E-text prepared by Peter Becker, Wolfgang Menges, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by Internet Archive (https://archive.org) Note: Images of the original pages are available through Internet Archive. See https://archive.org/details/derweltkrieg00helfuoft Anmerkungen zur Transkription: Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier durch _Unterstriche_ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes. DER WELTKRIEG von KARL HELFFERICH I. BAND [Illustration: Verlags-Signet] 1919 Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin Die Vorgeschichte des Weltkrieges von Karl Helfferich [Illustration: Verlags-Signet] 1919 Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin _Alle Rechte_, insbesondere das Recht der Uebersetzung, _vorbehalten_. _Amerikanisches Copyright_ 1919 _by Ullstein & Co, Berlin_ Inhalt Vorwort 9, 10 Vom Dreibund zum Dreiverband 11-62 Die Verschiebung der Mchtegruppierung seit Bismarcks Abgang 13-33 Bismarcks cauchemar des coalitions und sein System der Sicherungen 13-16. Das Abbrckeln des Bismarckschen Systems 16-19. Die englisch-franzsische Entente 19-24. Belgiens Verhltnis zur Entente 24, 25. Die britisch-russische Verstndigung 25-27. Italiens Vershnung mit Frankreich 27-29. Japan 29-31. Die Vereinigten Staaten 31, 32. Die Mchtegruppierung beim Ausgang der Blowschen Kanzlerschaft 32, 33. Die treibenden Krfte 33-62 Unsere Politik der mangelnden Gegengewichte 33-35. Ungeschicklichkeiten und Schroffheiten 35-37. Deutschland und sterreich-Ungarn politisch saturiert 37, 38. Frankreichs Revanchedurst und koloniale Ausdehnung 38-40. Rulands Drang nach Konstantinopel und dem Balkan 40-42. Italiens Irredenta- und Tripoliswnsche 42, 43. Die britische Handelseifersucht 43-49. Die Bagdadbahn 49, 50. Die Flottenfrage 50-55. Das Wettrsten 55-60. Der Dreibund Versicherungsgesellschaft, die Triple-Entente Erwerbsgesellschaft 60-62. Die Etappen zum Weltkrieg 63-112 Vorbemerkung 65 Die bosnische Krisis 66-72 Die trkische Revolution 66. sterreich-Ungarn erklrt seine Souvernitt ber Bosnien und die Herzegowina 67, 68. Deutschlands Stellung zum sterreichisch-trkischen Konflikt 68, 69. Die Stellung der Gromchte 69-71. Friedliche Beilegung 71, 72. Verstndigungsversuche mit Frankreich und Ruland 72-77 Das deutsch-franzsische Marokko-Abkommen vom 9. Februar 1909 72-74. Das Potsdamer Abkommen zwischen Deutschland und Ruland 74-77. Die Marokkokrisis von 1911 77-87 Keine deutsch-franzsische Entspannung durch das Abkommen von 1909 77, 78. Besetzung von Fez durch die Franzosen 78, 79. Deutsche Verstndigungsvorschlge 79-81. Agadir 81-83. Verhandlungen zwischen Kiderlen und Cambon 83. Einmischung Englands 83-85. Deutsch-franzsischer Vertrag vom 4. November 1911 85-87. Lord Haldanes Mission 87-91 Reaktion auf die deutschfeindliche Politik der britischen Regierung 87, 88. Flottenfrage 88. Neutralittsabkommen 88-90. Ergebnislosigkeit der Besprechungen 91. Der Tripoliskrieg 91-94 Italiens Kriegserklrung 91, 92. Wirkung auf das deutsch-trkische Verhltnis 92. Wirkung auf Frankreich, England und Ruland 92-94. Die beiden Balkankriege 95-112 Der Balkanbund 95. Die Haltung der Gromchte 96-101. Englands zwiespltige Politik 101, 102. Deutschlands Haltung zu dem russisch-sterreichischen Konflikt 102-109. Frankreichs Unterordnung unter die russische Politik 109, 110. Der zweite Balkankrieg und der Bukarester Friede 110, 111. Die groserbische und die albanische Gefahr 111, 112. Die letzten Verstndigungsversuche 113-166 Vorbemerkung 115, 116 Die Verstndigung mit England ber die afrikanischen Kolonialfragen 116-120 Das deutsch-englische Abkommen von 1898 ber die Liquidation des portugiesischen Kolonialbesitzes 116-118. Die Kolonialverhandlungen von 1913/14 118-120. Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn 120-138 Bagdadbahn und deutsch-englische Beziehungen 120, 121. Die Anfnge der Bagdadbahn 121-126. Das Bagdadbahnprojekt auf internationaler Grundlage 126-130. Die Ablehnung einer Beteiligung durch die englische und franzsische Regierung 130, 131. Die Bagdadbahn als deutsches Unternehmen 131-134. Die jungtrkische Revolution und neuer Kampf um die Bagdadbahn 134-138. Die Verstndigung mit Frankreich ber die trkischen Eisenbahnfragen 138-142 Sparation nette im Bagdadbahnunternehmen 138-141. Vereinbarungen ber die beiderseitigen Eisenbahninteressen in der Trkei 141, 142. Die Verstndigung mit England ber die vorderasiatischen Fragen 142-154 Ziele der britischen Regierung 142-145. Der deutsche und der trkische Standpunkt 145-148. Fluschiffahrt, Bewsserungsanlagen und Petroleum in Mesopotamien 148-150. Die Verstndigung 150-154. Die deutsch-englische Verstndigung und die englisch-russische Marinekonvention 155-166 Ehrlicher Verstndigungswille? 155, 156. Iswolskis Bndnisvorschlag 156, 157. Das britisch-russische Marineabkommen 157, 158. Der Geist der britischen Politik 158-160. Kriegsstimmung in Frankreich und Ruland 160-163. Die Aussichtslosigkeit der deutsch-britischen Verstndigung 163-166. Der Ausbruch des Weltkrieges 167-230 Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand 169-171. Die Haltung der deutschen Regierung in dem sterreichisch-serbischen Konflikt 172-175. Das sterreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien 175. Die deutsche Regierung und das Ultimatum 175-181. Der Deutsche Kaiser und das Ultimatum 182. Deutschlands Friedenswille; die mangelhafte militrische, diplomatische und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung 183-186. Rulands Einmischung 187, 188. Meine Unterredung mit Herrn Davydoff vom 26. und 27. Juli 1914 188-198. Die russische Kriegspartei 198, 199. Die Haltung Frankreichs 199, 200. Die Haltung Englands 200-203. Der Druck der deutschen Regierung auf das Wiener Kabinett und sein Erfolg 204-207. Die russische Generalmobilmachung 208, 209. Des Zaren Befehl auf Einstellung der Mobilmachung nicht befolgt 209. Englands Rckendeckung fr Frankreich und Ruland 210. Deutschlands Schritte in Petersburg und Paris 211-213. England wirft die Frage der belgischen Neutralitt auf und weigert sich selbst, unter irgendwelchen Bedingungen seine Neutralitt zuzusagen 213-215. Die deutsche Mobilmachung 216. Die berlegenheit der britischen Diplomatie 216-219. Sir Edward Grey sucht einen zugkrftigen Kriegsgrund 220-222. Die Verletzung der belgischen Neutralitt als Kriegsvorwand 222-225. Der Kaiser ber seine Friedensbemhungen und ber die knftige Mchtegruppierung 226-229. Der Triumph der britischen Politik 229-230. Vorwort Ich vermesse mich nicht, die Geschichte des Weltkrieges zu schreiben. Das mag ruhigeren Zeiten vorbehalten bleiben, in denen die Menschheit einigermaen Distanz zu den Ereignissen des Weltkrieges gewonnen hat. Wohl aber glaube ich, heute schon einiges -- und nicht ganz Unwichtiges -- zur Geschichte des Weltkrieges sagen zu knnen und sagen zu mssen. Mein persnliches Schicksal hat mich so gefhrt, da ich seit einer Reihe von Jahren an den Entwicklungen, die dem Kriege vorausgingen, die den Knoten schrzten und ihn zeitweise wieder zu entwirren schienen, da ich schlielich an den Ereignissen des Krieges selbst mittelbar oder unmittelbar, Einblick nehmend oder handelnd, beteiligt war. Die Welt drstet nach Aufklrung; sie will wissen, wie es hat so kommen knnen und ob es hat so kommen mssen. Ihr Urteil ber Personen, Einrichtungen, Vorgnge hngt von dieser Aufklrung ab; und ihr Urteil wird, da alles noch im Flusse des Werdens ist, das Schicksal der Vlker und Vlkergemeinschaften gestalten helfen. Ich glaube mich, soweit ich es vermag, in den Dienst dieses Bedrfnisses nach Aufklrung stellen zu sollen. Meine Absicht geht dabei auf mehr als auf eine Bereicherung der Memoirenliteratur. Sie geht darauf, die Flle der Ereignisse in ihrem groen Zusammenhang zu erfassen und sie so zur Darstellung zu bringen, wie ich sie sehend und handelnd erlebt habe. Der Nachdruck wird dabei auf der Schilderung der Tatsachen liegen, vor allem auf der Darstellung derjenigen Vorgnge, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Im Urteil, namentlich im Urteil ber Personen, Parteien, Berufsstnde und Volksschichten, werde ich mir nach Mglichkeit die Zurckhaltung auferlegen, die mir Pflicht eines mitbeteiligten Darstellers noch nicht abgeschlossener Vorgnge zu sein scheint. Der aufrichtige Wille zur Wahrheit hat mir die Feder gefhrt. Deshalb wage ich zu hoffen, da diese Bltter dazu beitragen werden, der viel mihandelten und grausam entstellten Wahrheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen und damit beizutragen zu einer Gesundung der Gemter und Zustnde in Deutschland wie zur Schaffung ertrglicher Verhltnisse zwischen den Vlkern. * * * * * Der vorliegende Band behandelt die Vorgeschichte des Weltkrieges. Die Darstellung der Vorgnge des Weltkrieges selbst ist in der Hauptsache bereits abgeschlossen und wird diesem ersten Bande in naher Zeit folgen knnen. Berlin, Ende Mrz 1919 _Karl Helfferich_ Vom Dreibund zum Dreiverband Die Verschiebung der Mchtegruppierung seit Bismarcks Abgang _Bismarck_ hat das neue Preuen geschaffen, Preuens Vorherrschaft in Deutschland begrndet und das Deutsche Reich aufgebaut in Kriegen, die er, wenn nicht herbeigefhrt, so doch politisch vorbedacht und diplomatisch vorbereitet hat; vorbedacht und vorbereitet in einer Weise, da der Gegner isoliert und eine der eigenen Macht berlegene feindliche Koalition verhindert wurde. Nach dem Krieg von 1870/71 und der Begrndung des Reichs war er nach seinem eigenen Gestndnis beherrscht von dem cauchemar des coalitions in einem Mae, da ihm dieser Alpdruck oft den Schlaf raubte. Ebenso wie Moltke, der vorausgesagt hat, da wir in fnfzig Jahren um die Errungenschaften von 1870 wrden kmpfen mssen, hat Bismarck klar erkannt, da eine Vershnung des besiegten, in seinem alten nationalen und kriegerischen Stolz schwer getroffenen Frankreich auf viele Jahrzehnte hinaus nicht mglich sein werde, und da damit jeder anderen Gromacht, die sich zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland entschlieen sollte, von vornherein ein nicht zu unterschtzender Bundesgenosse gesichert sei. Die Gefahr der Bildung gegnerischer Koalitionen hat durch diese Tatsache eine besondere Verschrfung erfahren; sie hat fr die Politik des Deutschen Reichs von Anfang an eine Erschwerung geschaffen, wie sie die Politik keines andern Staates belastete. Es ist bekannt, wie Bismarck diese Verhltnisse gemeistert hat. Bei seinem Rcktritt hinterlie er uns eine Mchtegruppierung, die sich in kurzen Zgen folgendermaen umreien lt: Deutschland, sterreich-Ungarn und Italien in dem Schutzbndnis des Dreibundes zusammengeschlossen. Ruland durch den geheimen Rckversicherungsvertrag von jeder Allianz mit offensiven Zielen gegen das Deutsche Reich abgehalten. England in der Gesamtorientierung seiner Politik dreibundfreundlich, wenn auch frei von irgendwelchen vertragsmigen Bindungen. Bismarck selbst hatte den Wert von Bndnissen und Vertrgen nie berschtzt. Niemand wute besser als er, da Bndnisse und Vertrge, sollen sie in den Lagen, fr die sie geschlossen sind, Stich halten, der Untermauerung durch die bereinstimmung der wirklichen Interessen der vertragschlieenden Teile bedrfen. Vor allem war sich Bismarck klar ber den bedingten Wert der Zugehrigkeit Italiens zum Dreibund: auf der einen Seite war der italienisch-sterreichische Gegensatz nicht aus der Welt zu schaffen, sondern nur durch Vorteile, die Italien im Dreibund fand, oder strkere Gegenstze zwischen Italien und anderen Lndern, namentlich Frankreich, zu berbieten; dann bedurfte Italien angesichts seiner Kstengestaltung, wie Bismarck stets anerkannt hat, einer Anlehnung an den maritimen Schutz Englands. Diese Voraussetzungen fr ein Sichwohlfhlen Italiens im Dreibund waren, als Bismarck im Jahre 1890 zurcktrat, vorhanden: der Gegensatz zwischen Italien und Frankreich, hervorgerufen insbesondere durch die Festsetzung Frankreichs in Tunis, aufs uerste verschrft durch einen heftigen Zollkrieg, lie die gegen sterreich gerichteten irredentistischen Aspirationen zurcktreten. England, das in den Fragen des Mittelmeers und in kolonialen Angelegenheiten in Gegnerschaft mit Frankreich stand, und das sich durch die russische Ausdehnung nach Osten in seinen asiatischen Interessen, vor allem in seiner Herrschaft ber Indien, bedroht sah, hielt damals noch ein Zusammengehen mit dem Dreibund -- trotz mancher Reibungen mit Deutschlands jungen Kolonialbestrebungen -- fr die richtige Politik. In Ruland allerdings hatten die Nachwirkungen des Berliner Kongresses, die immer strker werdenden panslawistischen Bestrebungen, der Gegensatz zu sterreich-Ungarn in den Balkanfragen, schlielich das Mitrauen AlexandersIII. gegenber der Bismarckschen Politik den Wert des im Jahre 1887 erneuerten deutsch-russischen Rckversicherungsvertrages so stark ausgehhlt, da bereits in den letzten Jahren der Bismarckschen Kanzlerschaft die Gefahr des Zweifrontenkriegs fr Deutschland akut zu werden drohte. Das Gebude der Sicherung Deutschlands gegenber einer bermchtigen feindlichen Koalition, wie es Bismarck seinen Nachfolgern berlie, war ein uerst kunstvolles. Es trug die Gewhr seines Bestandes nicht in sich selbst, sondern ruhte in wichtigen Teilen auf einem leicht vernderlichen Grunde, dessen Tragfhigkeit schon in der Vergangenheit nur durch unablssige Achtsamkeit und ununterbrochene Bemhungen erhalten werden konnte und fr die Zukunft durch kaum abwendbare Entwicklungen schwer bedroht erscheinen mute. Alsbald nach Bismarcks Rcktritt begann das von ihm geschaffene und schlielich von ihm nur noch mhsam aufrechterhaltene System abzubrckeln. Der Nichterneuerung des Rckversicherungsvertrages mit _Ruland_ im Jahre 1890 folgte in kurzer Zeit die russisch-franzsische Entente, die sich im weiteren Verlauf zu dem Zweibundsvertrag verdichtete. Die Gefahr des Zweifrontenkriegs war damit vom Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts an zu einer dauernden geworden. Alle deutschen Bemhungen, das russisch-franzsische Bndnis zu lockern, blieben in der Folgezeit ergebnislos. Das Verhltnis zu _England_ blieb zunchst noch ein gutes. Whrend wir durch den Helgoland-Zanzibar-Vertrag von 1890 koloniale Reibungspunkte aus unsern Beziehungen zu England beseitigten, bestand die britisch-franzsische Kolonialrivalitt fort und erreichte im Jahre 1898 mit dem Zwischenfall von Faschoda ihren Hhepunkt. Noch mehr fiel ins Gewicht, da der starke Gegensatz zwischen England und Ruland sich in unverminderter Schrfe erhielt. Unter solchen Umstnden konnte man in Deutschland die Hoffnung hegen, da es einer umsichtigen Politik gelingen werde, die fr uns bedrohlichste Koalition -- den Zusammenschlu Englands mit dem seine Spitze gegen Deutschland und seine Verbndeten richtenden Zweibund -- zu verhindern. Diese Hoffnung schien sich zu besttigen, nachdem in England die Erregung ber die Krgerdepesche (Januar 1896) sich gelegt hatte und die britische Regierung, trotz der damals schon erwachten Handelseifersucht, den Versuch einer entschiedenen Annherung an Deutschland machte. Kein Geringerer als Josef Chamberlain setzte sich in jener Zeit ffentlich fr einen germanisch-angelschsischen Dreibund ein, bestehend aus Deutschland, Grobritannien und Irland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber dieser Annherungsversuch fand sowohl bei der deutschen ffentlichen Meinung, die gerade damals infolge des Burenkrieges stark gegen England erregt war, wie auch bei der Reichsregierung, die sich zwischen England und Ruland freie Hand wahren wollte, keine ermutigende Aufnahme. Die Entwicklung kulminierte in dem zwischen Deutschland und England im Herbst 1900 abgeschlossenen Abkommen ber China (in Deutschland zumeist Yangtse-Abkommen genannt), in dem die beiden Mchte sich gegenseitig auf den Grundsatz der offenen Tr festlegten und sich eine Verstndigung fr den Fall vorbehielten, da eine andere Macht die chinesischen Wirren benutzen sollte, um territoriale Vorteile zu erlangen. Dieses Abkommen wurde in der internationalen ffentlichkeit als ein Zusammenschlu Deutschlands und Englands gegen die russischen Aspirationen auf die Mandschurei aufgefat. Aber gerade in diesem entscheidenden Punkte stellte sich eine ernste Verschiedenheit der Auslegung zwischen der deutschen und der grobritannischen Regierung heraus. Als wenige Monate nach dem Abschlu des Abkommens die Frage durch Rulands Vorgehen akut wurde, erklrte Frst Blow im Reichstag, da sich das deutsch-englische China-Abkommen nicht auf die Mandschurei beziehe; darber sei auch bei den Verhandlungen ber das Abkommen den britischen Staatsmnnern kein Zweifel gelassen worden. Demgegenber erklrte Lord Salisbury im Unterhaus, da die Behauptung, Deutschland habe bei den Verhandlungen die Mandschurei ausgenommen, nicht den Tatsachen entspreche. Auf diese Weise kam es statt zu einer ihre Spitze gegen Ruland kehrenden deutsch-englischen Annherung zu einer tiefgehenden, die weitere Entwicklung wohl endgltig beeinflussenden deutsch-englischen Verstimmung und zu einer von Ruland freudig begrten, aber mit keinem Dank entgoltenen deutschen Rckendeckung fr die russische Ostasien-Politik. Der weitere Verlauf der Dinge erhielt sein Geprge durch die Annherung zwischen England und Frankreich, die sich schlielich unter Einbeziehung des russischen Bundesgenossen der franzsischen Republik zur Triple-Entente ausweitete. Es mu festgestellt werden, da bereits im Sommer 1903 der nachmalige Staatssekretr des Auswrtigen, Sir Edward Grey, als oppositioneller Abgeordneter den Versuch des Zusammengehens mit Deutschland in den ostasiatischen Angelegenheiten als einen erwiesenen Migriff bezeichnete und daraus die Folgerung zog, eine Annherung an Ruland zu empfehlen. In _Frankreich_ wirkte die Demtigung von Faschoda einige Zeit stark nach. Im Burenkrieg ergriff die ffentliche Meinung in Frankreich kaum minder lebhaft gegen England Partei als in Deutschland. Aber bald waren Krfte am Werk, die gerade aus der Demtigung von Faschoda eine neue Orientierung der franzsischen Politik gegenber England herleiteten. Faschoda hatte gezeigt, da gegen Deutschland _und_ gegen England Frankreich seine Gromachtstellung nicht wrde behaupten knnen. Das alte Revanchebedrfnis gegenber Deutschland erwies sich in dieser Lage als strker denn die neue Erbitterung ber die Vergewaltigung durch England. Delcass als franzsischer Minister des Auswrtigen leitete in stiller und zher Arbeit die britisch-franzsische Annherung ein. Er fand in England gnstigen Boden. Dort hatte man endgltig die Hoffnung, in Deutschland ein Werkzeug gegen Ruland gewinnen zu knnen, aufgegeben; die Handelseifersucht gegen Deutschland wuchs mit der Entfaltung der deutschen Wirtschaftskraft, namentlich des deutschen Auenhandels, der deutschen Unternehmungen im Ausland und der deutschen Handelsflotte, von Jahr zu Jahr; die Vergrerung der deutschen Kriegsflotte, eine durch die Vermehrung des Auenhandels und das Wachstum der Handelsflotte gerechtfertigte Entwicklung, erregte mehr und mehr Besorgnis; und schlielich bestieg nach dem Tode der Knigin Victoria im Januar 1901 EdwardVII. den britischen Thron. Die Entente zwischen Frankreich und England trat vor aller Welt offenkundig in Erscheinung in dem am 8. April 1904 unterzeichneten Abkommen, das neben einer Anzahl schwebender kolonialer Fragen Marokko und gypten behandelte. Soweit Marokko in Betracht kam, zeigte diese diplomatische Aktion in der Sache wie in der Form eine Spitze gegen Deutschland. England und Frankreich setzten sich -- in dem erst spter verffentlichten Geheimabkommen noch sehr viel deutlicher als in dem offenen Vertrag -- ber die erheblichen deutschen Interessen in Marokko und ber die auch von Deutschland unterzeichnete Madrider Konvention von 1880 hinweg, whrend sie den vierten Hauptinteressenten, Spanien, in einem ffentlichen und einem geheimen Abkommen vom 7. Oktober 1904 abfanden und zum Teilhaber ihrer Aktion machten. Sie setzten sich ber die deutschen Rechte und Interessen hinweg, ohne der deutschen Regierung eine offizielle Mitteilung ber das Deutschland so nahe berhrende Abkommen zu machen. Die deutsche Regierung zeigte zunchst eine bemerkenswerte Zurckhaltung. Erst als Frankreich zu tatschlichen Manahmen in Marokko schritt, die eine nicht mehr zu ignorierende Verletzung der Souvernitt des Sultans von Marokko und der auf der Madrider Konvention beruhenden deutschen Rechte darstellten, gab Deutschland durch den Besuch des Kaisers Wilhelm in Tanger zu erkennen, da es nicht gewillt sei, sich als nicht vorhanden behandeln zu lassen. Dieser Schritt klrte die Lage. Delcass, der mit allem Nachdruck fr die Ablehnung der unbestreitbar berechtigten Forderung auf internationale Regelung der bisher durch die Madrider Konvention international geregelten Marokkofrage eintrat, konnte sich im franzsischen Ministerrat auf die Zusage nicht nur diplomatischer, sondern auch militrischer Untersttzung Englands gegenber Deutschland berufen[1]. Wenn es nicht zum Kriege zwischen der neuen englisch-franzsischen Koalition und dem Deutschen Reiche kam, wenn Frankreich vielmehr die von Deutschland vorgeschlagene Regelung der Marokkofrage durch eine neue internationale Konferenz schlielich annahm und den zum Krieg entschlossenen Delcass fallen lie, so lag der Grund hierzu nicht bei dem Friedenswillen der englischen Regierung oder einer Selbstbesinnung Frankreichs, sondern lediglich in dem von dem franzsischen Kriegsminister anerkannten Mangel an Bereitschaft des franzsischen Heeres sowie in der Schwchung Rulands durch den russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren. Die Konferenz von Algeciras, deren Zusammentritt ein formaler Erfolg, deren Verlauf und Ergebnis ein kaum verhllter materieller Mierfolg der deutschen Politik war, konnte die Tatsache des entschlossen gegen Deutschland gerichteten englisch-franzsischen Einvernehmens nur besttigen. Sie enthllte weiter, da Ruland -- trotz des Versagens seines franzsischen Bundesgenossen und der freundschaftlichen Haltung Deutschlands whrend des russisch-japanischen Krieges -- nach wie vor unbeirrt auf der Seite seines franzsischen Verbndeten stand; da Deutschland, jedenfalls in dieser Mittelmeerfrage, auf eine Untersttzung durch Italien gegen Frankreich nicht rechnen konnte und da auch sterreich-Ungarn in einer solchen seine eignen Interessen nicht unmittelbar berhrenden Angelegenheit nur ein lauer Freund war. Wir wissen heute aus der groen Rede, die Sir Edward Grey am 3. August 1914, am Tag vor dem Eintritt Englands in den Krieg, im Unterhaus gehalten hat, da schon damals, whrend der ersten Marokkokrisis, die englisch-franzsische Entente eine militrische Ausgestaltung erhalten hat. Auf Wunsch des franzsischen Botschafters erklrte sich Sir Edward Grey damit einverstanden, da die beiderseitigen militrischen und maritimen Stabschefs miteinander in regelmig wiederkehrende Beratungen eintreten sollten, deren Zweck die Vereinbarung ber einen gemeinschaftlichen Feldzugsplan gegen Deutschland war. Formal wurde die Freiheit der Entschlieung fr den Eventualfall, dem diese gemeinschaftlichen Beratungen gelten sollten, vorbehalten. Was von diesem Vorbehalt materiell zu halten war, hat Sir Edward Grey selbst am 3. August 1914 im Unterhaus dargelegt; er fhrte damals aus, da die Vereinbarung fr England eine moralische Verpflichtung geschaffen habe, Frankreich zu helfen; er fgte hinzu, da auf Grund des in eventum vereinbarten Feldzugsplans Frankreich seine Flotte im Mittelmeer konzentriert und damit seine westlichen und nrdlichen Ksten unverteidigt gelassen, d.h. sie der englischen Flotte zur Verteidigung berlassen habe. Die Abmachung zwischen Sir Edward Grey und dem franzsischen Botschafter ber die Zusammenarbeit der beiderseitigen General- und Admiralstbe war zunchst nur eine mndliche. Sie wurde in England seinerzeit nur dem damaligen Ministerprsidenten Sir Henry Campbell Bannerman, Lord Haldane und Mr. Asquith mitgeteilt; das Gesamtkabinett selbst wurde, wie Sir Edward Grey bekannte, much later on -- es ist anzunehmen whrend der Marokkokrisis von 1911 -- informiert. Schriftlich niedergelegt, in Form eines Briefwechsels zwischen Sir Edward Grey und Mr. Paul Cambon, wurde die Abmachung erst am 22. November 1912. Das britische Parlament erhielt von ihr zum erstenmal Kenntnis am 3. August 1914, als der Eintritt Englands in den Krieg auf Grund dieser Abmachung bereits unabwendbar geworden war. Die englisch-franzsische Kombination, die im Juli-August 1914 wirksam wurde, geht also bereits auf die Wende der Jahre 1905 und 1906 zurck. Die militrische Zusammenarbeit wurde sofort auch auf _Belgien_ ausgedehnt. Im Januar 1906 trat der britische Militrattach in Brssel an den belgischen Generalstabschef heran, um unter Hinweis auf die bestehende Kriegsgefahr und die Bedrohung der belgischen Neutralitt vertrauliche militrische Unterhaltungen der gleichen Art, wie sie zwischen England und Frankreich begonnen worden waren, einzuleiten. Die Besprechungen, auf die der belgische Generalstabschef sich bedingungslos einlie, hatten als Grundlage die von dem britischen Militrattach fr den in Betracht kommenden Eventualfall angekndigte Landung eines britischen Expeditionskorps und seinen Durchmarsch durch Belgien; die Kooperation dieses Expeditionskorps mit dem belgischen Heer wurde im weiteren Verlaufe der Unterhaltungen in allen Einzelheiten durchberaten[2]. _Ruland_, Frankreichs Verbndeter, war in den letzten Jahrzehnten, ehe die Englnder in Deutschland den gefhrlichsten Rivalen zu erkennen glaubten, fr England der Gegenstand der grten Sorge gewesen. Denn Ruland war die einzige Macht, die der britischen Weltstellung zu Lande bedrohlich werden konnte. Die vllige Unvereinbarkeit der britischen und russischen Strebungen galt lange Zeit hindurch als ein Axiom der Politik. Englands Verhltnis zu Deutschland selbst war bis zur Jahrhundertwende stark beeinflut von dem britischen Wunsch, Deutschland als Gegengewicht gegen Ruland zu benutzen. Dieser Wunsch wurde im Jahre 1900 endgltig als unausfhrbar erkannt. Aber die britische Politik hatte damals bereits ein anderes Gegengewicht gegen Ruland in Aussicht: _Japan_. Am 30. Januar 1902 wurde das britisch-japanische Bndnis unterzeichnet. Zwei Jahre spter brach der russisch-japanische Krieg aus, der mit der Niederlage Rulands und dem Zusammenbruch seiner ostasiatischen Politik endete. Wie Frankreich durch Faschoda fr England bndnisreif gemacht worden war, so jetzt Ruland durch den Ausgang des ostasiatischen Krieges. Die fr das britische Weltreich gefhrlichen russischen Aspirationen waren fr absehbare Zeit so weit beschnitten, da jetzt eine Verstndigung mglich erschien. Deutschland wurde infolge der Schwchung Rulands fr England nun der konkurrenzlose Feind. Und wie sich England noch wenige Jahre zuvor um das deutsche Schwert gegen Ruland beworben hatte, so suchte es nunmehr Ruland fr die Auseinandersetzung mit Deutschland auf seine Seite zu ziehen. Schon im September 1905 wurde dem von den Friedensverhandlungen in Portsmouth zurckkehrenden Grafen Witte in Paris ein von Knig Edward und dem russischen Botschafter in Petersburg ausgearbeiteter Vertragsentwurf vorgelegt. Witte zeigte sich zurckhaltend. Aber zwei Jahre spter, am 31. August 1907, kam in Petersburg zwischen dem damaligen Minister des Auswrtigen, Iswolski, und dem britischen Botschafter ein dem damaligen Entwurf ungefhr entsprechender Vertrag zustande, der eine Auseinandersetzung der beiderseitigen Interessen in Persien, am Persischen Golf, in Tibet und in Afghanistan enthielt. Damit waren alte und gefhrliche Reibungen zwischen den beiden Gromchten aus der Welt geschafft und dem bisher als unmglich geltenden Zusammengehen von Elefant und Walfisch der Weg bereitet. Gleichzeitig war der russische Druck, dem durch den Ausgang des Kriegs mit Japan der ferne Osten verschlossen worden war, nunmehr auch von Mittelasien auf den Balkan und die Trkei abgelenkt. Nicht ganz ein Jahr spter, im Juni 1908, traf Knig Edward mit dem Zaren Nikolaus in Reval zusammen. Alle Welt wute, da diese Zusammenkunft, die das grte Aufsehen erregte, den Fragen des nheren Orients, vor allem der mazedonischen Frage galt. Damit begab sich die russisch-britische Entente auf ein Gebiet, das -- im Gegensatz zu Mittelasien, dem Objekt des Vertrages von 1907 -- deutsche und vor allem sterreichisch-ungarische Interessen von groer Bedeutung einschlo. Seit jener Zeit konnte man mit Fug und Recht von der _Triple-Entente_, dem _dreifachen Einvernehmen_, sprechen. Was diese neue Kombination bedeutete, lt sich am besten mit den Worten des belgischen Gesandten in Berlin, Baron Greindl, sagen: Der Dreibund hat whrend dreiig Jahren den Weltfrieden gesichert, weil er unter der Fhrung Deutschlands stand, das mit der politischen Gruppierung Europas zufrieden war. Die neue Gruppierung bedroht ihn, weil sie aus Mchten besteht, die eine Revision des status quo anstreben.[3] Aber mit dem Zusammenschlu der drei Gromchte Frankreich-England-Ruland war die nderung in der Mchtegruppierung noch keineswegs erschpft. Unser eignes Bndnissystem hatte, soweit _Italien_ in Betracht kam, durch die internationalen Vorgnge eine unverkennbare Lockerung erfahren. Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nach Bismarcks Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund bedingt war durch das Verhltnis zu England. Solange England in guten Beziehungen zum Dreibund stand, konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fhlen. Je strker sich der Gegensatz zwischen England und der fhrenden Macht des Dreibundes herausentwickelte, desto strker mute fr Italien die Versuchung zu einer andern Orientierung werden, und desto geringer war, auch wenn Italien im Dreibund verblieb, der Wert des Bndnisses fr den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, da die Reibungspunkte Italiens mit Frankreich in den Hintergrund traten. Im Jahre 1898 wurde der langjhrige Zollkrieg zwischen den beiden Lndern durch einen Handelsvertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblate, man fand sich um so eher mit dem seit bald zwei Jahrzehnten bestehenden franzsischen Protektorat ber Tunis ab, als man jetzt nicht nur von England, sondern auch von Frankreich Zusicherungen in bezug auf Tripolis erhielt, die eine gewisse Kompensation fr Tunis in Aussicht stellten (Erklrungen des Ministers Canevaro im Frhjahr 1899). Der Dreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Vernderung erneuert; aber die Erneuerung vollzog sich, wie Frst Blow damals im Reichstag ausfhrte, nicht ohne Schwierigkeiten. Vor der Erneuerung hatte der Reichskanzler im Reichstag das Wort gesprochen, da der Dreibund nicht mehr eine absolute Notwendigkeit sei; nach der Erneuerung machte der italienische Ministerprsident Rudini in der italienischen Kammer die Bemerkung, da nach dem Einvernehmen mit Frankreich in den Fragen des Mittellndischen Meeres diejenige Besorgnis an Bedeutung verloren habe, die seinerzeit fr den Eintritt Italiens in den Dreibund bestimmend gewesen sei. Wenn Rudini in der gleichen Rede ausfhrte, da dank des Dreibundes Italien darauf rechnen knne, da sich auf dem Balkan keine Kombination ohne sein Wissen und zu seinem Nachteil verwirklichen knne, so weist diese Bemerkung darauf hin, da auf diesem klippenreichen Boden zwischen Italien und sterreich-Ungarn neue Reibungsmglichkeiten entstanden waren, um deren Beseitigung man sich -- fr den Augenblick mit Erfolg -- bemht hatte. Im Herbst 1903 sprach Knig Victor Emanuel bei einem Besuche in Paris von dem glcklich vollendeten Werk der Annherung zwischen Frankreich und Italien. Die Frchte zeigten sich auf der Konferenz von Algeciras. Zur Vervollstndigung des Bildes gehrt ein Wort ber unser Verhltnis zu _Japan_ und zu den _Vereinigten Staaten_ von Amerika. Unsere Beziehungen zu dem aufstrebenden Reich der aufgehenden Sonne waren gute gewesen bis zu unserm Eingreifen nach dem den chinesisch-japanischen Krieg beendigenden Frieden von Shimonoseki im Jahre 1895. In Gemeinschaft mit Ruland und Frankreich setzte damals Deutschland bei dem siegreichen Japan den Verzicht auf die ihm im Friedensvertrag zugesprochene Halbinsel Liautung durch. Die Intervention hat in Japan einen tiefen Stachel hinterlassen. Wenn fr Deutschlands Beteiligung an dieser Aktion der Wunsch mitgesprochen hat, unsere Beziehungen zu Ruland -- die nach der Nichterneuerung des Rckversicherungsvertrages, unseren deutlichen Versuchen einer guten Verstndigung mit England und dem Abschlu der franzsisch-russischen Allianz gespannt geworden waren -- wieder zu verbessern und den Zweibund gewissermaen zu entschrfen, so haben wir zwar, soweit unser Verhltnis zu Japan in Betracht kam, die Kosten dieses Versuchs voll bezahlt, den Zweck jedoch nur teilweise und nur vorbergehend erreicht. Unsere Ende 1897 erfolgte Festsetzung in Kiautschou, an die sich kurz darauf die Festsetzung Rulands in Port Arthur, der Sdspitze der Japan wieder entrissenen Halbinsel Liautung, und die Festsetzung Englands in Wei-hai-wei anschlossen, war nicht geeignet, unsere Beziehungen mit Japan zu verbessern. Unsere Niederlassung in Kiautschou, die im offenbaren Einverstndnis mit Ruland auf Grund der gemeinschaftlichen Aktion von 1895 erfolgte, schuf vielmehr eine den Japanern dauernd vor Augen liegende Erinnerung an unser fr sie so empfindliches Eingreifen nach Shimonoseki. Am 30. Januar 1902 wurde in London der Bndnisvertrag zwischen England und Japan abgeschlossen. Nach dem russisch-japanischen Krieg und der britisch-russischen Verstndigung frderte England mit Erfolg die Wiederannherung zwischen den beiden Gegnern. Auf diese Weise wurde Japan dem System der Triple-Entente angegliedert. Die _Vereinigten Staaten_ haben vor dem Krieg niemals Neigung gezeigt, sich in die Fragen der europischen Politik einzumischen. Whrend des spanisch-amerikanischen Kriegs kam es zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Geschwaderchef vor den Philippinen zu an sich unbedeutenden Miverstndnissen, die zu einer auffallend scharfen Stellungnahme der amerikanischen Presse gegen Deutschland fhrten. Die Differenzen, betreffend die Samoa-Inseln sind durch das Samoa-Abkommen von 1899 beseitigt worden. Die Venezuela-Affre (1902/03), in der Deutschland mit England gemeinschaftlich vorging, zeigte abermals eine starke Voreingenommenheit der amerikanischen Presse und ffentlichen Meinung gegen Deutschland, dem ohne jeden Schatten eines Grundes allerlei trichte Plne territorialer Erwerbungen auf amerikanischem Boden nachgesagt wurden. Auch handelspolitische Differenzen blieben nicht aus. Der wirkliche Kern aller dieser gelegentlichen Reibungen war bedeutungslos, und von deutscher Seite wurde mit Zhigkeit und nicht ohne Erfolg daran gearbeitet, in Amerika ein besseres Verstndnis fr deutsches Wesen und deutsche Politik zu schaffen. Aber alle bei uns gelegentlich aufgetauchten Ideen, als ob die Vereinigten Staaten fr uns ein wirksames Gegengewicht gegen eine Bedrohung durch Grobritannien und seine Mchtegruppe werden knnten, gehrten in das Reich weltfremdester Phantasie. Fr jeden Kenner amerikanischer Verhltnisse stand es fest, da im Falle einer Weltkonflagration die Sympathien Amerikas, trotz des starken deutsch-amerikanischen Einschlags, auf der Seite der Westmchte sein wrden, und da wir fr uns gnstigstenfalls eine Neutralitt ohne besonderes Wohlwollen erwarten drften. * * * * * So war die Mchtegruppierung um das Jahr 1908 beschaffen, zu der Zeit, als sich das groe Verhngnis zusammenzuziehen begann. Die Ereignisse, die nun folgten -- die bosnische Krisis von 1908/09, die Marokkokrisis von 1911, der trkisch-italienische Krieg, die beiden Balkankriege--, sind die unmittelbaren Vorlufer des Weltkriegs. Whrend bei dem Abgang Bismarcks die Stellung Deutschlands unter den Gromchten ber den Dreibund hinaus gesichert war durch den allerdings prekr gewordenen Rckversicherungsvertrag mit Ruland und das gute Verhltnis zu England, und whrend es dem auf Revanche sinnenden Frankreich damals noch nicht gelungen war, einen sicheren Bundesgenossen zu erlangen, war gegen Ausgang der Blowschen Kanzlerschaft in der Triple-Entente eine starke Kombination mit deutlicher Spitze gegen Deutschland und sterreich-Ungarn entstanden, der berdies Japan durch das Bndnis mit England nahestand und die mit Italien in wichtigen Punkten sich verstndigt hatte. Der Dreibund war isoliert und, soweit Italien in Betracht kam, unterhhlt. Bismarcks cauchemar des coalitions war zur Wirklichkeit geworden. Wir muten von jetzt ab damit rechnen, da wir bei jedem ernsten Konflikt mit einer einzelnen der Gromchte, mit denen ein ernster Konflikt berhaupt denkbar war, uns einer starken Koalition gegenber sehen wrden. Die treibenden Krfte Die Frage drngt sich auf: Wie hat es so kommen knnen? War es lediglich die geschicktere Diplomatie auf der Seite unserer Gegner, die es diesen ermglicht hat, uns wichtige Figuren aus unserm Spiel zu nehmen und das eigne Spiel zu verstrken, oder haben elementare Krfte des Vlkerlebens den Strom des Geschehens in jene Bahnen gelenkt? Persnlich stehe ich nicht an, der Gegenseite, insbesondere den Englndern, die grere diplomatische Geschicklichkeit, die berlegene Fhrung der Politik zuzuerkennen. Ihre Staatsmnner haben insbesondere die wesentliche Kunst verstanden, der groen Richtlinie ihrer Politik entgegenstehende Interessen und Gefhle, auch solche von an sich erheblichem Gewicht, unterzuordnen. Ich erinnere an Frankreichs Haltung nach Faschoda, an Englands Preisgabe wichtiger eigener Interessen in Marokko zur Gewinnung Frankreichs, in Mittelasien zur Gewinnung Rulands. Unseren deutschen Staatsmnnern ist es nicht in gleichem Mae geglckt, Reibungspunkte mit Staaten, die nicht notwendigerweise unsere Gegner sein muten, rechtzeitig zu beseitigen. Angesichts der auch nach meiner Ansicht nicht vermeidbaren Zuspitzung unseres Verhltnisses zu Grobritannien und der Rckwirkung dieser Zuspitzung auf unsere Verteidigungsgrundlage, den Dreibund, muten von langer Hand Sicherungen, selbst unter groen Opfern, geschaffen werden. Unsere Politik war jedoch eine _Politik der mangelnden Gegengewichte_. Ich erinnere an Japan, das wir uns durch unser Eingreifen nach dem Frieden von Shimonoseki zum Gegner gemacht haben und dem wir durch unsere Festsetzung in Kiautschou einen unmittelbaren Anreiz fr den Fall einer kriegerischen Konflagration geradezu vor die Haustr gesetzt haben. Ich mchte behaupten, da ohne unsere territoriale Festsetzung in Kiautschou -- unsere Hafen- und Eisenbahnunternehmungen in der Trkei haben bewiesen, in welchem Mae weitgesteckte wirtschaftliche Ziele auch ohne territoriale Festsetzung erreicht werden knnen -- Japan niemals aktiv gegen uns eingegriffen htte; ebenso wie ich berzeugt bin, da die Trkei, falls wir etwa in Haidar-Pascha oder Alexandrette bei irgendeiner Gelegenheit eine territoriale Festsetzung versucht htten, im Weltkrieg statt unser Verbndeter unser Feind geworden wre. Das ist meine Ansicht nicht erst seit dem Weltkrieg. Ich erinnere mich, die Auffassung, da insbesondere Kiautschou, aber auch andere Teile unseres ber die Welt zersplitterten Kolonialbesitzes, fr den Ernstfall nicht Sttzpunkte, sondern Reibungspunkte und Schwchepunkte darstellten, schon im Jahre 1904 als junger Hilfsarbeiter in der Kolonialabteilung des Auswrtigen Amtes dem Frsten Blow dargelegt zu haben. Dazu kamen bei uns gewisse Ungeschicklichkeiten und Schroffheiten in der diplomatischen Taktik und in der Form unsrer Meinungs- und Gefhlsuerungen, die im Ausland teils falsch verstanden, teils gegen uns ausgenutzt wurden. Ich erwhne als Beispiel unsre Haltung auf der Haager Friedenskonferenz von 1907. Die Leiter der deutschen Politik und das deutsche Volk waren gewi mindestens von ebenso friedlichen Absichten beseelt wie die Leiter der britischen Politik und das britische Volk oder irgend jemand sonst. Aber England erschien Arm in Arm mit Spanien und den Vereinigten Staaten im weien Gewand des Friedensengels mit dem Antrag, die Frage der Rstungsbeschrnkungen auf das Programm der Konferenz zu setzen, Deutschland dagegen erschien mit seinem Einspruch gegen diesen Vorschlag im eisernen Gewand des Kriegsgottes. Ich bin mit dem Frsten Blow einig in der Meinung, da eine Diskussion der Abrstungsfrage mangels greifbarer Vorschlge und angesichts der in der Sache liegenden Schwierigkeiten zu keinem praktischen Ergebnis gefhrt htte. Ich halte es darber hinaus fr wahrscheinlich, da fr England der Hintergedanke bestimmend war, das bergewicht seiner maritimen Rstung ein fr allemal vlkerrechtlich zu sichern und jede aufstrebende Seemacht, vor allem Deutschland, ohne weitere Anstrengung und ohne weitern Kostenaufwand niederzuhalten. Aber gerade deshalb wre es wohl die bessere Taktik gewesen, den Englndern die Aufgabe des Formulierens von Vorschlgen, die nicht nur fr Deutschland unannehmbar gewesen wren, zu berlassen, statt von vornherein zu erklren: An einer nach unsrer berzeugung wenn nicht bedenklichen so doch unpraktischen Diskussion knnen wir uns nicht beteiligen.