Produced by The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) [ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ =Antiqua= ] Wanderbilder aus _Central-Amerika_. _Skizzen eines deutschen Malers_ von Wilhelm Heine. _Mit einem Vorwort_ von Friedrich Gerstcker. Leipzig, _Hermann Costenoble._ 1853. _Der geliebten Schwester_ gewidmet vom Verfasser. _Meine gute Marie!_ Wenn junge Autoren ihr Erstlingsbchlein in die Welt schicken, so pflegen sie es gewhnlich irgend einer hohen oder berhmten Persnlichkeit zu widmen, um ihr geringes Opus zu Ehren zu bringen; wenn dagegen bereits bekannte Autoren schreiben, so ehren sie einen ihrer Freunde mit der Dedication. Da nun aber gegenwrtiges Bchlein weder so bedeutend ist, um Jemand durch seine Dedication zu ehren, noch ich so anmaend sein will, irgend eine hohe oder berhmte Persnlichkeit damit zu belstigen, sondern die darin enthaltenen Reisemittheilungen nichts Anderes als Lebens- und Liebeszeichen fr Euch in der Heimath sein sollen, so eigne ich dieselben Dir zu. Oft in einsamer Gebirgsde, beim trben Lagerfeuer, wenn das Geheul der Cayotas und Jaguars meine Nachtmusik bildete, flogen meine Gedanken der lieben Heimath zu, und ich dachte Deiner, wie Du mit liebender Sorge dem alternden Vater, der gramgebeugten Mutter zur Seite standest und den Platz ausflltest, den der ferne Sohn und Bruder leergelassen. Und so wird es auch wieder sein, und auf nchtlicher Deckwache in fernen unbekannten Meeren werden wieder meine Gedanken in der Heimath weilen und meine heien Segenswnsche sie begleiten. Nimm darum dies Bchlein als eine Liebesgabe von mir an; bitte Gott, da er einst uns Allen ein frhliches Wiedersehen verleihen mge und gedenke stets in Liebe Deines treuen Bruders Wilhelm. Geschrieben an Bord der Dampffregatte Mississippi, in der Chasepeakbay, den 20. Nov. 1852, am Tage vor der Abfahrt der amerikanischen Expedition nach Japan. Vorwort. Der Leser soll hier zum ersten Mal mit einem jungen Knstler bekannt werden, den nicht nur sein frischer frhlicher Muth und jene geheimnivolle, aber doch auch so gewaltige Lust nach einem regen Leben, sondern auch der ernste Zweck, seinen Studien obzuliegen und seine Kenntnisse zu erweitern, in die Welt hineingetrieben, und der selbst in diesem Augenblicke bei unseren Antipoden herumschwimmt, oder mit der Bchse auf der Schulter und der Palette in der Mappe die Ksten des indischen Archipels durchforscht und die Schtze plndert, die Mutter Natur da drauen ja mit vollen Hnden ausgestreut ber das wundervolle Land. Wilhelm Heine, zuerst zum Architekten bestimmt, fand mehr Freude an der freien Malerkunst. Sein Talent hierzu offenbarte sich bald. Von dem Knig von Sachsen in seinem Plane untersttzt, wandte er sich zuerst nach Paris, dort Decorationsmalerei zu studiren und spter seine Kenntnisse der Dresdener Hofbhne zu widmen. Die dort 1849 ausgebrochenen Unruhen warfen aber die Kunst weit in den Hintergrund und von seinem rastlosen Eifer fr dieselbe angetrieben, zog der junge Knstler dorthin, wohin es Tausende damals schon, wie noch jetzt, in unaufhaltsamer Sehnsucht hinberdrngte ber das Meer, in dem fernen Lande des Westens, Studien zu sammeln, und das auszubilden in der freien Welt, was er in den Kunst-Slen von Paris vorbereitet hatte mit emsigem Fleie. New-York aber gengte ihm auch nicht auf die Lnge der Zeit -- der Amerikaner ist fr die Kunst empfnglich und liebt die Knstler, aber das Land ist noch zu jung, -- die Energie seiner Bewohner wird noch zu sehr fr das augenblicklich Praktische gefordert, um dem _Schnen_ schon seine vollen Sinne weihen zu knnen, und wo der Meubleshndler noch die Bilder zusammen mit Sopha und Sthlen verkauft, wo diese _Gemlde_ noch zu so und so vielen Dutzend bestellt werden, kann natrlich der _Knstler_ nicht Befriedigung finden. Heine ergriff denn auch mit Freuden eine gnstige Gelegenheit, die sich ihm bot, in Begleitung des, schon durch seine frheren archologischen Forschungen in Nord- und Mittel-Amerika berhmten Herrn Squier, auch frherem Gesandten der Vereinigten Staaten in Mittel-Amerika, das letztere Land zu bereisen, um zu Mr. Squier's beabsichtigtem Werke ber diese Strecken die Illustrationen zu liefern. Ueber diese Reise, die Heine aber leider allein beenden mute, da Mr. Squier durch Verhltnisse gehindert wurde, ihm zu folgen, handelt, mit Ausnahme eines kurzen Knstlerausflugs im Staat New-York, dies kleine Bndchen, und der Leser folgt dem jungen lebensfrohen Manne vielleicht noch mit mehr Aufmerksamkeit und Interesse, wenn er erfhrt, da Wilhelm Heine auch selbst in diesem regen Leben nicht den Drang befriedigt fhlte, der ihn weiter und weiter trieb auf der einmal betretenen Bahn, denn er befindet sich in diesem Augenblicke an Bord des amerikanischen Geschwaders, das zu einer Recognoscirungstour des indischen Archipels, vorzglich aber der japanischen Ksten ausgesandt ist, und wohl nicht wiederkehren wird, ohne ein tchtiges Stck von der Welt gesehen, ja vielleicht auch ein Stck in der Welt gethan zu haben. Von dort werden seine Berichte fr jetzt in der Allgemeinen Zeitung und dem Ausland erscheinen, seine Stellung an Bord eines der Kriegsschiffe, mit ehrenvollen Auftrgen der amerikanischen Regierung fr unterwegs anzustellende Sammlungen, sichert ihm dabei die Gewiheit, den grtmglichsten Nutzen von solch wilder Fahrt zu ziehen, und wir drfen hoffen, da er uns noch manches Schne von fernen Lndern erzhlen wird. Der Einzelne wird doch ja immer nur, mge seine Route liegen so weit sie will, auf einen verhltnismig kleinen Kreis beschrnkt, und dem Leser bleibt es berlassen, sich von den verschiedenen Ansichten und Bildern der drauen Herumstreifenden den Honig zu sammeln und seine Meinung festzustellen. Heine's Styl ist leicht und ungezwungen, seine Schilderung lebendig und das Herzliche und Gemthliche seines ganzen Wesens lt uns ihn bald liebgewinnen, und so hoffe ich denn, da Dir, lieber Leser, diese Gabe eine willkommene sein wird, wie es mir selber eine besondere Freude gewhrt hat, den jungen, noch gewissermaen vom Seewasser triefenden Knstler bei Dir einzufhren. Friedrich Gerstcker. Inhaltsverzeichni. Seite Knstlerausflug durch den Staat New-York 1 Ein Jahr in Central-Amerika 41 I. Vorwort. -- Zweck der Reise. -- Allgemeine Bemerkungen ber Central-Amerika. -- Canalproject zur Verbindung des atlantischen und stillen Oceans. 43 II. Abreise von New-York. -- Die Brig Rogelin. -- Ansicht von Haiti. -- Eintritt in die Wendekreise. -- Unbewohnte Insel. -- Mosquitokste. -- San Juan di Nicaragua. -- Deutsches Gasthaus. -- Lebensweise. 56 III. Vorbereitungen zur Flufahrt. -- Das Bungo. -- Abreise von San Juan. -- San-Juan-River. -- Clima. -- Fruchtbarkeit. -- Die Machuca-Rapids. -- Verunglckte Tigerjagd. -- Unwetter. -- Aerztliche Hlfe. -- Castillo Viejo. -- Prophezeihung. -- Der Wundarzt wider Willen. -- San Carlos. -- Douane. -- See von Granada. -- Ankunft in Granada. -- Gastfreundlichkeit. -- Jahresfeier des 4. Juli. 66 IV. Die Stadt Granada. -- Bauart. -- Einwohner. -- Lebensweise in Central-Amerika. -- Festtage. -- Reisezurstungen. -- Unsicherheit der Straen. -- Art zu reisen. -- Flei der Indianer. -- Massaga. -- Indisches Begrbni. 94 V. Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. -- Landschaftliches. -- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. -- Nchtliche Strung. -- Ankunft in Leon. 109 VI. Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munoz. -- Ein demthiger Apostel Christi. -- Rckkehr nach Granada. 120 VII. Indigobereitung. -- Verfall des Landbaues. -- Schlimme Aussichten fr Ansiedler. -- Gefhrliche Galanterie. -- Zunahme der rztlichen Praxis. -- Einflu des Mondes. -- Selbsthlfe zu rechter Zeit. -- Die Schwefelquellen von Tipitapa. -- Gefhrliche Begegnung. -- Kriegsanstalten. -- Militairische Exercitien. 126 VIII. Der geendigte Krieg in Nicaragua. -- Aufregung in Granada. -- Unangenehme Conflicte. -- Meeting in Massaga. -- Hauptquartier in Managua. -- Don Fruto Chamorro. -- Gefecht von Nagarote. -- Erkrankung. -- Gefecht von Chinandega. -- Miverhltni der Streitkrfte. -- Vertrag von Posolteja. -- Treubruch des Generals Lopez. -- Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. -- Traurige Aussichten. 143 IX. Neue Erkrankung. -- Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte. -- Reiseanstalten. -- Aufbruch von Leon. -- Nachtlager. -- Rubergerchte. -- Nchtlicher Ueberfall. -- Eintritt ins Gebirge. -- Trockenheit. -- Zuckererbauung. -- Aztekische Sage. -- Beschwerlicher Marsch. -- Heimathliche Erinnerung. 166 X. Aufenthalt in San Rafael. -- Viehzucht. -- Versuch mit dem Lasso. -- Weiterreise. -- Nchtliches Concert. -- Totogalpa. -- Der gastfreundliche Cura. -- Eine Hochzeit. -- Ocotal. -- General Guardiola. -- Hahnenkmpfe. -- Spielwuth der Bewohner. 185 XI. Dipilto. -- Mangelhafter Zustand des Bergbaues. -- Wiederkehrende Gesundheit. -- Taminos Feuer- und Wasserprobe zu Pferd. -- Erlegter Tiger. -- Der Staat Honduras. 200 XII. Yuscaran. -- Don Pedro Xatrerha. -- Indianerstmme. -- Gefahren eines Besuches bei ihnen. -- Gewaltsame Requisition. -- Tegucigalpa. -- Sennora L... -- General Cabannas. 217 XIII. Ser Abschied. -- Cerro di Ule. -- Prachtvolles Panorama. -- Heimweh. -- Portillo de la Victoria. -- Knstlerische Ausbeute. -- Indianische Fiesta. -- Groe Hitze. -- Ein tropisches Gewitter. -- Ankunft zu rechter Zeit. -- =Fata morgana.= -- San Martin. -- Choluteca. -- Esteroreal. -- Noch etwas ber das Canalproject. -- Ankunft in Leon. 232 XIV. Glcklicher Zufall. -- Abschied von Leon. -- Ein Jahr Unterschied. -- =Stars and Stripes!= -- Verndertes Aussehen von St.Juan di Nicaragua. -- Abschied von Central-Amerika. -- Allgemeine Bemerkungen und Warnungen fr Auswanderer. 254 Knstlerausflug durch den Staat New-York. 1. Die Glocke des Steamers New-York lutet zum drittenmale, der Ingenieur giebt das Zeichen, das schne groe Schiff setzt sich in Bewegung, an seinem Bord drei lustige deutsche Maler. Der Abend war angenehm und lieblich, wie die Abende im Monat August nach einem heien Tage an den Ufern des Hudson in der Regel sind. Auf dem Deck und im Salon des Steamers gab es gutgekleidete Lustreisende, Leute aus der =beau monde=, welche in die Bder von Saratoga, zu den lieblichen Trentonfllen oder dem groartigen Niagarafall reisten; Frauen und Mdchen, hold und anmuthig, wie sie Amerika und vor allem New-York aufzuweisen hat, in sem Miggange sich im einladenden Schaukelstuhle wiegend, lachend, kokettirend; Breau-Generale, nach ihren Landhusern gehend, um den Sonntag dort zuzubringen; Brod- und Schweinehndler =en gros=, welche nach abgeschlossenen Geschften sich wiederum ins Land hinein begeben, um alsbald mit neuen Sendungen nach New-York zurckzukehren; mitunter auch wohl ein finsterer Pfaffe, deren einer, ein Methodist, sogar spter das Publikum mit einer Art Reisepredigt erlabte, an der jedoch nur blutwenig Zuhrer Geschmack zu finden schienen. Die groe wandernde Stadt, auf der wir uns befinden, Euch nher zu beschreiben, erlat Ihr mir wohl, meine Lieben; Fritz Gerstcker hat es in seinen Mississippi-Bildern bereits besser gethan, als ich es im Stande sein wrde. Die achthundert Pferdekraft der Dampfmaschine trieben uns rasch den prachtvollen, hier ziemlich sechshundert Fu breiten Hudson stromaufwrts. Zur Linken streckten sich hohe Felswnde in die Hhe, die Palisaden genannt, zur Rechten lagen lachende Landhuser in ppig blhenden Grten, kleinere oder grere Dorfschaften dazwischen, hier und da ein Bach oder ein Flchen, dessen Wasser sich entweder still und geruschlos mit dem Hudson vermhlt, oder eine kleine Bucht bildet, an deren Saum freundliche Spaziergnge den Reisenden zu lngerem Verweilen anzulocken scheinen. Wahrlich, wer sich die Staaten Nord-Amerikas als arm an malerischen Naturschnheiten vorstellt, der befindet sich in groem Irrthume; sie sind freilich von ganz anderem Charakter wie unsere europischen, wollen studirt und in ihrer Eigenthmlichkeit aufgefat sein, bieten dann aber auch dem Knstler gar manche schtzbare Ausbeute. Ermdet vom Getreibe der riesigen Hauptstadt, erlabte ich Augen und Herz an den lieblichen Gemlden. Der Kessel von Sing-Sing, wo der Strom eine groe Bai von vielleicht einer deutschen Meile im Durchmesser bildet, ward mit Sonnenuntergang passirt, und von den Bergen von West-Point strahlte bereits der Mond sein mildes Licht ber die lieblichen Gefilde. Der Abend rckte weiter vor und nachdem die schn geformten Berge von Katshill in der Ferne vorber geglitten, ging ich in meine Koje, mich fr den kommenden Tag zu strken, da die Ufer von hier an bis Albany flach werden und nicht mehr die Mhe des Aufbleibens lohnen. Bei meinem Erwachen legte der Steamer gerad am Quai von Albany an, weshalb ich auch auer dem Quai und der Strae, die nach der Eisenbahn fhrt, nichts von dieser Stadt sah. Kurze Rast nebst Frhstck, und weiter ging es beim ersten Strahl der lauen Morgensonne auf dem Schienenwege hin, durch das Mohawkthal. Ueberall blhende, fruchtbare Felder, nette Ortschaften, freundliche Landhuser, groartige Fabrikgebude lngs der ganzen Bahn; der zur Seite sich hinziehende groe Kanal voll regen Lebens, berall thtige, krftige, gesunde Menschen, berall Leben, Licht, Freiheit. So ging's bis Utica, dem ersten Haltpunkte. Nachdem wir uns glcklich durch die lrmende, drngende Menge hindurchgearbeitet, mietheten wir einen Wagen, der uns mit seinen vier Rlein zu den Trentonfllen bringen sollte. Auf einem gut unterhaltenen Bohlenwege, dessen holzverschwenderische Anlage und Erhaltung -- der ganze Weg ist mit zwlf Fu langen, zwlf Zoll breiten und vier Zoll starken Bohlen belegt -- manchen unserer gewissenhaften deutschen Forstmnner zur Verzweiflung bringen wrde, rollten wir munter dahin; die acht Miles waren verhltnimig schnell zurckgelegt und bald empfing uns das gastliche Dach des Herrn Moore. Unsere gespannte Neugierde erlaubte uns zuvrderst kein langes Verweilen unter demselben, wir eilten den Fllen zu und hatten schon bei ihrem ersten Erblicken die freudige Ueberzeugung, da dieser eine Punkt allein schon der Reise werth war. Der West-Canada-Creek strmt hier durch tiefe Schluchten, lngs welcher sich starre, hier und da mit Bumen und Buschwerk gekrnte, oft auch nackte, in bizarren Formen gebildete, zwischen dreihundert und vierhundert Fu hohe Felswnde, senkrecht aus dem Flusse erheben. Dazwischen hin schumt der Flu, manchmal in einer Breite von hundertfnfzig Fu, ber die geradlinigen Fltzgebirgformationen weggleitend, dann wieder in einen viel engeren Raum zusammengezwngt, durch zerklftete Felsblcke sich Bahn brechend, mit einer Fallhhe von dreihundertachtzig Fu auf eine kleine halbe (engl.) Meile. Nach Freund Mller's Aussagen gleicht der grte dieser Wassersturze in mehren Abstzen den Wasserfllen, welche er auf seiner letzten europischen Reise in Dalmatien gesehen. Hier schied ich auch von einem alten Landsmanne, D.M., der nur vorlufig nach Amerika herbergekommen war, um sich das Land, behufs einer etwaigen spteren Uebersiedelung, zu besehen und uns junges Volk bis hierher begleitet hatte. Er schien von dem, was er bis da gesehen, nicht sehr befriedigt; das pate alles nicht recht zu seinen deutschen Agriculturbegriffen. Der Abschied von dem alten Knaben war ein wehmthiger und schwerlich drfte ich ihn noch einmal wiedersehen. Die schnen landschaftlichen Vorwrfe wurden nun fleiig ausgebeutet und nach zehntgigem Aufenthalt hatten wir unsere Malermappen mit manchen hchst schtzenswerthen Motiven bereichert. Herr Moore, der gastfreundliche, humane Besitzer des groen Hotels, ein groer Kunstliebhaber, bestellte bei uns einige Bilder mittlern Formats fr recht anstndigen Preis, und berdies noch einen Cyclus von Zeichnungen, als Illustrationen einer beabsichtigten Beschreibung der Trentonflle. Trotzdem sich Herrn Moore's selbst erworbenes Vermgen kaum ber einen angenehmen Wohlstand hinaus erstreckt, ist derselbe doch ein eifriger Befrderer der schnen Knste und besitzt eine, fr seine Mittel nicht unbedeutende Sammlung von Gemlden, grtentheils von Knstlern, die bei ihm einsprachen. Nebstdem hat er auch noch den gewhnlichen Hotelpreis von zwei Dollars tglich, fr Knstler auf die Hlfte herabgesetzt, was bei der ganz vorzglichen Bewirthung eine sehr mige Bezahlung ist. Herr Moore trieb seine Artigkeit so weit, uns selbst nach Utika zurckzufahren, wo wir herzlich und auf baldiges Wiedersehen von ihm schieden. Und weiter ging es per Dampf, ber Syrakus, wo bei Ankunft des Zuges zwanzig Glocken, in den Hnden von zwanzig Kellnern, vor eben so vielen Hotels, einen wahren Heidenlrm erhoben, um allen Ankommenden recht eindringlich das Zeichen zum Essen zu geben; dann wieder weiter, nach Oswego hin, oft durch Wlder und des Sumpfland. Die Gegend sieht hier fiebrig und unheimlich aus, so da man kaum zu athmen wagt. In Oswego, einer Stadt von nahe an fnftausend Einwohnern, bestiegen wir von Neuem einen Steamer und rasch dahin glitten wir ber die blaue Wasserflche des Ontariosees, bald nur noch einen schmalen Streifen Land im Gesicht behaltend. Vier Uhr Morgens langten wir in Lewis-Town an, noch ein kurzes Stck Eisenbahn, und zwar das erbrmlichste, das je von Menschenhand erbaut worden ist, und mit Tagesanbruch standen wir da, wo: schumendes Gewsser mit Donnergebrll hinabstrzt in die grausige Tiefe! Es kann nicht meine Absicht sein, geognostische Abhandlungen zu verfassen, und eben so wenig poetische Reisenovellen zu schreiben; doch mu ich gestehen, da das groartige Naturschauspiel, ohne Zweifel das grte dieser Art auf dem bekannten Erdenrund, erst allmlig begann, einen tiefen und gewaltigen Eindruck auf mich zu machen, je lnger ich davor verweilte und die colossalen Proportionen zu messen begann. Die ganze Lnge des Falles mag etwa tausend Schritte betragen, die senkrechte Hhe, nach dem Augenma beurtheilt, vielleicht ein Drittheil so viel, und ist in der Mitte von einer kleinen Felseninsel unterbrochen, zu der oberhalb des Falles eine Brcke fhrt. Der Niagara selbst ist von brillantem Smaragdgrn und bis weit unterhalb des Falles vom Schaume milchig gefrbt, was dem Maler reizende Farbenabwechselungen und Uebergnge gewhrt; auf beiden Seiten begrnzen den Fall hundertachtzig bis zweihundert Fu hohe Felswnde. Alle diese Formationen (Fltzgebirge) tragen Spuren der Gewalt des Gewssers und bis eine (engl.) Meile unterhalb seiner jetzigen Stelle hat der Fall die Merkmale seiner Zerstrungswuth zurckgelassen. Man hat nach Wahrscheinlichkeitsgrnden berechnet, da der Fall dreiigtausend Jahre gebraucht habe, um sich diese Bahn auszuwaschen; aber bei aller mglichen Hochachtung vor den Berechnungen der Gelehrten und Naturforscher, erscheint mir die hier in Frage gestellte denn doch etwas problematisch, ohngefhr so wie die Berechnung der Entfernung mancher Fixsterne. Da heit es auch: wer's nicht glaubt, mag das Gegentheil beweisen! Das ganze Ufer zunchst des Flusses ist bedeckt mit herabgestrzten Felstrmmern, deren eben so viele in den Fluthen begraben sein mgen, gleich dem Table-Rock seligen Andenkens, der etwa vier Wochen vor unserer Ankunft glcklich zur Tiefe abgefahren ist. Ich besinne mich, irgendwo von der Berechnung eines englischen Ingenieurs gelesen zu haben, der ganz vor Kurzem erst herauscalculirt haben wollte, wie lange das Wasser sich durchaus noch zu strapaziren habe, bevor es mit der Unterwaschung besagten Table-Rocks glcklich zu Stande gekommen sei; ich mchte wohl wissen, wie weit er in seiner Berechnung fehlgeschossen haben mag? -- Die Ufer des Niagara waren in den Jahren 1812 bis 15 der Schauplatz zahlreicher Gefechte mit den Englndern, und in einer Schlacht ohnweit der Flle sollen an viertausend Todte geblieben sein. Amerika ist das Land der Industrie und Speculation, Niagara das Land der fnfundzwanzig Cents: Du gehst auf die Heiligeninsel, kostet 25 Cents, -- Du gehst zwei Meilen unterhalb der Flle ber die Hngebrcke, kostet 25 Cents, -- Du lt Dich in einem kleinen Boote ber den Flu setzen, kostet 25 Cents, -- Du willst unter den Fall selbst steigen, kostet 25 Cents u.s.w. Der hiesige Gasthof war das Gegentheil von Herrn Moore's Hotel; zwei Dollars tglich und alles mordschlecht. Wir machten Studien so viel als mglich, und beeilten uns fortzukommen, so viel als mglich, und zwar um so mehr, als wir beim Arbeiten viel von der unertrglichen Neugierde des reisenden Publikums zu leiden hatten. Noch am letzten Tage hatten wir das traurige Schauspiel, ein armes Pferd, welches sich, oberhalb der Flle von Hunden gehetzt, in den Flu retirirt haben mochte, den Fall hinunterstrzen zu sehen. Weiter unterhalb fanden wir das arme Thier, zerschellt und kaum noch kenntlich, von den Fluthen auf's Ufer geschleudert daliegen. Ein Canalboot mit einer Schweinefleischladung, welches vor etwa sechs Wochen den Flu hinabgetrieben worden war, hngt inmitten des Falles, von einem emporragenden Felsen aufgehalten, auf dem Rand des Sturzes, von brausenden Gewssern umtobt; das Treibeis des nchsten Winters wird es wohl noch vollends zertrmmern. Seltsam, trotzdem es nur ein lebloser Gegenstand ist, kann man es nicht ohne ein Gefhl des Bangens da hngen sehen und empfindet unwillkrlich eine Art von Mitleid mit dem armen Ding. Kurz und gut, unsere Studien waren beendet, unsere Zeit gemessen und wir hatten nicht Lust, lnger hier mssig liegen zu bleiben; wir begaben uns daher vermittelst obbemeldeter schlechten Eisenbahn wieder auf die Wanderschaft und an Bord des nmlichen Steamers, der uns in Lewis-Town ans Land gesetzt hatte. 2. Unsere zweite Fahrt auf dem Ontariosee war bei weitem lnger als die erste, denn wir befuhren ihn in seiner ganzen Lngenausdehnung, berhrten nochmals Oswego, landeten in Sacketts Harbour, ein Name, der sowohl im britisch-franzsischen, als im amerikanischen Befreiungskriege vielfach genannt worden, als wichtigster Posten am Ontariosee; sahen spter Kingston und die rothen Rcke der englischen Soldaten und passirten am Nachmittage die Tausend-Inseln. War schon die Fahrt ber den See mit seinen langgedehnten flachen Ufern langweilig, so wird die Fahrt zwischen diesen kleinen, niedrigen, mager bewaldeten, sich hnelnden Inselchen zuletzt im hchsten Grade ermdend. Ob es ihrer gerade tausend waren, wei ich nicht, denn ich habe sie wahrhaftig nicht gezhlt, war aber herzlich froh, als uns am Abend die Lichter von Ogdensburg das Ziel unserer Wasserfahrt andeuteten. Hier wurden wir auf dem Landgute des Herrn von R......... hchst gastfreundlich aufgenommen und bewirthet. Diese Farm, von ungefhr eintausend Acres geklrten Landes, kann als ein vollendetes Muster amerikanischer Landwirthschaft gelten und ich htte wohl gewnscht, mein alter Landsmann D.M. htte seine Untersuchungsreise bis hierher ausgedehnt. Herr v.R......... hat in unglaublich kurzer Zeit Alles, was er besitzt, aus einer Wste geschaffen; denn als er sich in Ogdensburg ansiedelte, wurden noch da Hirsche geschossen, wo jetzt sein schnes Wohnhaus steht, und dunkle Kieferwaldung stand noch da, wo jetzt ein lieblicher Park angenehme Spaziergnge bietet und in groartigen Glashusern Sdfrchte und tropische Pflanzen reifen. Mhlen aller Art, Manufakturen, Eisenwerke, fast alle von Herrn v.R........ gegrndet, liegen in und um Ogdensburg. Es kam ihm allerdings bei seinen Unternehmungen trefflich zu Statten, da er ein sehr bedeutendes vterliches Vermgen mitbrachte, was freilich unter allen Umstnden das Farmerleben aller Orten wesentlich angenehmer macht; immer aber kann man sich hier berzeugen, da sich auch ohne jenes Zaubermittel Flei und Ausdauer hier reichlicher lohnen, wie in vielen andern Lndern. Nach so manchen Beobachtungen mchte ich daher berhaupt jedem in der Union Einwandernden dringend anrathen sich, wenn es seine Mittel irgend verstatten, erst in den verschiedenen Strichen des Landes umzusehen und sich mit dem landwirthschaftlichen Betrieb da und dort recht genau bekannt zu machen, bevor er sich fr einen Punkt entscheidet und dann das Ganze nach vielleicht getuschten Erwartungen beurtheilt. Eben so Viele sind durch Nichtbeachtung dieser Vorsicht zu Grunde gegangen, als andrerseits durch deren Beachtung binnen nicht sehr langer Zeit Andere zu Wohlstand, ja sogar zu Reichthum gelangt sind. Wer aber aus Trgheit oder Unwissenheit darauf beharrt, sich am ersten besten Fleck niederzulassen und das Land nach den aus Deutschland mitgebrachten Begriffen zu bebauen, dem wird es nicht besser ergehen, wie es wahrscheinlich einem Amerikaner ergehen wrde, dem es einfiele unbebautes Land in Ungarn oder Ruland zu aquiriren und nach amerikanischem Systeme auszubeuten. Nicht verschweigen kann ich es, da ich auch in Frau v.R........ eine der liebenswrdigsten, feingebildetsten Frauen kennen lernte, die nicht nur die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder fast allein besorgt, sondern auch durch rastlose Thtigkeit und umsichtige Leitung ihres groen Hausstandes, eine Gewohnheit, die sonst den amerikanischen Frauen, bei vielen anderen Vorzgen, nicht eben sehr eigen ist, wesentlich zum Gedeihen des Ganzen beitrgt. Ogdensburg gegenber wurden in der Insurrection von 1837 mehre Gefechte geliefert; unter andern hatten die Insurgenten eine sehr feste Stellung inne, die nur nach hartnckigem Kampfe genommen werden konnte. Im Lande ist sie unter dem Namen: die Schlacht bei der Windmhle, bekannt geblieben. In Ogdensburg war whrend unseres Aufenthaltes daselbst von der Miliz des Districtes ein Uebungslager bezogen worden, an das man allerdings nicht den Mastab unserer europischen Revuen und Manvers legen darf. Diese Miliztruppen waren nmlich in vier Gattungen getheilt, als: erstens, Bewaffnete und Uniformirte; zweitens, Bewaffnete und Nichtuniformirte; drittens, Uniformirte und Nichtbewaffnete; viertens endlich, Nichtuniformirte und Nichtbewaffnete. -- So passirte dieses Corps von beilufig dreihundert Kpfen die Revue, durchzog die Stadt mit Musik und erfllte sie mit kriegerischem Geprnge. Nichtsdestoweniger hat jedoch die Erfahrung bereits bewiesen, da diese Leutchen, sobald es einmal Ernst gilt, ebenso wacker zu kmpfen wissen, wie nur irgend eine Truppe der Welt. -- Wir aber zogen von dannen, denn nun sollte der zweite Theil unseres Ausfluges, das Waldleben beginnen. Wir hatten uns dazu die Ufer des Roquette-River ausersehen. Wollt Ihr, meine Lieben, diesen Platz auf einer Spezialkarte der Vereinstaaten finden, so sucht ihn im Norden des Staates New-York, auf dem westlichen Abhange des Hhenzuges, welcher ihn von Sd nach Nord durchschneidet. Dort ist noch eine undurchdringliche Wildni in einer Ausdehnung von hundertzwanzig bis hundertdreiig Meilen, die uns reichen Stoff zu solcher Art landschaftlicher Studien verhoffen lie. In jeder Richtung hin keine Ansiedelung zu finden; dagegen bevlkern Hirsche im Ueberflusse und selbst Elenthiere den Wald, zahllose Forellen der vorzglichsten Gattung die Bche und Flsse, und wilde Enten, Fasanen, Truthhner, wilde Tauben sind in solcher Masse vorhanden, da der Jger die reichste Beute findet. Inmitten dieser Wlder, auf der Hochebene des Gebirges, ist ein ziemlich bedeutender See, Long-Lake genannt, der sdwrts den Hudson und nordwrts drei parallel laufende Flsse, den St.Regis-, den Roquette- und den Gros-River entsendet. Ueber Canton, Stockholm, Potsdam, Rom kamen wir bis Parisville, wo die Poststrae aufhrt. Ein kleines Wgelchen fhrte unser Gepck weiter, wir selbst aber wanderten =per pedes= nebenher, ber Knppeldmme, Sumpf und Moor in den Wald hinein, selten eine Ansiedelung treffend, die hier schon sehr dnn werden. Zu zehn englischen Meilen brauchten wir einen ganzen Tag; fnfmal brach unser Wgelchen und zuletzt so rettungslos, da wir es zurcklassen muten, und die letzten Meilen mit unserer Bagage auf den Schultern marschirten, bis wir spt Abends zum Tode ermdet im letzten Settlement anlangten. Hier lieen wir den grten Theil unseres Gepckes zurck, uns nur auf das Nothwendigste beschrnkend, und am anderen Morgen ging die Wanderung auf einem Canoe weiter, dasselbe nach Art der Indianer bei jedem Rapid (Stromschnelle) auf den Schultern um diese herumtragend. So leicht nun auch ein solches Bootchen von Birkenrinde ist, so ist es doch nichts destoweniger eine harte Arbeit, es immer weiter zu schleppen, und oft haben wir bei solcher Bergstelle von kaum einer englischen Viertelmeile mit Aus- und Einladen, Weitertragen, drei bis vier Stunden zugebracht. Noch weitere fnfzehn Meilen wurden auf diese Weise mhsam zurckgelegt und endlich langten wir am Starks-Fall, unserm Bestimmungsorte an. Eine Schanty d.h. eine kleine Htte von rohen Stmmen, mit Rinden bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie Holzfller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jger die lngere Zeit an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte, eingerichtet. Ein helles Feuer von mchtigen, acht Fu langen Kltzen loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehllt, brachten wir unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu. Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir allein auf uns verwiesen waren, muten wir uns selbst Nahrungsmittel verschaffen, Holz fr die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst bereiten. Meine Hnde sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da ich Maurerlehrling war, und gar oft klebte mein Blut am Axtstiel. Nichtsdestoweniger wurde fleiig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit brig, dem edlen Waidwerk obzuliegen. Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen zu knnen, ging ich am Fluufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche Fhrten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch den Wald getrieben worden wren. Da ich aber keine genaue Kenntni der Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fhrte und hatte das Glck, schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spiehirsche in Zeit von einer Stunde zu schieen; so hatten wir Fleisch im Ueberflu und besonders gab das der Spieer, auf indianische Manier auf einen Baumzweig gespiet, einen gar saftigen, kstlichen Braten. Unser Appetit ward aber auch durch die ungewhnte Lebensweise und den steten Aufenthalt in freier Luft so geschrft, da wir, im Verein mit ein paar Jgern, die weiter hinauf an den Flu wollten und einen halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spieer in drei Tagen radical aufzehrten, wobei ich inde bemerken mu, da die Hirsche hier zu Lande bedeutend schwcher sind, als in Europa. Einen ganz vorzglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Smpfen vorkommenden Wasserpflanze auerordentlich fett und schmackhaft wird. Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genthigt den Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Bchse zu schieen. Da man inde selten weiter als vierzig bis fnfzig Schritt zu schieen hat, gewhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Huten, Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Hute und Ruchern des Fleisches auf indische Weise, gaben manche spahafte Beschftigung und gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, da jeder gelernte Waidmann seine Freude daran gehabt htte. Wlfe, obgleich dieselben noch ziemlich hufig sein sollen, habe ich noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Fchse, Panther und Bren, die hier nur hchst selten vorkommen sollen. An einem Regentage, der das den Boden bedeckende drre Laub vollkommen durchweicht hatte, folglich hchst gnstiges Wetter zu einem Pirschgange bot, hatte ich, obschon auf viele Fhrten treffend, erfolglos vom Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewhnlich von unserm Lager entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fhrte die ich verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem stattlichen Hirsche gegenber befand. Die Entfernung war zwar etwas weit, hundertdreiig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drngte, denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um nher heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Bchse, ein scharfer Krach erschtterte die Atmosphre und mit einem dumpfen Schrei strzte das edle Thier zu Boden. Guter Braten! dachte ich, und stie in aller Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden fertig war, erhob sich der Hirsch pltzlich wieder, ein angestrengter Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbsche nieder. Auf dem Anschu fand ich Schwei in Menge und Lungenkrmel. Der deutlich ausgeprgten und mit Schwei ganz bergossenen Spur folgend, ward ich aber nach dreiig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hrte ihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Bsche knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis ber die Knie in den morastigen Boden. Das war denn nun hchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schne Stck Wild einben wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu machen? Ich verbrach den Anschu, schnallte mir den Hungerriemen fester und machte mich auf den Weg, um wo mglich noch unser Lager zu erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rste. Ich suchte mich so gut wie mglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwrts in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach. Nach zweistndigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das ich fr dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege zu unserm Lager allerdings passiren mute; allein schon war ich eine gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler. Ich ward nun wohl inne, da ich mich verirrt hatte, wute aber durchaus nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingen war es mir darum zu thun, bald mglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, da auch nicht ein Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der Spitze des Hgels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach befinden mute; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so da ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten, als pltzlich meine Fe ausglitten, ich mich ber Moos, Steine und Strucher rasch dahinrutschen fhlte, endlich wieder ebenen Boden unter mir hatte, aber so im Schusse war, da ich mich nicht zu halten vermochte, mit dem Kopfe im nmlichen Augenblicke so derb an einen Baumstamm hmmerte, da mir die Sinne vergingen und ich um und um kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber allmhlig wieder anfing meine fnf Sinne zusammen zu lesen, ward ich inne, da ich auer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Bchse, Pulverhorn, Mtze und Messer verloren und dafr etliche Knuffe und Pffe eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fhlbar machten. Nach langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des Messers, wieder zusammen, welches letztere ich selbst, als der Mond seine Laterne durch die allmhlig dnner gewordenen Wolken heraus steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch der Stand des Mondes, da ich, statt nordwestlich zu gehen, sdstlich gegangen war. Gern wre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fhlte mich erschpft und meine zerstoenen Gliedmaen schmerzten mich in der That recht empfindlich, aber zwei Umstnde verhinderten mich daran, zuerst brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an trocknen Holz; denn ohne Feuer htte ich die recht beiend nakalte Nacht in meiner dnnen und durchnten Leinwandblouse nicht ausgehalten. Ich calculirte, da ich mich wahrscheinlich auf dem scheidenden Rcken des St.Regis- und dem Roquette-River befand, nrdlich mindestens zwanzig Meilen von der nchsten Ansiedelung, stlich sechs bis acht Meilen vom St.Regis und westlich etwa eben so weit vom Roquette-River entfernt, sdlich aber vielleicht hundert Meilen weit dichte Waldung vor mir hatte. Ich selbst war ohne Kompa, ohne Feuerzeug, ohne Messer, ohne Decke, dnn gekleidet, nchtern seit dem Morgen, eine Kugel in der Bchse und nur noch zwei in der Tasche, allerdings eine etwas ungemthliche Situation. Nach reiflicher Ueberlegung hielt ich es fr das Beste, vor allen Dingen den Roquette-River aufzusuchen und dann an seinen Ufern hinabzugehen; ich mute dann doch am Ende auf unser Lager, oder