Heinrich Heine ROMANZERO Gedichte (Erstdruck 1851) Erstes Buch Historien Wenn man an dir Verrat gebt, Sei du um so treuer; Und ist deine Seele zu Tode betrbt, So greife zur Leier. Die Saiten klingen! Ein Heldenlied, Voll Flammen und Gluten! Da schmilzt der Zorn, und dein Gemt Wird s verbluten. Rhampsenit Als der Knig Rhampsenit Eintrat in die goldne Halle Seiner Tochter, lachte diese, Lachten ihre Zofen alle. Auch die Schwarzen, die Eunuchen, Stimmten lachend ein, es lachten Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe, Da sie schier zu bersten dachten. Die Prinzessin sprach: Ich glaubte Schon den Schatzdieb zu erfassen, Der hat aber einen toten Arm in meiner Hand gelassen. Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb Dringt in deine Schatzhauskammern Und die Schtze dir entwendet, Trotz den Schlssern, Riegeln, Klammern. Einen Zauberschlssel hat er, Der erschlieet allerorten Jede Tre, widerstehen Knnen nicht die strksten Pforten. Ich bin keine starke Pforte Und ich hab nicht widerstanden, Schtzehtend diese Nacht Kam ein Schtzlein mir abhanden. So sprach lachend die Prinzessin Und sie tnzelt im Gemache, Und die Zofen und Eunuchen Hoben wieder ihre Lache. An demselben Tag ganz Memphis Lachte, selbst die Krokodile Reckten lachend ihre Hupter Aus dem schlammig gelben Nile, Als sie Trommelschlag vernahmen Und sie hrten an dem Ufer Folgendes Reskript verlesen Von dem Kanzelei-Ausrufer: Rhampsenit von Gottes Gnaden Knig zu und in gypten, Wir entbieten Gru und Freundschaft Unsern Vielgetreun und Liebden. In der Nacht vom dritten zu dem Vierten Junius des Jahres Dreizehnhundertvierundzwanzig Vor Christi Geburt, da war es, Da ein Dieb aus unserm Schatzhaus Eine Menge von Juwelen Uns entwendet; es gelang ihm Uns auch spter zu bestehlen. Zur Ermittelung des Tters Lieen schlafen wir die Tochter Bei den Schtzen - doch auch jene Zu bestehlen schlau vermocht er. Um zu steuern solchem Diebstahl Und zu gleicher Zeit dem Diebe Unsre Sympathie zu zeigen, Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe, Wollen wir ihm zur Gemahlin Unsre einzge Tochter geben Und ihn auch als Thronnachfolger In den Frstenstand erheben. Sintemal uns die Adresse Unsres Eidams noch zur Stunde Unbekannt, soll dies Reskript ihm Bringen Unsrer Gnade Kunde. So geschehn den dritten Jenner Dreizehnhundert zwanzig sechs Vor Christi Geburt. - Signieret Von Uns: Rhampsenitus Rex. Rhampsenit hat Wort gehalten, Nahm den Dieb zum Schwiegersohne, Und nach seinem Tode erbte Auch der Dieb gyptens Krone. Er regierte wie die Andern, Schtzte Handel und Talente; Wenig, heit es, ward gestohlen Unter seinem Regimente. Der weie Elefant Der Knig von Siam, Mahawasant, Beherrscht das halbe Indienland, Zwlf Knge, der groe Mogul sogar, Sind seinem Szepter tributar. Alljhrlich mit Trommeln,"Posauneo und Falnen Ziehen nach Siam die Zinskarawanen; Viel tausend Kamele, hochberuckte, Schleppen die kostbarsten Landesprodukte. Sieht er die schwerbepackten Kamele, So schmunzelt heimlich des Knigs Seele; ffentlich freilich pflegt er zu jammern, Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern. Doch diese Schatzkammern sind so weit, So gro und voller Herrlichkeit; Hier berflgelt der Wirklichkeit Pracht Die Mrchen von Tausend und Eine Nacht. Die Burg des Indra heit die Halle, Wo aufgestellt die Gtter alle, Bildsulen von Gold, fein ziselieret, Mit Edelsteinen inkrustieret. Sind an der Zahl wohl dreiig Tausend, Figuren abenteuerlich grausend, Mischlinge von Menschen- und Tiergeschpfen, Mit vielen Hnden und vielen Kpfen. Im Purpursaale sieht man verwundert Korallenbume dreizehnhundert, Wie Palmen gro, seltsamer Gestalt, Geschnrkelt die ste, ein roter Wald. Das Estrich ist vom reinsten Kristalle Und widerspiegelt die Bume alle. Fasanen vom buntesten Glanzgefieder Gehn gravittisch dort auf und nieder. Der Lieblingsaffe des Mahawasant Trgt an dem Hals ein seidenes Band, Dran hngt der Schlssel, welcher erschleut Die Halle, die man den Schlafsaal heit. Die Edelsteine vom hchsten Wert Die liegen wie Erbsen hier auf der Erd Hochaufgeschttet; man findet dabei Diamanten so gro wie ein Hhnerei. Auf grauen, mit Perlen gefllten Scken Pflegt hier der Knig sich hinzustrecken; Der Affe legt sich zum Monarchen, Und beide schlafen ein und schnarchen. Das Kostbarste aber von allen Schtzen Des Knigs, sein Glck, sein Seelenergtzen, Die Lust und der Stolz von Mahawasant, Das ist sein weier Elefant. Als Wohnung fr diesen erhabenen Gast Lie bauen der Knig den schnsten Palast; Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen, Von lotosknufigen Sulen getragen. Am Tore stehen dreihundert Trabanten Als Ehrenwache des Elefanten, Und knieend, mit gekrmmtem Rucken, Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken. Man bringt auf einer gldnen Schssel Die leckersten Bissen fr seinen Rssel; Er schlrft aus silbernen Eimern den Wein, Gewrzt mit den sesten Spezerein. Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen, Man schmckt sein Haupt mit Blumenkrnzen; Als Fudecke dienen dem edlen Tier Die kostbarsten Schals aus Kaschimir. Das glcklichste Leben ist ihm beschieden, Doch Niemand auf Erden ist zufrieden. Das edle Tier, man wei nicht wie, Versinkt in tiefe Melancholie. Der weie Melancholikus Steht traurig mitten im berflu. Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern, Jedoch die klgsten Versuche scheitern. Vergebens kommen mit Springen und Singen Die Bajaderen; vergebens erklingen Die Zinken und Pauken der Musikanten, Doch nichts erlustigt den Elefanten. Da tglich sich der Zustand verschlimmert, Wird Mahawasantes Herz bekmmert; Er lt vor seines Thrones Stufen Den klgsten Astrologen rufen. Sterngucker, ich la dir das Haupt abschlagen, Herrscht er ihn an, kannst du mir nicht sagen, Was meinem Elefanten fehle, Warum so verdstert seine Seele? Doch jener wirft sich dreimal zur Erde, Und endlich spricht er mit ernster Gebrde: O Knig, ich will dir die Wahrheit verknden, Du kannst dann handeln nach Gutbefinden. Es lebt im Norden ein schnes Weib Von hohem Wuchs und weiem Leib, Dein Elefant ist herrlich, unleugbar, Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar. Mit ihr verglichen, erscheint er nur Ein weies Muschen. Es mahnt die Statur An Bimha, die Riesin, im Ramajana, Und an der Epheser groe Diana. Wie sich die Gliedermassen wlben Zum schnsten Bau! Es tragen dieselben Anmutig und stolz zwei hohe Pilaster Von blendend weiem Alabaster. Das ist Gott Amors kolossale Domkirche, der Liebe Kathedrale; Als Lampe brennt im Tabernakel Ein Herz, das ohne Falsch und Makel. Die Dichter jagen vergebens nach Bildern, Um ihre weie Haut zu schildern; Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel, - O diese Weie ist implacable! Des Himalaya Gipfelschnee Erscheint aschgrau in ihrer Nh; Die Lilje, die ihre Hand erfat, Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast. Grfin Bianka ist der Name Von dieser groen weien Dame; Sie wohnt zu Paris im Frankenland, Und diese liebt der Elefant. Durch wunderbare Wahlverwandtschaft, Im Traume machte er ihre Bekanntschaft, Und trumend in sein Herze stahl Sich dieses hohe Ideal. Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund, Und er, der vormals so froh und gesund, Er ist ein vierfiger Werther geworden, Und trumt von einer Lotte im Norden. Geheimnisvolle Sympathie! Er sah sie nie und denkt an sie. Er trampelt oft im Mondschein umher Und seufzet: wenn ich ein Vglein wr! In Siam ist nur der Leib, die Gedanken Sind bei Bianka im Lande der Franken; Doch diese Trennung von Leib und Seele Schwcht sehr den Magen, vertrocknet die Kehle. Die leckersten Braten widern ihn an, Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian, Er hstelt schon, er magert ab, Die Sehnsucht schaufelt sein frhes Grab. Willst du ihn retten, erhalten sein Leben, Der Sugetierwelt ihn wiedergeben, O Knig, so schicke den hohen Kranken Direkt nach Paris, der Hauptstadt der Franken. Wenn ihn alldort in der Wirklichkeit Der Anblick der schnen Frau erfreut, Die seiner Trume Urbild gewesen, Dann wird er von seinem Trbsinn genesen. Wo seiner Schnen Augen strahlen, Da schwinden seiner Seele Qualen; Ihr Lcheln verscheucht die letzten Schatten, Die hier sich eingenistet hatten; Und ihre Stimme, wie'n Zauberlied, Lst sie den Zwiespalt in seinem Gemt; Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren, Er fhlt sich verjngt, wie neugeboren. Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so s Am Seinestrand, in der Stadt Paris! Wie wird sich dorten zivilisieren Dein Elefant und amsieren! Vor allem aber, o Knig, lasse Ihm reichlich fllen die Reisekasse, Und gib ihm einen Kreditbrief mit Auf Rothschild frres in der rue Lafitte. Ja, einen Kreditbrief von einer Million Dukaten etwa; - der Herr Baron Von Rothschild sagt von ihm alsdann: Der Elefant ist ein braver Mann! So sprach der Astrolog, und wieder Warf er sich dreimal zur Erde nieder. Der Knig entlie ihn mit reichen Geschenken, Und streckte sich aus, um nachzudenken. Er dachte hin, er dachte her; Das Denken wird den Knigen schwer. Sein Affe sich zu ihm niedersetzt, Und beide schlafen ein zuletzt. Was er beschlossen, das kann ich erzhlen Erst spter; die indischen Mall'posten fehlen. Die letzte, welche uns zugekommen, Die hat den Weg ber Suez genommen. Schelm von Bergen Im Schlo zu Dsseldorf am Rhein wird Mummenschanz gehalten; Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik, Da tanzen die bunten Gestalten. Da tanzt die schne Herzogin, Sie lacht laut auf bestndig; Ihr Tnzer ist ein schlanker Fant, Gar hfisch und behendig. Er trgt eine Maske von schwarzem Samt, Daraus gar freudig blicket Ein Auge, wie ein blanker Dolch, Halb aus der Scheide gezcket. Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar, Wenn jene vorberwalzen. Der Drickes und die Marizzebill Gren mit Schnarren und Schnalzen. Und die Trompeten schmettern drein, Der nrrische Brummba brummet, Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt Und die Musik verstummet. Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Ich mu nach Hause gehen - Die Herzogin lacht: Ich la dich nicht fort, Bevor ich dein Antlitz gesehen. Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen - Die Herzogin lacht: Ich frchte mich nicht, Ich will dein Antlitz schauen. Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Der Nacht und dem Tode gehr ich - Die Herzogin lacht: Ich lasse dich nicht, Dein Antlitz zu schauen begehr ich. Wohl strubt sich der Mann mit finsterm Wort, Das Weib nicht zhmen kunnt er; Sie ri zuletzt ihm mit Gewalt Die Maske vom Antlitz herunter. Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreit Entsetzt die Menge im Saale Und weichet scheusam - die Herzogin Strzt fort zu ihrem Gemahle. Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach Der Gattin auf der Stelle. Er zog sein blankes Schwert und sprach: Knie vor mir nieder, Geselle! Mit diesem Schwertschlag mach ich dich Jetzt ehrlich und ritterznftig, Und weil du ein Schelm, so nenne dich Herr Schelm von Bergen knftig. So ward der Henker ein Edelmann Und Ahnherr der Schelme von Bergen. Ein stolzes Geschlecht! es blhte am Rhein. Jetzt schlft es in steinernen Srgen. Valkyren Unten Schlacht. Doch oben schossen Durch die Luft auf Wolkenrossen Drei Valkyren, und es klang Schilderklirrend ihr Gesang: Frsten hadern, Vlker streiten, Jeder will die Macht erbeuten; Herrschaft ist das hchste Gut, Hchste Tugend ist der Mut. Heisa! vor dem Tod beschtzen Keine stolzen Eisenmtzen, Und das Heldenblut zerrinnt Und der schlechtre Mann gewinnt. Lorbeerkrnze, Siegesbogen! Morgen kommt er eingezogen, Der den Bessern berwand Und gewonnen Leut und Land. Brgermeister und Senator Holen ein den Triumphator, Tragen ihm die Schlssel vor, Und der Zug geht durch das Tor. Hei! da bllerts von den Wllen, Zinken und Trompeten gellen, Glockenklang erfllt die Luft, Und der Pbel Vivat! ruft. Lchelnd stehen auf Balkonen Schne Fraun, und Blumenkronen Werfen sie dem Sieger zu. Dieser grt mit stolzer Ruh. Schlachtfeld bei Hastings Der Abt von Waltham seufzte tief, Als er die Kunde vernommen, Da Knig Harold elendiglich Bei Hastings umgekommen. Zwei Mnche, Asgod und Ailrik genannt, Die schickt' er aus als Boten, Sie sollten suchen die Leiche Harolds Bei Hastings unter den Toten. Die Mnche gingen traurig fort Und kehrten traurig zurcke: Hochwrdiger Vater, die Welt ist uns gram, Wir sind verlassen vom Glcke. Gefallen ist der bere Mann, Es siegte der Bankert, der schlechte, Gewappnete Diebe verteilen das Land Und machen den Freiling zum Knechte. Der lausigste Lump aus der Normandie Wird Lord auf der Insel der Britten; Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam Mit goldnen Sporen geritten. Weh dem, der jetzt ein Sachse ist! Ihr Sachsenheilige droben Im Himmelreich, nehmt euch in Acht, Ihr seid der Schmach nicht enthoben. Jetzt wissen wir, was bedeutet hat Der groe Komet, der heuer Blutrot am nchtlichen Himmel ritt Auf einem Besen von Feuer. Bei Hastings in Erfllung ging Des Unsterns bses Zeichen, Wir waren auf dem Schlachtfeld dort Und suchten unter den Leichen. Wir suchten hin, wir suchten her, Bis alle Hoffnung verschwunden Den Leichnam des toten Knigs Harold, Wir haben ihn nicht gefunden. Asgod und Ailrik sprachen also; Der Abt rang jammernd die Hnde, Versank in tiefe Nachdenklichkeit Und sprach mit Seufzen am Ende: Zu Grendelfield am Bardenstein, Just in des Waldes Mitte, Da wohnet Edith Schwanenhals In einer drftgen Htte. Man hie sie Edith Schwanenhals, Weil wie der Hals der Schwne Ihr Nacken war; der Knig Harold, Er liebte die junge Schne. Er hat sie geliebt, gekt und geherzt, Und endlich verlassen, vergessen. Die Zeit verfliet; wohl sechzehn Jahr Verflossen unterdessen. Begebt euch, Brder, zu diesem Weib Und lat sie mit euch gehen Zurck nach Hastings, der Blick des Weibs Wird dort den Knig ersphen. Nach Waltham-Abtei hierher alsdann Sollt ihr die Leiche bringen, Damit wir christlich bestatten den Leib Und fr die Seele singen. Um Mitternacht gelangten schon Die Boten zur Htte im Walde: Erwache, Edith Schwanenhals, Und folge uns alsbalde. Der Herzog der Normannen hat Den Sieg davongetragen, Und auf dem Feld bei Hastings liegt Der Knig Harold erschlagen. Kommt mit nach Hastings, wir suchen dort Den Leichnam unter den Toten, Und bringen ihn nach Waltham-Abtei, Wie uns der Abt geboten. Kein Wort sprach Edith Schwanenhals, Sie schrzte sich geschwinde Und folgte den Mnchen; ihr greisendes Haar Das flatterte wild im Winde. Es folgte barfu das arme Weib Durch Smpfe und Baumgestrppe. Bei Tagesanbruch gewahrten sie schon Zu Hastings die kreidige Klippe. Der Nebel, der das Schlachtfeld bedeckt Als wie ein weies Lailich, Zerflo allmhlig; es flatterten auf Die Dohlen und krchzten abscheulich. Viel tausend Leichen lagen dort Erbrmlich auf blutiger Erde, Nackt ausgeplndert, verstmmelt, zerfleischt, Daneben die ser der Pferde. Es wadete Edith Schwanenhals Im Blute mit nackten Fen; Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug Die forschenden Blicke schieen. Sie suchte hin, sie suchte her, Oft mute sie mhsam verscheuchen Die frabegierige Rabenschar; Die Mnche hinter ihr keuchen. Sie suchte schon den ganzen Tag, Es ward schon Abend - pltzlich Bricht aus der Brust des armen Weibs Ein geller Schrei, entsetzlich. Gefunden hat Edith Schwanenhals Des toten Knigs Leiche. Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht, Sie kte das Antlitz, das bleiche. Sie kte die Stirne, sie kte den Mund, Sie hielt ihn fest umschlossen; Sie kte auf des Knigs Brust Die Wunde blutumflossen. Auf seiner Schulter erblickt sie auch - Und sie bedeckt sie mit Kssen - Drei kleine Narben, Denkmler der Lust, Die sie einst hinein gebissen. Die Mnche konnten mittlerweil Baumstmme zusammenfugen; Das war die Bahre, worauf sie alsdann Den toten Knig trugen. Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei, Da man ihn dort begrbe; Es folgte Edith Schwanenhals Der Leiche ihrer Liebe. Sie sang die Totenlitanein In kindisch frommer Weise; Das klang so schauerlich in der Nacht - Die Mnche beteten leise. - Karl I. Im Wald, in der Khlerhtte, sitzt Trbsinnig allein der Knig; Er sitzt an der Wiege des Khlerkinds Und wiegt und singt eintnig: Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Es blken im Stalle die Schafe - Du trgst das Zeichen an der Stirn Und lchelst so furchtbar im Schlafe. Eiapopeia, das Ktzchen ist tot - Du trgst auf der Stirne das Zeichen - Du wirst ein Mann und schwingst das Beil, Schon zittern im Walde die Eichen. Der alte Khlerglaube verschwand, Es glauben die Khlerkinder - Eiapopeia - nicht mehr an Gott, Und an den Knig noch minder. Das Ktzchen ist tot, die Muschen sind froh - Wir mssen zu Schanden werden - Eiapopeia - im Himmel der Gott Und ich, der Knig auf Erden. Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank, Und tglich wird es krnker - Eiapopeia - du Khlerkind, Ich wei es, du bist mein Henker. Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied - Eiapopeia - die greisen Haarlocken schneidest du ab zuvor - Im Nacken klirrt mir das Eisen. Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Du hast das Reich erworben, Und schlgst mir das Haupt vom Rumpf herab - Das Ktzchen ist gestorben. Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Es blken im Stalle die Schafe. Das Ktzchen ist tot, die Muschen sind froh - Schlafe, mein Henkerchen, schlafe! Maria Antoinette Wie heiter im Tuilerienschlo Blinken die Spiegelfenster, Und dennoch dort am hellen Tag Gehn um die alten Gespenster. Es spukt im Pavillon de Flor' Maria Antoinette; Sie hlt dort Morgens ihr Lever Mit strenger Etikette. Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn, Auf Tabourets andre sitzen; Die Kleider von Atlas und Goldbrokat, Behngt mit Juwelen und Spitzen. Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht, Darunter lauschen die netten Hochhackigen Fchen so klug hervor - Ach, wenn sie nur Kpfe htten! Sie haben alle keinen Kopf, Der Knigin selbst manquieret Der Kopf, und Ihro Majestt Ist deshalb nicht frisieret. Ja, Sie, die mit turmhohem Toupet So stolz sich konnte gebaren, Die Tochter Maria Theresias, Die Enkelin deutscher Csaren, Sie mu jetzt spuken ohne Frisur Und ohne Kopf, im Kreise Von unfrisierten Edelfraun, Die kopflos gleicherweise. Das sind die Folgen der Revolution Und ihrer fatalen Doktrine; An Allem ist Schuld Jean Jacques Rousseau, Voltaire und die Guillotine. Doch sonderbar! es dnkt mich schier, Als htten die armen Geschpfe Gar nicht bemerkt, wie tot sie sind Und da sie verloren die Kpfe. Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst, Ein abgeschmacktes Scherwenzen - Possierlich sind und schauderhaft Die kopflosen Reverenzen. Es knixt die erste Dame d'atour Und bringt ein Hemd von Linnen; Die zweite reicht es der Knigin, Und beide knixen von hinnen. Die dritte Dam und die vierte Dam Knixen und niederknieen Vor Ihrer Majestt, um Ihr Die Strmpfe anzuziehen. Ein Ehrenfrulein kommt und knixt Und bringt das Morgenjckchen; Ein andres Frulein knixt und bringt Der Knigin Unterrckchen. Die Oberhofmeisterin steht dabei, Sie fchert die Brust, die weie, Und in Ermanglung eines Kopfs Lchelt sie mit dem Steie. Wohl durch die verhngten Fenster wirft Die Sonne neugierige Blicke, Doch wie sie gewahrt den alten Spuk, Prallt sie erschrocken zurcke. Pomare I Alle Liebesgtter jauchzen Mir im Herzen, und Fanfare Blasen sie und rufen: Heil! Heil der Knigin Pomare! Jene nicht von Otahaiti - Missionrisiert ist jene - Die ich meine, die ist wild, Eine ungezhmte Schne. Zweimal in der Woche zeigt sie ffentlich sich ihrem Volke In dem Garten Mabill, tanzt Dort den Cancan, auch die Polke. Majestt in jedem Schritte, Jede Beugung Huld und Gnade, Eine Frstin jeder Zoll Von der Hfte bis zur Wade - Also tanzt sie - und es blasen Liebesgtter die Fanfare Mir im Herzen, rufen: Heil! Heil der Knigin Pomare! II Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt! Wie jedes Glied sich zierlich biegt! Das ist ein Flattern und ein Schwingen, Um wahrlich aus der Haut zu springen. Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd dreht Auf einem Fu, und stille steht Am End mit ausgestreckten Armen, Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen! Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das, Den einst die Tochter Herodias' Getanzt vor dem Judenknig Herodes. Ihr Auge sprht wie Blitze des Todes. Sie tanzt mich rasend - ich werde toll - Sprich, Weib, was ich dir schenken soll? Du lchelst? Heda! Trabanten! Lufer! Man schlage ab das Haupt dem Tufer! III Gestern noch frs liebe Brot Wlzte sie sich tief im Kot, Aber heute schon mit Vieren Fhrt das stolze Weib spazieren. In die seidnen Kissen drckt Sie das Lockenhaupt, und blickt Vornehm auf den groen Haufen Derer, die zu Fue laufen. Wenn ich dich so fahren seh, Tut es mir im Herzen weh! Ach, es wird dich dieser Wagen Nach dem Hospitale tragen, Wo der grausenhafte Tod Endlich endigt deine Not, Und der Carabin mit schmierig Plumper Hand und lernbegierig Deinen schnen Leib zerfetzt, Anatomisch ihn zersetzt - Deine Rosse trifft nicht minder Einst zu Montfaucon der Schinder. IV Besser hat es sich gewendet, Das Geschick, das dich bedroht' - Gott sei Dank, du hast geendet, Gott sei Dank, und du bist tot. In der Dachstub deiner armen Alten Mutter starbest du, Und sie schlo dir mit Erbarmen Deine schnen Augen zu. Kaufte dir ein gutes Lailich, Einen Sarg, ein Grab sogar. Die Begrbnisfeier freilich Etwas kahl und rmlich war. Keinen Pfaffen hrt' man singen, Keine Glocke klagte schwer; Hinter deiner Bahre gingen Nur dein Hund und dein Friseur. Ach, ich habe der Pomare, Seufzte dieser, oft gekmmt Ihr langen schwarzen Haare, Wenn sie vor mir sa im Hemd. Was den Hund betrifft, so rannt er Schon am Kirchhofstor davon, Und ein Unterkommen fand er Spterhin bei Ros' Pompon, Ros' Pompon, der Provenzalin, Die den Namen Knigin Dir mignnt und als Rivalin Dich verklatscht mit niederm Sinn. Arme Knigin des Spottes, Mit dem Diadem von Kot, Bist gerettet jetzt durch Gottes Ewge Gte, du bist tot. Wie die Mutter, so der Vater Hat Barmherzigkeit gebt, Und ich glaube, dieses tat er, Weil auch du so viel geliebt. Der Apollogott I Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut, Der Rhein vorberrauschet; Wohl durch das Gitterfenster schaut Die junge Nonne und lauschet. Da fhrt ein Schifflein, mrchenhaft Vom Abendrot beglnzet; Es ist bewimpelt von buntem Taft, Von Lorbeern und Blumen bekrnzet. Ein schner blondgelockter Fant Steht in des Schiffes Mitte; Sein goldgesticktes Purpurgewand Ist von antikem Schnitte. Zu seinen Fen liegen da Neun marmorschne Weiber; Die hochgeschrzte Tunika Umschliet die schlanken Leiber. Der Goldgelockte lieblich singt Und spielt dazu die Leier; Ins Herz der armen Nonne dringt Das Lied und brennt wie Feuer. Sie schlgt ein Kreuz, und noch einmal Schlgt sie ein Kreuz, die Nonne; Nicht scheucht das Kreuz die se Qual, Nicht bannt es die bittre Wonne. II Ich bin der Gott der Musika, Verehrt in allen Landen; Mein Tempel hat in Grcia, Auf Mont-Parna gestanden. Auf Mont-Parna in Grcia, Da hab ich oft gesessen Am holden Quell Kastalia, Im Schatten der Zypressen. Vokalisierend saen da Um mich herum die Tchter, Das sang und klang la-la, la-la! Geplauder und Gelchter. Mitunter rief tra-ra, tra-ra! Ein Waldhorn aus dem Holze; Dort jagte Artemisia, Mein Schwesterlein, die Stolze. Ich wei es nicht, wie mir geschah: Ich brauchte nur zu nippen Vom Wasser der Kastalia, Da tnten meine Lippen. Ich sang - und wie von selbst beinah Die Leier klang, berauschend; Mir war, als ob ich Daphne sah, Aus Lorbeerbschen lauschend. Ich sang - und wie Ambrosia Wohlrche sich ergossen, Es war von einer Gloria Die ganze Welt umflossen. Wohl tausend Jahr aus Grcia Bin ich verbannt, vertrieben Doch ist mein Herz in Grcia, In Grcia geblieben. III In der Tracht der Beguinen, In dem Mantel mit der Kappe Von der grbsten schwarzen Sersche, Ist vermummt die junge Nonne. Hastig lngs des Rheines Ufern Schreitet sie hinab die Landstra, Die nach Holland fhrt, und hastig Fragt sie jeden, der vorbeikommt: Habt ihr nicht gesehn Apollo? Einen roten Mantel trgt er, Lieblich singt er, spielt die Leier, Und er ist mein holder Abgott. Keiner will ihr Rede stehen, Mancher dreht ihr stumm den Rcken, Mancher glotzt sie an und lchelt, Mancher seufzet: Armes Kind! Doch des Wegs herangetrottelt Kommt ein schlottrig alter Mensch, Fingert in der Luft, wie rechnend, Nselnd singt er vor sich hin. Einen schlappen Quersack trgt er, Auch ein klein dreieckig Htchen; Und mit schmunzelnd klugen uglein Hrt er an den Spruch der Nonne: Habt ihr nicht gesehn Apollo? Einen roten Mantel trgt er, Lieblich singt er, spielt die Leier, Und er ist mein holder Abgott. Jener aber gab zur Antwort, Whrend er sein Kpfchen wiegte Hin und her, und gar possierlich Zupfte an dem spitzen Brtchen: Ob ich ihn gesehen habe? Ja, ich habe ihn gesehen Oft genug zu Amsterdam, In der deutschen Synagoge. Denn er war Vorsnger dorten, Und da hie er Rabbi Faibisch, Was auf Hochdeutsch heit Apollo - Doch mein Abgott ist er nicht. Roter Mantel? Auch den roten Mantel kenn ich. Echter Scharlach, Kostet acht Florin die Elle, Und ist noch nicht ganz bezahlt. Seinen Vater Moses Jitscher Kenn ich gut. Vorhautabschneider Ist er bei den Portugiesen. Er beschnitt auch Souverne. Seine Mutter ist Cousine Meines Schwagers, und sie handelt Auf der Gracht mit sauern Gurken Und mit abgelebten Hosen. Haben kein Plsier am Sohne. Dieser spielt sehr gut die Leier, Aber leider noch viel besser Spielt er oft Tarock und L'hombre. Auch ein Freigeist ist er, a Schweinefleisch, verlor sein Amt, Und er zog herum im Lande Mit geschminkten Komdianten. In den Buden, auf den Mrkten, Spielte er den Pickelhering, Holofernes, Knig David, Diesen mit dem besten Beifall. Denn des Knigs eigne Lieder Sang er in des Knigs eigner Muttersprache, tremulierend In des Nigens alter Weise. Aus dem Amsterdamer Spielhuis Zog er jngst etwelche Dirnen, Und mit diesen Musen zieht er Jetzt herum als ein Apollo. Eine dicke ist darunter, Die vorzglich quiekt und grnzelt; Ob dem groen Lorbeerkopfputz Nennt man sie die grne Sau. Kleines Volk In einem Pipott kam er geschwommen, Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein. Und als er nach Rotterdam gekommen, Da sprach er: Juffruken, willst du mich frein? Ich fhre dich, geliebte Schne, Nach meinem Schlo, ins Brautgemach; Die Wnde sind eitel Hobelspne, Aus Hckerling besteht das Dach. Da ist es so puppenniedlich und nette, Da lebst du wie eine Knigin! Die Schale der Walnu ist unser Bette, Von Spinnweb sind die Laken drin. Ameiseneier, gebraten in Butter, Essen wir tglich, auch Wrmchengems, Und spter erb ich von meiner Frau Mutter Drei Nonnenfrzchen, die schmecken so s. Ich habe Speck, ich habe Schwarten, Ich habe Fingerhte voll Wein, Auch wchst eine Rbe in meinem Garten, Du wirst wahrhaftig glcklich sein! Das war ein Locken und ein Werben! Wohl seufzte die Braut: ach Gott! ach Gott! Sie war wehmtig, wie zum Sterben - Doch endlich stieg sie hinab in den Pott. * Sind Christenleute oder Muse Die Helden des Lieds? Ich wei es nicht mehr. Im Beverland hrt ich die schnurrige Weise, Es sind nun dreiig Jahre her. Zwei Ritter Craplinski und Waschlapski, Polen aus der Polackei, Fochten fr die Freiheit, gegen Moskowiter-Tyrannei. Fochten tapfer und entkamen Endlich glcklich nach Paris - Leben bleiben, wie das Sterben Fr das Vaterland, ist s. Wie Achilles und Patroklus, David und sein Jonathan, Liebten sich die beiden Polen, Kten sich: Kochan! Kochan! Keiner je verriet den Andern, Blieben Freunde, ehrlich, treu, Ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei. Wohnten in derselben Stube, Schliefen in demselben Bette; Eine Laus und eine Seele, Kratzten sie sich um die Wette. Speisten in derselben Kneipe, Und da keiner wollte leiden, Da der Andre fr ihn zahle, Zahlte keiner von den Beiden. Auch dieselbe Henriette Wscht fr beide edle Polen; Trllernd kommt sie jeden Monat, Um die Wsche abzuholen. Ja, sie haben wirklich Wsche, Jeder hat der Hemden zwei, Ob sie gleich zwei edle Polen, Polen aus der Polackei. Sitzen heute am Kamine, Wo die Flammen traulich flackern; Drauen Nacht und Schneegestber Und das Rollen von Fiakern. Eine groe Bowle Punsch (Es versteht sich, unverzckert, Unversuert, unverwssert) Haben sie bereits geschlckert. Und von Wehmut wird beschlichen Ihr Gemte; ihr Gesicht Wird befeuchtet schon von Zhren, Und der Craplinski spricht: Htt ich doch hier in Paris Meinen Brenpelz, den lieben Schlafrock und die Katzfell-Nachtmtz, Die im Vaterland geblieben! Ihm erwiderte Waschlapski: O du bist ein treuer Schlachzitz, Denkest immer an der Heimat Brenpelz und Katzfell-Nachtmtz. Polen ist noch nicht verloren, Unsre Weiber, sie gebren, Unsre Jungfraun tun dasselbe, Werden Helden uns bescheren, Helden, wie der Held Sobieski, Wie Schelmufski und Uminski, Eskrokewitsch, Schubiakski, Und der groe Eselinski. Das goldne Kalb Doppelflten, Hrner, Geigen Spielen auf zum Gtzenreigen, Und es tanzen Jakobs Tchter Um das goldne Kalb herum - Brum - brum - brum - Paukenschlge und Gelchter! Hochgeschrzt bis zu den Lenden Und sich fassend an den Hnden, Jungfraun edelster Geschlechter Kreisen wie ein Wirbelwind Um das Rind - Paukenschlge und Gelchter! Aron selbst wird fortgezogen Von des Tanzes Wahnsinnwogen, Und er selbst, der Glaubenswchter, Tanzt im Hohenpriesterrock, Wie ein Bock - Paukenschlge und Gelchter! Knig David Lchelnd scheidet der Despot, Denn er wei, nach seinem Tod Wechselt Willkr nur die Hnde, Und die Knechtschaft hat kein Ende. Armes Volk! wie Pferd und Farrn Bleibt es angeschirrt am Karrn, Und der Nacken wird gebrochen, Der sich nicht bequemt den Jochen. Sterbend spricht zu Salomo Knig David: Apropos, Da ich Joab dir empfehle, Einen meiner Generle. Dieser tapfre General Ist seit Jahren mir fatal, Doch ich wagte den Verhaten Niemals ernstlich anzutasten. Du, mein Sohn, bist fromm und klug, Gottesfrchtig, stark genug, Und es wird dir leicht gelingen, Jenen Joab umzubringen. Knig Richard Wohl durch der Wlder eindige Pracht Jagt ungestm ein Reiter; Er blst ins Horn, er singt und lacht Gar seelenvergngt und heiter. Sein Harnisch ist von starkem Erz, Noch strker ist sein Gemte, Das ist Herr Richard Lwenherz, Der christlichen Ritterschaft Blte. Willkommen in England! rufen ihm zu Die Bume mit grnen Zungen Wir freuen uns, o Knig, da du streichischer Haft entsprungen. Dem Knig ist wohl in der freien Luft, Er fhlt sich wie neugeboren, Er denkt an streichs Festungsduft - Und gibt seinem Pferde die Sporen. Der Asra Tglich ging die wunderschne Sultanstochter auf und nieder Um die Abendzeit am Springbrunn, Wo die weien Wasser pltschern. Tglich stand der junge Sklave Um die Abendzeit am Springbrunn, Wo die weien Wasser pltschern; Tglich ward er bleich und bleicher. Eines Abends trat die Frstin Auf ihn zu mit raschen Worten: Deinen Namen will ich wissen, Deine Heimat, deine Sippschaft! Und der Sklave sprach: Ich heie Mohamet, ich bin aus Yemmen, Und mein Stamm sind jene Asra, Welche sterben, wenn sie lieben. Himmelsbrute Wer dem Kloster geht vorbei Mitternchtlich, sieht die Fenster Hell erleuchtet. Ihren Umgang Halten dorten die Gespenster. Eine dstre Prozession Toter Ursulinerinnen; Junge, hbsche Angesichter Lauschen aus Kapuz und Linnen. Tragen Kerzen in der Hand, Die unheimlich blutrot schimmern; Seltsam widerhallt im Kreuzgang Ein Gewisper und ein Wimmern. Nach der Kirche geht der Zug, Und sie setzen dort sich nieder Auf des Chores Buchsbaumsthle Und beginnen ihre Lieder. Litaneienfromme Weisen, Aber wahnsinnswste Worte; Arme Seelen sind es, welche Pochen an des Himmels Pforte. Brute Christi waren wir, Doch die Weltlust uns betrte, Und da gaben wir dem Csar, Was dem lieben Gott gehrte. Reizend ist die Uniform Und des Schnurrbarts Glanz und Gltte; Doch verlockend sind am meisten Csars goldne Epaulette. Ach, der Stirne, welche trug Eine Dornenkrone weiland, Gaben wir ein Hirschgeweihe Wir betrogen unsern Heiland. Jesus, der die Gte selbst, Weinte sanft ob unsrer Fehle, Und er sprach: Vermaledeit Und verdammt sei eure Seele! Grabentstiegner Spuk der Nacht, Mssen bend wir nunmehre Irre gehn in diesen Mauern Miserere! Miserere! Ach, im Grabe ist es gut, Ob es gleich viel besser wre In dem warmen Himmelreiche - Miserere! Miserere! Ser Jesus, o vergib Endlich uns die Schuld, die schwere, Schlie uns auf den warmen Himmel - Miserere! Miserere! Also singt die Nonnenschar, Und ein lngst verstorbner Kster Spielt die Orgel. Schattenhnde Strmen toll durch die Register. Pfalzgrfin Jutta Pfalzgrfin Jutta fuhr ber den Rhein, Im leichten Kahn, bei Mondenschein. Die Zofe rudert, die Grfin spricht: Siehst du die sieben Leichen nicht, Die hinter uns kommen Einhergeschwommen - So traurig schwimmen die Toten! Das waren Ritter voll Jugendlust - Sie sanken zrtlich an meine Brust Und schwuren mir Treue - Zur Sicherheit, Da sie nicht brchen ihren Eid, Lie ich sie ergreifen Sogleich und ersufen - So traurig schwimmen die Toten! Die Zofe rudert, die Grfin lacht. Das hallt so hhnisch durch die Nacht! Bis an die Hfte tauchen hervor Die Leichen und strecken die Finger empor, Wie schwrend - Sie nicken Mit glsernen Blicken - So traurig schwimmen die Toten! Der Mohrenknig Ins Exil der Alpuxarren Zog der junge Mohrenknig; Schweigsam und das Herz voll Kummer Ritt er an des Zuges Spitze. Hinter ihm auf hohen Zeltern Oder auch in gldnen Snften Saen seines Hauses Frauen; Schwarze Mgde trgt das Maultier. Hundert treue Diener folgen Auf arabisch edlen Rappen; Stolze Gule, doch die Reiter Hngen schlottrig in den Stteln. Keine Zymbel, keine Pauke, Kein Gesangeslaut ertnte; Nur des Maultiers Silberglckchen Wimmern schmerzlich in der Stille. Auf der Hhe, wo der Blick Ins Duero-Tal hinabschweift, Und die Zinnen von Granada Sichtbar sind zum letzten Male: Dorten stieg vom Pferd der Knig Und betrachtete die Stadt, Die im Abendlichte glnzte, Wie geschmckt mit Gold und Purpur. Aber, Allah! Welch ein Anblick! Statt des vielgeliebten Halbmonds, Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen Auf den Trmen der Alhambra. Ach, bei diesem Anblick brachen Aus des Knigs Brust die Seufzer, Trnen berstrmten pltzlich Wie ein Sturzbach seine Wangen. Dster von dem hohen Zelter Schaut' herab des Knigs Mutter, Schaut' auf ihres Sohnes Jammer, Und sie schalt ihn stolz und bitter. Boabdil el Chico, sprach sie, Wie ein Weib beweinst du jetzo Jene Stadt, die du nicht wutest Zu verteidgen wie ein Mann. Als des Knigs liebste Kebsin Solche harte Rede hrte, Strzte sie aus ihrer Snfte Und umhalste den Gebieter. Boabdil el Chico, sprach sie, Trste dich, mein Heigeliebter, Aus dem Abgrund deines Elends Blht hervor ein schner Lorbeer. Nicht allein der Triumphator, Nicht allein der sieggekrnte Gnstling jener blinden Gttin, Auch der blutge Sohn des Unglcks, Auch der heldenmtge Kmpfer, Der dem ungeheuren Schicksal Unterlag, wird ewig leben In der Menschen Angedenken. Berg des letzten Mohrenseufzers Heit bis auf den heutgen Tag Jene Hhe, wo der Knig Sah zum letzten Mal Granada. Lieblich hat die Zeit erfllet Seiner Liebsten Prophezeiung, Und des Mohrenknigs Name Ward verherrlicht und gefeiert. Nimmer wird sein Ruhm verhallen, Ehe nicht die letzte Saite Schnarrend losspringt von der letzten Andalusischen Gitarre. Geoffroy Rudl und Melisande von Tripoli In dem Schlosse Blay erblickt man Die Tapete an den Wnden, So die Grfin Tripolis Einst gestickt mit klugen Hnden. Ihre ganze Seele stickte Sie hinein, und Liebestrne Hat gefeit das seidne Bildwerk, Welches darstellt jene Szene: Wie die Grfin den Rudl Sterbend sah am Strande liegen, Und das Urbild ihrer Sehnsucht Gleich erkannt' in seinen Zgen. Auch Rudl hat hier zum ersten Und zum letzten Mal erblicket In der Wirklichkeit die Dame, Die ihn oft im Traum entzcket. ber ihn beugt sich die Grfin, Hlt ihn liebevoll umschlungen, Kt den todesbleichen Mund, Der so schn ihr Lob gesungen! Ach! der Ku des Willkomms wurde Auch zugleich der Ku des Scheidens, Und so leerten sie den Kelch Hchster Lust und tiefsten Leidens. In dem Schlosse Blay allnchtlich Gibts ein Rauschen, Knistern, Beben, Die Figuren der Tapete Fangen pltzlich an zu leben. Troubadour und Dame schtteln Die verschlafnen Schattenglieder, Treten aus der Wand und wandeln Durch die Sle auf und nieder. Trautes Flstern, sanftes Tndeln, Wehmutse Heimlichkeiten, Und posthume Galantrie Aus des Minnesanges Zeiten: Geoffroy! Mein totes Herz Wird erwrmt von deiner Stimme, In den lngst erloschnen Kohlen Fhl ich wieder ein Geglimme! Melisande! Glck und Blume! Wenn ich dir ins Auge sehe, Leb ich auf - gestorben ist Nur mein Erdenleid und -Wehe. Geoffroy! Wir liebten uns Einst im Traume, und jetzunder Lieben wir uns gar im Tode Gott Amour tat dieses Wunder! Melisande! Was ist Traum? Was ist Tod? Nur eitel Tne. In der Liebe nur ist Wahrheit, Und dich lieb ich, ewig Schne. Geoffroy! Wie traulich ist es Hier im stillen Mondscheinsaale, Mchte nicht mehr drauen wandeln In des Tages Sonnenstrahle. Melisande! teure Nrrin, Du bist selber Licht und Sonne, Wo du wandelst, blht der Frhling, Sprossen Lieb und Maienwonne! Also kosen, also wandeln Jene zrtlichen Gespenster Auf und ab, derweil das Mondlicht Lauschet durch die Bogenfenster. Doch den holden Spuk vertreibend, Kommt am End die Morgenrte - Jene huschen scheu zurck In die Wand, in die Tapete. Der Dichter Firdusi I Goldne Menschen, Silbermenschen! Spricht ein Lump von einem Thoman, Ist die Rede nur von Silber, Ist gemeint ein Silberthoman. Doch im Munde eines Frsten, Eines Schaches, ist ein Thoman Glden stets; ein Schach empfngt Und er gibt nur goldne Thoman. Also denken brave Leute, Also dachte auch Firdusi, Der Verfasser des berhmten Und vergtterten Schach Nameh. Dieses groe Heldenlied Schrieb er auf Gehei des Schaches, Der fr jeden seiner Verse Einen Thoman ihm versprochen. Siebzehnmal die Rose blhte, Siebzehnmal ist sie verwelket, Und die Nachtigall besang sie Und verstummte siebzehnmal - Unterdessen sa der Dichter An dem Webstuhl des Gedankens, Tag und Nacht, und webte emsig Seines Liedes Riesenteppich - Riesenteppich, wo der Dichter Wunderbar hineingewebt Seiner Heimat Fabelchronik, Farsistans uralte Knge, Lieblingshelden seines Volkes, Rittertaten, Aventren, Zauberwesen und Dmonen, Keck umrankt von Mrchenblumen - Alles blhend und lebendig, Farbenglnzend, glhend, brennend, Und wie himmlisch angestrahlt Von dem heilgen Lichte Irans, Von dem gttlich reinen Urlicht, Dessen letzter Feuertempel, Trotz dem Koran und dem Mufti, In des Dichters Herzen flammte. Als vollendet war das Lied, berschickte seinem Gnner Der Poet das Manuskript, Zweimalhunderttausend Verse. In der Badestube war es, In der Badestub zu Gasna, Wo des Schaches schwarze Boten Den Firdusi angetroffen - Jeder schleppte einen Geldsack, Den er zu des Dichters Fen Knieend legte, als den hohen Ehrensold fr seine Dichtung. Der Poet ri auf die Scke Hastig, um am lang entbehrten Goldesanblick sich zu laben - Da gewahrt er mit Bestrzung, Da der Inhalt dieser Scke Bleiches Silber, Silberthomans, Zweimalhunderttausend etwa - Und der Dichter lachte bitter. Bitter lachend hat er jene Summe abgeteilt in drei Gleiche Teile, und jedwedem Von den beiden schwarzen Boten Schenkte er als Botenlohn Solch ein Drittel, und das dritte Gab er einem Badeknechte, Der sein Bad besorgt, als Trinkgeld. Seinen Wanderstab ergriff er Jetzo und verlie die Hauptstadt; Vor dem Tor hat er den Staub Abgefegt von seinen Schuhen. II Htt er menschlich ordinr Nicht gehalten, was versprochen, Htt er nur sein Wort gebrochen, Zrnen wollt ich nimmermehr. Aber unverzeihlich ist, Da er mich getuscht so schnde Durch den Doppelsinn der Rede Und des Schweigens grte List. Stattlich war er, wrdevoll Von Gestalt und von Gebrden, Wen'ge glichen ihm auf Erden, War ein Knig jeder Zoll. Wie die Sonn am Himmelsbogen, Feuerblicks, sah er mich an, Er, der Wahrheit stolzer Mann - Und er hat mich doch belogen. III Schach Mahomet hat gut gespeist, Und gut gelaunet ist sein Geist. Im dmmernden Garten, auf purpurnem Pfhl, Am Springbrunnen sitzt er. Das pltschert so khl! Die Diener stehen mit Ehrfurchtsmienen; Sein Liebling Ansari ist unter ihnen. Aus Marmorvasen quillt hervor Ein ppig brennender Blumenflor. Gleich Odalisken anmutiglich Die schlanken Palmen fchern sich. Es stehen regungslos die Zypressen, Wie himmeltrumend, wie weltvergessen. Doch pltzlich erklingt bei Lautenklang Ein sanft geheimnisvoller Gesang. Der Schach fhrt auf, als wie behext - Von wem ist dieses Liedes Text? Ansari, an welchen die Frage gerichtet, Gab Antwort: Das hat Firdusi gedichtet. Firdusi? - rief der Frst betreten - Wo ist er? Wie geht es dem groen Poeten? Ansari gab Antwort: In Drftigkeit Und Elend lebt er seit langer Zeit Zu Thus, des Dichters Vaterstadt, Wo er ein kleines Grtchen hat. Schach Mahomet schwieg, eine gute Weile, Dann sprach er: Ansari, mein Auftrag hat Eile - Geh nach meinen Stllen und erwhle Dort hundert Maultiere und funfzig Kamele. Die sollst du belasten mit allen Schtzen, Die eines Menschen Herz ergtzen, Mit Herrlichkeiten und Raritten, Kostbaren Kleidern und Hausgerten Von Sandelholz, von Elfenbein, Mit gldnen und silbernen Schnurrpfeiferein, Kannen und Kelchen, zierlich gehenkelt, Lepardenfellen, gro gesprenkelt, Mit Teppichen, Schals und reichen Brokaten, Die fabriziert in meinen Staaten - Vergi nicht, auch hinzuzupacken Glnzende Waffen und Schabracken, Nicht minder Getrnke jeder Art Und Speisen, die man in Tpfen bewahrt, Auch Konfitren und Mandeltorten, Und Pfefferkuchen von allen Sorten. Fge hinzu ein Dutzend Gule, Arabischer Zucht, geschwind wie Pfeile, Und schwarze Sklaven, gleichfalls ein Dutzend, Leiber von Erz, strapazentrutzend. Ansari, mit diesen schnen Sachen Sollst du dich gleich auf die Reise machen. Du sollst sie bringen nebst meinem Gru Dem groen Dichter Firdusi zu Thus. Ansari erfllte des Herrschers Befehle, Belud die Muler und Kamele Mit Ehrengeschenken, die wohl den Zins Gekostet von einer ganzen Provinz. Nach dreien Tagen verlie er schon Die Residenz, und in eigner Person, Mit einer roten Fhrerfahne, Ritt er voran der Karawane. Am achten Tage erreichten sie Thus; Die Stadt liegt an des Berges Fu. Wohl durch das Westtor zog herein Die Karawane mit Lrmen und Schrein. Die Trommel scholl, das Kuhhorn klang, Und laut aufjubelt Triumphgesang. La Illa Il Allah! aus voller Kehle Jauchzten die Treiber der Kamele. Doch durch das Osttor, am andern End Von Thus, zog in demselben Moment Zur Stadt hinaus der Leichenzug, Der den toten Firdusi zu Grabe trug. Nchtliche Fahrt Es wogte das Meer, aus dem dunklen Gewlk Der Halbmond lugte scheu; Und als wir stiegen in den Kahn, Wir waren unsrer drei. Es pltschert' im Wasser des Ruderschlags Verdrossenes Einerlei; Weischumende Wellen rauschten heran, Bespritzten uns alle drei. Sie stand im Kahn so bla, so schlank, Und unbeweglich dabei, Als wr sie ein welsches Marmorbild, Dianens Konterfei. Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeift Der Nachtwind kalt vorbei; Hoch ber unsern Huptern ertnt Pltzlich ein gellender Schrei. Die weie, gespenstische Mwe wars, Und ob dem bsen Schrei, Der schauerlich klang wie Warnungsruf, Erschraken wir alle drei. Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk Der nchtlichen Phantasei? fft mich ein Traum? Es trumet mir Grausame Narretei. Grausame Narretei! Mir trumt, Da ich ein Heiland sei, Und da ich trge das groe Kreuz Geduldig und getreu. Die arme Schnheit ist schwer bedrngt, Ich aber mache sie frei Von Schmach und Snde, von Qual und Not, Von der Welt Unflterei. Du arme Schnheit, schaudre nicht Wohl ob der bittern Arznei; Ich selber kredenze dir den Tod, Bricht auch mein Herz entzwei. O Narretei, grausamer Traum, Wahnsinn und Raserei! Es ghnt die Nacht, es kreischt das Meer, O Gott! o steh mir bei! O steh mir bei, barmherziger Gott! Barmherziger Gott Schaddey! Da schollerts hinab ins Meer - O Weh - Schaddey! Schaddey! Adonay! - Die Sonne ging auf, wir fuhren ans Land, Da blhte und glhte der Mai! Und als wir stiegen aus dem Kahn, Da waren wir unsrer _zwei_. Vitzliputzli Prludium Dieses ist Amerika! Dieses ist die neue Welt! Nicht die heutige, die schon Europisieret abwelkt. - Dieses ist die neue Welt! Wie sie Christoval Kolumbus Aus dem Ozean hervorzog. Glnzet noch in Flutenfrische, Trufelt noch von Wasserperlen, Die zerstieben, farbensprhend, Wenn sie kt das Licht der Sonne. Wie gesund ist diese Welt! Ist kein Kirchhof der Romantik, Ist kein alter Scherbenberg Von verschimmelten Symbolen Und versteinerten Perucken. Aus gesundem Boden sprossen Auch gesunde Bume - keiner Ist blasiert und keiner hat In dem Rckgratmark die Schwindsucht. Auf den Baumessten schaukeln Groe Vgel. Ihr Gefieder Farbenschillernd. Mit den ernsthaft Langen Schnbeln und mit Augen, Brillenartig schwarz umrndert, Schaun sie auf dich nieder, schweigsam - Bis sie pltzlich schrillend aufschrein Und wie Kaffeeschwestern schnattern. Doch ich wei nicht, was sie sagen, Ob ich gleich der Vgel Sprachen Kundig bin wie Salomo, Welcher tausend Weiber hatte Und die Vgelsprachen kannte, Die modernen nicht allein, Sondern auch die toten, alten, Ausgestopften Dialekte. Neuer Boden, neue Blumen! Neue Blumen, neue Dfte! Unerhrte, wilde Dfte, Die mir in die Nase dringen, Neckend, prickelnd, leidenschaftlich - Und mein grbelnder Geruchsinn Qult sich ab: Wo hab ich denn Je dergleichen schon gerochen? Wars vielleicht auf Regentstreet, In den sonnig gelben Armen Jener schlanken Javanesin, Die bestndig Blumen kaute? Oder wars zu Rotterdam, Neben des Erasmi Bildsul, In der weien Waffelbude Mit geheimnisvollem Vorhang? Whrend ich die neue Welt Solcher Art verdutzt betrachte, Schein ich selbst ihr einzuflen Noch viel grre Scheu - Ein Affe, Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht, Schlgt ein Kreuz bei meinem Anblick, Angstvoll rufend: Ein Gespenst! Ein Gespenst der alten Welt! Affe! frcht dich nicht, ich bin Kein Gespenst, ich bin kein Spuk; Leben kocht in meinen Adern, Bin des Lebens treuster Sohn. Doch durch jahrelangen Umgang Mit den Toten, nahm ich an Der Verstorbenen Manieren Und geheime Seltsamkeiten. Meine schnsten Lebensjahre, Die verbracht ich im Kyffhuser, Auch im Venusberg und andern Katakomben der Romantik. Frcht dich nicht vor mir, mein Affe! Bin dir hold, denn auf dem haarlos Ledern abgeschabten Hintern Trgst du Farben, die ich liebe. Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb! Diese Affensteicouleuren Sie erinnern mich mit Wehmut An das Banner Barbarossas. I Auf dem Haupt trug er den Lorbeer, Und an seinen Stiefeln glnzten Goldne Sporen - dennoch war er Nicht ein Held und auch kein Ritter. Nur ein Ruberhauptmann war er, Der ins Buch des Ruhmes einschrieb, Mit der eignen frechen Faust, Seinen frechen Namen: Cortez. Unter des Kolumbus Namen Schrieb er ihn, ja dicht darunter, Und der Schulbub auf der Schulbank Lernt auswendig beide Namen - Nach dem Christoval Kolumbus, Nennt er jetzt Fernando Cortez Als den zweiten groen Mann In dem Pantheon der Neuwelt. Heldenschicksals letzte Tcke: Unser Name wird verkoppelt Mit dem Namen eines Schchers In der Menschen Angedenken. Wrs nicht besser, ganz verhallen Unbekannt, als mit sich schleppen Durch die langen Ewigkeiten Solche Namenskameradschaft? Messer Christoval Kolumbus War ein Held, und sein Gemte, Das so lauter wie die Sonne, War freigebig auch wie diese. Mancher hat schon viel gegeben, Aber jener hat der Welt Eine ganze Welt geschenket, Und sie heit Amerika. Nicht befreien konnt er uns Aus dem den Erdenkerker, Doch er wut ihn zu erweitern Und die Kette zu verlngern. Dankbar huldigt ihm die Menschheit, Die nicht blo europamde, Sondern Afrikas und Asiens Endlich gleichfalls mde worden - - Einer nur, ein einzger Held, Gab uns mehr und gab uns Beres Als Kolumbus, das ist jener, Der uns einen Gott gegeben. Sein Herr Vater, der hie Amram, Seine Mutter hie Jochebeth, Und er selber, Moses heit er, Und er ist mein bester Heros. Doch, mein Pegasus, du weilest Viel zu lang bei dem Kolumbus - Wisse, unser heutger Flugritt Gilt dem gringern Mann, dem Cortez. Breite aus den bunten Fittig, Flgelro! und trage mich Nach der Neuwelt schnem Lande, Welches Mexiko geheien. Trage mich nach jener Burg, Die der Knig Montezuma Gastlich seinen spanschen Gsten Angewiesen zur Behausung. Doch nicht Obdach blo und Atzung, In verschwenderischer Flle, Gab der Frst den fremden Strolchen - Auch Geschenke reich und prchtig, Kostbarkeiten kluggedrechselt, Von massivem Gold, Juwelen, Zeugten glnzend von der Huld Und der Gromut des Monarchen. Dieser unzivilisierte, Aberglubisch blinde Heide Glaubte noch an Treu und Ehre Und an Heiligkeit des Gastrechts. Er willfahrte dem Gesuche, Beizuwohnen einem Feste, Das in ihrer Burg die Spanier Ihm zu Ehren geben wollten - Und mit seinem Hofgesinde, Arglos, huldreich, kam der Knig In das spanische Quartier, Wo Fanfaren ihn begrten. Wie das Festspiel war betitelt, Wei ich nicht. Es hie vielleicht: Spansche Treue! doch der Autor Nannt sich Don Fernando Cortez. Dieser gab das Stichwort - pltzlich Ward der Knig berfallen, Und man band ihn und behielt ihn In der Burg als eine Geisel. Aber Montezuma starb, Und da war der Damm gebrochen, Der die kecken Abenteurer Schtzte vor dem Zorn des Volkes. Schrecklich jetzt begann die Brandung - Wie ein wild emprtes Meer Tosten, rasten immer nher Die erzrnten Menschenwellen. Tapfer schlugen zwar die Spanier Jeden Sturm zurck. Doch tglich Ward berennt die Burg aufs neue, Und ermdend war das Kampfspiel. Nach dem Tod des Knigs stockte Auch der Lebensmittel Zufuhr; Krzer wurden die Rationen, Die Gesichter wurden lnger. Und mit langen Angesichtern Sahn sich an Hispaniens Shne, Und sie seufzten und sie dachten An die traute Christenheimat, An das teure Vaterland, Wo die frommen Glocken luten Und am Herde friedlich brodelt Eine Ollea-Potrida, Dick verschmoret mit Garbanzos, Unter welchen, schalkhaft duftend, Auch wohl kichernd, sich verbergen Die geliebten Knoblauchwrstchen. Einen Kriegsrat hielt der Feldherr, Und der Rckzug ward beschlossen; In der nchsten Tagesfrhe Soll das Heer die Stadt verlassen. Leicht gelangs hineinzukommen Einst durch List dem klugen Cortez, Doch die Rckkehr nach dem Festland Bot fatale Schwierigkeiten. Mexiko, die Inselstadt, Liegt in einem groen See, Inder Mitte, flutumrauscht: Eine stolze Wasserfestung, Mit dem Uferland verkehrend Nur durch Schiffe, Fle, Brcken, Die auf Riesenpfhlen ruhen; Kleine Inseln bilden Furten. Noch bevor die Sonne aufging, Setzten sich in Marsch die Spanier; Keine Trommel ward gerhret, Kein Trompeter blies Reveille. Wollten ihre Wirte nicht Aus dem sen Schlafe wecken - (Hunderttausend Indianer Lagerten in Mexiko). Doch der Spanier machte diesmal Ohne seinen Wirt die Rechnung; Noch frhzeitger aufgestanden Waren heut die Mexikaner. Auf den Brcken, auf den Flen, Auf den Furten harrten sie, Um den Abschiedstrunk alldorten Ihren Gsten zu kredenzen. Auf den Brcken, Flen, Furten, Hei! da gabs ein toll Gelage! Rot in Strmen flo das Blut, Und die kecken Zecher rangen - Rangen Leib an Leib gepret, Und wir sehn auf mancher nackten Indianerbrust den Abdruck Spanscher Rstungsarabesken. Ein Erdrosseln wars, ein Wrgen, Ein Gemetzel, das sich langsam, Schaurig langsam, weiter wlzte, ber Brcken, Fle, Furten. Die Indianer sangen, brllten, Doch die Spanier fochten schweigend; Muten Schritt fr Schritt erobern Einen Boden fr die Flucht. In gedrngten Engpakmpfen Boten gringen Vorteil heute Alteuropas strenge Kriegskunst, Feuerschlnde, Harnisch, Pferde. Viele Spanier waren gleichfalls Schwer bepackt mit jenem Golde, Das sie jngst erpret, erbeutet - Ach, die gelbe Sndenlast Lhmte, hemmte sie im Kampfe, Und das teuflische Metall Ward nicht blo der armen Seele, Sondern auch dem Leib verderblich. Mittlerweile ward der See Ganz bedeckt von Khnen, Barken; Schtzen saen drin und schossen Nach den Brcken, Flen, Furten. Trafen freilich im Getmmel Viele ihrer eignen Brder, Doch sie trafen auch gar manchen Hochvortrefflichen Hidalgo. Auf der dritten Brcke fiel Junker Gaston, der an jenem Tag die Fahne trug, worauf Konterfeit die heilge Jungfrau. Dieses Bildnis selber trafen Die Geschosse der Indianer; Sechs Geschosse blieben stecken Just im Herzen - blanke Pfeile, hnlich jenen gldnen Schwertern, Die der Mater dolorosa Schmerzenreiche Brust durchbohren Bei Karfreitagsprozessionen. Sterbend bergab Don Gaston Seine Fahne dem Gonzalvo, Der zu Tod getroffen gleichfalls Bald dahinsank. - Jetzt ergriff Cortez selbst das teure Banner, Er, der Feldherr, und er trug es Hoch zu Ro bis gegen Abend, Wo die Schlacht ein Ende nahm. Hundertsechzig Spanier fanden Ihren Tod an jenem Tage; ber achtzig fielen lebend In die Hnde der Indianer. Schwer verwundet wurden viele, Die erst spter unterlagen. Schier ein Dutzend Pferde wurde Teils gettet, teils erbeutet. Gegen Abend erst erreichten Cortez und sein Heer das sichre Uferland, ein Seegestade, Karg bepflanzt mit Trauerweiden. II Nach des Kampfes Schreckenstag Kommt die Spuknacht des Triumphes; Hunderttausend Freudenlampen Lodern auf in Mexiko. Hunderttausend Freudenlampen, Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer Werfen grell ihr Tageslicht Auf Palste, Gtterhallen, Gildenhuser und zumal Auf den Tempel Vitzliputzlis, Gtzenburg von rotem Backstein, Seltsam mahnend an gyptisch, Babylonisch und assyrisch Kolossalen Bauwerk-Monstren, Die wir schauen auf den Bildern Unsers Britten Henri Martin. Ja, das sind dieselben breiten Rampentreppen, also breit, Da dort auf und nieder wallen Viele tausend Mexikaner, Whrend auf den Stufen lagern Rottenweis die wilden Krieger, Welche lustig bankettieren, Hochberauscht von Sieg und Palmwein. Diese Rampentreppen leiten, Wie ein Zickzack, nach der Plattform, Einem balustradenartgen Ungeheuern Tempeldach. Dort auf seinem Thronaltar Sitzt der groe Vitzliputzli, Mexikos blutdrstger Kriegsgott. Ist ein bses Ungestm, Doch sein ures ist so putzig, So verschnrkelt und so kindisch, Da er trotz des innern Grausens Dennoch unsre Lachlust kitzelt - Und bei seinem Anblick denken Wir zu gleicher Zeit etwa An den blassen Tod von Basel Und an Brssels Mannke-Pi. An des Gottes Seite stehen Rechts die Laien, links die Pfaffen; Im Ornat von bunten Federn Spreizt sich heut die Klerisei. Auf des Altars Marmorstufen Hockt ein hundertjhrig Mnnlein, Ohne Haar an Kinn und Schdel; Trgt ein scharlach Kamislchen. Dieses ist der Opferpriester, Und er wetzet seine Messer, Wetzt sie lchelnd, und er schielet Manchmal nach dem Gott hinauf. Vitzliputzli scheint den Blick Seines Dieners zu verstehen, Zwinkert mit den Augenwimpern Und bewegt sogar die Lippen. Auf des Altars Stufen kauern Auch die Tempelmusici, Paukenschlger, Kuhhornblser - Ein Gerassel und Getute - Ein Gerassel und Getute, Und es stimmet ein des Chores Mexikanisches Tedeum - Ein Miaulen wie von Katzen - Ein Miaulen wie von Katzen, Doch von jener groen Sorte, Welche Tigerkatzen heien Und statt Muse Menschen fressen! Wenn der Nachtwind diese Tne Hinwirft nach dem Seegestade, Wird den Spaniern, die dort lagern, Katzenjmmerlich zu Mute. Traurig unter Trauerweiden, Stehen diese dort noch immer Und sie starren nach der Stadt, Die im dunkeln Seegewsser Widerspiegelt, schier verhhnend, Alle Flammen ihrer Freude - Stehen dort wie im Parterre Eines groen Schauspielhauses, Und des Vitzliputzli-Tempels Helle Plattform ist die Bhne, Wo zur Siegesfeier jetzt Ein Mysterium tragiert wird. Menschenopfer heit das Stck. Uralt ist der Stoff, die Fabel; In der christlichen Behandlung Ist das Schauspiel nicht so grlich. Denn dem Blute wurde Rotwein, Und dem Leichnam, welcher vorkam, Wurde eine harmlos dnne Mehlbreispeis transsubstituieret - Diesmal aber, bei den Wilden, War der Spa sehr roh und ernsthaft Aufgefat: man speiste Fleisch, Und das Blut war Menschenblut. Diesmal war es gar das Vollblut Von Altchristen, das sich nie, Nie vermischt hat mit dem Blute Der Moresken und der Juden. Freu dich, Vitzliputzli, freu dich, Heute gibt es Spanierblut, Und am warmen Dufte wirst du Gierig laben deine Nase. Heute werden dir geschlachtet Achtzig Spanier, stolze Braten Fr die Tafel deiner Priester, Die sich an dem Fleisch erquicken. Denn der Priester ist ein Mensch, Und der Mensch, der arme Fresser, Kann nicht blo vom Riechen leben Und vom Dufte, wie die Gtter. Horch! die Todespauke drhnt schon, Und es kreischt das bse Kuhhorn! Sie verknden, da heraufsteigt Jetzt der Zug der Sterbemnner. Achtzig Spanier, schmhlich nackend, Ihre Hnde auf dem Rcken Festgebunden, schleppt und schleift man Hoch hinauf die Tempeltreppe. Vor dem Vitzliputzli-Bilde Zwingt man sie das Knie zu beugen Und zu tanzen Possentnze, Und man zwingt sie durch Torturen, Die so grausam und entsetzlich, Da der Angstschrei der Gequlten berheulet das gesamte Kannibalen-Charivari. - Armes Publikum am See! Cortez und die Kriegsgefhrten Sie vernahmen und erkannten Ihrer Freunde Angstrufstimmen - Auf der Bhne, grellbeleuchtet, Sahen sie auch ganz genau Die Gestalten und die Mienen - Sahn das Messer, sahn das Blut - Und sie nahmen ab die Helme Von den Huptern, knieten nieder, Stimmten an den Psalm der Toten, Und sie sangen: De profundis! Unter jenen, welche starben, War auch Raimond de Mendoza, Sohn der schnen Abbatissin, Cortez' erste Jugendliebe. Als er auf der Brust des Jnglings Jenes Medaillon gewahrte, Das der Mutter Bildnis einschlo, Weinte Cortez helle Trnen - Doch er wischt' sie ab vom Auge Mit dem harten Bffelhandschuh, Seufzte tief und sang im Chore Mit den Andern: miserere! III Blasser schimmern schon die Sterne, Und die Morgennebel steigen Aus der Seeflut, wie Gespenster, Mit hinschleppend weien Laken. Fest und Lichter sind erloschen Auf dem Dach des Gtzentempels, Wo am blutgetrnkten Estrich Schnarchend liegen Pfaff und Laie. Nur die rote Jacke wacht. Bei dem Schein der letzten Lampe, Slich grinsend, grimmig schkernd, Spricht der Priester zu dem Gotte: Vitzliputzli, Putzlivitzli, Liebstes Gttchen Vitzliputzli! Hast dich heute amsieret, Hast gerochen Wohlgerche! Heute gab es Spanierblut - O, das dampfte so apptitlich, Und dein feines Leckernschen Sog den Duft ein, wollustglnzend. Morgen opfern wir die Pferde, Wiehernd edle Ungetme, Die des Windes Geister zeugten, Buhlschaft treibend mit der Seekuh. Willst du artig sein, so schlacht ich Dir auch meine beiden Enkel, Hbsche Bbchen, ses Blut, Meines Alters einzge Freude. Aber artig mut du sein, Mut uns neue Siege schenken - La uns siegen, liebes Gttchen, Putzlivitzli, Vitzliputzli! O verderbe unsre Feinde, Diese Fremden, die aus fernen Und noch unentdeckten Lndern Zu uns kamen bers Weltmeer - Warum lieen sie die Heimat? Trieb sie Hunger oder Blutschuld? Bleib im Land und nhr dich redlich, Ist ein sinnig altes Sprchwort. Was ist ihr Begehr? Sie stecken Unser Gold in ihre Taschen, Und sie wollen, da wir droben Einst im Himmel glcklich werden! Anfangs glaubten wir, sie wren Wesen von der hchsten Gattung, Sonnenshne, die unsterblich Und bewehrt mit Blitz und Donner. Aber Menschen sind sie, ttbar Wie wir Andre, und mein Messer Hat erprobet heute Nacht Ihre Menschensterblichkeit. Menschen sind sie und nicht schner Als wir Andre, manche drunter Sind so hlich wie die Affen; Wie bei diesen sind behaart Die Gesichter, und es heit, Manche trgen in den Hosen Auch verborgne Affenschwnze - Wer kein Aff, braucht keine Hosen. Auch moralisch hlich sind sie, Wissen nichts von Piett, Und es heit, da sie sogar Ihre eignen Gtter fren! O vertilge diese ruchlos Bse Brut, die Gtterfresser - Vitzliputzli, Putzlivitzli, La uns siegen, Vitzliputzli! - Also sprach zum Gott der Priester, Und des Gottes Antwort tnt Seufzend, rchelnd, wie der Nachtwind, Welcher koset mit dem Seeschilf: Rotjack, Rotjack, blutger Schlchter, Hast geschlachtet viele Tausend, Bohre jetzt das Opfermesser In den eignen alten Leib. Aus dem aufgeschlitzten Leib Schlpft alsdann hervor die Seele; ber Kiesel, ber Wurzel Trippelt sie zum Laubfroschteiche. Dorten hocket meine Muhme Rattenknigin - sie wird sagen: Guten Morgen, nackte Seele, Wie ergeht es meinem Neffen? Vitzliputzlelt er vergngt In dem honigsen Goldlicht? Wedelt ihm das Glck die Fliegen Und die Sorgen von der Stirne? Oder kratzt ihn Katzlagara, Die verhate Unheilsgttin Mit den schwarzen Eisenpfoten, Die in Otterngift getrnket? Nackte Seele, gib zur Antwort: Vitzliputzli lt dich gren, Und er wnscht dir Pestilenz In den Bauch, Vermaledeite! Denn du rietest ihm zum Kriege, Und dein Rat, es war ein Abgrund - In Erfllung geht die bse, Uralt bse Prophezeiung Von des Reiches Untergang Durch die furchtbar brtgen Mnner, Die auf hlzernem Gevgel Hergeflogen aus dem Osten. Auch ein altes Sprchwort gibt es: Weiberwille, Gotteswille - Doppelt ist der Gotteswille, Wenn das Weib die Mutter Gottes. Diese ist es, die mir zrnet, Sie, die stolze Himmelsfrstin, Eine Jungfrau sonder Makel, Zauberkundig, wunderttig. Sie beschtzt das Spaniervolk, Und wir mssen untergehen, Ich, der rmste aller Gtter, Und mein armes Mexiko. Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack, Krieche deine nackte Seele In ein Sandloch - Schlafe wohl! Da du nicht mein Unglck schauest! Dieser Tempel strzt zusammen, Und ich selber, ich versinke In dem Qualm - nur Rauch und Trmmer - Keiner wird mich wiedersehen. Doch ich sterbe nicht; wir Gtter Werden alt wie Papageien, Und wir mausern nur und wechseln Auch wie diese das Gefieder. Nach der Heimat meiner Feinde, Die Europa ist geheien, Will ich flchten, dort beginn ich Eine neue Karriere. Ich verteufle mich, der Gott Wird jetzund ein Gottseibeiuns; Als der Feinde bser Feind, Kann ich dorten wirken, schaffen. Qulen will ich dort die Feinde, Mit Phantomen sie erschrecken - Vorgeschmack der Hlle, Schwefel Sollen sie bestndig riechen. Ihre Weisen, ihre Narren Will ich kdern und verlocken; Ihre Tugend will ich kitzeln, Bis sie lacht wie eine Metze. Ja, ein Teufel will ich werden, Und als Kameraden gr ich Satanas und Belial, Astaroth und Belzebub. Dich zumal begr ich, Lilis, Sndenmutter, glatte Schlange! Lehr mich deine Grausamkeiten Und die schne Kunst der Lge! Mein geliebtes Mexiko, Nimmermehr kann ich es retten, Aber rchen will ich furchtbar Mein geliebtes Mexiko. Zweites Buch Lamentationen Das Glck ist eine leichte Dirne, Und weilt nicht gern am selben Ort; Sie streicht das Haar dir von der Stirne Und kt dich rasch und flattert fort. Frau Unglck hat im Gegenteile Dich liebefest ans Herz gedrckt; Sie sagt, sie habe keine Eile, Setzt sich zu dir ans Bett und strickt. Waldeinsamkeit Ich hab in meinen Jugendtagen Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen; Die Blumen glnzten wunderbar, Ein Zauber in dem Kranze war. Der schne Kranz gefiel wohl Allen, Doch der ihn trug hat Manchem mifallen; Ich floh den gelben Menschenneid, Ich floh in die grne Waldeinsamkeit. Im Wald, im Wald! da konnt ich fhren Ein freies Leben mit Geistern und Tieren; Feen und Hochwild von stolzem Geweih, Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu. Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis, Sie wuten, das sei kein schreckliches Wagnis; Da ich kein Jger, wute das Reh, Da ich kein Vernunftmensch, wute die Fee. Von Feenbegnstigung plaudern nur Toren - Doch wie die brigen Honoratioren Des Waldes mir huldreich gewesen, frwahr Ich darf es bekennen offenbar. Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert! Ein luftiges Vlkchen! das plaudert und schnattert! Ein bichen stechend ist der Blick, Verheiend ein ses, doch tdliches Glck. Ergtzten mich mit Maitanz und Maispiel, Erzhlten mir Hofgeschichten, zum Beispiel: Die skandalose Chronika Der Knigin Titania. Sa ich am Bache, so tauchten und sprangen Hervor aus der Flut, mit ihrem langen Silberschleier und flatterndem Haar, Die Wasserbacchanten, die Nixenschar. Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen, Das war der famose Nixenreigen; Die Posituren, die Melodei, War klingende, springende Raserei. Jedoch zu Zeiten waren sie minder Tobschtig gelaunt, die schnen Kinder; Zu meinen Fen lagerten sie, Das Kpfchen gesttzt auf meinem Knie. Trllerten, trillerten welsche Romanzen, Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen, Sangen auch wohl ein Lobgedicht Auf mich und mein nobeles Menschengesicht. Sie unterbrachen manchmal das Gesinge Lautlachend, und frugen bedenkliche Dinge, Zum Beispiel: Sag uns, zu welchem Behuf Der liebe Gott den Menschen schuf? Hat eine unsterbliche Seele ein Jeder Von euch? Ist diese Seele von Leder Oder von steifer Leinwand? Warum Sind eure Leute meistens so dumm? Was ich zur Antwort gab, verhehle Ich hier, doch meine unsterbliche Seele, Glaubt mirs, ward nie davon verletzt, Was eine kleine Nixe geschwtzt. Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen; Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist Die, welche man Wichtelmnnchen heit. Sie tragen Rotmntelchen, lang und bauschig, Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig; Ich lie nicht merken, da ich entdeckt, Warum sie so ngstlich die Fe versteckt. Sie haben nmlich Entenfe Und bilden sich ein, da Niemand es wisse. Das ist eine tiefgeheime Wund, Worber ich nimmermehr sptteln kunnt. Ach Himmel! wir Alle, gleich jenen Zwergen, Wir haben ja Alle etwas zu verbergen; Kein Christenmensch, whnen wir, htte entdeckt, Wo unser Entenfchen steckt. Niemals verkehrt ich mit Salamandern, Und ber ihr Treiben erfuhr ich von andern Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei. Sind spindeldrre, von Kindeslnge, Hschen und Wmschen anliegend enge, Von Scharlachfarbe, goldgestickt; Das Antlitz krnklich, vergilbt und bedrckt. Ein gldnes Krnlein, gespickt mit Rubinen, Trgt auf dem Kpfchen ein jeder von ihnen; Ein jeder von ihnen bildet sich ein, Ein absoluter Knig zu sein. Da sie im Feuer nicht verbrennen, Ist freilich ein Kunststck, ich will es bekennen; Jedoch der unentzndbare Wicht, Ein wahrer Feuergeist ist er nicht. Die klgsten Waldgeister sind die Alrunchen, Langbrtige Mnnlein mit kurzen Beinchen, Ein fingerlanges Greisengeschlecht; Woher sie stammen, man wei es nicht recht. Wenn sie im Mondschein kopfber purzeln, Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln; Doch da sie mir nur Gutes getan, So geht mich nichts ihr Ursprung an. Sie lehrten mir kleine Hexereien, Feuer besprechen, Vgel beschreien, Auch pflcken in der Johannisnacht Das Krutlein, das unsichtbar macht. Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten, Sattellos auf dem Winde reiten, Auch Runensprche, womit man ruft Die Toten hervor aus ihrer Gruft. Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt, Wie man den Vogel Specht betrt Und ihm die Springwurz abgewinnt, Die anzeigt, wo Schtze verborgen sind. Die Worte, die man beim Schtzegraben Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben Mir alles expliziert - umsunst! Hab nie begriffen die Schatzgrberkunst. Wohl hatt ich derselben nicht ntig dermalen, Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen, Besa auch in Spanien manch luftiges Schlo, Wovon ich die Revenen geno. O, schne Zeit! wo voller Geigen Der Himmel hing, wo Elfenreigen Und Nixentanz und Koboldscherz Umgaukelt mein mrchentrunkenes Herz! O, schne Zeit! wo sich zu grnen Triumphespforten zu wlben schienen Die Bume des Waldes - ich ging einher, Bekrnzt, als ob ich der Sieger wr! Die schne Zeit, sie ist verschlendert, Und Alles hat sich seitdem verndert, Und ach! mir ist der Kranz geraubt, Den ich getragen auf meinem Haupt. Der Kranz ist mir vom Haupt genommen, Ich wei es nicht, wie es gekommen; Doch seit der schne Kranz mir fehlt, Ist meine Seele wie entseelt. Es glotzen mich an unheimlich blde Die Larven der Welt! Der Himmel ist de, Ein blauer Kirchhof, entgttert und stumm. Ich gehe gebckt im Wald herum. Im Walde sind die Elfen verschwunden, Jagdhrner hr ich, Geklffe von Hunden; Im Dickicht ist das Reh versteckt, Das trnend seine Wunden leckt. Wo sind die Alrunchen? Ich glaube, sie halten Sich ngstlich verborgen in Felsenspalten. Ihr kleinen Freunde, ich komme zurck, Doch ohne Kranz und ohne Glck. Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar, Die erste Schnheit, die mir hold war? Der Eichenbaum, worin sie gehaust, Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust. Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe; Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe, Todbla und stumm, wie 'n Bild von Stein, Scheint tief in Kummer versunken zu sein. Mitleidig tret ich zu ihr heran - Da fhrt sie auf und schaut mich an, Und sie entflieht mit entsetzten Mienen, Als sei ihr ein Gespenst erschienen. Spanische Atriden Am Hubertustag des Jahres Dreizehnhundert drei und achtzig Gab der Knig uns ein Gastmahl Zu Segovia im Schlosse. Hofgastmhler sind dieselben berall, es ghnt dieselbe Souverne Langeweile An der Tafel aller Frsten. Prunkgeschirr von Gold und Silber, Leckerbissen aller Zonen, Und derselbe Bleigeschmack, Mahnend an Lokustes Kche. Auch derselbe seidne Pbel, Buntgeputzt und vornehm nickend, Wie ein Beet von Tulipanen; Nur die Saucen sind verschieden. Und das ist ein Wispern, Sumsen, Das wie Mohn den Sinn einschlfert, Bis Trompetenste wecken Aus der kauenden Betubnis. Neben mir, zum Glcke, sa Don Diego Albuquerque, Dem die Rede unterhaltsam Von den klugen Lippen flo. Ganz vorzglich gut erzhlte Er die blutgen Hofgeschichten Aus den Tagen des Don Pedro, Den man Knig Grausam nannte. Als ich frug, warum Don Pedro Seinen Bruder Don Fredrego Insgeheim enthaupten lie, Sprach mein Tischgenosse seufzend: Sennor! glaubt nicht was sie klimpern Auf den schlottrigen Gitarren, Bnkelsnger, Maultiertreiber, In Posaden, Kneipen, Schenken. Glaubet nimmer, was sie faseln Von der Liebe Don Fredregos Und Don Pedros schner Gattin, Donna Blanka von Bourbon. Nicht der Eifersucht des Gatten, Nur der Migunst eines Neidharts Fiel als Opfer Don Fredrego, Calatravas Ordensmeister. Das Verbrechen, das Don Pedro Nicht verzieh, das war sein Ruhm, Jener Ruhm, den Donna Fama Mit Entzcken ausposaunte. Auch verzieh ihm nicht Don Pedro Seiner Seele Hochgefhle Und die Wohlgestalt des Leibes, Die ein Abbild solcher Seele. Blhend blieb mir im Gedchtnis Diese schlanke Heldenblume; Nie verge ich dieses schne Trumerische Jnglingsantlitz. Das war eben jene Sorte, Die geliebt wird von den Feen, Und ein mrchenhaft Geheimnis Sprach aus allen diesen Zgen. Blaue Augen, deren Schmelz Blendend wie ein Edelstein, - Aber auch der stieren Hrte Eines Edelsteins teilhaftig. Seine Haare waren schwarz, Blulichschwarz, von seltnem Glanze, Und in ppig schnen Locken Auf die Schulter niederfallend. In der schnen Stadt Coimbra, Die er abgewann den Mohren, Sah ich ihn zum letzten Male Lebend - unglckselger Prinz! Eben kam er vom Alkanzor, Durch die engen Straen reitend; Manche junge Mohrin lauschte Hinterm Gitter ihres Fensters. Seines Hauptes Helmbusch wehte Frei galant, jedoch des Mantels Strenges Calatrava-Kreuz Scheuchte jeden Buhlgedanken. Ihm zur Seite, freudewedelnd, Sprang sein Liebling, Allan hie er, Eine Bestie stolzer Rasse, Deren Heimat die Sierra. Trotz der ungeheuern Gre War er wie ein Reh gelenkig, Nobel war des Kopfes Bildung, Ob sie gleich dem Fuchse hnlich. Schneewei und so weich wie Seide Flockten lang herab die Haare; Mit Rubinen inkrustieret War das breite goldne Halsband. Dieses Halsband, sagt man, barg Einen Talisman der Treue; Niemals wich er von der Seite Seines Herrn, der treue Hund. O der schauerlichen Treue! Mir erbebet das Gemte, Denk ich dran, wie sie sich hier Offenbart vor unsern Augen. O des schreckenvollen Tages! Hier in diesem Saale war es, Und wie heute sa ich hier An der kniglichen Tafel. An dem obern Tafelende, Dort, wo heute Don Henrico Frhlich bechert mit der Blume Kastilianscher Ritterschaft - Jenes Tags sa dort Don Pedro Finster stumm, und neben ihm, Strahlend stolz wie eine Gttin, Sa Maria de Padilla. Hier am untern End der Tafel, Wo wir heut die Dame sehen, Deren groe Linnenkrause Wie ein weier Teller aussieht - Whrend ihr vergilbt Gesichtchen Mit dem suerlichen Lcheln Der Zitrone gleichet, welche Auf besagtem Teller ruht: Hier am untern End der Tafel War ein leerer Platz geblieben; Eines Gasts von hohem Range Schien der goldne Stuhl zu harren. Don Fredrego war der Gast, Dem der goldne Stuhl bestimmt war - Doch er kam nicht -ach, wir wissen Jetzt den Grund der Zgerung. Ach, zur selben Stunde wurde Sie vollbracht, die dunkle Untat, Und der arglos junge Held Wurde von Don Pedros Schergen Hinterlistig berfallen Und gebunden fortgeschleppt In ein des Schlogewlbe, Nur von Fackelschein beleuchtet. Dorten standen Henkersknechte, Dorten stand der rote Meister, Der, gesttzt auf seinem Richtbeil, Mit schwermtger Miene sprach: Jetzt, Gromeister von San Jago, Mt Ihr Euch zum Tod bereiten, Eine Viertelstunde sei Euch bewilligt zum Gebete. Don Fredrego kniete nieder, Betete mit frommer Ruhe, Sprach sodann: ich hab vollendet, Und empfing den Todesstreich. In demselben Augenblicke, Als der Kopf zu Boden rollte, Sprang drauf zu der treue Allan, Welcher unbemerkt gefolgt war. Er erfate, mit den Zhnen, Bei dem Lockenhaar das Haupt, Und mit dieser teuern Beute Scho er zauberschnell von dannen. Jammer und Geschrei erscholl berall auf seinem Wege, Durch die Gnge und Gemcher, Treppen auf und Treppen ab. Seit dem Gastmahl des Belsazar Gab es keine Tischgesellschaft, Welche so verstret aussah Wie die unsre in dem Saale, Als das Ungetm hereinsprang Mit dem Haupte Don Fredregos, Das er mit den Zhnen schleppte An den trufend blutgen Haaren. Auf den leer gebliebnen Stuhl, Welcher seinem Herrn bestimmt war, Sprang der Hund und, wie ein Klger, Hielt er uns das Haupt entgegen. Ach, es war das wohlbekannte Heldenantlitz, aber blsser, Aber ernster, durch den Tod, Und umringelt gar entsetzlich Von der Flle schwarzer Locken, Die sich bumten wie der wilde Schlangenkopfputz der Meduse, Auch wie dieser schreckversteinernd. Ja, wir waren wie versteinert, Sahn uns an mit starrer Miene, Und gelhmt war jede Zunge Von der Angst und Etikette. Nur Maria de Padilla Brach das allgemeine Schweigen; Hnderingend, laut aufschluchzend, Jammerte sie ahndungsvoll: Heien wird es jetzt, ich htte Angestiftet solche Mordtat, Und der Groll trifft meine Kinder, Meine schuldlos armen Kinder! Don Diego unterbrach hier Seine Rede, denn wir sahen, Da die Tafel aufgehoben Und der Hof den Saal verlassen. Hfisch fein von Sitten, gab Mir der Ritter das Geleite, Und wir wandelten selbander Durch das alte Gotenschlo. Indem Kreuzgang, welcher leitet Nach des Knigs Hundestllen, Die durch Knurren und Geklffe Schon von fernher sich verkndgen, Dorten sah ich, in der Wand Eingemauert und nach auen Fest mit Eisenwerk vergattert, Eine Zelle wie ein Kfig. Menschliche Gestalten zwo Saen drin, zwei junge Knaben; Angefesselt bei den Beinen, Hockten sie auf fauler Streu. Kaum zwlfjhrig schien der Eine, Wenig lter war der Andre; Die Gesichter schn und edel, Aber fahl und welk von Siechtum. Waren ganz zerlumpt, fast nackend, Und die magern Leibchen trugen Wunde Spuren der Mihandlung; Beide schttelte das Fieber. Aus der Tiefe ihres Elends Schauten sie zu mir empor, Wie mit weien Geisteraugen, Da ich schier darob erschrocken. Wer sind diese Jammerbilder? Rief ich aus, indem ich hastig Don Diegos Hand ergriff, Die gezittert, wie ich fhlte. Don Diego schien verlegen, Sah sich um, ob Niemand lausche, Seufzte tief und sprach am Ende, Heitern Weltmannston erknstelnd: Dieses sind zwei Knigskinder, Frh verwaiset, Knig Pedro Hie der Vater, und die Mutter War Maria de Padilla. Nach der groen Schlacht bei Narvas, Wo Henrico Transtamare Seinen Bruder, Knig Pedro, Von der groen Last der Krone Und zugleich von jener grern Last, die Leben heit, befreite: Da traf auch die Bruderskinder Don Henricos Siegergromut. Hat sich ihrer angenommen, Wie es einem Oheim ziemet, Und im eignen Schlosse gab er Ihnen freie Kost und Wohnung. Enge freilich ist das Stbchen, Das er ihnen angewiesen, Doch im Sommer ist es khlig, Und nicht gar zu kalt im Winter. Ihre Speis ist Roggenbrot, Das so schmackhaft ist, als htt es Gttin Ceres selbst gebacken Fr ihr liebes Proserpinchen. Manchmal schickt er ihnen auch Eine Kumpe mit Garbanzos, Und die Jungen merken dann, Da es Sonntag ist in Spanien. Doch nicht immer ist es Sonntag, Und nicht immer gibts Garbanzos, Und der Oberkoppelmeister Regaliert sie mit der Peitsche. Denn der Oberkoppelmeister, Der die Stlle mit der Meute Sowie auch den Neffenkfig Unter seiner Aufsicht hat, Ist der unglckselge Gatte Jener sauren Zitronella Mit der weien Tellerkrause, Die wir heut bei Tisch bewundert, Und sie keift so frech, da oft Ihr Gemahl zur Peitsche greift - Und hierher eilt und die Hunde Und die armen Knaben zchtigt. Doch der Knig hat mibilligt Solch Verfahren und befahl, Da man knftig seine Neffen Nicht behandle wie die Hunde. Keiner fremden Mietlingsfaust Wird er ferner anvertrauen Ihre Zucht, die er hinfro Eigenhndig leiten will. Don Diego stockte pltzlich, Denn der Seneschall des Schlosses Kam zu uns und frug uns Hflich: ob wir wohlgespeist? - - Der Ex-Lebendige Brutus, wo ist dein Cassius, Der Wchter, der nchtliche Rufer, Der einst mit dir, im Seelenergu, Gewandelt am Seineufer? Ihr schautet manchmal in die Hh, Wo die dunklen Wolken jagen - Viel dunklere Wolke war die Idee, Die Ihr im Herzen getragen. Brutus, wo ist dein Cassius? Er denkt nicht mehr ans Morden! Es heit, er sei am Neckarflu Tyrannenvorleser geworden. Doch Brutus erwidert: Du bist ein Tor, Kurzsichtig wie alle Poeten - Mein Cassius liest dem Tyrannen vor, Jedoch um ihn zu tten. Er liest ihm Gedichte von Matzerath - Ein Dolch ist jede Zeile! Der arme Tyrann, frh oder spat Stirbt er vor Langeweile. Der Ex-Nachtwchter Migelaunt, sagt man, verlie er Stuttgart an dem Neckarstrand, Und zu Mnchen an der Isar Ward er Schauspielintendant. Das ist eine schne Gegend Ebenfalls, es schumet hier, Geist- und phantasieerregend, Holder Bock, das beste Bier. Doch der arme Intendante, Heit es, gehet dort herum Melancholisch wie ein Dante, Wie Lord Byron gloomy, stumm. Ihn ergtzen nicht Komdien, Nicht das schlechteste Gedicht, Selbst die traurigsten Tragdien Liest er - doch er lchelt nicht. Manche Schne mcht erheitern Dieses gramumflorte Herz, Doch die Liebesblicke scheitern An dem Panzer, der von Erz. Nannerl mit dem Riegelhubchen Girrt ihn an so muntern Sinns - Geh ins Kloster, armes Tubchen, Spricht er wie ein Dnenprinz. Seine Freunde sind vergebens Zu erlustgen ihn bemht, Singen: Freue dich des Lebens, Weil dir noch dein Lmpchen glht! Kann dich nichts zum Frohsinn reizen Hier in dieser hbschen Stadt, Die an amsanten Kuzen Wahrlich keinen Mangel hat? Zwar hat sie in jngsten Tagen Eingebt so manchen Mann, Manchen trefflichen Choragen, Den man schwer entbehren kann. Wr der Mamann nur geblieben! Dieser htte wohl am End Jeden Trbsinn dir vertrieben Durch sein Burzelbaumtalent. Schelling, der ist unersetzlich! Ein Verlust vom hchsten Wert! War als Philosoph ergtzlich Und als Mime hochgeehrt. Da der Grnder der Walhalla Fortging und zurcke lie Seine Manuskripte alle, Gleichfalls ein Verlust war dies! Mit Corneljus ging verloren Auch des Meisters Jngerschaft; Hat das Haar sich abgeschoren, Und im Haar war ihre Kraft. Denn der kluge Meister legte Einen Zauber in das Haar, Drin sich sichtbar oft bewegte Etwas das lebendig war. Tot ist Grres, die Hyne. Ob des heiligen Offiz Umsturz quoll ihm einst die Trne Aus des Auges rotem Schlitz. Dieses Raubtier hat ein Shnchen Hinterlassen, doch es ist Nur ein giftiges Kaninchen, Welches Nonnenfrzchen frit. Apropos! Der erzinfame Pfaffe Dollingerius - Das ist ungefhr sein Name - Lebt er noch am Isarflu? Dieser bleibt mir unvergelich! Bei dem reinen Sonnenlicht! Niemals schaut ich solch ein hlich Armesnderangesicht. Wie es heit, ist er gekommen Auf die Welt gar wundersam, Hat den Afterweg genommen, Zu der Mutter Schreck und Scham. Sah ihn am Karfreitag wallen In dem Zug der Prozession, Von den dunkeln Mnnern allen Wohl die dunkelste Person. Ja, Monacho Monachorum Ist in unsrer Zeit der Sitz Der Virorum obscurorum, Die verherrlicht Huttens Witz. Wie du zuckst beim Namen Hutten! Ex-Nachtwchter, wache auf! Hier die Pritsche, dort die Kutten, Und wie ehmals schlage drauf!. Geile ihre Rcken blutig, Wie einst tat der Ullerich; Dieser schlug so rittermutig, Jene heulten frchterlich. Der Erasmus mute lachen So gewaltig ob dem Spa, Da ihm platzte in dem Rachen Sein Geschwr und er genas. Auf der Ebersburg desgleichen Lachte Sickingen wie toll, Und in allen deutschen Reichen Das Gelchter widerscholl. Alte lachten wie die Jungen - Eine einzge Lache nur War ganz Wittenberg, sie sungen Gaudeamus igitur! Freilich, klopft man faule Kutten, Fngt man Flh im berflu, Und es mute sich der Hutten Manchmal kratzen vor Verdru. Aber alea est jacta! War des Ritters Schlachtgeschrei, Und er knickte und er knackte Pulices und Klerisei. Ex-Nachtwchter, Stundenrufer, Fhlst du nicht dein Herz erglhn? Rege dich am Isarufer, Schttle ab den kranken Spleen. Deine langen Fortschrittsbeine, Heb sie auf zu neuem Lauf - Kutten grobe, Kutten feine, Sind es Kutten, schlage drauf! Jener aber seufzt, und seine Hnde ringend er versetzt: Meine langen Fortschrittsbeine Sind europamde jetzt. Meine Hhneraugen jcken, Habe deutsche enge Schuh, Und wo mich die Schuhe drcken, Wei ich wohl - la mich in Ruh! Plateniden Iliaden, Odysseen Kndigst du uns prahlend an, Und wir wollen in dir sehen Deutscher Zukunft grten Mann. Eine groe Tat in Worten, Die du einst zu tun gedenkst! - O, ich kenne solche Sorten Geistger Schuldenmacher lngst. Hier ist Rhodus, komm und zeige Deine Kunst, hier wird getanzt! Oder trolle dich und schweige, Wenn du heut nicht tanzen kannst. Wahre Prinzen aus Genieland Zahlen bar was sie verzehrt, Schiller, Goethe, Lessing, Wieland Haben nie Kredit begehrt. Wollten keine Ovationen Von dem Publiko auf Pump, Keine Vorschu-Lorbeerkronen, Rhmten sich nicht keck und plump. Tot ist lngst der alte Junker, Doch sein Same lebt noch heut - O, ich kenne das Geflunker Knftiger Unsterblichkeit. Das sind Platens echte Kinder, Echtes Platenidenblut - Meine teuern Hallermnder, O, ich kenn euch gar zu gut! Mythologie Ja, Europa ist erlegen - Wer kann Ochsen widerstehen? Wir verzeihen auch Danen - Sie erlag dem goldnen Regen! Semele lie sich verfhren - Denn sie dachte: eine Wolke, Ideale Himmelswolke, Kann uns nicht kompromittieren. Aber tief mu uns empren Was wir von der Leda lesen - Welche Gans bist du gewesen, Da ein Schwan dich konnt betren! In Mathildens Stammbuch Hier, auf gewalzten Lumpen, soll ich Mit einer Spule von der Gans Hinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig, Versifizierten Firlefanz - Ich, der gewohnt mich auszusprechen Auf deinem schnen Rosenmund, Mit Kssen, die wie Flammen brechen Hervor aus tiefstem Herzensgrund! O Modewut! Ist man ein Dichter, Qult uns die eigne Frau zuletzt, Bis man, wie andre Sangeslichter, Ihr einen Reim ins Album setzt. An die Jungen La dich nicht kirren, la dich nicht wirren Durch goldne pfel in deinem Lauf! Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren, Doch halten sie nicht den Helden auf. Ein khnes Beginnen ist halbes Gewinnen, Ein Alexander erbeutet die Welt! Kein langes Besinnen! Die Kniginnen Erwarten schon knieend den Sieger im Zelt. Wir wagen, wir werben! besteigen als Erben Des alten Darius Bett und Thron. O ses Verderben! o blhendes Sterben! Berauschter Triumphtod zu Babylon! Der Unglubige Du wirst in meinen Armen ruhn! Von Wonnen sonder Schranken Erbebt und schwillt mein ganzes Herz Bei diesem Zaubergedanken. Du wirst in meinen Armen ruhn! Ich spiele mit den schnen Goldlocken! Dein holdes Kpfchen wird An meine Schulter lehnen. Du wirst in meinen Armen ruhn! Der Traum will Wahrheit werden, Ich soll des Himmels hchste Lust Hier schon genieen auf Erden. O, heilger Thomas! Ich glaub es kaum! Ich zweifle bis zur Stunde, Wo ich den Finger legen kann In meines Glckes Wunde. K.-Jammer Diese graue Wolkenschar Stieg aus einem Meer von Freuden; Heute mu ich dafr leiden, Da ich gestern glcklich war. Ach, in Wermut hat verkehrt Sich der Nektar! Ach, wie qulend Katzenjammer, Hundeelend Herz und Magen mir beschwert! Zum Hausfrieden Viele Weiber, viele Flhe, Viele Flhe, vieles Jucken - Tun sie heimlich dir ein Wehe, Darfst du dennoch dich nicht mucken. Denn sie rchen, schelmisch lchelnd, Sich zur Nachtzeit - Willst du drcken Sie ans Herze, lieberchelnd, Ach, da drehn sie dir den Rcken. Jetzt wohin? Jetzt wohin? Der dumme Fu Will mich gern nach Deutschland tragen; Doch es schttelt klug das Haupt Mein Verstand und scheint zu sagen: Zwar beendigt ist der Krieg, Doch die Kriegsgerichte blieben, Und es heit, du habest einst Viel Erschieliches geschrieben. Das ist wahr, unangenehm Wr mir das Erschossenwerden. Bin kein Held, es fehlen mir Die pathetischen Gebrden. Gern wrd ich nach England gehn, Wren dort nicht Kohlendmpfe Und Englnder - schon ihr Duft Gibt Erbrechen mir und Krmpfe. Manchmal kommt mir in den Sinn Nach Amerika zu segeln, Nach dem groen Freiheitstall, Der bewohnt von Gleichheitsflegeln - Doch es ngstet mich ein Land, Wo die Menschen Tabak kuen, Wo sie ohne Knig kegeln, Wo sie ohne Spucknapf speien. Ruland, dieses schne Reich, Wrde mir vielleicht behagen, Doch im Winter knnte ich Dort die Knute nicht ertragen. Traurig schau ich in die Hh, Wo viel tausend Sterne nicken - Aber meinen eignen Stern Kann ich nirgends dort erblicken. Hat im gldnen Labyrinth Sich vielleicht verirrt am Himmel, Wie ich selber mich verirrt In dem irdischen Getmmel. - Altes Lied Du bist gestorben und weit es nicht, Erloschen ist dein Augenlicht, Erblichen ist dein rotes Mndchen, Und du bist tot, mein totes Kindchen. In einer schaurigen Sommernacht Hab ich dich selber zu Grabe gebracht; Klaglieder die Nachtigallen sangen, Die Sterne sind mit zur Leiche gegangen. Der Zug, der zog den Wald vorbei, Dort widerhallt die Litanei; Die Tannen, in Trauermnteln vermummt, Sie haben Totengebete gebrummt. Am Weidensee vorber gings, Die Elfen tanzten inmitten des Rings; Sie blieben pltzlich stehn und schienen Uns anzuschaun mit Beileidsmienen. Und als wir kamen zu deinem Grab, Da stieg der Mond vom Himmel herab. Er hielt eine Rede. Ein Schluchzen und Sthnen, Und in der Ferne die Glocken tnen. Soliditt Liebe sprach zum Gott der Lieder, Sie verlange Sicherheiten, Ehe sie sich ganz ergebe, Denn es wren schlechte Zeiten. Lachend gab der Gott zur Antwort: Ja, die Zeiten sich verndern, Und du sprichst jetzt wie ein alter Wuchrer, welcher leiht auf Pfndern. Ach, ich hab nur eine Leier, Doch sie ist von gutem Golde. Wieviel Ksse willst du borgen Mir darauf, o meine Holde? Alte Rose Eine Rosenknospe war Sie, fr die mein Herze glhte; Doch sie wuchs, und wunderbar Scho sie auf in voller Blte. Ward die schnste Ros im Land, Und ich wollt die Rose brechen, Doch sie wute mich pikant Mit den Dornen fortzustechen. Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt Und verklatscht von Wind und Regen - Liebster Heinrich bin ich jetzt, Liebend kommt sie mir entgegen. Heinrich hinten, Heinrich vorn, Klingt es jetzt mit sen Tnen; Sticht mich jetzt etwa ein Dorn, Ist es an dem Kinn der Schnen. Allzu hart die Borsten sind, Die des Kinnes Wrzchen zieren - Geh ins Kloster, liebes Kind, Oder lasse dich rasieren. Auto-da-f Welke Veilchen, stubge Locken, ein verblichen blaues Band, Halb zerrissene Billette, Lngst vergener Herzenstand - In die Flammen des Kamines Werf ich sie verdronen Blicks; ngstlich knistern diese Trmmer Meines Glcks und Migeschicks. Liebeschwre, flatterhafte Falsche Eide, in den Schlot Fliegen sie hinauf - es kichert Unsichtbar der kleine Gott. Bei den Flammen des Kamines Sitz ich trumend, und ich seh, Wie die Fnkchen in der Asche Still verglhn - Gut Nacht - Ade! Lazarus I. Weltlauf Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen. Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, Ach, so lasse dich begraben - Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur die etwas haben. II. Rckschau Ich habe gerochen alle Gerche In dieser holden Erdenkche; Was man genieen kann in der Welt, Das hab ich genossen wie je ein Held! Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen. Hab manche schne Puppe besessen; Trug seidne Westen, den feinsten Frack, Mir klingelten auch Dukaten im Sack. Wie Gellert ritt ich auf hohem Ro; Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schlo. Ich lag auf der grnen Wiese des Glcks, Die Sonne grte goldigsten Blicks; Ein Lorbeerkranz umschlo die Stirn, Er duftete Trume mir ins Gehirn, Trume von Rosen und ewigem Mai - Es ward mir so selig zu Sinne dabei, So dmmerschtig, so sterbefaul - Mir flogen gebratne Tauben ins Maul, Und Englein kamen, und aus den Taschen Sie zogen hervor Champagnerflaschen - Das waren Visionen, Seifenblasen - Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen, Die Glieder sind mir rheumatisch gelhmt, Und meine Seele ist tief beschmt. Ach, jede Lust, ach, jeden Genu Hab ich erkauft durch herben Verdru; Ich ward getrnkt mit Bitternissen Und grausam von den Wanzen gebissen; Ich ward bedrngt von schwarzen Sorgen, Ich mute lgen, ich mute borgen Bei reichen Buben und alten Vetteln - Ich glaube sogar, ich mute betteln. Jetzt bin ich md vom Rennen und Laufen, Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen. Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brder, Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder. III. Auferstehung Posaunenruf erfllt die Luft, Und furchtbar schallt es wider; Die Toten steigen aus der Gruft, Und schtteln und rtteln die Glieder. Was Beine hat, das trollt sich fort, Es wallen die weien Gestalten Nach Josaphat, dem Sammelort, Dort wird Gericht gehalten. Als Freigraf sitzet Christus dort In seiner Apostel Kreise. Sie sind die Schppen, ihr Spruch und Wort Ist minniglich und weise. Sie urteln nicht vermummten Gesichts; Die Maske lt jeder fallen Am hellen Tage des jngsten Gerichts, Wenn die Posaunen schallen. Das ist zu Josaphat im Tal, Da stehn die geladenen Scharen, Und weil zu gro der Beklagten Zahl, Wird hier summarisch verfahren. Das Bcklein zur Linken, zur Rechten das Schaf, Geschieden sind sie schnelle; Der Himmel dem Schfchen fromm und brav, Dem geilen Bock die Hlle! IV. Sterbende Flogest aus nach Sonn und Glck, Nackt und schlecht kommst du zurck. Deutsche Treue, deutsche Hemde, Die verschleit man in der Fremde. Siehst sehr sterbebllich aus, Doch getrost, du bist zu Haus. Warm wie an dem Flackerherde Liegt man in der deutschen Erde. Mancher leider wurde lahm Und nicht mehr nach Hause kam - Streckt verlangend aus die Arme, Da der Herr sich sein erbarme! V. Lumpentum Die reichen Leute, die gewinnt Man nur durch platte Schmeichelein - Das Geld ist platt, mein liebes Kind, Und will auch platt geschmeichelt sein. Das Weihrauchfa, das schwinge keck Vor jedem gttlich goldnen Kalb; Bet an im Staub, bet an im Dreck, Vor allem aber lob nicht halb. Das Brot ist teuer dieses Jahr, Jedoch die schnsten Worte hat Man noch umsonst - Besinge gar Mcenas' Hund, und fri dich satt! VI. Erinnerung Dem Einen die Perle, dem Andern die Truhe, O Wilhelm Wisetzki, du starbest so fruhe - Doch die Katze, die Katz ist gerettet. Der Balken brach, worauf er gekommen, Da ist er im Wasser umgekommen - Doch die Katze, die Katz ist gerettet. Wir folgten der Leiche, dem lieblichen Knaben, Sie haben ihn unter Maiblumen begraben, - Doch die Katze, die Katz ist gerettet. Bist klug gewesen, du bist entronnen Den Strmen, hast frh ein Obdach gewonnen - Doch die Katze, die Katz ist gerettet. Bist frh entronnen, bist klug gewesen, Noch eh du erkranktest, bist du genesen - Doch die Katze, die Katz ist gerettet. Seit langen Jahren, wie oft, o Kleiner, Mit Neid und Wehmut gedenk ich deiner - Doch die Katze, die Katz ist gerettet. VII. Unvollkommenheit Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt. Der Rose ist der Stachel beigesellt; Ich glaube gar, die lieben holden Engel Im Himmel droben sind nicht ohne Mngel. Der Tulpe fehlt der Duft. Es heit am Rhein: Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein. Htte Lucretia sich nicht erstochen, Sie wr vielleicht gekommen in die Wochen. Hliche Fe hat der stolze Pfau. Uns kann die amsant geistreichste Frau Manchmal langweilen wie die Henriade Voltaires, sogar wie Klopstocks Messiade. Die bravste, klgste Kuh kein Spanisch wei, Wie Mamann kein Latein - Der Marmorstei Der Venus von Canova ist zu glatte, Wie Mamanns Nase viel zu rschig platte. Im sen Lied ist oft ein saurer Reim, Wie Bienenstachel steckt im Honigseim. Am Fu verwundbar war der Sohn der Thetis, Und Alexander Dumas ist ein Metis. Der strahlenreinste Stern am Himmelzelt Wenn er den Schnupfen kriegt, herunterfllt. Der beste pfelwein schmeckt nach der Tonne, Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne. Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar Nicht fehlerfrei, nicht aller Mngel bar. Du schaust mich an - du fragst mich, was dir fehle? Ein Busen, und im Busen eine Seele. VIII. Fromme Warnung Unsterbliche Seele, nimm dich in Acht, Da du nicht Schaden leidest, Wenn du aus dem Irdischen scheidest; Es geht der Weg durch Tod und Nacht. Am goldnen Tore der Hauptstadt des Lichts, Da stehen die Gottessoldaten; Sie fragen nach Werken und Taten, Nach Namen und Amt fragt man hier nichts. Am Eingang lt der Pilger zurck Die staubigen, drckenden Schuhe - Kehr ein, hier findest du Ruhe, Und weiche Pantoffeln und schne Musik. IX. Der Abgekhlte Und ist man tot, so mu man lang Im Grabe liegen; ich bin bang, Ja, ich bin bang, das Auferstehen Wird nicht so schnell von Statten gehen. Noch einmal, eh mein Lebenslicht Erlschet, eh mein Herze bricht - Noch einmal mcht ich vor dem Sterben Um Frauenhuld beseligt werben. Und eine Blonde mt es sein, Mit Augen sanft wie Mondenschein - Denn schlecht bekommen mir am Ende Die wild brnetten Sonnenbrnde. Das junge Volk, voll Lebenskraft Will den Tumult der Leidenschaft, Das ist ein Rasen, Schwren, Poltern Und wechselseitges Seelenfoltern! Unjung und nicht mehr ganz gesund, Wie ich es bin zu dieser Stund, Mgt ich noch einmal lieben, schwrmen Und glcklich sein - doch ohne Lrmen. X. Salomo Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken. An Salomos Lager Wache halten Die schwertgegrteten Engelgestalten, Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken. Sie schtzen den Knig vor trumendem Leide, Und zieht er finster die Brauen zusammen, Da fahren sogleich die sthlernen Flammen, Zwlftausend Schwerter, hervor aus der Scheide. Doch wieder zurck in die Scheide fallen Die Schwerter der Engel. Das nchtliche Grauen Verschwindet, es gltten sich wieder die Brauen Des Schlfers, und seine Lippen lallen: O Sulamith! das Reich ist mein Erbe, Die Lande sind mir untertnig, Bin ber Juda und Israel Knig - Doch liebst du mich nicht, so welk ich und sterbe. XI. Verlorene Wnsche Von der Gleichheit der Gemtsart Wechselseitig angezogen, Waren wir einander immer Mehr als uns bewut gewogen. Beide ehrlich und bescheiden, Konnten wir uns leicht verstehen; Worte waren berflssig, Brauchten uns nur anzusehen. O wie sehnlich wnscht ich immer, Da ich bei dir bleiben knnte Als der tapfre Waffenbruder Eines dolce far niente. Ja, mein liebster Wunsch war immer, Da ich immer bei dir bliebe! Alles was dir wohlgefiele, Alles tt ich dir zu Liebe. Wrde essen was dir schmeckte Und die Schssel gleich entfernen, Die dir nicht behagt. Ich wrde Auch Zigarren rauchen lernen. Manche polnische Geschichte, Die dein Lachen immer weckte, Wollt ich wieder dir erzhlen In Judas Dialekte. Ja, ich wollte zu dir kommen, Nicht mehr in der Fremde schwrmen - An dem Herde deines Glckes Wollt ich meine Kniee wrmen. - - Goldne Wnsche! Seifenblasen! Sie zerrinnen wie mein Leben - Ach, ich liege jetzt am Boden, Kann mich nimmermehr erheben. Und Ade! sie sind zerronnen, Goldne Wnsche, ses Hoffen! Ach, zu tdlich war der Faustschlag, Der mich just ins Herz getroffen. XII. Gedchtnisfeier Keine Messe wird man singen, Keinen Kadosch wird man sagen, Nichts gesagt und nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen. Doch vielleicht an solchem Tage, Wenn das Wetter schn und milde, Geht spazieren auf Montmartre Mit Paulinen Frau Mathilde. Mit dem Kranz von Immortellen Kommt sie mir das Grab zu schmcken, Und sie seufzet: Pauvre homme! Feuchte Wehmut in den Blicken. Leider wohn ich viel zu hoch, Und ich habe meiner Sen Keinen Stuhl hier anzubieten; Ach! sie schwankt mit mden Fen. Ses, dickes Kind, du darfst Nicht zu Fu nach Hause gehen; An dem Barrieregitter Siehst du die Fiaker stehen. XIII. Wiedersehen Die Geiblattlaube - Ein Sommerabend - Wir saen wieder wie ehmals am Fenster - Der Mond ging auf, belebend und labend - Wir aber waren wie zwei Gespenster. Zwlf Jahre schwanden, seitdem wir beisammen Zum letzten Male hier gesessen; Die zrtlichen Gluten, die groen Flammen, Sie waren erloschen unterdessen. Einsilbig sa ich. Die Plaudertasche, Das Weib hingegen schrte bestndig Herum in der alten Liebesasche. Jedoch kein Fnkchen ward wieder lebendig. Und sie erzhlte: wie sie die bsen Gedanken bekmpft, eine lange Geschichte, Wie wackelig schon ihre Tugend gewesen - Ich machte dazu ein dummes Gesichte. Als ich nach Hause ritt, da liefen Die Bume vorbei in der Mondenhelle, Wie Geister. Wehmtige Stimmen riefen - Doch ich und die Toten, wir ritten schnelle. XIV. Frau Sorge In meines Glckes Sonnenglanz, Da gaukelte frhlich der Mckentanz. Die lieben Freunde liebten mich Und teilten mit mir brderlich Wohl meinen besten Braten Und meinen letzten Dukaten. Das Glck ist fort, der Beutel leer, Und hab auch keine Freunde mehr; Erloschen ist der Sonnenglanz, Zerstoben ist der Mckentanz, Die Freunde, so wie die Mcke, Verschwinden mit dem Glcke. An meinem Bett in der Winternacht Als Wrterin die Sorge wacht. Sie trgt eine weie Unterjack, Ein schwarzes Mtzchen, und schnupft Tabak. Die Dose knarrt so grlich, Die Alte nickt so hlich. Mir trumt manchmal, gekommen sei Zurck das Glck und der junge Mai Und die Freundschaft und der Mckenschwarm - Da knarrt die Dose - da Gott erbarm, Es platzt die Seifenblase - Die Alte schneuzt die Nase. XV. An die Engel Das ist der bse Thanatos, Er kommt auf einem fahlen Ro, Ich hr den Hufschlag, hr den Trab, Der dunkle Reiter holt mich ab - Er reit mich fort, Mathilden soll ich lassen, O, den Gedanken kann mein Herz nicht fassen! Sie war mir Weib und Kind zugleich, Und geh ich in das Schattenreich, Wird Witwe sie und Waise sein! Ich la in dieser Welt allein Das Weib, das Kind, das, trauend meinem Mute, Sorglos und treu an meinem Herzen ruhte. Ihr Engel in den Himmelshhn, Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn: Beschtzt, wenn ich im den Grab, Das Weib, das ich geliebet hab; Seid Schild und Vgte eurem Ebenbilde, Beschtzt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde. Bei allen Trnen, die ihr je Geweint um unser Menschenweh, Beim Wort, das nur der Priester kennt Und niemals ohne Schauder nennt, Bei eurer eignen Schnheit, Huld und Milde, Beschwr ich euch, ihr Engel, schtzt Mathilde. XVI. Im Oktober 1849 Gelegt hat sich der starke Wind, Und wieder stille wirds daheime; Germania, das groe Kind, Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbume. Wir treiben jetzt Familienglck - Was hher lockt, das ist vom bel - Die Friedensschwalbe kehrt zurck, Die einst genistet in des Hauses Giebel. Gemtlich ruhen Wald und Flu, Von sanftem Mondlicht bergossen; Nur manchmal knallts - Ist das ein Schu? - Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen. Vielleicht mit Waffen in der Hand Hat man den Tollkopf angetroffen (Nicht jeder hat so viel Verstand Wie Flaccus, der so khn davongeloffen). Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht, Ein Feuerwerk zur Goethefeier! - Die Sontag, die dem Grab entsteigt, Begrt Raketenlrm - die alte Leier. Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz, Er lebt, er liegt nicht blutgertet Auf einem Schlachtfeld Ungarlands; Kein Russe, noch Kroat hat ihn gettet. Es fiel der Freiheit letzte Schanz, Und Ungarn blutet sich zu Tode - Doch unversehrt blieb Ritter Franz, Sein Sbel auch - er liegt in der Kommode. Er lebt, der Franz, und wird als Greis Vom Ungarkriege Wunderdinge Erzhlen in der Enkel Kreis - So lag ich und so fhrt ich meine Klinge! Wenn ich den Namen Ungarn hr, Wird mir das deutsche Wams zu enge, Es braust darunter wie ein Meer, Mir ist als grten mich Trompetenklnge! Es klirrt mir wieder im Gemt Die Heldensage, lngst verklungen, Das eisern wilde Kmpenlied - Das Lied vom Untergang der Nibelungen. Es ist dasselbe Heldenlos, Es sind dieselben alten Mren, Die Namen sind verndert blo, Doch sinds dieselben Helden lobebren. Es ist dasselbe Schicksal auch - Wie stolz und frei die Fahnen fliegen, Es mu der Held, nach altem Brauch, Den tierisch rohen Mchten unterliegen. Und diesmal hat der Ochse gar Mit Bren einen Bund geschlossen - Du fllst; doch trste dich, Magyar, Wir Andre haben schlimmre Schmach genossen. Anstndige Bestien sind es doch, Die ganz honett dich berwunden; Doch wir geraten in das Joch Von Wlfen, Schweinen und gemeinen Hunden. Das heult und bellt und grunzt -ich kann Ertragen kaum den Duft der Sieger. Doch still, Poet, das greift dich an - Du bist so krank, und schweigen wre klger. XVII. Bses Getrume Im Traume war ich wieder jung und munter - Es war das Landhaus hoch am Bergesrand, Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter, Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand. Wie das Persnchen fein formiert! Die sen Meergrnen Augen zwinkern nixenhaft. Sie steht so fest auf ihren kleinen Fen, Ein Bild von Zierlichkeit, vereint mit Kraft. Der Ton der Stimme ist so treu und innig, Man glaubt zu schaun bis in der Seele Grund; Und alles was sie spricht ist klug und sinnig; Wie eine Rosenknospe ist der Mund. Es ist nicht Liebesweh, was mich beschleichet, Ich schwrme nicht, ich bleibe bei Verstand; - Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichet, Und heimlich bebend k ich ihre Hand. Ich glaub, am Ende brach ich eine Lilje, Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei: Heirate mich und sei mein Weib, Ottilje, Damit ich fromm wie du und glcklich sei. Was sie zur Antwort gab, das wei ich nimmer, Denn ich erwachte jhlings - und ich war Wieder ein Kranker, der im Krankenzimmer Trostlos daniederliegt seit manchem Jahr. - - XVIII. Sie erlischt Der Vorhang fllt, das Stck ist aus, Und Herrn und Damen gehn nach Haus. Ob ihnen auch das Stck gefallen? Ich glaub, ich hrte Beifall schallen. Ein hochverehrtes Publikum Beklatschte dankbar seinen Dichter. Jetzt aber ist das Haus so stumm, Und sind verschwunden Lust und Lichter. Doch horch! ein schollernd schnder Klang Ertnt unfern der den Bhne; - Vielleicht da eine Saite sprang An einer alten Violine. Verdrielich rascheln im Parterr Etwelche Ratten hin und her, Und Alles riecht nach ranzgem le. Die letzte Lampe chzt und zischt Verzweiflungsvoll, und sie erlischt. Das arme Licht war meine Seele. XIX. Vermchtnis Nun mein Leben geht zu End, Mach ich auch mein Testament; Christlich will ich drin bedenken Meine Feinde mit Geschenken. Diese wrdgen, tugendfesten Widersacher sollen erben All mein Siechtum und Verderben, Meine smtlichen Gebresten. Ich vermach euch die Koliken, Die den Bauch wie Zangen zwicken, Harnbeschwerden, die perfiden Preuischen Hmorrhoiden. Meine Krmpfe sollt ihr haben, Speichelflu und Gliederzucken, Knochendarre in dem Rucken, Lauter schne Gottesgaben. Kodizill zu dem Vermchtnis: In Vergessenheit versenken Soll der Herr eur Angedenken, Er vertilge eur Gedchtnis. XX. Enfant perdu Verlorener Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreiig Jahren treulich aus. Ich kmpfe ohne Hoffnung, da ich siege, Ich wute, nie komm ich gesund nach Haus. Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen, Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven Mich wach, wenn ich ein bichen schlummrig war). In jenen Nchten hat Langweil ergriffen Mich oft, auch Furcht - (nur Narren frchten nichts) - Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen Die frechen Reime eines Spottgedichts. Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme, Und nahte irgend ein verdchtger Gauch, So scho ich gut und jagt ihm eine warme, Brhwarme Kugel in den schnden Bauch. Mitunter freilich mocht es sich ereignen, Da solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut Zu schieen wute - ach, ich kanns nicht leugnen - Die Wunden klaffen - es verstrmt mein Blut. Ein Posten ist vakant! - Die Wunden klaffen - Der Eine fllt, die Andern rcken nach - Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach. Drittes Buch Hebrische Melodien O la nicht ohne Lebensgenu Dein Leben verflieen! Und bist du sicher vor dem Schu, So la sie nur schieen. Fliegt dir das Glck vorbei einmal, So fa es am Zipfel. Auch rat ich dir, baue dein Httchen im Tal Und nicht auf dem Gipfel. Prinzessin Sabbath In Arabiens Mrchenbuche Sehen wir verwnschte Prinzen, Die zu Zeiten ihre schne Urgestalt zurckgewinnen: Das behaarte Ungeheuer Ist ein Knigsohn geworden; Schmuckreich glnzend angekleidet, Auch verliebt die Flte blasend. Doch die Zauberfrist zerrinnt, Und wir schauen pltzlich wieder Seine knigliche Hoheit In ein Ungetm verzottelt. Einen Prinzen solchen Schicksals Singt mein Lied. Er ist geheien Israel. Ihn hat verwandelt Hexenspruch in einen Hund. Hund mit hndischen Gedanken, Ktert er die ganze Woche Durch des Lebens Kot und Kehricht, Gassenbuben zum Gesptte. Aber jeden Freitag Abend, In der Dmmrungstunde, pltzlich Weicht der Zauber, und der Hund Wird aufs Neu ein menschlich Wesen. Mensch mit menschlichen Gefhlen, Mit erhobnem Haupt und Herzen, Festlich, reinlich schier gekleidet, Tritt er in des Vaters Halle. Sei gegrt, geliebte Halle Meines kniglichen Vaters! Zelte Jakobs, eure heilgen Eingangspfosten kt mein Mund! Durch das Haus geheimnisvoll Zieht ein Wispern und ein Weben, Und der unsichtbare Hausherr Atmet schaurig in der Stille. Stille! Nur der Seneschall (Vulgo Synagogendiener) Springt geschftig auf und nieder, Um die Lampen anzuznden. Trostverheiend goldne Lichter, Wie sie glnzen, wie sie glimmern! Stolz aufflackern auch die Kerzen Auf der Brstung des Almemors. Vor dem Schreine, der die Thora Aufbewahret und verhngt ist Mit der kostbar seidnen Decke, Die von Edelsteinen funkelt - Dort an seinem Betpultstnder Steht schon der Gemeindesnger; Schmuckes Mnnchen, das sein schwarzes Mntelchen kokett geachselt. Um die weie Hand zu zeigen, Haspelt er am Halse, seltsam An die Schlf den Zeigefinger, An die Kehl den Daumen drckend. Trllert vor sich hin ganz leise, Bis er endlich lautaufjubelnd Seine Stimm erhebt und singt: Lecho Daudi likras Kalle! Lecho Daudi likras Kalle - Komm, Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschmtes Angesicht! Dieses hbsche Hochzeitkarmen Ist gedichtet von dem groen, Hochberhmten Minnesinger Don Jehuda ben Halevy. In dem Liede wird gefeiert Die Vermhlung Israels Mit der Frau Prinzessin Sabbath, Die man nennt die stille Frstin. Perl und Blume aller Schnheit Ist die Frstin. Schner war Nicht die Knigin von Saba, Salomonis Busenfreundin, Die, ein Blaustrumpf thiopiens, Durch Esprit brillieren wollte, Und mit ihren klugen Rtseln Auf die Lnge fatigant ward. Die Prinzessin Sabbath, welche Ja die personifizierte Ruhe ist, verabscheut alle Geisteskmpfe und Debatten. Gleich fatal ist ihr die trampelnd Deklamierende Passion, Jenes Pathos, das mit flatternd Aufgelstem Haar einherstrmt. Sittsam birgt die stille Frstin In der Haube ihre Zpfe; Blickt so sanft wie die Gazelle, Blht so schlank wie eine Addas. Sie erlaubt dem Liebsten alles, Ausgenommen Tabakrauchen - Liebster! Rauchen ist verboten, Weil es heute Sabbath ist. Dafr aber heute Mittag Soll dir dampfen, zum Ersatz, Ein Gericht, das wahrhaft gttlich - Heute sollst du Schalet essen! Schalet, schner Gtterfunken, Tochter aus Elysium! Also klnge Schillers Hochlied, Htt er Schalet je gekostet. Schalet ist die Himmelspeise, Die der liebe Herrgott selber Einst den Moses kochen lehrte Auf dem Berge Sinai, Wo der Allerhchste gleichfalls All die guten Glaubenslehren Und die heilgen zehn Gebote Wetterleuchtend offenbarte. Schalet ist des wahren Gottes Koscheres Ambrosia, Wonnebrot des Paradieses, Und mit solcher Kost verglichen Ist nur eitel Teufelsdreck Das Ambrosia der falschen Heidengtter Griechenlands, Die verkappte Teufel waren. Speist der Prinz von solcher Speise, Glnzt sein Auge wie verklret, Und er knpfet auf die Weste, Und er spricht mit selgem Lcheln: Hr ich nicht den Jordan rauschen? Sind das nicht die Brelbrunnen In dem Palmental von Beth-El, Wo gelagert die Kamele? Hr ich nicht die Herdenglckchen? Sind das nicht die fetten Hmmel, Die vom Gileathgebirge Abendlich der Hirt herabtreibt? Doch der schne Tag verflittert; Wie mit langen Schattenbeinen Kommt geschritten der Verwnschung Bse Stund - Es seufzt der Prinz. Ist ihm doch als griffen eiskalt Hexenfinger in sein Herze. Schon durchrieseln ihn die Schauer Hndischer Metamorphose. Die Prinzessin reicht dem Prinzen Ihre gldne Nardenbchse. Langsam riecht er - Will sich laben Noch einmal an Wohlgerchen. Es kredenzet die Prinzessin Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen - Hastig trinkt er, und im Becher Bleiben wen'ge Tropfen nur. Er besprengt damit den Tisch, Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht, Und er tunkt es in die Nsse, Da es knistert und erlischt. Jehuda ben Halevy I Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, verg ich Jemals dein, Jerusalem - Wort und Weise, unaufhrlich Schwirren sie mir heut im Kopfe, Und mir ist als hrt ich Stimmen, Psalmodierend, Mnnerstimmen - Manchmal kommen auch zum Vorschein Brte, schattig lange Brte - Traumgestalten, wer von euch Ist Jehuda ben Halevy? Doch sie huschen rasch vorber; Die Gespenster scheuen furchtsam Der Lebendgen plumpen Zuspruch - Aber ihn hab ich erkannt - Ich erkannt ihn an der bleichen Und gedankenstolzen Stirne, An der Augen ser Starrheit - Sahn mich an so schmerzlich forschend - Doch zumeist erkannt ich ihn An dem rtselhaften Lcheln Jener schn gereimten Lippen, Die man nur bei Dichtern findet. Jahre kommen und verflieen. Seit Jehuda ben Halevy Ward geboren, sind verflossen Siebenhundert funfzig Jahre - Hat zuerst das Licht erblickt Zu Toledo in Kastilien, Und es hat der goldne Tajo Ihm sein Wiegenlied gelullet. Fr Entwicklung seines Geistes Sorgte frh der strenge Vater, Der den Unterricht begann Mit dem Gottesbuch, der Thora. Diese las er mit dem Sohne In dem Urtext, dessen schne, Hieroglyphisch pittoreske, Altchaldische Quadratschrift Herstammt aus dem Kindesalter Unsrer Welt, und auch deswegen Jedem kindlichen Gemte So vertraut entgegenlacht. Diesen echten alten Text Rezitierte auch der Knabe In der uralt hergebrachten Singsangweise, Tropp geheien - Und er gurgelte gar lieblich Jene fetten Gutturalen, Und er schlug dabei den Triller, Den Schalscheleth, wie ein Vogel. Auch den Targum Onkelos, Der geschrieben ist in jenem Plattjudischen Idiom, Das wir Aramisch nennen Und zur Sprache der Propheten Sich verhalten mag etwa Wie das Schwbische zum Deutschen - Dieses Gelbveiglein-Hebrisch Lernte gleichfalls frh der Knabe, Und es kam ihm solche Kenntnis Bald darauf sehr gut zu Statten Bei dem Studium des Talmuds. Ja, frhzeitig hat der Vater Ihn geleitet zu dem Talmud, Und da hat er ihm erschlossen Die Halacha, diese groe Fechterschule, wo die besten Dialektischen Athleten Babylons und Pumpedithas Ihre Kmpferspiele trieben. Lernen konnte hier der Knabe Alle Knste der Polemik; Seine Meisterschaft bezeugte Spterhin das Buch Cosari. Doch der Himmel giet herunter Zwei verschiedne Sorten Lichtes: Grelles Tageslicht der Sonne Und das mildre Mondlicht - Also, Also leuchtet auch der Talmud Zwiefach, und man teilt ihn ein In Halacha und Hagada. Erstre nannt ich eine Fechtschul - Letztre aber, die Hagada, Will ich einen Garten nennen, Einen Garten, hochphantastisch Und vergleichbar jenem andern, Welcher ebenfalls dem Boden Babylons entsprossen weiland - Garten der Semiramis, Achtes Wunderwerk der Welt. Knigin Semiramis, Die als Kind erzogen worden Von den Vgeln, und gar manche Vgeltmlichkeit bewahrte, Wollte nicht auf platter Erde Promenieren wie wir andern Sugetiere, und sie pflanzte Einen Garten in der Luft - Hoch auf kolossalen Sulen Prangten Palmen und Zypressen, Goldorangen, Blumenbeete, Marmorbilder, auch Springbrunnen, Alles klug und fest verbunden Durch unzhlge Hngebrcken, Die wie Schlingepflanzen aussahn Und worauf sich Vgel wiegten - Groe, bunte, ernste Vgel, Tiefe Denker, die nicht singen, Whrend sie umflattert kleines Zeisigvolk, das lustig trillert - Alle atmen ein, beseligt, Einen reinen Balsamduft, Welcher unvermischt mit schndem Erdendunst und Migeruche. Die Hagada ist ein Garten Solcher Luftkindgrillenart, Und der junge Talmudschler, Wenn sein Herze war bestubet Und betubet vom Geznke Der Halacha, vom Dispute ber das fatale Ei, Das ein Huhn gelegt am Festtag, Oder ber eine Frage Gleicher Importanz - der Knabe Floh alsdann sich zu erfrischen In die blhende Hagada, Wo die schnen alten Sagen, Engelmrchen und Legenden, Stille Mrtyrerhistorien, Festgesnge, Weisheitsprche, Auch Hyperbeln, gar possierlich, Alles aber glaubenskrftig, Glaubensglhend - O, das glnzte, Quoll und spro so berschwenglich - Und des Knaben edles Herze Ward ergriffen von der wilden, Abenteuerlichen Se, Von der wundersamen Schmerzlust Und den fabelhaften Schauern Jener seligen Geheimwelt, Jener groen Offenbarung, Die wir nennen Poesie. Auch die Kunst der Poesie, Heitres Wissen, holdes Knnen, Welches wir die Dichtkunst heien, Tat sich auf dem Sinn des Knaben. Und Jehuda ben Halevy Ward nicht blo ein Schriftgelehrter, Sondern auch der Dichtkunst Meister, Sondern auch ein groer Dichter. Ja, er ward ein groer Dichter, Stern und Fackel seiner Zeit, Seines Volkes Licht und Leuchte, Eine wunderbare, groe Feuersule des Gesanges, Die der Schmerzenskarawane Israels vorangezogen In der Wste des Exils. Rein und wahrhaft, sonder Makel War sein Lied, wie seine Seele - Als der Schpfer sie erschaffen, Diese Seele, selbstzufrieden Kte er die schne Seele, Und des Kusses holder Nachklang Bebt in jedem Lied des Dichters, Das geweiht durch diese Gnade. Wie im Leben, so im Dichten Ist das hchste Gut die Gnade - Wer sie hat, der kann nicht sndgen Nicht in Versen, noch in Prosa. Solchen Dichter von der Gnade Gottes nennen wir Genie: Unverantwortlicher Knig Des Gedankenreiches ist er. Nur dem Gotte steht er Rede, Nicht dem Volke - In der Kunst, Wie im Leben, kann das Volk Tten uns, doch niemals richten. - II Bei den Wassern Babels saen Wir und weinten, unsre Harfen Lehnten an den Trauerweiden - Kennst du noch das alte Lied? Kennst du noch die alte Weise, Die im Anfang so elegisch Greint und sumset, wie ein Kessel, Welcher auf dem Herde kocht? Lange schon, jahrtausendlange Kochts in mir. Ein dunkles Wehe! Und die Zeit leckt meine Wunde, Wie der Hund die Schwren Hiobs. Dank dir, Hund, fr deinen Speichel - Doch das kann nur khlend lindern - Heilen kann mich nur der Tod, Aber, ach, ich bin unsterblich! Jahre kommen und vergehen - In dem Webstuhl luft geschftig Schnurrend hin und her die Spule - Was er webt, das wei kein Weber. Jahre kommen und vergehen, Menschentrnen trufeln, rinnen Auf die Erde, und die Erde Saugt sie ein mit stiller Gier - Tolle Sud! Der Deckel springt - Heil dem Manne, dessen Hand Deine junge Brut ergreifet Und zerschmettert an der Felswand. Gott sei Dank! die Sud verdampfet In dem Kessel, der allmhlig Ganz verstummt. Es weicht mein Spleen, Mein weststlich dunkler Spleen - Auch mein Flgelrlein wiehert Wieder heiter, scheint den bsen Nachtalp von sich abzuschtteln, Und die klugen Augen fragen: Reiten wir zurck nach Spanien Zu dem kleinen Talmudisten, Der ein groer Dichter worden, Zu Jehuda ben Halevy? Ja, er ward ein groer Dichter, Absoluter Traumweltsherrscher Mit der Geisterknigskrone, Ein Poet von Gottes Gnade, Der in heiligen Sirventen, Madrigalen und Terzinen, Kanzonetten und Ghaselen Ausgegossen alle Flammen Seiner gottgekten Seele! Wahrlich ebenbrtig war Dieser Troubadour den besten Lautenschlgern der Provence, Poitous und der Guienne, Roussillons und aller andern Sen Pomeranzenlande Der galanten Christenheit. Der galanten Christenheit Se Pomeranzenlande! Wie sie duften, glnzen, klingen In dem Zwielicht der Erinnrung! Schne Nachtigallenwelt! Wo man statt des wahren Gottes Nur den falschen Gott der Liebe Und der Musen angebeten. Clerici mit Rosenkrnzen Auf der Glatze sangen Psalmen In der heitern Sprache d'oc; Und die Laien, edle Ritter, Stolz auf hohen Rossen trabend, Spintisierten Vers und Reime Zur Verherrlichung der Dame, Der ihr Herze frhlich diente. Ohne Dame keine Minne, Und es war dem Minnesnger Unentbehrlich eine Dame, Wie dem Butterbrot die Butter. Auch der Held, den wir besingen, Auch Jehuda ben Halevy Hatte seine Herzensdame; Doch sie war besondrer Art. Sie war keine Laura, deren Augen, sterbliche Gestirne, In dem Dome am Karfreitag Den berhmten Brand gestiftet - Sie war keine Chatelaine, Die im Bltenschmuck der Jugend Bei Turnieren prsidierte Und den Lorbeerkranz erteilte - Keine Kurechtskasuistin War sie, keine Doktrinrrin, Die im Spruchkollegium Eines Minnehofs dozierte - Jene, die der Rabbi liebte, War ein traurig armes Liebchen, Der Zerstrung Jammerbildnis, Und sie hie Jerusalem. Schon in frhen Kindestagen War sie seine ganze Liebe; Sein Gemte machte beben Schon das Wort Jerusalem. Purpurflamme auf der Wange, Stand der Knabe, und er horchte, Wenn ein Pilger nach Toledo Kam aus fernem Morgenlande Und erzhlte: wie verdet Und verunreint jetzt die Sttte, Wo am Boden noch die Lichtspur Von dem Fue der Propheten - Wo die Luft noch balsamieret Von dem ewgen Odem Gottes - O des Jammeranblicks! rief Einst ein Pilger, dessen Bart Silberwei hinabflo, whrend Sich das Barthaar an der Spitze Wieder schwrzte und es aussah, Als ob sich der Bart verjnge - Ein gar wunderlicher Pilger Mocht es sein, die Augen lugten Wie aus tausendjhrgem Trbsinn, Und er seufzt': Jerusalem! Sie, die volkreich heilge Stadt Ist zur Wstenei geworden, Wo Waldteufel, Werwolf, Schakal Ihr verruchtes Wesen treiben - Schlangen, Nachtgevgel nisten Im verwitterten Gemuer; Aus des Fensters luftgem Bogen Schaut der Fuchs mit Wohlbehagen. Hier und da taucht auf zuweilen Ein zerlumpter Knecht der Wste, Der sein hckriges Kamel In dem hohen Grase weidet. Auf der edlen Hhe Zions, Wo die goldne Feste ragte, Deren Herrlichkeiten zeugten Von der Pracht des groen Knigs: Dort, von Unkraut berwuchert, Liegen nur noch graue Trmmer, Die uns ansehn schmerzhaft traurig, Da man glauben mu, sie weinten. Und es heit, sie weinten wirklich Einmal in dem Jahr, an jenem Neunten Tag des Monats Ab - Und mit trnend eignen Augen Schaute ich die dicken Tropfen Aus den groen Steinen sickern, Und ich hrte weheklagen Die gebrochnen Tempelsulen. - - Solche fromme Pilgersagen Weckten in der jungen Brust Des Jehuda ben Halevy Sehnsucht nach Jerusalem. Dichtersehnsucht! ahnend, trumend Und fatal war sie, wie jene, Die auf seinem Schlo zu Blaye Einst empfand der alte Vidam, Messer Geoffroi Rudello, Als die Ritter, die zurck Aus dem Morgenlande kehrten, Laut beim Becherklang beteuert: Ausbund aller Huld und Zchten, Perl und Blume aller Frauen, Sei die schne Melisande, Markgrfin von Tripolis. Jeder wei, fr diese Dame Schwrmte jetzt der Troubadour; Er besang sie, und es wurde Ihm zu eng im Schlosse Blaye. Und es trieb ihn fort. Zu Cette Schiffte er sich ein, erkrankte Aber auf dem Meer, und sterbend Kam er an zu Tripolis. Hier erblickt er Melisanden Endlich auch mit Leibesaugen, Die jedoch des Todes Schatten In derselben Stunde deckten. Seinen letzten Liebessang Singend, starb er zu den Fen Seiner Dame Melisande, Markgrfin von Tripolis. Wunderbare hnlichkeit In dem Schicksal beider Dichter! Nur da jener erst im Alter Seine groe Wallfahrt antrat. Auch Jehuda ben Halevy Starb zu Fen seiner Liebsten, Und sein sterbend Haupt, es ruhte Auf den Knien Jerusalems. III Nach der Schlacht bei Arabella Hat der groe Alexander Land und Leute des Darius, Hof und Harem, Pferde, Weiber, Elefanten und Dariken, Kron und Szepter, goldnen Plunder, Eingesteckt in seine weiten Mazedonschen Pluderhosen. In dem Zelt des groen Knigs, Der entflohn, um nicht hchstselbst Gleichfalls eingesteckt zu werden, Fand der junge Held ein Kstchen, Eine kleine gldne Truhe, Mit Miniaturbildwerken Und mit inkrustierten Steinen Und Kameen reich geschmckt - Dieses Kstchen, selbst ein Kleinod Unschtzbaren Wertes, diente Zur Bewahrung von Kleinodien, Des Monarchen Leibjuwelen. Letztre schenkte Alexander An die Tapfern seines Heeres Darob lchelnd, da sich Mnner Kindisch freun an bunten Steinchen. Eine kostbar schnste Gemme Schickte er der lieben Mutter; War der Siegelring des Cyrus, Wurde jetzt zu einer Brosche. Seinem alten Weltarschpauker Aristoteles, dem sandt er Einen Onyx fr sein groes Naturalienkabinett. In dem Kstchen waren Perlen, Eine wunderbare Schnur, Die der Knigin Atossa Einst geschenkt der falsche Smerdis - Doch die Perlen waren echt - Und der heitre Sieger gab sie Einer schnen Tnzerin Aus Korinth, mit Namen Thais. Diese trug sie in den Haaren, Die bacchantisch aufgelst, In der Brandnacht, als sie tanzte Zu Persepolis und frech In die Knigsburg geschleudert Ihre Fackel, da laut prasselnd Bald die Flammenlohe aufschlug, Wie ein Feuerwerk zum Feste. Nach dem Tod der schnen Thais, Die an einer babylonschen Krankheit starb zu Babylon, Wurden ihre Perlen dort Auf dem Brsensaal vergantert. Sie erstand ein Pfaff aus Memphis, Der sie nach gypten brachte, Wo sie spter auf dem Putztisch Der Kleopatra erschienen, Die die schnste Perl zerstampft Und mit Wein vermischt