[4] In dasselbe Kapitel gehren die oft lauten und weithin klingenden Worte, mit denen wir es liebten, unsern Willen zum Frieden durch ein allzu deutliches Betonen unsrer Bereitschaft zum Krieg zu unterstreichen. Wir hatten den Wunsch, nicht wieder wie in vergangenen Zeiten infolge unsrer geographischen Lage im Zentrum Europas zum Schlachtfeld fremder Nationen zu werden, und wir hatten aus der Geschichte durch die Schaffung einer starken Wehrmacht die Folgerung gezogen. Das war berechtigt. Aber es war nicht klug, bestndig das Schwert im Munde zu fhren und damit unsern Feinden im Ausland die Mglichkeit zu geben, das friedlichste Volk und den friedlichsten Monarchen der Welt ihrer ffentlichen Meinung als besessen vom Kriegsteufel hinzustellen. Wir haben auf diese Weise den Mythus von unsern kriegerischen Absichten gefrdert und damit eine internationale Stimmung erzeugen helfen, die einer gegen uns gerichteten Koalitionsbildung den massenpsychologischen Untergrund gegeben hat. Aber eine die ganze Welt von Grund aus umkehrende Wandlung der Beziehungen zwischen den Vlkern, wie sie in den zwei Jahrzehnten seit Bismarcks Abgang eingetreten ist, wre auch als Werk der vollendetsten Staatskunst und politischer Schulung nicht mglich gewesen, wenn nicht starke Triebkrfte und Entwicklungstendenzen innerhalb der einzelnen Vlker den Boden fr diese Wandlung geschaffen htten. Eine Betrachtung der in den wichtigsten der am Weltkrieg beteiligten Vlker wirksamen Triebkrfte und Entwicklungstendenzen ergibt in groen Zgen folgendes Bild: Das _Deutsche Reich_ und _sterreich-Ungarn_ waren im wesentlichen politisch saturiert. In Europa hatten beide Reiche keinerlei Wnsche auf Ausdehnung; ihr Ziel war die Erhaltung des status quo. Deutschlands koloniale Bestrebungen haben sich auf friedlichem Wege bettigt. Abgesehen von der Niederwerfung gelegentlicher Eingeborenenaufstnde hat Deutschland um seine Kolonien keinen Krieg gefhrt. Reibungen mit den auf dem kolonialen Felde konkurrierenden Mchten sind gelegentlich aus den kolonialen Gebietserwerbungen Deutschlands hervorgegangen; sie haben aber -- abgesehen von der besonders gelagerten marokkanischen Angelegenheit -- niemals einen fr die groe Politik bedeutsamen Charakter angenommen und niemals auch nur von weitem an die Gefahr kriegerischer Verwicklungen herangefhrt. Die intensive Anteilnahme sterreich-Ungarns an den Dingen auf dem Balkan war frei von territorialen Aspirationen und lediglich auf die Erhaltung und Befestigung des status quo gerichtet. Dasselbe gilt fr die Stellung der beiden Reiche zur Trkei. Das Bndnis der beiden Reiche hatte dementsprechend von Anfang an den ausschlielichen Zweck der Erhaltung und Verteidigung; Abmachungen ber Beutezge und Beuteverteilung hatten in ihm keinen Raum. Anders bei den Mchten der gegnerischen Gruppe! _Frankreichs_ Politik seit dem Krieg von 1870/71 war in erster Reihe diktiert von dem brennenden Wunsch nach Revanche fr 1870 und Wiedergewinnung von Elsa-Lothringen. Alle andern Rcksichten und Interessen, so wichtig sie an und fr sich sein mochten, wurden in den 43 Jahren vom Frankfurter Frieden bis zum Ausbruch des Weltkriegs diesem einen Streben untergeordnet. Zu verwirklichen war dieses Streben nur durch Angriff und Eroberung. Fr sich allein war Frankreich gegenber dem an Bevlkerungszahl berlegenen und zu immer strkerer berlegenheit heranwachsenden Deutschland zu schwach. Es brauchte und suchte deshalb eine Koalition und war fr jede denkbare, gegen Deutschland gerichtete Koalition ein absolut sicherer Partner. Auf kolonialem Gebiet hat Deutschland den starken Ausdehnungsbestrebungen Frankreichs keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Es war im Gegenteil ein Zug der Bismarckschen Politik, die franzsischen kolonialen Bestrebungen zu frdern, in der Absicht, Frankreich von dem Revanchegedanken und dem Vogesenloch abzulenken und seinen berschssigen Krften auerhalb Europas ein Ttigkeitsfeld zu geben. So hat das in seiner Bevlkerung und seiner wirtschaftlichen Entwicklung kaum fortschreitende Frankreich unter wohlwollender Duldung Deutschlands sich seit dem Krieg von 1870/71 in Afrika und Ostasien ein gewaltiges Kolonialreich schaffen knnen, whrend Deutschland, trotz seines starken Bevlkerungsberschusses und seines wirtschaftlichen Ausdehnungsbedrfnisses, sich mit einem beraus mageren Anteil an der kolonialen Welt begngte. Einzig und allein Marokko hat unter den berseeischen territorialen Fragen Anla zu ernster Reibung zwischen Deutschland und Frankreich gegeben. Aber auch hier entstand die Reibung und die Kriegsgefahr nicht etwa daraus, da Deutschland territoriale Erwerbungen beabsichtigt htte, sondern lediglich aus dem franzsischen Wunsch, Marokko -- ohne Rcksicht auf die dort vorhandenen erheblichen deutschen Interessen zu nehmen und ohne Deutschland berhaupt darum zu begren -- sich einzuverleiben. Auch hier lag die aggressive und annexionistische Politik bei Frankreich, whrend Deutschland lediglich den durch einen internationalen Vertrag gewhrleisteten status quo vertrat. Im brigen war es das Streben der deutschen Politik, die Marokkofrage ohne Krieg zu erledigen, ein Streben, das durch den Vertrag vom November 1911 auch zur Durchfhrung kam. Die Haltung _Rulands_ zum Zweibund war weniger durch Fragen bedingt, die unmittelbar zwischen Deutschland und Ruland gespielt htten, sondern so gut wie ausschlielich durch das in der Hauptsache durch die Balkanfragen beeinflute Verhltnis zwischen Ruland und sterreich-Ungarn. Deutschland hat dem starken russischen Ausdehnungsdrang nach Osten niemals irgend etwas in den Weg gelegt. Es hat im Gegenteil die in erster Linie im russischen Interesse liegende Intervention nach dem Frieden von Shimonoseki mitgemacht und sich dadurch die Gegnerschaft Japans zugezogen; es hat spterhin sich England gegenber geweigert, auf Grund des Abkommens von 1900 sich an einem Vorgehen gegen die Bestrebungen Rulands in der Mandschurei zu beteiligen, und hat damit zweifellos ein Erhebliches zu der endgltigen Abkehr Englands von Deutschland und zum britisch-franzsischen Zusammenschlu beigetragen; es hat schlielich im russisch-japanischen Krieg Ruland gegenber eine wesentlich wohlwollendere Neutralitt gezeigt als dessen franzsischer Bundesgenosse. Auch in Mittelasien hat Deutschland den Russen niemals die geringsten Schwierigkeiten bereitet. sterreich-Ungarn war an allen diesen Fragen berhaupt niemals interessiert. Dagegen schuf der Drang Rulands nach Konstantinopel und dem Balkan einen uerst gefhrlichen Konfliktsstoff. Insbesondere seitdem der Ausgang des japanischen Kriegs und die Verstndigung mit England ber Mittelasien vom Jahre 1907 die russischen Expansionsbestrebungen vom fernen und mittleren Osten abgelenkt hatten, warf sich der panslawistische Geist mit verstrkter Gewalt auf den nheren Orient und propagierte dort Umwlzungen, die nicht nur das Gleichgewicht auf dem Balkan, sondern auch den Bestand der sterreichisch-ungarischen Monarchie in ihren sdslawischen Landesteilen unmittelbar gefhrdeten. Je mehr durch die fr Deutschland ungnstige Entwicklung der Mchtegruppierung Deutschland sich auf das Bndnis mit sterreich-Ungarn angewiesen sah, desto mehr mute die deutsche Politik in der Erhaltung der Donaumonarchie ein Lebensinteresse fr Deutschland selbst erblicken, desto grer wurde die Gefahr, da die russische Balkanpolitik zu einer Konflagration unabsehbaren Umfanges fhren knnte; wie denn schlielich der Weltkrieg auf balkanischem Boden sich vorbereitet hat und zum Ausbruch gekommen ist. Gegenber den unmittelbar sterreich-Ungarn berhrenden russischen Balkanaspirationen traten Rulands Absichten auf Konstantinopel und die brige Trkei in ihrer Bedeutung als Konfliktsstoff zurck. Zwar hatte Deutschland seit dem Ausgang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Trkei durch die Begrndung weitausschauender Unternehmungen ein strkeres Interesse genommen und ein freundschaftliches Verhltnis zum Trkischen Reiche hergestellt; aber da Ruland seit dem Berliner Kongre keine direkten Aspirationen auf trkisches Gebiet hervorkehrte, blieben die aus den deutschen und russischen Bestrebungen in der Trkei sich ergebenden Reibungen, soweit sie sichtbar in Erscheinung traten, im wesentlichen auf Fragen zweiter Ordnung beschrnkt, die niemals eine kritische Zuspitzung erfuhren. Immerhin: je grer die deutschen Interessen in der Trkei wurden, je mehr Deutschland als Schutzmacht der Trkei erschien, desto mehr gewhnte man sich in Ruland daran, an Stelle Englands in Deutschland das wesentliche Hindernis der Ausfhrung des Testaments Peters des Groen zu erblicken, desto mehr kam die russische ffentliche Meinung zu der berzeugung, da der Weg nach Konstantinopel nicht nur ber Wien, sondern auch ber Berlin fhre. _Italien_, unser Genosse im Dreibund, war gleichfalls nicht frei von Ausdehnungswnschen, die Anla zu Konflikten geben konnten. ber die gegen sterreich gerichteten irredentistischen Bestrebungen brauche ich kein Wort zu sagen; sie wurden whrend der Dauer des Dreibundverhltnisses lediglich um grerer Interessen willen notdrftig niedergehalten, bedeuteten aber stets eine latente Gefahr. Dann hatte Italien, seitdem Frankreich sich Tunis angeeignet hatte, ein Auge auf das trkische Tripolis geworfen, eine Begehrlichkeit, die geeignet war, zum mindesten das freundschaftliche Verhltnis des deutschen Bundesgenossen zur Trkei erheblich zu belasten. _England_ mit seinem riesigen Kolonialreich hat in all den Jahren seit der Einleitung unserer Kolonialpolitik keine territoriale Differenz mit uns gehabt, die htte kritisch werden knnen. Wir haben England bei der Ausgestaltung seines Imperiums keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, haben uns vielmehr ber die afrikanischen und polynesischen Kolonialfragen mit ihm in einer keineswegs kleinlichen Weise verstndigt. Auch in gypten, diesem fr das britische Weltreich so wichtigen Lande, haben wir England freie Hand gelassen. Im Burenkriege hat die Reichsregierung, trotz der starken Erregung der deutschen ffentlichen Meinung gegen England, eine durchaus korrekte Neutralitt beobachtet. Vielfach hat sich England mit Deutschland zur Aufrechterhaltung des status quo und der offenen Tr zusammengefunden. Jedenfalls war auch England in keinem Winkel der Welt durch deutsche Angriffs- oder Eroberungsabsichten irgendwie bedroht. Dagegen enthielt unser Verhltnis zu England einen andern Zndstoff, der verhngnisvoll geworden ist: Deutschland zeigte auf wirtschaftlichem Gebiet einen Ausdehnungsdrang, in dem England, je lnger desto mehr, eine ernstliche Bedrohung seiner industriellen und kommerziellen Suprematie, und damit eine Bedrohung seiner Weltherrschaft berhaupt, erblickte. Die politische Einigung Deutschlands und die Sicherung seiner Stellung unter den Vlkern hatte den Druck gelst, der bisher die Entfaltung der deutschen Wirtschaft gehemmt hatte. Das starke Wachstum der deutschen Bevlkerung und die noch strkere Zunahme unserer Gtererzeugung hob unsere wirtschaftliche Kraft und wies uns in steigendem Mae auf den Gteraustausch mit dem Ausland und die Bettigung im Ausland. In der Entwicklung der wichtigsten Industriezweige, unseres Auenhandels, unserer Handelsflotte, hatten wir unter den Vlkern der Welt Hchstleistungen aufzuweisen. In der Roheisenproduktion, in der wir um die Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch um die Hlfte hinter England zurckstanden, haben wir im Jahre 1903 England mit einer Erzeugung von mehr als zehn Millionen Tonnen zum erstenmal berflgelt, und im letzten Jahre vor dem Krieg hatten wir fast das Doppelte der englischen Produktion erreicht. In der Steinkohlengewinnung hatten wir vor dem Krieg die stolzen Ziffern Englands nahezu eingeholt. In der Warenausfuhr waren wir England gleichfalls hart aufgerckt; unser Export nach den nicht zum britischen Imperium gehrigen Gebieten hatte sogar denjenigen Englands nach den gleichen Lndern erheblich bertroffen. Der Raumgehalt der Dampfschiffe unserer Handelsflotte war seit der Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als das Sechsfache gestiegen. Unter den Handelsflotten der Welt hatten wir -- in einem allerdings noch gewaltigen Abstand nach England -- die zweite Stelle erreicht. An Leistungsfhigkeit hielten unsere Schiffe jeden Vergleich. In allen Teilen der Welt bettigte sich in zunehmendem Mae deutscher Unternehmungsgeist; er wagte sich auch an Aufgaben von Weltrang, wie groe Eisenbahn- und Hafenunternehmungen, die vordem als die ausschlieliche Domne Englands und etwa noch Frankreichs gegolten hatten. Es war friedlicher Wettbewerb, die Ausbung des Naturrechts der Vlker auf Arbeit und deren Frchte. Und doch war der Erfolg dieses unseres friedlichen Wettbewerbs auf den Mrkten der Welt der ausschlaggebende Faktor fr die Gestaltung unseres politischen Verhltnisses zu England und damit fr den Zusammenschlu der uns feindlichen Weltkoalition. Im Besitz von gewaltig berlegenen weltpolitischen Machtmitteln, des weitaus grten Kolonialreichs der Welt, der weitaus strksten Flotte und der die wichtigsten Meeresstraen beherrschenden Sttzpunkte, sah England sich vor die Versuchung gestellt, seine durch unsern Wettbewerb bedrohte wirtschaftliche Weltstellung mit den Gewaltmitteln zu erhalten, die sie geschaffen hatten. Insbesondere der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands von der Mitte der 90er Jahre an alarmierte Englands kommerzielle und politische Kreise in zunehmendem Mae. Das Stigma made in Germany verfehlte offenkundig seinen Zweck, ja es wurde geradezu eine Enthllung der wachsenden industriellen und kommerziellen Leistungsfhigkeit des deutschen Wettbewerbs. Angesehene Staatsmnner, weit verbreitete und einflureiche Zeitungen und Zeitschriften wiesen warnend und mahnend auf die deutsche Gefahr hin. Schon frhzeitig bezeichnete Lord Rosebery Deutschland als den gefhrlichsten Nebenbuhler Grobritanniens: Wir sind bedroht durch einen furchtbaren Gegner, der uns benagt wie das Meer die schwachen Teile eines Kstenlandes. Der Handel des vereinigten Knigreichs verringert sich unaufhrlich, und was er verliert, das gewinnt in der Hauptsache Deutschland. Und wenn Lord Rosebery noch in erster Reihe daran dachte, seine Landsleute zu einer Bekmpfung des deutschen Wettbewerbs durch eine Nachahmung der deutschen Rhrigkeit, der deutschen technischen Schulung und Organisation anzufeuern, so regten sich doch bald Stimmen, die unter Berufung auf die britische Geschichte und Tradition unzweideutig dazu aufforderten, das Schwert in die Wagschale des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu werfen. Die Saturday Review schrieb schon im August 1895: Vor allem andern: Wir Englnder haben bisher immer unsre Nebenbuhler im Handel mit Krieg berzogen; und unser Hauptnebenbuhler im Handel ist heute nicht Frankreich, sondern Deutschland. Im Fall eines Krieges mit Deutschland wrden wir sicher viel gewinnen und nichts verlieren, whrend wir in einem Krieg mit Frankreich, einerlei wie sein Ausgang wre, sicher schwere Verluste erleiden wrden. Bewut oder unbewut, ausgesprochen oder unausgesprochen hat dieser Gedanke seither die englische Politik beeinflut. Im September 1897 schrieb die Saturday Review, anknpfend an eine von der Times Bismarck zugeschriebene Bemerkung: Bismarck hat lngst erkannt, was nun auch das britische Volk einzusehen beginnt, da es in Europa zwei groe, unvershnlich sich bekmpfende Krfte gibt, zwei groe Nationen, die den ganzen Erdkreis zu ihrer Domne machen und von ihm Handelstribut einfordern mchten. England, mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Angriffskriege, mit seinem wunderbaren Glauben, da es in der Verfolgung seiner eigenen Interessen zugleich Licht unter den im Dunkel lebenden Vlkern verbreitet, und Deutschland, Blut von dem gleichen Blut, Bein von dem gleichen Bein, mit einer geringeren Willenskraft, aber vielleicht einer schrferen Intelligenz ausgestattet, treten in jedem Winkel des Erdballs in Wettbewerb. In Transvaal, am Kap, in Mittelafrika, in Indien, in Ostasien, auf den Inseln der Sdsee und im fernen Nordwesten, berall wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, steht der deutsche Handlungsreisende mit dem britischen Kaufmann im Kampf. berall wo es gilt, ein Bergwerk auszubeuten oder eine Eisenbahn zu bauen, einen Eingeborenen von der Brotfrucht zum Bchsenfleisch, von der Enthaltsamkeit zum Branntwein zu bekehren, da suchen Deutsche und Englnder sich gegenseitig auszustechen. Eine Million kleiner Reibungen schafft den grten Kriegsfall, den die Welt je gesehen hat. Wenn Deutschland morgen aus der Welt ausgelscht wre, so gbe es bermorgen in der Welt keinen Englnder, der dadurch nicht reicher geworden wre. Nationen haben jahrelang um eine Stadt oder um eine Erbfolge gekmpft: mssen wir nicht fechten um einen jhrlichen Handel von 200 Millionen Pfund? ... Was Bismarck sich vorstellt und was auch wir bald einsehen werden, ist die Tatsache, da nicht nur der greifbarste Interessenstreit zwischen England und Deutschland da ist, sondern auch da England die einzige Gromacht ist, die Deutschland ohne furchtbare Gefahr und ohne Zweifel am Erfolg bekmpfen kann ... Die Vermehrung der deutschen Flotte hat nur die Wirkung, den Schlag Englands um so schwerer auf sie niederfallen zu lassen. Ein paar Tage nur, und die deutschen Schiffe werden auf dem Meeresgrund liegen oder als Prisen nach den britischen Hfen gebracht werden. Hamburg und Bremen, der Kieler Kanal und die Ostseehfen wrden unter den britischen Kanonen liegen, bis die Kriegsentschdigung gezahlt wre. Nach getaner Arbeit wrden wir Frankreich und Ruland nur zu sagen brauchen: sucht euch Kompensationen, nehmt euch von Deutschland, was ihr wollt -- ihr knnt es haben! Den Schlu bildete das ceterum censeo Germaniam esse delendam. Diese Stze, die den Geist der britischen Geschichte und Politik besser enthllen, als irgendeiner der im feindlichen Ausland so oft zitierten Aussprche von Treitschke, Nietzsche oder Bernhardi die Gesinnung des deutschen Volkes, sind geschrieben siebzehn Jahre vor Ausbruch des Weltkriegs, zu der Zeit, als die deutsche Regierung ihre erste bescheidene Flottenvorlage an den Reichstag brachte. Als Frst Bismarck, wenige Monate spter, von dem Englnder Sidney Whitman befragt wurde, wie nach seiner Ansicht die Beziehungen zwischen den beiden Lndern gebessert werden knnten, lie er antworten: Er bedaure, da die Beziehungen zwischen Deutschland und England nicht besser seien, als sie eben sind. Bedauerlicherweise wisse er kein Mittel dagegen, da das einzige ihm bekannte, das darin bestehe, da wir unserer Industrie einen Zaum anlegten, nicht gut verwendbar sei. Der aus Deutschlands wirtschaftlichem Aufschwung erwachsende deutsch-englische Gegensatz als eine unentrinnbare, durch kein Mittel aus der Welt zu schaffende Fatalitt ist in diesen Worten Bismarcks treffend gekennzeichnet. Die Reibung zwischen der deutschen wirtschaftlichen Expansion und der von England als wohlerworben prtendierten Stellung wurde besonders erbittert und gefhrlich, wenn Deutschlands Bestrebungen in Gebieten, die England als in seine Interessensphre fallend oder als fr den Zugang zu seiner Interessensphre wichtig in Anspruch nahm, auch nur von ferne den Charakter einer territorialen Festsetzung anzunehmen drohten. Das wichtigste und bezeichnendste Beispiel hierfr ist der langjhrige und hartnckige Widerstand Englands gegen das von Deutschland in Angriff genommene Unternehmen der Bagdadbahn, ber den spter noch zu sprechen sein wird. Der englische Kampf gegen dieses Projekt erklrt sich in der Hauptsache daraus, da die britischen Staatsmnner und die britische ffentliche Meinung in dieser Bahn einen auerhalb der britischen Kontrolle stehenden Zugang zum Persischen Golf und die Mglichkeit einer deutschen Festsetzung an dessen Ksten, darin aber eine Bedrohung Indiens erblickten. Da das Deutsche Reich angesichts seiner sich immer mehr ausdehnenden berseeischen Interessen und des Wachstums seiner Handelsflotte das Bedrfnis nach einer Verstrkung seines maritimen Schutzes empfand und bettigte, liegt in der Natur der Dinge. Deutschlands Kriegsflotte stand zur Zeit des Regierungsantritts WilhelmsII. an fnfter Stelle. Mit groem Vorsprung nahm England den ersten Platz ein, es folgten Frankreich, Italien, Ruland und dann erst Deutschland. Die berlegenheit Englands auf diesem Gebiet war so gewaltig, da sie auch durch die strksten Anstrengungen des im Gegensatz zu England durch die Notwendigkeit eines starken Landheeres beschwerten Deutschen Reiches unmglich ernsthaft in Frage gestellt werden konnte. Die dem Ausbau der deutschen Kriegsflotte gestellten Aufgaben und gezogenen Grenzen sind seinerzeit klar ausgesprochen worden in der Begrndung des deutschen Flottengesetzes von 1900: Um unter den bestehenden Verhltnissen Deutschlands Seehandel und Kolonien zu schtzen, gibt es nur ein Mittel: Deutschland mu eine so groe Schlachtflotte besitzen, da ein Krieg auch fr den seemchtigsten Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, da seine eigene Machtstellung in Frage gestellt wird. Gleichwohl erregten die deutschen Flottenplne in England von Anfang an Unruhe und Besorgnis. Wenn man sich schon durch das weltwirtschaftliche Wachstum Deutschlands beeintrchtigt und bedroht fhlte, so noch mehr durch die Aussicht auf eine erhebliche Verstrkung der deutschen Machtmittel zur See. Deutschlands berseeische und koloniale Bettigung mochte in England manchem als noch ertrglich erscheinen, solange diese Bettigung mangels einer ins Gewicht fallenden deutschen Flotte gewissermaen auf der Gnade und dem guten Willen Englands stand; sie wurde alarmierend von dem Augenblicke an, in dem Deutschland seiner werdenden Wirtschaftsmacht in einer eigenen starken Flotte eine entsprechende Machtgrundlage zu geben versuchte. Je deutlicher man in England erkannte, da das Deutsche Reich sein durch die Gesetze von 1898 und 1900 festgelegtes Flottenprogramm mit einer unerwarteten Przision durchfhrte, desto grer wurde in England die Unruhe, und desto mehr wurde die Flottenfrage zum Angelpunkt des deutsch-englischen Verhltnisses. Mit dem Auge auf die englische Politik mute unsere Flotte gebaut werden, so schreibt Frst Blow in seinem Buch ber die deutsche Politik, --und so ist sie gebaut worden. Der Erfllung dieser Aufgabe hatten meine Bemhungen auf dem Felde der groen Politik in erster Linie zu gelten. Wie ein roter Faden zieht sich durch des Frsten Blow Darstellung seiner auswrtigen Politik die Notwendigkeit, eine ausreichend starke deutsche Flotte zu schaffen, ohne es zum Kriege mit England kommen zu lassen. Das Verhltnis der Kriegsflotte zu den zu schtzenden See- und berseeinteressen war bei Deutschland auch nach den Flottengesetzen von 1898 und 1900 ganz offenkundig ungnstiger als bei irgendeiner andern groen Nation. Auch das Flottengesetz von 1905, das die deutsche Kriegsflotte, entsprechend der Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft, an den zweiten Platz brachte -- in weitem Abstand nach England -- stellte das Gleichgewicht weltwirtschaftlicher Interessen und maritimer Machtmittel noch nicht annhernd her. Wenn trotzdem die deutschen Versuche, durch Schaffung eines Risikos fr eine angreifende Flotte wenigstens einen mittelbaren Schutz fr unsere weltwirtschaftlichen Interessen aufzubauen, in England in so hohem Mae Unruhe, Verdacht und Erregung hervorriefen, so konnte man das bedauern und gegen die Folgen Deckungen suchen, aber ebensowenig ohne Selbstaufgabe vermeiden wie die aus unsern wirtschaftlichen Fortschritten erzeugte Reibung. Bis zu welchem Grade schon frhzeitig die Empfindlichkeit ber unsere Flottenpolitik in England, namentlich in Marinekreisen, gestiegen war, in welchem Mae sie das Verlangen nach einem gegen Deutschland zu fhrenden Schlag auslste, enthllte sich anllich des Zwischenfalls an der Doggerbank im Herbst 1904. Die auf der Fahrt von Libau nach den ostasiatischen Gewssern begriffene baltische Flotte Rulands bescho damals nchtlicherweile aus Versehen eine englische Fischerflotte, die sie fr japanische Torpedoboote hielt. Die Erregung in England war ungeheuer und richtete sich merkwrdigerweise auf Grund der abenteuerlichsten Gerchte und Vermutungen nicht nur gegen Ruland, sondern auch gegen Deutschland, das mit dem ganzen Vorfall nicht das mindeste zu tun hatte. Damals schrieb die der britischen Admiralitt nahestehende Army and Navy Gazette, der Augenblick scheine gekommen, mit der deutschen Flotte ein Ende zu machen; die russische Flotte sei, vielleicht fr immer, aus der Nordsee verschwunden, die deutsche Kriegsflotte stehe dort vllig allein, jetzt oder nie sei fr England die Gelegenheit, die mit jedem Jahr drohender anwachsende deutsche Flotte ein fr allemal zu beseitigen. Mit der Vertretung dieser Auffassung blieb die Army and Navy Gazette in der englischen Presse nicht allein. Noch deutlicher war eine Rede, die der Zivillord der britischen Admiralitt, Mr. Arthur Lee, im Februar 1905 ber die damals eingeleitete Neuorganisation der britischen Flotte hielt. Er fhrte aus, England msse mit grerer Besorgnis als nach andern Stellen nach der Nordsee blicken. Der Gedanke, da England eher mit der Mglichkeit einer Gefahr aus dieser Richtung als im Mittelmeer rechnen msse, habe die neue Flottenverteilung und die Indienststellung der ganzen Schiffsreserven ntig gemacht. Wir glauben, fgte er hinzu, an das alte Wort: Dreimal gesegnet derjenige, welcher den ersten Schlag fhrt! Und ich hoffe, da im Falle einer Gefahr die britische Flotte in der Lage sein wird, den ersten Schlag, und einen recht wuchtigen dazu, zu fhren, noch ehe die andere Macht gewahr wird, da der Krieg erklrt ist. Zu dieser Rede bemerkte Daily Chronicle: Der Preis fr Englands Freundschaft mte das Aufgeben der Kriegsrstung auf seiten Deutschlands sein. Wenn die deutsche Flotte im Oktober vorigen Jahres (Doggerbank-Zwischenfall) zerstrt worden wre, wre der Friede Europas fr 60 Jahre gesichert gewesen. Die folgenden Jahre brachten Versuche zu einer Verstndigung ber die beiderseitigen Flottenrstungen. Diese Versuche, ber die weiter unten noch gesprochen werden wird, erreichten ihren Hhepunkt mit der Haldaneschen Mission im Jahre 1912. Die Flottenfrage ist nur der eine Teil des allgemeinen Rstungsproblems. Ebenso wie der Ausbau der deutschen Flotte in England als Zeichen deutscher kriegerischer Absichten ausgegeben wurde, ebenso hat man in der Strke und in den periodischen Verstrkungen unseres Landheeres den Ausdruck deutschen Kriegs- und Herrscherwillens sehen wollen. Sir Edward Grey hat am 22. Mrz 1915 im Unterhaus diesen Gedanken in die Worte gekleidet: Wir wissen jetzt, da die deutsche Regierung fr den Krieg Vorbereitungen getroffen hat, wie sie nur ein Volk, das den Krieg beabsichtigt, treffen kann. Da Deutschlands Lage in der Mitte Europas, da seine geschichtlichen Erfahrungen und da schlielich die Gestaltung der Mchtegruppierung in den letzten Jahrzehnten ein starkes Heer als Verteidigungsinstrument und Friedensschutz notwendig machten, da mithin die Schaffung und der Ausbau eines starken deutschen Heeres an sich noch kein Beweis kriegerischer Absichten Deutschlands sein kann, ist vor dem Kriege auch von Staatsmnnern anerkannt worden, die spterhin kaum genug anklagende Worte gegen den friedenstrenden deutschen Militarismus finden konnten. Lloyd George hat in einer Rede in der Queens Hall am 28. Juli 1908 ausgefhrt: Betrachten Sie Deutschlands Lage! Fr Deutschland ist sein Heer, was fr uns die Flotte ist: seine einzige Verteidigung gegen eine Invasion. Deutschland hat keinen Zwei-Mchte-Standard geschaffen. Deutschland mag ein strkeres Heer haben als Frankreich, als Ruland, als Italien, als sterreich; aber es steht zwischen zwei Gromchten, die zusammen eine weit grere Truppenzahl aufstellen knnen, als Deutschland sie hat. Vergessen Sie das nicht, wenn Sie sich wundern, warum Deutschland Allianzen und Ententen frchtet und gewisse geheimnisvolle Machenschaften, die in der Presse durchscheinen... Denken Sie sich, wir stnden hier vor einer Kombination, die uns der Invasion preisgbe, denken Sie sich, Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Ruland oder Deutschland und sterreich htten Flotten, die kombiniert strker wren als die unsrige, wren wir nicht erschreckt? Wrden wir nicht rsten? -- Selbstverstndlich wrden wir rsten! Und noch am 1. Januar 1914 schrieb Lloyd George im Daily Chronicle: Die deutsche Armee ist lebenswichtig nicht nur fr die Existenz des Deutschen Reiches, sondern auch fr das nackte Leben und die Unabhngigkeit des deutschen Volkes selbst, da nun einmal Deutschland umgeben ist von andern Nationen, deren jede ein Heer besitzt ungefhr ebenso stark wie das deutsche selbst. Wir vergessen, da whrend wir fr den Schutz unserer eignen Ksten auf einer sechzigprozentigen berlegenheit unserer Seestreitkrfte gegenber Deutschland bestehen, Deutschland nichts, was einer solchen berlegenheit nahekommt, Frankreich gegenber besitzt und auerdem natrlich an seiner Ostgrenze mit Ruland zu rechnen hat. Deutschland hat nichts, was einem Zwei-Mchte-Standard hnlich sieht. Deutschland ist deshalb durch gewisse neuere Ereignisse alarmiert worden und ist deshalb im Begriff, hohe Summen fr die Verstrkung seiner militrischen Machtmittel aufzuwenden. Diese sachliche Beurteilung trug dem wirklichen Tatbestand insofern noch nicht einmal ganz Rechnung, als die russische Armee der deutschen an Zahl bedeutend berlegen war und als die Anstrengungen Deutschlands, seine Volkskraft fr das Heer auszunutzen, weit hinter den Anstrengungen Frankreichs zurckblieben. Nach einer im britischen Unterhaus im Juni 1913 gegebenen Auskunft betrug damals die Friedensprsenz des russischen Heeres 1284000 Mann, whrend die Friedensprsenz des deutschen Heeres durch das neue Militrgesetz auf 822000 Mann gebracht werden sollte. Die Friedensprsenz des franzsischen Heeres wurde fr die Zukunft auf 742000 Mann beziffert, diejenige des sterreichisch-ungarischen Heeres auf 474000 Mann. Das russische Heer war also dem deutschen um etwas mehr als die Hlfte berlegen. Die gleiche zahlenmige berlegenheit hatte das vereinigte russisch-franzsische Heer gegenber dem deutsch-sterreichisch-ungarischen Heer. Die Friedensstrke des franzsischen Heeres kam derjenigen des deutschen nahezu gleich, obwohl Deutschland eine Bevlkerung von 68 Millionen, Frankreich eine solche von rund 40 Millionen hatte. Unmittelbar vor dem Kriege kam auf je eine Million Einwohner eine Friedensstrke der Armee von rund 20000 Mann in Frankreich, von nur 12300 Mann in Deutschland. Die Ausgaben fr Heer und Flotte waren vor dem Krieg, auf den Kopf der Bevlkerung gerechnet, in Frankreich und England bedeutend grer als in Deutschland. Dazu finanzierte Frankreich die gewaltigen Kosten der russischen Heeresverstrkungen und der fr den Aufmarsch gegen Deutschland bestimmten russischen strategischen Eisenbahnen. Und schlielich steigerte Frankreich seine militrische Kraftanstrengung, in der es ohnedies schon allen andern Vlkern weit voraus war, im Jahre 1913 durch die Rckkehr zur dreijhrigen Dienstzeit; es bernahm damit -- wie heute als erwiesen gelten kann[5], auf russischen Druck -- eine Last, die das franzsische Volk angesichts der Heranziehung des letzten einigermaen tauglichen Mannes zum Militrdienst ohne die schwerste wirtschaftliche Schdigung unmglich fr lange Zeit htte tragen knnen. Trotzdem Deutschlands Rstungen so sehr hinter denjenigen der Lnder des gegnerischen Verbandes, namentlich hinter den Kraftanstrengungen Frankreichs, zurckblieben -- und das in der von Lloyd George noch Anfang 1914 anerkannten, besonders schwierigen Lage--, wurde in den Jahren vor dem Krieg jeder Schritt Deutschlands, der eine den Rstungen der mglichen Gegner und der schwieriger gewordenen politischen Konstellation angepate Verstrkung unseres militrischen Schutzes anstrebte, als Bedrohung des Weltfriedens ausgeschrien. Ich war selbst Zeuge der ungeheuren Erregung, die die Einbringung unserer Militrvorlage von 1913 auf einflureiche Kreise Frankreichs machte. Diese Vorlage war mehr als ausreichend durch die Machtverschiebung begrndet, die der erste Balkankrieg herbeigefhrt hatte. In Frankreich aber sah man in dem Willen Deutschlands, die gesetzlich bestehende, aber bisher nicht vllig verwirklichte allgemeine Dienstpflicht tatschlich durchzufhren, nur die sich daraus fr Frankreich ergebende Unmglichkeit, die Friedensstrke des Heeres, trotz des gewaltigen Abstandes der Bevlkerung gegenber Deutschland, auch weiterhin auf annhernd derselben Hhe wie das deutsche Heer zu halten. Man sah es geradezu als eine Herausforderung Frankreichs an, da Deutschland unter dem steigenden Druck der politischen Bedrohung endlich dazu berging, seine Bevlkerungsberlegenheit gegenber Frankreich -- nicht etwa voll auszunutzen, davon war keine Rede, sondern berhaupt nur in bescheidenem Umfang ins Spiel zu setzen. Ruland durfte mit franzsischem Geld ein Heer aufbauen und ausrsten, das eineinhalbmal so stark war wie das deutsche allein und ungefhr ebenso stark, wie das deutsche und sterreichisch-ungarische zusammengenommen. Wenn aber das nicht nur von Frankreich, sondern auch von Ruland bedrohte Deutschland Miene machte, seine Friedensprsenz auf Grund seiner der franzsischen um mehr als 60 Prozent berlegenen Bevlkerung auf einen Stand zu bringen, den Frankreich allein nicht mehr halten konnte, so war das eine unmittelbare Bedrohung und ein brutaler Erdrosselungsversuch. Und Sir Edward Grey darf sagen, da die deutschen Rstungen solche waren, wie sie nur ein Volk, das den Krieg beabsichtigt, treffen kann! * * * * * Der auf den vorstehenden Blttern gegebene berblick zeigt: Die Koalition, der wir uns im Kriege gegenbersahen, hatte ihre Gemeinsamkeit in Zielen, die nur durch eine Niederkmpfung Deutschlands und sterreich-Ungarns zu erreichen waren: das Verlangen Frankreichs nach Revanche und der Wiedergewinnung Elsa-Lothringens; der Drang Rulands nach Konstantinopel und seine Frderung der allslawischen Bestrebungen, die in letzter Linie auf eine Bedrohung des Bestandes der sterreichisch-ungarischen Monarchie hinauskamen; der Wunsch Italiens, die unerlsten Gebiete sterreichs sich anzugliedern; die Sorge Englands um seine durch den deutschen Wettbewerb bedrohte wirtschaftliche Weltstellung und sein Argwohn gegen die deutsche Flotte. Demgegenber war auf unsrer Seite die Politik seit der Verwirklichung unsrer nationalen Einheit in Verteidigungsstellung: wir wnschten, ebenso wie sterreich-Ungarn, die Erhaltung unseres eignen politischen und territorialen Bestandes, waren auf dem Balkan und auch sonst in der Welt wesentlich an der Erhaltung des status quo interessiert, wollten offene Tr, freies Feld und Schutz fr unsre wirtschaftliche Bettigung. Frst Blow hat einmal vom Dreibund gesagt, er sei eine Versicherungsgesellschaft, keine Erwerbsgesellschaft. Von der Triple-Entente kann man sagen, da sie in erster Linie eine Erwerbsgesellschaft war. Die britisch-franzsische Entente begann mit einem Aufteilungsvertrag, ebenso die britisch-russische Entente. Die Erwerbsgesellschaft zeigte eine wesentlich strkere Anziehungskraft als die Versicherungsgesellschaft; denn ber das blo negative Ziel der Sicherung des Bestehenden hinaus konnte sie Zuwachs an Land und Macht als lockende Aussicht zeigen. Je mehr es der geschickten Politik namentlich Englands gelungen war, die Reibungen zwischen sich und seinen alten Gegnern Frankreich und Ruland teils durch gewaltsame Aktionen, teils durch kluges Entgegenkommen zu beseitigen, desto mehr trat die einigende Kraft der nur durch eine Niederzwingung der Mittelmchte zu erreichenden Ziele und geheimen Wnsche in Wirksamkeit, desto leichter wurde es der britischen Staatskunst, ihre gegen Deutschland, die strkste Kontinentalmacht und den