Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was produced from images generously made available by The Internet Archive. ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER BERSETZUNG, VORBEHALTEN. ERSTE BIS VIERTE AUFLAGE. 100 EXEMPL. SIND AUF HANDGESCHPFTEM BTTENPAPIER ABGEZOGEN, NUMERIERT UND IN GANZPERGAMENT GEBUNDEN; PREIS 15 M. FR DAS EXEMPLAR. [Illustration: Wagenlenker aus Delphi (Nach einem Gipsabguss des Bronce-Originals)] GERHART HAUPTMANN GRIECHISCHER FRHLING 1908 S. FISCHER / VERLAG / BERLIN HARRY GRAFEN KESSLER GEWIDMET Ich befinde mich auf einem Lloyddampfer im Hafen von Triest. Zur Not haben wir in Kabinen zweiter Klasse noch Platz gefunden. Es ist ziemlich ungemtlich. Allmhlich lt jedoch das Laufen, Schreien und Rennen der Gepcktrger nach und das Arbeiten der Krane. Man beginnt, sich zu Hause zu fhlen, fngt an sich einzurichten, seine Behaglichkeit zu suchen. Eine Spiebrgerfamilie hat auf den blichen Klappsthlen Platz genommen. Mehrmals ertnt aus ihrer Mitte das Wort Phakenland. Erfllt von einer groen Erwartung, wie ich bin, erzeugt mir Klang und Ausdruck des Wortes in diesem Kreise eine starke Ernchterung. Wir schreiben den 26. Mrz. Das Wetter ist gut: warme Luft, leichtes Gewlk am Himmel. Ich nahm heute morgen im Hotel hinter einer sehr groen Fensterscheibe mein Frhstck ein, als, mit einem grnen Zweiglein im Schnabel, drauen eine Taube aus dem Mastenwalde des Hafens heran und nach oben, von links nach rechts, vorbeiflog. Dieses guten Vorzeichens mich erinnernd, fhle ich Zuversicht. Wir entfernen uns nach einem seltsamen Manver der Salzburg von Triest. Die Gegenden sind ausgebrannt. Alle Frbungen der Asche treten hervor. Der Karst erscheint wie mit leichtem Schnee bedeckt. Viele gelbe und orangefarbene Segel ziehen ber das Meeresblau. Die Maler sind entzckt und beschlieen, zu lngerem Aufenthalt gelegentlich zurckzukehren. Es ist jetzt fnf Uhr. Seit etwa zwei Stunden sind wir unterwegs. Beinwei zieht die nahe Strandlinie an uns vorber. Wir haben zur linken das flache dalmatinische Land, ausgetrocknet, weit gedehnt, in braunrtlichen Frbungen. Beinwei, wie von ausgebleichten Knochen errichtet, zeigen sich hie und da Stdte und Ortschaften, zuweilen bedecken sie sanftgewlbte, braungrne Hgel oder liegen auf dem braungrnen Teppich der Ebene. Mit scharfem Auge erkennt man fern weie Spitzen des Velebitgebirges. Allmhlich werden diese Bergspitzen hher und der ganze Bergzug tritt deutlich hervor. Er ist schneebedeckt. Den Blick hinter mich wendend, bemerke ich: die Sonne steht noch kaum ber dem Wasserspiegel, ist im Untergang. Der Mitreisenden bemchtigt sich jene Erregung, in die sie immer geraten, wenn die Stunde herannaht, wo sie die Natur zu bewundern verpflichtet sind. Bemhen wir uns, wahrhaftig zu sein! Der groartige, kosmische Vorgang hat wohl die Seelen der Menschen von je mit Schauern erfllt, lange bevor das malerische Naturgenieen zur Mode geworden ist, und ich nehme an, da selbst der naturfremde Durchschnittsmensch unserer Zeit, und besonders auf See, noch immer im Anblick des Sonnenunterganges auf ehrliche Weise wortlos ergriffen ist. Freilich hat sein Gefhl an ursprnglicher, aberglubischer Kraft bis auf schwchliche Reste eingebt. Nach durchaus ruhiger Nacht setzt heut gegen fnf Uhr Vormittag Wind aus nordstlicher Richtung ein. Ich merke, noch in der Kabine, bereits das leichte Stampfen und Rollen des Schiffes. Als erster von allen Passagieren bin ich an Deck. Ein grauer Dunst berzieht den Morgenhimmel. Das Meer ist nicht mehr lautlos: es rauscht. Schon berschlagen sich einzelne Wogen und bilden Kmme von weiem Gischt. Im Sdosten beobachte ich eine dstere Wolkenbank und Wetterleuchten. Die Salzburg ist ein kleines, nicht gerade sehr komfortables Schiff. Die Matrosen sind eben dabei, das Deck zu reinigen. Sie spritzen aus einer Schlauchspritze Wassermassen darber hin, so da ich fortwhrend flchten mu und auch so jeden Augenblick in Gefahr bleibe, durchnt zu werden. Es ist kein Tee zu bekommen, trotzdem ich, wrmebedrftig wie ich bin, mehrmals darum ersuche. Die Einrichtungen hier halten einen Vergleich mit dem norddeutschen Lloyd nicht aus. O, Tee, in eine Minute fertig, wiederholt der Steward eben wieder, nachdem etwa anderthalb Stunden Wartens vorber sind. Jetzt 7 Uhr; volle Sonne und Seegang. Unter anderen Wohltaten einer Seereise ist auch die anzumerken, da man whrend der Fahrt die ruhige und gesicherte Schnheit der groen Weltinseln wiederum tiefer wrdigen lernt. Das Streben des Seefahrers geht auf Land. Statt vieler auseinanderliegender Ziele bemchtigt sich seine Sehnsucht nur dieses einen, wie wenige notwendig. Daher noch im Reiche des Idealen glckselige Inseln auftauchen und als letzte glckselige Ziele genannt werden. Allerlei Vorgnge der Odyssee, die ich wieder gelesen habe, beschftigen meine Phantasie. Der schlaue Lgner, der selbst Pallas Athene belgt, gibt manches zu denken. Welche Partien des Werkes sind, auer den eingestandenermaen erlogenen, wohl noch als erfunden zu betrachten, vom Genius des erfindungsreichen Odysseus? Etwa die ganze Kette von Abenteuern, deren unsterbliche Schnheit unzerstrbar besteht? Es kommen zweifellos Stellen vor, die unerlaubt aufschneiden; so diejenige, wo die Charybdis das Wrack des Odysseus einsaugt, whrend er sich in das Gezweige eines Feigenbaumes gerettet hat, und wo das selbe Wrack von ihm durch einen Sprung wieder erreicht wird, als es die See an die Oberflche zurckgibt. Die Windstrke hat zugenommen. Hie und da kommt ein Sprhregen ber Deck. Regenbogenfarbene Schleier lsen sich von den Wellenkmmen. Rechts in der Ferne haben wir italienisches Festland. Ein kleines, scheinbar flaches Inselchen gibt Gelegenheit, das Spiel der Brandung zu beobachten. Zuweilen ist es, als shen wir den Dampf einer pfeilschnell lngs der Klippen hinlaufenden Lokomotive. Weie Raketen schieen berall auf, mitunter in so gewaltigem Wurf, da sie, weien Trmen vergleichbar, einen Augenblick lang stillstehen, bevor sie zusammenstrzen. Ich lasse mir sagen, da es sich hier nicht, wie Augenschein glauben macht, um _eine_ Insel, sondern um eine Gruppe handelt: die Tremiti. Der freundliche Schiffsarzt Moser fhrt mich ins Kartenhaus und weist mir den Punkt auf der Schiffskarte. Auf den Tremiti halten die Italiener gewisse Gefangene, die im Inselbezirk bedingte Freiheit genieen. Ein Dampfer geht zwischen uns und der Kste gleichen Kurs. Allmhlich sind wir dem Lande nher gekommen, bei schwcherem Wind und strkerer Dnung. Das Wasser, wie immer in der Nhe von Ksten, zeigt hellgrne Frbungen. Es gibt schwerlich eine reizvollere Art Landschaft zu genieen, als von der See aus, vom Verdeck eines Schiffes. Die Ksten, so gesehen, versprechen, was sie nie halten knnen. Die Seele des Schauenden ist so gestimmt, da sie die Lndereien der Uferstrecken fast alle in einer phantastischen Steigerung, paradiesisch sieht. Vieste, Stadt und malerisches Kastell, tauchen auf und werden dem Auge deutlich. Die Stadt zieht sich herunter um eine Bucht. Den Hintergrund bilden Hhenzge, die ins Meer enden: zum Teil bewaldet, zum Teil mit Feldern bedeckt. Durch das Fernglas des Kapitns erkenne ich vereinzelt gestellte Bume, die ich fr Oliven halte. Eine starke, alte Befestigungsmauer ist vom Kastell aus um die Bucht heruntergefhrt. Es ist eigentmlich, wie mrchenhaft der Anblick des Ganzen anmutet. Man erinnert sich etwa alter Miniaturen in Bilderhandschriften: Histoire des batailles de Jude, Tesede oder an hnliches, man denkt an Schiffe von phantastischer Form im Hafen der Stadt, an Mauren, Ritter und Kreuzfahrer in ihren Gassen. Jene, nicht allzuferne, uns Heutigen doch schon vllig fremde Zeit, wo der Orient in die abendlndische Welt, wie eine bunte Welle, hineinschlug, jene unwiederbringliche Epoche, vielfltig ausschweifender, abenteuerlicher Phantastik -- so ist man versucht zu denken -- msse in einer dem Gegenwartsblick so gespenstischen Stadt noch voll in Blte stehen. Wetterwolken sammeln sich ber dem hochgelegenen Kastell. Die See wogt wie dunkles Silber. Der Wind weht empfindlich kalt. Homer in der Odyssee lt den Charakter des Erderschtterers Poseidon durchaus nicht liebenswrdig erscheinen. Er ist es auch nicht. Er ist unzuverlssig; er hat unberechenbare Tcken. Ich empfinde die Seekrankheit, an der viele Damen und einige Herren leiden, als einen hmischen Racheakt. Der Gott bt Rache. In einer Zeit, wo er, verglichen mit ehemals, sich in seiner Macht auf eine ungeahnte Weise beschrnkt und zur Duldung verurteilt sieht, rcht er sich auf die niedertrchtigste Art. Ich stelle mir vor, er schickt einen aalartig-langen Wurm aus der Tiefe herauf, mit dem Kopf zuerst durch den Mund in den Magen des Seefahrers; aber so, da der Kopf in den Magen gelangt, dort eingeschlossen, der Schwanz mittlerweile ruhig im Wasser hngen bleibt. Der Seefahrer fhlt diesen Wurm, den niemand sieht. Obgleich er ihn aber nicht sieht, so wei er doch, da er grn und schleimig ist, und endlos lang in die See hinunterhngt, und mit dem Kopfe im Magen festsitzt. Die schwierige Aufgabe bleibt nun die: den Wurm, der sich nicht verschlucken und auch nicht ausspucken lt, aus dem Innern herauszubekommen. Seltsam ist, da Homer diesen gttlichen Kniff Poseidons unbeschrieben lt, zumal er doch sonst im Grlichen keine Grenzen kennt und -- von den vielerlei Todesarten, die er zur Darstellung bringt, abgesehen -- einen verwandten Zustand, der dem Zyklopen Polyphem zustt, so schildert: ... dem Rachen entstrzten mit Weine Stcke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach. Eine Gesellschaft von Tmmlern zeigt sich hie und da augenblicksschnell berm Wasser in der Nhe des Dampfers. Der Tmmler, vom Seemann als Schweinfisch bezeichnet, ist ein Delphin, der im Mittelmeer wohl fast bei jeder Tagesfahrt gesichtet wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer und sehr gefrig. Wir verlieren die italienische Kste wieder mehr und mehr aus den Augen. Der Nachmittag schreitet fort durch monotone Stunden, wie sie bei keiner Seereise ganz fehlen. Regenben gehen zuweilen ber Deck. Ich finde einen bequemen Sitzplatz, einigermaen geschtzt vor dem Winde. Ich schliee die Augen. Ich versinke gleichsam in die Gerusche des Meeres. Das Rauschen umgibt mich. Das groe, das machtvolle Rauschen, berall her eindringend, unwiderstehlich, erfllt meine Seele, scheint meine Seele selbst zu sein. Ich gedenke frherer Seefahrten; darunter sind solche, die ich mit beklommener Seele habe machen mssen. Viele Einzelheiten stehen vor meinem innern Gesicht. Ich vergleiche damit meinen heutigen Zustand. Damals warf der groe Ozean unser stattliches Schiff dreizehn Tage lang. Die Seeleute machten ernste Gesichter. Was ich selber fr ein Gesicht gemacht habe, wei ich nicht; denn was mich betrifft: ich erlebte damals strmische Wochen auf zwei Meeren, und ich wute genau, da, wenn wir mit unserem bremensischen Dampfer auch wirklich den Hafen erreichen sollten, dies fr mein eigenes, gebrechliches Fahrzeug durchaus nicht der Hafen sei. Ich erwge pltzlich mit einem gelinden Entsetzen, da ich mich nun doch noch auf einer Reise nach jenem Lande befinde, in das es mich schon mit achtzehn Jahren hyperion-sehnschtig zog. Zu jener Zeit erzwang ich mir einen Aufbruch dahin, aber die Wunder der italienischen Halbinsel verhinderten mich, mein Ziel zu erreichen. Nun habe ich, das Versumte nachzuholen: in 26 Jahren zuweilen gehofft, zuweilen nicht mehr gehofft, zuweilen gewnscht, zuweilen auch nicht mehr gewnscht; einmal die Reise geplant, begonnen und liegen gelassen. Und ich gestehe mir ein, da ich eigentlich niemals an die Mglichkeit ernstlich geglaubt habe, das Land der Griechen mit Augen zu sehen. Noch jetzt, indem ich diese Notizen mache, bin ich mitrauisch! Ich kenne brigens keine Fahrt, die etwas gleich Unwahrscheinliches an sich htte. Ist doch Griechenland eine Provinz jedes europischen Geistes geworden; und zwar ist es noch immer die Hauptprovinz. Mit Dampfschiffen oder auf Eisenbahnen hinreisen zu wollen, erscheint fast so unsinnig, als etwa in den Himmel eigener Phantasie mit einer wirklichen Leiter steigen zu wollen. Es ist sechs Uhr und die Sonne eben im Untergehen. Der Schiffsarzt erzhlt mancherlei und kommt auf die Sage vom grnen Strahl. Der grne Strahl, den gesehen zu haben Schiffsleute mitunter behaupten, erscheint in dem Augenblick, ehe die Abendsonne ganz unter die Wasserlinie tritt. Ich wei nicht, welche Flle rtselhaften Naturempfindens diese schne Vorstellung in mir auslst. Die Alten, erklrt uns ein kleiner Herr, mten den grnen Strahl gekannt haben; der Name des gyptischen Sonnengottes bedeute ursprnglich: grn. Ich wei nicht, ob es sich so verhlt, aber ich fhle in mir eine Sehnsucht, den grnen Strahl zu erblicken. Ich knnte mir einen reinen Toren vorstellen, dessen Leben darin bestnde, ber Lnder und Meere nach ihm zu suchen, um endlich am Glanz dieses fremden, herrlichen Lichtes unterzugehen. Befinden wir uns vielleicht auf einer hnlichen Pilgerfahrt? Sind wir nicht etwa Menschen, die das Bereich ihrer Sinne erschpft haben, nach andersartigen Reizen fr Sinne und bersinne drsten? Jedenfalls ist der kleine Herr, durch den wir ber den grnen Strahl belehrt wurden, ein seltsamer Pilgersmann. Das putzige Mnnchen reist in Schlafschuhen. Sein ganzes Betragen und Wesen erregt zugleich Befremden und Sympathie. Wohl ber die fnfzig hinaus an Jahren, mit brtigem Kopf, rundlicher Leibesflle und kurzen Beinchen, bewegt er sich in seinen Schlafschuhen mit einer bewunderungswrdigen, stillvergngten Gelenkigkeit. Ich habe ihn auf der Regenplane, von der die verschlossene ffnung des Schiffsraums berzogen ist, in wahrhaft akrobatischen Stellungen bequem seine Reisebeobachtungen anstellen sehen. Zum Beispiel: er sa wie ein Trke da; indessen die Gleichgltigkeit, mit der er die unwahrscheinlichste Lage seiner Beinchen behandelte, htte Theodor Amadeus Hoffmann stutzig gemacht. brigens trug er Wadenstrmpfe und Kniehosen, Lodenmantel und einen kleinen, verwegenen Tirolerhut. Mitunter machte er mitten am Tage astronomische Studien, wobei er, das Zeiglas gegen den Himmel gerichtet, die Kniee in unbeschreiblicher Weise voneinander entfernt, die Fusohlen glatt aneinander gelegt, auf dem Rcken lag. Wir gleiten nun schon geraume Weile unter den Sternen des Nachthimmels. Ein Schlag der Glocke, die vorn auf dem Schiff angebracht ist, bedeutet Feuer rechts. Der Leuchtturm von Brindisi ist gesichtet. Nach und nach treten drei Blinkfeuer von der Kste her abwechselnd in Wirkung. Drei neue Glockenzeichen des vorn wachthaltenden Matrosen ertnen. Sie bedeuten: Schiff in Fahrtrichtung uns entgegen. Ich habe mich so aufgestellt, da ich die Spitze des groen Vordermasts ber mir feierlich schwanken und zwischen den Sternen unaufhaltsam fortrcken sehe. Erst gegen zehn Uhr erreichen wir die enge Hafeneinfahrt von Brindisi, durch die wir, an einem Gespensterkastell vorber, im vollen Mondlicht langsam gleiten. Die Bewohner der Stadt scheinen schlafen gegangen zu sein. Die Hafenstraen sind menschenleer. Treppen und Gchen zwischen Husern, hgelan fhrend, sind ebenfalls ausgestorben. Kein Laut, nicht einmal Hundegebell, ertnt. Wir erkennen im Mondlicht und im Scheine einiger wenigen Laternen Sulenreste antiker Bauwerke. Brindisi war der sdliche Endpunkt der via Appia. Unglaublich gro wirkt das Schiff in dem kleinen, teichartigen Hafen. Aber, so gro es ist, macht es mit vieler Vorsicht am Kai fest, und erst als es fast ganz ruhig liegt, ist es bemerkt worden. Jetzt werden auf einmal die Straen belebt. Und schon sind wir nach wenigen Augenblicken vom italienischen Lrm umgeben. Die Polizei erscheint an Bord. Wagen mit Passagieren rasseln von den Hotels heran. Drei Mandoline zupfende, alte Kerle haben sich auf Deck verpflanzt, die den Gesang einer sehr phlegmatischen Mignon begleiten. Die Nacht liegt hinter mir. Es ist sechs Uhr frh und der 28. Mrz. Wir sind dicht unter Land, und die Sonne tritt eben hinter den ziemlich stark beschneiten Spitzen ber die hchste Erhebung des Randgebirges von Epirus voll hervor. Wenig Stratusgewlk liegt ber der blauen Silhouette der Kste. brigens hat der Himmel Scirocco-Charakter. Streifen und verwaschene Wolkenballen unterbrechen das Himmelsblau. Das Licht der Sonne scheint bla und kraftlos. Die Luft weht erkltend, ich spre Mdigkeit. Ich betrete den Speisesaal der Salzburg. An drei Tischen ist das Frhstck vorbereitet. Dazwischen, auf der Erde, liegen Passagiere. Einige erheben sich, noch im Hemd, von ihren Matratzen und beginnen die Kleider anzulegen. Ein groes Glasgef mit den verschmierten Resten einer schwarzbraunen Fruchtmarmelade steht in unappetitlicher Nhe. Der Lffel steckt seit Beginn der Reise darin. Es ist hier alles schon Asien, bedeutet mich ein Mitreisender. Ich kann nicht sagen, da ich besonders von diesen belstnden berhrt werde, wei ich doch, da Korfu, die erste Etappe der Reise, nun bald erreicht ist. Auerdem flchtet man, nachdem man in Eile etwas Kaffee und Brot genossen hat, wieder an Deck hinaus. Die Berge der Kste, nicht hher als die, von denen etwa Lugano umgeben ist, sind noch mit einigem Schnee bestreut und hneln ihnen, braunrtlich und kahl, durchaus. Durch diese Gebirge erscheint das Hinterland wie durch einen gigantischen Wall vor dem Meere geschtzt. Man hat jetzt nicht mehr das Gefhl, im offenen Meere zu sein, sondern wir bewegen uns in einer sich mehr und mehr verengenden Wasserstrae. berall tauchen Ksten und Inseln auf, und nun zur Rechten bereits die Hhen von Korfu. Noch immer schweben mit Gelchter oder Gelut begleitende Mven ber uns. Je lnger und nher wir an dem nrdlichen Rande von Korfu hingleiten, um so fieberhafter wird das allgemeine Leben an Deck. In schner Linie langsam ansteigend, gipfelt das Eiland in zwei Spitzen, sanft darnach wieder ins Meer verlaufend. Wieder bemchtigt sich unser jenes Entzcken, das uns eine Ksten-Landschaft bereitet, die man vom Meere aus sieht. Diesmal ist es in mir fast zu einem inneren Jubel gesteigert, im Anblick des schnen Berges, den wir allmhlich nach Sden umfahren, und der seine von der Morgensonne beschienenen Abhnge immer deutlicher und verlockender ausbreitet. Ich sage mir, dieses kstliche, fremde Land wird nun auf Wochen hinaus -- und Wochen bedeuten auf Reisen viel! -- fr mich eine Heimat sein. Was mir bevorsteht, ist eine Art Besitzergreifen. Es ist keine unreale, materielle Eroberung, sondern mehr. Ich bin wieder jung. Ich bin berauscht von schnen Erwartungen, denn ich habe von dieser Insel, solange ich ihren Namen kannte, Trume getrumt. Es ist zehn Uhr. Wir befinden uns nun in einer wahrhaft phakischen Bucht. Drepane, Sichel, hie die Insel im ltesten Altertum, und wir sind in dem Raume der inneren Krmmung. Aber das Jonische Meer ist hier einem weiten, paradiesischen Landsee hnlich, weil auch der offene Teil der Sichel durch die epirotischen Berge hinter uns scheinbar geschlossen ist. Ich vermag vor Kopfneuralgien kaum aus den Augen zu sehen. Ich bin insofern ein wenig enttuscht, als unser Hotel rings von den Husern der Stadt umgeben ist und es nicht leicht erscheint, zu jenen einsamen Wegen durchzudringen, die mich vom Schiff aus anlockten und die fr meine besondere Lebensweise so notwendig sind. Ein kurzer Gang durch einige Straen von Korfu, der Stadt, zwingt mich, die Bemerkung zu machen, da hier viele Bettler und Hunde sind. Eine bettelnde Korfiotin, ein robustes Weib in griechischer Tracht, das Kind auf dem Arm, geht mich um eine Gabe an, und ich vermag den feurigen Blicken ihrer beiden flehenden Augen mein hartes Herz nicht erfolgreich entgegenzusetzen. Ich sehe die ersten griechischen Priester, die im Schmuck ihrer schwarzen Brte, Talare und hohen, rhrenfrmigen Kopfbedeckungen Magiern hneln, auf Pltzen und Gassen herumstreichen. Die nicht sehr zahlreichen Fremden gehen mit eingezogenen Kpfen umher, es ist ziemlich kalt. Im oberen Stock eines Hauses wird Schule gehalten. Die Kinder, im Innern des Zimmers, singen. Die Lehrer gucken lachend und lebhaft schwatzend zum Fenster heraus. Die Stimmen der Singenden haben mehr einen khlen, deutschen Charakter und nicht den feurigen, italienischen, an den man im Sden gewhnt ist. Zuweilen singt einer der Lehrer zum offenen Fenster heraus lustig mit. Die Stadt Korfu ist in ihrem schneren Teil durch einen sehr breiten, vergrasten Platz von der Bucht getrennt. Es ist auerordentlich angenehm, hier zu lustwandeln. Ein Capodistria-Denkmal und ein marmornes Rundtempelchen verlieren sich fast auf der weiten Grasflche. Nach dem Meer hin luft sie in eine Felszunge aus, die alte Befestigungen aus den Zeiten der Venezianer trgt. Ich begegne kaum einem Menschen. Die Morgensonne liegt auf dem grnen Plan, ein Schfchen grast nicht weit von mir. Ein Truthahn dreht sich und kollert in der Nhe der langen Hausreihe, deren zahllose Fenster geffnet sind und den Gesang von -- ich wei nicht wie vielen! -- Harzer Rollern in die erquickende Luft schicken. Wir unternehmen am Nachmittag eine Fahrt ber Land; es ist in der Luft eine auerordentlich starke Helligkeit. Figi d'India-Kakteen sumen mauerartig die Strae. Wir sehen violette Anemonen unten am Wegrand, Blumen von neuem und wunderbarem Reiz. Warum will man den Blumen durchaus Eigenschaften von Tieren oder von Menschen andichten und sie nicht lieber zu Gttern machen? Diese kleinen gttlichen Wesen, deren kstlicher Liebreiz uns immer wieder Ausrufe des Entzckens entlockt, zeigen sich in um so greren Mengen, je mehr wir uns von der Kste entfernen, ins Innere des Eilands hinein. Der Blick weitet sich bald ber Wiesen mit saftig grnen, aber noch kurzen Grsern, die fleckweise wie beschneit von Margueriten sind. In diesen fast nordischen Rasenflchen stehen Zypressen vereinzelt da und eine sdliche Bucht, der Lago di Caliciopolo lacht dahinter auf. In der Strae, die eben diese Bucht mit dem Meere verbindet, erhebt sich ein kleiner, von Mauern und Zypressen gekrnter Fels. Die Mauern bilden ein Mnchskloster. Ponticonisi oder Mausinsel heit das Ganze, wovon man behauptet, es sei das Phakenschiff, das, nachdem es Odysseus nach seiner Heimat geleitet hatte, bei seiner Rckkehr, fast schon im Hafen, von Poseidon zu Stein verwandelt worden ist. Wiesen und umgeworfene cker begleiten uns noch. Vollbusige, griechische Frauen, in bunter Landestracht, arbeiten in den Feldern. Kleine, zottelige, unglaublich ruppige Gule grasen an den Rainen und zwischen Olivenbumen, an steinigen Abhngen. Auf winzige Eselchen sind groe Lasten gelegt, und der Treiber sitzt auf der Last oder hinter der Last noch dazu. Wir nhern uns mehr und mehr einem Berggebiet. Die lwlder geben der Landschaft einen ernsten Charakter. Die tausendfach durchlcherten Stmme der alten Bume sind wie aus glanzlosem Silber geflochten. Im Schutze der Kronen wuchert Gestrpp und ein wildwachsender Himmel fremdartiger Blten auf. Das Achilleion der Kaiserin Elisabeth ist auf einer Hhe errichtet, in einer Eiland und Meer beherrschenden Lage. Der obere Teil des Gartens ist ein wenig beengt und kleinlich, besonders angesichts dieser Natur, die sich um ihn her in die Tiefen ausbreitet. Und jener Teil, der zum Meere hinuntersteigt, ist zu steil. Von erhabener Art ist die Achillesverehrung der edlen Frau, obgleich dieser Zug, durch Knstler der Gegenwart, wrdigen Ausdruck hier nicht gefunden hat. Das Denkmal Heines, eine halbe Stunde entfernt, unten am Meere, knnen wir, weil es bereits zu dunkeln beginnt, nicht mehr besuchen. Die unvergleichlich Edele unter den Frauengestalten jngster Vergangenheit, die, nach ihresgleichen in unserem Zeitalter vergeblich suchend, einsam geblieben ist, vermochte natrlicherweise den kunstmigen Ausdruck ihrer Persnlichkeit nicht selbst zu finden. Und leider schufen Handlangernaturen auch hier nur wieder im ganzen und groen den Ausdruck desselben, dem sie entfliehen wollte. Und nur der Platz, die Welt, der erhabene Glanz und Ernst, in den sie entfloh, legt von diesem Wesen noch gltiges Zeugnis ab. Wir schreiben den 30. Mrz. Helle, warme Sonne, blendendes Licht berall. Der Morgen ist heiter, erfrischend die Luft. Die Stadt ist erfllt vom Geschrei der Ausrufer. Viele Menschen liegen jetzt, gegen 9 Uhr frh, am Rande eines kleinen, ffentlichen Platzes umher und sonnen sich. Eine ganze Familie ist zu beobachten, die sich an eine Gartenmauer gelagert hat, in einem sehr notwendigen Wrmebedrfnis wahrscheinlich, da die Nchte kalt und die Keller, in denen die Armen hier wohnen, nicht heizbar sind. Sie genieen die Strahlen der Sonne mit Wohlbehagen, wie Ofenglut. Dabei zeigt sich die Mutter insofern ganz ungeniert durch die ffentlichkeit, als sie, gleich einer ffin, in den verfilzten Haaren ihres Jngsten herumfingert, sehr resolut, obgleich der kleine Gelauste schrecklich weint. Am Kai der Kaiserin Elisabeth steigert sich der Glanz des Lichtes noch, im Angesichte der schnen Bucht. Das Kai ist eine englische Anlage und die Nachmittagspromenade der korfiotischen Welt. Es wird begleitet von schnen Baumreihen, die, wo sie nicht aus immergrnen Arten gebildet sind, erstes, zartes Grn berzieht. Junge Mnner haben Teppiche aus den Husern geschleppt und auf dem Grase zwischen den Stmmen ausgebreitet. Ein scheuliches, altes, erotomanisches Weib macht unanstndige Sprnge in den heiteren Morgen hinein. Sie schreit und schimpft: die Mnner lachen, verspotten sie gutmtig. Sie kratzt sich mit obscner Gebrde, bevor sie davongeht und hebt ihre Lumpen gegen die Spottlustigen. Ich habe jetzt nicht mehr die tiefblaue, kstlich blinkende Bucht zur Linken, mit den weien Zelten der albanesischen Berge dahinter, sondern ein groes Gartengebiet, und wandere weiter, meist unter lbumen, bis Ponticonisi dicht unter mir liegt. Von hier gegenber mndet ein kleines Flchen ins Meer und man will dort die Stelle annehmen, wo Odysseus zuerst ans Ufer gelangte und Nausikaa ihm begegnet ist. Goethes Entwurf zur Nausikaa begleitet mich. Was rufen mich fr Stimmen aus dem Schlaf? Wie ein Geschrei, ein laut Gesprch der Frauen Erklang mir durch die Dmmrung des Erwachens. Hier seh ich niemand! Scherzen durchs Gebsch Die Nymphen? oder ahmt der frische Wind, Durchs hohe Rohr des Flusses sich bewegend, Zu meiner Qual die Menschenstimmen nach? Wo bin ich hingekommen? welchem Lande Trug mich der Zorn des Wellengottes zu? Ich meine, wenn dieses anziehende Fragment die starke Liebe wieder erweckt, oder eine hnlich starke, wie im Herzen seines Dichters war, so kann dies kein Grund zum Vorwurf sein. Auch dann nicht, wenn diese Liebe das Fehlende, das Ungeborene, zu erkennen vermeint, oder gar zu ergnzen unternimmt. Dieser gelassene Ton, der so warm, stark, richtig und deutsch ist, wird meist durchaus miverstanden. Man nimmt ihn fr khl und vergit auch in der Sprache der Iphigenie die by very much more handsome than fine ist, die alles durchdringende Herzlichkeit. Der Rckweg nach der Stadt fhrt zwischen wahre Dickichte von Orangen, Granaten und Himbeeren. Eukalyptusbume mit grogefleckten Stmmen von wunderbarer Schnheit begegnen. Hie und da wandeln Khe im hohen Gras unter niedrig gehaltenen Orangenpflanzungen. Steinerne Huschen, Hhlen der Armut, bergen sich inmitten der dichten Grten. Kinder betteln mit Frhlichkeit, starrend von Schmutz. Immer weiter zwischen verwilderten Hecken, mit Blten bedeckten, schreiten wir. Ich bemerke, auer vielen Brombeeren, dickstmmigen, alten Weidorn. Marguerits, wie Schnee ber Wegrndern und Wiesen, bilden weie, liebliche Teppiche des Elends. Erbrmliche Hfe sind von Aloepflanzen eingehegt, ber deren Stacheln unglaubliche Lumpen zum Trocknen gebreitet sind, und in der Nhe solcher Wohnsttten riecht es nach Mll. Ich sehe nur Mnner bei der Feldarbeit. Die Weiber faulenzen, liegen im Dreck und sonnen sich. Ein griechischer Hirt kommt mir entgegen, ein alter, brtiger Mann. Die ganze Erscheinung ist wohlgepflegt. Er trgt kretensische Tracht, ein rockartiges, blaues Beinkleid, zwischen den Beinen gerafft, Schnabelschuh', die Waden gebunden, ein blaues Jckchen mit Glanzknpfen, dazu einen strohenen Hut. Fnf Ziegen, nicht mehr, trotten vor ihm hin. Er klappert mit vielen kleinen Blechkannen, die, an einem Riemen hngend, er mit sich fhrt. Ein frischer Nordwest hat eingesetzt, jetzt, am Nachmittag. Zwei alte Albanesen, dazu ein Knabe, schreiten langsam ber die Lespianata. Einer der wrdigen Weibrte trgt ber zwei Mnteln den dritten, dessen Kapuze er ber den Kopf gezogen hat. Der unterste Mantel ist von hellerem Tuch, der zweite blau, der dritte ber und ber bedeckt mit langen, weilichen Wollzotteln, hnlich dem Ziegenhaar. Der Sauhirt Eumus fllt mir ein und die Erzhlung des Bettlers Odysseus von seiner List, durch die er nicht nur von Thoas, dem Sohne Andrmons, den Mantel erhielt, sondern auch von Eumus. Es scheint, da die Zahl der Mntel den Wohlstand ihrer Trger andeutet. Denn auch der zweite dieser imponierenden Berghirten hat drei Mntel bergeworfen. Dabei tragen sie weie Wollgamaschen und graulederne Schnabelschuh'. Jeder von ihnen berdies einen ungeschlten, langen Stab. Der Knabe trgt ein rotes Fez. Die Schnbel seiner roten Schuhe sind lnger, als die der Alten und jeder mit einer groen, schwarzen Quaste geziert. Die Hafenstraen zeigen das bliche Volksgetriebe. Die Lden ffnen sich auf schmale, hochgelegene Lauben, aus denen man in das Menschengewimmel der engen Gchen hinuntersieht. Ein Mann trgt Fische mit silbernen Schuppen auf dem flachen Handteller eilend an mir vorbei. Junge Schafe und Ziegen hngen, ausgeweidet und blutend, vor den Lden der Fleischer. ber der Tr einer Weinstube voll riesiger Fsser sind im Halbkreis Flaschen mit verschieden gefrbtem Inhalt an Schnren ausgehngt. Man hat schlechte Treppen, belriechende Winkel zu vermeiden, vertierten Bettlern aus dem Wege zu gehn. Einer dieser Bettler nhert sich mir. Er berbietet jeden sonstigen, europischen Eindruck dieser Art. Seine Augen glhen ber einem sackartigen Lumpen hervor, mit dem er Mund, Nase und Brust vermummt hat. Er hustet in diese Umhllung hinein. Er bleibt auf der Strae stehen und hustet, krchzt, pfeift mit Absicht, um aufzufallen, sein frchterliches Husten minutenlang. Es ist schwer, sich etwas so Abstoendes vorzustellen, als