Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was produced from images generously made available by The Internet Archive. Freiland. Freiland. Ein sociales Zukunftsbild von Theodor Hertzka. Vierte durchgesehene Auflage. Dresden und Leipzig. E. Pierson's Verlag. Alle Rechte vorbehalten. Vorrede zur vierten Auflage. Auch die dritte Auflage ist vergriffen, kaum da sie die Presse zu verlassen vermochte, und so bergebe ich denn meinen Lesern diese vierte. Mge sie vereint mit ihren Vorgngerinnen dahin wirken, da der Gedanke, dem ich in den nachfolgenden Blttern Worte leihe, mglichst rasch zur That werde. _Wien_ im August 1890. Theodor Hertzka. Inhalt. Erstes Buch. 1. Kapitel 3 2. Kapitel 9 3. Kapitel 21 4. Kapitel 34 5. Kapitel 47 6. Kapitel 58 7. Kapitel 69 Zweites Buch. 8. Kapitel 79 9. Kapitel 94 10. Kapitel 105 11. Kapitel 110 12. Kapitel 127 Drittes Buch. 13. Kapitel 143 14. Kapitel 155 15. Kapitel 169 16. Kapitel 181 17. Kapitel 192 18. Kapitel 200 19. Kapitel 209 20. Kapitel 222 21. Kapitel 240 22. Kapitel 251 Viertes Buch. 23. Kapitel 267 24. Kapitel 283 25. Kapitel 295 26. Kapitel 307 27. Kapitel 321 Schluwort 334 Erstes Buch. 1. Kapitel. Um die Mitte des Monats Juli des Jahres 18.. war in den angesehensten Zeitungen Europas und Amerikas folgende Ankndigung zu lesen: Internationale freie Gesellschaft. Eine Anzahl von Mnnern aus allen Teilen der civilisierten Welt hat sich zu dem Zwecke vereinigt, einen praktischen Versuch zur Lsung des socialen Problems ins Werk zu setzen. Diese Lsung suchen und finden dieselben in der Schaffung eines Gemeinwesens auf Grundlage vollkommenster Freiheit und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zugleich, d. i. eines solchen, welches, bei unbedingter Wahrung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes, jedem Arbeitenden den ganzen und ungeschmlerten Genu der Frchte seiner eigenen Arbeit gewhrleistet. Zum Zwecke der Grndung eines solchen Gemeinwesens soll auf bisher herrenlosem aber fruchtbarem und zur Besiedelung wohlgeeignetem Gebiete ein grerer Landstrich besetzt werden. Auf diesem ihrem Gebiete wird die freie Gesellschaft keinerlei Eigentum an Grund und Boden anerkennen, ebensowenig dasjenige eines Einzelnen, als ein solches der Gesamtheit. Behufs Bearbeitung des Bodens, wie berhaupt zum Zwecke jeglicher Produktion, werden sich Associationen bilden, deren jede sich nach eigenem Gutdnken selber verwalten und den Ertrag ihrer Produktion unter ihre eigenen Mitglieder je nach deren Leistung verteilen wird. Jedermann hat das Recht, sich einer beliebigen Association anzuschlieen und dieselbe nach freier Willkr zu verlassen. Die Arbeitskapitalien werden den Produzenten zinslos von Gesellschaftswegen zur Verfgung gestellt, mssen jedoch von denselben zurckerstattet werden. Arbeitsunfhige und Frauen haben das Recht auf auskmmlichen Unterhalt von Gesellschaftswegen. Die zu obigen Zwecken, sowie zu sonstigen gemeinntzigen Ausgaben erforderlichen Geldmittel werden durch eine auf das Reineinkommen jeglicher Produktion gelegte Abgabe beschafft. Die Internationale freie Gesellschaft verfgt derzeit schon ber eine Mitgliederzahl und ber Kapitalien, die zur Durchfhrung ihres Planes -- wenn auch nur in bescheidenem Mastabe -- ausreichen. Da sie jedoch einerseits der Ansicht ist, da der Erfolg ihres Versuches desto sicherer und durchgreifender ausfallen mu, mit je greren Mitteln derselbe ins Werk gesetzt wird, andererseits etwaigen Gesinnungsgenossen Gelegenheit geboten werden soll, sich an dem Unternehmen zu beteiligen, so tritt sie hiermit vor die ffentlichkeit und giebt bekannt, da Anfragen oder Mitteilungen, welcher Art immer, an das Bureau der Gesellschaft: Haag, Boschstrae 57 zu richten sind. Auch wird die Internationale freie Gesellschaft am 20. Oktober l. J. im Haag eine ffentliche Versammlung abhalten, in welcher die letzten Beschlsse vor praktischer Inangriffnahme des Werkes gefat werden sollen. Fr den geschftsfhrenden Ausschu der Internationalen freien Gesellschaft. _Karl Strahl._ Haag, im Juli 18.. * * * * * Diese Ankndigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe Aufregung hervor. Der Name des fr den geschftsfhrenden Ausschu Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl Strahl war nicht blo als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller Deutschlands rhmlichst bekannt. Man mute also das seltsame Projekt ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung bemchtigten sich alsbald desselben mit grtem Eifer. Lange vor dem 20. Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen htte, ob die Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekndigten Plne in den Bereich des Mglichen oder des Utopischen gehre; diese Gesellschaft selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war offenbar zunchst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische Beweise zu gewinnen; sie wollte allfllige Gesinnungsgenossen an sich ziehen und dann handeln. Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, da selbst der grte im Haag vorhandene ffentliche Saal nicht gengen wrde, die Menge der erschienenen Mitglieder, Gste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschrnken, welches Mittel denn auch darin gefunden wurde, da die von fernher zugereisten Gste zwar unentgeltlich, die Ortsansssigen dagegen blo gegen Erlegung von 20 hollndischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erls dieser Karten wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der 2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in den letzten Winkel gefllt. Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende -- Dr. Strahl -- das Wort, um die Versammlung zu erffnen und zu begren. Die alle Erwartungen der Einberufer berflgelnde Zahl der neuen Mitglieder und die Hhe der gezeichneten Beitrge zeuge dafr, da die Bedeutung des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. Die berzeugung, da das Gemeinwesen, an dessen Grndung wir nunmehr schreiten, so fuhr Redner fort -- bestimmt ist, Armut und Elend an der Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgebel des Elends anzusehen sind, sie drckt sich nicht blo in den Worten, sondern auch in der Handlungsweise des grten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen, opferfrohen Begeisterung, mit der sie -- ein Jedes nach seinen Krften -- zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir unseren Aufruf erlieen, waren wir unser 84, das Vermgen, ber welches wir verfgten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermgen betrgt 205620 Pfd. Sterling. (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus unterbrochen.) Es ist selbstverstndlich, da eine solche Summe nicht von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die man gemeinhin als bei der Lsung des socialen Problems ausschlielich interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich drngt sich dabei die Erkenntnis auf, da Ekel und Grauen vor den socialen Zustnden der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten Mitmenschen. Denn -- und darauf mchte ich besonderen Nachdruck legen -- diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen nicht blo als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten, sie wollen das neue Gemeinwesen nicht blo fr ihre darbenden Mitbrder, sondern zugleich fr sich selber grnden. Und daraus mehr als aus allem Anderen schpfen wir die felsenfeste berzeugung vom Gelingen unseres Werkes. Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schlo dieser folgendermaen seinen kurzen Vortrag: In Ausfhrung unseres Programms soll ein annoch herrenloser grerer Landstrich zum Zwecke der Grndung eines unabhngigen Gemeinwesens erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu solchem Vorhaben whlen wollen. Europisches Gebiet kann aus naheliegenden Grnden nicht in Frage kommen; auch in Asien wrden wir berall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen knnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, da die dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung einrumen wrden, aber auch dort knnte unser junges Gemeinwesen nur schwer jene ungestrte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen gewhrleistet erhalten, die insbesondere fr den Anfang eine der Voraussetzungen raschen und ungetrbten Erfolges ist. Bleibt also nur Afrika, der lteste und doch der jngstentdeckte Weltteil. Dessen centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir nicht blo schrankenlosen Raum und ungestrte Ruhe zur Entfaltung, sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar gnstigsten Verhltnisse des Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochlnder, welche die Vorzge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des dunklen Weltteiles gelegenen Berglndern ist allerdings schwierig, aber gerade das ist's, was uns fr den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen daher vor, die neue Heimat im quatorialen Innerafrika zu suchen. Und zwar denken wir zunchst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das Land stlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade sdlicher bis zum 1. Grade nrdlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade stlicher Lnge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete fr unsere Zwecke finden zu knnen. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden? Allgemeine Zustimmung folgte und strmische Rufe: Vorwrts, lieber heute als morgen! wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, da die Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der Vorsitzende das Wort: So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat mu erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und gefahrvolles Unternehmen. Durch Wsteneien und unwirtliche Wlder fhrt der Weg, Kmpfe mit feindseligen wilden Stmmen werden vielleicht nicht zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur krftige Mnner, nicht Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete mu erst noch organisirt werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, da der Masse der Unseren eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe gelst haben, knnen die Anderen nachfolgen. Damit nun alles Erforderliche mit mglichster Kraft, Umsicht und Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewute Leitung vonnten. Bisher lagen die Geschfte der Gesellschaft in den Hnden eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wre eine Erneuerung oder zum Mindesten eine Ergnzung der Geschftsleitung durch die neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl hchst wnschenswert; trotzdem knnen wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so rasch auch nicht gengend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als etwas anders, denn als ein bloes Spiel des Zufalls erscheinen zu lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Besttigung unserer Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer Mitte nach unserem Ermessen verstrken zu drfen. Und zwar bitten wir um diese Vollmachten, die brigens durch Beschlu Ihrer Vollversammlung jederzeit widerrufbar sein sollen, fr die Dauer von zwei Jahren. Nach Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch gengend lange miteinander gelebt haben, um uns einigermaen kennen zu lernen. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, da alle Kundmachungen des geschftsfhrenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben wrden und schlo die Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging. Die erste That des von der Generalversammlung besttigten Ausschusses der Internationalen freien Gesellschaft war, da er fr die Leitung des nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei Persnlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete. Diese zwei Fhrer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart teilen, da der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu erwhlende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der Heerfhrer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu ersterem Amte whlte der Ausschu den bekannten Afrikareisenden Thomas Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und Kenia, das sogenannte Massa-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston war ein jngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst aus Anla seiner Ernennung zum Fhrer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der Ausschu einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster Freund des Grnders und geistigen Fhrers der Gesellschaft -- Dr. Strahl -- der Geeignetste war, diesen whrend der ersten Epoche der Grndung zu vertreten. Dr. Strahl hatte allerdings ursprnglich die Absicht, sich den Pfadfindern selber anzuschlieen und gleich die ersten Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persnlich zu leiten; die anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache. Sie konnten nicht zugeben, da der Mann, von dessen fernerem Wirken das Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Mae abhing, sich Gefahren aussetze, die fr ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit nicht eben die festeste schien. Auch mute er bei reiflichem Erwgen selber zugeben, da fr die nchsten Monate seine Anwesenheit in Europa weit ntzlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr. Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem groen Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle. 2. Kapitel. Wir berlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition erwhlten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glckliche Durchfhrung und die ersten Kulturarbeiten in den Hochlndern des Kenia nach Auszgen aus dessen Tagebuch mitteilen. * * * * * Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten Fhrers hatte mich anfangs mit Schrecken erfllt. Der Gedanke, da von meinen Fhigkeiten zu nicht geringem Teile die glckliche Einleitung eines Werkes abhngen solle, welches wir alle als das bedeutsamste und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewhnt hatten, erfllte mich mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit whrte nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu entziehen, zu deren bernahme die Genossen mich als den Passendsten erachteten, und als vollends mein vterlicher Freund Strahl mich fragte, ob ich ein Milingen fr mglich hielte, wenn die meiner Leitung Unterstellten von gleicher Begeisterung erfllt wren wie ich, und ob ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, da diese Voraussetzung zutreffen wrde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das Gelingen des Werkes an die Stelle der anfnglichen Verzagtheit, eine Stimmung, die mich frderhin keinen Augenblick verlassen hat. Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder wurden brigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunchst galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten -- die zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai --, der kriegerischeste von allen des quatorialen Afrika ist und ihm nur durch krftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung aufgehalten zu werden. Schlielich einigte man sich darber, da zweihundert Pfadfinder mitgenommen werden sollten. Natrlich muten diese aus den krftigsten, zur berwindung von Anstrengungen, Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der Gesellschaft erwhlt werden. Auch jenes Ausma von Intelligenz wurde bei jedem Teilnehmer der Expedition fr notwendig erachtet, welches dazu gehrt, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der bernommenen Mission zu erfassen. In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschu an die Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur Expedition Meldenden einzusenden, fr deren Gesundheit, krftige Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube einstehen zu knnen. Zugleich sollte angegeben werden, welche Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besen. Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870 wrmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunchst hundert ausgewhlt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen Umstnden in erster Linie bercksichtigenswert erschien. Dieses erlesene Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 rzte, 8 Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6 theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche Gewerbsleute, die man der Expedition fr alle Flle sichern wollte und schlielich 45 als besonders treffliche Schtzen oder als ausnehmend krftig gerhmte Mnner. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren Auslese den Zweigvereinen in der Weise berlassen wurde, da jedem derselben fr angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst rasch in Alexandrien, dem vorlufigen Versammlungsorte der Expedition, einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen (im brigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefhr der Hlfte, welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt). Darber verging der Monat November. Der Ausschu aber hatte inzwischen nicht gefeiert. Die Ausrstung der Expedition wurde nach allen Seiten grndlich errtert, festgestellt und fr die Beschaffung aller Erfordernisse vorgesorgt. Fr jedes der 200 Mitglieder wurden sechs komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte Jgerwsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied ein Repetiergewehr bester Konstruktion fr zwlf Schsse, einen Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Auerdem wurden 100 Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierltige Sprengkugeln schieenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbchse angeschafft, selbstverstndlich ausreichende Munition nicht vergessen. Die hierauf zu errternde wichtigste Frage war, ob die Expedition beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Befrderung der mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarkste ab durch Trger, sogenannte Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs die Absicht gehabt, blo 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der schwereren Laststcke, teils zur Befrderung etwaiger Kranker oder Maroder anzukaufen und als Trger des von ihm auf 400 Zentner veranschlagten Gesamtgepcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas anzuwerben. Diesen Plan lie er jedoch sofort fallen, als ich seiner Gepckliste, die der Hauptsache nach blo die zum Unterhalte der Expedition fr sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel umfate, meine Anforderungen hinzufgte. Ich verlangte vor allem die Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen Gegenstnden, die uns -- am Ziele angelangt -- in den Stand setzen sollten, mglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der notwendigsten Bedarfsartikel fr viele Tausend uns nachfolgender Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine Reihe landwirtschaftlicher Gerte oder doch jene Bestandteile derselben, die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen lassen, hnliche Bestandteile fr eine Feldschmiede und Schlosserei, sowie fr eine Mahl- und Sgemhle; ferner Smereien und Setzlinge in nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wre. Schlielich machte ich darauf aufmerksam, da zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des Weges fr die uns nachfolgenden Karawanen die Abschlieung fester Freundschaftsbndnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich empfehlen wrde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke erforderlich seien, als er sie prliminiert habe. Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, da damit die zu befrdernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich verdreifachen wrde und da die sohin erforderlichen 1600 bis 2400 Pagazis den Zug allzu schwerfllig gestalten wrden. Da schlug Dr. Strahl vor, von der Befrderung durch Pagazis gnzlich abzugehen und ausschlielich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, da in den Niederungen des quatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte Wasser insbesondere den Pferden ttlich werde; auf unserer Route sei aber solches nicht zu befrchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren ganz zutrgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl berwinden. Dieselben besitzen -- wie er unter anderem auch aus Johnstons Reiseberichten wisse -- berall, wo sie Dickicht oder Gestrpp durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fu, zu wenig fr Packtiere, die deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden mten, wobei menschliche Trger zeitweilig die Lastenbefrderung zu bernehmen haben. Letzteres wre nun allerdings bei einer ausschlielich aus Tragtieren bestehenden Karawane mit verhltnismig nur wenigen Treibern und Begleitern entweder ganz unmglich oder doch mit unberechenbarem Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, da es gelingen msse, mittels einer entsprechenden Anzahl gut ausgersteter Eclaireure den Weg berall auch fr Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm etwa 100 mit xten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er sich unter der Kstenbevlkerung aussuchen wrde, zur Disposition stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu fhren. Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee an, auch die smtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich -- und das habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Ansto gegeben, msse fr die Einfhrung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und Zugtieren in der knftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und zwar sei es am besten, diese ntzlichen Tiere in thunlichst groer Zahl schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, da wir beritten uns viel rascher bewegen knnten. Er fgte hinzu, da er sowohl bei den Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen wrde, insbesondere bei den Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die der spterhin zu erzielenden Nachzucht abhnge. Auch dem wurde zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, da sich durch all dies die Kosten der Expedition ganz auerordentlich verteuern wrden. So wie er sie ursprnglich geplant habe, wren mit hchstens 12000 Pfd. Sterl. die Kosten zu decken gewesen, jetzt msse mit ungefhr der vierfachen Summe gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die Rechnung erwies sich auch nachtrglich insofern richtig, als die Expedition in Wahrheit 52500 verschlang; aber bereinstimmend wurde hervorgehoben, da es eine ntzlichere Verwendung der doch so reichlich zu Gebote stehenden und fortwhrend in raschem Wachsen begriffenen Geldmittel gar nicht geben knne, als den Aufwand fr alles, was geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu grndende Gemeinwesen auf mglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten. Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet und seinem Gewichte nach abgeschtzt war, zeigte sich, da wir ungefhr 1200 Zentner wrden zu befrdern haben und zwar: 150 Ztr. verschiedene Lebensmittel und Getrnke; 120 " Reisegerte (darunter 50 wasserdichte Zelte fr je 4 Mann); 160 " verschiedene Smereien und Materialien; 220 " Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente; 400 " Tauschwaren und Geschenke; 120 " Munition und Sprengstoffe. Auerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4 leichte sthlerne Gebirgskanonen fr Sprenggeschosse bestellt. Seine Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf, durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen muten, den Frieden desto sicherer erhalten zu knnen. Dazu kamen im letzten Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute Hinterlader, die wir billig von der sterreichischen Regierung erstanden und teils als Reserve, teils zur Ausrstung eines Teiles der in Zanzibar anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten. Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere und 80 Kamele verladen werden. Da wir auerdem 200 Pferde brauchten, um uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze unterwegs eingehender Tiere wnschenswert war, so wurde beschlossen, in allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in gypten, teils in Arabien, die Kamele in gypten, die Esel in Zanzibar. Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere Bevollmchtigten whlten und bestellten alles an erster Quelle; nach Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkufer fr Pferde und Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten Johnston und ich -- die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen hatten -- uns auf den Weg nach Alexandrien. Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thtigkeit bergehe, mu ich einen Zwischenfall erwhnen, den wir im Ausschusse mit einer jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen werden wollte. Die Dame war reich, schn und exzentrisch, eine schwrmerische Anhngerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewhnt, an die Mglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wnschen gegenber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten wrden. Ich mu gestehen, da mich das herrliche Mdchen dauerte, das sichtlich von verzehrendem Thatendrange erfllt war und die seinem Geschlechte gegenber an den Tag gelegte ngstliche Schonung als beschmende Zurcksetzung empfand. Allein es lie sich nichts thun; wir hatten mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten Ehemnner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Mi wandte sich hierauf, da ihr Drngen bei uns Mnnern vom Ausschusse nichts half, an unsere weiblichen Angehrigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen herzlich und liebenswrdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend in ihrer Schwrmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund mehr, den Mnnern darin Recht zu geben, da so zarte Geschpfe nicht in die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehren. Man htschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches Unmgliches fordere, und das brachte Frulein Ellen Fox -- so hie die Amerikanerin -- vollends auer sich. Pltzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die gleichfalls, wenn auch aus anderen Grnden, unsere Expedition mitmachen wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus Begeisterung fr unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt. Meine Schwester -- um zwlf Jahre lter als ich und ledig geblieben, weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von Distinktion und vornehmem Wesen gengend entsprochen htte -- war eine der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich whrend der 26 Jahre meines bisherigen Lebens gestoen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand jedem Hilfsbedrftigen gegenber stets offen, aber vor allem, was nicht den sogenannten hheren, gebildeten Stnden angehrte, hatte sie eine unberwindliche Miachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der socialen Frage Nheres erfuhr, flte es ihr Grauen ein, da vernnftige Menschen ernstlich glauben knnten, sie und ihre Kchenmagd seien von Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wute, da hier alle Bekehrungsversuche eitel wren, teilte ich der Guten Jahre hindurch nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der Grndung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser spielte. Ich wollte ihr den Kummer ber meine Verirrung mglichst lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zrtlich, deren Abgott hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die ngstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre Sache sei. Da ich ihrer Hut entrckt lnger als hchstens zwei bis drei Tage existieren knne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als ein Ding der baren Unmglichkeit. Nun denke man sich das namenlose Entsetzen dieser meiner Vormnderin, als ich ihr endlich doch die Erffnung machen mute, da ich nicht nur einer socialistischen Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermgen deren Zwecken geweiht, sondern berdies dazu ausersehen sei, 200 Socialisten in das Innere von Afrika zu fhren. Es dauerte mehrere Tage, bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten, Thrnen, verzweifelte Vorwrfe und Vorstellungen. Ich mge den Strolchen mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen htten, ruhig berlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben; sie konsultierte unseren Hausarzt ber meine Zurechnungsfhigkeit, kam aber dabei bel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar Mitglied der Expedition. Schlielich, da alles nichts fruchtete, erffnete sie mir, da sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklrte, dies gehe nicht an, da Frauen nicht mitgenommen wrden, fhrte sie ihr schwerstes Geschtz ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine letztwillige Anordnung, der ich mich fgen msse; und als ich auch dem gegenber hartnckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar blo whrend der Zeit meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureien vermochte. Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mtterchen, vergebens versicherte ich ihr, da unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige ganz ertrgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rhren mit mir haben wrden, vergebens versprach ich ihr, da sie in Halbjahrsfrist etwa mir nachfolgen knne -- es half alles nichts, sie gab mich verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rhrenden als nrrischen Schmerze gegenber wohl zu beginnen sei. Da besuchte Mi Ellen meine Schwester; ich mute, von Geschften gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurckkam, fand ich Klara wunderbar getrstet. Sie jammerte und sthnte nicht mehr, ja sie konnte sogar, ohne in Thrnen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen. Offenbar hatte Mi Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst gewirkt und ich segnete um deswillen die schne Amerikanerin, umsomehr, da auch sie uns von da ab durch ihr Drngen nicht mehr qulte. Sie war pltzlich abgereist und ich beglckwnschte mich hchlichst, einer doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein. Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23, die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon eingetroffen sein zu knnen, teils durch irgendwelche unvorhergesehene Zwischenflle noch zurckgehalten waren. Johnston schritt ohne Zgern an die Equipierung, Einbung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern gebildeter Wirtschaftsausschu; jeder Mann erhielt vollstndige Bekstigung und auerdem -- sofern er nicht ausdrcklich darauf verzichtete -- 2 in Bargeld monatlichen Zuschu. Dieselbe Summe wurde auch spter whrend der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur selbstverstndlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermnze, die im quatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen Bedarfsgegenstnden oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die Ausrstungsgegenstnde -- Kleider und Waffen -- ausgepackt waren, begannen die bungen. Tglich wurde acht Stunden lang manvriert, marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe geschossen. Spter veranstaltete Johnston grere auf mehrere Tage ausgedehnte Mrsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militrischer Gehorsam geleistet werden mute, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen angesichts der Thatsache, da wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu grnden, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir begriffen eben alle, da dieser Endzweck unseres Unternehmens und die Expedition, die uns dahin fhren sollte, zwei verschiedene Dinge seien; es kam whrend des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere kein Fall berflssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte. Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren wir eine vollkommen eingebte Elitetruppe. Im Manvrieren konnten wir es mit jedem Gardekorps aufnehmen -- natrlich nur hinsichtlich jener bungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde gegenber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militrischen Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben wir so unwissend wie die Hottentotten; dafr konnten wir ohne Beschwer 24 Stunden lang mit blo sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wre im Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wuten wir mit einer kleinen Batterie Congrve'scher Raketen umzugehen, die Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen gyptischen Offiziers, eines geborenen sterreichers, der sich in Alexandrien hufig als Zuschauer bei unseren bungen eingefunden, aus Triest hatte nachsenden lassen. Am 30. Mrz schifften wir uns auf der Aurora, einem prchtigen Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschu von der englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in Liverpool, Marseille und Genua die fr uns bestimmten Waren an Bord genommen, am 22. Mrz in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in gypten gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir -- den Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und Kamele eingerechnet -- hchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer reichlich zwei Wochen fr Zanzibar und fr die berfahrt nach Mombas, von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten und wo wir uns, der an der Kste angeblich herrschenden Fiebergefahr wegen, keinen Tag lnger als notwendig aufzuhalten gedachten. Es ging auch alles ganz programmgem von statten. In Aden trafen wir unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und mit 25 Kamelen, nicht minder vorzglicher Rasse; ebenso wurden hier 115 Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge genderter Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. gypten angeschafft worden waren. Am 16. April warf die Aurora im Hafen von Zanzibar Anker. Die halbe Bevlkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begren. Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf, denn nicht blo die hier lebende, whrend der letzten Jahre auf nahezu 200 Kpfe angewachsene europische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste Persnlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natrlich unser Zanzibarer Bevollmchtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab, da er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und da angesichts der uns gegenber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen eingeborenen Mannschaften mit grter Leichtigkeit von statten gehen werde. Am 26. April verlieen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen des nchsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere smtlichen Tiere und den grten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wrter und unter Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen -- gleichfalls mit der Aurora -- dahin gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten zuzuteilen, bezogen wir auerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Fr je 2 Handpferde oder Kamele und fr je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wrter bestellt, so da zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145 beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder solcher Gegenstnde ausersehen, die jederzeit zur Hand sein muten; 100 -- unter diesen selbstverstndlich die Wegfhrer und zwei Dolmetscher -- dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und durchgefhrt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen; der Zug ins Innere konnte angetreten werden. Da wir aber programmgem nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europische Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses berbringen sollte, so hatten wir einige Tage der Mue vor uns, die wir dazu benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen. Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich ins Meer ergieenden und zu einer mchtigen Bucht sich ausweitenden Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesmpfe umgeben. Der Aufenthalt unmittelbar an der Kste und auf Mombas selber ist daher nicht ganz gesund und keineswegs fr lngere Zeit rtlich. Aber schon wenige Kilometer landeinwrts finden sich sanftgeschwungene Hgel, bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten smaragdgrner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemsebeeten umgebenen Htten der Wanjika, der hiesigen Kstenbewohner, hervorlauschen, welche Hgel selbst whrend der Regenzeit einen ganz gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wre es fr einen Europer gefhrlich, hier jahrelang zu wohnen, da die whrend der Hitzemonate -- Oktober bis Januar -- herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schdlich wird. Im Mai jedoch, wo die groen Regen, die in den Monaten Februar bis April niedergehen, den Boden und die Atmosphre tchtig erfrischt haben, ist die Hitze nicht eben lstig. Das Eilschiff der franzsischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag versptet, so da es in Zanzibar erst am 4. spt Nachts eintraf; wir aber erhielten, Dank der Liebenswrdigkeit des Kapitns die fr uns bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag frher als wir erwartet hatten. Dieser nmlich, der in Aden erfahren hatte, da und wo wir auf die von ihm befrderte Post warteten, hielt auf der Hhe von Mombas, das er zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde arabische Dhau an und bergab ihr die fr uns bestimmten Pakete, die wir demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, whrend wir andernfalls bis zum Abend des nchsten Tages htten auf sie warten mssen. Von den uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, da der Ausschu unseren Bevollmchtigten in Zanzibar beauftragt habe, whrend der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fhlung mit Mombas zu unterhalten und dort fr alle Flle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, da bis zum 18. April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen Mitglieder auf 8460, das Vermgen auf nahezu 400000 gestiegen sei. Und noch eine kleine berraschung kam in Begleitung dieser letzten Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden bergeben, gefhrt von 2 Wrtern, welch letztere uns Gre von ihrem Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer Ideen und groer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York bersende, berzeugt, da uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12 Doggen und 20 Schferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter hoch, die Schferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies, alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit grter Freude begrt wurden. Die beiden Wrter erklrten, da ihnen zwar unsere Plne und Ideen hchst gleichgltig seien, da sie von all dem Zeug nichts verstnden, da sie aber, wenn wir es gestatteten, in Begleitung ihrer lieben vierfigen Freunde sehr gerne mit uns zgen. Da sie sich als krftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige Kerle zeigten, berdies versicherten, im Reiten und Schieen leidlich bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und den anderen fr Europa bestimmten Nachrichten ber Zanzibar expediert und die Anordnungen fr morgen getroffen waren, umfing uns die letzte Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt. 3. Kapitel. Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der Kirangozis (Karawanenfhrer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem Schlafe. Groe, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden angezndet, an denen das Frhstck -- Thee oder Kaffee mit Eiern und kaltem Fleisch fr uns Weie, eine Fleisch- und Gemsesuppe fr die Suahelis -- gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen fr den Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100 Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30 Berittenen, schon eine Stunde spter auf. Ihm war die Aufgabe zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehlz fhrte, mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, da unsere umfangreichsten Gepckstcke ungefhrdet auf dem Rcken der Tragtiere passieren knnten, Gewsser nach Thunlichkeit zu berbrcken und die Lagerpltze fr das nachrckende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem Behufe mute diese Truppe -- je nach der Beschaffenheit der vor uns liegenden Wegstrecke -- einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung nehmen. Fr den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Fhrer sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, gengte ein Vorsprung von wenigen Stunden. Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tte nahmen hier 150 von uns Weien, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst die Handpferde, dann die Esel, zum Schlu die Kamele; der Nachtrab war durch 20 Weie gebildet. So verlieen wir endlich, als die Sonne schon hei herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurck, sandten unsere Scheidegre dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie deutlich zu hren war -- und vorwrts ging es unter Hrnerklang und Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Hhen hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten Wste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns erreichte Landstrich offenbar nur in der heien Jahreszeit; jetzt, wo die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir die Landschaft eher parkhnlich. Schnes, wenn auch nicht eben hohes Gras wechselte ab mit Gebschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Auslufer des Kstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch ppiger, die Bume hufiger und hher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen das nutzlose Jagen noch nicht abgewhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem frmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des blo dreistndigen Marsches sehr erschpft; das vorangegangene vierstndige Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen hchst unangenehm zu werden. Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette, unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten des dichten Lianen-Baldachins gestrkt, brachen wir schon um 4 Uhr nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu fnfstndigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz, in der Nhe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert, um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafr hinterlie sie uns unter der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jger unterwegs geschossen, zum Abendimbi. Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns -- eingedenk der Qualen des gestrigen Vormittags -- schon um 4 Uhr unterwegs. Das Land war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heie Arbeit gefunden hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrppe abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen wre. Da jene jedoch tchtig aufgerumt hatten, so kamen wir berall rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages Durumaland hinter uns hatten und die groe Wste betraten, die sich von da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt. Sonst ist ber diese Marschtage nichts zu berichten, als da wir stets ziemlich pnktlich um 4 Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern gengende Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen ausreichenden Vorrat fr den Durchzug durch die Duruma-Wste einzuhandeln. Das Land scheint von groer natrlicher Fruchtbarkeit zu sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen, da die Bewohner der unablssigen Einflle der Massai halber sich aus ihren unzugnglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben hrten wir Klagen ber die Missethaten jener ritterlichen Ruber, die erst vor einigen Wochen einen Stamm berfallen, die Mnner niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszusphen. Unsere Versicherung, da wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller Stmme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schlieen gedchten, von dieser Plage demnchst befreien wrden, nahmen die Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch berall in der Umgegend. Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in die Wste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt, da ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns befinde. Wir nderten darauf unsere Dispositionen, lieen das Gepck und die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain gnstig war, sofort zum Gefecht. Die Geschtze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum, letztere in die beiden Flgel unserer in einer langen Linie sich ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es verstrich auch keine fernere Viertelstunde, da wir die Massais, die ungefhr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir lieen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf auch wir unser Tempo migten und langsam bis auf hundert Meter heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte, ob wir Tribut zahlen oder kmpfen wollten? Ist das _Euer_ Land, war die Gegenfrage, da Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir haben Geschenke fr unsere Freunde, schreckliche Waffen fr unsere Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen, wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret zurck in Eure Krals, damit wir nicht gentigt seien, unsere Waffen und Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid thte, denn wir wnschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten. Letztere Versicherung wurde offenbar fr ein Zeichen der Schwche angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschchtert schienen, schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere Trompeten, und whrend wir Reiter vorsprengten, erffneten die Kanonen und Raketen ihr Feuer -- nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrngten Massen sie eben so schreckliche als berflssige Verheerungen angerichtet htten, sondern ber deren Kpfe hinweg. Die Massai hielten nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschtze donnerten, die Raketen zischend und knatternd ber sie hinfegten und berdies die unheimlichen Geschpfe mit vier Fen und zwei Kpfen -- wir Reiter nmlich -- auf sie zustrmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre Panik womglich zu steigern, whrend die Reiter sich damit beschftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in unsere Gewalt zu bringen. Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber und Kinder zu befreien, wre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollstndig gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wren, die ihnen rasches Laufen unmglich machte. Als nmlich diese armen Geschpfe den Lrm des Gefechts sahen und hrten, machten sie verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai nachzulaufen. Klger benahmen sich die Rinder, die durch die Schsse und Raketenschlge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser Lager zutreiben lieen. Die gefangenen Massai waren prchtige, verwegen aussehende Kerle, die trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden, doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich -- ein sehr glcklicher Umstand -- auch der Leitunu, d. i. der oberste, unumschrnkte Anfhrer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von reichlich 2 Meter Hhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am liebsten sein kurzes Schwert, die Sime, in die eigene Brust gestoen htte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma ihn und die Seinen zu verhhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit groer Strenge. Laut, da es die Gefangenen hren konnten, erklrte er, auch die Massai sollten unsere Freunde werden, wir htten sie blos deshalb gezchtigt, weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, da wir ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hlfe bedrften, um jene zu tdten, wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen htten, wie wir in die Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schsse aus unseren gewaltigen Maschinen gengt htten, um alle Massai in Stcke zu reien? Um ihnen -- mehr aber noch den Massai -- die Wahrheit dieser ohnehin mit tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehrten Worte zu zeigen, lie Johnston eine volle Lage unserer smtlichen Geschtze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene, strohgedeckte Lehmhtte abgeben. Natrlich brach diese sofort zusammen und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den gewaltigsten Eindruck machte. Jetzt geht, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhrten und zusahen, zu den Wa-Duruma, nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir befreit haben, und lat die Massai in Ruhe. Wir werden dafr sorgen, da sie Euch in Zukunft nicht mehr belstigen, aber vergesset nicht, da in wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden. Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wuten, was sie aus der Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, lie Johnston den gefangenen Massai ihre Waffen zurckgeben und forderte sie auf, sich gleichfalls zu entfernen; binnen hchstens 2 Wochen gedenke er sie in Leitok-i-tok, dem sdstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen; um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zgerten die El Moran (der Name fr Massaikrieger); schlielich trat Mdango, ihr Leitunu, vor und erklrte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den Ihrigen, heimzuziehen, wre fr eine so kleine Massai-Schaar der sichere Tod, und wenn sie schon sterben mten, so sei es ihnen grere Ehre, von der Hand so gewaltiger weier Leibons (Zauberer), als durch feige Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht htten, sie demnchst zu besuchen, so mgen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen. Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Erffnung vor innerer Genugthuung; den Massai gegenber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und erklrte feierlichen Tones, das sei eine so groe Gunst, die sie da verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig wrdig erwiesen, da er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit den Seinigen abhalten msse, bevor er ihnen Bescheid geben knne. Damit lie er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunchst zu Pferde hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gesprches mit. Da wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der groen Zahl der von ihm gefhrten El Moran zu schlieen, einer der einflureicheren sein drfte, erfllen, versteht sich von selbst; der Mann mu vollstndig gewonnen werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm das Ergebnis unseres Schauri mitteilen. Hre -- so wandte er sich an Mdango, wir haben beschlossen, Deinen Wunsch zu erfllen, denn Euere Brder in Leitok-i-tok sollen nicht sagen, da wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt htten. Aber nachdem wir einmal -- wenn auch ohne Blutvergieen -- unsere Waffen gegen Euch gerichtet, knnen wir Euch -- das verbieten unsere Gebruche -- nicht als Gste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollstndig geshnt ist. Dies wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter uns Blut-Brderschaft schliet, der ihn zum Gefangenen gemacht hat. Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten? Die El Moran bejahten dies mit groer Bereitwilligkeit; hierauf neues Schauri unter uns, dem dann die 43fache Verbrderung nach den eigentmlichen Gebruchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde gewonnen, die sich -- wie Johnston versicherte -- eher in Stcke hauen lassen, als zugeben wrden, da uns ein Leides geschehe, wo sie es irgend verhindern knnten. ber all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glhend hei zu werden versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wste zu betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurck und rsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der einzigen Nahrung der Massai-Elmoran -- bereitet, und zum Schlusse eine riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heiem Wasser gespendet, die allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung berschritt alle Grenzen, als die diversen 43 Blutbrder nach genossenem Punsche mit einer Freundschaftsgabe von je einer -- roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels. Die Duruma-Wste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gnzlich unbewohnt und whrend der trockenen Monate berchtigt wegen ihres beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit, fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2 und 3 Metern vertieften natrlichen Lchern ertrgliches Wasser in gengender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel zu leiden, was uns veranlate, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen, durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Krfte fr den nun folgenden bsesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlcher wurden von da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos: eintnige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit hlichem Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg durchnt durch einen uns pltzlich berraschenden Platzregen, das liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge. Hier lernten wir zum ersten Male die entzckende Pracht quatorialen Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Hhe bis zu 1550 Metern, ist vom Gipfel bis zum Fue mit ppiger Vegetation bedeckt, zahlreiche silberhelle Bche und Flsse rauschen und tosen an seinen Abhngen zu Thale und die Rundschau von gnstiger situierten Aussichtspunkten ist geradezu entzckend. Da wir hier einen vollen Rasttag hielten, so bentzten die meisten von uns die Gelegenheit zu Ausflgen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu Handels- und Missionszwecken angesiedelte Englnder in liebenswrdigster Weise als Fhrer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das Gewirr kstlicher, schattenreicher Thler und Gipfel, das uns rings umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in Teita als auch fr die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich erstreckende Wstenei durchfhren mute. Aber meine glcklicheren Genossen erstiegen die umliegenden Hhen, bernachteten zumeist auf oder dicht unter denselben, erquickten sich an der khlen Luft derselben und kamen zurck trunken von all der Schnheit die sie genossen. Im brigen war es auch am Fue der Teitaberge kaum minder entzckend. Das Bad unter einem der pltschernden Wasserflle, umfchelt von den milden Lften und Dften die der Abend brachte, wrde stets zu den schnsten Erinnerungen meines Lebens zhlen -- wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere Naturscenen geboten htte. Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Mrschen weiter durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jger reiche Beute an Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen berall mit den Stmmen und Huptlingen durch Geschenke besiegelte Freundschaftsbndnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch die menschenleere, dafr aber desto wildreichere Wste von Taweta, die im brigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am Nachmittag des 17. die khlen Wlder der Vorberge des Kilima vor uns -- wo uns eine seltsame berraschung erwartete. Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere Gewehrsalven hatten -- wie dies in Afrika blich -- dort soeben die Ankunft einer Karawane verkndigt, als Johnston und ich, die wir an der Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhngtem Zgel auf uns zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Fhrer unseres Vortrabs, Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit der er auf uns zujagte, einigermaen besorgt, dann aber zeigte uns sein lachendes Gesicht, da es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenfhre. Er winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend: Deine Schwester und Mi Fox sind in Taweta! Wir beide, Johnston und ich, mssen auf diese unerwartete Botschaft hin erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt in ein tolles Gelchter aus, in welches endlich auch wir einstimmten. Dann erzhlte er, die beiden Damen htten ihn und die Seinen, die gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als trfen sie sich daheim auf der Strae, begrt, ihre Verblffung gnzlich ignoriert und auf Befragen im gleichmtigsten Tone erzhlt, sie wren am 30. April, also whrend wir in Mombas saen, von Aden kommend, in Zanzibar eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani bergefahren und von dort ber Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem alten ehrwrdigen Neger, der Mi Fox berall begleite, und ihren vier Elefanten -- denn auf dem Rcken solcher Tiere wren sie zu grenzenlosem Erstaunen der Neger gereist -- ganz ausnehmend wohl befnden. Frulein Klara lt Dich gren und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr, Dich an ihr schwesterliches Herz zu drcken. Da ich sah, da Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach Taweta hineinfhren, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum da ich den Boden berhrt hatte, laut weinend ans Herz drckte. Nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorber war, suchte ich von meiner Schwester nhere Aufklrung ber die Art ihres Erscheinens hier mitten unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemhen; so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie Thrnen und Ausrufe der Freude ber unser Wiedersehen sowie des nachtrglichen Entsetzens ber all die Gefahren, vor denen mich leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glck bewahrt. Inzwischen hatten wir uns Mi Fox genhert, die meinen Gru zwar etwas spttisch, aber dehalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr. Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung verstndigt und das Komplott in seinen Grundzgen angelegt, die nheren Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend. Meine Schwester hatte in Mi Fox die Energie und die erforderlichen pekuniren Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Mnner auf eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Mi Fox dagegen in meiner Schwester die Gefhrtin und ltere Beschtzerin gefunden, ohne welche auch sie vor einem solchen Geniestreich zurckschreckte. Da insbesondere Mi Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorrte, Tauschwaren und Reisegerte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns fr Tragtiere statt fr Pagazis, whlte aber, um wenigstens in Einem Punkte originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es berall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals gezhmte Elefanten in Menge gebe, so muten -- das war ihr Kalkl, indische Elefanten auch berall im quatorialen Afrika fortkommen. Ein Geschftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier Prachtexemplare dieser Dickhuter verschafft, diese mitsamt acht erprobten indischen Fhrern und Wrtern nach Aden expediert, wo sie dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige Wegfhrer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der Kste mit uns zusammenzutreffen, der Weg ber Pangani genommen, auf welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lstig geworden, im brigen aber, insbesondere Dank der liebenswrdigen Frsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoen sei. Ihre Suaheli-Leute htten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den Elefanten und Indern gedchten sie sich uns anzuschlieen -- es sei denn, da wir sie allein in Taweta zurcklassen wollten. Was war unter so bewandten Umstnden zu thun? Es verstand sich von selbst, da die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehrten und was mich anlangt, so mte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich behaupten, ich sei meiner Schwester oder Mi Fox ob ihrer Hartnckigkeit gram geworden. Die rgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren -- wie ja der Erfolg zeigte -- auch von Frauen recht gut zu berwinden; ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrbt hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren -- wie ich mit Genugthuung bemerkte -- mit dem Zuwachse, der uns in Taweta geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten mitsamt ihrer schnen Last -- denn nebenbei bemerkt ist auch meine Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schnes Weib -- ihren Platz in der Karawane angewiesen. Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, da wir in 8-10 Tagen an den Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen wrden, da es unsere Absicht sei, ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten gefallen wrde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Htten bauen wrden, zum grten Vorteil gereichen, denn wir wrden ihn reich und unbesiegbar allen Feinden gegenber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten wrden wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen knnten, dazu gengende Macht besen und noch viele Tausende unserer weien Brder nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien Durchzug aber wrden wir, wenn er uns nicht friedlich gewhrt werde, berall zu erkmpfen wissen. Schlielich banden wir unseren Blutbrdern noch ans Herz, dafr zu sorgen, da bei den Verhandlungen mglichst zahlreiche Stmme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche lngs des Weges nach dem Naiwascha-See -- unserer Route an den Kenia -- wohnen, und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wnschen von einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen beraus kostbarer Geschenke fr ihre Herzallerliebsten, die sogenannten Dittos mit, als da sind, Messingdraht, messingene Armbnder und Ringe mit falschen Steinen, Handspiegel, auf Schnre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bnder. Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Whrung, wie wir uns spter zu berzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos ber unsere Freigebigkeit. Geradezu unschtzbar aber war in ihren Augen das Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrckte: ein Kavalleriesbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge fr jeden der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser Waffe _ad oculos_ zu demonstrieren, lie Johnston durch einen in solchen Kunststcken bewanderten Belgier den mchtigsten der Massaispeere, dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen, und wies dann den zu Bildsulen erstarrten Kriegern die vllig unversehrte Schwertklinge vor. So schneiden _unsere_ Siemes, sagte er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; htet Euch aber, sie bei Raubzgen oder Mordthaten zu ziehen, sie wrden Euch in der Hand zerspringen wie Glas und Unheil ber Eure Kpfe bringen. Damit winkten wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen verloren. In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden Mrschen Ruhe zu gnnen und uns an den ber alle Beschreibung entzckenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl als an Groartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus bertreffenden Landes zu erlaben, und schlielich um unsere Ausrstung mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen Agenten einigermaen zu ergnzen. Diese Herren, wie nicht minder die freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst ber jene Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr herrsche und da sich ergab, da wir von einer derzeit bei den Dittos modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveaut geltenden Sorte Baumwolltcher vollends auch nicht einen Ballen besaen, so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten. Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima Ndscharo in seiner vollen berwltigenden Majestt. Nahe an 4000 Meter steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trgt dieser zweizinkige, sich zu 5700 Metern ber die Meeresflche erhebende Riese auf seinem breiten, wuchtigen Rcken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung sich nicht die Gletscher unserer europischen Alpenriesen, ja in gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so unvermittelt nebeneinander den Kontrast der ppigsten, saftigsten Tropenwelt und der schauerlichen de zerrissenen Geklftes und ewigen Eises, wie hier im quatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fue des Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und Quell-Lande von Taweta; aber whrend die schneebedeckten Gipfel des Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt vom Fue desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergnnt ist, die Reize beider zugleich zu genieen und durch den Kontrast zu steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergrndlichen Schlnde der Gletscherspalten zhlen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen Eises der des ewigen Sommers gerckt. Und welchen Sommers! Eines Sommers, der seine reichsten Schtze an Schnheit und Fruchtbarkeit gewhrt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man mu diese schattigen und doch lichten Wlder, diese allenthalben durch den blumenduftenden Boden hpfenden krystallklaren Bche gesehen, diese khlenden Lfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen Bergabhnge wrzen, um seine Schlfen empfunden haben, um zu wissen, was Taweta ist. An materiellen Genssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Lndchen eine berreiche Flle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hhner, kstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschumenden kleineren Gebirgswssern, Wildpret in tausenderlei Varietten, befriedigen selbst den unersttlichen Hunger nach Fleisch; das Pflanzenreich schttet ein nicht minder reiches Fllhorn fast aller in den Tropen irgend gedeihenden Feldfrchte, Gemse und Obstarten aus. Dabei ist alles so wohlfeil, da selbst der bermtigste Schlemmer nicht im Stande ist, mehr als wenige Pfennige tglich auszugeben -- falls die liebenswrdigen, gastfreundlichen Wataweta berhaupt Zahlung annehmen, was z. B. uns gegenber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere unsere Versicherung zu statten, da wir auch Taweta von diesen bsen Gsten befreien wrden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lstig erwiesen hatte. Auch war unsere Hand den Taweta-Mnnern und mehr noch den Weibern gegenber stets offen. Europische Gerte aller Art, Kleidungsstcke, primitive Schmucksachen, und hauptschlich eine Auslese von Photographien und bemalten Mnchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen Gastfreunde, so da, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen, wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verlieen, als die Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis ber die Grenze ihres Gebietes begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der keineswegs unschnen Tawetafrulein, das sein Herz an einen der weien, oder wohl auch der Suaheli-Gste verloren haben mochte, vergo bittere Thrnen und klagte sein Leid mit Vorliebe -- unseren beiden Damen, die glcklicher Weise von diesen Ergssen und Erffnungen tawetanischer Mdchen-Seelen kein Wort verstanden. Prderie ist im quatorialen Afrika eine gnzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schnen wrden ebensowenig begriffen haben, da irgend Jemand bles darin finden knne, wenn man einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegentrgt, als ihre weien Schwestern begriffen htten, da man derlei Dinge in aller Unschuld ausplaudern knne, ohne da Freunde und Verwandte daran den geringsten Ansto nhmen. 4. Kapitel. Nach Massailand fhren von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga. Das Land ist fruchtbar und schn auf beiden Seiten; wir whlten aber die letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und wir uns in keine berflssigen Hndel mengen wollten, auch ganz im allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schchternen Wadjagga dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen Tagemrschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von dsteren, senkrecht abfallenden Felsen eingefaten Dschallasee, durch die waldigen Bergabhnge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, bersetzten dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bche, die vereint den Tsaboflu bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder der Eingeborenen bewssern. berall tauschten wir reiche Geschenke und schlossen Freundschaftsbndnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt, die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in groer Menge ergab. Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem sdstlichen Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach berschritten, stie unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte er nicht blo den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern allen Stmmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte bermittelt und sie zu einem groen Schauri am Minjenjeberge -- einen halben Tagmarsch von der Grenze gegen Useri -- eingeladen. Sie waren zahlreich erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Mnner und Krieger, letztere in einer Gesamtstrke von ber 3000 Mann, und vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war der einstimmige Beschlu, uns ein Freundschaftsbndnis anzutragen. Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser Lager, wo wir sie Mann fr Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam Mdango fr seine diplomatischen Bemhungen ein buntes, goldgesticktes Ehrenkleid (wo bei Geschenken von Gold die Rede ist, welches die Centralafrikaner nicht kennen und nicht schtzen, mu berall unechte Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Ebesteck aus Weiblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der letztgenannten Dinge mute ihm allerdings erst mhsam beigebracht werden, doch sei bemerkt, da Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange blieb und da er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der Gabel mit angemessener Wrde bediente. Andere Massaigren wurden gleichfalls, wenn auch nicht so verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen bedacht; alle El-Moran aber erhielten auer Perlenschnren und Tchern fr ihre Mdchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Mnner farbige Mntel, und jedes Weib -- Frau oder Mdchen -- das unser Lager mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und allerlei broncenen und glsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fnfzig von uns damit beschftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzckt durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verlieen die letzten Massaimnner unser Lager, whrend gerade die hbschesten der jungen Mdchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten aufzusuchen. Die Mnner bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der Ordnung, da ihre Frauen und Tchter so freigebigen Fremden auch nach Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in Massailand, und wir hatten Mhe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren, ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach europischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu beleidigen. Am nchsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral -- es waren deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten -- auf, den Leitunu und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die den Vertragsabschlu mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging merkwrdig rasch von statten und schon eine Stunde spter war die Ratsversammlung, an welcher unsererseits blo Johnston, ich und 6 Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien erffnet. Zuerst gab es einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen wrden, von Seiten der Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den weien Freunden gegenber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt: 1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenber, als da sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri, unverbrchlich Frieden und Freundschaft einhalten. 2. Die Massai werden von keiner von Weien gefhrten Karawane unter irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem Durchzuge derselben in jeder Weise behlflich zu sein, insbesondere, so weit ihre Vorrte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel beizustellen. 3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder beliebigen Zahl zu unserer Verfgung stellen, die Geleits- und Wachdienste zu leisten haben und uns whrend der Dauer ihrer Verwendung militrischen Gehorsam schuldig sind. 4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schtzen und ihnen gegen fremde Angriffe beizustehen. 5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns alljhrlich Mann fr Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff und je 50 Schnre Glasperlen, deren Auswahl ihnen berlassen bleibt, oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und Mantel. 6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten auer voller Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnre oder deren Wert als tgliche Besoldung. Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener Befriedigung aufgenommene Aktenstck wurde durch eine symbolische Blutverbrderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen Feierlichkeiten bekrftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei aufnahm, so wuten wir, da die ffentliche Meinung von Leitok-i-tok und eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei. Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, da es unsere Absicht sei, ber Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die unterwegs wohnenden Massaistmme womglich alle in den Bund aufzunehmen und dann entweder ber Kikuja oder ber Leikipia an den Kenia vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen Beziehungen mit jenen Stmmen, deren Gebiete wir zu durchziehen htten, verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die unter Fhrung unseres -- inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem Ansehen gelangten -- Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah wie wir wnschten und Mdango fhlte sich durch die auf ihn gefallene Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten, wurden brigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege ber Kikuja aber rieten uns die Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehren einer ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt. Sie wurden uns als verrterisch, feige und grausam zugleich geschildert, als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz unmglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her wuten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander bekmpfender Nationen legen drfe, so machte obige Schilderung vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als da wir derselben entnahmen, die Wakikuja seien Erbfeinde der Massai. Wie sehr im Rechte wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde bedeutet, da es bei der ursprnglichen Abrede sein Bewenden habe. Er solle uns in Eilmrschen voranziehen, wo mglich bis an die Grenzen von Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das groe Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verstndigten und berufenen Massai-Stmmen abzuhalten gedchten. Was es mit den Wakikuja, die das Gebiet stlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, wrden wir selber untersuchen. Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach mehrstndigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge hinter uns und wir betraten die kahlen Flchen der Ngiriwste. Der Weg durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir die Berge von Kapte, lngs deren Westabhang wir in einer Seehhe von 1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintnige unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern aufsteigenden Kapteberge, an den Abhngen meist grasreiches Parkland, auf den Kuppen dunkle Wlder zeigend. Zahlreiche Bche, die stellenweise malerische Wasserflle bilden, rauschen von ihnen hernieder und vereinigen sich im Dogilaniland zu greren Flssen, die, soweit das Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in den Ukerewe, diesen grten unter den Riesenseen Centralafrikas, mnden. Alle Stmme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst diejenigen, mit denen wir noch kein Bndnis geschlossen hatten. Zu ihnen allen war die Wundermr von den weien Mnnern gedrungen, die sich bei ihnen ansiedeln wollen und die so mchtig und freigebig zugleich seien; Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war berall freudig aufgenommen worden, groe Scharen waren schon unterwegs. Andere schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von Hongo nirgend die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes. Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte ber den heimtckischen, hlichen Charakter dieses Volkes waren uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstrkter Form wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen fhrten nmlich ein Andorobomdchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen hatten. Die Andorobo sind ein Jgervolk, welches ohne festen Wohnsitz durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der Zanzibarkste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher die Gegenden am Fue des Kenia, nrdlich von Kikuja nach Elefanten durchstreift, war Sakemba -- so hie das fragliche ungefhr 18 Jahre zhlende Mdchen -- vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta kam. Das Mdchen hatte -- eine Seltenheit bei diesen Rassen -- eine unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und Mi Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzhlten, sie warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwrtigen Herrn abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort wrden ihre Angehrigen gern einige schne Elefantenzhne an ihre Auslsung wenden. Durch das instndige Flehen des Negermdchens gerhrt, bewilligten Klara und Mi Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als sehr intelligent und ber die Verhltnisse ihres Heimatlandes wohlunterrichtet sich erweisende Mdchen hatte schon in Miveruni gehrt, wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nchster Gelegenheit seinen Beschtzerinnen versichert, da die Sache lange nicht so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie einander demzufolge gegenseitig mglichst viel bles zufgen, so glaubten und erzhlten sie auch alles erdenkliche Bse ber einander. Wahr wre allerdings, da die Wakikuja lieber aus dem Hinterhalt als in offener Feldschlacht kmpften, und so tapfer, als die Massai seien sie auch nicht; verrterisch und grausam aber wren sie nur gegen ihre Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der knne sich so gut auf sie verlassen, als auf Angehrige irgend eines anderen Volkes. Die Andorobo zgen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so bermtig wie diese. Der direkte Weg an den Kenia aber fhre fr uns ber Kikuja, whrend die Strae ber Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen lnger wre. Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu zweifeln, dessen letzten, fr uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf die Karte vollauf besttigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit Kikuja zu versuchen. Whrend also der grere Teil der Expedition unter Johnstons Fhrung die Strae nrdlich an den Naiwaschasee weiter verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepck bei dem Grenzorte Ngongo-a-Bagas stlich ab. Meine Absicht war, blo Sakemba, als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu meiner Rckkehr der Obhut Johnstons zu bergeben. Allein meine Schwester erklrte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomdchen nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, berdies aber versicherte, da fr diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig -- auch von den Massai -- bekrftigt wurde, so waren meine Schwester und Mi Ellen mit von der Partie. Sowie wir die Grenze von Kikuja berschritten, nahmen uns gewaltige schattige Wlder auf, die jedoch keineswegs undurchdringlich genannt werden knnen, vielmehr das Eigentmliche haben, da sie an sehr zahlreichen Stellen von breiten Durchschlgen durchschnitten sind, die geradezu den Eindruck machen, als wren sie von einem geschickten Grtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern; stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, da der Boden mit dem schnsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und da schattige Khle in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschlge entstanden sind, war und blieb mir rtselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen den hochstmmigen Bumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir konnten ganz gut bemerken, da dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns folgten, jede unserer Bewegungen beobachtend und offenbar nicht ganz im Reinen darber, was sie aus uns machen sollten. Da wir aus dem feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mitrauen erregen, denn wir waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne da unsere Begleiter sich hervorwagten. Dem mute ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener Zwischenfall leicht zu Miverstndnissen und daraus sich ergebenden Feindseligkeiten fhren konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. Warum nicht, meinte sie, dabei ist so wenig Gefahr fr mich, als wenn ich allein in die Htte meiner Eltern trte. Ich lie also Halt machen, die Andorobo schritt furchtlos auf die Bsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wuten und hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurck, die abgesandt worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen, d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weie seien und ob sich -- der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten -- wirklich auch zwei weie Mdchen unter uns befnden. Dunkle Gerchte ber uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wuten sie nicht, was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schnen. Unsere Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Mnnern zurckzukehren, sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn auch Folge leisteten, so da wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben waren. Nun trat aber ich, begleitet blo von einem Dolmetsch mitten unter sie und fragte, wo ihr Sultan oder ihre ltesten wren. Sultan htten sie keinen, war die Antwort, sie seien unabhngige Mnner; ihre ltesten dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. Dann lat uns sofort ein Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen. Der Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so saen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen vorbringen. Zunchst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer spterhin bethtigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, da wir auch die Wakikuja uns zu Freunden zu machen wnschten, woraus fr sie Ruhe vor den Massai und groer Gewinn von uns sich ergeben wrde. Wir aber verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch ihr Gebiet. Sodann lie ich einen, fr solchen Anla bereitgelegten Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, ffnen und erklrte: Das gehrt Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten Male gesehen, erinnern mget. Niemand soll sagen: Ich sa bei den weien Mnnern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer. Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der ausgebreiteten Geschenke lie nichts zu wnschen brig. Wegen Verteilung der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren zuknftigen Freunden, als aber diese glcklich ohne ernsten Unfall vorber war, ging es an Beteuerungen berschwnglicher Zrtlichkeit und Dienstbeflissenheit uns gegenber. Zunchst wurden wir eingeladen, ihre sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Htten mit unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer mglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafr, da unausgesetzt einige von unseren Leuten in unaufflliger Weise Wache standen. Das Gepck lie ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen hatten. Im brigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaregeln als berflssig; Niemand fhrte Bses gegen uns im Schilde und auch die in den ersten Stunden noch immer hervortretende ngstlichkeit der Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei -- nebenbei bemerkt -- die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen. Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als hchst ersprielich, wie uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hlfegeschrei eines Wakikujajnglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht whnend, sich mit einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu Tode Erschrockenen, im brigen jedoch gnzlich Unverletzten, aus den Fngen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf unsere Gter zu besorgen. Am nchsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige Tagmrsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen knnten, zu einem Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten dabei die Wakikuja ohne Bezahlung fr irgend etwas zu nehmen in wahrhaft verschwenderischer Weise. Wir schwammen frmlich in Milch, Honig, Butter, allerlei Fleisch- und Geflgelsorten, Mtamakuchen, Bananen, sen Kartoffeln, Yams und einer groen Auswahl sehr wohlschmeckender Frchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschpfliche berflu insbesondere an Feldfrchten wohl stammen mge, denn in den Lichtungen der Wlder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rtsel gelst, denn sowie wir den Guaso Amboni genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden recht ansehnlichen Flu erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar Kikuja seinen unerschpflichen Krnerreichtum. Ganz fern im Norden dieses Plateaus sahen wir eine mchtige Gebirgsgruppe blauen, in der Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Fhrer und Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man knne von hier aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen. Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mchtige Rhrung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorlufig nur aus weiter Ferne, die zuknftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel aber blieb unsichtbar in Wolken gehllt whrend der zwei Tage unseres Aufenthaltes an der Ostlisire des Kikujawaldes. Wir machten dort in einem entzckenden Haine riesiger Brotbume Halt, wo gastfreie Wakikuja uns ihre Htten einrumten. Der Ort heit Semba und war als Versammlungsplatz fr das groe Schauri verabredet worden. Wir fanden denn auch eine groe Zahl Eingeborener bereits versammelt und am nchsten Tage wurde Alles zu grter beiderseitiger Zufriedenheit zwischen uns geordnet und festgemacht, so da wir schon am 16. Juni den Rckmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht ber Ngongo, sondern, einen Nebenflu des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter ber dem Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der Kikujatafelberge jh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen. Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschpft, aber wohlbehalten und in kstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu knnen, als auf dem ursprnglich in Aussicht genommenen Wege ber Leikipia mglich gewesen wre. Am Naiwascha -- einem von malerischen Bergzgen, deren hchste Gipfel sich zu 2800 Meter erheben, umsumten schnen See von ungefhr 80 Quadratkilometer Flchenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem groen Friedens- und Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die Botschaft, da sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer Freunde gehrig zu betrachten htten, wurde zwar von den El-Moran mit gemischten Gefhlen entgegengenommen; indessen fgten sie sich doch ohne Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknpften Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet. Dieses Fest aber bestand aus einer zweitgigen groen Schmauserei, bei welcher wir nicht weniger als 6000 Gste -- Weiber und Kinder ungerechnet -- mit riesigen Quantitten Fleisch, Backwerk, Frchten und Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war. 150 fette Stierklber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen, unzhlbares Federwild, und gar nicht zu bersehende Mengen von Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in 160 je 30 Liter fassenden Tpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht weniger als viermal frisch gefllt werden muten. Nichtsdestoweniger kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft -- vom Feuerwerke abgesehen -- fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke -- und zwar nur ein Teil der uns von zahlreichen Stmmen als Zeichen dankbarer Wertschtzung dargebrachten -- das Wild hatten wir natrlich nicht gekauft, sondern geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so billig, da man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland -- glcklicherweise -- nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorrte anzugreifen, da sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den mitgenommenen Maschinen und Gerten befand sich nmlich auch eine Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Flle. Nur wurde dafr Sorge getragen, da diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen erlauscht und spterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche -- diese Pest der Negerlnder -- wollten wir nicht unter unseren Nachbarn einbrgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar hei, aber anstndig verdnnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum, was brigens nicht hinderte, da whrend der zwei Festtage 18 Hektoliter dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der Jubel, insbesondere whrend des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten hatte, durch stimmkrftige Herolde ausrufen lieen, das Volk der Massai sei von nun an _alljhrlich_ fr den 19. und 20. Juni hier an dieser Stelle von uns zu Gaste geladen, wren wir aus purer Begeisterung beinahe in Stcke gerissen worden. Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und der Ordnung des Gepcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten. Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rckwege gewhlten Pfad ber die steilen Abhnge der das Naiwaschathal umsumenden Berge vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurck, welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen, so rasch als mglich nach Mombas und von da an den Ausschu der Internationalen freien Gesellschaft gelangen knne. Von Mombas nach Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten nun, da unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer blo je eine eintgige Anstrengung zugemutet wrde, whrend eines solchen Tages bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen zurcklegen knnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der ausdauerndsten Renner zurckbeordert; diese Kuriere erhielten die Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100 Kilometern -- wo bse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg leicht ist, etwas mehr -- zu verteilen. An Gepck bekamen sie nebst Waffen und Munition blo so viel europische Bedarfsartikel und Tauschwaren auf den Weg, als die 8 berzhligen Pferde, die zugleich als Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im brigen konnten wir uns jetzt darauf verlassen, da sie berall, wo sie lngs der von uns durchzogenen Strae auf Eingeborene stoen, mit offenen Armen aufgenommen und reichlich verpflegt werden wrden. Der gleiche Etappendienst wurde selbstverstndlich auch zwischen Ngongo und dem Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer ma, so gengten hier zwei Etappen, so da ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also vorausgesetzt, da eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen gelangen werde -- was sich denn auch als richtig erwies. Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel, der von uns Kaukasiern blo insofern unangenehm empfunden wurde, als er uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals erlebt hatten, zum Zhneklappern brachte. Fr die Nordlnder und insbesondere fr die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die wallenden, vom Dufte balsamischer Bume und Strucher durchtrnkten Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da -- es war gegen 8 Uhr -- erhob sich pltzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren berwltigende Groartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst krzlich verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelnde, in welchem smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender Saat abwechselten. Der Boden berall mit leuchtenden Blumen bedeckt, deren sen Duft uns die laue Brise in berauschender Flle entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier tummelt sich bermtig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei ungeschlachte Nashrner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend Meter von uns dem Walde zu, und in noch grerer Ferne trottet eine nach Hunderten zhlende Herde Bffel dem gleichen Ziele entgegen. Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Sdost, durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa 8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser Standplatz, seine Fluten nach Osten trgt und soweit wir es bersehen knnen, mindestens ein Dutzend von Quellbchen von beiden Seiten der ihn einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Sdseite -- auf welcher wir uns befinden -- entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mchtiger, denn ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas, dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf abhebendes riesiges Eisfeld und darber hinausragend zwei krystallklare Spitzen. Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschnheiten gegenber stumpf sind, brechen bei diesem Anblicke in betubendes Jubelgeschrei aus; wir Weien aber stehen in Entzcken versunken, drcken uns stumm die Hnde und gar Mancher wischt verstohlen eine Thrne aus dem Auge. Das Land der Verheiung liegt vor uns, schner, herrlicher, als wir zu trumen gewagt, die Wiege einer beglckenden Zukunft fr uns und, wenn unser Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch fr die sptesten Geschlechter. Von da ab war's, als ob unsere Fe und die unserer Tiere Flgel bekommen htten. Die reine, erquickende Luft dieses schnen Tafellandes, erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung ermglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27. berschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich verproviantieren muten, weil von da ab gnzlich unbewohntes Gebiet begann, durchstreift blo von wandernden Andorobo. Das Land glich, so weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die grere Hlfte des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wldchen, ber murmelnde Bche und ansehnliche Flsse; aber Giraffen, Elefanten, Nashrner, Bffel, Zebras, Antilopen und Straue, an den Fluufern Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, da sie unserem Zuge kaum auswichen, ja einige bermtige Zebras begleiteten uns unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt unserer Pioniere uns Bahn hauen mute. Das Terrain, schon seit zwei Tagen, seitdem wir nmlich den Amboni berschritten hatten, allmhlich ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fue der Keniaberge angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloer Grtel von verhltnismig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rcken einer der vor uns gelagerten Erhhungen erreicht hatten, lag vor uns, fast mit Hnden zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht seiner Gletscherwelt. Wir waren am Ziele! 5. Kapitel. Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge -- denn von da ab berging die Leitung der Expedition in meine Hnde -- das ausfhrliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen kurzen Schlubericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich erklrte in diesem Berichte, da wir dafr einstehen knnten, bis zur nchsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brder vorbereitet zu haben; ebenso knnten wir versprechen, von Mombas zum Kenia einen fr langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis lngstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in gengender Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf, ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und gengender Wagen zu veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig angekndete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen, gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel nur immer mglich, in die neue Heimat zu befrdern. Zum Schlusse bat ich um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in Begleitung einer neuen Schar krftiger junger Mitglieder. Die zwei Kuriere mit dieser Depesche -- die Kuriere hatten nmlich berall zu zweien zu reisen -- ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab; pnktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am selben Tage noch hatte der Ausschu meinen ihm von Zanzibar telegraphisch durch unseren Bevollmchtigten weiterbefrderten Bericht in Hnden, whrend er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings erst zwanzig Tage spter erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war die Rckantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe den gleich mir ber dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden seltsam bewegten Brdern vorlesen. Sie war sehr kurz: Dank fr hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 berschritten; Wagen fr je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt; werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um mglichst hufige Nachricht. Letzterem Wunsche war inzwischen meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fnf fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der Erzhlung ber unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von da ab zweierlei Vorgnge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Kste. Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und khl, sein Gefll jedoch ein auffallend miges. Er durchstrmte von Nordwest nach Sdost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30 Kilometer Lnge, welches sich halbmondfrmig an die Vorberge des Kenia schmiegte; dessen grte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer, whrend es sich am Westende bis auf 1, am Ostende bis auf 4 Kilometer verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen- und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Sden von den grasbedeckten Hgeln, die wir berschritten hatten, im Westen von schroffen Felswnden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte sich zwischen den Hgeln des Sdens und den Felsen des Nordrandes eine Lcke, durch welche der Flu seinen Abzug fand, und zwar, wie von dorther trotz der groen Entfernung herbertnendes Donnern und Brausen anzeigte, in Form eines mchtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher von 95 Metern Fallhhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau fand dieser Flu, der sich spterhin als der Oberlauf des an der Witukste in den indischen Ozean mndenden Dana erwies, durch ein enges Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen vermochten. Vom Norden her, den Abhngen der Keniavorberge entlang, eilten dem Dana vier grere und zahlreiche kleinere Bche zu, die whrend ihres Laufes ber die Felsenschroffen eine Menge mehr oder minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehhe dieses, einem groen Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter. Noch whrend wir uns mit der nheren Untersuchung dieser Hochebene beschftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe, mglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden Hhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich doch nicht entschlieen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu legen, bevor ich zum mindesten oberflchlichen berblick ber das Gesamtgebiet des Kenia gewonnen htte. Die Ausknfte, die uns diesbezglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als drftig und ungengend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und nun hatten wir ortskundige Fhrer, wie wir sie nur wnschen konnten. Was wir zunchst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Fhrung je eines Andorobo zogen aus und kehrten -- die erste schon am Abend des nchsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit ziemlich erschpfenden Berichten zurck. Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten sie von verschiedenen leichter zugnglichen Punkten des Hauptstockes, zum Teil aus Hhen von nahezu 5000 Metern, groartige Rundsichten erlangt. Danach war die offenste, fr Viehzucht und Ackerbau gnstigste Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten. Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht blo malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende Abwechselung von offenem Land und Wald, Hgel und Ebene, die wir im Sden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene Wlder. All das konnte spterhin ohne Zweifel in ppiges Kulturland umgewandelt werden; vorlufig aber war selbstverstndlich bereits kulturfhiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns erfllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thlern und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Sdwesten, etwa fnf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die Vorberge zurck, den Raum freilassend fr eine ausgedehnte offene Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abflu der Dana ist. Den Flcheninhalt dieses Thales schtzten unsere Kundschafter auf ungefhr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin berein, da es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schnheit wre. Zugnglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus welcher der Dana hervorbreche, nur msse dieselbe, so lange geeignete Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus, sondern auf dem Umwege ber ein sdlich einmndendes kleines Seitenthal betreten werden. Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nchsten Tage schon war ich, ohne die Rckkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten, unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in der That sehr praktikabel sich erweisende Weg fhrte von unserem Lagerplatze zunchst an das Westende des Plateaus, dann sdlich ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana durchflossene Schlucht mndete, die jedoch hier weder so eng, noch so ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht aufwrts verfolgend, standen wir nach einer Stunde pltzlich inmitten des gesuchten Thales. Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12 Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmigkeit aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhgel, dessen Grundlinie dagegen durch die jh und schroff sich emportrmenden Felswnde des Kenia gebildet wird, von deren Hhe, die Wolken berragend, die schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majesttischen Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland. Das Publikum, welches diese Arena fllt, sind zahllose Elefanten, Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stck, welches in demselben zur Auffhrung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers. Hoch oben, in unerreichbarer Hhe, entspringen unter dem Ku der glhenden Sonne zahllose Wasseradern den blulich und grnlich strahlenden Eisklften; schumend und funkelnd, bald zerstubt in alle Farben des Regenbogens, bald vereint in weilichem Glaste, eilen sie hernieder, stets krftiger anwachsend, stets unbndiger tobend, bis endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu _einem_ mchtigen Flusse, der nun mit donnerndem Tosen, das bei gnstiger Windrichtung selbst da unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hren ist, seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustrmt; dort angelangt aber strzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jh herab, in Atome zerstubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Flu ist urpltzlich in den Lften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleienden Klippen; erst 500 Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu flieendem Wasser, um von da ab in kleineren Abstzen dumpf brausend und grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen. In sprachloses Entzcken versunken standen wir lange vor diesem Naturwunder sonder gleichen, dessen unsgliche Majestt und Schnheit Worte nicht schildern knnen. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und Farbenglanz, gierig das Ohr den aus mrchenhafter Hhe herabklingenden Ton der Wsser, gierig die Brust das duftgeschwngerte Labsal ein, welches als Atmosphre dieses Zauberthal durchfchelt. Zuerst fand das Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzckten Seherin gleich hatte sie lange dem Spiel der Wsser zugeschaut; da rief sie pltzlich, als ein strkerer Windhauch den Nebelschleier des Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwerthnlich geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: Seht hin, das Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht hat, ist bei unserem Erscheinen zerstubt; Eden lat uns diesen Ort nennen! Da dieses Thal -- der Name Eden wurde fr dasselbe einhellig acceptiert -- unser zuknftiger Wohnort sein msse, stand bei uns allen sofort fest. Eine nhere Untersuchung desselben ergab, da dessen Gesamtflche 160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35, auf den die Hhen umsumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten, dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abflu des Keniagletschers bildende Dana mndet am Nordwestende des Sees in diesen und verlt ihn am Sdostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da oben vermuten sollte, erwrmen sich hier mit merkwrdiger Raschheit; die Temperatur des Sees erreicht an heien Tagen bis zu 24 Grad Celsius. Auer dem Dana mnden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den Keniaklippen, teils den Abhngen der seitlich und gegenber gelagerten Berge entspringen. Wir zhlten deren nicht weniger als elf, darunter eine heie, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug. Da wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht mig gewesen, versteht sich von selbst. Zunchst hatten sich schon am 1. Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die eine unter Leitung Demestres' und dreier anderer Ingenieure, sollte die Strae bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche Zugvieh -- dessen Menge einstweilen auf 5000 Stck Ochsen prliminiert war -- auftreiben und die Verproviantierung lngs der ganzen Wegstrecke sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston bekam blo 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schferhunde mit. Wie diese Expeditionen ihre Aufgabe lsten, davon spter. Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200 Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren berdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weie, 80 Suahelis und 475 Tiere -- die Hunde und Elefanten ungerechnet. Auerdem waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der anstelligsten zurck, die anderen sandte ich -- begleitet von fnf der Unserigen -- noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300 krftige Zugochsen, 150 Khe, 400 Schlachtochsen und einige tausend Zentner verschiedener Smereien und Nahrungsmittel einzukaufen und successive an den Kenia zu befrdern. Nachdem ich dies erledigt, verteilte und bergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun zunchst zu beschftigen hatten, sachverstndigen Hnden. Einer unserer Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die Sgemhle zugewiesen -- dazu selbstverstndlich die entsprechenden Arbeitskrfte; zum Holzfllen war eine besondere Sektion bestimmt, eine andere sollte die landwirtschaftlichen Gerte in Stand setzen und ergnzen. Einer der am Kenia zurckgebliebenen Ingenieure hatte mit 100 Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brcken ber den Dana zu bewerkstelligen. Am 5. Juli fand die bersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain wurde genau vermessen und zuvrderst rings um den See die zuknftige Stadt abgesteckt, mit ihren Straen und Pltzen, ffentlichen Gebuden und Belustigungsorten. Dieser -- zunchst allerdings blo in unserem Geiste existierenden Stadt -- reservierten wir vorerst einen Raum fr 25000 Familienhuser, deren jedem auch ein ansehnliches Grtchen zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Auerhalb dieses Bauareals -- das spterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden mochte -- wurden 1000 Hektaren als vorlufiger Ackergrund ausgesucht; sie erhielten ein Netz kleiner Bewsserungskanle und sollten so bald als mglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des zahllos umherschwrmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere, die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen, sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der Hunde im Freien weideten. Inzwischen hatte die Sgemhle, die wir nicht mit nach Eden genommen, sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bche hart am Flusse errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten, welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier grerer Flachboote benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes den Flu aufwrts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen spter erhoben sich an dessen Ufern vierzig gerumige Holzbaracken, in welche nun wir Weie aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten bersiedelten; die Neger zogen es vor, in den Grashtten zu bleiben, die sie sich unter dem Schutze eines Wldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfigen Invasion unbersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum fr ungefhr zweitausend Tiere und war berdies mit einem gedeckten Raume versehen, der bei Regenwetter Schutz gewhrte. Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflgen ergnzt; gleichzeitig war aus Kikuja der erste Viehtransport -- 120 Ochsen und 50 Khe samt 200 Schafen und zahllosem Geflgel eingetroffen. Sofort wurden unter Anleitung unserer Ackerbauer Pflgeversuche gemacht. Die Kikujaochsen strubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber hatten wir sie doch so weit, da sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug gespannt, leidlich ackern lie. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da der schwarze, fette Boden, gebunden berdies durch die ppige Grasnarbe, sich auerordentlich schwer aufbrechen lie. Jedes Ochsenpaar mute zwar anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhltnismig kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fnfzehn fernere Pflge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflgen waren bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflgt, die sodann geeggt und gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Smereien -- hauptschlich Weizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schlielich wieder eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthlfte war diese Arbeit gethan, kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen. Inzwischen war auch ein -- vorlufig blo 10 Hektare umfassender -- Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zuknftigen Stadt als das Ackerland, denn whrend letzteres bei dem zu gewrtigenden Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mute fr den Garten ein mglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein solcher, der auerhalb des Weges der zuknftigen stdtischen Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Grtner besaen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10 Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemsen, Blumen, kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils aus der alten Heimat herbergebracht, teils unterwegs vorgefunden und mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten. Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewsserungskanle versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche gesichert. Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur Verfgung stehenden Krfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere praktikable Fahrwege rings um den Edensee, lngs des Flusses bis zum Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man darf sich darunter keine Kunststraen vorstellen, es waren eben Feldwege, die jedoch die Befrderung ganz ansehnlicher Lasten ohne sonderliche Kraftverschwendung ermglichten. Der Dana wurde an drei Stellen fr Fuhrwerk und an zwei anderen fr Fugnger berbrckt; sonst waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem groen Plateau fhrt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen beiden Orten muten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit am Ufer Raum fr einen Weg geschaffen werde. Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tchtige Wagen und Karren fertig geworden, die alsbald ntzliche Verwendung fanden. Grere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmhle. Dieselbe wurde mit zehn kompleten Mahlgngen am Oberlaufe des Dana, einen Kilometer vor dessen Einflu in den Edensee, errichtet. Diese Stelle wurde aus dem Grunde gewhlt, weil dicht oberhalb derselben eine groe Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe Geflle hat, das erst am groen Wasserfall, am Ostende des Plateaus, unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorlufig okkupierte Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstrae zur Mhle und konnten fr dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausntzen. Die komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mhle hatten wir aus Europa mitgebracht; die Rder, Wellen und die zehn Mhlsteine dagegen erzeugten wir uns selber. Auch diese Mhle war -- vorlufig zwar nur aus Holz und Fachwerk erbaut -- Ende September fertig, allerdings schon mit Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der whrend der ersten Hlfte des gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoen war. Ich habe bereits erzhlt, da ich sofort nach unserem Eintreffen am Kenia neue Vorrte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt und da dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein; hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten, unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18. August mit blo 50 sehr leicht bepackten Handpferden -- die 300 Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, smtlich Pferde -- auf den Weg, ohne, von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen mitzunehmen; sie verlie sich beinahe gnzlich auf die Aushlfe von seiten unserer unterwegs beschftigten Wegbauer und der uns freundlich gesinnten Bevlkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschlu, alle etwa zu gewrtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit blo eintgiger Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere Mitte. Fnf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere muten unterwegs marod zurckgelassen werden; sie selber aber trafen smtlich bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschpft, im brigen aber in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage spter rstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden, zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage spter. Die grere Hlfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoen waren und der darauf schon sehnschtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten neuen Vorrte -- in allem etwas ber 300 Zentner -- enthielten auch mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche Krftezuwachs beflgelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Mae. Die Mahlmhle wurde -- wie schon erzhlt -- noch Ende September fertig. Sie fand sofort vollauf Beschftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen allmhlich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sgemhle reichlich Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Miernte hatten, brauchten die ersten paar Tausend fernerer Ankmmlinge nicht Hunger zu leiden. Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heien Jahreszeit, der ppige, durch unser Bewsserungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit regelmig versehene Boden einen Segen, der aller europischen Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt jedes gesete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren hren, sondern in dichten, mchtigen hrenbscheln endete jeglicher Halm, der europische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, da schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert Meter oberhalb der Mahlmhle eingerichtet worden war, die alsbald unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils aus mitgebrachten Bestandteilen, hauptschlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige Erntemaschinen und zwei mit Pferdegpel zu treibende Dreschmaschinen geliefert hatte. Zu solcher Leistung aber war diese Werksttte befhigt, weil unsere Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schtzen auch Eisen und Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet, zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein. Es wurde in der Nhe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv, aber doch gengend, um ganz brauchbares Gu- und Schmiedeeisen zu liefern, das uns in unseren Ausfhrungen sofort unabhngig machte von den aus Europa mitgebrachten Vorrten. Nun erst besaen wir eine, wenn auch kleine, so doch auf eigenen Fen stehende Maschinenindustrie, und diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten. Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten Leistungsfhigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sgemhlen und einer Bierbrauerei. Die Sgemhlen brauchten wir, um fr die stetig anschwellende Menge der angekndigten Ankmmlinge bequeme Unterkunft zu schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten heimischen Getrnks zu berraschen. Sowie die Gerste geschnitten und gedroschen war, ging's ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Grtner an den Hngen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Gte gezogen, und bald fllten zahlreiche Fsser des edlen Getrnkes einen unter Benutzung natrlicher Hhlungen angelegten khlen Felsenkeller. Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und Genugthuung auf unsere viermonatliche Thtigkeit im Keniagebiete zurckblicken. Sechshundert nette Blockhuser fr ebensoviel Familien harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorrte an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung und Ausrstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte sich nicht minder schn entwickelt und seine kstlichen Gaben waren teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier gengte unsere eigene Produktion vorlufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen Bedarfes; aber dem lie sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir regelmig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet, welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf Ochsenkarren mit sich fhrend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten, ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermglicht hatten. Seitdem wir unsere Eisenhtten besaen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafr brachten sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorlufig nicht mehr bedurften, hauptschlich Elfenbein, von welchem wir, teils durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; fr unser Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergngen das doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschtzten Materials, und jedes eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein bezahlt; das Vieh und die Vorrte, die Werkzeuge und Maschinen -- vom Lande gar nicht zu reden -- gingen gratis drein. 6. Kapitel. Whrend wir am Kenia solcherart damit beschftigt waren, den aus der alten Welt erwarteten Brdern das neue Heim behaglich einzurichten, arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Fhrung nicht minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben. Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging Demestre nichts an; sein Geschft begann erst am Saume der die Keniaregion umgrtenden groen Wlder. Von hier bis zur Grenze zwischen Kikuja und Massailand bei Ngongo bergab er die Ausfhrung des Werkes dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt der Ingenieur Mllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion, Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrt, ein Russe; die letzte und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bsesten Einden enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen waren 5 Weie zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstrkt durch die doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150 Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Bentzung unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am 15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegen ritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke Teita-Taweta in Angriff nehmen lie, eilte dann weiter nach Mombas und brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Kstenleuten auf der schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen. Diese Arbeiten waren berall dreifacher Art. Zunchst muten an den wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab, insbesondere aber in den Wsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen, und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig genug, um nicht nur die Arbeiter whrend der Bauzeit, sondern spterhin Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu versorgen. Da es im quatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige Regengsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu besorgen, da groe Cisternen, denen das Regenwasser aus gengend weitem Umkreise zuflo, selbst in den heien Monaten erschpft werden knnten; nur muten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand als auch gegen Schmutz geschtzt werden. Ersteres geschah durch Eindeckung und berdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen sowie dadurch, da das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen konnte, durch eine mehrere Meter mchtige Sand- und Schotterschicht hindurchgeleitet wurde. Die natrlichen, jedoch in Zeiten anhaltender Drre austrocknenden Wasserlcher, die sich in allen Einden vorfanden, zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen seien, denn es waren das selbstverstndlich die tiefsten Punkte, nach denen zu das Regenwasser seinen natrlichen Abflu nahm. Die bedeutendsten dieser Wasserlcher brauchten blos entsprechend vertieft, gegen Verdunstung des ihnen zustrmenden Wassers geschtzt und mit den oben erwhnten natrlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25 gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2 bis 8 Metern. Gewhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt. An jedem dieser knstlichen Wasserbehlter ward zur berwachung gegen Verunreinigung ein Wchter angesiedelt. In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwrts hergestellte Strae benutzt, blo von Hindernissen etwas sorgfltiger befreit und wo sie durch den Busch gehauen werden mute, um mehr als das Doppelte erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Hhen zu berschreiten waren, mute eine neue, minder jh ansteigende Trace gesucht werden. Da auch einige Brcken zu bauen waren, bedarf wohl keiner Erwhnung. Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven Unterkunftshusern fr Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise- und Schlafrume fr einige Hundert Menschen, Pferche fr zahlreiche Rinder und Magazine fr Lebensmittel wurden in Abstnden von 12 bis 20 Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet. Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September, auf allen anderen Sektionen 14 Tage spter vollendet. Die aufgenommenen Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur berwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand fr das wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hlfte in Lhnen, zur Hlfte in Subsistenzmitteln fr die Arbeiter; zu bezahlendes Baumaterial gab es nicht. In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen die ursprnglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schlielich, da die Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche grer und grer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte sich auf durchschnittlich etwas ber 8 Schill. (Mark), wobei jedoch reichlich die Hlfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per Stck. Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, da von Mombas tglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe zurckbefrdert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas, whrend die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer blo zwischen je zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher Art tglich 250 Personen befrdert werden, und um die smtlichen, vom Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage erforderlich, es sei denn, da ein Teil derselben den Weg zu Pferde zurcklegte. Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhltnis zu ihrer Gre doch leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach. 10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzpltze, bei Nacht ein ertrgliches Lager. Eine hchst einfache Vorrichtung ermglichte eine derartige Vernderung in der Anordnung der Sitze, da _unter_ denselben fr 6, _auf_ denselben fr 4 andere Personen gengender Raum zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Ste des Gefhrtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen Regen wie Sonnenbrand, und die -- des Nachts zur Lagersttte dienenden -- Matratzen waren tagsber derart unterhalb des Lederdaches angeschnallt, da dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze gewhrte. Auch fr die Unterbringung des Gepcks war in sehr praktischer Weise gesorgt. Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an -- und zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In der Voraussicht, da der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhren, ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet, diese Einwanderung soweit nur irgend mglich in eigener Hand zu behalten, hatte sie 12 groe, schnellfahrende Dampfer von durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung genommen, weder fr den Transport noch fr die Verpflegung auf der ganzen Reise, dafr mute sich auch Jedermann mit dem gleichen, allerdings nicht geringen, Ausmae von Komfort begngen. Auf Deck waren groe Speise- und Gesellschaftsrume, unter Deck zwar kleine, aber fr jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der Beitrittserklrungen zur Gesellschaft; die lteren Mitglieder hatten die Prioritt. Natrlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in der Reihe der zu Befrdernden verlustig zu werden. In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd oder zu Wagen zu whlen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Mrschen voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65 Stationen mute beachtet werden; doch war thunlichst dafr gesorgt, da der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, blo mit den zum Wechseln der Gespanne ntigen Pausen, oder bedchtiger, unter Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei gnstigem Wetter in 14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren dazu 20 Tage und darber erforderlich. Alle getroffenen Anordnungen bewhren sich aufs vollstndigste. Nirgends gab es Aufenthalt, die Verpflegung lie nichts zu wnschen brig; eine Massaieskorte, die Johnston in der Strke von 10 Mann fr jede Station organisiert hatte, sorgte whrend der Nachtreisen fr Sicherheit gegen wilde Tiere, hatte berhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo berwachten das Ganze. Die Eingeborenen kamen den ersten Wagenzgen mit staunendem Jubel, Allen aber mit grter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen. Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistmme lieen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer Verehrung und Liebe fr die am groen Berge angesiedelten weien Brder zu berhufen. Die ersten neuen Ankmmlinge -- unter ihnen unser geliebter Meister -- trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor ber die damit anhebende neue ra der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch kurz erzhlt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah. Zunchst ist zu erwhnen, da noch im Monat August eine zahlreiche Gesandtschaft von Massaistmmen aus Leikipia -- das ist das Land nordwestlich von Kenia -- und aus den Distrikten nrdlich vom Naiwascha- bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gru und Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die Gewhrung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf; trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewhren und alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von einigen tausend Pfd. Sterling jhrlich war die vollstndige Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tchtigsten unter allen Volksstmmen der ganzen quatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft. Wir hatten nunmehr gengende Sicherheit, allmhlich wachsende Kultur in diesen bisher von unaufhrlichen Fehden und Raubzgen heimgesuchten Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres groen Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem wir sie lehrten, Wohlstand und berflu fr sich selber zu erzeugen, die Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklrte mich gerhrt ber die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnchst eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die, brigens auch ihrerseits nicht mit leeren Hnden erschienenen Massai -- sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwnzige Schafe als Ehrengabe mitgebracht -- entlassen. Johnston, den ich sofort von dem Vorgefallenen verstndigte, bernahm die Ausfhrung des gegebenen Versprechens. Da er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni gestoen, reichlich mit Hlfsmitteln versorgte, habe ich schon berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstrae erfllt war, zog er -- zu Anfang des Monats Oktober -- an den Naiwaschasee, von da weiter durch die mchtige, meist beraus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehhe, die, eingerahmt von 1000-2000 Meter hheren Randbergen, die Hochseen von Massailand enthlt, nmlich auer dem Naiwascha-, dem wunderbaren Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken, und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in einer blo 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwrts steigend durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfllen, das wald- und wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistmmen, wie nicht minder mit den Ndemps am Baringosee, Bndnisvertrge geschlossen hatte. In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zhmungsversuchen zu berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging ursprnglich von Mi Fox aus, der dabei in erster Reihe blo die Absicht vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankmmlinge Freude zu bereiten. Fr diese Idee gewann sie meine Schwester, eine groe Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja zunchst dafr, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zhmungsversuche mit diesen Tierchen ber Erwarten rasch und gut gelangen, so da schon nach Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher als eine Abart der hauptschlich in Westafrika vorkommenden Schopfantilope (_Cephalophus rufilatus_) bestimmten. Auch dieser Versuch war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu und ungeberdig, da man sie schlielich laufen lie; aber mehrere Junge gewhnten sich berraschend schnell an ihre Wrterinnen und liefen denselben nach, wie die Hndchen. Diese Antilopengattung wird nicht grer, als etwa ein mittelgroes Schaf, insbesondere die jungen Tiere nehmen sich mit ihren rtlichen Schpfen beraus putzig aus und geberden sich in allen Stcken wie bermtige Zicklein. Mi Ellen und meine Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, ffchen, Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten Kinderwelt zu allerlei Kunststcken dressiert wurden. So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwrter, die Mi Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten, jemals wieder in ihre Heimat zurckzukehren, seiner Herrin gegenber -- denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewhnen, sich als vollkommen unabhngige Mnner zu fhlen -- die Frage wagte, ob sie nicht auch ein Elefanten-Baby als Schotierchen wnsche? Als diese bejaht wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Fhrern fr einige Tage in die Wlder zu ziehen. Da Mi Ellen ihre Elefanten zum Baudienste hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu unschtzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht stren mochte, sagte sie dies dem Inder und erklrte, auf die Erfllung ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren knne. Der Inder ging; aber die Idee, da seine geliebte Herrin sich etwas versagen sollte, was ihr -- das hatte er sofort bemerkt -- groes Vergngen bereitet htte, rttelte ihn aus seiner gewohnten fatalistischen Indolenz auf; er grbelte ber die Sache zwei Tage lang und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversumnis der vier Elefanten dadurch gut zu machen, da er und die anderen Kornaks nebst dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit dressieren wollten. Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht dressieren, gleich den indischen, wandte Mi Ellen ein. Der Inder erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren smtlich der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie mchten das Rsseltier sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekmen, wenn es erst einmal in ihrer Gewalt wre. Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr das frher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mutet, wie gut man hier Elefanten gebrauchen kann? forschte die Amerikanerin weiter, erhielt jedoch darauf blo ein lakonisches Weil Du uns nicht gefragt hast zur Antwort. Mi Ellen wute sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von Edenthal mit Herden gezhmter Elefanten zu versehen -- denn wenn sich diese Tiere berhaupt zhmen lieen, dann konnte man hier ebensogut Tausende als Einen zur Stelle schaffen -- lie sie nicht zur Ruhe kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzhmbar, und wir alle, die sie diesfalls befragte, muten ihr besttigen, da es nirgends in Afrika gezhmte Elefanten gebe. Sie wurde ber dieses Problem nachgerade beinahe trbsinnig; sichtlich gelstete es sie, es auf einen Versuch ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu knnen, und erstere in der Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden, das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr -- als die Elefanten _ihr_ Eigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdnken ber dieselben verfgen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele Fanze, von einem lngeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurck und stellte sich, als ihn Mi Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, da es thatschlich keine zahmen afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies msse blo daran liegen, da die Afrikaner verlernt htten, dies edle Tier dem Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewi nicht, was schon daraus hervorgehe, da zur Rmerzeit dressierte Elefanten in Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstnden, werde ihnen dieselbe hier so gut gelingen wie in Indien. Und so geschah's. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der nahen Wlder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so, wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden fhrerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs mit einigem Befremden empfangen, schlielich aber in aller Freundschaft aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere zunchst mit dem Fhrer der Herde, dem strksten und schnsten Bullen, zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Fe an einen starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stieen sie ihren Angstruf -- einen scharfen Trompetenton -- aus, als ob sie irgendeine Gefahr bemerkt htten und strmten davon, auf welches Signal hin die Inder unter Geschrei und Flintenschssen hervorstrzten, was die ganze Herde veranlate, den Zahmen in grter Eile nachzufolgen. Der arme Gefesselte konnte natrlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an dem Stricke zerrte, und die Inder lieen ihn trampeln und trompeten, ohne sich vorlufig um ihn zu kmmern. Ihre nchste Sorge war, die Spur der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde gefesselt und dann unter groem Spektakel verlassen. Noch drei weitere Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die Herde argwhnisch geworden zu sein, denn die bersselten Verrter kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurck. Nunmehr erst wurde jedem der fnf Gefesselten -- unter ihnen ein Weibchen mit einem etwa einjhrigen Jungen in der Gre eines mittleren Kalbes -- ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen die Vorderfe eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne da die Betrogenen wtenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in hchst brutaler Weise durch Rsselschlge und Zahnste bewltigt. Hierauf machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer alles fr Elefantengaumen Geniebare -- also Gras, Bsche und Baumzweige zu entfernen; wo dazu die Rssel nicht ausreichten, drngten sie die Gefesselten auf die Seite und ermglichten es den Treibern, mit Axt und Beil das Werk zu vollenden. Als der Abend anbrach, waren alle fnf Gefangenen geknebelt und jeder Mglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr muten sie aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Lwen oder Leoparden die Gelegenheit wahrnhmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brdern der Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nchtlichen Toben Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prgel und Ste vollbracht ward und berlieen sie dann abermals ihrem Schicksale. Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und Durst und bekamen, so oft ihre verrterischen Brder nach ihnen sahen, jmmerliche Schlge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut, da sie gar nicht mehr tobten, sondern klglich brllten, als sich ihre Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rsseln und Zhnen ber sie herfielen. Da erschien nun den Mihandelten ein rettender Engel -- in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunchst unter drohenden Geberden und einigen schallenden Schlgen die Schergen von ihrem Opfer und hielt diesem dann ein Gef Wasser hin. Stutzte darauf der wilde Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu berblicken, so war die Tragikomdie aus, das Tier gebndigt. Denn es acceptierte in diesem Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollstndig getrnkt und gefttert und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung heimgefhrt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst recht rabiat -- was allerdings bei dreien von den Fnfen der Fall war -- so mute mit der Prgel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis der Elefant zu begreifen begann, Erlsung aus seiner Lage knne hier nur das schreckliche zweibeinige Geschpf spenden. Schlielich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die einzige Gefahr dieser Jagd bestand blo darin, da der Jger sich auf die Sicherheit seines Urteils ber den Charakter des Gefesselten verlassen mute in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte. Zwar standen die zahmen Elefanten hlfsbereit und aufmerksam dabei; da jedoch ein einziger Rsselhieb des gereizten Tieres gengen kann, einen Menschen zu tten, so gehrt immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu der Sache. Die Inder versicherten brigens, da ein halbwegs an den Umgang mit Elefanten Gewhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlssig auf dessen Absichten schlieen knne; man brauche daher blo die Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen vllig nahe zu treten, bevor man in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei berhaupt nichts zu frchten. Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fnf Gefangenen zurck, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber doch schon insoweit zahm waren, da sie sich ruhig einsperren, fttern, trnken und unterrichten lieen. Nach Verlauf fernerer zwei Wochen waren sie der Hauptsache nach fertig, d. h. brauchbar zu allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die Seite gegeben wurde. Mi Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie besa ein herziges Elefantenbaby, das zwar fr ein Schotierchen etwas zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben mag und sich rasch zum erklrten Liebling von ganz Edenthal aufschwang; und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschpfliche Quelle sehr schtzbarer Arbeitskraft erffnet, auf welche ohne sie niemand geraten wre. Denn htte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt, die Expedition mitzumachen, so wren wohl schwerlich so rasch indische Elefanten und Elefantenfhrer an den Kenia gekommen, und ohne diese wren die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjgern ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zhmung auch nur jemand gedacht htte. Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rstig fort, so da binnen kurzem der Elefant das hauptschlichste _Tragtier_ am Kenia wurde und berall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze Entfernungen oder auf Gebieten, die fr Wagen unpassierbar waren, bewltigt werden sollten. Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zhmung anderer Tiere nicht blo zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen. Zunchst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Fllen erwiesen sich -- wenn sehr jung eingefangen -- als leidlich gelehrig und nicht sonderlich scheu und in den zweiten Generationen unterschieden sich spter unsere zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren. Strau und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den grten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zhmung des afrikanischen Bffels. Es ist das das bsartigste, unbndigste und gefhrlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so vollstndig gezhmt, da es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als Zugtier vollstndig verdrngte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Khe konnte man wenigstens so weit bringen, da sie dem Wrter aus der Hand fraen, und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Bffel anlangt, so zeigten diese genau den nmlichen Charakter wie das gewhnliche Rind. Die Bullen blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverllich, die Khe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig wie nur irgend ein Wiederkuer. Als Milchkhe wurden sie bei uns niemals geschtzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als Zugtiere aber waren unsere Bffelochsen unvergleichlich. Es gibt fr diese riesigen Tiere -- sie berragen das grte Hausrind um reichlich Fu, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fu und ihre Hrner lassen sich an der Wurzel mit zwei Hnden nicht umspannen -- keine zu schweren Lasten; wo vier gewhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Bffel ihren gleichmigen Schritt weiter, als wren sie ledig. Dabei vertragen sie Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre lngst gezhmten Verwandten -- kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen noch nicht berall zu finden sind, als geradezu unschtzbar. Das dritte Ereignis -- doch dieses geht eigentlich direkt nur mich persnlich an und gehrt blo insofern in den Rahmen dieser Erzhlung, als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zustnden in Edenthal zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunchst erzhle, wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brder in der neuen Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten. 7. Kapitel. Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmchtigten der Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im gemeingebruchlichen Sinne des Wortes: ich htte befehlen knnen und es wre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht blo meinen eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses gem, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer Versammlung frei ber sich selber verfgender Mnner benahm. Wo immer mglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fgte mich der Meinung der Mehrheit und traf selbstndige Verfgungen blo in dringenden Fllen oder wenn es sich um Zuweisung von Auftrgen an Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverstndnisse mit allen betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von ihren speziellen Genossen selber gewhlt, und wenn dabei auch in allen wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten und Vorschlge zur Ausfhrung gelangten, (so da -- wenn im Bisherigen zumeist der Krze halber gesagt wurde: ich ordnete an, ich designierte -- damit dem Wesen nach die Wahrheit erzhlt wurde) so geschah dies doch nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig unterordneten. Dabei wuten wir alle, da dies keine auf Dauer berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen fr sich, alles was wir erzeugten, gehrte nicht dem Erzeuger, auch nicht der Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die freie Gesellschaft, die wir grnden wollten, war noch nicht gegrndet, sie befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenber nichts anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewhnlichen Lohnarbeitern blo dadurch unterschieden, da ihnen selber berlassen war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als Unternehmergewinn fr die Auftraggeberin zurcklegen mochten. Htte mich bser Wille einzelner Genossen dazu gentigt, so war ich nicht blo im Rechte, sondern auch entschlossen, den Bevollmchtigten hervorzukehren; da ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei, das Behagen, das uns alle erfllte, zu steigern und war auch insofern von groem Werte, als dadurch der bergang zu den spteren endgltigen Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ndert aber nichts an dem Sachverhalt, da unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte. Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen fr jedermann -- ob Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weier oder Neger -- die gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags; nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am Sonntag ruhte ebenso gleichmig alle Arbeit. Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im Edensee -- es waren zu diesem Behufe mehrere Badehtten errichtet -- ein Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in solchen Knsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir Kleidungsstcke zum Wechseln besaen, so wurden des Morgens immer die whrend des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafr die gestern gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages fr den morgigen Gebrauch in Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frhstck, gleich allen Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von Suahelis -- um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse franzsischer Kochkunst sich meine Schwester groe Verdienste erworben hatte. Dieses erste Frhstck bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee, Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Kse, Honig, Eier, kalter Braten nebst Brot oder anderem Gebck. Nach diesem ersten Frhstck wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frhstck kam, bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise -- Omelette, Fisch oder Braten mit Brot, etwas Kse und Frchten, dazu als Getrnk entweder das kstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu bereiten verstehen. Nach diesem Frhstck, welches in der Regel 15 bis 20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf die groe Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heieren Monaten, von den Meisten zunchst zu einem zweiten Bade im See benutzt, welchem irgendeine husliche Zerstreuung, Lektre, Konversation oder Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel gro; whrend der heien Monate stieg das Thermometer hufig auf 35 Grad Celsius im Schatten. Zwar verhteten khle Brisen, die bei schnem Wetter regelmig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia her wehten und zwar desto strker, je heier der Tag sich anlie, da der Aufenthalt im Freien jemals unertrglich wurde; aber am angenehmsten und zutrglichsten war whrend der Mittagsstunden jedenfalls das Verweilen in gedeckten Rumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit Gemsen, sem Backwerk und Frchten der mannigfachsten Art, dazu abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes Stndchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektre, Spiel, worauf, nachdem die rgste Hitze vorber war, die zweistndige Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser lieen Einzelne ein drittes kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frhstck hnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu greren Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, da hinsichtlich aller Mahlzeiten, wie berhaupt aller Genumittel als Regel galt, da Jedermann whlen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezglich der geistigen Getrnke hielten wir es anders -- aus leicht begreiflichen Grnden. Spterhin, wenn Jedermann auf eigenen Fen stand, mochte er es auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von Gesellschaftswegen verpflegt wurden, muten wir schon mit Rcksicht auf unsere Neger Beschrnkung ben. Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tchtige Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zhlendes Orchester von Blas- und Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es das Wetter erlaubte, hren lieen. Zwei oder drei Stunden nach Sonnenuntergang pflegte es khl zu werden; in wenigen Nchten behauptete sich das Thermometer ber 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad Celsius, so da die Nachtruhe stets erquickend war. An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflge in die benachbarten Wlder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vortrge. Die von uns bewohnten Blockhuser waren eigentlich dazu bestimmt, je einer Familie als zuknftiges, wenn auch blo provisorisches Heim zu dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden Grtchens und deckte mit seinen 6 Rumen: Vorzimmer, Kche und 4 Stuben, selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Huschen nun wurde einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashtten gleichfalls in Edenthal aufzuschlagen, war selbstverstndlich auch ein besonderes Huschen eingerumt. Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht. Whrend der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen, sah sich aber durch die Rcksicht auf einen zweiten Schtzling, der inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox nmlich, in der Ausfhrung ihrer Vorstze gehindert. Sie konnte doch unmglich dies junge Mdchen inmitten so vieler Mnner allein lassen; ebenso wenig aber konnte sie uns beide -- obwohl wir in ihren Augen die reinen Kinder waren -- Thr an Thr im selben Huschen unterbringen. Was htten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne da ich es bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und unbefangenem Geplauder eigentmlich gemengte Konversation der jungen Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das gengte Schwester Klara nicht und sie geriet schlielich auf den Gedanken, uns zu verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen Narrheit -- unserer sozialen Ideen nmlich -- paten wir ganz gut zu einander, und wenn auch -- ihrer Meinung nach -- auer Zweifel stand, da in dieser Ehe gesunder, hausbackener Menschenverstand gnzlich fehlen wrde, so war ja _sie_ dazu da, fr die beiden Kindskpfe zu sorgen und zu handeln. Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefat, legte sie sich als vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, da in diesem Punkte weder bei mir, noch bei Mi Ellen auf unbedingten Gehorsam zu rechnen wre, zunchst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe hchst mangelhaften eigenen Erfahrungen, ausgerstet blo mit dem keinem Weibe fehlenden instinktiven Feingefhle, die berraschende Entdeckung -- da wir beiden bereits bis ber die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie ber diese Wahrnehmung so erstaunt, da sie ihren Augen keinen Glauben schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als da eine Tuschung mglich gewesen wre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Mi Fox so genau kannte, wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen Zusammenleben mit der offenherzigen und freimtigen Amerikanerin selbstverstndlich war, der konnte sich nicht darber tuschen, was es zu bedeuten habe, wenn ein Mdchen, das bisher nur seinen Idealen: Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen und das keinem Manne gegenber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige fr die Ideen, denen er diente -- wenn dieses selbe Mdchen in Aufregung geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hrte, und im vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzgen dessen sprach, der hier in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine Gefhle anlangt, so wute Schwester Klara allzu genau, da mir am Weibe bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig Interessante gewesen, als da es ihr nicht wie Schuppen von den Augen htte fallen sollen, als ich sie krzlich, nachdem ich Mi Fox, die eben abseits mit etwas beschftigt war, lange und andchtig betrachtet hatte, mit den Worten apostrophierte: Ist nicht jede Bewegung dieses Mdchens Musik? Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklrte, da wir uns heiraten mten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Mi Ellen wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenbla, erklrte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten. Wrden diese bermtigen Mnner, die uns Frauen allen Sinn fr das Ideale, jede Fhigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend behaupten, da meine vorgebliche Begeisterung fr unser soziales Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft fr einen Mann, da ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis an den quator gelaufen? Nein, -- ich liebe Deinen Bruder nicht -- ich werde berhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten! Dieser heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thrnen, die jedoch -- als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte -- fr Zeugen der Emprung ob des krnkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Mi Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklrte die mir vorgehaltenen Symptome meiner Leidenschaft als bloe Zeichen psychologischen Interesses an einem weiblichen Geschpfe, welches echter Begeisterung fr abstrakte Ideen fhig sei. Doch eine mtterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefat, ihren Bruder -- und noch dazu an ihre Freundin -- zu verheiraten, ist nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute und mannigfache Grnde hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf geradem Wege nicht ging, whlte sie einen krummen -- keinen neuen, aber einen oft bewhrten: sie machte uns beide eiferschtig. Jedem von uns erzhlte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem dummen Plane, da der andere Teil nicht mehr frei wre. Da sie mir gegenber schlauerweise hinzufgte, sie habe ihr Projekt blo ersonnen, um zugleich mit der jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebhrenden Mutterpflichten mir gegenber neuerlich bernehmen zu knnen, so glaubte ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, da Ellen einen Verlobten in Amerika zurckgelassen, welcher demnchst schon hier eintreffen werde. Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse erst herausgerckt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee zusetzte. Es ist nur ein Glck, da Du mein Junge Dir nichts aus der kleinen Duckmuserin machst; das wre jetzt eine schne Bescherung, wenn Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt httest. Ich erklrte mich mit dieser Wendung der Dinge hchlich zufrieden, hatte aber das Gefhl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet wrde. Deutlich und klar stand jetzt pltzlich meine Liebe vor meinem inneren Auge, eine glhende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfrulich geblieben. Ich konnte hinfort -- das ward mir zu unumstlicher Gewiheit -- noch leben und kmpfen -- mich des Lebens und des Erkmpften freuen, nimmermehr! Aber war es denn auch gewi und unabwendbar? Gab es denn keine Mglichkeit, diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt pltzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu rauben, gab es keine Mglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch ist es berhaupt denkbar, da Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben wrde? Hin zu ihr, mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis! Damit strmte ich hinber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine Schwester ein hnlich Mrchen auch Ellen erzhlt. Sie habe sich nun einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher in der Hoffnung, da meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen wrde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wre, als auch ich mich weigerte, dringender geworden, und da htte ich ihr endlich gestanden, mich hinter ihrem Rcken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit dem nchsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzhlung unterbrach. Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfllten Fragen nach dem amerikanischen Brutigam gaben ihr die Sprache wieder. Zugleich aber hatte sie auch den Schlssel der Situation gefunden: da ich sie liebe, da meine Schwester uns beide getuscht. Was weiter folgte, lt sich leicht erraten. So kam es, da Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in Edenthal anlangte -- und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich vorher noch erzhlen wollte. Ob das Entzcken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male ans Herz drckte, das grere gewesen oder jenes, mit welchem ich den Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einfhrte in jenes irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen -- das wage ich nicht zu entscheiden. Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit unserer neuen Heimat und des krftig pulsierenden frhlichen Lebens, das sie bereits erfllte, Thrnen der Freude, in diesen aber die sichere Brgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfate mich zwar nicht jene berschwngliche, fr die Brust, die ihr zum ersten Male sich ffnet, schier unertrgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als die Geliebte mir in Kssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber wenn einst mein Haar wei und mein Nacken gebeugt sein wird, drfte wohl die Erinnerung an jene brutlichen Ksse mein Blut nicht mehr so siedendhei durch die Adern jagen, wie heute, whrend der Gedanke an die Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur Erlsung unserer leidenden, enterbten Mitbrder aus den Martern vieltausendjhriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine beseligende Kraft einben wird, so lange ich unter den Lebenden wandle und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist. Lange, lange stand der Meister auf den Hhen vor Edenthal, jede Einzelheit des entzckenden Bildes andchtig in sich aufnehmend; dann zu uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere Heimat werden solle, schon den Namen gegeben htten. Als ich dies verneinte, mit dem Beifgen, da ihm, der dem Gedanken Worte lieh, welcher uns hierher gefhrt, auch das Amt gebhre, das Wort fr das Land zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da rief er: Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtssttte finden: _Freiland_ wollen wir es nennen! Zweites Buch. 8. Kapitel. Wir nehmen nunmehr den Faden der Erzhlung dort auf, wo ihn das Tagebuch Ney's verlassen. Zugleich mit dem Vorsitzenden waren 3 Mitglieder des dirigierenden Ausschusses in Edenthal eingetroffen; 5 andere folgten binnen wenigen Tagen mit der ersten Wagenkarawane aus Mombas nach, so da deren -- Ney, Johnston, und den auf dieser Beiden Vorschlag kooptierten Demestre eingerechnet, in Freiland 12 anwesend waren. Da es im ganzen derzeit 15 Ausschumitglieder gab, so waren ihrer noch drei zurckgeblieben und zwar je eins in London, Triest und Mombas, wo sie bis auf Weiteres als Bevollmchtigte des Ausschusses den abendlndischen Geschften der Gesellschaft vorstehen sollten. Ihr Amt war die Aufnahme neuer Mitglieder, die Einkassierung und provisorische Verwaltung der einflieenden Gelder und die berwachung der Auswanderungen nach Edenthal. Ihre Instruktion bezglich der Aufnahme neuer Mitglieder ging vorerst dahin, jeden sich darum Bewerbenden aufzunehmen, sofern er kein rckflliger Verbrecher und des Lesens und Schreibens kundig wre. Erstere Einschrnkung bedarf wohl keiner eingehenden Motivierung. Wir hatten allerdings unbedingtes Vertrauen in die veredelnden, weil das treibende Motiv der meisten Laster beseitigenden Folgewirkungen unserer socialen Reformen; wir waren vollkommen beruhigt darber, da Freiland keine Verbrecher erzeugen und selbst durch Elend und Unwissenheit da drauen zu Verbrechern Gewordene, wenn nur irgend mglich, dem Laster entreien werde; fr den Anfang aber wollten wir es vermeiden, von schlimmen Elementen berschwemmt zu werden, und angesichts des verzeihlichen Bestrebens einzelner Staaten, sich ihrer rckflligen Verbrecher in irgend welcher Weise zu entledigen, muten wir von Anbeginn vorbauen. Hrter mag erscheinen, da wir der Einwanderung von gnzlich Unwissenden eine Schranke zogen. Doch gerade das war ein notwendiges Erfordernis unseres Programms. Wir wollten das absolute, freie Selbstbestimmungsrecht des Individuums auch auf dem Gebiete der Arbeit an die Stelle des Jahrtausende hindurch geltenden Knechtschaftsverhltnisses setzen; wir wollten den unter der Botmigkeit der Brotherren stehenden Arbeiter zum selbstndigen in freier Vereinbarung mit freien Genossen auf eigene Gefahr thtigen Produzenten umgestalten -- es ist daher selbstverstndlich, da wir zu diesem unserem Werke blos solche Arbeiter gebrauchen konnten, die zum mindesten ber die unterste Stufe der Brutalitt und Unwissenheit hinaus waren. Da wir damit gerade die Elendesten der Elenden zurckstieen, ist wahr; aber abgesehen davon, da dem Unwissenden zumeist das klare Bewutsein seines Unglcks und seiner Entwrdigung fehlt, seine Leiden daher in der Regel blos physischer und nicht auch moralischer Natur sind, wie die des mit Intelligenz gepaarten Elends, abgesehen davon durften wir uns auch durch weichliches Mitleid nicht dazu verleiten lassen, den Erfolg unseres Werkes zu gefhrden. Der Unwissende mu beherrscht werden und da wir unsere Mitglieder nicht erst allmhlich zu freien Produzenten erziehen, sondern unmittelbar in die freie Produktion einfhren wollten, so _muten_ wir uns, wie gegen das Verbrechen, auch gegen die Unwissenheit schtzen. Sollte hinwieder geltend gemacht werden, da Kenntnis des Lesens und Schreibens allein denn doch kein gengendes Kennzeichen jenes Ausmaes von Bildung und Intelligenz sei, welches bei Menschen, die ihre Arbeit selber regieren sollen, vorausgesetzt werden msse; so ist darauf zu erwidern, da zu diesem Behufe allerdings ein sehr hoher Grad der Intelligenz erforderlich ist, aber nicht bei allen, sondern blo bei verhltnismig nicht sehr zahlreichen der solcherart sich selber organisierenden Arbeiter, whrend bei der Majoritt jenes Mittelma von Geisteskrften und Geistesausbildung durchaus gengt, dessen es zu richtiger Erkenntnis des eigenen Interesses bedarf. Wenn hundert oder tausend Arbeiter sich zusammenthun, um fr gemeinsame Rechnung und Gefahr zu arbeiten, so kann und mu nicht jeder derselben die Fhigkeiten zur Organisation und Leitung dieser gemeinsamen Produktion besitzen; dieses hhere Ausma von Intelligenz wird blo bei einigen Wenigen unerllich sein, whrend es fr die Majoritt gengt, da sie richtig beurteilen knne, was mit der gemeinsam zu betreibenden Produktion erzielt werden soll und kann und welche Eigenschaften Diejenigen besitzen mssen, in deren Hnde die Wahrung dieses gemeinsamen Interesses gelegt wird. Gerade in diesem Punkte aber ist die Kenntnis der Schrift von ausschlaggebender Bedeutung, denn das gedruckte Wort allein ist es, welches den Menschen und sein Urteil unabhngig macht von den zuflligen Einflssen der unmittelbaren Umgebung, seinen Verstand der Belehrung erst ffnet. Es wird sich spter zeigen, in wie hohem Mae die ausgedehnteste, lediglich durch Schrift und Druck zu vermittelnde ffentlichkeit aller Vorgnge auf dem Gebiete jeglicher produktiven Thtigkeit zum Gelingen unseres Werkes beitrug. Es versteht sich von selbst, da diese beiden Bedingungen fr aufzunehmende Mitglieder auch bisher schon vom Ausschusse gefordert wurden, und zwar das zweitgenannte ursprnglich in ziemlich strenger Form. Da sich jedoch gezeigt hatte, da das geistige Niveau der meisten Bewerber ein berraschend hohes war, indem der Hauptsache nach von den krperlich arbeitenden Klassen sich blos die Elite in ausgedehnterem Mae fr unser Unternehmen interessierte, und da nunmehr, wo die Zahl der Mitglieder 20000 berschritten hatte, die mitunterlaufende Unwissenheit nicht mehr so gefhrlich sein konnte, so begngte sich der Ausschu mit der Forderung, da die Anmeldungen eigenhndig und schriftlich geschehen mten. Die Zahl der sich meldenden Mitglieder -- es ist zu bemerken, da Frauen und Kinder stets mitgerechnet sind -- war in stetigem Wachstume begriffen, insbesondere seit Verffentlichung der ersten Berichte ber die am Kenia angelegte Kolonie. Als der Ausschu sich unter Hinterlassung seiner Delegierten in Triest einschiffte, hatte der Mitgliederzuwachs 1200 in der Woche erreicht; drei Monate spter war er auf 1800 wchentlich gestiegen. Die Aufgabe der europischen Bevollmchtigten war es nun, die neuen Mitglieder -- gleichwie dies vorher schon mit den alten geschehen -- sorgfltig nach Geschlecht, Alter und Beruf zu registrieren und mit jeder Schiffsgelegenheit die entsprechenden Listen nach Freiland zu expedieren; sie hatten den -- nach wie vor unentgeltlich erfolgenden -- Transport bis Mombas zu organisieren und zu berwachen und waren mit Vollmacht versehen, alle zu diesem Behufe erforderlichen Ausgaben, im Bedarfsfalle auch den Ankauf neuer Schiffe, gegen nachtrgliche Verrechnung und Genehmigung zu bestreiten. Sache der Bevollmchtigten war es ferner, den sich zur Reise rstenden Mitgliedern mit Rat und That an die Hand zu gehen; auch hatten sie Vollmacht, hilfsbedrftigen Genossen materiell beizuspringen. Die Mitgliederbeitrge zeigten hnlich wachsende Tendenz, wie die Mitgliederzahl; es wuchs eben offenbar das Interesse und Verstndnis fr unser Unternehmen nicht blos in den arbeitenden, sondern auch in den besitzenden Klassen; der Wochenzuflu steigerte sich in der Zeit von Ende September bis Ende Dezember von rund 20,000 auf 30,000 . ber diese Gelder war, nach Bestreitung der den Delegirten eingerumten Kredite, dem Ausschusse die Verfgung vorbehalten, dessen Vollzugsorgan brigens auch in diesem Punkte bei allen in der alten Welt zu bestreitenden Auslagen die zurckgelassenen Delegierten waren. Am 20. Oktober hielt der Ausschu seine erste Sitzung in Edenthal, um ber die geeignetesten Vollzugsmaregeln zur Konstituierung jener freien Vergesellschaftungen schlssig zu werden, deren Sache von da ab die Produktion in Freiland sein sollte. Die Ausschusitzungen waren von jeher ffentlich gewesen, d. h. jedes Mitglied der Gesellschaft hatte Zutritt zu denselben und so sollte es auch fernerhin bleiben; eine blo provisorisch eingefhrte Neuerung dagegen war es, da die Zuhrerschaft auch eingeladen wurde, an den Verhandlungen -- allerdings nur mit beratender Stimme, teilzunehmen. Diese Maregel hat die Bestimmung, in der Zwischenzeit, bis die Presse ihre informierende und kontrollierende Wirksamkeit beginnen konnte, deren Rolle zu bernehmen. Die Grundlage des zur Durchfhrung gelangenden Organisationsplanes war schrankenlose ffentlichkeit in Verbindung mit ebenso schrankenloser Freiheit der Bewegung. Jedermann in ganz Freiland mute jederzeit wissen, nach welcherlei Produkten jeweilig der grere oder geringere Bedarf und in welchen Produktionszweigen jeweilig der grere oder geringere Ertrag vorhanden sei. Ebenso aber mute Jedermann in Freiland jederzeit das Recht und die Macht haben, sich -- soweit seine Fhigkeiten und Fertigkeiten reichen -- den jeweilig rentabelsten Produktionszweigen zuzuwenden. Die zu treffenden Manahmen hatten also zunchst diese zwei Punkte ins Auge zu fassen. Eine sorgfltige Statistik hatte in bersichtlicher, und was die Hauptsache ist, in denkbar raschester Weise jede Bewegung der Produktion auf der einen, des Consums auf der anderen Seite zu registrieren; ebenso galt es, die Preisbewegung aller Produkte zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Angesichts der entscheidenden Wichtigkeit dieser Verffentlichungen mute Vorsorge getroffen werden, da Tuschungen oder unbeabsichtigte Irrungen bei denselben von vornherein ausgeschlossen seien -- ein Problem, welches wie im Nachfolgenden gezeigt werden wird, in vollkommenster und doch einfachster Weise gelst wurde. Und damit nun die solcherart erlangte Kenntnis auch von Jedermann praktisch zum eigenen Vorteile ausgenutzt werden knne, was nur mglich ist, wenn Jedermann in die Lage versetzt wird, sich jenem seinen Fhigkeiten entsprechenden Arbeitszweige zuzuwenden, der jeweilig die hchste Rente bietet, mute dafr gesorgt werden, da Jedermann jederzeit in den Besitz der hierzu erforderlichen Produktionsmittel gelangen knne. Dieser Produktionsmittel giebt es zweierlei: Naturkrfte und Kapitalien. Ohne diese Beiden ntzt die genaueste Kenntnis jener Arbeitszweige, nach deren Erzeugnissen gerade der dringendste Bedarf vorhanden ist und die deshalb die hchsten Ertrge liefern, eben so wenig, als die vollendetste Geschicklichkeit in diesen Produktionen. Der Mensch kann seine Arbeitskraft nur verwerten, wenn er ber die von der Natur gebotenen Stoffe und Krfte, wie nicht minder ber entsprechende Instrumente und Maschinen verfgt; und zwar mu er, um mit seinen Mitbewerbern konkurrieren zu knnen, Beides in gleich guter und vollkommener Beschaffenheit besitzen, wie diese. Man mu nicht blo Boden zur Verfgung haben, um Weizen zu bauen, sondern auch gleich ergiebigen Weizenboden wie die anderen Weizenbauer, sonst wird man mit geringerem Nutzen, ja mglicherweise sogar mit Schaden arbeiten; und der Besitz des ergiebigsten Bodens wird die Arbeit noch nicht ermglichen, oder doch nicht gleich ertragreich machen, wenn man die erforderlichen landwirtschaftlichen Gerte nicht, oder doch nicht in jener Vollkommenheit besitzt, wie die Konkurrenten. Was nun die Kapitalien anlangt, so machte sich die freie Gesellschaft anheischig, sie Jedermann nach Wunsch zur Verfgung zu stellen, und zwar zinslos, gegen Rckzahlung in gewissen Fristen, deren Ausma je nach der Natur der beabsichtigten Anlagen in der Weise festgestellt wurde, da die Abtragung aus den Produktionsergebnissen stattfand. Da die Arbeitsinstrumente und sonstigen kapitalistischen Arbeitsbehelfe in beliebigem Umfange und in beliebiger Qualitt hergestellt werden knnen, so wre damit der eine Teil des Problems gelst gewesen. Anders verhlt sich die Sache mit den Naturkrften, als deren Reprsentanten wir den Boden, an den sie doch gebunden sind, gelten lassen wollen. Den Boden hat Niemand erzeugt, es hat also Niemand Eigentumsanspruch auf ihn und Jedermann hat das Recht, ihn zu benutzen; aber den Boden hat nicht blo Niemand erzeugt, es kann ihn auch fernerhin Niemand erzeugen; Boden ist daher blo in beschrnkter Menge vorhanden und auerdem ist auch der vorhandene Boden nicht von gleicher Gte. Wie soll es nun trotzdem mglich sein, nicht blo Jedermanns Anspruch auf Boden, sondern sogar auf gleich ertragreichen Boden zur Geltung zu bringen? Um dies zu erklren, mu zunchst noch die dritte und in Wahrheit fundamentalste Voraussetzung der wirtschaftlichen Gerechtigkeit dargelegt werden. Wenn in deren Sinne jedem Arbeitenden der ungeschmlerte Ertrag der eigenen Arbeit zugesprochen wird, so ist dies nur insofern und unter der Voraussetzung wirklich gerecht, da angenommen wird, der Arbeitende sei selber und ausschlielich der Erzeuger dieses ganzen Ertrages. Das war er aber nach der alten Wirtschaftsordnung mit nichten. Der Arbeitende erzeugte als solcher nur einen Teil des Produkts, whrend ein anderer Teil vom Arbeitgeber -- derselbe sei nun Grundbesitzer, Kapitalist oder Unternehmer -- hervorgebracht wurde. Ohne den organisatorischen, disciplinierenden Einflu dieses Letzteren wre die Mhe der Arbeitenden unfruchtbar, oder doch weit minder fruchtbar gewesen; der Arbeiter lieferte bisher stets nur die zusammenhanglose Kraft, whrend der ordnende Geist Sache des Arbeitgebers war. Damit soll nicht gesagt sein, da die grere geistige Kraft bisher ausnahmslos oder notwendiger Weise auf Seite des Letzteren sich befunden; auch die Techniker und Direktoren, die den groen Produktionsanstalten vorstehen, gehren dem Wesen nach zu den Lohnarbeitern und ganz im allgemeinen kann ohne weiteres zugegeben werden, da die hhere Intelligenz in zahlreichen Fllen nicht bei den Arbeitgebern, sondern bei den Arbeitern sich gefunden haben mag. Trotzdem ist es der Arbeitgeber, dessen Verdienst berall dort, wo es galt, mehrere Arbeitende zu gemeinsamem Werke zu vereinigen und zu disciplinieren, diese Vereinigung und Disciplinierung gewesen. Fr sich zu produzieren, vermochten die Arbeitenden bisher stets nur vereinzelt; sowie ihrer Mehrere unter einen Hut gebracht werden sollten, war ein Herr notwendig, ein Herr, der mit der Peitsche -- dieselbe mag nun aus Riemen, oder aus den Paragraphen einer Fabrikordnung geflochten sein -- die Widerstrebenden beisammenhlt und _dafr_ -- nicht fr seine hhere Intelligenz, den Ertrag der Arbeit einstreicht, den Arbeitenden, sie mgen nun dem Proletariate oder der sogenannten Intelligenz angehren, nur so viel einrumend, als zu ihrem Unterhalte erforderlich ist. Noch niemals bisher haben die Arbeitenden den Versuch gewagt, ohne Herrn, als freie eigenberechtigte Mnner und nicht als Knechte -- dabei aber mit vereinten Krften zu produzieren. Die Bentzung jener gewaltigen, den Ertrag der menschlichen Thtigkeit so unendlich vervielfltigenden Instrumente und Einrichtungen, die Wissenschaft und Erfindungsgeist der Menschheit an die Hand gegeben, setzt vereintes Wirken Vieler voraus, und dieses hat sich bisher nur Hand in Hand mit der Knechtschaft bewerkstelligen lassen. Man spreche nicht von den Produktivassociationen eines Schulze-Delitzsch und Anderer; sie haben am Wesen der Knechtschaft nichts gendert, blo der Name der Herren ist ein anderer geworden. Auch in diesen Associationen gibt es nach wie vor Arbeitgeber und Arbeiter; Ersteren gehrt der Ertrag, Letztere erhalten Stall und gefllte Futterraufe gleich den zweibeinigen Arbeitstieren des Einzelunternehmers oder der gewhnlichen Aktiengesellschaft, deren Aktionre zufllig keine Arbeiter sind. Damit die Arbeit frei und eigenberechtigt werde, mssen sich die Arbeitenden als solche, nicht aber als kleine Kapitalisten zusammenthun; sie drfen keinen wie immer genannten oder gearteten Arbeitgeber ber sich setzen, also auch keinen solchen, der aus einer Genossenschaft von Ihresgleichen besteht; sie mssen sich als Arbeitende und nur als solche organisieren, dann erst haben sie auch als solche Anspruch auf den vollen Arbeitsertrag. Und diese Organisation der Arbeit ohne jeglichen Rckstand des altererbten Herrschaftsverhltnisses irgend eines Arbeitgebers ist das Grundproblem der socialen Befreiung; ist dieses glcklich gelst, so folgt alles Andere ganz von selbst. Diese Organisation aber war mit nichten so schwierig, als auf den ersten Blick scheinen mag. Der Ausschu ging von dem Grundsatze aus, da die richtigen Organisationsformen freier Arbeit sich am besten durch das freie Zusammenwirken smtlicher an dieser Organisation Beteiligten werde finden lassen. Besondere Schwierigkeiten vermochte er dabei nicht zu entdecken. Handelte es sich dabei doch dem Wesen nach um hchst einfache Dinge. Um z. B. ein Eisenwerk zu errichten, brauchten die Arbeiter den Gesamtmechanismus der Eisenfabrikation keineswegs smtlich zu verstehen; was notthat, war blo zweierlei: erstlich da sie wuten, welcherlei Leute sie an die Spitze ihrer Fabrik zu stellen htten und zweitens, da sie diesen Leuten einerseits gengende Gewalt einrumten, um die Arbeit in Ordnung zu erhalten, anderseits aber auch sie gengend kontrollierten, um jederzeit das Heft ber ihr Unternehmen in eigenen Hnden zu behalten. Dabei konnten ohne Zweifel sehr ernste Fehler begangen werden; man konnte sich in der Organisation der leitenden sowohl als der berwachenden Organe, im Ausmae der erteilten Vollmachten arg vergreifen; aber gerade die einmal bereits erwhnte, schrankenlose ffentlichkeit aller Produktionsvorgnge, die von Gesamtheitswegen auch aus anderen Grnden gefordert werden mute, erleichterte den Arbeiterschaften ihr Werk wesentlich, und da alle Genossen einer jeden Produktiv-Association im entscheidenden Punkte genau die gleichen Interessen hatten, und ihre gesammelte Aufmerksamkeit jederzeit auf diese Interessen gerichtet war, so lernten sie wunderbar rasch die gemachten Fehler verbessern, so da schon nach wenigen Monaten der neue Apparat leidlich arbeitete und in merkwrdig kurzer Zeit einen hohen Grad von Vollkommenheit erreichte. Flei und Emsigkeit aller Genossen aber lieen von Anbeginn nichts zu wnschen brig, was angesichts der vollkommen entfesselten Eigeninteressen, sowie der unablssigen gegenseitigen Anfeuerung und Kontrolle Gleichberechtigter und Gleichinteressierter eigentlich selbstverstndlich ist. Der Ausschu arbeitete daher zum Gebrauche der Associationen zwar ein sogenanntes Musterstatut aus, jedoch keineswegs in der Meinung, da dasselbe sich wirklich mustergiltig erweisen werde oder auch nur knne, sondern blo um einen Anfang zu machen, den Genossenschaften gleichsam ein Formular zu bieten, das sie als Gerippe ihrer eigenen, durch Erfahrung allmhlich entstehenden Organisationsentwrfe gebrauchen knnten. Thatschlich war dieses Musterstatut, anfangs von allen Genossenschaften beinahe unverndert angenommen, nach kaum einem Jahre berall so grndlich gendert und ergnzt, da von seinen ursprnglichen Bestimmungen meist nur die leitenden Prinzipien brig blieben. Diese aber waren die folgenden: 1. Der Beitritt in jede Association steht Jedermann frei, gleichviel ob er zugleich Mitglied anderer Associationen ist, oder nicht; auch kann Jedermann jede Association jederzeit verlassen. 2. Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen, seiner Arbeitsleistung entsprechenden Anteil am Nettoertrage der Association. 3. Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhltnisse der geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Magabe jedoch, da lteren Mitgliedern fr jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft lnger angehren, als die spter Beigetretenen, ein Prcipuum von x Procent eingerumt ist. Ebenso kann fr qualifizierte Arbeit im Wege freier Vereinbarung ein Prcipuum bedungen werden. 4. Die Arbeitsleistung der Vorsteher oder Direktoren wird im Wege einer, mit jedem Einzelnen derselben zu treffenden freien Vereinbarung, einer bestimmten Anzahl tglich geleisteter Arbeitsstunden gleichgesetzt. 5. Der gesellschaftliche Ertrag wird erst am Schlusse eines jeden Betriebsjahres berechnet und nach Abzug der Kapitalrckzahlungen und der an das freilndische Gemeinwesen zu leistenden Abgaben zur Verteilung gebracht. Inzwischen erhalten die Mitglieder Vorschsse in der Hhe von x Procent des vorjhrigen Reinertrags fr jede geleistete oder angerechnete Arbeitsstunde. 6. Die Mitglieder haften fr den Fall der Auflsung oder Liquidation der Association nach dem Verhltnisse ihrer Gewinnbeteiligung fr die kontrahierten Darlehn, welche Haftung sich bezglich der noch aushaftenden Betrge auch auf neueintretende Mitglieder bertrgt. Auch erlischt mit dem Austritte eines Mitgliedes dessen Haftung fr die schon kontrahiert gewesenen Darlehn nicht. Dieser Haftbarkeit fr die Schulden der Association entspricht im Falle der Auflsung oder Liquidation der Anspruch der haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermgen. 7. Oberste Behrde der Association ist die Generalversammlung, in welcher jedes Mitglied das gleiche aktive und passive Wahlrecht ausbt. Die Generalversammlung fat ihre Beschlsse mit einfacher Stimmenmehrheit; zu Statutennderungen und zur Auflsung und Liquidation der Association ist Majoritt erforderlich. 8. Die Generalversammlung bt ihre Rechte entweder direkt als solche, oder durch ihre gewhlten Funktionre aus, die ihr jedoch verantwortlich sind. 9. Die Leitung der gesellschaftlichen Geschfte ist einem Direktorium von x Mitgliedern bertragen, die von der Generalversammlung auf x Jahre gewhlt werden, deren Bestallung jedoch jederzeit widerruflich ist. Die untergeordneten Funktionre der Geschftsleitung werden von den Direktoren ernannt; doch geschieht die Feststellung des Gehaltes dieser Funktionre -- bemessen in Arbeitsstunden -- auf Vorschlag der Direktoren durch die Generalversammlung. 10. Die Generalversammlung whlt jhrlich einen aus x Mitgliedern bestehenden Aufsichtsrat, der die Bcher sowie das Gebahren der Geschftsleitung zu berwachen und darber periodischen Bericht zu erstatten hat. Es fllt sofort auf, da in diesem Statut blo fr den Fall der Auflsung der Association (Absatz 6) von dem die Rede ist, was scheinbar doch als Hauptsache angesehen werden sollte, nmlich vom Vermgen der Associationen und von den Ansprchen der Mitglieder an dieses Vermgen. Der Grund liegt aber darin, da ein Vermgen der Association im gemeingebruchlichen Sinne gar nicht existiert. Die Mitglieder besitzen allerdings das Nutznieungsrecht der vorhandenen Produktivkapitalien; da sie aber dieses Recht mit jedem beliebigen Neueintretenden jederzeit teilen und selber durch nichts anderes, als durch das Interesse am Ertrage ihrer Arbeit an die Association gebunden sein sollen, so darf es Vermgensinteressen bei den Associationen gar nicht geben, so lange dieselben im Betriebe sind. Und in der That ist ein -- sei es auch noch so ntzlicher -- Gegenstand, den Jedermann benutzen kann, kein Vermgensbestandteil. Es giebt keine Eigentmer, blo Nutznieer der Associationskapitalien. Und sollte darin vielleicht ein Widerspruch mit jener Bestimmung erblickt werden, wonach die dargeliehenen Produktivkapitalien von den Associationen zurckgezahlt werden mssen, so darf nicht bersehen werden, da auch diese Kapitalrckzahlung -- den bereits erwhnten Fall der Liquidation ausgenommen -- von den Mitgliedern blo in ihrer Eigenschaft als Nutznieer der Produktionsmittel geleistet wird. Da die Kapitalrckzahlungen von den Ertrgen in Abzug gebracht, diese aber je nach der Arbeitsleistung unter die Mitglieder verteilt werden, so leistet eben auch jedes Mitglied Abzahlung je nach seiner Arbeitsleistung. Und wenn man noch genauer zusieht, so wird man finden, da diese Abzahlungen in letzter Linie eigentlich von den Verbrauchern der von den Associationen erzeugten Gter getragen werden; sie bilden -- selbstverstndlich -- einen Teil der Betriebskosten und mssen notwendigerweise im Preise des Produkts Deckung finden. Da dies auch berall vollkommen geschehe, dafr sorgt mit unfehlbarer Sicherheit die freie Beweglichkeit der Arbeitskrfte. Eine Produktion, bei welcher diese Abzahlungen im Preise der Erzeugnisse nicht vollkommen Deckung gefunden htten, wre solange von Arbeitskrften teilweise verlassen worden, bis das sinkende Angebot die Preise entsprechend erhht htte. Ist hinwieder die Abzahlung geleistet, so entfllt dieser Bestandteil der Betriebskosten; die betreffenden Gesellschaftskapitalien knnen als amortisiert angesehen werden und nunmehr sinken -- wieder unter dem Einflusse der Freizgigkeit der Arbeitskrfte -- die Preise des Produkts, so da die Mitglieder der Association ebensowenig einen Sondervorteil aus der Bentzung lastenloser Kapitalien ziehen, als sie frher einen Sondernachteil aus der Abtragung dieser Lasten hatten. Vorteil und Nachteil verteilt sich -- immer Dank der freien Beweglichkeit der Arbeitskrfte -- stets gleichmig auf die Gesamtheit aller Arbeitenden Freilands. Man sieht, die Produktivkapitalien sind infolge dieser einfach und unfehlbar funktionierenden Einrichtung streng genommen ebenso herrenlos, als der Boden; sie gehren Jedermann und daher eigentlich Niemand. Die Gemeinschaft der Produzenten giebt sie her und bentzt sie, beides genau nach Magabe der Arbeitsleistung jedes Einzelnen; und Zahlung fr den gemachten Aufwand leistet die Gemeinschaft aller Konsumenten, abermals ein Jeder genau nach Magabe seines Konsums. Da mit der absoluten Freizgigkeit der Arbeit weder beabsichtigt, noch jemals erreicht wurde, da der Ertrag berall das _absolut_ gleiche Niveau einhielt, ist selbstverstndlich. Abgesehen davon, da ja die Ungleichheiten oft erst nachtrglich, bei Gelegenheit der Bilanzabschlsse, sich zeigen, also auch erst nachtrglich durch Zu- und Abflu von Arbeitskrften ausgeglichen werden knnen, giebt es eine nicht unerhebliche, dauernde, jeder Ausgleichung entrckte Verschiedenheit der Gewinne, die in der Verschiedenheit der mit den unterschiedlichen Arbeitszweigen verknpften Anstrengungen und Unannehmlichkeiten ihre naturgeme Begrndung hat. Nur ist es allerdings in Freiland anders, als in der alten Welt, wo nur zu oft die Last der Arbeit im umgekehrten Verhltnisse steht zu ihrem Ertrage; bei uns mssen schwierige, lstige, unangenehme Arbeiten ausnahmslos hheren Gewinn abwerfen, als die leichteren, angenehmeren -- sofern Letztere keine besonderen Fhigkeiten voraussetzen -- sonst wrde man Jene sofort verlassen und sich Diesen zuwenden. Auerdem ist auch das im 3. Absatze den lteren Mitgliedern eingerumte Prcipuum -- dasselbe schwankt bei verschiedenen Gesellschaften zwischen 1 und 3 Prozent per Jahr, summiert sich also bei lngerer Arbeitszeit zu ganz respektabler Hhe und ist dazu bestimmt, die erprobten Arbeitsveteranen an das Unternehmen zu binden, -- ein Hindernis absoluter Gewinnausgleichung selbst bei ganz gleichgearteten Associationen. Einer kurzen Erluterung bedarf Punkt 5 der Statuten. Fr das erste Betriebsjahr war natrlich die Berechnung der den Associationsmitgliedern zu leistenden Gewinnvorschsse in Prozenten des vorjhrigen Reinertrags nicht mglich, und der Ausschu schlug daher fr dieses erste Jahr ein Fixum von 1 Shilling (1 Mark) per Stunde vor. Man wird vielleicht erstaunen ber die -- insbesondere unter Bercksichtigung der am Kenia herrschenden Preisverhltnisse -- auffallende Hhe dieses Ansatzes und billig fragen, von wo der Ausschu den Mut schpfte, auf derartige Ertrge zu hoffen, da solche Gewinnanteile, und noch dazu vorschuweise ausbezahlt werden knnten. Es gehrte aber dazu keine besondere Khnheit, vielmehr war dieser Ansatz in Wahrheit mit uerster Vorsicht bemessen. Das Ergebnis der bis dahin in Gang gesetzten gesellschaftlichen Produktionen war nmlich thatschlich ein wesentlich gnstigeres gewesen. Die Krnerwirtschaft z. B. hatte bei einem Arbeitsaufwande von insgesamt 44,500 Arbeitsstunden einen Rohertrag von 42,000 Centnern verschiedener Smereien ergeben. Deren Preis in Edenthal betrug derzeit im Durchschnitt allerdings nicht ganz 3 Schilling per Centner, da wir mehr davon erzeugen konnten, als wir brauchten, der Export ber Mombas aber, der einstweilen noch recht primitiven Transportmittel halber, keinen greren Ertrag, als eben diese 3 Schilling ergab. Wir hatten also rund 6,000 Pfd. Sterling landwirtschaftlichen Rohertrag. An Produktionskosten hierfr waren zu berechnen: 400 Pfd. Sterling fr Materialien, 300 Pfd. Sterling als Amortisation der investierten Kapitalien (Werkzeuge und Vieh), so da 5300 Pfd. Sterling Netto-Gewinn verbleiben werden. Da zur Deckung all der gemeinntzigen Ausgaben, die im Sinne unseres Programms Sache des gesamten Gemeinwesens sind, und von denen spter noch gesprochen werden soll, eine Abgabe von nicht weniger als 35 Prozent in Aussicht genommen war, so verblieben rund 3400 Pfd. Sterling als verfgbarer Gewinn. Repartiert man nun diesen auf die geleisteten 44,500 Arbeitsstunden, so berechnet sich die Arbeitsstunde mit 1,5 Schilling. Das war aber auch annhernd der Durchschnittsertrag der anderen bislang betriebenen Produktionen gewesen, soweit sich derselbe fr die Vergangenheit, in welcher es einen regelmigen Markt fr alle Waren am Kenia noch nicht gab, berhaupt feststellen lie; so viel war mit grter Beruhigung anzunehmen, da fr den Fall, als wir den Preis jedes Arbeitsprodukts durch Angebot und Nachfrage htten regulieren knnen, im Durchschnitt fr jedes derselben mindestens jener Preis htte bezahlt oder angerechnet werden mssen, der dem landwirtschaftlichen Ertrage entsprach. Denn Krnerfrchte, zu 3 Schilling ab Edenthal gerechnet, htten wir doch vorerst erzeugen und absetzen knnen, so weit unsere Arbeitskraft reichte; es htte also in der hinter uns liegenden Betriebsperiode Jedermann mindestens 1,5 Schilling fr eine Arbeitsstunde erwerben knnen. Der nchsten Betriebsepoche schon gingen wir aber -- wie man bald sehen wird -- mit wesentlich verbesserten Hlfsmitteln entgegen, es mute also, von unvorhergesehenen Unglcksfllen abgesehen, die Ergiebigkeit unserer Arbeit sehr namhaft steigen, so da, als wir 1 Schilling Vorschu fr die Arbeitsstunde beantragten, unsere Meinung dahin ging, kaum die Hlfte des wirklichen Verdienstes vorweg zahlen zu lassen -- eine Voraussetzung, der die Erfahrung durchaus entsprach. In den spteren Betriebsepochen wurde es bei den meisten Associationen blich, 90 Prozent des vorjhrigen Reinertrages als zu bezahlenden Vorschu zu bestimmen. Die Honorierung der Direktoren anlangend, ist zu bemerken, da dieselbe bei den verschiedenen Gesellschaften von Anbeginn hchst verschieden war. Wo zur Leitung keine ausnahmsweisen Kenntnisse und kein besonderer Scharfblick erforderlich war, begngten sich die Vorsteher damit, da ihre Mhewaltung einer Arbeitsleistung von tglich 8-10 Stunden gleichgesetzt wurde; es gab aber auch Direktoren, die bis zu 24 Stunden tglich angerechnet erhielten, was schon im ersten Jahre einem Jahresgehalt von ungefhr 850 entsprach. Den Funktionren minderen Grades wurden in der Regel zwischen 8 und 10 Arbeitsstunden angerechnet; die kontrollierenden Aufsichtsrte erhielten fr ihre Funktion meist keinerlei Extravergtung. Die den Associationen gewhrten Kredite erreichten im ersten Betriebsjahre durchschnittlich 145 per Kopf der beteiligten Arbeiterschaft -- und wenn nun die Frage auftaucht, von wo wir diese Betrge fr die Gesammtzahl unserer Mitglieder aufbrachten, so ist die Antwort: eben durch die Mitglieder. Und zwar sind hier nicht blos die von den Mitgliedern anllich ihres Beitritts zur Internationalen freien Gesellschaft gezahlten freiwilligen Beitrge gemeint, denn diese waren in erster Reihe dem Transportdienste zwischen Triest und Freiland geweiht, und htten, auch wenn sie allesammt zur Ausstattung unserer Associationen mit Kapitalien herbeigezogen worden wren, zu diesem Behufe nicht gengt; die im Laufe des ersten Jahres beanspruchten Kredite umfaten die Gesamtsumme von nahezu 2 Millionen Pfd. Sterling, whrend die gleichzeitig eingelaufenen freiwilligen Beitrge nur unwesentlich 1,5 Mill. Pfd. Sterling berstiegen. Die hauptschlichen Mittel, die wir zu obigen Krediten an unsere Mitglieder gebrauchten, lieferte uns einerseits das durch die verfgbaren Vorrte reprsentierte gesellschaftliche Vermgen, andererseits die von den Mitgliedern gezahlte Steuer. Nicht unerwhnt darf hier bleiben, da sich der Ausschu fr die ersten Jahre die Entscheidung ber Ausma und Reihenfolge der zu gewhrenden Kredite vorbehielt. Diese -- wenn auch blos negative -- Einmischung in die Betriebsverhltnisse der Associationen stand allerdings nicht im Einklange mit dem Prinzipe des unbedingten Selbstbestimmungsrechtes der Produzenten, war aber insolange unvermeidlich, als unser Gemeinwesen jene hohe Stufe der Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht thatschlich erreicht hatte, welche eben die Voraussetzung vollkommener Durchfhrung aller ihm zu Grunde liegenden Prinzipien ist. Spterhin, als die Ausrstung mit auf der Hhe des technischen Fortschritts stehenden Produktionsmitteln der Hauptsache nach bei uns vollbracht war und es sich folglich nurmehr darum handelte, das Vorhandene fortlaufend zu ergnzen und zu verbessern, konnte niemals die Frage sein, ob die berschsse der laufenden Produktion auch gengen wrden, selbst den weitestgehenden neu auftauchenden Kapitalansprchen zu gengen. Anders zu Beginn, wo die Kapitalbedrfnisse unbegrenzt und die Hlfsmittel noch unentwickelt waren. Mehr, als es zu leisten vermochte, konnte das freie Gemeinwesen nicht bieten, und es mute sich daher eine Auslese der zu bewilligenden Investionskredite vorbehalten. Dank der durch die freie Beweglichkeit der Arbeitskrfte sich geltend machenden durchgreifenden Interessensolidaritt konnte dies geschehen, ohne da damit auch nur vorbergehend eine gefhrliche Bevorzugung oder Benachteiligung der verschiedenen Produzenten in ihren wesentlichen materiellen Interessen verknpft gewesen wre. Denn wenn -- wie dies kaum zu vermeiden war -- durch die gewhrten oder verweigerten Kredite einzelne Produktionen begnstigt oder benachteiligt wurden, so hatte dies unmittelbar und selbstverstndlich ein derartiges Zu- und Abstrmen von Arbeitskraft zur Folge, da die auf die gleichen Arbeitsleistungen entfallenden Ertrge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten. Doch wie gesagt, nur auf Ausma und Reihenfolge der zu gewhrenden Kredite erstreckte sich diese in den ersten Jahren gebte Einmischung, nicht aber auf die Art der Verwendung derselben. Diesbezglich wurde von Anbeginn das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit der Produzenten zu vollstndiger Durchfhrung gebracht. Da die Produzenten fr die Rckzahlung der empfangenen Kapitalien aufzukommen hatten, so blieb es ihre Sache, fr die ntzliche Verwendung derselben Sorge zu tragen. Allerdings sind es -- wie frher erwhnt -- die Konsumenten, welche in letzter Linie die Kosten der gemachten Anlagen bezahlen; aber das thun sie selbstverstndlich nur, wenn und insoweit diese Anlagen ntzlich und notwendig sind. Htte eine Association berflssige oder schlechte Maschinen angeschafft, so wre es ihr unmglich gewesen, die fr dieselben zu leistenden Abzahlungen auf die Kufer ihrer Erzeugnisse abzuwlzen, sie htte durch solche Investionen ihren Gewinn nicht erhht, sondern geschmlert, und man durfte es daher fglich dem Eigeninteresse der bei den Associationen Beteiligten berlassen, dafr Sorge zu tragen, da derartige Kapitalvergeudung unterbleibe. Wir kommen nun zu der Frage, wie es mglich war, das gleiche Anrecht Aller auf gleich ergiebigen Boden zur Wahrheit zu machen. -- Auch dieses Problem lste sich in einfachster Weise durch die im Prinzipe der freien Vergesellschaftung enthaltene freie Beweglichkeit der Arbeitskrfte. Zwar gab es auch in Freiland besseren und minder guten Boden wie berall in der Welt; aber da dem besseren Boden mehr Arbeiter zustrmten, als dem schlechten und da einem bekannten konomischen Gesetze zufolge der Mehraufwand von Arbeitskraft auf gleicher Bodenflche mit _verhltnismig sinkendem_ Ertrage verknpft ist, so entfiel fr den einzelnen Arbeiter, respektive fr die einzelne Arbeitsstunde auf bestem Boden kein hherer Reinertrag, als auf berhaupt noch in Arbeit genommenem schlechtesten. Im Danaplateau z. B. konnten mit einem Arbeitsaufwande von 80 Stunden 120 Centner Weizen vom Hektar gewonnen werden, in Edenthal mit dem gleichen Arbeitsaufwande blo 90 Centner. Die Bodenassociation im Danaplateau hatte daher, da der Centner Weizen 3-1/8 Schilling galt und 1/8 Schilling zur Deckung aller Spesen ausreichte, am Schlusse des Jahres 4 Schilling pro Arbeitsstunde als Gewinn und konnte von diesem nach Abzug der Steuer und der Kapitalrckzahlungen 2 Schilling zur Verteilung bringen. Die Mitglieder der Edenthal-Association dagegen erhielten blo 2 Schilling pro Arbeitsstunde Gewinnanteil, und da nhere Untersuchung ergab, da dieser Unterschied nicht in zuflligen Witterungsverschiedenheiten und auch nicht in minderer Arbeit, sondern in der Beschaffenheit des Bodens zu suchen sei, so war die Folge, da im nchsten Jahre die neu eingewanderten Feldarbeiter mit Vorliebe den besseren Boden des Danaplateaus aufsuchten. Dort kamen jetzt durchschnittlich 105 Arbeitsstunden auf den Hektar, in Edenthal blo 60; die mehraufgewendeten 25 Stunden ergaben aber auf Ersterem keinen Rohertrag von je 1 Centner, wie im Durchschnitt die frher aufgewendeten 80 Stunden, sondern blo einen solchen von knapp Centner, d. h. der Ertrag stieg nicht von 120 auf 157 sondern blo auf 138 Centner, sank also per geleisteter Arbeitsstunde auf 1,34 Centner, was zur Folge hatte, da der Gewinn, ungeachtet der inzwischen wegen Verbesserung der Kommunikationsmittel eingetretenen namhaften Preissteigerung des Getreides, sich blo auf 5 Schilling erhhte, wovon 3 Schilling pro Stunde zur Verteilung gelangten. In Edenthal dagegen verminderte sich der Rohertrag durch den Entgang von 20 Arbeitsstunden per Hektar blo um je 8 Centner; er betrug also jetzt fr 60 Arbeitsstunden 82 Centner oder 1,27 Centner per Arbeitsstunde. Die Edenassociation zahlte also eine Kleinigkeit mehr als die von Dana und da zudem der Aufenthalt in Edenthal mit greren Annehmlichkeiten verknpft war, als der im Danaplateau, so wandte sich nun der Zuzug von Ackerbauern wieder insolange nach Edenthal, bis endlich -- nach 2 ferneren Betriebsepochen -- eine ungefhr fnfprocentige Gewinndifferenz zu Gunsten Danas hervortrat, bei welcher es dann, von kleinen Schwankungen abgesehen, auch sein Bewenden hatte. Ebenso aber, wie das durch die Freizgigkeit der Arbeitskrfte verwirklichte Prinzip der Interessensolidaritt Denjenigen, der thatschlich schlechteren Boden bearbeitet, in den Mitgenu der Vorteile besseren Bodens setzt, so partizipiert auch jeder, in welchem Produktionszweige immer Beschftigte an allen wie immer gearteten Vorteile des besten Bodens und umgekehrt zieht auch der Bodenbebauer, wie berhaupt jeglicher Produzent, Gewinn aus smmtlichen Produktionsvorteilen, die in welchem Arbeitszweige unseres Gemeinwesens immer erzielt werden, gerade so, als ob er bei demselben unmittelbar beteiligt wre. _Alle_ Produktionsmittel sind Gemeingut; ber das Ausma des Nutzens, den ein jeglicher von uns von diesem gemeinsamen Eigentume ziehen mag, entscheidet nicht der Zufall des Besitzes -- aber auch nicht die Frsorge einer Alles bevormundenden kommunistischen Obrigkeit, sondern einzig die Fhigkeit und der Flei eines Jeden. 