E-text prepared by Jana Srna, Norbert H. Langkau, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this file which includes the original illustration. See 44474-h.htm or 44474-h.zip: (http://www.gutenberg.org/files/44474/44474-h/44474-h.htm) or (http://www.gutenberg.org/files/44474/44474-h.zip) Anmerkung zur Transkription: Symbole fr Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= : #fett# [Illustration: Nach einem Delvauxschen Stich der Bste von Houdon.] Aus Natur und Geisteswelt Sammlung wissenschaftlich-gemeinverstndlicher Darstellungen 180. Bndchen ROUSSEAU Von PROF. DR. PAUL HENSEL in Erlangen Zweite Auflage Mit einem Bildnisse Rousseaus Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig 1912 Copyright 1912 by B. G. Teubner in Leipzig. Alle Rechte, einschlielich des bersetzungsrechts, vorbehalten. Eugen Khnemann gewidmet Vorwort zu ersten Auflage. Es war meine Absicht, in diesem Buch nur eine Darstellung von Rousseaus Gedanken zu geben, und auch hierbei nur diejenigen zu bercksichtigen, die fr die mit Rousseau einsetzende Bewegung wertvoll gewesen sind. Eine allseitige Darstellung von Rousseaus Denkarbeit bietet das mustergltige Werk von Brockerhoff: J.J. Rousseau, sein Leben und seine Werke. 3 Bde. Leipzig 1863-1874, das, in einzelnen Teilen veraltet, doch noch immer die beste Gesamtdarstellung Rousseaus ist. Von anderen Darstellungen seien genannt: Mbius in Ausgewhlte Werke I, Leipzig 1903; Hffding, Rousseau und seine Philosophie, Stuttgart 1897. Morleys Rousseau ist in den wichtigsten Gesichtspunkten veraltet, aus Jules Lematres vielbesprochenem Buche ber Rousseau vermochte ich nichts zu lernen. Von Spezialarbeiten ber Rousseau, denen ich zu Dank verpflichtet bin, seien genannt: Fester, Rousseau und die deutsche Geschichtsphilosophie, Stuttgart 1890; Haymann, J.J. Rousseaus Sozialphilosophie, Leipzig 1898; Liepmann: Rechtsphilosophie des J.J. Rousseau, Berlin 1898; Gierke: Althusius; Stammler: Die Lehre vom richtigen Recht, Berlin 1902; Erich Schmidt: Richardson, Rousseau und Goethe, ferner die ganz vorzglichen Arbeiten von Jansen: J.J. Rousseau als Botaniker und J.J. Rousseau als Musiker, Berlin 1885, sowie _Texte, J.J. Rousseau et les origines du cosmopolitisme littraire, Paris 1895_ und die schnen Aufstze von Ste. Beuve in den _Causeries de Lundi_. Von einer ausfhrlichen Darstellung der Lebensschicksale Rousseaus glaubte ich mich bei der Aufgabe, die ich mir gestellt, fr dispensiert halten zu knnen. Rousseau wie Goethe haben eine Biographie ber sich unmglich gemacht, indem sie sie selbst schrieben. So wie sie die Ereignisse ihres Lebens dargestellt haben, so werden sie in der Erinnerung der Nachwelt weiter leben, gleichgltig, ob der Bericht in Einzelheiten auf Wahrheit beruht oder nicht. Sesenheim wird niemals Sessenheim werden, Wintzenried nie ein Ehrenmann. Fr diejenigen Leser, die orientiert sein wollen, habe ich eine synchronistische Tabelle ber Leben und Schriften Rousseaus beigefgt; die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf die Seiten dieses Buches. =Erlangen=, 24. Juni 1907. _Dr._ #Paul Hensel#. Vorwort zu zweiten Auflage. Ich freue mich des Zufalls, da diese zweite Auflage im Jahre der zweihundertsten Wiederkehr von Rousseaus Geburtstag erscheint. Gibt doch die rege Teilnahme, die Deutschland an diesem Gedenktag nimmt, die beste Gewhr dafr, da wir uns der Bedeutung Rousseaus fr unser Geistesleben dauernd bewut geblieben sind. Ich wrde mich freuen, wenn diese Schrift auch ihren Teil dazu beitragen knnte, dies Bewutsein rege zu erhalten. Bis auf einige kleine Nachbesserungen habe ich keine Veranlassung gehabt, Vernderungen vorzunehmen. =Erlangen=, 10. Juni 1912. _Dr._ #Paul Hensel#. Inhaltsverzeichnis. Seite Erstes Kapitel: Der Mensch 1 Zweites " Die Geschichtsphilosophie 13 Drittes " Die Rechtsphilosophie 27 Viertes " Erziehungslehre 49 Fnftes " Die Nouvelle Hlose 69 Sechstes " Religionsphilosophie 80 Synchronistische Tabelle 97 Erstes Kapitel. Der Mensch. Kenntlich genug heben sich zwei Typen unter den groen Geistern in Wissenschaft und Literatur voneinander ab: die groen Beginner und die groen Vollender. Es sind die letzteren, die man im eigentlichen Sinne des Wortes als klassisch bezeichnen kann. Ihnen ist es gegeben, jede Regung, welche sich in der vor ihnen liegenden Epoche zur Geltung gebracht hatte, mit vollendeter Klarheit zusammenzufassen und auszusprechen, ihr Stil verrt die Sicherheit und Schrfe des zu sich selbst gekommenen Bewutseins, sie bringen das auf die einfachste, sinnreichste Formel, sprechen das mit vollendetem Schwung aus, was die Herzen der Besten der Mitlebenden erfllt. Was sie geben, kann nicht mehr berboten werden, sie sind der Zeitgeist in Menschengestalt, und deshalb werden ihre Werke auch dauern, wenn die Menschheit schon lngst zu anderen Zielen vordringt; denn in diesen Werken spricht sich eine lange Entwickelung bedeutsam aus. Sie stehen jenseits von wahr und falsch, sie sind klassische Kunstwerke. So hat Voltaire geschrieben; mit Recht galt er den Besten seiner Zeit als das unerreichte Muster des philosophischen Denkens, der poetischen Darstellung, der treffenden Satire. Er sagte das, was jeder seiner Leser zu sagen sich sehnte, aber er sagte es so, wie sie es niemals vermocht htten. In ihm kulminiert die ganze Geistesrichtung, die wir als die Zeit der Aufklrung bezeichnen; sie kulminiert in ihm, aber sie erschpft sich auch in ihm. Da erblicken wir neben Voltaire einen Mann ganz anderen Schlages, dem es nicht darauf ankommt, die Bestrebungen seiner Zeit in klarsten und reinlichsten Umrissen festzuhalten, einen Mann, der eine andere Welt, eine neue Zeit, die nur er ahnt, im Busen trgt und der sich nun bemht, diese Flle der Gesichte der Mitwelt zu knden, dessen Sprache, bald pathetisch, bald ermahnend und scheltend, mitunter einen fast grotesken Eindruck macht, der den Mitlebenden nicht als ein Heros erscheint, sondern als eine Mischung von Narrheit, Fanatismus und Paradoxie: dieser Mann ist Rousseau. Knnen wir Voltaire mit der Sonne im Zenith vergleichen, der mit siegender Klarheit berallhin ihre Strahlen versendet, vor deren Glanz sich die lichtscheuen Tiere in ihre Hhlen verkriechen, so erscheint uns Rousseau wie ein Gestirn im Aufgang, dunkleren Scheines, dessen Strahlen mit Nebeln und Schwaden zu ringen haben, das sich zur Klarheit noch nicht durchgekmpft, nicht durchgerungen hat. Wie Macaulay Carlyle, wie Lessing Kant, so tritt Voltaire Rousseau gegenber; neben der Zeit, die sich ganz selber begriffen hat und nun froh des Erreichten zur Rste gehen will, tritt die junge, die kommende Zeit, unklar ber sich und ber ihr Schicksal, aber von dem dunkeln Drange beseelt, ihren Weg zu wagen auf alle Gefahr. Nach Voltaire konnte kein Grerer mehr kommen, sein Name gilt noch heute als Feldgeschrei hben und drben, er ist der abschlieende Geist. Rousseau weist dauernd hinaus in die unbekannte Zukunft, hin auf die groen Mnner, denen er die Wege ebnen sollte. Daher sind auch seine Schriften so voll von Unklarheiten, von Widersprchen, von Halbheiten auf der einen, von bertreibungen auf der anderen Seite. Das ruhige Gleichma, welches die Seele in Voltaires Schriften findet, vermgen Rousseaus Gedanken nicht zu geben. Aber wir erleben bei ihm das erste Aufdmmern des Tages, in dem unsere Arbeit wie unser Leben verluft. Verfolgen wir das Beste, was wir in unserem Leben finden, in die Vergangenheit, so stoen wir auf den Namen Rousseaus. Um das Werk Rousseaus zu verstehen, ist es nicht notwendig, jeden einzelnen Vorgang seines reichbewegten Lebens zu kennen, wohl aber ist es gerade bei ihm unerllich, zu wissen, wie er Leben und Menschen ansah. Seine Werke sind nichts anderes, als die Folgerungen aus seiner Stellung zu den Lebenswerten, und daher mu man diese Stellungnahme kennen lernen, will man die Werke nicht nur uerlich beurteilen, sondern verstehen. Die wichtigste Hilfe hierfr hat uns Rousseau selber in seinen _Confessions_ gegeben. Dies merkwrdige Buch, das erst nach dem Tode des Verfassers im Druck erschien, ist, nachdem der erste Enthusiasmus, den es erregte, verrauscht war, in seinem biographischen Wert vielfach angezweifelt worden, aber mit Unrecht. Immer wieder erneute Nachprfungen haben ergeben, da Rousseau hier nicht nur die objektive Wahrheit ber sein Leben geben =wollte=, wie die ersten Worte seines Buches es aussprechen, sondern, da er sehr wohl auch subjektiv in der Lage war, es zu =knnen=. Namentlich ist jedes Erlebnis, das mit einem Gefhl in seiner Seele verbunden war, mit erstaunlicher Sicherheit im Gedchtnis festgehalten und tritt mit der ganzen Frische des unmittelbaren Geschehens vor den Leser hin. Es ist kein Zufall, da die Kindheitserinnerungen einen breiten Raum in den _Confessions_ einnehmen. Das Leben des Kindes ist viel mehr Gefhl als das des Erwachsenen, und Rousseau konnte daher seine Kinderzeit sich ungleich lebhafter vergegenwrtigen, als es der Durchschnittsmensch vermag, der die Gefhle ebenso schnell vergit, wie er sie intensiv durchlebt. Vor allem tritt uns hier die Liebe zur Heimat entgegen; wir mssen uns hten, dies Gefhl erst als nachtrglich entstanden und dann in die Erlebnisse der Kindheit zurckprojiziert zu verstehen. Es war in dem damaligen Genf, das eingeklemmt zwischen Frankreich und Savoyen, einen bestndigen Kampf um seine Freiheit und seinen Glauben fhren mute, ein starker Patriotismus vorhanden, vergleichbar dem Verhltnis des antiken Vollbrgers zu seinem Stadtstaat. Aus dem Plutarch, der dem bestndig lesenden Knaben schon frh in die Hnde fiel und in der vorzglichen Amyotschen bersetzung bis in seine letzten Tage sein Lieblingsbuch blieb, lernte er, dies Gefhl zu idealisieren. Es war sein Stolz und seine Freude, als er spterhin mit seiner Heimatstadt sich wieder ausgeshnt hatte, das _citoyen de Genve_ auf das Titelblatt seines Hauptwerks setzen zu knnen. Kein Ereignis hat so tiefen Eindruck auf den reizbaren Mann gemacht, als die Verfolgung, die von der Regierung seines geliebten Genfs gegen ihn eingeleitet wurde. Um so erstaunlicher mu es scheinen, da er diesen Heimatsboden, der ihm so viel bedeutete, verlie, das kalvinistische Bekenntnis, in dem er erzogen war, ohne jeden ernsten Kampf abschwor, und zwar, wie die _Confessions_ zeigen, durch keine erheblichen Grnde dazu veranlat. Furcht vor Strafe, weil er beim Umherschweifen in Wald und Feld die Stunde des Schlieens der Stadttore versumt hatte, veranlate ihn, den heimischen Boden zu meiden. Der bertritt zum Katholizismus war dann die fast notwendige Folge dieses ersten Schrittes. Die Erklrung fr ein so planloses Handeln liegt eben darin, da die Planlosigkeit im Charakter Rousseaus tief angelegt war. Immer wieder lt er sich aus scheinbar gesicherten Wegen durch irgendein zuflliges Geschehen hinausdrngen. Alle seine Versuche, die er, der Stimme der Klugheit folgend, in seinem Leben gemacht hat, um zu einer brgerlich gesicherten Existenz zu gelangen, sind gescheitert und muten bei seinem Charakter scheitern. Eine Ttigkeit, die den ganzen Menschen tglich in Anspruch nahm, war fr ihn unmglich, weil eine solche Ttigkeit vielleicht den Verstand, nie aber die Phantasie befriedigen kann. Rousseau blieb auch darin ein Kind, da ihm die Welt, in der er lebte, berwiegend eine Welt der Trume geblieben ist. Es ist merkwrdig, wie lange in ihm der kindliche Glaube fortlebte, da das Leben morgen beginnen werde, und es ist durchaus verstndlich, da tiefe Schatten der Verstimmung und des Mimuts, die sich zuletzt zum Wahnsinn verdichten, in sein Leben fallen, als er allmhlich das Trgerische dieses frohen Kinderglaubens einsieht, als es ihm deutlich wird, da dies Leben, so wie es ist, weitergelebt werden mu bis zum Tode. Zu dem verhngnisvollen Entschlu, seine Vaterstadt zu meiden, wurde Rousseau vielleicht auch dadurch getrieben, da er wie David Copperfield aus frheren besseren Verhltnissen sich herabgedrckt sah in eine niedrigere Sphre des Lebens zu untergeordneten Genossen; in eine Lebensstellung, die auch fr die Zukunft nichts bieten konnte als eine kleinbrgerliche Existenz, die im grellsten Kontraste zu den Bildern stand, die seine durch Romane genhrte Phantasie dem werdenden Jngling vorspiegelte. Aber wir knnen noch einen tieferen Punkt finden, der uns die Abneigung Rousseaus vor geregelter Ttigkeit verstndlich macht, und dieser besteht in einer eigentmlichen Trgheit, die Rousseau angeboren war, und die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verlassen hat. Diese Behauptung mag paradox erscheinen bei einem Manne, der eine lange Reihe von Bnden geschrieben, der ber ein umfangreiches Wissen gebot, der Zeit seines Lebens hart arbeiten mute, und der es verschmhte, sich fr seinen Unterhalt auf die Brse seiner Freunde oder knigliche Pensionen zu verlassen. Wer aber die _Confessions_ und namentlich Rousseaus Briefe aufmerksam durchliest, wird leicht ersehen, da trotz dieser gewaltigen Arbeitsleistung Trgheit den Grundzug seines Charakters bildete. Soviel ich sehen kann, hat Rousseau nur an einem Werk, der _Nouvelle Hlose_, mit Lust und Liebe gearbeitet; bei allen seinen anderen Werken lastete die Arbeit auf ihm wie ein Alb, den er abzuschtteln trachtete. Er war glcklich, wenn er im Augenblick leben, im Augenblick aufgehen konnte. Die Ttigkeit, durch die er seinen Lebensunterhalt erwarb, das Abschreiben von Noten, hatte er deshalb gewhlt, weil sie seinem Geist die Freiheit lie, weil er bei dieser Beschftigung weitertrumen konnte, weil sie keine greren Anforderungen an ihn stellte, als der Tag sie verlangte, und weil sie mit dem Tag erledigt werden konnte. Es wre ihm unmglich gewesen, sich in den Dienst einer groen Aufgabe zu stellen, die sein ganzes Leben in Anspruch genommen htte. In noch markanterem Sinne als in dem Goetheschen sind seine Arbeiten Gelegenheitsarbeiten. Das nimmt ihnen nichts von ihrem Wert, aber es zeigt uns, wie ich glaube, das tiefste Motiv fr Rousseaus Kulturfeindschaft. Es gibt Naturvlker, die bei Berhrung mit der europischen Kultur alle Lebensfreude, allen Willen zum Leben verlieren, die verwelken und aussterben, weil dieses atemlose Hasten und Treiben sie bermannt und vernichtet. Bei vielen Kulturmenschen ist eine hnliche Unterstrmung im Bewutsein vorhanden, die in Zeiten der Abspannung bedrohlich an die Oberflche tritt. Bei Rousseau war sie dauernd Grundstimmung seines Lebens. Er erkannte die Forderungen der Gesellschaft nicht als berechtigt an, das ganze System, auf dem sie basierten, das System sozialer Kultur wurde ihm verhat, weil ein Leben, wie er es wnschte und ersehnte, mit zunehmender Kultur immer unmglicher wird. Was dem Kulturmenschen unertrglich ist, das tatenlose und wunschlose Hindmmern des Naturmenschen, ohne Aufgaben, die das Leben halten und ihm die Richtung geben, gerade dies war das Ziel der Sehnsucht Rousseaus. Allerdings tritt zu diesem negativen Begriff der Natur als Nichtkultur auch ein positiver, auch er tief eingebettet in die Grundstimmung von Rousseaus Seele. Wenn es ihn freute, im zwecklosen Dahinschlendern den Menschen und ihren Anforderungen zu entgehen, so sprach doch noch gewaltiger zu ihm die Schnheit der Landschaften, die er durchwanderte, das unmittelbare Gefhl, Gott nher zu sein, wenn er sich von seinen Werken und nicht denen der Menschen umgeben sah. So konnte Rousseau Schnheiten da erkennen, wo seine kultivierten Zeitgenossen nur die Reize der Stadt und des Ziergartens vermiten, so wurde er allmhlich zu einem Bewunderer und Liebhaber der Pflanzenwelt in ihrer anspruchslosen und zwecklosen Schnheit, so vermochte er von allen Schmerzen und Enttuschungen, die ihm das Leben brachte und bringen mute, seine Seele immer wieder rein zu baden im wunschlosen Genu der Wunder, die Gott den Menschen, die reines Herzens sind, offenbart. Die Liebe zur Musik, die Rousseau von den frhesten Zeiten seiner Kindheit an bis zu seinem Tode durchs Leben begleitet und das Leben verschnt hat, hngt mit seinem auf das Beschauliche gerichteten Naturell auf das innigste zusammen. Die Musik, die von allen Knsten die unmittelbarste Beziehung zum Gefhl hat, mute fr Rousseau der adquate Ausdruck seines Verhltnisses zu den Dingen werden, und so finden wir ihn Jahre seines Lebens auf das eifrigste mit der Theorie und Praxis dieser seiner Lieblingskunst beschftigt. In einem eigentmlichen Kontrast zu seinen Bestrebungen fr die Einfhrung einer neuen auf Zahlenverhltnisse gegrndeten Notenschrift steht seine Opposition zu dem Rationalismus der damals herrschenden franzsischen Musik, und doch ist dieser Kontrast ein nur scheinbarer. Was ihn bei Rameau und Lully abstie, war ihr Bestreben, die Kunst zu verknsteln, Pathos an Stelle des Affekts, Rhetorik an Stelle der Leidenschaft zu setzen. Damit war sehr wohl vereinbar, da Rousseau in der Darstellung der Notenschrift den einfachsten, bersichtlichsten Zahlenverhltnissen vor unseren komplizierten Zeichensystemen den Vorzug gab. Der Inhalt sollte so natrlich, die Form so einfach wie mglich sein. Was Rousseau unter diesem natrlichen Inhalt verstand, das klingt bis zum heutigen Tage aus den zu Herzen gehenden Liedern des _Devin du village_ heraus. Rousseaus Verhltnis zu den Wissenschaften lt sich nicht auf eine so einfache Formel bringen. Ein systematisches Studium war mit seiner ganzen Naturanlage unvereinbar. So oft er auch den Versuch machte, sich die fr einen Gelehrten der damaligen Zeit fast unumgnglich notwendige Beherrschung der lateinischen Grammatik anzueignen, so oft scheiterte er in diesem heien Bemhen. In keiner einzigen Wissenschaft, selbst in denen nicht, die er am mchtigsten gefrdert hat, kam er zu einer wirklich fachmnnischen Beherrschung des Details. Was ihn nicht von der Gefhlsseite her zu erregen vermochte, das konnte er nie dauernd seinem geistigen Besitzstand einverleiben. Dafr aber ermglichte es ihm sein scharfer Verstand, wenn er in den Dienst des Gefhlsinteresses gestellt wurde, in berraschend kurzer Zeit aus einem weitschichtigen Material die wesentlichen Gesichtspunkte herauszuholen, neue Fragestellungen zu formulieren, mit blendender Logik die Argumente der Gegner zu widerlegen und den eigenen Folgerungen siegreiche Kraft zu verleihen. Niemals ist bei Rousseau sein Wissen totes Besitztum geworden, immer war es Bestandteil seines Lebens, weil es nur im Zusammenhang mit dem Lebensgefhl erworben und behauptet werden konnte. Bringen wir einen so beanlagten Menschen in Beziehungen zu seinen Mitmenschen, so werden wir uns ernster Besorgnisse nicht erwehren knnen, und spielen sich vollends diese Beziehungen in der Kulturwelt des 18. Jahrhunderts ab, so sind schwere Zerwrfnisse unvermeidlich. Wohl hatte Rousseau recht, wenn er sich als zur Freundschaft geboren bezeichnete. Das Bedrfnis, mit Freunden zu leben, hat ihn ebenso wie die Liebe zur Musik durch sein ganzes Leben begleitet. Mit schwrmerischer Glut schlo er sich mitunter an ganz unbedeutende Menschen an; erst die Gegenwart des Freundes machte ihm das Leben lebenswert und gab den Freuden der Natur wie der Musik ihre letzte abschlieende Weihe. Was Rousseau in der Freundschaft suchte, war der vollendete Einklang gleichgestimmter Seelen, die Ergnzung und Erhhung beider Freunde durch ihren unauflslichen Bund. Auch der leiseste Miklang konnte und mute dies Verhltnis stren, Rousseau spielte in der Freundschaft sozusagen _va banque_, er wollte alles besitzen oder nichts; hier war jeder Kompromi unertrglich. Ob diese Anforderungen jemals von der Wirklichkeit erfllt werden knnen, lt sich bezweifeln. In dem Frankreich des 18. Jahrhunderts wurde jedenfalls die Freundschaft ganz anders verstanden als sie in Rousseau lebte, und so waren die schwersten Konflikte gerade mit denen, die er eine Zeitlang seine Freunde genannt hatte, nahezu unausbleiblich. Namentlich wird dies in seinem vielbesprochenen Verhltnis zu Grimm und Diderot, den Fhrern der Enzyklopdisten, deutlich. Wie faten diese Mnner die Freundschaft auf? Vor allem als eine enge Bundesgenossenschaft gegen die gemeinsamen Feinde in Staat, Kirche und Literatur. Gemeinsame Feldzge und literarische Unternehmungen zu verabreden, bei frhlichem Zusammensein die Raketen des Witzes steigen zu lassen, den eigenen Geist im Gedankenaustausch mit dem Freunde zu strken, den letzten Taler und die letzte Flasche mit dem Freunde zu teilen, das war es, was ungefhr ihren Inbegriff der Freundschaft bildete; das war sicher nicht wenig, aber fr Rousseaus glhende Seele lange nicht genug. So war er dauernd in der Lage, sich durch seine Freunde verletzt zu fhlen, ohne da sie eine Ahnung davon hatten, ihn verletzt zu haben, und sie in Situationen zu bringen, die fr ihn ganz selbstverstndlich, fr die Freunde aber uerst peinlich waren. Ein Beispiel mge dies veranschaulichen: Als Rousseau seinen in Vincennes gefangen gehaltenen Freund Diderot besuchte, traf er ihn in Gesellschaft des Gouverneurs des Schlosses; ohne die Anwesenheit des Fremden zu beachten, strzte er sich weinend in die Arme des Freundes. Dieser aber entzog sich dem allzu lebhaften Ausbruch der Rhrung Rousseaus und sagte halb entschuldigend zu dem Gouverneur: Sie sehen, mein Herr, wie mich meine Freunde lieben. Es war Diderot peinlich, in Gegenwart des Fremden Gegenstand einer so strmischen Zrtlichkeit zu sein; Rousseau dagegen htte nie daran gedacht, da ein Freund in solchen Augenblicken an die Gegenwart eines Fremden denken knnte. Auch David Humes maloses Erstaunen bei dem strmischen Verhalten, das Rousseau zeigte, ist wohl verstndlich; die Freundschaft durfte eben niemals ber das Ma hinausgehen, das Konvenienz und gute Lebensart fr das Verhltnis der Menschen zu einander unabnderlich festgesetzt hatten. Beide Teile waren vollkommen im Recht: die einen verstanden die Freundschaft, wie ihre Umgebung sie verstand, Rousseau trug ein anderes Ideal der Freundschaft in seiner Brust, das erst durch ihn die frhere Auffassung in den Herzen der Menschen verdrngen sollte. Damit hngt zusammen, da Rousseau nicht geneigt war, dem Begriff der Freundschaft die landesbliche weite Ausdehnung zu geben. Gegenber dem ganzen Kreise der Finanzaristokratie, in die ihn die erste Zeit seines Pariser Aufenthaltes eingefhrt hatte, konnte er ein sehr merkbares Mitrauen nie berwinden, und namentlich war er diesen Mnnern und Frauen gegenber, die gewohnt waren, fr Geld alles kaufen zu knnen, eiferschtig und fters sogar taktlos darauf bedacht, seine konomische Selbstndigkeit zu wahren. Ein wirklich inneres Verhltnis zu ihnen konnte er schwer gewinnen. Sehr merklich sticht dagegen der Ton aufrichtiger Hochachtung ab, den er in seinen Beziehungen zu den Vertretern der Geburtsaristokratie, mit denen er spter in Berhrung kam, unabnderlich festzuhalten wute. Die Briefe an den Marschall von Luxemburg, Herrn von Malesherbes, Prinz Conti, Lord Marchal Keith sind vollgltige Zeugen dafr, da Rousseaus demokratische Gesinnungen ihn nicht verhinderten, sich dem Zauber, der von rechten Aristokraten auszugehen pflegt, gern und willig zu berlassen. Eine gesonderte Betrachtung fordert Rousseaus Verhltnis zu den Frauen, die ja in seinem Leben eine groe und oft verhngnisvolle Rolle gespielt haben. Hufig ist Rousseaus Sinnlichkeit als durchaus auf Genu beruhend dargestellt worden. Aber diese Ansicht hlt vor einer genauen Analyse nicht stand. Seiner ganzen Anlage nach lebte er auch hier viel mehr in einer Welt der Gefhle als der Dinge. Worauf es ihm ankam, das war die Idealisierung der Wirklichkeit durch das Medium der Liebe, und so konnte es denn nicht anders sein, als da das Sehnen nach der Vereinigung mit der Geliebten und nicht diese Vereinigung selber fr Rousseau den Gipfel des Glckes bedeutete. Dies tritt ganz deutlich in dem Verhltnis zu seiner Mama, Madame de Warens, hervor. So ist es denn auch leicht erklrlich, da seine erotische Phantasie mitunter nicht von einer liebenswerten Frau angeregt wurde, sondern da sie, gewissermaen von selber angeregt, sich nun ihren Gegenstand suchte. Es ist nicht richtig, da Madame d'Houdetot Rousseau zur Schpfung seiner Julie (in der _Nouvelle Hlose_) angeregt hat oder, da diese der Ausdruck seiner Liebe zu Madame d'Houdetot war, sondern es kann gar keinem Zweifel unterliegen, da Rousseau Julie liebte, und Madame d'Houdetot zu dieser Liebe hinaufidealisierte. Auch die Erscheinung der Doppelliebe, die wir in Rousseaus Leben mehreremal finden, und der er in der wundervollen Schilderung des glcklichen Tages mit den Fruleins Galley und Graffenried ein unvergngliches Denkmal gesetzt hat, lt sich jetzt ohne Mhe verstehen. Es konnte eben diese allgemein erotische Stimmung zu gleicher Zeit mehrere Frauen in ihren Lichtkreis ziehen und idealisieren. So ist er denn auch zur gleichen Zeit und fast mit der gleichen Strke sowohl in die Julie als in die Claire seines Romans verliebt, und weil sein Gefhl wahr und echt war, so hielt es Rousseau niemals fr ntig, sich hier vor ein schroffes Entweder-Oder zu stellen. Da auch hier wie in seinen Freundschaften Enttuschungen unausbleiblich waren, ist deutlich. In solchen Fllen lie Rousseau, wenn auch oft erst nach schweren Kmpfen, den Menschen fallen, um das Ideal zu retten, und zeigte damit, wie mir scheint, genugsam an, da nicht die Frau, sondern das erotische Gefhl das Wesentliche an dieser Beziehung bildete. Streng von diesen Beziehungen zu sondern ist eine Reihe anderer, die ganz sinnlicher Natur waren und ber die uns Rousseau ebenfalls mit uerster Aufrichtigkeit unterrichtet hat. Es war verhngnisvoll fr ihn, da die dauernden Beziehungen, in welche er zu Thrse Levasseur trat, dieser Kategorie angehrten. Sinnliches Bedrfnis und Mitleid zuerst, Gewhnung und Dankbarkeit spter fesselten ihn an dieses durchaus untergeordnete Mdchen. Alle Unbequemlichkeiten und Lasten, die ein Ehestand mit sich bringen kann, hat Rousseau im tglichen Verkehr mit Thrse und ihrer znkischen und gemeinen Mutter reichlich ausgekostet, das Glck einer wahren Ehe nie gefhlt -- freilich durch eigene Schuld. Die berweisung seiner Kinder in das Findelhaus lt sich nicht, und am wenigsten durch die blen Sophismen, die Rousseau anwendet, entschuldigen; sein bses Gewissen blickt hier aus jedem Worte kenntlich genug heraus. Die Natur seiner Beziehungen zu Thrse Levasseur geht vielleicht am klarsten daraus hervor, da sie auch whrend seiner Liebe zur Grfin d'Houdetot ruhig ihren Weg gingen, und Rousseau selbst whrend dieser Zeit gar nicht daran gedacht zu haben scheint, sie abzubrechen oder auf einen anderen Fu zu stellen. Blicken wir nun noch auf die allgemeinen gesellschaftlichen Beziehungen Rousseaus, die nicht unter den Gesichtspunkt der Freundschaft oder der Liebe fallen, so finden wir hier, da sich in seinem Leben eine sehr bedeutsame Wandlung vollzogen hat. Da ein Mensch wie er, mit bervollem Herzen, nur allzu verwundbarem Selbstgefhl und einer groen Unfhigkeit, die Goldbarren seines Geistes leicht in die gesellschaftliche Scheidemnze witziger Konversation umzusetzen, in der damaligen Gesellschaft eine halb traurige, halb lcherliche Rolle spielen mute, ist ohne weiteres deutlich. Namentlich war es seine mangelnde geistige Schlagfertigkeit, wenn er von der Strke seiner Gefhle bermannt wurde, die ihn hufig in bedenkliche Situationen verwickelte, ja, ihn sogar als Verleumder oder Undankbaren erscheinen lie. Wenn er einen Mann, dem er Dank schuldig war, und den ein epileptischer Anfall auf das Straenpflaster von Lyon niedergeworfen hatte, ohne weitres liegen lie und davon eilte, so war es natrlich, da ihm der Vorwurf roher Gefhllosigkeit nicht erspart bleiben konnte; tatschlich war die Ursache dieser unentschuldbaren Handlung kein Mangel, sondern ein berma von Gefhl. Rousseau war von Entsetzen wie gelhmt und verlor die Mglichkeit, die ein weniger Teilnehmender vielleicht gehabt htte, sich deutlich zu machen, was fr den Unglcklichen zu geschehen habe. Das soll seinen Fehler nicht entschuldigen, Rousseau selber hat die Reue ber diese und andere gleichartige Vorgnge in seinem Leben bis zum Tode immer rege erhalten, aber wir sollen uns vor einer falschen psychologischen Interpretation hten, die uns den ganzen Charakter Rousseaus miverstehen lassen wrde. Auch noch in seiner ersten Pariser Zeit finden wir ihn durch diese seine geistige Unbehilflichkeit innerlich gedemtigt. Sie erzeugt trotz allen berechtigten Selbstgefhls in ihm die Vorstellung, den Schngeistern und witzigen Kpfen der feinen Pariser Welt nicht gewachsen zu sein. Erst allmhlich erstarkt in ihm die berzeugung, da es nicht Aufgabe des Menschen sei, in jedem Moment etwas Witziges zu sagen. Er beginnt, sich den auf Esprit gegrndeten Umgangsformen der Gesellschaft gegenber in berechtigter Eigenart entgegenzusetzen. Den Stichen des Witzes antwortete er durch die Keulenschlge des sittlichen Pathos. Er setzte seine erstarkte Persnlichkeit gegen den konventionellen Spott der guten Gesellschaft, und