Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net Siegfried, der Held Der deutschen Jugend erzhlt Rudolf Herzog Mit Bildern von Franz Stassen Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912 Copyright 1911 by Ullstein & Co 1. Kapitel Wie Siegfried jung war, zu Mime in die Lehre kam, den Drachen erlegte und den Nibelungenschatz gewann Wenn ihr den Rhein hinunterwandert, immer tiefer ins niederrheinische Land hinein, seht ihr aus der schweigenden Ebene eine altertmliche Stadt sich erheben, die zu trumen scheint. Xanten ist sie geheien, und sie trumt von ihrer groen Vergangenheit. Von alten, stolzen Zeiten, da noch ein Knig hier herrschte weit bis nach Niederland hinein, da noch die Drachenschiffe nordischer Seeruber vom Meere heraufkamen in den Rhein, und des Knigs starke Ritter, die auf den Rheinwiesen ihre Rosse im Turniere tummelten, die Feinde erschlugen und ersuften, da es eine wilde Lust war. Hei, wie in den Heldentagen die Trompeten jauchzten, die Schwerter blitzten und die Schilde krachten, als kmpfte ein herrlich Gewitter rheinauf und rheinab. Das war die Zeit, da dem Knig Siegmund und seiner Knigin Siegelinde ein Sohn geboren wurde, und weil nach heien Siegen Friede herrschte, so nannten sie ihn Siegfried. Wie ein junger Baum, den die Grtner mit Flei und Liebe hten, wuchs der Knabe auf. Spielend lernte er die Aufgaben, die seine Lehrer ihm stellten, und war als Kind schon so klugen und hellen Geistes wie wenige vor ihm und nach ihm. Das tat, da er nach den Schulstunden nicht in den Stuben hockte und sich nicht an Mutters Schrzenband hngte, sondern wie ein rechter Knabe, der ein ganzer Mann zu werden wnscht, durch Wiesen und Wlder rannte, die Stimmen aller Tiere erforschte und die Geschichten, die der Wald erzhlt und die Wellen des Rheines raunen. So wurde nicht nur sein Krper sthlern und biegsam wie eine gute Klinge, sondern auch sein Blick wurde scharf und sein Gehr hell und sein Denken rasch und sicher. Mit zehn Jahren ritt er den wildesten Hengst ohne Zgel und Zaum, beschlich ihn auf der Weide, warf sich auf seinen Rcken und bndigte den rasend Dahinstrmenden mit eisernem Griff in die Mhne. Denn Furcht war ihm fremd, und wer furchtlos ist, bleibt Sieger im Leben. Mit zwlf Jahren besiegte er alle Edelknappen und Waffenknechte seines Vaters, und mit vierzehn Jahren ritt er heimlich zum Turnier der starken Ritter, mit geschlossenem Helmvisier, damit sie nicht wten, da es der Knabe Siegfried sei und sie ihn wegen seiner Jugend von der Bahn verwiesen, legte den Speer ein, den er sich aus dem Stamme einer jungen Esche geschnitzt hatte, und warf die stolzen Ritter aus dem Sattel, da sie aus ihren Panzerstcken herausgeschlt werden muten, wie gesottene Krebse aus ihren Schalen. Da trat er vor seinen Vater, den Knig, und bat ihn: Lat mich in die Welt, Herr Vater, berall hin, wo Feinde sind und es fr eine gute Sache zu fechten gilt. Der Knig aber sprach: Die Kraft allein tut's nicht, um die Feinde zu bndigen, sondern ein weiser Sinn, der aus Feinden Freunde macht und dem Lande die Segnungen des Friedens beschert. Werde lter, mein Sohn, und du wirst mir meine Worte danken. Siegfried aber dachte: Er hat gut reden, der Herr Vater, denn sein Bart ist heute grau, und die Tage, in denen er selber mit Schwert und Speer auf die Feinde rannte, liegen hinter ihm. Wenn es Abend ist, kommen die Harfner in die Halle und singen von Knig Siegmunds Taten. Da ist es leicht fr ihn, zu verzichten und anderen vom Verzicht zu reden. Und er ging bekmmert umher und wute nicht aus noch ein mit seinem wachsenden Jugendmut. An einem strmischen Herbstabend hatte er sich wieder in die Halle geschlichen, in der Knig Siegmund, von seinen Rittern umgeben, thronte und das Trinkhorn kreisen lie. Der Snger sa mit der Harfe auf den Stufen des Thrones. Er sang von den Kmpfen der Gtter und Menschen. Von den Helden sang er, die das Land befreit hatten von Rubern und Drachen. Von den Mutigen und Starken, die mit dem blanken Schwert ein Knigreich erobert und die schnste Prinzessin zur Frau gewonnen hatten. Und er sang das alte Lied von den Goldschtzen des Zwergenknigs Nibelung, die von Fafner, dem greulichen Lindwurm, im Berge gehtet wurden und der erobernden Heldenfaust harrten. Da ward's dem lauschenden Knaben hei und hoch zu Sinn, und er fand in der Nacht keinen Schlaf und stand auf, kleidete sich an und trat vors Burgtor. Hui, ri ihm der Sturmwind die Mtze vom Kopf, und er lief mit dem Sturmwind um die Wette, sie zu fangen, und jagte durch die schauernden Wiesen in die nachtdunklen Wlder hinein, die sich unermelich dehnten und in denen es schrie, jauchzte und winselte von tausend Stimmen der Nacht. Siegfried aber lachte, da es durch den Wald hallte, denn das gefiel ihm wohl. Und er packte einen jungen Eichbaum, bog ihn nieder, ri ihn mitsamt der Wurzel aus und erschlug mit ihm, was sich in der Finsternis gegen ihn warf: einen schnaufenden Eber mit gleienden Hauern, ein gewaltiges Einhorn mit glhenden Augen und eine Schlange, deren Lindwurmkopf rote Flammen und giftgrne Dmpfe spie. Und Siegfried schrie in den Sturm hinein: Das ist ein Leben! Ha, das ist ein Leben! Die Nebel brodelten auf, zerfetzten sich in den Kronen der Bume und lieen den dmmernden Tag in den Wald hinein. Siegfried schaute sich um. Er mute ber die Grenze in ein fremdes Land geraten sein, denn er fand sich nicht mehr zurecht. Das machte ihn noch einmal von Herzen lachen, denn nun konnte er wohl seine Tapferkeit vor den Menschen beweisen. Aber wie er weiter und weiter durch Dickicht und Gestrpp den Weg sich bahnte, versprte er pltzlich einen Hunger, der immer grimmiger in ihm wtete. Da lugte er, wo er den hchsten Baum fnde, und kletterte bis in den Wipfel, Ausschau nach einer Menschensiedelung zu halten, und seine scharfen Augen entdeckten bald den Rauch einer Htte, die an einem flieenden Wasser in einer Waldlichtung lag. Dorthin sprang er in weiten Stzen. Es stand ein Schmied vor der Tr, und Siegfried staunte ihn an. Denn der Mann hatte einen schweren, kurzgefgten Krper mit einem groen Hcker zwischen den Schultern und einen verwitterten Kopf. Da ein Mensch so hlich sein konnte, tat dem schnen Knaben leid, und er wnschte dem verwachsenen Schmied recht frhlich einen guten Morgen. Gerade hatte der Kleine mit Armen, die stark waren wie Hebebume, einen Eisenbalken auf den Ambo gewlzt, als Siegfried ihn anrief. Er richtete sein wirrbrtiges Gesicht auf, packte einen ungefgen Hammer und fragte: Was willst du hier? Ei, rief Siegfried, was wird ein nchterner Magen wollen? Eine Morgensuppe will er, wie sie dort auf Eurem Herde so appetitlich duftet. Hand weg, sagte drohend der Schmied. Miggnger brauchen nicht zu essen. Ich will's Euch wohl beweisen, ob ich das Essen verdiene, zrnte Siegfried. Habt Ihr was zu schaffen fr mich? Der Schmied reichte ihm den ungefgen Hammer und wies auf den Eisenbalken, der ber dem Ambo lag. Wenn dein Arm so stark ist wie dein Mundwerk -- Da hob Siegfried wtend den Hammer und lie ihn auf den Eisenbalken niedersausen, da der in Stcken durch die Lfte flog und der Ambo eine Klafter tief in die Erde fuhr. Was ist das fr ein Kinderspielzeug? rief der starke Siegfried. Gebt mir Mnnerarbeit! Mit weitgeffneten Augen starrte der Schmied auf den Zornigen. Nun knnt Ihr mich morden, Jungherr, denn Ihr habt die Waffe in der Hand. Siegfrieds Zorn aber war schon verraucht. Da habt Ihr sie wieder. Ich kmpfe nicht mit Waffenlosen. Auch scheint die Natur Euch Armen so schwer mihandelt zu haben, da man Euch mit Liebe begegnen mu. Der Migestaltete sah ihn noch immer an. Aber in seinen Augen war ein warmes Aufleuchten. Reicht mir die Hand. Ihr knnt nur Siegfried sein, der junge Held, von dessen Strke schon heute die Snger Kunde tun. Nun aber wei ich, da Ihr in Wahrheit ein Ritter seid. Denn Ihr habt ein reines und gtiges Herz. Und wer seid Ihr? fragte Siegfried. Ich bin Mime, der Schmied. Bleibt bei mir, so lange es Euch gefllt, und ich will Euch viele Knste lehren. Da blieb Siegfried bei Mime im Walde und wute nicht, da es ein Jahr ward und ein zweites und drittes, so lief die Zeit dahin wie ein Wunder und wurde von Meister und Schler weidlich gentzt. War Siegfried als Knabe stark gewesen, so wurde er als Jngling ein Hne an Kraft und doch geschmeidig wie der schnellfigste Hirsch. Er lernte den Bren mit den Fusten fangen und ihn am Bratfeuer ohne Messer und Spie zerreien und zerlegen. Das frische Blut trank er wie einen Becher Rotwein und geno zum Wildbret eine Flle von saftigen Wurzeln und Krutern, die ihn vor jeder Krankheit bewahrten. Tglich aber unterrichtete ihn Mime in der hchsten Kunst des Waffenhandwerks und lehrte ihn die feinsten Handgriffe und die Vollendung in Ansturm und Abwehr, so da ein einzelner leicht ein Dutzend bestnde. Es stand ein Ro im Stall, das stammte von den Rossen Wotans, auf denen einst die Walkren ritten, und hie Grane. Das schenkte Mime seinem Zgling. Und Helm und Panzer schmiedete er ihm und ein Schwert, das durch hrtestes Eisen schnitt wie durch einen Butterklo, und das Schwert hie Balmung. Wie da Siegfrieds Augen leuchteten! Vater Mime, fragte er, weshalb macht Ihr mich so reich? Und der Migestaltete sprach: La es dir gefallen, mein junger Held. Keiner auf der Welt hat mir Liebe geschenkt als du. Ist es da nicht verstndlich, da ich dir auf meine Art davon zurckgeben mchte? Siegfried errtete. Ich habe es nicht um Lohn getan. Und der Schmied sprach weiter: Gerade deshalb bist du des Lohnes wrdig. Aber ich wei, da deine junge Ritterseele nicht nach Lohn giert, der dir ohne Kampf und Zutun in den Scho fllt. Den echten Mann erfreut nur der Besitz, den er sich selbst erobert hat. Deshalb schuf ich dir nur die Waffen. Dein Werk sei nun, den Schatz zu gewinnen. Und jetzt hre mich an. Da erzhlte Mime, der Schmied: Es war ein Knig mit Namen Nibelung, der besa den reichsten Schatz der Erde an Gold und Edelgestein. Mein Bruder Fafner und ich gewannen ihn durch List; doch als es zwischen uns zur Teilung kommen sollte, hhnte mich der arge Bruder wegen meiner Migestalt und bedrohte mein Leben. Da entfloh ich vor dem Treulosen und bte in dieser Waldeseinde meine Habgier. Fafner aber hielt sich von Stund an fr reicher und mchtiger als die Gtter in Walhalla, erzrnte die Himmlischen und wurde zur Strafe in einen scheulichen Lindwurm verwandelt. Wo sich am Rhein das Land der Sieben Berge erstreckt, gewahrst du den steil zum Strome abstrzenden Felsen, der seine Wohnung bildet. Hier htet der Drache seine Schtze, tief in einer Felsenburg, in der tausend gefangene Nibelungenritter die Wache halten. Und das gefrige Untier, das schon seinen Goldhunger nicht zu stillen vermochte, wirft sich auf die Bauern des Gebirges und verschlingt sie bei lebendigem Leibe, immer whnend, es schlnge Gold. Nun mach du dich auf, mein Sohn, bestehe das Abenteuer und gewinne den Schatz. Aber hte dich vor dem Ring, den der Drache an der Klaue trgt. Nibelung trug ihn und verfluchte ihn, als er ihm von Fafner entrissen wurde. Vergrabe ihn tief im Bauche der Erde oder wirf ihn ins Meer, wo sein Schlund am schwrzesten ghnt. Das versprach Siegfried, lie sich von Mime wappnen und das Schwert grten, nahm mit Ku und Umarmung Abschied von seinem Pflegevater, bestieg das Ro Grane und ritt singend in die Welt. So aber sah Siegfried aus, als er, Mann geworden, singend auszog, ein Held zu werden: Um Haupteslnge berragte er die Menschen. Goldrot flog ihm das Haar um den Kopf, als htte er die Sonne in seinen Locken gefangen. Stahlblau blickten seine Augen, und so froh und weich ihr Glanz in guten Tagen zu sein vermochte, so druend und blitzend konnten sie funkeln und flammen, schien dem Helden eine Sache nicht recht. Wohlgebildet war sein Krper, da es den Frauen eine Wonne wurde, ihn zu schauen, sein Arm eisern und seine Schenkel von unermdlicher Kraft auf dem Pferdercken und im Weitsprung hinter der Wurfscheibe her. Wohin er kam, staunten die Leute dem jugendschnen Recken nach, und sein Bild machte aller Herzen frhlich. Er aber zog singend durch die Lande, als wre er der Frhling. So nahte er sich dem Siebengebirge und sah den Drachenfels wie eine Festung ber dem Strome lagern. Ei, mein Ro Grane, rief er lachend, wollen wir heute noch den Strau wagen? Verschiebe nicht auf morgen, was du heute noch verrichten kannst. Und das edle Ro Grane flog wie ein Pfeil ins Gebirge hinein. Immer dunkler und dichter wurden die Wlder. Kein Mensch war hier gegangen seit Jahren und Jahren. Unheimlich lastete die Einsamkeit, und geruschlos fast, als verstnde es die Gefahr, setzte das Ro Grane Huf vor Huf. Da lag die kahle Hhe des Felsen. Das Ro erschauerte. Ein Dampf quoll auf, der in Sten den Himmel verfinsterte, und ein giftiger Brodem erfllte die Luft und stach in die Lungen. Siegfried zog das Helmband fester und lockerte den gewaltigen Eschenspeer, der von der Spitze bis zum Schaft mit zweischneidigem Eisen beschlagen war. Mit der Linken tastete er nach seinem guten Schwert Balmung, strich beruhigend seinem Pferde ber den Kopf und lenkte es behutsam um einen Felssturz. Da lag das Untier, an die hundert Fu lang, mit dem Kopfe eines Krokodils, den Krallen eines Lwen und dem schuppigen Schwanze eines frchterlichen Wurmes. Es schlief. Pfui, sagte Siegfried und htte gern das Wort zurckgenommen. Denn vom Klange seiner Stimme war der Drache erwacht, glotzte aus vorquellenden Augen den tollkhnen Ritter an, ffnete den Rachen und -- lachte ein grausenerregendes Lachen. Das erbitterte den Helden, denn er sprte den Hohn. Schliee den Schnabel, du Vieh! rief er zornig. Dein Atem riecht bel. Warte, ich sperr' ihn dir! Und er bog den Arm zurck, sprengte vor und schleuderte den eisenbeschlagenen Speer dem Drachen ins Maul, da nur noch das Ende des Schaftes hervorwippte. Das Untier aber erhob sich, wrgte und spie den Speer mit solcher Wucht zurck gegen Siegfrieds auffangenden Schild, da sich das Ro auf die Hinterbeine setzte und sich berschlagen htte, wre Siegfrieds zwingende Hand nicht so stark gewesen. Jetzt aber ging der Drache zum Angriff vor. Er brllte, da die Felsen erdrhnten und das Gestein ringsum zersprang. Und bei jedem Atemzug schossen lodernde Flammen aus seinem Rachen, da der Held vor Hitze schier glaubte verkommen zu mssen. Den Gaul ri er herum, um dem sengenden Qualm zu entgehen. Da holte der Lindwurm mit dem Schuppenschwanze zum Schlage aus. Aber das Ro Grane stieg hoch und schwang sich wie ein Vogel ber den Rcken des Ungetms, hinber und wieder herber, wie die Schlge des Schwanzes fielen, und Siegfried holte sein Schwert Balmung aus der Scheide, und pltzlich beugte er sich vom Rcken des springenden Rosses tief hinab, der Stahl pfiff durch die Luft und durchhieb den Schwanz des Untiers, da er losgetrennt gegen die Felswand klatschte. Heulend fuhr der Drache in die Hhe, und ein Prankenschlag traf den Steigbgel und ri Siegfried vom Pferd. Ich will's dir vergelten, du Nimmersatt. rief der Held und sprang zu Fu den Drachen an. Aber die Glut, die ihm entgegenstrmte, war so