9. Kapitel. Ausgedehnteste ffentlichkeit aller wirtschaftlichen Vorgnge war -- wie bereits erwhnt -- die oberste Voraussetzung des richtigen Funktionierens der im Vorherigen geschilderten beraus einfachen Organisation, die in Wahrheit in nichts anderem, als in der Hinwegrumung aller, der freien Bethtigung von weisem Eigennutze geleiteter individueller Willkr im Wege stehenden Hindernisse bestand. Um so notwendiger war es, diese souverne Willkr wohl zu beraten, dem Eigennutze alle Handhaben zu richtigem und raschem Erfassen seines wahren Vorteils zu bieten. Kein wie immer geartetes Geschftsgeheimnis! Das war gleichsam mit eines der Grundgesetze von Edenthal. Da drauen, wo der Kampf ums Dasein darin gipfelt, einander nicht blos auszubeuten und zu verknechten, sondern berdies wirtschaftlich zu vernichten, wo infolge der allgemeinen, aus Unterkonsum hervorgehenden berproduktion konkurrieren gleichbedeutend ist mit: einander die Kunden abjagen; da drauen in der alten Welt wre Preisgebung der Geschftsgeheimnisse gleichbedeutend mit Preisgebung mhsam ergatterten, erlisteten Absatzes, also mit Untergang. Wo die ungeheure Mehrzahl der Menschen kein Anrecht auf steigende Produktionsertrge besitzt, sondern sich -- unbekmmert um die Ergiebigkeit der Arbeit -- mit Arbeitslohn, d. i. mit dem zur Lebensfristung Erforderlichen begngen mu, dort kann es auch keine Verwendung fr die Gesammtertrge hochproduktiver Arbeit geben. Denn die wenigen Besitzenden knnen unmglich die stetig wachsenden berschsse verzehren und ihr Bestreben, solche zu kapitalisieren, d. h. in Arbeitsinstrumente zu verwandeln, scheitert an der Unmglichkeit der Verwendung von Produktionsmitteln, fr deren Produkte es keine Verwendung giebt. Es herrscht also in der ausbeuterischen Welt ein stetiges Miverhltnis zwischen Produktivkraft und Konsum, zwischen Angebot und Nachfrage, und die selbstverstndliche Folge ist, da der Absatz Gegenstand eines eben so stetigen und schonungslosen Kampfes zwischen den verschiedenen Produzenten ist. Nicht mglichst viel und gut zu erzeugen, sondern fr einen mglichst groen Teil der eigenen Erzeugnisse einen Markt zu erobern, ist die vornehmste Sorge der ausbeuterischen Produzenten, und da dieser Absatzmarkt angesichts des oben klargelegten Miverhltnisses stets nur auf Kosten anderer Produzenten erlangt und behauptet werden kann, so besteht hier notwendigerweise ein dauernder und unvershnlicher Interessenkonflikt. Anders bei uns. Wir knnen des Absatzes jederzeit sicher sein, denn bei uns kann nicht mehr erzeugt werden, als gebraucht wird, da ja der gesamte Produktionsertrag dem Arbeitenden gehrt und der Verbrauch, die Befriedigung irgendeines realen Bedrfnisses, die ausschlieliche Triebfeder der Arbeit ist; bei uns kann also durch Preisgebung seiner Absatzquellen niemand um seine Kunden kommen, da ihm fr die eventuell verlorenen notwendigerweise andere zufallen mten. Und welchen Anla htte anderseits der Produzent da drauen, seine Erfahrungen Anderen mitzuteilen? Knnen sie von der erlangten Kenntnis berhaupt anderen Gebrauch machen, als einen auf seinen Nachteil abzielenden? Kann er die ihm ihrerseits mitgeteilte Kunde zu etwas anderem bentzen, als wieder zu ihrer Schdigung? Lt er den Anderen heran zur Teilnahme an seinem Geschfte, wenn dieses das ertragreichere ist, oder lt ihn Jener in das seine, wenn es sich umgekehrt verhlt? Steigt die Nachfrage nach den Erzeugnissen eines Produzenten, so steht ihm der Arbeits-Markt offen, wo er stets Knechte in Hlle findet, die zur Arbeit bereit sind, ohne nach deren Ertrag zu fragen, sofern sie nur ihren Lohn erhalten. Also nicht einmal die Konsumenten sind da drauen an der ffentlichkeit der Geschftsfhrung interessiert, die brigens, wie schon gesagt, ein Ding der Unmglichkeit wre. Ganz anders auch dies bei uns in Freiland. Wir lassen Jedermann teilnehmen an unseren Geschftsvorteilen, knnen dafr aber auch teilnehmen an Jedermanns Geschftsvorteilen, und wir _mssen_ diese verffentlichen, weil Mangels eines Marktes willen- und interesseloser Arbeiter, diese Verffentlichung der einzige Weg ist, bei steigender Nachfrage entsprechende Arbeitskrfte heranzuziehen. Und was die Hauptsache ist: whrend da drauen Niemand ein wirkliches Interesse daran hat, da die Produktion Anderer sich hebe, ist bei uns Jedermann aufs lebhafteste dabei interessiert, da Jedermann mglichst leicht und gut produziere. Denn die klassische Phrase von der Solidaritt aller wirtschaftlichen Interessen ist zwar bei uns zur Wahrheit geworden, da drauen aber nichts anderes, als eine jener zahlreichen Selbsttuschungen, aus denen sich die nationalkonomische Doktrin der ausbeuterischen Welt zusammengesetzt. _Allgemeine_ Steigerung der Produktion, des Reichtums ist dort wo die alte Wirtschaftsordnung herrscht, ein Unding. Wo der Massenkonsum nicht zunehmen kann, dort knnen auch Produktion und Reichtum nicht wachsen, sondern nur verschoben werden, Ort und Eigner wechseln; um was die Produktion des Einen zunimmt, genau um das nmliche mu die irgendeines Anderen abnehmen -- es sei denn, da auch der Verbrauch einigermaen gewachsen ist, was jedoch, wo die Massen ausgeschlossen sind vom Genusse wachsender Arbeitsertrge, nur zufllig und keineswegs schritthaltend mit der gewachsenen Arbeitsergiebigkeit geschehen kann. Bei uns in Freiland dagegen, wo die Produktion -- angesichts der mit ihr naturnotwendig genau proportional wachsenden Konsumtionskraft -- ins Ungemessene steigen kann und steigt, soweit nur unsere Fertigkeiten und Knste es gestatten, bei uns ist es das oberste, absoluteste Interesse der Gesamtheit, jedermanns Arbeitskraft verwertet zu sehen, wo jeweilig die hchsten Ertrge fr ihn zu erzielen sind, und niemand giebt es, der nicht Vorteil daraus zge, wenn dies in mglichst vollkommener Weise berall geschieht. Der Einzelne oder die einzelnen Associationen, die vermge unserer Organisation gentigt sind, einen zufllig erlangten Vorteil mit anderen zu teilen, erleiden durch dieses einzelne Faktum fr sich betrachtet allerdings einen Gewinnentgang; aber unendlich grer ist fr alle Flle der Vorteil, den sie davon haben, da hnliches berall geschieht, da die Produktivitt unablssig wchst, und ihr eigener Nutzen gebietet also, da es berall -- sohin selbstverstndlich auch bei ihnen -- geschehe. In wie ungeahnt hohem Mae dies der Fall ist, wird die fernere Geschichte von Freiland sattsam zeigen. ber die zu ausgedehntester ffentlichkeit der wirtschaftlichen Vorgnge abzielenden Manahmen ist folgendes zu sagen. Wir gehen von dem Grundsatze aus, da die Gesamtheit sich so wenig als mglich hindernd oder anordnend, dagegen so viel als mglich orientierend und belehrend in das Thun und Lassen der Individuen zu mengen habe. Jedermann mag handeln, wie ihm beliebt, sofern er nur die Rechte anderer nicht krnkt; aber wie er immer handle, sein Thun mu vor jedermann offen daliegen. In Gemheit dieses Grundsatzes wurde schon in der alten Heimat bei Anmeldung des neuen Mitgliedes dessen wirtschaftliche Eignung festgestellt und die betreffenden Listen gelangten -- wie einmal schon erwhnt -- mit mglichster Beschleunigung an den Ausschu. Dem lag weder mige Neugier, noch polizeiliche Bevormundungssucht zu Grunde, vielmehr wurden diese Daten ausschlielich zu Nutz und Frommen der Produktionsgenossenschaften sowohl als der Neuangemeldeten selber verffentlicht. Die Folge davon war, da Letztere in der Regel schon bei ihrer Ankunft am Kenia auf sie vorbereitete und eingerichtete Arbeitssttten vorfanden, und zwar allemal diejenigen, an denen sie die jeweilig beste Verwertung ihrer Arbeitskraft fanden. Niemand zwang sie, sich diesen ohne ihr Zuthun getroffenen Vorbereitungen anzubequemen, aber da dieselben in denkbar bester Weise ihrem eigenen Vorteile dienten, so thaten sie es -- von vereinzelten Ausnahmen abgesehen -- mit der grten Freude. Der zweite und wichtigste Gegenstand der Publikationen waren die Betriebsausweise der Produzenten -- der Associationen sowohl als der -- in geringer Zahl stets vorhandenen -- Einzelproduzenten. Von ersteren, als den weitaus wichtigeren und berdies ihrer Natur nach schon zu sorgfltiger Buchfhrung gentigten, wurde sehr viel, in Wahrheit die Blolegung ihres gesamten Gebahrens verlangt. Rohertrag, Spesen, Reinertrag, Einkauf und Verkauf, Arbeitsleistung, Verwendung des Reinertrags, alles mute fortlaufend verffentlicht werden und zwar je nach der Beschaffenheit der betreffenden Daten einmal jhrlich, anderes in krzeren Abstnden, der gemachte Arbeitsaufwand z. B. allwchentlich. Von Seite der wenigen Einzelproduzenten begngte man sich mit dem, was infolge der nunmehr zu beschreibenden Einrichtung auch ohne ihr Zuthun ber sie bekannt wurde. Einkauf und Verkauf aller erdenklichen Produkte und Handelsartikel Freilands war nmlich in groen Warenhallen und -lagern konzentriert, deren Leitung und berwachung von Gesamtheitswegen geschah. Es war zwar niemand verboten, zu kaufen und zu verkaufen, wo ihm beliebte, diese ffentlichen Magazine boten aber so gewaltige Vorteile, da Jedermann, der sich nicht selber schdigen wollte, sie in Anspruch nahm. Gebhren fr Einlagerung und Manipulation wurden nicht berechnet, da wir von der Anschauung ausgingen, da es ganz gleichgltig sei, ob man in einem Lande, wo Jedermann einen seiner Produktion entsprechenden Verbrauch hat, diese Manipulationsgebhren von den Konsumenten als solchen, oder in Form eines minimalen Steuerzuschlages von ihnen in ihrer Eigenschaft als Produzenten einhebe. Als reiner Gewinn verblieb die Ersparnis aus der Vereinfachung des Verrechnungswesens. Die oberste Verwaltung von Freiland war aber zugleich auch der Bankier der gesamten Bevlkerung. Nicht blo jede Association, sondern Jedermann hatte sein Konto in den Bchern der Centralbank, diese besorgte die Inkassi und die Auszahlungen, von den Millionen Pfunden angefangen, die spterhin gar manche Genossenschaft im Inlande wie im Auslande zu fordern und zu entrichten hatte, bis hinab zu den auf die Arbeitsleistung des Einzelnen entfallenden Gewinnanteilen und dessen Kleider- oder Kchenrechnungen. Ein in Wahrheit alles umfassendes Clearingsystem ermglichte die Durchfhrung dieser zahllosen Geld- und Kreditoperationen beinahe ohne jeden Aufwand wirklichen Geldes, lediglich durch Zu- und Abschreibungen in den Bchern. Niemand zahlte bar, sondern gab Anweisungen auf sein Konto bei der Centralbank, die ihm seine Forderungen gutschrieb, die Ausgaben zu seinen Lasten buchte und ihm allmonatlich mitteilte, mit welchem Betrage er bei ihr aktiv oder passiv sei. Denn auch die von Gesamtheitswegen gewhrten, zu kapitalistischer Ausrstung der Produktion dienenden, im vorigen Kapitel erwhnten Kredite gingen selbstverstndlich durch die Bcher der Bank. Diese war solcherart ber jede wie immer geartete geschftliche Beziehung im ganzen Lande fortlaufend bis ins kleinste Detail unterrichtet. Sie wute nicht blo, wo und wie teuer die Produzenten ihre Vorrte und Rohstoffe einkaufen, ihre Erzeugnisse absetzen, sie kannte auch die Haushaltungsbilanz, das Einkommen und den Kchenzettel jeder Familie. Selbst der Kleinhandel konnte an der Allgegenwart dieser Kontrolle nichts ndern. Die meisten Lebensmittel und zahlreiche andere Bedarfsartikel wurden von diesen Geschftszweig betreibenden Associationen den Kunden ins Haus gestellt; auch diesen konnte die Bank auf den Heller nachrechnen, wieviel sie verdient htten, denn auch deren Einkufe wie Verkufe gingen durch die Bcher dieses Instituts. Die Konti der Bank aber muten mit den Ausweisen des statistischen Amtes stimmen, und so besaen denn alle Verffentlichungen eine nicht blo annhernd und schtzungsweise, sondern absolut sichere Grundlage; selbst wer es gewollt htte, wre schlechterdings auer stande gewesen, irgend etwas zu verheimlichen oder zu flschen. Diese allumfassende, automatisch sich ergebende Durchsichtigkeit der gesamten Produktions- und Erwerbsverhltnisse bot nun auch fr die in Freiland eingehobenen Abgaben eine vollkommen verlliche Grundlage. Grundsatz war, da alle Ausgaben des Gemeinwesens von jedem Einzelnen genau nach Magabe seines Reineinkommens gedeckt werden sollen, und da es in Freiland anderes Einkommen als das von Arbeit nicht gab, dieses aber genau bekannt war, so machte die Verteilung der Abgaben nicht die geringsten Schwierigkeiten. Dieselben wurden ganz einfach schon bei Entstehung des Einkommens erfat, und zwar durch Vermittlung der Bank nicht blo bei den Associationen, sondern auch bei den wenigen Einzelproduzenten. In Wahrheit hatte ja das Gemeinwesen durch seine Bank jegliches Einkommen frher in Hnden als der Bezugsberechtigte selber, und es brauchte diesem daher die Abgabe blo in Rechnung zu stellen, unter den Passiven zu buchen, und die Steuer war einkassiert. Man betrachtete daher in Freiland diese Steuer gar nicht als Abzug vom Reineinkommen, sondern gleichsam als eine vom Bruttoertrage in Abrechnung kommende Auslage, etwa gleich den Betriebsspesen. Niemand empfand sie, trotz ihrer sehr bedeutenden Hhe, als Last, schon aus dem Grunde nicht, weil Jedermann wute, da der grte Teil derselben ihm oder den Seinen wieder zurckflieen werde, jeder Heller derselben aber ausschlielich gemeinntzigen Zwecken gewidmet sei, deren Frchte ihm mittelbar zu Gute kmen. Die Auffassung war also durchaus berechtigt, zwischen den durch Vermittlung der Gesamtheit und den im engeren Kreise vorgenommenen fruchtbringenden Ausgaben keinerlei Unterschied zu machen. Diese Abgaben aber waren sehr hoch; sie betrugen im ersten Jahre 35 Prozent des Reinertrages und sanken niemals unter 30 Prozent, trotzdem das Einkommen, von welchem die Abgabe erhoben wurde, den gewaltigsten Aufschwung nahm. Denn die Aufgaben, welche sich das Gemeinwesen in Freiland gerade zu dem Zwecke gesteckt hatte, um diesen Aufschwung des Reichtums zu ermglichen, waren sehr umfassend und beanspruchten die kolossalsten Betrge. Die eine dieser Aufgaben war die Beistellung der zu Zwecken der Produktion erforderlichen Kapitalien. Doch mute blo im Anfang dieser Bedarf seinem ganzen Umfang nach aus der laufenden Steuer gedeckt werden, whrend spterhin die Rckzahlungen der Schuldner dem neuen Bedarfe teilweise die Wage hielten. Eine stetig wachsende Ausgabenpost bildete das Erziehungswesen, welches Summen verschlang, von denen man auerhalb Freilands keine Vorstellung besitzt. Ebenso beanspruchte das Kommunikationswesen einen in riesigen Dimensionen zunehmenden Aufwand und das nmliche gilt vom ffentlichen Bauwesen. Die Hauptpost des freilndischen Ausgabenbudgets aber bildete der Titel Versorgungswesen, unter welchem die Ansprche all jener zu verstehen sind, denen wegen thatschlicher Arbeitsunfhigkeit, oder weil sie im Sinne unserer Grundstze von Arbeit entbunden werden sollten, ein Recht auf auskmmlichen Unterhalt eingerumt war. Zu diesen gehrten alle Frauen, alle Kinder, alle Mnner ber 60 Jahre und selbstverstndlich alle Kranken oder Invaliden. Die Bezge dieser verschiedenen Versorgungsberechtigten waren smtlich so hoch bemessen, da nicht blo der dringenden Notdurft, sondern auch hheren Ansprchen, wie sie nach dem jeweiligen Stande des allgemeinen Reichtums in Freiland gebruchlich waren, Genge geschah; zu diesem Behufe muten sie derart berechnet sein, da sie parallel mit dem Einkommen der arbeitenden Bevlkerung stiegen, waren daher nicht in festen Summen, sondern in Teilbetrgen vom Durchschnittseinkommen ausgeworfen. Der Jahr fr Jahr erhobene, im Durchschnitt aller im Lande betriebenen Produktionen auf den einzelnen Produzenten entfallene Reinertrag war die Versorgungseinheit, und von dieser Einheit entfiel nun auf jede alleinstehende Jungfrau oder Witwe -- sofern sie nicht das Lehreramt oder Krankenpflege ausbten und hierfr entsprechend bezahlt wurden -- 30 Prozent; verheirateten sie sich, so sank ihr Anspruch auf 15 Prozent der Einheit; auf die drei ersten Kinder jedes Haushalts entfielen je 5 Prozent. Vater- und mutterlose Waisen wurden in ffentliche Verpflegung genommen und erforderten einen Aufwand von durchschnittlich 12 Prozent der Einheit. Mnner ber 60 Jahre und Kranke oder Invaliden erhielten 40 Prozent. Es mag hier sofort bemerkt werden, da diese smtlichen Versorgungsbetrge nach auerfreilndischen Begriffen geradezu horrend zu nennen wren; schon im ersten Jahre betrug die Einheit 180 Pfd. Sterling, es bekam also eine Jungfrau oder Witwe 48 Pfd. Sterling, eine verheiratete Frau 24 Pfd. Sterling, eine Familie mit drei Kindern und Frau wieder 48 Pfd. Sterling, ein Greis oder Invalide 54 Pfd. Sterling, was angesichts der bei uns damals herrschenden Preise mehr war, als die meisten europischen Staaten ihren hchsten Funktionren oder deren Witwen und Waisen an Pension zahlen. Denn ein Zentner feines Mehl kostete in jenem ersten Jahre am Kenia 7 Shilling oder Mark, ein fetter Ochse 12 Shilling, Butter, Honig, das kstlichste Obst waren zu hnlichen Preisen zu haben, Wohnung beanspruchte nicht mehr als hchstens 2 Pfd. Sterling im Jahr, kurzum mit ihren 48 Pfd. Sterling konnte bei uns eine ledige Frau in berflu leben und brauchte sich nichts Wesentliches von jenen Annehmlichkeiten und Vergngungen zu versagen, die zu jener Zeit in Edenthal berhaupt erreichbar waren. Und spterhin, als die Preise in Freiland denn doch einigermaen stiegen, eilte das Steigen der Arbeitsertrge, d. i. also auch der Versorgungsbetrge dem gewaltig voran, so da der in diesen gewhrte berflu stets ausgesprochener wurde. Allein das lag eben in der Absicht des Volkes von Freiland. Warum? Davon wird an geeigneter Stelle noch die Rede sein, insbesondere auch davon, warum den Frauen ausnahmslos Versorgungsrecht zugesprochen wurde und warum blo das Lehramt und die Krankenpflege als ihnen zugedachter Beruf erwhnt ist. Auch von den Ansprchen der Kinder wird noch gesprochen werden. Hier sei nur konstatiert, da die Deckung all dieser Ansprche selbstverstndlich stetig wachsende Summen erforderte. Recht namhafte Ausgabeposten waren auch die fr Statistik, Lagerhaus- und Bankwesen; indessen nahmen die Kosten dieser Verwaltungszweige -- trotz ihres groen absoluten Wachstums -- relativ, nmlich im Verhltnisse zu dem steuerbaren Einkommen, so rasch ab, da sie schon nach wenigen Jahren auf einen minimalen Prozentsatz der Gesamtausgaben gesunken waren. Dagegen kosteten Justiz, Polizei, Militr und Finanzverwaltung, die in anderen Lndern reichlich Neun-Zehnteile des Gesamtbudgets verschlingen, in Freiland nichts. Wir hatten keine Richter und Polizeiorgane, unsere Steuern flossen von selber ein und Soldaten kannten wir auch nicht. Nichtsdestoweniger wurde bei uns nicht gestohlen, geraubt oder gemordet, gab es keine Steuerrckstnde und wehrlos waren wir, wie sich aus dem Spteren ergeben wird, keineswegs. Im brigen mgen unsere Waffen- und Munitionsvorrte sowie unsere an die kriegerischen Massai gezahlten Subsidien immerhin als Surrogat fr ein Militrbudget gelten. In Bezug auf das Justizwesen waren wir so arge Barbaren, da wir nicht einmal einen Zivil- oder Kriminalkodex fr ntig hielten, nebenbei bemerkt, einstweilen auch keinerlei geschriebenes Verfassungsrecht besaen. Der Ausschu, immer noch im Besitze der ihm im Haag erteilten Vollmacht, begngte sich, alle seine Manahmen in ffentlichen Versammlungen darzulegen und die Zustimmung der Gemeine zu verlangen, die ihm auch einstimmig gewhrt wurde. Zur Schlichtung etwa auftauchender Streitigkeiten unter den Mitgliedern wurden -- einstweilen gleichfalls vom Ausschusse empfohlene -- Schiedsrichter gewhlt, die einzeln in mndlichem Verfahren nach bestem Wissen ihre Entscheidungen treffen sollten und von denen der Appell an das Schiedsrichter-Kollegium offen stand; sie hatten aber allesamt so gut wie nichts zu thun. Gegen Laster und deren gemeingefhrliche Folgen maten wir uns kein _Straf_-, sondern blo ein _Schutz_recht an, und zwar erachteten wir die _Besserung_ als das beste und wirksamste Schutzmittel. Da geistig und moralisch normal veranlagte Menschen in einem Gemeinwesen, welches alle berechtigten Interessen jedes seiner Mitglieder gleichmig bercksichtigt, sich unmglich gewaltsam gegen fremdes Recht vergehen knnen, so betrachteten wir allenfallsige Verbrecher als geistig oder moralisch Kranke, deren Heilung eine Angelegenheit des ffentlichen Interesses sei. Sie wurden daher -- je nach dem Grade ihrer Gemeingefhrlichkeit -- in Beobachtung oder in Gewahrsam genommen und insolange geeigneter Behandlung unterzogen, als dies nach dem Urteile kompetenter Fachmnner im Interesse der allgemeinen Sicherheit rtlich erschien. Fachmnner im obigen Sinne waren aber nicht die Friedensrichter, welche blo darber zu entscheiden hatten, _ob_ das verklagte Individuum dem Besserungsverfahren zu unterziehen sei, sondern besondere, zu diesem Behufe eigens erwhlte rzte. Dem in Beobachtung oder Gewahrsam Genommenen stand es frei, an das _Kollegium_ der vereinigten rzte und Friedensrichter zu appellieren und seine Sache vor demselben ffentlich zu vertreten, wenn er sich durch das Verfahren des ihm vorgesetzten Arztes gekrnkt erachtete. Die Anstellungen der smtlichen Beamten fr ffentliches Bauwesen, Kommunikationswesen, Statistik, Lagerhaus und Centralbank, Unterrichtswesen etc. gingen provisorisch vom Ausschusse aus. Die Gehalte wurden in Stundenquivalenten angesetzt, gleich denen der genossenschaftlichen Funktionre, und zwar betrugen diese Gehalte den Durchschnittswert von 1200 bis zu 5000 Arbeitsstunden jhrlich, was im ersten Jahre schon 150 bis 600 Pfd. Sterling ausmachte. Die Bevollmchtigten in London, Triest und Mombas wurden mit je 800 Pfd. Sterling im Jahre bezahlt. Bemerkt mu hier werden, da diese Delegierten blo 2 Jahre lang auf ihrem auswrtigen Posten verharrten und dann Anspruch auf entsprechende Verwendung in Freiland hatten. Seinen eigenen Mitgliedern bestimmte der Ausschu einen Gehalt von je 5000 Stundenquivalenten. Jedes Ausschumitglied stand einem der 12 Verwaltungszweige vor, in welche die smtlichen ffentlichen Geschfte Freilands provisorisch geteilt wurden. Die Verwaltungszweige waren: 1. _Das Prsidium_ 2. _Versorgungswesen_ 3. _Unterricht_ 4. _Kunst und Wissenschaft_ 5. _Statistik_ 6. _Straenbau und Kommunikationsmittel_ 7. _Post_, dazu spter Telegraph 8. _Auswrtige Angelegenheiten_ 9. _Lagerhaus_ 10. _Centralbank_ 11. _Gemeinntzige Unternehmungen_ 12. _Sanittswesen und Justiz._ Hiermit wren in groen Zgen die fr den Anfang in Freiland geltenden Verwaltungs- und Organisationsprinzipien geschildert. Dieselben bewhrten sich allseitig aufs vortrefflichste. Die Bildung der Genossenschaften ging ohne den geringsten Anstand vor sich. Da die Mehrzahl der successive anlangenden Mitglieder gegenseitig einander fremd war, mute man sich bei Besetzung der leitenden Stellen vorlufig auf die Empfehlungen des Ausschusses verlassen, begngte sich deshalb auch zumeist mit provisorischen Wahlen, die jedoch ziemlich rasch durch definitive ersetzt werden konnten. Die schon vorgefundenen Produktionen: Landwirtschaft, Gartenkultur, Viehzucht, Mahlmhle, Sgmhle, Bierbrauerei, Kohlengruben und Eisenwerke, wurden nach Magabe des tglich mit den Mombas-Karawanen einlangenden Krftezuwachses namhaft erweitert und mit wesentlichen Verbesserungen ausgestattet. Eine stattliche Zahl neuer Industrien reihte sich unmittelbar daran. Eine der ersten war eine -- der Hauptsache nach schon fertig importierte und nur zu adjustierende Druckerei mit 2 Rotations- und 5 Schnellpressen, und gesttzt auf diese eine tglich erscheinende Zeitung; diesen reihten sich in rascher Folge eine Maschinenfabrik, eine Glashtte, eine Ziegelei, eine lmhle, eine chemische Fabrik, eine Nh- und Schuhfabrik, eine Bautischlerei und eine Eisfabrik an. Am 1. Januar des neuen Jahres wurde der erste kleine Schraubendampfer fr den Remorquierdienst im Edensee und Danaflusse vom Stapel gelassen, welchem die ihres ausgezeichneten Verdienstes halber auerordentlich rasch anwachsende Betriebs-Association in kurzen Intervallen zahlreiche andere und grere Lasten- und Personendampfer folgen lie. Gleichzeitig nahm auch der Ausschu einen nicht unbedeutenden Teil der neu eintreffenden Krfte fr mehrere auf ffentliche Kosten zu bewerkstelligende Arbeiten und Einrichtungen in Anspruch; den dabei beschftigten Arbeitern mute selbstverstndlich ein, der Durchschnittshhe des allgemeinen Arbeitsertrages entsprechender -- und wo es sich um besonders anstrengende Leistungen handelte, ein diesen Durchschnitt entsprechend bersteigender, Verdienst gesichert werden. Diese Arbeiten waren in erster Reihe die provisorischen Hausbauten fr die neu eintreffenden Mitglieder. Dabei wurde daran festgehalten, da jede Familie je ein eigenes Huschen erhalte, whrend fr die alleinstehenden Ankmmlinge mehrere groe Hotels eingerichtet wurden. Die Familienhuser waren der Gre nach verschieden -- von 4 bis zu 10 Wohnrumen, jedes mit einem Garten von 1000 Quadratmeter Flche ausgestattet. Jeder Ankmmling konnte ein ihm nach Gre und Lage passend erscheinendes whlen, selbstverstndlich gegen je nach Belieben ratenweise oder sofortige Abzahlung. Solcher Huschen muten im Monatsdurchschnitt nicht weniger als 1500 fertiggestellt werden; sie waren aus starken Bohlen in doppelter Lage solid gefgt und der Bauaufwand stellte sich auf durchschnittlich 8 Pfd. Sterling fr jeden Wohnraum. Fr die Benutzung der Hotelzimmer wurde eine zur Amortisation der Baukosten und Deckung der Regie gengende Wochengebhr von Sh. berechnet. Gleichzeitig mit diesen Wohnhusern wurde der Bau von Schulen in Angriff genommen, und zwar mute, da bis auf weiteres dem Eintreffen von 1000 bis 1200 Schulkindern im Monatsdurchschnitt entgegenzusehen war, fortlaufend fr gengende Rume zu entsprechender Unterbringung dieser so rasch anwachsenden Menge Vorsorge getroffen werden. Selbstverstndlich waren auch diese -- gleich den Wohnhusern -- teils im Edenthale, teils auf dem Danaplateau errichteten Schulrume nur provisorische Barackenbauten, dabei aber licht, luftig und gerumig. In der Lebensweise am Kenia hatte sich im brigen einstweilen noch wenig verndert, mit Ausnahme des Umstandes, da Edenthal, vor Eintreffen der ersten Wagenkarawane ein miges Dorf, binnen wenigen Monaten zu einer mehr als 20000 Seelen zhlenden ansehnlichen Stadt herangewachsen war. Auf dem Danaplateau, wo sich zuvor nur einige Htten gefunden hatten, waren zwei ansehnliche Drfer entstanden, das eine mit den Arbeiterschaften einiger Fabriken am Ostende, hart neben dem groen Wasserfalle, das andere, nher zu Edenthal gelegen, der Sitz einer Ackerbaukolonie. Gemeinsam war all diesen Bewohnern von Freiland ein ausgesprochener Zug sorgloser Frhlichkeit und unverkennbaren Behagens. Die Lebensweise blieb, was die Wohnungs- und Kleidungsverhltnisse anlangt, noch sehr primitiv, dagegen herrschte in Speisen und Getrnken berflu, ja Luxus. Mit den Mahlzeiten wurde es der Hauptsache nach so gehalten, wie einige Monate zuvor von den ersten Ankmmlingen; nur hatten die Frauen gar bald eine ganze Reihe neuer und sinnreicher Verwendungsarten der vielen kstlichen Landesprodukte herausgefunden. Das Register der erreichbaren sthetischen und geistigen Gensse hatte vorerst keine sonderliche Bereicherung erfahren. Die Zeitung, eine von der Unterrichtsverwaltung angelegte Bibliothek, die beinahe Tag fr Tag durch neueintreffende Bcherkisten bereichert wurde, zu Neujahr aber doch erst 18000 Bnde zhlte, die dem insbesondere whrend der heien Mittagsstunden sehr lebhaften Lesebedrfnisse keineswegs voll gengen konnten, mehrere neue Sing- und Orchestervereine, Lese- oder Debattierzirkel und zwei Dutzend Klaviere -- das war alles, was zu dem ursprnglich Vorhandenen gekommen war. Daneben wurde in den herrlichen Wldern fleiig gejagt, Ausflge nach nicht allzu schwierig erreichbaren Aussichtspunkten waren an der Tagesordnung -- kurz man suchte sich das Leben so angenehm als mglich zu machen, ohne jedoch einstweilen groe Abwechslung in das Programm der Vergngungen und geistigen Gensse bringen zu knnen. Das hinderte aber nicht, da Glck und Zufriedenheit in jedem Hause herrschten. Auch hinsichtlich der Arbeitseinteilung war im groen Ganzen das ursprnglich beobachtete System beibehalten worden. Die Mnner arbeiteten meist zwischen 5 und 10 Uhr morgens und zwischen 4 und 6 Uhr abends; die Frauen -- im Bedarfsfalle untersttzt von Eingeborenen -- versahen inzwischen das Haus und die Kinder, sofern diese nicht in der Schule waren. Doch erachtete sich niemand gerade an diese Zeiteinteilung gebunden; jedermann arbeitete wann und so lange es ihm beliebte; auch hatten einige Associationen, deren Betrieb die gnzliche Unterbrechung der Arbeit whrend der Mittagszeit schwer vertrug, einen Turnus eingefhrt, der whrend der heien Tagesstunden dem Werke einige Hnde sicherte. Da auch hierzu niemand gezwungen werden konnte, wurde es blich, die lstigere Mittagsarbeit hher anzurechnen, als die zu der brigen Tageszeit, wonach dann die erforderlichen Freiwilligen sich fanden. Dasselbe gilt fr die in einzelnen Etablissements notwendige Nachtarbeit. 10. Kapitel. Als das erste Jahr unseres Aufenthaltes am Kenia vergangen war, zhlte Freiland 95000 Seelen, wovon 27000 arbeitsfhige Mnner, die, zu 218 Associationen vereinigt, 87 verschiedene Gewerbe betrieben. Die letzte Ernte -- es gibt nmlich hier zwei Ernten im Jahr, die eine nach der kleinen Regenzeit im Oktober, die andere nach der groen im Juni -- hatte von 14500 Hektaren angebauten Ackerlandes nahezu 2 Millionen Centner Getreide getragen, die einen Wert von 300000 Pfd. Sterling reprsentierten und den dabei beschftigten 10800 Arbeitern im Durchschnitt nahe an 2 Schilling Gewinn fr jede darangewendete Arbeitsstunde ergaben. Doch darf man nicht etwa glauben, da diese smtlichen Arbeiter ihre gesamte Zeit durch landwirtschaftliche Beschftigung ausfllten; das war blos whrend der Saat- und Erntetage der Fall gewesen, whrend in der ganzen brigen Zeit stets zahlreiche Landbauer in den benachbarten industriellen Etablissements lohnende Verwendung ihrer im Ackerbau gerade berschssigen Arbeitskraft fanden. Der Durchschnittsertrag der Industrien stellte sich um eine Kleinigkeit hher, als der der Landwirtschaft, und da im Mittel 40 Stunden wchentlich gearbeitet wurde, so betrug der Wochenverdienst eines gewhnlichen Handarbeiters von migem Fleie in dieser zweiten Jahreshlfte durchschnittlich 5 Pfd. Sterling. Nchst der Landwirtschaft beanspruchte die Eisen- und Maschinenfabrikation die zahlreichsten Arbeitskrfte, ja, wenn man nicht die zeitweilig in Verwendung kommende Arbeiterzahl, sondern die berhaupt aufgewendeten Arbeitsstunden zum Mastabe nimmt, so war diese Industrie der Landwirtschaft sogar stark voraus. Und dies ist nicht zum Verwundern, denn Maschinen verlangten und bestellten alle Associationen, um ihren Betrieb mglichst zu verbessern. In der alten Welt, wo Arbeitslohn und Arbeitsertrag grundverschiedene Dinge sind, besteht auch zwischen Rentabilitt und theoretischer Vollkommenheit von Maschinen ein fundamentaler Unterschied. Um theoretisch brauchbar zu sein, mu eine Maschine blo Arbeitskraft ersparen, d. h. die zu ihrer Herstellung und Betriebfhrung erforderliche Arbeit mu geringer sein, als die durch ihren Gebrauch zu ersparende. Der Dampfpflug z. B. ist dann eine theoretisch gute und ntzliche Maschine, wenn die Fabrikation eines Dampfpfluges mit samt der Erzeugung des zu seiner Heizung erforderlichen Kohlenquantums weniger menschliche Arbeit verschlingt, als auf der anderen Seite beim Pflgen mit Dampf gegen das Pflgen mit Rindern gewonnen wird. Etwas anderes aber ist die Rentabilitt einer Maschine -- wohlverstanden auerhalb Freilands. Um rentabel zu sein, mu der Dampfpflug nicht Arbeitskraft, sondern Wert oder Geld ersparen, d. h. er mu weniger kosten, als die durch ihn ersparte Arbeitskraft gekostet htte. Das ist aber da drauen mit nichten schon deshalb der Fall, weil die ersparte Arbeitskraft grer ist, als die zur Herstellung des Pfluges und der Kohle erforderliche. Denn whrend die Arbeit, die der verbesserte Pflug erspart, blos ihren Lohn erhlt, mu bei dem gekauften Pfluge und der gekauften Kohle neben der zu ihrer Herstellung erforderlich gewesenen Arbeit auch noch der aus drei Bestandteilen bestehende Gewinn, nmlich Grundrente, Kapitalzins und Unternehmerlohn, bezahlt werden. So kann es kommen, da der Dampfpflug von seiner Entstehung bis zu seiner Abntzung 1 Million Arbeitsstunden erspart, selber aber mitsamt dem ganzen, zu seinem Betriebe erforderlichen Kohlenquantum blo 100000 Arbeitsstunden verschluckt htte -- und dennoch hchst unrentabel ist, d. h. denjenigen, der gesttzt auf die Sicherheit so riesiger Kraftersparnis ihn kaufen und benutzen wollte, den grten Schaden verursachte. Denn die Million ersparter Arbeitsstunden bedeutet eben nicht mehr, als eine Million ersparter Stunden_lhne_, also beispielsweise ersparte 10000 Pfd. Sterling, wenn der Arbeitslohn blo 1 Pfund fr 100 Arbeitsstunden betrgt. An den zur Herstellung des Pfluges und der Betriebsmittel erforderlichen 100000 Arbeitsstunden, die fr sich allein allerdings blo 1000 Pfd. Sterling beansprucht haben mgen, haftet aber auerdem noch die Rente, welche die Besitzer der Eisen- und Kohlengruben einheben, der Zins, der fr die investierten Kapitalien gezahlt werden mu und schlielich der Gewinn der Eisenfabrikanten und Kohlenerzeuger; all dies kann unter Umstnden mehr betragen, als die Differenz von 9000 Pfd. Sterling zwischen den hier und dort aufgewendeten Arbeitslhnen, und wenn es der Fall ist, verliert der abendlndische _Arbeitgeber_ Geld daran, da er eine Maschine kauft, die tausend Prozent Arbeit erspart. Ganz anders bei uns; die lebendige Arbeit, die der Dampfpflug _uns_ erspart, ist Stunde fr Stunde genau so viel wert, als die im Pfluge und in der Kohle steckende, bereits in Warenform verwandelte Arbeitszeit; denn in Freiland giebt es keinen Unterschied zwischen Arbeitsertrag und Arbeitslohn; in Freiland ist daher jede theoretisch brauchbare, d. i. jede wirklich Kraft ersparende Maschine zugleich notwendigerweise rentabel. Dies der Grund, warum in Freiland die Maschinenindustrie von so enormer, stetig zunehmender Bedeutung sein mute. Die eine Hlfte unseres Volkes war damit beschftigt, jene sthlernen, von Dampf, Elektricitt, Wasser, komprimierter oder verdnnter Luft in Bewegung gesetzten sinnreichen Werkzeuge herzustellen, mittels deren die andere Hlfte ihre Leistungsfhigkeit verhundertfachte, und notwendigerweise mute sich daher bei uns in der Verwendung von Maschinenkraft eine Vielseitigkeit und Vollkommenheit entwickeln, von welcher man auerhalb der Grenzen unseres Landes keinerlei Vorstellung besitzt. Die wichtigsten Einrichtungen, die noch vor Ablauf dieses ersten Jahres in Angriff genommen wurden, waren erstlich die Herstellung von Dampfpflgen und -- vorlufig noch durch tierische Kraft bewegten -- Se- und Erntemaschinen, gengend zur Bearbeitung von 26000 Hektaren, die fr die Oktoberernte unter den Pflug genommen werden sollten. Wir rechneten dabei, durch einmaligen Aufwand von 3 Mill. Arbeitsstunden mindestens 3 Millionen Arbeitsstunden jhrlich zu ersparen. Das wre da drauen in der alten Welt fr die solcherart berflssig werdenden Arbeiter ein groes Unglck gewesen, ohne da die Gesamtheit davon den geringsten Vorteil gehabt htte; wir dagegen wuten fr derart ersparte Arbeitsstunden vortreffliche Verwendung; sie wurden zu allerlei Veredlungsindustrien frei, fr deren Produkte eben infolge der gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit die Abnehmer sofort gegeben waren. Eine zweite, noch im Laufe des nchsten Jahres zu vollendende Arbeit war die Verbesserung der Kommunikationsmittel durch Ausbaggerung des Danaflusses von der Mahlmhle oberhalb des Edensees bis zum groen Wasserfall am Danaplateau, und durch Anlage einer das Danaplateau durchziehenden Eisenbahn. Daran sollten sich Seilbahnen auf einige der Keniavorberge zu Zwecken des Bergwerks- und Forstbetriebs schlieen. Da alle bestehenden Industrien neuerlich vergrert und eine stattliche Reihe neuer eingerichtet wurden, versteht sich von selbst. Erwhnt mag dabei werden, da nur solche Fabriken in Edenthal oder am Oberlaufe des Dana angelegt wurden, die weder die Luft, noch das Wasser verdarben; die minder reinlichen Betriebe siedelten sich entweder am Ostende des Danaplateaus, hart am Wasserfalle, oder auch unterhalb desselben an. Spter wurden Einrichtungen getroffen, die der Vergiftung der Wsser durch industrielle Abflle ganz im Allgemeinen ein Ende machten. Die Stadt Edenthal war auf 48000 Seelen angewachsen und deckte mit ihren 10600 Huschen und Grten, ihren zahlreichen groen, wenn auch immer noch im Holzbarackenstil gehaltenen ffentlichen Bauten, mehr als 16 Quadratkilometer. Die zu riesiger Zahl angewachsenen Rinderherden wie nicht minder die Pferde, Esel, Kamele, Elefanten und die neu importierten Schweine und feinen Schafsorten bersiedelten zum greren Teile nach dem Danaplateau. Schon zu Beginn des zweiten Jahres hatten uns unsere europischen Bevollmchtigten angezeigt, da die bei ihnen einlaufenden Anmeldungen sich in gewaltigen Dimensionen vermehrten. Die in den Zeitungen verffentlichten Berichte aus Freiland -- es waren inzwischen Korrespondenten einiger der grten europischen und amerikanischen Journale bei uns eingetroffen -- hatten die Auswanderungslust selbstverstndlich in hohem Grade entfacht und wenn nicht alle Anzeichen trogen, hatten wir uns fr das zweite Jahr unseres Aufenthalts am Kenia auf einen Zuzug von mindestens dem doppelten, wahrscheinlich aber von dreifachem Umfange, wie im ersten Jahre, gefat zu machen. Es mute also fr Beschaffung der erforderlichen Kommunikationsmittel Vorsorge getroffen werden. Da zahlreiche der bemittelten neuen Mitglieder einstweilen die Schiffe fremder Gesellschaften gegen Zahlung benutzten, anstatt darauf zu warten, bis auf unseren Schiffen die Reihe an sie kme, so war das Dringendste, fr Vermehrung der Fahrgelegenheiten von Mombas ab zu sorgen. Es wurden daher schleunigst 1000 neue Wagen nebst der entsprechenden Anzahl von Zugtieren gekauft und successive vom Mrz ab in Betrieb gesetzt. Gleichzeitig aber kaufte unser Londoner Bevollmchtigter sechs und kurze Zeit darauf noch vier weitere Dampfer von 4000-10000 Tonnen Laderaum, die zu unseren Zwecken umgebaut, je 1000 bis 3000 Passagiere faten. Mit Hlfe dieser neuen Dampfer wurde zunchst der Verkehr ber Triest verstrkt; die grten Schiffe kamen an dieses, zum Transport ber Suez fr ganz Mitteleuropa gnstigst gelegene Ausfallthor; daneben aber wurde zweimal in der Woche eine Fahrt ab Marseille und einmal im Monat eine Fahrt ab San Franzisko ber den stillen Ocean eingerichtet. Nachdem noch fr alle Flle eine dritte Serie von 1000 Wagen bestellt worden war, erachteten wir uns den Anforderungen des bevorstehenden zweiten Jahres gegenber ausreichend gerstet. So standen die Dinge, als Demestre mit der Erklrung vor den Ausschu trat, da die primitive Art der Befrderung von Mombas ab angesichts der voraussichtlich auch in Zukunft anhaltenden gewaltigen Einwanderung unmglich gengen knne. Wir mten sofort an den Bau einer Eisenbahn von Edenthal an die Kste denken. Alles, was Demestre zur Begrndung seines Vorschlages sagte, war so richtig und einleuchtend, da derselbe ohne Debatte einhellig angenommen wurde, ja, da sich Jedermann insgeheim wunderte, ihn nicht schon lngst selber gemacht zu haben. Es handelte sich jetzt nurmehr darum, die Trace der zuknftigen Eisenbahn festzustellen. In erster Reihe stand der alte Weg, durch Kikuja ins Massailand, durch dieses, den Kilima stlich umgehend ber Tawenta und Teita nach Mombas. Eine zweite, mglicherweise viel gnstigere Trace, lie sich zwei Lngengrade weiter stlich, aber gleichfalls nach Sden gerichtet und in Mombas die Kste erreichend, durch Kikuja ins Land der Ukumbani und dort das Fluthal des Athi bis Teita verfolgend, denken. Diese Trace konnte gnstigenfalls eine Distanzverkrzung von nahe an 200 Kilometern mit sich bringen. Die dritte, krzeste Route an den Ocean aber wre die in streng stlicher Richtung, den Dana verfolgend, durch die Gallalnder an die Witukste gewesen; hier konnte eventuell nahezu die Hlfte der Distanz erspart werden, denn in der Luftlinie waren wir stlich keine 450 Kilometer vom Meere entfernt. Diese drei Alternativlinien sollten also nher untersucht werden, so genau, als es binnen wenigen Monaten mglich wre; denn lnger als hchstens ein halbes Jahr sollte mit dem Beginne der Bauarbeiten nicht gezgert werden. Die Tracierung der alten Route, die er schon ziemlich genau kannte, behielt sich Demestre vor; nach dem Athi und dem Dana wurden zwei andere tchtige Ingenieure, begleitet gleich Demestre von einem Stabe nicht minder tchtiger Kollegen, entsendet. Auerdem aber muten diese beiden letzteren Expeditionen, da sie noch gnzlich unbekannte Gebiete mit wahrscheinlich feindlichen Einwohnern zu durchziehen hatten, wehrhaft gemacht werden. Sie waren je 300 Mann stark und hatten auer entsprechenden Repetirgewehren auch einige Kriegselefanten, Kanonen und Raketen mit sich. berdies waren alle drei Expeditionen von einer kleinen Schar Naturforscher -- unter diesen hauptschlich Geologen -- begleitet. Anfangs Mai zogen diese Expeditionen aus; womglich noch vor der kleinen Regenzeit -- im August -- sollten sie zurck sein. 11. Kapitel. Die Haager Versammlung der Internationalen freien Gesellschaft hatte, wie man sich erinnern wird, dem Ausschusse Generalvollmacht fr die Dauer von zwei Jahren erteilt. Am 20. Oktober lief diese Frist zu Ende, und bis dahin mute sich die Gesellschaft eine neue, endgiltige Verfassung geben, eine frei durch das Volk von Freiland gewhlte Behrde die bisherigen Vollmachten des Ausschusses bernehmen. Dieser berief daher schon fr den 15. September eine constituierende Versammlung, und zwar, da die Zahl der Bewohner Freilands zu gro war, als da allesamt zu einer Beratung htten vereinigt werden knnen, indem er das Land in 500, der Einwohnerzahl nach gleiche Sektionen teilte und jede Sektion zur Wahl eines Abgeordneten aufforderte. Diese derart zustande gekommene Reprsentantenversammlung erklrte er sofort zur vorlufigen Trgerin der obersten souvernen Gewalt und forderte sie auf, das Weitere zu verfgen, es ihr anheim stellend, ob sie ihn bis zu Ausarbeitung der Verfassung noch vorlufig in Funktion belassen, oder irgend eine neue, sofort zu schaffende Behrde mit der Geschftsfhrung von Freiland betrauen wolle. Die Versammlung entschied sich nach kurzer Debatte einstimmig fr das Erstere und beauftragte berdies den Ausschu, einen Verfassungsentwurf vorzulegen. Da ein solcher fr alle Flle bereits fertig ausgearbeitet war, so konnte dieser Forderung sofort willfahrt werden. Dr. Strahl legte den Verfassungsentwurf namens des Ausschusses auf den Tisch des Hauses, dieses beschlo dessen Drucklegung und trat schon nach drei Tagen in die Beratung der neuen Verfassung. Auch diese Beratungen waren, angesichts der groen Einfachheit der vorgeschlagenen Grundgesetze und Ausfhrungsbestimmungen nicht sehr langatmig und schon am 2. Oktober konnten diese, einhellig approbiert, als solche verkndet, und in ihrem Geiste die neue Verwaltung in Kraft gesetzt werden. Die Grundgesetze lauteten: l. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveruerliche Anrecht auf den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten Produktionsmittel. 2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfhige haben Anspruch auf auskmmlichen, der Hhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden Unterhalt. 3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphre eines Anderen greift, in der Bethtigung seines freien individuellen Willens gehindert werden. 4. Die ffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschlieungen aller volljhrigen (mehr als 20jhrigen) Bewohner Freilands ohne Unterschied des Geschlechts verwaltet, die smtlich in allen, das gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und passive Stimm- und Wahlrecht besitzen. 5. Die beschlieende sowohl als die ausbende Gewalt ist nach Geschftszweigen geteilt und zwar in der Weise, da die Gesamtheit der Stimmberechtigten fr die hauptschlichen ffentlichen Geschftszweige gesonderte Vertreter whlt, die gesondert ihre Beschlsse fassen und das Gebahren der den fraglichen Geschftszweigen vorstehenden Verwaltungsorgane berwachen. In diesen fnf Punkten ist das Um und Auf des ffentlichen Rechts von Freiland niedergelegt; alles weitere ist nichts anderes, als das selbstverstndliche Ergebnis oder die nhere Ausfhrung derselben. So ergeben sich die Prinzipien, auf denen die Associationen sich aufbauten -- Anrecht des Arbeiters am Ertrage, Verteilung desselben nach der Arbeitsleistung und freie Vereinbarung mit hherwertigen Arbeitskrften -- naturgem und notwendigerweise aus dem ersten und dritten Grundgesetze. Da jedermann ber smtliche Arbeitsmittel verfgte, so konnte niemand sich gedrngt sehen, auf den Ertrag der eigenen Arbeit zu verzichten, und da niemand gezwungen werden konnte, seine hheren Fhigkeiten anderen zur Verfgung zu stellen, so muten diese hheren Fhigkeiten, sofern man ihrer zur Leitung der Produktion bedurfte, im Wege freier Vereinbarung entsprechende Verwertung finden. Mit Bezug auf das im zweiten Absatze ausgesprochene Versorgungsrecht der Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfhigen ist zu bemerken, da dieses im Sinne unserer Grundstze als Ausflu der Wahrheit angesehen wurde, da der Reichtum des Kulturmenschen nicht Produkt seiner eigenen, individuellen Fhigkeiten, sondern das Ergebnis der geistigen Arbeit zahlloser vorangegangener Generationen sei, _deren Erbe dem Schwachen und Arbeitsunfhigen gerade so gebhre, wie dem Starken und Tchtigen_. Alles, was wir genieen, verdanken wir nur zu unendlich geringem Teile unserer eigenen Intelligenz und Kraft; auf diese allein angewiesen, wren wir arme, in tiefstem, tierischem Elend vegetierende Wilde; die reiche Hinterlassenschaft unserer Vorfahren seit unvordenklicher Zeit ist es, von welcher wir zehren, der wir neunundneunzig Hundertteile all unserer Gensse verdanken. Ist dem aber so -- und kein Zurechnungsfhiger hat dies jemals in Abrede gestellt -- dann haben all unsere Geschwister Anrecht auf Mitgenu der Erbschaft. Da diese Erbschaft ohne unsere, der Starken, Arbeit unfruchtbar wre, ist allerdings richtig, und unbillig, ja thricht und undurchfhrbar wre daher das Verlangen der schwcheren Geschwister nach _gleicher_ Teilung. Aber geschwisterlichen, nicht auf das bloe Erbarmen, sondern auf Anerkennung ihres Erbrechts gesttzten Anteil des dem gemeinsamen Erbgute -- und es sei immerhin blo durch _unsere_ Arbeit -- abgewonnenen reichen Ertrages knnen sie fordern; sie stehen uns nicht als bettelnde Fremdlinge, sondern als erbberechtigte Familiengenossen gegenber. Und unser, der strkeren Geschwister eigenes wohlverstandenes Interesse verlangt die rckhaltlose Anerkennung dieses guten Rechtes jedes Angehrigen der menschlichen Familie. Denn unser eigenes Glck kann nicht gedeihen, wenn wir Geschpfe, die Unseresgleichen sind, entwrdigen, zu Not und Schmach verurteilen. Gesunder Egoismus verbietet uns, dem Elend und seinen Kindern, den Lastern, irgend einen Schlupfwinkel inmitten von Unseresgleichen offen zu halten. Frei und edelgeboren, ein Knig und Herr dieses Planeten mu jeder sein, dessen Mutter ein menschliches Weib gewesen, sonst wird seine Not zu einem fressenden Geschwre, welches um sich greifend den stolzen Bau auch unserer, der Starken, Herrlichkeit vergiftet. So viel ber das Versorgungsrecht im allgemeinen. Was aber speziell das den Frauen zugesprochene anlangt, so war bei diesem die fernere Erwgung magebend, da das Weib seiner physischen und psychischen Beschaffenheit nach nicht zu aktivem Kampfe ums Dasein, sondern einerseits zu dessen Fortpflanzung, anderseits zu dessen Verschnerung und Veredlung bestimmt ist. So lange wir alle, oder doch die ungeheuere Mehrheit von uns allen, in unablssigem, jammervollem Kampfe mit des Lebens gemeinster, tierischer Notdurft uns qulten, konnte von Rcksicht auf die Schwche und auf den Adel des Weibes keine Rede sein; die Schwche konnte -- gleich der jedes anderen Schwachen -- nicht der Rechtstitel auf Schonung, sondern mute zu einem Anreize der Unterjochung werden; der Adel des Weibes war geschndet -- abermals gleich dem jedes rein menschlichen, wirklichen Adels. Eine Sklavin und ein kufliches Werkzeug der Lste war das Weib ungezhlte Jahrtausende hindurch -- und die vielgerhmte Civilisation der letzten Jahrhunderte hatte daran dem Wesen nach nichts gendert. Auch unter den sogenannten Kulturnationen der Gegenwart blieb das Weib rechtlos, und was schrecklicher ist, es blieb, um sein Dasein zu fristen, angewiesen darauf, sich dem ersten Besten zu verkaufen, der um seiner Reize willen die Verpflichtung bernahm, es zu versorgen. Diese von Recht und Sitte geheiligte Prostitution ist in ihren Wirkungen verheerender, als jene andere, ihr Wesen unverhllt zur Schau tragende, die sich von ihr blo dadurch unterscheidet, da hier der schmhliche Handel nicht auf Lebenszeit, sondern fr krzere Frist geschlossen wird, fr Jahre, Wochen, Stunden. Gemeinsam ist beiden, da das seste, heiligste Kleinod der Menschheit, das Herz des Weibes, zum Gegenstande gemeinen Schachers, zu einem Mittel des Lebensunterhalts gemacht wird, und schrecklicher als die Prostitution der Strae ist die von Gesetz und Sitte geheiligte der Versorgungsehe, weil unter ihrem verpestenden Gifthauche nicht blo Wrde und Glck der jeweilig lebenden, sondern auch Saft und Mark der zuknftigen Geschlechter verdorren. Da die Liebe, jener geheiligte Instinkt, der bestimmt ist, das Weib in die Arme jenes Gatten zu fhren, mit dem vereint es der kommenden Generation die tchtigsten Mitglieder schenken knnte, zum Erwerbsmittel, dem einzigen das ihm offen stand, geworden, so mute das Weib, um zu leben, sich -- in sich aber die Zukunft der Rasse schnden. Glck und Wrde, wie das zuknftige Heil der Menschheit, erfordern daher im gleichen Mae, da das Weib der entehrenden Notwendigkeit enthoben werde, im Gatten zugleich den Versorger, in der Ehe das einzige Rettungsmittel gegen materielle Not zu sehen. Aber auch gemeiner Arbeit darf das Weib nicht berwiesen werden. Auch das verbietet das Glck der jeweilig lebenden und die Tchtigkeit der zuknftigen Generation in gleicher Weise. Die Gleichberechtigung des Weibes dadurch verwirklichen wollen, da man ihm gestattet, im Broterwerb mit dem Manne zu konkurrieren, ist eben so nutzlos als verderblich; nutzlos, weil dem weiblichen Geschlechte als Ganzes genommen eine solche Befugnis, von welcher es nur in Ausnahmefllen wirklichen Gebrauch machen kann, doch nicht hilft; verderblich, weil das Weib mit dem Manne hier nicht konkurrieren darf, ohne seinen edleren schneren Aufgaben untreu zu werden. Und diese Aufgaben liegen nicht etwa in der Verfolgung von Kche und Wschespinde, sondern in der Pflege des Schnen in der gegenwrtigen Generation einerseits und der geistigen wie krperlichen Entwickelung des Nachwuchses anderseits. Das Weib mu daher nicht blo in seinem eigenen, sondern ebenso im Interesse des Mannes und insbesondere in jenem der zuknftigen Geschlechter dem Kampf um des Lebens Notdurft gnzlich entrckt werden; es darf kein Rad im Getriebe des Broterwerbs, es mu ein Juwel am Herzen der Menschheit sein. Nur eine Arbeit ist dem Weibe angemessen: die der Kindererziehung und allenfalls noch die Pflege von Kranken und Gebrechlichen. In der Schule und am Siechbett kann weibliche Zrtlichkeit und Vorsorge eine passende Vorschule fr die Pflichten des spteren eigenen Hauses finden, und hier mag die alleinstehende Frau zugleich Erwerb suchen, sofern sie es wnscht. Als selbstverstndlich darf gelten, da im Sinne unserer Prinzipien jeder dem Weibe gegenber gebte abwehrende Zwang durchaus verpnt war. _Verboten_ war der Frau nicht, welches Gewerbe immer zu ergreifen, was denn in vereinzelten Fllen auch jederzeit geschah, insbesondere auf dem Gebiete der geistigen Berufe; aber die ffentliche Meinung in Freiland billigte dies eben auch nur in Ausnahmefllen, d. h. wenn hervorragende Fhigkeiten solches Thun rechtfertigten und es mu bemerkt werden, da unsere Frauen in erster Reihe es waren, welche sich auf die Seite dieser ffentlichen Meinung stellten. Da der Versorgungsanspruch der Frauen um ein Vierteil geringer bemessen wurde, als derjenige der Mnner -- die konstituierende Versammlung besttigte nmlich nicht blo das Prinzip, sondern auch das bereits mitgeteilte Ausma der verschiedenen Versorgungsrechte -- hat nicht in einer Minderbewertung des weiblichen _Anspruches_ seine Motivierung, sondern lediglich in der Thatsache, da die _Bedrfnisse_ des Weibes geringer sind, als die des Mannes. Wir gingen von der Ansicht aus, da die Frau mit ihren dreiig Hundertteilen des durchschnittlichen Arbeitsertrages eines freilndischen Produzenten ebenso reichliches Auslangen finden werde, als ein versorgungsbedrftiger Mann mit seinen vierzig Hundertteilen; und die Erfahrung hat dies vollauf besttigt. Es hatte jedoch nicht blo die alleinstehende Jungfrau oder Witwe, sondern auch die Ehefrau -- wenn auch blo den halben -- Versorgungsanspruch. Das begrndete sich dadurch, da auch das verheiratete Weib nicht auf die Versorgung des Mannes angewiesen und dadurch in ein materielles Abhngigkeitsverhltnis zu diesem gebracht sein sollte. Da im Haushalte die Thtigkeit der Frau immerhin mit einem Teile ihres Eigenbedarfs zu veranschlagen ist, so bedurfte es, um dem Ehemanne die Versorgungslast abzunehmen, auch nur einer teilweisen Versorgung von Gesamtheitswegen. Mit dem beginnenden Kindersegen vermehrt sich die Familienlast neuerlich, und da diese abermals durch das Weib erwchst, so steigerten wir den Versorgungszuschu insolange, bis er wieder die volle Hhe des Versorgungsanspruches der Frau, d. i. 30 Prozent erreichte. Das vierte Grundgesetz, das allgemeine, auf volljhrige Frauen ausgedehnte Stimmrecht, bedarf wohl keiner besonderen Erluterung. Zu bemerken wre hier nur, da sich diese Bestimmung auch auf die in Freiland wohnenden Neger erstreckte, mit dem Beifgen jedoch, da des Lesens und Schreibens Unkundige insofern von der thatschlichen Ausbung politischer Rechte ausgeschlossen waren, als alle Abstimmungen durch eigenhndig auszufllende Stimmzettel vorgenommen wurden. Wir gaben uns brigens redlich Mhe, unseren Negern nicht blo das Lesen und Schreiben, sondern auch eine Reihe anderer Kenntnisse beizubringen, und da dies im allgemeinen von gutem Erfolge begleitet war, so nahmen unsere schwarzen Brder allmhlich an allen unseren Rechten teil. Nherer Erklrung bedarf dagegen Punkt 5 der Grundrechte, wonach die Gemeine ihr Beschlu- und Kontrollrecht ber alle ffentlichen Angelegenheiten nicht durch _eine_, sondern durch mehrere, nach Verwaltungszweigen geordnete Krperschaften ausbte, die von der Gemeine auch ebenso gesondert gewhlt wurden. Dieser Bestimmung verdankt die Verwaltung von Freiland ihre geradezu erstaunliche Sachkenntnis, das ffentliche Leben Freilands seine nicht minder beispiellose Ruhe und das Fehlen aller tiefergehenden, leidenschaftlichen Parteiungen. In den Staaten Europas und Amerikas besteht blo die vollziehende Gewalt aus Mnnern, die unter Rcksicht auf ihre Sachkenntnis und Befhigung fr jenen Zweig des ffentlichen Dienstes ernannt, respektive gewhlt sein _sollten_, dem vorzustehen ihres Amtes ist. Selbst das ist nur mit sehr groen Einschrnkungen der Fall, ja insbesondere den sogenannten parlamentarischen Verfassungen Europas und Amerikas gegenber mu mit Recht behauptet werden, da sie gerade an die Spitze der verschiedenen Verwaltungszweige Mnner stellen, die nur zu oft von den wichtigen Angelegenheiten, denen sie vorstehen sollen, sehr wenig verstehen. Die Versammlungen, aus deren Mitte und durch deren Willen parlamentarische Minister zur Macht gelangen, sind in der Regel gnzlich auer Stande, durchweg sachkundige Mnner zu berufen, schon aus _dem_ Grunde nicht, weil sie solche hufig gar nicht in ihrer Mitte besitzen. Damit soll nicht gesagt sein, da nicht selbst parlamentarische Schnredner und Berufspolitiker in der Regel immer noch mehr von ihrem Amte verstehen, als jene Gnstlinge der Macht und des blinden Glcks, die in nichtparlamentarischen Lndern das Ruder fhren -- aber Sachverstndige sind sie nicht, knnen sie nicht immer sein. Doch wie gesagt, die Organe der Exekutive _sollten_ es doch zum mindesten sein, es besteht die Fiktion, da sie es seien, und ein Mann, der sich in irgend einem Fache rhmlich hervorthut, hat damit wenigstens einen -- wenn auch thatschlich ziemlich untergeordneten -- Anspruch mehr, in diesem Fache Verwendung im ffentlichen Dienste zu finden. Fr die _gesetzgebenden_ Krperschaften des Abendlandes dagegen ist Sach- und Fachkenntnis nicht einmal prinzipiell ein Grund der Wahl. Die Mnner, welche Gesetze erlassen und deren Ausbung zu kontrollieren haben, brauchen grundstzlich von all den Angelegenheiten, auf welche sich diese Gesetze beziehen, nicht das Geringste zu verstehen. Das Vertrauen ihrer Whler ist vom Grade dieses ihres Verstndnisses in der Regel unabhngig, sie werden nicht als Fachmnner, sondern als _gesinnungstchtige_ Mnner gewhlt. Das aber hat einen doppelten belstand im Gefolge; es macht zunchst den ffentlichen Dienst mehr als irgend eine Privatangelegenheit zum Spielballe menschlicher Unwissenheit und Unklugheit; das Wort Oxenstiernas: Du weit nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird, ist in weit hherem Mae, als allgemein geglaubt wird, ein wahres Wort; der durchschnittliche Grad von Klugheit und Sachkenntnis in zahlreichen ffentlichen Verwaltungszweigen der sogenannten civilisierten Welt, steht tief unter dem in den Privatgeschften der nmlichen Lnder gemeinhin anzutreffenden Durchschnittsniveau. Zum zweiten aber gestaltet diese, zugleich centralisierte und kenntnislose Organisation der ffentlichen Verwaltungszweige das Parteigetriebe zu einem leidenschaftlichen und erbitterten Kampfe, in welchem stets alles an alles gesetzt werden mu und in welchem beinahe niemals sachliche Erwgungen, sondern stets nur die vorgefaten politischen Meinungen entscheiden. Unablssiger Kampf, stete, leidenschaftliche Erregung ist also die zweite, notwendige Folge dieser verkehrten Einrichtung. Eine nderung derselben ist aber schlechthin unmglich, so lange die geltende soziale Ordnung in Kraft bleibt. Denn solange dies der Fall ist, fhrt das allgemeine Wohl noch immer besser, wenn die ffentlichen Angelegenheiten von Unwissenden, ohne Rcksicht auf ihre Fachkenntnis Gewhlten, verwaltet und kontrolliert werden, als wenn Fachleute von Beruf die Macht erhielten, in Sachen ihres Faches namens der Gesamtheit zu handeln. Das Interesse dieser wirklichen Fachmnner ist nmlich in der ausbeuterischen Gesellschaft dem der groen Masse nicht blo hufig, sondern in der Regel entgegengesetzt. Man denke sich einen europischen oder amerikanischen Staat, in welchem die Fabrikanten ber Fabrikation, die Landwirte ber Bodenproduktion, die Eisenbahnleute ber Transportwesen, und so fort die sachkundigen Vertreter jedes Interessen-Zweiges ber das sie zunchst interessierende Gebiet Gesetze machen, ausfhren und berwachen knnten! Da in der ausbeuterischen Gesellschaft der Kampf ums Dasein auf gegenseitige Unterdrckung und Verdrngung gerichtet ist, so mten die Folgen einer solchen Verfassung fr sie geradezu schrecklich sein, und in jenen, unter dem Sammelnamen der politischen Korruption bekannten Fllen, wo es vereinzelten Interessenkreisen gelang, ihren Willen dem der Gesamtheit unterzuschieben, berschritt auch thatschlich die Schamlosigkeit der Ausbeutung alle Grenzen. Anders in Freiland; bei uns giebt es keine dem Gesamtinteresse entgegenstehenden oder auch nur nicht vollkommen mit diesem harmonierenden Sonderinteressen. Produzenten z. B., die in Freiland auf den Gedanken gerieten, ihren Gewinn dadurch zu erhhen, da sie den Import mit Zllen belegten, mten Bldsinnige sein; denn da sie die Konsumenten zwngen, ihre Fabrikate hher zu bezahlen, wrde ihnen nichts ntzen -- da sofort der Zuflu von Arbeitskraft ihren Gewinn wieder auf sein Durchschnittsniveau herabbrchte -- dagegen wrde ihnen allerdings schaden, da sie allen andern Produzenten das Produzieren erschwert htten, denn dadurch wrde eben jenes Durchschnittsniveau der Gewinne, ber welches sich ihr eigener niemals dauernd erheben kann, herabgedrckt worden sein. Und genau das nmliche gilt fr alle unsere Interessenkreise. Dadurch, da jeder derselben Jedem zugnglich ist, und da Niemand das Recht und die Macht hat, einen irgendwo erwachsenden Vorteil fr sich allein zu beanspruchen, sind wir in der glcklichen Lage, in allen Interessenfragen Jenen die Entscheidung anzuvertrauen, welche die _zunchst_ Interessierten, also die Sachkundigsten sind. Dadurch aber gestalten sich Gesetzgebung und Verwaltung nicht blo sachkundig im hchsten Grade, es verschwindet auch aus dem ffentlichen Leben jene leidenschaftliche Voreingenommenheit, die da drauen das charakteristische Merkmal des Parteigetriebes ist. Da berall wohlverstandenes gemeinsames Interesse und Vernunft entscheiden, so haben wir niemals Grund, uns zu erhitzen. Bei unseren Wahlen handelt es sich gar nicht darum, einen Gesinnungsgenossen durchzubringen, sondern hchstens um Meinungsverschiedenheiten darber, welcher der Kandidaten wohl der Erfahrenste, Klgste sein mge. Und da die Fhigkeiten eines Jeden unter uns wegen der Organisation unserer gesamten Arbeit auf die Dauer unmglich verborgen bleiben knnen, so sind Irrtmer in diesem, fr unser ffentliches Leben allein magebenden Punkte kaum mglich. Da die Konstituante die Zwlfteilung der Verwaltung beibehalten hatte, so gab es von da ab in Freiland neben den zwlf verschiedenen Exekutivbehrden -- die in ihrem Wirkungskreise etwa mit den abendlndischen Ministerien in Parallele zu stellen wren -- zwlf verschiedene beratende, beschlieende und berwachende, aus der allgemeinen Wahl hervorgegangene Versammlungen an Stelle der einheitlichen abendlndischen Parlamente. Diese zwlf Versammlungen wurden smtlich von der Gesamtheit aller Whler gewhlt, es hatte zum Mindesten jeder Whler das Recht, bei allen Wahlen seine gleichgewichtige Stimme abzugeben; aber die Einteilung der Wahlkrper war verschieden, und die Wahlen fanden fr jeden der zwlf Vertretungskrper gesondert statt; ein Teil derselben, nmlich die fr die Geschfte des Verwaltungsprsidiums und der Finanzen, fr Versorgungswesen, Unterricht, Kunst und Wissenschaft, Sanittswesen und Justiz, fand nach Wohnbezirken, die Wahlen in die anderen Vertretungskrper fanden nach Berufskategorien statt. Zu letzterem Zwecke waren die smtlichen Einwohner Freilands je nach ihren Berufsgeschften in zahlreiche grere oder geringere Wahlkrper geteilt, deren jeder, je nach der Zahl seiner Angehrigen einen oder mehrere Abgeordnete whlte; von ganz kleinen Berufsklassen waren je einige mglichst gleichartige zu je einem Wahlkrper zusammengelegt; die Zugehrigkeit zu den verschiedenen Wahlkrpern hing vom Belieben jedes Whlers ab, d. h. es konnte sich Jedermann -- und ebenso selbstverstndlich auch jede Frau -- in eine ihm oder ihr genehme Berufsklasse eintragen lassen, und bte dann in dieser das Wahlrecht fr die von diesen Klassen gewhlten Vertretungskrper aus. Die obersten Beamten der zwlf Verwaltungszweige wurden sodann je von den zwlf Vertretungskrpern ernannt; die Ernennung der anderen Beamten war Sache der Verwaltungschefs. In allen wichtigeren Fllen hatten diese alle den Vertretungskrpern vorzulegenden Manahmen vorher gemeinsam untereinander zu beraten. Die Beratungen der verschiedenen Vertretungskrper fanden in der Regel gesondert und meist auch in verschiedenen Sessionsperioden statt; einzelne derselben waren in Permanenz, andere traten blo einigemal im Jahr fr wenige Tage zusammen; auch die Mitgliederzahl dieser Fachparlamente war verschieden; das schwchste derselben, das fr Statistik, bestand blo aus 30 Mitgliedern, die vier zahlreichsten zhlten je 120 Mitglieder. Wenn Angelegenheiten, die mehrere Vertretungskrper gemeinsam interessierten, zur Sprache kamen, so traten die betreffenden Krperschaften zu gemeinsamen Sitzungen zusammen. Kompetenzstreitigkeiten waren unmglich, da der bloe von Seiten welches Vertretungskrpers immer ausgesprochene Wunsch, an den Beratungen irgend eines anderen Teil zu nehmen, dazu gengte, um die betreffende Angelegenheit zu einer gemeinsamen zu machen. Das naturgeme Ergebnis dieser Organisation war, da jeder Bewohner Freilands blo an jenen ffentlichen Angelegenheiten teilnahm, von denen er etwas verstand oder doch zu verstehen glaubte, und da er in jedem Verwaltungszweige jenem Kandidaten seine Stimme gab, der seiner Meinung nach der berufenste und befhigteste gerade fr den fraglichen Verwaltungszweig war, was wieder zu naturgemen -- abendlndischem Begriffe nach allerdings schier unglaublichen -- Folge hatte, da jeder ffentliche Verwaltungszweig von den sachverstndigsten und berufensten Mnnern in ganz Freiland verwaltet wurde. Und dabei entwickelte sich sehr bald eine hchst eigentmliche Art politischer Ehre, die gleichfalls sehr verschieden war von der berall anderwrts geltenden. Gilt es da drauen fr gesinnungstchtig, der einmal erwhlten Partei unterschiedlos durch Dick und Dnn zu folgen, ihr seine Stimme und seinen Einflu zu leihen, gleichviel ob man von der Sache, um die es sich gerade handelt, etwas versteht oder nicht, so verlangt die politische Ehre eines Brgers von Freiland zwar noch viel entschiedener, da er seine Aufmerksamkeit und seinen Eifer den ffentlichen Angelegenheiten widme; die ffentliche Meinung verbelt es ihm aber hchlich, wenn er -- gleichviel aus welchen Rcksichten -- sich in solche Angelegenheiten mengt, von denen er offenbar nichts versteht, so da streng genommen schon vom Whler verlangt wird, da er in jenen Verwaltungszweigen, bei denen er das Gewicht seiner Stimme geltend macht, einigermaen Fachmann sei. Die Wahlen befinden sich daher durchweg in sehr guter Hand, Beeinflussung der Whlerschaften durch phantastische Vorspiegelungen oder Versprechungen wren, selbst wenn versucht, niemals von Erfolg. Es giebt keinen Whler, der fr smtliche zwlf Vertretungskrper whlen wrde; speziell die Frauen halten sich mit verschwindenden Ausnahmen fern von allen Wahlen, die nach Berufsklassen vorgenommen wurden; dagegen beteiligen sie sich sehr lebhaft an den nach Wohnbezirken stattfindenden; speciell bei denen fr Unterrichtswesen geben ihre Stimmen den Ausschlag. Auch ihr passives Wahlrecht kommt zur Geltung und in den Vertretungskrpern fr Versorgungswesen, Kunst und Wissenschaft, Sanittswesen und Justiz sitzen hufig, in dem fr Unterricht stets mehrere Frauen. An der Exekutive beteiligen sie sich niemals. Der Vollstndigkeit halber mag noch erwhnt werden, da die gewhlten Abgeordneten fr ihre Thtigkeit bezahlt werden und zwar erhalten sie fr jeden Tag der Sessionsdauer je acht Stundenquivalente. Nachdem die Verfassung von der Konstituante angenommen worden war, lste sich diese auf und es wurden sofort die Wahlen fr die zwlf Vertretungskrper vorgenommen. Pnktlich am 20. Oktober traten diese zusammen und der Ausschu legte in deren Hnde seine Gewalten nieder. Die alten Ausschumitglieder wurden jedoch als Chefs der verschiedenen Verwaltungszweige wiedergewhlt, mit Ausnahme von Vieren, welche erklrten, kein ffentliches Amt mehr anzunehmen und an deren Stelle neue Mnner traten. Die Regierung von Freiland war endgiltig konstituiert. Inzwischen waren die drei zur Feststellung der geeignetsten Trace fr eine Eisenbahn an die Kste entsendeten Expeditionen zurckgekehrt. Die eine derselben, die auf der krzesten Route, im Danathale an die Witukste, operiert hatte, war zwar auf keine ungewhnlichen Terrainschwierigkeiten gestoen und die Voraussicht, da diese weitaus krzeste Strecke sich als die technisch empfehlenswerteste erweisen werde, hatte sich bewhrt; auch im brigen hatte sich bis zu einer Entfernung von 200 Kilometern vom Kenia keinerlei ernstliche Schwierigkeit ergeben; aber von da ab bis an die Kste setzten die jenes Gebiet bewohnenden Gallastmme der Expedition einen so hartnckigen und bsartigen Widerstand entgegen, da die Feindseligkeiten zwei Monate lang kein Ende nahmen, zahlreiche Gefechte bestanden werden muten, in denen sich die Gallas zwar stets schwere Zchtigungen holten, die aber doch nicht bewirken konnten, da die Expedition anders, als in stetem Kriegszustande ihre doch durchaus friedliche Mission zu erfllen vermochte. Der Eisenbahnbau durch jenes Gebiet htte durch einen frmlichen Feldzug zur Pacifizierung oder Vertreibung der Galla eingeleitet werden mssen und wre auch dann nur unter dauernder Kriegsbereitschaft zu vollenden gewesen. Diese Linie mute also -- vorlufig zum mindesten -- fallen gelassen werden. Nicht minder gewichtige Grnde sprachen gegen die Linie ber Ukumbani lngs des Athiflusses. Die Trace durch das Fluthal wre zwar ohne sonderliche technische Schwierigkeiten gewesen, aber sie durchzog, insbesondere in der zweiten Hlfte, ungesundes Sumpf- und Dschungelland, welches in nchster Zukunft nicht kulturfhig zu machen war. Entschied man sich dagegen fr eine, das eigentliche Fluthal verlassende, die begleitenden Hhenzge durchquerende Nebenvariante, so waren die technischen Verhltnisse nicht gnstiger und die voraussichtlichen Baukosten nicht geringer, als bei der dritten Linie, der lngs unserer alten Strae nach Mombas nmlich, die denn auch einhellig gewhlt wurde. Zu ihren Gunsten sprach der gewichtige Umstand, da sie befreundete Gebiete durchzog, die in nicht zu ferner Zukunft hchst wahrscheinlich von freilndischen Kolonisten zum Wohnplatze erkoren werden durften; da sie die lngste und kostspieligste von allen war, konnte daher, wenn der Kostenunterschied nicht allzusehr in die Wagschale fiel -- was, wie sich zeigte, thatschlich nicht der Fall war -- nicht abhalten, ihr den Vorzug zu geben. Der Bau wurde unverzglich begonnen. Mchtige, neuartige Maschinen aller Art waren inzwischen in groer Zahl durch unsere freilndischen Maschinenfabriken konstruiert worden, und mit diesen ausgerstet, griffen 5000 freilndische und 8000 Negerarbeiter das Werk an 18 Punkten zugleich an, wobei die 11 greren und 32 kleineren Tunnels in einer Gesamtlnge von 38 Kilometern, die auf der Strecke vorkamen, und die jeder fr sich ein eigenes Bauobjekt bildeten, gar nicht mitgezhlt sind. Die Schienen -- bestes Bessemermaterial -- lieferten teils unsere eigenen Fabriken, teils -- und zwar fr die Strecke Mombas-Taweta -- kamen sie aus Europa. Zwei Jahre nach Beginn des ersten Spatenstiches wurde die Teilstrecke Edenthal-Ngongo, drei Monate spter die Strecke Mombas-Taweta und abermals Jahre spter das Mittelstck Ngongo-Taweta dem Verkehr bergeben, so da genau fnf Jahre, nachdem unsere Pioniere zum erstenmale den Boden von Freiland betreten hatten, die erste Lokomotive, die den Tag zuvor noch die Brandung des indischen Oceans an die Ufer von Mombas schlagen gesehen, die Gletscher des Kenia mit gellendem Pfiff begrte. Da dieses gewaltige Werk in so kurzer Frist und mit verhltnismig so geringem Arbeitsaufwande vollendet werden konnte, verdankten wir unseren Maschinen, auf deren Rechnung es auch zu stellen ist, da der Kostenaufwand sich innerhalb verhltnismig billiger Grenzen hielt, trotzdem wir unseren Arbeitern -- selbstverstndlich -- Lhne zahlen muten, wie sie wohl noch bei keinem Eisenbahnbaue jemals vorgekommen. Unsere freilndischen Eisenbahnbauer -- sie hatten sich natrlich sofort zu einer Anzahl von Associationen zusammengethan -- bezogen im ersten Baujahre einen Tagesverdienst von je 22 Sh., im dritten einen solchen von 28 Sh. -- und arbeiteten dabei blo je 7 Stunden tglich. Trotzdem kosteten die gesamten 1082 Kilometer, meist ziemlich schwieriger Gebirgsbahn, blo 9 Millionen Pfd. Sterling, d. i. nicht ganz 9000 Pfd. Sterling per Kilometer. Unsere 13000 Arbeiter leisteten eben mit ihren groartigen kraftersparenden Maschinen mehr, als 100000 gewhnliche Arbeiter mit Haue, Krampe und Karren auszurichten vermocht htten: und die Verwendung dieses kolossalen, mehr als 4 Millionen Pfd. Sterling verschlingenden Kapitals war rentabel, gerade weil die Arbeit so hohen Lohn empfing. Da zugleich mit dieser -- zweigeleisigen -- Eisenbahn auch ein Telegraph zwischen Edenthal und Mombas gelegt wurde, ist selbstverstndlich. Whrend aber diese Arbeiten im Zuge waren, und die unaufhaltsam anwachsende Bevlkerung von Freiland in engere Berhrung mit der alten Heimat trat, hatten sich in den Beziehungen zu unseren eingeborenen afrikanischen Nachbarn wichtige Vernderungen vollzogen, teils friedlicher, teils kriegerischer Natur, die von nicht minder bedeutsamem Einflusse auf den Entwickelungsgang unseres Gemeinwesens waren. Zunchst hatten die Massai von Leikipia und aus dem Seengebiete zwischen Naiwascha und Baringo aus eigener Initiative und auf eigene Kosten, wenn auch unter Anleitung von ihnen erbetener freilndischer Ingenieure, eine gute, 380 Kilometer lange Fahrstrae durch ihr ganzes Gebiet vom Naiwaschasee erst nrdlich und dann stlich durch Leikipia bis nach Edenthal gebaut. Sie erklrten, es gehe wider ihre Ehre und ihren Stolz, da sie durch fremdes Gebiet von uns getrennt seien und wenn sie uns oder wir sie besuchen wollten, der einzige praktikable Weg ber das Land der Wakikuja genommen werden msse. So gro war der eiferschtige Wunsch nach unmittelbarem Anschlusse an unser Gebiet, da die Massai, als sie ein Teil der angeworbenen Wataweta-Straenarbeiter irgend einer Mihelligkeit halber whrend der besten Bauzeit pltzlich im Stiche lie, selber zugriffen und abwechselnd in der Zahl von 3000 das Werk mit einer Energie frderten, die Niemand bei diesem noch vor kurzem so arbeitsscheuen Volke fr mglich gehalten htte. Wir beschlossen denn auch, diesen Beweis ungewhnlicher Anhnglichkeit und Tchtigkeit durch einen ebenso hervorragenden Akt der Anerkennung zu belohnen. Als die Massaistrae fertig war und eine aus den ltesten und Fhrern aller Stmme bestehende Massaideputation auf derselben freude- und triumphstrahlend ihren Einzug in Edenthal hielt, wurde dieselbe mit groen Ehren empfangen, und mit Geschenken fr das ganze Massaivolk bedacht, die dem Bauwerte der neuen Strae ungefhr gleichkamen. Die damit bewerkstelligte innigere Verbindung mit den nrdlichen und westlichen Massaistmmen brachte uns bald darauf in Berhrung mit den am Ostufer des Ukerewe-Sees wohnenden Kawirondo. Diese, ein sehr zahlreicher und friedlich von Ackerbau und Viehzucht lebender Volksstamm, grenzten im Norden ihres Gebietes an Uganda, wo in den letzten Jahren mannigfache innere Kmpfe und Umwlzungen vor sich gegangen waren. Unhnlich den anderen Vlkern, die wir bis dahin kennen gelernt und die smtlich in unabhngigen, nur lose verbundenen kleinen Stmmen, meist unter freigewhlten Huptlingen mit geringem Einflusse lebten, waren die Wangwana (der Name fr die Bewohner von Uganda) schon seit Jahrhunderten zu einem greren, despotisch regierten Staate unter einem Kabaka oder Kaiser vereinigt. Ihr Reich, dessen Stammland sich lngs des Nordufers des Ukerewe erstreckt, war von wechselndem Umfange, je nachdem die wilde Eroberungspolitik des jeweiligen Kabaka den umliegenden Vlkerschaften gegenber von grerem oder geringerem Erfolge begleitet war; stets aber blieb Uganda eine Geiel fr alle Nachbarn, die unter den unaufhrlichen Beutezgen, Erpressungen und Grausamkeiten der Wangwana litten. Weite, fruchtbare Landstriche verdeten unter dieser Plage, und als vollends seit einer Reihe von Jahren der Kabaka es verstanden hatte, sich durch Vermittelung arabischer Hndler in den Besitz einiger tausend -- wenn auch recht miserabler -- Gewehre und einiger Geschtze zu setzen, mit welch Letzteren er mangels geeigneter Munition allerdings wenig auszurichten vermochte, wuchs der Schrecken vor dem grausamen Raubstaate in riesigen Dimensionen. Gerade in die Zeit unserer Ankunft am Kenia war eine Epoche vorbergehender Ruhe gefallen, weil die Wangwana, durch innere Streitigkeiten allzusehr beschftigt, ihren Nachbarn geringere Aufmerksamkeit schenken konnten. Nach des letzten Kabaka Tod machten sich dessen zahlreiche Shne die Herrschaft in Kriegen streitig, die, mit bestialischer Wut gefhrt, das Land schrecklich verheerten, bis endlich einer der Prtendenten, der den Namen des durch seine unerhrte Grausamkeit wie durch sein Kriegsglck berhmten groen Ahnen Suna fhrte, sich im Vorjahre durch Verrterei der Mehrzahl seiner Brder entledigte. Von da ab konzentrierte sich die Macht mehr und mehr in dieses Kabaka Hnden und sofort begannen auch die berflle und Brandschatzungen der benachbarten Stmme. Insbesondere richtete sich Sunas Zorn gegen die Kawirondo, weil diese einen seiner Brder, der zu ihnen geflchtet, ihm nicht ausgeliefert, sondern hatten entwischen lassen. Wiederholt waren einige tausend Wangwana in Kawirondo eingefallen, hatten Menschen und Vieh geraubt, die Drfer angezndet, die Bananen umgehauen, die Ernten verwstet und sich dabei unmenschliche Grausamkeit zu schulden kommen lassen. Die Kawirondo wandten sich in ihrer Not an die nrdlichen Massaistmme um Hlfe. Es war die Kunde zu ihnen gedrungen, da wir den Massai Gewehre und Pferde geschenkt htten, und sie baten nun diese, ihnen eine Schar europisch ausgersteter Krieger zur Bewachung ihrer Grenze gegen Uganda zu senden; als Lohn versprachen sie jedem ihnen zu Hlfe ziehenden Massaikrieger neben vollstndiger reichlicher Verpflegung einen Ochsen monatlich, den Reitern zwei. Weniger dieses Lohnes halber, als um ihrer Abenteuerlust zu gengen, sagten die Massai zu. 2500 El-Moran machten sich nach Kawirondo auf und bezogen dort -- es war das im Mrz des vierten Jahres von Freiland, an der Grenze gegen Uganda eine Reihe von Kantonnements. Anfangs ging auch alles vortrefflich; die Wangwanaruber wurden, wo sie sich zeigten, mit blutigen Kpfen heimgeschickt, auch wenn sie mit bedeutender bermacht auftraten und es schien nach einigen Monaten fast, als ob man in Uganda, durch die empfangenen herben Lektionen gewitzigt, Kawirondo knftighin in Frieden zu lassen gedenke, denn es verlautete geraume Zeit nichts mehr von neuen Einfllen. Da pltzlich, wir waren in Freiland eben mit Einbringung der Oktoberernte beschftigt, traf uns die erschtternde Kunde von einer schrecklichen Katastrophe, die ber unsere Massaifreunde in Kawirondo hereingebrochen. Der Kabaka Suna hatte nur Ruhe gehalten, um zu einem greren, vernichtenden Schlage auszuholen. Whrend die bisherigen Einflle nach Kawirondo immer nur mit wenigen tausend Mann versucht worden waren, vereinigte er diesmal 30000 Mann, darunter 5000 Flintentrger, und berfiel mit diesen persnlich die ahnungslosen Kawirondo und Massai. Es gelang ihm, die 900 Mann mit 300 Pferden zhlende Massaibesatzung eines Grenzlagers beinahe im Schlafe zu berfallen und bevor sie sich noch zu ernstem Widerstande zu sammeln vermochte, niederzumetzeln. Dadurch waren die Massai nicht blo um mehr als ein Drittel ihrer Strke reduziert, sondern auerdem in zwei zusammenhanglose Teile getrennt, denn das berfallene Lager lag gerade im Centrum ihres Grenzkordons. Statt nun aber schleunigst den Rckzug anzutreten und bestenfalls erst nach vollzogener Vereinigung ihrer getrennten Streitkrfte die Offensive zu ergreifen, lie sich einer der Massaifhrer, kaum da er 500 Mann zusammengerafft hatte, in der Wut ber den Untergang so vieler seiner Kameraden zu einem tollkhnen Angriffe auf die ungeheuere berzahl der Feinde verleiten, fiel dabei in einen Hinterhalt und wurde, nachdem er seine Patronen nur zu rasch verschossen hatte, mitsamt den Seinen, von denen nur wenige Mann entkamen, nach heldenmtigem Widerstande gleichfalls niedergemetzelt. Nur 1100-1200 Massai vermochte unser nunmehr das Oberkommando bernehmende Freund Mdango auf dem andern Flgel zu vereinen und mit diesen gelang es ihm auch, einen ziemlich geordneten Rckzug ins Innere von Kawirondo anzutreten, wenig verfolgt von Suna, dessen Hauptaugenmerk auf die Bergung der kolossalen Beute gerichtet war. Noch am nmlichen Tage, an welchem uns Massai- und Kawirondo-Eilboten diese Trauerkunde berbrachten, ging unser Ultimatum an Suna ab. Den Massai, die sich erboten hatten, ihre gesamten Krieger gegen Uganda zu senden, lieen wir sagen, 1000 Mann zu den noch in Kawirondo stehenden 1200 seien mehr als genug; diese 2200 Massai stellten wir unter freilndische Offiziere, nahmen aus unserer Mitte 900 Freiwillige, darunter 500 Reiter, dazu 12 Geschtze und 16 Raketen nebst 30 Elefanten, und schon am 24. Oktober brach Johnston, der Fhrer dieses Kriegszuges, unter Benutzung der Massaistrae nach Kawirondo auf. Dort traf er rings um das -- jetzt, wo es zu spt war, sehr vorsichtig verschanzte und bewachte -- Lager der El-Moran ungezhlte Tausende mit Speer und Bogen bewaffneter Kawirondo und Nangi, die er aber allesamt als unntzen Tro heimschickte. Am 10. November berschritt er die Ugandagrenze, sechs Tage spter wurde Suna in einem kurzen Gefecht in der Nhe der Riponflle total auf's Haupt geschlagen, sein 110000 Mann zhlendes Heer in alle Winde zerstreut und er selbst nebst einigen tausend Mann seiner von Kstenarabern gefhrten, mit Flinten bewaffneten Leibgarde gefangen genommen. Schon am zweiten Tage nach der Schlacht besetzten die Unseren Rubaga, die Hauptstadt von Uganda. Dort stellten sich in rascher Folge die smtlichen Huptlinge des Landes ein, bedingungslose Unterwerfung gelobend und bereit, jede ihnen auferlegte Forderung zu erfllen. Johnston aber bot ihnen an, sie in den groen Bund all der bisher mit uns in Berhrung getretenen eingeborenen Vlker aufzunehmen, worauf die Wangwana selbstverstndlich mit grter Freude eingingen. Die ihnen auferlegten Bedingungen waren: Freigebung aller Sklaven, friedliche Aufnahme freilndischer Kolonisten und Instruktoren und Ersatz alles den Kawirondo und Massai zugefgten Schadens. In letzterer Beziehung war brigens das Wangwanavolk gar nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn die unermelichen Rinderherden ihres Kabaka, die uns als gute Beute in die Hnde gefallen waren, gengten reichlich zu vollem Ersatz des in Kawirondo gemachten Raubes und als Bue fr die getteten Kawirondo- und Massaikrieger. Suna selber wurde als Gefangener abgefhrt und am Naiwaschasee interniert. Der fernere Verlauf der Ereignisse war dann ein friedlicher, nur von einem vereinzelten Emprungsversuche im Lande verbliebener Araber unterbrochener, welchen Versuch aber die Wangwana selber energisch und prompt unterdrckten, ohne da unsere Intervention notwendig gewesen wre. Allerdings trug eine gute Heerstrae, welche die Kawirondo und Nangi vom Ukerewe bis zum Anschlusse an die Massaistrae am Baringosee ausbauten, und eine an der Grenze zwischen Kawirondo und Uganda angesiedelte Massaikolonie von 3000 El-Moran einigermaen dazu bei, die Wangwana in gehrigem Respekt zu erhalten. Doch gengte der Hauptsache nach seit der Schlacht an den Riponfllen der bloe Klang unseres Namens, uns auch in diesem Teile des quatorialen Innerafrika Ruhe und Frieden zu gewhrleisten. Rings um den Ukerewe, dessen Ufer seit unvordenklicher Zeit der Schauplatz grimmigen, erbarmungslosen Krieges Aller gegen Alle gewesen, stellten sich allmhlich Gesittung und Menschlichkeit ein, und verhltnismig rasch entwickelte sich in deren Gefolge, selbst unter den bis dahin wildesten der umwohnenden Stmme, nicht unerheblicher Wohlstand. Der Ukerewe ist, auch abgesehen von seiner Gre, unter den Riesenseen des centralen Afrika der bedeutsamste. Sein Spiegel deckt eine Flche von circa 50000 Quadratkilometern, er ist also, auer dem Kaspisee, dem Aralsee und der groen nordamerikanischen Seegruppe, das grte Binnenwasser der Erde. Diese ganze das Knigreich Bayern an Umfang bertreffende Wassermasse, deren Tiefe in gutem Verhltnisse zu ihrer Flchenausdehnung steht, denn das Senkblei erreicht stellenweise erst bei 480 Metern den Grund, befindet sich in einer Hhe von 1350 Metern ber dem Meeresniveau, d. i. 200 Meter ber dem Gipfel des Brocken, des hchsten der Berge Mitteldeutschlands. Umrahmt aber wird dieser Hochsee meist von Gebirgszgen, die sich noch 500-1500 Meter ber seinen Spiegel erheben, so da das Klima seiner -- ausnahmslos gesunden, von Smpfen freien -- Uferlandschaften berall gemildert, stellenweise geradezu arkadisch ist. Und dieser gewaltige, malerische, an vielen Stellen hochromantische See ist das Quellenbassin des heiligen Nil, der, ihn am uersten Nordende ber die Riponflle verlassend, von hier aus dem 450 Meter tiefer gelegenen Albert Njanza zustrmt und von dort aus als weier Nil seinen Lauf fortsetzt. Schon zwei Monate nachdem wir uns in Kawirondo und Uganda festgesetzt, durchfurchte ein Schraubendampfer von 500 Tonnen die meeresgleichen Wogen des Ukerewe und vor Schlu des nchsten Jahres bestand unsere Seeflotille aus 5 Schiffen. Dieselben wurden berall an der Kste freundlich aufgenommen und der von ihnen entfachte lebhafte Handel erwies sich als eines der krftigsten Befrderungsmittel rasch zunehmender Civilisation. Die Fruchtbarkeit der Uferlandschaften dieses herrlichen Sees ist geradezu grenzenlos; wenige hundert Quadratmeter gut bewsserten Bodens gengen, um alle Bedrfnisse einer noch so zahlreichen Familie zu decken, und als wir die Eingebornen erst einmal mit brauchbaren Gerten der Bodenkultur bekannt und vertraut gemacht hatten, war der berall erzeugte berflu der erlesensten Garten- und Feldfrchte beispiellos. Merkwrdigerweise blieb das Wachstum der Bedrfnisse, insbesondere unter den am Westufer des Sees wohnenden Volksstmmen, lange Zeit hinter der Verbesserung der Produktionsmittel erheblich zurck. Diese einfachen Vlkchen erzeugten beinahe ohne Arbeitsaufwand, oft aus bloer Neugierde nach der Wirksamkeit der zu ihnen gebrachten verbesserten Werkzeuge, wesentlich mehr als sie gebrauchten und da sie den Begriff des Grundeigentums nicht kannten, der unverwendbare berflu also bei ihnen nicht wie sonst unfraglich geschehen wre, Massenelend erzeugen konnte, so wurde hier Jahre hindurch das Mrchen vom Schlaraffenlande zur Wahrheit. Der Eigentumsbegriff verlor beinahe seinen ganzen Inhalt, Lebensmittel wurden wertlos, jedermann konnte sich davon nehmen so viel er mochte; durchreisende Fremde fanden berall gedeckten Tisch, kurzum, das goldene Zeitalter schien seinen Einzug am Ukerewe halten zu wollen. Indessen erwies sich diese gnzliche Bedrfnislosigkeit ebenso auch als Hindernis vermehrten Fortschritts und wir gaben uns daher -- wenn auch nicht ganz ohne Bedauern -- ernstliche Mhe, diesen paradiesischen Zustand insofern zu stren, als wir den Leutchen Geschmack an vermehrten Bedrfnissen beizubringen suchten, was langsam zwar, aber schlielich doch gelang. Erst zugleich mit diesen schlugen dann hhere Gesittung und geistige Kultur in jenem Erdenwinkel tiefere Wurzeln. 