verschluckte, Um Antonius zu foppen. Mit dem letzten Omayaden Kam die Perlenschnur nach Spanien, Und sie schlngelte am Turban Des Chalifen zu Corduba. Abderam der Dritte trug sie Als Brustschleife beim Turnier, Wo er dreiig goldne Ringe Und das Herz Zuleimas stach. Nach dem Fall der Mohrenherrschaft Gingen zu den Christen ber Auch die Perlen, und gerieten In den Kronschatz von Kastilien. Die katholischen Majestten Spanscher Kniginnen schmckten Sich damit bei Hoffestspielen, Stiergefechten, Prozessionen, So wie auch Autodafs, Wo sie, auf Balkonen sitzend, Sich erquickten am Geruche Von gebratnen alten Juden. Spterhin gab Mendizabel, Satansenkel, diese Perlen In Versatz, um der Finanzen Defizit damit zu decken. An dem Hof der Tuilerien Kam die Schnur zuletzt zum Vorschein, Und sie schimmerte am Halse Der Baronin Salomon. So ergings den schnen Perlen. Minder abenteuerlich Gings dem Kstchen, dies behielt Alexander fr sich selber. Er verschlo darin die Lieder Des ambrosischen Homeros, Seines Lieblings, und zu Hupten Seines Bettes in der Nacht Stand das Kstchen - Schlief der Knig, Stiegen draus hervor der Helden Lichte Bilder, und sie schlichen Gaukelnd sich in seine Trume. Andre Zeiten, andre Vgel - Ich, ich liebte weiland gleichfalls Die Gesnge von den Taten Des Peliden, des Odysseus. Damals war so sonnengoldig Und so purpurn mir zu Mute, Meine Stirn umkrnzte Weinlaub, Und es tnten die Fanfaren - Still davon - gebrochen liegt Jetzt mein stolzer Siegeswagen, Und die Panther, die ihn zogen, Sind verreckt, so wie die Weiber, Die mit Pauk und Zimbelklngen Mich umtanzten, und ich selbst Wlze mich am Boden elend, Krppelelend - still davon - Still davon - es ist die Rede Von dem Kstchen des Darius, Und ich dacht in meinem Sinne: Km ich in Besitz des Kstchens, Und mich zwnge nicht Finanznot Gleich dasselbe zu versilbern, So verschlsse ich darin Die Gedichte unsres Rabbi - Des Jehuda ben Halevy Festgesnge, Klagelieder, Die Ghaselen, Reisebilder Seiner Wallfahrt - alles lie ich Von dem besten Zophar schreiben Auf der reinsten Pergamenthaut, Und ich legte diese Handschrift In das kleine goldne Kstchen. Dieses stellt ich auf den Tisch Neben meinem Bett, und kmen Dann die Freunde und erstaunten Ob der Pracht der kleinen Truhe, Ob den seltnen Basrelieffen, Die so winzig, doch vollendet Sind zugleich, und ob den groen Inkrustierten Edelsteinen - Lchelnd wrd ich ihnen sagen: Das ist nur die rohe Schale, Die den bessern Schatz verschlieet - Hier in diesem Kstchen liegen Diamanten, deren Lichter Abglanz, Widerschein des Himmels, Herzblutglhende Rubinen, Fleckenlose Turkoasen, Auch Smaragde der Verheiung, Perlen, reiner noch als jene, Die der Knigin Atossa Einst geschenkt der falsche Smerdis, Und die spterhin geschmcket Alle Notabilitten Dieser mondumkreisten Erde, Thais und Kleopatra, Isispriester, Mohrenfrsten, Auch Hispaniens Kniginnen, Und zuletzt die hochverehrte Frau Baronin Salomon - Diese weltberhmten Perlen, Sie sind nur der bleiche Schleim Eines armen Austertiers, Das im Meergrund blde krnkelt: Doch die Perlen hier im Kstchen Sind entquollen einer schnen Menschenseele, die noch tiefer, Abgrundtiefer als das Weltmeer - Denn es sind die Trnenperlen Des Jehuda ben Halevy, Die er ob dem Untergang Von Jerusalem geweinet - Perlentrnen, die verbunden Durch des Reimes goldnen Faden, Aus der Dichtkunst gldnen Schmiede Als ein Lied hervorgegangen. Dieses Perlentrnenlied Ist die vielberhmte Klage, Die gesungen wird in allen Weltzerstreuten Zelten Jakobs An dem neunten Tag des Monats, Der geheien Ab, dem Jahrstag Von Jerusalems Zerstrung Durch den Titus Vespasianus. Ja, das ist das Zionslied, Das Jehuda ben Halevy Sterbend auf den heilgen Trmmern Von Jerusalem gesungen - Barfu und im Berkittel Sa er dorten auf dem Bruchstck Einer umgestrzten Sule; - Bis zur Brust herunter fiel Wie ein greiser Wald sein Haupthaar, Abenteuerlich beschattend Das bekmmert bleiche Antlitz Mit den geisterhaften Augen - Also sa er und er sang, Wie ein Seher aus der Vorzeit Anzuschaun - dem Grab entstiegen Schien Jeremias, der Alte - Das Gevgel der Ruinen Zhmte schier der wilde Schmerzlaut Des Gesanges, und die Geier Nahten horchend, fast mitleidig - Doch ein frecher Sarazene Kam desselben Wegs geritten, Hoch zu Ro, im Bug sich wiegend Und die blanke Lanze schwingend - In die Brust des armen Sngers Stie er diesen Todesspeer, Und er jagte rasch von dannen, Wie ein Schattenbild beflgelt. Ruhig flo das Blut des Rabbi, Ruhig seinen Sang zu Ende Sang er, und sein sterbeletzter Seufzer war Jerusalem! - - Eine alte Sage meldet, Jener Sarazene sei Gar kein bser Mensch gewesen, Sondern ein verkappter Engel, Der vom Himmel ward gesendet, Gottes Liebling zu entrcken Dieser Erde und zu frdern Ohne Qual ins Reich der Selgen. Droben, heit es, harrte seiner Ein Empfang, der schmeichelhaft Ganz besonders fr den Dichter, Eine himmlische Srprise. Festlich kam das Chor der Engel Ihm entgegen mit Musik, Und als Hymne grten ihn Seine eignen Verse, jenes Synagogen-Hochzeitkarmen, Jene Sabbathhymenen, Mit den jauchzend wohlbekannten Melodieen - welche Tne! Englein bliesen auf Hoboen, Englein spielten Violine, Andre strichen auch die Bratsche Oder schlugen Pauk und Zimbel. Und das sang und klang so lieblich, Und so lieblich in den weiten Himmelsrumen widerhallt es: Lecho Daudi likras Kalle. IV Meine Frau ist nicht zufrieden Mit dem vorigen Kapitel, Ganz besonders in Bezug Auf das Kstchen des Darius. Fast mit Bitterkeit bemerkt sie: Da ein Ehemann, der wahrhaft Religise sei, das Kstchen Gleich zu Gelde machen wrde, Um damit fr seine arme, Legitime Ehegattin Einen Kaschemir zu kaufen, Dessen sie so sehr bedrfe. Der Jehuda ben Halevy, Meinte sie, der sei hinlnglich Ehrenvoll bewahrt in einem Schnen Futteral von Pappe Mit chinesisch eleganten Arabesken, wie die hbschen Bonbonnieren von Marquis Im Passage Panorama. Sonderbar! - setzt sie hinzu - Da ich niemals nennen hrte Diesen groen Dichternamen, Den Jehuda ben Halevy. Liebstes Kind, gab ich zur Antwort, Solche holde Ignoranz, Sie bekundet die Lakunen Der franzsischen Erziehung, Der Pariser Pensionate, Wo die Mdchen, diese knftgen Mtter eines freien Volkes, Ihren Unterricht genieen - Alte Mumien, ausgestopfte Pharaonen von gypten, Merovinger Schattenknge, Ungepuderte Percken, Auch die Zopfmonarchen Chinas, Porzellanpagodenkaiser - Alle lernen sie auswendig, Kluge Mdchen, aber Himmel - Fragt man sie nach groen Namen Aus dem groen Goldzeitalter Der arabisch-althispanisch Jdischen Poetenschule, Fragt man nach dem Dreigestirn, Nach Jehuda ben Halevy, Nach dem Salomon Gabirol Und dem Moses Iben Esra - Fragt man nach dergleichen Namen, Dann mit groen Augen schaun Uns die Kleinen an - alsdann Stehn am Berge die Ochsinnen. Raten mcht ich dir, Geliebte, Nachzuholen das Versumte Und Hebrisch zu erlernen - La Theater und Konzerte, Widme einge Jahre solchem Studium, du kannst alsdann Im Originale lesen Iben Esra und Gabirol Und versteht sich den Halevy, Das Triumvirat der Dichtkunst, Das dem Saitenspiel Davidis Einst entlockt die schnsten Laute. Alcharisi - der, ich wette, Dir nicht minder unbekannt ist, Ober gleich, franzs'scher Witzbold, Den Hariri berwitzelt Im Gebiete der Makame, Und ein Voltairianer war Schon sechshundert Jahr vor Voltair' - Jener Alcharisi sagte: Durch Gedanken glnzt Gabirol Und gefllt zumeist dem Denker, Iben Esra glnzt durch Kunst Und behagt weit mehr dem Knstler - Aber Beider Eigenschaften Hat Jehuda ben Halevy, Und er ist ein groer Dichter Und ein Liebling aller Menschen. Iben Esra war ein Freund Und, ich glaube, auch ein Vetter Des Jehuda ben Halevy, Der in seinem Wanderbuche Schmerzlich klagt, wie er vergebens In Granada aufgesucht hat Seinen Freund, und nur den Bruder Dorten fand, den Medikus, Rabbi Meyer, auch ein Dichter Und der Vater jener Schnen, Die mit hoffnungsloser Flamme Iben Esras Herz entzunden - Um das Mhmchen zu vergessen, Griff er nach dem Wanderstabe, Wie so mancher der Kollegen; Lebte unstet, heimatlos. Pilgernd nach Jerusalem, berfielen ihn Tartaren, Die an einen Gaul gebunden Ihn nach ihren Steppen schleppten. Mute Dienste dort verrichten, Die nicht wrdig eines Rabbi Und noch wenger eines Dichters, Mute nmlich Khe melken. Einstens, als er unterm Bauche Einer Kuh gekauert sa, Ihre Euter hastig fingernd, Da die Milch flo in den Zuber - Eine Position, unwrdig Eines Rabbis, eines Dichters - Da befiel ihn tiefe Wehmut, Und er fing zu singen an, Und er sang so schn und lieblich, Da der Chan, der Frst der Horde, Der vorbeiging, ward gerhret Und die Freiheit gab dem Sklaven. Auch Geschenke gab er ihm, Einen Fuchspelz, eine lange Sarazenenmandoline Und das Zehrgeld fr die Heimkehr. Dichterschicksal! bser Unstern, Der die Shne des Apollo Tdlich nergelt, und sogar Ihren Vater nicht verschont hat, Als er, hinter Daphnen laufend, Statt des weien Nymphenleibes Nur den Lorbeerbaum erfate, Er. der gttliche Schlemihl! Ja, der hohe Delphier ist Ein Schlemihl, und gar der Lorbeer, Der so stolz die Stirne krnet, Ist ein Zeichen des Schlemihltums. Was das Wort Schlemihl bedeutet, Wissen wir. Hat doch Chamisso Ihm das Brgerrecht in Deutschland Lngst verschafft, dem Worte nmlich. Aber unbekannt geblieben, Wie des heilgen Niles Quellen, Ist sein Ursprung; hab darber Nachgegrbelt manche Nacht. Zu Berlin vor vielen Jahren Wandt ich mich deshalb an unsern Freund Chamisso, suchte Auskunft Beim Dekane der Schlemihle. Doch er konnt mich nicht befriedgen Und verwies mich drob an Hitzig, Der ihm den Familiennamen Seines schattenlosen Peters Einst verraten. Alsbald nahm ich Eine Droschke und ich rollte Zu dem Kriminalrat Hitzig, Welcher ehmals Itzig hie - Als er noch ein Itzig war, Trumte ihm, er sh geschrieben An dem Himmel seinen Namen Und davor den Buchstab H. Was bedeutet dieses H? Frug er sich - etwa Herr Itzig Oder Heilger Itzig? Heilger Ist ein schner Titel - aber In Berlin nicht passend - Endlich Grbelnsmd nannt er sich Hitzig, Und nur die Getreuen wuten: In dem Hitzig steckt ein Heilger. Heilger Hitzig! sprach ich also, Als ich zu ihm kam, Sie sollen Mir die Etymologie Von dem Wort Schlemihl erklren. Viel Umschweife nahm der Heilge, Konnte sich nicht recht erinnern, Eine Ausflucht nach der andern, Immer christlich - Bis mir endlich, Endlich alle Knpfe rissen An der Hose der Geduld, Und ich anfing so zu fluchen, So gottlsterlich zu fluchen, Da der fromme Pietist, Leichenbla und beineschlotternd, Unverzglich mir willfahrte Und mir Folgendes erzhlte: In der Bibel ist zu lesen, Als zur Zeit der Wstenwandrung Israel sich oft erlustigt Mit den Tchtern Kanaans, Da geschah es, da der Pinhas Sahe, wieder edle Simri Buhlschaft trieb mit einem Weibsbild Aus dem Stamm der Kananiter, Und alsbald ergriff er zornig Seinen Speer und hat den Simri Auf der Stelle totgestochen - Also heit es in der Bibel. Aber mndlich berliefert Hat im Volke sich die Sage, Da es nicht der Simri war, Den des Pinhas Speer getroffen, Sondern da der Blinderzrnte, Statt des Snders, unversehens Einen ganz Unschuldgen traf, Den Schlemihl ben Zuri Schadday. - Dieser nun, Schlemihl I., Ist der Ahnherr des Geschlechtes Derer von Schlemihl. Wir stammen Von Schlemihl ben Zuri Schadday. Freilich keine Heldentaten Meldet man von ihm, wir kennen Nur den Namen und wir wissen, Da er ein Schlemihl gewesen. Doch geschtzet wird ein Stammbaum Nicht ob seinen guten Frchten, Sondern nur ob seinem Alter - Drei Jahrtausend zhlt der unsre! Jahre kommen und vergehen - Drei Jahrtausende verflossen, Seit gestorben unser Ahnherr, Herr Schlemihl ben Zuri Schadday. Lngst ist auch der Pinhas tot - Doch sein Speer hat sich erhalten, Und wir hren ihn bestndig ber unsre Hupter schwirren. Und die besten Herzen trifft er - Wie Jehuda ben Halevy, Traf er Moses Iben Esra Und er traf auch den Gabirol - Den Gabirol, diesen treuen Gottgeweihten Minnesnger, Diese fromme Nachtigall, Deren Rose Gott gewesen - Diese Nachtigall, die zrtlich Ihre Liebeslieder sang In der Dunkelheit der gotisch Mittelalterlichen Nacht! Unerschrocken, unbekmmert Ob den Fratzen und Gespenstern, Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn, Die gespukt in jener Nacht - Sie, die Nachtigall, sie dachte Nur an ihren gttlich Liebsten, Dem sie ihre Liebe schluchzte, Den ihr Lobgesang verherrlicht! - Dreiig Lenze sah Gabirol Hier auf Erden, aber Fama Ausposaunte seines Namens Herrlichkeit durch alle Lande. Zu Corduba, wo er wohnte, War ein Mohr sein nchster Nachbar, Welcher gleichfalls Verse machte Und des Dichters Ruhm beneidet'. Hrte er den Dichter singen, Schwoll dem Mohren gleich die Galle, Und der Lieder Se wurde Bittre Wehmut fr den Neidhart. Er verlockte den Verhaten Nchtlich in sein Haus, erschlug ihn Dorten und vergrub den Leichnam Hinterm Hause in dem Garten. Aber siehe! aus dem Boden, Wo die Leiche eingescharrt war, Wuchs hervor ein Feigenbaum Von der wunderbarsten Schnheit. Seine Frucht war seltsam lnglich Und von seltsam wrzger Se, Wer davon geno, versank In ein trumerisch Entzcken. In dem Volke ging darber Viel Gerede und Gemunkel, Das am End zu den erlauchten Ohren des Chalifen kam. Dieser prfte eigenzngig Jenes Feigenphnomen, Und ernannte eine strenge Untersuchungskommission. Man verfuhr summarisch. Sechzig Bambushiebe auf die Sohlen Gab man gleich dem Herrn des Baumes, Welcher eingestand die Untat. Darauf ri man auch den Baum Mit den Wurzeln aus dem Boden, Und zum Vorschein kam die Leiche Des erschlagenen Gabirol. Diese ward mit Pomp bestattet Und betrauert von den Brdern; An demselben Tage henkte Man den Mohren zu Corduba. (Fragment) Disputation In der Aula zu Toledo Klingen schmetternd die Fanfaren; Zu dem geistlichen Turnei Wallt das Volk in bunten Scharen. Das ist nicht ein weltlich Stechen, Keine Eisenwaffe blitzet - Eine Lanze ist das Wort, Das scholastisch scharf gespitzet. Nicht galante Paladins Fechten hier, nicht Damendiener - Dieses Kampfes Ritter sind Kapuziner und Rabbiner. Statt des Helmes tragen sie Schabbesdeckel und Kapuzen; Skapulier und Arbekanfe Sind der Harnisch, drob sie trutzen. Welches ist der wahre Gott? Ist es der Hebrer starrer Groer Eingott, dessen Kmpe Rabbi Juda. der Navarrer? Oder ist es der dreifaltge Liebegott der Christianer, Dessen Kmpe Frater Jose, Gardian der Franziskaner? Durch die Macht der Argumente, Durch der Logik Kettenschlsse Und Zitate von Autoren, Die man anerkennen msse, Will ein jeder Kmpe seinen Gegner ad absurdum fhren Und die wahre Gttlichkeit Seines Gottes demonstrieren. Festgestellt ist: da derjenge, Der im Streit ward berwunden, Seines Gegners Religion Anzunehmen sei verbunden, Da der Jude sich der Taufe Heilgem Sakramente fge, Und im Gegenteil der Christ Der Beschneidung unterliege. Jedem von den beiden Kmpen Beigesellt sind elf Genossen, Die zu teilen sein Geschick Sind in Freud und Leid entschlossen. Glaubenssicher sind die Mnche Von des Gardians Geleitschaft, Halten schon Weihwasserkbel Fr die Taufe in Bereitschaft, Schwingen schon die Sprengelbesen Und die blanken Rucherfsser - Ihre Gegner unterdessen Wetzen die Beschneidungsmesser. Beide Rotten stehn schlagfertig Vor den Schranken in dem Saale, Und das Volk mit Ungeduld Harret drngend der Signale. Unterm gldnen Baldachin Und umrauscht vom Hofgesinde Sitzt der Knig und die Kngin; Diese gleichet einem Kinde. Ein franzsisch stumpfes Nschen, Schalkheit kichert in den Mienen, Doch bezaubernd sind des Mundes Immer lchelnde Rubinen. Schne, flatterhafte Blume - Da sich ihrer Gott erbarme - Von dem heitern Seineufer Wurde sie verpflanzt, die arme, Hierher in den steifen Boden Der hispanischen Grandezza; Weiland hie sie Blanch' de Bourbon, Donna Blanka heit sie jetzo. Pedro wird genannt der Knig Mit dem Zusatz der Grausame; Aber heute, milden Sinnes, Ist er besser als sein Name. Unterhlt sich gut gelaunt Mit des Hofes Edelleuten; Auch den Juden und den Mohren Sagt er viele Artigkeiten. Diese Ritter ohne Vorhaut Sind des Knigs Lieblingsschranzen, Sie befehlgen seine Heere, Sie verwalten die Finanzen. Aber pltzlich Paukenschlge, Und es melden die Trompeten, Da begonnen hat der Maulkampf, Der Disput der zwei Athleten. Der Gardian der Franziskaner Bricht hervor mit frommem Grimme; Polternd roh und widrig greinend Ist abwechselnd seine Stimme. In des Vaters und des Sohnes Und des heilgen Geistes Namen Exorzieret er den Rabbi, Jakobs maledeiten Samen. Denn bei solchen Kontroversen Sind oft Teufelchen verborgen In dem Juden, die mit Scharfsinn, Witz und Grnden ihn versorgen. Nun die Teufel ausgetrieben Durch die Macht des Exorzismus, Kommt der Mnch auch zur Dogmatik, Kugelt ab den Katechismus. Er erzhlt, da in der Gottheit Drei Personen sind enthalten, Die jedoch zu einer einzgen, Wenn es passend, sich gestalten - Ein Mysterium, das nur Von demjengen wird verstanden, Der entsprungen ist dem Kerker Der Vernunft und ihren Banden. Er erzhlt: wie Gott der Herr Ward zu Bethlehem geboren Von der Jungfrau, welche niemals Ihre Jungferschaft verloren; Wie der Herr der Welt gelegen In der Krippe, und ein Khlein Und ein chslein bei ihm stunden, Schier andchtig, zwei Rindviehlein. Er erzhlte: wie der Herr Vor den Schergen des Herodes Nach gypten floh, und spter Litt die herbe Pein des Todes Unter Pontio Pilato, Der das Urteil unterschrieben, Von den harten Pharisern, Von den Juden angetrieben. Er erzhlte: wie der Herr, Der entstiegen seinem Grabe Schon am dritten Tag, gen Himmel Seinen Flug genommen habe; Wie er aber, wenn es Zeit ist, Wiederkehren auf die Erde Und zu Josaphat die Toten Und Lebendgen richten werde. Zittert, Juden! rief der Mnch, Vor dem Gott, den ihr mit Hieben Und mit Dornen habt gemartert, Den ihr in den Tod getrieben. Seine Mrder, Volk der Rachsucht, Juden, das seid ihr gewesen - Immer meuchelt ihr den Heiland, Welcher kommt, euch zu erlsen. Judenvolk, du bist ein Aas, Worin hausen die Dmonen; Eure Leiber sind Kasernen Fr des Teufels Legionen. Thomas von Aquino sagt es, Den man nennt den groen Ochsen Der Gelehrsamkeit, er ist Licht und Lust der Orthodoxen. Judenvolk, ihr seid Hynen, Wlfe, Schakals, die in Grbern Whlen, um der Toten Leichnam' Blutfragierig aufzustbern. Juden, Juden, ihr seid Sue, Paviane, Nashorntiere, Die man nennt Rhinozerosse, Krokodile und Vampire. Ihr seid Raben, Eulen, Uhus, Fledermuse, Wiedehpfe, Leichenhhner, Basilisken, Galgenvgel, Nachtgeschpfe. Ihr seid Vipern und Blindschleichen, Klapperschlangen, giftge Krten, Ottern, Nattern - Christus wird Eur verfluchtes Haupt zertreten. Oder wollt ihr, Maledeiten, Eure armen Seelen retten? Aus der Bosheit Synagoge Flchtet nach den frommen Sttten, Nach der Liebe lichtem Dome, Wo im benedeiten Becken Euch der Quell der Gnade sprudelt - Drin sollt ihr die Kpfe stecken - Wascht dort ab den alten Adam Und die Laster, die ihn schwrzen; Des verjhrten Grolles Schimmel, Wascht ihn ab von euren Herzen! Hrt ihr nicht des Heilands Stimme? Euren neuen Namen rief er - Lauset euch an Christi Brust Von der Snde Ungeziefer! Unser Gott, der ist die Liebe, Und er gleichet einem Lamme; Um zu shnen unsre Schuld, Starb er an des Kreuzes Stamme. Unser Gott, der ist die Liebe, Jesus Christus ist sein Name; Seine Duldsamkeit und Demut Suchen wir stets nachzuahmen. Deshalb sind wir auch so sanft, So leutselig, ruhig, milde, Hadern niemals, nach des Lammes, Des Vershners, Musterbilde. Einst im Himmel werden wir Ganz verklrt zu frommen Englein, Und wir wandeln dort gottselig, In den Hnden Liljenstenglein. Statt der groben Kutten tragen Wir die reinlichsten Gewnder Von Moulin, Brokat und Seide, Goldne Troddeln, bunte Bnder. Keine Glatze mehr! Goldlocken Flattern dort um unsre Kpfe; Allerliebste Jungfraun flechten Uns das Haar in hbsche Zpfe. Weinpokale wird es droben Von viel weiterm Umfang geben Als die Becher sind hier unten, Worin schumt der Saft der Reben. Doch im Gegenteil viel enger Als ein Weibermund hienieden, Wird das Frauenmndchen sein, Das dort oben uns beschieden. Trinkend, kssend, lachend wollen Wir die Ewigkeit verbringen, Und verzckt Halleluja, Kyrie Eleison singen. Also schlo der Christ. Die Mnchlein Glaubten schon, Erleuchtung trte In die Herzen, und sie schleppten Flink herbei das Taufgerte. Doch die wasserscheuen Juden Schtteln sich und grinsen schnde. Rabbi Juda, der Navarrer, Hub jetzt an die Gegenrede: Um fr deine Saat zu dngen Meines Geistes