er wute ihr zu imponieren. Der berhmte Mann durfte sich erlauben, was den unbekannten Genfer auf ewig lcherlich gemacht haben wrde. Schon durch seine uere Tracht zeigte er dieser Welt der feinen Spitzenjabots, da er eine Ausnahmestellung in ihr beanspruche. Whrend sich aber so die Beziehungen zu den feinen Kreisen, in denen er frher verkehrt hatte, lockerten, blieb sein Verhltnis zu den einfachen Landbewohnern, die er liebte und verstand, das alte herzliche. berall sehen wir ihn auf seinen Irrfahrten diese einfachsten Bande der Nachbarschaft, der gegenseitigen Hilfeleistung, des traulichen, herzlichen Gesprchs pflegen, und wo ihm nicht wie in Neufchtel durch Aufhetzung es unmglich gemacht wurde, zu den Herzen seiner Mitmenschen vorzudringen, gelang es ihm immer, sich ihre Liebe zu erwerben und zu erhalten. Diese gemtlichen Beziehungen, die jeder Tag bringt, waren fr Rousseau so weit davon entfernt, ihn zu lhmen und zur Hilfeleistung unfhig zu machen, da sie vielmehr eine stete Quelle der Freude und der Erhebung bildeten. Das Unglck durfte nicht pltzlich, unerwartet, berwltigend an ihn herantreten und sein Gefhl so mchtig erregen, da seine Willenskraft gelhmt wurde; sonst aber war Rousseau immer bereit, zu helfen und zu lindern, oft fast ber sein Vermgen hinaus. Es konnte nicht fehlen, da die auffallende Weise Rousseaus, mit der er sich der Gesellschaft gegenber in eine Art aggressiver Defensive stellte, schon frh das Gercht aufkommen lie, da er verrckt sei, und Rousseau selber sorgte durch allerhand Absonderlichkeiten dafr, da dieses Gercht stets neue Nahrung erhielt. Ebenso ist es ganz zweifellos, da zuletzt wirklicher Verfolgungswahnsinn bei ihm eintrat. Er glaubte an die Existenz einer groen Verschwrung gegen sich, wandte die seltsamsten Mittel an, um deren System auf den Grund zu kommen und beurteilte alle Dinge und Menschen nach ihren Beziehungen zu dieser angeblichen Verschwrung. Es ist fr uns nicht ohne Interesse, den Zeitpunkt festzustellen, an dem die in Rousseau liegende Krankheit ausbrach. Es scheint nun, als ob die Verfolgungen, denen er in der Schweiz ausgesetzt war, und der an Enttuschungen reiche Aufenthalt in England, dessen Sprache er nicht kannte, tief auf sein reizbares Gemt wirken mute, eine Wirkung, die noch verschrft wurde durch den nichtswrdigen Streich Walpoles, der einen fingierten Brief Friedrichs des Groen an Rousseau verffentlichte. Die Gelegenheitsursache zum Ausbruche der Krankheit war durch das Zusammentreffen dieser Umstnde gegeben. Wenigstens zeigt sein Verhalten hier zum erstenmal, da Rousseau nicht mehr Herr seiner geistigen Fhigkeiten war. Es steht dazu nicht im Widerspruch, da die um diese Zeit verfaten _Confessions_ ein durchaus objektiv gehaltenes Bild seines Lebens zeigen, denn in der ersten Zeit einer derartigen geistigen Erkrankung vermag es der Kranke sehr wohl, frhere Ereignisse des eigenen Lebens zu betrachten, ohne seine Wahnideen hineinzumengen. So finden wir denn auch hier bei der Schilderung seines Verhltnisses zu den Enzyklopdisten kein Wort von der groen Verschwrung, als deren Hupter Rousseau spterhin seine frheren Freunde betrachtete, und deren Entlarvung das Thema der letzten Schriften, _Rousseau juge de Jean-Jacques_ und der _Rveries du Promeneur solitaire_ bildete. Es ist rhrend zu sehen, wie in den letzten Jahren die Erbitterung, die er anfnglich gegen seine Feinde fhlte, einer milden Resignation Platz macht. Die letzten Tage, die er auf dem Lande verbringen durfte, fhrten ihn zur Natur zurck, die ihn nie verraten, und an die er immer geglaubt hatte. So konnte er in Frieden scheiden. Zweites Kapitel. Die Geschichtsphilosophie. Die Schrift, die Rousseau zuerst berhmt machte, war seine Beantwortung der von der Akademie zu Dijon im Jahre 1749 gestellten Preisfrage, ob Knste und Wissenschaften zur Verbesserung der Sitten beigetragen haben. Es ist also eine geschichtsphilosophische Frage, die hier gestellt wird, und um die Antwort Rousseaus zu verstehen, ist es notwendig, die Stellung der fhrenden Geister des 18. Jahrhunderts zum Wert der Kultur sich zu vergegenwrtigen. Es hat wohl nie eine Zeit gegeben, die so durchaus im intellektuellen und kulturellen Fortschritt der Menschheit das sicherste Mittel fr das Glck und die Tugend des Menschengeschlechts erblickt htte als das 18. Jahrhundert. Alles Elend, alle Snde wurde aus Irrtum, Aberglauben und Unkultur abgeleitet; mit der Beseitigung dieser Widerstnde schienen Glck und Sittlichkeit der Menschheit zu gleicher Zeit garantiert zu sein. Wohl sehen Mnner wie Voltaire ein, da die Sonne der Aufklrung und des guten Geschmacks vorlufig nur die hchsten Hhen der Menschheit strahlend erleuchte, da in den dumpfen Tlern Aberglaube und Unwissenheit drckend laste, aber nach der langen geistigen Nacht des Mittelalters war nun endlich das Gestirn des Tages erschienen. Mit jedem Jahr stieg es hher und verbreitete berall Gesundheit, Tugend, Glckseligkeit. Es schien keinem Zweifel zu unterliegen, da mit dem Siegeslauf der intellektuellen Aufklrung, mit der zunehmenden Verfeinerung der Knste und schnen Wissenschaften ein neues goldnes Zeitalter der Menschheit tagen msse. Das kaum jemals klar formulierte, sondern als ganz selbstverstndlich vorausgesetzte Prinzip dieser Geschichtsauffassung besteht darin, den Wert der intellektuellen und sthetischen Kultur in ihren Leistungen fr Glck und Sittlichkeit der Menschen zu suchen. Man pflegt nun die Leistung Rousseaus darin zu erblicken, da er das Gegenteil dieser berzeugung des 18. Jahrhunderts darstelle, und man hat in gewissem Sinne damit recht. Aber dieses Gegenteil liegt durchaus auf derselben Flche, auf der die herrschenden Wortfhrer der Aufklrung ihren Standpunkt gefunden hatten. Ebenso wie fr sie, war es auch fr Rousseau selbstverstndliche Voraussetzung, da die Kultur nur nach ihrer Leistung fr Sittlichkeit und Glck der Menschen gewertet werden drfe, und da Sittlichkeit und Glck als miteinander identisch zu setzen seien. Der Unterschied zwischen Rousseau und seinen Gegnern bestand nur darin, da das Fazit der Rechnung entgegengesetzte Vorzeichen trug. Die Aufklrer betrachteten Wissenschaft und Knste als wertvoll, weil sie den moralischen Fortschritt der Menschen bedingen und damit das Glck der Menschheit verwirklichen; Rousseau betrachtete Knste und Wissenschaften als schdlich, weil er sich berzeugt hatte, da die entgegengesetzten Wirkungen von ihnen ausgingen. Prinzipiell ist also Rousseau ber die Fragestellung seiner Zeit nicht hinausgekommen, sein groes Verdienst aber besteht darin, da er der schon fast zur Trivialitt gewordenen Identifizierung von Kultur und Sittlichkeit die Paradoxie ihrer Unvereinbarkeit gegenberstellte. Erst mute das Dogma der Aufklrung vom Wert der Kulturentwickelung erschttert werden, bevor zu neuen fruchtbareren Fragestellungen fortgeschritten werden konnte. Somit bleibt das Verdienst Rousseaus um die neue Geschichtsphilosophie, welche im deutschen Idealismus entstehen sollte, ihm ungeschmlert. Man hat von einer anderen Seite her versucht, ihm dies Verdienst zu nehmen und auf Diderot zu bertragen. Bei der Wichtigkeit der Frage wollen wir die beiden Erzhlungen, Rousseaus und Diderots, miteinander vergleichen. Nach der Darstellung in den _Confessions_ ging Rousseau an einem heien Tage den schattenlosen Weg nach Vincennes hinaus, um den dort gefangen gehaltenen Diderot zu besuchen. Erschpft unter einem Baum der Landstrae ruhend, zog er eine Nummer des _Mercure de France_ heraus, in der er die Nachricht vom Preisausschreiben der Akademie von Dijon fand. Sofort bildeten sich in ihm die Gedankenreihen, die er spter in seinem _Discours_ verffentlichte. In einer unbeschreiblichen Aufregung drngt sich alles, was bisher nur den Hintergrund seiner Seele gebildet hatte, aus den Tiefen seines Gefhls empor, mit einer Kraft, mit einem Reichtum des Ausdrucks, die seine spteren Ausfhrungen nie wieder erreicht haben. Trnen entstrzten seinen Augen, und als er aus diesem Zustand der Ekstase erwachte, fand er seine ganze Weste wie durchnt von ihnen. In einem Zustande unbeschreiblicher Erregung traf er bei dem Freunde ein. Hren wir nun Diderot. Als Rousseau ihm Mitteilung von seiner Absicht machte, sich an der Preisbewerbung zu beteiligen, habe Diderot ihn gefragt, in welchem Sinne er die Frage der Akademie beantworten wolle. Natrlich werde ich die wohlttigen Folgen von Kunst und Wissenschaft darstellen, habe Rousseau geantwortet. Das ist der Standpunkt der Dummen; Sie mssen den entgegengesetzten Standpunkt einnehmen, wies Diderot ihn zurecht, und Rousseau folgte seinem Rat. Die Erzhlung Diderots anzuzweifeln haben wir keinen Grund. Aus seinen Schriften und Briefen wissen wir, da er die heilige Liebe zum Paradoxon in hohem Mae besa, und so konnte er, der ganz auf dem Standpunkt der Aufklrung stand, Rousseau wohl den Rat geben, die Biedermnner der Provinzakademie durch geistvolle Ausfhrung eines Paradoxon in Erstaunen zu setzen. Damit ist aber noch nicht gesagt, da Rousseaus Erzhlung die Lge ist, als welche sie diejenigen betrachten, welche Diderot fr glaubwrdig halten. Erinnern wir uns, was wir von Rousseaus Charakter kennen gelernt haben. Ihm, der in den tiefsten Grundfesten seines Wesens durch die ekstatische Erregung, die er durchlebt hatte, erschttert war, mute es ganz unmglich sein, von der Flle der Gesichte auch dem Freunde gegenber zu sprechen. Daher die ungeschickte Notlge ber den Plan seiner Preisschrift. Aber ganz unmglich ist es, da ihn erst die Worte Diderots auf die =Mglichkeit= einer solchen Beantwortung aufmerksam gemacht htten. So mannigfach auch im einzelnen Rousseau seine Ansichten im Verlauf der spteren Diskussion verndert und modifiziert hat, die Grundanschauung ist dieselbe geblieben, und sie steht ebenso in engster Verbindung zu seinem ganzen Lebensgefhl wie sie fr Diderot eben nur den Wert einer eleganten Paradoxie hatte, die man einmal verteidigt, um den eigenen Scharfsinn zu zeigen und zu ben, ohne ihr indes einen tiefer gehenden Einflu auf die eigene Weltanschauung einzurumen. Wre Rousseaus Erzhlung unwahr, so wre seine ganze Wirksamkeit nach dem Jahr 1750 allerdings die groe Lge, als welche sie seinen Gegnern erscheint. Aber ich glaube nicht, da uns der Befund der Quellen dazu ntigt, diese Annahme zu machen, sondern da Rousseaus und Diderots Erzhlungen sehr wohl nebeneinander bestehen knnen. Es kann nicht die Aufgabe dieser kurzen Darstellung sein, den Gedankengang jeder einzelnen der geschichtsphilosophischen Schriften Rousseaus gesondert darzustellen und den allerdings oft sehr interessanten Umbildungen nachzugehen, welche in einigen Punkten seine Ansichten erfahren haben. Es ist des Gemeinsamen in ihnen immerhin so viel, da eine Gesamtdarstellung, wo es sich nur um die groen Zge seiner Geschichtsphilosophie handelt, sich als mglich erweist. Auerdem zeigt eine genaue Beobachtung, da Rousseau im Verlauf der Diskussion fters Zugestndnisse und Einschrnkungen macht, die er dann bei reiflicher berlegung wieder zurcknimmt, so da diese Abweichungen hufig wie Oszillationen um einen gegebenen festen Punkt erscheinen, nicht aber eigentlich als Neubildungen und Fortfhrungen seiner Grundansicht angesehen werden knnen. Was Rousseaus Geschichtsphilosophie ihren eigentmlichen Charakter gibt, ist der Umstand, da sie als =Geschichtserzhlung= auftritt: Das Menschengeschlecht wird auf seinem Wege vom Naturzustand bis zur ausgebildeten Kultur begleitet, die einzelnen Entwickelungsstufen werden ebenso pragmatisch erzhlt, wie nur irgendeine Reihe von Ereignissen, die sich im hellen Licht des modernen Geschehens abspielt. Dieses Ausgehen vom Naturzustand hat Rousseau viel Tadel eingetragen. Immer wieder ist darauf aufmerksam gemacht worden, da Rousseau gar kein Recht habe, einen solchen Naturzustand anzunehmen, da er nur in der Phantasie des Dichterphilosophen existiert habe, und da Rousseaus Bestreben, ihn als tatschlich vorhanden darzustellen, auf eine Tuschung des Lesers hinauslaufe. Methodologisch ist dieser Tadel unberechtigt. Der Historiker ist dauernd gentigt, zur Ergnzung dessen, was er in seinen Akten findet, Schlsse auf Vorgnge zu machen, die er hypothetisch aus dem vorliegenden Material erschliet. Schon eine Biographie kann auf gar keinem anderen Wege zustande kommen. Handelt es sich nun um die Erschlieung der Anfnge des Menschengeschlechts, so bleibt gar kein Weg brig, als die uns bekannte Linie der Kulturentwickelung in die Vergangenheit hinein zu verlngern und die Berechtigung dieses Verfahrens an denjenigen Gemeinschaften nachzuprfen, die noch auf niedrigeren Stufen dieser Entwickelung stehen geblieben sind. Wenn Locke die Entstehung der Begriffe beim erwachsenen kultivierten Menschen schildern will, so zieht er ausgiebig die Psychologie des Kindes und des Wilden heran, und das leidenschaftliche Interesse, mit dem das 18. Jahrhundert die Reisebeschreibungen eines Cook, Bougainvilliers und de la Condamine verfolgte, hatte hnliche psychologische Ursachen. Ebenso aber kann nun dem Historiker das Recht nicht bestritten werden, die Linien der Entwickelung noch ber den Punkt hinaus, auf welchem jetzt die niedrigsten Naturvlker stehen, in die Vergangenheit hinein zu verlngern, denn es ist ganz zweifellos, da auch diese tiefststehenden Naturvlker auf eine Jahrtausende alte Entwickelung zurckblicken knnen. Den kosmischen Nebel hat auch kein menschliches Auge gesehen, und doch war Kant berechtigt, aus ihm unser Sonnensystem aufzubauen. Was aber dem Archologen der Natur recht ist, sollte dem Archologen der Menschheit billig sein. Eine ganz andere Frage ist es, ob Rousseaus Zeichnung des Naturzustandes der Menschheit inhaltlich richtig ist, d.h. ob die Linien der bisherigen Kulturentwickelung ber den Zustand der jetzigen Naturvlker hinaus verlngert zu dem Punkt wirklich fhren, den Rousseau als den Anfangspunkt der menschlichen Entwickelung annehmen zu mssen glaubte. Methodologisch aber war er zu seinem Verfahren durchaus berechtigt. Der auffallendste Zug in der Schilderung des Naturmenschen bei Rousseau ist nun der, da er in vlliger Isoliertheit erscheint. Whrend uns keine Beobachtung den jetzt lebenden Menschen anders als mindestens im Verband der Horde erblicken lt, glaubte Rousseau durch psychologische und ethnographische Erwgungen veranlat, hinter diese primitiven sozialen Verbnde zurckgehen zu mssen, zumal da er die ersten Wohnsitze des Menschengeschlechts in die subtropischen Gegenden verlegte, deren reichliche Vegetation das gemeinsame Aufsuchen von Nahrung und Beute berflssig machte. Nur die Paarungszeit fhrte die Menschen zusammen, die Mutter nahm sich der Kinder an, solange sie der Pflege bedrftig waren, aber bei dem Fehlen der Sprache und jeglicher Tradition muten diese Anfnge zur Familienbildung in jeder Generation wieder aufhren, sobald die Kinder fhig waren, sich selber ihre Nahrung zu suchen. So ist der Naturmensch ganz auf sich selber angewiesen; das einzige seelische Motiv zur Ttigkeit, das er kennt, sind die eigenen Bedrfnisse, die er leicht befriedigen kann. Es ist falsch, ihn deshalb als Egoisten zu bezeichnen. Der Egoismus ist, wie wir spter sehen werden, eine Kulturerscheinung, die auf einer bertriebenen Schtzung des eigenen Wertes im Vergleich zu dem der anderen beruht. Der Naturmensch kann gar kein Egoist sein, weil es ihm gnzlich fern liegt, sich mit anderen zu vergleichen. Er hat Selbstliebe (_amour de soi_), aber keine Eigenliebe (_amour-propre_), und strebt danach ebenso naiv wie jede Pflanze und jedes Tier, dieses sein Sein zu erhalten. Um dies zu tun, braucht er aber die anderen Wesen seiner Art nicht zu schdigen. Wozu ihnen die Frucht wegnehmen, die an jedem Baum einem jeden zur Verfgung steht? Ganz ferne liegt ihm die Sorge fr die Zukunft, denn er hat keine Zukunft, ebensowenig wie er eine Vergangenheit hat. Sein gesunder, durch keinerlei Ausschweifung geschwchter Krper kennt keine Krankheit oder berwindet doch, wenn eine solche sich einstellen sollte, sie rasch. Verwundungen durch wilde Tiere heilen bald oder fhren zu einem schnellen Tode; der normale Tod aber, der in unseren Kulturverhltnissen eine Seltenheit geworden ist, der durch Altersschwche, lt das Leben ohne Wunsch und ohne Furcht erlschen. So ist der Naturmensch ein Augenblicksmensch, seinen kultivierten Nachkommen wrde sein Leben als unendlich de und langweilig erscheinen; und doch, wenn man das Ganze des Lebens eines solchen Einsiedlers mit dem eines modernen Menschen vergleicht, so steht es an Reinheit, Gesundheit, Glck unendlich hoch ber diesem. Alle Bedrfnisse, alle Wnsche und alle Gefhle des unkultivierten Menschen sind wahr und wirklich, der Weg der Zivilisation verwandelt diese Welt der Wahrheit in eine Scheinwelt und im Scheine, in der Einbildung, kann niemals wahres Glck gedeihen. Es ist bezeichnend fr die geringe Ausbildung des Familiensinns bei Rousseau, da er fr den bergang vom isolierten zum gesellschaftlichen Leben auf die nchstliegende Konstruktion, nmlich der Fortbildung des vorbergehenden Geschlechtsverkehrs und der Aufziehung der Kinder, verzichtet hat. Andere Mglichkeiten, zwischen denen er mehr die Wahl lt als sich fr eine derselben dogmatisch entscheidet, sind die Notgesellschaft zum Zweck gemeinsamer Jagd auf ebares Wild oder zur gemeinsamen Abwehr gegen solche wilde Tiere, deren Kraft die des einzelnen Menschen bersteigt. Vor allem aber ist es die Einfhrung des Ackerbaus, von dem es nicht deutlich gesagt wird, ob er infolge zunehmender Bevlkerung oder bei der Abwanderung der Menschen in weniger fruchtbare Gegenden entstanden sei, welche Rousseaus volles Interesse in Anspruch nimmt. Denn whrend die Notgesellschaft hnlich wie auch die Aufziehung der Kinder, die Notfamilie, sich auflst, sobald ihr vorbergehender Zweck erreicht ist, wird durch den Ackerbau der Mensch an eine bestimmte Stelle gefesselt, und so kann es gar nicht fehlen, da er nunmehr in regelmige Beziehungen zu seinen hnlich sehaften Nachbarn tritt. Vor allem aber ist mit dem Ackerbau eine Institution gegeben oder doch ermglicht, welche die eigentliche Triebkraft der spteren Entwickelung abzugeben bestimmt war: =das Eigentum=. Der erste, der ein Stck Land einzunte und es fr sein ausschlieliches Eigentum erklrte, und der Leichtglubige fand, die tricht genug waren, seinem Anspruch Gehr zu geben, ist der wahre Begrnder der Gesellschaft.[1] Es ist gar nicht zu bezweifeln, da in diesen berhmten Worten Rousseau seine ganze negative Schtzung der gesamten Kulturentwickelung epigrammatisch zusammendrngen wollte: Ohne Eigentum keine Kulturentwickelung, ohne Kulturentwickelung kein Kulturelend. Wir werden aber spter sehen, da es ganz ungereimt ist, Rousseau die Meinung in den Mund zu legen, als habe er unter den heutigen Kulturzustnden eine Abschaffung des Eigentums empfohlen, oder als habe er gar des Glaubens gelebt, es wrde mit der Abschaffung des Privateigentums der glckliche Naturzustand sich wieder einstellen. Die angefhrten Worte fordern solche Folgerungen nicht und sptere Ausfhrungen Rousseaus, die wir noch zu betrachten haben, schlieen sie ausdrcklich aus. [1] _Le premier qui ayant enclos un terrain s'avisa de dire ceci est moi, et trouva des gens assez simples pour le croire, fut le vrai fondateur de la socit civile. (Discours sur l'origine et les fondements de l'ingalit parmi les hommes. Seconde partie. 1754.)_ Mit dem Ackerbau stellt sich ein neues Eigentum fr den Menschen alsbald ein: das Werkzeug. Auch der Naturmensch wird einen Baumast oder Stein ergriffen haben, um sich wilder Tiere zu erwehren, aber er warf sie wieder fort, wenn der Augenblickszweck erreicht war. Jetzt bedarf es dauerhafter Gegenstnde, um die dauernde Bearbeitung des Bodens zweckmig zu gestalten. Wenn frher ein Blitzstrahl gelegentlich einen Baum entzndet hatte, so verlosch das Feuer, das fr den Naturmenschen nutzlos war; jetzt wird die Flamme wertvoll zur Herstellung der Werkzeuge, bald auch zur Zubereitung der Speisen, sie wird gehegt und behtet. Bald vermag mit ihrer Hilfe der Mensch die Metalle, welche ein gtiges Geschick vor ihm im Innern der Erde verborgen hatte, zu schmelzen und fr seine Zwecke nutzbar zu machen. Er sprt dem Eisen nach und wird Bergmann. Nun als sehafter Ansiedler grndet er an Stelle der frheren flchtigen Geschlechtsgemeinschaft die Familie. Die Sprache stellt sich ein als Verstndigungsmittel zwischen Eltern und Kindern und im Verkehr der Nachbarn zu einander. Die benachbarten Kinder spielen miteinander, Jnglinge und Jungfrauen begegnen einander auf gewohnten Pfaden, bald vereinigen gemeinsame Feste die Umwohnenden, Gesang erschallt, und in Wettspielen zeigt sich die Kraft und Gewandtheit der Jugend. Auf den Kindheitszustand der Menschheit ist ihr Jugendalter gefolgt, und whrend das erste dem Gedchtnis der Menschheit entschwunden ist und sich nur noch dem Auge des Forschers erschliet, verweilen bei diesem als auf dem goldenen Zeitalter des Geschlechtes die sehnschtigen Erinnerungen auch des modernen Menschen. Wo freilich viel Licht ist, da ist viel Schatten. Rousseau war durchaus nicht gewillt, in der Darstellung des Jugendzustandes der Menschheit nur die Lichtseiten hervortreten zu lassen, um so mehr da im weiteren Verlauf der Entwickelung vorwiegend diese Schattenseiten sich mehr ausbreiten, whrend die erfreulicheren Zge, die in dieser Zeit noch stark hervortreten, teils stationr bleiben, teils sogar rckgebildet werden. Vor allem ist es ein psychologischer Unterschied zum Naturmenschen, der auf dieser Stufe der Entwickelung Rousseaus Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Naturmensch hatte Selbstliebe, aber keine Eigenliebe. Das wird anders, sowie er in soziale Beziehungen zu seinen Mitmenschen tritt. Denn nun beginnt er, sich mit seinem Nchsten zu vergleichen, ebenso wie er das Objekt dieser Vergleichung bei anderen wird. Bei den Festspielen, bei den Zusammenknften der Nachbarn, bei der Bewerbung um die Gunst der Geliebten, bei der gemeinsamen Jagd und dem gemeinsamen Mahl, berall gilt es, nicht nur das eigene Leben zu leben, sondern auch den Wert dieser Eigenart anderen bemerklich zu machen, womglich als der Strkste, der Schnste, der Geschickteste, der Beredteste zu erscheinen. Es fhrt dieses Streben zwar auch dazu, die eigenen Anlagen nach Krften auszubilden, aber schon auf dieser Stufe wird der damit verbundene Triumph ber den besiegten Nebenbuhler oder Mitstreiter zu einem unerfreulichen Charakterzuge, der den Menschen auf dieser Stufe zu seinem Schaden vom Naturmenschen unterscheidet. Dabei bleibt es aber nicht. Wo das Sein nicht vorhanden ist, wird zum Schein gegriffen. Da der Schwerpunkt der eigenen Beurteilung wesentlich in der Schtzung der anderen liegt, so kommt es wenig darauf an, durch welche Mittel diese Schtzung errungen oder erzwungen wird, wenn sie nur dem lieben Ich gezollt wird. Daher greift man schon frh zur List, wo die eigene Strke nicht hinreicht, zur Verleumdung, wo der Wert des Nebenbuhlers nicht erreichbar ist. Ein knstliches Bild des eigenen Wesens wird fr die anderen entworfen und alles daran gesetzt, diesem knstlichen Ansehen Geltung und Dauer zu verschaffen. An Stelle der Selbstliebe tritt die Eigenliebe. Hand in Hand mit dieser psychologischen Entwickelung, sie frdernd und untersttzend, wie von ihr beeinflut, treten soziale Erscheinungen, die der Naturmensch nicht kannte, nicht kennen konnte. Schon in seinem Artikel ber politische konomie in der Enzyklopdie hatte Rousseau darauf hingewiesen, da mit dem Ackerbau die von uns heute so genannte Augenblickswirtschaft prinzipiell aufhrt. Es beginnt die Mglichkeit, Vorrte aufzuhufen, der ertragreichere Boden, der fleiigere Arbeiter stehen im Vorteil den minder Begnstigten gegenber. Der Unterschied von reich und arm fngt an, sich anzumelden, wenn er auch noch nicht die gigantischen Proportionen annimmt, welche die heutige Gesellschaft zeigt. Aber einmal ins Leben getreten, mu dieser Unterschied einen weiteren mit sich fhren, der verhngnisvoll fr die Stellung der Menschen zu einander werden mu. An Stelle der natrlichen Gleichheit unter den Naturmenschen, an Stelle der nur durch Unterschiede in der eigenen krperlichen und geistigen Tchtigkeit bedingten Wertordnung whrend des Jugendalters der Menschheit tritt nunmehr der auf Besitz zurckgehende Unterschied zwischen Herren und Sklaven. Der Ursprung dieser hassenswerten Einrichtung kann ein verschiedenartiger sein, das Resultat ist immer dasselbe. Wenn der Arme, um in den Zeiten der Not sein Leben zu fristen, sich ganz in die Gewalt des Reichen begibt und durch seine eigene Arbeit mit jedem Tage die Kluft zwischen sich und dem bermchtigen noch verbreitern hilft, wenn der durch List und Gewalt berfallene seiner Freiheit entsagt, um sein Leben zu retten, und nur noch den Willen seines Herrn kennen darf, anstatt des eigenen -- immer ist das Resultat dasselbe: durch die Kraft und die Arbeit seiner Sklaven, nicht durch die eigene, wird der Herr ber die Masse seiner Nachbarn emporgehoben, und bald schmeichelt es seinem Egoismus, keinen freien Willen neben dem eigenen anerkennen zu mssen, seinen Wert erhht zu sehen durch die Menge der Sklaven, ber die er gebieten kann. Damit ziehen Luxus und Miggang in die menschliche Gesellschaft ein; nicht mehr der Miggang des Naturmenschen, der nichts bedurfte und deshalb den Wert der Arbeit nicht kannte, sondern der Miggang des reichen Kulturmenschen, der es versteht, jede seiner Kaprizen durch die Arbeit anderer befriedigen zu lassen. Denn erst in dieser Zeit beginnen die Erscheinungen, die wir heute unter dem Namen Kultur zusammenfassen, wogegen wir die Gesellschaften im Jugendzustand der Menschen als Naturvlker zu bezeichnen pflegen; mit Unrecht, weil auch diese schon sich aus dem Zustand der Natur entfernt haben, mit Recht, weil ihr Zustand dem des Naturmenschen unendlich nher steht als dem unseren, der Vollkultur. Die allgemeine Signatur der Vollkultur kann man darin erblicken, da jene Neigung zum Schein, die sich schon im Jugendalter der Menschheit anmeldete, nunmehr ins Ungeheuerliche, ins Groteske wchst. Handelte es sich bei dem Menschen des Jugendalters auch im schlimmsten Fall darum, wirkliche Vorteile mit Hilfe scheinbarer Vorzge zu erlangen, so ist die Signatur der Kultur, da sie wirkliche Vorteile dahingibt, um Scheinwerte zu erlangen, da sie scheinbare Bedrfnisse durch Scheinmittel befriedigt. In dem Jugendzustand suchte der Mensch Kenntnis der Dinge zu erlangen, die ihm von Nutzen oder von Nachteil waren. Mit Scheu ehrte er das Geheimnis der bermenschlichen Mchte, er verbot es sich und anderen, die unbefangenen auf dem Gefhl beruhenden Grundstze, die sein Verhalten zu dem der Nachbarn regelten, in Frage zu stellen oder zu bekritteln. Er dachte wenig und ntzlich, er fhlte tief und stark. Jetzt beginnt die Neugierde die Wissenschaft hervorzurufen. Dinge, die keinen erdenklichen Wert fr das menschliche Leben haben, werden mit Eifer untersucht, um den Reichen und Mchtigen eine mige Stunde zu vertreiben und die Eitelkeit der Gelehrten durch den ihnen gespendeten Beifall bis ins Malose zu erhhen. Die heiligsten berzeugungen, die wohlttigsten Gefhle der Menschen werden so lange kritisiert, bis sie schal und alltglich zum Spott werden und keine Gewalt mehr haben, das menschliche Leben zu regeln. Die Stelle der wirklichen Natur, von der sich die Menschen durch die Mauern ihrer Stdte getrennt haben, mssen nun Bilder, auf Leinwand gepinselt, vertreten; weil wir keine Zeit mehr haben, zur wirklichen Natur zu gehen, so mu eine Scheinnatur an den Mauern unserer Zimmer sie ersetzen. Und ebenso, wie in nutzlosen Klgeleien inmitten einer unwahren Natur leben wir auch in einer unwahren Welt der Gefhle. Der Naturmensch hatte wenige aber starke Gefhle, die sein Handeln unmittelbar auslsten. Sein natrliches Mitleid machte es ihm unmglich, fremde Leiden zu sehen, ohne ein starkes Gefhl, diesem Leiden abzuhelfen, ohne hilfsbereites Handeln, das diesem Gefhl entspringt. Aber es wrde ihm nicht einfallen, Mitleid mit nur scheinbarem Leide zu empfinden, sein wirkliches Gefhl richtet sich nur auf Wirkliches. Ganz anders der Kulturmensch. Ihm gengt es, da seine Gefhle erregt werden, aber er will sie durchaus nicht in Handlungen zum Wohle des Unglcklichen umsetzen, es schmeichelt seiner Eigenliebe vor sich selber als fhlender Mensch dazustehen, aber es wrde sie noch viel mehr schdigen, wenn auf das erregte Gefhl nun Handlungen zu folgen htten, die seine Mue oder auch nur seinen Geldbeutel in Anspruch nehmen wrden. Der vollendete Ausdruck dieses Zustandes der Kulturmenschen ist das Theater. Hier werden erdichtete Leiden vorgefhrt, um ein falsches Mitleid, eine falsche Rhrung zu erwecken. Whrend der Naturmensch dem Unglcklichen hilft, geht der Kulturmensch teilnahmslos an ihm vorbei und hngt den schnen Gefhlen nach, die im Theater durch die Kunst des Schauspielers in ihm erregt sind. Immerhin war es keine Inkonsequenz, wenn Rousseau einerseits seinen geliebten Genfern auf das dringendste davon abriet, das Theater bei sich einzufhren, und anderseits die Notwendigkeit des Theaters fr Paris auf das nachdrcklichste betonte. Wo die Sitten im allgemeinen noch ungebrochen sind, wo die Menschen noch ein wirkliches und nicht ein Scheinleben fhren, da ist das Theater zweifellos ein Mittel, den Verfall der Sitten herbeizufhren oder zu beschleunigen, und daher mu sich eine derartige Gemeinschaft energisch den Rat der Freunde verbitten, welche sie, wie das d'Alembert getan hatte, im Interesse der Kultur und der Verfeinerung der Sitten mit diesem Danaergeschenk beglcken wollen. Wo aber die Sitten bereits so verderbt sind wie in Paris, wo die Verfeinerung der Sitten bereits so weit gediehen ist, da sie berhaupt nicht mehr existieren, da wrde die Abschaffung des Theaters einen schweren Fehler bedeuten. Die Theaterbesucher wrden nicht versuchen, ihr Mitleid, das nicht mehr knstlich angeregt wird, durch Taten wirklicher Mildttigkeit zu befriedigen, sondern sie wrden eine Zeit, in der sie bisher zwar unntz, aber nicht lasterhaft unterhalten wurden, dazu verwenden, ihren sittenlosen Vergngungen, ehrgeizigen Plnen und verbrecherischen Handlungen mit grerer Mue als bisher nachzugehen. Diese Stellungnahme Rousseaus zum Theater ist nur ein Spezialfall des allgemeinen Pessimismus, mit dem er in die Zukunft der Menschheitsentwickelung blickt. Niemand hatte klarer die Gefahren gesehen, mit denen die moderne Kultur die Sittlichkeit und das Glck des Menschen bedroht, aber niemand war auch so berzeugt davon, da diese Entwickelung nicht auf Zuflligkeiten beruhe, sondern sich mit der ganzen Wucht und Unentrinnbarkeit eines Fatums vollzogen habe. Daher es denn auch Rousseau unmglich erschien, da die heutigen Menschen jemals den Weg zurck zu reineren und glcklicheren Zustnden gewinnen knnten. Es wrde gar nichts helfen, die Akademien und Laboratorien, die Ateliers der Maler und der Bildhauer, die Opern und Schauspielhuser zu schlieen, man wrde dadurch nur die Vorteile verlieren, die sie, wenn auch in migem Grade, fr die Fortbildung des Intellekts, die Verfeinerung des Geschmacks und die Vertreibung der Langeweile unleugbar haben. Die Menschen wrden roher und gemeiner, aber durchaus nicht besser werden. Nicht in den Institutionen, in den Menschen selber ist ihre Verderbtheit begrndet und um diese zu beseitigen, mten die Menschen von Grund aus andere werden als sie sind. Ob dies durch einen pltzlichen Entschlu, durch einen augenblicklichen Enthusiasmus gelingen knne, das bezweifelt Rousseau mit Recht. Das goldene Zeitalter liegt nicht, wie die modernen Aufklrer meinen, in der Zukunft, es liegt wie das biblische Paradies in der Vergangenheit des menschlichen Geschlechts, und Rousseau sieht keinen gangbaren Weg, der dorthin zurckfhrt. Daher ist es auch nicht berechtigt, wenn man Rousseau die Absicht zugemutet hat, die Menschen wieder zum Naturstand zurckzufhren. Wenn Voltaire in jenem ironischen Ton, den er Rousseau gegenber berhaupt anzuschlagen liebte, ihm schrieb, er habe nach der Lektre seines ersten _Discours_ den Wunsch empfunden, auf allen Vieren zu kriechen und Salat zu fressen, so war Rousseau weit davon entfernt gewesen, seinem Mitbruder in Apoll dergleichen anstrengende Exerzitien zuzumuten. An den vereinzelten Stellen, wo er berhaupt eine Rckkehr zur Natur als mglich denkt, bedeutet sie ihm nur eine Wiederherstellung des Jugend-, nicht des Kindheitsalters der Menschheit. Aber meist sieht er mit klarem Blick die Unmglichkeit auch dieser Zurckentwickelung ein. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in eine ausfhrliche Kritik der Geschichtsphilosophie Rousseaus einzutreten. Seinen Zeitgenossen gegenber hatte er zweifellos Recht. Die ungezhlten Versuche der Erwiderungen gegen seine beiden _Discours_, die den bisherigen Standpunkt zu verteidigen suchten, sind einer verdienten Vergessenheit anheimgefallen, und auch heute noch sind die Worte Rousseaus ein warnendes Menetekel fr jeden naiven Versuch, die Gleichung: Kultur gleich Glck aufs neue herausrechnen zu wollen. Da jeder Schritt in die Kultur hinein nicht nur einen Schritt von der Natur fort, sondern auch eine Erschwerung fr das Ziel des naiven Glcksstrebens bedeutet, wird heute wohl nur noch von wenigen bestritten. Aber nicht nur durch seine Zeit, auch durch seinen Charakter war Rousseau die Fragestellung unmglich gemacht, ob nicht vielleicht trotzdem, ja gerade weil die Kultur keine Rcksicht auf unser Streben nach Glck nimmt, weil sie in ihren Schpfungen nur berindividuelle Werte entstehen lt, die nicht geeignet sind, den Menschen, der sich in ihren Dienst stellt, glcklich zu machen, dennoch diese Werte allein dem Leben Bedeutung zu geben vermgen. Den ernsten Appell, den diese Werte an Rousseau richteten, vermochte er nur nach dem Verzicht auf Ruhe und Glck zu wrdigen, den sie unleugbar fordern. In dem konventionellen und verknstelten Kulturleben seiner Zeit konnte er nur die negative Seite, das Aufhren des Naturzustandes, erblicken, und sein Wahrheitssinn wurde durch die falschen Theorien der Fortschrittspfaffen seiner Zeit empfindlich berhrt. Da die Verpflichtung, die er in sich fhlte, und die er mnnlich erfllt hat: der Wahrheit die Ehre zu geben und in diesem guten Kampf das Behagen, ja die Sicherheit seines Lebens gering anzuschlagen, ebenfalls das Eintreten fr einen Kulturwert war, welcher fr seinen Naturmenschen berhaupt noch nicht existiert htte, da er sich mit seinem Handeln in Gegensatz zu seinen Lehren stellte, das blieb Rousseau verborgen. Aber gerade dadurch, da sein Leben im Dienst des Wahrheitswertes im Widerspruch zu seiner Lehre stand, wurde er der Vorkmpfer einer neuen Zeit, welche auf dem Untergrund, den er gelegt hatte, weiter fortbauend die theoretische Berechtigung des Lebens Rousseaus nachzuweisen vermochte. Rousseau lebte, was Fichte nach ihm lehren sollte. Drittes Kapitel. Die Rechtsphilosophie. In seiner Geschichtsphilosophie hatte Rousseau, wie wir gesehen, den Weg gewhlt, seine philosophischen berzeugungen vom =Wert= der Geschichte an der Hand einer pragmatischen Erzhlung vom =Verlauf= der Geschichte zu entwickeln. Der Weg vom Naturzustand bis auf unsere Verhltnisse war seiner Ansicht nach von der Menschheit wirklich zurckgelegt worden. In der Hervorhebung der wesentlichen Etappen dieses Weges stellte sich aber zugleich Rousseaus Urteil ber ihren Wert oder besser ihren Unwert dar. Es lt sich nicht leugnen, da diese Verschrnkung beider Gesichtspunkte zu der verhngnisvollen Vermischung fhren konnte, welche Lessing einmal in die Worte zusammengefat hat: Zufllige Geschichtswahrheiten knnen niemals notwendige Vernunftwahrheiten begrnden. In Wahrheit ist das Urteil Rousseaus ber den Wert der Kultur ganz unabhngig davon, ob sein Naturmensch jemals existiert hat oder nicht. Aber es lt sich nicht leugnen, da gerade diese unmethodische Verschmelzung zweier Gesichtspunkte viel zu dem tiefen Eindruck beigetragen hat, den die Geschichtsphilosophie Rousseaus auf seine Zeitgenossen macht. Noch an einer anderen Stelle hat sich diese Problemverschlingung an Rousseaus eigenem Werk gercht. Seine originellste Leistung auf wissenschaftlichem Gebiet, seine Rechts=philosophie=, ist lange Zeit dahin miverstanden worden, als habe Rousseau hier eine Rechts=geschichte= geben wollen, als handle es sich fr ihn nicht darum, die bestehenden sozialen und rechtlichen Einrichtungen der Menschheit daraufhin zu prfen, ob sie richtiges Recht (Stammler) seien, sondern, da er habe pragmatisch erzhlen wollen, wie es gekommen sei, da heute diese und keine anderen Gesetze in Kraft seien. Erst in unserer Zeit sind durch die Arbeiten Stammlers, Liepmanns und Haymanns diese Miverstndnisse beseitigt worden. Wir wissen heute, da es sich fr Rousseau nicht um Rechtsgeschichte, sondern um Rechtsphilosophie gehandelt hat. Da der Irrtum ber die Absicht des _Contrat social_ entstehen konnte, hat freilich seine guten Grnde. Bei allen bahnbrechenden Geistern mssen wir nun einmal mit der Tatsache rechnen, da sie selber Brger des Zeitalters sind, welches sie berwinden wollen. Die alten Gedanken und Methoden drngen sich immer wieder hervor und stehen hart neben den Prinzipien einer kommenden Zeit. Die Kritik der reinen Vernunft ist zum guten Teil ein vorkritisches Buch, und wer nur auf diese Teile achtet, hlt sie noch heute in aller Unschuld und mit guten Grnden fr einen psychologischen Traktat. hnlich ist es mit dem _Contrat social_. Er ist das erste rechtsphilosophische Buch, er begrndet diese Wissenschaft und gerade deshalb sind noch erhebliche rechtshistorische Bestandteile in ihn herbergenommen worden, welche stark genug sind, es verstehen zu lassen, wie man den eigentlichen Charakter des Buches vollkommen verkennen konnte. Wie Rousseau seine Arbeit angesehen wissen wollte, geht schon aus der Kritik hervor, die er an einigen seiner Vorgnger vollzieht, Mit zwei Mnnern setzt er sich zuerst auseinander: mit Hobbes und mit Filmer. Nach Hobbes wird der ursprngliche Krieg aller gegen alle, der aus der vollstndigen Freiheit aller Individuen hervorgeht durch einen Vertrag beendet, in welchem alle auf ihre Freiheit verzichten, diese auf die Regierung bertragen und von der Regierung die Gesetze empfangen, durch welche ein friedliches Zusammenleben der Teilnehmer am Vertrage ermglicht wird. Da ein jeglicher Zustand ertrglicher ist, als der des Naturzustandes, da aber jede Auflehnung gegen die Regierung eine Kndigung des Vertrages bedeutet und den Naturzustand wieder herbeifhrt, so liegt die einzige Grenze der Regierungsgewalt darin, da sie den Untertanen nicht befehlen kann, Selbstmord zu begehen, denn etwas Schlimmeres als der Tod kann ihnen auch auerhalb des Vertragsverhltnisses nicht begegnen, und so drfen sie in diesem Fall den Krieg aller gegen alle einem solchen Vertragsverhltnis vorziehen. Rousseau wendet gegen diese Lehre ein, da nach ihr gar keine Mglichkeit ist (von jener einzigen Ausnahme abgesehen), zwischen guten und schlechten, gerechten und ungerechten Gesetzen zu unterscheiden, und da sie somit, die Tatschlichkeit eines solchen Vertrages vorausgesetzt, zwar die Entstehung von Gesetzen erklrt, aber nicht erlaubt, zwischen wohlttigen und nachteiligen Gesetzen zu unterscheiden. Mit einem Wort, Rousseau vermit bei Hobbes die Angabe eines Kriteriums zur Beurteilung der Verfassungen und Gesetze. Die entgegengesetzte Theorie Filmers leidet an denselben Mngeln. Nach Filmer beruht die Gewalt des Gesetzgebers auf patriarchaler Grundlage, diese aber geht auf gttliche Einsetzung zurck. Wie Gott dem Familienvater mit der Sorge fr seine Kinder auch die Gewalt ber dieselben gegeben hat, wie es die gottgewollte Pflicht des Vaters ist, zu herrschen, der Kinder aber, zu gehorchen, so ist auch nach dem Schriftwort alle Obrigkeit von Gott, ihre Gebote sind von der gttlichen Autoritt ihres Amtes getragen, eine Auflehnung der Untertanen gegen ihre Obrigkeit ist nicht nur ein Bruch des Rechtes, sondern auch eine Snde wider Gott. Rousseau bezweifelt zunchst, da der Vergleich des Familienvaters mit dem Herrscher hier zutrifft, da das Entscheidende bei der patriarchalen Familie, der Unterschied in Alter und Weisheit zwischen Vater und Kindern hier wegfllt. Die Lehre, da die Obrigkeit von Gott sei, fgt er mit einigem Spott hinzu, sei nicht anzuzweifeln, aber drfe nur in demselben Sinne genommen werden, nach welchem man auch eine Krankheit als von Gott gesandt betrachtet und sich gleichwohl nicht besinnt, einen Arzt zu rufen. Auch nach dieser Lehre fehlt jede Mglichkeit eine Beurteilung der Regierungsformen, Verfassungen und Gesetze vorzunehmen, denn da alle auf die gleiche gttliche Autoritt zurckgehen und durch dieselbe gerechtfertigt werden, so sind auch alle gleich gut. Neben diesen beiden philosophischen Lehren kennt aber Rousseau auch eine rein tatschliche historische, die sich nicht auf einen hypothetischen Vertrag oder auf die gttliche Autoritt beruft, sondern rein an der Hand der Tatsachen die Entstehung und das Wesen der Staaten begreifen will. Da zeigt es sich denn, da es das Recht des Strkeren ist, welches die Staaten begrndet. Durch Eroberung wird ein Teil des Staatsgebietes nach dem anderen erworben, nach Kriegsrecht werden die Unterworfenen versklavt oder doch in ihrer Freiheit gemindert, durch Gewohnheit werden im Lauf der Generationen diese Zwangsmaregeln zu Gesetzen. Der dahinterstehende Machtwille braucht sich nicht mehr dauernd in Gewaltmaregeln zu uern, es ist genug, da er da ist. Die Gesetze werden so lange beobachtet und gelten so lange, wie die Macht, welche sie ins Leben gerufen hat, weiter fortbesteht. Mit dem Aufhren oder Erlahmen dieser Macht fllt entweder das Staatswesen auseinander oder ein neuer stark gewordener Wille schafft eine neue Rechtsordnung. Auf diesem Boden bewegen sich die meisten der heute gegen Rousseaus Lehre vorgebrachten Einwrfe, daher ist die Kritik Rousseaus hier von aktuellem Interesse. Rousseau ist weit davon entfernt, zu leugnen, da die Geschichte uns unzhlige Beispiele zeigt, wie in der angefhrten Weise Staaten entstehen und vergehen. Ja, er wrde ebensowenig erstaunt sein, wenn ihm gezeigt wrde, da alle augenblicklich bestehenden Staaten diesen Ursprung haben, wie es einen Geometer erstaunen wrde, sagte man ihm, da kein einziger wirklicher Kreis der mathematischen Definition des Kreises entsprche. Der Geometer wrde einfach antworten, da in diesem Falle kein eigentlicher Kreis existiere und wrde ruhig an seiner Definition des Kreises festhalten. Genau dasselbe Recht hat nun aber der Theoretiker des Rechtsstaates gegenber einem solchen faktischen Nachweis, der ihm zeigt, da alle bestehenden Staaten Gewaltstaaten sind. Da Gewalt den Willen eines Menschen oder beliebig vieler Menschen knebeln kann, wei der Philosoph ebensogut wie der Historiker oder wie jeder Mensch berhaupt. Seine Frage, die nach diesem brillanten psychologischen Aperu erst anhebt, ist die, ob ein Unterschied zwischen Gewalt und Recht besteht, und diesen Unterschied glaubt Rousseau machen zu knnen. Auch das erscheint ihm zweifelhaft, ob durch Verjhrung des Gewaltaktes jemals Recht entstehen kann, denn damit knnte die Frage nach dem richtigen Recht mit der Uhr in der Hand beantwortet werden. Vor allem aber: auch diese Theorie zeigt denselben Fehler wie die von Hobbes und Filmer. Wenn jedes Verhltnis zwischen Strke auf der einen, Ohnmacht auf der anderen Seite als Recht angesehen werden soll, so fehlt uns wiederum jede Mglichkeit, die Rechtsordnungen unter den Menschen nach ihrem Wert zu beurteilen, denn alle haben alsdann die gleiche Legitimation, die sich auf den gleichen Ursprung berufen knnen. Wie Rousseau seine Aufgabe auffat, hat er klar und przise dahin formuliert: Wir sprechen von den Menschen, wie sie sind, und von den Gesetzen, wie sie sein sollen. Das heit, auch die Rechtsphilosophie mu sich immer auf die wirklichen Eigenschaften der Menschen grnden. Sie will Normen aufstellen fr die Beziehungen der Menschen untereinander, aber sie kann dies nicht, wenn sie die Menschen als Engel betrachtet und ihnen dann Unmgliches zumutet, sondern nur, wenn sie zu ihrer Basis die tatschlich bei den Menschen vorkommenden Eigenschaften nimmt. Aber freilich ist es nicht ausgeschlossen, da die Menschen tatschlich Gesetze unter sich gelten lassen, die fr sie zu schlecht sind; daher ist zwar die menschliche Natur die Grenze, ber welche die normativen Bestimmungen der Rechtsphilosophie nicht hinausgehen knnen; was aber im Verlauf der historischen Entwickelung etwa aus dieser menschlichen Natur durch Zwang, Unterdrckung, Entnervung und Luxus geworden sein sollte, und ob also entartete Wesen berhaupt noch in der Lage sind, eine ideale Gesetzgebung bei sich einzufhren und nach ihr zu leben, mu beim Entwurf einer normativen Gesetzgebung unbercksichtigt bleiben, denn alles dieses sind historische Tatsachenfragen, die das Wesen des Menschen nicht berhren. Wie der Mensch von Natur beschaffen ist, das wissen wir aus Rousseaus Geschichtsphilosophie. Es war nun ein verhngnisvoller Schritt Rousseaus, da er, von diesem Naturzustand ausgehend, die Prinzipien entwickelte, die den bergang vom Naturzustand zum gesellschaftlichen Zustand der Menschen regeln sollten. Er erregte dadurch fast unvermeidlich den Irrtum (und scheint ihn gelegentlich selber geteilt zu haben), als sei dieser bergang zum Rechtsleben ein historisches Faktum, als seien tatschlich, wie Lotze dies einmal beiend formuliert, die Biedermnner der Urzeit zu einem Vertrage zusammengetreten, weil man gemeinsam doch so viel besser leben knne als einzeln. Hobbes' Staatsvertrag ist eine Realitt, denn alle Autoritt des bestehenden realen Rechtes geht auf ihn zurck. Rousseaus Staatsvertrag stellt lediglich die Bedingungen dar, unter denen natrliche, nicht historisch verbildete Menschen in eine normative gesellschaftliche Verbindung eingehen knnen. Er ist kein Faktum, sondern eine Konstruktion. Da Rousseau, wie wir im zweiten Kapitel gesehen haben, den Menschen als isoliertes, freies, lediglich sein eigenes Wohl bercksichtigendes Individuum auffate, so ist es fr ihn selbstverstndlich, da es nur der eigene Vorteil sein kann, welcher das Motiv der Rechtsordnung bildet. Ebenso deutlich ist es aber, da der Naturmensch gar kein Interesse daran haben kann, sein Glck durch gesellschaftliche Einrichtungen zu erreichen, da er zu seinem Glck der anderen Menschen nicht bedarf. Erst nachdem =faktisch= bereits gesellige Beziehungen zwischen den Menschen entstanden und faktisch die Einrichtung des Eigentums vorhanden ist, kann sich das Bedrfnis herausstellen, diese Beziehungen nun auch rechtlich zu normieren. Daher es denn auch falsch ist, das Naturrecht Rousseaus so aufzufassen, als ob es ein Recht sei, das im Naturzustand gegolten hatte. Im Naturzustand gilt kein Recht; der Naturmensch braucht kein Recht, weil die Voraussetzung alles Rechtes, ein Zusammenleben der Individuen, fehlt. Wie kann sich nun der einzelne durch eine allgemeine Norm verpflichtet fhlen? Offenbar nicht, wenn diese allgemeine Norm sich als eine den eigenen Willen zwingende, fremde und uere Gewalt darstellt. Auf diesem Wege kann es, wie wir gesehen haben, nur zu einem Gewaltstaat, niemals zu einem Rechtsstaat kommen. Um das Gesetz als fr mich gltig, mich verpflichtend, anerkennen zu knnen, mu ich in ihm meinen eigenen Willen wiedererkennen, der, da er sich auf eine Gemeinsamkeit von Menschen und ihre Interessen richtet, ebenso den Willen aller anderen reprsentiert, wie den meinen. Wenn sich mein Wille auf meine individuellen Zwecke richtet, so bleibt er individuell: richtet er sich auf Zwecke, die einer Mehrheit von Menschen gemeinsam sind, so verschmilzt er mit dem Willen der anderen zum Gesamtwillen. Der Gesamtwille ist also der durch den Willen zur Gemeinsamkeit konstituierte Trger und Schpfer der gesetzlichen Ordnung im Gegensatz zur Gewaltordnung. Daraus ergibt sich nun aber, da fr alle gesellschaftlichen Festsetzungen der Gesamtwille schlechthin souvern ist, d.h. eine ber ihm stehende Gewalt nicht anerkennen darf. Tte er dies, so wrde er und damit der Wille aller derjenigen, die sich in ihm vereinigt haben, unfrei; der Rechtsstaat hrte auf, Rechtsstaat zu sein und wrde Gewaltstaat unter dem Willen dessen, der der Souvern des Gesamtwillens geworden wre. Es kann daher sehr wohl eine Rechtsgemeinschaft einstimmig beschlieen, sich einen oder mehrere Souverne zu setzen, aber dieser Beschlu ist genau dasselbe auf sozialem Gebiet, was der Selbstmord im individuellen Leben ist. Der Gesamtwille hrt auf zu funktionieren, und die Rechtsordnung wird zur Gewaltordnung des neuen Souverns. Um zu begreifen, was Rousseau unter dem Gesamtwillen (_volont gnrale_) versteht, mu man ihn sorgfltig von dem Willen aller (_volont de tous_) unterscheiden. Rousseau ist weit davon entfernt, anzunehmen, da die Einmtigkeit selbst aller Mitglieder eines sozialen Verbandes Ausdruck des Gesamtwillens in allen Fllen ist. Das Ideal der gesellschaftlichen Ordnung wre dies freilich, und Rousseau ist in der Tat der Ansicht, da unter normalen Verhltnissen nicht erst die Gesamtheit, sondern schon die Majoritt der Beratenden Beschlsse fassen wird, die Ausdruck des Gesamtwillens sind. Zieht man diejenigen Willensuerungen ab, die infolge individueller Wnsche zu sehr nach der einen oder nach der anderen Seite hin tendieren, so wird als Ausdruck des Gesamtwillens, der die Interessen der Gesamtheit vertritt, die kompakte Masse der Willensuerungen verbleiben, welche gleichweit von beiden individuellen Extremen entfernt das in der Mitte liegende Gesamtinteresse darstellt. Danach knnte Rousseau als ein doktrinrer Vertreter der Lehre von der richtigen Mitte (_juste milieu_) angesehen werden, und wre dies wirklich seine Ansicht gewesen, so wrde es nicht schwer sein, in allen Fllen den Gesamtwillen zur Geltung zu bringen; man brauchte eben nur mechanisch aus den abgegebenen Willensuerungen einen Mittelwert herauszurechnen. So einfach denkt sich aber Rousseau die Sache doch nicht. Er wei sehr wohl, da auch ein einstimmig gefater Beschlu durchaus nicht Ausdruck des Gesamtwillens zu sein braucht, und daher mu er Kriterien dafr entwickeln, in welchen Fllen der Wille aller als Ausdruck des Gesamtwillens angesehen werden knne. Fassen wir den Zweck des Zusammentritts der Menschen zur Rechtsordnung (_Contrat social_) nochmals ins Auge. Er bestand darin, Leben und Eigentum des einzelnen nicht als individuelle, sondern als allgemeine durch einen Gesamtwillen garantierte und anerkannte Rechtsgter festzustellen und zu bestimmen. Damit ist gegeben, da der Rechtswille einer Gemeinschaft sich auch nur auf allgemeine Maregeln richten kann, da also alle gesetzlichen Maregeln, welche auf Individuen gehen und Individuen als solche treffen wollen, dem Gesellschaftsvertrag zuwider sind und daher, selbst wenn sie einstimmig gefat werden, Ausdruck des Allgemeinwillens nicht sein knnen. Ein Gesetz, welches einen bestimmten Menschen mit Namen zum Tode verurteilen oder ihm sein Eigentum konfiszieren wrde, wie es z. B. das englische Recht kennt (_bill of attainder_), ein Verfahren, wie es uns der Ostrazismus in Athen zeigt, welches Verbannung ber ein bestimmtes Individuum verhngt, ist also nach Rousseau in allen Fllen ungesetzlich. Selbst wenn es mit Stimmeneinhelligkeit beschlossen sein sollte, knnte es niemals der Ausdruck des Gesamtwillens sein. Der Gesamtwille kennt berhaupt keine einzelnen Brger mit Namen, er kennt nur die Gesamtheit der Brger und trifft Bestimmungen fr diese Gesamtheit, welche alsdann freilich fr jeden einzelnen gltig sind, aber nicht deshalb, weil er dieser einzelne ist, sondern weil er zu dieser Gesamtheit gehrt. Die Konsequenz der Rousseauschen Gedanken fhrt nun freilich dahin, da alle, die durch ein Gesetz verpflichtet werden knnen, auch als konstituierende Mitglieder des Gesamtwillens gedacht werden mssen, denn nur unter dieser Voraussetzung knnen sie ja in den Aussprchen des Gesamtwillens den Ausdruck ihres eigenen auf das Allgemeine gerichteten Wollens anerkennen. Danach wre die Teilnahme der Frauen an der gesetzgeberischen Arbeit eine logische Notwendigkeit, wenn sie durch das Gesetz verpflichtet werden sollen, und diese Konsequenz hat in der franzsischen Revolution in der Tat Throigne de Mricourt gezogen. Da Rousseau diese Konsequenz nicht anerkennt, vielmehr die Frauen von der Teilnahme am politischen Leben ausdrcklich ausschliet, hat seinen Grund in seiner Ansicht ber die natrliche Begabung beider Geschlechter, die uns in seiner Erziehungslehre noch beschftigen wird. Die Voraussetzung fr soziales Leben, der auf das Allgemeine gerichtete Wille, fehlt bei der Frau. Sie ist stets an Individuen interessiert, und daher ist es richtig, da sie zuerst durch ihren Vater, spter durch ihren Mann im Ausdruck des Gesamtwillens vertreten wird. Da ferner die Familie, wenn auch nicht als rechtliches, so doch als tatschliches Verhltnis schon vor dem Gesellschaftsvertrag vorhanden ist, so treten die Kinder als durch ihren Vater reprsentiert mit ihm in den Rechtsverband ein. Wachsen sie heran und erheben sie keinen Einspruch, so kann ihre Zustimmung zur Gesellschaftsordnung vorausgesetzt werden; eine einfache Erklrung zur Gesellschaftsordnung nicht gehren zu wollen, gengt, um sie von allen Pflichten, die sie auferlegt, freilich auch von allen Rechten, die sie gewhrt, auszuschlieen. In die Befugnis des Gesamtwillens, allen allgemeinen Bestimmungen, die von ihm ausgehen, bindende Kraft zu verleihen, gehrt es nun freilich auch, da rechtliche Institutionen, die frher durch den Gesamtwillen garantiert waren, diese Garantie auf rechtsgltige Weise durch Beschlu des Gesamtwillens wiederum einben knnen. So wird z. B. das Privateigentum aus einer faktischen zur rechtlichen Institution dadurch, da der Gesamtwille allen Beteiligten ihr Eigentum garantiert. Es wrde, wie wir gesehen haben, kein Beschlu, der einem einzelnen sein Eigentum konfiszieren wollte, innerhalb der Rechtsordnung mglich, er wrde immer ein Rechtsbruch sein. Ganz anders aber stellt sich das Rechtsverhltnis gegenber einem durch die Beteiligten gefaten Beschlu (fr den Stimmeneinhelligkeit gar nicht notwendig ist), der ganz allgemein fr =alle= Staatsangehrigen die Abschaffung des Privateigentums und den bergang, sei es zur sozialistischen, sei es zur kommunistischen Wirtschaftsform, aussprche. Hier hat der Souvern seine Machtbefugnisse durchaus nicht berschritten. Privateigentum im rechtlichen Sinne, nicht als bloes Faktum, existiert nur, solange es durch den Gesamtwillen garantiert ist und kann mithin, wenn dieser Wille es zu garantieren aufhrt, eine rechtliche Existenz nicht mehr beanspruchen. Das gute Recht der einzelnen Besitzenden wrde es sein, dem Zustandekommen eines solchen Gesetzes mit allen gesetzlichen Mitteln entgegenzutreten; ihre Pflicht als Brger aber bestnde darin, sich dem rechtmig zustandegekommenen Beschlu ohne weiteres zu fgen, denn sie sollen durch ihn nicht als Individuen getroffen werden, sondern der Gesamtwille will eine Neuordnung der allgemeinen sozialen Beziehungen durch seinen Beschlu vornehmen, und dies liegt zweifellos innerhalb seiner souvernen Befugnisse. So sieht Rousseau in der Einfhrung des Kommunismus wohl eine Aufhebung der bestehenden Rechtsordnung, keineswegs aber der Rechtsordnung berhaupt. Es sind nur Opportunittsgrnde, allerdings gewichtigster Art, die ihn dazu veranlassen, die Einfhrung einer solchen Maregel dringend zu widerraten. Wenn man nmlich sieht, wie ganz das Herz des Menschen an seinem Eigentum hngt, wenn man erwgt, fr wie viele die Hauptfunktion des Staates darin besteht, ihnen ihr Eigentum zu garantieren, so kann man die Befrchtung nicht unterdrcken, da fr alle diese Brger der Staat, welcher sich dieser Funktion entschlge, schlimmer als wertlos werden wrde, da sie aus guten zu schlechten Brgern, aus Verteidigern des Staates seine Feinde werden wrden. Zu einer solchen Stellungnahme htten diese Brger kein Recht, aber um so mehr mu der Staat es vermeiden, ohne die zwingendsten Grnde einen Teil seiner Konstituenten in eine grundstzliche und erbitterte Opposition hineinzuzwingen, die psychologisch durchaus verstndlich, die Grundfesten aller gesellschaftlichen Ordnung erschttern und schdigen mte. Rousseau war also keineswegs prinzipieller Kommunist oder Sozialist, ebensowenig, wie er prinzipieller Vertreter des Privateigentums war. Aber er zgerte nicht, aus Opportunittsgrnden dem Privateigentum den Vorzug vor einer kommunistischen Ordnung der Gesellschaft zu geben. Unter den Vorgngern Rousseaus hatten wir bisher absichtlich Montesquieu nicht erwhnt, weil dieser nicht so sehr vom Recht berhaupt, als von der Abgrenzung der einzelnen Rechtssphren untereinander handelt, und hier allerdings eine normative Regelung der Rechtssphren erreichen will, indem er an die berreste der stndischen Verfassung in Frankreich und das parlamentarische Knigtum in England sich anlehnend die Lehre von der absoluten Trennung der legislativen, exekutiven und richterlichen Gewalten fr die Gesundheit des Staatskrpers als unerllich fordert. Gerade an diesem Punkte setzt nun die Kritik Rousseaus ein. Es scheint ihm unmglich, zu verstehen, wie neben dem souvernen Gesamtwillen irgendeine von diesem unabhngige Sphre des Rechtes konstruiert werden knne. Was nicht auf den Gesamtwillen zurckgefhrt werden kann, mag zwar als Machtwille auftreten und als solcher dem Souvern gegenber eine Sphre der Selbstndigkeit sich erkmpfen oder behaupten, aber gerade deshalb kann diese Sphre eine rechtliche Dignitt nicht beanspruchen. Sie ist bloes Faktum und kann nur historisch begriffen, niemals aber als vernnftig