Produced by Peter Becker, Jens Nordmann and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) Der Weltkrieg von Karl Helfferich II. Band Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschrnkten U-Bootkrieg [Illustration] 1919 Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin =Alle Rechte=, insbesondere das Recht der bersetzung, =vorbehalten=. =Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin= * * * * * Inhalt Vorwort 9 Umfang und Art des Krieges 11-47 Vorbemerkung 13. bermacht der Entente 14. =Die militrische Gestaltung des Krieges= 15-22 Mobilmachung und erste Erfolge 15-17. Marneschlacht 18, 19. Die Befreiung Ostpreuens 20, 21. sterreich-ungarische Niederlagen 21. Keine Aussicht auf ein rasches Kriegsende 21. =Der Krieg und die deutschen Finanzen= 22-34 Bestrebungen des Reichsbankprsidenten Havenstein 22, 23. Glaube des Auslandes an unsere finanzielle Unterlegenheit 24, 25. Geldmarkt und Brse unter der Einwirkung des Kriegsausbruchs 26-33. Erste Kriegsanleihe 33, 34. =Der Krieg und die deutsche Wirtschaft= 34-47 Wirtschaftlicher Generalstab fehlte 34-36. England geht gleich zum Wirtschaftskrieg ber 37-40. Aussichten der Vergeltungspolitik 41. Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung 42-44. Ansichten ber die Dauer des Krieges 44, 45. Entstehung der Kriegswirtschaft 45-47. Die politische und militrische Entwicklung des Krieges bis zum Friedensangebot 49-108 Vorbemerkung 51 =Die Trkei als Bundesgenosse= 52-64 Natrlicher Zwang fr die Trkei zum Anschlu 52-54. Dardanellensperre 55, 56. Notwendigkeit der ffnung des Donauweges 57-60. Versuch der Forcierung der Dardanellen durch die Entente 61-64. =Italien= 64-71 Neutralitt Italiens 64-67. Blow in Rom 67-71. Italiens Forderungen 68, 69. Italienische Kriegserklrung 69, 70. =Von der italienischen Kriegserklrung bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg= 71-91 Masurenschlacht 71, 72. Durchbruchsversuche der Entente 72-74. Befreiung Galiziens und Eroberung Polens 74-76. Diplomatisches Ringen auf dem Balkan 77-80. Lusitania versenkt 81, 82. Durchsto nach der Trkei oder Ausnutzung des galizischen Sieges? 82-91. =Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumnischen Krieg= 91-108 Entente-Offensive im Westen 91-93. Eingreifen Bulgariens, Eroberung Serbiens, Besetzung Salonikis durch die Entente, Kapitulation Montenegros 93, 94. Verfehlter Angriff auf Verdun 95-97. sterreichischer Vorsto gegen Asiago und Arsiero, Brussiloff-Offensive, Somme-Offensive 1916 97-99. Frage des einheitlichen Oberbefehls im Osten, Hindenburg Chef des Generalstabs des Feldheeres 99-103. Rumniens Kriegserklrung 104-106. Niederwerfung Rumniens 106-108. Finanzielle Kriegfhrung 109-171 =Reichsschatzamt= 111-115 bernahme des Reichsschatzamts 111-114. Falsche Sparsamkeit 114, 115. =Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen= 115-131 Stickstofffrage 115-122. Reichsstickstoffwerke 122-124. Stickstoffhandelsmonopol 124-127. Kriegsrohstoff-Abteilung und Reichsschatzamt 127, 128. Handels-U-Boote 128-131. =Kriegskosten und Sparsamkeit= 132-139 Entwicklung der Kriegsausgaben 132, 133. Geld spielt keine Rolle 134-136. Stabilitt der Kriegsausgaben vom Frhjahr 1915 bis zum Herbst 1916. Legendenbildung ber Geldverweigerung des Reichsschatzamtes 136-139. =Die Kriegsanleihen= 139-153 Methoden zur Aufbringung der Mittel fr die Kriegfhrung 139-142. Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht 145. Deutsche und englische Anleihepolitik 145-151. Ungeheure Steigerung der Kriegsausgaben vom Herbst 1916 an 152, 153. =Kriegssteuern= 153-168 Kriegssteuern als Ergnzung der Anleihepolitik? Vergleich mit England 153-159. Kriegsgewinnsteuer, Verbrauchs- und Verkehrssteuern im Reichstage 160-168. =Finanzielle Vorschsse an unsere Verbndeten= 168-171 Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft 173-282 =Reichsamt des Innern= 175-183 bernahme des Reichsamts des Innern 175-177. Geschftsbereich des Reichsamts des Innern, Kriegsrohstoffabteilung, Kriegsernhrungsamt 177-183. =Deutschland als belagerte Festung= 184-201 Skagerrak, Kreuzerkrieg 184, 185. Londoner Deklaration, Ausdehnung des Bannwarenbegriffes 185-188. Die Nordsee von England zum Kriegsgebiet erklrt, Verhalten der Neutralen 188-191. Kontrolle des neutralen Handels 191-196. Rohstoffbezug aus den besetzten Gebieten 196-198. Ernhrungsschwierigkeiten bei den Verbndeten 198-200. Ernteertrgnisse und Vernderungen des Viehbestandes in Deutschland 200, 201. =Der Wirtschaftskampf um die Neutralen= 202-221 Deutscher Gegendruck auf die Neutralen 202, 203. Reglementierung und Zentralisation der Ausfuhr und Einfuhr 203, 204. Wirkungen des planlosen Einkaufs 205, 206. Zentral-Einkaufs-Gesellschaft 207-209. Planmige Verbindung von Ausfuhrgenehmigungen, Einfuhrgeschften und Kreditabmachungen 210-215. Gnstige Gestaltung unserer Einfuhr 215-221. =Die innere Kriegswirtschaft= 221-249 =Die Technik im Dienste der Kriegswirtschaft= 222-227 Steigerung der wirtschaftlichen Krfte 222, 223. Ersatzstoffe, neue Erfindungen 224-227. =Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskrfte= 227-232 Umstellung der Produktion 227, 228. Umgruppierung der Arbeiterschaft 228-231. =Verbrauchsregelung und Volksernhrung= 232-240 Hchstpreise, Rationierung, Beschlagnahme, Bewirtschaftung 232-234. Kriegsgetreidegesellschaft 235-237. Reglementierung und Syndizierung des Handels, Kriegswirtschaftliche Reichsstellen 238. bertreibung der Zwangswirtschaft 239, 240. =Bewirtschaftung der Rohstoffe= 240-249 Beschlagnahme und Bewirtschaftung 240, 241. Kriegsrohstoff-Gesellschaften 241-243. Rationelle Ausnutzung der Hchstleistungsbetriebe, Zeitungsgewerbe 243-249. =Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm= 249-282 Munitionskrisis 249-254. Hindenburg-Programm, Hilfsdienstgesetz 254-259. Kriegsamt und Durchfhrung des Hilfsdienstgesetzes 259-272. Abkehrschein 273, 274. Lohntreiberei 275, 276. Kritik des Hindenburg-Programms und des Hilfsdienstgesetzes 276-278. Transport- und Kohlenkrisis 278-281. Finanzielle berspannung 281. berschtzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft 282. Friedensbemhungen und U-Bootkrieg 283-430 Kriegfhrung und Diplomatie als Mittel der Politik 285-288. =Die Friedensfrage= 288-299 Langsame Gewhnung an den Gedanken des Erschpfungskrieges 288-290. Bethmann Hollwegs Kriegsziele 290-292. Deutschlands Friedensbereitschaft, Vernichtungswille der Entente 292-294. Bemerkungen zur Politik des Kanzlers 294-299. =Die erste Phase des U-Bootkriegs= 300-325 Tirpitz ber die Mglichkeit eines U-Bootkrieges 300. Bekanntmachung des U-Boot-Handelskrieges 301, 302. Der Kaiser ber die Kriegfhrung 303. Schonung der neutralen Schiffe 304. Englands Abhngigkeit vom Schiffsverkehr 304-306. Proteste der Neutralen 306, 307. Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 307-314. Versenkung der Lusitania 314-317. Freiheit der Meere 318-323. Arabic versenkt 323-325. =Der verschrfte U-Bootkrieg= 325-338 Lansings Vorschlag ber die U-Boot-Kriegfhrung an die Entente-Vertreter 325-328. Wiederaufnahme der Lusitania-Angelegenheit 328, 329. Stellung der militrischen Fhrung und des Kanzlers zum uneingeschrnkten U-Bootkrieg 329, 330. Verschrfter U-Bootkrieg 330, 331. Haltung Amerikas 332-335. Forderung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges, Denkschrift des Admiralstabes 335, 336. Tirpitz' Rcktritt 337. Reichstag und U-Bootkrieg 337, 338. =Der Sussex-Fall= 338-349 Note Wilsons 339-342. Amerika oder Verdun? 343. Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 344-347. Einstellung des verschrften U-Bootkriegs 347-349. =Die Bemhungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen Friedensschritt= 349-355 Ineinandergreifen der U-Boot- und Friedensfrage 349, 350. Bemhungen bei Wilson 351-353. Gerards Reise nach Amerika, Wilsons Zurckhaltung 353-355. =Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt= 355-379 Presserede Greys 355, 356. Gnstige militrische Position fr einen Friedensschritt 356-358. Antwort an Grey 359, 360. Deutscher Friedensvorschlag an die kriegfhrenden Staaten 360-369. Friedensnote Wilsons an alle Mchte 369-372. Zustimmende Antworten Deutschlands und seiner Verbndeten, schroff ablehnende Antworten der Alliierten 372-379. =Der uneingeschrnkte U-Bootkrieg= 379-430 Keine amerikanische Bemhung zur Aufhebung der Blockade 379-381. Wiederaufnahme der U-Bootfrage 381-383. Verhandlungen im Hauptausschu ber den U-Bootkrieg, meine Stellungnahme gegen den U-Bootkrieg 383-390. Zentrumserklrung und ihre Wirkung auf die Stellung des Kanzlers zu den militrischen Instanzen 390-394. Gutes Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs vom Oktober 1916 an 395. Admiralstab und Oberste Heeresleitung verlangen den uneingeschrnkten U-Bootkrieg 395-399. Festmahl der amerikanischen Handelskammer 399-403. Neue Denkschrift des Admiralstabes 403-408. Entscheidung fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg, Vorgnge in Ple 408-412. Meine persnliche Entschlieung 412, 413. Wilsons Botschaft an den Senat 414-417. Wilson ersucht um Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 417-419. berreichung der deutschen U-Boot-Note, Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 419-421. Die Auffassung Bernstorffs 421-428. Urteil ber Wilson als Friedensstifter 428-430. * * * * * Vorwort Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges gliedert sich dem rckwrtsschauenden Blick deutlich in zwei groe Abschnitte. Der erste fand seinen Abschlu mit dem Verbluten der fast fnfmonatigen Offensive unserer Feinde auf den Schlachtfeldern der Somme, mit der Niederwerfung Rumniens und mit dem Scheitern des Friedensvorschlages der Mittelmchte vom 12. Dezember 1916 wie des Friedensschrittes des Prsidenten Wilson vom 21. desselben Monats. Die im Januar 1917 beschlossene Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges leitete hinber zu dem zweiten Hauptabschnitt, der durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in die Reihe der Kriegfhrenden sein Geprge erhielt. Der Darstellung des ersten dieser beiden groen Abschnitte des Krieges gilt der vorliegende Band (Band II des Gesamtwerkes). Der letzte Band, enthaltend die Darstellung des Krieges bis zum Ausbruch der Revolution und zum Abschlu des Waffenstillstandes befindet sich bereits im Druck und wird in Blde ausgegeben werden. Berlin, im Juni 1919 =Karl Helfferich= Umfang und Art des Krieges Ein ungeheures Schicksal war ber das deutsche Volk hereingebrochen. Allein mit unseren sterreichisch-ungarischen Verbndeten fanden wir uns gegenber der russisch-franzsisch-englischen Koalition, die von vornherein durch Belgien, Serbien und Montenegro verstrkt war und der sich noch im Laufe des August auch Japan zugesellen sollte. Unser italienischer Dreibundgenosse dagegen lehnte es ab, den Bndnisfall als gegeben anzusehen, und erlie eine Neutralittserklrung, die den franzsischen Ministerprsidenten zu Worten hoher Freude und die franzsische Kammer zu einer strmischen Ovation fr die lateinische Schwester veranlate. Auch Rumnien, das seit vielen Jahren durch eine geheime Militrkonvention mit uns verbunden war, hielt sich abseits; Knig Carol war nicht stark genug, gegen seine widerstrebenden Minister und die ententefreundliche ffentliche Meinung die Erfllung der von ihm bernommenen Verpflichtungen durchzusetzen. Die bermacht der Feinde war erdrckend. Allein Ruland und Frankreich vermochten eine Truppenmacht ins Feld zu stellen, die der vereinigten deutschen und sterreichisch-ungarischen erheblich berlegen war. Allein die britische Flotte war eine gewaltige bermacht gegenber den vereinigten Flotten Deutschlands und seines Bundesgenossen. Nicht minder war finanziell und wirtschaftlich das ungeheure bergewicht auf der andern Seite, und schon die ersten Tage des Krieges zeigten, da unsere Feinde, namentlich England, entschlossen waren, dieses bergewicht bis zum uersten auszunutzen. Auch das strkste Herz mute sich von der Sorge bedrckt fhlen, wie das deutsche Volk sich der furchtbaren bermacht sollte erwehren knnen. Es brauchte der ganzen Kraft, die nur das Bewutsein der guten Sache verleiht, um die bangen Zweifel zu verscheuchen und die mutige Zuversicht zu schaffen, mit der das deutsche Volk in den Kampf um sein Dasein und seine Zukunft ging. Die Straen hallten wider von dem festen Tritte der Jungmannschaften und der Landwehrmnner, die, blumengeschmckt und vaterlndische Lieder singend, ausmarschierten. Die Hoffnungen und die heien Wnsche des ganzen deutschen Volkes begleiteten sie. Der Abschiedsschmerz und die Sorge um das Wiedersehen gingen unter in der Hingabe an das bedrohte Vaterland. Alles schien klein geworden, was bisher das Leben ausgefllt hatte; es gab nur noch eines: die Verteidigung des deutschen Bodens und der deutschen Volksgemeinschaft. In diesem Gedanken fand sich ganz Deutschland in erhebender Einheit zusammen, alle Stmme, alle Klassen, alle Parteien. Und diese Einheit, aus der hchsten Not des Vaterlandes geboren, erschien als Gewhr des Sieges. Die militrische Gestaltung des Krieges Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit der grten Ordnung und Przision. Der Kriegsminister hat mir gegen Abschlu der Mobilisationsperiode erzhlt, da nicht eine einzige Rckfrage der Generalkommandos bei der Zentralinstanz erforderlich gewesen sei. Am 16. August, nach Vollendung des Aufmarsches, begab sich der Kaiser mit dem Groen Hauptquartier in aller Stille von Berlin nach Coblenz. Inzwischen harrte das deutsche Volk mit atemloser Spannung der ersten Nachrichten von den Kriegsschaupltzen. Mit besonderer Sorge blickte mancher nach der Nordsee in der Erwartung, da die dort versammelte britische Flotte, das gewaltigste Geschwader, das je die Welt gesehen hatte, ohne Zgern zu dem so oft angekndigten Vernichtungsschlage gegen unsere junge Marine ausholen werde. Aber der erwartete Angriff erfolgte nicht. Die britischen Kriegsschiffe begngten sich mit der Jagd auf wehrlose deutsche Handelsschiffe und dem Anhalten neutraler Fahrzeuge, von denen sie im Widerspruch zu allem Vlkerrecht deutsche Passagiere und deutsches Gut herunterholten. Dagegen lsten einige khne Taten unserer Marine groen Jubel aus, so gleich in den ersten Tagen des Krieges der Durchbruch der Gben und der Breslau durch ein starkes feindliches Geschwader bei Sizilien und ihr Einlaufen in die Dardanellen, vor allem aber die Versenkung der drei englischen Kreuzer durch das U-Boot des Kapitnleutnants Weddigen. Von den Kriegsschaupltzen zu Lande kam die erste wichtige Nachricht am Morgen des 7. August: ein von einer kleinen Truppe unternommener Handstreich auf Lttich sei nicht geglckt. Um so freudiger wurde am Abend desselben Tages die Nachricht aufgenommen, da die Festung Lttich in unseren Hnden sei. Das war der erste groe Erfolg. Er war zu verdanken dem vor nichts zurckschreckenden Draufgngertum des damaligen Generalmajors Ludendorff und der alle bisherigen Begriffe bersteigenden Wirkung unserer 42-cm-Geschtze, die mit ihren Geschossen auf groe Entfernungen die strksten Panzertrme wie irdene Tpfe zerschlugen. Nun war die erste Bresche gelegt. Es folgte der unaufhaltsame Vormarsch unserer Truppen durch Belgien, die Besetzung von Brssel, die Einnahme von Namur und die Schlachten bei Mons, Charleroi, Dinant, Neufchteau und Longwy, in denen unsere Armeen sich den Weg nach Frankreich bahnten; dann die wuchtigen Schlge, die das britische Hilfskorps in viertgiger Schlacht von le Cateau und Landrecies ber Cambrai und St. Quentin warf und groenteils vernichtete. Inzwischen hatte die Armee des bayrischen Kronprinzen die in das deutsche Lothringen eingedrungenen Franzosen zwischen Metz und den Vogesen gefat und in einer groen Schlacht geschlagen. Kleinere Mierfolge, wie die Schlacht von Mlhausen, in der die geplante Abschnrung der franzsischen Truppen nicht gelang, taten dem erfreulichen Gesamtbilde keinen Eintrag. Unaufhaltsam schienen sich die gewaltigen deutschen Heeresmassen vorwrts zu wlzen und jeden Widerstand vor sich zu zerbrechen. Am 4. September konnte der Kaiser in Luxemburg, wohin inzwischen das Groe Hauptquartier verlegt worden war, zu mir sagen: Wir haben heute den fnfunddreiigsten Mobilmachungstag. Reims ist von unsern Truppen besetzt, die franzsische Regierung hat ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, unsere Kavalleriespitzen stehen 50 Kilometer vor Paris! Freilich, als ich am Abend desselben Tages, vor meiner Rckreise in die Heimat, den Chef des Generalstabs des Feldheeres besuchte, erhielt das glnzende Bild, das ich mir aus den Berichten ber die Siege und den Vormarsch unserer Truppen gemacht hatte, einen ernsten Schatten. Ich fand den Generalobersten von Moltke keineswegs in froher Siegesstimmung, sondern ernst und bedrckt. Er besttigte mir, da unsere Vortruppen 50 Kilometer vor Paris standen; aber -- fgte er hinzu -- wir haben in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als Schritt gehen kann. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: Wir wollen uns nichts vormachen. Wir haben Erfolge gehabt, aber wir haben noch nicht gesiegt. Sieg heit Vernichtung der Widerstandskraft des Feindes. Wenn sich Millionenheere gegenberstehen, dann hat der Sieger Gefangene. Wo sind unsere Gefangenen? Einige zwanzigtausend in der Lothringer Schlacht, da noch zehntausend und dort vielleicht noch zwanzigtausend. Auch die verhltnismig geringe Zahl der erbeuteten Geschtze zeigt mir, da die Franzosen sich planmig und in Ordnung zurckgezogen haben. Das Schwerste steht uns noch bevor! Die folgenden Tage brachten die groe franzsische Gegenbewegung, die man sich gewhnt hat, als die Marneschlacht zu bezeichnen. Trotz taktischer Erfolge unseres schwer angegriffenen rechten Flgels endigten die Kmpfe mit einem strategischen Rckzuge. Unsere Generalstabsberichte zeigten in den kritischen Tagen eine Zurckhaltung, die unserm Volk den Ernst der Lage nicht zum Bewutsein kommen lie. Die damals bei uns noch nicht verffentlichten franzsischen und englischen Heeresberichte der zweiten Septemberwoche strmten ber von Siegesjubel. Namentlich die franzsischen Berichte lieen unsere Armeen in voller Auflsung und in unaufhaltsamer Flucht erscheinen. Auch die privaten Nachrichten, die von der Front ihren Weg nach der Heimat fanden, lauteten nicht ermutigend. Es waren fr den Wissenden sorgenvolle Tage und schlaflose Nchte. Allmhlich klrte sich die Lage. Unsere Armeen hatten eine stark befestigte Verteidigungsstellung zwischen Noyon, nrdlich Reims und Verdun bezogen, an der sich der franzsische Gegensto endgltig brach. Franzsisch-englische Versuche, uns durch berflgelung in der rechten Flanke zu fassen, wurden abgewiesen, wiederholten sich aber immer wieder, und zwar fortschreitend in nrdlicher Richtung. Alle Versuche des Feindes, durchzubrechen und unsere rckwrtigen Verbindungen zu bedrohen, wurden in heftigen Kmpfen, so bei Bapaume und Albert, abgewiesen. Mit der Einnahme von Antwerpen am 9. Oktober und der bald darauf folgenden Besetzung von Ostende war fr unsern rechten Flgel eine starke Anlehnung an die Nordsee gewonnen. Aber unserem Versuche, mit dem Einsatz unserer besten Kraft an der Yser und bei Ypern die feindliche Front zu zerbrechen, die Heere der Verbndeten vom Meere abzudrngen und sie endgltig zu berflgeln, blieb, trotz des beispiellosen Heldenmutes unserer Freiwilligen-Regimenter und aller unsagbaren Opfer, der Erfolg versagt. Nachdem der Feind zur Untersttzung seiner erlahmenden Widerstandskraft das Meer ins Land hereingelassen und den grten Teil des Kampfgelndes in Sumpf und See verwandelt hatte, flaute im November nach einer letzten gigantischen Anstrengung bei Ypern das furchtbare Ringen ab. Auch hier erstarrte der Kampf zum Stellungskrieg. Ebenso blieben unsere Versuche, auf unserm linken Flgel die Sperrfortkette Verdun-Toul zu sprengen, trotz einzelner Erfolge im ganzen fruchtlos. Der Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze war im November auf der ganzen Linie zum Stehen gekommen. Die Hoffnungen auf eine schnelle Entscheidung und ein baldiges Ende des Krieges muten begraben werden. Auch im Osten war inzwischen schwer gekmpft worden. Gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten hatte es sich gezeigt, wie weit die russische Mobilmachung an unsern Grenzen bereits vorgeschritten war. Unsere in Ostpreuen stehenden schwachen Krfte wurden alsbald von einer groen Armee angegriffen und muten, trotz heldenhafter Gegenwehr, wertvolle Teile der Provinz dem Feinde preisgeben. Sengend und brennend, plndernd und mordend ergossen sich die russischen Horden ber das blhende Land. Das ber Erwarten rasche Vordringen des Feindes, die verzweifelten Hilferufe der Einwohner und die Entrstung ber die russische Barbarei bestimmten unsere Oberste Heeresleitung, frher als ursprnglich geplant eine Gegenaktion in die Wege zu leiten. Der General von Hindenburg, der kurz vor dem Kriege seinen Abschied genommen hatte, wurde zum Fhrer der neuzubildenden Ostarmee ausersehen, der Generalmajor Ludendorff wurde zu seinem Stabschef ernannt. Dem Genie der beiden sich gegenseitig auf das Glcklichste ergnzenden Feldherren gelang es, in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen die gewaltige russische bermacht vernichtend zu schlagen und unsere Ostmark vom Feinde zu befreien. Der Jubel in ganz Deutschland war grenzenlos. Die Namen Hindenburg und Ludendorff waren in aller Munde; ihre mit einem Schlage gewonnene Volkstmlichkeit ist whrend des ganzen Krieges von keinem andern Feldherrn oder Staatsmann auch nur annhernd erreicht worden. Aber auch die ostpreuischen Schlachten fhrten, so gro der Erfolg war, keine Entscheidung herbei. Unsere sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen hatten im sdlichen Polen und in Galizien schwere Niederlagen erlitten. Die Bukowina und der grte Teil von Galizien muten preisgegeben werden, und die Russen schickten sich an, ber den Karpathenkamm nach Ungarn einzudringen. Ein kraftvoller Vorsto Hindenburgs gegen Warschau und der sterreicher gegen Iwangorod muten abgebrochen werden. Schlesien erschien auf das uerste bedroht, und Ostpreuen erlebte einen zweiten Russeneinfall. Wenn es auch gelang, Ostpreuen zum zweitenmal zu befreien, die Gefahr fr Schlesien abzuwenden und den Krieg erneut nach Polen zu tragen, so gestattete gegen die Wende des Jahres 1914 die Lage auf dem stlichen Kriegsschauplatz keine Tuschung darber, da auch von hier keine schnelle Entscheidung und kein baldiges Kriegsende zu erwarten war. Was im ersten jhen Ansturm in West und Ost nicht geglckt war, den Feind vernichtend zu schlagen und ihn zu einem unser und unserer Verbndeten Dasein sichernden Frieden bereit zu machen, das konnte jetzt nur noch von zhem Kampf und entschlossenem Durchhalten erwartet werden. Vielen wurde es jetzt erst bewut, vor welche Schicksalsprobe unser Volk gestellt war. Der Krieg und die deutschen Finanzen Whrend das Heer unsere Grenzen schtzte und den Krieg in Feindesland trug, spannte auch die Heimat alle Krfte an, um den Erfordernissen des Krieges gerecht zu werden. Mehr denn jemals zuvor war dieser Krieg von seinem Anbeginn an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein Krieg der Finanzen und der Wirtschaft aller beteiligten Vlker. Meine Stellung in der Direktion des grten deutschen Finanzinstituts gab mir Gelegenheit, auf diesem Felde mitzuarbeiten. Schon in den Jahren vor dem Kriege hatte ich die Bestrebungen des Reichsbankprsidenten Havenstein, das deutsche Geld- und Kreditwesen auf eine mglichst solide, auch gegenber schweren Erschtterungen wirtschaftlicher und politischer Art widerstandsfhige Grundlage zu stellen, in meinem Wirkungskreise nach Krften untersttzt. Meine Kollegen in der Direktion der Deutschen Bank setzten in guter alter Tradition ihren Stolz nicht nur in die Ausdehnung der Geschfte der Bank, sondern mehr noch in die Aufrechterhaltung und Verbesserung der Liquiditt ihres Standes; hier wurde die Berechtigung der Havensteinschen Bestrebungen nicht nur theoretisch anerkannt, sondern auch praktisch bettigt. Die seit dem Jahre 1905 sich berstrzenden politischen Krisen zeigten, wie notwendig es war, das gesamte deutsche Kreditwesen, das durch die ungestme wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auf das Strkste angespannt war, krisenfest zu machen. In dieser Richtung lag die Verstrkung des Goldbestandes der Reichsbank als unserer nationalen Goldreserve, die Verbesserung der Zahlungssitten durch die Ausdehnung des Scheck- und Giroverkehrs, die Einschrnkung der Festlegung der Bankdepositen in langfristigen und immobilen Krediten, die Beseitigung der Abhngigkeit des deutschen Geldmarktes von kurzfristigen Auslandskrediten, die innere Konsolidierung der groen Unternehmungen durch eine vorsichtige Dividenden- und Reservenpolitik. Schon die Marokkokrisis von 1911 hatte gezeigt, da diese Bemhungen nicht vergeblich gewesen waren. Das deutsche Geld- und Kreditwesen zeigte damals schon, im Vergleich mit Frankreich und selbst England, eine erfreuliche Widerstandsfhigkeit. Die namentlich im Ausland, aber auch in Deutschland selbst verbreitete Auffassung, das deutsche Wirtschaftsgebude sei ein Kolo auf tnernen Fen, das deutsche Kreditsystem sei ein Kartenhaus, das beim ersten scharfen Windsto zusammenbrechen msse, hatte sich damals schon als berholt erwiesen. Freilich, unsere Gegner, namentlich die Franzosen, haben das nicht wahr haben wollen. Obwohl die Brse und der Geldmarkt in Paris und sogar in London, wie sich an den Kursen der Wertpapiere und den Geldstzen ohne weiteres ablesen lie, durch die Erschtterung der Marokkokrisis strker in Mitleidenschaft gezogen wurden als bei uns, blieb nicht nur die ffentliche Meinung, sondern -- von wenigen Ausnahmen abgesehen -- auch der engere Kreis der Fachleute in Frankreich bei der vorgefaten Meinung von unserer unbedingten finanziellen Unterlegenheit; ja es bildete sich die Legende, die Gefahr des finanziellen Zusammenbruchs habe es fr Deutschland unmglich gemacht, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Ich habe diesen Glauben an unsere finanzielle Unzulnglichkeit, der mir in auslndischen Kreisen immer wieder entgegentrat, stets als eine Verstrkung der dem Weltfrieden ohnehin schon drohenden Gefahren angesehen; denn dieser Glaube konnte in kritischen Situationen leicht dazu fhren, unsere Gegner zu einer berspannung ihrer Ansprche und Zumutungen zu verleiten. Ich habe mich deshalb fr verpflichtet gehalten, diesen irrigen Vorstellungen entgegenzutreten, insbesondere dann, wenn sie, was vorkam, von Deutschland aus Nahrung erhielten. Noch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, im Juni 1914, habe ich im Vorwort zur vierten Auflage meines Bchleins ber Deutschlands Volkswohlstand ausgefhrt: Es ist geradezu ein Weltinteresse, da die Illusion verschwindet, durch Mittel der finanziellen Politik knne erreicht werden, was bisher weder durch militrische Macht noch durch Allianzen und Ententen zu erreichen war: die Niederkmpfung Deutschlands. Nun brach der Sturm des Krieges ber die Welt herein und erschtterte den wirtschaftlichen Aufbau aller beteiligten Vlker in seinen Grundfesten. Schon seit dem Attentat von Sarajewo lag ein dumpfes Unbehagen ber den finanziellen Mrkten der Welt. Das sterreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien und die ungengende Antwort der serbischen Regierung, dazu die Stellungnahme Rulands, das erklrte, nicht indifferent bleiben zu knnen, brachten das Ungewitter zum Ausbruch. Alles, was bisher an Werten als fest und sicher galt, geriet ins Schwanken. Bares Geld, womglich blankes Gold, erschien als der einzige feste Pol in der Erscheinungen Flucht. Die Brsen wurden von allen Seiten mit Verkaufsauftrgen berschttet; die Geldinstitute wurden mit Kreditantrgen und Wechseleinreichungen bestrmt; Kredite wurden gekndigt; bei den Banken und Sparkassen drngte sich die Kundschaft, um Guthaben und Einlagen zurckzuziehen. Es galt, alle Kraft einzusetzen, um die Sturmflut der Panik einzudmmen und der Besonnenheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. Jetzt hatte sich zu bewhren, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten an echter finanzieller Kraft gewonnen und an wirksamer finanzieller Organisation aufgebaut hatte. Die groen Berliner Banken und Bankiers, die sich seit Jahren in der sogenannten Stempelvereinigung zusammengeschlossen und dort an ein einheitliches Handeln in allen Fragen von allgemeinem Interesse ihres Berufes gewhnt hatten, vereinigten sich alsbald zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen, um in engster Fhlung mit der Reichsbank und der Seehandlung durch eine Intervention auf den Effektenmrkten, durch Aufrechterhaltung der Kredite und Schaffung erweiterter Kreditmglichkeiten fr Beruhigung zu sorgen und die Weiterfhrung einer geordneten wirtschaftlichen Ttigkeit zu ermglichen. Jeden Vormittag versammelten sich in jener kritischen Zeit die Vertreter der an die Stempelvereinigung angeschlossenen Finanzinstitute im Sitzungssaal der Deutschen Bank, um ber die Lage und die gemeinschaftlich zu ergreifenden Manahmen zu beraten. Wir alle waren durchdrungen von der berzeugung, da in jener schweren Lage jede ngstlichkeit und Engherzigkeit der in der deutschen Finanzwirtschaft fhrenden Stellen verhngnisvoll wirken msse; da nur ein grozgiges und weitherziges Verhalten gegenber den Erfordernissen der Stunde die Lage retten knne; da schlielich den deutschen Banken ihr in langer Arbeit und in ernster Selbstbeschrnkung gefestigter Stand es gestatte, jetzt in den Zeiten der Not vor den Ri zu treten und im Interesse des Ganzen groe Risiken zu bernehmen. Die strengen Normen in ruhigen Zeiten haben ihren Zweck in der Sicherung der Bereitschaft fr den kritischen Augenblick. Wenn das Pferd ber den Graben soll, heit es die Zgel locker lassen. Der Erfolg der zweckmigen Organisation und des planmigen Eingreifens blieb nicht aus. Die finanziellen Grundmauern der deutschen Wirtschaft zeigten sich dem Sturm der Kriegspanik gewachsen; unsere finanzielle Widerstandskraft hielt jeden Vergleich aus mit derjenigen unserer Feinde, die sich auf einen viel lteren Reichtum sttzen konnten und sich uns gegenber bisher als die unbestritten berlegenen gefhlt hatten. Unsere Effektenmrkte zeigten in dem Kurssturz, der ber alle Pltze bis hinber nach Amerika mit elementarer Wucht hereinbrach, immerhin eine bessere Haltung als diejenigen Frankreichs und Englands. In der Zeit vom 17. bis 28. Juli 1914 -- in den folgenden Tagen kamen an den meisten Pltzen keine ordnungsmigen Notierungen mehr zustande -- stellte sich die Kursbewegung der magebenden Staatsanleihen Deutschlands, Frankreichs und Englands wie folgt: Kurs vom also 17. Juli 28. Juli Rckgang 3%ige deutsche Reichsanleihe 76,50 73,75 2,75 3%ige franzsische Rente 82,62 77,25 5,37 2-1/2%ige englische Konsols 75,81 71,75 4,06 Der Kursrckgang in jenen kritischen Tagen war also bei den deutschen Staatspapieren erheblich geringer als bei den englischen und namentlich den franzsischen Anleihen. Dabei gaben die amtlichen Pariser Kurse das wahre Bild nicht annhernd richtig wieder. Der Temps berichtete ber den Verlauf der Pariser Brse vom 25. Juli, da die Kammer der Kursmakler sich angesichts des starken Angebots von 3%iger Rente gentigt gesehen habe, die Notierung eines niedrigeren Kurses als 78 zu verbieten, obwohl Angebote zu 74 vorlagen. Was hier in den kritischen Tagen unmittelbar vor Kriegsausbruch in Erscheinung trat, war nicht etwa nur ein Augenblickserfolg der deutschen Finanzen. Bis zum Frhjahr 1915 ging die 3%ige franzsische Rente um weitere 12-15% zurck, die deutsche 3%ige Reichsanleihe nur um 5-1/2%. Whrend im Durchschnitt des Jahres 1910 die 3%ige franzsische Rente auf 98, die 3%ige deutsche Reichsanleihe nur auf 84 gestanden hatte, sank jetzt das franzsische Standardpapier unter den Kurs der mit gleicher Verzinsung ausgestatteten deutschen Staatswerte. Auch der Rckgang der englischen Konsols war bis zum Frhjahr 1915 mit 7% strker als der Rckgang der deutschen Reichsanleihe, obwohl die britische Regierung Mindestkurse dekretiert hatte, die damals im freien Verkehr um 3-4% unterschritten worden sein sollen. Ebenso wie der Markt der Staatsanleihen, dessen Verhalten typisch war fr das Verhalten der fest verzinslichen Werte berhaupt, zeigte auch der Markt der Dividendenwerte in Deutschland eine verhltnismig gute Widerstandskraft. So sanken, um nur ein Beispiel zu geben, die Aktien des ersten franzsischen privaten Bankinstituts, des Crdit Lyonnais, vom 18.-20. Juli 1914 von 1535 auf 1350 Franken, also um 12% ihres Kurswertes vom 18. Juli; in der gleichen Zeit sanken die Aktien der Deutschen Bank von 231,60% auf 218%, diejenigen der Diskontogesellschaft von 180,80% auf 170%, beide also um nicht ganz 6% des Kurses vom 18. Juli. Strker noch als in den Kursen kam die groe Widerstandskraft des deutschen Kapitalmarktes in andern Erscheinungen zum Ausdruck. Die Pariser Brse war in der letzten Juliwoche gentigt, zur Vermeidung eines vlligen Zusammenbruchs die Ultimoliquidation zwangsweise zu suspendieren. Ein hnliches Brsenmoratorium wurde in London notwendig. In Berlin dagegen blieb die Brse, wenn auch unter Beschrnkung auf den Kassahandel, bis zur Proklamation des Kriegszustandes in Ttigkeit, und die Juliliquidation wurde, im Gegensatz zu London und Paris, nicht hinausgeschoben, sondern dank der von den Banken gewhrten Erleichterungen ohne nennenswerte Strung abgewickelt. Auch dem gewaltigen Andrang nach baren Zahlungsmitteln hat das deutsche Bankwesen -- abgesehen von einem vorbergehenden Mangel an Kleingeld -- zu ertrglichen Bedingungen gengen knnen. Die Reichsbank, untersttzt von den fr den Kriegsfall vorgesehenen und alsbald in Wirksamkeit tretenden Darlehnskassen, zeigte sich allen Ansprchen gewachsen. In den beiden Wochen vom 23. Juli bis 7. August 1914 stellte sie dem Verkehr fr mehr als 2 Milliarden Mark Zahlungsmittel der verschiedensten Kategorien zur Verfgung, ohne mit ihrem Diskontsatz strker als von 4% auf 6% in die Hhe zu gehen. In Frankreich und England dagegen sahen sich die Zentralbanken gentigt, empfindliche Restriktionen in der Diskontierung von Wechseln eintreten zu lassen. Die Bank von England mute ihren Diskontsatz in den drei Tagen vom 23. zum 25. Juli sprungweise von 3% auf 10% hinaufsetzen. Whrend die Privatbanken in Deutschland, gesttzt auf den Rckhalt, den ihnen die Reichsbank bot, anstandslos alle von ihnen verlangten Auszahlungen leisten, ihre Kredite aufrechterhalten und erweitern konnten, sahen sie sich in Frankreich und England alsbald vor ernsthaften Schwierigkeiten. In Frankreich lieen sich die Banken und Sparkassen die gesetzliche Ermchtigung geben, auf die bei ihnen stehenden Guthaben nur bescheidene Teilbetrge auszuzahlen. In England wute man sich nicht anders zu helfen, als da der auf den ersten Montag im August fallende Bankfeiertag auch auf die folgenden drei Tage ausgedehnt wurde, was praktisch einer Sperre der Bankschalter whrend der strmischsten Tage gleichkam. Auerdem sah man sich in allen kriegfhrenden Lndern, auer Deutschland, und in zahlreichen neutralen europischen und berseeischen Lndern gentigt, Moratorien einzufhren, teils fr den Wechselverkehr, teils fr den gesamten Bankverkehr, teils fr alle Zahlungsverpflichtungen unter Privaten. In Deutschland dagegen kam man in eingehenden Beratungen aller beteiligten Instanzen zu dem Entschlu, von dem Erla eines Moratoriums abzusehen. Man begngte sich mit Gegenmanahmen, die die deutsche Geschftswelt vor der Wirkung der im Ausland erlassenen Moratorien schtzten. Auerdem wurde die Mglichkeit geschaffen, im Einzelfall beim Vorliegen eines wirklichen Notstandes die Zahlungsfristen durch gerichtliches Urteil hinauszuschieben. Im brigen wurde die Zahlungsfhigkeit der deutschen Wirtschaft durch eine Reihe positiver Manahmen und Einrichtungen aufrechterhalten, die das Zusammenwirken der Reichsbank, der Darlehnskassen, der Genossenschaften und Sparkassen in wirksamer Weise ergnzten; so insbesondere durch die in freiwilligem Zusammenschlu der beteiligten Kreise geschaffenen Kriegskreditbanken und die Vereinbarungen der Bodenkreditinstitute ber die Bevorschussung von Hypotheken. Durch dieses ruhige, sichere und planmige Vorgehen gelang es, in wenigen Tagen der Erregung des Publikums und der Kopflosigkeiten, wie sie in solchen Zeiten immer vorkommen, Herr zu werden und in der deutschen Geschftswelt das Vertrauen in die finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft wiederherzustellen. Ein Vorfall, der sich in den Tagen der ersten groen Aufregung bei der Deutschen Bank abspielte, zeigt, da in solchen Lagen auf das groe Publikum nichts beruhigender wirkt als ein festes und zuversichtliches Verhalten der Stellen, auf die sich die verngstigten Augen richten. Aus der Hauptdepositenkasse wurde nach der Direktion gemeldet, der Andrang des Publikums zu den Auszahlungsschaltern sei ungeheuer und geradezu lebensgefhrlich; es msse etwas geschehen, um fr die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Der Bescheid, der gegeben wurde, ging dahin, es seien alsbald zwei weitere Schalter fr die Auszahlung zu ffnen und das dem Publikum bekanntzumachen. Die Wirkung war durchschlagend. Viele gingen beruhigt nach Hause, weil ihnen die ffnung neuer Auszahlungsschalter die Sicherheit gegeben hatte, da die Bank imstande und gewillt sei, jede Auszahlung zu leisten. Schon vor der Beendigung der Mobilmachung und vor den ersten Siegesnachrichten fing das Publikum an, die in den Tagen der Panik abgehobenen Gelder wieder zu den Banken und den Sparkassen zurckzubringen. Auch die gewaltigen Geldsummen, die das Kriegsministerium im Laufe der Mobilmachung fr die Beschaffung von Heeresgert und Heeresausrstung aller Art verausgabte, fanden bald ihren Weg zurck zu den groen Sammelbecken des Geldverkehrs. An die Stelle der Geldklemme der ersten Wochen trat bald eine groe Geldflssigkeit, die es mglich machte, die Begebung einer ersten Kriegsanleihe schon fr den Monat September ins Auge zu fassen. In der Tat trat Deutschland als der erste unter allen kriegfhrenden Staaten mit einer Kriegsanleihe an den Markt. Es fehlte nicht an warnenden Stimmen, die einen Mierfolg voraussagten. Das klgliche Ergebnis der im Jahre 1870 vom Norddeutschen Bund ausgeschriebenen Kriegsanleihe schwebte manchem als bler Vorgang vor Augen. Noch mehr Bedenken erregte der khne Vorschlag des Reichsbankprsidenten, die Kriegsanleihe in unbeschrnktem Betrag aufzulegen, damit jedem Zeichner von vornherein die Zuteilung des vollen gezeichneten Betrages in Aussicht zu stellen und so auf jeden Anreiz zu spekulativen Zeichnungen und auf jeden Scheinerfolg, wie er in der berzeichnung einer in limitiertem Betrag aufgelegten Anleihe leicht zu erzielen ist, bewut und absichtlich zu verzichten. Ich hatte Gelegenheit, mit dem Reichsbankprsidenten das Aktionsprogramm durchzusprechen und ihn gegenber den Stimmen der Bedenklichen in seinen Absichten zu bestrken. Der Erfolg hat der Khnheit recht gegeben. Das Zeichnungsergebnis war rund 4-1/2 Milliarden Mark. Das war fast das Doppelte der bisher grten Anleiheaktion der Geschichte, der franzsischen Anleihe vom Juli 1872, die 2400 Millionen Mark erbracht hatte. Dabei hatte sich die Einzahlungsfrist der franzsischen Anleihe vom Juli 1872 bis zum Herbst 1873, also auf etwa 15 Monate erstreckt, whrend der fast doppelt so groe Betrag der ersten deutschen Kriegsanleihe nach den Zeichnungsbedingungen in zwei Monaten einzuzahlen war. Ferner war die groe franzsische Anleiheaktion erst nach Abschlu des Friedens durchgefhrt worden, die deutsche Anleihe dagegen wurde zu Anfang eines unabsehbaren Krieges gezeichnet. Und schlielich waren die Zeichnungen auf die franzsische Anleihe zu einem groen Teil auf fremden Mrkten, namentlich auf dem Londoner Markte, erfolgt, whrend die 4-1/2 Milliarden der ersten deutschen Kriegsanleihe so gut wie ausschlielich eine Leistung des auf sich selbst gestellten deutschen Volkes waren. Die Sicherung der finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft und die Beschaffung der fr den Krieg erforderlichen Geldmittel war so in den ersten Wochen des Krieges auf das beste eingeleitet. Der Krieg und die deutsche Wirtschaft Die finanzielle Mobilmachung war in Friedenszeiten grndlich vorbedacht und vorbereitet worden. Abgesehen von der planmigen Verbesserung und Krftigung unserer Geld- und Kreditverfassung, die sich jetzt so reichlich lohnte, lag der Organisationsplan bereit, nach dem unser Finanzwesen den Kriegsbedrfnissen angepat werden sollte. Auf dem Gebiete der Gtererzeugung und des Warenhandels waren hnliche Vorkehrungen fr den Kriegsfall nicht getroffen worden. Wohl hatte unsere Wirtschaftspolitik in hnlicher Weise unsere gesamte Volkswirtschaft erstarken lassen und fr den Kriegsfall tchtig gemacht, wie unsere Geld- und Bankpolitik die finanziellen Grundlagen unseres Wirtschaftslebens. Vor allem war es vermge unserer Wirtschaftspolitik gelungen, unsere landwirtschaftliche Erzeugung in den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg in noch strkerem Mae zu heben, als unsere Bevlkerung gewachsen war. Ebenso war die eigene Gewinnung der fr den Krieg wichtigsten industriellen Rohstoffe, der Kohle und des Eisens, in einem Mae gesteigert und auch technisch vervollkommnet worden, da eine Grundlage fr die technisch-industrielle Durchfhrung des Krieges gesichert war. Auch hatten wichtige Erfindungen und neue Verfahren unsere nationalwirtschaftliche Selbstndigkeit, die fr das Durchhalten eines groen Krieges von besonderer Bedeutung ist, in einigen nicht unwesentlichen Punkten verbessert. Schlielich waren auf dem Gebiet der sozialen Organisation, insbesondere der Ausgestaltung der Arbeitsnachweise, Fortschritte erzielt worden, die fr die Anpassung unserer Wirtschaft an die durch den Krieg von Grund aus genderten Verhltnisse eine Erleichterung bedeuteten. Aber ein eigentlicher Organisationsplan fr die Bereithaltung, Beschaffung und Verteilung der fr das Leben der Bevlkerung und die Durchfhrung des Krieges erforderlichen Nahrungsmittel und Rohstoffe, fr die Umstellung unserer gewerblichen und kommerziellen Ttigkeit und fr die Umgruppierung der Arbeitskrfte, wie sie der Krieg erforderlich machen mute, war nicht vorhanden. Aus den Kreisen des praktischen Wirtschaftslebens heraus war in den Jahren vor dem Ausbruch des Krieges wiederholt auf diese Lcke in unserer Bereitschaft hingewiesen und u. a. die Einrichtung eines wirtschaftlichen Generalstabs zur Bearbeitung dieser organisatorischen Aufgaben verlangt worden. Es war aber nichts Durchgreifendes geschehen. Ich habe den Eindruck, da man sich bei unseren amtlichen Stellen, denen die Bearbeitung unserer wirtschaftlichen Angelegenheiten anvertraut war, einmal ber die seit Jahren ber uns schwebende Kriegsgefahr ebensowenig Rechenschaft gab wie im allgemeinen in unserer ffentlichen Meinung; da man ferner sich von den wirtschaftlichen Verhltnissen und Anforderungen eines modernen Krieges kein hinreichend greifbares Bild machen konnte, um danach organisatorische Vorbereitungen einzurichten; schlielich, da man weder mit einem langen Kriege, noch auch mit einem ausgesprochenen Wirtschaftskriege ernstlich rechnete. Nun war der Krieg da; und die Manahmen unserer Feinde, namentlich Englands, zeigten alsbald, da dieser Krieg gegen eine gewaltige, uns fast von allen Seiten umfassende Koalition kein bloer Krieg der bewaffneten Streitkrfte, sondern auch ein Krieg der Volkswirtschaften, ja der ganzen Volksgemeinschaften sein werde. Schon bei dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen lehnte es die britische Regierung ab, den Schutz, den nach der Haager Landkriegsakte das private Eigentum und die privaten Forderungen zu beanspruchen hatten, unzweideutig und uneingeschrnkt anzuerkennen. Alsbald nach Kriegsausbruch erlie sie Verfgungen, die nach dem alten britischen Recht alle Zahlungen an die Bewohner der mit England im Kriege liegenden Lnder unter Strafe stellten. Das Verbot wurde bald auf den gesamten Verkehr mit dem Feinde ausgedehnt. Ebenfalls schon in den ersten Tagen des Krieges wurden die Filialen deutscher Banken in London unter Staatsaufsicht gestellt, der bald die Anordnung der Zwangsliquidation unter Sequestration des Liquidationserlses folgte. Im weiteren Verlauf wurden Zwangsverwaltung, Sequestration und Zwangsliquidation auch auf alle anderen Unternehmungen im Vereinigten Knigreich, den Dominions und Kolonien, die Deutschen gehrten oder an denen deutsches Kapital in nennenswertem Umfange beteiligt war, ausgedehnt und namentlich in den berseeischen Gebieten in der rigorosesten Weise durchgefhrt. Dazu kam die Aufhebung von Vertrgen mit feindlichen Staatsangehrigen und der feindlichen Staatsangehrigen zustehenden Patentrechte. Noch einschneidender waren die britischen Manahmen auf dem Gebiet des Seekrieges. Ohne sich durch die vlkerrechtlichen Satzungen irgendwie beirren zu lassen, unterwarf England den gesamten Seeverkehr auch der Neutralen seiner Kontrolle in der Absicht, jede auch indirekte Zufuhr fr Deutschland zu verhindern. Darber hinaus zwang es den Neutralen in ihren eigenen Lndern eine Handelskontrolle auf, die in ihrer Wirkung die Blockade bis an die Landgrenzen Deutschlands tragen sollte. Ganz offenkundig und ganz rcksichtslos ging England, von seinen Verbndeten untersttzt, von Anbeginn des Krieges an darauf hinaus, die Kriegfhrung der Land- und Seestreitkrfte zu ergnzen und zu untersttzen durch eine wirtschaftliche Erdrosselung des deutschen Volkes. Durch die Abschnrung der Zufuhr kriegswichtiger Rohstoffe sollte Deutschland wehrlos gemacht, durch die Abschnrung der Zufuhr von Nahrungsmitteln sollte Deutschland ausgehungert und zur bergabe gezwungen werden. Dabei handelte es sich fr England von allem Anfang an nicht nur um ein Kriegsmittel, sondern klar erkennbar um einen wesentlichen Kriegszweck: Deutschland sollte durch den wirtschaftlichen Druck nicht nur -- unabhngig von den militrischen Operationen -- zur Kapitulation gezwungen, sondern Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, die England so unbequem geworden war, sollte den tdlichen Streich erhalten. Die Verfolgung und Vernichtung jeder deutschen geschftlichen Bettigung, jeder deutschen Wirtschafts- und Kulturarbeit in allen den Gebieten, die fr den britischen Arm berhaupt erreichbar waren, gibt davon beredtes Zeugnis. Der britische Vernichtungswille kannte keine Schranke, weder in geschriebenen Satzungen, noch in der ungeschriebenen Vlkermoral, weder im menschlichen, noch im gttlichen Recht. Alles was in den Bestrebungen der edelsten Geister der Menschheit bisher erreicht worden war, um die Kriegfhrung auf die bewaffneten Streitkrfte zu beschrnken und die Leiden des Krieges von der nichtkmpfenden Bevlkerung fernzuhalten, erwies sich vor Englands Gewaltpolitik als eitel Schall und Rauch. War schon der Krieg gegen eine rein militrisch so starke Koalition fr Deutschland und seinen Verbndeten eine in diesem Ausma in der Geschichte aller Zeiten und Vlker bisher unerreichte Kraftprobe, so wurde die Gefahr der Zermalmung durch die brutale bertragung des Krieges auf das wirtschaftliche Gebiet ins Ungeheuerliche gesteigert. Deutschland war, wie kein zweites Land auer England selbst, in die Weltwirtschaft verwachsen. Es hatte im letzten Friedensjahr eine Einfuhr von 10,7 Milliarden Mark gehabt, hauptschlich Rohstoffe und Nahrungsmittel; seine Ausfuhr, hauptschlich aus Fabrikaten bestehend, hatte den Wert von 10,1 Milliarden Mark erreicht. Wenn wir auch infolge der glcklichen Entwicklung unseres Ackerbaues nur eines verhltnismig geringen Zuschusses an Brotgetreide aus dem Ausland bedurften, so war doch unsere Viehwirtschaft, und damit die Versorgung unserer Bevlkerung mit Fleisch und Fett, in erheblichem Umfange auf fremde Zufuhren an Futtermitteln angewiesen. Von unseren groen Gewerbezweigen war die Textilindustrie, bis auf die geringe einheimische Erzeugung von Wolle und Flachs, von der Rohstoffzufuhr aus dem Auslande abhngig. hnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, stand es mit der Lederindustrie. Kohle und Eisen hatten wir im eigenen Land; aber andere wichtige Metalle kamen vorwiegend, wie das Kupfer, oder ausschlielich, wie das Nickel, aus dem Ausland. Unsere Ausfuhr gab einem groen Teil unserer arbeitenden Bevlkerung lohnende Arbeit. Die Ernhrung, Bekleidung und Beschftigung eines groen Teiles unserer Bevlkerung, darber hinaus die Ausstattung unserer Streitkrfte zu Land und zu Wasser mit Kriegsgert, Munition und Proviant wurde durch die Unterbindung unseres Auenhandels auf das ernstlichste in Frage gestellt. Die gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die auch ein auf das rein Militrische beschrnkter Krieg htte mit sich bringen mssen, wurden ins Unendliche gesteigert. Nahezu alles, was zur berwindung dieser Schwierigkeiten und Gefahren zu geschehen hatte, mute improvisiert werden. Die Aussichten einer reinen Vergeltungspolitik waren schlecht. Wir konnten die Beschlagnahme deutscher Vermgenswerte, die Zwangsverwaltung und Zwangsliquidation deutscher Unternehmungen und die anderen gegen deutsches Privatvermgen und deutsche Privatrechte gerichteten Manahmen mit den entsprechenden Gegenmanahmen beantworten und taten das auch. Aber was an feindlichem Privatvermgen und Privatrechten unserem Zugriff unterlag, war dem Werte nach nur ein Bruchteil dessen, was bei der weitverzweigten deutschen Bettigung in dem Machtbereich unserer Feinde der Willkr von Englndern, Franzosen und Russen ausgesetzt war. Der vlkerrechtswidrigen Unterbindung unserer auslndischen Zufuhren konnten wir, da England die See beherrschte, zunchst nichts gegenberstellen als unseren wiederholten eindringlichen Appell an die an der Aufrechterhaltung des Vlkerrechts mit uns interessierten Neutralen; die U-Bootwaffe, deren Anwendung wegen ihrer Rckwirkung auf die Neutralen, besonders auf die Vereinigten Staaten, von Anfang an als zweischneidig angesehen werden mute, kam als Mittel fr eine Gegenblockade erst im weiteren Verlauf des Krieges ernsthaft in Betracht. Auch auf die sich dem britischen Druck so gefgig zeigenden uns benachbarten Neutralen konnten wir nur in sehr beschrnktem Umfang einen Gegendruck ausben. Ihre Abhngigkeit von unserer Kohle und unserem Eisen war nicht entfernt so gro und so empfindlich wie ihre Abhngigkeit von den unter Englands Kontrolle stehenden Zufuhren von Nahrungs- und Futtermitteln und an wichtigen berseeischen Rohstoffen. Immerhin gaben die uns zur Verfgung stehenden Mittel des Gegendrucks auf diesem Gebiet uns wenigstens einigen Spielraum. Es kam darauf an, die bescheidenen Vorteile und Druckmittel, die uns zur Verfgung standen, in geschickten Transaktionen und Kombinationen nach jeder Mglichkeit auszunutzen, um die Erdrosselungsabsichten unserer Feinde zu vereiteln. Es kam weiter darauf an, einen berblick ber die im Inland vorhandenen Bestnde der fr das Durchhalten der Bevlkerung und der Kriegfhrung wichtigsten Nahrungsmittel und Rohstoffe zu gewinnen, die Erzeugungsmglichkeiten dieser Stoffe oder geeigneter Ersatzstoffe nach Mglichkeit zu frdern, ihren Verbrauch zu kontrollieren und zu rationieren und auf die Preisbildung der fr den Lebensunterhalt der Bevlkerung wesentlichen Waren einen Einflu zu gewinnen. Das bedeutete nicht nur eine den besonderen Verhltnissen und Bedrfnissen anzupassende Umstellung der wirtschaftlichen Ttigkeit, sondern eine Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung im Sinne des berganges von dem individualistischen System der freien wirtschaftlichen Bettigung und Initiative, das sich in der hinter uns liegenden Friedenszeit von selbst reguliert hatte, zu dem Versuch einer einheitlichen und planmigen Leitung der Gtererzeugung und Gterverteilung. Die Aufgabe war ihrer Art nach vllig neu. Es gab keine Mglichkeit, sich an bereits erprobte Vorbilder und Methoden anzulehnen; alles mute gewissermaen aus dem Nichts heraus geschaffen werden. Die Aufgabe wurde auch keineswegs in ihrem Umfange von Anfang an erkannt. Ich glaube, es gibt niemanden in Deutschland, der von sich sagen kann, er habe von Anfang an mit einem so langen Kriege und einer so strengen, sich im Laufe des Krieges immer mehr verschrfenden Abschnrung Deutschlands von auswrtigen Zufuhren gerechnet. Die Ansicht, da ein moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein knne, wog in militrischen wie in wirtschaftlichen Kreisen vor. Dafr sprach die furchtbare Zerstrungskraft der modernen Kriegswaffen, die rasche entscheidende Schlge in Aussicht zu stellen schien; ferner die ungeheuerliche Entziehung von Arbeitskrften durch die auf der allgemeinen Dienstpflicht beruhenden Volksheere, eine Entziehung, die in ihrer Wirkung auf die Volkswirtschaft mit einem Generalstreik verglichen worden ist; dann die alle Summen, mit denen Finanzleute und Volkswirtschaftler bisher zu rechnen gewohnt waren, weit hinter sich lassenden Kosten; schlielich die Spekulation auf die menschliche Vernunft, die es nicht zulassen werde, da die Vlker Europas bis zur letzten Erschpfung ihrer physischen und moralischen Krfte, bis zur letzten Zerstrung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Werte sich gegenseitig vernichten wrden. Gerade von sehr magebender militrischer Stelle habe ich, whrend der Krieg bereits im Gange war, wiederholt die Meinung vertreten hren, da das Kriegsende in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten sei. Als ich im Monat November 1914 im Groen Hauptquartier zu Charleville im Einverstndnis mit dem Auswrtigen Amt den Vorschlag machte, im Interesse unserer Kriegfhrung im Orient -- die Trkei war in den letzten Oktobertagen an unserer Seite in den Krieg eingetreten -- die an der Verbindung mit Syrien und Mesopotamien noch fehlenden Gebirgsstrecken der Bagdadbahn im Taurus und Amanus alsbald mit allen Mitteln auszubauen, erhielt ich die Antwort: Da die Fertigstellung dieser Strecken erst nach Jahr und Tag zu erwarten sei, liege kein militrisches Interesse an dem Projekte vor. Die Mglichkeit, da wir uns Ende 1915 noch im Kriege befinden knnten, wurde nach den Eindrcken, die ich damals empfangen habe, berhaupt nicht ernstlich in Betracht gezogen. Einer hnlichen optimistischen Auffassung begegnete ich noch im April 1915, als ich als Reichsschatzsekretr im Groen Hauptquartier weilte. Man setzte damals groe Hoffnungen auf gewisse gerade eingeleitete militrische Operationen, und ich hrte die Hoffnung aussprechen, da, wenn alles gut gehe, der Krieg in wenigen Monaten zu Ende sein knne. Ebensowenig wie mit einem mehr als vierjhrigen Krieg hat man die Nachhaltigkeit und Wirksamkeit unserer Absperrung vom Ausland vorausgesehen. Auch wer England jede Art von Vlkerrechtsbruch, namentlich in der Seekriegfhrung, zutraute, hat in den Anfngen des Krieges noch hoffen knnen, da die Maschen des Wirtschaftskrieges weit genug bleiben wrden, um uns zu gestatten, auf dem Weg ber die uns benachbarten Neutralen uns wichtige Zufuhren zu verschaffen. Das Selbstinteresse der Neutralen, namentlich der Vereinigten Staaten, erschien als ein Faktor, der in unsere Rechnung eingestellt werden konnte. In der Tat hat in den ersten Kriegsmonaten England auf dieses Selbstinteresse Amerikas einige Rcksicht genommen. Noch in einer Note vom 7. Januar 1915, mit der die britische Regierung eine Beschwerde der Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete, betonte die britische Regierung, sie habe z. B. Baumwolle nicht auf die Konterbandeliste gesetzt und bei jeder Gelegenheit ihre Absicht festgestellt, bei dieser Praxis zu bleiben. In der Tat ist Baumwolle erst in der zweiten Hlfte des Jahres 1915 von der britischen Regierung als Konterbande erklrt worden. So entwickelte sich im Laufe des Krieges erst allmhlich der ganze Ernst der Lage und damit die Erkenntnis der ganzen Gre der zu bewltigenden Aufgabe. Unsere Kriegswirtschaft ist nicht entstanden aus einem von vornherein die Aufgabe in ihrer Gesamtheit umfassenden einheitlichen Plan; sie ist allmhlich herausgewachsen aus tastenden Versuchen und aus oft unzulnglichen, oft ber das Ziel hinausschieenden Notmanahmen, mit denen die wirtschaftlichen Berufskreise und die staatlichen Gewalten den immer schwerer und dringender werdenden Anforderungen der Zeit gerecht zu werden suchten. An ihrem Anfange stand der unmittelbar nach dem Kriegsausbruch einsetzende Zusammenschlu groer an dem Bezug auslndischer Rohstoffe interessierter Kreise des Gewerbes und Handels zur gemeinsamen berwindung der sich auftrmenden gewaltigen Schwierigkeiten durch einheitliches Vorgehen und gemeinsames Tragen der mit einem Schlage so enorm gestiegenen Risiken (Zentraleinkaufsgesellschaft, Kriegsausschu fr le und Fette, Kautschukabrechnungsstelle u. a. m.); ferner die Errichtung der Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium zum Zweck der Sicherung und Beschaffung der kriegsnotwendigen Rohstoffe; dann gewisse Notmanahmen auf dem Gebiete der Ernhrungspolitik, wie die -- brigens von der Vertretung der Landwirtschaft selbst angeregte -- Festsetzung von Hchstpreisen fr Brotgetreide, die Ausmahlungsvorschriften, die Schaffung eines einheitlichen Kriegsbrotes, die Verwendungsbeschrnkung (Verbot der Verftterung von Brotgetreide) und hnliche Manahmen mehr. Von diesen Anfngen ausgehend, erstreckte sich die Kriegswirtschaft auf immer weitere Gebiete unserer ganzen Wirtschaft. Zu dem einen sich immer weiter ausdehnenden Kreis von Waren erfassenden System der Hchstpreise, Richtpreise und Preisprfung kamen immer weitergehende Verwendungsbeschrnkungen, Beschlagnahmen, Enteignungen, Ablieferungsverpflichtungen, Rationierungen des Verbrauchs durch Karten, Bezugsscheine und Verteilungsschlssel, eine fortschreitende Zentralisation der Beschaffung und Bewirtschaftung von wichtigen Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Fabrikaten; weiterhin staatliche Eingriffe in den Aufbau einzelner Gewerbezweige im Wege zwangsweisen Zusammenschlusses, verbunden mit Stillegungen und Produktionsregulierungen; schlielich der Versuch einer staatlichen Regulierung der wirtschaftlichen Arbeit durch das Hilfsdienstgesetz. Ergnzt wurde diese Entwicklung der kriegswirtschaftlichen Organisation durch die Mitwirkung der wirtschaftlichen Verbnde des Unternehmertums und der Arbeiterschaft, durch die mit bewundernswerter Tatkraft und erstaunlichem Erfolg durchgefhrte Anpassung der Gtererzeugung in Landwirtschaft und Gewerbe an die neuen Verhltnisse und an die gewaltigen Anforderungen des Krieges, durch die im Zusammenwirken von Wissenschaft, Technik und wirtschaftlicher Tatkraft erzielten Fortschritte im Produktionsverfahren, die zu einer ungeahnten Steigerung der wirksamen Ausnutzung von Stoffen und Krften fhrten und teilweise ganz neue Wege von bleibender Bedeutung erschlossen. Ich werde im weiteren Verlaufe meiner Darstellung Gelegenheit haben, auf einzelne Teile der Entwicklung unserer Kriegswirtschaft, an denen ich persnlich mitzuarbeiten berufen war, des nheren einzugehen. Die politische und militrische Entwicklung des Krieges bis zum Friedensangebot Die groen militrischen Entscheidungen der ersten Kriegsmonate hatten uns in die Verteidigung gebracht. Im Westen in einer festen, weit in das Feindesland ausholenden Linie, die im Stellungskrieg gehalten werden mute. Im Osten in einem weiten freien Raum, der eine offensive Verteidigung im Bewegungskrieg gestattete. Starke feindliche bermacht hier wie dort, dazu eine bermacht, die -- wenigstens soweit Ruland und das britische Imperium in Betracht kamen -- durch vermehrten Krfteeinsatz noch einer wesentlichen Steigerung fhig war. Und diese feindliche bermacht konnte aus ihrer freien Berhrung mit der gesamten Welt Ergnzung und Entlastung finden, whrend die Mittelmchte auf sich selbst gestellt waren. Wir standen, wie am ersten Tage des Krieges, so nach den ersten gewaltigen Kraftproben vor der Gefahr, trotz allen Heldentums und aller Heldentaten erdrosselt und zermalmt zu werden. In dieser Lage hie es, nach jeder mglichen Hilfe ausschauen, die uns aus der furchtbaren Umklammerung befreien konnte. Die Trkei als Bundesgenosse Whrend unser italienischer und unser rumnischer Bundesgenosse sich von Anfang an der Erfllung ihrer Bundespflicht enthielten, whrend Japan seine zunchst erklrte Neutralitt schon am 19. August durch sein an uns gerichtetes Ultimatum aufgab und sich der Koalition unserer Feinde anschlo, whrend die Neutralen abwartend und zumeist mit fr uns recht khlen Gefhlen beiseite standen, stellte sich die uns seit langem befreundete, aber niemals verbndete Trkei als ein willkommener und wichtiger Mitkmpfer ein. Ich habe im ersten Teil dieses Buches die Belastungsproben skizziert, denen die deutsch-trkische Freundschaft seit der jungtrkischen Revolution ausgesetzt war, und denen sie sich gewachsen gezeigt hat. Deutschlands territoriale Uninteressiertheit an den Fragen des nheren Orients, sein positives Interesse an der Aufrechterhaltung der Unversehrtheit, der Unabhngigkeit, der wirtschaftlichen, militrischen und politischen Erstarkung der Trkei war so offenkundig und trat in so konkludenten Handlungen zutage, da auch die westmchtlich voreingenommenen jungtrkischen Politiker, sobald sie an der Macht und Verantwortung waren, sich wohl oder bel zu Deutschland hingedrngt sahen. Selbst das Vorgehen unseres sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen in der bosnischen Frage und die tripolitanische Brutalitt Italiens hatten die aus den wahren Interessen der Trkei erwachsende Wiederannherung an Deutschland nicht hindern knnen. Als der Krieg ausbrach, konnte in Stambul kein Staatsmann darber im unklaren sein, da im Falle eines Sieges der Entente Ruland nach Konstantinopel greifen und da niemand ihm das verwehren werde. Zu oft und zu deutlich war in den letzten Jahren von Ruland her proklamiert worden, da der Weg nach Konstantinopel ber Berlin und Wien fhre. Der Krieg war also von Anfang an, ob die Trkei beiseite stand oder ob sie eingriff, ein Krieg um die Existenz des trkischen Reiches. Die Trkei hatte die Wahl, ob sie durch ein Eingreifen an der Seite der Mittelmchte das ihrige zur Abwendung der Vernichtung tun oder ob sie in willenlosem Geschehenlassen ihr Schicksal hinnehmen wollte. Die britische Politik versumte nicht, der trkischen Regierung sofort mit Eindringlichkeit zu zeigen, wo ihr Platz in diesem Vlkerringen sei. Schon am 2. August 1914 beschlagnahmte sie zwei von der Trkei auf Drngen des britischen Botschafters in England in Bestellung gegebene und im voraus bezahlte Kriegsschiffe. Schon in jenen Tagen wurde zwischen dem deutschen Botschafter Freiherrn von Wangenheim und der trkischen Regierung ein Bndnisvertrag vereinbart, fr dessen Zustandekommen sich auf trkischer Seite vor allem der Kriegsminister Enver Pascha einsetzte. Am Abend des 10. August erschienen die beiden deutschen Kriegsschiffe Gben und Breslau, die im Mittelmeer der feindlichen bermacht glcklich entronnen waren, vor den Dardanellen. Sie erhielten die Erlaubnis zur Einfahrt; denn die trkische Regierung hatte die beiden Schiffe in Erwartung ihrer glcklichen Ankunft von der deutschen Regierung gekauft. Entrsteter Protest der Ententemchte. Zusammenziehung eines Ententegeschwaders vor den Dardanellen. Darauf am 28. September Sperre der Dardanellen. Fr die deutsche Kriegspolitik war schon mit dieser Etappe ein wichtiger Erfolg erzielt. Die Verbindung der Westmchte mit Ruland durch die Ostsee war durch den Krieg zerschnitten. Wenn jetzt auch der Grohandelsweg durch die Dardanellen gesperrt war, so blieb nur noch der fr umfangreiche Transporte infolge des Mangels an Eisenbahnen in Nordruland nicht praktikable Weg ber Archangelsk. Die Dardanellensperre machte die Untersttzung der Entente auf dem westlichen Kriegsschauplatz durch russische Mannschaften fr lange Zeit unmglich, sie schrnkte die Mglichkeit der Versorgung Rulands mit westmchtlichem Kriegsmaterial erheblich ein, und sie unterband die Belieferung Frankreichs und Englands mit russischem Getreide. Es konnte fraglich erscheinen, ob es im deutschen Interesse lag, die durch drei Kriege geschwchte Trkei zu veranlassen, weiter zu gehen und aktiv in den Krieg einzugreifen. Die Mglichkeit, auf dem Wege ber die Trkei und mit Hilfe der Trkei das britische Reich an lebenswichtigen Punkten anzugreifen, etwa am Suezkanal oder gar ber den Persischen Golf in Indien, hatte zwar in der englischen Agitation gegen die Bagdadbahn und leider auch in gewissen leichtfertigen deutschen Verffentlichungen eine Rolle gespielt; aber bei nchterner und sachkundiger Beurteilung mute man die Durchfhrbarkeit und die Aussichten auch nur einer Aktion gegen den Suezkanal so lange als uerst zweifelhaft betrachten, als einmal ein ungehinderter Verkehr zwischen den Mittelmchten und der Trkei nicht gesichert war und als ferner die Eisenbahnverbindung zwischen Konstantinopel und Syrien im Taurus- und Amanusgebirge noch die empfindlichen Lcken aufwies. Im brigen bot die Trkei sowohl im sdlichen Mesopotamien den Englndern als auch in Nordostanatolien den Russen wegen des Fehlens jeder Eisenbahnverbindungen gefhrliche Angriffsflchen; ja, es war nicht einmal als unbedingt sicher zu betrachten, ob die Dardanellen, trotz der in den letzten Jahren durchgefhrten Modernisierung ihrer inneren Befestigungsanlagen, einem energischen und nachhaltigen Angriff wrden standhalten knnen. Auf den Heiligen Krieg, von dem manche die Revolutionierung gyptens und Indiens erwarteten, habe ich nach meiner Kenntnis des stumpf und unfanatisch gewordenen Islam niemals groe Hoffnungen gesetzt, solange wir nicht selbst die Bewegung in jene Lnder tragen konnten. Diese Ansichten wurden auch in unserem Auswrtigen Amt geteilt, und man hat es deshalb wohl vermieden, die Trken zum Eintritt in den Krieg allzu eifrig zu drngen. Aber die Dinge drngten von selbst in dieser Richtung. Es zeigte sich bald, da die Ententemchte sich mit der Sperrung der Dardanellen nicht abfinden und der Trkei nur die Wahl lassen wrden, sich klipp und klar zu entscheiden. Die Wahl der trkischen Staatslenker war im voraus getroffen. Vergeblich bot die Entente der Trkei die Garantie ihres Besitzstandes; die Trkei hatte mit solchen Garantien zu schlechte Erfahrungen gemacht. Der Druck der Ententemchte verstrkte sich. Ende Oktober kam es bei der Einmndung des Bosporus in das Schwarze Meer, wo russische Kriegsfahrzeuge Minen legten, zu einem Zusammensto zwischen trkischen und russischen Seestreitkrften: die Kriegserklrung erfolgte aus dem Munde der Schiffsgeschtze. Deutschland hatte einen politischen Sieg erfochten; es hatte zu einer Zeit, in der es in West und Ost in die schwersten Kmpfe gegen eine erdrckende bermacht verstrickt war, einen Bundesgenossen gewonnen, dessen nicht zu unterschtzendes Gewicht auf der Wage des Vlkerschicksals vielleicht den entscheidenden Ausschlag geben konnte. Nun hie es, das Gewicht des neuen Bundesgenossen in Wirkung setzen. Der neue Bundesgenosse stand, von uns getrennt, auf einem ebenso wichtigen wie bedrohten Auenposten. Wenn dieser Auenposten gesichert und die militrische wie die wirtschaftliche Kraft der Trkei fr uns nutzbar gemacht werden sollte, dann muten alsbald die Brcken zu dem neuen Mitkmpfer geschlagen werden. Der Weg zur Trkei fhrte, solange der Englnder das Mittelmeer, der Russe das Schwarze Meer beherrschte, in jedem Fall ber Bulgarien, auerdem entweder ber Rumnien oder ber Serbien. Bulgarien stand uns mit wohlwollender Neutralitt gegenber. Aber Serbien stand mit noch ungebrochener Kraft gegen uns im Feld, und Rumnien nahm trotz seines Bndnisvertrages mit uns damals schon in so ungenierter Weise fr die Entente Partei, da es auch den vlkerrechtlich durchaus einwandfreien Durchfuhren von uns zur Trkei und von der Trkei zu uns die unerhrtesten Schwierigkeiten in den Weg legte. Da ohne Krieg mit Rumnien die berwindung des rumnischen Hindernisses unmglich erschien und da niemand bei uns das Bedrfnis nach einem weiteren Kriegsgegner hatte, da ferner der serbische Landesteil, der den Donauweg zwischen Ungarn und Bulgarien blockierte, der sogenannte Negotiner Zipfel, eine Tiefenausdehnung von nur 50-60 Kilometern hatte, erschien der Weg vorgezeichnet: die Forcierung des unterhalb des Eisernen Tores gelegenen serbischen Donaukreises. Fr diese Lsung setzten sich Kanzler und Auswrtiges Amt bei der Obersten Heeresleitung, an deren Spitze damals bereits in Vertretung des schwer erkrankten Generalobersten von Moltke der General von Falkenhayn stand, mit allem Nachdruck ein; es wurde jedoch stets die militrische Unmglichkeit der Erfllung dieser Forderung geltend gemacht. Als die Trkei, die damals schon an Munitionsmangel litt, immer strker drngte, machte das Auswrtige Amt einen erneuten Versuch, zu dem auch meine Mitwirkung auf Grund meiner Kenntnis der Verhltnisse des nheren Orients herangeholt wurde. In Brssel, wohin ich gerade von einem Besuch im Groen Hauptquartier zurckgekehrt war, erhielt ich am 28. November ein Telegramm des Unterstaatssekretrs Zimmermann, das mich ersuchte, beim Reichskanzler, beim Generalstabschef und ntigenfalls beim Kaiser selbst mit den strksten Argumenten fr eine sofortige Aktion zur Besetzung des Negotiner Kreises und Freimachung des Donauweges einzutreten. Ich entschlo mich, sofort wieder nach Charleville zu fahren. Als ich am Abend des 29. November dort ankam, stellte sich heraus, da am Vormittag der Reichskanzler nach Berlin, der Kaiser und General von Falkenhayn nach dem stlichen Kriegsschauplatz abgereist waren. Ich wandte mich an den General Wild von Hohenborn, der damals den Generalquartiermeister vertrat. Er sagte mir, da beim Generalstab wenig Neigung fr die serbische Operation bestehe, da auf den Hauptkriegsschaupltzen jeder Mann gebraucht wrde. Aus diesem Grund habe sich der General von Falkenhayn bisher gegenber den Wnschen des Auswrtigen Amts ablehnend verhalten und zunchst nur einmal den Obersten Hentsch zur Prfung der Verhltnisse an Ort und Stelle nach dem Eisernen Tor geschickt. Aus den Darlegungen des Generals von Wild entnahm ich, da man in den leitenden militrischen Kreisen die Voraussetzungen, unter denen allein die Trkei berhaupt erst aus einem stark exponierten Angriffspunkt zu einem wertvollen Verbndeten gemacht werden und auerdem Bulgarien fr den Anschlu an uns gewonnen werden knne, nicht gengend wrdigte. General von Wild versprach mir, meine Gesichtspunkte alsbald an den General von Falkenhayn zu telegraphieren. Es blieb aber bei der Ablehnung. Es war fr mich schmerzlich, zu sehen, wie statt dieser so dringlichen ffnung des Donauweges, der uns in der Folgezeit viel schwere Sorgen erspart und unserer Gesamtaktion eine so viel wuchtigere Schlagkraft gegeben htte, die sterreichisch-ungarischen Truppen mit starkem Krfteeinsatz Serbien am andern Ende anpackten. Von Bosnien aus rckte gegen Ende November eine starke Armee in Serbien ein und erzielte in heftigen Kmpfen gute Fortschritte. Am 2. Dezember, dem 66. Jahrestag der Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph, wurde Belgrad angegriffen und genommen. Aber bald stieen die sterreichisch-ungarischen Truppen in dem unwegsamen westserbischen Gebirgsland auf groe Schwierigkeiten. Schon am 9. Dezember waren sie gezwungen, den Rckzug unter Preisgabe vielen Materials und zahlreicher Gefangener anzutreten. Am 15. Dezember mute auch Belgrad wieder gerumt werden. Ich kann als Laie die Frage nicht entscheiden, ob nicht der gleiche Kraftaufwand, der hier nutzlos verpufft wurde, am Negotiner Donaubogen eingesetzt gengt htte, um die Verbindung mit Bulgarien und der Trkei damals schon herzustellen und zu sichern. Zunchst war durch den sterreichischen Mierfolg diese Mglichkeit auf absehbare Zeit verschlossen. Erst zehn Monate spter ist die damals schon so dringend empfohlene Aktion in Angriff genommen und durchgefhrt worden. In der Zwischenzeit mute sich die Trkei, so gut es ging, behelfen, ohne uns ber die Sperrung der Dardanellen hinaus einen wesentlichen Vorteil bringen zu knnen. Ein Versuch Envers, im armenischen Hochland gegen das russische Kaukasusgebiet vorzustoen, blieb mangels gengender rckwrtiger Verbindungen in den Anfngen stecken und fhrte schlielich infolge der feindlichen Haltung der armenischen Bevlkerung zu schweren Rckschlgen. An dem trkischen Ufer des Persischen Golfs setzten sich die Englnder mit indischen Truppen fest und bereiteten eine Operationsbasis fr die Eroberung Mesopotamiens vor, ohne da die Trken sie aus einer durch keine Eisenbahn berbrckten Entfernung von mehr als tausend Kilometern ernstlich daran hindern konnten. gypten wurde im Dezember 1914 zum britischen Protektorat erklrt, nachdem schon vor dem Eintritt des Kriegszustandes zwischen England und der Trkei die britische Regierung die gyptische Regierung gezwungen hatte, den Kriegszustand gegenber den Mittelmchten zu proklamieren. Mehr als gelegentliche Patrouillen- und Bandenvorste gegen den Suezkanal, die keinerlei nachhaltigen Erfolg hatten, vermochten die Trken im Winter 1914/15 nicht zu unternehmen. Dagegen machten die Verbndeten vom Februar 1915 an auerordentliche Anstrengungen, die Dardanellen zu bezwingen und so einen entscheidenden Sto zu fhren, der sowohl die Trkei ins Herz treffen, wie auch die unterbrochene Verbindung zwischen Ruland und den Westmchten wiederherstellen sollte. Letzteres erschien um so notwendiger, als die Russen gerade damals in der Winterschlacht in den Masuren eine Niederlage erlitten, in der ihre Verluste an Menschen und namentlich Material so gewaltige waren, da es in Frage gestellt schien, ob die russische Dampfwalze sich ohne ausgiebige Nachhilfe von auen werde wiederherstellen lassen. In England waren die Meinungen ber die Zweckmigkeit des Dardanellenunternehmens geteilt. Churchill setzte es gegen allen Widerspruch durch, insbesondere auch gegen den Widerspruch des Lord John Fisher, des Ersten Lords der Admiralitt. Am 19. Februar begann eine mchtige Schlachtflotte die Auenforts der Dardanellen zu bombardieren. Damit war das Signal zu dem gewaltigsten Ringen gegeben, das diese seit dem Trojanischen Krieg so viel und hei umstrittenen Meerengen je gesehen hatten. Die veralteten und schwachen Forts am Dardanelleneingang wurden niedergelegt, und Anfang Mrz konnte der Versuch, die starken Innenforts zu bezwingen, ins Werk gesetzt werden. Der Versuch scheiterte. Am 18. Mrz bten die Angreifer drei Schlachtschiffe ein, zwei englische und ein franzsisches. Man sah ein, da ohne ein starkes Landungskorps nicht vorwrts zu kommen sei. Ein solches mute erst zusammengestellt und herbeigeholt werden; denn die wenigen Bataillone Senegalesen und Zuaven, mit denen man anfnglich auszukommen gehofft hatte, gengten nicht entfernt, und die griechische Hilfe, die man erwartete, blieb aus. Man griff auf die in gypten versammelten Truppen, hauptschlich Australier und Neuseelnder, zurck. Am 25. April 1915 erfolgte die erste Landung auf der Halbinsel Gallipoli. Die auf Gallipoli zusammengezogene trkische Armee leistete den Angreifern, die ihre Forts und Feldbefestigungen Tag und Nacht mit einem Eisenhagel aus Land- und Schiffsgeschtzen aller Kaliber berschtteten, den zhesten Widerstand. Eine unerwartete aber wirksame Untersttzung erhielt sie durch deutsche U-Boote, die pltzlich vor den Dardanellen erschienen, vom 25. bis 27. Mai die drei britischen Panzerschiffe Triumph, Majestic und Agamemnon torpedierten und durch die bestndige Bedrohung die groen Schlachtschiffe von der Halbinsel fernhielten. Aber eine schwere Sorge lastete auf den braven Verteidigern: der Munitionsmangel. Der tgliche Verbrauch war bei aller Sparsamkeit enorm; Rumnien lie keine Munition durch; Serbien hielt immer noch den Negotiner Donaubogen; unsere U-Boote konnten bei ihrem beschrnkten Tonnengehalt hchstens Znder und hnliche Dinge, aber keine Granaten heranschaffen. Der Energie und Geschicklichkeit eines deutschen Seeoffiziers gelang es, in Konstantinopel eine behelfsmig ausgestattete Munitionsfabrik gewissermaen aus dem Boden zu stampfen; aber deren Leistungsfhigkeit konnte nicht entfernt auf die Hhe des Bedarfs der Gallipoli-Armee gesteigert werden. Die Telegramme unseres Botschafters verlangten immer dringender die ffnung eines Weges fr ausreichende Munitionszufuhr. Wiederholt schien die letzte Stunde geschlagen zu haben. Mehr als einmal war nach heftigen Angriffen der Vorrat der Artilleriemunition so vollstndig erschpft, da einem erneuten Angriff des Feindes der Erfolg sicher gewesen wre. Churchill sprach damals das Wort: Nur wenige Meilen trennen uns vom Ziel und vom endgltigen Sieg. Er wute selbst nicht, wie nahe er oft an Ziel und Sieg war. Endlich kam die Erlsung. Im Oktober 1915 reichten wir uns ber Serbien hinaus mit Bulgarien die Hnde, der Donauweg war frei, die Dardanellen und Konstantinopel waren gerettet. Die Entente mute sich von der Aussichtslosigkeit weiterer Versuche berzeugen. Schon am 2. November 1915 nannte der britische Premierminister im Unterhaus das Dardanellenunternehmen a disappointment and failure. Im Januar 1916 wurden bei Nacht und Nebel die letzten Reste des Landungskorps eingeschifft. Die Grber von vielen Zehntausenden sind, wie die Tumuli von Troja, das Denkmal des gewaltigen Ringens. Italien Whrend uns in der Trkei ein neuer Bundesgenosse entstand, der das Krfteverhltnis zwischen uns und der bermchtigen feindlichen Koalition immerhin zu unsern Gunsten verbesserte und uns einige Aussicht bot, aus der eisernen Umklammerung den Weg ins Freie zu gewinnen, rckte unser italienischer Dreibundgenosse, der mehr als drei Jahrzehnte hindurch die gute Zeit mit uns geteilt, sich dabei wohl befunden hatte und zu neuer Blte erstarkt war, immer deutlicher von uns nach dem Lager der Entente hinber. Aus den Grnden, die ich im ersten Band dieses Werkes entwickelt habe, muten die Mittelmchte fr den Ernstfall eines Krieges mit einer England einschlieenden Koalition damit rechnen, da Italien sich auch bei einem unzweifelhaften Vorliegen des Casus foederis der Verpflichtung zur Waffenhilfe entziehen wrde. Erwarten durfte man auf Grund der mehr als dreiigjhrigen Gemeinschaft eine unzweideutige und wohlwollende Neutralitt. Auch Bismarck hatte damit gerechnet, da im Kriegsfall der Dreibundvertrag Italien zum mindesten abhalten werde, sich zu unseren Feinden zu schlagen, da er ferner sterreich-Ungarn gestatten werde, seine italienische Grenze zu entblen, und da er andererseits einige franzsische Armeekorps an den Seealpen binden werde. Italien erklrte in der Tat eine freundschaftliche Neutralitt. Aber seine Handlungen standen mit dieser Erklrung von Anfang an nicht in Einklang. Die Mitteilung der Neutralitt an Frankreich erfolgte in Formen, die dort einen Begeisterungssturm erregten und der franzsischen Regierung die Gewiheit gaben, da sie ohne Gefahr den letzten Mann von der Alpengrenze abziehen und gegen die deutsche Armee ins Feld stellen knne. Dagegen holte Italien gegenber den Mittelmchten den Artikel 7 des Dreibundvertrags hervor, der ihm fr den Fall einer Machterweiterung sterreich-Ungarns auf dem Balkan eine Kompensation in Aussicht stellte. Indem Italien sich seiner Verpflichtung aus dem Dreibundvertrag entzog, machte es aus dem gleichen Vertrag Rechte geltend. Die Mittelmchte erkannten den Anspruch Italiens ausdrcklich an fr den Fall, da die im Bndnisvertrag vorgesehene Voraussetzung der Erweiterung der sterreichisch-ungarischen Machtsphre auf dem Balkan, die nach den Erklrungen des Wiener Kabinetts nicht in dessen Absicht lag, tatschlich eintreten sollte. Gebessert wurde durch diese Anerkennung nichts. Auch wirtschaftlich lie Italien uns im Stich. Es erschwerte und verhinderte die Durchfuhr wichtiger Stapelartikel nach Deutschland, ja sogar den Abtransport der bei Ausbruch des Krieges in italienischen Hfen mit Bestimmung fr Deutschland bereits lagernden Gter. Die Aussicht, auf dem Wege ber das verbndete, aber in diesem Krieg neutral bleibende Italien die gegen uns geplante Wirtschaftsblockade vereiteln zu knnen, mute von vornherein aufgegeben werden. Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier zu schildern, wie eine raffinierte Bearbeitung der italienischen Presse und Strae das Land fr den Verrat an dem alten Bundesgenossen reif machte. Ich beschrnke mich auf die Feststellung des Ergebnisses. Bereits im Oktober 1914, als der pltzliche Tod San Giulianos, der noch im Jahre 1912 die Erneuerung des Dreibundvertrages unterzeichnet hatte, die Neubildung des italienischen Kabinetts ntig machte, trat die Abkehr von den Mittelmchten unverhllt in Erscheinung. Nachfolger San Giulianos wurde Sidney Sonnino, ein Mann, von dem ein italienisches Wort sagt, er sei mezzo Ebreo, mezzo Inglese -- halb Jude und halb Englnder -- und dessen Parteinahme fr England allbekannt war. Am 3. Dezember sprach Salandra, der das Prsidium auch des neuen Kabinetts behalten hatte, in der italienischen Kammer die bedenklichen Worte von der ttigen und wachsamen Neutralitt, der stark gewappneten Neutralitt und den gerechten Ansprchen, die Italien zu verwirklichen habe. Diese Worte deuteten an und verhllten zu gleicher Zeit, was sich in den geheimen diplomatischen Verhandlungen abspielte: Das neue italienische Kabinett, umworben von Versprechungen und bedrckt von Drohungen der Entente, getrieben von dem sich immer mehr erhitzenden Nationalismus und Irredentismus der Strae, dabei dem Zug des eigenen Herzens folgend und fast mehr schiebend als geschoben, verlangte von sterreich-Ungarn die im Dreibundvertrag vorgesehene Kompensation unabhngig von dem tatschlichen Eintritt der zu kompensierenden sterreichisch-ungarischen Machterweiterung auf dem Balkan, lediglich auf Grund der damals von der sterreichisch-ungarischen Armee eingeleiteten und dann so unglcklich verlaufenen neuen Operation gegen Serbien; es verlangte die Kompensation nicht, wie es dem Sinn des Vertrages entsprach, auf dem Balkan, sondern es richtete seine begehrlichen Augen auf Trient und Triest; es forderte schlielich nicht eine Kompensation fr spter, sondern sofortige Auslieferung der verlangten Gebietsteile. Eine Gefhlspolitik htte diese Zumutungen auf jede Gefahr hin mit Entrstung zurckgewiesen. Aber Gefhlspolitik verbot sich fr die Mittelmchte bei der ernsten Lage, in der sie sich befanden, von selbst. Es galt, Figuren zu opfern, um nicht mit Sicherheit das Spiel um die eigene Existenz zu verlieren. Die deutsche Regierung schickte den Frsten Blow, der sich zur Verfgung gestellt hatte, als auerordentlichen Botschafter nach Rom, damit er als bester Kenner der italienischen Personen und Verhltnisse mit seinem ganzen Ansehen und seiner ganzen diplomatischen Geschicklichkeit helfe, das uerste zu vermeiden. Es bedurfte eines starken Druckes auf unseren sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen, um berhaupt die Grundlage fr Verhandlungen zu schaffen und spterhin den Abbruch infolge der immer maloser werdenden italienischen Ansprche zu verhten. Noch Ende Januar 1915 sagte der damalige Erzherzog-Thronfolger, der sptere Kaiser Karl, bei einem Besuch im Groen Hauptquartier unserem Kaiser, wie schwer es dem Kaiser Franz Joseph werde, sich vor den italienischen Zumutungen zu beugen. Kaiser Wilhelm hat mir Anfang Februar gesagt, er knne es als Souvern und Verbndeter nicht bers Herz bringen, auf den alten Kaiser in dieser furchtbaren Sache zu drcken. Er sei dem Baron Burian, der vor kurzem seinen Antrittsbesuch als neuernannter Minister des Auswrtigen gemacht habe, dankbar fr den Takt, mit dem dieser es unterlassen habe, ihn auf die Trentinofrage anzusprechen. Die Aufgabe, sterreich-Ungarn zu den unvermeidlichen Zugestndnissen zu bewegen, msse ihm von seinen Staatsmnnern abgenommen werden. Nur mit dem uersten Widerstreben und bis aufs uerste zgernd fand die Wiener Regierung sich bereit, die italienischen Forderungen zu diskutieren und schlielich in der Hauptsache zuzugestehen. Am 18. Mai 1915 hat der Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Reichstag die sterreichischen Konzessionen mitgeteilt, deren Hauptpunkte waren: 1. Der von Italienern bewohnte Teil von Tirol wird an Italien abgetreten. 2. Ebenso das Westufer des Isonzo, soweit die Bevlkerung rein italienisch ist, sowie die Stadt Gradisca. 3. Triest soll zur freien Kaiserlichen Stadt gemacht werden, eine den italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine italienische Universitt erhalten. 4. Die italienische Souvernitt ber Valona und die dazugehrige Interessensphre wird anerkannt. 5. sterreich-Ungarn erklrt seine politische Uninteressiertheit an Albanien. Das Deutsche Reich hatte dem rmischen Kabinett gegenber im Einverstndnis mit der sterreichisch-ungarischen Regierung die volle Garantie fr die loyale Ausfhrung dieser Anerbietungen bernommen. Aber Sonnino hatte sich schon im April der Entente gegenber gebunden. Der volle Umfang der sterreichischen Zugestndnisse wurde dem italienischen Volke und seiner Vertretung vorenthalten. Die beiden Kammern des italienischen Parlaments, deren Mehrheit friedensfreundlich war, lieen sich durch die bis zum Weiglhen erhitzte Strae einschchtern und stimmten der Kriegserklrung zu, die von dem italienischen Botschafter am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, in Wien berreicht wurde. Die Erfllung der nationalen Aspirationen gegen jede gegenwrtige und knftige Bedrohung wurde in diesem Dokument als der Kriegsgrund bezeichnet! Deutschland gegenber wurde eine Kriegserklrung nicht abgegeben. Auch Deutschland sah zunchst von einer Kriegserklrung ab und beschrnkte sich auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Auch der Frst Blow hatte den Eintritt Italiens in den Krieg nicht mehr verhindern knnen. Ob es ihm gelungen wre, wenn die Wiener Regierung eine grere Entschlufhigkeit bettigt und rascher mit ihren Zugestndnissen hervorgetreten wre, ist nachtrglich wohl kaum zu entscheiden. Persnlich bin ich der Ansicht, da die italienische Regierung, nachdem sie einmal den Weg des Verrats und der Erpressung betreten hatte, durch das Mitrauen des Verrters und Erpressers zwangslufig in den Krieg getrieben worden ist, und da von jenem Augenblick an keine Diplomatie und kein Entgegenkommen den Krieg noch verhindern konnte. Auch nach allem, was mir Frst Blow ber seine rmische Mission erzhlt hat, ist dieser Eindruck bei mir bestehen geblieben. War so die Sendung des Frsten Blow zum Scheitern verurteilt, so hat der Frst doch einen in seiner Tragweite kaum hoch genug zu veranschlagenden Erfolg erzielt: er hat es verstanden, die Entscheidung hinauszuschieben bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Gestaltung der militrischen Ereignisse unserem Bundesgenossen die Mglichkeit gab, dem italienischen Angriff eine Verteidigung entgegenzustellen. Noch in der letzten Aprilwoche 1915 hat mir der General von Falkenhayn auf meine Frage geantwortet, da weder die sterreicher noch wir in der Lage seien, einem italienischen Angriff nennenswerte Krfte entgegenzuwerfen. Die am 2. Mai einsetzende Schlacht bei Gorlice befreite sterreich-Ungarn von der russischen Gefahr und machte ihm rechtzeitig die Hnde frei fr die Abwehr des italienischen berfalls. Von der italienischen Kriegserklrung bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg Die Mittelmchte waren am Ende des Jahres 1914, wie wir gesehen haben, in die Verteidigung gedrngt, in eine feste Verteidigung im Westen, eine bewegliche im Osten. Es handelte sich fr die Leiter ihrer Operationen darum, auch in dieser schwierigen Lage die Initiative zu behalten. Wie die Dinge lagen, konnte sich die Initiative nur im Osten entfalten. Dort setzte sie bald nach Beginn des Jahres 1915 auf den breiten Flgeln der in gewaltigem Bogen von den Masurischen Seen ber das westliche Polen und die Karpathen bis zur ungarisch-rumnischen Grenze geschwungenen Kampffront ein. An der Karpathenfront gelang es, den Russen Czernowitz wieder abzunehmen und sie in schweren Winterkmpfen ber die verschneiten Psse zurckzuwerfen. Aber die Kraft der dort kmpfenden sterreichisch-ungarischen Armee und der sie verstrkenden deutschen Truppen reichte nicht aus, um den Ausgang aus dem Gebirge zu erzwingen und das belagerte Przemysl zu entsetzen. In der zweiten Februarhlfte kam die Angriffsbewegung ins Stocken. Dagegen fhrte die Umfassungsschlacht, die Hindenburg am 7. Februar gegen den rechten Flgel der russischen Front einleitete, zu einem vernichtenden Schlag, dessen Wucht selbst Tannenberg bertraf. Acht Tage nach dem Beginn des Ringens war die russische Armee im Raume von Augustow-Suwalki eingekreist, und wenige Tage darauf erreichte die Winterschlacht in Masuren mit der Vernichtung der russischen Nordarmee ihren Abschlu. Ostpreuen war jetzt endgltig von den Russen befreit und vor neuen Einbrchen gesichert. Die Offensivkraft der russischen Gesamtarmee war durch die Zerschmetterung ihres rechten Flgels und den Verlust seines gesamten Kriegsmaterials auf das schwerste erschttert. Bis in die Karpathen hinein empfanden die Armeen der Mittelmchte die Entlastung. Ihre Fhrer sahen den Weg zu einer umfassenden und entscheidenden Offensive geffnet. Inzwischen rttelten an der Westfront Franzosen, Englnder und Belgier mit ihren farbigen Hilfsvlkern unausgesetzt an den deutschen Stellungen, bald in Flandern, im Artois und in der Picardie, bald an der Aisne und in der Champagne, bald vor Verdun und in den Vogesen. Alle diese Vorste vermochten das deutsche Stellungssystem wohl da und dort leicht einzubeulen, aber nicht zu erschttern, geschweige denn zu durchbrechen. Ja, die deutschen Truppen zeigten sich trotz der starken zahlenmigen berlegenheit der Feinde zu krftigen Gegensten fhig. Als sie gegen die Mitte des Januar 1915 in wuchtigem Gegenangriff die Franzosen von den Soissons beherrschenden Hhenstellungen herunterfegten, erzitterte Paris in Panik, und die Feldherren wie die Staatsmnner der Entente muten sich Rechenschaft geben, da die Trume vom September ausgetrumt waren, da nur eine riesenhafte Anstrengung den deutschen Stellungsring wrde sprengen knnen. Eine solche Anstrengung versuchte der Marschall Joffre um die Mitte des Februar 1915. In breit angelegter Durchbruchsschlacht versuchte er die deutschen Linien in der Champagne zu zerreien, zum mindesten aber dem in der Masurenschlacht schwer bedrngten russischen Verbndeten eine Entlastung zu verschaffen. Weder das weitere noch auch das engere Ziel wurde erreicht. Nach drei Wochen fast ununterbrochenen Ansturmes mute das Unternehmen aufgegeben werden. In den folgenden Monaten lag der Schwerpunkt der Kmpfe bei dem nordwestlichen Frontteil. Am 23. April begannen unsere Truppen einen umfassenden Angriff auf die britischen Stellungen in der Gegend von Ypern. Jetzt, in der besser gewordenen Jahreszeit, wollte unsere Heeresleitung noch einmal den im Sptherbst milungenen Versuch machen, hier die feindliche Stellung aus den Angeln zu heben. Die Anfangserfolge waren vielversprechend. Es schien, als ob es gelingen sollte, die Ypernstellung in eine eiserne Zange zu nehmen. Aber auch diesmal blieb dem Heldenmut unserer Truppen der entscheidende Erfolg versagt. Dagegen setzten vom 10. Mai an Franzosen und Englnder mit schweren Angriffen gegen unsere Stellungen auf und an der Lorettohhe ein. Abermals und dringender denn je brauchte das russische Heer eine Entlastung. Denn am 2. Mai hatte mit der Schlacht bei Gorlice die gewaltige Aktion der verbndeten Armeen eingesetzt, fr die die Karpathenkmpfe im Januar und Februar und auch die Winterschlacht in Masuren, trotz ihrer gewaltigen Dimensionen, nur eigentlich die Einleitung gewesen waren. Die russischen Linien in Westgalizien von der ungarischen Grenze bis zur Mndung des Dunajec in die Weichsel wurden im ersten Anprall an zahlreichen Stellen durchbrochen. Die westgalizische Front war zerschmettert, die sdlich anschlieende Karpathenfront kam ins Weichen, ebenso die im Weichselbogen stehenden russischen Linien. Vierzehn Tage nach Beginn der Offensive war der San erreicht und an mehreren Stellen berschritten. Am 3. Juni wurde das nach langer Belagerung am 22. Mrz gefallene Przemysl wiedererobert. Am 22. Juni wurde Lemberg den Russen entrissen. Im Juli rckte der Schwerpunkt des Ringens nach Polen. Westlich der Weichsel wie zwischen Weichsel und Bug drngten unsere siegreichen Armeen gegen Norden. Gleichzeitig begann unsere Nordarmee, die inzwischen mit schwachen detachierten Krften den grten Teil von Kurland erobert hatte, einen zermalmenden Druck von der Sdgrenze Ostpreuens gegen die Narewlinie. Im August war die Frucht reif. Fast gleichzeitig fielen am 4. und 5. August Iwangorod im Sden und Warschau im Norden. Am 19. August folgte Kowno, am 20. Nowo-Georgiewsk mit einer unerhrten Beute an Artillerie und sonstigem Material. Am 26. August war Brest-Litowsk, der gewaltige Waffenplatz am Bug, in unserer Hand. Drei Wochen spter waren unsere Truppen 180 Kilometer weiter stlich in Pinsk angelangt; das russische Heer war vor ihnen in den Pripjetsmpfen verschwunden. Die wolhynischen Festungen Luck und Dubno wurden eine leichte Beute. Im Norden wurde am 3. September das stark befestigte Grodno gestrmt. Am 18. September fiel Wilna. Aber leider blieb einem groartigen Umfassungsversuch Hindenburgs in Richtung auf Minsk der Erfolg versagt. Ende September 1915 hielten wir in einer Linie, die aus der Gegend Dnaburg in fast genau sdlicher Richtung ber Pinsk nach der Ostgrenze Galiziens fhrte. Hier war die groe, Anfang Mai eingeleitete Operation zum Abschlu gekommen. Gewaltiges war in den fnf Monaten erreicht worden. Das Anfang Mai bis auf einen kleinen Rest von den Russen besetzte Galizien und der stliche Rand von Ostpreuen waren befreit, ganz Polen, Litauen und Kurland, dazu groe Teile von Wolhynien und Weiruland mit ihren starken Festungen waren erobert. Die groe russische Armee, die grte, die wohl je die Welt gesehen, war geschlagen und auseinandergesprengt, groe Teile von ihr waren vollkommen vernichtet. Mehr als eine Million Gefangener waren in unsern Hnden geblieben. Die Verluste der Russen an Kriegsmaterial waren ungeheuer. Und doch war Ruland nicht bezwungen. Seine Armee als Ganzes war zwar stark geschwcht, aber nicht vernichtet, sein Kriegswille war nicht gebrochen. Hinter der langgestreckten neuen Front begann es, aus seinem fast unerschpflichen Menschenreservoir und mit der finanziellen und industriellen Hilfe seiner Verbndeten wie der neutralen Amerikaner sich ein neues Kriegswerkzeug zu formen; das es spter bei den weiteren Entscheidungen mit Wucht in die Wagschale warf. * * * * * Whrend wir mit klopfendem Herzen dem Siegeslauf unserer Armeen folgten, strmten schwere politische Sorgen auf uns ein. Die Entente war nicht imstande, den wuchtigen Schlag, den wir militrisch gegen Ruland fhrten, durch einen Gegenschlag zu parieren. Die Loretto-Offensive brachte ihr zwar einigen nicht unwichtigen Gelndegewinn; aber sie vermochte ebensowenig, wie im Februar und Mrz die Champagne-Offensive, unsere Stellungen zu durchbrechen oder uns zu zwingen, die russische Armee freizugeben. Dafr suchte die Entente Entlastung auf diplomatischem Gebiete. Rumnien und Bulgarien wurden gleichzeitig in Bearbeitung genommen. Das Ziel war, einen neuen Balkanbund herzustellen, die Trkei endgltig von uns zu trennen, Konstantinopel und die Dardanellen durch eine vom Lande her mit der Ententeflotte und dem Landungskorps von Gallipoli zusammenwirkende Armee zu forcieren und gleichzeitig vom Osten und Sdosten her einen umfassenden Angriff der vereinigten Balkanstaaten auf sterreich-Ungarn anzusetzen, der unserer Offensive gegen Ruland ein Ende setzen sollte. Zusammen mit dem vom Sden und Sdosten zu fhrenden Einmarsch der italienischen Armeen sollte diese Aktion den Zusammenbruch der Donaumonarchie und das Ende des Krieges bringen. Mit allen Mitteln wurde darauf hingearbeitet, die beiden Balkanstaaten diesem Plane dienstbar zu machen. Geld wurde ebensowenig gespart wie Versprechungen. Unsere Gegenaktion war besonders schwierig in Rumnien, wo mit dem Tode des Knigs Carol die letzte Sttze der Mittelmchte gefallen war und der Hof, die Regierung, die Armee und das Volk aus der Geneigtheit, im geeigneten Zeitpunkt mit der Entente zu gehen, berhaupt keinen Hehl mehr machten. Den Versprechungen der Entente, die den Rumnen Siebenbrgen und Ungarn bis zur Thei in Aussicht stellte, vermochten wir nichts annhernd Gleichwertiges gegenberzustellen. Auch wenn es gelang, die ungarische Regierung zu erheblichen Zugestndnissen an die ungarlndischen Rumnen zu bewegen, auch wenn man die Rumnen auf Bessarabien hinwies, selbst wenn man ihnen die Bukowina anbot, was wollte dies besagen gegenber der von der Entente erffneten Aussicht auf ein im Umfang und der Bevlkerung verdoppeltes Grorumnien! Zwar feilschte man um Kleinigkeiten, so um das Banat, auf das auch Serbien Ansprche erhob; aber diese Differenzen waren nicht das retardierende Element in den Entschlssen der Bratianu und Take Jonescu, sondern einzig und allein die mangelnde Sicherheit des unbedingten Erfolges. Man wollte einer starken russischen Hilfe fr die Moldau, einer Deckung gegen Bulgarien fr die Walachei vergewissert sein, ehe man sich entschlo, einzugreifen. Demgegenber gab es fr die Mittelmchte nur ein Mittel, Rumnien drauen zu halten oder gar es auf ihre Seite zu bringen: wir muten als die Strkeren erscheinen und in der Lage sein, auf Rumnien einen unmittelbaren militrischen Druck auszuben. Auch in Bulgarien lagen die Verhltnisse fr unsere Diplomatie nicht leicht. Zwar war der Ha gegen Serbien und Rumnien gro. Serbien hatte sich im zweiten Balkankrieg den in den ursprnglichen Abmachungen Bulgarien zuerkannten Hauptteil von Mazedonien angeeignet. Die bulgarischen Mazedonier aber waren seit langem die eifrigsten und ttigsten bulgarischen Nationalisten und spielten in Sofia eine groe und einflureiche Rolle. Die Rumnen hatten durch ihre Intervention das Schicksal Bulgariens im zweiten Balkankrieg entschieden und den Bulgaren die sdliche Dobrudscha abgenommen. Aber auch mit Griechenland, das die Mittelmchte neutral zu halten wnschten und bisher mit dem Knig und gegen Venizelos neutral gehalten hatten, und mit der Trkei, die an unserer Seite kmpfte, hatten die Bulgaren Rechnungen zu begleichen. Griechenland hatte sich nicht nur in dem auch von den Bulgaren begehrten Saloniki festgesetzt, sondern den Bulgaren im zweiten Balkankriege die wertvollen Gebiete von Serres, Drama und Cavalla abgenommen. Die Trkei, die nach dem ersten Balkankrieg auf die Linie Enos-Midia zurckgedrngt war, hatte den zweiten Balkankrieg benutzt, um sich Adrianopel sowie einen bis an die Maritza heran- und ber die Maritza hinausreichenden Gelndestreifen wiederzuholen. Auch das war eine noch nicht vernarbte Wunde. Die Entente bot den Bulgaren Mazedonien und Thrazien an, war aber hinsichtlich Mazedoniens durch serbischen und griechischen Widerstand, hinsichtlich einer allzu starken Annherung an Konstantinopel durch russische Empfindlichkeiten behindert. Spiel und Gegenspiel auf dem Balkan war in vollem Gange und schien der Entscheidung zuzudrngen, als Italien am Pfingstsonntag 1915 an sterreich-Ungarn den Krieg erklrte. Aus zuverlssiger Quelle hatten wir vorher Nachrichten ber Abmachungen zwischen Italien und Rumnien erhalten, nach denen die beiden Staaten sich dahin verstndigt hatten, gemeinschaftlich einzugreifen. Aber schon in den Wochen vor der italienischen Kriegserklrung war es klar, da Rumnien noch zgerte. Es war wohl in erster Linie unser Sieg von Gorlice und seine Auswirkung, die Rumnien noch zur Zurckhaltung veranlaten; aber die Lage Rumnien gegenber blieb prekr. Die Bulgaren zeigten sich zurckhaltend und warteten offenbar auf Anerbietungen, die wir ihnen in Rcksicht auf die Trkei nicht machen konnten. Auch die auf Kosten Griechenlands gehenden Wnsche konnten wir nicht erfllen. In Athen kmpfte Knig Konstantin mit Venizelos einen schweren Kampf um die griechische Neutralitt. Htten wir Bulgarien damals die griechischen Provinzen an der Bucht von Cavalla versprochen, so htten wir uns die bulgarische Untersttzung mit der Kriegserklrung Griechenlands erkauft. Wir drckten auf die Trkei, die Entente drckte auf Serbien und Griechenland, um die Voraussetzungen fr ein Gewinnen Bulgariens zu schaffen. Oft schien die Entscheidung auf des Messers Schneide zu stehen. Aber auch hinsichtlich Bulgariens hatte ich den Eindruck, da den Ausschlag nur ausreichende militrische Garantien fr den Erfolg seines Losschlagens geben wrden. Nur wenn wir uns fhig und bereit zeigten, sofort mit der bulgarischen Armee wirksam zu kooperieren, konnten wir hoffen, den unertrglich werdenden Schwebezustand zu unsern Gunsten zu beendigen. Die immer dringender werdenden Hilferufe von den Dardanellen erinnerten fast tglich an das, was auf dem Spiele stand. Nach der Landung der Ententetruppen auf Gallipoli war eine Aktion gegen den Negotiner Kreis erneut in Erwgung gezogen worden. Angesichts des guten Verlaufs der Offensive in Westgalizien war die Oberste Heeresleitung mehr als bisher geneigt, die Aktion in Angriff zu nehmen. Die Kriegserklrung Italiens an sterreich machte den Plan abermals zunichte; denn jetzt mute jeder anderswo entbehrliche Mann zur Abwehr des italienischen Angriffs herangezogen werden. Auch diese Aussicht auf eine Lsung mute also vertagt werden. Wenn die Lage berhaupt noch eine Verschrfung erfahren konnte, so durch die ernste Spannung unseres Verhltnisses zu den Vereinigten Staaten infolge der Torpedierung der Lusitania. Das Schiff war am 7. Mai versenkt worden; am 17. Mai, sechs Tage vor der italienischen Kriegserklrung, bergab Herr Gerard die Note, die im ernstesten Ton Genugtuung und Sicherheiten gegen die Wiederholung eines solchen Falles verlangte. Seit jenen Tagen lag der schwere Schatten des Bruchs mit Amerika ber unserm Schicksal. Den Abend des 22. Mai, den Vorabend des Pfingstfestes, verbrachte ich bis spt in die Nacht hinein beim Kanzler. Wir waren allein auf dem groen Gartenbalkon. Eine wundervolle Mondnacht lag ber dem Park. Der Kanzler schlo sich auf und sprach ber seine Sorgen. Vom Frsten Blow waren Telegramme aus Rom gekommen; der Frst hatte noch eine letzte, ganz schwache Hoffnung, aber das Gefhl sagte uns, da der italienische Krieg unabwendbar sei. Wir konnten jetzt hoffen, da es gelingen werde, den italienischen Angriff am Isonzo und an der Alpenfront aufzuhalten. Aber die Rckwirkung auf den Balkan? Wie lange wrde in Rumnien das Schwanken, das seit unserer Gorlice-Offensive bemerkbar war, vorhalten? Wie lange noch wrden die Trken ohne ausgiebige Munitionszufuhr die Dardanellen halten knnen? Welche Mittel gab es, Rumnien unter Druck zu halten und die Verbindung mit der Trkei herzustellen? Unser Angriff in Galizien hatte den San und damit einen gewissen Abschlu erreicht. Weiter stlich hatten die sterreichisch-ungarischen Truppen berall die Karpathenausgnge erkmpft und standen in der Bukowina, am Pruth und an der rumnischen Grenze. Die Frage lag nahe, ob jetzt nicht die Mglichkeit gegeben sei, einen Teil unserer Ostarmeen heranzuziehen, um die Lage auf dem Balkan in unserm Sinne zu entscheiden. Der Kanzler sagte mir, da General Falkenhayn eine Erneuerung der Offensive in Galizien vorbereite und dafr seine Truppen brauche. Ich fragte nach dem strategischen und politischen Ziel; die Suberung Ostgaliziens und die Befreiung Lembergs stnden nach meiner Ansicht politisch und schlielich auch militrisch doch weit hinter einer endgltigen Eingliederung des Balkans in unser politisch-strategisches System zurck. Der Kanzler entgegnete, nach Falkenhayns Ansicht sei die russische Armee furchtbar mitgenommen; der jetzt beginnende neue Angriff solle das Werk vollenden; beim Durchhalten dieses Programms hoffe die Oberste Heeresleitung in wenigen Wochen die russische Offensivkraft, zum mindesten fr den Rest des Sommers, endgltig zu brechen; es sei fr ihn, den Kanzler, auch wenn er weniger zuversichtlich denke als Falkenhayn, sehr schwer, dem siegreichen Feldherrn in den Arm zu fallen. Am nchsten Vormittag sprach ich mit dem Unterstaatssekretr Zimmermann und einigen meiner Freunde vom Auswrtigen Amt ber dieselbe Frage. Die italienische Kriegserklrung war inzwischen sicher geworden, und der Kanzler hatte sich entschlossen, am nchsten Abend mit Herrn von Jagow nach dem Groen Hauptquartier zu reisen. Mir schien von dem richtigen Entschlu in dieser kritischen Lage fr den Ausgang des ganzen Krieges so viel abzuhngen, da ich fr meine Person nichts versumen wollte. Ich bergab deshalb dem Kanzler vor seiner Abreise die nachstehende Niederschrift: Unsere Feinde werden, nachdem die Verfhrung Italiens zum Treubruch gelungen ist, alles daransetzen, um die Balkanstaaten, insbesondere Rumnien und Bulgarien, zum Eingreifen gegen uns zu bringen und dadurch gleichzeitig der Trkei das Ausharren an unserer Seite unmglich zu machen. Das Gelingen dieser Bemhungen wrde sofort die militrische Aufgabe aufs uerste erschweren: das sterreichisch-ungarische Staatsgebiet wre nicht nur im Norden gegen die Russen und im Sdwesten gegen die Italiener, sondern im weiten Bogen auch im Osten und Sden gegen die neuen Balkanarmeen zu verteidigen, whrend gleichzeitig die ffnung der Dardanellen gestatten wrde, den Russen und Rumnen Kriegsmaterial und eventuell Hilfstruppen in unbeschrnkten Mengen zuzufhren. Es ist also nicht nur ein politisches, sondern auch ein militrisches Lebensinteresse, da der bertritt Rumniens und Bulgariens in das Lager unserer Feinde verhindert wird. Ein solches Verhindern ist heute durch das Mittel bloer Versprechungen oder auch sofortiger effektiver Zugestndnisse nicht mehr mglich. Versprechungen sind nach dem Treubruche Italiens noch strker im Kurs gesunken, als sie es bereits waren; auerdem sind unsere Gegner in der Lage, alle unsere und sterreich-Ungarns Versprechungen zu bertrumpfen. Sofortige effektive Zugestndnisse knnten nur gegenber Rumnien in Betracht kommen (Bukowina, Siebenbrgen); aber der Appetit der Rumnen geht heute bereits so weit, da er nicht befriedigt werden kann; irgendwelche Anerbietungen wrden also nur eine Einladung zur Chantage sein und als Zeichen der Schwche aufgefat werden und so die zu vermeidende Entwicklung vielleicht noch beschleunigen. Sowohl Rumnien wie auch Bulgarien werden sich unter diesen Umstnden in ihrem Verhalten nur durch positive Ereignisse und Handlungen bestimmen lassen. Dabei wird das Verhalten der beiden Balkanstaaten sich gegenseitig beeinflussen: ein Vorgehen Rumniens gegen uns wird der russenfreundlichen Partei in Sofia Oberwasser geben, whrend umgekehrt die Furcht vor einem Vorgehen Bulgariens an unserer Seite die Russenfreundschaft und Kriegslust Rumniens dmpfen wrde. Frage: Was hat zu geschehen: 1. um Rumnien von dem Eingreifen uns gegenber zurckzuhalten? 2. um Bulgarien zu einem Eingreifen an unserer Seite zu veranlassen? ad 1. Bei dem nahezu sicheren Versagen aller Versprechungen und Zugestndnisse bleibt uns -- auer der unter 2. zu besprechenden Sicherung ber Bulgarien -- nur der militrische Druck; wenn wir in der Lage sind, den Rumnen zu sagen: sobald ihr euch rhrt, schlagen wir zu, ist die Situation gewonnen. Erscheinen wir den Rumnen gegenber als die Strkeren und Fordernden statt als die Schwachen und Bittenden, so wird der Mut der Rumnen sich verflchtigen; und selbst, wenn wir dann zum Losschlagen gegen Rumnien gezwungen sein sollten, knnen wir als Angreifer mit groer Sicherheit auf ein Mitgehen Bulgariens rechnen, whrend wir als schwache Angegriffene auch Bulgarien auf der andern Seite sehen wrden. Die Frage ad 1 kommt also darauf hinaus: Knnen unsere Armeen in Galizien und der Bukowina jetzt schon eine den sofortigen Einmarsch in die Moldau gestattende Gruppierung erfahren? ad 2: Auch Bulgarien gegenber wird mit Versprechungen allein (Mazedonien, Dobrudscha usw.) nichts auszurichten sein. Immerhin kann Bulgarien vielleicht stark beeindruckt werden durch den Hinweis auf die groen, vom Dreiverband den Rumnen gemachten Versprechungen (Ungarn bis zur Thei), wodurch Rumnien endgltig die Vorherrschaft auf dem Balkan gewinnen wrde. Sichere Wirkung ist aber auch bei den Bulgaren nur durch Handlungen zu erreichen. In erster Linie steht hier der Angriff auf den Negotiner Donauzipfel; hier ist die geographische Entfernung am krzesten, und ein Losschlagen gegen Serbien wrde den Bulgaren wegen Mazedonien eher liegen als ein Losschlagen gegen Rumnien im Falle unseres Einrckens in der Moldau. Eine Aktion gegen den Negotiner Zipfel wrde freilich die Bulgaren nur dann mit Sicherheit zum Losschlagen an unsere Seite bringen, wenn unsere Aktion raschen Erfolg aufweisen oder wenigstens von vornherein durch das Einsetzen ausreichend starker Krfte den Erfolg sichern wrde. Als wirksamstes Mittel, eine gegen uns gerichtete Balkankombination im Keim zu zerstren und Bulgarien zum Eingreifen an unserer Seite zu veranlassen, erscheint also nach wie vor eine ausreichend starke Aktion gegen den Negotiner Zipfel. An zweiter Stelle steht eine Gruppierung unserer Truppen in Galizien und der Bukowina, die in der krzesten Zeit uns gestatten wrde, einen starken Druck auf Rumnien auszuben, nicht nur nach der negativen Seite des Stillhaltens hin, sondern auch nach der positiven Seite des Durchlassens von Munition usw. nach Bulgarien und der Trkei. Geschieht nicht in der allernchsten Zeit entweder das eine oder das andere, dann ist zu befrchten, da trotz des schnsten Fortgangs unserer Operationen in Galizien der ganze Balkan gegen uns geht und die Trkei zur Kapitulation gezwungen wird. Dann wren die Frchte des galizischen Sieges verloren und alle die groen Opfer umsonst gebracht. Es ist also zwingend notwendig, auf das gewissenhafteste und sorgfltigste zu berlegen, wie der Fortgang der galizischen Operation -- und natrlich auch die Verteidigung gegen den italienischen Angriff -- mit den unter 1 und 2 angefhrten Aktionen in Einklang gebracht werden kann. Diese zwingende Notwendigkeit ist nicht nur eine politische; denn die politischen Entwicklungen von heute setzen sich morgen in militrische Zwangslagen um[1]. [1] Auch Graf Czernin, damals noch sterreichisch-ungarischer Gesandter in Bukarest, sah in jener Zeit eine Aussicht, Rumnien zu gewinnen. In einer Rede, die er am 11. Dezember 1918 in Wien gehalten hat, fhrte er aus, da Majorescu, der Fhrer der rumnischen Konservativen, damals nicht abgeneigt gewesen sei, sich auf unsere Seite zu stellen; die rumnische Armee, die nach Bessarabien vorgestoen wre, wre weit in den Rcken der zurckflutenden russischen Armee gekommen und htte nach menschlicher Berechnung in Ruland ein Debacle herbeifhren mssen. Damals, wo es noch kein Amerika am Horizont gab, htte man nach einem solchen Erfolg vielleicht den Krieg beendigen knnen. Allerdings htten damals die Rumnen als Preis fr ihre Kooperation eine ungarische Grenzrektifikation verlangt, die von Ungarn glatt refsiert worden sei. Der Kanzler schlo sich meiner Auffassung an. Im Groen Hauptquartier jedoch stellte man die Ausnutzung des galizischen Sieges bis zur uersten Mglichkeit ber alle andern Erwgungen. Whrend unsere Armeen in Galizien neue Siege errangen, Lemberg befreiten und weiter gegen Osten vordrangen, blieb die Balkanlage im Schwebezustand. Bulgarien suchte sich mit der Trkei direkt zu verstndigen; aber die Sondierung, ob die Trkei bereit sei, den Bulgaren Adrianopel und die Grenze Enos-Midia zuzugestehen, stie in Konstantinopel, trotz der bedrngten Lage der Dardanellen, auf entrstete Ablehnung. Insbesondere Enver Pascha, der Wiedereroberer Adrianopels, konnte sich mit der Herausgabe dieser Festung nicht abfinden. Djavid Bey, mit dem ich in jener Zeit ber die Deckung des trkischen Geldbedarfs verhandelte, sagte mir am 1. Juli, die Herausgabe von Adrianopel sei gnzlich ausgeschlossen, deutete aber an, da die Maritza als Grenze mglich sei. Das war eine Grundlage fr die diplomatische Verstndigung; aber gleichzeitig wurde auch immer deutlicher, da ohne eine militrische Aktion unsererseits auf dem Balkan Bulgarien nicht zum Marschieren zu bringen war. Wieder trat in jener Zeit eine Pause auf dem galizischen Kriegstheater ein. Die Offensive nach Osten hatte sich ausgewirkt. Die Lage ist unverndert lautete fast Tag fr Tag der Heeresbericht ber den sdstlichen Kriegsschauplatz. Aber auch jetzt konnte sich die Oberste Heeresleitung nicht entschlieen, sich dem Balkan zuzuwenden. Das groe Kesseltreiben gegen Polen von Norden und Sden her war bereits in Vorbereitung. Falkenhayn vertrstete den Kanzler auf die Beendigung dieser Aktion. Der glnzende Feldzug in Polen fllte den Juli und August. Mit Hngen und Wrgen hielten die Trken die Dardanellen, whrend in Sofia der Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, untersttzt von dem Gesandten Grafen Oberndorff und Herrn von Rosenberg vom Auswrtigen Amt, mit Knig Ferdinand und seiner Regierung, im Groen Hauptquartier der General von Falkenhayn mit den bulgarischen Militrs ber die politischen und militrischen Bedingungen des Zusammenschlusses verhandelten, nachdem unter unserer Mitwirkung eine Einigung zwischen Bulgarien und der Trkei zustandegekommen war, die den Trken Adrianopel belie, den Bulgaren aber die Maritza mit einem Gelndestreifen auf dem stlichen Ufer zurckgab. Den Bulgaren wurde ferner das bulgarische Mazedonien sowie das stliche Serbien bis zur Morawa zugesagt. Ihre Ansprche auf das griechische Gebiet von Drama, Serres und Cavalla sollten nur dann praktisch werden, wenn Griechenland von seiner Neutralitt zu Kriegshandlungen gegen unsern Verband bergehen sollte. Dafr behielten sich die Trken vor, im Falle einer bulgarischen Gebietserweiterung auf Kosten Griechenlands die jetzt von ihnen abzutretenden Gebiete von Bulgarien zurckzuverlangen. Die Entente hat nicht vermocht, so lange wir ihr auch notgedrungen Zeit lassen muten und so sehr sie alle diplomatischen Knste spielen lie, den Anschlu Bulgariens an die Mittelmchte zu verhindern. Zwar war der griechische Ministerprsident bereit, der Entente ber den Kopf seines Knigs hinaus einen groen Trumpf in die Hand zu geben, indem er zugunsten Bulgariens auf Serres, Drama und Cavalla gegen Entschdigung durch Smyrna und andere von Griechen bevlkerte Teile Kleinasiens verzichten wollte. Aber Serbien sperrte sich gegen die Ausdehnung der von den Westmchten in Mazedonien gewnschten Konzessionen; und den groen Trumpf, Konstantinopel, der bei den Bulgaren sicher gestochen htte, wagte man in Rcksicht auf Ruland nicht auszuspielen. So gewannen die Mittelmchte das bergewicht. Am 7. September konnten in Sofia alle Vertrge unterzeichnet werden. Die Vorbereitungen fr die gemeinschaftliche Aktion gegen Serbien wurden sofort eingeleitet. Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumnischen Krieg Am 20. September donnerten zum ersten Male wieder seit langer Zeit an der serbischen Donau die Kanonen. Belgrad und Semendria wurden aus sterreichischen und deutschen Geschtzen beschossen. Es war nur ein Auftakt. Der wirkliche Angriff begann erst am 6. Oktober. Vorher aber machte die Entente einen heroischen Versuch, auf der Westfront die Entscheidung des Krieges zu erzwingen. Am 25. September 1915 meldete der deutsche Heeresbericht: Auf der ganzen Front vom Meere bis zu den Vogesen nahm das feindliche Feuer an Strke zu und steigerte sich stlich von Ypern zwischen dem Kanal von La Basse und Arras sowie in der Champagne von Prosnes bis zu den Argonnen zu uerster Heftigkeit. Die nach der zum Teil 15stndigen strksten Feuervorbereitung zu erwartenden Angriffe haben begonnen. Was mit dieser Generaloffensive erreicht werden sollte, besagte ein Armeebefehl des Generals Joffre vom 14. September, in dem es hie: Auf dem franzsischen Kriegsschauplatz zum Angriff zu schreiten, ist fr uns eine Notwendigkeit, um die Deutschen aus Frankreich zu verjagen. Wir werden sowohl unsere seit zwlf Monaten unterjochten Volksgenossen befreien, als auch dem Feinde den wertvollen Besitz unserer besetzten Gebiete entreien. Auerdem wird ein glnzender Sieg ber die Deutschen die neutralen Vlker bestimmen, sich zu unsern Gunsten zu entscheiden, und den Feind zwingen, sein Vorgehen gegen die russische Armee zu verlangsamen... Der gegenwrtige Zeitpunkt ist fr einen allgemeinen Angriff besonders gnstig. Einerseits haben die Kitchener-Armeen ihre Landung in Frankreich beendet, und andererseits haben die Deutschen noch im letzten Monat von unserer Front Krfte weggezogen, um sie an der russischen Front zu verwenden. Die Deutschen haben nur sehr drftige Reserven hinter der dnnen Linie ihrer Grabenstellung... Es wird sich fr alle Truppen, die angreifen, nicht nur darum handeln, die ersten feindlichen Grben wegzunehmen, sondern ohne Ruhe Tag und Nacht durchzustoen ber die zweite und dritte Linie bis in das freie Gelnde. Die ganze Kavallerie wird an diesen Angriffen teilnehmen, um den Erfolg mit weitem Abstand vor der Infanterie auszunutzen. Sdwestlich von Lille, in der Gegend von Loos, erzielten die Englnder, in der Champagne die Franzosen ansehnliche Anfangserfolge. In der Champagne verloren wir die ganzen ersten Stellungen des III. Armeekorps, viele Gefangene und viele Geschtze. Aber weder im Artois noch in der Champagne erreichten die Feinde den Durchbruch. Es gelang uns, ausreichende Reserven heranzufhren und die Einbruchsstellen abzuriegeln. Die schweren Angriffe dauerten mit kurzen Unterbrechungen bis in die zweite Oktoberhlfte hinein, ohne unsern Feinden mehr zu bringen als unbedeutende lokale Gelndegewinne. Whrend Englnder, Belgier und Franzosen in diesen gewaltigen Anstrmen ihre Krfte nutzlos erschpften, kamen auf dem Balkan die Ereignisse ins Rollen. Bulgarien mobilisierte. Ruland, untersttzt von Frankreich, stellte am 4. Oktober ein Ultimatum. Am 7. Oktober war der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und den Ententemchten vollzogen. In den Tagen des letzten und strksten Druckes auf Bulgarien bemchtigte sich die Entente des Hafens von Saloniki als Operationsbasis. Am 5. Oktober landete sie dort Truppen, angeblich auf Grund einer Aufforderung des Ministerprsidenten Venizelos. Am gleichen Tage gab Venizelos seine Entlassung, nachdem ihm der fr die unbedingte Aufrechterhaltung der Neutralitt eintretende Knig erklrt hatte, er knne der Politik seines Kabinetts nicht bis zu Ende folgen. Die Besetzung von Saloniki wurde von der Entente durchgefhrt und aufrechterhalten gegen den formellen Protest der griechischen Regierung. Am 6. Oktober berschritten deutsche und sterreichisch-ungarische Truppen an verschiedenen Stellen die serbischen Grenzflsse Drina, Sawe und Donau. Zwei Tage spter wurde Belgrad genommen. Semendria folgte. Der Vormarsch ins Innere Serbiens begann. Am 15. Oktober griff Bulgarien ein. Zehn Tage spter war an der Donau die Verbindung zwischen den Truppen der Mittelmchte und Bulgariens hergestellt; der Donauweg war endlich frei. Am 6. November fiel die serbische Festung Nisch; die Eroberung des alten Serbien war damit abgeschlossen. Vier Wochen darauf wurde Monastir genommen. Mitte Dezember war Alt- und Neuserbien in den Hnden der deutschen, sterreichischen und bulgarischen Truppen. Mitte Januar 1916 besetzten die sterreicher die montenegrinische Hauptstadt. Wenige Tage spter streckte Montenegro die Waffen. Der Abzug der Ententetruppen von den Dardanellen setzte das Siegel unter diese Ereignisse. Aber es blieb die Ententebasis in Saloniki als Pfahl im Fleisch, und nrdlich der Donau verharrte Rumnien in dauerndem Abwarten. Ich halte es fr einen der schwersten und verhngnisvollsten Fehler, die von unserer Seite whrend des Krieges gemacht worden sind, da wir, ehe wir auf dem Balkan ganze Arbeit getan hatten, uns mit unserer Hauptmacht wieder dem westlichen Kriegsschauplatz zuwendeten, um dort den Versuch zu machen, mit Verdun den wichtigsten Schulterpunkt des feindlichen Stellungssystems zu brechen. ber die Grnde fr diesen Entschlu und ber die Art und Weise, wie er zustandegekommen ist, habe ich niemals volle Klarheit bekommen knnen. Die Vorbereitungen der Aktion gegen Verdun wurden mit solcher Heimlichkeit betrieben, da es im Februar, kurz vor Beginn unserer Operationen, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem General von Falkenhayn und dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg gekommen ist, weil letzterer auer dem Staatssekretr des Auswrtigen Amts auch mich in den Plan eingeweiht hatte. Ich selbst hatte am Neujahrstag 1916 Gelegenheit zu einer lngeren Unterhaltung mit dem General von Falkenhayn in seinem Amtszimmer im Berliner Kriegsministerium. Von Verdun und einer greren Offensive in Frankreich erwhnte er nichts; Hauptgegenstand unserer Unterhaltung war vielmehr die Aufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkrieges, von der Falkenhayn, gesttzt auf das Urteil des Admiralstabs, ein baldiges Ende des Krieges erwartete, whrend ich Zweifel gegen die Berechnung des Admiralstabs geltend machte. Meinerseits wies ich darauf hin, da die Balkansituation einer weiteren Klrung bedrfe. Insbesondere mten wir uns vergewissern, wie wir mit Rumnien daran seien. Nur wenn Sie der Donna Rumania den Arm fest um die Taille legen, wird sie sich entschlieen, mit uns zu tanzen. Falkenhayn antwortete: Sie gehren wohl auch zu den Leuten, die meinen, ich mte nach Kiew marschieren? Ich antwortete, da Kiew mir Hekuba sei, da es mir vielmehr einzig und allein auf Rumnien ankomme, das wir nicht als ganz unsicheren Kantonisten im Rcken behalten drften. Am 23. Februar 1916 begannen, infolge des fr die Artillerievorbereitung unmglichen Wetters einige Tage spter, als ursprnglich geplant, unsere Operationen gegen Verdun. Bereits zwei Tage spter nahmen unsere Truppen das hochgelegene Fort Douaumont, den wichtigen Nordpfeiler der Auenbefestigungen von Verdun. Wir schienen den Erfolg in den Hnden zu haben. Bei den Franzosen herrschte die schwerste Besorgnis; die Befehle zur Rumung der Stadt und des rechten Maasufers sollen damals gegeben, aber gleich darauf widerrufen worden sein. Whrend wir mit unserer schweren Artillerie nur langsam vorwrts kamen, verstrkte sich der franzsische Widerstand. Monatelang wogte der Kampf auf den Hhen und in den Schluchten rechts und links der Maas hin und her, ohne eine Entscheidung zu bringen. Die Verluste auf beiden Seiten waren gewaltig. Unsere Heeresleitung suchte sich und andere damit zu trsten, da die franzsischen Verluste noch erheblich grer seien als die unsrigen, ja da dieses Ausbluten der Franzosen im Sack von Verdun wichtiger sei als der Besitz der Festung selbst. Niemandem war bei diesem Troste wohl. Gegen die Mitte des Jahres lief sich die Verdun-Offensive tot. Andere Kampfhandlungen von riesenhaftem Ausma, fr die unsere Gegner die Initiative ergriffen, bertnten den verhallenden Kanonendonner an der Maas. Mitte Mai hatten die sterreicher nach groen Vorbereitungen in Sdtirol gegen die Italiener, die in den zwlf Monaten seit ihrer Kriegserklrung so gut wie nichts erreicht hatten, eine Offensive begonnen. Der Angriff entwickelte sich gut. Ende Mai waren die wichtigen befestigten Pltze Asiago und Arsiero in den Hnden der sterreicher. Der Austritt in die Po-Ebene schien gesichert. Da fhrte das russische Heer vom 5. Juni an auf der ganzen Front zwischen dem Pruth und dem Styrknie wuchtige Ste gegen die nicht sehr starken sterreichischen Linien. Sie schlugen eine weite und tiefe Bresche. Die wolhynischen Festungen fielen. Czernowitz und die Bukowina wurden wieder preisgegeben. Hunderttausende von Gefangenen und ungezhltes Material geriet in die Hand der Russen, die ber die Leichtigkeit, mit der sie diesen groen Erfolg errangen, vielleicht selbst am meisten erstaunt waren. Die sterreicher waren gezwungen, die wankende Front mit allen Mitteln zu sttzen. Die so vielversprechende Offensive gegen Italien wurde aufgegeben, um Truppen fr den bedrohten Osten freizubekommen. Die Italiener konnten zu Gegenangriffen bergehen. Gegen Ende Juni muten die sterreicher ihre Sdtiroler Front zurcknehmen; am Isonzo muten sie vor den erneut einsetzenden Offensivsten der Italiener sich auf die Hhen stlich des Flusses zurckziehen und Grz preisgeben. Auch vom nrdlichen Teil der russischen Front, den Hindenburg kommandierte, wurden Verstrkungen auf Verstrkungen nach dem Sden abgegeben, obwohl auch im Norden russische Angriffe begannen. Ja es wurden einige trkische Divisionen an der galizischen Front eingesetzt. Die schweren Kmpfe an der Ostfront waren noch in vollem Gange, als die Ententeheere am 1. Juli im Westen zu einem alle bisherigen Offensivste weit bertreffenden Angriff ansetzten. In einer Breite von 40 Kilometern, so berichtete unser Groes Hauptquartier am 2. Juli, begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschrnkten Mitteln vorbereitete englisch-franzsische Massenangriff nach siebentgiger strkster Artillerie- und Gasvorbereitung auf beiden Ufern der Somme sowie des Ancrebaches. Von diesem Tage an waren unsere Truppen fnf volle Monate hindurch den wtenden Anstrmen der Englnder und Franzosen ohne Unterbrechung ausgesetzt. Der Feind hatte die starke berlegenheit in der Zahl der Kmpfenden. Er hatte eine noch weit grere berlegenheit im Material aller Art; denn die Industrie nahezu der ganzen Welt arbeitete fr ihn. Es ist eine kaum faliche Leistung unserer Feldgrauen, da sie, unaufhrlich berschttet vom dichtesten Eisenhagel, in kaum aussetzenden Nahkmpfen mit der in unerschpflichen Wellen anstrmenden weien und farbigen bermacht die eiserne Kette hielten und nur Schritt fr Schritt dem ungeheuren Druck Raum gaben. Es ging fast ber menschliche Kraft, aber es wurde durchgehalten. In der Zeit der schrfsten Zuspitzung der militrischen Lage, als zu dem russischen Vorsto die franzsisch-englischen Angriffe hinzukamen, weilte ich bei dem Feldmarschall von Hindenburg in Kowno. Ich hatte Gelegenheit, mit Hindenburg und seinen Offizieren die politische und militrische Lage eingehend zu besprechen. Der Eindruck, den ich gewann, war erschtternd. Hindenburg sagte mir am Abend des 3. Juli: Wir haben hier oben im Norden berhaupt nur noch eine durchsichtige Kattunschrze. Ich habe, um das Loch bei den sterreichern zuzustopfen, alles weggegeben, was ich entbehren kann, und mehr als das. Es blieb mir nichts anderes brig. Aber was ich weggegeben habe, sehe ich nicht wieder. Nun greift der Russe hier oben bei uns an, ich wei nicht, was werden soll. Seine Mitarbeiter wurden deutlicher. Die verhngnisvollen Nachteile des Mangels eines einheitlichen Oberbefehls ber die Ostfront mute auch dem Laien einleuchten. Meine Zweifel an der Richtigkeit der im Osten befolgten Strategie, die ich seit den Monaten Mai und Juni mit mir herumtrug, fand ich bestrkt. Wir standen vom Rigaer Busen bis zur rumnischen Grenze in einer weit auseinandergezogenen, wohl mehr als zwlfhundert Kilometer langen Front, die in ihren berwiegenden Teilen eines jeden natrlichen Schutzes entbehrte und gegen energische Offensivste einer an einem beliebigen Punkt zusammengeballten Macht kaum zu halten war. Im Westen hatten wir unsere beste Kraft in der Verdun-Offensive eingesetzt; nicht nur war es uns nicht gelungen, die groe Schulterfestung zu bezwingen, auch der angebliche Erfolg des Ausblutens der Franzosen wurde durch die jetzt beginnende Somme-Offensive als Tuschung erwiesen. Dazu im Hintergrund die rumnische Gefahr, die durch den Zusammenbruch des Rumnien zunchst gelegenen sterreichischen Frontteiles nahezu automatisch ausgelst werden mute. Das dringendste Erfordernis der Stunde erschien mir die Vereinheitlichung des Oberbefehls ber die gesamte Ostfront. In diesem Sinne telephonierte ich noch vom Osten aus am 4. Juli mit dem Reichskanzler. Als ich am Sonntag, 9. Juli, nach Berlin zurckkehrte, schilderte ich dem Kanzler mndlich auf das Eindringlichste meine Wahrnehmungen und Eindrcke. Der Kanzler hatte, wie mir bekannt war, schon in einem frheren Stadium des Krieges und auch spterhin wiederholt die Frage des Oberbefehls aus dem Zweifel heraus, ob der General von Falkenhayn der richtige Mann an diesem Platze sei, zur Sprache gebracht. Die militrischen Berater des Kaisers hatten jedoch damals mit Entschiedenheit an General von Falkenhayn festgehalten. Der Kanzler erzhlte mir jetzt, da der Kronprinz von Bayern neuerdings an den Grafen Lerchenfeld, der diesen kurz zuvor im Gefolge des Knigs von Bayern in seinem Hauptquartier besucht hatte, einen Brief mit den heftigsten Vorwrfen gegen die Oberste Heeresleitung geschrieben habe. Auch andere hohe Offiziere seien jetzt zu der Ansicht gekommen, da die Oberste Heeresleitung in ihrer derzeitigen Zusammensetzung den Schwierigkeiten der Lage nicht gewachsen sei. Der Kanzler hatte inzwischen bereits die bertragung des Oberbefehls ber die gesamte Ostfront einschlielich der sterreichisch-ungarischen Truppen an den Feldmarschall von Hindenburg verlangt. Der Chef des Generalstabs der sterreichisch-ungarischen Armee Conrad von Htzendorff war alsbald mit dem Antrag befat worden, hatte aber zunchst abgelehnt. Einige Tage spter hrte ich, da der ungarische Ministerprsident Graf Tisza sich entschieden fr die bertragung des Oberbefehls an Hindenburg ausgesprochen habe. Am 18. Juli waren die Generale Conrad von Htzendorff, von Falkenhayn und Ludendorff zur Besprechung der Angelegenheit in Berlin; eine Einigung kam nicht zustande. Ich war in den folgenden Tagen in Mnchen und Stuttgart. Sowohl der Knig von Bayern wie der Knig von Wrttemberg sprachen sich mir gegenber aus eigener Initiative dafr aus, da in der ungemein ernsten Lage auf den Feldmarschall von Hindenburg zurckgegriffen werden msse. Der wrttembergische Ministerprsident von Weizscker, dessen ruhiges und klares Urteil ich immer besonders schtzte, flehte mich geradezu an, der Kanzler msse dem Kaiser die Augen ffnen. Weder Kaiser noch Reich knnten einen ernsten Rckschlag ertragen, wenn Hindenburgs Genie und Ansehen nicht voll in Wirksamkeit gesetzt werde. Als ich nach Berlin zurckkam, lagen dort geradezu verzweifelte Berichte aus Wien vor. Auch Graf Andrassy, der gerade in Berlin anwesend war, erkannte an, da die Zeit der Eitelkeiten und Rivalitten vorbei sei und nur der einheitliche Oberbefehl Hindenburgs die Lage retten knne. Dazu kamen Nachrichten aus Rumnien, die darauf schlieen lieen, da Bratianu sich der Entente gegenber zum Eingreifen unter gewissen Bedingungen verpflichtet habe, und da der Knig zu schwach sei, um Widerstand zu leisten. Der Kanzler bestand telegraphisch auf der schleunigen bertragung des Oberbefehls ber die gesamte Ostfront an Hindenburg und reiste am 25. Juli selbst nach dem Groen Hauptquartier, um die Sache unter allen Umstnden in Ordnung zu bringen. Am 2. August wurde denn auch amtlich publiziert: Unter Generalfeldmarschall von Hindenburg wurden mehrere Heeresgruppen der Verbndeten zu einheitlicher Verwendung nach Vereinbarung der beiden Obersten Heeresleitungen zusammengefat. Hindenburg hatte, wie mir der Kanzler nach seiner Rckkehr aus dem Hauptquartier erzhlte, mit dieser Lsung, die ihm den Oberbefehl ber die Ostfront von Kurland bis zu den Karpathen, einschlielich der sterreichisch-ungarischen Armee gab, sich befriedigt und weiteres als zur Zeit unerwnscht erklrt. Es kam jedoch bald zu ernsten Reibungen zwischen dem neuen Obersten Befehlshaber der Ostarmee und dem Chef des Generalstabs des Feldheeres, die sich auf die Frage Falkenhayn oder Hindenburg? zuspitzten. Der Kanzler trat in Konsequenz seiner frheren Stellungnahme mit groer Entschiedenheit fr die Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg ein, whrend die militrische Umgebung des Kaisers auch jetzt noch an Falkenhayn festhielt. Allerdings gehrte der Kanzler nicht zu den unbedingten Bewunderern des von dem Feldmarschall untrennbaren Generals Ludendorff. Ludendorff sei geneigt, seinem Temperament zu unterliegen und in ernsten Situationen bereilt zu handeln; so auch jetzt wieder, wo er, ohne den unplichen Hindenburg zu fragen, ein Abschiedsgesuch abgeschickt habe, um es dann wieder anzuhalten. Auch in der Beurteilung der militrischen Lage in seinem Befehlsbereich habe er, der Kanzler, an Ludendorff mehrfach das Schwergewicht der inneren Ruhe und Sicherheit vermit; er sei ihm zu sehr himmelhoch jauchzend, zu Tode betrbt. Die Lage lie jedoch auch nach seiner Ansicht keine andere Wahl als die Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg-Ludendorff. Inzwischen erfuhren die Dinge eine weitere Zuspitzung. Seit der zweiten Augusthlfte lauteten die Nachrichten aus Bukarest zwar unklar und widerspruchsvoll; aber im Zusammenhang mit der Gesamtlage hatte ich aus dem, was mir bekannt wurde, den Eindruck, da Rumnien im Begriff sei, gegen uns loszuschlagen. Ich lie mich in dieser Beurteilung, aus der heraus ich schon seit lngerer Zeit auf den schleunigen Abtransport des von Deutschland gekauften rumnischen Getreides hingewirkt hatte, auch durch die lgnerischen Versicherungen des Ministerprsidenten Bratianu und des rumnischen Knigs nicht irremachen. Als mir am Sonntag, 27. August, der Kanzler gegen 11 Uhr durchs Telephon sagte -- in Dingen, die nicht fr alle Ohren bestimmt waren, pflegten wir franzsisch zu telephonieren --: L'Italie nous a dclar la guerre, antwortete ich: Et la Roumanie suivra sur-le-champ. Im Auswrtigen Amt hatte man noch Zweifel. Abends um 11 Uhr teilte mir der Kanzler mit, da die rumnische Kriegserklrung in Wien berreicht worden sei. Bei der ernsten Lage auf allen Kampffronten nahm der Kanzler die Nachricht sehr schwer. Es blieb uns natrlich keine Wahl, als die rumnische Kriegserklrung an sterreich-Ungarn sofort mit unserer Kriegserklrung an Rumnien zu beantworten. Noch in der Nacht wurde an die smtlichen Bundesregierungen telegraphiert. Ich schlug vor, sofort auch mit den Parteifhrern wegen Einberufung des Reichstags in Verbindung zu treten. Bei diesen regten sich Bedenken, ob die ntige Geschlossenheit gewahrt werden knne, und die Einberufung unterblieb. Die Telegramme aus dem Hauptquartier ber die Mglichkeit der Gegenwirkung gegen den von den Rumnen seit Wochen und Monaten vorbereiteten berfall lauteten wenig trostvoll. Es stand nur wenig Infanterie dort und fast gar keine Artillerie! Weder in Ple noch in Teschen scheint man geglaubt zu haben, da Rumnien doch noch losschlagen wrde. Die Bulgaren hatten sich seit dem 20. August in eine Offensive gegen die Ententearmee vor Saloniki verbissen; in welchem Umfange und in welcher Zeit Truppen zur Verwendung gegen Rumnien herausgezogen werden konnten, war ungewi. Zum Glck hatte sich die im Juni angesetzte russische Offensive gegen die galizische und wolhynische Front ausgelaufen und verblutet. Htte Rumniens Angriff einige wenige Wochen frher eingesetzt, zu der Zeit, als die sterreichisch-ungarische Front im Zusammenbrechen war, dann htte wohl nichts die Katastrophe aufhalten knnen. Die rumnische Kriegserklrung und die dadurch geschaffene Erschwerung der militrischen Lage veranlate den Kaiser, den Generalfeldmarschall von Hindenburg nach Ple zu berufen. Der General von Falkenhayn erhob gegen diese ohne sein Befragen erfolgte Berufung Einspruch, worauf der Kaiser ihm anheimstellte, seine Entlassung einzureichen. Als der Kanzler am Vormittag des 29. August im Groen Hauptquartier eintraf, war die Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs des Feldheeres und Ludendorffs zum Ersten Generalquartiermeister bereits vollzogen. Ich reiste mit dem Staatssekretr v. Jagow am 30. August gleichfalls nach Ple. Obwohl Bulgariens Haltung gegenber der neuen Situation noch nicht geklrt war -- Bulgarien hat an Rumnien erst am 1. September den Krieg erklrt -- fanden wir eine zuversichtliche Auffassung der Lage. Vier deutsche Divisionen rollten bereits von der Westfront nach Siebenbrgen, weitere Verstrkungen wurden vorbereitet. Man werde zwar den Rumnen fr ihre Operationen zunchst freie Hand lassen mssen, sie dann aber fassen und schlagen. Hindenburgs unerschtterliche Ruhe und Ludendorffs rasch zugreifende Bestimmtheit gaben den Besprechungen die Signatur. Wir alle verlieen Ple mit einem Gefhl der Erleichterung und Beruhigung. Die Rumnen brachen, fast ohne Widerstand zu finden, tief in Siebenbrgen ein. Im Westen erneuerten Englnder und Franzosen mit einer alles bisher Dagewesene bertreffenden Wucht ihre Angriffe an der Somme, um uns das Abziehen von Truppen fr Rumnien unmglich zu machen. Aber trotzdem sie gegen Mitte September bis ber die Strae Bapaume-Pronne hinaus vorstieen, lieen sich Hindenburg und Ludendorff, die sich inzwischen an Ort und Stelle vom Stand der Dinge berzeugt hatten, in ihren Dispositionen fr den rumnischen Feldzug nicht beirren. Whrend die Rumnen in Ungarn vordrangen, fate sie der erste Sto dort, wo sie ihn augenscheinlich am wenigsten erwarteten, zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer in der Dobrudscha, und warf sie auf den Trajanswall zurck. Gegen Ende September war unser Aufmarsch auch in Ungarn vollendet. Am 29. September wurden die Rumnen bei Hermannstadt geschlagen, am 8. Oktober wurde Kronstadt wieder genommen, und in den folgenden Wochen wurden die rumnischen Truppen auf die Karpathengrenze zurckgedrngt. Die Operationen in der Dobrudscha, an denen auer bulgarischen und deutschen auch trkische Truppen teilnahmen, fanden ihre Krnung in der Einnahme des rumnischen Hafens Constanza (23. Oktober) und der am Eisenbahnbergang ber die Donau gelegenen Stadt Cernavoda (25. Oktober). Schon in diesem Zeitpunkte war der Feldzug fr Rumnien verloren, den Alliierten war der Trumpf aus der Hand geschlagen, der die Entscheidung des Krieges hatte bringen sollen. In der ersten Novemberhlfte erkmpften sich die deutschen und sterreichisch-ungarischen Truppen die Ausgnge aus den Karpathen in die Wallachei. Am 25. November erzwangen sich deutsche und bulgarische Truppen von Sden her den Donau-bergang. In der dreitgigen Schlacht am Argesflu griffen die beiden Armeen von Norden, Westen und Sden das rumnische Heer umfassend an und brachten ihm die entscheidende Niederlage bei. Als Frucht des Sieges fiel die Landeshauptstadt Bukarest am 6. Dezember in die Hand der Verbndeten. Wenig mehr als drei Monate hatten gengt, Rumnien niederzuschlagen und fr uns die Lage wiederherzustellen. Auch die schweren Angriffe, die von der ersten Novemberhlfte an die Saloniki-Armee der Entente ausfhrte und die am 18. November die Bulgaren ntigten, Monastir wieder aufzugeben, vermochten das Schicksal Rumniens ebensowenig zu wenden, wie die fortgesetzten heftigen Offensivste an der Somme. Der Krieg war an einem groen Haltepunkte angelangt, der Freund und Feind ntigen mute, sich auf sich selbst zu besinnen und Umschau zu halten, ob nicht vor der Einleitung neuer Kmpfe die Mglichkeit bestehe, die schwer leidenden Vlker aus Blut und Trnen heraus zu dem ersehnten Frieden zu fhren. Finanzielle Kriegfhrung Reichsschatzamt Es war mir nicht beschieden, mit der Waffe fr das Vaterland zu kmpfen. Infolge eines Unfalles hatte ich seit dem Jahre 1893, also bei Kriegsausbruch seit 21 Jahren, keine militrische bung mehr gemacht und im Jahre 1899 als dauernd untauglich meine Entlassung als Reserveoffizier erhalten. Unter diesen Umstnden mute ich mich damit bescheiden, in dem Krieg, der von Anfang an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein Kampf der Finanzen und Volkswirtschaften war, auf dem Platze, auf den mich mein Lebensweg gefhrt hatte, mein Bestes zu tun. Es waren keine kleinen Anforderungen, die der Krieg, namentlich in seinen ersten Wochen, an die Banken und ihre Leitungen stellte. Es hie den Kopf oben behalten und mit uerster Anspannung der Nerven und der Arbeitskraft die Vorkehrungen und Verfgungen treffen, die nicht nur fr die Erhaltung des Kredits und der Zahlungsfhigkeit des eigenen Instituts, sondern auch fr die Erhaltung der finanziellen Grundlagen unserer gesamten Volkswirtschaft erforderlich waren. Es hie gleichzeitig mitwirken an der Schaffung der Grundlagen unserer finanziellen Kriegfhrung und an dem Aufbau der Einrichtungen und Organisationen, die fr die Mobilmachung unserer gesamten Volkswirtschaft und die Einstellung unseres Wirtschaftslebens auf den Krieg erforderlich waren. Auch ber meinen unmittelbaren Pflichtenkreis hinaus wurde ich von der Regierung und Obersten Heeresleitung herangezogen. So wurde ich alsbald nach der Besetzung Brssels in das Groe Hauptquartier gerufen und von dort nach Belgien gesandt, um dem zum Generalgouverneur ernannten Generalfeldmarschall von der Goltz und dem ihm als Chef der Zivilverwaltung beigegebenen Regierungsprsidenten von Sandt bei der Einrichtung der Okkupationsverwaltung, insbesondere bei der Ordnung der finanziellen Angelegenheiten (Bankenkontrolle, Kontributionsfrage usw.) behilflich zu sein. Im Dezember 1914 stellte mich der Reichskanzler von Bethmann Hollweg vor die Frage, ob ich bereit sei, die Leitung des Reichsschatzamtes zu bernehmen. Er brauche an der Spitze der Reichsfinanzverwaltung einen Mann, der nicht nur mit dem deutschen Wirtschaftsleben, sondern auch mit den Finanzen und der Wirtschaft unserer Verbndeten, unserer Feinde und des neutralen Auslandes vertraut sei und auerdem ber eine ungebrochene Arbeitskraft verfge. Er schtze die Person und die Verdienste des Reichsschatzsekretrs Khn sehr hoch; aber Herr Khn habe selbst wiederholt angedeutet, da sein Alter und seine Gesundheit den durch den Krieg gewaltig gesteigerten und von Grund aus vernderten Anforderungen seines Amtes nicht mehr gewachsen seien. Das Angebot des Kanzlers kam mir vllig berraschend. Der Gedanke widerstrebte mir, meine in mehr als achtjhriger Ttigkeit mir liebgewordene, mich ausfllende und mich befriedigende Wirksamkeit in der Leitung der Deutschen Bank mit einer neuen, in wichtigen Teilen mir bisher recht fernliegenden Aufgabe zu vertauschen und meine freie Stellung gegen ein von Kanzler und Parlament abhngiges Staatsamt aufzugeben. Ich brachte andere Persnlichkeiten in Vorschlag, von denen ich annehmen durfte, da sie der Aufgabe ebensogut und besser gewachsen sein wrden als ich. Der Kanzler hatte gegen jeden meiner Vorschlge eine Einwendung, wollte auch alle die von mir genannten Namen mit seinen Beratern, insbesondere dem Reichsbankprsidenten Havenstein, bereits diskutiert haben. Der einzige, der auer mir in Frage kme und den auch ich in erster Linie vorschlug, der Reichsbankprsident selbst, habe in Rcksicht auf seinen geschwchten Gesundheitszustand auf das bestimmteste abgelehnt; er, der Kanzler, msse von mir das Opfer verlangen. Betrachten Sie das Reichsschatzamt als Ihren Schtzengraben! Nach kurzer Bedenkzeit erklrte ich mich bereit, dem Wunsche des Kanzlers zu entsprechen. Am 1. Februar 1915 trat ich das neue Amt an. Was mir an meiner neuen Behrde -- in Erinnerung an die Erfahrungen aus meiner frheren Ttigkeit in der Kolonialabteilung des Auswrtigen Amtes -- am wenigsten sympathisch war, das war der stark ausgeprgte Geist der Negation. Die fr eine staatliche Finanzverwaltung bequemste Sparsamkeit, aber auch die zweischneidigste Sparsamkeit, ist der wahllose Widerstand gegen neue Ausgaben. Diese Art Sparsamkeit war mir in wenig angenehmem Gedchtnis. Groe Unterlassungssnden, namentlich auf dem Gebiete des kolonialen Eisenbahnbaues und des militrischen Schutzes, die sich spterhin auch finanziell bitter rchten, hatten ihre Wurzel darin, da die Bewilligungsscheu des Reichstages im Reichsschatzamt einen stillen, aber wirksamen Verbndeten besa. Da auch der Krieg die alte Tradition nicht ohne weiteres fortgeschwemmt hatte, davon konnte ich mich bald berzeugen. In den ersten Tagen meiner Amtsttigkeit wurde mir ein Schreiben an eine andere Behrde vorgelegt, in dem die Bewilligung der Gelder fr einen mir durchaus vernnftig und notwendig erscheinenden Zweck kurzerhand abgelehnt wurde. Ich bat den Herrn, der die Sache bearbeitet hatte, um eine Begrndung seines ablehnenden Standpunktes und erhielt die klassische Antwort: Wir lehnen solche neuen Antrge grundstzlich zunchst einmal ab. Ist die Angelegenheit wirklich dringend, dann kommt die betreffende Behrde schon auf die Sache zurck, und dann kann man sich's berlegen. Ich suchte von Anfang an den Rahmen fr die Ttigkeit des Reichsschatzamtes weiter zu spannen, als es der berlieferung entsprach, und die im Kriege doppelt notwendige Sparsamkeit nicht so sehr in der grundstzlichen Beschneidung der Antrge der anderen Ressorts, als vielmehr in der positiven Mitarbeit an der finanziell und wirtschaftlich zweckmigen Gestaltung des Notwendigen zu verwirklichen. Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen Schon in den Tagen meiner Vorbereitung fr das neue Amt erhielt ich Gelegenheit, diese Auffassung meiner Aufgabe in einer Angelegenheit von auerordentlicher Bedeutung fr Kriegfhrung und Volksernhrung zu bettigen: in der =Stickstofffrage=. Gewaltige Mengen von Stickstoffverbindungen wurden bentigt, einmal fr Pulver und sonstige Sprengstoffe aller Art, ferner als unentbehrliches Dngemittel fr die Erhaltung eines einigermaen ausreichenden Ertrages unseres heimischen Bodens. Unser Inlandsverbrauch an Stickstoffverbindungen hatte im letzten Friedensjahr rund 1400000 Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff von rund 240000 Tonnen betragen; davon wurden etwa 200000 Tonnen in der Landwirtschaft und 40000 Tonnen in der Industrie verbraucht. Unsere heimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen war zwar in den letzten Jahrzehnten gewaltig gestiegen; die Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak als Nebenprodukt der Kokerei, unsere vor dem Kriege weitaus wichtigste Stickstoffquelle, war von rund 90000 Tonnen im Jahre 1893 auf rund 500000 Tonnen im Jahre 1913 gebracht worden. Aber trotzdem deckte die einheimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen auch im Jahre 1913 nicht einmal die Hlfte des Inlandsverbrauches. Die grere Hlfte wurde aus dem Ausland bezogen, und zwar ganz berwiegend in der Form von Chilesalpeter. Der Krieg brachte eine enorme Steigerung unseres Bedarfs und eine ebenso enorme Einschrnkung unserer Versorgung. Der Stickstoffbedarf fr militrische Zwecke berstieg sofort um ein Vielfaches die Mengen, die in Friedenszeiten von der Sprengstoffindustrie verbraucht wurden. Auf der anderen Seite kam die Zufuhr von Chilesalpeter, die in Friedenszeiten etwa die Hlfte unsres Gesamtbedarfs gedeckt hatte, mit dem Kriegsausbruch vllig in Wegfall, und die heimische Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak aus dem Kokereiproze erfuhr mit dem scharfen Rckgang der Kohlenfrderung und Eisenerzeugung, der mit Kriegsausbruch einsetzte und nur allmhlich berwunden werden konnte, gleichfalls eine starke Einschrnkung. Es war mit einem Ausfall von nicht weniger als zwei Dritteln unserer Friedensversorgung an Stickstoff zu rechnen. Der Zeitpunkt, in dem die vorhandenen Lger aufgebraucht sein wrden, war abzusehen; die heimische Produktion an Stickstoffverbindungen htte fr die Landwirtschaft so gut wie nichts briggelassen und selbst die Deckung des in gewaltigen Sprngen anwachsenden militrischen Bedarfs nicht entfernt ausreichend gesichert. Glcklicherweise waren Ersatzmglichkeiten fr die berseeischen Zufuhren vorhanden, und zwar in den von deutschen Gelehrten ausgearbeiteten Verfahren zur Gewinnung stickstoffhaltiger Verbindungen aus den unerschpflichen Vorrten der Luft. In Betracht kamen einmal das von Geheimrat Haber erfundene Verfahren der synthetischen Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak, das von der Badischen Anilin- u. Sodafabrik in Ludwigshafen a. Rh. praktisch erprobt worden war; ferner das Frank-Carosche Verfahren zur Herstellung von Kalkstickstoff, nach dem in Werken zu Trostberg in Oberbayern und zu Knapsack bei Kln a. Rh. gearbeitet wurde. Die Produktion der Ludwigshafener Fabrik an schwefelsaurem Ammoniak betrug im letzten Friedensjahr etwa 30000 Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff von rund 6000 Tonnen, die Produktion des Trostberger und des Knapsacker Werkes erreichte je 25000 Tonnen Kalkstickstoff mit einem Reingehalt von rund je 5000 Tonnen. Die Ludwigshafener Fabrik hatte noch im Frieden den Ausbau ihres Stickstoffwerkes auf eine jhrliche Leistungsfhigkeit von 150000 Tonnen schwefelsauren Ammoniaks in Angriff genommen. Die vitale Bedeutung der Stickstofffrage mute in die Augen springen. Die Heeresverwaltung und das preuische Landwirtschaftsministerium drngten auf den Abschlu von Vereinbarungen, die eine sofortige und ausgiebige Steigerung der einheimischen Stickstoffgewinnung sichern sollten. Die im Besitz der Verfahren befindlichen Unternehmungen stellten sich zur Verfgung und machten Vorschlge fr die Aufbringung und Sicherstellung der sehr erheblichen Kapitalien, die zum Zweck der Errichtung der groen, die vorhandenen Stickstoffwerke um ein Vielfaches bertreffenden Neuanlagen zu investieren waren. Die Verhandlungen stieen auf allerlei Schwierigkeiten, namentlich in der Frage der Gewhrleistung gegen den Verlust des in den neuen Fabriken festzulegenden Kapitals bei der Wiederkehr der Friedensverhltnisse und in der Frage der Normierung von Hchstpreisen fr die Stickstoffverbindungen. Erst im Dezember 1914 kamen Vertrge mit Ludwigshafen und Knapsack zustande, die gegen Gewhrung von Darlehen des Reiches und Preuens eine Erhhung der Produktion um 45000 Tonnen reinen Stickstoff vorsahen. Damit war aber nur erst der Heeresbedarf nach der damaligen, sich spterhin als viel zu niedrig erweisenden Schtzung annhernd gesichert, whrend fr die durch den Stickstoffmangel auf das Schwerste bedrohte Landwirtschaft noch nichts vorgesorgt war. Die Verhandlungen mit den Bayrischen Stickstoffwerken, in denen das Landwirtschaftsministerium eine Sicherung des Bedarfs an Stickstoffdngemitteln erstrebte, waren auf dem toten Punkt: Die Stickstoffwerke verlangten fr ihre Neuproduktion eine fnfzehnjhrige Absatzgarantie zu einem wesentlich unter den Friedenspreisen liegenden Satze, die landwirtschaftlichen Vereinigungen waren aus sich heraus fr die bernahme einer solchen Absatzgarantie nicht stark genug, und die Finanzverwaltungen Preuens und des Reiches weigerten sich kategorisch, ihrerseits eine Absatzgarantie zu bernehmen; -- sie waren auf Grund der Kriegskredite formal wohl zur Leistung von Ausgaben fr Kriegszwecke, nicht aber zur bernahme von Garantien befugt! Als meine Ernennung zum Staatssekretr des Reichsschatzamts feststand, besuchten mich der preuische Landwirtschaftsminister Freiherr von Schorlemer und der preuische Finanzminister Herr Lentze, um mir die geradezu verzweifelte Lage der Stickstoffversorgung der Landwirtschaft darzulegen und sich meiner Untersttzung bei der berwindung dieses Notstandes zu versichern. Die Situation war mir bereits bekannt, und ich war entschlossen, nicht nur meinerseits die Initiative zu der notwendigen weiteren Steigerung unserer Stickstoffgewinnung zu nehmen, sondern auch dem Reich in diesem neuen, nationalwirtschaftlich unschtzbar wichtigen und finanziell aussichtsreichen Industriezweige eine starke Position zu schaffen. Am Tage nach meiner Besprechung mit den beiden Ministern, am 23. Januar 1915, fand, durch diese veranlat, eine Besprechung der beteiligten Ressortchefs statt, an der ich neben meinem noch amtierenden Vorgnger teilnahm. Ich entwickelte den Gedanken, da die Reichsfinanzverwaltung durch die Bayrischen Stickstoffwerke eine groe Kalkstickstoff-Fabrik fr das Reich bauen lassen und gleichzeitig mit den Bayrischen Stickstoffwerken einen Betriebsvertrag abschlieen solle, letzteren auf der Grundlage, da der gesamte ber einen bestimmten Satz fr das Kiloprozent Kalkstickstoff hinaus erzielte Bruttoerls dem Reich zuflieen und dieses auerdem an dem verbleibenden Reingewinn aus dem Betriebe mit einem angemessenen Anteil beteiligt werden sollte. Dadurch wollte ich der betriebfhrenden Firma die Mglichkeit nehmen, eine Steigerung ihrer Gewinne in hohen Verkaufspreisen zu suchen, sie vielmehr darauf hinweisen, ihre Gewinnaussichten lediglich in Verbilligungen der Produktion zu erblicken, was ihr einen mglichst starken Anreiz zur technischen Vervollkommnung ihres Verfahrens geben mute. Ich schlug ferner vor, durch ein Reichsgesetz dem Bundesrat die Ermchtigung zur Einfhrung eines Stickstoff-Handelsmonopols geben zu lassen, um die Position des Reiches in der Stickstoffindustrie zu verstrken und gleichzeitig eine Waffe gegen eine nach Friedensschlu zu erwartende Bedrohung der deutschen Stickstoffindustrie vom Auslande her rechtzeitig bereitzustellen. Meine Vorschlge fanden die Zustimmung der Ressortchefs. Auch der Reichskanzler trat ihnen bei. Auf dieser Grundlage schlo ich in den ersten Wochen meiner Amtsfhrung Vertrge mit den Bayrischen Stickstoffwerken ab, in denen der schleunige Bau zweier Reichswerke mit einer jhrlichen Leistungsfhigkeit von insgesamt 225000 Tonnen Kalkstickstoff und gleichzeitig die Bedingungen des Betriebs dieser Anlagen durch die Bayrischen Stickstoffwerke nach den von mir vorgeschlagenen Grundstzen vereinbart wurden. Ferner verpflichteten sich die Bayrischen Stickstoffwerke zu einer Vergrerung ihrer eigenen Fabrik in Trostberg. Auerdem schlo ich mit den Lonzawerken in Waldshut (Baden) einen Vertrag ber die Errichtung eines weiteren Kalkstickstoffwerkes ab, und zwar gegen Gewhrung eines Darlehns und mit der Auflage der berlassung der gesamten Produktion zu bestimmten Preisen an das Reich oder den vom Reiche zu bezeichnenden Abnehmer. Insgesamt sollte durch diese Vertrge die deutsche Stickstoffgewinnung eine Erhhung um 300000 Tonnen Kalkstickstoff, gleich 60000 Tonnen reinen Stickstoffs, erfahren. Die Ausfhrung wurde sofort in Angriff genommen. Schon whrend die Verhandlungen noch schwebten, waren die Stickstoffwerke ermchtigt worden, alle fr den Bau der neuen Anlagen erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Trotz der groen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Arbeitskrften, Maschinen, Metallen und anderen Rohstoffen gelang es, die beiden Reichswerke in den Monaten Januar und Februar des Jahres 1916 in Betrieb zu bringen. Da mit den Bauarbeiten erst im Mrz und April 1915 hatte begonnen werden knnen, hatten also 9 bis 10 Monate Bauzeit gengt, um die gewaltigen Neuanlagen fertigzustellen. Um von der Gre der in so kurzer Zeit fr das Reich geschaffenen Werke einen Begriff zu geben: Das Reichswerk Piesteritz bei Wittenberg a. d. Elbe, das fr eine Jahresgewinnung von 150000 Tonnen Kalkstickstoff vorgesehen war, umfate nach dem ursprnglichen, inzwischen noch erheblich vergrerten Ausma eine bebaute Flche von 12-1/2 Hektar. Sein jhrlicher Elektrizittsverbrauch war auf 500 Millionen Kilowattstunden berechnet; das ist rund doppelt so viel, wie die gesamte von den Berliner Elektrizittswerken im Jahre 1914/15 nutzbar abgegebene elektrische Energie. Die Elektrizitt wird in dem Bitterfelder Braunkohlenrevier erzeugt, mit einem Tagesverbrauch von 4400 Tonnen Braunkohle, und auf einer 22 km langen Doppelleitung mit einer Spannung von 80000 Volt zum Piesteritzer Werk geleitet, wo der Strom mit den grten Transformatoren, die bis dahin in der ganzen Welt gebaut worden waren, zunchst auf 6000 Volt, dann auf die Betriebsspannung umgeformt wird. Die elektrische Energie wurde den Reichswerken zum Satz von 1 Pfennig auf Grundlage der damaligen Kohlenpreise gesichert. Dieser Satz ist billiger, als er jemals zuvor in Deutschland fr aus Kohle gewonnene elektrische Energie gezahlt worden ist. Der tgliche Verbrauch des Werkes an Kalk war auf 300 Tonnen, an Koks auf 180 Tonnen berechnet. Kalk und Koks werden in mchtigen fen in starkem elektrischen Strom zu Karbid verarbeitet. Der Kalkstickstoff wird gewonnen durch die Verbindung des Luftstickstoffs mit dem gepulverten Karbid. Die Gewinnung des Luftstickstoffs erfolgt in Piesteritz auf zwei Wegen. Einmal durch Verflssigung von Luft und Trennung des Sauerstoffs vom Stickstoff nach dem Linde'schen Verfahren; dann in einer Ersatzanlage, in der nach dem Verfahren von Frank-Caro Generatorgas mit Luft verbrannt und das entstehende Gemisch von Kohlensure und Stickstoff in seine beiden Bestandteile zerlegt wird. Nach dem ursprnglichen Plane lieferte die Linde-Anlage stndlich 90000 Liter flssige Luft und 9000 Raummeter Stickstoff, die Frank-Caro-Anlage stndlich 3000 Raummeter Stickstoff. An Khlwasser verbraucht das Werk eine Menge, die dem Wasserverbrauch einer Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern entspricht. Die mit raschem Entschlu in Angriff genommene und ber alle Kriegserschwernisse hinaus in so kurzer Zeit durchgefhrte Errichtung der Reichswerke, deren Produktion schon der Frhjahrsbestellung des Jahres 1916 zugutekam, hat unsere Ernhrungswirtschaft vor einer Katastrophe bewahrt. Aber der Heeresbedarf an Stickstoff wuchs in solchen Progressionen, da die Reichswerke alsbald auch fr die Sprengstoffherstellung herangezogen werden muten. Ich habe in der ersten Zeit des Krieges Schtzungen gehrt, die den militrischen Bedarf an etwa 20%igen Stickstoffverbindungen auf 12000 bis 15000 Tonnen fr den Monat bezifferten. Als ich in die Lage kam, ber die Stickstoffbeschaffung zu verhandeln, war bereits von erheblich greren Mengen die Rede. Zu Beginn des Jahres 1916 wurde mir der militrische Monatsbedarf auf etwa 40000 Tonnen beziffert, und schlielich sind wohl 100000 Tonnen im Monat erreicht und berschritten worden. Diese Entwicklung zwang mich und spter meinen Nachfolger im Reichsschatzamt, den Grafen Rdern, fr immer neue Erweiterungen und Neuanlagen zu sorgen, die leider zum Schaden der Landwirtschaft immer wieder von den alle Erwartungen weit bertreffenden Neuanmeldungen der militrischen Stellen berholt wurden. Soweit meine Kenntnis reicht, ist whrend des Krieges die deutsche Stickstoffgewinnung auf einen Umfang gebracht worden, der die gesamte Vorkriegsproduktion von Chilesalpeter (2,1 Millionen Tonnen) bersteigt und nahezu das Doppelte des normalen deutschen Jahresverbrauches an Stickstoffverbindungen ausmacht. Im Reichstag fand ich mit meinem Ermchtigungsgesetz fr die Einfhrung eines Stickstoff-Handelsmonopols wenig Verstndnis. Die Kommission, der die Vorlage berwiesen wurde, lie sich lange und interessante Vortrge von Sachverstndigen halten, die in ihrer berwiegenden Mehrzahl gleichzeitig Interessenten und als solche dem Handelsmonopol abgeneigt waren. Sie vertiefte sich in eine unfruchtbare und in der Hauptsache unberechtigte Kritik dessen, was noch in der allerletzten Stunde getan worden war, whrend eine berechtigte Kritik sich gegen das htte richten mssen, was lange genug versumt und unterlassen worden war. Ich wies vergeblich darauf hin, da die neue, so ungemein wichtige Industrie durch den Zusammenschlu der chemischen Fabriken und die von diesen mit der Ammoniakvereinigung unserer Montanindustrie getroffenen Vereinbarungen auf dem besten Wege zum Privatmonopol war; ferner, da unter englischer Fhrung eine Vertrustung sowohl der Chilesalpeter-Gewinnung wie auch der auslndischen Luftstickstoff-Industrie drohte. Die Notwendigkeit, dem Reich in der neuen Industrie eine nach innen und auen hinreichend gesicherte Position zu schaffen, wurde nur von einer Minderheit erkannt. Die Kommission konnte sich schlielich weder zu einer Zustimmung noch zu einer glatten Ablehnung aufschwingen, und ich mute mich entschlieen, den endgltigen Austrag der Frage, der angesichts der unabsehbar gewordenen Verlngerung des Krieges an Dringlichkeit verloren hatte, einer gelegeneren Zeit zu berlassen. Eine hnliche Erfahrung habe ich gemacht, als ich bei Gelegenheit des Erwerbs der bisher von dem amerikanischen Tabaktrust abhngigen deutschen Zigarettenfabriken durch ein deutsches Konsortium dem Reich die Option auf diese etwa ein Viertel der deutschen Zigarettenproduktion darstellenden Fabriken zum Einstandspreis mit einem geringfgigen Zuschlag sicherte, und zwar ohne das Reich fr den Erwerb dieser Option auch nur mit einem Pfennig zu belasten. Auch hier, wo es sich darum handelte, das Reich in einer fr ein ertragreiches Monopol reifen Industrie zunchst einmal Fu fassen zu lassen, fand ich kein Verstndnis, mute mich vielmehr im Hauptausschu des Reichstags dafr angreifen lassen, da ich es vorgezogen hatte, dem Reich die Mglichkeit des billigen Erwerbs dieser Fabriken zu sichern, statt die Fabriken ihrer Konkurrenz auszuliefern. Heute, im Bann des Schlagworts Sozialisierung, denkt man anders, bis zur bertreibung ins entgegengesetzte Extrem. Man wird wohl gerade auch der Stickstoffindustrie weit radikaler zu Leibe gehen, als das in meinen Plnen lag. Jedenfalls aber glaube ich, da der Typ des gemischtwirtschaftlichen Betriebs, wie ich ihn bei den Reichswerken fr das Zusammenwirken von Reich und privatem Unternehmertum in einem einheitlichen Betrieb geschaffen habe, den Vorzug vor manchen anderen Formen der Sozialisierung verdient. Er sichert dem Reich die Kontrolle des Betriebs und den Vorteil aus Preiserhhungen, die in den Produktionskosten nicht begrndet und nur infolge der monopolartigen Stellung des Unternehmens oder auf Grund von Preiskonventionen erzielbar sind; er lt auf der andern Seite dem privaten Unternehmer weitgehende Freiheit in der Gestaltung des Betriebs und einen starken Anreiz, durch Vervollkommnung von Technik und Organisation, die ihm allein gestattet, seinen Gewinn zu steigern, die Produktion zu verbilligen. Ich habe die Stickstoff-Angelegenheit eingehender dargestellt einmal wegen ihrer groen Wichtigkeit fr die Kriegfhrung und die Abwehr der Hungersnot, dann als Beispiel dafr, wie ich die Aufgabe der Reichsfinanzverwaltung auffate. In hnlicher Weise bin ich auf verwandten Gebieten vorgegangen. Das Bettigungsfeld, das ich vorfand, war allerdings dadurch stark eingeengt, da in den fnf Kriegsmonaten, die vor dem Beginn meiner Amtsfhrung lagen, die Zivilbehrden, und mehr als alle andern das Reichsschatzamt, die Initiative auf den die Kriegfhrung berhrenden wirtschaftlichen Gebieten der sehr tatkrftigen Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums berlassen hatten, die dann, ohne sich viel um die Zivilressorts zu kmmern, ihren Weg ging. Da auerdem das Kriegsministerium, unbehindert durch irgendwelchen Widerspruch, das Recht fr sich in Anspruch genommen hatte, ber die vom Reichstag fr die Zwecke des Krieges bewilligten Kredite frei zu verfgen, ohne fr die einzelnen Ausgaben die Zustimmung der Reichsfinanzverwaltung einzuholen, so fehlte es dem Reichsschatzamt sogar an einer vollstndigen bersicht ber das, was im Kriegsministerium auf diesem fr die deutsche Volkswirtschaft und die Reichsfinanzen so wichtigen Gebiete unternommen wurde. Der Krieg, der rasches Handeln fordert, duldet keine Verzgerung dringender Entschlsse durch das Aufwerfen und Durchkmpfen von Kompetenzkonflikten. Ich suchte deshalb die notwendige Fhlung und Zusammenarbeit auf gtlichem Wege und durch die Bereitwilligkeit zu positiver und aktiver Mitarbeit herzustellen, wie sie meine Behrde in der Stickstoff-Angelegenheit geleistet hatte. Ich fand hierfr sowohl bei den Leitern des Kriegsministeriums wie auch bei der Kriegsrohstoffabteilung Verstndnis. Von den spter im Einvernehmen und Zusammenarbeiten mit der Heeresverwaltung in Angriff genommenen Aufgaben erwhne ich die Schaffung einer groen deutschen Aluminiumindustrie auf Grund der whrend des Krieges entwickelten neuen Verfahren, die eine wirtschaftliche Herstellung von Aluminium auch aus deutscher Tonerde gestatten, whrend bis dahin nur das aus dem Ausland, hauptschlich aus Frankreich, bezogene Bauxit als verwendbar galt. Ich habe den Abschlu der schwierigen Verhandlungen infolge meines bertritts zum Reichsamt des Innern allerdings meinem Nachfolger im Reichsschatzamt berlassen mssen. Erwhnen mchte ich ferner die Mitwirkung des Reichsschatzamts bei der Schaffung der Handels-U-Boote, von denen die Deutschland vor dem Ausbruch des Krieges mit den Vereinigten Staaten zwei erfolgreiche Fahrten nach Amerika gemacht hat, whrend ihr Schwesterschiff, die Bremen, auf der ersten Reise verschollen ist. Die enorme Knappheit und Teuerung von Kautschuk, Nickel und einigen anderen Stoffen, von denen fr Kriegszwecke an sich nicht sehr erhebliche Mengen, diese aber unbedingt erforderlich waren, veranlaten mich, bei der Marine Erkundigungen darber einzuziehen, ob nicht U-Boote fr die Heranfhrung dieser Stoffe verwendet werden knnten. Ich dachte zunchst an eine bernahme der Materialien von neutralen Schiffen auf hoher See. Dieser Weg erwies sich technisch und auch in Rcksicht auf die mit allen Mitteln arbeitende englische berwachung als nicht gangbar. Der vergrerte Aktionsradius unserer U-Boote, der sich in Fahrten durch die Strae von Gibraltar nach Konstantinopel so glnzend bewhrt hatte, lie mich die Frage aufwerfen, ob nicht ein Anlaufen amerikanischer Hfen, in denen Kautschuk und Nickel bereitgestellt werden konnten, durch U-Boote, die ad hoc zu desarmieren gewesen wren, sich ermglichen lassen wrde. Auch dieser Gedanke stie auf Schwierigkeiten; einmal war nicht mit Sicherheit vorauszusehen, ob die Vereinigten Staaten ursprnglich als Kriegsfahrzeuge gebaute U-Boote als Handelsschiffe anerkennen und behandeln wrden; vor allem aber erklrte Herr von Tirpitz, von den groen und leistungsfhigen U-Booten keines entbehren zu knnen. Es blieb also nur brig, U-Boote von vornherein als Handelsschiffe zu bauen. Meine Gedanken begegneten sich mit denen des Bremer Grokaufmanns Lohmann, der mich Anfang September 1915 besuchte. Lohmann lie auf Grund unserer Unterhaltung von der Weserwerft in Bremen Plne fr ein Handelstauchboot konstruieren. Die Plne waren Anfang Oktober fertig und wurden dem Reichsmarineamt vorgelegt, dessen Einverstndnis wegen der mglichen Konkurrenz mit dem Bau von Kriegstauchbooten erforderlich war. Es ergab sich, da zu gleicher Zeit auf Veranlassung der Firma Krupp die Germaniawerft in Kiel Plne fr ein Handelstauchboot ausgearbeitet hatte. Die Plne der Germaniawerft sahen eine grere Tonnage vor; auerdem konnte die Germaniawerft fr zunchst zwei Handelstauchboote eine Fertigstellung schon fr April und Mai 1916 in Aussicht stellen. Risiko und Gewinnaussichten des Unternehmens waren ungewhnlich gro. Das Risiko wurde dadurch erleichtert, da sich die Firma Krupp bereit erklrte, eines der beiden U-Boote unentgeltlich zur Verfgung zu stellen lediglich unter der Bedingung, da dieses U-Boot auf seinen zwei ersten Reisen gegen Zahlung einer hoch bemessenen Fracht eine bestimmte Menge Nickel, die fr Krupp in Amerika lagerte, nach Europa befrdere. Zur Durchfhrung des Unternehmens wurde zwischen Herrn Lohmann und mir die Grndung der Deutsche Ozean-Rhederei G. m. b. H. vereinbart. Das Reich nahm der Gesellschaft das Risiko ab und behielt sich andererseits die groen Gewinnaussichten vor. Im Juni 1916 konnte die Deutschland in aller Stille ihre erste Reise antreten. Das Geheimnis war vollstndig gewahrt worden. Die Ankunft der U-Deutschland in Baltimore am 10. Juli erregte in der ganzen Welt Sensation. Die englische Anzweifelung des Charakters der U-Deutschland als Handelsschiff fand keinerlei Handhabe. Die Rckreise vollzog sich ungestrt. Auf der Ausreise hatte die U-Deutschland Farbstoffe geladen, deren Verkauf in Amerika einen Reingewinn in der mehrfachen Hhe des Einstandspreises des Tauchbootes erbrachte. Auf der Rckfahrt nahm das Tauchboot mehrere hundert Tonnen Kautschuk und Nickel mit. Allein die Differenz zwischen dem Einstandspreis des Kautschuks und dem Preis, der damals in Deutschland fr Kautschuk bezahlt werden mute, erreichte eine stattliche Anzahl von Millionen und bertraf noch erheblich den Gewinn der Ausfahrt. Vor allem aber war durch die eine Reise der dringende Heeresbedarf an Rohgummi und Nickel fr eine grere Anzahl von Monaten gedeckt. Es wurde, noch ehe die U-Deutschland zurckgekommen war, der Bau von weiteren sechs Tauchbooten beschlossen. Die Kosten waren im voraus durch den Gewinn der ersten Reise gedeckt. Die neuen U-Boote kamen als Handelsschiffe nicht mehr zur Verwendung. Vor ihrer Fertigstellung erfolgte der Bruch zwischen der Union und Deutschland. Die Schiffe wurden nun als Kriegstauchboote ausgebaut. Kriegskosten und Sparsamkeit Neben der ttigen Mitarbeit an der Durchfhrung kriegsnotwendiger Manahmen und Unternehmungen durfte die Sparsamkeit in der Ausgabewirtschaft nicht vernachlssigt werden. Die tglichen Nachweisungen ber die Inanspruchnahme der Reichshauptkasse waren in ihren gewaltigen Ziffern, die immerzu den Drang nach oben zeigten, eine immer wiederkehrende Mahnung. Als ich das Reichsschatzamt bernahm, beliefen sich die bis dahin -- also in den ersten sechs Monaten des Krieges -- entstandenen Ausgaben auf rund 8650 Millionen Mark. Der Monat August hatte infolge der auerordentlichen Ausgaben fr die Mobilmachung allein 2047 Millionen beansprucht, der September eine Ausgabe von 970 Millionen Mark, -- er blieb der einzige Kriegsmonat, dessen Ausgaben den Betrag einer Milliarde nicht berschritten. Schon der Oktober hatte eine Steigerung der Kriegsausgaben auf 1262 Millionen Mark gebracht. Die Ausgaben des Januar 1915 schlossen mit 1545 Millionen ab. Fr den Februar war ein hnlicher Betrag, fr den Mrz ein bereits erheblich hherer Bedarf angemeldet. In der Tat haben die Ausgaben des Mrz den Betrag von 2 Milliarden Mark noch um 35-1/2 Millionen berschritten und damit die Kosten des Mobilmachungsmonats nahezu erreicht. Bei allem meinem Vertrauen in die finanzielle Kraft Deutschlands erfllte mich diese Steigerung mit ernster Sorge. Die erste Kriegsanleihe hatte rund 4-1/2 Milliarden erbracht. Aber wenn auch diese Summe das Ergebnis aller bisher dagewesenen Anleiheoperationen weit bertraf, so deckte sie doch nur etwa die Kriegsausgaben der ersten drei Monate und nur etwas mehr als das Doppelte der Kriegsausgaben des einen Monats Mrz 1915. Als ich am 1. Februar 1915 das Schatzamt bernahm, waren an unverzinslichen Schatzanweisungen bereits wieder 4365 Millionen Mark im Umlauf, und dieser Umlauf stieg bis Ende Mrz 1915 auf 7209 Millionen Mark. Auch wenn man fr die im Mrz 1915 aufgelegte zweite Kriegsanleihe ein noch wesentlich hheres Ergebnis erwartete, als es die erste Kriegsanleihe erbracht hatte, mute man bei einem weiteren Steigen der monatlichen Kriegsausgaben mit einem fr das finanzielle Durchhalten verhngnisvollen Anschwellen der Begebung von Schatzanweisungen und damit -- da die Reichsbank der Hauptabnehmer war -- mit einem lawinenartigen Anwachsen des Notenumlaufs, einer schrittweisen Wertverringerung unseres Geldes und einer entsprechenden Steigerung des allgemeinen Preisniveaus rechnen. Nur die peinlichste Sparsamkeit konnte einer solchen Entwicklung entgegenwirken. Es war mir wie aller Welt bekannt, da in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch die mit der Beschaffung von Heeresbedarf aller Art betrauten Stellen der Heeresverwaltung keineswegs berall sachgem vorgegangen waren, sondern vielfach geradezu kopflos gehandelt hatten. Der dringende Bedarf gewaltigen Umfangs fr Ausrstung und Verpflegung unserer Truppen scheint in manchen darauf nicht vorbereiteten Bureaus geradezu eine Panik erzeugt zu haben. Unter dem Druck der Beschaffungsnotwendigkeit kam es zu der von mir spterhin berall auf das Schrfste bekmpften Parole: Geld spielt keine Rolle; es ist vorgekommen, da den Lieferanten hhere Preise angeboten worden sind, als sie ihrerseits zu fordern sich fr berechtigt hielten. Unter dem gleichen Drucke haben manche Beschaffungsstellen, statt mit dem Produzenten oder dem regulren Handel in Verbindung zu treten, sich mit Gelegenheits-Zwischenhndlern belster Sorte, wie der Krieg sie gleich Pilzen aus dem Boden schieen lie, in Geschfte eingelassen, die das Reich ber Gebhr belasteten und nicht die erforderliche Gewhr fr eine sachgeme Lieferung boten. Auch die Organisation der Beschaffung des Heeresbedarfs lie manches zu wnschen brig; es kam vor, da sich verschiedene Beschaffungsstellen gegenseitig Konkurrenz machten und sich, ohne es manchmal selbst zu wissen, die Preise in die Hhe boten. In allen diesen Punkten war zu Anfang des Jahres 1915 bereits vieles besser geworden. Nach der Aufregung und dem Durcheinander der ersten Mobilmachungszeit war Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt. Die Organisation der Beschaffung war vervollkommnet worden. Namentlich auf dem Gebiete der Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln fr die Armee hatte die schon im Laufe des August 1914 ins Leben gerufene Zentralstelle fr Heeresverpflegung fr eine sachgeme und einheitliche Behandlung dieses gewaltigen Einkaufsgeschftes gesorgt. Auch auf den brigen Gebieten wurden neue Vertrge grndlich geprft und eine Nachprfung der alten Vertrge in die Wege geleitet, der Gelegenheits-Zwischenhandel nach Mglichkeit ausgeschaltet und direkte Abschlsse mit den Produzenten angestrebt. Es war natrlich fr die Finanzverwaltung unmglich, alle die Abschlsse und Geschfte der Heeresverwaltung im einzelnen mitzubearbeiten oder auch nur zu kontrollieren; dazu htte ein Heer von Beamten gehrt, ber das ich nicht verfgte und das in den Verhltnissen des Krieges auch nicht zu beschaffen war; auerdem htte der Versuch zu einer kaum zu verantwortenden Erschwerung und Verschleppung der meist dringlichen Geschfte gefhrt. Es blieb also nur eine allgemeine Einwirkung im Sinne einer zweckmigen Organisation und sachgemen Behandlung der Beschaffung des Heeresbedarfs, sowie die Mitarbeit bei einzelnen wichtigen Vertrgen und die Kontrolle durch gelegentliche Stichproben. Darber hinaus betrachtete ich es als meine Aufgabe, die magebenden militrischen Stellen von der zwingenden Notwendigkeit einer eisernen Sparsamkeit zu berzeugen. Der verhngnisvolle Grundsatz: Geld spielt keine Rolle mute vom Kopfe her ausgebrannt werden. Nachdem ich eine hinreichende bersicht ber die Verhltnisse gewonnen hatte, reiste ich Ende April 1915 in das Groe Hauptquartier, um dort mit dem Chef des Generalstabs, dem Kriegsminister, dem Generalquartiermeister und dem Generalintendanten des Feldheeres ber die Mglichkeiten der Erzielung von Ersparnissen zu beraten. Wir kamen in mehrtgiger Beratung zu dem Ergebnis, da sowohl bei den sachlichen wie namentlich auch bei den persnlichen Ausgaben eine strengere Sparsamkeit sich ohne Beeintrchtigung der Kriegfhrung durchfhren lasse. Insbesondere die offensichtlich auf einen kurzen Krieg zugeschnittene Kriegsbesoldungsordnung und ihre Anwendung bot Spielraum zu geldersparenden Korrekturen. Aber auch in der Materialwirtschaft wurde vielfach noch gar zu sehr aus dem Vollen geschpft. Ich konnte in dieser Beziehung aus meinen Besuchen an der Front und vor allem aus einer Besprechung mit dem frheren Kriegsminister, General von Einem, damals Fhrer der Champagne-Armee, wertvolle Anregungen gewinnen. Da meine Bemhungen nicht ganz ohne Erfolg waren, zeigt die Entwicklung der Kriegsausgaben. Ich habe das Schatzamt verwaltet vom 1. Februar 1915 bis zum 1. Juni 1916. Die Ausgaben im Mrz 1915 stellten sich, wie ich bereits erwhnte, auf 2035,5 Millionen Mark. In den meisten der folgenden Monate blieben die Ausgaben hinter dem Betrage von 2 Milliarden Mark zurck. Im Mrz 1916 beliefen sie sich auf 2059 Millionen, also nur wenig hher, als ein Jahr zuvor. Die folgenden Monate April und Mai erforderten 1,884 und 2,008,5 Milliarden Mark. Die Ausgaben sind also in den sechzehn Monaten meiner Verwaltung nicht irgendwie nennenswert weiter angewachsen: und dieses Ergebnis ist erzielt worden trotz der Ausdehnung der Kriegsschaupltze, trotz der weiteren Vermehrung des Effektivbestandes unserer Truppen, trotz der gestiegenen Preise fr Nahrungsmittel und Rohstoffe und trotz der starken Ausdehnung der Fabrikation von Kriegsgert und Munition. Ich mu dabei hervorheben, da ich niemals auch nur in einem einzigen Fall Wnschen oder Absichten des Kriegsministeriums auf Beschaffung von Kriegsgert oder Munition entgegengetreten bin. Die Beurteilung des in dieser Beziehung fr die erfolgreiche Fhrung des Krieges Notwendigen konnte ich um so beruhigter der ausschlielichen Verantwortung der zustndigen militrischen Stellen berlassen, als die an mich herantretenden Antrge den Rahmen unserer finanziellen und wirtschaftlichen Leistungsfhigkeit in jener ersten Phase des Krieges nicht berschritten. Nur ein einziges Mal bin ich als Reichsschatzsekretr in die Lage gekommen, einer unsere militrische Ausrstung betreffenden Absicht Widerspruch entgegensetzen zu mssen, und dieser eine Fall ging nicht das Landheer an, sondern die Marine. Im Herbst 1915 wollte das Reichsmarineamt auf kaiserliche Anordnung fr einen gesunkenen Kreuzer ein groes modernes Schlachtschiff in Auftrag geben. Bei der auf drei bis vier Jahre veranschlagten Bauzeit war die Wahrscheinlichkeit, da dieser kostspielige Neubau noch fr den Krieg von Nutzen sein knnte, zum mindesten zweifelhaft. Auerdem htte der Neubau groe Anforderungen an die knappen Arbeitskrfte und Materialien gestellt und diese dem fr alle Eventualitten notwendigen U-Bootbau entzogen. Infolgedessen verweigerte ich meine Zustimmung und der Neubau unterblieb. Im brigen habe ich den verantwortlichen militrischen Behrden fr die Ausrstung des Heeres mit Kriegsgert und Munition durchaus freien Spielraum gelassen; in wichtigen Fllen, so in der Frage der Stickstoffbeschaffung und der Handelstauchboote, bin ich aus eigener Initiative, ohne militrische Antrge abzuwarten, mit Manahmen und Ausgaben vorgegangen, die der Kriegfhrung wesentlich zugutekamen. Ich stelle diesen Sachverhalt hier fest, um einer Legendenbildung entgegenzutreten, die sich spter, zur Zeit der Beratung des Gesetzes ber den vaterlndischen Hilfsdienst, herausgebildet hat. Damals wurde ausgestreut -- ich habe nicht ermitteln knnen, von welcher Seite -- die unbefriedigenden Zustnde in der Munitionserzeugung, die sich um die Mitte des Jahres 1916 herausgestellt hatten, seien auf Geldverweigerungen des Reichsschatzamts zurckzufhren. Ich habe damals schon im Hauptausschu des Reichstags in Gegenwart der Vertreter der fr die Munitionsbeschaffung zustndigen militrischen Stellen dieselbe Feststellung gemacht wie hier, da in keinem einzigen Fall die Beschaffung von Kriegsgert und Munition durch ein Eingreifen des Schatzamtes verhindert oder auch nur verzgert worden ist. Auf die tatschlichen Zustnde in der Munitionserzeugung um die Mitte des Jahres 1916 komme ich weiter unten im Zusammenhang mit dem Vaterlndischen Hilfsdienst zurck. Die Kriegsanleihen Die ungeheuren Kosten des Krieges, die bisher in der Geschichte der Vlker auch nicht annhernd ihresgleichen hatten -- berschritt doch bereits im Jahre 1915 die durchschnittliche Monatsausgabe Deutschlands die deutschen Gesamtaufwendungen fr den Krieg von 1870/71 -- stellten die Finanzpolitik der kriegfhrenden Vlker vor ganz neue Aufgaben und Probleme. Der gesamte Umlauf an metallischen und papiernen Zahlungsmitteln in Deutschland bewegte sich vor dem Kriege zwischen 4 und 5 Milliarden Mark. Der Krieg machte schon im Jahre 1915 die monatliche Beschaffung und Verausgabung von 2 Milliarden Mark erforderlich, ein Betrag, der gegen Ende des Krieges auf nahezu 5 Milliarden Mark angewachsen ist. Das gesamte jhrliche Volkseinkommen Deutschlands hatte vor dem Kriege einen Betrag von 42 bis 45 Milliarden Mark erreicht. Die Kriegsausgaben des Jahres 1915 stellten sich auf rund 23 Milliarden Mark, die Kriegsausgaben des Jahres 1918 auf 50,2 Milliarden Mark. Diese Gegenberstellung lt ermessen, was die Beschaffung und Verausgabung der fr den Krieg erforderlichen Gelder fr die deutsche Finanzwirtschaft und Volkswirtschaft bedeutete. Drei grundstzlich verschiedene Wege standen den kriegfhrenden Staaten zur Aufbringung der Mittel fr die Kriegfhrung zur Verfgung und sind von allen kriegfhrenden Staaten gleichzeitig benutzt worden, allerdings in verschiedenem Mae und in einem sich whrend des Krieges erheblich verschiebenden Verhltnis: 1. Die Schaffung neuer Kaufkraft zugunsten des Staates im Weg des unmittelbaren Druckes von Papiergeld oder der Begebung von Schatzanweisungen gegen die Ausgabe neuer Banknoten oder gegen die Schaffung neuer Guthaben. 2. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der Begebung von Anleihen gegen vorhandene Zahlungsmittel. 3. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der Erhebung von Steuern. Der erste Weg ist der bequemere aber gefhrlichere; der zweite und namentlich der dritte Weg ist schwieriger aber gesunder. Der erstere Weg fhrt notwendigerweise zu einer sich fortgesetzt steigernden berfllung des Verkehrs mit Zahlungsmitteln (Inflation) und zu einer in der sich berstrzenden Steigerung aller Preise zum Ausdruck kommenden Entwertung des Geldes. Der zweite Weg vermeidet diese Gefahr, aber er belastet, ebenso wie der erste, die Zukunft. Der dritte Weg schlielich, der sowohl die Inflation, wie auch die Belastung der Zukunft vermeidet, fhrt ber solche Widerstnde und Hemmungen wirtschaftlicher und politischer Natur, da kein kriegfhrender Staat auf diesem Wege allein seinen Kriegsbedarf auch nur annhernd hat decken knnen. Alle kriegfhrenden Staaten sahen sich zunchst auf den Weg der Schaffung neuer Kaufkraft fr den Kriegsbedarf gedrngt. In der Hauptsache nahmen sie ihre Zentralbanken durch die Diskontierung kurzfristiger Schatzscheine gegen Noten oder Gutschrift in Anspruch. Sie konnten nicht anders; denn die gewaltigen Zahlungen fr die Mobilmachung muten geleistet werden, whrend die Geldmrkte in der ersten Panik die schwerste Klemme durchmachten, also Bargeld nicht nur nicht abgeben konnten, sondern fr sich selbst bentigten. Hunderte von Millionen, ja Milliarden neuen Geldes ergossen sich also in den ersten Wochen des Krieges ber die Volkswirtschaft. Alles, was fr das Heer zu liefern hatte, wurde bar bezahlt. Auf dem Wege ber die Arbeitslhne und die Gebhrnisse fr Offiziere und Mannschaften drang der neue Geldstrom bis in die kleinsten Kanle des Verkehrs. Die Geldklemme der ersten Kriegstage wurde bald durch eine wachsende Geldflssigkeit abgelst. Wenn einer bedenklichen Inflation vorgebeugt werden sollte, dann mute durch eine nderung der Geldbeschaffung der allzu reichlich flieende Quell der papiernen Scheine verstopft und die Hochflut neuer Zahlungsmittel aufgesaugt werden. Die Begebung langfristiger Anleihen und die Ausschreibung neuer Steuern standen zu diesem Zweck zur Verfgung. Man whlte bei uns den Weg der Anleihe (September 1914) und erzielte mit einem Zeichnungsergebnis von fast 4-1/2 Milliarden Mark den bereits geschilderten Erfolg. Als ich das Schatzamt Anfang Februar 1915 bernahm, war der Etatsentwurf fr das kommende Rechnungsjahr im wesentlichen fertiggestellt. Es war darin ein neuer -- dritter -- Kriegskredit von abermals 5 Milliarden Mark vorgesehen, den ich auf 10 Milliarden Mark erhhte. Steuern waren nicht vorbereitet. Der Reichsbankprsident schlug mir fr den Mrz die Ausgabe einer zweiten Kriegsanleihe vor. Mit dieser Situation hatte ich mich zunchst abzufinden. Steuergesetze lassen sich nicht aus dem rmel schtteln, namentlich nicht in einem Bundesstaat. Bis zum Zusammentritt des Reichstags standen nur wenige Wochen zur Verfgung. Da der Reichsetat in seinen ordentlichen Einnahmen und Ausgaben infolge der bernahme der gesamten Ausgaben fr Heer und Marine auf den Kriegsfonds balancierte, ja sogar noch die Aufrechterhaltung der planmigen Schuldentilgung gestattete, konnte die recht schwierige und umstrittene Frage der Kriegssteuern fr dieses Mal auf sich beruhen bleiben. Um so mehr kam es darauf an, die Anleihe zu einem vollen Erfolge zu fhren. Der Erfolg unserer ersten Kriegsanleihe und ihre Kursentwicklung nach der Zeichnung -- der Kurs stieg alsbald ber den Ausgabekurs von 97-1/2% und erreichte zeitweise 100% -- hatten gezeigt, da die Anleihebedingungen richtig gegriffen waren. Ein Vergleich mit England, dem einzigen kriegfhrenden Staat, der auer uns schon im Jahre 1914 mit einer groen Anleihe an das Publikum herantrat, mute diesen Eindruck besttigen. Bei uns hatte man sich sofort entschlossen, den Kriegsverhltnissen durch die Gewhrung einer 5%igen Verzinsung Rechnung zu tragen. England, das zwei Monate nach uns, im November 1914, eine Anleihe im Betrage von 350 Millionen Pfund Sterling auflegte, gewhrte nur eine 3-1/2%ige Verzinsung bei einem Ausgabekurs von 95%. Die Anleihe wurde vom Publikum nicht voll genommen; die englischen Grobanken muten sich am letzten Zeichnungstage unter dem sanften Druck der britischen Regierung entschlieen, 100 Millionen fr sich zu bernehmen, um wenigstens den Anschein eines Erfolges zu retten. Der Kurs der Anleihe ging alsbald unter den Ausgabekurs (95%) und sank im Frhjahr 1915 bis 87-1/2% herab. Der Mierfolg war eingetreten, obwohl die Bank von England den Zeichnern weit grere Erleichterungen gewhrte, als unsere Darlehnskassen. Die Bank von England erklrte sich bereit, die Kriegsanleihe sofort bis zur vollen Hhe des Ausgabekurses zu einem Satz von 1% unter Bankdiskont zu bevorschussen, whrend unsere Darlehnskassen Beleihungen nur bis zu 75% und zu einem Satz von 1/4% ber Bankdiskont vornahmen. Sowohl der eigene Erfolg wie der britische Mierfolg konnten uns also nur bestrken, an dem im September 1914 gewhlten Anleihetyp festzuhalten. Das war auch die Meinung aller Sachverstndigen aus der Bankwelt, den Sparkassen und Genossenschaften, mit denen ich mich alsbald nach bernahme des Schatzamtes in Verbindung setzte. Notwendig erschien aber eine weitere Ausgestaltung der Werbettigkeit. Der Ertrag der ersten Anleihe von 4-1/2 Milliarden Mark mute, um unsere Kriegsfinanzen flottzuerhalten, ganz erheblich bertroffen werden. Dazu war es erforderlich, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit fr die Anleihe zu interessieren. Es gilt -- so habe ich in meiner Antrittsrede im Reichstag ausgefhrt -- dem ganzen Volk klarzumachen, da dieser Krieg mehr als irgendein anderer zuvor nicht nur mit Blut und Eisen, sondern auch mit Brot und Geld gefhrt wird. Fr diesen Krieg gibt es nicht nur eine allgemeine Wehrpflicht, sondern eine allgemeine Sparpflicht und eine allgemeine Zahlpflicht. Der Verschwender notwendiger Lebensmittel und der Mammonsknecht, der sich nicht von seinem Gelde trennen kann, ist um kein Haar besser als der Deserteur, der sich seiner Wehrpflicht entzieht. Unser Ruf, der Ruf der finanziellen Kriegsleitung, geht an alle, an Gro und Klein, und Schande ber jeden, der sich taub stellt! Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht mute hunderttausendfltig den Kpfen eingehmmert werden. Das war durch einige Ministerreden allein nicht zu erreichen, auch wenn diese von dem Standort der grten Publizitt, der Tribne des Reichstags, gehalten wurden. Es bedurfte vielmehr einer weitverzweigten, wohlgegliederten und engmaschigen Organisation ber das ganze deutsche Land. In dieser Beziehung muten die im September 1914 geschaffenen Anfnge ausgebaut werden. Zunchst wurde der Kreis der Zeichnungsstellen erweitert; neben den Banken, Sparkassen und Versicherungsgesellschaften wurden smtliche Kreditgenossenschaften und Postanstalten als Zeichnungsstellen aufgetan. Dann wurde im Zusammenwirken mit den Landesregierungen die Aufklrungs- und Werbearbeit organisiert: die Landrte, die Gemeindevorsteher, die Geistlichen, die Lehrer, nicht zum wenigsten die Zeitungen wurden fr diese Arbeit mobilgemacht. Merkbltter, die alles Wissenswerte ber die Kriegsanleihen enthielten, wurden in Millionen von Exemplaren verbreitet; Mustervortrge und fr die Werbearbeit in Betracht kommendes Material wurden den rtlichen Propagandaorganisationen berwiesen. Es war fr den Reichsbankprsidenten und fr mich eine Freude zu sehen, mit welchem patriotischen Eifer berall die Werbettigkeit aufgenommen wurde, und wie sich allerorten freiwillige Mitarbeiter zur Verfgung stellten. Der Erfolg bertraf alle Erwartungen. Die zweite Kriegsanleihe erbrachte ein Ergebnis von 9100 Millionen Mark, also mehr als den doppelten Ertrag der ersten Kriegsanleihe. Die im September 1915 ausgegebene dritte Kriegsanleihe erzielte sogar einen noch greren Erfolg: der gezeichnete Betrag erreichte die Summe von 12160 Millionen Mark. Insgesamt wurden also im Jahre 1915 rund 21260 Millionen Mark auf dem Anleiheweg aufgebracht, whrend die Kriegskosten des Jahres 1915 sich auf 22965 Millionen beliefen. Die Kriegskosten des Jahres 1915 wurden also bis auf einen nicht erheblichen Bruchteil durch den Ertrag der Anleihen des Jahres 1915 gedeckt. Fr die zweite Hlfte des Jahres 1915 war das Verhltnis noch gnstiger: die Kriegsausgaben stellten sich auf 12091 Millionen, der Ertrag der Kriegsanleihe auf 12160 Millionen. Als die Zeichnungsfrist der dritten Kriegsanleihe Ende September 1915 ablief, waren an kurzfristigen Schatzanweisungen begeben rund 10 Milliarden Mark. Der Ertrag der dritten Kriegsanleihe bertraf diese Summe um rund 2 Milliarden Mark. Die Belastung des Reiches mit kurzfristigem Kredit war also durch die dritte Kriegsanleihe vollstndig abgebrdet. Die vierte Kriegsanleihe, die letzte in meiner Amtszeit als Reichsschatzsekretr, zeigte allerdings gegenber der dritten einen leichten Rckgang: sie ergab 10768 Millionen Mark, also rund 1400 Millionen Mark weniger als die dritte, aber immer noch 1668 Millionen mehr als die zweite Kriegsanleihe. Das Ergebnis war zweifellos beeintrchtigt worden durch den damals heftige Formen annehmenden Streit um den U-Bootkrieg und den in die Zeichnungsperiode fallenden Rcktritt des Groadmirals von Tirpitz. Dem Ertrag der vierten Kriegsanleihe standen gegenber die Kriegsausgaben des ersten Halbjahrs 1916 mit rund 11750 Millionen Mark. Die Kriegsausgaben waren also in diesem Halbjahr um rund eine Milliarde Mark hher als der Anleiheertrag. Als Ende Mrz 1916 die Zeichnungsfrist auf die vierte Kriegsanleihe ablief, stellte sich der Betrag der vom Reich ausgegebenen kurzfristigen Schatzanweisungen auf 10400 Millionen Mark. Das Zeichnungsergebnis der vierten Kriegsanleihe mit 10768 Millionen Mark deckte also auch dieses Mal noch den Betrag der ausstehenden Schatzanweisungen. Als ich am 31. Mai 1916 das Schatzamt verlie, stellten sich die Kriegsausgaben des Reiches auf rund 39780 Millionen Mark. Davon waren durch die vier Kriegsanleihen gedeckt rund 36 Milliarden Mark. Kein anderer kriegfhrender Staat hat eine auch nur annhernd gleich erfolgreiche Anleihepolitik durchzufhren vermocht. England sah sich nach dem ungengenden Erfolg seiner ersten Kriegsanleihe vom November 1914 zunchst zur Geldbeschaffung im Wege des kurzfristigen Kredits gentigt. Im Juni 1915 legte es eine zweite langfristige Anleihe auf, dieses Mal mit einer nominellen Verzinsung von 4-1/2%. Whrend man in Deutschland whrend des ganzen Krieges bei der von Anfang an gewhlten 5%igen Verzinsung bleiben konnte, war England also gezwungen, bereits bei der zweiten Kriegsanleihe einen um 1% hheren Zinssatz zu gewhren als bei der ersten. Es hat spterhin bei der dritten Anleihe im Februar 1917 auf 5% gehen und einen Emissionskurs von 95% anbieten mssen, whrend Deutschland bis zuletzt fr seine gleichfalls 5%igen Kriegsanleihen einen Ausgabekurs von 98% festhalten konnte. Die englische Kriegsanleihe vom Juni 1915 wurde dem Publikum durch allerlei Reizmittel schmackhaft gemacht; so wurde dem Publikum der Umtausch sowohl der ersten 3-1/2%igen Kriegsanleihe als auch der 2-1/2%igen Konsols zu bestimmten gnstigen Stzen gegen die neue 4-1/2%ige Kriegsanleihe unter der Bedingung der gleichzeitigen Barzeichnung auf die neue Anleihe freigestellt; vor allem aber erhielten die Zeichner die Berechtigung, fr den spter praktisch gewordenen Fall der Ausgabe einer hher verzinslichen Anleihe die 4-1/2%igen Stcke ohne weiteres gegen Stcke der neuen hher verzinslichen Anleihe tauschen zu drfen. Trotz aller dieser Reizmittel erreichte die Zeichnung, abgesehen von den Tauschstcken, nicht ganz 600 Millionen Pfund Sterling. Um dieses Ergebnis zu erreichen, muten die Banken 200 Millionen bernehmen. Der Kurs der neuen Anleihe ging alsbald um einige Prozent unter den Ausgabekurs zurck. Der Markt war durch die verfehlte Operation derartig gestrt und das Schatzamt war durch das fr die Zukunft zugestandene Konversionsrecht derartig behindert, da bis zum Februar 1917 eine neue Anleiheoperation berhaupt nicht zustande kam. Ende Mai 1916 hatte Deutschland 36 Milliarden Mark, England nur 19 Milliarden Mark durch die Begebung langfristiger Anleihen aufgebracht. Und obwohl England, im Gegensatz zu Deutschland, damals schon die Steuerschraube stark angezogen hatte, stellten sich seine kurzfristigen Verbindlichkeiten auf nicht viel weniger als 20 Milliarden Mark, whrend die unsrigen nur zwischen 4 und 5 Milliarden betrugen. Frankreich kam erst im November 1916 mit einer Anleihe heraus. Sie war mit einer 5%igen Verzinsung ausgestattet und wurde zum Kurs von 88% begeben. Ihr Ergebnis belief sich, abgesehen von dem auch hier als Lockmittel zugelassenen Umtausch lterer niedriger verzinslicher Anleihen, auf rund 13,7 Milliarden Franken, also um etwa auf 12 Milliarden Mark. Man kann annehmen, da Frankreich um die Mitte des Jahres 1916 etwa zwei Drittel seiner Kriegskosten durch Inanspruchnahme kurzfristiger Kredite und Darlehen seiner Zentralbank hatte decken mssen. Dabei waren sowohl England als auch Frankreich in einem Punkte wesentlich gnstiger gestellt als wir: es stand ihnen die finanzielle Untersttzung der Vereinigten Staaten von allem Anfang an in wesentlich grerem Umfang zur Verfgung als uns. Die Sympathien der amerikanischen Finanzwelt und des Publikums waren ganz vorwiegend auf der Seite der Westmchte. Whrend England und Frankreich ohne jede Schwierigkeit die gewnschten Kredite erhalten und im Herbst 1915 sogar eine gemeinschaftliche Anleihe von 500 Millionen Dollar mit einem amerikanischen Finanzkonsortium abschlieen konnten, hatten wir die grten Schwierigkeiten, auch nur die bescheidensten Betrge in Amerika aufzubringen. Gleich nach Beginn des Kriegs hatte die Reichsleitung den frheren Staatssekretr des Reichskolonialamts, Herrn Dernburg, nach Amerika geschickt, in der Hoffnung, durch seine Vermittlung in Amerika Geldquellen erschlieen zu knnen. Aber auch seinen Bemhungen gelang es nicht, etwas Nennenswertes zu erreichen. Bald nach meiner bernahme des Reichsschatzamtes gelang es allerdings, durch ein Bankhaus zweiten Ranges Schatzscheine wenigstens in dem bescheidenen Betrag von 10 Millionen Dollar unterzubringen. Aber bald mute der grte Teil davon wieder zurckgekauft werden, um eine fr unsern Kredit bedenkliche Entwertung zu verhindern. Es ist spter gegen unsere Kriegsfinanzpolitik mitunter der Vorwurf erhoben worden, sie habe versumt, Amerika rechtzeitig finanziell fr uns zu interessieren, und es so geschehen lassen, da die Vereinigten Staaten ein einseitiges Interesse an unsern Feinden genommen htten. Der Vorwurf beruht auf einer Verkennung der wahren Sachlage. Als im Mrz 1916 ein Abgeordneter im Hauptausschu des Reichstags mich beglckwnschte, da ich den Geldbedarf fr den Krieg im Inland decken knne und nicht, wie die Englnder und Franzosen, nach Amerika gehen msse, da antwortete ich, da der Redner meine tugendhafte Enthaltsamkeit berschtze, und da ich gern von Amerika Geld nehmen wrde, wenn ich es nur bekommen knnte. Die Amerikaner haben im weiteren Verlauf des Weltkriegs nicht etwa deshalb fr die Entente Partei genommen, weil sie dieser Geld gegeben hatten und uns nicht, sie hatten vielmehr der Entente Geld gegeben und nicht uns, weil sie von Anfang an in diesem Vlkerringen mit ihren ganz berwiegenden Sympathien auf der Seite der Westmchte standen. Trotzdem wir so viel strker auf die eigne Kraft angewiesen waren als unsre Feinde, gelang es uns, mit unsrer Anleihepolitik den geschilderten Vorsprung zu gewinnen. Aber auch bei uns in Deutschland hat sich die gnstige Situation, die bei meinem Ausscheiden aus dem Schatzamt noch bestand, spterhin stark verndert. Unter der Einwirkung der seit dem Herbst 1916 ins Ungemessene wachsenden Kriegsausgaben hat sich, trotzdem jetzt das Ertrgnis der Kriegssteuern hinzutrat, das gnstige Verhltnis zwischen Kriegsausgaben und Anleihedeckung nicht aufrechterhalten lassen; die Reichsfinanzverwaltung hat sich vielmehr von Halbjahr zu Halbjahr immer weiter auf den bedenklichen Weg des kurzfristigen Kredits und der Inanspruchnahme der Reichsbank abgedrngt gesehen. Die Kriegsausgaben, die noch im August 1916 rund 1980 Millionen betragen hatten, berschritten im Oktober 1916 erstmals die Summe von 3 Milliarden. Seit April 1917 sind sie niemals wieder unter 3 Milliarden im Monat hinabgegangen, im Oktober 1917 berschritten sie den Betrag von 4 Milliarden und haben sich seit jener Zeit mit einer Tendenz zur weiteren Steigerung fast stndig ber dem Monatsbetrag von 4 Milliarden bewegt. Im Oktober 1918 wurde die ungeheure Summe von 4,8 Milliarden Mark erreicht. Einem Gesamtaufwand fr den Krieg von 23 Milliarden Mark im Jahre 1915 steht ein solcher von mehr als 50 Milliarden im Jahre 1918 gegenber. Mit diesem gewaltigen Anwachsen der Kriegsausgaben hielt die Steigerung des Ergebnisses der Kriegsanleihen nicht Schritt. Den hchsten Ertrag hat die achte Kriegsanleihe vom Mrz 1918 mit 15 Milliarden Mark erbracht; aber die durch diese Anleihe zu deckende Halbjahresausgabe stellte sich auf wesentlich mehr als 20 Milliarden Mark. Der Erls dieser Anleihe lie einen Betrag von 24 Milliarden kurzfristiger Schatzanweisungen ungedeckt, whrend zwei Jahre zuvor die vierte Kriegsanleihe die damals begebenen Schatzanweisungen noch restlos abgedeckt hatte. Jetzt hat sich, nach den Mitteilungen der Reichsfinanzminister Schiffer und Dernburg in der Nationalversammlung, der Betrag der ausgegebenen Reichsschatzanweisungen und Reichswechsel auf den ungeheuren Betrag von weit mehr als 60 Milliarden Mark erhht! Vom Herbst 1916 an ist also die Deckung unserer Kriegsausgaben auf die schiefe Ebene geraten und mit wachsender Beschleunigung abwrts gerollt. Kriegssteuern Diese im Herbst 1916 einsetzende bedenkliche Entwicklung unserer Kriegsfinanzwirtschaft legt die Frage doppelt nahe, ob nicht frher und in strkerem Mae, als es geschehen ist, neue Steuern zur Deckung der Kriegsausgaben htten herangezogen werden sollen. Heute, wo wir alle vom Rathaus kommen, wird diese Frage im Brustton der berzeugung bejaht von Leuten, die im Rathause selbst noch ganz anderer Meinung gewesen sind. Und diese Treppenklugheit erfreut sich des allgemeinen Beifalls. Steuern als Mittel zur Deckung des Kriegsbedarfs haben mit der Aufbringung durch die Ausgabe langfristiger Anleihen den Vorteil gemeinsam, da sie lediglich bereits vorhandene Kaufkraft aus den Hnden Privater in die Hnde des Staates legen, da also die Volkswirtschaft sich nicht den Gefahren der berflutung mit neuen Zahlungsmitteln aussetzt; da ferner der Staat vor dem Damoklesschwert der kurzfristigen Verbindlichkeiten gewaltigen Umfangs bewahrt bleibt. Vor dem Anleiheweg hat der Steuerweg den Vorteil voraus, da er die endgltige Lsung der Deckungsfrage darstellt, whrend die Anleihe die Deckungsfrage fr Zinsen und Tilgung auf die Zukunft schiebt. Aber wenn es schon in normalen Zeiten ein anerkannter Grundsatz der staatlichen Finanzwirtschaft ist, da neben der Steuer auch die Anleihe, also das Verschieben der Belastung auf die Zukunft, ihre Berechtigung hat, so kann im Kriege der Vorzug der endgltigen Deckung erst recht nicht ohne weiteres zugunsten der Steuern den Ausschlag geben. In der Tat hat kein kriegfhrendes Land auf dem Steuerweg allein seinen Kriegsbedarf aufgebracht oder auch nur einen erheblichen Teil seiner Kriegsausgaben gedeckt. Auch England nicht. Die britischen Minister haben sich zwar zu Anfang des Krieges auf die gute alte Tradition berufen, die Gelder fr den Krieg soweit wie mglich durch Steuern zu beschaffen, was sogar in den langen und kostspieligen napoleonischen Kriegen bis zu 45% der gesamten Kriegskosten gelungen war. Der Weltkrieg hat aber so enorme finanzielle Ansprche gestellt, da auch England, so stark es die Steuerschraube anzog, nur einen sehr bescheidenen Bruchteil der Kriegskosten durch Kriegssteuern zu decken vermochte. Bis zum Ablauf des Finanzjahres 1917/18 stellten sich die englischen Kriegskosten (ohne die bei uns in Deutschland auf den ordentlichen Etat genommenen und durch laufende Einnahmen gedeckten Zinsen der Kriegsanleihen) auf rund 120 Milliarden Mark, die steuerliche Deckung auf rund 15 Milliarden Mark[2] gleich 12-1/2% der zu deckenden Kriegsausgaben. Dabei kamen von den 15 Milliarden Mark rund 7-1/2 Milliarden Mark, also die Hlfte, auf die Kriegsgewinnsteuer. [2] Siehe =Prion=, Steuer- und Anleihepolitik Englands whrend des Krieges, S. 24. Das Beispiel Englands zeigt also, wie bescheiden angesichts der enormen Kosten des Weltkrieges das Ziel bei einer Finanzierung eines Teiles der Kriegskosten durch Steuern gesteckt werden mute. Dabei lagen bei uns in Deutschland die Verhltnisse fr die Ausschreibung von Kriegssteuern ungleich ungnstiger als in England. Schon die bundesstaatliche Verfassung des Reiches bedeutete eine empfindliche Einschrnkung der Bewegungsfreiheit der Reichsfinanzverwaltung. Die Bundesstaaten beanspruchten das Gebiet der direkten Steuern als ihre Domne und setzten einem Hinbergreifen des Reiches auf dieses Gebiet starken Widerstand entgegen; nicht etwa nur die einzelstaatlichen Regierungen, sondern auch die einzelstaatlichen Landtage. Demgegenber gab es wohl Druckmittel, aber keine Zwangsmittel. Auch die Druckmittel waren nur beschrnkt anwendbar; denn ber die Tatsache war nicht hinwegzukommen, da die Einzelstaaten und neben ihnen die Kommunen und Kommunalverbnde fr die Deckung ihres im Kriege gleichfalls anwachsenden Geldbedarfs sich in der Hauptsache auf die direkten Steuern angewiesen sahen. Auf der andern Seite hatte die Erfahrung gezeigt, da im Reichstag indirekte Steuern nur in Verbindung mit Reichssteuern auf Besitz und Einkommen Aussicht auf Annahme hatten. Dazu kam der doktrinre Standpunkt der Sozialdemokratie, die indirekte Steuern grundstzlich ablehnte. Da ohne eine starke Heranziehung indirekter Steuern auf Verbrauch und Verkehr ein praktisch durchfhrbares Steuerprogramm berhaupt nicht denkbar war -- auch England hat im Krieg seine Verbrauchs- und Verkehrssteuern stark erhht --, so drohte also von einem Versuch mit Kriegssteuern eine Gefhrdung des seit dem 4. August 1914 behteten Burgfriedens. Schlielich war zu bercksichtigen, da die Abschnrung Deutschlands von der Auenwelt uns eine Reihe ergiebiger Steuerquellen verschlossen hatte, die England nach wie vor zur Verfgung standen. England konnte den Einfuhrzoll auf Kaffee, Tee und Kakao mit guter Wirkung erhhen; bei uns gab es an diesen Genumitteln keine nennenswerte Einfuhr mehr. England konnte Bier und Branntwein mit groen Summen heranziehen; wir muten die Herstellung von Trinkbranntwein verbieten und die Bierbrauerei auf das uerste einschrnken. Der Spielraum fr die als Domne des Reiches anerkannte indirekte Besteuerung war also durch den Krieg selbst auf das Empfindlichste eingeschrnkt. Darber hinaus war dem deutschen Volk durch den britischen Wirtschafts- und Hungerkrieg eine so ungleich grere Belastung seines Lebens und seiner Wirtschaft auferlegt als unsern Feinden, denen auer den eigenen Hilfsquellen die finanzielle und wirtschaftliche Untersttzung der berseeischen Welt, namentlich Amerikas, zur Verfgung stand, da sich die Frage von selbst aufwarf: Ist es zu verantworten, und wie weit ist es zu verantworten, dem deutschen Volk whrend des Krieges selbst im Steuerwege Lasten aufzubrden, die es voraussichtlich erheblich leichter nach Wiederherstellung des Friedens wrde bewltigen knnen? Aber so gro diese Bedenken und Schwierigkeiten auch waren, ein unbersteigliches Hindernis fr jedes Anziehen der Steuerschraube whrend des Krieges durften sie nicht bilden. Es war bei lngerer Dauer des Krieges mit Zwangsmomenten zu rechnen, die kaum eine andere Wahl lassen wrden, als neben den Anleihen auch die Steuern in Anspruch zu nehmen. Eines dieser Zwangsmomente war in verhltnismig naher Zeit mit Sicherheit zu erwarten: die Notwendigkeit, den ordentlichen Etat, dessen Belastung durch die Zinsen der Kriegsanleihen stark zunehmen mute, im Gleichgewicht zu halten. Wenn man will, ein formaler Gesichtspunkt, wie berhaupt die Ordnung etwas Formales ist. Aber dieser formale Gesichtspunkt gab wenigstens einen bestimmten Anhalt, whrend die Frage, welcher Prozentsatz der eigentlichen Kriegsausgaben durch Steuern gedeckt werden sollte, nur durch einen ganz willkrlichen Griff htte entschieden werden knnen. Auerdem konnte von der steuerlichen Deckung der Anleihezinsen noch whrend des Krieges, die als ein lsbares Problem sich darstellte, ein immerhin recht wertvolles Zehrgeld fr die bergangszeit bis zur endgltigen Neuordnung der Reichsfinanzen erwartet werden, ein Zehrgeld, das um so ntiger erscheinen mute, als fr die Friedenszeit mit erheblich greren Schwierigkeiten in der Aufnahme von Anleihen zu rechnen war als whrend des Krieges. Der Krieg bedeutete fr zahlreiche Unternehmungen den Ausverkauf ihrer Bestnde, ohne da Neuanschaffungen mglich waren. Das fr Neuanschaffungen nicht verwendbare Geld stand fr die Kriegsanleihen zur Verfgung. Nach dem Friedensschlu mute sich diese Sachlage ndern: die Unternehmungen wrden -- das war zu erwarten -- flssige Mittel brauchen, um ihre geleerten Bestnde an Rohstoffen, Halbfabrikaten, Fertigwaren usw. wieder aufzufllen, ihren technischen und maschinellen Apparat zu erneuern und zu ergnzen. Mit der Fortsetzung des Kreislaufs, in dem der grere Teil des als Kriegsausgabe vom Reich hinausgegebenen Geldes als Einzahlung auf Anleihen an das Reich wieder zurckflo, war also nicht zu rechnen. Auch konnte niemand erwarten, da nach Friedensschlu die Anleihezeichnung in demselben Mae noch als patriotische Pflicht aufgefat werden wrde wie whrend des Krieges. Um so wichtiger und unerllicher war es, rechtzeitig dafr zu sorgen, da fr die bergangszeit bereits Neueinnahmen ausreichenden Umfanges zur Verfgung stehen wrden. Das zweite Zwangsmoment, das whrend meiner Verwaltung des Schatzamts praktisch noch nicht in Erscheinung trat, sich aber spter in bedenklichem Umfang einstellte, war die volkswirtschaftliche Notwendigkeit, einer Inflation und ihren verhngnisvollen Begleiterscheinungen entgegenzuwirken. Solange die Anleihebegebung die Kriegskosten annhernd deckte, lag keine Gefahr vor. Wenn aber, was vom Herbst 1916 an in steigendem Mae der Fall war, der Ertrag der Anleihen hinter den Kriegsausgaben zurckblieb, so entstand ein Vakuum, das nur durch Schaffung neuer Zahlungsmittel seitens des Staates, also um den Preis der Inflation, ausgefllt werden konnte -- oder durch ein starkes Anziehen der Steuerschraube. Zum mindesten lag dann angesichts der zersetzenden und verheerenden Wirkungen der Inflation die Notwendigkeit vor, durch das Mittel der Besteuerung nach Mglichkeit entgegenzuarbeiten. Nach diesen Erwgungen habe ich whrend meiner Amtszeit als Schatzsekretr die Finanzpolitik gefhrt. Als ich den Haushaltsplan fr 1915/16 beim Reichstag einbrachte, mute ich von Kriegssteuern absehen, da, als ich wenige Wochen zuvor das Amt bernahm, nichts in dieser Richtung vorbereitet war; ich konnte von Kriegssteuern absehen, da noch keines der geschilderten Zwangsmomente vorlag. Ich habe spterhin hufig den Vorwurf gehrt, ich htte mich damals grundstzlich gegen die Erhebung von Kriegssteuern ausgesprochen. Das ist ein Irrtum, der auch durch fteres Wiederholen nicht zur Wahrheit geworden ist. Ich habe in meiner Etatsrede vom 10. Mrz 1915 ausdrcklich darauf hingewiesen, da der Voranschlag fr das kommende Rechnungsjahr ohne Kriegssteuern balanciere, obwohl nicht nur die Verzinsung der bis dahin aufgelaufenen Kriegsschulden auf den ordentlichen Etat bernommen, sondern auch die planmige Tilgung der alten Reichsschuld aufrechterhalten worden war. Ich habe hinzugefgt: Der zwingende Anla, aus Grnden der rechnungsmigen Balancierung des ordentlichen Etats zu neuen Steuern zu greifen, liegt also fr uns nicht vor, =jedenfalls zur Zeit noch nicht=. Unter diesen Umstnden haben die verbndeten Regierungen geglaubt, =zur Zeit= von der Einbringung von Kriegssteuern Abstand nehmen zu knnen. In den folgenden Monaten lie ich in meinem Amt die in Betracht kommenden Kriegssteuern durcharbeiten. Fr den 10. Juli 1915 hatte ich die bundesstaatlichen Finanzminister zu einer Besprechung der finanziellen Lage eingeladen. Ich stellte auf dieser Versammlung auch die Frage der Kriegssteuern zur Errterung. Die Finanzminister kamen in eingehender Aussprache zu einem Einverstndnis darber, da dem Reichstag auch in der fr den 10. August in Aussicht genommenen Tagung Kriegssteuern nicht vorgeschlagen werden sollten. Ich erklrte damals ausdrcklich, da ich den Verzicht auf Kriegssteuern, der mir persnlich nicht leicht werde, nur dann wrde durchhalten knnen, wenn nicht ein weiterer Winterfeldzug ntig werde. Diesem Standpunkt getreu habe ich im Winter 1915/16 den Bundesrat und den Reichstag mit einer Anzahl von Steuervorlagen befat. Die zwingende Notwendigkeit lag jetzt vor; denn trotz der bernahme der gesamten laufenden Ausgaben fr Heer und Flotte auf den Kriegsfonds zeigte der ordentliche Etat einen rechnungsmigen Fehlbetrag von 480 Millionen Mark, dessen starke Erhhung im wirklichen Ergebnis mit Sicherheit zu erwarten war. Meine Vorschlge umfaten: 1. Eine Kriegsgewinnsteuer. 2. Eine Anzahl von Verbrauchs- und Verkehrssteuern, nmlich eine Erhhung der Tabakabgaben, einen Quittungsstempel, einen Frachturkundenstempel und Zuschlge zu den Post- und Telegraphengebhren. Die Einbringung des Kriegsgewinnsteuergesetzes entsprach den Wnschen aller Parteien. Dagegen stie jeder weitere Schritt auf erhebliche Schwierigkeiten. Schon innerhalb des Kreises der Reichsleitung hatte ich es nicht leicht. Namentlich die Postzuschlge fanden bei dem Staatssekretr des Reichspostamts den strksten Widerspruch, der schlielich nur durch eine Entscheidung des Reichskanzlers berwunden werden konnte. Die Parteien des Reichstags zeigten sich khl oder feindlich. Der Fhrer der Nationalliberalen, Herr Bassermann, machte mir die eindringlichsten Vorstellungen, ich solle darauf verzichten, den Burgfrieden der Parteien auf eine Probe zu stellen, der er nicht gewachsen sei. Der Reichstag werde unter Umstnden gentigt sein, ber meine Vorlagen einfach zur Tagesordnung berzugehen. Ich hielt Herrn Bassermann entgegen, da ein Burgfrieden, der nur um den Preis des Verzichts auf zwingende sachliche Notwendigkeiten aufrecht erhalten werden knne, ein fauler Friede sei, der mehr schade als ntze; ich sei entschlossen, meine Steuervorlagen einzubringen und mit ihnen, bei aller Geneigtheit, ber Einzelheiten mit mir reden zu lassen, zu stehen und zu fallen. -- Noch unmittelbar vor Torschlu kam der Zentrumsfhrer Dr. Spahn aus einer Sitzung seiner Fraktion zu mir, um mir gleichfalls dringend nahezulegen, die Steuervorlagen zurckzuziehen. Auf meine kategorische Ablehnung richtete er an mich die Frage: Sind Sie wenigstens der Deckung durch den Kanzler sicher? Ich antwortete Seiner Zustimmung unbedingt. Herr Spahn schttelte bedenklich den Kopf und erzhlte dann, in der Fraktionssitzung habe ein Abgeordneter berichtet, er habe an einer Sitzung beim Reichskanzler teilgenommen, in der die Frage der Kriegssteuern besprochen worden sei; der Kanzler habe schlielich anerkannt, da die Gefhrdung des Burgfriedens durch die neuen Steuern vermieden werden msse. Ich antwortete: Der Abgeordnete heit natrlich Erzberger, und die Sache ist Unsinn. Ich werde aber zu Ihrer Beruhigung den Sachverhalt sofort beim Reichskanzler selbst feststellen. Herr von Bethmann war ber den Bericht des Herrn Erzberger emprt. Herr Erzberger hatte ihn am Vormittag besucht und dabei auch die burgfriedlichen Bedenken gegen die Kriegssteuern vorgebracht. Herr von Bethmann hatte ihm geantwortet, das sei alles berlegt worden, und nach reiflicher Prfung habe man sich zur Einbringung der Vorlagen entschlossen; dabei msse es bleiben. Und es blieb dabei. Aber es wurde eine schwere Geburt. Presse und Parlament zausten in der grausamsten Weise an meinem Steuerbukett herum. Die einen erklrten Kriegssteuern fr berflssig und schdlich, den andern war ich zu schchtern. Die Sozialdemokraten riefen nach weiteren direkten Steuern, insbesondere nach einer Erneuerung des Wehrbeitrags und nach einer Reichserbschaftssteuer, und lehnten die Verbrauchs- und Verkehrssteuern trotz Krieg und Kriegsnot nach altem Friedensbrauch grundstzlich ab. Alle fanden, meine Steuern seien Stck- und Flickwerk; und damit hatten sie recht. Unrecht hatten sie nur, wenn sie von mir in diesem Stadium des Krieges ein organisches Ganzes und eine grozgige einheitliche Reichsfinanzreform verlangten. Es wre Vermessenheit gewesen, im zweiten Kriegsjahr eine durchgreifende und endgltige Neuordnung der deutschen Finanzen schaffen zu wollen. Auch mein Nachfolger hat in seinen Steuervorlagen von 1917 und 1918 sich damit begngen mssen, zu Notbehelfen zu greifen und die endgltige Neuordnung der Reichsfinanzen der Friedenszeit zu berlassen. Die Verbrauchs- und Verkehrssteuern wurden mit nderungen, wie sie nun einmal der Reichstag seiner Wrde schuldig zu sein glaubte, im groen Ganzen angenommen. Die nderungen, die der Reichstag an meinen Stzen fr die Postgebhren vornahm, hat er zwei Jahre spter zum groen Teil wieder nach rckwrts korrigiert. Die Vorlage ber den Quittungsstempel erfuhr eine gnzliche Umgestaltung: der Quittungsstempel wurde zu meiner Freude durch den Umsatzstempel ersetzt. Ich hatte im Schatzamt den Entwurf eines Umsatzstempelgesetzes in allen Einzelheiten ausarbeiten lassen, da ich den Umsatzstempel fr eine sehr entwicklungsfhige Steuer hielt, und weil ich in ihm eine wichtige Ergnzung unseres Steuersystems erblickte. Ich habe darber bei der zweiten Lesung der Steuervorlagen ausgefhrt: Das Einkommen wird von den Einzelstaaten und Kommunen bei seinem Entstehen an seiner Wurzel als Einkommen gefat. Die Besteuerung und Verwendung des Einkommens liegt nun in der Weise beim Reich, da derjenige Teil, der verbraucht wird, unter den Umsatzstempel fllt, und zwar proportional zum Verbrauch, und derjenige, der nicht verbraucht wird, also einen Vermgenszuwachs bildet, unter die Vermgenszuwachssteuer fllt. Wenn ich die Umsatzstempelvorlage nicht von vornherein einbrachte, so war fr mich in erster Linie bestimmend die Befrchtung, da diese Neuerung als allzu khn abgelehnt werden wrde. Den bereits dreimal vom Reichstag abgelehnten Quittungsstempel schlug ich vor, weil ich der Ablehnung so gut wie sicher war und dann wenigstens die Aussicht hatte, da man mir aus dem Reichstag heraus als Ersatz die Umsatzsteuer prsentieren knnte. So geschah's. Der Abgeordnete Mller-Fulda erwies mir, ohne es selbst zu ahnen, den von mir erwarteten Gefallen. Am schlimmsten verunstaltet wurde das Kriegsgewinnsteuergesetz. Die Verteilung der Steuergebiete zwischen Reich und Einzelstaaten legte es nahe, die Kriegsgewinnsteuer als eine Steuer von dem whrend des Krieges eingetretenen Vermgenszuwachs zu konstruieren. Den Nachteil, da bei dieser Konstruktion der Sparsame getroffen und der Verschwender gewissermaen belohnt wird, wollte ich dadurch wenigstens einigermaen ausgleichen, da ich fr die Bemessung des Steuersatzes den Grad der Einkommensteigerung whrend des Krieges mitbestimmend sein lie. Es war nicht ganz einfach gewesen, die Bundesregierungen, die jede Heranziehung der Einkommen durch das Reich als einen Einbruch in ihre steuerliche Domne anzusehen geneigt waren, fr dieses Zugestndnis zu gewinnen. Die Reichstagskommission setzte nun in ihrer ersten Lesung eine selbstndige Steuer vom Mehreinkommen neben die Steuer auf den Vermgenszuwachs, und als die verbndeten Regierungen dagegen Einspruch erhoben, schttete sie das Kind mit dem Bade aus und strich -- zur groen Freude der einzelstaatlichen Finanzminister -- jede Bercksichtigung des Mehreinkommens aus dem Gesetz heraus. Denn gendert mute nun einmal werden, wenn nicht nach links, dann nach rechts! Eine neue groe Schwierigkeit entstand infolge des Kommissionsbeschlusses, gleichzeitig mit der Kriegsgewinnsteuer einen neuen Wehrbeitrag zu erheben. Freisinnige und Nationalliberale hatten sich den Sozialdemokraten angeschlossen, whrend Zentrum und Konservative dagegen stimmten. Die einzelstaatlichen Regierungen meldeten bei mir den schrfsten Widerspruch an. Die ganzen Steuergesetze drohten an dieser Differenz zu scheitern. Der Abgeordnete Schiffer machte nun den Vorschlag, neben der Kriegsgewinnsteuer eine einmalige Vermgensabgabe von 1 0/00 zu erheben. Am 11. Mai fand eine interfraktionelle Beratung statt, an der alle Parteien teilnahmen, auer den Sozialdemokraten, die wegen ihrer grundstzlichen Opposition gegen die indirekten Steuern fernblieben. Die Konservativen lehnten den Schiffer'schen Vorschlag strikt ab. Darauf erklrte das Zentrum, da es bei einem Kompromi nur mitmachen werde, wenn alle brgerlichen Parteien einschlielich der Konservativen sich einigten. Wenn diese Einigung nicht gelinge, werde nichts zustande kommen. Der bayrische Ministerprsident Graf Hertling, der an jenem Tage in Berlin war, erklrte mir, er werde im Bundesrat unerbittlich gegen jeden solchen Kompromigedanken stimmen; er sprach dabei mit einer Erregung, die auer Verhltnis zur Sache stand, ber Unitarismus und Revolution. Die schsische Staatsregierung beantragte am gleichen Tage die Befassung des Bundesrats mit den Kompromiverhandlungen. Ich beantragte beim Reichskanzler, die einzelstaatlichen Ministerprsidenten und Finanzminister zur Besprechung der Angelegenheit auf den 15. Mai nach Berlin einzuladen. In diesen Beratungen setzte ich den Schiffer'schen Vorschlag mit einer Variante durch, die ihn den bundesstaatlichen Regierungen annehmbar erscheinen lie: Die Vermgensabgabe sollte sich dadurch als eine einmalige, den Kriegsverhltnissen angepate Steuer charakterisieren, da sie -- ebenso wie die Kriegsgewinnsteuer auf den Vermgenszuwachs abgestellt war -- auf die Vermgenseinbuen Rcksicht nahm, und zwar in der Weise, da sie sich fr jedes Prozent Vermgensverlust um ein Zehntel ermigte, also bei 10% Vermgensverlust ganz in Wegfall kam. Bei einer starken Vermgensabgabe, wie sie jetzt wohl kommen wird, hat dieser Gedanke seine Berechtigung und verdient geprft zu werden. Bei einer Vermgensabgabe von 1 0/00 war er eine Spielerei. Aber diese Steuer auf entgangenen Verlust, wie sie der badische Ministerprsident von Dusch witzig taufte, hatte den Vorteil, die schmale Brcke zwischen kaum mehr ausgleichbar erscheinenden Gegenstzen zu bilden. Der Vorschlag wurde sowohl von den Bundesregierungen wie auch von den verschiedenen brgerlichen Parteien angenommen, und damit war das Steuerkompromi perfekt. In den letzten Tagen meiner Amtsttigkeit als Staatssekretr des Reichsschatzamts wurden die Steuervorlagen vom Reichstag verabschiedet. Ich hatte die Genugtuung, da es mir noch gelungen war, ber starke Widerstnde und Schwierigkeiten hinaus grundstzlich die notwendige Ergnzung unserer Kriegsfinanzpolitik durch die Ausschreibung von Kriegssteuern durchzusetzen. Vorschsse an unsere Verbndeten Es wre hier noch ein Wort zu sagen ber die finanzielle Untersttzung, die wir zu Zwecken der Kriegfhrung unseren Verbndeten haben angedeihen lassen. Whrend wir von auen keine nennenswerte Hilfe erhielten, waren unsere smtlichen Bundesgenossen auf unsere Hilfe angewiesen. sterreich-Ungarn brachte die Gelder fr die im Innern zu leistenden Kriegsausgaben im Wege einer bemerkenswert erfolgreichen Anleihepolitik und auch von Kriegssteuern aus eigner Kraft auf; von uns beanspruchte es lediglich sogenannte Valutakredite zur Deckung seiner nicht unerheblichen in Deutschland und im neutralen Auslande zu leistenden Ausgaben. Diese Kredite wurden ihm in Abmachungen, die regelmig von Halbjahr zu Halbjahr abgeschlossen wurden, durch Vermittlung eines deutschen Bankenkonsortiums gewhrt. Bulgarien bentigte von uns nicht nur Valutakredite, sondern darber hinaus auch einen groen Teil der Gelder fr seine inlndischen Kriegsausgaben. Ich habe im November 1915 mit dem bulgarischen Finanzminister Tontscheff die Vertrge geschlossen, auf deren Grundlage unsere finanzielle Hilfe im Verlauf des Krieges gewhrt wurde. Die Vorschsse der deutschen Regierung schufen, soweit sie nicht unmittelbar zu Zahlungen in Deutschland oder im neutralen Ausland verwendet wurden, Guthaben, die als Grundlage fr die Notenausgabe der Bulgarischen Staatsbank dienten. Sehr schwierig und verwickelt gestaltete sich die Finanzierung des Geldbedarfs der Trkei; einmal weil die Trkei in weit grerem Umfang als Bulgarien auch fr die Beschaffung ihres inneren Geldbedarfs auf uns angewiesen war; ferner weil die Bevlkerung im Innern der Trkei an papierne Geldzeichen nicht gewhnt war, sondern Hartgeld verlangte; schlielich weil das trkische Noteninstitut, die Kaiserlich Ottomanische Bank, die von englischem und franzsischem Kapital beherrscht war, passiven Widerstand leistete. Der erste Vorschu an die Trkei fr ihre inneren Bedrfnisse, der ihr unmittelbar nach ihrem Eintritt in den Krieg gewhrt wurde, war bares Gold; es handelte sich dabei um fnf Millionen trkische Pfund. Dieser Weg war natrlich bei lngerer Dauer des Krieges ungangbar; er htte den Goldbestand unserer Reichsbank ausgepumpt. Als ich das Schatzamt bernahm, suchte ich deshalb nach andern Mitteln. Mein Vorschlag, entweder den passiven Widerstand der Ottomanischen Bank zu brechen oder an ihrer Stelle ein neues Noteninstitut unter deutscher Beteiligung zu errichten, scheiterte an dem hartnckigen Widerspruch und am passiven Widerstand des Finanzministers Djavid Bey. So schlug ich vor, die Vermittlung der in der Trkei bei Einheimischen und Fremden den besten Kredit genieenden internationalen Administration der trkischen Staatsschulden in Anspruch zu nehmen. Die Staatsschuldenverwaltung gab nun auf Grund von in Berlin hinterlegten deutschen Reichsschatzanweisungen Zertifikate aus, die in der Trkei den Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel erhielten. Die Vorschsse der deutschen Regierung wurden also fortan in der Hauptsache in der Form von Schatzanweisungen gewhrt; nur ausnahmsweise und fr besondere Zwecke wurden noch gewisse Betrge in Gold oder auch in Silber zur Verfgung gestellt. Insgesamt hat der Betrag unserer Vorschsse an die Bundesgenossen 10700 Millionen Mark betragen; davon sind rund 3900 Millionen Mark in bar gewhrt worden, 6800 Millionen Mark durch Begebung oder Hinterlegung von Schatzanweisungen. Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft Reichsamt des Innern Whrend ich in dem ersten groen Abschnitt des Krieges durch meine Berufung an die Spitze des Reichsschatzamts unsere Kriegfhrung auf dem Gebiete der Finanzen zu leiten hatte und dabei in die Lage kam, gelegentlich auch an den groen wirtschaftlichen Aufgaben mitzuarbeiten, brachte mich die Ernennung zum Staatssekretr des Innern Ende Mai 1916 an die Spitze derjenigen Verwaltung, der nach der Friedensorganisation der Reichsbehrden die Bearbeitung der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Reichs zustand. Am 6. Mai lie mir der Kanzler mitteilen, da der bisherige Chef des Reichsamts des Innern, Stellvertreter des Reichskanzlers und Vizeprsident des Preuischen Staatsministeriums, Staatsminister Delbrck, auf seinem schon fter bekundeten Entschlu, seinen Abschied zu nehmen, nunmehr bestehe und eine baldige Genehmigung seines Abschieds dringend wnsche. Delbrck war kurz vor Ausbruch des Krieges im Begriff, zur Wiederherstellung seiner stark angegriffenen Gesundheit einen mehrmonatigen Urlaub zu nehmen; angesichts des Kriegsausbruches hatte er diese Absicht aufgegeben und nun fast zwei Jahre hindurch die gesteigerte Arbeitslast getragen, die der Krieg fr seine mter mit sich brachte. Seit dem Beginn des Jahres hatte sich sein krperlicher Zustand verschlechtert. Ich hatte mehrfach bei wichtigen Beratungen fr ihn eintreten mssen. Nunmehr stellte mich der Kanzler vor die Frage, ob ich als Stellvertreter des Reichskanzlers und als Staatssekretr des Innern die Nachfolge Delbrcks bernehmen wolle; fr das Vizeprsidium des Preuischen Staatsministeriums, dessen jngstes Mitglied ich damals war, richtete er die gleiche Anfrage an den Eisenbahnminister von Breitenbach. Die Grnde, die mir Herr von Bethmann Hollweg darlegte, lieen mir keine Wahl, so schwer es mir auch wurde, das Reichsschatzamt zu verlassen und das neue, kaum zu bewltigende Amt auf mich zu nehmen. Viel strker noch als bei der bernahme des Schatzamts hatte ich das Gefhl des Sprungs ins Dunkle. Fr den Posten des Reichsschatzsekretrs fiel die Wahl auf den Grafen von Rdern, bis dahin Staatssekretr in Elsa-Lothringen. Am 22. Mai vollzog der Kaiser, der damals fr kurze Zeit im Berliner Schlo Bellevue residierte, die Ernennungen. Die Kaiserin sagte mir, sie bewundere meinen Mut. Als ich antwortete: Was man mu, das kann man auch, setzte sie, fast etwas vorwurfsvoll, hinzu: Mit Gottes Hilfe! Am 1. Mai trat ich das neue Amt an. Zu dem Geschftsbereich des Reichsamts des Innern gehrte damals die gesamte innere Politik, die Angelegenheiten des Bundesrats, die gesamte Sozialpolitik und die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Letztere mit Einschrnkungen. Schon vor dem Kriege waren die Angelegenheiten der auswrtigen Handelspolitik vom Auswrtigen Amt, das hierfr eine eigene handelspolitische Abteilung hatte, mit dem Reichsamt des Innern gemeinschaftlich bearbeitet worden. Gleich zu Anfang des Krieges hatten die Militrbehrden, insbesondere die Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums, einen wichtigen Teil der wirtschaftlichen Angelegenheiten, nmlich ungefhr alles, was mit der Ausrstung und Versorgung des Heeres im Zusammenhang stand, an sich genommen. Der Belagerungszustand und die Art und Weise, wie das auf Grund des Belagerungszustandes den Generalkommandos zustehende Verordnungsrecht ausgelegt und gehandhabt wurde, gab den militrischen Stellen die Mglichkeit eines viel prompteren Zugreifens, als das sogenannte Ermchtigungsgesetz vom 4. August den Zivilbehrden. Durch dieses Gesetz war der Bundesrat ermchtigt worden, whrend der Zeit des Krieges diejenigen gesetzlichen Manahmen anzuordnen, welche sich zur Abhilfe gegenber wirtschaftlichen Schdigungen als notwendig erweisen. Da aber der Bundesrat eine Krperschaft war, deren Mitglieder zu ihrer Abstimmung der Instruktion durch ihre Regierungen bedurften, war dieses Instrument -- wenn es auch gegenber der Notwendigkeit, den Reichstag zu befassen, eine wesentliche Erleichterung bedeutete -- doch immerhin viel schwerflliger als das Verordnungsrecht der Militrbefehlshaber. Im brigen hat niemals eine formelle und scharfe Abgrenzung der Arbeitsgebiete der militrischen und zivilen Behrden stattgefunden. Vielfach griffen die Militrbehrden ein, wenn aus militrischen Grnden die prompte Erledigung einer wirtschaftlichen Frage notwendig war, und vielfach kamen Angelegenheiten, die von den militrischen Stellen in Angriff genommen worden waren, zur weiteren Bearbeitung an das Reichsamt des Innern zurck. Die erforderliche Einheitlichkeit und Kontinuitt wurden durch die wechselseitige Beteiligung von Kommissaren aufrechterhalten. Ein groer Teil der wirtschaftlichen Geschfte des Reichsamts des Innern wurde jetzt gleichzeitig mit dem Wechsel im Staatssekretariat abgetrennt: die Ernhrungsangelegenheiten. Auf diesem Gebiete hatte sich eine straffere und schlagfertigere Organisation als notwendig herausgestellt. Abgesehen von der Notwendigkeit der Befassung des Bundesrats mit den Einzelheiten der auf diesem weitschichtigen Gebiet erforderlichen Verordnungen war an der Vorbereitung und Ausfhrung der gesetzgeberischen Manahmen auer dem Reichsamt des Innern eine groe Anzahl von Reichs- und Landesbehrden beteiligt. Die Einheitlichkeit der Ausfhrung wurde dadurch in gleicher Weise beeintrchtigt, wie die Schnelligkeit der Entschlieung. Es erschien deshalb angezeigt, die Befugnisse des Reichskanzlers auf dem Gebiete der Volksernhrung erheblich zu erweitern und ihm fr die Ausbung dieser erweiterten Befugnisse eine besondere Zentralbehrde zur Verfgung zu stellen. Mit dieser Lsung erklrte ich mich vor der bernahme des Reichsamts des Innern einverstanden. Gleichzeitig mit meiner Ernennung zum Staatssekretr des Innern, am 22. Mai 1916, wurde eine Bekanntmachung des Bundesrats ber Kriegsmanahmen zur Sicherung der Volksernhrung verffentlicht, die dem Reichskanzler das volle Verfgungsrecht ber alle Lebens- und Futtermittel und die zur Lebensmittel- und Futtermittelversorgung erforderlichen Gegenstnde bertrug und ihn ermchtigte, alle zur Durchfhrung der Lebensmittel- und Futtermittelversorgung erforderlichen Bestimmungen zu treffen. Am selben Tage wurde durch Bekanntmachung des Reichskanzlers das Kriegsernhrungsamt geschaffen und diesem die Ausbung der dem Reichskanzler auf dem Gebiete des Ernhrungswesens zustehenden Befugnisse bertragen. Zum Prsidenten des Kriegsernhrungsamts wurde der bisherige Oberprsident von Ostpreuen, Herr von Batocki, ernannt. Damit schieden die Angelegenheiten der Volksernhrung aus dem Geschftskreis des Reichsamts des Innern aus; beim Reichsamt des Innern blieb nur die Bearbeitung derjenigen Ernhrungsangelegenheiten, die untrennbar mit den Fragen unserer Einfuhr und Ausfuhr zusammenhingen. Denn die Einfuhr von Nahrungs- und Futtermitteln aus dem Auslande konnte nur im engsten Zusammenhang mit allen den anderen wirtschaftlichen Fragen behandelt werden, die unser Verhltnis zu den einzelnen befreundeten oder neutralen Staaten betrafen. Im brigen wurde mir in meiner Eigenschaft als Stellvertreter des Reichskanzlers eine gewisse Mitwirkung auch bei den Geschften des Kriegsernhrungsamts vorbehalten; da der Prsident des Kriegsernhrungsamts nicht zum Stellvertreter des Reichskanzlers im Sinne des Stellvertretungsgesetzes von 1878 ernannt wurde, blieb die Stellvertretung des Reichskanzlers in diesem Sinne bei mir. Angesichts des engen und unlsbaren Zusammenhanges der Ernhrungsfragen mit der Gesamtheit der wirtschaftlichen Angelegenheiten erschien diese Regelung notwendig, um die Einheitlichkeit in der Kriegswirtschaftspolitik des Reichs nach Mglichkeit sicherzustellen und um zu vermeiden, da die Zusammenfassung auf dem Sondergebiet der Volksernhrung durch eine neue Zersplitterung auf dem Gesamtgebiet der Kriegswirtschaft erkauft werde. In der Praxis jedoch waren meiner Einwirkung durch einen besonderen Umstand enge Grenzen gezogen. Dem Kriegsernhrungsamt wurde der schon frher geschaffene Reichstagsbeirat fr Volksernhrung zur Seite gestellt, mit dem alle wichtigen Verordnungen und sonstigen Manahmen durchberaten wurden. Ich habe anfnglich den Versuch gemacht, die Beratungen des Ernhrungsbeirats persnlich zu leiten und dadurch einen unmittelbaren Einflu auf dessen Stellungnahme und Beschlufassung zu gewinnen. Bei der Hufigkeit und Ausdehnung der Sitzungen des Ernhrungsbeirats und bei der starken Inanspruchnahme meiner Zeit und Arbeitskraft durch meine brigen Dienstgeschfte lie sich das aber nicht durchfhren. Schon Ende Juli 1916 mute ich mich entschlieen, den Vorsitz dem Prsidenten des Kriegsernhrungsamts zu berlassen. Nun kamen die Verordnungen und Bekanntmachungen zu mir zur Unterschrift, nachdem der Ernhrungsbeirat bereits Stellung genommen hatte. Beanstandungen meinerseits bedeuteten infolgedessen die Wiederaufnahme eines schwierigen und langwierigen Verfahrens, oft genug in Fragen, die keinen Aufschub duldeten. Dieser Weg war natrlich nur in ganz wichtigen Fllen gangbar. Infolgedessen mute ich mich oft genug wohl oder bel entschlieen, meinen Namen unter Verfgungen zu setzen, die ich nicht fr zweckmig halten konnte. Ich erinnere mich z. B. meiner Auseinandersetzungen mit Herrn von Batocki ber die Zwangsbewirtschaftung der Eier, die ich fr verfehlt hielt und heute noch fr verfehlt halte. Aber der Ernhrungsbeirat hatte sich festgelegt und Herr von Batocki erklrte die Herbeifhrung einer anderen Stellungnahme fr ebenso unmglich wie eine Regelung gegen die formell nur gutachtlichen Beschlsse des Ernhrungsbeirats. Solche Zwangslagen waren nicht selten. Die Ausgestaltung des Kriegsernhrungsamts zu einem Staatssekretariat unter bertragung der Stellvertretung des Reichskanzlers auf den Staatssekretr war die Lsung, die sich schlielich trotz aller in der Einheitlichkeit der Fhrung der Kriegswirtschaft begrndeten Bedenken aufdrngte. In diesem Sinne wurde die Frage im Juli 1917 bei Gelegenheit des bergangs der Kanzlerschaft an Herrn Michaelis und des Kriegsernhrungsamts an Herrn von Waldow entschieden. Das Geschftsgebiet, das dem Reichsamt des Innern -- abgesehen von den innerpolitischen Angelegenheiten -- in den wirtschaftlichen Dingen verblieb, war auch nach der Abtrennung der eigentlichen Ernhrungsfragen von kaum bersehbarer Ausdehnung. Seine Bewltigung wurde mit der Dauer des Krieges und mit der Verschrfung des Druckes der Wirtschaftsblockade von Monat zu Monat schwieriger. Dazu kam, da der Personalbestand des Reichsamts des Innern auf das uerste eingeschrnkt war. Zu Kriegsbeginn hatte sich ein groer Teil der jngeren Beamten fr den Dienst mit der Waffe freigeben lassen. Andere muten fr die verschiedenen Kriegsorganisationen und fr die Verwaltung der besetzten Gebiete abgegeben werden. Ausreichend geschulter Ersatz stand nicht zur Verfgung. Die dem Amt verbliebenen Krfte waren bis zur Grenze der Leistungsfhigkeit belastet. Dazu kam die stndig wachsende Beanspruchung durch die parlamentarischen Verhandlungen. Whrend im ersten Halbjahr des Krieges nur 3 kurze Plenarsitzungen des Reichstags stattfanden, deren stenographische Berichte nur 23 Seiten umfaten, im zweiten Halbjahr 9 Sitzungen mit 186 Seiten Bericht, fanden im sechsten Halbjahr des Krieges (1. Februar bis 1. August 1916) nicht weniger als 37 Vollsitzungen statt, deren stenographische Berichte auf 1280 Seiten anschwollen. Noch mehr Zeit und Kraft nahmen die parlamentarischen Kommissionen in Anspruch. Ich habe als Staatssekretr des Innern lange Zeiten hindurch meine eigentlichen Amtsgeschfte in der Zeit vor neun oder zehn Uhr morgens und nach sieben oder acht Uhr abends erledigen mssen und oft erst spt nach Mitternacht die Arbeit verlassen knnen, um am nchsten Morgen zu frher Stunde wieder auf dem Plan zu sein; und hnlich wie mir selbst, erging es meinen wichtigsten Mitarbeitern. Mit diesem berlasteten Apparat muten die gewaltigen Anforderungen bewltigt werden, die der Krieg in immer steigendem Mae an die wirtschaftliche Zentralbehrde des Reiches stellte. Deutschland als belagerte Festung Schritt fr Schritt, mit ebenso unerbittlicher Folgerichtigkeit wie souverner Verachtung des Vlkerrechts und brutaler Rcksichtslosigkeit gegen die Neutralen, ergnzte und vervollkommnete die Entente unter Englands Fhrung die wirtschaftliche Einschnrung Deutschlands. Die deutsche Handelsflagge war in den ersten Tagen des Krieges von den Weltmeeren verschwunden. Unsere Flotte gengte, um der britischen Flotte die Annherung an unsere Ksten und die Einfahrt in die Ostsee zu gefahrvoll erscheinen zu lassen. Die Schlacht am Skagerrak am 31. Mai 1916 hat gezeigt, da es England in der Tat auf einen Kampf mit unserer Hochseeflotte nicht ohne das grte Risiko fr seine Flotte und damit fr seine Existenz ankommen lassen konnte. Damit war eine nach den Regeln des Vlkerrechts durchzufhrende Blockade unserer Hfen unmglich gemacht. Auf der anderen Seite aber war unsere Flotte nicht stark genug, um die britische Seemacht vor deren eigenen Sttzpunkten zum Kampf zu stellen. So waren wir in der Nordsee und Ostsee eingeschlossen. England dagegen hatte die Meere frei, nachdem unsere wenigen zur Zeit des Krieges in den berseeischen Gewssern stationierten Kreuzer nach heldenhafter Gegenwehr und glnzenden Waffentaten, wie der Schlacht an der Coronelkste, der bermacht der Feinde zum Opfer gefallen waren. Einzelne Streifzge von Hilfskreuzern, wie der Mwe und des Wolf, konnten, so Hervorragendes sie leisteten, an der Tatsache nichts ndern, da unsere Kauffahrteischiffe in deutschen und neutralen Hfen feiern muten, whrend die Schiffe der Entente bis zum U-Bootkrieg ohne wesentliche Beunruhigung die Meere befahren konnten. Da aber die Entente nicht in der Lage war, eine Blockade unserer Ksten aufzurichten und durchzufhren, blieb uns die Mglichkeit des Handelsverkehrs ber See durch die Vermittlung neutraler Schiffe, soweit nicht die vlkerrechtlichen Satzungen ber die Bannware entgegenstanden. England hat von Beginn des Krieges an alles darangesetzt, uns diese Handelsmglichkeit zu zerstren und die Blockade unserer Hfen, zu der es marinetechnisch nicht in der Lage war, durch ein System der Schiffahrts- und Handelskontrolle zu ersetzen, das zwar allem Vlkerrecht Hohn sprach, aber dem Zweck, uns vom Verkehr mit der Auenwelt abzuschnren, besser angepat war, als es die wirksamste Blockade unserer Ksten htte sein knnen. Das Seekriegsrecht hatte auf der internationalen Konferenz, zu der die britische Regierung im Anschlu an die Haager Friedenskonferenz von 1907 eingeladen hatte, in der sogenannten Londoner Deklaration vom 26. Februar 1909 eine neue Kodifikation erfahren. Die Bevollmchtigten der Signatarmchte, einschlielich der britischen und franzsischen, hatten in den Einleitenden Bestimmungen zur Londoner Deklaration ausdrcklich festgestellt, da die Londoner Deklaration im wesentlichen den allgemein anerkannten Grundstzen des internationalen Rechtes entspreche. Trotzdem hatte die britische Regierung die Londoner Deklaration bei Kriegsausbruch noch nicht ratifiziert. Die Regierung der Vereinigten Staaten richtete wenige Tage nach Kriegsausbruch an die kriegfhrenden Staaten die Anfrage, ob sie die Londoner Deklaration als magebend fr die Seekriegfhrung anerkennen wollten; sie fgte hinzu, da nach ihrer Ansicht die Annahme der Londoner Deklaration durch die Kriegfhrenden schweren Miverstndnissen, die andernfalls in den Beziehungen zwischen den Neutralen und den Kriegfhrenden entstehen knnten, vorbeugen wrde. Whrend Deutschland und sein sterreich-ungarischer Bundesgenosse alsbald die amerikanische Anfrage bejahend beantworteten, erklrte die britische Regierung, die Londoner Deklaration nur mit gewissen Modifikationen und Ergnzungen annehmen zu knnen. Schon die damals der amerikanischen Regierung mitgeteilten Modifikationen und Ergnzungen, wie sie in der Order in Council vom 20. August 1914 enthalten waren, bedeuteten in wesentlichen Punkten einen vollstndigen Widerspruch zu den in der Londoner Deklaration niedergelegten, bisher allgemein anerkannten Grundstzen des Seekriegsrechts. Insbesondere setzte die britische Regierung eine Reihe von Gegenstnden auf die Konterbandeliste, die in der Londoner Deklaration als Nichtkonterbande erklrt waren und die, da sie entweder berhaupt nicht oder doch nur sehr mittelbar fr kriegerische Zwecke verwendbar sind, nach den allgemein anerkannten Regeln des Vlkerrechts nicht als Konterbande behandelt werden durften. Auerdem beseitigten die von der britischen Regierung erlassenen Bestimmungen in ihrer Wirkung die in die Londoner Erklrung aufgenommenen Regeln, nach denen die als relative Konterbande bezeichneten Gegenstnde nur dann als Konterbande behandelt werden sollten, wenn sie fr den Gebrauch der Verwaltungsstellen oder der Streitmacht des feindlichen Staates bestimmt sind. Der fr die Versorgung eines kriegfhrenden Staates bestimmte neutrale Handel mit Gegenstnden der relativen Konterbande, insbesondere mit Lebensmitteln und industriellen Rohstoffen, wurde damit unterbunden, im Widerspruch nicht nur zur Londoner Deklaration, sondern auch zu dem vor der Londoner Deklaration von der britischen Regierung selbst anerkannten Vlkerrecht. Die amerikanische Regierung hat spter in einer ihrer vielen wirkungslos gebliebenen Protestnoten dem Londoner Kabinett eine Erklrung des Lord Salisbury whrend des sdafrikanischen Krieges entgegengehalten, lautend: Nahrungsmittel, auch wenn sie feindliche Bestimmung haben, knnen als Kriegskonterbande nur angesehen werden, wenn sie fr die Streitkrfte bestimmt sind. Es ist nicht gengend, da sie =geeignet= sind, so verwendet zu werden. Es mu bewiesen werden, da dies zur Zeit ihrer Beschlagnahme in der Tat ihre Bestimmung war. Die Order in Council vom 20. August wurde in der Folgezeit wiederholt verschrft, immer in der Absicht, Deutschland von jeder nicht nur Kriegszwecken dienenden, sondern auch fr die Erhaltung seiner Bevlkerung wichtigen Versorgung durch die neutrale Schiffahrt abzuschneiden. Schlielich wurde durch eine Order vom 23. April 1916 der Unterschied zwischen relativer und absoluter Konterbande berhaupt aufgehoben. Die Liste der Bannwaren wurde immer lnger, so da es schlielich kaum mehr eine wichtige Warengattung gab, die nicht auf dieser Liste figurierte. Am 7. Juli 1916 sagten sich die britische und franzsische Regierung gnzlich von der inzwischen wie ein Sieb durchlcherten Londoner Deklaration los. Aber die Ausdehnung des Bannwarenbegriffs und die Verschrfung der Behandlung der Bannwaren gengten den Zwecken der britischen Regierung nicht entfernt. Das Anhalten und die Untersuchung der Schiffe auf hoher See war zu lstig und gefahrvoll, auf der anderen Seite nicht wirksam genug. Anfang November 1914 teilte die britische Regierung den Neutralen mit, da die ganze Nordsee als Kriegsgebiet anzusehen sei. Es sei ntig geworden, den Zugang zur Nordsee zwischen Schottland und Norwegen mit Minen zu belegen; allen Schiffen, die mit Holland, Dnemark, Norwegen und den Ostseelndern verkehren wollten, wurde der dringende Rat erteilt, den Weg durch den Kanal und die Strae von Dover zu benutzen, von wo ihnen ein sicherer Weg nach ihren Bestimmungshfen angewiesen werden sollte. Diese Mitteilung kam in ihrer Wirkung auf eine Blockade nicht nur der deutschen Ksten, sondern auch der neutralen Anlieger der Nord- und Ostsee hinaus. Der hierin liegende Versto gegen jedes Vlkerrecht wurde verschrft durch eine weitere Erklrung der britischen und franzsischen Regierung vom 1. Mrz 1915, da sie von nun an das Recht beanspruchten, alle Schiffe anzuhalten und in einen ihrer Hfen einzubringen, die Gter fhrten, von denen vermutet werde, da sie feindliche Bestimmung htten, feindliches Eigentum oder feindlichen Ursprungs seien. Die Neutralen protestierten, allen voran die Vereinigten Staaten. In einer Note vom 30. Mrz 1915 machten sie mit Recht darauf aufmerksam, da die Alliierten Rechte fr sich beanspruchten, die sie nur bei einer effektiven Blockade, fr die jede Voraussetzung fehle, in Anspruch nehmen knnten; so das Einbringen aller irgendwie verdchtigen Schiffe statt der Untersuchung auf hoher See; so das Vorgehen gegen jeglichen Handelsverkehr mit Deutschland, insbesondere auch gegen die Ausfuhr von Deutschland nach neutralen Lndern. Aber der Einspruch der Vereinigten Staaten, der in einem langwierigen Notenwechsel mit der britischen Regierung bis zum Ende des Jahres 1915 mehrfach wiederholt wurde, blieb auf dem Papier. Ja die Behandlung der Schiffe, die nach einem Hafen eines Deutschland benachbarten neutralen Landes bestimmt waren oder aus einem solchen Hafen kamen, wurde spter noch weiter verschrft, indem diesen Schiffen bei Strafe der Beschlagnahme auferlegt wurde, sich selbst in einem Hafen der Alliierten zur Untersuchung zu stellen. Es ist nicht mglich, hier alle die einzelnen Manahmen zu schildern, mit denen die neutrale Schiffahrt davon abgeschreckt wurde, deutsche Hfen anzulaufen oder Waren irgendwelcher Art im deutschen Interesse zu befrdern. Als bezeichnend erwhnen will ich nur noch den Gebrauch, den England von seiner Macht als Lieferant von Bunkerkohle machte. Seit Oktober 1915 durfte Bunkerkohle an neutrale Schiffe nur noch gegen die bernahme von Verpflichtungen seitens der zu beliefernden Reedereien abgegeben werden, die diese vllig unter die Kontrolle der britischen Admiralitt stellten. Als einige neutrale Reedereien sich dieser Erpressung dadurch zu entziehen suchten, da sie auf englische Bunkerkohle verzichteten und dafr deutsche Bunkerkohle einnahmen, erklrte die britische Regierung, da deutsche Bunkerkohle als Ware deutschen Ursprunges der Beschlagnahme unterliege. Die Neutralen lieen sich den Druck, den England durch die rcksichtslose und vlkerrechtswidrige Ausnutzung seiner Herrschaft zur See auf sie ausbte, unter Protest gefallen. Die Deutschland benachbarten kleinen neutralen Staaten, die durch Englands Vorgehen nach Deutschland am schwersten betroffen wurden, verfgten weder politisch und militrisch, noch wirtschaftlich ber gengende Machtmittel, um England und seinen Verbndeten einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. Ja sie waren grtenteils in ihrer Volksernhrung und in ihrem ganzen Erwerbsleben so sehr von berseeischen Zufuhren abhngig, da sie sich sogar dazu pressen lieen, die vlkerrechtswidrigen Manahmen der Alliierten gegen Deutschland auf ihrem eigenen Boden zu dulden oder gar zu untersttzen. Einzig und allein die Vereinigten Staaten wren in der Lage gewesen, zugunsten des Vlkerrechts und der Menschlichkeit, der die Entwicklung des Vlkerrechts in der Beschrnkung der Kriegfhrung auf die bewaffneten Streitkrfte gerecht zu werden versucht hatte, ein Machtwort zu sprechen. Es hatte einige Male den Anschein, als ob die Vereinigten Staaten sich zu einem energischen Eintreten fr die innerhalb bescheidener Grenzen vlkerrechtlich gewhrleistete Freiheit der Meere aufraffen wollten. Aber es blieb auch von dieser Seite bei papiernen Protesten. Unterdessen machte England Anstalten, das Verbot des Handels mit dem Feinde, das es nach altem englischem Brauch alsbald nach Kriegsausbruch fr seine Staatsangehrigen und Einwohner erlassen hatte und dem seine Verbndeten beigetreten waren, auch den neutralen Lndern aufzuzwingen. Mit diesem Versuch hatte es sogar in den Vereinigten Staaten einen gewissen Erfolg. Schon im Februar 1915 gelang es den englischen Bemhungen, die Ausfuhr von Wolle aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zu unterbinden. Zu diesem Zweck gestattete England die Belieferung amerikanischer Bezieher mit Wolle aus den britischen Besitzungen nur noch durch die Vermittlung der Amerikanischen Textil-Alliance, die sich ihrerseits gegenber dem britischen Handelsamt verpflichtete, die Ausfuhr von Wolle nach Deutschland durch die Auferlegung bestimmter Bedingungen an ihre Abnehmer zu verhindern. In hnlicher Weise hat England die Ausfuhr von Kautschuk und Gummiwaren aus den Vereinigten Staaten unter seine Kontrolle gebracht. Die Vereinigten Staaten bezogen etwa 70% ihres Gummibedarfs aus britischen Besitzungen, 30% aus Brasilien, dessen Gummigewinnung und Gummihandel zu einem erheblichen Teil unter englischer Kapitalkontrolle stand. Diese Machtstellung hat England benutzt, um den amerikanischen Beziehern von Kautschuk die Verpflichtung aufzuerlegen, Gummi und Gummifabrikate nur auf dem Weg ber England und nur mit britischer Genehmigung nach Europa zu liefern. Ja sogar ureigene amerikanische Erzeugnisse wurden dieser Kontrolle unterworfen. Nachdem England die Baumwolle zur Bannware erklrt hatte (August 1915), gestattete es die Lieferung von Baumwolle an europische Neutrale nur solchen amerikanischen Hndlern, die Mitglieder der Liverpooler Baumwollbrse wurden und sich verpflichteten, Deutschland auch nicht mittelbar mit Baumwolle zu beliefern. Gleiches erreichte England hinsichtlich der amerikanischen Metalle, vor allem hinsichtlich des Kupfers. Diese Abmachungen mit dem amerikanischen Handel wurden ergnzt durch Abmachungen mit den wichtigsten Schiffahrtsgesellschaften, die sich verpflichteten, von ihren Verladern Sicherheit gegen jede Verletzung der britischen Vorschriften zu verlangen, wofr ihnen von der britischen Regierung Erleichterungen in der Handhabung der Kontrolle zugesichert wurden. Handelte es sich gegenber den Amerikanern noch um gtliche Vereinbarungen oder hchstens um einen sanften Druck, so lie England die kleinen Neutralen die ganze Schwere seiner eisernen Faust fhlen. Die berseeische Zufuhr der Deutschland benachbarten Neutralen wurde einer scharfen Kontingentierung unterworfen. Die jhrlichen Kontingente fr die einzelnen Waren wurden durch eine in Paris tagende Kommission von Vertretern Englands, Frankreichs, Italiens und Rulands festgesetzt. Die hierdurch bewirkte knappe Bedarfsdeckung mute allein schon eine Einschrnkung der Wiederausfuhr nach Deutschland zur Folge haben. Aber damit begngte sich die britische Regierung nicht; sie verlangte vielmehr in zahlreichen Fllen Ausfuhrverbote, und zwar nicht nur fr die ber See eingefhrten Waren, sondern auch fr einheimische Erzeugnisse unserer neutralen Anlieger. Vor allem aber sicherte sich die britische Regierung die nahezu lckenlose Kontrolle ber den Verbleib der ganzen berseeischen Einfuhr der uns benachbarten Neutralen durch die Errichtung besonderer Kontrollgesellschaften. Als erste dieser Gesellschaften wurde schon im November 1914 die Nederlandsche Overzee Trust Maatschappij, meist NOT genannt, ins Leben gerufen. Beteiligt an der Grndung waren die groen hollndischen Schiffahrtsgesellschaften und Banken, sowie einige Grohandelsfirmen. Die NOT traf Abmachungen mit der britischen Regierung, in denen diese zusagte, Schiffe mit an die NOT konsignierter Ladung unbeanstandet passieren zu lassen, whrend die NOT sich verpflichtete, fr den ausschlielich inlndischen Verbrauch der an sie konsignierten Artikel und der aus diesen hergestellten Waren zu garantieren. Die englische Regierung behielt sich ein weitgehendes Recht der Nachprfung vor. Die NOT ihrerseits war verpflichtet, von den Importeuren, die sich ihrer Vermittlung bedienten -- und andere als durch die NOT vermittelte Importe gab es bald nicht mehr -- Sicherheit fr den ausschlielich inlndischen Verbrauch der Waren zu verlangen; der Importeur darf die Waren nur mit Zustimmung der NOT und nur unter der Bedingung weiter bertragen, da der Erwerber gegenber der NOT dieselben Verpflichtungen bernimmt wie der Veruerer. In den Dienst der Kontrolle der Ausfhrung aller dieser Verpflichtungen sind durch allerlei Abmachungen die Reedereien, die Spediteure, die Lagerhuser und Speichereien gestellt worden. Eine Durchbrechung dieser Kontrolle war um so aussichtsloser, als die hollndische Regierung selbst durch eine Verschrfung der Grenzberwachung und der gegen Schmuggel gerichteten Strafbestimmungen das berwachungssystem der NOT ergnzte. Im Herbst 1915 wurde in der Schweiz nach langen Verhandlungen mit England, Frankreich und Italien eine der NOT hnliche Kontrollgesellschaft unter dem Namen Socit Suisse de Surveillance Economique, kurz S. S. S. genannt, gegrndet. In Dnemark bernahmen die Grosserer Societt und der Industrierat die Kontrollfunktionen, in Schweden die Gesellschaft Transito. In Norwegen wurde die Kontrolle durch ein Zusammenwirken der Regierungsorgane mit den britischen Konsulatsbehrden hergestellt. Die letzte Ergnzung und Vervollstndigung erhielt dieses System der Handelssperre durch die Postkontrolle und die Schwarzen Listen. Die rcksichtslos durchgefhrte und systematisch ausgenutzte Postkontrolle, der gegen jedes Vlkerrecht auch neutrale Schiffe auf der Fahrt von neutralem zu neutralem Hafen unterworfen wurden, brachte wertvolle Einblicke in die Handelsbeziehungen der Neutralen und damit neue Kontrollmglichkeiten. Durch die Schwarzen Listen wurden neutrale Kaufleute, die mit Deutschland Handel trieben oder auch nur des Handels mit Deutschland verdchtig waren, in bezug auf Handelsverbote usw. den feindlichen Auslndern gleichgestellt, also einem Handelsboykott unterworfen. Alle diese Manahmen dienten dem einen Zweck, dem im schwersten Kampf stehenden deutschen Volk den Lebensatem abzuschnren. Niemals in der Geschichte aller Zeiten und Vlker haben brutale Gewalt und kaufmnnisches Raffinement sich zu einem so gewaltigen Unternehmen zusammengetan. Die Napoleonische Kontinentalsperre war in ihrer Anlage, ihren Mitteln und in ihren Wirkungen ein Kinderspiel im Vergleich mit der Handels- und Hungerblockade, durch die England das groe Land im Zentrum Europas zu einer belagerten Festung machte. Unsere militrischen Erfolge vermochten diese Lage in manchen nicht unwesentlichen Beziehungen fr uns zu verbessern, aber nicht von Grund aus zu ndern. Die rasche Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs brachte Gebiete in unsere Gewalt, die auch vom Standpunkt des Wirtschaftskrieges aus eine wesentliche Strkung unserer Position bedeuteten; vor allem eine Strkung unserer Rohstoffposition. Sowohl die Produktionsmglichkeiten jener Gebiete wie auch die groen in jenen Gebieten lagernden Vorrte von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigwaren waren eine wertvolle Ergnzung unserer eigenen Bodenschtze und Warenvorrte. Ich erinnere nur an die Eisenerzvorkommen von Longwy und Briey, an die belgische Montanindustrie, an die groen Lager Antwerpens an Stapelartikeln aller Art, an die Bestnde der Industriegebiete von Verviers und Roubaix-Tourcoing an Wolle und Wollwaren, von Gent und Lille an Baumwolle, Baumwollgarnen und Baumwollwaren. Im weiteren Verlauf des Krieges hat die Besetzung der polnischen Industriegebiete uns einen weiteren Zuwachs namentlich an Rohstoffen und Halbfabrikaten der Textilindustrie gebracht. Dagegen hatte die Besetzung dieser Gebiete im Osten und Westen keine nennenswerte Erleichterung unserer Ernhrungssituation zur Folge. Die dichte Bevlkerung Belgiens und Nordfrankreichs bedurfte selbst eines sehr erheblichen Zuschusses an Nahrungsmitteln; auch Polens Landwirtschaft hat im Frieden nicht ausgereicht, um die eigene Bevlkerung, die sich in den groen Industriezentren von Warschau, Lodz und Sosnowice stark zusammenballt, mit der erforderlichen Nahrung zu versehen. Litauen und Kurland vermochten bei der Rckstndigkeit ihrer Landwirtschaft und ihrer dnnen, durch den Krieg noch weiter verminderten Bevlkerung das Bild nicht wesentlich zu ndern, obwohl unsere Militrverwaltung sich nach besten Krften und mit Erfolg bemhte, die Produktion zu heben. Die Sorge um die Ernhrung der Bevlkerung Belgiens und Nordfrankreichs ist uns in der Hauptsache durch die unter amerikanischer und spanischer Leitung arbeitende Relief-Commission abgenommen worden. Die Bedingung fr die Versorgung dieser Gebiete mit amerikanischen Einfuhren war allerdings, da wir uns verpflichteten, nicht nur die von der Kommission eingefhrten Nahrungsmittel nicht fr deutsche Zwecke zu beschlagnahmen, sondern auch die eigene landwirtschaftliche Erzeugung Belgiens fr die belgische Bevlkerung vorzubehalten. Auf diese Weise sind wir zwar der schweren Wahl enthoben worden, entweder die dichte Bevlkerung der besetzten Gebiete durch Zuschsse aus unseren eigenen knappen Bestnden durchzuhalten, oder im Rcken unserer kmpfenden Truppen eine Bevlkerung von vielen Millionen allen Verzweiflungen des Hungers preiszugeben. Aber eine irgendwie nennenswerte Erleichterung gegenber dem furchtbaren Druck der Hungerblockade haben uns die besetzten Gebiete nicht gebracht. Auch unsere Bundesgenossen waren uns in diesem Punkte keine Hilfe. sterreich-Ungarn hatte schon in den Jahren vor dem Kriege aufgehrt, einen berschu an landwirtschaftlichen Produkten ber den stark angewachsenen eigenen Bedarf hinaus zu erzeugen. Immerhin stand die Donaumonarchie in der Deckung ihres Nahrungsbedarfs durch die eigene Erzeugung wesentlich gnstiger da als Deutschland. Trotzdem stellte sich bald heraus, da sterreich-Ungarn gegenber der durch die Sperrung der Nahrungsmittelzufuhr geschaffenen Lage nicht dieselbe Widerstandskraft aufzubringen vermochte wie Deutschland. Die eigene Produktion ging strker zurck und wurde weniger scharf erfat, der eigene Verbrauch wurde laxer kontrolliert und eingeschrnkt als bei uns. In Energie, Organisation und Disziplin vermochte unser Verbndeter mit uns auch auf dem Gebiet der Volksernhrung so wenig Schritt zu halten, da wir, trotz unserer an sich ungnstigeren eigenen Lage, uns sehr bald gezwungen sahen, den sterreichern gelegentlich auszuhelfen. Eine hnliche Erfahrung machten wir spter, nach der Niederwerfung Serbiens, mit Bulgarien. Auch dieses Bauernland, das im Frieden stets einen Nahrungsberschu erzeugte, sah seine landwirtschaftliche Produktionskraft durch den Krieg in einer Weise gelhmt, da es nicht nur nicht in der Lage war, uns auszuhelfen, sondern selbst in groe Ernhrungsschwierigkeiten geriet, die schlielich zu dem Zusammenbruch der bulgarischen Armee wesentlich beigetragen haben. Auch die Trkei, die schon in Friedenszeiten infolge der Rckstndigkeit ihrer eigenen Landwirtschaft einen Getreidezuschu aus Ruland brauchte, konnte uns keine Hilfe sein. Dagegen haben allerdings sowohl Bulgarien wie namentlich die Trkei uns mit andern wichtigen Artikeln beliefern knnen, so mit len und Fetten, mit Tabak, mit Wolle, Baumwolle und Seide, mit Metallen. Freilich waren auch bei diesen Gtern die Mengen beschrnkt, nicht nur wegen der an sich nicht sehr erheblichen Produktion, sondern vor allem wegen der geringen Leistungsfhigkeit der Verkehrsmittel. In Friedenszeiten haben jene Lnder fr ihre Ausfuhr und Einfuhr so gut wie ausschlielich den Seeweg benutzt. Jetzt mute sich der Export der Trkei auf die eine eingleisige Eisenbahn von Konstantinopel ber Sofia zusammendrngen, die zudem fr militrische Zwecke fortgesetzt stark in Anspruch genommen war. Auch der Donauweg, der fr den Verkehr mit Bulgarien und Rumnien in Betracht kam, war wenig leistungsfhig und mute whrend des Krieges erheblich verbessert werden. So waren wir fr unsere Volksernhrung im wesentlichen auf die eigene landwirtschaftliche Erzeugung und auf die Zufuhren gestellt, die wir im Kampf mit der britischen Hungerblockade doch noch aus den neutralen Lndern herausholen konnten. Unsere Landwirtschaft selbst war durch den Krieg in eine schwere Lage gebracht. Die Entziehung der leistungsfhigsten Arbeitskrfte durch die Einberufungen zum Heer, die Verminderung des Pferdebestandes durch den militrischen Bedarf, die infolge der Verwendung der Stickstoffverbindungen zur Sprengstofffabrikation alsbald einsetzende Knappheit an Dngemitteln wurden in ihrer Wirkung noch gesteigert durch ungnstige Witterungsverhltnisse. So kam es, da der Ernteertrag des Jahres 1917 an Roggen und Weizen sich nur auf 9,2 Millionen Tonnen stellte gegen 16-1/2 Millionen Tonnen in dem allerdings glnzenden Jahr 1913; da in derselben Zeit die Gerstenernte von 3,6 auf 2,0 Millionen Tonnen, die Haferernte von 9,5 auf 3,6 Millionen Tonnen zurckging. Das Jahr 1916 brachte ein vlliges Versagen der Kartoffelernte, die von 54 Millionen Tonnen in den Jahren 1913 und 1915 auf 25 Millionen Tonnen zusammenklappte. Die beiden folgenden Jahre ergaben 34,4 und 29,5 Millionen Tonnen. Was die Viehzucht anbelangt, so hielt sich unser Bestand an Rindvieh bis in das Jahr 1917 hinein der Zahl nach ungefhr auf der Friedenshhe. Aber die Knappheit an Futtermitteln, namentlich an Kraftfuttermitteln, fhrte zu einem starken Rckgang des Lebendgewichtes und vor allem der Milchergiebigkeit. Unser Bestand an Schweinen stellte sich am 1. Juni 1917 nur noch auf 12,8 Millionen Stck, gegen 25,7 Millionen am 1. Dezember 1913. Zu der Verminderung der Stckzahl kam auch hier eine starke Verminderung des Lebendgewichtes und damit der Fetterzeugung. Diese wenigen Zahlen mgen gengen, um ein Bild davon zu geben, wie schwer und ernst es um die belagerte Festung stand und wieviel darauf ankam, den Druck der Handels- und Hungerblockade zu lockern und aus den neutralen Lndern alles, was immer erreichbar war an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, hereinzuholen. Der Wirtschaftskampf um die Neutralen Die Mittel des Gegendruckes, die uns gegenber dem Druck Englands auf die Neutralen zur Verfgung standen, waren bescheiden. Die Zeiten, in denen der Verkufer im allgemeinen in der schlechteren Lage ist als der Kufer, in denen die Konkurrenz des Angebots meist grer ist als die Nachfrage, waren mit Kriegsausbruch vorbei. Von jetzt ab beherrschte der Warenhunger den internationalen Handel. Auch fr die Neutralen war jetzt die erste Frage nicht mehr: Was kann ich dir verkaufen? sondern: Was kannst du mir liefern? Der Welthandel ist in der Hauptsache Seehandel. Da unsere Feinde die See beherrschten, konnten sie den Neutralen nicht nur die Erzeugnisse ihres eigenen Landes und ihrer weltumfassenden berseeischen Besitzungen je nach Belieben liefern oder vorenthalten, sondern darber hinaus hatten sie es in der Hand, die Erzeugnisse der ganzen berseeischen Welt den europischen Neutralen zu sperren. Sie haben von dieser Mglichkeit ohne jede Rcksicht auf das Vlkerrecht den brutalsten Gebrauch gemacht. Uns stand demgegenber nur unsere eigene, durch den Krieg ebensosehr beeintrchtigte wie in Anspruch genommene Erzeugung zu Gebote. Darunter wichtige Dinge, wie Kohlen, Eisen und Stahl, Teerfarben, Arzneimittel, Kali und hnliches. Aber einmal konnten wir auch von diesen Dingen nur beschrnkte Mengen abgeben; ferner waren Kohlen und Eisen immerhin der Konkurrenz von englischer und auch amerikanischer Seite ausgesetzt; schlielich ist der strkste Druck immer noch der Hunger, den die Entente durch die Sperrung der Zufuhr an Nahrungs- und Futtermitteln in Wirkung setzen konnte. Es handelte sich darum, mit den wenigen Trmpfen, die wir in unserm Spiel hatten, das mglichste an Vorteilen herauszuholen. Dazu war ntig die planmige Verfgung ber unsere fr die Ausfuhr verfgbaren Waren. Schon die unbedingte Sicherung des eigenen Bedarfs fr Kriegs- und Wirtschaftszwecke hatte bald einzelne Ausfuhrverbote erforderlich gemacht. Die Notwendigkeit, unsere Ausfuhr als Mittel im Wirtschaftskampf um die Neutralen zu verwerten, machte es vollends unmglich, die Ausfuhr und die Ausfuhrbedingungen in dem Belieben des einzelnen Produzenten oder Hndlers zu belassen. Nicht minder wurde eine Regelung der Einfuhr notwendig. Wir konnten einmal die ohnedies gewaltigen Schwierigkeiten der Heranziehung auslndischer Zufuhren nicht dadurch ins Ungemessene steigen lassen, da deutsche Aufkufer auf den berlaufenen neutralen Mrkten sich gegenseitig eine schrankenlose Konkurrenz machten, die Preise unvernnftig in die Hhe boten und die sonstigen Gegenforderungen des Auslandes malos erhhten. Wir muten ferner mit unserer beschrnkten Kaufkraft fr auslndische Waren haushalten und die fr uns beschaffbaren Betrge an fremder Valuta fr den Ankauf der am dringlichsten bentigten Waren verwenden. Schlielich lie die Tatsache, da die Einfuhr wichtiger Waren nur in bestimmten Mengen und nur gegen Zugestndnisse unsererseits auf dem Gebiete der Ausfuhr zu erreichen war, gar keine andere Wahl als eine planmige Regelung auch der Einfuhr. Das sind die zwingenden Grnde, aus denen die vielgescholtene Reglementierung und Zentralisation unserer Aus- und Einfuhr entstand. Diese zwingenden Grnde wurden, wie die ganze Tragweite des Wirtschaftskrieges, nicht von Anfang an voll erkannt. Aber immerhin zeigten weite und wichtige Kreise unseres Wirtschaftslebens schon in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ein richtiges Gefhl fr die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens beim Einkauf im neutralen Ausland. Die damals schon aus der Initiative unserer industriellen und kommerziellen Kreise geschaffenen Organisationen sind spter ausgebaut und mit anderen, vielfach nach ihrem Vorbild geschaffenen Einrichtungen in den Dienst der Kriegshandelspolitik gestellt worden. Vielfach aber fehlte das Verstndnis fr die Notwendigkeit einer einheitlichen und planmigen Leitung unserer Einkaufs- und Verkaufsgeschfte mit den Neutralen in einem geradezu erstaunlichen Mae. Es blieb dann nichts brig, als mit den Machtmitteln, die der Reichstag dem Bundesrat bertragen hatte, auch gegen den Willen der unmittelbar beteiligten Kreise durchzugreifen. Schon als Schatzsekretr hatte ich in wichtigen und bezeichnenden Fllen Veranlassung, mich mit diesen Fragen zu befassen. Die Einkufe fr den Bedarf des Feldheeres auf den neutralen Mrkten, die damals noch einen verhltnismigen berflu an Fleisch, Fett, Butter und Kse hatten, erforderten sehr hohe und fortgesetzt steigende Summen. Die Ursache war, da die mit dem Einkauf beauftragten militrischen Stellen auf diesen Mrkten nicht nur mit dem Ausland, sondern auch mit deutschen Einkufern der verschiedensten Art, mit Hndlern, industriellen Werken, Kommunen, Einkaufsgesellschaften usw., ebenso mit Einkufern fr den sterreichischen Heeres- und Zivilbedarf zu konkurrieren hatten. Man trieb sich gegenseitig die Preise hoch mit der Wirkung, da die Verkufer, je mehr die Preise stiegen, desto mehr auf weitere Preissteigerungen spekulierten und die Ware zurckhielten. Sehr schlimm lagen die Verhltnisse auf dem dnischen Buttermarkt. Ich setzte im Herbst 1915 die Zentralisation des Einkaufs unter Einbeziehung sterreich-Ungarns durch mit dem Erfolg, da der Butterpreis, der bis auf 275 Kronen fr 50 kg gestiegen war, in nicht allzu langer Zeit auf 152 Kronen zurckgebracht wurde und auerdem die Ankufe fr Deutschland und sterreich-Ungarn erheblich gesteigert werden konnten. Fr das Reich wurden monatlich eine ganze Anzahl von Millionen gespart, und fr die Bevlkerung wie fr das Heer wurde die Butterversorgung verbessert. Noch weit schlimmer lagen die Dinge auf dem rumnischen Getreidemarkte. Nachdem die berseeische Zufuhr von Getreide und Futtermitteln fr uns abgeschnitten und fr die europischen Neutralen auf ein Mindestma eingeschrnkt worden war, blieb uns und unsern sterreichisch-ungarischen Verbndeten als einziges Land, aus dem grere Mengen bezogen werden konnten, das damals noch neutrale Rumnien. Die Jahre 1914 und 1915 brachten in Rumnien reiche Ernten, fr die infolge der Dardanellensperre ein anderer Absatz als an die Mittelmchte zunchst nicht in Frage kommen konnte. Auerdem war Rumnien dem Druck des britischen Wirtschaftskrieges entrckt. Rein wirtschaftlich waren also die Voraussetzungen fr den Bezug von Getreide und Futtermitteln, namentlich Mais, aus Rumnien durchaus gnstig. Politisch allerdings war die Haltung Rumniens von Anfang an zweifelhaft, und die rumnische Regierung mit ihrem ganzen Beamtenapparat, ebenso die rumnische Landwirtschaft und der rumnische Handel waren geneigt, die Notlage der Mittelmchte nach Krften auszunutzen. Wir erleichterten ihnen dieses Spiel. Noch viel mehr als auf den dnischen Buttermarkt strzten sich der reelle und unreelle Handel, die Einkufer der Militrverwaltung, wirtschaftlicher Unternehmungen, von Stdten und Landwirtschaftskammern auf die rumnischen Vorrte. Die Rumnen verkauften zu immer hheren Preisen -- ich glaube fr Mais wurden schlielich an die tausend Mark fr die Tonne bezahlt, -- lieen sich bar bezahlen, legten aber dem Abtransport solche Schwierigkeiten in den Weg, vor allem indem sie die tatschlich vorhandenen Transportschwierigkeiten ins malose bertrieben, da so gut wie nichts aus Rumnien herauskam. Es lagerten schlielich in Rumnien etwa 700000 Tonnen Getreide im Ankaufswert von etwa 200 Millionen Mark, die von uns und unsern Verbndeten bezahlt waren, aber nicht abtransportiert werden konnten. Weitere groe Mengen Getreide waren noch verfgbar, aber die Rumnen, die inzwischen ihrerseits den ganzen Getreideverkauf syndiziert hatten, verlangten unerschwingliche Preise und unerfllbare Zahlungsbedingungen. Auch hier konnte nur die Zentralisation des Einkaufs helfen, zugleich mit einer einheitlichen Disposition ber die von uns fr den Abtransport zur Verfgung zu stellenden Transportmittel. Auf mein Betreiben wurde in schwierigen Verhandlungen die Zentralisation durchgesetzt und das Einkaufsgeschft der Zentraleinkaufsgesellschaft, der spter aus Unkenntnis und Unverstand so viel angefeindeten Z. E. G., bertragen. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schlo sich ihrerseits mit der sterreichischen Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt und der ungarischen Kriegs-Produkten-Aktiengesellschaft zu einheitlichem Vorgehen zusammen. Schon im September 1915, also noch vor Beginn des Feldzuges gegen Serbien, konnte mit dem Abtransport von Getreide begonnen werden. Der rasche und glckliche Verlauf des serbischen Feldzuges hatte einmal die Wirkung, der Ententefreundschaft in Rumnien einen Dmpfer aufzusetzen; dann aber machte er den Donauweg fr den Abtransport des rumnischen Getreides frei. Es gelang nun der Zentraleinkaufsgesellschaft, im Dezember 1915 und im Mrz 1916 mit der rumnischen Regierung Vertrge abzuschlieen, durch die den Mittelmchten rund 2,7 Millionen Tonnen Getreide zu ertrglichen Preisen und Zahlungsbedingungen gesichert wurden. Die Vertrge kamen zustande, obwohl die Ententeregierungen, vor allem die britische Regierung, mit allen Mitteln versuchten, den Abschlu zu vereiteln. Ein Versuch Englands, die rumnischen Getreidebestnde durch Ankauf zu hohen Preisen und Einlagerung in Rumnien fr die Mittelmchte zu sperren, kam zu spt und gelang nur in bescheidenen Grenzen. Die groen Schwierigkeiten des Abtransportes wurden durch ein Zusammenwirken der Einkaufsgesellschaften mit dem Chef des deutschen Feldeisenbahnwesens und der sterreichisch-ungarischen Zentraltransportleitung berwunden. Die Durchfahrt durch das Eiserne Tor wurde verbessert und zweckmig organisiert. Die ungarischen Bahnen, auf denen der weitere Abtransport sich zum groen Teile zu vollziehen hatte, wurden durch Verlngerung der Ausweichgleise usw. leistungsfhiger gemacht. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schuf sich in kurzer Zeit eine ansehnliche Donauflotte und sorgte fr die ntigen Umschlags- und Umladeeinrichtungen. Der Erfolg war, da es gelang, bis zum Ausbruch des Krieges mit Rumnien das angekaufte Getreide abzutransportieren. Deutschland hat in dem kritischen Frhjahr und Sommer 1916 aus Rumnien Getreidezufuhren von mehreren hunderttausend Tonnen monatlich erhalten. -- War die Zentralisation der Einfuhr in den Hnden weniger, nach kaufmnnischen Grundstzen arbeitender und nach einheitlichen Direktiven handelnder Organisationen eine unerlliche Voraussetzung fr ein erfolgreiches Vorgehen auf den neutralen Mrkten, so gengte sie doch fr sich allein keineswegs, um einen Erfolg zu sichern. Die planmige Ttigkeit unserer Einkaufsorgane mute Hand in Hand gehen mit der planmigen Verfgung ber unsere Ausfuhr, und da sich bald zeigte, da unsere Ausfuhr in ihrem Geldwert weit zurckblieb hinter der Einfuhr, die wir bentigten und uns, eine Lsung der Bezahlungsfrage vorausgesetzt, beschaffen konnten, so kam als Drittes hinzu die Beschaffung der fr die Bezahlung des Einfuhrberschusses erforderlichen auslndischen Zahlungsmittel. In der Ausnutzung unserer fr die Neutralen willkommenen oder gar notwendigen Ausfuhrwaren fr die Zwecke der Sicherung von Zufuhren an fr uns notwendigen Rohstoffen und Lebensmitteln konnte nicht nach einer einheitlichen Schablone verfahren werden. Die Verhltnisse fr ein Operieren mit unsern Ausfuhrwaren lgen in einem jeden der neutralen Lnder anders. Der Grad ihrer Abhngigkeit von unserer Ausfuhr war ebenso verschieden wie der Grad ihrer Abhngigkeit von der Entente; und auch in den einzelnen neutralen Lndern erfuhr dieses Verhltnis whrend des Krieges fortgesetzt Verschiebungen. In groen Zgen entwickelte sich unser Vorgehen so, da in der ersten Zeit des Krieges vorwiegend einzelne Kompensationsgeschfte mit unsern neutralen Nachbarn abgeschlossen wurden; d. h. wir machten einzelne wichtige Ausfuhrgeschfte abhngig von bestimmten Gegenleistungen der Neutralen fr unsere Versorgung. Unabhngig von diesen Warengeschften, gelegentlich auch in Verbindung mit ihnen, wurde mit neutralen Geldinstituten ber die Erffnung von Krediten fr die Bezahlung unseres Einfuhrberschusses verhandelt. Es stellte sich nun bald heraus, da der Weg des Einzelaustausches nicht immer vorteilhaft und nicht immer gangbar fr uns war, vor allem aber, da nur ein bescheidener Teil unseres Einfuhrbedarfs durch einzelne Kompensationsgeschfte gedeckt werden konnte. Man kam deshalb allmhlich zu umfassenderen Abmachungen mit den neutralen Staaten, in denen man sich gegenseitig eine Bercksichtigung der beiderseitigen Interessen bei der Handhabung von Ausfuhrgenehmigungen und Ausfuhrverboten zusicherte. Dabei handelte es sich fr uns darum, durch ein weitherziges Entgegenkommen in unserer Ausfuhrpolitik den Widerstand der Neutralen gegen den Druck der Entente zu strken, vor allem zu verhindern, da die Neutralen sich dem Verlangen der Entente nach dem Erla von Ausfuhrverboten fgten, oder zu erreichen, da bereits erlassene Ausfuhrverbote dauernd oder wenigstens fr einen bestimmten Zeitraum wieder aufgehoben wrden. Wenn auch diese Abmachungen insofern der Przision des Einzelaustauschgeschftes ermangelten, als Leistung und Gegenleistung nicht ziffernmig festgelegt war, so hatten wir doch eine wirksame Handhabe, um auf eine sinngeme Ausfhrung zu dringen. Erfllte ein neutraler Staat die Erwartungen nicht, auf Grund deren wir uns entgegenkommend gezeigt hatten, so waren wir in der Lage, unsere Ausfuhren nach diesem Staat entsprechend einzuschrnken und damit einen Druck auszuben. So hat die Schweiz im Sptsommer 1916 unter dem Druck Frankreichs und Englands die Ausfuhr aller Waren, die von der Entente zu Bannware deklariert worden waren, nach Deutschland eingestellt. Wir gingen, als alle unsere Vorstellungen daran scheiterten, da die Entente die Schweiz unter dem strksten Druck hielt, auch unsererseits mit dem strksten Druck vor, indem wir eine Ausfuhrsperre fr Kohle, Eisenwaren und andere fr die Schweiz unentbehrlichen Gter in die Wege leiteten. Der Erfolg war, da schlielich eine fr uns ertrgliche Einigung zustande kam. Solche Erfahrungen fhrten zu einem weiteren Fortschritt in der Gestaltung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu unsern neutralen Anliegern. Die in ihrer Festsetzung von Leistung und Gegenleistung przisen Einzelkompensationsgeschfte waren nur beschrnkt anwendbar und reichten nicht aus, um unsern Einfuhrbedarf zu decken; die umfassenderen Verstndigungen ber gegenseitige Bercksichtigung bei der Handhabung der Ausfuhrregelung waren nicht bestimmt genug, um fr beide Teile Lieferung und Bezug auf eine wenigstens fr einige Zeit gesicherte Grundlage zu stellen und pltzliche Strungen auszuschlieen. Es handelte sich darum, die Vorteile beider Systeme zu verbinden und dabei, wenn irgend mglich, auch die immer schwieriger werdende Finanzierung unserer Bezge sicherzustellen. Zu diesem Zweck schlug ich vor, den Versuch zu machen, mit unsern neutralen Nachbarn zu Abmachungen zu gelangen, die sich erstens auf einen bestimmten lngeren Zeitraum erstreckten, zweitens fr diesen Zeitraum bestimmte Leistungen und Gegenleistungen an den fr jeden der beiden Teile wichtigsten Ausfuhrgtern vorsahen, drittens gleichzeitig den berschu unserer Einfuhr ber die Ausfuhr durch bestimmte Kreditvereinbarungen deckten. Auf dieser Grundlage wurde in der Folgezeit mit der Schweiz, mit Holland, mit Dnemark und mit Schweden verhandelt und abgeschlossen. Da die immer straffer durchgefhrte Reglementierung und Zentralisierung unsrer Einfuhr und Ausfuhr, zu der als notwendige Ergnzung noch die Regelung des Verkehrs in auslndischen Zahlungsmitteln (Devisenordnung) hinzutrat, die Interessen zahlreicher Einzelner und wichtiger Berufsstnde schdigte, da bei der Durchfhrung manche bertriebene Hrte, manche berflssige Umstndlichkeit, mancher vermeidbare Fehler mit unterlief, darber habe ich nie einen Zweifel gehabt. Insbesondere der Handel, dessen Vermittlerttigkeit kaum mehr ein Arbeitsfeld fand, wurde schwer getroffen. Die Organisationen zur Durchfhrung der nun einmal durch die Kriegsverhltnisse uns aufgezwungenen einheitlichen und planmigen Regelung unseres Auenhandels muten gewissermaen aus dem Nichts heraus geschaffen werden. Das notwendige Personal -- es waren bei der Zentraleinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 weit ber 4000 Angestellte -- mute aus allen Richtungen der Windrose zusammengeholt, eingegliedert und eingearbeitet werden. Umstze, die bald in die Hunderte von Millionen, ja in die Milliarden gingen, waren zu bewltigen -- kurz, das grte Warenhandelsgeschft, das die Welt je gesehen hatte, war aufzubauen und hatte zu arbeiten unter Verhltnissen und nach Methoden, die ohne Vorbild waren. Und ber den Kpfen, die das alles zu leisten hatten, schwang der Krieg seine Hetzpeitsche. Alles drngte. Oft kam es fr wichtige Entscheidungen und Manahmen auf Stunden an. Da hie es manchmal nach dem alten militrischen Grundsatz zu handeln: Besser ein falscher Entschlu als gar keiner! Alle Mngel und Unzutrglichkeiten, auch alle Kritik und alle Angriffe muten um des Ganzen willen in Kauf genommen werden. Ja, es mute von denjenigen, die vor der Kritik und den Angriffen Rede zu stehen hatten, sogar hingenommen werden, da sie von der strksten Waffe der Rechtfertigung und Verteidigung, dem Hinweis auf die erzielten Erfolge, berhaupt nicht oder nur im engen Kreise vertraulichster Beratungen Gebrauch machen konnten. Denn die Darlegung der erzielten Erfolge htte unsern Feinden Einblicke in unsere Arbeit gegeben, die ihnen wirksame Gegenaktionen ermglicht und damit die glcklich gesicherten Zufuhren wieder auf das schwerste gefhrdet htten. Heute lt sich ohne Gefhrdung deutscher Interessen ber diese Dinge sprechen, und ich gebe deshalb einige Tatsachen, die zeigen, in welchem Mae es uns gelungen ist, in dem schweren Kampf mit der Entente unsere Stellung auf den Mrkten der uns benachbarten Neutralen nicht nur zu behaupten, sondern sogar auf Kosten Englands zu verbessern. Zunchst sei festgestellt, da uns trotz der Handels- und Hungerblockade die Aufrechterhaltung unserer Einfuhr in weit hherem Mae gelungen ist, als whrend des Krieges wohl von allen nicht Eingeweihten angenommen wurde. Unsere Einfuhr im letzten Friedensjahre, 1913, hatte den Wert von 10,8 Milliarden Mark erreicht. Unsere Einfuhr im Jahre 1915, als der Handels- und Hungerkrieg bereits im vollen Gange war, betrug immer noch 7,1 Milliarden Mark; im Jahre 1916 stellt sie sich auf 8,4 Milliarden, 1917 auf 7,1 Milliarden Mark. Freilich erscheint der tatschlich eingetretene Einfuhrrckgang in diesen Ziffern zu gering; die Preissteigerung fast aller Waren, die auch im Jahre 1915 sich bereits geltend machte, verwischt das Bild der wirklichen Entwicklung. Immerhin bleibt, auch wenn man die Preissteigerung in Rechnung setzt, die Tatsache bestehen, da uns trotz der Absperrung von der berseeischen Welt und trotz des Druckes, den die Entente auf die uns benachbarten Neutralen ausbte, eine recht ansehnliche Einfuhr verblieben ist. Eine Betrachtung der Einfuhrmengen einzelner wichtiger Artikel wird dies besttigen. Gleich hier mchte ich darauf aufmerksam machen, da unsere Ausfuhr einen weit strkeren Rckgang erfahren hat als unsere Einfuhr. Whrend im Jahre 1913 unsere Ausfuhr mit 10,1 Milliarden Mark nur um rund 700 Millionen Mark hinter unserer Einfuhr zurckgeblieben war, sank unsere Ausfuhr im Jahre 1915 auf 3,1 Milliarden Mark, lie also gegenber der gleichzeitigen Einfuhr einen Fehlbetrag von 4 Milliarden Mark. Es gelang zwar, im Jahre 1916, trotz der schwierigen Verhltnisse und des immer wachsenden eigenen Bedarfs fr Heer und Volk, die Ausfuhr auf 3,8 Milliarden Mark zu steigern; aber der Abstand gegenber dem Einfuhrwert wuchs, da letzterer noch mehr gestiegen war, auf 4-1/2 Milliarden Mark. Im Jahre 1917 stand der Einfuhr von 7,1 Milliarden eine Ausfuhr von 3,4 Milliarden gegenber; der Einfuhrberschu betrug also 3,7 Milliarden Mark. Die groen und im Laufe des Krieges fortgesetzt steigenden Schwierigkeiten der Beschaffung von Zahlungsmitteln fr das Ausland, die hieraus sich ergebende Steigerung der Wechselkurse der neutralen Lnder und der Druck auf unsere eigene Valuta finden in dem jhrlich mehrere Milliarden betragenden Passivsaldo unserer Handelsbilanz ihre Erklrung. Wenn unsere Einfuhr sich in dem geschilderten Umfang aufrechterhalten konnte, so lag dies daran, da die uns benachbarten Neutralen, zu denen bis Ende August 1916 auch Rumnien zu rechnen ist, den Ausfall der Einfuhr aus den feindlichen Lndern und den nur auf dem Seewege zu erreichenden Neutralen zu einem erheblichen Teil wettmachten; denn unsere Verbndeten, deren Hilfsquellen fr den eigenen Bedarf durch den Krieg stark in Anspruch genommen waren, vermochten uns in dieser Beziehung keine ziffernmig ins Gewicht fallende Hilfe zu gewhren. Whrend unsere Gesamteinfuhr sich von 10,8 Milliarden Mark im Jahre 1913 auf 7,1 Milliarden Mark im Jahre 1915 verringerte, stieg unsere Einfuhr aus den uns benachbarten Neutralen (einschl. Rumniens) in derselben Zeit von 1,1 auf 3,5 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1916 stellte sich der Anteil dieser Neutralen an unserer Einfuhr sogar auf rund 70% gegen wenig mehr als 10% im Jahre 1913. An einzelnen wichtigsten Gtern konnten uns die benachbarten Neutralen einen vollen Ersatz fr den Wegfall der Einfuhr aus den feindlichen und den fr uns gesperrten neutralen Lndern gewhren, ja sogar darber hinaus unsere Gesamtbelieferung steigern. Das gilt vor allem fr die Produkte der Viehzucht, die in den uns benachbarten Neutralen, vor allem in Holland und Dnemark, zu hoher Leistungsfhigkeit entwickelt war. So ist unsere Einfuhr von Schweinefleisch, einschlielich Schinken, von 21600 Tonnen im Jahre 1913 auf 98200 Tonnen im Jahre 1915 gebracht worden. In derselben Zeit stieg unsere Einfuhr von Butter, an der vor dem Kriege Ruland (Sibirien) zu mehr als der Hlfte beteiligt war, trotz des Wegfalls dieser wichtigsten Bezugsquelle, von 54200 auf 68500 Tonnen, whrend allerdings gleichzeitig die Einfuhr von Milch und Rahm eine starke Verminderung erfuhr. In derselben Zeit ist ferner die Einfuhr von Kse von 26300 Tonnen auf 67300 Tonnen, also auf mehr als das 2-1/2fache der Friedenseinfuhr gebracht worden. Die Einfuhr von Salzheringen wurde von 1298000 Fa auf 2883000 Fa, also auf mehr als das Doppelte, gesteigert. Natrlich waren die uns benachbarten Neutralen, denen wir diese wichtigen Zuschsse zu unserm Kriegshaushalt verdanken, nicht in der Lage, ihre Erzeugung an allen diesen Dingen von heute auf morgen in einem Mae auszudehnen, das ihnen ohne weiteres eine so erheblich gesteigerte Belieferung Deutschlands gestattet htte. Irgendwelche anderen Abnehmer, seien es die inlndischen Verbraucher, seien es auslndische Bezieher, muten zugunsten Deutschlands verkrzt werden. So war es in der Tat. Und der verkrzte Bezieher war in der Hauptsache -- =England=! Das sei an einigen Beispielen illustriert. Die Ausfuhr der Niederlande nach Deutschland und England an einigen wichtigen Artikeln, um deren Bezug die beiden Lnder whrend des Krieges konkurrierten, hat sich folgendermaen entwickelt[3]: Hollndische Ausfuhr nach Deutschland England an Butter im Jahre 1913 19000 t 7900 t " " 1915 36700 " 2500 " " " 1916 31500 " 2200 " an Kse im Jahre 1913 16100 " 19100 " " " 1915 63300 " 8400 " " " 1916 76200 " 6800 " an Schweinefleisch im Jahre 1913 11000 " 34000 " " " 1915 55100 " 7600 " " " 1916 25100 " 10300 " an Eiern im Jahre 1913 15300 " 5800 " " " 1915 25200 " 7800 " " " 1916 36400 " 800 " [3] Fr 1917 und 1918 stehen mir die Ziffern nicht zur Verfgung. Deutschland hat also seine Einfuhr aus den Niederlanden an diesen fr die Volksernhrung und Heeresverpflegung so wichtigen Dingen whrend des Krieges erheblich zu steigern vermocht, whrend gleichzeitig England eine starke Verminderung seiner Zufuhren hinnehmen mute. hnlich entwickelte sich der Kampf zwischen England und Deutschland auf dem dnischen Markte. Whrend von 1913 auf 1915 die dnische Ausfuhr von Butter nach England von 85300 auf 66300 Tonnen zurckging, vermochte Deutschland seine Zufuhr aus Dnemark von 2200 auf 25200 Tonnen in die Hhe zu bringen. An Schweinefleisch bezog England im Jahre 1913 rund 9400 Tonnen, 1915 nur noch 1900 Tonnen; Deutschland dagegen vermochte seine Bezge von 3800 auf 17900 Tonnen zu steigern. Dnemarks Eierausfuhr nach England zeigte einen Rckgang von 30000 auf 18800 Tonnen, nach Deutschland dagegen eine Zunahme von 1200 auf 13000 Tonnen. Auch in der Schweiz, in Schweden und lange Zeit hindurch sogar in dem England gegenber gefgigen, von der Belieferung durch Deutschland kaum abhngigen Norwegen wurde unsere Position nicht nur behauptet, sondern sogar verbessert. Das gilt sowohl fr wichtige Produkte der Viehzucht und der Fischerei, wie auch fr einige Rohstoffe, die fr unsere Kriegsindustrie von grter Bedeutung waren. So gelang es, die Zufuhr der fr unsere Stahlfabrikation kaum entbehrlichen phosphorarmen schwedischen Eisenerze, sowie die Zufuhr von Ferrosilizium und andern wichtigen Ferrolegierungen aus Schweden aufrechtzuhalten; desgleichen erhielten wir aus Schweden gewisse Quantitten von Kupfer; ferner groe Mengen von Holzstoff, der uns angesichts der unzureichenden eigenen Gewinnung fr die Herstellung von Nitrozellulose, daneben fr die Herstellung von Textilose und Papier eine wesentliche Hilfe war. Norwegen war das einzige Land, das uns und unsern Bundesgenossen whrend des Krieges wenigstens mit bescheidenen Mengen des fr die Kriegsindustrie unentbehrlichen Nickels belieferte; daneben erhielten wir von dort Kupfer und Schwefelkies sowie Rohkupfer, auch grere Mengen von Norgesalpeter. Die Schweiz half uns vor allem aus mit Aluminium. Alles in allem: Wir haben zwar nicht vermocht, die britische Seesperre zu brechen, wir blieben whrend des ganzen Krieges von allen nur zur See erreichbaren Mrkten abgeschnitten; aber Englands Versuch, auch die uns benachbarten Neutralen in das System seiner Blockade einzubeziehen und damit die Blockade bis unmittelbar an unsere Landgrenzen heranzutragen, ist trotz des beispiellosen von der Entente angewandten Druckes gescheitert. Das neutrale Vorgelnde unserer belagerten Festung haben wir in dem schweren Wirtschaftskampf siegreich behauptet. Allerdings wurde auch dieses Vorgelnde mehr und mehr verwstet und unterhhlt. England und seine Verbndeten scheuten sich nicht, den Druck ihrer vlkerrechtswidrigen Manahmen auf unsere neutralen Anlieger so weit zu steigern, da deren eigene Produktionsfhigkeit und Lebenshaltung auf das schwerste beeintrchtigt wurde. Namentlich die Leistungsfhigkeit der Viehzucht wurde durch die scharfe Rationierung der Zufuhr von Futtermitteln herabgedrckt; und wer immer von den Neutralen Brot bentigte, mute sich von dem Hungertod durch immer weitere Zugestndnisse loskaufen. Wir muten deshalb vom Ende des Jahres 1916 an mit einem kaum aufzuhaltenden allmhlichen Versiegen auch unserer letzten neutralen Bezugsquellen ernstlich rechnen. Die innere Kriegswirtschaft Die territoriale Erweiterung unserer Wirtschaftsgrundlage durch die militrischen Erfolge, die uns die Besetzung und Verwaltung groer Flchen feindlichen Gebietes ermglichten, und unser erfolgreicher Kampf um die neutralen Mrkte, die uns erreichbar geblieben waren, reichten nicht entfernt aus, Ersatz zu schaffen fr die gewaltigen Zufuhren an Nahrungs- und Futtermitteln, an Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigwaren aller Art, die uns durch den Krieg und durch die Abschneidung vom berseeischen Verkehr entzogen wurden und die bisher ein wesentlicher Teil des Untergrundes unserer Produktions- und Verbrauchswirtschaft gewesen waren. So ergab sich die Notwendigkeit, einmal den uns verbleibenden Spielraum fr Produktion und Verbrauch durch die Anwendung neuer Methoden und die Gewinnung von Ersatzstoffen im Inland, sowie durch die intensive Nutzbarmachung der verfgbaren Arbeitskrfte nach jeder Mglichkeit zu erweitern; dann unsere Gtererzeugung und unsere Lebenshaltung auf die pltzlich so viel enger gewordenen Verhltnisse einzustellen und sie gleichzeitig den gewaltigen Bedrfnissen des Krieges anzupassen. Die Technik im Dienst der Kriegswirtschaft Wissenschaft, angewandte Technik und Unternehmungsgeist hatten sich in Deutschland seit den Zeiten eines Werner von Siemens zusammengefunden und in gemeinschaftlicher, sich ergnzender und frdernder Arbeit die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu den von aller Welt bestaunten und beneideten Fortschritten befhigt. Jetzt galt es, alle diese Krfte zur uersten Leistung anzuspannen, um eine Aufgabe zu lsen, so schwer, wie sie niemals in der Geschichte einem Volke gestellt worden ist: Das Leben und die Wirtschaft eines Siebzig-Millionen-Volkes, die bisher auf der freien Verfgung ber die Naturschtze und Naturerzeugnisse des ganzen Erdballes aufgebaut waren, unter den drngenden Anforderungen und gewaltigen Erschwernissen des Krieges durch die denkbar strkste Ausnutzung der nach Art und Menge beschrnkten Hilfsquellen des eigenen Landes aufrechtzuerhalten. Es war, wie wenn die Not des Vaterlandes die Krfte des deutschen Genius vervielfacht htte. berall mhten sich die besten Kpfe, um den Lebensspielraum, den uns der Feind mit brutaler Gewalt bis zur Erdrosselung einengte, durch die Macht schpferischen Geistes zu weiten. Niemals sind in gleich kurzer Zeit neue Erfindungen und neue Verfahren in hnlicher Flle ausgedacht, ausprobiert und ins Werk gesetzt worden, ist die Nutzwirkung von Arbeit und Stoff in hnlichem Ausma gesteigert und vervollkommnet worden. Und wenn schlielich trotzdem das erdrckende bergewicht der Zahl und der Masse in diesem Vlkerringen den letzten Ausschlag gegeben hat, so bleiben jene Leistungen doch fr alle Zeiten ein unzerstrbarer Ruhmestitel deutschen Geistes und eine Gewhr fr eine bessere Zukunft. Es ist nicht mglich, hier eine ins einzelne gehende Darstellung, ja auch nur eine einigermaen vollstndige bersicht des auf dem weiten Gebiete der Steigerung unserer nationalen Produktionskraft Geleisteten zu geben. Nur einige der wichtigsten Fortschritte und Errungenschaften seien angedeutet. Von der Schaffung gewaltiger Anlagen zur Gewinnung von Stickstoff aus der Luft, die uns berhaupt erst die Mglichkeit gaben, den ungeheuren und stndig wachsenden Bedarf unseres Heeres an Munition zu decken und daneben unsere Landwirtschaft mit dem unentbehrlichen Stickstoffdnger zu versehen, habe ich in anderem Zusammenhang bereits gesprochen. Ebenso von den Anlagen zur Gewinnung von Aluminium aus gewhnlicher deutscher Tonerde. Ich htte hier noch zu erwhnen, da das Kalziumkarbid, das als Zwischenprodukt fr den Kalkstickstoff gewonnen wird, auch Verwendung als Ersatz fr fehlende oder knappe Stoffe anderer Art gefunden hat; so als Beleuchtungsmittel an Stelle von Petroleum und Spiritus, ferner als Ersatz fr wichtige auslndische Metalle in der Stahlfabrikation, ja sogar als Hilfsstoff fr die Herstellung von knstlichem Gummi und als Rohstoff fr die Herstellung von Spiritus. Aluminium hat als Ersatz fr das immer knapper werdende Kupfer, vor allem auch bei der Munitionsherstellung und in der elektrischen Industrie groe Dienste geleistet. Die nahezu vllige Unterbindung der Zufuhr von Rohgummi wurde uns ertrglich gemacht durch die whrend des Krieges erfundenen Verfahren zur Herstellung von knstlichem Gummi und die Vervollkommnung der Regeneration von Altgummi. Wenn auch das knstliche Produkt nur fr Hartgummi ein vollstndiger Ersatz ist, so ist doch der Bedarf an Naturgummi durch diese Verfahren auf einen so bescheidenen Umfang beschrnkt worden, da wir whrend des Krieges unser Auskommen gefunden haben und weiter gefunden htten. Die Textilindustrie, und mit ihr die Bekleidung der deutschen Bevlkerung, ist vor einem Zusammenbruch bewahrt worden durch die zahlreichen Verfahren, die aus der Holzfaser neue Spinnstoffe geschaffen haben (Textilose, Papiergarne, Typhafaser, Zellulosegarn). Diese Verfahren haben ferner die Mglichkeit geschaffen, Landwirtschaft und Industrie mit Packmaterial und das Heer mit den im Stellungskrieg in so groen Mengen bentigten Sandscken zu versorgen. Das neu erfundene Verfahren des Nitrierens von Zellulose hat uns von der Baumwolle als Rohstoff fr das rauchlose Pulver unabhngig gemacht. Auf dem Gebiete der Landwirtschaft richteten sich die Anstrengungen, abgesehen von der bereits erwhnten Herstellung von Stickstoffdnger, auf die Beschaffung von Futtermitteln, da in diesen unsere Versorgung durch die Unterbindung der auslndischen Zufuhren am schwersten gefhrdet war. Zunchst suchte man durch die mglichste Ausdehnung der Kartoffeltrocknung Futterstoffe zu erhalten, die bisher in groem Umfang durch Fulnis zugrunde gegangen waren. Das Trocknungsverfahren wurde im Laufe des Krieges auch auf zahlreiche andere bisher als wertlose Abflle behandelte Erzeugnisse, so auf Rbenkraut, Kartoffelkraut und hnliches mehr mit groem Erfolg ausgedehnt. Zu dem Trocknungsverfahren kam bald hinzu die knstliche Herstellung von Kraftfuttermitteln, vor allem die Herstellung von Mineralhefe (als Futterhefe und als Nhrhefe) und die Herstellung von Strohkraftfutter im Wege der Strohaufschlieung, schlielich die Herstellung von Kraftfutter aus Tierkadavern, Knochen und bisher unverwerteten Abfllen aller Art. In hnlicher Weise ist unsere auf das uerste bedrohte Versorgung mit len durch die sparsamste Ausnutzung aller lhaltigen Samen und Kerne sowie durch neue Verfahren der lgewinnung aus animalischen Stoffen und mineralischen Substanzen (Schiefer) nicht unerheblich aufgebessert worden. Auf den meisten dieser Gebiete hatte das Reich, und vor allem das mir anvertraute Amt, anregend und zusammenfassend, frdernd und organisierend mitzuarbeiten. Kaum ein anderer Teil der Geschfte, die ich als Reichsschatzsekretr und Staatssekretr des Innern zu leiten hatte, hat mir die gleiche innere Befriedigung gewhrt, wie die mir leider nur in engen Grenzen mgliche Mitarbeit an diesen schpferischen Leistungen, als deren uersten Kontrast ich, je lnger desto mehr, die endlosen und grtenteils fruchtlosen Parlamentsdebatten empfand. Ich mag im Reichstag manchmal kurz angebunden und schroff gewesen sein; aber das war dann meistens der Ausflu einer mhsam unterdrckten inneren Auflehnung gegen die Vergeudung von Zeit und Kraft in unfruchtbaren Debatten; whrend die dringendsten und wichtigsten Arbeiten warten muten und zu Schaden kamen. Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskrfte Neben der Steigerung der technischen Leistungsfhigkeit der Gtererzeugung ging einher eine Umstellung des ganzen Produktionsapparates auf die durch den Krieg total vernderten Bedrfnisse. Die Herstellung von Kriegsgert aller Art in gewaltigen Mengen, daneben die Sicherung der Ernte traten mit Kriegsbeginn in den Vordergrund; auf der andern Seite waren groe Zweige der Industrie und des Handels alsbald zu empfindlichen Einschrnkungen gezwungen: alles, was fr den berseeischen Export arbeitete, und alles, was auf berseeische Rohstoffe angewiesen war. In ganz groem Stil muten Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sich neuen Aufgaben und neuen Beschftigungen zuwenden. Das Unternehmertum vollzog die Umstellung aus eigener Initiative und im wesentlichen aus eigener Kraft mit einer erstaunlichen Anpassungsfhigkeit und Energie. Fabriken und Werksttten, die stets nur der Herstellung von Waren des Friedensbedarfs gedient hatten, wandten sich, angereizt durch gute Gewinnaussichten, der Fabrikation von Heeresgert und Heeresausrstung zu. Nicht nur Betriebe der Metallindustrie, auch Spinnereien und hnliche Unternehmungen wurden in Geschodrehereien und Znderfabriken umgewandelt. Neue industrielle Anlagen zur Fabrikation von Kriegsbedarf schossen wie Pilze aus der Erde. Weit schwieriger war die Umgruppierung der Arbeiterschaft. Die nchste Wirkung des Krieges, der unserer Volkswirtschaft Millionen der leistungsfhigsten Arbeiter entzog, war -- eine erschreckende Arbeitslosigkeit! In einer Lage, in der alles darauf ankam, jede Arbeitskraft, die der Heeresdienst nicht in Anspruch nahm, fr die Gtererzeugung nutzbar zu machen, sahen sich Hunderttausende zum Verlassen ihrer Arbeitsstellen gezwungen, ohne alsbald neue Arbeit finden zu knnen. Die zum groen Teil unvermeidlichen, zum Teil aber auch ohne Not berstrzten Betriebseinschrnkungen und Betriebseinstellungen setzten Arbeitskrfte frei, die nicht ohne weiteres den Weg zu neuer Beschftigung fanden, schon deshalb nicht, weil die technische Umstellung der Industrie eine gewisse Zeit erforderte. In welch erschreckendem Mae der Krieg den Arbeitsmarkt erschtterte, davon geben folgende Zahlen ein Bild. Bei den Arbeitsnachweisen kamen auf hundert offene Stellen bei den mnnlichen Arbeitern im Juli 1914 158 Arbeitsuchende, im August 1914 dagegen nicht weniger als 248; bei den weiblichen Arbeitern kamen im Juli 1914 auf 100 offene Stellen 99 Arbeitsuchende, im August 1914 dagegen nicht weniger als 202. Das Reich griff alsbald nach Kriegsausbruch ein, um sowohl im Interesse der Arbeiterschaft wie im Interesse der hchstmglichen Leistung unserer Produktion die Umgruppierung der schaffenden Hnde zu beschleunigen. Der Weg war eine den Kriegsbedrfnissen angepate Organisation des Arbeitsnachweises. Das deutsche Arbeitsnachweiswesen vor dem Kriege litt vor allem an einer starken Zersplitterung. Neben den nicht bedeutenden gewerbsmig betriebenen Stellenvermittlungen arbeiteten ohne ausreichenden Zusammenhang nebeneinander: die von ffentlichen Krperschaften eingerichteten Arbeitsnachweise, die Arbeitgebernachweise, die Arbeitnehmernachweise und parittische Arbeitsnachweise. Das Reichsamt des Innern gab diesen Organen gleich nach Kriegsausbruch in der Reichszentrale fr Arbeitsnachweise eine einheitliche Spitze. Die einzelnen Arbeitsnachweise bernahmen die Pflicht, sowohl die offenen Stellen wie auch die berschssigen Arbeitsangebote an die Zentralstelle zu melden, um so einen Ausgleich zu ermglichen. Schon am 9. August 1914 konnte die Reichszentrale ihre Arbeit aufnehmen. Sie hat sich nicht auf die Herstellung der Verbindung zwischen den einzelnen Arbeitsnachweisen beschrnkt, sondern in wichtigen Fllen unmittelbar eingegriffen; so vor allem gleich nach Kriegsausbruch bei der Beschaffung von Arbeitskrften fr die Bergung der Ernte, fr die in groem Umfang eingeleiteten Festungsarbeiten, fr die reichseigenen Betriebe der Militr- und Marinebehrden und der von diesen beschftigten Unternehmungen; ferner bei der Zuweisung von Kriegsgefangenen an die unter Mangel an Arbeitskrften leidenden Betriebe in Industrie und Landwirtschaft. Ergnzt wurde die Ttigkeit der Reichszentrale und der Einzelnachweise durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheit fr die nicht ohne weiteres unterzubringenden Arbeitslosen, durch Einschrnkungen der Arbeitszeit, das Verbot von berstunden und von Nachtarbeit in gewissen Betrieben, durch eine den Arbeiterverhltnissen angepate Verteilung der Heeresauftrge, durch eine planmige Frsorge fr die Erwerbslosen. Nachdem die erste groe Umschichtung der Arbeitskrfte vollzogen war, nderte sich die Lage und damit die zu bewltigende Aufgabe. Die Einziehung der Millionen zum Heeresdienst und der steigende Bedarf an Heeresausrstung lie die Nachfrage nach mnnlichen Arbeitskrften rasch in die Hhe schnellen. Whrend im August 1914 auf 100 offene Stellen 248 Arbeitsuchende gekommen waren, brachte schon der April 1915 mit 100 Angeboten auf 100 offene Stellen den Ausgleich. In den folgenden Monaten berwog die Nachfrage nach mnnlichen Arbeitskrften das Angebot immer strker: auf 100 offene Stellen kamen im Oktober 1915 nur noch 85, im Oktober 1916 nur noch 64 Angebote. Dagegen ging bei den weiblichen Arbeitskrften das berangebot nur ganz allmhlich zurck. Hier wirkte dem berangebot keine Einziehung zum Heeresdienst entgegen; auerdem wurden durch Betriebseinschrnkungen gerade solche Industriezweige am strksten betroffen, in denen die weiblichen Arbeitskrfte berwiegen (Textilindustrie). Im Juli 1915, also ein Jahr nach Kriegsausbruch, standen 100 offenen Stellen immer noch 165 Arbeitsuchende gegenber; dann kam infolge der gerade damals notwendig werdenden Einschrnkung in der Textilindustrie eine weitere Steigerung des Arbeitsangebots bis auf 182 im Oktober 1915. Die Zahl fr den April 1916 war 162, fr den Oktober 1916 immer noch 135 Angebote auf 100 offene Stellen. Zunehmender Mangel an mnnlichen Arbeitskrften, fortdauernder berschu an weiblichen Arbeitskrften -- das drngte auf einen Ausgleich. Planmig wurde berall, wo es angngig war, die Mnnerarbeit durch Frauenarbeit ersetzt. In welchem Mae das gelungen ist, zeigt sich darin, da nach den Arbeitsausweisen der Betriebskrankenkassen vom 1. Juli 1914 zum 1. Juli 1916 der Anteil der weiblichen Arbeitskrfte an der Gesamtzahl der Arbeiter gestiegen ist: in der Httenindustrie, Metallbearbeitung und Maschinenindustrie von 9 auf 19% in der chemischen Industrie " 7 " 23% in der elektrischen Industrie " 24 " 55% Allein vom 1. Juli 1915 bis zum 1. Juli 1916 weist die Krankenkassenstatistik eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskrfte um 750000 Arbeiterinnen auf. Wie die Frauen, so muten auch die Jugendlichen in verstrktem Mae zur Arbeit herangezogen werden. Um die Arbeitskraft der Frauen und der Jugendlichen fr den Kriegszweck voll nutzbar machen zu knnen, hatte ein Gesetz vom 4. August 1914 dem Reichskanzler die Befugnis erteilt, Ausnahmen von den gesetzlichen Bestimmungen ber den Schutz der weiblichen Arbeiter und der Jugendlichen zu gestatten. Die harte Notwendigkeit des Krieges machte in vielen Fllen eine Lockerung dieser Schutzbestimmungen erforderlich. Es wurde eben nicht nur auf den Schlachtfeldern gekmpft, sondern auch in den Arbeitsstellen der Heimat. Hier wie dort waren wir gezwungen, von dem wertvollen Kapital unserer Volkskraft zu zehren, um das Volksganze gegenber dem Vernichtungswillen unserer Feinde zu erhalten. Ihre hchste Steigerung hat die Mobilmachung der Arbeit in dem Gesetz ber den Vaterlndischen Hilfsdienst gefunden, auf das ich weiter unten in einem besonderen Abschnitt des Nheren eingehen werde. Verbrauchsregelung und Volksernhrung Die erfolgreichen Bemhungen, unsere heimische Gtererzeugung durch technische und organisatorische Vervollkommnung und durch die Nutzbarmachung aller Arbeitskrfte zu steigern, konnten wesentliche Erleichterungen unserer bedrngten Lage schaffen und das uerste abwehren, aber sie konnten uns nicht der Notwendigkeit entheben, die Verwendung der den normalen Bedarf nicht deckenden Nahrungsmittel und Rohstoffe zu regulieren. Es war unmglich, die Regulierung dem freien Spiel der Krfte zu berlassen. Dann htte sich die Regulierung des Verbrauches der nur in unzureichenden Mengen verfgbaren Waren im Wege der Preisgestaltung vollzogen, in der Weise, da eine scharfe Preissteigerung schrittweise die weniger zahlungsfhige Nachfrage ausgeschaltet htte. Reichliche Versorgung der Wohlhabenden, Hunger und Elend der breiten Volksschichten wren die unvermeidlichen Folgen gewesen. Es kam alles darauf an, eine solche Entwicklung in sozialem Geist und mit Mitteln der sozialen Organisation zu verhindern. Die schwere materielle Bedrngnis, die der Krieg ber unser Volk brachte, konnte nur dann ertragen und berwunden werden, wenn alle Volksgenossen mittragen halfen und jeder seinen Anteil an der notwendigen Einschrnkung bernahm. Die Festsetzung von Hchstpreisen allein konnte die Aufgabe nicht lsen. Eine gesetzliche Preisfestsetzung schaltet den Preis als Regulator von Angebot und Nachfrage aus, ohne einen andern Regulator an seine Stelle zu setzen. Ein niedriger Hchstpreis veranlat Erzeuger und Hndler zur Zurckhaltung, ohne den Konsumenten zu der gebotenen Einschrnkung seines Verbrauches zu ntigen. Das System der Hchstpreise, durch das die Bevlkerung von einer allzu starken Verteuerung der Lebenshaltung bewahrt werden sollte, bedurfte mithin sofort, wenn es das Zusammenbrechen der Versorgung nicht geradezu beschleunigen sollte, der Ergnzung durch weitergehende Manahmen. Als solche kamen in Betracht die Regulierung des Verbrauchs durch Einschrnkungen der Verwendung und durch Rationierung, ferner die Erfassung der Bestnde und der Neuproduktion durch Beschlagnahme und Enteignung. Die vollstndige bernahme der Bewirtschaftung ist die uerste Konsequenz. Je elementarer das Lebensbedrfnis war, dem eine Ware zu gengen hatte, je offenkundiger die Knappheit der verfgbaren Bestnde, desto dringender war das staatliche Eingreifen. Auf dem Gebiet der Volksernhrung hat demgem die Reglementierung mit dem =Brotgetreide= begonnen und hier zur Entwicklung eines Systems gefhrt, das fr die Gesamtheit der Kriegswirtschaft von groem Einflu geworden ist. Neben den Hchstpreisen wurden hier schon im Oktober 1914 bestimmte Verwendungsbeschrnkungen eingefhrt. Das Verfttern von Brotgetreide wurde verboten. Fr das Ausmahlen von Brotgetreide wurden Mindeststze vorgeschrieben. Fr Weizenbrot wurde ein bestimmter Zusatz von Roggenmehl, fr Roggenbrot ein solcher von Kartoffeln oder Kartoffelmehl vorgeschrieben. In der Folgezeit wurden diese Bestimmungen verschrft und ergnzt. Bereits im Januar 1915 ging man den entscheidenden Schritt weiter. Es wurde jetzt einmal der Brot- und Mehlverbrauch pro Kopf und Tag auf eine bestimmte Hchstmenge festgesetzt und zur Durchfhrung dieser Rationierung die Brot- und Mehlkarte eingefhrt. Gleichzeitig wurde die Bewirtschaftung des in Deutschland vorhandenen Brotgetreides der im November 1914 aus privater Initiative gegrndeten und jetzt weiter ausgebauten Kriegsgetreide-Gesellschaft bertragen. Das Brotgetreide wurde fr die genannte Gesellschaft beschlagnahmt, und die Gesellschaft wurde beauftragt, das beschlagnahmte Getreide aufzunehmen, zu lagern, vermahlen zu lassen und das Mehl mit Hilfe einer gleichzeitig geschaffenen Reichsverteilungsstelle zu verteilen. Die Verteilung der Mehlmengen ber die Bcker bis zu den Konsumenten wurde den Kommunalverbnden bertragen. Ihre endgltige Form erhielt die Organisation durch eine Verordnung vom 28. Juni 1915. Die Kriegsgetreide-Gesellschaft wurde ersetzt durch die Reichsgetreidestelle, bestehend aus einer Verwaltungsabteilung und einer Geschftsabteilung; die erstere wurde mit weitgehenden behrdlichen Befugnissen ausgestattet, der letzteren wurde die kaufmnnische Durchfhrung bertragen. Die neue Verordnung brachte insofern eine Abweichung gegenber der bisherigen Regelung, als das Brotgetreide der Ernte 1915 nicht fr die Reichsgetreidestelle, sondern fr die Kommunalverbnde beschlagnahmt wurde, da diese als die geeigneten Organe fr die Durchfhrung der Beschlagnahme und die rtliche Kontrolle erschienen. Den Kommunalverbnden wurde die Verpflichtung zur Lieferung des Getreides an die Reichsgetreidestelle oder an die von dieser zu bezeichnenden Stellen auferlegt. Hier haben wir also klar herausgearbeitet die Kombination von Hchstpreisen mit strengster Verwendungsbeschrnkung und Verbrauchsrationierung einerseits, Erfassung und Bewirtschaftung der Produktion und der Bestnde andererseits. Beim Brotgetreide hat sich diese Organisation alles in allem vorzglich bewhrt. Sie hat nicht nur eine ausreichende und regelmige Belieferung der deutschen Wehrmacht und der gesamten deutschen Zivilbevlkerung mit dem tglichen Brot sichergestellt, sondern sie hat diese Belieferung zu Preisen durchgefhrt, die bald hinter denjenigen in allen andern Lndern, nicht nur der Kriegfhrenden sondern auch der Neutralen, nicht nur diesseits sondern auch jenseits des Ozeans zurckblieben. Das ist erreicht worden, obwohl Deutschland in Friedenszeiten auf Grund der Agrarzlle das Zentrum der hchsten Getreidepreise der Welt gewesen war, und obwohl nicht nur die auslndischen Zufuhren von Brotgetreide in Wegfall kamen, sondern auch die inlndische Produktion infolge einer weniger intensiven Bodenbearbeitung und geringeren Dngung wesentlich hinter den Friedensernten zurckblieb. Allerdings lagen beim Brotgetreide die Vorbedingungen fr eine staatliche Bewirtschaftung besonders gnstig. Bedarf und Bestnde sind hier verhltnismig leicht festzustellen. Die Kontrolle ist verhltnismig einfach. Die Haltbarkeit und Transportfhigkeit von Roggen und Weizen ist verhltnismig gut. Qualittsunterschiede spielen keine entscheidende Rolle. Alles Eigenschaften, die ein einheitliches Disponieren nach einem wohldurchdachten Plan erheblich erleichtern, und Eigenschaften, die bei den meisten andern Nahrungsmitteln fehlen oder mindestens nicht in dem gleichen Mae vorhanden sind. Man hatte deshalb in der ersten Zeit des Krieges auch wenig Neigung, das beim Brotgetreide erprobte System der Bewirtschaftung auf die andern Kategorien von Nahrungsmitteln zu bertragen. Schon bei den Kartoffeln lagen die Verhltnisse fr eine einheitliche Bewirtschaftung sehr viel weniger gnstig. Die Bestnde sind infolge der Einmietung der Ernte weniger leicht zu bersehen. Die Haltbarkeit ist geringer und stets unsicher. Die verschiedenen Sorten bilden eine weitere Erschwerung. Noch grer sind die Schwierigkeiten der zentralen Bewirtschaftung bei leicht verderblichen Nahrungsmitteln wie bei Gemse und Obst. Ebenso bei Fleisch, Milch, Butter, Eiern, Fischen. Man hat deshalb bei allen diesen Dingen, als sie anfingen knapp zu werden, eine gleichmige Verteilung zu ertrglichen Preisen auf andern Wegen zu erreichen versucht: durch Reglementierung oder Syndizierung des Handels, durch Abschlu von Lieferungsvertrgen zwischen Kommunen und Hndlern oder Produzenten, durch teilweise Beschlagnahmen oder durch Umlage von Lieferungsverpflichtungen auf Provinzen und Kommunen, durch Festsetzung von variabeln Richtpreisen, durch Preisprfungsstellen und Kriegswucheramt. Aber der mangelhafte Erfolg aller dieser Manahmen drngte -- trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten -- immer mehr zu der radikalen Lsung, wie sie beim Brotgetreide mit so viel Erfolg verwirklicht worden war. Auf fast allen Gebieten des Ernhrungswesens kam man von Teileingriffen zur zentralen Bewirtschaftung, die nach dem Vorbild der Brotgetreide-Organisation in die Hand von Reichsstellen mit Verwaltungsabteilungen fr die behrdliche Ttigkeit und Geschftsabteilungen fr die kaufmnnische Ttigkeit gelegt wurde. So bekamen wir die Reichskartoffelstelle und Reichshlsenfruchtstelle, die Reichsstelle fr Gemse und Obst und die Reichszuckerstelle, die Reichsfleischstelle und die Reichsstelle fr Speisefette, die Reichsverteilungsstelle fr Eier und den Reichskommissar fr Fischversorgung. Viele von diesen Reichsstellen umgaben sich fr die kaufmnnische Durchfhrung ihrer Aufgaben mit einem Kranz von Kriegsgesellschaften fr alle mglichen Spezialgebiete, fr Sauerkraut, wie fr Teichfische und Aale. Ich habe der Ausdehnung der Zwangswirtschaft auf Gebiete, die sich ihrer Natur nach fr eine staatliche Bewirtschaftung nicht eignen, mehrfach Widerstand entgegenzusetzen versucht. Ich bin auch heute noch der Meinung, da auf manchen Gebieten die Zwangswirtschaft weit mehr geschadet als genutzt hat, da sie die Produzenten verwirrte und verrgerte und so die Produktion lhmte, da sie groe Mengen leicht verderblicher Nahrungsmittel, die im Weg des privaten Handels leicht und sicher dem Verbrauch zugefhrt worden wren, verkommen lie, soda in der Endwirkung Erzeuger und Verbraucher zu kurz kamen. Den allergrten Nachteil aber sehe ich darin, da die berspannung des Systems der zentralen Bewirtschaftung den wucherischen Schleichhandel geradezu grozchtete. Wenn auf der einen Seite die Kontrollmglichkeit gering, auf der andern infolge der bertreibung des Systems die Versuchung zu seiner Durchbrechung bermchtig ist, dann gibt es kein Halten. Auch nicht durch Strafen. Im Gegenteil, indem die Strafen das Risiko des Schleichhandels erhhen, steigern sie die Schleichhandelspreise. Nach meiner berzeugung wre hier weniger mehr gewesen. Aber jeder Widerstand war vergeblich. Ein gewisser Ressortfanatismus in den Abteilungen des Kriegsernhrungsamts und den diesem angegliederten Reichsstellen, der, vielleicht unbewut, auf eine Erweiterung der eigenen Machtbefugnisse hinausging, wre an sich noch zu bndigen gewesen, wenn er nicht noch geschoben und gedrngt worden wre durch den parlamentarischen Beirat des Kriegsernhrungsamtes, in dem die Anhnger der alles erfassenden staatlichen Bewirtschaftung stark berwogen. Bewirtschaftung der Rohstoffe Auf dem Gebiet der industriellen Rohstoffe fhrte die gleich zu Beginn des Krieges eingerichtete Kriegsrohstoff-Abteilung des Kriegsministeriums. Hier muten mit raschem Zugriff die vorhandenen Bestnde an nicht beliebig vermehrbaren kriegswichtigen Rohstoffen fr die Heereszwecke sichergestellt werden. Es handelte sich vor allem um die in Deutschland nicht vorkommenden oder nur in beschrnktem Umfang zu gewinnenden Mineralien, die sogenannten Sparmetalle, und um die Textilrohstoffe. Die Erfassung erfolgte zunchst im Weg der Beschlagnahme. Mit der Beschlagnahme, die noch nicht gleichbedeutend mit Enteignung ist, wird dem Eigentmer das Recht der beliebigen Veruerung und Verarbeitung des beschlagnahmten Materials entzogen. In zahlreichen Fllen hat die Kriegsrohstoff-Abteilung von einer Enteignung abgesehen und lediglich die Verwendung reguliert und kontrolliert. In andern Fllen sah sie sich zu der berfhrung der Bestnde in Staatseigentum veranlat. Die Notwendigkeit hierzu lag besonders dann vor, wenn nicht nur auf die Vorrte der Industrie und des Handels, sondern auch auf die bereits in den Gebrauch bergegangenen Bestnde von Haushaltungen, Betrieben usw. zurckgegriffen werden mute, wie bei Kupfer und Kupferlegierungen, Nickel, Zinn. Fr die Verteilung und die Verwendungsregulierung waren die auf Grund der Bestandsaufnahmen und Bedarfsanmeldungen aufgestellten Wirtschaftsplne magebend. Bei der Aufstellung dieser Wirtschaftsplne hie es, sich nach der Decke strecken, den angemeldeten Bedarf nach seiner Dringlichkeit klassifizieren, nach Ersatzmglichkeiten suchen und jedenfalls so zu disponieren, da in der Lieferung der notwendigen Heeresausrstung keine Stockung eintreten konnte. Wie auf dem Gebiet des Ernhrungswesens, so waren auch hier die zu lsenden Aufgaben teils behrdlicher, teils kommerzieller Natur. Die Anordnungen von Bestandserhebungen, Beschlagnahmen und Enteignungen, die Festsetzung der Preise, die Aufstellung der Wirtschaftsplne und der Verteilungsschlssel konnten nur von einer Behrde ausgehen, die sich dabei natrlich der Beratung der beteiligten Industrie- und Handelskreise bedienen mute. Dagegen war die Abnahme und Bezahlung der zu beschaffenden Materialien sowohl im Inland, wie namentlich auch in den besetzten Gebieten, in den Lndern unserer Bundesgenossen und der uns zugnglichen Neutralen, ferner die Verfrachtung, Einlagerung, Sortierung ein kaufmnnisches Geschft groen Stils, fr dessen Bewltigung besondere Organe aus den beteiligten Wirtschaftskreisen geschaffen werden muten, die sogenannten Kriegsrohstoff-Gesellschaften. Schon die Erfassung der kriegswichtigen Rohstoffe fr den Heeresbedarf griff stark ein in die Versorgung der Zivilbevlkerung. Das gilt vor allem fr die Erfassung der Faserstoffe und des Leders. Fr die Verteilung des von der Heeresverwaltung fr die Versorgung der Zivilbevlkerung freigegebenen Leders mute im Frhjahr 1916 eine besondere Organisation geschaffen werden. Noch strker wurde die Versorgung der Zivilbevlkerung in Mitleidenschaft gezogen, als es sich notwendig zeigte, im Heeresinteresse die Hand auch auf Fertigfabrikate der Textilindustrie zu legen. Nachdem am 1. Februar 1916 die Heeresverwaltung die Beschlagnahme der Anzugstoffe, Futterstoffe, Wsche, Unterkleider usw. verfgt hatte, wurde eine umfassende Regelung der Versorgung der Zivilbevlkerung mit Kleidung und Wsche unaufschiebbar. Zu diesem Zweck wurde die Reichsbekleidungsstelle ins Leben gerufen, der die dornenvolle Aufgabe zufiel, die notwendig gewordene Einschrnkung des Verbrauches im Wege des der Lebensmittelkarte nachgebildeten, auf dem Gebiet der Bekleidung aber viel schwerer anwendbaren Bezugsscheins durchzufhren und gleichzeitig fr die weitestmgliche Nutzbarmachung des hier besonders wichtigen Altmaterials an Stoffen und Kleidern zu sorgen. So entstanden, gerade in der Zeit, in der ich das Reichsamt des Innern bernahm, fr die Zivilverwaltung auch auerhalb des Gebietes der Volksernhrung neue groe Aufgaben. Diese Aufgaben wuchsen, als die immer strker werdende Knappheit der Rohstoffe und der Arbeitskrfte eine Beschrnkung auf die Regelung des Verbrauchs nicht mehr angngig erscheinen lie. Schon die Verteilung der allzu knapp gewordenen Rohstoffe auf die einzelnen Betriebe durch die Kriegsrohstoff-Abteilung hatte einen starken Einflu auf die Betriebe selbst ausgebt. Es waren zwei verschiedene Wege gangbar: entweder die Verteilung auf smtliche vorhandenen Betriebe nach Magabe ihrer Leistungsfhigkeit, was zur Folge haben mute, da alle Betriebe des betreffenden Industriezweiges nur teilweise beschftigt wurden; oder die Zuweisung des Rohstoffs an einzelne besonders leistungsfhige Betriebe bis zur Vollbeschftigung unter Stillegung der weniger leistungsfhigen. Wirtschaftlich rationeller ist das zweite System; denn es ermglicht die gleiche Leistung bei geringerem Aufwand von Arbeit, Kohle usw. Dagegen sprachen gewisse soziale Rcksichten fr das erstere System, da dieses keinen Betrieb gegenber den andern in Nachteil brachte und die Entlassung von Arbeitern durch Krzung der Arbeitszeit vermeiden lie. Solange kein Mangel an Arbeitskrften und keine Knappheit an Kohlen bestand, mochte man dem ersteren System den Vorzug geben. Das ist in der Tat in der ersten Periode der Kriegswirtschaft ganz vorwiegend geschehen. Vor allem in der mit Rohstoffen besonders knapp versehenen Textilindustrie, ebenso in der Schuhwarenindustrie hielt man auf eine gleichmige Verteilung der Beschftigung; das bedingte eine wesentliche Verkrzung der Arbeitszeit, die unter Gewhrung von Zuschssen aus ffentlichen Mitteln zu den Arbeitslhnen durchgefhrt wurde. Als aber der wachsende Bedarf an Kriegsgert die Nachfrage nach Arbeitskrften immer mehr steigerte, als die uerste Sparsamkeit mit Kohle und andern Betriebsstoffen immer dringlicher wurde, lie sich der bergang zu dem wirtschaftlich rationellen System der Vollbeschftigung der Hchstleistungsbetriebe und der Stillegung der weniger leistungsfhigen Unternehmungen trotz aller sozialen Bedenken nicht mehr vermeiden. Den entscheidenden Umschwung brachte das sogenannte Hindenburg-Programm in Verbindung mit dem Hilfsdienstgesetz und die im Winter 1916/17 scharf einsetzende Kohlenknappheit. Schon vorher aber erschienen mir Eingriffe in die Struktur einzelner Industriezweige im Interesse der Steigerung der Nutzwirkung aller Krfte und Stoffe und der Vermeidung unwirtschaftlichen Arbeits-, Kapitals- und Materialaufwandes angezeigt. Zunchst wurde angesichts des Mangels an Arbeitskrften im Kalibergbau ein Verbot des Abteufens von neuen Schchten erlassen (8. Juni 1916). Dann wurden Neubauten und Erweiterungsbauten von Zementfabriken beschrnkt (29. Juni 1916), um den angesichts der Nichterneuerung der Syndikatsvertrge zu befrchtenden irrationellen Arbeits- und Kapitalaufwand fr den Bau neuer oder die Vergrerung bestehender Werke zu verhindern. In der gleichen Richtung zielten meine Bemhungen bei den Bundesregierungen und Generalkommandos, eine Zurckstellung aller nicht kriegswichtigen Hoch- und Tiefbauten behufs Freisetzung von Arbeitskrften und Ersparnis von Material zu erreichen. Schlielich erwhne ich die Durchfhrung des wirtschaftlich rationellen Prinzips der Beschftigung einer Auswahl leistungsfhiger Fabriken in der Seifenindustrie, die im Frieden nicht weniger als 2000 Betriebe berwiegend kleinster Art beschftigt hatte. Von diesen wurden jetzt nur ganz wenige leistungsfhige Betriebe mit Fetten weiter beliefert, whrend die stillgelegten Betriebe das Recht erhielten, von den arbeitenden Fabriken Fertigprodukte zu Vorzugspreisen zu beziehen und mit ihren eigenen Packungen in Verkehr zu bringen (Verordnung vom 21. Juli 1916). Eine hnliche Regelung wurde fr die Schuhindustrie in die Wege geleitet. Bei einem wichtigen Gewerbe allerdings mute ich aus zwingenden Grnden des ffentlichen Wohles im entgegengesetzten Sinne, zum Zweck der Erhaltung gerade der kleinen und weniger leistungsfhigen Betriebe, eingreifen: beim Zeitungsgewerbe. Es war die wachsende Knappheit der Rohstoffe der Papierfabrikation, und spterhin auch der Kohle, die auf diesem Gebiet ein Eingreifen ntig machte. Die Bemhungen, die Beschaffung und Verarbeitung der Rohstoffe in ausreichendem Umfang zu sichern, hatten keinen vollen Erfolg. Es fehlte in Deutschland an Arbeitskrften fr den Einschlag von Papierholz; der Bedarf des Heeres an Holz fr die Schtzengrben usw. nahm immer greren Umfang an, und der Bezug von Papierholz, Zellstoff und Druckpapier aus dem Ausland wurde durch Ausfuhrverbote erheblich eingeschrnkt. Um das Papier konkurrierten mit den Zeitungen neue wichtige Industrien: einmal die Fabrikation von Papiergarn, von dem immer wachsende Quantitten bentigt wurden, vor allem fr die Herstellung von Sandscken fr die Schtzengrben; dann die Verwendung von Papier im Nitrierverfahren zur Herstellung von rauchlosem Pulver. Die aus diesen Verhltnissen sich ergebende starke Erhhung der Rohstoffpreise und damit der Druckpapierpreise traf das Zeitungsgewerbe um so schwerer, als seine finanziellen Grundlagen durch den Ausfall von Einnahmen aus Inseraten ohnedies erschttert waren. Um das Forterscheinen der Zeitungen, namentlich auch der am schwersten bedrohten mittleren und kleineren Zeitungen, zu ermglichen, entschlo ich mich im Frhjahr 1916 noch in meiner Eigenschaft als Reichsschatzsekretr, Reichszuschsse zur Verbilligung des Druckpapierpreises zu bewilligen. Aber damit war nur der finanzielle Teil der Schwierigkeiten berwunden, nicht aber die Knappheit an Druckpapier, die trotz aller Gegenmanahmen so stark wurde, da der Wettbewerb um die verfgbaren Mengen einen Teil der Presse einfach auszuschalten drohte. Eine planmige Einschrnkung des Verbrauchs von Druckpapier durch das Reich war um so mehr geboten, als dafr gesorgt werden mute, da die recht erheblichen Reichszuschsse zur Verbilligung des Zeitungspapiers ihren Zweck der Erhaltung der deutschen Presse in ihrer Gesamtheit erfllten und nicht nur den im freien Wettbewerb um das Papier strkeren Zeitungsunternehmungen zugutekmen. Als Organ fr eine sachgeme Regelung wurde im April 1916 die Kriegswirtschaftsstelle fr das deutsche Zeitungsgewerbe geschaffen und zunchst mit der Feststellung der tatschlichen Verhltnisse von Bedarf und Versorgung betraut. Nachdem ich das Reichsamt des Innern bernommen hatte, wurde der Kriegswirtschaftsstelle ein Beirat, bestehend aus Vertretern des Zeitungsgewerbes und der Papierindustrie, beigegeben. Die notwendig gewordene Kontingentierung des Papierverbrauchs der einzelnen Zeitungen wurde unter Mitwirkung des Beirats durchgefhrt. Eine gleichmige Einschrnkung aller Zeitungen um einen bestimmten Prozentsatz lie sich dabei nicht ermglichen, weil die kleinen und mittleren Bltter, die nur in einem bescheidenen, kaum zu verkrzenden Umfang erschienen, durch den notwendigen Abstrich einfach zum Tode verurteilt worden wren, whrend die Zeitungen mit einer Tagesausgabe von vielen Druckseiten eine strkere Einschrnkung eher ertragen konnten. Die kleine und mittlere Lokalpresse mute aber aus naheliegenden und zwingenden Grnden unter allen Umstnden am Leben gehalten werden. Die gegebene und auch von dem Beirat mit groer Mehrheit gebilligte Lsung war eine gestaffelte Kontingentierung, die den Verbrauch der in greren Ausgaben erscheinenden Zeitungen stufenweise strker einschrnkte als den Verbrauch der Bltter mit kleiner Ausgabe. Ich bin wegen dieser Regelung spterhin, als infolge der Kohlennot die Kontingentierung schrfer angespannt werden mute, von einem Teil der groen Presse heftig angegriffen worden; ja eine Anzahl Berliner Organe hat sich damals zu einer Art Streik gegen mich zusammengetan und verabredet, von meiner im Mrz 1917 im Reichstag zum Etat des Reichsamts des Innern gehaltenen Rede ber unsere Kriegswirtschaft keinerlei Notiz zu nehmen. Heute denkt wohl mancher von denen, die mich damals so scharf befehdeten, etwas milder; denn es ist mir nicht bekannt, da nach meinem Ausscheiden aus dem Reichsamt des Innern eine bessere Lsung der Druckpapierfrage gefunden worden wre. Die Zeitungsangelegenheit war ein Sonderfall ganz eigener Art. Die Presse als Ganzes konnte ihre Funktionen, die im Kriege noch so viel bedeutungsvoller waren als im Frieden, nur dann erfllen, wenn auch ihre ber das ganze Land verteilten kleinen Organe erhalten blieben. Die Erzielung einer strkeren Nutzwirkung von Krften und Stoffen im Wege einer Konzentration der Produktion in wenigen besonders leistungsfhigen Betrieben verbot sich also hier durch die Natur der von der Presse zu vollbringenden Leistung. berall aber, wo solche besonderen Verhltnisse nicht vorlagen, verlangten die immer gewaltiger anwachsenden Ansprche des Krieges geradezu gebieterisch, da aus Menschen und Stoffen das Hchstma von Nutzwirkung herausgeholt werde. Die Entwicklung drngte also zu der Verwirklichung der Grundstze hin, die gegen Ende des Jahres 1916 im vaterlndischen Hilfsdienst eine gesetzliche Formel gefunden haben. Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm Die aus der allgemeinen Lage sich ergebende Notwendigkeit der uersten Anspannung aller Krfte wurde in der zweiten Hlfte des Jahres 1916 verstrkt durch eine ernste Krisis der Munitionserzeugung. Mit bewundernswerter Umsicht und Tatkraft hatte die deutsche Eisenindustrie gleich nach Beginn des Krieges die gewaltige Aufgabe der Versorgung unseres Heeres mit Kriegsgert aller Art in Angriff genommen und bewltigt. Der Verbrauch an Munition, namentlich an Artilleriemunition, berstieg von Anfang an alle Begriffe. Die vorhandenen Bestnde waren rasch aufgebraucht, die bestehenden Einrichtungen fr die Herstellung von Artilleriemunition vermochten mit dem riesenhaften Bedarf nicht entfernt Schritt zu halten. Im September und Oktober 1914 machte die Munitionsversorgung des Heeres eine schwere Krisis durch, die unsere militrischen Operationen auf das uerste beeintrchtigte, ja verhngnisvoll zu werden drohte. Alles, was in der deutschen Eisenindustrie irgendwie der Herstellung von Granaten dienstbar gemacht werden konnte, wurde herangeholt. Man half sich mit Graugugranaten, die zwar gegenber den Stahlgranaten geringwertig sind, aber rasch in groen Mengen hergestellt werden konnten. Gleichzeitig wurden die Einrichtungen fr die Herstellung von Stahlgranaten in einem Mae ausgebaut, da nach verhltnismig kurzer Zeit fr diese Fabrikation mehr als 90 Werke zur Verfgung standen, gegenber 7 bei Kriegsausbruch. Auch die Belieferung dieser Werke mit Rohstahl gestaltete sich befriedigend. Zwar hatte unsere Eisen- und Stahlerzeugung unmittelbar nach Kriegsausbruch einen schweren Rckgang erfahren. Die Flustahlerzeugung war von 1628000 Tonnen im Juli 1914 auf 567000 Tonnen im August herabgesunken. Aber den Anstrengungen der Industrie und dem verstndnisvollen Entgegenkommen der Heeresleitung in der Freigabe von Arbeitskrften war es gelungen, die Stahlerzeugung bald wieder zu heben; im Sommer 1916 erreichte sie etwa 1400000 Tonnen im Monat, also etwa 85% der Friedenserzeugung. Eine besondere Frderung hatte die Herstellung der Stahlgranaten dadurch erfahren, da es gelungen war, als Rohmaterial Thomasstahl an Stelle des immer knapper werdenden Siemens-Martin-Stahls zu verwenden. Die Klagen ber ungengende Munitionsversorgung waren so allmhlich verstummt. Lange Zeit hindurch schien die Munitionserzeugung den Bedarf des Feldheeres ausreichend zu decken. Noch im Mai 1916 versicherte mir der damalige Kriegsminister, General Wild von Hohenborn, als ich mich bei ihm ber die Wirkungen des gewaltigen Munitionsverbrauches vor Verdun erkundigte, da unsere Munitionsvorrte und unsere Munitionserzeugung jeder Eventualitt gewachsen seien. Da begann am 1. Juli die Schlacht an der Somme, die erste ganz groe Materialschlacht. Englnder und Franzosen entwickelten eine berlegenheit an Artillerie und Munition, von der man sich bei uns offenbar weder bei der Obersten Heeresleitung noch beim Kriegsministerium und der Feldzeugmeisterei eine auch nur annhernde Vorstellung gemacht hatte. Wie wenig unsere magebenden militrischen Kreise mit einer solchen Steigerung des Munitionsbedarfes gerechnet hatten, ergibt sich daraus, da die Feldzeugmeisterei keinerlei Eile zeigte, die am 30. Juni 1916 ablaufenden Vertrge ber die Lieferung von Granaten aus Thomasstahl zu erneuern, obwohl der Vorstand des Vereins Deutscher Eisenhttenleute schon Monate vorher auf den Ablauf der Vertrge hingewiesen und auf rechtzeitige Erneuerung gedrngt hatte. Als die Entscheidung ausblieb, richtete der Vorstand des genannten Vereins im Juni noch einmal eine dringende Anfrage an die Feldzeugmeisterei und erhielt darauf am 2. Juli die Antwort, eine Weiterlieferung von Thomasstahl fr die Granatfabrikation sei nicht beabsichtigt. Vierzehn Tage spter, am 16. Juli, erhielt der Verein ein dringendes Telegramm des Inhalts, es liege die zwingende Notwendigkeit vor, Geschosse aus Thomasstahl in groen Mengen zu beschaffen; es werde umgehende Feststellung der Hchstmengen, die geliefert werden knnten, erbeten. Drei Tage darauf fand eine Versammlung der Thomaswerke statt, bei der die Militrbehrde den dringendsten Monatsbedarf an Thomasrundstahl fr die Granatenfabrikation auf ein Vielfaches dessen bezifferte, was die Thomaswerke leisten konnten. Auerdem ergab sich, da es in den dringenden Bestellungen der Militrbehrden auf die verschiedenen Arten von Stahlerzeugnissen -- Granaten, Wurfminen, Minenwerfer, Draht usw. -- an der erforderlichen Einheitlichkeit fehlte, so da die einzelnen Stellen sich in der Nachfrage nach dem Rohmaterial gegenseitig Konkurrenz machten. Die neuen Anforderungen der Heeresverwaltung bertrafen in ihrem Umfang bei weitem alles bisher Dagewesene. Die Stahlindustrie zeigte sich sofort bereit, jede andere Arbeit, auch die Lieferungen an das neutrale Ausland, zurckzustellen und die zur Bewltigung des neuen Munitionsbedarfes erforderliche Umstellung ihrer Betriebe, die an Umfang selbst die Umstellung der Industrie zu Anfang des Krieges bertraf, mit jeder mglichen Beschleunigung durchzufhren. ber die Voraussetzungen -- Freigabe der erforderlichen Facharbeiter und der notwendigen Rohstoffe, einheitliche Disposition in den Bestellungen der Heeresverwaltung auf Stahlerzeugnisse, Zurckstellung des Bedarfs fr andere Zwecke, z. B. des Schienenbedarfs des Eisenbahn-Zentralamts -- war fr den 18. August eine abschlieende Besprechung im Kriegsministerium vereinbart. Die Besprechung verlief ohne positives Ergebnis, da, wie mir von Teilnehmern an der Beratung mitgeteilt worden ist, weder der den Vorsitz fhrende Vertreter des Kriegsministeriums, ein Major, noch der Vertreter der Feldzeugmeisterei und des Ingenieurkorps gengend orientiert waren. In diesem Stadium wurde ich zum erstenmal mit der Angelegenheit durch Vertreter der Industrie befat. Ich erteilte den Herren, die ber die Behandlung dieser unabsehbar wichtigen Frage auf das uerste erregt waren, den Rat, sich alsbald an den stellvertretenden Kriegsminister -- der Kriegsminister selbst befand sich im Groen Hauptquartier -- zu wenden, in der berzeugung, da dieser sofort durchgreifen wrde. Ich stie mit diesem Rat auf Bedenken und Zweifel, aber die Herren sagten zu, den Vorschlag alsbald an ihre Verbnde weiterzugeben. Wenige Tage darauf erhielt ich die Nachricht, man habe meinen Rat insofern befolgt, als man den Kriegsminister telegraphisch gebeten habe, in der Munitionsangelegenheit alsbald zwei Vertreter der Eisen- und Stahlindustrie im Groen Hauptquartier zu empfangen. Die Antwort habe gelautet, der Kriegsminister sei zur Zeit an der Ostfront festgehalten und gebe anheim, bei dem stellvertretenden Kriegsminister in Berlin vorstellig zu werden. Ein erneutes persnliches Telegramm des Herrn Krupp von Bohlen und Halbach an den Kriegsminister hatte die erneute Verweisung an dessen Stellvertreter zur Folge. Der Verein Deutscher Eisenhttenleute legte nun seine Auffassung der Lage und seine Vorschlge in einer vom 23. August 1916 datierten Denkschrift nieder, die dem Kriegsminister und wohl auch andern magebenden militrischen Persnlichkeiten zugestellt wurde. Auch mir wurde auf meinen Wunsch ein Exemplar berlassen. Schon vorher hatte ich dem Reichskanzler, der im Begriff war, nach dem Groen Hauptquartier zu reisen, ber die Angelegenheit Vortrag gehalten und ihm anheimgestellt, den Chef des Generalstabs -- damals noch General von Falkenhayn -- und den Kriegsminister auf den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit einer Reorganisation der Materialbestellung hinzuweisen. Wenige Tage darauf war der General von Falkenhayn als Generalstabschef durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg ersetzt. Als der Kanzler am 28. August, noch ohne Kenntnis des Wechsels, abermals nach dem Hauptquartier fuhr, gab ich ihm die mir inzwischen zugegangene Denkschrift des Vereins Deutscher Eisenhttenleute mit. Der Kanzler fand den Generalfeldmarschall und den General Ludendorff bereits orientiert und fest entschlossen, durchzugreifen. Am 31. August richtete der Feldmarschall an den Kriegsminister ein Schreiben, in dem er das strkste Kraftaufgebot zur Steigerung der Munitions- und Waffenherstellung verlangte. Dem Kanzler gab der Feldmarschall eine Abschrift. Ich schrieb darauf an den General Ludendorff am 3. September 1916 einen Brief, in dem es hie: Ich bin ber die auf diesem Gebiet vorliegenden groen Schwierigkeiten durch unsere Industriellen unterrichtet. Mein Eindruck ist, da die volle Leistungsfhigkeit unserer Industrie nur dann ausgenutzt werden kann, wenn 1. die ntigen Facharbeiter aus der Front der Industrie schleunigst zur Verfgung gestellt werden, 2. die Vergebung der Auftrge vereinheitlicht wird, 3. der zu schaffenden Zentralstelle ein Mann ersten Ranges aus unserer Eisenindustrie beigegeben wird. ... Ich empfinde es als groe Erleichterung von einer drckenden Sorge, da die Oberste Heeresleitung diese wichtige Angelegenheit nunmehr in die Hand genommen hat. Die Oberste Heeresleitung ist die einzige Stelle, die auf das Kriegsministerium in dieser Sache mit der Sicherheit des Erfolges einwirken kann. Etwa zwei Wochen spter erhielt der Kanzler ein Schreiben des Feldmarschalls, in dem dieser unter nachdrcklichem Hinweis auf den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit der Sicherung eines ausreichenden Heeresersatzes wie der Steigerung der Leistungen unserer Kriegsindustrie eine Reihe von Vorschlgen zur Erwgung stellte, deren wichtigste waren: Ausdehnung der Wehrpflicht auf alle Deutschen mnnlichen Geschlechts vom vollendeten fnfzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahr und Einfhrung einer allgemeinen Dienstpflicht fr Frauen. So sehr ich von der berzeugung durchdrungen war, da eine intensivere Ausnutzung der vorhandenen Arbeitskrfte dringend notwendig geworden war, so wenig konnte ich mich von der Zweckmigkeit und Wirksamkeit der von der Obersten Heeresleitung vorgeschlagenen Eingriffe berzeugen. Die Ausdehnung der Wehrpflicht nach unten aus Grnden des Heeresersatzes schien mir schon deshalb berflssig, weil das bestehende Wehrgesetz, das die Wehrpflicht vom vollendeten 17. Lebensjahre beginnen lie, hinsichtlich der beiden jngsten Jahrgnge berhaupt noch nicht ausgenutzt war. Auch von der Ausdehnung nach oben -- jedenfalls von einer Ausdehnung ber das fnfzigste Jahr hinaus -- eine Ausdehnung bis zum fnfzigsten Jahr hielt ich fr diskutabel -- vermochte ich mir gleichfalls fr den Heeresersatz keinen Vorteil zu versprechen, der einigermaen im Verhltnis zu den Hrten und Nachteilen einer solchen Manahme gestanden htte. Wollte man aber die Ausdehnung der Wehrpflicht nach oben und unten lediglich als Verschleierung einer Arbeitspflicht, so schien mir dieser Weg nicht zweckmig; man htte die neuen Wehrpflichtigen alsbald fr die Arbeit in die Heimat wieder reklamieren mssen, und die mit den Reklamierten schon damals vorliegenden Erfahrungen waren nicht gerade ermutigend. Die Einfhrung einer allgemeinen Dienstpflicht fr die Frauen sollte die Mglichkeit geben, mnnliche Arbeit in weiterem Umfange als bisher durch weibliche zu ersetzen. Ich hatte den Eindruck, da die Oberste Heeresleitung, als sie diesen Vorschlag machte, weder darber im Bilde war, in welchem Umfang der Ersatz mnnlicher durch weibliche Arbeitskrfte bereits gelungen war -- ich habe oben dafr einige Zahlen gegeben --, noch auch darber, da immer noch auf dem Arbeitsmarkt ein starker berschu des Angebots weiblicher Arbeitskrfte ber die Nachfrage bestand. Das Problem lautete hier nicht: Wie kann man mehr weibliche Arbeitskrfte verfgbar machen? -- sondern umgekehrt: Wie kann man fr die verfgbaren weiblichen Arbeitskrfte geeignete Arbeit schaffen? Auch schien mir der Urheber des Vorschlages der Obersten Heeresleitung die wirtschaftlichen, sozialen und sittlichen Unzutrglichkeiten eines Arbeitszwanges fr das weibliche Geschlecht nicht gengend zu wrdigen. In dem Ziel, die mnnlichen Arbeitskrfte weit strker als bisher auf die kriegswichtigen und lebenswichtigen Betriebe zu konzentrieren und die Mnnerarbeit in noch weiterem Umfang als seither durch Frauenarbeit zu ersetzen, stimmte ich mit der Obersten Heeresleitung berein. Aber von dem vorgeschlagenen Weg vermochte ich -- abgesehen von der Frage nach der Mglichkeit seiner gesetzgeberischen Verwirklichung -- bei zweifelhaftem Nutzen nur ganz schwerwiegende Nachteile und Strungen zu erwarten. Der Weg, der mir gangbar erschien, war die konsequente Weiterfhrung und Verallgemeinerung der bereits fr einige Industrien in Angriff genommenen Konzentration und rationellen Nutzbarmachung der verfgbaren Arbeitskrfte, und zwar unter mglichster Frderung der weiteren Ersetzung von Mnnerarbeit durch Frauenarbeit im Wege der Einwirkung auf alle irgendwie fr weibliche Arbeitskrfte in Betracht kommenden ffentlichen und privaten Betriebe. Auch die militrischen Behrden und Betriebe sowohl in der Heimat wie in den besetzten Gebieten schienen mir eine berprfung nach dieser Richtung hin sehr wohl zu vertragen. In diesem Sinne habe ich den Reichskanzler beraten, und in diesem Sinne hat der Reichskanzler dem Generalfeldmarschall geantwortet. Es knpfte sich daran eine weitere Errterung, in deren Verlauf die Oberste Heeresleitung in einem Schreiben des Feldmarschalls vom 10. Oktober, das General Grner am 14. Oktober dem Reichskanzler berbrachte, einen neuen Vorschlag machte. In diesem Schreiben setzte der Feldmarschall auseinander, da die bisher getroffenen Manahmen zur Steigerung der Leistungen unserer Industrie (Einrichtung des Waffen- und Munitionsbeschaffungsamtes und des Arbeitsamtes im Kriegsministerium) nicht zum Ziele fhren wrden. Erfolge wrden auch in Zukunft dadurch vereitelt werden, da diese mter nicht die erforderliche Selbstndigkeit und Befehlsgewalt htten, um schnell und lediglich nach groen sachlichen Gesichtspunkten zu handeln, die Ausfhrung zu berwachen und ntigenfalls auch durchsetzen zu knnen. Auch das Kriegsernhrungsamt leide unter den gleichen Mngeln. Die unbedingt notwendige nderung sei nur zu erreichen, wenn wir uns zunchst auf Manahmen beschrnken, die lediglich durch Kaiserlichen Erla, ohne Beteiligung der gesetzgebenden Krperschaften, getroffen werden knnen. Der Entwurf einer Allerhchsten Kabinettsorder war beigefgt. Dieser Entwurf sah die Einrichtung eines Obersten Kriegsamtes vor, dem die Leitung aller mit der Kriegfhrung zusammenhngenden Angelegenheiten der Beschaffung, Verwendung und Ernhrung der Arbeiter, sowie die Beschaffung von Rohstoffen, Waffen und Munition bertragen werden sollte. Das Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt, das Arbeitsamt und die Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums sollten dem Obersten Kriegsamt unterstellt werden. Ferner sollte das Oberste Kriegsamt die Manahmen des Kriegsernhrungsamts fr die Versorgung der Arbeiter berwachen. Letztere Regelung war als eine vorlufige gedacht, die gnzliche Einfgung des Kriegsernhrungsamtes in das Oberste Kriegsamt sollte weiterer Erwgung vorbehalten bleiben. Mndlich sagte General Grner bei der bergabe dieses Schreibens dem Reichskanzler: General Ludendorff habe den Gedanken des Arbeitszwanges noch nicht ganz aufgegeben; er, Grner, sei fr seine Person dagegen, halte aber Einschrnkungen der Freizgigkeit der Arbeiter, hnlich wie in England, fr ntig. Die Errichtung eines Kriegsamts, bei dem alle Angelegenheiten der Beschaffung von Waffen und Munition, einschlielich der Arbeiter- und Rohstofffragen einheitlich zusammengefat werden sollten, lag in der Richtung der in meinem Schreiben an den General Ludendorff vom 3. September gegebenen Anregung. Zweifelhaft war die Zweckmigkeit einer vlligen Lostrennung des Kriegsamts vom Kriegsministerium. Nach weiterer Prfung entschieden sich die militrischen Stellen dahin, das Kriegsamt nicht als Oberstes Kriegsamt selbstndig neben das Kriegsministerium zu stellen, sondern es mit weitgehender Selbstndigkeit im Verbande des Kriegsministeriums zu belassen. In diesem Sinn wurde am 1. November 1916 die Errichtung des Kriegsamts durch Allerhchste Order verfgt. Gleichzeitig wurde der General Grner zum Chef des Kriegsamts ernannt und General Wild von Hohenborn als Kriegsminister durch General von Stein ersetzt. Noch ehe diese nderungen verffentlicht waren, am 28. Oktober, teilte General Grner dem Reichskanzler mit, da die Oberste Heeresleitung -- entgegen der im Schreiben des Feldmarschalls an den Reichskanzler vom 10. Oktober ausgesprochenen Absicht, zunchst von Manahmen, die eine Mitwirkung der gesetzgebenden Krperschaften ntig machten, abzusehen -- auf die frheren Vorschlge in der Form zurckgreifen wollte, da fr alle mnnlichen Deutschen vom vollendeten 15. bis zum 60. Lebensjahr, sowie fr die Frauen eine Arbeitspflicht eingefhrt werde. Am folgenden Tage fand beim Reichskanzler unter Zuziehung des Generals Grner eine Besprechung mit den beteiligten Ressortchefs ber diesen Gedanken statt. General Grner begrndete die Notwendigkeit der Arbeitspflicht, gegen die er sich dem Reichskanzler gegenber noch vierzehn Tage zuvor fr seine Person ausgesprochen hatte, mit dem gewaltigen Bedarf an Arbeitskrften zur Durchfhrung des neuen groen Waffen- und Munitionsprogramms, des Hindenburg-Programms. Ich hrte bei dieser Gelegenheit zum erstenmal von den gigantischen Dimensionen dieses Programms, das aufgestellt und mit der Industrie grtenteils bereits vereinbart war, ohne da die militrischen Stellen in dieser so tief in das gesamte Wirtschaftsleben einschneidenden und in ihrer Durchfhrbarkeit von schwer zu bersehenden wirtschaftlichen Voraussetzungen abhngigen Angelegenheit mit mir als dem Chef des wirtschaftlichen Reichsressorts in Verbindung getreten wren. Es ergab sich, da auch der Eisenbahnminister von Breitenbach und der Handelsminister Sydow zu der Feststellung des Programms nicht herangezogen worden waren, obwohl dessen Durchfhrung, die enorme Transporte fr Neubauten industrieller Anlagen grten Stils ntig machte und den Verbrauch der Kohle gewaltig steigern mute, von der Leistungsfhigkeit unserer Eisenbahnen und unserer Kohlenproduktion ebenso abhngig war wie von der Mglichkeit der Beschaffung ausreichender Arbeitskrfte. Beide Minister uerten, ebenso wie ich, die ernstlichsten Zweifel an der Durchfhrbarkeit des Hindenburg-Programms und wiesen auf die verhngnisvollen Folgen einer solchen berspannung hin. In Sachen der Arbeitspflicht brachte General Grner nur den allgemeinen Gedanken und den dekorativen Namen Vaterlndischer Hilfsdienst mit. Keine bestimmte Formulierung und keine Ausgestaltung im einzelnen. Die Aussprache enthllte die auerordentlichen Schwierigkeiten der Verwirklichung des Gedankens der Arbeitspflicht. Sollten die Arbeitspflichtigen wie die Wehrpflichtigen in Stammrollen eingetragen, zu Arbeiterbataillonen formiert und in bestimmte Betriebe kommandiert werden? Jedermann sah ein, da dies unmglich war. Weitaus der grte Teil der knftighin Arbeitspflichtigen war bereits in Betrieben und Beschftigungen ttig, die als wichtig fr die Kriegfhrung und Volksversorgung anzusehen waren. Es htte keinen Zweck gehabt und nur die schwersten Strungen verursacht, wenn man diese htte aus ihrer Ttigkeit herausreien wollen, um sie dann derselben Ttigkeit oder einer anderen, aber nicht wichtigeren, wieder zuzufhren. Der Sinn der Arbeitspflicht konnte doch nur sein, diejenigen heranzuholen, die bisher entweder berhaupt nicht arbeiteten oder in fr Kriegfhrung und Volksversorgung unwichtigen oder weniger wichtigen Beschftigungen ttig waren, oder schlielich in an sich wichtigen, aber mit Arbeitskrften bersetzten Betrieben arbeiteten. Das Erfassen dieser Arbeitskrfte und ihre berweisung an wichtige Arbeit war zu organisieren. Ferner bedurfte der Zwang, eine zugewiesene Arbeit anzunehmen, zu seiner Ergnzung einer Kontrolle des Verlassens einer kriegswichtigen Arbeit, also einer Beschrnkung des Arbeitswechsels. Und diese weitgehenden Einschrnkungen der persnlichen Freiheit machten ein geordnetes Verfahren und einen Rechtsschutz fr die dadurch betroffenen Personen ntig. Vorauszusehen war ferner, da bei der parlamentarischen Behandlung eines Arbeitspflichtgesetzes die alten sozialen Wnsche nach Arbeitsausschssen, Schlichtungsstellen und Einigungsmtern und die politische Forderung nach unbeschrnkter Koalitionsfreiheit sich Geltung verschaffen wrden. In der grundstzlichen Frage konnte ich mich den Grnden, die General Grner fr die Statuierung einer Arbeitspflicht darlegte, nicht entziehen, obwohl ich den praktischen Nutzeffekt der Arbeitspflicht erheblich geringer einschtzte als die militrischen Stellen. Aber angesichts der schweren Bedrngnis, in die wir geraten waren, konnte auf keine irgend mgliche Verbesserung in der Nutzbarmachung von Arbeitskrften verzichtet werden. Die Arbeitspflicht der Jugendlichen von weniger als 17 Jahren und der Frauen lie General Grner angesichts der von allen Seiten geltend gemachten Einwendungen fallen. Ich bernahm es, einen Entwurf ausarbeiten zu lassen, der als Grundlage fr die weitere Errterung dienen sollte. Das war am Sonntag, dem 29. Oktober. Obwohl ich damals neben meinen anderen Geschften durch die Reichstagsverhandlungen ber Belagerungszustand und Zensur, durch den Bundesratsausschu fr auswrtige Angelegenheiten, der am 30. Oktober tagte, und die damals vor der Entscheidung stehende polnische Frage auf das uerste in Anspruch genommen war, konnte ich die Grundzge des Entwurfs schon am Donnerstag, 2. November, mit General Grner besprechen und mit diesem vereinbaren, da vor weiterem die Angelegenheit in der folgenden Woche vertraulich mit Vertretern der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmer-Organisationen durchberaten werden sollte. Zudem hatte der Kaiser sich der Auffassung des Kanzlers angeschlossen, da vor einer ffentlichen Behandlung der Frage der Arbeitspflicht die Wirkung des damals schon bei unseren Verbndeten angeregten Friedensvorschlags abgewartet werden sollte. Am 4. November war der Reichstag vertagt worden. Am Vormittag des 6. November schickte mir der Kanzler ein Telegramm des Vertreters des Auswrtigen Amts im Groen Hauptquartier, der General Ludendorff erklre, das Hilfsdienstgesetz dulde keinerlei Aufschub; er werde diesen Standpunkt mit allem Nachdruck bei Seiner Majestt vertreten. Schon am Nachmittag erhielt der Kanzler ein Telegramm des Kaisers, in dem dieser in ungewhnlich schroffer Form die sofortige Erledigung des Hilfsdienstgesetzes befahl. Auch in den folgenden Wochen, whrend mit Hochdruck an dem Gesetz gearbeitet wurde -- der Entwurf wurde am 10. November nach der Beschlufassung des Preuischen Staatsministeriums dem Kaiser zur Genehmigung vorgelegt und alsbald nach Eingang der Kaiserlichen Order, am 14. November, bei dem inzwischen bereits vertraulich orientierten Bundesrat eingebracht -- wiederholte sich dieses ungestme Drngen aus dem Groen Hauptquartier. Es ist mir heute noch unbegreiflich, was fr einen Sinn dieses Drngen haben sollte. Die Durchfhrung des Gesetzes bedurfte in dem gerade erst neu errichteten Kriegsamt umfassender Vorbereitungen, die unbeschadet der verfassungsmigen Behandlung des Entwurfs sofort in Angriff genommen werden konnten und in Angriff genommen wurden. Auch bei der besten und grndlichsten Vorbereitung konnten die Wirkungen des Gesetzes sich nicht auf Tag und Stunde, sondern erst im Laufe lngerer Zeit fhlbar machen. Andererseits war das Gesetz von solcher Tragweite fr unser ganzes Wirtschaftsleben und fr die Verhltnisse eines jeden einzelnen Staatsbrgers, da ich fr die Durchberatung mit den in erster Linie beteiligten Wirtschaftskreisen, fr die Beschlufassung der Verbndeten Regierungen und fr die Vorbereitung der parlamentarischen Behandlung die ntige Zeit in Anspruch nehmen mute. Jedenfalls war ich fr meine Person nicht gewillt, das fortgesetzte Drngen hinzunehmen. Ich erklrte dem Kanzler, da ich dafr dankte, unter der Hetzpeitsche des Groen Hauptquartiers zu arbeiten, und bat ihn, dem Kaiser mein Entlassungsgesuch zu unterbreiten. Der Kanzler selbst hatte den Eindruck, da die unverkennbare Animositt des Groen Hauptquartiers sich in der Hauptsache gegen seine Person richte. Er reiste nach Ple, um eine Aussprache mit dem Kaiser und dem Feldmarschall herbeizufhren und danach seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Diese Aussprache reinigte fr kurze Zeit die Atmosphre; eine wirkliche Klrung brachte sie nicht. Der Kanzler selbst kehrte aus Ple zurck mit dem Gefhl eines von Einzeldifferenzen unabhngigen, auf die Dauer unberbrckbaren Gegensatzes zwischen sich und der Obersten Heeresleitung. Das Hilfsdienstgesetz wurde am 21. November vom Bundesrat angenommen und dem fr den 25. November wieder einberufenen Reichstag vorgelegt. Schon zwei Tage zuvor begann der Hauptausschu auf Grund der von mir mit den Fraktionsfhrern getroffenen Abrede in freier Diskussion die Beratung des Gesetzentwurfs. In Sitzungen, die vom frhen Morgen bis zum spten Abend dauerten, wurde das Gesetz in der eingehendsten Weise durchgearbeitet. Der Reichstagsausschu verlangte, wie ich das nicht anders erwartet hatte, da alle die nach dem Entwurf dem Bundesrat vorbehaltenen Einzelbestimmungen ber die zur Durchfhrung des Gesetzes zu schaffenden Organe und Instanzen sowie ber den Rechtsschutz fr die Arbeitspflichtigen -- Bestimmungen, die in Form von Richtlinien der Begrndung des Entwurfs beigefgt waren -- in den Text des Gesetzes selbst aufgenommen wrden. Dazu kamen alle die vorausgesehenen und manche nicht vorausgesehenen sozialpolitischen und politischen Antrge, die auf ein mit dem Zweck des Gesetzes vertrgliches Ma in schwieriger Diskussion zurckgefhrt werden muten. So erfllte sich die von einem Vertreter der Obersten Heeresleitung bei der ersten Besprechung mit den Gewerkschaften ausgesprochene Hoffnung, der Reichstag werde das Gesetz als eine patriotische Grotat auffassen und ohne Diskussion en bloc annehmen! In Tages- und Nachtarbeit wurde der Entwurf so weit gefrdert, da der Hauptausschu schon am Abend des 28. November die Beratung abschlieen konnte. In den folgenden Tagen erledigte das Reichstagsplenum die Vorlage in Dauersitzungen. Die zweite Lesung am 30. November begann um 12 Uhr mittags und endigte kurz vor 12 Uhr nachts. Am Nachmittag des 2. Dezember wurde das Gesetz in dritter Lesung vom Reichstag mit 235 gegen 19 Stimmen der Unabhngigen Sozialdemokraten bei 8 Stimmenthaltungen angenommen. Bis zum letzten Augenblick waren einzelne wichtige Bestimmungen schwer umstritten. Meine Stellung war gegenber dem Reichstag eine ungewhnlich schwierige infolge des Umstandes, da zwischen den einzelnen Stadien der Reichstagsberatung nicht die gengende Zeit lag, um eine Stellungnahme der Verbndeten Regierungen zu weitgehenden Abnderungen und Ergnzungen der Vorlage herbeizufhren. Dadurch war ich gezwungen, in Wahrung des gesetzgeberischen Rechtes des Bundesrats auch gegenber Antrgen Zurckhaltung zu zeigen, die ich an sich fr ertrglich hielt und die ich bei den Verbndeten Regierungen gegen manche mir bekannte Widerstnde zu befrworten entschlossen war. Ich mute in solchen Fllen, wie ich es im Reichstag ausdrckte, den Verbndeten Regierungen gewissermaen das Protokoll offen halten. Der Reichstag hat fr solche Situationen, die sich aus der Stellung der Mitglieder der Reichsleitung als Vertreter der Verbndeten Regierungen ergaben, stets nur geringes Verstndnis gezeigt. Im vorliegenden Fall kam fr mich noch die besondere Erschwerung hinzu, da der General Grner, der als Chef des Kriegsamts mit mir die Vorlage zu vertreten hatte, in der nur einem Soldaten gestatteten Unbefangenheit auf eigene Faust verhandelte und Zugestndnisse machte, oft genug, ohne mich auch nur von seinen Besprechungen und Zusagen zu unterrichten. Es ist mir in der Kommission passiert, da mir ein sozialdemokratischer Abgeordneter unter vier Augen sagte: Wir verstehen Sie nicht; Sie wehren sich hier gegen Dinge, die uns der General Grner lngst zugestanden hat! Noch in der dritten Lesung kam es zu einer kritischen Zuspitzung. Am Abend vorher wurde mir mitgeteilt, da die Nationalliberalen auf Drngen des Abgeordneten Ickler, der in den Eisenbahner-Organisationen eine fhrende Rolle spielte, einen Antrag einbringen wollten, der die Erstreckung der in den Beschlssen zweiter Lesung vorgesehenen Arbeiterausschsse und Schlichtungsstellen auch auf die Staatseisenbahnen vorsah. Der preuische Eisenbahnminister und mit ihm das gesamte preuische Staatsministerium hatten, schon als in den Kommissionsberatungen dieser Gedanke von sozialdemokratischer Seite in die Errterung geworfen wurde, eine solche Erstreckung fr unannehmbar erklrt. Der Widerstand des Eisenbahnministers richtete sich vor allem gegen die Schiedsstellen, die fr das Verhltnis zwischen Eisenbahnverwaltung und Eisenbahnangestellten und Arbeitern eine dritte auerhalb stehende Instanz geschaffen htten. Dagegen gelang es mir, von Herrn von Breitenbach die Zusicherung zu erhalten, da die bei der Eisenbahn bereits bestehenden Arbeiterausschsse entsprechend den aus der Mitte des Reichstags geuerten und in einer Resolution niedergelegten Wnschen ausgebaut werden sollten. Auf Grund dieser Zusage gelang es, die Nationalliberalen noch vor Beginn des Sitzung zur Zurckziehung des bereits gedruckten Antrages Ickler zu bestimmen. Die Sozialdemokraten, die bisher einen solchen Antrag nicht gestellt hatten, erhielten jedoch von dem gleich wieder zurckgezogenen Antrag Ickler Kenntnis und nahmen diesen nun ihrerseits auf. Als bereits der Abgeordnete Legien zur Begrndung des Antrags sprach, trat der Abgeordnete Ickler zu mir heran und sagte mir, da, nachdem die Sozialdemokraten den Antrag gestellt htten, seine Freunde nun doch fr den Antrag stimmen mten. Da die Haltung eines Teiles des Zentrums zum mindesten zweifelhaft war, was mir der Abgeordnete Spahn besttigte, konnte die Annahme des Antrags, wenn berhaupt noch, dann nur durch eine klare Stellungnahme meinerseits und einen Hinweis auf die mglichen Folgen eines solchen irreparabeln, weil in der dritten Lesung gefaten Beschlusses verhindert werden. Ich nahm deshalb nach Legien das Wort, teilte zunchst die Zusicherung des preuischen Eisenbahnministers hinsichtlich der Arbeiterausschsse mit, entwickelte kurz die Grnde gegen eine Ausdehnung der Schiedsstellen auf die Eisenbahnen und fgte hinzu: Deshalb mu ich hier, so leid es mir tut, sagen, da, wenn der Antrag, wie er hier gestellt ist, angenommen wird, dann in der Tat das Gesetz gefhrdet ist. Dieses Wort habe ich bisher noch nicht ausgesprochen; in diesem Punkte mu ich es leider tun. Diese Erklrung trug mir im Reichstag und in der Presse die heftigsten Angriffe ein. Sie hatte aber die Wirkung, da ein Teil der Abgeordneten, die andernfalls fr den sozialdemokratischen Antrag gestimmt htten, vor allem die Nationalliberalen um Ickler und die den Arbeiterorganisationen nahestehenden Zentrumsabgeordneten, sich auf die zu diesem Thema vorliegende Resolution zurckzogen und gegen den Antrag stimmten, der auch jetzt nur mit einer Stimme Mehrheit, mit 139 gegen 138 Stimmen, abgelehnt wurde. Ich war bei der Besetzung des Hauses auf eine Annahme des Antrags gefat und hatte bereits meine Akten gepackt, um sofort zum Kanzler zu fahren und meine Entlassung zu nehmen. Mir persnlich wre diese Lsung eine Erleichterung gewesen. Die das Ma menschlicher Kraft bersteigende Arbeitslast, die sich in den letzten Wochen ins Unertrgliche gesteigert hatte und durch die Reibungen mit dem Groen Hauptquartier auf der einen Seite, mit dem Reichstag auf der anderen Seite, noch eine besondere Wrze erhielt, hatte mir die Freude an meiner Amtsttigkeit zerstrt und mir auch krperlich stark zugesetzt. Neue schwere Reibungen und Konflikte sah ich voraus. Die Erfahrungen bei der Beratung des Hilfsdienstgesetzes hatten mir gezeigt, da ich bei einem groen Teil des Reichstags, insbesondere bei den Sozialdemokraten, mit einer unberwindlichen Voreingenommenheit zu kmpfen hatte. Man sah in mir, zu dessen Geschftsbereich vor allem auch die Sozialpolitik gehrte, stets den frheren Bankdirektor und infolgedessen den Vertreter kapitalistischer Weltanschauung und kapitalistischer Interessen, ohne mir den mildernden Umstand zuzubilligen, da auch ich nicht in einer goldenen Wiege gelegen habe, sondern aus immerhin bescheidenen Verhltnissen lediglich durch eigene Arbeit vorwrtsgekommen war. Andererseits lehnte sich, je lnger desto mehr, mein in neun Jahren groer geschftlicher Ttigkeit an praktische Arbeit gewohnter Sinn gegen die Arbeitsmethoden des Reichstags auf, der immer wieder in endlose Debatten und de Parteipolitik zurckfiel, whrend drauen Stunde fr Stunde um Leben und Tod der Nation gerungen wurde und uns allen die Not des Vaterlandes auf den Ngeln brannte. Auch in der Unerquicklichkeit des Verhltnisses zum Groen Hauptquartier sah ich keine Besserung. ber die wachsende Schwierigkeit des vertrauensvollen Zusammenwirkens konnte es mich nicht hinwegtrsten, da der Kaiser nach der Erledigung des Hilfsdienstgesetzes mir sein unvermindertes Vertrauen durch die bersendung seines Reiterbildes mit einer anerkennenden Widmung zu erkennen gab. Aber in allen diesen Schwierigkeiten berwog doch schlielich das Gefhl, da persnliche Empfindungen vor der harten Pflicht zurcktreten muten, und da die Pflicht von mir verlange, auszuharren und weiterzukmpfen. Die Durchfhrung des Hilfsdienstgesetzes wurde durch das Gesetz selbst dem Kriegsamt bertragen, dem ein aus fnfzehn Mitgliedern bestehender Ausschu des Reichstags, ausgestattet mit weitgehenden Befugnissen, zur Seite gestellt wurde. Damit waren meiner unmittelbaren Einwirkung auf die Durchfhrung des Gesetzes enge Grenzen gezogen. Von erheblicher Bedeutung fr die Durchfhrung ist die Fassung geworden, die der Reichstag dem 9 des Gesetzes gegeben hatte. Der Paragraph behandelt die als Ergnzung zur Arbeitspflicht erforderliche Beschrnkung des Arbeitswechsels. Ein Arbeitswechsel sollte nur gestattet sein vermittels eines von dem bisherigen Arbeitgeber ausgestellten Abkehrscheines. Gegen die Verweigerung des Abkehrscheines sollte die Berufung an eine parittisch zusammengesetzte Kommission statthaft sein, die den Abkehrschein bei Vorliegen eines wichtigen Grundes fr das Ausscheiden auszustellen hatte. Diese Regelung war bereits in den der Vorlage beigegebenen Richtlinien enthalten. In der Kommission wurde ein Zusatz beantragt, da als wichtiger Grund fr das Ausscheiden insbesondere die Mglichkeit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu gelten habe. Gegen diesen Zusatz wurden nicht nur von mir, sondern auch aus der Mitte der Kommission, namentlich auch von den Abgeordneten von Payer und Dr. Schiffer, starke Bedenken geltend gemacht. Die einseitige Hervorhebung der Verbesserung der Lohnverhltnisse als wichtiger Grund fr den Arbeitswechsel schien mir mit dem Zweck des Gesetzes, im Interesse der mglichsten Steigerung der Produktion den Arbeitswechsel einzuschrnken, im Widerspruch zu stehen. Ich fhrte damals in der Kommission aus: Nach meiner Ansicht werden durch eine solche gesetzliche Bestimmung die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoen, da sie sich