auf irgend eine Ansiedelung stoen. Fand ich nur erst Wasser, so konnte ich es im schlimmsten Fall wohl noch einen ganzen Tag ohne Speise aushalten. Das Empfindlichste war mir vor der Hand der Mangel eines guten, erwrmenden Feuers. Den Mond zur Linken, gings nun westlich und nach dreistndigem hchst beschwerlichem Marsche, whrend welchem mein Fu oft ber Stmme und Steine stolperte und ich einen gefhrlichen Moorbruch passiren mute, befand ich mich glcklich am Ufer des Flusses. Ich verrichtete zuvrderst ein geringfgig Waidmannsgebetlein, und zwar keinesweges in der Meinung, da dadurch irgend etwas Verdienstliches geschehe, sondern weil es mich in Wahrheit drngte, Dem, der ja auch hier mir nahe war, meinen Dank abzustatten. Mein Durst war mit zwei Mtzen voll Wasser gestillt, aber nunmehr verlangten meine durchklteten Gliedmaen desto ungestmer nach Wrme. Neue Verlegenheit: kein Messer, kein Feuerzeug. Ich suchte in allen Taschen nach etwas Papier, um mit Hlfe der Bchse Feuer zu bekommen, aber auch das fehlte; ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben aus der Heimath, der whrend meiner Abwesenheit in New-York eingetroffen und mir noch zur letzten Station nachgesendet worden, und den wollte ich doch nicht gern verbrennen; war er mir doch jetzt doppelt theuer in meiner Einsamkeit, als freundliches Liebeszeichen aus weiter Ferne! -- Endlich fand ich einen ziemlich trocknen, verfaulten Stamm, derselbe ward tchtig mit Pulver eingerieben, die Bchse dicht davor losgedrckt, die Funken zur Flamme angeblasen, und bald loderte der Stamm hell empor, durch seine wohlthuende Wrme die Mhe reichlich lohnend. Bei seinem Scheine hatte ich die Freude, als Ersatz fr das mangelnde Nachtmahl, die lieben Zeilen noch einmal zu durchlesen, dann warf ich mich todtmde unter die breiten Aeste einer Ceder, als einziges Kopfkissen ein gut Gewissen, ber mir als Bettdecke den gestirnten Himmel, diesen groen Mantel aller Trostbedrftigen. Meine Uhr zeigte auf halb Zwei, ich war demnach ziemlich sieben Stunden in der Irre umher marschirt. Mehrmals ward ich aus dem tiefen Schlafe aufgeschreckt durch den gellenden Schrei einer Nachteule, so nahe, da ich aufsprang und nach der Bchse griff, meinend, ein Panther wolle mich mit seinem nchtlichen Besuche beehren. Am anderen Morgen nach dem Frhstck, d.h., nachdem ich abermals aus dem Flue getrunken, machte ich mich auf, den Flu hinabzugehen, wegen der vielen Sumpfstellen, die man entweder umgehen oder durchwaden mu, ein etwas beschwerlicherer Marsch, als eine Promenade im Dresdner groen Garten. Auch fand ich hier eine alte, oftgehrte Jagderfahrung sehr handgreiflich besttigt, da nmlich der Jger, der am nthigsten Wild braucht, keine Klaue zu sehen bekommt. Wenigstens ging es mir an dem Tage so, und mit knurrenden Magen mute ich durch den Wald schreiten, der von Wild wimmelt, alle Augenblicke einmal frische Fhrten kreuzend. Es war die Geschichte vom Herrn Tantalus. Einmal rauschte ein prchtiger Adler kaum dreiig Schritte vor mir empor, die Jagdpassion ri mir die Bchse an den Backen, aber im Zielen fiel mir noch zu rechter Zeit ein, da ich jetzt nur noch eine Kugel in der Bchse und eine in der Tasche hatte, die dritte war ja in den Baumstamm gefahren, und so blieb das Rohr stumm. Endlich gegen zehn Uhr stie ich wieder auf das Lager, und ich versichere Euch, von der Hirschkeule die ich in Angriff nahm, blieb auer dem Knochen auch nicht ein Atom brig. Die Genossen waren besorgt um mich gewesen und hatten wiederholt ihre Gewehre abgefeuert; allein zu jener Zeit war ich wenigstens schon vier Meilen von ihnen entfernt. Zweierlei hchst weise Erfahrungen hatte ich bei dieser Gelegenheit gesammelt, erstens, da es sehr unklug ist, ohne Compa und ohne Feuerzeug in solcher Wildni zu jagen, und zweitens, da man sich in einem amerikanischen Urwalde doch nicht so leicht zurecht findet, als in unseren von Flgeln und Schneusen durchschnittenen kniglichen Forsten. Uebrigens aber war ich sehr froh, da meine abhrtende Lebensweise und frhzeitiges Vertrautsein mit unangenehmen Situationen mich in den Stand setzten, mich vorkommenden Fhrnissen leichter zu entziehen. Ersteres verdanke ich Eurer Erziehungsweise, geliebte Eltern, letzteres groentheils dem wackeren alten Ohm. Sei Euch allen mein Dank dafr bers Meer geschickt, dem guten Ohm aber insbesondere noch fr die treue Bchse, die mir in kalter Nacht Feuer, und auerdem noch manchen guten Braten verschafft hat. 3. Wir hatten nun Studien vollauf gesammelt und genug der Freuden des Waldlebens, denn unsere Decken boten uns nicht mehr gengenden Schutz gegen den Frost, der in letzter Nacht ber einen halben Zoll Eis gebracht hatte. Nach dreiwchentlichem Aufenthalt, am 6. October brachen wir daher auf, um uns wieder der Civilisation zuzuwenden. Unsere Reise ging den Flu entlang, gen Potsdam zu. Wir hatten in unserm Lager den Besuch eines Amerikaners, eines Dokter H.... aus Potsdam gehabt, der mehre auf Kosten der Regierung zur Erleichterung des Holzflens im Flue erbaute Dmme zu inspiciren hatte. Dieser Gentleman ersuchte uns, ihm einige correcte Skizzen dieser Dmme zu zeichnen, um dieselben seinem Rapporte an die Regierung beizufgen, eine Arbeit die in wenigen Tagen erledigt war und uns die Summe von 50 Dollars einbrachte, sehr willkommene Subsidien, da unsere Reisekasse verwnscht knapp zu werden begann. Unterwegs erhandelte ich von einem Indianer ein schnes Paar Elenhrner, von einem Ende zum andern sechs und einen halben Fu lang und in den Schaufeln acht Zoll breit, in hiesigem Lande ein wahres Prachtexemplar. Auch die Feuerjagd habe ich versucht, doch in anderer Art als Fritz Gerstcker sie uns beschrieb. Wir jagten auf dem Flu in Gesellschaft eines alten Jgers, der die Fhrung des Bootes bernommen hatte, eine jener cht Cooperschen Gestalten, die hier immer seltener zu werden beginnen. Statt der Kienpfannen hatten wir eine Art viereckige Kappe, oder Helm, an drei Seiten geschlossen, die vierte vor dem Gesicht offen, und oben drauf eine Art Laterne mit einem sehr starken Talglichte, dessen Schein die Umgegend nach vorn auf zwanzig bis fnfundzwanzig Schritte erhellte. Wir fuhren ganz geruschlos am Fluufer hin, und erst als wir den Hirsch im Wasser hrten, ward die Laternenmtze angezndet und aufgestlpt. Es war eine Doe (Thier), die bis ans Blatt im Wasser stand, gerade gegen uns gekehrt, und gewaltig blies und schreckte, als sie des Lichtes ansichtig ward. Die fertig gehaltene Bchse fuhr an den Backen und die Kugel der Doe in den Halswirbel. Weil diese Art zu jagen mir noch neu war und man auch gewhnlich des Nachts Alles berschiet, hatte ich es nur dem Umstande, da die Doe mir gerade zugekehrt stand, zu verdanken, da ich sie berhaupt bekam. Nach kurzer Rast in Potsdam, wo wir unser zerrissenes Schuhwerk und unser durchlchertes Waldneglig als milde Stiftung zurcklieen und uns wieder etwas suberlich machten, um als honnette Menschen in der Gesellschaft erscheinen zu knnen, gingen wir mit der Eisenbahn hinber nach dem Champlain-See. Dieser lange, schmale See bietet ungleich mehr Reiz dar, als die canadischen Seen, denn seine Breite betrgt selten mehr als vier bis fnf engl. Meilen, und die oft lngs desselben hinlaufenden Gebirgsketten des Staates Vermont, so wie auf der anderen Seite des Staates New-York, gewhren dem Auge eine eben so angenehme als malerische Abwechselung. Mglich auch, da der angenehme Eindruck, den die Gegend auf uns machte, noch gesteigert ward durch den lieblichen Duft der auf der Landschaft lag, und die herrlichen Herbstfarben der Bume, welche das Ufer bekrnzen. Noch nirgend habe ich bis jetzt solchen Farbenreichthum einer Landschaft gesehen. Amerika ist berhmt wegen seiner prachtvollen bunten Herbstbltter, und verdient diesen Ruf im vollsten Mae. Dabei haben seine Wlder noch den Reiz der auerordentlichsten Mannichfaltigkeit der Hlzer; sogenannte Familien- oder Geschlechtswaldungen, wie bei uns, habe ich hier nirgend getroffen; auf verhltnimig sehr kleinem Raum sahen wir dicht gedrngt bei einander die Eiche, die Buche, den Ahorn mit hochrothen Blttern, Hikory und Sassafrasstmme, dazwischen wieder die schwarze melancholische Tanne, die knorrige Kiefer, und manchmal sogar die Birke mit ihrem hellgelben Laube und weiem Stamme durchblitzend. Durch das verschiedenzeitige Welken all dieser Bltter entstehen tausend Schattirungen und Uebergnge, vom dunkelsten und zugleich mglichst brillanten Purpurroth, bis zum hellsten Goldgeld, und von da in gleicher Weise durch alle Abstufungen bis zum saftigsten Dunkelgrn, was besonders bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wo die Ferne bald in blauen, bald in violetten Duft gehllt ist, eine wahrhaft zauberische Wirkung hervorbringt. Den See kreuzend, gelangten wir nach Whitehall, malerisch in einer Schlucht gelegen, an der Mndung des Sees, wo ein Canal ihn mit dem Hudson in Verbindung setzt. Durch diesen Canal kommen die Produkte des fernsten Westen ber den Ontario, den Sanct-Lorenzstrom, den Champlainsee und Hudson bis New-York, ein Weg von vier- bis fnftausend engl. Meilen, welchen die verschiedenen Handelsgegenstnde zurcklegen, ohne das Schiff zu verlassen, in das sie in Detroit oder Michican geladen worden sind. Auerdem laufen noch zwei andere Canalwege sdlich nach demselben Punkt, von drei Hauptbahnlinien und zahllosen Canlen und Zweigbahnen nach anderen Staaten durchkreuzt, wo ein hnlicher Stand der Dinge herrscht, und fhren die Gter dem Orte ihrer Bestimmung zu. Fast alle diese Riesenwerke sind erst in den letzten fnfzig Jahren entstanden und ohne da der Staat als solcher auch nur einen Dollar dazu gegeben. Das sind die Segnungen einer gesetzlichen Freiheit, wie die ungesetzliche Freiheit und Anarchie der Fluch der Vlker ist! -- Eine, im Verhltni zu dem ungeheuren Territorium schwache Bevlkerung, hat diese Werke vollfhrt und vollfhren knnen, weil ihrer Entwickelung nach allen Seiten hin ein unbegrnztes Feld offen stand, weil der khne Unternehmungsgeist der Einen, wie der Flei und die Thtigkeit Anderer nicht eingezwngt wird von veralteten Zunftgesetzen, der Erwerb nicht geschmlert und aufgezehrt wird vom Zahn des alles verschlingenden Monopolwesens. Doch ist das Alles ja von so vielen Anderen viel besser gesagt und beleuchtet worden, als ich es zu thun vermchte, und wollte ich das Lob Amerikas mit vollen Backen posaunen, so gliche dies einer Abhandlung ber den wohlthtigen Einflu des Sonnenlichts. Auf unserm Wege begegneten wir berall Werksttten voll rstiger und thtiger Arbeiter, welche den Mineralreichthum der Berge in den verschiedensten Formen der Welt bergeben, oder die Riesen des Waldes, zu Brettern, Latten, Kisten, Kasten, Fssern, Gerthen aller Art zerschnitten und verarbeitet, ihre Reisen zum Markt antreten lassen. Ueberall zeigt sich dies Land dem aufmerksamen Beschauer wie eine Art von Riesenkind, das oft Riesenwerke spielend verrichtet, daneben aber wieder Manches, das ihm zu tief dnkt, bei Seite wirft fr sptere Zeiten, immer aber wachsend, sich krftigend und Wunder fr die Zukunft versprechend. Die Gegend, durch die wir muten, ist mit Blut getrnkt; hier war der Schauplatz von Kmpfen ohne Zahl, zuerst mit den Indianern, um ihnen das Land abzugewinnen, dann die langen Fehden zwischen den Eingeborenen, den franzsischen und britischen Heeren. Namen wie Ticonderoga, Fort-Edward, Fort-William, Fort-Henri, rufen blutige Greuelscenen vor das Gedchtni und selbst unser Jahrhundert hat bereits dergleichen blutige Spuren hinterlassen, im Jahre 1812 bei Plattsburg, wo viertausend Briten ihr Leben auf der Wahlstatt aushauchten. Wir durchkreuzten auch den Boden, wo Cooper's letzter der Mohicans spielt. Bei Fort-Edward hielten wir an und wanderten hinber nach Gleen-Falls. Dort strzt der Hudson, noch ein unbndiger Knabe, wild durch zerklftetes Gestein hinab, zu beiden Seiten der kleinen Insel, auf welche Lederstrumpf den Major Howard und die Tchter Monrooes fhrte. Wollt Ihr eine genaue Beschreibung der Localitt, so les't Cooper's meisterhaften Roman, der Platz ist darin nach der Natur geschildert. An der Stelle, wo Nahuga den verfolgenden Indianern entschlpfte, ist jetzt ein Marmorbruch; die Hhle, in welcher die Schwestern die Nacht zubrachten, ist ziemlich von Treibholz verstopft, doch kann man noch hineingelangen. Da, wo Hawkeye den Indianer vom Baume herunterscho, stehen eine Menge Mhlen, statt des todten Kriegers, fallen jetzt Abschnitzel von Brettern in die schumende Fluth, und die Spitze, welche zu erreichen zwei Kriegern das Leben kostete, wo Unca's Messer den Major vom Tomahawk des Feindes rettete, ist jetzt blogelegt von Wasser, was den Fllen durch einen Canal fr den Betrieb der Mhlen entzogen wird. Von hier ging es nach Saratoga, ehedem der heilige Platz des rothen Mannes, jetzt der Badeort =par excellence= fr die elegante Welt. Noch springt die Quelle, die Hawkeye wieder aus dem Boden grub, doch statt der Calabasse, aus der die ermdeten Jger den Durst lschten, gewhrt eine elegante Trinkhalle einen bequemen Raum, und da, wo frher in der heiligen Waldesruhe die Mineralquelle dem rothen Thonboden entsprang, wandelt jetzt der Fu schner Frauen, dem Stutzer auf Spaziergngen kokettirende Blicke zuwerfend. Nicht zieht mehr der rothe Krieger an die heilige Quelle, um zu seinen Gttern zu beten, aber dennoch wallfahrten die neuen Kinder des Landes allsommerlich in Schaaren fashionabler Zugvgel hierher, um anderen Gtzen zu opfern, um entweder in den Tanz- und Spielslen Gesundheit und Vermgen zu zerrtten, oder die erstere in Kurhusern wieder zusammenzuflicken. Verdrehtes Leben der sogenannten feinen Welt, die kokettirend, brillirend, raffinirend, intriguirend dahin zieht, denjenigen am meisten bewundernd, der es am besten versteht, durch die grte Modethorheit ihre Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis eine andere, noch grere, sie schnell wieder in Vergessenheit bringt. =C'est tout comme chez nous!= Als wir aber durch Saratoga kamen, sahen wir von alle dem nichts mehr; die Saison war zu Ende, das Kurhaus geschlossen, und auer einigen schlfrigen Niggers, die sich in den Hausthren herumlmmelten, Alles todt und de. Die Bltter fielen, die Schwalben zogen sdwrts und die Maler heimwrts in ihr Atelier, beutelleer, aber beuteschwer, Geld, wie Farben und Leinwand aufgebraucht. Ein Jahr in Central-Amerika. I. Vorwort. -- Zweck der Reise. -- Allgemeine Bemerkungen ber Central-Amerika -- Canalproject zur Verbindung des atlantischen und des stillen Oceans. Am Bord der Brigg Rogelin, im atlantischen Ocean, Junius 1851. Ehe ich angelangt bin in jenen Tropenlndern, welche fr die nchste Zukunft mein Aufenthalt sein sollen, halte ich es fr angemessen, einige erluternde Worte, sowohl in Bezug auf den Zweck meiner Reise, als in Bezug auf mich selbst vorauszuschicken. Glckliche Zuflligkeiten hatten mich in New-York in Verbindung mit Herrn Squier gebracht, einem Mann, welcher sich bereits durch seine Verdienste um archologische Forschungen in Nord- und Central-Amerika, so wie durch seine ehrenhafte Thtigkeit in einer Angelegenheit, die tief eingreift in die Handelsinteressen fast des ganzen Erdenrundes, einen bedeutenden Ruf erworben. Herr Squier war mehre Jahre Gesandter der Vereinigten Staaten von Nordamerika bei den verschiedenen Republiken von Central-Amerika, und hatte whrend dem die beste Gelegenheit, einen groen Theil dieser Lnderstriche genau zu erforschen. Das Ergebni dieser Forschungen ist ein Werk, mit dessen Beendigung Herr Squier jetzt eben beschftigt ist, whrend ich, nach getroffener Uebereinkunft mit ihm, vorausgegangen bin, um mich einstweilen mit dem tropischen Klima und der Lebensweise jener Lnder vertraut zu machen, bis Herr Squier sofort nach Beendigung und Publikation jenes Werkes mir nachfolgen wird, um seine Forschungen in Gemeinschaft mit mir in den bis jetzt fast noch gar nicht bekannten Strichen Central-Amerikas fortzusetzen. Gestalten sich die Umstnde diesem Unternehmen gnstig, so soll dessen Resultat ein zweites Werk Squier's sein, an welchem ich mich nur in Bezug auf dessen artistische Ausstattung mit landschaftlichen Ansichten betheiligen werde. Was nun mich betrifft und dasjenige von meinen persnlichen Reiseerlebnissen, was vielleicht vorher und ganz unabhngig von dem projektirten Werke zur Oeffentlichkeit gelangt, so nthigt mich die tadelnde Aufnahme, welche Herrn Frbel's Nachrichten ber Central-Amerika zu Theil wurden, zu folgenden Bemerkungen. Ich bin Knstler, und habe nur als solcher die Reise unternommen, aus Liebe zur Kunst und aus Freude an wissenschaftlichen Forschungen. Es kann nicht in meiner Absicht liegen Reiseberichte zu schreiben, welche diesen oder jenen Strich Landes in zu gnstigen Farben schildern und welche vielleicht Veranlassung werden knnten, einen greren oder kleineren Theil der Auswanderung nach irgend einem bestimmten Punkt der neuen Welt zu lenken. Der Widerspruch, den oberwhnte Berichte mehrseitig erweckt, beweist klar genug, wie beraus schwer es ist, eine feste Meinung ber irgend ein Land als unbedingt magebend aufzustellen. Das Schicksal des Auswanderers hngt berall von zu vielen Nebenumstnden ab, und durchschnittlich gehen an jedem Platze eben so viele zu Grunde, als andere wiederum den Grund zu ihrer Existenz, zu Wohlhabenheit oder gar zu Reichthum legen, wenn nicht gar der ersteren Zahl die berwiegende ist. Jedenfalls sind stets Personen genug vorhanden, welche triftigen Grund haben, Lob oder Tadel eines Landes, je nach individuellen Umstnden, bertrieben zu finden. Ich werde meine Zeit whrend meines Aufenthaltes in Central-Amerika wohl anderweit bedrfen, als dieselbe mit Entgegnungen von derlei Einwrfen hinzubringen, wenn berhaupt solche mir zu Gesicht kommen sollten, bemerke also im voraus, da das, was ich etwa in dieser Beziehung zu sagen haben knnte, eben nur individuelle Ansichten und Wahrnehmungen sind, die ich unbefangen und wie sie sich meiner unmittelbaren Anschauung darstellen wiedergebe. Sollte ich wichtige Thatsachen zu berhren haben, so werde ich mich bemhen, stets die Quellen anzugeben, aus denen ich geschpft. Bin ich brigens etwa irgendwo im Irrthume, soll mir's lieb sein, wenn sich Jemand findet, der es besser wei und seine Ansicht ausspricht. Was die etwaigen naturhistorischen und archologischen Entdeckungen betrifft, welche whrend der vereinigten Expedition von Herrn Squier und mir gemacht werden sollten, so bemerke ich, da das hier von mir zu Sagende nicht als wissenschaftliche Doctrine anzusehen ist. Dieses Feld bleibt einer geschickteren Feder berlassen als der meinigen, der meines Freundes Herrn Squier. Ich selbst sehe ab von allem und jedem System, wnsche nichts als die Eindrcke wiederzugeben, welche Natur, Menschen und Kunstwerke, als in engster Verbindung mit einander stehend, auf mich als Mensch und Knstler hervorrufen, und fhle mich hierzu veranlat durch die Ansicht, da es Pflicht eines Reisenden in wenig bekannten Lnderstrichen ist, seine Beobachtungen zur Kenntni des Publikums zu bringen, um so, wenn auch nur in einem Minimum, seinen Tribut zum Schatz des menschlichen Wissens beizusteuern. Nebenbei fhle ich mich gegenwrtig hierzu noch besonders durch den Umstand veranlat, da die Schaubhne von Herrn Squier's und meinen Forschungen sich auf einem Theil des amerikanischen Continents befindet, welcher fr diesen Welttheil eine hnliche Bedeutung hat wie Aegypten und Assyrien fr die alte Welt, und ich fhle mich freudig erhoben in dem Gedanken, einen wenn auch noch so kleinen Theil zur Entwicklungs- und Kunstgeschichte des Landes beizutragen, das den Fremden gastlich auf seinem Boden aufgenommen. Weder Hr. Squier noch ich sind die ersten, welche diesen Gedanken erfat: der vorzglichste Pionier der Neuzeit, im erhabenen Sinne des Worts, der groe Humboldt ist es! Viele namhafte Gelehrte und Knstler haben seitdem mannichfaches Licht ber jene Gegenden verbreitet, und die letzten Verffentlichungen Herrn Squier's haben dasselbe vermehrt. Doch noch viel, sehr viel bleibt zu thun brig, und speciell in den Staaten Nicaragua, Honduras, St.Salvador und Guatemala hemmen unendliche Schwierigkeiten die Fortschritte des wibegierigen Sammlers. Wie weit unser Unternehmen dieselben berwinden kann, bleibt Gott anheimgestellt; mgen die Resultate inde sein wie sie wollen, ich werde mich stets dem Schicksal dankbar verpflichtet fhlen, das mir gestattet, meine Thtigkeit mit der eines gleichgesinnten Mannes zu einer so schnen und edlen Unternehmung zu vereinigen. Es scheint mir zuvrderst dienlich einige topographische Mittheilungen in Bezug auf den zuknftigen Schauplatz unseres Unternehmens und seine Verhltnisse zu machen, zu denen ich die Mittheilungen benutze, welche mein wrdiger Freund, Hr. Squier, bereits frher dem amerikanischen Publikum bergeben. Geographisch ist Nicaragua der grte und bedeutendste Theil von Central-Amerika. Es dehnt sich aus von einem Ocean zum andern, und umfat in seinen Grnzen die groen Seen von Nicaragua und Managua, durch welche, wie jetzt einstimmig festgestellt ist, die einzig mgliche Linie fr einen Schifffahrtscanal ber diesen Theil des amerikanischen Continents (Isthmus) fhrt. Die Nordgrnze ist eine unregelmige Linie vom Golf di Fonseca am stillen Ocean zum Cap Gracias a Dios am atlantischen, die Sdgrnze hingegen eine gerade Linie von der Spitze des Golfs von Nicoga zu einem Punkt inmitten der Mndung des San Juan und dem Hafen von Matina in Costarica am atlantischen Ocean. Der Grund und Boden hat ein mannichfaltiges Aeuere und eine unbegrnzte Fruchtbarkeit. Das groe Becken der Seen besteht aus Ebenen und sanft ansteigendem Hgelland, abwechselnd begrnzt und unterbrochen durch hohe steile Vulcane, und bietet alle Produkte der Tropenlnder im reichsten Mae dar. Die nrdlichen Departements Segovia und Choutales sind hher gelegen, gebirgiger, besitzen einen Ueberflu an Metallen und bringen eine Menge Frchte der gemigten Zone hervor; die Temperatur ist vergleichsweise khl und frisch. Die atlantische oder, wie sie zumeist genannt wird, Mosquito-Kste ist im ganzen flach, der fast das ganze Jahr sich ergieende Regen hchst beschwerlich, die Atmosphre drckend hei und weniger zutrglich als in andern Theilen des Staates. Die ziemlich dnne Bevlkerung besteht aus Indianern vom Stamm der Charibs, entlaufenen Negern von den westindischen Inseln und einer Mischlingsrace zwischen beiden. Der grte Theil der Bevlkerung von Nicaragua jedoch bewohnt den Abhang gegen den stillen Ocean hin. Hier ist der Boden nicht nur beraus fruchtbar und leicht zu bearbeiten, sondern auch das Klima unendlich gesnder und angenehmer. Es giebt hier nur zwei Jahreszeiten: die Regenzeit, von Mitte Mai's bis Mitte Novembers, und die trockene, whrend welcher sehr selten Regen fllt. Die Temperatur ist ziemlich gleichmig, etwa zwischen 70 und 82 Fahrenheit, und schwerlich drfte sich eines der Tropenlnder eines angenehmeren Klima's, einer gnstigeren Lage zu erfreuen haben. Der Staat Nicaragua ist in fnf Departements eingetheilt und hat, trotz seiner groen Ausdehnung, eine Bevlkerung von nur 250,000 Einwohnern, die jedoch hauptschlich die Stdte bewohnen. Die Hauptstadt und der Sitz der Regierung ist Leon, mit 25 bis 30,000 Seelen; die zweite Masaya, eine fast durchaus indianische Stadt, bemerkenswerth durch ihre Manufacturen, die dritte Granada, am See von Nicaragua, durch welche ein groer Theil des Verkehrs des Landes ber den See und den Flu St.Juan geht, mit 12 bis 14,000 Einwohnern. Auerdem sind Managua, Sitz der gesetzgebenden Versammlung, und Rivas schon ziemlich bedeutende Pltze. Der nichtindianische Theil der Bevlkerung stammt von den ersten spanischen Eroberern her, und ist an Sitte und Charakter seinem Stammblut ziemlich treu geblieben. Ein nheres Eingehen hierauf behalte ich mir noch einer persnlichen Bekanntschaft mit den edlen Dons und Sennores vor. Der bedeutendste Hafen am stillen Ocean ist der von Realejo, zwischen welchem und St.Francisco sich bereits ein lebhafter Verkehr entwickelt. Zweifelsohne wird Central-Amerika binnen Kurzem fr Californien und das Oregon-Gebiet was die westindischen Inseln fr die Union waren. Zucker, Tabak, Reis, Cacao, Baumwolle, Indigo, Mais und fast alle tropischen Frchte sind in Nicaragua in bester Art wie im grten Ueberflu zu finden, und bieten Millionen fleiiger Menschen noch reichliche Quellen des Lebensunterhaltes dar. Eine ungeheure Anzahl von Hornvieh ist vorhanden, und Hute, Indigo, Kaffee und kostbare Nutzhlzer bilden den Haupt-Export. Die Verfassung von Nicaragua ist entschieden liberal, und die freundschaftlichsten Gesinnungen fr die Vereinigten Staaten berall und durch alle Classen der Bevlkerung vorherrschend; berall sprechen sich Gte und Gastfreundlichkeit aus. Die Regierung besteht aus einem obersten Director, alljhrlich whlbar, einem Haus der Reprsentanten und einem Senat, letzterer fr zwei Jahre, ersteres fr ein Jahr whlbar. Die ersten Staatsbeamten in San Salvador und Honduras sind Prsidenten benannt. Seit der Eroberung von Californien ist der Plan fr Erffnung einer directen Canalverbindung zwischen dem atlantischen und stillen Ocean, ber San Juan und den See von Nicaragua, nicht nur erneuert worden, sondern man hat sich auch ernstlich mit seiner praktischen Ausfhrbarkeit beschftigt; eine groe Menge Contracte sind bereits darber aufgesetzt worden, leider aber noch keine Resultate erfolgt. General Taylor war sofort nach seiner Prsidentenwahl auf das Lebhafteste mit diesem wichtigen Unternehmen beschftigt, und eine der ersten Handlungen seiner Verwaltungsperiode war die Absendung einer Spezial-Gesandtschaft in der Person des Hrn. Squier nach Nicaragua, mit Vollmacht in Unterhandlung mit diesem Staat zu treten. Eine Compagnie bildete sich in New-York unter dem Namen: =The American Antlantic and Pacific Canal Company= im August 1849, und im folgenden September unterzeichneten Hr. Squier und die Bevollmchtigten von Nicaragua den (am 27. d.M. auch von der Regierung dieses Staates ratificirten) Vertrag, welcher die Neutralitt dieses Canals, freien Durchgang jedes amerikanischen Brgers und seines Eigenthums durch denselben fr ewige Zeiten garantirt, ingleichen die unbeschrnkte Freiheit aller Hfen des Landes, und selbige Bestimmungen sollten auf alle Nationen, welche spter dem Vertrag beitreten wollten, ausgedehnt werden. Dieser Vertrag wurde vom General Taylor geprft und dem Senat der Vereinigten Staaten zur Ratificirung bersendet; es ist jedoch bis jetzt nichts weiter in dieser Sache gethan worden. Ebenso erfolglos ist ein spter zwischen Hrn. Clayton, Staatssecretr der Vereinigten Staaten, und Sir Henry Bulwer, Gesandten Ihrer grobritannischen Majestt, entworfener Vertrag zum Zweck der Zusicherung gegenseitigen Schutzes beider Nationen fr jeden Communicationsweg, welcher je ber diesen Continent erffnet werden wird, geblieben, und hier mag wohl das Haupthinderni in den Territorial-Ansprchen liegen, welche England unter dem Namen eines Protectorats auf das Reich des ziemlich imaginren Mosquito-Knigs, und mithin auf die in dessen Grnzen gelegenen Mndung des San Juan, erhebt. Was nun aber die Hauptsache, d.h. den projectirten Canal selbst betrifft, so wrde nach der Schtzung des Hn. Squier, laut officiellem Bericht an das Staatsdepartement, die ganze Lnge der vorgeschlagenen Wasserlinie betragen: =a)= Lnge des San Juan-River 90 =Miles=, =b)= Lnge des zu passirenden Theils des Sees von Nicaragua 110 " =c)= Lnge des Tipitapa-River 18 " =d)= Lnge des Sees von Managua 50 " =e)= Vom See nach Realejo 45 " ------------- 313 =Miles=, oder nach Wegfall der 160 Miles =sub b= und =d= -- 153 Miles eigentlicher Flu- und Canalfahrt. Aber auch von dieser Summe wrden noch 25 Miles wegfallen, wenn man die Canalmndung nach Tamarinda verlegte. Einige andere Projecte lasse ich unerwhnt. Schon vor dem Jahr 1838 hatte Herr Bailey, englischer Officier in Halbsold, im Auftrag der central-amerikanischen Regierung einen hnlichen Plan ausgearbeitet, und dessen Kosten auf 20 bis 25 Millionen Dollars veranschlagt -- eine Summe, welche, der Wichtigkeit und Groartigkeit dieses Unternehmens gegenber, nur gering erscheint, und deren Aufbringen, wenn nur erst obige Hindernisse beseitigt wren, gewi keine so groe Mhe erheischen wrde. Geschieht dies aber, so verwirklichen sich nach drei und einem halben Jahrhundert die Plane, welche unausgesetzt den Geist eines der grten Mnner seines Jahrhunderts, Christoph Columbus, beschftigen, deren Ausfhrung sein Leben geweiht war, und an deren Verwirklichung er noch in seinen letzten Jahren gearbeitet. II. Abreise von New-York. -- Die Brig Rogelin. -- Ansicht von Haiti. -- Eintritt in die Wendekreise. -- Unbewohnte Insel. -- Mosquitokste. -- San Juan di Nicaragua. -- Deutsches Gasthaus. -- Lebensweise. San Juan de Nicaragua, 19. Jun. 1851. Am 28. Mai 1851 frh 9 Uhr lichtete die Brig Rogelin die Anker, und mit einer leichten Sdsdwest-Brise glitten wir den Hudson hinab ber die Bay von New-York. Das Land, das bei seinem ersten Anblick solch angenehmen Eindruck auf mich gemacht, dnkte mir jetzt, beim Scheiden auf unbestimmte Zeit, noch einmal so lieblich. Die freundlichen Ufer von New-Jersey, der Castle-Garden, dessen Bume sich eben mit dem frischen Frhjahrsgrn geschmckt hatten, Staten-Island mit seinen reizenden Landhusern, wo ich noch den letzten Tag in Gesellschaft von Freund Schmidt und seiner lieben Familie verlebt -- alles schien mir ein freundliches Lebewohl zuzurufen, und als das schne Glockenspiel von Trinity-Church aus der Ferne herber klang in wohlbekannter Weise, war mir's als ob der Freund des Freundes Hand noch wrmer drckt, wenn er sie lassen soll. Unsere Brig war just nicht grer als nthig um auf der See nicht zu sehr beengt zu sein; Passagiere waren auer mir nur einer, Hr. D., welcher nach Segovia zurckkehrte, wo er mit einem Compagnon eine Silbermine betreibt, unser Capitain, ein gemthlicher Neu-Englnder, beides Leute mit denen es sich gut einige Wochen aushalten lie, mithin keine schlimmen Aussichten. Das einzige Ungemach das ich zu leiden hatte, war eine sehr kurze bewegte See, die mich whrend 36 Stunden recht unangenehm seekrank machte, nachdem ich aber recht weidlich H. Ulrich um Hlfe angeschrieen, kehrte mein Wohlbefinden zurck, und hat mich bis zur Landung nicht verlassen. Am 1. Junius durchschnitten wir den Golfstrom mit Nordost, und befanden uns schon am 4. sdlich vom Cap Henry, doch hielten uns von da widrige Winde und Windstille auf bis zum 11. Morgens, wo uns ein heftiger Sdost-Sturm bei Turks-Island, bekannt durch seine Salzfabrication, in den Handkerchief-Pa der westindischen Inseln trieb. Um Mitternacht war stlich abermals Land sichtbar, und bei Sonnenaufgang waren wir in Sicht der Nordwestspitze von Haiti -- eine Ansicht von langgestreckten Berglinien, unterbrochen von einigen Spitzen, hnlich den Bergen am Lake Champlain und in Bhmen. So weit durch das Glas erkennbar, waren die Berge mit kurzem Gestruch bedeckt, hie und da Gruppen von groen Bumen, stellenweise felsiges Gestein, am Fu der Berge ein langer flacher Landstrich, theils Sand, theils mit Gebsch bedeckt, bewohnte Pltze nirgend sichtbar. Am 12. Jun. waren wir westlich vom Cap Donna Maria, welches mit hohen schnen Gebirgen bedeckt ist, deren hchste Spitze, gegen 6000 Fu, ganz in Gewitter eingehllt war. Mit dem Eintritt in die Wendekreise erffnet sich dem beobachtenden Freund der Natur eine neue Welt. Die bekannten Sternbilder des heimathlichen nordischen Himmels verschwinden allgemach, und neue fremde Sterne strahlen herab aus dem tiefblauen Aether. Die senkrecht herabfallenden Sonnenstrahlen brennen hei auf den Scheitel, whrend der Schatten des Haupthaares sich auf den Fen zeichnet, und die so beleuchteten Gegenstnde mit ihren scharfen Reflexen ein seltsames fremdartiges Ansehen erhalten. Das Meer bedeckt sich des Morgens und Abends mit einem schweren Dunst, und die Sonne sinkt als ein dunkelglhender Feuerball hinab. Fremdartig gestaltete Seevgel lugen neugierig nach dem einsamen Segler, und lassen sich oft auf den Raaen des Schiffes nieder. Schlafende Riesenschildkrten sonnen sich trg in der Mittagshitze, bis Schaaren fliegender Fische, verfolgt von ihrem grimmen Feind, dem Delphin, sich mit groem Gerusch ber das Wasser erheben und bald wieder in dasselbe zurckfallen, whrend des Menschen Feind, der gefrige Hai, dem Lauf des Schiffes folgt, sein Opfer zu ersphen. Die dunstige Atmosphre giebt den fernen Gebirgen eine zarte violettgraue Farbe, ist aber auch Ursache, da diese Kstenstriche fieberisch und ungesund sind. Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, da mir noch so vieles Wissen mangelt. Eine genauere Kenntni der Astronomie wrde mich in den Stand gesetzt haben in den schnen klaren Nchten ntzliche Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die astronomischen Berechnungen der Lngen- und Breitengrade mitzumachen. Sdwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefhr zwei Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nhe davon berfiel, machte eine Landung auf einer Dne an der Westseite der Insel mglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefhr in der Hhe von 100 bis 120 Fu, bedeckt mit kurzem Gestrpp. Mven, Seeraben, Boobees, Seeschwalben und Strandlufer verdunkeln die Luft und erfllen sie mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vgel ist annhernd nur mit den ungeheuern Taubenzgen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen Seen kreuzen, und sie umschwrmen den Menschen, dessen fremdartige Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflt, gleich Mckenschwrmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schieen, fand dies aber unnthig, da unsere Matrosen die Vgel mit Knppeln und Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen sprliche Grser sproten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der Vgel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstblich von Fischen. Leider war es nicht mglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen, denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige Rckkehr nthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es schon fr unser Boot unmglich machten lnger See zu halten. Die eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns kstlich. Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte, frderte unsere Reise trefflich, so da wir schon am 14. Morgens weit sdwestlich von Jamaica waren. Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Strmen begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert wrden. Dazu peitscht ein mchtiger Wind die Wogen, da sich die Masten, trotz der wenigen Leinwand, gleich dnnen Gerten biegen, und eine neue Sndfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen. Wegen der groen Nhe der Kste und der vielen kleinen Inseln und Riffe war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stie uns kein weiterer Unglcksfall zu, als da durch das von der groen Hitze leck gewordene Deck eine Menge Wasser hereinstrmte, das uns unsere Cojen und einen Theil unseres Gepcks jmmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere fr das Daguerreotyp nthige Chemikalien mir verdarben -- ein Verlust den ich jedoch dadurch auszugleichen hoffe, da ich umgehend Nachricht an Hrn. Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschfte in New-York zurckgehalten, in der Mitte nchsten Monats gleichfalls hieher abreisen wird. Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewhrten einen beraus lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in frischem Grn prangenden Hgeln und kleinen Gehlzen mit Cocospalmen durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Kste unsern Augen. Langgedehntes Hgelland, nach der See das Ufer ganz flach, berall jedoch in der ppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord, und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe verlie. Ich mute lcheln als auf unsere aufgehiten Sterne und Streifen von der Kste die Flagge des imaginren Mosquitoreiches uns Antwort gab, blau und weigestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz auf weiem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und als nach wenigen Minuten uns beide verlieen, machte ich von ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu gehen. San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Englnder in der Neuzeit getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4 bis 500 Einwohnern, von denen drei Fnftel Indianer oder Neger sind. Es liegt an der Mndung des St.Juan Flusses an einem ungesunden Platz, und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem eben nicht mehr niedergehauen ist als nthig um den jmmerlichen Schilfhtten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhuser der neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc. beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles weiter hin an der Kste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos (Fluboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich gerumigen Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke zunchst der des Knigs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten Negersoldaten. Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn. Wiener fr 1 Doll. tglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo bekommen kann um den Flu hinaufzureisen, nach besten Krften die Zeit mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelblgen und Reptilien und der Alligatorjagd, damit ich die Rckfahrt unseres Schiffes nach New-York bentzen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurckzuschicken. Hoffentlich wird mein Aufenthalt mglichst kurz sein, denn einestheils wnsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils brenne ich vor Begierde mich recht grndlich mit dem Studium der tropischen Natur, von der die Kste nur einen schwachen Abglanz bietet, in Granada zu beschftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe, und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer Prometheus, der in diesen Tagen ankommen mu, mag diesen Brief, den ersten aus so groer Entfernung, mitnehmen, der nchste wird aus Granada datirt sein, und euch Nheres ber meine Flureise berichten, die jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein Befinden ist bis jetzt auerordentlich gut, und soll's, so Gott will, bleiben, da ich eine sehr strenge Dit beobachte, auch in Hinsicht der Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln der Vorsicht befolge. III. Vorbereitungen zur Flufahrt. -- Das Bungo. -- Abreise von San Juan. -- San-Juan-River. -- Clima. -- Fruchtbarkeit. -- Die Machuca-Rapids. -- Verunglckte Tigerjagd. -- Unwetter. --Aerztliche Hlfe. -- Castillo Viego. -- Prophezeihung. -- Der Wundarzt wider Willen. -- San Carlos. -- Douane. -- See von Granada. -- Ankunft in Granada. -- Gastfreundlichkeit. -- Jahresfeier des 4. Juli. Granada de Nicaragua, 6. Juli 1851. Ich habe euch, meine Lieben, jetzt schon ber 14 Tage in St.Juan, wo ich am Schlu meines letzten Briefes von euch Abschied nahm, sitzen lassen, und erlse euch jetzt mit um so grerem Vergngen, als der dortige Aufenthalt keineswegs ein angenehmer war. St.Juan liegt an der Mosquitokste im wahren Sinne des Worts, urtheilt darnach. Gegenber der Mndung des San Juan und einer ziemlich guten und gerumigen Rhede, von der inde ein Theil versandet, streckt sich eine Reihe jmmerlicher Rohrhtten hin, mit den frher erwhnten Bretterhusern neueingewanderter Handelsleute dazwischen. Mit Ausnahme eines kaum einen Bchsenschu breiten Sandstriches an der Kste, ist dem Urwald kaum so viel Raum abgewonnen als fr die Huser nthig; daher giebt es keine mannichfachen Spaziergnge, da der ringsum dicht verwachsene Wald keinen andern Pfad erlaubt als den man sich selbst mit der Macheta (Messer) durch die Schlingpflanzen haut. Hinter dem Ort liegen einige kleine Teiche (=lagunas=), welche am obern Ende leicht mit dem Flu, am untern mit der See eine gute Abkrzung der Canallinie bilden knnten, da sie hinreichende Wassertiefe besitzen sollen. Wie ich bereits erwhnt, nahmen mich Capitain F., der Hafencommandant, und Capitain J., Commandant des Schooners, mit cht britischer Gastfreundschaft auf, die mir die wenigen angenehmen Stunden bereitete, die man berhaupt in diesem Ort verleben kann. Da die amtliche Stellung dieser Herren mich nicht direct berhrte, war mir's um so mehr vergnnt, mich ihrer gastfreundlichen Gte zu erfreuen. Capitain J. holte mich mehrfach mit seinem Gig ab, um in der Bay und auf dem Flu Alligatoren zu jagen, und neben mehreren kleinen hatten wir eines Tages das Glck einen groen alten Burschen von 16 Fu zu erlegen, den ich im Sand vergrub, um bei der Heimkehr das Gerippe mitzunehmen. Da keine einzelne Passage nach Granada zu bekommen war, so benutzte ich das Anerbieten des Herrn Ligaud, eines bei St.Juan ansssigen Franzosen, und miethete im Verein mit meinem frheren Reisegefhrten ein ganzes Bungo (Fluboot) zum Preis von 100 Dollars, das wir mit Fracht beluden, und bestiegen mit noch zwei Amerikanern aus Granada als Passagiere das Boot. Ein solches Bungo ist von ziemlich roher Construction, oft groentheils aus einem einzigen Stamm gehhlt, grere jedoch aus Planken gefgt, doch wegen der schwer zu passirenden Stromschnellen ziemlich fest gebaut. Der unsrige war ungefhr 50 bis 55 Fu lang, bemannt mit 9 Bootsleuten und dem Patron. Letzterer steht auf einer Art kleinen Quarterdecks, und hlt in reitender Stellung das Steuer zwischen den Fen, da in den Stromschnellen das Boot mit Hlfe langer Stangen regiert wird. Die Bootsleute fhren Ruder von etwa 15 Fu Lnge, stehen bei jedem Schlag auf und hngen sich rckwrts gelehnt mit der ganzen Schwere des Krpers an das Ruder, wobei sie jedesmal mit dem Sitztheil derb auf den Rudersitz aufstoen. Die Passagiere befinden sich unter einem kleinen Dach im Hintertheil des Bootes, und liegen auf ihren Koffern, da der Raum unter den Ruderbnken fr Frachtgter benutzt wird. Da wir im Boot querber liegen muten, hatten wir viel Ungemach auszustehen, besonders ich, da das Boot nur 5 Fu breit, ich aber thatschlich 6 Fu lang bin. * * * * * Am 23. Junius stieen wir vom Ufer und kreuzten die Bay nach der Flumndung hin. Die schweren Regenwolken hatten sich etwas zertheilt, und die glhende tropische Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen den ersten Schritt meiner Reise ins Innere. Unsere Freunde winkten uns vom Ufer ein Lebewohl, und als das Kriegsschiff den Abendschu abfeuerte, antworteten wir durch eine Salve unserer Feuerwaffen (Flinten und Pistolen waren Alles in Allem nicht mehr als 34 Lufe an Bord). Nur eine kurze Strecke fuhren wir den Flu hinauf, dann nthigte uns die, in den Tropen sofort nach Sonnenuntergang hereinbrechende Dunkelheit Anker zu werfen. Die Hitze trieb mich aus der kleinen Cajte, und ich lagerte auf dem Dach, whrend die Bootsleute, jeder auf seinem Rudersitz, in die Decke gewickelt schliefen. Die Nacht war hell, und mein Auge schweifte in den unbekannten neuen Sternbildern umher, bis es auf dem sdlichen Kreuz, dem einzigen traditionell bekannten Sternbild, haften blieb; die Gedanken aber schweiften weit hinber in die deutsche Heimath, an der, obschon getrennt von ihr, mein Herz mit warmer Liebe und dankbarer Rckerinnerung frohverlebter Jugendjahre hngt. Ich entschlief erst spt, doch trieben mich schon frh Moskitos und Thau, der mich trotz meiner Regendecke ganz durchnt hatte, auf, noch ehe die Indianer ihre Morgengebete fr glckliche Reise sagen. Giftige Nebel machen die Flureise gefhrlich, und sind Ursache, da die Flumndungen Fieber und Tod aushauchen. Die Ufer sind mit dichten, ewig feuchten Waldungen bedeckt, die von gefhrlichem Gewrm angefllt sind, und des Nachts tnt das klgliche Geheul des Schakals, zu dem oft das Gebrll des Jaguars kommt, widerlich ins Ohr. Im Flu lauert der grimme Kaiman, versteckt im Wasser oder hohem Gras auf seine Beute, und manch argloses Thier, Trank oder Khlung suchend, wird vom Schlag seines Schuppenschwanzes niedergestreckt, whrend in der Hhe der Bume selbst die Boa Constrictor manchen possierlichen Affen berfllt, oder einen brtenden Vogel in der Vertheidigung seines Nestes wrgt. Die Vegetation ist so beraus ppig, da nur an wenigen Stellen des Ufers eine Landung mglich ist; deshalb pflegt man nur einmal des Tages zu kochen, was wegen des feuchten Holzes zwei Stunden Aufenthalt verursacht. Bei jedem Schritt versperrt dichtes Gestruch und Lianen den Weg, den man oft genug sich mhsam durchhauen mu. Der Boden jedoch ist von der fruchtbarsten Beschaffenheit, und wird, hat sich erst die Cultur Bahn gebrochen, die ergiebigsten Ernten liefern. Nur wird das Loos der ersten Ansiedler ein hartes sein, da der Nordlnder das Klima erst gewohnt werden mu. Zu trinken hatten wir nichts als das schmutzige warme Fluwasser. Die whrend des Tages auerordentliche groe Hitze veranlat oft Alles ber Bord zu gehen, um sich so viel als mglich im Bad zu erfrischen, und die nackten Zambos (Mischling von Indianer und Neger, ein schner und starker Menschenschlag) springen oft ganz vom Schwei triefend ins Wasser, ohne ble Folgen zu spren. Wir ankerten an der Mndung des Colorado, eines Arms des San Juan, der sdlich entweicht, und hier drfte ein Damm fr den Canal nthig werden, um durch die groe Wassermasse, die hier verloren geht, die hinderlichen Triebsandbnke zu entfernen. Hier ist eine der schnsten Flustellen: Bume von 150 Fu in den schnsten Formen decken die Ufer, gekleidet in saftiges Grn, geschmckt mit gelben, violetten und rothen Blthen. Riesenhafte Schlingpflanzen, oft von der Dicke eines jungen Baumstammes, winden sich in die hchsten Gipfel, von wo sie sich wieder bis zum Wasserspiegel herabsenken; Schwrme buntgefiederter Papageien durchkreuzen die Luft nach allen Richtungen, whrend Massen der verschiedenartigsten Reiher (ich zhlte deren dreizehn Gattungen) und mannichfache Specimen von Affen vorkommen, und von Insecten eine wahre Flle vorhanden ist. Da es mir an Schrot fehlte, zerschnitt ich mit vieler Mhe einige Pistolenkugeln und tdtete mehrere Vgel, deren Blge ich aufbewahrte. Gar zu gern wrde ich mehr sammeln, da aber die Transportmittel sehr schwierig und mithin theuer sind, habe ich keine Hoffnung diese wissenschaftlichen Schtze mit mir nehmen zu knnen. Den 26. passirten wir den Serapique-River, am 27. den San Carlos-River, beide von Sden kommend und sich mit dem San Juan verbindend. An letzteren werden die ersten Berge sichtbar, und die Moskitos waren weniger hufig, mir sehr angenehm, da ich kaum mehr einen Finger bewegen konnte, so geschwollen und zerstochen war ich. Mehrere Arten wilder Enten kamen vor, bis zur Gre einer Gans, und ich sah hier zum erstenmal Enten auf Bume fliegen. Wir verspeisten einige, welche das groe Blei meiner Bchse zu sehr zerrissen, und fanden sie hchst schmackhaft, weniger jedoch die Affen, die wir auch kosteten, jedoch den Bootsleuten berlieen, zu ihrer groen Freude, da die Nahrung dieser armen Leute lediglich aus Reis und Bananen besteht. Schwalben, gelbe sowohl als ganz kleine graue, beraus niedliche, groe rothe Arras (=Lappes=) mit blauem Schweif und Flgeln waren gleichfalls sehr hufig. Ich tdtete einen Congo (Brllaffen) von der Dimension eines Hundes mittlerer Gre, der ein sehr lautes brllendes Geschrei erhob, derselbe ward jedoch von den Indianern als nicht ebar bezeichnet; sie ziehen den groen rothen langgeschwnzten Affen (Migo) vor. Am 28. brachen wir ungewhnlich frh auf, um die Machuca-Rapids zu passiren, aus Stromschnellen von drei Miles Lnge bestehend, sehr beschwerlich und sogar gefhrlich, da das Wasser sehr starken Fall hat und ber groe Felsstcke geht. Zwei Boote, welche uns folgten, vereinigten sich mit uns, eines der Boote nach dem andern herber zu bringen, wozu immer 20 bis 25 Mann nthig waren, und womit wir erst am Abend zu Stande kamen, so da wir an diesem Tage nicht ber vier Miles zurcklegten. Whrend die Boote ber die Flle gebracht wurden, ging ich ans Ufer einen wilden Truthahn zu schieen; als ich in kurzer Entfernung auf einen groen Puma (Tiger) stie, der, niedergekauert liegend, feindselig knurrte und mir mit seinen grnglnzenden Augen Liebesblicke zuwarf. Obschon man sagt, da der centralamerikanische Tiger in der Regel Menschen nicht angreift, so wute ich doch nicht, wann gegenwrtiger zuletzt gefrhstckt hatte, und schnell ri ich die Bchse an den Backen. Doch die Begierde, das schne Fell zu erlangen, lie mich zu unbedachtsam feuern, und meine Kugel zerschmetterte ihm das linke Schulterblatt. Heulend warf sich die Bestie ins Gebsch, und ich, ein Pistol ziehend, rasch hinterdrein. Auf dem schlpfrigen Boden strauchelnd, blieb ich mit dem Fu in einer Liane hngen, und zu Boden strzend entlud sich mein Pistol, whrend mein werthes Ich sich im Koth der jungfrulichen Wlder abdrckte. Weitere Verfolgung erwies sich als nutzlos, und ich kehrte zum Boot zurck, da dumpf rollender Donner einen Hurican verkndigte. Kaum angelangt, brach das Wetter los, und heftige Donnerschlge, wie der Schall vieler Kanonen, schienen die Grundvesten der Erde erschttern zu wollen, whrend alle Schleuen des Himmels ihre Wasserstrme auf uns herabsendeten. Ein zufllig auf dem Deck stehender Blech-Eimer diente mir als Regenmesser, und zeigte in einer Viertelstunde 14 Zoll Wasser. Wir waren gerad an einer schwierigen Stelle der Flle, und 20 Mann muten ins Wasser das Boot weiter zu bringen, whrend der Rest der Mannschaft vom Boote aus mit langen Stangen nachhalf. Ein Blitz, der kurz vor dem Boot einen ungeheuern Baum zusammenschlug, vollendete die Verwirrung, die anfing gefhrlich zu werden, da Alles durcheinander schrie und lrmte. Der Patron betete zu St.Antonio, die Amerikaner fluchten und suchten die Indianer mit gezogenem Pistol oder Knppel zu neuen Anstrengungen anzutreiben, und ich brauchte das wenige Spanisch, das ich wei, und schrie: =Agua ardiente! Agua ardiente!= (Schnaps), welches Alles zusammen denn auch seine Wirkung that, gleichviel nun, ob St.Antonio, die Prgel oder der versprochene Schnaps, den ich von dem fr die Insecten und Reptilien mitgenommenen Alkohol austheilte, geholfen hatte. Ich mu bemerken, da St.Antonio, welcher fr die Machuca-Rapids eine besondere Gltigkeit haben soll, jedenfalls ein unangenehmes Amt bekleidet. Ich wenigstens wrde die Patronschaft ablehnen, mte ich den ganzen Tag Boote ber diese verwnschten Stromschnellen bringen. Im letzten Rapid liegt das Wrack eines amerikanischen Dampfbootes, das, fr die See bestimmt, jetzt durch ein anderes ersetzt worden ist. (Dieser Steamer war wahrscheinlich dem St.Antonio, der nur das Bungo gewhnt ist, zu schwer, deshalb lie er ihn sitzen.) In der folgenden Nacht hatten wir arg zu leiden von dem vielen Regenwasser, das, in das Boot gedrungen, die Hute, mit denen die Waaren bedeckt, aufgeweicht hatte, was einen pestilenzialischen Geruch verursachte. Ueber die Cajte hatte ich eine groe Gummidecke gebreitet, die als Frachtstck mitging und uns selbst wenigstens trocken hielt. Wir sahen hier Herrn Cropsey, Ingenieur des Canals, welcher ein auf ein Boot befestigtes Haus bewohnt und lngs des Flusses die vorbereitenden Arbeiten leitet. Er war sehr erfreut in der Bootsladung fr ihn bestimmtes Fleisch, Mehl, Branntwein und Kaffee zu finden, denn in einer Lnge von 90 Miles ist gar nichts zu bekommen, da der ganze Flu unbewohnt ist. Einer der Passagiere ward heftig vom Fieber geschttelt, alle waren unwohl, doch brachten einige meiner mitgenommenen Aloepillen eine erwnschte Aenderung bei Allen hervor, mit Ausnahme des Fieberkranken, der durch einen am Morgen hinzugetretenen Schlaganfall sich sehr bel befand. Doctor Gescheidt's Geschenk, eine Lanzette, leistete mir beim Aderla, den ich an ihm vornahm, gute Dienste, und er befand sich bald besser darauf. Bis zu den Rapids Castello Viejo ist stilles Wasser von gehriger Tiefe, ebenso oberhalb derselben bis zum See, so da die grten Mississippi-Boote bequem gehen knnen, nur werden die Rapids ziemlich bedeutende Schleuenbauten erfordern. Im ganzen Flu ist jedoch kein greres Hinderni als solche, die im St.Lawrence-Flu schon mit groer Leichtigkeit berwunden worden sind, nur ist hier die groe Schwierigkeit, da die Eingebornen schlechte Arbeiter und bei jeder ihnen unbekannten Arbeit unbrauchbar sind, und Arbeiter aus dem Norden haben anfnglich viel vom Klima zu leiden. Am 29. Junius langten wir im Castello Viejo an. Auf der Spitze eines kleinen Hgels liegen die Trmmer des alten Castells und beherrschen die kurzen, aber sehr heftigen Stromschnellen; es wurde jedoch von den Briten 1848 belagert und geschleift. Mit vieler Mhe hieb ich mir einen Weg zum Gipfel nach den Trmmern, die in schon so kurzer Zeit ganz von der Alles berwuchernden Vegetation bedeckt sind; da wo noch vor vier Jahren die Kanonen ber die Geschtzbettungen donnerten, stehen schon groe Bume. Die grte Sicherheit des Platzes bestand in dem Mangel an Raum zu Errichtung feindlicher Batterien, fr die erst der Wald niedergehauen werden mute. Das Fort selbst besteht theils aus Felsen, theils ist es aus einer Art Porphyr, theils aus Ziegelsteinen gemauert. Seine gegenwrtige Besatzung besteht nur aus Fledermusen, von denen ich in den Casematten mehrere nach mnnlichem Kampfe erlegte, andere fing. Sie waren den nordischen Fledermusen hnlich, und hatten durch einen aufrecht stehenden Hautlappen ber der Nase das Aussehen eines Nashorns. Farbe ganz schwarz, Krper haarig, fnf Zehen, an den Flgeln kleine Haken, Zhne auerordentlich gro, beinahe so lang wie die obere Kinnlade. Einige alte spanische Geschtze liegen im Schutte begraben. Am Fu des Castells liegt ein Rancho (Rohrhtte). Hr. W., ein Agent der Canalcompagnie, ist mit einer Anzahl Indianer beschftigt einen Landungsplatz fr das Dampfboot zu bauen. Er klagte sehr ber die Schwierigkeit, die Indianer zu guten Arbeitern zu machen. Mit Ausnahme einiger Aexte, die von der Compagnie geliefert wurden, bedienen sie sich lediglich der Macheta. Dies ist ein Messer, welches, je nach der Sitte des Landes, von der Gre eines langen Dolches bis zu einem sehr schwerflligen Sbel anwchst, und zum mannichfachsten Gebrauch dient. Man haut damit sein Holz, baut ein Haus, was jedoch bei diesen Rohrhtten nicht viel sagen will, schneidet Fleisch und braucht es als Waffe. Die Indianer hackten damit nach Anweisung am Holz herum, und schienen sich zuletzt selbst zu wundern, wenn ein Stamm zurecht gehauen war. Es wird bald der Plankenweg fertig sein, und eben ein solcher an den Machuca gebaut werden. Als ich von San Juan abging, war eben eines der kleinen eisernen Dampfboote angelangt, und man arbeitete an dessen Zusammensetzung; zwei andere folgen nach, und es wird in jeder der drei Hauptabtheilungen des Flusses eines gehen. Wird der Flu angesiedelt, so werden jedenfalls an diesen Pltzen zuerst Drfer entstehen. Bald vielleicht wird sich ein American-Eagle-Hotel oder Independence-Hotel erheben und diesem fruchtbaren Boden eine Ernte abgewonnen werden. Zwischen beiden Bootsleuten entspann sich ein Streit, und dem einen ward mit der Macheta ein Stck aus dem Backen gehauen. In den Augen der Indianer ist jeder weie Mann ein Doctor; durch meine Purganzen und Vomitive, sowie durch den Aderla war die Thatsache noch mehr festgestellt, und jetzt mute ich =nolens volens= des Mannes Backen zusammenflicken. In Ermangelung chirurgischer Nadeln legte ich ihm mit einer gewhnlichen Nhnadel Heftlcher an. Der arme Teufel stand viel Schmerzen aus, doch flickte ich ihn bel und bs zusammen, und pappte schlielich ein Heftpflaster darber; wenn die Backe schief heilt, ist's nicht meine Schuld. Lieb wre mir es aber doch, wenn meine chirurgischen Kenntnisse nicht zu arg auf die Probe gestellt wrden. An diesem Platze waren wiederum Moskitos und Bremsen, deren Stich wie Feuer brennt, sehr lstig, daher setzten wir so schnell als mglich unsere Reise auf dem jetzt ruhiger flieenden Flu mit gnstigem Fahrwasser fort. Ich berraschte einen Kaiman im Gras schlafend, und scho ihn durch das Blatt; er suchte noch das Wasser zu gewinnen, doch kam ich ihm zuvor, und stach ihn zweimal mit der Macheta in die Weichen, wobei er mich mit einem Schwanzschlag in das Wasser warf. Ehe ich wieder im Trockenen war, hmmerten schon die Indianer auf seinem Kopf herum, und ich konnte nur das Gebi retten. Es war ein Weibchen, ma 11 Fu und hatte im Magen ein ganzes Hirschkalb. Die Fluufer sind hier flach und wie berall der Boden hchst ppig. Am 30. Mittags langten wir im Fort San Carlos an. Hier stand frher gleichfalls ein groes Fort, das die Mndung des Sees beherrschte, aber von den Englndern Ausgangs des verflossenen Jahrhunderts in Trmmer gelegt ward, in welcher Action der junge Nelson als Midshipman eine seiner ersten Waffenthaten verrichtete. Das jetzige Fort besteht aus einer verfallenen Schanze, auf derselben ein Haus fr ein bis zwei Dutzend Soldaten, ein etwas besseres fr den Commandanten. Neben der Flagge von Nicaragua steht eine alte vom Rost zerfressene Kanone (etwaige Schmugglerboote aufzuhalten) auf einer Laffette, deren Rder aus einem quer durchgeschnittenen Stamm bestehen. Beim Abfeuern dieses Geschtzes sehe ich weniger Gefahr fr den Feind als fr den Artilleristen, der es loszubrennen hat. Einige Dutzend Kugeln rosten im Gras, doch liegen demontirt auch einige schne bronzene 32-Pfnder mit der Jahreszahl 1618 im Sand. So gnstig auch dieses Fort fr die Vertheidigung liegt, so wrde es doch in seinem jetzigen Zustande von zehn derben Leuten mit Leichtigkeit zu nehmen sein. Die am Fort liegende Ortschaft war lange ganz verlassen, doch sind jetzt wieder einige Dutzend Rohrhtten erbaut, und bei eintretendem lebhaften Verkehr wird dieser Ort jedenfalls ein wichtiges Settlement werden; in seinem jetzigen Zustand jedoch kann es fglich mit San Juan gleichgestellt werden. Hier ist die Douane der Republik Nicaragua, welche die Reisenden sehr qult, denn die kleinste Kiste mu ausgeladen und untersucht werden. Ich machte hier zuerst von meinen Papieren Gebrauch, und erlaubte nicht da man mein Gepck berhrte. Die Douanenbeamten, sei's weil sie nicht verstanden oder verstehen wollten, gaben sich inde nicht zufrieden und wollten selbst ausladen, da erschien der Douane-Inspector und der Commandant des Forts. In San Juan hatte eine Auction stattgefunden, in welcher unsere Schiffsgesellschaft, fr den Fall, da wir den 4. noch auf dem Flu oder See sein sollten, einen Korb Champagner erstanden. Als die beiden Herren erschienen, nahm ich eine Flasche, legte sie an den Backen, und scho den Pfropfen auf den Douane-Inspector ab, dem Commandanten meine Beglaubigung gebend. Durch beides zufrieden gestellt, leerten wir diese und noch eine Flasche auf unser gegenseitiges Wohl, whrend welcher Zeit der Hafencommandant sich entschuldigte, da er meinen Salutschu mit dem Champagner, wegen sprlicher Munition aus seinen Geschtzen nicht erwiedern knne. Als die Fracht die Douane passirt hatte, schieden wir mit gegenseitigen Achtungsversicherungen. Die Fahrt ber den See, welche 110 Miles betrgt, begann wieder des Abends, allein ein ungleich lieblicherer Anblick bot sich mir, als beim Beginn der Reise. Die ungeheure Wasserflche, nach vorn den Horizont bildend, wird rechts und links begrnzt von schnen Gebirgen, und whrend links die groe Gebirgskette sich nach Costarica hinabzieht, erheben sich inmitten des Sees die Gipfel der beiden groen Vulkane des Ometepa-Islands majesttisch in die Wolken. Links, sdlich, sind die Mndungen des Rio Frio, umkrnzt von ppigem Pflanzenreichthum, whrend Baumgruppen ganz berset von Purpurblthen sich rechts erheben. Ein von Norden heraufziehendes Gewitter erfllte die Luft mit imposanten Wolkenformen, whrend die abendliche Spiegelung derselben den See in reiche Farbenpracht kleidete. Unser Boot gleitete unter seinem rmlichen Segelwerk leise im Abendwind dahin; als jedoch das Gewitter in gewohnter Heftigkeit losbrach, getrauten sich die Bootsleute nicht dem Sturm Trotz zu bieten, und ankerten im See bis Anbruch des Tages. In der nchsten Nacht war kein so starker Wind, der Mann am Steuer aber schlief fortwhrend, so da wir uns selbst ber das Boot erbarmten und mit Hlfe einer eben verffentlichten (Colton) New-York-Karte und eines Taschencompasses weiter segelten bis Tagesanbruch. Der See von Granada ist der grte in Centralamerika, giebt den groen canadischen Seen nicht viel nach und ist mit umfangreichen Inseln beset, deren grte, Omatepa, zwei Vulkane von 5-6000 Fu besitzt und 30,000 Einwohner hat. Ein in der nchsten Nacht losbrechendes Gewitter, das unser kleines Fahrzeug gleich einer Nuschale herumwarf, nthigte uns in unmittelbarer Nhe des Landes zu ankern. Gegen Morgen ruderten wir vollends bis Granada, und vor Sonnenaufgang hatten wir neben dem kleinen amerikanischen Steamer, dem ersten, welcher diesen See befhrt, geankert. Es war der 4. Jul., der jedem amerikanischen Brger theure Jahrestag der Unabhngigkeits-Erklrung der Vereinigten Staaten, der wie immer von der amerikanischen Flagge recht mit Ehren gefeiert wird. Bei Sonnenaufgang hite der Steamer und die beiden Schooner die Flagge, und vom Bord stiegen eine Masse Raketen in den blauen Himmel, wir aber grten die stolzen Sterne und Streifen mit einer dreifachen Salve. Wir suchten die Ausschiffung unserer Effecten zu beschleunigen, die einige Schwierigkeiten verursachte, da abermals ein Zollbeamter Einwendungen gegen die Einfuhr meines Alkohol, der allerdings hier Monopol ist, erhob, doch nach Erklrung des Zweckes gab er sich zufrieden, nur hatten sich whrend der Debatte eine Partie zerlumpte Soldaten, deren ganze Uniform in Flinte und Patrontasche bestand, und die meine Effecten bewachen sollten, in einige Forschungen ber den Inhalt des Getrnks vertieft. Bald war jedoch Alles auf einen groen zweirdrigen Ochsenkarren, dessen Rder wie die der Kanone aus einem Baumstamme geschnitten waren, geladen; das Deichselgespann ward von einem auf dem Wagen stehenden Mann nach antiker Art mit dem Speer gelenkt, voraus ging ein nackter Kerl, mit einer Art langer Decke drapirt, in der Hand die unvermeidliche Macheta, mit der er, dem Vordergespann auf das betreffende Horn hauend, die Richtung bezeichnete. Die Ochsen sind daran gewhnt da kein Lenkseil gebraucht wird, daher haben Zug-Ochsen oft ganz zerhackte Hrner, oft auch wird aus Miverstndni ein Stck Ohr mit abgehauen. Ich fand hier den bekannten Gelehrten Hrn. Frbel, dessen Bekanntschaft ich voriges Jahr in New-York gemacht hatte, und nachdem die Freude des Wiedersehens vorber war, brachte ich mich selbst und mein Gepck im Hause eines Hrn. =Dr.= B. unter, der mir ein groes Zimmer freundlichst abtrat. Es war mir endlich verstattet, nachdem ich meine Koffer und Kisten, deren Inhalt durch die viele Feuchtigkeit an einigen Stellen mit Schimmel und Moder bedeckt war, ausgepackt und gelftet, meinen strapazirten Krper mit grndlicher Reinigung, frischer Wsche und reinen Kleidern zu laben, und das war eine wahre Wohlthat, denn ganz bedeckt vom Schmutz des Bootes und der Wlder, kostete es mir nach jedem Bad im Flu keine geringe Ueberwindung wieder in meine Schmutzhlle zu schlpfen. Nach dieser nthigen Reinigung gab ich einen Bndel Briefe ab, wobei =Dr.= B. (ein Deutscher) meinem mangelhaften Spanisch als Dolmetscher zu Hlfe kam. Ueberall ward mir der freundlichste Empfang zu Theil, denn sowohl Hr. Squier als Herr Marcoleta (Gesandter in Washington) waren sehr geachtete Persnlichkeiten, und berall erhielt ich Einladungen zum Besuch und Aufenthalt in Hacienden, von denen ich zuerst die Don Jose Sandovals, eines freundlichen alten Spaniers, benutzen werde, um einige Tage auf seinem schnen groen Besitzthum zuzubringen. Ich war eben nach Hause zurckgekehrt als der Prsident, in Begleitung des Vice-Prsidenten, den hiesigen Amerikanern und meiner Wenigkeit zur Feier des 4. Jul. eine Einladung zu einem Festessen und Bankett berbrachte, welche ehrende Auszeichnung ich mit Dank annahm. Um 4 Uhr begab ich mich in Gesellschaft F's. und des =Dr.= B. in das Fest-Local. Die Huser sind nach Art der maurischen Huser in Algier gebaut. In der Mitte ein sehr groer Hof, umgeben von Sulengngen, an welche die verschiedenen Gemcher des Hauses stoen. Nach der Strae hin ist meist eine groe Empfangs-Halle, welche hier als Fest-Local mit den Flaggen der Union und Nicaragua's und mit einer Menge ungeheurer Palmenzweige geschmckt war. Ingleichen waren die Colonnaden des Hofs durch Palmen in Baumgnge verwandelt, und da jeder Hof hier mit Pflanzen geziert ist, zwischen denen immer eine Menge zahme Papageien und andere Vgel, auch wohl zierliche Rehe herumlaufen, gewhrte das Ganze einen beraus lieblichen Anblick, mehr noch als bei einbrechender Dunkelheit eine Masse von Lichtern durch das Grn schimmerten. Auer den angesehensten hier wohnhaften Brgern der Vereinigten Staaten waren als Ehrengste zugegen: der Prfect, der Commandant des Militrs, einige andere Beamte und einige der angesehensten Eingebornen und Franzosen. Der Prsident, Hr. Coterell, erinnerte in kurzer Ansprache an den Zweck der Feier, und nachdem an der reichgeschmckten Tafel, auf der zwischen ganzen gebratenen Rehen und gewaltigen wilden Truthhnern nordische Leckerbissen in Gesellschaft der ppigsten Sdfrchte prangten, den gastronomischen Forschungen eine kurze Zeit gewidmet war, erhob man die Glser, in denen rheinische Weine, Port und Madeira blinkten, und der perlende Sohn der Champagne, seiner silbernen Bande entledigt, schumte, und brachte zuerst die bei jeder amerikanischen Feier des 4. Julius blichen regulren Toaste, denen sich dann eine Menge anderer anschlossen. Ein Toast aber ward durch einen sonderbaren Zufall besonders feierlich. Bei jedem Glserklingen antwortete von der Hauptwache ein Kanonenschu, und gegen Abend kam das unausbleibliche Gewitter wieder herauf. Es waren eben die Worte gesprochen worden: Wir trinken in der Stille dem Andenken des groen Georg Washington! -- Jeder brachte schweigend und erhoben sein Glas an die Lippen, da bernahm der Himmel selbst den blichen Salutschu durch einen furchtbaren Donnerschlag, der die Erde in ihren Grundfesten erzittern machte, und ich lugne nicht, da ich, wie gewi alle, das Glas mit einer Art von andchtigem Grausen leerte. Eine Musikbande spielte in der Veranda whrend des ganzen Mahles, und bis in spte Nachtstunden blieben die Genossen in ungezwungener Heiterkeit beisammen, welche durch die anerkennungswerthen Bestrebungen des Herrn Coterell nie die blichen Formen der Wohlanstndigkeit berschritt. Einige Vernderungen im Ministerium und der Regierung lieen es mir rthlich erscheinen, meine Depeschen andern Tags persnlich an ihre Adressen abzugeben. Ich habe meine Reisevorbereitungen getroffen, mein Pferd ist auf Don Sandovals Hacienda gehrig ausgefttert und stark und wohl geeignet eine strapazise Reise zu ertragen, die zu erwarten steht, da die Regenzeit, in der wir leben, die Wege bodenlos gemacht hat. In einer Beziehung ist mir's lieb, da noch sechs bis acht Tage hingehen, ehe ich anfange zu malen, denn die empfangenen Eindrcke sind alle so neu und bewltigend, da ich nothwendig dieselben erst ordnen und klar machen mu. Ich habe eine Menge der mannichfaltigsten und schnsten Gegenstnde fr Studien gefunden, und sobald ich meine Verpflichtungen gegen die Regierung erfllt, werde ich mit groer Freude an die Arbeit gehen, und bleibe ich von Krankheit verschont, was ich wnsche und hoffe (denn seit ich hier bin erfreue ich mich eines ganz auerordentlichen Wohlbefindens), so denke ich ein reiches Portefeuille zu sammeln. Sehr froh bin ich, da ich statt des Daguerreotyps, wie ich erst beabsichtigte, ein Phototyp mitgenommen, denn ein Amerikaner, der ein Daguerreotyp hieher gebracht, war ganz in Verzweiflung, da er whrend der trocknen Jahreszeit keine Platte poliren konnte, da der die ganze Luft erfllende Sandstaub alle Politur zerkratzte. Ich hoffe besonders von interessanten Gruppen der Indianer, die nicht gern still stehen sich malen zu lassen, sowie von naturhistorischen Gegenstnden manche gute Beute damit zu machen, und so reut mich die fr meine Umstnde bedeutende Ausgabe von 150 Dollars, die ich dafr gemacht, nicht. Auf der andern Seite thut mir's sehr leid, da ich mein Sammeln von Insecten und Vgeln nur in so kleinem Mastab betreiben kann, da die Transport- und Packmittel fr dergleichen Gegenstnde sehr theuer sind und meine Krfte bersteigen. Ich werde meinen Vorsatz, eine Collection an einige deutsche naturhistorische Cabinette zu schicken, nicht ausfhren knnen, und auer einem Geschenk an Freund M. werde ich mich lediglich auf das Institut in Washington, das mir eine Summe fr diese Zwecke zur Verfgung gestellt, beschrnken mssen. Hier ist einer von den wenigen Fllen, wo ich mehr bemittelt zu sein wnschte, denn es hindert mich diese Mittellosigkeit an der Erreichung eines schnen Zwecks. Nach meiner Rckkehr von Leon halte ich mich hier auf, um Hrn. Squiers Ankunft abzuwarten und Stadt und Umgegend auszubeuten. Sobald es die Jahreszeit erlaubt, will ich eine Besteigung des Mombatch, der ber der Stadt sein Haupt erhebt und jetzt bestndig in Wolken gehllt ist, unternehmen. Mein nchster Brief wird entweder eine Beschreibung meiner Reise nach Leon, oder eine genauere Beschreibung Granada's enthalten, welches wohl derselben werth ist, denn es ist an dem schnen See mit seinen zierlichen Ufern hchst pittoresk gelegen, und bietet im Innern eine Menge malerischer Ansichten. Das Leben selbst ist ebenso reichhaltig, da es, sowie die Verhltnisse der ganzen Stadt, vielfach malerischen Stoff bietet. Man erwartet jetzt die Ankunft des Gesandten der Vereinigten Staaten Hrn. Kerr, den aus St.Carlos abzuholen der Dampfer gestern abgegangen ist, und zu dessen Empfang die Amerikaner fr heute eine Festlichkeit bereitet haben, an welche =Dr.= B., F. und ich uns anschlieen werden. IV. Die Stadt Granada. -- Bauart. -- Einwohner. -- Lebensweise in Central-Amerika. -- Festtage. -- Reisezurstungen. -- Unsicherheit der Straen. -- Art zu reisen. -- Flei der Indianer. -- Massaga. -- Indisches Begrbni. Granada, 4. Aug. 1851. Seit ziemlich drei Wochen bin ich von meiner Excursion nach Leon wieder zurckgekehrt nach Granada und habe seitdem ungestrt meine knstlerischen und wissenschaftlichen Studien beginnen knnen. Granada ist, wie ich schon frher erwhnt, die bedeutendste Stadt am See gleiches Namens, mit 12-15000 Einwohner, und unter den jetzigen Umstnden wohl berhaupt die wichtigste Stadt dieses Landes zu nennen. Die Zeit ihrer Grndung fllt mit der zweiten Periode der Entdeckung von Amerika zusammen. Ihre Erbauer waren jene khnen Freibeuter, welche ein seltsames Gemisch von soldatisch roher Ritterlichkeit, gepaart mit blindem Glaubenseifer waren, mit welchen Eigenschaften sie aber doch auch eine gewisse kaufmnnische Verschmitztheit verbanden. Die Huser, meist nur aus einem Geschoe bestehend, dessen Hhe zwischen 12 und 15 Fu betrgt, haben durch ihre 6-8 Fu breiten Thren und hohen vergitterten Balconfenstern ein festungshnliches Aussehen. Die innere Einrichtung beschrieb ich Euch bereits frher. Die Hauptrume bleiben berall der mit Zierpflanzen geschmckte erste Arcadenhof und die an der Vorderfront liegende Empfangshalle, an welche gewhnlich das Frauengemach stt; oft auch befindet sich ber letzterem noch ein Balconzimmer. Ein solches ist gegenwrtig meine Wohnung, mit wundervoller Aussicht ber den See und die Gebirge. Einen zweiten oder Hinterhof, umgeben die Stlle, die Kche (in der nur auf offenem Herde gekocht wird, Bratfen, Kochmaschinen, wie in Europa und den Verein.