drren Acker, Mit Mistkarren voll Schimpfwrter Hast du mich beschmissen wacker. So folgt jeder der Methode, Dran er nun einmal gewhnet, Und anstatt dich drob zu schelten, Sag ich Dank dir, wohlvershnet. Die Dreieinigkeitsdoktrin Kann fr unsre Leut nicht passen, Die mit Regula-de-tri Sich von Jugend aufbefassen. Da in deinem Gotte drei, Drei Personen sind enthalten, Ist bescheiden noch, sechstausend Gtter gab es bei den Alten. Unbekannt ist mir der Gott, Den ihr Christum pflegt zu nennen; Seine Jungfer Mutter gleichfalls Hab ich nicht die Ehr zu kennen. Ich bedaure, da er einst, Vor etwa zwlfhundert Jahren, Einge Unannehmlichkeiten Zu Jerusalem erfahren. Ob die Juden ihn gettet, Das ist schwer jetzt zu erkunden, Da ja das Corpus Delicti Schon am dritten Tag verschwunden. Da er ein Verwandter sei Unsres Gottes, ist nicht minder Zweifelhaft; so viel wir wissen, Hat der letztre keine Kinder. Unser Gott ist nicht gestorben Als ein armes Lmmerschwnzchen Fr die Menschheit, ist kein ses Philantrpfchen, Faselhnschen. Unser Gott ist nicht die Liebe; Schnbeln ist nicht seine Sache, Denn er ist ein Donnergott Und er ist ein Gott der Rache. Seines Zornes Blitze treffen Unerbittlich jeden Snder, Und des Vaters Schulden ben Oft die spten Enkelkinder. Unser Gott, der ist lebendig, Und in seiner Himmelshalle Existieret er drauf los Durch die Ewigkeiten alle. Unser Gott, und der ist auch Ein gesunder Gott, kein Mythos Bleich und dnne wie Oblaten Oder Schatten am Cocytos. Unser Gott ist stark. In Hnden Trgt er Sonne, Mond, Gestirne; Throne brechen, Vlker schwinden, Wenn er runzelt seine Stirne. Und er ist ein groer Gott. David singt: Ermessen liee Sich die Gre nicht, die Erde Sei der Schemel seiner Fe. Unser Gott liebt die Musik, Saitenspiel und Festgesnge; Doch wie Ferkelgrunzen sind Ihm zuwider Glockenklnge. Leviathan heit der Fisch, Welcher haust im Meeresgrunde; Mit ihm spielet Gott der Herr Alle Tage eine Stunde - Ausgenommen an dem neunten Tag des Monats Ab, wo nmlich Eingeschert ward sein Tempel; An dem Tag ist er zu grmlich. Des Leviathans Lnge ist Hundert Meilen, hat Flofedern Gro wie Knig Ok von Basan, Und sein Schwanz ist wie ein Zedern. Doch sein Fleisch ist delikat, Delikater als Schildkrten, Und am Tag der Auferstehung Wird der Herr zu Tische beten. Alle frommen Auserwhlten, Die Gerechten und die Weisen - Unsres Herrgotts Lieblingsfisch Werden sie alsdann verspeisen, Teils mit weier Knoblauchbrhe, Teils auch braun in Wein gesotten, Mit Gewrzen und Rosinen, Ungefhr wie Matelotten. In der weien Knoblauchbrhe Schwimmen kleine Schbchen Rettich - So bereitet, Frater Jose, Mundet dir das Fischlein, wett ich! Auch die braune ist so lecker, Nmlich die Rosinensauce, Sie wird himmlisch wohl behagen Deinem Buchlein, Frater Jose. Was Gott kocht, ist gut gekocht! Mnchlein, nimm jetzt meinen Rat an, Opfre hin die alte Vorhaut Und erquick dich am Leviathan. Also lockend sprach der Rabbi, Lockend, kdernd, heimlich schmunzelnd, Und die Juden schwangen schon Ihre Messer wonnegrunzelnd, Um als Sieger zu skalpieren Die verfallenen Vorhute, Wahre spolia opima In dem wunderlichen Streite. Doch die Mnche hielten fest An dem vterlichen Glauben Und an ihrer Vorhaut, lieen Sich derselben nicht berauben. Nach dem Juden sprach aufs neue Der katholische Bekehrer; Wieder schimpft er, jedes Wort Ist ein Nachttopf, und kein leerer. Darauf repliziert der Rabbi Mit zurckgehaltnem Eifer; Wie sein Herz auch berkocht, Doch verschluckt er seinen Geifer. Er beruft sich auf die Mischna, Kommentare und Traktate; Bringt auch aus dem Tausves-Jontof Viel beweisende Zitate. Aber welche Blasphemie Mut er von dem Mnche hren! Dieser sprach: der Tausves-Jontof Mge sich zum Teufel scheren. Da hrt alles auf, o Gott! Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich; Und es reit ihm die Geduld, Rappelkpfig wird er pltzlich. Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof, Was soll gelten? Zeter! Zeter! Rche, Herr, die Missetat, Strafe, Herr, den beltter! Denn der Tausves-Jontof, Gott, Das bist du! Und an dem frechen Tausvesjontof-Leugner mut du Deines Namens Ehre rchen. La den Abgrund ihn verschlingen, Wie des Korah bse Rotte, Die sich wider dich emprt Durch Emeute und Komplotte. Donnre deinen besten Donner! Strafe, o mein Gott, den Frevel - Hattest du doch zu Sodoma Und Gomorrha Pech und Schwefel! Treffe, Herr, die Kapuziner, Wie du Pharaon getroffen, Der uns nachgesetzt, als wir Wohl bepackt davongeloffen. Hunderttausend Ritter folgten Diesem Knig von Mizrayim, Stahlbepanzert, blanke Schwerter In den schrecklichen Jadayim. Gott! da hast du ausgestreckt Deine Jad, und samt dem Heere Ward ertrnkt, wie junge Katzen, Pharao im roten Meere. Treffe, Herr, die Kapuziner, Zeige den infamen Schuften, Da die Blitze deines Zorns Nicht verrauchten und verpufften. Deines Sieges Ruhm und Preis Will ich singen dann und sagen, Und dabei, wie Mirjam tat, Tanzen und die Pauke schlagen. In die Rede grimmig fiel Jetzt der Mnch dem Zornentflammten: Mag dich selbst der Herr verderben, Dich Verfluchten und Verdammten! Trotzen kann ich deinen Teufeln, Deinem schmutzgen Fliegengotte, Luzifer und Belzebube, Belial und Astarothe. Trotzen kann ich deinen Geistern, Deinen dunkeln Hllenpossen, Denn in mir ist Jesus Christus, Habe seinen Leib genossen. Christus ist mein Leibgericht, Schmeckt viel besser als Leviathan Mit der weien Knoblauchsauce, Die vielleicht gekocht der Satan. Ach! anstatt zu disputieren, Lieber mcht ich schmoren, braten Auf dem wrmsten Scheiterhaufen Dich und deine Kameraden. Also tost in Schimpf und Ernst Das Turnei fr Gott und Glauben, Doch die Kmpen ganz vergeblich Kreischen, schelten, wten, schnauben. Schon zwlf Stunden whrt der Kampf, Dem kein End ist abzuschauen; Mde wird das Publikum, Und es schwitzen stark die Frauen. Auch der Hof wird ungeduldig, Manche Zofe ghnt ein wenig. Zu der schnen Knigin Wendet fragend sich der Knig: Sagt mir, was ist Eure Meinung? Wer hat Recht von diesen beiden? Wollt Ihr fr den Rabbi Euch Oder fr den Mnch entscheiden? Donna Blanka schaut ihn an, Und wie sinnend ihre Hnde Mit verschrnkten Fingern drckt sie An die Stirn und spricht am Ende: Welcher Recht hat, wei ich nicht - Doch es will mich schier bednken, Da der Rabbi und der Mnch, Da sie alle beide stinken. Nachwort zum Romanzero Ich habe dieses Buch Romanzero genannt, weil der Romanzenton vorherrschend in den Gedichten, die hier gesammelt. Mit wenigen Ausnahmen schrieb ich sie whrend der letzten drei Jahre, unter mancherlei krperlichen Hindernissen und Qualen. Gleichzeitig mit dem Romanzero lasse ich in derselben Verlagshandlung ein Bchlein erscheinen, welches Der Doktor Faust, ein Tanzpoem, nebst kuriosen Berichten ber Teufel, Hexen und Dichtkunst betitelt ist. Ich empfehle solches einem verehrungswrdigen Publiko, das sich gern ohne Kopfanstrengung ber dergleichen Dinge belehren lassen mchte; es ist eine leichte Goldarbeit, worber gewi mancher Grobschmied den Kopf schtteln wird. Ich hegte ursprnglich die Absicht, dieses Produkt dem Romanzero einzuverleiben, was ich aber unterlie, um nicht die Einheit der Stimmung, die in letzterem waltet und gleichsam sein Kolorit bildet, zu stren. Jenes Tanzpoem schrieb ich nmlich im Jahre 1847, zu einer Zeit, wo mein bses Siechtum bereits bedenklich vorgeschritten war, aber doch noch nicht seine grmlichen Schatten ber mein Gemt warf. Ich hatte damals noch etwas Fleisch und Heidentum an mir, und ich war noch nicht zu dem spiritualistischen Skelette abgemagert, das jetzt seiner gnzlichen Auflsung entgegenharrt. Aber existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr in die Krmpe gegangen, da schier nichts brig geblieben als die Stimme, und mein Bett mahnt mich an das tnende Grab des Zauberers Merlinus, welches sich im Walde Brozeliand in der Bretagne befindet, unter hohen Eichen, deren Wipfel wie grne Flammen gen Himmel lodern. Ach, um diese Bume und ihr frisches Wehen beneide ich dich, Kollege Merlinus, denn kein grnes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris, wo ich frh und spat nur Wagengerassel, Gehmmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar Bcher zu schreiben brauchen - das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir lngst das Ma genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, da solches nachgerade langweilig wird fr mich, wie fr meine Freunde. Doch Geduld, alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden, wo euch die Puppenspiele meines Humors so oft ergtzten. Was soll aber, wenn ich tot bin, aus den armen Hauswrsten werden, die ich seit Jahren bei jenen Darstellungen employiert hatte? Was soll z. B. aus Mamann werden? Ungern verla ich ihn, und es erfat mich schier eine tiefe Wehmut, wenn ich denke an die Verse: Ich sehe die kurzen Beinchen nicht mehr, Nicht mehr die platte Nase; Er schlug wie ein Pudel frisch, fromm, frhlich, frei, Die Purzelbume im Grase. Und er versteht Latein. Ich habe freilich in meinen Schriften so oft das Gegenteil behauptet, da Niemand mehr meine Behauptung bezweifelte, und der rmste ein Stichblatt der allgemeinen Verhhnung ward. Die Schulbuben frugen ihn, in welcher Sprache der Don Quixote geschrieben sei? und wenn mein armer Mamann antwortete: in spanischer Sprache - erwiderten sie, er irre sich, derselbe sei lateinisch geschrieben und das kme ihm so spanisch vor. Sogar die eigene Gattin war grausam genug, bei huslichen Miverstndnissen auszurufen, sie wundere sich, da ihr Mann sie nicht verstehe, da sie doch Deutsch und kein Latein gesprochen habe. Die Mamnnische Gromutter, eine Wscherin von unbescholtener Sittlichkeit und die einst fr Friedrich den Groen gewaschen, hat sich ber die Schmach ihres Enkels zu Tode gegrmt; der Onkel, ein wackerer altpreuischer Schuhflicker, bildete sich ein, die ganze Familie sei schimpfiert, und vor Verdru ergab er sich dem Trunk. Ich bedaure, da meine jugendliche Unbesonnenheit solches Unheil angerichtet. Die wrdige Waschfrau kann ich leider nicht wieder ins Leben zurckrufen, und den zartfhlenden Oheim, der jetzt zu Berlin in der Gosse liegt, kann ich nicht mehr des Schnapses entwhnen; aber ihn selbst, meinen armen Hanswurst Mamann, will ich in der ffentlichen Meinung wieder rehabilitieren, indem ich alles was ich ber seine Lateinlosigkeit, seine lateinische Impotenz, seine magna linguae romanae ignorantia jemals geuert habe, feierlich widerrufe. So htte ich denn mein Gewissen erleichtert. Wenn man auf dem Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig, und mchte Frieden machen mit Gott und der Welt. Ich gestehe es, ich habe Manchen gekratzt, Manchen gebissen, und war kein Lamm. Aber glaubt mir, jene gepriesenen Lmmer der Sanftmut wrden sich minder frmmig gebrden, besen sie die Zhne und die Tatzen des Tigers. Ich kann mich rhmen, da ich mich solcher angebornen Waffen nur selten bedient habe. Seit ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedrftig, habe ich allen meinen Feinden Amnestie erteilt; manche schne Gedichte, die gegen sehr hohe und sehr niedrige Personen gerichtet waren, wurden deshalb in vorliegender Sammlung nicht aufgenommen. Gedichte, die nur halbweg Anzglichkeiten gegen den lieben Gott selbst enthielten, habe ich mit ngstlichstem Eifer den Flammen berliefert. Es ist besser, da die Verse brennen als der Versifex. Ja, wie mit der Kreatur, habe ich auch mit dem Schpfer Frieden gemacht, zum grten rgernis meiner aufgeklrten Freunde, die mir Vorwrfe machten ber dieses Zurckfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott zu nennen beliebten. Andere, in ihrer Intoleranz, uerten sich noch herber. Der gesamte hohe Klerus des Atheismus hat sein Anathema ber mich ausgesprochen, und es gibt fanatische Pfaffen des Unglaubens, die mich gerne auf die Folter spannten, damit ich meine Ketzereien bekenne. Zum Glck stehen ihnen keine andern Folterinstrumente zu Gebote als ihre Schriften. Aber ich will auch ohne Tortur alles bekennen. Ja, ich bin zurckgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehtet. War es die Misre, die mich zurcktrieb? Vielleicht ein minder miserabler Grund. Das himmlische Heimweh berfiel mich und trieb mich fort durch Wlder und Schluchten, ber die schwindlichsten Bergpfade der Dialektik. Auf meinem Wege fand ich den Gott der Pantheisten, aber ich konnte ihn nicht gebrauchen. Dies arme trumerische Wesen ist mit der Welt verwebt und verwachsen, gleichsam in ihr eingekerkert, und ghnt dich an, willenlos und ohnmchtig. Um einen Willen zu haben, mu man eine Person sein, und, um ihn zu manifestieren, mu man die Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen vermag - und das ist doch die Hauptsache - so mu man auch seine Persnlichkeit, seine Auerweltlichkeit und seine heiligen Attribute, die Allgte, die Allweisheit, die Allgerechtigkeit u.s.w. annehmen. Die Unsterblichkeit der Seele, unsre Fortdauer nach dem Tode, wird uns alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, wie der schne Markknochen, den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden ist, ihnen unentgeltlich in den Korb schiebt. Ein solcher schner Markknochen wird in der franzsischen Kchensprache la rjouissance genannt, und man kocht damit ganz vorzgliche Kraftbrhen, die fr einen armen schmachtenden Kranken sehr strkend und labend sind. Da ich eine solche rjouissance nicht ablehnte und sie mir vielmehr mit Behagen zu Gemte fhrte, wird jeder fhlende Mensch billigen. Ich habe vom Gott der Pantheisten geredet, aber ich kann nicht umhin zu bemerken, da er im Grunde gar kein Gott ist, so wie berhaupt die Pantheisten eigentlich nur verschmte Atheisten sind, die sich weniger vor der Sache als vor dem Schatten, den sie an die Wand wirft, vor dem Namen, frchten. Auch haben die meisten in Deutschland whrend der Restaurationszeit mit dem lieben Gotte dieselbe funfzehnjhrige Komdie gespielt, welche hier in Frankreich die konstitutionellen Royalisten, die grtenteils im Herzen Republikaner waren, mit dem Knigtume spielten. Nach der Juliusrevolution lie man jenseits wie diesseits des Rheines die Maske fallen. Seitdem, besonders aber nach dem Sturz Ludwig Philipps, des besten Monarchen, der jemals die konstitutionelle Dornenkrone trug, bildete sich hier in Frankreich die Meinung: da nur zwei Regierungsformen, das absolute Knigtum und die Republik, die Kritik der Vernunft oder der Erfahrung aushielten, da man Eins von Beiden whlen msse, da alles dazwischen liegende Mischwerk unwahr, unhaltbar und verderblich sei. In derselben Weise tauchte in Deutschland die Ansicht auf, da man whlen msse zwischen der Religion und der Philosophie, zwischen dem geoffenbarten Dogma des Glaubens und der letzten Konsequenz des Denkens, zwischen dem absoluten Bibelgott und dem Atheismus. Je entschiedener die Gemter, desto leichter werden sie das Opfer solcher Dilemmen. Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik keines sonderlichen Fortschritts rhmen; ich verharrte bei denselben demokratischen Prinzipien, denen meine frheste Jugend huldigte und fr die ich seitdem immer flammender erglhte. In der Theologie hingegen mu ich mich des Rckschreitens beschuldigen, indem ich, was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem persnlichen Gotte, zurckkehrte. Das lt sich nun einmal nicht vertuschen, wie es mancher aufgeklrte und wohlmeinende Freund versuchte. Ausdrcklich widersprechen mu ich jedoch dem Gerchte, als htten mich meine Rckschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche oder gar in ihren Scho gefhrt. Nein, meine religisen berzeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengtter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft. Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glcks. Nur mit Mhe schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Gttin der Schnheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Fen lag ich lange, und ich weinte so heftig, da sich dessen ein Stein erbarmen mute. Auch schaute die Gttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, da ich keine Arme habe und also nicht helfen kann? Ich breche hier ab, denn ich gerate in einen larmoyanten Ton, der vielleicht berhandnehmen kann, wenn ich bedenke, da ich jetzt auch von Dir, teurer Leser, Abschied nehmen soll. Eine gewisse Rhrung beschleicht mich bei diesem Gedanken; denn ungern trenne ich mich von Dir. Der Autor gewhnt sich am Ende an sein Publikum, als wre es ein vernnftiges Wesen. Auch dich scheint es zu betrben, da ich Dir Valet sagen mu; du bist gerhrt, mein teurer Leser, und kostbare Perlen fallen aus deinen Trnensckchen. Doch beruhige Dich, wir werden uns wiedersehen in einer besseren Welt, wo ich dir auch bessere Bcher zu schreiben gedenke. Ich setze voraus, da sich dort auch meine Gesundheit bessert und da mich Swedenborg nicht belogen hat. Dieser erzhlt nmlich mit groer Zuversicht, da wir in der andern Welt das alte Treiben, ganz wie wir es in dieser Welt getrieben, ruhig fortsetzen, da wir dort unsere Individualitt unverndert bewahren und da der Tod in unserer organischen Entwickelung gar keine sonderliche Strung hervorbringe. Swedenborg ist eine grundehrliche Haut, und glaubwrdig sind seine Berichte ber die andere Welt, wo er mit eigenen Augen die Personen sah, die auf unserer Erde eine Rolle gespielt. Die meisten, sagt er, blieben unverndert und beschftigen sich mit denselben Dingen, mit denen sie sich auch vormals beschftigt; sie blieben stationr, waren veraltet, rokoko, was sich mitunter sehr lcherlich ausnahm. So z. B. unser teurer Doktor Martinus Luther war stehen geblieben bei seiner Lehre von der Gnade, ber die er whrend dreihundert Jahren tagtglich dieselben verschimmelten Argumente niederschrieb - ganz in derselben Weise wie der verstorbene Baron Eckstein, der whrend zwanzig Jahren in der Allgemeinen Zeitung einen und denselben Artikel drucken lie, den alten jesuitischen Sauerteig bestndig wiederkuend. Aber, wie gesagt, nicht alle Personen, die hienieden eine Rolle gespielt, fand Swedenborg in solcher fossilen Erstarrung; sie hatten im Guten wie im Bsen ihren Charakter weidlich ausgebildet in der anderen Welt, und da gab es sehr wunderliche Erscheinungen. Helden und Heilige dieser Erde waren dort zu Lumpen und Taugenichtsen herabgesunken, whrend auch das Gegenteil stattfand. So z. B. stieg dem heiligen Antonius der Hochmut in den Kopf, als er erfuhr, welche ungeheure Verehrung und Anbetung ihm die ganze Christenheit zollt, und er, der hienieden den furchtbarsten Versuchungen widerstanden, ward jetzt ein ganz impertinenter Schlingel und liederlicher Galgenstrick, der sich mit seinem Schweine um die Wette in den Kot wlzt. Die keusche Susanne brachte der Dnkel ihrer Sittlichkeit, die sie unbesiegbar glaubte, gar schmhlich zu Falle, und sie, die einst den Greisen so glorreich widerstanden, erlag der Verlockung des jungen Absalon, Sohn Davids. Die Tchter Lots hingegen hatten sich im Verlauf der Zeit sehr vertugendhaftet und gelten in der andern Welt fr Muster der Anstndigkeit; der Alte verharrte leider bei der Weinflasche. So nrrisch sie auch klingen, so sind doch diese Nachrichten eben so bedeutsam wie scharfsinnig. Der groe skandinavische Seher begriff die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die unveruerlichen Individualittsrechte des Menschen ganz richtig erkannte und anerkannte. Die Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein idealer Mummenschanz, wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen anziehen; Mensch und Kostm bleiben bei ihm unverndert. In der anderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armen Grnlnder behaglich fhlen, die einst, als die dnischen Missionre sie bekehren wollten, an diese die Frage richteten: ob es im christlichen Himmel auch Seehunde gbe? Auf die verneinende Antwort erwiderten sie betrbt: der christliche Himmel passe alsdann nicht fr Grnlnder, die nicht ohne Seehunde existieren knnten. Wie strubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhrens unserer Persnlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemte angeboren. Sei getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden. Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin, so schicke mir Deine Rechnung. - Geschrieben zu Paris, den 30. September 1851. Heinrich Heine. License: Share Alike