furchtbar, da ihm die Panzerschnallen schmolzen und der Harnisch von seinem Krper fiel. So ist's bequemer, lachte grimmig der Held und lie den Balmung wie einen Wirbel tanzen. Schon lief ihm der Schwei in Strmen ber den Leib, schon fhlte er das Mark im Arm verdorren vor der hllischen Hitze, und immer noch war der Drache bermchtig. Da gewahrte er an der Klaue des Lindwurms einen blitzenden Ring, den Ring des Knigs Nibelung. Und er nahm seine letzte Kraft zusammen, duckte sich, sprang vor, warf sich an des Untiers Kehle und durchschlug mit sausendem Querhieb die zum Schlag erhobene Tatze, da die Krallen mit dem Ringe in die Steine flogen. Einen einzigen Schrei tat der Drache. Einen Schrei, wie ein Verdammter schreit. Und brach in seinem Blute tot zusammen. Held Siegfried sttzte sich auf seinen Schwertknauf. Die Zunge lag ihm trocken im Munde. Einen Trunk mute er tun, wollte er nicht verdursten, und er beugte sich ber das Drachenblut und schpfte mit der Hand. Als er aber die Hand zurckzog, war sie, soweit er sie in das Blut getaucht hatte, wie mit einer Hornhaut berzogen. Da erkannte sein scharfer Sinn sofort das Wunder, und er warf die Kleider ab und badete den ganzen Leib in dem Blute, so, da sein ganzer Krper hrnern wurde und undurchdringlich fr Hieb und Stich. Nur zwischen den Schulterblttern blieb eine kleine Stelle frei. Ein Lindenblatt hatte sich im Walde gelst und war ihm beim Baden angeflogen. [Illustration: Siegfried badet im Blut des Drachens] Angetan mit seinen Kleidern, das Schwert Balmung in der Hand, schritt der Held zum Eingang der Felsenburg. Mit dem Fu stie er an die abgehauene Klaue, und als er den Ring blitzen sah, bckte er sich, zog ihn von der Kralle und streifte lachend das Kleinod an seinen Finger. Aufgemacht! rief er und schlug mit dem Schwert gegen das Eisentor. Blitzschnell ffnete sich das Tor, und ein Hagel von Schwerthieben fiel auf den Recken nieder, da er des Todes gewesen wre, htte ihn die hrnerne Haut nicht geschtzt. Hageldicht fielen die Hiebe, und doch gewahrte er niemanden, der sie schlug. Da griff er blindlings geradeaus und nach rechts und nach links, und pltzlich hielt er einen Bart in seiner Faust und fhlte wohl, da er an dem Barte einen Menschen herumschwang, und er schlug diesen unsichtbaren Menschen gegen die steinernen Torpfosten, bis eine Stimme klglich um Erbarmen bat. Zeig' dich, rief Siegfried, oder ich fresse dich an diesem Bart mit Stumpf und Stiel. Da rieselte es wie ein Nebel zu seinen Fen nieder, und er hielt in den Hnden einen eisengeschienten, kriegerischen Zwerg, der an seinem eigenen Barte zappelte. Wer bist du? befragte ihn Siegfried. Und was machte dich unsichtbar? Und der Zwerg sthnte: Ich heie Alberich und bin der Fhrer der Nibelungenritter, die der greuliche Fafner sich dienstbar machte. Wenn ich Euch schlug, tat ich, was meine Pflicht mir gebot. Habt ein Einsehen deshalb, so Ihr selber ein Ritter seid. Und ich weise Euch die Tarnkappe, die ihren Trger unsichtbar macht vor den Menschen. Schwre mir, sagte Siegfried, da du fortan in Treuen mein Dienstmann sein willst mit deinen Rittern, und ich will euch ritterbrtig halten. Schwre getrost. Denn ich habe euch von eurem Bedrcker befreit. Da beugte Alberich das Knie, berreichte die Tarnkappe und schwur sich mit seinen Mannen Siegfried in die Hand. Und die tausend Nibelungenritter eilten herbei, schlugen Schilder und Schwerter zusammen und huldigten ihrem Befreier und ritterlichen Herrn mit brausendem Jauchzen. Alberich aber fhrte Siegfried durch die gewaltigen Schatzkammern und wies ihm den Nibelungenhort, der so reich war an Gold und Edelgestein, da es mehr als hundert Leiterwagen bedurft htte, um ihn von dannen zu fhren. Wie Siegfried da frhlich lachte! 2. Kapitel Wie Siegfried durch die Waberlohe zu Brunhild drang, sich mit der Befreiten verlobte, ihr Island eroberte und sich zrnend von ihr wandte Eine Woche nur hatte Siegfried auf der Burg des Drachenfelsen gerastet, und schon schien ihm die Zeit unertrglich lang. Denn sein junger Sinn stand ihm nach Taten und hielt Ruhe und Bequemlichkeit nur wrdig des Alters, das befriedigt auf die getane Arbeit zurckschauen kann. Darum entbot er den Nibelungenfhrer Alberich zu sich und besprach sich mit dem kundigen Manne. Die Welt ist voll von Plagen und Kriegsnten, sagte er, und wartet auf den Befreier. Ich aber liege bei meinen Reichtmern und stehle Gott den Tag ab. Das ist Schwchlings Art und nicht die meine. Weist mir ein wrdiges Abenteuer, Freund Alberich. Da antwortete der kriegerische Zwerg: Nehmt uns mit, Herr, und wir erkmpfen Euch den ganzen Erdball. Siegfried aber schttelte die Locken. Das wre mir eine Heldentat, meine Leute fr mich kmpfen zu lassen und mir der anderen Lorbeeren um den Helm zu winden. Erst will ich mir meinen eigenen Namen verdienen, bevor ich andere fhre und leite. Nennt mir ein Abenteuer, so schwer, da kein zweiter Mensch es unternhme, und ich will es bestehen oder ruhmreich unterliegen. Lange sann Alberich vor sich hin. Dann hob er den behelmten Kopf und sah dem Helden in die Augen. Ihr habt mich zwar weidlich beim Barte gezaust, als Ihr mich gefangen nahmt, begann er, und mein Leib ist immer noch rot und blau, so schlugt Ihr mich wider die Trpfosten. Aber Ihr habt doch mich und die Meinen aus der Sklaverei des greulichen Fafner errettet und ritterlich behandelt und gehalten, so da es mir leid um Euch wre, Euch in ein todbringendes Abenteuer verwickelt zu sehen. Nennt es mir, drngte der Held. Wenn Ehre und Ruhm dabei zu gewinnen ist, darf keine Gefahr uns schrecken. Das ist kein Mann, der sich nicht selber einsetzt. Mein edler, junger Herr, sprach Alberich, ich will es Euch nennen, weil ich Euch bewundere. Und -- weil ich keinem die herrlichste Beute gnne als Euch. Ich wei die schnste Frau, die je vom Himmel auf die Erde kam. Wo ist sie und wie heit sie? rief Siegfried rasch. Brunhild heit sie, sagte der Zwerg, und war eine der Walkren, der starken Schlachtenjungfrauen, die einst die im Kampfe gefallenen Helden auf ihren Rossen in den Himmel Walhalla trugen. Weil sie ungehorsam gewesen war und wider gttliches Gebot einen ihr lieben Helden gegen den Tod geschtzt hatte, liegt sie auf einem einsamen Berge im Zauberschlaf, und der Berg ist eingehllt von der Waberlohe, das ist ein loderndes Flammenmeer, und nur der Starke, der furchtlos hindurchreitet, kann sie erwecken und zum Weibe gewinnen. Wie Siegfrieds Augen leuchteten und seine Brust sich mchtig hob! Kaum vermochte der Khne seine Ungeduld zu meistern. Wo geht der Weg, Alberich? Noch heute versuch' ich den Ritt. Stammt Euer Ro Grane nicht von den Walkrenrossen? fragte der Zwerg. Ist es so, so wird es den Weg finden. Da nahm Siegfried Abschied von den tausend Nibelungenrittern, setzte Alberich zum Verwalter seiner Schtze ein und rief sein Ro Grane. Sein Schwert Balmung hing ihm an der Seite, und in einer Ledertasche fhrte er die unsichtbar machende Tarnkappe mit sich. Grane, sagte der Held, und das edle Tier spitzte die Ohren, Grane, weit du den Brunhildfelsen, wo deine Brder und Schwestern im Stalle stehen? Trage mich hin, Grane, wir wollen sie befreien und die schne Jungfrau vor allem. Da wieherte das Pferd hellauf vor Freude und umsprang in wilden Stzen seinen Herrn. Der aber schwang sich behend auf des Pferdes Rcken, und das Ro war mit seinem Reiter den Augen der Nachblickenden entschwunden, bevor sie sich von ihrem Staunen erholt hatten. Wie die Windsbraut jagte das Ro dahin. Die Locken flogen Siegfried um die Stirn, und er schlug sich vor Freude klatschend auf den Schenkel. Durch Berge und Wlder ging es im gestreckten Lauf, Strme und Seen wurden durchschwommen und alle Hindernisse im sausenden Sprunge genommen. Den ganzen Tag jagte Grane mit Siegfried dahin und die ganze Nacht, und als der frhe Morgen dmmerte, hob sich in weiter Einde ein Berg vor ihnen, der eine einzige Feuersbrunst schien. Das wogte und wallte vom Fu bis zum Gipfel in Flammen und Gischt. Mit bebenden Flanken stand das Ro. Aber Siegfried zog sich die Tarnkappe ber den Kopf, die Ro und Reiter vor dem Feuer htete, packte sein scharfes Schwert, gab Grane die Sporen und sprengte in die Glut hinein. Mit mchtigen Hieben schuf er sich Bahn durch das brennende Dickicht, durch mannshohe Dornenhecken schlug er sich einen Weg, und so oft sie wieder zusammenrckten und ihn zu ersticken drohten, sein Mut und seine Kraft erlahmten nicht, und das brennende Gestrpp flog unter seinem Schwert wie Feuergarben nach links und nach rechts. Spring an, Grane! rief der Held, spring an! Bei zu, Balmung! Hei, mein gutes Schwert, bei zu! Und in gewaltigen Stzen sprengte das Ro aufwrts, keuchend und sthnend, Funken und Flammen unter seinen Hufen. Und der Stahl Balmung zischte und blitzte, zerbi Eichenstmme wie dnne Ruten und hielt die Bahn frei, bevor sich die lodernde Wildnis wieder schlieen konnte. Der Gipfel des Berges war erreicht. Ein ragendes Tor stie Siegfried mit dem Schwertknauf ein. Da donnerte es rings um den Himmel herum minutenlang, und als das letzte Rollen des Donners verhallt war, waren die Flammen des Berges erloschen, und der Wald grnte und blhte in der goldenen Morgensonne. Siegfried zog sich die Tarnkappe vom Haupt. Sein Gesicht glhte, und die Adern lagen ihm wie Stricke auf der Stirn. Das war, bei Gott, nicht leicht, stie er, nach Atem ringend, hervor, schttelte die Locken und sprang vom Pferde. Neben seinem Rosse Grane kniete er hin, das Auge auf die goldene Morgensonne gerichtet, und dankte dem Himmel fr die sichtbare Behtung. Dann nahm er Grane beim Zgel und schritt durch das Tor. Da lag auf mauerumgrtetem Platze eine groe, wunderbar schne Frau, gepanzert und behelmt, angeschmiedet auf einem eisernen Lager. Wie eine Schlafende lag sie mit geschlossenen Augen. Leise trat Siegfried heran und beugte sich ber sie. Nie glaubte er Herrlicheres geschaut zu haben. Denn wie eine Kriegsgttin war diese Frau anzusehen, von mchtigem Krperbau und doch von Antlitz schn und stolz wie eine hehre Jungfrau. Nachtschwarz fielen ihr die Locken um die Wangen, und der Mund blhte rot und sehnschtig. [Illustration: Siegfried tritt an das Lager Brunhilds] Behutsam nahm Siegfried sein Schwert, und der Balmung durchschnitt die Eisenfesseln, als wren es weiche Stricke gewesen. Da dehnte die heldische Jungfrau traumbefangen ihre Glieder. Und Siegfried beugte sich tiefer ber sie und kte sie sacht auf den Mund. Gro und weit ffnete die Jungfrau ihre Augen. Dunkel waren sie wie ihr nachtschwarzes Gelock, und sie erwachten aus dem Traum und gewannen Leben und Feuer. Wer bist du, Held? sprachen ihre Lippen. Und wo kommst du her? Und der Held antwortete und war noch immer ber sie gebeugt: Ich bin Siegfried, Siegmunds Sohn und gebrtig aus Xanten am Niederrhein. Was trieb dich, o Siegfried, dies Wagestck zu bestehen? Der Wunsch, o Brunhild, dich zu befreien und dich zu gewinnen. Sie sttzte sich auf ihre starken Arme und richtete sich auf. Ihr Blick schweifte durch das offene Tor den Berg hinab. Das Feuer ist erloschen, sagte sie leise und atmete tief. Und der furchtbare Bannspruch ist mit ihm erloschen. Sie sprang auf die Fe, da ihr Panzer klirrte, reckte die Arme und streckte den Leib. Frei! Frei! Und Siegfried stand neben ihr, staunte ihres Leibes Kraft und Schnheit an und wute nichts zu sagen. Da wendete sie den Kopf nach ihm, gewahrte sein bewunderndes Auge, gewahrte seine Reckengestalt und errtete tief. Blicke mich nicht so an, o Held. Du bist so schn, o Brunhild. Nur wer mein Gemahl wre, drfte mich so anschauen. Und es gibt keinen Mann auf Erden, der so stark ist, da er mich bezwnge. Wehr' dich, lachte Siegfried, trat auf sie zu und schlo sie in seine Arme, da sie sich nicht regen konnte. Aber der Zorn flammte aus ihren Augen und frbte ihre Wangen. Gib mich frei, stie sie hervor, oder es knnte dich reuen. Hab' nimmer gelernt, was Furcht ist, lachte der Held und kte sie auf den zornigen Mund. Du Unband, sthnte sie, aber nun lachte auch sie. Siehst du wohl, sagte Siegfried, es geht schon an. Nun ksse auch du mich einmal. Sie glaubte seine Arme gelockert und sprang pltzlich gegen ihn an, da es ihn fast umgeworfen htte. Aber nun umschlang er sie, da sich ihr Panzer bog und ihr der Atem in der Kehle stockte. Ist das dein Ku, du Wilde? So will ich dich wohl auf deine Weise wieder kssen, wenn dir das eher gefllt. Da hob sie, von seiner Kraft und seinem Lachen bezwungen, den Kopf und kte ihn. Und allsogleich lie er von ihr ab, bog das Knie und huldigte ihr ritterlich. Das Blitzen ihrer Augen schwand, und ihr Blick wurde weich und frauenhaft. Ihre Hand spielte in seinen Locken. Mein Held, sagte sie und atmete tief. Mein Held und Befreier. Danke mir besser, o, ich bitte dich, Brunhild. Was knntest du Besseres begehren als meine Freundschaft? Und Siegfried sprang vom Boden auf und rief: Dich selber! Werde mein Weib! Lange sann Brunhild in die Ferne hinaus. Dann sprach sie: Fern im Nordmeer liegt ein Inselreich. Wie eine unbezwingbare Festung steigt es aus der wildrollenden See. Eine Kette von feuerspeienden Bergen umgrtet es, und kochend heie Flsse zischen ins schwarzblaue Meer. Island heit das Land, das nie bezwungene, und mir gehrte es, bis mich der Spruch des zrnenden Gottvaters hierher und in Ketten in die wabernde Lohe warf. Seit ich fern bin, ist Island unterjocht. Du willst mich zum Weibe, Siegfried? Wo ist dein Brautgeschenk? Ich will es dir nennen und will die Deine sein, so du es mir schaffst: Nimm Island mit strmender Hand fr mich. Setze mich wieder auf den Thron meiner Heimat. Ich kann mich nur als Knigin dir schenken und nicht als Magd. So sprach die stolze Frau, und Siegfried, hingerissen von der Gre ihrer Sprache, gelobte es ihr in die Hand und zog den Ring Nibelungs von seinem Finger und steckte ihn ihr an als Verlobungsring. Auf dem Ringe aber lastete der Fluch, von dem Mime gesprochen hatte, als Siegfried auszog, den Lindwurm zu erlegen, der Fluch Nibelungs, der den Trger des Ringes sich berheben lt in wachsendem Ehrgeiz und nimmersatten Wnschen. Und Siegfried hatte Mimes Warnung vergessen, als er den Ring an Brunhilds Finger schob. -- Im Stalle des Bergfrieds stand Brunhilds Walkrenro. Und bei ihm stand Grane und leckte ihm zrtlich den Hals. Hoho, mein guter Geno, rief Siegfried, hast du den Kameraden gefunden? Nun, wenn es auch gar so schnell wieder auf die Reise geht, ihr bleibt zusammen. Gefllt euch das? Da wieherten die Rosse vor Vergngen und lieen sich willig satteln und zumen. Und Siegfried hob mit starken Armen Brunhild in den Sattel, da sie im stillen aufjauchzte ber seine Kraft, und er selber schwang sich auf Granes Rcken, schaute nach dem Stand der Sonne, versicherte sich der Himmelsrichtung und ritt mit Brunhild den Berg hinab. In der Ebene aber lieen sie den Gulen die Zgel, da sie Seite an Seite dahinstoben wie Falken im Revier. Als die Sterne aufstiegen, suchte Siegfrieds scharfes Auge aus den Figuren der Gestirne den Polarstern heraus und ritt ihm nach gen Norden. Und je mehr sie sich dem