-Staaten, kennt man hier nicht), welche letztere zugleich dem Geflgel und sonstigem kleinen Gethier, das fr jede Mahlzeit frisch geschlachtet wird, zum Aufenthalt dient. In vielen dieser Hinterhfe befindet sich auch ein Ziehbrunnen, doch wird das Wasser mehrentheils aus dem See geholt, da die Quellen fast alle mineralischer Natur sind. Sehr belebt ist das Seeufer bei Sonnenaufgang: Frauen und Mdchen erscheinen, mit groen irdenen Gefen, hnlich den antiken Amphoren, nur etwas bauchiger, auf dem Kopf und schpfen Wasser; Reiter und Fugnger lustwandeln in der Morgenkhle, fast alle Besucher aber erfrischen sich mit einem Bade. Spter rumen sie den Waschwannen das Feld, sowie den Schiffsleuten, welche die Waaren aus den Booten auf groe, zweirdrige, von 4-6 Ochsen gezogene Karren umladen. Dann fllen sich die Straen mit Indianern der benachbarten Drfer und Haciendas, welche ihre Produkte zum Kaufe ausbieten. Bei geringen Entfernungen tragen sie ihre Last auf dem Kopfe, in groen hlzernen Schsseln, von denen man auch sagen kann, sie haben ungeheure hlzerne Hte auf, die sie umgekehrt auch zum Tragen bentzen. Kleine nackte Jungen bringen auf Pferden und Maulthieren Ladungen von jungen Mais (Zakate) als Futter fr die Pferde zu Markt, whrend die Stadtbewohner theils in ihren Lden den Verkauf betreiben, die Frauen weibliche Arbeiten oder Cigarren verfertigen; noch fter aber liegen alle in den Hammocks, rauchend und sich schaukelnd, wozu sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Teste, ein gar nicht bles Getrnk aus Maismehl, Zucker, Cacao und Wasser nehmen. Geraucht wird aber von Mann und Weib, Jung und Alt, und oft schickt ein Vater sein kaum vierjhriges Shnlein oder Tchterlein in die Kche, um Feuer zu holen, welche dann gravittisch mit der brennenden Cigarre im Munde und qualmend wie Dampfessen zurckkommen. Das Costm der Frauen besteht in einem Unterrock von Mousselin, um die nackten Hften gebunden und am unteren Saume mit Flittern besetzt; ber dem Oberkrper tragen die besseren Classen ein kurzes, weitfaltiges Uebergewand, hnlich dem griechischen Peplum, die niederen Classen aber den Oberkrper ganz blo; oft auch, zumal bei Kindern, ist vollkommener Mangel an Kleidung vorhanden, was die Frauen hier anwesender Amerikaner oft veranlat, die Augen niederzuschlagen oder mit der Hand zu bedecken. Alle Stnde aber schmcken sich die schnen, grtentheils ebenholzschwarzen Haare mit Jasminblthen und Blumen von lebhaften Farben, was die ausdrucksvollen und oft classisch regelmigen Gesichter mit phantastischer Schnheit ziert. Der Gang hat, wahrscheinlich durch die Gewohnheit alle Lasten auf dem Kopfe zu tragen, etwas beraus Elastisches, was den ganzen Gestalten einen erhhten Reiz verleiht. Mehre schne Kirchen, in einem seltsamen Gemisch von maurischem Charakter, spanischer Renaissance, oft mit sehr bemerkbarem Anklang von byzantinischem Style erbaut, zeugen von der frheren Macht und dem Reichthume des Clerus (bei Errichtung der Stdte ward bekanntlich der zehnte Theil aller Beute auf Errichtung von Kirchen und Klstern verwandt). Durch die hufigen Revolutionen hat sich denn freilich in dieser und anderer Hinsicht vieles gendert, da die groen Capitalisten entweder auswanderten oder durch bedeutende Contributionen sehr in Anspruch genommen wurden. Wenn auch noch hier und da ein wohlbeleibter, behbiger Prlat auf seinem Ochsenkarren und von zwei Soldaten begleitet durch die Straen zieht, so reitet dafr manch armer, abgemagerter Dorf-Cura (Pfarrer), nach dem Beispiele des Heilandes, als wahrhafter Apostel auf einem armseligen Eselein durch das Land, um mit christlicher Demuth auf irgend einer entfernten Hacienda dem Sterbenden eine geistliche Wegzehrung zu spenden. An Festtagen, deren es hier, nach dem was ich bis jetzt gesehen, fast so viele als Tage im Jahr zu geben scheint, durchziehen zahlreiche Prozessionen mit Geigen und Flten die Straen, wobei an Weihrauch unendliche Wolken verdampfen, und an Schiepulver, knallenden und prasselnden Schwrmern, Raketen, franzsischen Schlgen, letztere oft zu Dutzenden auf einmal, ein Erkleckliches verpufft wird. Abends wird dann die Prozession mit Hunderten bunter Laternen fortgesetzt, was mit den Gruppen, die allabendlich plaudernd die Rume vor den Hausthren fllen, und den erleuchteten Balconen, von denen transparente, mit Blumen geschmckte und umgebene Heiligenbilder schimmern, einen malerischen und poetischen Anblick gewhrt. Oefters habe ich, spt am Abend von meinen Excursionen heimkehrend, mein Pferd angehalten, um auf die eigenen schwermthigen kirchlichen Melodien zu horchen, oder Gruppen mit ihren Liebhabern schkernder Mdchen zu belauschen. Doch indem ich mich so in Schilderungen des Lebens in Granada vertiefe, vergesse ich ganz, euch von meiner Reise nach Leon zu berichten. Nachdem ich einige Ruhetage benutzt hatte, um aus dem Mr. Squier gehrigen und hier zurckgelassenen Eigenthume fr mich ein starkes und rasches Pferd mit Sattel und Packtaschen, fr einen Diener ein krftiges Maulthier zu whlen, die Bchse und meine herrlichen Revolvers[1], ein Reisegeschenk meines ehrenwerthen Gnners de Rhame in New-York, vom Schmutze der Reise zu reinigen, frisch zu laden und einige Munition nebst Wsche einzupacken, whrend ich von meinem freundlichen Wirthe, Don Narciso Espinosa, eine leichte Vogelflinte nebst einer unbndig langen Doppelpistole fr meinen tapfern Sancho Pansa geliehen hatte, trat ich am 9. Juli meine Reise =in nomine domini= an. Es circulirten eine Menge Gerchte ber Unsicherheit der Straen, und ein Halbdutzend Morde, welche im Laufe der letzten Monate vorgefallen waren, besttigten dieselben allerdings in nicht erfreulicher Weise. In Bercksichtigung der Regierungsdepeschen aus Washington, die ich nach Leon zu berbringen hatte, wurde mir vom Commandanten eine Escorte von zwei Lanciers angeboten; ich gestehe aber, da ihr Ajustement und ihr ganzes Aeuere mich denn doch mehr Vertrauen in die Vorzglichkeit meiner Waffen, meines Pferdes und meine geringe Person selbst setzen lieen. Ich dankte demnach hflichst fr die Ehre, und zog es vor die Reise allein zu machen. [1]: Sechsschssige Pistolen. Durch die hier zu Lande bliche Art zu reisen wird man noch lebhaft an die Zeit der fahrenden Ritter erinnert. Jeder Reisende, der sich auf irgend eine Weise Sbel und Pistolen verschaffen kann, rstet sich damit, und in Ermangelung letzterer baumeln doch wenigstens ein paar leere Pistolenhalfter am Sattelknopfe; wenn mglich, nimmt man auch eine mit Rehposten geladene Flinte mit, die entweder quer ber den Sattelknopf gelegt, oder vom Schildknappen, wie weiland dem edlen Ritter Don Quixote die Lanze, hinterdrein getragen wird. Das Gepck hat man theils selbst in Satteltaschen bei sich, theils trgt es der Diener vor sich auf dem Maulthiere. Gewhnlich trottirt dieser voraus, den Weg zeigend; trifft man jedoch unterwegs mit anderen Reisenden zusammen, so reiten die Caballeros voraus, whrend die hinterfolgenden Diener sich gegenseitig von der Tapferkeit ihrer Gebieter, der unvergleichlichen Gte ihrer Waffen und Pferde u.s.w. tchtig etwas vorrenommiren, was mit unvermindertem Eifer in jedem Nachtquartiere fortgesetzt wird, wo dann gewhnlich der Wirth noch die allerabsonderlich grausenhaften Geschichten von Mordthaten zu erzhlen wei, die sich krzlich erst ganz in der Nhe zugetragen haben sollen, natrlich in der menschenfreundlichen Absicht, den oder die Reisenden wo mglich noch den nchsten Tag dazubehalten. Beim Mahle, meist aus gekochtem Reis, Huhn, Eiern und Fisch, nebst einigen steinharten rothen Bohnen und der unvermeidlichen Tortilla (einem aus Mais gebackenen flachen Kuchen, der die Stelle des Brodes hier vertritt) bestehend, wartet der Mozo (Diener) hinter dem Stuhle seines Caballero stehend, auf, lauert aber gierig auf den Augenblick, wo dieser sich erhebend, ihm die Reste der Speisen berlt. Frh, wo ich meist um 3 Uhr aufbrach, um die Morgenkhle zu benutzen, kostete es stets mannichfache Mhe und Arbeit, Diener und Wirth aus dem Schlafe zu rtteln, und bis die Thiere gefttert waren, verging dann immer noch mehr als eine Stunde, weshalb ich in der Regel das Geschft des Wecken schon um 2 Uhr begann, nichts destoweniger aber mit einer Strohcigarre vorlieb nehmen mute, whrend der Magen erst im nchsten Dorfe, oft 14-16 Miles entfernt, bedacht werden konnte. Genug, man bersetze die Abenteuer und Irrfahrten des obgenannten unsterblichen Ritters ins Moderne, und man hat das leibhafte Conterfei eines Reisenden in Central-Amerika. Der erste Theil des Weges nach Massaga, dem ersten Haltpunkte, war durch den vielen Regen grundlos geworden, und mein armes Pferd mute immer aus einem Sumpfloche ins andere tappen. Die Maulthiere, durch welche fast der ganze Verkehr des Landes betrieben wird, treten immer wieder in die Fustapfen des vorangehenden Thieres, an dessen Schweif ihr Zaum gebunden ist, so da manchmal dadurch Reihen von 16-20 hintereinander entstehen; hierdurch wird aber bei Regenwetter die Strae zu einer Reihe nebeneinander und quer darber hinlaufender Grben, die, mit Wasser und Schlamm gefllt, das Reiten ungemein erschweren, und da die hiesigen Pferde sehr kleinen Schlages sind, kaum 14 Hand hoch, so werden die Fe des Reiters mit den 4 bis 5 Zoll langen grogerderten Sporen weidlich in den Koth getaucht. Ich zumal hatte oft Gelegenheit Betrachtungen darber anzustellen, warum der liebe Himmel gerade mich mit so unziemlich langem Pedal ausstatten mute. Bei besserem Wege ist die Gangart der hiesigen Pferde eine sehr angenehme Art von Pa, =paso picarro= hier zu Lande genannt. Ueberhaupt ist die Race ganz vortrefflich fr hiesige Gegend, obschon man auf Broadway, in Hydepark oder dem Bois de Boulogne, im Berliner Thiergarten oder im Wiener Prater eben nicht sonderliche Bewunderung damit erregen wrde. Da es noch frh am Tage war, begegnete ich langen Zgen von Indianern, welche ihre Produkte, als: Mais, Bohnen, Cacao und Taback, zu Markte trugen, die, theils auf Pferden, theils in Netzen auf dem Rcken hngend, an einem breiten Gurt ber die Stirn getragen wurden, wie man dies auch zuweilen in den Schweizerbergen sieht, eine abscheuliche Mode, die den Leuten das Aussehen von Zugochsen giebt. Mir erschien diese Art von Kopfarbeit eine hchst anstrengende, wie auch als der Grund der vielen Krpfe, die ich hier herum wahrnahm. Der Weg schlngelt sich theils durch herrlichen, hochstmmigen Wald, bemerkenswerth durch die mchtigen und hufigen Gummibume, theils fhrt er hin zwischen Bananen- und Indigofelder, umgeben von 5 bis 6 Fu hohen wilden Ananas-Hecken. Hier und da bietet sich von der Hhe eines Hgels eine entzckende Aussicht nach den Seen von Granada und Managua und dem Tipitapa-River, begrnzt von den lachendsten, fruchtbarsten Ebenen und majesttischen Gebirgszgen mit sanft ansteigenden Vorhgeln in den schnsten Formen und geschmckt mit aller Pracht und Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Beim groen Gott! dies Land ist ein wahres Paradies und knnte Wunder wirken, Millionen fleiiger Hnde ernhren, wre es nicht von solch trger, kurzsichtiger und geistig beschrnkter Bevlkerung bewohnet, welche es nicht versteht, oder nicht verstehen will, diesem gottgesegneten Boden einen auch nur einigermaen erheblichen Tribut aufzuerlegen. Massaga, wo ein krftiges Frhstck mich und meinen Diener, ser junger Mais die Thiere erquickte, ist ein niedliches Stdtchen, oder groer Flecken, mit nicht unbetrchtlichem Markt fr einheimische Produkte. Ein groer Theil der Ortsbevlkerung wohnt freilich nur in indianischen Rohrhtten, allein der Flei derselben sticht vortheilhaft gegen andere Ortschaften ab, die ich spter sah. Selbst Frauen, welche Frchte zu Markte trugen, flochten im Gehen Strohhte und Matten von recht zierlicher Arbeit, und weniger als anderswo sah ich hier die Leute in ihren Hammocks faullenzen. Trotzdem waltet aber auch hier immer noch dieselbe indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung vor, die ihre Arbeit nutzbringender machen knnte. In dem kleinen, jenseits Massaga gelegenen Drfchen Indiery sah ich zufllig das Begrbni eines jungen indianischen Mdchens mit an, whrend unsere Thiere gefttert wurden. Die Leiche ward auf einer Bahre, ohne Sarg, blos der Krper mit einem Leinentuche bedeckt, das Gesicht, dessen schne unschuldvolle Zge selbst der Tod nicht zu verunstalten vermocht hatte, jedoch offen getragen. Vorauf zogen sechs Musikanten mit zwei Geigen, zwei Flten, einem Waldhorne und einem Violoncello, hinter ihnen der arme Dorfpfarrer, Gebete sprechend. Die Musik war eigentlich mehr ein sonderbarer Wirrwarr von Tnen zu nennen, die nur bei einigen fters wiederkehrenden Gebetformeln sich zu einer Art von Accord einigten. Beim Grabe, einer kleinen, kaum einige Fu tiefen Grube, auf dem Platze vor der Kirche angelangt, ward nach kurzem Ceremoniel die Leiche in die Grube gelegt, jeder der wenigen Leidtragenden warf seine Hand voll Erde darauf und ein paar Leute mit Schaufeln thaten in kaum drei, vier Minuten den Rest. Ein Bndelchen Raketen zischte in die Luft empor, das Aufschwingen der Seele gen Himmel andeutend, wie mir einer der Anwesenden erklrte, und jetzt zum erstenmale einte sich das bisherige Tongewirre der Musikanten zu einer wirklichen Melodie, in der ich zu meiner groen Ueberraschung das liebliche Lied der Brautjungfern in unseres herrlichen Webers Freischtz, wenn auch etwas naturalistisch verstmmelt, wieder erkannte. Wie dies Lied den Weg bis hierher in die Tropenwelt gefunden, mag der Himmel wissen. Ich kann nicht sagen ob es die Erinnerung war, welche diese aus holder Kinderzeit herberklingenden heimischen Tne in mir erweckte, oder was sonst, so viel aber ist gewi, da weder das pomphafteste Trauergeprnge, noch die vollstimmigsten und kunstvollsten Trauerhymnen, noch die schnsten Grabreden jemals einen rhrenderen Eindruck auf mich hervorgebracht haben, als diese kindlich naiven Tne und die noch naivere Raketensymbolik neben diesem frischen Grabe einer kaum im Entfalten schon dahingerafften Blthe. Der Zufall ist oft poetischer, als das poetischste Raffinement! Als eine Viertelstunde spter die Thiere getrnkt und gefttert waren und ich wieder da vorbeiritt, spielten die Kinder schon wieder harmlos und frhlich auf der Stelle, die eine kaum merkliche Erhhung als ein Grab andeutete, da ja der jugendliche Krper nur wenig Raum einnahm. V. Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. -- Landschaftliches. -- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. -- Nchtliche Strung. -- Ankunft in Leon. Fnf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Drfchen passirt, die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thtigkeit beschrnkt sich nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner Salzsee auf der Sdseite, welcher einen andern Krater ausfllt, so wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende Lavafelder, geben Zeugni seiner frheren Verheerungen. Ueberhaupt ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten Lavastrmen bedeckt, welche die alles berwuchernde ppige Vegetation spter mit neuem Leben bekleidet hat. Ein groer Theil der Quellen ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen betrchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir besonders eine Menge seltsamer Hhlen auf, hnlich ungeheuren Backfen, wahrscheinlich herrhrend von den durch sich entwickelnde Gase gebildeten Blasen. Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer Heftigkeit los. Donnere du bis du es satt hast! dachte ich, und wickelte mich zum Schutze gegen die herabstrmende Sndfluth in meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhllt, whrend der Kopf durch einen breitkrmpigen Hut geschtzt wird; mein armes Pferd aber schritt schwermthig auf der, in einen Giebach verwandelten Strae einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, hchst kleinlaut und verdrlich auf seinem Maulthiere hockend. Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten, eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz der gesetzgebenden Versammlung, brigens durch nichts bemerkbar als durch eine nicht unschne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur, in dem oben erwhnten Mischlingsstyl. Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, da sein Reisegefhrte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente Trunkenheit die Reise uerst beschwerlich und unangenehm machte. Die regelmig schnen Gesichtszge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung, gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr gemeinschaftlich auf, den lstigen Trunkenbold zurcklassend, der noch seinen gestrigen Rausch ausschlief. Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines Vaterlandes mit durchgekmpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren, die friedliche Beschftigung des Landmannes erwhlt, und war jetzt auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schtze dieses Landes auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der blhendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten, die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufllig den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berhmt gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen um sich vor Zudringlichkeiten zu schtzen, war und blieb er fr mich nur Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph. Hinter Managua fhrt der Weg ber eine steile, mit groen Felsbrocken bedeckte Anhhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren muten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel, wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzckten Blicken entrollte. Sdstlich sahen wir noch den See von Granada, nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf zu uns herauf tnte, dehnte sich langhin das schne Thal von Leon, ber welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt ber die Wolken erhob. Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist fortwhrend durchbrochen von ppigen Wiesenflchen, in deren hohem Grase schne Rinder, grer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und muntere Stuten mit ihren Fllen weideten. Die einzige Calamitt dieses gesegneten Landes ist der Mangel an flieendem Wasser, denn whrend der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tmpel meist austrocknen, der Wald, seines grnen Bltterschmuckes beraubt, nur noch in brillantem rothen und gelben Bltterkleide erscheint, irrt das gengstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwrmen von Insecten, dumpf brllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen Durst gemeinsam mit dem schchternen Reh und dem possirlichen Affen zu stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugni, wie viele schon als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren. In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen Details eines nur vor wenig Tagen erst verbten Raubmordes, den ich, als ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hrte, fr eine der gewhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erls der geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenstnden mit sich auf einem Ochsenkarren gefhrt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den Karrenfhrer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gruelthat man sogar ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke hinter Pueblo nuevo berfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stck Wegs hinter dem Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von Entschlossenheit und groer Krperkraft, leistete er waffenlos nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den brigen hinterrcks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein Bndel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag ber den Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der todthnliche Capitain in ein nahes Gebsch geschleppt, der Karren des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht transportablen Gegenstnde beraubt, die Banditen aber verschwunden. Einige Amerikaner, -- die ich spter in Leon kennen lernte -- des Weges kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Rubern eine Strecke nach, aber ohne Erfolg. Sie muten sich damit begngen den Verwundeten, der noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar gutmthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus Leon, =Dr.= Livingston und =Dr.= Seidel, ein Sachse, die man schnell von dorther zu Hlfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fnfzehn Hieb- und Stichwunden und zwei Knochenbrche an dem Unglcklichen, der trotz aller angewandten rztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Groe Erbitterung herrscht hier ber diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenrumen bereits mehre vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird Judge Lynch, glaube ich, auf tchtige Beschftigung rechnen knnen. Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fhlte sich bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke heiterten ihn inde ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon abgeholt, um von dort ber Realejo auf einem englischen Schiffe in seine Heimath befrdert zu werden. Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das Todesbett des unglcklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhhet, sind doch 45 Miles zu Pferd ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen und ich entschlummerte sanft, whrend Mr. Joseph ein Gleiches auf der anderen Strohmatte that. Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Gerusch; die Thre ins Freie stand auf, ich hrte an meinem Gepck zerren und ein unbekanntes Etwas dumpf brummen. =En garde!= rief ich, und das Knacken eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefhrten herber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich mge schnell Licht machen, er wolle die Thre vertheidigen. Die eintretende Helle berzeugte uns jedoch, da der vermeintliche Spitzbube nur ein friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schnen Vogelblge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen Studien durch einige Hiebe zu dmpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den Weg, um Leon wo mglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen. Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwhrende Geschrei der Hhne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit gegen das alte Mhrchen, da die Hunde in diesen Tropenlndern stumm wren, recht eindringlich protestiren. -- Eine hchst praktische Schutzwehr der Hfe bilden hier die Cactushecken, welche sich pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer Hhe von 8 bis 10 Fu ringsherumziehen, und vorzglich zum Abhalten der Jaguare geeignet sind, die sich hufig des Nachts zu ihrem Schmause Hunde aus den Drfern holen. Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das an Schnheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande der Welt bertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Flei angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Mae. Dabei habe ich bis jetzt noch nirgend gesehen, da die Cultur wirklich so zur Verschnerung der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60 Acres betragen und sich dazwischen immer Gebsche und schngezeichnete reiche Baumgruppen hinziehen, whrend dichte Waldung da und dort einen, bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht. Inmitten dieser groen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen, lieblich auf Hgelhngen an einem kleinen Flue, zwischen majesttischen Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen ihre vom Morgenwinde bewegten Hupter auf zierlichen Stmmen; jenseits der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher fnf Vulkane fortwhrend Rauchsulen gleich gigantischen Stoseufzern, gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnivollen Thtigkeit tief im Schooe der Erde. Im Osten steht der Monotombo, ber 6000 Fu hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fu hoch, als die gewaltigen Strebefeiler dieser Riesenmauer, whrend der stille Ocean sich am fernen Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht. Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Hndedruck schied ich von meinem liebenswrdigen Reisegefhrten, der seine Fahrt nach Realejo fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, wei Gott allein. VI. Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munnoz. -- Ein demthiger Apostel Christi. -- Rckkehr nach Granada. Ich fand fr mich, fr Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im Hause des =Dr.= Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab berreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergnnte, machte ich mich auf, gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerchten fand, welche berall laut wurden. Spter habe ich mich jedoch berzeugt, da dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend Flintenschsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier auf krzere oder lngere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in einigen Monaten wieder von vorn anzufangen. Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon vielfach ist das Lcherliche eines kleinen Staates, gleichviel ob Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und uern Einflu, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines greren geben mchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington und Leon ist ungefhr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber schnell ein kleines gelbes spanisches Mntelchen um, das wahrscheinlich eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward brigens uerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Husern ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da zu bleiben, wo ich war, d.h. bei =Dr.= Livingston, wo ich mich einer trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswrdigen Umganges zu erfreuen hatte. Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurckgelassen und es drngte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich auf meine baldige Rckkehr dahin, auf welcher Rckreise =Dr.= Livingston und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten wollten. Am Tage vor der Abreise sa ich mit letzterem eben vor der Thre, als ein wohlbeleibter Prlat, in Begleitung seiner gewhnlichen Sauvegarde von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen ganz hflich die Hte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch keineswegs zu gengen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der uns zum Niederknieen nthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich fhrte. Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane einen Kolbensto zu versetzen. Ein chter Yankee versteht in diesem Punkte nicht viel Spa und mein Gefhrte zog rasch eine jener sechsschssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlate mein Bowiemesser ein wenig zu lften; beim Anblick unseres guten Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld ber Hals und Kopf hinter den Karren des Prlaten, der die Faust ballte und die schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefhrte forderte mich auf sogleich mit ihm zum Prfekten zu gehen, wo wir den zornentbrannten Prlaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, da er die ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehrig, von sich wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins Loch sperren lie. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht wute, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blttern, der auf die Frage: Was ist ein Soldat? die Antwort giebt: A armer geplagter Mensch! Der Rckweg nach Granada bot nur den Unterschied, da ich einige prachtvolle Arten von Vgeln sammelte, und einen recht einfltigen Mord an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rcken trug, was ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen Waise pflichtschuldigst an und pppele sie bis diesen Tag mit Milch und Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren fr mich die Quadusen, im Baue hnlich dem Hasen, doch mit krzeren Ohren und Springfen und trippelnd wie der Dachshund. Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen Besuch, um vorlufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthmlichen Naturbildungen zu nehmen. Ich htte sehr gewnscht ins Innere des Hauptkraters hinabsteigen zu knnen, der mehre hchst interessante und groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen ward mir jedoch als eine absolute Unmglichkeit dringend widerrathen, da ebensowohl die whrend der Regenzeit sehr hufigen und pltzlich eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch fortwhrenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdmpfen den einsamen Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch htte ich mein armes Pferd um keinen Preis ber die verglaste Schlackenmasse hinweggeschunden und eben so unmglich war es, trotz aller Nachfragen und Geldanerbietungen einen Fhrer und ein Maulthier zu erlangen. Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als mglich kreuz und quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert, bis mich krperliche Erschpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur Rckkehr nthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstnde einige hchst interessante Studien zustandegebracht. Das Durchwandern dieser den, und doch dabei an malerischen Schnheiten so reichen Landschaft, gewhrte mir einen eigenthmlichen Reiz, dem ich nicht Worte zu geben vermag. VII. Indigobereitung. -- Verfall des Landbaues. -- Schlimme Aussichten fr Ansiedler. -- Gefhrliche Galanterie. -- Zunahme der rztlichen Praxis. -- Einflu des Mondes. -- Selbsthlfe zu rechter Zeit. -- Die Schwefelquellen von Tipitapa. -- Gefhrliche Begegnung. -- Kriegsanstalten. -- Militairische Exercitien. Ihr habt mich zuletzt Anfang August 1851 auf der Rckreise von Leon nach Granada verlassen, woselbst ich mein Malergerth und sonstige Effecten in Verwahrung gelassen und nun endlich meinen Reisegefhrten, Mr. _Squier_, selbst, oder doch wenigstens gewisse Nachricht ber die Zeit seines Eintreffens vorzufinden hoffte. Da beides nicht der Fall war, beschlo ich wenigstens, die Zeit zu fleiigen Arbeiten fr mein Portefeuille und kleinern Ausflgen in der Umgegend zu benutzen. Mein erster ging ber den Bergrcken, welcher Granada von Rivas trennt, nach einer Hacienda des Don Emanuel B.........., die mir als eine der vorzglichsten geschildert worden war, sowohl fr den Kaffee- und Cacaobau, wie fr Erzeugung des Indigo, mir also die beste Gelegenheit bot, mich ber den Betrieb des hiesigen Landbaues zu unterrichten. Ich war in Begleitung eines so gebildeten wie liebenswrdigen jungen Mannes aus Granada, Don Jose S.... Unser Weg fhrte theils durch herrliche Wlder, theils durch angebautes Land, dessen Hauptproducte Indigo, Mais und Bananen sind. Ziemlich auf der Hhe eines kleinen Gebirgsrckens, etwa 8 Miles von Granada, hatte ich die Freude, die Ueberreste eines wahrscheinlich aztekischen Idols aufzufinden; obgleich nur aus geringem und weichem Material gearbeitet und arg mitgenommen von der Witterung, wie von der Zerstrungslust der Maulthiertreiber, die im Vorbeiziehen gern einen Streich mit der Macheta (lange, schwertartige Messer, die zugleich als Waffe und als einziges Hau- und Schneidewerkzeug dienen) gleich einem alten Sndenbocke danach fhren, zeigte es doch noch deutlich die nicht unschnen Proportionen und auffallende Aehnlichkeit mit den flachstirnigen Physiognomien mexicanischer Monumente. Mehrfach bemerkte ich unterwegs einen merkwrdig lauten Hall des Hufschlages unserer Pferde, entweder von den Lavafeldern herrhrend, ber die sich die wunderbar ppige Vegetation dieses Himmelsstriches gebreitet, oder vielleicht auch von vulkanischen Hhlungen, die der Erdoberflche ziemlich nahe liegen. Ich habe bis jetzt noch nirgends eine so bedeutende Verstrkung und Weitertragung des Schalles vernommen wie hier, am auffallendsten aber bei Besteigung eines etwa 10 Miles von Granada liegenden Berges, der eine entzckende Fernsicht von den Gebirgen von Leon bis hinab nach St.Carlos bietet und wo ich, zufllig am Boden liegend, ganz deutlich Trommeln und Musik aus Granada vernahm, whrend man stehend nichts davon hren konnte. Rings um den Mombatch, den Hauptstock des Gebirges von Granada, dessen eingestrzter, gewaltiger Krater von allen Seiten die malerischesten Umrisse bietet, erheben sich eine Menge grerer und kleinerer Hgel, theils noch jetzt fortwachsend, getrieben von der Gewalt des unterirdischen Feuers, das einen derselben in den letzten vier Jahren ber 30' gehoben hat, vielleicht aber doch nicht mehr Kraft genug besitzt, um noch kleinere Nebenkrater zu bilden, wie sie sonst bei Vulkanen mehr oder minder vorkommen. Auf der erwhnten Hacienda, die wir gegen Abend auf den jetzt berall durch den Regen grundlos gewordenen Wegen erreichten, ward uns eine beraus gastliche und freundliche Aufnahme zu Theil, wie denn berhaupt Gastfreundschaft die hervorragendste Tugend der Einwohner dieses Landes ist. Die Hacienda enthlt nebst einem ziemlich bedeutenden Viehstande eine Pflanzung von etwa 12,000 Cacaobumen und eben so viel Kaffeebumen; sehr groe Strecken waren mit den fr den Wirthschaftsbedarf nthigen Mais und Bananen, hauptschlich aber mit Indigo bebaut, dessen Fabrication mich am meisten interessirte. Bekanntlich ist der Indigo nur ein Oxyd des durch Ghrung aus der Pflanze gezogenen und ursprnglich grnen Saftes. Die Pflanze wird zu diesem Zwecke kurz ber der Wurzel abgeschnitten, in groen gemauerten Bassins dicht aufgespeichert und das Ganze unter Wasser gesetzt. Die darauf wirkende heie Sonne frbt das mit dem Pflanzensafte geschwngerte Wasser bald grn, worauf es in andere, tiefer liegende Behlter abgelassen, dort durch fortwhrendes Rhren und Peitschen mit der Atmosphre in Contact gebracht wird und so allmlig erst jene schne tiefblaue Farbe bekmmt. Das Umrhren wird anderwrts gewhnlich durch einen Ochsengpel oder durch Wasserkraft bewerkstelligt, hier aber durch eine Procedur, die einen wirklich hchst possirlichen Anblick gewhrte, nmlich durch eine quer durch den Behlter gehende, mit kurzen Stangen gespickte Holzwelle, in welcher in der Mitte eine Art Schaukelbret angebracht ist, an dessen Enden zwei Mnner sitzen, die durch abwechselndes Aufstehen und Niederkauern die ganze Maschine, nach Art der Nrnberger Sgemnnchen, in Bewegung setzen. Man kann kaum etwas Komischeres sehen, als diese hockenden, schreienden, schwitzenden, oben kupferfarbigen und unten _echt_ indigogefrbten Indianer. Die ganze Plantage war in frherer spanischer Zeit, aus welcher berhaupt alle umfassenden Anlagen und bessern Einrichtungen herstammen, mit groer Umsicht angelegt; weit ausgedehnte gemauerte Kanle brachten das Wasser nach allen Theilen der in geordneten Reihen stehenden Pflanzung. Fortwhrende Revolutionen, deren ungefhr aller drei bis vier Jahre eine ist und durch welche jedesmal die Reichern durch Contributionen arg geschrpft werden, haben das Vermgen der Besitzer sehr heruntergebracht; die Kanle sind verschlammt, die Indigofelder voller Unkraut, in traurigem, wstem Zustande, der nur eben so weit bewltigt wird, um nicht Alles ganz einschlafen zu lassen. Traurige Zustnde, denen allein durch eine recht gesunde, krftige Einwanderung abgeholfen werden knnte, wozu aber wiederum nur eben solche Leute tauglich wren, welche sich zuvor in den Vereinigten Staaten die Hrner ein wenig abgelaufen und dort erst gelernt htten, wie man sich in fremdem Lande am besten organisirt und seine Krfte anwenden mu, um die mehrsten Krner aus seinem Weizen zu dreschen. Solche aber, welche direct aus Deutschland herberkommen und etwa meinen, es wrden ihnen bei nur geringer Mhe die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, werden hier wahrlich schlechte Rechnung finden. Doch hierber werde ich mir am Schlusse meiner Reiseberichte noch einige besondere Gesammtbemerkungen erlauben. Einige landesbliche Galanterien sind hier doch solcher Art, da der nicht eingewohnte Europer sich dagegen bei Zeiten verwahren mu, wenn er nicht, wie ich, die blen Folgen verschmecken will. Die jungen Damen vom Hause hatten die Artigkeit gehabt, mir zur Nacht eine mchtige Schale voll Jasmin unters Bett zu stellen. So gut gemeint dies auch war und vermuthlich eine landesbliche Sitte gegen Gste, hatte es doch zur Folge, da mein armer Kopf mir andern Tages noch viermal so dick und schwer, als gewhnlich vorkam. Ich empfehle meinen Nachfolgern also nicht blos _Vor_-, sondern auch _Unter_sicht beim Zubettgehen! Aber nicht nur in Bezug auf Land und Leute, sondern auch an mir selbst habe ich Entdeckungen gemacht, die Euch in Erstaunen setzen werden. Wie Ihr wit, hatte mein trefflicher Freund, =Dr.