dieses verlauste, unfltige, barfige und halbnackte Gespenst. Ich verbringe die Stunde um Sonnenuntergang in dem schnen, verwilderten Garten, der dem Knig von Griechenland gehrt. Es ist eine wunderbare Wildnis von alten Zypressen-, Oliven- und Eukalyptusbumen, ungerechnet alle die blhenden Strucher, in deren Schatten man sich bewegt. Vielleicht wre es schade, wenn dieser Garten oft vom Knig besucht wrde, denn bei grerer Pflege mte er vieles verlieren von dem Reiz des Verwunschenen, der ihm jetzt eigen ist. Die Riesenbume schwanken gewaltig im Winde und rauschen dazu: ein weiches, aufgestrtes Rauschen, in das sich der eherne Ton des Meeres einmischt. Wie ich heute morgen das Fenster ffne, ist die Sonne am wolkenlosen Himmel lngst aufgegangen. Ich bemerke, da alles in einem fast weien Lichte unter mir liegt: die Straen und Dcher der Stadt, der Himmel, die Landschaft mit ihren Wiesen, Olivenwldern und fernen Bergen. Als ich aus dem Hotel trete, mu ich die Augen fast schlieen, und lange, whrend ich durch den nrdlichen Stadtteil Korfus hinauswandere, suche ich meinen Weg blinzelnd. Die Vorstadt zeigt das bliche Bild. Auf kleinen Eselchen sitzen Reiter, so gro, da man meint, sie knnten ihr Reittier mhelos in die Tasche stecken. Ruppige Pferdchen, braunschwarz oder schwarz, mit Schweifen, die bis zur Erde reichen, tragen allerlei tote Lasten und lebende Menschen dazu. Vor ihren zumeist einstckigen Husern hocken viele Bewohner und sonnen sich. Eine junge Mutter sugt, auf ihrer Trschwelle sitzend, ihr jngstes Kind und laust es zugleich, in aller Behaglichkeit und Naivett. Die weien Mauerflchen werfen das Licht zurck und erzeugen Augenschmerzen. Ich komme nun in die Region der Weiden und lgrten. Auf einer ebenen Strae, die stellenweise vom Meere besplt, dann wieder durch sumpfige Strecken oder Weideland vom Rande der groen, inneren Bucht getrennt ist. Ich ruhe ein wenig, auf einem Stck Ufermauer am Ausgang der Stadt. Die Sonne brennt hei. Von den angrenzenden Hgeln steigt ein albanesischer Hirte mit seinen Schafen zur Strae herunter: trotz der Wrme trgt er seine drei Mntel, oben den flieartigen, ber die Schultern gehngt. Ein sehr starkes und hochbeiniges Mutterschwein kommt aus der Stadt und schreitet hinter seinen Ferkeln an mir vorber. Es folgt ein Eber, der kleiner ist. Es ist natrlich, wenn ich auch hier wieder an Eumus denke, den gttlichen Hirten, eine Gestalt, die mir brigens schon seit lngerer Zeit besonders lebendig ist. Eigentmlicherweise umgibt das Tier, dessen Pflege und Zucht ihm besonders oblag, noch heute bei uns auf dem Lande eine Art alter Opferpoesie. Es ist das einzige Tier, das von kleinen Leuten noch heute, nicht ohne groe festliche Aufregung, im Hause geschlachtet wird. Das Barbarische liegt nicht in der naiven Freude an Trunk und Schmaus; denn die homerischen Griechen, gleich den alten Germanen, neigten zur Vllerei. Metzgen, essen, trinken, gesundes Ausarbeiten der Glieder im Spiel, im Kampfspiel zumeist, das alles im Einverstndnis mit den Himmlischen, ja in ihrer Gegenwart, war fr griechische wie fr germanische Mnner der Inbegriff jeder Festlichkeit. Es liegt in dem Eumus-Idyll eine tiefe Naivett, die entzckend anheimelt. Kaum ist irgendwo im Homer eine gleiche menschliche Wrme zu spren wie hier. Es wre vielleicht von dieser Empfindung aus nicht unmglich, dem ewigen Gegenstande ein neues, lebendiges Dasein fr uns zu gewinnen. Es ist nicht durchaus angenehm, auer zum Zweck der Beobachtung, durch diese weie, stauberfllte Vorstadt zurck den Weg zu nehmen. Unglaublich, wieviele Murillosche Kopfreinigungen man hier ffentlich zu sehen bekommt! Es ist glhend hei. Scharen von Gnsen fliegen vor mir auf und vermehren den Staub, ihn, die weite Strae hinabfliegend, zu Wolken ber sich jagend. Hochrdrige Karren kommen mir entgegen. Hunde laufen ber den Weg: Bulldoggen, Wolfshunde, Pintscher, Fixkter aller Art! Gelbe, graue und schwarze Katzen liegen umher, laufen, fauchen, retten sich vor Hunden auf Fensterbrstungen. Eselchen schleppen Ladungen frischgeflochtener Krbe, die den Entgegenkommenden das Ausweichen fast unmglich machen. Eine breitgebaute, griechische Buerin drckt, im _bildlichen_ Sinne, wie sie pomps einherschreitet, ihre Umgebung an die Wand. Bettler, mit zwei alten Getreidescken bekleidet, den einen unter den Achseln um den Leib geschlungen, den andern ber die Schultern gehngt wie ein Umschlagetuch, sprechen die Inhaber rmlicher Lden um Gaben an. Ein junger Priesterzgling von sehr gepflegtem ueren, mit schwarzem Barett und schwarzer Sutane, ein Jngling, der schn wie ein Mdchen ist, von einem gemeinen Manne, dem Vater oder Bruder begleitet, geht mir entgegen. Der Arm des Begleiters ist um die Schultern des Priesters gelegt, dessen tiefschwarz glnzendes Haar im Nacken zu einem Knoten geflochten ist. Weiber und Mnner blicken ihm nach. Heute entdecke ich eigentlich erst den Garten des Knigs und seine Wunder. Ich nehme mir vor, von morgen ab mehrere Stunden tglich hier zuzubringen. Seit lngerer Zeit zum ersten Male geniee ich hier jene kstlichen Augenblicke, die auf Jahre hinaus der Seele Glanz verleihen, und um derentwillen man eigentlich lebt. Es dringt mir mit voller Macht ins Gemt, wo ich bin, und da ich das Jonische Meer an den felsigen Rndern des Gartens brausen hre. Wir haben heute den 1. April. Meine Freunde, die Maler sind, und ich, haben uns am Eingange der Knigsvilla von einander getrennt, um, jeder fr sich, in dem weiten, verwilderten Gartenbereich auf Entdeckungen auszugehen. Es ist ein Morgen von unvergleichlicher Sigkeit. Ich schreibe, meiner Gewohnheit nach, im Gehen, mit Bleistift diese Notizen. Mein Auge weidet. Das Paradies wird ein Land voll ungekannter, kstlicher Blumen sein. Die herrlichen Anemonen Korfus tragen mit dazu bei, da man Ahnungen einer andern Welt empfindet. Man glaubt beinahe, auf einem fremden Planeten zu sein. In dieser eingebildeten Loslsung liegt eine groe Glckseligkeit. Ich finde nach einigem Wandern die Marmorreste eines antiken Tempelchens. Es sind nur Grundmauern; einige Sulentrommeln liegen umher. Ich lege mich nieder auf die Steine, und eine unsgliche Wollust des Daseins kommt ber mich. Ein feines, glckliches Staunen erfllt mich ganz, zunchst fast noch unglubig, vor diesem nun Ereignis gewordenen Traum. Weniger um etwas zu schaffen, als vielmehr um mich ganz einzuschlieen in die Homerische Welt, beginne ich ein Gedicht zu schreiben, ein dramatisches, das Telemach, den Sohn des Odysseus, zum Helden hat. Umgeben von Blumen, umtnt von lautem Bienengesumm, fgt sich mir Vers zu Vers, und es ist mir allmhlich so, als habe sich um mich her nur mein eigener Traum zu Wahrheit verdichtet. Die Lage des Tempelchens am Rande der Bschung, hoch berm Meer, ist entzckend; alte, ernste Oliven umgeben in einiger Ferne die Vertiefung, in die es gestellt ist. Welchem Gotte, welchem Heros, welchem Meergreise, welcher Gttin oder Nymphe war das Tempelchen etwa geweiht, das in das grne Stirnband der Uferhhe eingeflochten, dem nahenden Schiffer entgegenwinkte? diese kleine, schweigende Wohnung der Seligen, die, Weihe verbreitend, noch heute das Rauschen der lbume, das schwelgerische Summen der Bienen, das Duftgewlke der Wiesen als ewige Opfergaben entgegennimmt. Die kleinen, blinkenden Wellen des Meeres ziehen, vom leisen Ost bewegt, wie in himmlischer Prozession heran, und es ist mir, als wre ich nie etwas anderes, als ein Diener der unsterblichen Griechengtter gewesen. Ich wei nicht, wie ich auf die Vermutung komme, da unterhalb des Tempelchens eine Grotte und eine Quelle sein msse. Ich steige verfallene Stufen tief hinab und finde beides. Quellen und Grotten mnden auf grne von Marguerits berste Terrassen, in ihrer versteckten Lage von sestem Reiz. Ich bin hier, um die Gtter zu verehren, zu lieben und herrschen zu machen ber mich. Deshalb pflcke ich Blumen, werfe sie in das Becken der Quelle, zu den Najaden und Nymphen flehend, den lieblichen Tchtern des Zeus. Ein brauner, schwermtiger Sonnenuntergang. Wir finden uns an die Schwermut norddeutscher Ebenen irgendwie erinnert. Es ist etwas Khles in Licht und Landschaft, das vielleicht deutlicher vorstellbar wird, wenn man es unitalienisch nennt. Das Landvolk, obgleich die Buerinnen imposant und vollbusig sind und von schner Rasse, erscheint nach auen hin temperamentlos, im Vergleich mit Italien, und zwar trotz des italienischen Einschlags. Es kommt uns vor, als wre das Leben hier nicht so kurzweilig, wie auf der italienischen Halbinsel. Die griechische Buerin hat durchaus den graden, treuherzigen Zug, der den Mnnern hier abgeht, und den man als einen deutschen gern in Anspruch nimmt. Sinnliches Feuer scheint ebenso wenig Ausdruck ihrer besonderen Art zu sein, als bei den homerischen Frauengestalten. berhaupt erscheinen mir die homerischen Zustnde den frhen germanischen nicht allzu fern stehend. Der homerische Grieche ist Krieger durchaus, ein khner Seefahrer, wie der Normanne verwegener Pirat, von tiefer Frmmigkeit bis zur Bigotterie, trunkliebend, zur Vllerei neigend, dem Rausche groartiger Gastereien zugetan, wo der Gesang des Skalden nicht fehlen durfte. Ich habe mich auf den Resten des antiken Tempelchens, das ich nun schon zum dritten- oder viertenmal besuche, niedergelassen. Es fllt lauer Frhlingsregen. Ein groer, berhngender, weidenartiger Strauch umgibt mich mit dem Arom seiner Blten. Die Wellen wallfahrten heut mit starkem Rauschen heran. Immer der gleiche Gottesdienst in der Natur. Wolkendnste bedecken den Himmel. Immer erst, wenn ich auf den Grundmauern dieses kleinen Gotteshauses gestanden habe, fhle ich mich in den Geist der Alten entrckt und glaube in diesem Geiste alles rings umher zu empfinden. Ich will nie diese Stunden vergessen, die in einem ungeahnten Sinne erneuernd sind. Ich steige ans Meer zu den Najaden hinunter. Auf den Stufen bereits vernehme ich das Geschrei einer Ziege, von der Grotte und Quelle empordringend. Ich bemerke, wie das Tier von einem groen, rotbraunen Segel beunruhigt ist, das sich dem Lande, dster schattend, bis auf wenige Meter nhert, um hier zu wenden. Unwillkrlich mu ich an Seeraub denken und das fortwhrende, klgliche Hilferufen des gengstigten Tieres bringt mir, beim Anblick des groen, drohenden Segels, die alte Angst des einsamen Kstenbewohners, vor berfllen, nah. Oft ist bei Homer von schwarzen Schiffen die Rede. Ob sie nicht etwa den Nordlandsdrachen hnlich gewesen sind? Und ob nicht etwa die homerischen Griechen, die ja durchaus Seefahrer und Abenteurernaturen waren, auch das griechische Festland vom Wasser aus zuerst betreten haben? Eigentmlich ist es, wie sich in einem Gesprch des Plutarch eine Verbindung des hohen Nordens mit diesem Sden andeutet; wo von Vlkern griechischen Stammes die Rede ist, die etwa in Kanada angesessen waren, und von einer Insel Ogygia, wo der von Zeus entthronte Kronos gleichsam in Banden eines Winterschlafes gefangen sa. Besonders merkwrdig ist der Zug, da jener entthronte Gott, Kronos oder Saturn, noch immer alles dasjenige trumte, was der Sohn und Sieger im Sden, Zeus, im Wachen sah. Also etwa, was jener trumte, war diesem Wirklichkeit. Und Herakles begab sich einst in den Norden zurck, und seine Begleiter reinigten Sitte und Sprache der nrdlichen Griechen, die inzwischen verwahrlost waren. Ich strecke mich auf das saftige Grn der Terrasse unter die zahllosen Gnseblmchen aus, als ob ich, ein erster Grieche, soeben nach vieler Mhsal gelandet wre. Ein starkes Frhlingsempfinden dringt durch mich; und in diesem Gefhle eins mit dem Sprossen, Keimen und Blhen rings um mich her, empfinde ich jeden Naturkult, jede Art Gottesdienst, jedes irgendwie geartete hhere Leben des Menschen durch Eros bedingt. Ich beobachte eben, vor Sonnenuntergang, in einer Ausbuchtung der Kaimauer, zwei Muselmnner. Sie verrichten ihr Abendgebet. Die Gesichter nach Mekka gewendet, gegen das Meer und die epirotischen Berge, stehen sie ohne Lippenbewegung da. Die Hnde sind nicht gefaltet, nur mit den Spitzen der Finger aneinandergelegt. Jetzt, indem sie sich auf ein Knie senken, machen sie gleichzeitig eine tiefe Verneigung. Diese Bewegung wird wiederholt. Sie lassen sich nun auf die Kniee nieder und berhren mit den Stirnen die Erde. Auch diesen Ausdruck andachtsvoller Erniedrigung wiederholen sie. Aufgerichtet, beten sie weiter. Nochmals sinken sie auf die Kniee und berhren mit ihren Stirnen wieder und wieder den Boden. Alsdann fhrt sich, noch kniend, der ltere von den beiden Mnnern mit der Rechten ber das Angesicht und ber den dunklen, graumelierten Bart, als wollte er einen Traum von der Seele streifen, und nun kehren sie, erwacht, aus dem inneren Heiligtum in das laute Straenleben, das sie umgibt, zurck. Wer diese Kraft zur Vertiefung sieht, mu die Macht anerkennen und verehren, die hier wirksam ist. Heut werfen die Wellen ihre Schaumschleier ber die Kaimauer der Strada marina. Die Mven halten sich mit Meisterschaft gegen den starken Sdwind ber den bewegten Wassern des Golfes von Kastrades. Es herrscht Leben und Aufregung. Von gestern zu heut sind die Baumwipfel grn geworden im lauen Regen. Die Luft ist feucht. Der Garten, in den ich eintrete, braust laut. Der Garten der Kirke, wie ich den Garten des Knigs jetzt lieber nenne, braust laut und melodisch und voll. Dfte von zahllosen Blten dringen durch dunkle, rauschende Laubgnge und strmen um mich mit der bewegten Luft. Es ist herrlich! Der Webstuhl der Kirke braust wie Orgeln: Chorle, endlos und feierlich. Und whrend die Gttin webt, die Zauberin, bedeckt sich die Erde mit bunten Teppichen. Aus grnen Wipfeln brechen die Blten: gelb, wei und rot, wie Blut. Das zarteste der Schnheit entsteht ringsum. Millionen kleiner Blumen trinken den Klang und wachsen in ihm. Himmelhohe Zypressen wiegen die schwarzen Wedel ehrwrdig. Der gewaltige Eukalyptus, an dem ich stehe, scheint zu schaudern vor Wonne, im Ansturm des vollen, erneuten Lebenshauchs. Das sind Boten, die kommen! Verkndigungen! Wie ich tiefer in das verwunschene Reich eindringe, hre ich ber mir in der Luft das beinahe melodische Knarren eines groen Raben. Ich sehe ihn tglich, nun schon das drittemal: den Lieblingsvogel Apollons. Er berquert eine kleine Bucht des Gartens. Der Wind trgt seine Stimme davon, denn ich sehe nur noch, wie er seinen Schnabel ffnet. Immer noch umgibt mich das Rauschen, das allgemeine, tiefe Getse. Es scheint aus der Erde zu kommen. Es ist, als ob die Erde selbst tief und gleichmig tnte, mitunter bis zu einem unterirdischen Donner gesteigert. Im Schatten der lbume, im langhalmigen Wiesengras, gibt es viele gemauerte Wasserbrunnen. ber einem, der mir vor Augen liegt, sehe ich Nymphe und Najade gesellt, denn der Gipfel eines Baumes, dessen Stamm im Innern der Zisterne heraufdringt, berquillt ihre ffnung mit jungem Grn. Die Grazien umtanzen in Gestalt vieler zartester Wiesenblumen den verschwiegenen Ort. Die Gestalten der Kirke und der Kalypso hneln einander. Jede von ihnen ist eine furchtbare Zauberin, jede von ihnen trgt ein anmutig feines Silbergewand, einen goldenen Grtel und einen Schleier ums Haupt. Jede von ihnen hat einen Webstuhl, an dem sie ein schnes Gewebe webt. Jede von ihnen wird abwechselnd Nymphe und Gttin genannt. Sie haben beide eine weibliche Neigung zu Odysseus, der mit jeder von ihnen das Lager teilen darf. Beide, an bestimmte Wohnpltze gebunden, sind der mythische Ausdruck sich regender Wachstumskrfte in der Frhlingsnatur, nicht wie die hheren Gottheiten berall, sondern an diesem und jenem Ort. In Kirke scheint das Wesen des Mythus, und besonders in ihrer Kraft zu verwandeln, tiefer und weiter, als in Kalypso ausgebildet zu sein. Das Rauschen hat in mir nachgerade einen Rausch erzeugt, der Natur und Mythus in eins verbindet, ja ihn zum phantasiegemen Ausdruck von jener macht. Auf den Steinen des antiken Tempelchens sitzend, hre ich Gesang um mich her, Laute von vielen Stimmen. Ich bin, wie durch einen leisen, unwiderstehlichen Zwang, in meiner Seele willig gemacht, Zeus und den brigen Gttern Trankopfer auszugieen, ihre Nhe im Tiefsten empfindend. Es ist etwas Rtselhaftes auch insofern um die Menschenseele, als sie zahllose Formen anzunehmen befhigt ist. Eine groe Summe halluzinatorischer Krfte sehen wir heut als krankhaft an, und der gesunde Mensch hat sie zum Schweigen gebracht, wenn auch nicht ausgestoen. Und doch hat es Zeiten gegeben, wo der Mensch sie voll Ehrfurcht gelten und menschlich auswirken lie. Und in dem hohen Palaste der schnen Zauberin dienten Vier holdselige Mgde, die alle Geschfte besorgten. Diese waren Tchter der Quellen und schattigen Haine Und der heiligen Strme, die in das Meer sich ergieen. Die schne Wscherin, die ich an einem versteckten Rhrenbrunnen arbeiten sehe, auf meinem Heimwege durch den Park -- die erste schne Griechin berhaupt, die ich zu Gesicht bekomme! -- sie scheint mir eine von Kirkes Mgden zu sein. Und wie sie mir in die Augen blickt, befllt mich Furcht, als lge die Kraft der Meisterin auch in ihr, Menschen in Tiere zu verwandeln, und ich sehe mich unwillkrlich nach dem Blmchen Molly um. Heut, den 5. April, hat ein groes Schiff dreihundert deutsche Mnner und Frauen am Strande von Korfu abgesetzt. Ein mit solchen Mnnern und Frauen beladener Wagen kutscht vor mir her. Auf der Strada marina lt Gevatter Wurstmacher den Landauer anhalten, steigt heraus und nimmt mit einigen lieben Anverwandten, eilig, in ungezwungener Stellung, photographiergerecht, auf der Kaimauer Platz. Ein schwarzbrtiger Idealist mit langen Beinen und engem Brustkasten erhebt sich auf dem Kutschbock und photographiert. Am Eingange meines Gartens holt die Gesellschaft mich wieder ein, die sich durch das unumgngliche Photographieren verzgert hat. Palais royal? tnt nun die Frage an den Kutscher auf gut Franzsisch. -- Und wie ich den Garten der Zauberin wieder betrete, von heimlichem Lachen geschttelt, fllt mir eine Geschichte ein: Mitridates steckte einst in Kleinasien einen Hain der Eumeniden in Brand, und man hrte darob ein ungeheures Gelchter. Die beleidigten Gtter forderten nach dem Spruche der Seher Shnopfer. Die Halswunde jenes Mdchens aber, das man hierauf geschlachtet hatte, lachte noch auf eine furchtbare Weise fort. Das eine der Fenster unseres Wohnsaales im Hotel Belle Venise gewhrt den Blick in eine Sackgasse. Dort ist auch ein Abfallwinkel des Hotels. Der elende Mllhaufen bt eine schreckliche Anziehungskraft auf Tiere und Menschen aus. So oft ich zum Fenster hinausblicke, bemerke ich ein anderes hungriges Individuum, Hund oder Mensch, das ihn durchstbert. Ohne jeden Sinn fr das Ekelhafte greift ein altes Weib in den Unrat, nagt das sitzengebliebene Fleisch aus Apfelsinenresten und schlingt Stcke der Schale ganz hinab. Jeden Morgen erscheinen die gleichen Bettler, abwechselnd mit Hunden, von denen mitunter acht bis zehn auf einmal den Haufen durchstren. Diese scheuliche Nahrungsquelle auszuntzen, scheint der einzige Beruf vieler unter den rmsten Bewohnern Korfus zu sein, die in einem Grade von Armut zu leben gezwungen sind, der, glaube ich, selbst in Italien selten ist. Von Mllhaufen zu Mllhaufen wandern, welch ein unbegreifliches Los der Erbrmlichkeit! Mit Hunden und Katzen um den Wegwurf streiten. Und doch war es vielleicht mitunter das Los Homers, der, wie Pausanias schreibt, auch dieses Schicksal gehabt hat, als blinder Bettler von Ort zu Ort zu ziehn. Der Garten der Kirke liegt diesen Nachmittag in einer dstern Verzauberung. Die blagrnen Schleier der Olivenzweige rieseln leis. Es ist ein ganz zartes und feines Singen. Von unten tnt laut das eherne Rauschen des Jonischen Meeres. Ich mu an das unentschiedene Schlachtengetse homerischer Kmpfe denken. Der Wolkenversammler verdunkelt den Himmel, und eine bngliche Finsternis verbreitet sich zwischen den Stmmen unter den lbaumwipfeln. Vereinzelte groe Regentropfen fallen auf mich. Der Efeu erscheint wie ein polypenartig wrgendes Tier, er schlgt in unzerbrechliche Bande: Mauern, steinerne Stufen, Bume! Es ist etwas ewig Totes, ewig Stummes, ewig Verlassenes, ewig Verwandeltes in der Natur und in allem vegetativen Dasein des Gartens. Die Tiere der Kirke schleichen lautlos, tckisch und unsichtbar! der bsen, tckischen Kirke Gefangene! Sie erscheinen fr ewig ins Innere dieser Gartenmauer gebannt, wie Strucher und Bume an ihre Stelle. Alle diese uralten, rtselhaft verstrickten Olivenbume gleichen unrettbar verknoteten Schlangen, erstarrt, mitten im Kampf, durch ein schreckliches Zauberwort. Aber nun geht eine Angst durch den Garten: etwas wie Angst oder nahes Glck. Wir alle, unter der drohenden Macht des beklemmenden Rtsels eines unsagbar traurigen und verwunschenen Daseins, fhlen den nahen Donner des Gottes voraus. Mchtig grollt es fern auf; und Zeus winkt mit der Braue ... Kirke erwartet Zeus. Ehe man Potamo auf Korfu erreicht, berschreitet man einen kleinen Flu. Die Ortschaft ist mit grauen Huschen und einem kleinen Glockenturm auf eine sanft ansteigende Berglehne zwischen lbume und Zypressen hingestreut. Unter den Bewohnern des Ortes, die alle dunkel sind, fllt ein Schmied oder Schlosser auf, der in der Tr seiner Werkstatt mit seinem Schurzfell dasteht, blauugig, blond und von durchaus kernigem, deutschem Schlag, seiner Haltung und dem Ausdruck seines Gesichtes nach. Das Tal hinter Potamo entwickelt die ganze Flle der fruchtbaren Insel. Auf saftigen Wiesenabhngen langhalmiger, ppiger Grser und Blumen, stehen, Wipfel an Wipfel, Orangenbume, jeder mit einem Reichtum schwerer und reifer Frchte durchwirkt. Die gleiche, lastende Flle ist, links vom Wege, in die Talsenkung hinein verbreitet und jenseit die Abhnge hinauf, bis unter die allgegenwrtigen lbume. Fruchtbare Flle liegt wie ein strenger Ernst ber diesem gesegneten Tal. Es ist von Reichtum gleichsam beschwert bis zur Traurigkeit. Es ist etwas fronmig Lasttragendes in diesem berflu, so da hier wiederum das Mysterium der Fruchtbarkeit, beinahe zu Gestalten verdichtet, dem inneren Sinne sich aufdrngt. Hier scheint ein dmonischer Reichtum wie dazu bestimmt, verschlagenen Seefahrern sich fr eine angstvolle Schwelgerei darzubieten, panischen Schrecknissen nahe. Gestrppen, wilden Dickichten gleich, steigen Orangengrten in die Schluchten hinunter, die von uralten Oliven und Zypressen verfinstert sind und locken von dort her, aus der verschwiegenen Tiefe mit ihrer sen, schweren, fast purpurnen Frucht. Man sprt das Gebrungswunder, das Wunder nymphenhafter Verwandlungen: ein Wirken, das ebenso s, als qualvoll ist. Ich sollte hier der Orange von Korfu, als der besten der Welt begeistert huldigen! -- Man gehe hin und geniee sie. Die Strae steigt an und bei einer Wendung tut sich, weithin gedehnt, eine sanfte Tiefe dem Blicke auf: die Ebene zwischen Govino und Pyrgi ungefhr, mit ihren umgrenzenden Hhenzgen. Wlder von Olivenbumen bedecken sie, ja Gipfel, Abhnge und Ebene berzieht ein einziger Wald. Der majesttische Ernst des Eindrucks ist mit einem unsglich weichen Reiz verbunden. Eine Biegung der Strae enthllt teilweise die blauleuchtende Bucht und die Hhe des San Salvatore dahinter. Zum Ernst, zur Einfalt, zur Groheit, darf man sagen, tritt nun die Se. -- Wir wandeln unter die Wlder hinein. Das Auge wird immer wieder gefesselt von dem unvergleichlichen Linienreiz der zerlcherten und zerklfteten Riesenstmme, von denen einige zerrissen und in wilde Windungen zerborsten, doch, mit erzenem, unbeweglichem Griff in die Erde verknotet, aufrecht geblieben sind. Der Himmel ist grau und bewlkt. Wir entdecken in der Tiefe der fruchttragenden Waldungen Kinder, Hirtinnen mit gelben Kopftchern. Bis an die Strae zu uns her sind kleine, wollige, unwahrscheinliche Jesusschfchen verstreut. Ich winke einer der kleinen Hirtinnen: sie kommt nicht leicht. Ihr Dank fr unsere Gabe ist ganz Treuherzigkeit. Schemenhaft flstern die lzweige. Weithin geht und weither kommt ewiges, sanftes, fruchtbares Rauschen. Wir unternehmen heut eine Fahrt nach Pelleka. Dort, von einem gewissen Punkte aus, berblickt man einen sehr groen Teil der Insel, die Buchten gegen Epirus hin und zugleich das freie Jonische Meer. Heute, am Sonntag, lehnen etwa hundert Mnner ber die Mauer der Strae, wo diese eine Kehre macht und gleichsam eine Terrasse oder Rampe der Ortschaft bildet. Unser Wagen wird sogleich von einer groen Menge erbrmlich schmutziger Kinder umringt, die zumeist ein verkommenes Ansehen haben und schlimm husten. Mit uns dem gesuchten Aussichtspunkt zusteigend -- wir haben den Wagen verlassen! -- verfolgen uns die Kinder in hellen Haufen. Eingeborene Mnner versuchen es immer wieder, sie zu verscheuchen, stets vergeblich. Die Kleinen lassen uns vorber, stehen ein wenig, suchen uns aber gleich darauf wieder auf krzeren Wegen, rennend, springend, strzend, einander stoend, zuvor zu kommen, um mit zher Unermdlichkeit uns wiederum anzubetteln. Sie sind fast durchgngig brnett. Aber es ist auch ein blondes Mdchen da, blauugig und von zart weier Haut: ein groer, vollkommen deutscher Kopf, der als solcher auf einem Leiblschen Bilde stehen knnte. Bei diesem Anblick beschleicht mich eine gewissermaen irrationale Traurigkeit, denn das Mdchen ist eigentlich die vergngteste unter ihren zahllosen dunklen Zufallsschwestern. In Gruppen und von den Mnnern gesondert, stehen am Eingang und Ausgang des kleinen Fleckens die Frauen von Pelleka. Sie machen in der stmmigen Flle des Krpers und der bunten Schnheit der griechischen Tracht den Eindruck der Wohlhabenheit. Das reiche Haar, das ihre Kpfe in stolzer Frisur umgibt, ist nicht nur ihr eigenes, sondern durch den Haarschatz von Mttern, Gromttern und Urgromttern vermehrt, der als heilige Erbschaft betrachtet wird. Heut, soeben, begann ich den letzten Tag, der noch auf Korfu enden wird. Zum Fenster hinausblickend, gewahre ich in der Nhe des Abfallhaufens eine Versammlung von etwa zwanzig Mnnern: sie umstehen einen vom Regen noch feuchten Platz, auf dem sich, wie kleine zerknllte Lmpchen, mehrere schmutzige Drachmenscheine befinden. Man schiebt sie mit Stiefelspitzen von Ort zu Ort. Einer der Mnner wirft vom Handrcken aus zwei kupferne Mnzen in die Luft, und je nachdem sie auf dem Kopfe der Knige liegen, oder diesen nach oben kehren, entscheiden sie ber Verlust und Gewinn. Nachdem ein Wurf des Glcksspiels geschehen ist, nimmt einer der Spieler, ein schbiger Kerl, als Gewinner den ziemlich erheblichen Einsatz vom Erdboden auf und steckt ihn ein. Die Bevlkerung Korfus krankt an dieser Spielleidenschaft. Es werden dabei von armen Leuten Gewinne und Verluste bestritten, die in keinem Vergleich zu ihrem geringen Besitze stehen. Man sucht dieser Spielwut entgegenzuwirken. Aber, trotzdem man das stumpfsinnige Laster, sofern es in Kneipen oder irgendwie ffentlich auftritt, unter Strafe stellt, ist es dennoch nicht auszurotten. Macht doch die ganze Bevlkerung gemeinsame Sache gegen die Polizei! So sind zum Beispiel die Droschkenkutscher auf der breiten Strae, in die unser Sackgchen mndet, freiwillige Wachtposten, die den ziemlich sorglosen bertretern der Gesetzesbestimmungen soeben die Annherung eines Polizeimannes durch Winke verkndigen, worauf sich der Schwarm sofort zerstreut. Ein griechischer Dampfer liegt am Ufer. Ein italienischer kommt eben herein. Ihm folgt die Tirol vom Triester Lloyd. Menschen und Mwen werden aufgeregt. Die Einschiffung ist nicht angenehm. Wir sind hinter einem Berg von Gepck ins Boot gequetscht, und jeden Augenblick drohen die hohen Wogen das berladene Fahrzeug umzuwerfen. Selten ist der Aufenthalt an Deck eines Schiffes im Hafen angenehm. Das Idyll, sofern nicht das Gegenteil eines Idylls im Schicksalsrate beschlossen ist ... das Idyll beginnt immer erst nach der Abfahrt. Eine schlanke, hohe, jugendschne Englnderin mit den edlen Zgen klassischer Frauenbildnisse ist an Bord. Seltsam, ich vermag mir das homerische Frauenideal, vermag mir eine Penelope, eine Nausikaa, nur von einer so gearteten Rasse zu denken. Langsam gleitet Korfu, die Stadt, und Korfu, die Insel, an uns vorber: die alten Befestigungen, die Esplanade, die Strada marina am Golf von Kastrades, auf der ich so oft nach dem kniglichen Garten, nach dem Garten der Kirke, gewandert bin. Der Garten der Kirke selbst gleitet vorber. Ich nehme mein Fernglas und bin noch einmal an dem lieblichen, jetzt in Schatten gelegten Ort, wo die Trmmer des kleinen antiken Tempelchens einsam zurckbleiben, und wo ich, seltsam genug bei meinen Jahren, fast wunschlos glckliche Augenblicke geno. Oft sah ich von dort aus Schiffe vorbergleiten und bin nun selbst, der vorbergleitet auf seinem Schiff. ber den dunklen Wipfelgebieten des Gartens steht die Sonne hinter gigantischen Wolken im Niedergang und bricht ber alles zu uns und zum Himmel hervor in gewaltigen, limbusartigen Strahlungen, und im Weitergleiten des Schiffes erfllt mich nur noch der eine Gedanke: du bist auf der Pilgerfahrt zur Sttte des goldelfenbeinernen Zeus. Die ersten Stunden auf klassischem Boden, nachdem wir in Patras Morgens gelandet sind, bieten lrmende unangenehme Eindrcke. Aber, trotzdem wir nun in einem Bahncoup, und zwar in einem ziemlich erbrmlichen, sitzen, saugt sich das Auge an Felder und Hgel dieser an uns vorberflutenden Landschaft fest, als wre sie nicht von dieser Erde. Vielleicht lieben wir Trume mit strkerer Liebe, als Wirklichkeit. Aber das innere Auge, das sich selbst im Schlafe oft genug weit ffnet, legt sich mitunter in den Wiesen, Hainen und Hgellndern zur Ruh, die sich einem ueren Sinne im Lichte des wachen Tages schlicht und gesund darbieten. Und etwas, wie eines inneren Sinnes Entlastung spre ich nun. Also: um mich ist Griechenland. Das, was ich bisher so nannte, war alles andere, nur nicht Land. Die Sehnsucht der Seele geht nach Land, der Sehnsucht des Seefahrers darin hnlich. Immer ist es zunchst nur eingebildet, wonach man sich sehnt, und noch so genaue Nachricht, noch so getreue Schilderung kann aus der schwebenden Insel der Phantasie kein wirklich am Grunde des Meeres verwurzeltes Eiland machen. Das vermag nur der Augenblick, wo man es wirklich betritt. Was nun so lange durchaus nur ein bloer Traum der Seele gewesen ist, das will eben