Meere nherten, desto heller und strker hub Siegfried zu singen an. So ritten sie Tage und Nchte, vom Rheine zur Wesermndung, und eines Morgens rauschte machtvoll hinter den Dnen her die Melodie des Meeres in Siegfrieds Lied. Ein seefestes Schiff fanden sie, und der Held gab dem Schiffer eine breite, goldene Armspange als Fhrlohn und versprach ihm mit ritterlichem Handschlag einen Schild, angefllt mit gemnztem Gold, so er ihn, Brunhild und die Rosse in krzester Frist hinberbrchte nach Island. Da spannte der Schiffer die braunen Segel, und Siegfried packte das Steuer. Am Mast waren die Rosse angebunden, und Brunhild sa vorn am Bugspriet des Schiffes, durchforschte die wilde See und rief ihrem Steuermann die Richtung zu. Hui, warf sich der Sturm in die Segel und jagte das Schiff durch die Wellenberge, da es im Gischt verschwand. Aber Siegfrieds Faust hielt das Steuer umklammert, und ob das Schiff in den Fugen krachte und der Mast sich bog unter den schier berstenwollenden Segeln, er handhabte das Steuer mit eisernen Griffen und warf das Schiff ber die Wasserschlnde, als tummelte er seinen Renner ber Hecken und Grben. Und der Sturm schrie mit gellenden Stimmen, und Siegfried schrie nicht minder in den Sturm hinein, und seine Locken flatterten wie heie Sonne um seinen Kopf: Heia, heia! Es ist eine Lust zu leben! Dann lugte Brunhild ber die Schulter nach dem Helden, und er schien ihr begehrenswert vor allen Mnnern und ein erlesen Werkzeug fr ihren weitschweifenden Ehrgeiz. Tage und Nchte tobte der Sturm, drang vom Steuer her Siegfrieds helles Singen. An einem Morgen aber gewahrten sie an der Brandung, da sie Island nahe waren. Da stellte Siegfried das Singen ein und tastete nach seinem Schwert. In den Hafen fuhren sie ein, und gewappnete Mnner eilten herbei, ihnen die Landung zu wehren. Siegfried aber packte das Tau, mit dem er das Schiff am Lande befestigen wollte, und sprang mit jhem Satze unter sie, da sie von dannen stoben und nicht anders vermeinten, als der leibhaftige Teufel se ihnen im Nacken. Nun warf der Schiffer die Planke ans Ufer, und Siegfried holte Brunhild herber und die stampfenden Rosse. Wohl gerstet ritten sie vor die Burg des Knigs, und alles Volk strmte auf die Mauern. Der Knig soll kommen! rief Siegfried befehlend, und man rannte, dem Knig die seltsame Mr zu knden. In schwarzen Panzer geschient, ritt der Knig auf schwarzem Streitro vor das Tor. Frecher Fremdling, schalt er drohend, welcher Sprache erkhnst du dich? Ich werde die Fische mit deinem Leichnam msten. Siegfrieds Adern schwollen auf der Stirn. Doch beherrschte er sich. Sitz' ab, gebot er, denn du bist nur ein Emporkmmling und hast deiner Knigin demtig zu Fue zu nahen. Brunhild ist heimgekommen. Sitz' ab, sage ich dir noch einmal, nimm die Krone vom Helm und trage sie ihr an den Steigbgel. Da ri der Knig wutschnaubend sein Visier herab, senkte den riesigen Speer und sprengte gegen Siegfried an. Der trug Balmung nackt in der Hand, trieb Grane mit einem Schenkeldruck an, hob den guten Stahl und trennte mit wagerechtem Hieb den Speer vom Faustkorbe. Mit aller Kraft warf der Knig den Gaul herum, um das schirmende Burgtor zu erreichen. Aber Granes schneller Flug holte den Streithengst ein, Steigbgel klirrte an Steigbgel, und Siegfried warf seinem Ro die Zgel ber den Kopf, umklammerte mit den Schenkeln Granes Bug, streckte die freien Hnde nach dem weit zurckweichenden Knig aus, umarmte ihn wie mit Zangen, ri ihn im Dahinjagen aus dem Sattel und schleuderte ihn vor Brunhilds Fe, wo er liegen blieb, ohne sich im Leben noch einmal zu erheben. Sagte ich dir nicht, rief der zrnende Held, da du deiner Knigin zu Fu nahen solltest? Vom Pferde sprang er, hob die Krone auf und drckte sie Brunhild ins Haar. Und wandte sich wieder der Burgmauer zu und rief zum Volke hinauf: Sehet hier eure Knigin, die heimgekehrt ist, eure Treue zu erproben. Kommet heraus auf euren schnellsten Sohlen und huldigt ihr, so euch an ihrer Huld gelegen ist. Da kamen sie in langem Zuge, mit Fahnen und Musikanten, bogen das Knie und boten auf goldener Schssel Brot und Salz, in goldenem Becher den Willkommtrunk. Stolz und erhaben sa Brunhild zu Pferde, die Krone im Haar. Und sie nahm von dem Brot und dem Salz mit kniglicher Gebrde und netzte ihre Lippen an dem Becher und reichte ihn huldvoll Siegfried dar, der ihn lachend nahm und ihn bis zur Nagelprobe leerte. Das Volk aber klatschte dem starken und frohen Helden begeisterten Beifall. Hocherhobenen Hauptes zog Brunhild in die Knigsburg, heiteren Auges Siegfried neben ihr. Acht Tage ordnete Brunhild die Regierungsgeschfte, und Siegfried lie sie frhlich gewhren. Am neunten Tage aber trat er vor sie hin, kte ihre schnen Hnde und fragte nach dem Tage der Hochzeit. Brunhild schlug die Augen nieder. Ihr Blick fiel auf den glitzernden Ring des Nibelung an ihrer Hand. Mein Held, begann sie, dieses Reich ist nur klein und allzu klein fr unseren Heldensinn. Dein Vater Siegmund aber lebt und kann noch lange regieren. Das wnsche ich ihm von Gottes gndigster Huld, sagte der Held. Nun wohl denn, fuhr die Knigin fort, nimm meine besten Schiffe, meine besten Ritter und Mannen, segle nach Norge hinber und nach Dnemark, bekriege die Lnder und grnde dir ein groes Nordlandreich. Siegfried schaute auf. Dann lchelte er. Du willst mich auf die Probe stellen. Ich bin kein seerubernder Wiking, sondern ein Ritter. Und Norge und Dnemark leben in Frieden mit uns. Sprich also, wann soll die Hochzeit sein? Brunhild aber antwortete: Sobald du heimgekommen bist mit den Kronen von Norge und Dnemark. Da merkte der Held, da ihr Sinn hochfahrend geworden war, und er suchte in der Knigin das liebende Weib zu wecken. Brunhild, gedenke, da wir Verlobte sind. Ich will kein Mannweib an meiner Seite, sondern die se Genossin, die sich der Taten ihres Mannes freut und seinen wilden Kopf in ihrem Schoe zur Ruhe bettet. O la mich nach all den heien Schlachtgesngen dir von Liebe singen und singe mir wieder von Liebe, damit ich wei, fr welchen Reichtum ich drauen kmpfe, und doppelt scharf den Balmung schwinge. Hohnvoll lachte sie ber ihn hinweg. Hier ist kein Asyl fr Ermattete und Bresthafte. Eine Knigin schenkt sich nur einem Knig. La dein Schwert fr dich reden und nicht deine Zunge. Siegfrieds Stirn zog sich zusammen. Hochaufgerichtet stand er vor Brunhild und ma sie mit blitzenden Augen. Dann wandte er sich und schritt zum Strande. Da lag noch der Schiffer, der sie hergebracht hatte, und wartete auf gnstigen Wind. Fahr zu, gebot ihm Siegfried, ich nehme wieder das Steuer. Auf der Burgmauer stand Brunhild, prchtig zu schauen in ihres Leibes Schnheit und den reichen Gewndern aus Purpur und Gold. Wie die herrliche Mitternachtssonne war sie anzusehen unter ihren dienenden Frauen. Nun hob sie die Hand. Siegfried, rief sie voll kniglichen Bewutseins, Siegfried, ich harr' deiner Wiederkehr! 3. Kapitel Wie Siegfried gen Worms kam und fr Knig Gunther die Dnen und Sachsen schlug Durch das schwarze Nordmeer war Siegfried gefahren und durch das blaue Meer des Sdens. An den sonnigen Ksten des Landes Italia hatte er die Sarazenen bekriegt und sie mit blutigen Kpfen heimgesandt in ihre wilde afrikanische Heimat. ber die Alpen war er geritten durch die Eiswelt der Gletscher hindurch und hatte die Riesen gebndigt, die von den Bergen die Lawinen rollten. berall, wo es galt, die Menschen von ihren Unterdrckern zu befreien, hatte Siegfrieds Schwert geleuchtet durch alle Lande und Meere. Doch so sehr der Ruhm seines Namens anschwoll und den Erdball erfllte, aus seinem Herzen war der Frohsinn gewichen, seit ihn eine Frau, seit ihn Brunhild enttuscht hatte. So kehrte er nach Jahren in deutsche Lande zurck und kam mit Rittern und Mannen an den Rhein. Als er die Ufer des geliebten Stromes entlang ritt, befiel ihn das Heimweh. Und er sagte zu sich selber: Knnte ich doch einmal ausruhen und, wie andere Recken pflegen, den Kopf in lieben Scho legen. Da mir das nicht beschieden ist, macht mich traurig. Denn wo habe ich eine Heimat? Von Xanten bis ins Niederland herrscht mein Vater Knig Siegmund, und hier am Rhein gebieten die Burgundenfrsten. Fern vom Rhein aber mag ich nicht leben. Und er ritt weiter und wlzte viele Plne in seinem Kopfe. Bis er gen Worms kam, dem Sitz des Burgundenknigs Gunther und seiner Brder Gernot und Geiselher. Als er die reiche Landschaft sah, schlug ihm das Herz hoch, und heimatlich ward ihm zu Sinn. Da gedachte er, vor Gunther hinzutreten und ihm einen Teil seines Landes abzukaufen gegen ein goldbeladenes Rheinschiff, oder aber, falls ihm der Knig den Handel abschlge, Gunther und die Seinen in ehrlichem Zweikampf herauszufordern um Leben und Gter. In seinem Thronsaal sa Knig Gunther. Hochgewachsen war er, fast wie Siegfried gro, und in den Kampfspielen bewandert wie kaum ein zweiter. Aber ein strenger Hochmut lag auf seinen Zgen und heie Herrschbegier. Ein krftiger Degen war Gernot, sein Bruder, ein ritterlicher und tapferer Mann. Der jngste Bruder aber, Geiselher, war fast noch ein Kind, mit blondem Gelock, blauen, schwrmerischen Augen und einem Herzen voll lachender Begeisterung. Um den Thron herum saen und standen die Groen des Landes. Da war vor allem Hagen von Tronje, der Oheim der Burgundenfrsten, ein hagerer und knochiger Mann mit finsterem, schwarzbrtigem Antlitz. Nur ein Auge besa er, das blitzte scharf und sphend unter der buschigen Braue. Das andere hatte er verloren, als er als Geisel aus dem Hunnenlande heimgekehrt war und auf der Landstrae seinen Gesellen Walther berfallen wollte. Als erster Ratgeber stand Hagen dem Throne am nchsten, und seine eiferschtige Seele kannte nichts anderes als die Gre und Macht seiner Herren. So war er gleich furchtbar in der Treue zu seinen Frsten wie in seinem Ha gegen alle Widersacher. Da waren ferner Hagens Bruder Dankwart, ein wilder Recke, der blindlings seines Bruders Willen tat; Herr Ortwein von Metz, ein heibltiger Haudegen, dem das Schwert so locker sa wie die Zunge und der ein Schwestersohn Hagens war; Herr Volker von Alzey, der die Fiedel so hei und lieblich erklingen lassen konnte, wie er lustig und nimmermd den Degen pfeifen lie; Ritter Rumold, der der Oberkchenmeister hie; Ritter Hunold, dem das Amt des Mundschenken oblag; Ritter Sindold, der Herold; und manch ein anderer. Und Knig Gunther hob lauschend und mivergngt den Kopf und sprach: Was ist das fr ein Lrmen am Rhein? Wei das Volk nicht, da es sich ruhig zu verhalten hat, wenn die Frsten mit ihren Rten niedersitzen? Der Herold gehe und erforsche die Ursache. Da ging der Ritter Sindold eilends hinaus und kam eilends wieder. Knig Gunther, berichtete er hastig, ein fremder Recke ist angelangt mit Rittern und Mannen, und das Volk strmt zusammen von weit und breit, den herrlich im Sattel sitzenden Mann zu bewundern und nicht minder sein und seiner Leute kostbares Rstzeug und Gewand. Was schiert mich Rstzeug und Gewand, eiferte Gunther. Den Namen will ich wissen. Und Sindold mute bekennen, da er ihm unbekannt sei und keiner ihn wisse. Da erhob sich Knig Gunther von seinem Thron und schritt schnell zum Fenster, und seine Brder und Rte mit ihm. Aber so sehr sie auch schauten, keiner konnte ein Zeichen finden, an dem er den Helden erkundete, und Gunthers Zorn war gro. Erlaubt mir ein Wort, sprach endlich Hagen. Mir ist von meinen weiten Fahrten kein Ritter der Christen und Heiden unbekannt geblieben, und wen ich nicht selber sah, von dem hrte ich doch sagen. Dieser aber, so deucht mich, kann nach Wuchs, Muskelkraft und vollendetem Anstand kein anderer sein als der gewaltige Siegfried vom Niederrhein. Da wurde es still im Saal, und jeder gedachte des Helden ruhmreicher Taten. Bis endlich Gunther sprach: Was mag ihn hergefhrt haben? Und sollen wir ihn als Freund oder als Feind empfangen? Ich rate, sagte der verschlagene Hagen, ihm freundlich entgegenzukommen. Knnen wir ihn zum Freunde gewinnen, so wird er uns in manchen Dingen nutzbar sein knnen, denn seine Macht und sein Reichtum reichen weit. Bedenket wohl, da er den Lindwurm erschlug und dadurch in den Besitz der unermelichen Schtze des Nibelungenhortes kam. Ich frchte, entgegnete Gunther, es wird ihm wenig an unserer Freundschaft gelegen sein, da er so selbstherrlich und unangemeldet in unser Land kommt. Hagen von Tronje lchelte. Ich wei, wie man solche Falken zhmt. Held Siegfried, der strkste Mann der Welt, hat ein knabenhaftes Herz, weich und sehnschtig, wenn ihn der wilde Zorn nicht bedrngt. Lasset uns damit rechnen und klug und behutsam zu Werke gehen. Sehet, wie er sich stattlich vom Pferde schwingt! Wir wollen ihm entgegengehen und ihn wie einen edlen Herrn an der Schwelle des Saales empfangen. Ungern tat es Gunther, aber die Klugheit war grer als sein Hochmut, und er empfing den fremden Gast mit ausgestreckter Hand im Trbogen der Halle. [Illustration: Knig Gunther heit Siegfried willkommen] Willkommen, Held Siegfried, im Burgundenlande. Nehmt Quartier, und wenn Ihr Euch geruht und mit Speise und Trank gekrftigt habt, so erscheint aufs neue unter uns und tut uns zu wissen, welcher glckliche Umstand uns einen so vieledlen Gast beschert hat. Ihr seid Gunther, der Knig, sprach Siegfried ernst. Und da Ihr wisset, wer ich bin, so ziemt es mir nicht, Gastfreundschaft von Euch anzunehmen, die Ihr spter vielleicht gern ungeschehen machen mchtet. Was knnte das wohl sein, rief Gunther erstaunt, das imstande wre, Euch uns unlieb zu machen? Knig Gunther, entgegnete Siegfried, es liegt in Eurer Hand. Euer Reich ist so gro, da Ihr es kaum bersehen, geschweige denn all Eure Grenzen schtzen knnt. Schon rsten im Osten die gottlosen Hunnen zu neuem Kriegszug, und im Norden rhrt sich der ewig unruhige Dne und sein Bruder, der Sachse. Wie wollt Ihr Euch allein da helfen? Mich aber hat tdliches Heimweh an den Rhein zurckgetrieben, und wenn ich nicht daran sterben will, mu ich am Rheine bleiben. So biete ich Euch denn fr einen Teil Eurer Lande des Goldes so viel, als Ihr begehrt, dazu meine Freundschaft und mein Schwert gegen alle anrckenden Feinde. Er schwieg. Und alle im Kreise standen betroffen. Da rief der vorschnelle Herr Ortwein von Metz: Ei, ist das Euer einziges Gebot? Da Ihr als Kaufmann kommt, mt Ihr den Handel verstehen mit Zu und Ab! Siegfried sah ber den Vorlauten hinweg. Doch als Knig Gunther seinen Mann nicht tadelte, frbte sich sein Gesicht. Ich trage noch einen zweiten Vorschlag mit mir, sagte er mit lauter Stimme. Wollt Ihr lieber um die Lande mit mir fechten als handeln, so ist jeder von Euch, zu Pferd und zu Fu, mit Schwert oder Speer, vor meinen Waffen zum Zweikampf willkommen. Das Schwert fuhr Herrn Ortwein aus der Scheide. Glaubt Ihr, Ihr sprecht mit Memmen? Kommt her, wenn Ihr mgt! Herr Ortwein, rief Hagen, wer erlaubt Euch, das Schwert zu ziehen, bevor der Knig befiehlt? Und des Knigs Brder Gernot und Geiselher liefen und trugen Sorge, da das Schwert in der Scheide verschwand. Hagen aber raunte seinem Herrn Gunther zu: Gewinnet Zeit, damit wir die Frage zu unseren Gunsten