berlegen, wo sie bessere Arbeitsbedingungen finden. Statt den Arbeitswechsel zu verhindern, frchte ich, da durch eine solche einseitige Definition das Gegenteil erreicht wird, da Unzufriedenheit in die groe Masse der Arbeiter hineingetragen wird, die an einen Arbeitswechsel bisher gar nicht denken. Der Abgeordnete von Payer sprach geradezu von einer Entwertung des ganzen Gesetzes durch eine so einseitige Hervorkehrung der Lohnfrage. Schlielich einigte sich die Mehrheit der Kommission auf einen Zusatz, lautend: Bei der Entscheidung der Frage, ob ein 'wichtiger Grund' vorliegt, ist auf die Bedrfnisse des vaterlndischen Hilfsdienstes Rcksicht zu nehmen. Als wichtiger Grund soll insbesondere eine angemessene Verbesserung der Arbeitsbedingungen im vaterlndischen Hilfsdienst gelten. Hier war wenigstens die Rcksicht auf den Zweck des Gesetzes im ersten Satz vorangestellt. Im Plenum des Reichstags jedoch wurde die Streichung des ersten Satzes beantragt und gegen meinen Widerspruch angenommen. Die seither gemachten Erfahrungen haben meine Befrchtungen leider gerechtfertigt. Die heute allgemein, auch von den Sozialdemokraten, beklagte ungesunde Lohntreiberei ist von der Kriegsindustrie ausgegangen, und in der Kriegsindustrie hat ihr der vom Reichstag beschlossene Zusatz geradezu den Boden bereitet. Auf diesem Boden mute die Lohntreiberei um so ppiger ins Kraut schieen, als das Kriegsamt mehr und mehr dazu berging, Lieferungsvertrge abzuschlieen, bei denen die Preisfestsetzung offen blieb und nach Abschlu der Lieferung auf Grund der Gestaltung der Materialpreise und Lhne erfolgen sollte. Durch Vertrge dieser Art wurden die Unternehmer geradezu angereizt, sich gegenseitig in den Arbeitslhnen zu berbieten. Denn die Lohnsteigerung wurde ja nun nicht mehr von ihnen selbst getragen, sondern von dem geduldigen Staat; ja die Lohnsteigerung brachte ihnen geradezu einen Vorteil, da ihr Gewinn im Verhltnis ihres Aufwandes fr Material und Lhne stieg. Das Kriegsamt hat spter in einer besonderen Denkschrift ber dieses verheerende System bewegliche und berechtigte Klage gefhrt. Es hat dabei nur den einen nicht ganz unwichtigen Umstand bersehen, da nmlich die Anwendung und die Abstellung dieses Systems lediglich Sache seiner eigenen Zustndigkeit und Verantwortung war. Von der Lohnfrage abgesehen war die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes in ganz besonderem Mae davon abhngig, wieweit es gelang, auf organisatorischem Weg durch eine rationelle Gestaltung der einzelnen Produktionszweige, insbesondere durch Zusammenlegung und Stillegung von Betrieben, bisher ohne erhebliche Nutzwirkung gebundene Arbeitskrfte freizusetzen und fr wichtige Arbeit verfgbar zu machen. Darber ist schon bei den Verhandlungen des Hauptausschusses, dann in den Verhandlungen des dem Kriegsamt zur Seite gestellten Fnfzehnerausschusses unendlich viel gesprochen worden. Die praktische Arbeit hat mit den theoretischen Worten leider nicht gleichen Schritt gehalten. Das Reichsamt des Innern war bald gentigt, diese dem Kriegsamt bertragenen Angelegenheiten allmhlich wieder in seine Hand zu nehmen. Ein abschlieendes Urteil ber die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes ist mir heute noch nicht mglich, da mir das hierfr erforderliche Material nicht zugnglich ist. Mein Eindruck geht jedoch dahin, da seine Wirkung jedenfalls weit hinter den Erwartungen der Obersten Heeresleitung zurckgeblieben ist, ja da, alles in allem genommen, der Nachteil den Vorteil aufgewogen hat. Dies gilt auch von der Wirkung auf die Volksstimmung. Der groe patriotische Aufschwung, den die Urheber des Gesetzes von der Verkndigung der allgemeinen Dienstpflicht fr das Vaterland erwarteten, ist nicht eingetreten; dagegen haben die Radikalsten der Radikalen das Arbeitszwangsgesetz als zugkrftigen Agitationsstoff ausgenutzt. Ein entschiedenes, aber besonnenes Fortschreiten auf dem bereits betretenen Weg der Einschrnkung des Arbeitsaufwandes fr weniger wichtige Zwecke und der rationellen Nutzbarmachung der Arbeitskrfte in den fr den Krieg und die Volksversorgung wichtigen Zweigen htte uns wohl weiter gefhrt als die groe Aufmachung des Vaterlndischen Hilfsdienstgesetzes. Eines steht leider fest: Auch mit dem Hilfsdienstgesetz ist es nicht gelungen, das Hindenburg-Programm auch nur annhernd zur Durchfhrung zu bringen. Es trat vielmehr ein, was dem neuen Chef des Kriegsamts schon in jener ersten Besprechung beim Reichskanzler am 29. Oktober 1916 mit allem Nachdruck entgegengehalten worden war: das Hindenburg-Programm scheiterte nicht nur an der Arbeiterfrage, sondern auch an der Transport- und der Kohlenfrage, und schlimmer als das: es brachte nicht nur unsere Arbeitsverhltnisse, sondern auch unsere Transport- und Kohlenverhltnisse in eine schlimme Verwirrung. Schon Anfang Februar 1917 sah sich die Oberste Heeresleitung gentigt, gegenber der Industrie den Wunsch auszusprechen, es mchte der Weiterbau aller derjenigen Fabriken, die nicht schon innerhalb der nchsten drei bis vier Monate fertig wrden, zunchst einmal zurckgestellt werden. Die Schwierigkeiten, namentlich die Transportschwierigkeiten, waren damals so gro geworden, da kein einziger der 40 Hochfen, die vollstndig betriebsfhig, aber kalt bereitstanden, hatte angeblasen werden knnen. Eine Entlastung der Werke zugunsten des Eisenbahnbedarfs war zur Vermeidung einer Katastrophe unabweisbar geworden. Aber auch die schon damals vorgenommene erhebliche Einschrnkung des Programms gengte noch nicht, das Gleichgewicht mit unserer wirtschaftlichen Leistungsfhigkeit herzustellen. Die Transportkrisis, verschrft durch einen ungewhnlich harten Winter, der fr viele Wochen die Wasserstraen unbenutzbar machte und das Eisenbahnmaterial stark beanspruchte, hielt an. Die Kohlenkrisis wurde von Woche zu Woche bedenklicher. Wie man dem Eisenbahnbedarf auf Kosten der Munitionserzeugung freieren Spielraum geben mute, so wurden auch auf dem Gebiet der Kohlenfrderung und des Kohlenverbrauches einschneidende Manahmen ntig. Die Sorge fr die Kohle hatte zunchst das Kriegsamt an sich genommen. Der Kohlenausgleich des Kriegsamts, der zu einer groen Organisation ausgebaut worden war, stand im Februar 1916 vor der Unmglichkeit, seine Aufgabe zu bewltigen. General Grner wandte sich an den preuischen Handelsminister und an mich, um mit uns ber die zu ergreifenden Manahmen zu beraten. Es wurde ein Reichskommissar fr Kohle eingesetzt und mit selbstndigen und weitgehenden Befugnissen ausgestattet, vor allem mit der Befugnis der Beschlagnahme der Kohle und der Zuteilung an bestimmte Empfnger. Zur Aufrechterhaltung der unbedingt notwendigen engen Fhlung mit den militrischen Stellen wurde der Kohlenkommissar dem Kriegsamt angegliedert, blieb jedoch der Aufsicht des Reichskanzlers unterstellt. Es stellte sich bald heraus, da die Aufgabe des Kohlenkommissars, fr eine ausreichende Deckung des Kohlenbedarfs, vor allem des dringlichen Kohlenbedarfs, zu sorgen, bei den damals obwaltenden Verhltnissen unlsbar war. Zwar war die Kohlenfrderung nach dem Rckschlag zu Beginn des Krieges bald wieder in die Hhe gebracht worden. Die Steinkohlenfrderung stand nicht mehr weit hinter der Friedensproduktion zurck, und die Braunkohlenfrderung hatte die Friedensproduktion sogar berschritten. Aber abgesehen von der schlechteren Qualitt der mangelhaft aufbereiteten Kohle waren die Eisenbahnen bis in das Frhjahr 1917 hinein nicht in der Lage, die gefrderten Mengen abzutransportieren; Hunderttausende von Tonnen muten auf die Halde gestrzt werden. Und auch spter, als die Wagengestellung wieder ausreichte, um die gesamte Frderung zu bewltigen, zeigte sich, da allein die Dringlichkeitsliste der militrischen Stellen infolge der enormen Ansprche des Waffen- und Munitionsprogrammes grere Kohlenmengen umfaten, als bei damaligem Stand der Belegschaften berhaupt gefrdert werden konnten. Die Erhebungen des Kohlenkommissars, der fr das Jahr 1917 eine Bilanz aufzustellen versuchte, ergaben bei einer Steinkohlenfrderung von rund 160 Millionen Tonnen und einem Bedarf von 183 Millionen Tonnen einen Fehlbetrag von nicht weniger als 23 Millionen Tonnen. Eine Nachprfung der Ersparnismglichkeiten ergab, da die Verwendungszwecke auerhalb der Kriegsindustrie (hauptschlich fr Eisenbahnen, Hausbrand, Gas-, Wasser- und Elektrizittswerke, Ausfuhr auf Grund abgeschlossener Kompensationsvertrge) entweder keine oder nur eine im Verhltnis zu dem Fehlbetrag geringfgige Einschrnkung vertrugen. Insbesondere habe ich mich dafr eingesetzt, da der Hausbrand, der mit 14 Millionen Tonnen ohnedies schon sehr niedrig veranschlagt war, unter allen Umstnden sichergestellt werden msse. Wir standen also vor der Alternative: entweder weitere Einschrnkung des Rstungsprogramms oder Steigerung der Kohlenproduktion, die nur durch die Freigabe einer groen Anzahl von Bergarbeitern aus der Front erzielt werden konnte. Es handelte sich also im wesentlichen darum, den Bedarf an Waffen und Munition und den Bedarf an Mannschaften gegeneinander abzuwgen. Das war Sache der Obersten Heeresleitung, die allein darber entscheiden konnte, an welchem Punkt diese beiden Interessen ihren Ausgleich finden sollten. Ich mute mich darauf beschrnken, den militrischen Stellen die engen Grenzen der zivilen Ersparnismglichkeit und die damit unausweichliche Alternative: entweder ausgiebige Freigabe von Mannschaften fr den Kohlenbergbau oder weitere empfindliche Einschrnkung des Hindenburg-Programms, mit aller Eindringlichkeit klarzumachen. Das ist von mir namentlich auch in einer eingehenden Besprechung mit dem General Ludendorff im Juni 1917 geschehen. Die Heeresverwaltung hat sich schlielich zu weitgehender Freigabe von Mannschaften auf der einen Seite, zu einer neuen Einschrnkung des Hindenburg-Programms auf der andern Seite entschlossen. Der ungeheure Druck der Tatsache, da jede Tonne Steinkohle, die ohne zwingende Notwendigkeit verbraucht wurde, eine Minderung der Versorgung des kmpfenden Heeres mit Kampfmitteln darstellte, ntigte gleichzeitig zu der uersten Einschrnkung des Kohlenverbrauches auf allen brigen Gebieten. Auch unsere finanzielle Kraft wurde durch die berspannung des Waffen- und Munitionsprogramms ber Gebhr in Anspruch genommen. Die monatlichen Kriegsausgaben, die noch im August 1916 sich unter dem Betrag von 2 Milliarden Mark hielten, berschritten im Oktober 1916 bereits den Betrag von 3 Milliarden Mark. Ein Jahr spter wuchsen sie ber die vierte Milliarde hinaus, und im Oktober 1918 haben sie den Betrag von 4 Milliarden 800 Millionen Mark erreicht. Es ist also auch nach der Einschrnkung des Hindenburg-Programms nicht mehr gelungen, den immer strker anschwellenden Strom der Kriegsausgaben wieder einzudmmen. Der Reichsfinanzminister Dr. Schiffer hat im Februar 1919 in der Nationalversammlung das Hindenburg-Programm ein Programm der Verzweiflung genannt. Diese Bezeichnung ist nicht zutreffend. Den Herren, in deren Kopf das Programm entstand, das sie mit dem Namen Hindenburgs ausstatteten, war die Verzweiflung fremd. Ihr Programm war ein Programm der Selbstberschtzung und der berschtzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft. Bei ruhiger berlegung des Notwendigen und sachlicher Prfung des Mglichen htte es sich vermeiden lassen, Mengen von wertvollem Material und noch wertvollerer Arbeitskraft in industrielle Ruinen zu stecken, die aus Mangel an Menschen und Kohlen teils nie vollendet, teils nie in vollem Umfang in Betrieb genommen worden sind. Man htte mit weniger Arbeitskrften und Material erheblich mehr fr die Ausrstung des Heeres geleistet und unserer Wirtschaft Strungen und Erschtterungen erspart, die letzten Endes an die Wurzeln der Widerstandskraft unseres Volkes gingen. Friedensbemhungen und U-Bootkrieg Das berhmte Wort des Generals von Clausewitz: Der Krieg ist eine bloe Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln will nicht besagen, da whrend des Kriegszustandes der Krieg die Politik ersetze. Clausewitz selbst hat die Auffassung abgelehnt, als ob der Krieg von dem Augenblick an, wo er durch die Politik hervorgerufen ist, an ihre Stelle treten, als etwas von ihr ganz Unabhngiges sie verdrngen und nur seinen eigenen Gesetzen folgen knnte. Er hat ausdrcklich betont, da, da der Krieg von einem politischen Zweck ausgeht, dieses erste Motiv, das ihn ins Leben gerufen hat, auch die erste und hchste Rcksicht bei seiner Leitung bleiben mu, da die Politik also den ganzen kriegerischen Akt durchziehen und einen fortgesetzten Einflu auf ihn ausben werde, wozu er allerdings die Einschrnkung macht: soweit es die Natur der in ihm explodierenden Krfte zult. Aber die Politik mu nicht nur die hchste Rcksicht bei der Leitung des Krieges bleiben, wie es dem Verhltnis von Zweck und Mittel entspricht, sondern es mu ihr auch freistehen, neben dem auerordentlichen Mittel des Krieges, d. h. der militrischen Gewaltanwendung, sich aller anderen ihr whrend des Kriegszustandes berhaupt noch zu Gebote stehenden Mittel zu bedienen. Wenn man diese anderen Mittel nichtkriegerischer Art unter dem Namen der Diplomatie zusammenfat, so heit das: Die Diplomatie als Mittel der Politik ist durch den Kriegszustand nur so weit ausgeschaltet, als ihre praktische Anwendung durch den Kriegszustand unmglich gemacht ist; im brigen gehen auch whrend des Kriegszustandes die kriegerischen und diplomatischen Aktionen als Mittel der Politik nebeneinander her. Aufgabe der Staatslenker -- und zwar eine meist nur mangelhaft gelste Aufgabe -- ist es, fr die Einheitlichkeit und das planmige Ineinandergreifen der beiden Arten von Mitteln zu sorgen, die Mittel dem Zweck anzupassen und, soweit es sich als ntig herausstellt -- denn die Politik bleibt die Kunst des Mglichen -- den Zweck nach den Mglichkeiten, die ihr die Mittel bieten, zu modifizieren -- das was man kurz die Einheit von Politik und Kriegfhrung nennt. Der Krieg, der im Sommer 1914 ber uns hereinbrach, war fr uns die Fortsetzung der Politik der Verteidigung unseres Rechtes auf nationale Existenz und auf friedliche Entfaltung unserer Volkskraft gegenber einer Koalition, die uns schon vor Kriegsausbruch dieses Recht auf dem Wege der diplomatischen Einkreisung zu verkmmern gesucht hatte. Gegenber einer uns und unsern Verbndeten an Menschen und Machtmitteln weit berlegenen Koalition. Gerade die bermacht der Feinde war fr uns in besonderem Mae eine Ntigung, jedes fr die Erreichung unseres Kriegszwecks geeignete Mittel in Wirksamkeit zu setzen, sowohl auf den Gebieten der eigentlichen Kriegfhrung wie auf dem Gebiete der Diplomatie. Gleichzeitig brachte diese Ntigung zur uersten Anspannung aller Mittel in verstrktem Mae die Gefahr, da die Einheit von Politik und Kriegfhrung verlorengehe. Wenn wir den Krieg nicht nur militrisch, sondern auch diplomatisch zu fhren hatten, wenn wir angesichts der Gefahr, von der feindlichen bermacht militrisch und wirtschaftlich erdrckt zu werden, gentigt waren, mit diplomatischen Mitteln Friedensmglichkeiten zu erschlieen und einem weiteren bedrohlichen Zuwachs fr die feindliche Koalition vorzubeugen, so konnten sich daraus Konflikte ergeben mit der Notwendigkeit der Einsetzung aller militrischen Erfolg versprechenden Kriegsmittel. Diese Konfliktsgefahr ist praktisch geworden in der Frage des U-Bootkriegs. Seit jenem Tirpitz-Interview vom Dezember 1914 hat die Hoffnung, mit unsern U-Booten England, die Seele und den Zusammenhalt der feindlichen Mchtekoalition, zu Tode treffen und damit den Krieg in kurzer Zeit zu einem guten Ende fhren zu knnen, immer hhere Flammen geschlagen. Aber schon die ersten Versuche, dieses Kriegsmittel einzusetzen, zeigten seine Zweischneidigkeit; sie offenbarten die Gefahr, da die Anwendung dieses Kriegsmittels die Neutralen, vor allem die Vereinigten Staaten, veranlassen knnte, sich auf die Seite unserer Gegner zu schlagen. Dadurch muten nicht nur die Aussichten, ohne die kaum erreichbare vllige Niederwerfung unserer Feinde zum Frieden zu kommen, aufs uerste beschrnkt werden, sondern auch die feindliche Koalition eine Verstrkung erfahren, die zu unserm Verhngnis zu werden drohte. So begleitete der Widerstreit von Friedensbemhung und U-Bootkrieg vom Ausgang des Jahres 1914 an das gewaltige Ringen an den Fronten und die aufopfernde Kriegsarbeit in der Heimat, er fhrte zu den schwersten Konflikten zwischen den fr das Schicksal Deutschlands verantwortlichen Mnnern und whlte unser Volk bis in seine Tiefen auf. Die Friedensfrage Vor dem Krieg war die herrschende Meinung bei unsern Militrs und Diplomaten, unsern Praktikern und Gelehrten der Volkswirtschaft, da ein moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein knne. Der Generalfeldmarschall Graf von Schlieffen hat im Jahre 1909 sich dahin ausgesprochen, ein sich hinschleppender Krieg sei zu einer Zeit unmglich, wo die Existenz der Nation auf einem ununterbrochenen Fortgang des Handels und der Industrie begrndet ist und durch eine rasche Entscheidung das zum Stillstand gebrachte Rderwerk wieder in Lauf gebracht werden mu. Eine Ermattungsstrategie lt sich nicht treiben, wenn der Unterhalt von Millionen den Aufwand von Milliarden erfordert. Schon die ersten Monate des Weltkriegs haben diese Theorie widerlegt. Als nach dem ersten gewaltigen Zusammenprall der Armeen in West und Ost die erwartete Entscheidung ausblieb, da brachen die Wirtschaft und die Finanzen der kriegfhrenden Lnder unter der Wucht des Krieges nicht zusammen, sondern stellten sich mit erstaunlicher Anpassungsfhigkeit auf die auerordentlichen Verhltnisse des Krieges ein. Sowenig wie die moderne Waffentechnik eine rasche Entscheidung herbeizufhren vermochte, ebensowenig war fr uns oder unsere Gegner eine wirtschaftliche oder finanzielle Zwangslage entstanden, die stark genug gewesen wre, um dem Krieg ein rasches Ende zu diktieren. Ermattungsstrategie und Erschpfungskrieg waren greifbare Mglichkeiten geworden, die alle kriegfhrenden Staaten in ihre Rechnung einzustellen hatten. Nur widerstrebend und langsam gewhnte man sich bei uns an diesen Gedanken. Als aber auch die groen militrischen Aktionen des Frhlings 1915 keine Entscheidung brachten, als mit Italien eine neue Gromacht gegen die Mittelmchte ins Feld trat, da hatte man sich endgltig mit der Wahrscheinlichkeit einer langen Kriegsdauer abzufinden. Die Aussicht auf einen sich lange hinschleppenden Ermattungskrieg war fr uns nichts weniger als gnstig. Je lnger der Krieg dauerte, desto geringer mute unser Vorteil der besseren und bereiteren Kriegsorganisation werden, desto strker und wirksamer konnten unsere Feinde ihr ber die Erde zerstreutes und mangelhaft organisiertes bergewicht an Menschen und Machtmitteln gegen uns ins Spiel werfen, desto schwerer mute schlielich fr uns der Nachteil der wirtschaftlichen Einschnrung ins Gewicht fallen. Wenn also die militrischen Entscheidungen in ungewisse Ferne rckten, wenn wir auf dem Felde des Wirtschaftskriegs durch unsere geographische Lage und die Seeherrschaft des Feindes in die Verteidigung gebannt waren, wenn wir schlielich das einzige Mittel, mit dem wir denkbarerweise der feindlichen bermacht den Lebensatem abschnren konnten, aus Zweifeln an seiner durchschlagenden Wirksamkeit und aus Befrchtungen wegen seiner Rckwirkungen auf die Neutralen nicht in Anwendung zu bringen vermochten, so ergab sich daraus die strkste Ntigung fr die Leiter unserer Politik, nach Friedensmglichkeiten zu suchen. Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg und, ich glaube sagen zu knnen, auch der Kaiser haben frhzeitig diese Lage erfat. Seit ich durch meine amtliche Stellung mit Herrn von Bethmann in nhere Fhlung gekommen war, konnte ich beobachten, wie die eine Frage: Wo ist ein Weg zum Frieden? ihn unausgesetzt und auf das Innerlichste beschftigte. Seine groe Sorge war, es knnte dahin kommen, da wir erst im Zustand der Erschpfung unserer Kraft und unserer Hilfsmittel zu Friedensverhandlungen gelangten und dann gezwungen sein wrden, die Bedingungen unserer Gegner anzunehmen. Von dieser Sorge hat mir der Kanzler zum ersten Male bereits im April 1915 eingehend gesprochen, und er ist im weiteren Verlaufe des Krieges bei jeder vertrauensvollen Aussprache darauf zurckgekommen. Weder unsere militrischen Erfolge, die er hinsichtlich ihrer kriegsentscheidenden Wirkung immer skeptisch beurteilte, noch die berraschenden Beweise unserer wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfhigkeit vermochten den Druck von ihm zu nehmen. Er war deshalb der Ansicht, da wir es nicht verantworten knnten, eine Friedensmglichkeit an bertriebenen Kriegszielen scheitern zu lassen. Das Kriegsziel war fr ihn die Erhaltung unseres territorialen und wirtschaftlichen Besitzstandes. Wenn es die Gesamtlage beim Eintritt in Friedensverhandlungen gestattete, darber hinaus Sicherungen fr die Zukunft und eine Strkung unserer wirtschaftlichen Position zu erreichen, so wrde Herr von Bethmann diesen Vorteil wahrgenommen haben. Ich bin aber berzeugt, da er an keiner einzigen Forderung, die ber die Erhaltung unseres vorkriegerischen Besitzstandes hinausging, den Frieden htte scheitern lassen. Von dieser Grundauffassung ausgehend hat Herr von Bethmann unablssig ausgespht, wo sich ein Anknpfungspunkt biete und wo bei unsern Feinden eine Geneigtheit, vom Frieden zu sprechen, sich zeige. Die Reden und sonstigen Kundgebungen der feindlichen Staatsmnner sah er in allererster Linie daraufhin an, was aus den Worten und zwischen den Worten an Bereitschaft zu einer Verstndigung herauszulesen sei. Seine eigenen Kundgebungen waren darauf eingestellt, den Gegnern unsere Bereitschaft zu Verhandlungen zu erkennen zu geben. Den Eroberungs- und Vernichtungszielen der Gegner pflegte er unser Verteidigungs- und Sicherungsziel entgegenzusetzen. Noch wird der Vernichtungskrieg gegen uns betrieben, sagte er am 9. Dezember 1915 in Beantwortung einer sozialdemokratischen Friedensinterpellation unter Hinweis auf kurz vorher gehaltene Kriegsreden der Herren Asquith, Briand und Ssasonoff. Damit mssen wir rechnen. Mit Theorien, mit Friedensuerungen von unserer Seite kommen wir nicht vorwrts und nicht zu Ende. Kommen uns unsere Feinde mit Friedensangeboten, die der Wrde und Sicherheit Deutschlands entsprechen, so sind wir allezeit bereit, sie zu diskutieren... Fr die deutsche Regierung ist dieser Kampf geblieben, was er von Anfang an war und was in allen unsern Kundgebungen unverndert festgehalten wurde: der Verteidigungskrieg des deutschen Volkes. Jeder feindliche Staatsmann, der diese und hnliche Kundgebungen des Reichskanzlers mit dem gleichen heien Bemhen, einen Weg zum Frieden zu finden, gelesen htte, wie die Reden der feindlichen Staatsmnner in Berlin unter die Lupe genommen wurden, htte daraus folgern mssen -- und dieser Schlu ist von den feindlichen Staatsmnnern sicher auch gezogen worden --: Deutschland ist bereit zu einem Frieden, der seiner Wrde und seiner Sicherheit Genge tut. Das Hindernis fr Friedensverhandlungen, ja fr eine deutsche Initiative zu Friedensverhandlungen, lag ausschlielich in den Erklrungen der Staatsmnner der Entente, die als Kriegsziel aufstellten: die Vernichtung des sogenannten preuischen Militarismus, die Zertrmmerung der deutschen Wirtschaftsmacht, die Abtrennung Elsa-Lothringens oder gar des ganzen linken Rheinufers und unserer Ostmarken, dazu hnliche Eroberungs- und Annexionswnsche gegenber unsern Verbndeten. Wenn also keine Friedensbesprechung zustandekam, so lag das nicht -- die weitere Entwicklung hat das klar erwiesen -- an der Schwerhrigkeit der Entente-Staatsmnner, sondern lediglich daran, da die Entente-Staatsmnner auf ihren mit der Sicherheit, dem Bestand und der Wrde Deutschlands nicht zu vereinbarenden Kriegszielen beharrten. Die fhrenden Staatsmnner der Entente waren und blieben fest entschlossen, den Krieg bis zur Niederwerfung Deutschlands, bis zu dem knock out blow Lloyd Georges durchzufhren, und sie hatten -- von vorbergehenden Schwankungen abgesehen -- von Anfang bis zum Ende das feste Zutrauen, da es ihnen gelingen werde, ihre Vernichtungs- und Eroberungsziele zu erreichen. Daran, nicht an mangelnder Friedensbereitschaft der deutschen Regierung oder des deutschen Volkes, nicht an mangelnder Deutlichkeit in der Umschreibung unserer Kriegsziele und nicht an dem Unterlassen von Anknpfungsversuchen durch unsere Diplomatie, ist das Zustandekommen von Verhandlungen ber einen Verstndigungsfrieden gescheitert. Daran gescheitert sind auch alle die Sondierungen und Anknpfungen, die auerhalb der offiziellen Regierungskundgebungen versucht worden sind, durch Staatsoberhupter und Diplomaten, durch Kaufleute und Industrielle, durch die sozialistischen Parteien der kriegfhrenden und neutralen Lnder. Der Reichskanzler hatte in der Friedensfrage einen schweren Stand. Da die Forderungen der Militrs bei Friedensschlssen meist weiter gehen, als die politischen Staatsleiter durchsetzen und verantworten knnen, ist eine alte Erfahrung, die sich auch jetzt wieder erneuerte. Zu den Grenzregulierungen, die unsere Armeefhrer fr notwendig erklrten, kamen die Forderungen der Marine auf Sicherung der flandrischen Kste. Aber der Kampf um die Kriegsziele blieb nicht auf die Beratungszimmer der Verantwortlichen beschrnkt, er ergriff und zerri mehr und mehr das ganze Volk. Die glnzenden Waffentaten unserer Armeen und ihrer Fhrer, die Eroberung und Besetzung weiter Teile feindlichen Landes in West und Ost bestrkten Volk und Heer in ihrem zuversichtlichen Glauben an einen siegreichen Ausgang des Krieges. Da trotz aller der groen Erfolge auf den europischen Kriegsschaupltzen der Krieg fr uns nicht nur seinem Ursprung nach ein Verteidigungskrieg war, sondern auch in seiner ganzen militrischen, maritimen und wirtschaftlichen Entwicklung ein harter, in jedem Augenblick schwer umstrittener und in seinem Ausgang unsicherer Verteidigungskrieg geblieben war, darber tuschten sich weite Volkskreise hinweg. Die Riesenleistungen von Heer und Volk verlangten, so dachten und sprachen viele, einen entsprechend groen Siegespreis und gestatteten gleichzeitig, einen solchen Siegespreis heimzubringen, wenn nur nicht nach dem alten Blcherwort die Feder verderbe, was das Schwert gewonnen habe. In der Haltung des Kanzlers, der sich weigerte, sich auf die groen Kriegsziele festzulegen, der wieder und wieder zu erkennen gab, da er fr einen Frieden, der sich auf den Zweck des Verteidigungskriegs beschrnke, zu haben sei, sahen diese Kreise Kleinmtigkeit, Mangel an Siegeswillen und eine fr den Ausgang des Kriegs gefhrliche Herabstimmung der Zuversicht des deutschen Volkes. Die schweren Angriffe, denen Herr von Bethmann Hollweg in dieser Richtung ausgesetzt war, sind in aller Erinnerung. Von der andern Seite her wurde mit der Dauer des Kriegs ein immer strkerer Druck auf den Kanzler ausgebt, klar und deutlich vor aller Welt festzustellen, da Deutschland sich mit einem Frieden ohne jede Gebietserwerbungen und Entschdigungen begnge. Man warf ihm vor, da er durch die Verweigerung einer solchen ganz ausdrcklichen und bindenden Erklrung zur Verlngerung des Krieges beitrage und die Stimmung des Volkes, das zur Verteidigung, nicht aber zu Eroberungen ins Feld gezogen sei, unterwhlen helfe. Herr von Bethmann selbst hat noch im Mai 1917 seine Stellung zu diesem Ansturm aus zwei entgegengesetzten Richtungen folgendermaen umschrieben (Reichstagssitzung vom 15. Mai 1917): Auch heute sehe ich bei England und bei Frankreich noch nichts von Friedensbereitschaft, noch nichts von Preisgabe ihrer ausschweifenden Eroberungs- und wirtschaftlichen Vernichtungsziele... Glaubt denn bei dieser Verfassung unserer westlichen Feinde jemand, durch ein Programm des Verzichts und der Entsagung diese Feinde zum Frieden bringen zu knnen? Und darauf kommt es doch an! Soll ich diesen unseren westlichen Feinden geradezu eine Versicherung geben, die ihnen gestattet, ohne jede Gefahr eigenen Verlustes den Krieg ins Ungemessene zu verlngern?... Oder soll ich das Deutsche Reich nach allen Richtungen hin einseitig auf eine Formel festlegen, die von der Gesamtheit der Friedensbedingungen doch nur einen Teil erfat, die einseitig die Erfolge preisgibt, die unsere Shne und Brder mit ihrem Blut errungen haben, und die alle brigen Rechnungen in der Schwebe lt? Eine solche Politik lehne ich ab.... Und soll ich etwa umgekehrt ein Eroberungsprogramm aufstellen? Auch das lehne ich ab. Nicht um Eroberungen zu machen, sind wir in diesen Krieg gezogen und stehen wir jetzt im Kampf fast gegen die ganze Welt, sondern ausschlielich, um unser Dasein zu sichern und die Zukunft der Nation fest zu grnden. Ebensowenig wie ein Verzichtprogramm hilft ein Eroberungsprogramm den Sieg gewinnen und den Krieg beenden. Im Gegenteil! Ich wrde lediglich das Spiel der feindlichen Machthaber spielen, ich wrde es ihnen erleichtern, ihre kriegsmden Vlker weiter zu betren und den Krieg ins Ungemessene zu verlngern. Der Reichskanzler konnte mit solchen Erklrungen weder nach rechts noch nach links befriedigen. Und doch bin ich auch heute noch der Meinung, da seine Haltung die richtige, ja die einzig mgliche war. Entweder waren unsere Feinde bereit, auf ihre Eroberungs- und Vernichtungsziele zu verzichten, dann boten die wiederholten Erklrungen des Reichskanzlers ber unsere grundstzliche Bereitwilligkeit, uns mit der Erreichung unseres Verteidigungszieles zu begngen, eine hinreichende Grundlage fr die Einleitung von Friedensverhandlungen. Oder aber die Feinde waren -- und so lagen die Dinge in Wirklichkeit -- nicht bereit zu einem Verzicht auf ihre Eroberungs- und Vernichtungsziele, dann konnte auch eine Bekanntmachung aller Einzelheiten unseres Friedensprogramms nicht zu Friedensverhandlungen fhren, sondern nur, wie jede einseitige Festlegung, dem Gegner fr jede weitere Entwicklung den Vorteil der freien Entschlieung bei begrenztem Risiko, uns den Nachteil der gebundenen Hand bei unbegrenztem Risiko geben. Aber das waren schlielich Fragen der Taktik, ber die man streiten kann und leider sehr viel, sehr heftig und sehr ffentlich gestritten hat. In der Sache selbst glaube ich folgendes sagen zu knnen: Wenn in irgendeinem Zeitpunkt des Krieges sich die Mglichkeit ergeben htte, zu einem Frieden zu kommen, der uns in den groen Linien unseren vorkriegerischen territorialen und wirtschaftlichen Besitzstand belassen htte, so wre der Friede dagewesen; er wre an keiner von uns geforderten Entschdigung und Grenzregulierung, auch nicht an irgendwelchen deutschen Forderungen in bezug auf Belgien gescheitert, wenn unsere nach diesen Richtungen gehenden Wnsche sich nur um den Preis einer Fortsetzung des Kriegs htten durchsetzen lassen. Dies ist meine berzeugung, wenngleich zwischen den an der Entscheidung beteiligten Persnlichkeiten das letzte Wort noch nicht gesprochen war und ohne die genaue Kenntnis der Lage im Augenblick wirklicher Verhandlungen auch gar nicht gesprochen werden konnte. Wer jemals groe und wichtige Verhandlungen zu fhren gehabt hat, der wei, da die letzten Entschlsse nicht =vor=, sondern =whrend= der Verhandlungen gefat werden, und zumeist in einem Zeitpunkt, der dem Ende der Verhandlungen wesentlich nher liegt als ihrem Anfang; da die letzten Zugestndnisse niemals durch berredung in Errterungen ber noch unpraktische Eventualitten, sondern stets nur unter dem unmittelbaren Druck der Verantwortlichkeit fr das Ja oder Nein zustandekommen. Ich bin sicher, da kein Kanzler, weder Bethmann noch Michaelis noch Hertling, unmittelbar vor die Wahl zwischen einem Status-quo-Frieden oder einer unabsehbaren Fortsetzung des Krieges gestellt, etwas anderes gewhlt haben wrden als den Frieden; und ich bin ebenso sicher, da der Kaiser eine solche Entscheidung gebilligt und durchgehalten htte, auch gegen die strksten Widerstnde anderer Ratgeber und gegen eine heftige Auflehnung starker politischer Strmungen. Denn so wenig der Kaiser den Krieg gewollt hat, auch wenn sein Auftreten mitunter einen kriegerischen Eindruck machte, so sehr litt der Kaiser unter dem Krieg und wnschte er fr sich und fr das deutsche Volk den Frieden. -- Das Scheitern aller unserer Bemhungen, im Wege einer Verstndigung zum Frieden zu gelangen, mute unvermeidlich einen starken Einflu auf unsere Kriegfhrung ausben, insbesondere auf die Entscheidungen in der hei umstrittenen Frage des U-Bootkrieges. Je deutlicher die Abgeneigtheit unserer Feinde zu Friedensverhandlungen zutage trat, desto mehr Gewicht mute bei uns die Forderung gewinnen, da jedes verfgbare Kriegsmittel unter Hintanstellung aller anderen Rcksichten zur Niederkmpfung des Feindes eingesetzt werde. Die erste Phase des U-Bootkriegs In der Frhe des 22. September 1914 versenkte U 9 unter dem Kommando des Kapitnleutnants Weddigen im Laufe einer einzigen Stunde die drei britischen Kreuzer Abukir, Hogue und Cressy. Die drei Torpedoschsse hallten ber die ganze Welt. In England weckten sie ernste Besorgnis, ja Bestrzung. In Deutschland lsten sie berschwengliche Hoffnungen aus: man begann in dem U-Boot die Waffe zu sehen, die bestimmt sei, die britische Seetyrannei zu zerschlagen. Diese Hoffnungen erhielten einen starken Antrieb, als der Admiral von Tirpitz am 21. Dezember 1914 gegenber einem Vertreter der amerikanischen United Press von der Mglichkeit eines U-Bootkriegs gegen die feindlichen Handelsschiffe sprach, durch den England an seiner verwundbarsten Stelle, der Zufuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, getroffen werden knne. Jedermann sagte sich, da die hchste Marineautoritt einen solchen ffentlichen Hinweis nur geben knne, wenn die Wirksamkeit der U-Bootwaffe gesichert sei und wenn hinter der Drohung die Tat stehe. Die vlkerrechtlichen Bedenken hatte England in der deutschen ffentlichen Meinung im voraus zerstrt durch seine vlkerrechtswidrige Handels- und Hungerblockade, insbesondere durch die schon am 3. November 1914 erfolgte Erklrung der ganzen Nordsee zum Kriegsgebiet. Als ich am 1. Februar in die Reichsleitung eintrat, stand die Erklrung des U-Boot-Handelskrieges unmittelbar bevor. Es war eine Bekanntmachung vorbereitet, in der die Gewsser um Grobritannien und Irland als Kriegsgebiet erklrt wurden; vom 18. Februar 1915 an sollte jedes in diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrteischiff zerstrt werden. Die Bekanntmachung fgte hinzu, da es nicht immer mglich sein werde, die dabei der Besatzung und den Passagieren drohenden Gefahren abzuwenden; da ferner auch neutrale Schiffe im Kriegsgebiet Gefahr liefen, da es angesichts des von der britischen Regierung am 31. Januar angeordneten Mibrauchs neutraler Flaggen und der Zuflligkeiten des Seekrieges nicht immer vermieden werden knne, da die auf feindliche Schiffe berechneten Angriffe auch neutrale Schiffe treffen. Neben der Bekanntmachung war eine begrndende Denkschrift vorbereitet, die am 4. Februar 1915 mit der Bekanntmachung den neutralen und den feindlichen Mchten zugestellt worden ist. Die Denkschrift legte zunchst in groen Zgen dar, wie England in seiner Seekriegfhrung sich ber alles Vlkerrecht hinaussetze, um durch eine Lahmlegung auch des legitimen neutralen Handels das deutsche Volk auszuhungern; sie wies dann darauf hin, da die neutralen Mchte sich den vlkerrechtswidrigen Manahmen der britischen Regierung im groen und ganzen gefgt htten, da sie sich mit theoretischen Protesten abzufinden und die von England fr seine vlkerrechtswidrige Seekriegfhrung angerufenen britischen Lebensinteressen als eine hinreichende Entschuldigung fr jede Art von Kriegfhrung gelten zu lassen schienen; solche Lebensinteressen msse nunmehr auch Deutschland fr sich anrufen und die britische Kriegsgebietserklrung damit beantworten, da es die Gewsser rings um Grobritannien und Irland als Kriegsschauplatz bezeichne und der feindlichen Schiffahrt daselbst mit allen verfgbaren Kriegsmitteln entgegentrete. Weiter wurden in der Denkschrift die Neutralen aus den schon in der Bekanntmachung angegebenen Grnden gewarnt, feindlichen Schiffen, die das Seekriegsgebiet befhren, Mannschaften, Passagiere und Waren anzuvertrauen, und es wurde ihnen dringend empfohlen, auch fr ihre eigenen Schiffe das Einlaufen in das Seekriegsgebiet zu vermeiden; denn wenn auch die deutschen Seestreitkrfte Anweisung haben, Gewaltttigkeiten gegen neutrale Schiffe, soweit sie als solche erkennbar sind, zu unterlassen, so kann es doch angesichts des von der britischen Regierung angeordneten Mibrauches neutraler Flaggen und der Zuflligkeiten des Krieges nicht immer verhtet werden, da auch sie einem auf feindliche Schiffe berechneten Angriff zum Opfer fallen. Die letzte Zustimmung von Kaiser und Kanzler stand noch aus. Beiden ist sie nicht leicht geworden. Die Gefahr, da dieser Art Kriegfhrung friedliche Passagiere, auch Frauen und Kinder zum Opfer fallen knnten, dazu die Aussicht auf Verwicklungen mit den Neutralen, insbesondere mit den Vereinigten Staaten, stand beiden vor Augen. Ein Zufall hatte es gefgt, da ich zwei Monate zuvor einen Einblick in die Auffassung des Kaisers hatte tun knnen. Ich war am Abend des 25. November 1914 in Charleville zur kaiserlichen Tafel befohlen. Der Kaiser brachte die Nachricht mit, da sich der Untergang des auf eine deutsche Mine gelaufenen britischen berdreadnought Audacious besttige. Bei Tisch bemerkte ein hoher Marineoffizier -- nicht der Admiral von Tirpitz --, um ein Haar sei auch der englische Riesenpassagierdampfer Oceanic auf eine Mine gelaufen. Der Kaiser antwortete: Gott sei Dank, da es nicht dazu gekommen ist! Auf eine etwas erstaunte Geste des Admirals richtete sich der Kaiser hoch auf und sagte mit lauter Stimme: Meine Herren, denken Sie immer daran: unser Schwert mu rein bleiben. Wir fhren keinen Krieg gegen Frauen und Kinder. Wir wollen den Krieg anstndig fhren, einerlei, was die andern tun. Merken Sie sich das! Ermglicht wurde dem Kanzler wie dem Kaiser die Zustimmung zu der Erklrung des Tauchbootkrieges in den Gewssern um England durch die Anweisung, da neutrale Schiffe im Seekriegsgebiet geschont werden sollten. Man war sich klar darber, da die Wirkung des U-Bootkriegs dadurch beeintrchtigt werde; aber aus Grnden der Humanitt wie zur Vermeidung schwerer Konflikte mit den Neutralen hielt man diese Einschrnkung fr unerllich. Es ist spterhin mitunter behauptet worden, der Reichskanzler sei nachtrglich der Marine mit dieser Einschrnkung in den Arm gefallen und habe dadurch die von der Marine erwartete Wirkung jenes ersten U-Bootkriegs vereitelt. Diese Annahme ist unrichtig; wie sich schon aus dem Text der Bekanntmachung und der Denkschrift vom 4. Februar 1915 ergibt, war die Anweisung an die U-Boote, Gewaltttigkeiten gegen neutrale Schiffe zu unterlassen, schon bei der Ankndigung der neuen Seekriegfhrung gegeben. Die Marine rechnete auf einen raschen Erfolg. Zwar war die Zahl und die Leistungsfhigkeit der verfgbaren U-Boote gering; aber man hoffte auf eine starke Wirkung durch Abschreckung. Wenn es gelang, den Schiffsverkehr der britischen Inseln erheblich zu beeintrchtigen, so war damit in der Tat England an den Wurzeln seiner Lebenskraft gefat. Denn noch ungleich viel mehr als Deutschland waren die britischen Inseln in die Weltwirtschaft hineingebaut. Nicht nur die Industrie, sondern auch die Volksernhrung des Vereinigten Knigreichs war in weit hherem Mae, als das in Deutschland der Fall war, von reichlichen und ungestrten berseeischen Zufuhren abhngig. Deutschland hatte in seiner Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte die Frderung seines Auenhandels in Einklang gebracht mit der Erhaltung und der Entwicklung seiner heimischen Urproduktion. In den Gesamtwerten unseres Auenhandels waren wir England nahe gerckt; aber wir hatten gleichzeitig unsere Eigenproduktion, insbesondere an den wichtigsten Nhrfrchten, in noch strkerem Verhltnis gesteigert, als unsere Bevlkerung sich vermehrt hatte. England dagegen hatte im Vertrauen auf seine Seeherrschaft sein Wirtschaftsleben, vor allem auch seine Volksernhrung, immer mehr auf die berseeische Zufuhr eingestellt und seine Landwirtschaft verkmmern lassen. Seinen Bedarf an Brotgetreide hatte England in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch zu drei Vierteln bis vier Fnfteln, seinen Bedarf an Butter zu nahezu zwei Dritteln, an Fleisch zu etwa zwei Fnfteln durch berseeische Zufuhren decken mssen. Auerdem war sein Kohlenbergbau auf starke Zufuhren von Grubenholz, seine Eisen- und Stahlindustrie auf starke Zufuhren fremder hochhaltiger Eisenerze angewiesen. Seine groe Textilindustrie war von auslndischen Rohstoffen abhngig. Das fr die Kriegfhrung so wichtige Petroleum und die Petroleumprodukte, wie Benzin, muten ber See zugefhrt werden. Die Gesamteinfuhr Grobritanniens im letzten Friedensjahr stellte eine Menge von rund 57 Millionen Tonnen dar. Davon kamen auf Nahrungs- und Genumittel rund 20 Millionen Tonnen, also ein starkes Drittel, auf Holz nahezu 16 Millionen Tonnen, auf Eisenerz rund 7-1/2 Millionen Tonnen, auf alle andern Waren zusammen rund 13-1/2 Millionen Tonnen. Eine erhebliche Einschrnkung des Schiffsverkehrs nach den britischen Inseln mute also diejenigen Kategorien treffen, die fr die Volksversorgung und die Kriegfhrung unentbehrlich waren und fr die Ersatz im eigenen Lande entweder berhaupt nicht oder nur langsam und nur innerhalb enger Grenzen beschafft werden konnte. In der Ausfuhr berwogen der Menge nach die Kohlen. Von einer Gesamtausfuhrmenge des Jahres 1913 in Hhe von rund 92 Millionen Tonnen entfielen auf die Kohlenausfuhr allein rund 78 Millionen Tonnen, auf alle andern Gter nur rund 14 Millionen. Volkswirtschaft und Kriegfhrung der Verbndeten Englands waren auf die britischen Kohlen doppelt stark angewiesen, seit Deutschland das belgische und nordfranzsische Kohlenbecken besetzt hielt. Das alles waren Momente, die den U-Boot-Handelskrieg als eine wirksame Repressalie gegen den britischen Handels- und Hungerkrieg erscheinen lieen, immer vorausgesetzt, da es gelingen wrde, den Schiffsverkehr von und nach den britischen Inseln ausgiebig und in fortgesetzt steigendem Mae abzudrosseln. Wie sich die Neutralen zu dieser neuen Art des Seekriegs verhalten wrden, war allerdings unsicher. Durch die an die U-Boote gegebene Anweisung, neutrale Schiffe auch im Seekriegsgebiet nicht anzugreifen, hatte man eine Rcksicht auf die neutralen Interessen gezeigt, als deren Wirkung man erwartete, die Neutralen wrden sich unserm U-Boot-Handelskriege gegenber ebenso mit formellen Protesten begngen, wie sie das England gegenber aus Anla der von diesem begangenen, auf Kosten der Neutralen gehenden Vlkerrechtsverletzungen, insbesondere aus Anla der Erklrung der Nordsee zum Kriegsgebiet, getan hatten. ber die Haltung der Vereinigten Staaten hatte der Unterstaatssekretr Zimmermann den Botschafter Gerard sondiert und den Eindruck gewonnen, da mehr als ein papierner Protest auch von der Regierung in Washington wohl nicht zu erwarten sei. Die Proteste kamen in der Tat. Der amerikanische Einspruch, den Herr Gerard am 12. Februar 1915 berreichte, war, bei aller Hflichkeit in der ueren Form, sehr bestimmt und unzweideutig in der Sache. Die amerikanische Note wies die Kritik zurck, die in der Denkschrift der deutschen Regierung vom 4. Februar an ihrer angeblich nicht neutralen Haltung gebt worden sei. Sie habe gegenber allen bergriffen der andern kriegfhrenden Nationen eine Haltung eingenommen, die ihr das Recht gebe, diese Regierungen in der richtigen Weise fr alle eventuellen Wirkungen auf die amerikanische Schiffahrt verantwortlich zu machen, die durch die bestehenden Grundstze des Vlkerrechts nicht gerechtfertigt sind. Zu den von der deutschen Admiralitt angekndigten Manahmen bemerkte die Note, die amerikanische Regierung glaube das Recht, ja die Pflicht zu haben, die deutsche Regierung zu ersuchen, sie mchte vor einem tatschlichen Vorgehen die kritische Lage erwgen, die in den beiderseitigen Beziehungen entstehen knnte, falls irgendein Kauffahrteischiff der Vereinigten Staaten zerstrt oder der Tod eines amerikanischen Staatsangehrigen verursacht werde. Die amerikanische Regierung wrde in solchen Handlungen kaum etwas anderes als eine unentschuldbare Verletzung neutraler Rechte erblicken knnen und sich gentigt sehen, die deutsche Regierung fr solche Handlungen ihrer Marinebehrden streng verantwortlich zu machen und alle Schritte zu tun, die zum Schutz amerikanischen Lebens und Eigentums und zur Sicherung des vollen Genusses der amerikanischen Rechte auf hoher See fr die Amerikaner erforderlich seien. Die amerikanische Regierung hoffe, da die deutsche Regierung die Versicherung geben knne und wolle, da amerikanische Staatsbrger und ihre Schiffe auch in dem Seekriegsgebiet in keiner andern Weise als im Wege der Durchsuchung durch deutsche Seestreitkrfte belstigt werden sollten. Die amerikanische Regierung stellte sich also schon in dieser Note auf den Standpunkt, da sie ihrer Neutralitt Genge getan habe, wenn sie fr die Amerikanern aus Vlkerrechtsverletzungen erwachsenden Nachteile die Regierung, von der die Vlkerrechtsverletzung ausging, in der richtigen Weise verantwortlich machte. In welcher Weise, darber gestand sie Deutschland keine Kritik zu. In Wirklichkeit hatte sie sich bisher gegenber England auf die Forderung von Schadenersatz beschrnkt, jedoch keinen ernstlichen Versuch gemacht, die britische Regierung zur Einhaltung der vlkerrechtlichen Normen zu bestimmen. Deutschland gegenber kndigte sie an, da sie nicht nur die deutsche Regierung fr jede Schdigung, die sich aus der Durchfhrung der am 4. Februar angekndigten Manahmen ergeben sollte, verantwortlich machen, sondern auch alle Schritte zum Schutz des amerikanischen Lebens und Eigentums und zur Sicherung der amerikanischen Reisefreiheit auf den Meeren tun werde. Schon damit hatte der U-Bootkrieg ein ernsteres Gesicht angenommen, als man es bei der Hinausgabe der Erklrung vom 4. Februar erwartet hatte. Denn fr die weitere Entwicklung des Krieges kam es weniger darauf an, ob die Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten gerecht und billig war, als darauf, welche Haltung diese praktisch einzunehmen entschlossen war. Und nach dieser Richtung hin erffnete die amerikanische Note keine allzu guten Aussichten. Die Reichsregierung gab auf die Note am 16. Februar eine ausfhrliche Antwort. Sie legte zunchst dar, da die angekndigte Manahme in keiner Weise gegen den legitimen Handel und die legitime Schiffahrt der Neutralen gerichtet sei, sondern lediglich eine durch Deutschlands Lebensinteressen erzwungene Gegenwehr gegen die vlkerrechtswidrige Seekriegfhrung Englands darstelle. Die Neutralen htten bisher die vlkerrechtswidrige Unterbindung ihres Handels mit Deutschland trotz ihrer Proteste nicht zu verhindern vermocht. Dadurch sei der Zustand geschaffen worden, da einerseits Deutschland unter stillschweigender oder protestierender Duldung der Neutralen von der berseeischen Zufuhr auch solcher Gter, die niemals Kriegskonterbande waren, abgeschnitten sei, whrend England unter Duldung der neutralen Regierungen sogar mit solchen Waren versorgt werde, die stets und unzweifelhaft als Konterbande galten. Insbesondere wurde auf die Munitions- und Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten an die Entente hingewiesen. Die deutsche Regierung, so fuhr die Note fort, gibt sich wohl Rechenschaft darber, da die Ausbung von Rechten und die Duldung von Unrecht seitens der Neutralen formell in deren Belieben steht und keinen formellen Neutralittsbruch involviert; sie hat infolgedessen den Vorwurf des formellen Neutralittsbruchs nicht erhoben. Die deutsche Regierung kann aber -- gerade im Interesse voller Klarheit in den Beziehungen beider Lnder -- nicht umhin, hervorzuheben, da sie mit der gesamten ffentlichen Meinung Deutschlands sich dadurch schwer benachteiligt fhlt, da die Neutralen in der Wahrung ihrer Rechte auf den vlkerrechtlich legitimen Handel mit Deutschland bisher keine oder nur unbedeutende Erfolge erzielt haben, whrend sie von ihrem Recht, den Konterbandehandel mit England und unsern andern Feinden zu dulden, uneingeschrnkten Gebrauch machen. Wenn es das formale Recht der Neutralen ist, ihren legitimen Handel mit Deutschland nicht zu schtzen, ja sogar sich von England zu einer bewuten und gewollten Einschrnkung dieses Handels bewegen zu lassen, so ist es auf der andern Seite nicht minder ihr gutes, aber leider nicht angewandtes Recht, den Konterbandehandel, insbesondere den Waffenhandel, mit Deutschlands Feinden abzustellen[4]. Bei dieser Sachlage sieht sich die deutsche Regierung nach sechs Monaten der Geduld und des Abwartens gentigt, die mrderische Art der Seekriegfhrung Englands mit scharfen Gegenmanahmen zu erwidern. Wenn England in seinem Kampf gegen Deutschland den Hunger als Bundesgenossen anruft, in der Absicht, ein Kulturvolk von 70 Millionen vor die Wahl zwischen elendem Verkommen oder Unterwerfung unter seinen politischen und kommerziellen Willen zu stellen, so ist heute die deutsche Regierung entschlossen, den Handschuh aufzunehmen und an den gleichen Bundesgenossen zu appellieren; sie vertraut darauf, da die Neutralen, die bisher sich den fr sie nachteiligen Folgen des englischen Hungerkriegs stillschweigend oder duldend unterworfen haben, Deutschland gegenber kein geringeres Ma von Duldsamkeit zeigen werden, und zwar auch dann, wenn die deutschen Manahmen, in gleicher Weise wie bisher die englischen, neue Formen des Seekriegs darstellen. Die Note wiederholte dann, da die Befehlshaber der deutschen U-Boote angewiesen seien, Gewaltttigkeiten gegen amerikanische Handelsschiffe, soweit sie als solche erkennbar seien, zu unterlassen, und machte zur Vermeidung von Verwechslungen den Vorschlag, die amerikanische Regierung mchte ihre mit feindlicher Ladung befrachteten, den britischen Kriegsschauplatz berhrenden Schiffe durch Konvoyierung kenntlich machen, ber deren Durchfhrung die deutsche Regierung alsbald zu Verhandlungen bereit sei. Zum Schlu fhrte die Note aus: Sollte es der amerikanischen Regierung vermge des Gewichts, das sie in die Wagschale des Geschickes der Vlker zu legen berechtigt und imstande ist, in letzter Stunde noch gelingen, die Grnde zu beseitigen, die der deutschen Regierung ihr Vorgehen zur gebieterischen Pflicht machen, sollte die amerikanische Regierung insbesondere einen Weg finden, die Beachtung der Londoner Seekriegsrechts-Erklrung auch von seiten der mit Deutschland Krieg fhrenden Mchte zu erreichen und Deutschland dadurch die legitime Zufuhr von Lebensmitteln und industriellen Rohstoffen zu ermglichen, so wrde die deutsche Regierung hierin ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst um die humanere Gestaltung der Kriegfhrung anerkennen und aus der also geschaffenen neuen Sachlage gern die Folgerungen ziehen. [4] Die amerikanische Regierung hat spter wiederholt behauptet, ein Verbot der Waffenausfuhr an Kriegfhrende wre, da eine Waffenlieferung nach Lage der Verhltnisse ausschlielich fr die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschlielich die Entente schdige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche Regierung dagegen konnte sich fr ihren Standpunkt, da die Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschlielich der Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Prsident Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begrndung des Verbots der Waffenlieferung fr die beiden sich in Mexiko bekmpfenden Parteien erklrt hatte: Da Carranza keine Hfen hat, Huerta dagegen ber Hfen zur Waffeneinfuhr verfgt, ist es unsre Pflicht als Nation, beide auf gleichem Fue zu behandeln, wenn wir den wahren Geist der Neutralitt beobachten wollen und nicht eine reine Papierneutralitt. Diese Note, die von dem formalen Recht an den Geist des Rechtes appellierte und einen Weg zur Wiederherstellung einer menschlichen Kriegfhrung zeigte, hatte zunchst einen Erfolg. Am 22. Februar wandte sich die amerikanische Regierung in einer gleichlautenden Note an die deutsche und an die britische Regierung mit einem Vorschlag, dessen wesentlicher Inhalt war: Unterseeboote sollen gegenber Handelsschiffen nur zur Durchfhrung des Rechtes der Anhaltung und Durchsuchung verwendet werden; neutrale Flaggen drfen von Handelsschiffen der kriegfhrenden Staaten nicht benutzt werden. England wird Nahrungs- und Genumittel, die fr Deutschland bestimmt sind, nicht anhalten, wenn sie an Agenturen in Deutschland adressiert sind, die von den Vereinigten Staaten fr den Empfang und den Weiterverkauf an die Zivilbevlkerung bezeichnet sind. Die deutsche Regierung antwortete bereits am 28. Februar, da sie in der amerikanischen Anregung eine geeignete Grundlage fr eine Lsung zu erkennen glaube. Sie erklrte sich ausdrcklich bereit, die Ttigkeit der U-Boote gegenber Handelsschiffen auf das Anhalten und die Durchsuchung zu beschrnken, falls der Flaggenmibrauch abgestellt werde und die von der amerikanischen Regierung vorgeschlagene Regelung der Lebensmittelzufuhr nach Deutschland zustandekomme, mit der sie ihrerseits sich einverstanden erklrte. Sie schlug lediglich eine Ergnzung vor hinsichtlich der Zufuhr von Rohstoffen, die der friedlichen Volkswirtschaft dienten. Die britische Regierung dagegen lehnte am 13. Mrz 1915 die amerikanische Anregung ab mit der Motivierung, da Deutschland die in dem amerikanischen Vorschlag gleichfalls enthaltene Anregung ber die Beschrnkung der Anwendung von Seeminen nicht vorbehaltlos angenommen habe, womit es sich fr die britische Regierung erbrige, eine weitere Antwort zu geben. Damit war die amerikanische Vermittlungsaktion erledigt. Indessen kam die amerikanische Regierung nicht eher wieder auf die deutsche U-Bootnote vom 16. Februar 1915 zurck, als bis praktische Flle vorlagen, da amerikanische Schiffe und das Leben amerikanischer Staatsbrger durch den U-Bootkrieg vernichtet wurden. Ein erster solcher Fall ereignete sich am 28. Mrz 1915, indem bei der Versenkung des englischen Passagierdampfers Fallaba ein amerikanischer Staatsangehriger das Leben verlor. Am 28. April griff ein deutsches Flugzeug versehentlich das amerikanische Schiff Cushing an. Am 1. Mai wurde das amerikanische Schiff Gulflight versenkt, wobei zwei amerikanische Staatsbrger ums Leben kamen. Schlielich wurde am 7. Mai der groe englische Passagierdampfer Lusitania durch ein deutsches U-Boot torpediert; mehr als hundert Amerikaner, darunter viele Frauen und Kinder, fanden ihren Tod in den Wellen. Die Erregung in Amerika war ungeheuer. Sie wurde auch nicht gedmpft dadurch, da die deutsche Botschaft in Washington durch eine Anzeige in den amerikanischen Zeitungen ausdrcklich vor der Benutzung der englischen Passagierdampfer zu Fahrten in das Kriegsgebiet gewarnt hatte. Im Gegenteil! Die amerikanische Regierung bezeichnete es als eine berraschende Regelwidrigkeit, da die deutsche Botschaft sich mit einer solchen Warnung vor der Ausbung eines guten amerikanischen Rechts durch die amerikanische Presse an die amerikanische ffentlichkeit gewendet habe. Die Erregung wurde auch nicht gedmpft durch den deutschen Hinweis darauf, da die Lusitania bewaffnet gewesen sei und groe Mengen von Munition an Bord gehabt habe -- diese Angaben der deutschen Regierung wurden von der amerikanischen Regierung, deren Behrden das Schiff ausklariert hatten, bestritten. Die amerikanische Regierung lie am 15. Mai in Berlin eine Note bergeben, in der sie die ernstlichsten Vorstellungen erhob. ber die vorliegenden Einzelflle hinausgreifend, stellte sie fest, da der U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe ohne Miachtung nicht nur des Vlkerrechts sondern auch der Regeln der Billigkeit, der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit nicht durchfhrbar sei. Sie knne im brigen nicht glauben, da die U-Bootkommandanten ihre ungesetzlichen Handlungen anders als unter einem Miverstndnis der von der deutschen Marinebehrde gegebenen Befehle getan haben knnten. Sie verlangte von der deutschen Regierung Mibilligung der Handlungen der U-Bootkommandanten, Genugtuung fr den angerichteten Schaden, schlielich sofortige Manahmen zur Verhinderung weiterer hnlicher Vorflle. Die Kaiserliche Regierung, so schlo die Note, wird nicht erwarten, da die Regierung der Vereinigten Staaten irgendein Wort ungesprochen oder eine Tat ungeschehen lassen wird, die notwendig sein sollten, um ihrer heiligen Pflicht zu gengen, die Rechte der Vereinigten Staaten und ihrer Brger zu wahren und deren Ausbung und Genu zu gewhrleisten. An diese Note schlo sich eine diplomatische Korrespondenz an, in der die amerikanische Regierung immer schrfer ihren Standpunkt herausarbeitete, da nur tatschlicher Widerstand eines Handelsschiffes oder sein fortgesetztes Bestreben zu entfliehen, nachdem Befehl zum Anhalten zwecks Durchsuchung ergangen ist, dem Kommandanten eines Tauchbootes das Recht gebe, das Leben der an Bord befindlichen Menschen in Gefahr zu bringen; die deutsche Regierung dagegen nahm den Standpunkt ein, sie knne nicht zugeben, da amerikanische Brger ein feindliches Handelsschiff durch die bloe Tatsache ihrer Anwesenheit an Bord zu schtzen vermchten. Des weiteren wurde die Frage der Bewaffnung und Munitionsladung der Lusitania errtert. Schlielich wurden von deutscher Seite Vorschlge gemacht, die den freien Verkehr ausreichend kenntlich gemachter und vorher angesagter amerikanischer Passagierdampfer mit England sichern sollten. Dieser letztere Vorschlag wurde von der amerikanischen Regierung in einer Note vom 23. Juli 1915 kategorisch zurckgewiesen, da er geradezu eine Vereinbarung fr die teilweise Aufhebung jener Grundstze enthalte, auf deren Anerkennung durch Deutschland die amerikanische Regierung bestehen msse. Schrfer als jemals bisher lehnte es die amerikanische Regierung ab, ihre Politik gegenber Grobritannien mit der deutschen Regierung zu diskutieren und dem Verhalten Englands gegenber Deutschland fr die Errterung zwischen Amerika und Deutschland ber die Frage des U-Bootkrieges irgendeine Erheblichkeit zuzubilligen. Wenn ein Kriegfhrender einem Feinde gegenber nicht Vergeltung ben kann, ohne Leben und Eigentum Neutraler zu schdigen, so sollten sowohl Menschlichkeit wie Gerechtigkeit und die angemessene Rcksicht auf die Wrde der neutralen Mchte gebieten, da das Verfahren eingestellt wird. Das Verlangen nach Mibilligung des Vorgehens der deutschen Seeoffiziere bei der Versenkung der Lusitania und auf Ersatz fr den entstandenen Schaden wurde mit Nachdruck wiederholt, und der Schlu der Note enthielt die Wendung, da die amerikanische Regierung eine Wiederholung von Handlungen von Kommandanten deutscher Seestreitkrfte, die eine Verletzung der Rechte amerikanischer Brger darstellten, als vorstzlich unfreundliche Handlung betrachten mte. Die scharfe Note der amerikanischen Regierung vom 23. Juli 1915 enthielt jedoch in Anknpfung an die in der vorhergegangenen deutschen Note zum Ausdruck gebrachte Hoffnung auf Wiederherstellung der Freiheit der Meere einen Passus, der zu dem kriegerischen Ausklang in einem merkwrdigen Gegensatz stand. Dieser Passus lautete: Die Regierung der Vereinigten Staaten und die Kaiserlich deutsche Regierung kmpfen fr das gleiche groe Ziel und sind lange zusammen eingetreten fr Anerkennung eben jener Grundstze, auf denen die Regierung der Vereinigten Staaten jetzt so feierlich besteht. Sie kmpfen beide fr die Freiheit der Meere. Die Regierung der Vereinigten Staaten wird fortfahren, fr diese Freiheit zu kmpfen, von welcher Seite auch immer sie verletzt werden mge, ohne Kompromi und um jeden Preis. Sie ladet die Kaiserlich deutsche Regierung zu praktischer Mitarbeit ein, im jetzigen Augenblick, wo diese Mitarbeit am meisten durchsetzen kann und dieses groe Ziel am schlagendsten und wirksamsten erreicht werden kann. Die Kaiserlich deutsche Regierung hat der Hoffnung Ausdruck gegeben, da dieses Ziel in gewissem Grade sogar vor dem Ende des gegenwrtigen Krieges erreicht werden knnte. Dies kann geschehen. Die Regierung der Vereinigten Staaten fhlt sich nicht nur verpflichtet, auf diesem Ziel, von wem auch immer es verletzt und miachtet werden mag, zum Schutz ihrer eigenen Brger zu bestehen; sie ist auch auf das hchste daran interessiert, dieses Ziel zwischen den Kriegfhrenden selbst verwirklicht zu sehen, und hlt sich jederzeit bereit, als gemeinsamer Freund zu handeln, dem der Vorzug zuteil wird, einen Weg vorzuschlagen. Neben die kaum verhllte Drohung mit dem Abbruch der Beziehungen fr den Fall einer weiteren Schdigung der von der amerikanischen Regierung fr ihre Staatsangehrigen beanspruchten Rechte durch unsern U-Bootkrieg war also die Bereitschaft zu einer Kooperation mit uns zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere, und zwar noch whrend des Krieges, gesetzt. Damit war die deutsche Politik vor eine Entscheidung von grter Tragweite gestellt. Obwohl ich als Schatzsekretr nicht unmittelbar an der Behandlung dieser Fragen beteiligt war, hatte ich doch, auch abgesehen von gelegentlichen Aussprachen mit dem Kanzler und meinen Freunden im Auswrtigen Amt, gewisse Berhrungspunkte mit dem durch den U-Bootkrieg berhrten Fragenkomplex. So war ich seit einiger Zeit mit der Frage der Baumwolleinfuhr aus den Vereinigten Staaten befat worden. Persnlichkeiten, die im deutschen Baumwollhandel eine groe Rolle spielten, hatten Fhlung mit ihren amerikanischen Geschftsfreunden genommen und standen mit diesen in Verhandlungen wegen des Abschlusses ber einen sehr groen Posten zu einem festen Preise. Die groen und einflureichen amerikanischen Baumwollinteressen waren durch die Unterbindung des Absatzes nach Deutschland empfindlich geschdigt. Fr uns handelte es sich darum, diese Interessen zu unsern Gunsten mobilzumachen und mit ihrer Hilfe nicht nur eine Belieferung Deutschlands mit amerikanischer Baumwolle durchzusetzen, sondern womglich die amerikanische Politik zu einem tatkrftigen Handeln fr die Wiederherstellung der Londoner Deklaration zu bewegen. Die Finanzierung des Riesengeschftes, um das es sich handelte, lie den deutschen Interessenten die Rckendeckung durch das Reich erforderlich erscheinen, und so kam die Sache an mich. Die jetzt von der amerikanischen Regierung angebotene Zusammenarbeit fr die Wiederherstellung der Freiheit der Meere erregte infolgedessen mein besonderes Interesse. Auerdem war die Gestaltung unseres Verhltnisses zu den Vereinigten Staaten von besonderer Wichtigkeit fr die finanzielle Kriegfhrung. Auch bisher schon hatten die Banken der Vereinigten Staaten den Ententelndern -- in viel bescheidenerem Mae auch uns -- einige Untersttzung im Wege kommerzieller Kredite und der bernahme kurzfristiger Schatzanweisungen gewhrt. Aber diese finanzielle Hilfe hatte sich, zumal da der Prsident Wilson zunchst die Aufnahme ffentlicher Anleihen zugunsten eines kriegfhrenden Staates als neutralittswidrig erklrt hatte, in engen, weit unterhalb der Leistungsfhigkeit der Union liegenden Grenzen bewegt. Niemand konnte zweifeln, da ein Hinbertreten der Vereinigten Staaten auf die Seite unserer Gegner den vollen Einsatz ihrer gerade whrend des Krieges gewaltig angewachsenen Finanzkraft zugunsten der Entente bringen wrde. Fr die Entente war daraus eine wesentliche Erleichterung nicht nur der finanziellen, sondern auch der wirtschaftlichen Kriegfhrung, fr uns eine entsprechende Erschwerung zu erwarten. Aber auch ganz unabhngig von den Interessen meines speziellen Ressorts wollte es mir als ein geradezu verhngnisvoller Fehler erscheinen, es wegen des U-Bootkrieges zum Bruch mit den Vereinigten Staaten kommen zu lassen und die von Wilson gebotene Hand zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere, von wem auch immer sie verletzt und miachtet werden mag, zu bersehen oder auszuschlagen. Sowohl wirtschaftliche Grnde als auch die politische Lage, insbesondere die kritische Situation auf dem Balkan, von deren Entwicklung das Schicksal der Dardanellen und der Trkei abhing, schienen mir keinen Zweifel ber den richtigen Weg zu lassen, zumal da der Erfolg des U-Bootkriegs nicht entfernt den Erwartungen entsprach. Ich legte dem Kanzler meine Gesichtspunkte zuerst mndlich und dann, am 5. August 1915, auch schriftlich dar. Mein Vorschlag ging dahin, der amerikanischen Regierung zu antworten: Wir akzeptieren die angebotene Kooperation zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere. In der Voraussetzung, da die amerikanische Regierung gewillt ist, alsbald wirksame Schritte bei der britischen Regierung zu unternehmen, um diese zur Aufgabe ihrer vlkerrechtswidrigen Seekriegfhrung zu veranlassen und sie zur strikten Beobachtung der Londoner Deklaration zurckzufhren, sind die U-Bootkommandanten unter Aufrechterhaltung unseres grundstzlichen Standpunktes angewiesen worden, bis auf weiteres den U-Bootkrieg in einer der amerikanischen Auffassung Rechnung tragenden Weise zu fhren; wir behalten uns alles vor fr den Fall, da die gemeinsame Aktion nicht innerhalb einer angemessenen Zeit den gewnschten Erfolg herbeifhrt. Dieses Vorgehen htte den Vorteil gehabt, fr die nchste fr die Entscheidungen auf dem Balkan so wichtige Zeit die bedrohlichen Differenzen mit Amerika praktisch auszuschalten und dem Prsidenten Wilson freie Hand fr die von ihm in Aussicht gestellte Aktion gegen England zu geben, ohne uns fr die Dauer die Hnde zu binden. Mein Vorschlag fand jedoch beim Auswrtigen Amt keine Untersttzung, und der Chef des Admiralstabs nahm in einem Immediatbericht an den Kaiser mit groer Entschiedenheit gegen meine Anregung und deren Begrndung Stellung. Der Kaiser stimmte zwar meiner Replik zu, in der ich meine Auffassung unter eingehender Begrndung aufrechterhielt; aber in der Zwischenzeit hatte sich die Lage erheblich verschrft durch die am 19. August ohne Warnung erfolgte Torpedierung des auf der Ausfahrt von England nach Amerika begriffenen Passagierdampfers Arabic; abermals fanden bei dieser Versenkung amerikanische Staatsangehrige den Tod. Glcklicherweise war schon vor der Torpedierung der Arabic eine Weisung an die U-Bootkommandanten ergangen, da Liners nur nach vorhergegangener Warnung und nach Rettung der Nichtkombattanten versenkt werden sollten, es sei denn, da ein Schiff zu fliehen versuche oder Widerstand leiste. Der Kommandant des U-Bootes, das die Arabic versenkte, hatte sich in dem Glauben befunden, da die Arabic Anstalten machte, sein U-Boot zu rammen. Die an die U-Bootkommandanten ergangene Weisung wurde nun der amerikanischen Regierung mitgeteilt. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen, die hart an den Krieg heranstreiften, besttigte Graf Bernstorff am 5. Oktober 1915 dem Staatssekretr Lansing, da die an die U-Bootkommandanten erteilten Befehle so bestimmt lauteten, da eine Wiederholung hnlicher Zwischenflle wie des Arabic-Falles als ausgeschlossen gelte. Gleichzeitig erkannte die deutsche Regierung an, da der Angriff auf die Arabic den erteilten Befehlen nicht entsprochen habe, da sie den Vorgang nicht billige und ihn bedaure; dem Kommandanten des U-Bootes sei eine dahingehende Erffnung gemacht worden. Auch zur Gewhrung einer Entschdigung erklrte sich die deutsche Regierung bereit. Natrlich konnten, wie sich jetzt die Lage gestaltet hatte, an diese Mitteilung keine weiteren Bedingungen oder Voraussetzungen bezglich der von Amerika gegenber England zu unternehmenden Schritte geknpft werden. Die Gelegenheit, in die von Wilson gebotene Hand einzuschlagen und eine ernsthafte Probe auf seine Bereitwilligkeit zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen Englands Seekriegfhrung zu machen, war uns also durch die Versenkung der Arabic aus der Hand genommen. Eine endgltige Klrung war auch nicht herbeigefhrt; insbesondere betonte Lansing, da die Lusitania-Angelegenheit fr die amerikanische Regierung noch nicht erledigt sei. Aber die unmittelbare Gefahr schien abgewendet. Darber hinaus raffte sich jetzt die amerikanische Regierung zum erstenmal seit langer Zeit zu einem energischen Schritt gegenber der Entente auf. In einer sehr ausfhrlichen Note vom 5. November 1915 legte sie die Vlkerrechtswidrigkeit der von der Entente unter Englands Fhrung beliebten Seekriegfhrung dar und erklrte, da die Vereinigten Staaten ohne Zaudern die Aufgabe der Vorkmpferschaft fr die Rechte der Neutralen zu bernehmen und der Erfllung dieser Aufgabe ihre ganze Energie zu widmen entschlossen seien. Im eigenen Lager hatte die Frage unseres Verhaltens zu Amerika zu einer ernstlichen Krisis gefhrt. Nachdem der Kaiser sich auf den vom Reichskanzler vertretenen Standpunkt gestellt hatte, reichte der Admiral von Tirpitz seinen Abschied ein, der aber vom Kaiser nicht angenommen wurde (Anfang September 1915). Dagegen wurde an Stelle des Admirals Bachmann der Admiral von Holtzendorff zum Chef des Admiralstabs ernannt; gleichzeitig wurden durch eine Kaiserliche Order die Kompetenzen zwischen Reichsmarineamt und Admiralstab neu abgegrenzt. Ein zweites Abschiedsgesuch des Admirals von Tirpitz folgte, das abermals abgelehnt wurde. Der verschrfte U-Bootkrieg Am 18. Januar 1916 machte Herr Lansing den Vertretern der Ententemchte in Washington einen -- spter als inoffiziell bezeichneten Vorschlag -- ber die U-Bootkriegfhrung, der im wesentlichen auf folgendes hinauskam: Er erkannte an, da die U-Boote sich als wirksam in der Bekmpfung feindlichen Handels erwiesen htten und da infolgedessen ihre Benutzung zu diesem Zweck den Kriegfhrenden nicht ohne weiteres verwehrt werden knne. Es handele sich also darum, eine Formel zu finden, die den U-Bootkrieg, ohne seine Wirksamkeit zu zerstren, in Einklang mit den allgemeinen Regeln des Vlkerrechts und den Grundstzen der Menschlichkeit bringe. Sein Vorschlag sei: Einerseits sollten die U-Boote gehalten sein, nur in den Formen des Kreuzerkriegs gegen Kauffahrteischiffe vorzugehen, d. h. sie nicht zu versenken, ohne sie zum Halten aufgefordert, nach Konterbande durchsucht und die Mannschaft und Passagiere in Sicherheit gebracht zu haben. Auf der anderen Seite sollten die Kauffahrteischiffe keinerlei Bewaffnung fhren drfen. Zur Begrndung dieses Vorschlags fhrte Lansing an, da angesichts der Konstruktion der U-Boote eine auch nur leichte Bewaffnung den Handelsschiffen eine berlegenheit gebe; jede Bewaffnung eines Kauffahrteischiffes habe unter diesen Umstnden den Charakter einer Bewaffnung zu Offensivzwecken. Das Schreiben schlo: Ich mchte hinzufgen, da meine Regierung das Argument verstndlich findet, da ein Kauffahrteischiff, das irgendeine Bewaffnung trgt, angesichts des Charakters des Tauchbootkriegs und der Schwche der U-Boote in der Verteidigung, sowohl von den Neutralen wie von den Kriegfhrenden als Hilfskreuzer zu betrachten und zu behandeln ist, und da meine Regierung ernstlich erwgt, ihre Beamten dementsprechend zu instruieren. Diese Anregung sah aus wie ein schwerer Vorsto gegen die Seekriegfhrung der Entente. Die Entwaffnung aller Handelsdampfer und ihre Verpflichtung, ohne Gegenwehr auf Anruf anzuhalten, sich untersuchen und nach Feststellung der feindlichen Nationalitt oder des Vorhandenseins von Konterbande sich versenken zu lassen, htte das Vorgehen der deutschen U-Boote gegen den Seehandel der Ententelnder nahezu gefahrlos gemacht und seine Wirksamkeit bedeutend gesteigert. Die Ablehnung dieser Anregung durch die Ententemchte mute deshalb erwartet werden. Aber fr diesen Fall stand am Schlu des Lansingschen Schreibens die Drohung, da die amerikanische Regierung knftighin bewaffnete Handelsschiffe als Hilfskreuzer ansehen und behandeln werde. Das hie nicht nur, da die bewaffneten Handelsschiffe bei ihrem Aufenthalt und ihrem Verkehr in den Hfen der Vereinigten Staaten den fr Kriegsschiffe magebenden Beschrnkungen unterliegen sollten, sondern auch, da die Regierung der Vereinigten Staaten sich jedes Einspruchs gegen die Versenkung solcher bewaffneten Handelsschiffe durch deutsche U-Boote begeben htte, auch wenn die Torpedierung ohne Warnung und ohne die Rettung der Schiffsbemannung und Passagiere erfolgte. Die Entente war also in der Tat vor ein schweres Dilemma gestellt. Htte die Regierung der Vereinigten Staaten den Lansingschen Gedanken sich zu eigen gemacht und festgehalten, so gab es fr die Entente nur den einen Ausweg, durch die Rckkehr zur Londoner Deklaration sich die Beschrnkung des U-Bootkriegs auf die Methoden des Kreuzerkriegs zu erkaufen. Zielte Lansings Brief an die Ententevertreter nach dieser Richtung? Sollte er eine drastische Ergnzung der noch immer unbeantworteten Note der amerikanischen Regierung vom 5. November 1915 sein, die so scharf gegen die Methoden der britischen Seekriegfhrung Stellung genommen hatte? Ich vermag auf diese Frage auch heute noch keine Antwort zu geben; denn ich hatte weder damals, noch habe ich heute gengend Einblick in das, was jenseits des Atlantischen Ozeans vorging. Und die weitere Entwicklung der Dinge selbst gab nicht nur keine Antwort, sondern stellte uns vor ein Rtsel. Nachdem nmlich Lansing am 18. Januar 1916 jenen Brief an die Ententevertreter gerichtet hatte, nahm er Ende Januar gegenber dem Grafen Bernstorff die Lusitania-Frage, die bei der Erledigung des Arabic-Falles ausdrcklich in Schwebe gelassen worden war, wieder auf. Er verlangte nicht nur eine Entschdigung, sondern auch die ausdrckliche Erklrung, da wir diese Entschdigung in Anerkennung der Ungesetzlichkeit (illegality) der Versenkung der Lusitania gewhrten. In einem solchen Zugestndnis sah man bei uns nicht nur eine uns angesonnene Demtigung, sondern auch einen endgltigen und vorbehaltlosen Verzicht auf die schrfere Form des U-Bootkriegs, zu dem man sich um so weniger entschlieen konnte, als keinerlei Sicherheiten irgendwelcher Art fr eine Zurckfhrung des Seekriegs unserer Feinde auf die Normen des Vlkerrechts vorlagen. Lansing bestand jedoch mit der grten Hartnckigkeit und Schrfe auf seiner Forderung. Die Lage erfuhr abermals eine kritische Zuspitzung bis hart an den Abbruch der Beziehungen. Am 5. Februar 1916 verffentlichte das Wolffsche Bureau eine Unterredung des Unterstaatssekretrs Zimmermann mit dem Berliner Korrespondenten der Associated Press, in der er u. a. sagte: Er wolle den Ernst der Lage nicht verhehlen. Deutschland knne keinesfalls die Ungesetzlichkeit der Kriegfhrung der U-Boote in der Kriegszone anerkennen. Die ganze Krisis sei auf die neue Forderung Amerikas zurckzufhren, da Deutschland die Versenkung der Lusitania als eine vlkerrechtswidrige Tat anerkennen solle. Deutschland knne die Waffe der U-Boote nicht aus der Hand legen. Wenn die Vereinigten Staaten es zum Bruch kommen lassen wollten, knne Deutschland nichts mehr tun, um dies zu vermeiden. Der Reichskanzler besttigte in einer Unterredung mit dem Vertreter der New York World die Zimmermannschen Erklrungen. Whrend unser Verhltnis zu den Vereinigten Staaten diese neue und unerwartete Zuspitzung erfuhr, kam es bei uns im Innern zu heftigen Kmpfen ber den U-Bootkrieg. Der Admiralstab nahm unter seinem neuen Chef gegen Ende 1915 erneut Stellung zugunsten der Aufnahme des durch keinerlei Einschrnkungen gehemmten U-Bootkriegs. Von einem rcksichtslos durchgefhrten U-Bootkrieg erwartete er binnen eines halben Jahres die Niederkmpfung Englands und damit die siegreiche Beendigung des Krieges. Gegenber dieser Aussicht mten alle andern Erwgungen, auch die Rckwirkung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges auf die Vereinigten Staaten, zurcktreten. Der Chef des Generalstabs, General von Falkenhayn, war um die Jahreswende fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg so gut wie gewonnen. Er hoffte auf eine Niederkmpfung Englands in wenigen Monaten. Auch die politischen Parteien und die Presse nahmen in jener Zeit immer schrfer in der Frage des U-Bootkrieges Stellung. Die Marinebehrden entfalteten eine starke propagandistische Ttigkeit zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges, die sichtlich Einflu auf die Meinungsbildung der politischen Kreise und des Publikums gewann. Der Kanzler leistete dem starken Druck Widerstand. Wenn schon die Differenzen ber die Erledigung der Lusitania-Frage so hart an den Bruch zwischen Amerika und uns heranfhrten, so erschien der Bruch und ihm folgend der Krieg sicher fr den Fall der Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges. Dafr war der Kanzler nicht geneigt, die Verantwortung zu bernehmen. Dagegen einigten sich die magebenden Persnlichkeiten Anfang Februar 1916 auf den sogenannten verschrften U-Bootkrieg, nmlich die Versenkung der =bewaffneten= feindlichen Handelsschiffe ohne Warnung und ohne Rcksicht auf die Mannschaften und Passagiere. Der deutschen Marine waren auf verschiedenen britischen Handelsschiffen Instruktionen in die Hand gefallen, aus denen sich ergab, da die bewaffneten Schiffe nicht etwa die Angriffe deutscher U-Boote abwarten und sich gegen diese verteidigen, sondern, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot, angriffsweise gegen die U-Boote vorgehen sollten. Die deutsche Regierung zog hieraus die Konsequenz, da die mit Geschtzen bewaffneten feindlichen Kauffahrteischiffe kein Recht mehr darauf htten, als friedliche Handelsschiffe angesehen zu werden. Sie teilte diese Auffassung am 8. Februar 1916 den neutralen Regierungen in einer Denkschrift mit, die mit der Ankndigung schlo, da die deutschen Seestreitkrfte nach einer kurzen, den Interessen der Neutralen Rechnung tragenden Frist den Befehl erhalten wrden, solche Schiffe als Kriegfhrende zu behandeln. ber die Zweckmigkeit dieses Schrittes konnte man verschiedener Meinung sein; schon deshalb, weil die Erkennbarkeit der Bewaffnung eines Handelsschiffes durch das Periskop eines U-Bootes eine recht zweifelhafte Sache war und Irrtmer ganz unausweichlich erscheinen muten. Ich konnte den Eindruck nicht loswerden, da die Herren von der Marine verschrften U-Bootkrieg sagten, aber den uneingeschrnkten U-Bootkrieg meinten. Das konnte nicht gut gehen. Auerdem htte ich vorgezogen, zunchst einmal die Lusitania-Angelegenheit zu erledigen, statt die so stark zugespitzte Lage durch eine neue Manahme von solcher Tragweite zu komplizieren. Ich war jedoch an den Verhandlungen, die zu der Proklamierung des verschrften U-Bootkrieges gefhrt hatten, nicht beteiligt worden und erfuhr die vollendete Tatsache -- durch eine in der Pressekonferenz von dem Marinevertreter gemachte Mitteilung. Immerhin war der verschrfte U-Bootkrieg begrndet in einer Auffassung, die mit der von Lansing in seinem Schreiben vom 18. Januar an die Ententevertreter entwickelten im wesentlichen bereinstimmte. Diese Tatsache war, so durfte man annehmen, immerhin geeignet, den verschrften U-Bootkrieg auch in den Augen der amerikanischen Regierung als vertretbar erscheinen zu lassen. Diese Hoffnung erschien um so mehr berechtigt, als sich damals in den Vereinigten Staaten in der ffentlichen Meinung und in den Kreisen des Kongresses eine Strmung zeigte, die sich gegen den Gedanken eines Krieges zwischen Amerika und Deutschland auflehnte und zum Zweck der Verminderung der Kriegsgefahr die Forderung aufstellte, die amerikanische Regierung mchte die amerikanischen Brger vor der Benutzung bewaffneter feindlicher Handelsschiffe warnen oder gar ihnen das Reisen auf bewaffneten feindlichen Schiffen verbieten. Im Senat wie im Reprsentantenhaus wurden sogar Antrge in diesem Sinne eingebracht. Um so auffallender war es, da die amerikanische Regierung nunmehr gegen die deutsche Auffassung des Charakters und der Wirkungen der Bewaffnung von Handelsschiffen, die sich so nahe mit der von Lansing kundgegebenen berhrte, mit aller Schrfe Stellung nahm. Der Prsident Wilson selbst griff ein, indem er am 24. Februar 1916 einen Brief an den Senator Stone, den Vorsitzenden des Ausschusses fr Auswrtige Angelegenheiten, richtete und verffentlichte, in dem er sich auf den Standpunkt stellte, da die Ankndigung des verschrften U-Bootkrieges in so offenkundigem Widerspruch zu den erst vor kurzem gegebenen ausdrcklichen Versicherungen der Mittelmchte stehe, da er erst weitere Erklrungen abwarten msse. Er fgte hinzu: Er knne keinerlei Verkrzung der Rechte der amerikanischen Staatsbrger hinnehmen; die Ehre und Selbstachtung der Nation sei im Spiel; Amerika wnsche den Frieden und werde ihn um jeden Preis erhalten, nur nicht um den Preis seiner Ehre; den Amerikanern die Ausbung ihrer Rechte verbieten aus Furcht, man knne gezwungen sein, fr diese Rechte einzutreten, wrde in der Tat eine tiefe Demtigung sein und auerdem nicht nur ein stillschweigendes, sondern sogar ein ausdrckliches Sichabfinden mit der Verletzung der Rechte der Menschheit und ein bewuter Verzicht Amerikas auf seine bisher stolze Stellung als Wortfhrer fr Gesetz und Recht. Amerika knne nicht nachgeben, ohne seine eigene Ohnmacht als Nation zu erklren und seine unabhngige Stellung unter den Nationen der Welt aufzugeben. Am 3. Mrz 1916 beschlo der Senat mit 68 gegen 14 Stimmen die Errterung der Resolution Gore, die das Reisen auf bewaffneten feindlichen Handelsschiffen fr Amerikaner verboten sehen wollte, auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Drei Wochen spter, am 25. Mrz, verffentlichte die amerikanische Regierung ein Memorandum ber ihre Stellung zur Frage der Behandlung bewaffneter Handelsschiffe in neutralen Hfen und auf hoher See. Das Memorandum kam auf Grund sehr kasuistischer Deduktionen zu dem Schlu: Eine =neutrale= Regierung knne in ihren Hfen ein bewaffnetes Handelsschiff auf Grund der Prsumption behandeln, da es zum Angriff bewaffnet sei und infolgedessen den Charakter des Kriegsschiffs habe; dagegen msse ein =Kriegfhrender= auf hoher See auf Grund der Prsumption vorgehen, da das Handelsschiff zu Verteidigungszwecken bewaffnet sei und infolgedessen den Charakter als Kauffahrteischiff habe. Der Status eines bewaffneten Handelsschiffes auf hoher See als eines Kriegsschiffes knne nur auf Grund beweiskrftiger Evidenz seiner Angriffsabsicht festgestellt werden. Zwei Tage zuvor, am 23. Mrz, hatte die britische Regierung die Lansingsche Anregung vom 18. Januar als unvereinbar mit den allgemeinen Grundstzen des Vlkerrechts und mit bestimmten Klauseln der Haager Konvention abgelehnt. Das merkwrdige Zwischenspiel des Lansingschen Vorschlags blieb unaufgeklrt. Wir hatten jetzt bei der Fhrung des verschrften U-Bootkrieges gegen die bewaffneten Handelsschiffe mit demselben Widerstand Amerikas, ja mit einem noch ausgesprocheneren Widerstand zu rechnen, wie bei unserm ersten Tauchbootkrieg. Jeder Tag konnte mit einem neuen Zwischenfall die Krisis akut machen und uns vor die Wahl zwischen dem Krieg mit Amerika oder der Einschrnkung des U-Bootkrieges auf die vlkerrechtlich einwandfreien Formen des Kreuzerkriegs stellen. In dieser Lage wuchs bei uns die Forderung nach dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg zu einem wahren Sturm auf den Reichskanzler an. Die Marine, die den verschrften U-Bootkrieg durchgesetzt hatte, dachte nicht daran, sich damit zufriedenzugeben. Der Admiralstab hatte eine umfangreiche Denkschrift ber die englische Wirtschaft und den U-Bootkrieg ausarbeiten lassen, die auf Grund eines weitschichtigen statistischen Materials, aber in ganz dilettantischer Beweisfhrung, den Nachweis zu erbringen versuchte, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg im Laufe lngstens eines halben Jahres zu dem Erfolge fhren wrde, England auf dem Wege der Unterbindung des Seeverkehrs zum Frieden zu zwingen. Zu der Denkschrift wurden von zahlreichen hervorragenden Persnlichkeiten aus den Kreisen der Industrie, des Handels und der Bankwelt Gutachten eingefordert, die bei der klugen Auswahl der Befragten sich durchweg mit mehr oder weniger vorsichtigen Vorbehalten den Folgerungen der Denkschrift anschlossen. Die Bearbeitung der Presse und der ffentlichen Meinung zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges war um so wirksamer, als es unmglich war, die zugunsten des U-Bootkrieges in Umlauf gesetzten Behauptungen und Beweisfhrungen zu widerlegen, ohne geradezu Landesverrat zu begehen. Ich hatte mich damals im Auftrage des Reichskanzlers eingehend mit der im Admiralstab ausgearbeiteten Denkschrift befat und mute auf Grund der mit dem ersten U-Bootkrieg gemachten Erfahrungen, der noch verhltnismig intakten wirtschaftlichen Reserven Englands, der ausgezeichneten Welternte, namentlich auch der Rekordernten der England zunchst gelegenen Versorgungsgebiete, des Umfangs des England noch zur Verfgung stehenden Schiffsraumes usw. zu dem Schlusse kommen, da auch bei voller Leistung der vom Admiralstab in Aussicht gestellten Versenkungen keinerlei Gewhr fr eine Niederzwingung Englands innerhalb eines absehbaren Zeitraumes gegeben sei. Auf der andern Seite konnte ich nicht umhin, die Gefahren eines Krieges mit Amerika wesentlich hher zu veranschlagen, als dies von seiten der Befrworter des uneingeschrnkten U-Bootkrieges geschah. In der ersten Mrzhlfte kam auf Betreiben der Marine die Frage des uneingeschrnkten U-Bootkrieges im Groen Hauptquartier erneut zur Entscheidung. Der Reichskanzler drang mit seiner Ansicht durch. Es scheint, da auch der Chef des Admiralstabs und der Chef des Generalstabs sich dem Gewicht seiner Grnde nicht entziehen konnten. Der Kanzler bestand bei dieser Gelegenheit auch auf einer Abstellung der von der Marine ausgehenden Propaganda zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges. Der Kaiser verfgte die Lostrennung der Nachrichtenabteilung vom Reichsmarineamt und ihre Angliederung an den Admiralstab. Diese Manahme gab die unmittelbare Veranlassung zum Rcktritt des Groadmirals von Tirpitz. An seiner Stelle wurde der Admiral von Capelle, der in der U-Bootfrage die Auffassung des Reichskanzlers teilte, zum Staatssekretr des Reichsmarineamts ernannt. Die Budgetkommission des Reichstages beschftigte sich Ende Mrz in vertraulichen Sitzungen mit der U-Bootfrage. Auch die Konservativen und derjenige Teil der Nationalliberalen, die mit Entschiedenheit fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg eintraten, nahmen schlielich davon Abstand, eine dahingehende Entschlieung zu beantragen. Es kam nach langen Verhandlungen zwischen den Parteien eine Resolution zustande, die lautete: Nachdem sich das Unterseeboot als eine wirksame Waffe gegen die englische auf die Aushungerung Deutschlands berechnete Kriegfhrung erwiesen hat, gibt der Reichstag seiner berzeugung Ausdruck, da es geboten ist, wie von allen unsern militrischen Machtmitteln, so auch von den Unterseebooten denjenigen Gebrauch zu machen, der die Erringung eines die Zukunft Deutschlands sichernden Friedens verbrgt, und bei Verhandlungen mit auswrtigen Staaten die fr die Seegeltung Deutschlands erforderliche Freiheit im Gebrauch dieser Waffe unter Beachtung der berechtigten Interessen der neutralen Staaten zu wahren. Man einigte sich ferner dahin, da eine Besprechung der U-Bootfrage im Plenum des Reichstages unterbleiben solle. Der Sussex-Fall Inzwischen kam, was kommen mute. Die Versenkungen von Schiffen mit Amerikanern an Bord huften sich. In der Zeit vom 27. Mrz bis zum 1. April hatte der amerikanische Botschafter an unser Auswrtiges Amt, in Vorbereitung weiterer Schritte, in nicht weniger als fnf Fllen die Anfrage zu richten, ob die Versenkung durch ein deutsches Tauchboot erfolgt sei. Der schlimmste dieser Flle war die am 24. Mrz 1916 ohne Warnung erfolgte Torpedierung des unbewaffneten Passagierdampfers Sussex, der dem Passagierverkehr ber den Kanal diente. Von mehr als 300 Passagieren fanden etwa 80 ihren Tod, darunter auch eine Anzahl Amerikaner. Der Kommandant des fr die Torpedierung in Betracht kommenden U-Bootes gab an, einen Minenleger der neuen britischen Arabis-Klasse torpediert zu haben. Ort und Zeit stimmte mit der Torpedierung der Sussex berein, und die im Rumpf der Sussex vorgefundenen Stcke eines deutschen Torpedos stellten den Sachverhalt auer allen Zweifel. Mit dieser Katastrophe, deren Umfang nahezu an die Versenkung der Lusitania heranreichte, stand unser Verhltnis mit Amerika vor dem Biegen oder Brechen. Die Haltung der Vereinigten Staaten lie darber keine Unklarheit. Nachdem unsere ursprngliche, auf den Angaben des U-Bootkommandanten beruhende Aufstellung, da das versenkte Schiff mit der Sussex nicht identisch sei, widerlegt war, bergab der amerikanische Botschafter am 20. April dem Staatssekretr des Auswrtigen Amtes eine Note, deren Bedeutung noch dadurch besonders unterstrichen wurde, da der Prsident Wilson sie unmittelbar vor ihrer bergabe in einer von ihm persnlich verlesenen Botschaft dem Kongre zur Kenntnis brachte. Der wichtigste Inhalt der Note war: Der tragische Fall der Sussex stehe leider nicht allein; er sei nur =ein= Fall, wenn auch einer der schwersten und betrbendsten, fr die vorbedachte Methode, mit der unterschiedslos Handelsschiffe aller Art und Bestimmung zerstrt wrden. Die deutsche Regierung habe offenbar keinen Weg gefunden, ihren Tauchbooten die von ihr zugesagten Beschrnkungen aufzuerlegen. Immer wieder hat die Kaiserliche Regierung der Regierung der Vereinigten Staaten feierlich versichert, da zum mindesten Passagierschiffe nicht in dieser Weise behandelt werden wrden, und gleichwohl hat sie wiederholt zugelassen, da ihre U-Bootkommandanten diese Versicherung ohne jede Ahndung miachteten. Noch im Februar dieses Jahres machte sie davon Mitteilung, da sie alle bewaffneten Handelsschiffe in feindlichem Eigentum als Teil der Seestreitkrfte ihrer Gegner betrachten und als Kriegsschiffe behandeln werde, indem sie sich so, wenigstens implicite, verpflichtete, nichtbewaffnete Schiffe zu warnen und das Leben ihrer Passagiere und Besatzungen zu gewhrleisten; aber sogar diese Beschrnkung haben ihre U-Bootkommandanten unbekmmert auer Acht gelassen. Die Regierung der Vereinigten Staaten habe viel Geduld gezeigt und die Hoffnung nicht aufgeben wollen, da es der deutschen Regierung mglich sein werde, den U-Bootkrieg mit den im Vlkerrecht verkrperten Grundstzen der Menschlichkeit in Einklang zu bringen; sie habe den neuen Verhltnissen, fr die es keine Przedenzflle gebe, jedes Zugestndnis gemacht und sei gewillt gewesen, zu warten, bis die Tatsachen unmiverstndlich und nur einer Auslegung fhig geworden seien. Dieser Zeitpunkt sei jetzt gekommen. Wenn es die Absicht der deutschen Regierung sei, den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe fortzusetzen ohne Rcksicht auf das, was die amerikanische Regierung als die heiligen und unbestreitbaren Normen des Vlkerrechts und die allgemein anerkannten Gebote der Menschlichkeit ansehen msse, so gebe es fr die amerikanische Regierung nur einen Weg: Sofern die Kaiserliche Regierung nicht jetzt unverzglich ein Aufgeben ihrer gegenwrtigen Methoden des U-Bootkrieges gegen Passagier- und Frachtschiffe erklren und bewirken sollte, kann die Regierung der Vereinigten Staaten keine andere Wahl haben, als die diplomatischen Beziehungen zur deutschen Regierung abzubrechen. Zur Zeit der bergabe dieser Note befand sich der Kanzler im Groen Hauptquartier. Er reiste alsbald nach Berlin zurck, um die Lage zu besprechen. Am Ostersonntag und Ostermontag (23. und 24. April) fanden ausgedehnte Konferenzen statt, in denen der Staatssekretr des Reichsmarineamts, Admiral von Capelle, im Gegensatz zum Chef des Admiralstabs, Admiral von Holtzendorff, die Auffassung vertrat, da die Zurckfhrung des U-Bootkrieges auf die Formen des Kreuzerkrieges keine allzu starke Beeintrchtigung der Wirksamkeit der U-Boote bedeute; der weitaus grte Teil der Versenkungen erfolge jetzt bereits vom aufgetauchten Boot durch Artilleriefeuer, und mit der fortschreitenden Vergrerung des U-Boottyps und der Verstrkung der artilleristischen Ausrstung der U-Boote werde sich in Zukunft das Verhltnis zugunsten der Versenkungen durch Artillerie noch verstrken. Diese Darlegungen erleichterten uns den ohnehin kaum vermeidbaren Entschlu, den U-Bootkrieg mindestens zeitweise auf die Formen des Kreuzerkrieges zu bringen. Ich griff dabei auf meinen Vorschlag vom August 1915 zurck, einen Zusammenhang zwischen diesem Zugestndnis und den damals von Wilson angebotenen Bemhungen zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere zu konstruieren. Es erschien fraglich, ob dieser Zusammenhang in Form einer Bedingung oder einer Voraussetzung fr unser Zugestndnis oder in Form einer bloen Erwartung hergestellt werden sollte. Die Entscheidung zugunsten der letzteren Auffassung gab schlielich eine vertrauliche und freundschaftliche Mitteilung des spanischen Botschafters, der erklrte, die bestimmte berzeugung gewonnen zu haben, da ein an Bedingungen oder Voraussetzungen geknpftes Nachgeben von der amerikanischen Regierung als ungengend werde angesehen werden und zum alsbaldigen Abbruch der Beziehungen, dem der Krieg folgen werde, fhren msse. Der Kanzler reiste am 25. April nach dem Groen Hauptquartier zurck, whrend das Auswrtige Amt den Text der Antwortnote in Arbeit nahm. Der amerikanische Botschafter hatte dem Kanzler vor seiner Abreise den Wunsch, oder mindestens in einer einem Wunsch gleichkommenden Form die Bereitwilligkeit ausgedrckt, nach dem Hauptquartier zu reisen und dem Kaiser persnlich Aufklrung ber den amerikanischen Standpunkt zu geben. In der Tat erhielt Herr Gerard am 28. April eine Einladung, nach dem Hauptquartier zu kommen. Er wurde dort am 1. Mai in Gegenwart des Kanzlers vom Kaiser empfangen, der mit ihm die deutsch-amerikanischen Beziehungen und die U-Bootfrage durchsprach, um auf diese Weise ein unmittelbares Bild der amerikanischen Auffassung zu gewinnen. Die Erledigung der U-Bootfrage in dem in Berlin besprochenen Sinn war inzwischen im Hauptquartier auf eine groe Schwierigkeit gestoen: der General von Falkenhayn, der noch acht Tage zuvor dem Kanzler gegenber sich dahin ausgesprochen hatte, da auch nach seiner Ansicht ein Konflikt mit Amerika vermieden werden msse, trat jetzt beim Kaiser gegen die Beschrnkung des U-Bootkrieges auf die Formen des Kreuzerkrieges ein; er msse auf die Fortsetzung der Aktion gegen Verdun verzichten, wenn der U-Bootkrieg suspendiert werde, und zwar, weil selbst ein voller Erfolg der Verdun-Aktion die Opfer nicht lohne, wenn die Suspendierung des U-Bootkrieges den Englndern Luft gebe und den Franzosen die Hoffnung auf weitere englische Hilfe lasse. Der Kaiser war durch diese Auffassung Falkenhayns stark beeindruckt und sagte am 30. April dem Kanzler: Sie haben also die Wahl zwischen Amerika und Verdun! Der Kanzler war ber diese Alternative auf das uerste erregt. Der Gedanke, vor der Geschichte als derjenige dazustehen, durch dessen Schuld hunderttausend Mann vor Verdun umsonst geopfert worden seien, schien ihm ebenso unertrglich, wie die Verantwortung fr den Bruch mit Amerika. Er lie mich ber die Sachlage telephonisch informieren und bat mich, sofort nach dem Hauptquartier zu kommen. Ich traf am nchsten Tage, 1. Mai, im Laufe des Nachmittags in Charleville ein und fand die Lage bereits geklrt. Der Chef des Admiralstabs hatte sich den politischen Grnden des Kanzlers unterworfen. Der Kaiser hatte sich dem Kanzler gegenber dahin geuert, da der Bruch mit Amerika vermieden werden msse, und sich mit dem vom Kanzler vorgeschlagenen Vorgehen einverstanden erklrt. Am nchsten Abend sprach sich der Kaiser nach Tisch mir gegenber eingehend ber die U-Bootfrage aus. Ich hatte den Eindruck, da ihm die Entscheidung einen schweren Stein vom Herzen genommen habe. Er sprach witzig und geistreich ber seine Unterhaltung mit Herrn Gerard. Wenn man Politik machen wolle, msse man vor allem wissen, worauf es dem anderen ankomme; denn Politik sei nun einmal ein zweiseitiges Geschft. Gerards uerungen htten ihm besttigt, da Wilson eine Leiter zu der neuen Prsidentschaft suche. Da wollten wir ihm lieber die Friedensleiter hinstellen als die Kriegsleiter, die uns schlielich auf den eigenen Kopf fallen werde. Unsere Antwortnote wurde am 4. Mai dem amerikanischen Botschafter berreicht. Sie stellte gegenber dem Appell der Unionsregierung an die geheiligten Grundstze der Menschlichkeit und des Vlkerrechtes fest, da es nicht die deutsche, sondern die britische Regierung gewesen ist, die diesen furchtbaren Krieg unter Miachtung aller zwischen den Vlkern vereinbarten Rechtsnormen auf Leben und Eigentum der Nichtkmpfer ausgedehnt hat, und zwar ohne jede Rcksicht auf die durch diese Art der Kriegfhrung schwer geschdigten Interessen und Rechte der Neutralen. Bei dieser Sachlage knne die deutsche Regierung nur erneut ihr Bedauern darber aussprechen, da die humanitren Gefhle der amerikanischen Regierung, die sich mit so groer Wrme den bedauernswerten Opfern des U-Bootkrieges zuwendeten, sich nicht mit der gleichen Wrme auch auf die vielen Millionen von Frauen und Kindern erstreckten, die nach der erklrten Absicht der englischen Regierung in den Hungertod getrieben werden sollten. Die deutsche Regierung, und mit ihr das deutsche Volk, htten fr dieses ungleiche Empfinden um so weniger Verstndnis, als sie zu wiederholten Malen sich ausdrcklich bereit erklrt habe, sich mit der Anwendung der U-Bootwaffe streng an die vor dem Krieg anerkannten vlkerrechtlichen Normen zu halten, falls England sich dazu bereit finde, diese Normen ebenfalls seiner Kriegfhrung zugrundezulegen. Wenn die deutsche Regierung sich trotzdem zu einem uersten Zugestndnis entschliee, so sei fr sie entscheidend der Gedanke an das schwere Verhngnis, mit dem eine Ausdehnung und Verlngerung dieses grausamen und blutigen Krieges die gesamte zivilisierte Menschheit bedrohe. Das Bewutsein der Strke hat es der deutschen Regierung erlaubt, zweimal im Laufe der letzten Monate ihre Bereitschaft zu einem Deutschlands Lebensinteressen sichernden Frieden offen und vor aller Welt zu bekunden. Sie hat damit zum Ausdruck gebracht, da es nicht an ihr liegt, wenn den Vlkern Europas der Friede noch lnger vorenthalten bleibt. Mit um so strkerer Berechtigung darf die deutsche Regierung aussprechen, da es vor der Menschheit und der Geschichte nicht zu verantworten wre, nach einundzwanzigmonatiger Kriegsdauer die ber den U-Bootkrieg entstandene Streitfrage eine den Frieden zwischen dem deutschen und amerikanischen Volke ernstlich bedrohende Wendung nehmen zu lassen. Einer solchen Entwicklung will die deutsche Regierung, soweit es an ihr liegt, vorbeugen. Sie will gleichzeitig ein letztes dazu beitragen, um -- solange der Krieg noch dauert -- die Beschrnkung der Kriegfhrung auf die kmpfenden Streitkrfte zu ermglichen, ein Ziel, das die Freiheit der Meere einschliet, und in dem sich die deutsche Regierung mit der Regierung der Vereinigten Staaten auch heute noch einig glaubt. Von diesem Gedanken geleitet, teilt die deutsche Regierung der Regierung der Vereinigten Staaten mit, da Weisung an die deutschen Seestreitkrfte ergangen ist, in Beobachtung der allgemeinen vlkerrechtlichen Grundstze ber Anhaltung, Durchsuchung und Zerstrung von Handelsschiffen auch innerhalb des Seekriegsgebietes Kauffahrteischiffe nicht ohne Warnung und Rettung der Menschenleben zu versenken, es sei denn, da sie flchten oder Widerstand leisten. Der Schlu der Note sprach die Erwartung aus, da die neue Weisung an die deutschen Seestreitkrfte auch in den Augen der Regierung der Vereinigten Staaten jedes Hindernis fr die Verwirklichung der in der Note vom 23. Juli 1915 angebotenen Zusammenarbeit zu der noch whrend des Krieges zu bewirkenden Wiederherstellung der Freiheit der Meere aus dem Wege rumt; die deutsche Regierung zweifle nicht, da die amerikanische Regierung nunmehr bei der britischen Regierung die Beobachtung der vlkerrechtlichen Normen der Seekriegfhrung verlangen und durchsetzen werde. Sollten die Schritte der Vereinigten Staaten nicht zu dem gewollten Erfolge fhren, den Gesetzen der Menschlichkeit bei allen kriegfhrenden Nationen Geltung zu verschaffen, so wrde die deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenbersehen, fr die sie sich die volle Freiheit der Entschlieung vorbehalten mu. Die Note brachte also die Zurckfhrung des U-Bootkrieges auf die vlkerrechtlich anerkannten Formen des Kreuzerkrieges. Das Zugestndnis wurde jedoch nicht fr alle Zeit gemacht; vielmehr behielt sich die deutsche Regierung freie Hand vor fr den Fall, da es Amerika nicht gelingen sollte, England zu einer Anpassung seiner Seekriegfhrung an das Vlkerrecht zu bewegen. Damit war bis auf weiteres die Krisis in unserem Verhltnis zu den Vereinigten Staaten beigelegt. Mehr war nicht erreicht. Da seit dem verflossenen Juli Wilsons Bereitwilligkeit, mit uns zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere zu kooperieren, zum mindesten stark abgeflaut war, zeigte die amerikanische Antwort auf unsere Note. Diese vom 10. Mai 1916 datierte Antwort nahm Notiz von unseren Erklrungen und fgte hinzu: Die Regierung der Vereinigten Staaten hlt es fr notwendig, zu erklren, da sie es fr ausgemacht ansieht, da die Kaiserliche Regierung nicht beabsichtigt, zu verstehen zu geben, da die Aufrechterhaltung der neu angekndigten Politik in irgendeiner Weise von dem Verlauf oder Ergebnis diplomatischer Verhandlungen zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten und irgendeiner anderen kriegfhrenden Regierung abhnge, obwohl einige Stellen in der Note der Kaiserlichen Regierung vom 4. d. M. einer solchen Auslegung fhig sein knnten. Um jedoch die Mglichkeit eines Miverstndnisses zu vermeiden, teilt die Regierung der Vereinigten Staaten der Kaiserlichen Regierung mit, da sie keinen Augenblick den Gedanken in Betracht ziehen, geschweige denn errtern kann, da die Achtung der Rechte amerikanischer Brger auf hoher See von seiten der deutschen Marinebehrden in irgendeiner Weise oder im geringsten Grad von dem Verhalten irgendeiner anderen Regierung, das die Rechte der Neutralen und Nichtkmpfenden berhrt, abhngig gemacht werden sollte. Die Verantwortlichkeit in diesen Dingen ist getrennt, nicht gemeinsam, absolut, nicht relativ. In welchem Mae die Westmchte von der deutsch-amerikanischen Spannung glaubten profitieren zu drfen, ergibt sich daraus, da die britische Regierung am 24. April 1916 die amerikanischen Vorstellungen vom 5. November 1915 wegen der Vlkerrechtswidrigkeit der britischen Seekriegfhrung durchweg ablehnend beantwortete und da am 7. Juli 1916 die britische und franzsische Regierung gemeinsam den neutralen Mchten mitteilten, da sie sich an die bisher schon von ihnen immer weiter durchlcherte Londoner Deklaration nicht mehr fr gebunden hielten. Die Bemhungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen Friedensschritt Im weiteren Verlauf der Dinge griffen U-Bootfrage und Friedensfrage ineinander ber. Es scheint mir, angesichts des falschen Bildes, das bei manchen Politikern und wohl auch in einem groen Teile der ffentlichen Meinung von den wechselseitigen Beziehungen dieser beiden Fragen entstanden ist, am Platze zu sein, da ich versuche, die verschlungenen Fden, soweit ich es vermag, zu entwirren. Schon bei den Berliner Besprechungen ber die an die amerikanische Regierung zu gebende Antwort auf die U-Bootnote vom 20. April entwickelte der Reichskanzler den Gedanken, unser kaum mehr zu vermeidendes Zugestndnis nicht nur zur Beseitigung der akuten Konfliktsgefahr, sondern womglich zur Anbahnung des Friedens zu benutzen. Die in der letzten Zeit nach verschiedenen anderen Richtungen hin ausgestreckten Fhler hatten kein Ergebnis gehabt oder drohten ergebnislos zu bleiben. Dem Prsidenten Wilson traute der Kanzler zu, da es ihn reizen knne, die groe weltgeschichtliche Rolle des Friedensstifters zu spielen. Auf diesen Gedanken des Kanzlers geht der oben wiedergegebene Hinweis auf unsere wiederholt gezeigte Friedensbereitschaft in unserer Note vom 4. Mai zurck. Der Kanzler hat auch in Unterhaltungen mit Herrn Gerard diesen Punkt berhrt. Herr Gerard erzhlt in seinem Buch, der Kanzler habe ihm bei seinem Abschied vom Groen Hauptquartier gesagt: Ich hoffe, da, wenn wir jetzt diese Sache in Ordnung bringen, Ihr Prsident gro genug sein wird, die Frage des Friedens aufzunehmen. Herr Gerard erzhlt weiter, da auch spterhin der Kanzler bei verschiedenen Gelegenheiten ihm vorgefhrt habe, da Amerika etwas fr den Frieden tun msse, und da, wenn nichts geschehe, die ffentliche Meinung in Deutschland sicherlich die Wiederaufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkrieges erzwingen werde. Mir gegenber hat der Kanzler von einem Schritt bei Wilson, um diesen zu einer auf den Frieden gerichteten Aktion zu bestimmen, zum ersten Male gesprochen, als ich am 31. August 1916 nach der Kriegserklrung Rumniens und nach der Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs des Feldheeres zusammen mit dem Staatssekretr von Jagow im Groen Hauptquartier eintraf. Der Kanzler, der schon zwei Tage vorher nach Ple gereist war, entwarf uns ein Bild der Lage, die er trotz der Zuversicht Hindenburgs und Ludendorffs als auerordentlich schwer ansah. Wir mten alles tun, um zum Frieden zu kommen. Der einzige Weg, den er berhaupt noch sehe, fhre ber Wilson, und dieser Weg msse, auch wenn die Aussichten ungewi seien, beschritten werden. Wilson habe allein bei unseren Gegnern die groe Position, die fr einen wirksamen Friedensschritt ntig sei. Wir mten Wilson sagen, da wir bereit seien, Belgien herauszugeben, unter dem Vorbehalt, unsere Beziehungen zu Belgien nach dessen Restitution durch unmittelbare Verhandlungen zu ordnen. Der Gedanke wurde zwischen dem Kanzler, Herrn von Jagow und mir eingehend errtert. Mir schien gegen eine Anrufung Wilsons zu sprechen, da dieser im bisherigen Verlaufe des Krieges eine stets wachsende Voreingenommenheit zugunsten der Westmchte und ein geringes Verstndnis fr unsere deutschen Verhltnisse und Lebensbedrfnisse gezeigt hatte; sein Verhalten seit dem Beginn des Jahres 1916 schien mir keinen Zweifel mehr an seinen Gesinnungen uns gegenber zu gestatten. Auch frchtete ich, da Wilson, wenn wir ihm die Friedensvermittlung in die Hand gben, uns vor eine internationale Konferenz fhren wrde, in der unsere Feinde ber uns zu Gericht sen. Von der malosen Unpopularitt einer Anrufung Wilsons als Friedensvermittler sprach ich nicht; ich wute, da der Kanzler sich darber ganz im klaren war, da aber solche Erwgungen ihn nicht bestimmen wrden. Eine Verstndigung mit Ruland auf Kosten Polens, ber dessen knftigen Status der Kanzler und Jagow kurz zuvor in Wien verhandelt hatten, ntigenfalls sogar unter Zugestndnissen in dem von den Russen wieder besetzten Ostgalizien, zu denen sich unser sterreichisch-ungarischer Verbndeter, wenn es nicht anders gehe, bereit finden msse, erschien mir immer noch als der fr uns gnstigste Weg zum Frieden. Der Kanzler glaubte jedoch nach dieser Richtung hin kaum mehr eine Hoffnung zu sehen, nachdem alle Sondierungen gescheitert waren, auch die im Einverstndnis mit unserm trkischen Bundesgenossen gemachten Andeutungen einer den russischen Wnschen entgegenkommenden Regelung der Meerengenfrage. Herr von Jagow pflichtete dem Kanzler bei. In der Tat lie der Kanzler in der ersten Septemberwoche an den Grafen Bernstorff nach Washington telegraphieren, um ihn ganz persnlich um seine Ansicht ber Wilson als Friedensvermittler zu befragen. Graf Bernstorff antwortete, da vor der Anfang November stattfindenden Prsidentenwahl von Wilson nichts zu erwarten sei; werde er wiedergewhlt, wofr die Wahrscheinlichkeit spreche, dann werde er wohl die Friedensvermittlung in die Hand nehmen, da er berzeugt zu sein scheine, Amerikas Interesse verlange, da keine der beiden Mchtegruppen zu Boden geworfen werde. Herr Gerard will dann im Laufe des September von Herrn von Jagow gedrngt worden sein, mit seiner Frau, die fr kurze Zeit nach Amerika gehen wollte, zusammen zu reisen, um den Prsidenten zu bestimmen, etwas fr den Frieden zu tun. Wie weit das richtig ist, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls war der Eifer des Prsidenten, auf unseren Wunsch einen Schritt zur Herbeifhrung des Friedens zu unternehmen, nicht allzu gro, obwohl er bei den Prsidentenwahlen fr sich als den Friedensmacher Propaganda machen lie. Auch nachdem er Anfang November wiedergewhlt worden war, beeilte er sich nicht, irgend etwas zugunsten des Friedens zu tun oder auch nur die deutsche Regierung in irgendeiner Weise wissen zu lassen, da er beabsichtige, mit einem Friedensschritt in naher Zeit hervorzutreten. Der amerikanische Geschftstrger in Berlin, Herr Grew, wich jeder Sondierung aus, indem er die Frage des zwangsweisen Abtransports der belgischen Arbeitslosen, bei dem bedauerliche Migriffe vorgekommen waren, zum Mittelpunkt der deutsch-amerikanischen Beziehungen machte. Herr Gerard berichtet in seinem Buche, da er den Prsidenten Wilson gesprochen habe, ehe er am 4. Dezember die Rckreise nach Deutschland antrat. Sein Eindruck sei gewesen, da der Prsident vor allem anderen wnschte, Frieden zu halten und Frieden zu machen. Natrlich, so fhrt Herr Gerard fort, war diese Frage des Friedenmachens eine sehr heikle. Ein direktes Angebot von unserer Seite konnte uns derselben Behandlung aussetzen, die wir Grobritannien whrend des Brgerkrieges angedeihen lieen, als Grobritannien Erffnungen zum Zweck der Herbeifhrung des Friedens machte und die Nordstaaten eine Antwort gaben, die darauf hinauskam, da die britische Regierung sich um ihre eigenen Angelegenheiten kmmern solle, da sie keine Einmischung dulden und weitere Erffnungen als unfreundliche Handlungen betrachten wrden. Die Deutschen haben diesen Krieg begonnen ohne irgendeine Befragung der Vereinigten Staaten, und dann schienen sie zu denken, da sie ein Recht htten, zu verlangen, die Vereinigten Staaten sollten Frieden fr sie machen zu solchen Bedingungen und zu solcher Zeit, wie es ihnen, den Deutschen, gut scheine; da ferner, wenn wir das nicht tten, sie das Recht htten, alle Regeln der Kriegfhrung zu verletzen und Brger der Vereinigten Staaten auf hoher See zu ermorden. Nichtsdestoweniger glaube ich, da der Prsident geneigt war, in der Herbeifhrung des Friedens sehr weit zu gehen. Aus diesen Ausfhrungen des Herrn Gerard ergibt sich das eine mit Sicherheit, da der Prsident Wilson, als Herr Gerard am 4. Dezember 1916 Amerika wieder verlie, sich noch zu keinem bestimmten Schritt zugunsten des Friedens entschlossen hatte und da Herr Gerard keine Antwort auf die von Herrn von Bethmann und Herrn von Jagow gemachten Erffnungen mit auf den Weg bekam. Ferner geben die Bemerkungen des Herrn Gerard einen Einblick in den Geist, in dem unsere Anregung, der Prsident mchte eine Initiative zugunsten des Friedens ergreifen, zum mindesten von Herrn Gerard aufgefat worden ist. Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt Am 23. Oktober 1916 hielt Lord Grey bei einem Pressefestmahl eine auffallende Rede. Er beschftigte sich zunchst wieder einmal mit den Kriegsursachen, wobei er wiederum alle Schuld auf Deutschland abzuwlzen versuchte; dann ging er mit einer Verbeugung vor Wilson und Hughes, den beiden amerikanischen Prsidentschaftskandidaten, ber zu einem Hymnus auf Vlkerbund und Schiedsgerichte als die Pfeiler des Systems, das in Zukunft die Entstehung neuer Kriege verhindern msse. Der Bericht ber die Rede lag in Berlin am 25. Oktober vor. Der Kanzler war durch die Rede stark beeindruckt. Er fand sie sehr geschickt auf die Mentalitt der Neutralen, insbesondere der Amerikaner, zugeschnitten, aber auch auf die Stimmung der kriegfhrenden Vlker, die sich aus dem Zerstren und Morden nach einem besseren Zustand des Zusammenlebens der Vlker sehnten. Der Krieg habe die Idee eines Vlkerbundes und der Schiedsgerichte ohne Zweifel mchtig gestrkt. Auch nach seiner Ansicht gehre dieser Idee die Zukunft. Er habe das Gefhl, da in dieser Sache die deutsche Politik nicht beiseite stehen drfe. Er msse jedenfalls in diesem Sinn auf die Rede Greys antworten. Mir schien die Frage der Verhinderung knftiger Kriege so lange im zweiten Rang zu stehen, als die Frage der Beendigung des jetzigen Krieges noch nicht gelst sei. Die beste Antwort auf Grey schien mir eine solche zu sein, die Grey auf diese praktische Frage stellte. Zwei Tage zuvor war Constantza von unsern Truppen genommen worden; am Vormittag hatte ein Telegramm die Einnahme von Cernavoda gemeldet. Der rumnische Feldzug nherte sich seinem Ende. Unsere Feinde waren im Begriff, abermals eine Hoffnung zu verlieren. Der Winter, und damit der dritte Winterfeldzug, stand vor der Tr. Wenn irgendein Zeitpunkt seit Beginn des Krieges die Regierungen und die Vlker zum Nachdenken stimmen mute, ob es sich lohne, den Krieg fortzusetzen, so war es der jetzige. Ich empfahl, zu berlegen, ob die Gesamtlage uns nicht das Recht und die Pflicht gebe, ein offenes Friedenswort zu sprechen, auf das unsere Feinde antworten mten; etwa die Aufforderung an die Kriegfhrenden, zu einer Besprechung ber die Mglichkeit eines Friedens zusammenzutreten, der Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit aller wahre. Der Kanzler erwrmte sich fr den Gedanken und entschlo sich, sofort zum Kaiser zu fahren, der damals in Potsdam weilte. Im Begriff ins Auto zu steigen, erhielt er die Nachricht von dem erfolgreichen Vorsto der Franzosen vor Verdun auf das Fort Douaumont. Das war ein Dmpfer auf die rumnische Freude, aber mit solchen Zwischenfllen mu man im Kriege immer rechnen. Der Kaiser war sofort einverstanden. Der Kanzler reiste noch am gleichen Abend nach dem Groen Hauptquartier, um sich mit dem Generalfeldmarschall von Hindenburg zu besprechen. Der Feldmarschall wollte sich nicht gegen die Anregung stellen und erklrte, er knne jedenfalls keine Aussicht erffnen, da nach Beendigung des rumnischen Feldzugs, die in einigen Wochen zu erwarten sei, im Winter oder im nchsten Frhjahr ein entscheidender, den Frieden militrisch erzwingender Schlag gefhrt werden knne. Nun wurde der Gesandte von Stumm nach Wien geschickt, um das Einverstndnis unseres sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu sichern. An der grundstzlichen Zustimmung war um so weniger zu zweifeln, als Baron Burian, wie mir der Kanzler sagte, selbst schon bei frheren Gelegenheiten ein hnliches Vorgehen angeregt hatte. Nachdem auf dieser Grundlage der Kanzler dem Kaiser nochmals vorgetragen hatte, schrieb der Kaiser an den Kanzler nachstehenden eigenhndigen Brief: Neues Palais, 31. 10. 16. Mein lieber Bethmann! Unser Gesprch habe ich noch nachher grndlich berdacht. Es ist klar, die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im Wahne des Kampfes und im Ha gehaltenen Vlker unserer Feinde haben keine Mnner, die imstande wren, die den moralischen Mut besen, das befreiende Wort zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche Tat, die notwendig ist, um die Welt -- auch die Neutralen -- von dem auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehrt ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fhlt, und ein Herz fr seine und die feindlichen Menschen, der unbekmmert um die eventuellen absichtlichen Mideutungen seines Schrittes den Willen hat, die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu, ich will es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie alles bereit. Wilhelm I. R. Die folgenden Wochen waren ausgefllt mit Verhandlungen mit unseren Verbndeten ber die Grundlinien der bei einer Friedensbesprechung zu erstrebenden Ziele, ber die Art des gemeinschaftlichen Vorgehens, ber den Text der ber unsere Friedensbereitschaft zu erlassenden Kundmachung oder der an die Alliierten zu bergebenden Note. In der Zwischenzeit antwortete der Reichskanzler im Hauptausschu des Reichstags am 9. November 1916 auf die Rede Greys. Er widerlegte Greys Darstellung der Schuldfrage und stellte sich mit viel bemerktem Nachdruck auf den Boden des Vlkerbundes und der Schiedsgerichte. Von dem geplanten Vorschlag zu Friedensverhandlungen sprach er noch nicht. Mit unseren Verbndeten hatte man sich dahin geeinigt, da der Friedensschritt unternommen werden sollte, sobald durch den in kurzem zu erwartenden Fall von Bukarest die Abwendung der rumnischen Gefahr fr jedermann offenkundig geworden sei. Da irgendwelche Rcksichten auf den Prsidenten Wilson ein Hindernis fr einen unmittelbaren Friedensschritt sein knnten, ist mir gegenber in den vielfachen Besprechungen, die in dieser Angelegenheit stattfanden, von keinem der Herren, die an der Sondierung Wilsons beteiligt waren, jemals erwhnt worden. Bisher war auf die schon Anfang Mai von Herrn von Bethmann gegenber Herrn Gerard gemachte Andeutung keinerlei Antwort erfolgt. Das Anfang September an den Grafen Bernstorff gerichtete Telegramm hatte diesen auch nicht etwa beauftragt, bei Herrn Wilson oder der amerikanischen Regierung irgendeinen Schritt zu unternehmen, der die deutsche Regierung in ihrer eigenen Bewegungsfreiheit htte binden knnen, sondern ihn nur um eine persnliche Meinungsuerung ber Wilsons Geneigtheit zu einem Friedensschritt ersucht. Die Mglichkeit, da Wilson nach seiner am 6. November 1916 erfolgten Neuwahl zum Prsidenten irgend etwas zugunsten des Friedens tun werde, konnte uns, solange mit uns keine Vereinbarungen darber getroffen oder uns nicht wenigstens die bestimmte Absicht eines Vorgehens mitgeteilt war, nicht das Recht der eigenen Initiative beschrnken noch uns der Verpflichtung berheben, nach anderen Wegen, die zum Frieden fhren konnten, Ausschau zu halten und einen uns geeignet erscheinenden Zeitpunkt unsererseits fr eine Friedensaktion zu benutzen. In der Tat geht aus der oben wiedergegebenen Stelle des Gerardschen Buches hervor, da Herr Wilson am 4. Dezember, also vier Wochen nach seiner Wiederwahl, jedenfalls noch keinen bestimmten Schritt zugunsten des Friedens ins Auge gefat hatte und sich seinerseits uns gegenber in der Friedensfrage in keiner Weise gebunden fhlte. Ich erwhne dies ausdrcklich, weil spterhin bei uns in Deutschland behauptet worden ist, die deutsche Politik habe dem Prsidenten Wilson gegenber ein doppeltes Spiel gespielt, indem sie ihn zuerst um eine Friedensvermittlung ersucht habe, und dann, nachdem Herr Wilson sich hierzu bereitgefunden, mit einer eigenen Aktion vorgegangen sei. Persnlich erschien es mir fr die deutsche Regierung durchaus erwnscht, die Initiative zum Frieden in der eigenen Hand zu behalten; denn ich konnte das Unbehagen gegenber dem Gedanken einer Fhrung Wilsons in den Friedensangelegenheiten nicht berwinden. Auerdem konnte ich mir, so wenig es mir lag, im Strom der ffentlichen Meinung zu schwimmen, nicht verhehlen, da die Stimmung in Heer und Volk gegen Amerika ein immer ernstlicheres Hindernis fr eine amerikanische Friedensaktion geworden war. Es kam schlielich doch auch darauf an, da der erste Schritt zum Frieden vom eigenen Volk mglichst einmtig untersttzt und nicht von vornherein aus Gefhlen heraus, deren Berechtigung nicht abzustreiten war, einer starken Anfeindung ausgesetzt wurde. Die Tatsache, da Amerikas Verhalten gegenber dem deutschen Volke in dem Kampf um sein Dasein nur eine formelle Neutralitt, in der Sache aber eine starke Begnstigung unserer Gegner war, lag klar vor jedermanns Augen. Wilson war uns bei der Ausnutzung unserer U-Bootwaffe gegen England in den Weg getreten. Das war sein formelles Recht; aber die Ausbung dieses Rechtes uns gegenber involvierte zum mindesten die moralische Verpflichtung, auch England gegenber mit gleich scharfen Mitteln auf der strengen Beobachtung des Vlkerrechtes zu bestehen. Seit lnger als sechs Monaten hatten wir in der U-Bootfrage nachgegeben; aber die amerikanische Regierung hatte noch keinerlei Anstalten gemacht, nun auch England auf den Boden des Vlkerrechtes zurckzufhren. Die Erbitterung bei uns wurde gesteigert durch immerzu wachsende Mengen von Kriegsgert und Munition, die Amerika der Entente lieferte. Die Gerechtigkeit, die Herr Wilson noch im Februar 1914 dem Mexikaner Carranza hatte zuteil werden lassen, indem er angesichts der materiellen Unmglichkeit der Waffenlieferung an den von der Kste abgeschnittenen Carranza auch die Waffenlieferung an dessen Gegner Huerta verbot, enthielt er Deutschland und seinen Verbndeten vor. Die vlkerrechtliche Sophistik, mit der die Regierung der Vereinigten Staaten diese Papierneutralitt begrndete, wollte unserem Volke nicht in den Kopf. Zumal der Feldgraue, den amerikanische Geschosse berschtteten, sah nur die gewaltige Untersttzung, die Amerika einseitig unseren Feinden gewhrte. Am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest. Damit war der Zeitpunkt fr die Friedensaktion gekommen. Am 12. Dezember bergab der Reichskanzler den Vertretern der neutralen Mchte, die den Schutz unserer Interessen in den uns feindlichen Staaten bernommen hatten, eine Note mit dem Ersuchen um bermittlung an die mit uns im Kriege liegenden Staaten. Das gleiche geschah um dieselbe Zeit in Wien, Konstantinopel und Sofia. Dem Reichstag machte der Reichskanzler, nachdem tags zuvor die Parteifhrer verstndigt worden waren, alsbald Mitteilung von dem vollzogenen Schritt. Nach einem kurzen und wirksamen berblick ber die Lage fhrte er aus: Nach der Verfassung lag am 1. August 1914 auf Seiner Majestt dem Kaiser persnlich der schwerste Entschlu, den je ein Deutscher zu fassen gehabt hat, der Befehl der Mobilmachung, der ihm durch die russische Mobilmachung abgerungen wurde. Whrend der langen und schweren Kriegsjahre bewegte den Kaiser der einzige Gedanke, wie einem festgesicherten Deutschland nach siegreich gefochtenem Kampfe wieder der Friede bereitet werde. Niemand kann das besser bezeugen als ich, der ich die Verantwortung fr alle Regierungshandlungen trage. Im tiefsten sittlichen und religisen Pflichtgefhl gegen sein Volk und darber hinaus gegen die Menschheit hlt der Kaiser jetzt den Zeitpunkt fr eine offizielle Friedensaktion fr gekommen. Seine Majestt hat deshalb in vollem Einvernehmen und in Gemeinschaft mit seinen hohen Verbndeten den Entschlu gefat, den feindlichen Mchten den Eintritt in Friedensverhandlungen vorzuschlagen. Der Kanzler verlas nunmehr die Note, die angesichts ihrer Bedeutung fr die Friedensfrage hier im vollen Wortlaut Platz finden mge: Der furchtbarste Krieg, den je die Geschichte gesehen hat, wtet bald seit zwei und einem halben Jahre in einem groen Teil der Welt. Diese Katastrophe, die das Band einer gemeinsamen, tausendjhrigen Zivilisation nicht hat aufhalten knnen, trifft die Menschheit in ihren wertvollsten Errungenschaften. Sie droht, den geistigen und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trmmer zu legen. Deutschland und seine Verbndeten, sterreich-Ungarn, Bulgarien und die Trkei, haben in diesem Kampfe ihre unberwindliche Kraft erwiesen. Sie haben ber ihre an Zahl und Kriegsmaterial berlegenen Gegner gewaltige Erfolge errungen. Unerschtterlich halten ihre Linien den immer wiederholten Angriffen der Heere ihrer Feinde stand. Der jngste Ansturm im Balkan ist schnell und siegreich niedergeworfen worden; die letzten Ereignisse beweisen, da auch eine weitere Fortdauer des Krieges ihre Widerstandskraft nicht zu brechen vermag, da vielmehr die gesamte Lage zur Erwartung weiterer Erfolge berechtigt. Zur Verteidigung ihres Daseins und ihrer nationalen Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbndeten Mchte gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Auch die Ruhmestaten ihrer Heere haben daran nichts gendert. Stets haben sie an der berzeugung festgehalten, da ihre eigenen Rechte und begrndeten Ansprche in keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen stehen. Sie gehen nicht darauf aus, ihre Gegner zu zerschmettern oder gar zu vernichten. Getragen von dem Bewutsein ihrer militrischen und wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgezwungenen Kampf ntigenfalls bis zum uersten fortzusetzen, zugleich aber von dem Wunsch beseelt, weiteres Blutvergieen zu verhten und den Greueln des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier verbndeten Mchte vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten. Die Vorschlge, die sie zu diesen Verhandlungen mitbringen werden und die darauf gerichtet sind, Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ihrer Vlker zu sichern, bilden nach ihrer berzeugung eine geeignete Grundlage fr die Herstellung eines dauerhaften Friedens. Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Vershnung der Kampf fortdauern sollte, so sind die vier verbndeten Mchte entschlossen, ihn bis zum siegreichen Ende zu fhren. Sie lehnen aber feierlich jede Verantwortung dafr vor der Menschheit und der Geschichte ab. Am gleichen Tage wurde ein Kaiserlicher Armeebefehl erlassen, der lautete: Soldaten! In dem Gefhl des Sieges, den Ihr durch Eure Tapferkeit errungen habt, haben Ich und die Herrscher der treu verbndeten Staaten dem Feinde ein Friedensangebot gemacht. Ob das damit verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahingestellt. Ihr habt weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feind standzuhalten und ihn zu schlagen. Die Aufnahme, die der Friedensvorschlag in Deutschland fand, war nicht einheitlich zustimmend. In den konservativen und berwiegend auch in den nationalliberalen Kreisen frchtete man, der Vorschlag knne im Ausland als Schwchezeichen ausgelegt werden und die Wirkung unserer Siege in Rumnien beeintrchtigen. In den Kreisen derjenigen, die an sich den Friedensvorschlag als einen ernsthaften Versuch, Deutschland und die Welt von dem Elend des Krieges zu befreien, aufrichtig willkommen hieen, bemngelte man vielfach, da in dem Vorschlag unsere konkreten Friedensbedingungen nicht aufgezhlt waren. Beide Ausstellungen halte ich auch heute noch fr unberechtigt. Es handelte sich darum, entweder zum Frieden zu kommen, oder vor der ganzen Welt, sowohl vor dem eigenen Volke, wie vor den Vlkern der Neutralen und unserer Feinde die Verantwortlichkeit fr die Fortdauer des Krieges festzustellen. Wenn der Krieg weitergehen sollte, dann brauchte vor allem unser eigenes Volk angesichts des ungeheueren auf ihm lastenden Druckes eine moralische Rckenstrkung in dem Bewutsein, da es nicht an uns lag, wenn Friedensverhandlungen nicht zustandekamen. Die Gefahr, da unsere Feinde unser Angebot als Schwche auffassen knnten, durfte demgegenber nicht den Ausschlag geben; durch die Wahl des Zeitpunktes war zudem dieser Gefahr nach Mglichkeit vorgebeugt worden. Eine ffentliche Enthllung unserer einzelnen Friedensbedingungen wre, solange die grundstzliche Bereitwilligkeit unserer Feinde, mit uns ber einen Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unseres Volkes wahrenden Frieden zu sprechen, nicht vorlag, das Gegenteil von Zweckmigkeit gewesen. Wir htten uns ganz einseitig festgelegt, uns dadurch gegenber unseren Gegnern stark in Nachteil gesetzt und jede Verhandlung ber die einmal ffentlich genannten Punkte auerordentlich erschwert. Es ist leicht, ber die Geheimdiplomatie zu schelten. Aber solange die menschliche Natur sich nicht von Grund aus gendert hat, wird der Zweck einer jeden Verhandlung, nmlich die Verstndigung, in vertraulichen Beratungen stets leichter zu erreichen sein, als wenn der Ringkampf der Verhndler sich vor den Augen der ffentlichkeit abspielt. Wenn unsere Feinde berhaupt Neigung hatten, mit uns ber einen Frieden zu sprechen, so mute es ihnen gengen, da unsere Friedensnote klar aussprach: Der Krieg ist fr uns ein Verteidigungskrieg geblieben; fr uns kommt es darauf an, Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer Vlker zu sichern; unsere Rechte und Ansprche stehen in keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen. Aber die Neigung, mit uns ber den Frieden zu sprechen, bestand bei unseren Feinden nicht. Die Ziele, die sie verfolgten und unbeachtet aller Opfer und Rckschlge zh im Auge behielten, waren mit der Verteidigung unseres Besitzstandes, mit der Wahrung unserer Ehre, unseres Daseins und unserer Entwicklungsfreiheit nicht vereinbar. Ihre Regierungen frchteten, durch jede Einleitung eines Friedensgesprchs den auf unsere Niederwerfung gerichteten Kriegswillen zu schwchen, und deshalb hatten sie es ungemein eilig, unseren Vorschlag schroff zurckzuweisen. Schon am Tage nach unserem Friedensvorschlag, am 13. Dezember 1916 erklrte der franzsische Ministerprsident Briand unsere Aufforderung zu Friedensverhandlungen fr ein Manver, um unter den Alliierten Uneinigkeit zu sen, die Gewissen zu verwirren und die Vlker zu demoralisieren. Am 16. Dezember wies der neue russische Minister des Auswrtigen, Herr Pokrowsky, den Friedensvorschlag der Mittelmchte mit Entrstung ab und stellte ihm das Ziel gegenber, das uns allen am Herzen liegt: die Vernichtung des Feindes; alle die unzhligen Opfer wrden umsonst gebracht sein, wenn man mit einem Feind, dessen Krfte zwar geschwcht, aber nicht gebrochen seien, einen vorzeitigen Frieden schliee. Am 18. Dezember beschwor der italienische Minister des Auswrtigen, Herr Sonnino, die Kammer, nichts zu beschlieen, was die Vermutung zuliee, da Italien in der Aufnahme des von Deutschland gemachten hinterlistigen Schrittes eine von seinen Verbndeten verschiedene Haltung einnehmen knnte. Am Tage darauf sprach Lloyd George, der inzwischen Herrn Asquith als Ministerprsident ersetzt hatte, in der gewohnten Weise ber den preuischen Militrdespotismus und verlangte als Voraussetzung fr irgendwelche Friedensgesprche von Deutschland vollstndige Wiederherstellung, volle Genugtuung und wirksame Garantien. Nun erschien auch der Prsident Wilson auf dem Plan. Am 21. Dezember 1916 bergab der amerikanische Botschaftsrat in Berlin dem Staatssekretr Zimmermann eine Note, die gleichlautend auch den brigen kriegfhrenden Staaten zugestellt wurde. Die Note enthielt eine Friedensanregung. Der Prsident der Vereinigten Staaten schlug vor, da baldigst Gelegenheit genommen werde, von allen jetzt kriegfhrenden Staaten ihre Ansichten ber ihre Bedingungen zu erfahren, unter denen der Krieg zum Abschlu gebracht werden knnte und ber die Vorkehrungen, die gegen die Wiederholung des Krieges oder die Entfachung irgendeines hnlichen Konfliktes in der Zukunft zufriedenstellende Brgschaft leisten knnten, so da sich die Mglichkeit biete, sie offen zu vergleichen. Dem Prsidenten, so fuhr die Note fort, ist die Wahl der zur Erreichung dieses Zieles geeigneten Mittel gleich. Er ist gern bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in jeder annehmbaren Weise seinerseits dienlich zu sein oder sogar die Initiative zu ergreifen; er wnscht jedoch nicht, die Art und Weise und die Mittel zu bestimmen. Jeder Weg wird ihm genehm sein, wenn nur das groe Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird. Die Note wies dann darauf hin, da die allgemeinen Ziele der beiden kriegfhrenden Parteien nach den von ihren Staatsmnnern abgegebenen Erklrungen dem Wesen nach die gleichen seien. Das Interesse der Vereinigten Staaten an den knftigen Manahmen zum Schutz des Vlkerfriedens sei ebenso gro, wie das irgendeines anderen Volkes. Das amerikanische Volk und seine Regierung sehnten sich danach, bei der Erreichung dieses Zieles mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln mitzuwirken. Aber erst msse der Krieg beendet sein. Die konkreten Ziele, fr die der Krieg gefhrt werde, seien niemals endgltig festgestellt worden. Der Welt bleibe es berlassen zu vermuten, welche endgltigen Ergebnisse, welcher tatschliche Austausch von Garantien, welche politischen oder territorialen Vernderungen oder Verschiebungen, ja selbst welches Stadium des militrischen Erfolges den Krieg zu Ende bringen wrde. Der Prsident schlage keinen Frieden vor, er biete nicht einmal seine Vermittlung an; er rege nur an, da man sondiere, damit die Neutralen und die kriegfhrenden Staaten erfahren, wie nahe wohl das Ziel des Friedens sein mag, nach dem die ganze Menschheit mit heiem und wachsendem Begehren sich sehnt. Dies war der sachliche Kern des Wilsonschen Friedensschritts. An der Einkleidung dieses Kerns war bemerkenswert einmal die wiederholte starke Betonung des Interesses der Vereinigten Staaten an der baldigen Beendigung des Krieges, das sich schon daraus ergebe, da sie offenkundig gentigt wren, Bestimmungen ber den bestmglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte; ferner eine Bemerkung ber das Verhltnis der Wilsonschen Anregung zu dem Friedensschritt der Zentralmchte. Der Prsident, so fhrte die Note aus, habe sich schon lange mit dem Gedanken seines Vorschlages getragen. Er mache ihn jetzt nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil es den Anschein haben knnte, als sei er angeregt von dem Wunsch, im Zusammenhang mit dem jngsten Vorschlag der Zentralmchte eine Rolle zu spielen. Tatschlich sei der Gedanke des Prsidenten in keiner Weise auf diesen Vorschlag zurckzufhren, und der Prsident htte mit seinem Vorschlage gewartet, bis der Vorschlag der Zentralmchte beantwortet worden wre, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des Friedens betrfe, die am besten mit anderen dahingehenden Vorschlgen errtert werde. Der Prsident stellte also die Unabhngigkeit seiner Anregung von dem Vorschlag der Zentralmchte fest, empfahl aber eine gemeinschaftliche Errterung. In der Sache kam die Anregung des Prsidenten Wilson auf das gleiche Ziel hinaus, das den Mittelmchten bei ihrem Friedensschritt vorgeschwebt hatte: ein gegenseitiger Austausch der konkreten Friedensbedingungen. Dieser Austausch mute, wenn eine einseitige Festlegung des einen oder anderen Teiles vermieden werden sollte, Zug um Zug erfolgen, nach der Ansicht der Mittelmchte am besten in der elastischeren Form eines unmittelbaren und persnlichen Gedankenaustausches der kriegfhrenden Mchte. Dem entsprach die Antwort, die wenige Tage nach berreichung der amerikanischen Note von den Mittelmchten erteilt wurde. Die deutsche Antwort vom 26. Dezember 1916, die derjenigen unserer Verbndeten inhaltlich entsprach, lautete wie folgt: Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn Prsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen fr die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem freundschaftlichen Geiste aufgenommen und erwogen, der in der Mitteilung des Herrn Prsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Prsident zeigt das Ziel, das ihm am Herzen liegt, und lt die Wahl des Weges offen. Der Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch als der geeignetste Weg, um zu dem gewnschten Ergebnis zu gelangen. Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklrung vom 12. d. M., die zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt von Delegierten der kriegfhrenden Staaten an einem neutralen Orte vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, da das groe Werk der Verhtung knftiger Kriege erst nach Beendigung des gegenwrtigen Vlkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird, wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Freuden bereit sein, zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe mitzuarbeiten. Auch durch Wilsons Friedensanregung lieen sich die alliierten Regierungen in ihrem Willen, Friedensgesprche zurckzuweisen und den Krieg fortzusetzen, in keiner Weise beeintrchtigen; nur eine kurze Verzgerung in der von Herrn Briand voreilig fr den 20. Dezember angekndigten Antwort der Entente auf unseren Friedensvorschlag ist wohl durch den in London und Paris schon am 19. Dezember bekannt gewordenen Friedensschritt Wilsons herbeigefhrt worden. Aber in dem Inhalt der Ententeantwort, die am 30. Dezember von Herrn Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris zur Weitergabe an die Zentralmchte berreicht worden ist, hat Wilsons Eingreifen nichts gendert: schroffer und hhnischer abweisend konnte keine Antwort lauten. In tendenziser Darstellung versuchte sie wieder einmal den Nachweis, da der Krieg gewollt, hervorgerufen und verwirklicht worden sei durch Deutschland und sterreich-Ungarn. Nachdem Deutschland seine Verpflichtungen verletzt habe, knne der von ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort gegrndet werden. Eine Anregung ohne Bedingungen fr die Erffnung der Verhandlungen sei kein Friedensangebot. Die durch die Kriegserklrung Deutschlands verursachten Verwstungen, die zahlreichen Attentate, die Deutschland und seine Verbndeten gegen die Kriegfhrenden und gegen die Neutralen verbt htten, verlangten Shne, Wiedergutmachung und Brgschaften. Deutschland weiche listig dem einen wie dem anderen aus. Der durch die Zentralmchte gemachte Vorschlag sei in Wirklichkeit nichts als ein Kriegsmanver, das einen deutschen Frieden aufntigen solle und beabsichtige, die ffentliche Meinung in den alliierten Lndern zu verwirren. In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch der Notwendigkeiten der Stunde lehnen es die alliierten Regierungen, die unter sich eng verbunden und in voller bereinstimmung mit ihren Vlkern sind, ab, sich mit einem Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne Bedeutung zu befassen. Da diese Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wnschen briglie, mehr als eine Woche nach dem Friedensschritt des Prsidenten Wilson erfolgte, mute nicht nur der Friedensvorschlag der Zentralmchte, sondern auch die Friedensanregung Wilsons als gescheitert betrachtet werden. Wieder einmal stellte sich heraus, da die feindliche Koalition nicht bereit war, ber Frieden zu sprechen, solange sie nicht in der Lage war, den Frieden nach ihrem Belieben zu diktieren. Von dem Geist, der bei den Machthabern unserer Feinde trotz des rumnischen Rckschlags herrschte, gibt Zeugnis ein Tagesbefehl des Zaren an die russische Armee und Marine vom 25. Dezember 1916, in dem als russisches Kriegsziel aufgestellt wurde der Besitz Konstantinopels und der Meerengen, sowie die Schaffung eines in allen seinen drei gegenwrtig getrennten Teilen freien Polens. Immerhin konnte man gespannt sein auf die Antwort, die unsere Feinde auf die Friedensanregung Wilsons geben wrden. Denn hier stand ihnen nicht ein Feind gegenber, den sie auf Tod und Leben zu bekmpfen entschlossen waren, sondern der Reprsentant der strksten neutralen Macht, dessen Haltung fr den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung werden konnte. Es dauerte drei volle Wochen, bis die Alliierten sich ber eine Antwort an Wilson geeinigt hatten; erst am 10. Januar 1917 wurde diese von Herrn Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris ausgehndigt. Die Antwort enthielt viele schne Worte an die Adresse des Herrn Wilson und ber den knftigen Vlkerfrieden. In der Sache aber war sie gegenber der Wilsonschen Anregung eine kaum weniger unverhllte Ablehnung, wie die Antwort an die Zentralmchte. Die Alliierten empfinden, so hie es in der Note, ebenso tief wie die Regierung der Vereinigten Staaten den Wunsch, mglichst bald diesen Krieg beendet zu sehen, fr den die Mittelmchte verantwortlich sind und der der Menschheit grausame Leiden auferlegt; aber sie sind der Ansicht, da es unmglich ist, heute bereits einen Frieden zu erzielen, der ihnen die Shnen, Wiedergutmachung und Brgschaften sichert, auf die sie ein Recht haben infolge des Angriffs, fr den die Mittelmchte die Verantwortung tragen und der gerade darauf abzielt, die Sicherheit Europas zugrundezurichten. Nach langen Beschwerden ber die vlkerrechtswidrige und grausame Kriegfhrung der Mittelmchte, die zu einem stndigen Hohn auf Menschlichkeit und Zivilisation geworden sei, erklrte die Note, die den Mittelmchten durch Vermittlung der Vereinigten Staaten berreichte Antwort auf deren Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 beantworte die von der amerikanischen Regierung gestellte Frage. Im brigen seien die Kriegsziele der Alliierten wohlbekannt; sie seien mehrfach in Erklrungen der Oberhupter der verschiedenen Regierungen dargelegt worden. Diese Ziele werden in den Einzelheiten mit allen Kompensationen und gerechtfertigten Entschdigungen fr den erlittenen Schaden erst in der Stunde der Verhandlungen auseinandergesetzt werden. Aber die zivilisierte Welt wei, da sie alles Notwendige einschlieen und in erster Linie die Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros, die ihnen geschuldeten Entschdigungen, die Rumung der besetzten Gebiete von Frankreich, Ruland und Rumnien mit den gerechten Wiedergutmachungen, die Reorganisation Europas, Brgschaft fr einen dauerhaften Frieden, die Zurckgabe der Provinzen und Gebiete, die frher den Alliierten durch Gewalt oder gegen den Willen der Bevlkerung entrissen worden sind, die Befreiung der Italiener, Slawen, Rumnen, Tschechen und Slowaken von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Bevlkerungen, die der blutigen Tyrannei der Trken unterworfen sind, und die Entfernung des Osmanischen Reiches aus Europa, weil es zweifellos der westlichen Zivilisation fremd ist. Die Note fgte hinzu, es sei selbstverstndlich niemals die Absicht der alliierten Regierungen gewesen, die Vernichtung der deutschen Vlker und ihr politisches Verschwinden anzustreben; sie wollten nur die Sicherung des Friedens auf der Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und der unverletzlichen Treue, welche die Regierung der Vereinigten Staaten stets beseelt habe. Eine besondere Verschrfung erfuhr die Ablehnung irgendwelcher Friedensgesprche mit den Zentralmchten durch die Verwahrung gegen eine Gleichstellung mit diesen. Mit Genugtuung, so hie es in der Note, nehmen die Alliierten zur Kenntnis, da die amerikanische Mitteilung in keinem Zusammenhang steht mit dem Schritt der Mittelmchte; sie zweifeln nicht an dem Entschlu der amerikanischen Regierung, selbst den blassen Anschein einer auch nur moralischen Untersttzung der verantwortlichen Urheber des Krieges zu vermeiden. Die Alliierten Regierungen halten es fr ihre Pflicht, sich in der freundschaftlichsten aber klarsten Weise gegen eine Gleichstellung auszusprechen, welche auf ffentlichen Erklrungen der Mittelmchte beruht und in direktem Widerspruch zur offenkundigen Sachlage steht, sowohl bezglich der Verantwortlichkeiten in der Vergangenheit wie betreffs der Brgschaften fr die Zukunft. Prsident Wilson hat durch ihre Erwhnung gewi nicht beabsichtigt, sich ihnen anzuschlieen. Schallender konnte die Friedenstr nicht zugeworfen werden. Wenn sich die Alliierten bei Herrn Wilson verbaten, von ihm mit den Mittelmchten auf gleichem Fu behandelt zu werden, so war das eine in ihrer Schrfe kaum zu bertreffende Zurckweisung aller guten Dienste, die ein Dritter zur Herbeifhrung einer Verstndigung zwischen den beiden kriegfhrenden Gruppen berhaupt anbieten konnte. Sachlich bedeuteten die von den Ententeregierungen kurz umrissenen Friedensbedingungen nichts anderes als die vllige Zertrmmerung der Trkei, die vllige Auflsung der sterreichisch-ungarischen Monarchie, die Verstmmelung und Erniedrigung Deutschlands. Die Alliierten hatten recht, wenn sie feststellten, da es unmglich sei, einen diesen Wnschen entsprechenden Frieden jetzt schon zu erzielen; denn nur von einem vllig niedergeworfenen Gegner konnten sie annehmen, da er solche Bedingungen auch nur einen Augenblick zur Diskussion stellen lassen wrde. Der Fall lag also klar: Die Mittelmchte waren bereit, ber einen Frieden zu sprechen, der ihr Verteidigungsziel erfllte und Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit ihrer Vlker sicherte; die Entente lehnte eine Verhandlung auf dieser Grundlage mit der offenen Begrndung ab, da sie auf der Zertrmmerung, Verstmmelung und Erniedrigung der Mittelmchte bestehe, ein Friedensziel, fr das auch nach ihrer Auffassung die Mittelmchte noch nicht reif waren. Wie Herr Wilson sich zu dieser Antwort stellte, werden wir spter sehen. Der uneingeschrnkte U-Bootkrieg Die deutsche Note vom 4. Mai 1916 hatte den U-Bootkrieg auf den Kreuzerkrieg zurckgefhrt und dadurch den Frieden mit Amerika erhalten. Damit war die uerste Erschwerung vermieden worden fr eine Zeit, die uns erst den gewaltigen Sto der Russenoffensive in Wolhynien und Galizien und die erfolgreiche Erneuerung der italienischen Offensive am Isonzo, dann die an Einsatz und Dauer alles bertreffenden Angriffe der Franzosen und Englnder an der Somme und schlielich den rumnischen berfall brachte. Wir hatten uns Amerika gegenber fr die Fhrung des U-Bootkrieges freie Hand vorbehalten fr den Fall, da unsere Erwartung, es mchte der Regierung der Vereinigten Staaten gelingen, die Beobachtung der vlkerrechtlichen Normen der Seekriegfhrung auch bei England durchzusetzen, sich nicht erfllen sollte. Die Erwartung erfllte sich nicht. Von irgendwelchen ernstlichen Versuchen der amerikanischen Regierung, England und die brigen Ententemchte zur Aufgabe ihrer vlkerrechtswidrigen Handels- und Hungerblockade zu veranlassen, ist in der Folgezeit nichts bekannt geworden. Die Propaganda zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges war unter dem Eindruck der unmittelbaren Gefahr des Bruches mit Amerika vorbergehend abgeflaut. Im Laufe des Sommers kam sie neu in Gang. Auch die Marine begann, die Frage des U-Bootkrieges wieder aufzunehmen, zumal da der gewaltige Einsatz von Material in der Sommeschlacht die Erwgung nahelegte, ob nicht unseren Feinden die Zufhrung dieses Materials durch eine wirksamere Gestaltung des U-Bootkrieges einigermaen verknappt werden knnte. Auch von dem Admiral von Capelle, der im Frhjahr noch mit aller Entschiedenheit die Meinung vertreten hatte, da die auf den unbeschrnkten U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen seiner Befrworter bertrieben seien und da angesichts des zweifelhaften Erfolges die politischen Bedenken den Ausschlag geben mten, hatte ich den Eindruck, da er mehr und mehr auf den Standpunkt kam, wenn jetzt die Oberste Heeresleitung den unbeschrnkten U-Bootkrieg zur Entlastung der schwer kmpfenden Westfront verlange, dann werde die Marine ihre Hilfe nicht verweigern knnen, auch wenn man diese Hilfe bescheiden veranschlage. Inzwischen war der U-Boothandelskrieg um England herum gnzlich oder fast gnzlich eingestellt worden, whrend er im Mittellndischen Meer mit leidlichem Erfolg in den Formen des Kreuzerkrieges fortgesetzt wurde. Die Versenkungen gingen nach den Angaben des Admiralstabs von 225000 Tonnen im Monat April 1916 auf 101000 Tonnen im Juni 1916 zurck. Gegen Ende August 1916 nahm der Chef des Admiralstabs die U-Bootfrage offiziell wieder auf. Er teilte dem Reichskanzler mit, da er nach genauer Prfung der Verhltnisse die berzeugung gewonnen habe, da jetzt der Zeitpunkt fr die Aufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkriegs gekommen sei, und beantragte eine alsbaldige Beratung der Angelegenheit. Diese Beratung fand am 31. August 1916 im Groen Hauptquartier zu Ple statt. Es nahmen an ihr teil der Reichskanzler, der neuernannte Chef des Generalstabs Generalfeldmarschall von Hindenburg, General Ludendorff, der Chef des Admiralstabs Admiral von Holtzendorff, Admiral von Koch, der Kriegsminister General Wild von Hohenborn, der Staatssekretr des Auswrtigen Amts von Jagow und ich als Staatssekretr des Innern und Stellvertreter des Reichskanzlers. Die gesamte politische, militrische und wirtschaftliche Lage wurde auf das genaueste durchgesprochen, ebenso die technischen Mglichkeiten und die militrischen und wirtschaftlichen Wirkungen des U-Bootkrieges. Die Lage wurde in erster Linie beherrscht durch die rumnische Kriegserklrung und den Einmarsch starker rumnischer Truppen nach Siebenbrgen. Alle Truppen, die wir irgendwo verfgbar machen konnten, muten gegen Rumnien geworfen werden. Gegenber Eventualitten, wie sie ein Bruch mit Amerika und ein starker kombinierter Druck der Entente und der Vereinigten Staaten auf die uns benachbarten Neutralen hervorrufen konnten, war nichts vorgekehrt und konnte in der nchsten Zeit nichts vorgekehrt werden. Unter diesen Umstnden sprachen sich die Generale von Hindenburg und Ludendorff dahin aus, da bis zur Erledigung der rumnischen Gefahr die Oberste Heeresleitung eine Verantwortung fr die Einleitung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges nicht bernehmen knne. Der Verlauf der Beratung lie keinen Zweifel daran bestehen, da die beiden Generale an sich dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg zuneigten. Es war zu erwarten, da sie auf die Frage zurckkommen wrden, sobald dies der Verlauf der militrischen Operationen in Rumnien gestattete. Die ffentliche Meinung war durch die unausgesetzte Bearbeitung seitens der Befrworter des uneingeschrnkten U-Bootkrieges immer mehr fr die berzeugung gewonnen worden, da wir mit den U-Booten eine Waffe in der Hand htten, die uns bei richtiger Anwendung gestatte, binnen weniger Monate England auf die Knie zu zwingen und damit allen den Opfern und Leiden des Krieges ein Ende zu machen. Auch in den Reichstagsparteien, die bisher in der U-Bootfrage Zurckhaltung gezeigt hatten, so im Zentrum und bei den Freisinnigen, blieb die U-Bootkrieg-Propaganda nicht ohne Wirkung. Dies zeigte sich, als Anfang Oktober 1916 der Hauptausschu des Reichstages sich erneut mit der U-Bootfrage befate. Die Stimmung des Ausschusses war gegenber dem Monat Mrz, in dem die letzte U-Bootdiskussion stattgefunden hatte, merkbar verndert. Zudem glaubte der Ausschu aus der Rede, mit der Herr von Bethmann die Errterung einleitete, und noch mehr aus der Rede des Admirals von Capelle, die auf die Kanzlerrede folgte, eine Verminderung des Widerstandes gegen den uneingeschrnkten U-Bootkrieg herauslesen zu knnen. Auch wirkten auf die Urteilsbildung der Abgeordneten einige sachliche Momente stark ein, die zweifellos die Aussichten eines Erfolges des uneingeschrnkten U-Bootkrieges verbessert hatten, so die wesentliche Vermehrung der Anzahl und die erhebliche Verbesserung der Leistungsfhigkeit der U-Boote seit Jahresbeginn, ferner die Bedrohung der Versorgung Englands mit Brotgetreide durch eine mige Ernte im eigenen Lande und eine malos schlechte Ernte in den Vereinigten Staaten und Kanada. Dazu kam die wachsende Erbitterung gegen die Vereinigten Staaten, die unsere Gegner in immer grerem Umfang mit Kriegsmaterial untersttzten, ja ihnen dadurch die Sommeschlacht in ihren ungeheuren Abmessungen berhaupt erst mglich machten, und die, nachdem wir uns ihrem Druck in der U-Bootfrage gefgt hatten, augenscheinlich keinen Finger rhrten, um England, das seinen Hungerkrieg gegen uns und die uns benachbarten Neutralen immer mehr verschrfte, auf den Boden des Vlkerrechts zurckzufhren. Ich hatte einen schweren Stand, gegenber der hierdurch erzeugten Stimmung fr Besonnenheit und Erwgung der uns aus einem bergang zum uneingeschrnkten U-Bootkrieg drohenden Gefahren einzutreten. In meinen Erwiderungen auf Ausfhrungen aus der Mitte der Kommission bemhte ich mich, die Sachlage mit aller Ruhe und Objektivitt darzustellen. Ich gab ohne weiteres zu, da durch die Gestaltung der Welternte des Jahres 1916 die Mglichkeit gewachsen sei, Englands Ernhrung durch den U-Bootkrieg zu erschweren, vielleicht sogar zu gefhrden. Englands eigene Ernte an Brotgetreide hatte im Jahre 1916 nur 6 Millionen Quarters, gegen 8,7 Millionen Quarters im Vorjahre ergeben. Die Weizenernte der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde fr 1916 auf nur 21-1/2 Millionen Tonnen geschtzt gegen 37-1/2 Millionen Tonnen im Vorjahre. Dabei hatte England im abgelaufenen Erntejahre aus diesen beiden zunchst gelegenen Gebieten nicht weniger als 88% seines Einfuhrbedarfs gedeckt. Ein Zurckgreifen auf Argentinien oder gar auf Indien und Australien war angesichts des fhlbaren Mangels an Frachtraum auerordentlich erschwert; denn der Frachtweg aus diesen Gebieten nach England war zwei- bis dreimal so lang wie der Frachtweg aus Nordamerika, die Heranfhrung derselben Getreidemenge erforderte also den zwei- bis dreifachen Schiffsraum. Die sichtbaren Getreidevorrte Englands waren in der zweiten Septemberhlfte 1916, nach Einbringung der englischen Ernte, zum erstenmal niedriger als zur gleichen Zeit des Vorjahres; sie betrugen 8,6 gegen 10,6 Millionen Quarters, whrend sie sich zu Anfang Mai 1916 um 1,8 Millionen Quarters hher gestellt hatten als Anfang Mai 1915. Aber ich konnte nicht umhin, diesem fr den Erfolg des uneingeschrnkten U-Bootkrieges gnstiger gewordenen Moment gewichtige Zweifel entgegenzustellen. Schon auf dem Gebiet der Brotgetreideversorgung Englands durften die groen amerikanischen Bestnde aus der vorjhrigen Ernte nicht vernachlssigt werden. Ob es mglich sein wrde, die Zufuhren aus diesen Bestnden und der allerdings knappen neuen Ernte im Wege des uneingeschrnkten U-Bootkrieges so weit zu verringern, da sie zur Ergnzung des in England liegenden, fr mindestens 4-1/2 Monate gengenden Bestandes nicht ausreichen wrden, war zum mindesten eine offene Frage. Ebenso mute ich den Berechnungen entgegentreten, die beweisen sollten, da eine monatliche Versenkung von 600000 Tonnen Handelsschiffsraum gengen werde, um England innerhalb einer bestimmten Zeit -- es wurde von 6 bis 8 Monaten gesprochen -- auf die Knie zu zwingen oder wenigstens mrbe zu machen. Ich stellte fest, da die britische Handelsflotte (ohne diejenige der Dominions und Besitzungen) nach den letzten Ausweisen im Juni 1916 noch 18825000 Bruttotonnen stark war. Ich gab zu, da davon etwa 7 Millionen fr militrische Zwecke in Anspruch genommen seien und da die fr den privaten Handelsverkehr verbleibenden rund 12 Millionen im Laufe von 6 bis 8 Monaten durch den uneingeschrnkten U-Bootkrieg auf 8 Millionen Tonnen verringert werden knnten. Aber ich gab zu bedenken, da die britische Handelsflotte vor dem Kriege fast die Hlfte der gesamten Handelsflotte der Welt ausgemacht hatte, da sie nicht nur fr England, sondern fr die halbe Welt die Seefrachten besorgt hatte, da Deutschlands Handelsflotte, nach England die grte der Welt, vor dem Kriege gerade erst ber 5 Millionen Bruttotonnen hinausgewachsen war und da wir mit diesen 5 Millionen Tonnen ber unsere eigene Versorgung hinaus uns gleichfalls einen ansehnlichen Anteil am internationalen Frachtverkehr hatten sichern knnen. Dazu kam fr England die Mglichkeit, im Notfall auf den fr militrische Zwecke in Anspruch genommenen Frachtraum zurckzugreifen. Ich zog daraus die Folgerung: Niemand in der ganzen Welt wird mit Sicherheit behaupten knnen, England werde nach sechs oder acht Monaten wegen Frachtraummangels nicht mehr in der Lage sein, weiterzukmpfen. Ferner warnte ich davor, die britische Zhigkeit, die Mglichkeit fr die Englnder, sich in hnlicher Weise einzuschrnken, wie wir es hatten tun mssen, schlielich die britische Fhigkeit, zu organisieren, allzu niedrig einzuschtzen. Vor allem aber hob ich die Gefahren eines Bruches und Krieges mit den Vereinigten Staaten hervor. Aus der Mitte des Ausschusses wurde die Ansicht geuert, da Amerika wegen des U-Bootkrieges nicht mit uns brechen oder jedenfalls nicht Krieg mit uns machen werde. Demgegenber fhrte ich aus: Ich habe im Laufe der Zeit von allen den Leuten, die aus Amerika herbergekommen sind und die ich gesehen habe, nie eine andere Ansicht gehrt als die: Wenn ihr den rcksichtslosen U-Bootkrieg anfangt, dann habt ihr den Bruch und den Krieg mit Amerika. Den immer wieder hervortretenden Zweifeln, ob Amerika, wenn es uns den Krieg erklre, der Entente erheblich mehr nutzen und uns erheblich mehr schaden knne wie jetzt schon im Zustand der sogenannten Neutralitt, konnte ich nicht beitreten. Ich legte dar, da die finanzielle Hilfe, die von den Amerikanern den Ententemchten bisher nur in verhltnismig engen Grenzen und zu recht schweren Bedingungen gewhrt worden war, ohne weiteres einer ganz erheblichen Steigerung fhig sei; da ferner die amerikanische Stahlproduktion, die mit 40 Millionen Tonnen jhrlich fast dreimal so gro war wie die unserige, den Amerikanern im Falle ihres Eintritts in den Krieg eine gewaltige Steigerung ihrer Erzeugung von Kriegsgert und Material ermgliche; da schlielich die Gefahr der Untersttzung der Entente durch Truppensendungen kein Hirngespinst sei. Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kmpfen haben, so fhrte ich aus, liegen doch zum groen Teil darin, da die andern die groe berlegenheit an Menschenmaterial haben. Glauben Sie unsere Position dadurch zu verbessern, wenn Sie ein kultiviertes Land mit einer starken, krftigen Rasse, mit mehr als 100 Millionen Einwohnern auf die andere Seite werfen? Auch die Hoffnung, da es unsern U-Booten gelingen werde, Munitions- und Mannschaftstransporte von Amerika nach dem westlichen Kriegsschauplatz zu verhindern, konnte ich nicht ohne Widerspruch lassen, obwohl ich wute, da diese Hoffnung von magebenden Persnlichkeiten in der Marine geteilt wurde. Mein Optimismus geht jedenfalls nicht so weit, zu bezweifeln, da Amerika im Kriegsfall betrchtliche Mengen von Truppen herberschaffen kann, auch angenommen, da wir manchen Transportdampfer versenken. In Saloniki sollen noch 400000 Mann und mehr stehen. Diese ganze Armee ist antransportiert worden und erhlt ihren Nachschub an Ersatz, Munition und Proviant, trotzdem unsere U-Boote ihre Ttigkeit im Mittelmeer ausben. Die Truppentransportdampfer sind eben auf ihrer Fahrt viel besser gesichert als andere Dampfer. Auch die Wirkungen eines Krieges mit Amerika auf unsern spteren Wiederaufbau bat ich zu bercksichtigen. Die Wiederherstellung unserer Auenbeziehungen nach dem Krieg sei viel schwerer, als die meisten es sich denken. Wenn aber die Neutralitt berhaupt aufgehrt hat, dann kann dasjenige, was heute die Entente trumt, Wirklichkeit werden, nmlich der Wirtschaftskrieg nach dem Krieg; dann mgen wir noch fr Jahre der boykottierte Hund sein, dem kein Mensch auf der ganzen Welt ein Stck Brot gibt. Vor allem aber mten wir uns eines vor Augen halten: Wenn die Karte des rcksichtslosen U-Bootkriegs ausgespielt wird und sie sticht nicht, dann sind wir verloren, dann sind wir auf Jahrhunderte hinaus verloren. Meine Ausfhrungen machten wohl einigen Eindruck, vermochten aber nicht, einen entscheidenden Erfolg zu erzielen. Ich hatte Veranlassung, in der Diskussion mehrfach auf meine Bedenken zurckzukommen und den eifrigen Verfechtern des uneingeschrnkten U-Bootkriegs zu sagen: Wir wollen doch klar sehen, wir wollen doch genau wissen, wie die Dinge liegen; und sollte der U-Bootkrieg gemacht werden, so soll niemand da sein, der nachher, wenn die Sache etwa schief geht, sagen kann: Ja, wenn man dies und jenes uns gesagt htte, wenn diejenigen, die an verantwortlicher Stelle stehen, auf dies und jenes hingewiesen htten. Der Kanzler konnte sich darauf berufen, er befinde sich in der Beurteilung der Sachlage in bereinstimmung mit der Obersten Heeresleitung. Diesem Umstand war es mehr als allen Grnden zu verdanken, da im Hauptausschu ein ausdrcklicher Mehrheitsbeschlu zugunsten des uneingeschrnkten U-Bootkrieges verhindert werden konnte. Aber wenn auch kein frmlicher Beschlu zustande kam, so konnte doch der Verlauf der Debatte keine Zweifel daran lassen, wie die Mehrheit der Kommission zu dem U-Bootkrieg stand. Vor allem fiel ins Gewicht, da die Zentrumsfraktion, die bisher in ihrer groen Mehrheit den Kanzler in seiner Stellungnahme zum U-Bootkrieg gedeckt hatte, folgende Erklrung am 7. Oktober 1916 zu den Akten des Hauptausschusses gab: Namens =smtlicher=[5] Fraktionsmitglieder der Zentrumsfraktion im Ausschu fr den Reichshaushalt ist folgende Erklrung abgegeben worden: Fr die politische Entscheidung ber die Kriegfhrung ist dem Reichstag gegenber der Reichskanzler allein verantwortlich. Die Entscheidung des Reichskanzlers wird sich dabei wesentlich auf die Entschlieung der Obersten Heeresleitung zu sttzen haben. Fllt die Entscheidung fr die Fhrung des rcksichtslosen Unterseebootkrieges aus, so darf der Reichskanzler des Einverstndnisses des Reichstags sicher sein. [5] Im amtlichen Original gesperrt gedruckt. Diese Erklrung der bei den Parteiverhltnissen des Reichstags ausschlaggebenden Fraktion war nicht nur eine Blankovollmacht, sondern geradezu eine Aufforderung an den Reichskanzler, in der U-Bootfrage den Entschlieungen der Obersten Heeresleitung zu folgen. Die Oberste Heeresleitung, der natrlich der Gang der Verhandlungen im Hauptausschu und die Zentrumserklrung nicht verborgen blieben, wute nunmehr, da der Reichskanzler, wenn er einem Verlangen der Obersten Heeresleitung nach Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges knftighin sich widersetzen sollte, nicht mehr auf die Deckung durch den Reichstag wrde rechnen knnen. In der fr die weitere Entwicklung des Krieges entscheidenden Frage war damit die Stellung des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik gegenber der Obersten Heeresleitung in einer geradezu verhngnisvollen Weise geschwcht. Jeder Krieg birgt den Keim von Konflikten zwischen der militrischen Gewalt und der politischen Leitung in sich. Der Krieg als Mittel der Politik ist ein gewaltsames und herrschschtiges Mittel, das, einmal in Wirkung gesetzt, eigenen Gesetzen zu folgen sucht. Es bedarf einer starken Willenskraft und einer starken Autoritt der politischen Leitung, um Herr ber den ungebrdigen Diener zu bleiben und zu verhindern, da das Mittel den Platz des Zweckes usurpiert. Wenn die Gefahr solcher Konflikte in irgendeinem Lande besonders gro war, dann in Deutschland. Eine eiserne militrische Erziehung hatte unser Volk aus Zerrissenheit, Ohnmacht und Elend zu Einheit, Macht und Wohlstand emporgefhrt, hatte unser Land, das Jahrhunderte hindurch das Schlachtfeld fremder Vlker gewesen war, befreit und gesichert, hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen unser Volk in friedlicher Arbeit sich ein wohnliches Haus bauen konnte. Die Leidensgeschichte von Jahrhunderten war es, die unserm Volk die Achtung vor der militrischen Macht und ihren Vertretern anerzogen hatte. Mehr noch als unser Volk stand die Hohenzollerndynastie, deren Oberhaupt uns die Reichseinheit verkrperte, auf der militrischen Tradition. Auch ein an sich durchaus friedlich gerichteter Charakter wie Wilhelm II. war in den groen militrischen berlieferungen seines Hauses befangen; ja man kann sagen, je weniger er innerlich Krieger und Feldherr war, desto strker stand er unter dem Bann derjenigen, die Soldatengeist und Feldherrntum kraftvoll verkrperten. Die schweren Konflikte, die ein Bismarck, trotz seiner berragenden Persnlichkeit und seiner bei Knig und Volk fest begrndeten Autoritt, im Deutsch-Franzsischen Krieg mit den militrischen Gewalthabern durchzukmpfen hatte, sind bekannt. Dabei dauerte dieser Krieg knapp neun Monate. In dem von Jahr zu Jahr sich hinziehenden Weltkrieg verfgten wir ber keinen Staatsmann, dessen Autoritt auf dem festen Fundament politischer Grotaten begrndet war und dessen Persnlichkeit auf Volk und Kaiser eine bismarckische Wirkung auszuben vermochte. Dagegen erstrahlte seit der Tannenberger Schlacht das militrische Doppelgestirn Hindenburg und Ludendorff in vollstem Glanz. Das deutsche Volk ist, trotz all des Schrecklichen, das wir jetzt erleben, im Grunde seines Wesens autorittsbedrftig. Seine ganze Hingabe und seine ganze Hoffnung setzte es auf die beiden Generale, die gleich zu Anfang des Krieges in einer Waffentat ohnegleichen das ostpreuische Land von den russischen Horden befreit hatten und die im weiteren Gang des Krieges mehr als alle andern Feldherrn durch ihre gewaltigen Schlge die Begeisterung des deutschen Volkes an sich fesselten. Dazu kam der Eindruck der menschlich groen Persnlichkeit des Feldmarschalls und der eisernen Willenskraft wie des lodernden Temperaments des Generals Ludendorff. Als der Kaiser Hindenburg den Heros des deutschen Volkes nannte, da sprach er aus aller Herzen und vor allem aus seinem eigenen. Gegen Ludendorff hatte er eine gefhlsmige Abneigung, aus der heraus er sich ursprnglich gegen die Berufung der beiden an die Spitze der Obersten Heeresleitung strubte. Auch spterhin ist er mit Ludendorff nie warm geworden, ja er hat mitunter bei vertraulichen Unterhaltungen in heftiger Aufwallung seinem Unmut ber Ludendorff Luft gemacht; aber gleichwohl stand er im Banne von Ludendorffs Willensstrke, und vor allem unterwarf er sich der berzeugung, da Hindenburg und Ludendorff, die untrennbar waren, in der Leitung der militrischen Operationen unersetzlich seien. Es war eine Wirkung und gleichzeitig eine Verstrkung des bergewichts der Heeresleitung ber die politische Leitung, wenn jetzt die strkste Fraktion des Reichstags eine Erklrung abgab, die unzweideutig die Entscheidung ber die Schicksalsfrage des U-Bootkriegs in die Hnde von Hindenburg und Ludendorff legte. Wer Ludendorffs Persnlichkeit kannte, der mute wissen, da die Forderung der Obersten Heeresleitung auf Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs nicht lange auf sich warten lassen wrde. Und dann wurde, das stand jetzt, wo der Kanzler auch des parlamentarischen Rckhaltes beraubt war, fr jeden Kenner der Persnlichkeiten und Verhltnisse so gut wie unumstlich fest, der U-Bootkrieg gemacht. Nichts war mehr stark genug, dies zu verhindern. Der ganze Ingrimm darber, da wir seit mehr als zwei Jahren ohne Gegenwehr den schndlichen Hungerkrieg Englands ber uns hatten ergehen lassen mssen, whrend wir nach den Erklrungen der hchsten Marine-Autoritten ber ein sicheres Mittel verfgten, den Hungerkrieg zu brechen, auf einen Schelmen anderthalb zu setzen und dem Kriegsjammer in kurzer Zeit ein Ende zu machen -- der ganze Ingrimm darber, da Amerika uns den Gebrauch dieser Waffe verwehrte, whrend es den Hungerkrieg des Feindes gewhren lie und die Ententearmeen zu ihren furchtbaren Offensiven mit Kriegsgert und Munition ausstattete -- dieser Ingrimm war nicht mehr zu bndigen und zu halten in dem Augenblick, wo Hindenburg und Ludendorff den von der Reichstagsmehrheit im voraus gebilligten uneingeschrnkten U-Bootkrieg vom Kanzler verlangten. Es gab nur einen Ausweg, und das war die Herbeifhrung von Friedensverhandlungen; ein Ausweg, den auch -- wie oben dargestellt -- in jener Zeit die Entwicklung der gesamten Kriegslage nahelegte und fr den es gelang, sowohl die Oberste Heeresleitung wie vor allem auch den Kaiser zu gewinnen. In der Zwischenzeit konnten die Wirkungen des U-Bootkriegs auch innerhalb der in den Formen des Kreuzerkriegs gegebenen Beschrnkung wesentlich gesteigert werden. Der Admiralstab hatte -- wie oben erwhnt -- nach dem Abschlu der Verhandlungen mit Amerika ber den Sussex-Fall den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den britischen Gewssern gnzlich eingestellt und die U-Boote in der Nordsee nur noch zu rein militrischen Zwecken verwendet. Im Oktober 1916 entschlo sich der Admiralstab trotz der Erschwerungen, die der Kreuzerkrieg fr U-Boote gerade in den britischen Gewssern wegen der vervollkommneten Abwehrmanahmen bot, auch dort den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den Formen des Kreuzerkrieges wieder aufzunehmen. Der Erfolg war ansehnlich. Die im U-Bootkrieg versenkte Tonnage stieg von 101000 Tonnen im Juni und 103000 Tonnen im Juli auf 394000 im Oktober und 416000 im Dezember 1916. Aber der Admiralstab lie sich mit diesen Erfolgen nicht gengen. Zunchst drngte er darauf, da der verschrfte U-Bootkrieg, d. i. der uneingeschrnkte U-Bootkrieg gegen die bewaffneten feindlichen Handelsschiffe wieder aufgenommen werde. Er wute fr diesen Gedanken auch die Oberste Heeresleitung zu gewinnen, die mit ihrer Forderung dringend wurde, nachdem die leitenden Staatsmnner der Entente sich in ihren unmittelbar auf unsern Friedensvorschlag folgenden Reden scharf ablehnend ausgesprochen hatten. Eine amtliche Antwort der Ententemchte auf unsern Vorschlag lag noch nicht vor; der Friedensschritt des Prsidenten Wilson war gerade erst erfolgt. Die elementarste politische Klugheit gebot, einstweilen noch stillzuhalten, auch wenn man sich nach den Reden der feindlichen Staatsmnner damit abfinden mute, da es nicht zu Friedensverhandlungen kommen werde. Am Abend des 28. Dezember 1916 reiste der Kanzler mit dem Staatssekretr Zimmermann und mir nach dem Groen Hauptquartier. Wir besprachen auf der Fahrt die U-Bootfrage. Die Oberste Heeresleitung hatte die sofortige Absendung einer Note an die Vereinigten Staaten ber die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs gegen die bewaffneten Handelsschiffe ohne jede Rcksicht auf irgendwelche Friedensaktionen verlangt. Nun stellte sich auch Zimmermann auf den Standpunkt, da ein solcher Schritt nicht lnger verschoben werden drfe; er schlug vor, hchstens bis zum 2. Januar 1917 zu warten. Ich setzte mich auf das entschiedenste zur Wehr. Die Wirkung des vorgeschlagenen Schrittes auf Amerika mute nach allem, was vorangegangen war, dieselbe sein, wie diejenige einer Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges berhaupt. Wir zerschlugen mit eigenen Hnden den letzten Rest einer Aussicht unserer eigenen und der Wilsonschen Friedensaktion; wir setzten uns darber hinaus dem Verdacht aus, da es uns mit unserm Friedensvorschlage gar nicht ernst gewesen sei und da wir einen Erfolg des Wilsonschen Schrittes verhindern wollten, wenn wir jetzt, ohne eine Antwort abzuwarten und die Friedensaktion sich auswirken zu lassen, eine Manahme ergriffen, von der wir uns sagen muten, da sie jede Friedensmglichkeit vernichten und gerade unter diesen Begleitumstnden mit Sicherheit nicht nur den Bruch, sondern den Krieg mit Amerika herbeifhren mute. Der Kanzler stimmte mir bei, und auch Zimmermann schien berzeugt. In Ple fanden wir bei dem Feldmarschall und dem General Ludendorff -- der Kaiser war nicht anwesend -- einen Empfang, der mit dem Worte eiskalt noch milde bezeichnet ist. Die Differenzen der letzten Zeit -- was mich betrifft vor allem ber die Behandlung des Hilfsdienstgesetzes -- hatten offenbar eine starke Verstimmung hinterlassen. In der Sache erkannten die beiden Generale unsern Standpunkt in der Frage der bewaffneten Handelsschiffe nach kurzer Errterung als berechtigt an. Ich hatte den Eindruck, da sie auf dieses Zwischenstadium keinen allzu groen Wert legten, da es ihnen vielmehr auf die baldige Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges ankomme. In dieser Frage erklrte der Kanzler, seine Haltung von der endgltigen Stellungnahme der Entente zu dem Friedensschritt der Mittelmchte und Wilsons sowie von der weiteren Entwicklung der Gesamtlage abhngig machen zu mssen. Er knne sich jetzt noch nicht festlegen. Die Sache werde im gegebenen Moment zu prfen sein, und wenn dann eine bereinstimmung zwischen der Obersten Heeresleitung und ihm nicht zu erzielen sei, werde der Kaiser zu entscheiden haben. Materiell wurde diese Frage nicht eingehend behandelt. Ich begngte mich auszufhren, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg sicherlich England erheblich schdigen werde, da aber niemand mit Sicherheit behaupten knne, da England innerhalb einer bestimmten Zeit zum Frieden gezwungen werde; trotz der schlechten Welternte bleibe das Risiko fr uns enorm. Wenige Tage nach unsrer Rckkehr nach Berlin traf die Antwort der Entente auf unsern Friedensvorschlag ein. Der Kanzler hatte das berechtigte Gefhl, da diese Antwort trotz aller ihrer Schroffheit eine vorsichtige Behandlung erfordere. Wenn schon unsere Bemhungen um den Frieden scheiterten, so mute wenigstens vor aller Welt klargestellt werden, da die Verantwortung fr die Fortsetzung des Krieges ausschlielich auf die Entente falle. Ich habe Grund zur Annahme, da der neue sterreichisch-ungarische Minister Graf Czernin, der kurz zuvor Herrn von Burian ersetzt hatte und der am 8. Januar gleichzeitig mit dem Staatssekretr Zimmermann im Groen Hauptquartier weilte, derselben Ansicht war. Zu einer vorsichtigen Behandlung mahnte, abgesehen von allen andern gewichtigen Grnden, auch die Haltung Bulgariens, das sich wegen einer Differenz mit unserer Obersten Heeresleitung ber die Dobrudscha verstimmt zeigte und dessen Ministerprsident sich beeilt hatte, auf die Antwort der Entente in der Sobranje zu erklren, Bulgariens Ansprche seien bescheiden und wrden von der Entente -- die Bulgarien in ihrer Antwort nicht erwhnt hatte -- als legitim anerkannt. In dieser schwierigen und aufs uerste gespannten Lage fand am Abend des 6. Januar 1917 im Hotel Adlon das spter vielbesprochene Festmahl der amerikanischen Handelskammer zu Berlin zu Ehren des aus den Vereinigten Staaten zurckgekehrten Botschafters Gerard statt. Das Festmahl war seit lngerer Zeit angesagt, und der Staatssekretr Zimmermann hatte es bernommen, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache zu halten. Da jedoch Graf Czernin mit Zimmermann am Morgen des 6. Januar aus dem Groen Hauptquartier nach Berlin gekommen war und Zimmermann denselben Abend mit dem Grafen Czernin bei dem sterreichisch-ungarischen Botschafter zubringen mute, ersuchte mich der Reichskanzler, an Stelle Zimmermanns bei der Begrungsfeier der amerikanischen Handelskammer zu sprechen. Ich entledigte mich dieser Aufgabe in einer mit dem Reichskanzler und Zimmermann vereinbarten Ansprache, in der ich nach einigen hflichen Wendungen fr die Bemhungen des Botschafters, mit dem Studium der deutschen Sprache auch in den Geist des deutschen Wesens einzudringen, die meist seit langen Jahren in Deutschland ansssigen Mitglieder der amerikanischen Handelskammer als Zeugen dafr anrief, da unser einziger Ehrgeiz war, im friedlichen Wettbewerb der Vlker durch Arbeit und Tchtigkeit uns emporzuringen, durch Hebung unseres geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Standes uns unsern Platz in der Welt zu gewinnen und zu behaupten. Nach einigen Worten ber den Militarismus Deutschlands und seiner Feinde fuhr ich fort: Ich htte noch manches hinzuzufgen, was Ihr und unser Herz bewegt. Aber als Gast an einem neutralen Tische will ich nicht ber Dinge reden, die die Welt entzweien. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wollte ich Ihrer Neutralitt zu nahe treten, als wollte ich bei Ihnen fr unsere Sache werben. Sie wissen, wir verlangen von den Neutralen nichts, keine Hilfe, keine Begnstigung, nichts als Neutralitt. Freilich eine Neutralitt, die beide Parteien mit gleichem Mae mit, beiden Parteien in gleichem Mae Achtung erweist angesichts eines Vlkerringens auf Leben und Tod, wie es die Welt noch nicht gesehen. Als Kaufleute, die seit langen Jahren unter uns leben, haben Sie Verstndnis fr unsere Sinnesart und unsere Lebensnotwendigkeiten. Sie bilden fr dieses Verstndnis eine Brcke ber den Ozean. Ich bin berzeugt, da diese Brcke von Nutzen sein wird jetzt bei der Fortdauer des Krieges, wie sie durch die Zurckweisung der vorgeschlagenen Friedensverhandlungen notwendig wird, und auch spterhin, wenn es gilt, die Fden des geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen unsern Lndern wieder aufzunehmen und fortzuspinnen. Ich schlo mit dem Wunsche, da die friedlichen Schiffe des Kaufmannes bald wieder zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten das jetzt gefesselte, knftighin freie Meer befahren mchten zum Wohle der beiden Lnder und Vlker. Auf diese jedenfalls nicht berschwengliche Begrung, die einen ernsten Hinweis auf die dunkle Wolke enthielt, die seit langer Zeit ber dem Verhltnis zwischen Deutschland und Amerika lag, antwortete Herr Gerard in einem auffallend herzlichen und freundschaftlichen Tone. Seine Ansprache gipfelte in der Versicherung, da die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland niemals besser gewesen seien, als in diesem Augenblick, und da die Fortdauer dieser ausgezeichneten Beziehungen gewhrleistet sei, solange Mnner wie Bethmann Hollweg, Helfferich, Zimmermann, Hindenburg, Ludendorff und Holtzendorff die Geschicke Deutschlands leiteten. Noch am spten Abend erschien der Staatssekretr Zimmermann. In kurzer Rede sprach er die berzeugung aus, da die freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen, die ihn mit dem amerikanischen Botschafter schon vor dessen Reise verbunden htten, sich weiter so freundlich gestalten wrden, wie der Botschafter es ausgedrckt habe. Die Veranstaltung und die bei ihr gehaltenen Reden haben damals groes Aufsehen erregt. Ich bin in der Presse und spter auch im Hauptausschu des Reichstags heftig angegriffen worden, da ich berhaupt bei der Empfangsfeier fr Herrn Gerard erschienen sei, und wenn schon -- da ich mich dem Ehrengast gegenber hflich und nicht wie ein Hausknecht benommen habe. Der politische Unverstand, der uns Deutsche auszeichnet, ist mir selten klarer zum Bewutsein gekommen als bei dieser Gelegenheit. Jedermann mute fhlen, da es in jener Zeit um die letzte Entscheidung darber ging, ob es gelingen wrde, Amerika aus dem Krieg zu halten. Und wenn auch mit einem after dinner speech keine groen Wirkungen erzielt werden knnen, so wre eine so offenkundige Brskierung des amerikanischen Botschafters wie das Fernbleiben von jener Veranstaltung oder das gegen jede amerikanische Auffassung verstoende Stummbleiben das sicherste Gegenteil der Wahrung unserer Interessen gewesen. Es kam nur darauf an, mit der gebotenen Courtoisie die Wahrung unseres Standpunktes und unserer Wrde zu verbinden. Ich glaube, diesem Gebot der Lage gerecht geworden zu sein. Fr die berschwenglichkeit des Herrn Gerard trifft mich keine Verantwortung. Sie hat mich an jenem Abend erstaunt. Mein Erstaunen ist gewachsen, nachdem ich in dem Buch des Herrn Gerard gelesen habe, da dieser bereits vor jenem Abend zuverlssige Mitteilungen darber bekommen haben will, da die Wiederaufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkrieges beschlossene Sache sei. Wenn dies der Fall war, wenn Herr Gerard infolgedessen zu der Feier vom 6. Januar mit der Sicherheit kam, da der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland bevorstehe, wie konnte er dann von den Beziehungen zwischen den beiden Vlkern, die niemals besser gewesen seien, in so hohen Tnen reden? An jenem Abend war ber die Wiederaufnahme des uneingeschrnkten U-Bootkrieges noch keinerlei Beschlu gefat. Persnlich hatte ich noch die Hoffnung, da man vor jeder Entscheidung die Auswirkung der deutschen und der amerikanischen Friedensaktion abwarten werde. Aber allerdings -- die Entscheidung sollte rascher erfolgen, als ich damals nach dem Ergebnis der Besprechung im Groen Hauptquartier vom 29. Dezember erwartete. Am 8. Januar erhielt der Kanzler vom Feldmarschall von Hindenburg eine telegraphische Mitteilung, die ihn bat, alsbald nach dem Groen Hauptquartier zur erneuten Besprechung der U-Bootfrage zu kommen; die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges knne keinesfalls ber den 1. Februar hinaus verschoben werden. Kurz vorher hatte der Chef des Admiralstabs dem Kanzler eine neue Denkschrift bergeben, die er auch mir mit einem Schreiben vom 6. Januar zustellte. Die Denkschrift selbst war schon vom 22. Dezember datiert. Sie bezifferte den fr die Versorgung Englands noch zur Verfgung stehenden britischen Schiffsraum auf hchstens 8 Millionen Bruttotonnen und berechnete, da man neben einer monatlichen Versenkung von 600000 Tonnen mit einer Abschreckung von mindestens zwei Fnfteln der auf England fahrenden neutralen Tonnage mit Sicherheit rechnen knne. Dadurch werde der Seeverkehr Englands im Laufe von fnf Monaten um 39 vom Hundert verringert, und eine solche Verringerung werde England nicht ertragen knnen. Der U-Boot-Kreuzerkrieg dagegen werde in derselben Zeit, auch wenn die bewaffneten Handelsschiffe freigegeben wrden, nur 18 vom Hundert des britischen Seeverkehrs in Wegfall bringen knnen, und das werde nicht gengen, um England zum Frieden zu bringen. Zwar sei der Krieg mit Amerika eine so ernste Angelegenheit, da alles geschehen msse, um ihn zu vermeiden; aber die Scheu vor dem Bruch drfe nicht dazu fhren, im entscheidenden Augenblick vor dem Gebrauch der Waffe zurckzuschrecken, die uns den Sieg verheie. Um rechtzeitig vor der neuen Ernte die ntige Wirkung erzielen zu knnen, msse der uneingeschrnkte U-Bootkrieg sptestens am 1. Februar beginnen. Ein energisch und mit aller Kraft gefhrter Schlag gegen den englischen Schiffsraum verspreche unbedingt sicheren Erfolg. Er, der Chef des Admiralstabs, stehe nicht an zu erklren, da wir, wie die Verhltnisse jetzt lgen, mit dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg England in fnf Monaten zum Frieden zwingen knnten. Der Eindruck dieser Denkschrift auf den Kanzler wurde verstrkt durch Mitteilungen, die ihm eine Autoritt ersten Ranges unserer Hochseeflotte ber ihre absolute Zuversicht auf den Erfolg des uneingeschrnkten U-Bootkrieges in diesen gleichen Tagen machen lie. Der Kanzler entschlo sich, noch am Abend des 8. Januar nach dem Groen Hauptquartier zu reisen. Vor seiner Abreise besprach er die Lage mit Zimmermann und mir. Ich machte starke Ausstellungen an den Berechnungen des Admiralstabes. Auerdem aber waren wir alle drei uns darber einig, da vor allem weiteren das Auswirken der Friedensaktion, zum mindesten die Antwort der Entente an Wilson, abgewartet werden msse. Mir war klar, da der Kanzler beim Durchsetzen dieses Standpunktes einen schweren Kampf wrde durchkmpfen mssen, und ich machte mir Vorwrfe, da ich nicht mit aller Entschiedenheit darauf bestanden hatte, ihn nach dem Hauptquartier zu begleiten. Die Sache lie mir keinen Schlaf. Ich arbeitete in der Nacht noch einmal die ganze 37 gedruckte Folioseiten starke Denkschrift des Admiralstabs durch und schrieb ein ausfhrliches Telegramm an den Kanzler, in dem ich die meines Erachtens fr die Beurteilung des Erfolgs des uneingeschrnkten U-Bootkriegs entscheidenden Punkte zusammenfate, und das ich am Morgen dem Kanzler durch Fernschreiber nach Ple bermitteln lie. In diesem Telegramm bezweifelte ich zunchst die Berechnung des Admiralstabs, da in fnf Monaten der Seeverkehr Englands durch den uneingeschrnkten U-Bootkrieg um 39 vom Hundert, durch den U-Boot-Kreuzerkrieg nur um 18 vom Hundert eingeschrnkt werde. Ich wies darauf hin, da im Falle des gerade infolge des uneingeschrnkten U-Bootkriegs zu befrchtenden Eintritts der seefahrenden Neutralen in den Krieg die abschreckende Wirkung des U-Bootkriegs auf die neutrale Schiffahrt mindestens zu einem erheblichen Teil aufgehoben werden wrde. Ein Beweis, bei welchem Prozentsatz der Einschrnkung des britischen Seeverkehrs England nicht mehr durchhalten knne, sei natrlich nicht zu erbringen. Die Angaben der Denkschrift ber die Versorgung Englands mit Brotgetreide erkannte ich als vorsichtig an mit dem Hinweis, da angesichts der knappen Zufuhrmglichkeiten die britischen Bestnde im Laufe des Januar und Februar unaufhaltsam weiter abnehmen wrden. Ich gab jedoch zu bedenken: Hat der uneingeschrnkte U-Bootkrieg den Eintritt Amerikas in den Krieg gegen uns zur Folge, so ist Amerika an dem Siege Englands wie an einer eigenen Sache interessiert. Ist eine Niederlage Englands nur durch ausreichende Getreideversorgung abzuwenden, so mu und kann Amerika zu diesem Zweck ein Opfer bringen, an das es als neutraler Staat nicht denkt: die Einschrnkung des eigenen Getreideverbrauchs zugunsten Englands. Die Einschrnkung braucht keineswegs durch eine Rationierung des amerikanischen Brotverbrauchs zu erfolgen; es wrden groe Kufe evtl. Zwangsankufe der amerikanischen Regierung den Zweck wohl erreichen knnen. Da die Union mehr als doppelt so viel Einwohner hat wie England, ist jede Beschrnkung des Getreideverbrauchs pro Kopf des Amerikaners eine mehr als doppelt so groe Zulage pro Kopf des Englnders. Wenn das Schicksal des Krieges davon abhngt, halte ich es nicht fr ausgeschlossen, da Amerika eine zehnprozentige Einschrnkung seines normalen Verbrauchs zugunsten von England durchfhren knnte, womit 1,7 Millionen Tonnen, gleich einem englischen Bedarf von drei Monaten, freigemacht wrden. Auch wenn hiervon auf dem Weg nach England die Hlfte versenkt wrde -- ein Prozentsatz, der weit ber die vom Admiralstab berechneten Mglichkeiten hinausgeht --, wre ein solches Vorgehen fr England eine wertvolle, vielleicht die entscheidende Hilfe. So paradox es klingt, ist also die Mglichkeit nicht ausgeschlossen, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg gegenber dem U-Boot-Kreuzerkrieg in seiner Endwirkung speziell die englische Versorgung mit Brotgetreide nicht verschlechtert, sondern verbessert. Ob es beim uneingeschrnkten U-Bootkrieg mglich sein werde oder nicht, die Neutralen drauen zu halten, werde sich in einigen Wochen, wenn die Antwortnote der Entente an Wilson vorliegt, besser bersehen lassen als jetzt. Zu berstrzten Entschlssen liege keine Veranlassung vor. Denn augenblicklich arbeite in Sachen der Versorgung Englands die Zeit nicht gegen, sondern fr uns. Der Januar und Februar seien aus natrlichen Grnden der Jahreszeit stets ungnstige Monate fr die britische Getreideeinfuhr. Dieses Mal habe die Absenkung der britischen Einfuhr infolge der schlechten amerikanischen Ernte sogar schon im Dezember begonnen; trotz der grten Anstrengungen Englands habe die Getreideeinfuhr der vier Dezemberwochen nur 1410000 Quarters erreicht gegen 1955000 Quarters im Vorjahr. Wenn wir aus den oben entwickelten Grnden die Entscheidung ber den uneingeschrnkten U-Bootkrieg noch um einige Wochen aussetzten, so htten wir alle Aussicht, da sich inzwischen die bereits knappen britischen Getreidebestnde noch erheblich weiter verringerten. Je niedriger der Bestand beim Beginn eines uneingeschrnkten U-Bootkrieges, desto rascher und sicherer werde der Erfolg sein. Auch dieser letzte Versuch, wenigstens eine Vertagung zu erreichen, nderte nichts mehr an der Entscheidung. Der Kanzler kam unerwarteterweise schon in der Frhe des 10. Januar aus Ple zurck. Er schickte mir den Chef der Reichskanzlei, der mir sagte: Der Rubikon ist berschritten. Ich war durch diese Mitteilung auf das schwerste erschttert. Nach kurzer Aussprache bat ich Herrn Wahnschaffe, dem Kanzler zu sagen, da ich bei aller Treue und Ergebenheit fr seine Person diesen Weg nicht mitgehen knne und meine Entlassung nehmen wrde. Wahnschaffe erwiderte, mein Abgang wrde fr mich selbst natrlich der bequemste Ausweg sein. Der Kanzler seinerseits habe aus Grnden zwingender Natur davon Abstand genommen, auf seiner ursprnglichen Ansicht, den Abschied zu nehmen, zu beharren. Der Kanzler habe den Wunsch, sich mit mir persnlich ber alles auszusprechen, und lasse mich bitten, bis dahin keine Entschlsse zu fassen. Ich sah den Kanzler an diesem und an dem folgenden Tage nicht. Ich ging erst zu ihm, als er mich am Abend des 12. Januar zu sich bitten lie. Er schilderte mir die Vorgnge in Ple. Schon bei der Ankunft habe ihm der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Mller, mitgeteilt, der Kaiser habe sich nach schweren inneren Kmpfen zu der berzeugung durchgerungen, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg nicht zu vermeiden sei. In der Beratung am Vormittag beim Generalfeldmarschall habe dieser mit dem General Ludendorff auf das eindringlichste verlangt, da das an allen Fronten in schweren Kmpfen stehende Landheer moralisch und materiell durch den uneingeschrnkten U-Bootkrieg Untersttzung erhalte. Im Westen sei fr das Frhjahr mit einer neuen Offensive der Franzosen, Englnder und Belgier zu rechnen, die an Wucht sogar die Somme-Offensive des verflossenen Halbjahres bertreffen werde. Jede Mglichkeit der Einschrnkung der Zufuhr von Material und Mannschaften an den Feind msse unter allen Umstnden wahrgenommen werden. Zeit sei nicht zu verlieren. Wenn der uneingeschrnkte U-Bootkrieg nicht zum 1. Februar erffnet werde, knnten sie, die beiden Generale, die Verantwortung fr den Gang der militrischen Operationen nicht bernehmen. Auf der andern Seite seien sie bereit, die Verantwortung fr alle militrischen Folgen des uneingeschrnkten U-Bootkrieges zu tragen, auch fr die Folgen eines Eingreifens der europischen Neutralen und Amerikas. Dem Eingreifen Amerikas legten sie brigens keine allzu groe Bedeutung bei. Der Chef des Admiralstabs habe sich mit seinen bekannten Argumenten mit der grten Entschiedenheit fr die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs am 1. Februar eingesetzt. Angesichts der Bestimmtheit, mit der Hindenburg und Ludendorff die Entlastung der Fronten durch den sofortigen Beginn des uneingeschrnkten U-Bootkriegs als unerllich bezeichneten und mit der sie die Verantwortung fr alle militrischen Folgen des U-Bootkriegs auf sich nahmen, und angesichts der Sicherheit, mit der nicht nur der Chef des Admiralstabs, sondern auch die Hochseeflotte und der frher dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg abgeneigte Staatssekretr des Reichsmarineamtes innerhalb weniger Monate den vollen Erfolg des uneingeschrnkten U-Bootkriegs in Aussicht stellten, ja gewhrleisteten, habe er, der Kanzler, sich die Frage vorlegen mssen, ob er vor seinem Gewissen berechtigt sei, dem Kaiser zu raten, dem Antrag der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs nicht zu entsprechen. Sein nchster Gedanke sei gewesen, seinen Abschied zu erbitten und zu der auf abends 6 Uhr beim Kaiser angesetzten Besprechung nicht mehr zu erscheinen. Von dieser Absicht habe er auch dem Chef des Zivilkabinetts Mitteilung gemacht. Er habe sich jedoch, so schwer es ihm gefallen sei, berzeugen mssen, da er sich auf diese Weise nicht der Verantwortung entziehen drfe. Nachdem die Oberste Heeresleitung die Frage so gestellt habe, da der uneingeschrnkte U-Bootkrieg unvermeidlich geworden sei, und nachdem er dessen Verhinderung, wenn sie berhaupt noch mglich gewesen wre, nicht auf seine Verantwortung habe nehmen knnen, sei er verpflichtet, alles zu tun, um dem U-Bootkrieg zum Erfolg zu verhelfen. Dazu gehre, da sich das deutsche Volk und unsere Verbndeten geschlossen hinter den U-Bootkrieg stellten. Wenn er wegen der Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs seinen Abschied nehme, so werde das einerseits die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs nicht verhindern, andrerseits den inneren Streit ber den U-Bootkrieg, der mit dem endgltigen Entschlu, den U-Bootkrieg zu machen, verstummen msse, geradezu auf die Spitze treiben, ja die innere Front gnzlich zertrmmern; es werde ferner die Zustimmung unserer Bundesgenossen fr den uneingeschrnkten U-Bootkrieg und damit unser Bndnissystem selbst auf das uerste gefhrden. Auch ich msse mir die Gewissensfrage stellen, ob ich mit der Einreichung meines Abschieds eine Demonstration machen drfe, die an der bereits fr den 1. Februar befohlenen Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs nicht das mindeste ndere, dafr aber Verwirrung in die eigenen Reihen und in die Front unserer Bundesgenossen tragen, bei uns das Vertrauen in den Erfolg des U-Bootkriegs schwchen und bei unsern Gegnern und den Neutralen von vornherein Zweifel an unserm Erfolg hervorrufen msse; dies lediglich auf mein persnliches Urteil hin, mit dem ich nachgerade unter den kompetenten Ratgebern der Krone isoliert sei, und angesichts der Tatsache, da doch auch nach meiner Auffassung die Aussichten eines Erfolges des U-Bootkriegs sich erheblich gebessert htten. Ich msse mir diese Gewissensfrage um so mehr vorlegen, als es sich in erster Linie um eine Angelegenheit der auswrtigen Politik und der Kriegfhrung handele, also um eine Frage, die nicht in das Gebiet meiner Verantwortlichkeit falle. Es war fr mich die schwerste Entscheidung meines Lebens. Sie wurde mir etwas erleichtert dadurch, da der Kanzler mir die gerade durch Wolff verffentlichte Antwortnote der Entente an den Prsidenten Wilson zeigte, die durch die Malosigkeit der angedeuteten Kriegsziele und die Unverschmtheit der Weigerung, sich mit Deutschland auf gleichen Fu stellen zu lassen, jede Friedensmglichkeit verschttete und jeden halbwegs unbefangenen Beurteiler von unserm Recht zur uersten Notwehr berzeugen mute. Sie wurde mir erschwert durch die Erwgung, da es hier nur ein Entweder -- Oder gebe: Entweder protestieren und gehen, oder bleiben, dann aber die einmal gefallene Entscheidung hinnehmen, sich auf ihren Boden stellen und auf diesem Boden kmpfen, wie der General seine Schuldigkeit tut, auch wenn er bei der Feststellung des Operationsplanes seine Ansicht nicht durchgesetzt hat. Ich schied von dem Kanzler mit der Zusage, da ich ihm helfen wrde, die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs vor dem Reichstag soweit zu vertreten, wie es mir nach Lage der Dinge mglich sei. Der im Groen Hauptquartier gefate Beschlu war dahin gegangen, da in einem nher umschriebenen Sperrgebiet um die britischen Inseln und im Mittelmeer vom 1. Februar an der uneingeschrnkte U-Bootkrieg gegen jeglichen Seeverkehr gefhrt werden sollte. Der Beschlu war bis zum letzten Augenblick geheimzuhalten. Erst am 31. Januar sollte der uneingeschrnkte U-Bootkrieg den Neutralen angekndigt werden, jedoch mit der Magabe, da neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf der Fahrt nach Hfen im Sperrgebiet sein sollten, whrend einer angemessenen Frist geschont werden sollten. Ich fand diese Art der kurzen Ankndigung ebenso sinnlos wie provozierend. Aber die Marine hatte auf dieser Inszenierung aus marinetechnischen Grnden bestanden, und die Befehle waren, als ich davon erfuhr, schon hinausgegangen. Mit Spannung wartete ich nun, wie Herr Wilson sich bis zur Bekanntgabe der Erffnung des neuen U-Bootkriegs zu der unerhrten Antwort der Entente auf seine Friedensanregung stellen werde. Hier lag vielleicht noch ein kleiner Funken von Hoffnung. Am 22. Januar richtete der Prsident Wilson an den amerikanischen Senat eine Botschaft, die er noch am selben Tage den Regierungen der Kriegfhrenden bermitteln lie. Die Botschaft gewhrt in die Sinnesart und den Gedankengang ihres Urhebers, in dessen Hnde der Gang der Geschichte damals das Schicksal des alten Europa gelegt hatte, einen wichtigen Einblick. Die Botschaft begann mit einer Zensur der Antworten, die die beiden kriegfhrenden Gruppen auf die Friedensanregung des Prsidenten gegeben hatten: Die Mittelmchte erwiderten in einer Note, die einfach besagte, da sie bereit seien, mit ihren Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, um die Friedensbedingungen zu errtern. Die Mchte der Entente haben viel ausfhrlicher geantwortet und, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, so doch mit gengender Bestimmtheit, um Einzelfragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Brgschaften und Wiederherstellungen angegeben, die ihnen als die unumgnglichen Bedingungen einer befriedigenden Lsung erscheinen. Wir sind dadurch der endgltigen Errterung des Friedens, der den gegenwrtigen Krieg beenden soll, um so viel nhergekommen. Dem Prsidenten fehlte also jedes Verstndnis dafr, da die von den Ententemchten angedeuteten Bedingungen derart waren, da die Entente selbst eine Errterung dieser Bedingungen bei dem damaligen Stande des Krieges fr ausgeschlossen hielt. Die Ausfhrlichkeit, mit der die Entente ihr Eroberungs- und Vernichtungsprogramm entwickelt und eine Friedensdiskussion mit den Mittelmchten abgelehnt hatte, war ihm sichtlich wertvoller als die Knappheit, mit der die Mittelmchte sich zur Errterung eines Friedens, der lediglich Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit ihrer Vlker sichern sollte, bereit erklrt hatten. Die Bekundung einer so merkwrdigen Befangenheit war eine Besttigung aller Bedenken, die bisher gegen eine Wilsonsche Friedensvermittlung laut geworden waren, und gleichzeitig eine Warnung fr die Zukunft, die spter im entscheidenden Augenblick leider nicht gengend beachtet worden ist. Im Anschlu an diese kurze, fr die Frage der Friedensverhandlungen allein unmittelbar wichtige Einleitung entwickelte Wilson ausfhrlich seine Ideen ber das knftige Zusammenleben der Vlker. Dem Frieden msse eine Neuordnung der Vlkergemeinschaft folgen, an deren Aufbau die Vereinigten Staaten sich unter allen Umstnden beteiligen mten. Die Grundlage fr diesen Neubau werde durch den Friedensschlu gelegt, der dem Vlkerkrieg ein Ende zu machen habe. Die Hauptfrage sei: Ist der gegenwrtige Krieg ein Kampf um einen gerechten und sicheren Frieden oder nur fr ein neues Gleichgewicht der Krfte? Nicht Gleichgewicht, sondern Gemeinsamkeit der Macht sei notwendig, nicht organisierte Nebenbuhlerschaft, sondern organisierter Gemeinfriede. Es msse ein Frieden werden ohne Sieg. Ein Siegfrieden wrde von dem Unterlegenen als Demtigung, als Hrte, als unertrgliches Opfer empfunden werden und einen Stachel, Rachsucht und bitteres Gedenken hinterlassen, auf dem das Friedensgebude wie auf Flugsand ruhen wrde. Nur ein Friede unter Gleichen verspreche Dauer. Die Gleichheit der Nationen msse eine Gleichheit der Rechte sein, ohne Unterschied zwischen Groen und Kleinen. Das Recht msse gegrndet sein auf die gemeinsame Kraft, nicht auf individuelle Nationen. Die Menschheit hlt jetzt Ausschau nach der Freiheit des Lebens, nicht nach dem Gleichgewicht der Macht. Neben der Gleichberechtigung der organisierten Vlker sei fr einen dauernden Frieden erforderlich, da die Regierungen ihre Macht von der Zustimmung der Regierten ableiteten. Er halte es z. B. fr ausgemacht, da die Staatsmnner berall ber die Herstellung eines einigen, unabhngigen, selbstndigen Polen einig seien. Soweit wie mglich, sollte berdies jedes groe Volk eines direkten Ausganges zu den Heerstraen der See versichert sein, wenn nicht durch Gebietsabtretung, so durch Neutralisierung der Zugangswege. Die Seewege selbst mten gleichfalls sowohl durch gesetzliche Bestimmung, wie auch tatschlich frei sein. Freiheit der Meere ist eine Conditio sine qua non fr den Frieden, fr Gleichheit und Zusammenarbeit. Wilson sprach dann weiter von der Notwendigkeit der Rstungsbeschrnkungen zu Wasser und zu Land. Die Rstungsfrage sei am unmittelbarsten und einschneidendsten mit dem knftigen Geschick der Vlker und des Menschengeschlechtes verknpft. Das waren Gedanken von einer groen Konzeption und hohem idealem Flug. Aber ihre Verwirklichung war abhngig, wie das Wilson auch selbst ausgefhrt hat, von der Lsung der unmittelbar praktischen Frage der Beendigung des Weltkrieges. Und in diesem Punkte brachte Wilsons Botschaft weniger als nichts; denn sie enthllte nur seine vllige Verstndnislosigkeit fr unsere und unserer Verbndeten Lebensrechte und Lebensbedrfnisse und fr das Ungeheuerliche der Forderungen der Entente, die nach deren eigenem Eingestndnis nicht durch einen Frieden ohne Sieg, sondern nur nach vlliger Niederwerfung der Mittelmchte erreichbar waren. Allerdings schien es noch einmal, in allerletzter Stunde, als wolle und knne Herr Wilson einen Ausweg finden. Am Sonntag, 28. Januar 1917, lie mich der Kanzler noch abends gegen 10 Uhr zu sich bitten. Es war ein Telegramm des Grafen Bernstorff eingegangen, das nach meiner Erinnerung folgenden Inhalt hatte: Oberst House habe ihm im Auftrag des Prsidenten Wilson mitgeteilt, der Prsident gebe trotz der Ablehnung der Entente die Hoffnung nicht auf, den Frieden zustandezubringen, und sei bereit, seine Bemhungen nach dieser Richtung wieder aufzunehmen. Diese seine Bemhungen wrden ihm wesentlich erleichtert werden, wenn wir uns bereit fnden, ihm unsere Friedensbedingungen mitzuteilen. Graf Bernstorff bat, unter diesen Umstnden die ihm zur bergabe am 31. Januar bereits bermittelte Note, enthaltend die Ankndigung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs, vorlufig einbehalten zu drfen, und empfahl, dem Wunsche des Prsidenten Wilson nach Mitteilung der Friedensbedingungen zu entsprechen. Der Kanzler, der hier noch einmal die Hoffnung aufleuchten sah, es knne der Krieg mit Amerika vermieden und vielleicht sogar der Friede erreicht werden, war in einer Erregung, wie ich sie nie an ihm gesehen habe. Er war entschlossen, Wilson durch Bernstorff in groen Umrissen die Friedensbedingungen mitzuteilen, die wir fr den Fall des Zustandekommens der von uns vorgeschlagenen Friedensverhandlungen als unsern Vorschlag mitbringen wollten. Schwierig lag die von Bernstorff erbetene Einbehaltung der U-Bootnote; denn die U-Boote waren lngst nach ihren Stationen, die zum Teil weit im Westen Irlands lagen, unterwegs und wahrscheinlich nicht zu erreichen. Der Kanzler entschlo sich, noch am gleichen Abend mit dem Staatssekretr Zimmermann nach dem Groen Hauptquartier zu reisen. Dort wurde ein Antworttelegramm an den Grafen Bernstorff vereinbart des Inhalts, da wir die neue Initiative des Prsidenten auf das freudigste begrten und den Botschafter ermchtigten, dem Prsidenten die Grundzge unserer Friedensbedingungen, wie sie bei unserm Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 ins Auge gefat waren, zu seiner persnlichen Information mitzuteilen. Dies solle gleichzeitig mit der bergabe der U-Bootnote geschehen. Die Zurckhaltung der letzteren sei unmglich, da die Boote mit den Befehlen sich bereits auf ihren Stationen befnden und fr einen Gegenbefehl grtenteils nicht erreichbar seien. Wir seien jedoch bereit, den neuen U-Bootkrieg alsbald einzustellen, wenn es den Bemhungen des Prsidenten gelungen sein wrde, eine Erfolg versprechende Grundlage fr Friedensverhandlungen zu sichern. Die dem Prsidenten Wilson mitgeteilten Bedingungen, die wir zur Grundlage von Friedensverhandlungen zu machen beabsichtigten, waren die folgenden: Zurckerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsa. Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Ruland strategisch und wirtschaftlich sichernden Grenze. Koloniale Restitution in Form einer Verstndigung, die Deutschland einen seiner Bevlkerungszahl und der Bedeutung seiner wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert. Rckgabe der von Deutschland besetzten franzsischen Gebiete unter Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen sowie finanzieller Kompensationen. Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien fr die Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der belgischen Regierung festzustellen wren. Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschlu zu restituierenden Gebiete. Schadloshaltung der durch den Krieg geschdigten deutschen Unternehmungen und Privatpersonen. Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Manahmen, welche ein Hindernis fr den normalen Handel und Verkehr nach Friedensschlu bilden wrden, unter Abschlu entsprechender Handelsvertrge. Sicherstellung der Freiheit der Meere. Die deutsche Regierung erklrte sich ferner bereit, auf der Basis der Senatsbotschaft des Prsidenten Wilson an der von ihm nach Beendigung des Krieges angestrebten internationalen Konferenz teilzunehmen. Das Telegramm an den Grafen Bernstorff ist am 31. Januar 1917, unmittelbar nach berreichung der U-Bootnote an Herrn Gerard, den Mitgliedern des Hauptausschusses des Reichstags in geheimer Sitzung mitgeteilt worden. Auch die Mehrheitssozialdemokraten erkannten es als einen Versuch an, die Vereinigten Staaten dem Kriege fernzuhalten und den Weg zum Frieden offenzuhalten. Die Grundlinien unseres Friedensprogramms gaben wegen ihrer Bescheidenheit Anla zur Kritik. Die Sprecher der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen und des Zentrums, wenn ich mich recht erinnere, auch der Freisinnigen, sprachen den Wunsch aus, der Kanzler mge sich, wenn es nun doch noch zu Friedensverhandlungen kommen sollte, nicht an dieses Programm fr gebunden halten. Es kam nicht zu Friedensverhandlungen, sondern sofort nach berreichung der Note zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche und einige Wochen spter zur Kriegserklrung. * * * * * Ich habe mich bemht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhnge zwischen den Friedensbemhungen, denjenigen der Reichsregierung wie denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen. Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgnge dargestellt, wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich wei, da andere, darunter auch solche Persnlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der Geschehnisse bereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensbemhungen und die zum Krieg mit Amerika fhrende Entwicklung mitgemacht hat. Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur davon berzeugt, da der Prsident Wilson in jener Zeit ehrlich den Frieden wollte, sondern auch da er den beiden kriegfhrenden Parteien ohne Voreingenommenheit gegenberstand und bereit war, einen fr uns annehmbaren und ertrglichen Frieden durchzusetzen. Die Friedensbemhungen des Prsidenten Wilson htten nach seiner berzeugung zum Erfolg gefhrt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Prsidenten fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrngt htten, in dem Augenblick, wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschrnkten U-Bootkrieg dem Prsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmglichkeit zerstrt und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen htten. Ich selbst habe bis zur letzten Mglichkeit dafr gekmpft, da die Entscheidung ber die Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkrieges vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie desjenigen des Prsidenten Wilson vollkommen bersehen lasse. Wenn ich der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so pldiere ich also gewi nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der Aufklrung und der geschichtlichen Wahrheit. Ich will dem Prsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner Ansicht gerechten Frieden herbeizufhren, nicht abstreiten. Aber ich kann ihm weder zubilligen, da er in der Herbeifhrung des Friedens einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch da er -- bei allem subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit -- den beiden kriegfhrenden Gruppen objektiv dasselbe Ma von Verstndnis und Wohlwollen entgegenbrachte. Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenber die Hoffnung ausgesprochen, der Prsident Wilson werde nunmehr gro genug sein, sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes Jahr bis zur Prsidentenwahl; das Bevorstehen der Prsidentenwahl konnte also noch kein ernstliches Hindernis fr eine Friedensaktion sein. Aber der Prsident tat nichts fr den Frieden. Er steckte unser Zugestndnis der Einstellung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um England zur Rckkehr auf den Boden der vlkerrechtlichen Normen des Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewi nicht frei von Fehlern gewesen. Prsident Wilson htte sich vielleicht anders verhalten, wenn die Zurckfhrung des U-Bootkriegs auf die Formen des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wre, nachdem die durch die Versenkung der Lusitania geschaffene kritische Lage durch die Torpedierung der Arabic und schlielich der Sussex -- um nur die wichtigsten Flle zu nennen -- eine heillose Erschwerung erfahren hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schon im Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Prsidenten, mit ihm zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch whrend des Krieges, gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle -- die Tatsache bleibt bestehen, da der Prsident Wilson auf die von deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht einmal eine Zusage gab, da er etwas tun werde, da er schlielich mit einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine Verbndeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 gemacht hatten. Da der Prsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und Weltanschauung dem angelschsischen Kulturkreis angehrt und infolgedessen innerlich unsern Feinden nhersteht als uns, ist kein Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber fr uns eine Tatsache, die wir ungestraft nicht bersehen durften. Da Herr Wilson objektiv nicht mit dem gleichen Mae messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Prsidenten der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem Prsidenten vom Oktober-November 1918 ber die Herbeifhrung eines Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen sollte auch dem grten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden sein, da dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und Voreingenommenheit uns gegenber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson an gerechter Wrdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedrfnisse zu gewrtigen hatten, war schon geradezu berwltigend zum Ausdruck gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbndeten Vlker sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir htten auf seine Friedensanregung einfach unsere Bereitwilligkeit erklrt, mit unsern Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, whrend er die viel ausfhrlichere Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die Zerstcklung sterreich-Ungarns und der Trkei und die Verstmmelung Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die endgltige Errterung des Friedens so viel nher gebracht habe! Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch, wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, da Wilson damals im Begriff gewesen sei, sich fr einen fr uns annehmbaren und ertrglichen Frieden einzusetzen und sich dafr mit Erfolg einzusetzen, so ist das nur erklrlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaen ausreichenden Fhlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehr und jede Art persnlicher Fhlung zwischen Berlin und der deutschen Botschaft in Washington war vllig abgebunden. Die Benutzung unserer eigenen amerikanischen Stationen fr drahtlosen Verkehr hatte uns die Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch fr jede Art von Chiffretelegrammen unmglich gemacht, whrend die britischen Kabel unbeschrnkt unsern Feinden zur Verfgung standen. Die Mglichkeit, durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen gewhrt. So ist es schlielich zu verstehen, da unserer Vertretung jenseits des groen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz ringenden deutschen Volke und das Augenma fr das uns Notwendige und Ertrgliche verlorenging. Jedenfalls stand fr uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917 fest, da sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde gescheitert seien. Den Temperamentvolleren gengten zur Besttigung dieser berzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen Staatsmnner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurckwiesen, jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemchte am 31. Dezember 1916 berreichen lieen. Fr die Vorsichtigeren war jeder Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den Friedensschritt des Prsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter in Paris bergab. Die Senatsbotschaft des Prsidenten Wilson vom 22. Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine Fortsetzung der Friedensbemhungen, sondern lediglich als eine nur aus unheilbarer Voreingenommenheit erklrliche Parteinahme des Prsidenten Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefat werden. Niemand in unseren leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung und ber die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen Vorgngen noch der Meinung sein, da man jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre Fortsetzung dachte. Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen Bernstorff zeigte, da Prsident Wilson einen erneuten Friedensschritt zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge berhaupt noch mgliche geschehen, um dem Prsidenten Wilson freies Feld fr diesen neuen Versuch zu geben. Der Prsident hat es aber vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage fr die erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unserer Bereitwilligkeit, den uneingeschrnkten U-Bootkrieg alsbald wieder einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen fr Friedensverhandlungen zu sichern, brsk jede weitere Verhandlung abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede weitere Begrndung abzubrechen. Es mag als ein miges Fragen erscheinen, ob es dem Prsidenten Wilson, falls die Erklrung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs nicht in jenen kritischen Tagen erfolgt wre, gelungen wre, den Frieden herbeizufhren, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem Falle dem Krieg ferngeblieben wren. Aber diese Fragen haben unser ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, da es mir ein Bedrfnis ist, auch hierber ein Wort zu sagen. Ich halte es fr ausgeschlossen, da die von Wilson gegen Ende Januar 1917 ins Auge gefate neue Friedensaktion zu einem fr uns annehmbaren Frieden htte fhren knnen. Die von der Entente aufgestellten Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln knnen, waren derart, da nur ein gnzlich niedergebrochenes Deutschland sie annehmen konnte. Wer htte es damals in Deutschland wagen knnen, Elsa-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige Kriegsentschdigung aufzuladen, uns fr die Zukunft unter die Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in der schndesten Weise der Zertrmmerung preiszugeben? Auch nur ein Status-quo-Frieden wre nur unter den schwersten inneren Kmpfen durchzufechten gewesen; er wre durchgefochten worden, aber was darber hinausging, war schlechterdings unmglich. Nur wenn der Prsident Wilson bereit gewesen wre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen Macht auf die Ententemchte zu drcken, um sie zu einer vlligen Sinnesnderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen die Untersttzung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung gefunden htte, wre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 die unerhrten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte, ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongre der Vereinigten Staaten. Viel nher lag die Wahrscheinlichkeit eines amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbndeten. Diese Wahrscheinlichkeit lag um so nher, als sich in der am 21. Dezember 1916 in Berlin berreichten Friedensnote der amerikanischen Regierung der Passus fand, da die Interessen der Vereinigten Staaten durch den Krieg ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien, und da das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich daraus ergebe, da sie offenkundig gentigt wre, Bestimmungen ber den bestmglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte. Diese kaum verhllte Drohung wurde noch deutlicher gemacht durch ein Interview, das der Staatssekretr Lansing bald darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewhrte und in dem er mit unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am Krieg. Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, da der Prsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschrnkten U-Bootkrieg nicht gemacht htten, der Welt den Frieden gebracht htte. Auf der andern Seite ist es nicht vllig ausgeschlossen, da gerade aus der Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika und Deutschland entstanden wre, der nun aus der Veranlassung des U-Bootkriegs entstanden ist. Ich bedaure es, da die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klrung drngte, infolge der berstrzten Erffnung des uneingeschrnkten U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschlieenden Weise wird aufgehellt werden knnen. Fr mich selbst steht aus dem Miterleben jener kritischen Epoche unerschtterlich fest: Wilsons geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu verhelfen, ist gescheitert an seiner Verstndnislosigkeit fr unsere Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende der Jahre 1916 und 1917. * * * * * Diese Ausfhrungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen Friedensbedingungen der gegen uns verbndeten Mchte. Diese Bedingungen sind eine Besttigung des oben ausgesprochenen Urteils. * * * * * Als erster Teil dieses Werkes ist erschienen =Karl Helfferich= =Die Vorgeschichte des Weltkrieges= Geh. 5 Mark, geb. 7.50 Mark Ein dritter Band (Schluband) erscheint demnchst =Verlag Ullstein & Co, Berlin= * * * * * POLITISCHE BCHER Sozialisierung oder Sozialismus? von Dr. August Mller =Preis 3 Mark= Zwei Forderungen hat unsere revolutionre und doch so gedankenarme Zeit in den Vordergrund des politischen Interesses gestellt: die Sozialisierung und das Rtesystem. Dr. August Mller, dessen Laufbahn vom Handarbeiter ber den Journalismus und spteres akademisches Studium zum Vorstandsmitglied des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine und schlielich zum Unterstaatssekretr fhrte, gibt hier aus seiner reichen Erfahrung eine hchst beachtenswerte Kritik der beiden Revolutionsideale. 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