diese Seele, vom Staunen der ueren Sinne berhrt, die, von dem Ereignis betroffen, rastlos verzckt, fast berwltigt umherforschen ... das will eben diese Seele nicht gleich fr wahr halten. Auch deshalb nicht, weil damit in einem anderen Sinne etwas, zum mindesten der Teil eines Traumbesitzes, in sich versinkt. Dies gilt aber nur fr Augenblicke. Es gibt in einem gesund gearteten Geiste keine Todfeindschaft mit der Wirklichkeit: und was sie etwa in einem solchen Geiste zerstrt, das hilft sie krftiger wiederum aufrichten. Die Landschaft von Elis, durch die wir reisen, berhrt mich heimisch. Wir haben zur Rechten das Meer, hinter roter Erde, in unglaublicher Farbenglut. Wie blulicher Duft liegen Inseln darin: erst wird uns Ithaka, dann Cephalonia, spter Zakynthos deutlich. Wir werden an Hgeln vorbergetragen, niedrigen Bergzgen, vor denen Fluren sich ausbreiten, die mit Rebenkulturen bestanden sind. Die Berge zur Linken weichen zurck hinter eine weite Talebene, die sie mit ihren Schneehuptern begleiten. Einfache, grne Weideflchen erfreuen den Blick. Und pltzlich erscheinen Bume, einzelstehend, knorrig, weitverzweigt, die fr das zu erklren, was sie wirklich sind, ich kaum getraue. Aber es sind und bleiben doch Eichen, deutsche Eichen, so alt und mchtig entwickelt, wie in der Heimat sie gesehen zu haben ich mich nicht erinnern kann. Stundenweit dehnen sich nun diese Eichenbestnde. Doch sind die jetzt noch fast kahlen Kronen so weit voneinander entfernt, da ihre Zweige, so breit sie umherreichen, sich nicht berhren. In den einsamen Weidelndern darunter zeigen sich hie und da Hirten mit Herden. Es kommt mir vor, als ob ich unter den vielen, die mit uns reisen, einem groartigen Festtumulte zustrebte. Und durchaus ungewollt drngt sich mir nach und nach die Vision eines olympischen Tages auf: der Kopf und nackte Arm eines jungen Griechen, ein Schrei, eine Bitte, ein Pferdegewieher, Beifallstoben, ein Fluch des Besiegten. Ein Ringer, der sich den Schwei abwischt. Ein Antlitz, im Kampfe angespannt, fast geqult in bermenschlicher Anstrengung. Donnernder Hufschlag, Rdergekreisch: alles vereinzelt, blitzartig, fragmentarisch. Wir sind in Olympia. Auf diesem verlassenen Festplatz ist kaum etwas anderes, als das sanfte und weiche Rauschen der Aleppokiefer vernehmlich, die den niedrigen Kronoshgel bedeckt und hie und da in den Ruinen des alten Tempelbezirks ihre niedrigen Wipfel ausbreitet. Dieses freundliche Tal des Alpheios ist dermaen unscheinbar, da man, den ungeheuren Klang seines Ruhmes im Herzen, bei seinem Anblick in eigentmlicher Weise ergriffen ist. Aber es ist auch von einer bestrickenden Lieblichkeit. Es ist ein Versteck, durch einen niedrigen Hhenzug jenseits des Flusses -- und diesseits durch niedrige Berge getrennt von der Welt. Und jemand, der sich von dieser Welt ohne Ha zu verschlieen gedchte, knnte nirgend geborgener sein. Ein kleines, idyllisches Tal fr Hirten -- eine schlichte, beschrnkte Wirklichkeit! -- mit einem versandeten Flulauf, Kiefern und krglichem Weideland, und doch: es mag hier gewesen sein, es weigert nichts in dem Pilger, fr wahr hinzunehmen, da hier der Kronide, der giserschtterer Zeus, mit Kronos um die Herrschaft der Welt gerungen hat. -- Das ist das Wunderbare und Seltsame. Die Abhnge jenseit des Alpheios frben sich braun. Die Sonne eines warmen und reinen Frhlingstages dringt nicht mehr mit ihren Strahlen bis an die Ruinen, zu mir. Zwei Elstern fliegen von Baum zu Baum, von Sulentrommel zu Sulentrommel. Sie gebrden sich hier wie in einem unbestrittnen Bereich. Ein Kuckuck ruft fortwhrend aus den Wipfeln des Kronoshgels herab. -- Ich werde diesen olympischen Kuckuck vom zwlften April des Jahres Neunzehnhundertundsieben nicht vergessen. Die Dunkelheit und die Khle bricht herein. Noch immer ist das Rauschen des sanften Windes in den Wipfeln die leise und tiefe Musik der Stille. Es ist ein ewiges, flsterndes Aufatmen, traumhaftes Aufrauschen, gleichsam Aufwachen, von etwas, das zugleich in einem schweren, unerwecklichen Schlaf gebunden ist. Das Leben von einst scheint ins Innere dieses Schlafes gesunken. Wer nie diesen Boden betreten hat, dem ist es schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem Grade Rauschen und Rauschen verschieden ist. Es ist ganz dunkel geworden. Ich unterliege mehr und mehr wieder inneren Eindrcken gespenstischer Wettspiele. Es ist mir, als fielen da und dorther Schreie von Lufern und Ringern aus der nchtlichen Luft. Ich empfinde Getmmel und wilde Bewegungen; und diese hastig fliehenden Dinge begleiten mich wie irgendein Rhythmus, eine Melodie, dergleichen sich manchmal einnistet und nicht zu tilgen ist. Pltzlich wird, von irgendeinem Hirtenjungen gespielt, der kunstlose Klang einer Rohrflte laut: er begleitet mich auf dem Heimwege. Der Morgen duftet nach frischen Saaten und allerlei Feldblumen. Sperlinge lrmen um unsere Herberge. Ich stehe auf dem Vorplatz des hbschen, luftigen Hauses und berblicke von hier aus das enge, freundliche Tal, das die olympischen Trmmer birgt. Hhne krhen in den Hfen verschiedener kleiner Anwesen in der Nhe, von denen jedoch hier nur eines, ein Httchen, am Fue des Kronoshgels, sichtbar ist. Man mte ein Tlchen von hnlichem Reiz, hnlicher Intimitt vielleicht in Thringen suchen. Wenn man es aber so eng, so niedlich und voller idyllischer Anmut gefunden htte, so wrde man doch nicht, wie hier, so tiefe und gttliche Atemzge tun. Mich durchdringt eine staunende Heiterkeit. Der harzige Kiefernadelduft, die heimisch-lndliche Morgenmusik beleben mich. Wie so ganz nah und natrlich berhrt nun auf einmal das Griechentum, das durchaus nicht nur im Sinne Homers oder gar im Sinne der Tragiker zu begreifen ist. Viel nher in diesem Augenblick ist mir die Seele des Aristophanes, dessen Frsche ich von den Alpheiossmpfen herber quaken hre. So laut und energisch quakt der griechische Frosch -- ich konnte das whrend der gestrigen Fahrt wiederholt bemerken! -- da er literarisch durchaus nicht zu bersehen, noch weniger zu berhren war. berall schlngeln sich schmale Pfade ber die Hgel und zwischen den Hgeln hindurch. Sie sind wie Bnder durch einen Flulauf gelegt, der zum Alpheios fliet. Kleine Karawanen, Trupps von Eseln und Mauleseln tauchen auf und verschwinden wieder. Man hrt ihre Glckchen, bevor man die Tiere sieht, und nachdem sie den Gesichtskreis verlassen haben. Am Himmel zeigen sich streifige Windwolken. In der braunen Niederung des Alpheios weiden Schafherden. Man wird an ein groartiges Idyll zu denken haben, das in diesem Tlchen geblht hat. Es lebte hier eine Priestergemeinschaft nahe den Gttern; aber diese, Gtter und Halbgtter, waren die eigentlichen Bewohner des Ortes. Wie wurde doch gerade dieses anspruchslose Stckchen Natur so von ihnen begnadet, da es gleich einem entfernten Fixstern -- einer vor tausend Jahren erloschenen Sonne gleich -- noch mit seinem vollen, ruhmstrahlenden Lichte in uns ist? Diese bescheidenen Wiesen und Anhhen lockten ein Gedrnge von Gttern an, dazu Scharen glanzbegieriger Menschen, die von hier einen Platz unter den Sternen suchten. Nicht alle fanden ihn, aber es lag doch in der Macht des olympischen Zweiges, von einem schlichten lbaum dieser Flur gebrochen, Auserwhlten Unsterblichkeit zu gewhren. Ich ersteige den Kronoshgel. Es riecht nach Kiefernharz. Einige Vgel singen in den Zweigen schn und anhaltend. Im Schatten der Nadelwipfel gedeiht eine zarte Ilexart. Die gewundenen Stmme der Kiefern mit tief eingerissener Borke haben etwas Wildkrftiges. Ich pflcke eine blutrote, anemonenartige Blume, berschreite das Band einer Wanderraupe, fnfzehn bis zwanzig Fu lang. Die Windungen des Alpheios erscheinen: des Gottes, der gen Orthygia hinstrebt, jenseits des Meeres, wo Arethusa, die Nymphe, wohnt, die Geliebte. Die Fundamente und Trmmer des Tempelbezirks liegen unter mir. Dort, wo der goldelfenbeinerne Zeus gestanden hat, auf den Platten der Cella des Zeustempels, spielt ein Knabe. Es ist mein Sohn. Etwas vollkommen Ahnungsloses, mit leichten, glcklichen Fen die Stelle umhpfend, die das Bildnis des Gottes trug, jenes Weltwunder der Kunst, von dem unter den Alten die Rede ging, da, wer es gesehen habe, ganz unglcklich niemals werden knne. Die Kiefern rauschen leise und traumhaft ber mir. Herdenglocken, wie in den Hochalpen oder auf den Hochflchen des Riesengebirges, klingen von berall her. Dazu kommt das Rauschen des gelben Stroms, der in seinem breiten, versandeten Bette ein Rinnsal bildet, und das Quaken der Frsche in den Tmpeln stehender Wsser seiner Ufer. Immer noch hpft der Knabe um den Standort des Gtterbildes, das, hervorgegangen aus den Hnden des Phidias, den Wolkenversammler, den Vater der Gtter und Menschen darstellte; und ich denke daran, wie, der Sage nach, der Gott mit seinem Blitz in die Cella schlug und auf diese Art dem Meister seine Zufriedenheit ausdrckte. Was war das fr ein Meister und ein Geschlecht, das Blitzschlag fr Zustimmung nahm! Und was war das fr eine Kunst, die Gtter zu Kritikern hatte! Die Hgel jenseits des Alpheios bilden eine Art Halbkreis, und ich empfinde sie fast, unwillkrlich forschend hinberblickend, als einen amphitheatralischen Rundbau fr gttliche Zuschauer. Rangen doch auf dem schlichten Festplatz unter mir Gtter und Menschen um den Preis. Meinen Sinn zu den Himmlischen wendend, steige ich langsam wieder in das Vergessenheit und Verlassenheit atmende Wiesental: das Tal des Zeus, das Tal des Dionysos und der Chariten, das Tal des idischen Herakles, das Tal der sechzehn Frauen der Hera, wo auf dem Altar des Pan Tag und Nacht Opfer brannten, das Tal der Sieger, das Tal des Ehrgeizes, des Ruhmes, der Anbetung und Verherrlichung, das Tal der Wettkmpfe, wo es dem Herakles nicht erspart blieb, mit den Fliegen zu kmpfen, die er aber nur mit Hilfe des Zeus besiegte und dort hinber, hinter das jenseitige Ufer des Alpheios, trieb. Und wieder schreite ich zwischen den grauen Trmmern hin, die eine schne Wiese bedecken. berall saftiges Grn und gelbe Maiblumen. Das Elsternpaar von gestern fliegt vor mir her. Die Sulen des Zeustempels liegen, wie sie gefallen sind: die riesigen Porostrommeln schrg voneinander gerutscht. berall duftet es nach Blumen und Thymian um die Steinmassen, die sich im wohlttigen Scheine der Morgensonne warm anfhlen. Von einem jungen lbumchen, nahe dem Zeustempel, breche ich mir, in unberwindlicher Lsternheit, seltsamerweise zugleich fast scheu wie ein Dieb, den geheiligten Zweig. Abschiednehmend trete ich heut das zweitemal vor die Giebelfiguren des Zeustempels, in dem kleinen Museum zu Olympia, und dann vor den Hermes des Praxiteles. Ich lasse dahingestellt, was offenkundig diese Bildwerke unterscheidet, und sehe in Hermes weniger das Werk des Knstlers, als den Gott. Es ist hier mglich, den Gott zu sehen, in der Stille des kleinen Raums, an den die cker und Wiesen dicht herantreten. Und so gewi man in den Museen der groen Stdte Kunstwerke sehen kann, vermag man hier in die lebendige Seele des Marmors besser zu dringen und fhlt heraus, was an solchen Gebilden mehr, als Kunstwerk ist. Die griechischen Gtter sind nicht von Ewigkeit. Sie sind gezeugt und geboren worden. Dieser Gott ist besonders bedauernswert in seiner Verstmmelung, da ihm eine beraus zrtliche Schnheit, ein weicher und lieblicher Adel eigen ist. Ambrosische Sohlen sind immer zwischen ihm und der Erde gewesen. Man hat ein Bedauern mit seiner Vereinsamung, weil die unverletzliche, unverletzte, olympisch-weltferne Ruhe und Heiterkeit noch auf seinem Antlitz zu lesen ist, whrend drauen Altre und Tempel, fast dem Erdboden gleichgemacht, in Trmmern liegen. Seltsam ist die hingebende Liebe und Schwrmerei, die dem Bildner den Meiel gefhrt hat, als er den Rinderdieb, den Schalk, den Tuscher, den schlauen Lgner, den lustigen Meineidigen, den Maultier-Gott und Gtterboten darstellte, der allerdings auch die Leier erfand. Wie schwrmende Bienen am Ast eines Baumes, so hngen die Menschen am Zuge, whrend wir langsam in Patras einfahren. Lrm, Schmutz, Staub berall. Auch noch in das Hotelzimmer dringt der Lrm ohrenbetubend. Gerusche, als ob Raketen platzten oder Bomben geworfen wrden, unterbrechen das Gebrll der Ausrufer. Patras ist, nchst dem Pirus, der wichtigste Hafenplatz des modernen Griechenland. Wir sehnen uns in das Unmoderne. Endlich, nachdem wir eine Nacht hier haben zubringen mssen, sitzen wir, zur Abfahrt fertig, wieder im Bahncoup. Vor den Tren der Waggons spielt sich ein tumultuarisches Leben mit allerlei bettelhaften Humoren ab. Ein junger, griechischer Bonvivant schenkt einem zerlumpten, lmmelhaft aussehenden Menschen Geld, zeigt flchtig auf einen der jugendlichen Hndler, die allerlei Waren feilbieten, und sofort strzt sich der bezahlte, tierische Halbidiot auf eben den Hndler und walkt ihn durch. Noch niemals habe ich berhaupt binnen kurzer Zeit so viele, wtende Balgereien gesehen. An zwei, drei Stellen des Volksgewimmels klatschen fast gleichzeitig die Maulschellen. Man verfolgt, bringt zu Fall, bearbeitet gegenseitig die Gesichter mit den Fusten: alles, wie wenn es so sein mte, in groer Harmlosigkeit. Zu den schnsten Bahnlinien der Welt gehrt diejenige, die von Patras, am Sdufer des korinthischen Golfes entlang, ber den Isthmus nach Athen fhrt. Der Golf und seine Umgebung erinnern an die Gegenden des Gardasees. Paradiesische Farbe, Glanz, Reichtum und Flle in einer beglckten Natur. Der Isthmus zeigt einen anderen Charakter: Weideflchen, vereinzelte Hirten und Niederlassungen. Am Nordrand durch Hgel begrenzt, die, bedeckt von den Wipfeln der Aleppo-Kiefer, zum Wandern anlocken. Alles ist hier von einer erfrischenden, beinahe nordischen Einfachheit. Die grnen Flchen der Landenge liegen in betrchtlicher Hhe ber dem Meere. Nach den groartigen und prunkhaften Wirkungen des peloponnesischen Nordufers berrascht diese schlichte und herbe Landschaft und berhrt wohlttig. Eine Empfindung kommt ber mich, als she ich diese Fluren nicht zum ersten Mal. Das Vertraute daran ist, was berrascht. Ich kann nicht sagen, da mich etwa je auf der italienischen Halbinsel eine Empfindung des Heimischen, so wie hier, beschlichen htte. Dort blieb immer der Reiz: das schne Fremdartige. Ich spre schon jetzt: ich liebe dies Land. Schon jetzt, im Anfang, erfat die Erkenntnis mich, wie ein Rausch, da eben nur dieser Grund die wahre Heimat der Griechen sein konnte. Ich spreche den Namen Theseus aus. Und nun hat sich in mir ein psychischer Vorgang vollzogen, der mich, angesichts des isthmischen, ernsten Landgebiets, der griechischen Art, sich Halbgtter vorzustellen, nher bringt. Ich empfinde und sehe in Theseus den Mann von Fleisch und Blut, der wirklich gelebt und dessen Fu diese Landenge berschritten hat; der, zum Heros gesteigert, noch immer so viel vom Menschen besa, als vom Gott und auch so noch mit der Sttte seines Wanderns und Wirkens verbunden blieb. Warum scheuen wir uns und erachten fr trivial, unsere heimischen Gegenden, Berge, Flsse, Tler zu besingen, ja, ihre Namen nur zu erwhnen in Gebilden der Poesie? Weil alle diese Dinge, die als Natur jahrtausendelang fr teuflisch erklrt, nie wahrhaft wieder geheiligt worden sind. Hier aber haben Gtter und Halbgtter, mit jedem weien Berggipfel, jedem Tal und Tlchen, jedem Baum und Bumchen, jedem Flu und Quell vermhlt, alles geheiligt. Geheiligt war das, was ber der Erde, auf ihr und in ihr ist. Und rings um sie her, das Meer, war geheiligt. Und so vollkommen war diese Heiligung, da der Sptgeborene, um Jahrtausende Versptete, da der Barbar noch heut -- und sogar in einem Bahncoup -- von ihr im tiefsten Wesen durchdrungen wird. Man mu die Bume dort suchen, wo sie wachsen, die Gtter nicht in einem gottlosen Lande, auf einem gottlosen Boden. Hier aber sind Gtter und Helden Landesprodukte. Sie sind dem Landmann gewachsen, wie seine Frucht. Des Landbauers Seele war stark und naiv. Stark und naiv waren seine Gtter. Theseus, um es noch einmal zu sagen, ist also fr mich kein riesenmiger, leerer Schemen mehr, ich empfinde ihn einerseits nah, schlicht und materialisch, als Kind der Landschaft, die mich umgibt. Andererseits erkenne ich ihn als das, wozu ihn die Seele des Griechen erhoben hat, die aber doch Gott, wie Landeskind, an die Heimat bannte. Die Landschaft behlt, von einer Strecke dicht ber dem Meere abgesehen, fortan den ernsten Ausdruck. Der Abend beginnt zu dmmern, ja, verdstert sich zu einer groartigen Schwermut, von einem Zauber, der eher nordisch, als sdlich ist. Es fllt lauer Regen. Das graue Megara, das einen Hgel berzieht, wirkt wie eine geplnderte Stadt. Zwischen Schutthaufen, in rmlichen Winkeln halb eingestrzter Huser, scheinen die Menschen zu leben. Man glaubt eine Stadt zu sehen, ber die ein Eroberer mit Raub, Brand und Mord seinen Weg genommen hat. Kurz hinter Eleusis steigt der Zug nochmals bergan, durch die Vorhhen des Parnes. Bei tieferer Dunkelheit, zunehmendem Regen und kalter Luft kommt mir die steinigte Einde, in die ich hineinstarre, fast norwegisch vor. Ich bin sehr glcklich ber den Wetterumschlag, der mir die ungesunde Vorstellung eines ewiglachenden Himmels nimmt. Die Gegend ist menschenleer. Nur selten begegnet die dunkle Gestalt eines Hirten, aufrecht stehend, dicht in den wolligen Mantel gehllt. Und whrend der kalte und feuchte Wind meine Stirne khlt, Regentropfen mir ins Gesicht wirft, und ich die starke, kalte Regen- und Bergluft in mich einsauge, hat sich ein neues Band geknpft zwischen meinem Herzen und diesem Lande. Was Wunder, wenn durch die Erregung der langen Fahrt, in Dunkelheit, in Wind und Wetter, einer hchsten Erfllung nah, die Seele in einen luziden Zustand gert, wo es ihr mglich wird, von allem Strenden abzusehen und deutliche Bilder lngst vergangenen Lebens in die phantastische, sogenannte Wirklichkeit hineinzutragen. Fast erlebe ich so den tapferen Bergmarsch eines Trupps atheniensischer Jnglinge, etwa zur Zeit des Perikles, und freue mich, wie sie, gesund und wetterhart, der Unbill von Regen und Wind, wie wir selbst es gewohnt sind, wenig achten. Ich lerne die ersten Griechen kennen. Ich freunde mich an mit diesem Schwarm, ich hre die jungen Leute lachen, schwatzen, rufen und atmen. Ich frage mich, ob nicht vielleicht am Ende Alcibiades unter ihnen ist? Es ist mir, als ob ich auch ihn erkannt htte! Und dies Erleben wird so durchaus eine Realitt, da irgend etwas so Genanntes fr mich mehr Realitt nicht sein knnte. Wir rollen hinab in die attische Ebene. Die Lichter einer Stadt, die Lichter Athens, tauchen ferne auf. Das Herz will mir stocken ... Ein grenzenloses Geschrei, ein Gebrll, das jeder Beschreibung spottet, empfngt uns am Bahnhof von Athen. Mehrere hundert Kehlen von Kutschern, Gepcktrgern und Hotelbediensteten berbieten sich. Ich habe einen solchen Schlachttumult bis diesen Augenblick, der meinen Fu auf athenischen Boden stellt, nicht gehrt. Die Nacht ist dunkel, es giet in Strmen. Eine Stadt, wie das moderne Athen, das sich mit viel Gerusch zwischen Akropolis und Lykabethos einschiebt, mu erst in einem gewissen Sinn berwunden werden, bevor der Geist sich der ersehnten Vergangenheit ungestrt hingeben kann. Zum dritten Mal bin ich nun im Theater des Dionysos, dessen sonniger Reiz mich immer aufs neue anlockt. Es hlt schwer, sich an dieser Stelle in die furchtbare Welt der Tragdie zu versetzen, hier, wo sie ihre hchste Vollendung gefunden hat. Das, was ihr vor allem zu eignen scheint, das Nachtgeborene, ist von den Sitzen, aus der Orchestra und von der Bhne durch das offene Licht der Sonne verdrngt. Weier und blendender Dunst bedeckt den Himmel, der Wind weht schwl, und der Lrm einer groen Stadt mit Dampfpfeifen, Wagengerassel, Handwerksgeruschen und dem Geschrei der Ausrufer berschwemmt und erstickt, von allen Seiten herandringend, jedweden Versuch zur Feierlichkeit. Was aber auch hier sogleich in meiner Seele sich regt und festnistet, fast jeder andren Empfindung zuvorkommend, ist die Liebe. Sie grndet sich auf den schlichten und phrasenlosen Ausdruck, den hier die Kunst eines Volkes gewonnen hat. Alles berhrt hier gesund und natrlich, und nichts in dieser Anlage erweckt den Eindruck zweckwidriger ppigkeit oder Prahlerei. Irgendwie gewinnt man, lediglich aus diesen architektonischen Resten, die Empfindung von etwas Hellem, Klar-Geistigem, das mit der Gttin im Einklang steht, deren kolossalisches Standbild auf dem hinter mir liegenden Felsen der Akropolis errichtet war, und deren heilig gesprochenen Vogel, die Eule, man aus den Lchern der Felswand, und zwar in den lichten Tag und bis in die Sitzreihen des Theaters hinein, rufen hrt. Ich wte nicht, wozu der wahrhaft europische Geist eine strkere Liebe fhlen sollte, als zum Attischen. Bei Diodor, den ich leider nur in bersetzung zu lesen verstehe, wird gesagt: die alten gypter htten der Luft den Namen Athene gegeben, und Glaukopis beziehe sich auf das himmlische Blau der Luft. Der Geist, der hier herrschte, blieb leicht und rein und durchsichtig, wie die attische Luft, auch nachdem das Gewitter der Tragdie sie vorbergehend verfinstert, der Strahl des Zeus sie zerrissen hatte. Als hchste menschliche Lebensform erscheint mir die Heiterkeit: die Heiterkeit eines Kindes, die im gealterten Mann oder Volk entweder erlischt, oder sich zur Kraft der Komdie steigert. Tragdie und Komdie haben das gleiche Stoffgebiet: eine Behauptung, deren verwegenste Folgerungen zu ziehen, der Dichter noch kommen mu. Der attische Geist erzeugt, wie die Luft eines reinen Herbsttages, in der Brust jenen wonnigen Kitzel, der zu einem beinahe nur innen sprbaren Lachen reizt. Und dieses Lachen, durch den Blick in die Weite der klaren Luft genhrt, kann sich wiederum bis zu jenem steigern, das im Tempel des Zeus gehrt wurde, zu Olympia, als die Sendboten des Caligula Hand anlegten, um das Bild des Gottes nach Rom zu schleppen. Man soll nicht vergessen, da Tragdie und Komdie volkstmlich waren. Es sollen das diejenigen nicht vergessen, die heute in toten Winkeln sitzen. Beide, Tragdie, wie Komdie, haben nichts mit schwachen, berfeinerten Nerven zu tun, und ebensowenig, wie sie, ihre Dichter -- am allerwenigsten aber ihr Publikum. Trotzdem aber keiner der Zuschauer jener Zeiten, etwa wie viele der heutigen, beim Hhnerschlachten ohnmchtig wurde, so blieb, nachdem die Gewalt der Tragdie ber ihn hingegangen war, die Komdie eines jeden unabweisliche Gegenforderung: und das ist gesund und ist gut. Die lndlichen Dionysien wurden an der Sdseite der Akropolis, im Lenon, nach beendeter Weinlese abgehalten. Was hindert mich, trotzdem, das sogenannte Schlauchspringen mir unten in der Orchestra meines Theaters vorzustellen? Man sprang auf einen gelten, mit Luft gefllten Schlauch, und suchte, einbeinig hpfend, darauf Fu zu fassen. Das ist der Ausdruck berschumender Lustigkeit, ein derber berschssiger Lebensmut. Und nicht aus dem Gegenteil, nicht aus der Schwche und Lebensflucht entstehen Tragdie und Komdie! Ein deutscher Kegelklub betritt, von einem schreienden Fhrer belehrt, den gttlichen Raum. Man sieht es den hilflos tagblinden Augen der Herren an, da sie vergeblich hier etwas Merkwrdiges suchen. Ich wrde ihren gelangweilten Seelen gnnen, sich wenigstens an der Vorstellung aufzuheitern, dem tollen Sprung auf den ligen Schlauch, die mich ergtzt. Heut betrete ich, ich glaube zum viertenmal, die Akropolis. Es ist lnger als fnfundzwanzig Jahre her, da mein Geist auf dem Gtterfelsen heimisch wurde. Damals entwickelte uns ein begeisterter Mann, den inzwischen ein schweres Schicksal ereilt hat, seine Schnheiten. Es ist aber etwas anderes, von jemand belehrt zu werden, der mit eigenen Augen gesehen hat, oder selber die steilen Marmorstufen zu den Propylen hinaufzusteigen und mit eignen Augen zu sehn. Ich finde, da diese Ruinen einen sprden Charakter haben, sich nicht leicht dem Sptgeborenen aufschlieen. Ich habe das dunkle Bewutsein, als ob etwa ber die Sulen des Parthenon von da ab, als man sie wieder zu achten anfing, sehr viel Berauschtes verfat worden wre. Und doch glaube ich nicht, da es viele gibt, die von den Quellen der Berauschung trunken gewesen sind, die wirklich im Parthenon ihren Ursprung haben. Wie der Parthenon jetzt ist, so heit seine Formel: Kraft und Ernst! Davon ist die Kraft fast bis zur Drohung, der Ernst fast bis zur Hrte gesteigert. Die Sprache der Formen ist so bestimmt, da ich nicht einmal glauben kann, es sei durch die frhere, bunte Bemalung ihrem Ausdruck etwas genommen worden. Ich habe das schwchliche Griechisieren, die blutlose Liebe zu einem blutlosen Griechentum niemals leiden mgen. Deshalb schreckt es mich auch nicht ab, mir die dorischen Tempel bunt und in einer fr manche Begriffe barbarischen Weise bemalt zu denken. Ja, mit einer gewissen Schadenfreude gnne ich das den Zrtlingen. Ich nehme an, es gab dem architektonischen Eindruck eine wilde Beimischung. Mglicherweise drckte das Grelle des farbigen berzugs den naiven Stand der Beziehungen zwischen Gttern und Menschen aus, indem er fast marktschreierisch zu festlichen Freuden und damit zu tiefer Verehrung einfing. Jeder echte Tempel ist volkstmlich. Trotz unserer europischen Kirchen und Kathedralen glaube ich, gibt es bei uns keine echten Tempel in diesem Betrachte mehr. Vielleicht aus dem Grunde, weil sich bei uns die Lebensfreude von der Kirche geschieden hat, die nur noch gleichsam den Tod und die Gruft verherrlicht. Die Kirchen bei uns sind Mausoleen: wobei ich nur an die katholischen denke. Einen protestantischen Tempel gibt es nicht. Da nun aber das Leben lebt und lebendig ist, so erzeugt sich auch immer unfehlbar wieder der Trieb zur Freude. Und er ist es, der heute das Theater, den gefhrlichsten Konkurrenten der Kirche, geschaffen hat. Ich behaupte, was heut die Menschen zur Kirche treibt, ist entweder Todesangst oder Suggestion. Das Theater bedarf solcher Mittel nicht, um Menschen in seine Rume zu bringen. Dorthin drngen sie sich vielmehr, wie Spatzen, von einem fruchtbeladenen Kirschbaume angelockt. Wenn heut bei uns eine Gauklergesellschaft auf dem Dorfplan Zelte errichtet, herrscht sogleich unter der Mehrzahl der Drfler, vor allem aber unter den Kindern, festliche Aufregung. Kunstreiter oder Bnkelsnger mit der neuesten Moritat, sie genieen, obgleich in Acht und Bann seit Jahrtausenden, immer die gleiche, natrliche Zuneigung. Der Karren des Thespis war nicht in Acht und Bann getan; ja, Thespis erhielt im Theater, im heiligen Bezirk des Dionysos, seine Statue, und doch scheint er auch nur mit der Moritat von Ikarios umhergezogen zu sein. Kurz, was heute in Theater und Kirche zerfallen ist, war damals ganz und eins; und, weit entfernt ein memento mori zu sein, lockte der Tempel ins hhere, festliche Leben, er lockte dazu, wie ein buntes, gttliches Gauklerzelt. Whrend unsre Kirchen eigentlich nur den Unterirdischen geweiht zu sein scheinen, galten die griechischen Tempel als Wohnung der Himmlischen. Deshalb senkten sie lichte Schauder ins Herz, statt der dunklen, und die Pilger ergriff zugleich, in der olympischen Nhe, Furcht, Seligkeit, Sehnsucht und Neid. Starker Wind. Gesundes, sonniges Wetter. In der Luft wohnt deutscher Frhling. Der Parthenon: stark, machtvoll, ohne sdlndisches Pathos, rauscht im Winde laut, wie eine Harfe oder das Meer. Ein deutscher Grasgarten ist um ihn herum. Frhlingsblumen beben im Luftzug. Um alle die heiligen Trmmer auf dem grnen Plateau der Akropolis weht Kamillen-Arom. Es ist ein unsglich entzckender Zustand, zwischen den schwankenden Grsern auf irgendeinem Stck Marmor zu sitzen, die Augen schweifen zu lassen, ber die blendend helle, attische Landschaft hin. Hymettos zur Linken, Penthelikon, als Begrenzung der Ebene. Der Parnes, bei leichter Rckwrtswendung des Kopfes sichtbar. Silbergraue Gebirgswlle, im weiten Kreisbogen um Athen und den Gtterfelsen gelagert, der mit dem Parthenon auf dem Scheitel alles beherrscht. Hier stand Athene, aufrecht, mit der vergoldeten Speerspitze. Vom Parnes grte der Zeus Parnethios, vom Hymettos grte der Zeus Hymethios. Vom Penthele ein zweites Bild der Athene. Attika war von Gttern bewohnt, von Gttern auf allen umliegenden Hhen bewacht, die einander mit gttlichen Brauen zuwinkten. Geradeaus, unter mir, liegt tiefblau, in die herrliche Bucht geschmiegt, das Meer. Aegina und Salamis gren herber ... Ich atme tief! ... Ich sitze auf einem Priestersessel im Theater des Dionysos. Hhne krhen; es ist, als ob Athen und die Demen nur von Hhnen bewohnt wren. Der stdtische Lrm tritt heut ein wenig zurck, und das Geschrei der Ausrufer ist durch das oft wiederholte Geschrei von weidenden Eseln abgelst. Brtende Sonne erwrmt die gelblichen Marmorsessel und Marmorstufen. Etwa 30000 Zuschauer wurden auf diesen Stufen untergebracht, von denen nicht allzuviele Reihen erhalten sind; und hinter und ber der letzten, obersten Reihe thronten die Gtter: denn dort berragt das ganze Theater die rtliche Felswand der Akropolis, gewi noch heut der seltsamste, rtselvollste und zugleich lehrreichste Fels der Welt. Noch heute, jenseit von allem Aberglauben jener Art, wie er im Altertum im Volke lebt und dichtet, empfinde ich doch die Kraft, die schaffende Kraft dieses Glaubens tief, und wenn mein Wille allein es meistens ist, der die ausgestorbene Gtterwelt zu beleben sucht, hier, angesichts dieses ragenden Felsens, erzeugt sich augenblicksweise, fast unwillkrlich ein Rausch der Gttergegenwart. Zweifellos war es ein Grad der Ekstase, der jene Dreiigtausend hier, auf dem geheiligten Grund des Eleutherischen Dionysos, im Angesichte der heiligen Handlung des Schauspiels befiel, den zu entwickeln dem glaubensarmen Geschlecht von heut das Mittel abhanden gekommen ist. Und ich stehe nicht an, zu behaupten, da alle Tragiker, bis Euripides, so sehr sie sich von der derb naiven Glubigkeit der Menge gesondert haben mgen, von Gottesfurcht oder Gtterfurcht und vom Glauben an ihre Wirklichkeit, besonders hier, am Fue und im Bereich des Gespensterfelsens, durchdrungen gewesen sind. Die Akropolis ist ein Gespensterfelsen. In diesem Theater des Dionysos gingen Gespenster um. In zahllosen Lchern des rotvioletten Gesteins wohnten die Gtter, wie Mauerschwalben. Es ist eine