eingesehen werden. Die Konstruktion Montesquieus zeigt also denselben Fehler wie die Hobbes' und Filmers; nur da sie nicht wie diese es unternimmt, alles bestehende Recht als normativ gltig nachzuweisen, sondern da sie eine bestimmte historische Gestaltung unter allen anderen als die sein sollende herausgreift und auszeichnet. Fr diesen Vorzug aber vermag sie lediglich Zweckmigkeitsgrnde, keineswegs aber Vernunftgrnde ins Feld zu fhren. Warum der Wille des einzelnen sich einer Regierung, welche die von Montesquieu gewnschte Trennung der Gewalten zeigt, unterzuordnen habe, bleibt am Schlu des _Esprit des lois_ genau so unverstndlich wie am Anfang, und noch weniger ist es zu verstehen, wie diese drei selbstndigen Willenssphren sich nebeneinander behaupten knnen, ohne da die eine mit der anderen in Macht- und Kompetenzkonflikte geriete. Das ist eben nur mglich, wenn es ber ihnen noch einen souvernen Willen gbe; gerade diesen aber kennt das System Montesquieus nicht. Natrlich sieht auch Rousseau die Notwendigkeit mindestens einer Zweiteilung der staatlichen Funktionen in legislative und exekutive vollstndig ein. Er wei sehr wohl, da, ganz abgesehen von praktischen Grnden, die es unmglich machen, die Versammlung der Volksgenossen auch mit der Ausbung der Gesetze zu betrauen, eine solche Vereinigung von Legislative und Exekutive theoretisch erhebliche Schwierigkeiten haben wrde. Der Gesamtwille kennt, wie wir gesehen haben, nur allgemeine Gesetze. Die Anwendung dieser Gesetze betrifft aber immer Individuen. Es mu daher der Gesamtwille sich ein Organ schaffen, das, aus Individuen bestehend, die allgemeinen Bestimmungen der Gesetze auf den individuellen Fall anwendet, d. h. die Gesetze ausfhrt. Dieses Organ nennt Rousseau den Herrscher. Von einer selbstndigen Gewalt des Herrschers kann also gar nicht die Rede sein, seine Bedeutung, seine Existenz verdankt er lediglich dem Gesamtwillen. Dieser hat die Sphre seiner Befugnisse umgrenzt, und nur solange sich der Herrscher innerhalb dieser Sphre mit seinen Anordnungen hlt, haben diese rechtliche Existenz. Ebenso aber wie der Gesamtwille dem Herrscher diese Gewalt gegeben hat, ebenso kann er sie ihm wieder entziehen. In dem Augenblick, wo die Volksgemeinde zusammentritt, erlischt das Mandat ihres Mandatars, des Herrschers, und nur durch einen neuen Beschlu kann dem bisherigen Herrscher diese Befugnis aufs neue bertragen werden. Ist sie von vornherein auf einen bestimmten Zeitraum beschrnkt, so hrt nach Ablauf dieser Zeit das Mandat von selber auf, und alle ferneren Handlungen des Herrschers entbehren von da ab des Merkmals der Rechtsgltigkeit. Bei diesen grundlegenden rechtlichen Bestimmungen ber die Stellung des Herrschers ist es nun von untergeordneter Bedeutung, auf wie viele oder wie wenige Individuen die Herrschergewalt delegiert wird. Wird sie auf ein Individuum delegiert, so entsteht die Monarchie, auf mehrere die Aristokratie, auf alle die Demokratie. Jede dieser Regierungsformen hat ihre eigentmlichen Vorzge und Nachteile, jede aber ist, diese ihre Entstehung vorausgesetzt, als rechtlich einwandfrei zu betrachten. Eine eigentmliche Inkonsequenz scheint nach den vorherigen Ausfhrungen darin zu liegen, da Rousseau hier auch die Demokratie als mgliche Regierungsform konstruiert. Denn es ist schwer verstndlich, wie die Gesamtheit der Brger es machen soll, sich selber die Ausfhrung ihrer Beschlsse zu delegieren, fr die sie dann praktisch auerdem sich als ungeeignetes Organ erweisen mu. Rousseau hilft sich hier mit dem Hinweis auf das englische Unterhaus, das sich unter Umstnden als Komitee konstituiert, ohne zu bedenken, da das Unterhaus auch als Komitee weit davon entfernt ist, die Exekutive zu bernehmen, sondern da es sich auch in diesem Fall lediglich um Maregeln der Legislative handelt. Wahrscheinlich wollte Rousseau nur darauf hinweisen, da der Souvern nicht begrifflich an irgendeine Zahl gebunden sei, wenn er Individuen mit der Ausbung der Administration und Exekutive betrauen wolle. Sehen wir uns nun die den einzelnen Regierungsformen eigentmlichen Vorteile und Nachteile nher an, so findet es sich, da die Vorteile der Monarchie in der Konzentration liegen, welche durch sie die Kraft des Souverns notwendig erfahren mu. Alle Fden der Administration laufen hier in einer Hand zusammen, ber die gesamte Macht des Staates hat ein einzelner Verfgung, die Abwehr fremder Angriffe kann viel energischer geleitet, der Angriff auf die Gegner viel pltzlicher und erfolgreicher durchgefhrt werden, als es bei irgendeiner anderen Regierungsform der Fall ist. Wo das Gebiet des Staates gro, die Verhltnisse seiner einzelnen Teile zueinander verwickelt, die Beziehungen zu seinen Nachbarn mannigfach und gespannt sind, da wird die Monarchie sich als die geeignetste Herrscherform empfehlen. Aber diesen groen Vorteilen stehen ebenso groe Nachteile gegenber. Es liegt in der menschlichen Natur begrndet, da der Herrscher immer ein starkes Interesse daran haben wird, sich von seinem Souvern unabhngig zu machen und ihn womglich zu depossedieren. Er wird es systematisch versuchen, die Grenzen seiner Befugnisse immer mehr zu erweitern und in den Augen des Volkes als eigentlicher Souvern zu erscheinen. Diese Versuchung ist fr den Monarchen am allergrten, weil sich in ihm die meisten Machtmittel konzentrieren und er hoffen darf, durch persnliche Vorzge, uere Erfolge und blendendes Schaugeprnge der groen Masse gegenber den unpersnlichen Gesamtwillen zu verdrngen und als der eigentliche Trger aller Macht zu erscheinen. So kann es am leichtesten in der Monarchie dazu kommen, da die Volkssouvernitt obsolet wird und sich vielleicht nur noch in einigen bedeutungslosen Zeremonien erhlt, whrend der frhere Mandatar, der Herrscher, zum Souvern, der frhere Rechtsstaat zum Gewaltstaat geworden ist. Bessere Garantien fr die Fortdauer der Volkssouvernitt bietet die Aristokratie, weil hier die Eifersucht der einzelnen Kollegen, an welche gemeinschaftlich die Herrschergewalt delegiert ist, die Herrschergelste jedes einzelnen im Zaum hlt. Aber dieselbe Eifersucht macht sich auch in allen Regierungsgeschften bemerklich und verhindert die starken und geschlossenen Aktionen nach auen, in denen wir einen Vorzug der Monarchie sahen, anderseits aber bietet diese Eifersucht keine Gewhr dafr, da unter der Verfassungsform der Aristokratie die Volkssouvernitt nicht auch Gefahr laufe, einzurosten und zu verkmmern. Namentlich wirkt auch hier wie in der Monarchie das Bestreben, die Zeitdauer der Mandate mglichst auszudehnen, ja sogar sie ganz von der Beschrnkung auf Zeit abzulsen, indem man sie erblich macht. Das Patriziat, das auf diese Weise entsteht, wird ebenso eifrig bedacht sein, den Volkswillen nicht zu Worte kommen zu lassen, wie nur irgendein Monarch, und wird ebenso eiferschtig darauf sehen, als der rechtmige Souvern zu erscheinen, wie irgendein erblicher Knig. Die Demokratie endlich gibt zwar die beste Garantie dafr, da der Ursprung ihrer Gewalt, der Gesamtwille, nicht vergessen wird, zeigt aber die grte Schwerflligkeit und Unbehilflichkeit in ihren administrativen Maregeln und wird am meisten in Gefahr sein, tatkrftigen ueren Gegnern eine hilflose Beute zu werden. Aus Bequemlichkeit scheuen die Brger die Zeit und Mhe, welche die bei einer solchen Verfassung unvermeidlichen hufigen Versammlungen mit sich bringen, und damit ist die Gefahr der Zufallsmajoritten und ungerechten administrativen Maregeln gegeben. Es htte nun ein sehr einfaches Mittel gegeben, diese Schwierigkeit zu beseitigen, nmlich die Einfhrung der Reprsentativverfassung, wie sie damals in England bestand und heute in fast allen Verfassungsstaaten eingefhrt ist. Aber fr Rousseau erwies sich dieser Ausweg als ungangbar. Nicht nur deshalb, weil in den antiken Republiken, auf welche die Lektre der klassischen Autoren sein Augenmerk besonders gerichtet hatte, die Versammlung der Vollbrger die Regel ist, sondern auch, weil begriffliche Schwierigkeiten der Ausfhrung des Gedankens einer Reprsentativverfassung entgegenstanden. Wird ein solcher Ausschu mit gesetzgeberischer Macht ausgestattet, so ist es klar, da er damit an die Stelle des Souverns tritt und da der Souvern sich selber abdankt, indem er zur Wahl dieses Ausschusses schreitet. Das englische Volk ist frei nur im Moment der Parlamentswahlen; sind diese geschehen, so ist es der Sklave des von ihm gewhlten Parlaments. Wenn Rousseau hier namentlich auf die Gefahr aufmerksam macht, da sich die Parlamentsmitglieder vom Herrscher (der Exekutive) bestechen lassen wrden, so hatte er zu dieser Besorgnis im Hinblick auf die damals bestehenden Zustnde in England guten Grund, denn hier waren ja die parlamentarischen Bestechungen zum kunstvollen System ausgebildet worden. Es kann aber in diesem Einwurf ein triftiger Einwand gegen parlamentarische Vertretungen nicht gesehen werden, weil diese belstnde ihre Ursache in den eigenartigen englischen Verhltnissen hatten und auch hier nur vorbergehend aufgetreten sind. Wichtiger ist der Hinweis darauf, da die Einrichtung eines Parlaments notwendigerweise die Bildung politischer Parteien erzeugt oder doch befrdert, und in der Existenz solcher Parteien sieht Rousseau die schwerste Gefahr fr seinen Rechtsstaat. Unter der Parteiherrschaft kommt eben die Meinung der Staatsbrger nicht mehr zur Geltung; nicht sie sind eigentlich souvern, sondern die Partei hat sich zwischen den einzelnen Brger und die den Brgern zustehende souverne Gewalt geschoben. So sind es denn auch die in dem Staatsvertrag gar nicht erwhnten politischen Parteien, die eigentlich regieren. Sollte sich nun aber doch die Einsetzung einer Reprsentativverfassung als unumgnglich erweisen, so ist es notwendig, den Gefahren, die mit einer solchen Verfassung verbunden sind, mglichst vorzubeugen. Selbstverstndlich ist, da die Volksvertretung nur auf Zeit gewhlt werden darf und da nach Ablauf dieser Zeit ihr Mandat von selber erlischt. Zu empfehlen ist die mglichste Verkrzung der Dauer der Legislaturperioden, damit auf diese Weise die Volksvertreter in steter Abhngigkeit vom Souvern gehalten werden. Diese durchaus notwendige Abhngigkeit denkt nun aber Rousseau durch zwei weitere Maregeln noch zu verstrken. Fr alle wichtigen Gesetze, die in Aussicht stehen, soll der Volksvertreter bestimmte, ihn rechtlich bindende Weisungen von seinen Whlern erhalten (imperative Mandate), welche ihn im voraus fr seine Abstimmung festlegen, und ebenso sollen alle wichtigen Maregeln, welche das Parlament beschlossen hat, bevor sie Gesetzeskraft erlangen, nochmals der Urversammlung zur Verwerfung oder Annahme vorgelegt werden (Referendum). Aus diesen vorsichtigen und zgernden Bestimmungen ersieht man vielleicht am besten, mit welchen Befrchtungen Rousseau dem Gedanken des modernen Parlamentarismus gegenberstand. Steht das ganze Wohl des Rechtsstaates auf einer einzigen Karte, der richtigen Beschaffenheit der Urversammlung, in welcher alle Brger vertreten sind, so ist es nicht zu verwundern, da Rousseau kein Mittel unversucht lassen wollte, um in jedem Brger ein taugliches und frderliches Mitglied des Staates zu gewinnen. Er glaubte nicht, da das wohlverstandene Interesse des einzelnen, die berzeugung, da sein Leben, sein Eigentum, seine Freiheit nur im Staate gesichert seien, gengten, um ihn unter allen Umstnden zu einem guten und zuverlssigen Staatsbrger zu machen. Rousseau glaubte fr diesen Zweck die hchste und erhabenste Sanktion unseres Handelns, den religisen Glauben, nicht entbehren zu knnen. Doch ist der Staat nicht berechtigt, die Zugehrigkeit zu einem bestimmten theologischen Lehrsystem von seinen Brgern zu verlangen, denn wie die Erfahrung zeigt, ist die Gesinnung eines guten Brgers mit der Zugehrigkeit zu allen nur denkbaren historischen Religionen wohl vertrglich. Aber es gibt drei fundamentale berzeugungen, deren Fehlen nach Rousseau auch die Zuverlssigkeit des Menschen in seinen brgerlichen Beziehungen in Frage stellt. Das Bekenntnis zum Dasein Gottes, der Fortdauer der Seele nach dem Tode und der Belohnung und Bestrafung im Jenseits mu von jedem Brger staatlich verlangt und gefordert werden. Denn ohne die berzeugung, da ein hchstes Wesen meine Handlungen kennt und richtet, ohne die berzeugung, da meine Seele auch nach dem Tode fortdauern wird und alsdann nicht mehr von allen ungerechten Taten, durch die ich in diesem irdischen Leben mir Macht und Ansehen errungen habe, einen Vorteil erwarten kann, ohne endlich die berzeugung, da mein rechtliches oder unrechtliches Verhalten in diesem Leben bestimmend fr das Schicksal meiner Seele nach dem Tode ist, kann auf eine dauernde brgerliche Gesinnung gegenber den mannigfaltigen Versuchungen, die an die Selbstsucht des Menschen herantreten, niemals mit Sicherheit gerechnet werden. In dem damals viel verhandelten Streit, ob ein Atheist ein tugendhafter Mensch sein knne, stellt sich Rousseau durchaus auf die Seite der theologischen Leugner dieser Mglichkeit. Er geht sogar so weit, da er gegen diejenigen, welche in Worten oder Taten bekunden, da sie nicht mehr auf dem Boden dieses durch den Staat geforderten Bekenntnisses stehen, die schwersten rechtlichen Strafen, ja den Tod verhngen will. Es schmeckt etwas nach Jesuitismus, wenn er sich dagegen verwahrt, da damit ein Gewissenszwang ausgebt werden solle, indem der Atheist oder der Materialist nicht wegen ihrer religisen Irrtmer, sondern wegen ihrer Eigenschaft als schlechte Brger bestraft wrden, eine subtile Distinktion, hnlich der, welche es der Inquisition zwar verbietet, das Blut der Ketzer zu vergieen, es ihr aber erlaubt, die Schuldigen der weltlichen Macht zur geflligen Verbrennung zu berweisen. Rousseau war indes weit entfernt, den Beifall der theologischen Gegner des Atheismus ohne jeden Rckhalt fr sich in Anspruch nehmen zu knnen. Denn mit derselben Entschiedenheit, mit der er die Atheisten bekmpft, sucht er auch die Unmglichkeit nachzuweisen, das Christentum zur Staatsreligion zu erheben. Ja, von allen geoffenbarten Religionen eignet sich hierzu das Christentum vielleicht am wenigsten. Gerade, weil das Christentum bestimmte religise Grundwahrheiten am eindringlichsten predigt, mu es in seinen Bekennern eine gewisse Gleichgltigkeit gegen alles Irdische, besonders gegen die Rechtsordnungen des Staates erzeugen. Der wahre Christ hat seine Augen nicht auf das Diesseits, sondern auf das Jenseits gerichtet, er braucht keine Rechtsordnung, um die ihm zugefgten Beleidigungen zu bestrafen, sondern er verzeiht das ihm zugefgte Unrecht gern und vergilt es mit Wohltaten. Er kann die Feinde der brgerlichen Ordnung nicht hassen, seine Religion befiehlt ihm, sie zu lieben und sie zu bemitleiden. Nicht aus Achtung vor dem Gesamtwillen wird er sich den Gesetzen unterwerfen, sondern er wird ihnen Folge leisten, weil der Christ dem Kaiser geben mu, was des Kaisers ist. So wird der wahre Christ zwar kein schlechter Brger sein, und deshalb hat der Staat die Verpflichtung, sein Bekenntnis zu achten, aber der wahre Brgersinn, der den Staat liebt, wird ihm fernbleiben, und daher ist das Christentum zur Staatsreligion ungeeignet. Wenn es doch den Anschein hat, als ob ein christlicher Staat mglich sei, so ist die einfache Ursache hierfr, da es sehr wenige wahre Christen gibt. Das Ideal einer staatlichen Gemeinschaft ist fr Rousseau die kleine Bauernrepublik, die durch Sitte und religise berzeugung zusammengehalten, die gemeinsamen Angelegenheiten in regelmigen Tagsatzungen ordnet. Eine annhernde Verwirklichung dieses Ideals boten ihm die kleinen Urkantone der Schweiz mit ihrem Fehlen einer hauptstdtischen Bevlkerung und ihrem zhen Festhalten an den berkommenen Rechten und Freiheiten. Gern nahm er den groen Vorteilen gegenber, welche solch ein kleines Staatswesen fr die Teilnahme jedes einzelnen am staatlichen Leben erffnet, die Nachteile in den Kauf, welche mit der Kleinheit solcher Verbnde gegeben waren, und er suchte diesen Nachteilen dadurch zu begegnen, da er die Mglichkeit fderativer Verbnde zwischen diesen kleinen Republiken ins Auge fate. Es ist zu bedauern, da er diese Gedanken, die er im _Contrat social_ nur andeutet, nicht weiter ausgefhrt hat, die sptere Bearbeitung, auf die er verweist, ist unterblieben. In der Eidgenossenschaft, sowie in den antiken Symmachien konnte er Vorbilder fr die Gestaltung dieses Gedankens finden. berhaupt sind selbstverstndlich die rechtsphilosophischen Gedanken Rousseaus nicht ohne Beobachtung und reichhaltige Benutzung historischer Staatenbildungen entstanden. Seine Schilderung der Aristokratie und ihrer Entartung weist zum groen Teil auf die Zustnde Venedigs hin, die Rousseau aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte. Seine Bewunderung fr Sparta und das republikanische Rom tritt an vielen Stellen des _Contrat social_ deutlich genug hervor, und wenn auch seine Kenntnis Spartas mehr auf den rhetorischen Schilderungen Plutarchs, denn auf Kenntnis der tatschlichen Verhltnisse beruht, so haben sie deshalb nicht weniger auf das Gefhl Rousseaus fr brgerliche Freiheit und Gleichheit gewirkt. Den grten Einflu aber hat auf Rousseau das Beispiel seiner geliebten Vaterstadt Genf gehabt. Die Verfassung dieser seiner Heimatstadt hat er grndlich studiert, sein Eingreifen in den Verfassungskonflikt, der in seiner Heimatstadt ausbrach, verdient als eine Anwendung seiner Theorien auf den konkreten Fall unsere Aufmerksamkeit. Hier in Genf war ja, wie es Rousseau schien, gerade der Fall eingetreten, den er in seinem _Contrat social_ konstruiert hatte. Eine Aristokratie, die ursprnglich ihre Amtsbefugnisse von der Gesamtheit der Brgerschaft empfangen hatte, war mit kluger Vorsicht bemht gewesen, sich allmhlich in den Vollbesitz der Macht zu setzen, und die Brgerschaft auf die Stufe von Untertanen herabzudrcken. Der Zufall wollte es, da ein besonders eklatanter Fall des eigenmchtigen Vorgehens der Regierung die Verfolgung bildete, welche sie aus Anla des Emile ber Rousseau verhngte. Es unterliegt wohl heute keinem Zweifel, da die Regierung in keiner Weise berechtigt war, ohne Rousseau zu hren, die Verbrennung seiner Schrift anzuordnen und ihm den Aufenthalt in seiner Heimatstadt zu verbieten. Da Rousseau in der Brgerschaft einen, wenn auch nicht groen, so doch eifrigen Anhang hatte, so wurde die Rechtmigkeit des Verfahrens der Regierung in Frage gezogen, und der Streit entwickelte sich bald zu einem Verfassungskonflikt, der leicht durch die Einmischung Savoyens und Frankreichs die Existenz der kleinen Republik htte gefhrden knnen. Es war nicht der ihn persnlich betreffende Ausgangspunkt des Streites, der Rousseau veranlate, mit seinen berhmten _Lettres de la Montagne_ auf dem Kampfplatz zu erscheinen. Freilich lag es ihm daran, das gegen ihn beliebte Verfahren der Regierung als ungesetzlich zu kennzeichnen, aber von vornherein kam es ihm nicht auf eine Genugtuung an, die sein privates Unrecht gutmachen sollte, sondern das ffentliche Interesse war es, das ihn bewegte. Das gute Recht der Gesamtbrgerschaft gegenber der Aristokratie wollte er hergestellt wissen, und mit einer staunenswerten Beherrschung des historischen Details suchte er die Souvernitt der Gesamtbrgerschaft nicht nur als Forderung der Vernunft, sondern auch als verfassungsmig zu Recht bestehend nachzuweisen. Ebensowenig aber, wie er in bezug auf seine eigene Unbill auf dem doktrinren Standpunkt des _fiat justitia et pereat mundus_ stand, wollte er auch in bezug auf die Verfassungsfrage die Dinge auf die Spitze treiben, und immer wieder rt er seinen Anhngern angesichts der verzweifelten Lage des Staates, jeden nur mglichen Kompromi mit der Gegenpartei einem offenen Kampfe vorzuziehen. Wahrscheinlich ist es diesem klugen und selbstlosen Verhalten Rousseaus zuzuschreiben, da durch einen Ausgleich zwischen Volk und Regierung, welcher brigens die prinzipielle Souvernitt des Volkes ausdrcklich anerkannte, der Streit beendet und dem kleinen Staatswesen seine Existenz erhalten wurde. Interessant ist es, zu sehen, wie Rousseau, den man sicher zum Teil mit Recht als den geistigen Vater der Schreckensherrschaft whrend der Revolution betrachtet, sich anllich dieses Streites ber eine gewaltsame Umwlzung zugunsten der Wiederherstellung der Volkssouvernitt ausspricht. So klar fr ihn die Rechtslage auch ist, so berzeugt er davon ist, da die Gewalt, welche sich die jetzige Regierung anmat, eine ungesetzliche ist, so ist er doch weit davon entfernt, selbst von einer glcklichen Revolution das Heil fr den Staat zu erhoffen. Auch das Blut eines einzigen Brgers wrde ein zu hoher Preis fr den Sieg des Rechtes sein. Wenn der Staatskrper noch im wesentlichen gesund ist, wenn der feste brgerliche Sinn fr Freiheit noch nicht erloschen ist, so gengen die Mittel gesetzlicher Opposition vollstndig, um die ungerechten Machthaber zum Verzicht auf ihre angemate Gewalt zu bringen. Wo aber diese Voraussetzungen nicht mehr vorhanden sind, da ntzt auch die gewaltsame Wiederherstellung des frheren Zustandes nichts, denn dieser war berechnet auf den Brgersinn der Vertragsgenossen und kann ohne ihn nur ein Scheindasein fhren. So ist es zuletzt doch die innere Freiheit des einzelnen, welche die Freiheit des staatlichen Lebens sttzt, trgt und erhlt. Noch bei zwei weiteren Gelegenheiten wurde Rousseau zur Teilnahme an praktischen politischen Fragen aufgefordert, und wenn es ihm auch nicht vergnnt war, mit seinen Vorschlgen zu einer Verfassung fr Korsika und Polen, die er auf den Wunsch patriotischer Mnner dieser Lnder unternahm, denselben Erfolg zu erzielen wie bei seinem Eingreifen in die Genfer Wirren, so zeigen doch beide Entwrfe so interessante Einzelheiten, da sie hier noch kurz erwhnt werden mgen. Der Heldenkampf der Korsen gegen ihre genuesischen Bedrcker hatte Rousseaus ganzes Interesse erregt. Die Aufforderung, die an ihn erging, fr das befreite Land eine Verfassung zu entwerfen, war ihm hchst willkommen. Denn ihre Liebe zur Freiheit, die wesentliche Voraussetzung eines Rechtsstaates, hatten die Korsen ja zur Genge bewiesen, und ihre krftigen Bauern und Hirten, das Fehlen aller groen Stdte, die Einfachheit der Lebenshaltung lieen erhoffen, da freiheitliche Institutionen, einmal eingefhrt, sich auch erhalten wrden. Ganz charakteristisch ist nun in Rousseaus Entwurf sein stetes Bemhen, das Entstehen grerer Stdte und Hafenpltze und namentlich das Aufkommen einer Hauptstadt des Landes zu verhten. Er geht hierin sogar so weit, da er den Sitz der Regierung nicht an einen bestimmten Ort festlegen, sondern nach einem festen Turnus in die verschiedenen Distrikte verlegt wissen will. Wie abschreckend fr ihn das Beispiel von Paris gewesen war, das damals wie heute alle geistigen und materiellen Krfte des Landes in sich zu zentralisieren und seine augenblicklichen Stimmungen fr das ganze Land magebend zu machen wute, das sehen wir zur Genge aus dem Eifer, mit dem Rousseau die Korsen vor einem hnlichen Schicksal zu bewahren suchte. Hchst merkwrdig ist nun auch der Entwurf einer Verfassung fr die Adelsrepublik Polen, welche den Versuch machen sollte, die dort herrschende verfassungsmige Anarchie des _liberum veto_, welche Polen an den Rand des Abgrundes gefhrt hatte, durch geordnete Zustnde zu ersetzen. Uns interessiert hier namentlich die leidenschaftliche Weise, in der Rousseau fr die Strkung und rcksichtslose Entfaltung des polnischen Nationalgefhls, ja des nationalen Hochmuts eintritt. Von frh auf soll der Knabe durch Eltern und Erzieher darauf hingewiesen werden, da es eine Ehre und ein Glck ist, als Pole geboren zu sein, und da er sich dieses Glckes als wrdig zu erweisen habe. Kunde von fremden Lndern und Vlkern soll er nur haben, um daraus zu lernen, wieviel besser und herrlicher das eigene Vaterland ist. Schon durch seine Tracht soll er sich so kenntlich wie mglich von den brigen Vlkern absondern. Vor allem aber schrft Rousseau den Polen die Liebe zu ihrer Muttersprache ein. Diese sich zu erhalten, ist die erste Pflicht eines jeden Polen; solange die nationale Sprache lebt, ist die nationale Existenz nicht zerstrt. Auf diese Ausfhrungen hinzuweisen, hat schon deshalb Interesse, weil man hufig Rousseau als reinen Kosmopoliten darzustellen liebt. Daran ist so viel richtig, da Rousseau in jedem Menschen die Anlage zur Freiheit geachtet wissen wollte, da er keine geborenen Sklaven kannte und alles, was Menschenantlitz trgt, auch mit denselben unveruerlichen Rechten ausgestattet sich dachte. Aber es war ihm unmglich, ein Gemeinwesen sich anders vorzustellen, denn auf nationaler Grundlage. Durch Sprache, durch Sitte, durch Anhnglichkeit an die heimische Scholle, durch gemeinsame Hoffnungen auf ein Jenseits sollten seine Brger geeint sein, um in den gemeinsamen Gesetzen den Ausdruck des eigenen Wollens wiederfinden zu knnen. Die Bauernrepublik, die sich frei von den Verfhrungen groer Stdte, dem Sirenengesang der Kultur, hlt, das ist der Boden, auf welchem Rousseau wie einst der greise Plato allein fr die Verwirklichung seines Ideals eine irdische Sttte finden zu knnen glaubt. Wir haben zu zeigen versucht, da Rousseau in seinem _Contrat social_ den Begriff einer neuen Wissenschaft, der Rechtsphilosophie aufgestellt hat. Die Grundstze des natrlichen Rechtes, die er aufstellt, sind nicht der rekonstruierte Rechtskodex, der in einem Naturzustand einmal gegolten hat, sie sind die Normen, an denen jedes geltende Recht gemessen werden soll, um seinen Anspruch, auch richtiges Recht zu sein, nach dem Erfolg dieser Prfung bestimmen zu knnen. Es ist ganz richtig und hngt mit dem geschichtsphilosophischen Pessimismus Rousseaus zusammen, da er glaubte, der Weg der Kultur mache die Menschen immer unfhiger dazu, diese Normen zu den wirklichen Grundlagen ihrer staatlichen Gemeinschaft zu machen. Aber fr die Rechtsphilosophie ist diese Privatmeinung Rousseaus gnzlich irrelevant. Mag sich das Menschengeschlecht dauernd in der Richtung auf das Schlechtere entwickeln, oder mag es sich zeigen, da die Kurve seiner Entwickelung eine aufsteigende ist: die Normen der Beurteilung fr das geltende Recht bleiben davon ganz unberhrt. Mit Recht hat Fester darauf hingewiesen, wie doch erst durch die Arbeit Rousseaus der entwickelungstheoretische Optimismus der deutschen Geschichtsphilosophie mglich wurde, und durch diese Umbildung konnte nun auch dies Naturrecht Rousseaus in eine neue Beleuchtung treten. Es wurden die Grundstze des Naturrechts aus Beurteilungsnormen fr das bestehende Recht zu idealen Vorbildern fr neu zu schaffendes Recht. Auch hierfr waren die Anstze schon bei Rousseau vorhanden; namentlich in seinen Verfassungsentwrfen hatte er Beispiele davon gegeben, wie man einen bestehenden historischen Gesellschaftsverband zur mglichsten Annherung an das Vernunftideal des Rechtes fhren knne. Danach stellt sich jede gesetzgeberische Ttigkeit als ein Kompromi zwischen der augenblicklichen historischen Lage und den sich ewig gleichbleibenden Forderungen der Vernunft dar. Aber eine Norm zur Beurteilung des historischen Rechtes braucht auch jeder Rechtshistoriker, der sich nicht blo darauf beschrnkt, zu registrieren, da diese oder jene Bestimmung zu dieser oder jener Zeit geltendes Recht gewesen sei; geht er dazu ber, die Entwickelung des Rechtes zu schildern, so braucht er die Beziehung auf Werte, um die Kurve dieser Entwickelung zeichnen zu knnen. Ja, es mu ihm, wenn er auf die Rechtsphilosophie Verzicht leistet, berhaupt unverstndlich sein, wie eine solche Entwickelung stattfinden konnte. Savigny, der seiner Zeit den Beruf zur Rechtsbildung absprach, htte konsequenterweise noch viel weiter gehen mssen. Er htte es unverstndlich finden mssen, wie zu irgendeiner Zeit aus schlechterem Recht besseres sich bilden konnte. Da er diese Konsequenz nicht zog, hatte seine Ursache darin, da er nicht nur Rechtshistoriker, sondern auch Rechtsphilosoph war. Fr ihn war eine einzelne unter den verschiedenen historischen Rechtsgestaltungen, das rmische Recht, zu gleicher Zeit auch das absolute und vernnftige Recht. Nach der Gestalt, welche die Begriffsbildung in diesem System erhalten hatte, ma er -- bewut oder unbewut -- die Rechtssysteme der anderen Zeiten und Vlker. Beurteilungen dieser Art kommen in jeder rechtshistorischen Untersuchung vor, und sie bleiben Beurteilungen, auch wenn sie naiv vollzogen werden. Das Verdienst Rousseaus ist es aber, hier eine echt philosophische Tat vollbracht zu haben, indem er das bisher Selbstverstndliche zum Problem machte, diese naiven Beurteilungen vor die Existenzfrage stellte und sie als berechtigt nur dann anerkennen wollte, wenn sie ihren Zusammenhang mit den letzten allgemeinsten Wertgesichtspunkten fr die Beurteilung des Rechtes berhaupt nachzuweisen in der Lage waren. Viertes Kapitel. Erziehungslehre. Fast gleichzeitig mit dem _Contrat social_ erschien Rousseaus Erziehungsroman