lsen! Ein ses Lcheln glitt um Knig Gunthers Mund, als er auf Siegfried zutrat und des Helden Hnde fate. Ihr seid mir lieb, Held Siegfried, und Euch meinen Freund zu nennen, knnte mir mehr wert sein als die Hlfte meines Reiches. Aber sagt Euch selber, da Euer Vorschlag pltzlich und unerwartet kam und Euer ritterlicher Sinn uns Zeit lassen mu, in Ruhe und Gesetztheit zu prfen und zu berlegen. Betrachtet Euch also hier zu Hause, und wir werden in den folgenden Tagen mit Euch gemeinsam das Rechte finden. Damit winkte er Hunold, dem Mundschenk, und Hunold brachte ein reich mit Gold und funkelnden Steinen besetztes Bffelhorn, mit rheinischem Wein gefllt, und Knig Gunther trank es Siegfried zu auf Frieden und Freundschaft. Da verneigte sich Siegfried besnftigt und hflich, nahm das Horn und leerte es in krftigen Zgen. Und der lang entbehrte Wein vom Rheine machte ihn frhlich und gtigen Sinnes. Schon erschien Rumold, der Oberkchenmeister, in der Tr und meldete das Mahl. Und die Frsten und Herren gingen guter Dinge in den Speisesaal, und Siegfried sa zu seiten Gunthers auf erhabenem Thronsessel, und sein Herz war so voll Sonne und Heiterkeit wie seit Jahren nicht. In der Nacht aber sa Hagen lange noch bei seinem Herrn Gunther und beriet mit ihm, wie man Siegfrieds Schwert und Schtze fr sich gewinnen knne, ohne eines Pfennigs Gegenwert. Er mu Kriemhild sehen, Eure liebliche Schwester, sagte Hagen endlich und erhob sich, weil schon der Morgen graute. Die Liebe zhmt und macht zum Sklaven. So sprach der grimme Hagen, der unbeweibt geblieben war wie Gunther, sein Herr. Und von Stund an wich Hagen nicht mehr von Siegfrieds Seite. Er rhmte des Helden Kraft, wenn er im Turnier dahergesprengt kam wie der Sonnengott und mit seiner schlanken Lanze die Burgundenritter aus dem Sattel hob, als wren sie ohne Gewicht. Und er sprach bedauernden Tones davon, da nicht ein Geschlecht von Siegfriedsshnen Namen und Art fortpflanzte zum Heile und zur Freude der Menschheit. Es mte eine Knigstochter sein, schn wie keine zweite unter der Sonne und dem Mond, von mildem Stolz und zrtlichem Gemt, die nichts anderes wte, als ihrem Herrn in Liebe zu gefallen und sein Herz mit Glck zu erfllen. Doch wo gbe es eine, die Siegfrieds wrdig wre. O ja, eine wohl wte ich, die eine Einzige, aber Knig Gunther und seine Brder gben wohl eher ihr ganzes Reich her als dieses Kleinod, ihre Schwester. Wie heit sie? fragte Siegfried. Kriemhild heit sie, sprach Hagen von Tronje, und ist schlank und fein, mit blauen Sonnen in den Augen. Und wenn sie ihr Blondhaar lst, steht sie in einem Mantel da aus lichten, flieenden Sonnenstrahlen. Der wallt ihr bis auf die schmalen Fe und verhllt neidisch die Schnheit ihres Leibes. Ich mchte sie wohl sehen, wenn sie so lieblich ist, sagte Siegfried und ritt trumerisch hindann. Und in seinen Trumen sah er die Frau, die er aus der wabernden Lohe befreit hatte, die seinen Verlobungsring trug, der er ihr Heimatland fern im brllenden Nordmeer zurckgewonnen hatte, und die fr all seine heischende Liebe unempfnglich gewesen war in ihrem berhebenden Hochmut. Das stolze Mannweib Brunhild. Da wurde die Sehnsucht bermchtig in ihm nach echter und rechter Minne. Und jetzt war er es oft, der zu Hagen sprach: Erzhlet mir doch von Kriemhild. Wieder saen die Frsten und Herren in der Halle, horchten auf Herrn Volkers, des ritterlichen Spielmanns Weisen und tranken aus goldenen Bechern. Und Volkers Fiedelbogen klang so s von Frauenliebe und Rittertat, da es Siegfried weich und wild zugleich ums Herze wurde. Knig Gunther, sagte er leise und atmete schwer, Ihr habt eine Schwester, Kriemhild geheien. Verlegen blickte Gunther in seinen Becher. Die Werbung kam ihm zu frh, und noch hatte der Gast auf seine Plne nicht verzichtet. Sie ist fast noch ein Kind, entgegnete er ausweichend, wenn auch an Gestalt und Anmut die blhendste Jungfrau. Gestattet mir, bat Siegfried, da ich ihr meine Ehrfurcht erweise. Ich sah sie noch nie. Und Gunther antwortete: Sie ist scheu und zeigt sich nur unter Mnnern, wenn es gilt, einen Sieger zu krnzen. Ha, rief Siegfried ungestm, den Sieger will ich schon schaffen, ich habe lange genug geruht! Erbleichend gewahrte Gunther des Helden aufsteigende Wildheit. Schon wollte er Hagen zur Hilfe zu sich winken, da schollen Stimmen vom Gange her, und der Herold lief, die Ursache zu erforschen. Herr Knig, rief er, als er zurckkehrte, und seine Stimme war erregt, es sind Sendboten gekommen von Knig Ldegast von Dnemark und Knig Ldeger von Sachsen und heischen, vor Euer Angesicht gefhrt zu werden. Das ist der Krieg, sagte Hagen von Tronje. Ich will ihre Botschaft hren, gebot Knig Gunther und packte die Lehnen seines Thronsessels. Da wurden die Boten vom Herold hereingefhrt, und auf einen Wink Gunthers begannen sie ihren Spruch. Unsere Herren und Knige Ldegast und Ldeger haben uns hergesandt, weil Eure Grenzen, die an die unsern stoen, sie beleidigen. Sie lassen Euch Krieg ansagen und werden ins Land rcken mit dreiigtausend Rittern und Gewappneten, Eure Burgen brechen und Eure Stdte nehmen, so Ihr nicht schleunigst um Frieden bittet und nach ihrem Willen tut, die Grenzen regelt und gebhrend Kriegszins zahlt. Das sollen wir Euch, Knig Gunther, und Euren Brdern vermelden von Knig Ldegast und Knig Ldeger. Und wieder winkte Gunther, da man die Boten hinausfhre und bewirte. Was tun wir? fragte er, als die Boten drauen waren, und sah Hagen an. Und mrrisch entgegnete der Tronjer: Wir sind nicht vorbereitet und knnten in der Eile nicht mehr als ein paar Tausende ins Feld bringen. Was ist das gegen die furchtbare berzahl? So sollen wir nachgeben? fragte Gunther und zerbi seine Lippen. Und atemlos saen die Ritter und wuten nicht, wie sie der drohenden Gefahr begegnen sollten. Da tat Siegfried den Mund auf und lachte in die beklommene Stille sein frhlichstes Lachen. Herr Knig Gunther, rief er, vor wenigen Minuten erst versprach ich Euch, einen Sieger zu schaffen. Die Gelegenheit ist da. Gebt mir diese Herren hier mit und tausend Mann, und ich werde den Dnen und Sachsen das Wiederkommen verleiden. Auf! Ruft die Boten in den Saal! Ich will meinen Kranz! Und ich? rief Knig Gunther. Was soll ich inzwischen verrichten? Ihr regiert das Land und sorgt, da alle beruhigt unter Eurem Schutze leben. Da sprang Hagen zum Knige und redete ihm zu. Und Gunther lie die Boten in den Saal zurckrufen. Majesttisch sa der Knig, und hochmtigen Tones sprach er: Reitet geschwind heim, und wenn euch eure Herren fragen, weshalb ihr eure Pferde nicht besser geschont httet, so sollt ihr ihnen antworten: Weil uns die Burgunden schon auf den Fersen waren! Fahrt wohl! Da stoben die Sendboten der Dnen und Sachsen mit verhngten Zgeln von dannen. Siegfried aber und die Burgundenrecken prften Harnische und Helme, Schwerter und Speere, prften Sattel und Zaumzeug und lieen die Hufe der Pferde mit frischen Eisen beschlagen. Auf gut beschirrten Wagen wurde der Proviant verladen und manch ein Flein krftigen Weins. Und ehe die Woche zu Ende war, ritt Siegfried mit Gernot und Hagen und den andern Burgundenrittern, gefolgt von tausend Mannen, ins Feld. Herr Volker aber, der feurige Spielmann, fhrte die Fahne. Durch Hessen hindurch ging der rasche Zug ins Sachsenland hinein. Knig Ldeger aber war schon mit seinem Heere zu seinem Bruder Ldegast gestoen, so da an der dnischen Grenze an die vierzigtausend Streiter beisammen waren. Ordnet unsere Tausend, gebot Siegfried dem grimmigen Tronjer, und stellt vor jedes Hundert einen Recken, da er den andern das wtende Beispiel gebe. Den Tro lat zurck. Werden wir auf dem Felde totgeschlagen, so brauchen wir nicht mehr zu essen. Siegen wir aber, so sollen uns die Vorrte der Feinde nicht schlechter munden. Ich werde jetzt einmal auf Kundschaft reiten. Mit vorsichtigen Hufen trabte Grane durchs Feld. In der Ferne dehnte sich das riesige Lager der Feinde. Und als Siegfried nher kam, sah er einen goldgeschirrten Reiter die Schildwacht halten. Das war der Dnenknig Ldegast. Siegfried legte die Lanze ein. Aber schon hatte der Dne ihn erblickt, den Speer eingesetzt und den Schild gehoben. Die Rosse griffen aus, da die Ackerschollen flogen, und so heftig war der Anprall der zornigen Gegner, da die Lanzen an den Schilden bis auf den Faustgriff zersplitterten. Wortlos griffen die beiden Fhrer nach den Schwertern, doch bevor Siegfried den Balmung aus der Scheide hatte, schlug ihm der riesige Dne schon so frchterliche Hiebe ber den Helm, da dem Helden schier Hren und Sehen vergehen wollte. Nun aber hatte er den Balmung frei, und ein gespenstischer Kampf hob an auf der einsamen, nchtigen Heide. Kein Wort wurde gesprochen. Nur das Stampfen der Rosse, das Klirren der Harnische, das Sausen der Schwerter scholl. Mit einem Schlage spaltete Siegfried des Knigs Ldegast Schild. Der nahm die Stcke und schmetterte sie Siegfried an den Kopf. Der Held aber in wildem Grimm schlug noch einmal zu. Da flog des Dnenknigs Harnisch in Fetzen. Und als der Dne den Streitkolben packte und ihn in rasenden Hieben auf Siegfried niedersausen lie, tat Siegfried den dritten Schlag, der den Dnenknig blutend vom Pferde warf. Da gab sich Ldegast in Siegfrieds Hand, und der Held nahm ihn als ritterlichen Gefangenen und fhrte ihn zu den Burgunden. Hei, wie die Herren und Mannen Siegfrieds Lob sangen und allen der Mut mchtig emporwuchs, trotz der Vierzigtausend, die gegen sie standen! Kaum lugte die frhe Morgensonne ber den Horizont, da sahen sie das Feld lebendig werden. So weit das Auge reichte, erblickte man nichts als Schlachthaufen hinter Schlachthaufen, Reiter und Fuvolk. Frchtet euch nicht, rief Siegfried den Seinen zu. Wenn das Korn dicht steht, mht es sich am leichtesten! Und er lie Herrn Volker, den Spielmann, die Fahne entrollen. Mir nach! schrie Siegfried, gab Grane die Sporen und strzte sich mitten in die Feinde. In den Bgeln stand er aufrecht, da alle ihn sehen konnten, und nach links und nach rechts hieb er mit gewaltigem Arme eine Bresche und dann eine Gasse und wtete bald mitten in den feindlichen Haufen. Hinter ihm jagte Volker mit der Fahne und pfiff ein Liebeslied zu seinen schneidigen Hieben. Und links und rechts brachen Gernot in die Heerhaufen und der grimmige Hagen, dessen Einauge funkelte, und der nur mit dem Streitkolben malmend in die Menge schlug, und Dankwart, der blindlings dreinhieb ohne Furcht um sein Leben, Herr Ortwein von Metz, der zu jedem Schlag ein Fluchwort spendete, und die Herren Sindold, Hunold und Rumold, mit zusammengebissenen Zhnen und beienden Schwertern. Wie das Ro Grane seinen Reiter trug! In den Rcken der Feinde war Siegfried gelangt, und er warf jauchzend den Gaul herum und bahnte sich mit dem blutigen Schwert eine zweite Gasse, Tote und Sthnende hinter sich lassend. Wieder hatte er die Heerhaufen durchbrochen, und wieder ri er sein Ro herum. Da warf sich der Sachsenknig Ldeger gegen ihn mit so wilder Wucht, da sich Grane berschlug und Siegfried mit sich niederri. Aber schon war Grane auf den Beinen und Siegfried im Sattel, und die Wut ber den Sturz machte ihn doppelt furchtbar. Seid Ihr der Teufel? schrie Ldeger und wehrte sich wie ein Verzweifelter. Und Siegfried schrie zurck: Riechst du den Schwefelstank, so schwitzt ihn deine Angst! Und er fegte des Knigs Helm und seinen Harnisch, da kein Teil am andern blieb. Da gab sich ermattet Ldeger in Siegfrieds ritterliche Haft, und der Held packte den Gefangenen und zeigte ihn dem Heere der Sachsen und Dnen vor. Und es ward ein wildes Flchten. Die Burgunden setzten ihnen nach und griffen an Beute und Gefangenen, was ihre Hnde fassen konnten. Der am besten Berittene aber wurde abgesandt, Knig Gunther die Siegesbotschaft nach Worms zu bringen. Als der Bote an den Rhein kam, stand die liebliche Kriemhild am Fenster ihrer Kemenate. Sieg! rief ihr der Reiter zu und schwenkte seinen Helm. Weit beugte sich Kriemhild zum Fenster hinaus. Nennt mir den Tapfersten, Mann! Siegfried -- Siegfried! scholl es zurck. Da sprte Kriemhild, da ihr glhendes Rot ber Hals und Wangen rann, denn sie hatte viele Lieder vernommen von dem herrlichen Helden und war ihm in der Stille zugetan, ohne ihn je erschaut zu haben. -- Nach Wochen kamen die Burgunden mit den gefangenen Knigen heim und unermelicher Beute. Gunther ging ihnen entgegen, und als Siegfried vom Pferde sprang, umarmte und kte er ihn. Nie werde ich es Euch vergessen, sprach Knig Gunther, was Ihr fr mich vollbrachtet. Und sie saen in der Halle beim Mahle, und die Heimgekehrten hieben in die Schsseln, als ob es in die Feinde ging, und die Trinkhrner, gefllt mit rheinischem Wein, machten immer wieder die Runde. Da bat Siegfried, da man die gefangenen Knige teilnehmen lasse, und man fhrte sie herein. Whlt Euren Teil an der Beute, mein tapferer Siegfried, rief Knig Gunther und schwenkte ihm das Trinkhorn zu. So whle ich mir, sprach der Held, die beiden Herren Ldegast und Ldeger und schenke ihnen die Freiheit, denn sie haben sich wie die Lwen geschlagen. Nicht gern hrte Knig Gunther den Wunsch, aber er mute ihn gewhren, und die Kunde von Siegfrieds ritterlichem Sinn lief bald in die Frauenkemenate, und Kriemhild vernahm sie mit Freuden. Morgen, flsterte sie vor sich hin, und ihre Wangen brannten, morgen werde ich ihn krnzen und sein Angesicht schauen. Da schlief die Knigstochter nicht eine Stunde in der Nacht. 