enggedrngte, berfllte, gttliche Ansiedelung: hatten doch, nach Pausanias, die Athener fr das Gttliche einen weit greren Eifer, als die brigen Griechen. Die Art, wie sie allen mglichen Gttern Asyle und wieder Asyle grndeten, deutet auf Angst. Whrend ich solchen Gedanken nachhnge, hre ich hinter mir wiederum den Vogel der Pallas, aus einem Felsloch, klgliche Laute in den Tag hineinwimmern und stelle mir vor, wie wohl die atemlos lauschenden Tausende ein Schauer bei diesem Ruf berrieselt hat. Die Seelenverfassung der groen Tragiker wurde unter anderem auch von dem Umstand bedingt, da sie Gtter als Zuschauer hatten. Da es so war, ist fr mich eine Wirklichkeit. Die Woge des Glaubens, die ihnen aus dreiigtausend Seelen entgegenschlug, verstrkt durch die Nhe gttlicher Troglodyten und Tempelbewohner des Felsens, war allein schon wie eine ungeheure Sturzwelle, und jede Skepsis wurde hinweggesplt. An der sogenannten sdlichen Mauer der Burg, dem Theater zugekehrt, ist ein vergoldetes Haupt, der Gorgone Medusa geweiht, und um dasselbe ist die gide angebracht. Am Giebel des Theaters ist im Felsen unter der Burg eine Grotte; auch ber dieser steht ein Dreifu; in ihr sind Apollo und Artemis, wie sie die Kinder der Niobe tten, schreibt Pausanias. Ein Heiligtum der Artemis Brauronia ist auf der Burg. Der groe Tempel der Pallas Athene, ein Heiligtum des Erechtheus, des Poseidon, Altre des Zeus, zahllose Statuen von Halbgttern, Gttern und Heroen sind da, skulap hat im Felsen sein Heiligtum, Pan seine Grotte, sogar Serapis hat seinen Tempel. Zwei Grotten standen Apollon zu, dem Apoll unter der Hhe. Ein tiefer Felsspalt ist der Ort, wo der Gott Creusa, die Tochter Erechtheus', berraschte und den Stammvater aller Jonier mit ihr zeugte. Hephstos besa seinen Altar und so fort. Alle diese Gottheiten lebten nicht nur auf der Burg. Sie durchwanderten bei Nacht und sogar am Tage die Straen der Stadt. Der Mann aus dem Volke, das Weib aus dem Volke war nicht imstande, die Gebilde des nchtlichen Traums von denen des tglichen Traums zu sondern. Beide waren ihnen so gut, wie das, was sie sonst mit Augen wahrnahmen, Wirklichkeit. Die Tragiker hatten Gtter als Zuschauer, und dadurch wurde nicht nur die Grundverfassung ihrer Seele mit bedingt, sondern die Art des Dramas, das sie hervorbrachten. Auch in diesem Drama traten Gtter und Menschen im Verkehr miteinander auf, und es ward damit, in einem gewissen Sinne, das geheiligte Spiegelbild der ins Erhabene gesteigerten Volksseele. Was wre ein Dichter, dessen Wesen nicht der gesteigerte Ausdruck der Volksseele ist! Es ist der Vormittag des 20. April. Ich habe den Felsen des Areopag erstiegen. Zwei Soldaten schlafen in einer versteckten Mulde. Esel schreien; Hhne krhen. Der Ort ist verunreinigt. An einem Teile des Felsens werden Vermessungen vorgenommen. Wieder liegt das weie, blendende Licht ber der Landschaft. Auf diesem Hgel des Ares, heit es, ist ber den Kriegsgott Gericht gehalten worden, in Urzeiten, irgend eines vereinzelten Mordes wegen, den er begangen hatte. Hier, sagt man, wurde Orestes gerichtet und losgesprochen, trotzdem er die Mutter ermordet hatte. In nchster Nhe soll hier ein Heiligtum der Erinnyen gewesen sein, der zrnenden Gottheiten, die von den Athenern die Ehrwrdigen, oder hnlich, genannt wurden. Ihre Bildnisse sollen nicht schreckenerregend gewesen sein, und erst schylos hat ihnen Schlangen ins Haar geflochten. Es fllt wiederum auf, wie berladen mit Gtterasylen der nahe Burgfelsen ist: mit Nestern, Gottesgenisten knnte man sagen! Jeder Spalt, jede Hhle, jeder Fubreit Stein war fr die oberirdischen, unterirdischen oder auch fr solche Gottheiten, die im Wasser leben, ausgentzt. Es ist erstaunlich, da sie hier untereinander Frieden hielten. Vielleicht geschah es, weil Pallas Athene, als Hchstverehrte, ber den andern stand. Man ist hier auf dem Areopag erhaben ber der Stadt. Man bersieht einen Teil von ihr und den Theseustempel. Man sieht gegenber, durch ein Tal getrennt, die Felsplatten der Pnyx. Man hrt die zahllosen Schwalben des nahen Burgfelsens zwitschern. Dies Zwitschern wird zu einer sonderbaren Musik, wenn man sich an den ersten Gesang der Odyssee und an die folgenden Verse erinnert: Also redete Zeus' blauugigte Tochter, und eilend Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin ... und an die Neigung der Himmlischen berhaupt, sich in allerlei Tiere, besonders in Vgel, umzuwandeln. Ich lasse mich nieder, lausche und betrachte den zwitschernden Gtterfelsen, die Akropolis. Ich schliee die Augen und finde mich durch das Zwitschern tief und seltsam aufgeregt. Es kommt mir vor, indem ich leise immer wieder vor mich hinspreche: Der zwitschernde Fels! Die zwitschernden Gtter! Der zwitschernde Gtterfels! als habe ich etwas aus der Seele eines naiven Griechen jener Zeit, da man die Gtter noch ehrte, herausempfunden. Vielleicht, sage ich mir, ist, wenn man eine abgestorbene Empfindung wieder beleben kann, damit auch eine kleine, reale Entdeckung gemacht. Und pltzlich erinnere ich mich der Vgel des Aristophanes, und es berkommt mich zugleich in gesteigertem Mae Entdeckerfreude. Ich bilde mir ein, da mit dieser Empfindung: der zwitschernde Fels, die zwitschernden Gtter, im Anblick der Burg, der Keim jenes gttlichen Werkes in der Seele des freiesten unter den Griechen zuerst ins Leben getreten ist. Ich bilde mir ein, vielleicht den reinsten und glcklichsten Augenblick, einen Schpfungsakt seines wahrhaft dionysischen Daseins, neu zu durchleben, und will es jemand bezweifeln, so raubt er mir doch die heitere, berzeugte Kraft der Stunde nicht. ... Tioto, tioto, tiotix! Widerhallte der ganze Olympos. Frische, nordische Luft. Nordwind. Eine ungeheure Rauch- und Staubwolke wird von Norden nach Sden ber das ferne Athen hingejagt. Gegen den Hymettos zieht der brunliche Dunst, Akropolis und Lykabettos in Schleier hllend. Ich verfolge, vom Rande der phalerischen Bucht, ein beinahe ausgetrocknetes Flubett, in der Richtung gegen den Parnes. Schwalben flattern ber den sprlichen Wasserpftzen in lebhafter Erwerbsttigkeit. Ich habe zur Linken die letzten Huser und Grten der Ansiedelung von Neu-Phaleron, hinter einem Feld grner Gerste, die in hren steht. Zur Rechten, jenseit des Flulaufs, gegen das ferne Athen hin, sind ebenfalls ausgedehnte Flchen mit Gerste bebaut. Die Finger erstarren mir fast, wie ich diese Bemerkung in mein Buch setze. Die Landschaft ist fast ganz nordisch. Vereinzelte Kaktuspflanzen an den Feldrainen machen den unwahrscheinlichsten Eindruck. Ich beschreite einen Feldweg. Um mich, zu beiden Seiten, wogt tiefgrn die Gerste. Man mu die Alten und das Getreide zusammendenken, um ganz in ihre sinnliche Nhe zu gelangen, mit ihnen vertraut, bei ihnen heimisch zu sein. Die Akropolis, mit dem Parthenon, erhebt sich unmittelbar aus der weiten Prrie, aus der wogenden See grner Halme, empor. Ich kreuze die Landstrae, die von Athen in grader Linie nach dem Pirus hinunter fhrt, und stoe auf eine niederlndische Schnke, unter mchtigen, alten Eschen, die an Ostade oder Breughel erinnert. Ich erblicke, mich gegen Athen wendend, ber dem Ausgangspunkt der Strae wiederum die Akropolis mit dem Parthenon. Der Verkehr, mit Mulern und Pferden an hochrdrigen Karren, bewegt sich in zwei fast ununterbrochenen Reihen von Athen zum Pirus hinunter und umgekehrt. Es wird sehr viel Holz nach Athen geschafft. Unter vielen Mhen, in beinahe undurchdringlichen Staubwolken, arbeite ich mich gegen eisigen Wind. Hunde und Hhner bevlkern die Landstrae. Im Graben, im Grase, das eine dicke Staubschicht berzieht, liegt, grau wie der Staub, ein todmder Esel und hebt seinen mageren Kopf mir zu. Kantine an Kantine begleitet die Strae rechts und links in arger Verwahrlosung. Ich bin beglckt, als ich einen tchtigen Landmann, mit zwei guten Pferden, die Hand am Pflug, seinen Acker bestellen sehe, ein Anblick, der in all diesem jmmerlich verstaubten Elend erquickend ist. Ich weiche dem Staub, verlasse die Strae, und bewege mich weiter, dem Parnes zu, in die Felder hinein. Nun sehe ich die Akropolis wiederum und zwar in einem bleichen, kreidigen Licht, zunchst ber blhenden Obstgrten auftauchen. Der Parthenongiebel steht, klein wie ein Spielzeug, kreidig-bleich. In langen Linien schieen die Schwalben dicht ber das Gras der Auen und ber die hren der Gerstenfelder hin. Ich mu an den Flug der Gtter denken, an den schemenhaft die ganze Landschaft beherrschenden, zwitschernden Gtterfels, und wie von Athene gesagt ist: Pltzlich entschwand sie den Blicken und gleich der Schwalbe von Ansehn Flog sie empor ... Wie mu dem frommen Landbewohner mitunter der Flug und der Ruf der Schwalbe erschienen sein! Wie wird er seinen verehrenden Blick zuzeiten bald gegen das Bild des Zeus auf dem nahen Parnes, bald gegen die ferne, berall sichtbare, immer leuchtende Burg der Gtter gerichtet haben! Von dorther strichen die Schwalben, dorthin verschwanden sie in geschwindem Flug. Und hnlich, nicht allzuviel schneller, kamen und gingen die Gtter, die keineswegs, wie unser Gott, allgegenwrtig gewesen sind. Auf dem heiligen Wege, von Athen nach Eleusis hinber, liegt an der Pahhe, zwischen Bergen, das kleine griechische Kloster Daphni. Ich wei nicht, welches rtselhafte Glck mich auf der Fahrt hierher berkommen hat. Vielleicht war es zunchst die Freude, mit jedem Augenblick tiefer in ein Gebiet des Pan und der Hirten einzudringen. berall duftet der Thymian. Er schmckt, strauchartig, die grauen Steinhalden, auch dort, wo die wundervolle Aleppo-Kiefer, der Baum des Pan, nicht zu wurzeln vermag. Aber Kiefer und Thymian vermischen berall ihre Dfte und fllen die reine Luft des schnen Bergtals mit Wohlgeruch. Der Hof des Klosters, in den wir treten, ist ebenfalls von weihrauchartigen und von grunelnden Dften erfllt. Am Grunde schmcken ihn zahllose, weie und gelbe Frhlingsblumen, die ihre Kpfchen den warmen Strahlen des griechischen Frhlingsmorgens darbieten. An einem gestutzten Baum ist die Glocke des Klosters aufgehngt, Sommers und Winters den atmosphrischen Einflssen preisgegeben und darum bedeckt mit einer schnen, blulichen Patina. Ein Hndchen, im Winkel des Hofes, vor seiner Htte, wedelt uns an. Trotzdem es nach Bienen und Fliegen schnappen kann, deren wohlig schwelgerisches Gesumm allenthalben vernehmlich ist, scheint es sich doch in dieser entzckenden, gleichsam verwunschenen Stille zu langweilen. Antike Sulenreste, Trommeln und Kapitale, liegen umher, auf denen sich Sperlinge, pickend und lrmend, umhertreiben. Sie besuchen den Brunnen, an dem eine alte, hohe Cypresse steht, trkischer Sitte gem, als Wahrzeichen. Das Innere der Klosterkirche bietet ein Bild der Verwahrlosung. Die Mosaiken der Kuppel sind fast vernichtet, die Ziegelwnde von Stuck entblt. Aber der husliche Laut der immerfort piepsenden Sperlinge und warme Sonne dringt vom Hofe herein, dazu der Ruf des Kuckuck herab aus den Bergen, und der kleine Altar, von glubigen Hnden zrtlich geschmckt, verbreitet mit seinem braunen Holzwerk, mit seinen Bildchen und brennenden Kerzen, einen treuherzig-freundlichen Geist der Einfachheit. Unsern Weg durch die Hgel abwrts fortsetzend, haben wir eine Stelle zu beachten, wo vor Zeiten ein Tempel der Venus stand. Nicht weit davon bemerken wir, unter einer Kiefer, in statuarischer Ruhe aufgerichtet, die Gestalt eines Hirten, dessen langohrige Schafe, im Schatten des Baumes zusammengedrngt, um ihn her lagern und wie ein einziges Flie den Boden bedecken. Was mich auf dieser heiligen Strae besonders erregt, ist das Hallende. berall zwischen den Bergen schlft der Hall. Die Laute der Stimmen, die Rufe der Vgel, wecken ihn in den schlafenden Grnden. Ich stelle mir vor, da jemand, den eine unbezwingliche Sehnsucht treibt, sich in die untergegangene Welt der Hellenen, wie in etwas noch Lebendiges einzudrngen, auf ein besseres Mittel schmerzhaft-seliger Tuschung nicht verfallen knnte, als durch das verwaiste Griechenland nur immer geliebte Namen zu rufen, wie Herakles einst den Hylas rief. Gleichwie nun die Stimme des Hylas, des Gestorbenen, im Echo gespenstisch, wie eines Lebenden Stimme, antwortete, so, meine ich, kme dem Rufe des wahren Pilgers jedweder heilige Name, aus dem alten, ewigen Herzen der Berge, fremd, lebendig und mit Gegenwartsschauern zurck. Wir sind nun an den Rand der Eleusinischen Bucht gelangt, die durch die Hhenzge der Insel Salamis gegen das Meer hin geschtzt, einem friedlichen Landsee hnlich ist. Ich habe niemals das Galilische Meer gesehen, und doch finde ich mich an Jesus und jene Fischer gemahnt, die er zu Menschenfischern zu machen unternahm. Das biblische Vorgefhl findet auf der weien Landstrae lngs des Seeufers unerwartet eine Besttigung, als das klassische Bild der Flucht nach gypten lebendig an uns vorberzieht: eine junge, griechische Buerin auf dem Rcken des Maultiers, den Sugling im Arm, von ihrem brtigen, dunkelhaarigen Joseph begleitet. Die Bucht liegt in einem weilichen Perlmuttschimmer still und glatt und die Augen blendend unter den schnkonturierten Spitzen von Salamis. Die Landschaft, im Gegensatz zu dem Tale, aus dem wir kommen, ist offen und weit, und scheint einem anderen Lande anzugehren. Dort wo ein seichter Flu, aus den Bergen kommend, sein Wasser mit dem der Bucht vermischt, knieen eskimoartig vermummte Wscherinnen, obgleich weder Haus noch Htte im weiten Umkreis zu sehen ist. Wie sich etwa die Sinnesart eines Menschen erschliet, durch die Scholle, die er bebaut, durch die Heimat, die er fr sein Wirken erwhlt hat, oder durch jene, die ihn hervorbrachte, und festhielt, so erschliet sich zum Teil das Wesen der Demeter im Wesen des eleusinischen Bezirks. Denn dies ist den griechischen Gttern eigen, da sie mit innigen Banden des Gemts weniger an den Olymp, als an die griechische Muttererde gebunden sind. Kein Gott, der den Griechen weniger liebte, als der Grieche den Gott -- oder weniger die griechische Heimat liebte und in ihr heimisch wre, als er! Jesus, der Heiland und Gottessohn, Jesus der Gott, ist uns durch sein irdisch-menschliches Schmerzensschicksal nahegebracht: ebenso den Griechen Demeter. Man stelle sich vor, wie der Grieche etwa auf diesem heiligen Boden empfand, der wirklich Demeters irdischen Wandel gesehen hatte, wo ich, der moderne, skeptische Mensch, sogleich von besonderer Weihe durchdrungen ward, als sich das Bild der Landschaft in mir mit jener anderen Legende vermhlt hatte, die mit einer Kraft ohnegleichen heute Zweifler wie Fromme beherrscht. Der heilige Bezirk, mit dem Weihetempel der Demeter, liegt nur wenig erhaben ber die Spiegelhhe, am Rande der Bucht. Es sei ferne von mir, dieses wrmste und tiefste Mysterium, nmlich das eleusinische, ergrnden zu wollen: genug, da es fr mich von Sicheln und schweren Garben rauscht und da ich darin das Feuer Apolls mit des Aidoneus eisiger Nacht sich vermhlen fhle. brigens ist ein wahres Mysterium, das durch Mysten gepflegt und lebendig erhalten, nicht in Erstarrung verfallen kann, ein ewiger Quell der Offenbarung, woraus erhellt, da eben das Unergrndliche ganz sein Wesen ist. Whrend ich auf den Steinflieen der ehemaligen Vorhalle des Pylon, als wre ich selbst ein Myste, nachdenklich auf und ab schreite, formt sich mir aus der hellen, heien, zitternden Luft, in Riesenmaen, das Bild einer mtterlichen Frau. Ihr Haarschwall, der die Schultern bedeckt und herab bis zur Ferse reicht, ist von der Farbe des reifen Getreides. Sie wandelt, mehr schwebend als schreitend, aus der Tiefe der fruchtbaren eleusinischen Ebene gegen die Bucht heran, und ist von summsenden Schwrmen huslicher Bienen, ihren Priesterinnen, begleitet. Die wahren Olympier leiden nicht, Demeter ist eine irdisch-leidende Gttin, deren mtterliches Schmerzensschicksal selbst durch den Richtspruch des Zeus nur gemildert, nicht aufgehoben ist. Auf ihren Zgen liegt, unverwischbar, die Erinnerung ausgestandener Qual und es kann eine grere Qual nicht geben, als die einer Mutter, die ihr verlorenes Kind in grauenhafter Angst und Verzweiflung der Seele sucht. Sie hat Persephoneia wieder gefunden und hier zu Eleusis, der Weihetempel, auf dessen Boden ich stehe, ist der Ort, von dem aus sie die Rckkunft der Tochter und ihre Befreiung aus den Fesseln des Tartarus erzwang, und wo Mutter und Tochter das selige Wiedersehen feierten. Aber sie geniet auch seither, wie gesagt, nicht das reine, ungetrbte, olympische Glck. Nach leidender Menschen Art ist ihr Dasein Genu und Entbehren, Weh der Trennung und Freude der Wiedervereinigung. Es ist unlslich, fr immer, gleichwie das Dasein der Menschen, aus bitteren Schmerzen und Freuden gemengt. Das ist es, was sie dem Menschengeschlecht und auch dem Sptgeborenen nahebringt, und was sie mehr, als irgendeinen Olympier, heimisch gemacht hat auf der Erde. Es kommt hinzu, da, whrend eines Teiles des Jahres, Aidoneus die Tochter ins Innere der Erde fordert und dort gefangen hlt, wodurch denn die seligen Hhen des Olymps, die dem Kerker der Tochter ferne liegen, den Fen der Mutter, mit den eleusinischen Ufern verglichen, unseliger Boden sind. Man ist berzeugt, da Schicksalsschlu die Gttin in das Erkenntnisbereich der Menschen verwiesen hat -- in ein beginnendes, neues, hheres, zwischen Menschen und Gttern und zwar mit einem Ereignis, das, unvergelich, das Herz ihres Herzens gleichsam an seinen Schauplatz verhaftet hlt. Die weihrauchduftende Stadt Eleusis, die Stadt des Keleus, der Knigin Metaneira sowie ihrer leichtgeschrzten Tchter: Kallidike, Kleissidike, Dmo und Kallithoa der saffranblumengelockten ist heut nicht mehr, aber der Thymianstrauch, der berall um die Ruinen wuchert, verbreitet auch heute um die Trmmer warme Gewlke von wrzigem Duft. Und die Gttin, die fruchtbare, mtterliche, umwandelt noch heut, in alter, heiliger Schmerzenshoheit die Tempeltrmmer, die Ebene und die Ufer der Bucht. Ich spre die gttliche Erntemutter, die gttliche Hausfrau, die gttliche Kinderbewahrerin, die Gottesgebrerin berall, die ewige Trgerin des schmerzhaft sen Verwandlungswunders. Was mag es gewesen sein, was die offenen Kellergewlbe unter mir an Tagen der groen Feste gesehen haben? Man verehrte hier neben Demeter auch den Dionysos. Nimmt man hinzu, da der Mohn, als Sinnbild der Fruchtbarkeit, die heilige Blume der Demeter war, so bedeutet das, in zwiefacher Hinsicht, ekstatische Schmerzens- und Glcksraserei. Es bleibt ein seltsamer Umstand, da Brot, Wein und Blut, dazu das Martyrium eines Gottes, sein Tod und seine Auferstehung, noch heut den Inhalt eines Mysteriums bilden, das einen groen Teil des Erdballs beherrscht. Ich liege, unweit von Kloster Daphni, unter Kiefern, auf einem Bergabhange hingestreckt. Der Boden ist mit braunen Kiefernadeln bedeckt. Zwischen diesen Nadeln haben sich sehr feine, sehr zarte Grser ans Licht gedrngt. Aber ich bin hierher gekommen, verlockt von zarten Teppichen weier Maliebchen. Sie zogen mich an, wie etwa ein Schwarm lieblicher Kinder anzieht, die man aus nchster Nhe sehen, mit denen man spielen will. Nun liege ich hier und um mich, am Grunde, nicken die zahllosen kleinen, weien Schwestern mit ihren Kpfchen. Es ist kein Wald. Es sind ganz winzige Hungerblmchen, unter denen ich ein Ungeheuer, ein wahres Gebirge bin. Und doch strmen sie eine Beseligung aus, die ich seit den Tagen meiner Kindheit nicht mehr gefhlt habe. Und auch damals, in meiner Kindheit, schwebte eine Empfindung, dieser hnlich, nur feiertglich durch meine Seele. Ich erinnere mich eines Traumes, den ich zuweilen in meiner Jugend gehabt habe, und der mir jedesmal eine Schwermut in der Seele lie, da er mir etwas, wie eine unwiederbringliche, arkadische Wonne, schattenhaft vorgaukelte. Ich sah dann stets einen sonnigen, von alten Buchen bestandenen Hang, auf dem ich mit anderen kleinen Kindern bluliche Leberblmchen abpflckte, die sich durch trockenes, goldbraunes Laub zum Lichte hervorgedrngt hatten. Mehr war es nicht. Ich nehme an, da dieser Traum nichts weiter, als die Erinnerung eines besonders schnen, wirklich durchlebten Frhlingsmorgens war, aber es scheint, da ein erstes Genieen der goldenen Lust, zu der sich die Sinne des Kindes erschlossen, das unvergeliche Glck dieser kurzen Stunde gewesen ist. Ich liege auf olympischer Erde ausgestreckt. Ich bin, wie ich fhle, zum Ursprung meines Kindestraumes zurckgekehrt. Ja, es ward mir noch Hheres vorbehalten! Mit reifem Geist, mit bewuten, viel umfassenden Sinnen, im vollen Besitz aller schnen Krfte einer entwickelten Seele, ward ich auf dieses feste Erdreich so vieler ahnungsvoll-grundloser Trume gestellt, in eine Erfllung ohnegleichen hinein. Und ich strecke die Arme weit von mir aus und drcke mein Gesicht antos-zrtlich zwischen die Blumen in diese geliebte Erde hinein. Um mich beben die zarten Grashalme. ber mir atmen die niedrigen Wipfel der Kiefern weich und geheimnisvoll. Ich habe in mancher Wiese bei Sonnenschein auf dem Gesicht oder Rcken gelegen, aber niemals ging von dem Grunde eine hnliche Kraft, ein hnlicher Zauber aus, noch drang aus hartem Gerll, das meine Glieder kantig zu spren hatten, wie hier ein so heies Glck in mich auf. Ich bin auf der Rckfahrt von Eleusis nach Athen wieder in diese lieblichen Berge gelangt. Die heilige Strae liegt unter mir, die Athen mit Eleusis verbindet. Herden von Schafen und Ziegen, die in dem grauen Gestein der Talabhnge umhersteigen, gren von da und dort mit ihrem Gelut, das, melodisch glucksend, an die Gerusche eines plaudernden Bchleins erinnert. In der Nhe beginnt ein Kuckuck zu rufen, zunchst allein: und heiter gefragt, schenkt er mir drei Jahrzehnte als Antwort. Es ist mir genug! Nun tnt aus den Kiefernhainen von jenseit des heiligen Weges ein zweiter Prophet: und beide Propheten beginnen und fahren lange Minuten unermdet fort, sich trotzig und wild, ber die ganze Weite des Bergpasses hin, wahrscheinlich widersprechende Prophezeiungen zuzurufen. Und wieder spre ich um mich das Hallende. Die Rufe der streitenden Vgel wecken einen gespenstisch verborgenen Schwarm ihresgleichen zu einem Durcheinander von kmpfenden Stimmen auf und mit einer nur geringen Kraft der Einbildung hre ich den Lrm des heiligen Fackelzuges, von Athen gen Eleusis, aus den Bergen zurckschlagen. Emporgestiegen zu den Gipfeln habe ich rings umher graues Gerll eines Bergrckens, Krppelkiefern und Thymian, Mittagshitze und Mittagslicht. Unter mir liegen eingeschlossene Steintler, verlassen und groartig pastoral. Hohe peloponnesische Schneeberge, Hymettos, Likabethos und Pentelikon schlieen rings den Gesichtskreis ein. Der saronische Golf und die eleusinische Bucht leuchten herauf mit blauen Gluten. In heien, zitternden Wolken, zieht berall wrzig-bitterer Kruterduft. berall summen die Bienen der Demeter. Wir betreten heute, gegen zehn Uhr abends, im Lichte des Vollmonds die Akropolis. Meine Erwartung, nun gleichsam alle Gespenster der Burg lebendig zu sehen, erfllt sich nicht: Es mte denn sein, da sie alle in dem heiligen ther aufgelst seien, der den ganzen Tempelbezirk entmaterialisiert. Mehr wie am Tage empfinde ich heut, und schon auf den Stufen der Propylen, das Heiligtum, das Bereich der Gtter. Ich zgere, weiter zu schreiten. Ich lasse mich im tiefen Schlagschatten einer Sule nieder und blicke ber die Stufen zurck, die ich mir in die magisch-klare Tiefe fortgesetzt denke. Zum erstenmal verbindet sich mir das Ganze mit dem hheren Geistesleben, besonders des Perikleischen Zeitalters, dem der Burgfelsen seine letzte und hchste Weihe verdankt. Das Wirkliche wird im Lichte des Mondes schemenhaft unwirklich, und diesem Unwirklich-Wirklichen knnen sich historische Trume leichter angleichen. Als vermchte der Mond Wrme auszustrmen, so warm ist die Luft und dazu klar und still: das Zwitschern der Fledermuse kommt aus dem Licht-ther unter uns. Man fhlt, wie in solchem gttlichen ther atmend und heimisch in diesem heiligen Bezirk, erlauchte Menschen mit Gttern gelebt haben. Hier, ber den magischen Abgrund hinausgehoben, in einen unsglich zarten, farbigen Glanz, war der Denker, der Staatsmann, der Priester, der Dichter, in Nchten wie diese, mit den Gttern auf gleichen Fu gestellt und atmete, in naher Vertraulichkeit, mit ihnen die gleiche elysische Luft. Man mte von einem nchtlichen Blhen dieses am Tage so schroffen und harten, arg mitgenommenen Olympes reden, von einem Blhen, das unerwartet und auerirdisch die alte vergessene Gtterglorie um seine Felskanten wiederherstellt. Der Parthenon, von der Hymettosseite gesehen, ist in dieser Nacht nicht mehr das Gebilde menschlicher Bauleute. Diese scheinen vielmehr nur einem gttlichen Plane dienstbar gewesen zu sein, das Irdische gewollt, das Himmlische aber vollbracht zu haben. In diesem Tempel ist jetzt nichts Drohendes, nichts Dsteres, nichts Gigantisches mehr, und seine Steinmasse, seine irdische Schwere scheint verflchtigt. Er ist nur ein Gebilde der Luft, von den Gttern selbst in einen gttlichen ther hineingedacht und hervorgerufen. Er ist nicht aus totem Marmor zusammengefgt, er lebt! von innen heraus warm und farbig leuchtend, fhrt er das selige Dasein der Gtter. Alles an ihm wird getragen, nichts trgt. Oder aber, es kommt ein Gefhl ber dich, da, wenn du, mit deinem profanen Finger, eine der Sulen zu berhren nicht unterlassen knntest, diese sogleich zu Staub zerspringen wrde vor Sprdigkeit. In dieser Stunde kommt uns die Ahnung von jenem Sein, das die Gtter in ihrer Verklrung fhren, von irdischen Obliegenheiten befreit. Auch Gtter hatten Erdengeschfte. Wir ahnen, von welchem Boden Platon zu seiner Erkenntnis der reinen Idee sich aufschwang. Welche Bereiche erschlossen sich in solchen schnheitstrunkenen Nchten, die warm und kristallklar zu ein und demselben Element mit den Seelen wurden ... welche Bereiche erschlossen sich den Knstlern und Philosophen hier, als den Gsten und nahen Freunden der Himmlischen! Und damals, wie heute, drang, wie aus den Zelten eines Lustlagers, Gesang und Geschrei herauf aus der Stadt. Man braucht die Augen nicht zu schlieen, um zu vergessen, da jenes dumpfe Gebrause aus der Tiefe der Lrm des Athens von heute ist: vielmehr hat man Mhe das festzuhalten. In dieser Stunde, im Glanze des unendlichen Zaubers der Gottesburg, pocht und bebt und rauscht fr den echten Pilger in allem der alte Puls. Und seltsam eindringlich wird es mir, wie das Griechentum zwar begraben, doch nicht gestorben ist. Es ist sehr tief, aber nur in den Seelen lebendiger Menschen begraben und wenn man erst alle die Schichten von Mergel und Schlacke, unter denen die Griechenseele begraben liegt, kennen wird, wie man die Schichten kennt, ber den mykenischen, trojanischen oder olympischen Fundstellen alter Kulturreste, aus Stein und Erz, so kommt auch vielleicht fr das lebendige Griechenerbe die groe Stunde der Ausgrabung. Wir stehen auf dem hohen Achterdeck eines griechischen Dampfers und harren der Abfahrt. Der Lrm des Pirus ist um uns und unter uns. Wir wollen gen Delphi, zum Heiligtum des Apoll und Dionysos. Mehr gegen den Ausgang des Hafens liegt ein wei angestrichenes Schiff, ein Amerikafahrer, rings um ihn her auf der Wasserflche, ber die er emporragt, steht, wie auf Dielen, nmlich in kleinen Booten, eng gedrngt, eine Menschenmenge. Es sind griechische Auswanderer, Leute, die das verwunschene Land der Griechenseele nicht ernhren mag. Dem Hafengebiet entronnen, genieen wir den frischen Luftzug der Fahrt. Unsere Herzen beleben sich. Wir passieren das kahle Inselchen, hinter dem die Schlacht bei Salamis ihren Verlauf genommen hat, den niedrigen Kstenzug, wo Xerxes seinen gemchlichen Thron errichten und vorzeitig abbrechen lie. Der ganze, bescheidene Schauplatz deutet auf enge maritime Verhltnisse. Die bergige Salamis ffnet in die fruchtbare Flle des Innern ein weites Tal. Liebliche Berglehnen, Haine und Wohnsttten werden dem Seefahrer verlockend dargeboten: alles zum Greifen nahe! und es ist wie ein Abschied, wenn er vorber mu. Man weist uns Megara. Wir htten es von der See aus nicht wiedererkannt: Megara, jetzt nur gespenstisch und bleich von seinen Hgeln winkend, die Stadt, die Konstantinopel gegrndet hat. Wir werden den Weg der megarensischen Schiffe in einigen Wochen ebenfalls einschlagen. Wenn wir nicht, wie bisher, ber Steuerbord unseres Dampfers hinausblicken, sondern ber seine Spitze, so haben wir in der Ferne alpine Schneegipfel des Peloponnes vor uns, darunter, vereinzelt, den drohenden Felsen der Burg von Korinth. Wir suchen durch den zitternden Luftraum dieser augenblendenden Buchten den Standort des ginetischen Tempels auf, und meine Seele saugt sich fest an die lieblichen Inselfluren von gina. Warum sollten wir uns in der vollen Mue der Seefahrt, zwischen diesen geheiligten Ksten, der Trume enthalten und nicht der lieblichen Jgerin Britomartis nachschleichen, einer der vielen Tchter des Zeus, von der die gineten behaupteten, da sie alljhrlich von Kreta herberkme, sie zu besuchen. Gibt es wohl etwas, das wundervoller anmutete, als die nchterne Realitt einer Mitteilung des Pausanias, etwa Britomartis angehend, wo niemals die Existenz eines Mitglieds der Gtterfamilie, hchstens hie und da ein lokaler Anspruch der Menschen mit Vorsicht in Zweifel gezogen ist. Nicht nur die Vasenmalereien beweisen es, da der Grieche sich in allen Formen des niederen Eros auslebte: aber der schaffende Geist, der solche Gestalten, wie Britomartis, entstehen lie und ihnen ewige Dauer beilegte, mute das Element der Reinheit, in Betrachtung des Weibes, notwendig in sich bergen, aus dem sie besteht: keusch, frisch, unbewut-jungfrulich, ist Britomartis im Stande glckseliger Unschuld bewahrt worden. Sie hat mit Amazonen und Nonnen nichts gemein. Es ist in ihr weder Mnnerha noch Entsagung, sondern sie stellt, mit dem freien, behenden Gang, dem lachenden Sperberauge, der Freude an Wald, Feld und Jagd, die gesunde Blte frischen und herben Magdtums verewigt dar. berall auf der Fahrt sind Inseln und Kstenbereiche von lieblicher Intimitt, und es ist etwas Ungeheueres, sich vorzustellen, wie hier die Phantasie eines Volkes, in dem die ungebrochene Weltanschauung des Kindes neben exakter und reifer Weisheit des Greisenalters fortbestand, jede Krmmung der Kste, jeden Pfad, jeden