Emile. Verschieden wie das Thema der beiden Bcher war auch ihr uerer Erfolg und die Rckwirkung, die sie auf die Gestaltung der Lebensschicksale Rousseaus hatten. Der Erfolg des _Contrat social_ blieb weit hinter dem leidenschaftlichen Interesse zurck, das die Geschichtsphilosophie erregt hatte. Er htte kein anderes Schicksal gehabt, auch wenn Rousseau den methodologischen Fehler der Vermengung historischer und normativer Gesichtspunkte vermieden htte. Die eigentliche Bedeutung des _Contrat social_ trat erst nach dem Tode des Autors hervor, als eine neue Generation heranwuchs, die gelernt hatte, die Dinge nach Rousseauschen Prinzipien zu beurteilen. Vielleicht lt es sich aus der fr den Augenblick relativ geringen Wirkung des Buches erklren, da die Verfolgung, die sich von seiten der kirchlichen und staatlichen Behrden auf Rousseau richtete, das eigentlich revolutionre Buch, den _Contrat social_ nur in zweiter Linie traf. Auch war es nicht der ganze Inhalt des Emile, welcher dieses Einschreiten der Autoritten gegen Rousseau veranlate, sondern hauptschlich war das Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars, das die Religionsphilosophie Rousseaus enthlt, die Ursache dieser Stellungnahme, in welche dann der _Contrat social_ mehr der Vollstndigkeit halber mit hineingezogen wurde. Dem Erfolg des Emile aber konnten diese Angriffe nicht schaden. In Frankreich und fast noch mehr in Deutschland wurde es mit Enthusiasmus aufgenommen. Wie mchtig es hier auf die Gemter wirkte, mag die Tatsache zeigen, da im fernen Knigsberg der pnktliche Magister Kant, in die Lektre des Buches vertieft, es verga, seinen gewohnten Nachmittagsspaziergang zu machen. Man hat es lcherlich finden wollen, da Rousseau, der als Hauslehrer keinen nennenswerten Erfolg gehabt hatte, der seine Kinder dem Findelhaus berlie, ein Buch ber Erziehung zu schreiben unternahm. Da solchen Ausstellungen eine Verwechslung von Theorie und Praxis zugrunde liegt, ist deutlich. Rousseau wute selber sehr wohl, da er zum praktischen Pdagogen nicht geboren sei, und er hat in der Schilderung der Eigenschaften, die ein wahrer Erzieher haben msse, kenntlich genug auch diejenigen hervorgehoben, von denen er wute, da sie ihm mangelten. Namentlich war es ihm sehr deutlich, da er niemals die gleichmige Ruhe und das Freisein von aller Empfindlichkeit erreichen wrde, welche er mit Recht fr eine unerlliche Eigenschaft des Pdagogen ansah. Ernster zu nehmen ist ein anderer Einwurf, der sich auf die Stellung der Gesellschaftslehre Rousseaus zu seiner Erziehungslehre bezieht. Wir haben gesehen, wie Rousseau von Anfang an die Erziehung als vom Staate geleitet und als das sicherste Mittel betrachtet, um die Zglinge zum Patriotismus zu fhren. ffentliche gemeinsame Erziehung ist die Grundvoraussetzung dafr, da aus den Knaben tchtige Brger werden. Rousseau lobt es, da in Sparta die Kinder von frh auf der privaten Erziehung und ihren Gefahren entzogen wurden. Doch im Emile sehen wir davon nichts. Emile besucht keine Schule, er wird allein erzogen; wie stimmt das zusammen? Die Antwort ist einfach die, da die lakedmonische Erziehung fr Knaben, welche in einem freien und relativ sittenreinen Gemeinwesen aufwachsen, die beste ist. Hier aber handelt es sich nicht um Lakedmon, sondern um das Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts. Hier soll gezeigt werden, ob und inwieweit es berhaupt mglich ist, eine junge Menschenblte, die unter so verzweifelten Bedingungen heranwchst, vor dem Verderben zu schtzen. Daher ist es ganz selbstverstndlich, da damit an Stelle der grten Publizitt, welche die Erziehung da haben mu, wo berwiegend gnstige Einflsse von seiten der menschlichen Umgebung die Kinder treffen werden, hier, wo die ganze gesellschaftliche Sphre voll von sittlichem und intellektuellem Peststoff ist, eine strenge Isolierung des Kindes Vorbedingung fr das Gelingen des Erziehungswerkes ist. Somit ist nicht nur die private Erziehung durchaus durch den Plan des Buches gefordert, sondern es ist damit auch gegeben, da das Erziehungswerk nicht in der Stadt sich vollziehen darf. Die Stdtefeindschaft Rousseaus tritt hier wieder einmal charakteristisch hervor. Will man einen Menschen, wie ihn Gott gewollt hat, sich bilden lassen, so darf er nicht in den schnden Steinksten heranwachsen, mit welchen die Menschen unter dem Namen der Stdte sich von der Natur ausschlieen, wo den Kindern Luft, Licht und Freiheit der Bewegung grausam verkmmert werden, wo ihre Anlagen oft im Keim vergiftet werden, noch ehe sie sich zur Blte entfaltet haben. So mu denn Emile, der als Kind vornehmer Eltern gedacht ist, auf das Land hinaus und damit ist es zugleich gegeben, da er der Obhut seiner Eltern entzogen und der Aufsicht eines Erziehers anvertraut wird, denn Rousseau findet es unmglich, einem vornehmen Ehepaar seiner Zeit zuzumuten, da es sich dauernd zugunsten der Erziehung der Kinder auf das Land exiliere und allen Freuden der Grostadt entsage. Um es verstndlich zu finden, da dies in der Tat fr den Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts eine Verbannung bedeutet haben wrde, erinnere man sich an das unglubige Entsetzen aller Pariser Freunde Rousseaus, als dieser tatschlich den ganzen Winter in seiner Eremitage in Montmorency zubringen wollte. Dieser Entschlu erschien ihnen beinahe pervers und nur durch einen schlechten Charakter oder durch Geisteszerrttung zu erklren. So sind denn also die Eltern eliminiert und der Erzieher tritt an ihre Stelle. Was die Eltern zu tun nicht in der Lage waren, von dem Erzieher darf es verlangt werden. Seine ganze Zeit, sein ganzes Leben gehrt dem Zgling, das Erziehungswerk ist sein Lebenswerk. Da er nicht um materieller Vorteile willen dies Werk bernimmt, ist selbstverstndlich. Seine Aufgabe mu ihm Selbstzweck sein, es mu ihm stets vor Augen stehen, da ihm etwas unendlich Wertvolles und Kostbares, ein Mensch, anvertraut ist, und da dieses Vertrauens sich wrdig zu erweisen, die bernommene Pflicht treulich zu erfllen, sein grter Stolz sein werde. Vor allem aber mu er die seltene Gabe haben, sich selber auszuschalten und immer das Gefhl in sich rege zu erhalten, da es einen Erzieher gibt, der selbst den liebevollsten und sorgfltigsten menschlichen Erzieher bertrifft: die Natur. Dieser Begriff der negativen Erziehung scheidet vielleicht am deutlichsten die Lehre Rousseaus von der im achtzehnten Jahrhundert allgemein befolgten Praxis, die sich namentlich in den damals einflureichen und beliebten Jesuitenschulen zu einer planmigen und andauernden Beeinflussung der Zglinge durch die Lehrer ausgebildet hatte. Hier war alle Ttigkeit in den Erzieher verlegt, die Zglinge sollten in seinen Hnden wie bildsames Wachs werden, welches mit Leichtigkeit die gewnschte Form annimmt und behlt. Es ist dies vielleicht das beste Mittel, die jungen Seelen zur Aufnahme eines herrischen und komplizierten Kultursystems fhig zu machen. Da auch unter dieser Methode groe Erfolge erzielt werden knnen, das zeigen die Beispiele Descartes und Voltaires, welche beide ihren Lehrern ein dankbares Andenken bewahrt haben. Aber dies waren nicht die Erfolge, die Rousseau fr seinen Zgling wnschte. Nicht zu einem Kulturheros wollte er seinen Emile gebildet sehen, sondern die volle Frische und Ursprnglichkeit des Naturmenschen sollte ihm nach Mglichkeit gewahrt bleiben. Daher konnte es nicht die Aufgabe des Erziehers sein, das ganze Schwergewicht einer ausgebildeten Kultur auf den Zgling wirken zu lassen, sondern vielmehr, soweit dies irgend mglich war, die Einwirkungen dieser Kultur und damit seine eigenen von Emile fernzuhalten, ihn so heranwachsen zu lassen, als ob die Menschheit den verhngnisvollen Schritt zur Kultur nicht gemacht htte. Da dies mitunter zu knstlichen Veranstaltungen und ausgeklgelten Situationen fhren mu, da Rousseau hier gelegentlich den Fehler selber begeht, den er gerade vermeiden wollte, an Stelle gegebener Situationen knstlich herbeigefhrte zu setzen und mit Emile eine Komdie zu spielen, das ist ohne weiteres zuzugeben, beweist aber nur, wie schwierig die Anwendung eines richtigen Grundsatzes in der Praxis sich gelegentlich gestaltet. Eng mit der Forderung, das Kind nicht zu frh in den Bannkreis der Kultur eintreten zu lassen, hngt eine andere zusammen, mit der Rousseau gleichfalls in einen bewuten Gegensatz zu den herrschenden Ansichten sich stellte. Denn dieses frhe Heranbringen komplizierter Kulturverhltnisse an die kaum erwachte Seele des Kindes konnte nur durch den Hinweis gerechtfertigt werden, da spter einmal der erwachsene Mensch doch mit diesen Verhltnissen zu rechnen, sich in ihnen zu bewegen haben wrde. Daher msse das Kind schon mglichst frh fr diese seine sptere Bestimmung herangebildet werden und es sei daher unumgnglich, da es schon als Kind die Fhigkeiten und Kenntnisse erwerbe, welche unsere Verhltnisse von Erwachsenen fordern. Diese Lehre sah also in dem Knaben nur den zuknftigen Mann; das Kind als solches hatte keinen Eigenwert, es war nicht Selbstzweck. Deshalb scheute sie sich nicht, dem Knaben Entbehrungen und Verzichte zuzumuten, deren Frucht erst der zum Mann Herangereifte genieen konnte. Nichts konnte Rousseau verhater sein, als diese Ansicht. Das warme Gefhl, das er fr die Anmut und Eigenart des Kindes besa, die tiefe berzeugung von dem Wert einer jeden menschlichen Seele, seine Gewohnheit, im Augenblick zu leben und den Augenblick zum Selbstzweck zu gestalten, hinderten ihn in gleicher Weise, diese verhngnisvollen Gesichtspunkte der herrschenden Erziehungslehre zu den seinigen zu machen. Es ist nicht richtig, da das Kind nur der kommende Mann ist. Es ist zuerst und vor allen Dingen Kind, und es hat das Recht auf eine Erziehung, welche diese Gegenwart bercksichtigt und sie nicht blo einer fernen, vielleicht nie erreichten Zukunft opfern will. Die Jahre, die ein Kind seiner spteren Bestimmung als Mann geopfert hat, bleiben ein Opfer unter allen Umstnden, auch wenn das Kind zum Mann heranwchst; es ist sicher niemals im eigentlichen Sinne Kind gewesen, es ist sicher um einen Teil seines Lebensglcks betrogen worden. Wie aber, wenn es dieses Ziel berhaupt nicht erreicht? Was sollen Eltern und Erzieher gegen die Anklagen ihres frh dahingeschiedenen Lieblings sagen, den sie um das Glck seiner Kindheit betrogen haben zugunsten einer Zukunft, die ihm nie beschieden war? Aber die ganze Voraussetzung berhaupt ist in Rousseaus Augen grundfalsch. Wer nie ein richtiges Kind gewesen ist, hat auch wenig Aussicht dafr, ein richtiger Mann zu werden. Es ist klgelnde Voraussicht, das Kindesalter dem Mannesalter zu opfern und, was schlimmer, gerade durch dies Opfer wird der Zweck, um dessentwillen es dargebracht war, vereitelt. Diese Forderung, als Selbstzweck betrachtet zu werden, diesen Anspruch auf eine naturgeme Behandlung erhebt das Kind bereits bei seinem Erscheinen in der Welt. Es ist die Pflicht der Mutter, das Kind, das sie geboren hat, nun auch mit der Milch, welche die Natur ihr zu diesem Zweck gab, zu ernhren. Der flammende Protest Rousseaus gegen die Ammenwirtschaft, welche damals und auch heute noch die Mtter ihrer natrlichen Pflichten zugunsten knstlicher, gesellschaftlicher Verpflichtungen entledigte, hatte einen groen Erfolg, aber dieser Erfolg zeigt deutlich, wie berechtigt das Mitrauen Rousseaus gegen die Verwirklichung seiner Reformgedanken innerhalb der jetzigen Kulturbedingungen war. Wenn die jungen Mtter nach dem Erscheinen des Emile ihren Stolz darein setzten, ihre Kinder selber zu stillen, so war dies nur lblich; wenn sie aber diese heilige Pflicht in der Pause zwischen zwei Tnzen, selber erhitzt, und in staubigen und heien Slen erfllten, so war Rousseau berechtigt, eine solche Handlungsweise nicht als eine adquate Verwirklichung seiner Plne zu betrachten. Einen erfolgreicheren Kampf hat Rousseau gegen die Gewohnheit gefhrt, die Kinder in Steckkissen einzuschnren und ihnen dadurch den freien Gebrauch ihrer Glieder nach Mglichkeit zu erschweren; die Bewegung zur Abschaffung dieser hlichen, schmutzigen und unhygienischen Sitte knpft direkt an das Erscheinen von Rousseaus Emile an. Bei dem Wort Erziehung denkt man leicht nur an die Entfaltung und Ausbildung der seelischen Anlagen des Kindes. Zwar geben wir auch die Notwendigkeit einer Erziehung des Krpers bereitwillig zu, und hierin liegt gegenber dem achtzehnten Jahrhundert ein quantitativer Fortschritt, aber noch lange nicht ist in dieser Hinsicht alles erreicht, was Rousseau fr die Erziehung des Kindes gefordert hat. Ja, diese ganze Trennung in eine Erziehung des Krpers und der Seele ist nicht nach Rousseaus Geschmack. Mgen wir aus wissenschaftlichen Grnden noch so sehr berechtigt sein, beide Gebiete voneinander zu sondern, so drfen wir darber doch niemals vergessen, da beim wirklichen Menschen Krper und Seele eine Einheit bilden, und da es ganz unmglich ist, die Seele zu bilden, ohne da die krperliche Erziehung damit Hand in Hand ginge. Ja, in der ersten Zeit wird sich das Verhltnis geradezu umkehren. Hier mu viel von krperlicher Pflege und Ausbildung der krperlichen Anlagen gesprochen werden, denn in dieser Zeit handelt es sich darum, da der gesunde Krper, die Vorbedingung fr die gesunde Seele, sich bilde, da die Anlagen, welche die Natur dem Menschen ins Leben mitgegeben, nicht durch trichte Verbildung verkmmern, oder durch ebenso trichte berhastung zur Unzeit und krankhaft entwickelt werden. So lasse man denn das Kind kriechen, solange es kriechen mag. Man mute seinen schwachen Beinen nicht zu, die Last des Krpers zu tragen, sondern man warte ruhig ab, bis das Kind von selber sich aufrichtet und geht. Auch behte man es nicht allzu ngstlich vor dem Fallen. Die Erfahrung zeigt, da die Kinder hierbei uerst selten Schaden erleiden, und wenn sich das Kind selber daran gewhnt hat, nicht zu fallen, so ist dies wertvoller, als wenn ihm eine vorsorgliche Kinderfrau jeden Fall erspart htte. Vor allem aber trete man der natrlichen Neigung des Kindes zum Spielen nicht entgegen. Alles, was das Kind in dieser Zeit zu lernen hat, ist, da es spielen lerne, und der beste Lehrmeister hierfr ist wieder das Kind selber. Da dem Kinde alles Spielzeug ist, da seine noch ungeschwchte Phantasie aus allem alles zu machen versteht, so ist es tricht, durch teure Spielsachen diese Phantasiettigkeit des Kindes eindmmen zu wollen. Das Kind hat durchaus recht, wenn ihm nach kurzer Zeit solche Dinge lstig und langweilig werden. Soviel als mglich lasse man das Kind in der freien Natur herumtoben, im Laufen, Springen bildet sich seine Kraft und sein Augenma, es bedarf keines Bilderbuches, in dem es stillesitzend herumblttern mte, sein Bilderbuch ist die Natur und sie zeigt Emile tglich tausend neue Gegenstnde. Aber sie nimmt auch immer aufs neue die Neugierde des Knaben in Anspruch, er will die Gegenstnde nicht nur sehen, er will sie auch kennen, sie benennen. Diesem Wunsch hat der Lehrer entgegenzukommen, denn er ist berechtigt und liegt in der Natur des Menschen. Durch die Sprache knpft sich das erste geistige Band zwischen dem Erzieher und Emile, aber gerade hier wird weise Vorsicht jeden Schritt des Lehrers leiten mssen. Emile darf kein Wort hren, mit dem er keine Vorstellungen verbinden kann. Wenn der Lehrer von dieser Regel abgeht, wenn er ihn daran gewhnt, unverstandene Worte zu hren und sie nachzuplappern, so wird er zum schlimmsten Feinde der jungen Seele, deren Wohl er zu frdern unternommen hatte. Nach Mglichkeit sollen alle Fragen beantwortet werden, die das Kind ber Gesehenes und Gehrtes zu stellen fr gut findet. Nichts ist hier bler angebracht als Bequemlichkeit des Lehrers, unter dem heuchlerischen Vorgeben, die Neugierde oder den Frwitz des Kindes in Schranken halten zu wollen. Daraus folgt freilich, da niemals mit dem Kinde Gesprche gefhrt werden drfen, die seine auf dieser Stufe noch ganz an das Sinnliche gebundene Auffassungsgabe prinzipiell bersteigen. Selbstverstndlich ist damit gegeben, da jede Unterweisung im Lesen und Schreiben fr diese erste Periode abgelehnt wird. Um sich in der Auenwelt zu orientieren, um ein Verhltnis zu den Dingen zu bekommen und sie kennen zu lernen, bedarf das Kind, das naturgem in der Natur aufwchst, keiner Bcher. Das Schreiben mu ihm vollends als eine ganz sinn- und zwecklose Ttigkeit erscheinen; wenn Emile sich uern will, so hat er dazu die Sprache. Ist der Mensch, mit dem er sprechen will, entfernt, so luft er zu ihm hin oder ruft ihn. Endlich um sein Gedchtnis zu strken, braucht er keine Schriftzeichen, weil sein geistiges Eigentum erlebt und angeeignet ist, und daher nicht durch knstliche Mittel erhalten zu werden braucht. Eine wichtige Rolle spielt in der herkmmlichen Pdagogik die Erziehung des Kindes zur Liebe und zum Gehorsam gegen den Erzieher. Rousseau hlt Versuche dieser Art fr nutzlos und gefhrlich. Allerdings soll schon der Knabe sich einer Gewalt gegenber fhlen, die er einfach anzuerkennen und zu respektieren hat; aber diese Gewalt soll nicht der Wille des Erziehers, sondern die Natur der Dinge sein. Denn an diese bleibt der Mensch sein ganzes Leben hindurch gebunden, es ist daher sowohl in Hinsicht auf die Gegenwart wie auf die Zukunft fr Emile von der hchsten Wichtigkeit, da er diese Grenze seines Willens so frh als mglich anerkennen lerne. Aber was fr einen Vorteil brchte es ihm, wenn er lernen wrde, den fr ihn unverstndlichen Geboten seines Erziehers blind zu gehorchen? So mu denn auch hier der Erzieher alles daransetzen, eine negative Erziehung walten zu lassen. Er mu selbst nach Mglichkeit aus dem Spiel bleiben und den natrlichen Verlauf der Dinge die Rolle des Erziehers bernehmen lassen. Es ntzt gar nichts, dem Kinde Nschereien zu verbieten; man wird es dadurch sicher nur gierig, vielleicht zum Diebe machen. Aber wenn die durch Unmigkeit verursachten Folgen eintreten, welche bei einem gesunden Kinde niemals lebensgefhrlich sein werden, so lasse man dem kleinen Patienten keinen Zweifel darber, da es seine eigenen Handlungen gewesen sind, welche sein belbefinden, die bittere Medizin, die Langeweile des Krankenlagers mit Notwendigkeit hervorgebracht haben. Und so sorge der Erzieher dafr, da mglichst immer die Natur und nicht er als der strafende Lehrmeister auftrete. Ebenso sinnlos ist es, das Kind zur Liebe und zur Verehrung erziehen zu wollen. Wir haben gesehen, wie Rousseau den Selbsterhaltungstrieb als das einzige seelische Motiv fr die Handlungen des Naturmenschen ansieht, und die sozialen Gefhle erst auf einer spteren Stufe der Entwickelung hervortreten lt. Der moderne Gedanke der Wiederholung der Phylogenese in der Ontogenese ist, obwohl mehr angedeutet als formuliert, fr Rousseaus Ansicht von der Entwickelung der geistigen Fhigkeiten im Kinde bestimmend gewesen. Es unterliegt fr ihn keinem Zweifel, da die Eigenliebe auch beim Kinde das einzige Motiv des Handelns sein kann, und da alle die Regungen der Sympathie und der Liebe, die man bei Kindern dieses Alters antrifft, Kunstprodukte sind, welche der natrlichen Entwickelung voraneilend das Seelenleben des Kindes nur flschen und verderben knnen. Im besten Falle wird es sich hier um unverstandene Nachahmung dessen handeln, was die Erzieher von dem Kinde gefordert haben; im schlimmeren, aber weitaus hufigeren, ist das zrtliche Kind ein bewuter kleiner Heuchler, der durch die uerungen seiner Zuneigung Vergnstigungen von seiten der Erzieher, die nicht zu ertrotzen sind, zu erschmeicheln versucht. Hiergegen mu vor allem der Erzieher auf der Hut sein. Wir haben gesehen, da er mit Befehlen und Verboten sparsam sein soll. Hat er aber einmal seinen Willen ausgesprochen, so mu Emile wissen, da es sich um eine unabnderliche Sache handelt; wenn irgend mglich, wird allerdings der Erzieher ihm die Grnde, auf die sich sein Gebot sttzt, einleuchtend machen, aber sollte dies einmal wegen der natrlichen Grenzen der kindlichen Fassungskraft nicht mglich sein, so wird Emile sich auch bei diesen seltenen Ausnahmen nicht auf Schmeicheln oder Bitten legen; er wird sich nicht sagen: dies darf ich nicht, sondern: dies ist unmglich. Vollends aber soll sich der Erzieher davor hten, die gttliche Autoritt zur Verstrkung der eigenen herbeizurufen. Denn auf dieser Stufe darf das Kind berhaupt noch nichts von Gott und von heiligen Dingen erfahren; es darf nicht dazu angehalten werden, Gebete an Gott zu richten; es darf dem ffentlichen Gottesdienst nicht beiwohnen. Wenn es nmlich notwendig ist, da das Kind keine Worte braucht, fr die es Vorstellungen nicht besitzt, so ist damit gesagt, da auf dieser sinnlichen Stufe seiner Entwickelung das Wort Gott schlechterdings keine Bedeutung fr das Kind zu haben vermag. Ein Gebet, das es in diesem Alter lernt, wird im gnstigen Fall mechanisch hingeplappert, woraus dann dem Kinde die ble Gewohnheit entsteht, unverstandene Worte auszustoen; im schlimmeren Falle bildet das Kind sich Vorstellungen, die den Worten entsprechen sollen, und die natrlich gem der geistigen Unreife in diesem Stadium der Entwickelung durchaus sinnlich, unangemessen und grotesk sind. Diese Vorstellungen aber prgen sich der weichen Seele des Kindes fast unauslschlich ein, und sie verhindern die Bildung wahrer und wrdiger Begriffe von Gott und seinen Eigenschaften, die im natrlichen Verlauf der Entwickelung sich wie von selbst einstellen wrden, mitunter so erfolgreich, da viele Menschen ihr ganzes Leben hindurch bei dem trichten Kinderaberglauben stehen bleiben, zu welchem liebende Eltern und Erzieher sie durch ihren frommen Eifer fast mit Notwendigkeit gefhrt haben. So werden sich in dieser Zeit die Beziehungen Emiles zu seinen Nebenmenschen ganz auf dem Boden der Interessengemeinschaft bewegen. Der Erzieher wird ihm gegenber keine unverstandene oder gar auf gttlicher Einsetzung beruhende Autoritt beanspruchen, sondern Emile wird in ihm den strkeren und geschickteren Gefhrten seiner Spiele, den weisen Erklrer und Deuter der Dinge der Natur erblicken und wird sich daran gewhnen, seinem Rat zu folgen, weil ihm die Erfahrung gezeigt hat, da er im anderen Fall durch den Lauf der Dinge Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu erwarten hat. Fr den Verkehr mit den Dienstboten wird der Erzieher darauf sehen mssen, da alle Unterwrfigkeit von der einen, Hochmut und Herrenbewutsein von der anderen Seite fortfllt. Emile mu dazu gebracht werden, die Leistungen der Dienstboten als Gunstbezeigungen anzusehen, die er seinerseits durch Gewhrung kleiner Gegendienste hervorzurufen oder zu vergelten hat. Die Dienstboten mssen dazu angewiesen werden, die Leistungen, die in einem herrischen oder unfreundlichen Ton von Emile verlangt werden, zu verweigern und ihn gelegentlich zu kleinen Hilfeleistungen fr ihr eigenes Wohlsein heranzuziehen, und wenn er diese versagt, ihre eigenen Dienstleistungen einzustellen. Dadurch wird schon frh in dem Knaben eine lebendige Vorstellung von der Gegenseitigkeit der menschlichen Beziehungen erweckt; es wird ihm als selbstverstndlich erscheinen, die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen, aber als ebenso selbstverstndlich, seine eigenen Dienste ihnen zur Verfgung zu stellen, um sich dadurch fr knftige Flle ihres Wohlwollens zu versichern. So finden wir denn Emile am Schlusse dieser Epoche im Vollbesitz seiner krperlichen Fhigkeiten. Ist er vielleicht auch nicht so stark, wie mancher seiner buerlichen Spielgefhrten, so bertrifft er sie an krperlicher Gewandtheit. Im Laufen, Springen, Schwimmen ist er unermdlich, sein Auge ist scharf und sicher, sein Gehr gut ausgebildet, seine Gesundheit vortrefflich und befhigt, Entbehrungen ohne Schaden zu ertragen. Er wei in der lebendigen und toten Natur Bescheid, kennt die Stimmen der Vgel und findet die Standorte der Pflanzen. Den Menschen gegenber gibt er sich frisch und unbefangen, ohne Unterwrfigkeit und ohne Stolz, Hflichkeit ist ihm fremd, aber ebenso fern ist ihm geziertes Wesen. Wenn er viele Dinge nicht wei, die Kinder hherer Stnde in seinem Alter bereits zu kennen und zu wissen vorgeben, so ist er ihnen doch weitaus an Selbstndigkeit des Urteils, grndlicher Beherrschung des ihm zugnglichen Wissens und Anschaulichkeit im Sprechen und Denken berlegen. Das, was ihm fehlt, wird er mit leichter Mhe nachholen knnen; das, was er vor seinen Alters- und Standesgenossen voraus hat, wird ihn auf immer zu seinem Vorteil von ihnen unterscheiden; sein grter Vorzug aber besteht darin, da er das gewesen ist und ist, was alle Kinder sein sollten, und was die Unnatur unserer Verhltnisse nur ganz wenigen zu sein gestattet: ein wirkliches Kind. Whrend in der ersten Zeit die Beziehung des Knaben zur Natur die Aufmerksamkeit des Lehrers vor allen Dingen in Anspruch nehmen mute, treten nunmehr ungefhr mit dem Eintritt in das 12. Jahr die menschlichen Verhltnisse in den Vordergrund; sie soll jetzt Emile kennen und verstehen lernen. Zwar mit dem Grtner, dem Bedienten und dem Erzieher selber hatte ihn ja bereits frher jeder Tag zusammengefhrt; er hatte ein festes Verhltnis zu ihnen gewonnen, aber seine eigentlichen Interessen waren, wie wir gesehen, ganz auf die Natur gerichtet gewesen. Jetzt gilt es, ihm Verstndnis fr die mannigfachen Hantierungen der Menschen beizubringen; ihn einsehen zu lehren, welch einen Zweck und welche Bedeutung fr das Zusammenleben der Menschen diese Verrichtungen haben, und vor allen Dingen den geschickten Knaben daran zu gewhnen, die im Verkehr mit der Natur ausgebildeten krperlichen Fertigkeiten in den Dienst einer ntzlichen Ttigkeit zu stellen. Die Entscheidung ber den Wert der einzelnen Handwerke soll der Knabe ganz selbstndig und nach eigenem Ermessen treffen. Was der Maurer, der Schreiner, der Glaser bedeuten, wird ihm ohne weiteres einleuchten, und wenn er von seinem kindlichen Standpunkt aus den Pastetenbcker fr einen uerst wichtigen und verehrungswrdigen Mann hlt, so wird das weiter nichts schaden; ebensowenig auch, wenn er den Nutzen und damit die Existenzberechtigung des Perckenmachers gering anschlgt und auch fr die Ttigkeit des Goldschmieds wenig Verstndnis zeigt. Bei den Besuchen, welche den einzelnen Handwerkern gemacht werden, indem er sie bei der Arbeit beobachtet, gewinnt Emile eine auf Anschauung beruhende Kenntnis ihrer Ttigkeit, und was das wichtigste ist, er lernt selber mit angreifen, er bekommt das Verhltnis zum Material, das den meisten Gebildeten vllig abgeht, und aus dessen Mangel all die schiefen und unklaren Vorstellungen ber die Ttigkeit des Handwerkers, die dumme Verachtung der Handarbeit, welche in diesen Kreisen so hufig ist, sich genugsam erklrt. Ja, Rousseau geht noch einen Schritt weiter; sein Zgling soll nicht nur gesehen haben, wie gearbeitet wird, er soll nicht nur eine Kenntnis der Handfertigkeiten haben, welche dabei ntig sind, sondern es ist unumgnglich ntig, da er =ein= Handwerk von Grund aus erlernt und es so ausben kann, da jeder Meister sich freuen wrde, ihn als Arbeiter beschftigen zu knnen. Nur das Bewutsein, im Besitz eines erlernten Handwerkes zu sein, gibt dem Menschen allen Wechselfllen des Lebens gegenber Sicherheit und Ruhe. Der Reichtum kann verschwinden, die bevorrechtete Stellung abgeschafft werden, der Grundbesitz von dem Gutsherrn an die Bauern zurckgefordert werden, tchtige Handwerker wird die menschliche Gesellschaft immer brauchen. Es ist leicht erklrlich, weshalb Emile sich fr das Handwerk des Tischlers entscheidet. Den Anforderungen an krperliche Kraft, die hier verlangt werden, sind seine elastischen Glieder gewachsen, sie werden gebt ohne erschlafft zu werden; das gute und sichere Augenma, das er sich erworben hat, findet hier seine Verwendung; die Exaktheit der Arbeit, die Nettigkeit und Ntzlichkeit der Gegenstnde, welche sie hervorbringt, entzcken ihn, und so zhlt er bald zu den besten und fleiigsten Gehilfen seines Meisters. Natrlich liegt es aber nicht im Plan der Erziehung, Emile zum Tischler zu machen, nur eine bestimmte Zeit in der Woche ist diesem Teil seiner Ausbildung vorbehalten. Er soll sich weiter in Wald und Feld tummeln, im Garten arbeiten, aber er soll jetzt auch, wo er Kenntnis von dem gesellschaftlichen Getriebe erhalten hat, mit den wichtigsten Mitteln fr den sozialen Zusammenhang bekannt gemacht werden: Lesen- und Schreibenlernen wird ihm nunmehr als ein notwendiger Vorzug erscheinen, nicht mehr als die unverstndliche Qulerei, zu welcher die gewhnliche Erziehung sie den Kindern macht. Charakteristisch fr Rousseaus Stellung zu Bchern und Bchergelehrsamkeit sind die pathetischen Worte, mit denen er nochmals darauf aufmerksam macht, da die Fertigkeit des Lesens leicht zu einem Danaergeschenk fr Emile werden kann, wenn nicht hier mit aller erdenklichen Vorsicht vorgegangen wird. Auf lange Zeit hinaus soll nur =ein= Buch die ganze Bibliothek des Knaben bilden, und auf dies Buch an dieser bedeutsamen Stelle nachdrcklichst aufmerksam