Produced by Jens Sadowski Peter Camenzind von Hermann Hesse Achtundfnfzigste Auflage S. Fischer, Verlag, Berlin 1911 Alle Rechte vorbehalten Meinem Freund Ludwig Finckh Peter Camenzind I. Im Anfang war der Mythus. Wie der groe Gott in den Seelen der Inder, Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in jedes Kindes Seele tglich wieder. Wie der See und die Berge und die Bche meiner Heimat hieen, wute ich noch nicht. Aber ich sah die blaugrne glatte Seebreite, mit kleinen Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die jhen Berge, und in ihren hchsten Ritzen die blanken Schneescharten und kleinen, winzigen Wasserflle, und an ihrem Fu die schrgen, lichten Matten, mit Obstbumen, Htten und grauen Alpkhen besetzt. Und da meine arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister des Sees und der Berge ihre schnen khnen Taten auf sie. Die starren Wnde und Flhen sprachen trotzig und ehrfrchtig von Zeiten, deren Shne sie sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde barst und sich bog und aus ihrem gequlten Leibe in sthnender Werdenot Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drngten sich brllend und krachend empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und dort hoch in den Schlften abgebrochene Gipfel, weggedrngte und gespaltene Felsen, und in jeder Schneeschmelze fhrte der Wassersturz hausgroe Blcke nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mchtigem Schlage tief in weiche Matten ein. Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu verstehen, wenn man ihre jhen Wnde sah, Schicht um Schicht geknickt, verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. Wir haben Schauerliches gelitten, sagten sie, und wir leiden noch. Aber sie sagten es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwstliche Kriegsleute. Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kmpfen, mit Wasser und Sturm, in den schauerlichen Vorfrhlingsnchten, wenn der erbitterte Fhn um ihre alten Hupter brllte und wenn die Bachstrze frische, rohe Stcke aus ihren Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen Nchten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die zerspaltenen Wetterwnde und Hrner entgegen und spannten alle Kraft in trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde lieen sie das grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten Rfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Sthnen wieder. Und ich sah Matten und Hnge und erdige Felsritzen mit Grsern, Blumen, Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwrdige, ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge, farbig und harmlos an ihren Sttten. Ich befhlte sie, betrachtete sie, roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berhrte mich der Anblick der Bume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben fhren, seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kmpfer, den Bergen nher verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die hher am Berge stehenden, hatte seinen stillen, zhen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Fhren, denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite ste zu haben erlaubte, und solche, deren rote Stmme sich wie Schlangen um berhngende Felsen gebogen hatten, soda Baum und Fels eins das andere an sich drckte und erhielt. Sie sahen mich wie kriegerische Mnner an und erweckten Scheu und Ehrfurcht in meinem Herzen. Unsere Mnner und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen gleich Bumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken ber sie zu machen und sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Fhren. Unser Drflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei Bergvorsprnge geklemmten schrgen Flche am See. Ein Weg fhrt nach dem nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten Nachbarort, die brigen am See gelegenen Drfer erreicht man zu Wasser. Unsere Huser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Huslein werden je nach Bedrfnis stckweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal ein Stck am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die frher einmal etwa zur Stubenwand gehrt haben, findet man jetzt als Sparren im Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum Verbrennen sind, so kommen sie das nchste mal beim Flicken des Stalls oder Heubodens oder als Querlatte an der Haustre zur Verwendung. hnlich ist es mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle mit, tritt dann zgernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht schlielich ins Dunkel unter, ohne da viel Aufsehens davon gemacht wrde. Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verndert, als da ein paar alte Dcher erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da, welche die gleichen Htten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden. Unsrer Gemeinde mangelte eine hufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens von auen her. Die Bewohner, ein leidlich rstiges Geschlecht, sind fast alle untereinander aufs engste verschwgert und reichlich drei Viertel tragen den Namen Camenzind. Er fllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Husern in lfarbe oder in derber Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern und auf den Seebooten zu lesen. Auch ber meines Vaters Haustr stand gemalt: Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind, doch ging das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgrovater an; und wenn ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so wei ich doch, da wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn anders es bis dorthin noch steht und ein Dach ber hat. Ungeachtet der scheinbaren Eintnigkeit gab es dennoch in unsrer Brgerschaft Bse und Gute, Vornehme und Geringe, Mchtige und Niedrige und neben manchen Klugen eine ergtzliche kleine Sammlung von Narren, die Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie berall ein kleines Abbild der groen Welt und da Groe und Kleine, Schlaumeier und Narren unlslich untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so da unser Leben fr die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewuter Bedrcktheit darber. Das Abhngigsein von den Naturmchten und die Kmmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben, der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht bel pate, sonst aber keinerlei Frchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelchter und Spott hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten ber die faltigen, braunen Gesichter der Shne Nimikons und zur Lust am Spae selber kam noch als feine pharisische Wrze der Genu der eigenen berlegenheit, welche vor Vergngen schnalzte im Gefhl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sndern standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen htten, gehrte auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit seliger Unruhe erfllt htte, und er schwankte alsdann zwischen der teilnehmenden Bewunderung fr den Anstifter und dem feisten Bewutsein der eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider. Zu den Narren selbst gehrte mein Oheim Konrad, ohne da er deshalb etwa meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben htte. Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist umgetrieben, um den die andern ihn ruhig htten beneiden drfen. Aber freilich glckte ihm nichts. Da er, statt darber den Kopf hngen zu lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei ein merkwrdig lebhaftes Gefhl fr das Tragikomische seiner eigenen Unternehmungen hatte, war gewi ein Vorzug, wurde ihm aber als lcherliche Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten Hanswrsten der Gemeinde zhlte. Meines Vaters Verhltnis zu ihm war ein dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges sicher zu sein glaubte und den Groartigen zu spielen begann, lie er sich jedesmal hinreien und schlo sich dem Genialen in spekulierender Brderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mierfolg da war, ber den der Oheim die Achseln zuckte, whrend der Vater im Zorn ihn mit Hohn und Beleidigung bergo und monatelang keines Blickes und Wortes mehr wrdigte. Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten mssen. Das Segel- und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgefhrt und da unser Schifflein fr ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch das brige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem Vorhaben. Es war ein denkwrdiger Tag fr uns, als das Boot an einem windigen Sptsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in scheuer Ahnung einer mglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch mir zu meiner groen Betrbnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bckers Fli begleitete den Segelknstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf unserem Kiesplatz und in den Grtchen und wohnte dem unerhrten Spektakel bei. Seeabwrts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mute der Beck rudern, bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blhte und stolz davonjagte. Wir sahen es bewundernd um den nchsten Bergvorsprung entschwinden und richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger zu begren und uns unserer hhnischen Aftergedanken zu schmen. Als jedoch in der Nacht das Boot zurckkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer waren mehr tot als lebendig und der Bckerssohn hustete und meinte: Ihr seid um ein Hauptvergngen gekommen, leichtlich htte es auf den Sonntag zwei Leichenschmuse geben knnen. Mein Vater mute zwei neue Planken in den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen Flche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas eilig hatte, nach: Mut Segel nehmen, Konrad! Mein Vater fra den rger in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah er beiseite und spuckte in groen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern wagte! Lange spter, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter einmal so beilufig, es wre doch gut wenn jetzt das sndlich verdubelte Geld noch da wre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er bezwang sich und sagte nur: Ich wollt', ich htt' es an einem einzigen Sonntag versoffen. Am Ende jedes Winters kam der Fhn mit seinem tieftnigen Gebrause, das der lpler mit Zittern und Entsetzen hrt und nach welchem er in der Fremde mit verzehrendem Heimweh drstet. Wenn der Fhn nahe ist, spren ihn viele Stunden voraus Mnner und Weiber, Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer khle Gegenwinde vorausgehen, verkndigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrne See wird in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt pltzlich hastige, weie Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhrbar friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich rckt die ganze Landschaft ngstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst in entrckter Ferne brteten, kann man jetzt die Felsen zhlen und von Drfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet man jetzt Dcher, Giebel und Fenster. Alles rckt zusammen, Berge, Matten und Huser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwhrend, zumal in den Nchten, hrt man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine kleine Zeit spter redet sich dann die Nachricht von verschtteten Bchen, zerschlagenen Husern, zerbrochenen Khnen und vermiten Vtern und Brdern durch die Drfer. In Kinderzeiten frchtete ich den Fhn und hate ihn sogar. Mit dem Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Emprer, den Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frhlings. Es war so herrlich, wie er voll Leben, berschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf begann, strmend, lachend und sthnend, wie er heulend durch die Schluchten hetzte, den Schnee von den Bergen fra und die zhen alten Fhren mit rauhen Hnden bog und zum Seufzen brachte. Spter vertiefte ich meine Liebe und begrte nun im Fhn den sen, schnen, allzureichen Sden, welchem immer wieder Strme von Lust, Wrme und Schnheit entquellen, um sich an den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, khlen Norden ermdet zu verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Kstlicheres als das se Fhnfieber, das in der Fhnzeit die Menschen der Berglnder und namentlich die Frauen berfllt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. Das ist der Sden, der sich dem sprden, rmeren Norden immer wieder strmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendrfern verkndigt, da jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder Primeln, Narzissen und Mandelzweige blhen. Alsdann, wenn der Fhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen zerlaufen sind, dann kommt das Schnste. Dann recken sich berghinan auf allen Seiten die beblmten gelblichen Matten, rein und selig stehen die Schneegipfel und Gletscher in ihren Hhen und der See wird blau und warm und spiegelt Sonne und Wolkenzge wieder. Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfllen. Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie nie ber eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen hat, dem tnt sie sein Leben lang nach, s und stark und furchtbar, und ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem alten Herrgott aufrumen, -- wenn er den Fhn wieder einmal sprt oder hrt eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er denkt an Gott und ans Sterben. An meines Vaters Huschen grenzte ein umzunter, winziger Garten. Es gedieh dort ein herber Salat, Rben und Kohl, auerdem hatte die Mutter eine rhrend schmale, drftige Rabatte fr Blumen angelegt, in welcher zwei Monatrosenstcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos und kmmerlich verschmachteten. An den Garten stie ein noch kleinerer, kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschdigte Fsser, einige Bretter und Pfhle, und unten im Wasser lag unser Weidling angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedchtnis geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, ber dem Grtchen taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war lglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dnn umdnstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und lfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch nach Teer. So oft ich, viele Jahre spter, irgendwo am Meere den eigentmlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase bekam, trat mir sogleich unser Seepltzlein vor's Auge, und ich sah wieder den Vater in Hemdrmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die blulichen Wlkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlfte steigen und die blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flge tun. An solchen Tagen zeigte mein Vater eine ungewhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung, Camenzind mchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch. Da die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemtes sonderlich gefrdert oder gestrt htten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide Hnde voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewi mit nichts auf der Welt so wenig beschftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine paar Obstbume kmmerlich im Stand zu halten, das Kartoffelckerlein zu bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefhr alle paar Wochen aber nahm er mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend mit mir auf den ber dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich alsdann ein seltsamer Straf- und Shneakt: ich bekam eine Tracht Prgel, ohne da der Vater oder ich selbst genauer gewut htte wofr. Es waren stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in spteren Jahren einmal vom blinden Schicksal reden hrte, fielen diese mysterisen Szenen mir wieder ein und schienen mir eine beraus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein. Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pdagogik, die das Leben selbst an uns zu ben pflegt, indem es uns hie und da aus heiteren Lften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns berlassen bleibt nachzusinnen, durch was fr Missetaten wir eigentlich die oberen Mchte herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Zchtigung ohne die wnschenswerte Selbstprfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbstndiger trat ich den Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende Gaben vereinigt: eine ungewhnliche Krperkraft und eine leider nicht geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mhe einen brauchbaren Sohn und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drckte mich mit allen Chikanen um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich fr keinen der antiken Heroen so viel Mitgefhl wie fr Herakles, da er zu jenen berhmten, lstigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich nichts Schneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser miggngerisch herumzutreiben. Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzhlten mir und erzogen mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glnzenden See und den traurigen Fhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken. Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schner ist als Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die Seelen von Neugeborenen, sie sind schn, reich und spendend wie gute Engel, sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. Sie schweben silbern in dnner Schicht, sie segeln lachend wei mit goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und blulichen Farben. Sie schleichen finster und langsam wie Mrder, sie jagen sausend kopfber wie rasende Reiter, sie hngen traurig und trumend in bleichen Hhen wie schwermtige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Hnden, flatternden Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der armen Erde als schne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehrig -- Trume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag und sehnend und trotzig hngen, so hngen zag und sehnend und trotzig die Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit. O, die Wolken, die schnen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes Kind und liebte sie, schaute sie an und wute nicht, da auch ich als eine Wolke durch's Leben gehen wrde -- wandernd, berall fremd, schwebend zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht ber die Gasse gehen, so nicken wir einander zu, gren uns und verweilen einen Augenblick Aug' in Auge. Auch verga ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen, ihre Farben, ihre Zge, ihre Spiele, Reigen, Tnze und Rasten, und ihre seltsam irdisch-himmlischen Geschichten. Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Hhe kommend, und sucht sich einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus. Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich gierend am Berg empor und berfllt sie pltzlich wtend und tosend. Sie wirft der schnen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen, hhnt sie, krakehlt sie an, mchte sie verjagen. Eine Weile ist die Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschttelnd, leise und hhnisch wieder in ihre Hhe zurck. Manchmal aber sammelt sie pltzlich ihre gengsteten Freundinnen um sich her, enthllt ihr blendend frstliches Angesicht und weist den Kobold mit khler Hand zurck. Er zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hllt ihren Sitz weitum in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und Kuppel klar und glnzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt. In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der Schnheit, das mich entzckte und mein kleines Herz wie ein frohes Geheimnis bewegte. Bald kam auch die Zeit, da ich mich den Wolken nhern, zwischen sie treten und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fu unser Drflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken und die Schnheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und Schneewasser, grnglserne Gletscher, scheuliche Murnen, und ber allem wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Hhen eng umdrngt war, dann vergit er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein groer, breiter Himmel ber ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag. Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten Schroffen und Felswnde so berwltigend gro zu finden. Und nun sah ich, vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel pltzlich die ungeheure Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft gro war also die Welt! Unser ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus fr eng benachbart hielt, lagen viele Stunden weit auseinander. Da fing ich an zu ahnen, da ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und da da drauen Berge stehen und fallen und groe Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewutem Streben mchtig jener groen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die Schnheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was fr endlose Fernen sie wanderten. Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten ber meine fassungslose Freude. Ich aber, nachdem ich mit dem ersten groen Staunen fertig war, brllte vor Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lfte hinaus. Das war mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schnheit. Ich war auf einen drhnenden Widerhall gefat, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen Hhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschmt und hielt mich still. Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein Ereignis um das andere. Zunchst nahm man mich des fteren auf Bergfahrten mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust in die groen Geheimnisse der Hhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewhnlich meine Tiere trieb, gab es einen windgeschtzten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem Steinbrech berwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur ber Felsen weg ein schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafr brannten die Blumen in lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Gelut der Ziegenglocken tnte ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der Wrme, staunte den weien Wlklein nach und jodelte halblaut vor mich hin, bis die Gaisen meine Trgheit bemerkten und sich allerlei verbotene Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den ersten Wochen einen herben Ri in meine Phakenherrlichkeit, als ich mit einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstrzte. Die Gais war tot und mir tat der Schdel weh, auerdem ward ich jmmerlich geprgelt, lief meinen Alten davon und ward unter Beschwrungen und Wehklagen wieder eingebracht. Leichtlich htten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein knnen. Dann wre dies Bchlein ungeschrieben und manche andere Mhe und Torheit ungeschehen geblieben. Ich htte vermutlich irgend eine Base geheiratet oder lge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es wre auch nicht bel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen. Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdrfer Kloster. Nun war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb einen manierlichen Brief an die Klosterbrder, gab den der Botenfrau mit und ging auf eigene Faust in den Berg. Nchste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und wartet auf denjenigen, der den schnen Brief geschrieben hat. Mir ward etwas bnglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, da er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in Gunst und wurde befragt. Natrlich war er sofort dafr entflammt, da ich lernen und spter studieren und ein Gelehrter und Herr werden msse. Der Vater lie sich berzeugen, und so gehrte nun auch meine Zukunft zu den gefhrlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem Segelschiff und den vielen hnlichen Phantastereien. Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spa und ich dachte nicht daran, da das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und schne Jahre kosten knne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein Vater htte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres vorwrts und rckwrts auswendig gekonnt htte. Aber der kluge Mann hatte mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trgheit hauste. Ich entrann, wo es nur gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach oder lag seitwrts versteckt an der Halde, las, trumte und faulenzte. In dieser Erkenntnis gab er mich schlielich weg. Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort ber meine Eltern zu sagen. Die Mutter war ehedem schn gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs und die anmutigen, dunklen Augen brig geblieben. Sie war gro, beraus krftig, fleiig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und an Krperkraft ihm berlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause, sondern lie das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgro, hatte dnne und fast zarte Glieder und einen hartnckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht, das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grmlich leidendes Aussehen; es schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man htte eine gewisse Melancholie an ihm wahrnehmen knnen, aber niemand achtete darauf, denn die Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trbe des Gemts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das mhselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind. Von beiden Eltern habe ich wichtige Stcke meines Wesens bernommen. Von der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stck Gottvertrauen und ein stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine ngstlichkeit vor festen Entschlieungen, die Unfhigkeit mit Geld zu wirtschaften und die Kunst viel und mit berlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir in jenem zarten Alter noch nicht. uerlich hab ich vom Vater die Augen und den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Krperbau und die zhe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse berhaupt bekam ich ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trbe Wesen und den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange auerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wre es schon besser gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn mitzubringen. So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewhrt, denn ich ging und stand in der Welt seither auf eigenen Fen. Dennoch mu irgend etwas gefehlt haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte. Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden marschieren oder rudern und ntigenfalls einen Mann freihndig erschlagen, zum Lebensknstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frhe einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig soziale Fhigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine Trume ein merkwrdiger Beweis dafr, wie sehr ich leider einem rein animalischen Leben zuneige. Ich trume nmlich sehr oft, ich liege am Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so gewaltiges Wohlbehagen, da ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner Menschenwrde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit Bedauern wahrnehme. Ich ward in blicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand wei, warum. Es gibt kein unntzeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag. Die Schlerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftstrume, Stunden voll ehrfrchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier meine angeborene Trgheit hervor, trug mir allerlei rger und Strafen ein und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus. Peter Camenzind, sprach mein Griechischlehrer, du bist ein Trotzkopf und Einspnner und wirst dir noch einmal den harten Schdel einrennen. Ich betrachtete den feisten Brillentrger, hrte seine Rede an und fand ihn komisch. Peter Camenzind, sprach der Mathematiklehrer, du bist ein Genie im Faullenzen und ich bedaure, da es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null. Ich schtze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb. Ich sah ihn an, bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig. Peter Camenzind, sagte einmal der Geschichtsprofessor, du bist kein guter Schler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden. Du bist faul, aber du weit Groes und Kleines zu unterscheiden. Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon ber meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwrts und hatte meinen Platz ber der Mitte. Da die Schule und die Schulwissenschaft ein unzulngliches Stckwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf spter. Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort wrde ich erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kmpfe der Vlker und die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute. Noch strker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte gern einen Freund haben. Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre lter als ich, namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und dazusein, trug den Kopf mnnlich fest und ernst und sprach nicht viel mit seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit groer Verehrung empor, hielt mich auf der Strae hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spiebrger eiferschtig, den er grte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurck und er fhlte sich vermutlich der seinigen schon berlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns gewechselt worden. Statt seiner schlo sich ohne mein Zutun ein kleiner, krnklicher Knabe an mich an. Er war jnger als ich, schchtern und unbegabt, hatte aber schne, leidende Augen und Gesichtszge. Weil er schwchlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen Beschtzer. Bald ward er so krank, da er die Schule nicht mehr besuchen konnte. Er fehlte mir nicht und ich verga ihn rasch. Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendknstler, Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mhe und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig gnnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn in seinem Stblein auf, las ein paar Bcher mit ihm, machte ihm die griechischen Aufgaben und lie mir dafr im Rechnen helfen. Auch gingen wir manchmal miteinander spazieren und mssen dann wie Br und Wiesel ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie Verlegene, und ich hrte zu, lachte und war froh einen so burschikosen Freund zu haben. Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen Auffhrungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun rief er: Ratet wer das ist! und begann laut ein paar Homerverse zu lesen. Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein ngstliches Lesen, meine oberlndisch rauhe Aussprache, und auch meine stndige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schlieen des linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als mglich gemacht. Als er das Buch schlo und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte meine ganze Entrstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige prgnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen Freundes, welcher obendrein sein Liebling war. Wer hat dich so zugerichtet? Der Camenzind. Camenzind vortreten! Ist das wahr? Jawohl. Warum hast du ihn geschlagen? Keine Antwort. Hast du keinen Grund dazu gehabt? Nein. Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los. Schmst du dich nicht? Was soll das heien? Das soll heien, da der dort ein gemeiner Kerl ist und da ich ihn verachte. Und ein Feigling ist er auch noch. So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen mssen. Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich einige mal verndert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen. Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war schn und ich bin stolz darauf, da ich mein Leben lang immer nur in sehr schne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt, erzhle ich ein andermal. Sie hie Rsi Girtanner und ist heute noch der Liebe ganz anderer Mnner, als ich bin, wrdig. Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich lie mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhndel ein, fhlte mich stolz als besten Ringer, Ballschlger, Wettlufer und Ruderer, und war nebenher bestndig schwermtig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es war einfach die se Schwermut des Vorfrhlings, die mich strker als andere anfate, so da ich Freude an traurigen Vorstellungen, an Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natrlich fand sich auch der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich go in die leeren Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein lyrisches Schwrmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller schnen Literatur keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und Shakespeare, und pltzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer groen Gottheit geworden. Mit sem Schauder fhlte ich aus diesen Bchern mir die wrzig khle Luft eines Lebens entgegen strmen, das nie auf Erden gewesen und doch wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgesthl und das trockene Klappern der daneben nistenden Strche drang, gingen die Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Gttliche und Lcherliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rtsel unseres zwiespltigen, unbndigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte und das mchtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklrt und durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dcher und schmale Gassen scheinen, hrte verwundert die kleinen Gerusche der Arbeit und Alltglichkeit verworren heraufrauschen und fhlte das Einsame und Geheimnisvolle meines von groen Geistern erfllten Dachwinkels wie ein sonderbar schnes Mrchen mich umgeben. Und allmhlich, je mehr ich las und je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dcher, Gassen und Alltag ergriff, tauchte des fteren zaghaft und beklemmend das Gefhl in mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte auf mich, da ich einen Teil ihrer Schtze hbe, den Schleier des Zuflligen und Gemeinen davon lse und das Entdeckte durch Dichterkraft dem Untergang entreie und verewige. Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es fllten sich allmhlich einige Hefte mit Versen, Entwrfen und kleinen Erzhlungen an. Sie sind untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen Kritik und Selbstprfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die notwendige erste, groe Enttuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit meinen Erstlingsgedichten aufzurumen und meine Schreiberei berhaupt mit Mitrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bnde Gottfried Keller in die Hnde fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal hintereinander las. Da sah ich in pltzlicher Erkenntnis, wie fern meine unreifen Trumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren, verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nchtern und traurig mit peinlichen Katzenjammergefhlen in die Welt. II. Um von der Liebe zu reden, -- darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben. Fr mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen, eine steile Flamme meiner Trbe entlodert, Beterhnde zu blauen Himmeln emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem Gefhl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, schnes und rtselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Schnheit und Einheitlichkeit des Wesens berlegen ist und das wir heilig halten mssen, weil es gleich Sternen und blauen Berghhen uns ferne ist und Gott nher zu sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die Frauenliebe mir soviel Bitteres als Ses eingebracht; zwar blieben die Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die peinlich-komische des genarrten Narren. Rsi Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen, brunlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Schnheit, welche ihre Mutter zur Stunde noch besa und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht zu Geschlecht eine groe, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Schnheit. Es gibt von einem unbekannten Meister ein Mdchenbildnis aus der Familie der Fugger, im sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der kstlichsten Bilder, die meine Augen gesehen haben. So hnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war auch Rsi. Das alles wute ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer stillen, heiteren Wrde schreiten und fhlte das Adelige ihres schlichten Wesens. Dann sa ich Abends nachsinnend in der Dmmerung, bis es mir gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenwrtig vorzustellen, und dann lief ein ses heimliches Grausen ber meine knabenhafte Seele. In Blde kam es aber, da diese Augenblicke der Lust sich trbten und mir bittere Schmerzen machten. Ich empfand pltzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht kenne noch mir nachfrage, und da mein schnes Traumbild ein Diebstahl an ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend fhlte, sah ich ihr Bild immer fr Augenblicke so wahr und atmend lebendig vor Augen, da eine dunkle, warme Woge mein Herz berflutete und mir bis in die fernsten Pulse seltsam wehe tat. Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem heftigen Raufen, da die Woge wiederkam. Dann schlo ich die Augen, lie die Hnde sinken und fhlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Trumerei in die Welt. Nun sah ich pltzlich, wie schn und farbig alles war, wie Licht und Atem durch alle Dinge flo, wie klargrn der Flu und wie rot die Dcher und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Schnheit zerstreute mich aber nicht, sondern ich geno sie still und traurig. Je schner alles war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und auerhalb stand. Darber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu Rsi zurck: Wenn ich in dieser Stunde strbe, sie wrde es nicht wissen, nicht danach fragen, nicht darber betrbt sein! Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich htte gern etwas Unerhrtes fr sie getan oder ihr geschenkt, ohne da sie gewut htte von wem es kam. Und ich tat auch vieles fr sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich tglich allerlei Kraftstcke, alles in meiner Meinung Rsi zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich bertriebene Fahrten im Weidling, groe Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da ich ausgebrannt und verhungert zurck kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne Speise und Trank zu bleiben. Alles fr Rsi Girtanner. Ich trug ihren Namen und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klfte. Zugleich bte dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust. Die Schultern gingen mir mchtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun und berall dehnten sich und schwollen die Muskeln. Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mhseliges Blumenopfer. Zwar wute ich an mehreren verlockenden Hngen auf schmalen Erdbndern Edelwei stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte Silberblte war mit stets seelenlos und wenig schn erschienen. Dafr kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbsche, in die Furche einer khnen Fluh verweht, sptblhend und verlockend schwer zu erreichen. Nun, es mute gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unmglich ist, gelangte ich mit zerschundenen Hnden und krampfigen Schenkeln schlielich zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz jodelte und lrmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die zhen Zweige durchschnitt und die Beute in den Hnden hielt. Zurck mute ich, die Blumen im Mund, rcklings klettern und Gott allein wei, wie ich frecher Knabe heil den Fu der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blte der Alpenrosen lang vorber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend und zarterblhend in der Hand. Andern Tags hielt ich die Blumen whrend der ganzen fnfstndigen Reise in den Hnden. Anfangs schlug das Herz mir mchtig der Stadt der schnen Rsi entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto strker zog die eingeborene Liebe mich zurck. Ich erinnere mich so gut an jene Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder lste sich mit feinem Wehgefhl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrne Landschaft drngte sich hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berhrt. Diesmal aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als wre ich verurteilt weiter in immer flachere Lnder hinein zu fahren und die Berge und das Brgerrecht der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das schne, schmale Gesicht der Rsi vor mir stehen, so fein und fremd und khl und meiner unbekmmert, da mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt. Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften mit schlanken Trmen und weien Giebeln vorber und Menschen stiegen aus und ein, redeten, grten, lachten, rauchten und machten Witze, -- lauter frhliche Unterlnder, gewandte, freimtige und polierte Leute, und ich schwerer Bursch vom Oberland sa stumm und traurig und verbissen damitten. Ich fhlte, da ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, da ich den Bergen fr immer entrissen war und doch nie werden wrde wie ein Unterlnder, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie diese wrde sich immer ber mich lustig machen, so einer wrde die Girtanner einmal heiraten und so einer wrde mir immer im Weg und um einen Schritt voraus sein. Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten Begrung auf den Dachboden, ffnete meine Kiste und entnahm ihr einen groen Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten Bindfaden verschnrt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus. Ernsthaft trug ich es in die Strae, wo der Advokat Girtanner wohnte, und im ersten gnstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unfrmliches Bndel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab. Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob Rsi meinen Gru zu sehen bekommen habe. Aber ich war an Flhen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas Ses, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes Rosenabenteuer so gut wie alle meine spteren Liebesgeschichten eine Donquichotterie gewesen. Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschlu, sondern verklang fragend und unerlst in meine Jugendjahre und lief neben meinen spteren Verliebtheiten wie eine stille ltere Schwester mit. Immer noch kann ich mir nichts nobleres, reineres und schneres vorstellen als jene junge, wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre spter auf einer historischen Ausstellung in Mnchen jenes namenlose, rtselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe meine ganze schwrmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus unergrndlichen Augen tief und verloren an. Indessen hutete ich mich langsam und bedchtig und ward allmhlich vollends zum Jngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schlerkleidern, mit etwas matten Augen und unfertigen, lmmelhaften Gliedmaen. Nur der Kopf hat etwas Frhfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die Studentenzeit. Ich sollte in Zrich studieren und fr den Fall besonderer Leistungen hatten meine Gnner die Mglichkeit einer Studienreise erwhnt. All das erschien mir wie ein schnes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche Laube mit den Bsten Homers und Platos, ich darin sitzend ber Folianten gebckt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See, Berge und schne Fernen. Mein Wesen war nchterner und doch schwungvoller geworden und ich freute mich des zuknftigen Glckes mit der festen Zuversicht seiner wrdig befunden zu werden. Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren grndlicheres Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit fr die Zrcher Semester vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut abschiednehmend um das Haus der Rsi strich. Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben und zerri mir die schnen Traumflgel schnell und rauh. Zunchst fand ich die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu finden. Alsdann erklrte mir mein Vater, da er zwar nichts dagegen habe, wenn ich nun studieren wolle, da er aber nicht vermge mir Geld dazu zu geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, msse ich eben sehen mir das Ntige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon lngst eigenes Brot gegessen u. s. w. Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn ich mute in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es emprte und ermdete mich zu sehen, wie das gemeine tgliche Leben breitmulig sein Recht forderte und alles fra, was ich von berflu und bermut mitgebracht hatte. brigens war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich keine Freude daran. Auch da meine Schulbildung und meine Bcher ihm einen stillen, halbverchtlichen Respekt einflten, strte mich und tat mir leid. Und dann dachte ich auch oft an Rsi und hatte wieder das bse, rechthaberische Gefhl meines bauernhaften Unvermgens, je in der Welt einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine Hoffnungen im zhen, trben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu vergessen. Geqult und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der Homerbste erschien hhnisch wieder und ich zerstrte es und go allen Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darber. Die Wochen wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des rgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren. War ich erstaunt und emprt gewesen, das Leben meine glckliche Trumerei so rasch und grndlich zerstren zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu erstaunen, wie pltzlich und mchtig auch der jetzigen Qulerei ein berwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt, nun trat es pltzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und belud meine Jugend mit einer schlichten, mchtigen Erfahrung. Frh am Morgen eines heien Sommertags litt ich im Bette Durst und stand auf, um in die Kche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand. Dabei mute ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare Sthnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht und gab keine Antwort, sondern sthnte trocken und angstvoll vor sich hin, zuckte mit den Lidern und war blulich bla im Gesicht. Dies erschreckte mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ngstlich wurde. Aber dann sah ich ihre beiden Hnde auf den Laken liegen, still und wie schlafende Geschwister. An diesen Hnden sah ich, da meine Mutter im Sterben lag, denn sie waren schon so seltsam todmde und willenlos, wie sie kein Lebender hat. Ich verga meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf, war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erlschen. Es fiel mir nicht ein, da ich den Vater wecken msse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden. Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir ein gutes Vorbild gegeben. Das Stblein war stille und fllte sich langsam mit der Helle des heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Mue, in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, ber Haus und Dorf und See und Schneegipfel hinweg in die khle Freiheit eines reinen Frhmorgenhimmels hinein. Schmerz fhlte ich wenig, denn ich war voll Staunen und Ehrfurcht zusehen zu drfen, wie ein groes Rtsel sich lste und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schlo. Auch war die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, da von ihrer herben Glorie ein khlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Da der Vater daneben schlief, da kein Priester da war, da weder Sakrament noch Gebet die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich sprte nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die dmmernde Stube fluten und sich mit meinem Wesen vermischen. Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, kte ich zum ersten mal in meinem Leben meiner Mutter khlen, welken Mund. Dann berlief die fremde Khle der Berhrung mich mit pltzlichem Grausen, ich setzte mich auf den Rand des Bettes und fhlte, da mir langsam und zgernd eine groe Trne um die andere ber Wangen, Kinn und Hnde lief. Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich schlaftrunken an, was es gbe. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer und zog langsam und unbewut meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei mir. Die Mutter ist tot, sagte er. Hast du's gewut? Ich nickte. Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich soll doch -- er tat einen schweren Fluch. Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen wre. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden Hnden -- er war an Strke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur Mutter hinber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bckte er sich ber die Tote und begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen schwachen Tnen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie hrten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster, um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in unsrem Stall und versorgte die Kuh. Der Hochwrdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah pnktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft anzugehren. Am andern Tage htte ich mir das vielleicht noch tiefer berlegen sollen Als nmlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar wehmtig altmodischer, borstiger Cylinderhte verschwunden war, auch der meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte meinen armen Vater eine Schwche an. Er begann pltzlich sich selbst zu bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, groenteils biblischen Redewendungen sein Elend vor, da er nun, da sein Weib begraben sei, auch noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen msse. Es nahm kein Ende, ich hrte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das Dableiben zu versprechen. In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir etwas Merkwrdiges. Es erschien mir pltzlich, in einer einzigen Sekunde, alles das, was ich von klein auf gedacht und erwnscht und sehnlich erhofft hatte, zusammengedrngt vor einem pltzlich aufgetanen innerlichen Auge. Ich sah groe, schne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bcher und zu schreibende Bcher. Ich hrte den Fhn gehen und sah ferne, selige Seeen und Ufer in sdlichen Farben erglnzend liegen. Ich sah Menschen mit klugen, geistigen Gesichtern wandeln und schne, feine Frauen, sah Straen laufen und Psse ber Alpen fhren und Eisenbahnen durch Lnder hasten, alles zugleich und jedes doch fr sich und deutlich, und hinter allem die unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern -- die ganze Flle des Lebens glnzte in flchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewut mchtigem Zwang der groen Weite der Welt entgegen. Ich schwieg und lie den Vater reden, schttelte nur den Kopf und wartete, bis sein Ungestm ermdete. Das geschah erst am Abend. Nun erklrte ich ihm meinen festen Entschlu zu studieren und meine knftige Heimat im Reich des Geistes zu suchen, von ihm aber keine Untersttzungen zu begehren. Er drang denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und kopfschttelnd an. Denn auch er begriff, da ich von jetzt an eigene Wege gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden wrde. Als ich heute beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster sa. Sein scharfer, kluger Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dnnen Hals, das kurze Haar beginnt zu grauen und in den harten, strengen Zgen kmpft mit der zhen Mnnlichkeit das Leid und das hereinbrechende Alter. Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erzhlen. In der letzten Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mtze auf und nahm den Trgriff in die Hand. Wo gehst du hin? fragte ich. Geht's dich was an? sagte er. Knntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes ist, meinte ich. Da lachte er und rief: Kannst auch mitkommen, bist ja keiner von den Kleinsten mehr. So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein paar Bauern saen da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Ja und spektakelte mchtig. Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum ersten Mal da ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Da mein Vater ein gediegener Zecher sei, wute ich vom Hrensagen. Er trank viel und gut und dadurch blieb sein Hauswesen, ohne da er es sonst ernstlich vernachlssigt htte, immer in einer hoffnungslosen Kmmerlichkeit stecken. Es fiel mir auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und Gsten gezeigt wurde. Er lie einen Liter Waadtlnder bringen, hie mich einschenken und belehrte mich darber, wie das zu machen sei. Man msse niedrig einschenken, dann den Strahl mig verlngern und zum Schlu die Flasche wieder so tief als mglich senken. Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erzhlen, die er kannte und die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins Welsche hinber kam, zu genieen pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtlnder Flaschenweine zu sprechen. Fast flsternd und mit der Miene eines Mrchenerzhlers berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchtel. Von diesem gbe es Jahrgnge, deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in ungeheuerliche Mutmaungen ber das Wesen und den Geschmack des Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, da eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache. Verstummend und nachdenklich zndete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte er, da ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen fr Cigarren. Und dann saen wir einander gegenber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht und tranken langsam schlrfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante Waadtlnder schmeckte mir vorzglich. Allmhlich wagten die Bauern am Nebentisch sich mit ins Gesprch und schlielich siedelte einer nach dem andern ruspernd und vorsichtig zu uns ber. Bald kam auch ich in den Mittelpunkt und es zeigte sich, da mein Ruf als Bergsteiger noch nicht vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstrze, in mythische Nebel gehllt, wurden erzhlt, bestritten und verteidigt. Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu prahlen und erzhlte auch die freche Kletterei an der oberen Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen fr Rsi Girtanner geholt hatte. Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und lie merken, da ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes, krummes Buerlein in die Kredenz, brachte einen groen Steingutkrug und legte ihn der Lnge nach auf den Tisch. Ich will dir was sagen, lachte er. Wenn du so stark bist, so hau den Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er fat. Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein. Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schlge taten keine Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stcke. Zahlen! rief mein Vater und glnzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. Gut, sagte er, ich zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein. Freilich fate der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus. Nun, so hast du gewonnen, schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer Flasche voll und go ihn dem Alten ber den Kopf. Nun waren wir wieder die Sieger und hatten den Beifall der Gste. Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube, in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte. Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwstet und zerbrochen. Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner berlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete sehnlichst auf den Tag der Abreise. Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der gelbe Waadtlnder, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden. III. Aus der nchternen und drckenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich groe Flgelschlge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwrmerische Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger, der am blhenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen Kampf und Getndel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln Abgrnden, dem Brausen groer Strme und Strme lauschend und die Seele gerstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu vernehmen. Tief und beglckt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend, litt in der Stille se Leiden um schne, scheu verehrte Frauen und kostete das edelste Jugendglck einer mnnlich frohen, reinen Freundschaft bis zum Grunde. In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bcher und sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stck Welt zu erobern und so bald als mglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, da ich aus einem anderen Holze als die brigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte, dichtete, sehnte mich und fhlte alle Schnheit der Erde mich mit warmer Nhe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz, einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben hei und sehnlich an sich gedrckt. Zrich war die erste groe Stadt, die ich grner Peter zu sehen bekam, und ein paar Wochen lang machte ich bestndig groe Augen. Das stdtische Leben aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straen, Huser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die Schifflnde, Pltze, Grten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleiige Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme ausfahren, Gecken sich brsten, Fremde umherschlendern. Die modisch eleganten, hoffrtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im Hhnerhofe vor, hbsch, stolz und ein wenig lcherlich. Schchtern war ich eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, da ich ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Stdte grndlich kennen zu lernen und spter selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden. Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schnen, jungen Menschen, der in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei hbsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hrte ich ihn unten Klavier spielen und sprte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der weiblichsten und sesten Kunst. Dann sah ich den hbschen Jungen das Haus verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte. Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und frchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem, freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich nur demtigen wrde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an meiner Tr und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei mir gesehen. Der schne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen Namen und tat so frei und frhlich, als wren wir alte Bekannte. Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust htten ein wenig mit mir zu musizieren, sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein Instrument berhrt. Ich sagte ihm das und fgte hinzu, da ich auer Jodeln keinerlei Knste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schn und verlockend heraufgeklungen. Wie man sich tuschen kann! rief er lustig. Ihrem ueren nach htte ich geschworen, Sie seien Musiker. Merkwrdig! Aber Sie knnen jodeln? O bitte, jodeln Sie doch einmal! Ich hre es ums Leben gern. Ich war ganz bestrzt und erklrte ihm, da ich so auf Verlangen und in der Stube drin durchaus nicht jodeln knne. Das msse auf einem Berge oder mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen. Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie sehr darum. Wir knnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit? O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schne, groe Wohnung hinunter. Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hbschen Raum eine Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte. Sie kennen das, nicht wahr? nickte er herber und sah prachtvoll aus, wie er so vom Spielen weg den hbschen Kopf herberbog und mich glnzend ansah. Nein, sagte ich, ich kenne nichts. Es ist Wagner, rief er zurck, aus den Meistersingern, und spielte weiter. Es klang leicht und krftig, sehnschtig und heiter, und umflo mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher Lust den schlanken Nacken und Rcken des Spielers und seine weien Musikerhnde, und dabei berlief mich dasselbe scheue und bewundernde Gefhl von Zrtlichkeit und Achtung, mit dem ich frher jenen dunkelhaarigen Schler betrachtet hatte, zusammen mit der schchternen Ahnung, dieser schne vornehme Mensch wrde vielleicht wirklich mein Freund werden und meine alten, nicht vergessenen Wnsche nach einer solchen Freundschaft wahr machen. Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen migen Hgel, berschauten Stadt, See und Grten und genossen die satte Schnheit des Vorabends. Und nun jodeln Sie! rief Richard. Wenn Sie sich immer noch genieren, so drehen Sie mir den Rcken zu. Aber bitte, laut! Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wtend und frohlockend in die rosige Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhrte, wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend gegen die Berge. Von einer fernen Hhe her kam Antwort, leise, langgezogen und schwellend, der Gru eines Hirten oder Wanderers, und wir hrten still und freudig zu. Whrend dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens berrann mich mit kstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem Freunde zu stehen und so zu zweien in schne, rosig verwlkte Lebensweiten zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor Sonnenuntergang sah ich aus zerflieendem Gednste ein paar trotzige, frech gezackte Alpengipfel hervortreten. Dort ist meine Heimat, sagte ich. Die mittlere Schroffe ist die rote Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal auf dieser breiten Kuppe stand. Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der sdlicheren Gipfel zu ersphen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand. Was sagten Sie? fragte ich. Ich sage, da ich nun wei, welche Kunst Sie treiben. Welche denn? Sie sind Dichter. Da wurde ich rot und rgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das erraten habe. Nein, rief ich, ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr. Darf ich die einmal sehen? Sie sind verbrannt. Aber Sie drften sie doch nicht sehen, auch wenn ich sie noch htte. Es waren gewi sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin? Was ist das? Nietzsche? Ja groer Gott, kennen Sie den nicht? Nein. Woher soll ich ihn kennen? Nun war er entzckt, da ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde rgerlich und fragte, ber wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er sagte ber keinen, tat ich darber ebenso spttisch erstaunt wie er vorher ber mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: Sie sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was fr ein beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt. Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja auch kennen, viel besser als ich, da Sie grndlicher und gescheiter sind. Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und haben so ein tchtiges Oberlndergesicht. Und ganz gewi sind Sie auch ein Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen. Auch das, da er so freimtig und ungeniert mich betrachtete und seine Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewhnlich vor. Noch viel erstaunter und glcklicher war ich aber, als er acht Tage spter in einem vielbesuchten Biergarten Brderschaft mit mir schlo, vor allen Leuten aufsprang, mich kte und umfate und mit mir wie verrckt um den Tisch herum tanzte. Was werden die Leute denken! warnte ich ihn schchtern. Sie werden denken: die zwei sind auerordentlich glcklich oder ganz auerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken. berhaupt schien Richard mir oft, obwohl er lter, klger, besser erzogen und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Strae machte er halbwchsigen Schulmdchen feierlich-spttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstcke unterbrach er unerwartet mit vllig kindischen Witzen, und als wir einmal Spaes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er pltzlich mitten whrend der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: Du, findest du nicht, der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis? Der Vergleich traf zu, ich fand aber, er htte mir das auch nachher mitteilen knnen, und sagte ihm das. Wenn es doch richtig war! schmollte er. Bis nachher htte ich es wahrscheinlich wieder vergessen. Da seine Witze keineswegs immer geistreich waren, hufig sogar nur auf das Citieren eines Buschverses hinausliefen, strte weder mich noch andere, denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist, sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens, welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, frhlichen Atmosphre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen, in einem fidelen Blicke uern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht. Ich bin berzeugt, da er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste der Heiterkeit machen mute. Richard brachte mich hufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten, Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Auslndern, denn was an interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief, geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister dabei, Philosophen, sthetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich ein gutes Stck lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen mir stckweise an, ich ergnzte und las viel nebenher, und so gewann ich allmhlich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Kpfe der Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohlttig anspornenden Einblick in die geistige Internationale. Ihre Wnsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale waren mir anziehend und verstndlich, ohne da ein starker eigener Trieb mich gentigt htte, fr oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustnde und Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der Knste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das Bedrfnis zu kennen, ohne ueren Zweck an sich selber zu bauen und ihr persnliches Verhltnis zur Zeit und Ewigkeit zu klren. Auch in mir selber lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer. Freundschaften schlo ich keine mehr, da ich Richard ausschlielich und mit Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging, suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich warten lie. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlssigkeit heftig vor. Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen? lachte er verwundert. Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schlielich kein Unglck. Ich bin gewohnt mein Wort pnktlich zu halten, antwortete ich heftig. Aber freilich bin ich auch daran gewhnt, da du dir wenig daraus machst, mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie du! Er sah mich mit malosem Erstaunen an. Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle? Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle. Dies Wort drang ihm in die Natur, So da er schleunigst Bessrung schwur, zitierte Richard feierlich, fate mich um den Kopf, rieb nach orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste mich, bis ich rgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war wieder heil. In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bnden die modernen Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und Frankreich, neue Theaterstcke, Pariser Feuilletons und Wiener Modestheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen beschftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmglichst die Philologie beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken ber Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und Monographieen ber die Zeit des Sptmittelalters in Italien und Frankreich. Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz von Assisi, den seligsten und gttlichsten aller Heiligen, genauer kennen. Und so ward mein Traum, in dem ich die Flle des Lebens und Geistes vor mir erffnet gesehen hatte, tglich wahr und erwrmte mir das Herz mit Ehrgeiz, Freude und Jugendeitelkeit. Im Hrsaal nahm mich die ernste, etwas herbe und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schne und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dmmernder Mrchenwinkel umschlo, oder ich fhlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften ber mich weg rollen. Dazwischen hrte ich Musik, lachte mit Richard, nahm an den Zusammenknften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen, Deutschen, Russen, hrte sonderbare moderne Bcher vorlesen, trat da und dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich wie ein phantastischer Karneval umgab. Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer Gemlde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein paar Ziegen vorstellte. Es war fleiig und nett gemalt, aber ein wenig altmodisch und eigentlich ohne rechten knstlerischen Kern. Man sieht in jedem beliebigen Salon genug solche hbsche, wenig bedeutende Bildchen. Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen anziehe. Das hier, sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. Das Bild, sagte Richard, ist keine groe Leistung. Es gibt schnere. Aber es gibt keine schnere Malerin als die, die das gemacht hat. Sie heit Erminia Aglietti und wenn du willst, knnen wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine groe Malerin. Kennst du sie? Jawohl. Wenn ihre Bilder so schn wren wie sie selber, dann wre sie schon lange reich und wrde keine mehr malen. Sie tut es nmlich ohne Lust und nur, weil sie zufllig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben knnte. Richard verga die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen spter darauf zurck. Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie sieht nmlich darauf. Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie gefallen. Die Mnner waren dabei ziemlich rcksichtslos, bald grob, bald ironisch; die Mdchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends war etwas von dem verklrenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen gerne sah und verehrte. Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerksttten war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein Frauenatelier. Es sah recht nchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt auf der Staffelei. Den Rest der Wnde bedeckten sehr saubere, appetitlich aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bcherschrank. Die Malerin nahm unsre Begrung khl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlre sie nicht gerne viel Zeit an uns. Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente ber das ausgestellte Bild. Sie lachte ihn aus und verbat es sich. Aber Frulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! brigens sind die Khe darauf von einer Wahrheit -- Es sind ja Ziegen, sagte sie ruhig. Ziegen? Natrlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich verblfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmig. Fragen Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir Recht geben. Hier fhlte ich, whrend ich verlegen und belustigt dem Geschwtz zuhrte, mich vom Blick der Malerin berflogen und gemustert. Sie sah mich lange und unbefangen an. Sie sind Oberlnder? Ja, Frulein. Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen? O, sie sind gewi sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht fr Khe gehalten wie Richard. Sehr gtig. Sie sind Musiker? Nein, Student. Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt, und das Gesicht erschien mir nicht schn. Der Schnitt war scharf und knapp, die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich strte und fast abstie, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich schlechterdings an Gorgonzola und ich wre nicht erstaunt gewesen, grne Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blsse gesehen und jetzt, im ungnstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine Formen zu prfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen. Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die Aglietti wre froh mich zeichnen zu drfen. Es handle sich nur um ein paar Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas Typisches. Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein ganzes Leben gendert und fr Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden. Auf das Drngen Richards hatte ich, rein als Stilbungen, gelegentlich Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gesprche und anderes skizzenhaft und mglichst treu dargestellt, auch einige Essays ber Literarisches und Historisches geschrieben. Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und legte fnfunddreiig Franken auf meine Bettdecke. Das gehrt dir, sagte er im Geschftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschpft hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller Stille fr mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar dafr hielt ich nun in Hnden. Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich rgerte ich mich ber Richards Vorsehungspielen, aber der se erste Schreiberstolz und das schne Geld und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch strker und berwog schlielich. In einem Caf brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat, die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu drfen und lud mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der Sache. Ich wrde nicht nur tglich ordentlich essen und meine kleinen Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht in Blde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe leben knnen. Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Sto neuer Bcher zum Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fra mich durch und hatte wochenlang damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fllig waren und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von den Rezensionsbnden mit, um sie als Pfand fr die Zeche dortzulassen. Beim Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war vorzglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ngstlich ums Herz. Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich htte kein Geld, wolle aber die Bcher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in die Hand, bltterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen drfe. Sie lese so gern, knne aber nie zu Bchern kommen. Ich fhlte, da ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bndchen an Zahlungsstatt fr das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach fr siebzehn Franken Bcher auf diese Weise abgenommen. Fr kleinere Gedichtbnde beanspruchte ich etwa einen Kse mit Brot, fr Romane dasselbe mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem Stil und das gutmtige Mdchen mag von der modernen deutschen Literatur einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergngen an jene Vormittage, da ich im Schwei meines Angesichts schnell noch einen Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darber schrieb, um ihn zur Mittagszeit fertig zu haben und etwas Ebares dafr erhalten zu knnen. Vor Richard suchte ich meine Geldnte sorgfltig zu verbergen, da ich mich unntiger Weise ihrer schmte und seine Hilfe nur ungern und stets nur fr ganz kurze Fristen annehmen mochte. Fr einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu schaffen, ein groes, khnes Lied der Sehnsucht und des Lebens. Der frhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestrt. Sie kam zuweilen fr einen Tag oder eine Nacht, als eine trumende, einsiedlerische Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten zurck. Ich ward an sie allmhlich wie an eine vertraute Freundin gewhnt und empfand sie nicht qulend, sondern nur als ein unruhiges Mdesein, das seine eigene Sigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darber die schnen Sterne. Dann ergriff mich oft ein ngstlich ses, starkes Gefhl, als she all diese nchtige Schnheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schnheit und das Leiden ihres stummen Daseins verstnde und aussprche, und als wre ich dieser Eine und als wre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in Dichtungen Ausdruck zu gewhren. Auf welche Weise das mglich wre darber dachte ich niemals nach, sondern fhlte nur die schne, ernste Nacht ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas in solcher Stimmung. Doch sprte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefhl der Verantwortung und trat gewhnlich nach solchen Nchten mehrtgige einsame Fuwanderungen an. Es schien mir, ich knnte damit der Erde, die sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, ber welche Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine Grundlage meines spteren Lebens; einen groen Teil der seitherigen Jahre habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch mehrere Lnder. Ich gewhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stck Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein und hufig im Freien zu nchtigen. Die Malerin hatte ich ber der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein Zettel von ihr: Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit. Wir gingen hin und fanden eine kleine Knstlerkolonie beisammen. Es waren fast lauter Unberhmte, Vergessene, Erfolglose, was fr mich etwas Rhrendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und ohnehin nicht gesprchig war, gab ich meinem Hunger nach und a etwa eine halbe Stunde lang still und ausdauernd, whrend die andern nur erst Tee nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig zugreifen wollten, zeigte es sich, da ich fast den ganzen Schinkenvorrat allein verzehrt hatte. Ich war des trglichen Glaubens gewesen, es stehe mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wtend und verwnschte die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich kurz bei ihr, erklrte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu wollen, und griff nach meinem Htlein. Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht einer Stehlampe, durch den Florschirm gemigt, und da sah ich mitten in meinem rger mit pltzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife Schnheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm und nahm wie ein gemaregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz. Dort blieb ich sitzen und bltterte in einem Album vom Comersee. Die andern tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und irgendwo im Hintergrund hrte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang wurde zurckgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzufhren. In diesem Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs Tischchen, nickte mir gtig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett begann und dauerte lang, aber ich hrte nichts davon, sondern staunte mit runden Augen die schlanke, feine, schngekleidete Dame an, an deren Schnheit ich gezweifelt und deren Vorrte ich aufgegessen hatte. Mit Freude und Angst erinnerte ich mich daran, da sie mich hatte zeichnen wollen. Dann dachte ich an Rsi Girtanner, an die Besteigung der Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneeknigin, die mir jetzt alle nur wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen. Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefrchtet hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen hatte. Sie scherzte ber Richard, um den sich ein paar junge Mdchen drngten und dessen sorgloses Gelchter zuweilen alle anderen Stimmen berklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu drfen. Da hatte ich einen Einfall. Unvermittelt fhrte ich das Gesprch italienisch fort und erntete dafr nicht nur einen frhlich berraschten Blick ihrer lebhaften Sdlnderaugen, sondern hatte den kstlichen Genu sie ihre Sprache reden zu hren, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt entsprach, die wohllaute, elegante, raschflieende lingua Toscana mit einem entzckenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder schn noch flieend, doch strte es mich nicht. Andern Tags sollte ich kommen, um von ihr gezeichnet zu werden. A rivederla, sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich konnte. A rivederci domani, lchelte sie und nickte. Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Strae einen Hgelkamm erreichte und pltzlich das dunkle Land schn und nchtig vor mit ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich ber den See und warf ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dnnem, silberfahlem Umri hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel und Gelchter. Der Himmel war fast zur Hlfte verhangen und ber die Hgel lief ein starker, warmer Wind. Und wie der Wind die ste der Obstbume und die schwarzen Kronen der Kastanien liebkoste, bestrmte und beugte, da sie sthnten und lachten und zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hgels kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und sthnte, stampfte den Boden, warf den Hut von mir, whlte mit dem Gesicht im Gras, rttelte an den Baumstmmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schmte mich, war selig und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in einer trben Schwle erstickt. Ich dachte nichts, beschlo nichts, fhlte nichts; traumwandelnd stieg ich den Hgel hinab, schweifte durch die halbe Stadt, sah in einer abgelegenen Strae noch eine spte kleine Schenke offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtlnder und kam gegen Morgen schauderhaft betrunken nach Hause. Am folgenden Nachmittag war Frulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu ihr kam. Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstrt aus. Nichts von Belang, sagte ich. Mir scheint, ich war heute Nacht sehr betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur! Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat ich auch, denn ich schlummerte in Blde ein und habe jenen ganzen Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch der Malerwerksttte, da ich trumte, unser Nachen zuhaus werde frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: Nein, denn wenn ich nicht dawre, wrdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa. Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hrte sie aber im Nebenstblein mit Tassen und Besteck klappern und schlo daraus, da es Abendessenszeit sein msse. Sind Sie wach? rief sie herber. Jawohl. Hab' ich lang geschlafen? Vier Stunden. Schmen Sie sich nicht? O doch. Aber ich hatte einen so schnen Traum. Erzhlen Sie! Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen. Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich meinen Traum erzhlt htte. Also erzhlte ich, und ber dem Traumerzhlen geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg und es schon vllig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine ganze Kindheitsgeschichte erzhlt. Sie gab mir die Hand, strich mir den zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu kommen und ich fhlte, da sie auch meine heutige Unart begriffen und verziehen habe. In den nchsten Tagen sa ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar nichts gesprochen, ich sa oder stand ruhig und wie verzaubert da, hrte den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten lfarbegeruch ein und hatte keine andere Empfindung als da ich in der Nhe der von mir geliebten Frau war und ihren Blick bestndig auf mir ruhen wute. Das weie Atelierlicht flo an den Wnden hin, ein paar schlfrige Fliegen sumsten an den Scheiben und nebenan im Stbchen sang die Spiritusflamme, denn ich bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert. Zuhause dachte ich oft ber Erminia nach. Es berhrte oder verminderte meine Leidenschaft gar nicht, da ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie selbst war so schn, gtig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder an? Ich fand vielmehr in ihrer fleiigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. brigens gibt es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken ber jemand, den man liebt. Solche Gedankengnge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnckig wiederkehrt, auch wo er durchaus nicht pat. So ist denn auch das Bild der schnen Italienerin, das ich im Gedchtnis trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und Zge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich wei nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w., nicht einmal ob sie eigentlich gro oder klein von Gestalt war. Wenn ich an sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein paar scharfblickende, nicht sehr groe Augen in einem bleichen, lebendigen Gesicht und einen vollendet schn geschwungenen, schmalen Mund von herber Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hgel, wo der warme Wind seeber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen Abends, von dem ich nun erzhlen will. Mir war klar geworden, da ich der Malerin irgendwie Gestndnisse machen und um sie werben msse. Wre sie mir fern gestanden, so htte ich sie ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber sie fast tglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange aus. Es ward ein kleines Sommerfest von Knstlern und ihren Freunden veranstaltet. Es war am See, in einem hbschen Garten, ein reifer, weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hrten der Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden zwischen den Bumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und schlielich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjngling spielte den Romantischen, trug ein khnes Barett, lag rcklings am Gelnder hingestreckt und tndelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar bedeutenderen Knstler fehlten entweder oder saen ungesehen im Kreis der lteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jngere in lichten Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten saloppen Kostmen herum. Namentlich fiel mir eine ltere, hliche Studentin widerlich auf, sie trug einen Mnnerstrohhut auf den verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tchtig Wein und sprach laut und viel. Richard war wie gewhnlich bei den jungen Mdchen. Ich war trotz aller Erregung khl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch, schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen. Der See war glatt wie l und nchtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenber die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem Gurgeln nahm das trge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Flche, ich achtete aber wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und trug meine geplante Liebeserklrung wie einen schweren Eisenring um's bange Herz. Das Schne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das bengstigte mich, denn es kam mir vor wie eine schne Theaterdekoration, in deren Mitte ich eine sentimentale Szene agieren msse. In meiner Angst und beklemmt durch die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf los. Wie stark Sie sind! sagte die Malerin nachdenklich. Meinen Sie dick? fragte ich. Nein, ich meine die Muskeln, lachte sie. Ja, stark bin ich schon. Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und rgerlich ruderte ich weiter. Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzhlen. Was mchten Sie denn hren? Alles, sagte ich. Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzhle ich Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schn und wird Sie amsieren. Was Sie sagen! Erzhlen Sie doch! Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von Ihnen. Ich mchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie, wie ich frchte, dafr viel zu klug und hochmtig sind. Erminia besann sich eine Weile. Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen, sagte sie, sich hier in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzhlen zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewhnt, fr alles hbsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getuscht, denn ich glaube nicht, da man heftiger und strker lieben kann als ich es tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je mglich sein wird, da wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns auch zuweilen . . . . Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glcklich macht, oder elend, oder beides? Ach, die Liebe ist nicht da um uns glcklich zu machen. Ich glaube sie ist da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein knnen. Das verstand ich und konnte nicht hindern, da mir etwas wie ein leises Sthnen statt der Antwort vom Munde kam. Sie hrte es. Ah, sagte sie, kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --. Ein andermal vielleicht, Frulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig zu mut, und es tut mir leid, da ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung getrbt habe. Wollen wir umkehren? Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich? Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das Wasser, wendete und zog an, als wre die Bise im Anzug. Das Boot strich eilig ber die Flche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in mir kochte, fhlte ich wie mir der Schwei in groen Tropfen bers Gesicht lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran gewesen war den knieenden Bittsteller und mtterlich-freundlich abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem brigen Jammer galt es nun sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwrts. Das schne Frulein war einigermaen befremdet, als ich am Ufer kurzen Abschied nahm und sie allein lie. Der See war so glatt, die Musik so frhlich und die Papierlaternen so festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und lcherlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, htte ich am liebsten zu Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch! Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die andere, bis mich schlferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach einer Stunde tauna, steif und frstelnd wieder auf und ging ins nchste Dorf. Es war frh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse, verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltren, buerliche Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du httest Bauer bleiben sollen, sagte ich mir, strich beschmt durchs Dorf und lief ermdet weiter, bis die erste Sonnenwrme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen Buchenstandes warf ich mich ins drre Raingras und schlief in der warmen Sonne bis tief in den Sptnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten gelesener Roman. Ich blieb drei Tage fort, lie mir die Sonne auf den Pelz brennen und berlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwrts wandern und meinem Vater beim hmden helfen sollte. Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner Rckkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich spter ansah und anredete, stieg mir das Elend in die Kehle. IV. Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher. Fr mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was ich bisher erzhlte. Der starke, se Gott ward mir ein treuer Freund und ist es heute noch. Wer ist so mchtig wie er? Wer ist so schn, so phantastisch, schwrmerisch, frhlich und schwermtig? Er ist ein Held und Zauberer. Er ist ein Verfhrer und Bruder des Eros. Er vermag Unmgliches; arme Menschenherzen fllt er mit schnen und wunderlichen Dichtungen. Er hat mich Einsiedler und Bauern zum Knig, Dichter und Weisen gemacht. Leer gewordene Lebenskhne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt Gestrandete in die eilige Strmung des groen Lebens zurck. So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen kstlichen Gaben und Knsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mhen gewonnen sein. Das knnen nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie alt, er ttet sie oder lscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine Lieblinge aber ldt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrcken zu seligen Inseln. Er legt, wenn sie mde sind, Kissen unter ihr Haupt und umfat sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und gtiger Umarmung wie ein Freund und wie eine trstende Mutter. Er verwandelt die Wirrnis des Lebens in groe Mythen und spielt auf mchtiger Harfe das Lied der Schpfung. Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben groen Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene Gotteskindschaft feucht und glnzend wogt wie eine neugeborene Quelle im Wald. Und der se Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine Frhlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und Sturm auf khler Woge wiegt. Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann berrauscht sie schauernd und flutend die strmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung, der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger Freude wirft sich die Seele in die straenlose Weite des Unbekannten, wo alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der Dichter und des Traumes gesprochen wird. Nun, ich mu erst erzhlen. Es geschah, da ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte, studierte, schrieb und Richards Musik anhrte. Aber kein Tag ging ganz ohne Leid vorbei. Manchmal berfiel es mich erst nachts im Bette, da ich sthnte und mich bumte und spt in Trnen entschlief. Oder erwachte es, wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Sptnachmittag, wenn die schnen, lauen, mdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich an den See, nahm ein Boot, ruderte mich hei und mde und fand es dann unmglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brtete und war manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal berfiel mich dabei ein so schauderhaftes Elend und Ekelgefhl, da ich beschlo nie mehr zu trinken. Und dann ging ich wieder und trank. Allmhlich unterschied ich die Weine und ihre Wirkung und geno sie mit einer Art von Bewutsein, im ganzen freilich noch naiv und roh genug. Schlielich fand ich am dunkelroten Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend, dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen Trumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten. Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in kstlichen Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, trumte und fhlte ein erhhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer beraus angenehmen Traurigkeit, als hrte ich Volkslieder geigen und als wte ich irgendwo ein groes Glck, dem ich vorbeigewandert wre und das ich versumt htte. Es kam von selbst so, da ich allmhlich selten mehr allein kneipte, sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war, wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprchig, aber nicht erregt, sondern fhlte ein khles sonderbares Fieber. Eine mir selbst bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blhte ber Nacht empor, doch gehrte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der Disteln und Nesseln. Zugleich nmlich mit der Beredtsamkeit kam ein scharfer, khler Geist ber mich, machte mich sicher, berlegen, kritisch und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich strte, so wurden sie bald fein und listig, bald grob und hartnckig so lange aufgezogen und gergert, bis sie gingen. Die Menschen berhaupt waren mir ja von Kind auf weder sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzhlte ich kleine Geschichten, in welchen die Verhltnisse der Menschen untereinander lieblos und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhhnt wurden. Woher dieser verchtliche Ton mir kam, wute ich selber nicht, er brach wie eine reifende Schwre aus meinem Wesen hervor, die ich lange Jahre nicht wieder los ward. Sa ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann trumte ich wieder von Bergen, Sternen und trauriger Musik. In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen ber Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Bchlein, dessen Wiege meine Wirtshausgesprche waren. Aus meinen ziemlich fleiig weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde gab. Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer greren Zeitung den Rang eines stndigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf erschienen jene Skizzen auch als selbstndiges Bchlein und hatten einigen Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends ber Bord. Ich war nun schon in hheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knpften sich an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das lstige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verchtlichen Leben eines kleinen Berufsliteraten entgegen. Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz meiner Liebesleiden lag ber mir in Frhlichkeit und Schwermut der warme Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen Blasiertheit sah ich in Trumen doch stets ein Ziel, ein Glck, eine Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wute ich nicht. Ich fhlte nur, das Leben msse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glck vor die Fe splen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner Sehnsucht und eine Erhhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von Edeldamen und Ritterschlag und groen Ehren trumt. Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wute nicht, da alles bis jetzt Erlebte nur Zuflle waren und da meinem Wesen und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wute noch nicht, da ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und Erfllung sind. Und so geno ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir zugewendet zu sehen. Zuweilen fiel mir auf, eine wie groe Sehnsucht in allen diesen Seelen von heute nach Erlsung schrie und was fr wunderliche Wege sie sie fhrte. An Gott zu glauben, galt fr dumm und fast fr unanstndig, sonst aber wurde an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemlden begingen. Sie htten sich geschmt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit Enthaltsamkeit qulten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hie Tolstoi oder Buddha. Es gab Knstler, die sich durch wohlerwogene und abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfme oder Cigarren zu aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen gelufig und mit erknstelter Selbstverstndlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und hnlichem und waren berall auf der Lauer nach der persnlichen Note, welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttuschung oder Verrcktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komdie amsant und lcherlich, doch fhlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte. Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern, Knstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergtzen kennen lernte, wei ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wre. Es war unter ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein geflliges Figrchen und ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend knstlerische Dinge betraf. Er galt fr einen der zuknftigen groen Dichter und ich hrte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schnes vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein wirklicher Dichter htte werden knnen. Zufllig erfuhr ich spter einmal seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mierfolg scheu geworden, entzog sich der berempfindliche aller ffentlichkeit und fiel einem Lumpen von Mcen in die Hnde, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen Herrn trieb er mit dessen nervsen Damen ein fades Aesthetengeflunker, stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich, jmmerlich mileitet, durch lauter Chopinmusik und prraphaelitische Ekstasen systematisch um den Verstand. An dies halbflgge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und schner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich erst nachtrglich das Gefhrliche dieses Umganges einsah. Nun, mich bewahrte mein Oberlnder Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen. Edler und beglckender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schlielich allein, die meiner angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben frisch und morgenrot erhielt. Ich wei auch heute in der Welt nichts Kstlicheres als eine ehrliche und tchtige Freundschaft zwischen Mnnern und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh befllt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft. Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig vernachlssigt. Es geschah im Anfang unbewut, nach einigen Wochen aber schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir da er das ganze Unglck mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schlo mich ihm aufs neue herzlich und eiferschtig an. Was ich damals etwa an heiteren und freien kleinen Lebensknsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er war schn und heiter an Leib und Seele und das Leben schien fr ihn keine Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig, wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte! Fr meine Weinstudien hatte er wenig Verstndnis. Er ging gelegentlich mit, hatte jedoch nach zwei Glsern genug und betrachtete meinen wesentlich greren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, da ich litt und hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder fhrte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflgen waren wir oft ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der frommen Helene auf gefhlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach pltscherte uns so lange khl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komdie zu spielen. Er setzte sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten als Schiffer im kleinen Schiffe vorber. Dabei sah er so jungferlich schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, da ich, der ich das wilde Weh htte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Pltzlich wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fuweg und wir muten uns in unsrer Ble eiligst unter dem ausgewaschenen, berhngenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns vorberschritt, stie Richard allerlei seltsame Tne aus, grunzte, quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde: Ziehet hin in Frieden! Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den Arm und sagte: Auch das war eine Charade. Was fr eine? fragte ich. Pan erschreckt einige Hirten, lachte er. Es waren aber leider auch Frauenzimmer dabei. Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast verliebte Vorliebe fr den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald, obschon er gelegentlich auch ber ihn Witze machen konnte, die mich entrsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter wie ein liebes groes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines Gottes froh und voll demtiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da wir im Dampfboot ber den See von einer Spazierfahrt zurckkehrten und der abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: Du, wie sagt hier der Heilige? Und ich zitierte: Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et onne tempo! Wenn wir Streit bekamen und uns Schndigkeiten sagten, warf er mir, immer halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen bernamen an den Kopf, da ich bald lachen mute und dem rgernis der Stachel genommen war. Verhltnismig ernst war mein lieber Freund nur, wenn er seine Lieblingsmusiker hrte oder spielte. Auch dann konnte er sich unterbrechen, um irgend einen Spa zu machen. Dennoch war seine Liebe zur Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefhl fr das Echte und Bedeutende schien mir untrglich. Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Trstens, des teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in Nten war. Er konnte mir, wenn er mich bellaunig fand, ganze Mengen kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzhlen und hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten widerstand. Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr imponierte ihm meine Krperkraft. Vor andern renommierte er damit und war stolz einen Freund zu haben, der ihn einhndig htte erdrcken knnen. Er gab viel auf krperliche Fhigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur knstlerisch und meisterhaft, sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und frhlich zu sein. Hufig gab er den drei Bllen die Namen von Leuten unsrer Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Sto aus Stellung, Annherung und Entfernung der Blle ganze Romane voll von Witzen, Anzglichkeiten und karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und beraus elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten. Meine Schriftstellerei schtzte er nicht hher als ich selbst. Einmal sagte er mir: Sieh, ich hielt dich immer fr einen Dichter und halte dich noch dafr, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fhle da du etwas Schnes und Tiefes in dir leben hast, das frher oder spter einmal hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein. Indessen glitten uns die Semester wie kleine Mnze durch die Finger und die Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rckkehr nach seiner Heimat denken mute. Mit einer etwas knstlichen Ausgelassenheit genossen wir die schwindenden Wochen und kamen am Ende berein, da vor dem bitteren Abschied noch irgend eine glnzende und festliche Unternehmung diese schnen Jahre heiter und verheiungsvoll beschlieen sollte. Ich schlug eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch Vorfrhling und fr die Berge eigentlich viel zu frh. Whrend ich mir den Kopf nach anderen Vorschlgen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und bereitete mir in der Stille eine groe und freudige berraschung vor. Eines Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerckt und lud mich ein, ihn als Fhrer nach Oberitalien zu begleiten. Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter, tausendmal durchgetrumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir erfllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und frchtete bis zum letzten Tag, es mchte doch nichts daraus werden. Unser Gepck war vorausgeschickt, wir saen im Wagen, die grnen Felder und Hgel flirrten vorber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die Bergnester und Bche und Gerllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann die ersten schwrzlichen Steinhuser in ebenen Weinbergen und die erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei dem lrmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoenden Mailand entgegen. Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern von ihm nur als von einem berhmten groen Bauwerk gewut. Es war ergtzlich, seine entrstete Enttuschung zu sehen. Als er den ersten Schreck berwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, da es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens smtliche neuern, als Fabrikarbeit gewhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf den breiten, schrgen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise durchglht hatte. Behaglich gestand mir Richard: Weit du, im Grunde hab' ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttuschungen zu erleben wie mit dem verrckten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor alle den Groartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrcken wrden. Und nun fngt die Sache so freundlich und menschlich-lcherlich an! Dann reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten, zu allerlei barocken Phantasieen. Vermutlich, sagte er, wird dort auf dem Chorturm, als der hchsten Spitze, wohl auch der hchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun keineswegs ein Vergngen sein mu, ewig als steinerner Seiltnzer auf diesen spitzen Trmchen zu balancieren, ist es billig, da von Zeit zu Zeit der oberste Heilige erlst und in den Himmel entrckt wird. Nun denke dir, was das jedesmal fr ein Spektakel absetzt! Denn natrlich rcken nun smtliche brige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor und jeder mu mit einem groen Satz auf die Fiale des Vorgngers hpfen, jeder in groer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen. So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein und ich sah mit wehmtigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre khnen Sprnge tun. In Genua ward ich um eine groe Liebe reicher. Es war ein heller, windiger Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite Mauerbrstung gesttzt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir schwoll und lebte die groe blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen und ich fhlte, da etwas in mir sich mit dieser blauen, schumigen Flut fr Leben und Tod befreundete. Ebenso mchtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geffnetes Tor auf mich warten. Und wieder fate mich das Gefhl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben unter Menschen und in Stdten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu verbrdern. Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das herbe Salzwasser und fhlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, groe Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nchst meinen Lieblingen, den rastlosen Wolken, wei ich kein schneres und ernsteres Bild der Sehnsucht und des Wanderns als solch ein Schiff, das in groer Ferne fhrt, kleiner wird und in den geffneten Horizont hinein verschwindet. Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert Bildern und tausend Trumen kannte -- licht, gerumig, gastlich, vom grnen, berbrckten Strom durchzogen und von klaren Hgeln umgrtet. Der kecke Turm des palazzo vecchio stach khn in den lichten Himmel, in seiner Hhe lag wei und warmsonnig das schne Fiesole und alle Hgel standen wei und rosenrot im Flor der Obstblte. Das beweglich freudige, harmlose toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Pltzen, in Gassen, Loggien und Mrkten verbummelt, die Abende in Hgelgrten vertrumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglckend reichen Stunden in den Bilderslen und im Bargello, in Klstern, Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato, Settignano, Prato. Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung lie ich nun Richard fr eine Woche allein und geno die edelste und kstlichste Wanderung meiner Jugendzeit, durch das reiche, grne umbrische Hgelland. Ich ging die Straen des heiligen Franz und fhlte ihn in manchen Stunden neben mir wandern, das Gemt voll unergrndlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrend. Ich pflckte und verzehrte Limonen an sonnig glnzenden Hngen, nchtigte in kleinen Drfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in Assisi, in der Kirche meines Heiligen. Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das schne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frhlingslandschaft wie in Gottes gtige Augen. In Umbrien war ich Franz, dem Spielmann Gottes, verehrend nachgegangen; in Florenz geno ich die bestndige Vorstellung vom Leben des Quattrocento. Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens geschrieben. In Florenz aber fhlte ich zum erstenmal die ganze schbige Lcherlichkeit der modernen Kultur. Dort berfiel mich zuerst die Ahnung, da ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein wrde, und dort erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben auerhalb dieser Gesellschaft und womglich im Sden weiter zu fhren. Hier konnte ich mit den Menschen verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimtige Natrlichkeit des Lebens, ber welcher adelnd und verfeinernd die Tradition einer klassischen Kultur und Geschichte lag. Glnzend und beglckend rannen uns die schnen Wochen hin; auch Richard hatte ich nie so schwrmerisch entzckt gesehen. bermtig und freudig leerten wir die Becher der Schnheit und des Genusses. Wir erwanderten abseitige, hei gelegene Hgeldrfer, befreundeten uns mit Gastwirten, Mnchen, Landmdchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten naive Stndchen, ftterten brunliche, hbsche Kinder mit Brot und Obst und sahen von sonnigen Berghhen Toskana im Glanz des Frhlings und fern das schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das krftige Gefhl, unseres Glckes wrdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu gehen. Arbeit, Kampf, Genu und Ruhm lagen so nah und glnzend und sicher vor uns, da wir ohne Hast uns der glcklichen Tagen freuten. Auch die nahe Trennung schien leicht und vorbergehend, denn wir wuten fester als je, da wir einer dem andern notwendig und einer des andern fr's Leben sicher waren. * * * * * Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es berdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik, ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schn, reich und farbig wie ein eleusisches Fest. Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind. In Zrich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem Eisenbahnwagen, um mich zu kssen, und nickte mir noch, so lange es ging, vom Fenster aus zrtlich zu. Zwei Wochen spter ertrank er beim Baden in einem lcherlich kleinen sddeutschen Flchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er begraben wurde, ich hrte alles erst ein paar Tage spter, als er schon im Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stblein auf den Boden hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheulichen Lsterworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, da mein einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war. Das war nun vorber. Es litt mich nicht lnger in der Stadt, wo tglich eine Menge von Erinnerungen sich an mich hngte und mir die Lust raubte. Was nun kme, war mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, da mein zerstrtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem herberen Glck der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, da ich das Beste meines Wesens einer reinen und frhlichen Freundschaft hingbe. Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestrmt, und Richards Nachen war der bunte, leichte, glckliche, geliebte, an dem mein Auge hing und dem ich vertraute, er wrde mich zu schnen Zielen mitreien. Nun war er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf pltzlich verdunkelten Wassern umher. Es wre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kmpfen und zu irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte ich nicht an Gott und gab mich in seine strkere Hand? Aber ich war zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das eigentliche Leben, da es im Sturme ber mich kme, mich verstndig und reich machte und auf groen Flgeln einem reifen Glck entgegen trge. Das weise und sparsame Leben aber schwieg und lie mich treiben. Es schickte mir weder Strme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wre. Es lie mich meine Komdie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden wrde. V. Es kommt nun diejenige Zeit meines Lebens, welche scheinbar bewegter und bunter war als das bisherige und allenfalls einen kleinen Moderoman abgbe. Ich mte erzhlen, wie ich von einer deutschen Zeitung zum Redakteur berufen wurde. Wie ich meiner Feder und meinem bsen Maul zu viel Freiheit gnnte und dafr schikaniert und geschulmeistert wurde. Wie ich darauf den Ruf eines Sufers errang und schlielich, nach giftigen Hndeln, das Amt niederlegte und mich als Korrespondenten nach Paris schicken lie. Wie ich in diesem verfluchten Nest zigeunerte, verbummelte und auf verschiedenen Gebieten einen starken Tobak rauchte. Es ist nicht Feigheit, wenn ich den etwaigen Schweinigeln unter meinen Lesern hier eine Nase drehe und diese kurze Zeit bergehe. Ich bekenne, da ich einen Irrweg um den andern ging, allerlei Schmutz gesehen habe und darin gesteckt bin. Der Sinn fr die Romantik der Bohme ist mir seither abhanden gekommen und ihr mt mir erlauben, da ich mich an das Reinliche und Gute halte, das doch auch in meinem Leben war, und jene verlorene Zeit verloren und abgetan sein lasse. Namentlich Paris war schauderhaft: Nichts als Kunst, Politik, Literatur und Dirnengewsch, nichts als Knstler, Literaten, Politiker und gemeine Weiber. Die Knstler waren so eitel und aufdringlich wie die Politiker, die Literaten noch eitler und aufdringlicher, und am eitelsten und aufdringlichsten waren die Weiber. Eines Abends sa ich allein im Bois und berlegte mir, ob ich nur Paris oder lieber gleich das Leben berhaupt verlassen sollte. Darber ging ich, seit langer Zeit zum erstenmal, in Gedanken mein Leben durch und berechnete, da ich nicht viel daran zu verlieren habe. Aber da sah ich pltzlich in scharfer Erinnerung einen lngst vergangenen und vergessenen Tag -- einen frhen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den Tod. Ich erschrak und schmte mich, da ich so lange jenes Morgens nicht mehr hatte denken knnen. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube, da kein ernster und nicht vllig entgleister Mensch fhig ist, sich das Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlschen eines gesunden und guten Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er sah herb aus, der Tod, aber so mchtig und auch gtig wie ein behutsamer Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt. Ich wute pltzlich wieder, da der Tod unser kluger und guter Bruder ist, der die rechte Stunde wei und dessen wir mit Zuversicht gewrtig sein drfen. Und ich begann auch zu verstehen, da das Leid und die Enttuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und wertlos und wrdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklren. Acht Tage spter waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte zu Fu durch ein schnes Stck Sdfrankreich und fhlte von Tag zu Tag die unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte, verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d'amour bei. Ich bernachtete in Schlssern, in Mhlen, in Scheunen, und trank mit den dunkeln, gesprchigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein. Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verndert kam ich nach zwei Monaten in Basel an. Es war meine erste so groe Wanderung, die erste von vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal mit staubigen Stiefeln gepilgert bin -- hinter Trumen her, von denen noch keiner sich erfllt hat. * * * * * In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut und ruhig, dann kam allmhlich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang, wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber gesprt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es beschreiben? Ich hatte das Gefhl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Pltze, Huser und Straen war fortwhrend eine breite Kluft. Es geschah ein groes Unglck, es standen wichtige Dinge in den Zeitungen -- mich ging es nichts an. Es wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Mrkte abgehalten, Konzerte gegeben -- wozu? wofr? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wldern, auf Hgeln und Landstraen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bume, cker in klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begren. Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlsen. Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausfhrliche Aufzeichnungen, versuchte ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich. Sie sind beneidenswert gesund, lobte er dann, krperlich fehlt Ihnen nichts. Suchen Sie sich durch Lektre oder Musik zu erheitern. Ich lese von Berufs wegen tagtglich eine Menge neue Sachen. Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gnnen. Ich laufe tglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das doppelte. Dann mssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden. Was liegt daran? Es liegt viel daran. Je grer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto mehr mssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhren so passiv zu bummeln, knnten Sie schlielich doch einmal die Balance verlieren. Der Arzt war ein verstndiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen Namen, war liebenswrdig, fast herzlich, und ich kam fters wieder. Einmal kam ich an einem kalten Sptherbstabend hin. Ich fand einen jungen Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mdchen; sonst keine Gste. Das Mdchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit, aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause. Inzwischen hatte man allmhlich herausgebracht, ich se viel in Kneipen herum und sei eigentlich ein heimlicher Sufer. Es wunderte mich kaum, denn der Klatsch blhte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Mnnern und Frauen aufs ppigste. Meinem Verkehr schadete die beschmende Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade fr die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehrten den Komitees der Migkeitsvereine an und freuten sich jedes Snders, der ihnen in die Hnde fiel. Eines Tages erfolgte der erste hfliche Angriff. Es ward mir die Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom sanitren, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war malos erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religisem Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht. Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswrdigkeit zugesetzt, die Sache wurde mir uerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich desperat und bat mir energisch aus, man mge mich nun mit dem Geplrre verschonen. Das junge Mdchen war wieder da. Sie hrte mir aufmerksam zu und sagte dann ganz herzlich: Bravo! Ich war aber zu verstimmt, um darauf zu achten. Mit desto grerem Vergngen sah ich ein kleines drolliges Migeschick mit an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der groe Verein samt zahllosen Gsten tafelte und tagte in seinem Hause, Reden wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chre gesungen und der Fortschritt der guten Sache mit groem Hosianna gefeiert. Einem als Fahnentrger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu lange, er drckte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest- und Demonstrationszug durch die Straen seinen Anfang nahm, genossen schadenfrohe Snder das ergtzliche Schauspiel, an der Spitze der begeisterten Scharen einen frhlich betrunkenen Anfhrer und in seinen Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrchigen Mastbaum schwanken zu sehen. Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eiferschteleien und Intriguen, das sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben hatte und zu immer freudigerer Blte gedieh. Die Bewegung spaltete sich, ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm fr sich haben und schimpften ber jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Sufer; edle und selbstlose Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnde mibraucht und in Blde hatten Nherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken. Alle diese Komdien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nchtlichen Heimkehr von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen. In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube ber dem Rhein studierte und grbelte ich viel. Ich war trostlos, da das Leben so an mir ablief, da kein starker Strom mich mitri, keine heftige Leidenschaft oder Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich, neben dem tglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und gengte dem Trieb meiner Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zrich, Berlin und Paris erinnerte, mir die wesentlichen Wnsche, Leidenschaften und Ideale der Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Mbel, Tapeten und Kostme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schnere Umgebungen zu gewhnen. Ein anderer war bemht, den Hckelschen Monismus in populren Schriften und Vortrgen zu verbreiten. Andere hielten es fr erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizufhren. Und wieder einer kmpfte fr die darbenden unteren Stnde, oder sammelte und redete dafr, da Theater und Museen fr's Volk gebaut und geffnet wrden. Und hier in Basel wurde der Alkohol bekmpft. In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon war mir wichtig und notwendig und es htte mich und mein Leben nicht berhrt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wren. Hoffnungslos sank ich in den Stuhl zurck, schob Bcher und Bltter von mir und sann, und sann. Dann hrte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer groen, berall auf der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen Nachtwolken in groen Sten wie erschreckte Vgel durch den Himmel flattern, hrte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod, an den heiligen Franz, an meine Heimat in den Schneebergen und an den ertrunkenen Richard. Ich sah mich an den Felswnden klettern, um Alpenrosen fr die Rsi Girtanner zu brechen, ich sah mich in Zrich von Bchern und Musik und Gesprchen erregt, sah mich mit der Aglietti auf dem nchtlichen Wasser fahren, sah mich ber Richards Tod verzweifeln, reisen und wiederkommen, genesen und wieder elend werden. Wozu? Wofr? O Gott, war alles das denn nur ein Spiel, ein Zufall, ein gemaltes Bild gewesen? Hatte ich nicht gerungen und Qualen der Begierde gelitten nach Geist, nach Freundschaft, nach Schnheit, Wahrheit und Liebe? Quoll nicht noch immer in mir die schwle Woge der Sehnsucht und der Liebe? Und alles fr nichts, mir zur Qual, niemand zur Lust! Dann war ich reif fr die Kneipe. Ich blies die Lampe aus, tastete mich die steile alte Wendeltreppe hinab und erschien in einer Veltlinerhalle oder Waadtlnder Weinstube. Dort empfing man mich als guten Gast mit Respekt, whrend ich gewhnlich trutzig und gelegentlich sackgrob war. Ich las den Simplizissimus, der mich jedesmal rgerte, trank meinen Wein und wartete, bis er mich trsten wrde. Und der se Gott berhrte mich mit seiner weiblich weichen Hand, machte meine Glieder wohlig mde und fhrte meine verirrte Seele in das Land der schnen Trume zu Gast. Gelegentlich wunderte ich mich selber darber, da ich die Leute so borstig behandelte und eine Art von Spa daran hatte sie anzuschnauzen. In Gasthusern, die ich fter besuchte, frchteten und verwnschten mich die Kellnerinnen als einen Grobian und Nrgler, der ewig zu reklamieren hatte. Geriet ich in ein Gesprch mit anderen Gsten, so war ich hhnisch und grob, freilich waren auch die Leute danach. Trotzdem fanden sich ein paar wenige Wirtshausbrder, smtlich schon alternde und unheilbare Snder, mit denen ich zuweilen einen Abend versa und ein leidliches Verhltnis fand. Es war namentlich ein ltlicher Rauhbein unter ihnen, seines Zeichens Dessinateur, ein Weiberfeind, Schweinigel und geaichter Zecher erster Klasse. Wenn ich ihn abends in irgend einer Schenke allein antraf, setzte es jedesmal ein scharfes Zechen ab. Erst wurde geplaudert, gewitzelt und nebenher ein Flschchen Roter gebechert, dann trat allmhlich das Trinken in den Vordergrund, das Gesprch schlief ein und wir hockten einander schweigsam gegenber, sogen jeder an seiner Brissago und leerten jeder fr sich seine Flaschen. Dabei war einer dem andern ebenbrtig, wir lieen stets gleichzeitig die Flaschen wieder fllen und beobachteten einer den andern halb mit Achtung und halb mit Schadenfreude. Zur Zeit des Neuen, im Sptherbst, zogen wir einst gemeinsam durch einige Markgrfler Weindrfer und im Hirschen zu Kirchen erzhlte mir der alte Knopf seine Lebensgeschichte. Ich glaube, sie war interessant und absonderlich, doch verga ich sie leider vollstndig. Geblieben ist mir nur seine Schilderung einer Trinkerei, schon aus seinen spteren Jahren. Es war irgendwo auf dem Lande bei einer drflichen Festlichkeit. Als Gast am Honoratiorentisch verleitete er sowohl den Pfarrer wie den Schulthei vorzeitig zu tchtigen Ruschen. Der Pfarrer hatte aber noch eine Rede zu halten. Nachdem man ihn mit Mhe aufs Podium geschleppt, tat er dort ungeheuerliche Sprche und mute abgefhrt werden, worauf der Schulthei in die Lcke sprang. Er begann gewaltig aus dem Stegreif zu reden, wurde jedoch durch die heftige Bewegung pltzlich unwohl und endete seine Ansprache auf eine ungewhnliche und unfeine Weise. Spter htte ich diese und andere Geschichten mir gerne nochmals erzhlen lassen. Es hatte aber bei einem Schtzenfestabend unvershnliche Hndel zwischen uns gegeben, wir hatten einander die Brte gerupft und waren im Zorn auseinander gegangen. Von da an kam es einige mal vor, da wir als Feinde gleichzeitig in einer Wirtsstube saen, jeder natrlich an einem anderen Tisch; aber aus alter Gewohnheit beobachteten wir einander schweigend, tranken im gleichen Tempo und blieben sitzen, bis wir lngst die letzten Gste waren und schlielich ersucht wurden abzuziehen. Zu einer Vershnung ist es nie gekommen. Fruchtlos und ermdend war das ewige Nachdenken ber die Ursachen meiner Trauer und Lebensunfhigkeit. Ich hatte durchaus nicht das Gefhl, fertig und verbraucht zu sein, sondern war voll von dunklen Trieben und glaubte daran, da es zur rechten Stunde mir noch gelingen wrde, etwas Tiefes und Gutes zu schaffen und dem sprden Leben wenigstens eine Handvoll Glck zu entreien. Aber wrde die rechte Stunde jemals kommen? Mit Bitterkeit dachte ich an jene modernen, nervsen Herren, die sich durch tausend knstliche Anregungen zur knstlerischen Arbeit stachelten, whrend in mir starke Krfte unverbraucht lagen und liegen blieben. Und ich grbelte wieder, was fr ein Hemmnis oder Dmon mir in meinem strotzend starken Leibe die Seele stocken und immer schwerer werden lasse. Dabei hatte ich auch noch den sonderbaren Gedanken, mich fr einen aparten, irgendwie zu kurz gekommenen Menschen zu halten, dessen Leiden niemand kenne, verstehe oder teile. Es ist das Teuflische an der Schwermut, da sie einen nicht nur krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmtig macht. Man kommt sich vor wie der geschmacklose Heinesche Atlas, der allein alle Schmerzen und Rtsel der Welt auf den Schultern liegen hat, als ob nicht tausend andere dieselben Leiden duldeten und im selben Labyrinth herumirrten. Auch da die Mehrzahl meiner Eigenschaften und Eigenheiten nicht so sehr mir gehrte als Familiengut oder bel der Camenzinde war, kam mir in meiner Isolierung und Heimatferne ganz abhanden. Alle paar Wochen ging ich einmal wieder in das gastliche Gelehrtenhaus. Allmhlich kannte ich ziemlich alle dort verkehrenden Leute. Es waren meist jngere Akademiker, viele Deutsche darunter, von allen Fakultten, auerdem ein paar Maler, einige Musiker, sowie ein paar Brgersleute mit ihren Frauen und Mdchen. Ich sah oft mit Erstaunen diese Leute an, die mich als seltenen Gast begrten und von denen ich wute, da sie sich untereinander wchentlich so und so viele mal sahen. Was sprachen und trieben sie nur immer miteinander? Die meisten hatten dieselbe stereotype Form des homo socialis und sie schienen mir alle ein wenig mit einander verwandt, kraft eines geselligen und nivellierenden Geistes, den ich allein nicht besa. Es waren manche feine und bedeutende Menschen dabei, welchen die ewige Geselligkeit offenbar nichts oder nicht viel von ihrer Frische und persnlichen Kraft raubte. Mit einzelnen von ihnen konnte ich lang und mit Interesse sprechen. Aber von einem zum andern gehen, bei jedem eine Minute stehen bleiben, den Weibern auf gut Glck Artigkeiten sagen, meine Aufmerksamkeit auf eine Tasse Tee, zwei Gesprche und ein Klavierstck zu gleicher Zeit richten, dabei angeregt und vergngt aussehen, das konnte ich nicht. Schrecklich war es mir, von Literatur oder Kunst reden zu mssen. Ich sah, da auf diesen Gebieten sehr wenig gedacht, sehr viel gelogen und jedenfalls unsglich viel geschwatzt wurde. Ich log also mit, hatte aber keine Freude daran und fand das viele nutzlose Gewsche langweilig und entwrdigend. Viel lieber hrte ich etwa eine Frau von ihren Kindern sprechen oder erzhlte selbst von Reisen, von kleinen Tageserlebnissen und anderen realen Dingen. Dabei konnte ich gelegentlich vertraulich und fast vergngt werden. Meistens suchte ich aber am Schlu solcher Abende noch ein Weinhaus auf und schwemmte die Trockenheit im Halse und die faule Langeweile mit Veltliner weg. Bei einer von diesen Gesellschaften sah ich das schwarze junge Mdchen wieder. Es war eine Menge Leute da, sie musizierten und verfhrten ihr gewohntes Getse, und ich sa mit einer Bildermappe in einem abseitigen Lampenwinkel. Es waren Ansichten von Toskana, nicht die gewhnlichen, tausendmal gesehenen Effektbildchen, sondern intimere, privatim skizzierte Veduten, meist Geschenke von Reisegenossen und Freunden des Hausherrn. Eben hatte ich die Zeichnung eines steinernen, schmalfenstrigen Huschens in dem einsamen Tal von San Clemente gefunden, das ich erkannte, denn ich hatte dort manche Spaziergnge gemacht. Das Tal liegt ganz nah bei Fiesole, aber die Menge der Reisenden besucht es nie, weil keine Altertmer dort sind. Es ist ein Tal von herber und merkwrdiger Schnheit, trocken und kaum bewohnt, zwischen hohe, kahle und strenge Berge geklemmt, weltferne, melancholisch und unbetreten. Das Mdchen trat heran und sah mir ber die Schulter. Warum sitzen Sie immer so allein, Herr Camenzind? Es rgerte mich. Sie fhlt sich von den Herren vernachlssigt, dachte ich, und nun kommt sie zu mir. Nun, bekomme ich keine Antwort? Verzeihung, Frulein; aber was soll ich denn antworten? Ich sitze allein, weil es mir Spa macht! Dann stre ich Sie also? Sie sind komisch. Danke; ist aber ganz gegenseitig. Und sie setzte sich. Ich hielt beharrlich mein Blatt in den Fingern. Sie sind doch vom Oberland, sagte sie. Ich mchte Sie gern einmal von dort erzhlen hren. Mein Bruder sagt, in Ihrem Dorf gebe es blo einen Familiennamen, lauter Camenzinds. Ist das wahr? Beinah, knurrte ich. Es gibt aber auch einen Bcker, der Fli heit. Und einen Gastwirt namens Nydegger. Und sonst nichts als Camenzind! Und die sind alle miteinander verwandt'? Mehr oder weniger. Ich reichte ihr die Zeichnung hin. Sie hielt das Blatt fest und ich bemerkte, da sie es verstand so etwas richtig anzufassen. Das sagte ich ihr. Sie loben mich, lachte sie, aber wie ein Schullehrer. Wollen Sie das Blatt nicht auch ansehen? fragte ich grob. Sonst kann ich es zurcklegen. Was stellt es denn vor? San Clemente. Wo? Bei Fiesole. Sie sind dort gewesen? Ja, mehrmals. Wie sieht das Tal aus? Das hier ist ja nur ein Ausschnitt. Ich dachte nach. Die ernste, herbschne Landschaft trat vor meinen Blick und ich schlo die Augen halb, um sie festzuhalten. Es dauerte eine Weile, ehe ich zu sprechen begann und es tat mir wohl, da sie still blieb und wartete. Sie begriff, da ich nachdachte. Und ich schilderte San Clemente, wie es schweigend, drr und groartig im Brand des Sommernachmittags liegt. Nebenan in Fiesole treibt man Industrie, flicht Strohhte und Krbe, verkauft Souvenirs und Orangen, betrgt die Reisenden oder bettelt sie an. Weiter unten liegt Florenz und umfat eine Flut alten und neuen Lebens. Aber beide sieht man von Clemente aus nicht. Dort haben keine Maler gearbeitet, dort ist kein Rmerbau gewesen, die Geschichte verga das arme Tal. Aber dort kmpft die Sonne und der Regen mit der Erde, dort erhalten sich schiefe Pinien mhsam am Leben und die paar Cypressen fhlen mit hageren Wipfeln in die Luft, ob nicht der feindliche Sturm nahe sei, der ihnen das karge Leben verkrzt, an dem sie mit drstenden Wurzeln hngen. Es fhrt zuweilen ein Ochsenwagen von den nahe liegenden groen Meierhfen vorbei oder eine Bauernfamilie pilgert Fiesole entgegen, aber sie sind nur zufllige Gste und die roten Rcke der Bauernweiber, die sonst so flott und lustig aussehen, stren hier und man vermit sie gern. Und ich erzhlte, wie ich als junger Mensch mit einem Freunde dort wanderte, zu Fen der Cypressen lag und mich an ihre hageren Stmme lehnte; und wie der traurig schne Einsamkeitszauber des seltsamen Tales mich an die heimatlichen Schluchten erinnerte. Wir schwiegen eine Weile. Sie sind ein Dichter, sagte das Mdchen. Ich schnitt eine Grimasse. Ich meine es anders, fuhr sie fort. Nicht weil Sie Novellen und dergleichen schreiben. Sondern weil Sie die Natur verstehen und lieb haben. Was ist es anderen Leuten, wenn ein Baum rauscht oder ein Berg in der Sonne glht? Aber fr Sie ist ein Leben darin, das Sie mitleben knnen. Ich antwortete, da niemand die Natur verstehe und da man mit allem Suchen und Begreifenwollen nur Rtsel findet und traurig wird. Ein in der Sonne stehender Baum, ein verwitternder Stein, ein Tier, ein Berg -- sie haben ein Leben, sie haben eine Geschichte, sie leben, leiden, trotzen, genieen, sterben, aber wir begreifen es nicht. Inde ich sprach und mich ihres geduldig stillen Aufmerkens freute, begann ich sie zu betrachten. Ihr Blick war auf mein Gesicht gerichtet und wich dem meinen nicht aus. Ihr Gesicht war ganz ruhig, hingegeben und von der Aufmerksamkeit ein wenig gespannt. Wie wenn ein Kind mir zuhrte. Nein, sondern wie wenn ein Erwachsener im Zuhren sich vergit und, ohne es zu wissen, Kinderaugen bekommt. Und whrend des Betrachtens entdeckte ich allmhlich mit naiver Finderfreude, da sie sehr schn war. Als ich nicht mehr sprach, blieb auch das Mdchen still. Dann schreckte sie auf und blinzelte ins Lampenlicht. Wie heien Sie eigentlich, Frulein? fragte ich und dachte nicht viel dabei. Elisabeth. Sie ging weg und wurde bald darauf gentigt Klavier zu spielen. Sie spielte gut. Aber da ich hinzutrat sah ich, da sie nicht mehr so schn war. Als ich die behaglich altmodische Treppe hinabstieg, um nach Hause zu gehen, hrte ich ein paar Worte vom Gesprch zweier Maler, welche in der Hausflur ihre Mntel anlegten. Na ja, er hat sich den ganzen Abend mit der hbschen Lisbeth beschftigt, sagte einer und lachte. Stille Wasser! meinte der andere. Er hat sich nicht das Schlechteste ausgesucht. Also die Affen sprachen schon darber. Es fiel mir pltzlich ein, da ich, fast wider Willen, diesem fremden jungen Mdchen intime Erinnerungen und ein ganzes Stck meines inneren Lebens preisgegeben hatte. Wie kam ich dazu? Und nun schon die bsen Muler! -- Bande! Ich ging weg und betrat monatelang das Haus nicht mehr. Zufllig war eben einer von jenen zwei Malern der Erste, der mich auf der Strae darber zur Rede stellte. Warum gehen Sie denn nicht mehr hin? Weil ich das verdammte Klatschen nicht leiden kann, sagte ich. Ja, unsere Damen! lachte der Kerl. Nein, antwortete ich, ich meine die Mnner, und speziell die Herren Maler. Elisabeth sah ich in diesen Monaten nur ganz wenige Mal auf der Strae, einmal in einem Kaufladen und einmal in der Kunsthalle. Gewhnlich war sie hbsch, doch nicht schn. Die Bewegungen ihrer berschlanken Gestalt hatten etwas Apartes, das sie meistens schmckte und auszeichnete, manchmal aber auch etwas bertrieben und unecht aussehen konnte. Schn, beraus schn war sie damals in der Kunsthalle. Sie sah mich nicht. Ich sa ausruhend beiseite und bltterte im Katalog. Sie stand in meiner Nhe vor einem groen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar auf mageren Matten arbeitende Bauernmdchen dar, hinten die zackig jhen Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darber in einem khlen, lichten Himmel eine unsglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknuelte, ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen. Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen hingegeben. Und wieder war ihre sonst verborgene Seele in ihr Gesicht getreten, lachte leise aus den vergrerten Augen, machte den zu schmalen Mund kindlich weich und hatte die berkluge herbe Stirnfalte zwischen den Brauen geebnet. Die Schnheit und Wahrhaftigkeit eines groen Kunstwerkes zwang ihre Seele, selbst schn und wahrhaftig und unverhllt sich darzustellen. Ich sa still daneben, betrachtete die schne Segantiniwolke und das schne von ihr entzckte Mdchen. Dann frchtete ich, sie mchte sich umwenden, mich sehen und anreden und ihre Schnheit wieder verlieren, und ich verlie den Saal schnell und leise. Um jene Zeit begann meine Freude an der stummen Natur und mein Verhltnis zu ihr sich zu verndern. Immer wieder streifte ich durch die wundervolle Umgebung der Stadt, am liebsten in den Jura hinein. Ich sah immer wieder die Wlder und Berge, Matten, Obstbume und Gebsche stehen und auf irgend etwas warten. Vielleicht auf mich, jedenfalls aber auf Liebe. Und so begann ich diese Dinge zu lieben. Es kam ein starkes, drstendes Verlangen in mir ihrer stillen Schnheit entgegen. Auch in mir drngte ein tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und suchte nach Bewutsein, nach Verstandenwerden, nach Liebe. Viele sagen, sie lieben die Natur. Das heit, sie sind nicht abgeneigt je und je ihre dargebotenen Reize sich gefallen zu lassen. Sie gehen hinaus und freuen sich ber die Schnheit der Erde, zertreten die Wiesen und reien schlielich eine Menge Blumen und Zweige ab, um sie bald wieder wegzuwerfen oder daheim verwelken zu sehen. So lieben sie die Natur. Sie erinnern sich dieser Liebe am Sonntag, wenn schnes Wetter ist, und sind dann gerhrt ber ihr gutes Herz. Sie htten es ja nicht ntig, denn der Mensch ist die Krone der Natur. Ach ja, die Krone! Also ich blickte immer begieriger in den Abgrund der Dinge. Ich hrte den Wind vieltnig in den Kronen der Bume klingen, hrte Bche durch Schluchten brausen und leise stille Strme durch die Ebene ziehen, und ich wute, da diese Tne Gottes Sprache waren und da es ein Wiederfinden des Paradieses wre, diese dunkle, urschne Sprache zu verstehen. Die Bcher wissen davon wenig, nur in der Bibel steht das wunderbare Wort vom unaussprechlichen Seufzen der Kreatur. Doch ahnte ich, da zu allen Zeiten Menschen, gleich mir von diesem Unverstandenen ergriffen, ihr Tagewerk verlassen und die Stille aufgesucht hatten, um dem Liede der Schpfung zu lauschen, das Ziehen der Wolken zu betrachten und in rastloser Sehnsucht dem Ewigen anbetende Arme entgegenzustrecken, Einsiedler, Ber und Heilige. Bist du nie in Pisa gewesen, im Camposanto? Dort sind die Wnde mit blagewordenen Bildern vergangener Jahrhunderte geschmckt, und eines davon zeigt das Leben der Einsiedler in der thebaischen Wste. Das naive Bild strmt noch heute mit seinen verblaten Farben den Zauber eines so seligen Friedens aus, da du ein pltzliches Leid empfindest und da es dich verlangt, deine Snden und deine Unreinheit irgendwo in heiliger Weltferne von dir zu weinen und nicht wiederzukommen. Unzhlige Knstler haben so versucht, ihr Heimweh in seligen Bildern auszusagen, und irgend ein kleines liebes Kinderbildchen von Ludwig Richter singt dir dasselbe Lied wie die Fresken von Pisa. Warum hat Tizian, der Freund des Gegenwrtigen und Krperlichen, seinen klaren und gegenstndlichen Bildern manchmal jenen Hintergrund vom sesten Ferneblau gegeben? Es ist nur ein Strich tiefblauer, warmer Farbe, man sieht nicht ob er ferne Gebirge oder nur den unbegrenzten Raum bedeuten will. Tizian, der Realist, wute es selbst nicht. Er tat es nicht, wie die Kunsthistoriker wissen wollen, aus Grnden der Farbenharmonik, sondern es war sein Tribut an das Unstillbare, das verborgen auch in der Seele dieses Frohen und Glcklichen lebte. So, schien mir, war die Kunst zu allen Zeiten bemht gewesen, dem stummen Verlangen des Gttlichen in uns eine Sprache zu schenken. Reifer, schner und doch viel kindlicher sprach der heilige Franz das aus. Ihn verstand ich erst damals vllig. Indem er die ganze Erde, die Pflanzen, Gestirne, Tiere, Winde und Wasser in seine Liebe zu Gott inbegriff, bereilte er das Mittelalter und selbst Dante und fand die Sprache des zeitlos Menschlichen. Er nennt alle Mchte und Erscheinungen der Natur seine lieben Brder und Schwestern. Als er in seinen sptern Jahren von den rzten dazu verurteilt ward, sich die Stirn mit glhendem Eisen brennen zu lassen, begrte er mitten in der Angst des gefolterten Schwerkranken in diesem schrecklichen Eisen seinen lieben Bruder, das Feuer. Indem ich nun anfing die Natur persnlich zu lieben, ihr zu lauschen wie einem Kameraden und Reisegefhrten, der eine fremde Sprache redet, ward meine Schwermut zwar nicht geheilt, aber veredelt und gereinigt. Mein Ohr und Auge schrfte sich, ich lernte feine Tnungen und Unterschiede erfassen und sehnte mich, den Herzschlag alles Lebens immer nher und klarer zu hren und vielleicht einmal zu verstehen und vielleicht einmal der Gabe teilhaftig zu werden, ihm in Dichterworten Ausdruck zu gnnen, damit auch andere ihm nher kmen und mit besserem Verstndnis die Quellen aller Erfrischung, Reinigung und Kindlichkeit besuchten. Einstweilen war das ein Wunsch, ein Traum -- --, ich wute nicht ob er sich je erfllen knne und hielt mich ans nchste, indem ich allem Sichtbaren Liebe entgegenbrachte und mich gewhnte, kein Ding mehr gleichgltig oder verchtlich zu betrachten. Ich kann nicht sagen, wie erneuend und trstend dies auf mein verdunkeltes Leben wirkte! Es ist nichts Adligeres und nichts Beglckenderes in der Welt als eine wortelose, stetige, leidenschaftslose Liebe und ich wnsche nichts herzlicher als da von denen, die meine Worte lesen, einige oder auch nur zwei oder einer diese reine und selige Kunst durch meinen Antrieb zu lernen beginnen mchte. Manche haben sie von Natur und ben sie ihr Leben lang unbewut, das sind Gottes Lieblinge, die Guten und Kinder unter den Menschen. Manche haben sie in schweren Leiden gelernt -- habt ihr nie unter Krppeln und Elenden solche mit berlegenen, stillen, glnzenden Augen gesehen? Wenn ihr nicht auf mich und meine armen Worte hren mget, so gehet zu ihnen, in denen eine begierdelose Liebe das Leiden berwand und verklrte. Dieser Vollendung, die ich an manchen armen Duldern verehrt habe, stehe ich noch heute klglich fern. Aber diese Jahre hindurch entbehrte ich nur selten des trstenden Glaubens, den rechten Weg zu ihr zu wissen. Da ich ihn auch immer gegangen wre, darf ich nicht sagen, vielmehr blieb ich unterwegs auf allen Bnken sitzen und sparte auch manchen bsen Umweg nicht. Zwei selbstschtige und mchtige Neigungen stritten in mir wider die echte Liebe. Ich war Trinker und ich war menschenscheu. Zwar beschnitt ich mein Quantum Wein erheblich, aber alle paar Wochen berredete mich der schmeichlerische Gott, da ich mich ihm in die Arme warf. Da ich etwa auf der Strae liegen blieb oder hnliche Nachtstcke verbte, ist allerdings kaum jemals vorgekommen, denn der Wein liebt mich, und lockt mich nur bis dahin, wo seine Geister mit meinem eigenen in freundschaftlichem Zwiegesprch verkehren. Immerhin verfolgte mich lange Zeit nach jeder Trinkerei das bse Gewissen. Aber schlielich konnte ich meine Liebe doch nicht gerade dem Wein entziehen, zu dem ich eine starke Neigung vom Vater ererbt hatte. Jahrelang hatte ich diese Erbschaft sorgsam und piettvoll gehegt und mir grndlich zu eigen gemacht, also half ich mir nun und schlo zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag. Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi meinen lieben Bruder, den Wein mit auf. VI. Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit Spott und Verachtung zur Hand. Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es richtig, die Menschen einander zu berlassen und meine Zrtlichkeit, Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch erfllte diese mich im Anfang ganz. Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa pltzlich ein Hgel, ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, trumte, schlummerte vielleicht, sthnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich verlie das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zrtlichkeit und trug sein dmmerndes Bild in mir davon. Ihr lacht darber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur Menschenliebe fhrte? Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach. Immer nher und mglicher schwebte mir die Idee meiner groen Dichtung vor. Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen wrde, einmal als Dichter die Sprache der Wlder und Strme zu reden, fr wen geschhe das dann? Nicht nur fr meine Lieblinge, sondern doch vor allem fr die Menschen, denen ich ein Fhrer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen war ich rauh, spttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die Ntigung, das herbe Fremdsein zu bekmpfen und auch den Menschen Brderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und bse gemacht. Es gengte nicht, da ich daheim und im Wirtshaus mich mhte weniger herb zu sein und da ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte. brigens sah ich schon hierbei, wie grndlich ich mir das Verhltnis zu den Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen mitrauisch und khl entgegen oder nahm sie fr Hohn auf. Das Schlimmste war, da ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft, fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, da ich vor allem dort wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von Geselligkeit suchen msse. Nun, hier half mir meine eigene verhhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth, schn wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte pltzlich, wie sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, da ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war ich von meiner vlligen Unfhigkeit zur Ehe so berzeugt gewesen, da ich mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer, Trinker, Einspnner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir in der Mglichkeit einer Liebesehe die Brcke zur Menschenwelt schlagen wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Da Elisabeth mir Teilnahme schenkte, hatte ich gesprt und gesehen; auch da sie ein empfngliches und edles Wesen besa. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei ber San Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schnheit lebendig geworden war. Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz gesammelt; sie wrde von mir das berall schlummernde Schne sehen lernen und ich wrde sie so mit Schnem und Wahrem umgeben, da ihr Gesicht und ihre Seele alle Trbungen verge und sich zur Blte ihrer Fhigkeiten entfalten knnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner pltzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war ber Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglck und von der Einrichtung eines eigenen Hauswesens trumt. Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen Vorwrfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schn! Sie sah aus wie ich sie mir als meine Geliebte vorgestellt hatte: schn und glcklich. Und ich geno eine Stunde lang die frohe Schnheit ihrer Gegenwart. Sie begrte mich gtig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die mich glcklich machte. * * * * * Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten Liebeserklrung? Es war die traurige und lcherliche Geschichte eines verliebten Knaben. Lcherlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes Peter Camenzind. Ich erfuhr so beilufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam, und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes Gnnerlcheln auf meinem Gesicht, mir selber lstig, wie eine Maske. Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern sa auf meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und verdonnert, bis endlich mein Bewutsein wieder erwachte. Da breiteten noch einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flgel ber mich, da ich klein und schwach und zerbrochen lag und da ich schluchzte wie ein Knabe. Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe. Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah vllig grau, ein wenig gebckt und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu, fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als berrascht zu sein. Er hatte das Huschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit. Als er mich allein lie, trat ich an die Stelle, wo frher meiner Mutter Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger Strom an mir vorbei. Ich war kein Jngling mehr und dachte daran, wie schnell die Jahre weitergehen wrden, dann wre auch ich ein gebcktes und graues Mnnlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast unvernderten, rmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken eine ruhebringende Natrlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den ich in Florenz gelernt hatte: Quant' bella giovinezza, Ma si fugge tuttavia. Chi vuol esser lieto, sia: Di doman non c' certezza. und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche Stube zu tragen. Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus und dort war alles wie damals, nur da jetzt ich den Wein bezahlte und da der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich berief, und da ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte nach dem greisen Buerlein, dem ich damals den Wein ber seinen Kahlkopf gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er lngst tot und ber seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank Waadtlnder, hrte den Gesprchen zu, erzhlte ein wenig, und da ich mit dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch nie. Fortwhrend umgaben mich die Bilder der frheren Zeit, Onkel Konrad, Rsi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie ein schnes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schn und wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht halb so kstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen, fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet: ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedchtnis aufbewahrt. Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spt verstummte und entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich begrt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Brutigam Glck gewnscht. Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestrten Erinnerungen und rttelte an meinem selbstschtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der Fhn an einer zitternden und bauflligen Almhtte. Ich hielt es nicht im Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Grtchen an den See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdnsteten Berge, der fast vllige Mond hing in der blulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, da ich den fernen Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hren konnte. Die Geister der Heimat und die Geister meiner Jugendzeit berhrten mich mit ihren bleichen Flgeln, erfllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit ausgestreckten Hnden und schmerzlichen, unverstndlichen Geberden. Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und Schmerzen ber mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren und Schnen gehabt, da ich heute noch ein Drstender war? Warum hatte ich in Trotz und Trnen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Trnen um eine traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte? Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und trpfelte silbern von den Rudern, die Berge standen ringsum nahe und schweigend, ber die Nebel der Schluchten wandelte das khle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend an. Mir war, ich she unter ihnen auch die schne Elisabeth, und sie htte mich geliebt und sie wre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen wre. Auch war mir als wre es am besten, ich snke still in den bleichen See und es wrde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller, als ich merkte, da der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror pltzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich md und wach und sann ber mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle und was mir ntig wre, um glcklicher und echter zu leben und nher an das Herz des Daseins zu kommen. Wohl wute ich, da aller Gte und Freude Kern die Liebe sei und da ich beginnen msse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen? Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, da ich ihn nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner gergert und ihn schlielich fast ganz vergessen. Ich mute mir vorstellen, er lge auf dem Totenbett und ich stnde allein und verwaist daneben und she seine Seele entrinnen, die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemht hatte. So begann ich denn die schwere und se Kunst, statt an einer schnen und bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich gab ihm keine groben Antworten mehr, beschftigte mich nach Mglichkeit mit ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzhlte ihm von den Weinen, die in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wre. Auch gelang es mir nicht ihn daran zu gewhnen, da er seinen Abendschoppen mit mir zu Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich holte Wein und Cigarren, und gab mir Mhe dem alten Mann die Zeit zu vertreiben. Am vierten oder fnften Abend war er still und trotzig und klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: Ich glaube, du willst deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen. Keine Rede, sagte ich, du bist der Vater und ich der Bub und wie's gehalten werden soll, ist deine Sache. Er blinzelte mich prfend an, dann nahm er vergngt seine Mtze und wir marschierten selbander zum Wirtshaus. Es war deutlich zu sehen, da meinem Vater ein lngeres Zusammenbleiben zuwider gewesen wre, obwohl er nichts darber sagte. Auch trieb es mich, irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespltigen Zustandes abzuwarten. Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste? fragte ich den Alten. Er kratzte sich den Schdel, zuckte die schmalgewordenen Achseln und lchelte schlau und abwartend: Je, wie du willst! Ehe ich reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie, ein Auge auf ihn zu haben. Auch bentzte ich noch einen schnen Tag zur Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe berschaute ich Gebirg und grne Tale, blanke Wasser und den Dunst entfernter Stdte. All dies hatte mich als Knaben mit mchtigem Verlangen erfllt, ich war ausgezogen mir die schne weite Welt zu erobern, und nun lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schn und so fremd wie je, und ich war bereit aufs neue hinberzugehen und noch einmal das Land des Glckes zu suchen. Meinen Studien zuliebe hatte ich lngst beschlossen, einmal fr lngere Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunchst nach Basel zurck, besorgte das Ntigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort langsam und behaglich zu Fue sdwrts. Dort unten braucht man zum freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Knste zu verstehen; das Leben dieser Leute liegt stets an der Oberflche und ist so simpel, frei und naiv, da man von Stdtchen zu Stdtchen sich mit einer Menge von Leuten harmlos befreundet. Ich fhlte mich wieder geborgen und heimisch und beschlo, auch spter in Basel die wrmende Nhe menschlichen Lebens nicht wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen. In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und Leben. Da auch das tgliche Dasein dort eine Lust war, begann mein schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrcken zum Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme Gemsehndlerin, schlo auf Grund einiger Gesprche ber den Santo eine innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil, mit den Leuten intimer umgehen zu knnen, da ich frei vom Verdacht des Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hie Annunziata Nardini, war vierunddreiig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Krperumfang und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblmten, frhlich farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie auer den Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe von Medaillen aus Goldblech lutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch ihr jedenfalls schwer gefallen wre, und einen schnen schwarzweien Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte. Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgngen in der Loggetta sa und den bewundernden Nachbarinnen die Snden abwesender Freundinnen aufzhlte, lag auf ihrem runden, frommen Gesicht der rhrende Ausdruck einer mit Gott vershnten Seele. Ich hie, da mein Name den Leuten unmglich auszusprechen war, einfach Signor Pietro. An den schnen, goldigen Abenden saen wir beisammen in der winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden zwischen den Frchten, Gemsekrben, Samenschachteln und aufgehngten Rauchwrsten, erzhlten einander unsre Erlebnisse, besprachen die Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den ersten Brdern. Ernsthaft hrte man zu, stellte tausend kleine Fragen, lobte den Heiligen und ging zur Erzhlung und Errterung neuerer und sensationeller Ereignisse ber, unter welchen Rubergeschichten und politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und balgten sich die Katzen, Kinder und Hndlein. Aus eigener Lust und um meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstberte ich die Legende nach erbaulichen und rhrenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern Bcher auch Arnolds Leben der Altvter und anderer gottseliger Personen mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen Variationen in ein vulgres Italienisch bertrug. Vorbergehende blieben ein Weilchen stehen, hrten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren sehaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit stehen und imponierte dem armen und mig lebenden Vlklein durch meinen stattlichen Weinverbrauch. Allmhlich wurden auch die scheuen Mdchen der Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gesprch von der Trschwelle aus, lieen sich Bildchen schenken und begannen an meine Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch berhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemhen schien. Unter ihnen waren einige grougige, trumerische Schnheiten, welche aus Bildern des Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer gutmtig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen verliebt, denn die hbschen unter ihnen glichen einander so sehr, da ihre Schnheit mir stets nur als Rasse und nie als persnlicher Vorzug erschien. fter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Brschchen, Sohn des Bckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge Tiere nachahmen, wute ber jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzhlte, hrte er mit einer Frmmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich nachher aber ber die heiligen Vter in naiv vorgebrachten boshaften Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und unverhohlenen Entzcken der meisten Zuhrer. Hufig sa ich auch allein bei Frau Nardini, hrte ihre erbaulichen Reden an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten. Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nchsten, sie wies ihnen im voraus peinlich abschtzend ihre Pltze im Fegefeuer an. Mich aber hatte sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und Beobachtungen offen und umstndlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darber, da ich nicht bervorteilt wrde. Sie lie sich die Lebenslufe der Heiligen erzhlen und machte mich dafr mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemsehandels und der Kche bekannt. Eines Abends saen wir in der gebrechlichen Halle. Ich hatte zum rasenden Entzcken der Kinder und Mdchen ein Schweizerlied gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu sprechen. Die Mdchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und seufzte sentimental, und schlielich ward ich bestrmt, meine eigenen Liebesgeschichten zu erzhlen. Ich schwieg ber Elisabeth, erzhlte aber meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglckte Liebeserklrung. Es war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich auer Richard niemandem je ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft zu erzhlen, angesichts der sdlich schmalen steinernen Gassen und der Hgel, ber welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzhlte ohne viel Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und ich hatte heimlich Furcht, die Zuhrer wrden lachen und mich necken. Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir. Ein so schner Mann! rief eines der Mdchen lebhaft aus. Ein so schner Mann, und er hat eine unglckliche Liebe! Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig bers Haar und sagte: Poverino! Ein anderes Mdchen schenkte mir eine groe Birne und da ich sie bat, den ersten Bi darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als ich aber auch die anderen beien lassen wollte, litt sie es nicht. Nein, essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglck erzhlt haben. Aber Sie werden nun gewi eine andere lieben, sagte ein brauner Weinbauer. Nein, sagte ich. O, Sie lieben immer noch diese bse Erminia? Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder hier, und sogar den Geliebten der Erminia. Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich entdeckte, da die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt war, ich mchte endgltig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affre bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht, diese Trume zu zerstren, ohne die Harmonie zu verderben und die behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mute ich an die Rckreise denken. Wre nicht der Traum meiner zuknftigen Dichtung und die drohende Ebbe meiner Kasse gewesen, so wre ich dortgeblieben. Ich htte vielleicht auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das Verlangen sie wiederzusehen. Die runde Witwe fgte sich wider Erwarten leidlich ins Unabnderliche und lie mich ihre Enttuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verlie viel mehr als ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrckt worden. Die Leute gaben mir Frchte, Wein, sen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefhl von Freunden zu scheiden, denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Ku auf beide Wangen und hatte Trnen in den Augen. Frher hatte ich geglaubt, es msse ein besonderer Genu sein geliebt zu werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch war ich ein wenig stolz darauf, da eine fremde Frau mich liebte und zum Manne wnschte. Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stck Genesung fr mich. Frau Nardini tat mir leid und doch wnschte ich die Sache nicht ungeschehen. Auch sah ich allmhlich immer mehr ein, da das Glck mit der Erfllung uerer Wnsche wenig zu tun habe und da die Leiden verliebter Jnglinge, so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, da ich Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und Denkweise blieb mir unverkrzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengnge und noch mehr die naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir beraus heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge fr alles Lcherliche und Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie verdorben. Nun ging mir allmhlich der Blick fr den Humor des Lebens auf und es schien mir immer mglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu vershnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen schnen Bissen zu gnnen. Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf Prinzipien und Vorurteile, lchelt nachsichtig, trgt die Hnde in den Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebensknstler vor. Man ist eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Sdens mitgeschwommen und denkt nun, das msse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rckkehr aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und dort das alte steife Leben unverjngt und unvernderlich antraf, stieg ich von der Hhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und rgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und seither trieb mein Schifflein durch klare und trbe Wasser nie mehr ohne wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu lassen. Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verndert. Ich fhlte mich ohne groes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gnge und schlieliches Verschwinden die Welt nicht gro erregen und beschftigen. Man behlt ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt sich nimmer unentbehrlich vor und gnnt sich unterwegs des fteren Mue, um ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versumen, sich ins Gras zu legen, einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu werden. Bisher war ich, ohne da ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte, doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an Selbstverehrung noch an der Miachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun sah ich allmhlich immer besser, da es keine festen Grenzen gibt und da im Kreise der Kleinen, Bedrckten und Armen das Dasein nicht nur ebenso mannigfalt, sondern zumeist auch wrmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist als das der Begnstigten und Glnzenden. brigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurck, um an der ersten Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth teilzunehmen. Ich war vergngt, noch frisch und braun von der Reise, und brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schne Frau beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute mich den ganzen Abend meines Glckes, das mir seinerzeit die Blamage einer verspteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mitrauen gegen die Frauen, als mten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Mnner ihre grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzhlung aus dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fnfjhrigen Knaben vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender merkwrdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafr die Hslein gespannt werden, so wurden sechs kleine Mdchen beordert, den Widerstrebenden in der zu jener Zchtigung erforderlichen peinlichen Lage auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendrfen als Hochgenu und groe Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mdchen, die zeitweiligen Tugendausbnde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaige Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine Trume geschlichen, so da ich wenigstens aus Traumerfahrung wei, wie elend einem in solcher Lage ums Herz ist. VII. Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt. Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurcklegen und gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nmlich einmal gesagt, da ich mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich fr einen Redakteur oder Berichterstatter wie die lndlichen Bezirksbltter sie haben, und nun diktierte er dreimal vterliche Briefe an mich, in welchen er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er glaubte, sie wrden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen grotesk tnenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude, denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie erquickten mich auch als ungewollte Verhhnung meiner Schreiberei; denn ich besprach Monat fr Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen lndlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurckstand. Es erschienen damals gerade zwei Bcher von Verfassern, die ich als extravagante lyrische Jnglinge seinerzeit in Zrich gekannt hatte. Der eine lebte nun in Berlin und wute viel Schmutziges aus Cafs und Bordellen der Grostadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von Mnchen eine luxurise Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen verchtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mute die Bcher besprechen und machte mich natrlich ber beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft frstlichem Stil. Der Berliner aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten Wollen verkannt, sttzte sich auf Zola und machte aus meiner verstndnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und prosaischen Geist der Schweizer berhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte damals in Zrich vielleicht die einzige einigermaen gesunde und wrdige Zeit seines Literatenlebens gehabt. Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschtzung der aufgeblasenen Grostadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt. Diese Znkerei tat mir wohl und ntigte mich, wieder einmal ber meine Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mhsam und langwierig und frderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein Bchlein verliert nichts, wenn ich darber schweige. Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, ber mich selbst und mein lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken. Ich hatte, wie man wei, den Wunsch, in einer greren Dichtung den heutigen Menschen das grozgige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hren, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, da wir nicht Gtter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind. Ich wollte daran erinnern, da gleich den Liedern der Dichter und gleich den Trumen unsrer Nchte auch Strme, Meere, ziehende Wolken und Strme Symbole und Trger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und Erde ihre Flgel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewiheit vom Brgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne Angst im Scho der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod. Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brderlichen Liebe zur Natur Quellen der Freude und Strme des Lebens zu finden; ich wollte die Kunst des Schauens, des Wanderns und Genieens, die Lust am Gegenwrtigen predigen. Gebirge, Meere und grne Inseln wollte ich in einer verlockend mchtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen, was fr ein malos vielfltiges, treibendes Leben auerhalb eurer Huser und Stdte tglich blht und berquillt. Ich wollte erreichen, da ihr euch schmet von auslndischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Knsten mehr zu wissen als vom Frhling, der vor euren Stdten sein unbndiges Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brcken hinfliet und von den Wldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt. Ich wollte euch erzhlen, welche goldene Kette unvergelicher Gensse ich Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, da ihr, die ihr vielleicht glcklicher und froher seid als ich, mit noch greren Freuden diese Welt entdecket. Und ich wollte vor allem das schne Geheimnis der Liebe in eure Herzen legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brder zu sein und so voll Liebe zu werden, da ihr auch das Leid und auch den Tod nicht mehr frchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich empfangen wrdet, wenn sie zu euch kmen. Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht, wahrhaftig und gegenstndlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von drauen erzhlt. Ich wollte -- ich wnschte -- ich hoffte --, das klingt nun freilich komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umri bekme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt. Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Bchlein, die ich auf Reisen und Mrschen in der Tasche trug und von denen alle paar Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen ber alles Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und Landstraen, Silhouetten von Gebirgen und Stdten, erlauschte Gesprche von Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen ber Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug, Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und verffentlicht, als Natur- und Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne menschliche Staffage interessant genug gewesen. Da eine grere Dichtung, in welcher berhaupt keine Menschengestalten auftreten, ein Unding sei, war mir schon fters durch den Kopf gegangen, doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es mchte vielleicht einmal eine groe Inspiration dies Unmgliche berwinden. Nun sah ich endgltig ein, da ich meine schnen Landschaften mit Menschen bevlkern msse und da diese gar nicht natrlich und treu genug dargestellt werden knnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes und im Grunde Fremdes fr mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu studieren, und meine Notizbchlein und mein Gedchtnis fllte sich mit ganz neuen Bildern. Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven Gleichgltigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah, wie viel Selbstverstndliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch, wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geffnet und geschrft habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich mich besonders gerne und hufig mit Kindern ab. Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, da der Mensch von der brigen Natur sich vor allem durch eine schlpfrige Gallert von Lge unterscheidet, die ihn umgibt und schtzt. In Krze beobachtete ich an allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung -- das Ergebnis des Umstandes, da jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen gentigt wird, whrend doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefhlen stellte ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich fand sie berall auch schon an den Kindern, welche stets, bewut oder unbewut, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhllt und instinktiv kundgeben. Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunchst suchte ich den Fehler bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, da ich enttuscht war und da meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde und Begleiter meiner vielen Fureisen, die Handwerksburschen. Mit solchen war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen gefunden. Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen aufzusuchen. Die Menge der unstndigen Durchwanderer diente mir nicht. So stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und studierte viel in Kneipen herum, wo natrlich auch nichts zu holen war. Es kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mitraute, meine Hoffnungen und Wnsche lcherlich bertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und wieder halbe Nchte beim Wein verbrtete. Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Ste von Bchern angesammelt, die ich gern behalten htte, statt sie dem Antiquar zu geben; doch war kein Raum in meinen Schrnken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines Bcherschafts in meine Wohnung zu kommen. Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedchtigen Manieren, er ma den Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit zollgroen Ziffern in sein Notizbuch. Zufllig geschah es, da er bei seinem Hantieren an einen mit Bchern beladenen Sessel stie. Ein paar Bnde fielen herunter und er bckte sich, sie aufzuheben. Unter den Bchern war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein gut gemachtes und ergtzliches Bchlein. Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bndchen sah, blickte kurios zu mir herber, halb belustigt und halb mitrauisch. Was gibt's? frage ich. Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das wirklich studiert? Studiert hab' ich die Kundensprache auf der Landstrae, erwiderte ich, aber man schlgt schon gern einmal einen Ausdruck nach. Wahrhaftig! rief er. Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze gewesen? Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in mancher Penne bernachtet. Er hatte unterde die Bcher wieder aufgeschichtet und wollte gehen. Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen? fragte ich ihn. Von hier bis Koblenz, und spter noch auf Genf hinunter. Es war nicht meine schlechteste Zeit. Haben Sie auch ein paarmal gebrummt? Blo einmal, in Durlach! Sie mssen mir noch erzhlen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei einem Schoppen? Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht blo Schindluder mit mir treiben wollen. Einige Tage spter, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der Strae stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner gehen sollte. Und ich kehrte um, lie den Gehrock zu Haus und besuchte den Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus die Treppe auf und ab und fand schlielich an einer Tre einen geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt in eine sehr kleine Kche, wo ein mageres Weib das Abendessen rstete und zugleich ber drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben und erheblichem Getse erfllten. Befremdet fhrte mich die Frau in die nchste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dmmerigen Fenster sa. Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern fr einen zudringlichen Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand. Da er berrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie flohen vor mir in die Kche zurck und ich folgte nach. Da ich dort die Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an die Kche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der Kocherei. Bei uns wird meistens der schne Reis gewissenlos zu einer Art Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig zu essen ist. Auch hier war das Unglck schon im Gang und ich konnte eben noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlffel langte und mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fgte sich und war erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zndeten die Lampe an und auch ich erhielt meinen Teller. Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende Gesprche ber Kchenfragen, da der Mann fast gar nicht zu Worte kam und wir die Erzhlung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben muten. brigens sprten die Leutlein bald, da ich nur uerlich ein Herr, eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie sie in mir den Gleichbrtigen erkannten, so witterte auch ich in dem rmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komdien, ihnen war das herbe arme Leben auch ohne das Mntelein der Bildung und hheren Interessen lieb und viel zu gut, um es mit schnen Reden zu tapezieren. Immer fter kam ich wieder und verga bei dem Schreiner nicht nur den lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nte. Mir war, ich fnde hier ein Stck Kindheit fr mich aufbewahrt und setze hier das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie mich auf Schulen schickten. ber eine rissige und schweigelbe Landkarte veralteten Stils gebckt verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns ber jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks, vom Haushalt, von den Kindern, von stdtischen Dingen und ganz allmhlich geschah es, da der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fhlte aufatmend, da mich hier statt der Salontne Realitten umgaben. Unter seinen Kindern fiel ein fnfjhriges Mdchen durch seine zarte Besonderheit auf. Sie hie Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, bla und von schmchtigen Gliedern, hatte schchterne, weite Augen und eine sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Kfern nach und wir Mnner berschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof und den schnen blulichen Zug des Jura. Der Schreiner war mde, bedrckt und still und schien Sorgen zu haben. Wo fehlt's, Meister? fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er sah mir verloren und traurig ins Gesicht. Sehen Sie's denn nicht? fing er an. Die Agi will mir sterben. Ich wei es schon lang und hab mich gewundert, da sie nur so alt geworden ist, sie hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt mssen wir daran glauben. Ich fing zu trsten an, doch hrte ich bald von selber auf. Sehen Sie, lachte er traurig, Sie glauben ja auch nicht dran, da das Kind durchkommt. Ich bin kein Stndler, wissen Sie, und geh auch nur alle Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spr ich wohl, da jetzt der Herrgott ein Wrtlein mit mir reden will. 's ist ja nur ein Kind, und gesund ist sie nie gewesen, aber wei Gott, sie war mir lieber als die andern zusammen. Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt, umdrngten mich, lieen sich die Namen der Blumen und Grser von mir sagen und wollten schlielich Geschichten erzhlt haben. Da erzhlte ich ihnen von den Blumen, Bumen und Bschen, da sie gleich den Kindern jedes eine Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hrte zu, lchelte und gab je und je seine leise Bekrftigung. Wir sahen die Berge blauer werden, hrten Abendgelute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rtlicher Abendhauch, die fernen Mnstertrme ragten klein und dnn in die warme Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schne grnliche und goldige Farben ber, die Bume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren md und still geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblten, Nelken und Glockenblumen, inde wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon bereit war Flgel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen. In den zwei nchsten Wochen ging es gut. Das Mdchen schien zu genesen, konnte fr Stunden das Bett verlassen und sah in ihren khlen Kissen hbscher und vergngter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nchte und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, da das Kind nur noch fr Wochen oder Tage unser Gast sein wrde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stbern und wute von selber, da er daran ging die Stcke fr einen Kindersarg zusammenzusuchen. Es mu doch nchstens geschehen, sagte er, und da mach ich es lieber nach Feierabend fr mich allein. Ich sa auf einer Hobelbank, whrend er an der anderen arbeitete. Als die Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz. Es war ein schnes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz. Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon ineinanderpassen, da es ein gutes und dauerhaftes Stck gibt. Aber fr heute ist's genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen. Die Tage vergingen, heie, wundervolle Hochsommertage, und ich sa jeden Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzhlte ihr von den schnen Wiesen und Wldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhndlein in meiner breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis zum letzten Tage um sie her war. Alsdann standen wir ngstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine magere Krper noch einmal Krfte sammelte, um mit dem starken Tode zu kmpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und stark; der Vater lag ber der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied, streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling. Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schnen Gnge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu sprechen beieinander auf der Bank in den khlen Anlagen saen und an die Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der unser Liebling lag, und die Bume und den Rasen, die darber wuchsen, und die Vgel, deren Spiel ungehemmt und frhlich durch den stillen Friedhof klang. Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder, balgten sich, lachten und wollten Geschichten hren, und wir alle gewhnten uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schnen, kleinen Engel im Himmel zu haben. ber alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen Strom der Gesprche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt suchte ich beide Huser auf und fand an beiden geschlossene Tren, da alles lngst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, da ich die heie Jahreszeit und das Ferienmachen ber der Freundschaft mit dem Schreinershaus und ber der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte. Frher wre es mir ganz unmglich gewesen, den Juli und August in der Stadt zu bleiben. Ich nahm fr kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fureise durch den Schwarzwald, die Bergstrae und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein ungewohntes Vergngen, den Basler Schreinerskindern aus schnen Orten Ansichtskarten zu senden und berall mir vorzustellen, wie ich ihnen und ihrem Vater spter von der Reise erzhlen wrde. In Frankfurt beschlo ich, mir noch ein paar Reisetage zu gnnen. In Aschaffenburg, Nrnberg, Mnchen und Ulm geno ich mit neuer Lust die Werke der alten Kunst und schlielich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in Zrich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straen, suchte die alten Kneipen und Grten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen schnen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustr ihres Mannes Namen, sah an den Fenstern hinauf und zgerte einzutreten. Da begannen die alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schne Bild der geliebten welschen Frau durch kein unntzes Wiedersehen verdorben. Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Knstler damals ihr Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Huschen hinauf, in dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und ber alle den Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die neue Liebe war doch strker als ihre lteren Schwestern. Sie war auch stiller, bescheidener und dankbarer. Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am Himmel hing eine einzige schne, schneeweie Wolke. Ich hatte sie fortwhrend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor welcher ich Elisabeth einmal so schn und hingegeben hatte stehen sehen. Die durch kein Wort und unreines Begehren getrbte Liebe zu ihr hatte ich nie so beglckend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens bersah und statt der frhern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in mir fhlte -- auch sie reifer und stiller geworden. Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschlge irgend etwas zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte erst im Singen, da es Verse waren. Sie blieben mir im Gedchtnis und ich schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schnen Zricher Seeabend. Wie eine weie Wolke Am hohen Himmel steht, So licht und schn und ferne Bist du, Elisabeth. Die Wolke geht und wandert, Kaum hast du ihrer Acht, Und doch durch deine Trume Geht sie bei dunkler Nacht. Geht und erglnzt so selig, Da fortan ohne Rast Du nach der weien Wolke Ein ses Heimweh hast. In Basel fand ich einen Brief aus Assisi fr mich daliegen. Er war von Frau Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch einen zweiten Mann gefunden! brigens tue ich besser, ihn unverndert mitzuteilen. Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter! Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein groes Glck zu bescheren, und ich mchte Sie auf den zwlften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heit Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon frher mit Frchten gehandelt. Er ist hbsch, aber nicht so gro und schn wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, whrend ich im Laden bleibe. Auch die schne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch nur einen Maurer aus der Fremde. Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzhlt. Ich habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, da der kleine Mattheo Spinelli wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bsewicht ist. Er hat mir oft Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem Vater, dem Bcker, zwlf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers Giangiacomo vergiftet hat. Ich wnsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe groe Sehnsucht nach Ihnen. Ihre untertnige und treue Freundin Annunziata Nardini Nachschrift. Unsere Ernte war mig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur muten wir sie zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglck. Ein junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man wei nicht weshalb, aber gewi ist er eiferschtig auf ihn gewesen, obwohl es sein eigener Bruder war. * * * * * Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb meinen Glckwunsch und stellte meinen Besuch aufs nchste Frhjahr in Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten Nrnberger Geschenk fr die Kinder zu meinem Schreinermeister. Dort fand ich eine unerwartete groe Vernderung. Abseits vom Tisch, gegen das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelhmter Verwachsener, fr welchen nach dem krzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends sich ein Pltzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner einstweilen zu sich genommen und die bestndige Gegenwart des kranken Krppels lag wie ein Schrecken auf dem gestrten Hauswesen. Man hatte sich noch nicht an ihn gewhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war mitleidig, verlegen und gedrckt, der Vater offenbar verstimmt. Boppi hatte auf einem hlichen Doppelhcker ohne Hals einen groen, starkzgigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schnem leidendem Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verngstigt, und die merkwrdig kleinen und hbschen Hnde lagen fortwhrend wei und ruhig auf der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt ber den armen Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die kurze Geschichte des Kranken erzhlen zu hren, whrend dieser daneben sa und auf seine Hnde schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krppel war er von Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte jahrelang durch Strohflechten sich ein wenig ntzlich machen, bis ihn wiederholte Gichtanflle teilweise lhmten. Seit Jahren lag er nun entweder zu Bett oder sa in seinem sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die Frau wollte wissen, er habe frher viel und schn fr sich gesungen, doch hatte sie ihn jahrelang nicht mehr gehrt und hier im Hause hatte er noch nie gesungen. Und whrend all dies erzhlt und besprochen wurde, sa er da und blickte vor sich hin. Mir ward nicht wohl dabei und ich ging bald wieder weg und blieb die nchsten Tage dem Hause fern. Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krppel, mit Mitleid, aber auch ein wenig verchtlich betrachtet; nun pate es mir durchaus nicht, mein behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die unerquickliche Last dieser elenden Existenz gestrt zu finden. Ich verschob darum einen zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich uns den lahmen Boppi vom Halse schaffen knnte. Es mute sich irgend eine Mglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfrndhaus unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm darber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und vor der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war mir widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu mssen. So lie ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im Begriff, mit einem Frhzug in den Jura auszufliegen, schmte mich dann aber doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner. Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war rgerlich und schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen Elends berdrssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlgen zugnglich zu wissen. Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krppel, sie mchte mitgehen, da er gut allein bleiben knne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas Wasser neben sich habe, knne man ihn einschlieen und unbesorgt zurcklassen. Und wir, die wir uns doch smtlich fr ganz leidliche und gutherzige Leute hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergngt, hatten unsern Spa mit den Kindern, freuten uns der schnen goldigen Herbstsonne, und keiner von uns schmte sich und keinem schlug das Herz, da wir den Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr froh, seiner fr eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare, sonnenwarme Luft und boten den Anblick einer dankbaren und biederen Familie, die Gottes Sonntag mit Verstand und Dank geniet. Erst als wir am Grenzacher Hrnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und im Wirtsgarten um den Tisch saen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er klagte ber den lstigen Gast, seufzte ber die Beengung und Verteuerung seines Haushalts und schlo lachend mit der Bemerkung: Na, hier drauen kann man wenigstens noch eine Stunde vergngt sein, ohne da er einen strt! Bei diesem unbedachten Wort sah ich pltzlich den armen Lahmen vor mir, flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und traurig in der dmmernden Stube sa. Es fiel mir ein, da es nun bald zu dunkeln beginnen msse und da er nicht im stande sein wrde, Licht zu machen oder dem Fenster nher zu rcken. Also wrde er das Buch weglegen und im Halbdunkel allein sitzen mssen, ohne Gesprch oder Zeitvertreib, indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergngten. Und es fiel mir ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzhlt hatte und wie ich geflunkert hatte, er htte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben. Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hgeln gesucht, wenn nun ein armer und hlfloser Mensch dalag und leiden mute, whrend ich davon wute und ihn trsten konnte? Die Hand eines mchtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drckte es nieder und fllte es mit so viel Scham und Schmerz, da ich zitterte und unterlag. Ich wute, da Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte. Du Dichter! sagte er, du Schler des Umbriers, du Prophet, der die Menschen Liebe lehren und beglcken will! Du Trumer, der in Winden und Wassern meine Stimme hren mchte! Du liebst ein Haus, sagte er, wo man freundlich zu dir ist, wo du angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr wrdige, lufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger! Du Prophet! Du Dichter! Mir war genau so zu Mute, als wrde ich vor einen reinen, untrglichen Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lgner, als einen Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrchigen. Das tut weh, das ist bitter, peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir zerbrach und Qualen litt und sich verwundet bumte, das war des Zerbrechens und Untergehens wert. Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, lie den Wein im Glase stehen und das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurck. In meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es mchte ein Unglck geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi konnte aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen. Ich sah ihn daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf im Blick des Krppels sehen zu mssen. Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, strmte die Treppe hinan und erst jetzt fiel mir ein, da ich ja vor verschlossener Tre stehe und keinen Schlssel besa. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich noch die Tr der Kche erreicht hatte, hrte ich drinnen Gesang. Es war ein sonderbarer Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz auer Atem stand ich auf dem dunklen Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krppels. Er sang leise, weich und ein wenig klagend ein volkstmliches Liebeslied, vom Blemli wi und rot. Ich wute, da er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rhrte es mich ihn zu belauschen, wie er die stille Stunde bentzte um in seiner Weise ein wenig froh zu sein. Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe Gemtsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch sogleich das Lcherliche und Beschmende meiner Lage. In meiner pltzlichen Angst war ich eine Stunde weit ber Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlssel vor der Kchenpforte zu stehen. Entweder mute ich wieder abziehen oder dem Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Tren hindurch zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu trsten, ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkrzen, und er sa ahnungslos drinnen, sang und wre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich mich durch Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht htte. Es blieb mir nichts brig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde durch die sonntglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie heimgekehrt. Es kostete mich diesmal keine berwindung, Boppi die Hand zu drcken. Ich setzte mich neben ihn, knpfte ein Gesprch an und fragte, was er gelesen habe. Es lag nahe, ihm Lektre anzubieten, und er war dankbar dafr. Als ich ihm Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, da er dessen Schriften fast alle kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und ich versprach ihm dessen Bcher zu leihen. Am nchsten Tag, als ich die Bcher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der Werksttte war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schme ihn gestern allein gelassen zu haben und da ich froh wre, manchmal bei ihm sitzen und sein Freund sein zu drfen. Der kleine Krppel wendete seinen groen Kopf ein wenig zu mir herber, sah mich an und sagte Danke schn. Das war alles. Aber dies Wenden des Kopfes hatte ihm Mhe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen eines Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schn, da mir vor Beschmung das Blut ins Gesicht stieg. Nun war noch das Schwerere brig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien mir am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten. Leider verstand er mich nicht, doch lie er mit sich darber reden. Er nahm es an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so da wir die geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder anzusehen. Der Herbst blieb ungewhnlich lange schn und warm. Darum war das erste, was ich fr Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn tglich, meist in Begleitung der Kinder, ins Freie zu fhren. VIII. Es war immer mein Schicksal, da ich vom Leben und von meinen Freunden viel mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich es, da ich in reifen Jahren und bei hinlnglicher Selbstschtzung der erstaunte und dankbare Schler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es wirklich einmal dahin kommt, da ich meine lngst begonnene Dichtung vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von Boppi gelernt htte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit fr mich, an der ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegnnt, klar und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, ber welche Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mihandlung nur wie leichte lose Wolken hinweggeflogen waren. Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schne, kurze Leben versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mitrauen, die Lge -- all diese leidigen schmierigen Schwren, die uns entstellen, hatte ein langes und grndliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll Verstndnis und Hingabe, der ber groen und schrecklichen Leiden und Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fhlen und in Gottes Hand zu geben. Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelnge sich immer mit seinem schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden. Das ist sehr einfach, lachte er freundlich. Es ist eben ein ewiger Krieg zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns auch beide still, schlieen einen Waffenstillstand, passen einander auf und liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg aufs neue losgeht. Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine groe Freude hatte, fhrte ich ihn hufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir ganz kstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten wir fr den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht eigene Reinlichkeit ist. Im brigen fanden wir ihn eingebildet, wenig intelligent, unfreundlich, undankbar und hchst gefrig. Andere Tiere, namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison, zeigten fr den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in seine Nhe kamen, erschien er prompt am Gitter, fra langsam und grndlich was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah da nichts mehr fr ihn abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurck. Wir fanden darin ein Zeichen von Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch dafr dankte, sondern wie einen selbstverstndlichen Tribut leutseligst entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da Boppi die Tiere meist nicht selber fttern konnte, ein Streit darber, ob der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stckchen zukme. Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prfung, als wre es eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorber, als Boppi meinte, wir htten ihm doch noch ein Stck Zucker mehr geben sollen. Also kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurckgekehrte Tapir aber blinzelte hochmtig herber und kam nicht ans Gitter. Entschuldigen Sie gtigst, Herr Einnehmer, rief Boppi ihm zu, aber ich glaubte wir htten uns um einen Zucker geirrt. Und weiter gings zum Elefanten, der schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen, beweglichen Rssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst fttern, und er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rssel zu ihm herber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den fidelen, winzigen uglein schlau und wohlwollend anblinzelte. Mit einem Wrter kam ich berein, da ich Boppi in seinem Fahrstuhl im Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben, so da er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen konnte. Nachher erzhlte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders imponierte es ihm zu sehen, wie hflich der Lwe seine Gattin behandelte. Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen Hinundhergehen eine solche Richtung, da er sie dabei weder berhrte noch strte noch ber sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi beim Fischotter. Er wurde nicht mde, die biegsamen Schwimm- und Turnknste des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben, whrend er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung des Kopfs und der Arme Mhe aufwenden mute. Es war einer der schnsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden Liebesgeschichten erzhlte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, da ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rhmlichen Erlebnisse nicht mehr verschweigen konnte. Er hrte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu sagen. Spter aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weie Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewi daran zu denken, falls wir ihr einmal auf der Strae begegneten. Da das sich nie ereignen wollte und die Tage khl zu werden begannen, ging ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen. Sie war gtig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage lie sie sich von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl wartete. Als die schne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krppel die Hand gab und sich ein wenig zu ihm hinabbckte, und als der arme Boppi aus dem vor Freude glnzenden Gesicht die groen, guten Augen dankbar und fast zrtlich zu ihr aufschlug, htte ich nicht entscheiden mgen, wer von den beiden in diesem Augenblick schner war und meinem Herzen nher stand. Die Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krppel wandte den glnzenden Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen. Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth, rhmte ihre Schnheit, ihre Vornehmheit, ihre Gte, ihre Kleider, gelbe Handschuhe und grne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren schnen Hut, whrend es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab. Inzwischen hatte Boppi den grnen Heinrich und die Seldwyler gelesen und war in der Welt dieser einzigen Bcher so heimisch geworden, da wir am Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern gemeinsame liebe Freunde besaen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch etwas von C. F. Meyers Bchern geben solle, doch schien es mir wahrscheinlich, da er die fast lateinische Prgnanz seiner allzu gepreten Sprache nicht schtzen wrde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu ffnen. Statt dessen erzhlte ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mrikes Erzhlungen zu lesen. Merkwrdig war mir sein Gestndnis, da er die Geschichte von der schnen Lau groenteils nicht htte genieen knnen, wenn er nicht so oft am Bassin des Fischotters gestanden wre und sich dabei allerlei fabelhaften Wasserphantasieen hingegeben htte. Lustig war es, wie wir so allmhlich in die Duzbrderschaft hinein gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er htte sie auch nicht angenommen; so aber kam es ganz von selber, da wir einander immer hufiger duzten, und als wir es eines Tages merkten, muten wir lachen und lieen es nun fr immer dabei. Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmglich machte und ich nun wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager sa, merkte ich nachtrglich, da mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer in den Scho gefallen war. Der Schreiner nmlich war fortwhrend mrrisch, unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdro ihn nicht nur die lstige Gegenwart des unntzen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhltnis zu Boppi. Es kam vor, da ich einen ganzen Abend vergnglich mit dem Lahmen schwatzte, indes der Hausherr rgerlich mit der Zeitung daneben sa. Auch mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, da Boppi anderwrts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn vershnlicher zu stimmen oder ihm neue Vorschlge zu machen, doch war nichts mit ihm anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem Krppel zu verhhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich war der Kranke samt mir, der ich tglich viel bei ihm sa, dem ohnehin engen Haushalt eine lstige Brde, aber ich hoffte noch immer, der Schreiner mchte sich uns anschlieen und den Kranken lieb gewinnen. Mir war es schlielich unmglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt htte. Da ich alle raschen und zwingenden Entschlsse hasse -- schon in der Zricher Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang zu und litt bestndig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder vielleicht beider zu verlieren. Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhltnisse trieb mich wieder hufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige Geschichte mich wieder besonders gergert hatte, verfgte ich mich in eine kleine Waadtlnder Weinschenke und rckte dem bel mit mehreren Litern zu Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mhe, aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer starken Zeche, bei wohlig khler Laune, fate Mut und suchte den Schreiner auf, um die Komdie endlich zum Abschlu zu bringen. Ich schlug ihm vor, er mge mir Boppi ganz berlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte auch nach mehrtgiger Bedenkzeit wirklich zu. Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung. Ich kam mir vor als htte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglckliche Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein Laufmdchen, das Essen lieen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Ntigung, auf meine sorglosen kleinen und grern Wanderungen knftig zu verzichten, erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das stille Nahesein des Freundes beruhigend und frderlich. Die kleinen Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, da ich mich schmte und mir Mhe gab, ihn sorgfltig zu bedienen. * * * * * Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, fters zu Elisabeth, deren Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort sa ich dann, trank Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen Wertherischen Gefhle in mir mit bestndigem Spott zu Felde lag. Der weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgltig von mir gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns das richtige Verhltnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und ruppigen Wesen nicht bel zusammen und da wir im Grunde beide einander hochachteten, konnten wir desto energischer ber jede lausige Kleinigkeit in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben gern geheiratet htte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war. In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das frhere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut, die das Herz jung hlt und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz gelegentlich an Winterabenden die Finger wrmen darf. Seit vollends Boppi mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein bestndiges, ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein Stck Jugend und Poesie in mir leben lassen. brigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen Gelegenheit, mich abzukhlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu freuen. Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlssigte ich auch Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bcher, bltterte Reisealbums und Tagebcher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus und fhrten tglich eine Menge kluger und dummer Gesprche. Der Kranke hatte sich eine berlegene Weltanschauung erworben, eine von gtigem Humor erwrmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich tglich zu lernen hatte. Als starke Schneeflle eintraten und der Winter vor den Fenstern seine reinliche Schnheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak nmlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben seiner frheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte, wundervoll erzhlen. Der Krppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im groen Strome mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden. Unser Lieblingsvergngen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. ber die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten, erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon erzhlten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor. Zum Beispiel eine Liebeserklrung zwischen zwei Papageien, Familienzerwrfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der Wildschweine. Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder? Danke schn, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hie Pinselschwanz, wie ich schon die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --. Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das von der Perle, wenn ich nicht irre, schon fters erzhlt. Lieber Gott, man lebt schlielich nur einmal und darf sich das bichen Vergngen nicht noch verderben. Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt htten, wrden Sie mich besser verstehen. Aber gewi, gewi. Also sie hie Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schner Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich habe da so einen kleinen Plan? Wegen der Sperlinge? Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es mte des Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen knnten. Was meinen Sie? Vortrefflich, Herr Nachbar! Also haben Sie die Gte etwas Brot hinzulegen. -- So, schn! Aber vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herber, dann kommt es uns beiden zu gut. Ich bin nmlich im Augenblick leider ohne alle Mittel. So ist's gut. Also aufgepat! Wir legen uns jetzt nieder, schlieen die Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen! (Pause.) Nun, Herr Fuchs, noch nichts? Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wren! Ein Jger mu warten knnen, warten und wieder warten. Also noch einmal! Ja wo ist denn das Brot hingekommen? Pardon? Das Brot ist ja gar nimmer da. Nicht mglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das Donnerwetter! Natrlich wieder der verdammte Wind. Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hrte Sie was essen. Was? Ich etwas gegessen? Was denn? Das Brot vermutlich. Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man mu ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen knnen, aber das ist zu viel. Das ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhren, dann habe ich eine gute Idee, wir legen das Brot hinaus -- Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben. -- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwtz dazwischen -- die Spatzen natrlich auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot gefressen haben! Na Sie knnen warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre. Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorber. Ich war bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, da ich frher so trg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit Richard waren nicht schner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da drauen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl sein lieen. Und da mute mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich in meiner Zufriedenheit war natrlich blind und sah nicht, da er mehr litt als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergngter als je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er nachts und litt und hustete und sthnte leis. Ganz zufllig, als ich einmal in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich lngst zu Bett glaubte, hrte ich, wie er sthnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken und verdonnert, als ich pltzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat. Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte ein Verhr an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch heraus. Es ist ja nicht so schlimm, sagte er schchtern. Nur bei manchen Bewegungen das krampfhafte Gefhl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen. Er entschuldigte sich geradezu, als wre sein Krnkerwerden ein Verbrechen! Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schner, frostklarer Tag, unterwegs lie meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen knnte. Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und whrend der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bichen gtiger wurde, ging in mir alle Frhlichkeit unter. Gicht, Herzschwche, ernster Fall -- ich hrte zu und schrieb mir auch alles auf und war ber mich selber erstaunt, da ich mich gar nicht wehrte, als der Arzt die berfhrung ins Spital gebot. Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurckkam, war mir in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drngte und der groe Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene Kammer war. So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn man nur das enge, lebendige Band versprt, mit dem alles Lebende an uns hngt, und wenn nur die Liebe nicht khl wird! Ich gbe alle heiteren Tage, die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplnen, wenn ich dafr noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen drfte, wie in jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schne Stolz und Eigendnkel bekommt seine bsen Stiche ab, aber nachher ist man so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger! Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stck von meinem alten Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein Anfnger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren. Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen war. Ich hrte ihn scherzen wie ein Kind, whrend er die Arbeit des Todes in sich sprte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um mir zu zeigen, da diese Krmpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt gelassen hatten. Dann waren seine Augen gro und man sah sein verwelkendes Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner groen Augen. Kann ich dir etwas tun, Boppi? Erzhl mit was. Vielleicht vom Tapir. Ich erzhlte vom Tapir, er schlo die Augen und ich hatte meine Mhe, zu sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwhrend nahe. Und wenn ich glaubte, er hre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich sogleich. Da machte er wieder die Augen auf. -- Und dann? Und ich erzhlte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom kleinen bsen Mattheo Spinelli, von Elisabeth. Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter! Oft fing er pltzlich an vom Sterben zu sprechen. Es ist kein Spa, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie Sterben. Aber man macht's doch durch. Oder: Wenn die Qulerei berstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen Fu und eine lahme Hfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen breiten Schultern und schnen gesunden Beinen. Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf und sagte ganz laut: Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist viel schner. Viel schner. Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und hlfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem groen Bedauern ganz aus. Was meinst du, fragte ich Boppi gelegentlich, wird im Himmel auch ein Tapir sein? O ja, sagte er und nickte noch dazu. Es sind alle Arten Tiere dort, auch Gemsen. Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hrte, Elisabeth habe einen Knaben geboren, und ich verga es wieder. Es kam ein drolliger Brief von Frau Nardini; ich las ihn flchtig durch und legte ihn beiseite. Meine Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewutsein, jede Stunde mir und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich sa halbe Tage an Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben. Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwrdig, wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er ganz in den frheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den stundenlangen Pausen, da er an sie dachte. Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzhlt, klagte er, du mut nichts von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der von ihr wei und ihr dankbar ist. Es wre gut, Peter, wenn alle Leute so eine Mutter htten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer arbeiten konnte. Er lag und atmete mhselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an: Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brder sind ausgewandert und die Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig kleiner Vogel draufgesetzt htte. Es langt ein Kindersarg fr sie, hat der Nachbar Rtimann gesagt, wie sie gestorben ist. Auch fr ihn htte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hnde sahen nun wie kranke Frauenhnde aus, lang, schmal, wei und ein wenig gekrmmt. Als er aufhrte, von seiner Mutter zu trumen, kam ich an die Reihe. Er sprach von mir, als se ich nicht dabei. Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet. Seine Mutter ist zu frh gestorben. Kennst du mich noch, Boppi? fragte ich. Jawohl, Herr Camenzind, sagte er scherzhaft und lachte ganz leise. Wenn ich nur singen knnte, meinte er gleich darauf. Am letzten Tage fragte er noch: Du, kostet es viel hier im Spital? Es knnte zu teuer werden. Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Rte stieg ihm in das weie Gesicht, er schlo die Augen und sah eine Weile aus wie ein beraus glcklicher Mensch. Es geht zu Ende, sagte die Schwester. Aber er ffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und schauderte, als frre ihn pltzlich. Das war die Erlsung. Ist's gut, Boppi? fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene Krper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit war ihn wegzubringen und zu begraben. Whrend dieser zwei Tage war ich bestndig darber verwundert, da ich weder besonders traurig noch ratlos war und nicht einmal weinen mute. Ich hatte die Trennung und den Abschied so grndlich whrend der Krankheit durchempfunden, da nun wenig mehr davon berblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und erleichtert wieder in die Hhe stieg. Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu verlassen und mich irgendwo, womglich im Sden, auszuruhen und das nur erst grob angelegte Gefde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich brig, also hing ich meine literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim ersten Frhlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunchst nach Assisi, wo die Gemsehndlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tchtiger Arbeit in ein mglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes Stck Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu drfen, mich darber ein wenig rsonnieren zu hren. In wohliger Ungeduld wartete ich auf den Mrz und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd wrzigen Duft von Risotto, Orangen und Chiantiwein. Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je lnger ich ihn berlegte, desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu freuen, denn es kam alles ganz anders. Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger verkndigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem Herrn Vater bedenklich und alles in allem wre es gut, wenn ich Geld schicken oder selber kommen wrde. Da das Geldschicken mir nicht pate und der Alte mir wirklich Sorge machte, mute ich eben reisen. An einem unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch Huser sichtbar und es kam mir zu gut, da ich den Weg auch blindlings kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern sa drftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben ber seinen schlimmen Lebenswandel grndlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein Eintritt sie nicht strte. Lueg', der Peter isch cho, sagte der graue Snder und zwinkerte mir mit dem linken Auge zu. Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nchstenliebe ab und fand in ihrer Rede einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm. Der Vater hatte sehr an Krften abgenommen. Mir fiel mein frherer kurzer Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts geholfen und ich konnte nun, da es freilich ntiger war, doch noch die Suppe ausfressen. Schlielich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, da er in den Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe mit Rhrung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern war je krnker desto widerwrtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn frher je geqult hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig gegen mich, aber er verfgte ber eine Menge von drastischen Mitteln, ohne Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden mchte. Mit dem Trinken war es fr ihn so gut wie vorbei und das Glas guten Sdweins, das ich ihm tglich zweimal einschenkte, geno er nur mit bser Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller zurckbrachte, dessen Schlssel ich ihm nie berlie. Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so wei und kristallen und herbduftend in den Tallndern niemals findet. Auf kleinen Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glnzende Feste, in Mulden und an Abhngen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, da in der Sonne jeder Atemzug ein Genu ist. An den kleineren Halden frhnt die Jugend der Gimmelfahrt und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen und sich an der Sonne gtlich tun, whrend nachts die Dachsparren im Froste krachen. Inmitten der weien Schneefelder liegt still und blau der niemals gefrierende See, schner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem Mittagessen half ich dem Vater vor die Tr und schaute zu, wie er seine braunen und knotig verbogenen Finger in die schne Sonnenwrme streckte. Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und ber die Khle zu klagen. Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu erlangen; denn weder der Husten noch die Khle waren ernst zu nehmen. Also bekam er ein Glschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hrte in kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrcks, mich berlistet zu haben. Nach Tisch lie ich ihn allein, band die Gamaschen um und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie ber die schrgen Schneefelder zurck. Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frhjahr sich zu regen und es kam eine bsartig rasche Schneeschmelze ber unser Dorf wie seit Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hrte man den Fhn heulen, das Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbche, welche groe Felsstcke und zersplitterte Bume mitbrachten und auf unsre armen, schmalen Grundstcke und Obstwiesen warfen. Das Fhnfieber lie mich nicht schlafen, Nacht fr Nacht hrte ich ergriffen und angstvoll den Sturm klagen, die Lauen donnern und den wtenden See an die Ufer branden. In dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frhlingskmpfe berfiel mich noch einmal die berwundene Liebeskrankheit so ungestm, da ich mich nachts erhob, mich ins Trfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte an Elisabeth in das Getse hinaus rief. Seit der lauen Zricher Nacht, in der ich auf dem Hgel ber dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich ber mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stnde die schne Frau ganz nahe vor mir und lchle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich ihr nher trte, zurck. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie wollten, kehrten unabnderlich zu diesem Bilde zurck und ich konnte gleich einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jckenden Schwre zu kratzen. Ich schmte mich vor mir selber, was ebenso qulend wie nutzlos war, verwnschte den Fhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein verschwiegenes, warmes Lustgefhl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an die hbsche Rsi dachte und die laue, dunkle Woge mich berlief. Ich begriff, da gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und versuchte wenigstens ein bichen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, da dafr jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von berall her die bsen Fhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not berhand. Die Bachdmme waren halb zerstrt, manche Huser, Scheunen und Stlle hatten starken Schaden gelitten, von der Auengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein, berall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, da zu meinem Glck der Schulze mich auf sein Ratsstbchen holen lie und mich fragte, ob ich willens sei, einem Ausschu zur Abhlfe der allgemeinen Not beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen eigenen Leiden ber einer ernsteren und wrdigeren Sache vergessen zu knnen, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wuten, kein Geld und konnte nur ein paar Hlfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beitrge und Anfragen liefen ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshndel mit den harten Bauernschdeln durchzufechten. Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die Sache allmhlich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder notwendig geworden war, grnten ringsum die Matten und blaute der See harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater hatte ertrgliche Tage und meine Liebesnte waren gleich den schmutzigen Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte frher mein Vater seinen Nachen gefirnit, die Mutter hatte vom Garten her zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten erinnerte mich auch Onkel Konrad. Hufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen, zu einem Glschen Wein mit und hrte zu, wie er erzhlte und seiner vielen Projekte mit gutmtigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas Knaben- oder Jnglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich ngstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit meinen zu halten. Mut Segel nehmen, Onkel Konrad, munterte ich ihn auf, und ber dem Segel kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte Stck lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit ihm passierten Geschichten bis ins kleinste. Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertglich und warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein Gefhl, als wre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als knnte ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubentrume aushecken. Da dem nicht so war und da ich ein gutes Teil meiner Jahre auf Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen sehen, wenn aus der rostigen Blechschssel mein Kopf mit der starken Nase und dem suerlichen Mund mich anglnzte. Noch besser sorgte Camenzind senior dafr, da ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich ganz in die Gegenwart gerckt sein wollte, brauchte ich nur die klamme Tischlade in meiner Stube zu ffnen, worin mein knftiges Werk lag und schlief, aus einem Paket verjhrter Skizzen und aus sechs oder sieben Entwrfen auf Quartbogen bestehend. Ich ffnete die Lade aber selten. Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgrnde, Ofen und Herd waren defekt, rauchten und stnkerten, die Tren schlossen nicht und die Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der vterlichen Zchtigungen, war lebensgefhrlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte, mute das Beil geschliffen, die Sge geflickt, ein Hammer entlehnt und Ngel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stcke herzurichten. Beim Reparieren der Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu ntzen. Also zerschli ich mir meine weichen Schreiberhnde am widerspenstigen Holz, trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht gewordenen Dach umher, nagelte, hmmerte, schindelte und schnitzte, wobei mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schwei vergo. Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei, mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsblue und geno meine Trgheit im frohen Bewutsein, da jetzt der Vater mich nimmer antreiben und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorbergewandelt, Weiber, alte Mnner und Schulkinder, so knpfte ich zur Beschnigung meines Nichtstuns freundnachbarliche Gesprche mit ihnen an und kam allmhlich in den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernnftiges Wort reden lasse. Macht's warm heut, Lisbeth? Allweg, Peter. Was schaffst? 's Dach flicken. Kann nit schaden, 's hat's allweg schon lnger ntig gehabt. Wohl, wohl. Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein. Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist kein Spa. Wohl Peter, aber jetzt mu ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's gut unterdes! Adie, Lisbeth. Und whrend sie mit dem Napf im Tchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur kme, da alle Leute so fleiig ihren Geschften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an der gleichen Latte herumnagelte. Schlielich aber war das Dach doch geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafr und da ich ihn unmglich aufs Dach schleppen konnte, mute ich ihm ausfhrlich beschreiben und ber jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige Prahlereien nicht ankam. 's ist gut, gab er zu, 's ist gut, aber ich htt' nicht geglaubt, da du dies Jahr noch fertig wirst. * * * * * Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und berdenke, freut und rgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, da die Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehren und da aus einem Nimikoner Camenzind trotz aller Knste kein Stadt- und Weltmensch zu machen ist. Ich gewhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, da meine ungeschickte Jagd um das Glck der Welt mich wider Willen in den alten Winkel zwischen See und Bergen zurckgefhrt hat, wo ich hingehre und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas ordinres und hergebrachtes sind. Da drauen hatte ich die Heimat vergessen und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwrdige Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, da es nur der Nimikoner Geist war, der in mir spukte und sich dem Brauch der brigen Welt nicht fgen konnte. Hier fllt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflge im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich fglich der berhmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur da sie an Geld und Mhe und schnen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch uerlich bin ich, seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Grtelhosen trage und in Hemdrmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und seine kleine Rolle im Dorfleben bernehmen. Die Leute wissen blo, ich sei Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hte mich wohl, ihnen zu sagen, was fr ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pftzen ich gesteckt habe; sonst htte ich bald meinen Spott und bernamen weg. So oft ich von Deutschland, Italien oder Paris erzhle, blase ich mich ein bichen auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel an meiner eigenen Wahrhaftigkeit. Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in Basel ihre zwei hbschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich getrstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemse und Smereien. Der Vater, wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch genesen, sondern sitzt mir gegenber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlssels. Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, auer der Mutter und dem ertrunkenen Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, da im Dorf die Huser wieder geflickt und beide Steindmme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, se ich auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug. Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht erffnet. Der Gastwirt Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner, Walliser oder Waadtlnder getrunken haben, fngt an steil bergab zu gehen und hat keine Freude mehr an seinem Geschft. Er klagte mir dieser Tage sein Elend. Das schlimmste dabei ist, da wenn kein Einheimischer sich dazu findet, eine auswrtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es wird irgend ein fremder Pchter hineingesetzt werden, der natrlich lieber Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das wei, lt es mir keine Ruhe; in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger fnde an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur, da ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden mchte. Denn einmal knnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und auerdem wrde er seinen Triumph darber haben, da ich mit allem Latein und Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmhlich ein wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb. Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst hineingeraten, nach langen still verdselten Jahren, und das gefllt mir nicht. Er hat bestndig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei hellem Wetter viel ber's Wasser. Ich mein' alleweil, er will wieder Schiffli bauen, sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig und khn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, berlegenen Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen msse. Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine mdgewordene Seele, welche jetzt nach Flgeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mut Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhrtes erleben. Denn ich habe bei mir beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden, was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mige Handvoll Salz und Pfeffer fr die geliebten Leidtragenden folgen, die sie mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es auch mein Vater noch. Und in der Lade liegen die Anfnge meiner groen Dichtung. Mein Lebenswerk, knnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es lieber nicht, denn ich mu bekennen, da Fortgang und Vollendung desselben auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, da ich von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen. Das wre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindmme wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rsi Girtanner bis auf den armen Boppi, wge es mir nicht auf. Ende Werke von Hermann Hesse Unterm Rad Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 Hier ist etwas Freies, Unknstliches, Naturgewachsenes. Immer, wenn ich ein Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, da sich ber mir der blaue Himmel wlbt, da Bume ringsum grnen und frische Luft weht. (Die Zeit, Wien) Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geluterter noch als der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit durchweht, eine Wohltat fr den, der ihn liest, treuherzig, berzeugend, von lebhaftem, heiem Natursinn kndend, frei von sthetischer Krnkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman. (Mnchener Neueste Nachrichten) Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der Anwartschaft auf Ruhm und Glck ins Leben eintritt und unters Rad kommt und berfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher, leiser Klage und auch ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft und stilistischen Adels ist. (Mnchener Zeitung) Man wird vielleicht fragen, ob der neue Roman einen Fortschritt gegenber dem Peter Camenzind bedeutet. Die Frage geht verloren, bei beiden Bchern steht Hesse auf einem Gipfel, den mit ihm von jngeren deutschen Romanschriftstellern nur noch Thomas Mann, Emil Strau und die wunderbarste der Frauen, Ricarda Huch, bewohnen. (Neue Badische Landeszeitung, Mannheim) Diesseits Erzhlungen. 16. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Eine erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in Zeitschriften lagen, in einem Bande gesammelt in Hnden zu halten, zu eigen zu haben wie Hausschwalben, die ihr Nest an unserem Dache sich bauen. Es ist ein stilles, vornehmes und unsglich schnes Buch geworden, das man ehrfrchtig in die Hand nimmt, ehrfrchtig aus der Hand legt, stillergriffen, nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt deutscher Erzhlerkunst. (Mnchener Zeitung) Wie man etwa Eduard Mrikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, schnen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltglichkeit weit entrckt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband Diesseits lesen. (Neue Zrcher Zeitung) Nachbarn Erzhlungen. 12. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 Was uns das neueste Buch Hermann Hesses besonders liebwert macht, ist die ruhig vertrumte Art seines Verfassers, zu sehen und zu schildern . . . Die lichtwonnige, diogenetische Eigenart des Dichters, der wahr und warm, allen kokettierenden Beiwerkes entratend, Menschen aus kleinen Verhltnissen, doch darum nicht kleine Menschen, einfach verklrt. Ungeheuchelte Herzlichkeit, ohne den leisesten Anflug krankhafter Sentimentalitt, werden den Nachbarn Eingang weniger in die Kpfe der geschworenen Literaturmenschen, als in die Herzen aller Schnheitsfrohen sichern. (Berner Tagwacht) Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fnf Erzhlungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweit erscheinen sie . . . Ruhig, ber allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklrt werden uns diese Geschichten erzhlt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht und die den Stolz in uns aufleben lt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, da es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln. (Wrttemberger Zeitung, Stuttgart) Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. End of the Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse License: Share Alike