= _Gescheidt_ in New-York, mich beim Antritte meiner Reise mit einem kleinen chirurgischen Besteck, Anleitung zum Aderlassen, sowie einigen allgemeinen medicinischen Regeln ausstaffirt. Schon whrend der Fahrt auf dem St.Juan-River hatte ich Gelegenheit gehabt, von ersterm verdienstliche Anwendung zu machen. Hier aber sollte ich in noch ganz andere Versuchung gefhrt werden. Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich geno, von Umfang des Leibes ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr bel und wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heit hier sehr unhflich sein, denn selbst Demosthenes wrde diese braven Leutchen nicht berzeugt haben, da ein Europer (zumal ein Deutscher) und ein Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glck war der Fall ziemlich einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in tglich fnfzehn- bis achtzehnstndigem Schlaf im Hammock und etlichen Tagesmahlzeiten = proportion= seines Leibesumfanges lag. Nach Pulsfhlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm eine gehrige Dosis meiner prchtigen Alopillen, die, wenn sie nichts ntzten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam, ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmglich zu befolgende Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mrderliche Angst hatte, in diesem Falle ber Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewrzter Chocolade mute ich also =nolens volens= concediren. Trotzdem war der Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen ihre bekannte Eigenschaft krftigst bethtigt hatten, und ich empfing von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, da ich ein groer Doctor sei -- was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung genannt werden kann! Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag fr todt da. Natrlich sollte und mute der =Sennor e'strangero= da wieder Rath schaffen. Ich sprte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun flugs wie der gute =Dr.= de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Hhe vom Gerste herab gemacht hatte, d.h. ich lie dem Scheintodten von mehrern Personen zugleich die Hnde und Fe mit ganz heiem Wasser waschen, bis ich wieder Pulsschlge fhlte, worauf ich ihm eine Ader ffnete, und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die Moral der Sache ist, da etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich darauf gefat machen mssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere Knste zu ben. Dergleichen Kopfste scheinen brigens hier etwas sehr Gewhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, auer jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht sehr von den Nachwehen belstigt, und hlste schon am Nachmittage ganz gemthlich und zu meiner groen Freude Cacao aus, denn ich habe eine wahre Heidenangst, da meine wider Willen ausgebte Doctorpraxis mich einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen kaum ausreichenden Trostgrund fr angerichtetes Uebel gewhren drfte. Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflsse des Mondes wie der Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem, als ich eine Nacht so lag, da die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ngstigenden Trumen, von denen mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach krperlicher Ermdung immer frei lt, erwachte ich mit beraus heftigem, nervsem Kopfschmerz, der den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene Gesichtshlfte dick aufschwellte. Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die mglicherweise sogar den Grund zu der bsen Krankheit gelegt haben kann, die mich bald darauf befiel. Ich hatte =Dr.= _Livingston_ wieder ein Stck nach Leon zurckbegleitet, um spter von dieser himmlisch gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber wollte ich trotz des Abmahnens allein den heien Schwefelquellen von Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von Managua aus fhrt der Weg ber die groe Ebene, welche die Seen von Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstmmigen Wald, theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte hei hernieder auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fu hohe Schilf gewhrte keinen Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern ber der lautlosen Landschaft. Ro und Reiter trieften von Schwei und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward pltzlich so schwindlich und unwohl, da ich mich nicht mehr im Sattel zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens errieth und allenfalls noch Bewutsein genug hatte, um meinen Rock abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum ersten Male meine Kunst an mir selbst und ffnete mir eine Ader. Nach einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen war, hatte starken Blutverlust gehabt, fhlte mich aber auch sehr erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpftze. Ich band mir das Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mhsam auf's Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr erreichen, sondern mute in einer kleinen Hacienda bernachten, wo mein armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im =Protero= (Weideplatz) suchen mute, der noch dazu ber eine englische Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man schwer laden mu, wie ich es genthigt war, da ich bei solchen kleineren Excursionen aus conomischen Grnden weder Diener noch Packthier bei mir habe. Nachdem ich mich bei dem gutmthigen Besitzer der Hacienda einen Tag ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefhr eine Meile vom genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein Ausflu des Sees von Managua) sich zwischen groen Felsbrocken verliert. Die strkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils sumpfigen, theils mit Steingerlle gefllten flachen Kessels aus einem, durch Niederschlag der das Wasser sttigenden Mineralien gebildeten Hgelchen von acht bis zehn Fu Hhe. Das Wasser quillt ganz siedend hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdmpfen, die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stcken des Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten. Ich befrchtete eine Rckkehr des vorerwhnten Ohnmachtanfalles und entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorber, als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fubad in dem etwas weiter entfernten abgekhlten Wasser wirkte besonders wohlthtig auf mich. Eine zweite heie Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen Inseln an der Kste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere, von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten augenscheinlich eine groe Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige andere krftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine zahlreichere und betriebsamere Bevlkerung das Land etwas empor gebracht haben werden, gewi eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern. In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht vllig an das hiesige Klima gewhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst kleinere derartige Ausflge niemals allein zu unternehmen. Als ich Tags darauf auf meinem Rckwege durch einen Wald ber eine Art von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen bewaffnet, ein grimmiges Halt! zu; ich versprte jedoch nicht sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nhere Expectorationen einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu Muthe war, meine getreue Bchse herauf, was die drei Helden, zu meiner groen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um mich zu bekmmern. Ich erfuhr bald darauf, da es der Vorposten eines, in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern zusammengezogen wird. Ihr mt nmlich wissen, da seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue Revolution sammt allen Grueln des Brgerkrieges im Anzuge ist, ohne da ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfhige Brger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung dieser barfigen Prtorianer liegt, wie gesagt, in Managua, grtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schlo hat, sehr viele davon aber wohl beim ersten Schu springen werden. Dieses Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren friedlichen Zeiten damit beschftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu verderben. Auf der Durchreise ward mir das Glck zu Theil, diese tapferen Spartaner manvriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nmlich, da der Feind kommen werde, laufen die Helden einstweilen tglich einige Stunden, einer hinter dem andern, rings um den gerumigen Marktplatz herum, wozu abwechselnd auf einer faartigen, von zwei Mann getragenen groen Trommel, oder auf zwei kleinen bereinandergebundenen, Tambourins gleichenden Trmmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch Festungswerke hat man errichtet, wenn man nmlich einige, 4 Fu hohe, einen Fu dicke Muerchen aus Luftziegeln und von Holzkltzen und Balken gesttzt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Lwen kampfgerstet einander gegenber. Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blthe kommen lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernnftigen Zusammentritt zu einer greren Fderativrepublik zum Feldgeschrei haben, whrend die Leoneser eine Art von Sonderbndelei im Schilde fhren, aus der natrlich immer wieder neuer Same der Zwietracht erwachsen mu. Das Seltsamste dabei ist aber, da die ganze Sache sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevlkerung derselben ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie immer wieder das blutende Opfer dieser Kmpfe werden mu; von wahrem Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes habe ich aber verwnscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei pomphafte Reden ewig im Munde fhren. Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und Menschenkenntni beitragen, betrben doch recht herzlich in einem Alter, das noch fr allerhand schne und ideale Illusionen empfnglich ist. Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Zge entdeckt, so schrumpfen bei nherer Prfung auch davon noch die meisten zu einer gedrrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach mehren schon ziemlich vergangen. VIII. Der geendigte Krieg in Nicaragua. -- Aufregung in Granada. -- Unangenehme Conflicte. -- Meeting in Massaga. -- Hauptquartier in Managua. -- Don Fruto Chamorro. -- Gefecht von Nagarote. -- Erkrankung. -- Gefecht von Chinandega. -- Miverhltni der Streitkrfte. -- Vertrag von Posolteja. -- Treubruch des Generals Lopez. -- Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. -- Traurige Aussichten. Leon, d. 1. December 1851. So widerlich und betrbend fr den Menschenfreund auch das seit meinem letzten Berichte hier zu Ende gefhrte Drama ist, kann ich mich doch nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine mglichst ausfhrliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen, einmal, weil, soviel ich wei, keine der bisherigen Correspondenzen in amerikanischen Blttern frei von Irrthmern war, was seinen natrlichen Grund darin hat, da keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte, wo die Haupttragdie -- oder Comdie, wie man es nehmen will -- gespielt hat und hier zu Lande, wie anderwrts, jede Meile ein wenig an der Nachricht verndert, so da eine Mosquitofliege, welche in den Straen von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweikpfiger Drache anlangt und bis St.Juan zu einem Monstrum mit hundert Kpfen und tausend Armen anschwillt. Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der hiesigen unglckseligen Landesverhltnisse zu geben, als eine schlichte Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen Unterschiede, da dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die Hauptsache bleibt aber dieselbe. Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurck, um einen meiner Creditbriefe in klingende Mnze zu verwandeln, so wie eine zufllige Unterhaltung mit dem eben zurckgekehrten Prsidenten Pineta, der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben mir die genaueste Auskunft ber das zu geben, was sich auf Seite der Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden, hchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfllen auf das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und somit verhinderte, Augenzeuge der Vorflle zwischen dem General Lopez von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber berzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla, welcher fast tglich das Haus meines gtigen Wirthes und Pflegers, des =Dr.= Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener Mittheilungen. Ich bergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den frher schon beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, da ich diesmal meinen Weg ber Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, nher hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das Vergngen einer schlaflosen und hchst qualvollen Nacht ein, in der ich von Mosquitos und Sandfliegen, -- das allerlstigste Insect von der Welt -- beinahe aufgefressen worden wre. Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verlie, war die Stadt aus zweierlei Anla in lebhafter Aufregung. Zuerst war frh 9 Uhr die Nachricht eingetroffen, da der vertriebene Prsident Pineta aus seiner Verbannung ber Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge dessen jedermnniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen, Teppichen und Blumen zu schmcken bemht gewesen war. Diese Freude der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lrm gestrt, Colonel Mac-Claen sei mit einer groen Anzahl Amerikaner in St.Juan del Sur den Leonesern zu Hlfe gekommen und rcke mit Heeresmacht heran, um Granada zu bedrohen. Da diese letzte Nachricht vllig unwahr, wute ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verlie war besagter Colonel mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen, welche Heeresmacht noch durch etliche Zulufer bis zu einer sehr schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch mglichst einzuexerziren sich abmhete. Es hatte sich in Granada, Gott wei aus welchem Grunde und auf welchem Wege, das Gercht verbreitet, ich sei Trger einer bedeutenden Geldsumme fr Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. -- Du lieber Himmel! als ob ein armer reisender Maler berhaupt jemals Trger einer bedeutenden Geldsumme sein knnte? -- und als ich die Plaza passirte, ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, whrend ein junger, ziemlich anstndig gekleideter Mensch sogar unverschmt genug war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteignger Munoz bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen msse und endlich gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den Ladestock meiner Bchse, um ihm die verdiente Zchtigung angedeihen zu lassen; er flchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene Thr ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir fr den Moment um so lieber war, als die spte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen jemals wieder, so drfte unsere Begegnung zur Folge haben, da ich mir einen neuen Ladestock anschaffen mte. Ich wnschte noch vor spter Nacht Massaga zu erreichen und legte die 5 Leguas, durch den unaufhrlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis dahin so schnell wie mglich und mit all der Vorsicht zurck, die eine Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen mute ich jeden Augenblick gewrtig sein, den Pfeil eines Meuchelmrders aus dem Dickicht schwirren zu hren. Nichts der Art trug sich indessen zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehft einer bekannten Familie ein, bei der ich schon zweimal bernachtet hatte. Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, auer dem Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwlf Mnnern vor, von denen einer, ein hochgewachsener hellugiger Mann mit blondem oder grauem Haare, -- wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den Zweifel nicht lsen -- der gutmthig in die Welt hinausblickte, el Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich gegenberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits beschftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen ber Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung ber das Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank und frei, ohne mir ein Blttchen vor den Mund zu nehmen, so da ich sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger Mann, Namens Rivas, dafr, aus einer der angesehensten Familien Massagas, der gelufig englisch und franzsisch sprach und meinen Dollmetscher machte. Auf meine Aeuerungen der Entrstung: da in einem kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der grten Specialkarte bequem mit der Hand bedecken knne und dennoch zwanzigmal mehr Flchenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nthig, die Menschen nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben knnten, lachte jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schssel voll sen Mais vorhalte. Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua an, wo man mich nach meinem Pa vom Prfecten von Granada fragte und mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pssen versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht im mindesten daran, umzukehren. Nachdem ich mich und mein Ro erst mit einigem Imbi gestrkt, ritt ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren, Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls htte begngen knnen. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, whrend zwei Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht _auf_-, sondern dem dreisten Menschen eines damit _ber_ den Kopf zu geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren Gewaltthtigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch wohl den Krzeren gezogen haben drfte. Da ich aber nun einmal auf hohem Pferde sa, lie ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken, worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres Zgern unter meine Psse setzte. Auf halbem Wege zur nchsten Station (Mitiares) begegnete mir ein Officier in groer Hast und Eile und von uerst mrrischem Ansehen; im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkrftet, mit bei Seite geworfenen Waffen berall schlafend umherliegen, whrend von Zeit zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschpft anlangten. Am Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den Leonesern pltzlich mit groem Ungestm angegriffen und in die Flucht geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren, auer da ein Colonel Silaga -- auch Cachirullo genannt -- durch einen Lanzenstich getdtet worden sei, was mich aufrichtig betrbte, denn ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel persnlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven, gebildeten Officier und auch sonst um Vieles hher schtzen lernen, als einen groen Theil seiner Landsleute. Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzglern, theils einzeln, theils in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der Heerstrae einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie sich in ihrem Schrecken geflchtet hatten. Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am Eingange des Dorfes lagen einige getdtete Pferde und die Bewohner waren noch so voller Schrecken ber die letzte Affaire, da ich nur erst, nachdem man meine von frherher noch bekannte Stimme wieder erkannt hatte, Einla ins Wirthshaus erhielt. Dies waren die einzigen persnlichen Rencontres, die ich mit den Heeren der kriegfhrenden Mchte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorflle, aus denen der Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte meiner Gefangennehmung und tdtlichen Verwundung zusammengeschmiedet hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so groe Sorge und Angst um mich versetzte. Die Mnchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen. In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fhrlichkeiten erreichte, erfuhr ich erst die genaueren Details ber jenes Gefecht von Nagarote. Dreiig Mann Infanterie, ungefhr eben so viele Cavalleristen und etwa ein Dutzend amerikanischer Scharfschtzen waren unter Befehl des Colonel Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stieen unvermuthet auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen knnen, und so wild war die Flucht gewesen, da mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in die Hnde der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden von den Dorfbewohnern fnf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen, wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren. Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt, glcklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mute aber gleich nach meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen, indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich ber vierzehn Tage ans Bett fesselte und mich sehr von Krften brachte; nur durch die grte Schonung, treffliche Pflege in =Dr.= Livingston's gastfreiem Hause, gute Nahrung, Porter u.s.w. kam ich nach und nach wieder auf. Whrend dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in folgender Weise vor sich gegangen: Am 4. November war eine Escolta von fnfundzwanzig Infanteristen und fnfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Kste des Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben. Commandant des kleinen Trupps war Major SilagaII., Bruder jenes erstgenannten Colonel Silaga, der brigens nicht in jenem Gefechte von Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von Chinandega vorgerckt, mit Befremden nur durch leere Straen marschirend, als er pltzlich von allen Seiten mit einem mrderischen Feuer begrt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat Granada fr sich zu gewinnen gewut hatte, unter Commando des Generals Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit dem Prsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit vorher hatte das Gercht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben wollen. Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglcke der Leoneser Truppen auf dem Marsche den grten Theil ihrer Munition durchnt; die Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum Angriff und warf den Feind auch wirklich fnf Straen weit zurck, ber einen kleinen Flu. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei Seiten angegriffen, da er nicht lnger Stand zu halten vermochte; nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe getdtet worden waren, muten zu Fu den Weg bis Chichigalpa suchen, an welchem Orte sie so glcklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der ganzen Escolta trafen im Laufe der nchsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter die Mrs. Bradburry und Lane. Das Huflein erreichte glcklich Leon auf weitem Umwege ber Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen ihre groe Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben, als die Granadiner Helden. Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, da die neuesten zuverlssigen Nachrichten ber die nummerische Strke des Feindes ihm ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner zhlten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas, St.Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, ber 1100 Mann, wovon ein groer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines nichtswrdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser, zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen ber 1500 Mann disponible Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute, mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines franzsischen Officiers. Auch sein kleines Huflein Cavallerie war nicht ganz bel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen Miverhltni und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der Eingeborenen, war es daher das Klgste was man thun konnte, mit der Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens unter mglichst guten Bedingungen zu bergeben. Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz Annherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die Granadiner Escolta ber eine Legua zurck, bis Chichigalpa, und war erst dort zu berzeugen, da von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen, handvoll Leute nichts zu befrchten sei. Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige ihrer Hauptbedingungen waren: gnzliche Amnestie fr alle an dem Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen Kriegsheere, Freiheit fr die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen, oder sich friedlich im Lande niederzulassen u.s.w. Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon bergeben; die Amerikaner feuerten den blichen Salutschu, whrend die eingeborenen Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie gro war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er seinerseits pnktlich alle Artikel erfllt, die Waffen gestreckt und alle seine Truppen entlassen hatte, pltzlich von der eingerckten Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff htte erdrcken knnen, so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, berfallen und mit eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem Prsidenten Abaonza (von Leon) bergeben, dann aber diesem wieder heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen Existenz ganz ab. Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz dahingestellt, und eben so die Errterung der Frage, ob ein Sieg der Leoneser Partei dem unglcklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt haben wrde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen Begriff machen knnen, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der Vertrge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat. Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmchtigten Gesandten der Vereins-Staaten in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses Vertrauens, so wie der Regierung, die er reprsentirte, vollkommen wrdig zu beweisen. Trotzdem er frher laut und unverhohlen kund gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser steten Erneuerung der Mihelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spt in der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch nichtswrdiges und wortbrchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige militairische Verurtheilung und Tdtung der Gefangenen, diese geradezu als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hlfte der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht vllig nchtern ist und demnach fortwhrend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht unmglich, da einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth durch Freudenschsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr liebt, aus Versehen dem verhaten amerikanischen Gesandten, der ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den Hirnschdel jagte. Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rcken, nachdem er sich vorher sorgfltig berzeugt hatte, da ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich hrte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten, konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten Siegesheeres nicht genieen. Am 18. brachte eine Escolta Hondurenser 10 Amerikaner, die sich laut Vertrag im Hafen von Realejo hatten einschiffen wollen und im Augenblicke ihrer Einschiffung von den nachgeschickten Truppen gefangen genommen worden waren, in die Stadt. =Dr.= Livingston und ich, da ich wieder so weit Reconvalescent war, um ausgehen zu drfen, gingen sogleich um die Gefangenen zu sehen, wurden aber zurckgewiesen. Wir kehrten sogleich um, ich um zu Mr. Kerr zu gehen und ihm den Vorfall anzuzeigen, whrend =Dr.= Livingston schriftlich von Don Fruto Chamorro eine Erklrung ber diese neue Vertragsverletzung verlangte. Nach einigem Hinundherverhandeln ward uns endlich allen Dreien der Zutritt verstattet, und traurig genug war der Anblick der armen Leute; in einem wahren Hundeloche, voller Schmutz und Ungeziefer, ohne Essen, Trinken, noch irgend eine Spur von Versorgung. Es wurden inde vier, welche infolge der Mihandlungen bedeutend erkrankt waren, sogleich auf =Dr.= Livingstons Brgschaft an diesen ausgeliefert, whrend der Rest, Dank den energischen Schritten des Mr. Kerr, spter gegen Handgelbni entlassen, und seit gestern in vllige Freiheit gesetzt wurden, bis zu welchem Tage sie alle im gastfreien Hause des =Dr.= Livingston eine Zufluchtssttte gefunden hatten. Die Lage der eingeborenen Gefangenen blieb jedoch nach wie vor dieselbe, und ohne Mr. Kerr's unermdliche Wachsamkeit, der sich berhaupt whrend dieser ganzen Zeit kein geringes Verdienst um die Ruhe und Sicherheit der Stadt erworben, wren sie vielleicht schon lngst ihres Lebens beraubt worden. Man hatte mehrfach beabsichtigt, dieselben aus dem bischflichen Palaste, wo sie gefangen gehalten wurden, an einen anderen Ort zu bringen, und es entsprche ganz dem niedrigen Charakter der jetzt herrschenden Partei, bei der sich, wie dies so hufig der Fall ist, Feigheit mit Grausamkeit paart, whrend des Transportes unter mglichst schwacher Bedeckung, die Gefangenen von einem Haufen gedungener Mrder berfallen und abschlachten zu lassen. Das Gouvernement kann ja dann mit Leichtigkeit alle Schuld von sich abwlzen und ffentlich mit grtem Eifer nach den Dolchen suchen, die es in der eigenen Schrpe trgt. Das politische Wetter ist brigens noch entsetzlich schwl und ich mte mich sehr tuschen, wenn nicht binnen ganz kurzer Zeit ein neues Ungewitter losbrche. Durch den, vor einigen Tagen erfolgten Abmarsch der Hondurenser, so wie massenhafte Desertionen unter den Granadinern ist die Strke der Besatzung, welche Chamorro noch unter seinen Hnden hat, auf circa 260 Mann zusammengeschmolzen, und schon tauchen hin und wieder Gerchte von einem vorbereiteten neuen Aufstande auf. Dazu hat Chamorro in seinem kindischen Unverstande die von Munoz sehr zweckmig angelegten Batterien um die Kathedrale, welche dieselbe zu einer, nach hiesigen Verhltnissen, fast uneinnehmbaren Stellung machten und mit deren Hlfe er die ganze Stadt leicht in Schach halten konnte, rasiren und die Geschtze demontiren lassen, whrend er in seiner ganzen Armee nicht einen Officier besitzt, der fhig wre sie wieder in Stand zu setzen. Bricht nun frher oder spter eine neue Revolution aus, so wird sie jedenfalls grausamer und verderblicher wie die vorhergegangene, und wahrscheinlich wrde es dann wiederum den Granadiner Grundbesitzern und Handelsherren ebenso scharf an die Brsen und Waarenlager gehen, wie jetzt den Leonesischen. Noch mu ich hinzufgen, da auch Don Fruto Chamorro, auf die offizielle Anfrage seiner Regierung, die Existenz der mit Munoz abgeschlossenen Capitulation gnzlich ableugnete, trotzdem Mr. Kerr die schriftlichen Beweise dafr in Hnden hat und dieselben prsentirte, ein Verfahren, fr welches in jedem nur halb civilisirtem Lande einem solchen Officier der Degen zerbrochen worden wre. Wann wird doch dieses herrliche, von der Natur in jeder Hinsicht so sehr begnstigte Land aufhren, durch die niedrigen Leidenschaften seiner erbrmlichen Bewohner, durch die Schwche und Hinterlist seiner Machthaber in immer tiefere Degradation zu sinken? Wahrscheinlich nicht eher, als bis die Sterne und Streifen ber dem ganzen Isthmus wehen, und zum Heile der Civilisation mu man wnschen, da dies recht bald geschehen mge. =Quien sabe!= -- wie die Leute hier zu Lande immer zu sagen pflegen. Wenig bleibt mir noch hinzuzufgen. Betrachtet man diese letzte Revolution im Ganzen, so ist es allerdings in keiner Weise zu rechtfertigen, den Prsidenten so ohne Weiteres bei Nacht und Nebel ber die Grenze zu werfen, so wenig befhigt dieser sich auch fr seine Amtsfhrung zeigen, oder dieselben mibrauchen mochte; andrerseits dient aber auch das Benehmen eben dieser Schtzer der Gesetze den ewigen Revolutionen, wenn auch nicht zur Rechtfertigung, so doch zu einiger Entschuldigung. Ich kenne bis jetzt wenigstens noch kein Volk, das weniger befhigt ist sich selbst zu regieren, und eine Art von russischem Gouvernement wrde ihm eine wahre Wohlthat sein. Die Geschichte bietet Beispiele, wie durch lang anhaltende Tyrannei civilisirte Nationen gnzlich demoralisirt worden sind; dies Volk aber ist ein Beispiel des umgekehrten Falls, der Demoralisation durch Unabhngigkeit, denn von da an datirt sich dieselbe, wenn schon die Ursachen vielleicht noch viel weiter zurckliegen mgen. Von mir habe ich nur noch zu sagen, da die Folgen des Fiebers allgemach schwinden und ich dessen quitt zu sein hoffe. Es drngt und treibt mich wieder hinauszukommen, an die Fortsetzung meiner Studien und Arbeiten. Zunchst nach der Kste des Pacific, um mich durch die Seeluft zu strken, dann nach dem Dorfe Felica, etwa 7 Meilen von hier, wo ich kurz vor der Erkrankung einen altindischen Begrbniplatz und beim Nachgraben mehre hchst interessante Alterthmer aufstberte, die ehemglichst ausgebeutet werden mssen.------ IX. Neue Erkrankung. -- Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte. -- Reiseanstalten. -- Aufbruch von Leon. -- Nachtlager. -- Rubergerchte. -- Nchtlicher Ueberfall. -- Eintritt ins Gebirge. -- Trockenheit. -- Zuckererbauung. -- Aztekische Sage. -- Beschwerlicher Marsch. -- Heimathliche Erinnerung. Leon, Ende Mai 1852. Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein mehrwchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation vollstndig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfllung gehen und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukhne Vertrauen auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schdlichen Wirkungen des Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d.J. gezeigt haben wird[2], durch einen sehr bsen Rckfall, der mich nahe an den Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte, gebt. Gottes vterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glcklich berstehen lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thtigkeit zurckgegeben. [2]: Dieser, so wie einige andere Briefe, waren jedoch nicht an ihre Bestimmung gelangt. Lat mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas bergehen, nmlich zu meiner: _Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und Honduras._ Whrend meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr. Squier erhalten, da er sein Unternehmen hierher aus wichtigen Grnden leider aufgeben msse, wenigstens vor der Hand, und somit die eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils um denselben nun doch wenigstens zu mglichst reicher Ausbeute fr mein Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um die vom Fieber hinterlassene Schwche vollends aus meinen Gebeinen zu verjagen, beschlo ich, die noch brige Dauer der heien Jahreszeit in dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt und rztlicher Freund, =Dr.= Livingston, vollkommen einverstanden war. Fr eine Reise durch jene noch sehr wenig bevlkerten Gegenden ist es nthig, sich gleich anfangs mit einem Paar krftiger Segovier Maulthieren zu versehen, fr sich und seinen Diener, da die aus der Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei mglichst wenig Gepck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthfe kennt man daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloer Empfehlungsbrief sichert einem fast berall die freundlichste Aufnahme und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs ist es oft unmglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man Wasser und Futter fr die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei Bumen aufgehangen, wenn nmlich solche da sind, die nackte Erde, auf welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schlft. Ein wenig an der Sonne gedrrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene Maiskuchen) bilden Frhstck, Mittag- und Abendessen und ein kleiner blecherner Feldkessel, den man mit sich fhrt, dient um Kaffee zu kochen, bei welchem die Sahne natrlich meist der Phantasie berlassen bleibt. Die Thiere werden gehobbelt, d.h. die Vorderfe zusammengebunden, und lassen sich whrend der Nacht die Weide schmecken, wenn nmlich welche da ist. Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige Verlegenheit, bis ich an das Maison gewiesen wurde, dort Abhlfe derselben zu finden. Das Maison ist nmlich ein groes, den orientalischen Caravanserais hnliches Gebude, bestehend aus Hfen und Sulengngen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung deponirt, die Zlle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an ihre Bestimmung abliefert. -- Dort miethete ich nun von einem Caravanos aus St.Rafael (nahe Matagalpa) ein groes starkes Segovier Pferd (gro im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier fr das Gepck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch Futtermangel whrend und nach der Revolution zu wahren Skeletten herabgekommen und bedurften erst der lngeren Ruhe im Protero (Weideplatz), um sich wieder zu krftigen. Am 3. Mrz gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration gelutet, kletterte ich, wegen meiner Schwche nicht ohne Schwierigkeit, in den Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, auer mir selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthmer der Maulthiere wie der Ladung, und Don Cesario, seinem =Major domo=; die Infanterie aber aus zwei Mozos (Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren, Innocente und Candelario, zu deutsch: _Leuchter_ -- und so mit Licht und Unschuld im Geleite -- zog frohen Muthes ich ins Weite. Jeder war auf seine Weise so gut wie mglich bewaffnet, denn man sprach viel von einer, aus Ausreiern beider Revolutionsarmeen gebildeten Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich fhrte die deutsche Spitzkugelbchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons Pistolen, smmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter; die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die groe Annehmlichkeit gewhrte, den ganzen Tag inmitten einer groen Staubwolke zu reiten. So ging denn der Zug vorwrts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und wollstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar noch mitten in der heien Jahreszeit, seit November hatte kein Wlkchen den tiefblauen Azur des Himmels getrbt; allein obschon die Tage glhend hei waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von einem khlen Sdost erfrischt, der nur leise in den Blttern der majesttischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die groe Ebene von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific (stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren Endpfeiler der Viejo und der ehrwrdige, ber 6000 Fu hohe Monotombo sich in beraus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen. Feierliche Ruhe schien ber die ganze Natur verbreitet, nur hier und da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen, melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wre ich Dichter, so htte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergssen gehabt. Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2 Leguas zurckgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und gehobbelt, Feuer angezndet, die Hammocks an einzelne Bume aufgehangen und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und s, whrend einer der Mozos ber Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres delectirte sich an dem drren, schlechten Grase, als ob es das seste Heu wre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos, zu deutsch Holzbcken, gestrt, ein hchst lstiges Insect, mit dem man whrend der heien Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein Gebsch geht oder reitet, und dessen Bi wie Feuer brennt. Zuletzt schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nchsten Morgen, wo bei guter Zeit das Frhstck genossen, die Maulthiere beladen, was stets mit grter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder gedrckt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward. Ziemlich frh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorber, der sich erst vor ungefhr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleiig in Eruptionen bt; der Patron soll beraus reizbaren Temperaments sein, denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdru alsogleich durch hchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb wir auch in muschenstiller Ehrerbietung an ihm vorbeizogen. Mr. Squier giebt in seinem neuesten Werke ber Nicaragua eine genaue Beschreibung davon. Gegen Mittag berschritten wir die Vulkankette am Monte-Rota und stiegen dann nach kurzer Rast, um die Thiere zu trnken, in die nrdlich von den Vulkanen gelegene Thalebene hinab, wo wir die Nacht auf einer kleinen Waldwiese, das Caimito genannt, zubrachten. Diese zweite Ebene erstreckt sich vom nordwestlichen Ende des Sees von Managua gegen den Golf von Fonseca hin. Es ist dies einer der fnf Punkte, welche schon der groe Humboldt als geeignet fr eine knstliche Verbindung zwischen den beiden Oceanen bezeichnete. Capitain Sir Edward Belcher, =H.B.M.N.=, welcher diesen Theil des Landes vom Golf von Fonseca aus untersuchte, bezeichnet diese Ebene sogar als den vielleicht einzigen Punkt, wo ein Kanal, brauchbar fr Schiffe erster Gre, angelegt werden kann. Auch Squier spricht in seinem Werke eine hnliche Meinung aus; da ich aber auf meinem Rckwege Gelegenheit hatte, noch einen andern, greren Theil dieser Ebene zu untersuchen, so werde ich mir spter erlauben, meine Bemerkungen ber diesen Gegenstand mitzutheilen. Die beiden nchsten Tage verfolgten wir eine mehr stliche Richtung, in nicht allzu groer Entfernung vom See von Managua. Die flache, meist bewaldete und nur hier und da ein Stck Wiesen- oder Ackerland zeigende Ebene glich im Charakter ziemlich den Flchen im sdlichen Frankreich, und sah in seinem ganzen Habitus, Husern, der Art und Weise zu leben und zu reisen, so zu sagen mittelalterlich aus. Wenn da oder dort der Klang einer Holzaxt durch den Wald schallte, meinte ich immer, Moliere's Scagnarelle erscheinen zu sehen, und ein Paar Reiter glichen bald Don Juan und Leporello auf der Flucht vor den Dienern der heiligen Hermandad, bald wieder Don Quixote mit seinem getreuen Sancho Pansa, auf Abenteuer ausziehend. -- Jeder Reisende hier zu Lande hat brigens, wie ich schon frher bemerkte, etwas mit dem berhmten Ritter von der traurigen Gestalt gemein, theils des imposanten Kriegsapparates halber, den man hier mit sich schleppen mu, theils der mehr als spanischen Dit wegen, zu der man hier gezwungen ist. Hier erst ging mir ein Licht auf, wie wahr und getreu der gefrige Charakter jener Bedienten der alten Komdien aufgefat ist, denn man lugt selbst begierig aus, wo man etwas Leidliches zu schnappen bekommt. Uebrigens ist der Haupterwerbszweig durch diese Ebene die Rindviehzucht. Gegen Abend des dritten Tages nherten wir uns endlich dem Hochgebirge, das rauh genug aussah und strapazenreiche Mrsche versprach. Die Berichte ber Spitzbuben mehrten sich hier in bedenklicher Weise; erst zwei Tage vorher hatten dieselben eine Hacienda geplndert und ein reisender Leoneser war seines Pferdes, Gepckes, selbst seiner Kleider bis auf die Unter-inexpressibles beraubt worden, und noch dazu von seinem eigenen, leiblichen Bruder, der sich im Lande aufhielt. Se, heilige Bande der Natur! -- Ich hatte ordentliche Sehnsucht, mit solch' lieben Burschen eine handgreifliche Bekanntschaft zu machen. -- Don Eusebio wurde nachdenklich und hatte allerdings Ursache dazu, denn nicht nur, da Maulthiere und Ladung, so wie der Erls aus seiner Reise nach Leon einen betrchtlichen Theil seines Vermgens ausmachten, sondern er hatte auch eine ziemliche Geldsumme fr einen der Bergwerksbesitzer in Matagalpa unter seine Verantwortung genommen. Meine Befrchtungen waren in dieser Beziehung nicht so bedeutend, dem alten Sprichworte gem: Wo nichts ist u.s.w. Inde hielten wir doch fr gut, unsere bisherige Marschordnung etwas mehr zu concentriren, um nthigenfalls einander schnellen Beistand zu leisten. Zur Nacht campirten wir dicht am Fue des Gebirges auf einer Savannah mit einigen zerstreuten Bumen und einer kleinen Waldspitze, welche in die Wiese auslief. Ein scharfer Nordost blies von den Bergen herab, und um mich ein wenig dagegen zu schtzen, baute ich mir aus drei Packstteln und einer Pferdedecke eine Art von Zelt. Die gewhnliche Wache ward ausgestellt, und wir Uebrigen legten uns im schnen klaren Mondlichte zum Schlafen nieder. Es mochte etwa gegen 2 Uhr Morgens sein, als mich Don Eusebio pltzlich weckte, mit ganz verstrtem Aussehen rief: =Sennor, Sennor, los ladrones vienen!= und fast zu gleicher Zeit plafften einige Flintenschsse von oberwhnter kleinen Waldspitze herber. -- Sie mgen in Gottes Namen kommen! dachte ich und blieb still liegen, wo ich war, denn die Sttel bildeten eine ganz hbsche Art von Brustwehr, sah aber doch fr den Nothfall nach meinen Revolvers und machte die Bchse schufertig. Die Mozos liefen hin und her, um die Thiere zusammenzutreiben, und lieen ihre Machetas gar frchterlich im Mondlichte blitzen, wozu sie schrieen wie vom bsen Geiste besessen. Die Dons Eusebio und Cesario schossen ihre Pistolen gegen das Gehlz ab, was mit einigen Flintenschssen erwiedert ward. Wenn die Spitzbuben wirklich die Absicht hatten, uns Eins auszuwischen, so mssen es mordschlechte Schtzen gewesen sein, denn ich kann versichern, auch nicht eine einzige Kugel pfeifen gehrt zu haben. Whrend dieser Scene der Verwirrung sah ich deutlich eine weie Jacke nebst dazu gehrigen Modesten gleich einer Schlange auf dem Bauche nach jener Stelle hinkriechen, wo mein Pferd graste, augenscheinlich in der Absicht, dasselbe zu stehlen. Da ich nun durchaus nicht gewillt war, die beschwerliche Reise zu Fu fortzusetzen, auch der Mond noch hell genug schien, um Korn und Visir zu erkennen, so lie ich eine meiner Spitzpillen hinbersausen. Sobald der Schu knallte, sprang die weie Jacke wie electrisirt in die Hhe und die Modesten tanzten mit bewundernswrdiger Gelenkigkeit und Eile nach der Waldspitze zurck. Mit Gewiheit kann ich allerdings nicht behaupten, den Eigenthmer dieser Kleidungsstcke verwundet zu haben, wenn aber, so mu es unzweifelhaft an derselben Stelle gewesen sein, wo Cooper's Natty Bumpo seinem verhaten Gegner, dem Zimmermann Hiram, eine Kugel applicirte, denn ich bemerkte, wie der eine Aermel der Jacke whrend des Schnelllaufes hchst verdchtige Bewegungen nach einer gewissen, nicht wohl anstndig zu bezeichnenden Gegend besagter Modesten machte. Hiermit endete die Scene und Alles ward wieder ruhig, wie vorher, nur da Jeder noch fr einige Zeit seinen bewiesenen Heldenmuth bedeutend pries. Dies war der einzige Schu, den ich je in Central-Amerika zu meiner Vertheidigung abgefeuert; vielleicht wre er nicht einmal nthig gewesen: allein man hatte bisher so viel Lrmen und Aufhebens von solchen Rubergeschichten gemacht, da man mir vergeben wird, wenn ich vielleicht zu voreilig meinen kleinen Beitrag zu denselben lieferte. Jetzt endlich traten wir in das Gebirge ein, durch ein Thal, rechts und links von bewaldeten Bergen eingeschlossen, die sich allmlig zu betrchtlicher Hhe erheben und deren Gipfel eine Art Tafelland, mit Savannahs, steinigtem Terrain und einigen armseligen Bumen bedeckt, bildet. Durch das Thal herab fliet ein ziemlich breiter Flu, der sich in den See von Managua ergiet, jetzt aber freilich nur einige Wasserlachen enthielt, an deren Rndern die wunderschnen alten Bume ihr frisches Grn behalten hatten, ein Herz und Augen erlabender Anblick in dieser Jahreszeit, wo die ganze Natur bis ins innerste Mark verbrannt aussieht, und die groen Besen gleichenden Bume ihre nackten, bltterlosen Arme wie hlfeflehend gen Himmel emporstrecken. Die Flsse, welche wir bisher passirt, und wo an manchen Stellen whrend der Regenzeit schon Menschen und Thiere ertranken, waren jetzt so trocken, da wir tiefe Lcher in den Sand graben muten, um nur etwas schmutziges Wasser fr die Thiere zu erlangen. Ungefhr 9 bis 10 Miles wand sich der Weg in der Schlucht fort, bis zu dem Drfchen Hykaral, und dann begann ein mhseliges Bergsteigen ber einen heien, mit Felsbrocken bestreuten Boden, den nur eben ein Segovia-Maulthier passiren kann, ohne die Beine zu brechen. Rechts und links sendeten nackte weie Sandsteinfelsen die Strahlen der tropischen Sonne mit verdoppelter Strke zurck und mein Reisethermometer zeigte ziemlich 110 Fahrenheit im Schatten, =nota bene= wo etwa Schatten war. Von jetzt an war die Reise nichts mehr als ein bestndiges Auf- und Niederklettern, bei Gelegenheit eine kleine Strecke im Thale bleibend oder fr einige Miles auf hohem Tafellande, bedeckt mit Wiesen und einigen Hykarobumen, aus deren krbisartigen Frchten man hier Trinkgefe macht. Elend aussehende kleine Rohrhtten, in die man von allen Richtungen hinein- und auf der andern Seite wieder hinausschauen kann, waren die einzigen Zeichen, da hier noch Menschen wohnten. Die Nchte wurden allmlig khler und jeden Morgen gegen 2, 3 Uhr stellte sich ein dichter Nebel und starker Thau ein, der, indem er meine Kleider bis auf die Haut durchnte, sehr lstig fiel, denn in diesen Klimaten wird die Haut sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit und Klte. In den Thlern und in der Nhe flieenden Wassers wurde viel Zuckerrohr gebaut, doch meist nur in kleinen Abtheilungen von einzelnen Indianerfamilien; die oben erwhnten Hochebenen dagegen werden groentheils fr Rindviehzucht benutzt, doch ist das Vieh hier klein und nur von geringer Qualitt. Da gerade die Zeit der Zuckerernte war, so brodelte in allen Kesseln ber starkem Feuer der Zuckersaft, und so oft wir eine Pflanzung passirten und Appetit versprten, bekamen wir zum Geschenk ein Bndel kstlichen Zuckerrohres, bei dessen Verspeisung wir so ziemlich einer Bande ambulanter Fltenspieler glichen, und durch welche Nahrung man nach einiger Zeit so fett wird, wie ein Br im Herbste. Eine erwhnenswerthe Unterbrechung der Einfrmigkeit meiner Reise war bei dem Dorfe Guaximala, seitwrts am Wege, eine groe Hhle, an deren Eingang einige Felsen mit Sculpturen bedeckt waren, im Charakter den alten Bildwerken an den beiden Seen von Nicaragua und ihren nchsten Umgebungen gleichend. Eine kleine indische Legende knpft sich an diese Hhle, nach welcher eine aztekische Prinzessin, von den Spaniern verfolgt, sich in dieselbe flchtete und durch einen dichten giftigen Nebel, den sie erscheinen lie, die Verfolger am weiteren Vordringen hinderte. Hier soll sie noch weilen, umgeben von fremden, geheimnivollen Wesen, jeden Neumond oben auf dem Gipfel des Berges erscheinend, um zu sehen, ob nicht ein Adler einen Geier bekmpft und tdtet, denn geschieht dies, so ist der Augenblick der Befreiung des Landes gekommen; die weien Fremdlinge werden ausgerottet und der alte indische Frstenstamm wird wieder in erneuter Glorie das Land beherrschen. -- Der neueste Lauf der Begebenheiten wird, wie mir scheint, diesen Augenblick noch bedeutend hinausschieben, denn die rothhemdigen, tabackkauenden Mnner des Nordens, welche sich neuerdings im Lande niedergelassen haben, scheinen mir eine schwer auszurottende Race.-- Ich htte sehr gewnscht, diese geheimnivolle Hhle nher zu untersuchen, von deren groer Ausdehnung, zahlreichen labyrinthischen Gemchern mit Sculpturen und theilweiser Vergoldung die Leute viel zu erzhlen wuten; aber nicht eine bedeutende Summe htte einen Indianer vermocht, mir als Fhrer zu dienen, und allein das Unternehmen zu wagen, nahm ich denn doch Anstand, denn in dieser Art von Hhlen entwickeln sich hufig Schwefelwasserstoffgase, und schwach, wie ich noch war, war mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, dem Unternehmen zu erliegen; da ich zudem in diesen Theil des Landes zurckzukehren dachte, so verschob ich die Untersuchung dieses interessanten Monuments fr spter, leider, wie ich jetzt sehe, vielleicht fr immer. Am achten Tage meiner Reise stiegen wir in ein Thal hinab, so steil und so tief, da es wirklich schien, als solle es direct bis ins Centrum der Erde gehen; unten erreichten wir endlich ein niedliches Drfchen, la Concordia, inmitten zahlreicher Zuckerrohrfelder und Gruppen schner alter Bume, am Ufer eines kleinen Bergflusses gelegen, der rasch und lustig ber Felsen und Gestein dahin hpfte. Um so theuerer mute ich aber den lieblichen Anblick durch das Erklettern des jenseitigen, noch viel steilern Bergpfades erkaufen, noch erschwert durch den Umstand, da ich Basilio, der am Tage vorher von einem Maulthiere geschlagen worden war und gar nicht gehen konnte, mein Pferd geliehen hatte, und so, theilweise auf Don Eusebio's Thier, theilweise aber auch zu Fu, in meinen schweren Reitstiefeln den Weg zurcklegen mute. Ein bitter Stck Arbeit! Gegen Abend inde erreichten wir den nrdlichen Saum eines Tafellandes und befanden uns pltzlich im Angesichte von St.Rafael, dem Orte unserer Bestimmung. Hier bot sich dem Auge ein wunderliches Spiel der Natur: gegen Sden erstreckte sich eine groartige Gebirgslandschaft in den so ernsten und doch so grazisen Conturen, ganz hnlich den Gebirgen Griechenlands und Kleinasiens; nordwrts dagegen war auch nicht mehr ein Schatten tropischer Natur zu sehen. Das Thal von St.Rafael, von kleineren vulkanischen Hgeln umgeben, glich frappant dem Thale von Teplitz in Bhmen und war bewaldet mit Massen von Rotheichen, dazwischen Wiesen und Zuckerrohrfelder, die aus solcher Entfernung fr das Auge die Getreidefelder ersetzten; die Gipfel der Hgel mit einer Menge der schnsten Kiefern bedeckt. Selbst die Htten des Dorfes glichen in Form und Gre von weitem den Huserchen des schsischen und bhmischen Erzgebirges -- mit einem Worte: es sah beinahe aus wie daheim im lieben Sachsenlande. X. Aufenthalt in San Rafael. -- Viehzucht. -- Versuch mit dem Lasso. -- Weiterreise. -- Nchtliches Concert. -- Totogalpa. -- Der gastfreundliche Cura. -- Eine Hochzeit. -- Ocotal. -- General Guardiola. -- Hahnenkmpfe. -- Spielwuth der Bewohner. Ich ward genthigt, einige Tage hier zu bleiben, theils weil Don Eusebio Geschmack an mir gefunden hatte und mich durchaus in seinem Hause beherbergen wollte, was mir sehr angenehm war, um etwas auszuruhen, und dann, weil zwei der Maulthiere am vorigen Tage ganz erschpft zurckgelassen werden muten, und ich so meine Bagage zu erwarten hatte, bis Apolinario sie auf anderen Thieren nachgeholt haben wrde. Die kurze Rast bekam mir aber vortrefflich und mein Gesundheitszustand besserte sich schnell und merklich. Don Eusebio zeigte mir seine Besitzung, meist Weideland und an Umfang beinahe so gro, als manches kleine Frstenthum, mit ungefhr 4000 Stck Rindvieh, nannte sich selbst aber dabei einen armen Mann; er hatte insofern nicht ganz Unrecht, als er von all' seinem Eigenthume kaum 600 bis 700 Piaster jhrlich realisiren kann. (Das Stck Rindvieh im Preise von 3, 4, hchstens 5 Piaster.) Da Don Eusebio eine kleine Ladung Rohzucker nach Ocotal zu senden hatte, so contrahirte ich mit ihm fr Thiere nach dem nicht weit von Ocotal gelegenen Dipilto, einem der bedeutendsten Minenpltze des Landes. Es muten dazu noch einige von den in den Savannahs grasenden Maulthieren eingefangen werden, und auf Don Eusebio's Einladung beschlo ich, auch einen Versuch mit dem Lasso zu machen. Eines Morgens ritten wir in Begleitung von zwei Mozos, jeder mit seinem Lasso am Sattelknopfe, zur Jagd aus, nachdem ich von Don Eusebio noch einige Lectionen, wie zu verfahren sei, erhalten hatte, denn es ist ein verwnschter Unterschied, einen Lasso zu Pferd oder zu Fu zu werfen. Nachdem die Mozos in Zeit einer halben Stunde den geschftlichen Theil erledigt, d.h. die nthigen Maulthiere eingefangen, kam an mich die Reihe, meine Knste zu produciren. Ein starker Bulle ward ausersehen und ich ritt langsam auf denselben los. Der Stier, Schlimmes ahnend, fing an zu laufen, ich galoppirte hinterdrein, das Pferd scharf in der Faust. In angemessener Entfernung erhob ich mich ein wenig in den Bgeln, wirbelte den Lasso um den Kopf, lehnte mich vorwrts, um ihn zu werfen, als -- schnapp! der Steigbgel mir entschlpfte, und ich kopfber zu Boden scho. -- Ungeheuere Heiterkeit von allen Seiten! -- Das gut abgerichtete Pferd stand im Augenblicke still, und nachdem ich mich berall befhlt und entdeckt hatte, da alle meine Knochen noch ganz waren, stieg ich wieder auf, mein Glck auf's Neue zu versuchen; diesmal ging's besser, der Lasso fiel, den halben Cirkel beschreibend, dem Thiere kunstgerecht ber die Hrner; das Pferd, als ob es die Lnge des am Sattel befestigten Lasso genau berechnet htte, wendete augenblicklich um und brachte durch einen heftigen Ruck den Bullen zu Boden. Nur ist noch eine gewisse Geschicklichkeit erforderlich, sich des Thieres auch ganz zu bemeistern, was meiner Unerfahrenheit doch wahrscheinlich etwas schwer geworden sein drfte, htte Don Eusebio nicht, seinen Lasso von der andern Seite werfend, alle weiteren Schwierigkeiten beseitigt, und so endete denn dieser erste Versuch mehr zu meinem Ruhme, als ich in der That verdient hatte. -- Ungeheuere Zufriedenheit! * * * * * Nachdem Don Eusebio mich whrend meines Aufenthalts bei ihm so gastfrei behandelt, als seine Mittel es nur irgend erlaubten, begleitete er mich noch einige Meilen auf meiner Weiterreise. * * * * * Ich nderte nun meine Richtung, die bisher eine nordstliche gewesen war, in eine nordwestliche und, obschon weit im Binnenlande, eine mit der rechtwinkligen Form der Meereskste parallel laufende Linie beschreibend, setzte ich meine Reise in alleiniger Begleitung eines Mozo fort. Der Weg glich so ziemlich dem vorigen, nur da in so betrchtlicher Hhe, wie ich mich befand (3000 bis 4000 Fu auf den tiefsten Punkten), die Nachtluft, zumal auf den Gipfeln der Hgel, recht empfindlich khl ward, mein Poncho und ein tchtiges Feuer mir uerst angenehm waren, desto mehr aber die Thiere zu leiden hatten, denen die Khle hufig eine Art von Darmgicht oder Kolik zuzieht, die zwar nur einige Stunden anhlt, sie aber doch fr diese Zeit ganz unfhig macht, zu gehen. Wasser ist hier hufiger und von vorzglicher Qualitt. Die Zuckerrohrfelder, obwohl nur klein, sind ergiebig, der brige Boden, wie bisher, Wald und Weideland. Die Landschaft war hier unter dem Einflusse der Morgennebel und des reichlichen Thaues schn grn geblieben. Bergauf- und bergabsteigend bot die Pflanzenwelt eine hchst berraschende Abwechselung dar, denn in der bedeutenden Wrme der Thler sprote die tropische Vegetation in vollster Ueppigkeit, whrend auf den hchsten Hhepunkten, die ich berhrte, oft selbst die Kiefer als verkrppeltes Knieholz hinter mir blieb, und ich so manchmal im Zeitraume eines Tages die Vegetation von 30 bis 40 Breitegraden beobachten konnte. Ich passirte eine Menge von Drfern, von bald christlichen, bald heidnischen Namen, unter denen ich mich besonders eines lieblichen Blickes in das Thal Santa Rosa, von der Borda di Santa Rosa herab, mit Vergngen erinnere. Die Nchte freilich wurden des tglich heftigern Thaues wegen auch im nmlichen Grade unangenehmer und mein Schlummer ward oft gestrt vom nchtlichen Geheul der Cayotas oder sdamerikanischen Wlfe, welches ganz so klingt, als ob eine Bande ungezogener Gassenbuben im hchsten Discant schrie, und in das sich manchmal das tiefe, langgezogene Geheul eines Jaguars mischt. Obschon man allgemein und, wie ich glaube, mit Recht behauptet, da diese Bestien, auer vielleicht im furchtbarsten Hunger, den Menschen nie angreifen, so kann man sich doch, wenn das schndliche Concert zu arg wird und gar nicht aufhren will, eines gewissen Bchsenfertigmachungs- und Messerzurechtlegungsgefhles nicht erwehren, und manch' liebes Mal trieb mich die Sorge um die Thiere aus dem Hammock, um mit der Bchse im Arme die Wachtrunde zu machen. Am dritten Tage gegen Abend gelangte ich nach Totogalpa, einem mit Ausnahme des Cura (Pfarrers), der ein Weier ist, nur von Indianern bewohnten Dorfe, die sich immer wieder nur unter einander verheirathen und so ihren Stamm rein und unvermischt erhalten. -- Der Cura war ein =compadre= (auf gut deutsch Herr Gevatter) Don Eusebio's, weshalb der Mozo Ordre hatte, mich nach seinem Hause zu bringen. Der Cura, ein respectabel aussehender Vierziger, war die Herzensgte und Freundlichkeit selbst. Da ich immer noch ein wenig zu schlank im Verhltni meiner Krperlnge war und bla aussah, so litt er nicht, da ich im Hammock schlief, sondern ich mute durchaus ein Bett annehmen, wie ich erst spter zu meinem groen Leidwesen erfuhr, des wrdigen Mannes eigenes Bett, da er in dem Artikel nicht eben reichlich versehen war. Mr. Stevens rhmt in seinem Werke ber Central-Amerika mit allem Rechte die Gte der Curas, und ich mu dieses Lob in vollster Ausdehnung besttigen; mit vielleicht nur wenigen Ausnahmen in den grern Stdten ist das Haus des Cura stets die Zufluchtssttte aller Obdach- oder sonst Hlfebedrftigen, und so auch in Totogalpa. Es blieben in derselben Nacht wenigstens zehn bis zwlf Personen, darunter auch drei Damen, welche auf dem Wege nach Leon begriffen waren, in der Pfarrei, und vielleicht dreiig Maulthiere und Pferde lieen sich die Weide auf des guten Pfarrers Protero trefflich schmecken. Die bessern Huser haben hier alle einen Patio oder Veranda, den jeder Reisende ebenso als sein Eigenthum betrachten kann wie die Landstrae; zwischen den Sulen schlingt er seinen Hammock auf, in einer Ecke oder auf dem freien Platze vor dem Hause zndet er sein Feuer an, kocht seine mitgebrachten Vorrthe und zahlt nur dann etwas, wenn er irgend etwas von den Vorrthen des Hauses consumirt, -- =nota bene= wenn Vorrthe da sind.-- Der Cura theilte mir beim Schlafengehen mit, da am andern Morgen drei junge Paare den ledigen mit dem Ehestande vertauschen wollten, und lange vor Tagesanbruch folgte ich ihm in die Kirche, der Ceremonie beizuwohnen, denn es ist hier Sitte, jede Trauung noch vor Sonnenaufgang zu vollziehen, eine Sitte, die wahrscheinlich noch indianisch-heidnischen Ursprungs ist. Die jungen Paare erschienen, gefolgt von ihren Verwandten, im Geleite der Brautfhrer und Brautjungfern; der Cura vollzog die Trauung nach dem Ritus der katholischen Kirche und im Zwielichte des anbrechenden Tages begab sich der ganze Hochzeitszug nach dem Hause des Brutigams, um dort den Tag bis zur spten Nacht mit Essen, Trinken und Tanzen zuzubringen. Der Cura fhrte mich in eins der Huser, um die Festlichkeiten mit anzusehen. Inmitten der dichtgedrngten Menge ward getanzt, doch stets nur ein Paar auf einmal, beim Klange zweier Guitarren und einer Geige. Das Mdchen stand auf einer Seite des kleinen Tanzraumes und der junge Bursche bewegte sich hpfend und tnzelnd auf sie zu, bald vorwrts, bald rckwrts, und drehte sich in verschiedenen Bewegungen um sie herum; dann that das Mdchen desgleichen, dann beide zusammen, worauf beide abtraten, um einem neuen Paare den Raum zu berlassen, sich selbst aber mit Tortillas und Bohnen zu erlaben. Aus besonderer Rcksicht auf mich als Fremden und die wrdige Begleitung, in der ich mich befand, nherte sich mir eine Art von Ceremonienmeister und forderte mich zum Tanze auf; da aber mittlerweile der Tag angebrochen war und die Thiere gesattelt vor der Thr standen, entschuldigte ich mich mit meinen bestiefelten und pfundbespornten Gemthszustnden, schttelte dem wackern Diener Gottes herzlich die Hand und galoppirte lustig dahin in der frischen Morgenluft. Bald bot sich mir von der Hhe der Borda de Ocotal eine wunderliebliche Aussicht in das Thal, wo sich der Riococo hinab nach der Ostkste schlngelt, an seinen Ufern das reizend gelegene Drfchen Ocotal und drben auf der andern Seite die grandiosen Berge von Dipilto. Noch ein steiles Hinabklettern, bei dem die Thiere manchmal eine ganze Strecke auf dem Hintertheile rutschend zurcklegten, dann die Passage des Riococo, jetzt ziemlich leicht, doch in der Regenzeit sehr schwierig und gefahrvoll, und ich ritt nach kurzer Zeit ber die Plaza von Ocotal nach dem Hause der Sennora, Donna Chepa (Josephine) G., einer groen corpulenten Dame, an die ich eine Empfehlung hatte. Aufnahme wie berall. Als ich beim Frhstck sa, kam der Militrcommandant des Departements, Don Gabriel Y., in Gesellschaft eines kurzen, dickbeleibten Sennors mit ungeheuerm militrischen Schnurrbart und blauem Oberrock, um der Sennora einen Besuch abzustatten. An mich wurden nun viele Fragen: Leon, die Revolution, Munoz etc. betreffend, gerichtet, die ich ungenirt und so gut ich es vermochte beantwortete. Mir fiel dabei auf, da der dicke Herr im blauen Oberrock mit dem gewaltigen Schnurrbarte seine brigens recht hbschen und sanften blauen Augen immer schchtern wie ein verlegenes Mdchen niederschlug, wenn ich ihn ansah, eine Gewohnheit, die mir an Mnnern nie recht gefallen will. -- Spter in Dipilto, wo ich denselben nochmals antraf, erfuhr ich erst, da es der General Guardiola sei, auch der Tiger von Honduras benannt. -- Dieser Mann hatte sich im Jahre 1844, wo er die Regierung von Honduras untersttzte, eine traurige Berhmtheit erworben durch seine blutige, grausame Verfolgung der Gegenpartei. Im Jahre 1849 conspirirte er dann selbst gegen die Regierung, hatte aber schlechten Succes und hielt sich seit jener Zeit als Verbannter in Costa-Rica auf. Dann ward er von der Regierung von Nicaragua herbeigerufen, um ein Commando gegen Munoz zu bernehmen, konnte sich jedoch nicht mit dem commandirenden General, Don Fruto Chammorro, vertragen und nahm deshalb sehr schnell wieder seine Entlassung. Ocotal ist die von Manchen als Nuevo Segovia bezeichnete Stadt; die eigentliche Stadt dieses Namens ist jedoch 4 Miles tiefer hinab, am Riococo gelegen, ward im Anfange des vorigen Jahrhunderts aber von Flibustiern, die den Flu heraufkamen, zerstrt und die geflchteten Bewohner bauten das heutige Ocotal. Ich wnschte noch vor Nacht Dipilto zu erreichen und brach also auf, sobald Menschen und Thiere sich ein wenig erholt hatten. Als ich ber die Plaza kam, bemerkte ich eine Menge Menschen und aus ihrer Aufregung und der allgemein auf einen Punkt gerichteten Aufmerksamkeit schlo ich, da da etwas Absonderliches los sein msse. Als ich an die Stelle kam, sah ich, da ein Paar Kampfhhne die Helden der Scene waren, und der heutige Tag, wie man mir sagte, der eines weitberhmten Hahnengefechts. Jetzt erst ward mir pltzlich klar, warum ich unterwegs so viele Leute mit Bretern auf dem Rcken gesehen hatte, auf deren jedem fnf bis sechs Hhne festgebunden waren. Ein Mann zu Pferde kam sogar mehr als 30 Miles weit her, die vier Ecken seines Sattels nach den vier Himmelsgegenden zu mit ebenso vielen Hhnen garnirt, zwei an Stelle der Holftern, zwei an Stelle der Satteltaschen. Die Hhne fechten hier nicht mit den gewhnlichen Sporen, sondern mit sichelartigen Messerchen, deren haarscharfe Klinge manche so geschickt an das rechte Bein des Hahnes zu befestigen verstehen, da oft schon beim ersten Anlauf der Gegner ein Bein einbt. Eben als ich anlangte, fiel einer der armen Kmpen, von seinem Gegner in die Seite gestochen und schndlich hinterlistig umgebracht, zu Boden und ma den Wahlplatz mit seinem Heldenleibe. Gleich war jedoch ein neues Paar zur Stelle, und ein barfiger, ziemlich lumpenhaft toilettirter Sennor frug mich, ob ich nicht mit ihm auf einen der Duellanten wetten wollte. Wie viel? -- Zehn! -- Was zehn, Piaster? (Etwas hoch, dachte ich.) -- Nein, zehn Mark Silber (ziemlich 80 Dollars). Bagatelle! meinte ich und machte, da ich weiter kam, denn ein so niedriges und grausames Vergngen schien mir nicht werth, Zeit und noch weniger Geld daran zu setzen. Es ist brigens eine gewhnliche Sache, hier anscheinend arme Leute recht hohe Summen bei Hahnen- und Stiergefechten verwetten zu sehen. Das Spiel ist hier die vorherrschendste Leidenschaft und, wie man mich versicherte, sollen am selben Tage auf zwei Hhne von besonderer Kriegsreputation in mehrern Wetten die Summen von 2000 Dollars im Ganzen auf dem Spiele gestanden haben. So fand ich auch, was ich vorher nicht beachtet hatte, in jedem Hause einen oder mehrere Kampfhhne, jeden mit einem Bindfaden am Fue, auf einer Art von Papageienstock sitzend, die lediglich zu jenem barbarischen Vergngen aufgefttert werden. Bald hinter Ocotal tritt man wieder in eine tiefe Schlucht ein, und gleich im Anfange hren alle bewohnten Pltze auf. Ein zwar enger, aber doch nicht zu beschwerlicher Weg fhrte bald auf dem einen, bald auf dem andern Ufer des Rio di Dipilto hin, der hell, klar und lustig ber die Steine dahinhpft, hier und da von einem kleinen Salto (Wasserfall) unterbrochen, mhsam an manchen Stellen sich durch das Thal zwngend, dessen vielfache Windungen ihm manchmal das Aussehen geben, als htte hier die Welt ein Ende. Mein Mozo, fr den das Hahnengefecht mehr Anziehungskraft hatte, als fr mich die Reize dieser malerischen Natur, war etwas zurckgeblieben, und so verfolgte ich denn meinen Pfad in einer angenehmen Einsamkeit. Die steilen Hhen rechts und links, bedeckt mit majesttischen Kiefern, wie ich sie noch kaum so hoch gesehen, lieen die Sonne nicht so eindringen, und die tiefe Ruhe, durch das sanfte Gemurmel des dahineilenden Flchens noch traulicher gemacht, ward nur dann und wann vom leisen Gesange eines Vgelchens unterbrochen. Viele Nordlnder sind der Meinung, da die Vgel der Tropen nicht singen; dem ist aber nicht so, nur mu sich das Ohr an ihren Gesang gewhnt haben, der so zart ist, da sie fast leichter zu sehen als zu hren sind. Ich aber fhlte mich so froh gestimmt, da ich die schweigsamen Wlder lustig vom Gesange deutscher Lieder wiederhallen lie, was ihnen wohl nicht hufig passiren mag. Endlich und endlich ffnete sich das Thal ein wenig und auf einem kleinen Plateau, just nur gro genug, um den Gebuden nothdrftig Raum zu geben, erschienen die Dcher von Dipilto, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne. XI. Dipilto. -- Mangelhafter Zustand des Bergbaues. -- Wiederkehrende Gesundheit. -- Taminos Feuer- und Wasserprobe zu Pferd. -- Erlegter Tiger. -- Der Staat Honduras. Dipilto, jetzt vielleicht der bedeutendste Minenort in Nicaragua, war, obschon seine Minen schon seit sehr langer Zeit betrieben werden sollen, vor zwanzig Jahren noch nur ein einziges Haus, und ward das Almuercadero (Frhstcksplatz) genannt, weil die Reisenden von Honduras meist hier am Ufer des Flusses im Schatten einiger Bume, die jetzt noch dastehen, ihr Frhstck einnahmen. Ich stieg im Hause der Madame L. ab, hier nur glattweg die Madama genannt, an welche ich eine Empfehlung von ihrem Manne aus Massaga hatte. Sie war Franzsin und hatte sich, obschon bereits 22 Jahre in Central-Amerika, noch ihre echt franzsische Lebendigkeit und Liebenswrdigkeit vollkommen bewahrt, in Bezug auf Gastfreundschaft aber mit den Sitten des Landes ganz acclimatisirt. Ich fand hier drei Amerikaner und einen amerikanisirten Deutschen, Mr. Sch....., welcher, sowie ein Englnder in Matagalpa, Mr. P., die einzigen auslndischen Minenbesitzer in Honduras sind. Einer der drei Amerikaner ist jener Mr. Dickson, der im vorigen Jahre mein Schiffsgenosse auf der Reise von New-York nach Central-Amerika war, augenblicklich aber nicht in Dipilto anwesend. Der Bergbau liegt hier freilich noch sehr in den Urzustnden, und von einem wissenschaftlichen Betrieb ist noch kaum die Rede. Zwei junge deutsche Bergleute, Herr Schmidt, ehemaliger Bergstudent in Freiberg, und Herr Witting aus Hessen, beide im Interesse einer Compagnie arbeitend, waren ganz in Verzweiflung ber die vielen Hindernisse, die einem geregelten Betriebe des Bergbaues hier noch im Wege stehen. An einen kunstgemen Schachtbau ist noch nicht zu denken; wo sich eine Ader findet, schlgt man ein und folgt ihr in jeder beliebigen Richtung, aufwrts oder abwrts, rechts oder links, nach Art der Maulwrfe. Manche Minen haben allerdings eine Art von Schacht mit Ruhepltzen (Posas) von ungefhr 15 Varas (20 Ellen) Umfang, sowie auch Leitern, die aber nichts weiter sind, als unbehauene Stmme mit rechts und links in dieselben angebrachten Kerben, Papageienstangen nicht unhnlich, auf welchen die Indianer wie die Affen hinauf- und hinunterklettern, auf dem Rcken einen ledernen Sack, der an einem Riemen ber die Stirn getragen wird, um das Erz und die Steine zu transportiren. Von regelrechten Fahrten mit Sprossen, Schachten mit Gpeln zum Ausbringen der Erze und des todten Gesteines hat Niemand eine Idee, und ebenso wenig vom Bau eines Stollens, um die unterirdischen Gewsser abzuleiten. Daher werden die meisten Minen schon in einer Tiefe von 200 bis 300 Fu verlassen, und erst in neuester Zeit hat Herr Sch...... Versuche gemacht, eine aufgegebene Grube auszupumpen und wieder gangbar zu machen. Das grte Hinderni sind die blen Straen, auf denen Alles nur durch Maulesel und Menschen fortgetragen werden mu, und die es natrlich unmglich machen, zweckmige Maschinen zum Auspumpen ersoffener Schachte herbeizuschaffen. Von einer bergmnnischen Berechnung, wo man sich unter der Erde befinde, hat hier gleichfalls Niemand eine Ahnung. Trotz des bedeutenden Mineralreichthums (manche Minen geben 18 bis 20, ja sogar 25 Procent Silber) wird es immer noch geraume Zeit dauern, bis Dipilto den Aufschwung bekommt, den es haben knnte, denn Jeder wird einsehen, da unter so erschwerenden Umstnden viel Arbeit nthig ist, um nur ein leidliches Resultat zu erzielen.