gemacht zu haben, ist eins der grten Verdienste, die sich selbst ein Rousseau fr das Wohl der heranwachsenden Jugend erwerben konnte, es ist der unsterbliche Robinson Crusoe Defoes, der bis zum heutigen Tage das Entzcken eines jeden richtigen Kindes bildet. Der Robinson und Gullivers Reisen bieten vielleicht die besten Beispiele dafr, da die besten Kinderbcher die sind, die ursprnglich nicht fr die Kinder geschrieben sind. Das pdagogisch Gefhrliche, das in der affektierten Naivitt und Kindlichkeit so vieler Kinderbcher liegt, und das in der damaligen Kinderliteratur noch viel schreckhafter hervortrat, als in der unsrigen, die doch schon durch Robinson viel gelernt hat, das alles hatte Rousseau richtig herausgefhlt. Aber es waren noch andere Vorzge, die ihm den Robinson teuer und wert machen muten. Hier war ja das geschildert, wonach er sich stets gesehnt, hier war der Mensch zurckversetzt in seine ursprngliche Einsamkeit, nur von den Wundern der Natur umgeben, und hier sehen wir den Menschen aus eigener Kraft durch seiner klugen Hnde Arbeit ein Leben gestalten, das unendlich viel reiner und gesnder ist, als das Leben des Kulturmenschen. Rousseau empfand, da gerade in der Jugend eine Neigung, zu solchen einfachen und ungeknstelten Verhltnissen zurckzukehren, noch lebendig ist. Es war ihm darum zu tun, durch die Lektre des Robinson diese Stimmung der Seele, die bei den meisten Kulturmenschen bald bertubt und gettet zu werden pflegt, zu einem dauernden Grundgefhl des Lebens zu gestalten, welches auch den zum Mann Herangereiften gegen alle Versuchung, in den verschlungenen Pfaden der Kultur sich zu verirren, feit und schirmt. Denn daran ist allerdings kein Zweifel, da gerade, weil der Robinson auf lange Zeit hinaus die einzige Lektre des Knaben bleiben soll, eine Wirkung von ihm ausgehen mu, welche alle weiteren Bcher, die der Heranwachsende spter kennen lernen wird, niemals erreicht werden. Emile tritt nun in die dritte Phase seiner Entwickelung ein, die wichtigste, die fr sein ganzes spteres Leben entscheidend wird, und die seinen Erzieher vor die schwierigsten Aufgaben stellt, es ist die Zeit der beginnenden Geschlechtsreife. Whrend die Aufgabe des Erziehers in den frheren Stadien darin bestand, mit bewuten Eingriffen in die Entwickelung seines Zglings mglichst sparsam zu sein, und im wesentlichen die Natur frei gewhren zu lassen, mu er hier zum erstenmal eine natrliche Entwickelung nicht befrdern, sondern sie in klugen Grenzen verlangsamen und verzgern. Aber auch hierzu hat ihm die Natur selber die Hilfsmittel an die Hand gegeben. Der beginnende Jngling wei ja noch gar nicht, was das unbestimmte Sehnen und Drngen, das ihn erfllt, eigentlich bedeutet. Es gilt, ihn seinen unbestimmten Trumereien nicht zu berlassen. Die Gewohnheit, in dem Erzieher zugleich den Freund zu sehen, wird ihn die Gesellschaft des Lehrers noch hufiger aufsuchen heien als bisher; durch starke krperliche Arbeit und Ttigkeit, die in dieser Periode ohne Schaden bis fast zur Erschpfung gehen kann, wird die krperliche Energie in Anspruch genommen und in gesunder Weise befriedigt. Aber unendlich viel wichtiger als die krperlichen Vernderungen ist die geistige Revolution, die sich in Emile vollzieht. Sieht man die Seele als die Kraft an, die sich den Krper bildet, so wird man nicht umhin knnen, die Geschlechtsliebe aus einer ursprnglich in der Seele angelegten allgemeinen Sympathie abzuleiten. Wir haben gesehen, da Rousseau diese Lehre fr falsch hlt. Jeder Fortschritt auf seelischem Gebiet hat bestimmte krperliche Voraussetzungen. Ihn herbeifhren zu wollen, bevor diese krperlichen Voraussetzungen vorhanden sind, heit die normale Entwickelung verknsteln und unmglich machen. So hatte denn auch Rousseau darauf verzichtet, dem Kind eine Scheinsympathie und Scheinliebe zu den Menschen seiner Umgebung anzuzchten, fr welche die krperliche Entwickelung keinerlei Grundlagen bot. Diese Grundlage nun glaubt Rousseau in dem unbestimmt erwachenden Geschlechtstrieb gegeben. Er ist es, der den werdenden Jngling ber sich selber hinausweist, der ihn ergnzungsbedrftig und sehnschtig nach der Liebe anderer macht; die leiseste Liebkosung, deren Wert er frher gar nicht verstanden htte, macht nun sein ganzes Wesen erzittern; sein Herz ist weit geffnet, da die Liebe zur Menschheit darin einziehen kann. Jetzt gilt es, ihn auf die tausend Bande aufmerksam zu machen, welche die Menschen aneinander schlieen, jetzt kann er den Schritt von der Natur zur Geschichte hinber wagen, nun wird die Lektre nicht mehr das sein, was sie fr die meisten Menschen ist: ein trichter Zeitvertreib, eine Ausfllung leerer Stunden, sondern die groen Mnner, von denen ihm die Bcher der Geschichte Kunde geben, werden zu gleicher Zeit seine Freunde und seine Vorbilder; nun wei er, was es heit, fr die heilige Sache der Menschheit kmpfen und leiden, und die Brust schwellt sich ihm bei dem Gedanken, da diese Mnner auch fr ihn gelebt, auch fr ihn gelitten haben. Aber nicht nur sein Gefhl bildet sich aus; auch das Denken erhlt in dieser Zeit seinen krnenden Abschlu. Das unbestimmte Sehnen und Drngen, das die Seele erfllt, reit sie in mchtigem Zuge ber alles Gegebene hinweg; ernst und feierlich tritt die Frage nach dem letzten Grunde der sinnlich gegebenen Wirklichkeit vor die Seele des Jnglings; seine Sehnsucht nach Gte und Liebe kann sich nur beruhigen in dem Gedanken einer allgtigen und liebenden letzten Ursache fr die vertraute Welt, die ihm einst so weit erschien und nun so eng geworden ist. Jetzt mgen die Worte: Gott, Gebet, Religion, die vor dieser Zeit fr ihn eben nur Worte hatten sein knnen, und die deshalb vor ihm nicht ausgesprochen werden durften, an sein Ohr klingen, an seine Seele pochen; sie werden Einla finden, denn sie sind nur der Ausdruck dessen, wonach die Seele selber sich sehnte. Wie die Geschichte, wenn Emile sie in dieser Zeit kennen lernt, nicht der tote Inbegriff von Namen und Zahlen ist, welcher sie mit Notwendigkeit sein mu, wenn sie in einem frheren Alter dem unreifen Verstande des Kindes aufgepfropft wird, so wird er jetzt seine Vorstellungen von Gott und gttlichen Dingen frei von dem mechanischen Nachplappern, frei von den kindischen Anthropomorphismen halten knnen, in die er frher fast unvermeidlich verfallen wre. So gilt es auch hier, die krperlichen Vorbedingungen abzuwarten und aus ihnen dann die geistigen Werte zu entwickeln, fr die sie die gesunde Grundlage abgeben sollen. Aber wo es sich um den hchsten Gewinn handelt, ist auch die hchste Gefahr vorhanden. Gibt der Jngling ohne feste Leitung den in ihm grenden Trieben nach, so ist trotz aller Mhe, die frher auf seine Erziehung verwendet sein mag, sein Leben verloren. Alle edlen Anlagen, zu welchen der Naturtrieb die Vorbedingung htte werden knnen, verdorren in der Glut des Genusses, und trotz aller reichen Hoffnungen, zu denen er frher Anla gab, wird der Jngling der Sklave seiner Sinne bleiben, zu dem ihn die eigene Leidenschaftlichkeit und die Unachtsamkeit oder Ruchlosigkeit seiner Umgebung gemacht haben. Emile ist nun reif, das Getriebe der Welt kennen zu lernen, um spter selber handelnd und ttig darin eingreifen zu knnen. Ihn, den Freund der Natur und der groen Mnner der Geschichte werden die Versuchungen der Welt nicht mit sich fortreien oder ihn zum zynischen Menschenverchter machen knnen. Aber es fehlt noch der wichtigste Talisman, ohne welchen kein Jngling aus der reinen Natur in die vergiftete Luft der Stdte treten sollte, die tiefe und starke Liebe zu einem guten Mdchen, welche ihn gegen alle Versuchungen der Sinnlichkeit unempfnglich macht. Es handelt sich um die Wahl einer Lebensgefhrtin fr Emile, eine Wahl, die er aus eigener freier Neigung treffen mu, und die doch allen Ansprchen gengt, die ein kluger, einsichtsvoller Berater stellen knnte. Rousseau hat auch hierfr Sorge getragen. In einiger Entfernung von dem lndlichen Aufenthalt Emiles wchst unter der Obhut liebender Eltern ein Mdchen heran, das geistig und krperlich die beste Lebensgefhrtin zu werden verspricht. Lehrer und Zgling brechen nunmehr zu einer Fuwanderung auf, deren Endziel der Landsitz dieser prstabilierten Sophie, wie sie Hettner boshaft nennt, bilden soll, und deren Zweck es ist, die freinander bestimmten jungen Leute miteinander bekannt zu machen, und das, was die Vernunft gewnscht, durch die Liebe zu vollenden. Die Beschreibung dieser Fuwanderung, das Zusammentreffen Emiles mit Sophie, das Erwachen der Liebe in beiden, das ist alles so einfach und so schn geschildert, da jeder Versuch der Wiedererzhlung daran scheitern mu; das mu man bei Rousseau selbst nachlesen. Besonders mchte ich auf die Szene aufmerksam machen, wo Sophie ihren Geliebten in der Schreinerwerksttte aufsucht, um ihn sich fr den Tag zu erbitten, und Emile trauernd sich den eigenen und den Wunsch der Geliebten mit Rcksicht auf die bernommene Arbeit versagt. Die festliche Verlobung beendet das Idyll und auch das Zusammensein der Liebenden, denn der Erziehungsplan fordert fr Emile noch einen lngeren Aufenthalt auf Reisen, die er nunmehr unternehmen kann, ohne die Gefahren frchten zu mssen, welche die groe Tour fr Jnglinge seines Standes mit sich zu bringen pflegt. Eine Anzahl feiner Bemerkungen Rousseaus ber die richtige Art zu reisen, knnen wir hier billig bergehen. Zum Mann entwickelt, fhig nun selber Vorstand eines Hauswesens zu sein, als Gestaltender einzugreifen in das Triebwerk des Lebens, kehrt Emile zu seiner Sophie zurck. In einer ernsten, an alles Gute in Emile sich wendenden Rede ber die Pflichten, die ihm das neue Leben bringen wird, schliet sein Erzieher das Werk ab, dem er so viele Jahre des eigenen Lebens gewidmet hat. Mit einigen Worten mu noch Rousseaus Ansicht ber die Erziehung des weiblichen Geschlechts berhrt werden, weil er hier zum Teil im Vergleich mit der Knabenerziehung ganz entgegengesetzte Ratschlge gibt. Sie alle aber lassen sich von einem Punkte aus leicht bersehen und sind von hier aus verstndlich und vernnftig. Der Knabe soll zum Menschen erzogen Werden, das Mdchen zur Gattin und Mutter. Auch glaubt Rousseau nicht damit seinen Grundsatz zu verletzen, nach welchem jedes Lebensjahr des Kindes als Selbstzweck betrachtet werden mu und nicht nur in Beziehung auf das sptere Leben gewertet werden darf. Denn die Natur selber hat, wie er glaubt, in dem Mdchen schon von frh an diese sptere Bestimmung psychisch angelegt und sie selbst strebt danach, sie zu verwirklichen. Man wrde wider die Natur handeln, wenn man das Mdchen in eine Erziehung hineinpressen wollte, die fr den Knaben die naturgeme ist. So sehen wir denn bei dem Mdchen vom frhen Kindesalter an einen Trieb, sich zu schmcken und zu gefallen, der dem naturgem sich entwickelnden Knaben vollstndig fremd ist, der aber von vornherein darauf deutet, da das Mdchen nicht dazu bestimmt ist, dereinst den Mittelpunkt seines Lebens in sich selber zu finden, sondern ihn in dem Verhltnis zu anderen Menschen zu suchen haben wird. Zrtlichkeit ist ebenso der Grundzug der Seele beim Mdchen, wie die Selbstliebe beim Knaben; und der Erzieher hat hier nur ebenso darauf zu achten, da diese Zrtlichkeit nicht zur unterschiedslosen Selbsthingabe fhre, wie bei dem Knaben die Ausartung der Selbstliebe in Egoismus verhtet werden mute. Daraus folgt nun aber, da auch die ganze Art der Erziehung bis in die kleinsten Einzelheiten hinein nach dem Geschlecht des Kindes eine verschiedene sein mu. Freilich die Pflege und Abhrtung des Krpers ist ein gemeinsamer Zweck der Mdchen- wie der Knabenerziehung, und Sophie kann, wenn auch erfolglos, den Geliebten zum Wettlauf herausfordern. Aber schon in den Spielen wird sich ein merklicher Unterschied zeigen: der Knabe durchstreift Garten und Wald, das Mdchen bleibt im Zimmer und ist die Mutter ihrer Puppe. Wir haben gesehen, mit welchem Eifer Rousseau darauf dringt, da fr Emile niemals der bloe Wille des Erziehers bestimmend fr sein Tun und Lassen sei; bei dem Mdchen liegt die Sache anders. Das ganze Glck des Weibes wird dereinst von dem Willen eines anderen Menschen, ihres Gatten, abhngig sein, und so ist es gut, da schon das Kind sich gewhne, dem Willen eines geliebten Menschen sich unterzuordnen, auch wo es die Bestimmungsgrnde dieses Willens nicht kennt oder nicht zu begreifen vermag. Wenn ferner die erste Regel fr den Erzieher Emiles war, von einem einmal gegebenen Befehl sich nichts abschmeicheln zu lassen, so kann bei der Erziehung des Mdchens llicher verfahren werden. Ist doch die Waffe der Frau dem Herrenwillen des Mannes gegenber immer Schmeichelei und weibliche Anmut gewesen; sie erreicht durch ihre Bitten und ihre Trnen mehr, als der Mann durch seine Strke und sein Recht fr sich durchsetzen kann. Ein flehender Mann ist ebenso naturwidrig wie eine streitbare Frau. Daher wre es verfehlt, wenn man dem Mdchen den Gebrauch dieser natrlichen Waffen ganz entziehen wrde. Man lasse sich gelegentlich etwas abschmeicheln, man erbarme sich der Trnen der kleinen Snderin und verzeihe ihr; man wird belohnt werden durch die Freude des Kindes ber seinen echt weiblichen Erfolg. Da bei so verschiedener Erziehung das Verhltnis beider Gatten in der Ehe nicht das der Kameradschaftlichkeit sein kann, ist ganz selbstverstndlich. Unselbstndig wie nach Rousseau das Mdchen von Natur ist, ist es auch in der naturgemen Erziehung, die ihm Rousseau zudenkt, geblieben. Aus der Hand der Eltern geht die Jungfrau, ein reizendes, liebliches Wesen, zum Glck bestimmt und beglckend, in die des Gatten ber. Und ebenso wie der Wille der Eltern fr sie hchstes Gesetz war, soll es nunmehr der Wille des Gatten sein. Ihre Bestimmung ist, =ihm= eine treue, liebende Gattin, =seinem= Hause eine umsichtige Vorsteherin, =seinen= Kindern eine liebende Mutter zu sein. Rousseau dachte hoch von der Heiligkeit der Ehe; in nichts sah er deutlicher die Entartung menschlicher Verhltnisse durch die Kultur, als in der Herabwrdigung und Zersetzung der ehelichen Verhltnisse in der guten franzsischen Gesellschaft. Aber als wesentlich fr den Bestand einer guten Ehe galt ihm immer das Bestimmungsrecht des Mannes, die Unterordnung der Frau. Und wenn ihm auch gelegentlich, wie wir sehen werden, ein Zweifel aufsteigen mochte, ob dieses naturgeme Verhltnis innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung noch das wahre Glck beider Gatten verbrgen knne, so haben solche gelegentlichen Anwandlungen ihn nie zu einer Revision seiner Stze ber das natrliche Verhltnis beider Geschlechter gefhrt. Das strkste Zeugnis fr die Wirkung, die vom Emile ausgegangen ist, liegt in der Tatsache, da sehr viele der Ansichten, die hier mit groer Emphase vorgetragen werden, fr uns heute ganz selbstverstndlich erscheinen. Rousseau scheint uns hier dauernd offene Tren einzurennen. Es gehrt einige Kenntnis der Geschichte der Pdagogik dazu, um sich darber klar zu werden, da diese Tren zu Rousseaus Zeiten eben nicht offen waren, sondern durch seine Arbeit erst geffnet oder besser durch die Mauern einer verknstelten Pdagogik gebrochen werden muten. Die bahnbrechende Kraft Rousseaus erscheint vielleicht nirgends grer, als wenn wir die Wirkung abschtzen, welche der Emile auf die Folgezeit ausgebt hat. Die ganze gewaltige Bewegung, die alsbald namentlich in Deutschland einsetzt, kann man als eine Reihe von Versuchen bezeichnen, wie weit die Vorschlge Rousseaus in die Praxis bersetzt werden knnen, und namentlich, inwieweit es mglich sei, von der Einzelerziehung, wie sie Rousseau schildert, zur gemeinsamen Erziehung, wie sie die Praxis fordert, berzugehen, ohne den wesentlichen Gehalt der Lehren Rousseaus aufzugeben. Von den ersten unvollkommenen und hufig bizarren Versuchen, die auf einem prinzipienlosen Nachbeten Rousseauscher Lehrstze beruhten, bis zu den durchdachten und von genauester Sachkenntnis geleiteten Arbeiten eines Salzmann, Pestalozzi und Frbel, immer finden wir als fast selbstverstndlichen Ausgangspunkt den Emile; seine Ansichten werden unausgesetzt bekmpft oder angenommen, die ganze Diskussion ist an ihm orientiert. Und wenn wir bedenken, wieviel glcklicher und naturgemer sich die Kinderjahre von Tausenden und Abertausenden heranwachsender junger Menschenkinder unter dem Einflu dieses einen Buches gestaltet haben, so mu man sagen, da das schwere Unrecht, das Rousseau durch sein pflichtwidriges Verhalten gegenber seinen eigenen Kindern auf sich geladen hat, soweit dies berhaupt mglich, geshnt worden ist durch die Wohltaten, die er Generationen auf Generationen fremder Kinder erwiesen hat und bis zum heutigen Tage erweist. Fnftes Kapitel. Die _Nouvelle Hlose_. Rousseau hat einmal daran gedacht, seinem Emile eine Fortsetzung zu geben, in welcher das eheliche Leben Emiles und Sophiens geschildert werden sollte. Es ist ein Glck, da er diesen Plan nicht ausgefhrt hat, denn die uns erhaltenen Bruchstcke zeigen deutlich genug, da uns hier der Bankerott all der schnen Hoffnungen gezeigt worden wre, mit denen der Erzieher Emile entlt und der Leser das Buch aus den Hnden legt. Namentlich wren aber die eigenen Lehren Rousseaus ber Erziehung des weiblichen Geschlechts glnzend _ad absurdum_ gefhrt worden. Nach einem kurzen glcklichen Aufenthalt auf dem Lande begibt sich das junge Paar nach der Stadt; mannigfache neue Anregungen machen es Emile unmglich, sich so wie frher Sophien zu widmen. Sophie fhlt, da sie den bisherigen Mittelpunkt ihres Lebens verloren hat; sie ist gelangweilt, unglcklich, und sinkt in dieser Stimmung als leichte Beute einem gewissenlosen Verfhrer in die Arme. Emile trennt sich von ihr, beginnt ein Wanderleben, und findet nach langen Irrfahrten an einsamer Sttte die bereuende Gattin wieder, um nun fern von den Menschen mit ihr den Rest des Lebens zu verbringen. Das ist nicht eine Schilderung des modernen Menschen in seinen Beziehungen zu Welt und Leben, sondern es klingt fast wie eine Satire auf das ganze mhselige Erziehungswerk, das Emile dazu gefhrt hat, seinen Platz im Leben so wenig befriedigend auszufllen. Aber Rousseau konnte mit um so besserem Recht diese Fortsetzung Fragment bleiben lassen, als er bereits frher in der _Nouvelle Hlose_ das Buch geschrieben hatte, in dem diese Probleme so eindringlich behandelt worden waren, da ihm Neues hierber zu sagen unmglich war. Die Ansicht der Romantiker, da in jedem Menschen ein und nur ein Roman angelegt sei, trifft auf Rousseau vollstndig zu; deshalb mute der Versuch, dem Emile eine Fortsetzung zu geben, scheitern; den Roman des Lebens hatte Rousseau geschrieben, bevor er an den Roman der Erziehung dachte; denn noch einmal, die _Confessions_ wollen kein Roman sein, sondern die wirkliche Geschichte seines Lebens geben, sie wollen Wahrheit, nicht Dichtung sein. Es fehlt viel daran, da Rousseau das Technische dieses Buches, welches dazu bestimmt war, die Kunstform des modernen Romans zu schaffen, ohne Vorbilder und Muster ausgebildet htte. Freilich, wer nach dem Titel gehen wrde und auf die Briefe der Hlose an Ablard zurckgriffe, auch in der Umdichtung, welche Pope ihnen gegeben hatte, der wrde in der _Nouvelle Hlose_ wenig finden, was sie als Nachbild dieses Vorbildes erscheinen lassen knnte. Aber die Form des leidenschaftlichen Briefromans war seit den _Lettres portugaises_, wie uns Waldberg gezeigt hat, durchaus eingebrgert, und Rousseau hatte als der unersttliche Romanleser, der er in gewissen Zeiten seines Lebens gewesen war, sicher Kenntnis davon erhalten. Vor allem aber tritt uns auf jeder Seite der _Nouvelle Hlose_ die Erinnerung an Richardson entgegen, der damals -- man lese nur den begeisterten Dithyrambus Diderots -- als der unerreichte Meister des Romans gepriesen wurde, und der in der Tat in wichtigen Stcken die Technik des modernen Romans ausgebildet hat. Ursprnglich bildete das Geschehnis das ganze Interesse des Romans. Bunte Abenteuer, fabelhafte Erlebnisse oder Haupt- und Staatsaktionen wurden vom Lesepublikum gefordert. Dies war die Hauptsache, und es verschlug wenig, wem alle diese Ereignisse zustieen; der eine tapfere Ritter, die eine schne Prinzessin war genau so gut wie die anderen. Wir knnen nun Schritt fr Schritt verfolgen, wie der Schwerpunkt des Romans allmhlich vom Geschehnis in die Seele des Erlebenden gerckt wird. An Stelle des Romans der Abenteuer tritt der psychologische Roman, und seinen bedeutendsten Meister vor Rousseau haben wir in Richardson zu erblicken. Wie frher die Haupt- und Staatsaktion, so wird jetzt das Tagebuch und namentlich der Brief zum wichtigsten Mittel der Technik. Das Interessante ist nicht mehr das uere Geschehnis, sondern der psychische Reflex dieses Geschehnisses in den Seelen der handelnden oder besser der schreibenden Personen. Daraus erklrt sich auch die groe Einfachheit der Handlung in den Romanen Richardsons. Was in diesen vielbndigen Ungetmen wirklich geschieht, lt sich auf sechs Zeilen erzhlen. Doch in diesen Geschehnissen liegt auch gar nicht das, worauf wir aufmerksam werden sollen. Dasselbe Ereignis tritt uns bei den verschiedenen Korrespondenten in der verschiedensten Beleuchtung entgegen, und gerade diese verschiedene Beurteilung desselben Dinges, in der sich die Individualitt der einzelnen Persnlichkeiten offenbart, ist es, worauf wir achten sollen. Und da zeigt sich in der Tat bei dem einfachen Londoner Buchhndler eine ganz berraschende Kraft und Feinheit der psychologischen Analyse. Bei ihm finden wir bereits den experimentellen Roman einer spteren Zeit angelegt, und das leidenschaftliche Interesse seiner Zeitgenossen an den Gestalten einer Pamela, einer Mi Harlowe, eines Lovelace und Grandison wird verstndlich, wenn man erwgt, da dies die Zeit war, wo die Menschen einander, und jeder sich selber, anfingen interessant zu werden, wo von der Philosophie Leibniz' an bis zu jeder empfindsamen Seele, die ein Tagebuch fhrte, die berzeugung vertreten wurde, da ein jedes Individuum als ein Unikum, das seinesgleichen nicht hat noch haben kann, betrachtet und gewertet werden msse. Die Verwandtschaft zwischen Richardson und Rousseau ist so einleuchtend, da wir uns sehr viel mehr fragen mssen, worin sie sich unterscheiden, als worin sie sich gleichen. Und da ist es vielleicht am einfachsten, auf die Motive ihrer Dichtungen zurckzugehen. Richardson wollte seine Leser bessern, indem er sie unterhielt. Er war zu gleicher Zeit der Dichter, der Drucker und der Verleger seiner Werke. Vor seinem geistigen Auge stand als der Areopag, dem er seine Romane vorzulegen liebte, eine Gesellschaft lterer ehrbarer englischer Damen, die sich beim Tee zusammenfanden. Er lebte die Leidenschaft nicht, sondern er analysierte sie. Diese Reflektiertheit, diese Wohlanstndigkeit rief die Opposition Fieldings hervor und ist vielleicht die Hauptursache gewesen, warum bei allen seinen groen Verdiensten Richardson in unseren Tagen ein kmmerliches Dasein in den Literaturgeschichten fristet. Ganz anders Rousseau. Die Entstehungsgeschichte seines Romans ist vielleicht ein Unikum. Das Herz geschwellt von unbestimmter Liebessehnsucht idealisierte er das Andenken an die zwei lieblichen Freundinnen, mit denen er einen der wenigen glcklichen Tage seines Lebens verlebt hatte. Sie wurden ihm zu den Gestalten der anmutigen blonden Julie und ihrer braunen klugen Gefhrtin Claire, er selbst als St. Preux trat zu ihnen als der dritte in den Bund der Liebe und Freundschaft. In einzelnen Briefen, ohne Zusammenhang, ohne Plan lie er die Gestalten seiner Einbildungskraft ihren Gefhlen und Empfindungen Worte leihen, und diese Worte enthielten nichts anderes, als was seine eigene Seele bewegte und was er so gerne von befreundeten und geliebten Lippen gehrt htte. Erst nachtrglich entstand die Fabel des Romans, wurden die Situationen in eine chronologische Reihe gebracht, hinkte die moralische Nutzanwendung, die schlielich doch auch fr Rousseau unerllich war, nach. Es ist richtig, auch Rousseau wollte den Leser am Schlusse seines Buches besser zurcklassen, als er in dem Augenblick gewesen war, wo er das Buch zur Hand nahm. Aber dieser Gedanke, der bei Richardson die ganze Komposition beherrscht, ist bei Rousseau erst spter in den Plan hineingetragen, die moralische Absicht hat hier, wie wir sehen werden, ber die sthetische Notwendigkeit gesiegt. Wie die _Nouvelle Hlose_ aus dem Gefhl entstanden war, so hat auch die starke und wahre Darstellung des Gefhls, der Leidenschaft ihr die Stelle in den Herzen der Leser errungen, die sie bis heute sich zu behaupten gewut hat. Auch hier wie bei Richardson ist die Fabel von denkbarster Einfachheit. St. Preux, der Lehrer des adeligen Fruleins Julie D'Etange und ihrer Freundin Claire, verliebt sich in seine reizende Schlerin, und seine Liebe wird erwidert. Nach langem inneren Kampf siegt die Leidenschaft bei beiden; aber die brgerlichen Vorurteile setzen ihrer Vereinigung fr das Leben unberwindliche Hindernisse entgegen; St. Preux mu die Geliebte verlassen und begibt sich zu seinem Freunde, Lord Edouard Bomston, spter auf eine mehrjhrige Reise um die Welt. Julie fgt sich dem Wunsch ihres Vaters und wird die Gattin des Barons Wolmar mit dem festen Entschlu, ihm eine gute und treue Gattin zu werden. Der Baron hat ein so sicheres Vertrauen zu Julie, da er den zurckgekehrten St. Preux auffordern kann, der Hausgenosse seiner Familie zu werden. Die alte Leidenschaft flammt in beiden empor, aber Julie wei sich ihrer zu erwehren. Der Tod, den sie bei der Rettung ihres ertrinkenden Kindes findet, entreit sie dem Kampf zwischen Pflicht und Neigung und weckt in ihrem atheistischen Gatten die Ahnung eines Lebens nach dem Tode. Das ganze Interesse des ersten Teiles des Romans liegt in der Schilderung der Leidenschaft der Liebenden und in der Darstellung des vergeblichen Kampfes, den sie gegen die Gebote der Sittsamkeit einerseits, gegen die Gesetze der zivilisierten Gesellschaft mit ihren Klassenunterschieden und Standesvorurteilen andererseits, zu fhren hat. Da, wo die ihr gegenberstehenden Mchte sittlich berechtigt sind, siegt die Leidenschaft; die Liebenden werden schuldig in ihrem Glck. Da, wo diese Hindernisse nur auf Vorurteil und Konvention beruhen, unterliegt die Leidenschaft; die dauernde Vereinigung der Liebenden wird unmglich. Das ist die Tragik im Schicksal St. Preux' und Juliens. Wir hassen die gesellschaftlichen Ordnungen, die einen Bund zweier fr einander geschaffener Herzen zu verhindern vermgen; aber wenn wir auch in den leidenschaftlichen Selbstanklagen St. Preux' und Juliens eine Berechtigung nicht verkennen knnen, so sind wir doch weit davon entfernt, die Schnheit, die Strke und die Tiefe des Triebes, der sie zueinander ri, zu tadeln. Auch da, wo diese Leidenschaft ewige Ordnungen verletzt, hat sie einen Anspruch nicht nur auf unser Verstndnis, sondern auf unser wrmstes Mitgefhl, ja auf unsere Bewunderung. Menschen, die so lieben knnen, sind keine schlechten Menschen. Sie knnen unglcklich, sie knnen schuldig, niemals aber knnen sie niedrig und gemein werden. Es ist ein feiner Zug Rousseaus, da er den Vertreter der hergebrachten Ordnungen und Vorurteile, den Vater Julies, als einen durchaus nicht schlechten Charakter dargestellt hat. Er ist ein tapferer Soldat, ein liebender Gatte, ja sogar in seiner Art ein guter Vater, der nach seiner besten Einsicht das Glck seiner Tochter will. Um so grer mu die gnzliche Verkehrtheit der Standesvorurteile erscheinen, da sie einen liebenden Vater dazu veranlassen knnen, das Glck seines Kindes so mit Fen zu treten, und ihn dabei noch mit dem ruhigen Hochgefhl getaner Pflicht zu erfllen. Das ist eben die entsetzlichste Erscheinung einer verderbten Kultur, da sie auch ursprnglich gut angelegte Menschen zu Handlungen fortreit, vor denen sie zurckschaudern wrden, wenn sie sich ihrem eigenen unverderbten Gefhl berlassen knnten. Rousseau verfuhr hier unendlich wirksamer als Schiller mit der Zeichnung des Prsidenten in Kabale und Liebe. Die Unpersnlichkeit und daher auch die Unbesiegbarkeit der Widerstnde, welche sich den Liebenden entgegenstellen, tritt in der Fassung Rousseaus viel deutlicher hervor, als wenn er einen Tragdienvater geschaffen htte. Wir haben gesehen, da die Handlung ursprnglich auf das Verhltnis Julies, Claires und St. Preux' zueinander begrndet war. Als notwendige Ergnzung fr St. Preux und als Adressat seiner brieflichen Ergsse tritt Milord Edouard Bomston ebenso neben ihn, wie Claire neben Julie. Da St. Preux viele Zge von Rousseau hat, ist ganz selbstverstndlich. Vor allem erinnert die Kindlichkeit seines Wesens durchaus an Rousseau. Gerade diese Eigenschaft war ja auch Rousseaus Schicksal und Verhngnis; wie er ist St. Preux nicht von Begriffen, sondern von Gefhlen abhngig. Es wrde fast komisch sein, ihn immer als Philosophen angeredet und bezeichnet zu hren, gbe es nicht neben der Philosophie des Kopfes auch eine des Herzens. Ganz dem Augenblick hingegeben, ganz in den