12. Kapitel. Eine der Hauptaufgaben der freilndischen Verwaltung, zu deren Durchfhrung in der Regel die Ministerien fr Kunst und Wissenschaft und fr ffentliche Arbeiten einander die Hnde reichten, war die grndliche Erforschung unserer neuen Heimat und zwar zunchst des engeren Keniagebietes, dann aber weiter ausgreifend auch aller benachbarten Landschaften, mit denen wir successive in stets engere Berhrung traten. Das oro- und hydrographische System des ganzen Landes wurde festgestellt, Bodenbeschaffenheit und Klima genau untersucht und dabei sowohl der hhere wissenschaftliche, als der prosaische Ntzlichkeitsstandpunkt gleichmig vor Augen gehalten. Ersteren anlangend kam zunchst eine genaue, wenn auch noch nicht alle Details umfassende Terrainkarte des ganzen Massai- und Kikujalandes zu stande; alle hervorragenden Berghhen wurden genau vermessen und -- der Keniagipfel nicht ausgenommen -- erstiegen. Der Ausblick vom Kenia ist groartig ber alle Maen, bietet aber -- abgesehen vom Kenia und seinem Gletscher selber -- wenig Abwechslung. Rings im Umkreise, so weit der Blick reichen mag, dehnt sich fruchtbarstes, ppigstes Land, durchzogen von zahllosen Flulufen, die jedoch nirgend, mit Ausnahme einer etwa 5000 Quadratkilometer groen Bodenmulde im Nordwesten, zur Versumpfung des Bodens fhren. Der hervorstechende Charakter des ganzen Gebietes ist der eines in zahlreichen Terrassen abfallenden, von migen Bergrcken durchbrochenen Tafellandes. Erst von der obersten Terrasse ab beginnen die eigentlichen Vorberge des Kenia, die rings um das aus einem Gusse steil und unvermittelt aufsteigende eigentliche Keniamassiv einen Gebirgsgrtel von verschiedener Breiten- und Hhenentwickelung schlieen. Dieses Massiv trgt in einer Hhe von 5000 bis 5500 Metern eine Reihe riesiger Gletscherfelder, aus deren Mitte dann steil der Gipfel des Berges emporsteigt, in einiger Entfernung flankiert von einem noch steileren, kleinen Horne. Durchaus verschiedenen Charakter zeigt die zweitwichtigste der zum Gebiete von Freiland gehrigen Gebirgsbildungen, nmlich die 70 Kilometer westlich vom Kenia in einer Lngenausdehnung von reichlich 100 Kilometern und in einer Breite von durchschnittlich 20 Kilometern von Norden nach Sden streichende Aberdarebergkette. Die hchsten Gipfel dieses Gebirgszuges erreichen 4500 Meter Seehhe, und whrend der Kenia berall das Geprge des Groartigen zeigt, ist bestrickende Lieblichkeit der hervorstechende Charakterzug der Aberdarelandschaften. Zwar fehlt es auch hier nicht an Bergkolossen von berwltigendem Eindrucke, aber das Charakteristische sind die in reizvollster Abwechslung sich aneinanderschlieenden romantischen, sanftgeschwungenen Berge und weiten Thler, teils von ppigen, aber durchschnittlich nicht allzu dichten Wldern, teils von smaragdenen, blumigen Wiesen bestanden, berall besplt von zahllosen kristallklaren Bchen und Flssen, Seen und Teichen. Einem einzigen, herrlichen Parke gleicht dieses 2000 Quadratkilometer bedeckende Gebirgsland, von dessen Hhen aus gen Osten berall das berwltigende Schneemeer des Kenia, gen Westen die Smaragd- und Saphirflchen der groen Massaiseen -- Naiwascha, Elmeteita und Nakuro -- sichtbar sind. Und diese wunderliebliche Landschaft, die in sich alle Reize der Schweiz und Indiens vereinigt, birgt zugleich im Schoe ihrer Berge berschwengliche mineralische Schtze. Hier und nicht am Kenia, das hatten unsere Geologen bald festgestellt, war der zuknftige Sitz der freilndischen Industrie, insbesondere der metallurgischen. Kohlenlager, die an Mchtigkeit und Gte den besten englischen mindestens ebenbrtig sind, Magneteisenstein mit einem Eisengehalte von 50 bis 70 Prozent, Kupfer, Blei, Wismut, Antimon, Schwefel in reichen Gngen, an der Westabdachung, gerade oberhalb des Salzsees von Nakuro, ein groes Steinsalzlager, und noch eine Menge anderer Schtze wurden in rascher Reihenfolge entdeckt und die bestgelegenen sofort in Ausbeutung genommen. Insbesondere die neuerffneten Kupferminen fanden unmittelbar bei Anlage des Telegraphen an die Kste umfassende Verwendung, die jedoch an Ausdehnung von derjenigen zu Zwecken elektrischer Kraftleitungen alsbald bertroffen wurde. Denn am Kenia hatte sich inzwischen mancherlei verndert. Die Bevlkerung von Freiland war, da der Zuzug unaufhaltsam sich steigerte, schon gegen Schlu des vierten Jahres auf 780000 Seelen gestiegen. Ein groer Teil des Edenthals war zu einer einzigen, 102 Quadratkilometer bedeckenden und 58000 Wohnhuser zhlenden Villenstadt geworden, deren 270000 Einwohner dem Gartenbau, industriellen Gewerben oder geistiger Beschftigung oblagen. Aber auch die auf 140000 Seelen angewachsene Bevlkerung des Danaplateaus betrieb neben der Kultur des dort noch verfgbaren Ackerlandes zum weitaus berwiegenden Teil gleichfalls verschiedenartige Industrieen, whrend die Landwirtschaft der Hauptsache nach hinabgerckt war in die jenseits der umgrenzenden Waldzone um 200 Meter tiefer gelegene Hochebene, die -- mit mannigfaltigen Unterbrechungen allerdings -- rings um den ganzen Gebirgsstock sich erstreckend, auf ihrem 8000 Quadratkilometer umfassenden fruchtbaren Boden bis auf weiteres gengenden Raum zur Ausdehnung bot. Hier wurden zunchst 96000 Hektaren (960 Quadratkilometer) unter den Pflug genommen, nachdem sie zuvor -- gleich allem Kulturboden in ganz Freiland -- durch einen tchtigen Balkenzaun gegen die Besuche lstigen Wildes geschtzt worden waren. Kleineres Wild, welches durch Einhegung von den Saaten nicht fernzuhalten war, hielten die Hunde in Respekt, die, in groer Menge gezchtet, darauf dressiert waren, diese Feldeinzunungen und ebenso die Hrden des Viehs fleiig zu umkreisen. Dieser Schutz erwies sich gegen alles den Saaten nachstellende Getier als vollkommen ausreichend, die Affen etwa ausgenommen, unter die zeitweise geschossen werden mute, wenn sie sich auf ihren nchtlichen Raubzgen durch noch so wtendes Geklffe der vierbeinigen Wchter nicht vollstndig verscheuchen lieen. Zum Betriebe der in dieser Landwirtschaft in Gebrauch stehenden Maschinen wurde zwar vorlufig noch Dampfkraft verwendet; es war aber die Herstellung einer groartigen elektrischen Kraftanlage im Werke, die knftighin die Dampfmotoren berflssig machen sollte. Die Triebkraft fr die elektrischen Dynamos lieferte der Danaflu, der, verstrkt durch zwei mchtige Gebirgsbche, die sich unterhalb des groen Wasserfalls mit ihm vereinen, am unteren Ende des Tafellandes, welches wir seiner Bestimmung entsprechend, Kornland genannt hatten, in einer Reihe gewaltiger Stromschnellen und Katarakte dem Tieflande zueilt. Und zwar wurde zu Zwecken der Betriebe von Kornland nicht etwa der groe Wasserfall von 90 Meter Fallhhe am Ausgange des Danaplateaus benutzt, sondern eben jene Stromschnellen und kleineren, aber zahlreichen Katarakte, von denen soeben die Rede gewesen. Diese ergeben insgesamt eine Fallhhe von 265 Metern, und da der Flu hier bereits gewaltige Wassermassen fhrt, so war durch entsprechende Kombination von Turbinen und elektrischen Kraftmaschinen ein Gesamteffekt von 5 bis 600000 Pferdekrften zu erzielen, weit mehr, als zur Bewirtschaftung des gesamten Bodens von Kornland selbst bei intensivster Kultur erforderlich sein konnte. Die fr das nchste Jahr veranschlagten Kraftanlagen waren auf 40,000 indizierte Pferdekrfte berechnet. Gut isolierte, starke Kupferstrnge sollten die von 20 riesigen Turbinen auf 200 Dynamomaschinen erzeugten elektrischen Strme in die Wirtschaftsgebude und ber den zu bewirtschaftenden Boden leiten, wo die in diesen Strmen abgelagerte Kraft alle landwirtschaftlichen Arbeiten -- vom Pflgen angefangen bis zum Dreschen, Reinigen und Transportieren des Getreides -- zu vollbringen hatte. Denn auch ein Netz elektrischer Bahnen gehrte mit zum Systeme dieser landwirtschaftlichen Anlage. Der groe Danakatarakt aber mit seiner, auf 124000 indizierte Pferdekrfte berechneten Wasserkraft diente zunchst elektrischen Beleuchtungszwecken in Edenthal und in den am Danaplateau gelegenen Stdten. Einstweilen gengten zu ffentlichen Beleuchtungszwecken 5000, auf 35 Meter hohen Masten angebrachte Kontaktlampen von je 2000 Kerzen Lichtstrke, die insgesamt 12000 Pferdekrfte erforderten; zur Beleuchtung der Wohnhuser und einzelner, auch bei Nacht in Betrieb stehender Fabriketablissements standen 420000 Glhlampen in Verwendung, die 40000 Pferdekrfte beanspruchten, so da insgesamt 52000 Pferdekrfte von den elektrischen Kraftmaschinen am groen Katarakte erzeugt werden muten, die jedoch tagsber auch zum Betriebe eines Eisenbahnnetzes von insgesamt 340 Kilometer Ausdehnung Verwendung fanden, welches die Hauptverkehrsadern und belebteren Straenzge im Danaplateau und in Edenthal durchzog. Blo abends und nachts, wenn die Beleuchtung funktionierte, mute der Eisenbahnbetrieb aus besonderen, einige tausend Pferdekraft abgebenden Dynamos gespeist werden. Im ganzen waren solcherart nahezu zwei Fnfteile der verfgbaren Gesamtkraft bis zum Schlusse des fnften Jahres von Freiland zur Ausnutzung gelangt; die noch erbrigenden drei Fnfteile blieben vorlufig noch unverwendet und bildeten die Reserve fr zuknftige Verwendungsarten der gleichen Kraftquelle. Ebenfalls in das vierte und fnfte Jahr Freilands fiel der Ausbau eines Kanalnetzes und mehrerer Wasserleitungen, fr Edenthal sowohl als fr das Danaplateau. Ersteres diente blo zur Abfuhr der Meteorwsser in den Dana, whrend das Splwasser und der Unrat durch ein System pneumatischer Aufsaugung vermittelst mchtiger Saugwerke in gueisernen Rhren abgeleitet, dann desinfiziert und als Dnger verwertet wurden. Die Wasserleitungen wurden unter Benutzung der besten Hochgebirgsquellen mit einer Leistungsfhigkeit von vorlufig 1 Million Hektoliter tglich angelegt und sowohl zur Speisung zahlreicher ffentlicher Brunnen, als auch zur Einleitung in smtliche Privathuser benutzt. Durch Einbeziehung neuer Quellen war die Ergiebigkeit dieser Leitung in kurzer Frist zu verdoppeln und zu verdreifachen. Gleichzeitig waren alle Straen makadamisiert worden, so da nach jeder Richtung fr die Reinlichkeit und Gesundheit der jungen Stdte bestens vorgesorgt war. Die Unterrichtsverwaltung hatte inzwischen nicht minder gewaltige Anstrengungen gemacht. Es hatte sich eine dahingehende ffentliche Meinung entwickelt, da die Jugend von Freiland ohne Unterschied des Geschlechts und spteren Berufs einen Unterricht zu genieen habe, der mit Ausnahme der lateinischen und griechischen Sprachstudien demjenigen ungefhr entsprechen solle, der beispielsweise in den sechs ersten Gymnasialklassen Deutschlands erteilt wird. Zu diesem Behufe sollten Knaben wie Mdchen vom 6. bis 16. Jahre die Schule besuchen, wo sie nach Erledigung der Elementarkenntnisse in Sprachlehre, Litteraturgeschichte, Geschichte, Kulturgeschichte, Physik, Naturgeschichte, Geometrie und Algebra unterwiesen wurden. Nicht minderes Gewicht als auf die geistige und moralische wurde auf die krperliche Ausbildung gelegt, ja es war Grundsatz in Freiland, da letztere vorauszugehen habe, indem ein gesunder harmonisch entwickelter Krper die Voraussetzung eines gesunden, harmonisch entwickelten Geistes sei. Und auch bei der geistigen Ausbildung wurde weniger auf die Ansammlung von Kenntnissen, als auf die Anregung des jungen Geistes zu selbstndigem Denken gesehen, daher nichts ngstlicher und sorgfltiger gemieden ward, als berbrdung mit geistiger Arbeit. Kein Kind sollte -- die huslichen Repetitionen mit eingerechnet -- lnger als hchstens 6 Stunden tglich geistig beschftigt sein; die Unterrichtsstunden fr alle geistigen Lehrfcher waren daher auf 3 Stunden tglich beschrnkt, whrend 2 andere Schulstunden tglich krperlichen bungen -- dem Turnen, Laufen, Tanzen, Schwimmen, Reiten, bei Knaben auerdem dem Fechten, Ringen und Schieen -- gewidmet wurden. Ein fernerer Grundsatz des freilndischen Unterrichtswesens war, da auch die Kinder so wenig wie die Erwachsenen zur Thtigkeit gezwungen werden sollten; einer zielbewuten, konsequenten und in ihren Mitteln nicht beschrnkten Pdagogik -- so meinten wir -- knne es unmglich schwer fallen, das lenkbare Kindergemt zu freiwilliger und freudiger Erfllung vernnftig bemessener Pflichten zu bringen. Und auch darin gab uns die Erfahrung Recht. Unsere Unterrichtsleitung mute es sich zwar in hohem Grade angelegen sein lassen, den Unterricht anregend zu gestalten; nachdem ihr dies aber einmal gelungen war, lernten unsere Jungen und Mdchen in der halben Zeit doppelt so viel und grndlich, als ihre physisch und geistig mihandelten europischen Altersgenossen. Der Unterricht wurde -- abermals aus Rcksichten der Gesundheit -- so weit nur immer mglich im Freien erteilt. Die Schulhuser waren daher smtlich entweder inmitten groer Grten oder am Waldessaum errichtet, und die naturwissenschaftlichen Disziplinen wurden regelmig, andere hufig, mit Ausflgen in die Umgebung in Verbindung gebracht. Dafr bot aber auch unsere Schuljugend ein anderes Bild, als wir es in der alten Heimat und insbesondere in deren Grostdten zu sehen gewohnt waren. Rosige, von Gesundheit, Kraft und Lebensfreude strotzende Gesichter und Gestalten, Selbstvertrauen und sichere Intelligenz aus jeder Miene, aus jeder Geberde hervorleuchtend -- so traten unsere Kinder in den Ernst des Lebens ein. Natrlich erforderte eine derartige Organisation des Unterrichts ein sehr zahlreiches und tchtiges Lehrpersonal. In der That kam in Freiland durchschnittlich schon auf je 15 Schulkinder je eine Lehrkraft, und um die Auswahl unter den besten Intelligenzen des Landes zu haben, muten hohe Gehalte gezahlt werden. Fr die vier ersten Klassen -- in denen berwiegend Mdchen oder junge Witwen unterrichteten -- betrug der Jahresgehalt zwischen 1400 bis 1800, fr die sechs anderen Klassen -- in denen hinwieder die mnnlichen Lehrkrfte berwogen -- 1800 bis 2400 Stundenquivalente; im fnften Jahre der Grndung waren das, in Geld umgerechnet, Gehalte zwischen 350 und 600 Pfd. Sterling. Aber auch mit seinem sehr umfangreichen Bedarfe an hheren Intelligenzen wollte Freiland auf eigenen Fen stehen. Es wurde daher schon im dritten Jahre eine Hochschule errichtet, an welcher smtliche Wissenszweige, die in Europa an Universitten, Akademien und technischen Lehranstalten gelehrt werden, gesammelt vertreten waren. Alle Lehrfcher waren mit einer Freigebigkeit ausgestattet, von welcher man auerhalb Freilands kaum eine Vorstellung besitzt. Unsere Sternwarte, unsere Laboratorien und Sammlungen verfgten ber geradezu unbegrenzte Mittel und kein Gehalt war zu hoch, um eine glnzende Lehrkraft heranzuziehen und festzuhalten. Das nmliche gilt von den technischen und nicht minder von den landwirtschaftlichen und merkantilistischen Lehrkanzeln und Lehrmitteln unserer Hochschule. Der Unterricht an dieser war in allen Fchern durchaus frei und, gleich demjenigen in den unteren Schulen, unentgeltlich. Im fnften Jahre der Grndung Freilands besuchten 7500 Hrer die Hochschule; die Zahl ihrer Lehrkanzeln war 215, ihr Jahresbudget hatte die Hhe von 2 Millionen Pfd. Sterling erreicht und war andauernd in rapidem Wachstum begriffen. Die Mittel zu all diesen gewaltigen Ausgaben lieferte berreichlich die vom Gesamteinkommen aller Produzenten erhobene prozentuelle Abgabe, denn dieses Gesamteinkommen wuchs unter dem verdoppelten Einflusse der Bevlkerungszunahme und der steigenden Arbeitsergiebigkeit in riesigem Mae. Als die Eisenbahn zur Kste fertig war und ihre Wirkung sich fhlbar zu machen begann, stieg der Wert des durchschnittlichen Ertrags einer Arbeitsstunde rasch auf 6 Sh., und da um diese Zeit -- zu Ende des fnften Jahres von Freiland -- 280000 Arbeiter im Tagesdurchschnitt whrend 6 Stunden, d. i. 1800 Stunden im Jahre produktiv beschftigt waren, so bezifferte sich in jenem Jahre der Gesamtwert des Arbeitsertrages von Freiland auf 280000 1800 6 Sh., d. i. auf rund 150 Millionen Pfd. Sterling. Davon reservierte sich nun das Gemeinwesen eine Abgabe in der Hhe von 35 Prozent, d. i. in runder Summe 52 Millionen Pfd. Sterling und dieses war die Quelle, aus welcher nach Abzug der zur Deckung der Versorgungsansprche erforderlichen, allerdings die grere Hlfte beanspruchenden Betrge, die als wnschenswert erkannten Ausgaben bestritten wurden. Ja, das Wachstum der Einnahmen war ein so gesichertes und hatte so bedeutenden Umfang erreicht, da die Verwaltung von Freiland sich am Ende dieses fnften Jahres entschlo, den Vertretungskrpern, die zu diesem Behufe zu einer gemeinsamen Sitzung einberufen wurden, zwei Maregeln von entscheidender Bedeutung vorzuschlagen: erstlich, die den Associationen einzurumenden Kredite hinfort von der Zustimmung der Zentralbehrde unabhngig zu machen; und zum zweiten die smtlichen, bis dahin von neueintretenden Mitgliedern freiwillig gezahlten Beitrge zurckzuerstatten und knftighin derlei Beitrge nicht mehr entgegenzunehmen. Aus den im 8. Kapitel dargelegten Grnden waren bisher Umfang und Reihenfolge der Produktivkredite von der Entscheidung der Zentralverwaltung abhngig gewesen; jetzt, da die Ausrstung mit kapitalistischen Arbeitsbehelfen und damit die Leistungsfhigkeit des Gemeinwesens eine gengend hohe Stufe erreicht hatte, wurde auch diese Schranke des freien Selbstbestimmungsrechtes fr unntig erachtet; die Associationen mochten fordern, was ihnen ntzlich dnkte, die Kapitalkraft des Landes schien auch den umfangreichsten, irgend zu erwartenden Kreditansprchen gewachsen. Und in der That erwies sich diese Zuversicht als wohlbegrndet. In den diesem Beschlusse unmittelbar folgenden Jahren ereignete es sich zwar zu zwei verschiedenen Malen, da infolge unvermittelt eintretender groartiger Kapitalbedrfnisse der zur Deckung derselben bestimmte Teil der ffentlichen Abgaben um einige Prozente ber das normale Ma gesteigert werden mute; das wurde jedoch angesichts des stetigen Wachstums aller Produktionsertrge ohne die geringste Beschwerde ertragen und spterhin gengten die vom Gemeinwesen angelegten Reserven, um selbst dieses Element der Schwankung aus dem Verhltnisse zwischen Kapitalbedarf und ffentlichem Einkommen zu beseitigen. Dagegen gab dieser Beschlu den Ansto zu einem ganz merkwrdigen Versuche, die damit eingerumte vollkommene Freiheit der Kreditgewhrung zu einer groartigen gegen das Gemeinwesen gerichteten Schwindelei zu mibrauchen. In Amerika hatte sich ein Konsortium unternehmender Geschftsleute gebildet, eigens zu dem Zwecke, die Vertrauensseligkeit von uns dummen Freilndern gehrig auszubeuten, und zwar in der Weise, da unserer Zentralbank unter der Maske einer zu solchem Behufe zu grndenden beliebigen Association, eine mglichst groe Summe entlockt werden sollte. 46 der geriebensten und skrupellosesten Yankees vereinigten sich zu diesem Feldzuge gegen unsere Taschen; wie sie es anstellten und was sie dabei erreichten, entnehmen wir am einfachsten der nachtrglich zum Besten gegebenen Erzhlung ihres damaligen Anfhrers, gegenwrtig ehrsamen Werkmeisters in der groen Salzsiederei am Nakuro-See: Wir waren also in Edenthal angelangt und beschlossen frs erste, das Terrain genau zu sondieren, ehe wir an die Ausfhrung unseres Geschftes schritten. Dabei bemerkten wir sofort zu unserer groen Genugthuung, da Mitrauen der Freilnder uns wenig zu schaffen machen werde. Das Gasthaus, in welchem wir abgestiegen, gab Alles auf Kredit, ohne da man uns auch nur fragte, wer wir seien. Als ich dem Wirt gegenber in vterlichem Tone bemerkte, solch unterschiedsloser Pump fr jeden Hergelaufenen sei doch groer Leichtsinn, lachte mir der Wirt, will sagen der Direktor der Edenthaler Hotel-Association, ins Gesicht und meinte zuversichtlich, hier brenne Niemand durch, wer da sei, denke nicht daran, Freiland wieder zu verlassen. Schon gut, dachte ich mir; fragte aber weiter, was die Hotel-Gesellschaft mache, wenn ein Gast nicht zahlen _knne_? Unsinn, sagte der Direktor, hier kann jeder zahlen, sowie er zu arbeiten anfngt. Und wenn er nicht arbeiten kann? Dann erhlt er Untersttzung vom Gemeinwesen. Und wenn er nicht arbeiten will? Da klopfte mir der Mann lchelnd auf die Schulter und meinte: Nichtwollen hlt bei uns nicht lange vor, verlat Euch darauf. brigens, wenn Einer durchaus mit gesunden Gliedern faullenzen will -- Bett und gedeckten Tisch findet er bei uns trotzdem allezeit. Macht Euch also wegen Berichtigung der Zeche in keinem Fall Sorge; Ihr werdet zahlen wann Ihr knnt und wollt. Machte auf uns einen ganz curiosen Eindruck, dieser Direktor; wir sagten aber nichts, sondern beschlossen, den Freilndern weiter auf den Zahn zu fhlen. Wir kamen in die groe Warenhalle und versuchten Kleider, Wsche u. dgl. auf Borg zu nehmen. Es ging vortrefflich. Die Verkufer -- es waren, wie sich herausstellte, Kommis der Anstalt -- verlangten zwar eine Zahlungsanweisung an die Centralbank, als wir jedoch entgegneten, da wir dort noch kein Konto besen, meinten sie, das thte auch nichts; sie begngten sich einstweilen mit schriftlicher Besttigung der Kaufsumme, welche die Bank ihnen seinerzeit, wenn wir unser Konto htten, schon gutschreiben werde. So ging's berall. Mackay oder Gould kann in New-York nicht bereitwilliger Kredit finden, als wir in Edenthal fanden. Nach einigen Tagen schon schritten wir an unsere Grndung. Mitrauen war, wie gesagt, frs erste nicht zu besorgen, unangenehm blieb aber trotzdem, da die freilndischen Einrichtungen die ffentlichkeit aller auf Geschfte bezglichen Akte, Daten und Umstnde verlangen. Wir wuten zwar, da von Polizei oder Gerichten nichts zu befrchten sei; was aber wollten wir thun, wenn das freilndische Publikum der vorgeschtzten Grndung Geschmack abgewinnt und unserer Association beizutreten wnscht? Wir konnten natrlich Kompagnons nicht brauchen, sondern muten hbsch unter uns bleiben, sonst war unser ganzer Plan ins Wasser gefallen. Wir forschten berall, ob es kein Mittel gbe, die Zahl der Teilnehmer zu begrenzen, hatten ber diesen Gegenstand eingehende Besprechungen mit gutunterrichteten Freilndern, beklagten uns ber das himmelschreiende Unrecht, da wir gezwungen sein sollten, den Nutzen der ausgezeichneten Idee, die wir gefat, hier mit aller Welt zu teilen, unsere Geschftsgeheimnisse preiszugeben u. s. w.; es half aber alles nichts. Die Freilnder blieben in diesem Punkte verstockt und meinten, Niemand zwinge uns, unsere Geheimnisse preiszugeben, wenn wir selbe aus eigenen Krften fruktifizieren wollten; wenn wir aber hierzu freilndischen Boden und freilndisches Kapital brauchten, so msse selbstverstndlich ganz Freiland wissen, worum es sich handelt. Und wenn unser Geschft nur eine kleine Anzahl von Arbeitern brauchen kann, wenn z. B. die Ware, die wir fabrizieren wollen, zwar groen Gewinn abwirft, aber doch nur beschrnkten Absatz hat, mssen wir auch dann alle Welt beitreten lassen? In diesem Fall -- so war die Antwort -- werden freilndische Arbeiter nicht so dumm sein, sich Euch massenhaft aufzudrngen. Schn! rief ich mit verbissenem Zorn, wenn aber doch mehr beitreten, als wir gerade brauchen knnen? Doch auch darauf wuten die Leute eine Antwort; dann, so meinten sie, wrden die zuviel Beigetretenen eben nachtrglich austreten, oder wenn sie partout dabei blieben, so mten wir alle die Arbeitszeit etwas einschrnken, etwa einen Turnus einfhren, oder dergleichen; an Gelegenheit, unsere dadurch frei werdende Zeit ntzlich anderweitig zu verwerten, fehle es in Freiland nirgend. Was lie sich da machen? Wir muten unser Plnchen so einkleiden, da den freilndischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schlielich einigten wir uns dahin, eine Nhnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen Geschftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung, vorlufig auer zwei Dummkpfen, welche die Nhnadelfabrikation aus irgend einem Grunde fr ein gutes Geschft halten mochten, und mit denen fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des Grndungskapitals, will sagen um die Hhe des bei der Centralbank zu fordernden Kredits. Natrlich htten wir am liebsten gleich eine Million Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben muten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nhnadelfabrik fr 48 Arbeiter doch unmglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschrnkten uns also notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen erregte, von uns aber damit motiviert wurde, da die neuartigen Maschinen, die wir anzuwenden gedchten, sehr teuer wren. Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling oder doch der grte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden? Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der ersten Edenthaler Nhnadel-Fabriks-Association gewhlt und als solcher begab ich mich anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto erffnen zu lassen und gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer versicherte mir zwar auf Befragen, da alle von mir angewiesenen Auszahlungen ohne weiteres durchgefhrt werden sollten, als ich aber daraufhin um ein kleines Akonto von einigen tausend Pfunden bat, fragte er mich verwundert, was es damit solle. Je nun, wir mssen doch gewisse kleine Zahlungen leisten. -- Unntig, war die Antwort, alle Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen. -- Ja, aber wovon soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nhnadelfabrik zu arbeiten anfngt, leben? fragte ich gereizt. Nun, von Ihrer Arbeit bei anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen -- wir aber, die Centralbank -- geben blo Produktivkredite; was Sie verzehren, knnen wir Ihnen nicht vorstrecken. Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und fingen an zu begreifen, da derselbe doch nicht so leicht davonzutragen sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unntze Dinge auszugeben? Das rgerlichste war, da wir ehrlich zu arbeiten beginnen muten, wollten wir das allgemeine Mitrauen nicht doch schlielich gegen uns erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei. berwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mgliche Methode des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermittelt zwar alle Kufe und Verkufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den Kufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend erscheinenden Gter. Wir hatten also das Recht, fr unsere Nhnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen Fabrikanten zu bestellen, fr welche dann die Centralbank Zahlung leisten wrde. Wir muten also blo mit einer geeigneten europischen oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schlielich doch eine recht ansehnliche Beute wegtragen zu knnen. Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie grenzenlos dumm es wre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel, das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst wenn es mglich gewesen wre, fr jeden Einzelnen von uns ein Vermgen herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu verlassen. Die Rechnung stand fr alle Flle zu ungleich. Ich war in ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben lie, wie mit dem Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen Weise, gleichsam blo, um mir die Langeweile zu krzen, fortarbeitete, mute sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier schlimmstenfalls ein Leben fhren, wie da drauen im Besitze einer Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annhernd so viel zu stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch! Ich wre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anstndigen Menschen hat etwas Lockendes selbst fr Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann -- es kam mir damals komisch vor -- begann ich mich meines Gaunertums zu schmen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da drauen, wo _Jeder_ dem Nebenmanne das Fell ber die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen befinden sie sich da drauen Alle; da ich ohne Jagdkarte zu jagen mir erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mute sich jeder Gauner selber gestehen, da er schlechter sei, als die Anderen alle, und zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt htte, der da drauen die Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt! aber auch davon keine Spur! Nicht einmal verfolgt htten uns die Freilnder, wenn wir uns mit der erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht htten; sie htten uns laufen lassen wie rudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, da ich meine Wrde als ihr Anfhrer niederlege, mich berhaupt von der Kompagnie lossage und es hier mit anstndiger Arbeit versuchen wolle. Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt htte. Zwar mit der Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben wollten sie Alle. Ein besonders zher Kerl warf zwar die Frage auf, ob es, da wir doch einmal so hbsch beisammen seien, wie spter wohl nicht wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wre, ein paar Tausend Pfund herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder fr die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses Nachzglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht blo hier bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen Schelme, die wenige Wochen frher ehrlich und dumm als gleichbedeutende Worte zu gebrauchen pflegten. So kam's, da das feine Plnchen, an welchem die smartesten fellows von Neu-England ihren Witz erschpft hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin, so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anla gegeben. Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag -- die Rckzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten greren oder geringeren Beitrge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, da die Beitrge nicht rckzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der Billigkeit entsprechend, da nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe fr die Zukunft sowohl als fr die Vergangenheit verzichtet werde. Die gromtigen Spender hatten zwar niemals aus ihrer den rmeren Mitgliedern so reichlich geleisteten Hlfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung oder hhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar verbeten, namentlich als Schenker angefhrt zu werden; auch widersprach diese Hlfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue Gemeinwesen begrndet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten der Bemittelten fr die Hlflosen gerad zu als eine Forderung des gesunden, vernnftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethtigten vernnftigen Egoismus das Gemeinwesen krftig genug wurde, um auergewhnliche Hlfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurckerstatten zu knnen, erschien es uns wieder billig, da dies auch sofort geschehe. Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur Ausfhrung gebracht. Den smtlichen Beitragleistenden wurden die eingezahlten Betrge zurckerstattet, resp. in den Bchern der Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen ber dieselben verfgen mochten. Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als abgeschlossen betrachtet werden. Die Grndung des Gemeinwesens -- die erste Epoche ausfllend -- vollzog sich gnzlich durch freiwillige Opfer einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese Hlfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein ntzliches und wirksames Befrderungsmittel des raschen Wachstums gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmigen Hlfsquellen geschpften Beistand ab, und die einst empfangene Untersttzung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets unerschpflicher flieende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zhlen durften. Drittes Buch. 13. Kapitel. Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fnfundzwanzig Jahre, seitdem unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der Erfolg hat nicht gewechselt, nur da das Wachstum von geistiger und materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablssig steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54 der grten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Kpfen erreicht. Um diesen, aus allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Ksten aufzunehmen und mit mglichster Beschleunigung in das Herz des Kontinents zu befrdern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean fhrenden fremden Anschlubahnen vorgedrungen. Der eine dieser Schienenstrnge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre spter, nachdem die Pacifizierung der Gallasstmme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale an die Witukste; nach neun ferneren Jahren war ein -- gleich allen freilndischen Hauptbahnen zweigeleisiger -- Schienenstrang lngs des ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza ber die gyptischen quatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an das gyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der Mittelmeerkste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der letzte Spatenstich der groen quatorialen Transversalbahn gemacht worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen Austritt aus dem Albert-Njanza berbrckend, von hier den Aruwhimi und Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaen also zwei direkte Schienenverbindungen mit dem indischen und je eine mit dem mittellndischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die weitaus krzere Danabahn selbstverstndlich in den Hintergrund gedrngt; die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzge in 9 Stunden, whrend die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten Abkrzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte. Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu durchmessen, deren Betrieb von Assuan -- der Grenze Obergyptens -- ab in unseren Hnden war; die Reise beanspruchte hier -- wegen des langsameren Betriebes auf der gyptischen Linie -- 6 Tage; trotzdem war diese Route die meistbenutzte, da sie allen ber das Mittelmeer gehenden Einwanderern, also allen europischen und den meisten amerikanischen, die Reise nahezu um zwei Wochen verkrzte. Die im Einvernehmen mit dem Kongostaate, jedoch beinahe ausschlielich auf unsere Kosten ausgebaute und durchweg in freilndischem Betrieb stehende quatoriale Transversalbahn endlich hatte eine Lnge von 4874 Kilometern und auf ihr konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomndung in Edenthal anlangen. Edenthal, wie berhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit aufgehrt, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar die dichteste Menge der freilndischen Bevlkerung war noch immer in den Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal, Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten, insbesondere nach Westen zu mchtig ausgedehnt. ber ganz Massailand, Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und Albert-Njanza hatten sich freilndische Ansiedler ausgebreitet, so weit gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Sdosten bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die Hhenzge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallalndern, im Westen die uersten Auslufer der am Albertsee beginnenden Mondberge, im Sden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszge die vorlufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1 Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht berall von kompakten Massen freilndischer Bevlkerung besiedelt ist, vielmehr unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen sitzen, dieselben berall zu hherer, freier Kultur erziehend. Die Gesamtbevlkerung des derzeit unter freilndischem Einflusse stehenden Gebietes betrgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weie und 16 Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12 Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1 Millionen sind im brigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharo und in Teita zerstreut; die Berge westlich und nrdlich vom Baringosee haben eine weie Bevlkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3 Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und Albertsee 1 Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3 Millionen und endlich sdlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika zerstreut 2 Millionen. Die freilndische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptschlichste Produktionszweig aber ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich fr den inlndischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfhigkeit schon seit Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen brigen Welt zusammengenommen sehr wesentlich bertrifft; Freiland hat eben fr mehr Maschinen Verwendung, als die ganze brige Welt zusammengenommen, denn die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit der Anderen und da unser -- die civilisierten Neger gar nicht gerechnet -- 26 Millionen Arbeitgeber sind, so brauchen wir sehr viel sthlerne und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedrfnissen zu gengen. Von unseren Maschinen also geht -- mit Ausnahme einiger Specialitten -- verhltnismig wenig ber unsere Grenzen; dafr arbeitet die Landwirtschaft berwiegend fr den Export, ja es kann fglich behauptet werden, da die Gesamtproduktion des freilndischen Krnerbaues fr den Export verfgbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so gro sind, als die auf unsere Mrkte gelangenden berschsse der Negerproduktion. Im letzten Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Krner- und sonstiger Feldfrchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu diesem Getreidequantum kamen nun noch fr 550 Millionen anderweitige Ausfuhrgter, so da der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle der Posten: Bcher und andere Drucksachen ein, diesen zunchst folgen Kunst- und Luxusgegenstnde. Von den, anderwrts als sogenannte Massenartikel des Auenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die freilndischen Importlisten blo Baumwollwaren, die im Lande selbst fast gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur Einfuhr gelangten. Der Bcherimport -- Zeitungen eingeschlossen -- betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling -- nicht unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze brige Welt fr Bcher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, da Freiland seinen Bcherbedarf gnzlich oder auch nur zum greren Teile vom Auslande her gedeckt htte; mehr als zweimal so viel, als an auslndische Verleger hatten im selben Jahre die freilndischen Leser an ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum auerhalb Freilands. Diese Ziffern schon lassen auf die Hhe des Reichtums schlieen, zu welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7 Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon nach Abzug von 2 Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens, 4 Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und dabei hatten wir im Mittel blo 5 Stunden tglich oder 1500 Stunden im Jahre zu arbeiten gebraucht, so da der durchschnittliche Nettowert der Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewhnlicher Handarbeiter. Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein Kilogramm Rindfleisch nicht ganz Schilling, ein Hektoliter Lagerbier oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzglicher arabischer Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s. w. Teuer sind blo einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B. einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren es aber uerst wenig giebt. Letztere werden smtlich aus dem Auslande importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freilnder natrlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch ausgebildeten, vollkrftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten, ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und dreifach berlegen sind, so vermgen sie doch nicht zu konkurrieren mit einer Arbeitskraft, die fnfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die ihrige. Ihre berlegenheit beginnt erst, wo sie den auslndischen Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre sthlernen entgegenstellen knnen; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese von Dampf, Elektrizitt und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind noch gengsamer, als die Lohnarbeiter des freien Europa. Verlangen diese doch immerhin Kartoffeln zur Fllung ihres Magens und einige Lumpen zur Verhllung ihrer Ble, whrend Kohle oder ein Wasserstrahl den Hunger jener stillt und ein wenig Schmierl hinreicht, um ihre Glieder geschmeidig zu erhalten. Im brigen besttigt diese berlegenheit Freilands im Maschinenwesen und die des Auslandes in Handarbeit blo einen alten Erfahrungssatz, der deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten Kulturnationen noch immer entgeht. Da nur die verhltnismig reichen Nationen, d. h. jene, deren Massen verhltnismig am besten gestellt sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem bldesten Auge auf die Dauer unmglich entgehen, nur erklrte man sich dieses unleugbare Phnomen umgekehrt; man glaubte, da das englische oder amerikanische Volk deshalb menschenwrdiger existiere, als z. B. das chinesische oder russische, weil es reicher sei und da aus dem gleichen Grunde, weil nmlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde. Das lt allerdings die Hauptfrage, nmlich woher denn eigentlich diese Unterschiede des Reichtums rhren, unerledigt und schlgt anderseits den Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen ntzt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts; die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln und etwas Schnaps begngen -- aber es gehrt einmal ins Kredo der orthodoxen Nationalkonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer jedoch seine Augen nicht blo dazu hat, um sie den Thatsachen gegenber zu verschlieen, seinen Verstand nicht blo dazu, um einmal angenommene Vorurteile hartnckig festzuhalten, der mu endlich begreifen, da der Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an Produktionsmitteln, da dieser Reichtum gro oder gering ist, je nachdem zahlreiche und mchtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel vorhanden sind und da man viele oder geringfgige Produktionsmittel braucht, nach Magabe des groen oder geringen Verbrauches jener Dinge, die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen -- also ausschlielich nach Magabe des groen oder geringen Konsums. Wo man wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig Instrumente der Erzeugung besitzen, _mu_ also arm bleiben. Auch der Auenhandel vermag daran nichts zu ndern; denn fr die Dinge, die man ausfhrt, mu man doch irgend etwas -- sei es nun ein Genumittel, ein Arbeitsinstrument, bares Geld oder sonst ein Gut -- wieder einfhren, und fr dieses eingefhrte Etwas mu man Verwendung haben, was jedoch, wenn der Konsum fehlt, unmglich ist, da in diesem Falle auch importierte so wenig als im Inlande erzeugte Dinge Verwendung finden knnen. Allenfalls knnte man noch jene Gter, die man erzeugt, ohne weder sie selber noch etwas anderes an ihrer Statt gebrauchen zu knnen, dem Auslande leihweise berlassen; aber das hngt wieder davon ab, ob das Ausland Verwendung fr solche im Inlande unverwendbare berschsse hat, und da dies natrlich in der Regel ebenso wenig der Fall ist, so bleibt es ein fr allemal dabei: Jedes Volk vermag nur so viel zu erzeugen, fr wie viel es Verwendung hat und die Hhe seines Reichtums ist daher bedingt durch die Hhe seiner Bedrfnisse. Natrlich ist hier nur von jenen Vlkern die Rede, deren Kultur so weit vorgeschritten ist, da der Verwendung hochentwickelter Arbeitsinstrumente nicht ihre Unwissenheit, sondern lediglich ihre socialpolitische Hlflosigkeit im Wege steht. Fr diese aber gilt ihrem vollen Umfange noch die Wahrheit, da sie arm sind lediglich aus dem Grunde, weil sie sich nicht satt essen _drfen_ und da die Zunahme ihres Reichtums durch nichts anderes bedingt ist, als durch das Ausma der Energie, mit welcher die arbeitenden Klassen sich gegen ihr Elend aufbumen. Die Englnder und Amerikaner _wollen_ Fleisch essen, sie lassen ihren Arbeitslohn nicht so weit herabdrcken; das ist der einzige Grund, warum England und Amerika mehr Maschinen verwenden, als China und Ruland, wo sich das Volk mit Reis oder Kartoffeln begngt; wir in Freiland aber haben es zuwege gebracht, unseren arbeitenden Klassen den Genu des ganzen Ertrages ihrer Arbeit zu sichern, dieser Ertrag mag noch so hoch wachsen -- was ist selbstverstndlicher, als da wir so viel Maschinen verwenden, als unsere Techniker nur immer zu ersinnen vermgen. Nichts kann auf die Dauer der Wirksamkeit dieses obersten Gesetzes der Volkswirtschaft widerstehen. Die Produktion ist einzig um des Konsums Willen da und mu daher -- das htte man sich lngst sagen sollen -- in ihrem Mae sowohl als in der Art ihres Betriebes vom Ausmae des Konsums abhngen. Und wenn morgen ein mutwilliger Kobold all unseren Reichtum, all unsere Maschinen ber Nacht nach irgend einem europischen Lande versetzte, dabei aber diesem Lande unsere socialen Institutionen nicht mit als Angebinde brchte, so wre dieses Land damit so gewi nicht um eines Hellers Wert reicher als zuvor, als es gewi ist, da China nicht reicher wrde, wenn man die Reichtmer Englands und Amerikas dahin versetzte, ohne den chinesischen Arbeitern mehr als abgebrhten Reis zur Nahrung und mehr als ein Lendentuch zur Kleidung zu gewhren. Gleichwie in diesem Falle die englischen und amerikanischen Maschinen in China sofort zu nutzlosem alten Eisen wrden, ebenso erginge es in jenem Falle unseren Maschinen in Europa oder Amerika. Und gleichwie umgekehrt die Englnder und Amerikaner das ihnen durch Koboldstcke nach China verzauberte Maschinenkapital -- beharrten ihre arbeitenden Klassen nur bei ihren derzeitigen Lebensgewohnheiten -- sehr rasch wieder ersetzen und damit die frhere Stufe ihres Reichtums wieder erklommen haben wrden, so knnte es auch uns nicht schwer fallen, zu wiederholen, was wir einmal vollbracht, nmlich uns neuerlich in den Besitz all jener Reichtmer zu setzen, die _unseren_ Lebensgewohnheiten entsprechen. Denn diese letzteren, die socialen Einrichtungen Freilands, sind die wahre und einzige Quelle unseres Reichtums: da wir sie _gebrauchen_ knnen, ist der Seinsgrund unserer ganzen Maschinenkraft. Diese Kraft aber, wir fassen hier berall unter dem Sammelbegriff Maschine alles zusammen, was einerseits kein freies Geschenk der Natur, sondern Erzeugnis menschlichen Fleies, und anderseits dazu bestimmt ist, die Ergiebigkeit menschlicher Arbeit zu steigern -- diese Kraft ist in Freiland zu kollosalen Dimensionen erwachsen. Unser Eisenbahnnetz -- die oben genannten Linien umfassen blo die vier groen, dem Auenhandel dienenden Bahnen -- hat eine Gesamtausdehnung von 575000 Kilometer erreicht, wovon allerdings blo 180000 Kilometer Hauptbahnen, whrend nahezu 400000 Kilometer landwirtschaftliche und industrielle Schienenanlagen sind. Unser Kanalsystem dient hauptschlich Be- und Entwsserungszwecken und die Ausdehnung seines in unzhligen tausenden von Adern und derchen sich verzweigenden Netzes entzieht sich jeder Berechnung; schiffbar aber sind diese Kanle in einer Lnge von 57000 Kilometern. Auer den bereits erwhnten Passagierschiffen schwimmen auf allen Meeren nahezu 3000 unserer Frachtendampfer mit einem Laderaume von 15 Millionen Registertonnen; auf den Seen und Flssen Afrikas besitzen wir 17800 grere und kleinere Dampfer von insgesamt 5 Millionen Tonnen. Die motorische Kraft aber, die all diese Verkehrsmittel und die zahllosen Maschinen unserer Landwirtschaft und unserer Fabriken, unserer ffentlichen und privaten Anlagen, in Bewegung erhlt, betrgt nicht weniger als 245 Millionen indizierter Pferdekrfte, d. i. reichlich das Doppelte der mechanischen Kraft, ber welche derzeit die ganze brige Welt verfgt. Es kommen sohin in Freiland nahezu 9 Pferdekraft mechanischer Arbeitsenergie auf den Kopf der Bevlkerung, und da eine indizierte Pferdekraft die Leistungsfhigkeit von 12 bis 13 Mnnern entwickelt, so ist der Arbeitseffekt der nmliche, als ob jeder Freilnder Kopf fr Kopf ungefhr 120 Sklaven zu seiner Verfgung htte. Was Wunder, da wir ein Herrendasein zu fhren vermgen, trotzdem es in Freiland keine menschlichen Knechte gibt. Der Wert jener ungeheuren Investitionen aller Art lt sich angesichts der wunderbaren Durchsichtigkeit unseres ganzen wirtschaftlichen Getriebes auf Heller und Pfennig berechnen. Das freilndische Gemeinwesen als solches hat in den 25 Jahren seines Bestandes in runder Summe 11 Milliarden zu Investitionszwecken ausgegeben; der Aufwand durch Vermittlung der Associationen und einzelner Individuen (letztere allerdings blo mit relativ verschwindenden Ziffern vertreten) hatte 23 Milliarden -- alles Pfund Sterling -- betragen, so da die Gesamtinvestitionen einen Reichtum von 34 Milliarden reprsentieren, durchweg vorzglich rentierendes Kapital, trotzdem, oder richtiger gerade weil es keinen bestimmten Herrn hat, denn eben diese Herrenlosigkeit der gesamten Produktionskapitalien ist die Ursache, da jede Arbeitskraft sich jener Betriebsmittel bedienen kann, durch deren Anwendung sie jeweilig die hchsten Ertrge zu erzielen vermag. Jeder Freilnder ist Mitbesitzer dieses ganzen ungeheueren Reichtums, von welchem -- den unschtzbaren Wert des Kulturbodens gar nicht gerechnet -- auf den Kopf der Gesamtbevlkerung rund 1300 Pfd. Sterl., auf die Familie rund 6000 Pfd. Sterl. entfallen. Wir sind also in diesen 25 Jahren allesamt gewissermaen ganz behbige Kapitalisten geworden; Zinsen trgt uns dieses Kapital allerdings nicht, dafr aber verdanken wir ihm den Arbeitsertrag von 7 Milliarden, der, umgerechnet auf die 26 Millionen Seelen Freilands, rund 270 Pfd. Sterl. per Kopf ergibt. Ehe wir jedoch einer Schilderung des auf Grundlage dieser Flle von Reichtum und Kraft sich entwickelnden Lebens Freilands Raum geben, wird es notwendig sein, in kurzen Zgen einen Abri der freilndischen Geschichte whrend der letzten 20 Jahre zu bieten. Wir sind im vorigen Abschnitte bis zur Erffnung der ersten Schienenverbindung mit dem indischen Ozean auf der einen Seite und bis zu dem Feldzuge gegen Uganda und der damit beginnenden Besiedelung der Uferlandschaften des Ukerewe anderseits gelangt. Die Aufmerksamkeit unserer Forscher war von da ab zunchst auf das hochinteressante Gebirgsland nrdlich und nordwestlich vom Baringosee gerichtet, wo insbesondere das Gebiet des nahezu 4300 Meter hohen, an der Grenze Ugandas gelegenen Elgon ihren Eifer nach mehr als einer Richtung herausforderte. Hier war ersichtlich ein groes, den Kenia- und Aberdarebergen an Fruchtbarkeit, klimatischen Vorzgen und landschaftlicher Schnheit ebenbrtiges Feld zuknftiger Besiedelung vorhanden. Die Aussicht vom Gipfel des Elgon bertraf sogar, was Mannigfaltigkeit der gebotenen Eindrcke anlangt, alles bisher Gesehene; im Sdosten reichte der Blick bis zu der meerartig sich in unabsehbarer Ferne verlierenden Flche des Ukerewe; im Norden ragten, 65 Kilometer entfernt, die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Lekakisera gen Himmel; im Osten streifte das Auge ber mchtige Waldgebirge, whrend im Westen sich endlos das lachende Hgelland von Uganda erstreckte. Doch unaufhaltsam weiter drangen unsere Pioniere; Platz war zwar noch im berflu an den alten Wohnsitzen vorhanden; aber der Forschungstrieb in Verbindung mit dem Zauber der Neuheit, der die ferner liegenden Landschaften umgab, lockte stets neue Scharen tiefer und tiefer hinein in den dunklen Erdteil. Nachdem die Ufer des Ukerewe nichts Unbekanntes mehr boten, drangen unsere Pfadfinder in die Urwaldungen der Zwischenseegebirge gegen den Muta-Nzige und Albertsee. Hier stieen wir zum ersten Mal auf menschenfressende Stmme, deren Bndigung keine geringe Arbeit bot und auch keineswegs ganz ohne Blutvergieen abging. Am Albert-Njanza angelangt, dessen Ostufer meist kahl und unwirtlich sind, erblickte man von jenseits verfhrerisch die Mondberge, deren hchste, 4000 Meter berragende Gipfel in der khlen Jahreszeit hufig eine Schneedecke zeigen und von deren malerisch gegen den See abfallenden Hngen zahlreiche Katarakte von ganz unglaublicher Fallhhe und gewaltigem Wasserreichtum zur Tiefe strzen, angenehme Rckschlsse auf die Beschaffenheit ihrer Quellgebiete gestattend. Selbstverstndlich blieben sie nicht lange unbesucht und der Ruf der neuen Wunder groartiger Naturpracht, die dort gefunden wurden, lenkte bald den Schritt vieler Hunderttausende dahin. Auch dort gab es Kmpfe mit anthropophagen Stmmen, die zum Teil heute noch ihren schlimmen Gewohnheiten im Geheimen frhnen. Von hier aus wandten sich die Pioniere mehr sdwrts, berall die Gebirgszge als Heerstrae benutzend. Vor sechs Jahren langten unsere ersten Vorposten am Tanganika an, wo sie mit Vorliebe die sich im Westen erhebenden Hhenzge whlten, welche stellenweise den 900 Meter ber dem Meere gelegenen Seespiegel um 1500 Meter berragen; jetzt sitzen schon Hunderttausende in den lieblichen Uferlandschaften dieses wenn auch nur zweitgrten, so doch weitaus lngsten der quatorialseen. Der Tanganika hat nicht ganz den halben Flcheninhalt des Ukerewe, er ist nirgends so breit, da ein gutes Auge nicht die jenseitigen Uferberge zu sehen vermchte; seine Lnge aber betrgt 580 Kilometer, also ziemlich genau drei Vierteile derjenigen des adriatischen Meeres, und der schnellste von den 286 Dampfern, die ihn derzeit fr unsere Rechnung befahren, braucht nahezu 24 Stunden, um von seinem Nordende zum Sdende zu gelangen. Jetzt war aber auch die Zeit gekommen, wo wir mehr und mehr mit europischen, resp. unter europischem Einflu stehenden Kolonien in unmittelbare Berhrung gerieten. Im Sden und Osten stieen wir auf deutsche und englische Interessensphren, im Nordosten teils direkt, teils indirekt auf franzsische und italienische, im Norden auf gyptische, im Westen an den mchtig aufstrebenden Kongostaat. Dabei waren die sich ergebenden Wechselbeziehungen zwar berall von den besten, entgegenkommendsten Absichten geleitet, es tauchte aber doch eine Menge von Fragen auf, die nachgerade dringend einer endgltigen Lsung bedurften. Fr die benachbarten Kolonien stellte sich nmlich der belstand heraus, da sie nirgend die unmittelbare Nhe freilndischer Ansiedelungen auf die Dauer zu ertragen vermochten; ihre Bevlkerung wurde von uns angezogen, wie Eisenfeilstbchen durch einen Magnet; wo sich eine freilndische Association in der Nhe etablierte, blieb von fremden Kolonien binnen krzester Frist nichts brig, als die verdeten Wohnsttten, die verlassenen Plantagen; die Kolonisten waren zu uns bersiedelt und Freilnder geworden. Dagegen konnten die fremden Regierungen nichts thun, wollten es wohl auch nicht, da doch das Interesse ihrer Unterthanen dabei wahrlich nicht schlecht fuhr; aber mit Rcksicht auf die Machtstellung ihrer betreffenden Lnder mute ihnen diese Unmglichkeit, sich in unserer Nhe zu behaupten, unbequem werden und sie zum Nachdenken anregen. Doch auch wir muten die Frage in Erwgung ziehen, was denn geschehen werde, wenn freilndische Ansiedler irgendwo fremdes, einem abendlndischen Volke gehriges Gebiet betreten sollten. Bisher hatten wir dies absichtlich vermieden; auf die Dauer war es jedoch unvermeidlich. Was wrde dann geschehen? Sollten wir, im Besitze der strkeren Civilisationsform, vor der zurckgebliebenen zurckweichen? Konnten wir es, selbst wenn wir wollten? Freiland ist kein Staat im gemeingebruchlichen Sinne des Wortes; sein Wesen liegt nicht in der Herrschaft ber ein bestimmtes Territorium, sondern in seinen socialen Einrichtungen; diese sind an sich mit fremden Regierungsformen ganz gut vereinbar, und wir muten im Interesse friedlichen Zusammenlebens mit unseren Nachbarn bestrebt sein, diesen Einrichtungen gesetzliche Anerkennung -- zunchst in den benachbarten Kolonialgebieten -- zu verschaffen. Und nicht blo auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den anderen Weltteilen huften sich die einer Erledigung dringend bedrftigen Fragen zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir mengten uns zwar grundstzlich nicht in die politischen Angelegenheiten des Auslandes, aber fr unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es, aus der Flle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden Brdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen. Freilndisches Geld war berall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer gegen Ausbeutung Hlfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe standen jedermann zur unentgeltlichen Verfgung bereit, der sich aus dem Jammer der alten Weltordnung zu uns herberretten wollte, und wir lieen es an Bemhungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen unseren leidenden Mitbrdern in stets ausgedehnterem Mae zugnglich zu machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der Ausbung dieser Mission durch den Einspruch auslndischer Machthaber beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir -- auf die Dauer lie sich das unmglich verkennen -- mehr und mehr in Kollision mit den Anschauungen einzelner europischer und asiatischer Regierungen. Zwar im demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die ffentliche Meinung zu mchtig zu unseren Gunsten, als da von dorther irgendwelcher -- und sei es auch blo passiver -- Widerstand unseren Bestrebungen gegenber zu besorgen gewesen wre; anders aber verhielt es sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thtigkeit die kolossalen Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme voraussehen lieen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der Frage zu beschftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich wre, freilndischem Gelde und freilndischem Einflusse die Wege zu verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen Bruch mit uns, teils aus Rcksicht auf die auch bei ihnen sich geltend machende ffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen finanziellen Hlfsmitteln, ber welche wir verfgten. Man wollte uns nicht gerne zu erklrten Feinden haben, aber man wollte freilndische Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach Freiland einschrnken. Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit verschrnkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere Krfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, da wir stark genug seien, um die Absperrungsgelste der fremden Machthaber im Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso einig darber, da zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht werden msse, ehe man an die Waffen appellieren drfe. Und die Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, da ersichtlich im Punkte der Anschauungen ber die kriegerische Strke Freilands ein Gegensatz zwischen unserer freilndischen und der auerfreilndischen ffentlichen Meinung bestand; whrend wir -- wie gesagt -- der berzeugung waren, jedem Militrstaate der Welt, ja selbst mehreren zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, fr militrisch durchaus ohnmchtig. Wir muten also darauf gefat sein, da eine eventuell drohende Sprache unserer Bevollmchtigten gar nicht ernst genommen werden drfte und da gerade deshalb jeder Versuch, unseren Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatschlichen Krieg den erforderlichen Nachdruck erlangen knnte. Und ein Krieg war es denn auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europischen oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischen Gromacht, ein Krieg zudem, der mit den soeben errterten Fragen hchstens indirekt etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte. Wie dies kam, darber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln mitgeteilten Briefe Aufschlu geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der nachmals nach Freiland bersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte. Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der freilndischen Zustnde und der Lebensweise im fnfundzwanzigsten Jahre der Grndung bieten. 14. Kapitel. Edenthal, den 12. Juli .. Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat? Du weit, oder weit vielleicht auch nicht, da meine Chefs auf Monte Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostkste Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen, und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo man sich in gleichen Nten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so einigten sich die drei westmchtlichen Kabinette schlielich dahin, gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel zu suchen; diesem nachzuspren sind wir nun hier, von seiten Englands die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs. Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nmlich. Beauftragt sind wir insgesamt, den Freilndern nahezulegen, da es in ihrem wie in unserem gemeinsamen Besten gelegen wre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze gegen Abyssinien hergeben wollten. Der Negus nmlich, der uns Europern, die wir Besitzungen an den afrikanischen Ksten des Roten Meeres und sdlich der Strae von Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbndeten englisch-franzsisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal jenes gyptischen Heeres bereitet htte, welches nach biblischen Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertrnkt wurde, der Negus, sage ich, hat den fnfjhrigen, fr uns nicht gerade rhmlichen Frieden -- offenbar mit Hlfe gewisser guter Freunde in Europa -- dazu bentzt, um seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach abendlndischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann, durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine vorzgliche Kavallerie von mindestens 40000 Kpfen, und eine Artillerie von 106 Batterien, die es, unseren Militrbevollmchtigten zufolge, mit jeder europischen an Tchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber, die Johannes mit diesen fr das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen Rstungen verfolgt, knnen -- insbesondere nach den Erfahrungen des vergangenen Lustrums -- nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den Englndern die Kstenpltze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet sdlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Kstenfestungen und Flotten werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt, die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die der reorganisierten abyssinischen gewachsen wren, an jenen unwirtlichen Ksten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger Rckzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch mu dem Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der Kstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerckten Ostafrika fr alle europischen Mchte verloren wre. Ist uns doch nur zu wohl bekannt, da Johannes V. sich diesbezglich mit den weitestgehenden Plnen trgt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland, Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der Kstenpunkte es den Abyssiniern ermglicht, eine solche zu halten. Ob er diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein Rtsel. Wre ersteres der Fall, so knnte es den Nachforschungen der von dieser Zukunftsflotte bedrohten Mchte unmglich entgehen; aber keine der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Ksten in abyssinische Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, ber die Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen -- kurzum, man hat in London, Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hrnern zu fassen und gegen den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann ausrsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fnfjhrigen Friedens -- das wre also Ende September dieses Jahres -- gegen Abyssinien vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen Kstenorte -- sondern Freiland ausersehen. Dieses wrde den verbndeten Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rckzugslinie gewhren, und Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freilndische Verwaltung fr dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive Mitwirkung, d. h. freien Durchzug fr unsere Truppen. Ob unsere Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu erzwingen, wei ich nicht, denn nicht ich, blo mein Vater ist eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswrtigen Politik, und wenn meine bekannte Schwrmerei fr dies Land der Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater beizugeben, so vermute ich doch, da mir die intimeren Geheimnisse unserer Diplomatie vorenthalten werden. Du weit also jetzt, Freund meiner Seele, _warum_ wir nach Freiland reisten. Bist Du zu erfahren begierig, _wie_ wir die Reise bewerkstelligten, so diene Dir, da wir dazu von Brindisi bis Alexandrien den Uranus, eines der Riesenschiffe bentzten, die Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren laufen lt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hlt, was sie sich von ihr versprechen, so mu sie ein wahres Paradies sein. Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freilndischen Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei berfahrtgebhr angenommen, dafr aber auch, wie mnniglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am zweiten Tage der Fahrt, da er nicht bereue, meinem Drngen nachgegeben zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel und von peinlichster Sauberkeit, Kche und Verpflegung lieen nichts zu wnschen brig und -- was uns am meisten wunderte -- der Umgang mit den buntzusammengewrfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stnde und Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewutsein, einer neuen Heimat entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen herrschen sollte, dermaen gehoben, da whrend der ganzen Fahrt keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam. In Alexandrien bentzten wir den nchsten nach dem Sudan abgehenden Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nmlich gyptische Kondukteure und Maschinisten ihn fhrten, von einem solchen wenig mehr als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freilndischer Eisenbahnzug auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheit vorwrts, wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und Konversationswagen fhrten uns in rasendem Fluge den Nil aufwrts, den Riesenstrom bis Dongola zweimal bersetzend. Charakteristisch ist, da von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getrnke muten zwar bezahlt werden -- auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich gewesen -- die Befrderung aber besorgte das freilndische Gemeinwesen unentgeltlich zu Land wie zu Wasser. Die Schilderung von Land und Leuten in gypten und dessen Dependenzen wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezglich im letzten Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freilndischen Nilbahn einiges zum Besseren gendert; aber im groen Ganzen fand ich das Elend der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen lteren Reiseberichten ber diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza nherten und freilndisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als ich am Morgen des fnften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von ppigen Grten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils zerstreut, teils zu greren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten. Als der Zug bald darauf in einer Station -- sie hie, ein freundliches Omen fr uns Italiener, Garibaldi -- hielt, sahen wir auch zum erstenmale Freilnder in ihrer eigentmlichen und, wie ich auf den ersten Blick erkannte, beraus zweckmig den Anforderungen des Klimas angepaten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht. Diese ist der antik griechischen sehr hnlich, selbst die Sandalen an Stelle der Schuhe fehlten nicht, nur da dieselben nicht auf bloem Fue, sondern ber Strmpfe getragen werden. Die Kleider der Freilnderinnen sind zumeist farbenprchtiger, als jene der Mnner, die jedoch auch keineswegs jene dsteren monotonen Tinten zur Schau tragen, wie die abendlndische Mnnertracht. Insbesondere die freilndischen Jnglinge lieben heitere, helle Farben, die jngeren Damen bevorzugen Wei mit farbigen Ornamenten. Der Eindruck, den die Freilnder auf mich machten, war ein geradezu blendender. Strotzend von Kraft und Gesundheit, bewegten sie sich in heiterer Anmut unter den schattigen Bumen des Bahnhofgartens, mit einer vornehmen Sicherheit des Benehmens, die mich anfangs glauben lie, da sich hier die Spitzen der ortsansssigen Gesellschaft Stelldichein gegeben htten. Diese Meinung wurde noch verstrkt, als spterhin einige Freilnder den Zug bestiegen und ich aus den Gesprchen whrend der Weiterfahrt entnahm, da deren Bildungsgrad durchaus dem ueren Eindrucke entsprach; und doch waren es gewhnliche Landleute, Ackerbauer und Grtner mit ihren Frauen, Shnen und Tchtern, mit denen wir es zu thun hatten. Nicht minder berraschend war das Behagen der unter den Weien zerstreut auftretenden und mit diesen unbefangen verkehrenden Neger. Deren Kleidung war zwar noch leichter und luftiger als die der Weien -- meist Baumwollzeuge an Stelle der von diesen ausschlielich bentzten Schafwolle; im brigen aber machten diese Eingeborenen den Eindruck durchaus civilisierter Menschen, und wie ich mich aus dem Gesprche mit einem der den Zug gleichfalls zur Weiterfahrt bentzenden Neger berzeugen konnte, stand ihre Bildung auf einer ziemlich hohen Stufe, jedenfalls auf einer weit hheren, als die der Landbevlkerung in den meisten Gegenden Europas. Der Schwarze, mit dem ich mich unterhielt, sprach ein flieendes, korrektes Englisch, hielt eine freilndische Zeitung, in welcher er whrend der Fahrt eifrig las und erwies sich nicht nur in den Angelegenheiten des eigenen Landes, sondern auch ber europische Verhltnisse sehr gut unterrichtet. Gegen Mittag erreichten wir mit der Station Baker den Albert-See, genau an jener Stelle, wo ihm der weie Nil entstrmt. Hier erwartete mich eine sehr angenehme berraschung. Du wirst Dich noch David Neys, jenes jungen freilndischen Bildhauers erinnern, mit welchem wir whrend des letzten Herbstes in Rom zusammentrafen, und an welchen insbesondere ich mich damals so innig anschlo, weil der herrliche Jngling es mir durch den Adel seiner ueren Erscheinung sowohl, als seiner Gesinnung angethan hatte. Was Du wahrscheinlich nicht weit, ist, da wir, nachdem David nach Abschlu seiner Kunststudien Rom und Europa verlassen hatte, wiederholt Briefe wechselten, so da er von meiner bevorstehenden Ankunft genau unterrichtet war. Mein Freund hatte nun die dreiigstndige Reise von Edenthal, wo er bei seinen Eltern -- sein Vater ist, wie Du weit, einer der Regenten Freilands -- wohnt, an den Albert-Njanza nicht gescheut, war mir bis Baker entgegen geeilt, und das erste, was ich, in die Station eingefahren, bemerkte, war sein liebes, mir freudig zulchelndes Antlitz. Er brachte meinem Vater und mir eine Einladung der Seinen, whrend unseres Aufenthaltes in Edenthal ihre Gste zu sein. Wenn Sie, Herr Herzog -- sagte er -- mit der Wohnung und Bewirtung, die Ihnen ein Brger von Freiland zu bieten vermag, zufrieden sein wollen, wrden Sie uns alle, insbesondere aber mich, dem damit das Glck ungestrten Beisammenseins mit Ihrem Sohne zu teil wrde, zu hchstem Danke verpflichten. Den Glanz und die Pracht, an welche Sie daheim gewhnt sind, werden Sie allerdings in unserem Hause vermissen, welches sich nur wenig von denen der einfachsten Arbeiter unseres Landes unterscheidet; aber diese Entbehrung wre Ihnen berall in Freiland auferlegt, und ich glaube Ihnen versprechen zu knnen, da Ihnen auch bei uns keinerlei wirkliche Bequemlichkeit fehlen wird. Zu meiner groen Genugthuung acceptierte mein Vater nach kurzem Besinnen dieses herzliche Anerbieten mit lebhaftem Danke. ber das whrend der eineinhalbtgigen Fahrt vom Albert-See nach Edenthal Gesehene will ich mich fr heute kurz fassen, da ja noch Gelegenheit sein wird, ausfhrlich darauf zurckzukommen, und schon dieser erste meiner freilndischen Reisebriefe ohnehin zu ungebhrlichem Umfange anschwellen wird, wenn ich Dir ber das mich zunchst Interessierende, die Lebensweise der Freilnder nmlich, auch nur oberflchlich Bericht abstatten will. Unser Kurierzug durchflog in rasender Eile die von Saatfeldern und Plantagen bedeckten Ebenen Unjoros und Hgellandschaften Ugandas, lief hierauf einige Stunden lngs der Ufer des mchtig brandenden Ukerewe durch liebliches, einem einzigen Garten gleichendes Hgel- und Bergland; bei den Riponfllen den See verlassend, wandten wir uns in das wildromantische Gebirgsland des Elgon mit seinen zahllosen Herden und reichen Fabrikstdten, umkreisten den grtenumsumten Baringo-See und drangen durch Leikipia in die Alpenlandschaften des Kenia ein. Gegen 9 Uhr Abend des sechsten Tages der Eisenbahnreise erreichten wir endlich Edenthal. Es war eine herrliche Mondnacht, als wir, den Bahnhof verlassend, die Stadt betraten; berdies glnzte diese im Scheine zahlloser mchtiger elektrischer Bogenlampen, so da dem neugierig forschenden Blicke nichts entging. Selbst wenn ich es jetzt schon wollte, ich knnte Dir den Eindruck, den diese erste freilndische Stadt, deren Inneres wir betraten, auf mich machte, nicht im einzelnen schildern. Denke Dir einen etwa hundert Quadratkilometer bedeckenden Feengarten, erfllt von zehntausenden reizender, geschmackvoller Huschen und hunderten mrchenhaft prchtiger Palste; dazu den berauschenden Duft aller erdenklichen Blumenarten und den Gesang zahlloser Nachtigallen -- dieselben wurden in den ersten Jahren der Grndung des Gemeinwesens aus Europa und Asien importiert, haben sich aber seither unglaublich vermehrt -- und fasse all' das in den Rahmen einer Landschaft, wie sie groartiger und pittoresker kein Teil der Erde aufweist -- so kannst Du Dir, wenn Deine Phantasie lebendig ist, eine matte Vorstellung des Entzckens machen, mit welchem mich diese Wunderstadt erfllte, und je lnger ich sie kennen lerne, mehr und mehr erfllt. Die Straen und Pltze, durch die wir kamen, waren ziemlich menschenleer, doch versicherte uns David, da rings um den Edensee allabendlich bis Mitternacht reges Leben flute. Und auch in zahlreichen Husern, an denen wir vorbeifuhren, herrschte geruschvolles, heiteres Treiben. Auf breiten, luftigen Terrassen und in den Grten rings um dieselben saen und lustwandelten die Bewohner, zu kleineren oder greren Gesellschaften vereint; Becherklang, Musik, silberhelles Lachen schlugen an unser Ohr, kurzum, alles deutete darauf hin, da hier die Abende frhlichster Geselligkeit geweiht seien. Nach ungefhr halbstndiger rascher Fahrt langten wir bei der so ziemlich im Centrum der Stadt, nicht weit vom Edensee gelegenen Behausung unserer Gastfreunde an. Die Familie Ney empfing uns in der herzlichsten, liebenswrdigsten Weise, trotzdem aber imponierte die sichere Wrde ihres Benehmens selbst meinem stolzen Vater aufs Grndlichste. Insbesondere die Damen des Hauses glichen so sehr verkleideten Prinzessinnen, da mein Vater sich sofort in den galanten Paladin von unerreichter Ritterlichkeit verwandelte, als welchen Du ihn von den Hoffesten in Rom, London und Wien her kennst. Vater Ney verrt auf den ersten Blick den tiefen, an ernste Arbeit gewhnten Denker, dem jedoch heitere Sicherheit des Benehmens keineswegs fehlt. Er drfte, nach seiner sechsundzwanzigjhrigen Thtigkeit im Dienste des freilndischen Gemeinwesens zu schlieen, mindestens 50 Jahre zhlen, seinem ueren nach aber wrdest Du ihm keine 40 geben. Der jngere der Shne, Emanuel, Techniker von Beruf, ist Davids vollkommenes Ebenbild, nur etwas dunkler und krftiger noch als dieser, der, wie Du wissen wirst, auch gerade kein Schwchling ist. Die Hausfrau, Ellen genannt, eine geborene Amerikanerin, die mir, Dank offenbar den Berichten meines David, sofort mit wahrhaft mtterlichem Wohlwollen begegnete, mu nach dem Alter ihrer Kinder zu schlieen, etwa 45 Jahre zhlen, macht indessen vermge ihrer Jugendfrische mehr den Eindruck einer Schwester, als einer Mutter ihrer Kinder. Sie ist von blendender Schnheit, bezaubert aber insbesondere durch die Gte und Geisteshoheit, die ihren Zgen aufgeprgt sind. Als ihre Tchter stellte sie uns drei junge Damen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren vor, von denen jedoch nur eine, Bertha genannt, ihr und den Shnen hnlich ist. Diese, das verjngte Ebenbild ihrer Mutter, verwirrte mich geradezu durch den unsglichen Reiz ihrer Erscheinung, glich aber so wenig den beiden anderen, Leonore und Klementine, da ich mich einer Bemerkung hierber vor David nicht enthalten konnte. Diese zwei sind auch nicht blutsverwandt mit uns, sondern die Ziehtchter meiner Mutter; was das zu bedeuten hat, erzhle ich Dir spter, lautete die Antwort. Da wir -- wie Du begreiflich finden wirst -- von der sechstgigen Eisenbahnreise trotz allen Comforts freilndischer Waggons ziemlich erschpft waren, baten wir, nach kurzem Geplauder mit unseren herrlichen Wirten, um die Erlaubnis, uns in die uns bestimmten Gemcher zurckziehen zu drfen. David machte unseren Fhrer. Nachdem wir von der gerumigen Gartenterrasse aus, auf welcher wir bis dahin geweilt hatten, einen mit einfachem, aber gediegenem Geschmack eingerichteten Gesellschaftsraum und einen stattlichen Speisesaal durchschritten hatten, an welchen sich, wie ich bemerkte, rechts ein groer als Bibliothek dienender Saal und links zwei kleinere Gemcher anschlossen, die, wie mir David auf Befragen mitteilte, seinen Eltern als Arbeitsstuben dienten; betraten wir eine zierliche Vorhalle, von welcher aus eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafrumen fhrte. Hier wies uns unser Fhrer zwei Schlafzimmer mit gemeinsamem Empfangzimmer an. Dann ging es an eine kurze Erklrung der mannigfachen, zur Bequemlichkeit der Bewohner dienenden Einrichtungen. Ein Druck auf diesen Knopf hier, rechter Hand neben dem Thrstock -- demonstrierte David -- bringt den elekrischen Lustre zum Brennen, ein gleicher dort neben dem Nachttischchen den Wandkandelaber oberhalb des Bettes. Hier das Telephon No. 1 ist ausschlielich dem Verkehr im Hause selbst und mit der benachbarten Wachtstube der Association fr persnliche Dienstleistungen bestimmt; bloes Klingeln -- so, in diesem Rhythmus -- bedeutet, da sich Jemand aus der Wachtstube herbemhen mge; alle diese Knpfe -- sie sind durch die eigentmliche Kerbung kenntlich -- hier und dort an den Wnden, da am Schreibtische und dort neben den Betten, stehen mit dieser Telephonklingel in Verbindung; Sie brauchen sich also aus dem Lehnstuhl, den Sie jetzt inne haben, nachts oder morgens aus dem Bette, in dem Sie ruhen, gar nicht zu erheben, wenn Sie ein Mitglied dieser allezeit dienstbereiten Gesellschaft zu sich citieren wollen. Jedes Telephon und jedes Lutewerk hat seine Nummer in der Wachtstube sowohl, als an einer Tafel im Vestibul, das wir soeben verlassen haben; lngstens zwei Minuten, nachdem Sie geklingelt haben, steht der auf dem Flgelrad herbeigeeilte Abgesandte der Gesellschaft zu Ihren Diensten. Das ist eine wunderbare Einrichtung, bemerkte ich, die Euch die Annehmlichkeit eines jeden Winkes gewrtigen Kammerdieners gewhrt, ohne da Ihr den rger mit in den Kauf nehmen mtet, den uns Abendlndern unsere Kammerdiener bereiten; nur drfte dieser Luxus ziemlich kostspielig und deshalb nicht allgemein blich sein. Die Kosten sind sehr bescheiden, gerade weil hier alle Welt Gebrauch von diesen ffentlichen Dienstleistungen macht, antwortete mein Freund. Fr je 600 bis 800 Huser ist je eine derartige Wachtstube mit je drei Wachthabenden errichtet; es wird nun jede geforderte Dienstleistung nach der Zeit bezahlt, richtiger gesagt, angerechnet, und zwar, wie dies nun einmal bei uns blich ist, nach Magabe des von unserer Centralbank am Schlusse jedes Bilanzjahres verffentlichten Durchschnittswertes der Arbeitsstunde. Im abgelaufenen Jahre, wo der Stundenwert 8 Shilling betrug, muten wir fr je 3 Minuten -- denn das ist die Einheit, nach welcher diese Gesellschaft rechnet -- 40 Pfennige bezahlen; wer nun hufig klingelt und die Association stark in Atem erhlt, auf den entfllt am Jahresschlu ein strkerer, wer dies seltener thut, ein geringerer Beitrag: fr alle Flle aber mu die Association auf ihre Kosten, d. h. auf ihre Ausgaben kommen und auf den Verdienst fr ihre 9 wachthabenden Mitglieder -- denn die drei Wchter wechseln morgens, mittags und abends. Diese fr je eine Wachtstube erforderliche Summe berechnete sich im Vorjahre mit rund 6000 Pfd. Sterling, und da beispielsweise die Zeitrechnungen der smtlichen 720 Familien unseres Rayons nicht ganz zwei Dritteile dieser Summe ergeben hatten, so wurden die restlichen 2000 Pfd. Sterling nach Magabe des von jeder Familie gemachten Gebrauches nachgetragen. Unsere Familie hat verhltnismig geringen Bedarf nach den guten Diensten dieser Wachtstuben; wir zahlten z. B. im Vorjahre alles in allem 6 Pfd. Sterling, nmlich 4 Pfd. Sterling direkte Zeittaxen und 2 Pfd. Sterling nachtrglichen Zuschlag, denn wir hatten binnen Jahresfrist blo zweihundertmal 3 Minuten der fraglichen Dienste bedurft. Warum -- so fragte mein Vater -- wird in Ihrem Hause verhltnismig weniger geklingelt, als anderwrts? Weil unser Haushalt bestndig zwei oder drei junge Damen beherbergt, die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all' jene persnlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Wrde wohlerzogener, gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese -- seit einem Jahre auch von meiner Schwester untersttzten -- Mdchen sind junge Freilnderinnen, wie man sie in jeder freilndischen Familie findet, wo die Hausfrau im Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht -- Sie entschuldigen, da ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwhlten zhle. Jedes junge Mdchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu groem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens fr ein Jahr Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, da nichts den Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschpfe mehr veredle, als mglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen. Selbstverstndlich ist, da derartige junge Damen durchaus wie Kinder vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren Adoptiveltern auch durchweg die nmlichen Dienste, wie aufmerksame, liebevolle Tchter. Vater und Mutter knnen einen Wunsch kaum im Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfllt. Ei, das ist ja ganz das Institut unserer kniglichen Ehrenfrulein, meinte lchelnd mein Vater. Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Knigspaar so gut, und insbesondere ob es so zrtlich betraut ist, wie mein Elternpaar jederzeit von diesen Ziehtchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren -- denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland -- nicht weniger als 24 durch unser Haus gegangen sind, die aber smtlich heute noch in durchaus kindlichem Verhltnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns stehen. Unsere gegenwrtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben Sie soeben kennen gelernt. Sie sagten vorhin, nahm wieder mein Vater das Wort, da Ihr gesamtes Haus -- also vier Damen und drei Herren -- whrend eines ganzen Jahres blo zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten dienstbaren Geister in Anspruch genommen htte; auerdem erwhnten Sie die Dienste der reizenden Ehrenfrulein -- wer aber verrichtet jene grberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden jhrlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier zu vollbringen vermchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis zwlf Wohnrume; das Estrich ist zwar aus Marmor -- aber sie mssen doch gefegt werden. Ich sehe berall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit einem Worte, wer verrichtet die grbere Arbeit in diesem, wie der oberflchlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause? Die nmliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum regelmigen Bedarfe gehrigen Verrichtungen besorgen zu lassen, vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne da man sich fernerhin darum zu kmmern htte, mit einer Pnktlichkeit, die nichts zu wnschen brig lt. Die Association besitzt Haus- und Stubenschlssel der mit ihr in Akkord stehenden Huser. Zeitlich morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geruschlos ihre Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider -- richtiger die zu wechselnden, denn wir Freilnder tragen niemals ein Kleidungsstck an zwei aufeinander folgenden Tagen -- von den Orten, wo sie des Abends hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle, bereiten die Bder -- denn in den meisten freilndischen Husern hat jedes Familienglied sein besonderes Bad, das tglich genommen wird, es sei denn, da man ein See- oder Flubad vorzge -- reinigen die Vorrume und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden, ohne da man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und zu all dem gengen wenige Minuten. Es wird nmlich fast durchweg mit Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das ffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der groen, von den Keniakaskaden gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Stdten, wo Wasserdruck bis zu 35 Atmosphren nicht so leicht zu beschaffen ist, thun elektrische oder atmosphrische Kraftleitungen den nmlichen Dienst.) Hier die sthlerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter verdeckten Hhlung am Boden, und dort oben am Plafond die broncene, die dem Gestnge zum Aufhngen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln hnlich sieht -- es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, bertragen. Und dort in jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich Ihnen schwer erklren kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine Reihe anderer Gerte fhren die 3-4 Leute der Association bei ihren Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestnge da oben oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors geffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen, die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle geruschlos verrichtet, was Menschenhnde nur langsam und meist mit unangenehmem Gepolter zuwege brchten. Einige Zeit spter erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich, um die noch brigen Stuben zu reinigen, die frher entfernten Teppiche an ihren Ort zu geben, in Kche und Frhstckszimmer alles zum Frhstck Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsber mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen. Alles geschieht unaufgefordert, unhrbar, mit Blitzesschnelle. Unser Haus gehrt zu den greren, unsere Einrichtung zu den besseren in Edenthal; die Association hat also in wenigen Husern mehr zu thun, als bei uns; trotzdem rechnete sie uns fr all' diese Dienste im Vorjahre nicht mehr als 180 Stunden an, fr welche wir nach dem bereits erwhnten Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle, da irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten werden knnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen Domestiken, mit intelligenten, hflichen, diensteifrigen Geschftsleuten zu thun, die schon durch die Konkurrenz -- denn wir haben in Edenthal sechs solche Associationen -- gentigt sind, ihr uerstes zur Befriedigung der sie beschftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser Associationen sind Gentleman, mit denen man fglich an der gleichen Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder unsere zwei Ehrenfrulein, noch meine Schwester, wrden den geringsten Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gsten auch Mitgliedern der Association fr persnliche Dienstleistungen aufzuwarten. Sie werden brigens die Herren der Association heute noch kennen lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit ber jeden Ihrer speziellen Wnsche zu unterrichten. Sie drfen nicht ungeduldig werden, wenn _Sie_ dabei einem etwas umstndlichen Verhre unterzogen werden; es geschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den keine Kleinigkeit bersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewi nicht widerfahren, des morgens ein anderes als das gewnschte Kleid an der bezeichneten Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine Ungehrigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile das husliche Behagen besteht. Mit der Association fr persnliche Dienstleistungen wren wir fertig. Ich kann also mit der Erklrung unserer huslichen Einrichtungen fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa gebruchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, da hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den Zweck die Kaltluftleitung zu ffnen, welche knstlich gekhlte und zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise -- wenn nmlich in den heien Monaten ein nchtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht -- auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube vorsichtshalber in der Nhe des Bettes angebracht. Ich teile Dir all' diese Details mit, weil ich glaube, da sie Dich als Beweise dafr interessieren werden, wie wunderbar es diese Freilnder verstanden haben, unsere abendlndischen Haussklaven durch ihre eisernen Sklaven zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, da die Association fr persnliche Dienstleistungen selbst meines Vaters weitgehenden Ansprchen durchaus zu gengen vermochte; er versichert, im Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben. Um Dich nicht zu ermden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und zweiten Frhstcks am nchsten Tage, und will Dir nur nach der Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wssern machen. David gestand mir auf Befragen, da man uns zu Ehren den sonst gebruchlichen vier Gngen einen fnften zugelegt habe; aber nicht in der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzglichkeit der Gerichte, wie nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehriger und deshalb strender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne bertreibung kann ich versichern, selten so vorzgliche Bereitung, niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das Fleisch der auf den wrzigen Hochalpen gemsteten jungen Ochsen und zahmen Antilopen hat nirgend anderwrts seines Gleichen; die Gemse stellen die seltensten Schaustcke einer Pariser Ausstellung in den Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysterise Art des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank entwickelte aus seinem Innern eine scheinbar unerschpfliche Reihe von Ewaren. Zunchst entnahm Frulein Bertha diesem Schrank eine Terrine, welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mute -- als der Deckel gehoben wurde, prsentierte sich eine kstlich dampfende Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch heraus -- derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wre. Nun folgte -- wieder aus einem anderen Fache -- ein warmes Ragout, diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemsen und Salat -- dann kam Eis mit Backwerk, Obst, Kse. Den Schlu bildete ein schwarzer Kaffee, der aber vor den Augen der Gste bereitet wurde, nebst erlesenen Cigarren -- alles gleich dem Biere und den Weinen freilndisches Gewchs und Fabrikat. Dienerschaft war whrend der ganzen Mahlzeit nicht sichtbar; die drei reizenden Mdchen holten alles aus dem geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft befindlichen Serviertische. Frau Ney machte jetzt den Cicerone. Dieser Wandschrank -- erklrte sie -- ist zur einen Hlfte Eiskeller, d. h. von geklteter Luft durchstrmt, zur anderen Hlfte Herd, d. h. mit elektrischen Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen befindet sich -- durch schlechtleitende Wnde von beiden getrennt -- eine neutrale Abteilung von gewhnlicher Zimmertemperatur. Auerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu ffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor. Whrend wir nun tafelten, brachte die Speiseassociation in rascher Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet, teils, wie z. B. den Braten und einige Gemse, fertig adjustiert, aber noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die verschiedenen Fcher des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemse kochte ein Mitglied der Association in der rckwrts befindlichen Kche mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist brigens nicht die gewhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das Geschft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen Tchtern; das nimmt blo kurze Zeit in Anspruch und Kchendnste sind dabei niemals zu spren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften eines guten Ventilators. Das Reinigen der Gerte ist Sache der Association, die brigens, wenn es gewnscht wird, auch das Geschft des Servierens bei Tisch bernimmt. Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns Herr Ney mit den Familienverhltnissen der beiden Ziehtchter seiner Frau bekannt. Die eine derselben -- Leonore -- ist eines Ackerbauers Kind aus Leikipia, die andere -- Klementine -- die Tochter eines seiner Departementschefs. Letzteres befremdete uns. Warum -- so fragte ich -- verlt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein vornehmes, hochgebildetes sein mu? Herr Ney erklrte nun, da die Ziehtchter nicht sowohl das vornehme gebildete Haus, sondern ausschlielich die gebildete, geistreiche _Frau_ des Hauses suchen. Der Mann mag noch so berhmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein gewhnliches Geschpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre Schwelle. Diese Institution hat eben blo den Zweck, den betreffenden Jungfrauen den Vorteil eines hheren Beispiels, eines veredelnden weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz gnstiger uerer Verhltnisse zu gewhren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden Zustnde auch keinen rechten Sinn htte, da im groen Ganzen jede freilndische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fue lebt. Die Mutter Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schlielich doch nur eine tchtige Hausfrau; deshalb bat sie meine Ellen, die, so fgte er leuchtenden Auges hinzu, den edelsten Frauen unseres an herrlichen Weibern so reichen Landes zugezhlt wird, um die Gunst, sich ihrer Klementine fr zwei Jahre anzunehmen. Ich mu fr heute schlieen, denn Mdigkeit berwltigt mich, trotzdem ich Dir noch vielerlei ber meine Erfahrungen sowohl innerhalb als auerhalb des Ney'schen Hauses zu erzhlen htte .... 15. Kapitel. Edenthal, den 18. Juli. Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht ber unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du finden, da wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Fhrung eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon. Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefhrte auf sthlernen, denen eines Velocipeds hnlichen Rdern, mit zwei bequemen, fr je zwei Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst, da wir die -- Pferde vermiten. Er sah sich also bemigt, uns zu erklren, da man hierzulande aus mancherlei Grnden im Wagenverkehr, insbesondere im stdtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger. Der Lenker dieser Gefhrte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck nach abwrts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je strker gedrckt wird; ein Druck nach aufwrts verlangsamt den Gang oder bringt das Gefhrte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels hervorgebracht. Die Kraft, welche die Rder in Bewegung setzt, ist weder Dampf noch Elektricitt, sondern die Elasticitt einer Spiralfeder, die jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf einzuschalten oder zu entfernen ist. Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa Meter lange und 20 Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier, so demonstrierte mein Freund -- ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird die Feder aufgezogen, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr hochgradige, ein Geschft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der Association fr Transportwesen besorgen, und solcherart einen entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft gengt, um -- durch einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades bertragen -- ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter betrgt, so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von 20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hngt einerseits von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder vollstndigen Auslsung der Hemmvorrichtung -- reguliert durch den Druck des oben erwhnten Hebels -- ab; das zu erreichende Maximum bei miger Belastung und gutem Wege betrgt bei diesen gewhnlichen Draisinen 2 Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder 18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen, mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die Kraft der Spirale ist erschpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1-1 Stunden eintritt; es mu daher bei lnger dauernden oder rascheren Fahrten fr angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise geschieht. Zunchst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen -- denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und Jahre lang ihre Spannung -- fr welche hinten im Wagen eigene Reservebehlter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art Kraftverlngerung ihre Grenzen; auerdem ist das Auswechseln der Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel die zweite Methode der Kraftverlngerung vor, die darin besteht, da man nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen Zwecken dienenden Stationshuschen der Transportassociation, die sich auf allen belebteren Straen finden und durch weithin sichtbare Flaggen kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln lt. Jede Station besitzt jederzeit einen gengenden Vorrat gespannter Spiralen und so kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu bleiben, zumal wenn man die Vorsicht gebraucht, fr den Fall des bersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale mit sich zu fhren. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht blo in und um Edenthal, sondern in und um alle Stdte Freilands und auerdem auf allen belebteren Landstraen, und da die unterschiedlichen Associationen des gleichen Geschftszweiges im ganzen Lande so klug waren, berall Spiralen von genau den gleichen Maen einzufhren, so kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf rechnen, berall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch vllig sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die Relaisspiralen fr eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in welch letzterem Falle auch nichts hindert, die groen Straen zu verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts der hohen Vollendung des freilndischen Straennetzes nur bei ganz entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei 1700 Kilometer zurckgelegt und zu der ganzen Reise in aller Bequemlichkeit blo 14 Tage gebraucht. Wir entschlossen uns endlich kopfschttelnd, den automatischen Wagen zu besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den zweiten Sitz ein; ein Druck Ney's auf den Leithebel, und geruschlos setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais fr den Waarenverkehr sich erstrecken, smtlich von vierfachen Palmenreihen umsumt und bestehen teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen, teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von sulengetragenen Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden Rauchverzehrern versehen sein mssen. Auch das mitnige Pfeifen der Dampfventile ist in Edenthal verpnt. Denn der Edensee ist nur nebenbei Verkehrsstrae; seine hauptschliche Bestimmung ist die eines gewaltigen Zier- und Lustteiches. Ein groer Teil der Ufer wird von den luxuris ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender bentzt werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bdern haben sich auch die smtlichen Theater-, Opern- und Konzerthuser Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch einstweilen nur von auen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde machten uns darauf aufmerksam, da der Edensee seine Hauptreize erst bei Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nchsten Abende von uns aufgesucht werden solle. Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraen, die vom See zu den halbkreisfrmig das Edenthal umgrenzenden Hhen fhren. Hier leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs neue mit staunender Bewunderung erfllen mu, uns Fremden aber geradezu die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Gre, wie unvergleichlich an Ebenma und harmonischer Vollendung all seiner Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des berwltigend Majesttischen und des mrchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der zwlf obersten Verwaltungsbehrden und der zwlf Vertretungskrper. Er ist durchwegs aus weiem und gelbem Marmor gebaut, bertrifft an Flchenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind hher als der Petersdom; da er mit einem Kostenaufwande von 9 Millionen Pfd. Sterling hergestellt werden konnte, erklrt sich blo dadurch, da alle Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Knstler des Landes sich dazu drngten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und -- so belehrte mich David -- das geschah nicht etwa aus patriotischer, sondern aus rein knstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug, um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu gestalten, htte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, berwltigende Schnheit des Werkes hatte es allen Knstlern angethan. Er erinnere sich noch der fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener Prfungskommission, welche ber die vorgelegten Bauentwrfe zu entscheiden hatte, allenthalben erzhlten, es sei ein Plan eingelaufen, von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares biete; eine neue ra der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Groartigkeit die gewaltigsten gyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten -- es waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon viel und schn gebaut -- zogen ausnahmslos ihre Entwrfe zurck, und huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel. Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rcken zu kehren. Mit der Aufzhlung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flchtig vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, da die Mannigfaltigkeit und Groartigkeit der den unterschiedlichen wissenschaftlichen und knstlerischen Zwecken dienenden ffentlichen Anstalten auf mich durchaus verblffend wirkte. Die Akademien, Museen, Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen und allen sah man es auf den ersten Blick an, da sie mit verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien. Nachdem wir schon an zahllosen ffentlichen Gebuden vorbeigefahren waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht werden konnte, da unser civilisiertes Europa nichts ihnen hnliches besitzt -- ich nenne Dir beispielsweise blo das Institut fr animalische Zuchtversuche, welches den Zweck hat, durch Experiment und Beobachtung festzustellen, welchen Einflu Erblichkeit, Lebensweise, Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus uern -- fiel es mir auf, da wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun begierig war zu sehen, wie die weltberhmte freilndische Humanitt, die seit Jahren mindestens die Hlfte aller Spitler der Welt mit reichen Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu fhren. Ich kann Dir ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland keines besitzen, war dessen Antwort. Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man wei ja, da Ihr Freilnder Euch ohne Kriminal- und Militrwesen behelft; aber -- so meinte ich -- Krankheiten mu es doch auch hier geben, diese haben doch mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun! Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben, mengte sich hier Herr Ney ins Gesprch; auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland -- aber keine _armen_ Kranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des Massensiechtums, die man da drauen mit dem Namen Spital bezeichnet. Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute Bezahlung verpflegen lassen knnen, haben wir allerdings und sie werden insbesondere in Fllen schwierigerer chirurgischer Operationen hufig aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien fr distinguierte Patienten. Wir waren inzwischen des Fahrens mde geworden, was nach nahezu vierstndiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen Einrichtung der Wagen erklrlich erscheint. Neys machten daher den Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rckweg zu Fue anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor einem der Stationshuschen der Transportassociation, lieen dort das Gefhrte zurck und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede Edenthaler Strae eingesumt ist. Jetzt hatten wir Mue, die zierlichen Privathuser nher zu betrachten, die zwar alle den eigentmlichen, halb an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler Baustil zeigen, im brigen aber weder an Gre noch an Ausstattung gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren wunderliebliche Grten mit ihren erlesenen Bumen, ihrer unglaublichen Blumenpracht, den weien Marmorstatuen, Fontnen und den mannigfaltigen zahmen Tieren -- insbesondere ffchen, Papageien, Prachtfinken und allerlei Singvgeln -- die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern tummeln. Des weiteren berraschte uns die auerordentliche Reinlichkeit der Straen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, da seit Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straen freilndischer Stdte Staub aufwhlen und Unrat hinterlassen. Giebt es also keinerlei Pferde hier? fragte ich, worauf mir die Erklrung ward, da deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben wrden jedoch nur auerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wlder bentzt. Das mu aber hierzulande ein sehr teurer Luxus sein, meinte ich. Das Pferd selber und was es frit, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein freilndischer Haushalt die Kosten eines Pferdewrters zu erschwingen vermag. Oder erhlt diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise geringeren Lohn? Letzteres wre bei uns wohl kaum mglich, -- antwortete lchelnd Herr Ney -- denn wer wrde dann in Freiland Pferdewrter sein wollen? Wir mssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewhren, wie anderen Arbeitern, und wenn ich fr die sieben Reitpferde, die ich zum Gebrauche meiner Familie in den Stllen der Transport-Association halte, ein Wartepersonal nach abendlndischem Zuschnitt bezahlen wollte, so wrden die Kosten mein gesamtes Einkommen berschreiten. Aber das Rtsel lst sich sehr einfach dadurch, da auch die Arbeit im Pferdestall mit Hlfe von Maschinen verrichtet wird, derart, da durchschnittlich ein Mann fr je 50 Tiere vollkommen gengt. Sie schtteln unglubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten riesigen cylinderfrmigen Brsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den grten Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit subern; wie das Futter den Tieren automatisch zugeteilt wird: so drfte Ihnen nicht blo das, sondern ebenso die Thatsache einleuchten, da in Freiland auch die Stallknechte gebildete Gentlemen sind, Geschftsleute so ehrenwert und geachtet, wie alle anderen. Unter solchen Gesprchen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger Imbi genommen ward und einige Geschfte Erledigung fanden. Nach dem bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden abermals zum Edensee und besuchten zunchst die groe Oper, wo an diesem Tage das Werk eines freilndischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freilndischen Tonwerke ist, die auch im Auslande groen Anklang finden und hufig aufgefhrt werden. Dagegen berraschte uns die eigenartige -- allen freilndischen Theatern gemeinsame -- Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Hhe auf; das Dach ruht auf Sulen, durch welche die uere Luft frei hereinstreichen kann. Bis zu 10000 Personen finden solcherart in den greren dieser Theater bequem Platz, ohne da jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in denselben ansammeln knnte. Die Darstellung war eine vorzgliche, die Ausstattung in jeder Beziehung glnzend; trotzdem waren die Preise der -- durch keinerlei Rangordnung unterschiedenen -- Pltze nach abendlndischen Begriffen lcherlich mig. Der Sitz kostete einen halben Schilling -- doch wohlverstanden blo hier, in der groen Oper; die anderen Theater sind alle noch wesentlich wohlfeiler. Unternehmer sind berall die stdtischen Kommunen, als deren Angestellte die ausbenden Knstler sowohl als das Regiepersonal fungieren; als konomischer Grundsatz gilt dabei allgemein, da die Kosten des Baues und Unterhalts der Gebude vom allgemeinen Kommunalbudget zu tragen seien, und da die Eintrittspreise blo die Gehalte und Tantiemen des angestellten Personals und die Ausstattung zu decken haben. Von David erfuhr ich, da Edenthal auer der groen Oper noch eine Spieloper und vier Schauspielhuser besitze, ferner drei Konzerthuser, in denen allabendlich Orchester-, Kammermusik und Chre sich hren lieen. Als freilndische Specialitt aber nannte er mir fnf verschiedene Lehrtheater, in denen astronomische, archologische, geologische, palontologische, physikalische, geschichtliche, geographische, naturgeschichtliche, kurz alle erdenklichen wissenschaftlichen Vortrge mit dem umfassendsten Aufwande plastischer Darstellungskunst den Hrern vorgefhrt werden. Die Vortrge sind von den geistreichsten Gelehrten verfat, von den gewandtesten Rednern vorgetragen, von den tchtigsten Ingenieuren und Dekorateuren in Scene gesetzt. Diese Art Theater seien die besuchtesten; in der Regel gengen die vorhandenen Pltze nicht, so da die Kommune krzlich zwei neue derartige Darstellungshuser bauen lie, die binnen wenigen Monaten erffnet werden drften. Die Groartigkeit dieser Vorfhrungen, die ich an den nchsten Abenden kennen lernte, ist in der That staunenerregend und wenn auch die Jugend bei den meisten derselben den greren Teil des Auditoriums stellt, so werden dieselben doch von Erwachsenen sehr fleiig besucht. Nach dem Theater mieteten Neys am Ufer eine der zahllosen dort von einer Association bereit gehaltenen Gondeln mit mechanischer Triebkraft (von elastischen Federn getriebene Propellerschrauben) und wir steuerten in den See hinaus. Derselbe war von gewaltigen, rings am Ufer in betrchtlicher Hhe angebrachten elektrischen Reflektoren taghell erleuchtet und es stand uns heute ein ganz besonderer Genu bevor, denn Walter, der berhmteste Liederkomponist Freilands, lie an diesem Abend eine neue Kantate durch die Mitglieder des Edenthaler Choralvereins zur ersten Auffhrung bringen. Dieser Verein, welcher zu seinen allwchentlichen Vortrgen in der Regel den Edensee als Schauplatz whlt, verfgt zu solchen Zwecken ber mehrere der groartigsten Prachtbarken, deren bisweilen geradezu mrchenhafte Ausstattung durch freiwillige Beitrge seiner zahlreichen Mitglieder und Verehrer gedeckt wird. War es die Wirkung der ganz eigenartigen Scenerie, war es die Schnheit des Tonstckes an sich -- der Effekt, den die Kantate auf mich machte, war ein berwltigender. Als wir uns auf den Heimweg machten, gestand ich David, da mir niemals zuvor die gleichsam transcendentale Gewalt der Tne so deutlich geworden, wie whrend dieser Vorstellung am See; ich hatte durchaus den Eindruck, als ob der Weltgeist in diesen Klngen zu meiner Seele sprche und als ob diese auch ganz genau seine Sprache verstnde und nur unvermgend sei, dieselbe in gewhnliches Italienisch oder Englisch zu bersetzen. Zugleich aber uerte ich mein Erstaunen darber, da ein so junges Gemeinwesen, wie das freilndische, in allen Kunstarten Anerkennenswertes, in zweien aber, in Architektur und Tonkunst, den besten Vorbildern aller Zeiten Ebenbrtiges leiste. Frau Ney gab hierber ihre Meinung dahin ab, da dies die schlechthin notwendige Konsequenz der Gesamtrichtung des freilndischen Geistes sei. Wo frhlicher Lebensgenu mit ruhiger Mue sich paarten, dort mten die Knste gedeihen, die ja in Wahrheit nichts anderes seien, als Produkte des Reichtums und edler Mue. Und da gerade Architektur und Musik den Anfang der Kunstblte machten, lasse sich ganz ungezwungen erklren. Erstere mute durch die, dem neuartigen groartigen Gemeinwesen entsprungenen Bedrfnisse in erster Reihe mchtig angeregt werden; auch der Einflu der gewaltigen und doch lieblichen Natur des Landes sei hier unverkennbar. Die Musik dagegen sei die unmittelbarste aller Kunstformen, diejenige, deren sich der Genius der Menschheit stets in erster Reihe bediene, wenn eine neue ra knstlerischen Schaffens durch neue Arten des Fhlens und Denkens eingeleitet worden sei. Bei dem so beraus regen Sinne Ihres Volkes fr das Schne -- so wandte sich mein Vater an Frau Ney -- nimmt es mich nur Wunder, da zum Schmucke der schnsten Zierde Freilands, seiner kniglich gearteten Frauen nmlich, so wenig aufgewendet wird. Zwar die Tracht ist kleidsam, und nirgend bisher habe ich noch so erlesenen Geschmack in der Wahl der geeignetsten Formen und Farben getroffen; aber eigentliches Geschmeide sieht man nicht. Hie und da Goldreifen im Haar, da und dort goldene oder silberne Spangen an den Kleidern, das ist alles; Edelsteine und Perlen scheinen bei den hiesigen Damen verpnt zu sein. Woran liegt das? Der Grund liegt darin -- so antwortete Frau Ney -- da uns Freilndern jene ausschlieliche Triebfeder fehlt, die den anderen Vlkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit ist auch hierzulande heimisch, unter Mnnern sowohl als Frauen; aber sie findet in der Schaustellung von sogenannten Kostbarkeiten, deren alleiniger Vorzug vor hnlichen Dingen lediglich darin besteht, da sie teuer sind, kein Genge. Glauben Sie wirklich, da es die _Schnheit_ der Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswerten Schwestern da drauen Glck und Ehre in die Schanze schlagen lt, um in den Besitz solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warum stiee dann dasselbe Weib, welches sich um echter Steine willen verkaufte, unechte, die es in Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheiden vermag, achtlos beiseite? Und zweifeln Sie daran, da auch der echte Diamant sofort zum unbeachteten Kiesel wrde, den keine Dame von Geschmack fernerhin eines Blickes wrdigte, sowie dieser Stein aus irgend einem Grunde seinen hohen Preis verlre? Die Geschmeide gefallen also nicht, weil sie schn, sondern weil sie kostbar sind. Sie schmeicheln der Eitelkeit nicht durch ihren Glanz, sondern durch das Bewutsein, welches sie in ihrem Eigner erwecken, in diesen unscheinbaren Dingerchen den Extrakt so und so vieler Menschenleben zu besitzen. Seht her, hier an meinem Halse trage ich einen Talisman, um den Hunderte von Knechten Jahre lang ihr bestes Mark vergeuden muten und dessen Gewalt auch Euch, die Ihr die netten Dingerchen ehrfurchtsvoll anstaunt, mir als Sklaven zu Fen legen, allen meinen Launen dienstbar machen knnte! Seht her, ich bin mehr als Ihr, ich bin die Herrin, die auf nichtigen Tand vergeuden kann, wonach Ihr vergeblich giert um Euren Hunger zu stillen! Das etwa ist's, was das Diamantenkollier aller Welt verkndet, und _darum_ hat seine Besitzerin vielleicht sich und andere verraten, elend gemacht, um es als ihr Eigen um den Nacken schlingen zu knnen. Denn beachten Sie wohl, das Geschmeide schmckt nur, wenn es Eigentum des Trgers ist; entliehenes Geschmeide zu tragen ist ignobel, gilt als unanstndig, und mit Recht, denn entliehenes Geschmeide lgt, es ist eine Krone, die ihrem Trger den Schein einer Macht verleihen soll, die er in Wahrheit nicht besitzt. Die Macht nun, deren legitimen Anspruch das Geschmeide zur Schau tragen soll, die Macht ber fremdes Leben und fremde Leiber existiert in Freiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600 Pfund Wert bese, der htte damit auch hierzulande das Verfgungsrecht ber einjhrigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalb erwrbe und zur Schau trge, wrde sich damit -- angesichts unserer Institutionen -- doch nur lcherlich machen; denn _seine eigene Arbeit_ wre es, deren Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich mte er mit Jedem, dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machen wollte, tauschen und statt ehrfurchtsvollen Staunens knnte er blo bedauerndes Mitleid erwecken, Mitleid darber, da er sich bessere Gensse versagt, oder nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernen Kiesel zu erwerben. Es wre das gleichsam, als ob der Besitzer des Diamanten aller Welt verknden wollte; Seht her, whrend Ihr genosset oder ruhtet, habe ich gedarbt und gearbeitet, um den Tand zu gewinnen! Nicht der Mchtigere, der Thrichtere wre er in Jedermanns Augen -- der Stein, dessen fascinierende Kraft an die Vorstellung geknpft ist, da sein Besitzer zu den Herren der Erde gehre, die ber fremde Arbeit verfgen und _deshalb_ sich den Scherz erlauben drfen, das Produkt so groen Schweies in nutzlosen Schelchen anzulegen -- der Stein kann fr ihn keinen Reiz mehr haben. Wer ihn in Freiland kauft, der gliche Jenem, der sein Leben an den Besitz einer Krone setzt, die aufgehrt hat, das Symbol der Herrschaft zu sein. Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmckende Kraft ab? Sie leugnen, da Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reize eines schnen Krpers noch wesentlich hervorzuheben? entgegnete mein Vater. Das thue ich allerdings, war die Antwort. Nicht da ich die dekorative Wirkung an sich berall bestreiten wollte; nur leugne ich, da sich nicht genau der nmliche, ja in der Regel ein weit besserer Effekt durch andere Mittel auch erreichen lt. Im allgemeinen aber schmckt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum menschlichen Krper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in neunundneunzig unter hundert Fllen den stolzen Besitzer. Da ein diamantengeschmcktes Weib Euch Herren da drauen besser gefllt, als ein blumengeschmcktes, hat genau den nmlichen Grund, aus welchem Euch -- Ihr mgt noch so starre Republikaner sein -- eine Knigin schner erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangener sthetik vielleicht schneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigentmlicher Zauber umschwebt sie -- der Zauber -- Sie entschuldigen das harte Wort -- des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer sthetisches Urteil ist es, was Euch weismacht, das Diadem verleihe hheren Reiz, als der Kranz von Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden, dessen sich nur Kniginnen bedienen drfen, und Ihr werdet jetzt ohne Zweifel finden, da die Rosen es sind, die wahre Majestt zur Geltung bringen. Eitel sind wir Freilnderinnen deshalb doch. Wir wollen nicht blo schn sein, sondern auch schn erscheinen und die Mnner bestrken uns nach Krften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid und Zierat einer Freilnderin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie whlt nicht das Gewand, welches ihre persnlichen Reize am gnstigsten hervorhebt, sondern das kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders; schon unsere eigenen sthetischen Anschauungen bewahren uns vor der Thorheit, einem Kleiderknstler zu Liebe andere Gewnder anzulegen, als jene, von welchen wir vermuten oder wissen, da sie unsere Gestalt am vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Auerdem aber steht uns diesbezglich jederzeit der Rat knstlerisch gebildeter Mnner zur Seite. Kein hervorragender Maler verschmht es, jungen Damen Aufschlu ber die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewhren, ja es werden besondere Vortrge ber diesen wichtigen Punkt gehalten. Natrlich kann es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung, Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualitt der Trgerin angepat sind; da Hagere und Wohlbeleibte, Groe und Kleine, Blonde und Brnette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen Schablone tragen sollten, glte hier zu Lande als Gipfel der Abgeschmacktheit. Ebenso lcherlich aber fnde es eine Freilnderin, die gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie als fr sich passend einmal erprobt, zu wechseln, blo aus dem Grunde, weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es nicht, da man, um zu gefallen, am besten thue, sich mglichst mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals untersttzt von unseren Mnnern, zhe fest an dem Glauben, da die menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhllt, aber nicht verzerrt werden drfe. Wir erklrten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die Wahrheit ist, da der an die Excentricitten abendlndischer Moden gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach knstlerischen Grundstzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu einfach, dann aber die Rckkehr zu den abendlndischen Zerrbildern schlechterdings unertrglich findet. Du wirst Dich erinnern, da David uns in Rom versicherte, die europischen Moden machten ihm genau den nmlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum einwchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu teilen. Doch ich sehe, da ich abermals schlieen mu, ohne meinen Bericht erschpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versumte nachzuholen Dein ..... ..... 16. Kapitel. Edenthal, den 28. Juli. Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil die vergangene Woche einer Reihe krzerer oder lngerer Ausflge gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl freilndischer Stdte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wldern eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer Lngenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den Bergen nrdlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Bffel, Zebras, mit ihren Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mhlenindustrie und des Ukerwehandels. In allen Stdten fand ich dem Wesen nach die nmlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den Hauptstraen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken, Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist berraschte, war, da auch die lndlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines hochentwickelten stdtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische Bahnen zogen auch an ihnen vorber und setzten sie mit den Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen -- denn der Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland -- nebeneinander standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph und Telephon fehlten selbst dem entlegensten Gebirgsthale nicht, ebenso keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu groer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater fr sie gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vortrge abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben berflu, und wo irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als da die Kinder eine in der Nhe gelegene Schule htten besuchen knnen, dort waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umstnden leiden. Da ich die Gelegenheit nicht versumte, mir das freilndische Volk an seiner Arbeit -- auf dem Felde und in der Fabrik -- zu betrachten, ist selbstverstndlich. Hier wurde mir die Gre Freilands erst offenbar. Ungeheuer, berwltigend war, was ich allenthalben sah. Von der Groartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermelichen Kraftflle, welche die gebndigten Elemente hier dem Menschen zur Verfgung stellen, kann sich der Abendlnder ebensowenig eine Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich mchte fast sagen aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit berall umgeben ist. Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen Geschftes; er hat der Hauptsache nach blo seine unermdlichen eisernen Sklaven zu berwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Sthnen und Rasseln drfen diese berall geschftigen Diener das Ohr ihrer Herren beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den mineralischen Dnger fr die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen Steinzermalmern von tausenden Centnern Stokraft, und kein lstiges Gerusch war zu hren, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt Eisenwerke, in denen Stahlhmmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen Fabrikslen, kein Ru auf Hnden oder Gesichtern der Arbeiter strte den Eindruck, da man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu berwachen. Ich sah auf den Feldern ackern und sen -- wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der Schpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen Dampf oder Elektricitt nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm ntzlich dnkt. Ich war _unter_ der Erde in den Kohlengruben und in den Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine aufreibende Plage fr den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie seine gehorsamen Geschpfe aus Stahl und Eisen fr ihn schaffen ohne zu ermden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als da er sie lenke. Whrend der nmlichen Ausflge lernte ich auch eine Reihe besonderer in Freiland blicher Vergngungen nher kennen; ich besuchte mit David die mannigfaltigen entzckenden Aussichtspunkte des Kenia und der Aberdareberge, auf denen es allsonntglich Gesang und Tanz der jungen Leute gibt, gewrzt in der Regel durch eine berraschung, welche die Vergngungskomitees -- eine stndige Institution in jedem freilndischen Orte -- zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die Eisfeste auf dem groen Eislaufteiche am Keniagletscher das berraschendste. Dort hatten vor fnf Jahren die vereinigten Vergngungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400 Hektaren messendes, 4250 Meter ber dem Meeresspiegel gelegenes Plateau in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wssern der unmittelbar daran grenzenden groen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte August gibt es nun in dieser Hhe stets sehr empfindliche Nachtfrste, die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser groartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxurisen heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Slen umgeben, des ferneren mittels einer leistungsfhigen Zahnradbahn mit dem Fue des Berges in Verbindung gebracht worden war, bergaben die vereinigten Komitees ihr Werk der ffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich denken lt, sehr betrchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken sich die Erfordernisse der Instandhaltung berreichlich durch freiwillige Beitrge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze khle Jahreszeit hindurch ist die Riesenflche des Eisteiches von Schlittschuhlufern und insbesondere von Schlittschuhluferinnen nicht blo aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde, sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des indischen Ozeans und der groen Seen kommen Freunde und Freundinnen dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten glnzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwrtig beschftigt man sich mit dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein groartiges Hotel zu errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso grazisen als gesunden Leibesbung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehhe zu bernachten. Des ferneren hat die groe Beliebtheit des Kenia-Eisteiches den Anla gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar dort in einer noch um 500 Meter hheren Lage ein hnliches Unternehmen ins Werk zu setzen, welches gegenwrtig seiner Vollendung nahe ist; ein drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das Versuchsstadium nicht berschritten, da dem dortigen Komitee die Auffindung eines zu solchem Zwecke gengend hoch gelegenen und dabei ausreichend groen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll. Mehr als all' diese Vergngungseinrichtungen aber erregte die ungetrbte, im besten Sinne des Wortes kindliche Lust und Frhlichkeit meine Bewunderung, mit denen nicht blo diese Veranstaltungen, sondern das ganze Leben in Freiland genossen werden. Man gewinnt durchaus den Eindruck, als ob die Sorge hierzulande unbekannt wre. Jene unbefangene Heiterkeit, die bei uns in Europa der beneidenswerte Vorzug blo der ersten Jugendjahre ist, thront hier auf jeder Stirne, strahlt aus Jedermanns Auge. Durchwandere welches civilisierte Land der Welt immer, Du wirst selten, ja ich mchte fast behaupten niemals, einen Erwachsenen finden, auf dessen Antlitz behagliches Glck, ungetrbter Lebensgenu zu lesen wre; mit sorgenschweren, meist sogar kummervollen Mienen hasten oder schleichen bei uns daheim die Menschen aneinander vorber, und zeigt sich irgendwo wirkliche, nicht blo erknstelte Frhlichkeit, so ist es beinahe ausnahmslos die der Gedankenlosigkeit. Glcklich sind bei uns hchstens die Armen an Geist; die Reflexion scheint uns nur gegeben, um ber des Lebens Not und Qual nachzudenken. Hier zum erstenmale finde ich Menschengesichter, die den Stempel bewuten Denkens und unbefangenen Glckes zugleich zur Schau tragen. Und dieses Schauspiel allgemein glcklicher Zufriedenheit ist fr mich erhebender als alles, was wir hier zu sehen bekamen; freier und wohliger atmet die Brust; es ist, als ob ich zum erstenmale aus der bengstigenden Atmosphre eines mit erstickenden Dnsten geschwngerten Kerkers hinausgelangt wre in die freie Natur, wo balsamische reine Lfte mich umfcheln. Woher kommt Euch allen, allen dieser Abglanz sonniger Heiterkeit? fragte ich David. Sie ist das naturgeme Ergebnis der heiteren Sorglosigkeit, in der wir alle leben, war seine Antwort. Denn es scheint nicht blo, es ist wirklich an dem, da die Sorge hierzulande unbekannt ist, zum mindesten jene hlichste, erniedrigendste aller Sorgen, die um das tgliche Brot. Nicht da wir reicher sind, und auch nicht, da wir es alle sind, ist diesbezglich das Entscheidende, sondern da wir, und zwar wohlverstanden jeder Einzelne unter uns, die absolute Sicherheit besitzen, es stets zu bleiben. Hier _kann_ niemand verarmen, denn unveruerlich ist ihm sein Anteil am unermelichen Vermgen der Gesamtheit. Heiter und lachend liegt das Morgen vor uns; es kann uns nichts Schlimmes bringen, denn Gewhr und Sicherheit fr das Wohlergehen auch des Letzten unter uns ist eine Macht, so stark und dauerhaft, wie der Bestand unserer Rasse auf diesem Planeten, die Macht des menschlichen Fortschritts. Wir gleichen in diesem Punkte wirklich den Kindern, denen Schirm und Hort des elterlichen Hauses jede materielle Sorge fernhlt. Und befrchtet Ihr nicht -- so warf ich ein -- da diese Sorglosigkeit schlielich gerade dem ein Ende bereiten wird, worauf sie sich sttzt, dem Fortschritte nmlich? Bisher zum mindesten waren noch stets Not und Sorge die besten Triebfedern menschlicher Betriebsamkeit; erlahmen diese beiden, hat die qulende Angst um das Morgen ihr Ende, so wird auch der Fortschritt erlahmen, Stillstand, dann Rckschritt werden ihm folgen und zugleich mit der dadurch notwendigerweise eintretenden Verarmung werden auch Not und Sorge wieder ihren Einzug halten. Da bisher unter Euch nichts von alledem zu bemerken ist, mu ich zugeben; aber es kann mich dies nicht beruhigen. Denn einstweilen geniet Ihr in Freiland noch die Frchte des Fortschritts Anderer. Was unter Not und Qual ungezhlter Jahrtausende ersonnen und erfunden wurde, unter Not und Qual ungezhlter Millionen auerhalb der Grenzen Eures Landes auch heute noch ersonnen und erfunden wird, das ist's, was Euer Glck einstweilen ermglicht. Wie aber dann, wenn dereinst -- was Ihr ja offenbar anstrebt -- die _ganze_ Menschheit sich zu Euren Prinzipien bekehrt? Glaubt Ihr, da die Not gnzlich von der Erdoberflche verschwinden kann, ohne den Fortschritt mit sich zu nehmen? Das glauben wir nicht bloß« -- war seine Antwort -- wir wissen es, und jedermann, der unbeirrt durch berkommene Vorurteile die Thatsachen prft, mu unsere Erkenntnis teilen. Kampf ums Dasein ist das unerbittliche Gebot, an welches die Natur den Fortschritt, ja die Existenz jeglichen lebenden Wesens geknpft hat -- das begreifen wir besser, als irgend jemand da drauen. Aber da dieser Kampf gerade durch den Hunger gestachelt werden mu, leugnen wir, und ebenso, da er notwendigerweise als ein gegenseitiger Kampf der Individuen der nmlichen Art aufzufassen ist. Auch wir kmpfen den Kampf ums Dasein, denn mhe- und arbeitslos fllt auch uns der Genu nicht in den Scho. Aber nicht _gegeneinander_, sondern _miteinander_ stehen wir in unserem Streben, und gerade deshalb ist uns der Erfolg desselben niemals zweifelhaft. Wir knnten uns, wenn auf das Beispiel des in der Tierwelt herrschenden Kampfes verwiesen wird, darauf berufen, da der Mensch, dem andere Kampfmittel zu Gebote stehen, als seinen niedriger stehenden animalischen Vettern, den Entwickelungskampf auch in anderer Weise auszutragen vermchte, als diese; aber das wre eine ebenso schlechte, als berflssige Ausflucht. Denn in Wahrheit verhlt sich die Sache umgekehrt; Not und materielle Sorge sind -- von hchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen -- keine natrlichen Kampfmittel im Mitbewerbe ums Dasein; die weitaus berwiegende Mehrzahl aller Tiere leidet niemals Mangel, sorgt niemals und in keinerlei wie immer gearteter Form um das Morgen, und ist trotzdem von Uranfang aller Dinge dem groen ausnahmslosen Gesetze des Fortschritts unterworfen gewesen. Am allerwenigsten aber ist im Tierreiche gegenseitiger Kampf der Angehrigen der nmlichen Art die Regel; die Individuen der gleichen Art leben friedlich und der Hauptsache nach kampflos untereinander, ihre Waffen sind nach auen gekehrt, gegen andersgeartete Feinde. Gegen den Lwen und den Panther ficht die Gazelle den Daseinskampf durch Wachsamkeit und Schnelligkeit, nicht gegen ihresgleichen; gegen die Gazelle und den Bffel, Lwe und Panther den ihrigen durch List und Strke, nicht aber gegen Mit-Lwen und Mit-Panther. Der Kampf unter uns und gegen uns selber war und ist unser, der menschlichen Rasse, Privilegium gewesen. Entsprungen aber ist dies traurige Privilegium allerdings einer Kulturnotwendigkeit; um uns zu dem zu entwickeln, was wir geworden sind, muten wir von der Natur mehr verlangen, als sie freiwillig zu bieten in der Lage ist; um es zu erlangen, blieb lange Jahrtausende hindurch kein anderer Ausweg, als das zur Befriedigung unserer hheren Bedrfnisse Erforderliche uns gegenseitig abzujagen und abzupressen. Und dadurch erst gestaltete sich die Not zu einem Kampfmittel im menschlichen Daseinskampfe. Also wohlgemerkt, da der Mensch gegen den Menschen kmpfte, und da in diesem Kampfe die materielle Sorge den empfindlichsten Stachel bildete, war und ist nicht die einfache bertragung eines in der ganzen belebten Natur geltenden Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft, sondern eine ausnahmsweise Verzerrung dieses groen Naturgesetzes unter dem Einflusse einer menschlichen Entwickelungsphase. Wir litten Not, nicht weil die Natur es durchaus so verlangt, sondern weil wir uns gegenseitig beraubten, und wir beraubten uns gegenseitig, weil mit der beginnenden Kultur ein Miverhltnis unserer Bedrfnisse und unserer natrlichen Mittel zur Befriedigung derselben entstand. Jetzt aber hat die bis zur Herrschaft ber die Naturkrfte gediehene Kultur dieses Miverhltnis wieder ausgeglichen; um berflu und Mue zu genieen, mssen wir uns frderhin nicht mehr gegenseitig ausbeuten, und wenn nunmehr der Kampf des Menschen gegen den Menschen, und damit zugleich die materielle Not ihr Ende finden, so bedeutet das nicht die Abwendung von den natrlichen Formen des Daseinskampfes, sondern in Wahrheit Rckkehr zu denselben. Nicht der Kampf ist damit zu Ende, sondern blo die unnatrliche Form desselben. In ihrem Ringen, sich ber die rein tierische Natur zu erheben, geriet die Menschheit in einen Jahrtausende whrenden Widerstreit mit der Natur selber, und dieser Widerstreit war die Quelle all der unsglichen Marter und Pein, der Verbrechen und Scheulichkeiten, deren ununterbrochene Kette die Geschichte unserer ganzen Rasse ist, von den ersten Anfngen ihrer beginnenden Kultur bis zur Gegenwart. Jetzt aber ist der schreckliche Widerstreit durch den glorreichsten Sieg beendet, wir sind geworden, was wir Jahrtausende hindurch erstrebten, ein Geschlecht, das der Natur berflu und Mue fr alle seine Angehrigen abzugewinnen vermag und gerade durch diese wiedererlangte Harmonie unserer Bedrfnisse und Bedrfnisbefriedigungsmittel haben wir den Einklang mit der Natur wieder hergestellt. Unterworfen bleiben wir ihrem unwandelbaren Gesetze des Kampfes ums Dasein, aber wir werden diesen Kampf hinfort in der nmlichen Weise fhren, wie alle anderen Naturwesen, nach auen, nicht nach innen gegen die Genossen der eigenen Art, und entledigt des Stachels materieller Not. Was aber -- so fragte ich -- soll hinfort den Menschen zu ferneren Kmpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren Stachel verloren hat? Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung und Gesittung anzusehen uns gewhnt haben, auch wenn diese Anschauungen den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als ob jemals Not die ausschlieliche, oder auch nur die vornehmste Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wre! Der Widerstreit zur Natur, in welchen das Miverhltnis zwischen Kulturbedrfnissen und Kulturkrften die Menschheit in den Jahrtausenden des bergangs von Barbarei zu wirklich menschenwrdiger Kultur brachte, hatte zwar zur Folge, da der Kampf ums Dasein neben seinen natrlichen auch widernatrliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mchtiger, als die ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu verdanken, die unserer Rasse eigentmlich sind und bleiben werden, so lange sie als herrschende die Erde bevlkert. Dreimal blind, wer dies nicht sehen will! Die groen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man kann in der Mehrzahl der Flle behaupten, da sie sannen und dachten, forschten und fanden, nicht _weil_, sondern _trotzdem_ sie hungerten. Doch -- so knnte man einwenden -- das waren eben die wenigen Erlesenen unseres Geschlechts; die groe Masse der Alltagsmenschen aber kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach besten Krften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen. Wer so urteilt, geht abermals von einem hchst merkwrdigen bersehen aus. Welche Voreingenommenheit gehrt dazu, sich der Thatsache zu verschlieen, da es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden, die am emsigsten vorwrts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf jene Elenden weist, die thatschlich nur durch bitterste Not zur Thtigkeit angespornt werden knnen und sofort wieder in trge Apathie versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergit, da es eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trgt. Der Kulturmensch, der hhere Bedrfnisse einmal kennen gelernt, wird desto emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwrdigende Not die Spannkraft des Geistes und Krpers gebrochen hat und je zweifelloser der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not, sondern im vernnftigen, auf ein sicheres Ziel frhlich zusteuernden Eigennutze mu jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hat _unsere_ sociale Ordnung -- weit entfernt, ihn abzustumpfen -- in Wahrheit erst zu voller Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darber sein: was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, da wir nmlich an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen voranschreiten, es ist kein zuflliges Ergebnis irgendwelcher vorbergehender Einflsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die gleichen Konsequenzen verspren. So wenig als wir der qulenden Not bedrfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Gensse zu vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in die glckliche Lage gert, die Frchte des Fortschritts zu genieen. Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. Wenn ich es bei Lichte betrachte -- erklrte ich -- so luft die gegenteilige Auffassung darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen knne, wo er der Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen Euch Freilndern und uns anderen liegt doch darin, da Ihr die Frchte jeden Fortschritts genieet, whrend wir mit demselben eigentlich blo in das Danaidenfa der berproduktion schpfen. Niemand bezweifelt, da Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, da alle Entdeckungen und Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nur _eines_ arbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu glauben, da gerade _das_ notwendig sei, damit fernerhin entdeckt und erfunden werde! Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurckzukommen, fuhr ich fort, so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glcklichen atmet, noch immer nicht ganz erklrlich. Not und materielle Sorge sind hier unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch auerhalb Freilands Hunderttausende und Millionen, die jeder drckenden Sorge enthoben sind; warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche doch einmal unsere beiderseitigen Vter. Der meinige ist unstreitig der reichere, und doch, welch' tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben, welch' herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und welch' froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters. Ich mchte beinahe vermuten, da die Luft, die man in diesem Lande atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in Vaters Zgen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglttet, und ich selber fhle mich heiterer, glcklicher als jemals zuvor. Du hast, entgegnete mir David, das Wichtigste vergessen, den Einflu des Gesamtgefhls auf das Gefhl des Einzelnen. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, whrend ein anderer, nicht minder wichtiger Teil, ich mchte sagen die Grundstimmung, die den individuellen Geistes- und Gemtsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht blo uerlich, sondern ebenso auch innerlich in unlslicher Berhrung; er glaubt zu denken, zu fhlen und zu handeln, blo wie seine Individualitt es erheischt, fhlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem unentrinnbaren Banne einer alle Kpfe, Herzen und Handlungen umschlingenden Zeitstrmung. Der aufgeklrte, humane Freidenker der Gegenwart htte -- wre er drei Jahrhunderte frher geboren worden, um der kleinlichsten, ihm heute lcherlich erscheinenden Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und htte er noch um einige Jahrhunderte frher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit Karls des Groen das Sonnenlicht gesehen, so wren ihm Menschenopfer so wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Gttin Hertha. Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wldern der Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden htte, das Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu lassen, wre dazumal schon von unberwindlichem Grauen vor solchem Thun geschttelt worden, wenn ihn -- begabt mit genau den nmlichen individuellen Anlagen -- der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter germanischen Barbaren htte geboren werden lassen; hier dagegen htte er skrupellos Lug und Verrat gebt, whrend er -- im brigen vom Wirbel bis zur Zehe derselbe Mann -- umgeben von den trotzigen Germanenhelden, solch weichlicher Laster ganz und gar unfhig geblieben wre. Da dem aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefhle jener unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden, die Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings unmglich, da der Angehrige einer von wahnsinnigster Angst vor dem Hunger bis ins innerste Mark gerttelten Gesellschaft, jemals in ungetrbter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure Mehrzahl der Zeitgenossen niemals wei, was der morgige Tag bringen mag, ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den vlligen wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung, die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhngig macht, da es uns gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von fiebernder Angst gerttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zhnen zu reien; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns. Kein individueller Reichtum gewhrt Schutz gegen den zermalmenden Jammer der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionr, der nicht den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen Krallen ins Gemt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos, frierend und hungernd durch die Straen Eurer Grostdte irrt. Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was der erste blo seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren. Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen Krsus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er sich und der Seinen Glck und Ehre, Genu und Frieden dem Gtzen schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet, dem Gtzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er hufen, vermeinend, da er hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit erlangen knnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, da er nicht einmal bemerkt, wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht etwa, da unter dieser aberglubischen Angst vor dem Hunger blo die Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen, und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfnglicher Kopf und Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das Gemeingefhl der allgemeinen Not dem vorbergehenden individuellen Behagen gegenber; blo vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete Idioten machen hie und da eine Ausnahme; blo sie knnen sich, unbeirrt durch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brder wrgt, mit wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen. Das ist's, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug ins Antlitz prgt; Ihr knnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphre des Elends, des Jammers und der Angst atmet. Und das ist's auch, dieses Gemeingefhl, welches jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer, diese Angst gnzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und Empfindens erwachen lt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentmlich ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten Gesellschaft bewegen, wir haben die dstere Auffassung des Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe vollstndig berwunden. Ich gebrauche das einschrnkende beinahe fr diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freilnder geworden sind. Wir jngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte nicht unerheblich von den lteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fnfundzwanzig Jahre sind es her, da mein Vater und meine Mutter, die beide unter den ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der Entwrdigung des Menschen durch den Menschen entrckt sind; aber die Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu knnen, sie wird bis zu ihrem Ende nicht gnzlich aus ihrem Gemte schwinden und nimmermehr kann jene gttergleiche Ruhe und Heiterkeit vllig von ihrem Herzen Besitz ergreifen, die das selbstverstndliche Erbteil ihrer Kinder ist, an deren Hnden niemals Schwei und Mark geknechteter Menschen haftete, die um zu genieen, niemals die Frchte fremder Arbeit sich aneigneten, niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im Daseinskampfe zu sein. Damit schlo David fr diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm nachthun. 17. Kapitel. Edenthal, 2. August. Lngst schon hatte mich die Frage der hiesigen Jugenderziehung in hohem Mae interessiert; der vorgestrige Tag nun war dem Studium dieses Gegenstandes gewidmet. Zunchst besuchte ich in Davids Gesellschaft einen der zahlreichen Kindergrten, die in Edenthal ziemlich gleichmig ber die Stadt verteilt sind. In einer teils aus sonnigen Grasmatten, teils aus schattigen Baumpflanzungen gebildeten Anlage tummelten sich hier unter der Leitung zweier Mdchen im Alter von 18-20 Jahren und einer jungen Witwe etwa 50 Bbchen und Mdchen im Alter zwischen 4 und 6 Jahren. Es wurde gesungen, getanzt, allerlei Possen getrieben, dazwischen Bilderbcher besehen und erklrt, Mrchen abwechselnd mit belehrenden Geschichten erzhlt, Spiele gespielt, die gleicherweise teils bloer Unterhaltung, teils der Belehrung dienten. Unter dem kleinen Volke, das sich kniglich amsierte, war ein ziemlich starkes Kommen und Gehen; die eine Mutter brachte ihre Sprlinge herbei, eine andere holte die ihrigen ab. Im allgemeinen ziehen es nmlich die freilndischen Mtter vor, ihre Kinder um sich zu haben; nur wenn sie das Haus verlassen, um einen Besuch zu machen oder etwas zu besorgen, werden die Kleinen dem nchsten Kindergarten bergeben und bei der Heimkehr wieder abgeholt -- es sei denn, da das junge Volk selber darum bettelt, dortgelassen resp. dahin gebracht zu werden, und die Mutter den Bitten zu willfahren geneigt ist. Doch das sind wie gesagt Ausnahmeflle; in der Regel tummeln sich die Kinder daheim unter den Augen der Eltern, und die Leitung der ersten Erziehung ist insbesondere Sache der Mutter. Belehrung darber, wie diese am besten anzustellen sei, braucht eine freilndische Frau selten; im Bedarfsfalle ist brigens der benachbarte Kindergarten, spter das Pdagogium zur Hand, wo guter Rat jederzeit geholt werden kann. Als Thatsache wurde mir mitgeteilt, da jedes in Freiland aufgewachsene sechsjhrige Kind des Lesens, Kopfrechnens und einer ganz artigen Summe ntzlichen Wissens kundig sei, ohne bis dahin ein anderes als ein Bilderbuch gesehen zu haben. Nach dem Kindergarten kam die Elementarschule an die Reihe. Auch diese Schulen sind mglichst gleichfrmig ber Edenthal zerstreut und liegen gleicherweise in greren Grten. Sie sind vierklassig, und der Unterricht wird Mdchen und Knaben gemeinsam erteilt. Das Lehramt liegt durchweg in Hnden junger Mdchen und Frauen; nur Turnen und Schwimmen der Knaben leiten mnnliche Lehrer. Die beiden letzteren bungen beanspruchen bei Knaben und Mdchen tglich je eine Stunde; mindestens dreimal wchentlich werden unter Leitung je einer Lehrerin von jeder Klasse mehrstndige Ausflge in die benachbarten Wlder und Berge unternommen, bei denen allerlei Anschauungsunterricht getrieben wird. Ich beobachtete die Zglinge beim Buche und am Turnplatz, in der Schwimmschule und auf den Bergen und hatte dabei Gelegenheit, mich zu berzeugen, da die Kinder mindestens so viel und so systematisches Wissen besaen, als europische Altersgenossen, dabei sich aber auf Reck und Barren, Kletterstange und Hngeseil bewegten wie die Eichhrnchen, im Wasser schwammen wie die Fische, und nach dreistndigem Marsche ber Berg und Thal so munter umhersprangen wie die Rehe. Hierauf besuchten wir die Mittelschulen, in denen Knaben und Mdchen gesondert vom 10. bis 16. Jahre unterrichtet wurden, erstere durch mnnliche, letztere teilweise durch weibliche Lehrkrfte. Hier war den Leibesbungen mannigfaltigster Art noch weit grere Beachtung geschenkt, und um den hierfr erforderlichen Raum zu gewinnen, befanden sich diese Schulen im Umkreise der Stadt, in der Nachbarschaft der diese umgebenden Wlder. Ich hatte Gelegenheit, die Ausdauer, Kraft und Grazie der Knaben und Mdchen im Turnen, Laufen, Springen, Tanzen und Reiten zu bewundern, die ersteren berdies bei ihren Ring-, Fecht- und Schiebungen zu sehen. Einige Gnge auf Stodegen und Sbel mit verschiedenen der jungen Leute belehrten mich zu meinem Erstaunen, da dieselben mir nicht blo ebenbrtig, sondern in manchen Punkten berlegen seien, obwohl Dir bekannt ist, da ich zu den besseren Fechtern unseres in dieser Kunst so vielgepriesenen Italien gehre. Die beim Ringen und Turnen hervortretende Muskulatur der halbwchsigen Recken erregte in nicht minderem Grade meine Bewunderung, als die spielende Leichtigkeit, mit welcher dieselben ein Pferd im vollen Galopp einholten und sich auf dessen Rcken schwangen. Besonders berrascht aber war ich von der Sicherheit, mit welcher die Knaben ihre Schuwaffen handhabten. Auf 500 Meter Distanz wurde die kaum tellergroe Scheibe selten verfehlt, und nicht wenige der jungen Schtzen sandten Kugel auf Kugel ins Schwarze. Alles in allem machten insbesondere die obersten Klassen dieser Mittelschulen dem ueren der Zglinge nach zu urteilen den Eindruck einer Schar erlesener junger Athleten; dabei erwiesen sich jedoch diese Athleten auch in allen Wissenszweigen wohlbewandert, die an den besten europischen Mittelschulen getrieben werden. Bis dahin ist, wie ich erfuhr, der Unterricht fr alle Kinder Freilands der gleiche, mit dem alleinigen Unterschiede, da bei den Mdchen etwas geringerer Nachdruck auf die Leibesbungen, dafr desto grerer auf musikalische Ausbildung gelegt wird. Von da ab jedoch trennen sich die Berufe. Die jungen Mdchen bleiben entweder im elterlichen Hause, um sich dort in jenen Knsten und Wissenszweigen, zu denen sie bis dahin den Grundstein gelegt, weiter auszubilden, oder sie ziehen als Ziehtchter zu gleichem Zwecke in das Haus irgend einer als hochgebildet und geistreich bekannten Frau. Ein anderer Teil bezieht die pdagogischen Lehranstalten, um sich fr das Lehramt auszubilden, hrt einen Kursus ber Krankenpflege oder ber sthetik, Kunstgeschichte u. dergl. Die Knaben dagegen zerstreuen sich insgesamt in die verschiedenen hheren Lehranstalten. Die Mehrzahl besucht die gewerblichen und geschftlichen Fachschulen, in denen ein oder zwei Jahre hindurch wissenschaftliche und praktische Anleitung zu den verschiedenartigsten Geschfts- und Produktionsarten erteilt wird. Durch eine dieser Fachschulen geht jeder freilndische Arbeiter, er mag spterhin als Landbauer, als Spinner, als Bergmann oder in welcher Eigenschaft immer seinen Verdienst suchen. Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt: erstens der, jeden Arbeiter ohne Unterschied in den Zusammenhang des ganzen Getriebes seiner Produktion einzuweihen und zweitens, ihn in den Stand zu setzen, seinen Erwerb nach Wahl auch in mehreren Produktionszweigen zu suchen. Der simple Spinner, der nichts anderes zu thun hat, als den Gang seiner Spindeln zu berwachen, wei hier zu Lande auch ber die Einrichtung und den Betrieb der ganzen Spinnerei, ber Bezugsquellen und Absatzgebiete einigen Bescheid, was zur Folge hat, da solch ein Arbeiter, wenn es gilt die Leiter seiner Association zu whlen, seine Stimme mit einer Sachkenntnis abgiebt, die Migriffe bei der Auslese der geeignetsten Persnlichkeiten nahezu unmglich macht. Zum zweiten aber ist dieser einfache Spinner in Freiland kein Automat, dessen Wissen und Knnen mit den Handgriffen und Kenntnissen seines engeren Faches erschpft wre; er ist jedenfalls noch in einem oder einigen anderen Erwerbszweigen zu Hause und das hat wieder zur Folge, da unser Mann jede in diesem anderen Erwerbszweige sich zeigende gnstige Konjunktur sofort ausnutzen, die Spinnmaschine mit dem Pfluge, mit dem Hammer oder mit der Drehbank, wohl auch mit dem Schreibpulte oder der Rechentafel zu vertauschen in der Lage ist, wodurch eben jenes wundervolle Gleichgewicht der verschiedenartigsten Einkommenszweige ermglicht wird, welches die Grundlage der socialen Ordnung des Landes ist. Junge Leute, die Beruf zu hherer geistiger Thtigkeit in sich verspren, wenden sich den eigentlichen Hochschulen zu, in denen Freilands Professoren, hhere Verwaltungsbeamte, rzte, Techniker u. s. w. ausgebildet werden, oder den mit groartigen Mitteln ausgestatteten verschiedenartigen Kunstakademien, aus denen die Architekten, Bildhauer, Maler, Musiker des Landes hervorgehen. Doch auch in allen diesen Unterrichtsanstalten wird fortlaufend neben der geistigen auf die krperliche Fortbildung der grte Nachdruck gelegt. Die gewerblichen und kaufmnnischen Fachschulen haben ihre Turn-, Ring- und Reitbahnen, ihre Schie- und Fechtpltze so gut wie die Hochschulen und Akademien, und da die Jnglinge, welche hier ihre Fortbildung suchen, nicht so unmittelbar unter dem Einflusse ihrer Lehrer stehen, wie die Knaben der Mittelschulen, so ist durch das Institut der ffentlichen Gau- und Landesbungen dafr gesorgt, ihren Eifer fr krperliche Ausbildung nicht erlahmen zu lassen. Alle Jnglinge zwischen dem vollendeten 16. und 22. Jahre sind nmlich je nach ihrem Wohnsitze in Tausendschaften geteilt, die unter selbstgewhlten Fhrern allmonatlich bungen halten, bei denen sie ihre krperlichen Krfte und Fhigkeiten erproben. Einmal im Jahre findet in jedem der 48 Distrikte, in welche zu Verwaltungs-Zwecken ganz Freiland geteilt ist, vor einem Preisrichterkollegium, welches aus den Siegern frherer Jahre gebildet wird, eine groe Preisbung statt, bei welcher erstlich von jeder Tausendschaft gestellte Champions -- es sind das natrlich die tchtigsten Recken, ber die jede Tausendschaft verfgt -- als Einzel-Fechter, -Schtzen, -Reiter, -Ringer und -Lufer sich messen; sodann kmpfen die Tausendschaften als solche, d. h. in Gesamtbungen um verschiedene Preise. Die Sieger bei diesen Gaubungen bewerben sich dann bei dem wenige Wochen spter in einem zu solchen Zwecken besonders eingerichteten Thale des Aberdaregebirges stattfindenden Landesfeste um die Ehre der Meisterschaft fr ganz Freiland und man versicherte mir, da kein griechischer Jngling aus der Bltezeit von Hellas in heierem Bemhen um den lzweig bei den Isthmischen Spielen warb, als die freilndischen Jnglinge um die Ehrenpreise bei diesen Aberdarespielen, obwohl auch hier die Preise in nichts anderem, als in schlichten Bltterkronen, daneben aber allerdings in dem vom Indischen Ocean bis zu den Mondbergen und vom Tanganika bis zum Baringosee wiederhallenden Ruhmesfanfaren und in dem begeisterten Jubel jenes Gaues und jener Stadt bestehen, die so glcklich sind, die Sieger die Ihren zu nennen. Hunderttausende strmen aus allen Landesteilen zu diesen Preisbungen zusammen und die Mutterstadt der Sieger, insbesondere die der siegenden Tausendschaft, empfngt ausnahmslos die heimkehrenden Jnglinge mit einer Reihe der erlesensten Feste. Ich konnte mich, als mir dies berichtet wurde, der Bemerkung nicht enthalten, da mir solcher Enthusiasmus aus Anla eines bloen Spieles denn doch bertrieben erscheine; insbesondere uerte ich darber mein Erstaunen, da Freiland, die Heimat der socialen Gerechtigkeit, sich fr Leistungen zu begeistern vermge, die im kriegerischen Hellas von besonderem Werte erscheinen mochten, hier aber, wo alles unverbrchlichen Frieden atmet, keine andere Bedeutung haben knnten, als die einer harmlosen Leibesbung. Sehr richtig -- bemerkte David -- nur da die Tchtigkeit in diesen harmlosen Leibesbungen es eben ist, was uns Freilndern die Unverbrchlichkeit des Friedens verbrgt, dessen wir uns zu erfreuen haben. Wir besitzen keinerlei militrische Einrichtungen und wren, wenn wir uns nicht auf unsere berlegenheiten in allem, was krperliche Kraft und Gewandtheit betrifft, verlassen knnten, die leichte Beute jedes Militrstaates, dem es nach unseren Reichtmern gelstete. Du glaubst doch nicht etwa -- rief ich nicht ohne ein sarkastisches Lcheln -- mit euern fechtenden und schieenden Knaben und mit den Siegern eurer Isthmischen Spiele einer groen Militrmacht gewachsen zu sein, die es wirklich auf Euch abgesehen haben sollte? Meines Erachtens liegt Euer Schutz in der gegenseitigen Eifersucht der europischen Staaten, die eine solche Beute keinem einzelnen gnnt, und mehr noch in der weiten Entfernung, dem Meere und den Bergen, die Euch so gefhrliche Besuche vom Leibe halten. Fr alle Flle aber glaube ich, da einige militrische Vorsorge, etwa die Aufstellung einer tchtigen Miliz und insbesondere eine starke Flotte, deren Kosten doch bei Eurem Reichtume gar nicht in Betracht kmen, sehr heilsam wre. Wir sind anderer Ansicht -- erklrte David. Nicht unsere Kampfspiele, wohl aber die berlegene krperliche Tchtigkeit, die in ihnen zu Tage tritt, sichern uns unseres Dafrhaltens vollkommen gegen jeden, selbst den mchtigsten Feind, der gegen unsere harmonisch ausgebildeten, im Gebrauche jeglicher Waffe bis zur hchsten Vollendung gebten Jnglinge und Mnner doch nichts anderes ins Feld stellen knnte, als verkommene, ihre Waffen kaum notdrftig handhabende Proletarier. Wir glauben, da es im Kriege weniger auf die Anzahl der Schsse, als auf die Anzahl der Treffer, weniger auf die Masse, als auf die Leistungsfhigkeit der Kmpfenden ankommt. Wenn Du gleich mir Zeuge gewesen wrest, in welcher Weise bei dem vorjhrigen Landesfeste die siegende Tausendschaft ihren Preis herausscho, so wrdest Du vielleicht zugeben, da eine Truppe, die aus solchen, oder doch annhernd solchen Schtzen gebildet wre, keine europische Armee zu frchten brauchte. Wie wollt Ihr Euch aber gegen die Kanonen europischer Armeen verteidigen? fragte ich. Ei, eben auch durch Kanonen, entgegnete David. Da wir nun einmal mit diesen Einrichtungen den Doppelzweck verfolgen, den Eifer fr krperliche Ausbildung zu frdern und zugleich Sicherheit gegen feindliche Angriffe zu erlangen, so nehmen unter unseren Schiebungen auch solche mit Kanonen des verschiedensten Kalibers einen ausgedehnten Platz ein. Und zwar geschieht auch das schon von der Schule aus. Von der vierten Mittelklasse an werden jene Knaben, die sich auf den anderen Gebieten hervorgethan haben, zu Geschtzbungen herangezogen -- was sich, nebenbei bemerkt, als ganz besonderer Ansporn des Fleies bewhrt hat. Da Du diese Geschtze nicht zu Gesicht bekamst, hat seinen Grund darin, da der Schieplatz fr dieselben ziemlich weit auerhalb des Bannkreises der Stadt liegt, was um so notwendiger ist, als sich unter diesen bungskanonen Ungetme bis zu 200 Tonnen Gewicht befinden, deren Donner nur schlecht zur idyllischen Ruhe unseres Edenthals passen wrde. Die Jnglinge aber werden mit diesem artigen Spielzeug so vertraut und zahlreiche bringen es nach eingehenderen ballistischen Studien zu so groer Vollendung in Handhabung desselben, da sie sich meines Erachtens auch auf diesem Gebiete europischen Gegnern ebenso berlegen erweisen wrden, wie auf demjenigen des Schtzenwesens. Genau dasselbe gilt von unseren Reitern. Kurzum, wir haben keine Armee, aber unsere Jnglinge und Mnner handhaben alle Waffen, deren eine Armee bedarf, unendlich vollkommener, als die Soldaten welcher Armee immer, und da berdies zu Zwecken der groen Preisspiele auch eine Organisation geschaffen ist, kraft deren aus der Mitte 2 Millionen waffengebter Jnglinge und Mnner, welche Freiland zur Stunde besitzt, die gewandtesten und tchtigsten 2-300000 jederzeit verfgbar sind, so meinen wir, da es uns ein Leichtes wre, die grte Invasionsarmee abzuwehren -- eine Gefahr, die wir jedoch im Ernste keineswegs besorgen, denn wir bezweifeln, da irgend ein europisches Volk dazu zu haben wre, uns anzugreifen. Gegen uns gesammelte Gewehre und Kanonen drften sich, auch ohne da wir etwas dazu thun, sehr rasch wider diejenigen kehren, die Feindseliges gegen uns sinnen. Dem stimmte ich zu. Wir besprachen hierauf noch einige andere Gegenstnde der Jugenderziehung, bei welcher Gelegenheit die Rede auf das freilndische Erbrecht kam. Drfte ich Dich fragen, wie Ihr es mit dem Erbrecht im allgemeinen und mit dem Erbrecht an liegendem Besitz im besonderen haltet. Denn hier, im Eigentum an Husern, scheint mir eine Klippe zu liegen, an welcher Eure allgemeinen Prinzipien ber Grundbesitz Schiffbruch leiden knnen. Eine der Grundlagen Eurer Organisation ist doch, da Grund und Boden niemand eigentmlich gehren drfe; Huser aber stehen -- wenn ich recht unterrichtet bin -- im Privateigentum. Wie vereinbart sich das? Jedermann, so antwortete David, verfgt fr den Todesfall wie im Leben vollkommen frei ber sein gesamtes Eigentum. Die Testierfreiheit ist eine unbedingte, nur ist dabei zu beachten, da unter den Ehegatten vollstndige Gtergemeinschaft besteht, woraus hervorgeht, da nur der berlebende Teil ber das gemeinsame Vermgen letztwillig verfgen kann. Das Eigentum am Hause jedoch kann nicht geteilt werden und ebensowenig ist es gestattet, auf einem Haus- resp. Gartengrunde mehr als _ein_ Wohnhaus zu errichten. Schlielich darf das Wohnhaus nur vom Eigentmer bewohnt, nicht aber vermietet werden. Geschieht von diesen drei Dingen eines, wird berhaupt der Hausgrund zu irgend einem anderen Zwecke, als zu Errichtung der Wohnsttte des Eigentmers verwendet, so trifft den Zuwiderhandelnden zwar keinerlei besondere Strafe und es wird auch keinerlei besonderer Zwang gegen ihn gebt, die unmittelbare Folge aber ist der Verlust des ausschlielichen Nutzungsanspruchs am Hausgrunde. Die Bauflche wird damit zu Boden gewhnlicher Art, an welchem es kein Sonderrecht giebt, an welches jedermann das gleiche ungeteilte Anrecht hat. Denn nach unseren Anschauungen giebt es berhaupt kein Eigentum am Boden, also auch nicht am Baugrund des Hauses, und das Recht, solchen Boden abzusondern und fr sich allein zu benutzen, ist lediglich ein zu bestimmten Zwecken eingerumtes Nutznieungsrecht. Gleichwie z. B. der Eisenbahnreisende ein Anrecht auf den Platz hat, den er zuerst occupierte, jedoch nur zu dem Zwecke, um darauf zu sitzen, nicht aber, um dort seine Gepckstcke abzuladen oder um ihn gegen Entgelt an Andere zu berlassen; so habe ich das Recht, den Platz auf Erden, auf welchem ich mein Heim grnden will, durch bloe Occupation fr mich zu reservieren, und Niemand darf sich auf meinem Baugrunde neben mir ansiedeln, so wenig, als es ihm gestattet ist, auf der Eisenbahn neben mir auf meinem Sitze Platz zu nehmen, auch wenn im Notfalle Raum fr zwei vorhanden wre. Aber es liegt auch nicht in meinem Belieben, auf meinem Polster guten Freunden ein Pltzchen neben mir einzurumen, denn die Mitreisenden brauchen sich die dadurch fr sie erwachsenden Unbequemlichkeiten nicht gefallen zu lassen; sie knnen dagegen protestieren, da die Beine und Ellbogen meines Sitzpartners ihnen zu nahe kommen und da der nur fr eine bestimmte Personenzahl berechnete Luftraum des Wagens durch meine Eigenmacht zahlreicheren Lungen zugeteilt werde. Ebenso brauchen es sich meine Hausnachbarn nicht gefallen zu lassen, da ihnen meine Mauern und Dachfirste zu nahe an den Leib rcken und da ich eigenmchtig den Luftraum einer Stadt dichter flle, als dem allgemeinen bereinkommen entspricht. Nun habe ich aber in Ausbung meines mir auf eine bestimmte Bodenparzelle eingerumten Nutzungsrechtes diese Parzelle untrennbar mit einem Dinge verbunden, auf welches mir nicht blo Nutzungs-, sondern Eigentumsrecht zusteht, dem Hause nmlich. Daraus ziehen wir die Konsequenz, da mein Nutzungsrecht auf denjenigen bergeht, dem ich -- sei es entgeltlich oder unentgeltlich -- das Eigentumsrecht an meinem Hause berlasse. Ich kann daher mein Haus verkaufen, vererben, verschenken, ohne da ich daran durch den Umstand gehindert wrde, da mir am Baugrunde des Hauses kein Eigentum zusteht. 18. Kapitel. Edenthal, 6. August. Gestern besichtigten wir in Begleitung der beiden englischen Geschftstrger die freilndische Centralbank, deren allumfassendes und gerade wegen dieser seiner Allgemeinheit verhltnismig so beraus einfaches Clearingsystem die hchste Bewunderung der sachverstndigen beiden Herren erntete. Die Erkenntnis, mit wie verschwindend geringen Barbetrgen sich hier die Ausgleichung des gesamten riesigen Umsatzes vollzog, regte Lord Elgin zu der Frage an, wozu Freiland berhaupt das Gold als Wertmesser beibehalte; er sprach die Meinung aus, es wre, da man ohnehin die wichtigsten Leistungen nach dem Werte der Arbeitszeit berechne, das Einfachste, diese Rechnungsmethode zu verallgemeinern, d. h. die Arbeitsstunde als Wertmesser, als Geldeinheit zu gebrauchen. Dies wrde -- so glaube er -- auch der gesamten socialen Ordnung Freilands weit besser entsprechen, in welcher doch die Arbeit Quelle und Grundlage allen Wertes sei. Das ist, entgegnete der Direktor des Instituts, Herr Clark, eine von Fremden wiederholt schon geteilte Anschauung, sie beruht aber lediglich auf einer Verwechslung des _Wertmaes_ mit der _Quelle_ des _Einkommens_. Wir in Freiland haben der Arbeit das Recht auf den ganzen mit ihrer Hlfe hervorgebrachten Ertrag gesichert; wir begrnden dies aber nicht durch die unwahre Behauptung, da Arbeit die einzige Quelle des Wertes dieser Ertrge sei, sondern dadurch, da wir behaupten, der Arbeitende habe auch auf jene anderweitigen Faktoren, nmlich Kapital und Naturstoffe oder -Krfte, die zur Wertbildung erforderlich sind, den gleichen Anspruch wie auf seine Arbeitskraft selber. Doch das nur nebenbei. Selbst wenn Arbeit die einzige Wert_quelle_ und der einzige Wert_bestandteil_ wre, ist sie doch der denkbar schlechteste Wert_mastab_, denn sie ist unter allen Dingen, die berhaupt Wert besitzen, jenes, dessen Wert den grten Vernderungen ausgesetzt ist. Mit jedem Fortschritte menschlicher Kunstfertigkeit und Betriebsamkeit wchst ihr Wert, d. h. ein Arbeitstag oder eine Arbeitsstunde setzt sich fortlaufend in eine grere Menge aller erdenklichen anderen Werte um. Da der Wert des Arbeitsproduktes verschieden ist, je nachdem die Arbeitskraft gut oder schlecht ausgerstet, gut oder schlecht angewendet wird, kann gar keinem Zweifel unterliegen und wurde auch niemals ernstlich in Zweifel gezogen. Nun ist bei uns in Freiland allerdings _alle_ Arbeitskraft mglichst gut ausgerstet und verwendet, weil eben die vollkommene und schrankenlose Freiheit, sich der jeweilig besten, d. h. die hchsten Werte erzeugenden Arbeitsgelegenheit zuzuwenden, diese wenn auch nicht absolute, so doch relative Gleichartigkeit zuwege bringt; aber damit sie zuwege gebracht werde, ist eben ein fester und verllicher Mastab erst recht vonnten, an welchem der Wert der durch Arbeit erzeugten Dinge gemessen werden kann. Da die auf Schuhwaren und auf Gespinste, auf Getreide und auf Eisenwaren gewendete Arbeit bei uns gleichwertig ist, zeigt sich ja erst dadurch, da die in der gleichen Zeit erzeugten Schuhe, Gespinste, Krnerfrchte und Eisenwaren gleichen Wert besitzen, welch letzteren Umstand aber nimmermehr die Vergleichung mit der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern blo die mit einer an sich wertbestndigen Sache anzeigen kann. Wrden wir die in gleicher Zeit erzeugten Dinge schon deshalb allein fr gleichwertig halten, weil sie eben in gleicher Zeit erzeugt sind, so wrden wir sehr bald dahin gelangen, Schuhe zu erzeugen, die Niemand braucht, dafr aber Mangel an Gespinst zu leiden, und wir knnten unbekmmert um die berflle von Eisenwaren deren Erzeugung steigern, whrend vielleicht alle verfgbaren Hnde erforderlich wren, um empfindlichem Getreidemangel abzuhelfen. Mit dem Arbeitstage als Wertma vermchte -- wenn er aus anderen Grnden nicht unmglich wre -- nur der Kommunismus zu wirtschaften, der die Herstellung des richtigen Wechselverhltnisses zwischen Angebot und Nachfrage nicht dem freien Verkehre berlt, sondern von Obrigkeitswegen bewerkstelligt, dies aber selbstverstndlich nur in der Weise zu Wege bringt, da er Niemand fragt, was er genieen und was er arbeiten will, vielmehr Genu und Arbeit Jedermann von Obrigkeitswegen vorschreibt. Wir in Freiland dagegen, die wir das Gegenteil des Kommunismus, nmlich absolute individuelle Freiheit, verwirklicht haben, wir brauchen notwendiger als irgendwer ein mglichst genaues, verlliches Wertma, das ist ein solches, dessen Tauschkraft allen anderen Dingen gegenber mglichst geringen Abweichungen und Schwankungen ausgesetzt ist. Dieses mglichst beste, mglichst wertkonstante Ma nun hat die Kulturwelt mit Recht seit jeher im Golde erblickt. Diese Thatsache ist nicht etwa das Ergebnis irgend einer geheimnisvollen Eigenschaft dieses Metalles, sondern das seiner hochgradigen Dauerbarkeit, in deren Folge im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Goldmengen aufgestapelt und der Nachfrage zur Verfgung gehalten wurden, im Vergleiche zu welchen die gewaltigsten Vernderungen der jeweiligen Produktion gar nicht in die Wagschale fallen. Whrend eine gute oder schlechte Weizenernte von ausschlaggebender Bedeutung fr den jeweiligen Weizenwert ist, weil die alten Weizenvorrte im Verhltnis zum Ergebnisse der neuen Ernte nur von nebenschlicher Bedeutung sind, bleibt der Goldwert von noch so groen Schwankungen selbst mehrerer Produktionsjahre verhltnismig unberhrt, weil die alten Goldvorrte fr alle Flle ganz auerordentlich grer sind, als das Ergebnis selbst der reichsten Ausbeute eines einzelnen Jahres. Alle Goldminen der Welt knnten mit einem Schlage vollstndig versiegen, ohne da dies auf die Menge des verfgbaren Goldes sofort von sonderlichem Einflusse wre, whrend eine einzige allgemeine Getreidemiernte frchterlichsten Getreidemangel zur sofortigen und unvermeidlichen Folge htte. Dies also ist der Grund, warum Gold der bestmgliche, wenn auch keineswegs ein absolut guter Wertmastab ist. Die Arbeitszeit aber wre unter allen denkbaren der schlechteste Wertmastab, denn weder sind zwei gleiche Arbeitszeiten notwendig wertgleich, noch behlt die Arbeitszeit im allgemeinen unvernderten Wert, vielmehr wchst ihre Tauschkraft allen anderen Dingen gegenber mit jedem zur Geltung gelangenden Fortschritte der Arbeitsmethoden. Wir waren alle berzeugt; nur konnte Lord Elgin die Bemerkung nicht unterdrcken, da die Freilnder denn doch eine Reihe von Leistungen nach Arbeitsquivalenten berechneten. Sofort erhielt er aber von meinem Vater die treffende Antwort, da dies nach allem bisher Gehrten nur dort geschehe, wo eine mit der Steigerung des Wertes der Arbeit parallel laufende Erhhung einer Zahlung geradezu beabsichtigt sei. Gehalte und Versorgungsansprche _sollen_ steigen, wenn der Ertrag von Arbeit und damit der allgemeine Verbrauch steige, und zwar genau im selben Mae, wie diese, und nur weil dies beabsichtigt ist, kann man sie nach Arbeitsquivalenten bemessen. Herr Clark machte uns jetzt darauf aufmerksam, welch' weitgehende, alles durchdringende Offenheit und bersichtlichkeit zufolge der durch die Bank gebten Klarstellung aller Verkehrs- und Erwerbsverhltnisse in allen pekuniren Angelegenheiten Freilands herrsche. Niemand kann weder sich noch andere ber seine Mittel tuschen und eine der in socialer Beziehung wichtigsten Folgen davon ist, da es Niemand beifllt, durch ungehrigen Aufwand glnzen zu wollen. Die Verschwendung entspringt nur zu hufig dem Bestreben, sich in den Augen der Welt als reicher darzustellen, als man thatschlich ist; ein solcher Versuch knnte hier zu Lande nur Lcheln erwecken. Doch auch wer aus bertriebenem Hange zu Luxus mehr ausgeben wollte, als er einnimmt, vermchte dies nicht, da die Bank zu solchen Zwecken natrlich keine Kredite gewhrt, und ohne diese der Verschwender geradezu auf die Mildthtigkeit seiner Mitbrger angewiesen wre, um seinem Hange zu frhnen. Die Hhe aller Einnahmen und Ausgaben liegt klar zu Tage, alle Welt wei, was jedermann hat und woher er es hat. Und da es zudem jedermann freisteht, jeden beliebigen Erwerbszweig zu ergreifen, so knnen Unterschiede des Einkommens auch Niemandes Neid erwecken. Nun warf aber Lord Elgin die Frage auf, ob sich aus den bei Feststellung von Honoraren unterschiedlicher Art, z. B. von Beamtengehalten, unvermeidlichen Willkr keinerlei Widerspruch zu dem sonst geltenden Prinzipe der unbeschrnkten freien Berufswahl und dem gerade aus dieser Freiheit hervorgehenden Gleichgewichte der verschiedenen Arbeitsertrge ergebe. Wenn der Ertrag aus Wollenweberei aus irgendwelchem Grunde hher ist, als der aus Getreidebau, so werden neue Arbeitskrfte insolange zur Weberei bergehen, bis der beiderseitige Ertrag sich ins Gleichgewicht gesetzt hat; sollte sich etwa ein dauernder Mehrertrag bei einem dieser beiden Produktionszweige zeigen, so kann dies angesichts Ihrer Institutionen offenbar nur daher rhren, da die Arbeit in diesem ertragreicheren die unangenehmere, anstrengendere, eventuell auch die hhere, seltenere Kenntnisse oder Fhigkeiten erfordernde ist; Niemand kann sich ber die geringste Benachteiligung beklagen und insofern ist die im Wege der Freiheit hergestellte Harmonie geradezu bewunderungswrdig. Aber sowie es sich um Ernennungen und Gehalte handelt, mu doch diese Gleichheit aufhren. Sie als Chef eines Verwaltungszweiges verdienen 1400, Ihr Nachbar Handarbeiter blo 600 Pfund; woher wissen Sie, da letzterer sich darob nicht benachteiligt fhlt? Wenn Sie, Mylord, -- meinte lchelnd Herr Clark -- darunter verstehen, woher ich wisse, ob sich mein Nachbar nicht dadurch _von der Natur_ benachteiligt fhlt, da er auer stande ist, gleich mir 1400 Pfund jhrlich zu verdienen, so mu ich Ihnen antworten, da ich darber thatschlich blo Vermutungen, aber keine sichere Wissenschaft besitze; wenn Sie aber meinen, da dieser mein Nachbar oder sonst jemand in Freiland in diesem meinem hheren Gehalte einen mir durch behrdliche Willkr oder Gunst der Whler zugewendeten, mglicherweise auch berflssigen Vorteil erblicken knnte, so kann ich dies entschieden bestreiten. Denn mein Gehalt ist in letzter Auflsung gerade so das Ergebnis der freien Konkurrenz, wie der Arbeitsertrag meines fraglichen Nachbars. Ob ich der richtige Mann auf meinem Posten sei, darber entscheidet allerdings die freie, durch keinerlei automatisch wirkende Einrichtung zu ersetzende oder zu kontrollierende Meinung jener Krperschaften, von denen meine Wahl abhngt; mit welchem Gehalte jedoch mein Amt bedacht werden mu, damit geeignete, oder sagen wir als geeignet geltende Mnner fr dasselbe sich finden, das regelt sich genau nach den nmlichen automatischen Gesetzen, wie der Arbeitsertrag eines Webers oder Landbauers. Und zwar gilt dies vom Gehalte des jngsten Postbeamten angefangen bis hinauf zu uns Chefs der freilndischen Verwaltungszweige. Die Ernennungen hngen berall vom freien Ermessen der Vorgesetzten oder der Wahlkollegien ab; aber diese Vorgesetzten und Wahlkollegien mssen die Gehalte so bestimmen, da jederzeit eine gengende Anzahl geeignet befundener Bewerber vorhanden sei. Natrlich kann es dabei auf ein Pfund mehr oder weniger im Jahre nicht ankommen; es gilt als Grundsatz, da die Gehalte stets so bemessen sein mssen, da eher ein kleiner berflu als ein Mangel an Bewerbern sich einstelle; aber wenn der berflu ein gewisses Ma bersteigt, so reduziert man eben die Gehalte, whrend bei drohendem Mangel an Bewerbern mit Gehalterhhungen vorgegangen wrde. Als selbstverstndlich will ich hier blo einschalten, da unter abgewiesenen Bewerbern in Freiland nicht brotlose Aspiranten zu verstehen sind; Ernennung oder Ablehnung sind niemals Existenz-, sondern blo Neigungs-, allenfalls auch Eitelkeitsfragen. Ebenso verlt man ein Amt, wenn anderwrts lohnendere oder angenehmere Beschftigung winkt. Die Staatsmter werden auch nicht in jedem Dienstzweige gleich hoch bezahlt; besonders anstrengende, oder besondere Kenntnisse verlangende Arbeit setzt auch hier hheren Ertrag voraus, gerade wie bei den unterschiedlichen Gewerben. Und whrend der Arbeitsertrag gewhnlicher Handarbeit das Richtma der niederen Beamtengehalte ist, wirken die Honorare der unterschiedlichen Associationsleiter bestimmend auf die Gehalte der oberen Stellen zurck. Dabei hat sich die auch bei Ihnen gemachte Erfahrung wiederholt, da der Reiz mit ffentlicher Thtigkeit verbundener Stellungen die Gehalte von Verwaltungsbeamten, Professoren u. dergl. nicht unerheblich unter das Niveau jener Bezge hinabdrckt, welche in den leitenden Stellen der Associationen zu erlangen sind. Im allgemeinen macht sich mit steigender Intelligenz ein _verhltnismiges_ -- beileibe kein absolutes -- Sinken der obersten Gehalte berall geltend. Aber whrend die Direktoren einzelner groer Associationen noch immer bis zu 5000 Stundenwerte im Jahre beziehen, erhalten die obersten Chefs der freilndischen Centralverwaltung derzeit nur mehr 3600, und auch das nur, weil die Parlamente der von uns unablssig beantragten Ermigung der oberen Gehalte ebenso unablssig zhen Widerstand entgegensetzen und sich nur zgernd und widerwillig dazu verstehen. Um gerecht zu sein, mu man brigens hinzufgen, da sich bei den Associationen das nmliche Spiel wiederholt. Die Direktoren wrden sich mit weit geringeren Gehalten begngen, und von oben ausgehende Antrge auf Gehaltsreduktion sind, insbesondere in den letzten zehn Jahren, seitdem der Wert der Stundenquivalente so sehr gestiegen ist, in den meisten Generalversammlungen geradezu stehende Formeln geworden. Ich wiederhole, da diese Reduktion immer nur verhltnismig, d. h. mit Bezug auf den Ansatz in Stundenquivalenten zu verstehen ist; der Wert der Arbeitsstunde hat sich binnen 20 Jahren vervierfacht; wer also, wie z. B. wir ffentlichen Verwaltungschefs, um 28 Procent weniger Stundenwerte erhlt, als ursprnglich, dessen Einkommen hat sich, in Geld berechnet, doch nahezu verdreifacht. Die Associationen aber wollen in der Regel auch von einer so verstandenen Gehaltermigung nichts wissen. Sie besorgen, da trotz aller von ihren Direktoren an den Tag gelegten Geneigtheit, sich mit geringeren Bezgen zu begngen, denn doch der eine oder andere sich von einer konkurrierenden, hhere Bezge zahlenden Gesellschaft ihnen werde abspenstig machen lassen, und da thatschlich angesichts der Riesensummen, die solch eine groe Association im Jahre umsetzt, einige hundert Pfund auf oder ab gar nicht der Rede wert sind, so geht es bei den Associationen mit der Gehaltsreduktion nur langsam vorwrts. Trotzdem gleicht sich der Abstand zwischen hchstem und geringstem Verdienste durchweg immer mehr aus, da wir in Folge der steigenden allgemeinen Bildung dem Gleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage auch in den hheren, besondere Fhigkeiten voraussetzenden Berufen stets nher kommen. Sollte dies Gleichgewicht dereinst vollkommen erreicht werden, was mit der Ausdehnung unserer Institutionen auf die gesamte Menschheit und dem damit verknpften gnzlichen Verschwinden ungebildeter Massen unzweifelhaft stattfinden drfte, so ist es unsere Meinung, da auch die Unterschiede der Gehalte gnzlich verschwinden, oder doch auf ein Minimum sinken werden. Lord Elgin dankte fr diese Aufklrung. Jetzt aber trat Sir Bartelet mit einer weitaus wichtigeren Frage hervor. Was mir bei Besichtigung des bewltigenden Getriebes Ihrer Centralbank neuerlich und ganz besonders aufgefallen ist, meinte er, und worber ich mir noch immer keine volle Rechenschaft zu geben vermag, das ist die Frage, wie es ohne Willkr und kommunistische Einrichtungen mglich ist, Kapitalien und zwar so ungeheure Kapitalien, wie sie bei Ihnen erforderlich sind, aufzubringen, ohne da Kapitalzins gezahlt oder berechnet wird. Da der Zins die notwendige und gerechte Belohnung des Kapitalisten fr die Entbehrungen sei, die er sich auferlegte, glaube ich zwar nicht; aber ich hielt ihn fr den Tribut, den man dem Sparer dafr zahlen msse, da seine freiwillige Sparsamkeit die Gesellschaft der Notwendigkeit ungerechten Sparzwanges enthebt, der sonst von Obrigkeitswegen ausgebt werden mte. Was ich nun endlich wissen mchte, wre eine genaue Darlegung der Grnde, die Sie veranlaten, den Kapitalzins zu verbieten. Oder teilen Sie in Freiland die Ansicht, da es Unrecht sei, dem Sparer einen Anteil an den Frchten seiner Sparsamkeit zu gnnen? Diese Ansicht teilen wir nicht, war des Direktors Antwort. Aber zunchst mu ich konstatieren, da Sie von einer ganz falschen Voraussetzung ausgehen. Wir _verbieten_ den Kapitalzins ebenso wenig, als wir den Gewinn des Arbeitgebers oder die Grundrente verbieten. Diese drei Einkommenzweige existieren hier zu Lande blo aus dem Grunde nicht, weil Niemand in der Notlage ist, sie bezahlen zu mssen. Niemand wird Sie hindern, wenn Sie hier eine Fabrik erffnen und zu deren Betrieb Lohnarbeiter anwerben wollen; nur allerdings mten Sie diesen erstlich mindestens so viel bieten, als durchschnittlich in Freiland die Arbeit trgt, und zum zweiten wrde es trotzdem fraglich sein, ob Sie berhaupt Leute fnden, die sich Ihrem Kommando unterordnen. hnlich verhlt es sich mit der Grundrente. Bei uns ist der Boden -- sofern er nicht zu Wohnsttten, sondern als Produktionsmittel dient -- gnzlich herrenlos, frei gleich der Luft; er gehrt weder Einzelnen, noch Vielen; Jedermann, der Boden bebauen will, steht es frei, dies zu thun, wo ihm beliebt, und seinen Anteil am Ertrage einzuheimsen. Damit entfllt natrlich alle Grundrente, die nichts anderes ist, als der Herrenzins fr die Benutzung des Bodens; aber ein Verbot wird man hier vergeblich suchen. Darin, da ich kein Recht habe, anderen etwas zu verbieten, liegt doch wahrlich kein Verbot; man kann nicht einmal sagen, da mir verboten ist, etwas zu verbieten; mag ich es doch immerhin thun, Niemand wird mich hindern, nur auslachen wird mich alle Welt, genau so auslachen, als ob ich den Leuten das Atmen verbieten wollte, behauptend, die atmosphrische Luft sei mein Eigentum. Wo die Macht zur Durchsetzung solcher Prtensionen fehlt, braucht Niemand dieselben zu verbieten; sie drfen nur nicht knstlich hervorgerufen und untersttzt werden, dann unterbleiben sie ganz von selbst. Diese Macht aber besitzt in Freiland Niemand, weil hier Niemand dazu gebraucht wird, den Boden mit Beschlag zu belegen, damit er bebaut werden knne. Das Zaubermittel aber, welches uns dazu verhalf, herrenlosen Boden zu kultivieren, ohne uns darob in die Haare zu geraten, ist das nmliche, welches uns auch zur Produktion ohne Arbeitgeber befhigte: die freie Association. Ebenso wenig aber verbieten wir den Kapitalzins. Niemand wird Sie in Freiland hindern, so hohe Kapitalzinsen zu fordern, als Ihnen nur immer beliebt; nur werden Sie allerdings Niemand finden, der sie Ihnen zahlt, weil Jedermann zinsloses Kapital in Hlle zur Verfgung steht. Nun fragen Sie aber, ob in dieser Verfgung ber die Ersparnisse der Gesamtheit zu Gunsten der Kapitalbedrftigen kein Unrecht liege? Ob das nicht Kommunismus sei? Und zugeben will ich, da hier die Sache nicht so einfach liegt, wie bei Unternehmergewinn und Grundrente. Der Kapitalzins wird nmlich fr eine wirkliche greifbare Leistung entrichtet, die sich von derjenigen des Arbeitgebers und Grundrentners sehr wesentlich unterscheidet. Whrend nmlich die wirtschaftliche Leistung der beiden Letzteren in nichts anderem, als in der Geltendmachung eines Herrschaftsverhltnisses besteht, welches berflssig wird in dem Momente, wo sich die arbeitenden Massen aus erzwungen gehorchenden Knechten in frei vergesellschaftete Mnner verwandelt haben, bietet der Kapitalist dem Arbeiter ein Instrument, welches unter allen Umstnden dessen Thtigkeit befruchtet. Und whrend ohne weiteres ersichtlich ist, da mit der Etablierung der wirtschaftlichen Freiheit Arbeitgeber und Grundrentner nicht blo berflssig, sondern geradezu gegenstandlos werden, knnte bezglich des Kapitalisten, des Besitzers von Ersparnissen, sogar behauptet werden, da gerade die freie Gesellschaft in unendlich hherem Mae auf ihn angewiesen sei, als die geknechtete, weil sie viel mehr Kapital verwenden knne und msse, als diese. Die zur Aufbringung der Kapitalien dienenden Abgaben werden nun gleichmig auf alle Produzenten verteilt; der Kapitalbedarf dagegen ist ein sehr ungleicher; wie kamen wir nun dazu, aus den Abgaben von Leuten, die vielleicht wenig Kapital brauchen, die Produktion anderer auszustatten, die zufllig starken Kapitalbedarf haben? Welchen Vorteil boten wir ersteren fr die ihnen aufgentigte Sparsamkeit? Und doch liegt die Antwort nahe genug. _In der ausbeuterischen Gesellschaft hat allerdings der Glubiger nicht den geringsten Vorteil von der, kraft seiner Ersparnisse durch den Schuldner bewerkstelligten Verbesserung der Produktion; in der auf socialer Freiheit und Gerechtigkeit beruhenden dagegen genau den nmlichen wie dieser._ Wo -- wie bei uns -- jeder Produktionsvorteil sich gleichmig auf Alle verteilen mu, erledigt sich die Frage nach dem Anteil des Sparers am Nutzen seines Kapitals ganz von selbst. Der Maschinenschlosser oder Weber, dessen Abgabe beispielsweise zur Anschaffung oder Vervollkommnung landwirtschaftlicher Maschinen verwendet wird, hat davon -- bei uns -- genau den nmlichen Vorteil wie der betreffende Landwirt, denn Dank unseren Institutionen bertrgt sich die in welcher Produktion immer erzielte Ertragssteigerung mittelbar auf alle Produktionsorte und Produktionsarten. Sollte man aber fragen, mit welchem Rechte ein den Kommunismus verwerfendes, auf freier Selbstbestimmung des Individuums gegrndetes Gemeinwesen seine Mitglieder berhaupt zur Sparsamkeit zwingen knne, so ist die Antwort, da solcher Zwang in Wahrheit gar nicht gebt wird. Die Abgabe, aus welcher die Kapitalisation bestritten wird, zahlt doch Jedermann nur nach Magabe seiner Arbeitsleistung. Zur Arbeit wird nun Niemand gezwungen; so weit er aber thatschlich arbeitet, nimmt er ja die Kapitalien selbst in Anspruch; es wird von ihm nur verlangt und zwar genau proportional verlangt, was er selber gebraucht; der Gerechtigkeit sowohl als dem Selbstbestimmungsrechte geschieht also in jedem Punkte volles Genge. Sie sehen, es gilt vom Kapitalzinse genau das nmliche, was bezglich des Unternehmergewinnes und der Grundrente steht: die erlangte Fhigkeit der Association enthebt den Arbeitenden der Notwendigkeit, unter welchem Titel immer irgend einen Teil des Ertrages seiner Produktion an dritte Personen abzutreten. Der Zins verschwindet ganz von selbst, wie Gewinn und Rente, aus dem allein entscheidenden Grunde, weil der frei vergesellschaftete Arbeiter sein eigener Kapitalist so gut, wie sein eigener Arbeitgeber und Grundherr wird. Oder wenn man so will: _Zins, Gewinn und Rente bleiben, sie verlieren nur ihr vom Arbeitslohne losgelstes Sonderdasein; sie verschmelzen mit diesem zum einigen und unteilbaren Arbeitsertrage._ Und damit gute Nacht fr heute. 19. Kapitel. Edenthal, den 11. August. Die Mitteilungen und Aufklrungen des Direktors der freilndischen Centralbank beschftigten meinen Vater und mich noch lange aufs lebhafteste. Da dieser zu den Intimen des Ney'schen Hauses zhlende hohe Funktionr fr den nchsten Tag dort speiste, so bewegte sich das Tischgesprch um verwandte Themata. Zunchst wurde von meinem Vater die Frage aufgeworfen, in welcher Weise das freilndische Gemeinwesen der Gefahr von _Krisen_ begegnet, die seines Erachtens hier viel verhngnisvoller sein mten als irgend anderwrts. Krisen welcher Art immer -- war die Antwort -- mten allerdings den ganzen Komplex der freilndischen Institutionen geradezu in die Luft sprengen; aber sie sind hierzulande eben unmglich, die Quelle, aus welcher sie anderwrts entspringen, ist verschttet. Denn die Ursache aller Krisen, sie mgen nun Produktions- oder Kapitalkrisen heien, liegt einzig in der berproduktion, d. h. in dem Miverhltnisse zwischen Produktiv- und Konsumtionskraft und dieses Miverhltnis existiert bei uns nicht. Allerdings behaupteten auch in der alten, ausbeuterischen Welt die Nationalkonomen, es gebe gar keine wirkliche berproduktion, d. h. keine allgemeine Unverwendbarkeit von Produkten, denn, so fhrten sie aus, der Mensch arbeitet nur, sofern ihn irgend ein Bedrfnis dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach ausgeschlossen, da jemals mehr Gter erzeugt, als gebraucht werden knnten. Das ist auch, unter einer Voraussetzung, auf die ich sofort zu sprechen kommen werde, vollkommen richtig. Jedermann will das, was er erzeugt, zur Deckung irgend eines Bedarfs gebrauchen; er will sein Produkt entweder selber verwenden oder gegen das Erzeugnis eines anderen Produzenten austauschen; was dieses andere Erzeugnis sei, ist gleichgltig, irgend ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher niemals die Frage sein, ob berhaupt, sondern allemal nur, welche Art von Produkten gerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenproduktion habe eine Verbesserung erfahren, so ist es allerdings mglich, da damit der Weizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im Verhltnisse der gebotenen Mglichkeit der Produktionssteigerung wachse, denn da die Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch von Weizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann sollte, so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend zunehmen, z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies nur allemal rechtzeitig vorher wte und die Produktion darauf einrichten knnte, so sollte es niemals eine Strung des Tauschverhltnisses der einzelnen Gterarten geben. Also nicht aus einem Zuviel von Produkten im allgemeinen, nicht aus einem Miverhltnisse zwischen Produktivkraft und Verbrauch schlechthin, sondern aus vorbergehenden Strungen des richtigen Verhltnisses zwischen den einzelnen Produktionen erklrt die orthodoxe Doktrin die Krisen, indem sie noch hinzufgt, da angesichts des in der ganzen Welt herrschenden Elends von mangelndem Bedarf zu reden, geradezu widersinnig sei. Bei dieser, im brigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette, ist nur _Eines_ vergessen worden, nmlich die Grundeinrichtung der gesamten ausbeuterischen Gesellschaft. Allerdings ist es ein grauenerregender Widersinn, angesichts des grenzenlosen Elends von allgemein mangelndem Bedarfe reden zu mssen; wo aber die ungeheure Majoritt der Menschen kein Anrecht auf die Frchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieser Widersinn eine frchterliche Bedeutung. Was ntzt es dem darbenden Arbeiter, da er ganz vortreffliche und beraus dringende Verwendung fr jene Produkte wte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihm gehren? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte Kulturmethoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die landwirtschaftlichen Arbeiter wren, denen das Verfgungsrecht ber das mehr erzeugte Getreide zustnde, so wrden sie allerdings mehr oder feineres Brot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren; mit einem anderen Teile wrden sie verstrkte Nachfrage nach Kleidern, mit einem dritten Teile ebenso verstrkte Nachfrage nach Werkzeugen hervorrufen, die ja notwendig wren, um das Mehr an Getreide und Kleidungsstoffen zu erzeugen. Hier wrde es sich wirklich blo darum handeln, das richtige Verhltnis zwischen Weizen-, Kleider- und Werkzeugproduktion, welches durch eine, lediglich bei Weizen eintretende Vermehrung allerdings gestrt wre, wieder herzustellen, und vermehrte Produktion, gesteigerter Wohlstand fr Alle, wre nach vorbergehenden Schwankungen die unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von Weizenproduktion nicht den Arbeitern gehrt, da diese fr alle Flle nur das zur Fristung ihres Lebens Erforderliche erhalten, so knnen sie infolge des auf ihrem Produktionsgebiete eingetretenen Fortschritts weder mehr Getreide, noch mehr Kleidungsstcke verbrauchen, und da dies nicht der Fall ist, so kann auch kein verstrkter Bedarf nach Werkzeugen zur Erzeugung von Weizen und Geweben entstehen. Aber -- so wendete ich ein -- damit, da den Arbeitern der Mehrertrag der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht herrenlos; er gehrt den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen, die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedrfnisses verwenden wollen; die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals -- so sollte man meinen -- wird es unmglich sein, da ein allgemeines Miverhltnis zwischen Angebot und Nachfrage eintrte. Nur werden es allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion werfen mu, um das gestrte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige herzustellen. Gehrte der Mehrertrag den Arbeitern, so wrde man mehr Getreide, ordinre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen Arbeitgebern gehrt, so wird sich die Nachfrage blo bei feinen Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind. Vortrefflich! mengte sich hier David in das Gesprch, nur da die Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die berschsse, welche ihnen der Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Mae zur Steigerung ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion anlegen wollen. Ja, unter Umstnden ist der Arbeitgeber, wie wir gestern schon gehrt, gar kein Mensch, der menschliche Bedrfnisse besitzt, sondern ein Popanz, der nichts geniet und alles kapitalisiert. Desto besser! meinte ich, desto rascher kann der Reichtum zunehmen, denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume. Herrlich! rief David. Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum nicht steigern knnen, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so bentzt man die berschssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h. mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide -- folglich bauen wir neue Pflge; niemand braucht mehr Gewebe -- folglich errichten wir neue Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin fhrt? Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, da sich gegen dieses ebenso einfache als berzeugende Raisonnement schlechterdings nichts einwenden lie. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des menschlichen Fleies und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der sie in letzter Linie alle dienen, nmlich die bessere Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedrfnisse, abschneidet und sich dann wundert, da dieselben nicht verwendet werden knnen, ist thatschlich an der Grenze des Bldsinns angelangt. Und da die Dinge bei uns in Europa und Amerika wirklich so liegen, mu schlielich jedermann einleuchten. Aber was geschieht -- um des Himmels willen -- mit der solcherart bei uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft? fragte ich weiter. Wir sind der Hauptsache nach in Knsten, Wissenschaften und technischen Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich mu also glauben, da wir, besen wir nur Verwendung fr alle Ertrge unserer Produktion, so reich, oder doch annhernd so reich sein knnten, wie Ihr. Nun besitzen wir aber thatschlich lange nicht den zehnten Teil Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefhr doppelt so angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles arbeitet, whrend es bei uns einige Mssiggnger gibt, die lediglich von fremder Arbeit leben, so fllt dies doch angesichts des Umstandes, da unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darber ins Joch gespannt sind, whrend hier durchschnittlich blo fnf Stunden lang gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird berreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht kennt; wo also -- ich wiederhole es -- liegt der unermeliche Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkrfte? In der _Ausrstung_ der Arbeitskrfte, war die Antwort. Wir Freilnder arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, whrend Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermgt. Alle Erfindungen und Entdeckungen der groen Geister der Menschheit sind Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genu jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene Erfindung einzig dienen -- nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht, oder doch nur entsprechend jenem geringen Mae, in welchem Eure Einrichtungen Euch den Genu zumessen. Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines Systems, das als hchsten Ausflu ewiger Weisheit zu verehren er von jeher gewhnt gewesen, aufs tiefste erschttert. Unglaublich! Schrecklich! murmelte er, nur mir verstndlich. Herr Clark aber fuhr fort: Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog. klassischen konomie, da ein allgemeines Zuviel an Produkten unmglich sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich Konsum und Produktivitt thatschlich aufs vollkommenste. Hier knnte es also wirklich blo geschehen, da vorbergehend zu viel von _einzelnen_ Dingen erzeugt, d. h. da das Gleichgewicht der verschiedenen Produktionsarten zeitweilig gestrt wrde. Doch auch diese, an sich geringfgige Gefahr brauchen wir nicht zu frchten. Der durch unsere Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller Produktionsinteressen gewhrleistet von vornherein das Gleichgewicht aller Produktionsertrge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige groe Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhngig von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch zusammenhngen, im Ertrage ihrer Arbeit nmlich. Gerade weil jedermann arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem einen Zwecke der Erzielung mglichst hohen Nutzens zusammenluft, so ist es, von vorbergehenden nebenschlichen Irrungen abgesehen, anders gar nicht mglich, als da der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen berall der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem _einen_ Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen war, kam es vor, da ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst nachtrglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wuten oft erst nach Abschlu der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient hatten. Das ist ein lngst berwundenes Stadium der Kindheit; heute wei jeder Freilnder bis auf geringfgige, durch unvorhergesehene kleinere Zuflle herbeigefhrte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen nicht blo verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in nchster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er sorgt dafr, da Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik jederzeit mit untrglicher Sicherheit angibt, was in jedem Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als dessen Einflu auf die Preise berall aus sorgfltiger Beobachtung frherer Jahre genau bekannt ist, so lt sich die Rentabilitt nicht blo jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so verllich vorherberechnen, da namhaftere Irrtmer nur im Falle elementarer Katastrophen mglich sind. Ereignen sich solche, nun dann greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im brigen giebt es hierzulande nicht blo keine Krisen, sondern nicht einmal sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen. Unser statistisches Amt verffentlicht ununterbrochen genaue Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nchster Zukunft Bedarf, wo berflu an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das gengt, von hchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des Gleichgewichts der Ertrge. Da da oder dort ein neueingerichtetes Etablissement verunglckt, kommt manchmal, insbesondere bei der Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglcken darf man sich nicht etwa als Bankerott vorstellen -- wie sollen Unternehmer bankerottieren, die weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben und denen fr alle Flle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt -- sondern schlimmstenfalls als getuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe -- was kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein Delcredere einheben, es wrde kaum Tausendteile eines Prozents betragen und wre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert. Und stren auswrtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen Gleichgang Ihrer freilndischen Produktion? Werden Ihre Mrkte nicht durch auslndische berproduktion mit Waren berflutet, fr die entsprechende Verwendung fehlt? fragte ich. Da die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen Produktionsverhltnisse so hufig eintretenden heftigen Preisschwankungen der Welthandelsgter nicht auch fr uns mit empfindlichen Unannehmlichkeiten verknpft wren, kann allerdings nicht behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft gentigt, einzelne Produktionen einzuschrnken und die damit frei werdenden Arbeitskrfte anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne da ein wirklicher Wechsel in den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhltnissen dies begrnden wrde. Thatschlich sind diese fremden, pltzlichen und unberechenbaren Einflsse bisweilen Schuld daran, da zur Erhaltung des Gleichgewichts der Ertrge wirkliche Auswanderung von Arbeitskrften aus einer Produktion in die andere notwendig wird, whrend zu Ausgleichung der aus natrlichen Grnden eintretenden Verschiebungen des Angebots und der Nachfrage fast immer die planmige Zu- oder Ableitung des Arbeiternachwuchses gengt. Eine tiefergehende Erschtterung unserer Erwerbsverhltnisse aber vermgen auch diese sprunghaften auslndischen Ereignisse nicht herbeizufhren. Gleichwie es unmglich ist, eine Flssigkeit, die jedem Drucke oder Stoe nachgibt und ausweicht, aus dem Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren. In unntze, strende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die natrliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichma aller Verhltnisse wieder her. Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu begleiten, wo heute das Fachparlament fr ffentliche Arbeiten eine Nachtsitzung halten werde, um ber ein von ihm vorgelegtes groes Kanalprojekt sich schlssig zu machen. Er glaube, da der Gegenstand auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an. Das Fachparlament fr ffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern; die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war, erklrte, Direktoren groer Associationen, insbesondere der das Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer Hochschulen und andere Fachmnner in demselben. Laien, die von ffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Krperschaft nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, da dieselbe die Blte und Quintessenz des technischen Wissens und Knnens von ganz Freiland in sich schliet. Das Projekt, welches gegenwrtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal, Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer fr Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstrae vom Tanganika ber den Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das Mittellndische Meer einerseits und von der Kongomndung den Kongo aufwrts ber den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Bentzung einiger kleinerer Strme ber den Baringosee an den Unterlauf des Dana und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege, deren einer die groen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere, der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete -- dem des Kongostaates und gyptens -- durchgefhrt werden mute, so waren Vertrge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle notwendigen Rechte einrumten. Die Bereitwilligkeit der fremden Regierungen, auf die Wnsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird man begreiflich finden, wenn man erwgt, da Freiland keinerlei Gebhr fr die Benutzung seiner Kanle einzuheben, den Nachbarn also ein freies Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung bergeben werden sollte. Die englische Regierung, welcher der grte Teil der Kanalaktien gehrte, war den Freilndern mit weitgehender Liberalitt entgegengekommen; sie berlie ihnen ihre Aktien zu einem sehr migen Preise, so da diese es nur mit den kleineren Aktionren zu thun hatten, welche allerdings die Situation weidlich auszuntzen verstanden. Die britische Regierung verlangte Sicherheit fr die unantastbare Neutralitt des Kanals und frderte im brigen das Unternehmen nach Krften. Die prliminierten Kosten waren die folgenden: Sd-Nordkanal (Gesamtlnge 6250 Kilometer) 385 Mill. Pfund, Ost-Westkanal (Gesamtlnge 5460 Kilometer) 412 Mill. Pfund, Suez-Kanal (fr Ankauf und Erweiterung) 280 Mill. Pfund. Zusammen 1077 Mill. Pfund. Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so da im Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den bisherigen Erfahrungen glaubte die freilndische Verwaltung darauf rechnen zu drfen, da die jhrlichen Gesamteinknfte des Landes sich im Laufe der nchsten sechs Jahre von 7 Milliarden -- ihrem vorjhrigen Stande -- successive auf mindestens 10 Milliarden steigern und 8 Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen wrden; der Bauaufwand beanspruchte also blo 2-1/8 Prozent des zu erwartenden Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne da eine Erhhung der auf dieses Einkommen gelegten ffentlichen Abgaben ber ihr normales Ma erforderlich gewesen wre. Dem Kostenvoranschlage waren die detaillierten Bauplne beigelegt, desgleichen eine Rentabilittsberechnung, nach welcher die Kanle schon im ersten Jahre ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und unter Bercksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefhr 30 Jahren sich bezahlt machen wrden; auerdem aber sollten diese knstlichen Wasserstraen teilweise auch als Be- und Entwsserungskanle dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund im Jahresdurchschnitte berechnet, so da die Kosten der smtlichen Anlagen binnen lngstens 14 Jahren getilgt sein muten, wobei berall blo der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit eingerumte Nutzen in Rechnung gestellt war. Da die smtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Hnden des Fachparlamentes und von diesem sorgfltig studiert worden waren, so ging dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich der Hauptsache nach blo um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht mglich wre, die Bauzeit zu verkrzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls tracierte und mit allen Detailplnen vorgelegte Alternativlinie der von der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wre. In ersterer Beziehung stellte sich heraus, da durch ein von gewiegten Fachmnnern vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatschlich ein halbes Jahr Bauzeit erspart werden knnte; es wurde also beschlossen, dem entsprechend vorzugehen; bezglich der zu whlenden Trace dagegen entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend gemachten Grnde einstimmig fr den Plan der Centralverwaltung. Die ganze Debatte whrte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte die Verwaltung die Ermchtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas mehr als die Anlagekosten smtlicher Kanle der brigen civilisierten Welt betragen, binnen 5 Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren, aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade sdlich vom quator eindringen und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebhrenfrei und ohne jeden Aufenthalt zurcklegen knnten. Ich war von all dem geradezu konsterniert. Wenn ich mir nicht vorgenommen htte, das Wort >unmglich< hier aus meinem Wrtervorrate zu streichen, so wrde ich es jetzt anwenden, meinte ich auf dem Heimwege Herrn Ney gegenber. Bemerken will ich noch, da in den freilndischen Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt werden, so da ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur Annahme gelangten Projektes oberflchlich einzusehen. Du weit, da ich von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den Plnen zu entnehmen, da die beiden Binnenschiffahrtkanle mehrere Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun zufllig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei unseren Ausflgen erst krzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner Schtzung nach mindestens 500 Meter ber die Kanalsohle; ich fragte nun Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege fr Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwrts klimmen wolle; das sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausfhrbar. Natrlich! gab dieser lchelnd zu. Wenn Sie jedoch die Detailplne genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, da wir solche Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleuen _bersteigen_, sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnels _unterfahren_. Jetzt blickte ich ihn aber erst recht unglubig an und auch mein Vater machte ein nicht minder erstauntes Gesicht. Was finden Sie daran gar so merkwrdiges, meine werten Gste? Warum soll bei Kanlen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer noch viel leichter _ber_ Berg und Thal zu fhren wren, schon so lange und in so ausgedehntem Mae gebt wird? fragte Herr Ney. Unsere Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit, ersparen, so sind sie fr unsere Verhltnisse beraus praktisch. Zudem hatten wir ja in zahlreichen Fllen keine andere Wahl, als die Kanle fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser grter Durchbruch -- er verknpft das Flugebiet des Ukerewe mit dem des Indischen Oceans -- geht in einer Lnge von 17 Kilometern 1200 Meter unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind brigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es -- wie Sie wissen -- einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur knnen sie sich allerdings weder an Lngenentwicklung noch an Mchtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen groe Oceanfahrer -- mit zurckgelegten Masten natrlich -- durch die Eingeweide ganzer Gebirgszge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber bedenken Sie doch, da jede Stunde Zeitgewinn eines freilndischen Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an Wert gewinnt. Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich mchte fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert wurde, als handle es sich um die nchstbeste Kleinigkeit, meinte mein Vater. Ich will der Ehrenhaftigkeit smtlicher Mitglieder Ihres Fachparlamentes fr ffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber verschweigen kann ich nicht, da mir die ganze Versammlung den Eindruck machte, als versprche sie sich den grten persnlichen Vorteil aus der mglichst raschen und groartigen Durchfhrung des Werkes. Dieser Eindruck war auch ganz der richtige, gab Herr Ney zur Antwort. Doch bitte ich hinzuzufgen, da jeder Bewohner Freilands genau den nmlichen persnlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses Kanalprojekts ziehen mu und wird. Nur weil dem so ist, weil bei uns jene Solidaritt der Interessen Wahrheit ist, von welcher man auerhalb Freilands flschlich spricht, nur deshalb knnen wir so ungeheure Summen fr jede Anlage ausgeben, von welcher nachzuweisen ist, da ihr Nutzen den Kostenaufwand berragt. Wird bei Ihnen ein Kanal gebaut, der die Ertragsfhigkeit weiter Landstrecken erhht, so dociert Ihre Schulkonomie zwar auch, da er den Wohlstand Aller befrdere; richtig ist dies aber nur fr die Besitzer der betreffenden Grundstcke, whrend den groen Massen der Bevlkerung solch ein Kanal nicht das geringste ntzt, den Besitzern anderer, konkurrierender Grundstcke vielleicht geradezu schadet. Die Ermigung der Getreidepreise -- so behaupten Ihre Staatswirte -- komme den nichtbesitzenden Massen zu statten; sie vergessen dabei die Kleinigkeit, da der >Arbeitslohn< sich auf die Dauer nicht zu behaupten pflegt, wenn die Getreidepreise sinken. Dem steht allerdings als Trost auf der andren Seite gegenber, da die nichtbesitzenden Massen auch durch die Abgabenerhhung, welche solche ffentliche Bauten beanspruchen, nicht dauernd geschdigt werden knnen; denn wer nicht mehr Lohn bezieht, als zur Lebensfristung notwendig ist, dem kann auf die Dauer auch nicht viel entzogen werden; ihm auferlegte Abgaben mssen also in letzter Linie auf den Arbeitgeber oder den Consumenten abgewlzt werden. Der Streit um solche Anlagen ist daher bei Ihnen zu Hause ein Interessenkonflikt, einzelner Grundeigentmer und Arbeitgeber, von denen ein Teil gewinnt, whrend andere leer ausgehen oder geradezu geschdigt werden. Bei uns dagegen ist jedermann gleichmig nach Magabe seiner Arbeitsleistung am Nutzen fruchtbringender Investitionen interessiert, und da ebenso jedermann gleichmig nach Magabe seiner Arbeitsleistungen zur Kostendeckung herangezogen wird, so ist hier ein Interessenkonflikt, oder auch nur eine Unverhltnismigkeit des Vorteils schlechterdings ausgeschlossen. 7 Millionen Hektaren Landes werden durch die neuen Kanle aus Smpfen in fruchtbaren Ackerboden verwandelt werden; wer wird den Vorteil davon haben, wenn dieser jungfruliche, dicht an so vortrefflicher Wasserstrae gelegene Boden um etliche Pfd. Sterling pro Hektar jhrlich mehr trgt, als anderer? Nun offenbar jedermann in Freiland und zwar jedermann gleichmig, er mag Landbauer, Industrieller, Professor oder Beamter sein. Wer zieht Gewinn aus der Ermigung der Frachten? Etwa blo die Associationen und Arbeiter, welche die neuen Wasserstraen zum Transporte thatschlich benutzen? Keineswegs; denn jeden Vorteil, welchen sie solcherart erlangen, mssen sie, Dank der unbeschrnkten Beweglichkeit unserer Arbeitskrfte, mit jedermann in ganz Freiland teilen. Wir berlassen daher mit der grten Seelenruhe die Entscheidung ber derlei Fragen jenen, die dabei am unmittelbarsten interessiert sind. Diese wissen am besten, was ihnen ntzt, und da ihr Nutzen sich vollkommen mit jedermanns Nutzen deckt, so steht ihnen jedermanns, d. h. des Gemeinwesens, Kasse so weit und frei geffnet, wie nur immer ihre eigene. Mgen sie nur hineingreifen -- je tiefer, desto besser! Wir haben nicht zu untersuchen, _wem_ die Investition ntzt, sondern blo, _ob_ sie berhaupt ntzlich ist, d. h. Arbeitskraft erspart. Wunderbar, aber wahr! mute mein Vater zugeben. Da dem aber so ist, da hierzulande wirklich die vollkommenste Interessensolidaritt besteht, so ist mir hinwieder unerklrlich, warum sie die Rckzahlung jener Kapitalien verlangen, die das Gemeinwesen den einzelnen Associationen vorstreckt. Weil das Gegenteil der Kommunismus mit allen seinen unvermeidlichen Konsequenzen wre, war die Antwort. Der eventuelle Vorteil aus derartiger unentgeltlicher Kapitalzuwendung kme zwar auch hier Allen gleichmig zugute, wer aber knnte in diesem Falle dafr einstehen, _ob_ solche Kapitalanlagen vorteilhaft oder schdlich wren. Denn vorteilhaft ist eine Kapitalanlage doch nur in dem Falle, wenn mit deren Hilfe mehr Arbeit erspart wird, als die Herstellung der Kapitalien selber kostet. Eine Maschine, die mehr Arbeit fordert, als hereinbringt, ist schdlich. Derzeit nun sind wir gegen solche Vergeudung, zum mindesten gegen absichtliche Vergeudung von Kapitalien gesichert. Das Gemeinwesen sowohl, als die Einzelnen knnen sich in ihren Berechnungen tuschen, sie knnen eine Anlage fr rentabel halten, die sich nachtrglich als unrentabel erweist, d. h. die auf ihre Herstellung verwendete Arbeit nicht hereinbringt; die _Absicht_ bei allen Anlagen jedoch kann immer nur auf Kraftersparnisse gerichtet sein, denn das Gemeinwesen sowohl als die Einzelnen mssen ein jeder seine Anlagen bezahlen. Wenn aber das Gemeinwesen auch fr die Kapitalanlagen der Einzelnen, respektive der Associationen, aufzukommen htte, dann lge fr die einzelne Association kein Grund vor, nicht auch solche Einrichtungen zu fordern, die weniger Kraft ersparen, als zu ihrer Herstellung beanspruchen; die notwendige Ergnzung dieser Liberalitt des Gemeinwesens wre daher, da sich dieses ein Recht der berwachung und Bevormundung den Kapitalbedrftigen gegenber herausnhme, welches mit Freiheit und Fortschritt unvereinbar wre. Alles Gefhl der Selbstverantwortung ginge verloren, das Gemeinwesen mte sich in Verhltnisse mengen, denen es nicht gewachsen ist, und Verluste wren trotz aller beengenden Willkr von Oben unvermeidlich. Das ist wieder so einleuchtend und einfach, als nur immer mglich, meinte mein Vater. Ich erbitte mir aber fr einen ferneren Punkt nhere Erklrung. Kraft der bei Ihnen herrschenden Interessensolidaritt nimmt jedermann an den Vorteilen aller wo immer eintretenden Verbesserungen teil; dies geschieht in der Weise, da jedermann das Recht hat, einen minderergiebigen Produktionszweig oder Produktionsort mit einem sich ergiebiger erweisenden zu vertauschen. Welches Interesse hat also der _einzelne_ Produzent, respektive die _einzelne_ Association, Verbesserungen einzufhren, da es doch viel einfacher, bequemer und gefahrloser erscheinen mu, Andere vorangehen zu lassen und sich ihnen erst anzuschlieen, wenn der Erfolg gesichert ist? Nun sehe ich aber, da es ihren Associationen an Regsamkeit und Unternehmungsgeist keineswegs fehlt; wie erklrt sich dies? was veranlat Ihre Produzenten, sich Gefahren -- sie mgen noch so gering sein -- auszusetzen, wenn der damit erreichte Gewinn so rasch mit aller Welt geteilt werden mu? Sie bersehen erstlich, entgegnete Herr Ney, da die Hhe des zu erzielenden Gewinnes denn doch nicht der alleinige Beweggrund ist, von welchem sich arbeitende Menschen, insbesondere aber unsere freilndischen Arbeiter, leiten lassen. Der Ehrgeiz, das Etablissement, an welchem man beteiligt ist, an der Spitze und nicht im Nachtrabe aller anderen einherschreiten zu sehen, darf bei intelligenten, von starkem Gemeingeiste beseelten Menschen nicht eben unterschtzt werden. Aber abgesehen davon, bitte ich Sie zu bedenken, da die an den Associationen Beteiligten auch sehr lebhafte _materielle_ Interessen am Gedeihen gerade ihrer speciellen Unternehmung haben. Freilndische Arbeiter besitzen ausnahmslos recht behagliche, ja luxurise Heimsttten -- naturgem meist in der Nhe der von ihnen gewhlten Arbeitssttten; sie sind in Gefahr, dieselben verlassen zu mssen, falls ihr Unternehmen sich nicht auf gleicher Hhe mit anderen erhlt. Zum zweiten genieen die lteren, d. h. durch lngere Zeit bei einem Unternehmen beteiligten Arbeiter ein stetig wachsendes Prcipium; ihre Arbeitszeit wird ihnen um einige Prozente hher angerechnet, als den Neueintretenden. Die Mitglieder jeder Association mssen also trotz aller Interessensolidaritt sehr lebhaft darauf bedacht sein, da ihr Etablissement nicht berflgelt werde, und da das Risiko neuer Verbesserungen ein verschwindend geringes ist, so regt sich der Erfindungs- und Unternehmungsgeist nirgends in der Welt so khn und mchtig, wie bei uns. Die Associationen wetteifern aufs lebhafteste um den Vorrang, nur da dies allerdings ein friedlicher Wettbewerb, kein ingrimmiger, auf gegenseitige Schdigung abzielender Konkurrenzkampf ist. Es war inzwischen sehr spt geworden; mein Vater und ich htten allerdings gerne noch lngere Zeit den hochinteressanten Aufklrungen unseres freundlichen Wirtes gelauscht; doch wir durften die Liebenswrdigkeit unserer Gastfreunde nicht mibrauchen und so trennten wir uns -- was mir denn auch Anla giebt, von Dir, mein Luigi, fr heute Abschied zu nehmen. 20. Kapitel. Edenthal, den 16. August. Du uerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darber, da unser Gastfreund aus seinem blo 1440 Pfund betragenden Gehalte als Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu fhren, eine elegante Villa mit zwlf Wohnrumen zu bewohnen, feine Kche zu fhren, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu treiben vermge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gnnen drfen. Die Erklrung liegt darin, da Dank der wunderbaren Organisation von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld verschlingen, den freilndischen Haushalt berhaupt nicht belasten, da sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen frheren Briefen entnommen haben kannst, das freilndische Gemeinwesen den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich ebenfalls schon erwhnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen, Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser dagegen lt sich die freilndische Verwaltung die Selbstkosten ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, da beinahe jede freilndische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschnheiten des eigenen Landes gelten, teils auch -- dies jedoch seltener -- bis ins entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freilnder nimmt alljhrlich mindestens sechs, bisweilen aber auch zehn Wochen Urlaub von allen Geschften und sucht whrend dieser Zeit Erholung, Vergngen und Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie an den Gestaden der smtlichen groen Seen wimmelt es mit Ausnahme der beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden, rudernden und segelnden Mnnern, Frauen und Kindern, die in vollen Zgen jegliche Lust des Reisens genieen. berhaupt gehrt sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren Schnheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freilnder. Sie sind eben allesamt Eigentmer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen an diesem ihrem kstlichsten Eigentum tritt berall zu Tage. So halte ich es z. B. fr bezeichnend, da nirgend in Freiland Bche und Flsse durch Abfallwsser vergiftet, nirgend malerische Berghnge durch wahllos angebrachte Steinbrche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen die landschaftliche Schnheit zu rgen ist. Warum auch sollten diese selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen -- die sie zudem sehr bald mit aller Welt teilen mten -- sich selber eines so wesentlichen Genusses berauben, wie es eine mglichst gesunde und schne Landschaft ist? Natrlich kommt diese verstndige Pflege aller landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind Straen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prchtiger Palmen eingesumt, deren schlanke astlose Stmme nirgend die Aussicht behindern, whrend ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewhren. Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim Reisen hier unter dem quator von Hitze und Staub weit weniger zu leiden, als im gemigten Europa, wo whrend der Sommermonate eine mehrstndige Eisenbahn- oder Wagenfahrt hufig zur Tortur wird. An allen schn und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den gewaltigsten Mitteln arbeitenden Htel- und Vergngungsassociationen sowohl riesige Gasthfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack fr Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden oder allein in lndlicher Zurckgezogenheit Unterkunft und allen erdenklichen Comfort finden. Wunderst Du Dich schon ber den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du erst sagen, wenn ich Dir erzhle, da hierzulande dem Wesen nach jeder einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben einige Wohnrume weniger, die Mbel sind einfacher, statt eigene Reitpferde in den Stllen der Transportassociation zu halten, werden Mietpferde bentzt, auf Kunstgegenstnde, Bcher und zu wohlthtigen Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewhnlicher Werkfhrer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehrt samt seiner reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten 7 Wohnrume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die Ziehtchter fehlen -- nebenbei bemerkt -- in seinem Hause nicht, denn auch seine Gattin geniet -- und, wie ich hinzufgen will, nicht mit Unrecht -- den Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die Ziehtchter suchen, wie Du weit, nicht das groe Haus, sondern die bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, da solch ein Phnix von Frau Gattin eines gewhnlichen Fabrikarbeiters ist, so bedenke, da freilndische Arbeiter etwas anderes sind, als europische. Gediegene Mittelschulbildung geniet hier alle Welt, und da ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder dergl. wird, hat darin seinen Grund, da er eben keinerlei _hervorragende_ geistige Fhigkeiten in sich entdeckt oder vermutet. Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig hervorragend Befhigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der Minderbefhigte angesichts der Konkurrenz _aller_ wirklich Befhigten unmglich aufzukommen vermag. Bei uns da drauen, wo nur eine verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat, gewhrt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den Dummkpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen knnen eben nicht alle talentiert sein -- so wenig als die Armen alle es sind; da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern -- von Ausnahmen, die ja berall vorkommen, mu dabei natrlich abgesehen werden -- blo aus der kleinen Menge von Shnen reicher Familien decken, so kommen bei uns -- gnstig gerechnet -- auf je einen fhigen Studierenden zehn Unfhige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem einen Fhigen natrlich nicht den ganzen Bedarf decken knnen, hchstens die zwei oder drei Allerdmmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverstndlich unendlich mehr befhigte Studierende, folglich brauchen die Freilnder bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als wir. Ihre Tchtigsten sind nicht notwendig tchtiger, als die unsrigen, aber unsere Unfhigsten -- unter den Studierenden -- sind viel, viel unfhiger, als ihre berhaupt noch mglichen Unfhigsten. Was bei uns noch mittelgut wre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z. B. htte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner Leuchte der Wissenschaft oder Zierde des Barreau gebracht, doch ein ganz annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wre er immerhin geworden. Hier aber mute er -- nach absolvierten Mittelschulen -- gewissenhafter mit seinen geistigen Fhigkeiten zu Rate zu gehen und gelangte dabei zu dem Resultate, da es ersprielicher fr ihn sei, ein tchtiger Fabrikwerkfhrer, als ein mittelmiger Lehrer oder Beamter zu werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger -- vielleicht allzustrenger -- Selbstprfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich zu degradieren, denn in Freiland schndet Handarbeit wirklich nicht, zum Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird, jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lgen ist, mit denen wir uns selber hinters Licht zu fhren versuchen. Arbeit ist bei uns -- trotz aller demokratischen Redensarten -- ganz im Allgemeinen eine Schande, denn der Arbeitende ist ein hriger Mann, ein ausgebeuteter Knecht, er hat einen Herrn ber sich, der ihn kommandiert, fr sich ausntzt gleich dem arbeitenden Tiere -- keine Moraltheorie der Welt wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du blo einmal gesellige Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur der Sache, da Personen des gleichen Interessenkreises sich zunchst aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefat werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wre. Das allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so verbreitet, da Gelehrte, Knstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten geistigen und gemtlichen Berhrungspunkte auch mit Fabrik- oder Feldarbeitern finden. Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchfhren lt. Der Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter den Handarbeitern ungezhlte Tausende, die ursprnglich einen anderen Beruf gewhlt und die fr diesen erforderlichen hheren Studien absolviert hatten, dann aber -- sei es, weil ihre geistigen Fhigkeiten sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre Geschmacksrichtung wechselte -- die Feder mit dem Werkzeug vertauschten. So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt niedergelegt und sich der Grtnerei gewidmet, weil er fand, da dieser ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie abziehe, als die rztliche Thtigkeit. Um sich als Astronom zu ernhren, dazu reichten seine Kenntnisse und Fhigkeiten nicht aus, und da ihm einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu pltzlich des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor, seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des Nachts ungestrt seinen lieben Sternen nachzuspren. Ein anderer Mann, den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrire als Bankbeamter mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die sitzende Thtigkeit nicht behagte; er wre wiederholt schon von den Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewhlt worden, lehnte aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht berwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr gro, die irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegen _ausschlieliche_ Kopfarbeit, da sich die smtlichen hheren Berufe, ja sogar die ffentlichen mter darauf einrichten muten, ihren Angehrigen zeitweilig krperliche Berufsthtigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das Recht, auer den der Erholung gegnnten zweimonatlichen Ferien auch noch beliebigen Urlaub von lngerer oder krzerer Dauer zu verlangen und die Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthtigkeit auszufllen. Natrlich wird diese auerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug gebracht, was jedoch die weitaus grere Hlfte all' dieser Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer, Grtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthtigkeit zu erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare- oder Baringo-Distrikts; er hat -- wie er mir erzhlte -- bis jetzt den Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von Elmeteita. Angesichts dieser allgemeinen und durchgngigen wechselseitigen Durchdringung von gewhnlichster krperlicher und hchster geistiger Thtigkeit kann selbstverstndlich von irgendwelchen Standes- oder Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind gerade so geachtete, selbstbewute Gentlemen, wie die Gelehrten, Knstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die Geistesrichtungen harmonieren. Insbesondere aber sind die Frauen -- anderwrts die hauptschlichen Vertreterinnen aristokratischer Absonderung -- hierzulande Frderinnen vollstndiger Verschmelzung aller Bevlkerungsschichten. Die freilndische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe ethischer und geistiger Bildung. Losgelst von jeglicher materiellen Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr Verstndnis fr alles Gute und Erhabene zu schrfen. Da sie sich der entwrdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernhrer zu suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der ueren Lebensstellung des Mannes abhngig ist, so fehlt ihr jener exklusive Hochmut, der berall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzge fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stnde bei uns daheim meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glcke minder begnstigten Schwestern gegenber, weil sie des instinktiven Gefhls nicht ledig werden, da diese sehr gut ihren Platz ausfllen und sie selber mitunter in deren dienende Stelle passen wrden, wenn sie die Ehegatten vertauscht htten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die europische Dame wirklich hheren ethischen und geistigen Wert besitzt, so mu sie sich doch sagen, da ihre Stellung im Urteile der Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und Stellung des Mannes abhnge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut jede Andere auf den erborgten Thron htte setzen knnen. Schopenhauer hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche Gewerbe: die Mnnerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu Grunde liegt. Nur vergit er hinzuzufgen, oder vielmehr er wei wohl selber nicht, da dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem Spotte gegeielte Gewerbe mit all seinen hlichen Folgebeln ihnen durch ihre Rechtlosigkeit aufgentigt und keineswegs mit ihrer Natur untrennbar verknpft ist. Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der hchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf uere Lebensverhltnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begrnden knnten, sie wrden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange lediglich von persnlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die geistreichste, liebenswrdigste Frau ist es, deren Freundschaft von ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte einnehmen mag. Du begreifst also, da Frau Moro ihren Mann whlen konnte, ohne sich in der hiesigen Gesellschaft das Geringste zu vergeben. Da wir gerade mit diesem Thema beschftigt sind, la mich die Gelegenheit bentzen, einige Worte ber das Wesen der hiesigen Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist beraus lebhaft; die bekannten Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird. Soweit wre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentmlichen, dem Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhlt diese Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton hchster Freiheit im Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie einigemale gekostet, drstete ich frmlich nach den Freuden dieser Zusammenknfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu knnen ber die Natur des Zaubers, den sie auf mich bten. Schlielich bin ich zu der berzeugung gelangt, da es in erster Linie jene Atmosphre wahrer Menschenliebe sein msse, die in Freiland alles umfngt, was hier den geselligen Verkehr zu einem so genureichen gestaltet. Europische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belgt; Zusammenknfte von Feinden, die das Bse, das sie sich gegenseitig wnschen, unter hflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen ernstlich zu tuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen Gesellschaft anders gar nicht mglich, denn in dieser ist Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidaritt eine hchst seltene und blo zufllige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren bung ein nicht gerade alltgliches Ma von Selbstverleugnung gehrt, und Jedermann wei daher, da neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in bitterem Hasse ber einander herfallen wrden, wenn die angeborene und anerzogene Dressur der wohlanstndigen Sitte sie auch nur einen Moment im Stiche liee. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein Gefhl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag, welche in den Menagerien zum Ergtzen des schaulustigen Publikums in einen gemeinsamen Kfig gesperrt, sich wohl oder bel miteinander vertragen mssen. Der Unterschied liegt blo darin, da die Dressur von uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wlfen, Bren und Hynen vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust sichtlich nur mhsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des Tierbndigers unterdrckend; whrend wir den im Herzen lauernden bsen Willen hchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tckisches Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit verraten. Ja, so mchtig ist die Dressur von uns zweibeinigen Raubtieren, da wir uns durch dieselbe zeitweilig selber tuschen lassen; die Hyne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt, ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenber sei ehrlich gemeint, und wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben nur vorbergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird man der Empfindung nicht ledig, sich unter natrlichen Feinden zu befinden, die nur uerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber an die Kehle zu springen. Die Freilnder dagegen sehen sich unter wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder bervorteilen, noch gegenseitig ausntzen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen statt, aber dieser kann das Gefhl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht beeintrchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten gute Frchte trgt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz verleiht. Doch jetzt la mich fortfahren in meinen Berichten ber unsere hiesigen Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten -- Betrunkenen. Wir -- d. h. mein Vater und ich -- hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns zukam und lallend nach einem der Gasthfe fragte. Es war sichtlich ein erst krzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen Schritte nach Hause allein zurckzulegen, nahm den Betrunkenen unter den Arm und fhrte ihn nach seinem Gasthofe; ich schlo mich diesem Liebeswerke an, whrend mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten, fanden wir ihn im lebhaftesten Gesprche mit Frau Ney ber dieses kleine Abenteuer. Denke nur, rief er mir zu, Madame behauptet, wir knnten uns rhmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswrdigkeiten begegnet zu sein; sie ihrerseits habe whrend der 25 Jahre ihres Aufenthalts in Freiland blo drei Trunkene bemerkt, und sie sei berzeugt, da Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit trnke! Ihr Freilnder -- so wandte er sich nun an David -- seid doch sicherlich keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzglich, Euere Weine lassen nichts zu wnschen brig, und Ihr scheint mir nicht die Leute, diese guten Dinge blo zum Gebrauche etwaiger Gste in Bereitschaft zu halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, da Ihr ein klein wenig ber den Durst trnket? Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen guten Tropfen und gnnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch will ich nicht leugnen, da bei festlichen Gelegenheiten die Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen emporschlgt; ein sinnlos trunkener Freilnder gehrt aber trotzdem zu den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das geschieht, wie ich wei, auch bei Ihnen blo in den seltensten Fllen, obwohl dort die ffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist, als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pbel, der im Rausche Vergessenheit seines Elendes suchen mte, und das Beispiel dieses Pbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses erniedrigendsten aller Laster zu gewhnen. Da ihr Freilnder gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch nicht gar so sehr Wunder, entgegnete mein Vater. Aber ihre verehrte Mama erklrte uns, da auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar sind, wie weie Raben. Nun ist mir nicht bekannt, da an den Grenzen Ihres Landes Migkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehren zum Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat dem Trunke -- und zwar dem Trunke in seiner hlichsten Bedeutung -- keineswegs abgeneigt sind; was veranlat diese Leute hier, sich solcher Enthaltsamkeit zu befleiigen? Zunchst der Wegfall jener Grnde, die in Europa und Amerika zum Trunke verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europischen Studienreise, die nicht blo der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet war, in den Hhlen der Armut umgesehen und dort Verhltnisse gefunden, die es geradezu wunderbar erscheinen lieen, wenn die inmitten derselben Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer Schmach, ihrer Entwrdigung gesucht htten. Ich sah Menschen, die zu zwanzig und dreiig -- alle Altersklassen und Geschlechter bunt durcheinander gewrfelt -- in _einem_ Gemache schliefen, welches gerade nur soviel Raum bot, da die Insassen dichtgedrngt auf der eklen, den Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsber kein anderes Heim hatten, als den Fabriksaal -- oder die Schenke. Und das waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmiger Arbeit stehende Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft groer Landstriche. Da solche Menschen in viehischer Betubung Rettung suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer Weiber und Tchter, da sie das Bewutsein ihrer Menschenwrde verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in Entrstung versetzt; diese beiden Gefhle kehrten sich blo gegen den Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewhren lt, als wre er in Wahrheit der Ausflu eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so natrlich finde ich, da diese selben Menschen hier, wo sie ihre Wrde und ihr Recht zurckerlangt haben, wo ihnen sorglose, schne Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankmmlinge strzen sich alle mit wollstiger Gier in den Umgang mit uns; sie knnen es meist gar nicht erwarten, ganz und vollstndig unseresgleichen zu werden; je elender, entwrdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr Entzcken, ihr Dankgefhl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen betrachtet zu sehen; um keinen Preis wrden sie der Achtung ihrer neuen Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so trinken sie eben auch nicht. Du hast uns erklrt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulande habet -- nahm nunmehr ich das Wort. Aber noch um vieles wunderbarer erscheint mir, da Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfhigen -- er mag es aus welchem Grunde immer sein -- einen Versorgungsanspruch einzurumen, Euch nicht mit Krppeln und Greisen sonder Zahl berflutet. Oder gibt es irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen solche Gste schtzen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trgen, die das Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfhigen erschleichen wollen, um dem Mssiggange frhnen zu knnen? Werden hinsichtlich der Versorgungsansprche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen Anspruches vonnten? Hinsichtlich der Versorgungsansprche wird keinerlei Unterschied gemacht, und zu deren Geltendmachung gengt das Krankheitszeugnis eines unserer rzte, oder der Ausweis des zurckgelegten 60. Jahres. Bei Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der grten Liberalitt vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, fr den Fall, da ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben einen anderen auszusuchen, da wir es grundstzlich vorziehen, lieber zehn trge Simulanten zu fttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen. Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische Mssiggnger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einflu unserer Institutionen als gengend mchtig, um alle derartigen Gelste im Keime zu ersticken. Beachte vor allem, da der Neueingewanderte den obersten Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschlieen; zu diesem Behufe mu er, ist er anders gesund und krftig, an unseren Geschften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwrde gerettet, wrden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte, selbstherrliche Mnner in blhende, mchtige Geschfte einzutreten, darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen fttern zu lassen. Die Ankmmlinge _wollen_ an allem teilnehmen, was hierzulande zu erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert Fllen keines anderen Anreizes zur Arbeit fr sie. Jene Wenigen aber, denen dieser Sporn nicht gengt, finden sich, ist erst einmal die erste Zeit des Schauens und Hrens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und Vereinsamung gentigt, irgend eine fruchtbare Thtigkeit zu whlen. Wir haben hier kein Wirtshausleben im abendlndischen Sinne, keine Geselligkeit gewohnheitsmiger Mssiggnger; man _mu_ hier eben arbeiten, um sich behaglich zu fhlen, und so arbeitet denn Alles, was arbeitsfhig ist. Die verstockteste Trgheit und Indolenz kann hchstens durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, da man, um den Ersten des Landes als Seinesgleichen die Hand schtteln zu drfen, keines anderen Ehren- und Machttitels bedrfe, als einiger ehrlicher Arbeit. Krftige, gesunde Mssiggnger sind also auch unter den Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als eine Art geistiger Krankheitsflle ber uns ergehen lassen. Darben aber drfen bei uns auch diese Trgen nicht. Sie erhalten, ohne da ihnen ein besonderes Recht eingerumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach europischen Begriffen berreichlich. Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht geradezu alles ins Land locke, was die brige Welt an krperlich und geistig Invaliden, an Krppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf nur antworten, da Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der nhere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und da daher das Verhltnis zwischen arbeitstchtigen und arbeitsuntchtigen Einwanderern lediglich davon abhngt, ob solche Kunde leichter und rascher zu ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurck und befrdern den lahmen Krppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den rstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, da die Tchtigsten, Regsamsten sich in strkerer Zahl melden, als die Armen an Geist und Krper. Auf der Forderung, da jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens kundig sein msse, um all' unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen wir seit Grndung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung setzen ein gewisses Ausma von Kenntnissen voraus, welche wir niemand erlassen _knnen_. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu bevormunden; aber damit wre den Behrden ein Wirkungskreis eingerumt, den wir fr unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man so will, als Gste, die nach Mglichkeit zu frdern jedermanns Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich leistungsfhig erweisen, den Einheimischen gegenber keineswegs verkrzt werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuben vermgen. Wie aber, so fragte mein Vater, konstatieren Sie diese geistige Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem Behufe eine besondere Behrde, und ergeben sich keine Unzukmmlichkeiten bei solcher Inquisition? Wir inquirieren nicht, und keine Behrde kmmert sich um das Wissen der Leute. Anfnglich bten wir, um nicht von fremder Unwissenheit berflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen Befrderung nach Freiland auszuschlieen; wir haben vor 19 Jahren auch das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen Punkt Freilands befrdert; niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle unsere Rechte auszuben -- nur mu er dies in derselben Weise thun, wie wir -- und das ist dem Analphabeten eben unmglich. Wohin er sich wenden mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus, mu er lesen, schreiben -- und zwar der Natur der Sache nach meist mit Verstand schreiben -- sich in Gedrucktem und Geschriebenem zurechtfinden, kurz, ein gewisses Ma von Bildung haben, welches wir ihm nicht erlassen knnten, auch wenn wir wollten. Dann ist aber, meinte mein Vater, Ihre berhmte Gleichberechtigung doch nur fr einigermaen gebildete Leute vorhanden? Selbstverstndlich -- erklrte nun Frau Ney. Oder glauben Sie wirklich, da vollkommen Unwissende die Fhigkeit besitzen, sich selber zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen gewissen Grad von Civilisation zur unerllichen Voraussetzung. Die Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und Mue aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie knnen nur von wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und reich machen will, der mu ihnen zuvor Wissen beibringen -- das liegt nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere Schuld ist es, da so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch erzogen werden mssen. Da haben Sie abermals Recht, seufzte mein Vater. Nun, und welche Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten? Die Erfahrung, da diese Ausschlieung von vollkommener Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller Benachteiligung verknpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb zu mglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versumten wirkt. Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen fr Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rhrendem Eifer. Sie begngen sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaes von Kenntnissen, dessen sie zu Ausbung aller freilndischen Rechte gerade bedrfen, sondern sind redlich bemht, sich mglichst vollstndiges Wissen zu erwerben, und es sind wenige Flle bekannt, wo aus solchen Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden wren. Und was schlielich die hier wirklich als Invaliden anlangenden Einwanderer betrifft, nahm jetzt wieder David das Wort, so ben wir diesen gegenber die Versorgungspflicht in der nmlichen Weise, als ob sie in freilndischen Werksttten alt und schwach geworden wren. Eine merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht versprt. Charakteristisch ist brigens, da die invaliden Eingewanderten meist nur unvollstndigen Gebrauch von dem ihnen eingerumten Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewhnen sich in der Regel nur allmhlich an das sich ihnen hier bietende Ausma hherer Gensse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung fr den auf sie einstrmenden Reichtum. Jetzt bitte ich Sie, noch _ein_ Bedenken zu zerstreuen, wie mir scheint, das wichtigste. -- Was ist's mit Verbrechern, gegen deren Einwanderung Sie doch auch nicht geschtzt sind? Erscheint mir schon hchst merkwrdig, da Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den Millionen Ihrer freilndischen Bevlkerung auskommen, so kann ich vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die auch den Verbrecher nicht strafen, blo bessern will, doch angelockt werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings erzhlt, da die zur Entscheidung der Civilstreitflle eingesetzten Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren haben, und da von diesen der Appell an hhere Richterkollegien zulssig sei; Sie fgten jedoch hinzu, da diese Richter allesamt so gut wie nichts zu thun haben und nur in hchst seltenen Ausnahmefllen das hierzulande bliche Besserungsverfahren zu verhngen in die Lage kommen. Wirken thatschlich Ihre Institutionen so besnftigend auch auf verstockte Verbrechergemter? Allerdings, antwortete Frau Ney. Und wenn Sie ruhig erwgen, welches die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, da Recht und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen. Der Hungernde und Frierende soll vorbergehen an fremdem berflusse, ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines unabweislichen Bedrfnisses bedarf, ja ohne Neid und Migunst gegen die Glcklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unvershnlichsten sind, weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berhren, sein Nebenbuhler, sein Zwingherr oder sein Sklave, fr alle Flle aber sein Feind ist, aus dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil erwchst! Da all' dies Jahrtausende hindurch unerbittliche Notwendigkeiten waren, lt sich freilich nicht leugnen; aber thricht wre es, zu bersehen, da derselbe grausame Zusammenhang, welcher die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht, zur Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h. die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der Gesamtheit unerlliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, da es thue, was ihm schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung, die blo einzelnen edlen Naturen zugemutet werden drfe, in denen der Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrckt hat, sondern als etwas bei jedermann stets und berall Selbstverstndliches, dessen bung nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert, unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer hheren Gesamtheit, und niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten knnen, immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, da die Liebe zur Gattung den Sieg davon trage ber die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet werden, da diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird. Aber der Name dieses Gehorsams ist Heroismus, sein Mangel noch kein Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger Liebestribut gro angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber wird hnlicher, ja schwerer zu bender Heldenmut dem Letzten und Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, mu ihm, so lange Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und Verbrecher heien dann alle Jene, die sich minder gro erweisen, als ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe gegen feindliche Naturmchte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige Stimme in ihnen, die Stimme der Nchstenliebe, es forderte. Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur selbstverstndlich, da es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung emprt. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung blo selbstgefllige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, da nmlich wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernnftiger Egoismus. Sie werden es also begreiflich finden, da _vernnftige_ Menschen unsere Rechtsordnung nicht verletzen knnen. Wir haben einige Dutzend unverbesserlicher belthter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme -- unheilbare Idioten. Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine letzte Aufklrung. Er erklrte, nunmehr vollstndig zu begreifen, da die freilndischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien, als die konsequente Durchfhrung des Prinzipes der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, durchaus geeignet wren, jeglichem billigen und vernnftigen Anspruche zu gengen. Nichtsdestoweniger drckte er seine Verwunderung ber die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose Zufriedenheit mit denselben aus. Ob denn _unvernnftige_ Parteiungen Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. In den Augen eines echten Kommunisten, so rief er, seid Ihr hier doch nichts weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei Euch! Welchen Wert kann Euere vielberhmte Gleich_berechtigung_ in den Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, da jeder Bissen Brot, den einer dem andern gegenber voraus hat, Diebstahl sei, und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese Tollhusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so unschdlich machen lt! Nichts leichter als das -- antwortete Frau Ney. Machen Sie, da jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzhlen wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einander _nicht_ gleich, weder in ihren Fhigkeiten, noch in ihren Bedrfnissen; Ihr Appetit ist strker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hbsche Kleider -- ich gebe keinen Heller fr dieselben; dafr bin ich vielleicht ein Leckermaul, whrend Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende. Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen Bedrfnisse ber denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht untersuchen, ob es mglich ist, ob ber den davon unzertrennlichen Zwang nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen mten; der Zweck an sich ist so unsinnig, da absolut unbegreiflich wre, wie zurechnungsfhige Menschen auf derartige Gedanken geraten knnen, wenn nicht _eines_ dazwischen trte, nmlich, da der eine von uns weder seinen starken, noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder fr feine noch fr ordinre Kleidung, weder fr leckere noch fr gewhnliche Speisen befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu noch der Irrtum, da mein berflu an Ihren Entbehrungen die Schuld trgt, so wird es begreiflich, da Sie und diejenigen, die Mitleid mit Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmiger Teilung rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die Erkenntnis des grenzenlosen Elends der berwiegenden Mehrzahl aller Menschen, verknpft mit der falschen Anschauung, da es der thatschlich vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung dieses Elends geschpft werden knne. Diese letztere Meinung ist nun allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen zu ffnen, um zu sehen, welch kmmerlicher Gebrauch von den so reichlich vorhandenen Fhigkeiten, Reichtmer zu erzeugen, gemacht wird; aber nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere orthodoxe konomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, da gesteigerte Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren vermge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgnge; Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als glubige Anhnger der sogenannten Grundwahrheiten orthodoxer konomie und der einzige Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt lediglich darin, da sie hungrig sind, whrend jene satt ist. Mit der Erkenntnis, da es nur der vollkommenen Gleich_berechtigung_ bedrfe, _um berflu fr alle zu schaffen_, verfliegt der Kommunismus ganz von selbst wie ein bser, bengstigender Traum. Man kann verlangen -- wenn auch nicht durchfhren -- da alle Menschen auf gleiche Brotrationen gesetzt werden, so lange man glaubt, da der gemeinsame Reichtum, von dem wir alle zehren mssen, eben nicht weiter als frs liebe Brot reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, da jedem die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen werde, nachdem sich herausgestellt hat, da genug fr alle auch von diesen guten Dingen vorhanden sein knnte, wre schlechthin lppisch. Es gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben. Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland unmglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, da die Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um berflu fr Alle zu erzeugen, so kann man den Nihilismus als die Schlufolgerung der Verzweiflung aus jener anderen Lehre ziehen, da Kultur und Civilisation unvereinbar seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist's, welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hlt sie, als die Wortfhrerin der Satten, auch hier keine andere Schlufolgerung fr denkbar, als diejenige, da die auf ewig enterbten Massen sich im Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fgen mten; die Partei der Hungrigen aber wendet sich in wtendem Grimme gegen diese Civilisation, von welcher selbst ihre Anhnger behaupten, da sie der ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen knne und die deshalb fr diese keinen anderen Effekt hat, als den einer Steigerung der _Empfindung_ des Elends. _Wir_ haben den Beweis erbracht, da Civilisation nicht blo vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist -- auch der Nihilismus mu also hierzulande unbekannt sein. Sie glauben also, nahm ich das Wort, da die Gleichheit des thatschlichen Einkommens mit der Gleich_berechtigung_ nichts zu thun habe? Ich meinerseits mu gestehen, da mir jene nutzlose Anhufung berflssiger Reichtmer, die wir in unserer abendlndischen Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und fr sich widerwrtig geworden ist, auch wenn ich mich berzeugt habe, da das Elend der Massen weder in diesem berflusse einer kleinen Minderzahl seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses berflusses wesentlich lindern liee. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese geilen berschsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer unvollkommen bleiben, mag sie im brigen noch so ausreichend fr den Wohlstand Aller Sorge tragen. Auch ich kann dieses Gefhles nicht ganz Herr werden, meinte mein Vater. Aber ich bin der Ansicht, da in dieser Auflehnung gegen die Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein drfte, als die sittliche Emprung, welche in jedem unbefangen denkenden Menschen gegen die bisherigen _Ursachen_ der Ungleichheit Wurzel geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, da groe Vermgen fast niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmig blo in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und da sie ebenso regelmig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist's, was uns dagegen einnimmt. Knnten noch so groe Vermgen blo durch hervorragende persnliche Fhigkeiten entstehen und vermchte man sie zu nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen Gensse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so wrde auch die nicht hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhren. Was ist brigens die Meinung unserer liebenswrdigen Wirtin ber diesen Punkt? Der Widerwille gegen bergroe Vermgen -- erklrte diese -- ist meines Erachtens nicht blo in der ungerechten Quelle und Verwendung derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nmlich, da von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in den Fhigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so gewaltige Differenzen des Reichtums gengend zu rechtfertigen. Der Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart berwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und zu verhltnismig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der einzelnen Individuen, da ein gewisser Grad der Gleichheit -- nicht blo der Rechte, sondern auch der thatschlichen Gensse -- allerdings im Wesen der Sache begrndet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfhigkeit. Denken Sie sich zurck in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende fhren mute, so werden Sie finden, da die Unterschiede sehr gro waren: blo der Krftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder Begabte mute untergehen. Als dann spterhin wachsende Kultur die Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaen, da auch dem minder Fhigen mglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen, blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr gro. Der geschickte Jger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute haben, als der minder geschickte; der krftige, gewandte Ackerbauer wird mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwchliche, schwerfllige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird -- was krperliche Fhigkeiten anlangt -- mit der Erfindung der Kraftmaschinen beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so vollstndig wie auf krperlichem Gebiete treten auf geistigem die individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an welche man zu denken pflegt, wenn von groen Vermgen die Rede ist. Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet -- er mag ein Riese oder ein Schwchling sein -- so ziemlich das nmliche; Klugheit und Umsicht der Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den Wert gewhnlicher Durchschnittsleistung bertrfe, ist heutzutage nur mehr -- dem Genie mglich, und diesem allein wrde sie dem entsprechend auch unser Billigkeitsgefhl zuerkennen. Damit schlo dieses Gesprch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwrdig bleiben wird, weil es meinen Entschlu, Freilnder zu werden, zur Reife gebracht hat. 21. Kapitel. Edenthal, den 20. August. Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, da in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein junger Italiener -- so argumentiert Deine unerbittliche Logik -- von schnen Mdchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster Anblick ihn -- eigenem Gestndnis zufolge -- geradezu verwirrt habe, nichts zu erzhlen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der bewuten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches Schwesterlein, und auch mit dem Korbe htte es um ein Kleines seine Richtigkeit gehabt. Nicht, da die Geliebte meine Gefhle unerwidert gelassen htte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die ihr -- richtiger, die allen Freilnderinnen -- so entzckend steht, beim ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Gestndnisse den Mut fate, da auch sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, da sie noch am ersten Abend unseres Beisammenseins gewut, mir oder niemand werde sie als Gattin angehren -- und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunchst ein Nein zu hren, das an Entschiedenheit nichts zu wnschen brig lie. Bertha vermochte sich nmlich nicht zu entschlieen, italienische Herzogin zu werden, und mein Vater, der -- hre und staune -- den Brautwerber fr mich machte, hatte von ihr als etwas selbstverstndliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere dortigen frstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre Locken -- sie sind von einem entzckenden Blond -- flechten und im Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts der Falieri zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freilnder in Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als berspannte Narrheit. Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren; hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs feurigste fr die freilndischen Institutionen zu schwrmen; wenn es einen anderen Zweig der Falieri gbe, dem man die Erhaltung der frstlichen Familientraditionen htte anvertrauen knnen -- _per baccho_ -- mein Vater htte mich sofort gewhren lassen. Aber um einer -- und sei es auch noch so edlen -- Schwrmerei willen, die Axt an den Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten Kreuzfahrern gekmpft und spterhin als italienische Duodez-Frsten die Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfllt -- das war mehr, als er mir zu gewhren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mdchens sicher sei, mit einem zuversichtlichen Ja beantworten konnte. Blitzjunge rief er, dieses Prachtgeschpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand nachmachen! Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir, und da dieser ganz im allgemeinen vor den freilndischen Frauen den grten Respekt empfindet, so war ihm die brgerliche Schwiegertochter ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, da ich den tollen Gedanken des Hierbleibens aufgebe. Das Mdchen ist im kleinen Finger klger als Du, rief er; sie wrde sich schn bedanken, wenn ihr der Brutigam die Herzogskrone zerbrochen vor die Fe wrfe. Freilnderin sein ist recht schn -- aber, glaube mir, Frstin zu sein, ist noch schner. Zudem kann man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und Frhling verbringt Ihr in unseren Palsten in Rom und Venedig; Sommer und Herbst hindurch knnt Ihr dann -- wenn es Euch recht ist, in meiner Begleitung -- hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit genieen. Also es bleibt dabei; ich werbe fr Dich um Bertha -- aber von dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter! Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freilnder zu werden, hatte ich -- Du darfst es mir glauben -- nicht der Geliebten halber gefat, aber deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem Frstendiadem, noch in den Prunkgemchern unserer Schlsser zu denken. Indessen mute ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fgen und so brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrer Tochter fr seinen Sohn, den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufgend, da er sofort nach vollzogener Heirat die Gter in der Romagna, im Toskanischen und Venetianischen, sowie die Palste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und Venedig an mich bergeben und sich blo unsere sicilianischen Besitzungen -- als Altenteil, wie er scherzend meinte -- vorbehalten werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts Gutes verkndenden eisigen Zurckhaltung entgegen; nach minutenlangem Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prfenden, auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklrte Herr Ney: Wir Freilnder sind nicht die Tyrannen, blo die Berater unserer Tchter; in _diesem_ Falle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn Bertha Ihnen als Frstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es ihr nicht verwehren. Hochaufgerichtet, einem erzrnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun Bertha an meinen Vater: Niemals! Niemals! rief sie mit zuckenden Lippen. Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben, wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen, als _Frstin_ verlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod! Aber unseliges Kind, entgegnete ganz entsetzt ber diesen unerwarteten Effekt seines Antrages mein Vater, Sie sprechen ja das Wort >Frstin< aus, als wre es fr Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl, Frstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Frstinnen Europas, d. h. Sie sollen frderhin keinen Wunsch haben, den zu erfllen nicht Tausende wetteifern wrden; Sie sollen Gelegenheit und Macht erlangen, Tausende zu beglcken; Millionen werden Sie beneiden und verfluchen und hassen -- unterbrach ihn mit bebenden Lippen Bertha. Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was eine freie Tochter Freilands empfinden mu bei dem Ansinnen, diese glcklichen Gefilde, die Heimsttte der Gerechtigkeit und der Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande -- nicht etwa die Thrnen Unterdrckter zu stillen, sondern zu erpressen, nicht etwa die Scheulichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekmpfen, sondern sie selber zu ben? Ich liebe Carlo so ber alle Maen, da ich bereit wre, an seiner Seite dies Land des Glckes mit dem des Elends zu vertauschen, wenn irgend eine unlsliche Pflicht ihn dahin riefe; aber nur unter der Bedingung, da seine und meine Hand frei bliebe von fremdem Gute, da wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum Leben brauchen; aber _Frstin_ soll ich werden, _Frstin_! Tausende von Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im berflu schwelge, tausende von Flchen zu Tode gequlter Menschen sollen haften an der Speise, die ich geniee, an der Kleidung, die meine Glieder umhllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den Hnden; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken Sie doch, wenn Sie eine Tochter htten und man wrde von ihr verlangen, unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Knigin zu werden, und der Vater des Brutigams wrde ihr versprechen, es sollten ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden -- was wrde das arme Kind, das unberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne Blutvergieen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam gettet wird, uns flt das allmhliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstbliche Auffressen desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu nehmen im Stande sind, so unmglich ist es uns, von der Ausbeutung geknechteter Mitmenschen zu leben. Ich _kann_ nicht Frstin werden, ich kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide darber zu Grunde gehen, und -- das wei ich nicht erst seit heute -- Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich. Dieser Appell, verbunden mit den rhrendsten Blicken und einem sanften Erfassen seiner Hnde, war mehr, als mein Vater -- aus solchem Munde -- ungerhrt zu ertragen vermochte. Mdchen, Du hast mir ja ordentlich Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit dem Unterschiede blo von Euern liebenswrdigen Njam-Njam, da wir unsere Schlachtopfer nicht mit _einem_ herzhaften Keulenschlage erlegen und dann sofort verschlingen, sondern stckweise, Zoll um Zoll uns zu Gemte fhren! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will ich Dich zu den Freuden einer Frstlichkeit zwingen, bezglich deren Du solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem Punkte mehr Deiner als meiner -- bisherigen Geschmacksrichtung zu huldigen. Nehmt einander also und werdet glcklich nach Eurer Faon. Was mich anlangt, so werde ich ber Mittel und Wege nachsinnen, um mich in den Augen meines neuen Tchterchens einigermaen vom Geruche des Kannibalismus zu befreien. Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den Hals. Das Kssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und strmisch, da ich um ein Haar eiferschtig geworden wre. Mein Vater aber war nun derart Feuer und Flamme fr unsere bevorstehende Verbindung, da er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen Formalitten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist ungefhr glaube er -- vorbergehend -- nach Europa zurckkehren zu mssen, und es wre ihm eine groe Freude, uns bis dahin schon vereint zu wissen. So wurde nun festgestellt, da unsere Vermhlung nach Ablauf von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle. Ungama, den 24. August. Zwischen Lipp' und Bechers Rand ........ Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke eines Nachtrags, den Bertha hinzufgen wollte (sie erklrte sich verpflichtet, meinem besten Freunde einige Worte der Entschuldigung ob des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch zurckbehielt -- da ahnte ich nicht, da gewaltige Ereignisse sich zwischen mich und die sofortige Erfllung meiner glhenden Wnsche drngen knnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, lt zwar mein neues Vaterland merkwrdig ruhig, und befnde ich mich nicht in Ungama, so wrde nichts verraten, da es den Kampf mit einem Gegner gilt, der mehreren der mchtigsten kriegsgebten Staaten Europas wiederholt schon schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freilnder, um die bittere Schmach und das schwere Unglck, von welchen mein Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden, und fr alle Flle -- in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger Italiener, wie als gegenwrtiger Freilnder -- halte ich es fr meine Pflicht, den Kampf persnlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann ich an Hochzeit und Ehe natrlich nicht denken. Einstweilen hat mich das Wrfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Kste des indischen Oceans verschlagen. Doch la mich ordnungsgem der Reihe nach berichten. Zunchst also wisse, da -- es ist dies ja jetzt kein diplomatisches Geheimnis mehr -- meines Vaters und seiner englischen wie franzsischen Kollegen Bemhungen, fr 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollstndigstem Mierfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so erklrten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in dessen Hndel mit den Westmchten zu mischen. Anders stnden allerdings die Sachen, wenn letztere sich entschlieen wollten, auf ihren afrikanischen Territorien freilndisches Recht einzufhren, in welchem Falle diese als freilndisches Gebiet angesehen und als solches dann selbstverstndlich von Freiland geschtzt werden mten. Aber dann wre die geforderte Militrkonvention erst recht berflssig, denn in diesem Falle wrde Freiland jeden Angriff auf seine Verbndeten als _casus belli_ fr sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Krften zur Ruhe bringen. Darber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette von London, Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflen; die europischen Mchte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als Bedingung eines Bndnisses geforderte Anerkennung des freilndischen Rechts fr die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen, beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschlu einer Militrkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So standen die Sachen bis in die letzten Tage. Am Morgen nach meiner Verlobung saen wir eben beim Frhstck, als fr meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama -- dem groen Hafenplatze Freilands am indischen Ocean -- eintraf, nach deren Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gnzlich im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine Sitzung der smtlichen Regenten der freilndischen Centralverwaltung einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend, erklrte mein Vater: Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so erfahret denn aus meinem Munde die Unglcksbotschaft. Die mir von Commodore Cialdini, dem Kapitn eines unserer in Massaua stationiert gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: Ungama, den 21. August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei Avisodampfern -- einem eigenen und einem franzsischen -- schwerbeschdigt und flchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden Friedens Massaua verrterisch berfallen und fast ohne Schwertstreich eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und franzsischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls berrumpelt und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die kleineren Kstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch smtlich in den Hnden der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus kampfunfhig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere Schiffe in die Luft. Das war in der That eine ble Botschaft, nicht blo fr die Verbndeten, sondern auch fr Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man -- wie gesagt -- von Anbeginn gefat darauf gewesen, den europischen Mchten als prsumtiven Bundesbrdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich -- im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen Nachbarvlkern geno -- mit der Erwartung geschmeichelt, dem trotzigen Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem Wege zur Ruhe verhalten zu knnen. Der verrterische berfall gerade zu einer Zeit, wo die Unterhndler der Angegriffenen eben in Edenthal weilten, zerstrte jedoch diese Hoffnung. Im Volkspalaste fanden wir die freilndischen Verwaltungschefs schon vollzhlig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und franzsischen Bevollmchtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an den verstrten Mienen an, da ihnen die Unglcksbotschaft schon zugekommen war; die Englnder erhielten erst einige Stunden spter direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette Nelson, die unterwegs mit zweien der in abyssinische Hnde gefallenen Schiffe ein mrderisches Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an das freilndische auswrtige Amt aus verschiedenen Kstenorten nhere und ausfhrliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglck seinem ganzen Umfange nach besttigten. Der mit sehr berlegener Macht unternommene und offenbar von Verrat begnstigte berfall war den Abyssiniern vollstndig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Kstenorte weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier hatten zur nmlichen Stunde -- gegen 2 Uhr nach Mitternacht -- Massaua, Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Englnder und Franzosen, und smtliche acht Kstenforts derselben erstiegen, die im Schlafe berraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen genommen und sich gleichzeitig auch der in den Hfen liegenden Schiffe bis auf die schon erwhnten vier bemchtigt. Da sie einige derselben schon am nchsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen konnten, erklrt sich aus den frher schon erwhnten Matrosenwerbungen des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der berfall gewesen. So vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, da die vier geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der berfall auf die anderen gelungen war, aus Schiffsgeschtzen sehr wirksam und heftig beschossen werden konnten. Die den Abyssiniern in den smtlichen drei Hfen in die Hnde gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 franzsische und 4 italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Gre, und 11 englische, 8 franzsische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen betrugen in runder Zahl 24000 Mann. Die Bevollmchtigten aller drei Mchte hatten sofort, nachdem sie die Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert und um Verhaltungsmaregeln gebeten. Der freilndischen Verwaltung gegenber erklrten sie, da nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit grter Energie auf dem Abschlu der Militrkonvention bestanden werden drfte. Jetzt, da die Festungen gefallen, wre es vollends unmglich, an den unwirtlichen Ksten des roten Meeres ein so groes Heer zu sammeln, wie es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nmlichen Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mchte. Ebenso kategorisch aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklrung, da man den, aller Voraussicht nach fr Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im brigen, so gab man den Alliierten zu bedenken, kmen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spt. Wre der Suezkanal fr ihre Truppensendungen auch praktikabel, so knnten ihre 350000 Mann -- fr so viel lautete die nun geforderte Durchzugsbewilligung -- frhestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert sein, und es hiee frwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen, wollte man sich darauf verlassen, da er bis dahin nicht lngst schon versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die Hnde gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden drften, den Suezkanal zu sperren, kmen die Alliierten, selbst wenn man sie rufen wollte, jedenfalls zu spt. Denn auch der Landweg ber gypten knne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, da der zur Operationsbasis zu whlen schlechthin unsinnig wre. Bliebe also nur der Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen wrde, bis von dorther 350000 Mann Hlfstruppen bei uns eintrfen, das mge man sich in Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde mchten im brigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen und vollstndiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England, Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrstung eines so groen Expeditionsheeres fertig sein knnte, wrden wir mit dem Negus abgerechnet haben. Inzwischen mchten die Alliierten ihre neuen, nach den Kstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen segelfertig machen; sie knnten fr dieselben ohne weiteres den gewohnten Weg ber den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre Transportschiffe vor demselben angelangt sein drften -- woran vor Ende des nchsten Monats kaum zu denken sei -- wrde Freiland den Abyssiniern ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben. Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden der verbndeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich mu gestehen, da auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eine aus 16 der besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so groartige Plne zu verfolgen, wre es vielleicht praktischer, ihren im Hafen von Ungama liegenden jmmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu zu verhelfen, da sie ihre Schden mglichst rasch ausbessern und dann mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen knnten. Beruhe doch die Mglichkeit, sie vor der so unendlich berlegenen feindlichen Flotte zu retten, angesichts der vollstndigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf der hchst unsicheren Hoffnung, da der Feind nicht sofort auf den Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen. Fr den Moment -- so trstete einer der Verwaltungschefs die gengstigten Diplomaten -- d. h. fr wenige Stunden noch haben Sie allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine abyssinische bermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht nach verloren. Allein das gilt eben nur fr heute. Zeigt sich morgen die abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird. Wie das? fragten jene wie aus einem Munde. Was thaten Sie, was konnten Sie thun zum Schutze der traurigen berreste unserer krzlich noch so stolzen verbndeten Flotte? Dabei hingen die Blicke dieser in ihrem Patriotismus so tief verwundeten Mnner mit ngstlicher Spannung an den Zgen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehrigkeit nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst begreifen, da es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschmender Flucht enthoben zu wissen, das war es, was uns als se Verheiung in den Ohren klang. Man beeilte sich uns vollstndige Aufklrung zu geben. Wie ich Dir bereits erzhlte, besitzt die freilndische Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl von Geschtzen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die grten derselben durchschlagen den strksten der derzeit in Gebrauch befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser Riesengeschtze aus den zunchst der Seekste gelegenen Distrikten hatte man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetme ohnehin auf Schienen laufen, die mit dem freilndischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit ihrer Behandlung vertrauten Jnglinge unterwegs nach ihrem Bestimmungsorte und muten dort successive am Abend und im Laufe der Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewhnlichen Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende Schienenstrnge lngs der Seekste hinlaufen, so knnen die anlangenden Geschtze ohne weiteres sofort in die fr sie bestimmten Stellungen einfahren, die inzwischen -- gleichfalls noch im Laufe des nmlichen Tages -- mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Spterhin sollen diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; frs erste aber, so rechnete die Centralverwaltung, muten 84 Geschtze erster Gre, denen die auf ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne sonderliche Deckung gengen, um von zusammengelaufenen Abenteurern bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten. Mich litt es nun nicht lnger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von meinem Vater, nach etwas lngerem von meiner Bertha, eilte ich nach Ungama, und schon der zweitnchste Tag zeigte, da die getroffenen Schutzmaregeln weder berflssig noch ungengend gewesen waren. Am 23. August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor Ungama und versuchten, da sie den Ort fr wehrlos hielten, ohne weiteres in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbndeten vollends zu zerstren. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung abgegebener scharfer Schu des grten unserer Panzerbrecher, der einen der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlate sie zwar zu etwas grerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht auf. Jetzt lieen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben; dann erffneten sie aus 37 Geschtzen zugleich das Feuer, welches jedoch nur kurze Zeit whrte. Schon die erste Salve brachte ein Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschdigte die smtlichen Schiffe so stark, da die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern, andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und Rckwrtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten spter fegte unsere zweite Salve ber die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, da diesmal keiner der 37 Schsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit mglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die grte der Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fgten dem fliehenden Feinde zwar betrchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem nachfolgte, da noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch des Kampfes unterging, und da eine der Panzerfregatten ins Schlepptau genommen werden mute, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu entgehen. Diese selbst hatten blo zwei Mann verloren. Mit dem Berichte dieser ersten freilndischen Waffenthat, an welcher ich jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte, schliee ich diesen Brief. Wann, wo -- und ob ich Dir einen nchsten schreiben werde, wei allein der Kriegsgott. 22. Kapitel. Massaua, 25. September. Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, da ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drben im alten Europa gar mancherlei berraschungen gebracht haben drften und die -- tusche ich mich ber die Absichten meiner neuen Landsleute nicht -- in ihren mittelbaren Konsequenzen fr die ganze bewohnte Erde von entscheidender Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es -- so glaube ich -- die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallalnder gesiegt hat -- nicht blo ber den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern auch ber gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen. civilisierten Welt geknechtete Vlker darniederhlt. Doch wozu sich in Vermutungen ergehen ber Dinge, welche die nchste Zukunft schon zur Entscheidung bringen mu; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich meines ungetrbten Wohlbefindens zu versichern und Dir den freilndisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis zum letzten Kanonenschusse mitgemacht. Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden, erhielt die Edenthaler Zentralbehrde das Ultimatum des Negus, in welchem dieser erklrte, da er gegen Freiland nichts Bses im Schilde fhre, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und -- Freiland gegen eine europische Invasion zu schtzen, die diesem, wie er erfahren habe, aufgentigt worden sei. Da wir nicht die Macht besen, seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fgten wir uns diesem Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte im brigen schonen, auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefgten Schaden verzeihen; widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg berziehen, und da er dafr gesorgt, da uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen vermge, so knne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen unsere Nordgrenze gesetzt und werde lngstens binnen Wochenfrist an derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind empfangen wollten. Die Antwort an den Negus lautete dahin, da er sich zwar in seiner Voraussetzung, da Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte, tusche, da dieses den Englndern, Franzosen und Italienern ebensowenig als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen sei; in Frieden mit ihm knnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn er sich entschliee, auch den genannten europischen Mchten gegenber Frieden zu halten, und fr das ihnen zugefgte Unrecht volle Shne zu leisten. Nicht verschweigen wolle man nmlich, da Freiland im Begriffe sei, mit dessen europischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu schlieen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten wrde, die Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn, Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder Schwche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um seine drohende Haltung aufzugeben und Brgschaften des Friedens und der Shne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so wrde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fnde. Selbstverstndlich gab sich niemand ber den Erfolg dieses Notenwechsels einer Tuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rstungen zum Kriege betrieben. Kaum da Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen berfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgltigen Beweis lieferten, da die Bevlkerung des ganzen Landes nicht blo sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern da sich auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine auf den Krieg jederzeit gerstete Militrverwaltung nur immer htte aufbieten knnen. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich, da diese selbstdenkende Thtigkeit von Millionen intelligenter, dabei aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Kpfe, vollkommenere Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und vorbereiteten behrdlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt mglich gewesen wre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelle ihre Mitwirkung fr wnschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse aus den zwlf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringolnder und Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, da sie schon am nchsten Tage vollzhlig -- bis auf die zufllig verreisten Mitglieder -- versammelt sein wrden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, da die Ausfechtung des Kampfes mit Abyssinien zunchst ihre Sache sein werde. Man war nmlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, da zur Bekmpfung der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf gengen wrden, und da die Norddistrikte bekanntermaen 85 der aus den Distriktsbungen als Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaen, so war von Anbeginn Niemand in Zweifel darber, da diesen allein die Kriegsarbeit zufallen wrde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jnglings auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte sich das Gelste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als ntig Arbeitskrfte zu entziehen oder unter Strung des naturgemen Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurcktraten, als ebenso selbstverstndlich erachteten es die Norddistrikte, da sie in Aktion zu treten htten. Nur jene Tausendschaften, die whrend der letzten Jahre bei den groen Aberdarespielen Sieger gewesen waren, uerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten gehrten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden; ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelbungen der letztjhrigen Distrikts- und Landesspiele um die Vergnstigung, in die mobilisierten Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es vermehrte sich solcherart das zur Verfgung gestellte Material um vier Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wren insgesamt 90000 Mann verfgbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefhr doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht, indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nchsten Tage darber einigten, blo die vier letzten Jahrgnge zwischen 22 und 26 Jahren und in diesen blo die Unverheirateten ins Feld zu stellen. Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann -- darunter 9500 Berittene -- und 180 Geschtze; letzteren wurden nachtrglich noch 80 Stcke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefgt. Diese Truppe besa von Haus aus schon ihre Anfhrer bis zum Range der Tausendfhrer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch wurde bereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten. Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und Tausendfhrer der vier auswrtigen Tausendschaften in dem zu diesem Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipias eingetroffen waren, am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago an, der selbstverstndlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich ber die entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rcksicht auf meine erst krzlich aufgegebene italienische Staatsbrgerschaft bereitwillig zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der mir die zrtlichsten Gre und die freudige Zustimmung meiner Braut zu meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklrte, da er whrend des Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde. Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten Pferden. Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften von Edenthal und Danastadt bergeben. Den technischen Dienst -- Pionierwesen, Brckenbau, Feldtelegraphie u. dergl. -- bernahmen zwei Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich besorgte die freilndische Centralstelle fr diesen Verwaltungszweig. Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des Kommunikationsnetzes die Befrderung und Verpflegung einer so kleinen Armee natrlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den Krieg in die Gallalnder und nach Habesch hinberzuspielen gedachte, so wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Bffelochsen fr den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgerte, Konserven u. dergl. muten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, da die Armee auch in den unwirtlichen Gegenden auerhalb Freilands an nichts Mangel leide. Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschtzen ber den Konsopa ins benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fcherfrmig ausbreitend, Fhlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf dieser Seite erwarteten. Um fr alle Eventualitten gesichert zu sein, sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4 Geschtzen zur Bewachung der sich nordstlich und nordwestlich von dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszge von Endika und Silali. Am Konsopa hinterlie er des ferneren eine Reserve von 6000 Mann und 20 Geschtzen und berschritt am 30. August mit 36000 Mann und 200 Geschtzen die Gallagrenze. Um mglichst groe Marschleistungen zu erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepck aufs uerste reduciert. Es bestand auer den Waffen -- Repetiergewehr, Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem Schwert -- nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur Aufnahme _einer_ Mahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepckstcke trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur Verfgung stehende sehr bewegliche Train fhrte wasserdichte Zelte, komplette Anzge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmntel, Konserven und Getrnke fr einige Tage, und eine Patronenreserve fr 200 Schu per Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Ntigen versehen, ohne selber berlastet zu sein und sie legten daher an einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurck, ohne da es Marode gegeben htte. Die freilndische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wnsche der Heeresleitung, soweit deren Erfllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen; ferner fr den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt zeigen sollte, dieselben zu fhren; schlielich fr Sicherheit und Bequemlichkeit der fremden Militrbevollmchtigten und Zeitungsreporter Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches dieselben ber alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt. Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verstndigte uns unsere vorausschwrmende Reiterei, da sie auf den Feind gestoen sei. Da Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer verhngnisvollen Tuschung bezglich der vorausgesetzten berlegenheit unserer Mannschaften ber die feindlichen befangen wren, gab er der Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den Gegner zu mglichst vollstndiger Entfaltung seiner Krfte zu ntigen und erst zurckzuweichen, wenn ber die Marschrichtung der feindlichen Hauptmacht Sicherheit erlangt sei. Am 3. September bei grauendem Morgen griffen wir -- ich war nmlich auf meinen Wunsch dieser Truppe beigegeben worden -- die abyssinische Vorhut bei Ardeb im Fluthale des Dschub an. Diese, der unsrigen nicht stark an Zahl berlegen, wurde im ersten Anlauf ber den Haufen gerannt, ihr smtliches Geschtz -- 36 Stcke -- nebst 1800 Gefangenen abgenommen, ohne da die Unsrigen mehr als fnf Mann verloren. Die ganze Affaire dauerte kaum 40 Minuten. Unsere Artillerie war der schon auf 6000 Meter Distanz ein wirkungsloses Feuer gegen unsere sich entwickelnden Linien erffnenden abyssinischen ohne einen Schu abzugeben bis auf 2500 Meter entgegengefahren, hatte sie von hier aus mit wenigen Salven zum Schweigen gebracht, 19 Stcke demontiert und die brigen zum Rckzuge gentigt. Sich hierauf gegen die tollkhn heransprengende feindliche Kavallerie wendend, hatte sie diese durch einige wohlgezielte Granatschsse auseinander gesprengt, so da unsere Eskadronen nurmehr die in regelloser Flucht Davoneilenden zu verfolgen und die schwache, von der eigenen flchtenden Kavallerie ohnehin schon in heillose Unordnung gebrachte Infanterie niederzureiten hatten. Der Rest war dann Verfolgung und Einbringung der von panischem Schreck gejagten Gegner, deren Verluste an Toten und Verwundeten, wenn auch die unserigen namhaft berragend, im Ganzen verhltnismig doch nur gering waren. Doch damit war blo das Vorspiel des blutigen Dramas zu Ende. Unsere Reiter hatten sich eben gesammelt, und die Gefangenen mitsamt den erbeuteten Geschtzen unter geringer Bedeckung dem Hauptquartiere zugesandt, als sich in der Ferne dichte und immer dichtere Massen des Feindes zeigten. Es war dies der gesamte, 65000 Mann mit 120 Kanonen zhlende, linke Flgel der Abyssinier. Zwanzig von unseren Kanonen waren auf einer kleinen, die Marschlinie des Feindes dominierenden Hhe aufgefahren und gaben von dort um 7 Uhr morgens den ersten Schu auf den Gegner ab. Alsbald sah man die feindlichen Infanteriemassen seitlich abbiegen, whrend unserer Artillerie gegenber successive 90 der abyssinischen Geschtze auffuhren. Der sich nun entspinnende Kampf der Kanonen whrte eine Stunde, ohne unserer Artillerie sonderlichen Schaden zuzufgen, denn die abyssinischen Artilleristen trafen auf so groe Distanz -- es waren gut 5000 Meter -- nur sehr schlecht, whrend die Granaten der unserigen nach und nach 34 feindliche Stcke zum Schweigen brachten. Zweimal versuchten es die Abyssinier, nher an unsere Position heranzufahren, muten aber beidemal schon nach wenigen Minuten wieder zurckweichen, so mrderisch rumten unsere Geschosse bei dieser Annherung unter ihnen auf. Da es so nicht ging, versuchte der Feind unsere Position zu strmen. Seine Infanterie- und Kavalleriemassen hatten sich lngs unserer ganzen, sehr dnn gestreckten Front entwickelt und kurze Zeit nach 8 Uhr setzte sich die gesamte kolossale bermacht gegen uns in Bewegung. Was sich nunmehr abspielte, htte ich nimmermehr fr mglich gehalten, trotzdem ich ber die Waffengewandtheit der freilndischen Elite-Tausendschaften schon so Manches vernommen und auch der spielend erfochtene Sieg ber die feindliche Vorhut zu hochgespannten Erwartungen berechtigte. Ich gestehe, da ich es fr unverantwortlichen Leichtsinn und fr eine gnzliche Verkennung der ihm vom Oberkommando zugeteilten Aufgabe hielt, da Oberst Ruppert, der Fhrer unserer kleinen Schar, den Kampf annahm und zwar nicht etwa in Form eines Rckzugsgefechtes, sondern als regelrechte Schlacht, die, wenn verloren, unfehlbar mit der Vernichtung seiner 4000 Mann enden mute. Denn in einer fnf Kilometer umfassenden, die feindlichen Linien sogar um ein Geringes berflgelnden dnnen Aufstellung mit nur schwachen Reserven im Rcken, hatte er seine Reiter -- sie waren smtlich abgesessen und schossen mit ihren vortrefflichen Karabinern -- entwickelt und erwartete die Abyssinier, als ob diese als Tirailleure und nicht in kompakten Sturmkolonnen heranrckten. Und diese Sturmkolonnen kannte ich sehr wohl, sie hatten bei Erdeb und vor Obok die ihnen an Zahl gleichen indischen Veteranen Englands, die bretonischen Grenadiere Frankreichs und die Bersaglieri Italiens geworfen, ihre Waffen waren den Freilndischen gleichwertig, ihre militrische Disziplin mute ich der meiner gegenwrtigen Kampfgenossen berlegen halten; wie sollte unsere dnne Linie dem Ansturme dieser, uns an Zahl sechzehnfach berlegenen kampfgewohnten Krieger widerstehen? Sie mute -- das war meine felsenfeste berzeugung -- in der nchsten Viertelstunde zerreien, wie ein Bindfaden, der einer Lokomotive den Weg versperren will; und dann, das konnte jedes Kind sehen, war nach einem Gemetzel von wenigen Minuten alles vorbei. Ich nahm im Geiste Abschied von der fernen Geliebten, vom Vater -- und auch Deiner, mein Luigi, gedachte ich in dieser Stunde, die fr meine letzte zu halten ich damals vollen Grund zu haben whnte. Und was mich am meisten Wunder nahm: die Freilnder schienen insgesamt meine Empfindungen zu teilen; nichts von jener wilden Kampflust war in ihren Mienen zu finden, die man doch bei denjenigen voraussetzen sollte, die -- berflssiger Weise -- Einer gegen sechzehn den Kampf aufnehmen. Tiefen, dsteren Ernst, ja Widerwillen und Schrecken las ich in den sonst so klaren, heiteren Augen dieser freilndischen Jnglinge und Mnner; es war als shen sie allesamt gleich mir sicherem Tode entgegen. Auch die Offiziere, ja selbst der kommandierende Oberst, teilten sichtlich diese unerfreulichen Gefhle -- warum um des Himmelswillen nahmen sie dann die Schlacht an? Wenn sie bles vorher sahen, warum zogen sie sich nicht rechtzeitig zurck? Wie sehr aber hatte ich diesen Mnnern Unrecht gethan, wie grndlich Anla und Richtung ihrer Besorgnisse verkannt! So unglaublich es klingen mag: meine Kriegskameraden waren nicht fr ihre, sondern fr des Gegners Haut besorgt, ihnen graute vor dem Gemetzel, das -- nicht ihnen, den Feinden bevorstand. Der Gedanke, da sie, die freien Mnner, von armseligen Knechten besiegt werden knnten, lag ihnen so fern, als etwa dem Jger der Gedanke, die Hasen knnten ihm gefhrlich werden; aber sie sahen sich vor der Notwendigkeit, Tausende dieser Bejammernswerten kaltbltig niederschieen zu mssen und das erregte ihnen, denen der Mensch das Heiligste und Hchste ist, unsglichen Widerwillen. Htte man mir das _vor_ der Schlacht gesagt, ich htte es nicht begriffen und jedenfalls fr Renommisterei gehalten; jetzt, nach dem was ich schaudernd mit erlebt, finde ich es begreiflich. Denn, da ich es nur gleich sage: eine gegen freilndische Linien anstrmende und von deren Feuer zerrissene Kolonne bietet einen Anblick, der selbst an Massenmord einigermaen gewhnten Mnnern, wie mir, das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich habe den Wrgengel des Schlachtfeldes einigemal an der Arbeit gesehen und durfte mich daher gegen dessen Schrecken gefeit halten. Hier aber ... Doch ich will ja nicht meine Gefhle, sondern die Ereignisse schildern. Als die Abyssinier uns auf etwa 1 Kilometer nahe gekommen waren, sprengten ein letztesmal Rupperts Adjutanten die Front entlang und riefen den Unseren die Losung zu: Schonung! keinen Schu, sobald sie weichen! Dann war es bei uns totenstill, whrend von jenseits stets lauter der Klang der Trommeln und einer wilden Musik, unterbrochen zeitweilig von dem gellenden Schlachtrufe der Abyssinier, herbertnte. Als die Feinde bis auf 700 Meter etwa herangerckt waren, gab unsere Schtzenlinie eine einzige Salve ab; als ob ein Pesthauch in sie gefahren wre, so brach die Stirnlinie des Feindes zusammen, seine Reihen wankten und muten sich neu formieren. Kein Schu wurde inzwischen von den Freilndern abgefeuert; als aber die Abyssinier unter wildem Schlachtgeschrei abermals, jetzt im Laufschritte vorrckten, donnerte eine zweite und da die todeskhnen braunen Krieger diesmal ber ihr zerschmettertes erstes Glied hinweg den Ansturm fortsetzten, eine dritte Salve ber das Feld. Mit dieser aber hatten Jene einstweilen genug; sie wandten sich zu wilder Flucht, und hielten erst, als sie sich auerhalb unserer Schuweite wuten. Auch jetzt hrte unser Feuer augenblicklich auf, sowie der Feind sich gewandt hatte, aber es war auch hohe Zeit gewesen. Nicht als ob die geringste Gefahr fr unsere Stellungen aus einer Fortsetzung des Sturmes htte entstehen knnen; die Abyssinier hatten kaum 100 Meter gewonnen gehabt, waren also immer noch gute 600 Meter entfernt gewesen und die Gewiheit, da Keiner von ihnen unsere Front erreicht htte, erwies sich als augenscheinlich; aber gerade diese eigene, jede eigentliche Kampfeserregung ausschlieende Unnahbarkeit lie die Grlichkeit des unter den Gegnern wtenden Gemetzels mit so elementarer Gewalt hervortreten, da mehr als menschliche Nerven dazu gehrt htten, dies Schauspiel lngere Zeit zu ertragen. Nahe an 1000 Abyssinier waren binnen wenigen Minuten tot oder verwundet gefallen und zahlreiche der freilndischen Schtzen erklrten mir spter, sie htten beim Anblicke der reihenweise zusammenbrechenden und am Boden zuckenden Feinde Ohnmachtsanflle gehabt -- was ich vollkommen begreife, da auch mir ernstlich bel dabei wurde. Die freilndischen rzte und Sanittstruppen waren eben an der Arbeit, die verwundeten Gegner vom Schlachtfelde aufzulesen, als die abyssinische Artillerie neuerlich den Kampf aufnahm und alsbald auch die Infanterie ein rasendes Schnellfeuer erffnete. Da Letztere sich jedoch diesmal vorsichtig in der respektablen Entfernung von ungefhr 2000 Metern hielt, so war ihr Feuer anfangs ganz ungefhrlich und wurde daher von den Unseren nicht erwidert; nachgerade aber verirrte sich doch die eine oder andere Kugel in unsere Reihen und Oberst Ruppert gab daher Befehl, die Zehntfhrer mchten den Feinden deutlich sichtbar mehrere Schritte aus der Front hervortreten und eine Salve abgeben. Dieser Wink wurde drben verstanden; das feindliche Infanteriefeuer hrte sofort auf, da die Abyssinier aus der Wirkung dieser einen kleinen Salve ersahen, da die freilndischen Schtzen auch auf so groe Distanz allzu unangenehm werden knnten, als da es rtlich wre, sie durch ohnehin wirkungsloses Feuer zum Antworten herauszufordern. Die zhen Burschen, die offenbar den Gedanken nicht zu ertragen vermochten, vor einer so kleinen Minderzahl das Feld zu rumen, formierten nun neuerlich einige Sturmkolonnen, diesmal mit schmaler Front und von betrchtlicher Tiefe. Doch auch diesen ging es nicht besser als ihren Vorgngern, nur da gegen sie etwas rascheres Feuer abgegeben werden mute; sie wurden mit einem neuerlichen Verluste von 800 Mann nach wenigen Minuten zum Weichen gebracht und waren nunmehr zu abermaligem Vorgehen nicht mehr zu bewegen. Um die verwundeten Abyssinier, die in freilndischer Verpflegung weitaus besser versorgt waren, als in der ihrer Landsleute, zu bergen, lie jetzt Ruppert einen Vorsto bewerkstelligen, vor welchem sich der Gegner eilfertig zurckzog, so da wir unbestritten Herren des Schlachtfeldes blieben. Unsere Verluste betrugen 8 Tote und 47 Verwundete; die Abyssinier hatten 360 Tote, 1480 Verwundete und 39 Kanonen zurckgelassen. Die erste Sorge der Unseren war, die Verwundeten -- Freund und Feind mit gleich liebevoller Sorgfalt -- in den reichlich vorhandenen und mit sinnreichstem Komfort ausgestatteten Sanittswagen unterzubringen und nach Freiland zu in Bewegung zu setzen. Dann wurden die Geschtze und sonstigen erbeuteten Waffen geborgen, die Toten begraben. Letztere Arbeit war eben vollendet und der Rckzug aufs Hauptquartier sollte angetreten werden, als von Westen starke abyssinische Heersulen auftauchten, whrend gleichzeitig auch der nach Norden abgezogene linke Flgel des Feindes wieder sichtbar wurde. Ruppert lie sich dadurch in seiner Absicht nicht beirren. Feindliche Kavalleriemassen machten einen strmischen Versuch, uns zu verfolgen, wurden aber von unserer Artillerie rasch zurckgeworfen, und fernerhin unbehelligt bewerkstelligten wir unseren Rckzug auf das Hauptkorps. Wir wuten nun aus Erfahrung, da die von uns vorausgesetzte berlegenheit freilndischer Mnner ber Gegner welcher Art immer eine Thatsache sei. Die Abyssinier hatten sich gegen uns so brav geschlagen, als je zuvor gegen europische Truppen; ihre Bewaffnung, Disziplin und Schulung, das vieljhrige Werk eines ausschlielich diesem Zwecke gewidmeten rcksichtslosen Despotismus, lie -- nach europischen Begriffen -- nichts zu wnschen brig und thatschlich hatten diese braunen Soldaten sich gleichstarken abendlndischen Heeren im offenen Felde stets ebenbrtig gezeigt. Wir aber hatten eine sechzehnfache bermacht zum Weichen gebracht, ohne da dabei das Znglein der Wage auch nur einen Moment geschwankt htte. Da der Kampf berhaupt so lange whrte und nicht viel frher schon mit vollstndiger Niederlage der Abyssinier endete, lag nur daran, da der Fhrer der Vorhut sich an die Ordre hielt: den Feind zur Entfaltung seiner Krfte zu ntigen. Htte er sich statt dessen mit voller Wucht sofort auf den Gegner geworfen, ihm _nicht_ Zeit zur Entwicklung gelassen, und jeden erlangten Vorteil energisch ausgebeutet, so wren die 65000 Mann des linken Flgels der Feinde lngst zersprengt gewesen, bevor das Zentrum in die Aktion eingreifen konnte. Damit soll aber nicht gesagt sein, da Oberst Ruppert Unrecht that, den Kampf hinhaltend und mehr defensiv zu fhren. Ganz abgesehen davon, da doch auch ihm erst im Laufe des Gefechtes der bis dahin blo vermutete hohe Grad freilndischer berlegenheit zur absoluten Gewiheit werden konnte, war es, je zweifelloser der schlieliche Sieg unserer Sache erschien, desto entschiedener die Pflicht jedes gewissenhaften Fhrers, das Blut unserer freilndischen Jnglinge nicht berflssigerweise um eines Heldenstckleins willen zu vergieen. Er mute gleich uns allen annehmen, da diese erste Lektion vollkommen gengen werde, den Negus darber aufzuklren, da eine Fortsetzung des Kampfes seinerseits Thorheit wre. Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rcksicht auf den Dnkel eines barbarischen Despoten gemacht. Als der dem Hauptquartier folgende Kommissr der Centralverwaltung am nchsten Tage Parlamentre ins abyssinische Hauptquartier sandte, um Johannes erklren zu lassen, da Freiland gegen Rckgabe der berrumpelten Festungen und Schiffe und gegen Leistung zu vereinbarender Friedensbrgschaften noch immer bereit sei, sich mit ihm zu vertragen, empfing dieser die Abgesandten hochmtig mit der Frage, ob sie gekommen seien, Unterwerfung anzubieten. Weil unsere Vorhut sich schlielich zurckgezogen, gab er die Affaire des gestrigen Tages fr einen abyssinischen Sieg aus. Die Offiziere der zurckgeworfenen 5 Brigaden seines Heeres seien Feiglinge, meinte er, wir sollten sehen, wie _er_ sich schlagen werde -- kurzum der Verblendete wollte von Nachgiebigkeit nichts hren. Am 8. September griffen wir die am Dschubflusse verschanzte abyssinische Hauptarmee an. Nach zweistndigem Kampfe war der Feind geschlagen, 167000 Mann streckten die Waffen, der Rest eilte in wilder, regelloser Flucht den abyssinischen Bergen zu. 10 Tage spter lagen wir vor den Mauern Massauas, in welche sich der Negus mit den Trmmern seines Heeres geworfen. Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die Nachricht von der Wegnahme der Kstenfestungen und der Schiffe erhalten, den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung gezgert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die Zeit; sie hielt aber dafr, einer solchen nicht zu bedrfen. Was sie plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit tragenden Geschtzen, da ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe zerstren knnten, ohne da die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe zu erreichen vermchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht blo auf die grere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der Geschosse, sondern hauptschlich auf die berlegenheit unserer Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die uns passend erscheinende Distanz heranlieen, so mute -- das war der Kalkl -- den Unseren gelingen, das strkste feindliche Schiff zu vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden knnten. Um Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen -- so gro sollten unsere Kanonenbote sein -- in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszursten, dazu gengten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde und alles gehrig ineinander griff, die freilndischen Rhedereien und sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000 und 3000 Pferdekrften -- von denen die greren Kriegsdampfer bis zu vieren erhalten sollten -- waren gengend in den Maschinenwerksttten Ungamas vorrtig. Aus allen freilndischen Schiepltzen wurden die vorzglichsten und grten Geschtze herbeigezogen, 24 neue, alles bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetme in den Gustahlwerksttten von Danastadt konstruiert und solchergestalt ermglicht, da binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte. Die Eleganz der Ausstattung lie in einzelnen Punkten zu wnschen brig; die Vollkommenheit der technischen Ausfhrung aber war tadellos. Die Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein mglichst geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht zum Sinken gebracht zu werden; da jedes Schiff mindestens zwei vollkommen unabhngig funktionierende Maschinen besa, so war auch eine Lhmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und zwar mit Platten der strksten Art, waren blo die Pulverkammern. Die verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschtze wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaen die 36 Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde. Da wir den Westmchten versprochen hatten, die den Suezkanal sperrende Flotte vor Eintreffen der europischen Expeditionskorps unschdlich zu machen, so mute geeilt werden, dieses gegebene Wort einzulsen. Am 19. September abends bekamen unsere Schiffe eine bei Bab-el-Mandeb kreuzende abyssinische Eskadre von 5 Panzern in Sicht. Diese, die scharfgebauten Schiffe fr Passagierdampfer nehmend, machte sofort Jagd auf sie und wunderte sich nicht wenig, da die so harmlos aussehenden Fahrzeuge ihren Kurs unbeirrt fortsetzten. Erst als die Abyssinier sich auf 14000 Meter Distanz genhert und nunmehr einige der grbsten Brocken aus unseren Feuerschlnden zu kosten bekamen, erkannten sie ihren Irrtum und machten augenblicklich kehrt. Das Gros unserer Flotte hielt sich auch mit ihrer Verfolgung nicht auf, sondern setzte die Fahrt ins Rote Meer fort; blo 6 unserer grten und zugleich als schnellste Fahrer geltenden Kriegsdampfer eilten den Fliehenden nach, brachten deren zwei durch eine Reihe wohlgezielter Schsse, die von den Abyssiniern der groen Distanz halber wirksam gar nicht erwidert werden konnten, zum Sinken, und jagten die andern auf den Strand. Unsere Schaluppen nahmen von den im Wasser treibenden Mannschaften auf, so viel sie nur immer erreichen konnten und setzten dann -- die Affaire mit der Bab-el-Mandeb-Eskadre hatte blo 2 Stunden beansprucht -- den Weg nach Suez fort. An Massaua dampfte das Gros unserer Flotte in der Nacht vom 19. und 20. unbemerkt vorbei; die nachfolgenden 6 Schiffe aber wurden im Morgengrauen von einem feindlichen Kreuzer gesehen und verfolgt. Da es weder in der Absicht der Unseren lag, sich vor Massaua jetzt schon aufzuhalten, noch die dort liegenden abyssinischen Schiffe durch eine, ihrem Kreuzer im Vorbeifahren erteilte Lektion vorzeitig zu warnen, so beantworteten sie dessen Schsse nicht, trotzdem einige derselben trafen, sondern suchten blo so rasch als mglich an ihm vorbei zu kommen, was auch ohne ernstlichen Schaden gelang. Wie wir spter erfuhren, wurden sie in Massaua gleichfalls fr Postschiffe gehalten, die unbegreiflicherweise den Suez bewachenden Kreuzern in die Hnde liefen. Alles, was der Negus that, war, da er in den nchsten Nchten vor Massaua fleiig kreuzen lie, um die vermeintlichen 6 Postdampfer, wenn sie vor Suez etwa rechtzeitig kehrt machen sollten, diesmal nicht entschlpfen zu lassen. Am 22. nachmittags erschien unsere Flotte vor Suez, griff die den Kanal bewachenden abyssinischen Schiffe unverzglich an und bohrte drei derselben nach kurzem Gefechte in den Grund. Die anderen, darunter drei Panzerfregatten, liefen auf den Strand, wo die Bemannung von den gyptischen Truppen gefangen genommen wurde. Denselben gyptern lieferte unser Admiral auch die aufgefischten abyssinischen Matrosen und Seesoldaten provisorisch aus, wandte sich sofort wieder nach Sden und langte am 24. September vor Massaua an. Dort waren wir inzwischen unthtig geblieben; wir wuten, da das Eingreifen unserer Schiffe gengen werde, die Feste in kurzem Wege zu Falle zu bringen. Als diese auf der Hhe von Massaua erschienen, nherten sich ihnen einige kleinere abyssinische Kriegsfahrzeuge. Wenige Schsse jagten sie in die Flucht und nun erst begriff der Negus die Situation. Zwar hoffte er noch immer, mit unseren Schiffen fertig zu werden; die schreckliche Wirkung der ersten Lagen aus unseren Riesengeschtzen belehrte ihn und seine Admiralitt eines Besseren. Vor den herandampfenden schwerflligen Panzerkolossen stetig zurckweichend gaben unsere unerreichbaren Vernichtungsmaschinen ihre Geschosse ab und zwei der Fregatten sanken in die Tiefe, bevor nur _eine_ abyssinische Kugel ein freilndisches Schiff getroffen htte. Nun wandten sich die Abyssinier zum Rckzuge, aber die Unseren blieben ihnen -- stets in der gleichen unnahbaren Distanz -- auf den Fersen und bevor die feindliche Flotte den Hafen erreicht hatte, fuhr ein drittes Panzerschiff zu Grunde. Doch im Hafen fanden sie so wenig Sicherheit, als auf offenem Meere; die schrecklichen Panzerzerschmetterer sandten Kugel auf Kugel hinein; ein viertes Schiff versank und ein fnftes; gleichzeitig hmmerten unsere Riesengeschosse zermalmend an den Steinquadern der Hafenbastionen -- wir erwarteten jeden Moment die weie Fahne, das Zeichen der Ergebung, in Massaua flattern zu sehen. Statt dessen machte der Negus, die Unhaltbarkeit der Feste einsehend, von uns jedoch keine Gnade erwartend, pltzlich einen verzweifelten Ausfall, um sich in die Berge durchzuschlagen. Doch nur unsere uerste Vorpostenkette gelang es ihm zu durchbrechen; vor der ersten freilndischen Linie angelangt, brachten einige Salven den Ansturm der Seinen zum Stehen, ihm aber den Tod. Die Abyssinier warfen die Waffen weg, der Krieg war beendet. * * * * * Hiermit schlieen die freilndischen Briefe unseres neuen Landsmannes Carlo Falieri an seinen Freund, den Architekten Luigi Cavalotti. Die beiden Freunde haben inzwischen den Aufenthalt getauscht; Cavalotti ist zu uns nach Freiland bersiedelt, Falieri dagegen wurde, kaum da er mit seinem jungen Weibe einige Wochen seligster Zurckgezogenheit auf einer der paradiesischen Ukerewe-Inseln genossen, uns zeitweilig wieder entfhrt. Er folgte einem Rufe seines Geburtslandes, welches seiner zu Durchfhrung jener Reformen zu bedrfen glaubte, die in Konsequenz der soeben von ihm geschilderten und der diesen folgenden Ereignisse dort wie fast berall in der bewohnten Welt ins Werk gesetzt werden sollen. Seine Gattin begleitet ihn auf dieser Mission, zu deren Durchfhrung ihm seitens unserer Centralverwaltung die unbegrenzten Hlfsquellen Freilands zur Verfgung gestellt sind. Doch damit geraten wir schon in den Bereich jener Begebenheiten, deren Darstellung das folgende Buch gewidmet sein soll. Viertes Buch. 23. Kapitel. Die moralische Wirkung unseres abyssinischen Feldzuges war eine ungeheure, soweit civilisierte und halbcivilisierte Vlker die Kunde davon empfingen. Wir selber hatten uns heilsame Folgen davon versprochen insofern, als wir voraussahen, da die vor aller Welt abgelegte glnzende Kraftprobe unseren Widersachern Vorsicht und grere Geneigtheit beibringen werde, auf unsere gerechten Wnsche einzugehen. Doch der Erfolg bertraf unsere khnsten Erwartungen weitaus. Nicht eingeschchtert, sondern bekehrt wurden die bisherigen Gegner der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, was indessen mehr uns Freilnder, als unsere auswrtigen Freunde zu berraschen schien. Wir vermochten nicht recht zu begreifen, warum Leute, die Jahrzehnte lang unsere socialen und wirtschaftlichen Bestrebungen fr thricht oder verwerflich gehalten hatten, aus der Thatsache, da unsere jungen Leute sich als treffliche Krieger erwiesen, urpltzlich die Schlufolgerung zogen, es sei mglich und ntzlich, jedem Arbeitenden den vollen Ertrag seines Fleies zuzuwenden. Uns, die wir unter der Herrschaft der Vernunft und Gerechtigkeit lebten, wollte der Zusammenhang zwischen Letzterem und der Wirkung unserer Gewehre und Geschtze nicht einleuchten; auerhalb Freilands jedoch, wo immer noch physische Gewalt die letzte Quelle allen Rechtes war, hielt es ersichtlich Jedermann -- selbst der prinzipielle Anhnger unserer Ideen -- fr selbstverstndlich, da die blitzartig zerschmetternden Schlge, unter deren elementarer Gewalt der Negus von Abyssinien erlegen, das untrglichste _Argumentum ad hominem_ fr die Vorzglichkeit unserer gesamten Einrichtungen seien. Insbesondere das urpltzliche siegreiche Auftreten unserer Flotte wirkte da drauen gleichwie ein entscheidendes Beweismittel dafr, da die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine wesenlose Utopie, sondern sehr reelle Wirklichkeit sei -- kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zu einem Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieberhafte Bewegung ergriff alle Geister, und mit _einem_ Schlage wollte man nun berall verwirklichen, was bis dahin blo von verhltnismig Wenigen schchtern als dereinst zu erreichendes Ideal aufgestellt, von Vielen mit Abneigung betrachtet, von den groen Massen aber zumeist gnzlich ignoriert worden war. Und dabei erwies sich -- was uns nun allerdings wieder _nicht_ berraschte -- da die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto heftiger waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschftigt hatte. Die fortgeschrittensten freisinnigsten Vlker, deren leitende Staatsmnner auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte, wenn auch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitenden Massen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in verhltnismiger Ruhe an, die groe konomische und sociale Revolution unter mglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten. England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des abyssinischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen -- wenn auch vorlufig blo in ihren ostafrikanischen Besitzungen -- zuzulassen, beschlossen nunmehr, ohne da dazu besondere politische Umwlzungen bei ihnen notwendig gewesen wren, sich wegen berfhrung ihrer bestehenden Institutionen in den unsrigen hnliche, mit Freiland ins Einvernehmen zu setzen, und mehrere andere europische Staaten, sowie ganz Amerika und Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. Dieses Ereignis war in den betreffenden Staaten allenthalben von strmischen Ausbrchen der Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einiger Fensterscheiben litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthtiger schon ging es in den konservativen Staaten Europas und in einzelnen Lndern Asiens her; dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungen verhater Staatsmnner, die vergebens beteuerten, da nunmehr auch sie gegen die wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden htten, stellenweise zu Blutvergieen und Vermgenskonfiskationen. Die arbeitenden Massen mitrauten dort den besitzenden Stnden, waren aber selber uneinig ber den einzuschlagenden Weg, so da drohender stets und gehssiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm aber gestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen frher wirklich und bewut volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massen ausgespielt und Letztere vorstzlich in Unwissenheit und Verkommenheit darniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse, die gengenden Einflu besessen htte, sich den Ausbrchen wtenden und unvernnftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausamkeiten und Scheulichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unterdrcker massenhaft abgeschlachtet und es wre kein Ende der sinn- und zwecklosen Gruel abzusehen gewesen, wenn nicht zum Glcke auch fr diese Lnder unser Ansehen und unsere Autoritt schlielich die wtenden Massen beruhigt und die Bewegung in geregelte Bahnen geleitet htte. Nachdem eine der in diesen Gebieten sich ohne ersichtliches Ziel zerfleischenden Parteien auf den Gedanken geraten war, unsere Intervention anzurufen, fand dieses Beispiel allgemeine Nachahmung. Allenthalben aus dem Osten Europas, aus Asien und aus einigen afrikanischen Staaten richteten die der Anarchie Verfallenen die Bitte an uns, ihnen Kommissre zu senden, denen man unumschrnkte Gewalt einrumen wolle. Wir willfahrteten dem natrlich aufs bereitwilligste und diese freilndischen Kommissre begegneten thatschlich allenthalben jenem ungeteilten Vertrauen, das zur Herstellung der Ruhe erforderlich war. Inzwischen hatten sich aber auch jene Staaten, die von Anbeginn besonnen vorgegangen waren, freilndische Vertrauensmnner erbeten, die ihren Regierungen bei Anbahnung der beabsichtigten Reformen mit Rat und That behlflich sein sollten. Wir sagen nicht ohne Grund: mit Rat und _That_, denn das freilndische Volk hatte, sowie es erkannt, da man seine Mitwirkung in Anspruch nehmen werde, den Beschlu gefat, seinen Delegierten -- sie mochten nun als beratende Mitglieder einer fremden Regierung oder als mit unumschrnkter Gewalt ausgerstete Kommissre auftreten, das Verfgungsrecht ber die materiellen Hlfsquellen Freilands zu Gunsten der sie berufenden Vlker einzurumen, denen diese Summen brigens nicht schenkungs-, sondern leihweise zuflieen sollten. Der Edenthaler Centralverwaltung wurde zwar formell das Recht vorbehalten, von Fall zu Fall ber die von diesen Delegierten angemeldeten Geldforderungen zu entscheiden; da jedoch als Prinzip aufgestellt war, da jede notwendige Hlfe zu gewhren sei, ber die Notwendigkeit der Hlfeleistung aber zumeist doch nur die an Ort und Stelle Befindlichen urteilen konnten, so lag thatschlich in Hnden dieser Kommissre und Vertrauensmnner das diskretionre Verfgungsrecht ber die flssig gemachten Kapitalien. Da wir aber in der Lage waren, einem solchen, binnen wenigen Monaten nahe an 2 Milliarden Pfd. Sterling erreichenden Bedarfe sofort zu entsprechen, erklrt sich daraus, da unsere freilndische Versicherungsabteilung ungefhr den fnften Teil ihrer derzeit 10 Milliarden berschreitenden Reserven in allezeit flssiger Form zur Disposition hatte. Die anderen vier Fnftel waren arbeitend angelegt, d. h. den Associationen sowohl als dem Gemeinwesen zu mannigfaltigen Investitionen leihweise berlassen; ein Fnftel aber wurde als fr alle Flle bereiter Stock in den Magazinen der Bank zurckgelegt und konnte jetzt dem pltzlich aufgetauchten Kapitalbedarfe dienen. Selbstverstndlich ist, da diese Reserve nicht in Form von Gold oder Silber hinterlegt war, da sie sich in diesem Falle als unbrauchbar in der Stunde eines eventuellen Bedarfs erwiesen htte. Nicht Gold oder Silber, sondern ganz andere Dinge sind es, die in Zeiten der Not gefordert werden; die Edelmetalle knnen blo als geeignete Mittel dienen, um diese eigentlich bentigten Dinge sich zu verschaffen; damit Letzteres jedoch geschehen knne, wird vorausgesetzt, da sie in entsprechender Menge berhaupt irgendwo vorhanden seien, was bei einem pltzlich auftretenden Bedarfe von auergewhnlichem Umfange eben _nicht_ angenommen werden darf. Wer pltzlich Waren im Gesamtwerte von Milliarden braucht, der wird dieselben nirgend _kaufen_ knnen, weil sie nirgend vorrtig sein werden; will er auch im Falle solchen Bedarfes vor Not geschtzt sein, so mu er nicht das Geld zum Einkaufe, sondern die voraussichtlich erforderlichen Gter selber vorrtig halten. Was htte es z. B. den Russen, welche die Getreidespeicher ihrer Gutsherren, die Warenmagazine ihrer Kaufleute, die Maschinen in ihren Fabriken verbrannt und zerstrt hatten, gentzt, wenn wir ihnen die Milliarden Rubel, deren sie zur Ersetzung sowohl als zur Vermehrung dieser vernichteten Dinge bedurften, in Form von Geld zur Verfgung gestellt htten? Nirgend gab es entbehrliche Vorrte, die sie htten kaufen knnen; wren sie mit unserem Gelde auf den Mrkten erschienen, so htte dies zum ausschlielichen Erfolge gehabt, da alle Preise gestiegen und ihre Not sich allen Nachbarvlkern mitgeteilt htte. Und ebenso bedurften auch alle andere Nationen, die wir in ihrem Bestreben untersttzen wollten, mglichst rasch aus ihrem bisherigen Elend zu einem dem unsrigen hnlichen Reichtume zu gelangen, nicht vermehrter Geldmittel, sondern vermehrter Nahrungsmittel, Rohstoffe, Werkzeuge. Und in Form solcher Dinge hatten wir denn auch unsere Reserven angelegt. Ungefhr die Hlfte derselben bestand stets aus Getreide, die andere Hlfte aus verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Webestoffen und Metallen. Als daher unser Kommissr in Ruland successive 285 Millionen Pfund forderte, erhielt er von uns nicht einen Heller Geld, wohl aber 3040 Schiffsladungen Weizen, Wolle, Eisen, Kupfer, Hlzer u. dgl. zugesendet, was zur Folge hatte, da das verwstete Land an nichts Mangel litt, vielmehr schon wenige Monate nachher -- allerdings weniger infolge dieser ihm dargeliehenen Schtze, als vielmehr der in freilndischem Geiste durchgefhrten Verwendung derselben -- sich eines Wohlstandes erfreute, den man dort noch vor kurzem kaum im Traume fr mglich gehalten htte. In hnlicher Weise machten wir auch anderen Nationen der Erde unsere Vorrte nutzbar und waren fr den Fall, als diese nicht gengen sollten, entschlossen, aus den Ertrgen der kommenden Jahre das Fehlende zu ersetzen. Doch gedachten wir keineswegs diese uns zugefallene Rolle der konomischen und socialen Vorsehung der Brudervlker lnger als unumgnglich notwendig zu bewahren. Nicht weil wir die Verantwortung oder Last scheuten, sondern weil wir es in jeder Beziehung und im allseitigen Interesse fr das Beste hielten, wenn der soziale Umgestaltungsproze, welchem nunmehr die gesamte Menschheit entgegenging, von dieser auch mit gesammelten Krften nach gemeinsam wohl erwogenem Plane ins Werk gesetzt werde, beschlossen wir, ungesumt die Nationen der Erde zu einer Beratung nach Edenthal einzuladen, in welcher errtert werden solle, was nunmehr zu geschehen habe. Unsere Meinung dabei war nicht, da dieser Kongre bindende Beschlsse zu fassen htte; es mge, so beantragten wir, jedem Volke unbenommen bleiben, aus den Beratungen des Kongresses die ihm beliebigen Konsequenzen zu ziehen; ntzlich aber, das war unsere Ansicht, wrde es fr alle Flle sein, zu wissen, wie die Gesamtheit ber die im Zuge befindliche Bewegung dchte. Auf ernstlichen Widerstand stie diese Anregung nirgend. Insbesondere bei den zurckgebliebeneren Vlkern des Ostens machte sich zwar eine starke dahingehende Strmung geltend, man mge die Zeit nicht mit nutzlosen Reden vertrdeln, sondern einfach thun, was wir Freilnder vorschlagen wrden; sie ihrerseits, so thaten uns die konstituierenden Versammlungen mehrerer -- und nicht gerade der kleinsten -- Nationen zu wissen, wrden doch nur auf uns hren, der Kongre mge sagen, was er wolle. Doch bedurfte es blo des Hinweises darauf, da wir, um ihnen zu raten, sie doch auch hren mten und da uns hierzu der Kongre das geeignetste Forum scheine, um sie zu dessen Beschickung zu veranlassen. Auch konnten wir nicht verhindern, da viele von den nach Edenthal entsendeten Delegierten die bindende Instruktion auf den Weg erhielten, bei allen Abstimmungen unbedingt mit uns Freilndern zu gehen, welche Instruktion sich jedoch insofern gegenstandlos erwies, als der Kongre berhaupt nur ber Formfragen abstimmte, sonst aber blo beriet, es Jedermann anheimgebend, sich die Diskussionsresultate selber zu bilden. Dagegen hatte sich gerade inmitten der vorgeschrittensten Lnder eine, wenn auch der Zahl nach geringe, Opposition wiedereingestellt, die zwar das Prinzip der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit anerkannte, jedoch eine ganze Reihe angeblich praktischer Bedenken gegen dessen durchgreifende Verwirklichung geltend machte. Diese Opposition htte, auf ihre eigenen Krfte angewiesen, nirgend vermocht, ein Mandat fr den Welt-Kongre zu erlangen; sie fand aber allerorten krftige Frsprecher -- in den freilndischen Vertrauensmnnern und Kommissren, die, durchaus im Einklang mit der ffentlichen Meinung Freilands, das Bestreben verfolgten, wo mglich jeder namhafteren Parteirichtung eine Vertretung zu sichern, damit selbst die etwa vorhandenen offenen Anhnger der berlebten, alten Wirtschaftsordnung kein Recht htten, darber Klage zu fhren, da man sie nicht htte zu Worte kommen lassen. 68 Nationen waren zur Teilnahme am Kongresse geladen worden; die Anzahl der zu entsendenden Delegierten blieb dem Belieben der Geladenen berlassen, nur wurde gebeten, die Zahl von je zehn Abgesandten nicht zu berschreiten; thatschlich whlten die 68 Lnder insgesamt 425 Delegierte, was mit den 12 am Kongresse gleichfalls teilnehmenden Chefs der freilndischen Verwaltung eine Gesamtzahl von 437 Kongremitgliedern ergab. Am 3. Mrz des 26. Jahres nach der Grndung von Freiland versammelte sich der Kongre im groen Saale des Edenthaler Volkspalastes. Auf der Rechten saen die Zweifler an der allgemeinen Durchfhrbarkeit der im Zuge befindlichen Reformen, im Centrum die Anhnger Freilands, auf der Linken die Radikalen, denen die gewaltsamsten Mittel die besten schienen. Den Vorsitz fhrte der Chef der freilndischen Prsidialabteilung, welches Amt seit Grndung des Gemeinwesens ununterbrochen Dr. Strahl verwaltet hatte. Wir lassen nunmehr den Verlauf der fnftgigen Diskussion auszugsweise an der Hand der Sitzungsprotokolle folgen. Erster Verhandlungstag. Der _Vorsitzende_ begrt namens des freilndischen Volkes die auf dessen Einladung herbeigeeilten Abgesandten der smtlichen Brudernationen der Erde und fhrt dann fort: Um einiges, wenn auch nicht gerade strenges und starres System in den Gang der Beratungen zu bringen, schlage ich vor, da wir von Anbeginn eine gewisse Reihenfolge der zu behandelnden Fragen feststellen; Abschweifungen von dieser Reihenfolge werden allerdings nicht immer zu vermeiden sein; aber als ntzlich drfte es sich fr alle Flle erweisen, wenn die Redner zum mindesten das Bestreben zeigen, mglichst nur zu dem gerade in Verhandlung stehenden Gegenstande zu sprechen. Um die Diskussion dieser Formfrage abzukrzen, hat die freilndische Verwaltung sich erlaubt, eine Art Tagesordnung auszuarbeiten, die Sie annehmen, amendieren oder auch verwerfen knnen; die in diese Tagesordnung aufgenommenen Diskussionsstoffe sind jedoch, wie ich sofort bemerken will, nicht unserer hierortigen Initiative entsprungen, sondern wurden uns von den Fhrern der verschiedenen auslndischen Parteien als nherer Aufklrung bedrftig bezeichnet; wir unserseits begngten uns damit, System in diese uns vorgelegten Fragen zu bringen. Wir schlagen also folgende Reihenfolge der Verhandlungsgegenstnde vor: 1. Wie erklrt sich die Thatsache, da es im geschichtlichen Verlaufe vor Grndung Freilands noch niemals gelungen ist, ein Gemeinwesen auf den Prinzipien der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und Freiheit einzurichten? 2. Ist der Erfolg der freilndischen Institutionen nicht etwa blo auf das ausnahmsweise und daher vielleicht vorbergehende Zusammenwirken besonders gnstiger Verhltnisse zurckzufhren oder beruhen dieselben auf berall vorhandenen, in der menschlichen Natur begrndeten Voraussetzungen? 3. Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und mte nicht bervlkerung eintreten, wenn es vorbergehend gelnge, das Elend allgemein zu beseitigen? 4. Ist es mglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit berall unter Schonung der erworbenen Rechte und berkommener Interessen zur Durchfhrung zu bringen; und wenn dies mglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu? Hat jemand zu diesem unserem Vorschlage eine Bemerkung zu machen? Es ist nicht der Fall. Ich setze also Punkt 1 auf die Tagesordnung und erteile dem Abgeordneten Erasmus Kraft das Wort. _Erasmus Kraft_ (Rechte). Wir schicken uns allenthalben, so weit denkende Menschen den Erdball bewohnen, an, den Zustand der Knechtschaft und des Elends, in welchem, so weit menschliche Erinnerung zurckreicht, unsere Rasse gefangen war, mit einer glcklicheren Ordnung der Dinge zu vertauschen. Das leuchtende Beispiel, welches wir hier in Freiland vor Augen haben, scheint dafr zu sprechen, da der Versuch gelingen werde, gelingen msse. Doch je deutlicher sich diese Perspektive uns darstellt, desto dringender, unabweislicher wird die Frage, warum das, was sich jetzt vollziehen soll, nicht schon lngst geschehen, warum der Genius der Menschlichkeit so lange geschlafen, ehe er sich zur Vollbringung dieses segensreichen Werkes aufraffte. Wir sehen, da es gengt, Jedermann den vollen Genu dessen, was er erzeugt, zu gnnen, um Jedermann berflu zu verschaffen, und trotzdem hat man ungezhlte Jahrtausende hindurch grenzenloses Elend mit all seinem Gefolge von Jammer und Verbrechen geduldig ertragen, als wren sie unabweisliche Naturnotwendigkeiten. Woran liegt das? Sind wir klger, weiser, gerechter als alle unsere Vorfahren, oder befinden wir uns trotz all der scheinbar untrglichen Beweise, die fr das Gelingen unseres Werkes sprechen, nicht vielleicht doch im Irrtume? Die zum grten, wichtigsten Teile allerdings in das Dunkel der Urzeit gehllte Geschichte der Menschheit ist so alt, da schwerlich anzunehmen ist, eine so wichtige, dem brennendsten Wunsche jeglicher Kreatur entsprechende Bestrebung, wie diejenige nach materiellem Wohlbefinden aller, trete jetzt zum ersten Male in die Erscheinung; sie mu nicht _einmal_, wiederholt schon hervorgetreten sein, auch wenn keinerlei berlieferung uns darber Verlliches erzhlt. Wo aber sind ihre Erfolge? Oder waren vielleicht solche Erfolge vorhanden, auch wenn wir nichts davon wissen, ist die Erzhlung vom goldenen Zeitalter mehr als eine fromme Fabel und sind wir etwa im Begriffe, neuerdings ein solches heraufzubeschwren? Dann aber taucht wieder die Frage auf, von welcher Dauer dieses Zeitalter sein, ob ihm nicht abermals das eherne und eiserne folgen werden -- vielleicht in traurigerer schrecklicherer Gestalt als jenes gezeigt, von welchem Abschied zu nehmen wir uns eben anschicken. Ich will es, dem Winke des verehrten Vorsitzenden gehorchend, vermeiden, jetzt schon die mglichen Ursachen eines solchen Rckfalls in verdoppeltes Elend zu untersuchen, da dies das Thema des dritten Punktes der Tagesordnung sein wird; auch glaube ich, da, bevor wir an die Klarlegung aller denkbaren Konsequenzen eines Gelingens unserer Bestrebungen schreiten, sehr zweckentsprechend zunchst festgestellt werden sollte, _ob_ diese denn auch wirklich und in vollem Umfange gelingen werden, zu welchem Behufe hinwieder die Klarlegung der Frage ersprielich ist, warum dieselbe bisher niemals gelungen, ja vielleicht niemals versucht worden sind. _Christian Castor_ (Centrum). Der Vorredner irrt, wenn er behauptet, im geschichtlichen Verlaufe der letzten Jahrtausende sei es zu keinerlei ernsthaftem Versuche einer Verwirklichung des Prinzips der wirtschaftlichen Gerechtigkeit gekommen. Einer der groartigsten Versuche dieser Art ist das Christentum. Wer die Evangelien kennt, mu wissen, da Christus und seine Apostel die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen verdammen; das Wort der Schrift: Wehe dem, der sich mstet vom Schweie seines Bruders enthlt schon im Keime den ganzen Kodex des freilndischen Rechts und alles, was wir nunmehr ins Werk zu setzen bestrebt sind. Da das offizielle Christentum spterhin seine sociale Befreiungsarbeit fallen lie, ist allerdings richtig, aber einzelne Kirchenvter haben immer und immer wieder, gesttzt auf die heiligen Texte, die ursprnglichen Absichten Christi zu verwirklichen gestrebt. Und da es im ganzen Verlaufe des Mittelalters wie spter in der Neuzeit an zum Teil sehr energischen Versuchen zur Verwirklichung des christlichen Ideals niemals gefehlt hat, ist gleichfalls bekannt. Das wollte ich zunchst hervorheben. Die Beleuchtung der Frage, warum alle diese Versuche Schiffbruch litten, berlasse ich anderen bewhrteren Krften. _Wladimir Ossip_ (Linke). Fern sei es von mir, den edlen Stifter des Christentums mit dem, was spter aus seiner Lehre gemacht wurde, zu verwechseln; aber unser Freund aus der amerikanischen Union geht meines Erachtens doch zu weit, wenn er ihn und seine Nachfolger als _unsere_ Vorgnger hinstellen will. Wir verknden das Glck und die Freiheit, Christus predigte Entsagung und Demut; wir wollen den Reichtum, er die Armut Aller; wir beschftigen uns mit den Dingen dieser Erde, er hat das Jenseits vor Augen; wir sind -- um es kurz zu sagen -- Revolutionre, wenn auch friedliche, er ist ein Religionsstifter. Lassen wir die Religion; ich glaube, es kann zu nichts fhren, sich in Fragen des Mein und Dein auf das Christentum zu berufen. _Lionel Acosta_ (Centrum). Ich bin diesfalls durchaus anderer Meinung als mein geehrter Herr Vorredner und schliee mich dem Kollegen aus Nordamerika an. Die Lehre Christi ist die reinste, edelste, wenn auch ber Mittel und Ziele noch nicht klar bewute Verkndigung der socialen Freiheit, die bisher gehrt worden ist, und diese Verkndigung der socialen Befreiung, nicht religise Neuerungen, sind der Inhalt der guten Botschaft; Christus fr einen Religionsstifter statt fr einen socialen Reformator auszugeben, eine Lehre, die im Fluge die Herzen der unterdrckten Massen gewonnen, weil sie ihnen Abhlfe ihrer Leiden versprach, zu einem Einschlferungsmittel ihrer erwachenden Energie zu gebrauchen, war das Meisterstck der Verknechtungskunst. Christus hat sich mit Religion gar nicht beschftigt, keine Zeile der Evangelien enthlt auch nur eine Spur davon, da er an den alten religisen Satzungen seines Landes rttelte; der frmmste, eifrigste Jude kann seinen Kindern unbedenklich die Evangelien zu lesen geben, sie werden nichts darin finden, was ihr religises Gefhl verletzt. (Eine Stimme: Warum wurde aber dann Christus ans Kreuz geschlagen?) Man fragt mich, warum Christus von den Juden gekreuzigt wurde, wenn er nichts gegen das mosaische Gesetz unternommen hatte. Ja mordet man denn _blo_ aus religisen Grnden? Christus wurde zum Tode geschleift, weil er ein _socialer_, nicht weil er ein religiser Neuerer war, und nicht die Frommen, sondern die Mchtigen unter den Juden haben seinen Tod gefordert. Darber auch nur ein Wort zu verlieren ist in den Augen all jener durchaus berflssig, welche die weltbewegenden Begebenheiten jener traurigsten und doch zugleich glorreichsten Tage Israels, in denen der edelste seiner Shne den freiwillig gesuchten Mrtyrertod fand, unbefangen betrachten. Zunchst ist es eine wohlbeglaubigte geschichtliche Thatsache, da im Juda der damaligen Zeit fr religise Sektirerei ebenso wenig auf Tod erkannt wurde, wie etwa in Europa des letzten Jahrhunderts. Zum zweiten spricht die Art der Hinrichtung, das den Juden ganz unbekannte Kreuz, dafr, da Christus nach rmischem, nicht nach jdischem Recht gerichtet wurde; die Rmer, dieses in religiser Beziehung toleranteste aller Vlker, htten aber erst recht wegen religiser Neuerungen Niemand zum Tode gebracht; sie htten die Hinrichtung keineswegs geduldet, geschweige denn selber das Urteil gesprochen und in ihrer Art vollzogen; das Kreuz war bei ihnen die Strafe _aufrhrerischer Sklaven_ oder ihrer _Verfhrer_. Ich sage das nicht, um die Verantwortung fr Christi Tod von Juda abzuwlzen; es ist jedes Volkes trauriges Privilegium, der Henker seiner Edelsten zu sein, und gleichwie Niemand anders als die Athener Sokrates ttete, so hat auch Niemand anders als die Juden Christus gettet; der Rmer war nur das Werkzeug des jdischen Hasses, doch wohlverstanden des Hasses der um ihre Besitztmer zitternden Reichen unter den damaligen Juden, die den Verfhrer des Volkes dem Statthalter denunzierten. Ja, es ist auch durchaus glaubhaft, da dieser letztere sich nicht bereitwillig zeigte, auf die Wnsche der gengstigten Denunzianten einzugehen, denn er, der Rmer, der im niemals erschtterten Glauben an seine starre Eigentumsordnung Aufgewachsene, verstand die Bedeutung und Tragweite der socialen Lehre Christi gar nicht. Er hielt ihn -- die Evangelien lassen darber kaum einen Zweifel und es wre im Grunde genommen anders auch schwer zu begreifen -- fr einen harmlosen Schwrmer, den man mit ein paar Rutenstreichen laufen lassen knnte. Generationen muten vergehen, bis die _rmische_ Welt erkennen lernte, was die Lehre Christi eigentlich zu bedeuten habe -- dann aber fiel sie auch mit einer Wut sonder gleichen ber ihre Anhnger her, kreuzigte sie, warf sie den Bestien vor, kurz that alles, was Rom niemals gegen abweichende Religionen, stets aber gegen die Feinde seiner Rechts- und Eigentumsordnung that. Anders die _jdische_ Aristokratie; diese begriff Sinn und Tragweite der christlichen Propaganda sofort, denn im Pentateuch wie in den Lehren der frheren Propheten hatte sie lngst schon die Keime dieser socialen Forderungen kennen gelernt. Das Jubeljahr, welches neuerliche Grundverteilung nach je 49 Jahren forderte, die Bestimmung, da alle Knechte im siebenten Jahre freizulassen seien, was waren sie anderes, als die Vorlufer der von Christus verlangten allgemeinen Gleichheit. Ob all diese in den heiligen Schriften des alten Juda niedergelegten socialen Gedanken jemals zu praktischer Durchfhrung gelangt waren, ist mehr als zweifelhaft, aber bekannt und gelufig waren sie lngst jedem Juden, und als Christus daher den Versuch machte, sie ins praktische Leben einzufhren, als er in gewaltigen, hinreienden Reden Wehe ber den Reichen rief, der sich vom Schweie seines Bruders mste, da erkannten die Mchtigen in Jerusalem sofort die ihren Interessen drohende Gefahr, welche ihren nicht jdischen Standesgenossen erst viel spter klar wurde. Es unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel, da sie dem rmischen Statthalter gegenber aus der wahren Beschaffenheit ihrer Besorgnisse kein Hehl machten, denn nicht als Sektierer, als Aufwiegler wurde Christus hingerichtet. Dem Volke aber konnte ebenso selbstverstndlich nicht gesagt werden, da man den Tod Christi fordere, weil er die in den heiligen Bchern niedergelegte und von den Propheten oft genug geforderte Gleichheit praktisch verwirklichen wolle; diesem mute das Mrlein von den religisen Ketzereien des Nazareners aufgetischt werden, welches Mrlein indessen -- abgesehen von dem bei der Hinrichtung zusammengelaufenen urteilslosen Pbel -- lange Zeit nirgend Glauben fand. Als gut jdisch galten die ersten Christengemeinden allenthalben in Israel, als judaei werden sie uns von allen rmischen Schriftstellern genannt, in denen ihrer Erwhnung geschieht. Was sie wirklich waren, wodurch allein sie sich von den anderen Judengemeinden unterschieden, darber ist -- trotz aller anfangs aus leicht begreiflichen Grnden beobachteten Vorsicht und trotz der spter, aus ebenso begreiflichen Grnden gebten Flschungen -- in den Apostelgeschichten Gengendes auf uns gekommen. Socialisten, ja zum Teil Kommunisten waren sie; absolute wirtschaftliche Gleichheit, Gtergemeinschaft wurde in ihnen gebt. Spter erst, als die christliche Kirche unter Preisgebung ihres socialen Inhalts Frieden mit der Staatsgewalt geschlossen, aus einer grausam verfolgten Mrtyrerin der Gleichheit, sich in ein Werkzeug der Herrschaft und zwar vielleicht gerade wegen dieses Renegatentums, doppelt verfolgungsschtiger Herrschaft, umgewandelt hatte, erst von da ab suchte sie selber die tckische Verleumdung ihrer einstigen Anklger hervor, spielte sich selber als neue Religion aus -- was sie seither in der That auch geworden ist. Und da es ihr gelang, durch lnger als anderthalb Jahrtausende diese ihre neue Rolle mit dem Namen Christi in Verbindung zu erhalten, ist zum weitaus berwiegenden Teile allerdings die Schuld des jdischen Stammes, der durch die blutigen Verfolgungen, die unter Berufung auf den milden Dulder von Golgata gegen ihn verbt wurden, sich zu blindem, thrichtem Hasse gegen diesen seinen grten und edelsten Sohn verleiten lie. Aber deshalb bleibt es nicht minder wahr, da Christus fr die Idee der socialen Gerechtigkeit und nur fr diese den Tod erlitten, ja da diese Idee schon vor ihm dem Judentume nicht unbekannt war. Und ebenso wahr ist, da trotz aller nachtrglichen Verdunkelung und Flschung dieser welterlsenden Idee, die Propaganda der wirtschaftlichen Befreiung niemals wieder vllig erstickt werden konnte. Vergebens untersagte die Kirche der Laienwelt die Lektre jener Bcher, welche angeblich nichts anderes, als ihre, der Kirche, Lehren enthalten sollten; immer und immer wieder holten sich die in tiefster Erniedrigung schmachtenden europischen Vlker aus diesen verfehmten Schriften Mut und Begeisterung zu Versuchen der Befreiung. _Darja-Sing_ (Centrum). Ich mchte das soeben Gehrte dahin ergnzen, da auch noch ein anderes Volk und zwar 600 Jahre vor Christus, die Idee der Freiheit und Gerechtigkeit aus sich gebar -- es ist das indische. Der eigentliche Kern auch des Buddhismus ist die Lehre von der Gleichheit aller Menschen und von der Sndhaftigkeit der Unterdrckung und Ausbeutung. Ja, ich wage sogar die Vermutung zu uern, da die bereits erwhnten socialen Freiheitsgedanken des Pentateuch wie der Propheten und folglich mittelbar auch die Christi, auf indische Anregung zurckzufhren sind. Das scheint auf den ersten Blick ein arger Anachronismus zu sein, denn Buddha lebte wie gesagt 600 Jahre vor Christus, whrend die jdische Legende die Abfassung der fnf Bcher in das 14. Jahrhundert v. Chr. verlegt. Allein es ist mir bekannt, da neuere Forschungen mit nahezu absoluter Sicherheit festgestellt haben, da diese angeblichen Bcher Mosis frhestens im sechsten Jahrhundert, und jedenfalls erst nach der Rckkehr aus der sogenannten babylonischen Gefangenschaft verfat wurden. Gerade zur Zeit aber, als die Elite des damaligen Juda nach Babylon verpflanzt war, sandte Buddha seine Apostel durch ganz Asien, und da die an den Wassern Babels Weinenden gegen solche Lehren damals besonders empfnglich gewesen sein muten, liegt auf der Hand. Wenn also einige germanische Schriftsteller die Behauptung aufstellten, das Christentum sei ein fremder Blutstropfen im Krper des arischen Volkstums, so haben sie insofern allerdings Recht, als ihnen das Christentum thatschlich als Semitismus, nmlich dem Judentum entsprossen, zukam; nichtsdestoweniger kann die arische Welt den Grundgedanken des Christentums fr sich reklamieren, da hchstwahrscheinlich sie es war, welche die ersten Keime hierzu dem Semitentume bergab. Ich sage das nicht, um das Verdienst des groen semitischen Freiheitsmrtyrers zu schmlern. Ich kann leider nicht leugnen, da wir Arier mit dem unserem Schoe entsprossenen gttlichen Gedanken aus eigener Kraft nichts anzufangen verstanden. Gleichwie es wahrscheinlich ist, da gerade die Scheulichkeit des indischen Kastenwesens, jener schndlichsten Blte, die jemals dem blut- und thrnengedngten Boden der Knechtschaft entsprossen, Ursache gewesen, da in Indien zuerst die geistige Reaktion gegen diese Geiel der Menschheit sich zeigte, ebenso sicher ist es auf der anderen Seite, da das nmliche Kastenwesen die Spannkraft unseres indischen Volkes allzusehr gebrochen, als da dieses die empfangene Anregung selber htte fruchtbringend verarbeiten knnen. Der Buddhismus erlosch in Indien und wurde auerhalb Indiens sehr bald seines socialen Inhalts gnzlich entkleidet. Jene transcendenten Spekulationen, auf welche man auch im Abendlande das Christentum zu beschrnken _versuchte_, sie sind im Osten Asiens thatschlich der einzige Effekt des Buddhismus gewesen. Ja schon im Geiste der Stifter gestaltet sich der Freiheitsgedanke anders bei dem, trotz aller Erhabenheit doch den Stempel seines Volkstumes tragenden Avatar Indiens und anders bei dem Messias in Juda, der inmitten eines von nie gebndigtem Gleichheitsdrange durchglhten Volkes das Licht der Welt erblickte. Buddha konnte sich die Freiheit wirklich nur in Form jener hoffnungslosen Entsagung vorstellen, die dem christlichen Freiheitsgedanken blo flschlich von Jenen untergeschoben wurde, die durch fremde Ansprche im eigenen Genusse nicht gestrt zu werden wnschten. Ja ich bin berzeugt, da auch unsere krftigeren, nach dem Westen ausgewanderten Verwandten den Freiheits- und Gleichheitsgedanken nicht htten verwerten knnen, wenn wir -- die indische Welt -- ihnen denselben unverndert, wie wir ihn schufen, bergeben htten. Denn auch ihnen steckte, als sie nach Europa kamen und noch ein Jahrtausend spter, das Kastengefhl im Blute; da alle Menschen gleich, wirklich schon hier auf Erden gleich seien, wre dem germanischen Edeling sowohl, als dem germanischen Knechte ebenso unfabar geblieben, als es dem indischen Paria oder Sudra und dem Brahmanen oder Ksatrija unfabar geblieben ist. Dieser Gedanke mute zuerst von dem streng demokratisch gesinnten kleinen semitischen Volksstamme an den Ufern des Jordan in feste, frderhin nicht mehr zu verdunkelnde Formen gebracht und von der freien nchternen Forschung Roms und Griechenlands in grelle -- wenn auch vorlufig ablehnende -- Untersuchung gezogen worden sein, ehe er, zu rein arischen Volksstmmen verpflanzt, Frchte zu tragen vermochte. Nahmen doch die bekehrten germanischen Knige das Christentum ganz ersichtlich nur an, weil sie es fr ein passendes Werkzeug der Herrschaft hielten. Was die neue Lehre den Knechten etwa sagen mochte, war ihnen vorerst gleichgiltig, denn der Knecht, der in scheuer Ehrfurcht zu den Abkmmlingen der Asen, seinen Herren, emporsah, erschien fr alle Ewigkeit ungefhrlich; gegen wen es sich zu wappnen galt, das waren die Mitherren, die Groen und Edlen, die bisher nur der faktischen Macht, nicht dem Wesen nach, von den Knigen verschieden waren. Das Herrenrecht kam -- nach arischer Anschauung -- von Gott, sehr wohl; aber das des kleinsten Edeln in der nmlichen Weise, wie das des Knigs; sie alle stammten von den Gttern ab. In Christus nun fanden die Knige den _einen_ obersten Herrn, der ihnen, ihnen allein, die Macht verliehen hatte; abermals besaen sie eine gttliche Quelle des Herrenrechts, aber fr sich allein und deshalb erzhlt uns die Geschichte berall, da die Knige gegen den -- oft verzweifelten -- Widerstand der Groen das Christentum einfhrten, nirgends, da die Groen ohne, oder gar gegen den Willen der Knige sich bekehrt htten. Die Volksmassen, die Knechte -- wo werden diese jemals berhaupt gefragt? Sie haben zu thun und zu glauben, was die Herren fr gut finden -- und sie thun es ausnahmslos, ohne den geringsten Widerstand, lassen sich gleich den Schafen herdenweise zur Taufe ins Wasser treiben und glauben nunmehr auf Befehl, da alle Macht von _einem_ Gotte komme, der sie _einem_ Herrn verliehen. Denn der arische Knecht ist eine willenlose Sache, die zu eigenem Denken erst erzogen werden mu. Dieses Erziehungswerk nun hat allerdings ziemlich lange gedauert, aber wie der Vorredner richtig bemerkte, geschlafen hat der Gedanke der Freiheit nicht. _Erich Holm_ (Rechte). Ich glaube, es lt sich gegen den Nachweis, da der Gedanke der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit schon Jahrtausende alt ist und niemals vollstndig entschlief, nichts stichhaltiges sagen. Aber es fragt sich, ob denn dieser allgemeine Gleichberechtigungs- und Freiheitsgedanke mit jenem speciellen, an dessen Verwirklichung wir jetzt schreiten, viel des Gemeinsamen hat, nicht vielleicht in manchen Stcken das Gegenteil desselben besagt; und zum zweiten mu nun erst recht Bedenken erregen, da dieser, wie wir gehrt haben, 2 Jahrtausende alte Gedanke bisher noch nie und nirgend verwirklicht werden konnte. Ersteres anlangend mu ich zugeben, da Christus -- im Gegensatze zu Buddha -- die Gleichheit nicht transcendent und metaphysisch, sondern sehr materiell und buchstblich verstanden hat. Er pries zwar auch die Armen an Geist selig, aber unter den Reichen, die ihm zufolge schwerer ins Himmelreich eingehen sollen, als ein Schiffsseil aus Kamelhaaren durch ein Nadelhr, verstand er ganz gewi nicht die Reichen im Geiste, sondern die an irdischen Gtern Reichen. Auch ist es richtig, da er sagte, mein Reich ist nicht von dieser Welt und dem Kaiser geben hie, was des Kaisers sei; allein, wer diese Stellen nicht aus dem Zusammenhange reit, kann unmglich bersehen, da er damit lediglich jede Einmischung in die politischen Angelegenheiten ablehnt, nicht um politischer, sondern um transcendenter _Zwecke_, um der ewigen Seligkeit willen, der socialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will. Ob Rom oder Israel herrscht, ist ihm gleichgiltig, wenn nur Gerechtigkeit gebt wird; doch da er diese nicht erst im Jenseits, sondern schon hinieden gebt wissen will, kann nur fromme Beschrnktheit leugnen. Aber ist das, was Christus unter Gerechtigkeit versteht, wirklich dasselbe, was wir darunter meinen? Zwar das von ihm gleich anderen jdischen Lehrern verkndete Liebe Deinen Nchsten wie Dich selbst wre eine sinnlose Phrase, wenn es nicht wirtschaftliche Gleichberechtigung zur Voraussetzung htte. Den Menschen, den man ausbeutet, liebt man wie sein Haustier, nicht aber wie sich selbst; wahrhaft christliche Nchstenliebe in einer ausbeuterischen Gesellschaft verlangen, wre einfach albern, und was dabei herauskommen kann, haben wir bisher sattsam erfahren. Im brigen nimmt uns ja der Apostel hierber den letzten Rest von Zweifel, denn er verdammt ausdrcklich, sich vom Schweie des Nchsten zu msten, d. h. ihn auszubeuten. Insoweit also wren wir mit Christus vollkommen eines Strebens. Aber er verdammt ebenso ausdrcklich den Reichtum, preist die Armut, whrend wir den Reichtum zum Gemeingute Aller machen, also alle unsere Mitmenschen in einen Zustand versetzen wollen, in dem sie -- um mit Christus zu reden -- schwerer als ein Schiffstau durchs Nadelhr, ins Himmelreich eingehen knnten. Hier ist ein Gegensatz, dessen berbrckung mir schwer mglich erscheint. Wir halten das Elend, Christus den Reichtum fr die Quelle des Lasters, der Snde; unsere Gleichheit ist die des Reichtums, die seinige die der Armut; das bitte ich frs erste festzuhalten. Zum zweiten aber hat ja Christus -- trotz des, wie man zugeben wird, viel bescheidenen Zieles, welches er sich steckte, dasselbe _nicht_ erreicht. Ist sohin die Berufung auf diesen erhabensten aller Geister, statt uns in Verfolgung unserer Ziele zu strken, nicht vielmehr geeignet, uns zu entmutigen? _Emilio Lerma_ (Freiland). Die Verbindung, in welche der Vorredner die von Christus gepriesene und geforderte Armut mit dem -- angeblichen -- Milingen seines Befreiungswerkes gebracht hat, ist eine verfehlte. Nicht trotzdem, sondern _weil_ Christus die Gleichheit auf Grundlage der Armut herstellen wollte, ist dies frs erste milungen. Die Gleichheit der Armut lt sich nicht herstellen, denn sie wre gleichbedeutend mit Stillstand der Kultur; wohl aber ist es nicht blo mglich, sondern notwendig, die Gleichheit des Reichtums ins Werk zu setzen -- sowie die Voraussetzungen dafr vorhanden sind -- weil dies mit Fortschritt der Kultur gleichbedeutend ist. Allerdings -- so werden Sie sagen -- so verhlt es sich nach unserer Auffassung; nach derjenigen Christi aber ist der Reichtum ein bel. Sehr wahr. Nur kann uns bei unbefangenem Eingehen in die Sache unmglich entgehen, _da Christus den Reichtum nur verwarf, weil er seine Quelle in der Ausbeutung hatte_. Nichts im ganzen Laufe des Lebens Jesu deutet darauf hin, da er jener finstere Ascet gewesen, der er htte sein mssen, wenn er den Reichtum als solchen fr sndhaft gehalten htte; zahllose Stellen der Evangelien legen unzweideutiges Zeugnis fr das Gegenteil ab. Christi Bedrfnisse waren allerdings einfach; aber er geno stets mit Behagen, was ihm etwaiger Reichtum seiner Anhnger bot und sah nirgends ein bles darin, vom Leben soviel anzunehmen, als sich mit der Gerechtigkeit vertrgt. Auch der Ha, mit welchem ihn die Reichen Jerusalems verfolgen, nderte diese seine Anschauung nicht, wie denn berhaupt das oft citierte Verdammungsurteil gegen die Reichen etwas geradezu verletzendes, dem Geiste der Evangelien zuwiderlaufendes hat, wenn wir es auer Zusammenhang halten mit dem Wehe, wer sich mstet vom Schweie seines Bruders. Im Reichtum verdammt Christus blo dessen Quelle; nur weil Reichtum anders, als durch Ausntzung des Schweies der Brder nicht erworben werden konnte, deshalb und nur deshalb allein war ihm das Himmelreich verschlossen. Kein Zweifel, da Christus gleich uns sich mit dem Reichtume vershnt htte, wre damals wie zu unserer Zeit Reichtum auch ohne Ausbeutung, ja ohne diese erst recht mglich gewesen. Aus welchen Grnden dies zu Christi Zeiten und noch viele Jahrhunderte nachher unmglich war, darber werden wir uns noch ausfhrlich zu verbreiten haben; vorlufig sei blo konstatiert, _da_ es unmglich war, da die Wahl blo zwischen Armut oder Reichtum durch Ausbeutung stand. Diese Alternative schrfer als je zuvor ein Anderer erkannt und sich mit hinreiender Glut gegen die Ausbeutung gewendet zu haben, ist eben die unsterbliche That Christi. Er mute dafr am Kreuze sterben, denn im Gegensatze von Gerechtigkeit und Kulturnotwendigkeit wird stets die erstere unterliegen; er mute sterben, weil er nahezu zwei Jahrtausende zu frh das Banner wahrer Menschenliebe, Freiheit und Gleichheit, kurz aller edelsten Gefhle des menschlichen Herzens entrollte -- zu frh, wohlverstanden fr ihn, nicht fr uns, denn die trge Menschheit bedurfte dieser zwei Jahrtausende, um voll zu begreifen, was ihr Mrtyrer gemeint, fr _sie_ starb er keinen Tag zu frh. Es gibt also keinen Gegensatz der christlichen Ideen mit unseren Bestrebungen; der Unterschied beider liegt blo darin, da jene, die erste Verkndigung des Gedankens der Gleichheit, in eine Zeit fallen, wo die materiellen Voraussetzungen der Verwirklichung dieser gttlichen Idee noch nicht vorhanden waren, whrend diese die Fleischwerdung des Wortes zu bedeuten haben, die Frucht des damals in den Geist der Menschheit niedergelegten Samenkorns. Auch von einem wirklichen Milingen des christlichen Befreiungswerkes kann daher eigentlich nicht die Rede sein: es liegen blo zwei Jahrtausende zwischen dem Beginn und dem Abschlu des von Christus unternommenen Werkes. Hiermit schlo der vorgerckten Stunde halber der Prsident die Sitzung, die Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden Frage auf den morgigen Tag verschiebend. 24. Kapitel. Zweiter Verhandlungstag. (Fortsetzung der Verhandlungen ber Punkt 1 der Tagesordnung.) Das Wort erhlt _Leopold Stockau_ (Centrum): Ich glaube, da die Vorfrage des ersten Punktes der Tagesordnung, nmlich ob unsere gegenwrtigen Bemhungen im Interesse der wirtschaftlichen Gerechtigkeit wirklich ohne jedes wie immer geartete weltgeschichtliche Prcedens dastehen, am gestrigen Tage erschpfend, und zwar im verneinenden Sinne erledigt worden ist. Zum mindesten bin ich von den gestrigen Wortfhrern der Gegenpartei ermchtigt, zu erklren, da sie vollkommen davon berzeugt worden seien, die Lehre Christi unterscheide sich in keinem wesentlichen Punkte von dem, was in Freiland verwirklicht ist und was wir nunmehr zum Gemeingute des ganzen Erdkreises machen wollen. Wir kommen jetzt zum Hauptgegenstande des ersten Fragepunktes, zu der Errterung nmlich, warum diese frheren Versuche, Gerechtigkeit und Freiheit zur Grundlage der menschlichen Wirtschaft zu machen, erfolglos bleiben muten. Die Antwort auf diese Frage ist durch den letzten Redner des gestrigen Tages schon angedeutet worden. Die frheren Versuche milangen, weil sie die Gleichheit der Armut etablieren wollten, der unsere wird gelingen, weil er die Gleichheit des Reichtums bedeutet. Gleichheit der Armut wre Stillstand der Kultur gewesen. Kunst und Wissenschaft, diese beiden Triebfedern des Fortschritts, haben berflu und Mue zur Voraussetzung; sie knnen nicht bestehen, geschweige denn sich entwickeln, wenn es Niemand giebt, der mehr bese, als zur Stillung der tierischen Notdurft hinreicht. In frheren Epochen menschlicher Kultur war es jedoch unmglich, berflu und Mue fr Alle zu schaffen; es war unmglich, weil die Hilfsmittel der Produktion nicht hinreichten, berflu fr Alle zu erzeugen, selbst wenn Alle unausgesetzt unter Einsatz ihrer gesamten physischen Kraft gearbeitet, geschweige denn, wenn sie sich zugleich jene Mue gegnnt htten, die zur Entfaltung der hheren geistigen Krfte ebenso notwendig ist, wie der berflu zur Zeitigung der hheren geistigen Bedrfnisse. Und da es nicht mglich war, Allen ein vollkommen menschenwrdiges Dasein zu gewhren, so blieb es eine traurige zwar, aber darum nicht minder unerschtterliche Kulturnotwendigkeit, die Mehrzahl der Menschen auch in dem Wenigen, das ihr Teil gewesen wre, zu verkrzen und mit dem, den Massen entzogenen Beutestcken eine Minderzahl auszustatten, die solcherart zu berflu und Mue gelangen konnte. Die Knechtschaft war eine Kulturnotwendigkeit, weil sie allein zum mindesten in einzelnen Menschen Kulturbedrfnisse und Kulturfhigkeiten zur Entfaltung zu bringen vermochte, whrend ohne sie Barbarei das Los Aller gewesen wre. Falsch ist brigens die Meinung, als ob die Knechtschaft so alt wre, als das Menschengeschlecht; sie ist nur so alt, als die menschliche Kultur. Es gab einst eine Zeit, in der sie unbekannt war, in der es keine Herren und Knechte gab und niemand die Arbeit seiner Nebenmenschen auszubeuten vermochte; nur war das nicht das goldene, sondern das barbarische Zeitalter unserer Rasse. So lange der Mensch die Kunst noch nicht erlernt hatte, seine Bedrfnisse zu _erzeugen_, sondern sich damit begngen mute, die freiwilligen Gaben der Natur zu sammeln, zu erjagen; so lange daher jeder Mitkonkurrent als Feind angesehen wurde, der nach demselben Gute trachtete, welches jeder Einzelne als die ihm bestimmte Beute ansah; so lange richtete sich der Daseinskampf unter den Menschen notwendigerweise auf gegenseitige _Vernichtung_, statt auf Unterjochung und Ausbeutung. Es ntzt dem Strkeren, Schlaueren noch nichts, die Schwcheren zu unterjochen; der Konkurrent im Daseinskampfe mu gettet werden, und da der Kampf von Ha und Aberglauben begleitet ist, so gelangt man bald dahin, den Getteten auch zu fressen. Ausrottungskrieg Aller gegen Alle, gefolgt in der Regel von Kannibalismus, war daher der Urzustand unseres Geschlechts. berwunden aber wurde diese erste sociale Ordnung nicht durch moralische oder philosophische Erwgungen, sondern durch einen Wandel im Wesen der Arbeit. Der Mann, welcher zuerst auf den Gedanken geriet, ein Samenkorn in die Erde zu legen, es zu pflegen und Frchte heranzuziehen, war der Erlser der Menschheit aus der niedrigsten, blutigsten Stufe der Barbarei, denn er schuf die erste Produktion, die Kunst, Nahrungsmittel nicht blo zu sammeln, sondern zu erzeugen; und als diese Kunst sich in dem Mae verbessert hatte, da es mglich wurde, dem Arbeitenden einen Teil seines Ertrages zu entziehen, ohne ihn geradezu dem Hungertode zu berantworten, zeigte es sich allgemach, da es ntzlicher sei, den Besiegten als Arbeitstier und nicht wie bisher, als Schlachttier zu gebrauchen. Und da dem so war, da die Sklaverei zum erstenmal die Mglichkeit bot, berflu und Mue zum mindesten fr eine bevorzugte Minderheit zu schaffen, so war sie die erste Anregerin hherer Kultur. Kultur aber ist Macht und so kam es denn, da Sklaverei oder Knechtschaft in irgend welcher Form allgemach den Erdball eroberten. Daraus folgt aber mit nichten, da die Dauer ihrer Herrschaft eine ewige sein mu oder auch nur sein kann. Gleichwie Menschenfresserei das Ergebnis jenes geringsten Ausmaes der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit gewesen, bei welchem die angestrengteste Thtigkeit eben nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft weichen mute, sowie die erste Mglichkeit des berflusses infolge wachsender Arbeitsergiebigkeit sich zeigte, so ist auch diese nichts anderes, als das sociale Ergebnis jenes mittleren Ausmaes von Ergiebigkeit, bei welchem die Arbeit zwar gengt, um Einzelnen, nicht aber, um Allen berflu und Mue zugleich zu gewhren, und auch sie _mu_ einer anderen, hheren socialen Ordnung weichen, sowie dieses mittlere Ma der Ergiebigkeit berschritten ist, denn von da ab ist sie aus einer Kulturnotwendigkeit ein Kulturhindernis geworden. Das ist seit Generationen thatschlich geschehen. Seitdem es dem Menschen gelungen ist, die Naturkrfte seiner Produktion dienstbar zu machen, seitdem er die Fhigkeit erlangt hat, an Stelle der Kraft seiner Muskeln die unbegrenzten Elementarkrfte eintreten zu lassen, hindert ihn nichts, berflu und Mue fr Alle zu erzeugen -- nichts als jene berlebte sociale Einrichtung, die Knechtschaft nmlich, welche den Massen den Genu dieser Gter vorenthlt. Wir knnen nicht blo, wir mssen die soziale Gerechtigkeit verwirklichen, weil die neue Form der Arbeit dies ebenso gebieterisch fordert, als die alten Formen der Arbeit gebieterisch die Knechtschaft gefordert haben. Diese, einst das Werkzeug des Kulturfortschrittes, ist zu einem Hindernisse der Kultur geworden, denn sie vereitelt den vollen Gebrauch der uns zu Gebote stehenden Kulturmittel. Dadurch, da sie die Gensse der groen Majoritt unserer Brder auf ein uerst geringes Ma reduziert, auf ein Ma, zu dessen Erfllung der Gebrauch der modernen Produktionsbehelfe keineswegs erforderlich ist, zwingt sie uns, in unserer Arbeit weit hinter jenem Umfange und hinter jener Vollkommenheit zurckzubleiben, die wir sofort erreichen wrden, sowie nur einmal Verwendung fr die dann unvermeidliche Flle aller Reichtmer vorhanden wre. Ich resumiere also: die wirtschaftliche Gleichberechtigung konnte in frheren Kulturepochen aus dem Grunde nicht verwirklicht werden, weil menschliche Arbeit in jenen Epochen nicht hinreichend ergiebig war, um Reichtum fr Alle zu ermglichen, die Gleichheit also Armut fr Alle bedeutet, diese aber gleichbedeutend mit Barbarei gewesen wre; sie kann nicht nur, sie _mu_ jetzt zur Wahrheit werden, weil Dank der erlangten Kulturmittel unerschpflicher Reichtum fr alle produzierbar wre, die thatschliche Produktion dieses dem Kulturfortschritte entsprechenden Reichtums aber zudem an die Bedingung geknpft ist, da jedermann geniee, was das Ergebnis seines Fleies ist. Der _Vorsitzende_ fragt hierauf, ob niemand fernerhin zu Punkt 1 der Tagesordnung das Wort ergreifen wolle und erklrt, da dies nicht geschieht, die Diskussion ber dieses Thema fr geschlossen. Zur Debatte gelangt nun Punkt 2: _Ist der Erfolg der freilndischen Institutionen nicht etwa blo auf das ausnahmsweise und daher vielleicht vorbergehende Zusammenwirken besonders gnstiger Verhltnisse zurckzufhren, oder beruhen dieselben auf berall vorhandenen, in der menschlichen Natur begrndeten Voraussetzungen?_ Das Wort hat _George Dare_ (Rechte): Wir haben den groartigen Erfolg eines ersten Versuches der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit in Freiland so handgreiflich vor uns, da die Frage, ob ein solcher Versuch gelingen _kann_, gegenstandlos geworden ist. Ein anderes ist jedoch die Frage, ob er gelingen _mu_, berall gelingen mu, weil er in diesem einen Falle gelungen ist. Denn die Verhltnisse Freilands sind exceptionelle in mehr als einer Beziehung. Von den hervorragenden Fhigkeiten, dem Feuereifer und Opfermute jener Mnner ganz zu schweigen, welche dieses glckliche Gemeinwesen grndeten und zum Teil heute noch an dessen Spitze stehen, Mnner, wie wir sie mit Sicherheit nicht berall zur Hand haben werden, darf auch nicht bersehen werden, da dieses Land von der Natur so verschwenderisch ausgestattet ist, wie wenige andere, und da ein breiter Grtel von Wste und Wildnis es -- anfangs zum mindesten -- vor jedem strenden fremden Einflusse bewahrte. Wenn geniale, von unbedingtem Vertrauen ihrer Mitbrger getragene Mnner, auf einem Boden, wo jedes Samenkorn hundertfltige Frucht trgt, das Wunder vollbringen, unerschpflichen Reichtum fr Millionen aus dem Nichts hervorzuzaubern, Elend und Laster auszurotten, den Fortschritt der Knste und Wissenschaften auf die Spitze zu treiben, so beweist das meines Erachtens noch immer nicht, da gewhnliche Menschen, die zudem vielleicht miteinander hadern, einander mitrauen werden, auf mageren Boden und mitten im Gewhle des Konkurrenzkampfes der Welt, die gleichen oder auch nur hnliche Resultate erzielen werden. Und da ich in diesem Punkte einige Zweifel hege, wird um so erklrlicher erscheinen, wenn man bedenkt, da wir in Amerika Zeugen hunderter und aber hunderter von socialen Experimenten waren, die jedoch alle entweder mehr oder minder klglich Fiasko litten, oder gnstigen Falls die Bedeutung eines gelungenen industriellen Einzelunternehmens zu erlangen vermochten. Es ist wahr, einzelne dieser unserer Versuche zu socialer Revolutionierung der modernen Gesellschaft haben ganz hbsche pekunire Erfolge gehabt; das war aber auch alles; eine neue, ersprieliche Grundlage der socialen Ordnung haben sie nicht geschaffen, nicht einmal im Keime. Das mchte ich zu bedenken geben und bevor wir uns am Beispiele Freilands berauschen, zu nchterner Erwgung der Frage auffordern, ob alles, was fr Freiland Geltung hat, auch fr die ganze brige Welt Geltung haben mu. _Thomas Johnston_ (Freiland): Der Vorredner irrt, wenn er in ausnahmsweise gnstigen Verhltnissen den Grund des Gelingens des freilndischen Unternehmens zu finden glaubt. Zwar da unser Boden fruchtbarer ist, als in den meisten Teilen der brigen Welt, ist ein dauernder Vorteil, der uns jedoch blo mit dem Betrage der Frachtdifferenz zugute kommt, denn wenn Sie diesen in Abrechnung bringen, knnen Sie berall, wohin Eisenbahn und Dampfschiff reichen, am Gewinne dieser Fruchtbarkeit vollstndig teilnehmen. Die Getrenntheit vom Weltmarkte durch weite Wsten war anfangs ein Vorteil, wre aber jetzt ein Nachteil, wenn wir ihrer nicht Herr geworden wren, und was schlielich die Fhigkeiten der freilndischen Verwaltung anlangt, so mu ich -- nicht aus Bescheidenheit, sondern der Wahrheit entsprechend -- die uns gemachten Komplimente ablehnen. Wir sind nicht klger als andere, die Sie zu Dutzenden in jedem civilisierten Lande finden werden. Da aber jene Versuche, von denen der geschtzte Vorredner sprach, allesamt miglckten, erklrt sich daraus, da sie allesamt auf verkehrter Grundlage unternommen wurden. Mit dem, was wir in Freiland vollfhrten und was Sie jetzt nachahmen wollen, haben sie alle blo ganz im Allgemeinen das Bestreben gemein, Abhilfe gegen das Elend der ausbeuterischen Welt zu finden; ein anderes aber ist die Abhilfe, die wir, eins die, anderes die, welche jene suchten, und darin, nicht in exceptionellen Vorteilen, die wir voraus gehabt htten, liegt die Ursache des Gelingens bei uns, des Milingens bei jenen. Denn es war nicht die wirtschaftliche Gerechtigkeit, mit deren Hilfe jene zum Ziele gelangen wollten; sie suchten Rettung aus dem Kerker der Ausbeutung, sei es auf einem Wege, der gar nicht hinausfhrt, sei es auf einem solchen, der zwar aus diesem hinaus, dafr aber in einen anderen, noch abscheulicheren Kerker hineinfhrt. Bei keinem dieser amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der Quker bis zu dem Ikarien Cabets wurde jemals der volle und ungeschmlerte Arbeitsertrag dem Arbeitenden als solchem zugewiesen, vielmehr gehrte der Ertrag entweder kleinen, sich am Unternehmen zugleich als Arbeiter beteiligenden Arbeitgebern nach Magabe ihrer Kapitaleinlage, oder der Gesamtheit, die als solche ber die Arbeitskraft sowohl als ber den Arbeitsertrag jedes Einzelnen despotisch zu disponieren hatte. Associierte kleine Kapitalisten oder Kommunisten waren ohne Ausnahme alle diese Reformer. Sie mochten, wenn sie besonderes Glck hatten, oder unter besonders fhiger Leitung standen, vorbergehende Erfolge erzielen; an einen Umschwung der geltenden Wirtschaftsordnung durch sie war nicht zu denken. _Johann Storm_ (Rechte). Ich glaube, da das Fehlen jeglicher Analogie zwischen den wiederholt unternommenen kleinkapitalistischen oder kommunistischen Gesellschaftsrettungsversuchen und den freilndischen Institutionen keines ferneren Beweises bedarf. Auch darber erachte ich die Akten als geschlossen, da die exceptionellen ueren Vorteile, die den Erfolg jener letzteren allenfalls begnstigt und erleichtert haben mgen, nicht von der Art sind, da zu besorgen wre, unser nunmehr beabsichtigtes Werk knnte wegen deren Mangel scheitern. Aber damit wissen wir immer noch nicht, ob wirklich tief im Wesen der menschlichen Natur gelegene, also mit Sicherheit berall zu erwartende Voraussetzungen fr das Gelingen der Socialreform Gewhr leisten. Wir haben allerdings schon bei Gelegenheit der Diskussion des ersten Punktes de Tagesordnung festgestellt, da die Ausbeutung, Dank der ber die Naturkrfte erlangten Herrschaft, zu einer Kulturwidrigkeit, ihre Beseitigung also zu einer Kulturnotwendigkeit geworden ist. Die strenge Kritik kann sich jedoch damit noch nicht beruhigen. Ist denn alles, was behufs Frderung des Kulturfortschrittes notwendig wre, damit zugleich auch mglich? Wie, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit zwar ein ganz auerordentliches Kulturvehikel, leider aber aus irgend einem Grunde undurchfhrbar wre? Wie, wenn jener wunderbare Aufschwung, den wir in Freiland staunend wahrnehmen, doch nur eine vorbergehende Erscheinung wre, trotz aller, ja vielleicht gerade wegen seiner mrchenhaften Gre den Keim des Unterganges schon in sich trge, mit einem Worte, wenn die Menschheit als Ganzes und auf die Dauer jenes Fortschrittes _nicht_ teilhaftig werden knnte, dessen Voraussetzung allerdings die wirtschaftliche Gerechtigkeit ist? Der bisher vernommene Beweis des Gegenteils gipfelt in dem Satze, da Ausbeutung des Menschen durch den Menschen blo insolange notwendig war, als der Ertrag menschlicher Arbeit nicht gengte, um berflu und Mue fr alle zu ermglichen. Wie aber, wenn auch noch andere Motive die Ausbeutung, die Knechtschaft zur Notwendigkeit machten, Motive, deren zwingende Wirkung mit der gestiegenen Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht beseitigt wre, vielleicht gar niemals beseitigt werden knnte? Als gewaltigstes Hindernis dauernder Etablierung eines Zustandes wirtschaftlicher Gerechtigkeit mit seinem Gefolge von Glck und Reichtum bietet sich dem vorsorglich in die Zukunft blickenden Sinne die Gefahr der bervlkerung dar; doch da die Errterung dieses Bedenkens einen besonderen Punkt unserer Tagesordnung bildet, so will auch ich gleich jenen meiner Gesinnungsgenossen, die vor mir das Wort ergriffen, vorlufig die sich unter diesem Gesichtspunkte aufdrngenden Argumente bei Seite lassen; es gibt deren aber noch einige andere, nicht minder gewichtige. Kann auf die Dauer eine Gesellschaft bestehen und fortschreiten, welcher die Triebfeder des Eigennutzes fehlt, vermgen Gemeinsinn und vernnftige Erwgung letztere durchweg und mit gleicher Wirksamkeit zu ersetzen? Gilt nicht dasselbe vom Eigentume? Eigennutz und Eigentum aber sind meines Erachtens durch die freilndischen Institutionen zwar nicht gnzlich bei Seite geschoben -- das will ich gern zugeben -- aber doch sehr wesentlich eingeengt. Auch unter dem Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit ist das Individuum immerhin fr das geringere oder grere Ma seines Wohlergehens selber verantwortlich, der Zusammenhang zwischen dem eigenen Thun und dem eigenen Nutzen ist nicht vollstndig aufgehoben; aber indem das Gemeinwesen jedermann und fr alle Flle gegen Not, also gegen die letzte Konsequenz eigener Fehler oder Unterlassungen unbedingt schtzt, ist doch der Stachel der Selbstverantwortlichkeit sehr wesentlich abgestumpft. Ebenso sehen wir das Eigentum zwar nicht gnzlich, aber doch in seinen wichtigsten Bestandteilen abgeschafft. Die ganze Erde mit allen an ihr haftenden Krften ist herrenlos erklrt; die Produktionsmittel sind Gemeingut; wird das, kann das berall und allezeit ohne schdliche Konsequenzen bleiben? Wird der Gemeinsinn auf die Dauer jene liebevolle, alle Eventualitten sinnreich abwgende Vorsorge ersetzen, die der Eigentmer dem ihm allein berantworteten Gute angedeihen lt? Wird die heitere Sorglosigkeit, die bisher in Freiland allerdings blo ihre Lichtseiten hervorgekehrt hat, nicht schlielich in Leichtsinn und Miachtung dessen umschlagen, was Niemandes spezieller Verantwortlichkeit bergeben ist? Die Thatsache, da es bisher nicht geschehen, erklrt sich vielleicht nur durch die noch immer -- es ist ja noch kein Menschenalter ber die Grndung dieses Gemeinwesens dahingegangen -- vorwaltende Begeisterung des ersten Anfanges. Neue Besen, sagt man, kehren gut. Der Freilnder sieht das Auge einer ganzen Welt auf sich und sein Thun gerichtet; er fhlt sich noch als Bahnbrecher der neuen Einrichtungen; er ist stolz auf dieselben und der letzte Arbeiter hier mag sich solcherart noch verantwortlich fhlen fr die Art und Weise, wie er das ihm zugefallene Apostolat der Weltfreiheit ausbt. Wird das auf die Dauer vorhalten, wird insbesondere die gesamte Menschheit hnlich fhlen und handeln? Ich bezweifle es, bin zum mindesten nicht vollkommen von der Notwendigkeit berzeugt, da es geschehen werde. Und was dann, wenn es nicht geschieht, wenn sich zeigen sollte, da -- sagen wir nicht alle, aber doch zahlreiche -- Vlker des Stachels von Not getriebenen Eigennutzes, des Lockmittels vollen und ganzen Eigentums nicht entbehren knnen, ohne in Stumpfsinn und Trgheit zu verfallen? Das sind die Fragen, auf die wir zunchst Antwort erbitten. _Richard Held_ (Centrum). Der Vorredner findet, da Eigennutz und Eigentum so wichtige Befrderungsmittel der Betriebsamkeit sind, da ohne deren volle und uneingeschrnkte Wirksamkeit menschlicher Fortschritt auf die Dauer kaum denkbar und deren Ersatz durch den Gemeinsinn hchst unverllich wre. Ich gehe viel weiter. Ich behaupte, da ohne diese beiden Vehikel der Betriebsamkeit an materielles Gedeihen irgend welchen Gemeinwesens gar nicht zu denken ist, zum mindesten insolange nicht, bis die menschliche Natur sich nicht radikal gendert, oder die Arbeit aufgehrt hat, eine Plage zu sein. Jeder Versuch, auf wirtschaftlichem Gebiete den Eigennutz durch Gemeinsinn oder anderweitige ethische Triebfedern zu ersetzen, mte schmhlich Fiasko leiden. Das eigens zu beweisen, halte ich fr ganz berflssig; aber gerade weil dem so ist, gerade weil der Eigennutz und sein Korrelat, das Eigentum, die besten, durch keinerlei Surrogat gleich wirksam zu ersetzenden Triebfedern der Arbeit sind, gerade deshalb, so sollte ich meinen, verdienen die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch in diesem Betracht ganz ausgesprochener Maen den Vorzug vor denen der ausbeuterischen Wirtschaftsordnung. Denn sie erst bringen Eigennutz und Eigentum wirklich zur Geltung, whrend die ausbeuterische Ordnung sich dieses Verdienst nur flschlich anmat. Die Knechtschaft ist doch in Wahrheit geradezu die Verneinung des Eigennutzes. Dieser setzt voraus, da der Arbeitende durch seine Mhe dem eigenen Nutzen diene -- trifft dies unter dem Walten der Ausbeutung zu, arbeitet der Knecht zu _eigenem_ Nutzen? Wollte man mit Rcksicht auf die Frage des Eigennutzes einen Nachteil der wirtschaftlichen Gerechtigkeit der Knechtschaft gegenber ableiten, so mte man behaupten, die Arbeit gehe dann am fruchtbarsten und erfolgreichsten von statten, wenn der Arbeitende _nicht_ zu eigenem, sondern zu fremdem Nutzen produciere. Aber der Arbeitgeber produciert doch zu eigenem Nutzen, wird man vielleicht einwenden. Richtig. Doch abgesehen davon, da auch das streng genommen mit der Wirkung des Eigennutzes _der Arbeit_ gegenber nichts zu thun hat, denn hier ist es wieder nicht der Nutzen eigener, sondern fremder Arbeit, der in Frage kommt; so ist es doch klar, da ein System, welches blo einer Minderzahl Nutzen an der Arbeit einrumt, unendlich minder wirksam sein mu, als jenes andere, von uns beabsichtigte, welches diesen Nutzen _jedem_ Arbeitenden einrumt. In Wahrheit kennt die ausbeuterische Welt -- von geringfgigen Ausnahmen abgesehen -- nur Menschen, welche ohne eigenen Nutzen arbeiten und Menschen, welche ohne eigene Arbeit Nutzen von der Arbeit haben; Arbeit zu eigenem Nutzen kommt in ihr hchstens nebenschlich vor. Mit welchem Scheine von Recht darf sich also die Ausbeutung damit brsten, den _Eigen_nutz als Triebfeder der Arbeit zu gebrauchen? _Fremd_nutzen ist der richtige Name des bei ihr ins Spiel kommenden Arbeitmotivs, und da dieser Fremdnutzen sich wirksamer erweisen sollte, als der Eigennutz, den die wirtschaftliche Gerechtigkeit erst als Neuerung in die moderne Welt einfhren mu, wre denn doch einigermaen schwer zu beweisen. Nicht viel anders verhlt es sich mit dem Eigentume. Welch grenzenlose Voreingenommenheit gehrt dazu, einem Systeme, welches neunundneunzig Hundertteile der Menschheit aller und jeglicher Sicherheit des Eigentums beraubt, ihnen auer der Luft, die sie atmen, nichts lt, was sie ihr eigen nennen drften, nachzurhmen, da es das Eigentum als Befrderungsmittel menschlicher Betriebsamkeit gebrauche, und dies einem anderen Systeme gegenber, welches alle Menschen ohne Ausnahme zu Eigentmern, und zwar zu unverkrzten unbedingten Eigentmern all dessen macht, was sie nur immer hervorbringen mgen! Oder soll vielleicht der Vorzug des ausbeuterischen Eigentums darin liegen, da es sich auf Dinge erstreckt, die der Eigentmer _nicht_ hervorgebracht hat? Keine Frage, die Anhnger des Alten haben schlechthin keine klare Vorstellung ber den Begriff des Mein und Dein. Was gehrt denn eigentlich _mir_? Alles, was Du Irgendwem wegnimmst, wre -- wenn sie aufrichtig sein wollten -- ihre einzige Antwort. Weil diese Aneignung _fremden_ Eigentums im Laufe der Jahrtausende in gewisse feste, durch grausame Notwendigkeit geheiligte Formen gebracht worden ist, kam ihnen der unlslich mit dem Wesen der Sache verknpfte, natrliche Begriff des Eigentums gnzlich abhanden. Es geht ber ihr Begriffsvermgen, da die Gewalt zwar in Besitz und Genu erhalten kann, wen ihr beliebt, da aber der freie ungehinderte Gebrauch der eigenen Krfte Jedermanns ureigenstes Eigentum ist, und da folglich jede staatliche oder gesellschaftliche Ordnung, welche sich ber dieses Urrecht jedes Menschen hinwegsetzt, nicht das Eigentum, sondern -- den Raub zur Grundlage hat. Dieser Raub mag immerhin notwendig, ja ntzlich sein -- wir haben gesehen, da er es Jahrtausende hindurch thatschlich gewesen -- Eigentum wird er darum doch niemals, und wer ihn dafr hlt, der hat eben vergessen, was Eigentum ist. Es erscheint mir nach dem Gesagten kaum noch ntig, viel Worte ber jenes Bedenken zu verlieren, da mangels vollkommenen Eigentums Leichtsinn oder liebloses Verfahren mit den Produktionsmitteln einreien knne. Ersteres anlangend, gengt es wohl zu fragen, ob denn hoffnungsloses Elend sich als gar so vorzgliches Befrderungsmittel wirtschaftlicher Voraussicht erwiesen habe, da dessen Ersatz durch eine dieses Stachels allerdings beraubte, im brigen aber vollkommen durchgefhrte Selbstverantwortlichkeit sich als gefhrlich erweisen knnte. Und was das zweite Bedenken betrifft, so htte dieses nur dann Berechtigung, wenn in der bisherigen Ordnung die Arbeitenden Eigentmer der Produktionsmittel gewesen wren. Sondereigentum an diesen wird ihnen zwar auch die neue Ordnung nicht einrumen, dafr aber den ungeschmlerten Fruchtgenu derselben, und wessen Begeisterung fr die Schnheiten der bestehenden Ordnung nicht so weit geht, da er den Stock des Herrn fr ein wirksameres Befrderungsmittel auch der liebevollen Vorsorge hlt, als den Nutzen der Arbeitenden, der mag beruhigt darber sein, da es auch in dieser Beziehung nicht schlimmer, sondern nur besser werden kann. _Charles Prud_ (Rechte). Ich begreife durchaus nicht, wie der geehrte Vorredner bestreiten kann, da in der bisherigen Ordnung Eigennutz es ist, was die Massen zur Arbeit ntigt. Wer wollte leugnen, da sie einen Teil des Nutzens ihrer Arbeit abgeben mssen; aber ein anderer Teil verbleibt doch jedenfalls auch ihnen, sie arbeiten daher, zwar nicht ausschlielich, wohl aber mit zu ihrem eigenen Nutzen. Und jedenfalls _mssen_ sie arbeiten, wollen sie dem Hunger entgehen, und man sollte meinen, da dieser Sporn der wirksamste von allen ist. Soviel ber die Leugnung des Eigennutzes als Triebfeder der sogenannten ausgebeuteten Arbeit. Was aber den Ausfall gegen den Eigentumsbegriff von uns Verteidigern -- nicht etwa der bestehenden belstnde, aber doch einer besonnenen, mahaltenden Reform derselben -- anlangt, so mchte ich mir in aller Bescheidenheit die Bemerkung erlauben, da unser Rechtsgefhl sich dabei beruhigte, da den Arbeitenden Niemand zwang, mit dem Arbeitgeber zu teilen. Er schlo als freier Mann einen Vertrag mit demselben ... (allgemeine Heiterkeit). Lachen Sie immerhin, es ist doch so. In politisch freien Lndern hindert den Arbeiter nichts, ungeteilt fr eigene Rechnung zu arbeiten; den Anteil, den er dem Unternehmer abtritt, Raub zu nennen, ist daher jedenfalls ungerecht. _Bla Szkely_ (Centrum). Mir will scheinen, da es ein miger Streit um Worte ist, den mein Vorredner zu entfesseln sich anschickt. Er nennt den Arbeitslohn einen Teil des Nutzens der Produktion -- mag sein, da hie und da die Arbeiter wirklich einen Teil des Nutzens als Lohn oder als Zugabe zu diesem empfangen; bei uns und, wenn ich recht unterrichtet bin, auch im Lande des Redners war das im allgemeinen nicht blich, vielmehr zahlten wir den Arbeitern, ganz unbekmmert um den Nutzen ihrer Arbeit, eine zur Fristung ihres Lebens dienende Summe; Nutzen -- eventuell auch Schaden -- der Produktion gehrte ausschlielich uns, den Unternehmern. Mit ungefhr demselben Rechte knnte er behaupten, da seine Ochsen oder Pferde am Nutzen der Produktion teilhaben. Wenn ich sage, mit ungefhr demselben Rechte, so meine ich damit, da dies von Ochsen und Pferden in der Regel mit etwas _besserem_ Rechte gesagt werden knnte, denn whrend diese ntzlichen Kreaturen zumeist besseres und reichlicheres Futter erhielten, wenn ihre Arbeit den Herrn reich gemacht hatte, geschah dies bei unseren zweibeinigen, vernunftbegabten Arbeitskreaturen hchstens in sehr seltenen Ausnahmefllen. Dann identificiert der Herr Vorredner vollends den Hunger mit dem Eigennutze. Die Massen _mssen_ arbeiten, sonst verhungern sie. Allerdings. Aber der Sklave mu auch arbeiten, sonst erhlt er Prgel -- folglich, so sollten wir nach dieser seltsamen Logik sagen, wird auch der Sklave durch Eigennutz zur Arbeit getrieben. Oder will man sich vielleicht darauf steifen, da Eigennutz sich nur auf die Erlangung materieller Gter beziehe? Das wre zwar falsch, denn Prgel vermeiden ist schlielich nicht mehr und nicht minder eine Forderung des Eigennutzes, als den Hunger stillen; aber ich will um solche Kleinigkeiten nicht streiten; lassen wir also den Stock und die Peitsche als Symbole vom Eigennutz beflgelter Betriebsamkeit fallen. Wie aber steht es dann mit jenen Sklavenhaltern, die -- wahrscheinlich im Interesse der >Freiheit der Arbeit< -- ihre faulen Sklaven nicht prgelten, sondern hungern lieen? Unter deren Regime wurde -- dem Vorredner nach -- offenbar der Eigennutz als Triebfeder der Arbeit auf den Thron gesetzt? Da der Hunger ein sehr wirksames _Zwangs_mittel ist, ein wirksameres, als die Peitsche -- wer wollte das leugnen; er hat daher letztere auch berall und sehr zum Vorteile der Arbeitgeber verdrngt. Aber Eigennutz? Dazu gehrt, das sagt schon der Klang des Wortes, da der Nutzen der Arbeit Eigen des Arbeitenden sei. Soviel ber den Eigennutz. Und was nun vollends die Verwahrung gegen das Unrecht der Ausbeutung anlangt, so verstehe ich dieselbe schon ganz und gar nicht. >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil zu producieren? Jawohl, nichts als die Kleinigkeit, der Hunger. Sie mochten es immerhin bleiben lassen, wenn sie verhungern wollten! Wieder genau dieselbe >Freiheit<, die auch der Sklave hat. Wenn ihn die Peitsche nicht geniert, ntigt ihn nichts zur Arbeit fr seinen Herrn. Die Fesseln, in denen die >freien< Massen der ausbeuterischen Gesellschaft schmachten, sind enger, peinigender, als die Ketten des Sklaven. Das Wort >Raub< gefllt dem Vorredner nicht? Es ist in der That ein hartes, hliches Wort; aber der >Ruber< ist ja nicht der einzelne Ausbeuter, sondern die ausbeuterische Gesellschaft und diese war einst, in der bitteren Not des Daseinskampfes, zu diesem Raube gentigt. Ist das Tten im Kriege deshalb weniger Todschlag, weil nicht der Einzelne, sondern der Staat, und dieser hufig notgedrungen, die Veranlassung dazu giebt? Man wird sagen, da diese Art des Ttens durch das Strafgesetz nicht verboten, ja von der Pflicht gegen das Vaterland geboten sei und da >Todschlag< nur verbotene Arten des Ttens genannt werden drfen. Das ist _juristisch_ sehr richtig, und wenn sich jemand beifallen liee, das Tten im Kriege vor den Strafrichter zu ziehen, so wrde man ihn mit Fug auslachen. Aber ebenso verlachen mte man Jenen, der, weil Tten im Kriege erlaubt ist, bestreiten wollte, dasselbe sei Todschlag, wenn es sich nicht um die juristische Strafbarkeit, sondern um die Begriffsbestimmung des Totschlags als einer Handlungsweise handelte, bei welcher ein Mensch gewaltsam vom Leben zum Tode gebracht wird. So ist auch die Ausbeutung kein Raub im strafrechtlichen Sinne; wenn aber jede Aneignung fremden Eigentums Raub genannt werden darf -- und nur darum handelt es sich im vorliegenden Falle -- dann ist Raub und nichts anderes die Grundlage jeder ausbeuterischen Gesellschaft, der modernen >freien< nicht minder, als der auf Sklaverei oder Hrigkeit gesttzten antiken oder mittelalterlichen. (Lang andauernder Applaus, in welchen auch die Herren Johann Storm und Charles Prud einstimmen). (Schlu des zweiten Verhandlungstages.) 