-- Die localen Verhltnisse sind brigens in vieler Hinsicht gnstig; der Flu mit bedeutendem Fall ist whrend aller Jahreszeiten im Stande, eine hinreichende Wasserkraft zu produciren; als Brennmaterial dient das vortrefflichste Kiefernholz, zum bloen Preis des Umhauens, und die Arbeiter erhalten die niedrige Bezahlung von 2 Dimes (etwa 8 Silbergroschen) den Tag; die grte Schwierigkeit ist aber eben, diese zu bekommen. Sobald der Indianer nur noch einen Cent in der Tasche hat, kann ihn keine Macht zum Arbeiten bewegen, statt Montag kommt er oft Mittwoch oder Donnerstag zur Arbeit; von einer regelmigen Eintheilung in Schichten fr Tag- und Nachtarbeit ist gar keine Rede. Was nun daraus fr eine Art von Bergbau entsteht, mag Jeder beurtheilen, der nur die oberflchlichste Sachkenntni hat. Das sicherste Mittel, was noch der Arbeitgebende hat, die Leute zur Arbeit zu zwingen, ist, ihnen einige Dollars vorzustrecken, dann kann er die Leute durch den Alcalden zwingen, das Geld abzuarbeiten, und sollte der Mann vom Sterbebett des Kindes weggeholt werden mssen. Da nun die Indianer in ihrem sorglosen Wesen sehr leicht verschuldet werden, so bringen die Leute meistens ihr Leben in einem Zustande zu, noch schlimmer als Sklaverei. Es ist dies eins der vielen Uebel, die spanische Gesetze nach Amerika gebracht haben. Da viele der Minen 5 bis 6 Miles von Dipilto liegen, so werden die Erze durch Maulthiere dahin geschafft. Auch das Verfahren beim Ausbringen des Silbergehaltes liegt hier noch in derselben Kindheit, wie vor etwa drei, vier Jahrhunderten in Freiberg und Goslar, und geschieht meistentheils in kleinen Oefen durch Feuer, so da jede Operation 7 bis 8 Stunden erfordert und ein sehr unvollkommenes Resultat giebt. Einige Besitzer bedienen sich auch noch einer amerikanischen Originalerfindung auf dem Patio, d.i. ein groer gedielter Platz, auf dem das gemahlene Erz in Haufen (Montones) von 15 bis 20 Centner gebracht, mit etwas Kochsalz und Quecksilber gemischt, mit Wasser durchgetreten und dann etwa 14 Tage der Sonne ausgesetzt wird, welcher Proce sich oft drei- bis viermal wiederholt; dann wird der Sand ausgewaschen, das gewonnene Amalgama unter Kupferglocken verdampft, die Quecksilberdmpfe in dem darunter befindlichen Wasser condensirt und spter das Silber in kleinen Oefen von der geringen darin noch enthaltenen Quantitt Kupfer gereinigt. Ein hchst langwieriges Verfahren, welches wegen des dabei unvermeidlichen Verlustes an Quecksilber (hier im Preise von 140 Dollars der Centner) immer mehr in Abnahme kommt. Das Mahlen des Erzes geschieht im sogenannten Ingenio (vielleicht sogenannt, weil in der Erfindung eben durchaus nichts Ingenises ist); diese Maschine besteht aus einem horizontalen Rade, meist 30 Fu im Durchmesser und ebenso hoch vom Boden entfernt, auf dessen Zhne oder Ksten eine im Winkel von wenigstens 45 herabstrzende Wasserkraft wirkt. An der verticalen Axe, etwa 5 Fu ber dem Boden, durchkreuzen zwei Hlzer, jedes von ungefhr 20 bis 25 Fu, dieselbe, an deren Enden Steine von 12 bis 15 Centnern, durch das Rad gedreht, einen Kreis beschreiben und so die Erze zerquetschen. Eine sehr schwerfllige Maschine, deren Resultat sich durch viel einfachere Mittel weit vollkommener erreichen lt. Die letzte Methode des Ausbringens, die erst in neuerer Zeit in Aufnahme zu kommen beginnt, ist die bekannte Amalgamatiere in drehbaren Fssern, nachdem das Erz vorher im Ofen gerstet worden ist. Herr Schmidt stellte eben auch Versuche der sogenannten Augustin'schen Methode vermittelst Kochsalz an, mit welchem Erfolge ist mir zur Zeit jedoch nicht bekannt geworden. Die vier Wochen, welche ich in Dipilto zubrachte, waren vom allerbesten Erfolg fr mein Befinden und werden unter meinen Erinnerungen aus Central-Amerika stets eine liebe Stelle einnehmen. Ich ging mit erneueter Lust an die Arbeit, bereicherte meine Zeichnenmappe betrchtlich mit hchst pittoresken Studienblttern und meine Naturaliensammlung mit Specimen der verschiedensten Art. Der klare Flu bot mir ein krftigendes Bad am Morgen, die bewaldeten Berge angenehme Spaziergnge in der Khle des Abends, mit einem Worte, ich lebte wieder neu auf. Selbst die kleinen Unannehmlichkeiten, die ein Aufenthalt an so entlegenen, von aller Communication abgeschnittenen Orten mit sich bringt, fhlte ich im Hause meiner gtigen Wirthin und durch den so lieben freundlichen Umgang weniger. Sogar fr literarische Unterhaltung auf einsamen Spaziergngen war gesorgt, denn ihr Bchervorrath enthielt allerhand Literaturerzeugnisse in buntester Mischung, von Rousseau und Voltaire bis Frederic Souli und Alexander Dumas. Lebensmittel sind, da dieselben erst aus den tiefer gelegenen Bezirken auf Maulthieren herbeigeschafft werden mssen, wohl zu Zeiten etwas sparsam; allein da Herr und Madame L. selbst Handel mit Silber nach Granada und mit allerhand Gtern fr den Verbrauch am Orte von dort hierher betreiben, so geht beinahe monatlich ein Transport hinab und einer herauf, wodurch denn auch Keller und Speisekammer wohl versorgt ward. Zur Regenzeit mgen freilich manchmal magere Tage auf fette folgen. Gesellschaft fand ich, auer den beiden jungen deutschen Bergleuten, in Herrn Sch., meinem Doppellandsmann, geborenen Deutschen und naturalisirten Amerikaner, Don Felix S., ein unternehmender, thtiger Mann, dem Dipilto die Einfhrung der neuesten Verbesserungen verdankt, Don Chico F. u.s.w. Die meisten dieser Leute waren frher durch Guardiolo aus Besitz und Heimath vertrieben worden und jetzt irrte ihr frherer Verfolger in denselben Gegenden heimathlos umher, wo die Vertriebenen sich eine neue Heimath gegrndet. Nehmt euch ein Exempel dran! Selbst die frohesten Stunden mssen aber ein Ende haben und so auch mein Aufenthalt in Dipilto. Wenn ich noch andere Punkte fr meine Studien ausbeuten wollte, hatte ich, der bevorstehenden Regenzeit wegen, nicht sehr viel Zeit zu verlieren. Ich fand hier noch grere Schwierigkeit, mir Thiere zu verschaffen, denn die meinigen waren gleich nach meiner Ankunft nach St.Rafael zurck gekehrt, weil der Mangel an Futter dort die meisten unfhig zur Arbeit machte. Da ein Packthier, welches ich mit Mhe und Noth auftrieb, erst in einigen Tagen disponibel ward, mir aber mittlerweile ein ziemlich gutes Reitpferd verschafft worden war, so beschlo ich, mich einstweilen allein auf den Weg zu machen, um in der Zwischenzeit Mr. Dickson, meinen vorjhrigen Reisegefhrten von der Brigg Rogelin, zu besuchen, der in Maquelizo eine Zweigmine bearbeitete. So belud ich denn -- es war jetzt schon Mitte April -- den kleinen munteren Braunen mit den nthigsten Lebensmitteln, da ich wenig Aussicht hatte, die nchsten zwei Tagereisen bis Yuscaran welche zu bekommen, und begab mich frisch und frhlich wieder auf die Wanderschaft. Es ging nun von Neuem an ein Steigen und Klettern durch des steriles Gebirg, weit und breit keine Spur menschlicher Wesen, denn ich befand mich hier so ziemlich zwischen den letzten Auenposten der Civilisation. Ich mochte etwa drei Stunden geritten sein und hatte von fern schon mehrmals einzelne Savannen hinter mir in Feuer gesehen, als ich, in einem engen Felsthal eingeschlossen, auf einem kleinen abschssigen Terrain, bei einer Biegung das Thal vor mir in Flammen sah. Wre das Gras hier so hoch und dicht wie in den Prairien von Texas, so wrde ich jetzt wahrscheinlich nicht im Stande sein, gegenwrtige Zeilen zu schreiben. Die Sache erscheint aber weit gefhrlicher als sie wirklich ist, denn das Gras ist hier nur dnn und kurz, brennt schnell wie Pulver ab, und dann bieten auch einzelne ganz nackte Stellen Pltze, wo das Feuer nicht hinreicht, ja bisweilen hlt nur ein kleines Bchlein den Gang der Flammen auf. Es geschieht dies Abbrennen absichtlich gegen Ende der heien Jahreszeit, um dem neuen Grase Platz zu machen. Zurckzugehen fand ich nicht fr rathsam, denn bergauf wre ich von den Flammen sicherlich eingeholt und vom Feuer und Rauch noch mehr belstigt worden, darum hielt ich auf der etwas hoch gelegenen Stelle an, stieg ab und sattelte mein Pferd etwas mehr zurck, um ihm das Athmen zu erleichtern. Das kluge Thierchen wieherte leise, als htte es mich verstanden und wollte mir sagen: Sei nur ruhig und verla dich auf mich. In der That sind auch die Thiere durch das alljhrliche Abbrennen der Savannen so ans Feuer gewhnt, da selbst Khe sich ganz gemchlich an gesicherte Punkte zurckziehen, wobei sie freilich die feinere Witterung vor dem stolzen und doch oft so hlflosen Herrn der Erde voraus haben. Ich hielt nun still, bis die Flammen einen Punkt erreicht hatten der mir gnstig schien, gab dem Braunen scharf die Sporen und im raschen Galopp, das Gesicht in des Pferdes Mhne geborgen, tauchte ich gegen den Wind in den dichten Qualm und war in nicht einer halben Minute wieder auf der anderen Seite aus dem Feuer heraus. Zwar war der Boden noch hei, die Luft schwer und raucherfllt, allein bald verlor sich auch dies, und als ich nach einiger Zeit an einen Quell kam, wusch ich mein Pferd, das an den Beinen ziemlich versengt war, so wie mein eigenes rauchgeschwrztes Gesicht im khlenden Na. Das Fatalste war, da ich durch die Hatze den Weg verloren hatte und erst eine Weile herumirren mute, ehe ich ihn wieder fand. Ich konnte nun freilich Maquelizo diese Nacht nicht mehr erreichen, wie ich gewollt, allein da ich gegen Abend einen Rehbock scho und auch so glcklich war, ein Bchlein mit noch grnem Ufer zu finden, das Wasser und Futter fr's Pferd bot, blieb ich liegen, hobbelte das Pferd, briet mir etwas Fleisch und lie das andere am Morgen den Coyotas, welche die ganze Nacht darum serenadirt hatten. Ich kam nach Maquelizo, das etwas kleiner als Dipilto, brigens aber demselben sehr gleicht, schttelte Freund Dickson die Hand, und nachdem wir einen Tag mit gegenseitiger Erzhlung unserer Erlebnisse verbracht, ritt ich weiter gen Honduras. Ich war jetzt auf der Hhe des Gebirges, welches die Wasserscheide zwischen den beiden Oceanen bildet; in einer Entfernung von nur einigen hundert Schritten entsendeten Quellen ihre Wsser nach Osten und Westen. Bis Yuscaran kam ich nur zweimal an elende Indianerhtten, in deren einer ich bernachtete. Mein Bett war ein hlzerner Trog, in welchem die Thiere, die Moses Kinder scheuen, nach ihrem Tode abgebrht und ihrer Borsten beraubt werden, und mein Schlummer ward sehr gestrt, nicht sowohl von den blutigen Gestalten jener unschuldig Gemordeten, sondern von einer Legion Flhe und anderer Insecten. Ich hatte am nchsten Morgen auch noch das Vergngen, einen Tiger zu schieen, der mich von einem kleinen Felsblocke aus neugierig betrachtete, als ich eben mein Pferd einen steilen Hohlweg am Zgel herauffhrte. Die Kugel drang ihm ins linke Auge und er verschied ohne weitere Protestationen, das Pferd aber hatte beim Knall Reiaus genommen, und ich hatte Mhe, es wieder zu erhaschen. Das schne Fell brachte ich als Trophe mit nach New-York. Am Mittag erreichte ich den Rio di Choluteca, den Grenzflu zwischen Honduras und Nicaragua. Von Zollbeamten und Gensdarmen zur Visitation der Psse war hier freilich keine Spur, und doch wre es mir hchst erfreulich gewesen, dergleichen Leutchen hier zu finden, da sie mir doch die Furth zum Passiren des Flusses htten zeigen knnen, zu der ich den Weg im steinigten Terrain verloren hatte; denn da der an und fr sich schon groe Flu noch von steilen Felsen eingeklemmt wird, so ist er selbst in der trockenen Jahreszeit nur an einigen Stellen passirbar. Ich suchte eine Zeitlang, bald auf-, bald abwrts, nach einer Furth, da ich aber keine fand, nahm ich Waffen und Packtaschen auf den Kopf und durchkreuzte auf gut Glck den Flu an der Stelle, die mir am tauglichsten dazu schien. Bald hatte das Pferd Grund, bald ging es schwimmend weiter, so da manchmal nur noch unsere beiderseitigen Kpfe zu sehen waren, doch langte ich ohne weiteren Unfall am anderen Ufer an, natrlich so na, als ein Geschpf Gottes mglicherweise nur sein kann, setzte meinen Weg fort und langte am Abend im Hause des Herrn George C..... an, eines Englnders, der seit mehr als 20 Jahren hier ist, sich mit einer Tochter des Landes verheirathet hat und nun mit seiner liebenswrdigen Gattin und seinen Kindern ein zwar einsames, aber ruhiges und augenscheinlich glckliches Leben fhrt. Sein Ingenio liegt nur etwa 3 Miles von Yuscaran entfernt; ich leistete daher seiner, schon in Dipilto an mich ergangenen Einladung, in seinem Hause zu ruhen, um so lieber Folge, als sowohl das Pferd wie ich vom dreitgigen Klettern gehrig erschpft waren. Das arme Thier war von dem schweren Reiter und den ausgestandenen Strapazen so mitgenommen, da es sich durch mehre Tage nicht erholen konnte. Mit wahrem Wonnegefhl legte ich mich am Abend, nach einer Tasse strkendem Kaffees, in einem guten Hause unter freundlichen Menschen zur Ruhe und schlief mit dem seligen Bewutsein ein, morgen nicht gleich wieder in den Sattel klettern zu mssen. Der Staat Honduras, dessen Grenze ich im Rio di Choluteca berschwommen, ist von den fnf Staaten Central-Amerikas nchst Nicaragua an Flchenraum der grte, an Bevlkerung der kleinste, an Mineralien der reichste, an Productenausfuhr der rmste. Er erstreckt sich vom 13. bis 16. Grade nrdlicher Breite, vom 83. bis 89. westlicher von Greenwich, vom 6. bis 12. westlicher von Washington, ist im Norden und Nordwesten von den carribischen Seen, stlich vom sogenannten Mosquito-Knigreiche, sdlich vom Staate Nicaragua, sdwestlich von St.Salvador, nordwestlich von Guatemala begrenzt. Die Verfassung ist mit geringen Abweichungen der von Nicaragua gleich. Der Staat ist in sechs Departements getheilt: Gracias, St.Barba mit dem Hafen von Omoir an dem Carribien-See, Comayagua mit der Hauptstadt gleiches Namens, Yoco, nchst dem Cap Honduras, Choluteca, welches zugleich einen groen Theil des Golfes di Fonseca umfat, und in letzterem die wichtigen Inseln Islo de Tigre und Sacate Grande, die, sollte der Atlantic-Pacific-Kanal zu Stande kommen, eine auerordentliche Bedeutung erlangen mssen. Die Stadt Tegucigalpa liegt gleichfalls in diesem Bezirke und ist meist der Aufenthaltsort der Regierung, da die ungesunde Lage von Comayagua diese Stadt nicht recht zur Bedeutung kommen lassen will. Der sechste District endlich, Olancho, ist einer jener unter dem Namen des Mosquito-Knigreiches streitig gemachten Landstriche und grtentheils, gleich Yoco und St. Barba, von den Indianerstmmen der Ikakes und Carribes bewohnt; der weie Theil der Bevlkerung lebt meist zerstreut auf Rindvieh-Haciendas, unter denen sehr ausgedehnte Besitzungen sind. So starb whrend meines Aufenthalts in Yuscaran einer der reichsten Grundbesitzer, der an 24,000 -- sage 24,000 -- Stck Rindvieh hinterlie, und deren Weidepltze einen Flchenraum einnahmen, grer als so manches deutsche Frstenthum. Zur selben Zeit fand auch einer der fter vorkommenden Raubberflle der Carribes statt, als deren Grund ich aber mehr jene kleinlichen Hetzereien wegen der Gebietsstreitigkeiten ansehe, als wirkliche Feindseligkeiten und Ha; denn so oft ich auch Indianer antraf, fand ich sie doch nur stets von friedfertigem, freundlichem Charakter und sanften Sitten. XII. Yuscaran. -- Don Pedro Xatrerha. -- Indianerstmme. -- Gefahren eines Besuches bei ihnen. -- Gewaltsame Requisition. -- Tegucigalpa. -- Sennora L... -- General Cabannas. Yuscaran, wo ich einen Halt von zwei Wochen machte, ist einer der bedeutendsten Bergbaupltze mit einer groen Anzahl Minen, deren viele schon seit mehren Jahrhunderten betrieben werden. In der Neuzeit ist die Ausbeute allerdings bedeutend geringer geworden, was auch hier seinen Grund in dem hchst unvollkommenen Betriebe hat, so wie in der Schwierigkeit, sich die nthigen Maschinen und tchtige Bergleute zu verschaffen, denn Alles, was ich ber Dipilto gesagt, hat auch auf hier Bezug. Keine der Minen hat mehr als 500 bis 600 Fu Tiefe, und doch liegen viele derselben schon lange todt, die bei gehrigem Betriebe noch sehr reiche Ausbeute geben wrden. Ich habe auf meinen Touren die verschiedenartigsten Stufen gesammelt, deren reicher Gehalt gewi die Aufmerksamkeit der Mineralogen fesseln wrde, und dennoch tragen viele der Minen, aus denen ich sie gesammelt, kaum die Kosten des Betriebs. Der Ackerbau ist von keiner groen Bedeutung und gengt kaum, die dnne Bevlkerung zu ernhren; Reis, Bohnen, ja selbst Mais mu nicht selten aus den Niederungen am Pacific herbeigefhrt werden, und sogar whrend meines kurzen Aufenthaltes war wegen geringer Stockung im Transport fr einige Zeit eine Art von Hungersnoth eingetreten. Die weie Bevlkerung ist auch hier verhltnimig noch schwach, da das Land erst spter unter spanische Botmigkeit kam. Cortez, auf seinem berhmten, beschwerdereichen Marsche nach Cap Gracias, berhrte nur Nord-Honduras. In den blutigen Revolutionen, die Central-Amerika bis auf unsere Tage erschttern, hatte auch Honduras seine Rolle; in dem Kriege, den Morozan fr die Fderation fhrte, war Tegucigalpa der Schauplatz einer heldenmthigen Vertheidigung des Generals Cabannas, desselben, der sich auf Morozan's Rckzug von Guatemala so groen Ruhm erwarb und der heute den Prsidentenstuhl von Honduras einnimmt. Eine traurige Epoche war die, wo Guardiolas' fanatische Verfolgung der Gegenpartei stattfand und das Land mit Blut berschwemmte. Wenige Familien existiren, die aus jener traurigen Zeit nicht den Verlust eines ihrer Glieder zu betrauern haben. In jener Zeit erwarb sich der damalige Commandant von Yuscaran, Don Pedro Xatrerha, groes Verdienst: als nmlich Guardiolas sich der Stadt bis auf einen Tagemarsch genhert, ffnete Don Pedro auf eigene Gefahr der Verantwortung die Gefngnisse und entzog so Hunderte von unglcklichen Gefangenen einem grausenvollen Tode, eine menschenfreundliche Handlung, die der wackere Mann beinahe mit dem eigenen Leben bezahlt htte, denn Guardiolas, wthend, da seine Opfer ihm entgangen waren, lie ihren Befreier verhaften, und nur seine anerkannte Bravour als Soldat entzog Don Pedro dem Tode. Derselbe lebt noch heute geehrt und geliebt auf demselben Posten, und ich geno drei Tage, die ich in der Stadt selbst blieb, seine Gastfreundschaft, die, wie hier berall, gern gegeben und darum dankbar angenommen ward. Fr mein Portefeuille fand ich auf meinen Streifereien in der Umgegend besonders reiche Ausbeute und bereue die darauf verwendete Zeit keineswegs. Groes Verlangen trug ich danach, meine Excursionen bis in das Gebiet der Ikakes und Carribes auszudehnen, unter gnstigen Umstnden mich sogar lnger unter ihnen aufzuhalten und vielleicht manche nicht unwichtigen Beitrge zu Nutz und Frommen der Wissenschaft zu sammeln; allein einige Berichte competenter Mnner ber die Eigenthmlichkeiten dieser Indianerstmme hielten mich ab, dies Wagni allein zu unternehmen, und ein Begleiter wollte sich nicht finden. Es herrscht nmlich bei allen diesen Stmmen, neben der Scheu, die sie berhaupt vor Umgang mit Fremden tragen, eine auerordentliche aberglubische Furcht vor Bezauberung und Ansteckung durch Krankheit. Allein unter ihnen krank werden, heit seinem gewissen Tode entgegengehen. Man lt dem fremden Kranken einige nothdrftige Lebensmittel und Wasser, worauf Alles aus seiner verderbenbringenden Nhe flchtet und erst nach seinem Tode oder, was uerst selten vorkommt, nach seiner Genesung zurckkehrt; stirbt er, so wird das Haus sammt Allem, was darin ist, niedergebrannt. Dasselbe geschieht ihm aber auch, jedoch bei lebendigem Leibe, wenn er nur zufllig auf die Erde spuckt, so gro ist ihre Furcht vor Bezauberung. Es mge dies den tabackkauenden Yankees zur Lehre dienen, wenn anders einige von ihnen diese Lnderstriche besuchen und, wie berall, einen magischen Kreis braungefrbten Speichels um sich ziehen sollten. Ich selbst huldige zwar keineswegs der edlen Gewohnheit des Tabackkauens und hatte also von dieser Seite nichts zu befrchten; allein mein viermonatliches Fieber hatte mir denn doch einigen Schrecken in die Glieder gejagt, und wenngleich ich den Tod nicht scheue, wenn's einmal gestorben sein mu, so hat der Gedanke, von aller Welt verlassen gleich einem Paria zu verenden, doch zu wenig Anziehendes fr mich. Sollte sich also ein anderer Reisender zur Nachholung des von mir Versumten verlockt fhlen, so rathe ich ihm wohlmeinend, sich wenigstens mit einer zu Schutz und Krankenpflege geeigneten Begleitung zu versehen, besonders aber sich des Ausspuckens gnzlich zu enthalten. Nachdem mir die Gte des wackern Mr. George C......, eines der angesehensten Minenbesitzer hiesiger Gegend, ein paar leidliche Maulthiere verschafft, machte ich mich in Begleitung eines Mozo nach Tegucigalpa auf den Weg. Die einzelnen Individuen vom Stamme der Ikaken, die, schon als Kinder geraubt, hier und da zerstreut als Diener leben, sind wesentlich von den Nachkommen der Aztekes und Toltekes verschieden, weniger gut gebaut, mit kleinen geschlitzten Augen, verschwollenen Augenliedern, dicken Lippen und unverhltnimig groen Untertheilen des Kopfes, augenscheinlich von viel geringerer Intelligenz und Capacitt als jene. Die Haare, welche die Nicaragua-Indier bis auf einen kleinen Theil ber der Stirn abscheren, tragen diese Ikaken lang, auch waren dieselben nicht kraus, sondern schlicht herabhngend. Um nach Tegucigalpa zu gelangen, hatte ich zuvrderst einen mchtigen Gebirgsstock zu erklettern, was viel leichter gesagt als gethan ist; die trockene Jahreszeit hatte ihren hchsten Gipfel erreicht, die ganze Natur schien mir bis ins innerste Mark verbrannt; die armen Maulthiere waren durch die Sprlichkeit des Futters zu wahren Skeletten herabgekommen, konnten statt der 250 bis 300 Pfund der gewhnlichen Ladung kaum 150 Pfund tragen, und mein armes Sattelthier machte mein Mitleid so rege, da ich es vorzog, einen groen Theil der Kletterei zu Fu abzumachen. Auf der Hhe des Gebirges fanden wir einen Quell, kalt wie Eis, fr Menschen und Vieh eine willkommene Erquickung. Meine Tortillas gab ich meinem armen verhungerten Thiere, begngte mich mit einigen gekochten Bohnen und einem halben Dutzend Strohcigarren zum Nachtisch, worauf es wieder an ein eben so halsbrecherisches Hinabklettern ging, das uns am Abend zu einem mit grnen Ufern kokettirenden Flchen als geeigneten Lagerplatz brachte. Die grte Wohlthat war den armen Thieren hier unten die Befreiung von den abscheulichen Stechfliegen, die hier die Gre von einem Zoll haben und eine wahre Hllenmarter fr das Vieh sind; ich vergrerte ihr Wohlbehagen noch dadurch, da ich ihnen meinen Salzvorrath zu lecken gab. Aber bei all' meiner Thierfreundlichkeit blieb ich doch selbst ohne Nahrungsmittel und schickte daher Salvador, meinen zeitweiligen Sancho Pansa, auf Requisition von Eiern und Hhnern aus, whrend ich selbst Feuer machte; der Bursche kehrte aber mit der gewhnlichen Redensart =No hai= (es ist nichts da) zurck. Das wurmte mich und meinen Magen gar sehr, deshalb beschlo ich, selbst eine Recognoscirung anzustellen, grtete meine Hften, schulterte die Bchse und schlug den Pfad nach einigen zerstreuten Indianerhtten ein, die das Drfchen Jove bilden. Wie gewhnlich war auch hier Alles, wonach ich fragte, nicht vorhanden. Da fhrte sein Unstern mir ein halbwchsiges Schweinchen in den Weg, und ich that, wie ich schon frher bei gleicher Gelegenheit einmal gethan, d.h. nachdem ich die anwesenden Indianer gefragt, ob einer von ihnen der Eigenthmer sei und ein =No Sennor= zum Bescheid erhalten, schnitt meine Kugel den Lebensfaden des jugendlichen Geschpfes zugleich mit allen Einwendungen des Mannes kurz ab, erffnete aber dagegen die Schleusen seines Jammers ob des ungeheueren Verlustes; 10 Pesos Kupfer, ungefhr 2 Thaler und gut der dreifache Werth des Schlachtopfers, stillten jedoch den Jammer und verwandelten ihn in solche Freude, da der Mann mir ein Geschenk von einem Dutzend Eiern machte und seiner Frau befahl, mir so viele Tortillas zu backen, als mein Herz nur immer verlangen wrde. Da ging es nun an ein Kochen, Braten und Backen, das Feuer ward rundum mit Cochonnerien aller Art besteckt, Wirth und Wirthin wurden meine Gste, aus meinem kleinen Feldkessel sendete ein kstlicher Kaffee seine aromatischen Dfte empor, und um dem Mahle den grten Reiz zu verleihen, zog ich eine Flasche =Agua ardiente=, zu deutsch Schnaps, aus meiner Satteltasche hervor. Ueberwltigt vom lucullischen Mahle und der Mdigkeit, sank ich dahin und schlief den Schlaf des Gerechten. Wer wissen will, wie ich den nchsten Tag verlebt, der lese das Obige noch einmal, nur mit dem Unterschiede, da der reichlichere Vorrath von Tortillas und Schweinefleisch neue Requisitionen unnthig machte, und da auf der Hhe des Gebirges der Minenort St.Antonio, zwischen todten, sterilen Sandsteinfelsen gelegen, die Oede etwas unterbrach; nachdem ich aber den zweiten Gebirgskamm berschritten, sah ich das Ziel meiner diesmaligen Reise, Tegucigalpa, in der Ferne liegen, bei welchem Anblicke mein Herr Maulesel, in der Hoffnung auf Erlsung von seinen Leiden, die Lfte von einer mitnigen Freudenhymne wiederhallen lie. Noch ein mhevolles Hinabklimmen, und ich hielt meinen Einzug in besagter Stadt, deren reinlich gehaltene, gepflasterte Straen, wohnliche Huser und behbig aussehende Einwohner einen sehr angenehmen Eindruck auf mich machten. Im Hause der Schwiegermutter des Herrn C....., Sennora Donna L....., erwartete, wie berall, Menschen und Thiere die freundlichste Aufnahme; mein Gepck traf aber erst spt am Abend ein, denn das arme verhungerte Thier war zweimal gestrzt; nebenbei hatte Salvador groe Aengsten ausgestanden, da ich mich verirrt haben knne, und war hchlich erstaunt, mich gesund und wohlbehalten beim Schmause zu finden. Die Stadt Tegucigalpa, inmitten der Gebirge in einer schnen Thalebene am Rio di Choluteca und nicht weit von seinem Ursprunge gelegen, _soll_ eine Bevlkerung von 25,000 bis 30,000 Einwohnern haben, woran ich jedoch billig zweifeln mu, obschon man den ber einen groen Theil der Ebene zerstreuten Stadtbezirk hierbei mit einrechnet. Wenn berhaupt alle die hier gewhnlich erfolgenden Angaben der Einwohnerzahl richtig wren, wie z. B. Granada 40,000, Leon 35,000, Matagalpa 30,000 u.s.w., so mte Central-Amerika mindestens 10 Millionen Einwohner haben, whrend es thatschlich deren kaum 2 Millionen besitzt. Meiner Berechnung nach kann die eigentliche Stadt Tegucigalpa etwa 5000 bis 6000 Einwohner haben. Alles trgt aber hier den Charakter der Wohnlichkeit und Nettigkeit. Die Plaza ist mit hbschen Husern umgeben, worunter mehrere zweistckige, eine Seltenheit in diesem Lande, welche beweist, da die Erdbeben in diesem Theile weder so hufig, noch sehr stark sind. Ein erfreuliches Zeichen waren die vielen im Bau begriffenen Huser und die gnzliche Abwesenheit von Ruinen, jener traurigen Denkmale vergangener Brgerkriege. Die Kathedrale ist ein groes, stattliches Gebude mit nicht unschnen Verhltnissen, nicht ganz so imposant wie die von Leon, aber immerhin ein schnes Bauwerk und seinen Umgebungen angemessen. Sie besitzt einen beraus reichen Altar von vergoldeter Holzschnitzerei im spanischen Roccoco, einige Bilder alter spanischer Meister zweiten Ranges und mehrere neuere von geringer Bedeutung. In der Sakristei lag auf einem Tische eine neungeschwnzte Geiel; ich frug den freundlichen alten Priester, der mich herumfhrte, ob dies Instrument hier etwa zu frommen Bubungen angewendet wrde? =No, Sennor,= entgegnete er lchelnd und kopfschttelnd, es ist fr die Hunde, die einst, vom Hunger getrieben, das Hostienkstchen ausgefressen haben. Im Hause der Sennora L.... war ein ganzes Heer allerliebster Mdchen, sammt und sonders Schwgerinnen des Herrn George C...... Ich war meist den ganzen Tag abwesend, wenn ich aber am Abende zurckkehrte, so hatten immer zwei der jungen Damen die Aufmerksamkeit, ihr Diner bis zu meiner Essenszeit zu verschieben, um mir Gesellschaft zu leisten, was mir im hchsten Grade angenehm war. Gern htte ich mich fr so viele Gte durch doppelte Liebenswrdigkeit dankbar erzeigt, allein mein vom Weltschmerz zusammengeworfenes Schicksal trieb mich unerbittlich weiter und weiter ber Stein und Dorn, und verstattete mir keine Frist, meine Galanterie zur vollen Blthe zu entfalten. Ein freundlicher alter Herr, Don Liberato X......, stellte mich dem Prsidenten, General Cabannas, vor, einem kleinen Manne, der mir kaum bis an die Herzgrube reichte, mit einem Kopfe, der sich zum Krper wie 1 zu 6 verhlt, einem Gesichte voller Narben, aber einem Paar biederer, kluger Augen, aus denen Muth und Energie blitzt, und der felsenfeste Geist eines redlichen Patrioten und tchtigen Feldherrn. Bei Morozan's Rckzug von Guatemala hatte der damalige Colonel Cabannas die Kathedrale mit einem Huflein besetzt und gehalten, bis das ganze Patriotenheer sich zurckgezogen, und schlug sich dann mit 100 Mann durch ihrer 3000, wobei freilich kaum ein Viertheil seiner Tapfern mit dem Leben davonkam. Als Guardiolas im Jahre 1849 die Regierung umstrzen wollte, gengte der bloe Name Cabannas', um ein Heer auf die Beine zu bringen, und schnell, wie Spreu vom Winde, waren die Emprer auseinandergejagt. * * * * * Der Mann war mir trotz seines unschnen Aeuern wirklich lieb geworden, und ich fand den Enthusiasmus fr ihn ganz begreiflich. Er bewohnt jetzt das Haus, das ehemals Morozan gehrte, ein pittoreskes, altspanisches Gebude, dicht am Flusse gelegen, ber den hier eine breite steinerne Brcke von 17 Pfeilern fhrt, die erste, die ich in Central-Amerika gesehen, denn die von Leon ist nie vollendet worden. * * * * * Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich das erste Malerexemplar, das sich in diese Himmelsstriche verirrt hat, denn es ist unglaublich, was ich von der Neugierde der Leute auszustehen hatte; bei der Arbeit umstanden sie mich so dicht, mir nur gerade ein Stck Aussicht offen lassend, da kein Lftchen mir Khlung bringen konnte, hier unter der tropischen Sonne eine hchst unerquickliche Probe von Kunstliebe. Ich sah im Hause des Prsidenten mehrere sehr schne Opale, deren im Gebirge von ungeheuerer Menge, wenn auch nicht alle von gleichem Werthe, vorhanden sind; einen davon verehrte er mir, sowie auch einige schne Gold- und Silbererze. Nach alle diesen Kreuz- und Querzgen nahte sich der Monat Mai heran, und mit dessen Ende das Ende der trockenen Jahreszeit. Wie schmerzlich fhlte ich hier den durch meine Krankheit verursachten Zeitverlust, der es mir unmglich machte, noch einen Abstecher nach Copan vorzunehmen, obschon ich mich hier bereits auf ziemlich zwei Drittel des Weges von Leon dahin befand; allein jetzt war es die hchste Zeit, den Rckmarsch nach Leon anzutreten, wollte ich anders zu Land dorthin gelangen; denn gleich nach den ersten Regengssen, die meist auch die strksten der ganzen Regenzeit sind, verwandelt sich das Land nrdlich vom Viejo in einen wahren Sumpf. Ich hatte mich jetzt nach und nach bis ziemlich zum 15. Breitengrade hinaufgearbeitet und sollte mich nun aus diesem _kalten_ nrdlichen Klima, wo man sich im Schatten bei 95 Fahrenheit erlaben durfte, wieder einem sdlichern, wrmern, d.h. noch brhheiern, zuwenden. O welch' heitere Aussicht! XIII. Ser Abschied. -- Cerro di Ule. -- Prachtvolles Panorama. -- Heimweh. -- Portillo de la Victoria. -- Knstlerische Ausbeute. -- Indianische Fiesta. -- Groe Hitze. -- Ein tropisches Gewitter. -- Ankunft zu rechter Zeit. -- =Fata morgana.= -- San Martin. -- Choluteca. -- Esteroreal. -- Noch etwas ber das Canalproject. -- Ankunft in Leon. Das alte Lied vom Maulthiermiethen, satteln, packen ging wieder los; diesmal aber hatte mich die Gte der Sennora L.... mit einem vorzglichen Vorrath von Proviant aller Art versehen, worunter sich sogar ein auerordentlicher Luxusartikel befand: Brod, wirkliches ordentliches Brod! Gegen Mitte des Mai rckte ich mit dem Frhesten aus, denn ein harter, langer Tag stand mir bevor. Der Abschied war mir weniger schmerzlich, als vielmehr sehr wonniglich, denn ich hatte ein ganzes Pelotonfeuer von Umarmungen und rosigen Lippen zu passiren -- =honni soit qui mal y pense!= das ist hier Landessitte, und Landessitte mu man ehren! Ganz nach der Regel fing ich mit der ltesten Dame an und endigte mit der jngsten, gleichwie man erst Tischwein trinkt und dann Cabinetswein nippt, und als das Spiel ein Ende nahm, da fing ich wieder von vorne an -- dann aber machte ich, da ich in den Sattel kam, sonst wre ich wohl gar ganz kleben geblieben. Und bergauf, bergab ging's wieder, und immer mehr bergauf, und immer pittoresker und schner ward die Landschaft -- o htte ich den Genu mit so manchem meiner Kunstgenossen theilen knnen! Zuerst lie ich hinter mir die herrliche, luftige Palme, dann die majesttische Buche, dann die knorrige Eiche, zuletzt selbst die Kiefer, bis ich ein hohes Tafelland erreichte, wo nur noch niedrige Strucher und endlich eine Art mir noch gnzlich unbekannter Bume wuchsen. Zwischen Steinen und Felsgerll schafften sich riesige Alos von 30 bis 35 Fu, wohl auch noch hher, Raum, jene fremdartigen Bume aber waren mit langen Streifen hellen Mooses behangen, das in dicken Fasern bis hernieder zur Erde hing und, vom leisesten Winde lautlos hin- und hergewiegt, der ganzen Natur das Ansehen eines ehrwrdigen, nachdenklichen Greises gab. Wie so fremd, so heimathlos fremd und einsam fhlte ich mich da pltzlich in solch' lautloser Beweglichkeit, da mir graute wie im Reiche der Schatten, und ich ordentlich froh war, wenn der Hufschlag meines Thieres die unheimliche Stille unterbrach. Bald hrte auch die letzte Vegetation auf und allmlig drhnte der Tritt der Thiere hell auf der gefrorenen Erde; die seltsamsten Empfindungen regte der Contrast des fremdartigen Anblicks mit diesem eigenthmlich heimischen Schall in mir auf. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und als sie ungefhr noch zwei Hnde hoch ber dem Horizonte stand, hatte ich die letzte Hhe des Cerro di Ule erreicht. Wen solche Naturscenen nicht zur Andacht stimmen, der, meine ich, ist berhaupt keiner Herzenserhebung zum Herrn und Schpfer fhig! Da drauen, in weiter, unermelicher Ferne, lag der stille Ocean, in welchen bald die herrliche, glhende Sonne hinabtauchen sollte, wie in ein ersehntes Land der Verheiung; da lag, in grauvioletten, unendlich zarten Duft gehllt, der schne Golf von Fonseca mit seinem gebirgigen Archipelagus; da lag gen Sden die Ebene von Nicaragua, begrnzt von der imposanten Kette von Vulkanen, deren letzter und hchster, der alte Monotombo, sein graues Haupt ber die Spitze eines nher liegenden Gebirges noch erhebt, whrend der Viejo, als anderer riesiger Endpfeiler dieser Kette, seinen Fu von den Wellen des unendlichen Meeres besplen lt; da lag die Tierra caliente von Choluteca, durchschnitten von vielen in der Abendsonne blinkenden Flssen und Flchen, und weiterhin eine zweite Vulkankette, la Consequina, la Union, St.Miguel, St.Vicente, St.Salvador, Itzalko, bis sich weit, weithin nach Nordwesten Alles in grauen Nebel verlor; ringsum aber in grerer Nhe streckten starre, steile Felsgebirge die nackten Hupter aus der Tiefe empor, und hier und da brannte das Gras und erhhte durch die leichthinziehenden weien Rauchwolken noch den Reiz der groartigen Landschaft. Gott ist gro und die Natur der erhabenste Prophet seiner Gre! Aber wie so hlich strend rttelten mich die Lamentionen meines klappernden, frierenden Mozo auf, der mich endlich einholte und mir vordemonstrirte, da die Thiere noch weit mehr frren als er, da sie krank werden wrden, wenn sie die Nacht hier blieben, wo keine Weide, kein Wasser und nur wenig Holz sei, und dies und das, bis ich fuchswild ward und Alle zum Kuckkuk wnschte, was von hier aus wohl ziemlich ebenso weit sein mag, als das Pfefferland von Europa; er nahm sich den Wunsch zu Herzen und zog ab -- nach einer der tiefer liegenden Htten, ich aber behielt mein Poncho, meine Bchse, meinen Feldkessel und etwas Wasser, machte Feuer an, kochte mir Kaffee, wickelte mich in den Poncho und berlie mich meinen Gedanken, die schneller noch als alle elektromagnetischen Telegraphen dahinflogen in weite Ferne. Es wurde aber wirklich recht frisch in der Nacht, und das Gefhl der Klte war mir ganz wunderlich, denn seit Jahr und Tag hatte ich es fast verlernt; ich lief hin und her im klaren Mondschein, rieb mir die Hnde und schttelte mich, suchte mehr Wurzeln fr's Feuer und lief wieder umher -- und pltzlich ward mir's recht seltsam zu Muthe, ich kam mir vor wie einer jener armen Jungen am Weihnachtsmarkte meiner Vaterstadt, die auch frierend hinter ihren kleinen Verkaufstischchen mit den winzigen papiernen Pyramiden und Christbumchen hin- und hertrippeln, und sich ebenso, wie ich jetzt, die Hnde reiben; ich gedachte der heiligen Christabende meiner Jugend und es berfiel mich ein seltsames Gefhl -- mit einem Worte: ich bekam das Heimweh. Der Morgen kam und mit ihm der Mozo, und die Maulthiere, und der Kaffee und Tortillas, =nota bene= nicht auf einmal, sondern Eins nach dem Andern, und als nichts mehr kommen wollte, machten wir uns auf die Socken, oder richtiger, auf die Hufe unserer Maulthiere. Der hchste Punkt meiner ganzen Tour war nun berschritten, und bald sollte ich aus der Tierra fria, wie das ganze Hochland benannt wird, in die Tierra caliente am Pacific, das heit aus dem kalten Striche in den warmen kommen. Zuvrderst suchte ich dem Golf von Fonseca nher zu kommen, um eine malerische Ansicht zu erlangen; die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt fr ein Bild, und als solche war mir der Portilla (soviel wie Engpa) de la Victoria gerhmt worden. Zunchst erreichte ich das freundliche Indianerdorf Coyolar, wo mir in einem freundlichen steinernen Hause von einem noch freundlichern Wirthe die allerfreundlichste Aufnahme ward. Der Eigenthmer war auch einer jener sich arm nennenden Besitzer von circa 20,000 Acker Landes und 6000 bis 7000 Stck Rindvieh, eine Armuth, bei der es sich inde allenfalls leben lt. Sehr in Erstaunen setzte mich hier die Gre des Rindviehs, das von hier durch die ganze Gegend bis Choluteca dem grten Schweizervieh nichts nachgiebt. Der folgende Tagemarsch sollte mich bei Zeiten Nachmittags an besagten Portillo bringen, allein just am entscheidenden Punkte lie mich, oder lie ich den Weg im Stiche, wenn man nmlich einen einfachen Rindviehpfad so nennen kann; statt rechts wandte ich mich links, und nach dreistndigem mhe- und gefahrvollem Hinabklettern befand ich mich pltzlich auf einem stark abschssigen Terrain, einige Hundert Fu ber einem kleinen Flusse, und gegenber, aber hoch, hoch ber mir lag der fragliche Punkt. Zurckzugehen war so schlimm als vorwrts, ersteres aber zu zeitraubend, und so blieb mir denn nichts brig, als, bald rutschend, bald kletternd, bald fallend, einen Pfad zum Flu hinab zu suchen, was besonders fr die armen Thiere sehr beschwerlich war, endlich aber doch trotz mehrmaligem strrischen Protestes ihrerseits ohne Hals- oder Beinbruch bewerkstelligt ward; die Passage des Flusses ergab gleichfalls ein betrchtliches Risico fr die Gebeine von Menschen und Vieh von wegen des schlpfrigen, ungleichen Terrains zwischen scharfkantigen Felsbrocken, nach dessen glcklicher Ueberwindung zu allgemeiner Erholung ein fnfstndiges Klimmen begann, bergauf durch pfadloses Gerll, und bei einer Sonnengluth! -- ohne Schatten, ohne erfrischenden Trunk, -- das Wasser im Calabash (Krbisflasche) hatte so ziemlich eine Temperatur, um Eier weich darin zu sieden. Alles aber erreicht sein Ende, so auch das Klettern; Dank dem Umstande, da ich glcklicherweise so ungewhnlich starke Maulthiere erwischt hatte. Spt gegen Abend langte ich am Portillo in einem Trupp indischer Htten an, in deren bester ich mein Standquartier nahm, und sogleich Erkundigungen wegen des mir empfohlenen Punktes einzog. Ich erfuhr, da ich ihn auf dem Gipfel einer sdlich emporsteigenden steilen Felswand finden wrde, auf welcher aber zuvrderst eine Anzahl Bume niedergehauen werden mten, um eine volle Fernsicht zu gewinnen.-- Htte ich Geld geboten, um Fhrer und Arbeiter zu dingen, so wrde ich manche Schwierigkeiten gehabt haben, deshalb griff ich zu einem andern Mittel. Ich ernannte den Mozo zu meinem Herold, und befahl ihm, laut dem Volke zu verknden: ich sei in Gnaden gewillt, eine pompse Fiesta zu geben, und jedermnniglich sei dazu geladen, der mich morgen begleiten und mir helfen wolle, Bume umzuhauen. Ein lautes =E viva!= von der einige Dutzend Kehlen starken Bevlkerung war die Antwort. Als Zeit des Aufbruches ward frh 3 Uhr festgesetzt, allein schon vor der bestimmten Zeit fanden sich dienstfertige Geister ein, und als ihre Zahl bis zwlf angewachsen war, ging die Kletterei ber Stock und Stein im Mondschein los; meinen Sancho hatte ich mit einer kleinen Geldsumme versehen, um aus einem tiefer gelegenen grern Dorfe den bei einem indischen Feste unerllichen Vorrath von Agua ardiente zu requiriren, meiner Wirthin hatte ich ein junges Schwein abgekauft und Vollmacht ertheilt, Bohnen, Tortillas und Kaffee =en masse= bereit zu halten; ich war gewillt, etwas Groes loszulassen, denn heute war ja der 15. Mai, der Tag, an dem Du, mein guter Vater, das Licht der Welt erblickt! Wie ich mit meinen kupferfarbigen Gefhrten die Wand hinaufkam, wie die Machetas, deren Anzahl sich nach und nach verdoppelt, lustig zu arbeiten begannen, die Stmmchen rechts und links krachten und fielen, und wie sich, da eben die Sonne hervorlugte, neugierig das frevle Treiben der Menschlein zu beschauen, vor meinen vor Entzcken trunkenen Blicken ein wahres Prachtstck aus der groen Gemldegallerie der Natur entrollte, das erlat mir, Euch zu schildern. Landschaften lassen sich nicht beschreiben; denkt Euch aber Robert Kummer's Bild: der Fernblick vom Gipfel des Montenegrinergebirges nach dem See von Scutary hinab, ins Tropische bersetzt, und Ihr habt einen schwachen Begriff des wundervollen Landschaftmotives, das ich glcklicher Sterblicher am Abend des fleiig benutzten Tages mit gutem Gewissen als mein Eigenthum in der Malermappe davontrug. Genug, der Abend war da, meine Gste gleichfalls, der Schnaps und anderweite Festrequisiten dito; ein freier Platz vor dem Hause, zur hchstgewlbten Festhalle bestimmt, war reingefegt -- und die Schmauserei ging los, und der Spa war himmlisch gro! u.s.w. Messer, Gabel, Lffel, Teller, Glser, Tische, Sthle, Servietten und all' dergleichen Ueberflssigkeiten waren freilich nicht vorhanden. Die Tortillas, kleine runde Maiskuchen (welche hier die Stelle der Teller und Servietten vertreten und vor diesen noch den groen Vortheil haben, selbst verzehrt werden zu knnen), mit Bohnen und Fleisch bedeckt, hielt Jeder vor sich auf den Knieen, statt des Stuhles auf den eigenen Fersen kauernd. Fr den Kaffee hatte Jeder seinen eigenen Gualqual oder Hykaro mitgebracht, Flaschenkrbisse, deren erstere einer flachen Trinkschale, letztere unten abgerundeten Bechern gleichen; ich aber sa inmitten der vielen, auf meine Veranlassung wackelnden Muler auf meinem Feldstuhle, und kam mir wie recht was Groes vor, selbst tchtig mitschmausend, denn der lange Fasttag hatte meinen Appetit in ungewhnlicher Weise rege gemacht, wobei ein Hofstaat von Muchachas (indische Mdchen) mir die Ehre erwiesen, mich immer wieder mit neuem Stoff an Fleisch und Bohnen zu versehen, welches erstere mein Sancho Pansa mit mehr Schnelligkeit als Grazie zerlegte, und dabei sich selbst nicht verga, ganz wie weiland sein europischer Ahnherr. Die Muchachos (junge Burschen) hatten ringsum an den Bumen lange Kienspne befestigt, deren Feuer weithin ein rothes Licht verbreitete; es htte ein allerliebstes Bild abgegeben, wenn Hunger und Mdigkeit nicht so heftig gegen das Malen protestirten. Nachdem die Arbeit des Essens vorber, fingen die Guitarren an zu klimpern. Der mhsam herbeigeschaffte Schnaps stand in weitbauchigen Korbflaschen da, Kaffee brodelte im Kessel und der Majordomo des Festes hatte aus eigenem Antriebe eine mchtige Battea (hlzerne Waschschssel von 4 Fu im Durchmesser) voll Chicha brauen lassen, ein Getrnk von Ananas, Wasser und Zucker, das eben so angenehm schmeckt als khlend ist; daneben noch ein ansehnlicher Vorrath von Pinolia, d.i. gerstetes Maismehl, Cacao, Zucker und Wasser, das gleichfalls eine wesentliche und gar nicht unangenehm schmeckende Erfrischung bildet; endlich Zuckerrohr =a discretion= -- kurz, es war ein Leben wie im Schlaraffenlande! Diesmal war mir's nicht mglich, wie in Totogalpa, mich vom Tanze abzudrcken, denn das wre als groe Beleidigung aufgenommen worden. Zum Glck fhrte man zuerst den sogenannten spanischen Tanz auf, der ziemlich einfach in seinen Bewegungen ist und darin besteht, da die tanzenden Paare in einer langen Reihe, je zwei und zwei mit dem Gesichte gegen einander gekehrt, stehen, einigemale die Runde machen, dann changiren, wodurch sie gegen ein neues Paar zu stehen kommen, und so weiter bis ans Ende der Reihe, wo sie sich wenden und wieder zurcktanzen. Das war mir leicht, denn ich hatte ja etwas dem Aehnliches schon in New-York gelernt und verbt, auf Kosten der Fuzehen einiger tanzenden jungen Damen. So nahm ich denn die ganz niedliche Muchacha, die man mir als Partnerin prsentirte, bei der Hand und entledigte mich meiner Obliegenheiten mit mglichstem Anstand und ohne weiteren Unfall; dann aber lie ich meinen Hammock etwas weiter hinauf am Berge an Bumen aufbinden und zog mich in meine inneren Gemcher zurck. Einen allerliebsten Anblick hatte ich von oben hinab auf den Tanzplatz, da sowohl am Berghange als das ganze Thal herauf eine Menge rothe Kienfackeln schimmerten, denn der Ruf der Fiesta, die der =Sennor estrangero= gab, hatte im Laufe des Tages weithin verbreitet und von nah und fern Gste herbeigelockt, deren Fackeln wie Leuchtkfer durch die Nacht schimmerten. Auffllig war mir die ungewhnliche Menge von Krpfen, deren ich in solchem Umfange selbst in Central-Amerika noch nicht gesehen und von denen manche wie ein Krbis von leidlicher Gre ihren Eigenthmern am Halse baumelten. Ich griff voll Schrecken selbst mehrmals an meine eigene Gurgelgegend, um mich zu vergewissern, ob sich nicht auch da im Laufe des Tages ein solches Gewchs eingefunden htte. Wie lange das Fest dauerte, wei ich nicht, denn nach so anstrengendem Tagewerke schlief ich natrlich hart und fest, nur erinnere ich mich, da noch eine geraume Zeit Guitarrengeklimper und Jauchzen sich in meine Trume mischten und am andern Morgen Sancho kaum aus dem Schlafe zu rtteln war, was Zeugni gab, wie fleiig er in der Nacht Beine und Gurgel in Bewegung gesetzt; von =agua ardiente= und allen anderen Festgenssen war aber auch nicht ein Atom mehr vorhanden. Mein nchstes Ziel waren nun die Minen von St.Martin, in kurzer Entfernung vom Golf von Fonseca gelegen, die man mir als die reichsten rhmte. Gegenwrtig werden dieselben vom Capitain M.... H.B.M.N. und Herrn R......., der eine der vielen Schwgerinnen des Herrn George C.... geheirathet, betrieben. Es war wieder die alte Strapaze, durch steile, kahle Felsenthler ohne Schatten hinab, wozu noch die liebe Sonne ihre Strahlen in allzu freigebiger Hitze spendete und die Atmosphre auch nicht vom leisesten Lufthauche gekhlt ward. Der berhmte russische Reisende Krusenstern, wenn ich nicht irre, berichtet von einem sdsibirischen See, in welchem eine Fischart existirt, die nur aus Grten und Haut und dazwischen einer ligen Substanz statt des Fleisches bestnde. Mir war zu Muthe, als sei ich solch' ein armer Fisch und all' mein Fleisch sei geschmolzen wie Butter von der Sonne. Diese bergroe Hitze hatte ihren Grund darin, da man in diesen Tagen den ersten Regen erwartete, wo immer die Hitze den hchsten Grad erreicht, und in der That begannen sich auch schon mchtige Wolkenmassen am fernen Horizont zusammenzuballen. Am Nachmittag war ich endlich hinab in die Ebene gelangt, das Gewitter aber war heraufgezogen. Da der Boden eben war, lie ich meinen Macho ausgreifen, was er nur konnte, um St.Martin mglichst noch vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen. Zwei Reiter, die wir berholten, riefen mir zu, nicht so zu eilen, wir htten noch Zeit; besser ist besser! dachte ich aber, winkte dem Mozo und trottirte frisch weiter. Es dauerte auch gar nicht lange, so schlugen schon einzelne mchtige Tropfen mit dem Knalle einer Peitsche auf die harttrockene Erde nieder, whrend weie Staubwolken, emporgewirbelt vom daherbrausenden Sturme, grell gegen den rabenschwarzen Horizont abstachen, hie und da ein zischender Blitz durch die Luft zngelte und dumpfer Donner das Herannahen des Unwetters verkndete. * * * * * Vorwrts jagten die keuchenden Thiere, als wten sie besser wie Menschen was da kommen wrde, und die Bagage auf dem Lastthiere rasselte, als ob Alles in zehn Millionen Stcken gehen sollte, bis ich endlich, Gott sei Dank! die ersten Huser von St. Martin erreichte, in deren ersten einem Mr. R...... eben unter seiner Veranda stand; dessen =Good day Sir, glad to see you, expected you since two days!= ward dabei von einem furchtbaren Donnerschlage unterbrochen, zugleich war's, als ob alle Schleusen des Himmels geffnet wrden, und hernieder strmte die Wasserfluth, als wollte es alles Fleisch, das nicht in der Hitze verschmort, vollends ersufen. Mr. R....... war hoch erfreut mich unter seinem Dache zu sehen, ich aber sicherlich noch viel mehr, denn in solchem Wetter war es wahrlich kein Spa, auf offener Haide zu sein. Schlag auf Schlag sauste hernieder und dazu brllte der Donner in einer Weise, gegen die alle Proben tropischer Gewitter, die ich nur je erlebt, als ein wahres Erbsengerolle erschienen. Es waren zwei Gewitter, eins von der Kste, das andere vom Gebirge herziehend, die sich gegenseitig bekmpften; letzteres schien das schwchere, denn nach kurzem Kampfe ward es von seinem Gegner in die Schluchten zurckgedrngt, der noch lange Zeit ein dumpfes Knurren hren lie, wie ein Bulldogge nach der Beierei, sich dann endlich auch zur Ruhe begab und der erfrischten Natur noch einen schnen Abend zu genieen verstattete. Am andern Morgen sah die ganze Landschaft aus wie eine =Fata morgana=; die graue Pergamentfarbe vom vorigen Tage war wie durch einen Zauberschwamm weggewaschen und liebliches, sanftes Grn erlabte ringsum das Auge. So etwas war mir noch in meinem Leben nicht vorgekommen: dem Boden, der noch gestern fr ewige Zeiten der Vegetation erstorben schien, waren ber Nacht zwei Zoll lange Grashalme entsprossen, und Bltter von betrchtlicher Gre hatten sich in Zeit von kaum zwlf Stunden vollkommen entwickelt. Ich machte mit Herrn R....... einen Spaziergang durch seine Werke, die wohl ergiebiger sein mgen als die von Dipilto und Yuscaran, deren Betrieb sich aber in nichts von jenen unterscheidet. Von einem Burschen, der des Weges daher kam, hrten wir, da die beiden Reiter, die ich am Tage vorher berholt, vom Blitze getroffen worden waren, der eine nebst dem Pferde getdtet, der andere schwer beschdigt. Wie froh war ich, ihren Worten kein Gehr gegeben zu haben! Mit dem vielen Metallgerthe, das ich an mir trug, Bchse, Pistolen, Schwert u.s.w., htte ich, gleich einem alten Ritter in der Rstung, einen ganz herrlichen Blitzableiter abgegeben! Die Minen von St.Martin rechtfertigen ihren Ruf allerdings in hohem Grade; ich sammelte hier die reichsten Stufen; allein wie alle Bergwerksbesitzer klagte auch Mr. R. sehr ber Mangel an hinreichenden und sachverstndigen Arbeitern und die daraus erwachsende Unmglichkeit eines ausgedehnteren Betriebes. Eine Compagnie, die whrend einiger Jahre 5000 bis 10,000 Dollars fr Einfhrung des verbesserten Bergbaues verausgaben knnte, wrde ohne allen Zweifel sehr brillante Geschfte machen. Ein Ruhetag, ein Abschied und weiter ging's dann, denn von jetzt an stellten sich jeden Nachmittag Gewitter ein, weshalb ich nur kurze Tagemrsche zurcklegen konnte. Die erste Nacht kam ich bis Choluteca, 3 bis 4 Miles von den Ufern des Golfs von Fonseca gelegen, am Flusse gleiches Namens, der hier in der Ebene ziemlich eine halbe (englische) Meile breit, aber nicht sehr tief ist und sich leicht zu Pferde passiren lt. Der Ort selbst ist traurig und todt und bietet jetzt keinerlei Vortheil, als in seiner Umgebung gutes Acker- und Weideland, auf dem schnes Rindvieh graset. Einwohner mgen hchstens 2000 da sein. Am Abend warf ich vom Thurme der kleinen Kirche noch einen letzten Blick auf den schnen, lieblichen Golf und die wilden, zackigen Gebirge, die mich so weidlich in Schwei gebracht hatten. Ich schlief im Hause des Mayor, eines jovialen Kauzes, mit dem ich ein Glas trefflichen Burgunders leerte, das ich hier wahrlich nicht zu finden erwartet htte. Am andern Morgen, als ich mich eben in den Sattel schwingen wollte, kaufte ein Indianer in seinem Laden 1 Vara (etwa 2 Ellen) Baumwollenstoff; der wrdige Magistrat machte mich darauf aufmerksam und meinte lachend, wenn ich ein Buch ber Central-Amerika schreiben wollte, mchte ich ja nicht vergessen, Choluteca als bedeutenden Handelsplatz mit anzufhren. Je nun, was nicht ist, knnte wohl noch werden, wenn erst die groe Welthandelsbahn rings um den Erdball Central-Amerika durchschneidet und dessen reichen Bodenschatz der Mhe des Ausbeutens werth macht. Von Choluteca aus geht der Weg durch fettes, herrliches Weideland, meist flach und nur an den ersten zwei Tagen hier und da von niedrigen Hgeln unterbrochen. In vielen der kleinen Flchen, die bis dahin trocken gelegen, fing schon an Wasser zu rieseln, und trotzdem nur erst wenig Regen gefallen, muten sich die armen Thiere doch an einigen sumpfigen Stellen schon arg qulen. Der erste bedeutendere Flu, ber den ich kam, war der Rio negro, welcher in den Estero real fllt. Von da an ist das Land so eben wie ein Tisch. Den Estero real berschritt ich am andern Morgen ungefhr 10 Meilen hher, als Mr. Belcher, der englische Ingenieur, mit seinem Schiff gekommen war. Selbst da noch hat der Flu 200 bis 250 Fu Breite; das Wasser war jetzt freilich noch sprlich, kaum 3 Fu tief, allein die Ufer sind sehr hoch und von sehr starken, gerad nach dem Wasser sich absenkenden Wurzeln, gleich einem festen Pfahlwerke, geschtzt, so da die Natur die Anlegung und Vertiefung eines schiffbaren Kanals zum groen Theil selbst vorgearbeitet hat. Nachdem ich das fragliche Terrain in mannichfachen Richtungen durchstreift und untersucht, steht auch bei mir die Ueberzeugung fest, da der Atlantic-Pacific-Ship-Kanal entweder an dieser Stelle nach dem Golf von Fonseca zu fhren, oder berhaupt in eine ganz andere Richtung zu verlegen ist. Erlaubt es meine Zeit, so werde ich spterhin eine genauere technische Errterung dieser Frage versuchen. Das Ende dieses Gebirgsausfluges ist kurz beschrieben. Ich zog am Fue des Viejo hin, bis zu einem Engpa zwischen diesem Vulkane und dem Teliva, und stieg von da endlich in die Ebene von Leon hinab, wo ich gegen Ende Mai anlangte, mit leichtem Herzen, noch viel leichterem Beutel, als ich es verlassen, und mit schauderhaft zerfetzter Garderobe, brigens aber mich einer so trefflichen Gesundheit erfreuend, wie seit lange nicht, fett wie ein Br im Herbste und geistig im besten Humor. Meinen Mozo hatte ich die letzte Tagereise zu Fu machen lassen, denn auf sein Maulthier hatte ich einen starken Hirsch und ein halbes Dutzend Pavon real geladen, ein herrlicher Vogel, bedeutend grer als der Truthahn, von schnem Gefieder und noch kstlicherem Geschmack, deren der Viejo und die Ufer des Estero real in ungeheuerer Menge beherbergen, und welches Wildpret ich zum Geschenk fr meine Freunde bestimmte, die mich nach fast dreimonatlicher Abwesenheit mit alter Herzlichkeit willkommen hieen. XIV. Glcklicher Zufall. -- Abschied von Leon. -- Ein Jahr Unterschied. -- =Stars and Stripes!= -- Verndertes Aussehen von St.Juan di Nicaragua. -- Abschied von Central-Amerika. -- Allgemeine Bemerkungen und Warnungen fr Auswanderer. Am Bord des Steamers Illinois auf der Hhe von Cuba, Juli, 1852. So war denn, fr jetzt wenigstens, die mir gestellte Aufgabe in Central-Amerika erledigt, da manche unvermuthete Zwischenflle die von Squier und mir projectirte Exploration der noch unbekannten Striche desselben auf eine entferntere Zeit zu verschieben nthig machen. Meine Bestimmung rief mich wieder nach New-York zurck, aber in meiner jetzigen Lage war eine Reise von mehr als 3000 Miles ein Kunststckchen, ber dessen Lsung ich mir wohl vergebens htte den Kopf zerbrechen knnen, wenn nicht der liebe Gott und mein sehr geehrter Freund und Gnner, Mr. Kerr, Gesandter der Vereinigten Staaten in Central-Amerika, mir eine gute Gelegenheit geboten htten, dies zu bewerkstelligen, und Letzterm zugleich einen Dienst zu erweisen: zwei wichtige ratificirte Traktate waren nach Washington zu berbringen, welche Mission Mr. Kerr mir anvertraute. Meine Sachen waren bald gepackt, mein alter Schimmel hatte sich in der Zwischenzeit auf guter Weide von den Entbehrungen der trockenen Jahreszeit recht wacker wieder erholt und ward mir von seinem jetzigen Besitzer freundlichst zu diesem letzten Ritt geliehen; das Maulthier eines neuen Sancho Pansa trug mein ziemlich umfngliches Gepck, und nach kurzem, herzlichem Abschiede von Land und Leuten befand ich mich bald in Gesellschaft meines gtigen Arztes und Gastfreundes =Dr.= L., den ebenfalls Geschfte nach den Vereinigten Staaten riefen, auf dem Wege nach Granada. Whrend wir durch die klare tropische Mondnacht dahintrabten, sandten uns noch die Glocken der ehrwrdigen Kathedrale, das morgende Frohnleichnamsfest einlutend, den letzten Scheidegru nach, und in dem leisen Wellengemurmel, mit dem der stille Ocean einstimmte, verklang der Schluaccord meines Lebens in den Tropen. * * * * * Nach scharfem zweiundzwanzigstndigen Ritt (fr 110 Miles) langten wir in Granada an, wo =Dr.= S., einer meiner frheren Bekannten, sofort einen seiner kleinen Schooner segelfertig machen lie; bald waren wir mit meinen Skizzen und Sammlungen an Bord, und eine gnstige Brise trieb uns in 36 Stunden ber den See. In St.Carlos war uns der Duanendirector, der sich lachend meines Champagnerschusses vom vorigen Jahre erinnerte, behilflich, schnell ein Boot fr den Flu fertig zu machen, und nach abermals 36 Stunden waren wir in St.Juan. * * * * * Da meine vor einem Jahre ausgesprochenen Prophezeiungen in Bezug auf den St.Juan River und den Platz gleiches Namens so schnell in Erfllung gehen wrden, htte ich wahrlich nicht gedacht. Die Vernderung war fast wunderbar; da, wo noch vor'm Jahre (ich passirte die Stelle am selben Tage und fast zur selben Stunde) die Ruinen von Castillo Viejo einsam im Walde vergraben lagen, flatterten jetzt lustig die =Stars and Stripes= (Sterne und Streifen, die Flagge der Vereinigten Staaten) ber einem entstehenden Wohnplatz; die alte Festung und die sie beschattenden Bume waren verschwunden, ein groes Hotel und eine Anzahl hlzerner Wohnhuser lugten wundersam neugierig hinber in die jungfrulichen Wlder; ber den Rapids lag ein kleiner Steamer, unterhalb noch einer, am Serapique River wieder einer, und zwei kleine Schlepp-Steamer gingen eben letztern Flu hinauf, um Ladungen von Kaffee aus Costa Rica zu holen. Das kleine Dampfboot, das voriges Jahr, kurz vor meiner Ankunft, an dem Machucha-Rapids gestrandet war, hing zwar immer noch an derselben Stelle, seiner vlligen Zertrmmerung entgegenharrend, aber eine Menge Treibholz war an dasselbe angeschwemmt, und hatte schon angefangen, eine kleine Insel zu bilden, auf der Bsche lustig grnten. In St.Juan hatte der grte Theil der Schilfhtten hbschen hlzernen Wohnhusern Platz gemacht, was dem pittoresken Aussehen zwar Abbruch that, das Leben aber denn doch bedeutend angenehmer machte. Manche der alten Bekannten waren noch da und freuten sich meines Wiedersehens, und wie in Leon die Glocken der Kathedrale, so ward mir hier beim frohen Mahle im Klange der Glser das Abschiedsgelute von Central-Amerika. * * * * * Die groe Bedeutung, welche diese Lnderstriche gewi binnen Kurzem fr den Welthandel erhalten mssen, versprechen ihnen eine reiche, gedeihliche Zukunft, werden aber auch viele Ansiedler aus europischen Lndern hierherlocken, zumal Deutsche, und zu ihrem Nutz und Frommen sei es mir hier noch verstattet, einige auf eigene Erlebnisse und Anschauungen gegrndete allgemeine Bemerkungen anzuschlieen. * * * * * Wer es irgend vermag, der vermeide hier, zumal im Innern, das Alleinreisen, das tausend Beschwerlichkeiten und Verlegenheiten bereitet, und versorge sich mit einem Mozo, einem Packthiere und wo mglich mit einem Hammock, sowie auch mit Lebensmitteln, denn nicht nur, da man alle Sorge fr Satteln, Packen und Fttern des Pferdes bernehmen mu, bieten selbst viele der sogenannten Gasthuser, auer einer Bettstelle mit roher Ochsenhaut berzogen, nur hchst sprliche Mahlzeiten, ja jenseits Leon hren sie sogar ganz auf. Besonders lstig dabei ist die Verpflegung des Pferdes, da das nthige Futter meist schwierig aufzutreiben ist, und man, selbst bis zum Tode ermattet, das mde Thier oft noch eine Stunde weit nach dem Protero bringen mu. Was die Preise der Lebensmittel anlangt, so sind diese durchgngig billig, ausgenommen wenn eben ein starker Durchzug nach Californien die groe Heerstrae etwas theuer macht, und nur aus dem Umstande, da Herr Thiele, derselbe, welcher so heftig gegen Frbel's Berichte auftrat, nie weiter als nach dem Hafen von St.Juan di Nicaragua gekommen, wohin allerdings die Lebensmittel theils von Granada, theils von Bluefield, ber 30 Meilen die Kste entlang, gebracht werden mssen, lassen sich dessen bertriebene Preisangaben der Lebensmittel erklren, wie z. B. ein Ei 1 Media (etwa 2 Silbergroschen), ein Pfund Rindfleisch 1 Real, u.s.w. Ich kann versichern, da ich selbst an Pltzen, wie Massaya und Managua, wo nach den Landesbegriffen hchst luxurise Gasthuser sind, sogar in Begleitung eines Dieners nie mehr als 1 Dollar fr Nachtessen (bestehend aus gebratenem Huhn, Fisch, Eiern, Kse und Chocolade), Nachtlager und Frhstck, incl. des Futters fr zwei Pferde, bezahlt habe. Auch die schdlichen Einflsse des Klimas werden diejenigen nicht zu befrchten haben, welche sich meine Erfahrungen in dieser Beziehung zu Herzen nehmen und dergleichen Extravaganzen vermeiden, wie ich sie mir unvorsichtigerweise zu Schulden kommen lie. Die Hauptschwierigkeiten, welche sich, meines Erachtens, dem Einwanderer entgegenstellen, sind: _Erstens_ die wenig consolidirte Stellung, welche der Fremde hier noch einnimmt, theils infolge der politischen Zerrttungen des Landes, theils infolge der Kurzsichtigkeit der Einwohner, deren ganzes Bestreben nur dahin gerichtet ist, vollauf Bananen und Tortillas essen zu knnen, und welche sich gewissermaen frchten, zu einer angestrengtern Thtigkeit genthigt zu werden, sobald krftige, arbeitsame Einwanderer ihnen als Concurrenten gegenberstehen. Aus diesem Grunde allein werden sie, statt, wie in der Union, durch eine zweckmige Gesetzgebung dem neuen Ankmmlinge Erleichterungen zu verschaffen, und durch gnstige Bedingungen fleiige Hnde herbeizuziehen, welche sich bemhen, dieser in jeder Beziehung fast unerschpflichen Natur einen strkern Tribut aufzuerlegen, als ihre jetzigen Gebieter es thun, im Gegentheil noch durch allerhand Einschrnkungen und Schwierigkeiten dem Ansiedler sein saures Geschft noch saurer zu machen sich bestreben. Die oben erwhnten politischen Zerrttungen leisten natrlich dieser, theils indolenten, theils bswilligen Opposition der kurzsichtigen Landesbevlkerung noch bedeutenden Vorschub, und so lange es nicht einer ebenso verstndigen, humanen, wie energischen Regierung gelingt, eine stabilere Ordnung einzufhren und krftig aufrecht zu erhalten, drfte es auch einer fremden Colonisation kaum mglich werden, mit glcklichem Erfolge gegen alle jene Hemmnisse anzukmpfen. Ebenso kann man endlich auch noch als den schlimmsten Feind, den der europische Einwanderer, und vor Allem der Deutsche, zu begegnen hat, _ihn selbst_ und seine Landsleute bezeichnen. Auswandern ist an und fr sich selbst keine Kleinigkeit, das nehme sich Jeder zu Herzen, der seine Heimath verlt, er mge sich wenden, wohin er wolle, zumal aber hierher. Dazu kommt aber noch, da in Deutschland der Unterthan fast in Bezug auf jede staatliche und communliche Einrichtung fortwhrend unter Leitung zahlreicher Regierungsbehrden steht, die, so lstig und einengend sie ihm auf der einen Seite auch erscheinen mag, auf der andern Seite aber auch ebenso viele Anlehnungspunkte und Bequemlichkeiten bietet. Im neuen Lande fllt dies nun pltzlich weg, der Auswanderer hpft wie ein Springteufelchen aus der Dose, alle die Institutionen, Verordnungen und Gesetze, an welche er gewhnt ist und zu denen er bei jeder vorkommenden Gelegenheit seine Zuflucht nahm, fehlen ihm nun hier pltzlich. Unwissend und ohne Erfahrung, wie eine neue Gesellschaft in einem neuen Lande zu bilden sei, und statt sein Bestes fr das Gemeinwohl, auf dem ja das Wohl des Einzelnen mit beruht, zu thun, verharrt der Einwanderer, bei aller krperlichen Uebermhung und einer Menge unntzer Anstrengungen, geistig in einer gewissen Trgheit, und berlt aus alter Gewohnheit die Organisation des Ganzen denjenigen, welche Selbstaufopferung oder Ehrgeiz genug besitzen, es zu bernehmen, oder auch von Sonderinteressen dazu getrieben werden. Sind nun alle jene getroffenen Anordnungen nicht nach Wunsch, oder entspricht der neue Zustand nicht vollkommen dem Bilde, welches sich der Ansiedler zuvor davon entworfen, so bricht er, statt den Grund in sich selbst zu suchen und sein Mglichstes zur Abhilfe des Uebels beizutragen, in maloses Schimpfen ber das elende Land und die Schurken aus, die ihn ins Verderben gelockt. Dies sind meines Erachtens die Ursachen, warum so viele Plne von deutschen Colonien, in der Union sowohl als anderwrts, gescheitert sind, dies und die unglckliche Theorienreiterei, welche schon daheim einen vollstndigen Plan ausarbeitet, bis auf die Gartenbeete womglich, ob sie Zwiebeln oder Spargel tragen sollen, gleichviel, ob der Plan ausfhrbar ist oder nicht. Haben sich diese Betrachtungen schon in der Union als richtig und begrndet erwiesen, wo doch so Manches zur Erleichterung des Einwanderns gethan wird, so wird dies hier um so mehr der Fall sein, wo dem Fremdlinge im Gegentheil eine Menge Erschwernisse in den Weg kommen, und so sehe ich denn auch in dem neuerlichen Versuche der Grndung einer deutschen Colonie in Central-Amerika, so aufrichtig ich demselben auch den besten Erfolg wnsche, kein sonderliches Heil erblhen. Ich setze voraus, da die Principien dieser Gesellschaft liberaler und praktischer sein werden, als die des Mainzer Schutzvereins in Texas; es kann dieselbe auch schon aus andern Grnden wohl nicht so ganz scheitern wie jene Colonie; dennoch kann ich kaum glauben, da eine grere Anzahl von Leuten so viel Thatkraft und Resignation besitzt, die namenlosen Mhseligkeiten einer Ansiedelung hier im Lande gemeinsam zu bewltigen, nur um _ihren Kindern_ ein besseres Loos zu bereiten, als _sie selbst_ dabei erwartet. Solche Gesinnung gehrt aber unbedingt dazu, soll der Ansiedler frohen Muthes ber das Ungemach hinwegkommen, das berall sein Beginnen begleitet. Geschieht dies jedoch und kommt die junge Colonie nur erst glcklich ber die Kinderjahre hinaus, so wird ganz gewi diese herrliche, ppige Natur dem gut angewandten, redlichen Fleie einen reichen Lohn nicht versagen. _Druckfehler-Verzeichni._ Seite 7 Zeile 9 v. u. lies: _Mller_ statt Moore. " 25 " 12 v. o. " _Schusse_ st. Schlusse. " 28 " 4 " " _von meinen_ st. von meiner. " 90 " 5 " " _erhoben_ st. erhob. " 105 " 10 v. u. " _junger_ st. ganzer. " 112 " 8 " " _Giuseppe_ st. Giuseppa. " 133 " 7 " " _Becher_ st. Beche. " 137 " 6 v. o. " _Protero_ st. pastura. " 141 " 12 " " _Granadiner_ st. Leoneser. " 141 " 15 " " _Leoneser_ st. Granadiner. " 150 " 4 " " _Chamorro_ st. Chamorra. " 152 " 7 v. u. " _Heeren_ st. Herren. " 157 " 6 " " _Chichigalpa_ st. Chidrigalpa. " 196 " 11 v. o. " _Holftern_ st. Halftern. Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig. [Hinweise zur Transkription Das Buch ist ursprnglich in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Abschnitte, die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription markiert, ausgenommen rmische Zahlen. Sofern in den Kapitelberschriften Punkte fehlten, wurden diese ergnzt. Der Text des Originalbuches wurde generell beibehalten, einschlielich uneinheitlicher und ungebruchlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen: Gendert wurden entsprechend dem bucheigenen "Druckfehler-Verzeichni" von Seite 264, Seite 7: "Moore's" gendert in "Mller's" (Nach Freund Mller's Aussagen gleicht der) Seite 25: "Schlue" gendert in "Schusse" (aber so im Schusse war, da ich mich nicht) Seite 28: "meiner" gendert in "meinen" (ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben) Seite 90: "erhob" gendert in "erhoben" (Jeder brachte schweigend und erhoben sein Glas) Seite 105: "ganzer" gendert in "junger" (ser junger Mais die Thiere erquickte) Seite 112: "Giuseppa" gendert in "Giuseppe" (blieb er fr mich nur Signor Giuseppe) Seite 133: "Beche" gendert in "Becher" (Zwei Becher gewrzter) Seite 137: "pastura" gendert in "Protero" (sich das seinige selbst im =Protero= (Weideplatz) suchen mute) Seite 141: "Leoneser" gendert in "Granadiner" (scheint mir die Granadiner Partei insofern im Rechte) Seite 141: "Granadiner" gendert in "Leoneser" (whrend die Leoneser eine Art von Sonderbndelei im Schilde fhren) Seite 150: "Chamarro" gendert in "Chamorro" (an den commandirenden General Don Fruto Chamorro verwies) Seite 152: "Herren" gendert in "Heeren" (mit den Heeren der kriegfhrenden Mchte von Central-Amerika) Seite 157: "Chidrigalpa" gendert in "Chichigalpa" (zurck, bis Chichigalpa, und war erst dort) Seite 196: "Halftern" gendert in "Holftern" (zwei an Stelle der Holftern) und zustzlich, Seite XV: "Chinaudega" gendert in "Chinandega" (Gefecht von Chinandega) Seite 8: "mittlen" gendert in "mittlern" (einige Bilder mittlern Formats) Seite 38: "Platz, ist" gendert in "Platz ist" (der Platz ist darin nach der Natur geschildert) Seite 72: "Inseeten" gendert in "Insecten" (und von Insecten eine wahre Flle vorhanden ist) Seite 94: "Begrbni. --" gendert in "Begrbni." (Flei der Indianer. -- Massaga. -- Indisches Begrbni.) Seite 106: "Halsstarrigket" gendert in "Halsstarrigkeit" (indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung) Seite 109: "errreichte" gendert in "erreichte" (Fnf Miles von Massaga erreichte ich) Seite 126: "zur" gendert in "zu" (Selbsthlfe zu rechter Zeit.) Seite 133: "Chocolode" gendert in "Chocolade" (gewrzter Chocolade mute ich also) Seite 143: "Chinaudega" gendert in "Chinandega" (Gefecht von Chinandega) Seite 156: "zuverlssiigen" gendert in "zuverlssigen" (die neuesten zuverlssigen Nachrichten) Seite 158: "Lopez, sogar" gendert in "Lopez sogar" (jetzt leugnete General Lopez sogar dessen Existenz) Seite 159: "Mihelligkeitrn" gendert in "Mihelligkeiten" (dieser steten Erneuerung der Mihelligkeiten) Seite 237: "Cerro die Ule" gendert in "Cerro di Ule" (die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt fr ein Bild)] End of Project Gutenberg's Wanderbilder aus Central-Amerika, by Wilhelm Heine License: Share Alike