Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net Die Harzreise Von Heinrich Heine Nach Adolph Strodtmanns Handexemplar berichtigt und herausgegeben von OttoF. Lachmann Leipzig Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Schwarze Rcke, seidne Strmpfe, Weie hfliche Manschetten, Sanfte Reden, Embrassieren-- Ach, wenn sie nur Herzen htten! Herzen in der Brust, und Liebe, Warme Liebe in dem Herzen-- Ach, mich ttet ihr Gesinge Von erlognen Liebesschmerzen. Auf die Berge will ich steigen, Wo die frommen Htten stehen, Wo die Brust sich frei erschlieet, Und die freien Lfte wehen. Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bche rauschen, Vgel singen, Und die stolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Sle! Glatte Herren! glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf euch niederschauen. Die Stadt Gttingen, berhmt durch ihre Wrste und Universitt, gehrt dem Knige von Hannover, und enthlt 999Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karcer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeiflieende Bach heit die Leine, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, da Lder wirklich einen groen Anlauf nehmen mute, als er hinber sprang. Die Stadt selbst ist schn, und gefllt einem am besten, wenn man sie mit dem Rcken ansieht. Sie mu schon sehr lange stehen, denn ich erinnere mich, als ich vor fnf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollstndig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Thdansants, Wscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenkpfen, Hofrten, Justizrten, Relegationsrten, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Vlkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurckgelassen, und davon stammten alle die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thringer u.s.w., die noch heutzutage in Gttingen, hordenweis und geschieden durch Farben der Mtzen und der Pfeifenquste, ber die Weenderstrae einherziehen, auf den blutigen Wahlsttten der Rasenmhle, des Ritschenkruges und Bovdens sich ewig unter einander herumschlagen, in Sitten und Gebruchen noch immer wie zur Zeit der Vlkerwanderung dahinleben, und teils durch ihre Duces, welche Haupthhne heien, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Komment heit und in den _legibus barbarorum_ eine Stelle verdient, regiert werden. Im allgemeinen werden die Bewohner Gttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stnde doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hier herzuzhlen, wre zu weitluftig; auch sind mir in diesem Augenblicke nicht alle Studentennamen im Gedchtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der Gttinger Philister mu sehr gro sein, wie Sand oder, besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens mit ihren schmutzigen Gesichtern und weien Rechnungen vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte. Ausfhrlicheres ber die Stadt Gttingen lt sich sehr bequem nachlesen in der Topographie derselben von K.F.H. Marx. Obzwar ich gegen den Verfasser, der mein Arzt war und mir viel Liebes erzeigte, die heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch sein Werk nicht unbedingt empfehlen, und ich mu tadeln, da er jener falschen Meinung, als htten die Gttingerinnen allzugroe Fe, nicht streng genug widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und Tag mit einer ernsten Widerlegung dieser Meinung beschftigt, ich habe deshalb vergleichende Anatomie gehrt, die seltensten Werke aus der Bibliothek excerpiert, auf der Weenderstrae stundenlang die Fe der vorbergehenden Damen studiert, und in der grundgelehrten Abhandlung, so die Resultate dieser Studien enthalten wird, spreche ich 1) von den Fen berhaupt, 2) von den Fen bei den Alten, 3) von den Fen der Elefanten, 4) von den Fen der Gttingerinnen, 5) stelle ich alles zusammen, was ber diese Fe auf Ullrichs Garten schon gesagt worden, 6) betrachte ich diese Fe in ihrem Zusammenhang, und verbreite mich bei dieser Gelegenheit auch ber Waden, Knie u.s.w., und endlich 7), wenn ich nur so groes Papier auftreiben kann, fge ich noch hinzu einige Kupfertafeln mit dem Faksimile Gttingischer Damenfe.-- Es war noch sehr frh, als ich Gttingen verlie, und der gelehrte ** lag gewi noch im Bette und trumte wie gewhnlich, er wandle in einem schnen Garten, auf dessen Beeten lauter weie mit Citaten beschriebene Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glnzen, und von denen er hie und da mehrere pflckt, und mhsam in ein neues Beet verpflanzt, whrend die Nachtigallen mit ihren sesten Tnen sein altes Herz erfreuen. Vor dem Weender Thore begegneten mir zwei eingeborne kleine Schulknaben, wovon der eine zum andern sagte: Mit dem Theodor will ich gar nicht mehr umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wute er nicht mal, wie der Genitiv von _mensa_ heit. So unbedeutend diese Worte klingen, so mu ich sie doch wieder erzhlen, ja, ich mchte sie als Stadt-Motto gleich auf das Thor schreiben lassen; denn die Jungen piepsen, wie die Alten pfeifen, und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenstolz der hochgelahrten Georgia Augusta. Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vgel sangen gar freudig, und auch mir wurde allmhlich wieder frisch und freudig zu Mute. Eine solche Erquickung that not. Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandektenstall herausgekommen, rmische Kasuisten hatten mir den Geist wie mit einem grauen Spinnweb berzogen, mein Herz war wie eingeklemmt zwischen den eisernen Paragraphen selbstschtiger Rechtssysteme, bestndig klang es mir noch in den Ohren wie Tribonian, Justinian, Hermogenian und Dummerjahn, und ein zrtliches Liebespaar, das unter einem Baume sa, hielt ich gar fr eine Korpusjurisausgabe mit verschlungenen Hnden. Auf der Landstrae fing es schon an lebendig zu werden. Milchmdchen zogen vorber; auch Eseltreiber mit ihren grauen Zglingen. Hinter Weende begegneten mir der Schfer und Doris. Dieses ist nicht das idyllische Paar, wovon Gener singt, sondern es sind wohlbestallte Universittspedelle, die wachsam aufpassen mssen, da sich keine Studenten in Bovden duellieren, und da keine neuen Ideen, die noch immer einige Decennien vor Gttingen Quarantaine halten mssen, von einem spekulierenden Privatdocenten eingeschmuggelt werden. Schfer grte mich sehr kollegialisch; denn er ist ebenfalls Schriftsteller, und hat meiner in seinen halbjhrigen Schriften oft erwhnt; wie er mich denn auch auerdem oft citiert hat und, wenn er mich nicht zu Hause fand, immer so gtig war, die Citation mit Kreide auf meine Stubenthr zu schreiben. Dann und wann rollte auch ein Einspnner vorber, wohlbepackt mit Studenten, die fr die Ferienzeit oder auch fr immer wegreisten. In solch' einer Universittsstadt ist ein bestndiges Kommen und Abgehn, alle drei Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration. Das ist ein ewiger Menschenstrom, wo eine Semesterwelle die andere fortdrngt, und nur die alten Professoren bleiben stehen in dieser allgemeinen Bewegung, unerschtterlich fest, gleich den Pyramiden gyptens -- nur da in diesen Universittspyramiden keine Weisheit verborgen ist. Aus den Myrtenlauben bei Rauschenwasser sah ich zwei hoffnungsvolle Jnglinge hervorreiten. Ein Weibsbild, das dort sein horizontales Handwerk treibt, gab ihnen bis auf die Landstrae das Geleit, kltschelte mit gebter Hand die mageren Schenkel der Pferde, lachte laut auf, als der eine Reiter ihr hinten auf die breite Spontaneitt einige Galanterien mit der Peitsche berlangte, und schob sich alsdann gen Bovden. Die Jnglinge aber jagten nach Nrten, und johlten gar geistreich, und sangen gar lieblich das Rossini'sche Lied: Trink Bier, liebe, liebe Lise! Diese Tne hrte ich noch lange in der Ferne; doch die holden Snger selbst verlor ich bald vllig aus dem Gesichte, sintemal sie ihre Pferde, die im Grunde einen deutsch langsamen Charakter zu haben schienen, gar entsetzlich anspornten und vorwrtspeitschten. Nirgend wird die Pferdeschinderei strker getrieben als in Gttingen, und oft, wenn ich sah, wie solch eine schweitriefende, lahme Kracke fr das bichen Lebensfutter von unsern Rauschenwasserrittern abgeqult ward, oder wohl gar einen ganzen Wagen voll Studenten fortziehen mute, so dachte ich auch: O du armes Tier, gewi haben deine Voreltern im Paradiese verbotenen Hafer gefressen! Im Wirtshause zu Nrten traf ich die beiden Jnglinge wieder. Der eine verzehrte einen Heringssalat, und der andere unterhielt sich mit der gelbledernen Magd, Fusia Kanina, auch Trittvogel genannt. Er sagte ihr einige Anstndigkeiten und am Ende wurden sie handgemein. Um meinen Ranzen zu erleichtern, nahm ich die eingepackten blauen Hosen, die in geschichtlicher Hinsicht sehr merkwrdig sind, wieder heraus und schenkte sie dem kleinen Kellner, den man Kolibri nennt. Die Bussenia, die alte Wirtin, brachte mir unterdessen ein Butterbrot, und beklagte sich, da ich sie jetzt so selten besuche, denn sie liebt mich sehr. Hinter Nrten stand die Sonne hoch und glnzend am Himmel. Sie meinte es recht ehrlich mit mir und erwrmte mein Haupt, da alle unreife Gedanken darin zur Vollreife kamen. Die liebe Wirtshaussonne in Nordheim ist auch nicht zu verachten; ich kehrte hier ein, und fand das Mittagessen schon fertig. Alle Gerichte waren schmackhaft zubereitet, und wollten mir besser behagen, als die abgeschmackten akademischen Gerichte, die salzlosen, ledernen Stockfische mit ihrem alten Kohl, die mir in Gttingen vorgesetzt wurden. Nachdem ich meinen Magen etwas beschwichtigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirtsstube einen Herrn mit zwei Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz grn gekleidet, trug sogar eine grne Brille, die auf seine rote Kupfernase einen Schein wie Grnspan warf, und sah aus, wie der Knig Nebukadnezar in seinen sptern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage nach, gleich einem Tiere des Waldes nichts als Salat a. Der Grne wnschte, da ich ihm ein Hotel in Gttingen empfehlen mchte, und ich riet ihm, dort von dem ersten besten Studenten das Hotel de Brhbach zu erfragen. Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar groe, weitluftige Dame, ein rotes Quadratmeilen-Gesicht mit Grbchen in den Wangen, die wie Spucknpfe fr Liebesgtter aussahen, ein langfleischig herabhngendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des Gesichtes zu sein schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen Spitzen und vielzackig festonierten Krgen, wie mit Trmchen und Bastionen, umbaut war und einer Festung glich, die gewi eben so wenig wie jene andern Festungen, von denen Philipp von Macedonien spricht, einem mit Gold beladenen Esel widerstehen wrde. Die andere Dame, die Frau Schwester bildete ganz den Gegensatz der eben beschriebenen. Stammte jene von Pharao's fetten Khen, so stammte diese von den magern. Das Gesicht nur ein Mund zwischen den Ohren, die Brust trostlos de wie die Lneburger Heide; die ganze ausgekochte Gestalt glich einem Freitisch fr arme Theologen. Beide Damen fragten mich zu gleicher Zeit, ob im Hotel de Brhbach auch ordentliche Leute logierten. Ich bejahte es mit gutem Gewissen, und als das holde Kleeblatt abfuhr, grte ich nochmals zum Fenster hinaus. Der Sonnenwirt lchelte gar schlau und mochte wohl wissen, da der Karcer von den Studenten in Gttingen Hotel de Brhbach genannt wird. Hinter Nordheim wird es schon gebirgig, und hier und da treten schne Anhhen hervor. Auf dem Wege traf ich meistens Krmer, die nach der Braunschweiger Messe zogen, auch ein Schwarm Frauenzimmer, deren jede ein groes, fast huserhohes, mit weiem Leinen berzogenes Behltnis auf dem Rcken trug. Darin saen allerlei eingefangene Singvgel, die bestndig piepsten und zwitscherten, whrend ihre Trgerinnen lustig dahinhpften und schwatzten. Mir kam es gar nrrisch vor, wie so ein Vogel den andern zu Markte trgt. In pechdunkler Nacht kam ich an zu Osterode. Es fehlte mir der Appetit zum Essen, und ich legte mich gleich zu Bette. Ich war mde wie ein Hund und schlief wie ein Gott. Im Traume kam ich wieder nach Gttingen zurck, und zwar nach der dortigen Bibliothek. Ich stand in einer Ecke des juristischen Saals, durchstberte alte Dissertationen, vertiefte mich im Lesen, und als ich aufhrte, bemerkte ich zu meiner Bewunderung, da es Nacht war, und herabhngende Krystallleuchter den Saal erhellten. Die nahe Kirchenglocke schlug eben Zwlf, die Saalthre ffnete sich langsam, und herein trat eine stolze, gigantische Frau, ehrfurchtsvoll begleitet von den Mitgliedern und Anhngern der juristischen Fakultt. Das Riesenweib, obgleich schon bejahrt, trug dennoch im Antlitz die Zge einer strengen Schnheit, jeder ihrer Blicke verriet die Titanin, die gewaltige Themis, Schwert und Wage hielt sie nachlssig zusammen in der einen Hand, in der andern hielt sie eine Pergamentrolle, zwei junge _Doctores juris_ trugen die Schleppe ihres grau verblichenen Gewandes, an ihrer rechten Seite sprang windig hin und her der dnne Hofrat Rustikus, der Lykurg Hannovers, und deklamierte aus seinem neuen Gesetzentwurf; an ihrer linken Seite humpelte gar galant und wohlgelaunt ihr _Cavaliere servente_, der geheime Justizrat Cujacius, und ri bestndig juristische Witze, und lachte selbst darber so herzlich, da sogar die ernste Gttin sich mehrmals lchelnd zu ihm herabbeugte, mit der groen Pergamentrolle ihm auf die Schulter klopfte, und freundlich flsterte: Kleiner, loser Schalk, der die Bume von oben herab beschneidet! Jeder von den brigen Herren trat jetzt ebenfalls nher und hatte etwas hin zu bemerken und hinzulcheln, etwa ein neu ergrbeltes Systemchen oder Hypotheschen oder hnliches Migebrtchen des eigenen Kpfchens. Durch die geffnete Saalthr traten auch noch mehrere fremde Herren herein, die sich als die andern groen Mnner des illustren Ordens kund gaben, meistens eckige, lauernde Gesellen, die mit breiter Selbstzufriedenheit gleich darauf los definierten und distinguierten und ber jedes Titelchen eines Pandektentitels disputierten. Und immer kamen noch neue Gestalten herein, alte Rechtsgelehrte in verschollenen Trachten, mit weien Allongepercken und lngst vergessenen Gesichtern, und sehr erstaunt, da man sie, die Hochberhmten des verflossenen Jahrhunderts, nicht sonderlich regardierte; und diese stimmten nun ein, auf ihre Weise, in das allgemeine Schwatzen und Schrillen und Schreien, das wie Meeresbrandung immer verwirrter und lauter die hohe Gttin umrauschte, bis diese die Geduld verlor, und in einem Tone des entsetzlichsten Riesenschmerzes pltzlich aufschrie: Schweigt! schweigt! ich hre die Stimme des teuren Prometheus, die hhnende Kraft und die stumme Gewalt schmieden den Schuldlosen an den Marterfelsen, und all euer Geschwtz und Geznke kann nicht seine Wunden khlen und seine Fesseln zerbrechen! So rief die Gttin, und Thrnenbche strzten aus ihren Augen, die ganze Versammlung heulte wie von Todesangst ergriffen, die Decke des Saales krachte, die Bcher taumelten herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte Mnchhausen aus seinem Rahmen hervor, um Ruhe zu gebieten, es tobte und kreischte immer wilder, -- und fort aus diesem drngenden Tollhauslrm rettete ich mich in den historischen Saal, nach jener Gnadenstelle, wo die heiligen Bilder des belvederischen Apolls und der mediceischen Venus nebeneinander stehen, und ich strzte zu den Fen der Schnheitsgttin, in ihrem Anblick verga ich all das wste Treiben, dem ich entronnen, meine Augen tranken entzckt das Ebenma und die ewige Lieblichkeit ihres hochgebenedeiten Leibes, griechische Ruhe zog durch meine Seele, und ber mein Haupt, wie himmlischen Segen, go seine sesten Lyraklnge Phbus Apollo. Erwachend hrte ich noch immer ein freundliches Klingen. Die Herden zogen auf die Weide, und es luteten ihre Glckchen. Die liebe, goldene Sonne schien durch das Fenster und beleuchtete die Schildereien an den Wnden des Zimmers. Es waren Bilder aus dem Befreiungskriege, worauf treu dargestellt stand, wie wir alle Helden waren, dann auch Hinrichtungsscenen aus der Revolutionszeit LudwigXVI. auf der Guillotine, und hnliche Kopfabschneidereien, die man gar nicht ansehen kann, ohne Gott zu danken, da man ruhig im Bette liegt und guten Kaffee trinkt und den Kopf noch so recht komfortabel auf den Schultern sitzen hat. Auch hingen noch an der Wand Ablard und Heloise, einige franzsische Jugenden, nmlich leere Mdchengesichter, worunter sehr kalligraphisch _la prudence, la timidit, la piti_ &c. geschrieben war, und endlich eine Madonna, so schn, so lieblich, so hingebend fromm, da ich das Original, das dem Maler dazu gesessen, aufsuchen und zu meinem Weibe machen mchte. Freilich, so bald ich mal mit dieser Madonna verheiratet wre, wrde ich sie