4. Kapitel Wie Siegfried mit Gunther gen Island fuhr, an des Knigs Stelle Brunhild im Kampfspiel besiegte und vom Rheine Schtze holte Goldenen Glanzes lag die Sonne ber Worms am Rhein und seiner Knigsburg. Wie selige Stimmen sangen die Glocken vom hohen Mnster und luden die Heimgekehrten zum Dank gegen Gott. Aus dem Portale traten sie heraus, gesegnet und erhoben. Und in prunkvollem Zuge schritten sie zur Kurzweil des Tages, die Knig Gunther den Siegern bot mit Turnier, Spielmannssang und Becherklang. Da ffneten sich die Gemcher der kniglichen Frauen, und von ihrer Mutter, Frau Ute, geleitet, von holden Jungfrauen umringt, betrat Kriemhild den Festplatz. Weie Seide flo an ihrem jungen Leib herab, die war mit buntschimmernden Borten reich geziert. Den Kopf mit dem schweren Blondhaar hielt sie zchtig geneigt, und ein feines Krnlein leuchtete aus den Flechten. In der Hand hielt sie einen kunstvoll gebogenen Eichenzweig. So schritt sie ber den von brausenden Heilrufen erfllten Festplatz und trat vor die Mnner. Staunend sah Siegfried auf das wunderliebliche Mgdlein, und sein Herz schlug laut, als er ihre se Stimme vernahm. [Illustration: Siegfried erblickt Kriemhild zum erstenmal] Herr Siegfried, hrte er sie sagen, vieledler und tapferer Held, ich bringe Euch den Dank des Burgundenlandes dar fr Eure siegreiche Hilfe und Euer Heldentum. Ich bitte Euch, nehmt diesen Kranz. Tief ins Knie sank Siegfried vor der wonniglichen Jungfrau, und mit zitternden Hnden drckte sie ihm den Kranz ins Haar. Da schaute er auf, und ihre Augen begegneten sich, wurden gro und weit, tranken sich satt und wollten sich nicht mehr lassen. Und Kriemhild beugte sich ber ihn, der immer noch vor ihr kniete, und Auge in Auge versenkt kte sie ihn auf den Mund. Jauchzend stiegen Fanfaren gen Himmel, rasselten Schwerter gegen Schilde, schwang sich das Jubelgeschrei des Volkes durch die Lfte. Kriemhild aber stand noch immer ber Siegfried gebeugt, die Hnde auf seinen Schultern, Auge in Auge staunend versenkt und weltvergessen, bis Frau Ute lchelnd zu ihrer Tochter trat und ihre Hand fate. Da erwachte Kriemhild wie aus tiefem Traume, errtete hei und lie sich von der Mutter zu ihren Pltzen geleiten. Siegfried aber sprang auf, lachte glckselig ber die Bahn hin, rief seinem Ro und warf im Turnier, was sich ihm entgegenstellte, wohl an die dreiig der strksten Ritter. Als die Mnner am Abend in der Halle saen und gewichtige Becher hoben, heischte Knig Gunther ein Lied, und Herr Volker von Alzey hob lustig den Fiedelbogen. Es brandet die See um ein bergiges Eiland, so sang er, als mte sie hten den herrlichsten Hort. Wit ihr, warum, ihr Ritter und Recken? Lat es euch sagen vom Snger heut. Ein Weib weilt dort von schimmernder Schne, ein Weib, wie das Auge kein zweites ersah. Wuchtig ihr Wuchs und das Haupt erhaben, den lieblichen Leib von Eisen umhllt. Brunhild heit sie, die brunliche Wilde, ihr nachtschwarzes Haar strmt den Nacken hinab. Sthlern ihr Arm, der den Wurfspeer schleudert, Krfte der Riesin wohnen im Weib. Mancher wohl kam, von Minne getrieben, keiner kehrt' wieder zum heimischen Herd. Blutend blieb er im Kampfspiele Brunhilds, nichts gewann er als trben Tod. Ein Weib wei ich wohl, Brunhild geheien, die herrlichste Heldin, die minnigste Maid. Hei, Knig Gunther, das wr' die Genossin, wrdig, zu wohnen zu Worms am Rhein! Noch einmal schwirrte der Fiedelbogen auf. Knig Gunther sa in Sinnen. Wollt Ihr dem Spielmann nicht danken? rief Herr Hagen von Tronje. Es war ein ritterlich Lied. Da hob Knig Gunther den Kopf und blickte sich um im Kreis. Noch immer bin ich unbeweibt, sagte er langsam. Das Land braucht eine Knigin, die Krone einen Erben. Brunhild! Es knnte mich gelsten, dich zu gewinnen. Und er wandte sich an den Fiedler. Wie heit das Eiland, und wo ist es gelegen? Island heit es, Herr, und ist trotzig gelegen im schwarzen Nordmeer. Herr Siegfried, sagte Knig Gunther, und Siegfried fuhr auf, denn er hatte nichts getan, als an die liebliche Kriemhild gedacht. Herr Siegfried, Ihr habt alle Meere befahren. Knntet Ihr wohl den Weg mir weisen zu Brunhild auf Island? Herr, erwiderte Siegfried erschrocken, wie kommt Ihr auf solche Gedanken? Sie soll mein Weib und meine Knigin werden, sprach Gunther, sie und keine andere. Herr Knig, bat Siegfried, lat ab. Sie ist von wildem Denken und Tun, und es mchte Euch leicht das Leben kosten. Was? lachte Gunther. Ich werde doch wohl noch die Krfte eines Weibes bndigen knnen? Herr, sagte Siegfried, ich habe vor Jahren Brunhild gekannt. Und ob ich auch wei, da Ihr ein starker Ritter seid, sie ist nicht zu bndigen, und Ihr zwingt sie nicht. Das ergrimmte den Knig, und sein Wunsch, Brunhild zu gewinnen, wurde nur noch strker. Er fhrte Siegfried beiseite und beschwor ihn, ihm beizustehen auf der Fahrt. Whlet das Kstlichste meiner Kleinodien, sprach er, whlt, was Ihr wollt. Nur verhelft mir zu Brunhild, und ich will es Euch nie vergessen. Da sagte Siegfried: So gebt mir Kriemhild, Eure Schwester, zum Weibe. Das schwur ihm Gunther in die Hand. Und sie kehrten zu den Rittern zurck und berieten die Fahrt. Um eine Woche spter stie von Worms ein Schiff in den Rhein, das trug Gunther und Siegfried, Hagen und Dankwart, mitsamt ihren Rossen, Panzern und glnzenden Gewandungen. Frau Ute stand mit Kriemhild auf dem Sller der Burg, und das Mgdlein weinte heie Trnen, whrend ihr Tchlein den Scheidenden ein Lebewohl zuwinkte. Aus heier Sehnsucht nach dem Helden vom Niederrhein weinte die Knigstochter. Die Recken aber fuhren wohlgemut den Rhein hinab, bis sie zum Meere kamen. Hier kauften sie ein krftiges Drachenschiff, das vor Wind und Wellen nicht bangte, und Siegfried nahm das Steuer, und sie fuhren ber die See gen Island. Auf ihrer Felsenburg sa Brunhild, die gewaltige, und schaute hinaus ber die wilden Wasser. An Siegfried dachte sie, den strksten Helden, und es war ihr leid, da er nicht wiedergekehrt war. Hundert Mnner waren gekommen, um sie zu werben, und sie hatte sie alle besiegt im Kampfspiel, das sie forderte. Nur einen gab es auf der Welt, der strker war als sie: Siegfried. Und sie seufzte tief auf, und ihr Herz entbrannte von Liebe nach ihm. O kmst du doch heim als ein Knig, du einziger Held. Da gewahrte sie ein Schiff in der Ferne, und das Schiff kam mit vollen Segeln herangebraust und brach die anstrmende Brandung so stark und sicher, da Brunhild aufsprang und gebannt nach dem Steuermann sah. Nur Siegfrieds Faust ist so fest, murmelte sie, nur Siegfrieds Seele so mutig. Er ist's! rief sie jubelnd. Er ist's! Siegfried kehrt wieder! Und sie schritt hastig in ihre Kemenate und rief ihren Kammerfrauen und lie sich schmcken, da ein strahlender Glanz von ihr ausging. Siegfried aber sprach im Schiff zu Knig Gunther und seinen Gesellen: Hrt mich wohl an. Diese Frau ist von so unbndigem Stolze, da sie nur Knige und Lehnsmannen kennt. Wrde ich gleichberechtigt mit Gunther vor ihr erscheinen, ich frchte, sie wird an des Knigs Macht und Ansehn zweifeln. Deshalb will ich mich meiner Stellung, die mir meine knigliche Geburt zuweist, begeben und als ein Lehnsmann Knig Gunthers auftreten. Das wird seinen Glanz vor ihr erhhen. Darber waren die Herren froh und lobten Siegfried sehr wegen seiner Treue. Und Siegfried sprach weiter: Als ich den Drachen erschlug und Alberich bndigte, gelangte ich in den Besitz einer Tarnkappe, die mich unsichtbar macht, wenn ich sie trage. So werde ich denn, keinem Auge sichtbar, neben Gunther stehen und seinem Arme helfen, Brunhild in den Kampfspielen zu besiegen. Es knnte sonst leicht Knig Gunthers und unser aller Leben kosten. Da wurde Knig Gunthers Herz leicht, und er dankte Siegfried mit beredten Worten. Schon schritt die schne Brunhild mit ihrem Gesinde aus dem Burgtor hervor und nahm den Weg zum Hafen, als das Schiff den Anker warf. Bei Gott, sagte Gunther und atmete tief, die Kunde hat nicht bertrieben. Nie sah ich ein herrlicher Weib. Starke Bretter schob Siegfried vom Schiffsrand ans Land. Und er nahm zuerst Knig Gunthers Ro, fhrte es hinber und hielt wie ein Lehnsmann den Steigbgel, als Knig Gunther sich in den Sattel schwang. Dann erst holte er sein Ro Grane und stieg mit Hagen und Dankwart zu Pferde. Erstaunt sah Brunhild sein Beginnen. Vieledler Held Siegfried, rief sie lachend, was treibt Ihr fr Possen? Es ziemt sich nicht, einem andern Dienste zu verrichten. Doch seid mir von Herzen willkommen und lat Euch sagen, da ich Euch gerne sehe und lange Eurer harrte. Siegfried aber entgegnete: Ihr irrt Euch, hohe Frau. Nicht an mich drft Ihr Eure Begrung richten, denn ich reite nur im Gefolge des mchtigsten Knigs, Herrn Gunther von Worms, den Ihr vor Euch seht, und freue mich, sein Lehnsmann zu heien. Da erbleichte die stolze Brunhild und wandte ihr Auge zu Gunther. Und Gunther ritt auf sie zu, sprang vom Pferde und neigte sich ritterlich. Was sucht Ihr bei mir und in meinem Lande? fragte sie hochmtig. Euch suche ich, herrliche Brunhild, und Eure Minne, rief der Knig. Ich weiche nicht anders aus diesem Land als mit Euch! Spttisch ma ihn die heldische Frau vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr habt Euch viel Last gemacht, edler Herr. Konntet Ihr nicht zu Hause sterben? Ich gedenke, sprach Gunther, nicht eher zu sterben, als bis ich weidlich Eure Minne gekostet habe. Hellauf lachte Brunhild. Wenn Euch die Aussicht auf Schlge reizt, so stellt Euch morgen bei Sonnenaufgang zum Turnier. Und Ihr sollt den Mittag nicht mehr erleben. Kmmerer, weist den Herren fr die letzte Nacht Herberge an. Und immer noch hohnvoll lachend, wandte sie sich und schritt zur Burg zurck. Siegfried aber, den bescheiden abseits Stehenden, beachtete sie mit keinem Blick. So schwer hatte es ihren Stolz getroffen, da der einzige Mann, den sie geliebt hatte, ein Dienstmann geworden war. Die Herren aus Worms aber legten sich bald zur Ruhe nieder. Denn sie wuten, da der kommende Tag ihrer Krfte reichstes Ma beanspruchte. Kaum graute der Morgen, als helle Fanfarenste sie aus dem Schlummer weckten. Eiligst sprangen sie auf und halfen Gunther, sich rsten. Und jeder wappnete sich selber aufs beste. So ritten sie auf ihren Rossen zum Turnierplatz. Umgeben von ihren Rittern und Frauen nahte Brunhild. Ein goldener Panzer schirmte ihr Brust und Leib, ein strahlender Helm mit Adlerflgeln das schwarz umlockte Haupt. Nackt waren die mchtigen weien Arme, die Schild und Speer hielten, und das Bild der Heldin war so bergewaltig, da Gunther den Atem stocken fhlte. Drei Aufgaben nenne ich Euch, sprach die Starke. Lst Ihr sie, so gebe ich mich als Euer Weib. Lat Ihr Euch nur in einer besiegen, so ist mir Euer Kopf und der Eurer Gesellen verfallen. Entscheidet Euch. Nennt die Aufgaben, antwortete Gunther kurz. Und Brunhild sprach weiter: Zuerst zeigt Eure Kraft im Speerwurf und sorgt, da Ihr mich niederwerft. Zum zweiten gilt es, den hundertpfndigen Felsstein zu schleudern. Sorgt, da Ihr nicht eine Spanne hinter mir zurckbleibt. Und zum dritten sollt Ihr mich, gepanzert und gewaffnet, im Weitsprung berholen. Nun? Traut Ihr Euch immer noch? Da sprach Siegfried: Herr Knig, gebt mir Urlaub, damit ich zum Schiffe gehe und das Brautgeschenk hole. Das gewhrte Gunther, und Brunhild bi sich die Lippen. Siegfried aber ging nur bis vor die Burg, wo ihn keiner sah, zog die Tarnkappe ber und kehrte unsichtbar zu seinen Gefhrten zurck. Mut, flsterte er und berhrte Gunthers Arm, ich bin bei Euch. Die Rosse wurden aus der Bahn gefhrt. Brunhild begab sich auf ihren Stand. Sie wog den furchtbaren Speer in ihrer Hand, als wre es eine Gerte, stemmte den Schild vor, bog sich zurck, zielte und schleuderte die Waffe mit solcher Wucht, da die Luft aufheulte, die Speerspitze Gunthers Schild zersplitterte und der Knig niedergebrochen wre, htte ihn Siegfrieds Faust nicht gehalten. Mit eisernem Ruck zog Siegfried den Speer aus dem Schild, so, da es aussah, als tte es Gunther. Und ritterlich, als ob es glte, die schne Frau nicht allzusehr zu treffen, kehrte er den Spie um und schleuderte ihn, mit dem stumpfen Schaftende nach vorn, zurck, so furchtbar aber, da er drhnend Brunhilds Schild zerbeulte, die Starke den Boden unter den Fen verlor und rcklings in den Staub fiel. Zornig sprang sie auf und ordnete Rstzeug und Gewand. Blutrot lief die Scham ber ihr Gesicht, und der Ha sprang gleich Blitzen aus ihren nachtdunklen Augen. Frohlockt nicht zu frh, rief sie ergrimmt, ich habe nur gescherzt! Und sie ergriff den hundertpfndigen Felsblock, lie ihn wie einen Ball auf der flachen Hand tanzen, packte an und warf ihn in wildem Schwunge wohl fnfzig Ellen weit. Und mit gewaltigem Anlauf hob sie sich im Panzer in die Lfte und schwang sich hinter dem Stein her und sprang weiter noch, als der Stein gefallen war. Da wurde es totenstill auf der Bahn, und Hagen flsterte seinem Bruder Dankwart zu: Mach dein Schwert locker und stell dich mir Rcken an Rcken. Es wird heie Arbeit geben. Gunther schritt zum Steine, und unsichtbar schritt Siegfried neben ihm. Und Siegfried hob den Stein, als hbe ihn Gunther, spannte alle Muskeln an und warf den Felsblock noch zehn Ellen ber Brunhilds Marke, packte Gunther um den Leib, sprang an und trug Gunther durch die Luft, als sause ein Falke daher. Weit ber den Stein hinaus ging er mit Gunther zur Erde nieder. Mit vorgebeugtem Leib und verzerrtem Gesicht hatte Brunhild Wurf und Sprung verfolgt. Jetzt sanken ihr die mchtigen Arme an den Leib. Nie, sagte sie, und ihr Atem ging erregt, htte ich geglaubt, da auer Siegfried ein sterblicher Mann solches vermchte. Nun wei ich, da Ihr recht tatet, Knig Gunther, Siegfried zu Eurem Dienstmann zu nehmen. Ich werde Euch als Euer Weib folgen, wie ich es Euch versprach. Da schmetterten die Trompeten, da strmte der Jubel des Volkes durch die Luft. Siegfried aber war wieder vor das Tor geeilt, hatte die Tarnkappe abgezogen und kehrte nun auf die Bahn zurck, als wte er noch nichts von den Geschehnissen. Vorwrts, rief er, Knig Gunther! Auf zum Kampf! Es wird Euch gelingen! Da lachten sie alle, da er das herrliche Kampfspiel versumt hatte, und Brunhild schaute hochmtig auf ihn herab. Wo habt Ihr den Brautschmuck, Mann? fragte sie ihn herrisch. Siegfried aber bog huldigend das Knie und entgegnete: Gtige Herrin, er ist so gro, da meine Arme ihn nicht zu fassen vermochten. Des Schiffes ganzer Inhalt ist Euer. Da ging sie achselzuckend an ihm vorbei und ging zum Schiffe und musterte, was es an Gold und Steinen barg. Mit so elendem Kram, rief sie hhnisch, glaubt Ihr vor Islands Knigin bestehen zu knnen? Whnet Ihr, mich beleidigen zu drfen, so rufe ich meine Ritter und Mannen, da sie Euch allesamt greifen und im Meer ersufen! Erblaten Gesichtes stand Gunther vor der Ergrimmten und fand keine Antwort. Siegfried aber lachte: Nicht so, Frau Knigin. Es ist dies nur eine Probe der Schtze, die fr Euch unterwegs sind. Das Schiff, das sie birgt, wurde vom Sturm verschlagen. Gebt mir Urlaub, damit ich es auf dem Meere aufsuche und zu Euch in den Hafen geleite. Mit dsteren Augen blickte Brunhild den Khnen an. Es knnte Euch furchtbar gereuen, sprach sie, so Ihr mich zu betrgen gedchtet. Diese hier bleiben als Geiseln in meiner Hand. Sputet Euch, da Ihr bald wiederkehrt und Eure Worte wahr macht. Euer Herr und seine Gefhrten drften sonst den Rhein nicht wiedersehen. Da nahm Siegfried Abschied von Gunther, Hagen und Dankwart, beurlaubte sich von der Knigin und ging mit seinem Ro Grane an Bord des Schiffes. Gnstig wehte der Wind, die Segel knallten und knatterten, des Helden Hand lag am Steuer, und wie ein Vogel schwand das Schiff am fernen Horizont. In halber Zeit erreichte Siegfried die Mndung des Rheines, gebot den Schiffsleuten, bis zu seiner Wiederkehr zu warten und schwang sich auf Granes Rcken. Und das treue Ro trug ihn im Fluge durch die rheinischen Lande, bis das Siebengebirge vor ihnen blaute und der Held den ihm wohlbekannten Weg zur Drachenburg ritt, die den reichen Nibelungenhort barg. [Illustration] Nacht war's, als Siegfried vom Pferde stieg. Und er gedachte seines Verwalters Alberich Wachsamkeit zu erproben und lrmte wie ein Trunkener am Tore und begehrte mit hmmernden Faustschlgen Einla. Da ffnete sich mit einem Ruck die Pforte, und der wilde Zwerg sprang mit einer langen Eisenstange heraus und prgelte so frchterlich auf Siegfried ein, da dem Helden die Funken aus den Augen stoben, und er Island nie wiedergesehen htte, wre es ihm nicht gelungen, unter den hageldichten Hieben den wilden Zwerg beim Barte zu erwischen und fest in seine Arme zu reien. Guten Abend, Freund Alberich, lachte er dabei. Ich sehe, Ihr seid immer noch gesund und munter. Da erkannte der Wtende seines Herrn Siegfried Stimme, und er lie nach mit