nahen Abhang, jeden fernen und ferneren Felsen und Schneegipfel mit einer zweiten Welt gttlich phantastischen Lebens bedeckt und bevlkert hat. Es ist ein Gewirr von Inseln, durch das wir hingleiten, uns jener Sttte mit jeder Minute nhernd, wo, gleichsam aus einem dunklen Quell, diese zweite Welt mit Rtselworten zurck ins reale Leben wirkte und damit zugleich die Atmosphre des Heimatlandes mit neuem, phantastischem Stoff belud. Es gibt bei uns keine Entwicklung des spezifisch Kindlichen, das stets bewegt, stets glubig und sprudelnd von Bildern ist, zum Weinen bereit und gleich schnell zum Jauchzen, zum tiefsten Abgrund hinabgestrzt und gleich darauf in den siebenten Himmel hinaufgeschnellt, glckselig im Spiel, wo nichts das vorstellt, was es eigentlich ist, sondern etwas anderes, Erwnschtes, wodurch das Kind es sich, seinem Wesen, seinem Herzen zu eigen macht. Der groe Schpfungsakt des Homer hat dem kosmischen Nebel der Griechenseele den reichsten Bestand an Gestalten geschenkt, und die Zrtlichkeit, die der sptere Grieche ihnen entgegentrug, zeigt sich besonders in mancher Mythe, die wieder lebendig zu machen unternimmt, was der blinde Homer vor den Schauern des Hades nicht zu retten vermochte. Ich wei nicht, ob hier herum irgendwo Leuke ist, aber ich wte keine Sage zu nennen, die tiefer in das Herz des Griechen hineinleuchtete, als jene, die Helena dem Achill zur Gattin gibt und beide in Wldern und Tempelhainen der abgeschiedenen kleinen Insel Leuke ein ewig seliges Dasein fhren lt. Unser Dampfer ist vor dem Eingang zum isthmischen Durchstich angelangt und einige Augenblicke stillgelegt. Mein Wunsch ist, wiederzukehren und besonders auch auf dem herrlichen Isthmus umherzustreifen, dieser gesunden und frischen Hochflche, die wrdig wre, von starken, heiteren, freien und gttlichen Menschen bewohnt zu sein, die noch nicht sind. Das Auge erquickt sich an weitgedehnten, hainartig lockeren Kieferbestnden, deren tiefes und samtenes Grn, auf grauen, silbererzartigen Klippen, hoch an die blaue Woge des Meeres tritt. Auf diesen bewaldeten Hhen zur Linken hat man den Platz der isthmischen Spiele zu suchen. Man sollte meinen, da keiner der zahllosen Spielbezirke freier und in Betrachtung des ganzen Griechenlandes gnstiger lag, und ferner: da nirgend so belebt und im frischen Zuge der Seeluft berschumend die heilige Spiellust des Griechen sich habe auswirken knnen, wie hier. Die Einfahrt in den Durchstich erregt uns seltsamerweise feierliche Empfindungen. Die Passagiere werden still, im pltzlichen Schatten der gelben Wnde. Wir blicken schweigend zwischen den ungeheuren, braungelben Schnittflchen ber uns und suchen den Streifen Himmelsblau, der schmal und farbig in unseren gelben Abgrund herableuchtet. Kleine, taumelnde, braun-graue Raubvgel scheinen in den Sandlchern dieser Wnde heimisch, ja, der Farbe nach, von ihnen geboren zu sein. Eine Krhe, wahrscheinlich von unserm Dampfer aufgestrt, strebt, ngstlich gegen die Wnde schlagend, an die Oberflche der Erde hinauf. Nun bin ich nicht mehr der spte Pilger durch Griechenland, sondern eher Sindbad der Seefahrer, und einige Trken, vorn an der Spitze des rauschenden Schiffes, jeder mit seinem roten Fez lngs der gelblichen Ockerschichten gegen den Lichtstreif des Ausganges hingefhrt, befestigen diese Illusion. Der Golf von Korinth tut sich auf. Aber whrend wir noch zwischen nahen und flachen Ufern hingleiten, denn wir haben die weite Flche des Golfes noch nicht erreicht, werden wir an einem kleinen Zigeunerlager vorbergefhrt und sehen, auf einer Art Landungssteg, zerlumpte Kinder der, wie es scheint, auf ein Fhrboot wartenden Bande mit wilden Sprngen das Schiff begren. Nach einiger Zeit, whrend wir immer zur Linken das neue Korinth, die weite, mit Gerstenfeldern bestandene Flche des einstigen alten, das von dem gewaltigen Felsen Akrokorinth drohend beschattet wurde und die bergigen Ksten des Peloponnes vor Augen hatten, erffnet sich zur Rechten eine Bucht mit den schneebedeckten Gipfeln des Helikon. Eine Stunde und lnger bleibt er nun, immer ein wenig rechts von der Fahrtrichtung, sichtbar, hinter niedrigen, nackten Bergen, die vorgelagert sind. Die Luft war bis hierher schwl und still, nun aber fllt ein khler Wind von den Hhen des Heiligen Berges herab und in einige Segel, die leicht und hurtig vor ihm her ber das blaue Wasser des Golfes vorberschweben. Aller Schnheit geht Heiligung voraus. Nur das Geheiligte in der Menschennatur konnte gttlich werden, und die Vergtterung der Natur ging hervor aus der Kraft zu heiligen, die zugleich auch Mutter der Schnheit ist. Wir haben heut eine Wissenschaft von der Natur, die leider nicht von einem heiligen Tempelbezirk umschlossen ist. Immerhin ist sie, und Wissenschaft berhaupt, eine gemeinsame Sache der Nation, ja der Menschheit geworden. Was auf diesem Gebiete geleistet wird, ist schlielich und endlich ein gemeinsames Werk. Dagegen bleiben die reinen Krfte der Phantasie heute ungentzt und profaniert, statt da sie am groen sausenden Webstuhl der Zeit gemeinsam der Gottheit lebendiges Kleid wie einstmals wirkten. Und deshalb, weil die Krfte der Phantasie heut vereinzelt und zersplittert sind und keine geme Umwelt (das heit: keinen Mythos) vorfinden, auer jenem, wie ihn eben das kurze Einzelleben der Einzelkraft hervorbringen kann, so ist fr den Sptgeborenen der Eintritt in diese unendliche, wohlgegrndete Mythenwelt zugleich so beflgelnd, befreiend und wahrhaft wohlttig. Sollte man nicht einer gewissen, nur persnlichen Erkenntnis ohne Verantwortung nachhngen drfen, die den gleichen Vorgang, der jemals etwas wie eine Tragdie oder Komdie schuf, als Ursprung des ganzen Gtterolymps, als Ursprung des gesamten, jenem angenherten Kreises von Heroen und Helden sieht? Wo sollte man jemals zu dergleichen den Mut gewinnen, wenn nicht auf einem Schiffe im Golf von Korinth, im Angesichte des Helikon? Warum htte sonst Pan getanzt, als Pindar geboren worden war? und welche Freude mu unter den Gttern des Olymps, von Zeus bis zu Hephaistos und Aidoneus hinunter, ausgebrochen sein, als Homer und mit ihm die Gtterwelt aufs neue geboren wurde. Die ersten Gestalten des ersten Dramas, das je im Haupte des Menschen gespielt wurde, waren ich und du. Je differenzierter das Menschenhirn, um so differenzierter wurde das Drama! um so reicher auch an Gestalten wurde es und auch um so mannigfaltiger, besonders deshalb, weil im Drama eine Gestalt nur durch das, was sie von den brigen unterscheidend absetzt, bestehen kann. Das Drama ist Kampf und ist Harmonie zugleich, und mit der Menge seiner Gestalten wchst auch der Reichtum seiner Bewegungen: und also, in steter Bewegung Gestalten erschaffend, in Tanz und Kampf miteinander treibend, wuchs auch das groe Gtterdrama im Menschenhirn, zu einer Selbstndigkeit, zu einer glnzenden Schnheit und Kraft empor, die jahrtausendelang ihren Ursprung verleugnete. Polytheismus und Monotheismus schlieen einander nicht aus. Wir haben es in der Welt mit zahllosen Formen der Gottheit zu tun, und jenseit der Welt mit der gttlichen Einheit. Diese eine, ungeteilte Gottheit ist nur noch ahnungsweise wahrnehmbar. Sie bleibt ohne jede Vorstellbarkeit. Vorstellbarkeit ist aber das wesentliche Glck menschlicher Erkenntnis, dem darum Polytheismus mehr entspricht. Wir leben in einer Welt der Vorstellungen, oder wir leben nicht mehr in unserer Welt. Kurz: wir knnen irdische Gtter nicht entbehren, wenngleich wir den Einen, Einzigen, Unbekannten, den Alleinen, hinter allem wissen. Wir wollen sehen, fhlen, schmecken und riechen, disharmonisch harmonisch das ganze Drama der Demiurgen, mit seinen olympischen und plutonischen Darstellern. Im Christentum macht der Sohn Gottes einen verunglckten Besuch in dieser Welt, bevor er sie aufgibt und also zertrmmert. Wir aber wollen sie nicht aufgeben, unsere Mutter, der wir verdanken, was wir sind, und wir bleiben im Kampf, verehren die kmpfenden Gtter, die menschennahen; freilich vergessen wir auch den menschenfernen, den Gott des ewigen Friedens nicht. Ein kalter Gebirgswind empfngt uns bei der Einfahrt in die Bucht von Galaxidhi, den alten Krisischen Meerbusen, und berraschenderweise scheint es mir, als liefe unser Schiff in einen Fjord und wir befnden uns in Norwegen, statt in Griechenland. Beim Anblick der Nadelwlder, von denen die steile Flanke der Kiona bedeckt ist, erfllt mich das ganze starke und gesunde Bergglck, das mir eingeboren ist. Es zieht mich nach den Gipfeln der waldreichen Kiona hinauf, wohin ich die angestrengten Blicke meiner Augen aussende, als vermchte ich dort noch heut einen gottselig begeisterten Schwarm rasender Bacchen zwischen den Stmmen aufzustbern. Es liegt in mir eine Kraft der Zeitlosigkeit, die es mir, besonders in solchen Augenblicken, mglich macht, das Leben als eine groe Gegenwart zu empfinden: und deshalb starre ich immer noch forschend hinauf, als ob nicht Tausende von Jahren seit dem letzten Auszug bacchischer Schwrme vergangen wren, und es klingt in mir ununterbrochen: Dahin leite mich, Bromios, der die bacchischen Chre fhrt! Da sind Chariten, Liebe da, Da drfen frei die Bacchen Feste feiern. Wer hlt es sich immer gegenwrtig, da die Griechen ein Bergvolk gewesen sind? Whrend wir uns Ithea nhern, tiefer und tiefer in einen ernsten Gebirgskessel eingleitend, erlebe ich diese Tatsache innerlich mit besonderer Deutlichkeit. Die Luft gewinnt an erfrischender Strke. Die Formen der Gipfel stehen im tiefen und kalten Blau des Himmels kalt und klar, und jetzt erstrahlt uns zur Rechten, hoch erhaben ber der in abendlichen Schatten dmmernden Bucht, hinter gewaltig vorgelagerten, dunkel zerklfteten, kahlen Felsmassen ein schneebedecktes parnassisches Gipfelbereich. Nun, wo die Sonne hinter der Kiona versunken ist und chthonische Nebel langsam aus den tiefen Flchen der Felsentler, Terrassen und Risse verdsternd aufsteigen, steht der Hhenstreif des heiligen Berges Parna noch in einem unwandelbar makellosen und gttlichen Licht. Mehr und mehr, indes das Schiff bereits seinen Lauf verlangsamt hat, erdrckt mich eine fast bergewaltige Feierlichkeit. Man fhlt zugleich, da man hier nicht mehr im Oberflchenbereich der griechischen Seele ist, sondern den Ursprngen nahe kommt, nahe kommt in dem Mae, als man sich dem Kern der griechischen Landschaft annhert. Man findet sich hier einer groen Natur gegenbergestellt, die nordische Rauheit und nordischen Ernst mit der Weichheit und Se des Sdens vereinigt, die hier und dort ringsumher beschneite Berggipfel in den nahen Hhenther gehoben hat, deren Flanken bis zur Flche des sdlichen Golfes herabreichen, bis an die Krisische Talsohle, die in gleicher Ebene, einen einzigen, weitgedehnten lwald tragend, den Grund des Tales von Krisa erfllt. Man fhlt, man nhert sich hier den Urmchten, die sich den erschlossenen Sinnen eines Bergvolks, nicht anders wie das Wasser der Felsenquellen, die Frucht des lbaums oder des Weinstocks, darboten, so da der Mensch, gleichwie zwischen Bergen und Bumen, zwischen Abgrnden und Felswnden, zwischen Schafen und Ziegen seiner Herden oder im Kampf, zwischen Raubtieren, auch allberall unter Gttern, ber Gttern und zwischen gttlichen Mchten stand. Wir steigen, angelangt in Ithea, in einen Wagen, vor den drei Pferde gespannt sind. Die Fahrt beginnt, und wir werden durch Felder grner Gerste in das Tal von Krisa hineingefhrt. Im Getreide tauchen hie und da lbume auf, und mehr und mehr, bis sie zu Hainen zusammentreten und wir zu beiden Seiten der staubigen Strae von Olivenwldern begleitet sind. Im Halblicht unter den Wipfeln liegen quadratisch begrenzte Wasserflchen. Nicht selten steigt ein gewaltiger Baum daraus empor, scheinbar mit seinem Stamme in einem glattpolierten Spiegel aus dunklem Silber wurzelnd, einem Spiegel, der einen zweiten Olivenbaum, einen rtlichen Abendhimmel und einen anderen, nicht minder strahlenden Parnassischen Gipfel zeigt. Bauern, die aus den Feldern heimwrts nach den Wohnungen im Gebirge streben, werden von uns im Dmmer der Waldstrae berholt. Es scheint ein in mancher Beziehung veredelter deutscher Schlag zu sein, so beraus vertraut in Haltung, Gang und Humor, in den Proportionen des Krpers, sowie des Angesichts, mit dem blonden Haar und dem blauen Blick, wirken auf mich die Trupps der Landleute. Wir lassen zur Linken ein eilig wanderndes und mit einer dunklen Genossin plauderndes, blondes Mdchen zurck. Sie ist frisch und derb und germanisch kernhaft. Die Art ihres bermtigen Grues ist zugleich wild, verwegen, ungezogen und treuherzig. Sie wrde sich von der jungen und schnen deutschen Bauernmagd, wie ich sie auf den Gtern meiner Heimat gesehen habe, nicht unterscheiden, wenn sie nicht doch ein wenig geschmeidiger und wenn sie nicht eine Tochter aus Hellas wre. Und ich gedenke der Pythia. Religises Empfinden hat seine tiefsten Wurzeln in der Natur; und sofern Kultur nicht dazu fhrt, mit diesem Wurzelsystem strker, tiefer und weiter verzweigt in die Natur zu dringen, ist sie Feindin der Religion. In diesem groen und zugleich urgesunden Bereich des nahen, groen Mysteriums denkt man nicht an die Gtterbilder der Bltezeit, sondern hchstens an primitive Holzbilder, jene Symbole, die, durch Alter geheiligt, der Gottheit menschliche Proportionen nicht aufzwangen. Man gedenkt einer Zeit, wo der Mensch mit allen starken, unverbildeten Sinnen noch gleichsam voll ins Geheimnis hinein geboren war: in das Geheimnis, von dem er sich Zeit seines Lebens durchaus umgeben fand und das zu enthllen er niemals wnschte. Nicht der Weltweise war der Ersehnte oder Willkommene unter den Menschen jener Zeit, auer wenn er sich gleich dem Jger oder dem Hirten -- der wahre Hirt ist Jger zugleich! -- zur ach so wenig naiven Verehrung eines Idoles, einer beliebigen Rtselerscheinung, der nur im Rtsel belebten Natur, verstand, sondern ersehnt und willkommen war immer wieder nur das Leben, das tiefere Leben, das den Rausch erzeugende Rtsel. Immer jedoch ist der Mensch dem Menschen Trger und Verknder der tiefsten Rtsel zugleich gewesen und so ward das Rtsel stets am hchsten verehrt, wenn es sich durch den Menschen verkndigte, die Gottheit, die durch den Menschen spricht. Und um so hher ward es unter jenen Menschen verehrt, ward die Gottheit verehrt, je mehr sie den schlichten Mann, das gewhnliche Weib aus dem Hirten- und Jgervolke gewaltsam vor aller Augen umbildete, so da es von Grund auf verndert, von einem Gott oder Dmon beherrscht, als Rtsel erschien. Ein so verndertes Wesen war vor urdenklichen Zeiten die erste burische Pythia, und sie erschien in den Hnden des bogenfhrenden Jgers und Rinderherden besitzenden Hirten, in den Hnden des Jger- und Hirtengottes Apollon willenlos. Den Willen des Menschen zerbrach der Gott, wie man ein Schlo zerbrechen mu, das die Tr eines fremden Hauses verschliet, will man als Herrscher und Herr in dieses eintreten; und nicht der menschliche Wille, sondern gleichsam die Knechtschaft im gttlichen, nicht Vernunft, sondern Wahnsinn besa vor den Menschen damals allein die Staunen und Schauder verbreitende Autoritt. Die Pferde beginnen bergan zu klimmen. Mehr und mehr, whrend wir aus den dunklen Olivenwldern emportauchen, verdichtet sich um uns die Dmmerung. Die Luft ist warm und bewegungslos. Es ist eine Art tierischer Wrme in der Luft, die aus dem Erdboden, aus den Steinblcken um uns her, ja berall her zu dunsten scheint. berall klettern Ziegenherden. Ziegenherden kreuzen den Weg oder trollen ihn mit Gelut zu Tal. Ich fhle auf einmal, wie hier das Hirten- und Jgerleben nicht mehr nur als Idyll zu begreifen ist. In dieser brtenden Atmosphre, wie sie ber den schwarzen Olivenwldern der Tiefe, in dem weiten, gewaltig zerklfteten Abgrund zwischen den Wllen schroffer Gebirge steht, wird mein Blut berdies zu einem seltsamen Fieber erregt, und es ist mir, als knne aus dieser buhlerisch warmen, stehenden Luft die Frucht des Lebens unmittelbar hervorgehen. Das Geheimnis ist ringsum nahe um mich. Fast bang empfinde ich seine Berhrungen. Es ist, als trennte -- sagen wir von den Mttern! nur eine dnne Wand oder als lge das ganze Geheimnis, in dem wir schlummern, in einem zurckgehaltenen, gttlichen Atemzug, dessen leisestes Flstern uns eine Erkenntnis erffnen knnte, die ber die Kraft des Menschen geht. Ich habe in diesem Augenblick mehr als je zu bedauern, da mir der musikalische Ausdruck verschlossen ist, denn alles um mich wird mehr und mehr zu einer einzigen, groen, stummen Musik. Das am tiefsten Stumme ist es, was der erhabensten Sprache bedarf, um sich auszudrcken. Allmhlich verbreitet sich jenes magische Leuchten in der Natur, das alles vor Eintritt vlliger Dunkelheit noch einmal in traumhafter Weise verklrt. Aber Worte besagen nichts, und ich wrde, mit der wahrhaft dionysischen Kunst begabt, nach Worten nicht ringen mssen. Ich empfinde inmitten dieser grenzenlos spielenden Schnheit, die von einem grunderhabenen dsteren Glanze gesttigt ist, immer eine fast schmerzhafte Spannung, als ob ich mich einem redenden Brunnen, einem Urbrunnen aller chthonischen Weisheit gleichsam annherte, der, wiederum einem Urmunde gleich, unmittelbar aus der Seele der Erde geffnet sein wrde. Niemals, auer in Trumen, habe ich Farben gesehen, so wie hier auf dem Marktplatze von Chryso, in dessen Nhe das alte Krisa zu denken ist. In diesem Bergstdtchen werden unsere Zugtiere getrnkt. In Eimern holt man das Wasser aus dem nahen stdtischen Brunnen, der im vollen, magischen Licht des Abends sich, aus dem Felsen rauschend, in sein steinernes Becken strzt. Hier drngen sich griechische Mdchen, Mnner und Maultiere, whrend im Schatten des Hauses gegenber wrdige Bauern und Hirten beim Weine von den Lasten des Tages ausruhen. Alles dieses wirkt feierlich schattenhaft. Es ist, als bestnde in dem Menschengedrnge des kleinen Platzes die geheiligte bereinkunft, die innere Sammlung der delphischen Pilger nicht durch laute Worte zu stren. Unter den schweigsam Trinkenden, die uns mit Wrde beobachten und ganz ohne Zudringlichkeit, fllt manche edle Erscheinung auf. Von einem Weibart vermag ich mein Auge lange nicht abzuwenden. Er ist der geborene Edelmann. Die Haltung des schlanken Greises, der seine eigene Schnheit durchaus zu schtzen wei, ist durchdrungen von einem Anstand, der eingeboren ist. Aus seinem Antlitz sprechen Gte und Menschlichkeit: ich sehe in ihm das Gegenbild aller Barbarei. An diesem Hirten legt jede Wendung des Hauptes, jede gelassene Bewegung des Armes von edler Herkunft Zeugnis ab: von einer Jahrtausende alten, verfeinerten Hirtenwrde! denn wo wre die Freiheit der Haltung, die stolze Gewohnheit des Selbstgengens, die Wrde des Menschen vor dem Tier, weniger gestrt, als im Hirtenberuf. Es ist, nachdem wir die Stadt verlassen haben und weiter die steilen Kehren aufwrts dringen, als snke sich von allen Seiten, dichter und dichter, Finsternis ber das Geheimnis, dem wir entgegenziehen, schtzend herein. Es ist wie eine Art Unschlssigkeit in der Natur, als deren bevorzugtes Kind sich der glubige Grieche fhlen mu, die sich mir aber dahin umdeutet, als sollte erst durch die volle Erkenntnis einengender Finsternis der volle Durst zum Orakelbrunnen erzeugt werden. Noch immer ist die stehende Wrme auch in der fast vlligen Dunkelheit verbreitet um mich. Der Himmel hat rtlich zuckende Sterne enthllt, aber der Blick ist von nun an beengt und eingeschlossen. Die groe Empfindung der Gtternhe weicht einer gewissen heimlich schleichenden Spukhaftigkeit, und so will ich nun auch eine Vorstellung dieser spukhaften Art aus dem Erlebnis der unvergleichlichen Stunden festhalten. Mehrmals und immer wieder kam es mir vor, als stiege der Schatten eines einzelnen Mannes mit uns nach dem gleichen Ziele hinan, und zwar auf einem Fusteige immer die Kehren der groen Strae abschneidend. Kamen wir bis an die Kreuzungsstelle heran, so schien es, als sei er schon vorber, oder er war zurckgeblieben und stieg weit unten, schattenhaft ber die Bschung der tieferen Straenschlinge herauf. Auch jetzt unterliege ich wieder dem Zwang dieser Vorstellung. Es ist unumgnglich, da ein bis ins tiefste religis erregter, christlich erzogener Mensch, auch wenn er das innere Auge abwendet, gleichsam mittels des peripherischen Sehens doch immer auf die Gestalt des Heilands treffen mu: und dies war mir und ist mir noch jetzt jener Schatten. Etwas wie Unruhe, etwas wie Hast und Besorgnis scheint ihn den gleichen Weg zu treiben, und etwas, wie der gleiche, immer noch ungestillte Durst. Und ist nicht auch er wiederum ein Hirt? Sah er sich selbst nicht am liebsten unter dem Bilde des Hirten? Sehen ihn nicht die Vlker als Hirten? Und verehren ihn nicht die prunkhaften Hohenpriester von heut, mit dem Symbole des Hirtenstabes in der Hand, als gttlichen Hirten, als Hirtengott? Heut, am frhen Morgen aus meiner Herberge tretend, befinde ich mich auf der sonnigen Dorfstrae eines alpinen Drfchens. Wenn ich die Strae nach rechts entlang blicke, wo sie, nach miger Steigung, in einiger Ferne abbricht oder in den weilichen, heien und wolkenlosen Himmel auszulaufen scheint, so bemerke ich die Spitze eines entfernteren Schneeberges, der sie berragt. Die Strae luft meist dicht am Abhang hin. Von ihrem Rande ermesse ich die gewaltige Tiefe eines schluchtartigen Tales, mit steilen Felswnden gegenber. Die grauen Steinmassen sind durch Thymianstrucher dunkel gefleckt. Der Grund der Schlucht scheint ein Bachbett zu sein, und wie sich Wasser von seiner hochgelegenen Quelle herniederwindet, bis es am Ende der verbreiterten Schlucht in den weiten See eines greren Tales tritt, ergieen sich hier, gleichsam wie Wogen aus dunklem Silber, Olivenwaldungen in die Tiefe, wo sie die Flle des lreichen Tales von Krisa aufnimmt. Es ist eine durchaus nur schlichte und ganz gesunde alpine Wonne, die mich erfllt, jener Zustand des bergluftseligen Migganges, in dem man so gern das Morgenidyll drflichen Lebens beobachtet. Hhne und Tauben machen das bliche Morgenkonzert. Es wird in der Nhe ein Pferd gestriegelt. Beladene Maultiere trappen vorber. Alles ist von jener erfrischenden Nchternheit, die wiederum die gesunde Poesie des Morgens ist. Kastri heit das Dorf, in dem wir sind und genchtigt haben. Einige Schritte auf der mit grellstem Lichte blendenden Landstrae um einen Felsenvorsprung herum, und der heilige Tempelbezirk von Delphi soll sich enthllen. In diesem Felsenvorsprung, den wir nun erreichen, sind die offenen Hhlen ehemaliger Felsgrber. Nahe dabei haben Wscherinnen ihren Kessel ber ein aromatisches Thymianfeuer gestellt, das uns mit Schwaden erquickenden Weihrauchs umquillt. Schwalben schrillen an uns vorber, Fliegen summen, irgendwoher dringt das Hungergeschrei junger Nestvgel, und die Sonne scheint, triumphierend gleichsam, bis in die letzten Winkel der leeren Grber hinein. Eine zahlreiche Herde schner Schafe begegnet uns, und minutenlang umgibt uns das freudige lplergerusch ihrer Glocken. Ich beobachte eine dicke Glockenform mit tiefem Klang, von der man sagt, da sie antikem Vorbild entspreche. Inmitten der Herde bewegt sich der dienende Hirt und ein herrenhaft-heiter wandelnder Mann in der knappen, vorwiegend blauen Tracht der Landleute. Dieser Mann erscheint zugleich jung und alt: insofern jung, als er schlank und elastisch ist, insofern alt, als ein breiter, vollkommen weier Bart sein Gesicht umrahmt. Doch es ist die Jugend, die in diesem Manne triumphiert: das beweist sein schalkhaft blitzendes Auge, beweist der freie, bermtige Anstand der ganzen Persnlichkeit, eine Art behaglich frhlichen Stolzes, der wei, da er unwiderstehlich fasziniert. Als Staub und Gelut uns am strksten umgeben, bemerken wir, wie dieser schne und glckliche Mann, der brigens seine Jagdbchse ber der Schulter trgt, den langen Stab aus der Hand seines Hirten nimmt. Gleich darauf tritt er uns entgegen und bietet uns, wirklich aus heiterem Himmel, eben denselben Stab als Gastgeschenk. Die Wendung des Weges ist erreicht. Die Strae zieht sich in einem weiten Bogen eng unter mchtigen roten Felswnden hin, und der erste Blick in dieses schluchtartige, delphische Tal sucht vergeblich nach einer geeigneten Sttte fr menschliche Ansiedelung. Von den roten, senkrecht starrenden Riesenmauern der Phdriaden ist ein Bschungsgebiet abgebrckelt, das steil und scheinbar unzugnglich ber uns liegt. berall in den Alpen trifft man hnliche Schutt- und Gerllhalden, auf denen man, ebenso wie hier, hchstens weidende Ziegen klettern sieht. Selten bemerkt man dort, etwa in Gestalt einer besonders rmlichen Htte, Spuren menschlicher Ansiedelung, whrend hier der unwahrscheinliche Baugrund fr ein Gewirr von Tempeln, tempelartigen Schatzhusern, von Priesterwohnungen, von Theater und Stadion, sowie von zahllosen Bildern aus Stein und Erz zu denken ist. Wir schreiten die weie Strae langsam fort. Wir scheuchen eine anderthalb Fu lange, grne Eidechse, die den Weg, ein Wlkchen Staub vor uns aufregend, berquert. Ein Esel, klein, mit einem Berge von Ginster bepackt, begegnet uns: es heit, da die Bauern aus Ginster Krbe zur Aufbewahrung fr Kse flechten. Ein Maultier schleppt eine Last von bunten Decken gegen Kastri heran, begleitet von einer Handelsfrau, die whrend des Gehens nicht unterlt, von dem Wocken aus Ziegenhaar fleiig denselben Faden zu spinnen, aus dem jene Decken gewoben sind. Immer die steile Bschung des delphischen Tempelbezirks vor Augen, drngt sich mir der Gedanke auf, da alle die einstigen Priester des Apoll sowohl als die des Dionysos, alle diese Tempel, Theater und Schatzhuser von ehemals, alle diese zahllosen Sulen und Statuen den Ziegen und einer gewissen Ziegenhirtin gefolgt und nachgeklettert sind. Das Hirtenleben ist in den meisten Fllen ein Leben der Einsamkeit. Es begnstigt also alle Krfte visionrer Trumerei. Ruhe der ueren Sinne und Miggang erzeugen die Welt der Einbildung, und es wrde auch heut nicht schwer halten, etwa in den Irrenhusern der Schweiz lndliche Mdchen zu finden, die, befangen in einem religisen Wahn, von hnlichen Dingen berzeugt sind, von hnlichen Dingen mit rasendem Munde sprechen, als die erste Seherin, die Sibylle oder ihre Nachfolgerin zu Delphi, tat. Diese hielten sich etwa fr die angetraute Gattin Apolls, oder fr seine Schwester, oder erklrten sich fr Tchter von ihm. Wir klettern die steile Strae innerhalb des Tempelbezirkes empor. berall zwischen den Fundamenten ehemaliger Tempel, Schatzhuser, Altre und Statuen blht die Kamille in groen Bschen, ebenso wie in Eleusis und auf der Akropolis. Die Steine der alten und steilen Strae sind glatt, und mit Mhe nur dringen wir, ohne rckwrts zu gleiten, hinan. Nicht weit von dem Felsenvorsprung, den man den Stein der Sibylle nennt, ruhe ich aus. In hei duftenden Bscheln der Kamille, zwischen die ich mich niedergelassen habe, tnt ununterbrochen Bienengesumm. Wer mchte an dieser Stelle mit Fug behaupten wollen, da ihm die ungeheure Vergangenheit dieser steilen Felslehne in allem Besonderen gegenwrtig sei. Der chthonische Quell, jene, verwirrende Dmpfe ausstrmende Felsspalte, die Corethas entdeckte, quillt, wie es heit, nicht mehr, und schon zur Zeit des groen Periegeten hatten die Dmonen das Orakel verlassen. Werden sie jemals wiederkehren? Und wird, wie es heit, wenn sie wiederkehren, das Orakel gleich einem lange ungenutzten Instrument gttlichen Ausdrucks aufs neue erschallen? Die architektonischen Trmmer umher erregen mir einstweilen nur geringe Aufmerksamkeit. Die Kunst inmitten dieser gewaltigen Felsmassen hatte wohl immer, nur im Vergleich mit ihnen, Pygmencharakter. Durchaus berragend in wilder, unbeirrbarer Majestt bleibt hier die Natur, und wenn sie auch mit Langmut oder auf Gttergebot die Siedelungen der menschlichen Ameise duldet, die sich, nicht ohne Verwegenheit, hier einnistete, so bleibt die Gewalt ihrer Ruhe, die Gewalt ihrer Sprache, die berragende Macht ihres Daseins, das unter allem, hinter allem, ber und in allem Gegenwrtige. Man denkt an Apoll, man denkt an Dionysos, aber an ihre Bilder aus Stein und Erz denkt man in dieser Umgebung nicht: eher wiederum an gewisse Idole, die uralten Holzbilder, deren keines leider auf uns gekommen ist. Man sieht die Gtter da und dort, leuchtend, unmaterialisch, visionr, hauptschlich aber empfindet man sie in der Kraft ihrer Wirkungen. Hier bleiben die Gtter das, was unsichtbar gegenwrtig ist: und so bevlkern sie, bevlkern unsichtbare Dmonen die Natur. Ist wirklich der chthonische Quell versiegt? Haben die Dmonen wirklich die Orakel verlassen? Sind gar die meisten von ihnen tot, wie es heit, da der groe Pan gestorben ist? Und ist wirklich der groe Pan gestorben? Ich glaube, da eher jeder andere Quell des vorchristlichen Lebensalters verschttet ist als der pythische und glaube, da der groe Pan nicht gestorben ist: nicht aus Schwche des Alters und ebensowenig unter den jahrtausendelangen Verfluchungen einer christlichen Klerisei. Und hier, zwischen diesen sonnebeschienenen Trmmern, ist mir das ganze totgeglaubte Mysterium, sind mir Dmonen und Gtter samt dem totgesagten Pan gegenwrtig. Noch heut sind unter den vielen Strmen, die unsere Erde nach oben sendet, viele, die in den Seelen der Menschen eine Verwirrung und Begeisterung hervorrufen, wie in dem Hirten Corethas jener, der in Delphi zutage trat, auch wenn wir dieser Begeisterung wenig achten und die tiefen Weihen nicht mehr allgemein machen wollen, die mit dem heiligen Rausch verbunden sind. Dieser Parna und diese seine roten Schluchten sind Quellgebiet: Quellgebiet natrlicher Wasserstrme und Quellgebiet jenes unversiegbaren, silbernen Stromes der Griechenseele, wie er durch die Jahrtausende fliet. Es ist ein anderer Reiz und Geist, der die Quellen, ein anderer, der den Lasten und Wimpel tragenden Strom umgibt. Seltsam, wie der Ursprung des Stromes und seine Wiege dem urewig Alten am nchsten ist: das ewig Alte der ewigen Jugend. Man kann solche Quellgebiete nicht einmal mit Fug allein griechisch nennen, denn sie sind meist, im Gegensatz zu den Strmen, die sie nhren, namenlos. Gegenber, jenseit des Taleinschnitts, tnen von der Felswand, dem Ruf des Hornes von Uri nicht unhnlich, gewaltige Laute eines Dudelsacks, hervorgerufen von Hirten, die