine Tochter sah. Der Herzog ergriff Georgs Hand und fhrte ihn zu jenem. "Dieser liebt Eure Tochter, und das Frulein ist ihm nicht abhold, wie wre es, alter Herr, wenn Ihr ein Prlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirn so finster zusammen, es ist ein ebenbrtiger Herr, ein tapferer Kmpe, dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der Not." Marie schlug die Augen nieder; auf ihren Wangen wechselte hohe Rte mit Blsse, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr ernst auf den jungen Mann "Georg", sagte er, "ich habe Freude an Euch gehabt seit der ersten Stunde, da ich Euch sah. Sie mchte brigens nicht so gro gewesen sein; htte ich gewut, was Euch in mein Haus fhrte." Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede: "Ihr verget, da ich es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnt Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn; ich will ihn belohnen mit Gtern, da Ihr stolz sein sollt auf einen solchen Schwiegersohn," "Gebt Euch keine Mhe weiter, Herr Herzog", sagte der junge Mann gereizt, als der Alte noch immer unschlssig schien. "Es soll nicht von mir heien, ich habe mir ein Weib erbettelt und mich ihrem Vater aufdrngen wollen. Dazu ist mein Name zu gut." Er wollte im Unmut das Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber fate seine Hand: "Trotzkopf!" rief er, "wer wird denn gleich so aufbrausen? Da, nimm sie, sie sei Dein, aber--denke nicht daran, sie heimzufhren, solange ein fremdes Banner auf den Trmen von Stuttgart weht. Sei dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn Du treulich aushltst: Am Tag, wo Ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo Wrttemberg seine Fahnen wieder aufgepflanzt und seine Farben von den Zinnen wehen, will ich Dir mein Tchterlein bringen und Du sollst mir ein lieber Sohn sein!" "Und an jenem Tag", sprach der Herzog, "wird das Brutchen noch viel schner errten, wenn die Glocken vom Turme tnen und die Hochzeit in die Kirche zieht! Dann werde ich zum Brutigam treten und zum Lohn fordern, was mir gebhrt. Da, guter Junge, gib ihr den Brautku; es ist zu vermuten, da es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und dann gehrst Du mir bis an den frhlichen Tag, wo wir in Stuttgart einziehen. Lat uns trinken, Ihr Herren auf die Gesundheit des Brautpaars!" Auf Mariens holden Zgen stieg ein Lcheln auf und kmpfte mit den Trnen die noch immer aus den schnen Augen perlten. Sie go die Becher voll und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren Blicken, mit so lieblicher Anmut, da er Georg glcklich pries und sich gestehen mute, manch anderer mchte um solchen Preis selbst sein Leben wagen. Die Mnner ergriffen ihre Becher und erwarteten, da ihnen der Herzog einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulrich von Wrttemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schne Land, von dem er scheiden mute, einen Augenblick wollte sich eine Trne in seinem Auge bilden, er wandte sich krftig ab. "Ich habe hinter mich geworfen", sagte er, "was mir einst teuer war; ich werde es wiedersehen in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch Lnder. Beklagt mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der Herzog ist und seine Treuen: _Hie gut Wrttemberg alleweg!_" Kapitel 26 Wohl nie so schwl hat ein Sommer ber Wrttemberg gelegen als der des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bund gehuldigt und meinte, es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder deutlich, da es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei, was sie zusammenfhrte. Sie wollten bezahlt sein, sie wollten Entschdigung haben fr ihre Mhe. Die einen wollten, man solle Wrttemberg unter sie teilen, die andern, man solle es an sterreich verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, aber unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Ansprche machen konnte. Das Land selbst war in Spaltung und Parteien. Es sollte die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterschaft hielt es fr eine erwnschte Gelegenheit, sich ganz vom Land loszusagen und sich fr unabhngig zu erklren. Die Brger und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwstet und zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen. Die Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, da ihr angeborener Frst so schnde behandelt worden war. Manchen kam jetzt, da der Herzog fern vom Lande seiner Vter in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht besser, wohl aber schlimmer geworden. Aber sie lebten unter zu hartem Zwang, als da sie ihre Schmerzen htten offenbaren knnen. Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes nicht; sie mute, wie sich in alten Berichten findet, "manche seltsame und bse Rede" hren. Sie suchte durch geschrfte Strenge sich Anhnglichkeit zu erwerben; sie streute Lgen ber den Herzog aus. Man gebot den Priestern, gegen ihn zu predigen; wer von ihm Gutes rede, sollte gefangen werden, wer ihn heimlich untersttze, sollte der Augen beraubt, sogar enthauptet werden. Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Wrttemberg stehe. Er sa in seiner Grafschaft Mmpelgard und harrte dort mit den Mnnern, die ihm ins Unglck gefolgt waren, auf eine gnstige Gelegenheit, in sein Land zu kommen. Er schrieb an viele Frsten, er beschwor sie, ihm zu Hilfe zu kommen. Aber keiner nahm sich seiner sehr ttig an. Er schrieb an die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfrsten, sie halfen nicht. Das einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation eine Klausel anzuhngen, die Wrttemberg und den Herzog betraf--er hat sie nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt so verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte alles daran, sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern. Es waren einige Umstnde, die fr ihn sehr gnstig schienen Der Bund hatte nmlich, als er Kunde bekam, da sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine Vlker entlassen. Die meisten Stdte und Burgen behielten nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fhnlein Knechte gelassen worden. Durch diese Maregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den man geringschtzte, der aber viel zur nderung der Dinge beitrug --es waren dies die Landsknechte. Diese Menschen, aus allen Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewhnlich dem ihre Hilfe an, der sie am besten zahlte; fr was und gegen wen sie kmpften, war ihnen gleichgltig. Um sie zu halten, mute man ihnen vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plnderung, Brandschatzen fhrten sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschdigen, wenn sie den Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heer, durch tgliche bungen und unerbittliche Strenge einigermaen im Zaum hielt. Er hatte sie in regelmige Rotten und Fhnlein eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet und in Reih und Glied zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, da sie aus einer guten Schule kamen; denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie nicht, wie frher, zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern rotteten sich zusammen, richteten zwlf Fhnlein auf, erwhlten aus ihrer Mitte Hauptleute, und selbst einen Obersten in der Person des langen Peters. Sie waren schwierig auf den Bund, nhrten sich von Raub und Brandschatzen im Land, und fhrten Krieg auf eigene Rechnung. Die Anarchie war in Wrttemberg so gro, da ihnen niemand die Spitze bot. Der Bund hatte sich von Streitkrften entblt und war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschftigt, als da er das arme Land von dieser Bande befreit htte. Die Ritterschaft war uneinig, sie saen auf den Schlssern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der Stdte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Brger und Bauern sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzugro waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den Bund, dem niemand hold war. Ja es ging sogar die Sage, diese Kriegsmnner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu verhelfen. Es war ein schner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute in einem Wiesental gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunchst gelegen war. Die riesigen schwarzen Tannen und Fhren, die das Tal auf drei Seiten einschlossen, gehrten noch dem Schwarzwald an, und das Flchen, das durch das Tal eilte, war die Wrm. Halb berschattet vom Wald, halb in den Weidenbschen des Tales versteckt, lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt, deren blitzende Lanzen oder rotglhende Lunten schon von weitem Furcht einjagten. In der Mitte des Tales, im Schatten einer Eiche, saen fnf Mnner um einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht fhrt. Diese Mnner zeichneten sich vor ihren brigen Genossen durch breite rote Binden aus, die sie ber die Schulter und Brust herabhngen hatten, sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das zerrissene und morsche Aussehen, wie das der brigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben auf, andere groe Filzhte, mit eisernen Bndern beschlagen, dazu Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle mglichen Schattierungen erhalten hatten. Bei nherem Hinsehen erkannte man brigens noch zwei Dinge, durch welche sie sich von ihren Kameraden unterschieden Sie fhrten nmlich keine Donnerbchsen oder Spiee, wie sie die Landsknechte gewhnlich trugen, sondern Raufdegen von ungemeiner Lnge und Breite. Auch hatten sie, wie es damals die Edelleute und Anfhrer trugen, auf ihren Hten und Sturmhauben bunte, wallende Federbsche aus Hahnenschwnzen, um sich ein ritterliches Ansehen zu geben. Die fnf Mnner schienen groe Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen, vorzglich aber einer, der sich mit dem Rcken an die Eiche lehnte. Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf, dessen Rand sich wie ein bedeutender Mhlstein um den Kopf zog. Der Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmckt, aus welchem zwei ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mute weit in der Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf franzsisch, italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn nmlich mit Pech so zusammengedreht, da er wie zwei eiserne Stacheln auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte. "Canto cacramento!" rief dieser groe Mann mit einem drhnenden Ba, "der kleine Wenzel ist mein Drauf! Ich stech' ihn mit dem Eichelknig." "Mein ist er, mit Verlaub", rief sein Nebenmann, "und der Knig dazu. Da liegt die Eichelsau!" "Mort de ma Vich, zagt der Franzoz; Hauptmann Lffler, Ihr wollt Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schmt Euch, schmt Euch; daz ist ein Rebeller, der das tut. Gott straf mein' Zeel, Ihr wollt mich vom Regiment absetzen?" Der groe Mann funkelte zu diesen Worten grlich mit den Augen, schob seinen groen Hut auf das Ohr, da seine berhngenden Augenbrauen und eine mchtige rote Narbe auf der Stirn sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben. "Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung", antwortete der andere Spieler. "Ihr knnt uns Hauptleuten befehlen, ein Stdtchen zu blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist jeder Landsknecht so gut wie wir." "Ihr zeid ein Meuterer, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf' mein Zeel', und wre es nicht gegen meine Wrde, ich wollt Euch in Kochstcke mazakrieren; aber spielt weiter." "Da liegt ein Dau"--"Drauf der Quater"--"Den stech' ich mit dem Zinken"--"Schellen--Wenzel, wer sticht den'?--"Ich", sprach der Groe, "da liegt der Schellenknig, Mordblei, der Stich ist mein." "Wie bringst Du den Schellenknig rauf?" rief ein kleines, drres Mnnchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen uglein und heiserer Stimme. "Hab' ich nicht gesehen, als Du ausgabst, da er unten lag? Er hat betrogen der lange Peter hat schndlich betrogen". "Muckerle, Hauptmann vom achten Fhnlein! Ich rat Euch, haltet Euer Maul", sagte der Oberst. "Bassa manelka, ich versteh keinen Spa. Die Mauz soll den Lwen nicht erzrnen." "Und ich sag's noch einmal; wo httest Du sonst den Knig her? Vor dem Papst und dem Knig von Frankreich will ich's beweisen; Du falscher Spieler!" "Muckerle", erwiderte der Oberst und zog kaltbltig seinen Degen aus der Scheide, "bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich schlage Dich tot, zo wie daz Spiel auz ist." Die brigen drei Mnner wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Sie erklrten sich fr den kleinen Hauptmann und gaben nicht undeutlich zu verstehen da man dem Obersten wohl dergleichen zutrauen knne. Dieser aber verma sich hoch und teuer, er habe nicht betrogen. "Wenn der heilige Petruz, mein gndiger Herr Patron den ich auf dem Hut trage, sprechen knnte, der wrde mir, zo wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen, da ich nicht betrogen!" "Er hat nicht betrogen", sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu kommen schien. Die Mnner erschraken und schlugen Kreuze wie vor einem bsen Spuk, selbst der tapfere Oberst erbleichte und lie die Karten fallen aber hinter dem Baum trat ein Bauersmann hervor, der mit einem Dolch bewaffnet war und eine Zither an einem ledernen Riemen auf der Schulter hngen hatte. Er sah die Mnner mit unerschrockenen Blicken an und sagte: "Es ist, wie ich sagte, dieser Herr da hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben Schellen- und Eichelknig, Fnfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die Hand." "Ha! Du bist ein wackerer Kerl", rief der Oberst vergngt, "zo wahr ich ein ehrlicher Landsknecht--will zagen Oberst bin--ez ist all' wahr, waz Du gezagt hast." "Was ist denn das?" rief der kleine Hauptmann Muckerle, mit giftigen Blicken. "Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen ohne da unsere Wachen ihn meldeten? Das ist ein Spion, man mu ihn hngen." "Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz ist kein Spioner, komm', zez Dich zu mir. Bist ein Spielmann, daz Du die Cittara umhngst, wie ein Spanier, wenn er zu seinem Schtzerl geht?" "Ja Herr, ich bin ein armer Spielmann. Eure Wachen haben mich nicht angehalten als ich aus dem Wald kam. Ich sah Euch spielen und wagte es, den Herren zuzusehen." Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so hflich mit sich sprechen zu hren, daher faten sie Zuneigung zu dem Spielmann und luden ihn sehr herablassend ein sich zu ihnen zu setzen, denn sie hatten in fremden Kriegsdiensten gelernt, da groe Knige und Feldherren sehr vertraulich mit den Meistern des Gesanges umgehen. Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: "Muckerle, daz soll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht alles vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht weiterspielen, Ihr Herren! Ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie wre ez, wenn wir uns aufspielen lieen?" Die Mnner willigten ein und warfen die Karten zusammen; der Spielmann stimmte seine Zither und fragte, was er singen solle. "Sing ein Lied vom Spiel!" rief Einer. "Weil wir gerade dran sind." Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an: "Von dem Zinken, Quater und A Kommt mancher in des Teufels Ga, Von Quater, Zinken und von Dreien Mu mancher Waffengo schreien, Von A, Se und Dau Hat mancher gar ein des Haus, Von Quater, Drei und Zinken Mu mancher lauter Wasser trinken, Von Zinken, Drei und Quater Weinen oft Mutter, Kind und Vater, von Zinken, Quater und Se Mu Jungfrau, Metz und Agnes Oft gar lang' unberaten bleiben, Will er die Lng' das Spiel betreiben." Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem Spielmann zum Dank die Flasche. "Gott segne es Euch", sagte dieser, indem er die Flasche zurckgab. "Viel Glck zu Eurem Zug; Ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und zieht wieder zu Feld; darf man fragen, gegen wen?" Die Mnner sahen sich an und lchelten, der Oberst aber antwortete ihm: "Ganz unrecht habt Ihr nicht. Wir haben frher dem Bund gedient, jetzt aber dienen wir niemand als uns selbst, und wer Leute braucht, wie wir sind." "Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der Herzog wolle wieder ins Land?" "Aller Hund Krummen komme auf die Schweizer", rief der Oberst, "wie bel sind sie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all seine Hoffnung auf sie gesetzt, und diavolo maledetto, wie haben sie ihn im Stich gelassen bei Blaubeuren!" "Sie haben ihn schndlich verlassen", sagte der Hauptmann Muckerle mit heiserer Stimme, "aber doch so man's beim Licht besieht, so g'schieht ihm wohl halb Recht, denn er sollt sie wohl kennt haben; es leit doch am Tag; da sie kein dick's Brittlein bohren. Der Tfel hol sie all'!" "Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben knnen", entgegnete der Spielmann, "freilich, wenn er solche Herren gehabt htte, wie Ihr und Eure tapferen Fhnlein, da wre der Bund noch bei Ulm." "Du hast da ein wahrez Wort gesprochen guter Gezell! Landsknecht' htte er sollen haben und keine Schwyzer. Und hlt er zich jetzt wieder zu ihnen, zo wei ich, waz ich von ihm halte. Landsknecht htt' er zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr, Magdeburger?" "Dat well ich man och meenen", antwortete der Magdeburger. "Landsknechte oder keener knnen den Heertog wieder eup den Stuhl setzen." "Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten", sagte der Spielmann und lftete ehrerbietig die Mtze, "freilich, Euch Herren sollt' er haben. Aber der Bund wird Euch so gut belohnt haben, da Ihr dem armen Herzog nicht zu Hilfe ziehen mgt." "Gelohnt, socht er?" rief der fnfte Hauptmann und lachte. "Jo, wenn er's Geld von Blech schlagen knnt, der schwbisch Hund! Bei denen gilt's Sprchwort: 'Dien' wohl und ford're keinen Sold, so werden Dir die Herren hold.' "Ich soch, schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn Seine Durchlaucht, der Herr Herzog, mi hoben will, ich steh 'nem z'Dienst wie jedem." "Staberl, du hast recht", sagte der Oberst, und wichste den ungarischen Bart. "Mordblei, die Katz ist gern wo man sie strhlt. Wenn der Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' mein Zeel', unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen." "Nun, das werdet Ihr bald sehen knnen", entgegnete der Bauer, listig lchelnd, "habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?" Der Oberst Peter wurde feuerrot bis in die Stirn "Mordelement! Wer bist denn Du, Menschenkind, daz Du mein Geheimnuz weit? Wer hat Dir gezagt, daz ich zum Herzog schickte?" "Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Was hobt Er denn fr G'heimnis mitenonder, da wir's nit wissen drften. Soch es nur gleich!" "Nun, ich hab' gedacht, ich msse wieder einmal fr Euch alle denken, wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm Namen einen schnen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen knnt'? Dez Monats fr den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut' aber ein Goldglden und tglich vier Maaz alten Wein" "Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen Goldglden monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat dagegen haben. Hast Du Antwort von dem Heertog?" "Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! Wie kamst Du zu meinem Geheimnuz, Bauer? Ich hau' Dir ein Ohr ab, Gott straf' mein Zeel', so tu' ich, wie mein Patron, er heilige Petrus, war auch ein Landsknecht, dem Malchus, der war von den jdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag' schnell, oder ich hau'." "Langer Peter!" rief der kleine Hauptmann Muckerle mit ngstlicher Stimme, "lass' um Gotteswillen den gehen, der ist fest und kann hexen. Ich wei noch wie heut, da wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts, des Ratschreibers, Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein Spatz wurde und ber uns naus flog." "Was?" schrie der tapfere Oberst und rckte von dem Spielmann weg; "Der ist's? Wo dann der Magistrat ausrufen lie, man zolle alle Spatzen totschieen, weil sich ein wrttembergischer Spioner in einen verwandelt habe?" "Der ist's", flsterte Muckerle. "Es ist der Pfeifer von Hardt, ich hab' ihn gleich erkannt." Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so wunderbare Dinge erzhlte, halb ngstlich, halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgebtes Ohr, als da er nicht verstanden htte, was diese Leute unter sich flsterten; aber er tat, als bemerkte er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschftigte sich ruhig mit seiner Zither. Endlich fate sich der lange Peter, wohlbestallter Oberst dieses Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart einige Male, zog dann den ungeheuren Hut vom Kopf und sprach: "Verzeiht doch, lieber Gezelle, wertgeschtzter Pfeifer, das wir so ohne alle Umstnde mit Euch verfahren zind: Konnten wir denn wissen, wen wir da neben uns haben? Zeit vielmal gegrt, hab' schon oft, Gott straf mein' Zeel', gedacht, mchte nur einmal den frtrefflichen Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag als Spatz ausgeflogen." "Ist schon gut", unterbrach ihn der Spielmann unmutig, "lat die alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die Nachricht zu, ich soll Euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen, und wenn Ihr noch geneigt wret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was Ihr ihm vorgeschlagen" "Canto cacramento! Daz ist ein frommer Herr! Ein Goldglden des Monats und tglich vier Maaz Wein? Er soll leben!" "Und wann wird er kommen?" fragte der Hauptmann Lffler. "Wo werden wir zu ihm stoen?" "Wenn kein Unglck geschehen ist, heute noch. Gestern ist er auf Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach: Wenn er sie berwltigt hat, rckt er heute noch weiter." "Schaut! Reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein Ritter!" Die Mnner sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales. Dort sah man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klamm die Eiche hinauf. Von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser bersehen. Noch war der Reiter zu fern, als da er seine Zge htte unterscheiden knnen, aber er glaubte seine Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde erwartete. "Was siehst Du?" riefen die Hauptleute. "Ist es einer, der zufllig durchs Tal reitet, oder glaubst Du, er kommt vom Herzog?" "Richtig, wei und blau ist die Schrpe", sprach der Pfeifer, "das ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei du Goldjunge, willkommen in Wrttemberg! Jetzt sieht er Eure Wachen, jetzt reitet er auf sie zu, schau, wie die Burschen ihre Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen." "Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch. Darf keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne da er Rede steht." "Halt! Jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hierher; er kommt!" Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglhendem Gesicht vom Baum herab "Diavolo maledetto! Bassam terendete! Zie werden ihn doch nicht allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Ro am Zgel fhren nach Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter, der kommt?" "Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich", antwortete der Pfeifer, "und der Herzog ist ihm sehr gewogen." Bei dieser Nachricht standen die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten, Hauptleute zu heien, so wuten sie doch, da sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig seien Der Oberst aber setzte sich gravittisch am Fu der Eiche nieder, strich den Bart, da er hell glnzte, setzte den groen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, sttzte sich auf seinen groen Hieber und erwartete so den Ritter. Kapitel 27 Dem Platz, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst, versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten gefhrt wurde. Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern und die krftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von Stahl verhllt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die wohlbekannten Farben einer Schrpe, die ber den Panzer herablief, die Haltung und das edle, krftige Wesen des Nahenden hatten dem Pfeifer von Hardt lngst gesagt, wen er zu erwarten hatte. Und er tuschte sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete, da der "Edle von Sturmfeder" mit den Anfhrern der gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe. Der lange Peter antwortete im Namen der brigen: "Zag' ihm, er ist willkommen, Peter Hunzinger, der Oberst, Ztaberl von Wien, Konrad, der Magdeburger, Balthasar Lffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte Hauptleute, erwarten ihn zum Gesprch.--Gott straf' mein Zeel', er hat einen schnen Harnisch und einen Helm wie der Knig Franz, aber zein Gaul drfte besser zein, Mordblei! Er ist an allen Vieren steif!" "Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer 'stonden ist in Mmpelgard beim Herzog." Die Mnner belchelten den Witz des Wieners, doch hteten sie sich ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht allzufern. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen und sich ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf und zeigte ein schnes, freundliches Gesicht. "Steht dort nicht Hans der Spielmann?" rief er mit lauter Stimme. "Erlaubt, da er ein wenig zu mir trete." Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich vom Pferd. "Willkommen in Wrttemberg, edler Herr!" rief der Mann von Hardt, indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. "Bringt Ihr gute Botschaft? Ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog." "Komm! Tritt hier ein wenig auf die Seite", sagte Georg von Sturmfeder mit freudiger Hast. "Wie steht es auf Lichtenstein? Denkt sie an mich? Hast Du einen Brief, ein paar Zeilen? Oh, gib schnell! Was lt sie mir sagen, guter Hans?" Der Pfeifer lchelte schlau ber die Ungeduld des liebenden Jnglings. "Einen Brief hab' ich nicht, keine Zeile. Sie ist gesund, und der alte Herr auch; das ist alles, was ich wei." "Wie!" unterbrach ihn Georg. "Keinen Gru? Keine Botschaft? So hat sie Dich gewi nicht ziehen lassen?" "Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Frulein: 'Sag ihm, er soll sich sputen, da er einzieht in Stuttgart.' Sie wurde gerade so rot wie Ihr jetzt, da sie dies sprach." Der junge Mann errtete voll freudiger Gefhle, sein Auge glnzte, und ein freundliches Lcheln zeigte, da er den Sinn dieser Worte verstanden habe. "Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will", sagte er. "Aber wie lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst Du oft auf Lichtenstein, Hans? War sie traurig? Was sprach sie?" "Lieber Herr", antwortete der Mann von Hardt, "geduldet Euch noch auf dem Marsch will ich Euch ein Langes und Breites erzhlen, fr jetzt nur soviel: sobald der Alte hrt, da Ihr auf Stuttgart zieht, will er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zufhren. Denn er zweifelt nicht, da Ihr die Stadt berwltigt. Habt Ihr Heimsheim?" "Wir haben es. Ich jagte mit zwlf Reitern in die Tore, ehe sie sich's versahen. Die Besatzung war zwar etwas strker als wir, aber mutlos und unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und ergaben sich. So weit wren wir nun in Wrttemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?" "Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom Ritter von Lichtenstein da die gewaltigen Herren aus dem Land sind, wit Ihr--" "Sie halten einen Bundestag in Nrdlingen, ist's nicht so? Freilich wissen wir's, denn auf diese Nachricht brach der Herzog aus Baden auf." "Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Muse auf dem Tisch. Die Besatzungen sind berall unbesorgt, an den Herzog denkt kein Bndler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden: den sterreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel, oder ob uns der Stdtebund, Augsburg und Aalen, Nrnberg und Bopfingen, regieren werde." "Welche Augen sie machen werden", rief Georg lchelnd, "wenn der Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten! Sie werden ihre Bchsen auf die Schulter nehmen und 's Regieren sein lassen." "Und die Wrttemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog? Glaubst Du, er wird viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hilfe ziehen?" "Was Brger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft wei ich's nicht, und der alte Herr zuckte die Achseln, wenn ich ihn fragte, und murmelte ein paar Flche. Ich frchte, es steht hier nicht alles, wie es soll. Aber Brger und Bauern, die sind fr den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: 'Hie gut Wrttemberg alleweg', und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben: 'Herzog Ulrich soll leben!'" "'Vom Himmel gefallen', sagst Du?" "So sagt man. Die Bauern hatten groe Freude dran, aber die bndischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen abpressen, woher der Stein des Anstoes komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die Mnner und sagten, jetzt trumen wir von ihm. Alles wnscht ihn zurck, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drcken, als von Fremden die Haut abziehen lassen." "Gut; der Herzog und seine Reiter knnen in wenigen Stunden hier sein. Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt unser, so fllt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten dort? Wollen sie mitziehen?" "Fast htte ich die vergessen", sagte Hans, "sie werden ungeduldig werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Geht doch recht klug mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten. Aber haben wir die Fnfe gewonnen, so sind zwlf Fhnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, mt Ihr gar hflich sein." "Welcher ist der lange Peter?" "Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Hchste unter ihnen." "Ich will mit ihm reden, wie Du sagst", antwortete der junge Mann und ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht, und der kleine Muckerle scho stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schchtern und verlegen, und als er sie endlich mit hflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder fr des Herzogs Sache gewonnen. "Wohlerfahrner Oberst", sprach er, "tapfere Hauptleute der versammelten Landsknechte, der Herzog von Wrttemberg hat sich den Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu bringen--" "Gott straf' mein Zeel', er hat recht; ttz auch zo mochen--" "Er hat den tapfern Arm und die frtreffliche Kriegskunst der Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht sich zu ihnen, da sie ihm mit gleichem Mut jetzt beistehen werden, und verspricht ihnen mit seinem frstlichen Wort, die Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben." "Ein frommer Herr", murmelten sie untereinander mit beiflligem Nicken, "ein Goldgulden des Monats--und Mordblei--tglich vier Ma Wein fr die Hauptleut'!" Der Oberst stand auf, entblte sein kahles Haupt zum Gru und sprach, von manchem Ruspern der Verlegenheit unterbrochen: "Wir danken Euch, hochedler Herr, wollen's tun, wollen mitziehen--wir wollen dem schwbischen Bund heimgeben, was er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und tapfersten, wie auch frtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt, als brauchten sie keine Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel der Hauptmann Lffler. Wenn'z einen tapferern Landsknecht gibt in der Christenheit, zo la ich mir die Haut vom Leib schlen und la mich braten wie eine Zau. Da steht der Staberl von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond.-- Da ist dann der Magdeburger, wie der ficht keiner in der Trkei--und der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schtz mit der Donnerbchs und trifft auf vierzig Gng' ins Schwarze.--Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt, aber Bassa manelka in Spanien und Holland hab' ich gedient und Canto cacramento in Italien und Deutschland, Mordblei! In jedem Heer kennt man den langen Peter. Gott straf' mein Zeel', wenn ich und die andern hinter den schwbischen Hund, wollt' zagen Bund, kommen, diavolo maledetto! Da werden zieh daz Hazenpanier ergreifen und mit den Abstzen hinter sich hauen!" Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine Musterung ber das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall der ungeheuern Trommeln tnte durchs Tal und weckte die Schlfer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn ber ihnen zu schweben, denn in wenigen Augenblicken hatten sie sich zu drei groen Kreisen gebildet, die je aus vier Fhnlein bestanden. Die Landsknechte waren nach ihrem Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig Gleichfrmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewhnlich enge Wmse von Leder oder auch Lederwesten mit rmeln von grobem Tuch Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am Knie zugebunden, durch ihre eigene Schwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen Waden umgaben grobe Strmpfe von hellen Farben, und die Fe waren mit groben Bundschuhen von ungefrbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermtze, eine erbeutete oder fr eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf, und die brtigen Gesichter dieser Mnner, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen khnen, martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil war auch mit Donnerbchsen bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte. So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fu an Fu geschlossen, wie ein festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der Anblick dieser kampfgebten Mnner, die wohl zu wissen schienen, da sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden furchtbar seien. Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer frheren Anfhrer wohl im Gedchtnis behalten Sie traten daher mit dem jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weittnende Ba des langen Peters befahl: "Gebt acht Ihr Leut! Kehrt Euch um!" Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs von Wrttemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, da sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von Wrttemberg so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute lieen jetzt auch einige bungen machen, und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest, man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch viel weiterbringen. Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, da man unten im Tal, von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen. "Das ist der Herzog", rief Georg, "fhrt mein Pferd vor; ich will ihm entgegenreiten." Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rstung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, solange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den Bschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen nher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhhe, und man konnte die ganze Schar bersehen. Der Pfeifer von Hardt schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte sich die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar. "Welcher ist der Herzog?" fragte dieser. "Ist's der auf dem Mohrenschimmel?" "Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von Wrttemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, der Junker von Sturmfeder darf es tragen!" "Daz ist eine groe Ehre! Mordblei, ist erst fnfundzwanzig und darf die Fahne tragen! In Frankreich darf daz nur der Connetabel tun, der erste Mann nach dem Knig Franz. Dort heit man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulrich?" "Seht Ihr den im grnen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem Helm? Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns--seht, das ist der Herzog." Die Reiterschar mochte ungefhr vierzig Pferde betragen. Sie bestand meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich ihm angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Wrttembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf dreihundert Schritt nahe war; erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: "Gebt acht, Ihr Leut'. Wenn Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom Scheitel reie, so schreit: 'Vivat Ulricus!', schwenkt die Fhnlein in der Luft, und Ihr Trommler, rasselt auf Euren Fellen, da Euch das Donnerwetter! Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung, Bassa manelka! Haut drauf und wenn der Schlegel bricht--zo begren die tapfren Landsknecht einen Frsten." Diese kurze Anrede tat ihre Wirkung, die kriegerische Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schttelten ihre Hellebarden, stampften ihre Bchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler faten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannertrger von Wrttemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Ro, erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit khnen, gebietenden Blicken Herzog Ulrich von Wrttemberg sich zeigte, da entblte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fhnlein neigten sich zum Gru, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges 'Vivat Ulricus!'. Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht auf diese kriegerischen Gre gehrt, seine ganze Seele schien nur in seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an, blickte um sich und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den Bgel zum Absteigen und sprach "Hie gut Wrttemberg alleweg!" "Ha! Bist Du es, Hans, mein Geselle im Unglck, der mir den ersten Gru von Wrttemberg bringt? Meine Edlen habe ich hier erwartet, da sie mich begren bei meinem ersten Schritt auf wrttembergischem Grund, meinen Kanzler und meine Rte. Wo sind die Hunde? Die Stnde meiner Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bgel zu halten, als der Bauer?" Seine Begleiter drngten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn so sprechen hrten. Sie wuten nicht, war es Ernst oder bitterer Scherz ber sein Unglck. Sein Mund schien zu lcheln, aber sein Auge blitzte mutig, und seine Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen einander wegen dieser dsteren Laune zweifelnd an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte seinem Herrn: "Diesmal ist's nur der Bauer, der Euch auf Wrttembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein treues Herz und eine feste Hand! Die andern werden schon auch kommen, wenn sie hren, da der Herr Herzog wieder im Land ist." "Meinst Du", sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich vom Pferd schwang, "sie werden auch kommen? Bis jetzt haben Wir wenig Kunde davon. Aber ich will anklopfen an ihren Tren, da sie merken sollen, es ist der alte Herr, der in sein Haus will!" "Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?" fuhr er fort, indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete. "Sie sind nicht bel bewaffnet und sehen mnnlich aus. Wieviel sind es?" "Zwlf Fhnlein, Euer Durchlaucht", antwortete der Oberst Peter, der noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den ungarischen Bart zwirbelte. "Lauter gebte Leut'. Gott straf' mein Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht hab', der Knig in Frankreich hat sie nicht besser." "Wer bist denn Du?" fragte ihn der Herzog, der die groe, dicke Figur mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute. "Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz; man nennt mich den langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter--" "Was, Oberst! Diese Narrheit mu aufhren. Ihr mgt mir wohl ein tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich selbst will Euer Oberst sein, und zu Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen." "Bassa manelk--tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber erlaubt, Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort, daz ist gegen unsern Pakt mit dem Goldglden monatlich und den vier Maaz Wein tagtglich. Da steht zum Beispiel der Staberl aus Wien, z'gibt keinen Tapfereren unter dem Mond--" "Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldglden und den Wein soll mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig bekommen. Nur den Befehl mt Ihr abgeben. Habt Ihr Pulver und Kugeln?" "Das will ich meenen!" sagte der Magdeburger. "Wir haben noch von Eurer Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, was wir in Tbingen mitgenommen. Wir haben Munition auf achtzig Schu fr den Mann." "Gut. Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, Ihr teilt Euch in die Knechte, jeder nimmt sechs Fhnlein. Ihr da, die Ihr Euch Hauptleute nennt, knnt bei den einzelnen Fhnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen, seid so gut und nehmt den Oberbefehl ber das Fuvolk. Jetzt geraden Weges auf Leonberg. Freu Dich, mein treuer Bannertrger", sagte Ulrich als er sich aufs Pferd schwang, "so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart ein." Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog weiter. Der lange Peter stand noch immer unverrckt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen Hahnenfeder in der Hand, und schaute den Reitern nach. "Das ist einmal ein Frst!" sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm standen "Waz der fr eine gewaltige Stimme hat und wie er grulich mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich meinte, er wollt' mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich fragte: Wer bist denn Du?" "Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser ber mein Leib schtten tt. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so g'waltig wie der da!" "Also Hauptleut' sind wer g'wesen", sprach der Hauptmann Muckerle, "die Herrlichkeit hat nit lang dauert." "Narr! Daz ist mir recht. Wrde bringt Brde, zagt ein Sprichwort, die andern haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben; Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat alles ein besseren Schick, wenn'z die Herren anfhren. Den Goldglden und die vier Maaz haben wir ja doch und daz bleibt die Hauptsache." "Dat meen' ich ooch! Und dat haben wer dem langen Peter zu verdanken Er soll leben!" "Dank' schn, aber daz zag ich der Herr wird dem Bund aufznden, Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die Stdter allein auz dem Land! Und zeine Rte und Kanzler und die Landschaft! Habt Ihr gehrt, wie grulich er ber die geflucht hat? Ich mcht' in keinez Haut stecken." Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gesprch dieser tapferen Krieger. Diese Tne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der lange Peter war in seinen vielen Feldzgen so sehr an den Wechsel von Glck und Unglck von Hoheit und Niedrigkeit gewhnt worden, da er ber den Sturz seines Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm er die Hahnenfeder von dem groen Hut, legte die rote Schrpe und den langen Hieber, die Zeichen seiner Wrde, ab und ergriff eine Hellebarde. "Gott straf mein Zeel', ez ist schwer fr einen Kerl wie ich zwlf Fhnlein zu regieren", sagte er, als er sich wieder als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. "Aber bei Sankt Petrus, dem trefflichen Landsknecht--er mu jetzt auch Oberst zein in den himmlischen Heerscharen Kyrie Eleyzon! Der Mensch mu allez probieren auf Erden." Die Landsknechte schttelten ihm die Hand und besttigten es. Es tat seinem tapfren Herzen wohl, zu hren, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre Anfhrer, saen auf und stellten sich zu ihren Fhnlein, die Landsknechte richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch und Ludwig von Gemmingen lie die Trommeln zum Aufbruch rhren. Kapitel 28 Es war in der Nacht vor Mari Himmelfahrt, als Herzog Ulrich vor dem Rothenbhltor in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zug schnell das Stdtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter gedrungen. Viel Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, da der Herzog wieder im Land sei. Jetzt erst zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn berall wurde die Freude laut, da das gehssige Regiment des Bundes ein Ende habe, da das angestammte Frstenhaus sich wieder in seine alten Rechte einsetze. Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der Stadt befand, wute nicht, wessen er sich vom Herzog zu versehen hatte. Die bergabe von Tbingen war noch in zu frischem Gedchtnis, als da er ganz unbesorgt gewesen wre. Aber die Erinnerung an den glnzenden Hof Ulrichs von Wrttemberg, an die frhlichen Tage, die sie dort verlebt hatten; der Vergleich dieser Zeit mit dem freudenlosen Leben der Bundesrte mochte sie fr den Herzog gnstig stimmen, wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwnschen. Die Brgerschaft konnte ihre Freude ber diese Nachrichten kaum verbergen; sie verlieen ihre Huser, traten haufenweise auf den Straen zusammen und besprachen sich ber die Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften leise, aber weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre Fuste in der Tasche und waren beraus patriotisch gesinnt. Auch tat ihnen der Gedanke wohl, da von ihrer Entscheidung fr den einen oder den andern Teil so viel abhnge, weil man im ganzen Land auf die Stuttgarter sehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die bndische Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen, aber sie sprachen zueinander: "Gevatter, wart nur, bis es Nacht wird, da wollen wir den Reichsstdtern zeigen, wo sie her sind, wir Stuttgarter." Dem bndischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, entging diese Bewegung unter den Brgern nicht. Zu spt sah er ein, wie tricht man getan habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstnde, die noch zu Nrdlingen versammelt waren, und begehrte Hilfe, aber er selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu knnen, bis ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige Anstalten zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemhungen. Als er sah, da er den Brgern nicht trauen knne, da ihm der Adel nicht beistehe, da die Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche, entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesrten nach Elingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim, da sie sogar ihre Familien zurcklieen, und niemand in der Stadt ahnte, da der Statthalter und die Rte nicht mehr in den Mauern seien; daher waren die Anhnger des Bundes noch immer getrosten Mutes und glaubten nicht an die Gerchte von der schnellen Annherung des Herzogs. Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar hatten sich schon zwei groe Vorstdte, die Sankt Leonhards- und die Turnieracker-Vorstadt, um sie gelagert, welche mit Graben, Mauern und starken Toren versehen, das Ansehen eigener Stdte bekommen hatten. Aber noch standen die Ring-mauern und Tore der Altstadt, und ihre Brger sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstdter. Der Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen Gelegenheit die Brger sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend vor Mari Himmelfahrt strmten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo der Brger noch mit der Wehr an der Seite auftreten durfte, hatte sein ffentlich gesprochenes Wort auch mehr zu bedeuten als in spteren Tagen, wo Tinte, Feder und Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Brger von Stuttgart waren bei Nacht und in Waffen versammelt, ganz andere Leute als morgens. Mancher, der, htte man ihn vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete: "Was geht es mich an, bin ein friedlicher Brgersmann", erhob jetzt seine Stimme und schrie: "Wir wollen dem Herzog die Tore ffnen, fort mit den Bndischen! Wer ist ein guter Wrttemberger?" Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihr in die Lfte: Noch schienen sie unschlssig, vielleicht weil keiner khn genug war, sich an die Spitze zu stellen. Aus den hohen Giebelhusern, die den Platz einschlossen, schauten viele hundert Kpfe auf den Markt hernieder. Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verstndlicher; der Ruf: "Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und die Stadt dem Herzog auftun", immer deutlicher, da sah man einen langen hageren Mann auf eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge berragte. Er focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehr. Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte aus seiner Rede: "Was? Die ehrsamen Brger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen-- habt Ihr nicht dem Bund geschworen. Wem wollt Ihr die Tore ffnen? Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein Geld, um Leute zu bezahlen, und da mt dann Ihr wieder den Beutel auftun und blechen! Da wird's heien, Stuttgart zahlt zehntausend Gulden, weil es von Uns abgefallen ist. Hrt Ihr? Zehntausend Gulden sollt Ihr zahlen!" "Wer ist denn der lange Kerl?" fragten sich die Mnner.--"Er hat nicht unrecht--werden tchtig zahlen mssen--Ist er ein Brger, der da oben? Wer seid Ihr", rief einer der Khnsten. "Woher wollt Ihr wissen, was wir zahlen mssen?" "Ich bin der berhmte Doktor Calmus", sprach der Redner mit feierlicher Stimme, "und wei das ganz genau; und wen wollt Ihr vertreiben? Den Kaiser, das Reich, den Bund? So viele reiche Herren wollt Ihr vor den Kopf stoen? Und warum? Wegen dem Utz, der Euch das Fell ber die Ohren zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt in Mmpelgard--" "Halt Er sein Maul!" schrien die Brger. "Was geht das Ihn an? Er ist kein hiesiger Brger; fort mit dem Kahlmuser--schlagt ihn tot-- werft ihn als Fisch in den Brunnen--der Herzog soll leben!" Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme; aber die Brger berschrien ihn. In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Brger aus der obern Stadt herabgerannt. "Der Herzog ist vor dem Rothenbhltor", riefen sie, "mit Reitern und Fuvolk. Wo ist der Stadthalter? Wo sind die Bundesrte? Er will in die Stadt schieen, wenn man nicht aufmacht! --Fort mit den Bndischen!--Wer ist gut wrttembergisch?" Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Brger schienen noch unschlssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner Herr, der durch sein schmuckes ueres einen Augenblick den Brgern imponierte: "Bedenkt, Ihr Mnner", rief er mit seiner Stimme, "was wird der durchlauchte Bundesrat dazu sagen, wenn Ihr--" "Was scheren wir uns um den Durchlauchten" berschrie man ihn "Fort! Reit ihn herab mit dem rosenfarbenen Mntelein und dem glatten Haar, das ist ein Ulmer! Fort mit ihm--auf ihn, er ist von Ulm!" Aber ehe sie noch diesen Entschlu ausfhrten; trat ein krftiger Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem rosenfarbenen Mntelein links von der Bank, und winkte mit der Mtze in die Luft. "Still! Das ist der Hartmann", flsterten die Brger, "der versteht's, hrt, was er spricht!" "Hrt mich", sprach dieser. "Der Stadthalter und die Bundesrte sind nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen, drum greift die beiden da, wir wollen sie als Geiseln behalten Und jetzt hinauf ans Rothebhltor. Dort steht unser rechter Herzog, 's ist besser, wir machen selbst auf, als da er mit Gewalt eindringt. Wer ein guter Wrttemberger ist, folgt mir nach!" Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge. Die beiden Frsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen, gebunden und fortgefhrt. Jetzt ergo sich der Strom der Brger vom Marktplatz zum obern Tor, hinaus ber den breiten Graben der alten Stadt in die Turnierackervorstadt, am Bollwerk vorbei zum Rothenbhltor. Die bndischen Knechte, die das Tor besetzt hielten, wurden schnell bermannt, das Tor ging auf, die Zugbrcke fiel herab und legte sich ber den Stadtgraben. Dort hatten indessen die Anfhrer des Fuvolks ihre besten Truppen aufgestellt, man wute nicht genau, wie die Bndischen sich bei der Annherung des Herzogs benehmen wrden. Ulrich selbst hatte die Posten beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu berzeugen, da die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, da sie ihnen nicht die Spitze bieten knne, vergeblich stellte er ihm vor, da die Brger ihn zurcksehnen und willig ihre Tore ffnen wrden. Der Herzog schaute finster in die Nacht hinaus, prete die Lippen zusammen und knirschte mit den Zhnen. "Das verstehst du nicht!" murmelte er dem Jngling zu. "Du kennst die Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand als Dir selbst. Sie drehen den Mantel nach jedem Wind!--Aber diesmal will ich sie lassen. Meinst Du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rcken angesehen?" Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglck war er fest, sogar mild und sanft gewesen; hatte von manchem schnen Brauch gesprochen, den er einfhren wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte selten Zorn ber seine Feinde, beinahe nie Unmut ber die Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es, da mit dem Anblick der vaterlndischen Gegenden auch das Gefhl der Krnkung strker als zuvor in ihm erwachte, sei es, da es ihm unangenehm auffiel, da der Adel und die Stnde noch nichts hatten von sich hren lassen; er war, seit er die Grenzen Wrttembergs berschritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus seinen Augen, seine Stirn war finster, und eine gewisse Strenge und Hrte im Urteil fiel seiner Umgebung, besonders Georg von Sturmfeder, auf, der sich in diese neue Seite von Ulrichs Charakter nicht gleich zu finden wute. Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen, die er ihnen gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hrte nur ein ngstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute noch bse Zeichen deuten konnte. Der Herzog ritt zu den Landesknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren Hellebarden und Donnerbchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie fhrten, standen am Graben und hielten durch ihre Anwesenheit die Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg ngstlich Ulrichs Zge. Die Ader auf seiner Stirn war aufgelaufen, eine tiefe Rte lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in dsterer Glut. "Hewen! Lat Leitern anschleppen", sagte er mit dumpfer Stimme. "Der Donner und das Wetter! Es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und die Hunde wollen mich nicht einlassen. Ich la noch einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich auf, so schmei' ich Feuer in die Stadt, da ihre Kfige zusammenbrennen." "Bassa manelka! Waz mich daz freut!" sagte der lange Peter, der in der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden. "Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den Hellebarden ber die Mauer gestochen, da die Kerl herunter mssen, mit den Bchsen drein gepfeffert, Canto cacramento!" "Dat will it meenen!" flsterte der Magdeburger, "und dann hinunter in die Stadt, angezndet an den Ecken, geplndert, gebrstet, da will ik man ooch bei sin." "Um Gottes willen, Herr Herzog", rief Georg von Sturmfeder, welche die Reden des Herzogs und die gruliche Freude der Landesknechte wohl vernommen hatte. "Wartet nur noch ein kleines Viertelstndchen, es ist ja Eure eigene Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch." "Was haben sie sich lange zu beraten?" entgegnete Ulrich unwillig, "Ihr Herr ist hier auen vor dem Tor und fordert Einla. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt. Georg! Breite mein Panier aus im Mondschein, la die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letzten Mal auf! Und wenn ich dreiig zhle nach Deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so strmen wir. Spute Dich, Georg!" "Oh, Herr! Bedenkt eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie lange habt Ihr in diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten? Gebt noch Frist." "Ha!" lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem Stahlhandschuh auf den Brustharnisch, da es weithin tnte durch die Nacht. "Ich sehe, Dich gelstet nicht sehr, in Stuttgart einzuziehen und Dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell ans Werk! Ich sag', roll mein Panier auf! Blast, Trompeter, blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, da sie merken, ein Wrttemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und Reich in sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!" Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor den Graben und rollte das Panier von Wrttemberg auf. Die Strahlen des Mondes schienen es freundlich zu begren, sie beleuchteten es deutlich und zeigten seine Felder und Bilder. Auf einer groen Fahne von roter Seide war Wrttembergs Wappen eingewoben. Der junge Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die verschlossene Pforte. Im Tor ffnete sich ein Fenster, man fragte nach dem Begehr. Georg von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: "Ulrich von Gottes Gnaden, Herzog zu Wrttemberg und Teck, Graf zu Urach und Mmpelgard, fordert zum zweiten und letzten Mal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und sogleich die Tore zu ffnen. Widrigenfalls wird er die Mauer strmen und die Stadt als feindlich ansehen." Noch whrend Georg dieses ausrief, hrte man das verworrene Gerusch vieler Tritte und Stimmen in der Stadt; es kam nher und nher und wurde zum Tumult und Geschrei. "Gott straf' mein Zeel', zie machen einen Auzfall!" sagte der lange Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden. "Du knntest recht haben", erwiderte dieser, indem er sich pltzlich zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. "Schliet dichter an, streckt die Piken vor und haltet die Lunten bereit. Wir wollen sie empfangen nach Verdienst." Die ganze Linie zog sich vom Graben zurck, nur die drei ersten Fhnlein stellten sich da, wo die Zugbrcke sich ans Land legen mute, auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen, und die Schtzen hatten die Donnerbchsen aufgelegt und hielten die Lunten ber dem Zndloch. Tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite, desto brausender drang der Lrm aus der Stadt herber. Die Brcke fiel herab; aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herberdrangen, sondern drei alte graue Mnner kamen aus dem Tor; sie trugen das Wappen der Stadt und die Schlssel. Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu, Georg folgte ihm. Zwei dieser Mnner schienen Ratsherren oder Brgermeister zu sein. Sie beugten das Knie vor dem Herrn und berreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen Dienern und sagte zu den Brgern: "Ihr habt Uns etwas lange vor der Tr warten lassen. Wahrhaftig, Wir wren bald ber die Mauer gestiegen und htten eigenhndig Eure Stadt zu Unserem Empfang beleuchtet, da Euch der Rauch die Augen htte beizen sollen. Der Teufel! Warum liet Ihr Uns so lange warten?" "Oh Herr!" sagte einer der Brger. "Was die Brgerschaft betrifft, die war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben aber etliche vornehme Herren vom Bund hier, die hielten lange und gefhrliche Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat so lange verzgert." "Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, da Ihr sie habt entkommen lassen! Mich gelstet, ein Wort mit ihnen zu sprechen." "Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserem Herrn schuldig sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, da wir sie bringen?" "Morgen frh ins Schlo! Will sie selbst verhren; schickt auch den Scharfrichter; werde sie vielleicht kpfen lassen." "Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!" sprach hinter den beiden Brgern eine heisere krchzende Stimme. "Wer spricht da mir ins Wort?" fragte der Herzog und schaute sich um; zwischen den beiden Brgern trat eine sonderbare Gestalt heraus. Es war ein kleiner Mann, der den Hcker, womit ihn die Natur geziert hatte, unter einem schwarzen seidenen Mantel schlecht verbarg. Ein kleines spitzes Htlein sa auf seinen grauen, schlichten Haaren, tckische uglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen, und der dnne Bart, der ihm unter der vorspringenden Adlernase hing, gab ihm das Ansehen eines sehr groen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit lag auf seinen eingeschrumpften Zgen, als er vor dem Herzog das Haupt zum Gru entblte, und Georg von Sturmfeder fate einen unerklrlichen Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten Anblick. Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: "Ha! Ambrosius Volland, Unser Kanzler! Bist Du noch am Leben? Httest zwar frher schon kommen knnen, denn Du wutest, da Wir wieder ins Land dringen --aber sei Uns deswegen dennoch willkommen." "Allerdurchlauchtigster Herr!" antwortete der Kanzler Ambrosius Volland, "bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, da ich beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeiht daher Euer -" "Schon gut, schon gut!" rief der Herzog lachend. "Will Dich schon vom Zipperlein kurieren. Komm morgen frh ins Schlo. Jetzt aber gelstet Uns, Stuttgart wiederzusehen. Heran, mein treuer Bannertrger!" wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg. "Du hast treulich Wort gehalten bis an die Tore von Stuttgart. Ich will's vergelten Bei St. Hubertus, jetzt ist die Braut Dein nach Recht und Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf meinem Schlo und jenes bndische Banner in den Staub treten! Gemmingen und Hewen, Ihr seid heute Nacht noch meine Gste. Wir wollen sehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund noch ein Restchen Wein briggelassen haben!" So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die seinem Zug gefolgt waren, wieder durch die Tore seiner Residenz. Die Brger schrien Vivat, und die schnen Mdchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum groen rgernis ihrer Mtter und Liebhaber; denn alle dachten, diese Gre glten dem schnen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug und, beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg, der Lindwurmtter, aussah. Kapitel 29 Das alte Schlo zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebude wurde erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgefhrt. Das Schlo der alten Herzoge von Wrttemberg stand brigens an derselben Stelle und war in Plan und Ausfhrung nicht sehr verschieden von Christophs Werk, nur da es zum grten Teil aus Holz gebaut war. Es war umgeben von breiten und tiefen Grben, ber welche eine Brcke in die Stadt fhrte. Ein groer, schner Vorplatz diente in frheren Zeiten dem frhlichen Hof Ulrichs zum Tummelplatz fr ritterliche Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern Teilen des Gebudes aus. Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und gewlbt wie eine Kirche, da die Ritter in dieser "Tyrnitz" bei Regentagen fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuern Lanzen ungehindert darin handhaben konnten. Von der Gre dieser frstlichen Halle zeugt die Aussage der Chronisten, da man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische gedeckt habe. Von da fhrte eine steinerne Treppe aufwrts, so breit, da zwei Ritter nebeneinander hinaufreiten konnten. Dieser groartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien die zum Tanz und Spiel eingerichtet waren. Georg ma mit staunenden Augen diese verschwenderische Pracht der Hofburg. Er verglich den Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen Hfen, diesen Slen; wie klein und gering kam er ihm vor! Er erinnerte sich der Sage von der glnzenden Hofhaltung Ulrichs, von seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schlo siebentausend Gste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste, wo in dem hohen Gewlbe der Tyrnitz und in dem weiten Schlohof einen ganzen Monat lang Ritterspiele und Gelage gehalten wurden, und wenn der Abend einbrach, hundert Grafen Ritter und Edelleute mit Hunderten der schnsten Damen in jenen Slen und Galerien tanzten. Er blickte hinab in den herrlichen Schlogarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie bevlkerte diese Lustgehege und Gnge mit jenem frhlichen Gewimmel des frhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter, mit den festlich geputzten Frulein, mit allem Jubel und Sang, der einst hier erscholl. Aber wie de und leer deuchten ihm diese Mauern und Grten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie verglich. Die Gste der Hochzeit, der glnzende, lustige Hof ist verschwunden, sprach er zu sich, die frstliche Gemahlin ist entflohen, der glnzende Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten sind von dem Frsten abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen--er selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brtet Rache an seinen Feinden und wei nicht, wie lange er nur in dem Haus seiner Vter bleiben wird. Ob nicht aufs neue seine Feinde noch mchtiger heranziehen, ob er nicht noch unglcklicher wird als je zuvor! Vergeblich strebte der Jngling, diese trben Gedanken, welche der Widerspruch der Pracht seiner Umgebung mit dem Unglck des Herzogs in ihm erweckt hatte, zu unterdrcken. Vergebens rief er das Bild jenes holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, vergeblich malte er sich sein husliches Glck an ihrer Seite mit den lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trben Bilder kehrten immer wieder. Sei es, da jener Mann durch die Erhabenheit, die er im Unglck gezeigt hatte, einen so groen Raum in der Brust des Jnglings gewonnen hatte, sei es, da ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem unwillkrlichen Gefhl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst, und es war ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glcklich, als msse er ihn vor irgendeinem drohenden Unglck warnen. "So beraus ernst, junger Herr?" fragte eine heisere Stimme hinter ihm, und weckte ihn aus seinen Gedanken. "Ich dchte doch, Georg von Sturmfeder htte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!" Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab--auf den Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch berladenen Putz seine Migestalt noch mehr herausgehoben hatte. Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit sem Lcheln hinaufsah, und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen fortfuhr: "Ihr kennt mich vielleicht nicht, wertgeschtzter junger Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr. Durchlaucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wnschen." "Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viel Ehre fr mich, wenn Ihr Euch deswegen her bemhtet." "Ehre, wem Ehre gebhrt! Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in aller Not und Fhrlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine sonderliche Verehrung." "Ihr httet das wohlfeiler haben knnen; wenn Ihr mitgezogen wret nach Mmpelgard", erwiderte Georg, den die Lobsprche dieses Mannes beleidigten. "Treue mu man nie loben, eher Untreue schelten." Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grnen Augen des Kanzlers, aber er fate sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit. "Jawohl, das mein' ich auch. Was mich betrifft, so lag ich am Zipperlein hart danieder und konnte also nicht nach Mmpelgard reisen. Werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen; dem Herrn desto ttiger zur Hand gehen." Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten. Aber der Jnglig schwieg und ma ihn nur hin und wieder mit einem Blick, den er nicht recht ertragen konnte. "Nun, Euch wird die Freude erst recht angehen. Der Herzog hlt erstaunlich viel von Euch! Natrlich, Ihr verdient es auch im hchsten Grad, und der Herzog hat seinen Liebling gut gewhlt. Wollt doch erlauben, da Ambrosius Volland Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von schnen Waffen? Kommt in meine Behausung auf dem Markt, whlt Euch aus meiner Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schne Bcher, habe einen ganzen Kasten voll, whlt Euch aus, was Ihr wollt, wie es unter Freunden gebruchlich. Et auch zuweilen bei mir zu Mittag, meine Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hlt mir Haus. Seht ihr nur, hi, hi, hi--seht ihr nur nicht zu tief in die Augen." "Seid ohne Sorgen, bin schon versehen." "So? Ei das ist recht christlich gedacht; das mu ich loben Man trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend. Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir zusammen; so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Versteht mich schon! Hi, hi, eine Hand wscht die andere. Darber lt sich noch sprechen. Ihr beehrt mich doch zuweilen mit einem Besuch?" "Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler." "Wrde mich gerne noch lnger bei Euch aufhalten, denn in Eurer Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz, mu aber jetzt zum Herrn. Er will heute frh Gericht halten ber die zwei Gefangenen, die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben; der Beltle ist schon bestellt." "Der Beltle?" fragte Georg, "wer ist er?" "Das ist der Scharfrichter, wertgeschtzter junger Freund." "Ich bitte Euch! Der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!" Der Kanzler lchelte grauenerregend und antwortete: "Was das wieder Eurem frtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht. Man mu ein Exempel statuieren. Der eine", fuhr er mit zarter Stimme fort, "der eine wird gekpft, weil er von Adel ist, der andere wird gehngt. Beht Euch Gott, Lieber!" So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten die Galerie entlang den Gemchern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit dsteren Blicken nach. Er hatte gehrt, da dieser Mann frher durch seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Knste, groen Einflu auf Ulrich gewonnen htte. Er hatte den Herzog selbst oft mit groer Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen hren. Aber er wute nicht warum, er frchtete fr den Herzog, wenn er sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tcke und Falschheit in seinen Augen gelesen zu haben. Er sah gerade den Hcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke schweben, als eine Stimme neben ihm flsterte: "Traut dem Gelben nicht!" Es war der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte. "Wie? Bist Du es, Hans?" rief Georg und bot ihm freundlich die Hand. "Kommst Du ins Schlo, uns zu besuchen? Das ist schn von Dir, bist mir wahrhaftig lieber als der mit dem Hcker. Aber was wolltest Du mit dem Gelben, dem ich nicht trauen solle?" "Das ist eben der mit dem Hcker, der Kanzler, der ist ein falscher Mann. Ich habe auch den Herzog gewarnt, er soll nicht alles tun, was er ihm rt; aber er wurde zornig, und es mag wahr sein, was er sagte." "Was sagte er denn? Hast Du ihn heute schon gesprochen?" "Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerhrt und erinnerte sich an die Tage seiner Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade ausbitten. Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da sage ich, weil ich nichts anders wute, er solle mich meinen Fuchs frei schieen lassen und es nicht strafen als Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das knne ich tun, das sei aber keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da fate ich ein Herz und antwortete: Nun, so bitt' ich, Ihr mgt dem schlauen Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen. Denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er meint es falsch." "So geht es mir gerade auch", rief Georg. "Es ist, als wolle er mir die Seele ausspionieren mit den grnen Augen, und ich wette, er meint es falsch. Aber was gab Dir der Herzog zur Antwort?" "'Das verstehst Du nicht', sagte er und wurde bse. 'In Klften und Hhlen magst Du wohl bewandert sein; aber im Regiment kennt der Kanzler die Schliche besser als Du.' Kann sein, ich habe unrecht, und es soll mir lieb sein um den Herzog. Nun lebt wohl, Junker, Gott sei mit Euch! Amen!" "Und wolltest Du so gehen? Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit bleiben? Ich erwarte den Vater und das Frulein heute. Bleibe noch ein paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!" "Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines Ritters? Zwar knnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als ich, und mein Haus verlangt nach mir." "Nun; so lebe wohl! Gre mir Dein Weib und Brbele, Dein schmuckes Tchterlein, und besuche uns fleiig auf Lichtenstein. Gott sei mit Dir." Dem Jngling hing eine Trne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum Abschied bot, denn er hatte in ihm einen krftigen biederen Mann, einen treuen Diener seines Frsten, einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heiteren Gesellen im Unglck erkannt. Wohl schwebte ihm noch manche Frage ber das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, ber seine wunderbare Anhnglichkeit an den Herzog auf den Lippen; aber er unterdrckte sie, berwltigt von jener unerklrlichen Macht, von jener natrlichen Gre und Wrde, welche den Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers umgab. "Noch eins!" rief Hans, als er eben nach dem letzten Hndedruck des Junkers scheiden wollte. "Wit Ihr auch, da Euer ehemaliger Gastfreund und zuknftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?" "Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hierher kommen? Er ist ja bndisch." "Er ist hier, und nicht gerade in anmutigsten Umstnden denn er sitzt gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs, soll er fr den Bund ffentlich gesprochen haben." "Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? Da mu ich schnell zum Herzog, er richtet schon ber ihn, und der Kanzler will ihn kpfen lassen. Gehab' Dich wohl!" Mit diesen Worten eilte der Jngling den Korridor entlang zu den Gemchern des Herzogs. Er war in Mmpelgard zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Torhter ehrerbietig Platz. Er trat hastig in das Gemach. Der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig an; der Kanzler aber hatte das ewige se Lcheln wie eine Larve vorgehngt. "Guten Morgen, Sturmfeder!" rief der Herzog, der in einem grnen, goldgestickten Kleid, den grnen Jagdhut auf dem Kopf, am Tisch sa. "Hast Du gut geschlafen in meinem Schlo? Was fhrt Dich schon so frh zu Uns? Wir sind beschftigt." Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer umhergeschweift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke gefunden. Er war bla wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar hing in Verwirrung herab, und ein rosenfarbiges Mntelein, das er ber ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf einen rhrenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte er sagen: "Mit mir ist's aus!" Neben ihm standen noch einige Mnner, und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von Peter, dem tapfern Magdeburger, und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten. "Ich sag', Wir haben zu tun", fuhr der Herzog fort. "Was schaust Du nur immer nach dem rosenfarbigen Menschenkind? Das ist ein verstockter Snder. Das Schwert wird schon fr ihn gewetzt." "Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort", entgegnete Georg, "Ich kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut fr ihn verbrgen, da er ein friedlicher Mann ist, und gewi kein Verbrecher, der den Tod vediente." "Bei St. Hubertus, das ist khn! Die Natur hat sich gendert. Mein Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?" "Hi, hi! Ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spa machen wollen. Wei aus frherer Zeit, da Ihr einen kleinen Scherz liebt. Nun der liebe gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem Rosenfarbigen. Majesttsverbrechen! Wird halt doch gekpft, der im Mntelein." "Herr Kanzler", rief der Jngling, vor Unmut glhend, "der Herr Herzog wird mir bezeugen knnen, da ich mich nie zum Schalksnarren hergegeben habe. Diese Rolle mache ich anderen nicht streitig. Und mit Menschenleben spiele und scherze ich nie! Es ist mein wahrer Ernst. Ich verbrge mich mit meinem Leben fr gegenwrtigen Edlen von Kraft, Ratsschreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Brgschaft kann angenommen werden." "Wie?" sagte Ulrich. "Das ist wohl der zierliche Herr, Dein Gastfreund, von dem Du mir so oft erzhltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefhrlichen Umstnden gefangen." "Freilich!" krchzte Ambrosius, "ein Crimen laesae majestatis." "Erlaubt Herr! Ich hab die Rechte lang genug studiert, um zu wissen, da hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein kann. Gestern nacht waren die Bundesrte und der Statthalter noch hier, folglich war Stuttgart noch in der Gewalt des Bundes, und der Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat nicht anders gehandelt als jeder bndische Soldat, der auf Befehl seines Oberen gegen uns zu Feld zog." "Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles berhaspelt, junger, sehr wertgeschtzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert hatte und eingezogen war, war auch alles, was in den Mauern sich befand, sein. Folglich, wer eine Verschwrung gegen ihn anzettelte, ist ein Majesttsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefhrliche Reden an das Volk gehalten." "Nicht mglich! Es wre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog, das kann nicht sein!" "Georg!" sagte dieser ernst. "Wir haben lange Geduld gehabt, Dich anzuhren. Es hilft Deinem Freund doch nichts. Hier liegt das Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhr angestellt, worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir mssen ein Exempel statuieren. Wir mssen unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden der Kanzler hat ganz recht. Darum kann ich keine Gnade geben." "So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar Worte." "Ist gegen alle Form Rechtens", fiel der Kanzler ein "Ich mu dagegen protestieren, Lieber! Dies ist ein Eingriff in mein Amt." "La ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den armen Snder tun, er ist doch verloren." "Dietrich von Kraft", fragte Georg, "wie kommt Ihr hierher?" Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefat hatte, verdrehte die Augen und seine Zhne schlugen aneinander. Endlich konnte er herausstoen: "Bin hierher geschickt worden vom Rat, wurde Schreiber beim Statthalter." "Wie kamt Ihr gestern nacht zu den Brgern von Stuttgart?" "Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Brger sich aufrhrerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem Eid zu verweisen." "Ihr seht, er kam also auf hheren Befehl dorthin--Wer nahm Euch gefangen?" fuhr Georg zu fragen fort. "Der Mann, der neben Euch steht." "Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also mt Ihr auch gehrt haben, was er sprach? Was sagte er denn?" "Ja, was wird er gesagt haben?" antwortete der Brger. "Er hat keine sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Brgermeister Hartmann von der Bank herunter. Ich wei noch, er hat gesagt: 'Aber bedenkt, ihr Leute, was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!' Das war alles, da nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort, der Doktor Calmus, der hielt eine lngere Rede." Der Herzog lachte, da das Gemach drhnte, und sah bald Georg, bald den Kanzler an, der ganz bleich und verstrt sich umsonst bemhte, sein Lcheln beizubehalten. "Das war also die gefhrliche Rede, das Majesttsverbechen? 'Was wird der Bundesrat dazu sagen!' Armer Kraft! Wegen dieses kraftvollen Sprchleins verfielst Du beinahe dem Scharfrichter. Nun, das haben selbst unsere Freunde oft gesagt: 'Was werden die Herren sagen, wenn sie hren, der Herzog ist im Land.' Deswegen soll er nicht bestraft werden. Was sagst Du dazu, Sturmfeder?" "Ich wei nicht, was Ihr fr Grnde habt, Herr Kanzler", sagte der Jngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, "die Sachen so auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maregeln zu raten, die ihn berall--ja ich sage es, die ihn berall als einen Tyrannen ausschreien mssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal schlecht gedient." Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus den grnen uglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stand auf und sprach: "La mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war er zu streng, Da--nimm Deinen rosenroten Freund mit Dir. Gib ihm zu trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will. Und Du, Hund von einem Doktor, der Du zu schlecht zu einem Hundedoktor bist, fr Dich ist ein wrttembergischer Galgen noch zu gut. Gehngt wirst Du doch noch einmal, ich will mir die Mhe nicht geben. Langer Peter, nimm diesen Burschen binde ihn rckwrts auf einen Esel und fhre ihn durch die Stadt. Und dann soll man ihn nach Elingen fhren--zu den hochweisen Rten, wo er und sein Tier hingehren. Fort mit ihm!" Die Zge des Doktor Kahlmuser, in welchen schon der Tod gesessen war, heiterten sich auf. Er holte freier Atem und verbeugte sich tief. Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude ber ihn her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg. Der Ratsschreiber von Ulm vergo Trnen der Rhrung und Freude. Er wollte dem Herzog den Mantel kssen, doch dieser wandte sich ab und winkte Georg, den Gerhrten zu entfernen. Kapitel 30 Der Schreiber des groen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt zu haben, um auf dem Weg durch die Gnge und Galerien des Schlosses die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten. Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschpft auf einen Stuhl, und es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu antworten vermochte. "Eure Politia, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich gespielt", sagte Georg, "was fllt Euch aber auch ein, in Stuttgart als Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr berhaupt nur Eure bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege der Amme und die Nhe der holden Berta fliehen, um hier dem Statthalter zu dienen?" "Ach! Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Berta ist an allem schuld. Ach, da ich nie mein Ulm verlassen htte! Mit dem ersten Schritt ber unsere Markung fing mein Jammer an." "Berta hat Euch fortgeschickt?" fragte Georg. "Wie, seid Ihr nicht zum Ziel Eurer Bemhungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus Verzweiflung seid Ihr--." "Gott behte! Berta ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Hndel mit Frau Sabina, der Amme. Da entschlo ich mich und hielt bei meinem Oheim um das Bschen an. Nun habt Ihr aber dem Mdchen durch Euer kriegerisches Wesen gnzlich den Kopf verrckt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld ziehen und ein Mann werden wie Ihr.--Dann wolle sie mich heiraten. Ach, Du gerechter Gott!" "Und da seid Ihr frmlich zu Feld gezogen gegen Wrttemberg? Welche khne Gedanken das Mdchen hat!" "Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht! Mein alter Johann und ich rckten mit dem Bundesheer aus. Das war ein Jammer! Muten oft tglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung, alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer drckte mich wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim nach Ulm; da bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei, mietete mir eine Snfte und zwei tchtige Saumrosse dazu, und so ging es doch ertrglicher." "Da wurdet Ihr also zu Feld getragen, wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr auch einem Treffen beigewohnt?" "Oh ja, bei Tbingen kam ich hart ins Gedrnge. Keine zwanzig Schritte von mir wurde einer mausetot geschossen. Ich vergesse den Schreck nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt werde! Als wir dann das Land vllig besiegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim Statthalter. Wir lebten ruhig und im Frieden, da kommt auf einmal wieder der unruhige Herr ins Land. Ach, da ich meinem Kopf gefolgt und mit dem Bundesobersten nach Nrdlingen auf den Bundestag gezogen wre! Aber ich scheute die beschwerliche Reise." "Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir kamen? Der sitzt jetzt im Trockenen in Elingen, bis wir ihn weiter jagen." "Er hat uns im Stich gelassen und meinem Kopf alles anvertraut, und beinahe htte ich mit dem Kopf dafr ben mssen. Ich dachte nicht, da die Gefahr so gro sei, lie mich vom Doktor Calmus verfhren, eine Rede ans Volk zu halten, um Wrttemberg dem Bund zu retten. Das htte gewi Aufsehen gemacht, und Berta wre noch einmal so freundlich gewesen. Aber die Leute da unten in Wrttemberg sind Barbaren und ohne alle Lebensart; sie lieen mich nicht einmal zu Wort kommen, warfen mich herab und behandelten mich ganz gemein und grob. Seht nur meinen Mantel da, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafr, er hat mich vier Goldgulden gekostet, und Berta behauptet immer, da mir rosenfarb so gut zu Gesicht stehe." Georg wute nicht, ob er ber die Torheit des Schreibers lachen, oder es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, da er, kaum dem Tod entgangen, sein zerrissenes Mntelein bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter ber sein Schicksal befragen, als ihn ein Gerusch vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte; er sah hinaus und winkte Herrn Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener irdischer Gre zu zeigen. Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er sa verkehrt auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmckt; sie hatten ihm eine Mtze von Leder aufgesetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu seinen Seiten sah man in gravittischen Schritten den Magdeburger und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden den Esel zu khnen Sprngen antrieben. Ein ungeheurer Volkshaufen umschwrmte ihn und bewarf ihn mit Eiern und Erde. Der Ratsschreiber schaute trbselig auf seinen Gefhrten hinab und seufzte: "'s ist hart, auf dem Esel reiten zu mssen", sagte er, "aber doch immer noch besser, als gehngt werden." Er wandte sich von dem Schauspiel ab und blickte nach einer anderen Seite des Schloplatzes. "Wer kommt denn hier?" fragte er den jungen Ritter. "Schaut, in einem solchen Kasten zog ich zu Felde." Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Snfte in ihrer Mitte fhrten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs Schlo einbog, Georg sah schrfer hinab: "Sie sind's", rief er, "wahrhaftig, es ist der Vater, und in der Snfte wird sie sitzen!" In einem Sprung war er zur Tr hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm staunend nach. "Wer soll es sein, welcher Vater?" fragte er. Er schaute noch einmal durchs Fenster, die Snfte hielt vor der Zugbrcke des Schlosses, und in demselben Augenblick strzte Georg aus dem Tor. Herr Dietrich sah ihn die Tr der Snfte ungestm aufreien, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zurck--und wunderbar! Es war das Bschen Marie von Lichtenstein. "Ei, seh doch einer? Er kt sie auf ffentlicher Strae", sprach der Ratsschreiber kopfschttelnd vor sich hin, "was das eine Freude ist! Aber wehe, jetzt kommt der Alte um die Snfte herum, der wird Augen machen! Der wird schimpfen!--Doch wie? Er nickt dem Jngling freundlich zu, er steigt ab, er umarmt ihn Nein, das geht nicht mit rechten Dingen zu!" Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als der Schreiber des groen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um sich zu berzeugen, da ihn seine Augen getuscht haben mten, kam sein Oheim, der alte Herr von Lichtenstein, die Treppe herauf. An der rechten Hand fhrte er Georg von Sturmfeder, an der linken-- Bschen Marie. Welche Vernderung war mit jenen holden Zgen vorgegangen, die sich so tief in sein Herz, in sein Gedchtnis geprgt hatten. In Ulm war sie ihm zum ersten Mal wie ein Bote aus einem unbekannten Land erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schnen blauen Augen, so majesttisch ihre Stirn, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schnen, dunkeln Bogen der Brauen. Er hatte oft und viel darber nachgedacht, worin denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich fessle? Die Ulmer Mdchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen, ein schalkhafteres Lcheln und den frhlichen, frischen Glanz einer heiteren Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still und gro wie eine Knigin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer Wimpern, der sich oft mit unnennbarem Reiz ber das Auge herabsenkte, um das Geheimnis einer stillen Trne zu verhllen? Waren es die feinen, geschlossenen Lippen, von ser Wehmut umlagert? War es der zarte Wechsel der Farben auf ihren Zgen, die bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten schienen? Bertas Heiterkeit, Bertas frhliche, neckende Gunst hatten dieses ernstere Bild lngst aus seinem Herzen verdrngt, und doch fhlte der arme Herr Dietrich die alte Wunde wieder bluten, als das Frulein von Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht sollte er es zuschreiben, da Mariens Zge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten? Wohl lag noch eine hohe Wrde in ihrer Haltung, auf ihrer Stirn, aber in ihren Augen glhte eine stille Freude, ihr Mund lchelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schnsten Rosen aufgeblht. Sprachlos hatte Dietrich von Kraft diese Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde auch er von dem alten Ritter bemerkt. "Seh' ich recht", rief dieser. "Dietrich Kraft, mein Neffe! Was fhrt denn Dich nach Stuttgart, kommst Du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder? Aber wie siehst Du aus? Was fehlt Dir doch? Du bist so bleich und elend, und Deine Kleider hngen Dir in Fetzen vom Leib?" Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbige Mntelein und errtete. "Wei Gott", rief er, "ich kann mich vor keinem ehrlichen Menschen sehen lassen! Diese verdammten Wrttemberger, diese Weingrtner und Schustersjungen haben mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig! Der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person angegriffen und beleidigt!" "Ihr drft froh sein, Vetter, da Ihr so davongekommen seid", sagte Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach einfhrte. "Bedenkt, Herr Vater, gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er Reden an die Brger, um sie gegen uns aufzuwiegeln. Da hat ihn heute frh der Kanzler wollen kpfen lassen. Mit groer Mhe bat ich ihn los, und jetzt klagt er die Wrttemberger wegen seines zerfetzten Mnteleins an." "Mit gndiger Erlaubnis", sagte Frau Rosel, und verbeugte sich dreimal vor dem Ratsschreiber, "wenn Ihr meine Hilfe annehmen wollt, so will ich den Mantel flicken, da es eine Lust ist. Da geht's wie im Sprichwort: 'Hat der Junge den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken mssen'." Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm. Er bequemte sich, zu der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewnder zurechtrichten zu lassen. Sie zog aus ihrer groen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich an die Wunden, die ihm die Wrttemberger geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn dabei mit ergtzlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von diesem Paar, um die ganze Breite des Zimmers, saen Georg und Marie im traulichen Flstern der Liebe. Der Leser wird uns Dank wissen, wenn wir ihn von dieser Szene hinwegfhren und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen. Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter der kunstreichen Hand von Frau Rosalie gelassen, und schritt nun den Gemchern des Herzogs zu. Seine Zge, welchen Alter und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrckt hatten, erschienen in dieser Stunde noch ernster--beinahe traurig. Dieser Mann hatte von seinen Vtern die Liebe zum Haus Wrttemberg geerbt, Gewohnheit und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die whrend seines langen Lebens ber Wrttemberg geherrscht hatten, und das Unglck und die Verleumdung, welche auf Ulrich unablssig hereinstrmten, hatten das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreien knnen, sie fesselten ihn nur mit noch strkeren Banden Mit der Freude eines Brutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Jnglings, hatte er den weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schlo nach Stuttgart zurckgelegt, als man ihm gemeldet hatte, da der Herzog Leonberg erobert habe und auf Stuttgart zuziehe. Keinen Augenblick zweifelte er am Sieg des Herzogs, und so traf es sich, da er schon am andern Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam. Nicht so frhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte, als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. "Der Herzog", hatte ihm jener zugeflstert, "der Herzog ist nicht so, wie er sollte; Gott wei, was er mit seinem Land machen will; er hat unterwegs sonderbare Reden fallen lassen, und ich frchte, er ist nicht in den besten Hnden. Der Kanzler Ambrosius Volland--." Dieser einzige Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein groe Besorgnisse zu erregen. Er kannte diesen Volland, er wute, da er zwar gelehrt, in allen Regierungsgeschften beraus wohl erfahren, zu jedem, auch dem schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten schon fter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe. "Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine Ratschlge befolgt, dann sei Gott gndig. Dem Ambrosius ist das Land ein Stck Leder, das man nach Willkr handhaben kann, er wird es zurechtschneiden wollen zu einem Koller fr den Herzog, und die Abschnipfel fr sich behalten. Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt: Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennhen?" So sprach der alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging, er streichelte unmutig seinen langen, weien Bart, und seine Augen glhten vor Eifer fr die gute Sache Wrttembergs. Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in groer Beratung mit Ambrosius. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer, roter und blauer Tinte in vielen zierlichen Schnrklein beschrieben war. Der Herzog spielte mit einem groen Siegel, das er in der Hand hielt; er schien mit sich zu kmpfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Siegel. Sie waren beide so vertieft, da Lichtenstein einige Minuten im Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit groer Teilnahme die edlen Zge Ulrichs von Wrttemberg. Er sah, wie auf seiner Stirn, in seinen sprechenden Augen so verschiedene Empfindungen wechselten. Bald runzelte sich seine Stirn, seine Augenbrauen zuckten, sein Auge rollte, dann gltteten sich diese Falten. Aus seinen Blicken strahlte nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken berging, und oft schien ein Anflug von Gte den strengen Ausdruck seiner Zge zu mildern. Aber der im gelben Mntelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm! Er wand und drehte sich vor ihm wie die Schlange im Paradies, und das ewig stehende Lcheln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er seinen grnen uglein zu geben wute, wenn ihn sein Herr scharf ansah, sollten einladen, den Apfel anzubeien. "Ich kann nicht begreifen", sprach er mit heiserer, feiner Stimme, "warum Ihr es nicht tun mgt. Hat wohl Csar so lange gezaudert, als er ber den Rubikon ging? Ein groer Mann hat groe Mittel ntig, und die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen, da Ihr diese Fesseln von Euch geworfen." "Weit Du dies so gewi, Ambrosius Volland?" entgegnete der Herzog, indem er ihn dster anblickte. "Man wird sagen Herzog Ulrich war ein Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestoen, die seinen Vtern heilig war, er hat den Vertrag, den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat sein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten, die--." "Erlaubt", unterbrach ihn jener, "es kommt nur allein auf die Frage an: Wer ist Herr? Der Herzog oder das Land? Wenn das Land Herr ist, dann ist's was anderes. Dann freilich sind allerlei Fakten, Vertrge und Klauseln und dergleichen ntig. Die Ritterschaft, die Prlaten und die Landschaft sind dann Meister, und Euer Durchlaucht--nun, sind dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so eigentlich Herr nennt, dann seid Ihr es auch, der Gesetze gibt. Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand; jetzt noch seid Ihr Herr und Meister. Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues--da, nehmt in Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!" Der Herzog stand noch eine Weile unschlssig, seine Wangen glhten, seine ganze Gestalt richtete sich hher auf, aber sein Auge haftete am Boden Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefhl seiner Wrde. "Ich heie Wrttemberg", sagte er. "Ich bin das Land und das Gesetz--ich unterschreibe." Er streckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen, aber mit sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und weggezogen. Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber ernsten Zge des Ritters von Lichtenstein. "Ha! Willkommen!" rief er, "mein getreuer Lichtenstein. Sogleich steh ich Euch Rede, lat mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen." "Erlauben Euer Durchlaucht", sagte der alte Mann, "Ihr habt mir eine Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch um die erste Verordnung wissen, die Ihr an Euer Land ergehen lat." "Mit Euer Hochedlen Erlaubnis", fiel Ambrosius Volland hastig ein, "das Ding hat Eile; die Brgerschaft von Stuttgart versammelt sich schon auf der Wiese. Diese Schrift mu ihr vorgelesen werden. Es hat wahrhaftig Eile." "Nun, Ambrosius!" sagte der Herzog, "so gar eilig ist es nicht, da wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben nmlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen Vertrgen und Gesetzen. Die alten sind null und nichtig." "Das habt Ihr beschlossen? Um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu was dies fhrt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Jahren den Tbinger Vertrag beschworen?" "Tbingen!" rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen vor Zorn glhten. "Tbingen! Nenne dies Wort nicht mehr! Dort hatte ich all meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha! Und dort haben sie mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollten zu mir halten, ich wollte Gut und Blut mit ihnen teilen--nichts! Man wollte von Ulrich nichts mehr. Das neue Regiment gefiel ihnen besser; im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben zugegeben, da ihr Herzog in der Verbannung war, haben geduldet, da der Name Wrttemberg ein Hohngelchter wurde in allen Reichen--jetzt bin ich wieder Herr und Meister und habe das Heft in der Hand, und will mir's nicht wieder aus der Hand winden lassen. Haben Sie ihren Eid vergessen, bei Sankt Hubertus, so ist mein Gedchtnis auch nicht lnger. Tbinger Vertrag? Ich sag', der Teufel soll alles holen, was mit diesem Namen sich verknpft!" "Aber bedenken Euer Durchlaucht!" sprach Lichtenstein, von diesem Ausbruch der Leidenschaft erschttert, "bedenkt doch, welchen Eindruck ein solcher Schritt auf das Land machen mu. Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die Umgegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tbingen, Gppingen berall bndische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch beistehen, den Bund zu versagen, wenn sie hrt, auf welche neue Ordnung sie huldigen soll?" "Ich sag': Ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Wrttemberg mit dem Rcken ansehen mute? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund gehuldigt!" "Vergebt mir, Herr Herzog", entgegnete der Alte mit bewegter Stimme, "dem ist nicht so. Ich wei noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch, nicht vom Land zu lassen; wer wollte Euch sein Leben opfern? Das waren achttausend Wrttemberger. Habt Ihr den Tag vergessen?" "Ei, ei, Wertester!" sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen mchtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten. "Ei! Ihr sprecht doch auch etwas zu khn. Ist brigens jetzt auch gar nicht die Rede von damals, sondern von jetzt. Die Landschaft ist von der alten Huldigung gnzlich abgekommen, hat dem Bund eine andere Huldigung getan; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neuangekommener Herr anzusehen, er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund auf besondere Vertrge huldigen lassen, so kann es der Herzog ebenso halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege nach eigenem Gutdnken huldigen lassen Soll ich die Feder eintauchen, gndiger Herr?" "Herr Kanzler!" sagte Lichtenstein mit fester Stimme. "Habe alle mgliche Ehrfurcht vor Eurer Gelehrtheit und Einsicht, aber was Ihr da sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es, zu wissen, wen das Volk liebt. Der Bund hat durch sein Walten im Land alles gegen sich aufgebracht; es war die rechte Zeit, da Seine Durchlaucht wiederkam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu. Wird er sie nicht gewaltsam von sich stoen, wenn er alles Alte umreit und nach eigener, neuer Satzung schaltet und waltet? Oh, bedenkt, die Liebe eines Volkes ist eine mchtige Sttze!" Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, dster vor sich hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler im gelben Mntelein "Hi, hi, hi! Wo habt Ihr die schnen Sprchlein her, Liebwerter, Hochgeschtzter? Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon die Rmer wuten, was davon zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! Htt' Euch fr gescheiter gehalten Wer ist denn das Land? Hier, hier, steht es in persona, das ist Wrttemberg, dem gehrt's, hat's geerbt und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprilwetter! Wre ihre Liebe so stark gewesen, so htten sie nicht dem Bund gehuldigt." "Der Kanzler hat recht!" rief Ulrich, aus seinen Gedanken erwachend. "Du magst es gut meinen, Lichtenstein. Aber er hat diesmal recht. Meine Langmut hat mich zum Land hinausgetrieben; jetzt bin ich wieder da, und sie sollen fhlen, da ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich sag', so will ich's; so wollen wir Uns huldigen lassen!" "Oh Herr, tut nichts in der ersten Hitze! Wartet, bis Euer Blut sich abkhlt. Ruft die Landschaft zusammen, macht nderungen nach Eurem Sinn, nur jetzt nicht, nur nicht, solange der Bund noch Land in Wrttemberg besitzt; es knnte Euch bei den brigen schaden. Gestattet nur noch eine kurze Frist." "So?" unterbrach ihn der Kanzler. "Da man dann allgemach wieder in das alte Wesen hineinkommt? Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen ist, wenn sie sich erst zusammen beraten, meint Ihr, da werden sie so gutwillig nachgeben? Hi, hi! Da wird man Gewalt anwenden mssen, und das macht erst verhat. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder gelstet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehorsam unter das alte Joch zu stehen und den Karren zu ziehen?" Der Herzog antwortete nicht. Er ri mit einer hastigen Bewegung Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen, durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es verhindern konnte, hatte Ulrich seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter stand in stummer Bestrzung, er senkte bekmmert das Haupt auf die Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch stand und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl. "Ist die Brgerschaft versammelt?" fragte er. "Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wiesen gegen Cannstatt sind sie versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rcken soeben aus, sechs Fhnlein." "Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubnis?" Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage. "Es ist nur wegen der Ordnung", sagte er, "ich habe gedacht, weil es bei solchen Fllen gebruchlich ist, da bewaffnete Mannschaft--." Der Herzog winkte ihm zu schweigen. Er begegnete einem trben, fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn errten machte. "Mit meinem Befehl geschah es nicht", sprach er, "doch es mchte auffallen, wenn Wir sie zurckriefen. Es ist ja gleichgltig. Man bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!" Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus. Der Kanzler schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzrnt sei oder nicht, er wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von Lichtenstein beharrte in seinem trben Schweigen. So standen sie geraume Zeit, bis sie von den Dienern unterbrochen wurden. Es traten vier Edelknaben ins Gemach, der erste trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte eine Kette von Gold und der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten den Herzog mit dem Frstenmantel von purpurrotem Samt, mit Hermelin verbrmt. Sie reichten ihm den Hut, der die schwarze und gelbe Farbe des Hauses Wrttemberg in reichen, wehenden Federn zeigte, diese wurden zusammengehalten von einer Agraffe aus Gold und Edelsteinen, die eine Grafschaft wert waren. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. Seine krftige Gestalt schien in diesem frstlichen Schmuck noch erhabener als zuvor, und die freie majesttische Stirn, das glnzende Auge sah gebietend unter den wallenden Federn hervor. Er lie sich die Kette umhngen, steckte das Schlachtschwert an und winkte seinem Kanzler aufzubrechen. Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort. Mit bekmmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen und sich dann abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes an dem alten Ritter vorber zur Tr, und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland folgte ihm mit majesttischen Schritten. Hatte der Herr den Alten nicht gegrt, glaubte auch der Kanzler ihm dies nicht schuldig zu sein. Er warf einen tckischen Blick nach dem Platz hinber, wo jener noch immer stand, und sein groer, zahnloser Mund verzog sich zu einem hhnischen Lcheln. In der Tr stand der Herzog still. Er sah rckwrts, seine bessere Natur schien ber ihn zu siegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurck und trat zu Lichtenstein. "Alter Mann!" sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe Bewegung zu unterdrcken. "Du warst mein einziger Freund in der Not, und in hundert Proben habe ich Deine Treue bewhrt gefunden. Du kannst es mit Wrttemberg nicht schlimm meinen. Ich fhle, es ist einer der wichtigsten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang.--Aber wo es das Hchste gilt, mu man alles wagen." Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf; in den weien Wimpern hingen Trnen. Er ergriff Ulrichs Hand. "Bleibt", rief er, "nur diesmal, diesmal folgt meiner Stimme. Mein Haar ist grau, ich habe lange gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte."--Indem ertnten die Trommeln der Landsknechte im Hof. Das ungeduldige Stampfen der Rosse drang herauf und die Herolde stieen, zur Huldigung rufend, in die Trompeten _"Jacta alea est.!_ War der Wahlspruch Csars", sagte der Herzog mit mutiger Miene. "Jetzt gehe ich ber meinen Rubikon. Aber Dein Segen mchte mir frommen, alter Mann, zum Rat ist es zu spt!" Der Ritter blickte schmerzlich aufwrts. Die Stimme versagte ihm, er drckte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zgerte Ulrich bei ihm, da streckte der Kanzler den langen, drren Arm unter dem gelben Mntelein hervor und winkte ihm mit der Pergamentrolle. Er war anzuschauen wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich hinabzuziehen. Ulrich von Wrttemberg ri sich los und ging, um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen. Kapitel 31 Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so unbegrndet gewesen zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr groer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe fr den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulrichs viele bewogen, die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem Bund getan, zu vergessen und sich fr Wrttemberg zu erklren. Aber die neue Huldigung, die alle frheren Vertrge umstie, das Gercht, da manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen worden sei, bewirkte wenigstens, da der Herzog keine Popularitt gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fhlbar wird. Noch beharrten Urach, Gppingen und Tbingen auf ihren, dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bndisch gesinnten Obervgte zwangen sie mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich Spth, des Herzogs bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft auf, da er nicht nur sein ganzes Amt im Zaum hielt, sondern auch Einflle in die Lndereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen waren. Es ging auch das Gercht, die Bundesstnde seien schnell von Nrdlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt, um frische Heere aufzubieten und Ulrich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekmpfen. Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Tren mit Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog msse in der frhlichsten Stimmung sein, denn wenn er mit seinem glnzenden Gefolge durch die Straen ritt, alle schnen Jungfrauen grte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und lachte, da sagten sie: "Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem armen Konrad." Er hatte seinen Hofstaat wieder glnzend eingerichtet. Zwar war er nicht mehr wie frher der Sammelplatz der bayerischen, schwbischen und frnkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Frstin, die sonst einen schnen Kranz blhender Frulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an schnen Frauen und schmucken Edlen, seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals der Schnheit so gnstig zu sein, da die bunten Reihen an den Slen und Hallen des Schlosses nicht einer gewhnlichen Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schnen Frauen des Landes glichen. Tnze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden. Fest drngte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig nachholen zu wollen, was er in der Zeit seines Unglcks versumt hatte. Keines dieser geringsten Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein. Der alte Herr hatte sich lange nicht entschlieen knnen, sein Wort zu halten. Nicht, da er die Wahl seiner Tochter mibilligt htte, denn er liebte seinen Eidam vterlich; er sah in ihm seine eigene Jugend wieder aufblhen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an. Aber wie der Horizont von Ulrichs Glck, so war auch die Stirn des alten Mannes noch immer umwlkt, denn er ahnte, da es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es ihn, da der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler abhandelte. So hatte er unschlssig und betrbt diesen Tag der Freude immer hinausgeschoben; aber die schnen Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten ntigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der Herzog lie es sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener Nchte erinnern, wo der Vater nicht mde wurde, ihm seine Anhnglichkeit zu bezeigen, wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Klte scheute, um ihn am Burgtor zu empfangen und ihn mit warmen Speisen zu laben. Er mochte sich noch aus der jngsten Vergangenheit der Opfer erinnern, die ihm der Brutigam gebracht hatte, er zeigte auf glnzende Art, wie er Treue, Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewhrt hatten, zu vergelten wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gste im Schlo zu Stuttgart gewesen, jetzt lie er ein schnes Haus nchst der Kollegiatkirche mit neuem Hausgert versehen und bergab am Vorabend der Hochzeit den Schlssel dem Frulein von Lichtenstein mit dem Wunsch, sie mchte es, so oft sie in Stuttgart sei, bewohnen. Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurck; er wunderte sich, wie alles so anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie htte er, als er damals durch den Schnbuch nach der Heimat zog, denken knnen, da das Glck, die Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er frchtete. Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er mute aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schnen Glauben an ein gtiges Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem dstren Schleier verhllt, und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskusse auch ihm mitzuteilen wute. "Er hat uns nicht belogen, dieser Glaube", sprach der junge Mann, von der Erinnerung bewegt, zu sich, "es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meinigen die Gewiheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkndete Glck, es wird sie auch jetzt nicht tuschen, wenn es ein ses, ungestrtes Glck in unserer Verbindung liest." Ein bescheidenes Pochen an der Tr unterbrach die lange Gedankenreihe, die sich an den heutigen Tag knpfen und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Dietrich von Kraft, der stattlich geschmckt zu ihm eintrat. "Wie?" rief dieser Schreiber des groen Rates zu Ulm und schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen "Wie? In diesem Wams wollt Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gnge und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgsten, die von Samt und Seide glnzen, und Ihr, die Hauptperson im Stck, schaut ruhig zum Fenster hinaus, statt Euern Anzug zu besorgen?" "Dort liegt der ganze Staat", erwiderte Georg lchelnd. "Barett und Federn, Mantel und Wams, alles aufs schnste zubereitet, aber Gott wei, ich habe noch nicht daran gedacht, da ich dieses Flitterwerk an mich hngen solle. Dies Wams ist mir lieber als jedes schne neue. Ich habe es in schweren, aber dennoch glcklichen Tagen getragen." "Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Berta in diesem blauen Kleid abschilderte, da ich recht eiferschtig wurde. Aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Htte ich nur mein lebenlang solche Flitter. Ha, das weie Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schneres sehen? Wahrlich, Ihr habt mit Umsicht ausgewhlt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren." "Der Herzog hat mir es zugeschickt", antwortete Georg, indem er sich ankleidete, "mir wre alles zu kostbar gewesen." "Ist doch ein prchtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich einige Zeit hier bin, sehe ich ein, da man ihm bei uns in Ulm zu viel getan hat. An einem solchen Hof ist es doch was anderes als in den Stdten. Und Herzog von Wrttemberg klingt auch schner als Brgermeister von Ulm. Und doch mcht' ich nicht in seiner Haut stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm." "Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr damals in Ulm so gro tatet mit Eurer Politika und wie Ihr regieren wolltet in Wrttemberg? Wie ist es denn jetzt?" "Ist nicht alles eingetroffen?" erwiderte der Ratsschreiber mit weiser Miene. "Wei noch wie heute, da ich prophezeite, die Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir fr uns gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen." "Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen", lachte Georg, "seid ja in einer Snfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog werde nie zurckkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier." "Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wnschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts gentzt, die groen Herren nehmen alles fr sich, an unser einen kam nichts als etwa die Ehre, fr den Bund gekpft zu werden; aber--glaubt mir, es sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Rte haben von Elingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben und geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen, bei Ulm steht schon wieder ein neues Heer." "Gerede, nichts weiter; ich wei gewi, da der Herzog sich mit Bayern vershnen wird." "Ja will, aber nicht vershnen wird. Das hat noch manchen Haken. Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen? Pfui, das pat nicht zusammen, lieber Vetter." Der Brutigam betrachtete die Schrpe mit inniger Liebe. "Das versteht Ihr nicht", sagte er, "wie gut sich dies zum Hochzeitsgewand schickt. Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem Kmmerlein, als ihr die Kunde kam, da sie bald scheiden msse. Sie hat manche Trne hineingewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedrckt, drum wurde es mir eine Zau-berbinde und meinen Augen ein Trost, wenn ich im Unglck auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht fehlen diese Binde; hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir ein heiliger Schmuck am Tag des Glcks." "Nun, wie Ihr wollt, hngt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehngt, sie luten schon das Erste drben in der Kirche. Sputet euch, lat das Brutlein nicht so lange warten!" Georgs Wangen rteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach verlie. Die Freude, die Erwartung, die Erfllung jahrelanger Wnsche bestrmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dietrich durch die Galerien. Die Tr ging auf und Marie im Glanz ihrer Schnheit stand umgeben von vielen Frauen und Frulein, die, vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errtete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien seine Zge heute mit einem neuen Glanz bergossen, sie schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was htte Georg darum gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengru der Liebe auf ihre Lippen drcken zu drfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem Tag durch eine weite Kluft, was sich sonst schon lngst gefunden hatte. Dem Brutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berhren, ehe sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es bel aufgenommen, wenn sie den Brutigam gar zu viel und gar zu lange ansah. Zchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hnde unter der Brust gefaltet, mute sie stehen--so wollte es die Sitte. Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die Majestt ihrer Stirn und jener gebietende, ernste Blick, der auch den Khnsten gefesselt htte; aber man war versucht, jene erhabeneren Schnheiten nicht zurckzuwnschen; lag doch in diesem verschmten Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten berwunden zu sein, ein hherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und dieser geschlossene Mund das Gestndnis der Liebe laut und offen ausgesprochen htte. So hatte die Natur Marien an diesem Tag einen neuen Zauber verliehen, der so mchtig wirkte, da Georg einige Momente seine Braut verwundert betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im Gefhl, dieses liebliche Kind sein nennen zu drfen. Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der Hand fhrte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der Damen, und auch er schien sich zu gestehen, da Marie die schnste sei. "Sturmfeder!" sagte er, indem er den Glcklichen auf die Seite fhrte, "dies ist der Tag, der Dich fr vieles belohnt. Gedenkst Du noch der Nacht, wo Du mich in der Hhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals brachte Hans, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: 'Dem Frulein von Lichtenstein! Mge sie blhen fr Euch!' Jetzt ist sie Dein, und was nicht minder schn ist, auch Dein Trinkspruch ist erfllt; Wir sind wieder eingezogen in die Burg Unserer Vter." "Mge Euer Durchlaucht dieses Glck so lange genieen, als ich an Mariens Seite glcklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe ich diesen schnen Tag zu verdanken, ohne Euch wre vielleicht der Vater.-" "Ehre um Ehre, Du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser Land wiedererobern wollten, drum gebhrte es sich, da auch Wir Dir beigestanden, um sie zu besitzen--Wir stellen heute Deinen Vater vor, und als solchem wirst Du Uns schon erlauben, nach der Kirche Deine schne Frau auf die Stirn zu kssen." Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von Lichtenstein sich auf diesen Tag vertrstete; unwillkrlich mute er lcheln, wenn er der Wrde und Hoheit gedachte, mit welcher die Geliebte den Mann der Hhle damals zurckgewiesen hatte. "Immerhin, Herr Herzog, auch auf den Mund! Ihr habt es lngst verdient durch Eure gromtige Frsprache." "Wer sind Deine Gesellen, die Dich zum Altar geleiten?" fragte der Herzog. "Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein." "Wie, das feine Mnnlein, das mein Kanzler kpfen lassen wollte? Da hast Du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des Schwabenlandes. Glck zu, junger Herr: doch ich will Dir raten, mehr rechts zu halten als links, dann kann es Dir nie fehlen auf Erden, und wrst Du so eiferschtig wie ein Trke. Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte. Sieh, wie seine breite, kurze Gestalt sich wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan hat! Den verschossenen grnen Mantel trug er schon Anno elf auf Unserer Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan." "Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen", erwiderte der tapfere Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehrt hatte, "auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen. Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, so--." "So willst Du ihm aus lauter Zrtlichkeit und Hflichkeit ein paar Rippen einstoen!" lachte der Herzog, "das heie ich einen Brutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich Dir, Georg, Dich lieber links zu halten; der Ulmer wird Dir nicht weh tun." Die Flgeltren ffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen; dann folgte der glnzende Zug der Fruleins und Edelfrauen, die sich zu diesem Fest eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrau und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und Reinhardt von Gemmingen gefhrt. Viele Ritter und Edelleute schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder, Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dietrich von Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer wrdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des Baretts weit ber seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn staunend, die Mnner lobten laut seine hohe, mnnliche Gestalt, seine edle Haltung, aber die Mdchen flsterten leise und priesen seine schnen Zge. So ging der Zug aus dem Tor des Schlosses nach der Kirche, die nur durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen die schnen Mdchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzge der Frulein, strengten Blicke an, als die schne Braut vorbeiging, und waren voll Lobes fr den Brutigam. Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rstige runde Bauersfrau mit ihrem Tchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich immerwhrend zur Belustigung der Stdter umher, die nur der Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das schne Kind an ihrer Seite schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie bersah den glnzenden Zug der Fruleins, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende Braut gerichtet. Je nher diese kam, desto rter frbten sich die Wangen des Mdchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestm, und das pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnrt war, zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, die hohe Schnheit der jungen Braut schien sie zu berraschen, ein wehmtiges Lcheln zuckte um ihren kleinen Mund. "Sie ist's!" rief sie unwillkrlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem Rcken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr hin. "Jo, dia ist's, Brbele! Dia ist grausig sch!" flsterte die runde Frau und neigte sich tief. "Jetzt wellet mer uf da Junker bassa." Das Mdchen schien dieses Rates nicht erst zu bedrfen, denn sie blickte schon lngst hinber nach jener Seite, woher er kommen mute. "Er kommt, er kommt", hrte sie ihre Nachbarn flstern, "der ist's in dem weien Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog." Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Rte ihrer Wangen verschwand, als er vorberging, sie zitterte, eine Trne fiel herab auf das rote Mieder; jetzt war er vorber, jetzt hob sie das Kpfchen wieder ein wenig auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrcken schien als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde. Als der Zug vorber war, drngten sich die Zuschauer mit Ungestm zu den Kirchtren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz zuvor den Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schnen geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten Miedern, mit ihren feinen langen Rcken, an welchen man nur um den Hals und Busen das Zeug allzusehr gespart zu haben schien, in der Bauersfrau mchtige Sehnsucht nach solcher Pracht und Herrlichkeit erweckt hatten. Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind hatte das blhende Gesichtchen in die Hnde verborgen und weinte. Sie konnte nicht begreifen, was dem Mdchen begegnet sein knne, sie fate ihre Hand, zog sie herab von den Augen sie weinte bitterlich. "Was hoscht denn, Brbele", fragte sie unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, "was heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang', 's ist jo a Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum Du heulscht?" "I wois et, Muater!" flsterte sie, indem sie vergeblich ihre Trnen zu bezwingen suchte. "Es ist mer so weh im Herz drin, i wois et worum." "La jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst komme mer z'spot in d'Kirch. Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst sehe mer nix mai!" Die Frau zog bei diesen Worten das Mdchen nach der Kirche. Brbele folgte, sie bedeckte die Augen mit der weien Schrze, um nicht den Stadtleuten zum Gesptt zu werden; aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, lieen ahnen, da sie einen tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrcken suche. Die Orgel schwieg, der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtr anlangten. Die Einsegnung des schnen Paares mute jeden Augenblick beginnen. Aber vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen, welche die Tr fllten, sie wurde, sooft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten zurckgestoen. "Komm, Muater!" sprach das Mdchen "Mer wellet hoim; mer sent arme Leut, uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim." "Was? D'Kircha sind fr lle Leut erschaffa; au fr d'Arme. Wia, Ihr Herra, lent es e bisle do nei. Mer sehet jo gar nix." "Waz!" sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu. "Waz? Packt Euch fort, wir lassen niemand durch; wir sind die allergndigsten Landsknechte wir, und nach dem Sanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Seele mehr durch." "Die Olte mu weg, sogen wer, ober das Dienderl darf rein; komm' Schatzerl! Du konnst's recht gut sehen; schaut's, jetzt steckt ihr der Probst den Ring on, jetzt legt er ihne die Hnd zusommen--gib mir en Schmazerl, dann darfst seh'n." Der Staberl von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mdchen aus, doch diese schrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwnschte die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanstndigen Landsknechte und folgte ihrer Tochter. Kapitel 32 Herzog Ulrich von Wrttemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitsfest Mariens von Lichtenstein blieb er seiner Gewohnheit treu. Man war, als die heilige Handlung in der Kirche vorber war, in den Lustgarten am Schlo gezogen; dort hatten sich in den Laubgngen und knstlich verschlungenen Wegen die Hochzeitsgste ergangen oder an den zahmen Hirschen und Rehen im Gehege, oder an den Bren, die in einem der Grben des Schlosses umherwandelten, sich ergtzt. Um zwlf Uhr hatten die Trompeten zur Tafel gerufen Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gste fate. Heute sah man hier einen gemischten Kreis schner Frauen und frhlicher Mnner um reichbesetzte Tafeln sitzen: Auf den Galerien schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen. Die Zinkenisten bliesen ihre Backen auf, die Trommler schlugen krftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Hallo stimmte die Volksmenge, die man auf den brigen Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren unten einen Trinkspruch ausgebracht hatten Am oberen Ende der Halle sa unter einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der Stirn gerckt, schaute frhlich um sich und sprach dem Becher fleiig zu. Zu seiner Rechten, an der Seite des Tisches, sa Marie; jetzt wollte die Sitte nicht mehr, da sie die Augen niederschlug und sechs Schritte von dem Geliebten entfernt blieb. Ein frhliches Leben war in ihre Augen um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenbersa, es war ihr oft, als msse sie sich berzeugen, da dies alles nicht ein Traum, da sie wirklich eine Hausfrau sei, und den Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen Sturmfeder vertauscht habe; sie lchelte, so oft sie ihn ansah, denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seitdem er aus der Kirche kam, eine gewisse Wrde. Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fhlte sich gehobener, mit einer neuen Wrde umgeben; es schien ihm, als zeigten ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als zgen ihn die lteren Ritter freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt stand, sondern wie sie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter eines glnzenden Geschlechtes geworden war. In die Nhe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der Ratsschreiber von Ulm sa nicht fern, weil er heute als Geselle des Brutigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte. Der Wein begann schon den Mnnern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen hher zu frben, als der Herzog seinem Kchenmeister ein Zeichen gab. Die Speisen wurden weggenommen und im Schlohof unter die Armen verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schne Frchte, und die Weinkannen wurden fr die Mnner mit besseren Sorten gefllt; den Frauen brachte man kleine silberne Becher mit spanischem, sem Wein. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke berbracht wurden. Man stellte Krbe neben Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glnzender Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des frstlichen Hofes, sie trugen goldene Deckelkrge, Schaumnzen, Schmuck von edlen Steinen als Geschenke des Herzogs. "Mgen Euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten Eurer Kinder, bei den Taufen Eurer Enkel kreisen, mgen sie Euch an einen Mann erinnern, dem Ihr beide im Unglck Liebe und Treue bewiesen, an einen Frsten, der im Glck Euch immer gewogen und zugetan ist." Georg war berrascht von dem Reichtum der Geschenke. "Euer Durchlaucht beschmen uns", rief er. "Wollt Ihr Liebe und Treue belohnen, so wird sie nur zu bald um Lohn feil sein." "Ich habe sie selten rein gefunden", erwiderte Ulrich, indem er einen unmutigen Blick ber die lange Tafel hinschickte und dem jungen Mann die Hand drckte, "noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe gehalten, drum ist es billig, da Wir die reine Treue mit reinem Gold und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, Eure schne Frau vergiet Trnen? Ich wei die Quelle dieses klaren Taues, es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick, die Wir selbst heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Trnen, schne Frau; am Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wit noch welche?" Marie errtete und warf einen forschenden Blick nach Georg hinber, als frchtete sie, jenes alte bel, das sie oft kaum zu beschwren vermochte, mchte wiederkehren. Georg wute recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Szene, die er hinter der Tr belauscht, war ihm noch immer im Gedchtnis, doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg: "Herr Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn also meine Frau in frheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es mir zu, sie zu bezahlen." "Ihr seid zwar ein hbscher Junge", entgegnete Ulrich mit Laune, "und manche unserer Frulein hier am Tisch mchte vielleicht gerne einen solchen Schuldbrief an Euern schnen Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen Eurer Frau." Der Herzog stand bei diesen Worten auf und nherte sich Marien, die bald errtend, bald erbleichend, ngstlich auf Georg herbersah "Herr Herzog", flsterte sie, indem sie den schnen Nacken zurckbog, "es war nur Scherz;--ich bitte Euch." Doch Ulrich lie sich nicht irremachen, sondern zog die Schuld samt den Zinsen von ihren schnen Lippen ein. Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulrich von Hutten einfallen, denn seine Blicke streiften auch ngstlich auf seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit hhnischer Schadenfreude aus den grnen uglein auf den jungen Mann "Hi, hi", rief er ihm zu, "ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein. Eine schne Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wnsche Glck, liebster wertgeschtzer Herr; hi! hi! 's ist ja auch was Unschuldiges, so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht." "Allerdings, Herr Kanzler!" erwiderte Georg mit groer Ruhe. "Umso unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater fr uns zu bitten, da er mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich dafr diesen Lohn an unserem Hochzeitstage." Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie errtete von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedchtnis zurckrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie es fr unschicklich hielten, ihn Lgen zu strafen, sei es, weil sie ahnten, er knne sie belauscht haben. Aber Ulrich konnte doch nicht unterlassen, ihn heimlich um die nheren Umstnde zu befragen; er teilte sie ihm in wenigen Worten mit. "Du bist ein sonderbarer Kauz!" flsterte der Herzog lachend. "Was httest Du denn gemacht, wenn Wir damals ein Kchen erobert htten?" "Ich kannte Euch noch nicht", flsterte Georg ebenso leise, "drum htte ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an die nchste Eiche aufgehngt." Der Herzog bi sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber drckte er ihm freundlich die Hand und sagte: "Da httest Du alles Recht dazu gehabt, und Wir wren in Unseren Snden abgefahren-- Doch siehe, da bringen sie wieder Spenden fr die Braut." Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edlen, die zur Hochzeit geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgert, Waffen, Stoff zu Kleidern und dergleichen; man wute zu Stuttgart, da es der Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch eine Gesandtschaft der Brger eingestellt, ehrsame, angesehene Mnner in schwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren und langen Brten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne, der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten Schaumnzen geschmckt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem Herzog, verbeugten sich vor ihm, und traten dann zu Georg von Sturmfeder. Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte ihnen fr ihr schnes Geschenk; Marie lie ihre Weiber und Mdchen gren, und auch der Herzog bezeigte sich ihnen gndig und freundlich. Sie legten den silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den brigen Geschenken und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Brger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein Gerusch an der Tr, wo die Landsknechte Wache hielten, das selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hrte tiefe Mnnerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertnten hohe Weiberstimmen, von denen besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten Ende der Tafel sehr bekannt schien. "Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel," flsterte Lichtenstein seinem Schwiegersohn zu. "Gott wei, was sie wieder fr Geschichten hat." Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das Lrmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber wollten durchaus in die Halle, um den Neuvermhlten Geschenke zu bringen, da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die Knechte nicht einlassen Ulrich gab Befehl, sie vorzubringen, denn die Sprchlein der Brger hatten ihm gefallen, und auch von den Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum und Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von Hardt mit ihrem schnen Tchterlein, gefhrt von der Frau Rosel, ihrer Base. Schon auf dem Weg in die Kirche hatte er die holden Zge des Mdchens von Hardt, die er nicht aus seinem Gedchtnis verloren, zu bemerken geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakraments, die seine ganze Seele fllten, hatten diese flchtige Erscheinung verdrngt. Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und mit groem Interesse blickten sie alle auf das Kind des Mannes, dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, dessen Hilfe in der Not so willkommen erschienen war. Das Mdchen hatte die blonden Haare, die offene Stirn, die Zge ihres Vaters; nur die List, die aus seinen Augen, die Khnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war bei ihr; wenn sie nicht schchtern und blde war, in eine neckende Freundlichkeit und in rstiges, behendes Wesen bergegangen. So hatte sie Georg erkannt, als er im Haus des Pfeifers wohnte; doch heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schchtern, ja es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht gekommen, den er frher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach. Die Pfeifersfrau wute, was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher von der Tr der Tyrnitz an in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs kam. Frau Rosel hatte noch die Rte des Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und Kasper Staberl, hatten sie hchlich beleidigt und sie eine drre Stange geheien. Ehe sie noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefat und ihn an die Lippen gedrckt. "Gueten Abed, Herr Herzich", sprach sie dazu mit tiefen Knixen, "wie got Uichs, seit Er wieder in Stuagert send; mei Ma lot Uich sch graa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drbe welle mer. Mer hent a Hochzeitschenke fr sei Frau. Da sitzt se jo, gang Brbele, lang's aus em Krttle." "Ach! Du lieber Gott", fiel Frau Rosel ihrer Schwgerin ins Wort, "bitt' untertnigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, da ich die Leut' 'reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach! Du Herrgott, nehmt doch nichts bel, Herr Herzog, die Frau meint's g'wi gut." Der Herzog lachte mehr ber diese Entschuldigung der Frau Rosel als ber die Reden ihrer Schwgerin: "Was macht denn Dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? Warum kam er nicht mit Euch?" "Gell hot sein Grund, Herr!" erwiderte die runde Frau. "Wenn's Krieg geit, bleibt er g'wi et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, do denkt er, mit graue Herra ist's et guet Kirsche fressa." Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln ber die Naivitt der runden Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die Frau des Pfeifers sprach zu groer Ergtzung des Herzogs und seiner Gste immer weiter, und das unauslschliche Gelchter, das ihre Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Brbele hatte indessen mit dem Deckel des Krbchens gespielt, sie hatte einige Male gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der Krankheit sooft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen berhrt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedchtnis fortglhte. Sie erhob ihre Blicke immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug sie sie wieder--aus Furcht, seinem Auge zu begegnen--herab. "Sieh Marie", hrte sie ihn sagen, "das ist das gute Kind, das mich pflegte, als ich krank in ihres Vaters Htte lag, das mir den Weg nach Lichtenstein zeigte." Marie wandte sich um und ergriff gtig ihre Hand, das Mdchen zitterte, und ihre Wangen frbte ein dunkles Rot; sie ffnete ihr Krbchen und berreichte ein Stck schner Leinwand und einige Bndel Flachs, so fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie kte die Hand der jungen Frau und eine Trne fiel herab auf ihren Ehering. "Ei, Brbele", schalt Frau Rosel, "sei doch nicht so schchtern und ngstlich. Gndiges Frulein--wollte sagen, gndige Frau, habt Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut, heit es im Sprichwort. Das Mdchen kann so frhlich sein, wie eine Schwalbe im Frhling--." "Ich danke Dir, Brbele!" sagte Marie. "Wie schn Deine Leinwand ist! Die hast Du wohl selbst gesponnen?" Das Mdchen lchelte durch Trnen; sie nickte ein Ja!--Zu sprechen schien ihr in diesem Augenblick unmglich zu sein. Der Herzog befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch grere zu ziehen. "Sag einmal, Kind, hast Du auch schon einen Schatz? Einen Liebsten?" "Ei was, Euer Durchlaucht!" unterbrach ihn da die runde Frau. "Wer wird so ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrliches Mdle, Herr Herzich!" Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hren; er betrachtete lchelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zgen des Mdchens spiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bndern ihrer Zpfe; sie sandte unwillkrlich einen Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von Sturmfeder, und schlug dann errtend wieder die Augen nieder. Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus, in das die brigen Mnner einstimmten "Junge Frau!" sagte er zu Marien, "jetzt knnt Ihr billig die Eifersucht Eures Herrn teilen; wenn Ihr gesehen httet, was ich sah, knntet Ihr allerlei deuteln und vermuten." Marie lchelte und blickte teilnehmend auf das schne Mdchen: sie fhlte, wie weh ihr der Spott der Mnner tun msse. Sie flsterte der Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dieses bemerkte Ulrichs scharfer Blick, und seine heitere Laune schrieb es der schnell wachsenden Eifersucht zu. Marie aber band ein schnes, aus Gold und roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem berraschten Mdchen. "Ich danke Dir", sagte sie ihr dazu, "gre Deinen Vater und besuche uns recht oft hier und in Lichtenstein. Wie wre es, wenn Du mir dientest als Zofe? Du sollst es gut haben, und hast ja auch Deine Muhme, Frau Rosel, bei uns." Das Mdchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kmpfen; oft schien ein freundliches Lcheln ja sagen zu wollen, aber ebenso oft drngte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschlu zurck. "I dank' sch, gndige Frau", antwortete sie, indem sie Mariens schne Hand kte. "Aber i mue daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht me, b'ht Uich Gott der Herr, lle Heilige walten ber Uich, und die heilige Jungfrau sei Uich gndig. Lebet g'sund und froh mit Euerem Herra, 's ist a gueter' lieber Herr!" Noch einmal beugte sich Brbele herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der Base. "Hr einmal", rief ihr der Herzog nach, "wenn Deine Mutter einmal zugibt, da Du einen Liebsten bekommst, so bring' ihn mir; ich will Dich ausstatten, Du hbsches Pfeiferskind!" Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden; und der Herzog hob die Tafel auf. Dies war das Zeichen, da sich jetzt das Volk von den Galerien entfernen msse, die sogleich mit Polstern und Teppichen belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggerumt, Lanzen, Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt, und in einem Augenblick war diese groe Halle, die noch soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal eingerichtet. Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle gefhrt, und Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen berreichen zu knnen, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferste Kmpfer war Herzog Ulrich von Wrttemberg, eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm, da er an seinem eigenen Hochzeitstag acht der strksten Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den Rittersaal, und den Siegern im Kampf wurden die Vortnze zugestanden. Der frhliche Reigen ertnte bis in die Nacht. Der Herzog schien alle Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Hcker seines Kanzlers geschoben zu haben, der wie die bse Zeit in einem Fenster sa und mit bitterem Lcheln einem Vergngen zuschaute, von welchem ihn seine eigene Migestalt ausschlo. Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulrich die Krone des Festes, die junge, schne Frau Marie aufrufen; doch im ganzen Saal suchte er und Georg sie vergebens auf, und die lchelnden Frauen gestanden, da sechs der schnsten Fruleins sie entfhrt und in ihre neue Wohnung begleitet htten, um ihr dort, wie es die Sitte wollte, die mysterisen Dienste einer Zofe zu erzeigen. _"Sic transit gloria mundi.!"_ sagte der Herzog lchelnd. "Und siehe, Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, Seine Gesellen und zwlf Junker, sie wollen Dir 'heimznden'. Doch zuvor leere noch einen Becher mit Uns. Geh, Mundschenk! Bring vom Besten." Marx Stumpf von Schweinsberg und Dieterich von Kraft nahten sich mit Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie schlossen sich zwlf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundschenk go die Becher voll und kredenzte sie seinem Herzog und Georg von Sturmfeder, Ulrich sah ihn lange und nicht ohne Rhrung an; er drckte seine Hand und sagte: "Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter der Erde lag, hast Du Dich zu mir bekannt; als jene Vierzig meine Burg bergaben und kein Stckchen Wrttemberg mehr mein war, bist Du mir aus dem Land gefolgt, hast mich oft getrstet und auch auf diesen Tag verwiesen Bleibe mein Freund, wer wei, was die nchsten Tage bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten und sie schreien 'Hoch!' auf das Wohl meines Hauses, und doch war mir Dein Trinkspruch mehr wert, den Du in der Hhle ausbrachtest und den das Echo beantwortete. Ich erwidere ihn jetzt und gebe ihn Dir: Sei glcklich mit Deinem Weib, mge Dein Geschlecht auf ewige Zeiten grnen und blhen; mge es Wrttemberg nie an Mnnern fehlen, so mutig im Glck, so treu im Unglck wie Du!" Der Herzog trank, und eine Trne fiel in seinen Becher. Die Gste stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackeltrger ordneten sich, und seine Gesellen fhrten Georg von Sturmfeder aus dem Schlo der Herzoge von Wrttemberg. Kapitel 33 Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichnen, ist eine Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tnt, die von vielen vernommen, von den meisten berhrt, von wenigen befolgt wurde. Zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde, man vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Tne der Freude zu bertuben. Ulrich von Wrttemberg hatte jene Stimme in mancher Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er glaubte das Gerusch vieler Gewappneter und die drhnenden Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie nher und nher um ihn sich lagern zu hren, und wenn er sich auch berzeugte, da es nur die Nachtluft war, die um die Trme seines Schlosses brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zurck, da sein Schicksal noch einmal sich wenden knnte. Jene Warnung des alten Ritters von Lichtenstein tnte oft in seiner Seele wieder, und vergeblich strengte er sich an, die knstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt zum wenigsten nicht genug berdacht schien. Denn seine alten Feinde rsteten sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land, nher und nher an das Herz von Wrttemberg. Die Reichsstadt Elingen bot fr diese Unternehmungen einen nur zu gnstigen Sttzpunkt. Sie liegt nur wenige Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Land, und war, sobald das Heer des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausflle nach Wrttemberg zu begnstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an vielen Orten den Bund gnstig auf, denn der Herzog hatte es durch die neue Art, wie er sich huldigen lie, ngstlich gemacht. Die Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er einige Jahre zuvor seinen Rten folgte und zur Verbesserung seiner Finanzen ein neues Ma und Gewicht einfhrte. Der "arme Konrad", ein frmlicher Aufstand armer Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und den Tbinger Vertrag eingeleitet. Die Liebe zum Alten hatte sich auf eine rhrende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und das Haupt des alten Frstenstammes verjagen wollte. Ihre Vter und Grovter hatten unter den Herzogen und Grafen von Wrttemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhat, der diese verdrngen wollte. Wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bund und seinen Statthaltern oft genug bewiesen. Der alte, angestammte Herzog, ein Wrttemberger, kam wieder ins Land, sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt werde es wieder hergehen wie "vor alters"; sie htten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Glten aller Art entrichtet und Fronen geleistet. Sie htten ber Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen wre. So gut wurde es ihnen aber nicht. Die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als frher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen neuen Herrn ansahen und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulrich kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als frher, sondern weil sie die neuen Formen mit argwhnischen Augen ansahen. Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht, erfhrt selten genau, wie man ber ihn denkt und ob die Maregeln klug berechnet waren, die ihm seine Rte an die Hand gaben. Und dennoch entging Ulrichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, da er im schlimmen Fall sich nicht auf es werde verlassen knnen, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte. Seine Unruhe ber diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen. Es beschwor die wildesten Tne der Freude herauf, und oft gelang es ihm sogar, zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er verfluchte, um seinem Volk und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen und Mut einzuflen, einige Einflle, welche die Bndischen von Elingen aus in sein Land gemacht hatten, doppelt heimzugeben. Er.schlug sie zwar und verwstete ihr Gebiet, aber er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Sieg in seine Stellungen zurckging, da das Kriegsglck ihn vielleicht verlassen knnte, wenn der Bund einmal mit dem groen Heer im Feld erscheinen wrde. Und er erschien frh genug fr Ulrichs zweifelhaftes Geschick. Noch wute man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und Freude, als auf einmal am zwlften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei Cannstatt hatte beziehen lassen, flchtig nach Stuttgart kamen und von einem groen bndischen Heer erzhlten, das sie zurckgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, da eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, da der Herzog lngst um diesen drohenden Einfall gewut haben msse, denn er lie an diesem Tag die mter aufbieten, lie die Truppen sich versammeln, die auf das Land umher verlegt gewesen waren und hielt noch am Abend dieses Tages eine Musterung ber zehntausend Mann. Noch in der Nacht zog er mit einem groen Teil der Mannschaft aus, um die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und Elingen genommen hatte, zu verstrken. In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Trne von schnen Augen geweint, denn Mnner und Jnglinge, was die Waffen fhren konnte, zog mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden Heeres bertnte die Klagen der Mdchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war stumm, aber gro, als sie den Gatten unter die Tre herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen fr ihn und den Vater hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glck beschftigt, die ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, berhrten sie das Flstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie waren gewhnt, den Vater ernst und dster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trber, seine Stirn finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr ses Glck, er fhlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu frh aufzustren, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte der entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines geliebten Weibes. Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit ber jedes irdische Verhngnis gegeben, die nur in einer reinen Seele und in der mutigen Zuversicht auf einen hheren Beistand bestehen kann. Sie wute, was Georg der Ehre seines Namens und seinem Verhltnis zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer und brachte ihrer schwchlichen Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Trnen, die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben sieht, unwillkrlich entstrmen. "Sieh, ich kann nicht glauben, da Du auf immer von mir gehst", sagte sie, indem sie ihre schnen Zge zu einem Lcheln zwang, "wir haben jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, da wir schon aufhren sollen. Drum kann ich Dich ruhig ziehen lassen, ich wei ja zuversichtlich, da Du mir wiederkehrst." Georg kte die schnen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Gefahr, der er entgegengehe, er dachte nur daran, wie gro fr das teure Wesen, das er in den Armen hielt, der Schmerz sein mte, wenn er nicht mehr zurckkehrte; wie sie dann ein langes Leben einsam nur in der Erinnerung an die wenigen Tage des Glcks fortleben knnte. Er prete sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken verscheuchen; seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm, wenigstens trug er ein schnes Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich hinweg. Die Ritter stieen vor dem Tor gegen Cannstatt zum Herzog. Es war dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, da der Herzog finster und in sich gekehrt sei; denn seine Augen waren niedergeschlagen, seine Stirn kraus, und er ritt stumm seinen Weg weiter, nachdem er sie flchtig mit der Hand gegrt hatte. Ein nchtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden, der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gesprch, wohl auch zum Gesang. Weil die Eindrcke von auen strker sind, denkt man weniger nach ber das Ziel des Marsches, ber das Ungewisse des Krieges, ber die Zukunft, die niemand dunkler verhngt ist als dem Kriegsmann im Feld. Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht. Man hrt nur das Gedrhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse, ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Seele, die durch das Auge keine Bilder mehr empfngt, wird durch dieses eintnige Gemurmel ernster; Scherz und Gelchter sind verstummt, das laute Gesprch sinkt zum Geflster herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgltigen Gegenstnden, sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht. So war auch der Zug in jener Nacht, ernst und von keinem Laut der Freude unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein und warf hie und da ngstliche Blicke auf diesen, denn er hing wie von Kummer gebckt im Sattel und schien ernster als je zu sein. Er htte beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer aus seiner Brust heraufgestiegen wre und seine glnzenden Augen nach den Wlkchen geschaut htten, die um die bleiche Sichel des Mondes zogen. "Glaubt Ihr, es wird morgen zum Gefecht kommen, Vater?" flsterte Georg nach einer Weile. "Zum Gefecht? Zur Schlacht!" "Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, da es uns jetzt schon werde die Spitze bieten knnen? Es ist nicht mglich. Herzog Wilhelm mte Flgel haben, wenn er seine Bayern herabgefhrt htte, und Frondsberg ist in seinen Entschlssen bedchtig. Ich glaube nicht, da sie viel ber Sechstausend stark sind." "Zwanzigtausend", antwortete der Alte mit dumpfer Stimme. "Bei Gott, das hab ich nicht gedacht", entgegnete der junge Mann mit Staunen "Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben gebtes Volk, und des Herzogs Augen sind schrfer als irgendeines im Bundesheer, selbst als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, da wir sie schlagen werden?" "Nein." "Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein groer Vorteil fr uns liegt schon darin, da wir fr das Land fechten, die Bndischen aber dagegen; das macht unsern Truppen Mut; die Wrttemberger kmpfen fr ihr Vaterland." "Gerade darauf traue ich nicht", sprach Lichtenstein, "ja, wenn der Herzog sich anders htte huldigen lassen, so aber--hat er das Landvolk nicht fr sich; sie streiten, weil sie mssen, und ich frchte, sie halten nicht lange aus." "Das wre freilich schlimm", erwiderte Georg, "doch die Schwaben sind ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not verlassen. Wo glaubt Ihr, da wir dem Feind begegnen? Wo werden wir uns stellen?" "Zwischen Elingen und Cannstatt; bei Untertrkheim haben die Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen dort zu dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie anschlieen." Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit still nebeneinander hin "Hre, Georg!" hub er nach einer Weile an, "ich habe schon oft dem Tod Auge in Auge gesehen und bin alt genug, mich nicht vor ihm zu frchten, es kann jedem etwas Menschliches begegnen --trste dann mein liebes Kind, Marie." "Vater!" rief Georg, und reichte ihm die Hand hinber, "denkt nicht solches! Ihr werdet noch lange und glcklich mit uns leben." "Vielleicht", entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, "vielleicht auch nicht. Es wre tricht von mir, Dich aufzufordern Du sollst Dich im Gefecht schonen. Du wrdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk an Dein junges Weib, und begib Dich nicht blindlings und unberlegt in Gefahr. Versprich mir dies." "Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun mu, werde ich nicht ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr, Vater, knntet dies geloben." "Schon gut, la das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen werden sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt habe; Lichtenstein geht auf Dich ber, Du wirst damit belehnt werden. Mein Name stirbt hierzulande mit mir, mge der Deinige desto lnger tnen." Der junge Mann war von diese Reden schmerzlich bewegt; er wollte antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihm verlangte. Er drckte Mariens Vater die Hand und ritt dann schnell zu Ulrich von Wrttemberg. "Guten Morgen, Sturmfeder!" sprach dieser, indem seine Stirn sich etwas aufheiterte. "Ich sag' guten Morgen, denn die Hhne krhen dort unten im Dorf. Was macht Dein Weib? Hat sie gejammert, als Du wegrittst?" "Sie hat geweint", antwortete Georg, "aber sie hat nicht mit einem Wort geklagt." "Das sieht ihr gleich, bei Sankt Hubertus, Wir haben selten eine mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wre, da ich recht in Deine Augen sehen knnte, ob Du zum Kampf gestimmt bist und Lust hast, mit den Bndlern anzubinden?" "Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp. Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz vergessen, was ich von Euch erlernte, da man im Glck und Unglck den Mut nicht sinken lassen drfe?" "Hast recht: Impavidum ferient ruinae." Wir haben es auch gar nicht anders von Unserem getreuen Bannertrger erwartet. Heute trgt meine Fahne ein anderer, denn Dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunchst ziehen, lt Dir von einem den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf Untertrkheim zu. Es ist mglich, da der Weg nicht ganz frei ist, da vielleicht die von Elingen schon herabgezogen sind, um den Pa zu versperren; was willst Du tun, wenn es sich so verhlt?" "Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig Pferden auf sie und hau mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu stark, so decke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran seid." "Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust Du so gut auf sie, wie auf mich bei Lichtenstein, so schlgst Du Dich durch sechshundert Bndler durch. Die Leute, die ich Dir gebe, sind gut. Es sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den andern Stdten. Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker und hauen einen Schdel bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust, reiten sie Dir in die Hlle, wenn sie Dir einmal zugetan sind; und wen sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche." "Und bei Untertrkheim soll ich mich aufstellen?" "Dort triffst Du auf einer Anhhe die Landsknechte unter Georg von Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist, Ulricus fr immer. Den beiden Herren sagst Du, sie sollen sich halten bis fnf Uhr; ehe der Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten. Gehab Dich wohl, Georg." Der junge Mann erwiderte den Gru, indem er sich ehrerbietig neigte; er ritt an die Spitze der tapferen Reiter und trabte mit ihnen das Tal hinauf. Es waren krftige Gestalten, mit breiten Schultern und starken Armen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fhlte sich ehrvoll ausgezeichnet, eine solche Schar zu fhren. Man nherte sich dem Fu des Rothenberges, auf dessen Gipfel das Stammschlo von Wrttemberg weit ber das schne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden, aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen Trmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulrich in der Hhle mit Wehmut von der Burg seiner Vter sprach, von welcher er sonst auf ein schnes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut und dies alles sein genannt hatte. Er versank in Gedanken ber das unglckliche Schicksal dieses Frsten das ihm aufs neue den Besitz des schnen Landes streitig zu machen schien; er dachte nach ber die sonderbare Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Gre oft durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei. "Was Ihr dort unten unterscheiden knnt zwischen den beiden Bumen", unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, "ist die Turmspitze von Untertrkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und wenn wir Trab reiten, knnen wir bald dort sein." Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die Hellebarden entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rtlichen Schimmer glhender Lunten, die wie Scheinwrmchen durch die Nacht funkelten. "Halt, wer da?" rief eine Stimme aus ihren Reihen. "Gebt die Losung!" "Ulricus fr immer", rief Georg. "Wer seid Ihr?" "Gut Freund!" rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus den Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zuritt. "Guten Morgen, Georg, Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon die ganze Nacht sind wir auf den Beinen und harren sehnlich auf Verstrkung, denn dort drben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und wenn Frondsberg den Vorteil verstanden htte, wren wir schon lngst bermannt." "Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran", erwiderte Sturmfeder, "lngstens in zwei Stunden mu er da sein." "Sechstausend, sagst Du? Bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug, wir sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend. Weit Du, da sie ber zwanzigtausend stark sind, die Bndischen? Wieviel Geschtz bringt er mit?" "Ich wei nicht; es wurde erst nachgefhrt, als wir ausritten". "Komm, la die Reiter absitzen und ruhen", sagte Marx Stumpf. "Sie werden heute Arbeit genug bekommen." Die Reiter saen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lsten ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhhen und am Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte sich, in seinen Mantel gehllt, nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintnigen Ruf der Wachen unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit hinweg ber Krieg und Schlachten, in die Arme seines Weibes entfhrte. Kapitel 34 Georg erwachte durch das Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont hell, der Morgen kam, die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann setzte den Helm auf, lie sich den Brustharnisch wieder anlegen und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu empfangen. Aus Ulrichs Zgen war zwar nicht der Ernst, wohl aber alle Dsterkeit verschwunden. Sein Auge sprhte von einem kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er war ganz in Stahl gekleidet und trug ber seinem schweren Eisenkleid einen grnen Mantel mit Gold verbrmt. Die Farben seines Hauses wehten in seinem groen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts von den brigen Rittern und Edlen, die ebenfalls in blankes Eisen "bis an die Zhne" gekleidet, den Herzog in einem groen Kreis umgaben. Er begrte freundlich Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und lie sich von ihnen ber die Stellung des Feindes berichten. Noch war von diesem nichts zu sehen; nur am Saum des Waldes gegen Elingen hin sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog beschlo, den Hgel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu verlassen und sich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber, so berichteten Kundschafter, zhlte dreitausend Pferde. Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff sicher. Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im Tal, weil man vom Hgel zu nahe beschossen werden knne; doch Ulrich folgte seinem Sinn und lie das Heer hinabsteigen. Er stellte zunchst vor Trkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nhe mit den Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache bilden; zu diesen berittenen Brgern gesellten sich noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um bei einem Reiterangriff den Sto zu verstrken. In jenen Tagen war ein Treffen oft in viele kleine Zweikmpfe zerstreut, die Ritter, die einem Heer folgten, fochten selten in geschlossenen Waffen, sondern suchten mit schnellem Blick einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und Lanze bekmpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen stand, und den Herzog selbst gelstete es, seine ungeheure Kraft, seine weit berhmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf zu erproben, und nur die instndigen Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese romantische Idee auszufhren. Neben dem Herzog hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkrte, die zu Pferd sitzt, anzusehen. Ein Helm mit groen Federn sa auf einem kleinen Krper, der auf dem Rcken mit einem gewlbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte die Knie weit heraufgezogen und hielt sich am Sattelknopf fest. Das herabgeschlagene Visier hinderte Georg, zu erkennen, wer dieser lcherliche Kmpfer sei; er ritt daher nher an den Herzog heran, und sagte: "Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen beraus mchtigen Kmpen zum Begleiter ausersehen. Seht nur die drren Beine, die zitternden Arme, den mchtigen Helm zwischen den kleinen Schultern-- wer ist denn dieser Riese?" "Kennst Du den Hcker so schlecht?" fragte der Herzog lachend. "Sieh nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine groe Nuschale anzusehen, um seinen teuern Rcken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht kme. Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland." "Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter Unrecht getan", entgegnete Georg, "ich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen und ein Ro besteigen, und da sitzt er auf einem Tier, so hoch wie ein Elefant, und trgt ein Schwert, so gro als er selbst ist; diesen kriegerischen Geist htte ich ihm nimmer zugetraut." "Meinst Du, er reite aus eigenem Entschlu zu Feld? Nein, ich habe ihn mit Gewalt dazu gentigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht frommte, und ich frchte, er hat mich mit bslicher Absicht aufs Eis gefhrt; drum mag er auch die Suppe mitverzehren, die er eingebrockt hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang; er sprach viel vom Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich lie ihn in seinen Harnisch schnren und zu Pferd heben, er reitet den feurigsten Renner aus meinem Stall." Whrend dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Hcker das Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig stehende Lcheln war verschwunden, seine stechenden uglein waren gro und starr geworden und drehten sich langsam und schchtern nach der Seite; der Angstschwei stand ihm auf der Stirn, und seine Stimme war zum zitternden Flstern geworden. "Um Gottes Barmherzigkeit willen, wertgeschtzter Herr von Sturmfeder, vielgeliebter Freund und Gnner, legt ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, da er mich aus diesem Fastnachtsspiel entlt. Es ist des allerhchsten Scherzes jetzt genug. Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm drckt mich aufs Hirn, da meine Gedanken im Kreis tanzen, und meine Knie sind vom Zipperlein gekrmmt, bitte, bitte! Legt ein gutes Wort ein fr Euren demtigen Knecht, Ambrosius Volland; will's gewilich vergelten." Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen feigen Snder. "Herr Herzog", sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rtete, "vergnnt ihm, da er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter gelftet und die Helme fester in die Stirn gedrckt, das Volk schttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff, warum soll ein Feigling in den Reihen von Mnnern streiten?" "Er bleibt, sage ich", entgegnete der Herzog mit fester Stimme, "beim ersten Schritt rckwrts hau ich ihn selbst vom Gaul herunter. Der Teufel sa auf Deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als Du Uns geraten, Unser Volk zu verachten und das Alte umzustoen. Heute, wenn die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst Du schauen, ob Dein Rat Uns frommte." Des Kanzlers Augen glhten vor Wut, seine Lippen zitterten und seine Mienen verzerrten sich grauenerregend. "Ich habe Euch nur geraten; warum habt Ihr es getan?" sagte er. "Ihr seid Herzog; Ihr habt befohlen und Euch huldigen lassen; was kann denn ich dafr?" Der Herzog ri sein Pferd so schnell um, da der Kanzler bis auf die Mhnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich. "Bei Unserer frstlichen Ehre", rief er mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten, "Wir bewundern unsere eigene Langmut. Du hast Unsren ersten Zorn bentzt, Du hast Dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen gewut; wren Wir Dir nicht gefolgt, Du Schlange, so stnden heute zwanzigtausend Wrttemberger hier, und ihre Herzen wren eine feste Mauer fr ihren Frsten. Oh, mein Wrttemberg! Mein Wrttemberg! Da ich Deinem Rat gefolgt wre, alter Freund; ja, es heit was, von seinem Volk geliebt zu sein!" "Entfernt diese Gedanken vor einer Schlacht", sagte der alte Herr von Lichtenstein, "noch ist es Zeit, das Versumte einzuholen. Noch stehen sechstausend Wrttemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch siegen, wenn Ihr sie mit Vertrauen gegen den Feind fhrt. Oh Herr! Hier sind lauter Freunde, vergebt Euren Feinden, entlat den Kanzler, der nicht fechten kann!" "Nein! Her zu mir, Schildkrte! An meine Seite her, Hund von einem Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als htte ihn unser Herr Gott hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in Deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben mit Deiner Schwanenfeder, jetzt sollst Du sehen, wie sie streiten, jetzt sollst Du sehen, wie Wrttemberg siegt oder untergeht. Ha! Seht Ihr sie dort auf dem Hgel? Seht Ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner von Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbschen spielt. --Guten Tag; ihr Herren vom Schwabenbund! Jetzt geht mir das Herz auf; das ist ein Anblick fr einen Wrttemberg!" "Schaut, sie richten schon die Geschtze", unterbrach ihn Lichtenstein, "zurck von diesem Platz, Herr! Hier steht Euer Leben in augenscheinlicher Gefahr; zurck, zurck, wir halten hier; schickt uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!" Der Herzog sah ihn gro an. "Wo hast Du gehrt", sagte er, "da ein Wrttemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen lie? Meine Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten wie sie, furchtlos und treu! Sieh, wie der Berg sich dunkler und dunkler fllt von ihren Scharen. Siehst Du jene weien Wolken am Berg, Schildkrte? Hrst Du sie lachen? Das ist der Donner der Geschtze, der in unsere Reihen schlgt. Jetzt, wenn Du ein gutes Gewissen hast, wirst Du leichter Atem holen, denn um Dein Leben gibt Dir keiner einen Pfennig." "Lasset uns beten", sagte Marx von Schweinsberg, "und dann drauf in Gottes Namen." Der Herzog faltete andchtig die Hnde, seine Begleiter folgten seinem Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geschtze tnte schauerlich in diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug; jedes leise Flstern der Betenden hrte. Auch der Kanzler faltete die Hnde, aber seine Augen richteten sich nicht glubig auf zum Himmel, sie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben seines Krpers, sooft Blitz und Rauch aus den Feldstcken des Feindes fuhr, zeigte, da seine Seele nicht zu Dem sich aufzuschwingen vermge, der aus den Strahlen seiner Morgensonne ber Freunde und Feinde herabblickte. Ulrich von Wrttemberg hatte gebetet und zog sein Schwert aus der Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick blitzten tausend Schwerter um ihn her. "Die Landsknechte sind schon im Gefecht", sagte er, indem sein Adlerauge schnell das Tal berschaute. "Georg von Hewen, Ihr rckt ihnen mit tausend zu Fu nach. Schweinsberg lehne sich mit achthundert an den Wald und warte bis auf weiteres. Reinhardt von Gemmingen, wollt mit den Eurigen geradeaus ziehen und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar einnehmen. Sturmfeder, Du bleibst mit Deiner Abteilung Reiter, doch bist Du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, Ihr Herren. Sollten wir uns hier unten nicht mehr sehen, so gren wir uns desto freudiger oben." Er grte sie, indem er sein groes Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten den Gru und zogen mit ihren Scharen dem Feind zu, und ein tausendstimmiges "Ulrich fr immer!" ertnte aus ihren Reihen. Das bndische Heer, das auf dem Hgel, den die Herzoglichen frher gehalten hatten, angekommen war, begrte seinen Feind aus vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmhlich herab ins Tal. Sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrcken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten Glieder den Hgel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg von Sturmfeder. "Siehst Du ihre Feldstcke auf dem Hgel?" fragte er. "Wohl. Sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt." "Frondsberg glaubt, weil wir nicht ber ihn wegfliegen knnen, sei es unmglich, sein Geschtz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein Weg links ein und fhrt in ein Feld. Das Feld stt an jenen Hgel. Kannst Du mit Deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen so bist Du beinahe schon im Rcken der Bndischen. Dort lt Du die Pferde verschnaufen, legst dann an, und im Galopp den Hgel hinauf. Die Geschtze mssen unser sein!" Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand. "Lebe wohl, lieber Junge!" sagte er. "Es ist hart von Uns, einen jungen Ehemann auf so gefhrliche Reise zu schicken, aber wir wuten keinen Rascheren und Besseren als Dich." Die Wangen des jungen Mannes glhten, als er diese Worte hrte, und seine Augen blinkten mutig. "Ich danke Euch, Herr, fr diesen neuen Beweis Eurer Gnade", rief er, "Ihr belohnt mich schner, als wenn Ihr mir die schnste Burg geschenkt httet.--Lebt wohl, Vater, und grt mein Weibchen." "So ist's nicht gemeint!" entgegnete lchelnd der alte Lichtenstein. "Ich reite mit Dir unter Deiner Fhrung." "Nein, Ihr bleibt bei mir, alter Freund", bat der Herzog. "Soll mir denn der Kanzler hier im Felde raten? Da knnte ich so bel fahren wie mit seinen andern Ratschlssen. Bleibt mir zur Seite; macht den Abschied kurz, Alter! Euer Sohn mu weiter." Der Alte drckte Georgs Hand. Lchelnd und mit freudigem Mut erwiderte dieser den Abschiedsgru, schwenkte mit seinen Reitern ab, und "Ulrich fr immer!" riefen die Stuttgarter Brger zu Pferd, welche er in dieser entscheidenen Stunde gegen den Feind fhrte. Georg betrachtete, als er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Wrttemberger hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und ihre Flgel und das Zentrum waren stark genug, um auch einen mchtigen Sto von Reiterei auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen, da, wenn sie sich aus dieser Stellung herauslocken lieen, sie alle diese Vorteile verlieren wrden, weil sie dann entweder zwischen dem Wald und dem linken Flgel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder, um diesen auszufllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen mten, da sie an innerer Strke verlieren wrden und leichter durchbrochen werden knnten. Ein groer Nachteil fr die Wrttemberger war auch ihre geringe Anzahl, denn der Feind zhlte zwei Drittel mehr. Er konnte zwar in dem engen Tal seine Streitkrfte nicht entwickeln und nur wenig Mannschaft auf einmal ins Treffen fhren. Und doch war dies immer genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschftigen; der Feind behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befrchten, da die sechstausend Wrttemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten sollten, endlich aus Ermattung wrden unterliegen mssen. Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rckten still und vorsichtig weiter, denn Georg wute wohl, wie schwierig es fr einen Reiterzug sei, im Wald von Fuvolk angegriffen zu werden. Doch ungefhrdet kamen sie auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts ber dem Wald hin wtete die Schlacht. Das Geschrei der Angreifenden, das Schieen aus Donnerbchsen und Feldstcken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herber. Vor ihnen lag der Hgel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen in die Reihen der Wrttemberger spielte; dieser Hgel erhob sich allmhlich von der Seite des Wldchens, und Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspht hatte, denn von jeder andern Seite wre, wenigstens fr Reiter, der Angriff unmglich gewesen. Das Geschtz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach im Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem Gipfel des Hgels angekommen und Georg rief den bndischen Soldaten zu, sich zu ergeben. Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart ersparten ihnen die Mhe, denn mit gewaltigen Streichen hieben sie Helme und Kpfe durch, da von der Bedeckung bald wenig mehr brig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog zu; er hrte das Freudengeschrei der Wrttemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie frischer vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstcke auf dem Hgel, waren jetzt zum Schweigen gebracht. Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch, da jetzt der zweite und schwerste Teil seiner schnellen Operation, der Rckzug, gekommen sei; denn auch die Bndischen hatten gemerkt, wie ihr Geschtz pltzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten alsbald eine Reiterschar gegen den Hgel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit mehr, die schweren erbeuteten Feldstcke hinwegzufhren; darum befahl Georg; mit Erde und Steinen ihre Mndungen zu verstopfen, und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick auf den Rckweg, zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen, das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei angegriffen, so war der Rckweg durch den Wald mglich, weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten zu berwinden hatte wie er. Aber seinem scharfen Auge entging nicht, da ein groer Haufen bndischen Fuvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rckzug abzuschneiden, und so sah er sich vom Wald ausgeschlossen. Das groe Heer des Bundes zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch Zwanzigtausend durchzuschlagen, wre Tollkhnheit gewesen. Es blieb nur ein Weg, und auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des feindlichen Heeres flo der Neckar. Am andern Ufer kein Mann von bndischer Seite; konnte er nur dieses Ufer gewinnen, so war es mglich, sich zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes, wohl fnfhundert stark, am Fu des Hgels angelangt; er glaubte an ihrer Spitze den Truchse von Waldburg zu erblicken; jedem andern, selbst dem Tod, wollte er sich lieber ergeben als diesem. Drum winkte er den tapfern Wrttembergern nach der steileren Seite des Hgels hin, die zum Neckar fhrte. Sie stutzten; es war zu erwarten, da unter zehn immer acht strzen wrden, so jh war diese Seite, und unten stand zwischen dem Flgel und dem Flu ein Haufen Fuvolk, das sie zu erwarten schien. Aber ihr junger, ritterlicher Fhrer schlug das Visier auf und zeigte ihnen sein schnes Antlitz, aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche fhren sehen, durften sie an Weib und Kinder denken, da er diese Gedanken weit hinter sich geworfen hatte? "Drauf, wir wollen sie schlachten!" riefen die Fleischer. "Drauf, wir wollen sie hmmern!" riefen die Schmiede. "Immer drauf, wir wollen sie lederweich klopfen!" riefen ihnen die Sattler nach. "Drauf, mit Gott, Ulrich fr immer!" rief der hochherzige Jngling, drckte seinem Ro die Sporen ein und flog ihnen voran den steilen Hgel hinab. Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als sie den Hgel heraufkamen, die verwegene Schar gefangenzunehmen, und sie schon unten, mitten unter dem Fuvolk, erblickten. Wohl hatte mancher den khnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Ro gestrzt und in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf das Fuvolk einhauen, und der Helmbusch ihres Anfhrers wehte hoch und mitten im Gedrnge. Jetzt waren die Reihen des Fuvolkes gebrochen, jetzt drngten sich die Reiter nach dem Neckar--jetzt--setzte ihr Fhrer an und war der erste im Flu. Sein Pferd war stark, und doch vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukmpfen, es sank, und Georg von Sturmfeder rief den Mnnern zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog zu schlagen und ihm seinen letzten Gru zu bringen. Aber in demselben Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den Flu geworfen; der eine fate den jungen Ritter am Arm, der andere ergriff die Zgel seines Pferdes, und so brachten sie ihn glcklich ans Land heraus. Die Bndischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Flu von ihnen getrennt, setzte die khne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr bersetzen konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen. Ein Teil des feindlichen Geschtzes war zwar durch diesen ebenso schnellen wie verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen gebracht worden, aber das Verhngnis Ulrichs von Wrttemberg wollte, da ihm diese khne Waffentat zu nichts mehr ntzen sollte; die Krfte seiner Leute waren durch die immer erneuerten Angriffe des an Zahl weit berlegenen Feindes endlich vllig erschpft worden; die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewhnlichen kriegerischen Feuer aus, aber ihre Anfhrer hatten sich schon gentigt gesehen, sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte machen knnen, fllte nur schlecht diese Lcken aus. In diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, da der Herzog von Bayern Stuttgart pltzlich berfallen und eingenommen habe, da ein neues feindliches Heer in seinem Rcken am Flu heraufziehe und kaum noch eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, da er an diesem Tag sein Reich zum zweiten Male verloren habe, da ihm nichts mehr brigbleibe als Flucht oder Tod, um nicht in die Hnde seiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschlo Wrttemberg zu werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit fnde, heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die, von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein Herzogtum kmpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf, denn auf den Trmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glnzende Fhnlein, die im Morgenwind spielten; die Ritter blickten schrfer hin, sie sahen, wie die Fhnlein wuchsen und grer wurden, und ein schwrzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte ihnen, da es die Flamme sei, welche ihre glhenden Paniere siegend auf den Zinnen aufgesteckt hatte. Wrttemberg brannte an allen Ecken; und sein unglcklicher Herr sah mit dem grulichen Lachen der Verzweiflung diesem Schauspiel zu, Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende Burg. Die Bndischen begrten diese Flammen mit einem Freudengeschrei, den Wrttembergern entsank der Mut, es war ihnen, als sei dies ein Zeichen, da das Glck ihres Herzogs ein Ende habe. Schon tnten die Trommeln des im Rcken heranziehenden Heeres vernehmlicher; schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach Ulrich: "Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach, Wir wollen Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zugrunde gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit Uns in den Feind!" Georg ergriff das Panier von Wrttemberg, der Herzog stellte sich neben ihn, die Ritter und die Brger zu Pferd umgaben sie und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dnner standen, dort msse man durchkommen, oder alles sei verloren. Noch fehlte es an einem Anfhrer, und Georg wollte sich an die Spitze stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte sich vor die Reiter, noch einmal wandte er die ehrwrdigen Zge dem Herzog und seinem Sohn zu, dann schlo er das Visier und rief: "Vorwrts, hie gut Wrttemberg alleweg!" Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und bewegte sich in Form eines Keiles im Trab vorwarts. Der Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte. Doch der edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut, solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er still und regungslos, jetzt aber ertnten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier von Wrttemberg hoch in den Lften wehen und die tapfere Reiterschar im Galopp auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt ber die Ebene hin, den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die Blitzesschnelle, womit sein Ro die Luft teilte, unterdrckte seine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt, so schnell sie ihre Rosse auslaufen lieen, er berholte sie, und so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit zum Anfhrer der Reiter gebracht. Der Feind stutzte ber die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen als einem Krieger glich; noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der frchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Wrttemberger brachen, trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelchter aus, und auch dieses mochte beitragen, die tapferen Truppen von Ulm, Gmnd, Aalen, Nrnberg und noch zehn andern Reichsstdten, welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstoben vor der ungeheuern Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar war im Rcken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe noch die bndische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er gewann einen groen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte die berittene Schar der Brger erst vor den Toren von Stuttgart, und es fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner wichtigeren Anhnger, auer dem Kanzler Ambrosius Volland, den man halb tot vom Pferd hob. Die bndischen Kriegsleute behandelten ihn, nachdem man ihm die gewlbte Rstung vorn Leib geschlt hatte, sehr bel, denn nur seiner frchterlichen, alle Begriffe bersteigenden Tapferkeit schrieben sie es zu, da ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend Goldgulden entgangen war. So geschah es, da dieser tapfere Kanzler, nicht wie sein Herzog in der Schlacht, sondern nach der Schlacht geschlagen wurde. Kapitel 35 Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tag folgte, brachten Herzog Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch Felsen und Gestruch ein sicheres Versteck gewhrte und noch heute bei dem Landvolk die 'Ulrichshhle' genannt wird. Es war der Pfeifer von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not erschienen war und sie in diese Schlucht fhrte, die nur den Bauern und Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen, hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der Schweiz fortzusetzen. Wohl wre ihm hierzu die Nacht gnstiger gewesen, denn die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, da er sie tuschen und ungehindert entkommen wrde; aber die Pferde waren von dem heien Schlachttag ermdet, und es war unmglich, den Herzog und seine notwendige Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des Feindes auf diesen Schlupfwinkel zu leiten. Die Mnner hatten sich um ein sprliches Feuer gelagert. Der Herzog war lngst dem Schlummer in die Arme gesunken und verga vielleicht in seinen Trumen, da er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine mchtigen Arme auf die Knie gesttzt, sein Gesicht in die Hnde verborgen, und man war ungewi, ob er schlafe oder in Kummer versunken ber das Schicksal des Herzogs nachdenke, das sich mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder ber ihn lagern wollte; er war der Jngste unter allen und hatte freiwillig in dieser Nacht die Wache bernommen. Neben ihm sa Hans, der Pfeifer von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weise er mit leiser, unterdrckter Stimme vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller aufflackerte, schaute er mit einem trben Blick nach dem Herzog, und wenn er sah, da jener noch immer schlafe, versank er wieder in den flsternden, traurigen Gesang. "Du singst eine traurige Weise, Hans!" unterbrach ihn Georg, den die melancholischen Tne dieses Liedes unheimlich anregten, "es tnt wie Totengesang und Sterbelieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hren." "Wir knnen alle Tage sterben", sagte der Spielmann, indem er dster in die Flamme blickte, "drum sing' ich gerne ein solches Lied, es ist mir, als knnte ich mit solchen Gedanken wrdiger sterben." "Wie kommst Du auf einmal zu diesen Todesgedanken, Hans? Du warst doch sonst ein frhlicher Bursche zur Herbstzeit, und Deine Zither tnte auf mancher Kirchweih. Da hast Du gewi keine Totenlieder gesungen." "Meine Freude ist aus", erwiderte er und wies auf den Herzog, "all meine Mhe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn und ich--ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; htte ich nicht Frau und Kind, ich mchte heute nacht noch sterben." "Wohl warst Du immer sein getreuer Schatten", sagte der junge Mann gerhrt, "und oft habe ich Deine Treue bewundert; hre, Hans! Wir sehen uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen, erzhle mir, was Dich so ausschlielich und eng an den Herzog knpft, wenn es etwas ist, das Du erzhlen kannst." Er schwieg einige Augenblicke und schrte das Feuer zurecht; ein unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewi, ob es die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen Zge mit wechselnder Rte bergo. "Das hat seine eigene Bewandtnis", sagte er endlich, "und ich spreche nicht gern davon. Doch Ihr habt recht, Herr, auch mir ist es, als wrden wir uns lange nicht mehr sehen, so will ich Euch denn erzhlen. Habt Ihr nie von dem Armen Konrad gehrt?" "Oh ja", erwiderte Georg, "das Gercht davon kam noch weiter als bis zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? Wollte man nicht sogar dem Herzog ans Leben?" "Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein bses Ding. Es mgen nun sieben Jahre sein, da gab es unter uns Bauern viele Mnner, die mit der Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar viel Geld fr seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies." "Gaben denn Eure Landstnde nach, wenn der Herr soviel Geld verlangte?" fragte Georg. "Sie wagten eben auch nicht, immer nein zu sagen, des Herzogs Beutel hatte aber gar ein groes Loch, das wir Bauern mit unserem Schwei nicht zuleimen konnten. Da gab es nun viele, die lieen die Arbeit liegen weil das Korn, das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der Wein, den sie kelterten, nicht fr sie in die Fsser flo. Diese, als sie dachten, da man ihnen nichts mehr nehmen knne als das arme Leben, lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim, sprachen viel von ihren Schlssern auf dem Hungerberg und von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain, und diese Gesellschaft war der Arme Konrad." Der Pfeifer legte sinnend seine Stirn in die Hand und schwieg. "Von Dir wolltest Du ja erzhlen, Hans", sagte Georg, "von Dir und dem Herzog--." "Das htte ich beinahe vergessen", antwortete dieser--"Nun", fuhr er fort, "es kam endlich dahin, da man Ma und Gewicht geringer machte und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da wurde aus dem Scherz bitterer Ernst. Es mochte mancher nicht ertragen, da rings umher volles Ma und Gewicht und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Wasserprobe." "Was ist das?" fragte der junge Mann. "Ha!" lachte der Bauer, "das ist eine leichte Probe. Man trug den Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: 'Schwimmt's oben, hat der Herzog recht, sinkt's unter, hat der Bauer recht.' Der Stein sank unter, und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tbingen und hinber an die Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern gingen nicht auseinander." "Aber Du, von Dir sprichst Du ja gar nicht." "Da ich's kurz sage, ich war einer der rgsten", antwortete Hans, "ich war khn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel unmenschlich bestraft; da trat ich in den Armen Konrad, und bald war ich so arg als der Gaispeter und der Bregenzer. Der Herzog aber, als er sah, da der Aufruhr gefhrlich werden knne, ritt selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen, wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet. Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hrte ihn nicht an. Da stand der Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach:, Wer es mit dem Herzog Ulrich von Wrttemberg hlt, trete auf seine Seite!' Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: 'Wer es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg hlt, trete hierher!' Siehe, da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu dem Bettler." "Oh schndlicher Aufruhr", rief Georg, vom Gefhl des Unrechts ergriffen, "schndlich vor allen die, welche es so weit kommen lieen! Da war gewi Ambrosius Volland, der Kanzler, an vielem schuld?" "Ihr knnt recht haben", erwiderte der alte Spielmann, "doch hrt weiter: der Herzog, als er sah, da seine Sache verloren sei, schwang sich auf sein Ro, wir aber drngten uns um ihn her, doch noch wagte es keiner, den Frsten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus seinen groen Augen auf uns herab. 'Was wollt Ihr Lumpen?' schrie er und gab seinem Hengst die Sporen da er sich hoch aufbumte und drei Mnner niederri. Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Ro in die Zgel, sie stachen nach ihm mit Spieen und ich, ich verga mich so, da ich ihn am Mantel packte und rief: 'Schiet den Schelmen tot! '" "Das warst Du, Hans?" rief Georg und sah ihn mit scheuen Blicken an. "Das war ich", sagte dieser langsam und ernst, "aber es wurde mir dafr, was mir gebhrte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad und Ungnad. Es wurden zwlf Anfhrer des Aufruhrs nach Schorndorf gefhrt und dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod berdachte, da graute mir vor mir selbst, und ich schmte mich, mit so elenden Gesellen, wie die andern elf waren, gerichtet zu werden." "Und wie wurdest Du gerettet?" fragte Georg teilnehmend. "Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwlf wurden auf den Markt gefhrt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden. Der Herzog sa vor dem Rathaus und lie uns noch einmal vor sich fhren. Jene elf strzten nieder, da ihre Ketten frchterlich rasselten, und schrien mit jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und betrachtete dann mich. 'Warum bittest Du nicht auch?' fragte er. 'Herr', antwortete ich, 'ich wei, was ich verdient habe, Gott sei meiner Seele gndig.' Noch einmal sah er auf uns, dann aber winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem Alter gestellt, ich, als der Jngste, war der letzte. Ich wei wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich den grulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten." "Um Gottes willen hr auf", bat Georg, "oder bergehe das Grliche!" "Neun Kpfe meiner Gesellen staken auf den Spieen, da rief der Herzog: 'Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Wrfel her und lat die drei dort wrfeln!' Man brachte Wrfel, der Herzog bot sie mir zuerst; ich aber sagte: 'Ich habe mein Leben verwirkt und wrfle nicht mehr darber!' Da sprach der Herzog: 'Nun, so wrfle ich fr Dich.' Er bot den zwei andren die Wrfel hin. Zitternd schttelten sie in den kalten Hnden die Wrfel, zitternd zhlten sie die Augen: der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Wrfel und schttelte sie. Er fate mich scharf ins Auge, ich wei, da ich nicht gezittert habe. Er warf und deckte schnell die Hand darauf. 'Bitte um Gnade', sagte er, 'noch ist es Zeit.' 'Ich bitte, da Ihr mir verzeihen mgt, was ich Euch Leids getan', antwortete ich, 'um Gnade aber bitt' ich nicht, ich habe sie nicht verdient und will sterben.' Da deckte er die Hand auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zumute, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich strzte auf meine Knie nieder und gelobte, fortan in seinem Dienst zu leben und zu sterben. Der Zehnte wurde gekpft, wir beide waren frei Mit immer hhersteigender Teilnahme hatte Georg der Erzhlung des Pfeifers von Hardt zugehrt; aber als er scho, als sich das sonst so khn und listig blickende Auge mit Trnen fllte, da konnte er sich nicht enthalten, seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu drcken. "Es ist wahr", sagte der junge Mann, "Du hast Schweres an Deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebt, denn Du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zcken des Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefhl, so viele bekannte Menschen hinrichten und den Tod immer nherkommen zu sehen! Und hast Du nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller Art den Frsten vershnt, an den Du Deine Hand legtest? Wie oft hast Du ihm die Freiheit, vielleicht das Leben gerettet! Wahrlich, Deine Schuld ist reichlich abgetragen." Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzhlung geschlossen, wieder mit dsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er htte ganz teilnahmlos geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trbes Lcheln auf seinen Zgen erschienen wre. "Meint Ihr", sagte er, "ich htte gebt und meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben mu fr den ausgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Hhlen zeigen, wo man sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein tut's nicht. Ich wei, ich werde noch einmal fr ihn sterben mssen und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an." Eine Trne fiel in seinen Bart; doch als schmte er sich, so weich zu sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: "Doch dazu bin ich noch nicht gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk, darf ich fr ihn sterben; oh knnte ich durch meinen Tod seine Huldigung abndern und ihm das Land wieder verschaffen, noch in dieser Stunde wollte ich sterben!" Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und Bume, das sprliche Feuer und die von den Flammen beschienenen Mnner, seine Begleiter; er bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder auf, als prfe er, ob diese Erscheinungen bleiben;--sie blieben, und schmerzlich sah er bald den einen, bald den andern an. "Ich habe heute ein Land verloren", sprach er, "es hat mich nicht so geschmerzt als dieses Erwachen, denn ich habe es im Traum wieder und noch viel schner besessen." "Seid nicht ungerecht, Herr", sagte Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er sich aus seiner gebckten Stellung aufrichtete, "seid nicht ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. Wie unglcklich wret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Krfte fr das schwere Unglck strken soll, Euren Verlust noch fhltet, auch da noch so dster darber gebrtet httet. Ihr seid finster und verschlossen eingeschlummert, jetzt sind Eure Zge freundlicher; verdanken wir dies nicht Eurem Traum?" "So htte ich nie erwachen mgen, oh, da ich Jahrhunderte fortgetrumt htte und dann erwacht wre; es war so schn, so trstlich, was ich trumte!" Er sttzte die Stirn in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden geweckt worden; er kannte Ulrich und wute, da man ihn nicht ber seinen schmerzlichen Verlust brten lassen drfe; er nickte ihm daher nher und sprach: "Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr getrumt habt? Vielleicht liegt auch fr uns ein Trost darin, denn wit, ich glaube an Trume, wenn sie in einer wichtigen verhngnisvollen Stunde in unsere Seele einziehen, und ich glaube, sie kommen von oben, um uns zu trsten." Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien ber die Worte des Ritters nachzusinnen, dann fing er an, zu erzhlen. "Mein Schwager, Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundlichkeit die Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten die Wrttemberger, und das Land, das Wir besitzen, trgt von diesem Schlo den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine Todesfackel anznden, und mit diesen Flammen Unser Wappen und Gedchtnis und selbst den Namen Wrttemberg vertilgen wollen. Und fast knnte er recht haben; denn mein einziges Shnlein, Christoph, ist in fernen Landen, mein Bruder Georg hat noch keine Kinder, und ich--bin geschlagen, verjagt, sie haben wiederum mein Land besetzt, und wo ist Hoffnung, da ich es wieder einmal erlange? Wie ich nun so ganz verlassen und elend hier am Feuer sa, wie ich nachdachte ber mein kurzes Glck und wie ich vielleicht mein Unglck selbst verschuldet habe; wie ich bedachte, auf welch schwachen Sttzen meine Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Wrttemberg auslschen knne, gleich den letzten Funken in der Asche meiner Stammburg, da bermannte mich der Jammer, und bitterer als je fhlte ich die Schlge meines Schicksals. Unter diesen Gedanken entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer auf den Hhen des roten Berges und um die rauchenden Trmmer von Wrttemberg schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traum dort." Ulrich hielt inne; es war, als flle ein Bild seine Seele, das zu schn, zu gro sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein milder Friede lag auf den Zgen des unglcklichen Frsten, und ein wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwrts gerichteten Augen. Die Mnner umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen und lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verknden schien. "Hrt weiter", fuhr er fort. "Ich sah herab auf das schne Neckartal. Der Flu zog wie sonst in schnen blauen Bogen hin, aber das Tal und die Berge schienen mir lieblicher, glnzender, die Wlder auf den Hhen waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu Berg zog sich ein groer Garten voll grner Reben, und im Tal sah man Obstbume und schne blhende Grten ohne Zahl. Ich stand entzckt und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grn der Reben und Bume glnzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhob und hinberschaute ber den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hgel am Flu ein freundliches Schlo, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; es lag so friedlich da, da sein Anblick meiner Seele wohltat, denn keine Grben und hohe Mauern, keine Trme und Zinnen, kein Fallgatter, keine Zugbrcke erinnerte an den Zwist der Vlker und an das unsichere, wechselnde Geschick der Sterblichen. Und als ich verwundert ber den tiefen Frieden des Tales und jenes unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern meiner Burg verschwunden; doch hier wenigstens log der Traum nicht, denn ich sah ja gestern die Zinnen strzen und den Wartturm sinken, von welchem sonst mein Panier in den Lften wehte. Kein Stein von Wrttemberg war mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Sulen und Kuppeln, wie man sie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach, wie dies alles auf einmal so habe kommen knnen, da gewahrte ich Mnner in fremder Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land hinabschauten. Der eine dieser Mnner zog vor den brigen meine Aufmerksamkeit auf sich; er hatte einen schnen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu seinen Fen und die Berge umher und den Flu und die Stdte und Drfer in der Nhe und Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Zge meines Bruders Georg, und es war mir, als msse er zum Stamm meiner Ahnen gehren und ein Wrttemberg sein; er stieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Mnner folgten ihm in ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und frage ihn, wer jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? 'Das war der Knig', sagte er und stieg mit den anderen den Berg hinab." Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er ihre Meinung hren; sie schwiegen lange; endlich nahm der Ritter von Lichtenstein das Wort und sprach. "Ich bin fnfundsechzig Jahre alt und habe vieles gesehen und gehrt auf Erden, und manches, worber der menschliche Geist erstaunte und wo ein frommer Sinn den Finger der Gottheit sah. Glaubt mir, auch die Trume kommen von Gott, denn nichts geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unseren Tagen der Herr seiner Heiligen einen herabsenden, da er einem Unglcklichen im Traum die dunklen Pforten der Zukunft ffnen und ihn einen Blick in knftige, schnere Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der Feind verbrannt. Ihr habt an einem Tag ein Herzogtum verloren, aber dennoch wird Euer Name nicht verlschen, und Euer Gedchtnis wird nicht verloren sein in Wrttemberg." "Ein Knig", sprach der Herzog sinnend, "ist es nicht vermessen, jetzt, wo ich hinaus mu ins Elend, jetzt an einen Knig meines Stammes zu denken? Kann nicht auch die Hlle solche Trume vorspiegeln, um uns nachher desto bitterer zu tuschen?" "Was zweifelt Ihr an der Zukunft?" sagte Schweinsberg lchelnd. "Htte einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Wrttemberg hausten, htte einer wissen knnen, da seine Enkel Herzoge sein, da das weite schne Land ihren Namen Wrttemberg tragen wrde? Nehmt Euren Traum als den Wink des Schicksals hin, da Euer Name in ferner, ferner Zeit auf diesem Land bleiben, da die spteren Frsten Wrttembergs die Zge eures Stammes tragen werden." "Wohlan, so will ich hoffen", erwiderte Ulrich von Wrttemberg, "will hoffen, da Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt unsere Lose seien. Mgen unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir, mge man auch von ihnen sagen, sie sind--furchtlos!" "Und treu!" sprach der Bauer mit Nachdruck und stand auf. "Doch ist es Zeit, Herr Herzog, da Ihr aufbrecht. Das Morgenrot ist nicht mehr fern, und ber den Neckar wenigstens mssen wir kommen, solange es noch dunkel ist." Sie standen auf und waffneten sich. Die Pferde wurden herbeigefhrt, sie saen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit groer Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Mhe habhaft zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden entgehen knnte, war der Herzog gentigt, noch einmal ber den Neckar zu gehen. Dieser bergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker Gewitterregen hatte den Flu angeschwellt, so da es nicht mglich schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brcken aber waren zum grten Teil vom Bund besetzt worden; doch auch hier wute Hans guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespht, da die Brcke von Kngen noch frei sei. Man hatte sich wohl nicht die Mhe genommen, sie zu besetzen, weil sie Elingen und dem feindlichen Lager allzu nahe war, als da man htte glauben knnen, der Herzog werde dort vorberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner groen Gefahr die meiste Sicherheit zu gewhren. Ihn whlte Ulrich, und so zogen sie still und vorsichtig dem Neckar zu. Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, schumte schon das Morgenrot den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schrfer zu, und bald sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewlbte Brcke lag nicht mehr fern von ihnen. In diesem Augenblick sah sich Georg um und gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her hinter ihnen zogen. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Sie sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl fnfundzwanzig Pferde betragen mochte. Es schien bndische Reiterei zu sein, denn des Herzogs Vlker waren gesprengt und zogen nicht mehr in so geordneten Scharen wie diese. Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine Gesellschaft nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brcke zu gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen und befragt wrde. Der Pfeifer lief voran, so schnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter sie sich von den Bndischen entfernten, desto leichter wurde ihnen ums Herz, denn alle bangten nicht fr ihr eigenes Leben, wohl aber fr die Freiheit Ulrichs. Sie hatten die Brcke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wlbung angekommen waren, sprangen zwlf Mnner, mit Spieen, Schwertern und Bchsen bewaffnet, hinter der Brcke hervor und besetzten den Ausgang, Der Herzog sah, da er entdeckt war und winkte seinen Begleitern rckwrts. Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre Rosse, aber schon war es zu spt, denn die bndischen Reiter, die ihnen im Rcken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und den Eingang der Brcke in diesem Augenblick erreicht und besetzt. Noch war es zu dunkel, als da man den Feind genau htte unterscheiden knnen, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten. "Ergebt Euch, Herzog von Wrttemberg", rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt schien. "Ihr seht, es ist kein Ausweg da zur Flucht!" "Wer bist Du, da Wrttemberg sich Dir ergeben soll?" antwortete Ulrich mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog. "Du sitzt ja nicht einmal zu Ro; bist du ein Ritter?" "Ich bin der Doktor Calmus", entgegnete jener, "und bin bereit, die vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht. Aber ich will euch dafr zum Ritter ohne Ro machen. Abgestiegen, sags' ich im Namen des durchlauchtigsten Bundes." "Gib Raum, Hans", flsterte der Herzog mit unterdrckter Stimme dem Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand, "geh, tritt auf die Seite. Ihr Freunde, schliet Euch an, wir wollen pltzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es, durchzubrechen!" Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt und waren schon mit den bndischen Reitern im Gefecht, die umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen und zu dem Herzog durchzudringen versuchten. Georg schlo sich an Ulrich an und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einsprengen: aber diesem war das Flstern des Herzogs nicht entgangen. "Drauf, ihr Mnner! Der im grnen Mantel ist's; lebendig oder tot!" rief er, drang mit seinen Knechten vor und griff zuerst an. Sein langer Arm fhrte einen fnf Ellen langen Spie. Er zckte ihn nach Ulrich, und es wre vielleicht um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht gleich bemerkte. Doch Hans kam ihm zuvor, und indem der berhmte Doktor Kahlmuser nach der Brust seines Herrn stie, war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirn gedrungen. Er fiel, so lang er war, mit Gebrll auf die Knechte zurck. Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kmpfer, denn seine Axt schwirrte immer noch in der Luft, er bewegte sie wie eine Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zurck. Diesen Augenblick bentzte Georg, ri dem Herzog den grnen Mantel ab, hing ihn sich selbst um und flsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen und sich ber die Brstung der Brcke hinabzustrzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es schien keine andere Rettung mglich, und er wollte lieber auf Leben und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hnde fallen. Doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot, zog ihn noch einmal zurck. Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor. Der Pfeifer stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit der Axt ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine khnen Zge trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das Lcheln, das um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit stolzer Freude entgegen als sei er der Kampfpreis, um den er so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er mit seiner starken Rechten zu Boden, da stie ihm einer der Knechte von der Seite her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod ein Schild fr den unglcklichen Frsten war, dem nie ein treueres Herz geschlagen hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende Auge auf seinen Herrn. "Herr Herzog, wir sind quitt", rief er freudig aus und senkte sein Haupt zum Sterben. An ihm vorber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei nher zudrangen--da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte, seine Klinge schwirrte in der Luft, und so oft sie niederfiel, zuckte einer der Feinde am Boden. Es war der letzte Schild Herzog Ulrichs von Wrttemberg, sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod unvermeidlich. Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch einen trnenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine Treue mit dem Tod besiegelt hatte. Dann ri er sein mchtiges Streitro zur Seite, spornte es, da es sich hoch aufbumte, wandte es mit einem starken Druck rechts, und--in einem majesttischen Sprung setzte es ber die Brstung der Brcke und trug seinen frstlichen Reiter hinab in die Wogen des Neckars. Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach Ro und Reiter waren niedergetaucht, doch das mchtige Tier kmpfte mit den Wirbeln, schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es mit dem Herzog den Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um sich des khnen Ritters zu bemchtigen, doch einer, der Georg am nchsten war, rief ihnen zu: "Lat ihn schwimmen, an dem ist nichts gelegen, das hier ist der grne Vogel, das ist der grne Mantel, den lat uns fassen." Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er lie sein Schwert sinken und ergab sich den Bndischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn und lieen es willig geschehen, da er abstieg und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war. Georg fate die Hand, welche noch immer die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der tdliche Sto der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so khn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den trbsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkndete. Seine Zge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lcheln, das den letzten Gru, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs Trnen fielen auf ihn herab. Er drckte noch einmal die Hand des Pfeifers, schlo ihm die Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen. Kapitel 36 Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden nherte sich der Trupp der bndischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen verkndeten groen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im grnen Mantel ziehen wrden. Ein freudiges Gefhl bewegte seine Brust, er glaubte hoffen zu drfen, da der unglckliche Frst durch seine khne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke an Marie trbte auf Augenblicke seine Freude. Wie gro mute ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die Nachricht vom Ausgang der Schlacht bekam; er hatte ihr zwar durch treue Mnner die Nachricht gesandt, da er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wute er nicht, da die traurige Entscheidung von Wrttembergs Schicksal ihre Seele tief betrben, da ihre Blicke ngstlich dem Geliebten auf den Gefahren der Flucht folgen werden, da ihre Sehnsucht zu jeder Stunde seinen Namen nenne und ihn zurckrufe. Und durfte er hoffen, vom Bund zum zweitenmal so leicht entlassen zu werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand, bekannt als eifriger Freund des Herzogs--mute er nicht frchten, einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegenzugehen? Die Ankunft an dem ueren Posten des Lagers unterbrach diese dsteren Gedanken. Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn fhren solle. Es war dies eine peinliche Viertelstunde fr Georg; er wnschte, mit Frondsberg zusammenzutreffen; er glaubte hoffen zu drfen, da dieser edle Freund seines Vaters ihm seine gtigen Gesinnungen erhalten haben mchte, da er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg Truchse und so mancher andere, der ihm frher nicht gnstig war. Der Knecht kam zurck; der Gefangene sollte so still als mglich und ohne Aufsehen in das groe Zelt gefhrt werden, wo die Obersten gewhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg; seinen Helm zu schlieen, damit man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat gefhrt wrde. Gern befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Fall nichts unertrglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher Menschen aussetzen zu mssen. Sie gelangten endlich an das groe Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben und Binden, mit welchen sie geschmckt waren, lieen auf eine zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes schlieen. Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, da einige Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drngten sich nahe herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang; und ihre neugierigen Blicke schienen durch die ffnungen des Visiers dringen zu wollen, um die Zge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte, Raum zu machen, und er mute seine Zuflucht zu dem "Namen der Bundesobersten" nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und dem gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glhten vor Freude und glaubten nicht anders, als jene Goldgulden sogleich in Empfang nehmen zu knnen, die auf die Person des Herzogs von Wrttemberg gesetzt waren. Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen Schrittes ein und berschaute die Mnner, die ber sein Schicksal entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die dsteren Blicke und die feindliche Stirn des Truchse von Waldburg seinem Gedchtnis nicht entfallen, und der spttische, beinahe hhnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sickingen, Alban von Glosen Hutten--sie alle saen wie damals vor ihm, als er dem Bund auf ewig Lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich gendert. Und eine Trne fllte sein Auge, als er auf jene teure Gestalt, auf jene ehrrdigen Zge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem Ausdruck von wrdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den tapferen, aber besiegten Feind begrt. Als Georg diesen Mnnern gegenberstand, hub der Truchse von Waldburg an: "So hat doch endlich der schwbische Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog von Wrttemberg vor sich zu sehen; freilich war die Einladung zu uns nicht allzu hflich, doch um--." "Ihr irrt Euch!" rief Georg von Sturmfeder und schlug das Visier seines Helmes auf. Als shen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so bebten die Bundesrte vor dem Anblick der schnen Zge des jungen Ritters. "Ha! Verrter! Ehrlose Buben! Ihr Hunde!" rief Truchse den drei Knechten zu. "Was bringt Ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick meine Galle aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? Sprecht!" Die Knechte erbleichten. "Ist's nicht dieser?" fragten sie ngstlich. "Er hat doch den grnen Mantel an." Der Truchse zitterte vor Wut und seine Augen sprhten Verderben; er wollte auf die Knechte hinstrzen, er sprach davon, sie zu erwrgen; aber die Ritter hielten ihn zurck, und Hutten, zornbleich, aber gefater als jener, fragte; "Wo ist der Doktor Calmus, lat ihn hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug bernommen." "Ach, Herr", sagte einer der Knechte, "der legt Euch keine Rechenschaft mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brcke bei Kngen!" "Erschlagen?" rief Sickingen. "Und der Herzog ist entkommen? Erzhlt, Ihr Schurken!" "Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brcke in Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von vier Rossen hrten, die sich der Brcke nherten, zugleich vernahmen wir das Zeichen, das uns die Reiter ber dem Flu geben sollten, wenn die Herzoglichen aus dem Wald kmen. 'Jetzt ist's Zeit', sagte der Kahlmuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der Brcke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da drangen sie wtend auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im grnen Mantel sei der Rechte, und wir htten ihn bald gehabt; aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach ihm einer die Hellebarde in den Leib, da er fiel, und dann ging es auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grnen Mantel, wie uns der Kahlmuser geheien, der andere aber strzte sich mit seinem Ro ber die Brcke hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber lieen ihn ziehen weil wir den Grnen hatten, und brachten diesen hierher." "Das war Ulrich und kein anderer!" rief Alban von Closen. "Ha! ber die Brcke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner nach!" "Man mu ihm nachjagen", fuhr der Truchse auf, "die ganze Reiterei mu aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus--." "Oh, Herr", entgegnete einer der Knechte, "da kommt Ihr zu spt; es sind drei Stunden jetzt, da wir von der Brcke abzogen, der hat einen guten Vorsprung und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!" "Kerl, willst Du mich noch hhnen? Ihr habt ihn entkommen lassen, an Euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich lasse Euch aufhngen." "Migt Euch", sagte Frondsberg, "die armen Burschen trifft der Fehler nicht; sie htten sich gern das Gold verdient, das auf den Herzog gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hrt, da er es mit dem Leben zahlte." "Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?" wandte sich Waldburg zu Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte. "Mt Ihr mir berall in den Weg laufen, mit Eurem Milchgesicht? berall hat Euch der Teufel, wo man Euch nicht braucht. Es ist nicht das erste Mal, da Ihr meine Plne durchkreuzt." "Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchse", antwortete Georg, "der bei Neussen den Herzog meuchlings berfallen lassen wollte, so bin ich Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben mich niedergeworfen." Die Ritter erstaunten ber diese Rede und sahen den Truchse fragend an. Er errtete, man wute nicht aus Zorn oder Beschmung, und entgegnete: "Was schwatzt Ihr da von Neussen? Ich wei von nichts; doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wnsche ich, Ihr wret nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist auch so gut; Ihr habt Euch als ein erbitterter Feind des Bundes bewiesen, habt heimlich und offen fr den gechteten Herzog gehandelt, teilt also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich; seid berdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden--Euch trifft die Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben- und Frankenlandes." "Dies dnkt mir eine lcherliche Beschuldigung", erwiderte Georg mit mutigem Ton, "Ihr wit wohl, wann und wo ich mich vom Bund losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwren lassen; so wahr Gott ber mir ist, ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschaft zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich Euch, edle Herren, welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von Euch ritterliche Haft und erbiete mich, Urfehde zu schwren auf sechs Wochen; mehr knnt Ihr nicht von mir verlangen." "Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem bermtigen Herzog; ich hre ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, Euer Schwiegervater, sich aufhlt und welchen Weg der Herzog genommen hat." "Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euren Reitern gefangengenommen; welchen Weg der Herzog nahm, wei ich nicht und kann es mit meinem Wort bekrftigen." "Ritterliche Haft?" rief der Truchse bitter lachend. "Da irrt Ihr Euch gewaltig; zeigt vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt! Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verlie geworfen, und mit Euch will ich den Anfang machen." "Ich denke, dies ist unntig", fiel ihm Frondsberg ins Wort, "ich wei, da Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; berdies hat er einem bndischem Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die Aussage des Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters wurde er von einem schmhlichen Tod befreit und sogar in Freiheit gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen." "Ich wei, da Ihr ihm immer das Wort geredet, da er Euer Schokind war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er mu nach Elingen in den Turm, und jetzt den Augenblick--." "Ich leiste Brgschaft fr ihn", rief Frondsberg, "und habe hier so gut mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen ber den Gefangenen, man fhre ihn einstweilen in mein Zelt." Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwrdigen Zge des Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. Der Truchse aber winkte mrrisch den Knechten, dem Befehl des Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die Straen des Lagers nach Frondsbergs Zelt. Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu danken hatte. Er wollte ihm danken, er wute nicht, wie er ihm seine Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg sah ihn lchelnd an und zog ihn in seine Arme. "Keinen Dank, keine Entschuldigung!" sprach er, "sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von Dir Abschied nahm; doch Du wolltest es nicht glauben, wolltest Dich vergraben in die Burg Deiner Vter. Ich kann Dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager und die Strme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhrtet, da ich vergessen knnte, wie mchtig die Liebe zieht!" "Mein Freund, mein Vater!" rief Georg; indem er freudig errtete. "Ja, das bin ich; der Freund Deines Vaters, Dein Vater, drum war ich oft stolz auf Dich, wenn Du auch in den feindlichen Reihen standest. Dein Name wurde, so jung Du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue und Mut ehrt ein Mann auch am Feind. Und glaube mir, es kam den meisten von uns erwnscht, da der Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen? Der Truchse htte vielleicht einen bereilten Streich gemacht, den wir alle zu ben gehabt htten." "Und was wird mein Schicksal sein?" fragte Georg. "Werde ich lange in Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein? Oh mein Weib! Darf sie mich nicht besuchen?" Frondsberg lchelte geheimnisvoll. "Das wird schwer halten", sagte er, "Du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste gefhrt und einem Wchter bergeben werden, der Dich streng bewachen und nicht so bald entlassen wird. Doch sei nicht ngstlich, der Ritter von Lichtenstein wird mit Dir dorthin abgefhrt werden, und Ihr beide mt auf ein Jahr Urfehde schwren." Frondsberg wurde hier durch drei Mnner unterbrochen, die in das Zelt strmten, es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dietrich von Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte fhrten. "Hab' ich Dich wieder, wackerer Junge!" rief Breitenstein, indem er Georgs Hand drckte. "Du machst mir schne Streiche. Dein alter Oheim hat Dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tchtigen Kmpen aus Dir ziehen, der dem Bund Ehre mache, und nun lufst Du zu dem Feind und haust und stichst auf uns und httest gestern beinahe die Schlacht gewonnen durch Dein tollkhnes Stckchen auf unsere Geschtze." "Jeder nach seiner Art", entgegnete Frondsberg, "er hat uns aber auch in Feindes Reihen Ehre gemacht." Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. "Er ist in Sicherheit", flsterte er ihm zu, und beider Augen glnzten vor Freude, zu der Rettung des unglcklichen Frsten beigetragen zu haben. Da fielen die Blicke des alten Ritters auf den grnen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern hing; er sah ihn nher an. "Ha! Jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte", sprach er bewegt, und eine Trne der Freude hing an seinen grauen Wimpern, "sie nahmen Dich fr ihn; was wre aus ihm geworden, wenn Dich der Mut nur einen Augenblick verlassen htte? Du hast mehr getan als wir alle, Du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heien, komm an mein Herz, Du wrdiger Sohn." "Und Marx Stumpf von Schweinsberg?" fragte Georg; "auch er gefangen?" "Er hat sich durchgehauen, wer vermchte auch seinen Hieben zu widerstehen? Meine alten Knochen sind mrbe, an mir liegt nichts mehr; aber er ist dem Herzog nachgezogen und wird ihm eine bessere Hilfe sein als fnfzig Reiter. Doch den Pfeifer sah ich nicht, sag, wie ist er entkommen aus dem Streit?" "Als ein Held", erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung bewegt, "er liegt erstochen an der Brcke." "Tot?" rief Lichtenstein und seine Stimme zitterte. "Die treue Seele! Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler und ist gestorben, treu, wie es Mnnern ziemt!" Frondsberg nherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. "Ihr scheint mir so niedergeschlagen", sagte er, "seid mutig und getrost, alter Herr! Das Kriegsglck ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch wieder zu seinem Land kommen, wer wei, ob es nicht besser ist, da wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten. Legt Helm und Panzer ab, das Gefecht zum Frhstck wird Euch die Lust zum Mittagessen nicht verdorben haben. Setzt Euch zu uns. Ich erwarte gegen Mittag den Wchter, unter dessen Obhut Ihr auf eine Burg gebracht werden sollt. Bis dahin lat uns noch zusammen frhlich sein!" "Das ist ein Vorschlag, der sich hren lt", rief der Feldhauptmann von Breitenstein. "Zu Tisch, Ihr Herren; wahrlich, Georg, mit Dir habe ich nicht mehr gespeist seit dem Imbi im Ulmer Rathaussaal. Komm, wir wollen redlich nachholen, was wir versumten." Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, da sie in milichen Verhltnissen, im feindlichen Lager seien, da sie vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefangenschaft entgegengingen. Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurck und sprach mit ernster Stimme: "So gerne ich noch lnger Eure Gesellschaft genossen htte, liebe Freunde, so tut es jetzt not, aufzubrechen. Der Wchter ist da, dem ich Euch bergeben mu, und Ihr mt Euch sputen, wollt Ihr heute noch die Feste erreichen." "Ist er ein Ritter, dieser Wchter?" fragte Lichtenstein, indem sich seine Stirn in finstere Falten zog. "Ich hoffe, man wird auf unsren Stand Rcksicht genommen haben und uns ein anstndiges Geleit geben?" "Ein Ritter ist er nicht", antwortete Frondsberg lchelnd, "doch ist er ein anstndiges Geleit, Ihr werdet Euch selbst davon berzeugen." Er lftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen die holden Zge Mariens; mit dem Weinen der Freude strzte sie an die Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm vor berraschung und Rhrung, kte sein Kind auf die schne Stirn und drckte die Hand des biederen Frondsberg. "Das ist Euer Wchter", sprach dieser, "und die Lichtenstein die Feste, wo sie Euch gefangenhalten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie wird den jungen Herrn nicht zu streng halten, und der Alte wird sich nicht ber sie beklagen knnen, doch rate ich Euch, Tchterchen, habt ein wachsames Auge auf die Gefangenen, lat sie nicht wieder von der Burg, gestattet nicht, da sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten anknpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafr!" "Aber, lieber Herr", entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger an sich drckte und lchelnd zu dem strengen Herrn aufblickte, "bedenkt, er ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?" "Eben deswegen htet Euch, da Ihr dieses Haupt nicht wieder verliert; bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, da er Euch nicht entlaufe, er ndert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!" "Ich trug nur eine Farbe, mein vterlicher Freund!" entgegnete der junge Mann, indem er in die Augen seiner schnen Frau und auf die Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog, "nur eine, und dieser blieb ich treu." "Wohlan! So haltet ferner nur zu ihr", sagte Frondsberg und reichte ihm die Hand zum Abschied. "Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt; bringt Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schne Frau, und gedenket huldreich das alten Frondsberg." Marie schied von diesem Edlen mit Trnen in den Augen, auch die Mnner nahmen bewegt seine Hand, denn sie wuten wohl, da ohne seine Hilfe ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet htte. Noch lange sah ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der uersten Zeltgasse um die Ecke bogen. "Er ist in guten Hnden", sagte er dann, indem er sich zu Breitenstein wandte, "wahrlich, der Segen seines Vaters ruht auf ihm. Ein gutes, schnes Weib und ein Erbe, wie wenige sind im Schwabenland." "Ja, ja!" erwiderte Hans von Breitenstein, "seiner Klugheit und Vorsicht hat er es nicht zu danken, doch wer das Glck hat, fhrt die Braut heim; ich bin fnfzig alt geworden und gehe noch auf Freiersfen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, nicht wahr?" "Mitnichten und im Gegenteil", sagte dieser, wie aus einem Traum erwachend, "wenn man ein solches Paar sieht, wei man, was man zu tun hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Snfte, reise nach Ulm und fhre meine Base heim; lebt wohl Ihr Herren!" Als der schwbische Bund Wrttemberg wiedererobert hatte, richtete er seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im Sommer 1519. Die Anhnger des vertriebenen Herzogs muten Urfehde schwren und wurden auf ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zurckgezogen auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem stillen huslichen Glck ein neues Leben auf. Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und hinabschauten auf Wrttembergs schne Fluren, gedachten sie des unglcklichen Frsten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte, und dann dachten sie nach ber die Verkettung seiner Schicksale und wie durch eine sonderbare Fgung auch ihr eigenes Geschick mit dem seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, da ihr Glck vielleicht nicht so frh, nicht so schn aufgeblht wre ohne diese Verknpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrbt, da der Stifter ihres Glckes noch immer fern von seinem Land im Elend der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog, Wrttemberg wiederzuerobern. Doch als er, gelutert durch Unglck, als ein weiser Frst zurckkehrte, als er die alten Rechte ehrte und die Herzen seiner Brger fr sich gewann, als er jene heiligen Lehren, die er in fernem Land gehrt, die so oft sein Trost in einem langen Unglck geworden waren, seinem Volk predigen lie und einen geluterten Glauben mit den Grundgesetzen seines Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger einer gtigen Gottheit in den Schicksalen Ulrichs von Wrttemberg, und sie segneten Den, der dem Auge des Sterblichen die Zukunft verhllt und auch hier wie immer durch Nacht zum Licht fhrte. Der Name der Lichtenstein im Wrttemberger Land ging mit dem alten Ritter zu Grabe, doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude, seine blhenden Enkel waffenfhig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht ber die Erde hin, das neue verdrngt das alte, und nach dem kurzen Zeitraum von fnfzig oder hundert Jahren sind biedere Mnner, treue Herzen vergessen; ihr Gedchtnis bertnt der rauschende Strom der Zeiten, und nur wenige glnzende Namen tauchen auf aus den Fluten des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den Wellen. Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Lichtenstein", von Wilhelm Hauff. End of the Project Gutenberg EBook of Lichtenstein, by Wilhelm Hauff License: Share Alike