Strampeln und Futritten. Verzeiht, bat er ganz auer Atem, da ich Euch ein wenig unwirsch begegnete. Ein wenig? lachte Siegfried und befhlte seine Beulen. Gott soll mich behten, wenn es einmal mehr als ein wenig geschieht. Und er klopfte seinem getreuen Verwalter frhlich die Schulter. Dann befahl er ihm, eilends die Nibelungenritter zu wecken, und er whlte aus ihnen eine starke, glnzende Schar, und aus den Schtzen erwhlte er so viel, als ein Rheinschiff fassen konnte, und am anderen Tage fuhr er mit den Schtzen und den Rittern wieder den Rhein hinab zum Meere, wo er sein Drachenschiff und seine Schiffsleute fand und eine schnelle Umladung erwirkte. Durch Sturm und Wogenprall ging die Meerfahrt gen Island. Knig Gunther sa mit Hagen und Dankwart am Strande. Tief in Sorgen sa er, und keine Hoffnung war mehr in seiner Seele. Und sie sprachen unter sich von Siegfrieds Flucht und manch ein schlimmes Wort von dem Helden, der jetzt wohl schon die bergende Heimat erreicht htte, whrend sie verzweifelnd den Tod erwarteten, schimpflich dazu, von eines Weibes Hand; der wohl gar das ganze Burgundenland sich zu eigen mache und sich prahlerisch auf Gunthers Thron setze. So sprachen sie mit vergifteten Gemtern und glaubten nicht an Siegfrieds Treue, als Hagen aufsprang und erregt in die Ferne wies. Denn sein scharfes Einauge hatte am Horizont das Drachenschiff erspht. Er naht, er naht! rief er. Siegfried kommt wieder! Da kehrte in Knig Gunthers Seele aller Hochmut zurck, und er erhob sich und sagte kalt: Er hatte es geschworen. Eilig kam Brunhild aus den Toren der Burg, und ihre Ritter und Frauen folgten ihr mit staunenden Gebrden. Hohe Frstin, redete Gunther sie an, rstet Euch zur Reise nach Worms. Siegfried kommt, und ich wnsche nicht einen Tag lnger ohne Eure Minne zu weilen. Mit starren Augen sah Brunhild dem heranschieenden Schiffe entgegen. Nun warf es Anker, nun schoben krftige Hnde die Laufplanken ans Land. Und Siegfried stand hochaufgerichtet an Bord und fhrte die glanzvolle Schar seiner Nibelungenritter vor Brunhild hin, da die Mannen Brunhilds erbleichten, und wies lachend auf die aufgehuften Schtze seines Schiffes. Ich habe daheim neue geholt, edle Knigin. Es deuchte mir einfacher so. Geblendet blickte Brunhild auf die Reichtmer, bewundernd auf die auserlesene Ritterschar. Und willig ging sie an Gunthers Seite an Bord, zur Fahrt nach Worms, zur Hochzeit am Rhein. 5. Kapitel Wie Siegfried mit Kriemhild und Gunther mit Brunhild Hochzeit machte, und wie Siegfried an Gunthers Stelle Brunhild bndigte Hui, jagten die Boten den Rhein hinan mit verhngten Zgeln. Blumen trugen die Rosse rechts und links im Kopfzaum, und grne Zweige die Reiter am Eisenhut. Stromauf jagten sie und nahmen sich keine Zeit zur Rast, bis Worms vor ihnen aufstieg, die schne Stadt. Da lief das Volk zusammen, sie zu befragen, aber sie sprengten mit lustigen Worten hindurch und in den Hof der Knigsburg hinein und lieen sich melden bei Frau Ute und der Knigstochter Kriemhild, bei Gernot und Geiselher, den jungen Frsten. Im Thronsaal empfingen Frau Ute und die Knigskinder die Boten und hieen sie reden und berichten und kein Wort vergessen. Und sie vernahmen die Abenteuer der Helden in Island, Gunthers Sieg ber Brunhild, Siegfrieds errettende Meerfahrt und die Heimkehr der Helden mit Brunhild, der stolzen Frstin. So aber bittet und gebietet Knig Gunther, schlo der Bote, der vor den anderen das Wort fhrte: Die Hochzeit mchtet Ihr richten in Eile und nicht sparen mit Gold und Gewndern und kstlicher Tafelzier, und Einladungen mchtet Ihr ergehen lassen an alle Edlen des Burgundenlandes, mit ihren schnen Frauen zu erscheinen auf heut ber acht Tage zu Worms am Rhein. Denn dann gedenkt Knig Gunther einzuziehen und keine Stunde zu sumen, die hehre Brunhild als seine Knigin neben sich auf den Thron der Burgunden zu setzen. Da weinte Frau Ute vor Freuden, und Kriemhild stand mit wogender Brust und leuchtenden Augen, weil Siegfried so treu gewesen war. Gernot und Geiselher aber eilten, ihres Bruders Gunther Wnsche zu erfllen, und die Hochzeitsboten jagten selbigen Tages durch die Lande und entboten alle burgundischen Edlen gen Worms. Das war ein Leben am Rhein! Das war ein Singen und Springen bei emsiger Arbeit und frhlicher Zurstung. Mit den Meuten zogen die Jger aus in die Wlder und Berge zu beiden Seiten des Rheins und brachten den Auerochsen heim, den saftigen Hirsch und den Bren fr leckeren Schinken. Die Fischer stellten die Reusen und warfen die Netze und holten den Hecht aus dem Rhein, den rosigen Lachs und den fetten Aal. Herr Rumold rumorte in der Kche und verteilte in wenigen Tagen mehr Ohrfeigen an die tanzenden Kchenjungen als sonst in einem Jahre. Herr Hunold kam kaum noch aus dem Keller zum Vorschein, und sein Heldenantlitz wurde von ernsten Weinproben rter als der purpurne Burgunder im Fa. Herr Sindold, der Herold, lief Tag und Nacht wie ein Wiesel treppauf, treppab, lie die Gemcher instand setzen fr die Unterkunft der vornehmen Gste und die Tafeln aufschlagen fr das Hochzeitsmahl. Frau Ute aber gab das schimmerndste Leinen heraus und das kostbarste Tafelgeschirr, und Kriemhild sa stundenlang vor ihren Truhen und whlte das wunderlieblichste Gewand, dem Helden Siegfried zu Gefallen. Der Tag des Einzugs kam, und die Gste strmten von nah und fern in die Hochzeitsstadt, um Knig Gunther bei der Landung zu begren. Da kamen auch aus Xanten Knig Siegmund und die Knigin Siegelinde, Siegfrieds betagte Eltern, denen er Kunde geschickt hatte schon von der Kste aus. Und aus dem Walde kam Mime, der Schmied, auf einem groen Pferd, und die Menschen lachten ihn aus wegen seines Hckers. Er aber achtete des Spottes nicht und freute sich im Herzen der Taten seines Pflegesohnes. In feierlicher Fahrt nahte das Knigsschiff auf dem Rhein, und auf dem Leinpfad hatten die Rosse zu ziehen, da sie es in den Hafen brchten. Hochgemut stand Knig Gunther an Bord, die Krone auf dem Kopf, und neben ihm stand Brunhild in nachtdunkler Schnheit. Inmitten der Ritter aber ragte Siegfried um Hauptes Lnge hervor, und sein goldenes Haar leuchtete weit in der Sonne. Hei, wie die Spielleute am Ufer bliesen und drommeteten, fiedelten und schalmeiten! Hei, wie die Ritter mit Schwert und Speer die Schilde schlugen und alles Volk sang und jauchzte! Ja, das war ein Leben am Rhein! Knig Gunther fhrte an der Hand die stolze Brunhild vom Schiffe. Und Frau Ute schritt ihr entgegen samt ihren Kindern, dem stattlichen Gernot, dem frhlichen Geiselher und der lieblichen Kriemhild, und sie alle begrten Brunhild mit Ku und Umarmung. Siegfried aber trat zu Gunther und mahnte ihn leise an die Erfllung seines Versprechens. Da winkte Knig Gunther der errtenden Schwester, da sie Siegfried gre, und Siegfried nahm sie in beide Arme und kte sie auf Augen und Mund. Getraust du dich wohl, flsterte er ihr zu, mein Weib zu werden, du Liebliche, wenn ich dir sage, da dein Bruder Gunther es nicht ungern sieht? Da nickte sie nur und umhalste ihn. Und er hielt sie ganz fest und doch ganz zart in seinen Heldenarmen. Und dann fhrte er sie seinen Eltern zu, die sich ber die Maen der lieblichen Schwiegertochter freuten, und rief Mime herbei und ehrte ihn vor allem Volke durch Ku und Umarmung. Da schwieg der Spott, und niemand gewahrte mehr des Schmiedes Hcker. Nie zog ein glnzenderer Hochzeitszug zum Mnster als der, in dem Gunther mit Brunhild, Siegfried mit Kriemhild schritten, und der Dom fate nicht die Menge der Gste und des feiernden Volkes, das die Kirchenstufen besetzt hielt und den weiten Platz. Und die Glocken sangen und jubilierten, als die Vermhlten den ragenden Mnsterbau verlieen und unter den Heilrufen des Volkes in die Knigsburg einzogen zum festlichen Mahle. Auf erhhten Thronsesseln saen Gunther und Brunhild nieder, und ihnen gegenber, auf gleich hohen Thronsesseln, saen Siegfried und Kriemhild. Die Gste aber ringsum nach Rang und Stand sorglich geordnet. Einen finsteren Blick warf Brunhild auf Siegfried und rhrte nichts an von Speise und Trank. Ungern gewahrte Knig Gunther das dstere Wesen des geliebten Weibes, und leise und zrtlich befragte er sie nach Grund und Ursache. Wie kann ich heiter sein, sagte Brunhild verchtlich, da ich sehen mu, wie sehr dir der Stolz fehlt. Hei errtete da Gunther und sprach: Der Knig der Burgunden hat des Stolzes genug, und niemand darf daran zweifeln. Nennst du das Stolz, eiferte Brunhild, wenn des Knigs Schwester gut genug befunden wird, eines Dienstmannes Eheweib zu werden? Nicht essen noch trinken mag ich vor Scham ber solches Geschehnis. Und verlegen antwortete ihr der Knig: Er hat mir groe Dienste getan. Frage nicht weiter und freue dich der sen Stunde. Brunhild aber blieb trotzig und hochfahrend. Dienste zu tun, dafr ist er Lehnsmann. Es mu also ein Besonderes sein, da du ihn so verschwenderisch belohnst, und mir soll es verborgen werden. Sag' mir die Wahrheit, so dir daran liegt, da ich dir meine Liebe zeige. Da beteuerte ihr Gunther mit vielen Worten, da nirgend ein Geheimnis wre und nur Siegfrieds Treue und Tapferkeit so hohen Lohn erfhre. Sie aber blieb stumm und verschlossen den ganzen Abend ber. Dann nahten die Pagen mit den Fackeln, die Vermhlten in ihre Gemcher zu geleiten, und Brunhild schritt hochmtig an der Seite ihres Gemahls. Und ohne ihn eines Blickes zu wrdigen, warf sie die Kleider ab und legte sich zu Bett. Liebste, bat Gunther und wollte sie mit Zrtlichkeit streicheln, nun verscheuche die grollenden Gedanken und gib der Freude Raum. Sie aber zrnte aus den Kissen heraus: Rhr' mich nicht an, oder es ergeht dir schlimm. Da packte den Knig die Wut, und er ergriff Brunhild bei den Armen, um sie zu zwingen und sie seine Kraft spren zu lassen. Sie aber sprang jach aus dem Bette auf, befreite sich mit hartem Sto von ihm, umspann mit einer Hand seine beiden Handgelenke, griff nach ihrem Grtel, schnrte ihm Arme und Beine zusammen und hing ihn wie ein Kleiderbndel an den Bettpfosten. Ei, sagte sie, sieh an. Und von solchem Manne bin ich besiegt worden im Speer- und Steinwurf und heldischem Sprung in Panzer und Waffen? Da steckt mir ein Geheimnis hinter, und ich will es wissen, mein Freund, oder deine Liebe bleibt hbsch bei dir allein und findet nimmer Gegenliebe bei mir. Gunther aber bat und bettelte, ihn zu lsen aus der unwrdigen Haft, und schwur hoch und teuer, nur die Strapazen der langen Reise htten seine Kraft ermdet. Da lachte sie hhnisch auf: Trume s, mein Herr und Held. Und morgen nacht hnge ich dich wieder an den Pfosten, so lange, bis ich wei, was mir zu wissen ziemt. Damit legte sie sich ruhig zu Bett, streckte die schnen Glieder und entschlummerte. Das war eine bse Nacht fr Knig Gunther am Pfosten von Brunhilds Bett. Und als sie ihn am Morgen lste, schmerzten ihn alle Knochen im Leibe, so da er kaum gehen und stehen konnte. Das sah Siegfried, und er befragte ihn. Lange zgerte Gunther mit der Antwort. Dann aber gestand er dem Schwager die Ereignisse der Nacht. Was soll ich tun? fragte er und knirschte mit den Zhnen. Ich werde zum Gesptt der Welt, wenn ich das Weib nicht zwinge. Und so blendend schn war sie in ihrem Zorn. Vertraut mir, Schwager, begann Siegfried nach einigem Sinnen, ich habe einen Plan. O Siegfried, rief Knig Gunther, nennt ihn mir, und sei er, wie er sei: ich will es Euch ewig danken, so Ihr die Wilde zhmt. So hrt mich an, sprach Siegfried. Begebt Euch heute abend frher zur Ruhe, damit es meine Frau Kriemhild nicht gewahrt, da ich ein Stndlein fehle. Wenn Ihr das Schlafgemach betretet, bin ich schon, wohl verborgen, dort. Lscht gleich das Licht und zieht Euch in den uersten Winkel zurck. Ich aber trete in der Dunkelheit an Eurer Stelle vor, bndige Euch die Wilde und rume Euch wieder das Feld. Nicht sonderlich lieb war dem stolzen Knige der Vorschlag. Aber die Sorge trieb ihn, da er ihn annahm. Am Abend harrte der starke Siegfried im kniglichen Schlafgemach. Hinter einem hohen Wandschirm stand er und wartete. Und Knig Gunther erschien frhzeitig mit seiner Knigin Brunhild, und als Brunhild die Kleider abwarf, lschte Gunther das Licht. Glaubst du mir in der Dunkelheit zu entkommen? spottete Brunhild und legte sich zu Bett. Nahe mir nur mit einem Schritt, und ich hnge dich an den Pfosten. Da schlpfte Siegfried hinter dem Schirm hervor, und Gunther verbarg sich im Winkel. An das Bett trat Siegfried und griff sie hart beim Gewand. Brunhild aber sprang aus dem Bette heraus, da der Boden drhnte, und warf in wildem Ansturm den starken Mann an die Wand. Hei, dachte Siegfried, um ein Haar, und mir wre der Kopf zerschellt. Aber er sprach kein Wort, damit seine Stimme ihn nicht verrate, und stumm packte er aufs neue zu. Hast du noch nicht genug? rief die verwegene Frau. Warte, so werde ich dich schnren, da dir der Atem vergeht. Und sie warf ihm die Arme um den Leib, da Siegfried sich mit aller Gewalt gegen den Boden stemmen mute, um nicht vor solcher unbndigen Kraft den Halt zu verlieren. So rangen sie mit keuchendem Atem in der Dunkelheit und warfen sich an den Wnden hin, da es dem angstvoll lauschenden Knig Gunther im Blute grauste und er mehr als einmal aus einer Ecke in die andere schlpfen mute, um nicht zu Boden getreten zu werden. Mit einer Hand hatte Brunhild den Grtel ergriffen und suchte des Gegners Hnde damit zu umschlingen. Der Held dachte, sein letztes Stndlein wre gekommen, und die Scham, von einem Weibe besiegt zu werden, gab ihm frische Krfte und entfesselte seinen Grimm. Hatte er bisher immer noch die Frau und Knigin in Brunhild geschont, so griff er jetzt eiserner zu. Mit klammernden Fusten packte er sie um den Leib, schwang sie mit strmender Kraft vom Boden auf und warf die Unbndige aufs Bett, da ihr die Glieder krachten. Auf wollte Brunhild. Er aber sprang zu ihr aufs Lager und umschlang sie so fest, da ihr der Atem stockte und alle Kraft zu Ende ging. Da begann sie zu bitten und zu stammeln. O Knig Gunther, verzeiht mir. Trotz und Ungestm will ich von mir tun fr mein ganzes Leben. Denn nun versprte ich es wohl von Euren Schlgen und Griffen, da Ihr in Wahrheit der strkste Mann der Erde seid. Siegfried aber fhlte an ihrem Finger den Ring Knig Nibelungs, den er ihr einst als Verlobungsring geschenkt hatte, und er zog ihn ihr leise ab und steckte ihn an seine Hand und dachte nicht an den Fluch Nibelungs, der im Ringe wohnte. Als wollte er sein Nachtgewand anlegen, erhob er sich vom Lager, und Gunther, der Brunhilds demtige Worte vernommen hatte, kam lautlos herbei und nahm Siegfrieds Platz, whrend der Held heimlich aus der Tr entwich. So wurde Brunhild die Gattin Knig Gunthers, und da sie ihm ihre Liebe schenkte, fielen alle heldischen Krfte fr immer von ihr ab, und sie war nicht strker mehr als andere schne Frauen. Siegfried aber war unter der Tarnkappe aus dem Zimmer gewichen, damit niemand vom Hofgesinde ersphen sollte, da er aus des Knigs und der Knigin Schlafkammer kam. Als er nun das eigene eheliche Schlafgemach erreichte, hatte der Ringkampf mit Knig Gunthers Frau doch lnger gedauert, als er