gefhrlichsten Rivalen in der Weltwirtschaft und der Seegeltung, gerichtete Einkreisungspolitik durchzufhren. Um so schwerer wurde es auf der andern Seite fr die deutsche Politik, sich der drohenden Isolierung zu erwehren. Die Durchbrechung des Ringes, der sich enger und enger um uns zusammenzog, wre nur mglich gewesen durch die Preisgabe gewaltiger eigner materieller und ideeller Interessen oder durch eine Opferung sterreich-Ungarns und den Versuch der Bildung einer ganz neuen Mchtegruppierung. Und auch dann wre der Erfolg unsicher geblieben. Der aufrichtige Wille zum Frieden und die Bereitschaft, in Fragen, die nicht direkt unsre oder unsres Verbndeten Lebensinteressen berhrten, den Mchten der gegnerischen Koalition weitestes Verstndnis und Entgegenkommen zu zeigen, haben nicht gengt, die politische Einschnrung zu lockern und den Krieg zu vermeiden. Die Etappen zum Weltkrieg Im Sommer 1908 war der diplomatische Aufmarsch der gegnerischen Koalition im wesentlichen beendigt. Alle wichtigeren Streitfragen zwischen England, Frankreich und Ruland waren beglichen oder zum mindesten zurckgestellt. Japan war durch das Bndnis mit England an das System der Triple-Entente angeschlossen; Italien war, trotz des Fortbestehens seiner formalen Zugehrigkeit zum Dreibund, durch die mit ihm getroffenen Abmachungen materiell neutralisiert. Alle nicht bereinigten groen Konflikte und alle ernsthaft ins Auge zu fassenden Konfliktsmglichkeiten betrafen das Verhltnis von Lndern der Triple-Entente zu Deutschland und sterreich-Ungarn. Das Schicksal der Welt hing davon ab, ob bei dieser stark angespannten Lage die Krfte und Strmungen die Oberhand gewinnen wrden, die auf ein vorsichtiges Ausgleichen der Reibungen und Abbiegen der Reibungsmglichkeiten hinwirkten, oder diejenigen Strmungen und Krfte, die den Zndstoff zur Explosion bringen muten. Die bosnische Krisis Die Entwicklung der Dinge auf dem Untergrunde dieser Gesamtlage erfuhr noch im Sommer des Jahres 1908 einen folgenschweren Antrieb in der _trkischen Revolution_. Der Sturz des absolutistischen Regimes Abdul Hamids und die Errichtung der Herrschaft des jungtrkischen Komitees rollte pltzlich die trkische Frage wieder auf, die fr den Weltfrieden stets besonders gefhrlich gewesen war. Bedeutete die Revolution den Beginn der endgltigen Zersetzung oder eine Konsolidierung des Trkischen Reiches? Alte Wnsche und Befrchtungen wurden neu geweckt. Zunchst konnte die Entente mit Befriedigung registrieren, da der innere Umschwung die Stellung Deutschlands in der Trkei schwer bedrohte. Deutschland als bisheriger Freund der Trkei galt als mit dem bisherigen Regime auf Gedeih und Verderb verknpft. Die zur Macht gekommenen jungtrkischen Fhrer hatten bisher zum groen Teil als Verbannte in Paris und London gelebt und dort in ihren politischen Bestrebungen Frderung erfahren. Die Straen Konstantinopels hallten jetzt wider von lauten Ovationen fr den britischen, den franzsischen, ja sogar den russischen Botschafter, whrend der bisher als allmchtig geltende Vertreter Deutschlands, Freiherr von Marschall, pltzlich zur Einflulosigkeit verdammt schien. Die Lage wurde fr uns noch bedeutend erschwert durch einen Schritt, den sterreich-Ungarn im Oktober 1908 unternahm. Der Leiter der sterreichisch-ungarischen Politik, Baron Aehrenthal, glaubte sich gentigt, angesichts der durch den inneren Umsturz in der Trkei ins Ungewisse gestellten Verhltnisse und angesichts des mchtigen Antriebes, den -- unter Frderung durch Ruland und England -- die slawische Bewegung auf dem Balkan erhalten hatte, die Stellung sterreich-Ungarns in _Bosnien und der Herzegowina_ zu klren. Im Berliner Vertrag hatte sterreich-Ungarn auf Wunsch der Gromchte die Besetzung und Verwaltung dieser Lnder fr unbestimmte Zeit bernommen und in den seither verflossenen dreiig Jahren ein groes Stck Kulturarbeit geleistet, das es jetzt durch den jungtrkischen Umsturz und seine balkanischen Folgeerscheinungen nicht in Frage stellen lassen wollte. Am 5. Oktober 1908 proklamierte sterreich-Ungarn die Erstreckung seiner Souvernitt auf die beiden Lnder. Gleichzeitig erklrte _Bulgarien_, das bisher formell trkischer Vasallenstaat gewesen war, seine Unabhngigkeit, wie man in der Trkei annahm, auf Grund einer Verstndigung mit sterreich-Ungarn. Die Erregung in der Trkei war ungeheuer. Obwohl de facto Bosnien und die Herzegowina seit dreiig Jahren von der Trkei losgetrennt waren und die Trkei seither niemals irgendwelche Souvernittsrechte in diesen Lndern ausgebt hatte, empfanden die Jungtrken die sterreichisch-ungarische Proklamation als einen Faustschlag ins Gesicht, und von seiten der den Mittelmchten nicht wohlgesinnten Mchte geschah natrlich alles, um l ins Feuer zu gieen. Deutschland als der Verbndete sterreich-Ungarns wurde fr den der jungen Trkei zugefgten Affront mitverantwortlich gemacht. Der deutsche Botschafter Freiherr von Marschall, der von dem Schritt Aehrenthals genau so berrascht wurde wie die Trken, sah die durch den inneren Umschwung ohnedies bedrohten Frchte seiner langjhrigen und erfolgreichen Arbeit in der Trkei durch das Vorgehen des Bundesgenossen, dessen Notwendigkeit er nicht anerkannte, ernstlich in Frage gestellt. Ich war damals von der Deutschen Bank nach Konstantinopel, meinem im Juli, kurz vor Ausbruch der Revolution, verlassenen frheren Wirkungskreis, gesandt worden, um unter den schwierig gewordenen Verhltnissen die Interessen des in der Trkei investierten deutschen Kapitals und der dort arbeitenden deutschen Unternehmungen wahrzunehmen. Herr von Marschall machte mir aus seinem Unmut und seiner abflligen Beurteilung der Aehrenthalschen Politik kein Hehl und beauftragte mich, nach meiner Rckkehr nach Berlin dem Frsten Blow seine Befrchtungen eindringlich auseinanderzusetzen. Ich entledigte mich dieses Auftrages. Der Frst hrte meine Darlegungen aufmerksam an und antwortete mir dann: Sagen Sie dem Baron Marschall, wenn Sie wieder nach Konstantinopel kommen, da es in der deutschen Geschichte keinen zweiten Basler Frieden geben darf, und da ich jedenfalls einen Basler Frieden nicht machen werde. Er setzte mir dann auseinander, da sterreich-Ungarn die groserbische Bewegung als eine vitale Gefahr fr die Monarchie ansehe und wohl auch ansehen msse; da wir keine Mglichkeit htten, sterreich-Ungarn bei seinen Abwehrmanahmen gegen diese Gefahr in den Arm zu fallen, da uns vielmehr die politische Gesamtkonstellation ntige, uns ohne Wanken und Schwanken hinter unseren Bundesgenossen bei der Wahrung seiner Lebensinteressen zu stellen. Der Trkei gegenber msse sich unsere Hilfe darauf beschrnken, da wir ihr zu einem fr sterreich-Ungarn annehmbaren Ausgleich verhlfen und ihr im brigen auf andern Gebieten ihre schwierige Lage soweit wie mglich erleichterten. Nach diesem Programm wurde gehandelt. Unter Mitwirkung der deutschen Diplomatie kam im Februar 1909 eine Verstndigung zwischen sterreich-Ungarn und der Trkei zustande. Aber die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina in die sterreichisch-ungarische Souvernitt war nicht nur gegenber der Trkei durchzukmpfen, sondern in noch viel strkerem Mae gegenber andern nicht unmittelbar beteiligten Mchten. Vor allem kam es in _Serbien_ geradezu zu einem Wutausbruch; man betrachtete dort Bosnien und die Herzegowina als groserbisches Gebiet und sah in der von sterreich-Ungarn ausgesprochenen Annexion eine gegen die groserbischen Aspirationen gerichtete Manahme. Die ganz offen zum Kriege treibende groserbische Partei fand Rckendeckung bei Ruland, obwohl Iswolski, damals Minister der Auswrtigen Angelegenheiten in Petersburg, wenige Wochen vor der Verkndigung der Annexion von Baron Aehrenthal, allerdings ohne Terminangabe, ber die sterreichische Absicht verstndigt worden war und keinen Widerspruch erhoben hatte. Bezeichnend war aber vor allem, da fast noch mehr als Ruland die _britische Regierung_ sich entrstete und Stellung gegen sterreich-Ungarn nahm. Die britische Regierung, die wenige Jahre zuvor mit Frankreich ber die marokkanischen Angelegenheiten eine Abmachung getroffen hatte, die nicht nur eine formale sondern auch eine schwerwiegende materielle Verletzung der Madrider Konvention war, stellte sich jetzt gegenber dem Vorgehen sterreich-Ungarns, das allerdings einen formalen Versto gegen den Berliner Vertrag bedeutete, materiell aber keine nderung in dem bisherigen Zustande schuf, mit aller Strenge auf den an sich zweifellos berechtigten Standpunkt, da internationale Vertrge nur im Einverstndnis der smtlichen Unterzeichner abgendert werden drften. In Petersburg arbeitete die britische Diplomatie, vertreten durch den Botschafter Sir Arthur Nicolson, den Vater der britisch-russischen Entente, mit allen Mitteln auf eine Verschrfung des sterreichisch-russischen Konflikts. Obwohl keinerlei britische Interessen im Spiel waren, sagte die britische Regierung der russischen die weitestgehende diplomatische Untersttzung zu. Es liegen Anzeichen dafr vor, da auch ber die diplomatische Untersttzung hinaus die britische Regierung der russischen jede Aufmunterung zuteil werden lie, die fr eine kriegerische Zuspitzung erforderlich war. Ebenso wie im Jahre 1905 der franzsischen Regierung fr den Fall eines kriegerischen Austrages der Marokkofrage militrische Untersttzung angeboten worden war, wurde jetzt der russischen Regierung die Aussicht auf britische Waffenhilfe gezeigt. Spterhin ist eine uerung Sir Edward Greys bekanntgeworden, die dieser nach Rulands Einlenken zu dem russischen Geschftstrger getan hat: Die Entscheidung ber Krieg und Frieden hnge in England nicht von der Regierung, sondern von der ffentlichen Meinung ab; er habe aber das Gefhl gehabt, da die ffentliche Meinung in England gengend vorbereitet gewesen sei, um der Regierung ein Eingreifen Englands an der Seite Rulands in den Krieg zu ermglichen. Die deutsche Politik der Nibelungentreue erzielte damals einen vollen Erfolg. Trotz der englischen Aufstachelung zog es die russische Regierung vor, auf einen deutschen Vorschlag einzugehen, der ihr ermglichte, bei der Aufgabe des Widerspruchs gegen den sterreichisch-ungarischen Schritt einigermaen das Gesicht zu wahren. Es ist kein Zweifel, da die klare Bekundung der unbedingten Entschlossenheit des Deutschen Reichs, auf jede Gefahr hin zu dem sterreichisch-ungarischen Verbndeten zu stehen, in erster Reihe dazu beigetragen hat, den Krieg zu vermeiden. Ein von Deutschland nicht unzweideutig gedecktes sterreich-Ungarn htte entweder sich den lrmenden Forderungen der Serben und ihrer Hintermnner unterwerfen mssen, oder es wre zum Krieg gekommen, den gegen sterreich-Ungarn _und_ Deutschland zu fhren man sich an der Newa nach der Schwchung durch den russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren nicht stark genug fhlte. Verstndigungsversuche mit Frankreich und Ruland Frankreich zeigte, im Gegensatz zu England, in jener Krise eine bemerkenswerte Zurckhaltung. Diese mag verursacht gewesen sein einmal dadurch, da man in Paris die mangelhafte Bereitschaft des russischen Bundesgenossen genau kannte; dann aber mag mitgewirkt haben, da gerade in jener Zeit die deutsche Regierung Verhandlungen mit Frankreich ber die Schaffung eines modus vivendi in Marokko einleitete, die am 9. Februar 1909 zu einem Abkommen fhrten, das man in Frankreich als weitherziges deutsches Entgegenkommen mit Fug und Recht betrachten konnte. Whrend die franzsische Regierung erneut die Unabhngigkeit und Integritt des Sultanats Marokko zu respektieren versprach, erkannte die deutsche Regierung die besonderen politischen Interessen Frankreichs an der Festigung des Friedens und der Ordnung im Innern Marokkos an und stellte ausdrcklich fest, da sie selbst in Marokko lediglich wirtschaftliche Interessen verfolge. Dafr verpflichtete sich die franzsische Regierung, die kaufmnnischen und industriellen Interessen Deutschlands in Marokko nicht zu beeintrchtigen. Schlielich kamen beide Regierungen dahin berein, keinerlei wirtschaftliches Vorzugsrecht in Marokko zu schaffen und dahin zu streben, ihre Staatsangehrigen in den Geschften, deren Ausfhrung ihnen bertragen werden knnte, zu gemeinschaftlichem Vorgehen zu verbinden. Das Abkommen mit Frankreich war, ebenso wie die glckliche Beilegung des sterreichisch-russischen Konflikts, im wesentlichen das Werk des Gesandten von Kiderlen-Wchter, der damals in Vertretung des erkrankten Herrn von Schoen das Auswrtige Amt leitete. Kiderlens Absicht war, die marokkanische Streitfrage in einer fr Deutschland ertrglichen Weise zu liquidieren, dadurch das deutsch-franzsische Verhltnis von einer schweren Belastung zu befreien und darber hinaus ein wirtschaftliches Zusammenarbeiten der beiden Nationen herbeizufhren und so auf einem nicht unwichtigen Gebiet, das bisher Reibungsflche war, eine Interessensolidaritt zu begrnden. Es ist dies, in der Anwendung auf den marokkanischen Einzelfall, der Grundgedanke der Politik, die Kiderlen in den folgenden Jahren als Staatssekretr des Auswrtigen Amtes in bereinstimmung mit dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg verfolgt hat, um die gespannte politische Atmosphre zu entlasten und den Ring der Einkreisung zu lockern. Ein nach dieser Richtung gehender Versuch wurde im Jahre 1910 mit Ruland eingeleitet. Die Verhltnisse lagen hier besonders schwierig. Die bosnische Angelegenheit hatte auch nach ihrer formalen Beilegung eine tiefgehende Verstimmung _Rulands_ gegen sterreich-Ungarn hinterlassen. Das kam symptomatisch zum Ausdruck, als der Zar im Herbst 1909 den Knig von Italien in Racconigi besuchte und sowohl auf der Hinreise wie auf der Rckreise einen groen Umweg machte, um jede Berhrung sterreichisch-ungarischen Gebietes zu vermeiden. Die Tatsache dieser Begegnung selbst, an der auch die beiderseitigen Minister teilnahmen und bei der die Fragen des Balkans zweifellos einen wichtigen Gegenstand der Unterhaltungen bildeten, war ein weiteres Anzeichen der Annherung Italiens an den Dreiverband und der Ausbildung des italienisch-sterreichischen Gegensatzes in den Balkanangelegenheiten. Die Bemhungen der deutschen Regierung, in den Beziehungen zu Ruland eine Entspannung herbeizufhren, hatten schlielich den Erfolg, da gegen Ende des Jahres 1910 eine Zusammenkunft des Zaren, der von seinem neuen Minister des Auswrtigen, Herrn Ssasonoff, begleitet war, mit Kaiser WilhelmII. in Potsdam zustande kam. Das Ergebnis der Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Staatsmnnern war einmal ein solches allgemein-politischer Natur, dann ein Sonderabkommen, das sich auf Persien und die Bagdadbahn bezog. ber das allgemeine politische Ergebnis teilte Herr von Bethmann Hollweg am 10. Dezember 1910 im Reichstag mit: Als Resultat der letzten Entrevue mchte ich bezeichnen, da von neuem festgestellt wurde, da sich beide Regierungen in keinerlei Kombination einlassen, die eine aggressive Spitze gegen den andern Teil haben knnte. In diesem Sinne haben wir insbesondere Gelegenheit gehabt zu konstatieren, da Deutschland und Ruland ein gleichmiges Interesse an der Aufrechterhaltung des status quo am Balkan und berhaupt im nahen Orient haben und daher keinerlei Politik untersttzen werden -- von welcher Seite sie auch kommen knnte--, welche auf Strung jenes status quo gerichtet wre. Das in Potsdam vereinbarte Sonderabkommen enthielt von deutscher Seite die Anerkennung der politischen Sonderstellung Rulands in Nordpersien unter Vorbehalt der Gleichberechtigung des Handels aller Nationen. Whrend Deutschland sich am Bau von Eisenbahnen und sonstigen Verkehrsanlagen in Persien nrdlich einer gewissen Linie desinteressierte, bernahm es Ruland, das persische Eisenbahnnetz auszubauen. Ruland sagte ferner zu, dem Ausbau der Bagdadbahn, den es bisher nach Krften zu hindern versucht hatte, nicht weiter entgegen sein zu wollen und den auf persischen Boden fallenden Teil einer Verbindungsbahn Bagdad-Teheran innerhalb einer bestimmten Zeit herzustellen; wenn diese Verpflichtung nach Ablauf der Frist nicht erfllt sei, sollte russischerseits der Ausfhrung auch des persischen Teils der Verbindungsbahn durch Deutschland nicht widersprochen werden. Wenn die allgemein-politische Vereinbarung von russischer Seite ehrlich gemeint und im weiteren Verlauf der Dinge ehrlich durchgefhrt worden wre, so wre sie eine fr die weitere Entwicklung der Vlkergeschichte hochbedeutsame Entschrfung der gegen den Zweibund Deutschland-sterreich-Ungarn gerichteten Tendenzen des Dreiverbandes gewesen. Das Sonderabkommen stellte fr Ruland eine Ergnzung zu dem Abkommen mit England vom Jahre 1907 dar. Die deutsche Politik verfolgte mit dem Abkommen das Ziel, durch Zugestndnisse an Ruland in Persien die Streitfragen der Bagdadbahn zwischen Ruland und Deutschland zu begleichen und in der in Aussicht genommenen Verbindung zwischen dem russisch-persischen und dem deutsch-trkischen Eisenbahnnetz in hnlicher Weise eine Grundlage fr solidarische Interessen zu schaffen, wie es gegenber Frankreich in dem Marokko-Abkommen vom Februar 1909 versucht worden war. In England und namentlich in Frankreich war die Erregung ber die deutsch-russische Aussprache gro. Es setzte sofort der strkste diplomatische und publizistische Druck auf Ruland ein, um die Potsdamer Verstndigung abzuschwchen oder unwirksam zu machen. Die Haltung der russischen Regierung zeigte bald, da dieser Druck nicht ohne Einflu blieb. Die Mitteilungen des deutschen Reichskanzlers ber den allgemein-politischen Teil der Potsdamer Verstndigung wurden von russischer Seite niemals klar und przis besttigt, freilich auch nicht abgestritten. Die von Deutschland gewnschte schriftliche Fixierung des allgemein-politischen Ergebnisses der Potsdamer Aussprache wurde von der russischen Regierung nicht beliebt. Auch die schriftliche Festlegung des Sonderabkommens verzgerte sich, nicht zum wenigsten unter der Einwirkung franzsischer Quertreibereien, um eine Anzahl von Monaten; es wurde erst am 19. August 1911 in Petersburg unterzeichnet. Die Marokkokrisis von 1911 Die von Deutschland versuchte Entspannung der politischen Lage stellte sich nicht ein. Die deutsch-franzsischen Beziehungen blieben auch nach dem Abkommen vom Februar 1909 unter dem Einflu der Marokko-Angelegenheit. Es zeigte sich bald, da das genannte Abkommen die Marokkofrage nicht zur Liquidation gebracht hatte. Die Franzosen zeigten sich schwierig in der Zulassung deutscher Unternehmungen zur Beteiligung an den groen wirtschaftlichen Aufgaben, die in Marokko zu lsen waren, insbesondere auf dem Gebiet des Bergbaus, der Eisenbahnen und des Hafenbaus. Auf der andern Seite beobachtete man in Deutschland mit steigendem Mitrauen, wie Frankreich die Anerkennung seiner politischen Sonderstellung in Marokko dazu benutzte, um durch allerlei an sich kleine und unscheinbare Expeditionen die von ihm gleichfalls anerkannte Souvernitt und Integritt des Sultanats Marokko mehr und mehr zu unterhhlen. Jeder Teil warf dem andern vor, da er mehr verlange, als ihm zustehe, whrend er ihm das vorenthalte, was ihm das Abkommen zugesprochen habe. Nur da Deutschlands Ansprche auf Beteiligung an den wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes dauernd platonisch blieben, whrend Frankreichs fortschreitende militrische Durchdringung des Sultanats und die im Frhjahr 1910 mit der Gewhrung einer groen Anleihe herbeigefhrte franzsische Kontrolle ber die smtlichen marokkanischen Einnahmen durchaus reale Tatsachen darstellten. Die Lage wurde unertrglich, als Frankreich im Frhjahr 1911, eine angebliche Bedrohung der Europer zum Vorwand nehmend, den Vormarsch auf die Landeshauptstadt Fez aufnahm und diese am 21. Mai 1911 besetzte. Die deutsche Regierung erhob zwar gegen diese Unternehmung, die den letzten Rest von Unabhngigkeit des Sultanats vor aller Welt klar zerstrte, keinen offiziellen Einspruch, lie jedoch durch halbamtliche Kundgebungen und auch in Unterhaltungen mit dem franzsischen Botschafter in Berlin keinen Zweifel daran, da durch das Vorgehen Frankreichs die Algeciras-Akte tatschlich beseitigt und dadurch der deutschen Regierung freie Hand gegeben sei. Die deutsche Politik hatte nicht die Absicht, die von ihr als wiedergewonnen festgestellte Handlungsfreiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zu intervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreich ber Marokko nunmehr zu einem direkten Abkommen zu gelangen, wie es Frankreich vor Algeciras mit England, Spanien und Italien abgeschlossen hatte. Allerdings war Kiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegen der Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-franzsischen Abkommen vom Februar 1909 einfach in die Tasche stecken zu lassen, ohne da mit Deutschland darber auch nur ein Wort gesprochen wrde. Eine solche Verwirklichung der alten Delcassschen Politik der Ignorierung Deutschlands, ber die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommen hinaus, war Kiderlen entschlossen, unter allen Umstnden zu verhindern. Das Gelbbuch, das die franzsische Regierung spter verffentlicht hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindringlichkeit Kiderlen dem franzsischen Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schon vor der Besetzung von Fez Vorschlge wegen einer Verstndigung nahelegte. Schon am 14. Mrz 1911 sagte -- nach Ausweis des Gelbbuchs -- Sir Edward Grey zu dem franzsischen Botschafter in London, Paul Cambon: Les conversations de M. de Kiderlen avec M. Jules Cambon semblaient indiquer chez le Gouvernement Allemand un dsir d'entente; und am 7. April, zehn Tage vor der Entscheidung ber die Entsendung des Expeditionskorps nach Fez, teilte Kiderlen dem franzsischen Botschafter in Berlin schriftlich mit, da er, falls die Verhltnisse in Marokko sich zuspitzen sollten, durchaus bereit sei, mit der franzsischen Regierung in einen Meinungsaustausch ber die Manahmen einzutreten, die diese dann glaube ergreifen zu sollen. Die franzsische Regierung zog es vor, den Marsch auf Fez zu befehlen, ohne in den von der deutschen Regierung fr diesen Fall nahegelegten Meinungsaustausch einzutreten. Nach der Besetzung von Fez wurden die Hinweise des Kanzlers und Kiderlens auf die Unhaltbarkeit der dadurch geschaffenen Lage hufiger und dringlicher. Am 21. und 22. Juni hatte Kiderlen in Kissingen eine Aussprache mit Jules Cambon, der daraufhin nach Paris reiste. Rapportez-nous quelque chose de Paris -- mit diesen Worten verabschiedete sich Kiderlen von seinem Gast. Aber auch dieser letzte Versuch, Frankreich zu einer gtlichen Auseinandersetzung mit Deutschland ber Marokko zu bewegen, blieb in Paris ohne jeden Widerhall. Wenn Deutschland sich nicht gnzlich auf die Seite drcken und sich die hartnckige Miachtung seiner durch die Algeciras-Akte verbrieften Stellung in Marokko ohne Gegenwehr gefallen lassen wollte, mute jetzt mit einer nicht mehr zu verkennenden und nicht mehr zu ignorierenden Handlung eingegriffen werden. Die deutsche Regierung entschlo sich zur Entsendung des Panther nach Agadir. Der Zweck dieses Schrittes, der alsbald in Frankreich und England die grte Aufregung hervorrief, ist nach dem oben Ausgefhrten klar: Frankreich sollte gezwungen werden, endlich mit Deutschland ber Marokko ernsthaft zu sprechen und fr das von ihm angestrebte Protektorat die deutsche Zustimmung ebenso durch das Angebot von Kompensationen zu sichern, wie es sich die Zustimmung Englands, Spaniens und Italiens frher erworben hatte. An territoriale Kompensationen in Marokko selbst dachte die deutsche Regierung nicht; sie wollte im Gegenteil die Marokkofrage endgltig ausrumen, Frankreich politisch ganz freie Hand lassen und sich nur einen ausreichenden vertragsmigen Schutz fr die deutschen Unternehmungen und die Freiheit des deutschen Handels sichern. Die eigentliche Kompensation fr Marokko suchte die deutsche Politik auf kolonialem Gebiet. Aber da es sich darum handelte, fr die Aufgabe des deutschen Mitbestimmungsrechtes ber Marokko andere Kompensationen einzuhandeln, konnte das deutsche Mitbestimmungsrecht, solange ausreichende Kompensationen nicht gesichert waren, nicht aufgegeben, es mute vielmehr nach Mglichkeit unterstrichen werden. Im Ausland wie in Deutschland selbst entstand zunchst der Eindruck, als ob mit dem Erscheinen des Panther auf der Reede von Agadir eine deutsche Festsetzung in Marokko beabsichtigt sei. Als dann spter die Grundzge des mit Frankreich verhandelten Abkommens bekannt wurden, bildete sich die Meinung heraus, da die deutsche Regierung, gezwungen durch das von ihr nicht vorausgesehene Eingreifen Englands, gegen ihre ursprngliche Absicht auf einen Anteil an Marokko verzichtet habe. Diese Auffassung ist falsch. Die deutsche Regierung hat von Anfang an bekanntgegeben, da mit der Entsendung des Panther eine Besitzergreifung nicht beabsichtigt sei. Sie hat mit dem franzsischen Botschafter ber die Anerkennung des franzsischen Protektorats ber Marokko gegen territoriale Kompensationen in Mittelafrika schon verhandelt, ehe Lloyd George am 21. Juli seine berhmt gewordene Rede im Mansion-House hielt. Wie wenig aber den sich fr Marokko interessierenden deutschen Kreisen der Gedanke, aus Marokko ganz herauszugehen, in den Kopf wollte, zeigt folgender kleine Vorfall: Nachdem Kiderlen, der am 1. Juli, dem Tag des Erscheinens des Panther vor Agadir, von Berlin abwesend war, zurckgekehrt war, besuchte ich ihn im Auswrtigen Amt. Ich traf im Vorzimmer einen bekannten alldeutschen Schriftsteller, der mir erzhlte, er habe sich bei Kiderlen anmelden lassen, um ihm zu der Sicherung des deutschen Anteils an Marokko zu gratulieren. Als mich Kiderlen nach dem kurzen Besuch dieses Herrn empfing, fragte ich ihn nach dem Verlauf der Unterhaltung. Kiderlen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und sagte lachend: Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, da wir in Marokko gar nichts wollen; aber ich hatte gut reden: der dumme Kerl (in Wirklichkeit war der Ausdruck noch etwas derber) hat es mir einfach nicht geglaubt. Der Verlauf der Angelegenheit ist bekannt. Nachdem die franzsische Regierung begriffen hatte, da Deutschland nicht gewillt sei, sich ausschalten zu lassen, begann sie durch ihren Berliner Botschafter Verhandlungen auf der von der deutschen Regierung gewnschten Grundlage einer Kompensation in Mittelafrika. Die ohnedies nicht leichten Verhandlungen wurden durch die Einmischung Englands noch wesentlich erschwert. Obwohl England sich in dem Abkommen von 1904 Frankreich gegenber in Marokko vllig desinteressiert hatte, erklrte Sir Edward Grey bereits drei Tage nach dem Erscheinen des Panther vor Agadir, da England keine neue Abmachung anerkennen werde, die ohne seine Mitwirkung zustandegekommen sei. Die englische Presse tat alles, um die durch den coup d'Agadir gereizte franzsische Empfindlichkeit noch weiter aufzustacheln. Die Absicht, es nicht zu einem friedlichen Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland kommen zu lassen, war unverkennbar. Den Hhepunkt erreichte dieses Treiben mit der Rede, die Lloyd George, nach Feststellung ihres Wortlautes im Ministerrat, am 21. Juli 1911 im Mansion-Haus gehalten hat; deren Hauptstelle lautete: Wenn uns eine Situation aufgezwungen wrde, in welcher der Friede nur durch das Aufgeben der groen und wohlttigen Stellung erhalten werden knnte, die England sich in Jahrhunderten des Heldentums und des Erfolges errungen hat, und nur dadurch, da Grobritannien in Fragen, die seine Lebensinteressen berhren, in einer Weise behandelt wrde, als ob es im Rat der Nationen gar nicht mehr mitzhle, dann wrde ein Friede um jeden Preis eine Erniedrigung sein, die ein groes Land, wie das unsrige, nicht ertragen knnte. Whrend also Frankreich unter Fhrung des einer Verstndigung geneigten Ministerprsidenten Caillaux verhandelte, hielt es die britische Regierung fr angemessen, eine weithinschallende Kriegsdrohung in die Welt zu schleudern. Warum? -- Die von Lloyd George gegebenen Grnde waren Scheingrnde. Niemand in Deutschland dachte daran, Englands Weltstellung in einer Frage zu beeintrchtigen, an der sich England sieben Jahre zuvor selbst desinteressiert hatte. Britische Lebensinteressen kamen um so weniger in Frage, als die britische Regierung darber, da Deutschland keine Festsetzung an der atlantischen Kste Marokkos beabsichtigte -- wre das berhaupt eine Bedrohung britischer Lebensinteressen gewesen?--, vielmehr Kompensationen in andern Gebieten suchte, genau unterrichtet war und als noch am 21. Juli selbst, vor der Rede Lloyd Georges, der deutsche Botschafter in einer von Sir Edward Grey herbeigefhrten Unterhaltung die Deutschland von diesem zugeschriebenen Absichten mit Entschiedenheit in Abrede gestellt hatte. Fr das Verhalten der britischen Regierung blieb also nur das eine Motiv, das der deutsche Botschafter nach der Rede Lloyd Georges gegenber Sir Edward Grey klipp und klar mit folgenden Worten bezeichnete: Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die politische Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen Entladung zuzufhren, so htte sie allerdings kein besseres Mittel whlen knnen als die Rede des Schatzkanzlers. Aber die britische Regierung begngte sich damals nicht nur mit Worten. Ebenso wie sie im Jahre 1905 Herrn Delcass die Untersttzung durch ein britisches Expeditionskorps angeboten hatte, setzte sie jetzt ihre Flotte in Bereitschaft und traf alle Vorkehrungen fr die berfhrung eines Landheeres nach -- Flandern. Aus den Enthllungen des britischen Hauptmanns Faber und aus den Brsseler Akten wissen wir heute, da die britische Regierung damals entschlossen war, en tout tat de cause, und zwar auch ohne Zustimmung der belgischen Regierung, in Flandern zu landen oder einzumarschieren. Die ebenso ruhige wie feste Haltung der deutschen Regierung hat damals die Kriegsgefahr abgewendet. Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam der deutsch-franzsische Vertrag vom 4. November 1911 zustande, der uns gegen die Anerkennung des franzsischen Protektorats ber Marokko Teile des franzsischen Kongo brachte. Eine grozgigere Abrundung unsres afrikanischen Kolonialbesitzes, wie sie ursprnglich Kiderlen vorgeschwebt hatte, scheiterte teils an dem durch England aufgemunterten franzsischen Widerstand, teils aber auch an der vom Kolonialamt untersttzten Auflehnung der deutschen Kolonialkreise gegen einen Austausch bisher deutscher Kolonialgebiete. Die Marokkofrage war nun zwar liquidiert; aber statt da durch diese Beseitigung eines alten und gefhrlichen Reibungspunktes zwischen den beiden Lndern eine Entspannung herbeigefhrt worden wre, trat -- von England aus eifrig gefrdert -- das Gegenteil ein. In Deutschland wurde der diplomatische Erfolg, da Frankreich gegen seinen Willen gezwungen worden war, sich mit uns ber Marokko zu verstndigen und uns aus seinem Eigenen Kompensationen zu gewhren, durch den Eindruck beeintrchtigt, ja aufgehoben, da England durch eine brutale Kriegsdrohung uns zu einem Rckzug gezwungen habe. In Frankreich empfand man es als eine bittere Demtigung, da man durch einen deutschen Gewaltstreich gezwungen worden sei, um des lieben Friedens willen franzsische Gebiete herauszugeben. Gedeckt und angestachelt durch britische Ermunterung und in der Hoffnung auf die fortschreitende Verstrkung und Reorganisation des russischen Heeres erhob der franzsische Chauvinismus in neuer Kraft und in neuen Hoffnungen sein Haupt. Auch dieser Versuch der deutschen Politik, die europische Lage durch Beseitigung von Reibungspunkten zu erleichtern, hat also sein Ziel nicht erreicht. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich bestand vielmehr in unverminderter Schrfe fort. Lord Haldanes Mission Dagegen schien es, als ob die Krisis des Jahres 1911 und die endgltige Erledigung der Marokkofrage eine entspannende Wirkung auf das deutsch-englische Verhltnis ausben sollte. Die Verpflichtung Englands auf Grund des Vertrages von 1904, der franzsischen Regierung in der Marokkofrage Hilfe zu leisten, hatte die Mglichkeit eines deutsch-englischen Konflikts enthalten, der jederzeit akut werden konnte und in den Jahren 1905 und 1911 tatschlich akut geworden war. Diese Verpflichtung und damit die in ihr enthaltene Kriegsmglichkeit war durch die Liquidation der Marokkofrage gegenstandslos geworden, und damit war das deutsch-britische Verhltnis in der Tat erheblich entlastet. Dazu hatten die Vorgnge des Jahres 1911 in England selbst eine gewisse Reaktion gegen die Politik ausgelst, die infolge von dem Parlament und einem groen Teil des Kabinetts selbst vorenthaltenen Verpflichtungen unmittelbar an den Rand des Krieges gefhrt hatte. Wie weit diese Verhltnisse auf die Haltung der britischen Regierung einwirkten, wie weit andere Gesichtspunkte magebend waren -- jedenfalls zeigte sich das britische Kabinett bereit, auf einen vom deutschen Reichskanzler angeregten Versuch zu einer Verstndigung einzugehen. Lord Haldane, der britische Kriegsminister und Organisator des britischen Heeres, wurde in besonderer Mission nach Berlin entsandt (Februar 1912), um die Mglichkeiten einer Verstndigung mit der deutschen Regierung durchzusprechen. Lord Haldane stellte bei diesen Verhandlungen eine Verstndigung ber eine Einschrnkung der weiteren Verstrkung der beiderseitigen Kriegsflotten in den Vordergrund. Das von deutscher Seite damals vorbereitete neue Flottengesetz, das eine Verstrkung unsrer Kriegsflotte und eine organisatorische Erhhung ihrer Schlagfertigkeit bringen sollte, hatte in England die Besorgnisse vor einem allzu starken Anwachsen der deutschen Flotte aufs neue geweckt. Man griff auf den schon im Jahre 1904 eingeleiteten Versuch zurck, das unbedingte bergewicht der britischen Flotte auf dem billigeren Wege einer Verstndigung ber das Ausma neuer Kriegsschiffbauten zu erhalten. Auf deutscher Seite lehnte man eine solche Verstndigung nicht a limine ab, stellte jedoch eine allgemein-politische Verstndigung in den Vordergrund. Ich fragte den englischen Minister, so sagte Herr von Bethmann Hollweg spter im Reichstag, ob ihm nicht eine offene Verstndigung mit uns, eine Verstndigung, die nicht nur einen deutsch-englischen Krieg, sondern berhaupt jeden Weltkrieg ausschlieen wrde, mehr wert sei als ein paar deutsche Dreadnoughts mehr oder weniger. Es entspann sich dann der Meinungsaustausch ber eine Formel, die das Verhltnis zwischen Deutschland und England fr den Fall eines Krieges einer dieser Mchte mit einer dritten Macht regeln sollte. Es ist bekannt, da dieser Meinungsaustausch, der nach der Rckreise Lord Haldanes in London fortgesetzt wurde, schlielich ergebnislos abgebrochen werden mute. Der Vorschlag, den Lord Haldane nach London mitnahm und dem er persnlich zugestimmt hatte, enthielt eine bedingte Neutralittsverpflichtung: falls eines der beiden Lnder in einen Krieg verwickelt werde, in dem es nicht der Angreifer sei, so werde das andere Land wohlwollende Neutralitt beobachten und das uerste tun, um den Kampf rumlich einzuschrnken. Wie mir der Groadmiral von Tirpitz spter mitgeteilt hat, sei er bereit gewesen, auf Grundlage einer solchen Abmachung genau das zu tun, was Haldane fr eine Flottenverstndigung vorgeschlagen habe. Trotzdem wurde Haldane von seiner Regierung desavouiert. Sir Edward Grey erklrte nach Berichten des deutschen Botschafters, ein unbedingtes Neutralittsabkommen -- was die deutsche Formel nicht war -- wrde die franzsische Empfindlichkeit reizen, und er wolle das freundschaftliche Verhltnis zu Frankreich und Ruland nicht in Frage stellen. Sein Gegenvorschlag war lediglich eine Erklrung, da England keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und keiner Abmachung angehren oder beitreten werde, die einen solchen Angriff bezwecke. Den vom Reichskanzler gewnschten Zusatz, der aus dieser Erklrung die Folgerung zog, auf die es ankam: England wird daher selbstverstndlich wohlwollende Neutralitt bewahren, sollte Deutschland ein Krieg aufgezwungen werden, lehnte die britische Regierung ab, da jede ber ihren Vorschlag hinausgehende Verstndigungsformel die Beziehungen zu Ruland und Frankreich gefhrden wrde. England wollte sich also fr den Fall eines Krieges, in den Deutschland verwickelt werden wrde, auch wenn dieser Krieg nicht von Deutschland herbeigefhrt, sondern ihm aufgezwungen werden wrde, freie Hand vorbehalten -- genau die Haltung, die es Ende Juli 1914, als der Weltkrieg in Sicht kam, tatschlich eingenommen hat. Eine Formel, die England lediglich darauf festlegte, da es keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen werde, England aber freie Hand im Falle eines Deutschland aufgezwungenen Kriegs vorbehielt, erschien der deutschen Regierung nicht als gengend. Es hatte sich im Verlauf der Verhandlungen klar gezeigt, da der von der deutschen Regierung erstrebte Zweck, durch ein Neutralittsabkommen mit England eine hnliche Versicherung gegen einen Weltkrieg zu erreichen, wie sie seinerzeit im Rckversicherungsvertrag mit Ruland bestanden hatte, bei der britischen Regierung nicht durchzusetzen war. Das lag offenkundig an dem bei den Verhandlungen deutlich gezeigten britischen Mitrauen in die deutschen Absichten und an dem zielbewuten Willen der britischen Politik, gegen Deutschland als die strkste Kontinentalmacht und den gefhrlichsten Rivalen zur See und in der Weltwirtschaft unter allen Umstnden eine starke Koalition zusammenzuhalten, um sich dieser Koalition bei gnstiger Gelegenheit zur Niederkmpfung Deutschlands zu bedienen. Die deutsche Politik suchte in der Folgezeit das englische Mitrauen in ihre Absichten zu berwinden, einmal dadurch, da sie den Ausbau der Flotte ohne formelle Abmachung dem von Lord Haldane vorgeschlagenen Verhltnis zwischen der britischen und deutschen Flottenstrke anpate, dann indem sie auf wichtigen Sondergebieten -- Kolonialfragen, Bagdadbahn, Mesopotamien und Persischer Golf -- mit England zu einer Verstndigung zu gelangen suchte. Der Tripoliskrieg Inzwischen hatten die deutsch-franzsischen Verhandlungen ber Marokko eine neue Komplikation ausgelst: Italien, das schon seit Jahren durch franzsische und englische Zusagen ber Tripolis abgefunden worden war, glaubte jetzt, wo sich das franzsische Protektorat ber Marokko verwirklichte, nicht lnger zuwarten zu knnen. Noch ehe die deutsch-franzsischen Verhandlungen ber Marokko formell zum Abschlu gekommen waren, Ende September 1911, kndigte der italienische Botschafter der Pforte an, Italien werde angesichts der fortdauernden Nichtachtung seiner Interessen