Stimmungen, die er bringt, aufgehend, fr das Hchste empfnglich und mitunter bei dem kleinsten Hindernis verzweifelnd, bei den besten Vorstzen einer plump angelegten Verfhrung erliegend, zeigt er uns nur wenig idealisiert die Zge seines Urbildes. Auch das berwiegend Passive im Charakter St. Preux', seine Neigung, sich durch fremden Rat leiten zu lassen, seine Unfhigkeit, das eigene Schicksal selbst zu gestalten, das Schwelgen in Gefhlen, wo es auf entschlossenes Handeln ankme, alles dieses waren Zge, nach denen Rousseau nicht weit zu suchen brauchte, um sie auf seinen Helden zu bertragen. Milord Edouard ist, wie Texte richtig hervorgehoben hat, ein legitimes Kind der in Frankreich damals herrschenden Anglomanie, welche in ihrer Schrankenlosigkeit nur selten durch wirkliche Kenntnis englischer Verhltnisse beeintrchtigt wurde. Man kann sie vielleicht darauf zurckfhren, da die Franzosen, die unter dem Zwang der Sitte, der Regel, des guten Tones in der Tat einige Gefahr liefen, uniform und monoton zu werden, bei den Englndern die Erfahrung machten, da auch mit einer hochgesteigerten Kultur krftige Eigenart, Individualitt, wohl vereinbar sei. Daher auch die starke Betonung der bizarren Zge bei Milord Edouard. Sie sollen den Mann kennzeichnen, der es unternommen hat, unbekmmert um alle Vorurteile sich selber sein Leben zu gestalten. Durch seine Geburt der Kaste angehrend, an deren starren Vorurteilen das Lebensglck seines Freundes zerschellt, deren stumpfen Widerstand St. Preux vergebens zu berwinden sucht, hat sich Bomston von allen diesen Vorurteilen frei gemacht; er steht also ebenso jenseits aller gesellschaftlichen Schranken, wie St. Preux diesseits. Er ist der Mann der Tat; rasch in seinen Entschlssen, originell in seinen Mitteln; von zweifelloser Sicherheit auf dem eingeschlagenen Weg wrde er das Schicksal der Liebenden glcklich gestaltet haben, wenn es Julie vermocht htte, ber der Liebe zu St. Preux die Gebote der Achtung und des Gehorsams gegen ihre Eltern zu vergessen. Die komplizierten italienischen Familienbeziehungen Bomstons, die in genauer Analogie zu Richardson und mit der gleichen Langeweile einen so groen Platz im zweiten Teile in Anspruch nehmen, lagen ursprnglich nicht im Plane Rousseaus. Zu diesen Gestalten tritt nun spter Wolmar, der Gatte Julies. Auch fr ihn ist das Vorbild ganz unverkennbar, es ist der Geliebte der Grfin d'Houdetot, St. Lambert. Erschtternd genug hat Rousseau in den _Confessions_ geschildert, wie sein sehnlicher Wunsch, als dritter in den Bund der beiden Liebenden eintreten zu drfen, scheiterte und ihn damit die Verzweiflung am Leben und an den Menschen zum unglcklichsten aller Wesen machte. Was dies Verhltnis htte sein knnen, das wollte uns Rousseau im zweiten Teil seiner Hlose schildern, und die nicht ganz berechtigte Verehrung fr St. Lamberts Charakter hat an dem Bilde mitgearbeitet, das er von Wolmar entwirft. Wolmar hat all die Eigenschaften, die Rousseau so unendlich gerne gehabt htte, die er oft mit heiem Bemhen sich anzueignen bestrebt hatte, und welche ihm ein freundliches Geschick stets versagte. Er ist das vollkommene Gegenbild zu St. Preux, ebenso an den Regeln des Verstandes orientiert wie dieser durch die Impulse des Gefhls geleitet wird. Aber dieser Verstand hat ihn nicht zum Sptter und Zyniker gemacht; was er ihm nehmen konnte, was er auch St. Lambert genommen hatte, war der Glaube an Gott. Der Atheismus Wolmars ist der tiefste Kummer fr Julie, noch auf dem Totenbett sucht sie den Gatten fr ihren Glauben zu gewinnen. Aber die Beziehungen zu den Menschen sind bei Wolmar nicht durch Verstandesskepsis angefressen. Er ist das Muster eines edlen Gutsherrn, der seinen Vorteil darin sieht, da seine Bauern sich wohl befinden; mit dem Unglcklichen hat er Mitleid und sucht ihm dauernd zu helfen; sein festes Vertrauen auf Julie und St. Preux, deren frhere Beziehungen er kennt, bewhrt sich in der groartigen Unbekmmertheit, mit der er sie in ihrem Zusammensein vollstndig frei gewhren lt. Aber whrend man St. Preux lieben kann, sind Achtung und Billigung die Gefhle, die ein Wolmar einflt. Die Erweiterung des Romans durch die Ehe Julies mit Wolmar ist natrlich nicht nur auf das Verhltnis Rousseaus zu Madame d'Houdetot und St. Lambert zurckzufhren. Da der Roman mit sthetischer Notwendigkeit ein tragisches Ende durch den Selbstmord St. Preux' gefordert htte, das bedarf keines Beweises. Da die langen und brigens sehr gut geschriebenen Briefe St. Preux' und Julies _pro_ und _contra_ Selbstmord nicht dazu angetan sind, die sthetische Notwendigkeit abzuschwchen, ist ebenfalls deutlich. Ein verzweifelter Geliebter schreibt anders an die Geliebte ber seinen Entschlu, aus dem Leben zu scheiden, und tut er's doch, so wird er von der Geliebten nicht einen so vorzglich geschriebenen Aufsatz erhalten wie St. Preux von Julie. Wenn wir die hingestammelten Worte Werthers lesen, die erst, nachdem sich sein Schicksal erfllt hat, an Lotte gelangen sollten, dann fhlen wir, was wir hier in der _Nouvelle Hlose_ schmerzlich vermissen. Es mag uns freuen, da St. Preux dem Leben erhalten bleibt, aber wir verstehen eigentlich nicht recht, wie das mglich war. Es war auch nur so mglich, da Rousseau auer den sthetischen Zwecken, die die erste Anlage des Romans bestimmt hatten, nun auch noch andere, die ihm je lnger je mehr die wichtigeren wurden, zu Worte kommen lassen wollte; auch er wollte, ganz wie Richardson, seine Leser nicht nur bewegen und rhren, er wollte sie auch bessern. Daher mute neben Julie, das liebende und schuldige Mdchen, Julie, die pflichttreue und tugendhafte Frau treten; daher mute neben das Gemlde der siegreichen Leidenschaft die Darstellung der tugendhaften Selbstverleugnung kommen. Was die Moral im ersten Teil vermit hatte, im zweiten sollte es mit voller Klarheit dargestellt werden: die Tugend sollte ber die Leidenschaft siegen. Das tat sie denn auch, aber niemand kann zween Herren dienen. Es fehlt diesem zweiten Teil nicht an groen poetischen Schnheiten. Die Schilderung des Landlebens, der Besuch Julies und St. Preux in Meillerie reihen sich den schnsten Stellen des ersten Teiles wrdig an. Jedoch Rousseau hatte sich dadurch, da er den Roman nicht damit enden lie, womit er enden mute, in eine poetische Sackgasse verrannt, aus der es eigentlich keinen Ausweg mehr gab. Immer wieder flammt die Leidenschaft bei den Liebenden empor, immer wieder wird sie durch die Rcksicht auf die Pflicht gegen den Gatten und Freund gebndigt. Es ist gar kein Ende abzusehen, am wenigsten das seltsame einer Verheiratung St. Preux' mit der inzwischen verwitweten Claire. Und der schlieliche Abschlu, der Tod Julies, ist ebenso unmotiviert und berflssig wie der Tod St. Preux' am Schlu des ersten Teiles motiviert und befreiend gewesen wre. Es lt sich gar nicht leugnen, da Rousseau mit dem zweiten Teil seines Romans mindestens ebensosehr den Geschmack seiner Leser getroffen hatte als mit dem ersten. Es war noch nicht an der Zeit, da eine Dichtung den Anspruch darauf erheben konnte, rein als Dichtung genommen und gewertet zu werden. Was wir frher bei Rousseaus Stellung zum Theater gesehen haben, das galt auch fr den ganzen Bereich der Poesie. Ein Theaterstck, das den Hrer nicht unterrichtete oder besserte, erschien Rousseau wie seinen Gegnern als wertlos, und der ganze Unterschied zwischen ihnen bestand nur darin, da die Verteidiger der Schaubhne diese ihre Wirkung aufweisen zu knnen glaubten, Rousseau dagegen sie leugnete. In der _Nouvelle Hlose_ knnen wir gleichsam die Poesie am Scheidewege erblicken. Der erste Teil ist rein aus sthetischen Motiven hervorgegangen, hier liegt das Neue, das Bedeutsame des Buches; im zweiten biegt der Autor in die gewohnten Wege des Zeitalters ein. Die Zeitgenossen erfreuten sich an beiden; Rousseau selber glaubte, erst durch diesen zweiten Teil die Berechtigung seines Buches nachgewiesen zu haben, sein moralisches Gewissen, das sich frher mit so vollen Tnen gegen die Berechtigung nutzloser Bcher ausgesprochen hatte, fhlte sich durch den zweiten Teil beruhigt. Der Grere, der nach ihm kommen sollte, wute, woran er sich zu halten hatte. Er ersparte es sich und den Lesern, Werther als Hausfreund Lottens und Alberts zu schildern, er zog die Konsequenz, die Rousseau htte ziehen sollen. Aber der Werther, so wie wir ihn haben, konnte nur geschrieben werden, weil die _Nouvelle Hlose_ den Weg bereitet hatte. Noch auf einer anderen Seite bedeutet die _Nouvelle Hlose_ einen unverlierbaren Fortschritt. Wenn wir als wissenschaftliche Menschen die gesamte Wirklichkeit durch ein System von Begriffen zu erfassen suchen, wenn wir als sittliche Wesen die Dinge der Wirklichkeit als Materiale unserer Pflichterfllung betrachten, so ist es die Leistung der groen Knstler, uns die Dinge sthetisch betrachten zu lehren. Die Arbeit jedes groen Knstlers ermglicht es uns, Dingen gegenber, an denen wir frher achtlos vorbeigegangen waren, sthetisch Stellung zu nehmen. Wie die seligen Knaben im Faust dadurch die Welt verstehen, da sie sie durch die Augen des Pater Seraphicus betrachten, so wird die Wirklichkeit zur schnen Welt, indem wir sie durch die Augen der groen Knstler sehen lernen. In diesem Sinn bedeutet die _Nouvelle Hlose_ einen der khnsten Eroberungszge in das Beutefeld der Wirklichkeit. Es hat zweifellos im geographischen, kommerziellen, militrischen und sonstigen Sinn auch schon vor Rousseau Alpen gegeben -- im sthetischen Sinn existieren sie erst seit der _Nouvelle Hlose_; ganz ebenso wie der meteorologisch bereits frher vorhanden gewesene Nebel fr den sthetisch Betrachtenden erst durch Ossian, Lenau und Dickens entdeckt worden ist. Der Liebe zu seiner Heimat, zu den Gestaden des Genfer Sees hat Rousseau in seinem Roman ein unvergngliches Denkmal gesetzt, aber er hat mehr getan: er hat allen denen, die durch seine Worte ergriffen wurden, das sthetische Brgerrecht an diesen Gestaden verliehen. Die sen und schmerzlichen Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Les Charmettes, an seine Besuche in Nyon, sie sind in diesem Buch zum poetischen Erleben und Schauen verklrt worden. Aber noch Greres hat er geleistet. Auch frhere Dichter waren von der Anmut der Gestade der Alpenseen ergriffen worden; bis zu den smaragdgrnen Matten der Alpen waren die Vorposten des sthetischen Heeres, Gesner und Haller vorgedrungen; Rousseau ging weiter. In den wundervollen Schilderungen, die St. Preux von der Felsgegend bei Meillerie entwirft, bekommen Dinge sthetischen Wert, die ihn frher nie besessen hatten, die steil aufragenden Felsen, der schumend sich zum Tal durcharbeitende Giebach, das Drhnen des Wasserfalls, und das alles in Beziehung gesetzt auf die strmisch tobende Seele des Betrachtenden, so zieht die Bergwildnis, geheimnisvoll abgeschlossen durch den Kranz der ewigen Schneeberge, in die moderne Dichtung ein, sie hat damit eine Provinz gewonnen, die sie nie wieder verlieren kann. Es ist kein Zufall, da die Entdeckung der Schweiz vom Genfer See ausgeht, da der Montblanc in Byrons Manfred als der Knig der Geister gepriesen wird und bis zum heutigen Tage, bis zu Luise von Franois und Gottfried Keller, als der Monarch der Bergesriesen gilt. Das verdankt er nicht dem Umstand, da er ein paar Fu hher ist als andere seinesgleichen, denn dies ist eine wissenschaftliche Notiz ohne jeden sthetischen Wert; nein, diesen Vorrang verdankt er dem Umstand, da von Genf aus das Auge eines Knaben oft an seinen Hngen emporgeglitten war, da er den beherrschenden Abschlu bildet fr eine Landschaft, die der vagabondierende Jngling zu durchstreifen liebte, da zu ihm hin die sehnschtige Liebe des alternden Mannes aus der groen Menschenwste Paris unablssig sich wandte. Wir alle, die wir heute das Gebirge mit sthetischer Stellungnahme zu werten vermgen, haben diese Mglichkeit durch die _Nouvelle Hlose_, wir sind alle die Schler und Nachfolger Rousseaus. Sechstes Kapitel. Religionsphilosophie. Es ist bezeichnend fr Rousseaus Stellung zur Philosophie, da er nur einmal im Zusammenhang seine philosophischen Ansichten entwickelt hat, und zwar im genauesten Anschlu an die erziehungstechnische Frage: Fr welches Bekenntnis soll Emile erzogen werden? Die Antwort auf diese Frage will Rousseau nicht in eigener Person geben, er legt sie einem Diener der katholischen Kirche, einem savoyischen Vikar, in den Mund, den er in Turin kennen gelernt hatte, und dessen Name, Abb Gaime, wir aus den _Confessions_ ergnzen knnen. Auf einem die Stadt Turin beherrschenden Hgel, im Angesicht der reichen Poebene und der sie abschlieenden Schneeberge der Alpen habe ihm der ehrwrdige Priester die Gedanken entwickelt, die er nunmehr vortragen werde. Damit ist das Interesse dieser Ausfhrungen klar bestimmt. Sie sind von vornherein religionsphilosophisch orientiert. Wie einst Augustin nichts weiter erkennen wollte, als Gott und die eigene Seele, so haben auch fr Rousseau alle anderen philosophischen Fragen ein Interesse nur insofern, als sie fr die Erforschung dieser beiden wichtigsten Lebensfragen in Betracht kommen. Es handelt sich hier gar nicht um das Wissen um des Wissens willen, es handelt sich darum, ob des Menschen Seele an Gott glauben darf und wie sie es vermag, ihr Verhltnis zu Gott zu bestimmen. Rousseaus Stellungnahme zu allen Problemen, die ihn beschftigten, ist nicht zu verstehen, wenn man sich nicht stets vor Augen hlt, da er sein ganzes Leben hindurch einen Kampf mit zwei Fronten zu fhren gezwungen war. So stark und ausgesprochen auch seine Gegnerschaft gegen die traditionellen Autoritten in Staat und Kirche hervortritt, so war er doch weit entfernt, mit der damaligen sensualistisch-materialistischen Aufklrungsphilosophie gemeinsame Sache zu machen. Eine groe Anzahl der Widersprche, die sich in den Diskussionen mit seinen Gegnern finden, rhrt daher, da er bald gegen die eine, bald gegen die andere Schar seiner Gegner sich decken und seine Streiche fhren mute. Ebenso wie bei Kants Kampf gegen Dogmatismus und Skeptizismus immer bercksichtigt werden mu, gegen welche Gegner sich Kant im einzelnen Fall richtet, ebenso ist auch die Stellungnahme Rousseaus in jedem einzelnen Fall bei der Kritik seiner Argumente zu bercksichtigen. So ist denn auch hier in den Bekenntnissen des savoyischen Vikars die Gliederung in zwei Teile gegeben; die eine setzt sich mit der Philosophie des Zeitalters auseinander, die zweite bestimmt das Verhltnis des bei dieser Auseinandersetzung gewonnenen Standpunkts mit den Lehren der Offenbarungsreligion, des Christentums. In Anlehnung an Augustin und Descartes wird der Zweifel das methodische Prinzip, mit welchem der Vikar an die Lehren der Philosophie oder besser der Philosophen herantritt. Denn es lt sich nicht leugnen, da Rousseau sehr weit davon entfernt ist, die Gedankentiefe, die Intensitt der Frage, wie sie bei seinen groen Vorgngern auftritt, auch nur annhernd zu erreichen. Er bleibt hier vielmehr berwiegend bei der Tatsache stehen, da zwar alle Philosophen ihre Ansichten mit groer Autoritt vorzutragen lieben, da aber dieser Anspruch auf Autoritt durch die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen fr den Prfenden in nichts zerrinnt. Sieht man nher zu, so bemerkt man, da es diesen Systematikern erst in zweiter Linie um die Wahrheit zu tun ist, in erster kommt es ihnen darauf an, durch ihren Geist, Scharfsinn und Gelehrsamkeit alle Gegner in den Sand zu strecken und ihre eigene Privatmeinung als gltige Wahrheit anerkannt zu sehen. Es ist daher geraten, will man zur Wahrheit gelangen, die sie verdunkelnden Schriften der Philosophen auf sich beruhen zu lassen und darauf zu vertrauen, da dem redlich bei sich selber und bei der Natur Nachfragenden eine Antwort auf diese Fragen, soweit sie fr das Wohl des Menschen unerllich ist, nicht versagt bleiben kann. Darber hinaus aber kann auch der scharfsinnigste Philosoph nicht vordringen, und gibt er sich den Anschein, dies zu vermgen, so wird sein Einflu auf die, welche ihm Glauben schenken, eher schdlich als frderlich sein. Wie finde ich mich im Verhltnis zu den Dingen? Ich erhalte von allen Seiten durch alle meine Sinne Eindrcke, Wahrnehmungen, Empfindungen, denen ich mich nicht entziehen kann, die sich mir aufdrngen, in denen ich mich leidend, passiv verhalte. Wre ich lediglich ein empfindendes Wesen, in dem sich vielleicht auch noch die Spuren frherer Empfindungen als Vorstellungen wiederholten, so wre mein gesamtes psychisches Sein ein Produkt der Auenwelt, ich wre ein rein passives Wesen, ich wre das, wozu mich die Einwirkung der Dinge gemacht htte. Aber die Beobachtung meines Seelenlebens lehrt mich die Unvollstndigkeit dieser Ansicht, welche die einzige ist, die fr den konsequenten Sensualisten brig bleibt. Ich nehme die Dinge nicht nur wahr, ich empfinde sie nicht nur, sondern ich vergleiche sie auch. Wenn ich zwei Dreiecke nicht nur sehe, sondern sie aufeinanderlege, um ihre Gleichheit und Verschiedenheit und den Grad dieser Verschiedenheit festzustellen, so gehe ich hier ber die passive Empfindung hinaus. Ich setze die Empfindungsgehalte in eine Beziehung zueinander, die sie fr sich allein nicht haben wrden; ich reflektiere auf diese Beziehungen und mache sie mir deutlich; ich verhalte mich nicht mehr leidend, ich bin ttig. Zugegeben, da diese meine Ttigkeit die Empfindungen, die Dinge, braucht, um sich uern zu knnen, so bleibt doch die Tatsache, die mein unmittelbares Gefhl mich lehrt, bestehen, da mein Verhalten in dem einen Fall ein anderes ist als in dem anderen, und mein Verstand belehrt mich darber, da es ihm unmglich ist, meinen Zustand als ttiges Wesen aus meinem Zustand als einem leidenden Wesen zu begreifen und abzuleiten. Dieser ursprngliche Dualismus mu als Tatsache hingenommen werden und kann nur durch sophistische Scheingrnde fortinterpretiert werden. Wende ich mich nun im Besitz dieser Gewiheit den Dingen zu, so sehe ich auch hier dasselbe Verhltnis. Ich sehe Dinge, die ihren Platz behaupten, ich sehe andere, die sich bewegen, aber ich sehe auch, da, wenn diese bewegten Dinge nicht beseelt sind wie ich, sie von selbst nicht ohne einen ueren Ansto von Ruhe in Bewegung bergehen knnen. Fehlt dieser uere Ansto, so beharren sie in trger Ruhe. Es sind also zwei Prinzipien, auf die ich unmittelbar bei Betrachtung der Dinge gefhrt werde: der Stoff und die Kraft; und es ist mir unmglich, das eine auf das andere zurckzufhren. Das Dasein des Stoffes braucht keine weitere Erklrung, meine Wahrnehmungen berzeugen mich unmittelbar von seinem Vorhandensein, woher aber kommt der Ansto, der sie bewegt? Auch hier brauche ich nur eine eigene Selbsterfahrung zu prfen. Ich sehe, da das, was meinen Krper bewegt, ein von demselben verschiedenes Prinzip, da es mein Wille, meine Seele ist; ich sehe, da bei allen sich von selbst bewegenden Krpern ein aktives Prinzip, eine Seele, vorhanden ist, ich mu eine hnliche Kraftquelle nach allen Regeln der Erfahrung auch fr die Bewegung der unbeseelten Krper annehmen. Wende ich aber nun mein Auge auf die wundervolle Ordnung, die in den Bewegungen der Weltkrper ersichtlich ist, vergegenwrtige ich mir die Gesetze, welche diese Bewegungen regeln, so werde ich die Quelle, von der diese Kraft ausgeht, nicht als eine blind wirkende mechanische Ursache denken knnen, ich werde sie als die Wirkung einer hchsten Intelligenz ansehen mssen, welche die Bewegungen der Materie mit hchster Weisheit angeordnet hat und aus dem trgen ungeordneten Stoff das wundervolle Weltsystem durch seine Kraft gestaltet hat, dem wir jetzt staunend gegenberstehen. Ich werde mit einem Worte einen allweisen und allmchtigen Gott annehmen mssen, den Beweger der Welten, den weisen Ordner ihrer Bewegungen. Nur auf diese Weise kann ich das Dasein der Dinge, so wie es mich umgibt, wirklich verstehen. Wenn der Materialismus der Materie zugleich die Fhigkeit, sich zu bewegen, zuerkennt, so stellt er sich damit in Widerspruch zur alltglichen Erfahrung. Denn diese zeigt mir wohl dauernd, da Bewegung von einem Krper auf den anderen zwar bergeht, aber einen unbeseelten Krper, der seine Bewegung anfngt, ohne sie von auen erhalten zu haben, zeigt sie mir niemals. Selbst aber, wenn man dem Materialismus noch dieses Zugestndnis machen wollte, so ist er auerstande, mit seiner von selbst bewegten Materie das grte Wunder, das sich unserem Geiste darbietet, die Ordnung und Schnheit des Weltalls verstndlich zu machen. Denn der Gedanke, womit der Materialismus diesem Problem gerecht zu werden vorgibt, da die jetzige Ordnung das zufllige Ergebnis frherer ungeordneter Bewegungen ist, dieser Gedanke spricht allem, was wir sonst wissen und erleben, Hohn. Eher will der Vikar glauben, da die Ilias und Odyssee einer zuflligen Kombination der Buchstaben des Alphabets ihre jetzige Ordnung und Schnheit verdanken, als da er diesem Ungedanken Glauben schenken wrde. So gewi die Dinge sich bewegen, so gewi brauchen sie eine Kraft, die sie bewegt; so gewi diese Bewegung in schner und vollendeter Ordnung vor sich geht, so gewi mu diese Kraft von einem weisen und mchtigen Gott ausgehen. Vergleichen wir diese Ableitung Gottes mit der, welche wir bei Descartes antreffen, so mu es uns merkwrdig erscheinen, da man hufig in Rousseaus Verfahren eine genaue Analogie zu dem Descartes' in den Meditationen gesehen hat. Es kann kaum einen greren Gegensatz geben, und zwar deshalb, weil die Absicht beider Denker eine ganz verschiedene ist. Was Descartes will, ist ein Kriterium der Gewiheit; sein Problem heit: Wie ist Wissenschaft mglich; und so ist ihm durch die Existenz und Wahrheit Gottes auch die Existenz der Krper garantiert; Gott ist ihm also ein methodologisches Prinzip. Htte sich ihm ein anderes dargeboten, das dieselben Garantien fr die Begrndung der Wissenschaft gegeben htte, so wre ihm dieses ebenso willkommen gewesen. Ganz anders liegt die Sache bei Rousseau. Er zweifelt gar nicht an der Existenz der Dinge; ein Argument von so bohrendem methodologischen Scharfsinn wie die von Descartes erwogene Mglichkeit, da die gesamte Wirklichkeit ein Traumbild sein knne, mit dem ein mchtiger boshafter Genius uns narrt, ein so gefhrlicher Gedankengang liegt dem einfachen savoyischen Vikar ganz fern. Es kommt ihm gar nicht auf die Mglichkeit der Wissenschaft, es kommt ihm auf die Unmglichkeit des Atheismus an. Er fragt seinen Verstand, ob er haltbare Grnde gegen das vorbringen kann, wovon sein Herz von vornherein berzeugt ist, und er sieht mit frohem Erstaunen, da der Verstand, wenn er vorurteilslos sich selbst, die Dinge und ihre Ordnung betrachtet, zu den nmlichen Resultaten fhrt, welche als berzeugung des Herzens den Wert des Lebens ausmachen. Ein wenig Philosophie fhrt von Gott ab, die ganze Philosophie fhrt zu ihm zurck. Dieses Wort des englischen Denkers ist Rousseau aus der Seele gesprochen. Daher erscheint auch bei Descartes Gott nur als die erkenntnistheoretische Garantie fr den Schritt vom Selbstbewutsein zu den Dingen, denn die Erkenntnis der Dinge ist die Aufgabe der Wissenschaft. Bei Rousseau weisen die Dinge und ihre Ordnung uns den Weg zu Gott, denn zu Gott zu gelangen, trotz Atheismus und Materialismus, ist das Ziel seiner Sehnsucht. Der Gott aber, zu dem das glubige Herz den Menschen drngt, ist nicht so sehr der mchtige und weise Lenker der Dinge, er ist der allgtige Gott. Auf diese Eigenschaft kommt es daher Rousseau vor allem an. In dem Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars scheint nun die Gte Gottes, seine liebende Frsorge fr den Menschen schon mit der zweckmigen Einrichtung und Schnheit der Welt gegeben. Ein starkes anthropozentrisches Element flicht sich in die Erwgungen, die der Vikar anstellt, ein. Damit Menschen in Sicherheit auf dieser Erde wandeln und auf ihr glcklich werden knnten, damit sie hier ihren Unterhalt bereit fnden, damit alle ihre natrlichen Bedrfnisse leicht und sicher befriedigt werden knnten, zu diesem Zweck hat eine liebende Frsorge dem Menschen diesen seinen Wohnplatz so weise gestaltet. Jede Einsicht in die Vollkommenheit dieser Einrichtung erfllt unser Gemt mit immer neuer Dankbarkeit und Liebe gegen den gtigen Gott. In dem Sendschreiben an Voltaire aus Anla des Erdbebens von Lissabon von 1755 ist Rousseau auf diese Probleme ausfhrlicher eingegangen. Der Eindruck, den dieses Ereignis auf die Gemter machte, war ein gewaltiger und ist fr uns heute nicht mehr ganz leicht verstndlich. Wir bedrfen solcher auergewhnlicher Geschehnisse nicht mehr, um uns das Problem, wie die Gte Gottes mit dem Elend der Menschen zu vereinen sei, immer wieder in den Vordergrund unserer Betrachtungen rcken zu lassen. Wenn wir einen guten Menschen in qualvoller Krankheit dahinsiechen sehen, so gengt =eine= solche schmerzliche Erfahrung, um die ganze Tiefe des Problems vor uns aufzurollen. Das achtzehnte Jahrhundert brauchte strkere Erschtterungen, um in seinem Denken dem Problem die zentrale Stellung zu geben, und es fand diese in dem pltzlichen Ruin einer blhenden und volkreichen Stadt, denn nur so konnte die feste berzeugung, da alle Vorgnge der Welt auf das Wohl des Menschen abzielten, hinlnglich erschttert werden, um dem bangen Zweifel an der Richtigkeit dieser Voraussetzung Raum zu machen. Am einfachsten fanden sich Mnner vom Schlage des _Dr._ Johnson mit dem erschtternden Ereignis ab, indem sie entschlossen seine Existenz bezweifelten oder doch mindestens die Berichte ber die Zerstrung so vieles Menschenglcks fr sehr bertrieben erklrten. Andere theologische Moralisten waren gleich bei der Hand, das Erdbeben als eine Strafe Gottes fr die sittenlosen Bewohner der Hafenstadt zu erklren. Gegen diese skrupellosen Verteidiger der Gte Gottes hatte Voltaire leichtes Spiel, wenn er mit dem Verse: _Lisbonne est en ruines et l'on danse Paris_ die grndliche Verlogenheit ihrer Argumente an den Pranger stellte. Aber auch fr ihn blieb zuletzt nichts anderes brig, als der Rat an den denkenden Menschen, gegenber solchen vereinzelten Erscheinungen, deren Bedeutung der menschliche Verstand nicht zu entrtseln vermge, sich immer wieder zurckzuwenden zu den ewigen Ordnungen des Alls, in denen die Weisheit der gttlichen Weltregierung, die auf das All und nicht auf den Menschen abziele, unwiderleglich sich darstelle. Das ist der Standpunkt des Newtonianers, den die Wissenschaft zu Gott fhrt, und der ber der Weisheit Gottes leicht die Gte Gottes aus den Augen verliert. Rousseau ist weit davon entfernt, die Ausfhrungen Voltaires an sich zu tadeln, aber sie scheinen ihm unvollstndig und, insofern sie eine Rcksichtnahme Gottes auf das Wohl der vernnftigen Wesen in Frage stellen, sogar falsch. Die Weisheit Gottes, so gewi sie aus der Ordnung der Dinge erkannt werden kann, ist nicht seine hchste Eigenschaft, sondern dies ist allein seine Gte. Freilich hat diese Gte nicht den einzelnen Menschen, sondern die Menschheit als Ganzes, nicht allein die Menschheit, sondern das Wohl aller beseelten Wesen, auch derer, die andere Gestirne bewohnen, zum Gegenstand, und so kann es denn leicht sein, da einzelne leiden mssen, damit das Wohl aller gesichert werde. Niemals aber wre der Gedanke ertrglich, da, um einer starren Gesetzmigkeit des Alls wegen, ein einzelnes fhlendes Wesen Qual erdulde, wenn wir nicht von vornherein berzeugt wren, da diese Gesetzmigkeit das sinnreiche Mittel ist, das eine hchste Gte gewhlt hat, um das Glck der Gesamtheit seiner Geschpfe zu sichern. Der Unterschied zwischen dem Gottesbegriff Voltaires und dem Rousseaus liegt darin, da der eine auf verstandesmiger, der andere auf moralischer Grundlage beruht. Daraus ergibt sich auch, da Rousseau im Emile allen Schwierigkeiten gegenber, welche das Denken in dem Verhltnis von Gott und Welt findet, sich sehr reserviert und skeptisch verhlt. Es gengt, da Gott existiert, und da er die Ursache der Ordnung der Welt ist, alles weitere ist ziemlich gleichgltig. Wenn er im Emile und spter in seinem Brief an den Erzbischof von Paris energisch dafr eintritt, da Gott nur als Weltbildner, nicht als Weltschpfer gedacht werden drfe, so hngt dies weniger mit Rousseaus theoretischen Ansichten, sondern wieder mit seinen moralischen zusammen, fr welche ein strenger Dualismus die Voraussetzung ist, die er bis in die letzten Grnde des Seins verankern wollte. So ist das Verhltnis von Gott und Mensch das eigentliche Problem der Religionsphilosophie Rousseaus. Wie lt sich die Freiheit des Menschen mit der Allmacht Gottes, wie lassen sich sein Elend und seine Snde mit Gottes Gte vereinen? Auch hier ist es charakteristisch, wie Rousseau durchaus nicht gesonnen ist, dem theoretischen Gedanken der Allmacht Gottes die praktische berzeugung von der menschlichen Freiheit zu opfern. Gott hat den Menschen als freies Wesen geschaffen, weil er ihn als moralisches Wesen wollte und weil Moral ohne Freiheit eine Unmglichkeit ist. Ein unfreies Wesen folgt den Gesetzen des