vorher vermutet hatte, und er fand seine Frau Kriemhild schon wartend vor. Schnell zog er in der Tr die Tarnkappe ab und trat in seiner sichtbaren Gestalt an ihr Ruhelager. Guten Abend, herzallerliebste Frau, begrte er sie heiter und sah, da sie geweint hatte. Liebevoll beugte er sich ber sie und befragte sie nach ihrem Kummer. Und Kriemhild seufzte unter Trnen und sprach: Kaum zwei Tage sind wir verheiratet, und schon bin ich dir zur Langweile geworden, so sehr, da du mich am Abend allein lssest. O du se Eifersucht, scherzte Siegfried und erzhlte ihr, da Knig Gunther seiner noch bedurft htte, damit er ihm einen Dienst erweise. Du bist nicht sein Dienstmann, widersprach ihm die junge Gattin. Du bist es nur freiwillig gewesen auf der Meerfahrt gen Island und aus Grnden klugsorgender Freundschaft. Das ist vorber, und die stolze Brunhild soll es unterlassen, hochmtig auf meinen Helden herabzublicken. Da mute Siegfried lachen, denn er gedachte der heien Stunde, aus der er kam, und der Demut Brunhilds. Weshalb lachst du zu meinen Worten? fragte Kriemhild und griff bittend nach seiner Hand. Und als sie seine Hand berhrte, fhlte sie den fremden Ring an Siegfrieds Finger, und sie setzte sich hastig aufrecht und betrachtete ihn mit immer starreren Augen. Das ist -- das ist Brunhilds Ring, sthnte die Arme. O leugne es nicht, denn ich sah ihn selber an ihrer Hand. Ihretwegen hast du mich weinend warten lassen, mit ihrem Zauber hat sie dich umstrickt, und nun bin ich ein arm verraten Weib. Die Hnde schlug sie vor ihr erblates Gesicht und warf sich schluchzend in die Kissen. Ergriffen stand der Held vor ihrem jungen Schmerz. Tausend liebe Worte wute er ihr zu sagen, doch sie schttelte nur den Kopf und schluchzte um so heftiger. Nein, Siegfried, nein, du sagst mir nicht die Wahrheit. Und da nichts fruchtete, ihren heien Schmerz zu lindern und die Trnen zu trocknen, sprach Siegfried aus mitleidsvollem Herzen: Wohlan denn, wir sind Mann und Weib, und Mann und Weib sollen eins sein. So will ich dir denn alles berichten und auf die Verschwiegenheit meines lieben Weibes bauen, wie ich auf mich selbst baue. Nie darf ein Lebender davon erfahren. Und er erzhlte ihr sein ganzes Leben, und wie er durch die Waberlohe geritten sei und Brunhild befreit habe, wie sie sich miteinander verlobt htten und wie er von ihr gegangen wre um ihres unweiblichen Hochmuts willen, der nicht so sehr nach dem liebenden Manne als nach dem mchtigen Knig verlangt htte. Dann sang nach Jahren des Vergessens Herr Volker in der Halle von Brunhilds Schnheit und Kraft, und Knig Gunther entbrannte nach ihr. Ich aber hatte dich gesehen, meine wunderliebliche Kriemhild, und kein anderes Bild hatte mehr in meinem Herzen Raum. Um dich zu gewinnen, fhrte ich selber den Knig nach Island, nur um deinetwillen, weil Gunther dich mir zum Lohne verhie, ging ich als sein Dienstmann in seinem Gefolge, denn nimmermehr htte Brunhild ihn angeschaut, htte ich als gleichberechtigter Recke neben ihm gestanden. Um dich zu gewinnen, kmpfte ich unter der Tarnkappe, die mich unsichtbar macht, an Gunthers Seite, warf fr ihn den Speer und den Stein und trug ihn im Weitsprung durch die Luft. Das alles tat ich um der Liebe meiner Kriemhild willen. Und fuhr zurck zum Nibelungenhort und holte die Schtze und Ritter, um Gunther mit seinen Gesellen zu lsen und Brunhild zur Hochzeitsfahrt gen Worms zu vermgen. Lngst hatten Kriemhilds Trnen aufgehrt zu flieen. In heimlicher Bewunderung staunte sie ihren Helden an, und ihre Brust ging hoch, als ihr Herz von so unablssiger Liebe erfuhr. Aber an Siegfrieds Hand funkelte hmisch der Ring, und sie begann aufs neue zweifelnd zu fragen: Weshalb gingst du heute zu ihr, und weshalb gab sie dir den Ring zum Pfande? Da berichtete ihr Siegfried von Knig Gunthers Not um das Weib, von Gunthers beweglicher Klage und Verzweiflung. [Illustration: Siegfried verrt Kriemhild das Geheimnis] Sollte ich den Schwager, nachdem ich ihn so weit gefhrt hatte, so tief in Schande strzen lassen? Deinen Bruder, Kriemhild, der mir diese sselige Frau bescherte? Ich war im Glck, Kriemhild, und der ist des Glckes nicht wert, der an anderer Unglck vorbergeht. Darum war ich bei Gunther in dieser Nacht und bndigte ihm in der Dunkelheit seine wilde Genossin also, da sie nicht anders vermeint, als es sei Gunthers Kraft gewesen, dem sie jetzt zrtlich und in Liebe ergeben am Halse hngt. Mich aber verfhrte das Glitzern des Ringes, da ich das Kleinod ihr abstreifen mute. Denn kein anderes Weib darf einen Verlobungsring von mir tragen, als die, deren Seele mich liebt im Glck wie in der Not. O du mein Friedel! rief Kriemhild, umhalste ihn und barg ihr Kpfchen an seiner Brust. Das war fr den Helden eine selige Freude, und er nahm den Ring von seinem Finger und schenkte ihn der sen Genossin. Doch trage ihn nicht anders, forderte er, als wenn Brunhild es nicht sieht. Damit sie nie erfhrt, da es nicht Gunther war, der ihr Ring und Heldentum nahm. So kam der Ring Nibelungs in Kriemhilds Besitz, und der Fluch war nicht aus ihm gewichen. Brunhild aber ging viele Tage umher und schmte sich, weil sie ein Weib geworden war wie andere und nicht mehr die unbezwingliche Heldenjungfrau. Und es war ihr arg, da Siegfried sie als demtige Frau eines andern Mannes sah, denn so sehr sie Siegfried einst geliebt hatte, so sehr hate sie ihn jetzt wegen seiner alles berstrahlenden Mnnlichkeit. Da rief sie Hagen zu sich und beriet sich mit ihm. Und der grimme Hagen von Tronje sprach: Nichts anderes darf es in der Welt fr mich geben als die Gre meines Knigshauses. Wer dein Feind ist, o Knigin, ist hinfort auch der meine. Eine andere Treue kenne ich nicht. Beide Hnde reichte ihm Brunhild dar, und der finstere Einugige beugte sich ber ihre Hnde und kte sie. Und wo sie gingen und standen, berieten sie Siegfrieds Untergang und besphten heimlich des Helden Schritte. Das war dem sorgenden Mime nicht entgangen, der immer noch zu Worms weilte, und er belauschte der beiden heimliche Gesprche und erfuhr, was sie im Schilde fhrten. Heimgekehrt nach Xanten waren Siegfrieds betagte Eltern, Knig Siegmund und Knigin Siegelinde, und hatten den Helden gebeten, heimzukommen und die Regierung zu bernehmen. Und ein Bote erschien vor Siegfried, den hatte Ldeger gesandt, der Knig vom Sachsenland, und die Botschaft lautete so: Ohne Erben ist Knig Ldeger, und bald wird der Thron des Sachsenlandes verwaist sein. Weil du aber, Held Siegfried, nicht nur als der tapferste Degen in der Schlacht, sondern auch als der ritterlichste Mann dem Wehrlosen gegenber von Knig Ldeger befunden wurdest, so will er dir, wenn er abgerufen wird von dieser Erde, Thron und Krone des Sachsenlandes hinterlassen, und er grt dich aus der Ferne als seinen Sohn und Erben. So lohnte sich reich ein ritterlicher Sinn. Seinen Lehrer und Pflegevater Mime rief Siegfried herbei und teilte ihm die hohe Botschaft mit. Und des Migestalteten Augen leuchteten vor Freude, als er seinen Zgling so hoch gestiegen sah durch Kraft und reine Gesinnung. Doch die Sorge wurde noch mchtiger in ihm, und er riet dem Helden mit bittenden Worten: Sprich zu keinem an Gunthers Hofe von Ldegers hochherzigem Geschenk. Brunhild und Hagen sind dir feind und auch Gunther will dir nur vor den Augen wohl. Und er erzhlte ihm alles, was er erlauscht hatte, und beschwor ihn unter Anrufung von Kriemhilds Namen, das Burgundenland zu verlassen. Da gab Siegfried endlich dem Drngen nach, um Kriemhilds Ruhe willen, und Mime gebot Siegfrieds Nibelungenrittern, sich in der Stille bereit zu halten. Und in der nchsten Nacht ritten Siegfried mit Kriemhild und Mime an der Spitze der Nibelungenritter heimlich zum Tore hinaus gen Xanten am Niederrhein. Wie da Brunhild tobte, als sie am Morgen die Herberge leer und ihren Ha betrogen fand. 6. Kapitel Wie Siegfried und Kriemhild der Einladung nach Worms folgten, wie die Kniginnen sich schalten und Siegfried ermordet wurde Am Niederrhein lag Xanten mit seinem Dom und seiner Knigsburg, und seine saftigen Weiden, auf denen die Glocken der Rinderherden luteten, streckten sich weit bis ins Niederland hinein, und die grnschimmernden Wlder luden auf viele Meilen hinaus zu frhlicher Jagd. Es war ein liebliches Land voll Ruhe und Frieden, und der Rhein strmte langsam hindurch, als knnte er sich nicht trennen von diesen glcklichen Ufern. Hier herrschte Siegfried als Knig, und seine Macht reichte weit und reichte ber das ganze angrenzende Sachsenland hinaus, denn Ldeger war gestorben und Siegfried sein Erbe. Hier lebte Kriemhild in Liebe und Wohlsein, und oft war es ihr, als ob das Schicksal neidisch werden mte auf ihr Glck, denn sie hatte dem Gatten zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und ein Mgdlein, die waren der Eltern grter Stolz. Aber die Jahre gingen hin in lauter Sonne, die Kinder gediehen, und immerwhrender Friede blieb dem Lande, denn alle Nachbarn kannten Siegfrieds rasche und feste Hand und trauten sich nicht an ihn. Oft sa Kriemhild auf Siegfrieds Scho geschmiegt, und die Kinder spielten zu ihren Fen, und das blhende Land duftete zu ihnen herauf. Dann saen sie ganz still und freuten sich, da einer des anderen Herzschlag vernahm, und reichten sich wohl den Mund zu langem, stummem Kusse. Zu Worms am Rhein aber war das Leben weiter gelaufen ohne rechte, innere Frhlichkeit, und je mehr die Jahre sich zwischen Siegfrieds heimlicher Abreise und der neuen Gegenwart legten, desto tiefer fra sich der Ha in Brunhilds Seele. Lngst grbelte sie ber nichts anderes mehr, als wie sie den Helden treffen und vernichten knne, und wenn sie den schwchlichen Sohn ansah, den sie Gunther geschenkt hatte, und die Kunde ihr von Siegfrieds starken Kindern erzhlte, wurde ihr Ha zur sinnlosen Qual. Da trat sie vor Knig Gunther mit geschickter Verstellung und sprach zu ihm: Wie lange ist es, da wir nichts mehr von Siegfried erfuhren, wie lange, da ich meiner lieben Schwgerin Kriemhild sonniges Antlitz nicht mehr sah. Dafr, da Siegfried dein Lehnsmann ist, weilt er reichliche Zeit fern von Worms und seinem Herrn und die se Kriemhild fern von unserer Sehnsucht. Ich bitte dich herzlich, la Boten nach Xanten gehen, die das ersehnte Paar nach Worms laden zur Feier des Sonnenwendfestes und in unsere Arme. So sprach die Trgerische, und Gunther wagte nicht, ihrem Wunsche entgegen zu sein, aus Furcht, sie knne erfahren, da er keine Lehnsmacht ber Siegfried besitze und Brunhild ihn verachte. Darum hie er die Boten reiten, und sie ritten viele Tage den Rhein hinab und kamen nach Xanten und fanden Siegfried und Kriemhild in ihrem Glck. [Illustration: Kriemhilds und Siegfrieds Minnezeit zu Xanten] Nibelungs Ring trug die schne Knigin am Finger, und der Ring glitzerte tckisch auf, als die Boten in den Thronsaal traten und in warmen Worten Gunthers und Brunhilds Einladung zu Gehr brachten. Groes Heimweh ergriff Kriemhilds weiche Seele, als die Boten von Worms sprachen und von Frau Ute, der harrenden Mutter, von Gernot und Geiselher, den lieben Brdern, von allen Gespielen und Pltzen der Kindheit. Eine Trne hngte sich schwer an ihre Wimper und fiel in ihren Scho. Siegfried sah es, und schon hatte er sich entschieden. Saget, so rief er mit frohem Sinn, Knig Gunther und Knigin Brunhild, saget Frau Ute und Gernot und Geiselher und allen liebwerten Recken und Helden, da wir uns herzlich ihrer Gunstbezeigung freuen und mit Dank der Einladung folgen werden. Auf Wiedersehen, ihr guten Boten, zum Sonnenwendfest zu Worms am Rhein. Da wollen wir Freude trinken! Und er beschenkte die Boten zur Heimreise reich, und Frau Kriemhild fiel ihm lachend um den Hals. Das war ein lustig Rsten zur Sommerfahrt an den Rhein. In neuen Gewndern stolzierten die Ritter, und die Rosse wieherten unter funkelndem Geschirr. Die Trojungen pfiffen muntere Lieder, und nur Mime, der Schmied, dem man die Botschaft in den Wald gesandt hatte, kam in alter, eiserner Rstung und mit sorgenvollem Gesicht. Siegfried aber wollte nichts von Abraten wissen. Der Menschen Herzen lutern sich mit den Jahren, gab er Mime zur Antwort. Wie darf ich Schlechtes von ihnen denken, wenn mein Herz nicht selbst schlecht sein will. Und hre, du Treuer: Frau Kriemhild freut sich der Fahrt. Da ritt Mime in seinem alten Eisenharnisch an der Spitze der prunkvoll gekleideten Ritter, dicht hinter Siegfried und Kriemhild, und der alte Knig Siegmund blieb mit den Enkelkindern zurck und fhrte die Regierung des Landes. Siegfried aber sang an Kriemhilds Seite so hell wie in Jugendtagen, und die Leute staunten dem schnen Helden nach, und sein Bild machte aller Herzen frhlich. Singend zog er durch die Lande, als wre er der Frhling. So erreichten sie Worms, die stolze Stadt, und wurden von den Burgundenfrsten und Vlkern mit Jubel empfangen. Brunhild aber dachte schon nach kurzem, wie sie Kriemhild krnken knnte. Strahlend sa Siegfrieds schne Frau neben Gunthers Knigin in geschmckter Turnierloge. Da ritten und rangen die Ritter und Herren um hohen Preis unter den Augen der Frstinnen. Und als Siegfried immer wieder mit leichter Hand den Sieg errang, fragte Brunhild die strahlende Schwgerin: Wie kommt es, liebe Schwester, da man gar so selten von euch hrt? Und Kriemhild antwortete frhlich: Wir wuten nicht, ob wir euch willkommen waren. Da sagte Brunhild und hob hochmtig den Kopf. Nun, wenn _ihr_ nicht, so doch der Lehnszins, den ihr uns all die Jahre schuldet. Ganz bla wurde Kriemhild, und ein Zittern lief ihr ber den Leib. Denn sie fhlte, da ihres Bruders Frau sie absichtlich verletzen wollte. Und der Stolz ging ihr hoch, da auch sie den Kopf zurckwarf und mit grerer Schrfe sprach: Ihr irrt Euch, edle Frau, mein Herr Siegfried ist keinem zinsbar als in Liebe mir. So sollte, fragte Brunhild spottend, der starke Held Euch verschwiegen haben, da er meines Herrn Gunther Dienstmann ist? Wohl atmete Kriemhild schwer, aber sie beherrschte sich und sprach: Man hat Euch ein Mrlein aufgebunden, edle Frau. Da eiferte Brunhild: Ich wei es von Gunther, Eurem Bruder. Wollt Ihr den Knig Lgen strafen? Und Kriemhild wiederholte mit bebenden Lippen: Man hat Euch trotzdem ein Mrlein aufgebunden. Brunhild aber erhob sich hochmtig von ihrem Platze. Wir sprechen uns noch ein andermal, raunte sie heftig, und ich werde Euch Eure Stellung schon anweisen, vielwerte Schwgerin. Den Schleier wand Kriemhild um ihr Gesicht, damit man nicht ihre zornigen Trnen gewahre. Aber Siegfried gewahrte sie doch, als er am Abend in ihr Zimmer trat, und sie sagte ihm alles, was sich zugetragen hatte. Da lachte der Held belustigt, denn er hatte schwerere Unbill erwartet, und er untersagte seiner Frau, sich mit Brunhild zu streiten. Es ist schlimm, wenn der Gastgeber seine Pflichten verletzt, schlimmer aber, wenn der Gast znkisch und undankbar erscheint. So sprach der erfahrene Mann. In seinem Herzen zwar begriff auch er nicht Gunthers Schweigen. Hell schimmerte der Morgen des Sonnwendtages ber Worms empor, und die Glocken riefen durch die Lfte zum feierlichen Hochamt im Mnster. In