in Tripolis und der Cyrenaika die Wahrung seiner Interessen in die eigne Hand nehmen und zu diesem Zweck diese beiden afrikanischen Provinzen der Trkei besetzen; die trkische Regierung mge Vorkehrung treffen, da dieser Besetzung kein Widerstand geleistet werde. Auf die Ablehnung dieser Zumutung durch die Trkei folgte die italienische Kriegserklrung. Noch mehr als sterreich-Ungarns Vorgehen bei der Annexion von Bosnien und der Herzegowina war dieser Gewaltstreich des italienischen Bundesgenossen eine Belastung des deutschen Verhltnisses zur Trkei und darber hinaus eine Belastung des Dreibundes. Die deutsche Diplomatie hat diese Belastungsprobe bestanden. Das Verhltnis zur neuen Trkei war inzwischen -- nicht zum wenigsten durch die finanzielle Hilfe, die Deutschland im Jahre zuvor in einer kritischen Lage der Trkei gewhrt hatte -- so weit gekrftigt, da es sich der neuen Belastung gewachsen zeigte, zumal da Deutschland und sterreich-Ungarn bei Italien die Abstandnahme von Angriffen auf die Ksten der europischen Trkei durchzusetzen vermochten. In Italien erkannte die Regierung die loyale Haltung, die ihre Verbndeten in einer heiklen Lage bettigten, dankbar an. Dagegen rief der Tripoliskrieg vorbergehend eine scharfe Spannung zwischen Italien und Frankreich hervor, als Frankreich heftig und in verletzenden Formen gegen die Aufbringung franzsischer Schiffe, die Kriegsgert fr die in Tripolis kmpfenden trkischen Truppen an Bord hatten, protestierte. Auch gegen England kam es in Italien zu einer Verstimmung, als jenes bald nach Ausbruch des Tripoliskrieges den bisher zu Tripolitanien gehrigen Hafen von Solum, nahe der gyptischen Grenze, kurzerhand besetzte. Dazu kam, da auch zwischen Ruland und England aus Anla des Tripoliskrieges eine nicht unerhebliche Schwierigkeit entstand, ber die bisher meines Wissens in der ffentlichkeit nichts bekanntgeworden ist. Die trkische Regierung hatte aus Besorgnis vor italienischen Angriffen die Dardanellen gesperrt. Die sich daraus ergebende Behinderung der russischen Handelsschiffahrt wurde von der russischen Regierung benutzt, um die Dardanellenfrage aufzuwerfen. Der russische Botschafter Tscharikoff stellte bei der Pforte weitgehende Forderungen. Die englische Diplomatie hielt sich demgegenber vorsichtig zurck, offenbar in der Hoffnung, da Deutschland und sterreich-Ungarn gegen die russischen Forderungen, dem ihr bekannten Wunsch der Trkei entsprechend, Einspruch erheben wrden. In der Tat wurde ein solcher die Trkei gegen Ruland deckender Einspruch von den Botschaftern sterreich-Ungarns und Deutschlands bei ihren Regierungen dringend befrwortet. Freiherr von Marschall ging sogar so weit, die Kabinettsfrage zu stellen. Kiderlen, der keine Neigung hatte, den Englndern das Odium des Einspruchs bei Ruland abzunehmen, setzte seinen Standpunkt durch, und Deutschland und sterreich-Ungarn blieben Gewehr bei Fu. Die Wirkung war, wie Kiderlen mir erzhlte, da der russische Botschafter in London, Graf Benckendorff, den russischen Minister des Auswrtigen, Ssasonoff, kniefllig bat, im Interesse der Erhaltung der britisch-russischen Entente die in Konstantinopel gestellten Forderungen zurckzuziehen. Dies geschah, und Tscharikoff, der lediglich die ihm gegebenen Weisungen ausgefhrt hatte, wurde geopfert. So hat der Tripoliskrieg die Wirkung gehabt, einerseits in einem wichtigen Punkte ein gegenstzliches Interesse zwischen England und Ruland zutagetreten zu lassen, andrerseits die Freundschaft zwischen Italien und Frankreich-England wenigstens vorbergehend zu trben und Italien seinen Verbndeten wieder nherzubringen. Die Erneuerung des Dreibundvertrags, die erst im Jahre 1914 erforderlich gewesen wre, wurde unter diesen Verhltnissen schon im Frhjahr 1912 in Verhandlung genommen und im Dezember 1912 unterzeichnet. Es schien einen Augenblick, als ob die von Knig EduardVII. eingeleitete Einkreisungspolitik nach dem Tode dieses Monarchen (Mai 1910) nun doch allmhlich ihre Kraft verlieren sollte. Aber das Unheil war im Rollen. Noch ehe es, unter wirksamer Frderung seitens der deutschen Regierung, zwischen Italien und der Trkei zum Frieden kam, zog sich auf dem Balkan ein neues Gewitter zusammen. Die beiden Balkankriege Schon im Februar 1912 war zwischen Serbien und Bulgarien unter nachdrcklicher Frderung Rulands ein geheimer Vertrag zustandegekommen, der im Laufe der nchsten Monate inhaltlich erweitert und durch einen bulgarisch-griechischen Vertrag, durch Militrkonventionen zwischen diesen Staaten, sowie durch Abmachungen mit Montenegro ergnzt wurde. Diese Vertrge, die den sogenannten Balkanbund schufen, richteten sich in erster Linie gegen die Trkei, deren albanische und mazedonische Provinzen das Kriegsziel waren. Daneben aber enthielten die bulgarisch-serbischen Abmachungen die Verpflichtung zum gegenseitigen Beistand im Falle eines Angriffs sterreich-Ungarns; darber hinaus verpflichtete sich Bulgarien zur Waffenhilfe fr Serbien, falls dieses durch sterreich-Ungarn an einer Erweiterung seines Gebiets bis zum Adriatischen Meer durch Besetzung albanischer und mazedonischer Landesteile verhindert werden sollte. Der russische Zar war in den serbisch-bulgarischen Vertrgen fr den Fall von Meinungsverschiedenheiten als Schiedsrichter ausersehen. Im August 1912 begann Bulgarien, seine Forderungen nach Reformen in Mazedonien bei der trkischen Regierung zu stellen. Ende September folgte ein einheitliches Vorgehen der smtlichen Balkanmchte, und am 8. Oktober erffnete Montenegro mit dem Einmarsch in trkisches Gebiet die Feindseligkeiten. Kiderlen hatte sich nach Krften bemht, eine Einigung zwischen sterreich-Ungarn und Ruland zum Zwecke der Verhinderung des Kriegs oder -- wenn sich das als unmglich erweisen sollte -- zum Zwecke der Lokalisierung des Kriegs herbeizufhren. Das Petersburger Kabinett war scheinbar auf diese Bemhungen eingegangen, aber seine Vertreter in Belgrad, Herr Hartwig, und in Paris, Herr Iswolski, arbeiteten mit Erfolg im entgegengesetzten Sinn. Das Verhalten der franzsischen Regierung war undurchsichtig. Angesichts der groen franzsischen Interessen, die sowohl in der Trkei wie in den Balkanstaaten auf dem Spiel standen, schien sie Neigung zu haben, im Sinne der Erhaltung des Friedens zu wirken; andrerseits war der Einflu Iswolskis unverkennbar. London hllte sich in den kritischen Tagen in vllige Zurckhaltung; Sir Edward Grey blieb trotz der Zuspitzung der Lage in seinem Landaufenthalt, und Sir Arthur Nicolson, der ihn vertrat, gab auf die Sondierungen ber das Verhalten der britischen Regierung keine Antwort. Am 8. Oktober meldete das Reutersche Telegraphenbureau die Kriegserklrung Montenegros an die Trkei. Das Wiener amtliche Telegraphenbureau brachte zunchst ein Dementi, meldete aber dann noch an demselben Tage die Abberufung des montenegrinischen Gesandten in Konstantinopel und die Zustellung der Psse an den trkischen Gesandten in Cetinje. Am gleichen Tage passierte der russische Minister des uern auf der Durchreise von Paris nach Petersburg Berlin. Ich sah Kiderlen am Abend, nachdem er vorher eine lange Unterredung mit Ssasonoff gehabt hatte. Kiderlen hat Ssasonoff auf den Kopf zugesagt, da Ruland die Balkanstaaten zum Krieg gegen die Trkei zusammengebracht habe. Ssasonoff leugnete die russische Vaterschaft am Balkanbund nicht, behauptete aber, Ruland habe den Bund lediglich zu defensiven Zwecken ins Leben gerufen. Kiderlen antwortete: Il y a quelqu'un Paris qui pourrait vous renseigner l-dessus. Gemeint war der Botschafter Iswolski. Kiderlen brachte auerdem bei dieser Gelegenheit die Inspektion der franzsischen Grenzfestungen durch den Grofrsten Nicolai Nicolajewitsch zur Sprache, ferner die zwischen Ruland und Frankreich damals abgeschlossene Marinekonvention, den von der russischen Flotte gleichzeitig mit der britischen in Kopenhagen geplanten Besuch, die von Ruland damals vorbereitete Probemobilmachung. Das sei etwas viel auf einmal und knne von uns nicht unbeachtet bleiben. Auch in den folgenden Tagen geschah weder von Ruland noch von England oder Frankreich ein wirksamer Schritt, der den Krieg htte verhindern knnen. In rascher Folge erlitt die trkische Armee in Mazedonien und Thrazien schwere Niederlagen. Das ganze Gebiet der europischen Trkei bis auf das unmittelbare Vorgelnde von Konstantinopel ging im Verlauf weniger Wochen verloren. Erst an der Konstantinopel schtzenden Tschataldjalinie vermochte die Trkei einen wirksamen Widerstand zu organisieren. Die Gromchte, deren Vertreter auf Anregung Kiderlens beim Ausbruch des Krieges in London zu einer stndigen Konferenz zusammengetreten waren, hatten zunchst die Aufrechterhaltung des status quo auf dem Balkan ohne Rcksicht auf den Gang, den die militrischen Operationen nehmen sollten, proklamiert. Dieser Standpunkt wurde angesichts der groen und raschen Erfolge der Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage war jetzt in vollem Umfang und in ihrer ganzen Gefhrlichkeit aufgerollt. Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zu verhindern, da sterreich-Ungarn in den Konflikt hineingezogen wrde, ferner die sterreichisch-ungarischen und die italienischen Interessen in Einklang zu bringen; schlielich England und womglich auch Frankreich gegenber dem russischen Ungestm fr eine Politik des kalten Blutes zu gewinnen. Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die trkische Regierung das sofortige Eingreifen sterreich-Ungarns durch das Angebot des Sandschaks Novibazar herbeizufhren versucht. Kiderlen setzte sich in Wien fr die Ablehnung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen Annahme wohl den sofortigen Krieg mit Ruland zur Folge gehabt htte. Nachdem der status quo unwiederbringlich verloren schien, nahm sterreich-Ungarn das lebhafteste Interesse daran, da Albanien nicht unter serbische Herrschaft komme und da Serbien sich nicht bis zur Adria ausdehne. Gegenber den teilweise rmisch-katholischen Albanesen hatte sterreich sich schon seit lngerer Zeit als Schutzmacht gefhlt und war in diesem Sinne fr dieses Bergvolk bei der Pforte eingetreten. In einem Vordringen der Serben ber albanesisches Gebiet bis zum Meer sah die sterreichisch-ungarische Politik eine nicht ertrgliche Steigerung der groserbischen Bedrohung vom Sdosten her. ber ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die Wiener Regierung von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Als Anfang November der franzsische Ministerprsident Poincar den Vorschlag machte, die smtlichen Gromchte mchten ihr vollstndiges Desinteressement an den balkanischen Dingen erklren, konnte man deshalb in diesem Vorschlag nur einen bewuten und gewollten Vorsto gegen sterreich-Ungarn erblicken. Der Vorsto wurde abgeschlagen. Ebenso wie die sterreichisch-ungarische Regierung war die italienische Regierung entschlossen, sich bei Vernderungen des territorialen Status auf der Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zu lassen. In Unterhaltungen mit San Giuliano, dem italienischen Minister des Auswrtigen, der in jenen Novembertagen zur Besprechung ber die Erneuerung des Dreibundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politik der Dreibundmchte in der Balkanfrage festzulegen. Vor allem einigte man sich ber die Schaffung eines autonomen Albaniens, das unter sterreichisch-ungarischem und italienischem Schutze stehen sollte. Das geschlossene Auftreten der Dreibundmchte tat seine Wirkung. Vor allem rckte die britische Regierung von dem Vorsto Poincars ab. Kiderlen erzhlte mir am 9. November, England zeige uns gegenber eine auffallende Beflissenheit. Der britische Botschafter sei in seiner ganzen Amtszeit noch nie so hufig unaufgefordert zu ihm gekommen und habe sich noch nie so eingehend mit ihm ausgesprochen wie in den letzten acht Tagen; und ebenso lasse Sir Edward Grey fortgesetzt den deutschen Geschftstrger zu sich bitten. Das Ergebnis dieser deutsch-englischen Konversationen kam zum Ausdruck in einer Rede des britischen Premierministers Asquith beim Lordmayorsbankett am 9. November, in der er sagte: England sei an den Vernderungen auf dem Balkan nicht unmittelbar interessiert; es seien aber andere Mchte vorhanden, von denen nicht erwartet werden knne, sie wrden nicht verlangen, da ihre Stimme gehrt werden msse, wenn die Zeit fr die endgltige Regelung gekommen sei. Solange der Kriegszustand andauere, lehne es die britische Regierung ab, einzelne Fragen zu behandeln, die getrennt und sogleich aufgeworfen wahrscheinlich nicht wieder gutzumachende Differenzen hervorrufen wrden, die aber wohl ein besseres Aussehen annehmen wrden, wenn man sie zurckstellte, um sie dann unter dem weiteren Gesichtspunkt des allgemeinen Ausgleichs zu behandeln. Also im Gegensatz zu dem Vorschlag Poincars eine glatte Anerkennung der Berechtigung des sterreichisch-ungarischen und italienischen Verlangens, bei der Neuregelung der territorialen Verhltnisse auf dem Balkan mitzureden; aber im Einverstndnis mit der deutschen Politik Zurckstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeitpunkt, der eine Gesamtregelung gestatten wrde. Auffallend, aber bezeichnend fr die englische Politik, ist die Tatsache, da jenes Abrcken der britischen Regierung von dem von der franzsischen Regierung unklugerweise eingenommenen Standpunkt und ihre Zusammenarbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammenfiel mit einer starken formellen Bekrftigung der diplomatischen und militrischen Entente mit Frankreich. Am 22. und 23. November 1912, also vierzehn Tage nach der Guildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde der Schriftwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambon ausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenen mndlichen Abreden ber eine englisch-franzsische Kooperation im Falle eines nicht herausgeforderten Angriffs schriftlich niederlegte. Die Vermutung eines urschlichen Zusammenhangs liegt nahe. Die franzsische Regierung fhlte sich durch das englisch-deutsche Zusammengehen in den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und die leitenden britischen Staatsmnner hielten es fr angezeigt, diese Beunruhigung dadurch zu beheben, da sie dem franzsischen Ententegenossen ein strkeres formelles Pfand, als es bisher gegeben worden war, in die Hand drckten und ihm dadurch die Gewiheit gaben, da durch eine gelegentliche Meinungsverschiedenheit in Fragen der diplomatischen Taktik an dem britisch-franzsischen Bundesverhltnis nichts gendert werde. Whrend England auf diese Weise Wasser auf beiden Schultern trug, kam die deutsche Regierung in die Lage, einen ernstlichen Druck auf die verbndete Donaumonarchie auszuben. Der Vormarsch der Serben durch albanisches Gebiet nach der Adria und die Nachrichten ber entsetzliche Greuel, die von der serbischen Armee in Albanien begangen wurden, weckten in Wien starke Erregung und die Neigung zu einem sofortigen Eingreifen. Rulands Haltung, das unter dem Titel der Probemobilmachung starke Streitkrfte an der galizischen Grenze zusammenzog, war nicht geeignet, diese Erregung zu mildern. Fr die Haltung des Deutschen Kaisers in dieser fr die deutsche Politik schwierigen Lage, die eine groe hnlichkeit mit der Lage vom Juli 1914 hat, ist ein Telegramm bezeichnend, das WilhelmII. damals an den Reichskanzler richtete, des Inhalts: Der Bndnisvertrag mit sterreich-Ungarn zwinge uns, zu marschieren, wenn sterreich-Ungarn von Ruland angegriffen werde. Dann werde auch Frankreich hineingezogen werden, und England werde unter solchen Umstnden wohl auch nicht ruhig bleiben. Die jetzt schwebenden Streitfragen stnden zu dieser Gefahr in keinem Verhltnis. Es knne nicht der Sinn des Bndnisvertrages sein, da wir, ohne da Lebensinteressen des Verbndeten bedroht seien, fr eine Laune des Verbndeten in einen Kampf auf Leben und Tod gehen mten. Wenn sich allerdings zeigen sollte, da die andere Seite einen Angriff beabsichtige, dann werde man jede Gefahr auf sich nehmen mssen. Dieser ruhige und feste Standpunkt, der allein den Frieden erhalten konnte, war fr die deutsche Politik auch in der weiteren Entwicklung magebend. Er wurde durchgehalten sowohl gegenber einem starken russischen Druck wie auch gegenber anders gerichteten Tendenzen und vorbergehenden Verstimmungen in Wien. Ruland suchte in Berlin mit Drohungen zu wirken. So sagte mir am 18. November der erste Sekretr der russischen Botschaft, Herr Botkin, den Serben knne der Zugang zur Adria unmglich verweigert werden; wenn sterreich-Ungarn sich dagegenstelle, werde Ruland in Rcksicht auf seine ffentliche Meinung gezwungen sein, einzugreifen, und das bedeute den Weltkrieg. Zwei Tage spter hatte ich den Besuch des Herrn Davydoff, frher Chef der russischen Reichsrentei und rechte Hand des Herrn Kokowzoff, jetzt Prsident der Russischen Bank fr auswrtigen Handel. Er kam aus Paris, wo er eine Anleihe zugunsten von Bulgarien durchgesetzt hatte. Er erzhlte mir viel von dem groen wirtschaftlichen und finanziellen Aufschwung Rulands; allein in Deutschland habe Ruland jetzt Guthaben in Hhe von 700 Millionen Mark. Dann sprach er ber die politische Lage und fragte mich, ob ich glaube, da es wegen der serbischen Aspirationen zum europischen Krieg kommen werde. Ich antwortete, das msse er besser wissen als ich, denn die Entscheidung liege bei Ruland. Er entgegnete, Deutschland msse sterreich zur Vernunft bringen; wenn die Lage sich weiter zuspitze, msse er sich als Finanzmann mit seiner Verantwortlichkeit abfinden und sich fragen, ob es richtig sei, so viel Geld im Ausland stehenzulassen. -- Also ein deutlicher Wink, da uns im Falle einer weiteren Komplikation die russischen Millionen abgezogen werden wrden, deren Hhe Davydoff brigens betrchtlich bertrieben hat. Ich stellte damals fest, da die Deutsche Bank an Ruland weit grere Forderungen hatte, als umgekehrt Ruland bei ihr an Guthaben verfgte. Die Summe der russischen Guthaben bei smtlichen deutschen Banken war zweifellos erheblich geringer als die von Davydoff genannte Ziffer, und von dieser geringeren Summe waren die sehr erheblichen kurzfristigen deutschen Forderungen an Ruland abzusetzen. Die deutsche Politik lie sich durch solche Bluffversuche nicht beirren. In Wien war man mit der deutschen Untersttzung keineswegs ganz zufrieden. Gegenber den beunruhigenden Gerchten ber ein sterreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien, bevorstehende sterreichisch-ungarische Mobilmachung usw., die von Wien aufflatterten, brachte die Norddeutsche Allgemeine Zeitung am 26. November ein energisches Dementi, dem ein Zusatz beigefgt war, die Mchte seien sich einig, die albanische und adriatische Frage erst im Verein mit den andern aus den Vorgngen am Balkan entstandenen Fragen zu diskutieren und zu regeln. Das war die gleiche Richtlinie, wie sie Asquith in seiner Guildhall-Rede verkndigt hatte. In Wien war man ber die ausdrckliche Festlegung dieses Standpunktes in dem offizisen Organ der deutschen Regierung nicht sehr erfreut. Das Echo in den Wiener offizisen Blttern war, die k.u.k. Regierung behalte vllige Freiheit in der Wahl des Zeitpunktes, der ihr zur Regelung der albanischen und adriatischen Frage gut scheine. Kiderlen sagte mir am nchsten Abend: Graf Berchtold wisse nie, was er wolle. Die Wiener Regierung knne sich nicht entschlieen, die Besetzung Albaniens und der adriatischen Hfen durch Serbien zu verhindern; sie knne sich aber auch nicht dazu entschlieen, klar zu sagen, da die Regelung dieser Fragen fr spter vorbehalten bleiben solle. Wir seien bereit, uns hinter sterreich-Ungarn zu stellen; aber gerade deshalb htten wir ein Recht, zu hren, was die Wiener eigentlich wollten. Er frchte sich nicht vor dem Krieg; aber gerade fr diesen Fall sei es ein enormer Vorteil, England drauen zu halten. Diese Mglichkeit sei nicht ausgeschlossen; er wisse darber mehr als die Wiener und mehr, als er diesen sagen knne. Ein Vergngen sei es nicht, an seiner Stelle zu stehen. Gott sei Dank habe er die ntigen Nerven, um die Partie durchzuhalten. Wenige Wochen spter, am 30. Dezember 1912, erlag Kiderlen einem Schlaganfall. Die deutsche Diplomatie verlor mit ihm ihre strkste Kraft. Im Januar wurde zwischen den Balkanstaaten und der Trkei ein Waffenstillstand abgeschlossen. In London wurde unter Mitwirkung der Botschafter der Gromchte ber den Frieden verhandelt, sehr zum rger Poincars, der die Friedenskonferenz gern unter seinem Vorsitz in Paris gehabt htte und nun darauf bestand, da die mit dem Balkanfrieden zusammenhngenden finanziellen und wirtschaftlichen Fragen in einer Sonderkonferenz in Paris behandelt wrden. Diese Sonderkonferenz, zu der ich wegen meiner Vertrautheit mit den trkischen Finanz- und Eisenbahnfragen von der deutschen Regierung neben dem Pariser Botschaftsrat Freiherrn von der Lancken und den Herren Dr.Schwabach und Generalkonsul a.D. Pritsch, dem deutschen Delegierten bei der trkischen Staatsschuldenverwaltung, als Vertreter entsandt wurde, ist im Frhjahr 1913 zusammengetreten. Inzwischen spitzte sich der Gegensatz zwischen sterreich-Ungarn einerseits, Serbien und Ruland andrerseits in der albanesischen Frage weiter zu. Serbien verlangte groe Teile rein albanesischen Gebiets; sterreich-Ungarn setzte diesen Forderungen den strksten Widerstand entgegen. Ich war mit meinem Kollegen von Gwinner am 31. Januar und 1. Februar 1913 zu wichtigen Verhandlungen ber die Orientbahnen, fr die sich die sterreichisch-ungarische Regierung interessierte, in Wien. Der Staatssekretr von Jagow, den wir vor der Abreise besuchten, hatte uns auf den Weg gegeben: Sagen Sie den Herren am Ballplatz, da uns hier die albanesische Sache einige Sorge macht. Ich hatte zunchst Gelegenheit, mit dem Sektionschef im Auswrtigen Ministerium, Grafen Wyckenburg, ber diese Dinge zu sprechen. Er sagte mir, die groe Gefahr halte er eigentlich fr berwunden, aber sterreich-Ungarn msse jetzt in den sehr wichtigen Einzelheiten durchhalten. Man brauche Albanien als Damm gegen die wachsende sdslawische Hochflut. Der Damm msse so ausgestattet werden, da er stehen knne. Das gelte namentlich auch fr die Abgrenzungsfrage; aber gerade hier mache Ruland die rgerlichsten Schwierigkeiten und lasse sich jeden Fubreit albanesischen Bodens abntigen und abringen. Das msse eben durchgefochten werden. Ich uerte meine Zweifel an dem Wert des albanesischen Damms. Die Albanesen unterschieden sich nach meiner Kenntnis von den andern Vlkern dadurch, da das Wort des Aristoteles, der Mensch sei ein zoon politikon, auf sie nicht zutreffe; sie htten niemals staatsbildende Kraft bewiesen, und ich knne die Besorgnis nicht loswerden, da ein albanesischer Staat fr seine Vter keine Sicherung, sondern eine Quelle von Unruhen und Sorgen sein werde. Mit dem Grafen Berchtold hatte ich am 31. Januar nach einem Frhstck bei dem Gouverneur der k.u.k. Bodenkreditanstalt, Herrn Sieghard, eine Unterhaltung, die folgendermaen verlief: Graf Berchtold fragte mich ziemlich unvermittelt, was man in Deutschland eigentlich ber die Situation denke, und ob man, wie es den Anschein habe, wirklich unter allen Umstnden den Frieden durchhalten wolle. Ich antwortete, nach meiner berzeugung wollten in Deutschland alle verantwortlichen Leute ernsthaft den Frieden. Graf Berchtold entgegnete, mit einem sehr ernsten Hinweis auf die immer strkere Zuspitzung der Gefahr, die der Monarchie und damit dem Deutschtum vom Sdosten her drohe: er besorge, da auf die Dauer die groe Auseinandersetzung zwischen Germanen und Slawen sich nicht werde vermeiden lassen. Ich erinnerte an Bismarcks Wort, da man der Vorsehung nicht in die Karten sehen knne; aber auch wenn eine solche Auseinandersetzung sich als unvermeidlich erweisen sollte, so sei nach meiner Ansicht jedes Jahr, in dem der Friede erhalten bleibe, fr Deutschland gewonnen, das fortgesetzt an Bevlkerung, wie an wirtschaftlicher und finanzieller Kraft zunehme. Es ist mir bei dieser Unterhaltung vllig klargeworden, wie sehr die groserbischen Bestrebungen in der Auffassung der Staatsmnner unseres sterreichisch-ungarischen Verbndeten sich zu einer Lebensgefahr fr die Monarchie zugespitzt hatten. Zwar ist bald darauf, im Mrz 1913, der akute Konflikt zwischen sterreich-Ungarn und Ruland beigelegt worden. Aber ich konnte in dieser Beilegung nur eine Atempause sehen. Ich habe seit jener Zeit die Vorgnge auf dem Balkan mit verdoppelter Sorge beobachtet, in der berzeugung, da die Beziehungen zwischen sterreich-Ungarn und Serbien einer neuen starken Belastung nicht gewachsen seien und da bei der Haltung Rulands jeder sterreichisch-serbische Konflikt die eminente Gefahr des Weltkriegs unmittelbar heraufbeschwren wrde. Meine Wahrnehmungen bei der Pariser Konferenz zur Regelung der aus dem Balkankrieg erwachsenen finanziellen Fragen bestrkten diese berzeugung. Die Konferenz bertrug mir den Vorsitz der Kommission, die ber die bernahme eines Teiles der trkischen Staatsschuld durch die Balkanstaaten, denen im Londoner Prliminarfrieden der grte Teil der europischen Trkei zugesprochen worden war, beraten sollte. Ich hatte Gelegenheit, zu beobachten, bis zu welchem Grade der berhebung und Herausforderung die kriegerischen Erfolge gegen die Trkei die serbischen Gemter erhitzt hatten, wie der russische Botschafter Iswolski nicht nur die Vertreter der Balkanstaaten dirigierte und aufreizte, sondern auch die franzsischen Vertreter an der Leine hielt. An einer gerechten Lsung gerade der in meiner Kommission zu entscheidenden Fragen war Frankreich, als weitaus grter Glubiger der Trkei, weitaus am strksten interessiert. Aber die franzsische Regierung und ihre Vertreter stellten selbst diese groen Interessen zurck, um nicht mit Ruland in Differenzen zu kommen. Der englische Vertreter, Sir Paul Harvey, der Berichterstatter in meiner Kommission war, verhielt sich sachlich und loyal. Dagegen erwies sich die italienische Vertretung, die hauptschlich durch Herrn Volpi, den Unterhndler des Friedens von Lausanne, geleitet wurde, als unzuverlssig und hinterhltig und als stets geneigt, mit Serbien, Montenegro und Ruland gemeinschaftliche Sache zu machen. Alles in allem wuchs bei mir in jenen Monaten die Gewiheit, da Ruland die Balkanstaaten in ihrer Begehrlichkeit nicht nur untersttzte, sondern anstachelte und damit den Herd der Weltkriegsgefahr fortgesetzt anheizte; da Frankreich gelegentlich mit ins Feuer blies und jedenfalls sich von Ruland unter keinen Umstnden trennen wollte, auch wenn groe eigne Interessen auf dem Spiele standen; da England in uerlich korrekter, aber undurchsichtiger Haltung abwartete; da auf Italien trotz der mit sterreich-Ungarn ber Albanien erzielten Einigung, die brigens sofort Sprnge und Risse zeigte, keinerlei Verla war. Ein positives Ergebnis hatte die Pariser Konferenz nicht. Ehe sie ihre Beratungen dem Abschlu nahebringen konnte, fhrten die Streitigkeiten zwischen Bulgarien einerseits, Serbien und Griechenland andererseits ber die Verteilung des von der Trkei nach dem Londoner Prliminarfrieden abzutretenden Gebiets zu dem zweiten Balkankrieg. Rumnien griff gegen Bulgarien ein. Die Trkei stie unter Fhrung Envers nach Adrianopel vor. In kurzer Zeit sah sich Bulgarien gentigt, die Waffen zu strecken. Der Bukarester Friede lie Bulgarien nur einen geringen Teil des ihm ursprnglich zugedachten Landgewinnes und nahm ihm zugunsten Rumniens einen Teil der Sd-Dobrudscha, whrend Griechenland und vor allem Serbien eine gewaltige Vergrerung erfuhren. Die sterreichisch-ungarische Diplomatie, die Serbien nicht zu gro werden lassen und sich in dem allerdings stark geschwchten Bulgarien ein Gegengewicht gegen Serbien sichern wollte, verlangte zugunsten Bulgariens eine Revision des Bukarester Friedens. Sie setzte sich dabei ber die Tatsache hinaus, da Bulgarien ein Jahr zuvor -- trotz der Untersttzung, die es an sterreich-Ungarn bei seiner Unabhngigkeitserklrung erfahren hatte -- jenen Vertrag mit Serbien abgeschlossen hatte, der letzterem auch gegenber sterreich-Ungarn Waffenhilfe zusagte. Sie stellte ferner nicht gengend in Rechnung, da angesichts der hervorragenden Beteiligung Rumniens an dem Bukarester Frieden ein solcher Einspruch Rumnien vor den Kopf stoen und die ohnedies starken entente-freundlichen Bestrebungen in Rumnien noch frdern und begnstigen mute. Die deutsche Politik trat in sichtbarem Gegensatz zur sterreichisch-ungarischen fr die Aufrechterhaltung des Bukarester Friedens ein, in der Absicht, die beiden nichtslawischen Balkanstaaten, Rumnien und Griechenland, fr die Mittelmchte gnstig zu stimmen. sterreich-Ungarn zog angesichts der Haltung Deutschlands verstimmt und grollend sein Verlangen nach Revision des Bukarester Friedens zurck. Die groserbische Gefahr blieb fr sterreich-Ungarn nach dem zweiten Balkankrieg nicht nur in vollem Umfang bestehen, sie war vielmehr grer geworden als je zuvor. Das auf nahezu das Doppelte seines bisherigen Umfangs vergrerte Serbien war weit entfernt, gesttigt zu sein; im Gegenteil, mit dem durch seine kriegerischen Leistungen und Erfolge gesteigerten Selbstbewutsein wandte es seine Augen nun erst recht gegen Westen, und lauter denn je verkndigte die groserbische Propaganda als ihr der Verwirklichung nahes Ziel die Angliederung der sdslawischen Gebiete sterreich-Ungarns. Dazu kam, da die vorbergehende Besserung des Verhltnisses zwischen sterreich-Ungarn und Italien nicht standhielt. Das autonome Albanien wurde ein neuer Zankapfel. Zwar einigte man sich auf die Person des Prinzen zu Wied als Frsten des neugeschaffenen Staatswesens. Aber schon bei den Verhandlungen ber die Beschaffung eines ersten Kredits fr das neue Frstentum, die ich auf Wunsch des Frsten unmittelbar vor dessen Abreise nach Durazzo mit einer sterreichisch-ungarischen und einer italienischen Bankengruppe fhrte, mute ich mich von der Eifersucht und dem Mitrauen berzeugen, das beide Teile gegeneinander hegten. Der weitere, sich immer unglcklicher gestaltende Verlauf der albanischen Angelegenheit machte die whrend des Tripoliskriegs und des ersten Balkankriegs so mhsam erreichte Wiederannherung Italiens an die beiden Zentralmchte zunichte. So hinterlieen die Balkankriege eine beklemmende, gewitterschwangere Atmosphre. Die letzten Verstndigungsversuche Um die Gefahren, die dem Weltfrieden drohten, nach Mglichkeit zu beschwren, setzte die deutsche Politik mit verdoppeltem Nachdruck ihre Bemhungen fort, das Verhltnis Deutschlands mit den Westmchten durch die Verstndigung in wichtigen Einzelfragen und die Liquidation alter Streitpunkte zu verbessern. Man hoffte, auf diese Weise gegenber der fortdauernden Drohung im Sdosten eine Friedenssicherung schaffen zu knnen. Insbesondere schpfte man aus Englands Verhalten whrend des Balkankriegs die Hoffnung, da es auf dem Wege der Verstndigung ber Einzelfragen gelingen knne, das britische Mitrauen gegen Deutschland zu beseitigen und -- unbeschadet allen wirtschaftlichen Wettbewerbs -- eine Interessengemeinschaft zwischen England und Deutschland an der Erhaltung des Weltfriedens zu schaffen. Man konnte ber die Mglichkeit, ein solches Ziel zu erreichen, zuversichtlich oder skeptisch denken -- ich bin auch heute noch der Ansicht, da der ehrliche Versuch unter allen Umstnden gemacht werden mute, durch eine Verstndigung ber konkrete Fragen mit derjenigen Macht, die das Schicksal des Weltfriedens mehr denn irgendeine andere in ihren Hnden hielt, der drohenden Weltkatastrophe entgegenzuwirken. Schon um denjenigen Elementen in England, die getreu den Traditionen der alten Gewaltpolitik auf die Zerschmetterung der strksten Kontinentalmacht und des strksten Rivalen in der Weltwirtschaft und in der Seegeltung ausgingen, nach jeder Mglichkeit die Arbeit zu erschweren und ihr Kriegsvorwnde, die der britischen und internationalen Meinung einleuchten konnten, zu nehmen. Es sind zwei groe Fragenkomplexe, in denen mit England damals eine Verstndigung versucht und bis zum Ausbruch des Weltkriegs auch materiell erreicht wurde: die afrikanischen Kolonialfragen und die vorderasiatischen Wirtschafts- und Eisenbahnfragen. Die Verstndigung mit England ber die afrikanischen Kolonialfragen Die Abmachungen ber die afrikanischen Kolonialfragen sind mir, da ich bei den Verhandlungen selbst nicht beteiligt war, nur in groen Umrissen bekanntgeworden. Es handelte sich namentlich um eine Verstndigung ber die Liquidation des portugiesischen Kolonialbesitzes, die angesichts des politischen, militrischen, wirtschaftlichen und finanziellen Unvermgens des portugiesischen Stammlandes, einen groen Kolonialbesitz zu halten und zu entwickeln, in naher Zeit sich als notwendig herausstellen mute, sobald England davon Abstand nahm, die portugiesische Kolonialherrlichkeit knstlich zu sttzen. In Wirklichkeit war die portugiesische Kolonialherrschaft kaum mehr als eine Scheinherrschaft. Weite Gebiete waren nur auf der Karte portugiesisch, in Wirklichkeit aber weder unterworfen noch erschlossen. Wo eine wirkliche Herrschaft ausgebt wurde, da war es zumeist das britische Kapital, das unter dem durchsichtigen Deckmantel der portugiesischen Flagge die Macht in der Hand hatte. Schon im Jahre 1898, in jener frheren Zeit der deutsch-englischen Annherungsversuche, war zwischen den beiderseitigen Regierungen ein Geheimabkommen ber die portugiesischen Kolonien fr den infolge der portugiesischen Finanznot als nahe bevorstehend erachteten Fall der Liquidation des portugiesischen Kolonialreichs abgeschlossen worden. Dieses Abkommen war niemals wirksam geworden, weil England, das in der Lage war, Portugal bei der Erhaltung seines Kolonialreichs wirksam zu helfen, den Eintritt der Eventualitt, fr die es abgeschlossen war, verhinderte. England hatte sogar im Jahre 1899 mit Portugal einen Geheimvertrag, den sogenannten Windsor-Vertrag, abgeschlossen, in dem sich die beiden Mchte gegenseitig die Erhaltung ihres Besitzstandes zusagten. Der Windsor-Vertrag wurde der deutschen Regierung erst dreizehn Jahre nach seinem Abschlu mitgeteilt, als nach den Haldaneschen Besprechungen die kolonialen Verhandlungen wiederaufgenommen wurden. Knig EdwardVII. hat gleich nach seiner Thronbesteigung einen sichtbaren Strich durch jenes vor seiner Zeit abgeschlossene Abkommen von 1898 gemacht. Seinen ersten Besuch nach seiner Thronbesteigung stattete er dem portugiesischen Hofe ab, und bei dieser Gelegenheit hielt er eine Ansprache, in der er die unangetastete Aufrechterhaltung der beiderseitigen Kolonien als den Gegenstand seiner teuersten Wnsche und Bestrebungen bezeichnete. Inzwischen war Knig EdwardVII. gestorben, und Portugal war Republik geworden. Durch die Vertreibung des portugiesischen Knigshauses waren fr die englische Politik gewisse Rcksichten persnlicher Natur in Wegfall gekommen. Die revolutionren Wirren hatten die Fhigkeit Portugals, auch nur eine Scheinherrschaft ber seine Kolonien zu erhalten, noch strker in Frage gestellt. Es schien also die Mglichkeit gegeben, jetzt zu einer wirksamen Verstndigung zu kommen. Die britische Regierung erkannte das Bedrfnis nach kolonialer Ausdehnung und Bettigung fr Deutschland an. Sie zeigte sich bereit, im wesentlichen das portugiesische Ostafrika von der Grenze des deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiets bis zum Sambesi und in Westafrika den greren Teil des portugiesischen Angola als deutsches Interessengebiet anzuerkennen. Eine wirtschaftliche Bettigung Deutschlands in jenen Gebieten sollte deren spteren frmlichen bergang in deutschen Besitz vorbereiten. Die britische Regierung wollte also einer solchen wirtschaftlichen Durchdringung durch deutsche Unternehmungen nicht entgegen sein, sondern sie in freundschaftlicher Weise frdern. Auf Grund dieses Einverstndnisses haben in den Jahren 1913/14 Verhandlungen stattgefunden, die wichtige Unternehmungen in den Deutschland zugedachten Gebieten in deutsche Hand berfhren sollten. So habe ich fr ein Konsortium deutscher Banken und berseehuser mit einer englischen Gruppe Abmachungen getroffen, durch die wir eine kontrollierende Beteiligung an der Nyassa-Kompagnie, einer mit wichtigen Hoheitsrechten ber das sdlich an Deutsch-Ostafrika angrenzende Gebiet ausgestatteten Gesellschaft, erwarben. Die Verhandlungen haben mit Wissen und unter Frderung der britischen Regierung stattgefunden. hnliche Verhandlungen waren, als der Weltkrieg ausbrach, im Zug hinsichtlich der Benguella-Eisenbahn, der krzesten Verbindung zwischen der afrikanischen Westkste und dem wichtigen Minengebiet von Katanga im belgischen Kongostaat; desgleichen hinsichtlich der Eisenbahnen, die von den portugiesischen Hfen von Port Alexander und der Tigerbai aus den nrdlichen Teil unseres sdwestafrikanischen Schutzgebiets zu erschlieen geeignet sind. Auch diese Verhandlungen, die beim Ausbruch des Weltkriegs noch nicht zum Abschlu gekommen waren, wurden von der britischen Regierung auf Grund des mit der deutschen Regierung erzielten kolonialen Einverstndnisses untersttzt. Mr. Robert Williams, der von englischer Seite die Verhandlungen ber die deutsche Beteiligung an der Benguellabahn fhrte, sagte darber am 2. Februar 1915 in einer Generalversammlung der Tanganyika Concessions Ltd., die bis dahin die Kontrolle ber die Benguella-Eisenbahn besa: Sir Edward Grey, der im Jahre 1912 hierber befragt wurde, antwortete, da die Frage der Heranziehung fremden Kapitals eine solche sei, in der die Gesellschaft die Freiheit der Entscheidung habe; aber falls sie sich zur Heranziehung fremden Kapitals entscheiden sollte, dann gebe er den Rat, da sie sich an deutsches Kapital wenden mchte. Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn War in den afrikanischen Kolonialfragen das Ziel, sich gegenseitig guten Willen zu zeigen und knftigen Reibungen vorzubeugen, so hatten die Verhandlungen ber die vorderasiatischen Fragen die Aufgabe, einen alten Reibungspunkt zu beseitigen und die Formen fr ein friedliches Nebeneinanderarbeiten zu finden. Die Angelegenheit der Bagdadbahn, die im Mittelpunkt jener vorderasiatischen Fragen stand, hatte seit lnger als einem Jahrzehnt in den deutsch-englischen Beziehungen eine wichtige Rolle gespielt, wichtiger allerdings in der Vorstellung der Englnder als in derjenigen der Deutschen. Die in der Frage der Bagdadbahn zutagegetretenen Meinungsverschiedenheiten sind von der britischen Regierung stets mit einem Ernst und einem Nachdruck behandelt worden, wie kaum ein anderer zwischen England und Deutschland streitiger Gegenstand auer der Flottenfrage. Da sich an der Frage der Bagdadbahn von Anfang an auch Frankreich und Ruland erheblich interessierten, machte diese Frage zu einem besonders verwickelten Problem der internationalen Politik. Nachdem Ruland durch die Potsdamer Abmachungen von 1910 sich an der Bagdadbahn desinteressiert und Deutschland freie Hand gegeben hatte, erschien der Versuch, auch mit Frankreich und namentlich mit England zu einer Verstndigung zu kommen, nicht nur zur Frderung des Ausbaus dieses wichtigen Unternehmens geboten, sondern auch zur Entlastung der Beziehungen Deutschlands zu den Westmchten und damit zur Sicherung des Weltfriedens. Der Verstndigungsversuch hatte eine lange und wechselvolle Vorgeschichte. Als gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts deutscher Unternehmungsgeist und deutsches Kapital sich fr die Trkei zu interessieren begann, fanden die deutschen Bestrebungen bei England Ermunterung, whrend sie bei Frankreich und Ruland auf Mitrauen und Gegnerschaft stieen. Frankreich betrachtete damals die Trkei finanziell und wirtschaftlich als seine Domne; das Auftauchen eines neuen Wettbewerbers, und gerade Deutschlands als des neuen Wettbewerbers, wurde deshalb nicht gern gesehen. Ruland, das auf den Zerfall der Trkei wartete und fr sich den Lwenanteil an der Erbschaft des kranken Mannes erhoffte, war von vornherein jeder Entwicklung abhold, die neue Interessen an der Erhaltung der Trkei zu schaffen und das Osmanische Reich innerlich zu krftigen geeignet war. England dagegen, das im Jahre 1878 die Trkei vor der Zertrmmerung gerettet hatte, betrachtete auch damals noch die Trkei als ein wichtiges Bollwerk gegen die russischen Ausdehnungsbestrebungen, das weder von Ruland zerstrt, noch von Frankreich unter seine ausschlieliche finanzielle und wirtschaftliche Kontrolle gebracht werden drfe. Da der britische Unternehmungsgeist und das britische Kapital durch die groen Aufgaben innerhalb des britischen Weltreichs selbst in jenen Jahren vollauf in Anspruch genommen waren und wenig Neigung zu einer verstrkten Bettigung in der Trkei zeigten, ja sogar an das franzsische Kapital sichtlich Boden verloren, war der britischen Regierung das neue deutsche Interesse fr die Trkei durchaus erwnscht. Seine Frderung pate angesichts des damaligen freundschaftlichen Verhltnisses Englands zum Dreibund in den Rahmen der britischen Gesamtpolitik. Nachdem im Jahre 1888 eine unter Fhrung der Deutschen Bank stehende deutsche Finanzgruppe die Konzession fr den Bau und Betrieb einer Eisenbahn von Haidar-Pascha (Vorstadt von Konstantinopel auf dem asiatischen Ufer) nach Angora erhalten hatte, beteiligte sich an der zur Durchfhrung der Konzession errichteten Gesellschaft, der Anatolischen Eisenbahngesellschaft, neben deutschem, sterreichischem und italienischem Kapital auch englisches Kapital, allerdings nur mit einer bescheidenen Quote, die auch bald wieder abgestoen wurde. Die Bahn nach Angora wurde in wenigen Jahren vollendet und alsbald durch eine Linie von Eskischehir nach Konia ergnzt. Im Jahre 1896 wurde auch diese Linie in Betrieb genommen. Das neue Eisenbahnnetz, eine Streckenlnge von mehr als 1000km umfassend, erschlo, im Gegensatz zu den unter franzsischer und englischer Fhrung bisher erbauten kurzen Stichbahnen im westlichen Kleinasien und in Syrien, das Innere des anatolischen Hochlandes, das im Altertum durch seine Fruchtbarkeit und seinen Erzreichtum berhmt war und jetzt seiner Erweckung aus vielhundertjhrigem tiefem Verfall wartete. Als Frankreich sah, da Deutschland sich in der Verfolgung des neugesteckten Zieles nicht irremachen lie und da Deutschland, das immer noch als armes Land galt, auch die fr die Durchfhrung seiner Plne erforderlichen Mittel aufzubringen in der Lage war, fand es sich mit den vollendeten Tatsachen ab. Es bildete sich zwischen den deutschen und den franzsischen Interessenten in der Trkei allmhlich ein modus vivendi heraus, der zwar nicht ausschlo, da man sich in einzelnen Geschften gelegentlich scharf befehdete, der aber auf der andern Seite in wichtigen Fllen zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen und einer Zusammenarbeit fhrte. Die einsichtigsten Vertreter Frankreichs, vor allem M. Constans, der seit 1899 lange Jahre hindurch als franzsischer Botschafter in Konstantinopel ttig war, rangen sich durch das Gestrpp nationaler Vorurteile zu der von deutscher Seite stets vertretenen berzeugung hindurch, da Frankreichs und Deutschlands Interessen in der Trkei in den wesentlichsten Punkten -- Erhaltung der trkischen Unabhngigkeit, finanzielle und wirtschaftliche Krftigung der Trkei -- bereinstimmten und eine loyale Zusammenarbeit notwendig machten. Dagegen wurde im Laufe der neunziger Jahre Englands anfangs so warmes Interesse fr die deutsche Bettigung in der Trkei -- im Einklang mit dem gesamtpolitischen Verhltnis -- immer khler. Nur einmal noch, unter der Einwirkung der Zuspitzung des britisch-franzsischen Verhltnisses im Jahre 1898 (Faschoda) und in der von Ruland in seiner vorderasiatischen Politik ausgenutzten Bedrngnis der ersten Periode des Burenkriegs, also zu der Zeit der Chamberlainschen Bestrebungen zur Schaffung einer deutsch-englisch-amerikanischen Entente, schien sich ein neues deutsch-englisches Zusammengehen auch in den vorderasiatischen Eisenbahnfragen ermglichen zu lassen. In jener Zeit gewann das Projekt der Bagdadbahn zum erstenmal greifbare Gestalt. Jene groe Transversallinie, die Konstantinopel quer durch Kleinasien und Mesopotamien mit dem Persischen Golf verbinden sollte, ist nicht nur der gegebene Hauptstrang des gesamten Eisenbahnnetzes der asiatischen Trkei und damit fr das Osmanische Reich die strategisch und wirtschaftlich wichtigste Eisenbahn, sondern sie hat auch als die krzeste Verbindung zwischen Europa und Indien alle Aussicht, eine Weltlinie ersten Ranges zu werden. Es ist daher begreiflich, da der Plan der Bagdadbahn schon seit Jahrzehnten fortgesetzt errtert und von den verschiedensten Finanzgruppen mit der trkischen Regierung verhandelt worden war. Wenn bisher alle diese Errterungen und Verhandlungen ohne Ergebnis geblieben waren, so lag das einmal an den finanziellen Schwierigkeiten des Projekts: seine Durchfhrung erforderte Hunderte von Millionen, eine privatwirtschaftliche Rentabilitt war fr lange Jahre nicht zu erwarten, fr eine staatliche Garantie fehlten der Trkei die Mittel; ferner an einer politischen Schwierigkeit: der uerst mitrauische Sultan Abdul Hamid wollte, so brennend er sich fr den Plan der Bagdadbahn interessierte, den Bau und Betrieb dieser wichtigsten aller trkischen Eisenbahnen nicht in Hnde legen, von deren Loyalitt und Zuverlssigkeit gegenber der Trkei er nicht unbedingt berzeugt war. Gegen Ende der neunziger Jahre schien sich die Mglichkeit zur berwindung jener Schwierigkeiten zu bieten. Die anatolische Linie stellte einen vielversprechenden Anfang dar. Die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung der Trkei ermglichte die Schaffung neuer Einnahmequellen, die als Grundlage der Finanzierung der Bagdadbahn verwendet werden konnten. Und in Deutschland, das keinerlei territoriale Ziele in der Trkei verfolgte, das vielmehr durch seine eigensten Interessen gentigt war, fr die Aufrechterhaltung der Unabhngigkeit und der Integritt der Trkei einzutreten, hatte der Sultan hinreichendes Vertrauen gewonnen, um das groe Werk in deutsche Hnde zu legen. Die deutsche Regierung, an die sich der Sultan mit dem immer wiederholten und dringenden Ersuchen um Frderung des Planes wandte, sah hier die Mglichkeit zu einer bedeutungsvollen Ausweitung der wirtschaftlichen Weltstellung Deutschlands und zeigte sich deshalb gern bereit, den trkischen Wnschen zu entsprechen. Die deutsche Finanzgruppe, die das anatolische Netz geschaffen hatte, stellte sich fr das groe Unternehmen zur Verfgung. Man war sich bei uns von Anfang an darber klar, da eine rasche Durchfhrung des groen Unternehmens nur auf internationaler Grundlage mglich sei. Der Umfang der fr den Bau einer Streckenlnge von etwa 2500km erforderlichen Kapitalien, die Notwendigkeit der Zustimmung der europischen Gromchte zur Schaffung der fr die Finanzierung des Unternehmens erforderlichen neuen trkischen Staatseinnahmen, die internationale Bedeutung der neuen Weltlinie, namentlich fr den Verkehr mit Britisch-Indien, schlielich die weitgehende Abhngigkeit des Schicksals des Unternehmens von der politischen Haltung der einzelnen Gromchte -- das alles mute den Versuch nahelegen, nicht nur die Zustimmung, sondern auch die Mitwirkung der nchstinteressierten Gromchte und ihrer Finanzkreise an dem Unternehmen zu gewinnen. Die Bemhungen nach dieser Richtung hin fhrten zunchst hinsichtlich Frankreichs zu einem Erfolg. Zwischen der Gruppe der Deutschen Bank und der franzsischen Gruppe der Ottomanischen Bank kam im Mai 1899 unter Mitwirkung der beiderseitigen Botschafter in Konstantinopel, des Baron Marschall und des Herrn Constans, ein grundstzliches Einvernehmen ber ein Zusammengehen in Sachen der Bagdadbahn zustande. Auch mit England lieen sich die Verhandlungen zunchst gnstig an. Als im November 1899 der Kaiser WilhelmII. mit dem Reichskanzler zum Besuch bei der Knigin von England in Windsor weilte, uerte sich Chamberlain in dem Sinne, da ihm eine englische Beteiligung an den deutschen Eisenbahnunternehmungen in Vorderasien erwnscht sei; es sei ihm lieber, die Deutschen in Kleinasien zu sehen, als die Russen und Franzosen. Aber es blieb bei dieser Bekundung eines politischen guten Willens; die Versuche, eine englische Finanzgruppe fr eine positive Mitwirkung zu gewinnen, verliefen ergebnislos. Als nach Erteilung einer Vorkonzession fr die Bagdadbahn (Dezember 1899) die Versuche, eine finanzielle Mitwirkung Englands zu sichern, wiederaufgenommen wurden, zeigte sich in England eine verstrkte Zurckhaltung. Im Februar 1901 hatte der Leiter des Bagdadunternehmens, der Direktor der Deutschen Bank Dr.Georg von Siemens, im Londoner Foreign Office eine Besprechung, an der von englischer Seite der Unterstaatssekretr im Foreign Office, Mr. Sanderson, und der britische Botschafter in Konstantinopel, Sir Nicolas O'Conor, teilnahmen. Es handelte sich damals vor allem darum, festzustellen, ob mit Englands Zustimmung zu der fr die Finanzierung des Bagdadprojekts erforderlichen Erhhung der trkischen Eingangszlle gerechnet werden knne. Die englischen Herren uerten nur unter Vorbehalten ihre persnliche Meinung, die darauf hinauskam, da England eine Zustimmung zu der ins Auge gefaten trkischen Zollerhhung nur in Erwgung ziehen knne, wenn vorher ein ausreichendes britisches Interesse an dem geplanten Unternehmen der Bagdadbahn geschaffen worden sei. Ein solches britisches Interesse zu schaffen, berlieen sie der deutschen Gruppe, ohne diese auch nur durch eine Andeutung zu untersttzen, nach welcher Richtung sie sich zweckmigerweise zu bemhen habe. Dr.von Siemens reiste unverrichtetersache nach Berlin zurck. Die Folgezeit brachte, im Einklang mit der britischen Gesamtpolitik, eine immer deutlicher betonte Feindseligkeit Englands gegenber dem Bagdadprojekt. England legte den trkischen Zollerhhungen Schwierigkeiten in den Weg und warf die Streitfrage von Koweit auf. Koweit ist eine kleine Stadt am Nordufer des Persischen Golfs; sein Hafen galt als der weitaus beste in jener Gegend und als der natrliche Endpunkt einer von Bagdad her an den Golf heranfhrenden Eisenbahn. Die britisch-indische Regierung hatte vor lngerer Zeit mit dem Scheich von Koweit Vertrge abgeschlossen, deren Inhalt niemals genauer bekanntgeworden ist. Auf Grund dieser Vertrge beanspruchte England fr sich zwar nicht ein Protektorat ber Koweit, aber immerhin eine nicht genauer definierte Sonderstellung, whrend die Pforte an ihrer Souvernitt ber Koweit festhielt. Als im Herbst 1901 die Trken aus Anla eines Aufstandes Truppen in Koweit landen wollten, wurden sie durch britische Kriegsschiffe daran verhindert. Im Anschlu an diesen Vorgang teilte die britische Regierung der trkischen mit, da sie unter Voraussetzung der Respektierung des -- immer nicht genauer definierten -- status quo durch die Trken ihrerseits davon Abstand nehmen wolle, Koweit zu besetzen und ein Protektorat zu erklren. Dabei ist es geblieben. Von deutscher Seite suchte man den Schwierigkeiten der Koweitfrage Rechnung zu tragen, indem man sich damit abfand, da in der Anfang Mrz 1903 erteilten endgltigen Bau- und Betriebskonzession fr die Bagdadbahn der Endpunkt der Bahn am Persischen Golf nicht festgesetzt, sondern fr eine sptere Verstndigung offengehalten wurde. Trotz dieses Entgegenkommens und trotz der Geneigtheit Deutschlands, sich auch in den andern fr England wichtigen Punkten mit der britischen Regierung zu verstndigen, lehnte die britische Regierung endgltig jede englische Mitwirkung ab. Balfour, der am 8. April 1903 im Unterhaus die neuen deutschen Vorschlge mitgeteilt und eine sorgsame Erwgung in Aussicht gestellt hatte, verkndigte am 23. April 1903, da die angebotenen Garantien fr eine gleichberechtigte Stellung Englands in dem Unternehmen nicht ausreichten und da deshalb England die gewnschten Zusagen nicht geben knne. In derselben Zeit erklrte Delcass in der franzsischen Kammer, fr die franzsische Mitwirkung an dem Bagdadunternehmen sei Vorbedingung die volle Gleichberechtigung Frankreichs im Kapital und in der Leitung. Die englische und die franzsische Politik hatten sich also zusammengeschlossen, um Deutschland die Fhrung des von ihm vorbereiteten und gegrndeten Unternehmens durch den Anspruch auf volle Gleichberechtigung, die in Wirklichkeit auf eine glatte Majorisierung Deutschlands hinausgekommen wre, aus der Hand zu winden oder die Durchfhrung des Unternehmens zu verhindern. Bei der unbedingten Gegnerschaft der englischen und franzsischen Politik -- Ruland hatte aus den bereits angedeuteten Grnden von Anfang an dem Bagdadunternehmen Schwierigkeiten bereitet -- ist es geblieben. Trotzdem hielt die franzsische Finanzgruppe der Ottomanischen Bank den Wunsch und die Zusage ihrer Beteiligung -- wahrscheinlich im geheimen Einverstndnis mit der franzsischen Regierung -- aufrecht. Da jedoch der franzsische Markt den Bagdadwerten verschlossen blieb, hat die franzsische Beteiligung fr die deutsche Gruppe nur insofern Wert gehabt, als sie den Faden nicht ganz abreien lie und fr spter gewisse Mglichkeiten offenhielt. Die im Mrz 1903 erteilte Konzession umfate die Hauptlinie von Konia, dem Endpunkt der Anatolischen Bahn, bis zum Persischen Golf sowie eine Anzahl wichtiger Zweiglinien. Die finanziellen Vereinbarungen erstreckten sich jedoch nur auf die ersten 200 Kilometer vorwrts Konia, da nur fr diese hinreichende Garantien verfgbar zu machen waren. Die Stellung von Garantien fr das Gesamtnetz blieb vorbehalten. Die erste Strecke von 200 Kilometer (Konia-Bulgurlu) konnte bereits im Herbst 1904 dem Betrieb bergeben werden. Dann aber geriet die Durchfhrung des Unternehmens angesichts der Unfhigkeit der trkischen Regierung, gegen den Widerstand Englands und Frankreichs weitere Garantien verfgbar zu machen, fr eine Anzahl von Jahren ins Stocken. Im Frhjahr 1906 wurde ich von der Deutschen Bank als ihr Vertreter und als Delegierter des Verwaltungsrats der Anatolischen Eisenbahngesellschaft und der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft nach Konstantinopel gesandt. Meine Hauptaufgabe war, an der berwindung der Finanzierungsschwierigkeiten mitzuhelfen und mit der trkischen Regierung Vertrge ber den Weiterbau der Bagdadbahn, jedenfalls ber das Taurusgebirge hinaus, tunlichst aber bis nach Aleppo, wo die Verbindung mit dem franzsischen Eisenbahnnetz in Syrien zu gewinnen war, zum Abschlu zu bringen. Auch mir war klar, da die besonderen Lebensbedingungen des Bagdadbahn-Unternehmens eine internationale Verstndigung geradezu erforderten. Vor allem war, um die Bagdadbahn als groen internationalen Verkehrsstrang zwischen Europa und Indien voll nutzbar zu machen, eine Einigung mit England notwendig. Aber auf der andern Seite erschien mir jeder neue Einigungsversuch aussichtslos, solange die Gegenseite der berzeugung war, da wir ohne ihre Zustimmung keinen Schritt vorwrtskommen knnten und da sie deshalb in der Lage sei, uns jede Bedingung aufzuerlegen und uns die Frchte unserer Arbeit zu entwinden. Der Boden fr eine fr uns annehmbare Verstndigung mute erst durch Tatsachen geschaffen werden, die aller Welt zeigten, da wir entschlossen und stark genug waren, die Hindernisse, die man uns in den Weg legte, zu berwinden und ntigenfalls das Unternehmen auf eigne Faust der Vollendung zuzufhren. In zher Arbeit und hartem Kampf gelang es, die finanziellen Grundlagen fr den Weiterbau zu sichern. Zwar setzten die Englnder durch, da der Ertrag der dreiprozentigen Zollerhhung, die endlich im Jahre 1907 fr den Zeitraum von sieben Jahren den Trken zugestanden wurde, fr die mazedonischen Reformen festgelegt wurde, so da diese wichtige Einnahmequelle fr die Finanzierung der Bagdadbahn gesperrt war. Aber gleichzeitig gelang es unsern Bemhungen, andere Einnahmen, die teilweise durch die im Jahre 1903 durchgefhrte Unifikation der alten trkischen Staatsschuld, teilweise durch die wirtschaftliche Entwicklung der Trkei verfgbar geworden waren und fr die Zukunft eine weitere gnstige Entwicklung versprachen, fr die Finanzierung des Weiterbaus der Bagdadbahn zu sichern. Am 2. Juni 1908 konnte ich meinen Namen unter Vertrge mit der trkischen Regierung setzen, in denen der Ausbau von weiteren 840 Kilometern vereinbart wurde. Die neuen Strecken brachten die Durchquerung des Taurus und Amanus, die Verbindung mit dem Golf von Alexandrette durch den Anschlu an die von der deutschen Gruppe kurz zuvor erworbene Stichbahn Mersina-Adana, die Verbindung mit dem syrischen Eisenbahnnetz in Aleppo, schlielich die berschreitung des Euphrat; vorlufiger Endpunkt war Tel Helif, ein Ort sdlich von Mardin, der Ausgangspunkt der in der Konzession von 1903 vorgesehenen wichtigen Zweiglinie nach Diarbekir. Mit diesen Vertrgen war nach vierjhriger Stockung ein entscheidender Schritt vorwrts getan. Wenige Wochen nach ihrer Unterzeichnung brach die jungtrkische Revolution aus. Die zunchst stark unter franzsischem und englischem Einflu stehende neue Richtung war dem deutschen Bagdadunternehmen gegenber stark voreingenommen. Aber die Bagdadvertrge hielten Stich gegenber aller Prfung und Kritik; auch die Jungtrken muten sich berzeugen, da die Durchfhrung des begonnenen Werkes ein lebenswichtiges Interesse fr die Trkei darstellte. Von deutscher Seite aus wurde unter den neuen Verhltnissen ein neuer Versuch gemacht, in den trkischen Angelegenheiten mit Frankreich und England zusammenzugehen. Auf deutsche Anregung hin fand sich im Herbst 1908 die Gruppe der Deutschen Bank, die franzsische Gruppe der Ottomanischen Bank und eine englische, Sir Ernest Cassel nahestehende Gruppe zusammen, um der neuen Trkei durch einen Vorschu und im Anschlu daran durch eine Anleihe ber ihre finanziellen Schwierigkeiten hinauszuhelfen. Auch in der Frage der Bagdadbahn wurde die Fhlung mit England vorsichtig wiederaufgenommen. Im Herbst 1909 traf ich mit Sir Ernest Cassel, der inzwischen durch die Grndung der Banque Nationale de Turquie ein greres Interesse an den trkischen Geschften genommen hatte, in Konstantinopel zusammen; die Mglichkeiten einer Zusammenarbeit in den trkischen Geschften, insbesondere im Bagdadbahn-Unternehmen, wurden dabei errtert. Gegen Schlu des Jahres kam Sir Ernest nach Berlin. Er stellte zur Erwgung, ob wir uns entschlieen knnten, das sdliche Stck der Bagdadbahn, von der Stadt Bagdad bis zum Persischen Golf, an eine unter englischer Fhrung stehende Gesellschaft zu berlassen, wogegen England seinen bisherigen Widerstand gegen das Unternehmen aufgeben und uns nrdlich von Bagdad freie Hand lassen sollte. An sich wre eine solche Lsung vom Standpunkt der deutschen Interessen aus ertrglich gewesen, vorausgesetzt, da die trkische Regierung ihr Mitrauen gegen eine Verstrkung der englischen Stellung in Sdmesopotamien berwinden konnte und da zwischen den beiden Finanzgruppen Abmachungen ber das Ineinandergreifen des Betriebs der beiderseitigen Linien getroffen worden wren, die einen reibungslosen Durchgangsverkehr fr Personen und Gter in derselben Weise wie auf einem einheitlichen Netze gesichert htten. Die Aussprache hatte aber zunchst keine weitere Folge. Im Gegenteil, im Laufe des Jahres 1910 kam es zu einem abermaligen, von Frankreich ausgehenden und von England untersttzten Vorsto gegen Deutschlands finanzielle und wirtschaftliche Stellung in der Trkei. Eine franzsische Gruppe, die Fhlung mit englischen Kreisen suchte und fand, betrieb mit Hochdruck das Projekt einer Eisenbahn von Nordsyrien durch das Euphrattal nach Bagdad, um durch diese etwas krzere, wirtschaftlich und strategisch jedoch fr die Trkei weniger wertvolle Konkurrenzlinie der durch das Tigristal fhrenden deutschen Bagdadbahn den Todessto zu versetzen. Gleichzeitig wurde das starke Geldbedrfnis der Trkei von der franzsischen Regierung ausgenutzt, um der Trkei Bedingungen aufzuerlegen, die der Errichtung einer Finanzkontrolle gleichkamen und die Trkei in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten, namentlich auch in der Ausgestaltung ihres Eisenbahnnetzes, dem Machtspruch der Westmchte unterworfen htten. Der bedrngte trkische Finanzminister, der sich in Paris vor so unannehmbare Bedingungen gestellt sah, fand in London verschlossene Tren. In Paris und London war man berzeugt, da Deutschland nicht stark genug sei, um der Trkei eine wirksame finanzielle Hilfe zu gewhren: Londres ne veut pas, Berlin ne peut pas! triumphierten damals die franzsischen Zeitungen. Die Rechnung war falsch. In der Erkenntnis, da es gelte, die Unabhngigkeit der Trkei und damit die gleichberechtigte Stellung Deutschlands in diesem wichtigen und zukunftsreichen Lande zu erhalten, schlo sich die gesamte deutsche und sterreichisch-ungarische Bankwelt zu einem groen Konsortium zusammen, um der Trkei aus der Bedrngnis zu helfen. Im November 1910 reiste ich im Auftrag dieses Konsortiums nach Konstantinopel, um mit dem trkischen Finanzminister ber die Anleihebedingungen zu verhandeln. Nach wenigen Tagen konnten die Vertrge unterzeichnet werden, die der Trkei ausreichende Mittel sicherten, um fr zwei Jahre den Fehlbetrag ihres Staatshaushalts zu decken. Die Trkei machte von der hierdurch gewonnenen Bewegungsfreiheit Gebrauch, um den weiteren Ausbau der Bagdadbahn, deren volle Bedeutung inzwischen auch von den jungtrkischen Machthabern erkannt worden war, sicherzustellen. Im Mrz 1911 kamen Vertrge zustande, in denen der sofortige Ausbau der Hauptlinie bis Bagdad vereinbart und der Gesellschaft die Konzession fr eine Zweiglinie nach Alexandrette und fr den Bau und Betrieb eines Hafens an diesem wichtigen Platze verliehen wurde. Um der trkischen Regierung die Mglichkeit zu geben, doch noch mit England zu einer Verstndigung ber die Bagdadbahn zu kommen, wurde im Einverstndnis mit dem Auswrtigen Amt dem Growesir auf dessen Wunsch eine von meinem Kollegen von Gwinner und mir unterzeichnete Erklrung ausgestellt, da wir bei der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft dafr eintreten wollten, da diese sich bereitfinde, unter noch nher zu vereinbarenden Bedingungen und Entschdigungen ihre Rechte auf die Strecke von Bagdad bis zum Golf, sei es ganz, sei es teilweise, an eine neuzugrndende trkische Gesellschaft zu bertragen, vorausgesetzt, da der deutsche Anteil an dieser Gesellschaft nicht geringer bemessen werde als derjenige einer jeden andern nichttrkischen Gruppe. Auerdem verzichtete die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf alle ihre Rechte auf den Ertrag knftiger Zollerhhungen, um dadurch dem Widerstand Englands gegen eine solche im Interesse der trkischen Finanzen unerlliche Erschlieung neuer Einnahmen ein fr allemal den Boden zu entziehen. Die Verstndigung mit Frankreich ber die trkischen Eisenbahnfragen Die neuen Vertrge, in Verbindung mit der vorausgegangenen Gewhrung der Anleihe, hatten in der Tat die Wirkung, die Lage zu klren. In England wurde es fr einige Zeit ganz still ber die Bagdadbahn. Ruland hatte sich durch die Potsdamer Abmachung desinteressiert. Frankreich, dessen Vorsto gegen das Bagdadunternehmen nun endgltig abgewiesen war, suchte jetzt Kompensationen fr die von uns erzielten Erfolge auf andern Gebieten; es begann Verhandlungen ber Eisenbahnkonzessionen erheblichen Umfanges in der europischen Trkei und in Nordost-Anatolien und stellte der Trkei fr den Fall eines gnstigen Ergebnisses eine groe Anleihe in Aussicht. Auch diese neuen franzsischen Wnsche kollidierten in wichtigen Punkten mit lteren Rechten der Anatolischen und der Bagdadbahn; aber dieses Mal versuchte die franzsische Gruppe sich in Gte mit der deutschen Gruppe zu verstndigen. Es kam zu Besprechungen, die -- ber die einzelnen strittigen Punkte hinaus -- sich auf die Gesamtheit der beiderseitigen Wirksamkeit in der Trkei erstreckten und die Mglichkeit der Aufstellung eines Programms fr eine vernnftige, die wirtschaftlichen Bedrfnisse und die finanzielle Leistungsfhigkeit der Trkei bercksichtigende Arbeitsverteilung im Ausbau des trkischen Eisenbahnnetzes errterten. Mit die grte Schwierigkeit bildete die unklare und unbefriedigende Stellung der franzsischen Gruppe im Bagdadunternehmen. Die franzsische Gruppe war nach wie vor mit 30 Prozent an dem Unternehmen beteiligt, whrend die noch kurz zuvor von Herrn Pichon als Minister des Auswrtigen neu verkndete Sperre des franzsischen Marktes fr die Bagdadwerte ihr die aktive Mitwirkung an der Finanzierung des Geschftes unmglich machte. Ich hatte im Juni 1911 in Konstantinopel mit dem neuernannten Generaldirektor der Ottomanischen Bank, Herrn Revoil, frher franzsischer Gesandter in Tanger und Botschafter in Madrid, bekannt durch seine scharfe Vertretung des franzsischen Standpunktes in der Marokkofrage, mehrfache Unterredungen ber diesen Gegenstand. Ich drang dabei auf eine Klarstellung der franzsischen Politik im Bagdadgeschft: entweder wolle man die franzsische Beteiligung aufrechterhalten, dann mten die Hindernisse einer effektiven franzsischen Mitwirkung an der Aufbringung der finanziellen Mittel und die offizielle Gegnerschaft der franzsischen Regierung gegen das Bagdadunternehmen beseitigt werden. Oder aber letzteres sei nicht mglich; dann seien wir bereit, die franzsische Beteiligung zurckzunehmen. Herr Revoil erklrte sich damals noch mit groer Entschiedenheit gegen ein Ausscheiden der franzsischen Gruppe aus dem Bagdadunternehmen, mit dem Hinzufgen, da auch seine Regierung das Verbleiben der franzsischen Gruppe im Bagdadgeschft wnsche. Es msse auf andere Weise versucht werden, unsern Wnschen, deren Berechtigung er nicht bestritt, gerecht zu werden. Diese kaum begonnenen Besprechungen wurden durch das Erscheinen des Panther vor Agadir und die sich daran anschlieende kritische Zuspitzung des deutsch-franzsischen Verhltnisses unterbrochen. Dann lieen der trkisch-italienische Krieg und der Balkankrieg ein weiteres Zuwarten als geboten erscheinen. Erst im Frhjahr 1913 konnten die Fden mit Nutzen wiederaufgenommen werden. Meine Anwesenheit in Paris gab Gelegenheit, die deutsch-franzsische Verstndigung ber die trkischen Geschfte wieder in Flu zu bringen. Die Vorfrage der franzsischen Stellung im Bagdadgeschft wurde dieses Mal zu einer klaren Entscheidung gebracht. Nachdem ich Herrn Revoil erneut die Alternative: ou collaboration loyale, ou sparation nette gestellt hatte, erklrte dieser, mir nach Befragung des Ministers des Auswrtigen eine klare Antwort geben zu wollen. Nach einigen Tagen brachte er mir den Bescheid des Quai d'Orsay; er lautete -- wie mir Herr Revoil versicherte, zu seinem groen persnlichen Bedauern -- auf sparation nette. Auf Grund der damit gegebenen Entscheidung wurden dann die Verhandlungen ber den ganzen Fragenkomplex in Berlin unter Mitwirkung des franzsischen Botschafters, eines Vertreters des franzsischen Ministeriums des Auswrtigen und des Vizegouverneurs der Bank von Frankreich fortgesetzt. Am 15. Februar 1914 konnten die Vertrge paraphiert werden. Sie trafen Vereinbarungen ber das Ausscheiden der franzsischen Gruppe aus dem Bagdadunternehmen und ber den Ausbau der von beiden Gruppen in der asiatischen Trkei betriebenen und geplanten Eisenbahnsysteme, ferner Bestimmungen ber die Anschlupunkte, ber die das gemeinschaftliche Interesse beider Eisenbahnsysteme berhrenden Tariffragen, ber eine den finanziellen Krften der Trkei angepate zeitliche Staffelung der Ausfhrung neuer Eisenbahnbauten und schlielich ber ein Zusammenwirken bei der Sicherung der infolge des Balkankriegs gefhrdeten trkischen Anleihen und bei der Konsolidierung der trkischen Finanzen. Das Inkrafttreten des Abkommens war abhngig gemacht von dem Zustandekommen der Abmachungen, ber die damals sowohl von der deutschen wie auch von der franzsischen Gruppe mit der trkischen Regierung verhandelt wurde. Ferner bestand natrlich ein enger Zusammenhang zwischen den deutsch-franzsischen Abmachungen und den Vereinbarungen, die damals zwischen Deutschland und England in Sachen der beiderseitigen Unternehmungen in Kleinasien und Mesopotamien zur Diskussion standen. Die Verstndigung mit England ber die vorderasiatischen Fragen Zwischen Deutschland, England und der Trkei hatte die Bagdadfrage seit dem Abschlu der Vertrge ber den Ausbau der Bahn bis Bagdad (Mrz 1911) zunchst geruht. Die durch das Eingreifen Lloyd Georges so scharf zugespitzte Marokkokrisis lie auf englischer Seite die Neuaufnahme von Verhandlungen wohl nicht als zeitgem erscheinen, whrend man auf der deutschen Seite sich sagen konnte, da jeder Kilometer Bahnstrecke, der neu in Betrieb kam -- und es wurde trotz aller Erschwernisse der ungnstigen Zeit mit aller Energie gebaut--, die eigne Position fr jede knftige Auseinandersetzung verbessere. Die Besprechungen zwischen Lord Haldane und der deutschen Regierung im Frhjahr 1912 schienen den Boden fr eine Verstndigung, wie in den afrikanischen Kolonialfragen, so auch in den vorderasiatischen Fragen, zu ebnen. Freiherr von Marschall, der im Frhjahr 1912 als Botschafter von Konstantinopel nach London geschickt wurde, brachte fr Verhandlungen ber trkische Angelegenheiten eine ganz besondere Eignung mit. Leider ist es zwischen Baron Marschall und Sir Edward Grey nur zu einleitenden Unterhaltungen gekommen; denn wenige Monate nach seiner Ernennung erlag Marschall einer schweren Krankheit. Sein Nachfolger wurde der Frst Lichnowsky, dem die trkischen Angelegenheiten fernlagen und der ihre Bearbeitung im wesentlichen seinem Botschaftsrat, Herrn von Khlmann, dem spteren Staatssekretr des Auswrtigen Amtes, berlie. Die Verhandlungen ber den Prliminarfrieden, der dem ersten Balkankrieg ein Ziel setzte, fhrten den frheren Growesir Hakki Pascha als Bevollmchtigten der Trkei nach London. Hakki Pascha, einer der intelligentesten und jedenfalls der kenntnisreichsten der trkischen Staatsmnner, war bestrebt, seinen Londoner Aufenthalt zu einer vlligen Bereinigung der zwischen der Trkei und England schwebenden Fragen zu benutzen, und er war entschlossen, fr eine Klrung des trkisch-britischen Verhltnisses ntigenfalls auch Opfer zu bringen. Insbesondere in der Bagdadfrage hatte Hakki Pascha von langer Hand eine solche Politik vorbereitet. Er war es, der als Growesir gelegentlich des Abschlusses der Vertrge vom Mrz 1911 sich von uns die Erklrung der Bereitwilligkeit zur bertragung der Konzessionsrechte an der Sdstrecke der Bagdadbahn an eine neu zu errichtende Gesellschaft hatte ausstellen lassen. Aus den Besprechungen zwischen Sir Edward Grey und Hakki Pascha, ber deren Verlauf die deutsche Botschaft von beiden Seiten unterrichtet wurde, ergab sich, da die britische Regierung im wesentlichen folgende Ziele im Auge hatte: Erstens die Regelung der das Nordufer des Persischen Golfes, namentlich das Gebiet von Koweit, betreffenden Fragen im Sinne der alten englischen Ansprche. Zweitens die Erlangung eines Schiffahrtsmonopols auf dem Euphrat und Tigris fr eine neuzugrndende trkische Gesellschaft, in der das englische Kapital und der englische Einflu vorherrschend sein sollten. Drittens die Zusage, da auf der Bagdadeisenbahn jede Differenzierung in den Bedingungen des Gterverkehrs zugunsten oder ungunsten der Waren irgendeiner Nationalitt, Herkunft oder Bestimmung ausgeschlossen sein solle. Der erste Punkt dieser Forderung umschlo die Herbeifhrung des Verzichts der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf die Heranfhrung ihres Stranges bis unmittelbar an den Persischen Golf und auf die Errichtung und den Betrieb eines Hafens am Persischen Golf. Dagegen zeigte sich die britische Regierung, die frher stets die Kontrolle ber die ganze Bahnstrecke sdlich von Bagdad als ihre Mindestforderung aufgestellt hatte, jetzt fr den Fall des erwhnten Verzichtes bereit, der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft fr den Ausbau ihrer Hauptlinie bis zu der am Shatt el Arab, dem Zusammenflu des Euphrat und Tigris, gelegenen Stadt Basra keine weiteren Schwierigkeiten zu machen. Auf dieser Grundlage erschien eine fr die deutschen Interessen an der Bagdadbahn ertrgliche Einigung mglich. Der Shatt el Arab wurde damals schon von den Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie, die einen regelmigen Dienst nach Basra eingerichtet hatte, ebenso von den Schiffen der British India Steamship Navigation Company und andern Schiffahrtsgesellschaften bis Basra befahren. Das Haupthindernis, die dem Shatt vorgelagerte Barre, konnte von diesen Schiffen zur Flutzeit passiert werden. Nach dem Urteil der Sachverstndigen ist ohne allzu groe Schwierigkeiten und Kosten eine Ausbaggerung mglich, die auch fr Schiffe mit groem Tiefgang eine jederzeit benutzbare Fahrrinne schafft. Unter der Voraussetzung, da die ntigen Vorkehrungen fr die Schiffbarmachung und die dauernde Schiffbarerhaltung des Shatt el Arab vom Golf bis Basra getroffen, sowie ferner, da ausreichende Sicherheiten fr die dauernde Freiheit der Schiffahrt auf dem Shatt geschaffen wrden, konnte man sich auf deutscher Seite vom verkehrstechnischen Standpunkt aus mit einem Verzicht auf die in der Bagdadkonzession vorgesehene Linie von Basra bis zum Golf abfinden. Politische Voraussetzung war die Zustimmung der trkischen Regierung. Diese hatte zu Abdul Hamids Zeiten, aber auch noch spterhin, jedes deutsche Zurckweichen vor England in der Frage der Endstrecke der Bagdadbahn als ein Imstichlassen der Trkei in der Verteidigung ihrer Souvernitt ber das trkische Kstengebiet des Persischen Golfs und ber Sdmesopotamien angesehen. Wenn nunmehr die Trkei bereit war, die das Kstengebiet des Golfes betreffenden Streitfragen durch Zugestndnisse an England zu liquidieren, die der Lebensfhigkeit der Bagdadbahn und ihrem Wert als groer Weltverkehrslinie keinen Eintrag taten, so war es nicht Sache Deutschlands, die Trkei hieran zu hindern. Vom deutschen Standpunkt aus konnte man im Gegenteil die trkisch-britische Verstndigung ber die Golffrage nur willkommen heien, wenn sich aus dieser die Mglichkeit einer deutsch-britischen Verstndigung ber die Streitfrage der Bagdadbahn ergab, zumal da eine solche Verstndigung nicht nur die von der deutschen Regierung gewnschte Entlastung der allgemein-politischen Spannung herbeizufhren geeignet war, sondern auch zur endgltigen Sicherstellung des Ausbaus der Bagdadbahn und ihrer wichtigsten Zweiglinien benutzt werden konnte. Eine solche Sicherstellung des Ausbaus der Bagdadbahn wurde von deutscher Seite zur Voraussetzung der Zustimmung zu dem Verzicht auf die Linie Basra-Golf und auf den Hafen am Persischen Golf gemacht, ebenso wie in den Verhandlungen mit den Franzosen diese Sicherung die Voraussetzung fr die verschiedenen deutschen Zugestndnisse bildete. Die erforderlichen Sicherungen waren nicht etwa nur negativer Natur; sie bestanden nicht nur darin, da England und Frankreich, wie vorher schon Ruland, sich verpflichteten, ihren bisherigen Widerstand gegen den Ausbau der Bagdadbahn aufzugeben. Vielmehr war die aktive Mitwirkung dieser Mchte erforderlich, um die durch das Ergebnis des Balkankriegs bedrohten finanziellen Grundlagen des Bagdadunternehmens wiederherzustellen. Die Abtrennung fast des ganzen europischen Territoriums von dem trkischen Reiche hatte zur notwendigen Folge eine entsprechende Minderung der fr die Bagdadobligationen verpfndeten trkischen Staatseinnahmen. Die Frage, in welcher Weise die trkischen Staatsglubiger vor der sich aus der territorialen Vernderung des trkischen Reichsbestandes ergebenden Schdigung geschtzt werden sollten, gehrte mit zu den Verhandlungsgegenstnden der Pariser Finanzkonferenz. Der gute Wille und die Mitwirkung der Westmchte bei der Lsung dieser Frage war gerade fr die Sicherung des Bagdadunternehmens von besonderer Wichtigkeit. In der Hauptsache allerdings war die finanzielle Sicherstellung der Bagdadbahn und ihres Ausbaus in Verhandlungen mit der trkischen Regierung durchzusetzen. Es handelte sich dabei nicht nur um Kompensationen fr den durch den Verlust der europischen Trkei drohenden Ausfall an den fr die Bagdadobligationen verpfndeten Einnahmen, sondern auch um die Bereitstellung von ausreichenden Garantien fr den Ausbau der Hauptlinie bis Basra und der wichtigsten Zweiglinien, namentlich der Linie Bagdad-Hanekin (persische Grenze), die nach dem Potsdamer Abkommen mit Ruland dort Anschlu an das nordpersische Eisenbahnnetz finden sollte. Auerdem gehrte zu der Sicherung des Ausbaus des Bagdadeisenbahnnetzes eine Anpassung der finanziellen Konstruktion des Bagdadunternehmens an die durch den Tripolis- und Balkankrieg wesentlich verschlechterten Verhltnisse des trkischen Staatskredits. ber alle diese Dinge wurde gleichlaufend mit den deutsch-englischen und deutsch-franzsischen Verhandlungen mit der trkischen Regierung verhandelt, in dem allseitigen Einverstndnis, da unsere Abmachungen mit der Trkei einerseits, mit England und Frankreich andrerseits sich gegenseitig bedingten. Mute die unbedingte Sicherung fr einen in absehbarer Zeit durchzufhrenden Ausbau der Bagdadbahn die Voraussetzung sein allein schon fr unsern Verzicht auf die Golfstrecke und den Hafen am Golf gegenber den Englndern sowie fr unser weitherziges Entgegenkommen gegenber den Franzosen bei der Abgrenzung der beiderseitigen Eisenbahnnetze, so wurde diese Notwendigkeit verstrkt durch eine Reihe weiterer Forderungen, die England in die Verhandlungen