Weltalls, es kann daher zwar glcklich, aber niemals frei werden; ein vernnftiges Wesen mu vor die Wahl gestellt werden, wie es sein Glck verwirklichen will, sein Glck kann immer nur das Resultat seiner freien Entschlieung sein. Es kann glcklich nur sein, wenn es sich zur Sittlichkeit entschliet, und mit der Mglichkeit dieses Entschlusses zur Sittlichkeit ist auch die des Gegenteils gegeben. Gott konnte keine sittlichen Wesen schaffen, ohne zugleich unsittliche und lasterhafte zuzulassen, das Unglck der einen mute in den Kauf genommen werden, damit das erhabene Schauspiel der anderen im Weltall mglich sei. Die ganze Gleichgltigkeit Rousseaus theoretischen Fragen gegenber wird vielleicht am deutlichsten bei der Behandlung der Frage sichtbar, wie die Ttigkeit freier Wesen mit der strengen Kausalitt, welche die Wissenschaft fordert, vereinbar sei. Bald weist er darauf hin, da diese Ttigkeit im gttlichen Weltplan vorgesehen sei, womit sie dann allerdings wieder als nezessitiert erscheinen wrde, bald zeigt er, da gegenber den groen Verhltnissen des Weltgeschehens die Wirkungen der freien Ttigkeit des Menschen als verschwindend kleine Gren behandelt und vernachlssigt werden drfen, womit in gleicher Weise die allgemeine Gesetzlichkeit des Geschehens aufgehoben und die sittliche Ttigkeit des Menschen zur _quantit ngligeable_ herabgedrckt erscheint. Aber es ist augenscheinlich, da Rousseau der Lsung dieser Antinomie, welche den Riesengeist Kants beschftigen sollte, gar kein tieferes Interesse entgegenbringt, ihm gengt die Gewiheit, ein freies moralisches Wesen zu sein. Ja, zu noch tieferen Gedanken wird Rousseau gefhrt, wenn er das Verhltnis der menschlichen Seele zu Gott erwgt. Auch hier ist er aus moralischen Grnden nach seinem unmittelbaren Gefhl von der Unsterblichkeit der Seele ohne weiteres berzeugt. Die theoretischen Beweise, die hauptschlich auf die immaterielle Natur der Seele und ihre Einfachheit zurckgehen, werden auch hier mit einer auffallenden Krze behandelt. Es handelt sich eben wieder nur darum, einzusehen, da der Verstand gegen die berzeugungen des Herzens nichts Stichhaltiges vorzubringen wei, ja sogar wenn er ohne Sophistik verfhrt, diese nur zu besttigen vermag. Um so grer aber ist die moralische Bedeutung des Unsterblichkeitsglaubens. Das ganze irdische Leben rckt durch die Gewiheit, da ich ber dies Leben nach einer kurzen Spanne von Jahren Rechenschaft ablegen mu vor dem, welcher es mir gegeben, in einen groen und furchtbaren Zusammenhang. Der Vorteil, dessen sich der Ungerechte hier auf dieser Erde zu erfreuen vermag, das Unglck, welches den Gerechten hienieden verfolgen kann, was bedeuten sie gegen die Tatsache, da ihrer ein liebevoller aber strenger Richter harrt, vor dem der Tyrann ohne seinen Hofstaat, ein Lazarus ohne seine Schwren erscheint. Das alte Problem aus dem Buch Hiob findet seine Auflsung durch die Gewiheit der Unsterblichkeit der Seele und ihres Gerichts vor Gottes Richterstuhl. Freilich ist auch hier Rousseau geneigt, der Gte Gottes vor seiner Gerechtigkeit den Vorzug zu geben. Da ein liebender Vater seinem, wenn auch aus eigenem Entschlu schuldig gewordenen Kinde gegenber ewig zrnen sollte, das erscheint ihm unglaublich. Er fat die Strafen im Jenseits als einen Erziehungs- und Luterungsproze der Seele des Snders auf; die harte Lehre von der Ewigkeit der Hllenstrafen, gegen die sich berall der philanthropische Geist des 18. Jahrhunderts auflehnte, ist auch fr Rousseau mit einer richtigen Vorstellung Gottes unvereinbar und nur als eine Erfindung harter und eifernder Priester zu verstehen. So brauchen wir nur die Wunder des Weltalls und unsere eigene Seele zu befragen, um zu einer Vorstellung von Gott zu gelangen, die vielleicht weder dem Theologen noch dem Philosophen gengt, die uns aber in eine lebendige Beziehung zum Urquell der Dinge bringt und unser ganzes Leben auf ihn hinrichtet und durch die Liebe zu ihm regelt. Wenig kommt es darauf an, in welchen Worten, mit welchen Formeln wir diese Beziehung ausdrcken, genug, wenn sie in unserem Gefhl lebendig ist. Die alte Frau, die zum Himmel aufblickend nur ein oh, oh stammelt, hat ein frmmeres Gebet zu Gott gesendet und eines, das ihn mehr erfreut, als die langen Litaneien, die mechanisch heruntergehaspelt werden. Sehr wenig kommt es darauf an, ob wir es vermgen, diese lebendige Beziehung zu Gott in ein System zu bringen und sie mit spitzfindigen Syllogismen zu verteidigen. Die Lehre, welche Kant formuliert, da es von der grten Wichtigkeit sei, vom Dasein Gottes berzeugt zu sein, aber da es wenig darauf ankomme, diese Existenz auch beweisen zu knnen, sie ist unter dem Einflu Rousseaus entstanden. Es ist die fr den Stolz des Gelehrten so demtigende, fr die Wrde des Menschen so erhebende berzeugung, da es keiner Schulsysteme der Philosophie bedarf, um ein sittlich guter, innerlich frommer Mensch zu sein, eine berzeugung, die von Kant zum Grundpfeiler seiner Lehre vom guten Willen gemacht werden sollte. Die Ideale der praktischen Vernunft: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind auch fr Rousseau die Trias gewesen, in der sich seine Ethik zur Religion entfaltete. Damit wird aber freilich der Wert der Offenbarung hchst problematisch. Wenn es fr jeden Menschen mglich ist, den Weg zu Gott zu finden, so ist es schwer denkbar, weshalb dieser Weg nur denen offen stehen solle, welche den Zugang zu einem bestimmten Buch haben finden knnen. Wenn Gott zu uns dauernd durch die Stimme unseres Gewissens und die Wunder seiner Werke spricht, wozu bedarf es der Kenntnis bestimmter Ereignisse, die einmal gewesen sind und von denen wir keine direkte Anschauung, kein unmittelbares Gefhl haben? Ist es wirklich denkbar, da der gtige Gott alle diejenigen unter seinen Geschpfen mit seinem Zorn und harten Strafen bedroht, welche sich nicht von der Wahrheit dieser Berichte berzeugen knnen? Nein, das will, das kann der Vikar nicht glauben. Wenn dem aber doch so wre, so kme offenbar alles darauf an, den Sinn dieser heiligen Schrift richtig zu fassen, denn ein Irrtum in dieser Hinsicht wrde ja von den erheblichsten Folgen fr unser ewiges Heil sein mssen. Nun sind aber diese Schriften in fremden Sprachen verfat, sie erzhlen von Lndern, Sitten und Gebruchen, die wir nicht selber kennen, ohne diese Kenntnis aber mssen diese Worte fr uns ein leerer Schall bleiben. Man wende hier nicht ein, da wir gute bersetzungen dieser Bcher haben, und weise Lehrer, welche uns die Wahrheit dieser Schriften vermitteln; wenn ich sehe, wie verschieden diese bersetzungen sind, wenn ich erwge, wie diese weisen Mnner ber die wichtigsten Stellen der heiligen Bcher miteinander hadern, so schmilzt mein Vertrauen auf diese Hilfsmittel sehr zusammen; trotzdem kommt alles fr mich darauf an, den wahren Sinn der Offenbarung mir zu eigen zu machen. Ich werde also diese fremden Sprachen lernen mssen, ich werde die verschiedenen Lesarten miteinander zu vergleichen haben, um die richtige herauszufinden, ich werde Reisen in das Heilige Land unternehmen mssen, ich werde es niemals wagen drfen, mich mit einem vielleicht zu begngen, denn meiner Seele Seligkeit ist daran geknpft, da ich hier zur Sicherheit gelange. Kann Gott dies gewollt haben, und ist es wahrscheinlich, da ich auf diesem mhevollen und langwierigen Wege aller meiner Zweifel Herr werde? Und wenn mich der Tod frher hinrafft, was dann? Und all die Millionen Menschen, die diesen Weg nicht beschreiten knnen, und die geboren werden, leben und sterben, ohne jemals etwas vom Evangelium gehrt zu haben? Nein, der Glaube an eine Offenbarung kann keine notwendige Voraussetzung der Seligkeit sein! Hat nun deshalb, wie der Erzbischof von Paris folgern zu mssen meinte, fr den savoyischen Vikar die Bibel keinen Wert mehr? Ist die Gestalt Christi fr ihn bedeutungslos geworden? Dagegen hat sich Rousseau, der Zeit seines Lebens ein eifriger Bibelleser war, entrstet verwahrt, und sein Vikar glaubt sogar, das Amt eines Seelsorgers innerhalb der katholischen Kirche trotz oder vielmehr gerade wegen seiner Ansichten versehen zu knnen. Er wird freilich nicht Unduldsamkeit und Ha gegen Andersglubige predigen, aber alles Gute, alle Frmmigkeit, die er in den Herzen seiner Pfarrkinder findet, wird er durch seine Worte zu strken bemht sein, er wird teilnehmen an ihren Freuden, er wird sie im Unglck trsten, er wird in Krankheit und bei ihrem Hinscheiden an ihrem Bette nicht fehlen, er wird sie Gott mehr lieben als frchten lehren, und er wird damit glauben, dem Beispiel Christi zu folgen. Die Bibel wird fr ihn ein erhabenes Buch sein voll groer Gedanken ber Gott und gttliche Dinge, und Christus der Vertreter der reinsten Moral und der innigsten Frmmigkeit. Aber ebenso wie Christus sich an alle Menschen wendete, die guten Willens waren, so vermag auch Rousseau nicht auf das zu sehen, was die Menschen in ihren religisen berzeugungen voneinander trennt, sondern nur das ist wertvoll, was allen gemeinsam ist; denn das Trennende sind die zuflligen historischen Gestaltungen, die in der Zeit entstanden sind und mit der Zeit wieder vergehen werden. Das Gemeinsame aber, der Kern, der in allen diesen zeitlichen und vergnglichen Hllen steckt, ist das Verhltnis der menschlichen Seele zu Gott; das fromme Gefhl, das Gott selber jedem, der Menschenantlitz trgt, in die Seele gelegt hat. Dies zu achten, in welcher Form es auch auftrete, dies zu immer hherer Reinheit zu entwickeln in sich und anderen, das ist die Aufgabe des wahren Frommen und des wahren Geistlichen; bei aller Demut, bei allem Bewutsein der eigenen Schwche und Unzulnglichkeit glaubt sich der Vikar dieses Namens und dieses Amtes nicht unwert. Es ist vielleicht hier der Ort, auf die angebliche Geschichtslosigkeit des achtzehnten Jahrhunderts und den Anteil, den sie auf Rousseaus Gedankenbildung gehabt, mit einigen Worten einzugehen. Vor allem darf diese Geschichtslosigkeit nicht als Mangel an Interesse fr die Vergangenheit aufgefat werden. Einige der grten Historiker aller Zeiten und Vlker haben nicht nur im achtzehnten Jahrhundert gelebt, sondern sind, wie Hume und Gibbon, unter die grten Vertreter der Aufklrungstendenzen des achtzehnten Jahrhunderts zu rechnen. Ebenso haben wir bereits bei Rousseau auf sehr genaue und eingehende historische Kenntnisse, namentlich in der Geschichte seiner Vaterstadt hinweisen knnen, die es ihm ermglichten, dem besten Kenner der Genfer Verfassungsgeschichte gegenber, Tronchin, siegreich das Feld zu behaupten. Trotzdem liegt der landlufigen Redensart vom unhistorischen achtzehnten Jahrhundert ein guter Sinn zugrunde, den wir durch Windelbands und Rickerts methodologische Untersuchungen genau zu formulieren gelernt haben. In zwei Richtungen kann sich unser theoretisches Interesse an den Dingen bettigen. Wir knnen einerseits an ihnen das hervorheben, was ihnen mit allen anderen Dingen gemeinsam ist, die allgemeinen Gesetze ergrnden, welche fr alles Geschehen an jedem Ort und zu jeder Zeit gelten; dies ist das Interesse, welches die Naturwissenschaft leitet. Wir knnen andererseits danach streben, die Dinge in ihrer Eigenart und Einzigartigkeit zu erkennen, an ihnen nicht das hervorzuheben, was ihnen mit allen brigen Dingen oder auch nur mit denen derselben Gattung gemeinsam ist; wir wollen wissen, wie es eigentlich gewesen, wir verfahren als Historiker. Natrlich wird auch der Naturforscher das Einzelding betrachten, von ihm ausgehen mssen, aber dies Einzel=ding= interessiert ihn nur insofern, als es ein Einzel=fall= ist, sei es einer allgemeinen Regel, sei es eines allgemeinen Typus. Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt das Verfahren der Historiker des achtzehnten Jahrhunderts, so werden wir sie ausnahmslos naturwissenschaftlich interessiert finden; selbstverstndlich ist es auch ihr Bestreben, die vergangene Wirklichkeit kennen zu lernen, aber das, was sie in dieser Vergangenheit als wertvoll erblicken, sind die allgemeinen Zge, die in der Natur des Menschen angelegt, zu jeder Zeit und an jedem Ort wiederkehren, sobald dieselben Bedingungen gegeben sind. So will uns Gibbon zeigen, welchen verderblichen Einflu religiser Aberglaube und Fanatismus auf den Bestand groer Reiche habe; so kommt es Montesquieu nicht darauf an, uns die Gesetzgebung der Vergangenheit kennen zu lehren, sondern er will aus dieser Kenntnis den Geist der Gesetze verstehen; so berlie es Voltaire untergeordneten Mitarbeitern, die trockenen Einzelheiten der deutschen Reichsgeschichte zu durchforschen und fr ihn zu exzerpieren; er selbst zog dann das allgemein Interessante, die philosophischen Schlufolgerungen heraus, welche erst die eigentliche Bedeutung der Arbeit ausmachten. Vielleicht ist hier am deutlichsten der Unterschied der naturwissenschaftlichen und der historischen Betrachtungsweise ersichtlich. Was den Historiker Rankescher Richtung allein interessieren wrde, fiel berhaupt gar nicht in den Arbeitsbereich des philosophischen -- wir wrden heute sagen naturwissenschaftlichen -- Geschichtsforschers des achtzehnten Jahrhunderts. Wenden wir von diesem Standpunkt aus unseren Blick auf Rousseaus Stellung zu den Religionen, so wird uns diese gleichfalls als an der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung orientiert erscheinen. Rousseau trat an die einzelnen Religionen mit einem analogen Interesse heran, wie es der Naturforscher gegenber einer Mannigfaltigkeit von Dingen hat, die es in Arten und Gattungen einzuteilen gilt. Die wertvollen Eigenschaften dieser Dinge werden ihm die sein, welche sich bei smtlichen Exemplaren vorfinden, die als das Allgemeine in ihnen gegenber dem Individuellen, das fr die Klassifikation wertlos ist, angesehen werden knnen. Ganz ebenso gilt Rousseau als das Wertvolle in den einzelnen historischen Religionen das, was er in jeder derselben antreffen zu knnen glaubt, alles andere ist zufllige historische Bildung, die im besten Fall als unwesentlich beiseite gelassen werden kann, im schlimmeren aber da, wo sie die gemeinsamen Merkmale berwuchert und verzerrt, ihre Glubigen gegen diese Gemeinsamkeit blind macht, nicht nur als wertfrei, sondern als wertlos und wertfeindlich anzusehen ist. Als das Ideal dieser Betrachtungsweise der Religionen, als der reinste Ausdruck dieses auf das Allgemeine gerichteten Interesses, auf jenes Allgemeine, das eint, whrend das Besondere trennt, wird fr alle Zeiten Lessings unsterblicher Nathan gelten. Was uns diese Betrachtungsweise heute teilweise fremd erscheinen lt, ist eben der Umstand, da wir durch die Arbeit des neunzehnten Jahrhunderts die Mglichkeit gewonnen haben, die Dinge nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch historisch zu betrachten. Nicht das interessiert uns an Bismarck, was er mit allen brigen Staatsmnnern gemeinsam hat, sondern was ihn von allen brigen unterscheidet, einzig und allein =ihm= zukommt. Bei aller Wrdigung dessen, was Goethe mit den Strmern und Drngern verbindet, kommt es uns namentlich doch darauf an, zu erkennen, worin die Einzigartigkeit seines Gtz und seines Werther besteht. Und so ist auch unsere Stellung zu den Religionen eine durchaus andere geworden. Wir streben nicht mehr danach, aus allem, was irgendwo und irgendwann einmal geglaubt worden ist, das _caput mortuum_ einer natrlichen Religion herauszudestillieren. Das, was allen Religionen gemeinsam ist, ist fr diese Betrachtungsweise gerade das, worauf es nicht ankommt, was im besten Fall gerade gut genug ist, um die Paragraphen eines schlechten Kolleghefts ber Religionsphilosophie mit magerem Stoff zu erfllen. Das Wertvolle aber in den einzelnen Religionssystemen, das, woran das 18. Jahrhundert achtlos vorbeiging, ist gerade das, was sie von allen brigen Religionen spezifisch unterscheidet. Wie wir nicht eine Frau berhaupt, einen Gattungsbegriff, heiraten knnen, sondern diese individuelle Persnlichkeit fr dieses individuelle Leben zu gewinnen streben, so kann auch die Religion nur durch den Mund eines individuellen Menschen fr uns zur Lebensmacht werden. Nicht darauf kommt es an, was immer, was berall, was von allen geglaubt worden ist; das kann mich alles nicht retten; sondern darauf kommt es an, da ich den Mittler finde, der mich meinen Weg zu Gott fhrt. Es ist interessant zu beobachten, wie an einer Stelle dieser Gedanke, da nur im Individuellen Leben ist, sich auch schon bei Rousseau und gerade bei ihm anmeldet. In der _Nouvelle Hlose_ haben wir gesehen, wie sich das Interesse auf die ganz persnlichen Geschehnisse St. Preux' und Julies konzentriert. Um ihr individuelles Wohl und Wehe handelt es sich hier, so sehr auch das allgemein Menschliche in ihrem Kampf gegen die gesellschaftlichen Vorurteile betont wird. Die Verbindungen zwischen dem Roman und der Geschichte sind alt. Schwartz hat uns gezeigt, wie bei den Griechen aus dem Erzhlen des Geschehnisses der Roman herauswchst. Vielleicht lt sich in unserer Zeit das Umgekehrte feststellen. Nachdem das individuelle Schicksal erdichteter Personen im Roman die Menschen an diese Art und Betrachtung gewhnt hatte, konnte sich auch dies Interesse auf den wirklichen Menschen der Gegenwart und dann auf den der Vergangenheit bertragen. Die Biographie und namentlich die Autobiographie ist die Brcke, die hinberfhrt zur modernen Geschichtsbetrachtung, und auch hier finden wir Rousseau mit seinen _Confessions_ als den bedeutendsten Pionier einer knftigen Zeit. Die engste Verbindung aber dieser beiden Gebiete erblicken wir dann, wenn wir den Wilhelm Meister mit dem historischen Werke vergleichen, das nicht umsonst den Titel Dichtung und Wahrheit fhrt. Es ist im Verlauf unserer Darstellung dauernd des Einflusses gedacht worden, den Rousseau auf die ganze Gedankenbewegung des deutschen Idealismus gehabt hat. Ihr gegenber erscheint der Einflu Rousseauscher Gedanken auf die politische und literarische Entwickelung in Frankreich fast als geringfgig. Gewi, die Bergpartei stritt ebenso unter dem Zeichen Rousseaus wie die Gironde unter dem Voltaires, gewi in _Maine de Biran_ wurden die Konsequenzen der Gedanken Rousseaus fr die Philosophie ebenso gezogen wie in _George Sand_ fr die Literatur. Aber schon bei der romantischen Richtung in der franzsischen Literatur erscheint es mitunter zweifelhaft, ob ihre Prinzipien direkt aus Rousseau entwickelt, oder aus den deutschen Fortbildungen dieser Gedanken bernommen sind. Im wesentlichen vollzieht sich die Fernwirkung auf deutschem Boden; hier wurde Rousseau nicht das Fundament einer Guillotine, sondern einer neuen Kultur. In den mannigfaltigsten Wendungen begegnen wir hier Rousseaus Gedanken, vertieft, erweitert, gelutert, aber doch unverkennbar Geist von seinem Geist. Kant und Herder, Goethe und Schiller, sie sind ohne Rousseau nicht zu denken, und durch sie bildete sich die neue Wissenschaft, die neue Philosophie, die neue Dichtung des deutschen Idealismus. So tritt Rousseau ein unter die Heroen eines Volkes, auf dessen Boden er niemals den Fu gesetzt, bei welchen eine Freisttte zu suchen, er selbst in der uersten Not verschmht hat. Wir haben mehr aus Rousseau gewonnen, als wenn wir ihn unseren Landsmann htten nennen knnen. Wir haben seinen Geist zu uns herbergezogen, wir haben ihn uns zugeeignet. Die tausend Anregungen, die er verschwenderisch ausgestreut hat, sind in Deutschland auf guten Boden gefallen und haben hundertfltig Frucht getragen. Daher haben wir ein Recht auf Rousseau, wie der der rechte Erbe ist, der das berkommene sich zueignet, indem er es ntzt. Und wenn wir an der Fortbildung des deutschen Idealismus weiter arbeiten, wenn wir in ihm das Heil fr die schweren Zweifel und Schden auch unserer Zeit erblicken, dann ziemt es sich auch, des Mannes zu gedenken, der allen den Groen unseres Volkes teuer war als ihr Lehrer, des groen Heimatlosen an der Grenze zweier Zeitalter. Synchronistische Tabelle ber Leben und Schriften Jean-Jacques Rousseaus. +------------------------------------+---------------------------------+ | | | | =Leben.= | =Schriften.= | | | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1712 28. Juni zu Genf geboren, Vater| | | Uhrmacher, Mutter eine geborene| | | Bernard, stirbt nach der | | | Geburt. | | +------------------------------------+ | |1722 Sein Vater verlt Genf; J.-J. | | | kommt zu einem Onkel Bernard, | | | dann zu Pfarrer Lambercier | | | nach Bossey bei Genf. | | +------------------------------------+ | |1724 Zurck zu seinem Onkel; | | | Lehrling beim Gerichtsschreiber| | | Masseron. | | +------------------------------------+ | |1725 Lehrling beim Graveur Ducommun | | | (S. 4). | | +------------------------------------+ | |1728 Mrz, verlt Genf (S. 4) | | | Ostern, lernt Mme de Warens | | | kennen. 27. April, tritt in | | | Turin zur kath. Kirche ber, | | | wird Lakei bei der Grfin | | | Vercellis, nach deren Tode zum | | | Grafen Gouvon; lernt | | +------------------------------------+ | |1729 den Abb Gaime (S. 80) | | | kennen. Verlt den Dienst | | | und kehrt nach Annecy zu Mme | | | de Warens zurck. Ein Versuch, | | | Priester zu werden, scheitert | | | (S. 7). | | +------------------------------------+ | |1730 Studiert Musik bei Le Matre, | | | begleitet ihn nach Lyon und | | | verlt ihn dort (S. 11), gibt | | | in Annecy Musikunterricht, | | | trifft mit Frl. Galley und | | | Graffenried zusammen | | | (S. 10, 72). | | +------------------------------------+ | |1731 Streift abenteuernd in der | | | Schweiz und Frankreich umher, | | | kehrt | | +------------------------------------+ | |1732 zu Mme de Warens nach | | | Chambry zurck, Mme de | | | Warens wird seine | | | Geliebte (S. 9), wird Geometer,| | | spter wieder Musiklehrer. | | +------------------------------------+ | |1736 Zur Wiederherstellung seiner | | | Gesundheit Aufenthalt in Les | | | Charmettes. | | +------------------------------------+ | |1737 Sept. Reise nach Montpellier, | | | um Heilung zu suchen. | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1738 Rckkehr zu Mme de Warens. |1738 _Rponse au Mmoire anonyme,| | | intitul: Si le monde | | | que nous habitons est une | | | sphre._ | | +---------------------------------+ | |1739 _Le Verger des Charmettes_, | | | philosophisches Gedicht. | +------------------------------------+---------------------------------+ |1740 Hauslehrer in Lyon bei Herrn |1740 Schrift ber das Notensystem| | von Mably (S. 63). | (S. 6). | +------------------------------------+ | |1741 Rckkehr nach Chambry. | | | Trennt sich von Mme de | | | Warens, geht nach Paris, um | | | seine Theorie der Musik der | | | Akademie vorzulegen. | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1742 22. Aug., Sitzung der Akademie,|1742 Oper _Les Muses galantes_, | | Rousseau legt seine Schrift | Lustspiel _Les Prisonniers_.| | vor, wird beim Finanzpchter | | | Dupin eingefhrt. | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1743 Geht als Sekretr des Gesandten|1743 _Sur la Musique moderne._ | | Montaigue nach Venedig (S. 44).| | +------------------------------------+ | |1745 Rckkehr nach Paris, | | | Bekanntschaft mit Thrse | | | Levasseur (S. 10), Auffhrung | | | der _Muses galantes_, Tod | | | des Vaters. Wird Kollaborator | | | bei Francueil. Freundschaft mit| | | Grimm und Diderot (S. 8). | | | +---------------------------------+ | |1747 Lustspiel: _L'Engagement | | | tmraire_, Gedicht: | | | _L'Alle de Sylvie_. | +------------------------------------+ | |1749 Gefangenschaft Diderots in | | | Vincennes (S. 8, 15). Rousseau | | | gibt sein Amt als Kollaborator | | | auf. Kopiert Noten. | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1750 Rousseau gewinnt den Preis der |1750 _Discours qui a remport le | | Akademie von Dijon (S. 15). | prix l'Acadmie de Dijon | | | en 1750; Si le | | | rtablissement des sciences | | | et des arts a contribu | | | purer les moeurs_ (S. 13). | | +---------------------------------+ | |1751 _Observations sur une | | | rfutation du Discours par | | | le roi de Pologne_ (S. 17). | | +---------------------------------+ | |1752 Auffhrung des _Devin du | | | Village_ in Fontainebleau | | | (S. 6). | | +---------------------------------+ | |1753 _Lettre sur la Musique | | | franaise. L'origine de | | | l'ingalit parmi les | | | Hommes_, gedruckt 1755 | +------------------------------------+ (S. 13 ff.). | |1754 Reise nach Genf, tritt zum | | | Kalvinismus ber, erlangt das | | | Brgerrecht (S. 4). | | | +---------------------------------+ | |1755 Artikel: _conomie | | | politique_ in der | | | _Encyclopdie_ (S. 22). | +------------------------------------+---------------------------------+ |1756 9. April zieht in das Landhaus |1756 _La Reine fantasque_, | | der Mme d'Epinay L'Ermitage | komisches Mrchen. Schreibt | | bei Montmorency. Verhltnis | _la Nouvelle Hlose_ | | zur Grfin d'Houdetot (S. 9). | (erscheint 1761) (S. 69), | | | _Extrait de la paix | | | perptuelle de l'Abb de St.| | | Pierre._ _Extrait du trait | | | sur la polysynodie._ _Lettre| | | Voltaire_ (S. 86). | +------------------------------------+---------------------------------+ |1757 Verlt die Ermitage. Bruch |1757 _Lettre d'Alembert sur les| | mit Mme d'Epinay, Grimm und | Spectacles_ (S. 24). | | Diderot (S. 9). | | +------------------------------------+ | |1759 Zieht in das dem Marschall | | | von Luxembourg gehrige | | | kleine Schlo von Montmorency. | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1762 Haftbefehl des Parlaments. |1762 _Contrat social_ (S. 27) | | 8. Juni verlt Rousseau | _mile_ (S. 49). | | Montmorency, Flucht nach der | | | Schweiz. Der Emile in Genf | | | verbrannt (S. 50). Rousseau | | | aus Bern ausgewiesen, findet | | | Zuflucht in Motiers-Travers | | | im preuischen Neufchatel. | | | Freundschaft mit Lord Marchal | | | Keith (S. 9). | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1763 (12. Mai) Rousseau gibt sein |1763 _Lettre Christophe de | | Genfer Brgerrecht auf. | Beaumont, Archevque de | | | Paris._ (S. 91). | | +---------------------------------+ | |1764 _Lettres crites de la | | | Montagne_ (S. 45). | +------------------------------------+---------------------------------+ |1765 Sept., wird aus Motiers |1765 Entwurf zu einer Verfassung | | vertrieben, flchtet nach der | fr Korsika (S. 46). | | Isle St. Pierre im Bieler See, | | | von da ausgewiesen, nach | | | Straburg. 2. Nov. mit David | | | Hume nach England. | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1766 Nach Wootton zu Davenport. |1766 Schreibt an den | | Beginn der Geisteskrankheit. | _Confessions_ (erschienen | | (S. 12). | 1782) (S. 3-13). | +------------------------------------+---------------------------------+ |1767 Flucht nach Frankreich, |1767 _Dictionnaire de Musique._ | | Aufenthalt im Jagdschlo Trye | | | des Prinzen Conti. | | +------------------------------------+ | |1768 Reise durch Frankreich; | | | lngerer Aufenthalt in | | | Bourgoin, dort Eheschlieung | | | mit Thrse, (August). | | +------------------------------------+---------------------------------+ |1769 Monquin (Beschftigung mit |1769 _Quelle est la vertu la | | Botanik) (S. 6). | plus ncessaire aux hros?_| +------------------------------------+---------------------------------+ |1770 Paris. Liest die _Confessions_ |1770 _Considrations sur le | | vor, diese Vortrge polizeilich| gouvernement de Pologne_ | | verboten. | (erschien 1782) (S. 46). | | | _Rveries d'un promeneur | | | solitaire_ (erschien 1782) | | | (S. 13). | +------------------------------------+---------------------------------+ |1774 Zusammentreffen mit Gluck. |1772-1776 _Rousseau juge de Jean-| | | Jacques, Dialogues_ (S. 13) | +------------------------------------+ | |1778 (20. Mai) Nach Ermenonville | | | zu M. de Girardin. 2. Juli | | | Tod (S. 13). | | +------------------------------------+---------------------------------+ * * * * * * Textnderungen im Rahmen der Transkription Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext beibehalten. nderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen. Seitenangabe originaler Text genderter Text Seite 5 an einem Werk, der _Nouvelle Helose_, mit an einem Werk, der _Nouvelle Hlose_, mit Seite 8 Ahnung davon hatten, ihn verletzt zuhaben Ahnung davon hatten, ihn verletzt zu haben Seite 9 Schpfung seiner Julie (in der _Nouvelle Hloise_) Schpfung seiner Julie (in der _Nouvelle Hlose_) Seite 26 in ihren Schpfungen nur berindividuelle Wert entstehen in ihren Schpfungen nur berindividuelle Werte entstehen Seite 32 Hobbes' Staatvertrag ist eine Realitt Hobbes' Staatsvertrag ist eine Realitt ein Recht sei, das im Naturzustand gegolten hate ein Recht sei, das im Naturzustand gegolten hatte Seite 52 in seinen Hunden wie bildsames Wachs werden in seinen Hnden wie bildsames Wachs werden Seite 97 bei der Grfin Vercellis, nach nach deren Tode bei der Grfin Vercellis, nach deren Tode License: Share Alike