ihren festlichsten Gewndern zogen die Recken zur Kirche, und gesondert von ihnen gingen die Frauen in prangenden Kleidern. Schon waren die Knige mit ihrem Gefolge in den Dom getreten, als die Kniginnen Brunhild und Kriemhild vor dem Portale zusammentrafen. In purpurne Seide war Gunthers Frau gekleidet, die stand herrlich zu ihrem schwarzen Haar. Siegfrieds blonde Gattin aber sah aus wie der helle Morgen in ihrem lichtblauen Kleide. Als sie dicht nebeneinander die Treppe hinan zum Portale schritten, sprang pltzlich die Knigin Brunhild vor und wehrte der Knigin Kriemhild mit ihr gemeinsam den Eingang. Was mat Ihr Euch an? schalt sie zornig. Wit Ihr nicht, was hfische Sitte gebietet, und da die edlere Frau den Vortritt hat? Wenn es danach ginge, sprach die Knigin Kriemhild, so mtet Ihr fglich zurckstehen, denn meines Herrn Siegfried Name steht hher als der Knig Gunthers. Er ist ein Mietling und bezahlter Knecht Knig Gunthers! rief die Knigin Brunhild und stampfte mit dem Fue. Er hielt auf Island den Steigbgel seinem Herrn! Zurck, sage ich, und begebt Euch nach Gebhr in die Reihe der dienenden Frauen! Da wallte Kriemhilds Frstenblut hoch auf, und die schnen Arme schttelnd, rief sie auer sich ber die Schmach: Ihr lgt! Weil Euer Mann ein Schwchling war, gebrauchte Siegfried die Kriegslist und stellte sich hinter den Knig. Aber auch im Kampfspiel mit Euch stand er hinter ihm. Whnet Ihr wirklich, Gunther habe Euch besiegt? Siegfried war's, mein Herr und Held Siegfried! Ha, wie Ihr erblat! Unsichtbar unter der Tarnkappe bekmpfte Euch mein Herr, und Gunther tat nur die Gebrden, und im Weitsprung trug mein Herr Siegfried gar Euren Knig unterm Arm durch die Lfte! Was? Schmt Ihr Euch nun Eurer Frechheit? Verzerrten Gesichtes starrte die Knigin Brunhild auf die Eifernde. Und Ihr lgt dennoch! kreischte sie. Einen Strkeren als Gunther trgt nicht die Erde, denn ich habe mit ihm um mein Bett gekmpft und furchtbar seine Manneskraft versprt! _Siegfrieds_ Manneskraft habt Ihr versprt! jauchzte die Knigin Kriemhild ihr ins Gesicht. Siegfried warf Euch aufs Bette, bis Ihr demtig wurdet und um Gnade betteltet! Lgnerin! schrie die Knigin Brunhild noch einmal. Da reckte die Knigin Kriemhild ihr die Hand unter die Augen, an der Knig Nibelungs Ring stak. Kennt Ihr diesen Ring? frohlockte sie. Siegfried nahm ihn Euch, seinen Verlobungsreif holte er sich wieder in der Nacht, da er Euch gebndigt an Knig Gunther abtrat wie ein altes Gewand! [Illustration: Der Streit der Kniginnen] Da brach die Knigin Brunhild in ohnmchtiger Wut am Portale nieder, und die Knigin Kriemhild schritt triumphierend hindurch und schritt als erste in die Kirche. -- Nach Hause war Brunhild gewankt und hatte in tobenden Racheplnen gesessen, bis ihr Hagen von Tronje gemeldet wurde, nach dem sie gesandt hatte. Schon wute der grimme Mann von dem Streit der Frauen. Hier bin ich, sagte er, und sein Einauge funkelte. Sprecht es aus, was geschehen soll. Meine Knigin darf nirgendwo und nie die zweite sein. So vernahmt Ihr die Schmach, die Kriemhild mir angetan? Ich wei nur, sprach der finstere Hagen, da Kriemhild sterben mu. Nein! rief Brunhild und erhob sich mit hassenden Augen. Nein, denn zu wenig wre das. Eine Frau stirbt gern mit dem Stolz auf ihren Mann in der Brust. Schwereres, viel Schwereres gilt es, das tausend Tode wiegt. Den geliebten Mann tot und von Waffen zerrissen vor sich liegen sehen, nie mehr erreichbar dem Ruf der Liebe, nie mehr erreichbar dem Ruf der Not. Und selber sich fortan fhlen als ein Spielball des Geschicks, der Gnade der Menschen preisgegeben. Das Furchtbarste, das eine Frau treffen kann: Kriemhild soll es treffen. Da sprach der finstere Mann: Siegfried stirbt noch heute. Und sie saen beieinander und besprachen den dunklen Plan. -- Mit erregten Worten hatte Siegfried sein Weib zur Rede gestellt und sie hart angefahren, da sie wie eine schlecht erzogene Znkerin erwiesene Gastfreundschaft lohne. Man verlt ein Haus, in dem man beleidigt wird, aber man beleidigt nicht wieder. Deinetwegen tat ich es, schluchzte Kriemhild in Trnen, ich tat es um deiner Ehre willen. Der Herold Sindold klopfte an die Tr und bat den edlen Herrn Siegfried zu seinem Herrn Gunther. Und auf der Stelle folgte ihm der Held. Denn er wnschte sogleich den Streit zu schlichten. Bei Knig Gunther aber sa Hagen von Tronje, und Hagen von Tronje hatte gesprochen: Heute noch mu Siegfried sterben, oder Ihr seid der Liebe Eures Weibes und der Achtung Eures Volkes verlustig. Heute noch auf der Jagd. Es gibt keinen Ausweg. Und Knig Gunther hatte ihm mit blassen Lippen zugestimmt. Als Siegfried eintrat, erhoben sich die Herren und stellten sich jeder Vershnung geneigt. Ich wei es wohl, sagte Knig Gunther, da Ihr an den bsen Worten schuldlos seid. Wer urteilt richtig bei einem Zungenkampf von Frauen. Keine will den Zank begonnen, eine jede aber recht zum Schlusse haben. Lat uns kein Wort mehr darber verlieren, mein edler Siegfried, und zum Zeichen, da zwischen uns Mnnern kein Zwist besteht, allsogleich miteinander aufbrechen, den Tag und Abend bei frhlichem Weidwerk zu verbringen. Solch Tun wird jede ble Nachrede im Keim ersticken. Beschmt von so kniglicher Gte reichte Siegfried dem Schwager beide Hnde. Nehmt mein Versprechen, da mein Weib das Eure als erste um Verzeihung bitten soll, sobald sie sich von ihren Trnen erholt hat. Denn ich habe sie hart gescholten. Und er atmete befreit. Hagen aber ging, die Jger zusammenblasen zu lassen und Speise und Trank zu bestellen fr weidlichen Imbi im Walde. Und er ging hastig weiter und trat vor Frau Kriemhild. Vieledle Knigin, rief er frhlich, unsere Herren haben sich vershnt und reiten zur Jagd ber den Rhein in den Odenwald. Legt Eurem Herrn Siegfried eilends sein Jagdgewand zurecht, denn gleich brechen wir auf. Und Kriemhild klagte: Er wird im Zorne von mir scheiden und darum ein schlechter Jger sein. Ich werde ihn wohl behten, versprach Hagen von Tronje. Auch ist ja seine Haut hrnern und gefeit gegen Waffen der Menschen und Tiere. Bis auf die kleine Stelle, von der die Kunde spricht. Aber Kriemhild klagte weiter: O Hagen, teurer Oheim, wie hat mich mein Herr gescholten, und nun ist mir das Herz so schwer, als stnde ein Unglck in der Luft, dicht ber meinem Herrn. Oh, wenn ihn ein Eber mit seinen Hrnern packte oder ein wilder Stier mit seinem Gehrn! Die Stelle knnte er treffen, an der Siegfried einzig verwundbar ist, und da mein Herr mir zrnt, werden seine Gedanken nicht beim Weidwerk sein, wie die Gefahr es heischt. O Gott, wie sollte ich die Schuld berleben, wenn ihn etwas trfe. So klagte die Knigin und ihr Herz war ahnungsschwer. Da sprach Hagen zu ihr: Ich fhle Euch nach, da Ihr besorgt seid an solchem Tage. Aber ich will Euch Eure Sorgen abnehmen und auf der Jagd nicht von Eurem Herrn weichen. Nehmt ein rotes Fdlein und nht es auf sein Jagdwams, dorthin, wo sich des Helden verwundbare Stelle befindet, und ich will sie getreu mit meinem Schilde hten. Mit vielen Dankesworten befolgte die weinende Frau den Rat und nhte ein rotes Kreuzlein auf den Rcken des Wamses. Hagen aber ging, da er Siegfried kommen hrte. In der Mittagsglut fuhren die Jger ber den Rhein, bestiegen ihre Rosse und jagten in den khlenden Schatten des Waldes hinein. Hussa, wie da Siegfried hinter der Meute strmte! Hussa, wie sein schallender Weidmannsruf das Wild aufschreckte aus Hhlen und Gestrpp! Einen riesigen Wisent warf er mit der Lanze um, da das Ungetm tot zusammenbrach. Einen Wolf, der ihn ansprang, durchscho er mit dem Pfeil. Und einen Eber, der schnaufend angerannt kam, schlug er mit Balmung, seinem Schwert, so furchtbar ins Genick, da der Kopf des Ungeheuers sich vom Rumpfe trennte und augenrollend im Sumpfe lag. Hirsch und Rehwild zu erlegen, berlie er den anderen. Immer weiter jagte er in den dichten Forst, die Jger hinter ihm. Da hob sich ein Br von nie gesehener Gre aus seinem Lager auf den Hinterpranken, und die Jger stoben schreiend von dannen. Siegfried aber sprang vom Pferde, warf sich mit weitgeffneten Armen auf das Untier, rang es nieder, schnrte ihm die Beine zusammen und schleppte es lebendig auf den Lagerplatz. Und es war ein Rhmen und Jauchzen unter allen Jagdgenossen! Sie saen um die Lagerfeuer und griffen nach den schmorenden Braten. Da rief Siegfried: Wo bleibt der Schenk? Die Zunge klebt mir im Munde, so durstig hat mich die wilde Jagd gemacht und der heie Tag. Und Hagen wandte sich zu ihm und sprach: Verzeihet mir, sehr edler Herr Siegfried. Ich trage die Schuld, da wir dursten mssen, denn ich sandte den Wein versehentlich an eine andere Stelle, die leider weit von dieser liegt. Das machte den Helden unfroh, und er rief im Unmut: So wollt Ihr mich denn wirklich verdursten lassen, nachdem ich Euch den Wald gesubert habe? Das deucht mir schlechter Lohn. Tut's fr einen Weidmann nicht auch einmal das Wasser? fragte Hagen begtigend. Ich wei hier einen Born, edler Herr, den das kstlichste Quellwasser speist. Befehlet nur, da ich ihn Euch zeige. Lachend sprang Siegfried auf, und aller Unmut war verflogen. Vorwrts, vorwrts, rief er, weist ihn nur her! Da wies ihm Hagen den Brunnen in der Ferne, fate aber des Helden Gewand und bat um eine Gunst. Zum Zeichen, da Ihr mir nicht zrnt, lauft mit mir um die Wette hin. Nie sah ich Euch zu Fu ber die Heide jagen. In dieser Kunst mchte ich mich wohl mit Euch messen. Und ritterlich antwortete Siegfried: Ich bte sie oft, und kein Hirsch ist mir zu schnell, da ich ihn nicht mit den Hnden im Laufe griffe. So will ich denn Schild und Schwert und Speer im Wettlauf mit mir tragen, whrend Ihr ohne Lasten laufen sollt. Auf solche Art mag es sich ausgleichen. Da stellten sich die Helden nebeneinander hin, und auf Gunthers Zeichen rannten sie dahin wie der Wind, und um eines Speerschusses Lnge gelangte Siegfried vor Hagen ans Ziel. Die Waffen warf er zur Seite, und tief beugte er sich ber den Brunnen, seinen heien Durst zu lschen. Nun aber war Hagen herangekommen. Hastig trug er Siegfrieds Waffen ins bergende Dickicht, bis auf den Speer. Den packte er mit eisernen Fusten und hob ihn hoch. Sein funkelndes Einauge ersah das rote Kreuz, das Kriemhilds sorgende Liebe auf ihres Herrn Wams geheftet hatte, dicht unter den Schulterblttern. Und mit furchtbarer Wucht stie Hagen von Tronje zu und durchstie des Helden Rcken und Brust, da die Schrfe des Speeres aus der Brust und der Schaft aus dem Rcken hervorsah und das Blut zu beiden Seiten hervorschumte wie reiende Wildbche. Einen Schrei stie Siegfried aus, da Himmel und Erde erbebten, da selbst der Mrder mit gelhmten Hnden stand. Feiger Verrter! Meuchelmrder! klang es durch den Wald. Und blutberstrmt warf sich der sterbende Held mit letzter Kraft auf Hagen von Tronje, ri den Erstarrten hoch vom Boden auf und schleuderte ihn in die Steine, da Hagens ganzer Leib erkrachte und es ihm schwarz vor den Augen wurde. In den Blumen am Quell sank Siegfried nieder, und sein teures Blut entstrmte unaufhaltsam. Kriemhild, flsterte er, se Frau, ich liebe dich. Mit blassem Gesicht strmte Gunther herbei und seine Ritter. Was geht hier vor? rief er noch aus der Ferne. Was ist geschehen? Und Siegfried schlug die Augen auf und sprach: Die furchtbarste Untat ist geschehen, die je die Sonne sah. Den treuesten Freund habt Ihr erschlagen lassen, der Euch nur Gutes erwies. Ich aber prophezeie Euch: Mein Tod wird ber euch kommen und euch alle verderben. Und er schlo die Augen, tat noch einen Seufzer, der wie Kriemhild klang, und verschied in den Blumen. Siegfried, der Held, war tot. -- -- [Illustration: Hagen ermordet Siegfried] Und jh sank die Sonne unter, und es ward finstere Nacht. Ein eisiger Hauch ging durch den Wald, da Menschen und Tiere frstelten, als wre der Frhling fr immer entflohen. Da legten sie Siegfrieds Leiche auf seinen Schild, den sie im Dickicht fanden, und Hagen nahm heimlich Siegfrieds Schwert Balmung an sich, und alle gelobten sie Stillschweigen ber die Tat. Aus dem Walde gingen sie und fuhren in der Nacht ber den Rhein. Stumm schritten sie mit ihrer Last in die Knigsburg hinein, und wie zum Hohne lie Hagen des Helden blutigen Leib auf die Schwelle von Kriemhilds Kemenate legen, als Gru der Knigin Brunhild. Vor Morgengrauen schon erhob sich Kriemhild aus schreckhaften Trumen. Hastig kleidete sie sich an. Ihr war gewesen, als htte Siegfried sie gerufen in heier Not. Zum Mnster wollte sie eilen, um zu beten. Und als sie die Tr ihrer Kemenate ffnete, stolperte sie ber den Leichnam ihres Herrn und fiel aufschreiend in Ohnmacht ber ihn. Den Schrei hatte Mime gehrt, der treue Schmied. In seiner Eisenrstung eilte er herbei und fand Kriemhild am Halse ihres toten Gemahls mit irren Augen. Sie war erwacht und doch nicht in der Welt. Furchtbar gellten ihre Schreie durch das Haus und ber die schlummernde Stadt Worms. Erschttert stand Mime und klagte nassen Auges lange um seinen Zgling. Dann trug er mit Kriemhild die Leiche Siegfrieds ins Gemach hinein, und sie wuschen den Leib und hllten ihn in weies Linnen. Auf dem Gange aber sammelten sich mit verstrten Gesichtern die Ritter und Frauen, und Knig Gunther kam mit seinem ganzen Hof, und auch Hagen von Tronje trat mit ihm ins Zimmer. Und Knig Gunther sprach: Es ist ein Unglck geschehen, liebe Schwester, und keinen trifft die Schuld. Da richtete sich Kriemhild an der Leiche auf und sphte in allen Gesichtern. [Illustration] So ihr die Wahrheit redet und euch nicht frchtet, rief sie herrisch, tretet heran an die Leiche! Und sie traten alle heran. Doch als Hagen von Tronje an die Reihe kam, brachen des Leichnams Wunden auf, und das Blut strmte anklagend aufs neue. Da schrie die Knigin Kriemhild: Er ist es! Er ist der Mrder! Auf ihn, Mime, rcht unsern Herrn! Und wie ein Tiger sprang Mime den Tronjer an und schlug ihm tiefe Wunden. Aber Hagen fhrte Siegfrieds Schwert an der Seite und ri es aus der Scheide, und der Stahl Balmung schnitt sausend durch Mimes Eisenkleid und nahm des treuen Mannes Leben. Da lchelte Mime, der Schmied, noch im Tode, weil er eine so gute Waffe geschmiedet hatte, und lag ausgestreckt zu seines lieben Siegfrieds Fen. Drei Tage klagte Kriemhild laut in der Totenwacht um ihren Herrn. Dann schritt sie schweigend hinter dem Sarge zum Mnster. Ein Bild war ihr gekommen, das stand wie eine Weissagung vor ihren Augen. Als Knigin sah sie sich eines mchtigen Herrschers in fernem Lande, und die Burgunden sah sie aus der Heimat reiten, sie zu besuchen, und eine weite Halle sah sie voll Mnnerkampf und Rauch und Flammen, und den wrgenden Tod sah sie, dem keiner von allen entkam, den Tod sah sie als Siegfrieds Rcher. Die Priester beteten, die Glocken luteten, Siegfrieds Gruft schlo sich vor den Augen der Menschen. Kriemhild aber stand hochaufgerichtet mit ausgestreckter Hand und blickte starr auf den schillernden Nibelungenring an ihrem Finger und strkte seinen Fluch mit ihrem Fluche: _Rache fr Siegfried, den Helden!_ End of the Project Gutenberg EBook of Siegfried, der Held, by Rudolf Herzog License: Share Alike