hineinwarf. Ich habe oben bereits Englands Anspruch auf die Fluschiffahrt in Mesopotamien erwhnt. Das von der britischen Regierung fr eine unter englischer Kontrolle stehende Gesellschaft trkischen Rechts erstrebte Monopol bildete fr die deutsche Regierung einen schweren Stein des Anstoes. Hakki Pascha hatte sich in London von dem Foreign Office eine Zusage abringen lassen. Die britische Regierung machte es gegenber der deutschen zur Voraussetzung fr jede Abmachung ber die vorderasiatischen Angelegenheiten, da die deutsche Regierung sich mit der von der trkischen Regierung zugestandenen Schiffahrtskonzession auf den mesopotamischen Flssen abfinde. Gegenber allen Vorstellungen hielt sie mit der grten Hartnckigkeit an diesem Standpunkte fest. Wenn die deutsche Regierung die Verhandlungen nicht scheitern lassen wollte, mute sie sich darauf beschrnken, die deutschen Interessen an der mesopotamischen Schiffahrt durch Sicherstellung der vlligen Gleichberechtigung deutscher Frachten und durch eine deutsche Beteiligung am Kapital und in der Verwaltung der Schiffahrtsgesellschaft nach Mglichkeit zu wahren. Wenn aber die deutsche Regierung sich mit dem unter britischer Kontrolle stehenden Schiffahrtsmonopol abfand, so mute sie -- sollte nicht England in dem Verkehrsgebiet der Bagdadbahn einen kaum mehr einzuholenden Vorsprung gewinnen -- auf der Sicherung des sofortigen Ausbaues der Bagdadbahn mit verdoppeltem Nachdruck bestehen. In der gleichen Richtung wirkten die britischen Ansprche hinsichtlich der mesopotamischen Bewsserungsanlagen und der Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumvorkommen. Schlielich erstreckte die britische Regierung die Verhandlungen auch noch auf eine der deutsch-franzsischen Abmachung analoge Verstndigung zwischen der von britischem Kapital kontrollierten Smyrna-Aidin-Bahn im westlichen Kleinasien einerseits, der Anatolischen Eisenbahn und Bagdadeisenbahn andrerseits. Die Verhandlungen waren auerordentlich schwierig. Sie wurden von der englischen Seite mit einer nicht zu bertreffenden Zhigkeit gefhrt, auch im Festhalten an Einzelheiten, die im Verhltnis zu der Gesamtheit der auf dem Spiel stehenden Interessen fr England nur geringfgige Bedeutung haben konnten. Immer wieder wurde die deutsche Seite vor die Frage gestellt, ob sie an der oder jener mehr oder weniger wichtigen Frage das Verstndigungswerk scheitern lassen wollte. Es gehrte fr uns ein ungewhnliches Ma von Geduld und gutem Willen dazu, um alle die kleinen und groen Klippen zu berwinden. Schlielich kam nach mehr als einjhrigen Verhandlungen eine Einigung zustande, die in groen Zgen folgendermaen aussah: Als sdlicher Endpunkt der Bagdadeisenbahn wurde Basra festgesetzt. Auf eine Weiterfhrung der Bagdadeisenbahn bis zum Golf und auf den Hafen am Golf leistete die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft Verzicht. Dafr verpflichtete sich die englische Regierung, dem Ausbau der Bagdadbahn bis Basra keinerlei Schwierigkeiten zu machen und keinerlei Bestrebungen, Konkurrenzbahnen zur Bagdadbahn in den Vilajets Bagdad und Mossul zu bauen, irgendwie zu untersttzen. Die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft bernahm die Verpflichtung, keinerlei differentielle Behandlung in den Bedingungen des Transports nach Nationalitt, Herkunft oder Bestimmung der Waren eintreten zu lassen. Sie hielt fr eine noch zu konstituierende englische Finanzgruppe eine Beteiligung an ihrem Gesellschaftskapital offen und verpflichtete sich, zwei Verwaltungsratssitze mit britischen Mitgliedern zu besetzen. In Bagdad und Basra sollten von einer von der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft zu grndenden Untergesellschaft Hafeneinrichtungen gebaut und betrieben werden. Diese Hafengesellschaft sollte unter der Kontrolle der deutschen Gruppe stehen; fr britische Interessenten sollte eine Beteiligung von 40 Prozent offengehalten werden. England traf mit der Trkei Vereinbarungen ber die Schiffbarmachung des Shatt el Arab fr Schiffe greren Tiefgangs, denen Deutschland beitrat. Gleichzeitig wurde die volle Freiheit der Schiffahrt fr Fahrzeuge aller Nationen auf dem Shatt und der Ausschlu einer jeglichen differentiellen Behandlung dieser Schiffahrt in bezug auf Abgaben und sonstige Bedingungen festgelegt. Fr die von der Schiffahrt auf dem Shatt el Arab als Beitrag zu den Kosten der Regulierung zu erhebenden Abgaben wurde ein mig gegriffener Hchstsatz vereinbart. Die deutsche Regierung bernahm die Verpflichtung, der Erteilung der Konzession fr die mesopotamische Fluschiffahrt an eine unter englischer Kontrolle stehende Gesellschaft keine Schwierigkeiten zu machen. Von dem Kapital der Gesellschaft sollte ursprnglich die Hlfte auf England, die andere Hlfte auf die Trkei entfallen. Man einigte sich jedoch schlielich dahin, da 40 Prozent des trkischen Anteils, also 20 Prozent des Gesamtkapitals, fr deutsche Interessenten offengehalten werden sollten. Damit war natrlich auch eine entsprechende Vertretung im Verwaltungsrat der Schiffahrtsgesellschaft verbunden. Der Ausschlu einer jeden differentiellen Behandlung in den Transportbedingungen wurde in hnlicher Weise festgelegt wie bei der Bagdadeisenbahn. In den Abmachungen zwischen England und der Trkei und in den Statuten der Schiffahrtsgesellschaft war die peinlichste Frsorge dafr getroffen, da in allen wichtigen Angelegenheiten im Falle von Stimmengleichheit der Vorsitzende des Verwaltungsrats, der von der englischen Gruppe gestellt wurde, den Ausschlag geben sollte. Das Inkrafttreten der Abmachungen war gebunden an die Ergnzung der durch die Abtretung der europischen Provinzen veminderten Pfnder fr die Bagdadobligationen und an das Zustandekommen der Abmachungen mit der Trkei ber die Bereitstellung der fr den sofortigen Ausbau des Bagdadeisenbahnnetzes erforderlichen Garantien. Die britische Regierung war ihrerseits bereit, die Stellung dieser Garantien dadurch zu untersttzen, da sie ihre Einwendungen gegen die von der Trkei geplante und fr die Konsolidierung der trkischen Finanzen unbedingt notwendige Zollerhhung endlich fallen lie. Wenn auch die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft schon im Jahre 1911 endgltig auf ihre frheren Ansprche auf den Ertrag der Zollerhhung verzichtet hatte und auch jetzt nicht daran dachte, auf die Zollerhhung fr die Finanzierung des Ausbaus ihres Netzes zurckzugreifen, so wurde der trkischen Regierung durch das Zugestndnis der Zollerhhung wenigstens indirekt die Zuweisung der fr den Ausbau der Bagdadbahn erforderlichen Pfnder erleichtert. Gleichzeitig mit diesen Abmachungen wurde auch eine bereinstimmung ber die in Mesopotamien auszufhrenden Bewsserungsarbeiten und ber die gemeinschaftliche Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumvorkommen erzielt; desgleichen ber die recht weitgehenden Wnsche der Smyrna-Aidin-Eisenbahn-Gesellschaft. Hinsichtlich der mesopotamischen Bewsserungsarbeiten verpflichtete sich die deutsche Regierung, keine Konkurrenz gegen die von den Englndern schon in Bearbeitung genommenen Projekte zu untersttzen; angesichts der groen Ausdehnung der von Sir William Willcox schon seit Jahren bearbeiteten Plne war das ein sehr weitgehendes Zugestndnis. In der fr die Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumquellen errichteten Gesellschaft begngte sich die deutsche Gruppe, die immerhin nicht unwesentliche Rechte einbrachte, mit einer Beteiligung von 25 Prozent, whrend die englische Gruppe 50 Prozent und die niederlndische Gruppe der Kniglichen Petroleum-Gesellschaft die restlichen 25 Prozent erhielt. Gegenber der Smyrna-Aidin-Eisenbahn verzichtete die Anatolische Eisenbahn-Gesellschaft auf ihr Einspruchsrecht gegen gewisse von jener Gesellschaft seit langer Zeit begehrte Zweig- und Verbindungslinien, die von der Anatolischen Eisenbahn bisher als unerwnschte Konkurrenz mit Erfolg bekmpft worden waren. Um die Mitte des Jahres 1914 war dieses weitschichtige Vertragswerk, das alle wesentlichen Berhrungspunkte der deutschen und englischen Interessen in der asiatischen Trkei regelte und den neben der Flottenfrage wichtigsten Reibungspunkt zwischen Deutschland und England aus der Welt schaffte, in allen seinen Einzelheiten festgestellt. Nachdem bereits im Februar 1914 die Abmachungen zwischen Deutschland und Frankreich paraphiert worden waren, stand jetzt nur noch die Einigung zwischen Deutschland und der Trkei aus, die fr das Inkrafttreten der andern Abmachungen die Voraussetzung war. Auch diese war in mhevollen Verhandlungen so weit vorgeschritten, da ein befriedigender Abschlu innerhalb kurzer Zeit erwartet werden konnte. Ein wichtiges Stck Arbeit an der Befestigung des Weltfriedens stand unmittelbar vor der Vollendung. Da machte der Ausbruch des Weltkriegs dieses Werk und alle darauf gesetzten Hoffnungen zunichte. Die deutsch-englische Verstndigung und die englisch-russische Marinekonvention Angesichts des furchtbaren Abschlusses der mit so heiem Bemhen gefhrten Verstndigungsverhandlungen drngt sich unausweichlich die Frage auf, ob diese Versuche, dem Weltfrieden durch die Ausschaltung vermeidbarer Reibungen und durch die Einleitung friedlicher Zusammenarbeit eine strkere Grundlage zu geben, nicht schlielich nur Scheinmanver gewesen sind, mit denen der eine Teil den andern hinhalten und ber seine wahren Absichten tuschen wollte. Die Folgerung liegt zu nahe, da der Ausbruch des Weltkriegs sich htte verhindern lassen mssen, wenn der Wille zum Frieden, der doch schlielich allein den Verhandlungen ber die Ausrumung wichtiger Reibungspunkte einen Sinn und eine Berechtigung geben konnte, auf beiden Seiten echt war. Nach meinen persnlichen Wahrnehmungen kann ich nur bekunden, da auf der deutschen Seite alle magebenden Stellen und Personen durchdrungen waren von dem ehrlichsten Willen, durch eine planmige Entlastung der politischen Beziehungen zwischen den europischen Vlkern die Kriegsgefahr einzudmmen und die Aussichten der Erhaltung des Friedens zu verbessern. Und ich glaube hinzufgen zu knnen, die leitenden politischen Persnlichkeiten waren erfllt von der guten Hoffnung, da ihr Bestreben von Erfolg gekrnt sein werde. Die Unterhaltung zwischen dem deutschen Reichskanzler und dem grobritannischen Botschafter in Berlin am Tage des Eintritts Englands in den Krieg ist dafr ein Beleg. Weniger klar und durchsichtig ist das Verhalten der Mchte des dreifachen Einvernehmens, insbesondere Englands. Halten wir uns an die Tatsachen! Ich habe weiter oben darauf aufmerksam gemacht, da Sir Edward Grey whrend der ersten Monate des Balkankriegs sich Deutschland gegenber in einer geradezu auffallenden Weise freundlich und zu einer Zusammenarbeit im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens bereit zeigte, da ihn diese sichtliche Annherung an Deutschland jedoch nicht hinderte, gerade damals mit dem franzsischen Botschafter in London den Briefwechsel auszutauschen, der spter in der entscheidenden Stunde von Sir Edward Grey selbst als moralische Verpflichtung zur Waffenhilfe an Frankreich anerkannt wurde. Jetzt, whrend die mhevollen Verhandlungen ber die vorderasiatischen Fragen zum Abschlu gebracht wurden, trat nicht etwa eine Entspannung des gegen Deutschland gerichteten Systems ein, vielmehr kam es auch jetzt -- genau wie im November 1912 -- zu einem strafferen Anziehen der Fden des um Deutschland geschlungenen Netzes. Am 21. April 1914 besuchte Knig Georg den Prsidenten Poincar in Paris. Er war begleitet von dem Staatssekretr des Auswrtigen Sir Edward Grey. Diese Tatsache unterstrich die politische Bedeutung des Besuchs um so strker, als Sir Edward bisher das Gebiet der britischen Inseln berhaupt niemals verlassen hatte. Schon vor dem Eintreffen des Knigs Georg in Paris hatte der russische Botschafter Iswolski angeregt, den Besuch des Knigs zu benutzen, um das lose Gefge des dreifachen Einvernehmens in ein Bndnis nach Analogie des Dreibundes umzuwandeln. Sein Vorschlag wurde von dem franzsischen Minister des Auswrtigen, Herrn Doumergue, beifllig aufgenommen. Sir Edward Grey lehnte zwar den Abschlu eines frmlichen Bndnisses ab; ein solches bestand ja auch gegenber Frankreich nicht, und den Briefwechsel mit Paul Cambon ber das Zusammenwirken der beiderseitigen Land- und Seestreitkrfte hatte Sir Edward vor dem britischen Parlament, dem er immer versicherte, England habe vllig freie Hand, geheimgehalten. Aber er zeigte sich geneigt, die bestehenden militrischen Abmachungen zwischen Frankreich und England durch gleichartige Abmachungen zwischen England und Ruland zu ergnzen. In Frage kam der Natur der Sache nach in erster Linie ein Marineabkommen. Sir Edward erlangte hierfr die Zustimmung des britischen Kabinetts, und es wurde vereinbart, da die auf dieser Grundlage erforderlichen militrischen Verhandlungen unmittelbar zwischen der britischen Admiralitt und dem russischen Marineattach in London stattfinden sollten. Jeder Zweifel an der Bedeutung dieses engeren Zusammenschlusses der Triple-Entente wird beseitigt durch die vor kurzem von der russischen Regierung verffentlichten Berichte des russischen Botschafters in London, Grafen Benckendorff. Dieser war whrend des Besuchs des Knigs Georg gleichfalls in Paris anwesend und berichtete von dort am 21. April 1914 an Herrn Ssasonoff nach Petersburg, er hoffe, die _Hauptsache_ erreicht zu haben, nmlich _die bisher allzu theoretischen und friedlichen Grundgedanken der Entente durch etwas Greifbares zu ersetzen_. Er sei sich zweifelhaft, ob sich eine strkere Garantie fr eine gemeinsame militrische Operation im Kriegsfalle finden liee, als der Geist dieser Entente, wie er sich offenbart hat, verstrkt durch die bestehenden militrischen Vorkehrungen. Von dem von Sir Edward Grey abgelehnten frmlichen und ffentlichen Bndnis riet auch Graf Benckendorff ab, da ein solches ein sehr viel gnstigeres Feld fr eine _Agitation zugunsten Deutschlands_ bieten wrde.-- Agitation zugunsten Deutschlands -- das war das Bestreben der englischen Friedensfreunde, zu einem besseren, die Gefahr eines bewaffneten Konfliktes ausschlieenden Verhltnis zu Deutschland zu kommen! Die Tatsache, da gerade in der Zeit, als die deutsch-englische Verstndigung ber die kolonialen und vorderasiatischen Fragen sich dem Abschlu nherten, die britische Regierung es fr angezeigt hielt, das System der Entente durch militrische Abmachungen mit Ruland, die sich ganz unzweideutig gegen Deutschland richteten, zu verstrken, zeigt zum mindesten, da die britische Politik nicht gewillt war, sich durch eine Verstndigung mit Deutschland ber noch so wichtige Einzelfragen davon abhalten zu lassen, in ihren seit einem Jahrzehnt betriebenen politischen und militrischen Vorbereitungen fr den Krieg mit Deutschland in verstrktem Mae fortzufahren. Der Geist, der in den von Lord Haldane Anfang 1912 eingeleiteten Besprechungen zum Ausdruck gekommen war, beherrschte nach wie vor die britische Politik: England wollte die Kampfstellung gegenber Deutschland nicht aufgeben. Die Verstndigung in Einzelfragen, mochten sie fr sich noch so bedeutungsvoll sein, mute unter diesen Umstnden ihren eigentlichen Zweck -- die Schaffung einer Atmosphre des Vertrauens zwischen den beiden groen Lndern und damit die Schaffung der wichtigsten Voraussetzung fr die Entspannung der internationalen Lage -- von vornherein verfehlen. Die Verhandlungen ber die britisch-russische Marinekonvention, die natrlich der deutschen Regierung und der ffentlichkeit trotz aller Ableugnungs- und Beschwichtigungsversuche bekanntgeworden waren, hatten vielmehr das Gegenteil der Wirkung, die man mit der Verstndigung ber die kolonialen und vorderasiatischen Fragen erreichen wollte. Warnend hoben die offizisen deutschen Zeitungen hervor, da durch die britisch-russische Marinekonvention alle bisher erzielten Fortschritte in der deutsch-englischen Annherung in Frage gestellt und eine Verschrfung des Mitrauens zwischen den beiden Lndern herbeigefhrt werden mte. Diese Wirkung mute um so notwendiger eintreten, als durch den engeren Zusammenschlu der Triple-Entente die in Ruland und Frankreich ohnedies im Wachsen begriffenen kriegerischen Strmungen ermuntert und verstrkt wurden. Fr die russische Kriegspartei war die Entsendung einer deutschen Militrmission nach Konstantinopel im Herbst 1913 Wasser auf ihre Mhlen. Insbesondere die Neuerung, da dem Fhrer der Militrmission, dem General Liman von Sanders, das Kommando ber das Konstantinopeler Armeekorps bertragen werden sollte, whrend die bisherigen Fhrer der deutschen Militrmissionen in der Trkei, zuletzt der Generalfeldmarschall von der Goltz, keine Kommandogewalt gehabt hatten, wurde von den deutschfeindlichen Treibern zur Erregung der ffentlichen Meinung ausgenutzt. Dem scharfen Protest in Konstantinopel und Berlin, zu dem sich die russische Regierung veranlat sah, schlo sich die franzsische und auch die englische Regierung an, obwohl schon seit einiger Zeit eine britische Marinemission, deren Fhrer gleichfalls mit Kommandobefugnissen ausgestattet waren, in der Trkei ttig war. Deutschland gab schlielich, um einem Konflikt mit Ruland auszuweichen, nach und erklrte sich damit einverstanden, da die Befugnisse des Generals Liman auf die Generalinspektion der trkischen Militrschulen beschrnkt wurden. Aber auch diese Nachgiebigkeit fhrte kein Nachlassen in den Treibereien gegen Deutschland herbei. Die Sprache der russischen und franzsischen Presse gegen Deutschland wurde immer maloser. Auf russischer Seite wurde das Anrecht Rulands auf die asiatische Trkei und das Anrecht des Slawentums auf die von Slawen bevlkerten Teile der vor dem Zusammenbruch stehenden sterreichisch-ungarischen Monarchie, auf franzsischer Seite Frankreichs unverjhrbarer Anspruch auf Elsa-Lothringen mit erneutem Nachdruck proklamiert. Ganz offen besprach die Presse beider Lnder die infolge der ihrer Vollendung zugehenden russischen Rstungen immer besser werdenden Aussichten eines Krieges gegen die Mittelmchte. Bltter, deren enge Beziehungen zu den offiziellen Kreisen in Petersburg und Paris weltkundig waren, beteiligten sich an diesem Feldzug. Der russische Kriegsminister, Herr Ssuchomlinoff, uerte sich in dem ihm nahestehenden Blatte wiederholt in kaum mehr verhllten Kriegsdrohungen: Frankreich und Ruland wollen den Krieg nicht, aber Ruland ist bereit und erwartet, da Frankreich es gleichfalls sein wird. Und am 24. April 1914, also unmittelbar nach dem Besuch des Knigs Georg in Paris, berichtete der belgische Gesandte in Berlin, Baron Beyens, an seine Regierung: Herr Cambon (der franzsische Botschafter in Berlin) sieht wieder die Hand des Herrn Iswolski in dieser zwecklosen Kampagne der russischen und franzsischen Zeitungen. Ich fand, als ich im Mai 1914 zum letztenmal zu geschftlichen Besprechungen in Paris war, dort unter aufrichtigen Freunden der Erhaltung des Friedens eine sehr nervse und besorgte Stimmung. Die Presse und ffentliche Meinung waren in einer durch konkrete Tatsachen allein nicht zu erklrenden Erregung, die auf die leitenden Kreise teils bergriff, teils von ihnen gefrdert wurde. Gerade damals entrstete man sich in Paris, da in einer Theatervorfhrung -- ich glaube im Berliner Eispalast -- franzsische Fremdenlegionre in Uniform auf die Bhne gebracht worden waren. Ernsthafte Leute fragten mich aus diesem Anla, ob denn Deutschland durchaus den Krieg wolle! Ich lie mir die letzte Ausgabe des Temps geben und zeigte den Aufgeregten im Theateranzeiger drei oder vier Stcke, in denen deutsche Offiziere auf Pariser Bhnen Abend fr Abend unter tosendem Beifall des Publikums in den klglichsten Rollen vorgefhrt und beschimpft wurden. Der Eindruck, den ich damals von Paris mitnahm, da wir trotz aller Verstndigungsbemhungen Frankreich und Ruland gegenber weiter denn je von einer friedlichen Entspannung entfernt seien und da die Beziehungen der Mittelmchte zum Zweibund keinerlei nennenswerte Belastung vertragen knnten, wurde auch von andern Beobachtern geteilt. Wir kennen heute einen Bericht des belgischen Gesandten in Paris, Baron Guillaume, aus jener Zeit -- er ist vom 8. Mai 1914 datiert--, in dem es heit: Unstreitig ist die franzsische Nation in diesen letzten Monaten chauvinistischer und selbstbewuter geworden. Dieselben berufenen und sachverstndigen Persnlichkeiten, die vor zwei Jahren sehr lebhafte Befrchtungen bei der bloen Erwhnung von mglichen Schwierigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland uerten, stimmen jetzt einen andern Ton an; sie behaupten, des Sieges gewi zu sein, machen viel Aufhebens von den brigens wirklich vorhandenen Fortschritten, die die franzsische Armee gemacht hat, und behaupten sicher zu sein, das deutsche Heer zum mindesten lange genug in Schach halten zu knnen, um Ruland Zeit zu lassen, mobilzumachen, Truppen zusammenzuziehen und sich auf seine westlichen Nachbarn zu strzen... Ein erfahrener und hochgestellter Diplomat sagte neulich: >Wenn sich jetzt pltzlich eines Tages ein ernster Zwischenfall zwischen Frankreich und Deutschland ereignet, so werden die Staatsmnner beider Lnder sich bemhen mssen, ihm innerhalb der nchsten drei Tage eine friedliche Lsung zu geben, oder es gibt Krieg.< Es ist ausgeschlossen, da die britische Regierung ber diese Stimmungen und Strmungen in Frankreich und Ruland nicht unterrichtet war. Es ist ausgeschlossen, da sich Sir Edward Grey und seine Leute keine Rechenschaft darber gegeben haben, da die von Iswolski angeregte engere Knpfung der Triple-Entente in dem Gedanken seines Urhebers dazu dienen sollte und in ihrer tatschlichen Wirkung dazu dienen mute, den berhitzten Kessel noch weiter anzuheizen. Man mag zugunsten der bona fides der britischen Politik unterstellen, da Sir Edward sich damals auf den Vorschlag Iswolskis nur eingelassen habe, um den durch die britisch-deutsche Verstndigung ber so wichtige Einzelfragen beunruhigten Ententegenossen eine Sicherheit ber Englands loyales Festhalten an der Entente zu geben, da es ihm nur darauf angekommen sei, fr den Fall des Nichtzustandekommens der Verstndigung mit Deutschland oder des Nichteintretens der von dieser Verstndigung erwarteten Entspannung des deutsch-britischen Verhltnisses sich eine starke Koalition gegen Deutschland zu erhalten -- es wre eine durch nichts gerechtfertigte Aberkennung jeder politischen Urteilsfhigkeit der britischen Staatsmnner, wenn man annehmen wollte, diese seien sich nicht klar darber gewesen, da ihr grundstzliches Eingehen auf die Iswolskische Anregung und ihr Eintritt in Besprechungen ber die zwischen England und Ruland abzuschlieende Marinekonvention die strkste Aufmunterung des kriegerischen Geistes in Frankreich und Ruland bedeuten mute, da damit die deutsch-englischen Abmachungen, noch ehe sie zu Ende verhandelt waren, um ihre Frucht gebracht wurden. Nimmt man zu der damals vor dem Abschlu stehenden britisch-deutschen Verstndigung die Tatsache hinzu, da Deutschland in dem Ausbau seiner Flotte ohne vertragsmige Festlegung sich nach dem von Lord Haldane im Februar 1912 vorgeschlagenen Schlssel gerichtet hatte, so kann man aus all dem nur den Schlu ziehen, da die britischen Staatsmnner die diplomatische und militrische Vorbereitung einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland unter allen Umstnden und ganz unabhngig von der Bereinigung noch so wichtiger Einzelfragen als oberstes Ziel ihrer Politik festzuhalten entschlossen waren. Die Erklrung liegt wohl weniger in dem Willen der britischen Staatsmnner, die zufllig in jener entscheidenden Epoche der Weltgeschichte die Geschfte Englands leiteten, als vielmehr in den alten Traditionen der britischen Politik, durch die England gro geworden war und durch die es seine Gre zu erhalten suchte. Englands Politik war stets gegen die politisch und wirtschaftlich strkste Kontinentalmacht gerichtet; seitdem Deutschland die politisch und wirtschaftlich strkste Kontinentalmacht geworden war, seitdem England durch Deutschland mehr als durch ein anderes Land sich in seiner weltwirtschaftlichen Stellung und in seiner Seegeltung bedroht fhlte, war der englisch-deutsche Gegensatz unberbrckbar und durch keine Verstndigung ber irgendwelche Einzelfragen aus der Welt zu schaffen; es sei denn, da England mit allen seinen berlieferungen gebrochen und ehrlich darauf verzichtet htte, von seinen Machtmitteln zur Erhaltung seiner wirtschaftlichen Vorherrschaft Gebrauch zu machen. Zu einem solchen Bruch mit der treibenden Kraft seiner Geschichte war England nicht bereit, trotz aller pazifistischen Strmungen, die sich auch in der britischen ffentlichkeit einstellten. Das Wort Bismarcks vom Jahre 1897 blieb wahr: das einzige Mittel zur Besserung der deutsch-englischen Beziehungen sei, da wir unserer wirtschaftlichen Entwicklung einen Zaum anlegten, und dieses Mittel sei nicht anwendbar. Die Verstrkung der fr eine kriegerische Auseinandersetzung mit Deutschland geschmiedeten Koalition durch England in der Zeit des Abschlusses der deutsch-englischen Verstndigungsverhandlungen -- das ist der Schlssel zur politischen Weltlage, aus der heraus der groe Krieg entstanden ist. Der deutschen Politik war es weder gelungen, die franzsische Revancheidee aus der Welt zu schaffen oder auch nur ihr neues Aufflammen zu verhindern, noch die durch den panslawistischen Druck nach Sdosten erzeugte Spannung zwischen Ruland und den Zentralmchten einzudmmen. Wenn nun England am Ende langwieriger Verstndigungsverhandlungen mit Deutschland die Aussichtslosigkeit jeder wirklichen Verstndigung durch eine Verstrkung seines Ententesystems bekundete und damit den kriegerischen Strmungen bei seinen Ententegenossen eine neue Ermutigung gab, so war damit in der Sache das Urteil ber Krieg und Frieden gesprochen. Jeder Anla, in dem es einer der Ententegenossen auf den Krieg ankommen lassen wollte, mute bei dieser Lage der Dinge zum Weltkrieg fhren. Der Ausbruch des Weltkrieges Am letzten Junisonntag 1914, dem Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfelde, die den Serben als hchste nationale Erinnerung gilt, wurde zu Serajewo der Erzherzog Franz Ferdinand, der Erbe der Kronen von sterreich und Ungarn, von bosnischen Verschwrern serbischer Herkunft ermordet. Die Fden der Verschwrung wiesen nach Belgrad, und schon die erste Untersuchung ergab die Mitwisserschaft und Mitwirkung serbischer Offiziere und Beamten. Als ich am Abend des 28. Juni die Nachricht von der Mordtat erhielt, war ich mir sofort darber klar, da dieses Ereignis die unmittelbare Bedrohung des Weltfriedens bedeute. Die gegen den Bestand der Monarchie gerichtete, von den amtlichen Belgrader Kreisen in einer kaum verhllten Weise untersttzte groserbische Agitation war in Wien seit langem Gegenstand wachsender Beunruhigung. Ich wute aus dem persnlichen Verkehr mit einflureichen und magebenden Persnlichkeiten der Donaumonarchie, wie ernst man dort die groserbische Bewegung nahm und wie sehr man davon durchdrungen war, da die serbische Regierung -- trotz einer von ihr im Mrz 1909 aus Anla der Beilegung der bosnischen Krisis abgegebenen feierlichen Loyalittserklrung -- hinter der groserbischen Propaganda des Wortes und der Tat als treibende Kraft stehe. Ich wute, wie schwer es gewesen war, bei frheren Gelegenheiten sterreich-Ungarn davon abzuhalten, sich durch einen entscheidenden Streich gegen das Nest der groserbischen Zettelungen endlich strkere Garantien zu verschaffen als niemals eingehaltene Versprechungen. Die Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers und seiner Gemahlin war nach allem, was vorausgegangen war, eine Herausforderung, die kaum mehr irgendeine Hoffnung auf einen gtlichen Ausgleich lassen konnte. Das Verhalten Serbiens unmittelbar nach der Tat war geeignet, die schlimmsten Befrchtungen zu besttigen. Die serbische Presse hielt es nicht fr der Mhe wert, die Freude und den Jubel ber das Attentat zu unterdrcken; auch Bltter, die der Regierung nahestanden, bezeichneten als Ursache der Mordtat die inneren Verhltnisse sterreich-Ungarns. Der nahe Zerfall der Monarchie und der Serbien zufallende Anteil des Nachlasses wurden lauter denn je besprochen. Die serbische Regierung selbst tat, whrend das Fortschreiten der Untersuchung immer neue Beweise fr den serbischen Ursprung des Verbrechens ergab, von sich aus keinen Schritt zur Aufklrung des Sachverhalts, sondern spielte in herausfordernder Weise den gnzlich Unbeteiligten. Wer dagegen die Sprache der sterreichisch-ungarischen Bltter verfolgte, konnte nicht zweifeln, da die Wiener Regierung entschlossen war, auf ausreichende Shne fr die Ermordung des Thronfolgerpaares und auf starke Sicherheiten gegen die Fortsetzung der groserbischen Treibereien auf jede Konsequenz hin zu bestehen. Es war mir damals schon ein Rtsel und wird mir immer ein Rtsel bleiben, wie leicht die ffentliche Meinung bei uns in Deutschland -- und nicht nur die ffentliche Meinung, sondern auch Persnlichkeiten in Stellungen, die ihnen ein zutreffendes Urteil ermglichen muten -- damals die Lage nahmen. Die bosnische Krisis von 1908/09, die Marokkokrisis von 1911, die Krisis des Balkankriegs von 1912/13 hatten unsere ffentliche Meinung nicht etwa aufgerttelt und aufmerksam gemacht; ihre schlielich immer wieder friedliche Beilegung hatte im Gegenteil abstumpfend und einschlfernd gewirkt. Die berzeugung Es kommt ja doch nicht zum Krieg war bei uns in den weitesten Kreisen geradezu ein Dogma geworden, nicht zum wenigsten deshalb, weil wir von der eigenen friedfertigen Gesinnung bis ins Innerste durchdrungen waren. Der Deutsche Kaiser erhielt die Nachricht von dem Attentat in Kiel, whrend er an einer Regatta teilnahm. Die Regatta wurde sofort abgebrochen, und der Kaiser reiste alsbald nach Berlin. Damit fand auch der Besuch eines britischen Geschwaders in Kiel ein vorzeitiges Ende. Die Stellungnahme der deutschen Regierung zu den Ereignissen war durch die bisherige Politik vorgezeichnet. Wir hatten uns auf die Gefahr, in einen Krieg hineingezogen zu werden, in der bosnischen Krisis und whrend des Balkankriegs aus Anla der sdslawischen Bedrohung fr alle Welt sichtbar auf die Seite der Donaumonarchie gestellt und wohl gerade durch diese unsere unzweideutige Haltung am meisten zur Vermeidung des Krieges beigetragen. Niemand konnte erwarten, da dieses Mal unsere Haltung eine andere sein wrde. Wohl war gerade in den vorausgegangenen Monaten von Ruland her auf privatem Wege die Andeutung gemacht worden: Si vous pouviez vous dcider lcher les Autrichiens, nous pourrions lcher la France;-- aber, ganz abgesehen von der Ungeheuerlichkeit des uns damit angesonnenen Treubruchs: die berzeugung von der Lebenswichtigkeit des Bndnisses mit der Donaumonarchie und von der Notwendigkeit der Erhaltung eines starken sterreich-Ungarn war bei uns in den magebenden Kreisen wie in dem gesamten Volksbewutsein so unbedingt fest, da es ein Schwanken ber den jetzt einzuschlagenden Weg berhaupt nicht gab. Die Antwort, die sterreich-Ungarn auf seine Anfrage von Deutschland erhielt, ergibt sich aus folgenden Worten des spter von der deutschen Regierung ber den Kriegsausbruch verffentlichten Weibuchs: Aus vollem Herzen konnten wir unserm Bundesgenossen unser Einverstndnis mit seiner Einschtzung der Sachlage geben und ihm versichern, da eine Aktion, die er fr notwendig hielte, um der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung finden wrde. Aus dieser Haltung hat die deutsche Regierung niemandem gegenber ein Hehl gemacht, weder gegenber der eigenen ffentlichkeit, noch auch gegenber den an der weiteren Entwicklung der Dinge interessierten fremden Regierungen. Ich habe in jener Zeit aus Unterhaltungen mit meinen Freunden im Auswrtigen Amt den bestimmtesten Eindruck gewonnen, da man dort fest davon berzeugt war, in Fortsetzung der bisherigen Politik durch die offene Gewhrung voller Rckendeckung an sterreich-Ungarn die erstrebte Lokalisierung des drohenden Konfliktes zwischen der Donaumonarchie und Serbien am sichersten erreichen zu knnen. Auf der andern Seite wollte man jede berflssige Beunruhigung vermeiden. Man sagte sich wohl, da in solchen Zeiten kritischer Hochspannung Beunruhigung und Mitrauen sich wechselseitig steigern und schlielich zu positiven Manahmen fhren knnen, die gerade jene Entwicklung, die man zu vermeiden wnscht, unvermeidlich machen. Aus solchen Erwgungen heraus erklrt es sich, da der Kaiser trotz der noch gnzlich ungeklrten Lage am 6. Juli die Nordlandsreise antrat. Man frchtete, da ein Aufgeben der jhrlichen Nordlandsreise, fr die alle Dispositionen von langer Hand getroffen und bekannt waren, ein Aufsehen erregt haben wrde, das die friedliche Entwirrung der Lage htte erschweren mssen; man nahm ferner an, da die von der Wiener Regierung eingeleitete Untersuchung der mit dem Attentat von Serajewo zusammenhngenden Vorgnge, auf deren Ergebnis sterreich-Ungarn seine Forderungen an Serbien aufzubauen gedachte, und ebenso die Vorbereitungen, die sterreich-Ungarn treffen mute, um seinen Forderungen Nachdruck zu geben, einige Zeit erfordern wrden; und schlielich rechnete man bei uns mit einer Zuversicht, die ich nach meiner Einschtzung der fr die weitere Entwicklung bestimmenden Faktoren nicht ganz zu teilen vermochte, mit einem guten Ausgang, wie er durch unser klares und festes Eintreten fr den Bundesgenossen in den frheren hnlichen Lagen herbeigefhrt worden war. Meine eigne, weniger zuversichtliche Auffassung der Dinge erfuhr in der weiteren Entwicklung durch allerlei Anzeichen, die in der ffentlichkeit merkwrdig wenig Beachtung fanden, immer mehr ihre Besttigung. Das groe Publikum verharrte noch in einer fr mich von Tag zu Tag unbegreiflicheren Sorglosigkeit, als unsere offizis bediente Presse bereits deutliche Warnungssignale gab, als z.B. die Norddeutsche Allgemeine Zeitung am 19. Juli in einem sehr ernsten Artikel ber Deutschlands Haltung ausfhrte, nur durch ein rechtzeitiges Einlenken Serbiens knne eine Krisis vermieden werden, deren Lokalisierung im Interesse der europischen Solidaritt erwnscht und geboten sei. In meinem Wirkungsbereich, in der Direktion der Deutschen Bank, habe ich schon von den ersten Tagen des Juli an aus meiner Auffassung der Lage die Folgerungen gezogen. Ich habe auf Zurckhaltung im Eingehen neuer Verpflichtungen und auf eine tunlichste Strkung der flssigen Mittel der Bank hingewirkt. Am 23. Juli berreichte der sterreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad der serbischen Regierung die Forderungen seiner Regierung mit einer ausfhrlichen Begrndung. Zur Beantwortung wurde Serbien eine Frist von achtundvierzig Stunden gelassen. Das Ultimatum, in Form und Inhalt berraschend schroff, zerri fr die ganze Welt mit einem Schlag alle Nebel, die bisher den Ernst der Lage noch verhllt hatten. Jetzt war es fr jedermann klar, da sterreich-Ungarn fest entschlossen war, auf jede Eventualitt hin Serbien gegenber durchzugreifen, und da der Friede Europas davon abhnge, ob Ruland, das Serbiens Treiben bisher so offensichtlich ermutigt hatte, beiseitestehen werde oder nicht. Mit einemmal stand Europa im Zeichen der unmittelbaren Kriegsgefahr. Es ist spter die Frage aufgeworfen und lebhaft errtert worden, welche Rolle die deutsche Regierung und der Deutsche Kaiser bei jenen Vorgngen gespielt haben. Die deutsche Regierung hat alsbald nach der Bekanntgabe des sterreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien -- bei aller Betonung ihrer Bundestreue gegenber der Donaumonarchie und ihres Wunsches, den Konflikt zu lokalisieren -- Wert darauf gelegt, gegenber der eigenen ffentlichkeit und gegenber den Regierungen der Gromchte festzustellen, da sie an der Abfassung des Ultimatums nicht beteiligt gewesen sei und von seinen Einzelheiten vorher keine Kenntnis gehabt habe. Das bedeutet, da die deutsche Billigung der von sterreich-Ungarn fr notwendig gehaltenen Aktion, zu der sich die Reichsregierung in ihrem Weibuch ausdrcklich bekennt, nur die grundstzliche Bereitschaft enthielt, sich hinter sterreich-Ungarn bei seiner Abwehr der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten groserbischen Bewegung zu stellen; da aber eine Vereinbarung ber die Einzelheiten des von sterreich-Ungarn zu verfolgenden Aktionsprogramms nicht stattgefunden hat. Im Gegensatz zu dieser Bekundung der deutschen Regierung ist von feindlicher Seite, in der Absicht, Deutschland als den Urheber des Krieges hinzustellen, und spter auch von gewissen deutschen Seiten die Behauptung aufgestellt worden, die deutsche Regierung habe von Anfang an bei der Abfassung des Ultimatums mitgewirkt und trage die eigentliche Verantwortung fr dessen eine friedliche Lsung kaum mehr gestattende Schroffheit. Das Ultimatum wurde in Zusammenhang gebracht mit einem Kronrat, der unter Vorsitz des Deutschen Kaisers und unter Beteiligung sterreichisch-ungarischer hoher Militrs -- genannt wurden der Erzherzog Friedrich und der Feldmarschall Conrad von Htzendorff -- am 5. Juli 1914 in Potsdam stattgefunden und die Rollen in dem zum Kriege fhrenden Spiel verteilt haben soll. Auch die bekannte Denkschrift des Frsten Lichnowsky nimmt auf diesen angeblichen Kronrat Bezug; desgleichen eine spter von den Unabhngigen Sozialdemokraten verbreitete und auch im Hauptausschu des Reichstags zur Sprache gekommene Aufzeichnung des Herrn Dr.Mhlon, der zu jener Zeit stellvertretender Direktor bei Krupp war und der sich fr seine Darstellung auf uerungen bezieht, die ich ihm gegenber damals in einer vertraulichen Unterhaltung geschftlichen Charakters gemacht haben soll. Auch ein Bericht des bayrischen Legationsrates Dr.von Schn, den der sozialistische bayrische Ministerprsident Eisner im November 1918 verffentlicht hat, ist benutzt worden, um den Kaiser und die deutsche Regierung als Anstifter des sterreichisch-ungarischen Ultimatums hinzustellen und die Bekundung, da die deutsche Regierung an der Abfassung des Ultimatums nicht beteiligt gewesen sei und von seinen Einzelheiten vorher keine Kenntnis gehabt habe, Lgen zu strafen. Mir ist ber den tatschlichen Hergang folgendes bekannt: Nach dem Attentat von Serajewo hat die deutsche Regierung sich rckhaltlos auf den von der sterreichisch-ungarischen Regierung vertretenen Standpunkt gestellt, da der Bestand der Donaumonarchie durch die groserbische Bewegung bedroht und die sterreichisch-ungarische Regierung berechtigt sei, wirksame Manahmen gegen diese Bedrohung zu ergreifen. Die deutsche Regierung hat ferner, an dem ersten Grundsatze der Reichspolitik festhaltend, die Erhaltung