unerkennbar mit ihren Ziegen in den Felsen umhersteigen. Diese gesegneten Quellgebiete waren und sind noch heute von Hirten umwohnt. Platon nennt die Seele einen Baum, dessen Wurzeln im Haupte des Menschen sind und der von dort aus mit Stamm, sten und Blttern sich in das Bereich des Himmels ausdehnt. Ich betrachte die Welt der Sinne als einen Teil der Seele und zugleich ihr Wurzelgebiet, und verlege in das menschliche Hirn einen metaphysischen Keim, aus dem dann der Baum des Himmels mit Stamm, sten, Blttern, Blten und Frchten empordringt. Nun scheint es mir, da die Sinne des Jgers, die Sinne des Hirten, die Sinne des Jgerhirten, sagen wir, die feinsten und edelsten Wurzeln sind und da ein Hirten- und Jgerleben auf Berghhen der reichste Boden fr solche Wurzeln, und also die beste Ernhrung fr den metaphysischen Keim im Menschen ist. Zwischen den Trmmern des steilen Tempelbezirks von Delphi umherzusteigen, erfordert einige Mhe und Anstrengung. Am hchsten von allen Baulichkeiten lag wohl das Stadion; ein wenig tiefer, doch mit seinen obersten Sitzen an die unzugngliche Felswand stoend, ist das Theater dem Felsgrunde abgetrotzt. Der Eindruck der natrlichen Szenerie, die es umgibt, ist drohend und groartig. Ich empfinde eine Art beengender Bangigkeit in dieser bergewaltigen Nhe der Natur, dieser geharnischten, roten Felsbastionen, die den furchtbarsten Ernst blutiger Schauspiele von den Menschen zu fordern scheinen. In das Innere dieser Felsmassen scheint brigens ein dmonisches Leben hineingebannt. Sie wiederholen, in die tiefe Stille ber den rtlichen Sitzreihen, die Stimmen unsichtbarer Kinder weit unten im Tal, sie lassen gespenstige Herdenglocken, wie in einem hallenden Saale, durch sich hin luten und geben die klangvolle Stimme des fernen Hirten aus der Nhe und gelutert zurck. Aus ihrem Inneren dringt Hundegebell, und ein fernes und schwaches Drhnen, aus dem Tale von Krisa her, erregt in ihr einen klangvoll breiten, feierlich musikalischen Widerhall. Das ununterbrochene, mitten im heien Lichte des Mittags gleichsam nchtliche Rauschen der kastalischen Wasser dringt aus der Schlucht der Phdriaden herauf. Die Gtter waren grausame Zuschauer. Unter den Schauspielen, die man zu ihrer Ehre darstellte -- man spielte fr Gtter und vor Gttern, und die griechischen Zuschauer auf den Sitzreihen trieben, mit schaudernder Seele gegenwrtig, Gottesdienst! -- unter den Schauspielen, sage ich, waren die, die von Blute trieften, den Gttern vor allen anderen heilig und angenehm. Wenn zu Beginn der groen Opferhandlung, die das Schauspiel der Griechen ist, das schwarze Blut des Bocks in die Opfergefe scho, so wurde dadurch das sptere hhere, wenn auch nur scheinbare Menschenopfer nur vorbereitet: das Menschenopfer, das die blutige Wurzel der Tragdie ist. Blutdunst stieg von der Bhne, von der Orchestra in den brausenden Krater der schaudernden Menge und ber sie in die olympischen Reihen blutlsterner Gtterschemen hinauf. Anders wie im Theater von Athen, tiefer und grausamer und mit grerer Macht, offenbart sich hier, in der felsigten Pytho, unter der Glut des Tagesgestirns, das Tragische, und zwar als die schaudernde Anerkennung unabirrbarer Blutbeschlsse der Schicksalsmchte: keine wahre Tragdie ohne den Mord, der zugleich wieder jene Schuld des Lebens ist, ohne die sich das Leben nicht fortsetzt, ja, der zugleich immer Schuld und Shne ist. Gleich einem zweiten Corethas brechen mir berall in dem groen parnassischen Seelengebiet -- und so auch in der Tiefe des roten Steinkraters, darin ich mich eben befinde! -- neue chthonische Quellen auf. Es sind jene Urbrunnen, deren Zuflsse unerschpflich sind und die noch heute die Seelen der Menschen mit Leben speisen: derjenige aber unter ihnen, der dem inneren Auge der Seele und gleicherweise dem leiblichen Auge vor allen anderen sichtbar und mystisch ist, bleibt immer der springende Brunnen des Bluts. Ich fhle sehr wohl, welche Gefahren auf den Pilger in solchen parnassischen Brunnengebieten lauern, und vergesse nicht, da die Dnste aller chthonischen Quellen von einem furchtbaren Wahnsinn schwanger sind. Oft treten sie ber dnnen Schichten mrben Grundes ans Tageslicht, unter denen glhende Abgrnde lauern. Der Tanz der Musen auf den parnassischen Gipfeln geschah, da sie Gttinnen waren, mit leichten, die Erde nicht belastenden Fen: das ihnen Verbrgte nimmt uns die Schwere des Krpers, die Schwere des Menschenschicksals nicht. Auch aus der Tiefe des Blutbrunnens unter mir stieg dumpfer, betubender Wahnsinn auf. Indem man die grausame Forderung des sonst wohlttigen Gottes im Bocksopfer sinnbildlich darstellte, und im darauffolgenden, hheren Sinnbild gotterfllter dramatischer Kunst, gaben die Felsen den furchtbaren Schrei des Menschenopfers unter der Hand des Rchers, den dumpfen Fall der rchenden Axt, die Chorklnge der Angst, der Drohung, der schrecklichen Bangigkeit, der wilden Verzweiflung und des jubelnden Bluttriumphes zurck. Es kann nicht geleugnet werden, Tragdie heit: Feindschaft, Verfolgung, Ha und Liebe als Lebenswut! Tragdie heit: Angst, Not, Gefahr, Pein, Qual, Marter, heit Tcke, Verbrechen, Niedertracht, heit Mord, Blutgier, Blutschande, Schlchterei -- wobei die Blutschande nur gewaltsam in das Bereich des Grausens gesteigert ist. Eine wahre Tragdie sehen hie, beinahe zu Stein erstarrt, das Angesicht der Medusa erblicken, es hie das Entsetzen vorwegnehmen, wie es das Leben heimlich immer, selbst fr den Gnstling des Glcks, in Bereitschaft hat. Der Schrecken herrschte in diesem offenen Theaterraum, und wenn ich bedenke, wie Musik das Wesen einfacher Worte, irgend eines Liedes, erregend erschliet, so fhle ich bei dem Gedanken an die begleitenden Tnze und Klnge der Chre zu dieser Mordhandlung eisige Schauder im Gebein. Ich stelle mir vor, da aus dem vieltausendkpfigen Griechengewimmel dieses Halbtrichters zuweilen ein einziger, furchtbarer Hilfeschrei der Furcht, der Angst, des Entsetzens, grlich betubend zum Himmel der Gtter aufsteigen mute, damit der grausamste Druck, die grausamste Spannung sich nicht in unrettbaren Wahnsinn berschlug. Man mu es sich eingestehen, das ganze Bereich eines Tempelbezirks, und so auch diese delphische Bschung, ist blutgetrnkt. An vielen Altren vollzog sich vor dem versammelten Volk die heilige Schlchterei. Die Priester waren vollkommene Schlchter, und das Rcheln sterbender Opfertiere war ihnen die gewhnlichste und ganz vertraute Musik. Die Jammertne der Schlachtopfer machten die Luft erzittern und weckten das Echo zwischen den Tempeln und um die Statuen her: sie drangen bis ins Innere der Schatzhuser und in die Gesprche der Philosophen hinein. Der Qualm der Altre, auf denen die Ziege, das Schaf mit der Wolle verbrannt wurde, wirbelte quellend an den roten Felsen hinauf, und ich stelle mir vor, da dieser Qualm, sich zerteilend, das Tal berdeckte und so die Sonne verfinsterte. Der Opferpriester, mit Blut besudelt, der einem Zyklopen gleich das geschlachtete Tier zerstckte und ihm das Herz aus dem Leibe ri, war dem Volk ein gewhnlicher Anblick. Er umgo den ganzen Altar mit Blut. Diese ganze Schlachthausromantik in solchen heiligen Bezirken ist schrecklich und widerlich, und doch ist es immer vor allem der sliche Dampf des Bluts, der die Fliegen, die Gtter des Himmels, die Menge der Menschen, ja sogar die Schatten des Hades anzieht. In alledem verrt sich mir wiederum der Hirtenursprung der Gtter, ihrer Priester und ihres Gottesdienstes, denn das Blutmysterium mute sich den Jgerhirten zuerst aufschlieen und dem Hirten mehr als dem Jger in ihm, wenn er, friedlich, friedlich von ihm gehtete, zahme Tiere abschlachtete, zuerst das Grausen und hernach den festlichen Schmaus geno. Wir sind den steilen Abhang des delphischen Tempelbezirks bis an den obersten Rand emporgeklommen. Ich bin erstaunt, hier, wo aus dem scheinbar Unzugnglichen die rote unzugngliche Felswand sich erhebt, auf eine schne, eingeschlossene Flche zu stoen, hier oben, gleichsam in der Gegend der Adlernester, zwischen Felsenklippen, auf ein Stadion. Es ist still. Es ist vollkommen still und einsam hier. Das schne Oblong der Rennbahn, eingeschlossen von den roten Steinen der Sitzreihen, ist mit zarten Grsern bedeckt. Inmitten dieser verlassenen Wiese hat sich eine Regenlache gebildet, darin man die roten Umfassungsmauern des Felsendomes, mit vielen gelben Blumenbscheln widergespiegelt sieht. Ist nicht das Stadion dann am schnsten, wenn der Lrm der Ringer und Renner, wenn die Menge der Zuschauer es verlassen hat? Ich glaube, da der gttliche Priester Apolls, Plutarch, oft, wie ich jetzt, im leeren Stadion der einzige Zuschauer war und den Gesichten und Stimmen der Stille lauschte. Es sind Gesichte von Jugend und Glanz, Gesichte der Kraft, Khnheit und Ehrbegier, es sind Stimmen gottbegeisterter Snger, die unter sich wetteifernd den Sieger oder den Gott preisen. Es ist der herrlichste Teil der griechischen Phantasmagorie, die hier fr den nicht erloschen ist, der gekommen ist, Gesichte zu sehen und Stimmen zu hren. Die schrecklichen Dnste des Blutbrunnens drangen nicht bis in dieses Bereich, ebensowenig das Todesrcheln der Menschen- und Tieropfer. Hier herrschte das Lachen, hier herrschte die freie, von Erdenschwere befreite, kraftvolle Heiterkeit. Nur im Stadion, und ganz besonders in dem zu Delphi, das ber allen Tempeln und allen Altren des Gtterbezirks erhaben ist, atmet man jene leichte, reine und himmlische Luft, die unseren Heroen die Brust mit Begeisterung fllte. Der Schrei und Ruf, der von hier aus ber die Welt erscholl, war weder der Ruf des Hirten, der seine Herde lockt, noch war es der wilde Jagdruf des Jgers: es war weder ein Racheschrei noch ein Todesschrei, sondern es war der wild glckselige Schrei und Begeisterungsruf des Lebens. Mit diesem gttlichen Siegesruf der lebendigen Menschenbrust begrte der Grieche den Griechen ber die Fjorde und Fjelle seines herrlichen Berglands hinweg, dieses Jauchzen erscholl von Spielplatz zu Spielplatz: von Delphi hinber nach Korinth, von Korinth nach Argos, von Argos bis Sparta, von Sparta hinber nach Olympia, von dort gen Athen und umgekehrt. Ich glaube, nur vom Stadion aus erschliet sich die Griechenseele in alledem, was ihr edelster Ruhm und Reichtum ist; von hier aus gesehen, entwickelt sie ihre reinsten Tugenden. Was wre die Welt des Griechen ohne friedlichen Wettkampf und Stadion? Was ohne olympischen lzweig und Siegerbinde? eben das gleiche erdgebundene Chaos brtender, ringender und quellender Mchte, wie es auch andere Vlker darstellen. Es wird mir nicht leicht, diesen schwebenden und versteckten Spielplatz zwischen parnassischen Klippen zu verlassen, der so wundervoll einsam und wie fr Meditationen geschaffen ist. Hier findet sich der sinnende Geist gleichsam in einen nhrenden Glanz versenkt, und der Reichtum dessen, was in ihn strmt, kann in seiner berflle kaum bewahrt und behalten sein. Man mte vom Spiel reden. Man mte das eigene Denken der Kinder- und Jnglingsjahre heraufrufen und jener Wegeswendung sich erinnern, wo man in eine mimutige und freudlose Welt einzubiegen gezwungen war, die das Spiel, die hchste Gabe der Gtter, verpnt. Man knnte hervorheben, da bei uns mehr Kinder gemordet werden, als jemals in irgendeinem Bethlehem von irgendeinem Herodes gemordet worden sind: denn man lt nie das Kind bei uns gro werden, man ttet das Kind im Kinde schon, geschweige, da man es im Jngling und Manne leben liee. Nackt wurde der Sieger, der Athlet oder Lufer dargestellt, und ehe Praxiteles, ehe Skopas seine Statuen bildete, entstanden ihre Urbilder hier im Stadion. Hier ist fr die Schnheit und den Adel der griechischen Seele, fr Schnheit und Adel des Krpers der Muttergrund. Hier wurde das schon Geschaffene umgeschaffen, das Umgeschaffene zum ewigen Beispiel und auch als Ansporn fr hhere Artung in Erz oder Marmor dargestellt. Hier hatte die Bildung ihre Bildsttte, wenn anders Bildung das Werk eines Bildners ist. Wer je sein Ohr an die Wnde jener Werkstatt gelegt hat, deren Meister den Namen Goethe trug, der wird erkennen, da nicht nur Wagner, der Famulus, den Menschen mit Gttersinn und Menschenhand zu bilden und hervorzurufen versuchte: alles Sinnen, Grbeln, Wirken, Dichten und Trachten des Meisters war eben demselben Endzweck rastlos untertan. Und wer nicht in jedweder Bildung seines Geistes und seiner Hnde das glhende Ringen nach Inkarnation des neuen und hheren Menschen sprt, der hat den Magier nicht verstanden. Es ist bekannt, wie gewissen griechischen Weisen, und so dem Lykurg! Bildung ein Bilden im lebendigen Fleische, nicht animalisch unbewut, sondern bewut mit Gttersinn und Menschenhand bedeutete. Was wre ein Arzt, der seine Kranken bekleidet sieht, und was ein Erzieher, dem jener Leib samt dem Geiste, dem er hhere Bildung zu geben beabsichtigt, nicht nackt vor der Seele stnde? Aus dem Grunde der Stadien sproten, nackt, die athletischen Stmme einer gttlichen Saat des Geistes hervor. Und hier, auf dem Boden des delphischen Stadions, gebrauche ich nun zum ersten Male in diesen Aufzeichnungen das Wort Kultur: nmlich als eine fleischliche Bildung zu kraftvoll gefestigter, heiterer, heldenhaft freier Menschlichkeit. Zwei Vgel, unsern Zeisigen hnlich, strzen sich pltzlich aus irgend einem Schlupfloch der Felsen quirlend herab und lschen den Durst aus dem Spiegel der Lache vor mir im Stadion. Ihr piepsendes Spiel weckt Widerhall, und das winzige Leben, der sorglose, dnne Lrm der kleinen Geschpfe, die niemand strt, offenbaren erst gleichsam das Schicksal dieser Sttte in seiner ganzen Verwunschenheit. Whrend ich auf die grne Erde hinstarre und der Fe jener zahllosen Lufer und Kmpfer gedenke, aller jener gttergleichen, jugendlich kraftvoll schnen Hellenen, die sie erdrhnen machten, vernehme ich wiederum aus den Felsen den gewaltigen Widerhall von Geruschen, die mir verborgen sind. Aus irgend einem Grunde erhebe ich mich, rufe laut und erhalte ein sechsfaches mchtiges Echo: sechsfach schallt der Name des delphischen Gottes, des Python-Besiegers, aus dem Inneren der Berge zurck. Ich bin allein. Die dmonische Antwort der alten parnassischen Wnde hat bewirkt, da mich die Kraft der Vergangenheit mit ihren triumphierenden Gegenwarts-Schauern durchdringt und erfat und da ich etwas wie ein Bad von Glanz und Feuer empfinde. Beinahe zitternd horche ich in die neu hereingesunkene, fast noch tiefere Stille hier oben hinein. Der Morgen ist frisch. Wir schrieben den ersten Mai ins Fremdenbuch. Vor der Tre des Gasthauses warten schbige Esel und Maultiere, die uns nach Hossios Lucas bringen sollen. Ins Freie tretend, beginne ich mit letzten Blicken Abschied zu nehmen. Ich begre die Kiona, den weien Gipfel des Korax-Gebirges, dort, wo die Dorfstrae, wie es scheint, in den Luftraum verluft. Ich begre drei kleine Mdchen, die, trdelnd, ebenso viele Schfchen vor sich her treiben, begre sie mit einer ihnen unverstndlichen Herzlichkeit. Eines der hbschen Kinder kt mir zum Dank fr ein kleines, unerbetenes Geschenk die Hand. Wir lassen die Muler voranklingeln. Wieder schreiten wir an den Felsen vorber, mit den Hhlungen leerer Grber darin, und wieder erschliet sich dem Auge die steinigte Bschung des delphischen Tempelbezirks. Wer alles dieses tiefer begreifen wollte, mte mehr als ein flchtiger Wanderer sein. Immerhin sind mir auch hier die Steine nicht stumm gewesen. Wir haben den Grund von Delphi, der Stadt, die unterhalb unseres Weges lag, ber allerlei Mauern und Treppchen kletternd, durchstreift, und whrend wir jetzt unsere Reise fortsetzen, zieht uns das Leuchten der Tempeltrmmer, zwischen tausendjhrigen lbumen, zieht uns der weie Marmor umgestrzter Sulen an. An den kastalischen Wassern nehmen wir wiederum einen kleinen Aufenthalt. Ich habe mich auf einen groen Felsblock niedergelassen, in der wundervoll hallenden und rauschenden Kluft, den Felsenbassins jenes alten Brunnen- und Baderaums gegenber, wo die delphischen Pilger von einst sich reinigten. Ein Tempelchen, mit Nischen der Nymphen, war grottenartig in die Felswand gestellt. Heut sind die Bachlufe arg verunreinigt, die Wasserbecken mit Schlamm gefllt. Oben durch die feuchte und kalte Klamm fliegen lange Turmschwalben und jagen einander mit raubvogelartigem, zwitscherndem Pfiff. Wir wiegen uns nun bereits eine gute Weile auf unseren Maultieren. Der Weinstock, das Gewchs des Dionysos, begleitet uns in wohlgepflegten, wohlgeordneten Feldern die parnassischen Hhen hinan. Immer wieder begegnen uns wollige Herden mit ihren Hirten. Ich bemerke pltzlich den mir von gestern bekannten stattlichen Weibart auf dem Bauche im Grase liegend am Straenrand und empfinde mit ihm, was sein leise ironisches, berlegen lachendes Antlitz zum Ausdruck bringt. Hinter dem Patriarchen steigen seine Herden zwischen Rainen, Steinen und saftigen Grsern umher und fllen die Luft mit der Glockenmusik seines reichen Besitzes. Die Sonne strahlt, der Tag wird hei. Schon im Altertum wurden solche Wege wie diese auf Mulern zurckgelegt. So wird auch das Um und An einer Bergreise, an Rufen, Geruschen und Empfindungen, nicht anders gewesen sein, als es heute ist. Maultiere haben die Eigentmlichkeit, am liebsten nicht in der Mitte des Weges, sondern immer womglich an steilen Rndern zu schreiten: was dem ungewohnten Reiter zuweilen natrlich Schwindel erregt. Allmhlich gewinne ich im Vertrauen auf das sich mehr und mehr entfaltende Klettertalent meines Reittieres eine gewisse, schwindelfreie Sorglosigkeit. Immer wilder und einsamer wird die Berggegend, bis hinter Arachova die Einde, das heit die parnassische Hhenzone beginnt. Von der gesamten sdlichen Flora ist nichts brig geblieben. Der letzte Weinstock, der letzte Feigenbaum, die letzte Olive liegt hinter uns. Nun aber tut sich ein weiter und grner Gebirgssattel vor uns auf, von jener gesunden, alpinen Schnheit, die ebenso heimatlich, als ber alles erquickend ist. Der weite Pa, mit flach geschweifter, beinahe ebener Grundflche, ist Weideland: das heit, ein saftiger Wiesenplan, auf dem der Huf des schreitenden Maultiers lautlos wird und der Pfad sich verliert. Das helle, ruhige Grn dieser schnen Alm ist eine tiefe Wohltat fr Auge und Herz, und der starke, dster-trotzige Fhrenstand, der die steile Flanke einer nahen Bergwand hinaufklettert, fordert heraus, ihm nachzutun. Ich wei nicht, was in dieser Landschaft so fremdartig sein sollte, da man es nicht in den deutschen Alpengebirgen, um diese oder jene Sennhtte her, ebenso antreffen knnte, und doch wrde der gesunde Jodler des einsamen Sennen hier einen Zauber vernichten, der unaussprechlich ist. Das hurtige Glckchen des Maultieres klingelt am Rand einer teichartig weit verbreiteten Wasserlache dahin, die, in den hellen Smaragd der Bergwiese eingefgt, den blauen Abgrund des griechischen Himmels, die ernste Wand der wetterharten Apollofhren, und das hastende, kleine Vgelchen in einem ruhigen Spiegel wiedergibt. ber die Art, wie fr den, der sich einmal in das Innere des Mythos hineinbegeben hat, jeder neue sinnliche Eindruck wiederum ganz unlslich mit diesem Mythos verbunden wird und ihn zu einer fast berzeugenden Wahrheit und Gegenwart steigert, mchte manches zu sagen sein. Es betrfe nicht nur den Proze eines glubigen Wiedererweckens, sondern jenen, durch den die menschliche Schpfung der Welt berhaupt entstanden ist, es betrfe das Wesen jener zeugenden Kraft, die im dichtenden Genius eines Volkes lebendig ist und darin sich die Seele des Volkes verklrt. Pltzlich taucht in der panisch beinahe bengstigenden, nordischen Vision von Bergeinsamkeit die wilde Gestalt eines brtigen Hirten auf, der uns in schneller Gangart, fnf schwarze Bcke vor sich hertreibend, von jenseit, ber die grne Matte entgegenkommt. Die schnen Tiere, die von gleicher Gre und, wie gesagt, schwarz wie Teufel sind, machen den berraschendsten Eindruck. Noch niemals sah ich ein so unwahrscheinliches Fnfgespann. Wer wollte da, wenn eine auserlesene Koppel solcher Bcke, wie zum Opfer gefhrt, ihm entgegenkommt, und zwar ber einen parnassischen Weidegrund, die Nhe des Gottes ableugnen, der einst durch Zeus in die Gestalt eines Bockes verwandelt ward, um ihn vor Heres Rache zu schtzen, und dem diese Hhen geheiligt sind. Wie diese Tiere einhertrotten, unwillig, durch den rauhen Treiber mehr gestrt als in Angst versetzt, mit dem bse funkelnden Blick beobachtend, jeder mit seinem zottligen Bart, jeder unter der Last und gewundenen Krnung eines gewaltigen Hrnerpaares, scheinen sie selber inkarnierte Dmonen zu sein, und in wessen Seele nur etwas von dem alten Urvter-Hirten-Drama noch rumort, der fhlt in diesem klassischen Tier einen wahrhaft dmonischen Ausdruck zeugender Krfte, dem es leider auch seinen Blocksberg-Verruf in der verderbten Weltanschauung der christlichen Zeit zu verdanken hat. Wir besteigen nach kurzer Rast unsere Maultiere, die wiederum mager, schbig und scheinbar kraftlos, wie zu Anfang der Reise dastehen. Das unscheinbare uere dieser Tiere tuscht uns nicht mehr ber den Grad ihrer Zhigkeit. Zur Linken haben wir nun eine rtlich graue, senkrechte Wand parnassischer Felsmassen, deren Rand einen Giebach aus groer Hhe herabschttet. Es ist ein lautloser Wasserfall, der, ehe er noch den Talgrund erreicht, in Schleiern verweht. Die Maultiere mssen neben dem Lauf eines ausgetrockneten Felsenflubettes abwrts klettern und erweisen, mehr und mehr erstaunlich fr uns, ihre wundervolle Geschicklichkeit. Man wrde vielleicht von diesen Felstlern sagen knnen, da sie Einden sind, wenn ihre zitternde, leuchtende und balsamische Luft nicht berall von den wasserartig glucksenden Lauten zahlloser Herdengelute erfllt wre. Der Paris-artige Knabe, der vorhin, whrend wir Rast hielten, mit zwitschernden Lauten unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, war ein Hirt. Hoch auf der Spitze eines vereinzelten Felskegels, der an der Kreuzungsstelle einiger Hochtler sich erhebt, steht, gegen den Himmel scharf abgegrenzt, wiederum ein romantisch drapierter Ziegenhirt, mit dem landesblichen Hirtenstabe. Sofern uns ein Mensch begegnet, ist es ein Hirt, sofern unser Auge in der felsigten Wildnis Menschengestalt zu unterscheiden vermag, unterscheidet es auch ringsum sogleich ein Gewimmel von Schafen oder Thymian rupfenden Ziegen. In einem Engpa, durch den wir mssen, hat sich ein Strom von dicker, wandelnder Wolle gestaut, der sich, wohl oder bel, vor den Hufen des langsam schreitenden Maultiers teilen mu. Der Reiter streift mit den Sohlen ber die braunen Vliese hin, nachdem die Leitbcke ihre gewaltigen, tiefgetnten Glocken antiker Form, feurig glotzend, ungndig prustend, vorber getragen haben. Diese steinigten Hochtler, zwischen Parna und Helikon, erklingen -- nicht von Kirchengelut! -- aber sie sind bestndig und berall durchzittert vom Klange der Herdenglocken. Sie sind von einer Musik erfllt, die das berall glucksende, rinnende, pltschernde Element einer echten parnassischen Quelle ist. Ob nicht vielleicht die Glocke unter dem Halse des weidenden Tieres, die Mutter der Glocke im Turme der Kirche ist, die ja, ins Geistige bertragen, den Parallelismus zum Hirtenleben nirgend verleugnen will? Dann wre es von besonderem Reiz, den appollinischen Klang zu empfinden, den alten parnassischen Weideklang, der in dem Gedrhne stdtischer Sonntagsglocken enthalten sein mte. Im Klangelement dieser parnassischen Quelle, dieses Jungbrunnens, bade ich. Es beschleicht mich eine Bezauberung. Ich fhle Appollon unter den Hirten und zwar in schlichter Menschengestalt, als Schferknecht, wie wir sagen wrden, so, wie er die Herden des Laomedon und Admetos htete. Ich sehe ihn, wie er in dieser Gestalt jede gewhnliche Arbeit des Hirten verrichten mu, dabei gelegentlich Muse vertilgt und den Eidechsen nachstellt. Ich sehe ihn weiter, wie er, hnlich mir, in der lieblich monotonen Musik dieser Tler gleichsam aufgelst und versunken ist und wie es ihm endlich, besser als mir, gelingt, die Chariten auf seine Hand zu nehmen. Chariten, musische Instrumente tragend, auf der Hand, war er zu Delphi dargestellt. Vorsichtig schreitet mein Reittier ber eine groe Schildkrte, die von den Treibern nicht beachtet wird; ich lasse sie aufheben und die lachenden Aggogiaten reichen mir das, zwischen gewaltigen Schildpattschalen, lebhaft protestierende Tier. Ich sehe an den Mienen der Leute, da die Schildkrte unter ihnen sich der Popularitt eines allbeliebten Komikers zu erfreuen hat, eines lustigen Rats, ber den man lacht, sobald er erscheint und bevor er den Mund ffnet. In das Vergngen der Leute mischt sich dabei eine leise Verlegenheit, wie sie den ernsten Landmann unverkennbar berschleicht, der auf den Holzbnken einer Jahrmarktsbude sein Entzcken ber die albernen Spe des Hanswurst nicht zu verbergen vermag. Auch fhlt man heraus, wie das schne Tier nicht minder geringschtzt, ja verachtet ist, als beliebt: eine Verachtung, eine Geringschtzung, die in seinem friedlichen Wesen und seiner Hilflosigkeit gegenber den Menschen, trotz seines doppelten Panzers, ihren Ursprung hat. Als er sie sah, da lacht er alsbald und sagte die Worte: Du glckbringendes Zeichen, ich schmhe dich nicht, sei willkommen. Freudegeberin heil! Gesellin des Tanzes und Schmauses. Als er sie sah, da lacht er alsbald! nmlich Hermes, der Gott, vor Zeiten. Ganz so ergreift unsere kleine Reisegesellschaft beim Anblick des klassischen Tieres unwiderstehliche Heiterkeit. Wir ziehen weiter, nachdem wir das alte homerische Lachen, das Lachen des Gottes, zu Ende gelacht haben. Aber wir tten nicht, wie Hermes, das Tier, sondern nehmen es lebend unter unseren Gepckstcken mit. Ich denke darber nach, wie wohl die Leier ausgesehen und wie wohl geklungen hat, die Hermes aus dem Panzer der Schildkrte und aus Schafsdrmen bildete und die in den Hnden Apolls ihren Himmel und Erde durchhallenden Ruhm gewann. Aber wir sind nun in sengenden Gluten des Mittagslichts zu einem wirklichen, reichlich Wasser spendenden parnassischen Brunnen gelangt, aus dem die Tiere und Treiber gierig trinken. Dicke Strahlen kstlichen Wassers strzen aus ihrer gemauerten Fassung hervor und rauschend und brausend in das steinerne Becken hinein. Es ist wie ein Reichtum, der sich hier ausschttet, der nirgends so, als in einem heien und wasserarmen Lande empfunden wird. Wir ruhen aus in dem wohligen Lrm und dem khlen Gestube des lebenspendenden Elementes. Das Kloster Hossios Lukas bietet uns Quartier fr die Nacht. Vom behbigen Prior empfangen, geleitet von dienstfertigen Mnchen, treten wir, durch ein kleines Vorgrtchen, ohne Treppen zu steigen, ins Haus. Gleich linker Hand ist ein Zimmer, das uns berwiesen wird. Auf den gebrechlichen Holzaltan des Zimmerchens tretend, blicken wir in den tiefen Klosterhof und zugleich ber die Dcher der Mnchskasernen in das vollkommen einsame, wilde Hochtal hinaus. Eng und nur wenig Hofraum lassend, sind die Klostergebude in, wie es scheint, geschlossenem Kreis um eine alte byzantinische Kirche gestellt, die sie zugleich beschtzen und liebevoll einschlieen. Das Hauptportal der Kirche liegt schrg in der Tiefe unter uns. Wir knnen mit den nahen Wipfeln alter Zypressen Zwiesprache halten, die seit Jahrhunderten Wchter vor diesem Eingang sind. Der Prior wnscht uns die Kirche zu zeigen, die innen ein trauriges Bild der Verarmung ist. Reste von Mosaiken machen wenig Eindruck auf mich, desto mehr ein Geldschrank, der, an sich befremdlich in diesem geweihten Raum, zugleich ein wunderlicher Kontrast zu seinem kahlen, ausgepoverten Zustand ist. Dem Prior geht ein jugendlich schner Mnch mit weiblicher Haartracht an die Hand. Er ffnet Truhen und Krypten mit rostigen Schlsseln. Das Auge des jungen Mnches verfolgt uns unablssig mit bohrendem Blick. Als wir jetzt wiederum auf dem Balkon unseres Zimmers sind, taucht er auf einem nahen Altane neugierig auf. Whrend ber den Dchern und in der Wildnis drauen noch Helle des sinkenden Tages verbreitet ist, liegt der Hof unter uns bereits in nchtlicher Dmmerung. Ich horche minutenlang in die wundervolle Stille hinunter, die durch das Gepltscher eines lebendigen Brunnens nur noch tiefer und friedlicher wird. Mit einem Male ist es, als sei die Seele dieser alten winkligen Gottesburg aus tausendjhrigem Schlummer erwacht. Arme werden hereingelassen und es wird von den Brdern unterm Klosterportale ziemlich geruschvoll Brot verteilt. Nach einigem Rufen, Treppengehen und Trenschlieen tritt wieder die alte verwunschene Stille ein, mit den einsamen Lauten des Rhrenbrunnens. Dann klappert die dicke Bernsteinkette des freundlichen Priors unten im Hof. Man hrt genau, wie er sein Spielwerk gewohnheitsgem bearbeitet, das heit die Bernsteinkugeln ununterbrochen durch die Finger gleiten lt und gegeneinander schiebt. Ich gehe zur Ruhe, im Ohre feierlich summenden Megesang, der schwach aus dem Innern der Kirche dringt. Der Aufbruch von Hossios Lukas geschieht unter vielen freundlichen Worten und Blicken der Mnche, die um uns versammelt sind. Ich komme eben von einer schnen Terrasse des Klosters zurck, die, inmitten der steinigten denei, von alten, vollbelaubten Platanen beschattet ist. Terrassen fr den Gemsebau setzten sich in die Tiefe fort und hie und da sind dem Felsenschutt des verlassenen Tales Wiesen und Ackerstreifen abgerungen. Ich sah die kleinen Mdchen fr alles der lteren Brder und Patres mit Besen und Wassereimern in lebhafter Ttigkeit, die Patres selber, wie sie rotkarrierte Betten auf ihren morschen Balkonen ausbreiteten. Die kleinen Mdchen fr alles sind junge Lehrlinge, deren schnes, langes Haar, wie das von Mdchen, im Nacken zu einem Knoten aufgenommen ist. Es ist ein wolkenlos heiterer Morgen mit einer frhlingshaften Wonne der Luft, die gttlich ist und die in jedem Auge wiederleuchtet. Noch klingt mir der Gru des Bruders Kper, sein frisches [Griechisch: Kalimera] im Ohr, womit er mich grte, als ich unten am Brunnen vorberging, wo er trllernd ein Weinfa reinigte. Es war ein Gru, der ebenfalls von dem frischen Glck dieses Morgens widerklang. Kaum hat unsere kleinere Karawane sich nur ein wenig, zwischen Gebschen von Steineichen hintrottend, aus dem Bereich des Klosteridylls entfernt und schon umgibt uns wieder das alte ewige Hirtenidyll. Ich