Produced by Jens Sadowski, Pl Haragos and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) Drei Erzhlungen fr junge Mdchen von Clementine Helm. (Verfasserin von Backfischchens Leiden und Freuden, Lilli's Jugend &c.) Leipzig, Georg Wigand's Verlag 1873. Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten. Inhalt. Seite 1. Esther Wieburg 1 2. Verwaist 129 3. Neue Wege 199 Esther Wieburg. Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das =ist= keine Erziehung fr ein Mdchen! Einen Jungen mgen Sie alle diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mdchen kann in ihrem ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heie! Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte, bekrftigte den Schlu ihrer Rede damit, da sie ihre groe, knochige Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen lie, neben welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber sa derjenige, dem ihre Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage an fhrte sie die Zgel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg htte keine bessere Haushlterin finden knnen und so berlie er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkelugigen Mdchens. So groen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin, und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen, so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hrte ihre Reden geduldig an, ohne den Flu derselben durch Widerspruch zu hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmthig: Schon recht, Frau Booland; aber jetzt mchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder. Frau Booland blieb alsdann freilich nichts brig, als sich mit einem Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmthiges Gesicht war dann durchaus nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals ihre Vorwrfe anzubringen. Er ist und bleibt unverbesserlich! rief sie auch heute voll Aerger, als sie die Thr der Studirstube etwas krftiger als gewhnlich geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurckkehrte. Es ist, als ob ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und lt mich reden und reden, und am Ende mu ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten. O diese Mnner! Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im Untergescho des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke in der Nhe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem ein kleines Mdchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene, fr deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekmpft hatte. Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den ganzen Tag! rief Frau Booland verdrielich. Bist du denn noch nicht bald fertig fr heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen Nachmittag schon studirt, der Kopf mu dir ja brummen von all' der grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch. Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine =Verbum= mu ich zu Ende schreiben, entgegnete das kleine Mdchen aufsehend. Vater schilt sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleiig genug! Das Gott erbarm! Noch nicht fleiig genug! rief die Wittwe, ihre Hnde zusammenschlagend. Es ist ein Elend, da du kein Junge geworden bist, dann htte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt willst =du= damit anfangen? Ich wollte auch lieber, ich wr' ein Junge, das weit du ja, Tante! Und Vater will gewi einen aus mir machen, da er mich so viel lernen lt, rief Esther lachend und nickte der erzrnten Frau begtigend zu. Aber bitte, Tante, ich mchte das Bischen Tageslicht noch gern benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich zu dir in den Garten. Und ohne sich weiter stren zu lassen, schrieb das Kind eifrig weiter, whrend die letzten Strahlen der Herbstsonne ber ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom Abendroth leise gerthet wurden. Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund, sich ber die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein durch und durch braver, rechtschaffener Mann und fr seine Gemeinde ein trefflicher Seelsorger; auerdem aber ein ernster, ja strenger und verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Auenwelt mied und nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das einzige Kind seiner frh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um lernen zu knnen, hatte er sich sehr wenig um sie bekmmert, und sie vllig der Sorge Frau Booland's berlassen. Das schchterne, kleine Mdchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot, wenn sie in seiner Nhe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nhe seiner Bcher verirrt. Als Esther jedoch lter ward und ihr Vater bemerkte, da in dem kleinen Krperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein Interesse fr das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewnscht, um auf ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu bertragen; nun hatte er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel Eifer und Erfolg, da ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mdchen mhsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther schon recht gelufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgrnden des Lateinischen, dem sich spter sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau Booland wenig Zeit brig zur Erlernung all' der weiblichen Knste und Kenntnisse, welche diese husliche Frau in der Erziehung eines Mdchens fr unerllich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe fr dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fnf Stricknadeln blieben ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte und nhte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit qulen, und die kleinen Dienste in Kche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie anzuleiten sich abmhte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich berflssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke hing oder drauen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken muten, und Kamm und Brste nicht mit der reinen Wsche Gemeinschaft halten durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden; fr alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr her lief, um wieder aufzurumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland bse werden und darauf dringen wollte, da die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann hatte Esther immer Nthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit fr dergleichen. Aber Tante, ich =mu= doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu bse! Bitte bitte, mache du es doch nur, das nchste Mal will ich es gewi thun! So hie es stets, wenn das kleine Frulein etwas vornehmen sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begrndet war, sondern nur immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim Vater fand die arme Frau fr derartige Klagen auch kein Gehr; denn dieser hatte jene wunderlichen Ideen ber Freiheit in der Erziehung, wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt aufwuchs. Sie soll mir ein tchtiges Frauenzimmer werden ohne weibische Faxen und Narrheiten! pflegte er auf Frau Booland's Klagen zu antworten. Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug! Jetzt lat mir das Mdel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser anwenden. So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und Beschftigungen eines Knaben, und krftig wie ihr Geist entwickelte sich auch ihr Krper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blhende Farben, noch besonders krftigen Krperbau besa, so war sie doch ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaen eine auffallend groe Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte, lief und kletterte wie der tollste Junge, und fr sie war kein Baum zu hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau Booland erschienen, das kmmerte Esther wenig, ihr thaten nie die Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie htte =sie= dazu Zeit gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen Ri, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schtzling lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer ber den bsen Bchern zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte, nahm Frau Booland des Kindes Strohhtchen vom Nagel, drckte ihr ihn auf die schwarzen Flechten und sagte: Basta fr heute, mein kleiner Fisch! Jetzt lauf' hinber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder hier, du weit, dein Vater liebt die Pnktlichkeit! Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie ein Pfeil sprang sie empor. Gewhnlich nahm sie noch einige Bcher unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber jagte sie wie ein Reh durch die Laubgnge ihres Gartens, und weiter hinaus ber die Dorfstrae, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt. Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur Pfarre bersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthr, und ein mchtig groer schwarzer Neufundlnder sprang laut bellend in langen Stzen ber Hecken und Zune, der kleinen Esther entgegen, die er fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder Knabe daher, der Esther frhlich anlachte. Dann faten die beiden Kinder sich an den Hnden, und lustig ging's nun zusammen in die weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nmlich den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause sa dann zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die Hand zum Gru entgegenstreckte, und dann verlie das kleine Mdchen ihren Spielgefhrten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern mit der Kleinen plauderte. Auch ein groer, freundlicher Herr kam dann wohl seitwrts ber den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten gesprochen oder in den Stllen nachgesehen hatte, und begrte das Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die schne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glckliches Familienleben herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein tglicher, gern gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, da stets ein Gedeck mit fr sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett fr sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther hier, so war auch Bertel tglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg hatte es bernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe neben Esther sein tglicher Schler. Bertel war zwei Jahr lter als Esther; das kleine Mdchen lernte aber so rasch und war so eifrig und ehrgeizig, da sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam hatte, und das waren fr Esther die herrlichsten Stunden. Die kleinen Gelehrten, nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wuten andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden. Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor, pflegte Bertel zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht auch that. Htte ihr junger Spielgefhrte angefangen, Seil zu tanzen oder Schuhe zu nhen, Esther wre ohne Zgern auch mit auf das Seil gestiegen, oder htte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel that es ja. Wenn sie frh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinber nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwhrend nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mute. Der Tag bestand fr sie eigentlich nur aus zwei Hlften: der, wo sie =mit= Bertel, und der, wo sie =ohne= ihn war. Die letzte Hlfte suchte sie immer mglichst abzukrzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages, die Zeit =mit= Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele zustrebte mit allem Denken und Fhlen. Und wie Esther, so ging es ihrem kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genu ohne seine junge Gespielin, und am liebsten wre er oft den ganzen Tag auf dem Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander. Man konnte nicht schner und liebenswrdiger sein, als es der schlanke Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und fr Esther aber war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schnen, Guten und Ausgezeichneten. Das dunkelugige und tief brnette Mdchen bildete einen ganz eigenthmlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines, mdchenhaft zartes Gesicht von einer Flle dichter blonder Locken umgeben wurde. Esther war kaum hbsch zu nennen; denn etwas scharfe, unregelmige Zge und die brunliche Haut htten sie wenig anziehend gemacht, wenn nicht die groen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze Flechten den kleinen Kopf umkrnzt htten. Und verschieden wie im Aeueren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament. Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr warmes Herz bestand harte Kmpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem uerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und einen weichen, fgsamen Sinn, der sich durch fremde Einflsse sogar allzuleicht bestimmen lie. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im Charakter des Knaben wurde durch die eigenthmliche Erziehung, welche der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und auer Esther besa der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken, mdchenhaften Krpers. Doch war er nicht so wild und ungestm als jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette. Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und besonders, wenn es galt, fr Bertel etwas zu thun, da gab es kein Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war fr sie schon in den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles bewegte, was sie dachte und that, und fr ihn schien ihr kein Opfer zu schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen Dingen legte sie stets fr ihn zurck; alles was ihm lstig oder unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem lteren Knaben mit ihren schwachen Krften Hlfe leisten konnte, that sie es ohne Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethterin an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz auer sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte. In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich vielmehr ber ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als ber ihr eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft geschah, fr die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft absichtlich in ihre nchste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel. Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause kommen. Esther wollte natrlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland aber lie sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde das Scharlachfieber bekommen, sie mge Esther's Zusammensein mit dem Kranken verhten, damit sie nicht angesteckt wrde. Esther war auer sich, da man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hrte, Bertel lge im Fieber, sie drfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und thrnenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dmmerung aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thr von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis sie sah, da die Wrterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer verlassen hatten; da huschte sie zur Thr hinein. Wirklich war in diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem leisen Jubelrufe strzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzcken die Arme entgegenstreckte. Nun bleibe ich bei dir, Bertel! sagte Esther, ihm das heie Gesicht streichelnd, ich halte es nicht aus ohne dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden! Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels Bett sa. Kind, sagte sie, Esther zurckziehend, wer hat dir erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du auch das Scharlachfieber bekommen? Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein, rief Esther und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau Booland herein, ganz auer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich fort nehmen. Esther aber weinte und strubte sich und wollte bei Bertel bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther flog auf ihn zu und bat, er mge erlauben, da sie hier bleibe. Frau Booland aber rief angstvoll: Nein, ich leide es nicht! Wenn du noch lnger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und mich trifft dann die Verantwortung fr deine Thorheiten. Gleich komm mit mir, ehe es zu spt ist! Es ist schon zu spt, Frau Booland, sagte der Arzt leise. Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der Krankheitsstoff bereits in sie bergegangen, wenn sie berhaupt dafr empfnglich ist. Ein lngeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zutrglich sein, Esther um sich zu haben. Frau Booland war leichenbla geworden, denn sie sah schon ihren Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber zu ndern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubni, auf dem Gutshofe zu bleiben und war glckselig. Sie wich nicht von Bertels Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war sie unermdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mute auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan. Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend krnker als Bertel, keine Klage kam ber ihre Lippen. Sie hatte es ja so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut! Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: Frau Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Strae; ich hre soeben von unserem Knechte, da sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe, Jagd auf ihn zu machen. Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr. Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mute. Wenn er nun von dem tollen Hunde nichts wute und ihm vielleicht gerade in den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum, er =mute= es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland den Rcken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten hindurch auf die Landstrae, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In athemloser Hast strzte sie vorwrts, damit sie noch auf dem Gutshofe ankam, ehe Bertel ihn verlie. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit ihm kam, wie gewhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser wrde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nhe war. Schon war Esther ber ein Stck jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdchtiges und rannte dem Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten konnte. Da pltzlich hrte sie es hinter sich schnaufen und rcheln, und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb ber den Kopf versetzen, war das Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber strzte in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufri und blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rsten, sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen waren: Ist Bertel noch zu Haus? Erst als er ihr selbst entgegentrat gab sie sich zufrieden und sank erschpft auf eine Bank im Hofe, sich den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und lie sich von ihr erzhlen, da der tolle Hund ihr ganz in der Nhe des Hauses begegnet sei, und whrend die Knechte hinauseilten, Jagd auf das unglckliche Geschpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein, sie mit Vorwrfen berschttend, da sie sich um seinetwillen solcher Gefahr ausgesetzt habe. Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: Daran, da =mich= der Hund beien konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schn um mich ngstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen. Nicht eher, als bis der Hund unschdlich gemacht ist! rief Bertel sie zurckhaltend. Da aber hrte man einen Schu in der Nhe, und gleich darauf kamen die Leute zurck und erzhlten, da man den Hund getdet habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. Daran ist der Schlag Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe, lachte Esther, und dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurck, die in Todesangst nach ihr ausschaute. -- So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von Liebe umgeben und glcklich durch stetes Beisammensein, vergingen ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Whrend der blonde Bertel zu einem schnen schlanken Burschen emporwuchs, war Esther noch immer das braune Mdchen mit den feurigen Augen und dunklem Haar; aber ihre Gesichtszge wurden weicher und anmuthiger, und mit ihrem schlanken, grazisen Krperchen war sie ein allerliebstes Mdel geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; bse freilich konnte niemand ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur Zufriedenheit der Ihren, und den kleinen Professor besonders, wie man Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermdlichem Eifer bestrebt, immer mehr zu frdern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb, denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mute man sich doch zu einer Aenderung entschlieen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing zu krnkeln und den Unterricht oft unterbrechen mute. Das Gymnasium der nchsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's Eltern schweren Herzens, den Knaben knftige Ostern dorthin zu geben. Das war das erste groe Ereigni in dem Leben der beiden Kinder. Sie hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so ferne Zeiten verschoben, da es wie ein entsetzlicher Donnerschlag ber sie kam, als sie erfuhren, da in wenig Wochen Hubert's Abreise erfolgen sollte. Ich gehe mit dir nach H.., sagte Esther entschlossen und stellte sich an Bertel's Seite. Vater hat gewi nichts dagegen; ich werde ja dann studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das wei ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel? Hubert sah das kecke Mdchen nachdenklich an. Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther, sagte er traurig, denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da pat kein Mdchen hinein. So ziehe ich Knabenkleider an, das ist kstlich, das habe ich mir ja immer gewnscht! jubelte Esther und klatschte in die Hnde. Aber deine langen Zpfe? sagte Bertel kopfschttelnd. O die schneide ich ab, rief Esther frhlich. Da habe ich doch endlich Ruhe vor Tante Booland, die frh Morgens immer so lange daran kmmt und flicht, da mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon laufe. Da sieh', das ist bald geschehen! Rasch ergriff sie eine Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da trat Frau Booland in das Zimmer und ri ihr die Scheere aus der Hand. Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder? rief sie heftig. Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen Zpfe nicht brauchen, entgegnete Esther, an den Flechten reiend. Mit auf's Gymnasium? sagte Frau Booland lachend. Nun damit hat es gute Wege, da la nur deine Zpfe in Ruhe, mein Kind. Mdchen kommen da nicht hin. Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich! rief Esther rasch. Tante Ihlefeld giebt mir gewi von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit kommen kann. Frau Booland fing herzlich an zu lachen ber Esthers Plne, die sie fr Scherz hielt. Als sie dann aber sah, da ihr junger Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und sagte leise vor sich hin: Im Stande wre sie's, glaub' ich. Das hat ihr Vater von =der= Erziehung! Als sie mit ihrem Schtzling dann am Abend allein im Schlafzimmer war, zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und freundlich: Mein liebes Mdchen, ich mu dir einmal etwas sagen. Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, da du den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz alledem =doch= ein Mdchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau; aber das, was sich schickt, besonders fr ein junges Mdchen, das du nun bald sein wirst, wei ich so gut als jede groe Dame, da folge mir nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und mu sich fr seine zuknftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mdchen hat einen anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er mu in die Welt, das Mdchen gehrt in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da pate sich alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mut du dir gefallen lassen. Fr junge Mdchen schickt sich vieles nicht, was sich fr junge Mnner schickt; so will es die Sitte, und ihr mssen wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang muten sich eure Wege doch scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen. Und nun sei verstndig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer. Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb? Esther hatte schweigend zugehrt, denn Tante Booland sprach selten so ernst und zusammenhngend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres Gesicht, denn ihr Eigenwille bumte sich arg in ihr empor; nach und nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr ber Stirn und Nacken. Sie bi die Lippen fest auf einander, wie sie immer that, wenn sie von einem neuen Gedanken berrascht wurde, sagte aber kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise ber das Haar strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thrnen aus und rief jammernd: Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben! Einmal mut du es lernen, Kind, es geht nicht anders, sagte Frau Booland sanft. Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen, und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt uns keine grere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen Bertel die Trennung leicht machen, wozu wrst du sonst seine brave, kleine Esther? Das kindliche Mdchen wischte sich entschlossen die Thrnen aus den Augen und lchelte zuversichtlich. Ich will ihm helfen, Tante! sagte sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen. Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und Kraft fr die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schlo der Schlaf ihr die mden Augen. Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Vernderung vorgegangen. Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zgernden Schritten, und ein brennendes Roth flog einen Augenblick ber ihre Stirn. Dann aber rief sie in ihrer alten muntern Weise: Ach Bertel, unsere schnen Plne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern Jungens wrden doch merken, da ich ein Mdchen bin, und dann bissen sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte, wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weit du wohl noch? Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte: Ich wute es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne euch alle, -- ich =kann= es nicht ertragen! Mit einem lauten Sthnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte so ungestm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Dicke Thrnen rollten auch ber ihr Gesicht, und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich bald empor, prete die Hnde fest aufeinander und sagte leise: Bertel, sei ruhig, einmal mutest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst du ja doch kein groer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich will stolz auf dich sein, und alle sollen es. Und nun malte sie dem Knaben in heiterer Weise aus, wie schn es sein msse, wenn er nun zu den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzhlen werde, wie er dort in der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine Kameraden sein wrden. Bertel hatte das Gesicht mit den Hnden bedeckt und schluchzte leise. Kameraden? rief er jetzt heftig. Sprich mir nicht von Kameraden! Bis jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt htte, und ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner! Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther aber sa strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar anderer Knaben, und wie viel schner er sein wrde, als alle anderen, und wie viel klger. Und doch war und blieb er =ihr= Bertel, ihr Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie allein, ach so trostlos allein sie sein wrde! Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen, unter dem sie saen und dessen Bschel noch kahl und ohne Knospen standen. Wenn die blhen, bist du wieder hier, Bertel, rief sie pltzlich und schttelte den Zweig. Ostern ist in diesem Jahr so frh, gerade zu Pfingsten wird dann alles blhen, Flieder, Goldregen, Schneeballen, alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt, Bertel, denn da kannst du gewi keine pflcken. Von den Erdbeeren aber und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und auch die Haselnsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus, oder _Primula veris_. Weit du auch noch, wie die braune Pflanze heit, die zuerst im Frhjahr auf der Wiese blht? Bertel's trbes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell geworden; jetzt lachte er und sagte: Ach was, Botanik ist einmal nicht mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich aber nicht bei deinem Vater. So komm, ich will dein Mentor sein, _Tussilago_ heit das Pflnzchen, mein kluger Herr, rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel verga seine trben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie schwer ihr die Trennung wurde, sonst wre er mit noch traurigerem Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich mit ihm: Sie blieb zurck in ihrem schnen Garten und traulichen Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drben den Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bcher, ihre Hhner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die Vgel im Walde drauen, alles blieb ihr, whrend der arme Bertel alles verlassen und allein hinaus mute unter lauter fremde Menschen. War es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, =sie= durfte Bertel nichts vorklagen! Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blsser, und ihre Augen blickten immer angstvoller um sich, je nher der Tag der Abreise kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren sollen; aber Frau Booland meinte, fr Bertel sei es besser, sie thte es nicht, und so blieb sie zurck, willig und sanft, wie sonst nie, wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam, da Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater aber verbarg Esther, da sie geweint, denn er konnte weinerliche Frauenzimmer nicht leiden. Es war gut, da er viel von der Schule und den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Gre er keine Idee hatte. Die einfache Frau Booland wute das besser, als der gelehrte Herr Pastor. Es waren traurige Tage fr Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise. Wohl hatte sie sich alles vorgefhrt, was sie an Glck vor Bertel voraus habe, da sie zu Hause blieb, whrend er unter fremde Menschen und Verhltnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fhlte sie erst, =was= sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie meinte immer, jetzt msse jemand kommen und sie wecken. War denn die Sonne nicht mehr am Himmel, da so wenig Glanz ber Garten und Wiese lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so frhlich durch den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bcher, wie langweilig sahen diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu frh, jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war so de in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundlnder sah so traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise sagte: Ach Hektor, unser Bertel ist fort! Hubert war jetzt unter eine ziemlich groe Zahl von Pensionairen aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten. Der zarte, scheue Knabe fhlte sich anfangs unsglich unbehaglich unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren Schlern er einer der jngsten war, kam er sich wie verloren vor; denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das, als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier waren einige so kluge, eifrige Mitschler in der Klasse, da galt es fleiig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und mute er, das war ohne Frage. So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und verga dabei, wie einsam er unter den vielen Mitschlern dastand, denen er sich, wie es seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschlieen mochte. Aber dieses Abschlieen reizte die andren Knaben zu Neckereien und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdru. Man gab ihm allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttershnchen, Blondel, Mehlweichen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln. Bertel that, als merke er nichts und kmpfte seinen Aerger tapfer nieder; denn ihm war aller wste Zank und Lrm in der Seele verhat. Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstberwindung fr Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft alles erlauben zu knnen. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren, sahen, wie freudig er denselben las. Von wem ist der Brief? fragte Franz Reichard. Von Esther! entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter. Esther? Wer ist Esther? forschte Franz weiter. Ist das eine Schwester von dir? Nein doch, la mich in Ruh'! Esther ist -- nun Esther ist Esther! sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rcken. Esther ist Esther! Eine schne Erklrung! rief dieser spttisch. Du, Walter, fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden verstndnivoll zu, weit du schon, Jungfer Bertel ist mit einer alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Knigin Esther heit seine Coeurdame. I was tausend, Mehlweichen! rief Walter. Du bist ja ein Mordskerl! Und ein Jdchen hast du zur Freundin? Da heit's wohl: Ihrer Augen schwarze Kohlen Haben mir das Herz gestohlen? Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, la doch 'mal sehen, was die schwarzhaarige Schne dir schreibt! Und dabei blickte er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde dunkelroth vor Aerger, bekmpfte seinen Verdru aber und sagte nur, sich rasch abwendend: Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und keine Jdin. Unwillkrlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jdin alle Ehre gemacht htten, und er achtete bei diesem Gedankengange so wenig auf seine Umgebung, da er nicht bemerkte, wie Franz sich herbeischlich und pltzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that. Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen groen Ri. Nun aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: Wart', das sollst du ben! flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, fate ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der strksten Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heier Kampf entspann sich, denn Franz war strker als sein Angreifer; Bertel aber besa trotz seines zarten, schlanken Krpers eine groe Zhigkeit und Gewandtheit, und mit Vorsicht wute er sich stets gegen alle Angriffe zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen. Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen! rief er mit funkelnden Augen. Ich dulde eure Flegeleien nicht lnger, da ihr es nur wit. Wer mich nicht in Ruhe lt, dem zeige ich, da ich Fuste habe. Und damit schlug er auf den groen Burschen so tapfer los, da es schallte, und Walter ganz verblfft daneben stand. Franz knirschte vor Aerger, konnte sich aber nicht rhren, und da er ein weicher Junge war trotz seiner groben Glieder, so bat er schlielich himmelhoch, Bertel mchte ihn loslassen, er versprche auch alles, was er verlange. Hubert sprang auf und lie ihn frei, Franz aber schttelte sich, strich sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. Du hast mich gut verarbeitet, Bertel, sagte er sthnend und reckte seine langen Glieder. Bis jetzt dachte ich, du wrst feige, weil du dir alles gefallen lieest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schlieen? Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zgern die dargebotene Hand. Recht gern, Franz, sagte er herzlich, mir soll's recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit. So hatte die Schlgerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie vortreffliche Frchte. Bertel hat den Franz gezwungen! hie es bald in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war fr einen tchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden. Niemand hielt den blonden Bertel ferner fr einen Feigling und wagte ihn bswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem lteren Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jngeren in allen Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schler mit immer wachsender Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch eine neue Freundschaft schlo? Lange aber hielten solche Gedanken nicht vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter so viel Schlern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschlieen? Esther blieb ihm ja doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von selbst. -- Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief veranlat hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glhte vor Wonne und Stolz, da ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, da =sie= der Anla zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wute selbst nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, da Bertel gerade in Folge davon, da sie es war, die jenen Kampf veranlat hatte, von jetzt an sorgfltig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er frchtete abermalige Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche fr die Knaben durch jene Schlgerei einen geheimnivollen Reiz erhalten hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und wenn er Esther auch nicht vllig verleugnete, so wnschte er doch, die Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden. Mdchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in Gedanken! entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden in Anspruch genommen wurde, da er seiner kleinen Esther gar nicht gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht pltzlich wieder schwer auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen Brief, erzhlte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben und Treiben, da Esther voll Entzcken ihres lieben getreuen Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhltnissen nicht vernachlssigte. Sie wollte ihm auch zeigen, da sie seiner in treuer Anhnglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche Handarbeiten mhte sie sich jetzt hufig ab, um fr Bertel irgend etwas anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mtzen mit roth und silbernen Bndern, und wenn das Band besonders schn war, so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Bltterchen. Eine solche Mtze hatte Bertel sich gewnscht, und Esther sa nun mit eiserner Geduld und nhte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern unermdlich Blttchen um Blttchen, so sauer ihr auch die ungewohnte Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nchsten Geburtstage prangte die Mtze unter Bertels Geschenken, die ihm nach der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther die gewaltige Mhe, und von nun an war sie immer mit irgend einer Arbeit fr ihren kleinen Freund beschftigt, zur stillen Freude Tante Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu gro wurden. Aber gut war es, da Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht neuen Neckereien auszusetzen. Die Mtze machte den Anfang. Als seine Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mtze. Wer hat dies gestickt, Bertel? fragte er neugierig. Bertel wurde roth und wandte sich ab. Deine Mutter? forschte Franz weiter. Ja! sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gesprch an. Aber die Lge brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschler zu trotzen. Sie wrden mir nimmer Ruhe lassen, und ich knnte die Mtze nie tragen ohne gefoppt zu werden! rechtfertigte er sich vor sich selbst; aber gegen Esther htte er diese Untreue nie eingestehen mgen. Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er sich schlielich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben. * * * * * Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden. Die wilde Hummel, wie man sie im Hause nannte, sa jetzt oft stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer kleinen huslichen Beschftigung helfend. Nur manchmal sprang sie pltzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinber nach dem Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurck. Aber selten nur sprach sie es aus, wie unsglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: Ein Junge kann nicht ewig mit Mdchen spielen, er mu fort und lernen, wenn er ein Gelehrter werden will. Am liebsten hrte sie es, wenn ihr Vater ber Bertel sprach. Jetzt, nachdem sein Schler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es auszusprechen, wie groe Erwartungen er von Bertel hege, und was er fr ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten fr Esther allen Reiz verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, da ihr Vater, durch krperliche Leiden belstigt, diese Stunden jetzt sehr beschrnkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte, wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befhigte, dann war sie eifrig und fleiig; und so verging ihr manche Stunde mit Vorlesen griechischer oder lateinischer Bcher, mit Nachschlagen oder Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb fr Esther jetzt viel mehr freie Zeit brig als frher. Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden! sagte Frau Booland oft still fr sich, wenn sie ihres Zglings hufige Musestunden mit Behagen bemerkte. Jetzt kann man doch mit gutem Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen. Aber der Geschmack an diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, da ein Kind in spteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von frh auf angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber, als stricken und nhen oder sonstige weibliche Beschftigungen; die Arbeit fr Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmglich zu ihrem Herzblttchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht allzusehr zu qulen. Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie einmal verstndiger ist, trstete sie sich selbst, ich kann ihr die liebe Jugend unmglich dadurch verbittern. Und so blieb alles so ziemlich beim Alten. Da brachte der Winter ein schweres Leid ber die Bewohner des Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagflu zur Hlfte gelhmt und war unfhig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu denken. Nun aber zeigte die wilde Esther pltzlich, da ein braver Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermdlich den hlflosen Vater und bernahm Geschfte, welche ihr bis dahin unertrglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst am Heerdfeuer, um ein Gericht zu berwachen, das sie ihm nach Frau Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprnge und das ungestme Davonstrmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des Vaters sah, der htte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Hnden still neben dem Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thrne stahl sich dann in ihr gutes Auge. Gott segne und schtze das arme Herzchen! sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkrlich schweiften ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft. Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begrndung finden. Statt der Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das frh verwaiste Mdchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an das treue Herz, das ihre Kindheit behtet und bewahrt hatte. O Tante Booland, rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven Frau vom Friedhofe zurckkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, nicht wahr, du verlt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen kleinen Esther? Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's der liebe Gott nicht anders bestimmt, sagte Frau Booland sanft und streichelte die Wange des Mdchens. Dabei aber flogen ihre Blicke unruhig und sorgenvoll hinber nach dem Gutshofe, und eine erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so da sie zum ersten Male im Leben selbst bei ihrer Nharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr sie oft empor, als hre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf fhrte. Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum Aeuersten; denn sie hrte drauen im Hofe Schritte und sah gleich darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten. Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden Huser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besa wirkliche Hochachtung fr ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten Manne eine kleine Scheu nicht berwinden konnte, ehrte in demselben den wrdigen Geistlichen und langjhrigen Freund. Beide Gatten aber waren vom tiefsten Danke beseelt fr die treue Liebe und Hingebung, mit welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war. Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe geno, konnte man doch bemerken, da Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas Zurckhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten. Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und ihre Freundlichkeit glich nur zu hufig der Gunstbezeugung eines Hheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer Demuth klagte sie nie ber derartige Krnkungen. Der Pfarrer bemerkte dergleichen Schwchen bei seinen Freunden kaum, oder lchelte nur im Stillen darber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um dergleichen zu empfinden. Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau Booland gesagt: Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben, dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von selbst. Aber in welcher Weise dies geschehen wrde, darber sprach sie sich nie weiter aus, und so war es natrlich, da Frau Booland der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der sie mit wirklich mtterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte es fr Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger Geschftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftstrumen fr ihren jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thrnen dabei ber das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst ber solchen Egoismus, der noch an das eigene Glck neben dem der geliebten Esther denken konnte. Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen mute, da Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein zurcklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der gewhnlichen hflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur whrend der Krankheit Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe hufiger besucht, um Esther ihre Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch. Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause gekommen. Whrend die beiden Kinder nun in Esthers Stbchen beisammen waren, und Bertel seine junge Freundin zu trsten und zu zerstreuen suchte, sa im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland gegenber und sagte nach einer kleinen Pause, whrend welcher das Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hrbar klopfte: Meine gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, da nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge fr dessen Tochter mein und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig, der unserem Sohne ein so treuer, vterlicher Freund gewesen ist. Wir haben vielfach nachgedacht, was fr Esther wohl das Beste sein mchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so mte sie noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen mu, nicht gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei der Eigenthmlichkeit Esthers wrde sie ein solcher Aufenthalt sehr unglcklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wre, sie zu uns in das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein armes Mdchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung. In unserem Hause aber wrde sie sehr verwhnt werden, wrde Ansprche lernen, welche fr ein Mdchen brgerlicher Herkunft und ohne Vermgen nicht passend wren. Und doch wrde es, glaube ich, krnkend fr sie sein, wollte ich, um diese Uebelstnde zu vermeiden, ihr eine untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen. So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken, in dem sie mit dem mtterlichen Vermgen, welches ihr geblieben ist, eine bescheidene selbstndige Existenz finden kann. Sie, meine brave Frau Booland, wrden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Frsterei liegt, und ein Stckchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hrt, da es Bertels Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird fr Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut, unser braver Sohn, und mchte jedem eine Freude machen, und wir kommen seinen Wnschen immer gern nach, wenn es mglich ist. Ich denke, Esther wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mdchen und wird es hoffentlich auch stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich mit ihr ber diese Sachen sprechen kann. Frau Booland war froh, da sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen; denn in ihr jagten und berstrzten sich tausend Gedanken und Gefhle, und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus. Gott sei Dank, da ich fort konnte! sagte sie tief aufathmend und legte die groe Hand wie beruhigend auf ihr weies Brusttuch. Ist das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie fr das arme, herzige Kindchen; aber mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Fe soll sie ihnen wo mglich dafr kssen, und da sie sich nur ja nicht etwa untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dnken! Und da mu Bertel erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur, um ihm einen Wunsch zu erfllen, sonst htten sie es sicher gar nicht gethan. Nun Gott sei Dank, da es so gekommen ist, da kann ich doch bei meinem Herzblttchen bleiben! Mir konnte ja kein greres Glck passiren. Aber fr Esther! Nein, nein, auch fr Esther ist es besser so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmthig das Brgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwrdigen mchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschpfchen, meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll die etwa Kammerjungfer der gndigen Frau werden, damit sie nur nicht vergit, da sie kein =von= vor ihrem Namen hat und also nicht werth ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Fe unter den Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer, da wollte ich mir lieber die Hnde abarbeiten, um dich vor solcher Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den Sohn herzuschicken Tag fr Tag, da er von unserem Herrn Pastor die schnsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen kein Ttelchen knnen trumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm, das nehmen sie von dem armen brgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr fr Jahr. Aber der Dank dafr, wenn er auch schlielich gegeben wird, hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von dem Geschenk haben, mir zhen Alten kann der Beigeschmack doch nichts mehr schaden. Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saen. Bertel hatte seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter Frau Booland erffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen Liebling mit freudig strahlenden Augen und glhenden Wangen an Bertels Seite sitzend, und voll Entzcken flog sie ihrer braven Pflegemutter entgegen und verkndete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland lachte mit ihr durch ihre Thrnen hindurch, dann aber fhrte sie beide Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu bemerken, da Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche sie allein Ansprche machen knne, pltzlich feuerroth wurde und heftig sagte: Mama, la doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hbsche kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist. Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gesprch ihres Sohnes; doch lchelte sie und sagte ausweichend: Schon gut, lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen Heimath fhlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen, das verspreche ich dir. Dabei kte sie das junge Mdchen liebevoll, und Esther weinte bald, bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie fr alle Liebe und Gte, die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glck und Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu mssen, in der Nhe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu knnen -- es war eine schne, beglckende Aussicht mitten in ihrer Trbsal, und sie gab sich diesem Glcke mit vollem Herzen hin. * * * * * So sehen wir denn mit dem beginnenden Frhjahr unsere kleine Esther als Bewohnerin eines hbschen, freundlichen Huschens, das rings von einem netten Grtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen die Huser des Dorfes und der Gutshof. In nchster Nachbarschaft steht das Haus des Frsters, und Esther sowohl als ihre treue Tante Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gste. Ein harmlos glckliches, friedliches Dasein erblhte fr Esther in dieser traulichen Huslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen, schnen, frhlichen Mdchen, das alle Menschen lieb hatten. Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schbig gekleidete, jdische Mnner. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von groen Verlusten, welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man den unglcklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief an seine Gattin sagte dieser, da sie am Bettelstabe wren in Folge unglcklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und da er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu berleben. Auch sie und seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglcklich gemacht, das knne er nicht mit ansehen. Dem Todten wrden sie eher verzeihen als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen. Es war ein furchtbarer Schlag fr die unglckliche Frau. Sie, die so stolz und erhaben ber all' denen gestanden hatte, welche sie umgaben, sie mute es nun ertragen, da man sie von ihrer Hhe strzte und sie hinausstie in die Welt, arm und hlflos wie das rmste Weib ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hnde ber, und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor der bittersten Noth zu schtzen. Wie verzweifelt irrte sie durch die wsten Zimmer des schnen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die hartherzigen Glubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so schnell wie mglich sich fr seine Verluste an dem hinterlassenen Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht bestattet, whlten doch schon fremde Hnde in seinen Papieren und versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe schmiegte sich weinend und zrtlich ein schlankes Mdchen. Es war Esther. Noch zitterte das Entsetzen ber die frchterliche Nachricht in allen ihren Gliedern; aber der unglcklichen Frau gedenkend kmpfte sie alle andern Gefhle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter Bertels Hlfe und Trost zu bringen so viel in ihren Krften stand. Und sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige Gte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche ihren ehemaligen Wohlthtern gegenber und konnte ihnen den Zins abtragen fr so viele Gte und Liebe. O wie glcklich machte sie der Gedanke, und mit welchem Entzcken erfllte sie diese Aussicht! Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung, und dann brach sie in einen Strom von Thrnen aus. Bis dahin hatte das Entsetzen ber das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thrnen und aller klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand erlsende Thrnen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wsten, unheimlichen Rumen, in denen so Schreckliches ber sie gekommen war, und fhrte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde. Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld, sagte Esther freudig. Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen, denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben bei uns? Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Hnden und weinte bitterlich. O Kind, Kind, schluchzte sie, Gott segne dich, du bist ein braves Mdchen! O, was wird Bertel sagen! Und wieder brach das unglckliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere Schicksal zu erleichtern. Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche Schicksal mitgetheilt, das ber ihn und seine Mutter hereingebrochen war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel wenigstens so weit zu beruhigen, da er der Mutter gegenber seinen Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglcklicher zu machen. Esther hatte mit groer Umsicht dafr gesorgt, da Hubert bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Huschen fand das erschtternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier bereitete Esther auch fr Bertel die Wohnung. So klein das Haus war, die unteren Rume gengten fr sie und fr Tante Booland, die oberen aber gehrten Frau von Ihlefeld und Bertel. Ein ganz neues Leben begann nun fr unsere Esther. Sie hatte die Sorge fr zwei geliebte Wesen bernommen, das forderte all' ihre Krfte heraus sowohl des Geistes als des Krpers. Die Mittel zum tglichen Unterhalt waren sehr beschrnkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus den Trmmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest. Und doch galt es, die arme verwhnte Frau nicht allzuschmerzlich fhlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien nicht unterbrechen mute. Und doch besa Esther nur das kleine mtterliche Vermgen, welches gerade fr ihre eigenen bescheidnen Bedrfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, fr Bertel und dessen Mutter zu sorgen, und nun mute sie auch die Mittel dazu finden. Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante, sagte sie entschlossen zu Frau Booland, als diese bedenklich hin und her berlegte, wie man sich einzurichten habe. Bis jetzt habe ich dir und andern berlassen, fr mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen wir gewi manche Ausgabe. Fr fremde Hlfe drfen wir jetzt nichts mehr bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die Hnde besser rhren als bisher. Wirklich fing das junge Mdchen jetzt mit energischem Entschlusse an, sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschfte anzunehmen. Nur die groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten berlie sie einer jungen Magd, bei allen andern Geschften in Kche und Haus aber und allen Arbeiten der Nadel stand sie der fleiigen Frau Booland jetzt unermdlich zur Seite. Die frhe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thtigkeit; denn frh mte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was sie bernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wsche Bertels und seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete, das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten einmal bernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther frherer Tage, welche leichtsinnig alle Mhe des Ordnens und Aufrumens ihrer nachsichtigen Pflegemutter berlie, sie trippelte schon von frh ab geschftig im Hause herum, fr Tante Ihlefeld alles fertig zu machen, was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschftig rumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte; denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kmmte ihr das schne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der verwhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfllte, der Gedanke, da ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von Ihlefeld einnehmen knnte, das war jetzt etwas so Selbstverstndliches geworden, da auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich, unter wie andern Verhltnissen geschah es jetzt! Es ist wirklich ein Prachtmdel, die Esther! dachte Frau Booland eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, brunliche Gesicht ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glhte, whrend es sich ber einen feinen Kuchenteig bckte, zu dessen Bereitung ihre Pflegemutter sie angeleitet hatte. Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Fr sich selbst htte sie nie einen Finger gerhrt und lieber nie einen Bissen Kuchen gegessen, wenn sie ihn htte selbst backen sollen. Aber wen sie lieb hat, fr den thut sie alles und ginge durch's Feuer. Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen frh mit dem Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe! rief Esther frhlich. Dem Bertel mchte ich auch davon schicken, er it ihn auch so gern, und eine kleine Freude wrde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen. Meinst du nicht auch, Tante? Gewi, mein Goldkind, thue es nur! entgegnete Frau Booland. Aber streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist unntz und Butter ist theuer. Esther blickte betroffen auf. Da ist wohl eigentlich mein ganzer Gedanke unklug gewesen, Tante, sagte sie nachdenklich. Kuchenbacken kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir mssen ja sparsam sein. La nur, Kind, beruhigte Frau Booland, du wolltest der gndigen Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder ersparen. Tante, was meinst du! rief Esther, ich werde mir den Kaffee abgewhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparni. Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weibrodchen knnen wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt, und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was knnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwhnt, liebste Tante, da ich gar nicht wei, was entbehren heit. Und doch wre es mir eine so groe Wonne, fr Tante Ihlefeld und Bertel mir =recht= groe Entbehrungen aufzuerlegen. In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge, welche sie als unntz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode, bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei berflssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen: das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am Kragen wurden fr festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die seidene Schrze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Ri ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte sie jetzt mit ngstlicher Sorgfalt darber, ihren Anzug zu schonen, damit er um so lnger hielt und die Ausgaben fr neue Sachen erspart blieben. Was sie aber Schnes oder Zierliches besa und geschenkt bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser ein Lcheln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte die blhenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmckten, hinauf in das Stbchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche sie mit dem Frhstck auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und ihren eigenen zierlichen Nhtisch davor. Gestickte Kissen und Fubnke, ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie herbei, die Wohnung freundlich auszuschmcken, und selbst ihr zahmer Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Pltzchen und zwitscherte der traurigen Frau seine frhlichen Lieder zu, als wollte er auch helfen ihre trben Gedanken zu verscheuchen. Frau von Ihlefeld dankte Esther fr diese liebende Sorge mit wehmthigem Lcheln und thrnendem Auge. In der ersten Zeit, welche ihrem Unglck folgte, war sie wie betubt von dem entsetzlichen Schlage und unfhig, fr sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers Liebe fr sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie, selbst zu sorgen und zu berlegen, in welcher Weise sich ihre und ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles fern gehalten, was die Sorge fr das tgliche Leben betraf, und hatte der zarten Frau nie Einblick in seine Geschfte und Unternehmungen gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt hlflos ihrem Schicksale gegenber. Nahe Verwandte besa sie selbst nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden. Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hlfe und Rath von ihnen erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, da auch diese Verwandten durch den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von Ihlefelds Stolz strubte sich unter diesen Verhltnissen auch dagegen, von denen Hlfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zrnen muten, und so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz. Von Esther Opfer anzunehmen, krnkte sie nicht; denn sie fhlte nur zu sehr, da es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu allem antrieb, und so war und blieb das junge Mdchen nach wie vor die einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau. Das Verhltni zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den frheren Umstnden nie der Fall gewesen wre, und auch die brave Frau Booland hatte jetzt keinen Grund mehr, sich ber den Stolz der gndigen Frau zu beklagen. Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von Ihlefeld dieselbe jetzt im Franzsischen, was Esther bei ihrem Vater nicht gelernt hatte. Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch brauchst, mein Kind, sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon um ihrer Lehrerin willen. So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und nach. Bertel war seit dem Unglcksfalle stiller und ernster geworden und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. Ich habe jetzt keine anderen Hlfsquellen mehr im Leben, sagte er zu Esther, als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm wegen des zu groen Fleies Vorwrfe machte. Aber Gott wei, fgte er dster hinzu, ob ich berhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein Geld dazu! Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das Gesicht. Es =mu= dazu da sein, Bertel, entgegnete sie fest. Bertel sah gedankenvoll vor sich nieder. Esther, sagte er tonlos, meine Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich wei, du entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht. Es =mu= aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mut du, rief Esther abermals entschieden. Und was meine sonstigen Ausgaben betrifft, darber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine Schwester, Bertel? Und wrdest du nicht dasselbe fr mich thun? Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. Du hast recht, sagte er nach einer Pause, von niemand anderm wrde ich solche Opfer annehmen, von dir thue ich es mit Freuden. Esther blickte ihren jungen Freund mit glcklichem Stolze in das feine Gesicht. Leider bin ich ja kein Junge wie du, sagte sie nachdenklich, und kann nicht mit dir studiren; da mut du es nun fr uns Beide thun. Damit ich mein Schrflein aber auch beitrage, arbeite ich nun fr dich, dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist, wo du studiren sollst. Bertel war von jeher so daran gewhnt, Esther in allen praktischen Dingen fr sich eingreifen zu lassen, da er auch jetzt sich vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines Mdchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder lstig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rhrige Esther griff berall zu. War fr die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte zu spitzen, Tinte einzugieen oder Linien zu ziehen, immer war Esther die geschftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnssesuchen sich das Haar zerzausten, so wute Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wstem Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. Esther wird schon helfen, das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner Kindertage, und Esther wird schon helfen, so hie es auch jetzt, das verstand sich ganz von selbst, darber brauchte Bertel sich keine Sorgen zu machen. * * * * * Esther stand nach diesem letzten Gesprch lange am Fenster und war in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu berlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, da sie es versprochen hatte. Es war Dmmerstunde und die Abendglocke lutete im Dorfe. Esther trat mit Hut und Tuch unter die Hausthre und sagte zu Frau Booland, welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: Ich will der Frau Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald wieder. Und rasch eilte sie die Dorfstrae hinab dem Pfarrhause zu. Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann, der sich Esthers sowohl, als der unglcklichen Frau von Ihlefeld sehr thtig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft geschlossen. Gern weilte das junge Mdchen denn auch jetzt noch in dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei Knaben und ein Mdchen, hingen mit groer Liebe an Esther und empfingen dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mdchen verschmhte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen anzuschlieen. Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau Pastorin und den Kindern nur flchtig guten Abend und eilte auf das Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem Zimmer auf und ab. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie stre, Herr Pastor, sagte Esther eintretend, aber ich mchte Ihnen heute eine groe Bitte vortragen, die ich nicht aufschieben darf. Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stren mich nicht, entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mdchens Hand ergriff und sie nach dem Sopha fhrte, wo er sich erwartungsvoll neben sie setzte. Lieber Herr Pastor, sagte nun Esther etwas zaghaft, Sie sagten mir, da Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Shnen erziehen und unterrichten lassen wollen. Haben Sie fr diese schon einen Lehrer engagirt? Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen vorschlagen? entgegnete der Pfarrer. Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst! sagte Esther errthend. Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen? erwiederte Jener lchelnd. Sie wissen vielleicht, da mein Vater mich im Lateinischen und Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfltig unterrichtet hat, sagte Esther nun muthig aufschauend. Ich bin genthigt, mir jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermchte ich das doch wohl am besten. Aber bei Mdchen knnte ich nicht Erzieherin oder Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie wrden mich unendlich glcklich machen, wollten Sie den Versuch wagen, Herr Pastor. Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. Mein liebes Kind, sagte er sanft, es ist eine Riesenaufgabe, fr welche Sie, ein Mdchen, sich melden. Abgesehen davon, da ich bezweifle, Ihre Kenntnisse wrden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein Spa; ein zartes Mdchen ist dem nicht gewachsen. Ich bin kein zartes Mdchen, Herr Pastor, sagte Esther lachend, mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen. Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und wrde mit den Jungens sicher auskommen. Der Prediger sah von Neuem berrascht in Esthers flammendes Auge, und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf ihren Lippen ruhte. Er schttelte nun lchelnd den Kopf und sagte: Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer mu sich aber erst einer Prfung unterziehen. Natrlich, ich bitte dringend darum, entgegnete Esther rasch. Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind, rief Pastor Krause und holte Bcher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an, ihn aufs Aeuerste zu interessiren. Er lie nun Esther lesen und bersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie, lie sich kleine Vortrge ber allerlei wissenschaftliche Gegenstnde halten, und schlielich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm whrend dieser Prfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als er endlich Esther entlie, reichte er ihr die Hand und sagte ernst: Sie haben mich wahrhaft berrascht, Esther. Ich wei nicht, was ich mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres =Wissens= die Knaben Ihnen berantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter berlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter davon. Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause uerst herzlich entgegen und sagte: Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der Stelle. Ich habe noch viel ber Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind der Sache gewachsen. Alles, was ich ber Sie gehrt, zeigt mir, da Sie ein Mdchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Brschchen fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite. So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Shnen des Pastors ihre Schler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte einige Stunden bernommen, die brigen aber gab Esther. Die Knaben machten zwar Anfangs groe Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin, bald aber bekamen sie den hchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, da sie im Unterricht eifrig und tchtig war, sie verstand auch, die oft unbndigen, bermthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten. Gerade da sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge gemacht hatte, schrfte ihren Blick fr die Streiche ihrer Zglinge, die oft ganz verblfft waren, wie schnell Esther ihre Plne und Absichten durchschaute. Fr sie selbst aber erschlo sich eine reiche Quelle der Freude durch diese Thtigkeit, und lehrend lernte sie selbst alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedchtnisse entschlpft war. Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr aus ihrer Lehrerthtigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in Jahresfrist fr Bertel gesammelt hatte. Du gutes Kind, welche Opfer bringst du! seufzte die Wittwe traurig. Wenn ich selbst doch nur nicht so gnzlich aller Mittel beraubt wre! Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann ausstehen hatte, wrde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung ist sicher vergebens. Eine Schuld, liebe Tante? fragte Esther erstaunt. Warum fordern Sie dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner? Das ist ja eben das Unglck, entgegnete Frau von Ihlefeld klagend. Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen ist der Schein verschwunden, der die Schuld besttigt. Ein Vetter meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorscho. Ich selbst war dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber hingekommen ist, wei ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders nachdem die Nachricht vom pltzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern htte meinen unglcklichen Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war, hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern. Und so ist alles Wnschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren. Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante? fragte Esther. Ein Kaufmann in Sdfrankreich, in Nmes glaube ich, entgegnete Frau von Ihlefeld. Er heit Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne de Villemaud. Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld? forschte Esther. Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet, und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen ber seine Verhltnisse unmglich gemacht, sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. Herrn Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht vorzeigt. Aber whrend wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekmmerte. Ich ahnte ja nie, da mit dem unseligen Gelde so viel Glck und Frieden zu Grunde gehen knne. Esther suchte das Gesprch auf einen anderen Gegenstand zu lenken, denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hnde bergegangen. Wenn der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war er unwiederbringlich fr Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch welcher Besitz wre fr Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wre der Schein nur irgendwie zu finden gewesen, so htte Herr von Ihlefeld in seiner Noth und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das Verschwinden des Scheines war eben ein Unglck wie alles andere, was ber die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran zu denken. -- Jetzt bezog Hubert die Universitt, und Esther bergab ihm mit freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schtze. Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther, sagte Bertel, die Summe freudig annehmend. Ich kann dir nicht besser danken, als indem ich alle meine Krfte opfere, um das schne Ziel zu erreichen, das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich wei, mein Glck ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne Zgern an. Gott segne dich fr alles, was du an mir thust, Esther! Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mhen und Opfern Esthers nicht ganz einverstanden erklrte, war Frau Booland. Sonst fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber die jetzige Thtigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. Das arme junge Blut qult sich da Tag fr Tag mit den wilden Jungens ab, statt ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genieen, sagte sie eines Tages in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin Krause. Ihre Shne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich selbst bin wohl mit daran Schuld, da der Herr Pastor dem braven Kinde das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn, besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemht hatte, und er mich ber das Kind ausforschte. Aber lgen kann ich einmal nicht und we das Herz voll ist, de geht der Mund ber. Aber jetzt geht er mir auch wieder ber, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und Gott wei, ob ihr all' ihre Mhe und Qulerei einmal ordentlich gedankt wird; denn wenn das Unglck die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich gebeugt hat, die gndige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine Fuzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und bleibt halt eben Brgerblut, das aber erkennt =die= Frau nie fr Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr fr sie thte. Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie trsten, entgegnete die Pastorin. Nein, =stolz= ist der nicht, das mu wahr sein! sagte Frau Booland den Kopf erhebend. Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch nicht. Alles was Esther fr ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstnde sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frgt auch weiter nicht danach, =was= Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht zu machen. Das Mdchen ginge mit Freuden fr ihn durch das Feuer, und er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen htte, wrde er sie auch ruhig gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewi; aber immer nur, wie man einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen an schon fr den hbschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein stilles Feuer das ganze Mdchen durchglht, davon hat der junge Herr keine Ahnung. Ach ich wei es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmdchen verdiente ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich hrte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab; es war so recht bezeichnend. Ich wei, Esther, sagte Bertel, mein Glck ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an. Nun ja, =mein= Glck ist auch das =deine=! Da liegt's. Aber ob =ihr= Glck auch das =seine= ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die Zukunft kann es lehren. Legen wir alles in Gottes Hnde, meine liebe Frau Booland, sagte die Pastorin trstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thr sie ihr Goldkind, wie gewhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete. Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thtigkeit, da rief sie eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. Meine liebe Tochter, sagte er freundlich, Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten whrend der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tchtigkeit ausgefllt, so da Sie stolz auf Ihre Schler sein knnen. Aber jetzt mu ich das Amt leider aus Ihren Hnden nehmen, denn die Knaben sollen auf das Gymnasium in der Stadt, fr dessen Oberklassen sie jetzt reif sind. Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen, mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten, einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage, ob der Lehrer nicht ein junges Mdchen sein knnte, welches so viel Kenntnisse besitzt, da sie meine Shne zum Gymnasium vorbereitet htte, erhielt ich eine Antwort, welche sich auerordentlich erfreut ber solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie, liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen wird: man wnscht, da Sie auch fertig franzsisch sprechen. Doch auch das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner Frau hat eine franzsische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige grere Summen, die Ihnen in England zuflieen werden. So denke ich, sind die Wege gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht? O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor, rief Esther, welche jetzt wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand Pastor Krauses. Verzeihen Sie mir nur, da ich nicht augenblicklich mit Entzcken aufjuble, sagte sie und eine Thrne glnzte in ihrem Auge. Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu bengstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor! Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen, das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber mu ich zuerst mit Tante Booland sprechen, frher kann und darf ich nichts bestimmen. Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther gefrchtet hatte. Muthig bekmpfte das brave Weib allen Jammer ihres Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mute, nur um Esther den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr alle diese Plne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So berraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich. Ich bin froh, da du einmal ein Stckchen von Gottes schner Welt sehen sollst, meine kleine Esther, sagte Frau Booland heiter. Hier in unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon auf dich, da wirst du eine schne, vergngte Zeit verleben, und was die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein Bischen von der groen Welt kennen, das ist auch gut, und fr alles andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland wird dir dein Huschen indessen gut versorgen, da du jeden Augenblick wieder in dein warmes Nest zurckkommen kannst. Mit bsen Gedanken ber die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unntz schwer machen, mein Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus Wachs oder aus Marzipan gemacht. Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu berwinden, mit welcher ihr junges Herz noch viel schwerer kmpfte. Ihren Bertel sollte sie verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die Welt; denn fr wen sonst htte sie diese Opfer gebracht, fr wen sonst das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mgen? Nur damit ihr junger Freund sorglos und unbekmmert seinen Studien obliegen, noch Jahr fr Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne fr sein tgliches Brod sorgen zu mssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete, schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese Plne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige, was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zgen genossen Beide noch einmal das Glck ihres Beisammenseins. * * * * * So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor Krauses bis zur nchsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen Sden weiter fhrte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden, die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen Eindrcke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast berstrzten, die Schmerzen des Abschiedes. Die groen Stdte, in denen sie bernachteten, erregten ihr Staunen und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majesttischen Huptern, auf denen Eis und Schnee lagerte, whrend saftig grne Matten und Wlder die Vorberge deckten, und unzhlige Ortschaften wie Spielzeug auf der Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzcken, und ihr junges Herz gab sich rckhaltlos den Eindrcken hin, die sie bestrmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau zu ihren Fen ruhte, rings umkrnzt von kstlichen Bergen, grnen Fluren und lachenden Drfern, hoch oben alles berragend, aber die Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche fast immer ihren hchsten Gipfel krnt. Es war so namenlos herrlich, da Esther fromm ihre Hnde in einander legte und thrnenden Auges Gott dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fue dieser herrlichen Jungfrau, am Rande dieses kstlichen Sees sollte sie ja leben und Tag fr Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude und Wonne. Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straen gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem Thore mitten in einem hbschen Garten, da hatte man die schnste Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit groer Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut, als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge frhlicher junger Mdchen umgab sie frh und spt, und diese schienen sich frmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen. So fhlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glck und Behagen. Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr eifriges Bestreben war, die franzsische Sprache mglichst schnell und grndlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte, hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet, als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mdchen freilich wegen ihrer anderweitigen Beschftigungen wenig Zeit hatte widmen knnen. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige franzsische Bcher zur Lectre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, da sie diese Bcher bald selbstndig lesen konnte. Eines Tages wagte sie sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das lngst schon ihr lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und von ziemlich groem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die Worte: _A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur._ Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gesprch wieder in den Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung an jenen unglcklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk hinterlassen. Zerstreut lie Esther die Bltter des Buches durch ihre Finger gleiten und berblickte die Ueberschriften der Gedichte. Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und Esther schlug es gleichgltig auseinander, irgend ein abgeschriebenes Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung -- das zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein! Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe von fnfzehntausend Thalern bergeben; die Zinsen sollten zum Kapital geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern und alles in voller Ordnung und Richtigkeit. Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden. O welch ein Fund war das! Und wie gut, da der Schuldschein bis jetzt verborgen gewesen, sonst wre das Geld sicher auch noch verloren gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende! Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so sehnlich wnschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Flle der Gedanken, und lange sa sie sinnend und Plne schmiedend an ihrem Fenster. Zum erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschne Welt, die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf ber die Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glnzenden Abendhimmel hinein ragte, whrend der See zu Fen des Berges wie ein rosiger Spiegel blitzte und schimmerte. Und du, was willst du denn nun noch lnger im fremden Lande, fern von deinen Lieben? dachte Esther mit leuchtenden Blicken. Nun ist es ja nicht mehr nthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja mehr, als du in deinem ganzen Leben fr ihn zusammenscharren knntest. Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein kleines Waldhaus, dem schnsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher und Seen. Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau von Gautier in ihr Zimmer. Meine liebe Esther, sagte sie dann freundlich, obwohl Sie mir ein gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen mchte, so gebietet mir doch die Rcksicht auf Ihre Verhltnisse, von denen meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin eines Pensionates in Sd-Frankreich, in le Vigan bei Nmes, wnscht eine junge Dame fr ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen Sie Ihren Zweck, franzsisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere Verhltnisse kennen, was immer ein Vortheil ist fr jedermann. Aber besinnen freilich drfen Sie sich nicht lange; denn schon bermorgen will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natrlich gleich mitnehmen, denn fr ein junges Mdchen ist eine so weite Reise allein nicht sehr rathsam. Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen wollen, da es mit ihren Plnen jetzt berhaupt ein Ende habe und sie so bald als mglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als sie hrte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie pltzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade im entscheidenden Momente! Sd-Frankreich, Nmes, dahin sollte sie? Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte? Eine schriftliche Erfahrung konnte groe Schwierigkeiten bereiten, whrend man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mhe war vielleicht nthig, um an's Ziel zu kommen, wo persnliches Eingreifen rasch alles in Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem glcklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne Besinnen und Zgern wollte sie mit dieser Franzsin reisen, rasch dort in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst dann mit der vollen, glcklichen Lsung hervortreten. Zeit zum Fragen, ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz schweigen, bis alles glcklich erreicht war. Dann war die Freude voll und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der Heimath ziehen, beladen mit Schtzen fr ihren geliebten Bertel. Ein so unerfahrenes junges Mdchen, als Esther war, konnte wohl solchen Plan schmieden und auf dessen glckliche Ausfhrung rechnen. Welches nun aber die Erfolge ihrer Bemhungen waren, das wollen wir weiter sehen. Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ltliche und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther. Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe Gebude, Postwagen genannt, das sie ber die Grenze fhren sollte. Die Franzsin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin, welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz nehmen, als Mademoiselle pltzlich mit Schrecken bemerkte, da ihre Postbillets aus Versehen Pltze auf der Banquette bezeichneten. Mit aller Lebendigkeit einer Sdlnderin fuhr sie auf den sie begleitenden Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz phlegmatisch: Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen, andere Pltze aber gab's nicht mehr. La banquette war allerdings fr eine ltliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand sich in hchster Hhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr froh, seinen heien Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu vertauschen, kroch er vergngt wieder aus dem Wagen heraus und berlie der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei, und leicht wie ein Eichktzchen kletterte Esther die Sprossen empor, ihrer ehemaligen Turnknste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter Nachbar, und whrend Esther auf der schmalen Banquette sich's mglichst behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergngt hllte er sich in einen weichen Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft sehr willkommen war; er freute sich seines kstlichen Platzes. Eben wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. _Oh, la bonheur_, rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, Monsieur wollen den Hemmschuh fhren? Was Hemmschuh? rief dieser verwundert. Nun ja, das ist der Platz fr denjenigen, der dies Geschft bernimmt, sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der Alte ganz gemthlich als Sttze fr seine Arme benutzt hatte. Mit sehr saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigni hatte die ganze Gesellschaft der Auenkutsche einander nher gebracht; denn auch der Postillion auf seinem Sitz zu Fen Esthers nahm an der allgemeinen Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man ber Genf's holpriges Straenpflaster und berschritt endlich die franzsische Grenze. Esther war kindlich vergngt, von ihrem hohen Sitz aus die herrliche Gegend gemchlich berschauen zu knnen, und ihr alter Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein groer Naturfreund. Bald erzhlte er Esther, er sei eigentlich ein geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nmes. In Nmes? rief Esther hoch erfreut aus. O kennen Sie da vielleicht einen Herrn Richard? Richard? sagte Herr Martin nachdenklich. Welchen Richard, mein Frulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nmes. Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen Jahren gestorben ist, entgegnete Esther. Hm, da kann ich wirklich nicht dienen, sagte der Alte kopfschttelnd. Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen behlflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen. O Sie sind sehr gtig, rief Esther erfreut, das wre mir in der That sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn. Ich werde Ihnen die nhere Adresse des Herrn schreiben, mein Frulein, wenn Sie es mir erlauben, sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach nochmals ihre Dankbarkeit aus und fhlte ihr Herz sehr erleichtert, da sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und geno nun mit doppeltem Vergngen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise ihr darbot. Ueberall, wo whrend der Postfahrt der Wagen hielt, umdrngte eine Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hte hinhaltend mit dem Rufe: _Charit, s'il vous plat, charit!_ Esther mute bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Drfer zurckdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war. Der schwerfllige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der Eisenbahnstation Seyel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflgeln ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Drfern. Die Gegend bis Lyon war unendlich schn. Das reizende Thal der Rhone nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige Berge. Schumend und rauschend scho das Wasser der Rhone neben der Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und abrollend. Leichte Kettenbrcken schwebten hoch oben darber, und auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich terrassenfrmig unzhlige kleine Ortschaften. Es war uerst malerisch. Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige Straen. Prachtvolle Lden fesselten ihr Auge, und schne Quais, aber auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Huschen, hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft lieblicher: Maulbeerbume mit ihrem frischen, saftigen Grn deckten die Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstcke rankten ihre Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben ihre dsteren schlanken Zweige gen Himmel. Groe Heerden grauer und schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzhlige Maulesel hoben dazwischen ihre groen Kpfe empor, und abenteuerlich aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther htte wohl gewnscht, hier weitere Ausflge in die Umgegend machen und sich dies interessante Stck Land nher ansehen zu knnen; aber ihre Begleiterin drngte zur Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein, bis endlich am Abend Nmes erreicht war. Wie gern wre Esther mit dem freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte; ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin verpflichtet, und so mute sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie die mchtigen Trmmer einer alten rmischen Arena in die Luft hinein ragen; die Sulen des berhmten Maisen care warfen im Mondschein breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgnge umsumten einen freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht funkeln lieen. Esther eilte mit ihrer Gefhrtin an all' diesem Zauber vorber, denn ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch brachte sie nach dem kleinen Stdtchen le Vigan, das sie am Morgen erreichten. Obwohl es schon spt im November war, zeigte doch die warme Nacht, da man sich im Sden befand, und Esther athmete mit Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick dieses Stdtchens war uerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes zwar war hchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt selbst hatte graue, dstere, steinerne Huser, viele davon elend und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straen umher, und der Haupteindruck des Ganzen war berall Armuth, Koth und Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straen wenig lebhaft; aber als die Postkutsche hielt, sah Esther, da eine ganze Schaar junger Mdchen und Kinder den Wagen umringten. Kaum hatte Madame Bertin den Fu an die Erde gesetzt, so wurde sie mit lautem Jubel von dieser Schaar begrt, und es war gar kein Ende zu finden mit Kssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte; denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch ein Gelumpe unter diesen jungen Mdchen, und das sogar am Sonntage! Ueber groen Reifrcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe an den Fen, die im Straenkothe umherhpften, da das Wasser hoch aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mtzchen von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mulerchen und blendend weien Zhnen, und alle grazis und zierlich, vergngt und glckselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste. Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straenkoth von all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und gekt, als wre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mdchen und diese schmutzigen Hnde mit den schwarzen Ngeln nicht von sich zu stoen, und lchelnd mute sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein einziger Ri oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so groes Entsetzen erregt hatte. Was wrde sie wohl zu dieser jungen Schaar sagen! Aber trotz alledem mute man diesen lustigen, gutherzigen Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der Wohnung Madame Bertin's. Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man blickte. Hinter einer zerbrckelten Mauer versteckte sich ein altes steinernes Gebude, in dessen unteren Rumen die Pensionsanstalt sich befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fubden in allen Zimmern, finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern, und unbehaglich dstere Mbel berall -- das war der Anblick, der sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche aber auch von Staub berzogen waren und sich berhaupt wohl wundern mochten, wie sie in diese Rume gerathen konnten. Esthers eigenes kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete fr die ganze Pensionsgesellschaft, und auerdem vollgepfropft war von allem mglichen Hausgerth, so da es einen unsglich unbehaglichen Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schnen Aussichten fr Esther, die an ein behagliches Leben gewhnt war, und das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber war es nicht ihr Bertel, fr den sie alles zu ertragen hatte? Wie leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half ihr ber die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch entgegenstellten. Hchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die sdfranzsische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen, da das Frhstck der jungen Mdchen aus nichts bestand, als aus einer Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rsteten, und einigen Zwiebeln, Salatblttern oder Kohlrabistcken. Fr Esther hatte man rcksichtsvoll ein unaussprechliches Gebru aus einer Art Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gersteten Brodes darin auf, zufrieden, da sie wenigstens mit dem Genu jener Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstcken, und Hammelfleisch, das auen verkohlt, innen aber ganz roh war, und mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Sden das Oel statt der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht immer das Beste und darf eben nicht sehr whlerisch sein. Esther a stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe an Frau Booland ergtzte sie sich damit, dieser einen sdfranzsischen Speisezettel mit einigen fr eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur Disposition zu stellen. -- Zuerst also, liebe Tante, schrieb sie, erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von Knoblauch, Oel und Brod. Dann als _entre-met_, den Appetit zu reizen, giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend groer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die jungen Franzsinnen die Kpfe schtteln, erzhle ich ihnen davon. Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt, und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wre, denn ich lerne die wunderbarsten Zustnde hier kennen. Die kleine Schaar hier ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir nie junge Mdchen gedacht htte. Freilich sind hier in dieser Pension keine Kinder aus feinen Husern; in vornehmeren Erziehungsanstalten mag es ganz anders sein, und ich bedauere, da ich so schlimm ankommen mute. Bei uns hier sind meist Tchter von Brgern, Handwerkern und Weinbauern, die alle keine Ansprche an eine Erziehung machen, wie wir sie gewhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind Mdchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich wei oft nicht, ber was ich mehr staunen soll: ob ber diese verwahrlosten Kinder oder ber diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren Bildung und Lebensweise lt eben auch gar viel zu wnschen brig. Die ganze Mdchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden, schwarzbraunen und unsauberen Geschpfchen sehr verschiedenen Alters, hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; ber Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen und nach Hause zurckkehren, arrangirt man eine Heirath fr sie, und wozu ntzen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer solchen kleinen Franzsin erstaunlich unntzer Ballast fr das Leben. Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich recht grazis und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr. Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwstlichen Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft emprt ber diese unbeschreiblichen Zustnde, immer wieder vershnt mich die hinreiende Liebenswrdigkeit dieser Kinder des sdlichen Frankreichs. Du solltest nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie unsere doch schon ltliche Mademoiselle Bertin bei dem Dner an der Spitze der Tafel prsidirt. Fr Jeden hat sie ein Lcheln, ein verbindliches Wort, eine gefllige Handreichung. Anmuthig erfat sie mit ihren hchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger fhrt sie es an den ewig lchelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde s lchelnd ein Stck des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des wundervollen Mittagmahles subert sie voll lchelnder Anmuth mit ihren Lippen Gabel, Messer und Lffel, die sie alsdann in ihre Serviette einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der nchsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Gerthschaften von Neuem, ohne jemals eine andere Suberung fr nothwendig zu halten! -- Und wie spahaft sehen alle diese jungen Mdchen aus mit ihren groen weien oder schwarzen Mtzen auf dem Kopfe! Sie sind nmlich viel zu trge, sich tglich ihr Haar zu kmmen und zu flechten, das geschieht hchstens ein Mal in der Woche; die brigen Tage steckt man die wirren schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mtze, die deckt alles. Aber wie sieht die aus! Wrdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: Waschen Sie sich immer so, Mademoiselle? Natrlich, Louison, erwiederte ich, thun Sie es denn nicht auch? _O mon dieu non!_ rief sie ganz entsetzt aus, ich wrde sicher den Tod davon haben! Und wirklich sah ich nun, da sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wsche. Da man sich auch Mund und Zhne reinigt, da Nagel- und Kleiderbrsten existiren und benutzt werden, da Seife schmutzigen Hnden ein Bedrfni ist, alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntni dieser jungen Mdchen gehren. Und doch wre in diesem Lande, wo der Sommer so hei und lang ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedrfni. Ich sehne mich ordentlich danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Huser zu thun; denn unmglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wnsche, wie kstlich ist dafr die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzckend schnes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Stdtchen liegt, kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das ppigste Grn, durchzogen von blhenden Bschen und Bumen, deckt trotz der Nhe des Winters noch berall Hhen und Tiefen, und von einzelnen nackten Felsspitzen schauen prchtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von ehemaliger Gre und Herrlichkeit erzhlend. Pflanzen, von denen wir kleine Zweige zu Hause als kostbare Schtze im Fenster stehen haben, blhen und wuchern hier als riesige Bsche und Strucher, und was ppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff bekommen. Wie wrdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst, Dein Herz erfreuen an all' den kstlichen Gewchsen, welche mich hier umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend verhllen, da man beinahe mit derselben ausgeshnt wird. -- So verstand es Esther, die Augen fr das Schne zu ffnen, das sie umgab, und fr die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie gefhrt, sich mglichst reiche Entschdigung zu suchen. Ihr heiterer Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswrdigkeit ihrer Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung an der neuen Lehrerin. Mit sehnschtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine Nachricht von Herrn Martin aus Nmes; aber Woche auf Woche verging und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts brig bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mute sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den tglichen Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nmes ermglichten. Da aber brachte der Brieftrger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich erwarteten Brief, und erwartungsvoll ffnete Esther denselben. Ihr alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um Verzeihung, da er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfllen. Nun freue er sich, ihr ber den betreffenden Herrn Richard Bescheid sagen zu knnen. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine berseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurckkommen werde, sei ungewi, wahrscheinlich im kommenden Frhjahr. Da der Herr unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nmes habe, bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter ber ihn erfahren zu knnen. Diese Nachricht war fr Esther sehr betrbend. Alle ihre schnen Plne, Hoffnungen und Wnsche schienen fr jetzt scheitern zu sollen; denn wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war, und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rckkehr angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte sie damit weiter nichts, als diese unnthig aufzuregen, denn in der Ferne htte dieselbe ja noch weniger wirken knnen. Esthers hatte doch wenigstens noch immer die Hoffnung, da Herr Richard whrend ihres Aufenthaltes in Frankreich zurckkommen wrde. Sie prfte lange, was das Beste sein mchte, und sehnlichst wnschte sie, sich mit jemand berathen zu knnen. Nach reiflicher Ueberlegung war sie entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr Geheimni wie bisher fr sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht bald mit dem glcklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte. Das Opfer, welches sie brachte, war gro; denn die Existenz, in der sie auszuharren beschlo, wurde mit dem herankommenden Winter immer unerfreulicher. Frhe Klte und sogar Schnee kamen Mitte December ber die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen Stdtchen, das im Sommer seiner khlern Temperatur wegen als angenehmer Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fhlbar. Und man litt in diesen Gegenden vielmehr durch die Klte, als im Norden, wo man sich dagegen zu schtzen versteht. Aber hier besonders, in dieser wsten Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Klte und Schnee fast unertrglich. Die steinernen Fubden, durch keinen Teppich geschtzt, waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen, Sabots genannt und wie kleine Khne gestaltet, trugen die unruhigen Fe der quecksilberigen jungen Schaar unablssig alle Nsse und allen Schnee von Hof und Strae mit herein, so da der Fuboden sich binnen Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thre schlo und kein Fenster hielt Wind und Klte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch wirklich endlich gelungen war, nach unsglichem Rauchen und Qualmen etwas Wrme um sich her zu verbreiten, der erste Windsto warf diese oder jene Thr wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strmte dann die ganze Winterklte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrl wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schrfe und Intensitt ist, wute man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend, aber die Luft von einer Schrfe, da nichts vor ihrem Eindringen schtzt, und Thren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der Wind sie aus. Aber so sehr Esther durch diese Zustnde litt, die muntern Franzsinnen lieen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der Wind recht eisig durch Thr und Fenster pfiff, dann trappelten sie desto lustiger mit ihren hlzernen Sabots auf dem steinernen Fuboden umher, da man meinen konnte, eine Schwadron Crassire komme ber das Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber den lebendigen Kindern machte das gerade Vergngen. Gut, da Esthers Nerven von solider Strke waren, sonst htte sie diesen Lrm und dieses Treiben nicht lange ertragen. -- So kam das Weihnachtsfest heran, und Esther's Herz bermannte jetzt eine so unsgliche Sehnsucht, da sie all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath wieder zu, mit den Ihren das schnste aller Feste zu feiern. Hier in Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne besondere Festlichkeit. Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mdchen durfte diese Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser sauberen, geordneten Huslichkeit, und hier fhlte sie erst, wie leicht man bei verstndiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der trotz Mistrl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu feiern, und freudig folgte das junge Mdchen dieser Aufforderung. Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei kstlich warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wrmt, durcheilte sie die Straen. Ihr Weg fhrte sie durch einen groen ffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer Spindel saen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Fen spielend. Aber wie kstlich war auch noch alles grn trotz Winter und Schnee! Ueppiges Moos deckte berall die ruinenhaften Mauern, saftig grne Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrne Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem matten Grn breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller fremdartiger Bume wlbten ihr Laubdach ber Esther, von denen besonders einer mit brennend rothen Frchten ihr Auge entzckte, man nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weien Dolden blhenden Gewchsen zogen sich ringsum, ppige Schlingpflanzen rankten sich hernieder, und berall blhte die Monatsrose in Flle, von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt. Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, da Esthers Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem Schnen. Wie herrlich mute diese Natur erst im Frhjahr sein, wenn am Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blhte und duftete! Die Doktorin empfing Esther mit groer Herzlichkeit, und das junge Mdchen verlebte den Abend so angenehm, da ihr Heimweh fast gnzlich Abschied nahm. Mit Jubel begrte sie eine schne grne Tanne, den lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr entgegenlachte, als wre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel lachten goldene Apfelsinen aus dem grnen Laube. Eine dicke Guirlande von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflckt, zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein reizender Anblick. Fr Esther lagen einige hbsche Geschenke unter dem Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der Doktor heimlich dem Brieftrger abgenommen hatte. Esthers Dank und Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend htte sie nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude strkte sie wieder fr all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen. Unter wenig erfreulichen Verhltnissen, in welche Esther ihr Geschick gefhrt, verging der Winter, und ein Frhjahr kam herbei, so warm und wonnig und so reich an Blthen und Dften ringsum, da Esther alles Ungemach verga und mit vollem Herzen diese Zauberwelt geno. Sie schrieb glckselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen der Winter noch mit all' seinen rauhen Lften und mit Klte und Schnee regierte, whrend es rings um Esther schon blhte und duftete. Als dann aber auch in Deutschland das Frhjahr gekommen war, da brannte die Sonne schon so hei und sengend auf die Fluren hernieder, in denen Esther umherwanderte, da sich diese gar oft ihren nordischen Himmel herbei wnschte. Mit dem Frhjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte ihr versprochen, sobald er Kunde ber die Rckkehr Herrn Richard's erhalten knne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frhlingstage verwandelten sich in heien Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth alles verdorrte und verbrannte, so da statt der saftigen Fluren eine gelbbraune Decke sich berall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach Khlung schmachteten. Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge Mdchen, da einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten, denn sie fhlte sich oft unendlich mde und angegriffen. Das stete vergebliche Hoffen machte sie nervs und niedergeschlagen, sie sah ja, da ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause zurckkehren mute. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie knne wieder zurck in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So mute sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort nicht lnger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurck zu kehren, da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte fr einige Wochen in das Seebad nach Cette gehen und wrde sich freuen, wenn Esther sie begleiten wolle. Er bitte sie, vorher fr einige Tage in Nmes ihr Gast sein zu wollen. Esther zgerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen, ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Strkung durch Seebder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, fr welche sie eines krftigen Krpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren liebenswrdigen Pensionsgefhrtinnen, die ihr trotz aller Mngel und Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach ihres guten alten Freundes in Nmes. Hier wurde sie mit groer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine angenehmere Huslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese sdlichen Zustnde bedeutend an Behagen bertraf. Frau Martin war eine lebendige, liebenswrdige, alte Dame, und die beiden guten Alten machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswrdigkeiten von Stadt und Umgegend zu zeigen. Es traf sich gerade, da man einen Geburtstag in der kaiserlichen Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und Teppichen geschmckt hatte, was den Straen einen uerst freundlichen Anblick verlieh. Groe Processionen durchzogen die Stadt, Abends war brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schnste aber war am andern Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann freien Zutritt hatte. Unser altes Prchen fhrte natrlich seinen Gast auch dahin, und mit Staunen und Entzcken sah Esther dieses prchtige Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch die Rmer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten berdeckt von vielen Tausend Menschen, und jedes Pltzchen, so klein oder gefhrlich es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden, ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrngt voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten standen und hingen khne Burschen, und whrend ihre braunen Gesichter vor Vergngen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen ber dem Abgrunde und lachten der ngstlichen Rufe und Blicke um sie her. Mnner und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler und elegante Damen, alles drngte sich dicht an einander, sitzend, stehend, hngend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darber der tiefblaue Himmel, wie ihn eben nur der Sden aufzuweisen hat. Whrend unten in der Arena Seiltnzer und Jongleure ihre Knste zeigten, ein Luftballon emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tnze und Scherze aufgefhrt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse eine Menge Verkufer umher, die Zuschauer mit Frchten und Gebck zu versorgen. Mit wahrhafter Virtuositt schleuderten diese Hndler ihre Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen, goldene Apfelsinen, lange Weibrode, Feigen, Pfirsiche, Stcke Melonen, alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglckliches Gebck oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebsch oder in das lose Steingerll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und tausend Hnde und Fe waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt sdlichen Festes, und feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren franzsischen Nachbarn um die Wette und verga es vollstndig, da von allen Seiten der verhate Knoblauchgeruch sie einhllte, und eine Menge hchst uncivilisirter Beine ber ihrem Kopfe baumelten. Nach einigen in Nmes froh verlebten Tagen reiste Esther in Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prchtig am Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige Wochen spter in die Heimath zurckzukehren, und Frau von Ihlefeld dann selbst die Erlangung jenes Kapitals zu berlassen, da ihr diese Freude nicht vergnnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genu fr Esther, und mit Entzcken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen Fluth. Sie fhlte sich durch die Bder bald wunderbar gestrkt und belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schnen Tage. Leider aber war Frau Martin schon nach Kurzem genthigt, wieder nach Hause zurckzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald wieder nach Cette kommen zu knnen, blieb Esther zurck, durch die alte Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen. In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft erneuerte, welche schon in Nmes in der Arena neben ihr gesessen und sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu haben, und obwohl sie eigentlich keinen groen Gefallen an der Dame fand, kam sie doch tglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprchig, und Esther verga in ihrer Gesellschaft alle trben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlate sie, hufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst wohl gethan htte. An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele andere Badegste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein Vergngen fr die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie das schne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natrlicher Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorber. Mademoiselle Lasson begrte denselben und zwar mit so lauten Worten und frhlichem Lachen, da Esther etwas scheu zurcktrat. Der Herr blickte auf und schien ber die Begrung durchaus nicht erfreut; denn mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grend davon. Wer war der Herr, Mademoiselle? fragte Esther rasch. O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht recht zu erkennen, sagte die Dame achselzuckend. Herr Richard? rief Esther freudestrahlend. Herr Richard aus Nmes? Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud? Wie seine Verwandten alle heien, wei ich wahrlich nicht, lachte Jene, ich glaube aber, den Namen gehrt zu haben. Er that diesem Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schnes Geld zu hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz, liebe Kleine? Esther war so aufgeregt vor Freude, Glck und Wonne, da sie zitterte und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, da es fr sie von unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. O bitte, wir wollen ihm schnell nacheilen, da er nicht abreist, ehe ich ihn gesprochen habe! rief sie glhend und zog Mademoiselle Lasson mit sich fort. Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig! lachte diese und machte ein so sonderbares Gesicht, da Esther verlegen stehen blieb. Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen zu wollen schien. Ich wei, er kehrt hier bei einem Bekannten ein, da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so groe Eile. Aber hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf doch mit Ihnen gehen? Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, da sie ihr zur Seite bleiben und sie zu der Wohnung Herrn Richard's fhren wollte. Zuerst aber eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttuschung gebracht hatte. Ihre Begleiterin fhrte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte doch niemand weiter von ihrem Geheimni erfahren. Als sie Herrn Richard gegenber stand, schlug ihr doch das Herz gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und versicherte sich zuerst, da sie auch die gesuchte Persnlichkeit vor sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus ihrer Brieftasche und sagte: Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld? Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: Der Empfang der Summe ist in den Bchern meines Vetters notirt, aber kein Name. Ich habe bisher umsonst gewartet, da der Glubiger sich melden solle. Aber mein Frulein, wie kommen =Sie= zu dem Schuldscheine? Und wieder blickte er Esther prfend in das glhende Gesicht. Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in meine Hnde, sagte Esther ruhig, aber unwillkrlich noch tiefer errthend. So, durch einen Zufall? Und Sie wnschen, ich soll das Geld an Sie auszahlen? entgegnete der Kaufmann scharf. Ja, natrlich wnsche ich das, sagte Esther unbefangen. So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von mir zu fordern im Namen des Glubigers? entgegnete Herr Richard. Eine Vollmacht? sagte Esther betroffen. Nein, wozu bedrfte es einer solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so nahe, da Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhndigen knnen. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine unerwartete Freude machen will, da sie in sehr drftigen Umstnden lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr unnthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg fhrte mich nach Frankreich, und so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt des Scheines zu berreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen betrogen, da Sie fr unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren; da fhrte ein gnstiger Zufall mich heute in Ihre Nhe, und so ist der Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens. Herr Richard hatte Esther's Erzhlung mit einiger Ungeduld angehrt; jetzt sagte er kalt: Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein Frulein? Mein Pa liegt in Nmes bei Herrn Martin, sagte Esther unbefangen, ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen. So? entgegnete der Kaufmann ironisch. Ich wei nicht, mein Frulein, ber was ich mich mehr wundern soll: ber Ihre Dreistigkeit, ohne jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen, oder ber die Naivitt, mir jenes Mrchen zu erzhlen, den Schein betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand wrde Ihnen ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer brgt denn dafr, da Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts davon wissen, da der Schein gefunden ist? Mein Herr! fuhr Esther emprt auf, wie knnen Sie mich so beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin. Wenigstens wren Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Frulein, sagte Jener trocken. Denn ohne Vollmacht wrde Ihnen schwerlich jemand das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung desselben. Gerade da Sie der Familie so nahe standen, ermglichte ja die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung fr Ihre Soliditt und Ehrlichkeit, mein Frulein. Sie selbst habe ich nicht die Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, da ich Ihnen gleich mit Mitrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen: _Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es._ Esther war auer sich. Mein Herr! rief sie, in Thrnen ausbrechend, Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mdchen! Meine Unerfahrenheit hat mich in eine bse Situation gebracht; aber gerade diese sollte Ihnen dafr brgen, da ich unschuldig bin. Jene Dame kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, da sie fr ein ehrliches Mdchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt, da Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die unbescholtene Tochter eines Predigers tdtlich beleidigt; Gott verzeihe es ihnen. Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen Zettel und wandte sich stolz nach der Thr; mit einem kalten Gru ging sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier als eine Diebin, als eine schamlose Betrgerin behandelt worden zu sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war, als sei sie nun fr ewig gebrandmarkt. O Bertel, Bertel, deinetwegen habe ich alles das zu ertragen! rief sie, das Gesicht in den Hnden verbergend. Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie mute Herrn Martin brieflich bitten, ihren Pa ihr zu bersenden, den sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes Wnschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die Geldsumme erheben zu knnen, zu der Reise nach Frankreich bestimmt worden sei. Dann erzhlte sie ihr die Behandlung, welche sie durch Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht, damit sie das Geld erheben knne, und ihre Ehre wieder hergestellt werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rckkehr einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein herrlicher Trost in aller Trbsal und Krnkung. Voll Freude ffnete sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete: Mein liebes theures Kind! Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen voll ist. Bertels Brief enthlt das Weitere. Ich habe es immer gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld hat einen schnen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine Mutter nicht betrben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in =das= Herz stt, das ihm anhngt mit unerschtterlicher Treue, und dessen dieser Undankbare nie und nimmer wrdig war, das kommt nicht in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern Thrnen still fr mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten Friederike Booland. Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander. Was konnte er enthalten, da Tante Booland so gegen ihn erzrnte? Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie die geliebten Schriftzge nicht festhalten. Endlich aber las sie, was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzhlte er ihr, da er seit einiger Zeit ein hufiger Gast in seinem einstigen Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten Anverwandten, eines Herrn von Sassen, bergegangen sei. Die Frau sei todt, eine ltliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier mit groer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter sei, nachdem sie den ersten Schmerz berwunden, in das Haus wieder eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide hufig mit diesen Verwandten, welche frher im Auslande lebten, und es habe sich ein sehr inniges Verhltni zwischen beiden Familien gebildet. Die hchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er sei dem hbschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich drfe er sie nicht vergleichen, aber wer kme dieser berhaupt gleich? -- Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, da der Onkel eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wnsche, und Bertel ihm trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte fr sein Kind sein werde. Frau von Ihlefeld habe keinen hhern Wunsch, als da ihr Sohn zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher damit einverstanden erklren, das drfe er erwarten; denn sie sei ein gutes, fgsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen sein wrde. Der Reichthum des Onkels, schrieb Bertel weiter, sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und fr mich selbst erschliet sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mdchens giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Trume meiner Jugend zu verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein Archolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so verschafft dieser Bund allen Theilen Glck und Vortheil. Aber so sehr ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun, schrieb Hubert weiter, so mu ich doch wissen, wie Du darber denkst, meine gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl wei ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glck ist auch immer das Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich mchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, mchte von Dir selbst hren, da Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glckes nicht froh werden. Lange war ich unschlssig, ob ich mich in dieser Weise binden sollte; aber meine Mutter drngt, und ich sehe ja selbst ein, da diese Verbindung groe Vortheile fr uns hat. Aber dennoch -- ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, da ich recht thue, da Du es vernnftig und gut findest, und da Du auch ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich ruhig darber, da ich dem Drngen meiner Mutter nachgegeben und will das innere Unbehagen berwinden, das mich peinigt, ich wei selbst nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer sttzest und ergnzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel meines Lebens! Esther sa nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem Sessel. Die Hnde waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise. Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie pltzlich beide Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die Hnde fest in einander gekrampft und leise sthnend. Aber keine Thrne kam in die heien Augen und erleichterte ihrer gepreten Brust den entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte. O was ging in diesem jungen Herzen vor, whrend ihr Fu angstvoll im Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als htte eine grausame Hand mit einem Wurfe pltzlich alles in Trmmer geschlagen, was das Wesen ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als htte sie bis jetzt in sen Trumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, da das Herz ihr davor erbebte. Was war es nur, das man ihr zertrmmert? Was war es, das man ihr so pltzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fhlen, ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch nie im Leben empfunden, und doch wute sie nicht, war es der Krper oder der Geist, der so grausam litt. O Bertel, Bertel! rief sie endlich verzweifelt und schlug die Hnde vor das Gesicht, und jetzt brach ein Strom Thrnen hervor, so leidenschaftlich und berwltigend, als wollte sich ihr ganzer Krper in Thrnen auflsen. Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hlfe und Trost allein noch kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst wute sie, was ihr zertrmmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft. Ohne da sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben mit all' seinem Hoffen und Wnschen, Denken und Fhlen so vllig mit dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, da es fr sie eben eine Unmglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefhrten getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie nur an ihn gedacht und fr ihn gelebt und gesorgt, und so war es geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen Wohlbehagen, ihren eigenen Bedrfnissen, wenn nur Bertel zufrieden war! Wie sie als kleines Mdchen nur um seinetwillen gelernt, nur an den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und fr alles gesorgt hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Fr wen mhte sie sich Tag fr Tag mit den Schlern bei Pastor Krause? Fr wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte in England Erzieherin werden, und fr wen war sie endlich hier nach Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute selbst Schmhungen und Verdchtigungen ertragen? Ach fr ihn, fr ihn allein, der ihr Gedanke war frh und spt, und dem sie den Weg bahnen wollte zu Glck und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz erfllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und Mhe; nun gaben ihm Andere mit vollen Hnden, was er brauchte und mehr als er brauchte. Aber nun gehrte er auch diesen Anderen, und sie hatte keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das er verschmht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle! Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie ein Krampf ber sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Htte sie nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich! Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde. Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller neuen Bande! Er wird Deiner bedrfen nach wie vor trotz alles Reichthums und alles Wohlbehagens! so tnte es in ihrer Brust. Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue, helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas auf der Welt ersetzen. O mchte er nur glcklich werden, mchte diese Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel nicht lieben, den schnen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht glcklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und lt ihn nicht froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es =nur= der Wunsch seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und Wohlbehagen? O, das wre schrecklich! Da seine Mutter ihn drngt, ist doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glck dadurch zu sichern. Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fhlen lassen, da ich nicht ihresgleichen bin, ich wei es recht wohl, wenn ich auch nie darber sprach. Wute ich ja doch, da Bertel nicht so stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte. Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst wei ich ja, da ich noch andere Wnsche im Herzen fr uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich nie anders gedacht, als an eine treue Schwester. O mein Gott, mein Gott, rief Esther flehend und hob die Hnde zum Himmel empor, o gieb mir die Kraft und die Selbstberwindung, ihm auch ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich mu es -- und ich will es! Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb Bertel, da er sie richtig beurtheilt, =sein= Glck sei auch das Ihre, und Gott mge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben. Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als habe sie ihr Lebensglck in das Grab gelegt, nun war alles, alles vorber. Eine Mdigkeit und Gleichgltigkeit kam ber sie, wie sie nie im Leben noch erfahren. Was kmmerte sie es jetzt, was aus ihr wurde, wohin sie ging, was die nchste Zeit nun bringen wrde? Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen, da Bertel durch den Besitz dieser Susanne glcklich war und andern angehrte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhuschen, ohne Arbeit und Zerstreuung, in steter Nhe jener grausamen Frau, die ihr Bertel entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrngt worden -- nein, das war unmglich! Tante Booland mute dies einsehen trotz aller ihrer sehnschtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! -- Hier wollte sie nur noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie mit Ungeduld erwartete. Es waren traurige Tage fr die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses Briefes vergehen muten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande frchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame, welche ihr so unsglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, htte Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wre er ihr nicht gleich so mitrauisch entgegen getreten, sondern wrde sie hchstens fr ein sehr unerfahrenes Mdchen gehalten haben, aber nicht fr eine mgliche Diebin und Betrgerin. * * * * * Whrend fr Esther die Tage trbe und langsam dahin schlichen, verlassen wir sie fr einige Zeit und kehren zurck nach dem kleinen Waldhause zu Rahmstedt. Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein Geheimni bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung fr eine Heirath; so traf alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich jetzt im tglichen Beisammensein erst nher kennen. Susanne war eine bildhbsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von frhlichem Gemth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hbsches Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergngen und Tanz ging ihr ber alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in sem Nichtsthun und steter Frhlichkeit vertndelt, unter Spielen und Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwhnt als einziges Kind reicher Eltern kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb ihr versagt. Da man auch fr Andere leben, sich auch ntzlich machen konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder Arbeit hie. Aber bei alledem war sie ein gutes, fgsames Kind, und als der Vater ihr sagte, er wnsche, da sie den hbschen, liebenswrdigen Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter, von dem alle Welt mit so groer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte. Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hbschen Kleidern fand er gar kein Vergngen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie ein schnes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater ber so schrecklich ernsthafte Sachen, statt da er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er war so ein bildhbscher Junge, und es war eine so groe Ehre, mit einem so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie eine Braut, das klang doch zu hbsch! Wenn sie es nur erst ffentlich wre! Wie wrden ihre Freundinnen sie beneiden! -- Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes Wort mit ihr zu sprechen. Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt erst bemerkte er, wie oberflchlich und unbedeutend sie war. Das Bild Esthers trat unwillkrlich daneben, und Bertel, der wenig Mdchen kennen gelernt, hatte geglaubt, alle mten so viel wissen und so klug und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie empfunden, kam ber ihn, wenn er lngere Zeit mit Susanne verkehrte, und obwohl er alles auf die groe Jugend seiner Braut schob und von der Zukunft erwartete, da sie ernster und gediegener werden mchte, so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte er ihr von Esther erzhlt, und jetzt that er es noch hufiger in der Hoffnung, Susanne solle fhlen, wie sehr er wnsche, sie mge Esther hnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an wie etwas hchst Sonderbares und Merkwrdiges, der Wunsch aber, selbst so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so viel lernen und arbeiten zu mssen und so ernsthaft und fleiig zu sein. Htte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so wrde er Susanne's Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung traten ihm Susannes Mngel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die Folge davon aber war, da auch er seiner leichtherzigen jungen Braut weniger gefiel, die immer daran gewhnt war, da alles ihr huldigte und schmeichelte. Da aber ihr Brutigam dies nicht nur unterlie, sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwhnten Kinde hchst empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte ihr hbscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Kpfchen rgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber etwas ganz Fremdes und mifiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie launisch gewesen. So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter berhufte ihn mit Liebkosungen und Zrtlichkeit, denn sie war ihm innig dankbar, da er sich ihrem Willen so bald gefgt trotz seines ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen freundlichen Blick mehr fr ihren einstigen Liebling. Finster schaute sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewhnt war, und bei all' seinen Schmeichelworten und Erzhlungen blieb ihr sonst so gesprchiger Mund fest verschlossen. Tante Booland, du bist mir sehr bse, sage es nur, rief Bertel endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen Blick abzuschmeicheln. Gnnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein Wort mehr? Wer mir keins gnnt verdient es nicht besser! entgegnete Frau Booland kurz. Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath fragte. Jetzt ist sie fr gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O Undank, Undank! Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich, und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemthe lastete. Da kam Esthers Brief an mit der Erzhlung dessen, was sie nach Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte ertragen mssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche Bewandni es mit Esthers Erzhlung habe, folgte gleich darauf. Welch' eine Nachricht war das! Frau von Ihlefeld berreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand, als dieser in das Zimmer trat. Die Thrnen perlten ber ihr bleiches Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: Lies, Bertel! Dieser blickte seine Mutter berrascht an und durchflog Esthers Zeilen. Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit den Hnden. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte ihre Arme um seinen Hals. Mein lieber, lieber Sohn! sagte sie weich und kte seine Stirn, auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre Zrtlichkeit nicht, sondern lie die Hnde schlaff herabsinken und schaute dster vor sich nieder. Rede doch, Bertel, sprich mit mir! flehte die Mutter, aber Bertel hrte sie kaum. Es arbeitete furchtbar in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thre. Wo willst du hin, Bertel? rief Frau von Ihlefeld angstvoll. La mich, Mutter, ich mu allein sein! sthnte er leise und schob die Mutter zur Seite. Dann strzte er zum Zimmer hinaus. Frau von Ihlefeld blickte ihm bestrzt nach, wie er schnellen Schrittes in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig ber den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war, hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurckgezogen und wieder ihren ehemaligen hochmthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam sie sogar zu ihr herab und hatte Thrnen im Auge. Als dann aber Frau Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung ber der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein Blatt im Winde, whrend sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl zurcksank. O das Kind, das Kind! sthnte sie immerfort schluchzend, weiter aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte, mit der erschtterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und schien sie kaum zu hren, und so verlie Jene nach einiger Zeit das Zimmer, mde der vergeblichen Versuche. Sie wird wahrlich stumpf und alt, murmelte Frau von Ihlefeld verdrielich, zu reden ist gar nicht mehr mit der armen Person. Frau Booland sa noch eine lange Weile still und in sich versunken am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in seltener Pracht berzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus, und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bume in wundervolle Farbentne. Die Abendluft zog weich und wrzig zum Fenster herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weie Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmthig in die Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht lnger aushalten. Dort drben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer Esther gesessen, da zog es sie hin, als knnte sie ihren Liebling dort wieder finden, wie frher. Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nhe dieser Lieblingsbank kam, sah sie, da schon jemand dort sa. Ihre alten Augen konnten aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt nher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hnde gesttzt und das Gesicht verhllt und schien so in sich versunken, da er die Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand. Bertel, du bist's? rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, da Bertels Gesicht ganz verstrt war und von Thrnen berfluthet. Kaum erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust sank. O Tante Booland, was hab' ich gethan! rief er ganz auer sich und schluchzte wie ein Kind. Die groe, stattliche Alte schlang ihre Arme fest und zrtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine Bertel, den sie in frheren Jahren so oft beruhigt und getrstet, wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr gefhrt. Liebevoll strich sie wie ehemals ber sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel lie sich alles gefallen; es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu knnen. Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel lie sich neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend, denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte sah bewegt in ihres Lieblings schnes Gesicht, und indem sie ihm die prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung darber gefallen waren, sagte sie mild: Nun, mein armer Junge, was qult dich denn so? Sprich dich doch aus, du weit, ich meinte es immer gut mit dir. Ja, ich wei es! rief Bertel und kte die breite, derbe Hand, die so zrtlich um ihn bemht war. O Tante Booland, aber auch du kannst mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spt. O mein Gott, mein Gott, welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr! Und in wildem Grimm ballte er die Hnde und schlug sich damit vor die Stirn. Frau Booland schttelte den Kopf, und die Hnde ihm vom Gesicht herab ziehend sagte sie ernst: Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand einen Grashalm bewegt, la das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und was erkennst du jetzt erst? Was ich erkenne? rief Bertel heftig, da ich nicht werth bin, Esther die Fe zu kssen! O =was= hat sie gethan, was ertragen fr mich und um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr, Esther liebt mich? Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt habt, entgegnete Frau Booland und eine Thrne rollte ber ihre gefurchte Wange. O das meine ich nicht, Tante, rief Bertel, nicht wie eine Schwester und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte. Ich meine, glaubst du, da sie mich noch lieber hat, -- o so lieb, wie =ich= sie habe? So unsglich, so unaussprechlich lieb, da ich fr sie sterben knnte, wenn ich wte, sie wrde glcklich dadurch! Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere heirathen? sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen in Bertels erregtes Gesicht. O das ist ja eben das Entsetzliche! rief Bertel in Verzweiflung und verhllte wieder sein Gesicht. Kannst du es denn glauben, da mir soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Da es soeben erst, als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthllte? O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies theure, geliebte Mdchen, die all' ihr Glck und all' ihre Ruhe hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glcklich sein konnte. O das mu ja Liebe sein, ja sie =mu= mich lieben! Und ich Thor habe diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und jetzt, jetzt -- habe ich ihre Liebe verrathen! Frau Booland sa schweigend neben dem unglcklichen Jngling; denn auch sie wute ja nicht zu rathen und zu helfen! Meine Mutter hat die Schuld! sprach Bertel weiter. Sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt wei ich erst, was es war, das mich zurckhielt und mir immer zurief: Thu' es nicht, thu' es nicht! Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen wrden, so da ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan! Mich selbst habe ich unglcklich gemacht, o und was noch viel tausend Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank fr alle ihre Liebe, alle ihre jahrelangen Opfer! Und fr wen opferte ich dieses herrliche Mdchen? Fr eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglcklich machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie, nie! Aber mein Gott, Bertel, =so= sprichst du von deiner schnen Braut! rief Frau Booland in hchstem Erstaunen. Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher, es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben! sagte Bertel vor sich hin brtend. Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre verlangt, da ich das Wort einlse, das ich gegeben, denn ich gab es freiwillig. O es ist entsetzlich! Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau Booland sttzte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden immer lebendiger. Bertel, sagte sie endlich und legte ihre Hand auf des jungen Mannes Schulter, hre mich einmal an. Ich bin eine alte Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glck, als das meiner Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir fr ein Kummer gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wute ich ja doch, da meiner Esther Glck und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther fr dich fhlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der dann noch brig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber auch dein Unglck geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wre es nicht, nun zurckzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht mehr brauchst. Aber da darum drei junge Herzen unglcklich werden sollen, -- denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist ein gutes kleines Herze, fr dich aber scheint sie freilich keine Frau zu sein, -- ja, warum ihr alle zusammen unglcklich werden sollt, das sehe ich denn doch auch nicht ein. Bist du es zufrieden, Bertel, wenn ich fr dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wre mir fr meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche miglcken, krht kein Hahn darum, da die alte Frau sich blamirt hat mit ihren Vorschlgen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll ich mein Heil versuchen? Was willst du denn thun, Tante Booland? sagte Bertel zerstreut und theilnahmlos. Das la mein Geheimni sein! entgegnete die Alte aufstehend. Wenn mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht -- nun dann ist's berhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung mu ich haben, sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben? Meinetwegen alles, was du willst, Tante, sagte der junge Mann trbe, Hoffnung habe ich fr mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein Glck mit eigenen Fen zertreten, nun mu ich die Folgen tragen. O wenn nur =sie= nicht auch dadurch leiden mte; das ist der Fluch, der mich zu Boden drckt! Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles gut, trstete Frau Booland, noch einmal liebevoll ber Bertels Backen streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurck, setzte sich ihre Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern. Mit ihren groen, festen Schritten durcheilte die rstige Alte alsdann die Dorfstrae, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof. Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dmmerung lag auf Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse berschritt und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gndige Frulein sprechen knne. Frulein Susanne war im Garten, die brige Herrschaft jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Frulein selbst aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park, bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier und dort zwischen dem Gebsch auftauchte. Frhliches Gelchter und Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend nher trat. Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem niedern Baumstamme schaukelte, whrend ber ihr auf einem Zweige ein bunter Papagei sa und heftig kreischend mit den Flgeln schlug. Mit dem Schnabel hackte er wthend in die Schnur, die um seinen Fu geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mdchens Heiterkeit immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald fester, bald loser hielt: Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf, rgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mut auch fhlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O ganz abscheulich! Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich auf dem Aste hin und her, whrend der Papagei aus Leibeskrften schrie und flatterte. Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte dabei ihre Gedanken. So, die Schnur drckt dich also ganz abscheulich, mein Pppchen? sagte sie leise und runzelte die Stirn. Denkst wohl, ich wei nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu Possen und Vergngen? Armer Bertel, gut, da du es nicht siehst! Nein, nein, das ist nichts fr meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind pat fr ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern. Dann aber schlug sie das Gebsch zurck und trat auf Susanne zu. Guten Abend, Frulein Susanne! sagte sie mit einem hflichen Knix und ging noch nher auf das junge Mdchen zu. Diese sprang rasch von ihrem schwankenden Sitze herab und ri dabei auch den Papagei von seinem Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie Frau Booland die Hand zum Gru reichte, rief sie frhlich: Gut, da jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm qulen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als da ich lerne. Frulein Susanne, sagte Frau Booland jetzt hflich, htten Sie wohl ein halbes Stndchen Zeit fr mich brig? Ich mchte gern etwas mit Ihnen sprechen. Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes? rief Susanne in komischem Schrecken. Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten? Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, da ich wieder etwas Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng, gerade wie unser alter Schulmeister drben in der Dorfschule, vor dem die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland, sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten? Nein, nein, Frulein Susanne, lchelte die Alte, das fllt mir nicht ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, da er uns nicht mit seinem Geschrei strt, und dann kommen Sie ein Bischen drben in die Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzhlen will, das freut Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen? Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland! rief das junge Mdchen und hob den Papagei auf den nchsten Baum, wo sie ihn mit der Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand ber seinen Kopf und Rcken fuhr. So Papchen, nun langweile dich nicht zu sehr, sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel; aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rckte dicht an die Alte heran, fr welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefat hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefllig und nachsichtig gegen das harmlose Kind gewesen und wute ihr immer allerlei Neues oder auch Altes zu erzhlen, was der heiteren Susanne Spa machte. Heut nun war es freilich keine frhliche Erzhlung, welche die Alte fr Susanne bereit hielt. Aber doch hrte diese still zu, ganz gegen ihre Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thrnen flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln Laubgang heraus, die Hnde fest in einander geschlungen. Die Alte kte dann rasch die schne weie Stirn des jungen Mdchens und eilte davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewhnliches Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. Wir wollen die Fessel lsen, nicht wahr, mein Papchen? sagte sie unterwegs zu dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fue knpfte und ihn streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurck. Hier setzte sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und schrieb folgenden Brief: =Liebe Esther!= Sie mssen mir schon erlauben, da ich Sie so nenne, wie wir Alle es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzhlen lassen, da mir ist, als she ich Sie vor mir. Da ich jedoch einen Brief an Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund; eigentlich bin ich ein sehr faules Mdchen, dem Briefeschreiben eine groe Last ist. Ich habe nmlich eine sehr, sehr groe Bitte an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie mssen mir nicht bse sein -- bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! -- Wissen Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines Mdchen, ber das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer geheimen Verlobung schon so sehr viel gergert hat, und ich kann doch wirklich nichts dafr. Wir htten uns lieber gar nicht mit einander verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf, (aber verrathen Sie es nicht!) ich frchte mich vor dem gelehrten, ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hbsch; denn ich traue mich gar nicht mehr zu lachen und vergngt zu sein, weil Bertel dann immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und das ist doch zu rgerlich fr mich! Ich wei gar nicht, warum Papa es so gern wollte, da ich Bertels Braut werden sollte, fr einen gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefllt ein hbscher Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer so liebenswrdig zu mir ist und so frhlich mit mir lacht, sieht viel prchtiger aus in seiner glnzenden Uniform und dem schwarzen Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Rckchen, obwohl Bertel zehn Mal schner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend Mal besser, als ich kleines Gnschen, und Sie haben ihn ja auch so sehr lieb, sonst htten Sie gewi nicht alles das fr ihn gethan und ertragen, was Tante Booland mir erzhlt hat. Ich wei, Bertel mchte mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wre es auch viel lieber, er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald er zu mir kommt, und dann mt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb htte, gnnte ich Ihnen meinen lieben, schnen, klugen Bertel doch nicht! Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen Armen Ihre =Susanne=. _P. S._ Ich habe gehrt, da Sie tief brnett sind, das pat herrlich zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann mu immer eine brnette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? -- -- Nun siegelte das junge Mdchen den Brief rasch, schrieb die Adresse darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der nchsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschft beendet, seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Lckchen aus der Stirn, die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in den Mond, der eben ber den Bumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr von Sassen und seine Cousine kehrten zurck. Susanne lauschte, bis ihr Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr berhaupt mglich war, stellte sie sich vor ihren Vater. Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen! sagte sie feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten. Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube? sagte Herr von Sassen frhlich. Da bin ich aber wirklich neugierig zu hren, was das sein mag. Dabei nahm er den Lockenkopf seines hbschen Tchterchens zwischen beide Hnde und sah ihr lustig in die braunen Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und sagte schmollend: Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich dir nur sagen, da ich mir berlegt habe, ich will Bertel lieber nicht heirathen. Herr von Sassen fuhr berrascht auf. Und das nennst du ernsthaft sprechen, kleine Suse? lachte er, blickte dabei aber sein Tchterchen doch etwas schrfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben aufschlug, waren sie voll Thrnen. Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen? rief Herr von Sassen erschrocken; denn Thrnen in des frhlichen Kindes Augen, das war etwas ganz Unerhrtes. Susanne fiel dem Vater pltzlich um den Hals, und ihr blondes Kpfchen in den dunklen Vollbart desselben schmiegend schluchzte sie bitterlich. O Papa, Papa! rief sie endlich flehend, erlaube doch nur, da ich Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist! Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zrtlich um seinen Hals und kte seinen Mund und seine Augen so strmisch, da er gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er sich frei und blickte sein Kind kopfschttelnd an. Ich begreife dich nicht, Susanne, sagte er ernst. Den braven, schnen Bertel, auf den jedes Mdchen stolz sein wrde, willst du nicht haben? Ich denke, du bist die glcklichste Braut unter der Sonne? Aus euch Mdchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der Pistole geschossen? Wei denn Bertel, da du andern Sinnes geworden bist? Wie krnkend ist das fr ihn. Und ich freute mich so, einen so ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich nicht, Susanne. Das junge Mdchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn schmiegend sagte sie leise: Papa, komm, ich will dir alles erzhlen! Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine groe Hand zrtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzhlte ihm die Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehrt hatte. Als sie zu Ende war, sa Herr von Sassen noch eine lange Weile schweigend neben seiner Tochter. Endlich kte er ihre Stirn und sagte sanft: Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht dabei? O Papa, rief das junge Mdchen lebhaft, an mich denke ich wohl. Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin. Nachdem ich die Schnur abgelst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn fest zu halten, schlug er frhlich mit den Flgeln und war so vergngt, wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so gedrckt, da ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist so schn und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und gelehrt -- und das Papa, das pat nicht fr mich, und ich passe nicht fr ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, da ich es jetzt wei, er wird froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurckgebe. Nun kann ich doch auch wieder lachen und jubeln wie frher, ich glaube, bei Bertel htte ich das ganz und gar verlernt. Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich bestimmt, so ist es freilich besser, wir lsen das Band, sagte Herr von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: Nein Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Htte ich Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, da man seinen Brutigam lieb haben =mu=, dann htten tausend Esthers kommen knnen, ich wre nicht zurckgetreten. Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm schuldig, sagte Herr von Sassen aufstehend. Ja, ja, thue das, Papa, rief Susanne und kte den Vater noch einmal herzlich, dann hpfte sie frhlich trllernd zur Thr hinaus. Herr von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann sttzte er den Kopf in die Hand und seufzte. Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht fr Hubert geschaffen, sagte er traurig. =Mir= geht es an das Herz, diesen lieben Jungen nicht Sohn nennen zu knnen, =sie= jubelt und singt, da sie ihn los ist. O ihr Mdchen, was seid ihr fr ein wunderlich Volk! Dann griff er zur Feder und schrieb: =Lieber Hubert!= Soeben macht mir meine kleine Susanne das Gestndni, da sie trotz aller Liebe und Bewunderung, die sie fr Dich hege, doch nicht deine Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet, Ihr Beiden patet nicht fr einander, und da ich mein einzig Kind nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens geht freilich damit zu Grabe; denn ich htte Dich so gern meinen Sohn genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein und bleiben, als wrest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten mge, Du wirst jederzeit einen treuen, vterlichen Freund besitzen in Deinem =Adolph von Sassen=. Diesen Brief in der Hand strzte Hubert in das Zimmer seiner alten Freundin, Frau Booland. Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier! rief er und warf das Blatt Papier der Alten in den Schoo; dann umschlang er sie mit beiden Armen und erdrckte sie fast vor ungestmer Freude. Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank! Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat? Die Alte schob den Ungestmen sanft von sich, um den Brief zu lesen, der so verhngnivolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte bewegt: Braves, liebes Kind! Sie htte es sicher auch gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt htte! O Bertel, dies liebe Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen Kinde ruht ein tief gefhlvolles, edles Gemth. Du hast sie nicht geliebt, sonst httest du den Schatz wohl erkannt, und sie htte sich an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz, das es versteht, sie glcklich zu machen; denn wahrlich sie verdient es! Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge derselben war ein uerst geschftiges Kramen und Gehen und Bedenken von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften Entschlu gefat hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in frher Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben Pastorin das volle Herz auszuschtten, whrend Hubert indessen eine wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende Gefhle und Gedanken bestrmt; denn wenn bisher einerseits ihr sehnlichstes Wnschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum und Wohlbehagen zu bahnen, so fhlte sie andererseits doch gar wohl, welches Unrecht sie dadurch an der groherzigen Esther beging, und mit welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mdchens lohnte, deren Liebe zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst htte er sich schwerlich den Bitten seiner Mutter gefgt. Das war fr Frau von Ihlefeld eine groe Beruhigung; jetzt mute man suchen, sich Esther auf irgend eine Weise dankbar zu erzeigen fr alles, was sie gethan hatte. Die Mittel dazu muten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mdchen. Aber als jetzt nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon strmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte Bertels Gemth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber war ja die Brcke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken! Wie gut, da dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und Bertels Zukunft gesichert war; wre er frher gekommen, Hubert wre schwerlich auf ihre Plne eingegangen! Whrend Frau von Ihlefeld noch ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: Wie? Das bietet man uns? O wahrlich, in frheren Tagen htte man das nicht gewagt! Erst wei man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen Prinzessin nicht mehr gefllt! Und der schwache Vater leidet solche Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding! Dich so zu behandeln, es ist ja emprend. Gut denn, la sie laufen, sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht mehr nthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein groes Vermgen ist, das wir erhalten, so gengt es doch, bis du einmal eine Anstellung bekommst. Und weit du, was du jetzt thun solltest, Bertel, gerade um der hochmthigen Susanne zu zeigen, da du dir aus ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du eigentlich nie ein Mdchen finden, das besser zu dir pat. Freilich, sie ist nur ein Brgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch geschdigt; -- aber lieber Gott, wir sind dem guten Mdchen doch sehr viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan htte. Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm so bervoll, da er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimni zu verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, da er selbst die Hand zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie htte ihm das nie vergeben. Rastlos schritt er whrend ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen. So freudig berrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefrchtet hatte, ihr zu sprechen, so verletzte es ihn doch, da sie glauben konnte, sein Herz sei so rascher Wandelung fhig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich geliebt htte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie habe gewut, da Esther ihn liebte; trotz alledem berredete sie ihn zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend Gedanken mit einander, und er fhlte, da sein Herz mehr und mehr von bittren Gefhlen gegen seine Mutter erfllt wurde, in deren Hnden er wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemth, das diesen Anmuthungen so wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht zrnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: Liebe Mutter, es ist mir lieb, da Susanne mir ihr Wort zurckgegeben. Ich htte sie nie glcklich machen knnen; denn seit der Ankunft von Esthers Brief wei ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke Gott fr diese Lsung, und ich bin glcklich, da dein Wunsch mit dem meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther knnte ich dir nie zufhren. Dann kte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fhlten wohl, da es besser sei, alles Weitere unerrtert zu lassen. Frau von Ihlefeld wandte das Gesprch auf den Brief, den sie soeben im Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben, um Esther aus der peinlichen Situation zu erlsen, in welcher das brave Kind sich befand. Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere bernehme ich selbst, sagte Hubert freudig errthend. Morgen frh reise ich selbst zu Esther. Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war pltzlich so strahlend schn geworden, von Wonne und Glckseligkeit, da sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen lie; denn jetzt erst erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. Bertel, mein liebes, theures Kind! rief sie unwillkrlich und streckte ihm die Arme entgegen, und mit dem jubelnden Ruf: O meine Mutter! hielt der Sohn seine Mutter umschlungen. Fr Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flgelschlage dahingeflogen. Ein unsgliches Weh erfllte ihre Brust; sie htte sich am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte sie noch hier auf Erden, wo Glck und Freude fr sie verschwunden waren. Mde und gleichgltig sa sie eines Abends am Fenster ihres Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die sinkende Sonne ber Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze Erde von dem glhenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich ber Land und Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt in wonniger Pracht erstrahlen lie, er war geschwunden; graue Nebel stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schnheit. Wie mein Leben! seufzte Esther, die trben Blicke ber das Meer hinbersendend. Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte -- nun ist meine Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln umhllt! Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre Stirn brannte und suchte Khlung. Da wurde an die Thr geklopft. Ein Brief, mein Frulein! Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand ri sie ihn auf; es war Susannes Brief. Als Esther das Schreiben gelesen, strich sie langsam ber ihre Stirn. War es denn Wirklichkeit, was sie soeben durchlebte, oder trieben muthwillige Trume ihr Spiel mit ihr? Sie trat nher an das Fenster, den Brief noch einmal zu lesen; aber ihr armer Kopf, der in den letzten Tagen so Furchtbares durchdacht und durchkmpft, schwindelte heftig, und die Buchstaben schwammen durch einander. Esther zndete Licht an, ging einige Male im Zimmer auf und nieder, um sich zu sammeln, und dann setzte sie sich still in den Lehnstuhl, den Brief noch einmal ruhig zu lesen. Whrend ihre Augen diese Zeilen jetzt von Neuem durcheilten, flog mehrere Male ein Lcheln ber ihre Zge, und endlich schttelte sie wehmthig den Kopf. Liebes, herziges Kind, seufzte sie leise, du ahnst nicht, was deine Worte mir fr Schmerzen bereiten! Gott, mein Gott, was heit das alles nur? Sie wei von meiner Liebe zu Bertel, die mir bis vor Kurzem selbst noch ein Geheimni war? Sollte Tante Booland mit ihr davon gesprochen haben? aber ich selbst habe ja nie etwas gesagt, das sie dazu berechtigte, und diese treue Seele wrde mein heiligstes Geheimni doch nicht preisgeben. Und wem preisgeben! Der Braut dessen, den ich liebe. O nein, nein, das ist unmglich. Aber woher sonst sollte Susanne es wissen? Und Bertel? O wenn er dieses holde, kleine Geschpf wirklich liebt, wie trostlos mu er sein, da sie ihm sein Wort zurckgiebt und den Bund wieder lst, der ihn so zu beglcken schien. In welches Wirrsal strzt mich dieser kindische Brief! Und dabei keine Nachricht von den Meinen! Jetzt knnte doch nun Antwort hier sein; warum schreibt nur niemand? Es war fr Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses Briefes folgte. Schlaflos wlzte sie sich auf ihrem Lager umher, und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heien, schmerzenden Kopf. Hoffnung, Liebe und Zuversicht kmpften mit Schmerz und Zweifeln, und erst der heraufdmmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe. Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr erschpfter Krper Krfte sammeln wollte fr die bevorstehenden Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte heraufzogen. Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als htte sich etwas Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Ein Klopfen an der Thr schreckte sie auf. Hastig sprang sie empor und ffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf fteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen. Esther forschte nach dem Aeueren des Fremden, und aus der Beschreibung schien ihr hervorzugehen, da Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz schlug strmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und gleich darauf bei ihr eintreten. Mein Frulein, sagte der Kaufmann, indem er zgernd an der Thr stehen blieb, darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten, da ich Sie so bitter krnkte. Aber die Umstnde, unter denen ich Sie kennen lernte, mssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen; ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten: Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht. Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr? fragte Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen Schritt entgegen zu treten. Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und gekrnkt habe! rief Herr Richard und hielt dem jungen Mdchen einen Brief hin. Esther trat jetzt schnell nher und erkannte Frau von Ihlefelds Handschrift. Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr? sagte sie hoch errthend. Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu bergeben? Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern, entgegnete Herr Richard sorglos, erschrak aber ber die Wirkung, welche diese Worte hervorbrachten. Selbst? Er will selbst kommen? stammelte Esther erbleichend, und pltzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Sthnen sank sie zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewutlos in die Arme. Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um sich; bald aber war sie wieder das starke Mdchen, und hrte jetzt ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzhlte nun, da Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute Engel ihres Hauses; was sie fr ihren Sohn und sie selbst gethan, knne nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, krnke ein Herz, das immer nur fr das Glck Anderer geschlagen. Und ich habe dies Herz so tief gekrnkt! schlo Herr Richard, der erglhenden Esther herabhngende Hand an seine Lippen fhrend. Sagen Sie mir, Frulein Esther, wollen Sie mir verzeihen? Das junge Mdchen blickte ernst vor sich hin. Sie kannten mich ja nicht, Herr Richard, sagte sie sanft, und ich glaube, es war sehr thricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgrnde an Sie zu stellen. Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, da man sich vorsehen mu. Lassen wir das jetzt. Mein Zrnen war vielleicht ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan, das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darber nachgedacht habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung veranlassen, Hubert werde selbst kommen. Herr Richard faltete den Brief und berlas ihn schnell. Hier ist's, sagte er dann und las: Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der braven Esther keine Mhe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst.... In diesem Augenblicke aber hrte man eine Stimme in dem Hausflur. Esther stie einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Fe zitterten so heftig, da sie kraftlos auf ihren Sitz zurckfiel. Da hrte man rasche Schritte; die Thr flog auf, und Bertel stand in dem Zimmer. Esther! rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das geliebte Mdchen an seiner Brust. Lange fanden die beiden glcklichen Menschen kein Wort fr das Entzcken ihres Herzens. Esther war so erschttert von diesem pltzlichem Wiedersehen, da sie kraftlos und weinend in ihres Freundes Armen lag, der ihren lieben Kopf zrtlich kte und immer von Neuem an seine Brust drckte. Die sesten Schmeichelnamen, wie sie nie ber seine Lippen gekommen, flsterte er dem vor Freude erbebenden Mdchen in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thrnen lchelnd ihr Gesicht. Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenber so schwach und weichmthig gewesen. Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz hinfllig! sagte sie, die Thrnen aus den Augen trocknend. Dann schrak sie pltzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und flsterte, sich verlegen umschauend: Aber wir sind ja nicht allein, erlaube da ich dir Herrn Richard.... Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber stand eine andere Person, welche still, die hellen Thrnen auf dem guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es war Frau Booland. Tante, liebe, gute Tante! jubelte Esther und flog zu der Alten, die ihre groen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch ber ihrem Herzblttchen schlo, als sollten sie sich nie wieder ffnen. Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen gewagt! rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Fen stand; denn die groe, starke Frau hatte das schlanke Mdchen wie ein kleines Kind zu sich empor gehoben, als knne sie nur so ihrer strmischen Zrtlichkeit Genge leisten. Du mut ja Tag und Nacht gefahren sein, um schon heute hier anzukommen. Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des Entzckens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren groen Hnden Bertel drohend, der lachend und von Glck strahlend neben Esther stand, rief sie rgerlich: Hat der Bengel da mir armen, alten Frau denn Ruhe gegnnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein Bett legen? War's nicht immer, als stnde einer mit der Hetzpeitsche hinter uns und triebe uns vorwrts? Wei Gott, wie's der Bursche fertig gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe! Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in diesem heillosen Franzosenlande bist, rief Bertel lachend. Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind! rief Frau Booland entrstet. Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in dem Neste,.... na wie hie es denn gleich? Avignon, ergnzte Hubert. Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, =Betten= zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten, entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten Rollkissen, gerade als wlzte ich mich im Fieber. Na und berhaupt, ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten knnen! Ich wre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lrm, dies Getreibe, diese Wirthschaft! Wre es nicht mein Herzblttchen gewesen, das ich mir hier aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde wre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraen, solch' Umherwlzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' grliches Essen und Trinken, Schmachten und sich todt mde und elend machen nennen die Leute nun Vergngen! Na, wenn ich erst wieder glcklich in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrckten Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten! Whrend Frau Booland ihren Gefhlen in dieser Weise Luft machte, hatte Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und whrend er beide Hnde des jungen Mdchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf ihren Zgen. Warst du krank, Esther? fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht, das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der vergangenen Monate, und nun gar von den durchkmpften, schweren Tagen der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther beruhigte die beiden geliebten Menschen, sa aber unbeschreiblich ngstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm ihre Hnde zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschpft niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend und dann den Staub von ihrem Kleide schttelnd: Aber mein Gott, wie sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein Schlafstbchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; lat euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen! Und eilig huschte sie in das anstoende, kleine Zimmer, dessen Thr nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch schelmisch zulchend. Sie klinkte das Thrschlo fest hinter sich zu, und Esther war allein mit ihrem Freunde. Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten? fragte Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen. Ja Bertel, gestern, erwiederte Esther und tiefe Gluth flog ber ihr blasses, brunliches Gesicht. So weit du, da wir nicht mehr verlobt sind? Esther schttelte den Kopf und sagte scheu: Ich kann nicht glauben, da es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen. Aber ich liebe sie ja nicht, Esther! rief Bertel, das junge Mdchen wieder bei beiden Hnden ergreifend. Ich liebe ja niemanden, als dich, Esther, du mein Glck, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen, ganzen Lebens! O, jetzt erst wei ich es ja, da ich dich geliebt habe, seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und ich danke Gott auf meinen Knieen dafr, da es endlich klar in mir geworden ist! Und nun erzhlte Bertel alles, was er seit der Ankunft von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkmpft hatte, und wie er jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, -- Esthers Liebe. Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, da du mich lieben kannst, Esther? fragte er endlich weich, und seine Stimme zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: Mein Bertel, mein lieber, ewig geliebter Bertel! Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hrte nichts, als ein merkwrdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoenden Kammer. Frau Booland mute eine uerst umfangreiche Toilette machen, denn es dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit indessen so wenig lang geworden, da sie die alte, treue Freundin vllig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat, fhrte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: Hier unserer treuen Tante Booland danken wir die glckliche Lsung. Ohne sie wre ich nicht hier und wir Beiden nicht das glcklichste Brautpaar unter Gottes Sonne. Na, Gott sei Dank, da wir endlich am Ziele sind! jubelte die Alte, ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide reichlich Platz hatten. Nun aber macht, da wir von hier fort kommen; der Boden brennt mir unter den Fen. Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mute die Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert bernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen unendlich liebenswrdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glckte ber Erwarten. Aus den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und Herr Richard, welcher ein ungewhnlich groes Vermgen erworben hatte, war hoch erfreut, durch Rckerstattung jenes Kapitals zum Glcke so lieber Anverwandter beitragen zu knnen. Das frhliche Lcheln, mit dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begren, sagte demselben besser, als Worte es thun konnten, da Esther die peinliche Scene, welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. Aber zu unserer Hochzeit mssen Sie kommen, lieber Vetter! rief Bertel in frhlichem Uebermuthe beim Abschiede, nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz. Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nmes sprach sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu machen. Nach le Vigan jedoch fhrte sie ihre Lieben nicht, so sehr sie auch gewnscht htte, den guten Doktorsleutchen mndlich von ihrem Glcke zu erzhlen. Aber Tante Booland htte nie wieder Ruhe im Herzen gefunden, htten ihre eigenen Augen jene Zustnde in der Pension gesehen, in denen ihr Herzblttchen so lange Zeit leben mute. Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schnen Stdte mit all' den Sehenswrdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und geno Esther jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewnscht hatte; denn langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rckkehr in die Heimath an, um die alte Frau Booland nicht zu ermden. Die Behaglichkeit dieser Art zu reisen, sowie das Glck ihrer Kinder, das sie umgab, vershnte Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hie, und vergngt lie sie sich berall herumfhren und alles Sehenswerthe zeigen, so da sie nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so lange gelebt hatte. Eine unaussprechlich tiefe, stille Glckseligkeit ruhte auf Esthers Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saen die beiden glcklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen. Aber als sie jetzt in die Nhe der Kirche und der ehemaligen Wohnung Esthers kamen, da ertnte pltzlich Glockenschall und froher Gesang. Blumenkrnze in den Hnden und bunte Fahnen in der Luft schwingend, eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder Zuruf begrte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze, freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glckwnsche aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tnten, die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Krnzen fuhr das junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause geleitet. Auch dies Huschen war festlich geschmckt; als aber jetzt Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der Thr empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rhrung umstanden die Dorfbewohner das Huschen. In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrung dargebracht wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine groe, geschlossene Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich und war an Esther adressirt. Verwundert ffnete das junge Mdchen dieselbe und fand eine Flle der schnsten Stoffe darinnen in Seide, Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung ihrer neuen Haushaltung wnschen konnte. Ein kleines Kstchen lag obenauf, mit der Inschrift Esther, und in demselben ruhte ein kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine, diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten Verehrung fr das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je begegnet sei. Whrend Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestrzt vor der prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzcken bald die Steine des Schmuckes im Lichte funkeln lie, bald wieder die kstlichen Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen bergeben. Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaen: Mein lieber Hubert! Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfngt, da will auch ich nicht zurckbleiben. Bald hoffe ich Euch persnlich begren zu knnen; fr's Erste nur die Nachricht, da unser verehrter Kronprinz soeben die Anfrage an Dich ergehen lt, ob Du fr seine Reise nach Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche auerdem hinzugefgt sind, versprechen so viel Genu und Vortheile, da ich gewi bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue Trennung von Deiner Braut fr's Erste wenig lockend sein mag. Eine Professur fr Archologie soll im Laufe der nchsten Zeit an der Universitt B. besetzt werden, und ich mte mich sehr irren, wenn unser gndiger Kronprinz nicht im Sinne htte, seinen Reisebegleiter fr diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tchtigen Gelehrten erkannt hat. Da dem so sein wird, dafr ist mir nicht bange, falls Du dieser Reisegefhrte bist. Ich freue mich sehr, da meine Dienste, welche ich in frheren Jahren dem Hofe geleistet habe, jetzt noch so gute Frchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen besten Gru und die Bitte, mir nicht zu zrnen, da ich ihr den Geliebten wieder entfhren will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre Gre und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie fr einige Monate durch meinen Bruder entfhrt worden, eine liebe Freundin in ihr begren zu drfen. Bald umarmt Dich in vterlicher Liebe Dein =Adolph von Sassen=. Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der hchste Wunsch Bertels, eine Reise nach jenen Lndern unternehmen zu knnen, auf deren klassischen Boden so reiche Schtze fr seine Wissenschaft ruhten, sollten sich ihm erfllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen! Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zgern Raum gab, obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. Gehren wir uns denn jetzt nicht fr ewig, mein lieber Bertel? rief sie freudestrahlend, als Hubert sie etwas trbselig anschaute in dem Gedanken abermaliger Trennung. Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst, la dir zum Schlu die schne Professur von deinem Kronprinzen schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will, unsere Htte bauen werden. Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen nach jenen schnen Lndern, reiche Schtze sammelnd an Kenntnissen und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in stillem, glcklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermdlich, an der Ausstattung des jungen, knftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von Ihlefeld aber fhlte tglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther gewonnen. Keine andere Tochter htte ihr je mit grerer Liebe und Verehrung anhngen, keine ihr je die Tage mehr verschnern knnen, als dieses Mdchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu stets fr die Ihren lebte und dachte. Als dann endlich das Trennungsjahr vorber und Bertel heimgekehrt war von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmckte Dorfkirche von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die Menge der Andchtigen kaum fassen konnte. Zu den Fen des Geistlichen aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war ein langer, frhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich bekrnzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage fhrte Bertel dann seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath des glcklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann in der That jene Stelle an der Universitt erhalten, von der Herr von Sassen gesprochen. Wenige Monate spter begrte ein anderes junges Ehepaar auf der Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend, bald weinend an Esthers Halse, ihr hbscher junger Gatte aber, jener schwarzbrtige Graf Redern, dem das junge Mdchen bald nach Esthers damaliger Rckkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig daneben, um auch seinerseits die hbsche Frau Professorin zu begren, an der seine kleine Frau mit so schwrmerischer Liebe hing. Bald darauf flog das schne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und frhlich wie ein paar glckliche Kinder, welche fr einander geschaffen schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren Kindern bald nach, und an dem huslichen Heerde derselben, an dem nur Friede und Freude waltete, erblhten der schwer geprften Frau noch einmal frohe, glckliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen von allen Strmen, die ber sie dahin gezogen, und einen frohen Lebensabend genieen, den die Liebe ihrer Kinder verschnte. Tante Booland aber htete stillen und frhlichen Sinnes das kleine Waldhaus in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glck an der Seite ihres Bertel begrndete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befhigte sie jetzt, den Arbeiten Bertels mit Interesse und Verstndni zu folgen, und was sie einst so sehnlich gewnscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu knnen an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in =der= Weise zu Theil, wie es eben fr ein weibliches Wesen am besten und wnschenswerthesten ist. Wie frher das Kind Esther, so kannte auch jetzt Bertels Gattin kein schneres Ziel und keine bessere Aufgabe, als Huberts Lebensglck und keinen hheren Stolz, als den Ruhm ihres Gatten. Verwaist. Erstes Kapitel. Der Abschied. Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Bchern und lernt, als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt, hast du denn immer noch nicht genug Weisheit? so rief Fanny, ein junges Mdchen von 16 Jahren, indem sie in ein groes Zimmer trat, dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an einem der kahlen Arbeitstische, die mit Bchern und Schreibmaterialien bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mdchen ber ihre Bcher und lie sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stren. Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie scheltend fort: Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder so bleich, da ich es nicht lnger leide, dich hier sitzen zu sehen. Du liebe Gelehrsamkeit, ich dchte, heute knntest du dir wahrlich Ruhe gnnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten berflgelt, und es ist nur eine Stimme darber, da du die beste Schlerin der Anstalt bist. Die Angeredete blickte still vor sich hin und schttelte den Kopf. Du glaubst es nicht, Agathe? rief Fanny lebhaft. So geh' und frage alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht habe! Aber statt da du dich darber freuen solltest, machst du so groe, traurige Augen, da mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird. Du bist doch gar zu ernst fr deine 16 Jahre, Mdchen! Agathe seufzte, und Thrnen traten ihr in das Auge. Kann ich dafr, wenn ich ernster bin, als all' ihr andern? sagte sie sanft. Ist nicht auch meine Zukunft ernst und trbe, und mu ich da nicht doppelt eifrig sein, mir so viel Kenntnisse, als mglich, zu erwerben? Was soll denn aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann? Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die fr mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach da =sie= noch lebte! Heie Thrnen strzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr sanft ber das dunkle Haar. Du sollst ja in dem Hause deines Onkels eine zweite Heimath finden, liebe Agathe! sprach sie trstend. Sei doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewi besser gestalten, als du jetzt frchtest! O, bei meinem Onkel, Fanny, schluchzte Agathe; das ist es ja eben, wovor ich mich frchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir doch ein Fremder, und das Herz schlgt mir so unaussprechlich bange bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen; denn gewi sind solche Gedanken eine groe Snde, und ich sollte lieber dankbar dafr sein, da sie die arme Waise bei sich aufnehmen. Du bist noch zu unglcklich ber den Tod deiner guten Mutter und siehst alle Dinge deshalb so trbe und schwer an, liebes Herz, trstete Fanny; Agathe aber schttelte wehmthig den Kopf und weinte still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie ruhig: Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thrnen haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe Fanny, du treue Seele, da ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer ist! Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genu sein, den uns die Freundschaft giebt, rief Fanny heiter. Aber nun komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen wirst du nur noch schwermthiger. Drfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit ausgebildet wre, um als Erzieherin mich ntzlich zu machen! seufzte Agathe, der Freundin folgend. Mein grter Kummer wre es, knnte ich beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast frchte. Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmthiges Kind! Warum machst du dir nur im Voraus solche Skrupel? scherzte Fanny und nach und nach gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr die Zukunft in weniger dstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich plaudernd gingen die beiden jungen Mdchen in dem Garten auf und nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein mit den brigen Schlerinnen der Anstalt dem Hause zueilten. Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen? fragte am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat. Sieh, diesen schnen Blumenstrau und die reizende Tasse hat mir Mama fr ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas fr ihn, Agathe? Ich? Nein, Fanny. Was knnte ich armes Mdchen bringen; ich habe ja nichts! sagte Agathe traurig. O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz! drngte Fanny, Agathen den Strau in die Hand drckend; diese aber gab ihn der Freundin sanft zurck und sagte leise: Nein, Fanny, ich danke dir fr deine Liebe. Aber ich denke, da unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin, und wre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine Freude machen. So schenke ich ihm auch nichts! rief Fanny rgerlich. Das wre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt, sagte Agathe. Komm, komm, es wird ihm gewi Freude machen. Bald traten die beiden jungen Mdchen in das Zimmer des ersten Lehrers der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch ernste Weise, in welcher er den Schlerinnen gegenber trat, die Liebe und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte. Mit Freude und Rhrung empfing er den Dank der beiden jungen Mdchen, welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht mehr genieen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb geworden war. Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mdchen mit auf den Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und grerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische nehmend, sagte er bewegt: Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken zurcklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich mchte mir ihn zur Erinnerung an meine fleiigste Schlerin aufbewahren. Agathe errthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden Hnden des theuren Lehrers Hand ergreifend, drckte sie dieselben inbrnstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus, denn Freude und Wehmuth bestrmten ihr Herz so mchtig, da sie ihre Thrnen nicht lnger zurck halten konnte. * * * * * Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentne durch die sonnige Frhlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andchtig eine Schaar junger Mdchen und Knaben an den Stufen des festlich geschmckten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelbde aus, das sie in den Bund der Gemeinde Christi einfhrte, und tief bewegt erklang der Segen des Geistlichen am Schlu der Feier. Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mdchen, welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche verhllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurck blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der Kirche zu fhren. -- Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf! das waren die Worte, die der Geistliche ihr als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschttert fhlte sie die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel, den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer? Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen, den Gefhrtinnen folgend, da fhlte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und eine sanfte Stimme sprach: Gott segne dich, mein theures Kind! Agathe wandte sich berrascht um und blickte in das treue Auge ihres Lehrers, welcher ihr innig die Hand drckte und dann tief bewegt an ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem jungen Mdchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und liebevoll fr sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frhesten Jugend gekannt, und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wrmste Liebe bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar wunderliche Alte; gro und krftig von Gestalt, und doch so grau und runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmthigkeit und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten, und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten Soldatenfrau bse sein. Agathe hing mit unendlicher Zrtlichkeit an dieser treuen Seele und lie sich willig von ihr auf offner Strae herzen und kssen. Mein Herzchen, mein Vgelchen, meine arme, kleine Blume! rief die Alte ganz hingerissen von Zrtlichkeit und streichelte Agathes bleiche Wangen mit ihren groen, rauhen Hnden; dann schlang sie wieder ihre Arme um des Mdchens feine Gestalt, so da diese ganz in den Kleidern der lebhaften Alten verschwand. Ach Anne, knntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort gehe, dann frchtete ich mich nicht so sehr, seufzte Agathe. Aber so allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es drckt mir fast das Herz ab! Nur Courage, mein Goldkferchen, nur immer stramm dem Feinde in's Auge gesehen, und Care formirt, da er dir nichts anhaben kann! sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das Gewehr. Wir Soldatenkinder frchten uns vor keinem Popanz, und kme er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! Nur nicht ngstlich! das war meines guten Corporals Sprchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn! Wer wei, wer wei, mein Vgelchen, wie die Sachen kommen! fuhr sie dann nach einer Pause geheimnivoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan auf Plan vorber, wie sie es wohl bewerkstelligen knnte, ihrem lieben Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste. Noch einmal betete Agathe an den Grbern ihrer theuren Eltern, von denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, -- dann fhrte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben, bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. -- Agathe hatte sich weinend in die Ecke des Wagens gedrckt, um sich den Blicken der Mitreisenden zu entziehen; da hrte sie ngstlich ihren Namen rufen und erkannte in der Morgendmmerung die groe Gestalt ihrer treuen Anne, welche mit mchtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemchlich ber das Steinpflaster polterte. Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind! rief Frau Sommer athemlos und warf Agathen ein Pckchen in den Wagen. Hier nimm das hinein in dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, da du eine kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein Herzblatt, mein ses, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; beht dich Gott, beht dich Gott! Die letzten Stze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte, und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile nebenher, bis endlich der Kutscher ber das alte Weibergewinsel schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lsten sich vom Kutschenschlage, und mit gefalteten Hnden blickte Anne Sommer dem Wagen nach, ein Gebet fr das Wohl der armen Waise auf den Lippen. Zweites Kapitel. Die neue Heimath. Es war schon vllig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt whrend des ganzen Tages in dem engen Wagen war ihr zuletzt so lstig geworden, da sie sich freute, endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung klopfte. -- Vor einem alten dstern Eckhause in der Hainstrae hielt der Wagen, und schlfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straen mit den hohen Husern, deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger Einblick gewhrten, bedrckten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie schaute in der vllig fremden Umgebung ngstlich um sich; da hrte sie pltzlich, wie eine grobe Stimme fragte: Is Freiln Wiggers mit gekommen? Ja ja, hier ist sie! rief Agathe schnell und htte den schmutzigen Lasttrger vor Entzcken um den Hals fallen mgen, da er unter all' den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen Mdchens herab, welchen der groe Packtrger wie einen leichten Ball auffing. Is das alles? fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen, der neben ihm stand, einen Tritt, da er zur Seite fuhr. Na, der war von Ueberflu! murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei, der den Karren bis zu seiner Rckkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her, Strae auf, Strae ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes Halt machten. Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen, sagte er auf die erleuchtete Treppe deutend. Se kennen nich fehlen, die erste Thr rechts is es! Ich mu mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst giebts e Donnerwetter da oben! Er schob grend die Mtze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum; Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thr, an welcher der Name Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thr allein trennte sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhngnivollen Klingelzuge aus. Eine nette, freundliche Dienerin ffnete die Thr, und Agathe trat in den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mdchen verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Frulein aber anmelden. Agathe ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer Empfang. Sie hatte sich so unsglich danach gesehnt, diesen Verwandten an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie endlich der zurckkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes Zimmer fhrte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde gleich kommen. Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast rauben. Endlich ging die Thr auf, und eine groe, stattliche Dame in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mdchen ihre mit vielen Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten Tone: So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heit du doch? Agathe, liebe Tante! flsterte diese ngstlich und kam zaghaft herbei, der Dame die dargebotene Hand zu kssen. Doch noch hatte sie sich der Tante nicht ganz genhert, als sich pltzlich ein wthendes Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zhnefletschend auf Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurck; die Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem sie ihn herzte und kte. Du spahafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, da man deiner Herrin die Hand kt? rief sie, den Hund von Neuem liebkosend. Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll dich wohl wieder gut machen fr den Kummer, den ich dir verursacht, nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weit ja, wo's was Gutes fr dich giebt, du Schelm! Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll des schnsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser beschnupperte es, whlte sich einige Stcke davon aus, und lie sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, ber das sich ein ebensolcher Baldachin wlbte. Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geffneten Augen zugeschaut; sie glaubte zu trumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: Du siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwhnt; aber er ist mir so lieb, da ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir ganz lieb, da du zu uns kommst! Aber jetzt mu ich fort, liebes Kind, schlo die Dame, einen prachtvoll trkischen Shawl um die Schultern schlingend; la dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du Hunger hast! Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majesttischer Haltung an Agathen vorber, und nickte ihr einen leichten Gru zu; dann war sie fort. Agathe stand lange wie gelhmt noch immer an derselben Stelle und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen Mdchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken berdachte sie die Worte, welche sie gehrt hatte. Unfreundlich war die Tante nicht gewesen, das mute sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheien, nicht eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen htte. Ich will meinen kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz lieb, da du zu uns kommst! Das war eigentlich der Inhalt der Rede, die sie begrt hatte. Also Hundewrterin! sprach Agathe leise vor sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. Deshalb bin ich hier willkommen, nur deshalb! -- Aber nein, ich thue der Tante gewi Unrecht, dachte sie dann wieder; ich bin so reizbar, so empfindlich, hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewi anders, wenn ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewi gut, sonst wre sie zu dem Hunde auch nicht freundlich. Lange stand das junge Mdchen und berdachte in dieser Weise alles, was sie gehrt und gesehen; da endlich ffnete sich die Thr, und ein altes, gutes Gesicht blickte herein. Willst du nicht etwas Warmes genieen, liebes Kind? sprach eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene Frauengestalt neben sich, deren unregelmiges, altes Gesicht mit gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mdchen aufblickte. Ich bin die Cousine, liebes Kind! sprach sie zutraulich, Agathes fragende Blicke verstehend. Ich besorge das Hauswesen und habe dir etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst du mit mir kommen? Agathe folgte ihrer gutherzigen Fhrerin nach einem kleinen Zimmer, das neben der Kche lag, und das ganz hbsch und behaglich aussah, so einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter Tisch stand am Fenster, und bald fllte der Duft des wrzigen Warmbiers die Stube und erregte in Agathen lebhafte Elust, denn sie hatte den Tag ber wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und gemthlich saen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war glcklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und gegen das sie sich aussprechen konnte. Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes Kind! sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung ber den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; du wirst dich noch ber vieles verwundern. Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der? sprach das junge Mdchen gespannt. Mein Vetter! Hm, der mchte freilich wohl manches anders haben! erwiederte die Kleine; aber was kann das helfen! Er ist ein guter, lieber Mann; aber seine Schwche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren, wenn sie launisch und bse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen. Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen! seufzte Agathe. Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte allerlei fr das Geschft; da mute er fort, er mochte wollen oder nicht! sagte Jene. Aber morgen frh kommt er zurck. Fr das Geschft? Was denn fr ein Geschft? entgegnete Agathe. Ich glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein Geschft? Er nicht, aber sie! sagte die Cousine. Es ist ein Putzgeschft, das Madame als Mdchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine Mhe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den Ntherinnen wirst du nun wohl auch dein Pltzchen bekommen, liebe Agathe; Madame hat schon davon gesprochen. Ich soll Putzmacherin werden? rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches Gesicht. Wenigstens wei ich es nicht anders! entgegnete die Cousine achselzuckend. Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde fhrte, und Thrnen strzten aus ihren Augen. O meine schnen Trume! rief sie traurig und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Die gute Alte blickte mitleidig auf das junge Mdchen und seufzte leise, dann aber suchte sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke, und am Ende knne es einem jungen Mdchen ja nicht schaden, wenn sie etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und ntzliche Zugabe fr's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgrnden Gehr zu leihen, auch konnte sie den vernnftigen Worten ihrer Gefhrtin nicht so ganz Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich aber fielen Agathen die Augen vor Mdigkeit zu, und die Cousine fhrte sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem auer wenigen Meubel zwei Betten standen. Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind, sagte die gute Alte freundlich; dann half sie dem jungen Mdchen beim Auskleiden, und trotz der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstrmten, schlo der Schlaf dennoch bald ihr mdes Auge, und fhrte sie zurck in den lieben, schnen Kreis, den sie verlassen. -- Drittes Kapitel. Erster Morgen. Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thr herein schaute, rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurck, und schnell erhob sie sich, um sich anzukleiden. Der Onkel ist soeben zurck gekommen, sagte die Cousine. Er erwartet dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind! Agathe kleidete sich so schnell als mglich an, und bald hatte sie ihre Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war erst krzlich gestorben. In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thr Agathe zgernd ffnete, kam ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen entgegen. Sei mir willkommen, mein liebes Kind! sagte er sanft und zog das junge Mdchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glcklich an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber der sie so herzlich begrte, als sie nur hoffen und wnschen konnte. Nun stellte dieser das junge Mdchen vor sich hin und betrachtete sie prfend von oben bis unten. Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war! rief er dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen Augen und das weiche, braune Haar! Sei nur auch so fromm und brav, als sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen. Das junge Mdchen kte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: Jetzt komm aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und -- und wenn sie vielleicht manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut werden. Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frhstckstisch, an dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frhstck einnahm. Agathes freundlichen Morgengru erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken; dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrielich: Du lt mich lange warten, Albert! Ich dchte, Agathe konnte zu dir kommen, statt da du sie aufsuchtest! Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht begren knnen, darum ging ich gleich jetzt zu ihr, sagte Herr Niedrer sanft. Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frhstck auf uns zu warten. Das habe ich auch nicht! Aber du weit, da ich Bellochen die Milch nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache! sagte Madame rgerlich. Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger. Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch, blies, da sie sich abkhlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab, der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem ferner das Frhstck des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stie er knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem andern Stck Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise beknabberte. Darauf streckte sich das Thier ghnend und mit der Zunge die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames. Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wute nicht, ob sie es wagen durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von ihr nahm. Sie zupfte ngstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fue auf den andern. Aber so komm doch nher, du schchternes Kind, und frhstcke mit uns! rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob einen Stuhl herbei, auf dessen uerster Ecke Agathe schchtern Platz nahm. Ich dchte, sie knnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mdchen mssen sich nicht bedienen lassen! sagte Madame scharf. Ein peinliches Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Lffeln unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschwei auf der Stirn. Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frhstcksstunde in der Pension, wo sie zwar nur Milch und trocknes Weibrod erhielten; aber wie viel tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem eleganten Zimmer der se Kaffee und das leckere Gebck, welches der Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kmmerte sich um nichts, als um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an Verdauungsbeschwerden. Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie! sagte der Onkel endlich, die Stille unterbrechend. -- Ich glaubte, deine Schwester sei schn gewesen, erwiederte Frau Marie gleichgltig. Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie wird ihr gewi noch viel hnlicher werden, wenn sie lter ist, sagte der Onkel. So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist von Schnheit keine Rede, entgegnete die Tante und streckte sich auf dem Sopha. Aber la mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar angegriffen. Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama? wagte jetzt Agathe zu sagen. Sie sehen so wohl aus; ich htte es nicht gedacht! Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie htte sagen knnen! Es berhrte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, da sie schwach und leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke spielte. Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, da Agathes Herz erzitterte. Denkst du etwa, ich verstelle mich? rief sie, dunkelroth vor Aerger. Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und blhend aussieht! -- Aber, fuhr sie dann streng fort, jetzt mein Kind, steh' auf, und mache dich ntzlich! Hier, bernimm gleich zuerst dein tgliches Geschft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann die Locken zu kmmen. Aber da du ihm ja nicht weh thust, wie die Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht! Agathe war sehr erschrocken ber den Verweis, den sie erhalten, und verschluckte nur mit Mhe die Thrnen. Schnell stand sie vom Stuhle auf und nherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber knurrend fletschte ihr dieser die Zhne entgegen und drohte zu beien. Das brachte der Tante ihre gute Laune zurck; lachend gab sie Agathen ein Stck Zucker und sagte: Du mut dir erst seine Gunst erwerben. Da, gieb ihm das, dann wird er nicht beien. Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich lie sich der verzogene, kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen. Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber eile dich, es wartet noch andere Arbeit! rief die Tante, und Agathe war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen, seinen Geschften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten. Aber welch' bse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und wieder gebadet, dann suberlich abgerieben und endlich mit Kamm und Brste gekmmt und geglttet, als wren es die Locken eines kleinen Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und bi um sich, da ihm Agathe eine fremde Wrterin war, so da diese ohne die Hlfe der Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wre. In Schwei gebadet, mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Hnden trug sie das kleine Ungethm endlich zu seiner Herrin zurck, welche noch immer behaglich auf dem Sopha ruhte, und in die Lectre eines Romanes vertieft war. Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frhstck! rief nun Madame, Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mdchen schnitt ein zierliches Brdchen ab, bestrich es mit Butter und legte eine Wurstscheibe darauf. Mein Gott, schmiere doch nicht so mager! rief Madame entrstet, und ich glaube gar, du verlangst, da Bellochen die Schale mitessen soll! -- Still lchend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem Hunde das Frhstck hin. Das Thier knurrte verdrielich, fra erst die Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. Das arme, kleine Thier! rief Madame ngstlich; wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein Bettchen glatt, er wird schlafen wollen. Als Agathe den Hund auf sein Lager mglichst sanft gebettet hatte, sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: Nun komm mit mir; ich will dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mdchen mu immer fleiig sein, und wer essen will, mu auch arbeiten. Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und ffnete endlich die Thr eines groen Gemaches, in dem eine Anzahl junger Mdchen eifrig bei der Arbeit saen. Vor ihnen auf groen Tischen lag eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene Hte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mdchen grend und setzten um so eifriger ihre Nherei fort. Hier bringe ich Ihnen eine neue Schlerin, Frulein Schneider, sagte Madame und wandte sich zu einer etwas ltlichen Dame, welche den jungen Mdchen zur Seite auf einem erhhten Stuhle sa. Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Gte, sie anzuleiten. Komm Agathe, sprach sie dann zu dem zaghaft um sich blickenden Mdchen, hier ist Frulein Schneider, die Directrice des Geschfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte Mhe, etwas zu lernen. Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Nherinnen und betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Frulein Schneider ber die Garnirung der Hte, welche sie anders wnschte. Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen Sachen Bescheid wute, und besonders, wie schn und geschmackvoll die Anordnungen waren, welche sie fr die Zusammenstellungen der einzelnen Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf, als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mdchen blickten sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch Frulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe, neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand. Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Frulein? sagte sie dabei freundlich. Nein, niemals, entgegnete Agathe. Ich komme eben aus der Pension und da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit. Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen? fragte die gute Dame theilnehmend weiter. Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen, sagte Agathe unbefangen. Ich wollte ja so gern Erzieherin werden. Erzieherin? rief Frulein Schneider verwundert. Welche sonderbare Idee! Da mu man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschftigung, so recht etwas fr uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer, unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mdchen schon damit ihren guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schne Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich, einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den Modisten in ganz Leipzig; das mu man sagen! Obwohl sie jetzt nicht mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. -- Da sehen Sie z. B. diese Capotte! fuhr die gesprchige Dame lebhaft fort und hob einen violetten Sammthut empor. Ich wollte sie mit grnen Blttern und weien Knospen garniren; es sah recht hbsch aus. Aber Madame warf nur =einen= Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein Arrangement gefiel. Und ich mu ihr Recht geben; denn kann man wohl etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmtterchen mit dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Bltter und Knospen whlte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, da ihn eine Prinzessin aufsetzen knnte, ohne sich der Arbeit zu schmen. Nun wer wei, was kommt. Es wre nicht das erste Mal, da der Hof uns mit seinen Auftrgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschft kann es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das wei ich so sicher, als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze! Sie sprach dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewutsein, und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprchigen Dame auf, denn der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag fr Tag, Sommer und Winter, von Morgens frh bis Abends spt, erregte ihr frmlich ein Grauen. Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da nicht unertrglich geworden? rief sie unwillkrlich und seufzte tief auf. Die jungen Mdchen stieen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und lachten heimlich; Frulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von ihrem Throne herab und rief: Lassen Sie das alberne Lachen, meine jungen Damen. Frulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm unsere Arbeit ist, sobald sie sich nher damit befreundet. Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen waren, so sah sie es doch als ein groes Migeschick an, sich nur mit der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschftigen zu knnen. Aber sie behielt ihre Gedanken fr sich und arbeitete ruhig weiter. Die jungen Mdchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer Arbeit abzog, und da jetzt auch Frulein Schneider schwieg, hrte man nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen Fden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel den Hnden. Jedes der jungen Mdchen zog eine trockene Semmel aus der Tasche, und ein allgemeines frugales Frhstck, bei dem ein Glas Wasser das Getrnk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser Arbeitspause durften sich auch die Zungen rhren, und nun schwatzte und lachte und zischelte es durcheinander, da es eine Lust war. Agathe arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frhstck, und sie war whrend ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestrt denken konnte, so traurig geworden, da sie auch gar keine Lust zum Essen hatte. Aber da ffnete sich die Thr, und die alte Cousine kam freundlich grend herein. Ich bringe dir das Frhstck, liebe Agathe, sagte sie, dem jungen Mdchen eine Semmel reichend. Verzeih', da ich sie dir trocken gebe; aber fette Speisen drfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es wrde gar zu leicht etwas dadurch verdorben. O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine Butter, entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weibrod. Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O, knnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben, frhlichen Freundinnen; knnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den Garten laufen, um frische Luft zu schpfen; es war so eng, so schwl, so drckend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie sa hier, und mute hier bleiben. Die Frhstckszeit war jetzt vorber, und eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher ber die fleiigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als es ein Uhr schlug, erhob sich Frulein Schneider, legte die Arbeit fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lsungszeichen fr die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fnf Minuten vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurck. Aber auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter einander genht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte so gar keinen Theil an der Arbeit der Hnde nehmen knnen. Die Finger thaten ihr weh, der Rcken schmerzte, und sie war so mde, als htte sie drei Tage hinter einander genht. Lieber zwlf Stunden schreiben und lesen, als zwei hinter einander nhen! seufzte sie und blickte zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mdchen eilig die Strae hinauf trippeln sah. O, die sind doch frei und knnen fort aus diesem Hause! dachte Agathe sehnschtig. Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, mu Hunde warten, Hte nhen und mich schelten lassen; -- o mein Gott, mein Gott, ich bin doch zu unglcklich! Sie drckte das Gesicht in beide Hnde und weinte bitterlich. Die Thrnen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken. Knnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thrichtes Kind? tnte es in ihrer Brust. Was bist du denn, da du so groe Ansprche machen kannst? Die Tante ist nicht zrtlich, aber doch auch nicht gerade unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht sehr angenehm, aber doch auch kein groer Kummer, und da du wie diese anderen jungen Mdchen viele Stunden bei der Nharbeit sitzen mut, geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr vernnftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben, dir spter selbst fortzuhelfen. Du wnschtest dies freilich in einer andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen? Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und wollte nicht gehen! O wenn ich nur lernen drfte, um Erzieherin werden zu knnen, dann wollte ich alles, alles ertragen! das war immer wieder der Schlu aller ihrer Gedanken und Betrachtungen. Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr trauriges Gesichtchen in ein mglichst heiteres verwandelnd, verlie sie mit der guten Fhrerin das Arbeitszimmer. Viertes Kapitel. Schoohund und Zughte. Die Tante hatte bestimmt, da Agathe mit der Cousine zusammen das Mittagbrod einnahm; sie selbst a spter, denn Herr Niedrer kam erst um drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe schon wieder mit den Arbeiterinnen fleiig sein, deren Arbeitsstunden von Morgens neun bis Mittag ein Uhr whrten, dann Nachmittag von zwei bis sieben Uhr. Agathe freute sich, da sie mit der guten Cousine so traulich allein an dem kleinen Etisch im Fenster, wo sie gleich am ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider aber war die freie Stunde bald vorber, und Schlag zwei Uhr mute sie wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Flei wie des Morgens von Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr. Frhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein, beneidete wieder die forteilenden Mdchen, welche doch jetzt am Abend wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. =Sie= hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten; ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrckend. Die trben Gedanken kamen wieder ber sie, strker und banger als je; denn die langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unertrglich und hatte ihr allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, da es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhllen und alle Hoffnungen ersticken wrde. Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Bchern gehren! rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer. Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels: Die Jungfrau von Orleans, in welches sie sich vertiefte, da sie den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche pltzlich neben ihr stand. Agathe fuhr empor, als htte sie ein Unrecht begangen und legte das Buch schnell zur Seite. Befehlen Sie etwas, liebe Tante? fragte sie hastig. Ich wollte wissen, was du treibst, sagte diese kalt. Du hast den ganzen Tag gesessen; es ist nthig, da du dir jetzt einige Bewegung machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft gekommen. Ja wohl, liebe Tante! entgegnete Agathe, blickte aber ngstlich zum Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie vllig fremd in der Stadt. Die Cousine kann dich heute ein Stck begleiten, damit du dich nicht verlufst, sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte. Die Tante ist doch sehr gut, da sie so fr meine Gesundheit sorgt, dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stck Kuchen an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet, in's Freie. Sie ergtzte sich an dem bunten Treiben, das die Straen dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen, berhngenden Huser, die dunkeln Hfe und Gchen, durch welche sie gingen, und die in der Dmmerung noch unheimlicher aussahen, bedrckten das Herz des jungen Mdchens mehr und mehr. Dazu kam, da Bello unruhig wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn in dem Gewhl und der Dunkelheit htte sie ihn sicher verloren. Warte, wir wollen ihn anbinden! sagte die Cousine und zog eine Schnur durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorbergehenden lachten und neckten die junge Hundewrterin, so da diese dem Weinen nahe war. Aber die Cousine trstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen von hinten mit dem Fue vorwrts stie, und so, ziehend und stoend gingen sie ein Stck Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bsartig, da der Spaziergang mglichst schnell beendigt werden mute. Die Tante war sehr rgerlich, sowohl ber den Unfall, der ihrem Lieblinge widerfahren war, als ber die schnelle Rckkehr Agathes. Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr, sagte sie, du httest ihn wohl noch eine Weile fhren knnen. Aber liebe Tante, es war ja nicht mglich; laufen wollte er nicht, und auf dem Arme blieb er auch nicht! entschuldigte sich Agathe. Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln! rief die Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. So unaufmerksam, ihn treten zu lassen! Das junge Mdchen wollte sich schchtern zurckziehen, da sagte die Tante: Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen. Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt, erwiederte Agathe erstaunt. So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du morgen mit mir spielen kannst, sagte die Tante. Die alte Person mag ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir rechte Mhe, da du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu schrecklich. Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hbscher als Kartenspiel, wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete verdrielich: Nein, la mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel. So blieb denn Agathen nichts anderes brig, als den Befehlen der Tante zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser vllig unbekannten Kunst zu bitten. Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nthig war, und der ganze schne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der Tante, begriffen hatte, der schne Abend, an dem sie sich so unsglich gern mit ihren Bchern beschftigt, ihren frheren wissenschaftlichen Arbeiten einige Zeit gewidmet htte! Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am Morgen, aber um die Beschftigungen Agathes bekmmerte er sich nicht; das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen. Aber doch bertrug er ihr auch ein Geschft, das Agathen mit der Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectre Agathes einzige geistige Beschftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle brigen, nur mit dem Unterschiede, da Agathe den Hund am Tage spazieren fhren mute, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war die Tante so gtig, ihr noch eine halbe Stunde lnger zu bewilligen, ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden. Bald hie das junge Mdchen bei der frhlichen Straenjugend, welche sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nhe einfand, nur noch das Hundefreiln. Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen, wenn derselbe seine bsen Mucken bekam, und oft genug wurde er von solch' kecker Hand tapfer durchgeprgelt fr seine Unarten, was Agathe durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was es heit, ein artiger Hund zu sein. So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nhte sie bis ein Uhr, a geschwind, und fhrte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die Luft, was ihr freilich selbst sehr zutrglich war. Dann wurde wieder genht bis sieben Uhr, und regelmiges Kartenspiel mit Onkel und Tante sowie schlielich die Zeitungslectre beschlo den Tag und raubte ihr jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht niemals; denn Agathes zarter Krper bedurfte nach der Arbeit des Tages unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spt, da nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen brig blieben. Aber doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer geisttdtenden Arbeiten zu erliegen meinte. Auch an den Sonntagen gehrten einige Stunden ihr selbst, und nie waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt. Regelmig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand sie Trost fr alles, was ihr Herz bedrckte, und frischen Muth, der Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich einige Stunden selbst berlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel heran kam, und da sie diese schne Freiheit benutzte, um zu ihren Bchern zu flchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben, versteht sich von selbst. -- Aber wre dem schnen Sonntage nur nicht das Erwachen am Montag frh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie eine lange Kette von sechs schweren, drckenden Bleigewichten lagen diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten. Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr wenig Geschick. Es gehrten gewandte, flinke Finger dazu, und groe Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fltchen und Kniffchen und niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas Hbsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie hatte eine schwerfllige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und machte so kleine zierliche Stiche, als nhte sie feine Wsche. Schon bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Frulein Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben daran kamen. Das ABC, das jede Schlerin erst lernen mute, um dann zu den hheren Graden zu gelangen, war nmlich das Nhen von Millionen dicht an einander stoenden, kleinen Sumen, in welche Fischbeine geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughte zu geben, in denen Madame Niedrers Geschft eine besondere Berhmtheit erlangt hatte, weshalb denn diese massenhaften Sume auch nimmermehr ein Ende nahmen. Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mdchen bei dieser Arbeit durch das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nhte sie Stich um Stich, und solch Zughtchen, von ihrer Hand gefertigt, wrde vielleicht am jngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit, so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schlerin der ganzen Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube. Frulein Schneider war zum Glck eine sehr gutherzige Dame und sah wohl, wie viel Mhe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mdchens; aber freilich nderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fhlte sich von Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, da Bello krank wurde und sie diesem unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mute. Das Thier litt zuweilen an Krmpfen, und wenn diese sich einstellten, dann gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im Sopha, unfhig ihren Schmerz zu berwinden, oder sie kniete neben dem Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, da ihr der Schwei von der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhllte, die immer neu erwrmt werden muten. Bei solchen Krankheitszufllen hatte Agathe auch in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben dem ihren, und sie mute viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere auf der Spirituslampe se Milch zu erwrmen und ihm dieselbe dann einzuflen. Die Cousine half dabei natrlich gern und nahm Agathen die Hlfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge; denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie die Vorwrfe. Bello war gewhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen, und so brannte dieselbe natrlich auch jetzt neben Agathes Bett. In einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge davon wieder seine Krmpfe; denn das zarte Geschpf hatte sich ber die ungewohnte Finsterni alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte helfen, und am nchsten Tage war Bello so krank, da Madame Niedrer fassungslos umherirrte. Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe, rief sie weinend, ich kann es nicht, ich bin zu trostlos! So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt, denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier wrde sterben. In der Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen, als den armen Bello. Das junge Mdchen wurde von Minute zu Minute unruhiger; tdtliche Verlegenheit und Angst frbte ihre zarten Wangen immer tiefer; aber gerade dies erhhte ihre Schnheit, und beiflliges Flstern erhob sich rings um sie her. Sie fhlte, wie unpassend es war, da sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und ein lterer Mann, der sich mit ihm beschftigte, fand gar kein Ende in seinen Untersuchungen. Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt! sagte endlich der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den jungen Aerzten, die ihr die Thr ffnen, ihr einen Wagen herbeirufen, sie begleiten, kurz ihr alle mglichen Dienste erzeigen wollten. Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schchterne Kind war auer sich ber das, was sie hatte ertragen mssen, und ihre Aufregung war so gro, da Madame Niedrer's Vorwrfe darber, da sie den Hund in der Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen, da erklrte sie mit einer fr die Tante vllig neuen Entschiedenheit, das thue sie nicht, die Cousine mge hingehen. Trotz Madames Zorn ob solcher Opposition lie sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glck war Bello wieder gesund; Agathe aber hate ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst und Sorge um ihren Liebling lie Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte das Thier, so sollte sie dafr einstehen; denn die Tante behauptete, sie besorge ihn schlecht. Lief er in pltzlicher Laune zur Thr hinaus, so mute sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn zurck zu holen, damit er sich nicht wieder erklte, und kam sie dann athemlos zurck, so zitterten ihr die Hnde von dem Kampfe mit dem widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und ein schwerer, stiller Trbsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr alles gleichgltig; am liebsten wre sie im Grabe bei ihrer lieben, theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar keinen Reiz mehr fr sie. Fnftes Kapitel. Wiedersehn. Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land gezogen; in den Grten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und die blhenden Lindenbume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen Mdchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen. In dem frischgrnen Laube der schattigen Baumgnge, unter denen Agathe dahin schritt, sangen die Vgel frhliche Lieder, und die Sonne blickte mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute fr gar nichts Sinn. Allerlei Verdru und Aerger bedrckte ihr Herz mehr als gewhnlich, und sie fhlte sich so einsam, so allein in der Welt, da sie sich wie verstoen vorkam. Thrne auf Thrne rollte ber ihre Wange, und mde setzte sie sich endlich auf eine der Bnke, welche unter den Bumen standen. Bello war ungewhnlich artig und legte sich ruhig zu ihren Fen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren Gedanken abgezogen. Aber pltzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr Ohr, und wie trumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu wohl bekanntes Gesicht. Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Mu ich dich gleich hier finden, mein armes kleines Vgelchen? so rief schon von Weitem die bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen Hhe und Breite strmte sie mit groen Schritten auf Agathe los. Anne, meine Anne! jubelte das junge Mdchen und flog mit offenen Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend umschlang diese ihren Liebling. Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott! sagte endlich Agathe. Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du ziehst hierher und lt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne, wenn du wtest, wie traurig ich bin, du verlieest mich nicht wieder! Nun will ich denn das, mein Herzkferchen? Will ich denn wieder fort? Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier nehme? rief die Alte frhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen Stimme, da die Vorbergehenden verwundert auf das sonderbare Prchen blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und hatte heute den groen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht sich allerdings unter den glatten, weien Mtzchen und den modischen Kleidern der Leipziger Stubenmdchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug einen feuerrothen Rock mit weiter Schrze und Mieder, darber den rothen schlesischen Friemantel, welcher, wie der blaue Regenschirm, Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine Mtze mit langen Bndern, von einem groen, schwarzseidenem Tuche umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mchtige Fcher ber der Stirn schwebten. Agathe war so glcklich ber das Wiedersehen ihrer treuen Anne, da ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr Herz ffnen zu knnen, erzhlte sie alles, was ihr begegnet, und alles Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzhlung mit den theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein =Telegraph= mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glckselig aber war sie, da sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich ihrer nun aus allen Krften annehmen, da sie ihr so nahe sei. Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen! seufzte Agathe. Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue Seele neben sich wute. Wer wei, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am wenigsten denkst, sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr versptet hatte und nun eilte, nach Hause zu kommen. Besuche mich morgen ganz frh, Anne, den Tag ber habe ich keine Zeit, rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch einmal zu und flog die Treppe hinauf. Du armes, armes Vgelchen! Das ist kein Ort fr dich! sprach Anne leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging. Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante mu gar kein Herz im Leibe haben, sonst knnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von frh bis Abend an die Nherei schmieden, wie einen Galeerenstrfling! Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so frhlich gestimmt, da die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber herzlich mit dem jungen Mdchen freute, als sie den Grund zu deren Frohsinn erfuhr. Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche Besuche nicht, sagte die Cousine, und da Agathe berhaupt in Gegenwart der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes. Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frierockes holte sie eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen der Pension an Agathe schickten. O, was fr eine Freude war das, welch ein herrlicher, glcklicher Tag! Das junge Mdchen lachte und weinte vor Entzcken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals. Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre ber sie gekommen. Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort; fter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren tglichen Spaziergngen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen. Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und die fallenden Bltter deckten die Laubgnge vor der Stadt, in denen Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den Eisenstben zu rtteln versuchte, die sie umschlossen. Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in groer Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als sie frhlich ausrief: Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles Licht, sage ich dir! Dabei focht sie mit ihren groen Hnden gewaltig in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes Licht verhllten. Die Bresche ist geschossen, nun mu auch die Festung bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal, wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich, schlo sie dann und fuhr sich ber die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte. Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur? rief Agathe neugierig und zog die Alte auf eine Bank. Was es giebt? Eine Stelle giebt es fr dich, mein Vgelchen! jubelte die Alte. Aber wie gesagt, Sturm mssen wir laufen, sonst kommt uns ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt uns den Weg. Eine Stelle? Du trumst wohl, Anne; fr mich eine Stelle? rief Agathe unglubig. Was soll ich armes Ding denn fr eine Stelle ausfllen! Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen! Das wird sich finden! sagte die Alte stolz und schttelte den grauen Kopf, da die Fcher ihrer Mtze hin und her schwankten. Jeder soll thun, was fr ihn pat! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe Beschftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat, sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abqulen, sondern lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und wei, wer in der Pension stets die beste Schlerin gewesen ist! Es ist mir ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das mu ich wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die Welt kam, damit Basta! Aber so sag' doch, was hast du denn fr eine Stelle? lachte Agathe und ergriff zrtlich die schwielige Hand der braven Freundin. Nun du weit doch, da ich die Aufwartung bei Madame Gro bernommen habe, hub die Alte geheimnivoll an. Diese hat jetzt Besuch von ihrem Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: Wenn sie fr die arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung htten, liebe Madame Gro, sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine Absichten. Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht, und die liebe, kranke Dame wird das gewi spter empfinden. Sehen Sie, Madame, sagte ich weiter, mein Corporal war der beste Mann in der ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht zum Dienste gehrte. Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als da du die Leute als Gesellschafterin begleiten solltest! schlo die Alte mit glnzenden Augen, und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Gro fand meine Gedanken vortrefflich. Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin! rief Agathe ganz erschrocken. Aber warum denn nicht? sagte die Alte eifrig. Ist es nicht besser, du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe ich gemerkt), als da du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst? Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden Putzmacherei verkmmerst du ganz; ich kann das nicht lnger mit ansehen. Gelt, Schfchen, du gehst darauf ein? Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die Aussicht, in fremde Lnder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und zu lernen, was fr ihre Ausbildung ntzlich sein mute, tauchte wie ein Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor. Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne, seufzte sie traurig. Dafr la mich sorgen, das wird sich finden, sagte die Alte. Meine Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn so ein armes, kleines Vgelchen; aber Hlfe hat sie von dir in Menge, und gewi denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschft werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wre freilich fr sie bequem. Ach, mein Gott, das wre ja schrecklich! rief Agathe, und dachte mit Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Frulein Schneider bereits jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr ganzes Lebenlang dort fest zu halten. Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth haben! fuhr Agathe ngstlich fort. Nun la mich nur machen; es soll schon alles gut gehen! trstete Anne. Morgen gehst du mit mir zu Madame Gro, ihr lernt euch gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann. Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem frhlichen: Na, da ist das Goldkind, Madame! schob sie militrisch grend, zwei Finger an die Fcher ihrer Haube gelegt, die schchterne Agathe vor Madame Gro hin. So jung noch, und so zart? konnte sich die Dame nicht enthalten, auszurufen, als sie Agathen betrachtete. Sie wird sich fr diese Stelle nicht eignen, liebe Sommer. Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen? sagte die Soldatenfrau barsch. Nein, das soll sie nicht! entgegnete Madame Gro. Aber sie wrde doch zuweilen des Nachts aufstehen mssen, oder dergleichen Dinge thun, und wenn sie schwach und krnklich ist, so hlt sie das nicht aus; denn das Leben bei einer Kranken ist angreifend. Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe, sagte Agathe jetzt angstvoll, denn sie frchtete so sehr, abgewiesen zu werden. Kommen Sie mit zu meiner Schwgerin, liebes Kind; sie mag selbst entscheiden, sagte endlich Madame Gro nach einigem Zgern, und bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren durchsichtige Farbe die bse Krankheit verkndete, welche ihren zarten Krper zerstrte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke an, und dieser traten Thrnen in das Auge; denn unwillkrlich dachte sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hie die Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach ihren Verhltnissen. Agathe erzhlte anfangs zaghaft und schchtern; aber die rege Theilnahme der Kranken flte ihr bald groes Vertrauen ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und verhehlte nicht, wie innig sie wnschte, bei ihr bleiben und mit ihr gehen zu knnen. -- Frau von Menzel reichte dem jungen Mdchen endlich die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich wnsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte, so mge sie nur mit ihren Verwandten darber Rcksprache nehmen. Aber freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen wollten sie abreisen. Agathe kte voll des innigsten Dankes die Hand der gtigen Dame. Ihr Herz fhlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne zurck, und diese war so glcklich ber das Gelingen ihres Planes, da sie wie ein Kind sprang und tanzte. Aber nun die Tante; ach, wre das erst berstanden! jammerte Agathe. Wenn ich es nur dem Onkel sagen knnte; aber ich sehe ihn ja nie allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn er frchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen. So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr, sagte Anne. Ich warte in der Kche drauen auf die Antwort; zu Hause lt es mir doch keine Ruhe. Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thr, die zu dem Zimmer der Tante fhrte. Sie hrte ihr Herz ordentlich klopfen und kmpfte nach Athem; endlich aber drckte sie muthig auf die Thrklinke, und nun war sie im Zimmer. Liebe Tante, wenn ich Sie nicht stre, mchte ich Ihnen etwas sagen, begann sie ziemlich khn. Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit? sagte die Tante streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkndete. Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe Tante! stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend. Du wirst es nie lernen? Was soll das heien? Du willst nicht, bist faul, ich wei es lange! fuhr die Tante auf. Aber es hilft dir alles nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und la mich solche Reden nicht wieder hren! Du bist ein armes Mdchen; du mut daran denken, dir dein Brod spter selbst zu verdienen. Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch, stammelte Agathe. Wenn Sie es mir erlauben, so mchte ich eine Stelle annehmen. Eine Stelle? rief die Tante staunend. Ich glaube, du weit nicht, was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mdchen denn fr eine Stelle annehmen? Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten, sagte Agathe wieder muthiger. Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben. Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet? rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. Also hinter meinem Rcken schmiedest du solche Rnke, du falsches Mdchen? Ohne mir vorher ein Wort zu sagen, lt du dich von andern Leuten engagiren! Aber, mein liebes Kind, daraus kann ein fr alle Mal nichts werden! Du wirst hier bleiben und nach wie vor dich beschftigen, wie bisher; denn ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben fhren und in der Welt umher reisen. La es dir lieb sein, da ich dich davon zurck halte, denn du wrdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast. Aber liebe Tante, ich wrde franzsisch lernen und vielleicht dann Erzieherin werden knnen, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte, erlauben Sie es mir doch? flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der Verzweiflung. Nein, sage ich dir! Meine Erlaubni bekommst du nicht! fuhr die Tante heftig auf. Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir nichts durch ein Bischen franzsisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort ber die Sache! Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Kche harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie die Stimme der Tante hrte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte zu entgehen. Aber wie viel stille Thrnen, wie viel Seufzer und wie viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und schwerflliger als je zu Stande brachte. Sechstes Kapitel. Treue Hlfe. Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und lie sich bei Madame Niedrer anmelden. Bitte um Entschuldigung, wenn ich stre! sagte die Alte mit ihrer rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit hchster Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah. Ich bin Frulein Agathes frhere Dienerin, Madame! fuhr die Alte weiter fort, und habe eine groe Bitte an Sie. Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien sicher! rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug. O bitte, ich bettle nicht! sagte die Alte stolz und richtete sich in ihrer ganzen Lnge auf. Ich komme nur, um fr Frulein Agathe etwas zu bitten. Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell! rief Madame Niedrer heftig. Madame, Ihre Nichte wnscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie flehentlich, erlauben Sie ihr das! sprach die Alte nun laut und dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher. Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen! rief Madame zornig. Sie ist es gewi, die ihr die Stelle suchte und das undankbare Mdchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der Stelle gehe Sie, oder ich klingle, da man Sie hinaus bringt! Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem Berge zu halten! brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und tief. Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und darum will ich, da sie glcklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame, da Sie es mit ansehen knnen, wie das arme, zarte Kind leidet an Krper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grmt sich zu Tode, da sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, da sie lernt statt zu nhen, oder Sie lassen sie fort. Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese war zuerst etwas berrascht; bald aber fate sie sich und sagte, die Klingel ziehend: Augenblicklich verlt Sie mein Haus, Sie unverschmte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin, damit Punktum; Sie aber lt sich nie wieder blicken! Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie selbst aber verlie stolz und heftig das Zimmer. So also geht's nicht! brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf der Strae war. Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als gentzt; das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn fort mu sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewi doppelt schlimm, die arme, kleine Maus. Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng gegen Agathe und gnnte ihr so wenig freie Zeit, da das arme Mdchen es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wute sie jetzt nur zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natrlich nicht fort. Den Onkel um Hlfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer wei, wann sich wieder etwas so Passendes finden wrde. Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr Herz ausschttete, wute auch weder Rath noch Hlfe. Auch Anne Sommer war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein, da Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden. Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich bedaure, sie nicht begleiten zu knnen, Anne, sagte Agathe weinend, und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus, als lache sie in sich hinein. So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mhe, gar nicht mehr an ihre schnen Hoffnungen zu denken; aber natrlich wollte ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger. In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter den Linden auf und nieder, und unwillkrlich verglich sie das gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fue rauschte, mit den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in ungewhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der Hand und sagte freudig: Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein Herzkind! Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn? sagte Agathe niedergeschlagen. Ob du mit Frau von Menzel reisen willst! rief Anne lebhaft. Ach la doch nur dies unglckliche Thema! sagte Agathe sich abwendend, denn die Thrnen brachen ihr wieder hervor. Du weit ja, ich darf nicht. Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf wei! jubelte Anne und hielt ihren Zettel triumphirend empor. Madame freilich erlaubt es nicht, das steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der hat es mir hier drauf geschrieben, da er nichts dagegen hat. Na, Mhe freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschlo; denn seine bse Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen, habe ihm das Herz so weich gemacht, da er dir doch endlich seine Erlaubni gab. Denn gut ist er und helfen mchte er dir, das mu ich sagen; aber die Furcht vor der Frau lt ja alles das nicht aufkommen! Wie? Du hast die Erlaubni des Onkels? rief Agathe in in hchster Verwunderung Wo hast du ihn denn gesprochen? In seinem Comptoir, mein Schfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen und habe ihn bestrmt, bis ich den Zettel hatte! rief die Alte und rieb sich vergngt die harten Hnde, da es raschelte. Aber Abschied zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wre alles umsonst. Madame sperrte dich sicher ein; darum entschliee dich nur und komm gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet. Wie? Ich soll gleich mit dir kommen? rief Agathe, die Augen weit ffnend. So ohne Abschied, ohne alles, ohne.... Ja den Abschied von deiner zrtlichen Tante, den mut du freilich dran geben, lachte die Alte; alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig. Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der Dmmerung abhole; sie wei um alles, ist aber verschwiegen und freut sich, da du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige Tage frher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen. Aber das ist ja eine wahre Entfhrung! Ich laufe ja davon, als wre ich ein Verbrecher rief Agathe ganz auer sich vor Bestrzung. Nun ja, was bleibt denn anders brig, wenn dein Onkel seine Frau nicht zwingen kann und will? lachte die Alte. Er hat ja eine Furcht vor ihr, als wre sie Napoleon seine grte Kanone! Aber dem Onkel mu ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so fortlaufen, es wre zu abscheulich! sagte Agathe. Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir, drngte die Alte. Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut. Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels, der in groer Unruhe in demselben auf und nieder ging. Agathe! rief er freudig, als das junge Mdchen schnell bei ihm eintrat, und zog dasselbe an die Brust. O mein lieber, lieber Onkel! schluchzte Agathe, verzeihe mir! Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind! sagte Herr Niedrer sanft. Ich sehe ein, da es besser fr dich ist, du verlt unser Haus und nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und bleibe gut und brav. Alles andere la dich nicht kmmern; ich wei, was ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht mehr sein kann. Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen, und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne hatte in ihrem Stbchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet, und bald schlo sie die Thr hinter der Entfhrten. Hier bist du sicher, mein Vgelchen! rief sie frhlich. Hier finden dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht. Agathe sa stumm und traurig da, und alle Frhlichkeit der guten Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante, die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mute. Dann kam die Stunde, in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran, da er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen und zu schtzen. Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will, mu in seinem Hause geschehen, so gehrt sich's! sagte Anne Sommer mit grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um ihretwillen gewi viel Aerger und Verdru zu leiden haben. Htte er es dir nicht erlaubt, wrdest du natrlich nicht desertirt sein. Aber jetzt beruhige dich, und sei kein Nrrchen. Heute Abend werde ich ja erfahren, wie es dort steht. In der Dmmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, da es freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen geblieben, da Madame sich schlielich beruhigt und sich vor den Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer Zustimmung erfolgt. Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschfts hatte Agathes Flucht groe Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid mit ihr gehabt. Selbst Frulein Schneider lchelte, als sie den ersten Schreck berwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge weniger; denn zu einer Putzmacherin htte sie Frulein Agathen doch nimmermehr heran bilden knnen. Siebentes Kapitel. Im fremden Lande. Es war an einem schnen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf den Arm ihres Mannes gesttzt, eines der Eisenbahncoup's bestieg und sich freundlich nach einem jungen Mdchen umschaute, das an dem Halse einer groen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die dunkle Reisekleidung des Mdchens abstach. O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank fr alles! schluchzte Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mdchens, indem ihr einzelne, dicke Thrnen ber das gute Gesicht liefen. Ich mu fort, lebe wohl, meine Anne; vergi deine Agathe nicht! rief diese endlich, rasch davon strzend, und eilte, ohne zurck zu blicken, nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied. Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen wollte, da zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gru schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte sich wegen ihrer Flucht doch unsgliche Vorwrfe. Nun konnte sie ruhig abreisen, und trotz der Thrnen, die ihr Auge trbten, als sie dem guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch froh und hoffend der Zukunft entgegen. Die Reise war schn und genureich, und da man wegen der Kranken nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus fr Agathe nicht anstrengend. Die Geschfte, welche sie zu besorgen hatte, wurden ihr sehr leicht, und die groe Milde und Freundlichkeit der Kranken berhrten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fhlte sich Agathe so glcklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es fr gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme, geschtzte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese schne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden Hauche und that ihr bald so wohl, da sie in Agathes Begleitung tglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wnsche vom Auge zu lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mdchen mglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschftigungen zu verschaffen, wonach sich, wie sie wute, Agathes Herz so innig sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und lie sich von Agathe oft durch Vorlesen guter Bcher unterhalten; bessere Fortbildung aber fand sich fr das junge Mdchen bald noch durch den Verkehr mit einem wrdigen Geistlichen aus der franzsischen Schweiz, welcher dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der franzsischen Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfllen knne. Gern gab die Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzcken widmete sich nun Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens verlangt hatte. Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der Berge und der ppigen, krftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde, lieen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblhen. Das zarte, blasse Kind wuchs zur schnen, frischen Jungfrau heran, und voll wahrhaft mtterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die krperliche wie geistige Entwickelung des jungen Mdchens. Schn und genureich schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit denen sie lebte, erwrmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche Natur, welche sie umgab. Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschtzt und von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine Familie glcklich und wohl fhlte. Herr von Menzel hatte fr einige Zeit nach der Heimath zurckkehren mssen, und da er die Kranke in Agathes treuen Hnden wute, verlie er sie mit ruhigem Herzen. Agathe schlo sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte. Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mute es Agathe im Stillen nur zu hufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die Krankheit der theuren Frau immer grere Fortschritte machte. Das milde Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem, geheimen Kummer, aber heiterem Auge hrte sie, wie die Kranke Plne auf Plne entwarf, welch schnes Leben sie ferner mit einander fhren wollten. Agathe kte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte Hand ihrer gtigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen schnen Trumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorber und fr den nahenden Frhling und Sommer whlte die Familie einen anderen, den heien Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, da auch ihr Freund, der Geistliche, fr einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie so lieb gewonnen, da er sich nicht so schnell von ihnen trennen mochte. -- Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die, allen Brustkranken gefhrliche Frhlingsluft, Frau von Menzel wurde bald so leidend, da ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe in den bangsten Stunden gefrchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug der unglckliche Gatte die herannahende Trbsal, und Agathe wurde ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres Gemthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte ihren Zustand nicht. Sie wurde schwcher und schwcher; aber indem ihr blaues Auge wunderbar glnzte, sprach sie lchelnd von der schnen Zeit, in welcher sie wieder gekrftigt sein und sich der herrlichen Natur werde erfreuen knnen. Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den weiten, blauen Himmel sehen zu knnen! sprach sie eines Tages freudig und wendete ihr Auge nach dem Fenster. Tragt mich in's Freie, ich mchte der schnen Gotteswelt nher sein, bat sie dann sanft, und langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die offene Thr der Veranda. O wie wird mir so wohl, mir ist, als ffne sich mir der Himmel! sagte sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schlo sie die Augen und sank leise zurck. Eine selige Verklrung ruhte auf ihrem Antlitz; der Himmel hatte sich ihr wirklich geffnet, sie schwebte empor zu der ewigen himmlischen Herrlichkeit. Der Kummer des einsamen Gatten war so unsglich tief und ergreifend, da Agathe den eigenen Schmerz zu bekmpfen suchte, um den unglcklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu knnen. Aber war sie allein, so strzte Leid und Jammer um so mchtiger ber ihr zusammen, und schluchzend kniete sie an der Hlle der lieben Verklrten, die ihr Freundin und Mutter geworden war. O Gott, mein Gott! betete sie inbrnstig, was soll nun aus mir werden! Verla Du mich nicht; nimm mich in Deinen treuen Schutz, und fhre mich gndig weiter an Deiner Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du dich ferner der armen Waise liebend an! Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht mehr in den bisherigen Verhltnissen; denn Herr von Menzel kehrte so schnell als mglich wieder nach der Heimath zurck, um die theure Hlle seiner Gattin in dem dortigen Erbbegrbni der Familie beisetzen zu lassen. Aber ehe der Sarg der Verklrten geschlossen wurde, ergriff der Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: Meine liebe Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben knnen. In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewhrt hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges Herzensbedrfni, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn auch nur geringen Beweis geben zu knnen, indem ich Sie bitte, mir die Sorge fr Ihre weitere geistige Ausbildung zu berlassen. Sie wnschen sehr, Erzieherin werden zu knnen, das wei ich, und Ihre schnen Anlagen befhigen Sie auch vllig dazu. Wollen Sie nun fr ein Jahr als Zgling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchtel eintreten, um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich freuen, einen Ihrer Wnsche erfllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr wrdiger Freund und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wnschen. Agathe war wie in einem Taumel von Glck und Wonne. In demselben Momente, wo wieder alle schnen Hoffnungen entschwanden, und sie abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wnsche. Sie fand keine Worte, ihren Dank und ihre Freude auszudrcken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklrten Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschtzer die Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen. Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite des Geistlichen von dem Bahnhofe zurck, wo sie dem theuren Manne und seiner stillen, verklrten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie fr's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese Zufluchtssttte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle fr sie finden wrde. Jetzt aber wnschte sie natrlich, sobald als mglich in jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern Tages mit ihr nach Neufchtel abzureisen. Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft bereits unterrichtet und empfing das junge Mdchen mit groer Herzlichkeit. Agathe war eine der ltesten Pensionairinnen, und da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zglings groen Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besa, um sich mglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mdchen viel in ihrer Umgebung zu beschftigen und zeigte ihr so viel Liebe, da Agathe bald ihre Schchternheit verlor und sich in den fremden Verhltnissen ungemein wohl fhlte. Der Unterricht war vortrefflich, und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein gebildeten Mdchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl befhigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufllen. Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war, bot ihr an, noch lnger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin schlug ihr vor, die Stelle einer Hlfslehrerin zu bernehmen, da sie das sanfte Mdchen ungern von sich lie. So entschlo sich denn Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rhrend zrtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwrdig dickem Papier, und mit heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben gro und gewaltig auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhnglichkeit aussprachen. Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen fleiig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh, da nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rckkehr in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn berhaupt eine? Sie wute ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verlie sie ihren jetzigen Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren Wunsch, nach Deutschland zurck zu kehren, und sie hatte deshalb an Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle fr sie umzusehen. Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich noch eine zweite, welche Agathen betraf. Jetzt zu Dir, meine beste Agathe! lautete Fanny's frhlicher Brief. Mein Brutigam ist der lteste Sohn einer zahlreichen Familie, und seine beiden jngsten Schwestern, Mdchen von 10 und 12 Jahren, knnen meiner Ansicht nach nicht lnger ohne specielle Aufsicht bleiben. Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen knnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu strend in das Familienleben eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was Erzieherin heit, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren mchte, so wrde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen Schwgerinnen zu bernehmen. Tausend andere Grnde aber drngen sich auerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestrmen, vor allem meine grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so bald als mglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit offenen Armen erwartet und wirst Dich glcklich unter uns fhlen, dafr brgt dir deine treuste Fanny. Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mdchen Art natrlich auch nicht; es lautete: Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes, bekanntes Gesicht hier in unserer Nhe zu finden. Wem das aber zugehrt, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen. Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, da Agathe mit glhenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie um Erlaubni zur Heimkehr zu bitten. Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wnsche, und so ungern sie das brave Mdchen von sich lie, so sehr freute sie sich doch andrerseits ber die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glckliche Zeit verlebt hatte. Achtes Kapitel. Die Heimath. In dem Herrenhause des Dorfes Schnfelde waren die jngern Glieder der Familie seit dem frhen Morgen in groer Bewegung. Geschftig liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige Zwiegesprche mit Grtner und Stubenmdchen, die Krnze und Guirlanden aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die Herbstklte noch brig gelassen hatte. Bald thronte ber der Hausthr ein mchtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort Willkommen prangte, und frische Guirlanden umzogen die Thr des Wohnzimmers, in dem einige Kinder in groer Aufregung um ein blhendes, junges Mdchen versammelt waren, das sie mit Fragen bestrmten. Nicht wahr, Fanny, sie trgt keine Brille, wie die alte Frulein Danton, Lucie Blow's Erzieherin? rief Marie, ein zwlfjhriges Mdchen. Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr? setzte Hannchen hinzu, die jngere Schwester. Die Mama behauptet es. Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann mu sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut! rief der kleine Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft. Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit euren Fragen, lachte das junge Mdchen. Aber jetzt adieu; Friedrich fhrt eben vor, und ihr wit, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid hbsch artig, da meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps! Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mdchen frhlich lachend thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurck, Freude und Glck in den lieblichen Zgen, denn an ihrer Seite sa die Freundin ihrer Jugend, unsere Agathe. Was Fanny verheien, das fand die Ankommende besttigt. Offene Arme empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hieen sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen und dankte es ihr aufrichtig, da sie die Erziehung der jngsten Kinder zu bernehmen versprochen hatte, und so begrte man in ihr nicht die gefrchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie. Agathe war unsglich glcklich ber solche Aufnahme; denn oft hatte ihr Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein wrde. Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen leuchtete, sagte ihr, da sie nichts zu frchten habe, und all die guten, frohen Gesichter, welche sie umdrngten, sprachen gar wohlthuend zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses, umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heien. Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die Erziehung der beiden Mdchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Flei ihrer Schler belohnte die frhliche junge Lehrerin gern damit, da sie sich an den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mdchen in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter und frisch, da man das einst so traurige, blasse Mdchen gar nicht wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, da sie freilich eine ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken knnen. Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die fr einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause zu sehen. Der Brutigam war ein frischer, liebenswrdiger junger Mann, der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine Fanny als junge Frau daselbst einfhren wollte. Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny, wo ist das? sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und sphte suchend berall umher. -- Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher entfhrt, da du weit, sie schwrmt fr Entfhrungen? fuhr sie scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen greren Wunsch, als dies treue Wesen wiederzusehen. Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nchstens einmal auf ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schnfelde entfernt, sagte Fanny, welche sich diese Erlaubni schon von ihrer Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wute, welche Freude sie dadurch Agathen bereitete. Nein, mein Schtzchen, du mut besser rathen! fuhr sie neckend fort. Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch! Aber Agathe besann sich nicht; sie wute ja gar nicht, wohin sie ihre Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das von schnen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie pltzlich zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam ber ihre Lippen. Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner? rief sie, auf einen Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorber ging. Nun ja, erkennst du ihn wirklich? lachte Fanny frhlich. Ich dachte schon, du httest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges Kind! Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny? rief Agathe, freudig erglhend. Um deinetwillen nicht, mein Tchterchen, denn er hat von deinem Hiersein keine Ahnung, neckte Fanny. Er ist wohlbestallter Prediger im Pfarrdorf Schnfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner einstigen, liebsten Schlerin von nun an zu werden. Wie gefllt dir das, Schtzchen? Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich hier Prediger? rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff Fanny's Hand. Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und berzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hlt er die Predigt, sagte Fanny. Aber das ist ja herrlich! jubelte Agathe, Fanny umarmend. Wie ist das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen? Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb, da er ihn auch ohne meine Frsprache in die leerstehende Pfarre eingesetzt htte, rief Fanny. Aber wie gesagt, da er hier seine kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Wrden finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser Ueberraschung soll mein Lohn fr all die Mhe sein, die ich mir um euch alle Beide gemacht habe. Wessen Freude ber das Wiedersehen grer war, ob die Agathes oder die ihres einstigen Lehrers, wre freilich schwer zu entscheiden gewesen. Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser seinen Augen, als ihm das junge Mdchen an der Seite ihrer Freundin entgegen kam. Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung; denn an Agathe's Seele zog all das vorber, was sie in der Zeit erlebt, welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und dem jetzigen Augenblicke lag. Gott hat seine Hand wunderbar ber Ihnen gehalten, liebe Agathe! sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mdchen ihm ihre Schicksale mitgetheilt hatte. Ich htte nicht geglaubt, da mir so bald die Freude werden wrde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so erfreulichen Verhltnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren jetzigen Wirkungskreis Ihrer gtigen Freundin zu danken, durch deren Frsprache auch ich meine Stelle erhalten. Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem Eigennutz sich fr ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun bald in der Nhe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon fr freundliche Nachbarschaft sorgen. Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit fr Agathe, da diese Gott nicht genug dafr danken konnte, der sie in dies Haus gefhrt hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie tglich mehr und mehr; die etwas verwilderten Zglinge gewannen unter Agathes milder und kluger Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren fr Agathe unschtzbar. Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur Seite stand, ber welche ein so junges, unerfahrenes Mdchen bei der Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mute. Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus, und das war ein Fest nicht nur fr Agathe, sondern auch fr die ganze brige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und ergtzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen Frierock und konnten nie mde werden, die prchtigen Geschichten anzuhren, die sie ihnen erzhlte, und die stets von Krieg und Soldatenwesen handelten. An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es mglich war, noch viel zrtlicher, als frher, und die Freude ber deren blhendes Aussehen, wie ber das Glck, das aus ihren schnen Zgen sprach, machte sie ordentlich wieder jung. Htte das nur ihre arme Mutter noch erlebt, sagte sie oft leise vor sich hin, dann wre sie ruhiger zum groen Appell gegangen, zu dem sie der groe Kriegsherr im Himmel so zeitig abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist sicher! Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurck, doch blieb sie ein hufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in Schnfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels brachte, zeigten, da dort noch alles seinen ehemaligen, stillen Fortgang hatte, bis auf eine groe, erschtternde Begebenheit -- Bello war gestorben! -- Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens kalt und todt, und keine heie Thrne seiner trostlosen Herrin konnte den geliebten Freund wieder ins Leben zurck rufen. Ein kleines Grab, von Blumen berdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle, an welcher die geliebte Hlle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, da die alte, gute Cousine dadurch fr einige Zeit eine lstige Arbeit weniger hatte. In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder schaute endlich der frhliche Lenz zum Fenster herein und verkndigte seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen. Aber mit der berall erwachenden Frhlichkeit zog abermals eine Flle neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in welcher die Baumzweige schon groe, braune Knospen tragen, so zeigen sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen. Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schlerin erbat, das war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde Gestalt erhalten. Lngst schon ahnten Beide, da sie einander theuer waren; jetzt wuten sie es, jetzt gehrten sie einander fr das Leben. Also das wre mir geglckt! rief Fanny, voll Freude in die Hnde schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. Ich bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu, euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe, nimm mir's nicht bel, allen Respect vor deinen Talenten in der Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun, dich wieder in die Nhe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als meinen kleinen Rangen von Schwgerinnen eine Erzieherin zu verschaffen. Deshalb htte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine Pfarrfrau dazu. Und wen htte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir selbst besser dazu whlen knnen, als die Verfasserin jenes kleinen, ominsen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was besagter Herr im Besitz hat? Der glckliche Pfarrer zog seine erglhende Braut an das Herz; der schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend: Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewi die Rache dafr, da die schne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schlerin mir einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches einst ber dem Nhtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hngen wird. * * * * * Wieder blhten die Rosen und Lilien in den Grten, und die Linden neigten ihre vollen Blthenbschel zur Erde herab, gerade wie an jenem Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgngen Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glnzenden Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd ber die zarte Wange des Mdchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte, treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste Glck spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blhende Myrthe schmckte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier verkndeten, da der schnste Tag ihres Lebens gekommen war. Man feierte in Schnfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schnes Fest, das die Familie feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus ihrer neuen Eltern, so zhlte man auch Agathe durch die innigsten Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die Frau des braven Predigers im Orte zu behalten. Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der Nhe der einzigen Tochter zu beschlieen gedachte, an den Traualtar begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und fhrte die geliebte Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehrte auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgsten, die Schnfelde beherbergte. Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht ber sich gewinnen, ihren Gatten zu begleiten; aber einige schne Geschenke, welche sie Agathen schickte, zeigten doch, da sie ihr vergeben hatte. Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schlu noch begleiten, war durch die Gte aller ihrer Freunde hchst behaglich und nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemht gewesen, alle Schrnke und Kasten der jungen Hausfrau zu fllen und ihr ein wohlausgestattetes Huschen zu bergeben. Aber neben dem blhenden Gesichtchen der jungen Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit Agathen zugleich eine schne, stille Heimath geworden war. Wer es ist, brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frierock glnzt nicht herrlicher, als das glckliche Gesicht der Alten, die ihn trgt, und obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug ist, so knnen die mchtigen Schleifen doch kaum ihre steife Wrde bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in nie erlebter Aufregung. Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glck und meine Heimath, und nie mehr lasse ich dich von mir! sagte die junge Frau mit Thrnen im Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das trauliche Hinterstbchen einfhrte, das sie ihr behaglich eingerichtet hatten. Wrst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer wei, wie es jetzt mit mir stnde! Du sest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nhetest Zughte, da sich die Knigin selbst nicht zu schmen brauchte, sie aufzusetzen, neckte der Pfarrer frhlich. Und in den Freistunden exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein! lachte die Alte, da es drhnte. Ach um alles, schweigt mir nur davon! seufzte Agathe in komischer Angst. Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen sollen, das sind Schoohunde und Zughte. Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im Sprchlein heit: Du sollst dich nie mit Schwur vermessen, Von dieser Speise will ich nicht essen! rief der Geistliche schelmisch. Wer wei denn, was in dem Kasten steckt, den ich soeben fr dich aus Leipzig erhalten habe! Dabei holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell ffnete und sie dann Agathen berreichte. Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den Inhalt noch verhllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches, weiseidenes Zughtchen, in dessen Hhlung sich ein zierlicher Schoohund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem Maastabe, aber dem theuren Bello so hnlich, wie das Kind der Mutter. Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine und enthielt nebst tausend herzlichen Glckwnschen von ihr und allen Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen lie, und dessen Doppelgnger sich die Cousine fr Agathen verschafft hatte. An dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener furchtbaren, kleinen Sume genht, welche einst den Schrecken und die Verzweiflung Agathes ausmachten. Frulein Schneider garnirte das Kunstwerk schlielich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Htchen war in der ganzen langjhrigen Praxis der wrdigen Directrice das Erste und Einzige gewesen, das ohne vorherige Prfung ihrer Principalin in die Welt hinaus wanderte. Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpnten Gegenstnde, Schoohund und Zughut! O du arme Agathe! rief der Pfarrer lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte Thrnen im Auge, whrend ihr Mund lchelte, und innig bewegt sagte sie: Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie gtig Gott die arme Waise aus Trbsal zu Glck und Frieden fhrte. Neue Wege. Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und whlte mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und schaute aufmerksam nach der hbschen Frau, welche sich leicht in die Kissen des Sophas zurcklehnte und mit einer Handarbeit beschftigt war. Whrend das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter rthete und Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zgen der noch ziemlich jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf. Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch erreichst du einmal nichts bei dem verwhnten Mdchen, sagte Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor seiner Frau stehen, welche soeben eine lngere Mittheilung gemacht zu haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte. Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhngig Frida in diesen letzten Jahren gewesen ist, entgegnete die Frau sanft. Es ist fr jedes junge Mdchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter unterzuordnen; fr Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so vllig ungehindert schalten und walten lieest. Nun soll das arme Kind mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber du vergit, da gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging. Niemand? rief der Geheimerath lebhaft. Habe ich ihr nicht eine Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte? Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel! entgegnete Frau Gertrud still lchelnd. Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glckliche Wahl; ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen fr wenig Geschick und Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon besser werden. Ich verberge mir nicht, da ich keinen leichten Stand ihr gegenber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde. Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud, sagte der Geheimerath verstimmt. Ist es nicht emprend, da meine lteste Tochter dir mit Mitrauen und Klte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben, die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mdchen ja noch gar nicht gewachsen ist. Und da Frida auch dafr kein Verstndni hat, was du fr mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir fr ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsglich einer andern Pflege und Liebe bedurften, als sie ihnen Wrterinnen geben konnten, -- siehst du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt. Sollte ich sie etwa erst um Erlaubni fragen, ehe ich einen neuen Ehebund schlo? Wahrlich, das verwhnte Kind scheint es beansprucht zu haben. Eben =weil= sie ein verwhntes Kind ist, Gustav! sagte Gertrud sanft. Vielleicht wre es in der That besser gewesen, du httest vorher mit ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du httest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, httest an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenber tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnthig; denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du fr gut und nthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mitrauen entgegen. Da ich unter diesen Umstnden fr's Erste sehr vorsichtig sein mu und sie vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz natrlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, da ich nur ihr Bestes will und da sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ndern. Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und lt mich des Glckes gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine geliebte Gertrud! sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. Aber das sage ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so ber alles Maa hochfahrend gegen dich betrgt, wie es heut Vormittag der Fall gewesen, dann mu ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen Unbilden sollst du nicht durch das thrichte Mdchen ausgesetzt sein; das darf ich nicht leiden. La doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav, entgegnete Gertrud tief errthend. Mich krnken solche Ausbrche von Frida's Laune nicht nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wre ich gegen meine unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswrdig. Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos augenblickliche, ble Laune, glaube es mir, sagte der Geheimerath dster. Es wre fr Frida vielleicht auf alle Flle gut, sie kme eine zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhltnisse. Es sprechen auch noch einige andre Grnde fr einen solchen Wechsel, welcher sie dem Einflu einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten entzge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt hat. Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine Familie, bat Gertrud dringend. Welche Grnde dich auch fr einen solchen Wunsch bestimmen mgen, warte noch damit, ich bitte dich. Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen wrde, die die lteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fu in dasselbe setzte. Wenn es nthig wre, wrde niemand meine sanfte, engelsgute Frau beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube mir, Gertrud, erwiederte der Geheimerath milde und kte die schmale, weie Stirn seiner Gattin. Aber du magst Recht haben. Besser, wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie gesagt, da Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen im Nebenzimmer mit anhrte. Dergleichen =darf= in meinem Hause nicht vorkommen; das leide ich nicht. Nach diesem Gesprche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath ging an seine Geschfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mdchen von vier Jahren. Es waren blasse, krnklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter mit ziemlich gleichgltiger Miene anblickten, als dies zu ihnen herantrat. Zeigst du Kthchen Bilder, lieber Franz? sagte Gertrud freundlich und strich dem Knaben ber das glatte, dunkle Haar. Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon alle so sehr, klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu Gertrud aufschauend. So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal wieder die hbschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut gefielen, sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog ber des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter ber einen Band schner, groer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen auf den Tisch gelegt. Erklre Kthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist ja schon ein verstndiger Junge, sagte Gertrud lchelnd zu Franz, der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen Darstellungen erfand, denen Kthchen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Gertrud setzte sich inde still an ihre Arbeit und lie ihren Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thr des Nebenzimmers heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mdchen rasch eintrat. Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewi wieder mein Buch fortgenommen, rief sie rgerlich und kam zu den Kindern. Bilder beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den ganzen Tag nichts. Meine Bcher =sollst= du aber nicht nehmen; das weit du doch? Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte milde: Welches Buch fehlt dir denn, Frida? Das junge Mdchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und sagte kurz: Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen hat, die ich hineingelegt. Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida, entgegnete Gertrud. Er hielt die Lectre fr nicht ganz passend fr ein so junges Mdchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bcher geben, liebes Kind, als diese leichtfertigen, franzsischen Romane. Hast du z. B. die Bcher von Jeremias Gotthelf schon gelesen? Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war ein feines, schnes Kpfchen, das auf den jungen, siebzehnjhrigen Schultern sa, der edlen Bildung ihres Vaters sehr hnlich und von vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maalos moderne Frisur verdarb das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes der Schnheit dieser Zge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den Kopf hochmthig zurck und sagte scharf: Wer hat denn in meinem Zimmer herumspionirt und Papa meine Bcher zugetragen? Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida, entgegnete Gertrud ruhig, sondern im Ezimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen und bltterte darin. Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectre bekmmert, warum denn jetzt auf einmal? sagte Frida spitz. Von selbst ist er sicher nicht darauf verfallen, und ich mchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind grlich. Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu knnen, das dir in die Hand kommt, erwiederte die Mutter immer noch ruhig, obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bsen Worten abwechselnd bleich und roth wurde. Bse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin ich gern bereit, dir viel bessere Lectre zu geben, als du in deiner natrlichen Unkenntni dir aussuchst. Du weit, ich habe eine sehr reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten. Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt, sagte Frida kurz und ging hinaus, die Thr sehr unsanft in das Schlo werfend. Gertrud strich sich mit der Hand langsam ber das Gesicht und seufzte. Dann aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche frhlich ber ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte erzhlte, die herrlich sein mute. Gertrud erfllte bereitwillig die Bitte und verga in dieser Weise einigermaen den hlichen Auftritt, den Frida veranlat hatte. Sie frchtete aber freilich trotz aller Sanftmuth und trotz der unablssigen Mhe, die sie sich gab, Frida fr sich zu gewinnen, da ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage spter brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte. Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier sa: Aber willst du dich nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Prsident Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas. Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte sie das junge Mdchen von Neuem auf, nur mhsam ihre Ungeduld verbergend; denn sie wute, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin: Ich gehe nicht mit! Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht? rief Gertrud erstaunt. Weil ich keine Lust habe, entgegnete Frida schnippisch. Ich kann das Volk nicht ausstehen. Wen meinst du eigentlich, liebes Kind? sagte Gertrud betreten, und ihre Stirn rthete sich vor Unwillen. Wen ich meine? rief Frida nachlssig; nun deine Prsident Wehrmanns und Kellers und wie sie alle heien. Eine langweiligere Gesellschaft kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute besuche ich nicht. Du wirst dich doch wohl dazu entschlieen mssen, liebe Frida, sagte Gertrud ruhig, denn jene Familien gehren zu dem Kreis der Freunde deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als da die Tochter des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht. Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt massenhaft ins Haus kommen! rief Frida trotzig. Es ist doch mindestens sonderbar, da mir jetzt fortwhrend geboten wird, das thu, und das la, wo ich doch bisher ganz gut selbst wute, was ich zu thun und zu lassen hatte. Dein =Vater= will es so, mein Kind, sagte Gertrud kurz. Papa will es nur, weil =du es= willst; sonst fiele es ihm gar nicht ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unertrglich sind! fuhr Frida leidenschaftlich auf. Aber ich werde deshalb doch thun, was mir beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empren mssen! Dabei warf sie ein Notenheft so strmisch auf den Flgel, da die losen Bltter weit im Zimmer umherflogen, und stie den Clavierschemel mit dem Fue zur Seite, da er umstrzte. Augenblicklich schweigst du, und mge deine Mutter die bsen Reden vergessen, die du fhrtest! rief jetzt aber die Stimme des Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. Ich habe alles mit angehrt, was du gesagt hast, du unartiges Mdchen; aber jetzt hat das Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht lnger, da meine Tochter ihrer Mutter gegenbertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und erwarte dort das Weitere. Frida warf den Kopf trotzig zurck und ging hinaus. Gertrud aber verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche. Grme dich nicht, liebe Gertrud, sagte ihr Gatte weich. Ich fhle deutlich, ich habe einen groen Fehler begangen, da ich Frida so vllig zgellos aufwachsen lie. Gebe Gott, da es noch nicht zu spt ist, sie zu ndern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich ist sie ein gutes, frhliches Geschpf; aber jetzt ist sie wie ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser. Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich dem Einflu einer ihrer nchsten Freundinnen, die in hohem Grade ungnstig auf ihr weiches Gemth einwirkt, wie ich frchte. Ich kann ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch wrde ich die Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen. Du erwhntest neulich schon etwas der Art, sagte Gertrud; welche Freundin meinst du? Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und angenehmes Mdchen, entgegnete der Geheimerath. Sie hat den Kopf voll Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfngliche Frida sehr damit an. Durch unsere wrdige Geheimerthin Gerold, eine mtterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren, die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat, einen phantastischen siebzehnjhrigen Mdchenkopf zu verdrehen; denn er ist schn, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held der Romane sein mu, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle Knste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mdchen zu gewinnen. Mit dieser singt und musicirt er, mit jener schwrmt er fr Literatur und bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt eben nichts, was er nicht verstnde und wte. Aeltere Frauen schtteln die Kpfe, den Mnnern ist er gleichgltig oder im Wege. Niemand aber wei recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hbschen Frida aber hat er das Kpfchen augenscheinlich grndlich mit seinen Sigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen gehalten htte, als ich leider gethan, so wrde ich wohl selbst gesehen haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, da ihr die Sache aus dem Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als Beschtzerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen. Hast du gegen Frida etwas ber diese Sache erwhnt? sagte Gertrud nachdenkend. Thrichter Weise allerdings! entgegnete der Geheimerath achselzuckend. Ich glaubte, ihr klar machen zu knnen, da an einem jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefhrliches sei, und da es verdienstvollere Eigenschaften gbe und wrdigere, um die Achtung und Liebe eines Mdchens zu gewinnen. Aber das war nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit flammenden Augen, und ich bin sicher, htte ich ihr den Verkehr mit demselben jetzt untersagt, die Sache wre bei Frida's Heftigkeit wohl zu einer bsen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer jugendlichen Schwrmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich jetzt zur Seite zu haben, damit du ber das Kind mit treuen Mutteraugen wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lsest, der sich da etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich berzeugt, seit ich ihn etwas nher beobachtet; aber mein Mnnerkopf versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen. Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. Du kannst auf meine Hlfe rechnen, Gustav, sagte sie sanft. Aber die Aufgabe ist keine leichte. Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten Neigung zurckbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen zu sein, die fr ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie in den Bchern gelesen. Lassen wir fr jetzt die ganze Angelegenheit unberhrt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung gnstig auf ihr Gemth. Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen knntest, so wre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ndern und zu bessern; aber wo finden wir solche? Ich denke, ich habe sie schon gefunden, entgegnete der Geheimerath heiter. Die Sache liegt mir lnger schon im Sinn; denn seit jener Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind fr eine Weile anderen Hnden anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhltnissen fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues Glck ber mich, und ich hoffte, auch ber Frida, und so gab ich den Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nthiger als je, nthig fr alle Theile, und so zgere ich nicht lnger. Ich werde Frida meiner Schwgerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist eine einfache, gute und tchtige Frau, und ihre Tchter liebe, nette Mdchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg bernommen, und das Landleben wird Frida mit vielem ausshnen, was ihr in den sehr einfachen Verhltnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits frher schon einmal angefragt, ob meine Schwgerin mir das Opfer bringen will, Frida fr einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie berflssig genug haben, fr alles andere aber bernimm, bitte, die Sorge. Whrend Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das junge Mdchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen gedrckt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thrnen flossen trotz aller Leidenschaft nicht aus den heien Augen. Mit ihren kleinen, weien Zhnen bi sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die Lippen drckte, und ri so heftig daran herum, da es in Stcken flog. Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und schleuderte den Knul in die Ecke; ihre hbschen Fe aber stampften nun so energisch den Boden, da die hchst eleganten Stiefelchen, welche sie umschlossen, in allen Nhten krachten. Unertrglich! Unertrglich! rief sie ungestm und schlug die Hnde vor das Gesicht. Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer Gegenwart! O, ich mchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte heien sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will man mich etwa einschlieen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod, bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Fen liege? O da knnen sie lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er wie verwandelt. Und an allem ist =sie= allein schuld, ich wei es wohl, sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein, absolut nicht! In dieser Weise trieb es das heftige Mdchen noch eine lange Weile, ohne dabei ruhiger zu werden. Da ffnete sich die Thr und ihr Vater trat herein. Frida, sagte er ruhig und ernst, ich denke, es wird fr alle Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause eintreten zu lassen, da du deine Tante Marie, die dich lange schon so freundlich eingeladen hat, fr einige Zeit besuchst. Ich habe dich zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch lt sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas vernnftiger werden und als ein verstndigeres Mdchen heimkehren. Suche deine Sachen zusammen, bermorgen bringe ich dich nach Dahme. Also eine Verbannung! sagte Frida kalt. Gut, ich gehe und mache Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht nicht. Schade nur, da du das jetzt erst merkst, und ich darunter so bitter leiden mu. Aber es mag drum sein; ich danke dir, da du mich fortschickst. Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach. Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenber und wute nicht, wie er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein Bild, das ber Frida's Nhtischchen hing. Leise ergriff er die Hand seiner Tochter und fhrte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter. Frida, sagte der Vater weich, was wrde sie dazu sagen, wenn sie hrte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht! Das junge Mdchen zuckte leise zusammen und erblate. Einen Augenblick stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: Papa! und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt: Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglcklich! Und wieder weinte sie leidenschaftlich. Ich verstehe dich nicht, Kind, sagte der Vater sanft und streichelte ihre Wange, du bist mir vllig rthselhaft; denn wenn du nur wolltest, so wrde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glck und Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hrst du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen. Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fllen gut thun; der letzte Winter hat dich etwas bla und nervs gemacht. Tante Marie hat dich lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Tchter werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und Herzlichkeit fr eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu uns zurckkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, de bin ich sicher. Frida schttelte zwar leise und unglubig den Kopf; aber der gute Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hnde ber sie. Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut fr alle Theile, sagte sie weich und ergeben. Ich werde meine Sachen zusammen suchen, dann knnen wir fort, je eher je lieber. Der Geheimerath kte sein Kind liebevoll und sagte leise: So ist's recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig. Ich danke dir, und =sie= wird dich dafr segnen. Dabei blickte der weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten, unsglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verlie er still das Zimmer. Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenber, und leise rannen noch einige Thrnen ber ihre Wangen. Aber es waren gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied, nachdem sie noch dem kleinen Kthchen das Leben geschenkt hatte, und welche Zerstrung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht schien verlschen zu wollen. Sich selbst berlassen, trieben sich die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und unfhig, die jngeren Geschwister zu zgeln. Wohl kamen dann Fremde in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besa nicht Kraft und Umsicht genug, es zu ndern. Summen wurden verschwendet, die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Gte versucht, die Dinge anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden Jngsten blieben krnklich und bla, nachdem sie genesen waren. Endlich bernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn Jahr alt und also ein erwachsenes Mdchen. Aber statt besser, wurde es nur schlimmer. Frida fhlte das wohl, wute es aber nicht zu ndern. Sie war sich selbst nicht klar, da ohne Anleitung und ernsten Sinn, nur voll Interesse fr ihr Vergngen, ihren Putz und ihre Freundinnen, sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche Schranke lie der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida wollte, gab ihr Geld ber Geld und bewilligte alle Vorschlge, nur um Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig, Frida aber brachte er groen Schaden. Ein dunkles Gefhl sagte dies dem jungen Mdchen gar wohl; aber doch war es gar zu schn, so unbeschrnkt leben und befehlen zu knnen, sie wnschte es nicht anders. Welch ein Donnerschlag war da fr sie die Nachricht, ihr Vater werde wieder heirathen! Tiefe Entrstung ergriff Frida ber solches Unterfangen, und mit lebhaftem Mitrauen und starker Abneigung trat sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Emprung bergab sie den Hnden der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lssig nachgekommen war. Die Uebergabe dieser Geschfte konnte sie nicht ndern und mute sie schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsgliche Geduld und Milde solche Entschlsse zu strzen und Frida's Herz zu erobern, Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre vermeintlichen Rechte glaubte schtzen zu mssen, das haben wir selbst gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fhlte Tag tglich, welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus gefhrt, und wie wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die Dienstleute ohne Lrm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdru nicht aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung gnstig wirken oder nicht, fr jetzt =konnte= es nicht so bleiben, das sah und begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebndigten, kindischen Herzens hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete die Jugend so sehr ihr Recht, da die bevorstehende Reise mit ihren neuen Verhltnissen und Eindrcken ihr sehr lockend erschien, und sie sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon gewnscht. So machte sie denn gute Miene zum bsen Spiel, erzhlte ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu gern ein und half ihr eifrig, fr die Reise alles in Stand zu setzen, wobei sie freilich wnschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche sich einen sonderbaren Begriff von den Bedrfnissen ihres Landlebens zu machen schien. So war denn einige Tage spter der Schritt geschehen und Frida im Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber sa bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefllt, blicken wir ber die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntni von ihren Freundschaftsergssen. Liebste, beste Franziska! Drei Tage sind schon darber hingegangen, da ich meinem Papa Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht dazu; denn ich kann Dir sagen, da ich vllig benommen bin von der Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen geliebten Freundinnen erfllt mich von frh bis spt, und wenn ich mich nicht schmte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurck zu Euch Allen, trotz der unertrglichen Verhltnisse im Vaterhause. Ach Deinem Herzen, mein Frnzchen, als dem meiner intimsten Freundin, habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weit ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich wei es wohl, und wenn ich auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weit besser, wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und trstet mich trotz allem -- da ich diese Reise nicht schon einige Monate frher antreten mute. Du ahnest und weit warum, meine se Freundin! Die himmlischen Stunden in Eurem Hause, wo ich =ihn= sehen und sprechen durfte, ach sie sind ja doch ohnehin jetzt vorber, seit er fort ist. Aber wo ist er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so pltzlich fort ohne unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Frnzchen, es wird mir ewig in der Seele bleiben! Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgltig, Du, liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben mssen, (o und =wie= gern!) denn da ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan htte; o nein, das wre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht wrdig! Nein, er hat mir in einigen entzckenden Versen seine Gefhle gestanden. Denke nur, Verse von ihm selbst. O ich mte ein Herz von Eis oder Stein haben, wenn mich diese Worte nicht gerhrt htten, und der Blick, von dem sie begleitet waren. Ich mu Dir wirklich als Shne fr mein sptes Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, =was= ich dabei fhlte. In einem stillen Thale Blht eine Rose hold, Die Bltter glhn und glnzen Wie ser Minne Sold. Da kommt mit mdem Schritte Ein Wandersmann daher, Sein Aug' ist matt und trbe, Sein Herz ist bang und schwer. Doch wie mit holdem Zauber Weht's um ihn wunderbar, Und weiche Rosendfte Umspielen Stirn und Haar. Und wie ein Himmelsbote Schaut ihn das Rslein an: Wohl kann ich Heilung bringen, Du armer, kranker Mann. Wem ich am Herzen ruhe In stiller Lieb' und Treu', Dem lchelt Freud' und Wonne Und ses Glck aufs Neu. O Rose, holde Rose, So sei auf ewig mein! Des Herzens banges Sehnen, Das stillest du allein! An treuer Brust geborgen Blhst du in sichrer Huth; O Rose, sei mein eigen, Nur dann ist alles gut! O wenn Papa dies lse, dann wrde er eine andere, hhere Meinung von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er wrde mir nie verzeihen, da ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus nicht willkommen ist. So mag es denn ein ses Geheimni zwischen uns bleiben, mein Frnzchen, und wenn er wieder zurckkehrt, dann geht hoffentlich die Sonne heller fr uns auf. Was kmmert es mich, wer und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama von einem Jugendfreunde empfohlen, das gengt mir, und wer so edel und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der Stempel edler Abkunft ist ja seiner schnen Stirn aufgeprgt! -- Doch genug; ich verliere mich in meine sen wonnigen Trume, und doch mu ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um mich her leben. La Dir jetzt hiervon ein Wenig erzhlen und bedaure mich, Du Getreue! Franziska, was giebt es doch fr Existenzen, und was das Wunderbarste ist, wie glcklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer Humor fnde hier nur allzureichen Stoff fr Witz und Spttereien. Also mit dem Anfang zu beginnen, das heit, mit unserer Ankunft hier in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie selbst, eine groe, brnette Frau mit starken Zgen und einer derben Art und Weise, sich auszudrcken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schn erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes, an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen Hut, den Noah's Eheweib fglich htte tragen knnen, so uralt war er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schlo mich strmisch in ihre groen, starken Arme und schttelte mir die Hnde so energisch, da meine feinen, blagrauen Josephinenhandschuhe, die ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Ri auseinander platzten. Zieh die Dinger herunter, Kind! rief sie lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das lie ich wohl bleiben, die scharfe Sonne htte mir die Haut gleich abscheulich verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfllige Kalesche nahm uns dann auf, vor welche ein paar lcherlich plumpe Ackergule gespannt waren, die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche hatten =die= keinen Platz. Wir mssen einen Leiterwagen herschicken, anders geht's nicht, sagte die Tante achselzuckend. Was schleppst du denn alles mit dir in der Welt herum? fragte sie lachend, in solchen Koffern hat ja ganz Dahme Platz. Aber dann zogen Knecht und Pferde Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe hinaus, da rief sie gebieterisch: Stillhalten, Michel! Wie der Blitz schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tlpelhaften Knechte in die Leine und kutschirte nun selbst. Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager, sagte sie dabei uerst munter, mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich mute den Michel nehmen. Da der aber gewhnlich nur Arbeitswagen fhrt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen. Du fhrst selbst, Tante? rief ich erstaunt, sie nickte aber blos und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe fhrten die plumpen Gule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker beschftigt waren. Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden! rief die Tante stolz und deutete mit der Peitsche hinber. Sie sind gerade beim Dngen. Auch ohne ihre Erklrung htten meine Geruchsnerven mir das verrathen; es war ein grulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. Ja ja, Kindchen, nach Rosenl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, fr einen rechten Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schneren Duft, als solchen frischen Dnger. Wirst dich schon daran gewhnen, wenn du ein Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes ist unserer Augen Trost und Freude. Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt ber solche Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante ber die Lndereien zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse und einer Sachkenntni, da ich ganz erstaunt zuhrte. Ich hatte nie gewut, da mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen beschftigt, auch davon etwas verstand. Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange schon ber eine Anzahl Dcher herber, und umgeben von einem weiten, buerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, groes Haus vor uns, vor dem der Wagen still hielt. So, da wren wir glcklich! rief die Tante und sprang vom Bock herunter, mit der Peitsche ein Paar groe Hunde abwehrend, welche mit wthendem Gebell zum Hofthore herausstrzten, das ein Knecht ffnete. Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mdchen, welche ich fr Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir pltzlich als ihre Tchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz verdutzt ber meine so uerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mchtig breiten, glatten, wohlgepflegten und umzumten Misthaufen erblickte, auf dem sich eine Masse Hhner, Enten und Gnse, Futter suchend, umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebuden umgeben ist, standen eine Menge Pflge, Wagen und was wei ich alles, und eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinber und gab einige Befehle, und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus, wahrscheinlich um meine unglcklichen Koffer von der Bahn zu holen. Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch einmal und begrte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mntelchen ab, mit hchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend, wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur eben modern und gewi nicht bertrieben elegant ist, hier in dieser grenzenlos einfachen, ja ich mchte sagen, rmlichen Umgebung aber auch selbst hchst eigenthmlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise von schlichten Brgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens sind diese meine Cousinen ganz hbsche Mdchen, nur freilich zu roth und zu gesund aussehend fr unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme Zge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt hinein. Aber denke Dir, da meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschrzen liegen darber zum Schutz dieser kostbaren Gewnder. Und welcher Schnitt von Taille und Aermel! Wahrhaft lcherlich einfach. Der Onkel, der jetzt rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann begrte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt herausleuchten, werden von ein Paar mchtig breiten Schultern getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit seinen Fen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehrte ihm die ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer ganzen Reihe von Kindern. Zuerst prsentirte sich noch ein halbreifer Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schchternen Gesicht und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich kommen noch ein Mdel und zwei kleine Jungen, der Jngste etwa 3-1/2 Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und krftig und gesund, bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und schwatzt und luft durcheinander, da einem der Kopf schwirren mchte. Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister zu Hause denke, wie wird mir da! Die htte Papa herschicken sollen, da sie frisch und gesund hier werden, =ich= mag ja gar nicht solche unverschmt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist ja so schrecklich gewhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl davor hten knnen. Aber freilich, diese Kost, welche hier tglich genossen wird, ist dazu angethan, den Krper robust und derb zu machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken, diesen armstarken Wrsten, diesen mchtigen Fleischstcken, welche hier geruchert, gekocht und gebraten die Tafel mchten brechen machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese Milch und Sahne und diese Flle von Obst -- ich meine oft, ich bin im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer ber sein ganzes, hbsches Gesicht, wenn er mein Staunen ber solche Flle mit ansieht. Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen, sondern an seine zierliche Figur zu denken, fr welche solche Kost ewiger Ruin wre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Hnden wieder zu Dir kme! Was wrde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie wrde Lieutenant v. F. verchtlich sein bleiches Brtchen drehen und mit einem hm, hm, ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen, durch den er die ehemalige Rosenknospe bewundern wollte. Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem Leben hier noch etwas erzhlen. Den nchsten Tag, als Papa noch hier blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmigen Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein gefallen, ohne da irgend Jemand sich in seinen tglichen Arbeiten stren lt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein bses Wort hrt, trotz der vielen Kinder. Aber ich fhle mich doch im hchsten Grade unbehaglich; denn was soll =ich= unter diesen Menschen, die den ganzen Tag vom frhesten Morgengrauen, (o mein Gott, =wie= entsetzlich frh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten, arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor, da alles so unablssig thtig war; aber nun merke ich wohl, man treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie meine Cousinen immerfort nhen, stricken, kochen, pltten, im Hof und Garten, Kche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze; denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit zugewiesen erhlt. In dieser Woche hat Hannchen die Kche und Lottchen die Milchwirthschaft und die Nhereien, und selbst Martha, der Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nchster Woche wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante fhrt die Oberleitung und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufrumen, sich unter einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Kche kleine Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschftigungen? Wo bleibt da Bildung und Sinn fr edlere Dinge? Und von irgend welchem Vergngen ist nie und nimmer die Rede. Heit das Jugendglck, heit das Lebensgenu fr ein junges Mdchen? O wie froh bin ich, da ich anderes kennen gelernt, da ich anders erzogen und aufgewachsen bin, als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun wrden, wenn sie nicht so uerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten und nichts anderes wnschen. Aber wie ich es hier lange aushalten soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska, und schreibe bald Deiner Frida. Was Frida in groen Zgen ihrer Freundin mitgetheilt, das war allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei uerst wohl zu fhlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsglich berflssig vor. Ueberall war sie im Wege und fhlte sich einsam mitten unter den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und geschmeichelt, der Vater alles gut und schn gefunden, was sie that, und ihr Wille wurde Gebot fr das ganze Haus. Hier war sie ein Glied einer langen Kette, und niemand dachte daran, da sie im Herzen andere Ansprche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so und nicht anders, nur da man eben keine Arbeiten von ihr verlangte. Aber Umstnde machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach, wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier =knne= sie es nicht aushalten. Das verzrtelte Kind setzte zu Haus den Fu auf weiche Teppiche, sowie sie das Bett verlie, und tausend zierliche und ppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als etwas Selbstverstndliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dmchens bereit, ihre Dienste anzubieten, und ohne da sie selbst es wute war Frida ein unsglich verwhntes und verzrteltes Prinzechen geworden. Was Wunder, wenn ihr die so uerst einfachen Zustnde in dem Pchterhause als abschreckend und unertrglich vorkamen. Am ersten Abend hatten die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich auskleidete; war es ja doch fr die einfachen Mdchen ein wahres Fest, Frida's zierliche und elegante Toilette so Stck fr Stck in der Hand mustern und bewundern zu knnen. Achtlos warf Frida all die kostbaren Dinge auf Sthlen und Fuboden umher, denn sie war nicht daran gewhnt, selbst etwas aufzurumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und dorthin zu ihrer Bedienung, rumten und ordneten, falteten und gltteten mit geschftigen Hnden, und Frida nahm ruhig alles hin, als gehre sich das so. Endlich lste sie ihr reiches, blondes Haar auf, das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfltig kmmte und brstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toup's zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch hher und reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist. Laut auflachend hob Hannchen diese Trophen der Eitelkeit empor und hielt sie staunend in den Hnden. Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen Kopf? rief sie verwundert. Du hast ja so schnes Haar; das fremde mchte ich nicht tragen, wer wei, wer das auf dem Kopfe gehabt hat! Frida nahm ihr die Dinge verdrielich aus der Hand und sagte: Das verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unntz, denn wer soll mich hier frisiren? Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar, da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschft selbst machen mute. Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrielich wieder hin und wollte das Haar ungekmmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch so arg, da Lottchen endlich zugriff und rief: O das schne Haar! Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskmmen, Cousinchen? Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar, was das junge Mdchen ruhig geschehen lie. Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, da ich meine Jungfer mitnahm! klagte Frida verstimmt, wie soll ich denn mit meiner Toilette allein fertig werden? O wir helfen dir, liebe Cousine, riefen die jungen Mdchen. Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht? fragte Frida erstaunt, und ein schallendes Gelchter antwortete ihr. Eine Jungfer? Wir? rief Lottchen belustigt. Ja was sollten wir denn mit der? Wir machen alles selbst, und ich wte gar nicht wie spaig ich mich dabei anstellen wrde, wenn ich mich sollte in allen Stcken bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da mssen wir alle sparen helfen, und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten knnen. Unntze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch fr die Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschfte abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen frh um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht ber die Strung; beim Melken mu ich dabei sein. Was, um drei willst du aufstehen? rief Frida entsetzt. Das ist ja frchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervs und mde? Nervs niemals, ich wei gar nicht, was das ist, sagte Lottchen. Mde jedoch bin ich natrlich oft rechtschaffen; aber das schadet nichts, da schlft sich's um so schner. Und wenn man seine Arbeit hat, vergit man die Mdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen Stlle zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schnen Milchkeller mit den vielen Milchschsseln und Butterfssern und dann die anderen Wirthschaftsrume alle -- o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin thtig zu sein. Um keinen Preis mchte ich unser Leben mit einem in der Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft. Frida verzog bei diesen Worten ihr Mndchen etwas hhnisch und zuckte mit den Schultern. Jeder lobt sich seine Existenz als die Beste, sagte sie herbe. Fr ein Leben, wie ihr es fhrt, mte ich meinerseits nun wieder danken. Ich strbe in den ersten acht Tagen dabei. Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es kme nur auf Gewhnung an; Frida aber lie sich innerlich schaudernd ber solche Gewhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd berwerfen, und die Bewunderung ber dies Kleidungsstck, das den jungen Mdchen etwas ganz Neues war, fhrte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche Nachthubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd darunter schob, und die feinen, seidenen Pantffelchen brachten Lottchen ganz in Ekstase. Du bist wie eine kleine Prinzessin im Mrchen, rief sie entzckt. Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Aber ich mchte sie nicht an mir haben; ich wrde mich immer ngstigen, etwas davon zu zerreien. Nun was schadet das? sagte Frida mde, ewig kann man das Zeug doch nicht tragen, dann kauft man anderes. Wir knnen das nicht, wir mssen sparsam sein und unsere Sachen lange tragen, sagt die Mutter, erwiederte Hannchen. Viel Kinder kosten Geld, fr unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat, das entbehren wir nie. Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Blle und in Concerte? sagte Frida. In Gesellschaft? O ja, zuweilen, rief Lottchen stolz. Pastor Werders und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir hufig, besonders an Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf, dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tnzchen gemacht, besonders wenn die Shne in den Ferien da sind, jedoch wir Mdchen tanzen auch unter einander. Am schnsten aber ist's, wenn wir Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tnze aufspielt, nach denen wir in der groen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal dies Vergngen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes, da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Unser Groknecht ist ein prachtvoller Tnzer; du sollst sehen, mit ihm tanzt sich's so schn, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im Tanzsaal. Ich soll mit euren Knechten tanzen? rief Frida erschrocken, thut ihr denn das? Nun natrlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht abschlagen drfen, entgegnete Hannchen. Wir wrden es aber auch selbst gar nicht entbehren mgen; denn auf den Kirmestanz freuen wir uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig. Frida schttelte unglubig den Kopf und war im Herzen auerordentlich indignirt ber den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wre ja eine Schmach fr das feine Frulein, das sich bisher nur in aristokratischen Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken fr sich und sagte ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war mde von all dem Neuen, was sie umgab. Als sie am andern Tage erwachte, hrte sie schon viel reges Leben im Hause, und doch war es fr Frida noch eine so frhe Stunde, da sie im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt htte, um weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag frher an, wie sie merkte, und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie nun daran, da sie sich ganz allein anziehen msse und keine helfende Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwhnt sie war, und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen, ihren Anzug mglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen abhngig zu machen, was oft sehr unbequem werden knne. Ach jetzt =war= es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor Verdru gerieth sie mit Kmmen und Brsten, Bndern und Haken und allen andern Gegenstnden der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thr herein. Gut geschlafen, Cousinchen? rief sie frhlich. Danke, leidlich, erwiederte Frida verstimmt. Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst, fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den Gegenstnden, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die Toilette einer eleganten Stadtdame war fr Hannchen ein Buch mit sieben Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr fremd war, vor allem aber wute sie mit den Chignons und Locken, welche Frida's Haarputz vervollstndigen sollten, absolut nichts anzufangen. Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit! rief sie endlich, und Frida wute auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen das schne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand dieselben einfach um deren Kopf und fhrte Frida nun triumphirend vor den Spiegel. Du siehst zum Verlieben hbsch aus mit diesem glatten Kpfchen! rief Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines Blickes wrdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch darauf an, wie sie aussah? Fr diese altmodische, einfache Familie war sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren stdtischen Bekannten sah sie ja zum Glck niemand in solchem Aufzuge. Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten Anzge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberflu, das wute sie jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie whlte unter all den schnen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel zu elegant fr dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den brigen Gliedern der Familie. Ihr Vater sa ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und rauchte sein Pfeifchen, und Frida hrte voll Staunen, da er schon seit zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war. Lchelnd nickte er seinem Tchterchen zu und rief: Sieh da, Frida, wie schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zpfe sind hbscher als deine hohe stdtische Frisur, das gefllt mir gut. Frida errthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk. Dann gingen die jungen Mdchen zum Frhstck, mit dem man auf Frida gewartet hatte, und alles begrte das neue Glied des Hauses mit einem frhlichen guten Morgen! Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unertrglich erschien, fhlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hrte sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbndigen, kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern oder die lteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schn aber war das Verhltni zwischen den erwachsenen Tchtern und ihrer Mutter, und mit tiefer Beschmung gedachte Frida ihres Betragens im Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wnschen der Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung aufnahmen. Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wre es gewi auch anders, seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu entschuldigen; da sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und launisch betrug, obwohl es ihr rechter Vater war, das mochte sie sich kaum eingestehen. Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie ber das Leid, das Papa ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung hrte sie, da Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollstndig billigte. Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du dich freuen, da ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist? rief Frida verletzt. Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte! entgegnete Tante Marie. Knntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe Frida, so wrdest du hren, wie glcklich es sie machte, ihren Mann wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen, liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur, mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wnschen und Gefhlen hingiebt, und obwohl ich recht wohl wei, da einem Manne nichts in der Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod ihm da schlgt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist sowohl fr ihn selbst wie fr seine jungen Kinder ein Glck, wenn er ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder Glck und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist sie ganz dazu geschaffen, das schne Amt, das Gott ihr anvertraut, treu zu erfllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem Gedanken ausshnen, das wei ich sicher, so traurig du auch jetzt den Kopf dazu schttelst. Wre Gertrud jung und unerfahren, so wrde ich um deinetwillen die Wahl deines Vaters mibilligt haben; denn einer fast erwachsenen Tochter mu der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das thut nimmer gut aus tausend Grnden. Aber Gertrud knnte den Jahren nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trbes im Leben erfahren, da sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat. Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fhlte wohl, da es unlautre Grnde waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter einnahmen, und da besonders die Beschrnkung ihrer Launen und ihres bermig freien Willens sie so dauernd emprte. Sie hatte gehofft, an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche vllig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte, nahm sie sich vor, solch Gesprch nie wieder in Anregung zu bringen, sondern ihren Verdru im Herzen zu verschlieen; verstanden wurde sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie ber diesen Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhltnisse nicht. Wie anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz ausschtten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie bestrkten sie diese klugen, jungen Mdchen in der Opposition, welche sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war. Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung fr ihre Gefhle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte, liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren gnstigen Einflu gebt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschlge und Ansichten dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen Mdchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben zu verbieten, die Sache wre dadurch nur schlimmer geworden. Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine Rechte auf das junge Mdchen geltend, und da jene leidenschaftlichen Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfllt hatte. Die Briefe aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herber, und der Gedanke, bei ihrer Rckkehr wieder in jenes verhate Verhltni zur Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Frbung an, je lnger Frida vom Hause fort war. Als am ersten Tage gleich frh Morgens alles an die Arbeit eilte, wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer schlichten Weise zu Frida: Nun, mein liebes Tchterchen, da du ganz als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht es sich auch, da wir keine Umstnde mit dir machen. Jeder geht an seine Geschfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Kche unter ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frhen Morgen schon in der Milchwirthschaft beschftigt, Martha besorgt soeben die Hhner und dann nimmt sie sich der Kleinen an, whrend ich mit Hermann im Keller Bier auf Flaschen fllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten, so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren, oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bcher und Noten und manch hbsches Pltzchen drauen im Freien. Ich will dir die Kinder zur Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr haben sie Schule. Das Mdel ist ein geborner Schulmeister, sage ich dir. Frida zog es vor, im Zimmer bei Bchern und Clavier zu bleiben, und so verlie sie die Tante, um den tausend Geschften nachzugehen, welche ihrer harrten. Das junge Mdchen sah sich nun allein mitten unter all den vielen thtigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich unendlich berflssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurck in die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hrte. Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu klanglos. Es war ja ein Jammer, da sie ihre Uebungen auf solchem Rumpelkasten halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen Flgel von Papa erhalten. Sie stand rgerlich auf und suchte andere Unterhaltung; aber alles mifiel ihr. Ein Gefhl von Verdru berkam sie mehr und mehr, da niemand sich um sie bekmmerte, gerade als wre sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an Vernachlssigungen berdies in keiner Weise gewhnt. Was in aller Welt sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen! Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekmmerte, selbst den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen; aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in die Kinderstube, wo Martha beschftigt war, ihren beiden kleinen Geschwistern Lesestunde zu geben, whrend das dreijhrige Brderchen daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute. Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschftigungen auf, und die kleine Marie sprang dem jungen Mdchen frhlich entgegen. Wo steckt ihr denn nur alle? sagte Frida gereizt, und wo ist Hannchen und Charlotte geblieben? Ich dachte, du wrest bei ihnen, liebe Cousine, entgegnete Martha etwas schchtern. Ich mu die Kinder einige Stunden beschftigen; Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Kche. Sie denken wohl, da ist keine Unterhaltung fr dich. Willst du bei uns bleiben? Ich werde Hannchen aufsuchen, sagte Frida kurz; denn sie fand es schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Wrde, sich mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern gegenber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken, kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht. Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller! rief Martha der kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine und zog sie mit sich fort. Sie hatten den groen Hof zu durchschreiten, den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber, besonders in der Nhe einiger Stlle, an denen sie vorber schritten. O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch! rief Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. Warte, ich hole dir Holzpantoffeln! rief Marie und kam sogleich mit einem solchen Paar zurck, whrend ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen Fen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmglich! Sie ging wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pftzen. Aergerlich erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in den Milchkeller fhrten. Hannchen kam ihr hier frhlich entgegen, das Kleid aufgeschrzt und in der Hand einen breiten Lffel, mit dem sie soeben die Sahne von den zahllosen Milchschsseln abrahmte, welche ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft nher, denn ihr war sehr unbehaglich zu Muthe. Fr ihre dnnen, nassen Stiefelchen war dieser feuchte, von Milch hier und dort getrnkte Fuboden noch schlimmer, als drauen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wre am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von Schssel zu Schssel, ohne sich in der Arbeit stren zu lassen, und das verdro Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege und erkltete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lchelte Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen, da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfltig auf und trippelte hinter Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern. Was machst du nur eigentlich, Hannchen? rief sie nach einer Weile, als sie sah, wie jene berall sorgfltig mit dem breiten Lffel die dicke Sahne von der geronnenen Milch abschpfte. Du verdirbst ja die ganze saure Milch! Wer soll die denn genieen, wenn du die Sahne herunternimmst? Hannchen lachte herzlich und sagte: Die Schweine, Cousinchen! Etwas bleibt zur Bereitung von Kse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht! Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst? fragte Frida weiter. Essen? Gott bewahre, das wre schn! rief Hannchen. Daraus soll ja die Butter fr's ganze Haus gemacht werden. Die Butter? =Daraus= macht ihr Butter? fragte Frida verwundert. Nun ja, woraus denn sonst? lachte Hannchen. Komm und sieh dir das Buttern einmal mit an; du hast es wohl noch nie gesehen? Frida folgte der Cousine in den Nebenraum, und hier sah sie mehrere hohe Butterfsser, welche von einigen derben Mgden in Bewegung gesetzt wurden. Das war fr die kleine Stadtdame ein vllig neuer Anblick, und erstaunt sah sie dann, da das Fett der Sahne sich bei der Bewegung im Fa von den Milch- und Wassertheilen trennte und sich zu kleinen Butterklmpchen verwandelte. Hannchen bot ihr ein Glas frischer Buttermilch an, welche aus dem Fasse gegossen wurde, und Frida geno mit Vergngen den unbekannten Trank, der ihr sehr mundete. Heute Abend kostest du gewi mit doppeltem Appetit von der Butter, die du hier entstehen sahst, sagte Hannchen, auf die leckere, weie Masse zeigend, welche nach und nach aus den Fssern wanderte. Ueberhaupt denke ich, wenn du erst allerlei hier kennen gelernt hast, wirst du Geschmack an unserm Leben finden. Aber nun soll Mariechen dich ein Bischen umherfhren, ich mu zu den Leuten! Frida folgte der kleinen Marie etwas zaghaft nach dem Hofe, der ihr als ein uerst unangenehmer Aufenthalt erschien. Aber die kleine Cousine ruhte nicht, bis sie dem jungen Mdchen all ihre Lieblinge gezeigt hatte, und kroch aus einem Stalle in den andern, bald hier eine Ziege an den Hrnern hervorziehend, bald dort weie Kaninchen oder ein junges Lmmchen, oder besonders hbsche Hhner und Tauben. Frida kam sich vor wie ein Opferlamm und lie sich geduldig von einem Stall zum andern, von einer Htte oder einem Verschlag zum andern fhren. Ihre schnen Stiefelchen waren ja doch einmal fr ewig verdorben, und in welchen Zustand ihr feines Kleid auf dieser Wanderung gerieth, das sollte sie nicht lnger beunruhigen; sie hatte doch wenigstens etwas Unterhaltung bei diesen Streifzgen. Aber das Klbchen von unserer guten Ble mut du noch sehen, Frida, es ist zu niedlich! rief Mariechen, abermals eine Stallthr ffnend und das junge Mdchen hereinziehend. Aber hier riecht es ja so schrecklich und ist zu frchterlich schmutzig, sagte Frida und blieb zgernd in der Thr des Kuhstalles stehen, ngstliche Blicke auf die Khe heftend, welche brummend die dicken Kpfe nach ihr umdrehten. Sie mochte es nicht gestehen, da sie sich vor den Thieren frchtete, in deren nchster Nhe sie noch niemals gewesen war. Sie werden dich stoen, Mariechen, nimm dich in Acht! rief Frida ngstlich, als sie sah, wie das kleine Mdchen furchtlos zwischen den schrecklichen Thieren umherkroch und sie mit ihren kleinen Hnden zur Seite schob, um sich Platz zu dem Klbchen zu machen, das neben einer hellbraunen Kuh in der Ecke am Boden lag. Mich stoen? lachte die Kleine. Das wre schn, alte Ble, nicht wahr? Wir kennen uns besser. Alle Khe in den Stllen kennen mich, Frida, sie sind nicht bse. Komm doch einmal her und sieh dir das Klbchen an; es hat einen weien Stern auf der Stirn, gerade wie seine Mutter, die Ble. Aber Frida blieb ngstlich in der Thr stehen; sie htte sich um die Welt nicht zwischen diesen Ungeheuern durchgedrngt, die sie alle mit ihren Hrnern zu bedrohen schienen. Nein nein, es riecht so sehr schlecht im Stalle, sagte sie und wollte eben zurcktreten, da wurde sie von auenher hineingedrngt. O der Duft vom Kuhstall ist sehr gesund, Cousinchen, nur immer hinein und zier dich nicht! rief eine etwas rauhe Stimme, und Frida sah Hermann neben sich, welcher, ein Paar hohe Stulpenstiefeln an den Fen, sich an ihr vorbei drngte. Dann ging er pfeifend die Reihe entlang und klopfte bald dies, bald jenes der Thiere auf den glatten Schenkel, sie liebkosend und beim Namen nennend, und ein leises Brummen war die Antwort der gehrnten Freunde. Zgernd folgte Frida, indem sie sich ngstlich von den Thieren fern hielt, und sie seufzte froh auf, als sie die andere Seite erreicht hatte und durch die Thr hinausschlpfen konnte. Hast du unsere Ferkel schon gesehen, Cousinchen? sagte Hermann jetzt. Schweine? rief Frida entsetzt. Pfui, in den Schweinestall soll ich doch nicht etwa auch kriechen? Hoho, lachte Hermann, da ist nicht pfui zu sagen! Unsere Schweine wohnen hchst appetitlich; komm nur mit, es ist da eine ganz prchtige Gesellschaft beisammen. Frida verzog den Mund spttisch, folgte aber doch dem etwas ungalanten Vetter, der sie zu seinen Schtzlingen fhrte. Aber sich abwendend hielt sie sich hier schnell das Tuch vor's Gesicht und wollte davon laufen. Hermann ergriff jedoch rasch ihre Hand und zog sie vorwrts. Narrenspossen, ich lasse dich nicht fort, die Ferkelchen mut du sehen, sie sind zu prachtvoll! rief er eifrig. Dabei ffnete er einen der Bretterverschlge, und sogleich kamen eine ganze Menge kleiner, weier Schweinchen herausgesprungen, welche quiekend um Frida herumliefen. Diese schrie laut auf vor Schrecken und Angst und klammerte sich mit den Hnden an Hermanns Arm, besonders als das alte Mutterschwein jetzt grunzend mit seiner Schnauze ihre Fe berhrte und sich nach ihren muntern Sprlingen umschaute. Hermann lachte aus vollem Halse ber Frida's Angst, und der alten Sau einen Tritt gebend, da sie zur Seite fuhr, rief er lustig: Bist du aber ein Hasenfu, Cousinchen! Die Thiere thun dir alle nichts, das sind keine Lwen und Tiger. Sieh dir nur einmal die schmucken Ferkelchen an, hast du so was Niedliches dein Lebtag schon gesehen? Sind sie nicht wei und lecker wie kleine Leberwrstchen? Und sieh nur, was sie fr possirliche Sprnge machen und fr allerliebste Schwnzchen haben! So ein Ferkelschwnzchen knntest du als Cravatte um den Hals tragen; so niedlich und zierlich kannst du keinen Knoten schlingen, sieh nur einmal! Und rasch fing er eins der glatten, flinken Thiere und legte es Frida auf die Arme, das zierlich zu einer Schleife gewundene Schwnzchen hoch emporhebend. Frida warf das vllig haarlose, fette, kleine Wesen voll Grauen zur Erde und rief beleidigt: Behalte dein Viehzeug fr dich, ich danke bestens! Pfui, wie ich nun rieche und aussehe! Hermann schlug mit seiner Reitpeitsche, die er in der Hand hielt, lachend unter die kleinen, quiekenden Thiere, da sie ber einander sprangen und sich kugelnd umher wlzten wie Gummiblle. Bist du aber zimperlich! rief er spottend. Ihr Stadtleute seid komisches Volk. Einen Schweinsbraten, oder einen leckeren Schinken und frische Wurst verachtet ihr doch wahrlich nicht, obwohl es von diesen armen Thieren herstammt. Aber die Narrenspossen wirst du schon verlernen, hoffe ich, Fridelchen, ich werde dafr sorgen; dann nimmst du so ein Ferkel mit Entzcken in deine Arme und herzt es wie ein Schoohndchen, das sollst du sehen. Frida hatte jetzt aber genug. Sie war dem ungalanten Vetter bse und wandte ihm rasch davongehend, den Rcken. Dieser pfiff lustig hinter ihr drein in echter Jungensweise; dann sang er in uerst unmelodischen Tnen und mit der Reitpeitsche in der Luft umherfuchtelnd: Hans mit den Pluderhosen sprang ber'n Kachelofen -- wutsch! war er weg. Darauf verschwand er wieder in den Stllen, die zimperliche Cousine sich selbst berlassend. Frida wollte eben ihr Zimmer aufsuchen, um sich von allem Schmutz dieser ersten lndlichen Inspectionsreise zu befreien, da kam Charlotte vom Hause her und sagte: Ich will meine Glucken besuchen, Frida, kommst du mit mir? Vier habe ich gesetzt, wir wollen einmal sehen, was sie machen. Frida verstand von dieser Rede eben nur, da die Reise nach dem Hhnerstalle gehen sollte, und da Federvieh ihr noch das Liebste von all dem Gethier auf dem Hofe war und ihr auch am wenigsten Furcht erregte, so begleitete sie Charlotten, denn schmutziger konnte sie ja doch jetzt nicht mehr werden, als sie nach diesen vorhergehenden Besuchen schon war. Hier sind nur einige von unsern Glucken, sagte Charlotte, einen engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Krben saen, die mit Stroh ausgefllt waren. Der eigentliche Brtstall steht unter Mutters Leitung, du mut dich einmal von ihr mit dahin nehmen lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten Kken davon haben. Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und untersuchte die unter ihr liegenden Eier. Die gelbe Kronenhenne sitzt am lngsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden, sagte sie mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder Sieh da, zwei Kleine sind glcklich an's Tageslicht gekommen! rief sie freudig und zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke an den Flgeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Kken krabbelten da vergnglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stck Eierschale auf dem Kopfe. Fa einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig, sagte Charlotte, auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und nahm das Ei zgernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin, einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoend. Aus der Schale des Eies sah nmlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf ein dunkles Kpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch arbeitete. Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Kpfchen, die Aeugelchen blickten aber ganz vergngt daraus hervor. Nach einer Weile hatte sich das ganze Krperchen aus der Schale herausgearbeitet und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefngnisses in Gesellschaft der andern Kkel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei war auch schon ein groer Sprung; man hrte leise picken und sah, wie von innen ein spitzes Schnbelchen an der Umhllung bohrte, um sie zu durchbrechen. Frida war auer sich vor Entzcken und wollte gar nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie vorgekommen. Charlotte aber nahm die Kken heraus und setzte dann die Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. Lnger darf ich das Nest nicht unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt, sagte sie. Die Kkel aber thun wir hier in den Federtopf, da die Alte sie nicht zertritt, bis alle heraus sind. Frida war glcklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen Hhnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kkel der nchsten Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten msse der Herr Pastor haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte und kte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues Kleid htte dem jungen Mdchen eben jetzt solche Freude machen knnen, als der Besitz solch kleiner, spashafter Kken, wie diese, die leise piepsend in dem Federtopfe ber einander kugelten. Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen? rief sie ungeduldig und lief von einem Brtkorbe zum andern. In den nchsten Tagen, hoffe ich, sagte Charlotte, sie sitzen fast alle schon drei Wochen. Was, so lange mu solch arme Henne sitzen? rief Frida, die Hnde zusammenschlagend. Das ist ja ganz schrecklich! Mu =die= sich langweilen! Charlotte lachte herzlich. Ja, und denke nur, das arme Thier frit und suft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, whrend sie brtet. Frh Morgens kommt sie vom Nest herunter und frit sich satt, und dann fastet sie den ganzen brigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit fr eine gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrten. Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen Hennen -- der Hhnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste Schritt zu ihrer Ausshnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden Landleben, und tglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem Ei gekommenen Kkel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu fttern, war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die tppischen, kleinen Wesen ungeschickt ber einander kugelten und vorn berfallend das Gleichgewicht verloren, sobald sie die Krnchen aufpicken wollten, dann jubelte Frida laut auf vor Vergngen und konnte sich keine hbschere Unterhaltung denken. Und um Hhner- oder Enteneier zu suchen und einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hrte und es in Verdacht hatte, seine Eier verschleppt zu haben. Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin werden, gebt Acht! rief Onkel Bremer oft vergngt, wenn er die hbsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als seitdem Frida die Hhner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewi ein Geheimmittel, womit sie die Hhner bezaubere. Onkel und Tante waren berhaupt von einer Gte und Herzlichkeit gegen das verwhnte Nichtchen, da diese es nicht besser htte wnschen knnen. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mdchens, das sich fr etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Flle kund gab, wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdru hingenommen. An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten Frida's Unliebenswrdigkeiten vllig ab, und bereitwillig spendeten sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit bertrafen. Aber wre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie htte schon in den ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie spter recht wohl einsah: da sie selbst trotz ihrer glnzenden Eigenschaften an wahrhaft innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je lnger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dmmerte in ihrem Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lcherlich und thricht es sei, da sie sich besser dnkte als Alle, und bald fing sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und Eitelkeit hie. Wuten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte! Und wie fleiig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese Mdchen alles den Tag ber, und wie ntzlich waren sie dem Hauswesen, whrend sie selbst die Hnde in den Schoo legte, oder ein Bischen las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Krfte zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas, das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen, die sich so vortrefflich und so hoch ber diesen Mdchen stehend erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen Geschwistern gentzt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrh auf ihre Schultern gelegt wurden, ihr nicht unertrglich gewesen, und hatte sie sich denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war, als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus fhrte, -- was mute diese von ihr gedacht haben? Und doch, welche Gte, welche Nachsicht hatte Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten gekehrt, was Frida Thrichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe gelohnt? -- Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die thtigen, liebreichen und demthigen Menschen beobachtete, von denen sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav und tchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, da sie auch gut und liebenswrdig sein knnte und dankbar fr die ihr erwiesene Liebe. So bte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schnen, thtigen Familienlebens seinen wohlthtigen Einflu auf das junge Mdchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel, welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in die Heimath sandte. Lat mich ja noch eine Weile hier, ich mu noch so viel lernen und es gefllt mir so gut! so schrieb sie schon nach einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem Wunsche entgegen. Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr vllig fremden Welt, da sie noch Jahre htte da bleiben knnen. Alles war ihr neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wuten zehn Mal mehr Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte, war hufig die Veranlassung zu groer Heiterkeit. Marie, kannst du ein Paar schne Enten gebrauchen, die der Frster geschossen hat? fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau. Geschossen? rief Frida erstaunt, warum schiet er denn die Enten vom Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben. Ein schallendes Gelchter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte, der Frster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig gegessen. O welch eine Menge schner blauer Blumen! rief Frida dann wieder, als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war hchst erstaunt, als sie erfuhr, da ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer Blmchen auf dem Felde gestanden habe. Natrlich hatte sie auch keine Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hieen, welche auf den Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth war, entsetzte sich vollstndig, wenn Frida einen Spaziergang mit ihm machte, und den schnen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich sah, oder ein Roggenfeld fr Weizen erklrte, und ber die Unmasse schner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz und Anwendung landwirthschaftlicher Gerthschaften hatte sie ebenfalls keine Vorstellung. Eine Egge war fr sie ein vollstndiges Rthsel, und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch noch ein Geheimni gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter fr das Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen Dnger der Stlle sorgfltig aufbewahrte, statt das hliche Zeug fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der Schur erregte ihr hchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen. In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtglich mit dem Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte, und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken aber war es fr das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese schreiten mute, auf der Khe und Ochsen frei weideten. Allein und ohne ihre Cousinen htte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehrnten Ungeheuer, welche gar nicht daran dachten, sie zu belstigen, sondern ruhig grasend die dicken Kpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest fr die ganze Dorfjugend, da flchtete Frida gewhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit nur ja keiner ihrer persnlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen, und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht hatte, der seiner Heerde dumpf brllend vorauf schritt, den mchtig breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen bse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Lwen allein im Felde begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube, der dies furchtbare Geschpf mit seinem langen Stock regierte, war fr sie ein grerer Held, als Blcher oder Ziethen. Der Onkel nahm Frida hufig mit sich hinaus auf''s Feld oder in Wald und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntni in allen landwirthschaftlichen Dingen einigermaen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht nur die Frchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Husermeer keine Ahnung bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bume des Waldes, die Stimmen und die Gestalt der Vgel, die Insecten und Wrmchen, welche Wald und Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und den Genu und die Freude an der schnen Gotteswelt erst ganz und voll machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte, und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an, und wenn er einerseits als tchtiger Landwirth sich ihr praktisch in Dienst gestellt hatte, so versumte er darber doch nicht, auch fr ihre schnen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders fr den Wald gewann Frida eine immer grere Vorliebe, je mehr sie an der Bildung von Stamm und Blttern die einzelnen Bume von einander unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und Esche, das alles waren fr Frida bisher Bume, von denen sie freilich gehrt, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte Gestalt und Eigenthmlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst. Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten, sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stndchen in dem dortigen, schmalen Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen zu plaudern, so groe Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, da sie ber diesen Dingen alles andere verga, und es ihr gar nicht aufgefallen war, wie schn so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Husern ohne ihre lieben Bume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das Schnste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an, ihr verstndlich zu werden. Bei solchen Spaziergngen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette, welche fr solches Landleben, wie sie es hier fhrte, vollstndiger Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dnnen Falbeln ihres Kleides hngen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen, beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlpften in ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert berall durch, ohne den geringsten Schaden zu leiden, whrend Frida mit ihrer langen Schleppe und den dnnen, bauschigen Stoffen unsglichen Aerger und tausend Mhe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer gewhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, da es wieder sauber und ganz werden mute. Mit Verwunderung sah sie dann, da Tante Marie oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstckes annahm und es brstete und plttete, stopfte und nhte, bis es wieder in Ordnung war. Und nun gar die dnnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer trug! Zu Hause hatte die Wscherin der jungen Dame solch zierlich Kunstwerk stets fix und fertig berliefert, und die Jungfer sorgte fr die tgliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder die Hnde von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe bernahmen und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser luftigen Hllen auf dem Plttbrete wieder in Stand zu setzen, und diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwrfe und Frisuren zu pltten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefhl von Scham, wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick ber Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Pltten, noch sonst einer der huslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mdchen Meisterinnen waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei ein groes Vergngen, solche allerliebste Sachen unter den Hnden zu haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wnschte Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unntze Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefllt und bat den Onkel, den nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als mglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach einigen Wochen in vllig unbrauchbarem Zustande. Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung anpate, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als etwas Entwrdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten berlie, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Hndchen selbst, ohne einen Ansto daran zu nehmen; denn Charlotte und Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne Zgern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bnder und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestubt hatte, so litt sie es bald nicht mehr, da Tante Marie Brste oder Nadel fr sie ergriff, oder Hannchen herbeieilte, die Schden auszubessern. Frhlich lie sie selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Brste ber Schuhe und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemhen, und bald fand sie auch Gefallen an allerlei huslichen Arbeiten, in denen sie sich von den Cousinen unterweisen lie. Zuweilen betrachtete sie dann wohl mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen oder Pltten oder Frchte schlen bedenkliche Farben annahmen und rauhe Stellen zeigten. Aber lachend trsteten sie dann die Cousinen, und Frida selbst spottete endlich ber ihre Eitelkeit, von der sie bisher tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die Zeiten waren glcklich vorber, in denen sie in Furcht und Angst vor der krftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten knne; ob auch ihre Hnde verbrennen oder der Taint verderben werde, wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schtzenden Hut verschmhte. Tante Marie mute sie jetzt sogar manchmal daran erinnern, sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst verga hufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder streckte. Papa wird mich gar nicht wieder erkennen! rief sie oft lachend, wenn sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine krnkliche Blsse und die blulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht die Nschen ber die einst so elegante Frida rmpfen wrden, wenn sie zurck kam, krftig und blhend wie eine volle, rothe Rose, das kmmerte das junge Mdchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war sie so ziemlich geheilt. Auch berflssig fhlte sie sich jetzt nicht mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in Kche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemth heiter und sorglos. Ist man ja doch nie glcklicher, als wenn man mit sich selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Eine groe Befriedigung gewhrte es ihr, da sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge Mdchen hatte groe Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen, Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht, so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mdchen hatten helle, frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst entwickelten. So lebte Frida behaglich, fleiig und glcklich von Tag zu Tage und von Woche zu Woche, und je lnger sie hier im Hause verweilte, desto lieber war sie dort. Die groe Welt, in die sie wieder eintreten sollte, kehrte sie nach Hause zurck, und von der sie mit so schwerem Seufzer geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie frher auf das Gemth Frida's ausgebt, und wirkliche Sehnsucht fhlte sie nur oft nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thrichtes gethan, und zu zeigen, da sie auch brav und gut sein knne und nicht nur das eitle, hochfahrende Mdchen von ehemals. Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt, welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch einmal zu den ersten Tagen zurck, welche Frida im Hause des Onkels verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens erschien in dem Wohnzimmer eine groe, mchtige Mnnergestalt, deren frisches Gesicht von dichtem, weien Haar umgeben war, und den man als den Herrn Pastor uerst freudig begrte. Die kleinen Kinder hingen sich an seine langen Rocksche, Hannchen schob ihm gleich Vaters groen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schttelte ihm so gewaltig die groe, breite Hand, da sie ordentlich in ihren Gelenken krachte. Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen, grauen Augen, und seine Art und Weise war so frhlich, und mit jedem hatte er so viel Scherz und Neckereien, da Frida ganz verwundert drein schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt. Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gesprch an, und war so zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mdchen schon seit Jahren. Nun, Kinderchen, sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, Sonntag Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, da ihr euch hbsch macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon alle Blumen im Garten zu riesigen Struen und Krnzen gebunden, und die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon. Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prchtigen Zuckerkuchen gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden Zglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergngter werden. Ich denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schnes, kleines Mamsellchen hier doch auch einmal, da man auf dem Dorfe vergngt sein kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll Frhlichkeit mit zur Pfarre. Diese Nachricht erregte groe Freude. Justus war ebensosehr der Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im Pastorhause schien fr jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete, stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von dem alten, frhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schne Predigt zu hren, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie, mit welch groer Andacht und Innigkeit die buerliche Gemeinde zu ihrem weihaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige Kirchgngerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine Ausnahme. Aber auch von dieser schnen Zeit ward ein groer Theil durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefllt, wie sie nur in so jungen Mdchenkpfen hausen knnen, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfnglichen jungen Gemther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite, und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schnen Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die ihrer Freundinnen an Eleganz noch bertraf, als an die ernste, schne Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfngliches Gemth nichts desto weniger tief und innig und rief eine Flle edler und guter Gedanken und Vorstze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit vorber, so schlugen die Wellen des tglichen Lebens ber ihrem Kopfe wieder zusammen; Rhrung und gute Vorstze klangen nur noch in leisen Accorden zu ihr herber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein musterhaftes junges Mdchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wute sie, da in diesen Gemthern anderer Ernst und andere Frmmigkeit lebte, als jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehrte dazu, ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde stiller Andacht zu den Fen des wrdigen Geistlichen. Aber sie kam doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie frher nie an dem jungen Mdchen gekannt hatte. O Tante, sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das Gotteshaus verlie, o warum bin ich nicht frher zu euch gekommen, ich wre ein besseres Mdchen geworden! Tante Marie drckte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft: Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spt, mein liebes Kind; wolle es nur ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt. Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle! sagte Frida bewegt. Die Tante aber nickte ihr ernst lchelnd zu, und von dem Tage an war ohne weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen Segen dem jungen Mdchen immer fhlbarer wurde, je lnger sie in diesem Hause lebte. Aber kehren wir zu dem Feste zurck, zu dem Pastor Werder das ganze Bremer'sche Haus eingeladen hatte. Charlotte, Hannchen und Martha hatten sich hbsch gemacht, wie der Gastgeber es sich ausgebeten, das heit, sie hatten saubere, helle Battistkleider angelegt, jedoch keinen anderen Schmuck, als den ihrer frischen, rothen Wangen und ihres sorglich gescheitelten Haares. Frida blickte betroffen auf diese so unendlich einfachen Toiletten. Sie selbst hatte einen ihrer elegantesten Anzge gewhlt, wie sie es bei festlichen Gelegenheiten zu thun pflegte. Nun aber kam sie sich hchst unpassend gekleidet vor, und sie wollte das kostbare Gewand wieder in den Kasten werfen. Die Cousinen jedoch litten das nicht, fanden sie allerliebst und behaupteten, Onkel Pastor sehe elegante Damen sehr gern. Da suchte Frida denn rasch aus der Ueberflle von Bndern, Spitzen und Schleifen einige prchtige, farbige Schrpen aus, welche sie Hannchen und Lottchen um die Taille schlang; Martha steckte sie eine schne Schleife vor die Brust, und die Cousinen mochten wollen oder nicht, sie muten sich so schmcken lassen. Frida jubelte ber ihren Einfall, und frhlich zog die ganze Gesellschaft endlich dem Pfarrhause zu. Dies war ein groes, altes Gebude mit weiten, etwas dunklen Rumen, durch dicht herumstehende Bume noch dstrer gemacht. Aber Thren und Fenster waren mit Blumen geschmckt, und auf der steinernen Auentreppe stand Pastor Werder mit den Seinen zum Empfang der Gste. Die Pastorin, eine rasche, rstige Frau mit lebhaften, dunklen Augen, lief den Ankommenden, ihre kleine Tochter Gretchen an der Hand, ungeduldig ein Stck entgegen, und ihr folgte die zierliche Gestalt ihrer lteren Tochter Helene, ein auffallend zartes, liebliches Mdchen mit vollem, dunklen Haar und schwrmerischen, braunen Augen. An der Seite des Pastors aber stand sein einziger Sohn, gro und schn und stattlich wie er selbst, nur da die lang herabfallenden Locken des jungen Mannes von schner hellbrauner Frbung und die Zge des Gesichtes frisch und jugendlich waren. Zwei Knaben von 13 und 14 Jahren, die Zglinge Justus Werder's, und sein Freund, ein junger Arzt, begrten mit ihnen die Ankommenden als liebe, alte Freunde. Kaum aber hatte man sich die Hnde geschttelt und das Haus betreten, da rollte ein Wagen vor. Das sind die Hermsbacher! tnte es frhlich, und abermals ffnete sich die gastliche Pforte. Herr und Frau von Helldorf, ein freundliches, behagliches Ehepaar, wurde im Triumph hereingefhrt, und mit ihnen kam Sophie, des Gutsherrn Nichte, ein groes, blondes, aber sehr unscheinbares Mdchen. Ihnen folgten zwei junge Mnner, sehr verschieden in ihrer Erscheinung. Walter, der Sohn des Gutsherrn, war stmmig und krftig gebaut, und sein Gesicht trug den Stempel groer Gte und Milde; aber etwas Schchternes, ja Linkisches that seiner sonst angenehmen Erscheinung einigen Abbruch. Sein Begleiter jedoch, der sich seit Kurzem als Volontair auf dem Gute aufhielt, besa alle die Eigenschaften, welche einen jungen Mann zu einer hervortretend gewinnenden Erscheinung machen. Elegant in Manieren und Kleidung, schn an Gesicht und Gestalt, und angenehm in der Art und Weise zu sprechen und sich zu bewegen, machte er auf Jedermann einen uerst gnstigen Eindruck. Frida hatte mit stiller Verwunderung ihre Blicke in dem Kreise umhergeschickt, in dem sie sich hier befand; denn diese biedre, ja derbe Art und Weise, mit welcher die Freunde hier mit einander verkehrten, war fr die feine, junge Dame etwas vllig Neues. Sie verglich soeben im Stillen diese derbe Redeweise, welche hufig mit plattdeutschen Worten vermischt war, und dies Hndeschtteln und laute, ungenirte Wesen der Gste mit den grazisen, feinen Formen der eleganten Welt, in der sie sich bis jetzt bewegt hatte. Da trat sie aus dem Nebenzimmer, in das sie fr einige Augenblicke gegangen, wieder zu der Gesellschaft, und ihre Blicke fielen jetzt auf den jungen Volontair, welcher von den breiten, mecklenburger Schultern der andern Herren fr sie bisher verdeckt worden war. Ein leiser Ausruf der Verwunderung entschlpfte bei diesem Anblick ihren Lippen; tiefe Rthe berzog ihr Gesicht, und unwillkrlich trat sie einige Schritte vor. Herr von Gablenz, wie dieser junge Mann genannt wurde, war in seiner leichten, gewandten Manier von Einem zum Andern geschritten, indem er jeder der lteren Damen etwas Verbindliches sagte und sich soeben in sehr sichrer, anmuthiger Haltung dem Kreise der jungen Mdchen nherte, sein krauses, dunkles Brtchen mit leisem Lcheln ber den Finger drehend. Da erblickte er Frida. Hchstes Erstaunen in den Zgen hemmte er pltzlich den leichten Schritt, und etwas wie Schrecken oder Verdru beschattete fr einen Augenblick seine Zge. Aber auch nur fr einen Augenblick. Im nchsten schon blitzte sein dunkles Auge hell auf, und das beglckteste Lcheln auf der Lippe trat er mit freudigem Gru auf das junge Mdchen zu, das ihm zum Willkommen die Hand entgegenstreckte. Mein gndiges Frulein, welche freudige Ueberraschung, Sie hier zu sehen! sagte er halblaut und kte Frida's bebende Hand, die er einen Augenblick in der seinen hielt und wie zum stillen Einverstndni leise drckte. Frida konnte ihrer freudigen Bewegung nur mit Mhe Herr werden; aber sie fhlte, wie nthig es sei, da sie ruhig blieb, und so sagte sie mglichst unbefangen, denn Hannchen trat eben zu ihnen: Herr von Gablenz, ich freue mich sehr, Sie hier zu begren. Sie haben ihre Freunde in B. so schnell verlassen, da wir Alle nicht wuten, wohin Sie abgereist waren. Liebes Hannchen, wandte sie sich dann unbefangen zu ihrer Cousine, Herr von Gablenz ist ein Freund unsres Kreises in B., es ist eine groe Ueberraschung fr mich, ihn hier wieder zu sehen. Ein Glck, das ich mir nicht trumen lie, mein gndigstes Frulein! fuhr Herr von Gablenz fort und fgte ein so bedeutsames Lcheln hinzu, da Frida sich schnell abwandte und Hannchens Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken suchte. Diese war aber weit davon entfernt, den wahren Sachverhalt zu ahnen, sondern drckte nur in ihrer sanften Weise ihre herzliche Befriedigung aus, da Frida die Freude habe, einen Bekannten aus ihrer lieben Heimath wiederzusehen. Bald aber lie sie die Beiden allein, die sich nun schnell in ein lebhaftes Gesprch vertieften. Als man hrte, da Frida und Herr von Gablenz gute Bekannte seien, verwunderte sich auch niemand, da sie den Tag ber viel mit einander sprachen und verkehrten; was aber Frida fhlte und dachte, das mgen uns wieder einige Zeilen sagen, welche sie ihrer Freundin am Morgen nach diesem fr sie so ereignireichen Tage sandte. Liebste, theuerste Franziska! Was habe ich Dir heute mitzutheilen! O Frnzchen, wie glcklich, wie selig bin ich, denke nur, ich habe =ihn= gesehen! Ja, staune immerhin, ich habe auch gestaunt, und im ersten Augenblicke meinte ich zu trumen, als seine schne, edle Gestalt vor mir stand, und sein herrliches, dunkles Auge mich anschaute, mit dem bekannten, ach nur =mir= bekannten, strahlenden Blicke! O was so ein Blick alles sagen kann und so ein Lcheln, wie es bei meinem Anblick um seinen Mund schwebte! Ich htte jubeln, aufjauchzen mgen vor Wonne, und doch durfte ich es nicht, mute stumm und still mein Glck im Herzen verschlieen, damit niemand es ahnte; ja ich durfte selbst den sen Hndedruck nicht erwiedern, mit dem er mich begrte, denn meiner Cousine Augen ruhten verwundert auf uns. Aber wenn wir auch den ganzen Tag nur gleichgltige Dinge mit einander gesprochen haben, was schadet es, wir sind uns doch wieder nah', ich kann doch wieder ab und zu dieselbe Luft mit ihm einathmen; denn ich werde ihn wiedersehen, hoffentlich oft und lange. Er ist als Volontair fr einige Zeit hier in der Nhe auf einem der Gter, und er sagte mir zur Entschuldigung fr seine schnelle Abreise, die Sache habe sich so rasch gemacht, und sein Aufenthalt auf Hermsbach sei keineswegs eine so fest abgeschlossene Sache, da er davon gegen uns im Voraus htte sprechen mgen. Ach fr mich bedurfte es ja dieser Entschuldigungen nicht, mir gengte damals das Schreckliche: er war fort; aber die Wonne, ihn nun hier wieder gefunden zu haben, wiegt alles auf. Nun will ich gern in meines Onkels Hause bleiben, so lange sie mich behalten mgen, nun sehe ich =ihn= doch zuweilen, das lt alle Entbehrungen und alles Unbehagen vergessen, das ich dort zu ertragen habe. O wie er dasteht unter diesen derben, massigen, mecklenburger Gestalten! Wie ein Prinz im Mrchen! Ich wrde mich nicht wundern, wenn eine goldene Krone in seinen glnzenden, schwarzen Locken blitzte; denn wie ein Frst schreitet er unter diesen derben, simplen Leuten hier einher, und in der That scheint auch alles ihm zu huldigen und das Uebergewicht seiner geistigen wie krperlichen Gaben anzuerkennen. Die alten Damen werden ordentlich wieder jung, wenn er ihnen in seiner anmuthigen Weise den Hof macht, was ihnen von den hiesigen hlzernen, jungen Herren nicht geboten wird. Und nun gar die jungen! Sie hngen alle mit wahrhaft schwrmerischen Blicken an ihm, wie an einem Zauberer, und selbst meine beiden schlichten, blden Cousinen knnen ihre Kornblumenaugen nicht von ihm abwenden, wenn er in ihre Nhe kommt. Die kleine, reizende Pastorentochter ist ganz bestimmt schrecklich in ihn verliebt, oder ich mte mich wenig auf dergleichen Dinge verstehen. Das Spashafteste aber ist die Schwrmerei eines groen, blassen Mdchens, die ber die erste Blthe hinaus ist, wenn sie berhaupt je eine hatte. Es ist die Nichte des Herrn von Helldorf, in dessen Hause Gablenz sich aufhlt, und die, wie ich hre, sehr reich sein soll. Das stete Beisammensein mit dem jungen Volontair scheint das arme Wesen ganz bezaubert und verwirrt zu haben. Es ist wahrhaft jmmerlich, wie sie die blassen Augen verdreht und die Lippen zum sesten Lcheln spitzt, wenn er sie einiger Worte wrdigt, und dann sitzt sie wie verzckt da und schaut ihm nach, wenn er ihr den Rcken gewandt. Und nun zu wissen, dieser herrliche Mann, den alle lieben, alle verehren, alle besitzen mchten, er gehrt mir, mir allein; keine von allen, denen er in seiner gewandten Weise oft angenehme Dinge sagt, besitzt seine Liebe, sondern nur allein ich, ich, die Glckliche, Beneidenswerthe; -- o Franziska, das ist ein Gefhl, ein Gedanke, berwltigend schn und beglckend. Wenn ich nicht wte, wie theuer ich ihm bin, so knnte ich hier unter den vielen jungen Mdchen ganz eiferschtig werden, da sie ihn alle so verehren und lieben. Den ungeleckten, jungen Bren der hiesigen Gesellschaft gegenber wirkt sein einnehmendes Wesen mit doppeltem Zauber auf die schlichten Landmdchen, und der lose Gablenz scheint sich ein wahres Vergngen daraus zu machen, diesen Zauber mglichst auszubeuten. Einige Worte, die er mir lachend zuflsterte, als er mit der schnen, schwrmerischen Pfarrerstochter zwei schmelzende Duette gesungen und der blassen Frl. von Helldorf eine zarte Rose mit einigen schelmischen Worten berreicht hatte, besttigten meine Vermuthung. Mich liebt er; aber den andern jungen Damen macht er ebensosehr den Hof, als mir selbst, und das ist mir ganz recht, so merkt eben niemand, wie die Sachen eigentlich stehen. O wenn Papa erfhre, da er hier ist! Ich glaube wirklich, er holte mich gleich zurck. Aber er wei ja glcklicherweise nicht, da Gablenz berhaupt B. verlassen hat, und nun gar, da er sich hier in dieser Gegend aufhlt. Doch nun genug, mein Frnzchen. Du kannst jetzt wieder ruhig und froh an mich denken; denn jetzt ist alles gut. Uebrigens mu ich meinen Verwandten zum Lobe nachsagen, sie sind von einer auerordentlichen Liebe und Gte gegen mich, und das Landleben ist berhaupt nicht so schlimm, als ich erst dachte. An dem gestrigen Tage haben wir auf dem kleinen See bei Pastors herrliche Stunden verlebt unter Gesang und tausend Scherzen, und dann auf der Wiese prchtig gespielt. Aber sind die Mdchen