sterreich-Ungarns als ein eigenes Lebensinteresse angesehen und deshalb auch jetzt wieder der Wiener Regierung die Zusicherung gegeben, da Deutschland sterreich-Ungarn bei der Wahrung seiner Lebensinteressen zur Seite stehen werde. Der Kaiser hat diese Stellungnahme in den Besprechungen, die zwischen dem Attentat und dem Antritt der Nordlandsreise stattfanden, gutgeheien. Man war sich klar darber, da diese Haltung das Deutsche Reich in einen sterreichisch-russischen Konflikt hineinziehen und damit den Weltkrieg heraufbeschwren knne. Aber wie in den Jahren 1908/09 und 1912/13 hoffte man, der Gefahr eines sterreichisch-russischen Konflikts durch eine klare und entschiedene Stellungnahme am besten vorbeugen zu knnen. Das alles konnte damals jedermann hren, der sich im Auswrtigen Amt ber den Stand der Dinge unterrichten wollte. Die Legende von dem Potsdamer Kronrat ist schon im Juli 1914 in Berlin in Umlauf gebracht worden, wie es scheint, durch Erzhlungen des Oberkellners eines bekannten Berliner Cafs, der seine Wissenschaft aus einem von ihm bruchstckweise mitangehrten Gesprch hochgestellter Gste bezogen haben wollte. Die Legende ist offenbar daraus entstanden, da am 5. Juli der sterreichisch-ungarische Botschafter Graf Szgieny dem Deutschen Kaiser ein Handschreiben des Kaisers Franz Joseph berreichte. In diesem Schreiben und einer ihm beigefgten Denkschrift des Wiener Auswrtigen Ministeriums wurden die Gefahren der Lage hervorgehoben und die Aufnahme Bulgariens an Stelle des wankenden Rumnien in den Bund der Mittelmchte angeregt. In der vom Auswrtigen Amt entworfenen Antwort wurde der Heranziehung Bulgariens unter gewissen Vorbehalten zugestimmt; es wurden ferner Bemhungen in Aussicht gestellt, um Rumnien beim Bndnis zu erhalten; zu dem Konflikt mit Serbien wurde eine Stellungnahme abgelehnt, es wurde aber betont, da Deutschland gem dem Bndnis und der alten Freundschaft treu zu sterreich-Ungarn stehen wrde[6]. Ich habe spter festzustellen Gelegenheit gehabt, da weder der Erzherzog Friedrich noch der Feldmarschall Conrad von Htzendorff damals in Berlin geweilt, geschweige denn an einem Kronrat in Potsdam teilgenommen haben; da der Kaiser an jenen Tagen berhaupt keine sterreichisch-ungarischen Militrpersonen empfangen hat; da auch ein Kronrat oder eine kronrathnliche Veranstaltung in ausschlielich deutschen Kreisen damals nicht stattgefunden hat, vielmehr der Kaiser sich vor dem Antritt der Nordlandsreise auf die Entgegennahme von Einzelvortrgen, darunter auch des Vortrages des Reichskanzlers ber die politische Lage und ber die Unzweckmigkeit einer Aufgabe der Nordlandsreise, beschrnkt hat. Auch abgesehen von jenem nicht stattgefundenen Kronrat sind nhere _Vereinbarungen_ mit der Wiener Regierung ber die von dieser zu unternehmende Aktion, wie mir spterhin von den beteiligten Staatsmnnern auf das bestimmteste erklrt worden ist, nicht getroffen worden. Was die Wiener Regierung ber ihre Absichten mitteilte, hat sich auf allgemeine Richtlinien beschrnkt: Untersuchung gegen die der Beteiligung an dem Attentat Verdchtigen unter Mitwirkung sterreichisch-ungarischer Organe; Bestrafung der Schuldigen; Sicherheiten fr die Zukunft, insbesondere Unterdrckung der gegen den Bestand der sterreichisch-ungarischen Monarchie gerichteten Propaganda. Fr die Ausgestaltung dieser Forderungen im einzelnen und fr die Form, in der sie an Serbien gestellt werden sollten, hat weder Wien die Berliner Zustimmung erbeten, noch Berlin sterreichische Mitteilungen verlangt. Man hat ein solches Vorgehen angesichts des fr das Deutsche Reich ungeheuren Einsatzes als unbegreiflich bezeichnet; es scheint mir jedoch, da bei einer solchen Kritik nicht gengend gewrdigt wird, da die deutsche Regierung, indem sie von einer Vereinbarung der Einzelheiten und der Form des sterreichisch-ungarischen Vorgehens absah, nicht etwa der Wiener Regierung eine Blankovollmacht ausstellte, sondern im Gegenteil eine Festlegung der deutschen Politik auf die Einzelheiten der sterreichisch-ungarischen Aktion vermied und sich damit freie Hand vorbehielt fr die Beurteilung dessen, was bei der weiteren Entwicklung der Dinge als notwendig fr die Erhaltung des Bestandes der sterreichisch-ungarischen Monarchie anzusehen und von Deutschland mitzuvertreten sei. Ich erinnere an die Lage im November 1912, in der der Deutsche Kaiser in seinem oben angefhrten Telegramm an den Reichskanzler sich zwar nach wie vor bereit erklrte, fr das sterreichisch-ungarische Lebensinteresse zu marschieren, nicht aber um einer Laune des Verbndeten willen einen Weltkrieg heraufzubeschwren. Und auch in der Krisis von 1914 hat, wie wir noch sehen werden, die freie Hand, die sich die deutsche Regierung durch die Vermeidung des Festlegens der Einzelheiten der sterreichisch-ungarischen Aktion gewahrt hat, dem Kaiser und dem Reichskanzler Gelegenheit gegeben, bei sterreich-Ungarn ein Einlenken in Sachen des Ultimatums durchzusetzen, ein Erfolg, der allerdings in seiner Wirkung durch den entschlossenen Kriegswillen der russischen Kriegspartei vereitelt worden ist. Noch bis zum Tag der berreichung des Ultimatums in Belgrad waren meine Freunde im Berliner Auswrtigen Amt im ungewissen, wie das Ultimatum ausfallen werde. Als sein Text unmittelbar vor der bergabe in Belgrad in Berlin eintraf, war man im Auswrtigen Amt von seiner Schrfe sichtlich berrascht. Der Kaiser hat mir spterhin, lngst ehe die Frage seiner angeblichen Schuld am Kriege in Deutschland eine Rolle spielte, wiederholt von den damaligen Vorgngen erzhlt. Er habe sich, um nicht durch unntige Beunruhigung die Lage zu erschweren, auf den Rat des Kanzlers und des Auswrtigen Amtes entschlossen, die Nordlandsreise anzutreten. Das Auswrtige Amt habe ihm ber den weiteren Verlauf der Dinge sprliche und durchaus zuversichtliche Berichte geschickt, auf Grund deren er die Hoffnung gehegt habe, da sich alles friedlich erledigen werde. Der Wortlaut des sterreichisch-ungarischen Ultimatums habe ihn aus dieser Hoffnung herausgerissen. Er habe, alsbald nachdem er Kenntnis von dem Wortlaut erhalten habe, ohne weitere Nachrichten des Auswrtigen Amts abzuwarten, die sofortige Rckkehr nach der Heimat befohlen. In Berlin eingetroffen, fgte er hinzu, habe ich mich sofort an die Telegraphenstrippe gehngt und beim Zaren, beim Knig von England und beim Kaiser Franz Joseph alles versucht, um das Verhngnis aufzuhalten. Das wre mir auch gelungen, wenn nicht der unselige Zar sich die Mobilmachungsorder htte abpressen lassen. Ich habe aus meinen eignen Wahrnehmungen in der kritischen Zeit den Eindruck gewonnen, da den leitenden Kreisen in Deutschland nichts ferner lag, als einen Krieg herbeifhren zu wollen. Wenn der deutschen Politik in jener Zeit ein Vorwurf zu machen ist, so ist es vielmehr der, da sie die Gefahr des Krieges nicht ernst genug ins Auge fate, sondern zu sehr von der friedlichen Lsung des Konfliktes berzeugt war, und da deshalb weder militrisch, noch diplomatisch, noch wirtschaftlich die in Hinblick auf die Mglichkeit des Kriegs erforderlichen Vorbereitungen getroffen worden sind. In militrischer Beziehung liegt mir hierfr ein merkwrdiges Dokument vor. In einer Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages im Jahre 1917 hatte der Unabhngige Sozialdemokrat Dr.Cohn-Nordhausen die Behauptung aufgestellt, im Anschlu an den angeblichen Kronrat vom 5. Juli 1914 seien alsbald militrische Vorkehrungen getroffen, u.a. die sofortige kriegsmige Verproviantierung der elsa-lothringischen Festungen angeordnet worden. Das gab mir Veranlassung, das Kriegsministerium um Feststellung des Tatbestandes zu bitten. Es stellte sich heraus, da in der Tat wenige Tage nach dem 5. Juli 1914 ein Erla ber die Verproviantierung der elsssischen Festungen hinausgegangen war. Dieser Erla lautete wie folgt: Armee-Verwaltungs-Departement 237/14 geh. B 2. Berlin, 9. Juli 1914. _Geheim!_ Zu Nr. 476/14. M. II. Versorgungsfrist fr die Festungen Straburg und Neubreisach. Dem Antrage auf Hinausschiebung des krzesten Verproviantierungstermins fr die Festung Straburg vom 12. auf den 20. und fr die Festung Neubreisach vom 8. auf den 15. Mobilmachungstag wird unter den dargelegten Umstnden, jedoch nur notgedrungen, vorlufig zugestimmt. Auf Verkrzung dieser Fristen ist daher unausgesetzt und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln hinzuwirken. Zum 1. April 1915 ist zu berichten, ob und unter welchen inzwischen eingetretenen Umstnden eine Verkrzung der Fristen zulssig ist. I. V. (Unterschrift.) An die Knigl. Intendantur des XV. Armeekorps. Das Armee-Verwaltungs-Departement des Preuischen Kriegsministeriums hat also noch elf Tage nach dem Attentat von Serajewo und vier Tage nach dem angeblichen Kronrat, der den Krieg beschlossen haben soll, die Verproviantierungsfristen der elsssischen Festungen, vorlufig und auf Widerruf um eine Woche verlngert! Ein strkerer Beweis dafr ist kaum mglich, da unsern leitenden Kreisen der Gedanke, einen Krieg heraufzubeschwren, gnzlich fernlag, ja da sie im Vertrauen auf die Erhaltung des Friedens Manahmen guthieen, die das Gegenteil der an sich durch die Lage gebotenen Vorbereitungen fr die Mglichkeit des Krieges waren. Auf diplomatischem Gebiet mu es jedem tiefer in die Dinge eintretenden Beobachter auffallen, da bei unserm italienischen Verbndeten vor der berreichung des Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche gemacht worden sind, ihn auf eine Mitwirkung oder wenigstens eine wohlwollende Neutralitt durch bindende Abmachungen festzulegen. Wenigstens ergibt sich aus den italienischen Verffentlichungen zur Vorgeschichte des Kriegs dafr nicht nur kein positiver Anhalt; vielmehr lt sich aus der Beschwerde darber, da Italien von den sterreichisch-ungarischen Absichten entgegen frheren Zusagen nicht rechtzeitig unterrichtet worden sei, nur der Schlu ziehen, da die beiden Mittelmchte in der Tat an Italien nicht herangetreten sind. Bei den bekannten Empfindlichkeiten und Aspirationen Italiens wre, falls die Mittelmchte einen Krieg htten heraufbeschwren wollen oder falls sie auch nur ernstlich die Mglichkeit des Krieges aus der serbischen Veranlassung heraus ins Auge gefat htten, der Versuch der grundstzlichen Verstndigung mit Italien ber das geplante Vorgehen eine elementare Notwendigkeit gewesen. An Kompensationsobjekten fehlte es nicht; man braucht nur an die albanische Frage zu denken. Und der Vorteil eines von vornherein sich klar und unzweideutig auf die Seite der Mittelmchte stellenden Italien wre, wenn man den Kriegsfall ernstlich ins Auge fate oder gar den Kriegsfall herbeifhren wollte, eine Kompensation wert gewesen. Es scheint mir hier in der diplomatischen Vorbereitung des Krieges eine Unterlassung vorzuliegen, die nur erklrlich ist aus dem festen Vertrauen der deutschen Staatsmnner in die Erhaltung des Friedens. Auch wirtschaftlich ist in jener Zeit nichts geschehen, was nach Vorbereitung fr einen Krieg ausgesehen htte. Man hat nichts getan, um unsere Bestnde an Nahrungsmitteln und kriegsnotwendigen Rohstoffen, wie Stickstoff, Wolle und Baumwolle, Kupfer, Nickel, Kautschuk usw. aufzufllen; man hat keinen Finger gerhrt, um auch nur die Einfuhr der in Antwerpen und Rotterdam mit Bestimmung fr Deutschland lagernden Waren einigermaen zu beschleunigen. Man hat im Gegenteil geduldet, da noch kurz vor Kriegsausbruch Nahrungsmittel und kriegswichtige Stoffe unsern Gegnern zugefhrt worden sind, insbesondere da noch im Monat Juli groe Quantitten von Brotgetreide aus dem Reichsgebiet nach Frankreich ausgefhrt wurden. Ist ein solches Verhalten denkbar bei einer Regierung, die einen Krieg herbeifhren will? -- Die Frage beantwortet sich von selbst. Nur die felsenfeste berzeugung, da es gelingen werde, den Frieden zu erhalten -- eine berzeugung, die jede Absicht, auf den Krieg loszusteuern, unbedingt ausschliet--, lt das Unterlassen aller militrischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen berhaupt erklrlich erscheinen.-- Die Aufnahme, die das sterreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien bei Ruland fand, mute sofort erkennen lassen, da die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens an einem schwachen Faden hing. Die Lokalisierung des sterreichisch-serbischen Konflikts war die Voraussetzung aller Friedenshoffnungen. Die russische Regierung lie jedoch bereits am Tage nach der berreichung des Ultimatums, am 24. Juli 1914, bekanntgeben, da der sterreichisch-serbische Konflikt Ruland nicht indifferent lassen knne. Durch sptere Verffentlichungen[7] wissen wir, da an demselben 24. Juli der russische Minister des Auswrtigen dem serbischen Gesandten in Petersburg erklrte, da Ruland in keinem Fall aggressive Handlungen sterreich-Ungarns gegen Serbien zulassen werde. Das war eine Ermunterung Serbiens zum Widerstand gegen die sterreichisch-ungarischen Forderungen, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Gedeckt durch Ruland gab Serbien auf das Ultimatum am 25. Juli eine Antwort, die bei scheinbar weitem Entgegenkommen in wesentlichen Punkten die sterreichisch-ungarischen Forderungen umging oder ablehnte. Der sterreichisch-ungarische Gesandte forderte daraufhin alsbald seine Psse und verlie Belgrad. Schon vor der bergabe ihrer Antwortnote hatte die serbische Regierung die Mobilmachung verfgt. Damit war der bewaffnete Zusammensto zwischen sterreich-Ungarn und Serbien so gut wie unabwendbar geworden, der Konflikt zwischen sterreich-Ungarn und Ruland war vor aller Welt erklrt. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, alle die Phasen darzustellen, die der russisch-sterreichische Konflikt in den acht Tagen bis zum Kriegsausbruch durchlaufen hat. Die Vorgnge sind von den verschiedensten Seiten eingehend geschildert worden, auch von mir in meiner Arbeit ber Die Entstehung des Weltkriegs im Lichte der Verffentlichungen der Dreiverbandsmchte. An dieser Stelle steht im Vordergrund, was ich aus persnlichen Wahrnehmungen zur Besttigung und Aufhellung der Vorgnge beitragen kann. Es fgte sich, da ich Gelegenheit hatte, am Abend des 26. Juli, also am Abend nach der berreichung der von sterreich-Ungarn als Ablehnung behandelten serbischen Antwortnote, mich mit einer russischen Persnlichkeit, die enge Beziehungen zu den magebenden Regierungskreisen hatte, ber die politische Lage eingehend unterhalten zu knnen. Der frher bereits erwhnte Prsident des Direktoriums der Russischen Bank fr auswrtigen Handel, Herr Davydoff, teilte telegraphisch mit, da er am Sonntag, 26. Juli, abends 11 Uhr, fr ganz kurzen Aufenthalt in Berlin eintreffen werde und groen Wert darauf lege, meinen Kollegen Mankiewitz, zu dessen Geschftskreis in der Direktion der Deutschen Bank die russischen Geschfte gehrten, und mich mglichst bald nach seiner Ankunft zu sprechen. Herr Mankiewitz und ich suchten Herrn Davydoff alsbald nach seiner Ankunft im Hotel Adlon auf. Die Fenster seines Salons gingen nach den Linden. Von der Strae herauf brauste das Gewoge der Volksmenge, die sich, wie schon am Abend vorher, in groer Erregung und vaterlndische Lieder singend durch die Hauptstraen der inneren Stadt bewegte. Herr Davydoff empfing uns sichtlich beeindruckt durch die Kundgebungen, deren Zeuge er auf der Fahrt vom Bahnhof nach dem Hotel gewesen war. Schon aus seinen ersten Worten ergab sich, da er nicht in geschftlichen Angelegenheiten nach Berlin gereist war, sondern zu Zwecken der politischen Orientierung, und zwar mit Wissen und im Auftrag magebender russischer Kreise. Er berief sich auf seine langjhrigen Bemhungen um die Herstellung eines guten Verhltnisses zwischen Deutschland und Ruland und bekannte seine groen Besorgnisse wegen der Weiterentwicklung der serbischen Angelegenheit. Die grte Gefahr liege darin, da in Petersburg nahezu an allen Stellen die berzeugung bestehe, da die deutsche Regierung sterreich-Ungarn zu seinem Vorgehen gegen Serbien aufgestachelt habe und der eigentliche Verfasser des Ultimatums sei; da die Aktion gegen Serbien nur ein Glied in der Kette unfreundlicher Handlungen Deutschlands gegen Ruland bedeute, und da, wenn Ruland sich jetzt fge, in kurzer Zeit neue Demtigungen folgen wrden. Diese gefhrliche Auffassung werde mit Nachdruck und Erfolg von Iswolski vertreten, der mit ihm von Petersburg hierher gereist sei und direkt nach Paris weiterfahre. Er fgte hinzu, da er von dem Wiedereintreffen Iswolskis in Paris Schlimmes befrchte. Ich trat der Auffassung, als ob Deutschland Rulands Demtigung suche, mit Entschiedenheit entgegen. Davydoff, der sich selbst mit dieser Auffassung nicht identifizierte, konnte an Fllen, in denen Deutschland die russischen Wege gekreuzt habe, auer unserem Eintreten fr unsern sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen in den verschiedenen serbischen Konfliktsfllen nur die Angelegenheit der deutschen Militrmission fr Konstantinopel nennen, in der doch Deutschland sich schlielich dem bei uns als unberechtigt empfundenen russischen Einspruch gefgt hatte. Auch der Auffassung, als ob die deutsche Regierung sterreich-Ungarn vorgeschoben htte und der eigentliche Verantwortliche fr das Belgrader Ultimatum sei, konnte ich nach meiner eigenen Kenntnis der Vorgnge widersprechen und dabei auf die von den deutschen Botschaftern bei den verschiedenen Regierungen abgegebenen Erklrungen, die Davydoff noch nicht kannte, hinweisen. Davydoff erwartete eine gute Wirkung davon, wenn er die offiziellen Erklrungen durch Berufung auf Mitteilungen von seiner Regierung bekannten Privatpersonen bekrftigen knne. Ich erklrte mich gern damit einverstanden, da er meine uerung in diesem Sinne verwerte. Ich bat ihn jedoch, zur Vermeidung einer jeden Zweideutigkeit hinzuzufgen, da man in Deutschland, wenn unsre Regierung auch an dem sterreichisch-ungarischen Ultimatum nicht mitgewirkt habe, unverrckbar auf dem Standpunkt stehe, da sterreich-Ungarn in seinem Rechte sei und da niemand sterreich-Ungarn hindern drfe, sein Verhltnis zu Serbien nach seinen Lebensinteressen zu ordnen. Im weiteren Verlauf der Unterhaltung suchte Davydoff meine Ansicht darber zu erfahren, ob sterreich-Ungarn durch Deutschland nicht zu einer Milderung seiner Note veranlat werden knnte. Als ich dies nach dem Stand der Dinge als unwahrscheinlich bezeichnete, lie er durchblicken, es komme in dieser Sache weniger darauf an, den Serben entgegenzukommen, als darauf, Ruland einen Ausweg aus der furchtbaren Situation zu zeigen, die sonst unvermeidlich zum Weltkrieg fhren msse. Es gebe, wie mir bekannt sei, in Ruland eine sehr starke und einflureiche Kriegspartei; wir Deutschen htten das Interesse, der Friedenspartei und allen denjenigen, die ein dauernd gutes Verhltnis zu Deutschland wnschen, zu helfen und ein Auskunftsmittel zu suchen, das es Ruland mglich mache, ohne Krieg das Gesicht zu wahren. Ich versprach, mein Bestes zu tun, und behielt mir vor, am nchsten Morgen auf diese Anregung zurckzukommen und vielleicht einen Vorschlag zu machen. Es war inzwischen fast halb zwei Uhr geworden. Im Begriff, mich zu verabschieden, fragte ich Davydoff nach seinen weiteren Dispositionen. Davydoff antwortete, er wolle Dienstag abend abreisen, also Donnerstag in Petersburg zurck sein. Auf meine Bemerkung: Und Sie glauben, da bis dahin nichts Entscheidendes und Unwiderrufliches passiert? antwortete er: Ich glaube, es wird nichts Entscheidendes geschehen; wir werden wohl einen Teil unserer Armee mobil machen, aber-- Ich fiel ihm ins Wort: Sie meinen also, eine russische Mobilmachung sei nichts Entscheidendes? -- Da bin ich allerdings anderer Ansicht. Ich bin auf das bestimmteste berzeugt, da eine russische Mobilmachung die deutsche Mobilmachung zur sofortigen Folge hat. Davydoff: Nun und--? Dann demobilisiert man wieder! Das kostet zwar Geld, braucht aber doch noch kein Blut zu kosten. Mir war bekannt, da unsere Regierung aus zwingenden militrischen Grnden die russische Mobilmachung als gleichbedeutend mit dem Kriegsfall ansah. An demselben 26. Juli, an dessen Abend ich diese Unterredung mit Herrn Davydoff hatte, war unser Botschafter in Petersburg angewiesen worden, der russischen Regierung eine Erklrung abzugeben, in der es hie: Vorbereitende militrische Manahmen Rulands werden uns zu Gegenmanahmen zwingen, die in der Mobilisierung der Armee bestehen mssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den Krieg. Da uns Frankreichs Verpflichtungen gegenber Ruland bekannt sind, wrde die Mobilmachung gegen Ruland und Frankreich gerichtet sein. Wir knnen nicht annehmen, da Ruland einen solchen europischen Krieg entznden will. Da diese deutsche Auffassung auch von den Verbndeten Rulands als ganz selbstverstndlich anerkannt wurde, zeigt der Bericht des britischen Gesandten in Petersburg vom 25. Juli (Blaubuch Nr.17), in dem es heit: I said all I could to impress prudence on the Minister for foreign Affairs, and warned him that, if Russia mobilised, Germany would not be content with mere mobilisation, or give Russia time to carry out hers, but would probably declare war at once. (Ich sagte alles, was ich konnte, um dem Minister des Auswrtigen Vorsicht nahezulegen, und warnte ihn, da im Falle einer russischen Mobilisation Deutschland sich nicht auf eine bloe Mobilisation beschrnken oder Ruland Zeit zur Durchfhrung der seinigen geben, sondern wahrscheinlich sofort den Krieg erklren werde.) Da die leitenden militrischen Kreise in Ruland selbst die eigne Mobilmachung als gleichbedeutend mit der Kriegserklrung an Deutschland ansahen, ist spter auer Zweifel gestellt worden durch eine von uns in Polen aufgefundene Anweisung des russischen Kriegsministers vom September 1912, lautend: Allerhchst ist befohlen, da die Verkndigung der Mobilmachung zugleich die Verkndigung des Krieges gegen Deutschland ist. Die russische Mobilmachung war also -- das war damals auch meine innerste berzeugung -- von allen fr den weiteren Verlauf der Dinge zu befrchtenden Komplikationen die verhngnisvollste; sie mute allen Versuchen, den Frieden zu erhalten, ein kurzes Ende bereiten. Es gab mir damals einen frmlichen Ruck, Herrn Davydoff so leichthin ber diese Mglichkeit sprechen zu hren. Sie knnen berzeugt sein, antwortete ich ihm, da die Mobilmachung den sofortigen Krieg bedeutet. Davydoff war stark betroffen. Nach einer kurzen Pause des Schweigens uerte er Zweifel. Ich verwies ihn darauf, da unsere raschere Mobilmachung uns gegenber der russischen berzahl einen Vorsprung gebe, der durch kein Zaudern verloren werden drfe; davon sei Zivil und Militr bei uns durchdrungen. Deshalb sei Mobilisieren und Losschlagen fr uns gleichbedeutend. Davydoff berzeugte sich von dem Ernst der Sache. Er erklrte diesen Punkt fr so auerordentlich wichtig, da er noch in der Nacht darber nach Petersburg telegraphieren msse. Am nchsten Vormittag, Montag, 27. Juli, machte ich dem Unterstaatssekretr Zimmermann von der nchtlichen Unterhaltung mit Herrn Davydoff Mitteilung und fragte ihn, welche Andeutungen ich eventuell Herrn Davydoff ber einen Ausweg machen knne, der nach seinem Wunsch Ruland ermglichen solle, das Gesicht zu wahren. Das Ergebnis der Besprechung mit Zimmermann war, da ich Herrn Davydoff als meine persnliche Anregung nachstehenden Gedanken mitteilte: sterreich-Ungarn hat in seiner Zirkularnote an die Mchte gesagt, da es das Beweismaterial fr den der Note an Serbien zugrundeliegenden Tatbestand zur Verfgung der Regierungen halte. Da die russische Regierung Zweifel in die Richtigkeit der von sterreich-Ungarn behaupteten Tatsachen setze, bleibe vielleicht die Mglichkeit, der Wiener Regierung zu suggerieren: Die sterreichisch-ungarische Regierung teilt sua sponte und ohne eine Anfrage der russischen Regierung abzuwarten, dieser ihr Beweismaterial mit. Die russische Regierung knne, wenn es ihr auf einen Ausweg aus der Sackgasse ankomme, diesen freundschaftlichen Schritt benutzen, um sich fr berzeugt zu erklren und sterreich-Ungarn freie Hand fr ein Vorgehen gegen Serbien zu lassen. Davydoff griff den Gedanken auf und meinte, Ruland msse wohl auerdem darber vergewissert werden, da die sterreichisch-ungarische Aktion keine Verschiebung des Gleichgewichts auf dem Balkan zur Folge haben werde. Auf meinen Hinweis, da sterreich-Ungarn bereits feierlich erklrt habe, da es keine territorialen Ziele verfolge, antwortete er, da es vielleicht mglich wre, noch zu przisieren und zu ergnzen, um dadurch Ruland den Rckzug zu erleichtern. Im Einverstndnis mit Zimmermann setzte ich mich dann mit dem sterreichisch-ungarischen Botschaftsrat Baron Haimerle in Verbindung. Baron Haimerle sagte mir, da die Beweise fr die in der Note an Serbien aufgefhrten Tatsachen in Form eines Mmoires von der Wiener Regierung den smtlichen Gromchten in den nchsten Tagen zugestellt werden sollten. Damit werde meiner Anregung in der Sache entsprochen. Darber hinaus seiner Regierung einen besonderen Schritt gegenber Ruland zu empfehlen, lehnte er ab, da in der augenblicklichen Lage jeder besondere Schritt sterreich-Ungarns gegenber Ruland als Schwche ausgelegt werde und damit die Entwirrung der Lage erschwere. Ich legte nun -- immer im Einverstndnis mit dem Unterstaatssekretr Zimmermann -- Herrn Davydoff, der mich um eine Formulierung gebeten hatte, die er nach Petersburg telegraphieren knne, folgende Fassung vor: Dr.Helfferich glaubt Grund zu der Annahme zu haben, da die sterreichisch-ungarische Regierung spontan der russischen Regierung, und ebenso den Regierungen der brigen Gromchte, das Material betreffend die Verschwrung gegen das Leben des Erzherzogs Franz Ferdinand und deren Zusammenhang mit der groserbischen Agitation vorlegen wird, um auf diese Weise den Regierungen Gelegenheit zu geben, sich von der Richtigkeit der in der Note an Serbien aufgefhrten Tatsachen und von der Berechtigung der Forderungen sterreich-Ungarns zu berzeugen. Ich war mir ganz klar darber, da dieser Strohhalm uerst dnn war. Trotzdem uerte Davydoff, nachdem er die Fassung aufmerksam durchgelesen hatte: Das ist immerhin schon recht viel. Auch am folgenden Tag bezeichnete Davydoff den von mir suggerierten Weg als gangbar und erklrte, da er in Petersburg dafr eintreten werde, da man diesen Weg benutze. Er uerte ferner bei dieser letzten Unterredung, da er sich ganz besonders viel von einer Initiative des Kaisers gegenber dem Zaren, der hierfr sehr zugnglich sei, verspreche. Unmittelbar vor seiner Abreise am Abend des 28. Juli lie mir Davydoff noch bestellen, er habe in der russischen Botschaft eine hoffnungsvolle Mitteilung ber die letzte Unterhaltung zwischen Ssasonoff und dem Grafen Pourtals gesehen. Beide Staatsmnner htten sich gegenseitig zugesagt, da beiderseits zunchst keine weiteren militrischen Vorbereitungen getroffen werden sollten. Zimmermann war von einem solchen Austausch von Zusagen ber ein beiderseitiges Unterlassen militrischer Vorbereitungen nichts bekannt. Vom Grafen Pourtals liege kein Bericht vor, der auf etwas Derartiges schlieen lasse; im Gegenteil, es huften sich die Nachrichten, da die Russen auch an unserer Grenze mobil machten. Auf meine Mitteilung der Anregung Davydoffs, ob der Kaiser dem Zaren gegenber nicht eine Initiative ergreifen wolle, sagte mir Zimmermann, da der Kaiser aus eigenem Antrieb bereits einen sehr herzlichen Friedensappell an den Zaren gerichtet habe. In der Tat war die russische Friedenspartei, die sich wohl hauptschlich um Kokowzoff gruppierte und in deren Auftrag Davydoff -- wie ich ohne weiteres annehme, guten Glaubens und mit dem besten Willen -- sich bettigte, zu schwach, um die Partie gegen die bermchtig gewordene russische Kriegspartei durchzuhalten. Der Minister des Auswrtigen, Herr Ssasonoff, besorgte, wie spter aus den verschiedenen amtlichen Verffentlichungen und vor allem auch aus den Aussagen im Ssuchomlinoff-Proze einwandfrei bekannt geworden ist, zusammen mit dem Kriegsminister Ssuchomlinoff und dem Generalstabschef Januschkewitsch unbeirrbar die Geschfte der Kriegspartei. Schon am 24. Juli, dem Tag nach der bergabe des Ultimatums, hatte er den Botschaftern Englands und Frankreichs erklrt, da Ruland die Mobilmachung, ber die ein Kronrat am nchsten Tage beschlieen werde, unter allen Umstnden durchfhren werde. Ein solcher Beschlu ist in der Tat am 25. Juli gefat worden, und zwar mindestens fr die sdlichen und sdstlichen Gouvernements. Der Beschlu wurde vor Deutschland und sterreich-Ungarn zunchst geheimgehalten. Ebenso wie Davydoff mir am 28. Juli abends Mitteilung von einer angeblich in Petersburg erfolgten Verstndigung darber machen lie, da weitere militrische Vorbereitungen unterbleiben sollten, hatte schon am 27. Juli der russische Kriegsminister dem deutschen Militrattach beruhigende Versicherungen gegeben. In Wirklichkeit wurde am 29. Juli der Welt die Mobilisierung der Korps von Odessa, Kiew, Moskau und Kasan als vollzogene Tatsache mitgeteilt, und die Nachrichten, da die Mobilisierung in den an Deutschland angrenzenden Gouvernements in vollem Gange sei, wurden immer zahlreicher und bestimmter. Die Hoffnung auf ein Dazwischentreten des Zaren konnte bei der bekannten Willensschwche dieses Herrschers nicht allzu hoch veranschlagt werden. Sein erstes Antworttelegramm an unsern Kaiser besttigte diese Auffassung. So gab es nur noch eines, was die russische Kriegspartei von der Entfesselung des Krieges abhalten konnte: ein starker Druck Frankreichs und Englands zugunsten des Friedens. sterreich-Ungarn hatte einer solchen Einflunahme Frankreichs und Englands die Wege geebnet durch seine alsbald nach berreichung des Ultimatums abgegebene Erklrung, da es weder eine territoriale Vergrerung noch eine Beeintrchtigung der Integritt Serbiens, sondern nur seine eigene Sicherheit erstrebe. Als aber der deutsche Botschafter unter Hinweis auf diese Erklrung an die franzsische Regierung herantrat, um dieser anheimzustellen, bei der russischen Regierung im Interesse des Friedens zu intervenieren (26.Juli), da lehnte die franzsische Regierung diese Anregung mit der Begrndung ab, Ruland habe keinen Anla zu Zweifeln an seiner Migung gegeben; aber Deutschland mge bei seinem Bundesgenossen intervenieren, um ihn von militrischen Operationen gegen Serbien abzuhalten. Aus keinem der zahlreichen von den Ententeregierungen ber den Ursprung des Krieges verffentlichten Dokumenten ergibt sich ein Anhalt dafr, da die franzsische Regierung in irgendeinem Stadium der Krisis auch nur den kleinen Finger gerhrt habe, um auf Ruland in vershnlichem Geiste einzuwirken und es von den mit ihrer Kenntnis eingeleiteten militrischen Manahmen, die den Krieg bringen muten, zurckzuhalten. Das ganze Bestreben der franzsischen Regierung in jener Zeit war darauf gerichtet, von der britischen Regierung formelle und bindende Zusicherungen darber zu erhalten, da England im Falle des Kriegsausbruchs sofort auf der Seite Frankreichs und Rulands eingreifen werde. Bei dieser Sachlage hielt England die Entscheidung in den Hnden. Die britische Regierung hatte die Wahl, entweder durch eine Aufmunterung an Frankreich und Ruland, vielleicht auch schon durch ein passives Gewhrenlassen, den Krieg zu entznden, oder durch eine nachdrckliche Bekundung, da sie wegen der sterreichisch-serbischen Angelegenheit nicht in den Krieg gehen werde, den Brand im Keime zu ersticken. Die Nachrichten, die in jenen Tagen aus London herberkamen, amtliche und private, lieen zunchst einige Hoffnung, da die britische Regierung, insbesondere Sir Edward Grey, sich ernstlich im Interesse des Friedens bemhen werde. Es sickerte durch, da England dem Drngen Rulands und Frankreichs nach einer sofortigen Solidarittserklrung einigen Widerstand entgegengesetzt hatte. In der Tat billigte Sir Edward Grey ausdrcklich die am 24. Juli von Sir George Buchanan in Petersburg gegenber Ssasonoff gemachten Ausfhrungen, da die britische ffentliche Meinung einen Krieg wegen der serbischen Streitfrage nicht sanktionieren werde. Allerdings sprach er sich auf der andern Seite scharf mibilligend ber das sterreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien aus und betonte, da die serbische Antwort der Wiener Regierung htte gengen mssen; desgleichen legte er dem deutschen Botschafter nahe, da die deutsche Regierung im Sinne des Friedens auf Wien Einflu nehmen msse. Letzteres ist von deutscher Seite geschehen, nachdem die deutsche Regierung den Vorschlag Greys, die sterreichisch-serbische Angelegenheit einer Konferenz, bestehend aus Grey als Vorsitzendem und den Botschaftern Frankreichs, Deutschlands und Italiens, zu unterbreiten, mit dem Hinweis darauf abgelehnt hatte, da nach Petersburger Nachrichten Herr Ssasonoff einen direkten Meinungsaustausch mit dem Grafen Berchtold beabsichtige, dessen Ergebnis zweckmigerweise zunchst abgewartet werden msse. Sir Edward Grey hat diesen Hinweis als berechtigt anerkannt; er telegraphierte am 28. Juli an den britischen Botschafter in Berlin, da er jeden andern Vorschlag suspendieren wolle, da der direkte Meinungsaustausch den Vorzug vor allen andern Methoden verdiene. Aber ehe noch dieser direkte Meinungsaustausch in Flu kam und ehe eine deutsche Einwirkung auf Wien sich zeigen konnte, hatte die englische Regierung Schritte getan, die nur als direkte Aufmunterung Rulands und Frankreichs wirken konnten. Ich erwhne die am 28. Juli erfolgte Bekanntgabe der Aufrechterhaltung des mobilen Zustandes der zu Manverzwecken in Portland konzentrierten Nordseeflotte, ferner die Unterhaltung Sir Edward Greys mit dem franzsischen Botschafter am Vormittag des 29. Juli, in der Sir Edward Grey Herrn Cambon erffnete: er habe die Absicht, dem deutschen Botschafter zu sagen, da er sich durch den freundschaftlichen Ton der bisherigen Unterhaltung nicht irrefhren lassen drfe zu irgendeinem Gefhl falscher Sicherheit, da England beiseite stehen werde, wenn alle Anstrengungen, den Frieden zu erhalten, die England jetzt in Gemeinschaft mit Deutschland mache, scheitern sollten. Mit dieser Erffnung Greys an Paul Cambon waren die Wrfel zugunsten des Krieges gefallen. Jetzt glaubte der franzsische Botschafter ber das sofortige Eingreifen Englands in den Krieg an der Seite Frankreichs und Rulands vergewissert zu sein. Noch am Abend desselben Tages konnte die russische Regierung Herrn Iswolski beauftragen, der franzsischen Regierung die aufrichtige Erkenntlichkeit der russischen Regierung fr die Erklrung der unbedingten Waffenhilfe auszudrcken (russ. Orangebuch Nr.58). Schon am 25. Juli hatte Ssasonoff dem englischen Botschafter erklrt: Wenn Ruland der Hilfe Frankreichs sicher ist, wird es alle Risiken des Krieges auf sich nehmen (engl. Blaubuch Nr.17). Jetzt hatte Herr Ssasonoff diese Sicherheit von der franzsischen Regierung erhalten, nachdem diese am Morgen des gleichen Tags durch die Erffnung Greys an Paul Cambon ber die englische Hilfe vergewissert war. In Berlin traf der Bericht ber die Unterhaltung zwischen Sir Edward Grey und dem Frsten Lichnowsky in der Nacht auf den 30. Juli ein. Der Inhalt deckte sich mit der Ankndung Greys an Cambon. Ich gewann, als ich am Vormittag des 30. Juli das Auswrtige Amt besuchte, den Eindruck, da auch die Optimisten, die bisher immer noch an russischen Bluff geglaubt hatten, jetzt zur Erkenntnis des ganzen Ernstes der Lage gekommen waren. Man setzte jetzt den schwachen Rest von Hoffnungen, die man noch fr die Erhaltung des Friedens hatte, auf die im Einvernehmen mit Sir Edward Grey in Wien eingeleitete Aktion. Schon am 28. Juli hatte der Deutsche Kaiser an den Zaren telegraphiert, er setze seinen ganzen Einflu ein, um sterreich-Ungarn dazu zu bestimmen, eine offene und befriedigende Verstndigung mit Ruland anzustreben. Die deutsche Regierung beschrnkte sich gegenber der sterreichisch-ungarischen nicht auf allgemeine Ratschlge zur Migung; sie bestand vielmehr nachdrcklich auf der Einleitung direkter Besprechungen mit Ruland, zu denen Herr Ssasonoff sich bereit erklrt hatte, und sie gab als Grundlage fr diese Besprechungen einen Vermittlungsvorschlag nach Wien weiter, den Sir Edward Grey gemacht hatte. Graf Berchtold erklrte sich zur sofortigen Aufnahme der direkten Besprechungen mit der russischen Regierung bereit. Als der Reichskanzler am Abend des 29. Juli aus Petersburg die Nachricht erhielt, da die Aufnahme der Besprechungen von dem sterreichisch-ungarischen Botschafter abgelehnt worden sei, lie er eine Instruktion an den Botschafter nach Wien telegraphieren, in der es hie: ... Wir knnen sterreich-Ungarn nicht zumuten, mit Serbien zu verhandeln, mit dem es in Kriegszustand begriffen ist. Die Verweigerung jedes Meinungsaustauschs mit St.Petersburg aber wrde ein schwerer Fehler sein. Wir sind zwar bereit, unsre Bundespflicht zu erfllen, mssen es aber ablehnen, uns von sterreich-Ungarn durch Nichtbeachtung unsrer Ratschlge in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen. Euer Exzellenz wollen sich gegen Grafen Berchtold sofort mit allem Nachdruck und groem Ernst in diesem Sinne aussprechen. Der Reichskanzler hat seinem Schritt bei der Wiener Regierung durch ein zweites Telegramm folgenden Inhalts noch einen besonderen Nachdruck gegeben: Falls die sterreichisch-ungarische Regierung jede Vermittlung ablehnt, stehen wir vor einer Konflagration, bei der England gegen uns, Italien und Rumnien allen Anzeichen nach nicht mit uns gehen wrden, so da wir mit sterreich-Ungarn drei Gromchten gegenberstnden. Deutschland wrde infolge der Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht des Kampfes zufallen. Das politische Prestige sterreich-Ungarns, die Waffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprche gegen Serbien knnten durch die Besetzung Belgrads oder anderer Pltze hinreichend gewahrt werden (das entsprach dem Vorschlag Greys). Wir mssen daher dem Wiener Kabinett dringend und nachdrcklich zur Erwgung stellen, die Vermittlung zu den angebotenen Bedingungen anzunehmen. Die Verantwortung fr die sonst eintretenden Folgen wre fr sterreich-Ungarn und uns eine ungemein schwere. Die deutsche Regierung hat also von der Bewegungsfreiheit, die sie sich durch ihre Nichtbeteiligung an der Festlegung der Einzelheiten der sterreichisch-ungarischen Aktion gewahrt hatte, im entscheidenden Augenblick Gebrauch gemacht, um im Sinne des Friedens auf die Wiener Regierung einen Druck auszuben, und zwar -- wie der Reichskanzler von Bethmann Hollweg spter mit Recht sagte -- in Formen, welche bis an das uerste dessen gehen, was mit unserm Bundesverhltnis vertrglich ist. Jedenfalls haben die franzsischen und englischen Staatsmnner diesem deutschen Druck auf sterreich-Ungarn keinerlei auch nur entfernt hnlich geartete Aktion bei der russischen Regierung zur Seite zu stellen. Der Erfolg des deutschen Druckes auf Wien war, da der sterreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg alsbald Weisung bekam, die infolge eines russischen Miverstndnisses bisher unterbliebene Konversation mit Herrn Ssasonoff sofort aufzunehmen, und zwar auch, was die Wiener Regierung bisher hartnckig verweigert hatte, ber den materiellen Inhalt des Ultimatums; da ferner Graf Berchtold die deutsche Regierung wissen lie, er sei bereit, dem Vermittlungsvorschlag Greys nherzutreten; da schlielich noch am Nachmittag des 30. Juli eine Unterredung zwischen dem Grafen Berchtold und dem russischen Botschafter in Wien, Herrn Schebeko, stattfand, die alle einer direkten Aussprache zwischen Wien und Petersburg noch entgegenstehenden Schwierigkeiten aus dem Wege rumte. Der franzsische Botschafter in Wien, der ebenso wie sein englischer Kollege von Herrn Schebeko alsbald ber den Verlauf dieser Unterredung unterrichtet wurde, telegraphierte nach Paris, da er nun wieder eine Hoffnung auf Lokalisierung des Konfliktes sehe. Sir Edward Grey telegraphierte am folgenden Tag an den britischen Botschafter in Petersburg, da er mit groer Genugtuung von dieser Wiederaufnahme der direkten Aussprache zwischen sterreich-Ungarn und Ruland Kenntnis genommen habe. Es war also der Bemhung Deutschlands am Nachmittag des 30. Juli gelungen, die Wiener Regierung zu einem Schritt des Entgegenkommens zu veranlassen, der den bereits verschlossen scheinenden Weg zum Frieden wieder ffnete. In Berlin sah man mit der grten Spannung der Wirkung der sterreichisch-ungarischen Nachgiebigkeit auf Ruland und die Westmchte entgegen. Die Meinungen ber den Erfolg gingen am Freitag (31.Juli) im Auswrtigen Amt auseinander. Whrend die einen neue Hoffnung zeigten, sagte mir Herr von Stumm am Freitag (31.Juli) vormittag, er sehe keine Hoffnung mehr, England vom Krieg zurckzuhalten. Churchill und die City wollten den Krieg, und sie seien die Strkeren. Whrend ich mit Herrn von Stumm sprach, kam die Nachricht, da die Bank von England ihren Diskontsatz auf acht Prozent erhht habe. Sturmsignal! Ferner die Nachricht, da Asquith im Unterhaus die Vertagung der Diskussion ber Homerule verlangt habe, da England eine geschlossene Front zeigen msse. Aus Petersburg keine Nachricht ber die Aufnahme des Wiener Nachgebens; dagegen Berichte, da trotz des von dem russischen Generalstabschef dem deutschen Militrbevollmchtigten gegebenen Ehrenwortes die Mobilisation der russischen Truppen auch gegen Deutschland unentwegt ihren Fortgang nehme. Unsere leitenden Militrs, die sich den fr das Schicksal Deutschlands wesentlichen Vorteil unserer rascheren Mobilisation durch die russischen Vorbereitungen entgleiten sahen, wurden ungeduldig und drngten auf eine Entscheidung. Die Erregung der Berliner Bevlkerung war ungeheuer; sie war tags zuvor schon auf das uerste gesteigert worden durch eine sofort dementierte Falschmeldung des Lokalanzeigers, der Mobilmachungsbefehl sei ergangen. Da kam um die Mittagszeit des 31. Juli aus Petersburg die Meldung, da der Zar die Mobilmachung der gesamten russischen Armee und Flotte befohlen habe. Die Generalmobilmachung war also Rulands Antwort auf die durch den Druck Deutschlands herbeigefhrte Nachgiebigkeit der sterreichisch-ungarischen Regierung! Die Generalmobilmachung, die nach dem russischen Erla vom September 1912 fr das russische Heer als Kriegserklrung an Deutschland zu gelten hatte und die nach Kenntnis der Regierungen Rulands und aller Gromchte auch fr Deutschland den sofortigen Krieg mit Ruland bedeutete. Schon vor der Aufhellung der inneren russischen Vorgnge durch den Ssuchomlinow-Proze lie dieser Schritt Rulands, der ber alle Friedensbemhungen hinweg den Krieg entfesselte, nur eine Erklrung zu: Die in jenem Augenblick in Ruland entscheidenden Persnlichkeiten wollten angesichts der auf deutsches Betreiben zutagetretenden Nachgiebigkeit der sterreichisch-ungarischen Regierung alle Brcken zum Frieden abbrechen und den Krieg unvermeidlich machen.