unterscheide mit einem Blick vier einzelne Schafherden, deren Gelute herberdringt, und pltzlich erscheinen, Wlfen gleich, gewaltige Schferhunde ber uns an der Wegbschung. Man scheucht sie mit groen Steinen zurck. Wir biegen nach einem lngeren Ritt in ein abwrts fhrendes, enges Tal, das, wie es scheint, recht eigentlich das Dionysische ist. Wir mssen zunchst durch eine gedrngte Herde schwarzer Ziegen frmlich hindurchschwimmen, unter denen sich prchtige Bcke auszeichnen, jenen hnlich, die ich auf der Hhe des Passes sah. Und wie ich die Blicke ber die steinigten Talwnde forschend ausschicke, sehe ich sie mit schwarzen Ziegen, wie mit berall hngenden, kletternden, kleinen schwarzen Dmonen bedeckt. Der Eingang des schwrzlich wimmelnden Tales wird von dem vollen Glanz des Parnasses beherrscht, der aber endlich dem Auge entschwindet, je weiter wir in das Tal hinabdringen: das Tal der Dmonen, das Tal des Dionysos und des Pan, das immer mehr und mehr von gleichmig schwarzen Ziegen wimmelt. Wohl eine Viertelstunde lang und lnger ziehen wir mitten durch die Herden dahin, die zu beiden Seiten unseres gestrppreichen Pfades schnauben, Steineichenbltter abrupfen und hie und da leise meckern dazu. berall raschelt, reit, stampft und prustet es zwischen den Felsen, in den Gebschen: da und dort wird ein Glckchen geschlenkert. Mitunter kommen wir in ein ganzes Glockenkonzert hinein, dessen Lrm das gesprochene Wort verschlingt. Ich habe, auf meinem Maultier hngend, Augenblicke, wo mir dies alles nicht mehr wirklich ist. Ein alter Knecht und Geschichtenerzhler fllt mir ein, der mir in lndlichen Winterabenden hnliche Bilder als Visionen geschildert hat. Er war ein Trinker, und als solcher ja auch verknpft mit Dionysos. In seinen Delirien sah er die Welt, je nachdem, von schwarzen Ziegen oder Katzen erfllt, wobei er von alpdruckartiger Angst gepeinigt wurde. Der Schritt des Maultiers, die Glocke des Maultiers, allberall das Eindringen dieser fremden Welt, dazu die ungewhnliche Lichtflle, die Existenz in freier Luft, Ermdung des Krpers durch ungewhnliche Reisestrapazen, jagen auch mir einen Anflug von Angst ins Blut. Ich habe vielleicht eine Vision und es ist mir manchmal, als msse ich diese zahllosen schwarzen Ziegen vor meinen Augen wegwischen, denen mein Blick nicht entgehen kann. Ein weites Quertal nimmt uns auf und wie ein Spuk liegt nun die Vision der schwarzglnzenden Ziegen hinter mir. Wir berholen einen reisenden Kaufmann, dessen Maultier von einem kleinen Jungen getrieben wird. So schn und vollstndig, wie nie zuvor, steht der Parna, von dem wir bereits Abschied genommen hatten, vor uns aufgerichtet: ein breiter silberner Wall mit weien Gipfeln. Ich gewinne den Eindruck, der appollinisch strahlende Glanz strmt in das Tal, das der Berg beherrscht. Wir reisen nun schon seit einiger Zeit durch die Ebene hin. Neben flacheren Felsgebieten und einem verzweigten Flubett, das mit Gebschen bewachsen ist, breiten sich Flchen grner Saat, ber denen klangreich die Lerche zittert. Es ist faszinierend, zu sehen, wie der Parna nun wiederum diese Ebene berragt. Auf breitester Basis ruhend, baut sich der gttliche Berg aus eitel Glanz in majesttischer Schnheit auf. Hier wird es deutlich, wie die bezwingende Gegenwart solcher Hhen gttlichen Ruhm vor den Menschen, die sie umwohnen, durchsetzen und behaupten mu. Ich empfinde nicht anders, als stammte der trillernde Rausch des Lerchengeschmetters, das leuchtende Grn der Saaten, der zitternde Glanz der Luft von diesem geheiligten Berge ab und nhre sich nur von seinem Glanze. Oftmals wende ich mich auf meinem Maultier nach der verlassenen Felsenwelt der Hirten und Herden zurck, whrend sich ber mir Parna und Helikon mit dem Glanz ihrer silbernen Helme ber die weite Ebene gren. Flssen doch alle Quellen dieser heiligsten Berge wieder reichlich voll und frisch in die abgestorbenen Gebiete der europischen Seele hinein! Mchte das starre Leuchten dieser olympischen Vision wiederum in sie hineinwachsen und den belriechenden Dunst verzehren, mit dem sie, wie ein schlecht gelftetes Zimmer, beladen ist. Nun sitze ich, von der glhenden Sonne nicht ganz geschtzt, unterm Vordach einer Weinschenke. Parnassische Hirten und Hirtenhunde umgeben mich, unter den wettergebrunten Mnnern sind blonde Kpfe, deren antiker Schnitt unverkennbar ist. Der khne Blick verrt dionysisches Feuer im Blut. Der Bartwuchs, ohne gepflegt zu sein, hnelt in Form, Dichte und Kruselung durchaus gewissen antiken Plastiken, die Helden oder Halbgtter darstellen. Ich teile die Reste meiner Mahlzeit mit einem weien, gewaltigen Schferhund. Und nachdem wir einen Blick auf den schmerzvoll grinsenden Lwen von Cheronea geworfen, ist der parnassische Hirtentraum zu Ende getrumt. Doch nein, an der kleinen Haltestelle der Eisenbahn, die wir erreicht haben, und die von einem Sumpfe voll quakender Frsche umgeben ist, finden wir ein gefesseltes schwarzes Lamm. Es hat, mit dem Rcken nach unten, am Sattel eines Maultieres hngend, eine Reise von zehn Stunden, durch die Hochtler des Parna, von Delphi her, im Sonnenbrande zurckgelegt. Es trgt den Ausdruck hoffnungsloser Fgung im Angesicht. Sein Eigentmer ist jener Kaufmann, den wir berholten, und dessen Maultier ein Knabe trieb. Er wird um sein Osterlamm beneidet und Bahnbeamte treten hinzu, fhlen es ab nach Preis und Gewicht und Fettgehalt. Schlielich legt man das arme, unsglich leidende, schwarze parnassische Lamm, mit zusammengebundenen Fen dicht an die Geleise, damit es leicht zu verladen ist. Ich sehe noch, wie es an seinen Fesseln reit und verzweifelt emporzuspringen versucht, als die Maschine herandonnert und gewaltig an ihm vorberdrhnt. Wir haben Athen verlassen, um ber Korinth, Mykene, Argos und andere klassische Pltze schlielich nach Sparta zu gelangen. Am Nachmittag ist Korinth erreicht, nach lngerer Bahnfahrt, die uns nun schon bekannte Bilder wiederum vor die Augen gefhrt hat, darunter flchtige und doch warme Eindrcke von Eleusis, Megara, dem schnen Isthmus und der Eginetischen Bucht. Ein Wagen fhrt uns unweit vom Rande des Golfes, dem Fue von Akrokorinth entgegen, einer drohenden Felsmasse, die von den Resten roher Befestigungen verunziert ist. ber den Golf herber weht eine frische, fast nordische Luft, aus der Gegend des Helikon, dessen leuchtender Gipfel schemenhaft sichtbar bleibt. Der Wagen rollt auf schlechten Feldwegen zwischen grnen Saaten dahin. Der korinthische Knabe hatte fr Krper und Geist einen weiten, unsglich mannigfaltigen Tummelplatz. Den furchtbarsten Burgfelsen ber sich, schwamm er im Lrm und Getriebe einer Hafenstadt, die im weiten Kreise von grnen oder nackten Hgeln umgeben war. berall erlangte sein Blick die geheiligten Hhen der Gtter- und Hirtenwelt, die wiederum bis in das Herz der Stadt hineinreichte. Fr Wanderungen oder Fahrten taten sich Peloponnes und Isthmus auf und auf diesem herrlichen Erdenfleck geno er die gleichsam geborgene Schnheit eines sdlichen Alpensees und auch die grenzenlose Wonne des freieren Meeres. Wir besteigen Pferde, und diese erkletterten nun mhsam den Felsen von Akrokorinth, der mehr und mehr, je weiter wir an ihm hinaufkriechen, wie eine verdammte Sttte erscheint: ein dsteres Tor durch einen Ring von Befestigungsmauern, fhrt in ein des Felsenbereich. Wir sind -- die Pferde haben wir vor dem ersten Tore zurckgelassen! -- einer zweiten Ringmauer gegenbergestellt, die abermals ein Tor durchbricht. Eilig klimmen wir weiter aufwrts: eine weiliche Sonne hat sich schon nahe bis an den Horizont herabgesenkt. Kalter Bergwind fegt durch ein zweites ungeheures Trmmerbereich, und wir finden uns vor dem engsten jener Mauerringe, die den Gipfel des Festungsberges einschlieen. Diesen Gipfel erkletterten wir nun durch ein drittes Tor. Es ist eine Wstenei, ein Steinchaos. Fremd und schon halb und halb in Schatten gesunken, liegt die gewaltige Bergwelt des Peloponnes unter uns. Wir eilen, aus dieser entsetzlichen Zwingburg durch die Trmmerhfe wieder hinabzukommen. Wirkliches Grauen, wirkliche Angst tritt uns an. Nach den geheiligten Hgeln und Bergen, deren Bereich ich in den letzten Wochen betrat oder wenigstens mit dem Blick erreichte, ist dies der erste, der unter einem unabwendbaren Fluch verdet scheint. Seltsam wie das bange Gefhl, was der nahende Abend einflt mit dem kleinen Kreis sonderbar banger Phantasiegestalten in Einstimmung ist, die fr mich, seitdem ich ein bewuteres Leben fhre, mit dem Namen Korinth verbunden sind. Schon vor etwa achtundzwanzig Jahren, whrend einer kurzen akademischen Studienzeit, drngten sich mir die rtselvollen Gestalten des Periander, seiner Gattin Melissa und des Lykophron, seines Sohnes, auf. Ich darf wohl sagen, da die Tragdie dieser drei Menschen in ihrer unsglich bittersen Schwermut all die Jahre meine Seele beschftigt hat. Periander! Melissa! Lykophron! Periander, auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmhlich hnlich wie Saul, hnlich wie der spartanische Knig Pausanias, in einen finsteren Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen Schicksal groer Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen Dmonen verfolgt werden, die ihnen dahin lockend voranschritten. Er hatte die Einwohnerschaft Korinths von den furchtbaren Felsen herunter terrorisiert und dezimiert. Er hatte Lyside, die Tochter des Tyrannen Prokles, geheiratet, der zu Epidaurus sa. Die Gattin, zrtlich von ihm Melissa genannt, ward spter von ihm aus unbekannten Grnden heimlich ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last gelegt. Prokles, Lysidens Vater, lie eines Tages vor den beiden inzwischen herangewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Shnen Melissens und Perianders, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung von dem Verbrechen des Vaters aufgehen lieen, und diese Ahnung bewirkte nach und nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall. Der groe Britte hat die Tragdie eines Sohnes geschrieben, dessen Mutter am Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die psychologischen Mglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu jeder Tiefe erschpft. Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach berhaupt unerschpflich ist, derart zwar, da er sich selber in immer neuen Formen, aus immer neuen Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist das Problem Periander Lykophron noch rtselvoller und furchtbarer, als es das Rtsel Hamlets und seiner Mutter ist. Dabei hat dieser gttliche Jngling Lykophron mit dem Dnenprinzen hnlichkeit ... man knnte ihn als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet bezeichnen. Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finstrer Entschlossenheit. Whrend Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier -- denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere Herrscher dulden mu, so erreicht er doch die Trennung von allen, das Alleinsein, immer gewi. Er grbt sich meistens jeden gemtischen Zuflu der Seele ab, wodurch sie denn, wie ein Baum bei Drre, qualvoll langsam zugrunde geht. Also whrend Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von Korinth, in seinem Palast auf dem den Burgfelsen, mit den Dmonen und mit dem Schatten Melissens rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm abgekehrt, sondern von Grund aus alles und jedes, auer das Leben! was er ihm zu verdanken hatte -- alles und jedes, was ihm durch Geburt an Glanz und Prunk mit dem Vater gemeinsam war, dermaen grndlich von sich getan, da er, obdachlos und verwahrlost, in den Hallen und Gassen des reichen Korinth umherlungernd, von irgendeinem anderen Bettler nicht mehr zu unterscheiden war. Hier noch wurde er aber von dem allmchtigen Vater mit rcksichtsloser Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch weder Hrte noch Zrtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der vergifteten Liebe abzuschwchen. Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die Eigenart der Tragik, die in der Brust Perianders wtete, da er einen geliebten und bewunderten Sohn, das kstlichste Gut seines spteren Lebens, pltzlich und unerwartet durch den Fluch seiner hlichen Tat vernichtet fand. Damit war ihm vielleicht der einzige Zustrom seines Gemtes abgeschnitten und das Herz des alternden Mannes ward von dem Grauen der groen Leere, der groen de umschrnkt. Ich bin berzeugt, da tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die grauenvollsten Phnomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In solchen Kmpfen kann es geschehen, da glhende Zuneigung und glhender Ha parallel laufen -- da Liebe und Ha in jedem der Kmpfenden gleichzeitig und von gleicher Strke sind: das bedingt die ausgesuchten Qualen und die Endlosigkeit solcher Gegenstze. Liebe verewigt sie, Ha allein wrde sie schnell zum Austrag bringen. Was knnte im brigen furchtbarer sein, als es die Fremdheit derer, die sich kennen, ist? Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acheron, um irgendeine Frage, die ihn qulte, durch den Schatten Melissens beantwortet zu sehen. Melissa dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und erklrte, sie friere, denn man habe bei der Bestattung ihre Kleider nicht mit verbrannt. Als die Boten heimkehrten, hierher nach Korinth, konnte Periander nicht daran zweifeln, da wirklich der Schatten Melissens zu ihnen geredet hatte, denn sie brachten in rtselhaften Worten die Andeutung eines Geheimnisses, dessen einziger Hter Periander zu sein glaubte. Durch dieses Geheimnis wurde ein perverses Verbrechen des Gatten verdeckt, der seine Gattin nicht allein gettet, sondern noch im Leichnam mibraucht hatte: eine finstere Tat, die das schreckliche Wesen des Tyrannen gleichsam mit einem hllischen Strahle der Liebe verklrt. Er lie nun in einem Anfall schwerer Gewissensangst die Weiber Korinths, wie zum Fest in den Tempel der Hera berufen. Dort rissen seine Landsknechte ihnen gewaltsam Zierat und Festkleider ab und diese wurden zu Ehren Melissens, und um ihren Schatten zu vershnen, in spter Totenfeier verbrannt. Periander, Melissa, Lykophron. Es hat immer wieder, whrend beinahe dreier Jahrzehnte, Tage gegeben, wo ich diese Namen lebendig in mir, ja oft auf der Zunge trug. Sie waren es auch, die, Sehnsucht erweckend, vor mir her schwebten, als ich das erstemal den Anker gehoben hatte, um hierher zu ziehen. Auch whrend der kleinen Schiffsreise jngst, durch den Golf von Korinth, hat mein Mund zuweilen diese drei Namen lautlos geformt, nicht minder oft auf der Fahrt nach Akrokorinth. Und hier, im frstelnden Schauder heftiger Windste, auf dem gespenstischen Gipfel des Burgfelsens, habe ich im kraftlosen Licht einer bleichen Sonne, die unterging, die frstelnden Schatten Perianders, Melissens und Lykophrons dicht um mich gesprt. Unten, im Dmmer der Rckfahrt, whrend die Feldgeister ber der in Gerstenhalmen wogenden Grbersttte des alten Korinth sich zu regen beginnen, zuckt im Rdergeroll der nchtlichen Fahrt ein und das andere Bild der lrmenden alten Stadt vor der Seele auf. Mitunter ist alles pltzlich von einer so tosenden Gegenwart, da ich Geschwtz und Geschrei des Marktes um mich zu hren glaubte, und alles dieses mit dem Anblick weiter abgelegener Felder verquickt, die sich rings um den bermchtig hineingelagerten, finsteren Gewalttterfelsen wie Leichentcher weit umherbreiten. Und ohne da dieser tote Dmmer, dieses ewig teilnahmlose Gegenwartsbild verndert wird, sehe ich die Lohe der Totenfeier Melissens nchtlich hervorbrechen und fhle das Fieber, das die leidenschaftliche Kraft des groen Periander auf die Bewohner der geknechteten Stadt bertrgt. Der Heratempel ist vom Geschrei der Weiber erfllt, denen die Bravi die Kleider vom Leibe reien, die Gassen vom Geschrei jener anderen, die nackt und beraubt entkommen sind. Nicht weit vom Tempel, den Blick in den rtlichen Schein der Feuersbrunst mit einem starren Lcheln gerichtet, steht Lykophron: durch Schmerz und die Wollust der Selbstkasteiung fast irrsinnig, das Antlitz durch Hunger und innere Wut verzerrt, aber in diesem Augenblick nicht nur vom Wiederscheine des Feuers, sondern von einem bsen Triumphe verklrt. Rings lrmen und brllen die Leute um ihn: es ist durch Verordnung Perianders aufs strengste verboten, ihn anzureden. Als aber am folgenden Tage Periander selbst dies zu tun unternimmt, erhlt er von seinem Sohne nur diese Antwort: man wird dich in Strafe nehmen, weil du mit Lykophron gesprochen hast. Gegen zwlf Uhr mittags, nachdem wir am Morgen Korinth verlassen haben, befinde ich mich in einer Herberge, von der aus man die argivische Ebene bersieht. Sie ist begrenzt von gewaltigen peloponnesischen Bergzgen und augenblicklich durchbraust von einem heien Wind, der in der blendenden Helle des Mittags die Saatfelder wogen macht. Der Raum, in dem die Kuriere das Frhstck auftragen, hat den gestampften Boden einer Lehmtenne. Er ist zugleich Kaufladen und Weinausschank. Es riecht nach Kattun. Blaue Kattune sind in den Wandregalen aufgestapelt. Dank den Kurieren, die in Athen eine Korporation bilden, herrscht in den Herbergen, die sie bevorzugen, eine gewisse Sauberkeit. Ich bin vor die Tr des kleinen Wirtshauses getreten. Die von den Bergen Arkadiens eingeschlossene Ebene ist noch immer durchbraust von Sturm und steht noch immer in weier Glut. In weilich blendendem Dunst liegt der Himmel ber uns. Die Burg von Argos, Larissa, ist in der Talferne sichtbar, der Boden des Tals ist in weite Gewnde abgegrenzt, die teils von wogender Gerste bedeckt, teils unbestellt und die trockene rote Scholle zeigend, daliegen. Diese Landschaft erscheint auf den ersten Blick ein wenig kahl, ein wenig nchtern in ihrer Weitrumigkeit. Ich bin nicht geneigt, sie als Heimat jener blutigen Schatten anzusprechen, die unter den Namen Agamemnon, Klytmnestra, Tyest und Orestes ruhelos durch die Jahrtausende wandern. Ihre Heimat war im Haupte des schylos und des Sophokles. Die Gestalten der groen Tragdiendichter der Alten sind von einem Element des Grauens getragen und in ihm zu krperlosen Schatten aufgelst. Es ist in ihnen etwas von den Qualen abgeschiedener Seelen enthalten, die durch die unwiderstehliche Macht einer Totenbeschwrung, zu einer verhaten Existenz im Lichte gezwungen sind. Auf diese Weise wecken sie die Empfindung in uns, als stnden sie unter einem Fluch, der ihnen aber, so lange sie noch als Menschen unter Menschen ihr Leben lebten, nicht anhaftete. Der schlichte Eindruck einer realen landschaftlichen Natur bei Tageslicht widerlegt jeden Fluch und zwingt der bis zum Zerreien berspannten Seele den Segen natrlicher Mae auf. Den Tragikern bleibt in dieser Beziehung Homer vollkommen gesondert gegenbergestellt. Seine Dichtungen sind keine Totenbeschwrungen. ber seinen Gedichten ist nirgend das Haupt der Medusa aufgehngt. Gleicht das Gedicht des Tragikers einem Klagegesang -- seines gleicht berall einem Lobgesang, und wenn das Kunstwerk des Tragikers von dem Element der Klage, wie von seinem Lebensblute durchdrungen ist, so ist das Gedicht Homers eine einzige Vibration der Lobpreisung. Die dichtende Klage und heimliche Anklage und das dichtende Lob, wer kann mir sagen, welches von beiden gttlicher ist? Die Tragdie ist immer eine Art Hllenzwang. Die Schatten werden mit Hilfe von Blut gelockt, gewaltsam eingefangen und brutal, als ob sie nicht Schatten wren, durch Schauspieler ins reale Leben gestellt: da mssen sie nun nichts anderes als ihre Verbrechen, ihre Niederlagen, ihre Schande und ihre Bestrafungen ffentlich darstellen. Hierin verfhrt man mit ihnen erbarmungslos. Seit Beginn meiner Reise liegt mir eine wundervolle Stelle der Odyssee im Sinn. Der Sonnengott, dem man seine geliebte Rinderherde gettet hat, klagt die Frevler, die es getan haben, die Genossen des Odysseus, im Kreise der Gtter an und droht, er werde, sofern man ihn nicht an den Ttern rche, fortan nicht mehr den Lebenden, sondern den Toten leuchten: Ben die Frevler mir nicht vollgtige Bue des Raubes; Steig' ich hinab in Ades Reich, und leuchte den Toten! Wer wollte diese erhabenste und zugleich herrlichste Drohung in ihren berwltigenden Aspekten nicht empfinden. Es ist nicht mehr und nicht weniger als der ganze Inhalt eines knftigen Welt-Epos, dessen Dante geboren werden wird. Aber wenn nicht mit der ganzen apollinischen Lichtgewalt, so doch mit einem Strahle davon erscheinen die Gestalten Homers beglckt und sind damit aus dem Abgrund der Toten zu neuem Leben geweckt worden und es ist nicht einzusehen, warum der Gott nicht auch dem dramatischen Dichter einen von seinen Strahlen leihen sollte. Ist doch das Dramatische und das Epische niemals rein getrennt, ebensowenig wie die Tendenzen der Zeit und des Ortes. Und wer wte nicht, wie das Epos Homers zugleich auch das gewaltigste Drama und Mutter zahlloser spterer Dramen ist. Wenn wir einen Durchbruch des apollinischen Glanzes in die Bereiche des Hades als mglich erachteten, so mchte ich die Tragdie, cum grano salis, mit einem Durchbruch der unterirdischen Mchte, oder mit einem Vorsto dieser Mchte ins Licht vergleichen. Ich meine damit die Tragdie seit schylos, von dem es heit, da er es gewesen ist, der den Erinnyen Schlangen ins Haar geflochten hat. Nehmen wir an, die Tragdie habe dem gleichen Instinkt gedient, wie das Menschenopfer. Dann trat allerdings an Stelle der blutigen Handlung der unblutige Schein. Trotzdem in Wahrheit aber Menschenblut nicht vergossen wurde, hatte die bange und schreckliche Wirkung an Macht gewonnen und sich vertieft: derart, da erst jetzt eine chthonische Wolke gewaltsam lastend und verdsternd in den olympischen ther stieg, deren grauenerregende Formen mit den homerischen Lichtgewlken olympischen Ursprungs rangen, und schlielich den ganzen Olymp der Griechen verdsterten. Wir brechen auf, um die Trmmer von Mykene und die unterirdischen Bauten zu sehen, die man Schatzhuser nennt. Ich bin durchaus homerisch gestimmt, wie denn mein ganzes Wesen dem Homerischen huldigt, auch wenn ich nicht des wundervollen Schatzes gedenken mte, der im Museum zu Athen geborgen liegt und der aus den Grbern von Mykene gehoben ist. Wo ist das Blutlicht, mit dem schylos und Sophokles durch die Jahrhunderte rckwrts diese Sttte beleuchteten? Es ist von der Sonne Homers getilgt. Und ich sehe in diesem Augenblick die Greueltaten der Klytmnestra, des Agist und des Orest hchstens mit den Augen des Menelaos in Sparta an, als er dem jugendlichen Telemach, der gekommen ist, nach Odysseus, seinem Vater, zu forschen, davon erzhlt. Aber indessen erschlug mir meinen Bruder ein Anderer Heimlich mit Meuchelmord durch die List des heillosen Weibes ... Dennoch, wie sehr ich auch trauere, bewein' ich alle nicht so sehr Als den einen ... womit er Odysseus -- nicht einmal Agamemnon! -- meint, den lange Vermiten. Wer, der die kerngesunde Knigsidylle jenes Besuches liest, den Telemach in Sparta abstattet, knnte dagegen des Glaubens sein, da der erprobte Held, Mann und Bruder sich sophokleischen Bluttrumen berlassen htte? Zumal, wenn er sagt: Lat uns also des Grams und unserer Trnen vergessen oder wenn Helena bei ihm ruhte, noch immer Die Schnste unter den Weibern. Das Lwentor, der mykenaische Schutthgel und die Hgel ringsum sind von Sonne durchglht und von Sturm umbraust. berall fllt Duft von Thymian und Myrrhen die Luft. Ganz Griechenland duftet jetzt von Thymian und Majoran. In den Kalksteintrmmern der alten Stadt schreien Eulen einander zu, wach und lebhaft, trotz hellblendender Sonne. Wei wie Schlacke liegt Trmmerstck an Trmmerstck. Die Burg hat eine raubnestartige Anlage: in Hgeln versteckt und von hheren felsigen Bergen gedeckt, bersah sie das ganze rossenhrende Argos. Zur Seite hatte sie eine wilde Kluft, die jeden Zugang verhinderte. Es ist von eigentmlichem Reiz, sich nach den mykenaischen Grberfunden in dieser Umgebung ein Leben in ppigkeit und Luxus vorzustellen: Mnner und Frauen, die sich schnrten, und besonders Frauen, deren Toiletten an Glanz und Raffinement der Toilette einer spanischen Tnzerin, die in einem pariser Theater tanzt, gleichgekommen sind. Aber schlielich ist es wieder Homer, der berall den Sinn fr Komfort und Luxus entwickelt und nie vergit, Bder, duftende Betten, reinliches Linnen, hohe und hallende Sle, Schmuck und Schnheit der Weiber, ja sogar den Wohlgeschmack des Getrnks und der Speisen gebhrend zu wrdigen. Die unterirdischen Kuppelbauten, die Pausanias Schatzhuser nennt, sind ihrer eigentlichen Bestimmung nach noch heute ein Rtsel. Sie waren bekannt, wie es scheint, durch das ganze griechische Altertum und wahrscheinlich, so weit sie frei lagen, wie noch heute, erfllt von Bienengesumm. Das Schatzhaus des Atreus, ist vollkommen freigelegt. Die weiche, sausende Chormusik der kleinen honigmachenden Priesterinnen der Demeter, die den unterirdischen Bau erfllt, verbreitet mystische Feierlichkeit. Sie scheinen im Halblicht der hohen Kuppel umherzutaumeln. Sie fliegen, an den unbestrittenen Besitz dieser Rume gewhnt, gegen die Kpfe der Eintretenden. Ihr sonorer Flug bewegt sich mit Gehen und Kommen in eine niedrige Nebenkammer, die sehr wohl eine Grabkammer sein knnte. Aber die Menge der Schatzhuser wrde durch eine Bestimmung als unterirdische Tempelgrber, fr Totenopfer und Totenkult, nicht erklrt. Ich stelle mir aber gern inmitten dieses sogenannten Artreusschatzhauses einen Altar vor und das Feuer darauf, das den Raum erleuchtet und lrmend belebt und dessen Rauch durch die kleine runde ffnung der Kuppel abzieht und oben scheinbar aus der Erde selber hervordringt. Drei Schimmel ziehen unsern Wagen im Galopp durch die Vorstdte von Tripolitza in die arkadische Landschaft hinaus. Der wolkenlose Himmel ist ber weite Ackerflchen gespannt, auf denen Reihen bunter, griechischer Landleute arbeiten. Der Tag wird hei. Die Luft ist erfllt von Froschgequak. Nun, nach einer lngeren Fahrt durch kleine Ortschaften, verlassen wir die Ebene von Thegea. Die schne Landstrae steigt bergan, und statt der Felder haben wir rtlich-graue Massen kahlen Gesteins zur Rechten und Linken, die sprlich mit Thymianstruchern bewachsen sind. Es beginnt damit ein Arkadien, das mehr einer Wstenei, als dem Paradiese hnlich sieht. Nach einiger Zeit ist in der Hhe ein Dorf zu sehen, mit einigen langen, dnn belaubten Pappeln, die das Auge hungrig begrt. Nur wenig lsen sich die Huser der Ortschaft von ihrem steinigten Hintergrund, der mit schmalen Gartenstreifen rtlicher Erde durchsetzt ist. Die Spitzen des Parnon werden zur Linken sichtbar, auf denen der Schnee zu schwinden beginnt. Ein khler Wind setzt ein und erquickt inmitten dieser arkadischen Wste. Ich hatte hier einen womglich noch greren Reichtum an Herden zu sehen gehofft, als zwischen Parna und Helikon: aber auf weitgedehnten, endlosen Trmmerhalden und auf der Landstrae begegnet nur selten Herde und Hirt. Die Gegend ist arm und ausgestorben, die ehemals das waldreiche Paradies der Jger und Hirten gewesen ist. Die Strae wendet sich auf einer freien Pahhe rechts und tritt in das Gebiet von Lakonika. Der Taygetos liegt nun breit und mchtig mit weien Gipfeln vor uns da. Aus einer rmlichen Schenke ertnt Gesang. Und zwar ist es eine Musik, die an das Kommersbuchtreiben deutscher Studentenkneipen erinnert. Die Stimmen gehren Gymnasiallehrern aus Sparta an, die, noch im Osterferien-Rausch, frhlich dorthin zurckreisen. Es erscheinen jetzt cker, Gartenflchen, Wiesen und Bume oasenartig. Die Erde zwischen Felsen und Bumen ist rot, und hier und da stehen rtliche Wasserlachen. Der Parnon verschwindet und taucht wieder auf. Die Gegend gewinnt, nachdem wir die Pahhe berschritten haben, an Groartigkeit. Einige der vielen steinigten Hochtler, die man bersieht, zeigen Baumwuchs inselartig in ihrer Tiefe. Es ist mir, so lange mein Auge durch diese uferlosen, kochenden Wsteneien schweift, als ob ich das traurig-nackte, ausgetrocknete Griechenland mit einem Mantel grner Nadelwlder bedecken mte, und meine Trumereien fhren Armeen ttiger Menschen hierher, die, vom sorglich gepflegten Saatkamp aus, in geduldiger Arbeit Arkadien aufforsten. Mit tiefem Respekt gedenke ich der zhen Kraft und Tchtigkeit jener Mnner und Frauen meiner engeren Heimat, auch derer mit krummgezogenem Rcken, die den Forst ernhren, mehr wie sie der Forst ernhrt, und mit Staunen vergegenwrtige ich die Schpferkraft, die in der harten Faust der Arbeit liegt. Wir halten Rast. Die Herberge ist an eine Krmmung der Bergstrae gestellt. Unter uns liegt ein weites Tal, das der Taygetos mit einer Kette von Schneegipfeln mchtig beherrscht. Der Himmel glht in einer fast weien Glut. Hgelige Abhnge in der Nhe, von Olivenhainen bestanden, erscheinen ausgebrannt. Unsere Herberge hat etwas Japanisches. Das Schilfdach ber der schwankenden Veranda, auf der wir stehen, ist durch dnne Stangen gesttzt. Unten klingeln die mden Pferde mit ihren Halsglckchen. Die trinkfrohen Lehrer aus Sparta haben uns eingeholt und sitzen lrmend unten im Gastzimmer. Wir werden in ein oberes Zimmer gefhrt, dessen Dielen dnn wie Oblaten sind. Durch fingerbreite Fugen zwischen den Brettern knnen wir zu den Lehrern hinabblicken. Der Kurier trgt ein Frhstck auf. Indessen schwelgen die Augen und ruhen zugleich im jungen Blttergrn eines Pappelbaums, der, vom heien Winde bewegt, jenseits der Strae schwankt und rauscht. Nachdem wir gegessen haben, ruhen wir auf der Veranda aus. Bei jedem Schritt, den wir etwa tun, schaukelt die ganze Herberge. Zwei Schwalben sitzen nahe bei mir unter dem Schilfdach auf der Gelnderstange. berall um uns ist lebhaftes Fliegengesumm. Wir haben vor etwa einer Stunde das Kahni verlassen, wo uns die Lehrer aus Sparta eingeholt hatten. Ihr Einspnnerwgelchen stand, als wir abfuhren, vor der Tr und wartete auf die indessen lustig zechenden Gste. Sonderbar, wie in diesem heien, stillen und menschenleeren Lande die brave Turnerfidelitas anmutete, die immer wieder in einem gewaltigen Rundgesang gipfelte! Die Strae beginnt sich strker zu senken. Wir fahren weite Schlingen und Bogen an tiefen Abstrzen hin, die aber jetzt den Blick in eine immer reicher ausgestaltete Tiefe ziehen. Wir nhern uns der Gegend von Sparta, dem schnen Tal des Eurotas an. Es ist eine wundervolle Fahrt, durch