hier plump und blde, es ist zum Todtlachen. Sie wissen alle nicht um die Ecke, wie Graf Salm immer sagt. Gablenz war immer der Mittelpunkt, um den sich alles schaarte; er leitete und ordnete alles, und Du kannst denken, da ich ihm treulich zur Seite stand. O es war himmlisch! In Liebe und Glck Deine =Frida=. Aber auch Herr von Gablenz schrieb an dem Morgen, der dem Zusammentreffen Frida's mit ihm folgte und das schwrmerische junge Mdchen so unendlich beglckt hatte, einen Brief, der uns einen Blick geben mag, wie es eigentlich mit diesem Herrn bestellt war, dem Frida in ihrer Unerfahrenheit und Schwrmerei bereits nur allzuviel Raum in ihrem Herzen eingerumt hatte. Bester Eduard! schrieb er mit fliegender Feder. Vor Kurzem theilte ich Dir mit, wie weise ich Deine Rathschlge mir zu Herzen genommen, und wie gut sich alles zu gestalten scheint. Dank Deiner Frsorge habe ich zur rechten Zeit noch in B. den Staub von meinen Fen schtteln und der Sttte Lebewohl sagen knnen, wo mir das Pflaster zu hei unter den Fen wurde, und meine Glubiger anfingen, gar zu scharf die Zhne zu zeigen. Wie ein Meteor kam ich und verschwand ich in jenen angenehmen Kreisen, um hier von Neuem aufzutauchen und mir jene Erbin zu sichern, von der Deine Freundschaft fr mich Errettung hofft aus dem Drangsale, das mein edles Haupt umgarnt. O Himmel ja, meine Schulden fressen an mir wie hungrige Ungethme, und nur eine Erbschaft oder eine reiche Heirath kann mich retten. Da mir fr Erstere aber nirgends ein Stern dmmern will, denn das Geschlecht der Goldonkel hat mir Aermsten nie geblht, so bleibt nur das Zweite noch brig. In B. gab es hbsche Mdchen genug; aber alle mit wrdigen Vtern und Mttern versehen und von zahllosen Geschwistern umringt, also fr meine Zwecke nicht geschaffen. Ich mu disponibles Vermgen vor mir sehen, um meiner Schwachheit hlfreich beistehen zu knnen; ferne Aussichten, oder Abhngigkeit von der Gte barmherziger Schwiegervter kann mich nicht retten, und wenn die Tchter Engel an Schnheit wren. Solch ein blondes Engelchen htte mich edlen Ritter sonst sicher nicht verschmht; ich las es in ihren veilchenblauen Aeuglein und ahnte wohl, da mein Verschwinden ihr Herzchen bitter krnken wrde, da sie gewaltig Feuer gefangen. Aber lieber Himmel, wer kann an so etwas denken, wenn das Feuer auf den Ngeln brennt! Ich war ihr entschlpft zur rechten Stunde, und alles schien im besten Gange. Ich wurde als Volontair in Hermsbach angenommen, die Erbin ist bla und hlich und grndlich langweilig; -- aber was hilft das alles, ihr Geld mu die Schden zudecken. Sie ist bereits zum Sterben in mich Ausbund von Liebenswrdigkeit und Anmuth verliebt; denn das bei dieser simplen Landpommeranze zu erreichen, war fr mich keine Herkulesarbeit. Leider haben Onkel und Tante aber ein Wort mitzusprechen, und die mir gnstig zu stimmen, bedarf noch einiger Geschicklichkeit. Uebrigens scheint dies Mecklenburg eine wahre Fundgrube von hbschen Mdchen zu sein; (leider macht nur meine Erbin eine traurige Ausnahme!) denn wie die Amoretten in Thorwaldsens Neste voll Liebesgtter sitzen sie hier dicht bei einander, so da man sich die Zeit gut vertreiben kann. Besonders eine kleine, schwarzugige Pfarrerstochter knnte mich alle hbschen Blondinen zeitlebens vergessen machen. Hchst unbequemer Weise aber, und whrend ich im besten Zuge bin, den Liebenswrdigen bei all den hbschen Mdels zu spielen, taucht pltzlich meine holde Blondine aus B. vor mir auf, aus deren Banden ich glcklich entflohen war, als Deine Weisung kam, mir den hiesigen Goldfisch zu fangen. Sie war strahlend vor Entzcken, mich Ausreier hier zu finden, und ich? Nun ich mte nicht Alfred von Gablenz sein, htte ich nicht augenblicklich ebenso strahlend in ihr holdes Augenpaar geblickt und das Lied fortgesungen, das ich in B. begonnen. Ach Lied! Das war ein unglckliches Bild; denn ein Lied ist's, was allein mich bei der Geschichte etwas beunruhigt. Jetzt ist's nun eine kstliche Komdie, die ich zu spielen habe; denn die kleine, schwarzlockige Pfarrerstochter, deren schne Augen mich fr die blassen meines Goldfischchens etwas entschdigen mssen, glaubt mich ebenfalls zu ihren Fen, und es gehrt die ganze Gewandtheit Deines Freundes dazu, mein Schifflein hier geschickt so zu steuern, da Jede die Beglckte zu sein scheint, bis ich meines Zieles ganz sicher bin. Aber das gerade ist mein Element, drum Glckauf und ein frhlich Gelingen Deiner Plne, Du kluger Pfadfinder. Dein getreuer =Alfred von Gablenz=. Woche um Woche verging; Frida aber hatte keine Ahnung von der Treulosigkeit und dem doppelten Spiele des leichtsinnigen Mannes, dem sie mit der ganzen schwrmerischen Liebe eines jungen Herzens anhing. Obwohl er sich htete, mit Frida in bestimmteren Worten von seiner Liebe zu sprechen, so behielt er doch gegen sie den Ton der Hingebung und Verehrung bei, den er bisher schon angeschlagen, und nhrte dadurch Frida's stilles Trumen und Hoffen. Wohl sah und hrte sie, da er auch gegen Helene eine wrmere Sprache fhrte, und da er Sophie von Helldorf oft in auffallender Weise auszeichnete; aber ihr Herz ward nie ernstlich hiervon beunruhigt. Glaubte sie doch immer, es geschehe nur, um die Aufmerksamkeiten gegen sie selbst dadurch zu verdecken, und kein Schatten eines Mitrauens zog in ihr junges, unerfahrenes Gemth. Das Glck und die Freude machten Frida noch lieblicher, als sie ohnehin schon war, und ihre Anmuth gewann ihr schnell die Herzen all dieser braven, einfachen Menschen, mit denen sie hier verkehrte. Ihr launisches und trotziges Wesen, wie sie es zu Hause so oft gegen die Ihren zeigte, schien ganz verschwunden; denn das Beispiel ihrer bescheidenen Cousinen, denen derartige Unarten etwas vllig Fremdes waren, wirkte unendlich vortheilhaft auf das weiche, leichtempfngliche Gemth Frida's. Immer mehr und mehr wurde sie der Liebling von Jung und Alt; denn sie gehrte zu jenen glcklichen Naturen, welche von jedermann verzogen und gehtschelt werden. Die jungen Mdchen wagten sich in ihrer blden, zaghaften Weise zwar Anfangs nicht recht an die so elegante, junge Dame heran, die mit so viel Gewandtheit und Sicherheit unter sie trat; Frida aber zeigte ihnen ein so herzliches und unbefangenes Entgegenkommen, da alle Scheu entschwand, und sie mit allen bald gute Freundschaft schlo. Die jungen Herren hingegen hatte Frida's Anmuth gleich von Anfang an gewonnen. Durch ihr leichtes, gewandtes Benehmen, verbunden mit Witz und Heiterkeit, zeichnete sie sich so vortheilhaft aus vor den schwerflligen, schchternen und zaghaften jungen Mdchen, unter welchen sie auftrat, da jeder sich am liebsten mit ihr unterhielt. Sie verstand es vortrefflich, den Ton zu treffen, der fr jeden Einzelnen pate, und selbst der scheue und steife Walter Helldorf berwand mit der Zeit seine ngstliche Bldigkeit, wenn die muntere Frida mit ihm scherzte. Justus Werder aber und sein Freund, der lustige, junge Arzt, und mit ihnen noch einige andere junge Leute der Nachbarschaft, schwrmten bald smmtlich fr die bezaubernde junge Dame und brachten ihr jeder in seiner Weise die wrmsten Huldigungen dar. Zur groen Verwunderung ihrer Cousinen nahm Frida diese allgemeine Verehrung uerst ruhig und sorglos hin; sie hatte es ja auch zu Haus nicht anders gekannt, und ihr Herz wurde in keiner Weise dadurch beunruhigt. Sie scherzte und lachte mit allen um so sorgloser, da sie eigentlich dabei nur immer an den dachte, der ihr die ganze Seele erfllte. Er war ja fast immer unter den jungen Leuten, mit denen sie verkehrte, und das belebte ihr ganzes Wesen. Ihm allein galten ja eigentlich ihre Worte und ihre witzigen, munteren Reden, und ein rascher Blick seines Auges, eine flchtige Anspielung, nur fr sie verstndlich, waren vllig hinreichend, Frida fr viele Tage froh und glcklich zu machen. Wenn Frida jetzt nach Hause schrieb, da sie sich wohl und zufrieden bei Onkel und Tante fhle, so hatte natrlich die Anwesenheit dessen, den sie im Herz und Sinn trug, einen groen Antheil hieran. Aber der alleinige Grund ihres Wohlseins war es dennoch nicht; Frida lebte sich in der That von Tage zu Tage mehr ein in dem Kreise, der sie aufgenommen. Jugend ist so empfnglich fr alles Neue, und hier waren es zu Frida's Glck nur edle und gute Elemente, welche auf sie einwirkten. Die Freundschaft, die sie bald mit Hannchen und Charlotte verknpfte, war viel tieferer und besserer Art, als alle ihre bisherigen Freundschaften, und Frida war selbst oft verwundert, da junge Mdchen so wenig von Putz und Aeuerlichkeiten mit einander sprachen, als sie und ihre Cousinen, und sich dennoch ganz vortrefflich dabei unterhielten. Auch mit Helene Werder, der braunugigen Pfarrerstochter, war Frida bald herzlich befreundet, und selbst Sophie Helldorf zeigte fr die bedeutend jngere Frida eine warme Zuneigung wenn auch ihre Blicke oft mit ngstlicher Spannung die Huldigungen verfolgten, welche der schne Volontair dem reizenden Mdchen darbrachte. So war eine geraume Zeit vergangen, da bemerkte Frida zuweilen, da ihr liebes Hannchen mit roth geweinten Augen umherging, und auch Charlotte oft niedergeschlagen und trbugig dreinschaute. Auf ihre Fragen erhielt Frida ausweichende Antworten, sie machte sich deshalb keine weiteren Sorgen darber. Eines Tages aber, als man wieder im Hause Pastor Werders frhlich zusammen gewesen, nahm Charlotte Frida unter den Arm und ging mit ihr in eine der verstecktesten Lauben des Gartens. Ich mchte dich gern einmal etwas fragen, liebe Frida; aber sei mir drum nicht bse, sagte Lottchen dort schchtern und malte mit einem Stckchen, das im Wege lag, verlegen Figuren in den Sand. Warum sollte ich bse sein, Lottchen? Was hast du? entgegnete Frida verwundert. Es ist nur, fuhr Charlotte zgernd fort, ich wollte dich nur fragen, liebst du das Leben auf dem Lande jetzt sehr? Ei gewi liebe ich es, mehr als ich je dachte! rief Frida lebhaft. So mchtest du wohl ganz gern dort leben, vielleicht einmal als Pastorenfrau? stotterte Lottchen jetzt tief errthend und whlte mit dem Stckchen aufgeregt im Fuboden umher. Als Pastorenfrau? sagte Frida staunend. Wie kommst du denn darauf, Lottchen? Das ist ja eine merkwrdige Idee. Findest du denn, da ich =dazu= passe? Nein, ehrlich gestanden finde ich eben, da du gar nicht dazu pat, Frida; aber nimm es mir nur nicht bel, entgegnete Lottchen immer befangener werdend. Nun warum in aller Welt frgst du mich denn da so sonderbar? lachte Frida. Weil -- nun weil ich dachte, du mchtest den Justus heirathen, rief Lottchen nun fassungslos und warf das Stckchen weit von sich. Den Justus Werder? Ich den Justus Werder heirathen? Lottchen, ich glaube du trumst! sagte Frida, die Augen weit ffnend. Wie kommst du denn darauf? Das wrde mir ja nun und nimmer in die Gedanken gekommen sein! Der Justus und ich, welch eine unglckliche Zusammenstellung! Charlotte war von ihrem Sitze aufgesprungen und hatte Frida's beide Hnde ergriffen. Du denkst nicht daran und hast den Justus nicht lieb, Frida? rief sie mit strahlenden Blicken. Nein doch, nein, ich bin so weit davon entfernt, als man es nur sein kann! entgegnete Frida von Herzen lachend. Ich gbe eine schne Predigerfrau ab! Du komisches Mdchen, wenn du dir darum Gedanken gemacht hast, dann beruhige dich. =Ich= nehme dir Justus Werder nicht weg, und er will mich auch gar nicht. Ach ich liee ihn dir gern, Frida, sagte Lottchen leise. Wenn =ich= ihn liebte, htte ich diese Fragen nicht an dich richten knnen. Aber siehst du, ich kann es nicht mit ansehen, da Hannchen sich so abhrmt, um ihretwillen ist's. Hannchen liebt den Justus? rief Frida voller Entzcken. O das ist ja kstlich, das mu ein Paar werden! Hannchen mit ihrem frommen, blonden Gesichtchen giebt eine wundervolle Pastorsfrau ab. Hat Justus denn eine Ahnung davon, und glaubst du, da er sie auch liebt? Das ist's ja eben, was mich qult! sagte Charlotte niedergeschlagen Frher, ehe -- nun da ich es dir ehrlich sage, Cousinchen, ehe =du= kamst, zeichnete Justus unser Hannchen ganz entschieden aus. Das sahen auch seine Eltern, die es sehr wnschen; denn Hannchen ist ihr Liebling. Aber jetzt ist er so anders geworden. Jetzt gilt seine ganze Aufmerksamkeit dir, und das ist ja so natrlich, Hannchen verschwindet ja neben dir vollstndig, wie wir alle. Da du nun so sehr freundlich gegen Justus bist und ihn so sehr auszeichnest, so -- -- -- Ja ja, so dachtet ihr, ich wollte ihn deshalb gleich heirathen! rief Frida lachend. O ihr guten, lieben Kinder! Wenn ich alle die heirathen wollte, die mir den Hof machen, dann htte ich eine schne Auswahl. Courmachen und Heirathen sind zwei himmelweit verschiedene Dinge, Liebchen! Charlotte war sehr ernst geworden. Frida, sagte sie, weit du, es ist vielleicht sehr altmodisch und lndlich von mir; aber mir scheint, man mte nur demjenigen so freundlich entgegen kommen, als du es mit Justus gethan, den man wirklich lieb hat, sonst thut man ein Unrecht. Wenn Justus nun deine Liebenswrdigkeit anders auslegt und sich einbildet, du magst ihn leiden? Er wrde dir dann vielleicht einen argen Vorwurf daraus machen, sobald er erfhre, er habe sich geirrt. Aber Lottchen, bin ich denn gegen Justus wirklich freundlicher, als gegen alle andern jungen Leute? sagte Frida kopfschttelnd. Ich wei es nicht, Cousinchen, entgegnete Charlotte pltzlich sehr roth werdend. Aber es mu wohl so sein, sonst knnte Hannchen sich nicht so sehr grmen. Aber freilich, du bist so ganz anders erzogen, als wir. Bei dir ist alles Grazie und Anmuth; wir sind wahre Perckenstcke neben dir, da mag solche Liebenswrdigkeit wohl anders beurtheilt werden. Niemand von uns htte den Muth und die Gewandtheit, so unbefangen ber alles zu scherzen, als du es thust, und so ungerhrt sich die sesten Schmeicheleien sagen zu lassen. Frida errthete. Gestehe es nur, Lottchen, sagte sie schelmisch, eigentlich findet ihr alle zusammen, da ich eine ausgemachte, eitle Coquette bin, nicht wahr? O nein, nein, Frida, um alles in der Welt, denke das nicht! rief Lottchen eifrig. Nun, wenn auch nicht ganz so schlimm, so doch ein Bischen, nicht wahr, Schatz? sagte Frida, Charlotten umschlingend und ihr herzlich in die Augen schauend. Nun ein Wenig zurckhaltender knntest du allerdings wohl sein, Frida, das ist richtig, entgegnete Charlotte ehrlich. Aber sei nicht bse drum. Ich las krzlich ein Verschen in den Gedichten von Friedrich Rckert, die du mir geborgt hast; das fllt mir jetzt manchmal ein, wenn ich dich so sicher und selbstbewut unter den jungen Leuten sehe. Und wie ist dieser Vers, meine kleine Lotte? fragte ihre Cousine lchelnd. Er heit, aber sei nicht bse: Schn bist du, Das weit du Nur leider zu sehr; O wtest du's minder, So wr'st du es mehr. Du ganz abscheuliches Mdchen! lachte Frida tief errthend, du sagst mir da bittere Sigkeiten. Aber ich danke dir dafr, ich werde daran denken. Bis jetzt hat mir kein Mensch gesagt, da ich anders sein sollte; es ist aber mglich, du hast nicht unrecht. Und du bist mir wirklich nicht bse, Frida? sagte Charlotte flehend, ihre Cousine schttelte aber halb lchelnd, halb ernsthaft den Kopf und kte die hbsche Tadlerin herzlich. Dann versprach sie ihr, besonders gegen Justus zurckhaltender zu sein, damit er she, sie denke nicht daran, ihn fr sich zu gewinnen. Charlotte schien zwar noch etwas sagen zu wollen, schlo aber die schon geffneten Lippen wieder mit einem kleinen Seufzer und folgte Frida, welche sie frhlich plaudernd den Baumgang hinabfhrte. Aber kaum waren die beiden Cousinen wieder in das Haus zurckgekehrt, so merkte Frida, da Hannchen auch gern etwas mit ihr sprechen wollte, die Gelegenheit dazu sich aber immer nicht fand. Hannchen, sagte Frida endlich unbefangen, du hast gewi wieder einmal deine bsen Kopfweh; komm ein Bischen mit mir in den Garten, mir ist heut auch gar nicht recht wohl. Hannchen war schnell bereit dazu, und bald umschattete jene ferne Laube, welche kurz zuvor Lottchens Gestndnisse aufgenommen hatte, nun auch Hannchens Wangen, welche sich pltzlich sehr dunkel frbten. Weit du, liebe Frida, sagte sie pltzlich mit ihrer weichen, lieblichen Stimme und prete die Hnde fest in einander. Es ist mir so lieb, da ich einmal allein mit dir sprechen kann. Frida konnte ein Lcheln nicht unterdrcken; denn sie ahnte, von wem ihr sanftes Hannchen mit ihr sprechen wollte. Sie versuchte ihrer Cousine auf halbem Wege entgegen zu kommen und sagte vertraulich: Du hast etwas auf deinem Herzen, Hannchen, ich habe es wohl gemerkt, was ist's? Welcher Bsewicht hat es gewagt, den Frieden deines sanften Gemthes zu stren, mein schchterner, kleiner Vogel? Nicht doch, Frida, sag' doch so etwas nicht, entgegnete Hannchen und schlug bang die Augen nieder, damit ihr Blick nicht die Worte strafen mchte. Ich wollte dich gern etwas fragen, einen unsrer Nachbarn betreffend. Sagt' ich's nicht? rief Frida schelmisch, ein Nachbar macht deinem sanften Herzchen zu schaffen! Heit er mit dem ersten Anfangsbuchstaben etwa Justus Werder? Hannchen schrak leicht zusammen und blickte Frida scheu an. Wie kommst du darauf, von =ihm= so zu sprechen? sagte sie herber, als sonst ihre Art war. Dann aber strich sie leicht mit der Hand ber ihre Augen, und als bereue sie ihre Unfreundlichkeit fuhr sie in sanftem Tone fort: Nicht von mir ist die Rede, liebe Cousine, sondern von jemand ganz andrem. Sage mir, Frida, meinst du nicht auch, da jemand dich sehr, sehr gern zu haben scheint? Mich? Von mir sprichst du, Hannchen? rief Frida lachend. Nun ich hoffe, ihr alle habt mich sehr, sehr gern. Ach so meine ich es ja nicht, das versteht sich ja von selbst, sagte Hannchen ausweichend. Wie soll ich mich nur deutlich machen, ich bin so ungeschickt! Ich meine, hast du nicht gemerkt, da jemand in Hermsbach dich sehr, sehr gern hat? Jetzt war es an Frida, zusammenzuschrecken und errthend die Augen niederzuschlagen. Rasch aber fate sie sich und sagte: Ach die Galanterien der jungen Leute sind nicht so ernsthaft zu nehmen, liebes Hannchen. Herr von Gablenz hat ja fr uns alle stets etwas Angenehmes auf den Lippen; mich zeichnet er wirklich nicht mehr aus, als jede von euch. Ich meine auch gar nicht den Herrn von Gablenz, fuhr Hannchen zgernd fort, ich meine einen Anderen, der dich so auszeichnet, wie sonst niemanden. Errthst du ihn nicht? Frida athmete froh auf und rief lachend: Ich glaube gar, du sprichst von Walter Helldorf! Hab' ich's errathen, Cousinchen? Hannchen nickte ernst und sah vor sich nieder. Nun? Und warum beunruhigt es dich, da ich den armen, blden Jungen ein Bischen munter gemacht und ihm die Zunge gelst habe? Ich denke, fr deine Augen giebt es doch einen anderen Magnet, als Walters ehrliches Gesicht, oder ich mte auf ganz falschem Wege sein. Ach bitte, la =mich= doch nur aus dem Spiele, sagte jetzt Hannchen fast weinend. Ich htte dies Gesprch ja gar nicht begonnen, wenn nicht..... Ach siehst du, Frida, sage doch ehrlich, liebst du Walter Helldorf? Frida lachte hell auf. Ihr seid ein paar wundervolle Kinder, du und Lottchen um die Wette. Die Eine denkt, ich..... Doch halt, das wollte ich nicht sagen. Nun Hannchen, und =wenn= ich ihn nun gern htte, den guten, ehrlichen Jungen, was dann? =Dir= kme ich ja doch nicht in's Gehege damit, Kleine? Hannchen brach pltzlich in Thrnen aus. O Frida, ist es wahr, liebst du ihn wirklich? rief sie angstvoll. O bitte, bitte, sage die Wahrheit! Frida wurde jetzt ganz ernst und sagte weich: Nein, nein, Hannchen, beunruhige dich nicht; Walter pate so wenig zu mir, als etwa Justus Werder. Die brauchen alle Beide ganz andere Frauen, als ich eine abgbe. Aber nun sage mir auch, was deine Frage zu bedeuten hat; denn ehrlich gestanden, ich werde nicht klug aus dir. Ist dir wirklich so viel an Walter gelegen, da dich der Gedanke so unruhig macht, ich knnte ihn gern haben? O nein, nicht meinetwegen ist's, Frida! rief Hannchen jetzt durch ihre Thrnen lchelnd. Wre dies der Fall, dann htte ich nie den Muth gehabt, dich danach zu fragen. Nein, es ist wegen Lottchen. Ich wei, sie hngt mit inniger Liebe an Walter, und ich glaube, er hatte sie wohl auch recht gern, ehe.... Aha, ich merke schon, rief Frida rasch, ehe die abscheuliche Frida zu euch kam, und mit ihrer unertrglichen Coquetterie sein armes, braves Herz umgarnte, ist's nicht so, Cousinchen? O gestehe es nur, so ist's! Seine blauen, ehrlichen Augen sind seitdem etwas aus ihrem Cours gewichen und meiner Spur gefolgt, statt da sie den beiden Kornblumenuglein nachschauen, die bis dahin ihr Ziel bildeten. Nicht wahr, mein armes Hannchen, das war's, was dich gekrnkt hat? Hannchen blickte mit sanftem Flehen auf und wute nichts zu erwiedern, Frida aber fuhr mit ironischem Lachen fort: Jetzt fehlt nur noch, da Helene und Sophie kommen und mich anklagen, ich bestricke den jungen Doktor und Herrn von Gablenz, die sie fr sich bestimmt haben. O! rief sie heftig und sprang vom Sitze auf, warum jagt ihr die abscheuliche Coquette denn nicht zum Hause hinaus? Besseres verdient sie ja nicht fr ihr schamloses Betragen. Hannchen umschlang das leidenschaftliche Mdchen weinend mit ihren Armen, denn sie verstand nicht recht, was Frida so heftig erregt hatte. O verzeih mir, Cousinchen, verzeih mir, bat sie schluchzend, es war unrecht von mir, dich durch meine Fragen so zu krnken, ich sehe es jetzt erst ein. Nur meine Sorge und Liebe fr Lottchen lieen mich alle Rcksicht vergessen, sonst htte ich nie den Muth gehabt, so etwas zu sagen. O nun bist du mir so bse, und wahrlich, ich habe es nicht anders verdient! Und bitterlich weinend sank sie wieder auf die Bank, das Gesicht mit den Hnden bedeckend. Frida, deren Heftigkeit so pltzlich hervorgebrochen war, nachdem sie eben noch ber Hannchens Idee gescherzt, schmte sich ihrer Leidenschaft und setzte sich still neben Hannchen, ihr die Hnde streichelnd und bemht, sie zu beruhigen. Als ihr dies endlich gelungen, sagte sie, mit Gewalt ihre Aufregung bei der Frage niederkmpfend: Nun sollst du mir zur Shne aber noch etwas gestehen, liebes Hannchen. Was ich vorhin mit bitterem Hohn sagte, will ich jetzt noch einmal ruhig und gleichmthig fragen, damit ich wei, da ich weiter niemanden unter euch mit meinem Betragen krnke. Glaubst du, da auch Helene oder Sophie oder sonst jemand der Freunde Grund hat, mein Benehmen in hnlicher Weise zu tadeln? Bitte, sage es mir ehrlich; ich will nicht wieder heftig werden, ich verspreche es dir! Nein, das glaube ich kaum, entgegnete Hannchen nachdenkend. Helene und Sophie sind sich gegenseitig wohl mehr im Wege, als du es ihnen bist, das frchte ich seit einiger Zeit. Sich gegenseitig? fragte Frida aufhorchend. Wobei denn? O sie sind Beide thricht! rief Hannchen ungewhnlich streng, mir scheint -- aber nein, ich will lieber nicht davon sprechen. Sie werden selbst bald genug sehen, da nicht alles Gold ist, was glnzt, und da so ein glatter Herr nicht gemacht ist fr uns simple Dorfmdchen. Sprichst du von Herr von Gablenz, Hannchen? stammelte Frida leise. Freilich spreche ich von ihm, sagte Hannchen achselzuckend. Es verdriet mich, da ihr alle den eitlen Mann so vergttert und ihn dadurch nur noch mehr verderbt, als er so schon ist. Verdorben nennst du ihn? rief Frida emprt. Was berechtigt dich sanftes Wesen denn zu einem so ungerechten und harten Urtheil ber diesen so ungewhnlich liebenswrdigen, jungen Mann? Eben seine ungewhnliche Liebenswrdigkeit, entgegnete Hannchen ernst. Ich bin einmal ein sehr ruhiges und nchternes Mdchen und in einfachen Verhltnissen aufgewachsen; mir gefllt Herr von Gablenz ganz und gar nicht, und wenn ich es ehrlich sagen soll, ich traue ihm nicht. Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund zu solcher Hrte und solchem Mitrauen? rief Frida bebend; denn sie konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von Hannchen schmhen zu hren, den sie so verehrte und liebte. Er ist glatt wie ein Aal, sagte diese achselzuckend. Er entschlpft jedem ernsteren Gesprch, wie ich von den Herren gehrt habe, und da er allen jungen Mdchen so bertrieben den Hof macht, meint er es mit keiner ernst. So etwas mag fr die groe Welt passen, fr unser stilles Dorf pat es nicht. Es geht das Gercht, er werde Sophie Helldorf heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er es nur wegen ihres Reichthums wnschen; denn ein so eleganter Herr wird sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern Werth kennt er schwerlich. Sophie wre eine groe Thrin, wenn sie seine Werbung annhme. Gott mag wissen, wie es mglich ist, aber er hat es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwrmerischen Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran gewhnt und weit, da nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie nehmen alle die schnen Reden als baare Mnze und lassen sich den Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie bezaubert. Frida hatte stumm zugehrt, denn jede Aeuerung wrde sie verrathen haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestm, da sie kaum athmen konnte. Jetzt stand sie rasch auf und sagte: Du bist hrter, als ich dich noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darber nicht mit dir streiten. Ich glaube, wir mssen jetzt zum Abendbrod, es ist spt geworden. Was unser voriges Gesprch betrifft, Lottchen und Walter angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich werde an deine Mahnung denken. Dann gingen die beiden jungen Mdchen schnell dem Hause zu. Aber ein unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gesprche ber Frida gekommen. Hannchens klares, nchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte sie das Gercht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und unwrdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in ihren Sinn und qulte sie unaussprechlich. Sie mute wissen, ob auch nur der Schatten von Wahrheit an dem Gercht war, und nur von Sophie allein konnte sie etwas darber erfahren. Sie berwand deshalb ihre innere Abneigung und Eifersucht und suchte hufiger mit dem jungen Mdchen zusammenzutreffen. Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels, der dem verwaisten Mdchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben, und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl, als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie bisher den andern jungen Mdchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in ihrer ueren Erscheinung unbehlflich und ungrazis erschien, so war der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer uerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfltige innere Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schchtern und ngstlich, zeigte sie bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen eigenen Weg zu finden wute. Bisher hatte sie ein ganz zurckgezogenes Leben gefhrt, durch die Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin eines groen Vermgens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mchtig, waren es doch die ersten, welche ihr berhaupt je im Leben dargebracht wurden. Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr trotz des Widerstrebens ihrer Angehrigen, welche dem gewandten, jungen Weltmanne nicht sehr gnstig waren und gar wohl ahnten, was denselben so schnell und mchtig an das unscheinbare Mdchen fesselte. Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknpften sie mehr und mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gesprch auf Herrn von Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schlo dieser gerade Frida gegenber die Lippen doppelt fest. Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte die Frchte der Felder in so reicher Flle gereift, da man einer gesegneten Ernte entgegenging. Diese fr den Landmann so wichtige und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben mit sich, und Frida griff wacker mit in das Rderwerk ein, das jetzt doppelte Geschftigkeit und Arbeit fr alle Hausbewohner brachte. Dies rege Treiben und diese Arbeit vom frhen Morgen bis zum spten Abend ward gerade jetzt zum unendlichen Segen fr Frida. Es war unmglich, den Tag ber den eignen Gedanken nachzuhngen, oder ber Dinge still zu grbeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Frhlichkeit schaffte und wirkte jedermann von frh bis spt zum Wohle des Ganzen, und Abends war Frida so mde und erschpft von der ungewohnten Thtigkeit, da sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen geschlossen hatte. Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die frhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, da die Nachbarschaft zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen befreundeten Nachbardrfern, und die jungen Mdchen hatten nicht mit Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser frhlichen Zeit, als der schnsten des ganzen Jahres, erzhlt. Tanz und Jubel und frhliche Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die berall zu diesem grten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft und Gesinde verkehrte in gemthlicher, ungebundener Weise mit einander, und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen Groknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten mehr daran, da sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz von sich gewiesen hatte. Seit Frida's geheimen Gesprchen mit ihren beiden Cousinen in jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mdchen fast mit Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ndern und besonders gegen die jungen Herren vorsichtiger und zurckhaltender zu sein, als sie es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen; anderentheils aber war es Charlottens leise Mibilligung ihres zu freien Benehmens, was sie beeinflute; denn bei ihrer wachsenden Liebe und Achtung fr ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen greren Einflu auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche, Hannchens und Lottchens Glck ihrerseits mglichst zu frdern, gelang es ihr zwar hufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu fhren; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurckhaltung, und um keinen Preis htten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte. Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerflligen Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen nher zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wnsche bildeten. Dies Interesse fr ihre Cousinen zog Frida jetzt hufig von den Beobachtungen ab, welche ihre eigne Herzensneigung betrafen. Herr von Gablenz war in unvernderter Weise ihr ergeben; aber in ebenso unvernderter Weise umschwrmte er auch die andern jungen Mdchen, deren durch diese lndlichen Feste eine noch grere Anzahl zugegen waren. Den Schlu der Vergngungen sollte die Feier des Geburtstages des alten Herrn von Helldorf bilden, und die ganze Umgegend war eingeladen, derselben beizuwohnen. Helfen Sie mir, Frulein Frida, etwas Abwechslung in die Freuden dieses Tages zu bringen, sagte Herr von Gablenz halblaut. Wenn wir Beide die Sache nicht in die Hand nehmen, wird sie langweilig wie die ganze liebe Gesellschaft hier zu Lande. Frida errthete froh, denn der Vorzug, den Gablenz ihr vor all den Andern einrumte, machte fr sie ja wieder alle Gerchte und alle Befrchtungen zu Schanden. Von Herzen gern, entgegnete sie hellen Blickes. Aber wie fangen wir es an? Was meinen Sie zu einem improvisirten Valentinstage, sagte Gablenz leise. Mir scheint, das wrde unserm Verkehr einen pikanteren Beigeschmack geben. Ein _tte tte_ mit meiner holden Valentine, nach dem mich seit langen schon so unaussprechlich verlangt, wre das Ziel meiner Wnsche. Frida schlug erglhend das Auge nieder vor dem kecken Blick des jungen Mannes, dessen Sprache sie nicht mideuten konnte. Whrend sie nach Fassung rang, fuhr Gablenz vertraulich fort: Blumen sind, wie die schne Frida von frher wei, die besten Dolmetscher unsrer Gefhle. Wie wre es, wenn wir sie auch hier sprechen lieen? Frida prete mit klopfendem Herzen ihr Tuch an die Lippen; dann sagte sie, den Kopf leicht abwendend: Gewi, das wre ein hbscher Gedanke. Bringen Sie die Sache in Vorschlag und hren wir, ob unsere zaghaften Damen sich den kleinen Freiheiten auszusetzen wagen, welche das Verhltni zu ihrem Valentin mit sich bringt. Anfangs schien es allerdings, als ob der Vorschlag Bedenken erregte; die jungen Mnner aber waren Feuer und Flamme fr diesen Plan, und so wurde er schlielich angenommen. Fr den Abend bereitete Herr von Gablenz ein brillantes Feuerwerk vor, vorher aber sollte Tanz im Freien, sowie allerlei Spiel und Scherz die Gste unterhalten. Am Morgen dieses Festtages fand Justus Werder, welcher, wie gar oft, zum Besuch in das Vaterhaus gekommen war, eine frische blaue Kornblume auf seiner Tasse, als Helene sie ihm beim Kaffee berreichte. Verwundert schaute er auf, sah aber, da seine hbsche Schwester rasch den Finger auf die Lippen legte. Justus nahm die Blume schweigend an sich; da fiel ein Streifchen Papier herab, das am Stiel derselben gehangen. Unbemerkt ffnete es der junge Mann und las folgende Worte: Kornblume und blau Aeugelein Sie harren heut im Stillen dein. Ein glckliches Lcheln flog ber Justus frisches Gesicht, und Blume und Zettelchen zu sich steckend nickte er seiner Schwester dankend zu; denn was die Botschaft heien sollte, ahnte er recht wohl. Eine hnliche hatte auch Walter Helldorf an diesem Morgen erhalten, er wute nur nicht von wem; sein Zeichen aber war ein rothes Tausendschn, das ihm die Worte zuflsterte: Von tausend Schnen gieb den Preis Ihr, die dein Herz zu finden wei. Whrend Walter die Deutung dieser Blumensprache noch berlegte und unschwer zu entziffern wute, ging in den entferntesten Wegen des Hermsbacher Parkes ein schlankes Mdchen langsam und gedankenvoll an der Seite eines jungen Mannes, der eifrig auf sie einsprach. Er hatte eine rothe Nelke in der Hand, und indem er dieselbe in dem Knopfloch seines Rockes befestigte, sagte er halblaut: Wenn ich Ihre Zustimmung habe, theure Sophie, so kann Ihr Onkel sie mir nicht entziehen. Sie sind seit Kurzem mndig, wie Sie sagen, also wer kann Ihnen verwehren, selbst Ihre Angelegenheiten zu ordnen? Die Rcksicht auf meine gtigen Verwandten, sonst allerdings nichts, entgegnete Sophie leise. Aber ich hoffe ihr Widerstreben zu berwinden, da ich keinen Grund ihrer Abneigung wei, und im schlimmsten Falle.... Im schlimmsten Falle lt du die Liebe den Sieg davon tragen, nicht wahr, geliebtes, himmlisches Mdchen? rief Herr von Gablenz, denn er war der junge Mann, mit strmischer Zrtlichkeit, indem er den Arm um Sophie von Helldorf schlang und die nur leise Widerstrebende an seine Brust drckte. Aber heut schweigen Sie noch, ich bitte dringend darum, sagte Sophie, sich ngstlich aus des jungen Mannes Armen losmachend. Heut kann ich dem Onkel unmglich sein Fest mit dieser Nachricht trben; denn trben wrde ich es dadurch, ich kann mir kein Hehl daraus machen. Heut und so lange du willst, Geliebte! rief Gablenz, Sophie's Hand kssend. Diese Hand ist mein, und niemand soll sie mir streitig machen, das gelobe ich. Aber theure Sophie, wenn ich meine Rechte noch nicht in Anspruch nehmen darf, so ist es auch besser, ich bin heut nicht dein Valentin, meine Leidenschaft wrde mich verrathen. Nimm deshalb die Nelke zurck, ich werde sie nicht whlen. Aber welches der anderen jungen Mdchen auch meine Valentine sein wird, glaube mir, Geliebte, die Huldigungen alle, die ich derselben spende, sie gelten eigentlich allein dir, der Knigin meines Herzens, der Valentine meines ganzen knftigen Lebens. Sophie's bleiches Gesicht war von Purpurgluth bedeckt, und das Glck strahlte aus ihren Augen. Aengstlich aber wandte sie jetzt ihre Blicke dem fernen Wohnhause zu und sagte: Lnger darf ich nicht hier bleiben, die Tante wird mich ohnehin schon vermissen. Folgen Sie mir nicht gleich, ich bitte Sie, Alfred. Noch eins, geliebte Sophie, sagte Gablenz rasch. Ist es dir recht, wenn ich die kleine Helene zur Valentine whle? Welche Blume trgt sie heute Nachmittag? Sophie errthete wieder und sagte lebhaft: Whlen Sie die rothe Rose, es ist Helene's Blume. Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden, da ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wnschte, wie sie geglaubt hatte. Sie wute nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht, wenn sie an die schne Frida dachte. Helene war wohl auch schn; mit ihrem schchternen, zurckhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht halb so gefhrlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida. So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gste in Menge. Wie verabredet fhrte Sophie die jungen Mdchen nach einer Weile in ein besonderes Zimmer, und Walter die jungen Mnner. Dann ffneten sich die Thren; aus der einen traten die mit Blumenkrnzen geschmckten Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand, die ihm seine Valentine zufhren sollte. Ein Kichern und Drngen entstand jetzt unter der Mdchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem Valentin begrt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flsterte hastig: O Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die =rothe= Rose, die Blume seliger Stunden? Frida war schon beim Eintritt der Herren bla geworden; denn sie hatte augenblicklich gesehen, da Gablenz nicht ihre Blume, die weie Rose, erwhlt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch zur Valentine whlen wollen. Jetzt war sie nur froh, da auch Sophie es nicht wurde; denn neue Gerchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen erreicht und sie auf's Neue bang und mitrauisch gemacht. Unter allgemeiner Heiterkeit begrten nun die jungen Herren mit einem Handku ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie als getreue Ritter fr den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwhlten festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und fr alles, was ihre Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfllen. Nur der Geburtstger machte hiervon eine Ausnahme, und der frhliche, alte Herr von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hbschen Valentinen unter den Linden am Hause, als zhle er nur die Hlfte der Jahre, die sein kahler Schdel schon gesehen hatte. Auch der gemthliche, alte Pastor Werner mischte sich hufig unter die muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches Lcheln und manches tiefere Roth auf die frischen Mdchengesichter. Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah. Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Shnchen! sagte er schelmisch zu Justus, der an Hannchens Seite sa. So eine Valentine htte ich mir auch whlen mgen, du Glckspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn, morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht wieder. Und Hannchen mit einem frohen Lcheln die frischen Backen streichelnd ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter Helldorf soeben ein merkwrdig lebhaftes Gesprch fhrte, sagte er schmunzelnd: Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch ein hbsches Ding um so einen Valentin. Das lst die Zunge und macht Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stren, Glck zu, ihr Leutchen! Dann aber kam er an seinem schnen Tchterchen vorber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit glhenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend. Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch! sagte der Vater mit einem unwilligen Seitenblicke auf ihren Tnzer; dann strich er seinem Kinde ernst ber das schne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war fr eine Weile verschwunden. Sieh, da du den frechen Patron, den Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf, sagte er verdrielich zu dem Geburtstger. Der Mensch gehrt nicht unter uns schlichte Leute, und den Mdels verdreht er mit seinen glatten Reden die Kpfe. Hast recht, Bruder, 's ist mir lang schon nicht lieb, da er da ist, entgegnete Herr von Helldorf beistimmend, aber ihn hinausjagen ohne Grund, das kann ich doch nicht, obwohl der windige Monsieur in der Wirthschaft gar nicht zu brauchen ist; Walter mu immer hinter ihm drein sein. Bei mir set er ganz sicher Drachenzhne, ich mchte darauf wetten. In derselben Zeit gingen Frida und Sophie eine Weile Arm in Arm durch die Gnge des Gartens. Das ist mir prchtig geglckt! rief Frida lachend, und ich danke dir und Helene fr euren treuen Beistand. Wie erstaunt Hannchen und Charlotte aus ihren guten, blauen Augen blickten, als sie ihre Blumen in der Hand ihrer still Geliebten sahen, es war kstlich! Aber ahnen drfen sie nicht, da wir Justus und Walter verrathen haben, welche Blume sie trgen; das wrden sie uns nicht verzeihen, entgegnete Sophie. O =wir= thaten es ja gar nicht, die Blumen sprachen ja selbst! lachte Frida. Du bist eine kleine Sophistin, sagte Sophie. Dann seufzte sie leise und pflckte im Vorbeigehen eine rothe Rose vom Strauch. Was hast du, Sophie? fragte Frida. O nichts weiter, es fiel mir nur eben ein, da die Blumen gar oft als Dolmetscher dienen, entgegnete Sophie. Frida dachte an ihr Gedicht von der Rose und sagte lchelnd: Besonders die Rosen. Ich glaube, so lange es Rosen gegeben, so lange haben sie auch der Liebe als Dolmetscher gedient und Stoff zu Liebesliedern gegeben. Keine Blume ist wohl je so viel besungen worden, als die Rose. Sophie wurde dunkelroth und vergrub ihr Gesicht in der Blume, die sie in der Hand trug. Ich kenne ein Gedicht an eine Rose, sagte sie zgernd, das gehrt zu den schnsten, die ich je gelesen. Freilich kommt wohl auch dazu, da der Dichter mir bekannt und lieb ist. Und wie lautet es? entgegnete Frida ziemlich gleichgltig; denn ihre Gedanken waren weit fort von hier. Da aber schlugen Worte an ihr Ohr, welche das Blut zu ihrem Herzen trieben. Sophie sagte mit etwas bebender Stimme: In einem stillen Thale Blht eine Rose hold, Die Bltter glhn und glnzen Wie ser Minne Sold. Um Gottes Willen, Sophie, woher kennst du diese Verse? rief jetzt Frida und legte zitternd die Hand auf der Freundin Arm. Woher? sagte Sophie sich abwendend und zgerte mit der Antwort. Nun, da ich es dir nur gestehe, fuhr sie dann verlegen lchelnd fort, Herr von Gablenz hat sie gedichtet und mir gegeben. Er hat sie =dir= gegeben, Sophie? rief Frida heftig und blickte verstrt in Sophies Gesicht. Dir? Und wann? O schon bald nach seiner Herkunft, sagte diese lchelnd. Aber warum bist du denn so bleich und sonderbar, Frida? Mein Gott, was fehlt dir? Bist du unwohl? Nein, nein, stotterte Frida. Ich.... ich. O Sophie, sage mir, ich flehe dich an, sollten diese Verse mehr fr dich sein, als eben nur ein schnes Gedicht? Sophie erschrak ber den Ausdruck von Angst und Spannung, den Frida's Zge trugen. Wenn es nun so wre, und die Verschen mir mehr aussprechen sollten, warum frgst du mich danach, Frida? sagte sie beklommen. O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht =mir= seine Liebe gestanden hat! rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Hnden. Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen! sagte Sophie tonlos. Gestern hat er sich mit mir verlobt. Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saen die beiden unglcklichen, jungen Mdchen still und sprachlos neben einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt von Glck und Hoffnungen war fr sie in einem einzigen Augenblicke zusammengestrzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann, war ber sie gekommen: getuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. -- Sophie war viel ruhiger und gefater, als ihre viel jngere und viel leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelhmt sa sie da und blickte dster zu Boden. Hat dich Gablenz noch whrend dieser letzten Zeit in dem Glauben erhalten, da er dich liebe? sagte sie endlich matt. O heut noch, heut noch! schluchzte Frida. Er schien auer sich zu sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in der Hand und erschrak, als er meine weie sah. O dieser Komdiant! rief Sophie emporspringend. Ich selbst habe ihm gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine whlen wollte. So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft nicht hren wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir wirklich eingebildet, er knne mich hliches, unscheinbares Mdchen lieben! Wie bitter bin ich fr meine Eitelkeit und Thorheit bestraft worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mdchen zu sein! Du meinst wirklich, da er dich deshalb heirathen wollte, weil du reich bist? rief Frida emprt. Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich! entgegnete Sophie spttisch lachend. O da ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen. O um alles in der Welt, auch ich nicht! schluchzte Frida in neue Thrnen ausbrechend. Dann warf sie ein Blttchen Papier, das sie wie ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen, voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fue darauf tretend sagte sie heftig: Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtglubigkeit. O knnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Fen treten! Sophie aber bckte sich und nahm das Papier auf; es war Gablenz Rosengedicht. La es mir, Frida, sagte sie bitter, es soll uns rchen. Jetzt hrte man Stimmen in der Nhe; es waren die der jungen Mnner, welche kamen, ihre Valentinen zu suchen. Ich kann nicht, ich bin krank! rief Frida zitternd und klammerte sich an Sophie fest. Sei ruhig und la mich nur machen, entgegnete Sophie, welche seit der traurigen Entdeckung etwas so Energisches, Entschlossenes in ihrem Wesen hatte, da die arme; schwache Frida, die wie zerschmettert war von Jammer und Weh, sich unwillkrlich von ihr leiten lie. Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Sophie, den jungen Leuten entgegengehend, Frulein Frida war so unwohl, da wir die Stille aufsuchten, und jetzt sogar auf mein Zimmer gehen mssen; Sie entschuldigen uns wohl freundlichst noch fr eine Stunde. Mit lebhaftem Bedauern zogen sich die Herren zurck, die jungen Mdchen aber eilten durch eine Seitenthr in das Haus auf Sophie's Zimmer; denn Frida bedurfte in der That der Ruhe und Einsamkeit. Sophie selbst hatte noch keine Thrne vergossen; Scham und Emprung waren so heftig in ihr, da sie den Schmerz bertubten, und in dieser Stimmung eilte sie zu ihrem Onkel. Hm, hm, das ist ja eine saubere Geschichte! sagte der alte Herr nachdenklich, als Sophie ihre Mittheilung beendet hatte. La mich nur machen, mein Kindchen! Hat er Komdie gespielt, la sehn, ob wir es nicht noch besser knnen. Was willst du thun, lieber Onkel? rief Sophie ngstlich. Nichts weiter, als dir ganz die Augen ffnen. Sorge dich nur nicht und la mich machen! entgegnete der Alte, sich vergngt die Hnde reibend. =Den= Junker wollen wir heut los werden; eine bessere Geburtstagsbescheerung konntest du mir nicht machen, mein Tchterchen. Da, stell dich dort in das tiefe Fenster, da hrst du die ganze Geschichte mit an, ohne gesehen zu werden. Kaum hatte Sophie sich zurckgezogen, als Herr von Gablenz in seiner sorglosen, eleganten Manier in das Zimmer trat. Sie wnschen mich zu sprechen, Herr von Helldorf? sagte er, sich leicht verbeugend. Allerdings, mein lieber Herr, entgegnete dieser leutselig. Meine Nichte sagte mir soeben, da sie sich mit Ihnen verlobt habe, und da wollte ich doch der Erste sein, der Ihnen Glck dazu wnscht. Gablenz war sehr roth geworden und verbeugte sich tief, um seine Ueberraschung zu verbergen. Aber ehe er noch ein Wort des Dankes hervorbringen konnte, fuhr der alte Herr freundlich fort: Es freut mich das fr Sophie um so mehr, als ich dadurch ber ihre unsichre Zukunft beruhigt bin; denn bei so wenig Vermgen ist die Lage einer Waise oft trbe genug. Gablenz fuhr bei diesen Worten leicht auf und umfate krampfhaft die Lehne des Stuhles, an dem er stand. Ich glaubte, sagte er halblaut, die Verhltnisse Ihrer Frulein Nichte seien bessere. Ja, so denken die Leute, entgegnete der alte Herr, eine Prise nehmend. Aber das ist ein Irrthum. Wer meine Nichte heirathet, mu sich schon mit ihren andern guten Eigenschaften begngen. Aber ich denke ja, das versteht sich von selbst bei einer rechten Neigung. Also, mein lieber Herr, Sophie hat Ihnen gestern schon das Jawort gegeben, wenn ich nicht irre, nicht wahr? O so bestimmt doch noch nicht, mein verehrter Herr von Helldorf, sagte Gablenz, der jetzt wieder seine sichre Haltung gewonnen hatte. Sie wissen ja, wie das bei jungen Leuten so geht! Man lt sich im Augenblick oft wohl hinreien und ein Wort entschlpfen, das der Moment geboren; aber zu einer ernsteren oder gar bindenden Entscheidung ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Auch wrde ich einen solchen Schritt jetzt kaum wagen drfen, so sehr mich Ihr Vertrauen ehrt, theurer Herr von Helldorf. Meine Lage ist durchaus im Augenblick derart, da ich an keine ernstere Verbindung denken kann. Auch frchte ich sehr, Frulein Sophie nicht lnger meine Verehrung darbringen zu knnen, da ich leider genthigt bin, morgen schon Ihr werthes Haus zu verlassen, wie ein Brief mir heut die Nachricht bringt. Ich bin.... Halt, ich kann das nicht lnger ertragen! rief jetzt Sophie rasch, welche bleich und bebend aus der Fensternische hervortrat. Wozu die Komdie, Onkel? Es ist unwrdig und ganz berflssig. Herr von Gablenz, wandte sie sich stolz an den jungen Mann, der wie vom Blitz getroffen vor ihr stand, nicht Sie, sondern =ich= lse hiermit ein Verhltni auf, das Sie die Dreistigkeit haben, als nicht bestehend anzusehen. Mein Vermgen habe ich =nicht= verloren, wie mein Onkel sagte, indessen.... Aber theure Sophie, hre mich doch erst! rief Gablenz schnell, der wieder Leben erhielt, sowie Sophie die letzten Worte ausgesprochen hatte. Ich meinte ja nur.... Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit angehrt! rief Sophie sich hochaufrichtend. Sie wrden vielleicht besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es mchten sonst noch mehr peinliche Augenblicke fr Sie eintreten. Und bitte, nehmen Sie doch geflligst diese Verschen auch wieder mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben! sagte Herr von Helldorf schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhngnivollen Gedichte berreichte. Ich wrde Ihnen rathen, fgte er, abermals eine Prise nehmend, hinzu, das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da vertheilt es sich noch schneller an leichtglubige Schnen. Und damit guten Tag, mein lieber Herr! Ihre pltzliche Abreise wird Sie wohl verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich bernehme das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glckliche Reise! Mit diesen Worten schlo er die Thr hinter dem bestrzten jungen Mann, dessen Dreistigkeit und Sicherheit whrend der letzten Augenblicke in der That vllig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts Eiligeres zu thun wute, als sich schnell aus dem Staube zu machen. Bald hrte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern Patron davonfhrte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung berwltigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald lachend, bald trstend die Backen streichelte. Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen! sagte er schmeichelnd, der schuftige Patron ist ja gar nicht werth, da so liebe Guckaugen darum roth werden. Danke Gott, da wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil stiftete. Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte, zu der trostlosen Frida, die ganz auer sich gerieth, als sie das weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsglich theuer gewesen war. Sie konnte sich nicht entschlieen, wieder in der Gesellschaft zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr, welche von ihrem Unwohlsein gehrt hatte. Frida sank ihr schluchzend in die Arme. O Hannchen, Hannchen! rief sie trostlos, warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines Vaters; nun bin ich grausam dafr bestraft worden! -- Wir verlassen jetzt unsere Frida fr eine Weile und bergeben sie noch fr einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante, welche in ihrer liebevollen und zartfhlenden Weise es vortrefflich verstanden, das tief gekrnkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen zu vershnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurckkehrte. Wir finden sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes Gesprch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mdchen blickt unendlich viel ernster und sinniger aus ihren schnen Augen, seit wir sie an jenem verhngnivollen Tage in Hermsbach verlieen, und ein ruhigeres, gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle, thrichte Kind, das der Vater einst seiner Schwgerin vertrauensvoll bergab, es ist seitdem zur verstndigen Jungfrau herangereift, und auch ihr Aeueres trgt den Stempel dieser Sinnesnderung. Statt in der so uerst eleganten Kleidung und bertriebenen Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie jetzt zwar zierlich und gut, aber doch hchst einfach gekleidet, und ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt blickte sie auf, und pltzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend, sagte sie leise: O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott mich zur Einsicht gefhrt; aber ich danke ihm jetzt dafr. Diese entsetzliche Tuschung hat mich viel lter und ernster, aber auch viel besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wnschen, als auch deiner liebevollen Fhrung, und daraus konnte nichts Gutes fr mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders werden. Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit einem Briefchen an Frida. Das junge Mdchen ffnete es, und ein Zug des Mivergngens flog ber ihr Gesicht. Es ist eine Einladung von Franziska, sagte sie mit einem leisen Seufzer. Willst du nicht zusagen, liebe Frida? fragte Gertrud. Nein, Mama, ich mchte es nicht, entgegnete Frida ernst. Es ist aber schon das zweite Mal, da du es ihr abschlgst, sagte Gertrud. Sie wird es dir gewi bel nehmen. Mag sie doch, ich werde ihr einige Zeilen schreiben, rief Frida rasch entschlossen und stand vom Stuhle auf. Warum soll ich ein Verhltni aufrecht erhalten, das mir in so hohem Grade unertrglich wird. Franziska hat es fast als eine Beleidigung ihrer Familie angesehen, da Gablenz in dieser Weise aus Hermsbach entlassen wurde, da er selbst es ihnen als seinen freien Entschlu darzustellen wute. Sie hat in dieser unglcklichen Geschichte, welche hauptschlich durch ihr Zuthun so weit gedeihen konnte, jetzt nur spitze Reden fr mich, die ich nicht lnger ertragen will, und seit ich nicht mehr so viel Sinn wie einst fr ihre Eitelkeiten und Thorheiten zeige, mu ich nichts als Spttereien mit anhren ber lndliche Einfalt und Tugend. Das kann und mag ich nicht lnger, Mama, darum will ich ihr lieber klar und ehrlich gestehen, da unsre Wege verschieden sind. Ueber lang oder kurz kme es doch zu einem Bruche, und ich begreife jetzt blos nicht, wie es zwischen uns berhaupt jemals zu solcher Freundschaft kommen konnte. Whrend Frida dies Briefchen schrieb, trat ihr Vater in's Zimmer. Hier, mein Tchterchen, sagte er heiter, Frida ein Blatt Papier reichend, da kommt Tante Marie's vorlufige Einladung zur Hochzeit. Hannchen schreibt dir wohl selbst das Nhere, sieh einmal nach. Mit leuchtenden Augen ffnete Frida das Briefchen. O es soll ja eine Doppelhochzeit sein, Papa, rief sie jubelnd. Justus und Hannchen hatten erst noch warten sollen, bis die neue Pfarre in Hermsbach fertig wrde, die Papa Helldorf seinem neuen Pastor bauen lt. Walter und Lottchen wollen aber absolut nicht allein heirathen. Auf dem Vorwerk, das Walter bernimmt, sei so schrecklich viel Platz, da da zwei junge Ehepaare bequem hausen knnen, behaupten sie, und so soll ich mich eilen, meinen Hochzeitsstaat fertig zu machen, denn lange wollen sie nun nicht mehr warten. Sophie und Helene, Martha und ich sind die Brautjungfern. O wie kstlich, Papa, und wir sind alle, alle eingeladen, du und Mama und die Kinder, alle, alle. Aber da liegt ja noch ein Zettelchen im Briefe, was ist denn das? Neugierig entfaltete Frida einen schmalen Streifen Papier und las die Worte: Was du gewnscht, es ist geschehn, Und Ernst entspro den Scherzen; Kornblmchen blau und Tausendschn Blhn jetzt an treuen Herzen. Nun schlinge selbst die Myrthe ein, Die Valentinen harren dein! Frida lachte herzlich, als sie das Verschen gelesen hatte. Das ist sicher ohne Hannchens Vorwissen zu mir gewandert, sagte sie dann nachdenkend. Aber es besttigt mir endlich, was ich lange schon gedacht habe: Jener unselige Valentinstag hat zur Verlobung der beiden lieben Paare gefhrt, wie ich im Stillen so innig wnschte. Sie haben es nur nicht eingestehen wollen, da dieser Tag fr andre so unheilvoll wurde. Aber wie Herr von Helldorf zu Pastor Werder beim Abschied leise sagte, so knnen wir schlielich alle sprechen: Gott sei Dank, das war ein gesegneter Tag fr mich! -- Und rasch eine Thrne zerdrckend, welche gegen ihren Willen noch einmal ihr helles Auge trbte, reichte Frida ihren Eltern beide Hnde. Auch ihr sollt so sagen knnen, das verspreche ich euch! Eure Frida ist an jenem Tage und in jener Zeit von mehr als dieser einen Thorheit geheilt worden. [Illustration] Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig. Transcriber's Note: Antiqua are indicated by _underscores_. Gesperred are indicated by =equal signs=. A number of minor spelling errors have been corrected without note. End of the Project Gutenberg EBook of Drei Erzhlungen fr junge Mdchen, by Clementine Helm License: Share Alike