[8] Die Aussagen im Ssuchomlinow-Proze haben diese Erklrung besttigt. Wir wissen heute, da der Zar am 30. Juli den Mobilmachungsbefehl bereits unterzeichnet hatte und da am Nachmittag des 30. Juli die Generalmobilmachung in vollen Gang gesetzt wurde; da am Abend des 30. Juli der Zar, stark beeindruckt durch die inzwischen eingegangenen Nachrichten, insbesondere das Telegramm des Deutschen Kaisers von 1Uhr nachmittags, in dem dieser den Zaren nochmals eindringlich auf die Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobilisation hinwies, seinem Generalstabschef Januschkewitsch und seinem Kriegsminister Ssuchomlinow telephonisch den Befehl zur Einstellung der Mobilisation gab; da Ssuchomlinow dem General Januschkewitsch auf dessen Frage, was er auf diesen Befehl des Zaren veranlassen solle, die klassische Antwort gab: Tun Sie nichts!; da der Mobilmachungsbefehl noch in der Nacht amtlich verffentlicht wurde, und da dem Zaren am nchsten Tag, wie Ssuchomlinow sagte, eine andere berzeugung beigebracht wurde. Wir wissen ferner, da diesen Verbrechern der Rcken gestrkt war durch die am 29. Juli abends erlangte Sicherheit der franzsischen und britischen Waffenhilfe. Am 29. Juli vormittags hatte, wie ich oben dargestellt habe, Grey an Cambon jene Mitteilung ber seine geplante Erffnung an den Frsten Lichnowsky gemacht, die Cambon nicht anders denn als Zusage des sofortigen britischen Eingreifens an der Seite Frankreichs und Rulands auffassen konnte; und am Abend desselben Tags hatte Herr Ssasonoff Herrn Iswolski beauftragt, der franzsischen Regierung fr die Zusage der unbedingten Waffenhilfe zu danken. Tags darauf wurde dem Zaren der Mobilmachungsbefehl entlockt und dann die Mobilmachung ohne Rcksicht auf den Gegenbefehl des Zaren durchgefhrt. Wer diesen Zusammenhang bezweifelt, lese nach, was der belgische Geschftstrger in Petersburg, Herr de l'Escaille, am 30. Juli 1914 an seinen Minister in Brssel berichtet hat: Unbestreitbar bleibt nur, da Deutschland sich hier, ebenso sehr wie in Wien, bemht hat, irgendeinen Weg zu finden, um einen allgemeinen Konflikt zu vermeiden... England hat zuerst zu verstehen gegeben, da es sich nicht in einen Konflikt hineinziehen lassen wolle. Sir George Buchanan sagte das offen. Heute (30.Juli) hat man in Petersburg die feste berzeugung, ja man hat die Zusicherung empfangen, da England an der Seite Frankreichs mitgehen wird. Dieser Beistand ist hier von entscheidender Wichtigkeit; er hat nicht wenig zum Sieg der Kriegspartei beigetragen. So liegen die Verantwortlichkeiten! Aber auch jetzt noch machte die deutsche Politik einen letzten Versuch, das unabwendbar Gewordene abzuwenden. Bisher schon hatte Deutschland gegenber den russischen militrischen Manahmen eine nur durch den aufrichtigsten Friedenswillen erklrbare Langmut gezeigt. Vorbereitende militrische Manahmen Rulands werden uns zu Gegenmanahmen zwingen, die in der Mobilisierung der Armee bestehen mssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den Krieg -- so hatte es in der am 26. Juli an den Grafen Pourtals telegraphierten Instruktion geheien. Trotzdem hatte man davon abgesehen, die von der russischen Regierung plump abgeleugneten, aber durch zahlreiche zuverlssige Berichte und Einzelheiten besttigten vorbereitenden militrischen Manahmen Rulands durch Gegenmanahmen zu beantworten; ja man hatte davon abgesehen, auf die am 28. Juli verfgte Mobilmachung in den Gouvernements Moskau, Kiew, Kasan und Odessa mit Mobilmachungsmanahmen zu reagieren. Und sogar jetzt noch, wo der Befehl des Zaren zur Mobilisierung der gesamten russischen Streitkrfte zu Land und zu Wasser amtlich bekanntgemacht worden war, zgerte man in Berlin mit der Mobilmachungsorder. Man begngte sich damit, den Zustand der drohenden Kriegsgefahr zu verkndigen und mit der Bekanntgabe dieser Verkndigung an die russische Regierung die Mitteilung zu richten, da dem Zustand der drohenden Kriegsgefahr, die noch nicht Mobilmachung sei, die Mobilmachung folgen msse, wenn Ruland nicht binnen 24 Stunden seine militrischen Manahmen gegen die beiden Mittelmchte einstelle und Deutschland davon in Kenntnis setze. Gleichzeitig erhielt der deutsche Botschafter in Paris die Weisung, an die franzsische Regierung die binnen 18 Stunden zu beantwortende Anfrage zu richten, ob sie im Falle eines Krieges mit Ruland neutral bleiben wolle. Deutschland sah also noch immer, trotz der unmittelbaren Bedrohung durch die russische Generalmobilmachung, von dem uersten Schritt ab, auf die Gefahr hin, dadurch kostbare und uneinbringliche Zeit zu verlieren, lediglich um noch einen letzten Spielraum fr Anstrengungen zur Erhaltung des Friedens zu lassen. Wenn berhaupt noch eine letzte Mglichkeit bestand, das Verhngnis abzuwenden, so lag sie in den Hnden der britischen Regierung. Deutschland hatte sterreich-Ungarn auf den von Sir Edward Grey gewnschten Weg gebracht. Sir Edward Grey hielt mit dem Ausdruck seiner Genugtuung ber diesen Erfolg nicht zurck. Wie wrde er sich zu der russischen Generalmobilmachung stellen, die diesen Erfolg und jede Aussicht auf die Erhaltung des Friedens brutal zunichte machte? Die deutsche Regierung konzentrierte alle ihre Anstrengungen darauf, das britische Kabinett zu einer Haltung zu bestimmen, die im letzten Augenblick die Katastrophe noch htte verhindern oder wenigstens einschrnken knnen, und setzte, um diesem letzten Versuch noch Raum zu geben, gegen das Drngen der verantwortlichen militrischen Instanzen beim Kaiser noch einen letzten Aufschub durch. Aber ihre Bemhungen in London schlugen fehl. Die von der britischen Regierung verffentlichten Dokumente enthalten auch nicht die Spur einer Andeutung irgendeines Versuchs der Einwirkung auf Ruland, um eine Aufschiebung der Mobilmachung oder eine befriedigende Aufklrung an Deutschland zu erlangen. Sir Edward Grey beschrnkte sich vielmehr darauf, durch den Berliner Botschafter an die deutsche Regierung die von vornherein aussichtslose und auch alsbald zurckgewiesene Zumutung zu stellen, Deutschland mge im mobilen Zustand stillhalten und weiterverhandeln. Ferner warf Sir Edward Grey jetzt, am 31. Juli, in der durchsichtigen Absicht, einen fr die britische ffentliche Meinung plausibeln Kriegsgrund zu gewinnen, die Frage der belgischen Neutralitt auf. Der deutsche Botschafter in London stellte zunchst die Gegenfrage, ob im Falle einer Verpflichtung Deutschlands zur Achtung der belgischen Neutralitt England sich seinerseits zur Neutralitt verpflichten wolle. Grey antwortete gewunden, aber doch mit dem Schluergebnis, da England allein auf Grund dieser Bedingung seine Neutralitt nicht zusagen knne. Darauf stellte Frst Lichnowsky die dringende Frage, ob Grey nicht die Bedingungen formulieren knne, unter denen England zur Neutralitt bereit sei; seinerseits bot er die Garantie der Integritt Frankreichs und seiner Kolonien an. Ja, die deutsche Regierung ging noch weiter: sie erklrte, da die deutsche Flotte, solange England sich neutral verhalte, die Nordkste Frankreichs nicht angreifen und im Falle der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen die franzsische Handelsschiffahrt vornehmen werde. Aber Sir Edward Grey hatte auf alles nur die Antwort: er msse endgltig jedes Neutralittsversprechen auf Grund solcher Bedingungen ablehnen und knne nur sagen, da England seine Hnde frei zu halten wnsche (englisches Blaubuch Nr.123).-- Deutschland hat also fr die Neutralitt Englands, die nicht nur die Lokalisierung, sondern wahrscheinlich in letzter Stunde noch die Verhinderung des Krieges bedeutet htte, die Integritt Belgiens und Frankreichs einschlielich seiner Kolonien, auerdem den Verzicht auf jede Flottenaktion gegen die franzsische Kste und die franzsische Handelsschiffahrt angeboten; aber nicht einmal um diesen Preis, und auch nicht um irgendeinen andern, war die britische Neutralitt zu haben. Das Wort Sir Edward Greys vom 1. August: England will seine Hnde frei halten, das so genau mit dem Ausklang der Haldane-Verhandlungen vom Frhjahr 1912 bereinstimmt, hie nichts anderes als: England ist entschlossen, den Krieg nicht zu verhindern und im Krieg gegen Deutschland einzugreifen. Die Nachrichten ber diesen Verlauf des letzten Versuchs trafen im Laufe des 1. August in Berlin ein, whrend dort der Kaiser mit seinen ersten Ratgebern ber die letzte Entscheidung beriet. Die Ruland und Frankreich gestellten Fristen nherten sich ihrem Ablauf, ohne da Antworten vorlagen. Da schien sich noch einmal ein Lichtblick zu zeigen: ein Telegramm des Frsten Lichnowsky, Sir Edward Grey habe telephonisch bei ihm anfragen lassen, ob Deutschland, wenn Frankreich neutral bliebe, es nicht angreifen werde. Der Frst hatte sich fr ermchtigt gehalten, zu antworten, er glaube das zusichern zu knnen, falls England mit Heer und Flotte diese Neutralitt garantiere. In Berlin wirkte diese neue Friedensaussicht wie eine Befreiung vom strksten Druck. Aber alsbald folgte ein weiteres Telegramm des Frsten Lichnowsky, das die neue Aussicht zunichte machte: Sir Edward Grey erklrte, seine telephonische Anfrage sei miverstanden worden[9]. Deutschland hatte alle Mittel erschpft, um die Weltkatastrophe des Kriegs zu verhindern. Die russischen Heeresmassen rollten unaufhaltsam nach den deutschen Grenzen. Die Antworten auf die befristeten deutschen Anfragen in Petersburg und Paris blieben immer noch aus. Vor dem Berliner Schlo, in dem jetzt die Entscheidung fallen mute, wartete das Volk in atemloser Spannung. Am Nachmittag verbreitete sich pltzlich das Gercht, Ruland habe seine Mobilmachung eingestellt. Aber ebenso rasch war festgestellt, da immer noch keine Nachricht vorliege. Um halb sechs Uhr riefen Generalstabsoffiziere, vom Schlosse ber die Linden fahrend, aus ihren Autos: Mobilmachung! Schon vorher, um 3 Uhr 40 Minuten nachmittags, hatte die franzsische Regierung die allgemeine Mobilmachung verfgt. Das Rad des Schicksals war jetzt im unaufhaltbaren Rollen. Ein Zurck gab es nicht mehr. In allen beteiligten Lndern standen die Entschlsse fest. Alles, was jetzt noch geschah, war Taktik und Formalitt. So sehr ich auch heute noch, nach dem unglcklichen Verlauf des Krieges, berzeugt bin, da uns in der Sache keine andere Wahl blieb, da unsere Feinde den Krieg gewollt und uns den Weg des Krieges vorgeschrieben haben, ebenso sehr war ich damals schon als nicht unmittelbar beteiligter Zuschauer und Beobachter der Meinung, da in den Fragen der Taktik und der Formalitten unsere Gegner uns berlegen waren. Ich habe z.B. damals schon die frmlichen Kriegserklrungen an Ruland und Frankreich als einen berflssigen und schdlichen Ausflu bertriebener formalistischer Gewissenhaftigkeit angesehen. Wir wuten, da Ruland den Krieg unter allen Umstnden wollte und durch nichts -- auer durch den nicht einsetzenden englischen Gegendruck -- zu halten war. In der Tat haben russische Truppen und Banden die ostpreuische Grenze bereits vor Ablauf der von uns am 31. Juli gestellten Frist und vor der berreichung unserer Kriegserklrung berschritten und damit den Kriegszustand herbeigefhrt. Wozu hatten wir es ntig, durch eine frmliche Kriegserklrung uns auch nur rein formell in die schlechtere Position des Angreifers zu bringen? -- Wir wuten, da Frankreich Ruland gegenber zur Waffenhilfe verpflichtet und entschlossen war. Wozu muten wir durch eine formelle Kriegserklrung der franzsischen Regierung den Nachteil der Vorhand abnehmen? -- Nach meinem Gefhl wre es richtiger gewesen, nach dem Wort eines klugen Franzosen zu verfahren: Il ne faut jamais mettre les points sur les I's! Durch unsern formalistischen Eifer haben wir das Spiel der Gegner gespielt und den ueren Anschein der tatschlichen Vorgnge zu unsern Ungunsten verschoben. -- Dasselbe gilt nach meiner Ansicht fr unsre Behandlung der belgischen Neutralittsfrage. Auch hier haben wir uns formal ins Unrecht gesetzt, wie mir spter erklrt worden ist, um der belgischen Regierung eine goldne Brcke zur Nichtbeteiligung am Krieg zu bauen. Belgien hat diese Brcke nicht betreten, whrend das von uns selbst anerkannte Unrecht an uns haften blieb. Dagegen hat der Hauptspieler in unserm diplomatischen Gegenspiel, das britische Foreign Office, gerade die belgische Neutralittsfrage, in der es selbst so schwer durch die seit dem Jahre 1906 eingeleitete militrische Zusammenarbeit mit Belgien belastet war, in virtuoser Technik zum Angelpunkt seiner diplomatischen Aufmachung des Krieges ausgestaltet. Die serbische Sache war in sich zu schlecht, um gegenber der englischen ffentlichen Meinung und gegenber der Welt als Ausgangspunkt fr Englands Eintritt in den Krieg dienen zu knnen. Die pazifistische Bewegung war auch in England zu stark geworden und zhlte gerade in der herrschenden liberalen Partei zu viele Anhnger, ja sie hatte selbst im britischen Kabinett einen zu starken Einflu, als da sich die serbische Angelegenheit zu einer wirksamen Kriegsparole htte machen lassen. Ich erinnere daran, da Sir George Buchanan am 24. Juli 1914 Herrn Ssasonoff gegenber die von diesem verlangte Solidarittserklrung abgelehnt hatte mit der tags darauf von Sir Edward Grey ausdrcklich gebilligten Begrndung, nicht etwa: es sei ein Verbrechen an der Menschheit, wegen der schlechten serbischen Sache einen Weltkrieg heraufzubeschwren -- solche Sentimentalitt lag der britischen Politik fern--, sondern mit der Begrndung: die direkten britischen Interessen in Serbien seien gleich Null und ein Krieg wegen dieses Landes werde niemals durch die englische ffentliche Meinung gebilligt werden. Noch in jener verhngnisvollen Unterhaltung, die Sir Edward Grey am Vormittag des 29. Juli mit Paul Cambon hatte, wies der britische Staatsmann, so sehr er die britische Bereitschaft zur Waffenhilfe durchblicken lie, darauf hin, da die serbisch-sterreichische Frage und selbst ein russisch-deutscher Konflikt fr England kein geeigneter Ausgangspunkt zum Eintreten in den Krieg sei. Herr Cambon antwortete auf diese Bemerkung nach Sir Edwards eigener Mitteilung an den grobritannischen Botschafter in Paris: Er verstehe, da England keinen Beruf fhle, in einen Balkanstreit oder auch in einen Kampf um die Vorherrschaft zwischen Deutschen und Slawen einzugreifen; wenn aber andere Ausgangspunkte entstehen und Deutschland und Frankreich hineinverwickelt werden sollten, so da der Fall zur Frage der Hegemonie ber Europa werde, so werde England zu entscheiden haben, was es zu tun habe. -- Mit andern Worten, Herr Cambon verstand, und Sir Edward widersprach nicht nur nicht, sondern gab selbst das Stichwort an seinen Pariser Botschafter weiter: die serbisch-sterreichische und auch eine deutsch-russische Frage gengen fr uns nicht, um England in den Krieg zu fhren; wenn ihr aber aus der serbisch-sterreichischen oder deutsch-russischen Frage etwa eine deutsch-franzsische und damit eine Frage der Vorherrschaft in Europa macht, dann habe ich den Ausgangspunkt, den ich brauche. Diesen Ausgangspunkt zu schaffen, lag in Frankreichs Hand: Frankreich brauchte nur seine unbedingte Solidaritt mit Ruland zu erklren, was, wie ich oben gezeigt habe, noch an demselben 29. Juli geschah. Da Sir Edward Grey hier eine starkklingende Saite anschlug, zeigt der Brief, den die Fhrer der konservativen Opposition in den beiden Kammern, Mr. Bonar Law und Lord Lansdowne, am 2. August an den Premierminister richteten; sie betonten in diesem Brief, es wrde verhngnisvoll fr die Ehre und Sicherheit des Vereinigten Knigreichs sein, mit der Untersttzung Frankreichs und Rulands in der gegenwrtigen Krisis zu zgern; falls das Kabinett diese Untersttzung gewhre, bten sie ihm die rckhaltlose Untersttzung der Opposition an. Aber im liberalen Kabinett selbst gab es Leute, und erst recht in der liberalen Partei und der Arbeiterpartei, sowohl im Parlament wie im Lande, die auch mit dieser Parole sich nicht blindlings in den Krieg fhren lassen wollten. Darunter, wenn unwidersprochen gebliebene Mitteilungen englischer Bltter[10] stimmen, sogar Lloyd George. Noch am 30. Juli mute Grey dem franzsischen Botschafter mitteilen, das Kabinett sei zu dem Schlu gekommen, es knne im gegenwrtigen Moment keine Verpflichtung bernehmen. Diese Mitteilung war nicht nur Herrn Cambon, sondern sichtlich auch Sir Edward, dessen Erffnungen vom Tage vorher an Herrn Cambon durch das Kabinett gewissermaen desavouiert waren, sehr unangenehm. Sir Edward beeilte sich, trstend hinzuzufgen, weitere Entwicklungen knnten die Lage ndern und Regierung und Parlament von der Berechtigung einer britischen Intervention berzeugen; die Neutralitt Belgiens knne, wenn nicht ein entscheidender, so doch mindestens ein wichtiger Faktor fr die Bestimmung der Haltung Englands sein. Und Sir Arthur Nicolson, der Vater der britisch-russischen Entente, der wohl von allen britischen Staatsmnnern mit dem grten Zielbewutsein auf den Koalitionskrieg gegen Deutschland hinarbeitete, gab Herrn Cambon, als dieser ihm beim Verlassen des Kabinetts des Staatssekretrs begegnete, vertraulich zu verstehen -- so berichtete Herr Cambon nach Paris--, da der Staatssekretr nicht verfehlen werde, die Diskussion im Kabinett wiederaufzunehmen. In all dem kann niemand auch nur die Spur eines Bemhens nach Verhinderung des Krieges finden; was klar und unverhllt zutagetritt, ist das Suchen nach einem fr das britische Kabinett und die britische ffentliche Meinung gengend zugkrftigen Kriegsgrund. Man stelle das Verhalten Sir Edward Greys gegenber dem franzsischen Botschafter und gegenber dem deutschen Botschafter in Vergleich: In seinen Unterhaltungen mit dem Frsten Lichnowsky lehnte er jede Andeutung ber die Bedingungen ab, unter denen es fr England mglich sei, dem Kriege fernzubleiben. Dagegen errterten seine Gesprche mit Herrn Cambon fast ausschlielich die Frage nach einem geeigneten Ausgangspunkt fr ein sofortiges Eingreifen Englands in den Krieg. Dieser Unterschied zeigt das wahre Gesicht der jedenfalls in jenem Stadium auf den Krieg gerichteten britischen Politik. Nachdem auch der Kampf um die Hegemonie in Europa als Kriegsparole keinen unbedingten Erfolg versprach, griff Sir Edward Grey die Frage der belgischen Neutralitt auf. Er operierte gegenber den Zgernden mit der ungengenden, weil ausweichenden Antwort, die der Staatssekretr von Jagow auf die erste Anfrage des britischen Botschafters in Berlin am 31. Juli gegeben hatte. Als ihm dann der Frst Lichnowsky am 1. August die Gegenfrage stellte, ob England bereit sei, im Fall der Respektierung der belgischen Neutralitt durch Deutschland selbst neutral zu bleiben, enthielt Grey seinem Kabinett das in dieser Gegenfrage liegende, von ihm alsbald abgelehnte Angebot vor, das der britischen Regierung die Sicherung der belgischen Neutralitt um den Preis der eignen Neutralitt ermglicht htte; ebenso wie er dem Kabinett das deutsche Angebot vorenthielt, gegen Zusicherung der Neutralitt Englands von jedem Angriff auf die atlantische Kste und Schiffahrt Frankreichs abzusehen und die Integritt Frankreichs und seiner Kolonien zu gewhrleisten[11]. Am Abend des 4. August stellte der britische Botschafter in Berlin dem Reichskanzler jene bis Mitternacht befristete Anfrage, ob Deutschland sich verpflichte, die belgische Neutralitt zu respektieren. Damals hatten deutsche Truppen die belgische Grenze schon berschritten. Das britische Kabinett hatte seinen Kriegsvorwand und seine Kriegsparole. Wie stark die militrische Notwendigkeit war, selbst auf die Gefahr hin, England einen wirksamen Kriegsvorwand und eine zugkrftige Kriegsparole zu liefern, die belgische Neutralitt auer acht zu lassen, vermag ich nicht zu beurteilen. Unsere moralische Berechtigung, durch Belgien zu marschieren, steht fr mich nach allem, was vorausgegangen war, auer Zweifel. Ebenso auer Zweifel steht fr mich, da auch die peinlichste Respektierung der belgischen Neutralitt England nicht vermocht htte, dem Kriege als unser Gegner fernzubleiben[12]. Letzteres ergibt sich aus der ganzen langen Vorgeschichte des Krieges, in der England die treibende Kraft war; aus den Besprechungen zwischen dem Foreign Office und Herrn Cambon, die sich schlielich nur noch um die Frage des Ausgangspunktes fr das britische Eingreifen drehten; und schlielich aus folgendem wichtigen Umstand: Am 2. August, ehe ein deutscher Soldat auf belgischem Boden stand und ehe die erst am Abend dieses Tages in Brssel gestellte deutsche Anfrage wegen des Durchmarsches vorlag, besttigte Sir Edward Grey auf Grund eines Kabinettsbeschlusses dem franzsischen Botschafter eine Erffnung, die er ihm tags zuvor schon auf eigne Verantwortung gemacht hatte. Nach dem von Herrn Cambon nach Paris erstatteten Bericht lautete diese Erffnung: Falls das deutsche Geschwader in den Kanal einfahren oder die Nordsee passieren sollte, um die britischen Inseln zu umschiffen, in der Absicht, die franzsischen Ksten oder die franzsische Kriegsflotte anzugreifen und die franzsische Handelsflotte zu beunruhigen(!), wrde die britische Flotte eingreifen, um der franzsischen Marine ihren Schutz zu gewhren, in der Art, da von diesem Augenblick an England und Deutschland sich im Kriegszustand befinden wrden. (Franz. Gelbbuch Nr.143.) Das war die Entschlossenheit zum Krieg, unabhngig von der Verletzung der belgischen Neutralitt, fr einen bestimmten Fall, der bei einem Krieg zwischen Deutschland und Frankreich der Natur der Dinge nach sich einstellen mute. Das britische Kabinett hatte sich gegen den Widerstand seiner friedensfreundlichen Mitglieder zu dieser Erklrung entschlieen mssen, weil auf Grund der dem Kabinett seit 1911 bekannten militrischen und maritimen Abmachungen mit Frankreich die franzsische Flotte im Mittelmeer konzentriert war und infolgedessen fr England die moralische Verpflichtung bestand, die atlantische Kste und Schiffahrt Frankreichs zu schtzen. Aber dieser casus belli wurde nicht praktisch. Die britische Politik behielt den Vorteil der in der deutschen Verletzung der belgischen Neutralitt enthaltenen Kriegsparole. * * * * * Am Abend des 4. August stand fest, da Deutschland durch einen unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod mit einer berlegenen Koalition werde gehen mssen. Durch das ganze deutsche Volk ging eine grimmige Entschlossenheit, den uns aufgezwungenen Krieg aufzunehmen und durchzufhren. Vor dem Schlo in Berlin staute sich die Menge und huldigte dem Kaiser, der seinem Volke sechsundzwanzig Jahre lang den Frieden erhalten hatte und der es jetzt in Worten, die jedem zu Herzen gingen, aufrief zum Kampf um Hof und Herd, um das Recht auf Leben und Arbeit. Wenige Wochen spter, am 28. August, sah ich den Kaiser im Schlo zu Koblenz. Der Aufmarsch unsrer Heere war in glnzender Weise durchgefhrt; die franzsischen Armeen und das britische Hilfskorps waren geschlagen; unsere Truppen waren berall im Westen in siegreichem Vormarsch; aus dem Osten kamen die ersten Nachrichten von Hindenburgs gewaltigem Sieg bei Tannenberg. Es schien alles ber Erwarten gut zu gehen, und die Hoffnungsfreudigen glaubten an ein rasches und glckliches Ende des Krieges. Der Kaiser ging nach dem Frhstck lnger als eine Stunde mit mir im Park auf und ab und sprach sich ber die gewaltigen Ereignisse der letzten Wochen in der rckhaltlosesten Weise aus. Ich hatte von ihm den Eindruck eines Mannes, der, trotzdem das Glck seiner Sache gnstig zu sein schien, innerlich auf das tiefste erschttert war und schwer an der Verantwortung fr seine Entschlsse trug. Er schilderte mir in der ihm eigenen Lebhaftigkeit die Vorgnge, die zum Krieg gefhrt hatten, und seine persnlichen Bemhungen, den Krieg abzuwenden. Er rief Gott zum Zeugen dafr an, da er in seiner ganzen Regierungszeit keinen hheren und heiligeren Wunsch gekannt habe, als seinem Volke den Frieden zu erhalten und es durch friedliche Arbeit zu besseren und glcklicheren Lebensbedingungen zu fhren. Er erinnerte an sein letztes Zusammensein mit seinen Vettern, dem Zaren und dem Knig von England, im Schlosse von Berlin bei Gelegenheit der Hochzeit seiner Tochter mit dem Herzog von Braunschweig im Jahre 1913, an die Beruhigung, die er damals ber die friedlichen Absichten Rulands und Englands gewonnen zu haben glaubte. Er habe sich gar nicht an den Gedanken gewhnen knnen, da alle die Freundschafts- und Friedensversicherungen nur Lug und Trug gewesen seien; und doch habe er sich aus dem Gang der Dinge berzeugen mssen, da damals unter seinem eignen Dach seine Gste die Verschwrung gegen Deutschland bereits im Herzen trugen. Er habe von dem Augenblick an, in dem ihm der Ernst der Lage zum Bewutsein gekommen sei, den Knig von England und den Zaren beschworen und gebeten, ihm zu helfen, das Unheil des Krieges von der Welt abzuwenden, er habe seinerseits bis zur Grenze des Mglichen auf den Kaiser Franz Joseph gedrckt, so schwer es ihm geworden sei, dem Verbndeten beim Durchfechten seiner gerechten Sache in den Weg zu treten; aber er habe vom Knig Georg und dem Zaren nur kaltes Achselzucken und leere Ausflchte zur Antwort bekommen. Er habe den Zaren noch in der letzten Stunde geradezu angefleht, die Mobilmachung zu unterlassen, die uns in unsrer geographischen und politischen Lage zum sofortigen Losschlagen zwingen msse. Er habe nach der russischen Mobilmachung gegen alle Beschwrungen seiner eignen Militrs noch einmal den Russen eine Frist gegeben. Alles sei umsonst gewesen. Dreimal habe er die Feder wieder aus der Hand gelegt, ehe er die Mobilmachungsorder unterschrieben habe. Die Verantwortung fr das eigene Volk habe ihm schlielich keine andere Wahl gelassen. Jetzt stehe unser Schicksal in Gottes Hand. In derselben Unterhaltung sprach sich der Kaiser darber aus, wie er sich die knftige Gestaltung der Dinge denke, wenn uns der Sieg beschieden sei. Das Wichtigste sei fr ihn, da aus dem Krieg der durch die gesunde Vernunft und die Natur der Dinge gebotene friedliche Zusammenschlu der Vlker des europischen Kontinents hervorgehe. Das sei bisher infolge des deutsch-franzsischen Gegensatzes nicht mglich gewesen. Der Friede msse so geschlossen werden, da dieses Ziel erreichbar werde. Die Franzosen seien stets eine ritterliche Nation mit einem hohen Ehrbegriff gewesen, vor der er stets Achtung gehabt und deren Vershnung mit Deutschland er stets gewnscht habe. Er verstehe, da es dieser Nation schwer geworden sei, sich der Entscheidung von 1870 ohne den Versuch eines neuen Appells an das Glck der Waffen zu fgen. Er hoffe, da nach diesem Krieg auch der Franzose das Gefhl haben werde, da der Ehre Genge geschehen sei und da sich beim Friedensschlu die Grundlagen fr ein freies und ehrliches Zusammenwirken der beiden groen europischen Kulturvlker in Politik und Wirtschaft werden schaffen lassen. Das ist der Mann, den heute unsre Feinde und -- was schlimmer ist -- Leute unsres eignen Blutes zum Urheber des Krieges, zu einem blutdrstigen Eroberer und Unterdrcker stempeln mchten. Ich bin im Innersten berzeugt -- und das Bekenntnis glaube ich dem Kaiser zu schulden--, da WilhelmII. kein hheres Ziel gekannt hat, als dem deutschen Volk und der Welt den Frieden zu erhalten, da er seinen Ruhm nur darin gesucht hat, Deutschland in den Werken friedlicher Arbeit fortschreiten zu sehen. Niemand, der ihn nher kannte, wird sich durch seine im Hohenzollernblut steckende Freude an soldatischem Wesen oder durch den berschwang des ihm leicht zur Verfgung stehenden Wortes ber den Kern seines Wesens tuschen lassen. Ebensowenig, wie Kenner des deutschen Volkscharakters sich durch Unebenheiten und Schroffheiten, die schlielich ihre Begrndung in unsrer vielhundertjhrigen Leidensgeschichte haben, dazu verleiten lassen, das deutsche Volk fr kriegslustig, gewaltttig und eroberungsschtig zu halten. Der Deutsche Kaiser und das deutsche Volk wollten den Frieden und sahen in der friedlichen Arbeit ihre Zukunft. Wo die Krfte, die den grten Krieg der Weltgeschichte heraufbeschworen haben, ihren Sitz hatten, glaube ich in den vorstehenden Blttern gezeigt zu haben. Grobritannien hat wieder einmal sein Ziel erreicht. Die strkste Kontinentalmacht, sein strkster Wettbewerber auf den Mrkten der Welt liegt am Boden, wie vordem Spanien, die Niederlande und Frankreich. Unsere Kraft ist gebrochen in einem Krieg, den England so wenig unmittelbar entzndet hat wie etwa den Spanischen Erbfolgekrieg, den Siebenjhrigen Krieg und die Napoleonischen Kriege; den es aber, genau wie jene groen Koalitionskriege, mit unbertrefflicher diplomatischer Kunst aus dritter Ursache duldend und frdernd hat entstehen lassen, um dann einzugreifen und seinen strksten Rivalen zur Mehrung seiner eigenen Macht und Herrlichkeit niederzuwerfen. So werden die unbestechlichen und unbeirrbaren Augen der Geschichte die Entstehung des Krieges sehen. Der Weltkrieg von Karl Helfferich Der zweite Teil des Werkes, der den Anteil des Verfassers an den politischen Vorgngen der Kriegszeit selbst zum Gegenstand hat, erscheint in Krze [Illustration: Ullstein & Co Berlin] Funoten: [1] Der belgische Gesandte in London, van Grootven, berichtete damals an seine Regierung, Sir Edw. Grey habe bei verschiedenen Gelegenheiten den in London beglaubigten Botschaftern wiederholt, England sei in der Marokkofrage an Frankreich gebunden und werde seine Verpflichtungen bis zum Letzten erfllen, selbst im Falle eines deutsch-franzsischen Krieges und auf jede Gefahr hin. [2] Da diese einseitigen Beratungen mit einer bestimmten Mchtegruppe ein schwerer Versto gegen die belgische Neutralitt waren, kann nicht wohl bestritten werden. Der Einwand, da die in diesen Beratungen getroffenen Abmachungen nur im Falle einer Verletzung der belgischen Neutralitt durch Deutschland in Kraft treten sollten, schlgt nicht durch. Die Beratungen selbst muten der einen Partei einen tiefen und wertvollen Einblick in die belgischen Kriegsmittel geben, der der andern Partei nicht zuteil ward. berdies hat spter, am 23. April 1912, der damalige britische Militrattach dem belgischen Generalstabschef rundheraus erklrt, da die englische Regierung whrend der letzten Krisis (Marokkokrisis von 1911) eine Landung in Belgien auf jeden Fall vorgenommen haben wrde, auch wenn Belgien keine Hilfe verlangt htte. [3] Bericht vom 22. Juni 1907. [4] Worte des Frsten Blow in seiner Reichstagsrede vom 30. April 1907. [5] Siehe E. D. Morel, Truth and the War, London 1916, S. 148ff. [6] Staatssekretr a.D. Zimmermann in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. November 1918. [7] Siehe Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 3. Januar 1915. [8] Siehe meine Entstehung des Weltkriegs, S.25. [9] Die aus Anla dieses Miverstndnisses von der deutschen Regierung eingenommene Haltung zeigt, wie fern der deutschen Regierung Angriffsabsichten auf Frankreich lagen. Der franzsische Minister des Auswrtigen hat das Gegenteil zu beweisen versucht durch die Verffentlichung eines Chiffretelegramms, enthaltend eine Instruktion des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Paris, Baron von Schoen, nach der dieser von Frankreich als Sicherheit fr den Fall der franzsischen Neutralittserklrung die Auslieferung der Festungen Toul und Verdun verlangen sollte. Die Instruktion ist nicht praktisch geworden, da Frankreich die Erklrung seiner Neutralitt verweigerte. Hervorgegangen war sie aus der militrischen Notwendigkeit einer unbedingten Rckendeckung nach Westen fr den Fall des Aufmarsches unseres Gesamtheeres gegen Osten. Das Miverstndnis vom 1. August hat bewiesen, da die deutsche Regierung, falls Frankreich berhaupt zur Neutralitt bereit gewesen wre, sich statt der militrischen Sicherung durch Auslieferung der Grenzfestungen sich mit der diplomatischen Sicherung durch die Garantie Englands fr die franzsische Neutralitt begngt htte. [10] Z. B. Labour Leader vom 18. Mrz 1915. [11] Vgl. die Anfrage Keir Hardies im Unterhaus am 27. August 1914. [12] Dies wird gelegentlich von englischer Seite selbst offen zugegeben. Schon im Dezember 1914 schrieb der Spectator: Wenn Deutschland beschlossen htte, zu versuchen, auf dem direkten Weg statt auf dem Weg ber Belgien in Frankreich einzudringen, so htten wir trotzdem unter einer tiefen Verpflichtung gestanden, Frankreich und Ruland zu helfen... Alle unsere Abmachungen mit Frankreich -- unsere Sanktion der Linie seiner Politik, unsere militrischen Konversationen mit seinem Stab, unsere endgltige Assoziation mit seinen Handlungen drauen -- hatten uns seine Sache anvertraut, so klar wie wenn wir eine bindende Allianz mit Frankreich abgeschlossen htten. Und was wahr ist fr unser Einvernehmen mit Frankreich, ist kaum weniger wahr fr unser Einvernehmen mit Ruland. Und ein Leitartikel der Times vom 19. Mrz 1915 bekannte, da England durch seine Ehre und sein Interesse gezwungen worden wre, an Frankreichs und Rulands Seite zu treten, auch wenn Deutschland die Rechte seines kleinen Nachbars gewissenhaft geachtet und sich den Weg nach Frankreich hinein durch die franzsischen Ostfestungen gebahnt htte.-- Der Artikel fhrt fort: Weshalb verbrgten wir uns fr die Neutralitt Belgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes des Selbstinteresses, aus dem wir von jeher verhinderten, da eine Gromacht sich unserer Ostkste gegenber festsetzte, wegen des Grundes, der uns bewog, die Niederlande gegen Spanien und gegen das Frankreich der Bourbonen und Napoleons zu verteidigen... Wir spielen nicht den internationalen Don Quichotte, der zu jeder Zeit jedes Unrecht bekmpft, auch wenn es ihm keinen Schaden zufgt. Herr von Bethmann hat ganz recht, selbst wenn Deutschland nicht in Belgien eingefallen wre, htten Ehre und Interesse uns an Frankreich gebunden... Wir kehrten zu unserer traditionellen Politik des Gleichgewichts zurck, aus demselben Grund, aus dem unsere Ahnen sie angenommen hatten. Gefhlsgrnde gab es weder fr unsere Vter, noch gibt es sie fr uns. Es handelt sich um in sich selbst begrndete, um selbstische Grnde... fr England und seinen Herrschaftskreis kmpfen und bluten seine Shne. * * * * * * Anmerkungen zur Transkription: Der Originaltext wurde beibehalten, offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Parallele Schreibweisen von Eigennamen (Eduard und Edward, Ssuchomlinoff und Ssuchomlinow) wurden beibehalten. Folgende nderungen wurden vorgenommen: Seite 94: nach ihre Kraft verlieren sollte wurde ein Punkt ergnzt Seite 106: Freiherrrn wurde gendert in Freiherrn Seite 109: Iswolksi wurde gendert in Iswolski License: Share Alike