immer reicher mit Wein, Feigenbumen und Orangenhainen bestandene Abhnge. Ziegen klettern zur Linken ber uns und zur Rechten unter uns. Lieblich gelegene Ansiedelungen mit weiem Gemuer mehren sich, bis wir endlich das flache Aderngeflecht des Eurotas und zugleich die weite Talsohle berblicken knnen. Fast wie Vgel senken wir uns aus gewaltiger Hhe auf das moderne Sparta herab, das, mit weien Husern, aus Olivenhainen, Orangengrten und Laubbumen, wei heraufleuchtet. Es ist mir dabei, als beginne das strenge und gleichsam erzene Wort Sparta, sich in eine entzckende, ungeahnte sdliche Vision aufzulsen. Eine augenblendende Vision von Glanz und Duft. Ich kann nicht glauben, da irgendein Land an landschaftlichen Reizen und in der Harmonie solcher Reize mit dem griechischen wetteifern knnte. Es zeigt den berraschendsten Wechsel an Formen und berall eine bestrickende Wohnlichkeit. Man begreift sogleich, da auch dieses Tal von Sparta eine festgeschlossene Heimat ist, mit der die Bewohner, hnlich wie mit einem Zimmer, einem Hause verwachsen muten. Ich mchte behaupten, da der Reichtum der griechischen Seele zum Teil eine Folge des eigenartigen Reichtums der griechischen Muttererde ist. Wobei ich von dem landschaftlichen Sinn der Alten den allerhchsten Begriff habe. Natrlich nicht einem landschaftlichen Sinn in der Weise moderner Malerei, sondern als einer Art Empfindsamkeit, die eine Seele immer wieder zum unbewuten Reflex der Landschaft macht. Zweifellos war die Phantasie im Geiste des Menschen die erste und lange Zeit alleinige Herrscherin, aber das im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten feste Relief des Heimatsbodens blieb in einem gewissen Sinne ihr Tummelplatz. Was an bewegten Gestalten von ihr mit diesem Boden verbunden wurde, das hatte dieser Boden auch miterzeugt. Das unbewute Wirken des Geistes, im Kinde so wie im Greise, ist immer wesentlich knstlerisch, und Bildnertrieb ist eine allgemein verbreitete Eigenschaft, auch wo er sich nie dem ueren Auge sichtbar kundgibt. Auch der Naivste unter den Menschen wohnt in einer Welt, an deren Entstehung er den hauptschlichsten Anteil hat und die zu ergrnden ebenso reizvoll sein wrde, als es die Bereisung irgendeines unentdeckten Gebietes von Tibet ist. Unter diesen Naivsten aber ist wiederum keiner, der nicht das Beste, was er geschaffen hat, mit Hilfe des kleinen Stckchens Heimat geschaffen htte, dahinein er geboren ist. Ich befinde mich im Garten eines kleinen Privathauses zu Sparta. Vor etwa einer Stunde sind wir hier angelangt. Ich habe mich beeilt, aus dem drftigen Zimmerchen, das man uns angewiesen hat, wieder ins Freie zu gelangen. Es war eine sogenannte gute Stube, und es fehlte darin nicht einmal das Makartbukett. Irgendwie, ich wei zunchst nicht wodurch, bin ich in diesem Grasegarten an lngst vergangene Tage erinnert. Eindrcke meines frhen Jnglingsalters steigen auf. Ich vergesse minutenlang, da die verwilderte Rasenflche unter meinen Fen der Boden von Sparta ist. Dann kommt es mir vor, als wandle ich in jenem kleinen Obstgarten, der an das Gutshaus meines Onkels stie, und etwas vom Tanze der nackten Mdchen Spartas und erster Liebe ginge mir durch den Kopf. Es ist aber wirklich ein Garten in Sparta und nicht das Gehft meiner guten Verwandten, wo ich jetzt bin. In der nahen Gartenzisterne quakt ein spartanischer Frosch, ich schreite an einer spartanischen Weidornhecke hin und spartanische Sperlinge lrmen. Auf der Konsole des Nubaumspiegels, dessen sich das Quartier meiner Gastfreunde rhmen kann, fand ich unter anderen Photographien auch ein Bild, -- das Bild eines hbschen, lndlichen Mdchens! -- das mir sogleich ins Auge fiel. Sie mag wohl lngst gestorben sein oder ist etwa vor dreiig Jahren jung gewesen, um jene Zeit, als auch das Mdchen, an das ich mich jetzt erinnern mu, siebzehnjhrig durch Garten, Hof und Haus meiner schlesischen Anverwandten schritt. Die Bergwand des Taygetos ist zum Greifen nahe. Die Sonne versinkt soeben hinter die hohe Kammlinie und beinahe das ganze Tal des Eurotas ist in Schatten gelegt. Die Landschaft ringsum ist zu dieser Stunde zugleich heroisch und anheimelnd. Pltzlich finde ich mich mit lebhaftem Griechisch angeredet. Ein Mann hat mich zwischen Stachelbeer- und Johannisbeerstruchern entdeckt, ist herzugetreten und setzt voraus, da ich Griechisch verstehe. Kurze Zeit bin ich hilflos gegen seine neuspartanische Zudringlichkeit, dann aber wird im Giebel unseres Huschens -- das brigens, windschief, wie es ist, von auen betrachtet unbewohnbar scheint -- ein Fenster geffnet, und das schne Mdchen, die schne Spartanerin, noch ganz so jung, wie das Bild sie zeigte, lehnt sich heraus. Der Mann von der Strae wird nun durch eine tiefe, sonore Frauenstimme zurecht-, das heit aus dem Garten gewiesen, und ich habe, mit gebundener Zunge, Antlitz und Blick der hbschen Spartanerin ber mir. Gott gr euch schnes Jungfrulein Wo bind ich mein Rlein hin? -- Nimm du dein Rlein beim Zgel, beim Zaum, Binds an den Feigenbaum. Der irrationale Wunsch und Zwang, eine Sttte wie die des alten Sparta zu sehen, erklrt sich zwar nicht durch den Namen Lykurg, aber doch ist es vor allem der Genius dieses Namens, der Genius, dessen Wirken eine so unvergleichliche Folge hatte, den man in dieser Landschaft sucht. Man konnte nicht hoffen oder erwarten wollen, hier irgendein Jugendidyll, auch nur in Erinnerung, sich erneuern zu sehen: dennoch nimmt mich, statt jeder historischen Trumerei, eine solche Erinnerung jetzt in Besitz. Nicht zweimal schwimmst du durch die gleiche Welle, sagt Heraklit, und es ist nicht dieselbe, die um mich und durch mich flutet, als jene Frhlingswoge, durch die ich vor Jahren geschwommen bin: aber es ist doch auch wieder etwas von ewiger Wiederkehr in ihr. Ich sage mir, da Lykurg wiederum nichts weiter, als ein groer Hirte, ein groer Schfer gewesen ist, der den Nachwuchs seines Volkes in Herde teilte. Da seine Gedanken in der Hauptsache sehr entschlossene Zchtergedanken gewesen sind, wie sie aus den Erfahrungen eines Hirtenlebens sich ergeben und zwar mit Notwendigkeit. Lykurg, der trotzdem mit Delphi Verbindung hatte, war berwiegend ein Mann der kalten Vernunft, gesteh ich mir, und wute, wie keiner auer ihm, das zeitliche Leben vom ewigen und ihre Zwecke rein zu sondern. Allein durch alle diese Erwgungen vermag ich meine Seele nicht von dem spartanischen Ebenbilde meiner lndlichen Jugendliebe abzuwenden. Jungens, nicht anders wie Jungens sind, gucken ber den Zaun, der hier allerdings von dem krebsscherenartig, stachlig-grnen Gerank der Agave gebildet ist. Sie sind neugierig, werfen Steine in blhende Obstbume, suchen etwas fr ihre Tatkraft, stren mich. Der gleiche Fall veranlate mich vor Jahren, an einem denkwrdigen Tage, aus begreiflichen Grnden zu vergeblicher Heftigkeit, dagegen gelang es dem deutschen Urbilde der Spartanerin, das damals neben mir durch den Grasegarten schritt, die Knaben mit wenigen gtigen Worten zu bewegen, von ihren Strungen abzulassen. Nun ist das schne Mdchen im Garten erschienen. Ich gre sie und werde dann magisch in die gleiche Richtung gezogen, die sie eingeschlagen hat, und durch dasselbe Pfrtchen im Heckenzaun, durch das sie verschwunden ist. Ich stehe auf einer kleinen begrasten Halbinsel hinter dem Garten, um die der starke Bergbach eilig sein klares und rauschendes Wasser trgt. Es kommt, eisfrisch, vom Taygetus. Kaum fnf Schritt von mir entfernt haben Zigeuner ihr Zelt aufgeschlagen. Der Vater steht in guterhaltener kretensischer Tracht, mit ruhiger Wrde, pfeiferauchend, am Bachesrand. Die Mutter, von zwei Kindern umspielt, hockt an der Erde und schnitzelt Gemse fr die Abendsuppe zurecht, die allbereits ber einem bescheidenen Feuerchen brodelt. Zwischen den braunen, halbnackten Kindern springt ein zhnefletschendes ffchen umher: Dies alles, besonders das kleine ffchen, wird mit kindlicher Freude bewundert von meiner Dorfschnen. Ich sehe nun, sie ist krftig gebaut und jnger, als ich nach dem Bilde, nach der Erscheinung am Fenster und nach den Lauten ihrer Stimme geurteilt hatte, wahrscheinlich nicht ber fnfzehn Jahre alt. Sie erinnert mich an den derben Schlag der Deutsch-Schweizerin. Die Zigeunermutter hat, sobald sie meiner ansichtig wurde, ihrem singenden, springenden Lausetchterchen das Tamburin zugeworfen, womit es sich augenblicklich klirrend vor mir im Tanze zu drehen beginnt. In der Freude darber trifft sich mein Blick mit dem der jungen Spartanerin. Inzwischen ist alles um uns her mehr und mehr in abendliche Schatten gesunken. Die Glocke einer nahen Kirche wird angeschlagen. Gebrll von Rindern dringt von den dmmrigen Weideflchen am Fu des Taygetus. Das ganze Gebirge ist nur noch eine einzige, ungeheure, blauschwarze Schattenwand, die, scheinbar ganz nahe, den Bach zu meinen Fen zu speisen scheint, dessen Wasser blauschwarz und rauschend, wie flssiger Schatten heranwandelt. Grillen zirpen. Ein mrchenhaftes Leuchten ist in der Luft. Kalte und warme Strmungen machen die Bltter der Pappeln und Weiden flstern, die, zu ernsten, ja feierlichen Gruppen gesellt, die Rnder des breiten Baches begleiten. Es ist ein Uhr nachts, aber in der Mondeshelle drauen herrscht trotzdem dmonischer Lrm. Hhner und Hhne piepsen und krhen laut, Hunde klffen und heulen ununterbrochen. Mitunter klingt es wie Stimmen von Kindern, die mit lautem Geschrei lustig und doch auch gespenstisch ihr nchtliches Spiel treiben. In der Gartenzisterne quakt oder trillert immer der gleiche Frosch. Die alten Spartaner befolgten jahrhundertelang eine Zchtungsmoral. Es hat den Anschein, als wenn die Moral des Lykurg in einem greren Umfang noch einmal aufleben wollte. Dann wrde sein khnes und vereinzeltes Experiment, mit allen seinen bisherigen Folgen vielleicht nur der bescheidene Anfang einer gewaltigen Umgestaltung des ganzen Menschengeschlechtes sein. Wenn etwas vorber ist, so ist es am Ende fr unsere Vorstellungskraft gleichgltig, ob es gestern geschah, oder vor mehr als zweitausend Jahren, besonders, wenn es menschlich voll begreifliche Dinge sind. Ob also die spartanischen Mdchen gestern nackt auf der Wiese getanzt haben, damit die Jnglinge ihre Zuchtwahl treffen konnten, oder vor dreitausend Jahren, ist einerlei. Ich nehme an, es sei gestern gewesen. Ich nehme an, da man noch gestern hier die Willenskraft, den persnlichen Mut, die Disziplin, Gewandtheit, Krperstrke und jedwede Form der Abhrtung vor allem gepflegt und gewrdigt hat. Und da meinethalben die Epheben noch heute Nacht im Heiligtum des Phbus, drauen auf den dmmrigen Wiesen, wo ich sie nicht sehe, wie unsre Zigeuner dem Monde, einen Hund opfern. Ihr Gesetzgeber war Lykurg, ihr Ideal Herakles. Die Standbilder beider Heroen standen auf beiden Brcken, die ber den Wassergraben zum Spielplatz bei den Platanen fhrten. Leider ging es auf eine sinnlose Weise roh, mit Treten, Beien und Augenausbohren, bei diesen Ephebenkmpfen zu. Immer noch herrscht im Mondschein drauen derselbe dmonische Hllenlrm. Durch Ort, Stunde, Mondschein und Reiseermdung aufgeregt, bevlkert sich meine Phantasie mit einer Menge wechselnder Vorstellungen, gleichsam einem altspartanischen Gespenster- und Kirchhofspuk. Bald sehe ich zappelnde Suglinge im Taygetus ausgesetzt, bald lffle ich selbst bei der gemeinsamen ffentlichen Mnnermahlzeit die greuliche, schwarze Suppe ein, bald bin ich gleichzeitig dort, wo ein Ephebe zu Ehren der Artemis nackt im Tempel gegeielt wird und sehe auf dem entfernten Stadion Odysseus mit den ersten Freiern der jungfrulichen Penelope wettlaufen. Zaudern ist, wie es scheint, schon damals eine Schwche des edlen Weibes gewesen: ich fhre auch die Miwirtschaft der Freier, im Hause des Gatten, auf sie zurck. Ikarios, der Vater Penelopes, wollte sie aus dem Elternhause in Sparta nicht mit Odysseus ziehen lassen und folgte dem Paare, als es nun doch nicht zurckzuhalten war, im Wagen nach. Dem Odysseus aber, der das Herz seines Weibes noch auf der Reise schwankend sah, ist, nach einem Bericht des Pausanias, die Geduld gerissen, und er hat kurzer Hand seinem Weibe an einer gewissen Stelle des Weges zur Wahl gestellt: entweder nun entschlossen mit ihm nach Ithaka, oder mit ihrem Vater und einem Abschied fr immer wieder nach Sparta heimzureisen. Der Spuk der Nacht ist dem Lichte des Tages gewichen. Unten im Garten grasen Ziegen und eine Kuh. Das Zigeunermdchen sucht nach irgend etwas die Hecken ab. Man hrt drei- oder viermal die Pauke der Zigeuner anschlagen. Es ist kein Tropfen Tau gefallen in der Nacht. Ich schreite trockenen Fues durchs hohe Gras. Der Zigeuner und seine Frau hocken auf Decken vor ihrem Zelt. Er hat den roten Schal des Kretensers bereits um die Hften und schmaucht behaglich, indes die zerlumpte Gattin Knpfe an seiner geffneten Weste, mit Zwirn und Nadel, sorgsam festmacht. Der Bergflu rauscht um die Lagerstatt. Herr Allan I. B. Wace, Pembroke College, Cambridge, hat die Freundlichkeit, uns im kleinen Museum von Sparta mit Erklrungen an die Hand zu gehen. Er geleitet uns durch ausgedehnte Olivenhaine, trotz brennender Sonnenglut, zur Ausgrabungssttte am Eurotas. Zu hunderten, ja zu tausenden werden hier in den Fundamenten eines Athenatempels Figrchen nach Art unserer Bleisoldaten aufgefunden. Diese Figrchen, von denen viele zutage lagen, so da die spartanischen Kinder mit ihnen spielten, verrieten das unterirdische Heiligtum. Gegen Mittag besteigen wir Maultiere, nicht ohne Mhe, weil diese spartanischen Mulis besonders tckisch sind. Die schne Tochter unseres Gastfreundes, die uns noch gestern abend, mit tremolierender Stimme etwas zur Laute sang, lehnt im Fenster der kleinen Baracke, nicht sehr weit ber uns, und beobachtet die Vorbereitungen fr unsere Abreise mit kalter Bequemlichkeit. Das hbsche, naive Kind von gestern, dessen Gegenwart mir die Erinnerung eines zarten Jugendidylls erneuern konnte, ist nur noch eine trge, unempfindliche Sdlnderin. Ich erinnere mich -- und schon ist dieses Gestern wieder Erinnerung! -- Wie mir die Kleine nochmals im Garten begegnete, mir ins Gesicht sah und mich anlachte, mit einer offenen Lustigkeit, die keine Schranke mehr brig lt. Nun aber blickt sie ber mich fort, als ob sie mich nie gesehen htte, mit vollendeter Gleichgltigkeit. Wir frhstcken gegen ein Uhr mittags im Hofe eines byzantinischen Klosters -- einer Halbruine unter Ruinen! -- an den steilen Abhngen der Ruinensttte Mistra. Der quadratische Hof ist an drei Seiten von Sulengngen umgeben. Sie tragen eine zweite, offene Galerie. Die vierte Seite des Hofes ist nur durch eine niedrige Mauer vom Abgrund getrennt und erffnet einen unvergleichlichen Blick in die Ferne und Tiefe des Eurotastales hinab. Den kurzen Ritt von Sparta herauf haben wir unter brennender Sonne zurckgelegt. Hier ist es khl. Eine Zypresse, uralt, ragt jenseits der niedrigen Mauer auf. Sie hat ihre Wurzeln hart am Rande der Tiefe eingeschlagen. Ich suche den Lauf des Eurotas und erkenne ihn an seiner Begleitung hoher und frischgrner Pappeln. Ich verfolge ihn bis zu dem Ort, wo das heutige Sparta liegt: mit seinen weien Husern in Olivenwldern, unter Laubbumen halb versteckt. Dieses mchtige, beraus glanzvolle sdliche Tal, mit den fruchtreichen Ebenen seiner Grundflche, widerspricht dem strengen Begriff des Spartanertums. Es ist vielmehr von einer grogearteten Lieblichkeit und scheint zu sorglosem Lebensgenusse einzuladen. Herr Adamantios Adamantiu, Ephor der Denkmler des Mittelalters in Mistra, stellt sich uns vor und hat die Freundlichkeit, seine Begleitung durch die Ruinen anzutragen. Seine Mutter und er bewohnen einige kleine Rume eben des selben ausgestorbenen Klosters, in dem wir jetzt sind. Oben, auf einer der Galerien, hat sich ein lustiger Kreis gebildet. Es sind die gleichen, lebenslustigen Pdagogen, denen wir bereits auf dem Wege nach Sparta mehrmals begegnet sind. Sie befinden sich noch immer im Enthusiasmus des Weins und singen unermdlich griechische, italienische, ja sogar deutsche Trinklieder. Ich kann nicht sagen, da dieser Studentenlrm nach deutschem Muster, mir an dieser Sttte besonders willkommen ist, und doch mu ich lachen, als einer der frhlichen Zecher, ein lterer Herr, im weinselig-rauhen Sologesang ausfhrlich darlegt, da er weder Herzog, Kaiser noch Papst, sondern, lieber als alles, Sultan sein mchte. Der lebenslustige Snger, spartanischer Gymnasialprofessor, spricht mich unten im Hofe an. Er macht mir die Freude, zu erklren, ich sei ihm seit lange kein Unbekannter, was mir begreiflicherweise hier, an dem entlegenen Abhange des Taygetus, seltsam zu hren ist. Die Herren Lehrer haben Abschied genommen und sich entfernt. Herr Adamantios Adamantiu hat mittels eines altertmlichen Schlssels ein unscheinbares Pfrtchen geffnet und wir sind, durch einen Schritt, aus dem hellen Sulengang in Dunkelheit und zugleich in ein liebliches Mrchen versetzt. Der blumige Dmmer des kleinen geheiligten Raumes, in den wir getreten sind, ist erfllt von dem Summen vieler Bienen. Es scheint, die kleinen heidnischen Priesterinnen verwalten seit lange in dieser verlassenen Kirche Christi allein den Gottesdienst. Allmhlich treten Gold und bunte Farben der Mosaiken mehr und mehr aus der Dunkelheit. Die kleine Kanzel, halbrund und grazis, erscheint, mit einer bemalten Hand verziert, die eine zierliche, bunte Taube, das Symbol des heiligen Geistes, hlt. Dieses enge, byzantinische Gotteshaus ist zugleich im zartesten Sinne bezaubernd und ehrwrdig. Man findet sich nach dem derben Schmollistreiben der Herren Lehrer ganz unvermutet pltzlich in ein unterirdisches Wunder der Schehrazade versetzt, gleichsam in eine liebliche Gruft, eine blumige Kammer des Paradieses, abgeschieden von dem rauhen Treiben irdischer Wirklichkeit. Herr Adamantios Adamantiu, der Ephor, liebt die ihm anvertrauten Ruinen mit Hingebung, und was mich betrifft, so empfinde ich schmerzlich in diesem Augenblick, da ich mich schon im nchsten von dem reinen Vergngen dieses Anblicks trennen mu. Reichtum und Flle kstlichen Schmucks wird hier vollkommener Ausdruck des Traulichsten, Ausdruck der Einfalt und einer blumigen Religiositt. Das byzantinische Tubchen am Rande der Kanzel verkrpert ebensowohl einen huslichen, als den heiligen Geist. Es scheint, da Herr Adamantios Adamantiu keinen heieren Wunsch im Herzen trgt, als dauernd diese Ruinen zu hten: und ich bin berrascht, im Laufe der Unterhaltung wahrzunehmen, wie sehr verwandt der Geist des lauteren Mannes mit jenem ist, der dieses Kirchlein schuf und erfllt. Mit leuchtenden Augen erklrt er mir, da ich, glcklicher als der groe Goethe, diese Sttten mit leiblichen Augen sehen kann, wo Faust und Helena sich gefunden haben. In dieses Heiligtum gehrt keine Orgel noch Bachsche Fuge hinein, sondern durchaus nur das Summen der Bienen, die von den zahllosen Blten der bunten Mosaiken Nektar fr ihre Waben zu ernten scheinen. Sparta und Helena scheinen einander auszuschlieen. Was sollte ein Gemeinwesen mit der Schnheit als Selbstzweck beginnen, wo man den Wert eines Suppenkoches hher als den eines Harfenspielers einschtzte? Was htte Helena mit der spartanischen Strenge, Hrte, Roheit, Nchternheit und Tugendboldigkeit etwa gemein? Ein junger Spartaner rief, als man beim Gastmahl eine Lyra herbeibrachte: Solche Tndeleien treiben sei nicht lakonisch. Wer mchte nun, da Helena und die Leier Homers nicht zu trennen sind, behaupten wollen, da Sparta Helenen eine wirkliche Heimat sein konnte? Herr Adamantios Adamantiu geleitet uns stundenlang auf mhsamen Fupfaden durch die frnkisch-byzantinisch-trkische Trmmerstadt, die erst im Jahre 1834 durch Ibrahim Pascha zerstrt worden ist. Das alte Mistra war an die schwindelerregenden Felswnde des Taygetus wie eine Ansiedlung von Paradiesvogelnestern festgeklebt. Einzelne Kirchen werden durch wenige Arbeiter unter Aufsicht des Herrn Ephoren sorgsam, Stein um Stein, wieder hergestellt: Baudenkmler von grter Zartheit und Lieblichkeit, deren Zerstrung durch die Trken einen unendlich beklagenswerten Verlust bedeutet. berall von den Innenwnden der Tempel spricht uns das Zierliche, Kstliche, Hfische an, in dem sich der Farbenreichtum des Orients mit dem zarten Kultus der Freude des deutschen Minnesanges durchdrungen zu haben scheint. Die Reste herrlicher Mosaiken, soweit sie der Brand und die Spiee der Trken briggelassen haben, scheinen, auch wenn sie heilige Gegenstnde behandeln, nur immer die Themen: Ritterdienst, Frauendienst, Gottesdienst durcheinanderzuflechten. Mittels eines nassen Schwammes bringt der Herr Ephor, auf einer Leiter stehend, eigenhndig die erblindeten Mosaiken zu einem flchtigen Leuchten im alten Glanz. Ein innerer Burghof, umgeben von reichen, phantastischen Gebuden des Mittelalters ist der Schauplatz, in dem Helena sich gefangen fhlt, bevor ihr Faust, im zweiten Teil des gleichgenannten Gedichts, in ritterlicher Hoftracht des Mittelalters entgegentritt. Und mehr als einmal umgibt mich hier das Urbild jener geheiligten Szenerie, darin sich die Vermhlung des unruhig suchenden deutschen Genius mit dem weiblichen Idealbild griechischer Schnheit vollzog. Herr Adamantios Adamantiu, der etwa dreiig Jahre alt und von zarter Gesundheit ist, stellt uns auf einer der Galerien des Klosterhofes seiner wrdigen Mutter vor. Diese beiden lieben Menschen und Gastfreunde wollen uns, wie es scheint, nicht mehr fortlassen. Die Mutter bietet meiner Reisegefhrtin fr die Nacht ihr eigenes Lager an, ihr Sohn dagegen das seine mir. Von seinem Zimmerchen aus berblickt man die ganze Weite und Tiefe des Eurotastales, bis zu den weien Gipfeln des Parnon, die hineinleuchten: das Zimmer selber aber ist klein, und enthlt nichts weiter als ein kleines Regal fr Bcher, Tisch, Stuhl und Feldbettstelle, dazu im Winkel ein ewiges Lmpchen unter einem griechisch-katholischen Gnadenbild. Natrlich, da in einem verlassenen Kloster die Fenster undicht, die Wnde schlecht verputzt -- und da in den rohen Bretterdielen klaffende Fugen sind. Ganz Sohnesliebe, ganz Vaterlandsliebe und ganz von seinem besonderen Beruf erfllt: der Pflege jener vaterlndischen Altertmer! bringt Herr Adamantios Adamantiu in weltentsagender Ttigkeit seine jungen Jahre zu und beklagt es, da manche seiner Mitbrger so leicht die mtterliche Scholle aufgeben mgen, die ihrer Kinder so sehr bedarf. Der hingebungsvolle Geist dieses jungen Griechen erweckt in meiner Seele wrmste Bewunderung und ich rechne die Begegnung mit ihm zu den schnsten Ereignissen meiner bisherigen Reise durch Griechenland. Wie er unverdrossen und mit reinster Geduld Werkstck um Werkstck aus dem Schutt der Verwstung zu sammeln sucht, um in mhsamen Jahren hier und da etwas Weniges liebevoll wieder herzustellen, von der ganzen, beinahe in einem Augenblicke vernichteten, unersetzlichen Herrlichkeit, das legt von einem Idealismus ohnegleichen Zeugnis ab. Wir nehmen Abschied von unsern Wirten, um noch vor Einbruch der Nacht den Ritt bis Tripi zu tun: Tripi am Eingang jener mchtigen Schlucht, die sich in die Tiefe des Taygetus fortsetzt, den wir bersteigen wollen. Unsere Maultiere fangen wie Ziegen oder Gemsen zu klettern an: bald geht es fast lotrecht in die Hhe, bald ebenso lotrecht wieder hinab, so da ich mitunter die berzeugung habe, unsere Tiere htten den eigensinnigen Vorsatz gefat, um jeden Preis auf dem Kopfe zu stehen. Wenn man, mit den Blicken vorauseilend, als Unerfahrener die drohenden Schwierigkeiten des Weges im Geiste zu berwinden sucht, so glaubt man mitunter verzagen zu sollen, denn es erffnet sich scheinbar nur selten fr ein Weiterkommen die Mglichkeit. Aber das Maultier nimmt mit bewunderungswrdiger Leichtigkeit jedes Hindernis: ber Bschungen rutschen wir an steinige Bche hinunter und jenseits des Wassers klettern wir wieder empor. In einem Bachbett steigen wir lange Zeit von einem kantigen Block zum andern bergan und zwar bereits von der Dunkelheit berrascht, bis wir das Wasser am Ausgang der Langada in dem steilen Tale von Tripi rauschen hren. ber eine Gerllhalde geht es alsdann in gefhrlicher Eile hinab, bis wir, die Lichter von Tripi vor Augen, auf einer breiten, gesicherten Strae geborgen sind. Gegen vier Uhr des Morgens wecken mich die Nachtigallen von Tripi. Ich glaube, da alle Singvgel der ganzen Welt den Aufgang der Sonne mit einem kurzen Konzert begren. Zweifellos ist dies Gottesdienst. Unser Haus ist in schwindelerregender Hhe ber der Talwand erbaut. Wir haben in einem Raume bernachtet, der drei Wnde von Glas ohne Vorhnge hat. Bsche reichen bis zu den Fenstern. Mchtige Wipfel alter Laubbume sind unter uns und bekleiden die steilen Wnde der Schlucht. Whrend das einsame Licht zunimmt, schlagen die Nachtigallen lauter aus dem Abgrund herauf. Nach einiger Zeit beginnen alle Hhne des Dorfes einen lauten Sturm, der die Nachtigallen sofort verstummen macht. Auf einem Felsen, scheinbar unzugnglich, inmitten der Schlucht, erscheint die Kirche von Tripi im Morgenlicht. Die Pfade von Tripi, die ganze Anlage dieses Ortes sind ebenso malerisch wie halsbrecherisch. Die Maultiere klettern schwindelerregende Pfade. Sie halten sich meistens am Rande der Abgrnde. Die Langada beginnt groartig, aber kahl und baumlos. Die Gesteinmassen des Bachbettes, auf dem Grunde der gewaltigen Schlucht, liegen bleich, verwaschen und trocken da. Das Tal ist tot. Kein Vogellaut, kein Wasserrauschen! Indem wir ein wenig hher gelangen, zeigt sich geringe Vegetation. Einige Vgel beginnen zu piepsen. Nach einiger Zeit fllt uns der Ruf eines Kuckucks ins Ohr. Weiter oben erschliet sich ein Tal, auf dessen Sohle lebendiges Wasser rauscht. Wir steigen in dieses Tal, das eigentlich eine Schlucht ist, hinunter. Die Abhnge sind von Ziegenherden belebt. Eng in die Felswnde eingeschlossen, schallen die Herdenglocken laut. Bis hierher war es, trotz der Frhe, ziemlich hei. Nun werden wir von erquickenden Winden begrt. Erfrischt von der gleichen Strmung der Luft, winken die grnen Wedel der Steineichen von den Felsspitzen. Pltzlich haben wir nickende Bsche berall. Efeuranken klettern wohl hundert Meter und hher die Steinwand hinauf. Immer wasserreicher erscheinen die Hhen, in die wir aufdringen. Mehrmals werden reiende Bche berquert. Eine erste, gewaltige Kiefer grt vom Abhange. Anemonen, blendend rote, zeigen sich. Kleine Trupps zarter Alpenveilchen. Aus Seitenschachten strzen klare Wasser ber den Weg und ergieen sich in das Sammelbett des greren Baches. Wir halten die erste Rast, etwa 2300 Meter hoch im Taygetus, unter einem blhenden Kirschbaum vor der Herberge, genannt zur kleinen Himmelsmutter. Der Bergstrom rauscht. Kirschblten fallen auf uns herunter. Wir haben herrliche Abhnge gegenber, die mit starken Aleppokiefern bewaldet sind. Es ist kstlich hier, entzckend der Blick durch die tiefgesenkten Bltenzweige in die ebenso wilde als wonnige Bergwelt hinein. Man fhlt hier oben das unbestrittene Reich der gttlichen Jgerin Artemis, die in Lakonien vielfach verehrt wurde. Hier ist fr ein freies, seliges Jgerleben noch heut der eigentlich arkadische Tummelplatz. Hier oben fanden auch Opfer statt. Und zwar jene selben Sonnenopfer, die bei den alten Germanen blich gewesen sind und bei denen die Spartiaten, nicht anders wie unsere Vorfahren, Pferde schlachteten. Wir haben den Hochpa berstiegen und nach einem ermdenden Ritt, meist steil bergab, das Drfchen Lada erreicht. Ein Bergstrom hat die steinige Strae der Ortschaft mit seinen strzenden Wellen berschwemmt und niemand denkt daran, ihn in sein Bett zurckzuleiten. Mit Ausnahme eines kleinen Bezirks um die Ansiedelungen Ladas, ist das weite Tal eine einzige Steinwste. Trge, fast unwillig, ffnet auf das Klopfen unseres Fhrers eine derbe, blonde, noch nicht zwanzigjhrige Buerin die Tr zur Herberge. Ein Ferkel whlt zwischen Tisch und Bank, in einem finsteren, kellerartigen Raum, dessen Hintergrund ein Lager mit gewaltigen Fssern ausfllt. In einer hlzernen Schlachtermulde auf dem Tische schlft ein neugeborenes Kind. Die Jachten der Knigin von England und des Knigs von Griechenland liegen im Hafen zur Abfahrt bereit. Eben hat sich die Galata des Norddeutschen Lloyd in Bewegung gesetzt, die uns nach Konstantinopel fhren soll. Die Huser des Pyrus stehen im weien Licht. Athen ist das Licht, das Auge, das Herz, das Haupt, die atmende Brust, die Blte von Griechenland: heute des neuen, wie einst des alten! Ich empfand das lebhaft, trotz aller groen Landschaftseindrcke meiner peloponnesischen Fahrt, als ich nach ununterbrochener Reise von Kalamata wieder hier anlangte. Athen ist durch seine Lage geschaffen, und Griechenland ohne Athen wre niemals geworden, was es war und was es uns ist. Der freie, attische Gtterflug hat den freien attischen Geistesflug hervorgerufen. Indem wir, Abschied nehmend, die Kste zur Linken, hingleiten, vorber an dem kleinen Hafen Munichia, vorbei an den Siedelungen von Neu-Pharleron, steigt noch einmal das ganze attische Wunder vor uns auf. Dieser Hymettos, dieser Pentele, dieser Lykabettos, dieser Fels der Akropolis sind keine Zuflligkeit. Alles dieses trgt den Adel seiner Bestimmung im Angesicht. Wir trinken gierig den Hauch des herrlichen Gtterlandes, solange er noch herberdringt und saugen uns mit den Blicken in seine silberne Anmut fest, bis alles unseren Augen entschwindet. Ende [Illustration: Kopf des Wagenlenkers aus Delphi (Originalaufnahme)] Druck von _W. Drugulin_, Leipzig. Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere nderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben sind hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 11]: ... wird. Er ist ausgezeichneter Schwimmer ... ... wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer ... [S. 33]: ... Es ist schwer, etwas so Abstoendes ... ... Es ist schwer, sich etwas so Abstoendes ... [S. 168]: ... Ehre -- man spielte fr Gtter und vor ... ... Ehre darstellte -- man spielte fr Gtter und vor ... [S. 204]: ... sein, hnelt sich in Form, Dichte und Kruselung ... ... sein, hnelt in Form, Dichte und Kruselung ... [S. 221]: ... den Tlern rche, fortan nicht mehr den ... ... den Ttern rche, fortan nicht mehr den ... End of Project Gutenberg's Griechischer Frhling, by Gerhart Hauptmann License: Share Alike