bitten, allen ferneren Umgang mit dem heiligen Geiste aufzugeben, indem es mir gar nicht lieb sein mchte, wenn mein Kopf durch Vermittlung meiner Frau einen Heiligenschein, oder irgend eine andere Verzierung gewnne. Nachdem ich Kaffee getrunken, mich angezogen, die Inschriften auf den Fensterscheiben gelesen, und alles im Wirtshause berichtigt hatte, verlie ich Osterode. Diese Stadt hat so und so viel Huser, verschiedene Einwohner, worunter auch mehrere Seelen, wie in Gottschalks Taschenbuch fr Harzreisende genauer nachzulesen ist. Ehe ich die Landstrae einschlug, bestieg ich die Trmmer der uralten Osteroder Burg. Sie bestehen nur noch aus der Hlfte eines groen, dickmaurigen, wie von Krebsschden angefressenen Turms. Der Weg nach Klausthal fhrte mich wieder bergauf, und von einer der ersten Hhen schaute ich nochmals hinab in das Thal, wo Osterode mit seinen roten Dchern aus den grnen Tannenwldern hervorguckt wie eine Moosrose. Die Sonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von der erhaltenen Turmhlfte erblickt man hier die imponierende Rckseite. Es liegen noch viele andre Burgruinen in dieser Gegend. Der Hardenberg bei Nrten ist die schnste. Wenn man auch, wie es sich gebhrt, das Herz auf der linken Seite hat, auf der liberalen, so kann man sich doch nicht aller elegischen Gefhle erwehren beim Anblick der Felsennester jener privilegierten Raubvgel, die auf ihre schwchliche Nachbrut blo den starken Appetit vererbten. Und so ging es auch mir diesen Morgen. Mein Gemt war, je mehr ich mich von Gttingen entfernte, allmhlich aufgethaut, wieder wie sonst wurde mir romantisch zu Sinn, und wandernd dichtete ich folgendes Lied: Steiget auf, ihr alten Trume! ffne dich, du Herzensthor! Liederwonne, Wehmutsthrnen Strmen wunderbar hervor. Durch die Tannen will ich schweifen, Wo die muntre Quelle springt, Wo die stolzen Hirsche wandeln, Wo die liebe Drossel singt. Auf die Berge will ich steigen, Auf die schroffen Felsenhhn, Wo die grauen Schloruinen In dem Morgenlichte stehn. Dorten setz' ich still mich nieder Und gedenke alter Zeit, Alter blhender Geschlechter Und versunkner Herrlichkeit. Gras bedeckt jetzt den Turnierplatz, Wo gekmpft der stolze Mann, Der die Besten berwunden Und des Kampfes Preis gewann. Epheu rankt an dem Balkone, Wo die schne Dame stand, Die den stolzen berwinder Mit den Augen berwand. Ach! den Sieger und die Siegrin Hat besiegt des Todes Hand-- Jener drre Sensenritter Streckt uns alle in den Sand. Nachdem ich eine Strecke gewandert, traf ich zusammen mit einem reisenden Handwerksburschen, der von Braunschweig kam und mir als ein dortiges Gercht erzhlte, der junge Herzog sei auf dem Wege nach dem gelobten Lande von den Trken gefangen worden, und knne nur gegen ein groes Lsegeld freikommen. Die groe Reise des Herzogs mag diese Sage veranlat haben. Das Volk hat noch immer den traditionell fabelhaften Ideengang, der sich so lieblich ausspricht in seinem Herzog Ernst. Der Erzhler jener Neuigkeit war ein Schneidergesell, ein niedlicher, kleiner junger Mensch, so dnn, da die Sterne durchschimmern konnten, wie durch Ossians Nebelgeister, und im Ganzen eine volkstmlich barocke Mischung von Laune und Wehmut. Dieses uerte sich besonders in der drollig rhrenden Weise, womit er das wunderbare Volkslied sang: Ein Kfer auf dem Zaune sa, summ, summ! Das ist schn bei uns Deutschen: Keiner ist so verrckt, da er nicht einen noch Verrckteren fnde, der ihn versteht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nachempfinden, und sich dabei totlachen und totweinen. Wie tief das Goethe'sche Wort ins Leben des Volkes gedrungen, bemerkte ich auch hier. Mein dnner Weggenosse trillerte ebenfalls zuweilen vor sich hin: Leidvoll und freudvoll, Gedanken sind frei! Solche Korruption des Textes ist beim Volke etwas Gewhnliches. Er sang auch ein Lied, wo Lottchen bei dem Grabe ihres Werthers trauert. Der Schneider zerflo vor Sentimentalitt bei den Worten: Einsam wein' ich an der Rosenstelle, wo uns oft der spte Mond belauscht! Jammernd irr' ich an der Silberquelle, die uns lieblich Wonne zugerauscht. Aber bald darauf ging er in Mutwillen ber und erzhlte mir: Wir haben einen Preuen in der Herberge zu Kassel, der eben solche Lieder selbst macht; er kann keinen seligen Stich nhen; hat er einen Groschen in der Tasche, so hat er fr zwei Groschen Durst, und wenn er im Thran ist, hlt er den Himmel fr ein blaues Kamisol, und weint wie eine Dachtraufe, und singt ein Lied mit der doppelten Poesie! Von letzterem Ausdruck wnschte ich eine Erklrung, aber mein Schneiderlein mit seinen Ziegenhainer Beinchen hpfte hin und her und rief bestndig: Die doppelte Poesie ist die doppelte Poesie! Endlich brachte ich es heraus, da er doppelt gereimte Gedichte, namentlich Stanzen, im Sinne hatte. -- Unterdes, durch groe Bewegung und den kontrren Wind, war der Ritter von der Nadel sehr mde geworden. Er machte freilich noch einige groe Anstalten zum Gehen und bramarbasierte: Jetzt will ich den Weg zwischen die Beine nehmen! Doch bald klagte er, da er sich Blasen unter die Fe gegangen, und die Welt viel zu weitluftig sei; und endlich bei einem Baumstamme lie er sich sachte niedersinken, bewegte sein zartes Huptlein wie ein betrbtes Lmmerschwnzchen, und wehmtig lchelnd rief er: Da bin ich armes Schindluderchen schon wieder marode! Die Berge wurden hier noch steiler, die Tannenwlder wogten unten wie ein grnes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weien Wolken. Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichsam gezhmt. Wie ein guter Dichter liebt die Natur keine schroffen bergnge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sie auch zuweilen erscheinen, tragen ein weies oder doch ein mildes, mit dem blauen Himmel und der grnen Erde harmonisch korrespondierendes Kolorit, so da alle Farben einer Gegend wie leise Musik in einander schmelzen, und jeder Naturanblick krampfstillend und gemtberuhigend wirkt. -- Der selige Hoffmann wrde die Wolken buntscheckig bemalt haben. -- Eben wie ein groer Dichter wei die Natur auch mit den wenigsten Mitteln die grten Effekte hervor zu bringen. Da sind nur eine Sonne, Bume, Blumen, Wasser und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des Beschauers, so mag das Ganze wohl einen schlechten Anblick gewhren, und die Sonne hat dann blo so und so viel Meilen im Durchmesser, und die Bume sind gut zum Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfden klassifiziert, und das Wasser ist na. Ein kleiner Junge, der fr seinen kranken Oheim im Walde Reisig suchte, zeigte mir das Dorf Lerrbach, dessen kleine Htten mit grauen Dchern sich ber eine halbe Stunde durch das Thal hinziehen. Dort, sagte er, wohnen dumme Kropfleute und weie Mohren, -- mit letzterem Namen werden die Albinos vom Volke benannt. Der kleine Junge stand mit den Bumen in gar eigenem Einverstndnis; er grte sie wie gute Bekannte, und sie schienen rauschend seinen Gru zu erwidern. Er pfiff wie ein Zeisig, ringsum antworteten zwitschernd die andern Vgel, und ehe ich mich dessen versah, war er mit seinen nackten Fchen und seinem Bndel Reisig ins Walddickicht fortgesprungen. Die Kinder, dacht' ich, sind jnger als wir, knnen sich noch erinnern, wie sie ebenfalls Bume oder Vgel waren, und sind also noch imstande, dieselben zu verstehen; unsereins aber ist schon alt und hat zu viel Sorgen, Jurisprudenz und schlechte Verse im Kopf. Jene Zeit, wo es anders war, trat mir bei meinem Eintritt in Klausthal wieder recht lebhaft ins Gedchtnis. In dieses nette Bergstdtchen, welches man nicht frher erblickt, als bis man davorsteht, gelangte ich, als eben die Glocke Zwlf schlug und die Kinder jubelnd aus der Schule kamen. Die lieben Knaben, fast alle rotbckig, blauugig und flachshaarig, sprangen und jauchzten, und weckten in mir die wehmtig heitere Erinnerung wie ich einst selbst als ein kleines Bbchen in einer dumpfkatholischen Klosterschule zu Dsseldorf den ganzen lieben Vormittag von der hlzernen Bank nicht aufstehen durfte, und so viel Latein, Prgel und Geographie ausstehen mute, und dann ebenfalls unmig jauchzte und jubelte, wenn die alte Franziskanerglocke endlich Zwlf schlug. Die Kinder sahen an meinem Ranzen, da ich ein Fremder sei, und grten mich recht gastfreundlich. Einer der Knaben erzhlte mir, sie htten eben Religionsunterricht gehabt, und er zeigte mir den knigl. hannov. Katechismus, nach welchem man ihnen das Christentum abfragt. Dieses Bchlein war sehr schlecht gedruckt, und ich frchte, die Glaubenslehren machen dadurch schon gleich einen unerfreulich lschpapierigen Eindruck auf die Gemter der Kinder; wie es mir denn auch erschrecklich mifiel, da das Einmaleins, welches doch mit der heiligen Dreiheitslehre bedenklich kollidiert, im Katechismus selbst, und zwar auf dem letzten Blatte desselben, abgedruckt ist, und die Kinder dadurch schon frhzeitig zu sndhaften Zweifeln verleitet werden knnen. Da sind wir im Preuischen viel klger, und bei unserem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die sich so gut aufs Rechnen verstehen, hten wir uns wohl, das Einmaleins hinter dem Katechismus abdrucken zu lassen. In der Krone zu Klausthal hielt ich Mittag. Ich bekam frhlingsgrne Petersiliensuppe, veilchenblauen Kohl, einen Kalbsbraten, gro wie der Chimborasso in Miniatur, so wie auch eine Art gerucherter Heringe, die Bckinge heien, nach dem Namen ihres Erfinders, Wilhelm Bcking, der 1447 gestorben, und um jener Erfindung willen von KarlV. so verehrt wurde, da derselbe anno 1556 von Middelburg nach Bievlied in Zeeland reiste, blo um dort das Grab dieses groen Mannes zu sehen. Wie herrlich schmeckt doch solch ein Gericht, wenn man die historischen Notizen dazu wei und es selbst verzehrt. Nur der Kaffee nach Tische wurde mir verleidet, indem sich ein junger Mensch diskursierend zu mir setzte und so entsetzlich schwadronierte, da die Milch auf dem Tische sauer wurde. Es war ein junger Handlungsbeflissener mit fnfundzwanzig bunten Westen und eben so viel goldnen Petschaften, Ringen, Brustnadeln u.s.w. Er sah aus wie ein Affe, der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. Eine ganze Menge Charaden wute er auswendig, so wie auch Anekdoten, die er immer da anbrachte, wo sie am wenigsten paten. Er fragte mich, was es in Gttingen Neues gbe, und ich erzhlte ihm: da vor meiner Abreise von dort ein Dekret des akademischen Senats erschienen, worin bei drei Thaler Strafe verboten wird, den Hunden die Schwnze abzuschneiden, indem die tollen Hunde in den Hundstagen die Schwnze zwischen den Beinen tragen, und man sie dadurch von den nichttollen unterscheidet, was doch nicht geschehen knnte, wenn sie gar keine Schwnze haben. -- Nach Tische machte ich mich auf den Weg, die Gruben, die Silberhtten und die Mnze zu besuchen. In den Silberhtten habe ich, wie oft im Leben, den Silberblick verfehlt. In der Mnze traf ich es schon besser, und konnte zusehen, wie das Geld gemacht wird. Freilich, weiter hab' ich es auch nie bringen knnen. Ich hatte bei solcher Gelegenheit immer das Zusehen, und ich glaube, wenn mal die Thaler vom Himmel herunter regneten, so bekme ich davon nur Lcher in den Kopf, whrend die Kinder Israel die silberne Manna mit lustigem Mute einsammeln wrden. Mit einem Gefhle, worin gar komisch Ehrfurcht und Rhrung gemischt waren, betrachtete ich die neugebornen, blanken Thaler, nahm einen, der eben vom Prgstocke kam, in die Hand, und sprach zu ihm: Junger Thaler! welche Schicksale erwarten dich! wie viel Gutes und wie viel Bses wirst du stiften! wie wirst du das Laster beschtzen und die Tugend flicken! wie wirst du geliebt und dann wieder verwnscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln, lgen und morden helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und schmutzige Hnde, jahrhundertelang, bis du endlich schuldbeladen und sndenmd versammelt wirst zu den deinigen im Schoe Abrahams, der dich einschmelzt und lutert und umbildet zu einem neuen besseren Sein, vielleicht gar zu einem unschuldigen Theelffelchen, womit einst mein eigenes Ururenkelchen sein liebes Breisppchen zurechtmatscht. Das Befahren der zwei vorzglichsten Klausthaler Gruben der Dorothea und Karolina, fand ich sehr interessant, und ich mu ausfhrlich davon erzhlen. Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangt man zu zwei groen, schwrzlichen Gebuden. Dort wird man gleich von den Bergleuten in Empfang genommen. Diese tragen dunkle, gewhnlich stahlblaue, weite, bis ber den Bauch herabhngende Jacken, Hosen von hnlicher Farbe, ein hinten aufgebundenes Schurzfell und kleine grne Filzhte, ganz randlos wie ein abgekappter Kegel. In eine solche Tracht, blo ohne Hinterleder, wird der Besuchende ebenfalls eingekleidet, und ein Bergmann, ein Steiger, nachdem er sein Grubenlicht angezndet, fhrt ihn nach einer dunkeln ffnung, die wie ein Kaminfegeloch aussieht, steigt bis an die Brust hinab, giebt Regeln, wie man sich an den Leitern festzuhalten habe, und bittet, angstlos zu folgen. Die Sache selbst ist nichts weniger als gefhrlich; aber man glaubt es nicht im Anfang, wenn man gar nichts vom Bergwerkswesen versteht. Es giebt schon eine eigene Empfindung, da man sich ausziehen und die dunkle Delinquententracht anziehen mu. Und nun soll man auf allen Vieren hinab klettern, und das dunkle Loch ist so dunkel, und Gott wei, wie lang die Leiter sein mag. Aber bald merkt man doch, da es nicht eine einzige, in die schwarze Ewigkeit hinablaufende Leiter ist, sondern da es mehrere von fnfzehn bis zwanzig Sprossen sind, deren jede auf ein kleines Brett fhrt, worauf man stehen kann, und worin wieder ein neues Loch nach einer neuen Leiter hinableitet. Ich war zuerst in die Karolina gestiegen. Das ist die schmutzigste und unerfreulichste Karolina, die ich je kennen gelernt habe. Die Leitersprossen sind kotig na. Und von einer Leiter zur andern geht's hinab, und der Steiger voran, und dieser beteuert immer, es sei gar nicht gefhrlich, nur msse man sich mit den Hnden fest an den Sprossen halten, und nicht nach den Fen sehen, und nicht schwindlicht werden, und nur bei Leibe nicht auf das Seitenbrett treten, wo jetzt das schnurrende Tonnenseil heraufgeht, und wo vor vierzehn Tagen ein unvorsichtiger Mensch hinuntergestrzt und leider den Hals gebrochen. Da unten ist ein verworrenes Rauschen und Summen, man stt bestndig an Balken und Seile, die in Bewegung sind, um die Tonnen mit geklopften Erzen oder das hervorgesinterte Wasser herauf zu winden. Zuweilen gelangt man auch in durchgehauene Gnge, Stollen genannt, wo man das Erz wachsen sieht, und wo der einsame Bergmann den ganzen Tag sitzt und mhsam mit dem Hammer die Erzstcke aus der Wand herausklopft. Bis in die unterste Tiefe, wo man, wie einige behaupten, schon hren kann, wie die Leute in Amerika _Hurrah, Lafayette!_ schreien, bin ich nicht gekommen; unter uns gesagt, dort, bis wohin ich kam, schien es mir bereits tief genug: -- immerwhrendes Brausen und Sausen, unheimliche Maschinenbewegung, unterirdisches Quellengeriesel, von allen Seiten herabtriefendes Wasser, qualmig aufsteigende Erddnste, und das Grubenlicht immer bleicher hineinflimmernd in die einsame Nacht. Wirklich, es war betubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mhe hielt ich mich an den glitscherigen Leitersprossen. Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, da ich im vorigen Jahre ungefhr um dieselbe Zeit einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstckchen losblasen, zwischendrein der lustige Matrosenlrm erschallt, und alles frisch berschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! -- Nach Luft schnappend stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Hhe, und mein Steiger fhrte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg gehauenen Gang nach der Grube Dorothea. Hier ist es luftiger und frischer, und die Leitern sind reiner, aber auch lnger und steiler als in der Karolina. Hier wurde mir auch besser zu Mute, besonders da ich wieder Spuren lebendiger Menschen gewahrte. In der Tiefe zeigten sich nmlich wandelnde Schimmer; Bergleute mit ihren Grubenlichtern kamen allmhlich in die Hhe mit dem Grue Glckauf! und mit demselben Wiedergrue von unserer Seite stiegen sie an uns vorber; und wie eine befreundet ruhige, und doch zugleich qulend rtselhafte Erinnerung trafen mich mit ihren tiefsinnig klaren Blicken die ernstfrommen, etwas blassen, und vom Grubenlicht geheimnisvoll beleuchteten Gesichter dieser jungen und alten Mnner, die in ihren dunkeln, einsamen Bergschachten den ganzen Tag gearbeitet hatten, und sich jetzt hinaufsehnten nach dem lieben Tageslicht, und nach den Augen von Weib und Kind. Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrliche, pudeldeutsche Natur. Mit innerer Freudigkeit zeigte er mir jene Stelle, wo der Herzog von Cambridge, als er die Grube befahren, mit seinem ganzen Gefolge gespeist hat, und wo noch der lange hlzerne Speisetisch steht, so wie auch der groe Stuhl von Erz, worauf der Herzog gesessen. Dieser bleibe zum ewigen Andenken stehen, sagte der gute Bergmann, und mit Feuer erzhlte er, wie viele Festlichkeiten damals stattgefunden, wie der ganze Stollen mit Lichtern, Blumen und Laubwerk verziert gewesen, wie ein Bergknappe die Zither gespielt und gesungen, wie der vergngte, liebe, dicke Herzog sehr viele Gesundheiten ausgetrunken habe, und wie viele Bergleute, und er selbst ganz besonders, sich gern wrden totschlagen lassen fr den lieben, dicken Herzog und das ganze Haus Hannover. -- Innig rhrt es mich jedesmal, wenn ich sehe, wie sich dieses Gefhl der Unterthanstreue in seinen einfachen Naturlauten ausspricht. Es ist ein so schnes Gefhl! Und es ist ein so wahrhaft deutsches Gefhl! Andere Vlker mgen gewandter sein und witziger und ergtzlicher, aber keins ist so treu wie das treue deutsche Volk. Wte ich nicht, da die Treue so alt ist wie die Welt, so wrde ich glauben, ein deutsches Herz habe sie erfunden. Deutsche Treue! sie ist keine moderne Adressenfloskel. An euren Hfen, ihr deutschen Frsten, sollte man singen und wieder singen das Lied von dem getreuen Eckart und dem bsen Burgund, der ihm die lieben Kinder tten lassen, und ihn alsdann doch noch immer treu befunden hat. Ihr habt das treueste Volk, und ihr irrt, wenn ihr glaubt, der alte verstndige, treue Hund sei pltzlich toll geworden, und schnappe nach euren geheiligten Waden. Wie die deutsche Treue, hatte uns jetzt das kleine Grubenlicht ohne viel Geflacker still und sicher geleitet durch das Labyrinth der Schachten und Stollen; wir stiegen hervor aus der dumpfigen Bergnacht, das Sonnenlicht strahlte -- Glckauf! Die meisten Bergarbeiter wohnen in Klausthal und in dem damit verbundenen Bergstdtchen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieser wackern Leute, betrachtete ihre kleine husliche Einrichtung, hrte einige ihrer Lieder, die sie mit der Zither, ihrem Lieblingsinstrumente, gar hbsch begleiten, lie mir alte Bergmrchen von ihnen erzhlen und auch die Gebete hersagen, die sie in Gemeinschaft zu halten pflegen, ehe sie in den dunkeln Schacht hinuntersteigen, und manches gute Gebet habe ich mitgebetet. Ein alter Steiger meinte sogar, ich sollte bei ihnen bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abschied nahm, gab er mir einen Auftrag an seinen Bruder, der in der Nhe von Goslar wohnt, und viele Ksse fr seine liebe Nichte. So stillstehend ruhig auch das Leben dieser Leute erscheint, so ist es dennoch ein wahrhaftes, lebendiges Leben. Die steinalte, zitternde Frau, die, dem groen Schranke gegenber, hinterm Ofen sa, mag dort schon ein Vierteljahrhundert lang gesessen haben, und ihr Denken und Fhlen ist gewi innig verwachsen mit allen Ecken dieses Ofens und allen Schnitzeleien dieses Schrankes. Und Schrank und Ofen leben, denn ein Mensch hat ihnen einen Teil seiner Seele eingeflt. Nur durch solch tiefes Anschauungsleben, durch die Unmittelbarkeit entstand die deutsche Mrchenfabel, deren Eigentmlichkeit darin besteht, da nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch ganz leblos scheinende Gegenstnde sprechen und handeln. Sinnigem, harmlosem Volke in der stillen, umfriedeten Heimlichkeit seiner niedern Berg- oder Waldhtten offenbarte sich das innere Leben solcher Gegenstnde, diese gewannen einen notwendigen, konsequenten Charakter, eine se Mischung von phantastischer Laune und rein menschlicher Gesinnung; und so sehen wir im Mrchen, wunderbar und doch als wenn es sich von selbst verstnde: Nhnadel und Stecknadel kommen von der Schneiderherberge und verirren sich im Dunkeln; Strohhalm und Kohle wollen ber den Bach setzen und verunglcken; Schippe und Besen stehen auf der Treppe und zanken und schmeien sich; der befragte Spiegel zeigt das Bild der schnsten Frau; sogar die Blutstropfen fangen an zu sprechen, bange dunkle Worte des besorglichsten Mitleids. -- Aus demselben Grunde ist unser Leben in der Kindheit so unendlich bedeutend, in jener Zeit ist uns alles gleich wichtig, wir hren alles, wir sehen alles, bei allen Eindrcken ist Gleichmigkeit, statt wir spter absichtlicher werden, uns mit dem Einzelnen ausschlielicher beschftigen, das klare Gold der Anschauung fr das Papiergeld der Bcherdefinitionen mhsam einwechseln, und an Lebensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren. Jetzt sind wir ausgewachsene, vornehme Leute; wir beziehen oft neue Wohnungen, die Magd rumt tglich auf, und verndert nach Gutdnken die Stellung der Mbeln, die uns wenig interessieren, da sie entweder neu sind, oder heute dem Hans, morgen dem Isaak gehren; selbst unsere Kleider bleiben uns fremd, wir wissen kaum, wie viel Knpfe an dem Rocke sitzen, den wir eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechseln ja so oft als mglich mit Kleidungsstcken, keines derselben bleibt im Zusammenhange mit unserer inneren und ueren Geschichte; -- kaum vermgen wir uns zu erinnern, wie jene braune Weste aussah, die uns einst so viel Gelchter zugezogen hat, und auf deren breiten Streifen dennoch die liebe Hand der Geliebten so lieblich ruhte! Die alte Frau, dem groen Schrank gegenber hinterm Ofen, trug einen geblmten Rock von verschollenem Zeuge, das Brautkleid ihrer seligen Mutter. Ihr Urenkel, ein als Bergmann gekleideter blonder, blitzugiger Knabe, sa zu ihren Fen und zhlte die Blumen ihres Rockes, und sie mag ihm von diesem Rocke wohl schon viele Geschichtchen erzhlt haben, viele ernsthafte hbsche Geschichten, die der Junge gewi nicht so bald vergit, die ihm noch oft vorschweben werden, wenn er bald als ein erwachsener Mann in den nchtlichen Stollen der Karolina einsam arbeitet, und die er vielleicht wieder erzhlt, wenn die liebe Gromutter lngst tot ist, und er selber ein silberhaariger, erloschener Greis, im Kreise seiner Enkel sitzt, dem groen Schranke gegenber, hinterm Ofen. Ich blieb die Nacht ebenfalls in der Krone, wo unterdessen auch der HofratB. aus Gttingen angekommen war. Ich hatte das Vergngen, dem alten Herrn meine Aufwartung zu machen. Als ich mich ins Fremdenbuch einschrieb und im Monat Juli bltterte, fand ich auch den vielteuern Namen Adalbert von Chamisso, den Biographen des unsterblichen Schlemihl. Der Wirt erzhlte mir, dieser Herr sei in einem unbeschreibbar schlechten Wetter angekommen, und in einem eben so schlechten Wetter wieder abgereist. Den andern Morgen mute ich meinen Ranzen nochmals erleichtern, das eingepackte Paar Stiefel warf ich ber Bord, und ich hob auf meine Fe und ging nach Goslar. Ich kam dahin, ohne zu wissen wie. Nur soviel kann ich mich erinnern: ich schlenderte wieder bergauf, bergab, schaute hinunter in manches hbsche Wiesenthal; silberne Wasser brausten, se Waldvgel zwitscherten, die Herdenglckchen luteten, die mannigfaltig grnen Bume wurden von der lieben Sonne goldig angestrahlt, und oben war die blauseidene Decke des Himmels so durchsichtig, da man tief hinein schauen konnte bis ins Allerheiligste, wo die Engel zu den Fen Gottes sitzen, und in den Zgen seines Antlitzes den Generalba studieren. Ich aber lebte noch in dem Traum der vorigen Nacht, den ich nicht aus meiner Seele verscheuchen konnte. Es war das alte Mrchen, wie ein Ritter hinabsteigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die schnste Prinzessin zu einem starren Zauberschlafe verwnscht ist. Ich selbst war der Ritter, und der Brunnen die dunkle Klausthaler Grube, und pltzlich erschienen viele Lichter, aus allen Seitenlchern strzten die wachsamen Zwerglein, schnitten zornige Gesichter, hieben nach mir mit ihren kurzen Schwertern, bliesen gellend ins Horn, da immer mehr und mehr herzu eilten, und es wackelten entsetzlich ihre breiten Hupter. Wie ich darauf zuschlug und das Blut herausflo, merkte ich erst, da es die rotblhenden, langbrtigen Distelkpfe waren, die ich den Tag vorher an der Landstrae mit dem Stocke abgeschlagen hatte. Da waren sie auch gleich alle verscheucht, und ich gelangte in einen hellen Prachtsaal; in der Mitte stand, wei verschleiert, und wie eine Bildsule starr und regungslos, die Herzgeliebte, und ich kte ihren Mund, und, beim lebendigen Gott! ich fhlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das se Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hrte ich, wie Gott rief: Es werde Licht! blendend scho herab ein Strahl des ewigen Lichts; aber in demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und alles rann chaotisch zusammen in ein wildes, wstes Meer. Ein wildes, wstes Meer! ber das ghrende Wasser jagten ngstlich die Gespenster der Verstorbenen, ihre weien Totenhemden flatterten im Winde, hinter ihnen her, hetzend, mit klatschender Peitsche lief ein buntscheckiger Harlekin, und dieser war ich selbst -- und pltzlich, aus den dunkeln Wellen, reckten die Meerungetme ihre migestalteten Hupter, und langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entsetzen erwacht' ich. Wie doch zuweilen die allerschnsten Mrchen verdorben werden! Eigentlich mu der Ritter, wenn er die schlafende Prinzessin gefunden hat, ein Stck aus ihrem kostbaren Schleier heraus schneiden; und wenn durch seine Khnheit ihr Zauberschlaf gebrochen ist, und sie wieder in ihrem Palast auf dem goldenen Stuhle sitzt, mu der Ritter zu ihr treten und sprechen: Meine allerschnste Prinzessin, kennst du mich? Und dann antwortet sie: Mein allertapferster Ritter, ich kenne dich nicht. Und dieser zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleier herausgeschnittene Stck, das just in denselben wieder hineinpat, und beide umarmen sich zrtlich, und die Trompeter blasen, und die Hochzeit wird gefeiert. Es ist wirklich eigenes Migeschick, da meine Liebestrume selten ein so schnes Ende nehmen. Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knpfen sich daran so viele uralte Kaisererinnerungen, da ich eine imposante, stattliche Stadt erwartete. Aber so geht es, wenn man die Berhmten in der Nhe besieht! Ich fand ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straen, allwo mittendurch ein kleines Wasser, wahrscheinlich die Gose, fliet, verfallen und dumpfig, und ein Pflaster, so holprig wie Berliner Hexameter. Nur die Altertmlichkeiten der Einfassung, nmlich Reste von Mauern, Trmen und Zinnen, geben der Stadt etwas Pikantes. Einer dieser Trme, der Zwinger genannt, hat so dicke Mauern, da ganze Gemcher darin ausgehauen sind. Der Platz vor der Stadt, wo der weitberhmte Schtzenhof gehalten wird, ist eine schne groe Wiese, ringsum hohe Berge. Der Markt ist klein, in der Mitte steht ein Springbrunnen, dessen Wasser sich in ein groes Metallbecken ergiet. Bei Feuersbrnsten wird einigemal daran geschlagen; es giebt dann einen weitschallenden Ton. Man wei nichts vom Ursprunge dieses Beckens. Einige sagen, der Teufel habe es einst zur Nachtzeit dort auf den Markt hingestellt. Damals waren die Leute noch dumm, und der Teufel war auch dumm, und sie machten sich wechselseitig Geschenke. Das Rathaus zu Goslar ist eine weiangestrichene Wachtstube. Das danebenstehende Gildenhaus hat schon ein besseres Ansehen. Ungefhr von der Erde und vom Dach gleich weit entfernt stehen da die Standbilder deutscher Kaiser, rucherig schwarz und zum Teil vergoldet, in der einen Hand das Scepter, in der andern die Weltkugel; sehen aus wie gebratene Universittspedelle. Einer dieser Kaiser hlt ein Schwert, statt des Scepters. Ich konnte nicht erraten, was dieser Unterschied sagen will; und es hat doch gewi seine Bedeutung, da die Deutschen die merkwrdige Gewohnheit haben, da sie bei allem, was sie thun, sich auch etwas denken. In Gottschalks Handbuch hatte ich von dem uralten Dom und von dem berhmten Kaiserstuhl zu Goslar viel gelesen. Als ich aber beides besehen wollte, sagte man mir, der Dom sei niedergerissen und der Kaiserstuhl nach Berlin gebracht worden. Wir leben in einer bedeutungsschweren Zeit: tausendjhrige Dome werden abgebrochen, und Kaisersthle in die Rumpelkammer geworfen. Einige Merkwrdigkeiten des seligen Doms sind jetzt in der Stephanskirche aufgestellt. Glasmalereien, die wunderschn sind, einige schlechte Gemlde, worunter auch ein Lukas Cranach sein soll, ferner ein hlzerner Christus am Kreuz, und ein heidnischer Opferaltar aus unbekanntem Metall; er hat die Gestalt einer lnglich viereckigen Lade, und wird von Karyatiden getragen, die, in geduckter Stellung, die Hnde sttzend ber dem Kopfe halten, und unerfreulich hliche Gesichter schneiden. Indessen noch unerfreulicher ist das dabeistehende, schon erwhnte groe hlzerne Kruzifix. Dieser Christuskopf mit natrlichen Haaren und Dornen und blutbeschmiertem Gesichte zeigt freilich hchst meisterhaft das Hinsterben eines Menschen, aber nicht eines gottgebornen Heilands. Nur das materielle Leiden ist in dieses Gesicht hineingeschnitzelt, nicht die Poesie des Schmerzes. Solch Bild gehrt eher in einen anatomischen Lehrsaal, als in ein Gotteshaus. Die kunsterfahrene Frau Ksterin, die mich herumfhrte, zeigte mir noch als ganz besondere Raritt ein vieleckiges, wohlgehobeltes, schwarzes, mit weien Zahlen bedecktes Stck Holz, das ampelartig in der Mitte der Kirche hngt. O, wie glnzend zeigt sich hier der Erfindungsgeist in der protestantischen Kirche! Denn, wer sollte dies denken! Die Zahlen auf besagtem Stck Holze sind die Psalmennummern, welche gewhnlich mit Kreide auf einer schwarzen Tafel verzeichnet werden und auf den sthetischen Sinn etwas nchtern wirken, aber jetzt durch obige Erfindung sogar zur Zierde der Kirche dienen, und die so oft darin vermiten Raphaelschen Bilder hinlnglich ersetzen. Solche Fortschritte freuen mich unendlich, da ich, der ich Protestant und zwar Lutheraner bin, immer tief betrbt worden, wenn katholische Gegner das leere, gottverlassene Ansehn protestantischer Kirchen besptteln konnten. Ich logierte in einem Gasthofe nahe dem Markte, wo mir das Mittagessen noch besser geschmeckt haben wrde, htte sich nur nicht der Herr Wirt mit seinem langen, berflssigen Gesichte und seinen langweiligen Fragen zu mir hingesetzt; glcklicher Weise ward ich bald erlst durch die Ankunft eines andern Reisenden, der dieselben Fragen in derselben Ordnung aushalten mute: _quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur? quomodo? quando?_ Dieser Fremde war ein alter, mder, abgetragener Mann, der, wie aus seinen Reden hervorging, die ganze Welt durchwandert, besonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld erworben und wieder alles verloren hatte, und jetzt, nach dreiigjhriger Abwesenheit, nach Quedlinburg, seiner Vaterstadt zurckkehrte, -- denn, setzte er hinzu, unsere Familie hat dort ihr Erbbegrbnis. Der Herr Wirt machte die sehr aufgeklrte Bemerkung, da es doch fr die Seele gleichgiltig sei, wo unser Leib begraben wird. Haben sie es schriftlich? antwortete der Fremde, und dabei zogen sich unheimlich schlaue Ringe um seine kmmerlichen Lippen und verblichenen ugelein. Aber, setzte er ngstlich begtigend hinzu, ich will darum ber fremde Grber doch nichts Bses gesagt haben; -- die Trken begraben ihre Toten noch weit schner als wir, ihre Kirchhfe sind ordentlich Grten, und da sitzen sie auf ihren weien, beturbanten Grabsteinen, unter dem Schatten einer Cypresse, und streichen ihre ernsthaften Brte, und rauchen ruhig ihren trkischen Tabak aus ihren langen trkischen Pfeifen; -- und bei den Chinesen gar ist es eine ordentliche Lust zuzusehen, wie sie auf den Ruhesttten ihrer Toten manierlich herumtnzeln, und beten, und Thee trinken, und die Geige spielen, und die geliebten Grber gar hbsch zu verzieren wissen mit allerlei vergoldetem Lattenwerk, Porzellanfigrchen, Fetzen von buntem Seidenzeug, knstlichen Blumen und farbigen Laternchen -- alles sehr hbsch -- wie weit hab' ich noch bis Quedlinburg? Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber jenes wunderschne Lockenkpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt aus einem etwas hohen Parterrefenster lchelnd heraus schaute. Nach Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur ein Wasserglas mit weien Glockenblmchen. Ich kletterte hinauf, nahm die artigen Blmchen aus dem Glase, steckte sie ruhig auf meine Mtze und kmmerte mich wenig um die aufgesperrten Muler, versteinerten Nasen und Glotzaugen, womit die Leute auf der Strae, besonders die alten Weiber, diesem qualificierten Diebstahle zusahen. Als ich eine Stunde spter an demselben Hause vorbeiging, stand die Holde am Fenster, und wie sie die Glockenblmchen auf meiner Mtze gewahrte, wurde sie blutrot und strzte zurck. Ich hatte jetzt das schne Antlitz noch genauer gesehen; es war eine se, durchsichtige Verkrperung von Sommerabendhauch, Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosenduft. -- Spter, als es ganz dunkel geworden, trat sie vor die Thre. Ich kam -- ich nherte mich -- sie zieht sich langsam zurck in den dunkeln Hausflur -- ich fasse sie bei der Hand und sage: Ich bin ein Liebhaber von schnen Blumen und Kssen, und was man mir nicht freiwillig giebt, das stehle ich -- und ich kte sie rasch -- und wie sie entfliehen will, flstere ich beschwichtigend: Morgen reis' ich fort und komme wohl nie wieder -- und ich fhle den geheimen Wiederdruck der lieblichen Lippen und der kleinen Hnde -- und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich mu lachen, wenn ich bedenke, da ich unbewut jene Zauberformel ausgesprochen, wodurch unsere Rot- und Blaurcke, fter als durch ihre schnurrbrtige Liebenswrdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen: Ich reise morgen fort und komme wohl nie wieder! Mein Logis gewhrte eine herrliche Aussicht nach dem Rammelsberg. Es war ein schner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem schwarzen Rosse, und die langen Mhnen flatterten im Winde. Ich stand am Fenster und betrachtete den Mond. Giebt es wirklich einen Mann im Monde? Die Slaven sagen, er heie Klotar, und das Wachsen des Mondes bewirke er durch Wasseraufgieen. Als ich noch klein war, hatte ich gehrt, der Mond sei eine Frucht, die, wenn sie reif geworden, vom lieben Gott abgepflckt und zu den brigen Vollmonden in den groen Schrank gelegt werde, der am Ende der Welt steht, wo sie mit Brettern zugenagelt ist. Als ich grer wurde, bemerkte ich, da die Welt nicht so eng begrenzt ist, und da der menschliche Geist die hlzernen Schranken durchbrochen, und mit einem riesigen Petrischlssel, mit der Idee der Unsterblichkeit, alle sieben Himmel aufgeschlossen hat. Unsterblichkeit! schner Gedanke! wer hat dich zuerst erdacht? War es ein Nrnberger Spiebrger, der, mit weier Nachtmtze auf dem Kopfe und mit weier Thonpfeife im Maule, am lauen Sommerabend vor seiner Hausthre sa, und recht behaglich meinte, es wre doch hbsch, wenn er nun so immerfort, ohne da sein Pfeifchen und sein Lebensatemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit hineinvegetieren knnte! Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen seiner Geliebten jenen Unsterblichkeitsgedanken dachte, und ihn dachte, weil er ihn fhlte, und weil er nicht anders fhlen und denken konnte? -- Liebe! Unsterblichkeit! -- in meiner Brust ward es pltzlich so hei, da ich glaubte, die Geographen htten den quator verlegt, und er laufe jetzt gerade durch mein Herz. Und aus meinem Herzen ergossen sich die Gefhle der Liebe, ergossen sich sehnschtig in die weite Nacht. Die Blumen im Garten unter meinem Fenster dufteten strker. Dfte sind die Gefhle der Blumen, und wie das Menschenherz in der Nacht, wo es sich einsam und unbelauscht glaubt, strker fhlt, so scheinen auch die Blumen, sinnig verschmt, erst die umhllende Dunkelheit zu erwarten, um sich gnzlich ihren Gefhlen hinzugeben und sie auszuhauchen in sen Dften. -- Ergiet euch, ihr Dfte meines Herzens, und sucht hinter jenen Bergen die Geliebte meiner Trume! Sie liegt jetzt schon und schlft; zu ihren Fen knieen Engel, und wenn sie im Schlafe lchelt, so ist es ein Gebet, das die Engel nachbeten; in ihrer Brust liegt der Himmel mit allen seinen Seligkeiten, und wenn sie atmet, so bebt mein Herz in der Ferne; hinter den seidnen Wimpern ihrer Augen ist die Sonne untergegangen, und wenn sie die Augen wieder aufschlgt, so ist es Tag, und die Vgel singen, und die Herdenglckchen luten, und die Berge schimmern in ihren smaragdenen Kleidern, und ich schnre den Ranzen und wandre. In diesen philosophischen Betrachtungen und Privatgefhlen berraschte mich der Besuch des HofratB., der kurz vorher ebenfalls nach Goslar gekommen war. Zu keiner Stunde htte ich die wohlwollende Gemtlichkeit dieses Mannes tiefer empfinden knnen. Ich verehre ihn wegen seines ausgezeichneten, erfolgreichen Scharfsinns, noch mehr aber wegen seiner Bescheidenheit. Ich fand ihn ungemein heiter, frisch und rstig. Da er letzteres ist, bewies er jngst durch sein neues Werk: Die Religion der Vernunft, ein Buch, das die Rationalisten so sehr entzckt, die Mystiker rgert, und das groe Publikum in Bewegung setzt. Ich selbst bin zwar in diesem Augenblick ein Mystiker, meiner Gesundheit wegen, indem ich nach der Vorschrift meines Arztes alle Anregungen zum Denken vermeiden soll. Doch verkenne ich nicht den unschtzbaren Wert der rationalistischen Bemhungen eines Paulus, Gurlitt Krug, Eichhorn, Bouterwek, Wegscheider u.s.w. Zufllig ist es mir selbst sehr ersprielich, da diese Leute so manches verjhrte bel fortrumen, besonders den alten Kirchenschutt, worunter so viele Schlangen und bse Dnste. Die Luft wird in Deutschland zu dick und auch zu hei, und oft frchte ich zu ersticken, oder von meinen geliebten Mitmystikern in ihrer Liebeshitze erwrgt zu werden. Drum will ich auch den guten Rationalisten nichts weniger als bse sein, wenn sie die Luft etwas gar zu sehr abkhlen. Im Grunde hat ja die Natur selbst dem Rationalismus seine Grenze gesteckt; unter der Luftpumpe und am Nordpol kann der Mensch es nicht aushalten. In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas hchst Seltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daran zurckdenken. Ich bin von Natur nicht ngstlich, und Gott wei, da ich niemals eine sonderliche Beklemmung empfunden habe, wenn z.B. eine blanke Klinge mit meiner Nase Bekanntschaft zu machen suchte, oder wenn ich mich Nachts in einem verrufenen Walde verirrte, oder wenn mich im Konzert ein ghnender Lieutenant zu verschlingen drohte -- aber vor Geistern frchte ich mich fast eben so sehr wie der sterreichische Beobachter. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande oder aus dem Gemt? ber diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor Saul Ascher, wenn wir in Berlin im Caf Royal, wo ich lange Zeit meinen Mittagstisch hatte, zufllig zusammentrafen. Er behauptete immer, wir frchten etwas, weil wir es durch Vernunftschlsse fr furchtbar erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemt. Whrend ich gut a und gut trank, demonstrierte er mir fortwhrend die Vorzge der Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr zu sehen, und immer schlo er damit: Die Vernunft ist das hchste Prinzip! -- Vernunft. Wenn ich jetzt dieses Wort hre, so sehe ich noch immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem engen, transcendentalgrauen Leibrock, und mit seinem schroffen, frierend kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fnfzigen, war eine personificierte grade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben heraus philosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm nichts brig, als das kalte positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere und auf das Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres schrieb er sogar eine Broschre, worin er dessen Unvernnftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat berhaupt eine ganze Menge Bcher geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommiert, und wobei es der arme Doktor gewi ernsthaft genug meinte, und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand ja eben der Hauptspa, da er ein so ernsthaft nrrisches Gesicht schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den Vernunftdoktor in seinem eigenen Hause, wo ich schne Mdchen bei ihm fand; denn die Vernunft verbietet nicht die Sinnlichkeit. Als ich ihn einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: Der Herr Doktor ist eben gestorben. Ich fhlte nicht viel mehr dabei, als wenn er gesagt htte: Der Herr Doktor ist ausgezogen. Doch zurck nach Goslar. Das hchste Prinzip ist die Vernunft! sagte ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich ins Bett stieg. Indessen, es half nicht. Ich hatte eben in Varnhagen von Ense's Deutsche Erzhlungen, die ich von Klausthal mitgenommen hatte, jene entsetzliche Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigener Vater ermorden wollte, in der Nacht von dem Geiste seiner toten Mutter gewarnt wird. Die wunderbare Darstellung dieser Geschichte bewirkte, da mich whrend des Lesens ein inneres Grauen durchfrstelte. Auch erregen Gespenstererzhlungen ein noch schauerlicheres Gefhl, wenn man sie auf der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause, in einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. Wie viel Grliches mag sich schon zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst? so denkt man unwillkrlich. berdies schien der Mond so zweideutig ins Zimmer herein, an der Wand bewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als ich mich im Bett aufrichtete, um hin zu sehen, erblickte ich-- Es giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene Gesicht zufllig im Spiegel sieht. In demselben Augenblicke schlug eine schwerfllige, ghnende Glocke, und zwar so lang und langsam, da ich nach dem zwlften Glockenschlage sicher glaubte, es seien unterdessen volle zwlf Stunden verflossen, und es mte wieder von vorn anfangen, Zwlf zu schlagen. Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage schlug noch eine andere Uhr, sehr rasch, fast keifend gell, und vielleicht rgerlich ber die Langsamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als beide eiserne Zungen schwiegen, und tiefe Totenstille im ganzen Hause herrschte, war es mir pltzlich, als hrte ich auf dem Korridor vor meinem Zimmer etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang eines alten Mannes. Endlich ffnete sich meine Thr, und langsam trat herein der verstorbene Doktor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich das Gespenst anzusehen. Er sah aus wie sonst, derselbe transcendentalgraue Leibrock, dieselben abstrakten Beine, und dasselbe mathematische Gesicht; nur war dieses etwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der sonst zwei Winkel von 221/2 Grad bildete, war zusammengekniffen, und die Augenkreise hatten einen greren Radius. Schwankend und wie sonst sich auf sein spanisches Rhrchen sttzend, nherte er sich mir, und in seinem gewhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: Frchten Sie sich nicht und glauben Sie nicht, da ich ein Gespenst sei. Es ist Tuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben. Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition? Deducieren Sie mir die Bedingungen der Mglichkeit eines Gespenstes? In welchem vernnftigen Zusammenhang stnde eine solche Erscheinung mit der Vernunft? Die Vernunft, ich sage die Vernunft. -- Und nun schritt das Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, citierte Kants Kritik der reinen Vernunft, zweiter Theil, erster Abschnitt, zweites Buch, drittes Hauptstck, die Unterscheidung von Phnomena und Noumena, konstruierte alsdann den problematischen Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus auf den andern, und schlo mit dem logischen Beweise, da es durchaus keine Gespenster giebt. Mir unterdessen lief der kalte Schwei ber den Rcken, meine Zhne klapperten wie Kastagnetten, aus Seelenangst nickte ich unbedingte Zustimmung bei jedem Satz, womit der spukende Doktor die Absurditt aller Gespensterfurcht bewies, und derselbe demonstrierte so eifrig, da er einmal in der Zerstreuung, statt seiner goldnen Uhr, eine Handvoll Wrmer aus der Uhrtasche zog, und, seinen Irrtum bemerkend, mit possierlich ngstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. Die Vernunft ist das hchste-- da schlug die Glocke Eins, und das Gespenst verschwand. Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Geratewohl, halb in der Absicht, den Bruder des Klausthaler Bergmanns aufzusuchen. Wieder schnes, liebes Sonntagswetter. Ich bestieg Hgel und Berge, betrachtete, wie die Sonne den Nebel zu verscheuchen suchte, wanderte freudig durch die schauernden Wlder, und um mein trumendes Haupt klingelten die Glockenblmchen von Goslar. In ihren weien Nachtmnteln standen die Berge, die Tannen rttelten sich den Schlaf aus den Gliedern, der frische Morgenwind frisierte ihnen die herabhngenden, grnen Haare, die Vglein hielten Betstunde, das Wiesenthal blitzte wie eine diamantenbesete Golddecke, und der Hirt schritt darber hin mit seiner lutenden Herde. Ich mochte mich wohl eigentlich verirrt haben. Man schlgt immer Seitenwege und Fusteige ein, und glaubt dadurch nher zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben berhaupt, geht's uns auch auf dem Harze. Aber es giebt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten Weg bringen; sie thun es gern, und finden noch obendrein ein besonderes Vergngen daran, wenn sie uns mit selbstgeflliger Miene und wohlwollend lauter Stimme bedeuten, welche groe Umwege wir gemacht, in welche Abgrnde und Smpfe wir versinken konnten, und welch ein Glck es sei, da wir so wegkundige Leute, wie sie sind, noch zeitig angetroffen. Einen solchen Berichtiger fand ich unweit der Harzburg. Es war ein wohlgenhrter Brger von Goslar, ein glnzend wampiges, dummkluges Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseuche erfunden. Wir gingen eine Strecke zusammen, und er erzhlte mir allerlei Spukgeschichten, die hbsch klingen konnten, wenn sie nicht alle darauf hinaus liefen, da es doch kein wirklicher Spuk gewesen, sondern da die weie Gestalt ein Wilddieb war, und da die wimmernden Stimmen von den eben geworfenen Jungen einer Bache (wilden Sau), und das Gerusch auf dem Boden von der Hauskatze herrhrte. Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu, glaubt er Gespenster zu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so sei er selten krank, nur zuweilen leide er an Hautbeln, und dann kuriere er sich jedesmal mit nchternem Speichel. Er machte mich auch aufmerksam auf die Zweckmigkeit und Ntzlichkeit in der Natur. Die Bume sind grn, weil grn gut fr die Augen ist. Ich gab ihm Recht, und fgte hinzu, da Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen strken, da er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen knnen, und da er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war entzckt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz erglnzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerhrt. So lange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur entzaubert; sobald er aber fort war, fingen die Bume wieder an zu sprechen, und die Sonnenstrahlen erklangen, und die Wiesenblmchen tanzten, und der blaue Himmel umarmte die grne Erde. Ja, ich wei es besser; Gott hat den Menschen erschaffen, damit er die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder Autor, und sei er noch so gro, wnscht, da sein Werk gelobt werde. Und in der Bibel, den Memoiren Gottes, steht ausdrcklich, da er die Menschen erschaffen zu seinem Ruhm und Preis. Nach einem langen Hin- und Herwandern gelangte ich nach der Wohnung des Bruders meines Klausthaler Freundes, bernachtete alldort, und erlebte folgendes schne Gedicht: I. Auf dem Berge steht die Htte, Wo der alte Bergmann wohnt; Dorten rauscht die grne Tanne, Und erglnzt der goldne Mond. In der Htte steht ein Lehnstuhl, Reich geschnitzt und wunderlich, Der darauf sitzt, der ist glcklich, Und der Glckliche bin Ich! Auf dem Schemel sitzt die Kleine, Sttzt den Arm auf meinen Scho; uglein wie zwei blaue Sterne, Mndlein wie die Purpurros'. Und die lieben, blauen Sterne Schaun mich an so himmelgro, Und sie legt den Lilienfinger Schalkhaft auf die Purpurros'. Nein, es sieht uns nicht die Mutter, Denn sie spinnt mit groem Flei, Und der Vater spielt die Zither, Und er singt die alte Weis'. Und die Kleine flstert leise, Leise, mit gedmpftem Laut; Manches wichtige Geheimnis Hat sie mir schon anvertraut. Aber seit die Muhme tot ist, Knnen wir ja nicht mehr gehn Nach dem Schtzenhof zu Goslar, Und dort ist es gar zu schn. Hier dagegen ist es einsam Auf der kalten Bergeshh', Und des Winters sind wir gnzlich Wie vergraben in dem Schnee. Und ich bin ein banges Mdchen Und ich frcht' mich wie ein Kind Vor den bsen Bergesgeistern, Die des Nachts geschftig sind. Pltzlich schweigt die liebe Kleine, Wie vom eignen Wort erschreckt, Und sie hat mit beiden Hndchen Ihre ugelein bedeckt. Lauter rauscht die Tanne drauen, Und das Spinnrad schnarrt und brummt Und die Zither klingt dazwischen, Und die alte Weise summt: Frcht' dich nicht, du liebes Kindchen, Vor der bsen Geister Macht; Tag und Nacht, du liebes Kindchen, Halten Englein bei dir Wacht! II. Tannenbaum mit grnen Fingern Pocht ans niedre Fensterlein, Und der Mond, der gelbe Lauscher, Wirft sein ses Licht herein. Vater, Mutter schnarchen leise In dem nahen Schlafgemach, Doch wir beide, selig schwatzend, Halten uns einander wach. Da du gar zu oft gebetet, Das zu glauben wird mir schwer, Jenes Zucken deiner Lippen Kommt wohl nicht vom Beten her. Jenes bse, kalte Zucken, Das erschreckt mich jedesmal, Doch die dunkle Angst beschwichtigt Deiner Augen frommer Strahl. Auch bezweifl' ich, da du glaubest Was so rechter Glaube heit, Glaubst wohl nicht an Gott den Vater An den Sohn und heil'gen Geist? Ach, mein Kindchen, schon als Knabe, Als ich sa auf Mutters Scho, Glaubte ich an Gott den Vater, Der da waltet gut und gro; Der die schne Erd' erschaffen, Und die schnen Menschen drauf, Der den Sonnen, Monden, Sternen Vorgezeichnet ihren Lauf. Als ich grer wurde, Kindchen, Noch viel mehr begriff ich schon, Und begriff, und ward vernnftig, Und ich glaub' auch an den Sohn; An den lieben Sohn, der liebend Uns die Liebe offenbart, Und zum Lohne, wie gebruchlich, Von dem Volk gekreuzigt ward. Jetzo, da ich ausgewachsen, Viel gelesen, viel gereist, Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen, Glaub' ich an den heil'gen Geist. Dieser that die grten Wunder, Und viel grre thut er noch; Er zerbrach die Zwingherrnburgen, Und zerbrach des Knechtes Joch. Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht: Alle Menschen, gleichgeboren, Sind ein adliges Geschlecht. Er verscheucht die bsen Nebel Und das dunkle Hirngespinnst, Das uns Lieb' und Lust verleidet, Tag und Nacht uns angegrinst. Tausend Ritter, wohlgewappnet, Hat der heil'ge Geist erwhlt, Seinen Willen zu erfllen, Und er hat sie mutbeseelt. Ihre teuern Schwerter blitzen, Ihre guten Banner wehn! Ei, du mchtest wohl, mein Kindchen, Solche stolze Ritter sehn? Nun, so schau mich an, mein Kindchen, Ksse mich und schaue dreist; Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem heil'gen Geist. III. Still versteckt der Mond sich drauen Hinterm grnen Tannenbaum, Und im Zimmer unsre Lampe Flackert matt und leuchtet kaum. Aber meine blauen Sterne Strahlen auf in hellerm Licht, Und es glht die Purpurrose, Und das liebe Mdchen spricht: Kleines Vlkchen, Wichtelmnnchen Stehlen unser Brot und Speck, Abends ist es noch im Kasten, Und des Morgens ist es weg. Kleines Vlkchen, unsre Sahne Nascht es von der Milch, und lt Unbedeckt die Schssel stehen, Und die Katze suft den Rest. Und die Katz' ist eine Hexe, Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm Drben nach dem Geisterberge, Nach dem altverfallnen Turm. Dort hat einst ein Schlo gestanden, Voller Lust und Waffenglanz; Blanke Ritter, Fraun und Knappen Schwangen sich im Fackeltanz. Da verwnschte Schlo und Leute Eine bse Zauberin, Nur die Trmmer blieben stehen, Und die Eulen nisten drin. Doch die sel'ge Muhme sagte: Wenn man spricht das rechte Wort Nchtlich zu der rechten Stunde, Drben an dem rechten Ort: So verwandeln sich die Trmmer Wieder in ein helles Schlo, Und es tanzen wieder lustig Ritter, Fraun und Knappentro; Und wer jenes Wort gesprochen, Dem gehren Schlo und Leut', Pauken und Trompeten huld'gen Seiner jungen Herrlichkeit. Also blhen Mrchenbilder Aus des Mundes Rselein, Und die Augen gieen drber Ihren blauen Sternenschein. Ihre goldnen Haare wickelt Mir die Kleine um die Hnd', Giebt den Fingern hbsche Namen, Lacht und kt, und schweigt am End'. Und im stillen Zimmer alles Blickt mich an so wohlvertraut; Tisch und Schrank, mir ist als htt' ich Sie schon frher mal geschaut. Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr Und die Zither, hrbar kaum, Fngt von selber an zu klingen, Und ich sitze wie im Traum. Jetzo ist die rechte Stunde, Und es ist der rechte Ort; Staunen wrdest du, mein Kindchen, Sprch' ich aus das rechte Wort. Sprech' ich jenes Wort, so dmmert Und erbebt die Mitternacht, Bach und Tannen brausen lauter, Und der alte Berg erwacht. Zitherklang und Zwergenlieder Tnen aus des Berges Spalt, Und es spriet, wie'n toller Frhling Draus hervor ein Blumenwald. Blumen, khne Wunderblumen, Bltter, breit und fabelhaft, Duftig bunt und hastig regsam, Wie gedrngt von Leidenschaft. Rosen, wild wie rote Flammen, Sprhn aus dem Gewhl hervor; Lilien, wie krystallne Pfeiler, Schieen himmelhoch empor. Und die Sterne, gro wie Sonnen, Schaun herab mit Sehnsuchtsglut; In der Lilien Riesenkelche Strmet ihre Strahlenflut. Doch wir selber, ses Kindchen, Sind verwandelt noch viel mehr; Fackelglanz und Gold und Seide Schimmern lustig um uns her. Du, du wurdest zur Prinzessin, Diese Htte ward zum Schlo, Und da jubeln und da tanzen Ritter, Fraun und Knappentro. Aber ich, ich hab' erworben, Dich und alles, Schlo und Leut': Pauken und Trompeten huld'gen Meiner jungen Herrlichkeit! Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Gespenster beim dritten Hahnenschrei. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte die schne Sonne, immer neue Schnheiten beleuchtend. Der Geist des Gebirges begnstigte mich ganz offenbar; er wute wohl, da so ein Dichtermensch viel Hbsches wiedererzhlen kann, und er lie mich diesen Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewi nicht jeder sah. Aber auch mich sah der Harz, wie mich nur wenige gesehen, in meinen Augenwimpern flimmerten eben so kostbare Perlen, wie in den Grsern des Thals. Morgentau der Liebe feuchtete meine Wangen, die rauschenden Tannen verstanden mich, ihre Zweige thaten sich von einander, bewegten sich herauf und herab, gleich stummen Menschen, die mit den Hnden ihre Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnisvoll, wie Glockengelute einer verlornen Waldkirche. Man sagt, das seien die Herdenglckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind. Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine solche Herde stie, und der Hirt, ein freundlich blonder junger Mensch, sagte mir, der groe Berg, an dessen Fu ich stnde, sei der alte, weltberhmte Brocken. Viele Stunden ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug, da mich der junge Mensch einlud, mit ihm zu essen. Wir setzten uns nieder zu einem _Dejeuner dinatoire_, das aus Kse und Brot bestand; die Schfchen erhaschten die Krumen, die lieben blanken Khlein sprangen um uns herum, und klingelten schelmisch mit ihren Glckchen, und lachten uns an mit ihren groen, vergngten Augen. Wir tafelten recht kniglich; berhaupt schien mir mein Wirt ein echter Knig, und weil er bis jetzt der einzige Knig ist, der mir Brot gegeben hat, so will ich ihn auch kniglich besingen. Knig ist der Hirtenknabe, Grner Hgel ist sein Thron, ber seinem Haupt die Sonne Ist die schwere, goldne Kron'. Ihm zu Fen liegen Schafe, Weiche Schmeichler, rotbekreuzt! Kavaliere sind die Klber, Und sie wandeln stolz gespreizt. Hofschauspieler sind die Bcklein; Und die Vgel und die Kh', Mit den Flten, mit den Glcklein, Sind die Kammermusici. Und das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen drein Wasserfall und Tannenbume, Und der Knig schlummert ein. Unterdessen mu regieren Der Minister, jener Hund, Dessen knurriges Gebelle Wiederhallet in der Rund'. Schlfrig lallt der junge Knig: Das Regieren ist so schwer, Ach, ich wollt', da ich zu Hause Schon bei meiner Kn'gin wr'! In den Armen meiner Kn'gin Ruht mein Knigshaupt so weich, Und in ihren lieben Augen Liegt mein unermelich Reich! Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und frhlich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, fr die ich in jeder Hinsicht Respekt habe. Diesen Bumen ist nmlich das Wachsen nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen groen Granitblcken berset, und die meisten Bume muten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen, und mhsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schpfen knnen. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Thor bildend, ber einander, und oben darauf stehen die Bume, die nackten Wurzeln ber jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fue derselben den Boden erfassend, so da sie in der freien Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Hhe empor geschwungen, und, mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. So stehen auch im Leben jene groen Mnner, die durch das berwinden frher Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestrkt und befestigt haben. Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhrnchen und unter denselben spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergngen daran finden, es zu hetzen und zu tten. Solch ein Tier war barmherziger als die Menschen, und sugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen Genovefa. Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrn. Eine natrliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. berall schwellende Moosbnke; denn die Steine sind fuhoch von den schnsten Moosarten, wie mit hellgrnen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Khle und trumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und Fasern besplt. Wenn man sich nach diesem Treiben hinab beugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und Wurzeln strker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da lt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vgel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bume flstern wie mit tausend Mdchenzungen, wie mit tausend Mdchenaugen schauen uns an die seltsamen Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig gezackten Bltter, spielend flimmern hin und her die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Krutlein erzhlen sich grne Mrchen, es ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint -- ach, da sie so schnell wieder verschwindet! Je hher man den Berg hinaufsteigt, desto krzer, zwerghafter werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu schrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rotbeerstruche und Bergkruter brig bleiben. Da wird es auch schon fhlbar klter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblcke werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Gre. Das mgen wohl die Spielblle sein, die sich die bsen Geister einander zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und Mistgabeln einhergeritten kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzhlt, und wie es zu schauen ist auf den hbschen Faustbildern des Meister Retzsch. Ja, ein junger Dichter, der auf einer Reise von Berlin nach Gttingen in der ersten Mainacht am Brocken vorbei ritt, bemerkte sogar, wie einige belletristische Damen auf einer Bergecke ihre sthetische Theegesellschaft hielten, sich gemtlich die Abendzeitung vorlasen, ihre poetischen Ziegenbckchen, die meckernd den Theetisch umhpften, als Universalgenies priesen, und ber alle Erscheinungen in der deutschen Litteratur ihr Endurteil fllten; doch als sie auch auf den Ratcliff und Almansor gerieten, und dem Verfasser alle Frmmigkeit und Christlichkeit absprachen, da strubte sich das Haar des jungen Mannes, Entsetzen ergriff ihn, -- ich gab dem Pferde die Sporen und jagte vorber. In der That, wenn man die obere Hlfte des Brockens besteigt, kann man sich nicht erwehren, an die ergtzlichen Blocksberggeschichten zu denken, und besonders an die groe mystische deutsche Nationaltragdie vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der Pferdefu neben mir hinauf klettere, und jemand humoristisch Atem schpfe. Und ich glaube, auch Mephisto mu mit Mhe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein uerst erschpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam. Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist, blo aus einem Parterre besteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst 1800 vom Grafen Stolberg-Wernigerode erbaut, fr dessen Rechnung es auch als Wirtshaus verwaltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, wegen des Windes und der Klte im Winter; das Dach ist niedrig, in der Mitte desselben steht eine turmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch zwei kleine Nebengebude, wovon das eine in frhern Zeiten den Brockenbesuchern zum Obdach diente. Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas ungewhnliche, mrchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen, einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen pltzlich in ein Wolkenhaus versetzt; Stdte, Berge und Wlder blieben unten liegen, und oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesellschaft, von welcher man, wie es an dergleichen Orten natrlich ist, fast wie ein erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichgiltig, empfangen wird. Ich fand das Haus voller Gste, und, wie es einem klugen Manne geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Thee, und der Herr Brockenwirt war vernnftig genug, einzusehen, da ich kranker Mensch fr die Nacht ein ordentliches Bett haben msse. Dieses verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger Kaufmann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich etabliert hatte. In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von verschiedenen Universitten. Die einen sind kurz vorher angekommen und restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch, schnren ihre Ranzen, schreiben ihre Namen ins Gedchtnisbuch, erhalten Brockenstrue von den Hausmdchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen, gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fuweg, Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und diese haben von der schnen Aussicht einen doppelten Genu, da ein Betrunkener alles doppelt sieht. Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte, und fand daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer ltlichen. Die junge Dame war sehr schn. Eine herrliche Gestalt, auf dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen weien Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, da die edlen Formen hervortraten, und das freie, groe Auge, ruhig hinabschauend in die freie, groe Welt. Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber und Wundergeschichten, und jede schne Dame, die Straufedern auf dem Kopfe trug, hielt ich fr eine Elfenknigin, und bemerkte ich gar, da die Schleppe ihres Kleides na war, so hielt ich sie fr eine Wassernixe. Jetzt denke ich anders, seit ich aus der Naturgeschichte wei, da jene symbolischen Federn von dem dmmsten Vogel herkommen, und da die Schleppe eines Damenkleides auf sehr natrliche Weise na werden kann. Htte ich mit jenen Knabenaugen die erwhnte junge Schne in erwhnter Stellung auf dem Brocken gesehen, so wrde ich sicher gedacht haben: Das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den Zauber ausgesprochen, wodurch dort unten alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken, alle Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrcke, und diese, meistens verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer Seele zu einem groen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefhl. Gelingt es uns, dieses Gefhl in seinem Begriff zu erfassen, so erkennen wir den Charakter des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl in Hinsicht seiner Fehler, also auch seiner Vorzge. Der Brocken ist ein Deutscher. Mit deutscher Grndlichkeit zeigt er uns klar und deutlich, wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Stdte, Stdtchen und Drfer, die meistens nrdlich liegen, und ringsum alle Berge, Wlder, Flsse, Flchen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint alles wie eine scharfgezeichnete, rein illuminierte Specialkarte, nirgends wird das Auge durch eigentliche schne Landschaften erfreut; wie es denn immer geschieht, da wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken knnen, das einzelne auf eine schne Weise zu geben. Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verstndiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge so weit und klar berschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine Riesenaugen ffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge, die wir mit unsern blden uglein auf ihm herum klettern. Viele wollen zwar behaupten, der Brocken sei sehr philistrse, und Claudius sang: Der Blocksberg ist der lange Herr Philister! Aber das ist Irrtum. Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weien Nebelkappe bedeckt, giebt er sich zwar den Anstrich von Philistrsitt; aber, wie bei manchen andern groen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie. Es ist sogar notorisch, da der Brocken seine burschikosen, phantastischen Zeiten hat, z.B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in die Lfte, und wird, eben so gut wie wir brigen, recht echtdeutsch romantisch verrckt. Ich suchte gleich die schne Dame in ein Gesprch zu verflechten; denn Naturschnheiten geniet man erst recht, wenn man sich auf der Stelle darber aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam sinnig. Wahrhaft vornehme Formen. Ich meine nicht die gewhnliche, steife, negative Vornehmheit, die genau wei, was unterlassen werden mu; sondern jene seltnere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau sagt, was wir thun drfen, und die uns, bei aller Unbefangenheit, die hchste gesellige Sicherheit giebt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen Verwunderung, viele geographische Kenntnisse, nannte der wibegierigen Schnen alle Namen der Stdte, die vor uns lagen, suchte und zeigte ihr dieselben auf meiner Landkarte, die ich ber den Steintisch, der in der Mitte der Turmplatte steht, mit echter Docentenmiene ausbreitete. Manche Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern suchte, als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der holden Dame orientierten, und dort schnere Partieen fanden, als Schierke und Elend. Dieses Gesicht gehrte zu denen, die nie reizen, selten entzcken, und immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil sie mein schlimmbewegtes Herz zur Ruhe lcheln. Die Dame war noch unverheiratet; obgleich schon in jener Vollblte, die zum Ehestande hinlnglich berechtigt. Aber es ist ja eine tgliche Erscheinung, just bei den schnsten Mdchen hlt es so schwer, da sie einen Mann bekommen. Dies war schon im Altertum der Fall, und, wie bekannt ist, alle drei Grazien sind sitzen geblieben. In welchem Verhltnis der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu denselben stehen mochte, konnte ich nicht erraten. Es war eine dnne, merkwrdige Figur. Ein Kpfchen, sparsam bedeckt mit grauen Hrchen, die ber die kurze Stirn bis an die grnlichen Libellenaugen reichten, die runde Nase weit hervortretend, dagegen Mund und Kinn sich wieder ngstlich nach den Ohren zurck ziehend. Dieses Gesichtchen schien aus einem zarten, gelblichen Thone zu bestehen, woraus die Bildhauer ihre ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen Lippen zusammen kniffen, zogen sich ber die Wangen einige tausend halbkreisartige, feine Fltchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn die ltere Dame ihm etwas Freundliches zuflsterte, lchelte er wie ein Mops, der den Schnupfen hat. Jene ltere Dame war die Mutter der jngern, und auch sie besa die vornehmsten Formen. Ihr Auge verriet einen krankhaft schwrmerischen Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Frmmigkeit, doch schien mir's, als ob er einst sehr schn gewesen sei, und viel gelacht und viele Ksse empfangen und viele erwidert habe. Ihr Gesicht glich einem Kodex palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mnchsschrift eines Kirchenvatertextes die halberloschenen Verse eines altgriechischen Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mit ihrem Begleiter dieses Jahr in Italien gewesen und erzhlten mir allerlei Schnes von Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzhlte viel von den Raphaelschen Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im Theater Fenice. Beide waren entzckt von der Kunst der Improvisatoren. Nrnberg war der Damen Vaterstadt; doch von dessen altertmlicher Herrlichkeit wuten sie mir wenig zu sagen. Die holdselige Kunst des Meistergesangs, wovon uns der gute Wagenseil die letzten Klnge erhalten, ist erloschen, und die Brgerinnen Nrnbergs erbauen sich an welschem Stegreifunsinn und Kapaunengesang. O Sankt Sebaldus, was bist du jetzt fr ein armer Patron! Derweil wir sprachen, begann es zu dmmern; die Luft wurde noch klter, die Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte fllte sich mit Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Brgersleuten, samt deren Ehefrauen und Tchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt. Wohl eine Viertelstunde standen alle ernsthaft schweigend, und sahen, wie der schne Feuerball im Westen allmhlich versank; die Gesichter wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hnde falteten sich unwillkrlich; es war, als stnden wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines Riesendoms, und der Priester erhbe jetzt den Leib des Herrn, und von der Orgel herab ergsse sich Palestrina's ewiger Choral. Whrend ich so in Andacht versunken stehe, hre ich, da neben mir jemand ausruft: Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schn! Die Worte kamen aus der gefhlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war jetzt imstande, den Damen ber den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu sagen, und sie ruhig, als wre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu fhren. Sie erlaubten mir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie die Erde selbst, drehte sich unsre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter uerte, die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine rotglhende Rose, die der galante Himmel herabgeworfen in den weitausgebreiteten, weien Brautschleier seiner geliebten Erde. Die Tochter lchelte und meinte, der ftere Anblick solcher Naturerscheinungen schwche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte diese falsche Meinung durch eine Stelle aus Goethe's Reisebriefen, und frug mich, ob ich den Werther gelesen? Ich glaube, wir sprachen auch von Angorakatzen, etruskischen Vasen, trkischen Shawls, Maccaroni und Lord Byron, aus dessen Gedichten die ltere Dame einige Sonnenuntergangsstellen, recht hbsch lispelnd und seufzend, recitierte. Der jngern Dame, die kein Englisch verstand und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl ich die bersetzungen meiner schnen, geistreichen Landsmnnin, der Baronin Elise von Hohenhausen; bei welcher Gelegenheit ich nicht ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun pflege, ber Byrons Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel wei was noch mehr, zu eifern. Nach diesem Geschfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete die Umrisse der beiden Hgel, die man den Hexenaltar und die Teufelskanzel nennt. Ich scho meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo. Pltzlich aber hre ich bekannte Stimmen, und fhle mich umarmt und gekt. Es waren meine Landsleute, die Gttingen vier Tage spter verlassen hatten, und bedeutend erstaunt waren, mich ganz allein auf dem Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzhlen und Verwundern und Verabreden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiste waren wir wieder in unserm gelehrten Sibirien, wo die Kultur so gro ist, da die Bren in den Wirtshusern angebunden werden, und die Zobel dem Jger guten Abend wnschen. Im groen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewhnliches Universittsgesprch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die Gesellschaft bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher Hauptgegenstand der Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schtz wurden exegetisch beleuchtet. Dann erzhlte man, da die letzte Kur bei dem Knig von Cypern sehr glnzend gewesen sei, da er einen natrlichen Sohn erwhlt, da er sich eine Lichtensteinsche Prinzessin ans linke Bein antrauen lassen, da er die Staatsmaitresse abgedankt, und da das ganze gerhrte Ministerium vorschriftsmig geweint habe. Ich brauche wohl nicht zu erwhnen, da sich dieses auf Halle'sche Bierwrden bezieht. Hernach kamen die zwei Chinesen aufs Tapet, die sich vor zwei Jahren in Berlin sehen lieen, und jetzt in Halle zu Privatdocenten der chinesischen sthetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze gerissen. Man setzte den Fall, ein Deutscher liee sich in China fr Geld sehen; und zu diesem Zwecke wurde ein Anschlagzettel geschmiedet, worin die Mandarinen Tsching-Tschang-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, da es ein echter Deutscher sei, worin ferner seine Kunststcke aufgerechnet wurden, die hauptschlich in Philosophieren, Tabakrauchen und Geduld bestanden, und worin noch schlielich bemerkt wurde, da man um zwlf Uhr, welches die Ftterungsstunde sei, keine Hunde mitbringen drfe, indem diese dem armen Deutschen die besten Brocken weg zu schnappen pflegten. Ein junger Burschenschafter, der krzlich zur Purifikation in Berlin gewesen, sprach viel von dieser Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte Wisotzki und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort u.s.w. Er sprach von Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal u.s.w. Der junge Mann wute nicht, da, da in Berlin berhaupt der Schein der Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart man so duhn hinlnglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht florieren mu, und da daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat fr die Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird, fr die Treue der Kostme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von wissenschaftlich gebildeten Schneidern genht werden. Und das ist notwendig. Denn trge mal Maria Stuart eine Schrze, die schon zum Zeitalter der Knigin Anna gehrt, so wrde gewi der Bankier Christian Gumpel sich mit Recht beklagen, da ihm dadurch alle Illusion verloren gehe; und htte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hose von HeinrichIV. angezogen, so wrde gewi die Kriegsrtin von Steinzopf, geb. Lilientau, diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Solche tuschende Sorgfalt der Generalintendanz erstreckt sich aber nicht blo auf Schrzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten Personen. So soll knftig der Othello von einem wirklichen Mohren gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus Afrika verschrieben hat; in Menschenha und Reue soll knftig die Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich geheimen Hahnrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika zu verschreiben braucht. In der Macht der Verhltnisse soll ein wirklicher Schriftsteller, der schon mal ein paar Maulschellen bekommen, die Rolle des Helden spielen; in der Ahnfrau soll der Knstler, der den Jaromir giebt, schon wirklich einmal geraubt oder doch wenigstens gestohlen haben; die Lady Macbeth soll von einer Dame gespielt werden, die zwar, wie es Tieck verlangt, von Natur sehr liebevoll, aber doch mit dem blutigen Anblick eines meuchelmrderischen Abstechens einigermaen vertraut ist; und endlich, zur Darstellung gar besonders seichter, witzloser, pbelhafter Gesellen soll der groe Wurm engagiert werden, der groe Wurm, der seine Geistesgenossen jedesmal entzckt, wenn er sich erhebt in seiner wahren Gre, hoch, hoch, jeder Zoll ein Lump! -- Hatte nun obenerwhnter junger Mensch die Verhltnisse des Berliner Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, da die Spontini'sche Janitscharenoper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompeten und Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk kriegerisch zu strken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero staatspfiffig empfohlen haben. Am allerwenigsten begriff der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des Ballets. Mit Mhe zeigte ich ihm, wie in Hoguets Fen mehr Politik sitzt als in Buchholz' Kopf, wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z.B. da er unser Kabinett meint, wenn er, sehnschtig vorgebeugt, mit den Hnden weitausgreift, da er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf einem Fue herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen, da er die kleinen Frsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt, da er das europische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und her schwankt, da er einen Kongre andeutet, wenn er die gebogenen Arme knuelartig in einander verschlingt, und endlich, da er unsern allzugroen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmhlicher Entfaltung sich in die Hhe hebt, in dieser Stellung lange ruht, und pltzlich in die erschrecklichsten Sprnge ausbricht. Dem jungen Manne fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Tnzer besser honoriert werden, als groe Dichter, warum das Ballet beim diplomatischen Korps ein unerschpflicher Gegenstand des Gesprchs ist, und warum oft eine schne Tnzerin noch privatim von dem Minister unterhalten wird, der sich gewi Tag und Nacht abmht, sie fr sein politisches Systemchen empfnglich zu machen. Beim Apis! wie gro ist die Zahl der exoterischen, und wie klein die Zahl der esoterischen Theaterbesucher! Da steht das blde Volk und gafft, und bewundert Sprnge und Wendungen, und studiert Anatomie in den Stellungen der Lemiere, und applaudiert die Entrechats der Rhnisch, und schwatzt von Grazie, Harmonie und Lenden -- und Keiner merkt, da er in getanzten Chiffern das Schicksal des deutschen Vaterlandes vor Augen hat. Whrend solcherlei Gesprche hin und her flogen, verlor man doch das Ntzliche nicht aus den Augen und den groen Schsseln, die mit Fleisch, Kartoffeln u.s.w. ehrlich angefllt waren, wurde fleiig zugesprochen. Jedoch war das Essen schlecht. Dies erwhnte ich leichthin gegen meinen Nachbar, der aber mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte, gar unhflich antwortete, da wir Deutschen, wie mit der wahren Freiheit, so auch mit der wahren Gengsamkeit unbekannt seien. Ich zuckte die Achseln und bemerkte, da die eigentlichen Frstenknechte und Leckerkramverfertiger berall Schweizer sind und vorzugsweise so genannt werden, und da berhaupt die jetzigen schweizerischen Freiheitshelden, die so viel Politisch-Khnes ins Publikum hineinschwatzen, mir immer vorkommen wie Hasen, die auf ffentlichen Jahrmrkten Pistolen abschieen, alle Kinder und Bauern durch ihre Khnheit in Erstaunen setzen, und dennoch Hasen sind. Der Sohn der Alpen hatte es gewi nicht bse gemeint, es war ein dicker Mann, folglich ein guter Mann, sagt Cervantes. Aber mein Nachbar von der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene uerung sehr pikiert; er beteuerte, da deutsche Thatkraft und Einfltigkeit noch nicht erloschen sei, schlug sich drhnend auf die Brust, und leerte eine ungeheure Stange Weibier. Der Schweizer sagte: Nu! nu! Doch je beschwichtigender er dieses sagte, desto eifriger ging der Greifswalder ins Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen Zeiten, als die Luse gute Tage hatten und die Friseure zu verhungern frchteten. Er trug herabhngend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer Weste versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbschel von Blchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgre. Ich mache mir gern einige Bewegung beim Abendessen, und lie mich daher von ihm in einen patriotischen Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutschland msse in achtunddreiig Gauen geteilt werden. Ich hingegen behauptete, es mten achtundvierzig sein, weil man alsdann ein systematischeres Handbuch ber Deutschland schreiben knne, und es doch notwendig sei, das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund war auch ein deutscher Barde, und, wie er mir vertraute, arbeitete er an einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung Hermanns und der Hermannsschlacht. Manchen ntzlichen Wink gab ich ihm fr die Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, da er die Smpfe und Knppelwege des Teutoburger Waldes sehr onomatopisch durch wssrige und holprige Verse andeuten knne, und da es eine patriotische Feinheit wre, wenn er den Varus und die brigen Rmer lauter Unsinn sprechen liee. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, eben so erfolgreich wie andern Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten Illusion gelingen. An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein verdrngte das Bier, die Punschbowlen dampften, es wurde getrunken, smoliert und gesungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von W.Mller, Rckert, Uhland u.s.w. erschollen. Schne Methfesselsche Melodien. Am allerbesten erklangen unseres Arndts deutsche Worte: Der Gott, der Eisen wachsen lie, der wollte keine Knechte! Und drauen brauste es, als ob der alte Berg mitsnge, und einige schwankende Freunde behaupteten sogar, er schttle freudig sein kahles Haupt, und unser Zimmer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaschen wurden leerer und die Kpfe voller. Der eine brllte, der andere fistulierte, ein dritter deklamierte aus der Schuld, ein vierter sprach Latein, ein fnfter predigte von der Migkeit, und ein sechster stellte sich auf den Stuhl und docierte: Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze, die Menschen sind einzelne Stiftchen darauf, scheinbar arglos zerstreut; aber die Walze dreht sich, die Stiftchen stoen hier und da an und tnen, die einen oft, die andern selten, das giebt eine wunderbare, komplizierte Musik, und diese heit Weltgeschichte. Wir sprechen also erst von der Musik, dann von der Welt, und endlich von der Geschichte; letztere aber teilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen-- Und so ging's weiter mit Sinn und Unsinn. Ein gemtlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und selig lchelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm zu Mute, als stnde er wieder vor dem Theaterbffet in Schwerin. Ein anderer hielt sein Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien uns aufmerksam damit zu betrachten, whrend ihm der rote Wein ber die Backen ins hervortretende Maul hinablief. Der Greifswalder, pltzlich begeistert, warf sich an meine Brust und jauchzte: O, verstndest du mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glcklicher, ich werde wieder geliebt, und, Gott verdamm' mich! es ist ein gebildetes Mdchen, denn sie hat volle Brste, und trgt ein weies Kleid, und spielt Klavier! -- Aber der Schweizer weinte, und kte zrtlich meine Hand, und wimmerte bestndig: O Bbeli! O Bbeli! In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Glser fliegen lernten, saen mir gegenber zwei Jnglinge, schn und bla wie Marmorbilder, der eine mehr dem Adonis, der andere mehr dem Apollo hnlich. Kaum bemerkbar war der leise Rosenhauch, den der Wein ber ihre Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als wenn einer lesen knnte in den Augen des andern, und in diesen Augen strahlte es, als wren einige Lichttropfen hineingefallen aus jener Schale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem Stern zum andern hinber trgt. Sie sprachen leise mit sehnsuchtbebender Stimme, und es waren traurige Geschichten, aus denen ein wunderschmerzlicher Ton hervor klang. Die Lore ist jetzt auch tot! sagte der eine und seufzte, und nach einer Pause erzhlte er von einem Halle'schen Mdchen, das in einen Studenten verliebt war, und, als dieser Halle verlie, mit niemand mehr sprach, und wenig a, und Tag und Nacht weinte, und immer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte ihr einst geschenkt hatte. Der Vogel starb, und bald darauf ist auch die Lore gestorben! so schlo die Erzhlung, und beide Jnglinge schwiegen wieder und seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen. Endlich sprach der andere: Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in die dunkle Nacht! Einatmen will ich den Hauch der Wolken und die Strahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmut! ich liebe dich, deine Worte tnen wie Rohrgeflster, wie gleitende Strme, sie tnen wieder in meiner Brust, aber meine Seele ist traurig! Nun erhoben sich die beiden Jnglinge, einer schlang den Arm um den Nacken des andern, und sie verlieen das tosende Zimmer. Ich folgte ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer traten, wie der eine, statt des Fensters, einen groen Kleiderschrank ffnete, wie beide vor demselben mit sehnschtig ausgestreckten Armen stehen blieben und wechselweise sprachen. Ihr Lfte der dmmernden Nacht! rief der erste, wie erquickend khlt ihr meine Wangen! Wie lieblich spielt ihr mit meinen flatternden Locken! Ich steh' auf des Berges wolkigem Gipfel, unter mir liegen die schlafenden Stdte der Menschen, und blinken die blauen Gewsser. Horch! dort unten im Thale rauschen die Tannen! Dort ber die Hgel ziehen in Nebelgestalten die Geister der Vter. O, knnt' ich mit euch jagen auf dem Wolkenro durch die strmische Nacht, ber die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit Leid, und meine Seele ist traurig! -- Der andere Jngling hatte ebenfalls seine Arme sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank ausgestreckt, Thrnen strzten aus seinen Augen, und zu einer gelbledernen Hose, die er fr den Mond hielt, sprach er mit wehmtiger Stimme: Schn bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen deinen blauen Pfaden im Osten. Bei deinem Anblick erfreuen sich die Wolken, und es lichten sich ihre dstern Gestalten. Wer gleicht dir am Himmel, Erzeugte der Nacht? Beschmt in deiner Gegenwart sind die Sterne, und wenden ab die grnfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens dein Antlitz erbleicht, entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich mir deine Halle? Wohnst du im Schatten der Wehmut? Sind deine Schwestern vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten, sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab, o schnes Licht, und du verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird kommen die Nacht, und du, auch du bist vergangen, und hast deine blauen Pfade dort oben verlassen. Dann erheben die Sterne ihre grnen Hupter, die einst deine Gegenwart beschmt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet in deine Strahlenpracht, und schaust herab aus den Thoren des Himmels. Zerreit die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervor zu leuchten vermag, und die buschigen Berge erglnzen, und das Meer seine schumenden Wogen rolle in Licht! Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als gegessen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewhnlich, eine Portion Rindfleisch verschlungen, wovon sechs Gardelieutenants und ein unschuldiges Kind satt geworden wren, dieser kam jetzt in allzugutem Humor, d.h. ganz _en_ Schwein, vorbeigerannt, schob die beiden elegischen Freunde etwas unsanft in den Schrank hinein, polterte nach der Hausthre, und wirtschaftete drauen ganz mrderlich. Der Lrm im Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die beiden Jnglinge im Schranke jammerten und wimmerten, sie lgen zerschmettert am Fue des Berges; aus dem Hals strmte ihnen der edle Rotwein, sie berschwemmten sich wechselseitig, und der eine sprach zum andern: Lebewohl! Ich fhle, da ich verblute. Warum weckst du mich, Frhlingsluft? Du buhlst und sprichst: >Ich betaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Bltter zerstrt! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen, der mich sah in meiner Schnheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich nicht finden.< -- Aber alles bertobte die wohlbekannte Bastimme, die drauen vor der Thre unter Fluchen und Jauchzen sich gottlsterlich beklagte, da auf der ganzen dunkeln Weenderstrae keine einzige Laterne brenne, und man nicht einmal sehen knne, bei wem man die Fensterscheiben eingeschmissen habe. Ich kann viel vertragen -- die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die Bouteillenzahl zu nennen -- und ziemlich gut konditioniert gelangte ich nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit seiner kreideweien Nachtmtze und safrangelben Jacke von Gesundheitsflanell. Er schlief noch nicht, und suchte ein Gesprch mit mir anzuknpfen. Er war ein Frankfurt-am-Mainer, und folglich sprach er gleich von den Juden, die alles Gefhl fr das Schne und Edle verloren haben, und die englischen Waren fnfundzwanzig Procent unter dem Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die Lust, ihn etwas zu mystificieren; deshalb sagte ich ihm, ich sei ein Nachtwandler, und msse im voraus um Entschuldigung bitten fr den Fall, da ich ihn etwa im Schlafe stren mchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir am andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die Besorgnis hegte, ich knnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette lagen, im Nachtwandlerzustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es mir nicht viel besser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht geschlafen. Wste, bengstigende Phantasiegebilde. Ein Klavierauszug aus Dante's Hlle. Am Ende trumte mir gar, ich she die Auffhrung einer juristischen Oper, die Falcidia geheien, erbrechtlicher Text von Gans und Musik von Spontini. Ein toller Traum. Das rmische Forum leuchtete prchtig; Serv. Gschenus als Prtor auf seinem Stuhle, die Toga in stolze Falten werfend, ergo sich in polternden Recitativen; Marcus Tullius Elversus, als _Prima Donna legataria_, all seine holde Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravourarie _quicunque civis romanus_; ziegelrot geschminkte Referendarien brllten als Chor der Unmndigen; Privatdocenten, als Genien in fleischfarbigen Trikot gekleidet, tanzten ein antejustinianeisches Ballet und bekrnzten mit Blumen die zwlf Tafeln; unter Donner und Blitz stieg aus der Erde der beleidigte Geist der rmischen Gesetzgebung; hierauf Posaunen, Tamtam, Feuerregen, _cum omni causa_. Aus diesem Lrmen zog mich der Brockenwirt, indem er mich weckte, um den Sonnenaufgang anzusehen. Auf dem Turm fand ich schon einige Harrende, die sich die frierenden Hnde rieben, andere, noch den Schlaf in den Augen, taumelten herauf; endlich stand die stille Gemeinde von gestern Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir, wie am Horizonte die kleine carmoisinrote Kugel empor stieg, eine winterlich dmmernde Beleuchtung sich verbreitete, die Berge wie in einem weiwallenden Meere schwammen, und blo die Spitzen derselben sichtbar hervor traten, so da man auf einem kleinen Hgel zu stehen glaubte, mitten auf einer berschwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erdscholle hervortritt. Um das Gesehene und Empfundene in Worten fest zu halten, zeichnete ich folgendes Gedicht: Heller wird es schon im Osten Durch der Sonne kleines Glimmen, Weit und breit die Bergesgipfel In dem Nebelmeere schwimmen. Htt' ich Siebenmeilenstiefel, Lief' ich mit der Hast des Windes ber jene Bergesgipfel, Nach dem Haus des lieben Kindes. Von dem Bettchen, wo sie schlummert, Zg' ich leise die Gardinen, Leise kt ich ihre Stirne, Leise ihres Munds Rubinen. Und noch leiser wollt' ich flstern In die kleinen Lilienohren: Denk' im Traum, da wir uns lieben, Und da wir uns nie verloren! Indessen, meine Sehnsucht nach einem Frhstck war ebenfalls gro, und nachdem ich meinen Damen einige Hflichkeiten gesagt, eilte ich hinab, um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that not; in meinem Magen sah es so nchtern aus, wie in der Goslarschen Stephanskirche. Aber mit dem arabischen Trunk rieselte mir auch der warme Orient durch die Glieder, stliche Rosen umdufteten mich, se Blbllieder erklangen, die Studenten verwandelten sich in Kameele, die Brockenhausmdchen mit ihren Congreve'schen Blicken wurden zu Houris, die Philisternasen wurden Minarets u.s.w. Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt es freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle Reisende, die den Berg ersteigen, ihre Namen schreiben, und die meisten noch einige Gedanken und, in Ermangelung derselben, ihre Gefhle hinzu notieren. Viele drcken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht man, welche Greuel entstehen, wenn der groe Philistertro bei gebruchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen hat, poetisch zu werden. Der Palast des Prinzen von Pallagonia enthlt keine so groe Abgeschmacktheiten, wie dieses Buch, wo besonders hervorglnzen die Herren Acciseeinnehmer mit ihren verschimmelten Hochgefhlen, die Komptoirjnglinge mit ihren pathetischen Seelenergssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren Turngemeinpltzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglckten Entzckungsphrasen u.s.w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majesttische Pracht beschrieben; dort wird geklagt ber schlechtes Wetter, ber getuschte Erwartungen, ber den Nebel, der alle Aussicht versperrt. Benebelt heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen! ist ein stehender Witz, der hier von Hunderten nachgerissen wird. Eine Karolina schreibt, da sie bei der Ersteigung des Berges nasse Fe bekommen. Ein naives Hannchen hat diese Klage im Sinne, und schreibt lakonisch: Auch ich bin bei der Geschichte na geworden. Das ganze Buch riecht nach Kse, Bier und Tabak; man glaubt einen Roman von Clauren zu lesen. Whrend ich nun besagtermaen Kaffee trank und im Brockenbuche bltterte, trat der Schweizer mit hochroten Wangen herein, und voller Begeisterung erzhlte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem Turme genossen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der Wahrheit, mit den nchtlichen Nebelmassen gekmpft, da es ausgesehen habe wie eine Geisterschlacht, wo zrnende Riesen ihre langen Schwerter ausstrecken, geharnischte Ritter auf bumenden Rossen einher jagen, Streitwagen, flatternde Banner, abenteuerliche Tierbildungen aus dem wildesten Gewhle hervortauchen, bis endlich alles in den wahnsinnigsten Verzerrungen zusammen kruselt, blasser und blasser zerrinnt, und spurlos verschwindet. Diese demagogische Naturerscheinung hatte ich versumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich versichern, da ich von nichts wei, als vom Geschmack des guten braunen Kaffee's. Ach, dieser war sogar schuld, da ich meine schne Dame vergessen, und jetzt stand sie vor der Thr mit Mutter und Begleiter, im Begriff den Wagen zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit, hin zu eilen und ihr zu versichern, da es kalt sei. Sie schien unwillig, da ich nicht frher gekommen; doch ich glttete bald die mimtigen Falten ihrer schnen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche Blume schenkte, die ich den Tag vorher mit halsbrechender Gefahr von einer steilen Felsenwand gepflckt hatte. Die Mutter verlangte den Namen der Blume zu wissen, gleichsam als ob sie es unschicklich fnde, da ihre Tochter eine fremde, unbekannte Blume vor die Brust stecke -- denn wirklich, die Blume erhielt diesen beneidenswerten Platz, was sie sich gewi gestern auf ihrer einsamen Hhe nicht trumen lie. Der schweigsame Begleiter ffnete jetzt auf einmal den Mund, zhlte die Staubfden der Blume, und sagte ganz trocken: Sie gehrt zur achten Klasse. Es rgert mich jedesmal, wenn ich sehe, da man auch Gottes liebe Blumen, ebenso wie uns, in Kasten eingeteilt hat, und nach hnlichen uerlichkeiten, nmlich nach Staubfden-Verschiedenheit. Soll doch mal eine Einteilung stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrasts, der die Blumen mehr nach dem Geiste, nmlich nach ihrem Geruch, einteilen wollte. Was mich betrifft, so habe ich in der Naturwissenschaft mein eigenes System, und demnach teile ich alles ein: in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen kann. Jedoch der ltern Dame war die geheimnisvolle Natur der Blumen nichts weniger als verschlossen, und unwillkrlich uerte sie, da sie von den Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut werde, da hingegen ein leises Schmerzgefhl traumhaft bengstigend ihre Brust durchzittere, wenn sie eine abgebrochene Blume sehe -- da eine solche doch eigentlich eine Leiche sei, und so eine gebrochene, zarte Blumenleiche ihr welkes Kpfchen recht traurig herabhngen lasse, wie ein totes Kind. Die Dame war fast erschrocken ber den trben Wiederschein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denselben mit einigen Voltaire'schen Versen zu verscheuchen. Wie doch ein paar franzsische Worte uns gleich in die gehrige Konvenienzstimmung zurckversetzen knnen! Wir lachten, Hnde wurden gekt, huldreich wurde gelchelt, die Pferde wieherten, und der Wagen holperte langsam und beschwerlich den Berg hinunter. Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden geschnrt, die Rechnungen, die ber alle Erwartung billig ausfielen, berichtigt; die empfnglichen Hausmdchen, auf deren Gesichtern die Spuren glcklicher Liebe, brachten, wie gebruchlich ist, die Brockenstruchen, halfen solche auf die Mtzen befestigen, wurden dafr mit einigen Kssen oder Groschen honoriert, und so stiegen wir alle den Berg hinab, indem die einen, wobei der Schweizer und Greifswalder, den Weg nach Schierke einschlugen, und die andern, ungefhr zwanzig Mann, wobei auch meine Landsleute und ich, angefhrt von einem Wegweiser, durch die sogenannten Schneelcher hinab zogen nach Ilsenburg. Das ging ber Hals und Kopf. Halle'sche Studenten marschieren schneller als die sterreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon hinter uns, und wir kamen durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag vorher gesehen. Die Sonne go schon ihre festlichen Strahlen herab und beleuchtete die humoristisch buntgekleideten Burschen, die so munter durch das Dickicht drngen, hier verschwanden, dort wieder zum Vorschein kamen, bei Sumpfstellen ber die quergelegten Baumstmme liefen, bei abschssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in den ergtzlichsten Tonarten empor johlten, und ebenso lustige Antwort zurck erhielten von den zwitschernden Waldvgeln, von den rauschenden Tannen, von den unsichtbar pltschernden Quellen und von dem schallenden Echo. Wenn frohe Jugend und schne Natur zusammen kommen, so freuen sie sich wechselseitig. Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische Gewsser, nur hier und da, unter Gestein und Gestrppe, blinkte es hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten drfe, und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun zeigt sich die gewhnliche Erscheinung: ein Khner macht den Anfang, und der groe Tro der Zagenden wird pltzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, von Mut ergriffen, und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine Menge anderer Quellen hpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen ein schon bedeutendes Bchlein, das in unzhligen Wasserfllen und in wunderlichen Windungen das Bergthal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse, die liebliche, se Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsethal, an dessen beiden Seiten sich die Berge allmhlich hher erheben, und diese sind bis zu ihrem Fue meistens mit Buchen, Eichen und gewhnlichem Blattgestruche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm Nadelholz. Denn jene Bltterholzart wchst vorherrschend auf dem Unterharze, wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur Westseite desselben, die der Oberharz heit, und wirklich viel hher ist, also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhlzer. Es ist unbeschreibbar, mit welcher Frhlichkeit, Naivett und Anmut die Ilse sich hinunter strzt ber die abenteuerlich gebildeten Felsstcke, die sie in ihrem Laufe findet, so da das Wasser hier wild empor zischt oder schumend berluft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus vollen Giekannen, in reinen Bgen sich ergiet, und unten wieder ber die kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mdchen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blhend den Berg hinabluft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weies Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbnder! Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vtern, die verstohlen lchelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die weien Birken bewegen sich tantenhaft vergngt, und doch zugleich ngstlich ber die gewagten Sprnge; der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrielicher Oheim, der das schne Wetter bezahlen soll; die Vglein in den Lften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flstern zrtlich: O, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb' Schwesterchen! -- aber das lustige Mdchen springt unaufhaltsam weiter, und pltzlich ergreift sie den trumenden Dichter, und es strmt auf mich herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und strahlenden Klngen, und die Sinne vergehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich hre nur noch die fltense Stimme: Ich bin die Prinzessin Ilse, Und wohne im Ilsenstein; Komm mit nach meinem Schlosse, Wir wollen selig sein. Dein Haupt will ich benetzen Mit meiner klaren Well', Du sollst deine Schmerzen vergessen, Du sorgenkranker Gesell! In meinen weien Armen, An meiner weien Brust, Da sollst du liegen und trumen Von alter Mrchenlust. Ich will dich kssen und herzen, Wie ich geherzt und gekt Den lieben Kaiser Heinrich, Der nun gestorben ist. Es bleiben tot die Toten, Und nur der Lebendige lebt; Und ich bin schn und blhend, Mein lachendes Herze bebt. Und bleibt mein Herz dort unten, So klingt mein krystallenes Schlo, Es tanzen die Frulein und Ritter, Es jubelt der Knappentro. Es rauschen die seidenen Schleppen, Es klirren die Eisensporn, Die Zwerge trompeten und pauken Und fiedeln und blasen das Horn. Doch dich soll mein Arm umschlingen, Wie er Kaiser Heinrich umschlang; Ich hielt ihm zu die Ohren, Wenn die Trompet' erklang. Unendlich selig ist das Gefhl, wenn die Erscheinungswelt mit unserer Gemtswelt zusammenrinnt, und grne Bume, Gedanken, Vgelgesang, Wehmut, Himmelsblue, Erinnerung und Kruterduft sich in sen Arabesken verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefhl, und darum mag auch ein so holdselig unglubiges Lcheln um ihre Lippen schweben, wenn wir mit Schulstolz unsere logischen Thaten rhmen, wie wir alles so hbsch eingeteilt in objektiv und subjektiv, wie wir unsere Kpfe apothekenartig mit tausend Schubladen versehen, wo in der einen Vernunft, in der andern Verstand, in der dritten Witz, in der vierten schlechter Witz, und in der fnften gar nichts, nmlich die Idee, enthalten ist. Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, da wir die Tiefe des Ilsethales verlassen und wieder bergauf stiegen. Dies ging sehr steil und mhsam, und mancher von uns kam auer Atem. Doch wie unser seliger Vetter, der zu Mlln begraben liegt, dachten wir im voraus ans Bergabsteigen, und waren um so vergngter. Endlich gelangten wir auf den Ilsenstein. Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der Tiefe erhebt. Von drei Seiten umschlieen ihn die hohen, waldbedeckten Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schaut man ber das unten liegende Ilsenburg und die Ilse weit hinab ins niedere Land. Auf der turmartigen Spitze des Felsens steht ein groes, eisernes Kreuz, und zur Not ist da noch Platz fr vier Menschenfe. Wie nun die Natur durch Stellung und Form den Ilsenstein mit phantastischen Reizen geschmckt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein darber ausgegossen. Gottschalk berichtet: Man erzhlt, hier habe ein verwnschtes Schlo gestanden, in welchem die reiche schne Prinzessin Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer so glcklich ist, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den Felsen, wo ihr Schlo sei, gefhrt und kniglich belohnt. Andere erzhlen von der Liebe des Frulein Ilse und des Ritters von Westenberg eine hbsche Geschichte, die einer unserer bekanntesten Dichter romantisch in der Abendzeitung besungen hat. Andere wieder erzhlen anders: Es soll der altschsische Kaiser Heinrich gewesen sein, der mit Ilse, der schnen Wasserfee, in ihrer verzauberten Felsenburg die kaiserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr Niemann, Wohlgeb., der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die Gebirgshhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Stdte und dergleichen mit lblichem Fleie und genauen Zahlen angegeben, behauptet indes: Was man von der schnen Prinzessin Ilse erzhlt, gehrt dem Fabelreiche an. So sprechen alle diese Leute, denen eine solche Prinzessin niemals erschienen ist, wir aber, die wir von schnen Damen besonders begnstigt werden, wissen das besser. Auch Kaiser Heinrich wute es. Nicht umsonst hingen die altschsischen Kaiser so sehr an ihrem heimischen Harze. Man blttere nur in der hbschen Lneburger Chronik, wo die guten, alten Herren in wunderlich treuherzigen Holzschnitten abkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem gewappneten Schlachtro, die heilige Kaiserkrone auf dem teuren Haupte, Scepter und Schwert in festen Hnden; und auf den lieben, knebelbrtigen Gesichtern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den sen Herzen ihrer Harzprinzessinnen und dem traulichen Rauschen der Harzwlder zurcksehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in dem citronen- und giftreichen Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger so oft verlockt wurden von dem Wunsche, rmische Kaiser zu heien, einer echtdeutschen Titelsucht, woran Kaiser und Reich zu Grunde gingen. Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an Kaiser und Reich, noch an die schne Ilse, sondern blo an seine Fe zu denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hrte ich pltzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Kpfe stellten, und die roten Ziegeldcher zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die grnen Bume in der blauen Luft herum flogen, da es mir blau und grn vor den Augen wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfat, in den Abgrund gestrzt wre, wenn ich mich nicht in meiner Seelennot ans eiserne Kreuz festgeklammert htte. Da ich, in so milicher Stellung, dieses letztere gethan habe, wird mir gewi niemand verdenken. * * * * * Die Harzreise ist und bleibt Fragment, und die bunten Fden, die so hbsch hineingesponnen sind, um sich im Ganzen harmonisch zu verschlingen, werden pltzlich, wie von der Schere der unerbittlichen Parze, abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in knftigen Liedern, und was jetzt krglich verschwiegen ist, wird alsdann vollauf gesagt. Am Ende kommt es auch auf eins heraus, wann und wo man etwas ausgesprochen hat, wenn man es nur berhaupt einmal ausspricht. Mgen die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie nur in ihrer Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier und da das Mangelhafte ergnzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe gemildert werden. Dieses wrde vielleicht schon bei den ersten Blttern der Harzreise der Fall sein, und sie knnten wohl einen minder sauern Eindruck hervorbringen, wenn man anderweitig erfhre, da der Unmut, den ich gegen Gttingen im Allgemeinen hege, obschon er noch grer ist, als ich ihn ausgesprochen, doch lange nicht so gro ist wie die Verehrung, die ich fr einige Individuen dort empfinde. Und warum sollte ich es verschweigen, ich meine hier ganz besonders jenen viel teueren Mann, der schon in frhern Zeilen sich so freundlich meiner annahm, mir schon damals eine innige Liebe fr das Studium der Geschichte einflte, mich spterhin in dem Eifer fr dasselbe bestrkte, und dadurch meinen Geist auf ruhigere Bahnen fhrte, meinem Lebensmute heilsamere Richtungen anwies, und nur berhaupt jene historischen Trstungen bereitete, ohne welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr ertragen wrde. Ich spreche von Georg Sartorius, dem groen Geschichtsforscher und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer dunkeln Zeit, und dessen gastliches Herz offen steht fr alle fremden Leiden und Freuden, fr die Besorgnisse des Bettlers und des Knigs, und fr die letzten Seufzer untergehender Vlker und ihrer Gtter. Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls anzudeuten, da der Oberharz, jener Teil des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilsethals beschrieben habe, bei weitem keinen so erfreulichen Anblick wie der romantisch malerische Unterharz gewhrt, und in seiner wildschroffen, tannendstern Schnheit gar sehr mit demselben kontrastiert; sowie ebenfalls die drei, von der Ilse, von der Bode und von der Selke gebildeten Thler des Unterharzes gar anmutig unter einander kontrastieren, wenn man den Charakter jedes Thales zu personificieren wei. Es sind drei Frauengestalten, wovon man nicht so leicht zu unterscheiden vermag, welche die Schnste sei. Von der lieben, sen Ilse, und wie s und lieblich sie mich empfangen, habe ich schon gesagt und gesungen. Die dstere Schne, die Bode empfing mich nicht so gndig, und als ich sie im schmiededunkeln Rbeland zuerst erblickte, schien sie gar mrrisch, und verhllte sich in einen silbergrauen Regenschleier: aber mit rascher Liebe warf sie ihn ab, als ich auf die Hhe der Rotrappe gelangte, ihr Antlitz leuchtete mir entgegen in sonnigster Pracht, aus allen Zgen hauchte eine kolossale Zrtlichkeit, und aus der bezwungenen Felsenbrust drang es hervor wie Sehnsuchtseufzer und schmelzende Laute der Wehmut. Minder zrtlich, aber frhlicher zeigte sich mir die schne Selke, die schne, liebenswrdige Dame, deren edle Einfalt und heitere Ruhe alle sentimentale Familiaritt entfernt hlt, die aber doch durch ein halbverstecktes Lcheln ihren neckenden Sinn verrt; und diesem mchte ich es wohl zuschreiben, da mich im Selkethal gar mancherlei kleines Ungemach heimsuchte, da ich, indem ich ber das Wasser springen wollte, just in die Mitte hineinplumpste, da nachher, als ich das nasse Fuzeug mit Pantoffeln vertauscht hatte, einer derselben mir abhanden, oder vielmehr abfen kam, da mir ein Windsto die Mtze entfhrte, da mir Walddornen die Beine zerfetzten, und leider so weiter. Doch all dieses Ungemach verzeihe ich gern der schnen Dame, denn sie ist schn. Und jetzt steht sie vor meiner Einbildung mit all ihrem stillen Liebreiz, und scheint zu sagen: Wenn ich auch lache, so meine ich es doch gut mit Ihnen, und ich bitte Sie, besingen sie mich! Die herzliche Bode tritt ebenfalls hervor in meiner Erinnerung, und ihr dunkles Auge spricht: Du gleichst mir im Stolze und im Schmerze, und ich will, da du mich liebst. Auch die schne Ilse kommt herangesprungen, zierlich und bezaubernd in Miene, Gestalt und Bewegung; sie gleicht ganz dem holden Wesen, das meine Trume beseligt, und ganz, wie Sie, schaut sie mich an, mit unwiderstehlicher Gleichgiltigkeit und doch zugleich so innig, so ewig, so durchsichtig wahr. -- Nun, ich bin Paris, die drei Gttinnen stehen vor mir, und den Apfel gebe ich der schnen Ilse. Es ist heute der erste Mai, wie ein Meer des Lebens ergiet sich der Frhling ber die Erde, der weie Bltenschaum bleibt an den Bumen hngen, ein weiter, warmer Nebelglanz verbreitet sich berall, in der Stadt blitzen freudig die Fensterscheiben der Huser, an den Dchern bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Strae wandeln die Leute, und wundern sich, da die Lust so angreifend, und ihnen selbst so wunderlich zu Mute ist, die bunten Vierlnderinnen bringen Veilchenstruer, die Waisenkinder mit ihren blauen Jckchen und ihren lieben, unehelichen Gesichtchen ziehen ber den Jungfernstieg und freuen sich, als sollten sie heute einen Vater wiederfinden, der Bettler an der Brcke schaut so vergngt, als htte er das groe Los gewonnen, sogar den schwarzen, noch ungehenkten Makler, der dort mit seinem spitzbbischen Manufakturwarengesicht einherluft, bescheint die Sonne mit ihren tolerantesten Strahlen, -- ich will hinauswandern vor das Thor. Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schne Ilse -- oder soll ich dich Agnes nennen, weil mir dieser Name am besten gefllt? -- ich denke deiner, und ich mchte wieder zusehen, wie du leuchtend den Berg hinablufst. Am liebsten aber mchte ich unten im Thale stehen und dich auffangen in meine Arme. -- Es ist ein schner Tag! -- berall sehe ich die grne Farbe, die Farbe der Hoffnung. berall, wie holde Wunder, blhen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder blhen. Dieses Herz ist auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es ist kein bescheidenes Veilchen, keine lachende Rose, keine reine Lilie, oder sonstiges Blmchen, das mit artiger Lieblichkeit den Mdchensinn erfreut, und sich hbsch vor den hbschen Busen stecken lt, und heute welkt und morgen wieder blht. Dieses Herz gleicht mehr jener schweren, abenteuerlichen Blume aus den Wldern Brasiliens, die der Sage nach alle hundert Jahre nur einmal blht. Ich erinnere mich, da ich als Knabe eine solche Blume gesehen. Wir hrten in der Nacht einen Schu wie von einer Pistole, und am folgenden Morgen erzhlten mir die Nachbarskinder, da es ihre Aloe gewesen, die mit solchem Knalle pltzlich aufgeblht sei. Sie fhrten mich in ihren Garten, und da sah ich zu meiner Verwunderung, da das niedrige, harte Gewchs mit den nrrisch breiten, scharfgezackten Blttern, woran man sich leicht verletzen konnte, jetzt ganz in die Hhe geschossen war, und oben, wie eine goldene Krone, die herrlichste Blte trug. Wir Kinder konnten nicht mal so hoch hinaufsehen, und der alte, schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte, baute eine hlzerne Treppe um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf wie die Katzen, und schauten neugierig in den offenen Blumenkelch, woraus die gelben Strahlenfden und wildfremden Dfte mit unerhrter Pracht hervordrangen. Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blhen; so viel ich mich erinnere, hat es nur ein einziges Mal geblht, und das mag schon lange her sein, gewi schon hundert Jahr. Ich glaube, so herrlich auch damals seine Blte sich entfaltete, so mute sie doch aus Mangel an Sonnenschein und Wrme elendiglich verkmmern, wenn sie nicht gar von einem dunkeln Wintersturme gewaltsam zerstrt worden. Jetzt aber regt und drngt es sich wieder in meiner Brust, und hrst du pltzlich den Schu -- Mdchen, erschrick nicht! ich hab' mich nicht totgeschossen, sondern meine Liebe sprengt ihre Knospe, und schiet empor in strahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigster Sangesflle. Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Mdchen, so mach' es dir bequem, und besteige die hlzerne Treppe, und schaue von dieser hinab in mein blhendes Herz. Es ist noch frh am Tage, die Sonne hat kaum die Hlfte ihres Weges zurckgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, da es mir betubend zu Kopfe steigt, und ich nicht mehr wei, wo die Ironie aufhrt und der Himmel anfngt, da ich die Luft mit meinen Seufzern bevlkere, und da ich selbst wieder zerrinnen mchte in se Atome, in die unerschaffene Gottheit; -- wie soll das erst gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne am Himmel erscheinen, die unglcksel'gen Sterne, die dir sagen knnen---- Es ist der erste Mai, der lumpigste Ladenschwengel hat heute das Recht, sentimental zu werden, und dem Dichter wolltest du es verwehren? Ende. End of the Project Gutenberg EBook of Die Harzreise, by Heinrich Heine License: Share Alike