25. Kapitel. Dritter Verhandlungstag. (Fortsetzung der Debatte ber Punkt 2 der Tagesordnung.) _James Brown_ (Rechte). Unser Kollege aus Ungarn hat gestern die wahre Beschaffenheit des Eigennutzes und des Eigentums in der ausbeuterischen Gesellschaft mit so markigen Worten gekennzeichnet, da davon frderhin wohl nicht mehr die Rede sein wird. Aber wenn es auch richtig ist, da erst die wirtschaftliche Gerechtigkeit diese beiden Triebfedern der Arbeit in ihr Recht einzusetzen vermchte, so mu immer noch gefragt werden, ob der einzige Weg, der zu diesem Ziele fhrt, nmlich die Organisation freier, selbstherrlicher, unausgebeuteter Arbeit sich berall und ausnahmslos praktikabel erweisen wird. Mit der noch so feierlichen Proklamierung des Grundsatzes, da jeder Arbeitende sein eigener Herr sei und mit noch so vollstndiger Einrumung des Verfgungsrechtes ber die Produktionsmittel an alle Arbeitenden, wre wenig gewonnen, wenn letztere sich unfhig erweisen sollten, von diesen Rechten den entsprechenden Gebrauch zu machen. Worauf es in letzter Linie ankommt, das ist also die Frage, ob die Arbeiter der Zukunft allezeit und berall jene Disciplin, jene Migung und Weisheit an den Tag legen werden, die zur Organisierung wahrhaft fruchtbringender, fortschrittlicher Produktion erforderlich sind? Die ausbeuterische Wirtschaft hat eine vieltausendjhrige Routine hinter sich; wie es anzustellen sei, um eine Schar zu stummem Gehorsam gezwungener Knechte in Ordnung zu erhalten, das sagt dem Arbeitgeber nach altem Rechte die gesammelte Erfahrung unzhliger Generationen. Trotzdem begeht auch er hufig Migriffe und nur zu oft scheitern seine Plne an der Widersetzlichkeit der Untergebenen. Die Leiter der Arbeiterassociationen der Zukunft haben so gut wie keinerlei Erfahrungen hinter sich, wenn es sich um die Organisationsformen handelt, welche sie anzuwenden haben; sie werden diejenigen zu Herren erhalten, denen sie befehlen sollen -- und trotzdem, so sagt man uns, kann ihnen der Erfolg nicht fehlen, ja er darf nicht fehlen, soll die associierte freie Gesellschaft nicht in ihren Grundfesten erschttert werden. Denn whrend die ausbeuterische Gesellschaft die Verantwortlichkeit fr das Schicksal der einzelnen Unternehmungen ausschlielich diesen Unternehmungen selber berlt, hngt vermge der so oft hervorgehobenen Interessensolidaritt der freien Gesellschaft das Wohl und Wehe der Gesamtheit aufs unlslichste mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammen. Ich will mich gern eines Besseren belehren lassen; aber insolange dies nicht geschehen ist, kann ich nicht umhin, in dem soeben Gesagten Bedenken zu erblicken, welche durch die bisherigen Erfahrungen Freilands mit nichten vllig zerstreut sind. Die freilndischen Arbeiter haben es verstanden, sich zu disciplinieren; folgt daraus, da dies die Arbeiter berall verstehen werden? _Miguel Spada_ (Linke). Ich beschrnke mich darauf, eine kurze Antwort auf jene Frage zu erteilen, mit welcher der Vorredner geschlossen. Nein, sicherlich, daraus, da den Freilndern die Organisierung und Disciplinierung der Arbeit ohne herrische Arbeitgeber gelungen ist und daraus, da sie ganz unfraglich noch zahlreichen anderen Vlkern gelingen wird, folgt mit nichten, da sie _allen_ Vlkern notwendigerweise gelingen mu. Mglich, ja sagen wir immerhin wahrscheinlich, da einzelne Vlker sich unfhig erweisen werden, von dieser hchsten Art des Selbstbestimmungsrechtes Gebrauch zu machen; um so schlimmer fr diese. Aber daraus, das will ich hoffen, wird doch Niemand die Folgerung ableiten, da auch jene Vlker, und befnden sie sich selbst in der Minderzahl, denen diese Fhigkeit nicht abgeht, auf die Anwendung derselben verzichten sollen. Diese Fhigeren werden dann die Lehrmeister der Unfhigeren werden. Sollten sich aber diese nicht nur unfhig, sondern auch als ungelehrig erweisen -- je nun, dann werden sie eben so von dem Erdboden verschwinden, wie ungelehrige Kannibalen verschwinden mssen, wo sie mit Kulturnationen in Berhrung treten. Da die Nation, welcher der Fragesteller angehrt, diesen unfhigen Nationen _nicht_ beigezhlt werden mu, darauf mag er sich getrost verlassen. _Wladimir Tonof_ (Freiland). Das geehrte Mitglied aus England (Brown) hat eine unrichtige Vorstellung sowohl von den Schwierigkeiten der hier in Frage kommenden Organisation und Disciplin, als von der Bedeutung eventueller Mierfolge einzelner Unternehmungen in einem freien Gemeinwesen. Erstere anlangend will ich darauf hinweisen, da in der Organisation associierter Kapitalien, die bekanntlich Jahrhunderte alt ist, eine keineswegs zu verachtende Vorschule der Arbeitsassociation gegeben ist, soweit es sich um die dabei zu whlenden Formen der Leitung und berwachung handelt. Zwar giebt es Verschiedenheiten tiefeingreifender Art, die wohl beachtet sein wollen; es liegt aber im Wesen der Sache, da die Unterschiede alle zu Gunsten der Arbeitsassociation sich geltend machen. Bei diesen sind nmlich die Hauptgebrechen der Kapitalsassociation, das sind Unkenntnis und Gleichgiltigkeit der Genossen den Aufgaben des Unternehmens gegenber, nicht zu besorgen und es ist daher hier auch jener peinliche, die Aktionsfreiheit der Leitung lhmende und trotzdem nutzlose Kontrollapparat, welcher den Statuten der Kapitalsvergesellschaftungen als Ballast anhaftet, vollkommen entbehrlich. Der einzelne Aktionr versteht in der Regel nichts von den Geschften seiner Gesellschaft und hat ebenso in der Regel gar nicht die Absicht, sich um den Geschftsgang anders, als durch Empfangnahme der Dividenden zu kmmern. Trotzdem ist _er_ der Herr des Unternehmens, von seinem Votum hngt dessen Schicksal in letzter Linie ab; welche Umsicht ist daher vonnten, um diesen Aktionr vor den mglichen Folgen der eigenen Unkenntnis, Leichtglubigkeit und Nachlssigkeit zu schtzen! Die vergesellschafteten Arbeiter dagegen sind mit dem Wesen ihres Unternehmens sehr wohl vertraut, dessen Gedeihen ist ihr vornehmstes materielles Interesse und wird von ihnen auch ausnahmslos als solches erkannt. Das sind ausschlaggebende Vorteile. Oder will man darin eine besondere Schwierigkeit sehen, da die Arbeiter sich der Leitung von Personen unterwerfen sollen, deren Stellung von ihrem, der zu Leitenden, Votum abhngt? Dann knnte man mit demselben Rechte die Autoritt aller aus Wahl hervorgehenden politischen und sonstigen Behrden anzweifeln. Den Leitern fehlt jegliches Mittel, Gehorsam zu _erzwingen_? Falsch; es fehlt ihnen nur eines, das Recht, den Unbotmigen willkrlich zu entlassen. Aber dieses Recht fehlte auch gar mancher anderen, auf Disciplin und vernnftige Fgsamkeit der Mitglieder angewiesenen Krperschaft, die nichtsdestoweniger, oder gerade deshalb weitaus bessere Disciplin hielt, als jene Vereinigungen, deren Gehorsam durch die weitestgehenden Zwangsmittel gewhrleistet war. Zwar kann, wo der uere Zwang fehlt, die Disciplin schwerer in Tyrannei ausarten, aber das ist doch wahrlich kein bel. Zudem steht den Leitern freier Arbeitervergesellschaftungen ein Zwangsmittel der Disciplin zur Verfgung, dessen Gewalt schrankenloser und unbedingter ist, als die der schonungslosesten Tyrannei: die alles umfassende gegenseitige Kontrolle der Genossen, deren Einflu selbst der Hartnckigste auf die Dauer nicht widerstehen kann. Allerdings ist zu all dem unerllich, da die Arbeitenden insgesamt, oder doch zu weitaus berwiegendem Teile vernnftige Mnner seien, deren Intelligenz zu nchterner Abwgung des eigenen Vorteils ausreicht. Allein das ist ja ganz im Allgemeinen die erste und oberste Voraussetzung der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Da diese -- das Endergebnis des bisherigen Entwicklungsganges der Menschheit -- nur fr Menschen pat, die sich aus dem untersten Stadium der Brutalitt herausgearbeitet haben, unterliegt in keinem Betracht einer Frage. Daraus folgt, da Vlker und Individuen, welche diese Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht haben, zu derselben erzogen werden mssen, welches Erziehungswerk bei nur einigem guten Willen durchaus nicht schwer ist. Da es, ernstlich in Angriff genommen, irgendwo gnzlich milingen knnte, bezweifeln wir. Und nun besehen wir uns die zweite Seite der aufgeworfenen Frage. Ist es richtig, da vermge der im freien Gemeinwesen waltenden Interessensolidaritt das Wohl und Wehe der Gesamtheit unlslich mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammenhnge? Versteht man darunter, da in einem solchen Gemeinwesen Jedermann an Jedermanns Wohl, also auch am Gedeihen jeder Unternehmung interessirt ist, so entspricht dies vollkommen dem Sachverhalte; soll aber -- und das war ersichtlich die Meinung des geehrten Redners -- damit gesagt sein, da das Wohl eines solchen Gemeinwesens vom Gedeihen jedes einzelnen Unternehmens seiner Angehrigen abhnge, so ist dies durchaus grundlos. Geht es einem Unternehmen schlecht, so verlassen es seine Mitglieder und wenden sich einem besser gedeihenden zu, das ist alles. Wohl aber schtzt umgekehrt diese mit der Interessensolidaritt verknpfte Beweglichkeit der Arbeitskrfte das freie Gemeinwesen vor tiefergehenden Folgen etwa wirklich begangener Migriffe. Kommt es irgendwo zu belberatenen Wahlen, so knnen die ungeschickten Geschftsleiter verhltnismig geringes Unheil stiften; sie sehen sich, d. h. das von ihnen geleitete Unternehmen, sehr rasch von Arbeitern verlassen, die Verluste bleiben bedeutungslos, weil auf einen kleinen Kreis beschrnkt. Ja, diese Beweglichkeit erweist sich in letzter Linie als wirksamstes Korrektiv aller wie immer gearteten Fehler, als das Mittel, welches berall die mangelhaften Organisationsformen und schwachen Intelligenzen verdrngt und gleichsam automatisch durch tchtigere ersetzt. Denn die aus welchem Grunde immer schlecht gedeihenden Unternehmungen werden stets in verhltnismig kurzer Zeit von den besseren aufgesogen, ohne da dies, wie in der ausbeuterischen Gesellschaft, zum Ruine der bei ersteren Beteiligten fhren knnte. Es ist daher auch nicht ntig, da diese freien Organisationen berall gleich im ersten Anlaufe das Beste treffen, damit schlielich allenthalben Ordnung und Tchtigkeit herrsche; denn im friedlichen Wettbewerbe verschwindet das Mangelhafte rasch vom Schauplatze, indem es in die als tchtig erprobten Unternehmungen aufgeht, die dann allein das Feld behaupten. _Miguel-Diego_ (Rechte). Wir wissen nunmehr, da die neue Ordnung alle natrlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; da ihre Einfhrung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde frher schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, da dieselbe nicht als das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch eintretender geschichtlicher Vorgnge, sondern vielmehr als eine Art Kunstprodukt, als planmig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen einzelner Mnner ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die Internationale freie Gesellschaft sich nicht gebildet htte, oder wenn ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde fehlgeschlagen wre? Man wird zugeben, da dies immerhin denkbare Eventualitten sind. Wie stnde es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit, wenn eine dieser Mglichkeiten Thatsache geworden wre? Wenn die Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann mte sie sich schlielich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt durchsetzen, dann mte sich zeigen lassen, da und kraft welcher unlslich mit ihr verknpften Gewalten, sie den Sieg ber Vorurteil, bsen Willen und Migeschick davongetragen htte. Erst damit wre der Beweis erbracht, da das Werk, um welches wir uns bemhen, mehr ist, als die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, da vielmehr jene Mnner, die den ersten Anla dazu gaben und seine Entwickelung berwachten, damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der -- htten _sie_ ihm versagt -- um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen Ziele nicht verlegen gewesen wre. _Henri Ney_ (Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit auf unser, der Grnder von Freiland, Eingreifen angewiesen wre, um Thatsache zu werden, dann stnde es schlecht nicht blo um ihre Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne Menschen schaffen, knnen demnchst andere Menschen wieder rckgngig machen. Zwar sind uerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgnge Menschenwerk; aber die groen geschichtlichen Notwendigkeiten unterscheiden sich dadurch von den blo zuflligen Ereignissen, da sich bei ihnen allemal erkennen lt, ihre Akteure seien lediglich die Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache, das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir wissen, da er in dem Sinne ein bloes Werkzeug des Fortschritts gewesen, als wir mit der nmlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen knnen, Sprache, Werkzeug, Schrift wren erfunden worden, auch wenn ihre zuflligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickt htten. Das nmliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wre gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatschlich zuerst fanden, existiert htte. Nur freilich wre in diesem Falle die Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere, erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber auch eine gewaltthtige und schreckliche. Um das in einer jeden Zweifel ausschlieenden Weise zu zeigen, mu zunchst erwiesen werden, da der Fortbestand der modernen Gesellschaft, so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein Ding innerer Unmglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir gestatten, etwas weiter auszuholen. In der ursprnglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der Arbeit so gering war, da der Schwchere durch den Strkeren nicht ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrngung und Vernichtung der Mitkonkurrenten gefrdert werden konnte, waren Blutgier, Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht blo zum Fortkommen des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener Gesellschaft, der das Individuum angehrte. Sie waren deshalb nicht blo allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlchter war der geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als nachahmenswrdiges Beispiel gepriesen. Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese Tugenden zwar viel von ihrer ursprnglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr die Mglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch ntzlich gewesen, schdlich, denn sie beraubte um eines vorbergehenden Genusses -- des Menschenfleischgenusses -- willen das siegende Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehrte, des dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die bestialische Blutgier mute daher in der neuen Form des Daseinskampfes allmhlich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer mehr und mehr der allgemeinen Mibilligung unterworfenen Eigenschaft, d. i. also zu einem Laster werden. Sie _mute_ dazu werden, weil nur jene Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproce Platz griff, der Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution -- der Sklaverei -- in vollem Mae teilhaft werden konnten, dadurch an Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu bentzten, die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stmme auszurotten oder sich zu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren Grundzgen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung. Eine der seltsamsten Tuschungen aber ist es, diese Ethik Menschenliebe zu nennen. Zwar der wilde, blutdrstige Ha gegen den Nebenmenschen war milderen Gefhlen gewichen, aber von diesen bis zu wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschtzung des Nebenmenschen als _Unseresgleichen_ verstehen, zum Unterschiede von jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe vertrgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus. Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Tten des Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrckung und Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die ausbeuterische Gesellschaft fhrt, nicht blo nicht gefrdert werden, sie erweist sich als geradezu schdlich und vermag -- als allgemein verbreiteter Gattungsinstinkt -- gar nicht zu bestehen. Einzelne Individuen mgen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben; sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der ffentlichen Meinung keineswegs geschtzte Sonderlinge. Nur Heuchelei oder grobe Selbsttuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit lnger als einem Jahrtausend das Wort: Liebe Deinen Nchsten _wie dich selbst_ auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen -- bestenfalls -- wie ein ntzliches Haustier, zogen ohne den geringsten Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor dessen kaltbltiger Ttung nicht entfernt zurck, wenn ihr wirklicher oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa die Gesinnungen und Gefhle einzelner, besonders hartherziger Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der ffentlichen Meinung nicht mibilligt, sondern gebieterisch gefordert, unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer Phrasen Thaten in Frage kamen, gnstigenfalls als bemitleidenswerte Thorheit, in der Regel aber als todeswrdiges Verbrechen. Er, der jenes Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wre von ihnen allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerdert, gehngt -- in der jngsten Vergangenheit vielleicht blo eingekerkert worden, htte er es abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte und in zndender, nicht mizuverstehender, lebendiger Rede zu predigen, was ihr bldes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jnger wohl las, aber nicht begriff. Und das Entscheidende dabei ist, da die Menschheit in der Epoche der Ausbeutung anders gar nicht fhlen und denken, geschweige denn handeln konnte. Sie _mute_ auf der Ausbeutung beharren, solange diese eine Kulturnotwendigkeit war, sie _konnte_ daher keine Menschenliebe empfinden und ben, denn diese vertrgt sich mit Ausbeutung so wenig, als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung Humanitt nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wre, so htte spterhin das, was _wir_ Humanitt nennen, die wahre Menschenliebe, jede davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen werden -- das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus; unterdrcken oder unterdrckt werden, in der Epoche der Ausbeutung. Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen Empfindungen der Menschheit knnen davon nicht unberhrt bleiben. Aber -- und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen -- es sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschlielich beschftigt haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten nderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den moralischen Gefhlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene Interessensolidaritt lst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene Menschenliebe die Menschennutzung aus. Wollen wir nun den letzten Zweifel ber die bedingungslose Notwendigkeit dieses Entwickelungsganges ein fr allemal beseitigen, so setzen wir den Fall, da es anders kme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an die genderte Arbeitsform vollziehe sich _nicht_. _Denken_ lt sich eine solche Mglichkeit immerhin, und ich halte es -- bis zu diesem Punkte der Beweisfhrung gediehen -- auch fr ganz berflssig, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwgen; wir nehmen einfach an, da sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar aber wre in diesem Falle die fernere Annahme, da dieses Beharren der socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden knne, ohne da sehr wesentliche Rckwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wren. Jene beraus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die solches annehmen, halten es fr mglich, da eine Ursache von so berwltigender Tragweite, wie es die bis zur Mglichkeit des berflusses und der Mue fr alle Menschen gediehene Produktivitt der Arbeit ist, berhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben knne. Sie bersehen, da der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem Einflusse dieses Faktors fr alle Flle ndern mu, gleichviel, ob die socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen oder nicht, und da demnach ebenso fr alle Flle untersucht werden mu, welche Rckwirkung diese genderte Form des Daseinskampfes auf die Gesamtheit der menschlichen Institutionen uern knne oder msse. Und worin besteht nun die nderung des Daseinskampfes fr den oben gekennzeichneten Fall? _Ganz einfach in einem teilweisen Rckfalle in die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!_ Wir haben gesehen, da die Ausbeutung den frher auf Vernichtung des Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die Produktivitt der Arbeit so gro wird, da der -- durch die Ausbeutung darniedergehaltene -- Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird abermals die Verdrngung, die -- wenn auch nicht physische, so doch wirtschaftliche -- Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf mu die Formen der Unterjochung und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig ntzt nunmehr auf wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft ber noch so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrngen, mu er im Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten sich nicht blo der Hrten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie mssen, wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend gewordenen Stellen an den Futterkrippen des Arbeitsmarktes mit Zhnen und Klauen streitig machen. Ist es nun denkbar, da eine so frchterliche nderung der Grundlagen des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die gleiche Ursache _mu_ von der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik der kannibalischen Epoche _mu_ ihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar den vernderten Modalitten des Vernichtungskampfes entsprechend werden auch die einstigen grausamen, bsartigen Instinkte eine Modifikation erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen den Nebenmenschen, mu wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der Kampf nur der Ausntzung des Nchsten galt, war, insbesondere wenn der Ausgentzte sich gewhnt hatte, im Ausbeuter ein hheres Wesen zu verehren, zwischen Herr und Knecht zum mindesten jener Grad der Anhnglichkeit mglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht. Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anla einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Gromut, Milde, Dankbarkeit konnten als -- allerdings sehr krgliche -- Surrogate der Menschenliebe bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und Verdrngung zugleich die Losung des Kampfes sind, mssen sich die obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie mssen folglich verschwinden und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tcke Platz machen. Und wohlverstanden, all diese schndlichen Eigenschaften mssen nicht blo allgemein verbreitet, sie mssen auch allgemein geschtzt, aus dem Inbegriffe schmhlichster Niedertracht zum Inbegriffe der Tugend werden. Ebenso wenig, als ein humaner Menschenfresser oder ein von wirklicher Menschenliebe erfllter Ausbeuter denkbar sind, ebenso wenig lt sich ein gromtiger, im bisherigen Sinne tugendhafter Ausbeuter unter dem Alpdrucke der berproduktion auf die Dauer auch nur denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tckische Mordgier als preiswrdigste aller Tugenden anerkennen mute, ebenso sicher mte die von berproduktion heimgesuchte ausbeuterische Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrger als ihr Tugendideal zu verehren. Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als da es richtig sein knnte. Die berproduktion, der Zwiespalt zwischen der Produktivitt der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen bedingten Konsumtionsfhigkeit, bestehen thatschlich seit Generationen und trotzdem wre es zum mindesten eine arge bertreibung, wollte man behaupten, da die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren htten. Da mancherlei Nichtswrdigkeit infolge des stets schonungsloser sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an Verbreitung gewinne, ja da allgemach eine gewisse Verwirrung sich der ffentlichen Meinung zu bemchtigen beginne, die den Unterschied zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht berall mehr festzuhalten vermge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber umgekehrt, da niemals zuvor Humanitt in allen Formen so hoch geschtzt und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart. Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, da berproduktion auf die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen fhren knnte -- sie zeigen nur, da einerseits diese schreckliche Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch nicht lange genug wirksam ist, um ihre Frchte schon voll gezeitigt zu haben, und da anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den richtigen Ausweg aus dem konomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Blo wenige Generationen ist es her, da das Miverhltnis zwischen Produktivitt und Konsum uerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des Kannibalismus berwand; warum sollte der Rckfall in die kannibalische Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber, da wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem Rckschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknpft sein werde, diese der abendlndischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit, sie ist eben jener fremde Blutstropfen im Krper der europischen Vlkerfamilie, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorbergehend dem Verwesungsproze von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen. Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelung _nicht_ nehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivitt _nicht_ erhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zuknftige Los der Menschheit voraussetzen, so liee sich dies logischer Weise anders, als verknpft mit vollstndigem moralischen Rckfalle gar nicht denken. Und noch eine dritte Entwickelungsform liee sich als denkbar hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivitt der Arbeit mit dem geltenden socialen Rechte geraten, knnte erstere, die neue Form der Arbeit, unterliegen; vor die Unmglichkeit gestellt, von den erlangten wirtschaftlichen Fhigkeiten den vollen Gebrauch zu machen, knnte die Menschheit diese Fhigkeiten wieder verlieren. In diesem Falle wre der Einklang zwischen Produktivitt und Konsum, Arbeit und Recht, auf der alten Grundlage zurckgewonnen und dem entsprechend knnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der Fortschritt zu wahrer Menschenliebe mte zwar unterbleiben, denn nach wie vor wrde der Kampf ums Dasein auf Unterdrckung des Nebenmenschen beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wre vermieden. Auch die Ahnung der Mglichkeit einer solchen Entwickelung war der abendlndischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere whrend der jngsten Generationen, an teils bewuten, teils unbewuten Versuchen nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinberzuleiten. Von der wrgenden Umklammerung der berproduktion gengstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht, rttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der Produktivitt, suchten die Quelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschtten und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen Frchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung, gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gtererzeugung zur Gterverteilung geraten, durch Zurckschraubung ersterer zu berwinden. Da solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte, deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren allerdings nicht begriff, die aber als dstere Ahnung vor ihrem geistigen Auge schwebte, lt sich desgleichen nicht verkennen. Und nun, nachdem wir alle drei berhaupt denkbaren Entwickelungsformen der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die neue, hhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen, hheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht und dem entsprechende Rckbildung der Moral; 3. die Anpassung der Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durch Preisgebung der hheren Produktivitt und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral -- nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle drei; ist aber auch denkbar, da materieller oder moralischer Verfall sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten, oder vollends ber diesen endgltig triumphieren wrden? Mglich, sagen wir sogar wahrscheinlich, da ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich durchgefhrtes Unternehmen die Menschheit zunchst noch lngere Zeit hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt htte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin htte es deshalb doch niemals gnzlich gefehlt, und der schlieliche Triumph derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns fr alle Flle erlangt htte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschrnkt es sich darauf, das, was kommen mute, rascher und wahrscheinlich unblutiger herbeigefhrt zu haben, als ohne uns geschehen wre. (Strmischer, lang andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bnken. Die Wortfhrer der Opposition drcken der Reihe nach dem Redner die Hnde und versichern ihn ihrer Zustimmung.) (Schlu des dritten Verhandlungstages.) 26. Kapitel. Da zahlreiche Congremitglieder den Wunsch geuert hatten, sich eingehender davon zu berzeugen, da thatschlich die anscheinend so wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverstndliche Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die Sitzungen des Congresses fr zwei Tage unterbrochen und diese dazu bentzt, um eine Reihe grerer Edenthaler und Danastdter Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur Verfgung der fremden Gste stellenden Direktoren der fraglichen Anstalten sowohl, als des Leiters der freilndischen Centralbank alle etwa auftauchenden Zweifel grndlich zu errtern. Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage, woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche Sachkenntnis und Intelligenz hernhmen, um jederzeit genau beurteilen zu knnen, wo man ihrer gerade am ntigsten bedrfe. Sie haben, so meinte einer der Besucher, eine allumfassende, pnktliche Statistik, die jede Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit verzeichnet -- sehr wohl; aber welch hohes Verstndnis gehrt dazu, um sich in einer solchen Statistik zu orientieren! Dazu gehrt in Wahrheit ein beraus bescheidenes Ma von Verstndnis, kein hheres, als es bei jedem vernnftigen Menschen ohne weiteres vorausgesetzt werden kann, war die Antwort. Denn kein Arbeiter braucht sich um anderes zu kmmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Htten wir keinen freien Markt, auf welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wre es allerdings eine nicht blo schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar unlsliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig strkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wnschenswert sei. Da sich aber bei uns jede Vernderung der Verhltnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im Preise der Produkte ausdrckt, so ist es ganz selbstverstndlich, da der in Gemheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde entfallende Nettoertrag in untrglichster Weise anzeigt, ob der Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Da z. B. die Maschinenfabrik, in deren Rumen wir uns momentan befinden, ihren Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf zurckzufhren, da deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind, eine Thatsache, die an und fr sich zu konstatieren in der That hchst kompliziert und schwierig wre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Ertrgnis aller hier beschftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so gengt es vollkommen, letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nmlich der vermehrte Zuflu von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle. Aber ist nicht auch diese Ergrndung des berall in jedem gegebenen Momente vorhandenen Ertrgnisses eine fr gewhnliche Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe? lautete die fernere Frage. Durchaus nicht, erklrte der Direktor der freilndischen Centralbank. Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von unserer Centralstelle ergnzten und bearbeiteten Urmateriale zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich fr statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der gewhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er die seinen Fhigkeiten entsprechende hchste Rente findet, begngt sich mit jenen bersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erluterungen aller Art begleiten. Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8 Schilling begngen, oder wegen des bei einem anderen verwandten Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde hheren Ertrages sich diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden soll, die vorbergehend -- whrend der Erntezeit nmlich -- bis zu 10 Schilling fr die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er mu mit sich darber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm gengenden Ersatz gewhrt fr die mit dem Ortswechsel mglicherweise verknpften materiellen oder gemtlichen Nachteile, fr die Beschwerden und Unannehmlichkeiten des Umzuges, fr die anstrengendere Arbeit u. dergl.; im brigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verstndnis verwickelter wirtschaftlicher Vorgnge, noch irgendwelches Interesse fr anderes, als fr den eigenen Vorteil gefordert. Wie aber verhten Sie, so fragte ein anderer der Herren, da bei einer irgendwo eintretenden strkeren Steigerung der Ertrge der Zuzug der Arbeitskrfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behrde ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so ist doch immerhin mglich, da statt der gewnschten Hunderte sich Tausende einstellen. Das knnte nur geschehen -- so lautete die Erklrung -- wenn Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wren, oder wenn wir uns ihrer nicht zu bedienen verstnden. Um welchen Teilbetrag die Rente sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wchst, lt sich natrlich berall mit groer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thricht ist, einer irgendwo auftauchenden hheren Gewinnziffer nachzulaufen, ohne sich vorher zu vergewissern, da er diese hhere Gewinnziffer, am Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es bei uns selbstverstndliche bung, da die Arbeiter ihre Absicht den Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, da diese Anmeldungen fortlaufend publiziert werden und da demnach Jedermann, noch bevor er sich auf den Weg macht, vollkommen darber beruhigt sein mu, an seinem zuknftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnten zu sein. Einen zweiten Anla zu eingehenderen Errterungen boten die in zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort beschftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung leuchtete den Gsten natrlich sofort ein, weniger einleuchtend aber erschien den meisten derselben der erluternde Zusatz eines der Direktoren -- es war das zufllig in der Danastdter Chemikalienfabrik -- da man die gewonnenen Erfahrungen selbstverstndlich jederzeit publiziere, auf besonders ntzlich erscheinende die anderen Associationen wohl auch ausdrcklich aufmerksam mache und dafr ebenso selbstverstndlich von diesen ber alle in deren Versuchsanstalten gemachten Funde pnktlichst auf dem Laufenden erhalten werde. Wenn das hierzulande selbstverstndlich ist, dann mt Ihr freilndischen Industriellen uneigenntzig wie die Engel sein, meinte einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fgte er hinzu: Es scheint also doch, da nicht alle Eure Einrichtungen sich sofort zu uns Abendlndern bertragen lassen, denn bei uns, dessen kann ich Sie versichern, wrde Niemand freiwillig von ihm ersonnene Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und am allerwenigsten knnte er sich darauf verlassen, da diese ihm die ihrigen preisgeben. Sie haben ganz recht, war die Antwort, das wrde Niemand bei Ihnen thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen so wunderbar uneigenntzig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung mglichst vollstndig erfreuen, ist durchaus notwendig, da alle chemischen Fabriken des ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich einfhren. Wren wir so thricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten -- ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der ffentlichkeit all unserer geschftlichen Vorgnge an und fr sich ziemlich aussichtslos bliebe -- so wre das einzig mgliche Ergebnis, da aus allen concurrierenden Associationen insolange Arbeitskrfte zu uns einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit -- umgerechnet auf die einzelne Arbeitsstunde -- wieder auf das Niveau der anderwrts in Freiland erzielbaren Ertrge herabgedrckt wrde, wir also von unserer Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein erzielen wir, da die Arbeit auch anderwrts ertragreicher wird und da also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer Produktionsvorteile an uns heranzudrngen. Gerade so verhlt es sich natrlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir knnen mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, da wir sofort von denselben verstndigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche Interesse haben wie wir, nmlich unsere Produktionsertrge zu steigern, damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen mglichst vollstndig genieen. Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht doch mglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen. Was geschhe -- so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt -- wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von Nordleikipia, dazu aufgefordert durch -- selbstverstndlich geheimen -- Beschlu der die Majoritt bildenden alten Mitglieder, es versuchen wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung fernzuhalten; wer schtzt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre, von der Majoritt Ihrer Associationsmitglieder nicht blo gebilligte, sondern geradezu in deren Interesse gebte Willkr? Die Mihandelten haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was -- Sie entschuldigen wohl die, blo um der prinzipiellen Aufklrung willen vorgebrachte Unterstellung -- erreicht werden will und was doch verhtet werden mu, soll darber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die Brche gehen. Oder die Majoritt kann sich zu gleichem Zwecke ein so hohes Prcipuum votieren, da das damit gebte Unrecht alle Zuwanderung abhlt. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des individuellen Eigennutzes kennt und kennen will? Abermals in der freien Concurrenz, entgegnete lchelnd der Direktor. Derartige Ausschreitungen wren bei uns nur mglich, wenn sie im geheimen gebt werden knnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht blo die darauf abzielenden Beschlsse, sondern auch deren Ausfhrung der Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollstndig entginge. Ich mte nicht blo den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten, alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich mte auch das Kunststck zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken, da Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar wrden, wre ich -- darauf knnen Sie sich verlassen -- zum lngsten Direktor, meine Auftraggeber wren zum lngsten Majoritt der Bodenassociation von Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser Beschlu, den alten Mitgliedern ein ungebhrliches Prcipuum zuzuwenden, bekannt wrde. Denn wie Sie leichtlich ermessen knnen, ist die ffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und eiferschtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berhrenden, das individuelle Interesse Aller gleichmig bedrohenden; und da die schrankenlose Freizgigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehrt keine sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmigen Chikanen zum Verlassen unserer Association zwngen, wrde vielleicht selber noch keine bse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon Lrm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten drfte bereits das ffentliche Mitrauen rege werden, und ehe ich meine Knste am zehnten Opfer zu ben vermchte, wre durch einen aus allen Gauen herbeistrmenden Zuflu neuer Mitglieder die belwollende Majoritt und ich natrlich mit ihr unschdlich gemacht. Diese Darlegung wirkte so schlagend, da fernerhin kein Zweifel gegen die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congremitglieder hatten zwar noch wiederholt Anla, ber gar Manches, was sie sahen und hrten, in Erstaunen zu geraten; da jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nmlichen Wunder allberall auch auerhalb Freilands in die Erscheinung treten mten, war ihnen zur Gewiheit geworden. * * * * * Nach Ablauf der zweitgigen Pause wurden die Beratungen des Congresses wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung: _Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und mte nicht bervlkerung eintreten, wenn es vorbergehend gelnge, das Elend allgemein zu beseitigen?_ Als erster Redner war vorgemerkt _Robert Murchison_ (Rechte): Ich mu zuvrderst Namens meiner bisher die Durchfhrbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden Gesinnungsgenossen die formelle Erklrung abgeben, da wir nunmehr nicht allein von der Durchfhrbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen Unvermeidlichkeit desselben durchaus berzeugt sind. Auch die fernere Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, da es der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich derselben noch nicht entschlagen und fhle mich daher im Interesse allseitiger Aufklrung verpflichtet, dieselben nach Krften zu begrnden. Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhngig von allen bisher errterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die Durchfhrbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit mu und wird zur Wahrheit werden, das wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, da sie sich wird behaupten knnen? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum fr alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge zerstrender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr und mehr wird die Menge der Bevlkerung anwachsen, bis endlich -- der Tag mag noch so ferne sein -- die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu ernhren im Stande sein wird. Ich will Sie mit ausfhrlicher Wiederholung und Begrndung des bekannten Lehrsatzes meines berhmten Landsmannes Malthus nicht ermden. Viel wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, berzeugendes bisher nicht. Da die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natrliche Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht blo der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen bleiben mu. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren knnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum htten, so mte auch der Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des Nahrungsmangels stiee, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberflche finden. Auch besttigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Vlker diese grausame Wahrheit; berall sehen wir, da es der Nahrungsmangel, die Not mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser Grenzen hlt. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit hinausrcken, vllig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und hundertfach grer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden, ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der Reichtum den Entbehrungen und schlielich bitterster Not weichen und zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil es aus ihrem alle Kultur erdrckenden Bannkreise kein Entrinnen geben wird, nicht einmal jenes teilweise, welches frher die Ausbeutung zum mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit, nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer knnte es sagen? Klar scheint nur, da die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht lngere Zeit hindurch erfreuen knnte. Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maregeln zur Verhtung der bervlkerung vorgeschlagen, um dem rckwirkenden Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf knstliche, planmige Unterdrckung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und Mittelchen sind -- wenn sie sich berhaupt durchgreifend in Anwendung bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den uersten Konsequenzen des Elends zitternden Bevlkerung; wie in berflu und Mue lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschrnkungen zu unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung knnte meines Erachtens in der freien Gesellschaft gnstigsten Falles erst dann Platz greifen, wenn die Not der bervlkerung schon einen hohen Grad erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das individuelle Freiheitsgefhl bedenklich vermindert htte. Das sind, ganz abgesehen von der ethischen Widerwrtigkeit all dieser gewaltsamen Eingriffe in das -- gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit so beraus zart sich gestaltende -- Verhltnis der Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von der berschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Mnner von Freiland ihre Schpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu knnen? _Franzisko Espero_ (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von den anderen lebenden Wesen, da er sich seine Nahrungsmittel selber bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit fortschreitender Kultur die Bevlkerung wird. Das hat ein groer amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt, da das im brigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen Zurckbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten, auf den Menschen keine Anwendung findet. Da trotzdem Not und Elend bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde htte genug fr Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet htte, freien Gebrauch von ihren Krften zu machen. Die Ausbeutung aber ist eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben. Beseitiget sie, und Ihr habt fr immer das Gespenst des Hungers verjagt. _Stefan Val_ (Freiland): Ich halte es fr ntzlich, den freilndischen Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu konstatieren. Das geehrte Kongremitglied aus Brasilien (Espero) hat recht, wenn es das thatschliche Elend der Menschheit in der Epoche der Ausbeutung statt mit dem Walten natrlicher Krfte, mit menschlichen Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie reichlicher zu ernhren unvermgend gewesen wre. Ich will brigens hinzufgen, da dieses thatschliche Elend die Massen niemals hinderte, sich zu vermehren in dem Mae, als dies durch andere, auf die Bevlkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja da sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn er, gesttzt auf die hohlen Redensarten Carey's, leugnet, da die Volksvermehrung, knnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu Nahrungsmangel fhren mte. Der erste der heutigen Redner hat ganz richtig bemerkt, da es in diesem Falle schlielich dahin kme, da den Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, da ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberflche bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja, in letzter Linie mte bei wirklich schrankenlos fortschreitender Vermehrung der Menschenmenge nicht blo die Oberflche, sondern sogar der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente fr die sich hufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme -- in so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhngern Recht, _mu_ also irgend eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die vernnftiger Weise erst dann bejaht werden drfte, wenn festgestellt, oder auch nur plausibel gemacht werden knnte, da nicht frher schon, lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge htte, da die Grenzen des Nahrungsspielraums, von ganz auergewhnlichen Fllen abgesehen, niemals auch nur annhernd erreicht, geschweige denn berschritten werden knnten. _Arthur French_ (Rechte): Das soeben Gehrte erfllt mich mit malosem Erstaunen. Wie, das Mitglied der freilndischen Verwaltung gibt zu -- was allerdings vernnftiger Weise nicht geleugnet werden kann -- da unbegrenzte Vermehrung eine Unmglichkeit sei, und bestreitet dennoch, da Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wre? Da Malthus geirrt, als er dieses natrliche Hemmnis auch bisher schon als in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen verwehrt war, sich zu sttigen, nicht weil die Erde unvermgend gewesen wre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu ernhren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt hatte. Schon minder verstndlich ist mir, was Redner darunter meint, wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung knstlich hervorgerufene Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als Befrderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber mchte ich nheres ber jene anderen, entscheidenden Faktoren hren, welche dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch in Zukunft die Regulierung der Bevlkerungszahl erwartet. Diese anderen Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die Bevlkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe kommen zu lassen. Knstliche, willkrlich zur Anwendung gelangende Mittel knnen das nicht sein, sonst wrde ein Mitglied der freilndischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit gegrndeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen. Doch abgesehen von all dem -- wie kann die Wirksamkeit eines so elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist, gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden, whrend dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe ntigen wrde, bei ihrem Fortpflanzungsgeschfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes vernnftige Ma zu beschrnken, welches den Rcksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entsprche? Mchtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schrfe vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefhl erwartungsvoller Spannung noch dadurch, da mehrere Mitglieder der freilndischen Verwaltung -- unter diesen auch der frhere Redner Stefan Val -- zum Prsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten, sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemchtigte sich die Empfindung, da die Debatte -- nicht blo die heutige, sondern die des Kongresses berhaupt -- an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei. Vermochten die Wortfhrer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und gegenstandlos nachzuweisen, so war die groe Geistesschlacht endgiltig gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte frderhin nicht mehr der Frage gelten, _ob_, sondern blo derjenigen, _wie_ die neue sociale Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an diesem Punkte die Kraft der freilndischen Beweisfhrung, gelang es ihr nicht abermals, das Gebude der gegnerischen Argumentation umzublasen, gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens. Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofr man sich begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen. Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. _Strahl_ das Wort, nachdem er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freilndischen Verwaltung abgegeben hatte: Unser Freund von der Rechten, so begann er seine Rede, hat den an uns gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das Mittel kennten, welches die Heringe ntigen wrde, sich bei ihrem Fortpflanzungsgeschfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den Rcksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entsprchen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bndig: Jawohl, wir kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf einen Gegenstand handelt, bezglich dessen die mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem Urteilvermgen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, da Sie Alle das fragliche Mittel so gut wten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, da wir oder Sie imstande wren, den Heringen diese vorsorgliche Rcksicht erst beizubringen, was in der That ziemlich schwer durchfhrbar wre; ich behaupte vielmehr, da unsere gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, da die Heringe von jeher ben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst durch unseren Witz angeleitet werden mten und da wir daher, um zur Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, blo ntig hatten: erstlich, die Augen zu ffnen, um zu sehen, _was_ in der Natur vorgeht und sodann unseren Verstand einigermaen zu gebrauchen, um auch hinter das _Wie_ dieses Naturvorganges zu gelangen. ffnen wir also zunchst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde, die ererbte konomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne dabei an dessen mgliche Beziehungen zur Bevlkerungsfrage innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen Erklrungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie denselben einfach als einen der vielen Kostgnger am Tische der Natur. Unmglich wird Ihnen dann entgehen, da diese Tierspecies zwar in sehr zahlreichen Exemplaren vertreten ist, da aber noch unendlich zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fnden. Ja ich behaupte, da Sie sich -- immer vorausgesetzt, da Sie dabei nur den Hering und nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben -- selber verlachen wrden, kme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die Heringe knnten, wenn ihrer etwas mehr wren, keine Nahrung im Weltmeere finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu werden vermchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren Ernhrungsverhltnisse wir nicht wie bei den Heringen blo durch unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch wirklichen Augenschein zu erkennen vermgen, also z. B. den Elefanten, den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und fr den er gleichfalls berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Prchen den ganzen Erdkreis mit seinen Nachkommen erfllen mte, um daraus die Schlufolgerung zu ziehen, da es der Nahrungsmangel sei, was dieser schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste, oberflchlichste Blick, da nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel Elefanten sind, als reichlich und in Flle Nahrung fnden? Wrden Sie nicht jeden fr einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis machen wollte? Sie wissen also insgesamt -- das bitte ich zunchst festzuhalten -- da jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmig innerhalb solcher Schranken hlt, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht blo, da es so ist, Sie wissen auch, da und warum es so sein _mu_. Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgnge sagt Ihnen nmlich bei nur einigem Nachdenken, da eine Art, die sich wirklich regelmig bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmig dem Hunger und den Entbehrungen ausgesetzt wre, notwendiger Weise verkmmern mte. Sie wissen also, da jener unerschpfliche berflu, der im Gegensatze zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der Notwendigkeit ist und es erbrigt nur mehr die Ergrndung jenes Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel, welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhllt, war damals noch nicht erhellt; man mute sich also damit begngen, alle Vorgnge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder der sogenannten Lebenskraft zu erklren -- was natrlich auch damals niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses einstweilen unerklrlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie aber -- im Jahrhundert nach Darwin lebend -- knnen auch ber diesen letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, da es der Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem entwickeln, was sie sind, da Eigenschaften, die sich als ntzlich und notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die sich als schdlich fr das Gedeihen der Art erweisen, unterdrckt und beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur Existenz jeglicher Art nicht blo ntzlich, sondern durchaus notwendig ist, so mu eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen, ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein. Das alles haben Sie gewut, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur war Ihnen dieses Ihr Wissen blo in jenen Fllen auch bewut, zum Gebrauche beim Denkprozesse gegenwrtig, wo es sich um rein botanische oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite der socialen oder konomischen Probleme berhrt wurde, senkte sich augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier ber diese soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten Schleier -- seine Fden heien anerzogene Vorurteile und Wahnvorstellungen -- ansieht, und Ihr Urteilsvermgen funktionierte nun nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen >Logik< sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige Kapriolen, die -- lge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen -- unmglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben knnten. Ja, so grndlich haben Sie sich daran gewhnt, die Bilder, die Ihnen dieser Schleier zeigt, fr die wirkliche Welt zu halten, da Sie sich von denselben nicht zu befreien vermgen, auch nachdem Sie sich dazu aufgerafft, den Schleier selber zu zerreien. Die Wahnvorstellungen und Trugschlsse der Malthus'schen Theorie sind doch eigentlich nur dadurch entstanden, da ihr Autor nach Grnden fr das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der gyptische Fellache, so fragte er sich; und da er -- gehindert durch den bewuten Schleier -- nicht zu sehen vermochte, da sie hungerten, weil ihnen der Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, da die Massen berall und allezeit hungerten, rtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu anderen Zeiten und Orten, aber schlielich doch hungerten, hungerten, hungerten, trotz aller Plage und allen Fleies, soweit menschliche Erinnerung zurckreicht -- so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen allgemeinen Hunger fr die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt wute er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die Vlker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch zahlreicher zu werden. Da die vom Rtsel des Elends gepeinigte Welt _das_ glaubte, ist schlielich zu begreifen, denn einen Grund mu das Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche Erklrungsgrnde herhalten mssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie glauben merkwrdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz, welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen, durchlchert, aber seine Fetzen umhllen Ihnen noch immer Haupt und Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer _heute_ hungert, das zu sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber fr unsere Nachkommen zittern Sie noch immer vor bervlkerung, den Hering sehen Sie noch immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift fr Sie immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans oder Afrikas -- sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an diese unsere armen, der bervlkerung verfallenen Nachkommen. Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrchen lauter Heiterkeit durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege von der Rednerbhne zum Prsidentensitze erwarteten ihn neben den Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drcken, auch die Wortfhrer der Opposition, die freudig und rckhaltlos den vollkommenen Sieg anerkannten. (Schlu des vierten Verhandlungstages.) 27. Kapitel. Fnfter Verhandlungstag. Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung: _Ist es mglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit berall unter Schonung der erworbenen Rechte und berkommenen Interessen zur Durchfhrung zu bringen; und wenn dies mglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?_ _Der Vorsitzende._ Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, _William Stuart_, bitte, sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten ber jene Vorschlge, welche das mit Ausarbeitung der bergangsbestimmungen in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat. _William Stuart._ Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung ber eine Reihe von gesetzlichen Verfgungen, die bestimmt sein sollen, uns mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht, zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinberzuleiten. Meine Auftraggeber sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlat, da unsere Nation unter allen Nationen auerhalb Freilands die erste ist, welche -- unseres Wissens zum mindesten -- ber das Stadium der Vorberatungen hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchfhrung des Werkes fhrenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns diesbezglich auf ein bewhrtes Prcedenz, das Beispiel Freilands, sttzen, was denn auch -- mit einigen hchst unwesentlichen, der Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden Abweichungen -- durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es fr die bergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat -- insbesondere in so wichtiger Sache -- lieber vor als nach der That einholen, so bin ich hergesandt, Ihre Meinung zu hren und dieselbe dann im amerikanischen Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschlge des Komitees Gesetzeskraft erlangen. Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden fr herrenlos zu erklren, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen Katasterwerte zu entschdigen. Um denjenigen, die sich dabei verkrzt erachten sollten, die Mglichkeit der Abhilfe zu gewhren, sollen besondere Sachverstndigenkommissionen zur Prfung allflliger Reklamationen niedergesetzt werden und die ffentliche Meinung der Union geht dahin, da diesen Kommissionen ein mglichst rcksichtsvolles Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang ist bei Gebuden beantragt, mit der Magabe jedoch, da zum eigenen Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhuser auf dessen Wunsch von der Ablsung ausgenommen werden knnen. Die solcherart erhobenen und festgestellten Ablsungsbetrge sollen je nach Wunsch der Berechtigten entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Magabe, da fr jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prmie von 1/5 Prozent gewhrt wird, welche Prmie der Berechtigte in Form von Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises ausgezahlt erhlt. Auf lnger als fnfzig Jahre wird die Abzahlung nicht erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000 Dollars bewertet worden, so erhlt der Besitzer, falls er sofortige Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn Jahresrenten __ 1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prmien von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200 Dollars zugezhlt werden. Verlangt er Abzahlung in fnfzig Raten __ 200 Dollars, so erwchst ihm ein Prmienanspruch von fnfzigmal 20, d. i. also von 1000 Dollars, die er in Form fnf fernerer Jahressraten __ 200 Dollars einkassiert. Dieselben Rckzahlungsmodalitten gelten fr die gesamte, sofort zu kndigende Nationalschuld. Die bestehenden Kredit- und Schuldverhltnisse der Privaten bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche Abzahlungsbedingungen ursprnglich vereinbart waren, das _Recht_ unmittelbarer Rckerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen Kapitalien abseitens des Gemeinwesens wird die Privatschuldner in den Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nmliche Prmie, die es seinen Glubigern gewhrt, auch von seinen Schuldnern verlangen. Der Zweck letzterer Maregel liegt auf der Hand; sie soll verhten, da -- Mangels jedes ihnen eingerumten Vorteils -- die Privatglubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen lassen. Bekmen die Kapitalbedrftigen anfangs ihren Bedarf gnzlich kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmhlicher Rckerstattung des entliehenen Kapitals, so wrden sie sich zu keinerlei Vergtung ihren alten Glubigern gegenber verstehen, whrend sie, wird der Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prmie, die das Gemeinwesen von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden. Zu bemerken wre noch, da, dank dem schon bei Gelegenheit der Wahlagitationen fr den konstituierenden Kongre allenthalben zum Ausdrucke gebrachten Grundsatze, alle erworbenen Rechte peinlichst zu achten, die produktive Thtigkeit in der bergangszeit nicht allein keinerlei Strung erlitten, sondern einen, vorher niemals noch erlebten Aufschwung erfahren hat. Die in Bildung begriffenen freien Associationen zwingen die alten Unternehmer, sich durch ausgiebige Lohnerhhungen die zum provisorischen Fortbetriebe erforderlichen Arbeitskrfte zu erhalten, und da gerade diese Lohnerhhungen den Bedarf nach allen Produkten sprunghaft steigern, so wchst damit zugleich das Interesse der Unternehmer, ihre Produktion vor jeder Stockung zu bewahren. Diese beiden Strmungen steigern sich gegenseitig in solchem Mae, da im Momente der Minimallohn drei Dollars per Tag bersteigt, und da fieberhafter Unternehmungsgeist sich der gesamten Geschftswelt bemchtigt hat. Insbesondere die Maschinenindustrie entfaltet eine Regsamkeit, die aller bisherigen Vorstellungen spottet. Die Furcht vor berproduktion ist zur Mythe geworden, und da die Unternehmer darauf rechnen knnen, in den Associationen demnchst schon bereitwillige Abnehmer fr guteingerichtete Anlagen zu finden, so hlt sie nichts ab, den letzten Moment, der ihrer Privatthtigkeit noch gelassen ist, thunlichst auszuntzen. Auch die Landbesitzer finden dabei ihre Rechnung, denn selbstverstndlich ist der Bodenwert infolge der so rapid gewachsenen Nachfrage nach Bodenprodukten aller Art sehr namhaft gestiegen. Kurzum, alles berechtigt uns zu der Annahme, da sich der bergang in die neue Ordnung der Dinge bei uns nicht blo leicht und glatt, sondern auch zu vollster Befriedigung _aller_ Teile unseres Volkes vollziehen werde. Der _Vorsitzende_ fragt die Versammlung, ob sie sofort in die Diskussion der soeben gehrten Botschaft des amerikanischen Kongresses, respektive in die Debatte ber Punkt vier der Tagesordnung eingehen, oder zuvor noch den Bericht entgegennehmen wolle, welchen der freilndische Kommissr in Ruland durch einen soeben in Edenthal eingetroffenen Abgesandten zu erstatten beabsichtige. Da sich der Kongre fr letzteres entschied, nahm _Demeter Nowikof_ (Abgesandter des freilndischen Kommissars fr Ruland) das Wort: Als wir, auf Wunsch des russischen Volkes von der freilndischen Centralverwaltung delegierten Kommissre, in Moskau eingetroffen waren, fanden wir die Ruhe wenigstens uerlich insoweit hergestellt, als die einander bis dahin mit schonungsloser Wut zerfleischenden Fraktionen auf die Nachricht unserer Ankunft vorderhand Waffenstillstand geschlossen hatten. Nicht blo die Kanonen und Gewehre, auch die Guillotine und der Galgen feierten. Radoslajew, unser bevollmchtigter Kommissr, berief sofort die smtlichen Parteihupter zu sich, bewog sie, die Waffen vollends niederzulegen, die Gefangenen freizugeben, die sieben verschiedenen, sich bis dahin smtlich als ausschlieliche Vertreter des russischen Volkes geberdenden Parlamente heimzusenden, und schrieb dann, nachdem er sich fr die Zwischenzeit mit einem Rate von Vertrauensmnnern der verschiedenen Parteien umgeben, mit thunlichster Beschleunigung allgemeine Neuwahlen fr eine konstituierende Versammlung aus. Da Produktion und Verkehr beinahe gnzlich stille standen, so war das Elend grenzenlos. Die Arbeitgeberschaft war von einigen der extremsten Parteien als todeswrdiges Verbrechen verfolgt worden, niemand wagte es daher, Arbeiter zu beschftigen; sich selber zu organisieren, dazu waren in den meisten Teilen des Reiches die unwissenden, in knechtischem Gehorsam darniedergehalten gewesenen Massen gnzlich auer Stande, und da zum berflu die radikalsten unter den Nihilisten auch die Organisatoren freier Associationen als maskierte Herren zu guillotinieren begonnen hatten, so schien es fast, als ob gegenseitiges Todschlagen die einzige Thtigkeit sei, der man hinfort in Ruland obliegen knne. Die Proklamation, mit welcher Radoslajew die Wahlen ausschrieb, beruhigte zwar die Gemter, gengte aber nicht zu rascher Inaugurierung ersprielicher produktiver Thtigkeit. Als daher die neugewhlte konstituierende Versammlung zusammengetreten war, schlug ihr Radoslajew als bergangsstadium in das Regime der wirtschaftlichen Gerechtigkeit ein gemischtes System vor, in welchem neben den Keimen der anzustrebenden freien Gesellschaft und neben allflligen Resten alter Einzelwirtschaft eine Art von bergangs-Kommunismus Platz finden sollte. Zunchst aber mute Ordnung in die bestehenden Rechtsverhltnisse gebracht werden. Whrend der unserer Ankunft vorhergehenden Schreckensherrschaft war aller immobile Besitz zu Nationaleigentum erklrt worden, ohne da die frheren Eigentmer irgendwelche Entschdigung erhalten hatten; alle bestehenden Schuldverhltnisse waren einfach annulliert und es galt nun, nachtrglich diese Gewaltakte gutzumachen, soweit es irgend noch anging. Doch in diesem Punkte erwies sich anfangs auch die neue Nationalversammlung untraitabel. Der Ha gegen die alte Ordnung war ein so allgemein verbreiteter und tiefer, da selbst die Depossedierten es nicht wagten, auf unsere Absichten einzugehen. Das aus der Epoche der Ausbeutung herrhrende Privateigentum galt schlechthin als Raub und Diebstahl, die Inanspruchnahme von Entschdigungen als schimpflich derart, da eine Deputation frherer Grogrundbesitzer und Fabrikanten, an ihrer Spitze zwei ehemalige Grofrsten, Radoslajew beschwor, von seiner Forderung abzustehen, damit der kaum entschlafene nihilistische Fanatismus nicht neuerlich gereizt werde. Nichtsdestoweniger beharrte dieser, nachdem er sich mit uns, den ihm beigegebenen Freilndern, beraten, auf seiner Forderung. Er erklrte der Nationalversammlung, da es uns natrlich fern liege, dem russischen Volke unsere Anschauungen aufzuntigen, da anderseits aber auch Ruland von uns nicht verlangen knne, uns an einem Werke zu beteiligen, dessen Grundlage -- in unseren Augen -- Raub wre; und diese Drohung mit unserem Rcktritte wirkte endlich. Die Nationalversammlung machte noch den Versuch, sich der Votierung einer ihr verhaten Maregel dadurch zu entziehen, da sie Radoslajew fr die Zeit des berganges die Diktatur anbot; nachdem er jedoch auch dieses Ansinnen abgelehnt hatte, fgte sie sich und ging widerwillig in die Beratung des Entschdigungsgesetzes ein. Im Sinne des von Radoslajew vorgelegten Entwurfes sollte den frheren Eigentmern der volle Wert in Raten bezahlt werden, ebenso sollten die frheren Schuldverhltnisse voll reaktiviert und gleichfalls in Raten abgetragen werden; die unvernderte Annahme dieses Gesetzes konnte Radoslajew jedoch nicht durchsetzen. Die Nationalversammlung votierte einstimmig eine Klausel, nach welcher kein einzelner Entschdigungsanspruch die Hhe von 100000 Rubel berschreiten durfte; hatte der Eigentmer Schulden, so wurde deren Betrag in Anrechnung gebracht, doch durfte auch der Ersatzanspruch aus dem Titel von Schuldforderungen keines einzelnen Glubigers 100000 Rubel bersteigen. Ebenso wurde fr verwstetes Eigentum eine auf das gleiche Maximum beschrnkte Entschdigung gewhrt. Inzwischen hatten wir alle Anstalten getroffen, um die Produktion auf den neuen Grundlagen zu organisieren. Privatunternehmer wagten sich, trotzdem ihnen das Feld freigegeben war, nicht hervor; dagegen begannen sich insbesondere in den westlichen Gouvernements auf Grund unserer zum Muster genommenen freilndischen Statuten, freie Arbeiterassociationen zu bilden. Die groe Masse der arbeitenden Bevlkerung erwies sich jedoch hiezu noch unfhig, und notgedrungen mute daher die Regierungsgewalt organisierend eingreifen. Zwanzig verantwortliche Komitees wurden fr zwanzig verschiedene Produktionszweige geschaffen und diese Komitees nahmen mit Hlfe der sich bereitwillig zur Verfgung stellenden Intelligenz die Produktion in die Hand. Der Freiheit ist insoweit Rechnung getragen, als niemand zwangsweise zur Arbeit verhalten wird. Derzeit sind 83000 solcher Unternehmungen mit 12 Millionen Arbeitern im Betriebe. Bezglich der Verteilung des Ertrages herrscht in denselben ein aus freier Vergesellschaftung und Kommunismus gemischtes System. Die Hlfte des erzielten Nettoertrages gelangt unter den gesamten 12 Millionen Arbeitern zur gleichmigen Verteilung; die andere Hlfte verteilen die einzelnen Unternehmungen fr sich unter die ihnen angehrigen Arbeiter. Wir glauben solcher Art jede Unternehmung einerseits gegen die uersten Konsequenzen eines allflligen Mierfolges ihrer Produktion sichergestellt, anderseits aber auch das Interesse der Beteiligten am Gedeihen der einzelnen Produktion wachgerufen zu haben. Die Leiter dieser Produktivkrperschaften erhalten nach dem gleichen gemischten Systeme Zahlung. Die Arbeitszeit ist auf 36 Stunden wchentlich fixiert. Auerdem ist ein zweistndiger tglicher Unterricht fr Erwachsene eingerichtet, welchen Unterricht gegenwrtig 65000 Wanderlehrer, deren Zahl jedoch stetig vermehrt wird, zu besorgen haben. Desgleichen sind bisher 120000 Volksbibliotheken errichtet, zu deren Versorgung mit den notwendigsten Bchern eine Anzahl groer Druckereien in Ruland selber gegrndet, auerdem aber die bedeutenderen Druckereien des Auslandes beschftigt sind; die freilndischen Druckereien allein haben bisher 28 Millionen Bnde geliefert. Da auch der Jugendunterricht mit aller erdenklichen Energie gefrdert wird -- 780 Lehrerseminare sind teils gegrndet, teils in Grndung begriffen, vom slawischen Auslande, insbesondere aus Bhmen, sind massenhaft Lehrkrfte herangezogen worden, und dergleichen mehr -- so hoffen wir den Bildungsgrad der Massen sich binnen wenigen Jahren so weit heben zu sehen, da mit den Resten des Kommunismus wird aufgerumt werden knnen. Inzwischen wird die provisorisch gebte Bevormundung den sich derselben freiwillig unterwerfenden Massen gegenber auch zur Hebung und Veredlung ihrer Gewohnheiten und Bedrfnisse ausgenutzt. Geistige Getrnke, insbesondere Branntwein, werden nur in begrenzten Dosen ausgeschenkt, die elenden Lehmhtten und Arbeiterhhlen werden successive niedergerissen und durch nette, mit kleinen Grten versehene Familienhuser ersetzt; monatlich mindestens einmal werden Volksfeste veranstaltet, bei denen leichte zwar, aber gute Musik, Theatervorstellungen und populre Vortrge den sthetischen, eine rationelle feinere Kche den materiellen Geschmack der Teilnehmer zu heben bestimmt sind. Besondere Sorgfalt wird der Erziehung der Frauen gewidmet. Nahe an 80000 Wanderlehrerinnen durchziehen heute schon das Land, unterrichten die -- von jeder groben Arbeit befreiten -- Weiber in den Elementen der Wissenschaft sowohl, als civilisierterer Haushaltungskunst, suchen ihr Selbstgefhl und ihren Geschmack zu heben, sie ber ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklren und insbesondere der bis dahin herrschend gewesenen huslichen Brutalitt zu steuern. Da diese Apostel hherer Weiblichkeit -- wie berhaupt alle Lehrkrfte -- die volle Autoritt der Behrden hinter sich haben und sich ihrem Berufe mit hingebender Begeisterung widmen, so lassen sich derzeit schon nicht unerhebliche Erfolge ihres Wirkens feststellen. Die Weiber der arbeitenden Klassen, bis dahin schmutzige, mihandelte, strrige Lasttiere, beginnen allgemach fr ihre Wrde als Menschen sowohl wie als Frauen Verstndnis zu zeigen. Sie lassen sich von ihren Mnnern nicht mehr prgeln, halten diese, sich selber, die Kinder und ihr Haus reinlich und wetteifern untereinander in Erwerbung von allerlei ntzlichen Kenntnissen. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, ja eine Revolution hat -- Dank dem sofort eingefhrten Versorgungsanspruche der Frauen -- in den Sittlichkeitsverhltnissen stattgefunden. Whrend frher, insbesondere unter dem stdtischen Proletariate, geschlechtliche Zgellosigkeit und Kuflichkeit allgemein verbreitet waren, sind jetzt geschlechtliche Fehltritte eine unerhrte Seltenheit geworden. Dabei ist es insbesondere interessant, den Unterschied zu beobachten, welchen die Meinung des Volkes zwischen derlei Snden aus frherer Zeit und zwischen denen der Gegenwart macht. Whrend ber jene ganz allgemein der Mantel der Vergessenheit gebreitet wird, kennt die ffentliche Meinung fr diese keine Nachsicht. Die sich frher verkaufte, war eine Unglckliche, die es jetzt thte, wre eine Verworfene, so spricht und handelt in diesem Punkte das Volk. Die ffentliche Dirne von ehemals trgt die Stirne hoch und frei, sofern sie jetzt nur tadellos ist, und sieht mit stolzer Verachtung herab auf das Mdchen oder die Frau, die sich nunmehr, seitdem wir Weiber uns nicht mehr verkaufen mssen, um Brot zu haben, auch nur das Geringste zu Schulden kommen lt. Es wird nunmehr in die Debatte ber Punkt 4 der Tagesordnung eingegangen. _Ibrahim el Melek_ (Rechte). Die beraus lehrreichen Berichte aus Amerika und Ruland liefern den drastischen Beweis dafr, da der bergang zu dem Systeme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit sich nicht blo im allgemeinen desto leichter, sondern insbesondere auch unter desto annehmlicheren Formen fr die besitzenden Klassen vollziehe, je entwickelter und vorgeschrittener zuvor die arbeitenden Klassen gewesen. Unter diesem Gesichtspunkte darf es also nicht Wunder nehmen, da auch wir in gypten den Systemwechsel voraussichtlich nicht ohne schwere Erschtterungen werden durchmachen knnen. Die Nhe Freilands und das rasche Eintreffen seiner von den aus Rand und Band geratenen Fellachim mit nahezu gttlichen Ehren empfangenen Kommissre hat uns zwar vor hnlichen Greuelscenen bewahrt, wie sie Ruland Wochen hindurch zerfleischten; es sind keinerlei Mordthaten und nur geringe Zerstrungen von Eigentum vorgekommen; aber die von den freilndischen Kommissren einberufene gyptische Nationalversammlung zeigt sich noch weit abgeneigter als ihre russische Kollegin, die Entschdigungsansprche der frheren Besitzer anzuerkennen. Ich sehe darin eine Fgung des Schicksals, gegen die sich nichts machen lt und die man daher mit Resignation hinnehmen mu. Von Verschulden aber mchte ich die so schwer Betroffenen freisprechen. Ohne da es ausdrcklich gesagt worden ist, habe ich doch das deutliche Empfinden, da die groe Majoritt dieser Versammlung von dem Gedanken ausgeht, die ehemals herrschend gewesenen Klassen erfhren nunmehr berall das Los, welches sie sich selber bereiteten; dem gegenber mchte ich fragen, ob denn etwa die amerikanischen, australischen und west-europischen Grundherren, Kapitalisten und Arbeitgeber frher die Vorteile ihrer Stellung minder schonungslos ausbeuteten, als die russischen oder gyptischen? Da sie ihren arbeitenden Klassen nicht so bel mitzuspielen vermochten, als die letzteren, hat in der greren Energie des Volkscharakters, in der greren Widerstandskraft der Massen, nicht aber in ihrer, der Herrschenden, Gutmtigkeit seinen Grund. Ich vermag also keine Gerechtigkeit darin zu sehen, wenn der russische Edelmann oder der gyptische Bey sein Vermgen verliert, whrend der amerikanische Spekulant, der franzsische Kapitalist oder der englische Lord aus dem Umschwunge vielleicht sogar mit Gewinn hervorgeht. _Lionel Spencer_ (Centrum). Der Herr Vorredner drfte mit seiner Vermutung, da auch die besitzenden Klassen Englands gleich denen Amerikas ohne Verlust aus der im Zuge befindlichen Revolution hervorgehen werden, voraussichtlich Recht behalten; da den Besitzenden nichts genommen werden drfe, was ihnen nicht zum vollen Werte bezahlt wird, kann bei uns in England so gut als z. B. in Frankreich und noch in einigen anderen demokratisch verwaltet gewesenen Lndern nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Ein Spiel des blinden Fatums aber vermag ich darin nicht zu erblicken. Bemerken Sie, da die Opfer der socialen Revolution berall im umgekehrten Verhltnisse des bis dahin blich gewesenen Arbeitslohnes stehen, dessen Hhe in erster Reihe bestimmend ist fr das Durchschnittsniveau der geistigen Bildung des Volkes. Wo die Massen in tierischem Elend schmachteten, dort darf man sich nicht wundern, da sie, als ihre Ketten brachen, sich auch mit tierischer Wut auf ihre Zwingherrn strzten. Die Hhe des Arbeitslohnes hinwieder ist berall abhngig von dem Ausmae politischer und socialer Freiheit, welches die Besitzenden den Massen gnnen. Mag immerhin der russische Edelmann oder der gyptische Bey persnlich sogar gutmtiger sein, als der amerikanische Spekulant oder der englische Landlord; der essentielle Unterschied liegt darin, da das Schicksal der Massen in Amerika und England vom persnlichen Belieben der Reichen unabhngiger war als in Ruland und gypten. Die Besitzenden waren dort -- wenn auch vielleicht im Privatverkehr noch hrter -- politisch klger, mavoller, als hier und die Frchte dieser politischen Klugheit nun sind es, die sie ernten. Mag auch sein, da sie selbst zu dieser Klugheit sich blo gezwungen bekannt hatten -- sie _thaten_ es eben und nur die Thaten, nicht die Gesinnungen richtet die Geschichte. Die herrschend gewesenen Klassen der zurckgebliebenen Lnder ben jetzt fr das berma ihres Herrenbewutseins; sie zahlen gleichsam nachtrglich jene Differenzen des Arbeitslohnes, welche sie frher noch an dem, ohnehin krglich genug bemessenen, allgemeinen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung abgezwackt hatten. _Tei-Fu_ (Rechte). Der Herr Vorredner bersieht, da die Bestimmung des Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondern von Angebot und Nachfrage abhngt. Da Hungerlhne zum Tiere herabdrcken, ist ja leider richtig und die Blutbder, mit denen die zur Verzweiflung getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalben das Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Ruland beredte Beweise dieser Wahrheit; aber wie htte alle politische Klugheit der Herrschenden dem vorbeugen knnen? Der Arbeitsmarkt in China war eben berfllt, das Hndeangebot zu gro; keine Macht der Erde konnte den Lohn erhhen. _Alexander Ming-Li_ (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt, da der Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhnge; es ist das kein in unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern ein der Nationalkonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalb in gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schlielich von jeder Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie als Ware feilgeboten werden mu. Aber daneben hngt der Preis auch noch von zwei anderen Dingen ab, nmlich von den Produktionskosten und vom Nutzwerte der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktoren sind es, die auf die Dauer den Preis regulieren, whrend die Schwankungen von Angebot und Nachfrage auch blo Schwankungen innerhalb der von Produktionskosten und Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizufhren vermgen. Man mu auf die Dauer fr jedes Ding so viel bezahlen, als seine Herstellung kostet und man kann auf die Dauer nicht mehr fr dasselbe erhalten, als sein Gebrauch wert ist. Das ist alles auch lngst bekannt, nur hat man es sonderbarer Weise niemals vollstndig auf die Frage des Arbeitslohnes angewendet. Was kostet die Herstellung der Arbeitskraft? Nun offenbar so viel, als der Arbeiter an Mitteln des Unterhalts braucht, um bei Krften zu bleiben. Und was ist der Nutzwert der menschlichen Arbeit? Nun ebenso offenbar der Wert des durch sie zu erzielenden Produkts. Was heit das also in seiner Anwendung auf den Arbeitsmarkt? Wie mir scheint, nichts anderes, als da die Hhe des Arbeitslohnes -- unbeschadet der Fluktuationen durch Angebot und Nachfrage -- auf die Dauer bestimmt wird durch die Lebensgewohnheiten der Arbeiter einerseits und durch die Produktivitt ihrer Arbeit anderseits. Ersteres Moment ist bestimmend fr die Forderungen der Arbeiter, letzteres fr die Zugestndnisse der Arbeitgeber. Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben. Die Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabnderlich gegebenes; jedes menschliche Wesen hat das natrliche Bestreben, mglichst gut zu leben, und wenn auch zugegeben werden mu, da Sitte und Gewohnheit hufig dieser natrlichen Expansionstendenz der Bedrfnisse einige Zeit hindurch hemmend entgegentreten knnen, so darf ich doch mit gutem Gewissen behaupten, da unsere unglcklichen Brder im blumigen Lande der Mitte nicht aus unberwindlicher Abneigung gegen ausreichende Kost und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, sondern sehr gern bereit gewesen wren, sich hhere Gewohnheiten anzueignen, wenn nur die vorsorgliche Weisheit aller chinesischen Regierungen dem nicht jederzeit dadurch entgegengetreten wre, da sie alle Versuche der Arbeiter, sich behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungen zu verabreden und zu vereinigen, mit den hrtesten Strafen verfolgte. Verbndete Arbeiter wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen und die Besitzenden Chinas -- das ist ihre Thorheit und ihre Schuld -- haben dieser verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierung stets Beifall gespendet. Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil es nicht blo gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegen den eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spendenden in grblichster Weise verstie. Die Regierung anlangend sollte man meinen, da dieser das Aberwitzige und Selbstmrderische ihres Beginnens ganz von selbst auch ohne tieferes Nachdenken lngst htte einleuchten sollen. Mute doch ein Blinder sehen, da sie ihre finanzielle sowohl als ihre militrische Kraft in dem Mae ruinierte, in welchem ihre Maregeln gegen die unteren Volksklassen von Erfolg begleitet waren. Der Konsum der Massen ist wie allerorten so auch in China die hauptschliche Quelle der Staatseinnahmen, die physische Gesundheit der Bevlkerung die Sttze der militrischen Kraft gewesen. Was sollten aber Chinas Zlle und Accisen einbringen, wenn das Volk nichts verzehren konnte und wie sollten seine aus dem elendesten Proletariate rekrutierten Soldaten Mut und Kraft vor dem Feinde beweisen? Ebenso schdigte diese Darniederhaltung der Massen auch die Interessen der Besitzenden. Weil das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochte es auch nicht zu hher produktiver Arbeit berzugehen, d. h. seine Arbeitskraft hatte, gerade weil ihre Herstellungskosten so jmmerlich wenig beanspruchten, auch jmmerlich wenig Nutzwert. Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel fr die Arbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrt war, in wirksamer, d. h. nicht blo den einzelnen Arbeitgeber, sondern den Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelne Unternehmer htte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in beschrnktem Mae nachgeben knnen, da er als Einzelner das Mehr an Lohn an seinem Gewinne eingebt htte; wre aber in ganz China der Arbeitslohn gestiegen, so htte dies den Bedarf in solchem Mae erhht, da die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wre, d. h. mit besseren Produktionsmitteln htte ausgestattet werden knnen; nicht aus ihrem Gewinne, sondern aus dem gesteigerten Ertrage htten die Arbeitgeber die Lohnaufbesserung gedeckt, ja ihr Gewinn wre sogar gewachsen, ihr Reichtum, dargestellt durch die in ihrem Besitze befindlichen kapitalistischen Arbeitsmittel, htte sich vermehrt. Das schliet natrlich nicht aus, da einzelne Produktionszweige unter diesem Umschwunge gelitten htten, denn die Zunahme des Konsums infolge verbesserter Lhne erstreckt sich nicht gleichmig auf alle Bedarfsartikel. Der Konsum kann sich im Durchschnitt verzehnfacht haben und trotzdem die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationr bleiben, ja vielleicht sogar zurckgehen; dafr aber wird in diesem Falle ganz gewi die Nachfrage nach gewissen anderen Gtern sich mehr als verzehnfachen, den Einbuen einzelner Arbeitgeber stehen sicherlich desto grere Gewinne anderer Arbeitgeber gegenber und als allgemeine Regel kann berall gelten, da der Reichtum der Besitzenden im geraden Verhltnisse mit dem Arbeitslohne wchst, den sie bezahlen mssen. Es ist dies ja anders auch gar nicht mglich, da dieser Reichtum der besitzenden Klassen der Hauptsache nach in gar nichts anderem besteht, als in den Produktionsmitteln, die zur Herstellung der Bedarfsgter des ganzen Volkes dienen. Und sollte mein geehrter Landsmann vielleicht meinen, da man sich mit der Frage der Lohnerhhung in einem Zirkel bewege, indem einerseits die Ergiebigkeit der Arbeit, d. i. der Nutzwert der Arbeitskraft allerdings nicht verbessert werden knne, so lange der Volksgebrauch, d. i. der Selbstkostenbetrag der Arbeitskraft, sich nicht steigere, anderseits aber auch letztere Steigerung undurchfhrbar sei, so lange erstere nicht zur Thatsache geworden; so sage ich ihm, da dies eben der verhngnisvolle Aberglaube ist, den die besitzenden Klassen und die Machthaber so manchen Landes nun so grausam zu ben haben. Da der Arbeits_lohn_ in der ausbeuterischen Welt immer nur einen Teil und dazu in der Regel noch einen sehr geringen des Arbeits_ertrages_ beanspruchte, so waren -- von hchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen -- die Arbeitgeber sehr wohl in der Lage, Lohnerhhungen zu gewhren, noch bevor die, allerdings erst als Folge _allgemeiner_ Lohnerhhung zu gewrtigende Steigerung der Ertrge faktisch eingetreten war; ich sage ihm, da speciell in China durchschnittlich selbst der dreifache und vierfache Lohn noch immer nicht den ganzen -- wohlverstanden nicht einmal den alten, von der Erhhung der Ertrge noch unbeeinfluten -- Gewinn verschlungen htte. Die Arbeitgeber _konnten_ also mehr zahlen, sie _wollten_ blo nicht. Letzteres war vom Standpunkte des Einzelnen betrachtet auch ganz begreiflich; Jeder sorgt blo fr den eigenen Vorteil, und dieser verlangt, da man vom erzielten Nutzen so viel als mglich fr sich behalte, so wenig als mglich anderen abtrete. In diesem Punkte waren die amerikanischen Spekulanten, die franzsischen Kapitalisten und die englischen Landlords nicht um ein Gran besser als unsere chinesischen Mandarinen. Anders aber handelten Jene und anders Diese als Gesamtheit. Trotzdem der Unsinn, da man den Arbeitslohn nicht erhhen _knne_, eigentlich im Westen erfunden und von allen Lehrkanzeln verkndet worden ist, hat der richtigere Volksinstinkt der westlichen Vlker diese doch seit einigen Menschenaltern veranlat, in ihrer Politik so zu handeln, als ob sie das Gegenteil erkannt htten. In der Theorie beharrten sie dabei, der Lohn knne nicht wachsen; in der Praxis aber begnstigten sie mehr und mehr die Lohnforderungen ihrer arbeitenden Massen, mit deren unleugbaren Erfolgen sich dann hinterher die Theorie abfand, so gut oder so schlecht es eben ging. Ihr, meine chinesischen Brder dagegen, habt Euch in der Politik strikte an die Lehren dieser Theorie gehalten; Ihr habt Euere arbeitenden Massen zunchst durch die Erkenntnis, da der Staat ihr Feind sei, in Verzweiflung gebracht und jede Ausschreitung der Verzweifelten dann sofort dazu bentzt, Ordnung in Eurem Sinne zu machen. Euere Hand war stets gegen die Schwcheren erhoben -- wundert Euch nicht, da diese einen frwahr nur geringen Teil der ihnen zugefgten Leiden vergelten, nachdem sie die Strkeren geworden. Das hindert natrlich nicht, da wir in Freiland -- wie ja unsere Thaten beweisen -- auch das den ehemaligen Unterdrckern zugefgte Unrecht beklagen und so viel an uns liegt, gutzumachen bestrebt sind. Wir halten dafr, da auch das Volk von Ruland, gypten und China, kurzum, da alle Welt am besten thte, das von der amerikanischen Union gegebene Beispiel nachzuahmen; wir glauben dies schon aus dem Grunde, weil diese weise Gromut sich nicht blo fr die Besitzenden, sondern auch fr die Arbeitenden als vorteilhaft erweisen wird. Es liegt jedoch leider nicht in unserer Macht, dem russischen Muschik, dem gyptischen Fellah oder dem chinesischen Kuli sofort Anschauungen beizubringen, wie sie den Arbeitern des vorgeschrittenen Westens natrlich sind. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; in ihr wird schlielich Jedem zugemessen, was er sich selber verdient hat. Da kein fernerer Redner vorgemerkt war, schlo der Prsident die Debatte ber diesen Punkt der Tagesordnung, und damit zugleich die Beratungen des Kongresses. Schluwort. Die Geschichte von Freiland ist zu Ende. Ich knnte zwar, den Faden der Erzhlung weiter spinnend, das Befreiungswerk der Menschheit, wie es meinem geistigen Auge sich darstellt, in seinen Einzelheiten ausmalen; aber wozu sollte dies dienen? Wer aus dem Bisherigen nicht die berzeugung geschpft hat, da wir an der Schwelle eines neuen, glcklicheren Zeitalters stehen und da es nur von unserer Einsicht und unserem Willen abhngt, dieselbe sofort zu berschreiten, den werden auch Dutzende folgender Bnde nicht berfhren. Denn nicht die wesenlose Schpfung einer ausschweifenden Phantasie ist dieses Buch, sondern das Ergebnis ernsten, nchternen Nachdenkens, grndlicher, wissenschaftlicher Forschung. Alles, was ich als thatschlich geschehen erzhle, es _knnte_ geschehen, wenn sich Menschen fnden, die erfllt gleich mir von der Unhaltbarkeit der bestehenden Zustnde, sich zu dem Entschlusse aufrafften, zu handeln, statt zu klagen. Gedankenlosigkeit und Trgheit sind in Wahrheit annoch die einzigen Sttzen der bestehenden wirtschaftlichen und socialen Ordnung. Was einst notwendig und deshalb unvermeidlich gewesen, es ist schdlich und berflssig geworden; nichts zwingt uns frderhin, das Elend einer berlebten Weltordnung zu ertragen, nichts hindert uns, jenes Glck und jenen berflu zu genieen, zu deren Bereitung uns die vorhandenen Kulturmittel befhigen wrden, nichts, als unsere eigene Thorheit. So sprachen und schrieben seit des Thomas Morus Zeiten schon zahllose Weltverbesserer, und stets hat sich als Utopie erwiesen, was sie der Menschheit als Universalmittel gegen alle Leiden empfahlen -- wird man mir vielleicht entgegenhalten; und gestehen will ich, da die Furcht, mit der Legion von Verfassern utopischer Staatsromane vermengt zu werden, mir anfangs nicht geringe Bedenken gegen die von mir gewhlte Form des Buches einflte. Aber bei reiflichem Erwgen entschied ich mich doch dafr, statt trockener Abstraktionen ein mglichst lebensvolles Bild zu bieten, das in anschaulichen Vorstellungen deutlich mache, was bloe Begriffe doch nur in schattenhaften Umrissen darstellen knnen. Der Leser, der den Unterschied zwischen jenen Werken der Phantasie und dem vorliegenden nicht selber herausfindet, ist fr mich ohnehin verloren; ihm bliebe ich der unpraktische Schwrmer, auch wenn ich mich noch so trockener Systematik befleiigte, denn ihm gengt, da ich an eine nderung des Bestehenden glaube, um mich dafr zu halten. In welcher Gestalt ich meine Beweise vorbringe, ist fr diese Art Leser schon aus dem Grunde einerlei, weil sie -- gleich den Frommen in Sachen der Religion -- schlechterdings auer stande sind, Beweise zu prfen, die ihre Spitze gegen das Bestehende kehren. Den unbefangenen Leser dagegen wird die erzhlende Form nicht hindern, nchternen Sinnes zu untersuchen, ob meine Ausfhrungen innerlich wahr oder falsch sind. Sollte auch er finden, da ich -- und sei es nur in _einem_ wesentlichen Punkte -- von irrigen Voraussetzungen ausgegangen, da die von mir dargestellte Ordnung der Freiheit und Gerechtigkeit irgendwie den natrlichen und allgemein anerkannten Triebfedern menschlicher Handlungsweise widerspreche, ja sollte er, nachdem er mein Buch gelesen, nicht zu der unumstlichen berzeugung gelangt sein, da die Durchfhrung dieser neuen Ordnung -- von nebenschlichen Details natrlich abgesehen -- ganz und gar unvermeidlich sei -- dann allerdings mte ich mich damit bescheiden, mit Morus, Fourier, Cabet und wie sie alle heien mgen, die auf socialem Gebiete ihre Wnsche der nchternen Wirklichkeit unterschoben, in _einen_ Topf geworfen zu werden. Ausdrcklich hervorheben will ich zum Schlu, da sich die innere Wahrhaftigkeit meines Buches nicht blo auf die der Handlung zugrunde gelegten wirtschaftlichen und ethischen Prinzipien und Motive, sondern auch auf den ueren Schauplatz derselben erstreckt. Die Hochlande im quatorialen Afrika entsprechen durchaus dem im Vorstehenden entworfenen Bilde. Wer dies bezweifelt, der kontrolliere meine Erzhlung durch die Reiseberichte Speekes, Grants, Livingstones, Bakers, Stanleys, Emin Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers, kurz all Derer, welche jene paradiesischen Gegenden besucht haben. Um Freiland, so wie ich es darstelle, zur Thatsache werden zu lassen, bedarf es also in jeder Hinsicht blo einer gengenden Anzahl thatkrftiger Menschen. Werden sich solche finden? Wird diesen Blttern die Kraft innewohnen, mir die Genossen und Helfer zuzufhren, die zur Durchfhrung des groen Werkes erforderlich sind? _Wien_ 1890. Theodor Hertzka. Druck von Hallberg & Bchting, Leipzig. Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher): [S. 32]: ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrchte, Gemse und Obstgarten aus. ... ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrchte, Gemse und Obstarten aus. ... [S. 38]: ... uns von dem Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstrkter ... ... uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstrkter ... [S. 51]: ... teils den Anhngen der seitlich und gegenber gelagerten Berge entspringen. ... ... teils den Abhngen der seitlich und gegenber gelagerten Berge entspringen. ... [S. 56]: ... unter Benutzung von Wasserkraft zu bearbeiten begann und teils ... ... unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils ... [S. 72]: ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Glashtten ... ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashtten ... [S. 86]: ... solche, oder durch ihre gewhlten Funktionre, die ihr jedoch verantwortlich ... ... solche, oder durch ihre gewhlten Funktionre aus, die ihr jedoch verantwortlich ... [S. 91]: ... Ertrge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzen. ... ... Ertrge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten. ... [S. 92]: ... der Edenthal-Association dagegen erhielt blo 2 Schilling pro ... ... der Edenthal-Association dagegen erhielten blo 2 Schilling pro ... [S. 95]: ... Nicht mglich viel und gut zu erzeugen, sondern fr einen mglichst ... ... Nicht mglichst viel und gut zu erzeugen, sondern fr einen mglichst ... [S. 209]: ... dazu antreibt und es ist daher die Natur der Sache nach ausgeschlossen, ... ... dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach ausgeschlossen, ... [S. 211]: ... Herrlich! rief David. Also weil die arbeitenden Massen ihr ... ... Herrlich! rief David. Also weil die arbeitenden Massen ihren ... [S. 221]: ... Schdigung abziehender Konkurrenzkampf ist. ... ... Schdigung abzielender Konkurrenzkampf ist. ... [S. 223]: ... sind eben allesamt Eigentmer ihres gesamten Landes, und inniges Betragen ... ... sind eben allesamt Eigentmer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen ... [S. 227]: ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begrnden knnte, sie ... ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begrnden knnten, sie ... [S. 231]: ... wollen, um dem Mssiggange frhnen zu knnen. Werden hinsichtlich ... ... wollen, um dem Mssiggange frhnen zu knnen? Werden hinsichtlich ... [S. 244]: ... seit Wochen resultatlos hin und wieder. Sichtlich nahmen die Kabinette ... ... seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette ... [S. 285]: ... nur zur Fristung des nackten tierischen Leben ausreichte, und der Knechtschaft ... ... nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft ... [S. 287]: ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien ... ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der ... [S. 293]: ... Frei >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil ... ... >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil ... [S. 306]: ... Preigebung der hheren Produktivitt und dem entsprechenden Fortbestand ... ... Preisgebung der hheren Produktivitt und dem entsprechenden Fortbestand ... [S. 331]: ... die Nachfrage nach einem einzelnem Gute ziemlich stationr bleiben, ja ... ... die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationr bleiben, ja ... End of the Project Gutenberg EBook of Freiland, by Theodor Hertzka License: Share Alike